Grell gefleckt ist Tages Fell
Grell gefleckt ist Tages Fell,
goldene Schuppen aber tauchen
aus dem Meer der Nacht.
Sind die Blitze trockene Stachel,
Grollen ist im Tal verraucht,
hofft des Dulders Herz auf Regen,
daß die Ebene glänzt erneuet,
lau ein blaues Wehen
Stirne ihm und Locke kost.
Staub des Lärmens ist versunken,
eingerollt in Schlafes Farne
ist der Sehnsucht wirres Zittern.
O die Fülle sanfter Leere,
Veilchen, das sich dunkler duftend
um verschwiegne Bängnis schließt.
Suchst, Dulder, du nach Heimat,
Flamme, die aus Träumen singt
und die bleiche Wange rötet,
wühle nicht in kalten Aschen,
Liebe senkt dir hin die Fackel,
wenn du weinend vor ihr kniest.
Golden sind die Töne
O das süße Glimmen
unter Schmerzensbrauen,
stille Knospen schwimmen,
taube Herzen tauen.
Wie aus Engelhänden
goldne Körner sausen,
kleine Gnadenspenden
aus den Wolkenklausen.
Golden sind die Töne,
die getropft aus Flüssen
himmelsblauer Schöne
Stein und Stirne küssen.
Blüten auch sind golden,
wenn sie Dichter sehen,
Blumenworten holden,
die wie Duft verwehen.
Stéphane Mallarmé, Frisson d’Hiver
Cette pendule de Saxe, qui retarde et sonne treize heures parmi ses fleurs et ses dieux, à qui a-t-elle été ? Pense qu’elle est venue de Saxe par les longues diligences, autrefois.
(De singulières ombres pendent aux vitres usées.)
Et ta glace de Venise, profonde comme une froide fontaine, en un rivage de guivres dédorées, qui s’y est miré ? Ah ! je suis sûr que plus d’une femme a baigné dans cette eau le péché de sa beauté ; et peut-être verrais-je un fantôme nu si je regardais longtemps.
— Vilain, tu dis souvent de méchantes choses..
(Je vois des toiles d’araignées au haut des grandes croisées.)
Notre bahut encore est très vieux : contemple comme ce feu rougit son triste bois ; les rideaux amortis ont son âge, et la tapisserie des fauteuils dénués de fard, et les anciennes gravures des murs, et toutes nos vieilleries ? Est-ce qu’il ne te semble pas, même, que les bengalis et l’oiseau bleu ont déteint avec le temps.
(Ne songe pas aux toiles d’araignées qui tremblent au haut des grandes croisées.)
Tu aimes tout cela et voilà pourquoi je puis vivre auprès de toi. N’as-tu pas désiré, ma sœur au regard de jadis, qu’en un de mes poèmes apparussent ces mots : « la grâce des choses fanées » ? Les objets neufs te déplaisent ; à toi aussi, ils font peur avec leur hardiesse criarde, et tu te sentirais le besoin de les user, — ce qui est bien difficile à faire pour ceux qui ne goûtent pas l’action.
Viens, ferme ton vieil almanach allemand, que tu lis avec attention, bien qu’il ait paru il y a plus de cent ans et que les rois qu’il annonce soient tous morts, et, sur l’antique tapis couché, la tête appuyée parmi tes genoux charitables dans ta robe pâlie, ô calme enfant, je te parlerai pendant des heures ; il n’y a plus de champs et les rues sont vides, je te parlerai de nos meubles.. Tu es distraite ?
(Ces toiles d’araignées grelottent au haut des grandes croisées.)
Schauer des Winters
Diese Pendeluhr aus Sachsen, die nachgeht und unterm Dekor von Blumen und Göttern dreizehn Stunden schlägt, wem hat sie einst gehört? Denk dir, wie lang sie aus Sachsen mit Postkutschen unterwegs war, dermaleinst.
(Seltsame Schatten hängen auf verbrauchten Spiegeln.)
Und dein venezianisches Glas, tief wie ein gefrorener Born an einer Küste von heraldischen Schlangen mit abgeblätterten Goldschuppen, wer hat sich darin wohl gespiegelt? O ich bin gewiß, mehr als eine Frau hat in diesem Wasser die Sünde ihrer Schönheit gebadet; mag sein, ich sehe ein nacktes Gespenst, wenn ich lange blicke.
– Du Böser, du sagst oft schlimme Dinge.
(Ich sehe Spinnweben oben an den großen Fensterkreuzen.)
Unsere Truhe ist auch sehr alt: Schau, wie die Flamme ihre düsteren Hölzer rötet, die gedämpften Vorhänge haben ihr Alter. Und die schon ganz abgewetzten Bezüge der Sessel, die altmodischen Stiche an den Wänden, all dieser Trödel? Scheint dir nicht auch, daß der Prachtfink und der blaue Ara mit der Zeit ihre ursprüngliche Farbe eingebüßt haben?
(Denke nicht an die Spinnweben, die oben an den großen Fensterkreuzen zittern.)
Du liebst all dies und gerade darum kann ich in deiner Nähe leben. Hattest du, Schwester mit dem Blick von ehedem, kein Verlangen danach, daß in einem meiner Gedichte die Worte auftauchten: „die Anmut der verblaßten Dinge“? Neue Dinge mißfallen dir; auch dir machen sie Angst mit ihrer schreienden Zudringlichkeit, und du fühlst dich genötigt, sie abzunutzen – was recht schwierig für jene ist, die keinen Geschmack an der Tat finden.
Schließe deinen alten deutschen Kalender, den du mit soviel Aufmerksamkeit liest, obgleich er vor über einhundert Jahren erschienen ist und die Könige, deren Besuch er ankündigt, schon alle tot sind. Dann will ich, auf den alten Teppich gebettet, den Kopf zwischen deinen gütigen Knien auf dein verblichenes Kleid geschmiegt, dir, mein stilles Kind, stundenlang erzählen; es gibt keine Felder mehr und die Straßen sind verwaist, ich werde von unseren Möbeln reden. Bist du zerstreut?
(Die Spinnweben oben an den großen Fensterkreuzen zittern vor Kälte.)
Un ciel pâle, sur le monde qui finit de décrépitude, va peut-être partir avec les nuages : les lambeaux de la pourpre usée des couchants déteignent dans une rivière dormant à l’horizon submergé de rayons et d’eau. Les arbres s’ennuient ; et, sous leur feuillage blanchi (de la poussière du temps, plutôt que de celle des chemins), monte la maison en toile du Montreur de choses Passées : maint réverbère attend le crépuscule et ravive les visages d’une malheureuse foule, vaincue par la maladie immortelle et le péché des siècles, d’hommes près de leurs chétives complices enceintes des fruits misérables avec lesquels périra la terre. Dans le silence inquiet de tous les yeux suppliant là-bas le soleil qui, sous l’eau, s’enfonce avec le désespoir d’un cri, voici le simple boniment : « Nulle enseigne ne vous régale du spectacle intérieur, car il n’est pas maintenant un peintre capable d’en donner une ombre triste. J’apporte, vivante (et préservée à travers les ans par la science souveraine) une Femme d’autrefois. Quelque folie, originelle et naïve, une extase d’or, je ne sais quoi ! par elle nommé sa chevelure, se ploie avec la grâce des étoffes autour d’un visage qu’éclaire la nudité sanglante de ses lèvres. À la place du vêtement vain, elle a un corps ; et les yeux, semblables aux pierres rares ne valent pas ce regard qui sort de sa chair heureuse : des seins levés comme durs d’un lait éternel, la pointe vers le ciel, aux jambes lisses qui gardent le sel de la mer première. » Se rappelant leurs pauvres épouses, chauves, morbides et pleines d’horreur, les maris se pressent : elles aussi par curiosité, mélancoliques, veulent voir.
Quand tous auront contemplé la noble créature, vestige de quelque époque déjà maudite, les uns indifférents, car ils n’auront pas eu la force de comprendre, mais d’autres navrés et la paupière humide de larmes résignées se regarderont ; tandis que les poëtes de ces temps, sentant se rallumer des yeux éteints, s’achemineront vers leur lampe, le cerveau ivre un instant d’une gloire confuse, hantés du Rythme et dans l’oubli d’exister à une époque qui survit à la beauté.
Was noch ins Haus steht
Ein fahler Himmel, über einer Welt, die an Altersschwäche versiecht, mag vielleicht sich in Wolken lösen: Die Fetzen von Purpur, in Sonnenuntergängen vernutzt, verbleichen in einem Fluß, der an einem Horizont schläft, überschwemmt von Strahlen und Wasser. Die Bäume stehen voll Verdruß, und unter ihrem verblaßten Laub (vom Staub der Zeit mehr als von dem der Wege) ragt das Zelt des Schaustellers von Dingen, die längst passé sind: Manch eine Straßenlampe harrt der Dämmerung und haucht den Gesichtern einer unglücklichen Menge wieder etwas Leben ein, sind sie auch besiegt von der unausrottbaren Krankheit und dem Makel des Zeitalters, Männern mit ihren ärmlichen Komplizinnen, schwanger mit Elendsfrüchten, mit denen die Erde untergehen wird. In der Stille, zitternd von all den Augen hinabflehend zur Sonne, die sich mit einem Verzweiflungsschrei ins Wasser stürzt, da, welch eine einfältige Marktschreierei: „Kein Reklameschild gibt euch einen Geschmack vom Schauspiel da drinnen, denn heutzutage ist kein Maler imstande, davon auch nur einen trüben Schatten wiederzugeben. Ich bring sie herbei, lebensprall (konserviert über die Jahre von überlegener Wissenschaft), ein Weib von ehedem. Etwas verrückt, ursprünglich und naiv, eine Ekstase aus Gold, das gewisse Etwas, so hat sieʼs selbst genannt, biegt sich ihr Haar mit der Anmut von Stoffen um ein Gesicht, das die blutige Blöße ihrer Lippen beleuchtet. Ihr bekommt kein leeres Kostüm, nein, den vollen Leib, die Augen, seltenen Edelsteinen ähnlich, wiegen den Blick nicht auf, der aus ihrem glücklichen Fleisch dringt, Brüste, angehoben wie starr von einer ewigen Milch, die Spitze Richtung Himmel, mit glatten Schenkeln, die das Salz des Urmeers wahren.“ Ihrer armen Frauen eingedenk, der kahlen, hinfälligen, von Grauen erfüllten, drängen sich die Gatten: Doch auch jene wollen sehen, so neugierig sind sie, die schwermütigen.
Haben alle die edle Kreatur beschaut, Relikt einer bereits verfemten Epoche, bleiben die einen gleichgültig, denn sie bringen nicht mehr die Kraft auf zu begreifen, doch andere sind betrübt und die Wimper feucht von Tränen des Verzichts blicken sie sich an; während die Dichter jener Zeit, fühlend, wie sich die erloschenen Augen wieder entfachen, zu ihrer Lampe eilen, das Hirn trunken für den Augenblick eines unbestimmten Ruhms, heimgesucht vom Rhythmus und ohne Gedanken daran, daß sie in einer Epoche leben, welcher die Schönheit für überlebt gilt.
Stéphane Mallarmé, Plainte d’Automne
Depuis que Maria m’a quitté pour aller dans une autre étoile — laquelle, Orion, Altaïr, et toi, verte Vénus ? — j’ai toujours chéri la solitude. Que de longues journées j’ai passées seul avec mon chat. Par seul, j’entends sans un être matériel, et mon chat est un compagnon mystique, un esprit. Je puis donc dire que j’ai passé de longues journées seul avec mon chat et, seul, avec un des derniers auteurs de la décadence latine ; car depuis que la blanche créature n’est plus, étrangement et singulièrement j’ai aimé tout ce qui se résumait en ce mot : chute. Ainsi, dans l’année, ma saison favorite, ce sont les derniers jours alanguis de l’été, qui précèdent immédiatement l’automne, et dans la journée l’heure où je me promène est quand le soleil se repose avant de s’évanouir, avec des rayons de cuivre jaune sur les murs gris et de cuivre rouge sur les carreaux. De même la littérature à laquelle mon esprit demande une volupté sera la poésie agonisante des derniers moments de Rome, tant, cependant, qu’elle ne respire aucunement l’approche rajeunissante des Barbares et ne bégaie point le latin enfantin des premières proses chrétiennes.
Je lisais donc un de ces chers poèmes (dont les plaques de fard ont plus de charme sur moi que l’incarnat de la jeunesse) et plongeais une main dans la fourrure du pur animal, quand un orgue de Barbarie chanta languissamment et mélancoliquement sous ma fenêtre. Il jouait dans la grande allée des peupliers dont les feuilles me paraissent mornes même au printemps, depuis que Maria a passé là avec des cierges, une dernière fois. L’instrument des tristes, oui, vraiment : le piano scintille, le violon ouvre à l’âme déchirée la lumière, mais l’orgue de Barbarie, dans le crépuscule du souvenir, m’a fait désespérément rêver. Maintenant qu’il murmurait un air joyeusement vulgaire et qui mit la gaîté au cœur des faubourgs, un air suranné, banal : d’où vient que sa ritournelle m’allait à l’âme et me faisait pleurer comme une ballade romantique ? Je la savourai lentement et je ne lançai pas un sou par la fenêtre de peur de me déranger et de m’apercevoir que l’instrument ne chantait pas seul.
Herbstklage
Seitdem Maria mich verlassen hat, um zu einem andren Stern zu gehen – zu welchem, Orion, Altair, oder bist, grüne Venus, du es? – liebte ich alle Zeit die Einsamkeit. Wie dehnten sich die Tage, da ich mit meiner Katze einsam war. Einsam nenne ich kein bloß körperliches Sein, und meine Katze ist ein mystischer Gefährte, ein Geist. Ich kann also sagen, ich verbrachte lange Tage mit meiner Katze und einsam mit einem der späten Dichter der lateinischen Dekadenz; denn seitdem es die reine Schöpfung nicht mehr gibt, habe ich eine seltsame und einzigartige Form der Liebe zu all dem entwickelt, was sich in dem einen Wort verdichtet: Untergang. So ist denn auch meine liebste Jahreszeit jene der letzten trägen Sommertage, die dem Herbst unmittelbar vorausgehen, und von den Stunden des Tages, wo ich umherschweife, jene, da die Sonne, bevor sie gänzlich verlischt, zur Ruhe kommt in Strahlen gelben Kupfers auf den grauen Mauern und roten Kupfers auf den Kacheln. Desgleichen dürstet mein Geist nach einer Dichtung, die wie die späte römische ihm noch mit ihren letzten Atemzügen Wonne schenkt, gerade weil ihr vom verjüngenden Andrang der Barbaren noch kein frischer Hauch entgegenweht und sie nicht das kindliche Latein der frühen christlichen Prosa stammelt.
So las ich eines jener kostbaren Gedichte (deren hingetupfte Schminke mich mehr bezaubert als das rosige Fleisch der Jugend) und tauchte dabei meine Hand in das Fell des reinen Tiers, als ein Leierkasten unter meinem Fenster eine schmachtende und schwermütige Weise spielte. Er ertönte in der weiten Allee von Pappeln, deren Blätter mir selbst im Frühling traurig schienen, seitdem Maria dort ein letztes Mal mit Kerzen vorüberging. Es ist das Instrument der Traurigen, ja, wirklich: das Klavier, es funkelt ja, die Geige öffnet der zerrissenen Seele Räume aus Licht, die Drehorgel aber hat mir im Sonnenuntergang des Abends Träume des Verzagens gebracht. Jetzt, da sie ein Lied recht gewöhnlicher Lustbarkeit säuselt, das eitel Freude im Herzen der Vorstädte weckt, ein antiquiertes, banales Lied: Wie kommt es, daß mich sein Geleier ergreift und zu Tränen rührt wie eine romantische Ballade? Ich kostete es bis zum Nachklang aus, warf aber keinen Sou aus dem Fenster, aus Furcht, mir Unbehagen zu bereiten, sollte ich gewahren, daß es nicht einsam sang, das Instrument.
Was flötet hier so fein?
Was flötet hier so fein?
Es ist ein Vögelein,
hatʼs Nest im Korridor.
Was zirpt da frei und frank?
Es ist in meinem Schrank
verzückter Grillen Chor.
Was quiekt in Saus und Braus?
Es ist die kleine Maus,
die gern sich bei mir labt.
Was klopft ans Fensterglas?
Ei, die meine Verse las,
die Fee, die ihr vergessen habt.
Was gluckst hier unterm Fuß?
Ach, dunkler Erde Gruß,
der unerlöste Quell.
Fiept noch am End ein Reh?
Ja, dort im hohen Schnee,
und wie es dampft, sein Fell.
Die Aussicht
Die Ziegel leuchten auf im Abendschimmer,
der Strahl hat sie mit rotem Wein besprengt,
es perlt, wenn er durch grüne Fugen geistert,
als hätt die Mauer eines Gärtners hoher Sinn
errichtet, um am Schattensaum zu schauen,
wie innig sich verschäumt der Sonnentag.
Sieh aber nun das Tor inmitten, die Ranken,
Knospen, Blätter, Kunst hat wie nach alten
Gemälden für sanfte Augen sie geschmiedet.
Es öffnet sich ins grünende Gelände,
das weich wie aufgebauschter Taft, bemalt
mit Wasserfarben blau und gelb, hinabwallt
zum Schilf, dem Bach und Schlummer fächelnd Weiden.
Nun laß die Blicke wandern auf dem Pfad,
der unter weißen Holunderdolden empor
sich schlängelt, schmeichelt, hier ist er verdeckt
von Dornenhecken, dort auf die Höhe langend
sieh, etwas flimmert, Kies, den man gestreut,
dort zweigt er ab zu einem Gräberfeld,
wo gut ein Ruhen ist nach langem Tag.
Grabmale freilich siehst du von hier nicht,
auch nicht das eine mit der weißen Lilie,
nein, auch die Blume siehst du nicht und wie
noch eine träge Hummel surrend schweift,
da rankt ein Widmungsspruch um einen Namen,
fremd ist der Name, rätselhaft der Spruch.
Das Püppchen
Fliegt es noch auf im Abendschein,
das dichterische Wort?
Hör, wie es flüstert: „Nein, ach nein,
ein Wörtlein sitz ich dort,
verhutzelt, klein und flügellos,
im öden Neonlicht
dem Bettlerkinde auf dem Schoß,
ein Püppchen, das nicht spricht.
Es kämmt mir das ergraute Haar,
und küßt es meinen Mund,
gehn Augen auf so klar,
als wär mein Innerstes nicht wund.
Und wiegt es mich, das sanfte Kind,
entringt sich meiner Brust
ein Ächzen dunkler Lust,
die Lider schließen sich geschwind.“
1. Strophe
Ἰὼ γενεαὶ βροτῶν,
ὡς ὑμᾶς ἴσα καὶ τὸ μη-
δὲν ζώσας ἐναριθμῶ.
Τίς γάρ, τίς ἀνὴρ πλέον
τᾶς εὐδαιμονίας φέρει
ἢ τοσοῦτον ὅσον δοκεῖν
καὶ δόξαντ’ ἀποκλῖναι;
Τὸν σόν τοι παράδειγμ’ ἔχων,
τὸν σὸν δαίμονα, τὸν σόν, ὦ
τλᾶμον Οἰδιπόδα, βροτῶν
οὐδὲν μακαρίζω·
1. Gegenstrophe
ὅστις καθ’ ὑπερβολὰν
τοξεύσας ἐκράτησε τοῦ
πάντ’ εὐδαίμονος ὄλβου,
ὦ Ζεῦ, κατὰ μὲν φθίσας
τὰν γαμψώνυχα παρθένον
χρησμῳδόν, θανάτων δ’ ἐμᾷ
χώρᾳ πύργος ἀνέστας·
ἐξ οὗ καὶ βασιλεὺς καλῇ
ἐμὸς καὶ τὰ μέγιστ’ ἐτι-
μάθης ταῖς μεγάλαισιν ἐν
Θήβαισ[ιν] ἀνάσσων.
2. Strophe
Τανῦν δ’ ἀκούειν τίς ἀθλιώτερος;
τίς ἄταις ἀγρίαις, τίς ἐν πόνοις
ξύνοικος ἀλλαγᾷ βίου;
Ἰὼ κλεινὸν Οἰδίπου κάρα,
ᾧ μέγας λιμὴν
αὑτὸς ἤρκεσεν
παιδὶ καὶ πατρὶ
θαλαμηπόλῳ πεσεῖν,
πῶς ποτε πῶς ποθ’ αἱ πατρῷ-
αί σ’ ἄλοκες φέρειν, τάλας,
σῖγ’ ἐδυνάθησαν ἐς τοσόνδε;
2. Gegenstrophe
Ἐφηῦρέ σ’ ἄκονθ’ ὁ πάνθ’ ὁρῶν χρόνος·
δικάζει τὸν ἄγαμον γάμον πάλαι
τεκνοῦντα καὶ τεκνούμενον.
Ἰώ, Λαίειον <ὦ> τέκνον·
εἴθε σ’ εἴθ’ <ἐγὼ>
μήποτ’ εἰδόμαν·
δύρομαι γὰρ ὥσ-
περ ἰήλεμον χέων
ἐκ στομάτων. Τὸ δ’ ὀρθὸν εἰ-
πεῖν, ἀνέπνευσά τ’ ἐκ σέθεν
καὶ κατεκοίμησα τοὐμὸν ὄμμμα.
1. Strophe
Io, Geschlechter der Sterblichen,
wie ich euch gleich dem Nichts
solange ihr atmet sehe an.
Wer denn, welcher Mann birgt
an Lebenssegen mehr
als bloß den eitlen Schein,
und Scheinens voll verlischt er ganz.
An dir hab ich das Musterbild,
an deinem Unheil, deinem, o
Unglücks-Ödipus, von Sterblichem
nichts mag ich glücklich preisen.
1. Gegenstrophe
Der du genau ins Schwarze
treffend dir den Preis,
das volle Glück gewannst,
o Zeus, erlegtest ja
die krummzehige, die Jungfrau,
die Rätselsängerin, bäumtest für mein
Land ein Turm dich wider den Tod,
von daher heißt du König
mir und warst höchster Ehren
wert, in der mächtigen
Thebe ein Herrscher.
2. Strophe
Doch nun, wer kennt einen unseligeren?
Der mit argen Flüchen, der unter Qualen
haust in des Lebens Wirrnis?
Io, ruhmvolles Haupt des Ödipus,
dem ein Hafen groß
derselbe offen schien
dem Sohne und dem Vater
als Bräutigam zu ankern.
Wie nur, wie nur konnten des Vaters
Furchen auch dich tragen, Armer,
schweigend für so lange Zeit?
2. Gegenstrophe
Ins Licht hob wider Willen dich die alles sieht die Zeit.
Sie richtet heillose Hochzeit seit alters,
den Zeuger und Gezeugten.
Io, des Laios armes Kind:
Hätte ich, hätt ich
niemals dich gesehen.
Denn ich seufze
Klage gleichsam gießend
aus dem Mund. Wahr ist aber
auch: Durch dich kam ich zu Atem
und Schlummer trank mein Aug.
Auf den Toten schwitzt Asphalt
Auf den Toten schwitzt Asphalt,
und die drüber hasten, haben
Blutes nicht, sind Taggespenster.
Kein Mensch ist, dessen Lippen weich
wie weiche Blüten Duft
hauchen hohen Lebens Lob.
Blicke, hart von Nichtgeweintem,
wühlen aus dem Fleisch der Bilder
Egel, Traumgewürm.
Kein Wort ist, dessen zarter Flügel
auf dem Halm der Stille zittert,
keines, das am Blumenmunde saugt.
Langsam ritzt ein Geisterdorn
Wunden in die Stirn der Nacht,
und sie tropfen fahles Licht.
Kein Ohr, dem Dunkel sanft geneigt,
hört fern wie aus versunkenem Wald
eine Nachtigall.
Fatums blinder Strahl
Tauben zwei im Hinterhof,
Fallen, Flattern, Steigen.
Fatums blinder Strahl,
Keimen, Strotzen, Neigen.
Mücke surrt im Glas,
Schwüle, kein Gewitter.
Ewigkeit schmeckt fad,
Frucht des Leidens bitter.
Hände fragen sich,
was sie tasten wollten.
Fern verklingt der Ton,
der dem Geist gegolten.
Was sich schimmernd spreizt,
Wirbel hatʼs geschliffen,
Chaos singt erregt,
doch nicht gottergriffen.
Hündchen wetzt heran
Hündchen wetzt heran,
heiß und lieb,
rollt den roten Ball,
Spiel und Trieb,
zwischen deine Füße,
daß es dich begrüße.
Legt sein Köpfchen schief,
Traum und Glut,
auf dein rechtes Knie,
Treu und Blut,
äugt ein dunkler Glanz,
wedelt mit dem Schwanz.
Streichelst du sein Fell,
Bausch und Flausch,
stechen Kletten grell,
Trug und Fug,
zupfst sie aus der Wolle
deinem guten Trolle.
Sieh, der blaue Krug
Sieh, der blaue Krug,
Rosen, die noch ragen,
sind sie auch voll Zagen,
duften mir genug.
Steht der Krug allein,
sanken sie hernieder,
hoben sich nicht wieder,
sagten mir ihr Nein.
Sieh, der grüne Teich,
und die auf ihm blassen,
Schwäne, so gelassen,
Kargheit fühlt sich reich.
Graut der Teich im Schnee,
stolzer Flügel Spannen
trugen sie von dannen,
rauschten „Gehe, geh!“.
Wie ein Flöckchen fällt
Wie ein Flöckchen fällt,
glitzernd niederschwebt
auf die dunkle Welt,
sinnt es unentwegt:
„Ist mein Leben sinken,
nichts als Abschied blinken
in der Weltennacht,
leuchte ich doch sacht.
Mag nur zagend fallen,
fall ich ja mit allen
Flocken tief hinab
auf ein weiches Grab.
Mond mit seinen Strahlen
malt mir zarte Schalen
um mein Nichtigsein,
bin ich auch allein,
kann doch alles fühlen,
wenn die Strahlen kühlen.“
Flöckchen fällt dem Reh
auf die warme Nase,
kriegt sie keine Blase,
fühlet selbst kein Weh.
Und es schmilzt dahin,
leuchten war sein Sinn.
Wunderglanz des Schönen
Einzig Wunderglanz des Schönen
kann uns mit der Welt versöhnen.
Mondbehauchtes Mosaik,
Laub im Regen, Nacht-Musik.
Laulich wie von Orchideen
Dämmers rosa Düfte wehen.
Totenklage ist versiegt,
wenn den Efeu Zwitschern wiegt.
Lichtes Flaum auf einer Lache,
goldnes Flüstern, Ginster-Sprache.
Silbrig aufgerauschtes Glück,
Weide küßt ein Sonnenblick.
Auge krokusblauen Maares
wimpert aus der Trübnis Klares.
Schatten zwei auf fernem Boot
lösen sich ins Morgenrot.
Ach, wie sie aus Lärm und Härmen
hin zum Schilf der Stille schwärmen,
Schlummer trinken mit dem Schwan,
dösen mit dem Mittagspan.
Sehnen weiß uns kein Verweilen,
muß mit Wolkenschatten eilen
bis zum lila Horizont,
wo sich noch ein Vogel sonnt,
und wenn wir ihn lächelnd fragen,
ob uns sein Gesang möcht tragen
ins gepriesne Zauberland,
wo die Liebe Heimat fand,
hat uns schon ins Blau gehoben,
Blau, mit Fäden Golds durchwoben,
einer Stimme warmer Klang,
der aus unsern Herzen drang.
Sonnenstrahlen
Wurzelfäden fein,
die ins Dunkel reichen,
zwischen Wurm und Stein,
saugen stumm den Saft,
keines muß erbleichen,
jedem blüht die Kraft,
reiner Bilder Hort,
dichterischeres Wort.
Sonnenstrahlen heiß,
Blüten aufzuwecken
zwischen Löß und Gneis,
Flocken zart gestreut,
jedes grüßt ein Necken,
keines hatʼs bereut,
feuchter Knospen Glanz,
grüner Lieder Kranz.
Wenn dein Boot versinkt
Wenn Tropfen auf dem Laubdach klingen,
fahl und geisterhaft,
in strenge Falten kühn sich schwingen,
Windes blauer Taft.
Mit Farnen sich der Nacht entrollen,
Mal des Monds verblaßt,
sich fädeln aus den Nebel-Wollen,
bis die Sonne praßt.
Wo Schlaf in trunkne Schilfe gleitet,
gluckste Wasser süß,
hat sich das Segel ausgebreitet,
Mund der Muse blies.
Und weht ein Duft von Traubenküsten,
Lächelns Knospe blinkt,
schon fühlst du Lippen, die dich mißten,
wenn dein Boot versinkt.
Blütenlos dein Maar ist Schlaf
Wie auf der Amphoren Bauch
Götter ruhn auf goldnen Thronen,
Nike ziert mit Lorbeerkronen,
Mythe: Bild, gebannter Rauch.
Hat geflügelt Pegasus
heiß mit seinen Silberhufen
Sang aus dunklem Quell gerufen,
wie zerrann des Sprühens Kuß.
Dem Gesang ein Blitz zerteilt,
Jüngling, Herz, es war geständig,
ist im Seufzer noch lebendig,
klopft die Wunde, die nicht heilt.
Blick, den blaue Iris warf,
ferner Jugend Bilder blassen,
mußt dem Dämmerlicht sie lassen,
blütenlos dein Maar ist Schlaf.
Poete lispelt Schmu hermetisch
Poete lispelt Schmu hermetisch,
sein Blick blakt endzeitschwarz,
doch sein Poem ist bloß ein blinder Zeitungsfetisch,
und sein Schwall dickt Harz.
Als tät er es beschmusen,
umfingert er das Mikrofon,
doch sein Poem erdrückt ein kalter Riesenbusen,
prall gefüllt mit Silikon.
Er will die Muse scheuchen
auf ihren Hintern Klaps um Klaps,
doch sein Poem erstickt in pubertärem Keuchen,
und es riecht nach Schnaps.
Mit Wohlklang-, dumpfen Reim-Faschisten
ging schrill und hetzerisch er ins Gericht,
doch sein Poem hinkt gerade noch ins Puff der Germanisten,
denn sein Versfuß hat die Gicht.
Wie blau das Wasser ist
Wie blau das Wasser ist,
und wie sie darin patschen,
sich auf die Bäuche klatschen,
wie jeder sich vergißt.
Der blonde Bursche, fett
in weichen Kummers Ringen,
wie würde er gern springen
von dem Fünfmeterbrett.
Wie blau das Wasser ist,
und stumm nur ein Gekräusel
und selten ein Gesäusel
von einer Nymphe trist.
Der Dichter, dürr und blaß,
er weiß, er kann nicht schwimmen,
doch traut er süßen Stimmen,
stürzt blind sich in das Naß.
Liebe soll dir nicht erkalten
Apfelbaum steht an dem Hange,
einsam reckt er sich zum Strahl,
lauscht er ganz dem Sonnensange,
Blüten, Früchte sind nicht fahl.
Magst du deine Hand bang halten
um der Kerze Flackerschein,
Liebe soll dir nicht erkalten,
wahrst du ihre Flamme rein.
Herbst läßt rotes Laub erschauern,
fällt die Frucht in Gräser sacht,
magst du an dem Herde kauern,
Funken sprühen in der Nacht.
Siehst du blütenlos die Krumen
in den Scherben grauer Zeit,
Abend haucht noch rosa Blumen
auf den Pfad, hat es geschneit.
Liedes Lust
Krug mit schön
bemalter Brust,
lichtgewölbt
Liedes Lust.
Feuchter Lehm
zart geballt,
geistbetaut
Versgestalt.
Dunkels Sproß
Knospe weiß,
Hymnenduft
Ehrenpreis.
Iris blau,
Liebesblick,
Wiederkehr
Reimes Glück.
Faltertanz,
schwanker Halm,
buntes Glas,
Weihepsalm.
Hinterhof,
Gang geheim,
klatsch und watsch,
Abzählreim.
Mondbetäubt
ich und du,
Kußrefrain,
Amour fou.
Flockenstill
Abendgang,
flaumgedämpft
Wiegensang.
Ausgeseufzt
Dämmer-Ried,
Honiglicht,
Totenlied.
Bleichen Mondes Asphodelen
Bleichen Mondes Asphodelen
ausgerauschten Wassers Saum,
lilienblasser Schaum,
Nektar unstillbarer Seelen.
Doch wir sahen goldne Strahlen
fluten in das Heimattal,
wecken unsrer Qual
Knospen, blaue aus den fahlen.
Schwarzen Moores Nebelsonnen,
und ein Schluchzen fließt hinab
in das Blumengrab,
herber Lippen düstre Wonnen.
Doch wir hörten über Hügeln
süßer Lüfte Traumgeläut,
fühlten uns erneut,
bebend unter Sangesflügeln.
Blauer Augen feuchtes Flehen
Dürrer Ähren dumpfes Schmachten,
Gaukeln trunkner Mücken,
blaue Mittagsglut,
und die an den Säumen lachten,
Mohnes lose Blüten
tropfen hin ihr Blut.
Wild umrankt von dunklen Reben
wehmutwarme Strahlen,
Kelch im Abendlicht,
schäumt aus ihm noch Leben
anemonenfarben
auf dein Angesicht.
Blauer Augen feuchtes Flehen,
wie ihr süßes Glänzen
Liebe hat vollbracht,
wirst vielleicht du erst verstehen,
wenn dir eine Träne
funkelt in der Nacht.
Summe mit, mein Kind
Wenn im Finstern Augen locken,
halt ich dich, mein Kind,
beißen dich die kalten Flocken,
wärm ich dich, mein Kind.
Hörst du es in Ecken knittern,
sei nur nicht verzagt,
mußt nicht vor dem Winzling zittern,
Mäuslein, das dort nagt.
Floß ein jäher Glanz ins Zimmer,
als hättʼs reingeschneit,
schau des Mondes weißen Schimmer,
und der Mond ist weit.
Rauscht es wie in hellen Träumen,
Quellen sind es, Kind,
Lieder, die im Winde schäumen,
summe mit, mein Kind.
Veilchen, Liebe ist nicht fern
Auch wenn wilde Böen gehen,
Zweig und schwache Ranke bricht,
Birken, dunkler Moose Licht,
wie sie ragen, wie sie stehen.
Dämmerschaum der Schlummermulden,
weiches Vlies der feuchten Gruft,
Moose, Schlaf im Veilchenduft,
wie sie harren, wie sie dulden.
Und die Herzens Eden meinen,
mondne Tropfen, blauer Stern,
Veilchen, Liebe ist nicht fern,
wie sie beben, wie sie weinen.
Das mürbe Mark der Sprache
Wo auf grüner Lache
Schlaf die Blüte haucht,
ist das Mark der Sprache
mürbe schon, verbraucht.
Schwanken auf den Wellen
Rosen, Schwäne fahl,
ist ihr Fest nur Gellen,
und ihr Wein ist schal.
Wo sich Abgrund heitert,
Indigo der See,
ist ihr Kahn gescheitert,
Nymphe ruft, vergeh.
Wenn aus Veilchen steigen
Seufzer blauer Nacht,
müssen wir verschweigen,
was uns elend macht.
Rosen, letzte Gluten
Rosen, letzte Gluten
an des Lebens Rand,
streue auf die Fluten,
bis verlischt der Brand.
Laß aus milden Händen
gleiten wie im Schlaf
Blüten, Grabesspenden,
auf das Epitaph.
Lauben, dunkles Wasser,
Schwirren, Flirren, Hauch,
Träume werden blasser,
und die Schmerzen auch.
Rose gramgeneigt
Rose gramgeneigt,
nun ist sie gegangen,
was gefleht hat, schweigt,
mit den wehen Stunden,
dunklen Seufzern, bangen,
Duft, er ist entschwunden.
Pocht es in der Nacht,
Schweiß auf deinem Kissen,
kaum bist du erwacht,
hörst du heiße Tropfen,
niemand mag dich missen,
an die Scheibe klopfen.
Sinkt das Dämmerlicht
in dem kranken Zimmer
bleich auf dein Gesicht,
flirrt an kahler Mauer
wie ein Wasserschimmer
süßer Jugend Schauer.
Kommt das Hundchen angelaufen
Kommt das Hundchen angelaufen,
tät noch herzig schnaufen,
springt aufs Kuschelkissen,
schnappt den Leckerbissen.
Sieht verdutzt das Miezekätzchen
hüpfen fort ein Spätzchen,
magst ins Ohr ihm surren,
wird es wieder schnurren.
Fiel der Ball ins Wasser, Bübchen
kommt und weint im Stübchen,
wirst von Nixen sagen,
die ihn plätschernd jagen.
Glänzen auf der Liebsten Wange
Tränen, frag nicht lange,
mußt sie fort ihr küssen,
wird sie nicht vermissen.
Wenn die Rosen sich entzünden
Tupfen gaukeln goldnes Licht,
schmieg an warmes Moos die Wange,
Seufzen feuchte das Gesicht,
Hauche grüner Wellen, bange.
Durch des Zirpens Nebel blind
taste dich ins Gras der Grillen,
rinne, riesle in den Wind,
wer soll deine Wehmut stillen.
Einer, der aus Flammen liest,
wenn die Rosen sich entzünden,
Blick, der sanft in deinen fließt,
blaue Bucht, in die sie münden.
Das Gold der Dämmerungen
Wenn das Gold der Dämmerungen
noch im Laube zögernd weilt,
wie auf Wogen, weich geschwungen,
sich des Schaumes Glitzern teilt.
Als wir unterm Kirschbaum lagen,
Tropfen kühlten schon das Gras,
was nur wollte ich dir sagen,
süß ein Wort, das ich vergaß.
Wenn des Nachts ein stilles Schneien
durch die Angst der Wälder weht,
wie ein blaues Benedeien
ein Geläut durch Mauern fleht.
Und wir standen stumm am Grabe,
Hauch der Nacht im Efeukranz,
heller Tränen Opfergabe
war des Dankes schwacher Glanz.
Weiche Mulden, sanfte Falten
Dem Andenken an Stephan Lochner
Lauben, Brunnen, Mulden
willst du dich ergießen,
heilen Herzens Licht,
Überquell der Hulden,
Hymnentau der Wiesen,
Lilien-Traumgesicht.
Rinnst durch blaue Falten,
die um Lenden wogen,
reiner Gnaden Quell,
Lächelns Heilsgestalten,
um das Kind gebogen
mit dem Apfel hell.
Atmest Gärten Fülle,
wo die Rose leuchtet
unter mondnem Tau,
veilchenweiche Hülle,
flüsternd überfeuchtet
von den Wassern blau.
Golden hat umsiegelt
Knospe großer Stille
das geneigte Haupt,
Lippen sanft entriegelt
süßer Klänge Fülle,
die an Liebe glaubt.
Die uns möchten heben
aus den Dorngefilden,
Augen licht und sacht,
in das schöne Leben,
sprechen Engelsmilden
in die Unheilsnacht.
Guido Gezelle, Kerkhofblommen
Zoo daar ooit een blomke groeide
over ‘t graf waarin gij ligt,
of het nog zoo schoone bloeide:
zuiver als liet zonnelicht,
blank gelijk een Lelie blank is,
vonklende als een roozenhert,
needrig als de needre rank is
van de winde daar m’ op terdt,
riekend, vol van honing, ende
geren van de bie bezocht,
nog en waar ‘t, voor die U kende,
geen dat U gelijken mocht!
Kirchhofsblumen
Mag auch eine Blume prahlen
einmal auf dem Grabe dein,
mag sie noch so wunders strahlen,
reiner als der Sonnenschein,
weiß wie eine Lilie weiß,
wie des Rosenkäfers Gold,
sacht wie einer Ranke Reis
unterm Fuß sich windet hold,
Duft, daß eine Biene fand
Blütenhonig, süße Bürde,
weht, hat einer dich gekannt,
hin, da nichts dir gleichen würde.
Fernes Leuchten
Wie manche alten Blumenschalen,
ein karger Tau hat sie befeuchtet,
an hingeneigten Blüten, fahlen,
ein Bild uns wecken, das noch leuchtet.
Und wandelst du bemooste Wege,
wo einsam Weidenknospen schwingen,
wird dir ein Herz der Jugend rege,
hörst leise du ein Wasser singen.
Wenn aber herbstlich Fahnen blauen,
von alten Freunden sahst du keinen,
magst du im Dickicht streifend schauen,
ob traumversunken Rosen weinen.
Und sinnst du ferne nach den Flocken,
die vor dem Fenster langsam schweben,
fragst du, wenn dunkle Pulse stocken,
ob unterm Schnee noch Veilchen beben.
Guido Gezelle, Winterstilte
Een witte spree
ligt overal
gespreid op ‘s werelds akker;
geen mensche en is,
men zeggen zou,
geen levend herte wakker.
Het vogelvolk,
verlegen en
verlaten, in de takken
des perebooms
te piepen hangt,
daar niets en is te pakken!
Winterstille
Ein weißes Tuch
ausgebreitet
auf den Weltenacker sacht.
Und keine Menschenseele,
so sagt man wohl,
kein lebend Herz, das wacht.
Das Volk der Vögel,
schüchtern und
verwaist, auf den dicken
Ästen des Birnbaums
schwebtʼs und zwitschert,
es hat ja nichts zu picken!
In stillem Tale
Klösterlich in stillem Tale
schwebt ein Bauwerk wunderbar,
unbemalte schlichte Schale
für das Blühen kleiner Schar.
Wassers Leuchten in den Gängen,
zarte Muster sinnt der Fuß,
Andachtstunden voll Gesängen,
Himmels trunknem Licht zum Gruß.
Erde schenkt dem leisen Bauen
runde Früchte gelb und rot,
und wenn abends Lüfte grauen,
auf den Tischen Wein und Brot.
Sehnen nicht, nicht Seufzen wühlen
Klüfte zwischen Herz und Herz,
Wünsche sind verweht, die schwülen,
Fratze grellen Traums war Scherz.
Schwerer nicht als Duft und Tränen,
weißer Knospen weicher Charme,
wiegt geweihter Diener Wähnen,
Blüten auf Mariens Arm.
Dumpfer Horden leeres Lärmen,
das sich Wahnbegierden beugt,
fern verging vor süßem Schwärmen,
Herz, von stillem Geist gezeugt.
Blumen-Sterbeduft ist Danken,
Erde aber Toten leicht,
die ins Gras der Liebe sanken,
unterm Gnadenhauch erbleicht.
Guido Gezelle, Bonte abeelen
Wit als watte, en teenegader
groen, is ‘t bonte abeelgeblader.
Wakker, als een wekkerspel,
wikkelwakkelwaait het snel.
Groen vanboven is ‘t en, zonder
minke, wit als melk, vanonder.
Onstandvastig volgt het, gansch,
‘t onstandvastig windgedans.
Wisselbeurtig, op en neder,
slaat het, als een’ vogelveder.
Wit en grauw, zoo, dóór de lucht,
“bonte-abeelt” de duivenvlucht.
Schimmer-Espen
Weißes Bauschen, grünes Flirren
ist der Espen Blätterschwirren.
Rascher als ein Ringelspiel
ringeltʼs auf und kringeltʼs hin.
Grün glänzt oben wundersam,
und von unten schäumt der Rahm.
Immer kreist es, haltlos ganz,
ruheloser Winde Tanz.
Windes Wippe, auf und nieder
flattertʼs, eine Vogelfeder.
Weiß und grau verwehter Charme,
Schimmer-Espe, Taubenschwarm.
Ein Blütenblatt ruht dein Gesicht
Schon treibst, wie eine Knospe weiß,
du über Schlafes grünen Wogen,
ein Wind von Gluten Mohns noch heiß
hat müde sich am Tau gesogen.
Du bist dem Ufer schon verschollen,
das Grün des Waldes ist verblaßt,
wenn Farne sich ins Dämmern rollen,
hat blauer Kelch den Duft verpraßt.
Ein Blütenblatt ruht dein Gesicht
auf schwankem Abgrund, wo von Flossen,
daß du erzitterst, sprüht noch Licht,
die Milch der Sanftmut ist vergossen.
Nun sind die Träume, zarte Flocken,
geschmolzen unter Mondes Hauch,
und die zu den Atollen locken,
Tritonenklänge schmelzen auch.
Jahresring
Januar, im Schneelicht laß mich dösen,
Februar, bemalte Masken leih uns Bleichen,
Märzens laue Luft macht Sprödigkeit erweichen,
Mai den Tau von Schattenwimpern lösen,
Juni, Anemonen, mein Sonnenkind, und weiche Veilchen,
Juli, roten Mund dem Liede gib, ein blauend Wasser,
August, ihr Birnen, Pflaumen, wartet noch ein Weilchen,
September, Mond und Rosen schimmern blasser,
Oktober, goldner Trauben feuchtes Schwellen,
November, dunkle Kränze, kleiner Kerzen Flehen,
Dezember, Flocken schmelzend Küsse, Silberschellen,
bis nächstes Jahr, ade, auf Wiedersehen!
War noch Glanz am Saum
War noch Glanz am Saum
schneeverwehter Straßen,
Odem ging im Raum,
Schweigen ohne Maßen.
Rannen weich vom Blatt
Schimmer, hingeweinte,
wie noch Leben hat
Traumfarn, der versteinte.
War noch Wasser grün,
Knospen, Taues trunken,
öffnete Jasmin,
Schmerz, im Duft versunken.
Nah und unerreicht
In der kleinen Lache
eines Hinterhofs
fand ich Himmels Sprache,
still erglänzte dort
eine Wolke. Wäre
wahre Stille nicht
über Blauens Sphäre,
nur in vagem Licht
spiegelglatt gebettet,
wie in fremde Feuchte
eigner Blick sich rettet,
jäher Leere Leuchte?
Keiner kann es fassen,
Wolke, Anmut, Nichts,
mußt sie blühen lassen,
Blüte weißen Lichts,
nah und unerreicht,
bis die Sonne weicht.
Il est un vieil air populaire
Par tous les violons raclé,
Aux abois des chiens en colère
Par tous les orgues nasillé.
Les tabatières à musique
L’ont sur leur répertoire inscrit ;
Pour les serins il est classique,
Et ma grand’mère, enfant, l’apprit.
Sur cet air, pistons, clarinettes,
Dans les bals aux poudreux berceaux,
Font sauter commis et grisettes,
Et de leurs nids fuir les oiseaux.
La guinguette, sous sa tonnelle
De houblon et de chèvrefeuille,
Fête, en braillant la ritournelle,
Le gai dimanche et l’argenteuil.
L’aveugle au basson qui pleurniche
L’écorche en se trompant de doigts ;
La sébile aux dents, son caniche
Près de lui le grogne à mi-voix.
Et les petites guitaristes,
Maigres sous leurs minces tartans,
Le glapissent de leurs voix tristes
Aux tables des cafés chantants.
Paganini, le fantastique,
Un soir, comme avec un crochet,
A ramassé le thème antique
Du bout de son divin archet,
Et, brodant la gaze fanée
Que l’oripeau rougit encor,
Fait sur la phrase dédaignée
Courir ses arabesques d’or.
Karneval in Venedig
Ein altes Lied, sehr populär,
das alle Geigen stöhnen,
die Hunde jaulen drüber her,
daʼs auch die Orgeln dröhnen.
Tabakdosen mit Musike
haben es im Repertoire,
selbst der Zeisig findetʼs schnieke,
Oma, als noch Kind sie war.
Töntʼs mit Kornett und Klarinetten
bei Bällen unter Laubes Stauben,
zucken Burschen und Grisetten,
erschrocken flattern auf die Tauben.
Die Schenke mit gewölbtem Dach
aus Heu und Stroh der Katen,
die Fete grölt, ein Höllenkrach,
der Sonntag glänzt, der Braten.
Fagott des Blinden, sein Gedudel
verhunzt es, denn er hält nicht Schritt,
die Bettlerin preßt ihren Pudel
und brummt es leise mit.
Arme Sänger mit Gitarren,
mager unter dünnem Kleid,
hört so elend man es schnarren
in Kneipen schnöder Lustbarkeit.
Paganini, genial-verrückt,
hat eines Nachts mit einer Spitze
das alte Thema aufgepickt,
mit seines Götterbogens Blitze,
bestickte neu den fahlen Schleier,
ein Flitter war an ihm noch rot,
und über jener alten Leier
hat Arabesken-Gold geloht.
Weg damit
Worte, die wie Gift zernagen
deines Geistes zartes Mark,
Bilder, die das Aug beschlagen,
gehst du durch den schönen Park.
Wünsche, die von Fremden kamen,
Raupenfraß am grünen Blatt,
Gesten, schlanker Anmut Lahmen,
hohles Fuchteln nimmersatt.
Die das Brunnenwasser trüben,
das geheim dein Blühen nährt,
dumpfe Kröten, die nicht lieben,
Fratzen, keinen Seufzer wert.
Küsse, die nach Asche schmecken,
lauer Lippen schaler Wein,
Hände, dürrer Schilfe Recken
nach des Mondes totem Stein.
Wracks auf schwarzen Ozeanen,
steuerlos, von Seetang schwer,
auf den Decks erwürgte Ahnen,
Verse ohne Wiederkehr.
Die das alte Neue schreien
ins zerpflückte Blumenohr,
Spott in deine Träume speien,
kalter Zungen Schlangenchor.
Eitle Schreiber, die dir künden
flink von großer Weltennot
und daß alle Wege münden
in ein dunkles Loch voll Kot.
Denker, die dir Brocken stellen,
Rätsel auf das sanfte Gras,
Dichter, die in Fetzen gellen,
was man in der Zeitung las.
Das Gedicht
Wie Tränen bang an Wimpern zittern,
und rinnen sie, hat Lächeln Glanz,
wie Knospen schwanken an den Gittern,
und gehn sie auf, wird Sommer ganz,
sieh, die sich Flammengeist hingeben,
und glühen sie, hat Liebe Licht,
sieh, die wie Falterflügel beben,
und gehn sie auf, glückt das Gedicht.
Grotte im Wingert
Da wir durch den Wingert gingen,
stand von rotem Laub umschauert
eine Grotte, Flechten hingen,
wo der Salamander lauert.
Und wir fühlten warm die Brocken
aus Basalt, doch blaue Schatten
kühlten dort die goldnen Locken
hohem Weibe mit den matten,
lang verblühten Wangen, Schründe
liefen durch des Mantels Wogen,
weichen Mundes Gnadenründe
hatte kalt die Zeit verzogen.
Doch dem Kind war abgebrochen
seiner Finger Segensdolde,
um die wunden Füße krochen
junge Spinnen, und der holde
Strahlenkranz, er war zerronnen.
Hoben aus dem Staub wir Kerzen,
die ein Goldgarn uns gesponnen
in den dunklen Samt der Herzen.
Abend über den Rheinwiesen
Wenn die Gräser leise wiegen
weiche Tropfen, grauen Schaum,
wollen wir im Abend liegen,
der noch Rosen stickt am Saum.
Und wir lauschen nur dem Hauchen,
das dem grünen Grund entsteigt,
sehen fahle Wasser rauchen,
wenn sich Mondes Knospe neigt.
Und ich fühle Feuchte wärmen
meine Wange, weinst du still,
auch wenn Lichtes Mücken schwärmen,
Dunkel ist, was Schwermut will.
Überwachset uns mit Schatten,
treue Halme, rinne Tau,
bis wir Herz an Herz ermatten,
bis uns weckt das ernste Blau.
Deutscher Sang
Wann wird schönen Geistes Flügel
wieder rauschen, Wunder-Aar,
segnend über deutsche Hügel,
Gnadenbanner froher Schar?
Wenn des Meeres Muscheln tönen
an erwählter Knaben Ohr
blaue Mythe und die Schönen
schreiten lilienweiß im Chor.
Wann wird deine Rose glühen,
hoher Minne sanfter Sang,
deine Lende Anmut sprühen,
deutschen Verses edler Gang?
Wenn auf grünen Matten leuchtet
Hymnenglanz aus reinem Born,
späten Wandrers Auge feuchtet
Ruf aus heimatlichem Horn.
Sei mein Wort die Laube
Sei mein Wort die Laube,
deinen Schmerz zu hüllen,
sei mein Lied die Taube,
sanften Gurrens Quillen.
Magst es tropfen hören,
auf das Blattwerk regnen,
soll dein Herz betören,
Traum mit Nachtglanz segnen.
Sei mein Lied die Schale,
deiner Blüte Neige,
schimmernd um die fahle,
bis ihr Duft entsteige.
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