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Sep 12 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 21–40

Scholien zu einem implizierten Text 21–40

21
Los parlamentos democráticos no son recintos donde se discute, sino donde el absolutismo popular registra sus edictos.

Die demokratischen Parlamente sind keine Orte echter Debatten, dort läßt vielmehr der völkische Absolutismus seine Dekrete unterzeichnen.

22
El burgúes entrega el poder para salvar el dinero; después entrega el dinero para salvar el pellejo; y finalmente lo ahorcan.

Der Bourgeois gibt seine Macht ab, um sein Geld retten; dann gibt er sein Geld ab, um seine Haut zu retten; am Ende hängen sie ihn.

23
Burguesía es todo conjunto de individuos inconformes con lo que tienen y satisfechos de lo que son.

Die Bourgeoisie besteht aus der Gesamtheit jener, die unzufrieden sind mit dem, was sie haben, und zufrieden mit dem, was sie sind.

24
Los marxistas definen económicamente a la burguesía para ocultarnos que pertenecen a ella.

Die Marxisten definieren die Bourgeoisie rein ökonomisch, um vor uns zu verschleiern, daß sie ihr selbst angehören.

25
El militante comunista antes de su victoria merece el mayor respeto.
Después no es más que un burgués atareado.

Vor seinem Sieg verdient der militante Kommunist die größte Hochachtung.
Hernach ist er nicht mehr als ein geschäftiger Bourgeois.

26
El amor al pueblo es vocación de aristócrata. El demócrata no lo ama sino en período electoral.

Die Liebe zum Volk ist eine aristokratische Berufung. Der Demokrat liebt es nur während der Wahlperiode.

27
A medida que el estado crece el individuo disminuye.

In dem Maße, wie der Staat wächst, schrumpft das Individuum.

28
No logrando realizar lo que anhela, el “progreso” bautiza anhelo lo que realiza.

Unfähig zu erlangen, was er wünscht, tauft der „Fortschritt“ Wunsch, was er erlangt.

29
La técnica no cumple los viejos sueños del hombre, sino los remeda con sorna.

Die Technik erfüllt nicht die alten Menschheitsträume, sie äfft sie spöttisch nach.

30
Cuando se deje de luchar por la posesión de la propiedad privada se luchará por el usufructo de la propiedad colectiva.

Gibt man es auf, für den Besitz von privaten Eigentum zu kämpfen, kämpft man um das Nutzungsrecht am kollektiven Eigentum.

31
La movilidad social ocasiona la lucha de clases.
El enemigo de las clases altas no es el inferior carente de toda posibilidad de ascenso, sino el que no logra ascender cuando otros ascienden.

Die soziale Mobilität führt zum Klassenkampf.
Der Feind der Oberklassen ist nicht der Mann der Unterschicht, dem jeder Aufstieg verwehrt ist, vielmehr jener, dem es nicht aufzusteigen gelingt, während andere aufsteigen.

32
Cierta manera desdeñosa de hablar del pueblo denuncia al plebeyo disfrazado.

Eine gewisse verächtliche Art, vom Volk zu reden, läßt den Plebejer unterm Anzug hervorlugen.

33
El hombre cree que su impotencia es la medida de las cosas.

Der Mensch wähnt, seine Ohnmacht sei das Maß der Dinge.

34
La autenticidad del sentimiento depende de la claridad de la idea.

Die Echtheit des Gefühls beruht auf der Klarheit des Gedankens.

35
El vulgo admira más lo confuso que lo complejo.

Die gemeine Menge bewundert mehr das Chaos als die Ordnung.

36
Pensar suele reducirse a inventar razones para dudar de lo evidente.

Denken verkürzt sich meist auf das Ertüfteln von Gründen, um das Offensichtliche in Zweifel zu ziehen.

37
Negarse a admirar es la marca de la bestia.

Sich der Bewunderung zu verweigern ist ein Zeichen viehischer Naturen.

38
El que renuncia parece impotente al que es incapaz de renunciar.

Wer verzichtet, dünkt jenem ohnmächtig, der unfähig ist zu verzichten.

39
No hay substituto noble a la esperanza ausente.

Es gibt keinen edlen Ersatz für die fehlende Hoffnung.

40
Más seguramente que la riqueza hay una pobreza maldita: —la del que no sufre de ser pobre sino de no ser rico; la del que tolera satisfecho todo infortunio compartido; la del que no anhela abolirla, sino abolir el bien que envidia.

Mehr als der Reichtum steht gewiß die Armut unter einem Unglücksstern: jene eines Menschen, der nicht daran leidet, arm zu sein, sondern nicht reich zu sein; der selbstgenügsam alles geteilte Unglück hinnimmt; der nicht die Armut beseitigen will, sondern das Gut, auf das seine Mißgunst schielt.

 

Sep 11 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 1–20

Scholien zu einem implizierten Text 1–20

1
Los hombres cambian menos de ideas que las ideas de disfraz.
En el decurso de los siglos las mismas voces dialogan.

Die Menschen wechseln weniger die Ideen als die Ideen ihr Kostüm.
Es sind im Laufe der Jahrhunderte immer dieselben Stimmen, die miteinander reden.

2
El lector no encontrará aforismos en estas páginas.
Mis breves frases son los toques cromáticos de una composición “pointilliste.”

Der Leser findet auf diesen Seiten keine Aphorismen.
Meine kurzen Sätze sind farbige Tupfer nach Art der pointillistischen Malweise.

3
Es fácil creer que participamos de ciertas virtudes cuando compartimos los defectos que implican.

Es fällt leicht zu glauben, wir hätten gewisse Tugenden, wenn wir die Laster haben, die sich gerne zu ihnen gesellen.

4
Quienes gimen sobre la estrechez del medio en que viven pretenden que los acontecimientos, los vecinos, los paisajes, les den la sensibilidad y la inteligencia que la naturaleza les negó.

Jene, welche die Dürftigkeit der Umwelt, in der sie leben, bejammern, verlangen von den Zeitereignissen, den Nachbarn, den Landschaften, ihnen jene Sensibilität und Intelligenz zu geben, die ihnen die Natur versagt hat.

5
Adaptarse es sacrificar un bien remoto a una urgencia immediata.

Sich anpassen heißt ein fernes Gut dem Zwang des Augenblicks opfern.

6
La madurez del espíritu comienza cuando dejamos de sentirnos encargados del mundo.

Geistige Reife beginnt, wenn wir aufhören, uns als Geschäftsführer der Welt zu fühlen.

7
Nada suele ser más difícil que no fingir comprender.

Nichts pflegt schwieriger zu sein, als kein Verständnis zu heucheln.

8
El amor es el órgano con que percibimos la inconfundible individualidad de los seres.

Die Liebe ist das Organ, mit dem wir die unverwechselbare Individualität der Wesen wahrnehmen.

9
La libertad no es fin, sino medio. Quien la toma por fin no sabe qué hacer cuando la obtiene.

Die Freiheit ist kein Zweck, sondern ein Mittel. Wer sie für einen Zweck hält, weiß nichts mit ihr anzufangen, wenn er sie erlangt.

10
Satisfacer el orgullo del hombre es quizá más fácil de lo que nuestro orgullo imagina.

Den Stolz des Menschen zufriedenzustellen mag leichter sein, als es sich unser eigener Stolz ausmalt.

11
Hay mil verdades, el error es uno.

Es gibt tausend Wahrheiten, Irrtum nur einen.

12
Nuestra última esperanza está en la injusticia de Dios.

Unsere letzte Hoffnung beruht auf der Ungerechtigkeit Gottes.

13
Para Dios no hay sino individuos.

Vor Gott gibt es nur Individuen.

14
Cuando las cosas nos parecen ser sólo lo que parecen, pronto nos parecen ser menos aún.

Wenn uns die Dinge nur zu sein scheinen, was sie scheinen, scheinen sie uns bald noch weniger zu sein.

15
El psicólogo habita los suburbios del alma, como el sociólogo la periferia de la sociedad.

Der Psychologe wohnt in den Slums der Seele wie der Soziologe an den Rändern der Gesellschaft.

16
Una presencia voluptuosa comunica su esplendor sensual a toda cosa.

Eine wollüstige Präsenz breitet auf alle Dinge einen sinnlichen Glanz.

17
Todo fin diferente de Dios nos deshonra.

Jedes Ziel anders als Gott entehrt uns.

18
Solo la libertad limita las abusivas intervenciones de la ignorancia.
La política es la ciencia de las estructuras sociales adecuadas a la convivencia de seres ignorantes.

Einzig die Freiheit begrenzt die Übergriffe der Dummheit.
Die Politik ist die Wissenschaft von den sozialen Ordnungen, die dem Zusammenleben von Dummköpfen angemessen sind.

19
Una “sociedad ideal” sería el cementerio de la grandeza humana.

Eine „ideale Gesellschaft” wäre der Friedhof menschlicher Größe.

20
Después de toda revolución el revolucionario enseña que la revolución verdadera será la revolución de mañana.
El revolucionario explica que un miserable traicionó la revolución de ayer.

Nach einer jeden Revolution verkündet der Revolutionär, die wahre Revolution sei die Revolution von morgen.
Der Revolutionär erklärt, ein Schurke habe die Revolution von gestern verraten.

 

Quelle:
https://de.scribd.com/document/55344789/Nicolas-Gomez-Davila-Escolios-a-un-texto-implicito-Seleccion

 

Sep 10 20

Ahnengrab

Das Grab ist von Verlassenheit begrünt,
dankbarer Hände zarte Ritzung,
verwittert ist sie lange schon.

Und was der Wind noch trägt heran,
grauer Pollen Mattigkeit,
Spreu verstummter Tennen,
goldner Staub verwehten Sinns,
versickert in den Falten der Dämmerung.

Es glänzt das Moos der Nacht,
die an ihm zittern, bittere Tränen,
als hätten Engel sie geweint.

Und was dort um den Grabstein schwebt,
sanfter Ranken Müdigkeit,
Mohn, gekränkter Muse Schlaf,
schneeiger Sproß des Lilienmonds,
verwinde sacht zum Kranze der Erinnerung.

 

Sep 9 20

Grauer Abendhauch

Des Wassers grauer Abendhauch,
wie kühlt er unsern späten Gang,
und gehen wir an Weiden lang,
besänftigt er die Wehmut auch.

Kein Wort hat unterm Mond noch Duft,
der seine volle Knospe neigt,
kein Laut, der aus dem Wasser steigt,
der Herzen nicht ins Dunkel ruft.

Bleibt noch ein Schimmer, ists dein Blick,
ein Stern, der in mein Wehtal sinkt,
und sanft auf einem Wasser blinkt,
dem bittern, das mir blieb zurück.

Wir liegen, wo das Röhricht schwingt,
an Stromes und an Traumes Rand,
wir lauschen lange Hand in Hand,
ob eine Nachtigall noch singt.

 

Sep 8 20

Die gefangene Nachtigall

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Name des Verstorbenen auf dem Grabstein ruft die Lebenden an. Doch wie einsam ist es nun um die Gräber.

Die gute Tat bleibt namenlos; je schrecklicher die Untat, je weiter gelangt der Name des Täters von Mund zu Mund, von Generation zu Generation.

Die scharfe Klinge des Sensenmannes wird oft von Mitmenschen geschliffen, die für nett und ehrenwert gelten.

Ohnmacht und Angst sind die würgendsten Knebel.

Die neueste Religion der Feigheit und Heuchelei fordert das Opfer auf, sich beim Täter zu entschuldigen.

Männer erwürgen Frauen mit hartem Griff in wenigen Minuten, Frauen ersticken Männer mit sanfter Hand über Jahre.

Wer, getroffen, geritzt, vergiftet von den Blicken, den Gesten, den Worten der anderen, stirbt schon eines natürlichen Todes?

Die gefangene und in den Käfig gesperrte Nachtigall singt nicht mehr.

Grausamer als die blutigen Träume der Macht sind die Rachephantasien der Ohnmacht.

Mehr als unter Schlamm und Frost, Regen und Schnee verwittert der Name der Inschrift durch die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit der Kinder und Kindeskinder.

Gewiß, länger als die Tempel Roms und seine Kulte strahlte das erzene Bildnis des Horaz unter den Strahlen der hesperischen Sonne; doch die Esse des Stumpfsinns, in dem es eingeschmolzen wird, zischt und lodert schon.

Des Menschen Tat ist ein Blutstropfen auf dem grenzenlosen Vlies des Schnees.

Blut ist die geheime Währung der Kommunikation.

Augenförmig wächst die Rinde um die Wunde des Baums.

Auch die unter Seufzen eingedrückten Fußstapfen füllt bald ein frischer Schnee.

Wir haben kein Bild und keinen Begriff von den letzten Gründen und äußersten Dimensionen; so ist der Raum kein Behältnis, denn jede Kiste paßt in eine größere, so ist die Zeit kein Fluß, denn alles, was fließt, geschieht innerhalb eines Systems zeitlicher Erstreckung und Messung.

Wären die Bilder der Erinnerung gemalten Porträts ähnlich, wüßten wir nicht, woran wir uns erinnern, denn wir verfügen über kein Kriterium ihrer Ähnlichkeit mit den vergangenen Ereignissen.

Wurden wir wohl deshalb kein Teil der orientalischen Welt, weil Augustus, im Gegensatz zu Caesar und Marcus Antonius, die strenge Nase der Kleopatra mißfiel?

Dichter, Heilige, Narren, die ihr Leben verdunkeln, um die leuchtende Aura eines Bildes, eines Idols umso strahlender zu erblicken.

Wie einen Traumwandler lockt die zauberische Melodie des dunklen Geigers den Verführten an den Rand der Klippe – dann bricht sie ab.

Die Juden sind das geschichtliche Volk par excellence, sehen sie sich doch im Kontinuum von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Untergang als Mitte und Mittler allen Sinns, von der Verfluchung Adams bis zur Segnung Jakobs als Hörer des göttlichen Worts. – Indes, der einzige Geschichtsschreiber, den sie hervorgebracht haben, Flavius Josephus, gilt ihren Frommen als Verräter.

Man muß sich die Königsdramen Shakespeares durch die Annalen des Tacitus erschließen und umgekehrt; Lüge, Komplott und Intrige, Verfolgungswahn, Perversion und Blutschande, sie gedeihen in der stickigen Luft des Palastes und den dämmernden Fluren des Schlosses. Alb, Nachtmahr und gespenstische Flügel, sie lassen sich im Schein der goldenen Ampeln und beim süßen Klang der Laute auf samtenen Pfühlen nieder.

Segen können anders wir nicht verstehen und wahrnehmen als in der Frucht des Feldes und des Schoßes, anders nicht sehen als in wogenden Ähren und lächelnden Augen, anders nicht entbehren als in Dürre und Mißwuchs. – Der Segen, der auf dem dichterischen Wort ruht, hat seine eigene Frucht, der Fluch, der auf ihm lastet, seine eigene Dürre.

Gewiß, steckt man einen in den Käfig, und sei es der Geister edelsten, wird er bald die Zähne fletschen und fauchen, bald hündisch kriechen und jaulen.

Doch versetzt man einen bösartigen Schurken oder einen räudigen Hundsfott in ein noch so harmonisches Idyll, in ein noch so nobles Ambiente, wird er nicht anfangen, Laute zu spielen und Reime zu singen, oder dem Gast auf Augenhöhe begegnen.

Verzweifelt ist, wem das Leben zur Krankheit ward, ohne den Wunsch zu verspüren, an seinem Ende dem Äskulap zu opfern.

Der Sturm in Shakespeares König Lear ist das wahre Symbol für die Qual eines hohen Geistes, dessen Fetzen von den schwarzen Flügeln der Schmach und der Niedertracht in die sternlose Nacht gewirbelt werden.

Dem Schwermütigen werden die Gestirne der Nacht zu Gottes Tränen.

Der Mörder träumt paradiesische Träume, während unter seinem Bett die Leiche verfault.

Der Philosoph, der die Reinlichkeit lauteren Denkens pries und die goldenen Tropfen des Lichts in der Lagune der venezianischen Nacht, beschmierte die Wände der Irrenhauszelle mit dem eigenen Kot.

Wenn man das Geschwür der Phrase aufsticht, beginnt es zu stinken.

Der Irre führt den Blinden– so bezeichnet Shakespeare die Krankheit der Zeit – an den Rand der Klippe.

Der dem Menschlichen entfremdete Dichter hört zwischen all dem Gerede immer nur die Wogen des Meeres rauschen, sieht zwischen allen Zeilen den Sand der wachsenden Wüste rieseln.

Der alte Baum der Sprache, er mag noch so verkrüppelt sein, er mag keine Früchte mehr abwerfen, bietet dem müden Dichter noch einen schmalen Schatten dankbaren Verweilens.

 

Sep 7 20

Letzter Glanz

Wir sahen zwischen Rebengittern,
der steile Pfad wand sich hinan,
im Tal schon frühe Lichter zittern,
da droben noch der Purpur rann.

Uns öffnete die Bergkapelle
der weißen Knospen süßes Leid,
und blauen Mantels Gnadenwelle
schlang sich um unsre Einsamkeit.

Die Kerzen, die wir angezündet,
ernährt der Liebe Wabengold,
das Leben, das ins Dunkel mündet,
war doch der reinen Flamme hold.

Wir lagen Hand in Hand auf Moosen,
die Nacht wand uns den Efeukranz,
versunken lag das Tal der Rosen,
die Träne schenkte letzten Glanz.

 

Sep 6 20

Späte Falter

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das Verbrechen ist der Ursprung der Tugend.

Die Güte des Wolfs ist eine lammfromme Lüge.

Der Besiegte besingt die Großmut des Siegers.

Die unaustilgbare sündhafte Natur des Menschen ist der Ursprung des sozialen Zwangs.

Der Schmarotzer ist der Schatten des biederen Mannes.

Die fröhlich lärmende Jugend tritt über das sauertöpfische und lärmempfindliche Alter hinweg.

Die Phrase ist der Parasit des faulen Denkens.

Jener, der die Welt neu ordnen wollte, kam nicht einmal bis Moskau; jener, der nur seinen Ruhm zu mehren bestrebt war, bis Indien.

Würde man im Sinne einer romantischen Pädagogik alle Quellen des Lasters trockenlegen und alle Glutherde des Verbrechens austreten, wäre nicht die Tugend der strahlende Sieger, sondern Stumpfsinn und Erstarrung.

Der Terror der Tugend weist auf ihre inzestuöse Beziehung zum Verbrechen.

Überdruß am Menschen, Ekel an der Menschheit – letzte Regungen eines vornehmen Geistes.

Wenn man die Flasche mit dem Zauberwein schüttelt, trübt sie sich von vielerlei Schwebstoffen; lange muß man warten, bevor sich der Unrat setzt und wieder Goldglanz im Licht erscheint.

Mit dem plätschernden und betäubenden Gerede ist es wie mit dem Regen; wenn er plötzlich aufhört und das sanfte Pochen an der Scheibe verstummt, fühlen wir uns einsam.

Fas: die Adern, ius: die Venen.

Der Tod inspiriert die Künste und die Laster.

Den Unterschied zum Tier markiert nicht die menschliche Intelligenz, sondern die Fähigkeit zum Verbrechen und die Anlage zum Wahnsinn.

Die den ewigen Frieden ins Werk setzen wollen, stigmatisieren die Ungläubigen und Skeptiker zu Feinden der Menschheit, die es in einem eschatologischen Endkampf zu beseitigen gilt.

Von den alten Prägungen des gemeißelten Worts bleiben uns die Schatten in den schrägen Strahlen der Abenddämmerung.

Als wäre es vom lähmenden Gift des Nessos verseucht, zieht heute das schimmernde Gewand der klassischen Bildung keiner mehr an.

Die goldenen Tropfen der Verse versickern im Karst der Langeweile.

Wenn wir, um unseren Begleiter auf ihn aufmerksam machen wollen, auf den alten Bekannten hinweisen, der auf der anderen Straßenseite entlanggeht, zeigen wir weder auf seine Seele noch auf seinen Körper.

Wir können unseren alten Bekannten Peter nur anhand seiner physischen Präsenz identifizieren; aber wir sagen nicht, dort gehe der Körper von Peter vorbei.

Ist der Traum, den wir erzählen, in demselben Sinne unabhängig von dem, was wir sagen, wie unser gestriger Spaziergang im Park, den wir erwähnen?

Das Neue Reich Stefan Georges wurde durch das Dritte nicht desavouiert, sondern verdrängt.

Kondor der Theorie, Maulwurf der Empirie.

Depotenzierung durch Verniedlichung – der antike Eros mit dem fatalen Pfeil, barocke Putten mit lieblichen Wangen und Engelsflügeln.

Das glänzende Sekret des Jargons, auf dem die Eintagsfliegen kleben.

Die friedlich tun, sind meist nur zu schwach, um zurückzuschlagen.

Die auf wackligen Füßen stehen, klammern sich an die Schultern von Riesen, preisen sie als Vorbilder und ihr Verhalten als Verehrung. Doch in ihren Augen flackert der Groll, ihre Wangen färbt die Glut der Beschämung.

Das innige Schluchzen der Nachtigall, skandiert vom dumpfen Schlag des Holzfällers.

Die Glocken im Turm der Erinnerung tönen inniger als die wirklichen.

Das verrauschte Schubert-Quintett, damals aus dem alten Röhrenradio, ergriff stärker als die klangreine Aufführung, später im prachtvollen Saal.

Der Greis, der im herbstlichen Park, die Blicke gesenkt, auf der Bank saß, gewahrte einen Schatten, der sacht vorüberglitt. War es die Wolke der Erinnerung, war es der Flügel des Glücks?

Die Schule des Denkens befindet sich nicht hinter der Pforte des philosophischen Seminars.

Die Rose leuchtet betörender, verheißungsvoller als unter der Glut der Mittagssonne aus den Schatten der Dämmerung.

Dem Einsamen, dem sich der Glanz ihm aufgeschlagener Augen versagte, beschwört ihn noch im Schimmer seiner Tränen.

Was bleibt den Enterbten, als den trügerischen Schimmer der Illusion dem trostlosen Grau der Wahrheit vorzuziehen?

Die Königskerzen leuchten schmerzlicher im fahlen Dunst.

Die Weiden wehen abschiedlicher über dem von Schwänen verlassenen Teich.

Verse, die ihrer Knospen müde Lider in der Stille der Dämmerung langsam verschließen.

Veilchenblauer Klang, der über den dunklen Moosen der Abenddämmerung allmählich verstummt.

Die Worte waren verbraucht, doch wir hatten noch Atem, Glut aus der Asche zu hauchen.

Blicke, eins ins andere tauchend, ohne den Grund zu erreichen.

Einsamkeiten, die sich wie späte Falter umgaukeln.

Letzter Abendstrahl, herniederseufzend durch das Dickicht der Schmerzen.

Gewickelt in das kühle Laken des Monds den Rufen des Kuckucks aus den Wäldern der fernen Heimat lauschen.

 

Sep 5 20

Aspekte der Mitwelt

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die abgegriffene Münze der Wahrheit ist nicht die gängige Währung der Kommunikation.

Wann tauschen wir Argumente aus? Etwa mit dem Nachbarn, der uns bestohlen hat, oder der Geliebten, die uns betrogen hat?

Die Lehre vom rationalen Diskurs als allgemeinem Modell der Verständigung ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Es sah nur so aus, als würde er zögern und überlegen, aber ihm verschlug die Unverschämtheit des Gegenübers einfach die Sprache.

Unser reziprokes Verhältnis zu anderen läßt sich modellhaft auf ein Band auftragen, dessen kurze Eingangsstrecke von jenen emotionalen Werten und ethischen Haltungen gebildet wird, die wir unter dem Stichwort „Sympathie“ zusammenfassen; die analoge Endstrecke wird dementsprechend von jenen Werten gebildet, die wir unter dem Etikett „Antipathie“ rubrizieren – das lange und gleichsam unbesetzte Mittelstück steht für die Haltung, die wir Gleichgültigkeit oder Indifferenz nennen.

Wir ergänzen das Modell, indem wir über der Strecke der emotionalen Werte und ethischen Haltungen eine gleich lange Strecke mit den Namen und Symbolen jener Personen und Gruppen auftragen, auf die sich jene unmittelbar beziehen. Es ist klar, daß die Namen von Nahestehenden und Freunden über den Marken der unteren Reihe auftauchen, die freundschaftliche Einstellungen bedeuten, und Namen von Feinden über den Indices von feindseligen Einstellungen.

Es kommt allerdings nicht selten vor, daß wir die Namen von Verwandten und Angehörigen oder Geliebten über den Indices feindseliger Einstellungen finden; wir müssen nicht die antike Tragödie oder Büchners Woyzeck bemühen, um uns darüber zu vergewissern, wie Feindseligkeit und Haß in Familien und intimen Beziehungen wüten.

Sympathie meint eine dichte Skala von emotionalen Werten und ethischen Haltungen, von der Zuneigung über die sorgende Anteilnahme in der Freundschaft bis zur hingebungsvollen Treue in der Liebe und zu Hochschätzung und Verehrung; ebenso reicht Antipathie von Mißtrauen und Argwohn, Abneigung und Verachtung bis zu Feindschaft und glühendem Haß.

Wir beobachten ein Regime natürlicher, nicht durch moralische Lehren und philosophische Programme verdunkelter Vernunft in dem, was wir das Ethos des gewöhnlichen Lebens nennen können: So handeln wir vernünftig, wenn wir uns nicht nur vor physischen Gefahren, sondern auch vor Bedrohungen der Mitwelt in acht nehmen, vor jenen Personen, die uns verwirren, irreführen und schaden können, und sind klug beraten, ihnen zu mißtrauen und sie uns vom Leibe zu halten. Während es unvernünftig wäre, unseren Argwohn auch jenen gegenüber aufrechtzuerhalten, die uns wohlgesonnen sind und durch ihre Worte und Taten bewiesen haben, daß sie uns fördern wollen.

Wir erfassen die wahren Formen und Strukturen des gewöhnlichen Lebens im täglichen Miteinander nicht durch Analyse des Bewußtseins, sondern mittels Betrachtung typischer Redewendungen des alteingesessenen Sprachgebrauchs. So sprechen wir von der Hand, die uns ausgestreckt, der Brücke, die uns gebaut, dem Licht, das uns durch einen freundlichen Hinweis aufgesteckt wurde, um Formen uns widerfahrener Sympathie zu bezeichnen; von einem Knüppel, der uns zwischen die Beine geworfen, von einer falschen Fährte, die uns heimtückisch gewiesen, vom Gift, das uns durch zweideutige Worte in den Becher geträufelt wurde, um Formen uns widerfahrener Antipathie zu bezeichnen.

Die Milliarden, die auch noch leben, die Tausende, die um uns wohnen, die Hunderte, die uns bei unseren täglichen Gängen als Passanten streifen, sind uns gleichgültig und haben kein Gesicht.

Wir leben nicht als Glieder eines abstrakten Monstrums namens Menschheit, sondern als Frau dieses Mannes, als Freund dieser Freundin, als Großmutter dieses Enkels, als Mitarbeiter dieses Büros, als Chef dieser Abteilung, als Mitglied dieses Vereins.

Die medialen Bilder suggerieren uns imaginäre Beziehungen zu Leuten, die uns eigentlich nichts angehen.

Sie konnte sich um ihre Kinder nicht kümmern und gab sie in fremde Hände, weil eine höhere Moral ihr befahl, sich für das Wohl der ganzen Menschheit zu engagieren.

„Ich habe mich gewaschen“ ist reflexiv, „Wir haben uns köstlich unterhalten“ aber nicht, sondern entspricht dem Medium der alten Sprachen.

Ähnlich wie zu meinen, das Bewußtsein sei eine Form der Selbstreflexion, ist es eine Täuschung, anzunehmen, das Modell der mitweltlichen oder interpersonalen Beziehung sei eine Form der Spiegelung. Wir spiegeln einander nicht, sondern begegnen uns in der Mitte geteilter Umwelten.

„Wir haben uns verabredet“ heißt nicht, daß ein Kollektiv-Gespenst namens „wir“ mit sich selbst über eine Sache einig wurde, sondern daß sowohl ich wie du zu dem von mir oder dir vorgeschlagenen Treffen an diesem bestimmten Ort und zu dieser bestimmten Zeit jeweils ihre Zustimmung gegeben haben.

„Ich grüßte ihn und er gab meinen Gruß zurück.“ – „Wir haben einander begrüßt.“ – „Das Kind wirft dem anderen einen Ball zu, dieses wirft ihn jenem zurück.“ Hier ist weder der Ball noch der Mitspieler das (intentionale) Objekt der Handlung, sondern die Figur oder Gestalt des Ballspiels. Ähnlich beim Grüßen: Das (intentionale) Objekt der Handlung sind nicht die beteiligten Personen, sondern der Zweck der Handlung erfüllt sich in der Abgeschlossenheit der rituellen Gestalt der Begrüßung und der Grußformel.

Soziale Interaktionen können vielfach als Figuren ritueller Spiele gestischer und verbaler Art betrachtet werden.

Auch Figuren, die scheitern oder bewußt unterbrochen und sabotiert werden, sind ausdrucksvoll. Wird mein Gruß nicht erwidert oder blickt der Gegrüßte verlegen oder trotzig unter sich, kommen darin seine Verlegenheit, seine Mißachtung oder Verachtung zum Ausdruck.

Wir können auch viele Weisen des verbalen Austauschs, die gehobene Konversation, die Plauderei, den Streit als Formen rituellen Spiels betrachten, auch und gerade, wenn es den Beteiligten durchaus ernst damit ist.

Schweigen hat vielerlei Bedeutung und Funktion; es kann Verlegenheit, Langeweile, Mißachtung, Zurückweisung, Überlegenheit und manches andere zum Ausdruck bringen.

Wenn wir den Ball im Gespräch nicht auffangen und zurückwerfen, geben wir unseren Überdruß oder unsere Mißbilligung kund.

Typische Redewendungen zur Beschreibung kommunikativer Situationen weisen uns auf die tieferliegenden Spuren ihrer physiognomischen Herkunft oder Beimischung; etwa, wenn wir sagen: „Er hat ihm die kalte Schulter gezeigt“, „Es war, als hätte sie ihm den Rücken zugekehrt“, „Das sagte er ihr mit verbissenem Mund“, „Sie las ihm seine Enttäuschung von den Augen ab“, „Er reagierte nur mit einem Stirnrunzeln.“

Die monotheistischen Religionen vermögen mittels einer transzendenten Instanz imaginäre Beziehungen herzustellen, welche die gleichsam leere und unbesetzte Strecke der emotionalen Indifferenz bisweilen stark verkürzen, so weiß sich der gläubige Moslem als Teil der globalen Umma.

Das Übermaß seiner Angst läßt den Psychotiker Personen als bedrohlich verdächtigen, die dem Normalen gleichgültig sind.

Die Griechen imaginierten in mythischen Bildern die numinose Macht interpersonaler Bezüge, so gesellt sich neben Helena und Paris wie eine Traumerscheinung die Göttin Aphrodite, Sappho sieht sie in der Aura um die Geliebte.

Israel symbolisiert das Heil und Unheil menschlicher Beziehungen in den Bildern von Götzendienst und Frömmigkeit, in den Gestalten von Götzenanbetern und Propheten. So will Nabot, der treue Diener des Herrn, seinen Weinberg, das Erbe der Väter, König Ahab, dem danach gelüstet, aus dem schlichten Grunde, weil er ihm nicht gehört, nicht herausgeben, seine Frau Isebel, die Götzenanbeterin, verführt ihren Gatten, den Götzenanbeter, ihr in der Angelegenheit freie Hand zu geben. Und sie bringt es dahin, daß Nabot gesteinigt wird und der Weinberg Ahab zufällt. Gott aber sendet seinen Propheten Elia, der dem Maßlosen den Zorn und die Rache des Herrn ankündigt.

Diese Geschichte bildet den biblischen Hintergrund des dramatischen Geschehens um Philemon und Baucis in Goethes Faust, dem es nach der Hütte und der Kapelle der frommen Alten gelüstet, aus dem schlichten Grunde, weil sie nicht ihm gehören und das Gebimmel der Andachtsglocken seine wüsten Ohren verschreckt. – Doch Faust schickt der Herr keinen Propheten, er hat bekanntlich Mephisto an seiner Seite.

Wir bemerken hier die Bedeutung der Unversehrtheit von Integrität, Eigentum und kultureller Identität für den Wert menschlicher Beziehungen; aber auch die tragische Tatsache, daß ihre Verletzung aufgrund der sündhaften Natur des Menschen, um mit der Bibel zu sprechen, unausbleiblich ist, und so auch in ihrem Gefolge Zerstörung, Mord, Rache, Krieg.

 

Sep 4 20

Gegen Hegel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Hund, der vor der Villa in seiner Hütte döst oder nach Mücken schnappt, führt ein sinnvolleres Leben als ihr Bewohner, der dort am Ende der Geschichte an Langeweile dahinsiecht.

„An sich“ und „Für sich“, Subjekt und Objekt, Ich und Nicht-Ich – Begriffsfetische, die den klaren Sinn verstellen, Talmi-Begriffe, die das Denken blenden.

„Im anderen bei sich sein“ – so definiert Hegel, was er dialektisch unter Liebe versteht; Liebe, die doch der Bund der Liebenden unter dem Versprechen darstellt, einander gut zu sein, und deren Scheitern nicht sich darin manifestiert, daß einer sich im anderen verliert, sondern er den anderen durch Eigensucht und Selbstherrlichkeit von sich wieder abstößt.

Der von Descartes geerbte Irrtum Hegels beruht auf der Annahme, was wir unter „ich“ verstehen, sei eine Form des Wissens.

Der Geist ist kein Buch der Erinnerung. Wer sollte es lesen?

Man wird seiner selbst inne an den Affekten von Zorn und Ekel, wenn der Nachbar mit einem Schabernack getrieben hat; man fragt sich, ob man etwas Falsches gesagt, sich im Ton vergriffen hat, wenn das Gegenüber die Brauen hochzieht.

„Ich“ bezieht sich nicht auf einen Gegenstand der Welt, es ist referentiell leer.

Wenn einer von sich erzählt: „Ich bin gestern im Park gewesen“, berichtet er nicht über für andere unzugängliche Gegenstände seines Bewußtseins oder seiner Erinnerung, sondern bezieht sich auf das, was der andere mit den Worten wiedergeben kann: „Ich habe N. N. gestern im Park gesehen.“

Es ist ein Wunder zu sehen, daß der Dichter Hölderlin anders als der Denker sich im Dickicht der idealistischen Dialektik nicht vollends verstrickte, sondern am goldenen Faden Ariadnes, einer Verkörperung Diotimas, aus dem Labyrinth ans Licht des apollinischen Tages zurückgefunden hat.

Hölderlin ist groß trotz Fichte und Hegel.

Wir gewinnen keine Klarheit über die Beziehungen, die sich in der Verwendung der Personalpronomina der ersten und zweiten Person bekunden, mittels Analyse des Bewußtseins, sondern durch sorgfältige Beschreibung ihres alltäglichen Sprachgebrauchs.

„Ich verspreche dir, es nicht zu tun“ ist Ausdruck des Akts selber, ist das Versprechen. Die Handlung erfordert die Anwesenheit der Personen und muß ernst gemeint sein, das heißt, die Bedingung der Aufrichtigkeit des Meinens erfüllen. Der Sinn des Gesagten ist erfüllt, wenn das Versprechen eingehalten wurde. „Er versprach ihr, es nicht zu tun“ ist eine Bericht über diese Sprachhandlung, über deren Erfüllungsbedingungen damit nichts mitgeteilt wird.

Es sind tausend Ranken von Frage und Antwort, Hören und Schweigen, Versprechen und Tun, Geben und Nehmen, die das Geflecht der interpersonalen Beziehungen bilden.

Unsere Beziehungen sind in Schalen oder Gestalten von Geschichten und Erzählungen eingefaßt. Semantische Indikatoren dieses narrativen Gehalts unseres alltäglichen Lebensvollzugs sind mittels Konjunktionen gebildete Satzgefüge, so wenn wir etwa sagen: „Obwohl ich ihr das Versprechen gegeben hatte, war ich nicht entschlossen, mutig, willens, es einzulösen.“ – „Wenn ich geahnt hätte, daß mein Geschenk sie in Verlegenheit bringen würde, hätte ich es ihr nicht gegeben.“ – „Weil ich das Versprochene hielt, war sie erleichtert und beruhigt.“

Nicht mittels Analyse des Bewußtseins, sondern in der geschickten Verwendung von Bildern und Metaphern erschließen wir uns den Sinn unserer Lebensvollzüge. So dienen uns beispielsweise Bilder der Auszehrung und des Dahinsiechens zur Erfassung und Beschreibung parasitärer Beziehungen; Metaphern der Jahreszeiten zur Beschreibung des Erblühens, der Reife und des Welkens einer Liebe, einer Freundschaft.

Aus dem Grund der Begegnung tauchen mythische Masken und Formen auf, Medusa und Gorgo, Gaia und Aphrodite, Satyr und Pan, Ares und Eros, auch wenn uns ihre Umrisse verschwommen bleiben und wir sie nicht einmal benennen können, bezeugt sich ihre Anwesenheit im Funkeln der Blicke, in Anmut und Starre der Haltung, in der Beleuchtung und Stimmung wechselnder Nähe und Ferne.

Der leichtsinnige idealistische Glaube an die spontane Höherentwicklung des geistigen und sittlichen Lebens zergeht vor den Klippen und Abgründen der Erfahrung.

Die Mannigfaltigkeit unseres Erlebens schießt nicht in den harten und glänzenden Kristall des Begriffs zusammen.

Und wäre es so: Was anders mit dem begrifflichen Gehäuse anfangen, als es gleich einer leeren Muschel ins Licht halten und nach einem kurzen Zögern des Staunens wieder zurück ins Element werfen?

Wir springen nicht durch Widersprüche in die Höhe gepeitscht, wie Hegel annahm, von der sinnlichen Gewißheit über die Wahrnehmung zum Selbstbewußtsein; denn in der leisesten Empfindung, im kaum merklichen Fühlen, in der halben Anonymität wetterfühliger Stimmung sind wir schon ganz da.

Wie, von Widersprüchen gepeitscht die Stufen der Erfahrung hinanspringen? Vor Antinomien indes erstarren wir in Ratlosigkeit, Kontradiktionen lassen uns wie gelähmt in den Sumpf des Widersinns hinabsinken.

Die Vergötzung der Leistung in der Arbeit des Begriffs zeugt von der Erniedrigung des kleinen Hofmeisters.

Wir setzen kein Wahrnehmungsbild aus der Addition und Synthese unserer Empfindungen und Sinnesdaten zusammen; sondern wir finden den vermißten Schlüssel in der Tasche, pflücken den Apfel vom Zweig, erfreuen uns am Lächeln des Freundes.

Unsere Wahrnehmungen sind in den Kreislauf unserer Handlungen und Lebensvollzüge eingebunden; wir starren nicht auf die Flamme im Herd, nicht auf die stummen Dinge wie der untätige Denker im Lehnstuhl. Wir zünden das Scheit an, wir plaudern über dies und das.

Im Vollzug des Tuns und Redens erschließen wir uns, was wir fühlen und sehen.

Hätten, wie Hegel wähnte, die Welt, das Leben, die Geschichte einen theoretisch erschließbaren Sinn, hätten wir ihn gründlich verfehlt, wären wir längst verloren.

In Napoleon einen großen Mann sehen, das tat Goethe auch; doch auch die heroische Verkörperung des Weltgeistes, das grenzt an Schabernack. In Preußens Staat die nationale Größe der Deutschen zu gewahren, das taten nicht mindere Köpfe; aber den Gipfel und Endpunkt der Weltgeschichte, das mutet engstirnig an, ja geistlos.

Die Idee, daß dialektisch der Gipfel und die Vollendung der Geschichte erreicht seien, findet ihre grausame Verifikation in den Straflagern der klassenlosen Endzeit-Gesellschaft, die unter den selbsternannten Geschäftsführern des Weltgeistes auf den absoluten Begriff gebracht worden ist.

Marx ist der Götze auf dem blutigen Altar des hegelschen Weltgerichts, Lenin und Stalin die Opferpriester.

Geschichte – das gibt es eigentlich nur im Plural.

Tausende Würmer, sprich Ausleger und Nachbeter, nährt noch immer der schon zerfallene Kadaver.

Zwei Fehlbildungen, die Suche nach dem Allgemeinbegriff als wahrer Bedeutung, und der Glaube, das Ich sei eine Art Spiegel seiner selbst, das sokratisch-platonische und das kartesische Mißverständnis, vereinigen sich bei Hegel zum Monstrum des dialektischen Begriffs.

Nirgends war die Arroganz der kleinen Dozenten größer, nirgends die Atmosphäre giftiger als im universitären Dunstkreis und den doktrinären Zirkeln des Hegelianismus und seiner Derivate des Marxismus und Neomarxismus.

Ähnlich wie der Psychoanalytiker Einwände gegen seine Theorie als neurotische Widerstände diagnostiziert und denunziert, relegiert der Hegelianer universitärer oder parteilich-marxistische Provenienz Kritik am Werk des Meisters auf niedere Stufen der Selbstentfaltung des Begriffs oder verunglimpft sie schlicht als falsches Bewußtsein.

Das hegelianisch fundierte Urteil, sich nicht auf der Höhe des Weltgeistes zu bewegen, sondern unbelehrbar am falschen Bewußtsein zu haften, war für Abertausende ein Todesurteil.

Unsere Definitionen brechen ab, zwischen Gedanke und Tat lauert die Unableitbarkeit der Entscheidung, der Strom des Lebens mündet nicht an einer einzigen Stelle, sondern verzweigt sich in ein unübersehbares Delta.

Biographien zeigen nur in Extremfällen ein dramatisches Muster, manchmal fluten und ebben sie wie die Wogen des Epos, meist ähneln sie den trostlosen Rinnsalen bruchstückhafter Tagebucheinträge.

Die Weltgeschichte als dramatische Biographie eines Weltgeistes zu verfassen – das ist bizarrer und verworrener als der Traum eines shakespeareschen Narren.

Die Chronologie bildet keine Wertskala, als wäre der letzte Schrei immer der maßgebende.

Der Begriff Hegels verzehrt die Substanz des Mythos und der Kunst, der Religion und der Dichtung, er läßt nur einen leeren Spiegel vor einem leeren Spiegel zurück.

In Wahrheit leuchtet die Blume des Worts jäh am Abgrund des Schweigens, bleibt unerfüllbar, unaufhebbar die Lücke zwischen dem eigenen und dem fremden Schatten, legt der Tod das Blatt mit der unentzifferten Schrift auf den Mund des Toten.

Der Glanz des Gipfelschnees rötet sich unterm Hauch der Abenddämmerung, als glühten noch Rosen göttlicher Einsamkeit.

 

Sep 3 20

Fallobst

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Nach vollbrachter Untat, dämonisch inspiriert, nach begangenem Verbrechen, glücklich entronnen, aus tiefem Heilschlaf, vom Gift des schlechten Gewissens entschlackt, erwachen, zu neuen Taten, Verführungen, Eroberungen bereit – Faust.

Löwe wider Lamm, Lorbeer wider Dornenkrone, Selbstgefälligkeit der Kreatur gegen gefallene Schöpfung – das ist die faustische Schale, in der Nietzsches Psychologie heranreifte.

Begriffe, Gedanken, Theorien, dem Wurzelgrund der Erfahrung entrissen, vom Blutkreislauf des Handelns abgeschnitten, verblassen bald wie Blumen in der Vase, deren Wasser verdunstet. – Sie werden zum verschlissenen Dekor der Philosophie.

Die Herde und die Horde, ob real oder als seelisch-symbolische Instanz, und das genetisch geprägte Siegel der Herkunft, sie bergen den Einzelnen oder wiegen ihn doch in Sicherheit.

Der Kleine spielt ruhig auf der Gasse, umhüllt vom Schatten des großen Bruders.

Die sich unter einem Zeichen, einem Emblem, einer Flagge scharen, bilden schon eine Wehrgemeinschaft.

Journalismus ist der Verschleiß der Worte in den schlammigen Fluten der Polemik.

Nach jahrhundertelangen Fehden und Kämpfen erliegen die Schotten den Briten und werden ins englische Großreich eingemeindet; dann kolonisieren die loyalen Schotten im Auftrag der britischen Krone Nordirland.

Die unterworfenen Gallier werden ein stolzer Träger der römischen Kultur; der Besiegte verschmilzt mit dem Sieger in einem Maße, daß er seine Herkunft, seine Götter, seine Sprache von sich abschüttelt.

Die von Karl dem Großen blutig unterworfenen Sachsen stellen dem Reich bald die edelsten Könige und ruhmvollsten Kaiser.

Herrscher auf verlorenem Posten begehen Selbstmord; aber nur wenige schlachten ihre eigenen Nachkommen, um sie vor der Schändung durch den Sieger zu bewahren.

Große Dichtung vermag die Sprache des Volkes zu formen und zu prägen, so Homer, Vergil und Dante; der zerrissene und schwierige Deutsche kam spät, erst nach Luther, zum nationalen Idiom, und auch dieses gedieh eher in den Zeitungen und Journalen als im Zungenschlag der Dörfer und Städte an Inn und Donau, Rhein und Elbe, Weser und Spree.

Die Gärten der Toskana, die Parklandschaften des französischen Barock und der englischen Romantik; aber der typisch deutsche Park?

Goethe fasziniert im Zweiten Teil der Faustdichtung mit den erlesensten, duftigsten, gewagtesten Blüten von Vers und Reim; und er stößt immer wieder ab durch die grinsenden und grell geschminkten Masken der erotischen Besessenheit eines alten Mannes.

Die höchst seltene Gabe des zweiten Gesichts; Goethe – aber auch Stefan George, der lange vor dem zweiten vom ersten Weltkrieg sprach.

Vollgestopft mit dem Schund psychologischer Traktätchen werden Pädagogen auf ihre Opfer losgelassen.

Von Bildung im Zusammenhang mit dem zu reden, was allerorts an deutschen Schulen sich als lähmender Mehltau auf die Herzen und Hirne der Belehrten legt, grenzt an Zynismus.

Den Feind zu lieben – von allen Fragwürdigkeiten einer ins Gemütliche und Biedere abgesunkenen christlichen Moral ist diese dem deutschen Philister die unbefragteste.

Je einsamer und bindungsloser, umso vertrauter mit dem Schatten, dem Staub, dem Nichts.

Wer die Frage wozu stellt, ist schon verloren; er schaut das Fleisch, das lebt, um zu verdauen, das Fleisch, das verdaut, um Fleisch anzusetzen.

Wortklauber, Begriffsfetischisten, Metaphernjäger – kurz „Philosophen“.

Sie beschmieren die Scheibe, durch die noch etwas zu sehen war, und nennen es Kunst.

Die Predigt der Anerkennung und unbedingten Wertschätzung von Hinz und Kunz und das Verächtlichmachen der gesunden Instinkte von Skepsis, Mißtrauen und kritischer Betrachtung dahergelaufener Ansprüche sind ein Zeichen sklavischer Gesinnung oder ein Symptom ungelüfteter Schuldgefühle.

Die Unfähigkeit, sich klar auszudrücken, gilt vielfach für einen Ausweis von Inspiration und ein untrügliches Zeichen von Genie.

Immer grellere Sprüche und Thesen, immer wilderes Fuchteln, immer lauteres Gebaren ist so sehr ein Haschen nach Aufmerksamkeit und Tagesruhm wie ein Ausdruck des heimlichen Wissens um die eigene Nichtigkeit und ein Zeichen von Todesangst.

Nicht nur, wer Ungehöriges und Unzeitgemäßes von sich gibt, wird für vogelfrei erklärt, sondern sogar, wer nichts sagt und hartnäckig zu den verordneten Themen schweigt.

Wer sich nicht bekennt, sich nicht in die Reihen der Begeisterten einreiht, nicht den Gassenhauer auf der Festwiese und die Hymne unter der Fahne mitgrölt, ist der wahre Ketzer und Abtrünnige.

Nicht macht der Haß nur häßlich, denn der unterdrückte Haß macht krank.

Die wirksamste Kraft kultureller Formung und Prägung ist die spontane Nachahmung, das, was kluge historische Forschung einmal Diffusion nannte. So führte den Stifter und Anreger des modernen Hebräisch, Eliezer Ben-Yehuda, der Umstand zum Erfolg, daß aus seinen Bemühungen jenes Lied hervorging und sich von Mund zu Mund, von Dorf zu Dorf verbreitete, das schließlich zur israelischen Nationalhymne gekürt wurde.

Welche Dekadenz des ästhetischen Geschmacks und der nationalen Selbstfindung zeigt sich in den grellen Fetzen der Nationalflaggen, vergleicht man sie mit den schönen Wappen und sublimen Emblemen der vordemokratischen Epochen.

Jene haben kein Vaterland mehr, die nicht bereit sind, ihr Leben zu seiner Erhaltung in die Waagschale zu werfen.

Die Deutschen sind eine massa damnata, die nichts mehr bindet, keine Religion, keine Mythen, keine Kulte, nur ein kaum lesbares Menetekel auf der Mauer des von elendem Geschwätz überwucherten Schweigens.

Die frommen Juden haben ihr Buch, ihren Gebetsschal, ihren Sederabend, alles, was ihrem kleinen Leben Größe, ihrer Traurigkeit Hoffnung, ihrer Vergangenheit Zukunft gibt.

Hölderlin im Turm – keine Zeitung, kein Fernseher, kein Handy, und doch sah er aus seinem Fenster weit hinaus auf die Jahreszeiten der Seele.

Was hätte es ihm genutzt zu erfahren, daß heute wieder da und dort ein wütender Mob die Grundlagen der eigenen Existenz in Scherben schlägt?

Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen, das eine hat allerdings blaugraue Punkte, das andere graublaue. Das preisen sie als Vielfalt, Buntheit, Diversität.

Wer kein dickes, schwülstiges Trauma vorweisen kann, muß in der Suppenkühe ganz hinten anstehen; bei der Verteilung der Literaturpreise wird seiner erst gar nicht gedacht. Denn diese werden bevorzugt für Bücher vergeben, zwischen deren Zeilen es obszön oder gespenstisch hervorquillt.

Das Fallobst vom Baum der Sprache, das noch gestern in der Dämmerung der Zweige verheißungsvoll geglüht hat, wird von keinem mehr aufgerafft; geschweige denn zu köstlichem Most verarbeitet.

 

Sep 2 20

Was noch kommt

Was noch kommt, ist Brausen,
Stirn, o reines Verschäumen,
Blätter, die trunken niedersausen,
Gold aus arkadischen Träumen.

Blau, die dich bannten, die Meere,
und die ins Blut dir gingen,
Blicke aus blauender Leere,
kannst du heimwärts nicht singen.

Weine ins Schweigen der Moose
Liedes schimmernde Tränen,
schließe die Knospe der Rose,
Sklavin der Sonne, dein Wähnen.

Was noch bleibt, ist Lallen,
triefend von tödlichen Trauben,
einsam ins Dämmerlicht Fallen
monddurchflossener Lauben.

 

Sep 1 20

Die goldenen Schuppen der Idole

Die Bilder, die auf nächtlichen Wogen
wie Schwan und Blume säumend schwammen,
sie haben gnädig uns betrogen
und schmelzen unter Frührot-Flammen.

Die schwermutbleichen Lilienhände,
die uns gekühlt die heißen Wangen,
zerdrückte eines Nachtmahrs Lende,
wie schlaff sie überm Abgrund hangen.

Und die uns zart bewimpert meinten,
die schwarzen Augen stiller Gärten,
sie waren Brunnen, die nicht weinten,
sie waren Spiegel, die verzerrten.

Die goldenen Schuppen der Idole,
getaucht aus Teichen grüner Mythen,
sie schwärzen sich wie tote Kohle,
sie schwärzen sich wie tote Blüten.

 

Sep 1 20

Unbehaust

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Viel erlebt und nichts verstanden.

Viel gereist und nichts gesehen.

Viel erlitten und nichts begriffen.

Am Übermaß der Bilder erblindet.

Am Geschwätz erstickt.

Um mit ihrer Weltweisheit aufzutrumpfen und ihre Nichtigkeit zu bemänteln, prahlen sie mit ihrer Sammlung von Flug- und Eisenbahntickets, Eintritts- und Visitenkarten.

Alben und Annalen der Erinnerung: vollgestopft mit leeren Gesichtern und verlogenen Landschaften.

„Der archaische Mensch, der antike Mensch, der moderne Mensch“, „Fortschritt der Humanität“, „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ – welche Dummheiten, welche Phrasen!

Wir verstehen die homerischen Epen und die biblischen Erzählungen von der Zeit der Patriarchen und der frühen Könige Israels, weil sich die grundlegenden Züge der menschlichen Natur gleich geblieben sind.

Nicht Fortschritt, nicht Pöbelkrawall auf den Gassen und Plätzen, nicht die endlich gewebte Flagge des ewigen Friedens, sondern Flucht ins Reich der Fabel, Entrückung in künstliche Paradiese, Traumwelt der Kunst – hier leuchtet bisweilen die reine Flamme menschlicher Würde.

Wenn die Männer keine Herren, die Frauen keine Damen, die Deutschen nicht mehr deutsch sein wollen – mag man sie vielleicht bedauern, doch soll man ihnen nicht nachtrauern.

Das Leben krankt an zuviel Eigengewicht, der Kopf an zuviel Eigensinn, das Herz an zuviel Selbstgefühl, wenn die tragende Schicht der Traditionen und Gebräuche wie jene des christlichen Festkalenders nachgibt.

Freiheit ist der Güter gefährlichstes – wehe, wenn der Scharlatan, der Triebtäter, der Kriminelle auf der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit bestehen!

Cave hominem steht als Motto über der Pädagogik und Psychologie, die das menschliche Elend und Grauen nicht mit einer spanischen Wand menschenfreundlicher Illusionen verstellt.

Wenn man den bösen Trieb, um mit dem Talmud zu sprechen, aus dem Menschen herausoperiert, verliert er auch die Antriebsenergie und Schubkraft zum Guten. Darin liegen die absurde Tragik und die schreckliche Komik aller grandiosen staatsterroristischen Umerziehungsprogramme und aller Utopien vom neuen Menschen.

Zuviel Testosteron läßt den Mann zuschlagen, zu wenig siechen.

Der Atheismus ist das Opium aller innerweltlichen Glücksverheißungen und der Mittäter der größten Verbrechen.

Die Natur des Menschen liegt mit dem Glück in ständigem Hader.

Die Dämonen hausen in den Gliedern und Teilen des menschlichen Körpers, in Auge und Mund, Ohr und Zunge, Bauch und Geschlecht.

Diebe wollen das unrechtmäßig angeeignete Gut als ihr Eigentum behandelt sehen und es sich nicht wieder entreißen lassen.

Der Hang zur Faulheit ist universell, er motiviert ein Gutteil der Verbrechen wie Diebstahl, Raub und Betrug.

Die einen liegen auf der faulen Haut und tun sich an den Früchten des Lotos gütlich, die anderen recken sich nach dem Lorbeer, bauen Tempel, errichten weithin glänzende Monumente, um in die rühmlichen Annalen Klios einzugehen. Doch bisweilen schreibt Klio im Rausch oder in somnambulem Zustand und vertauscht oder verfälscht die Namen und Daten.

Gewiß, den Landstreicher quält nicht die Sorge um das Eigentum eines prächtigen alten Anwesens, die Angst, es beschädigt zu finden oder es zu verlieren, der Kummer angesichts unwürdiger Erben; doch auch er hütet die Mundharmonika, auf der er bisweilen abends nicht ohne Sentiment zu spielen pflegt, wie seinen Augapfel.

Wer mit der Zeit geht, hinkt dem ephemeren Glück des erfüllten Augenblicks immer hinterher.

Wenn Gott nicht mehr Monarch ist oder keine Könige von Gottes Gnaden herrschen, wird der nackte, jämmerliche, nichtsnutzige Mensch zum Götzen.

Keine Massengesellschaft ohne Massentierhaltung und die durch sie auf Mensch und Kreatur ausstrahlende Entwürdigung.

Die technische Zivilisation ist auch ein Seitentrieb der menschlichen Faulheit.

Nachdem sie mit ihren Denkern und Dichtern auf den Gipfel gestiegen sind, rasen die Deutschen mit ihren Erfindern und Ingenieuren wieder in den Abgrund.

Die Via Appia in ihrer alten Gestalt, und dann irgendeine öde Einkaufspassage in einer der Metropolen.

Im Gegensatz zu den Wohnsilos der Metropolen haben selbst die schmutzigen Winkel und windschiefen Häuser eines ärmlichen Bergdorfs in den Abruzzen, den Alpen oder den Tälern des Himalaya ihren eigentümlichen ästhetischen Charme.

Man erkennt das ästhetische Niveau eines Zeitalters an seinem bevorzugten Material für die Gestaltung von Kunst- und Gebrauchsdingen; so Knochen, Elfenbein und Stein der Frühzeit, Holz, Marmor und Bronze der Antike, Gold, Onyx und Porphyr in Byzanz, Eisen und Blech der Neuzeit, Plastik und andere synthetische Materialien in der Gegenwart.

Homer, die Tragiker, Vergil, Dante, noch George und die Surrealisten glaubten an die Offenbarung durch Träume; heute sieht man in ihnen nur noch blasse Chimären des Begehrens und der Angst.

Die von Türmen und Berggipfeln Ausschau halten, sehen die subtilen Schönheiten der Nähe nicht, lesen nicht die Schönschrift in den Maserungen und Lineamenten der Kiesel, Blätter und Insektenflügel.

Vergil ist der Autor der Aeneis. Aber wessen Autor ist Vergil? Es ist ein Unterschied ums Ganze, wenn man auf sein Zeitalter weist oder seinen Genius.

Die größte Dekadenz dieser Zeit, die der Kirche, wird als Aggiornamento und Welterschließung verklärt, obwohl sich ihr Auftrag nicht auf den Tag, sondern die Ewigkeit, nicht auf die Welt, sondern das Reich Gottes richtet.

Der Anteil höherer Bildung des gemeinen Volkes waren die immerhin noch schmackhaften und gut verdaulichen Brosamen, die von den Tischen und Pulten der Oberschicht fielen; was heute über die neuen Medien herabsickert, sind fade Geschmacklosigkeiten, die noch dem gesündesten geistigen Organismus die Adern verstopfen, selbst dem nüchternen Verstand den derben Magen umdrehen.

Gehetzt, zerquält und unbehaust, dem eigenen Dasein und Wert mißtrauend, voller Unruhe, die an keinem Bilde, keinem Wort und keinem Bunde sich sättigt und stillt, das nahe Gute einer Chimäre gespenstischer Ferne opfernd, hinter Masken nur wieder neue Masken ertastend, auf dem Zaubermantel eines Alter Ego vom Wind des Spotts und der Verneinung in immer neue Selbstinszenierungen getragen – wenn dieser Faust ein Porträt der deutschen Seele sein soll, können wir seine und ihre Erlösung kaum für bare Münze nehmen.

Die Riten sind die Mauern, hinter die sich die bange Schar der Erwählten flüchtet.

Zuerst war das dichterische Wort magisch wie in den alten Zaubersprüchen, dann rituell wie in den Musenreigen und den tragischen Chören gebunden; losgerissen von allen Bindungen, wird es abstraktes Gerede, Asche auf der Zunge von Irren, fauler Atem aus dem Mund von Todgeweihten.

Die Ode und der Hymnus starben, weil die Gemeinde, die sie hätten mit Leben behauchen können, selbst als gehoffte wie bei Hölderlin, ausblieb oder sich wie die beschworene bei George in alle Einsamkeiten und Einöden verstreute.

 

Aug 31 20

Das Gift, das Gestern

Lieg ich bei Wurzeln, unter Ranken,
soll mir das Flüstern aus dem Dunkeln
das Grauen lindern, die Gedanken
mir lichten hohes Sternenfunkeln.

Senkt sich mein Haupt, wo Wasser quellen
auf weiche Moose, bunte Steine,
soll sich das Grauen mir erhellen
an Tränen, die ich fühllos weine.

Ich tauche meine heiße Schläfe
in Gras und Halme, wenn sie tauen,
daß mich des Mondes Sichel träfe
und mähte hin das dürre Grauen.

Doch wenn die Schatten, Lichtes Schwestern,
mein Herz beschleichen, Geister-Schlangen,
träuft mir ihr Biß das Gift, das Gestern,
hat mich das Grauen neu umfangen.

 

Aug 30 20

Blutstropfen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Zu viele Worte, zu viele Bilder, zu viele Menschen.

Das ferne Rauschen eines Baches in der Nacht, wässriges Gold der Dämmerung in einem schmalen Spiegel, der Schatten eines Flügels auf dem Teich, der schon versinkt – genug, genug.

Wie feiner Sand im Stundenglas, so rieseln Korn um Korn die Worte aus dem Mund.

Keiner weiß, ob die Worte auf fruchtbaren Boden fallen und keimen, weder, der sie sagt, noch der sie vernimmt.

Das fern Geschaute, schwach Erlebte, kaum Gefühlte – ein Fleck, ein kleiner Riß auf einem Blatt, und ringsum ranken sich die Schatten kommentierenden Dickichts.

Der Gekränkte stirbt der Welt in dem Maße ab, wie er über seiner Wunde meditiert.

Das Denken kann sich nicht an einem Einfall, einem Bilde, und seien sie noch so kühn, noch so farbenfroh, sättigen.

Der melancholisch Erstarrte ist weniger als der Käfer, der unterm warmen Anhauch wieder sich regt.

Die lebendige kann die tote Hand nicht mehr erwecken.

Die Blume, die geblüht hat, kann getrost verwelken; doch der unerblühte Mund …

Und versehrt sie nur ein kaum sichtbarer Riß, der Ton der Glocke ist verstimmt.

Unter dem Schwulst des Verses, den die ästhetische Kritik erfolgreich wegoperiert hat, tritt eine nichtssagende Trivialität ans Licht.

Manch eine glänzende Metapher enthüllt sich bei näherem Hinsehen als eitriger Ausschlag auf dem geschwächten Leib der Sprache.

Wenn die zarten Sprossen artikulierter Laute vom Ächzen eines entfesselten Rhythmus verschluckt werden.

Die da an den Wassern Babels seufzen und klagen, können ihr monotones Gurgeln, das klingt wie ein ewiges „Ja, ja, nein, nein“, nicht übertönen.

Der vom Leben freudig Umarmte und der ins Dunkel Verstoßene haben sich nichts zu sagen.

Am Kuß der Muse erstickt.

Ins dämmernde Wasser versenkt der Mond seine toten Lilien.

Die Panik des Triebs, in der sich Molche und Frösche umklammern, um zu laichen.

Die fast tödlichen Züge und Wanderungen der Vögel und Lachse, um eine Zukunft zu retten, die ohne sie stattfinden wird.

Jener, der nachts das Geflecht der Seele wieder auftrennt, das er tags mühsam gewebt hat, um, vergebens, den unerbittlichen Freier Tod zu betrügen.

Gran Partita am Strom der Dämmerung, in dem Leichenteile treiben.

Eros, Wespe, die sich im Haar verfing.

Der Philosoph, der als über ein Sakrileg entsetzt war, ein Klavier im Kirchenraum vorzufinden, konnte doch das Knie nicht beugen.

Ein schartiges Messer, des Vaters Strahl, den der fromme Dichter zu fassen wähnte.

Blutstropfen, was im Dunkel wie Rosen gefunkelt.

Keiner fand noch die Partitur, nach der die zerrissenen Teile der Seele wie die Hörner, Fagotte und Klarinetten einer Mozartischen Serenade harmonisch zusammenklingen.

Was im Dunkel wie ein Nachbild des wirren Sonnentages schimmert, Einsicht, bittere Träne.

Auf dem Kalvarienberg blättert der Philosoph verlegen in seinem Lexikon nach dem hier anwendbaren Lemma.

Welche erhabene Aussicht, ohne Hoffnung auf Auferstehung, das Festmahl der Würmer.

Der Ernüchterte kehrt wie Sisyphos am Morgen zu seinem Felsbrocken zurück.

Des Dichters Lorbeer schmerzt wie eine Dornenkrone.

Zwischen Grauen und Grauen nur die rasch sinkenden Knospen eines unfaßbaren Lichts.

Auf verschlungenen Pfaden, der Käfer sagt es mit seinem grünen Schimmer, der Baum mit wehenden Zweigen, der Schatten des raschen Flügels auf dem Wasser, das laute Wort dessen, der deinen Weg kreuzt, bleibt stumm und weiß nichts von der Heimat, die du meinst.

Das Wasser des Gedichts spiegelt die flüchtigen Wolken, die wehenden Schatten des Lebens und das schöne Antlitz der Liebe, die einmal, o einmal sich darüber beugt; aber wie Tau verrinnt die Zeit und die Erscheinungen weichen zurück, bis nur das blasse Blau des Himmels, die Hortensie sanfter Stille, ihm noch bleibt, und bald schon wird es grau, denn der Abend, Adieu für immer, er ist nah.

Der Übertritt und das Unmaß bleiben nicht ungesühnt, das allzu gierige Feuer verzehrt sich selbst, das böse Grinsen zerfällt in ein schmerzvolles Lächeln, die krakeelende Stimme erstickt in Röcheln.

Das Gedicht ist wie der Stein im Bach, um den das Wasser sich teilt und aufschäumt und rauscht, doch hinter ihm glätten sich die Strudel und es fließt wieder sanft dahin.

Unendlich ist die Fuge des Lebens, Glück, wenn wir uns als eine ihrer zahllosen Stimmen, ob klein oder groß, ob führend oder respondierend, begreifen.

 

Aug 29 20

Neueste Xenien

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dumm durch Wissenschaft.

Klugheit umgeht den Stein des Anstoßes, Dummheit stolpert, Wahn starrt ihn an.

Was der Neurotiker als tragische Verstrickung erlebt, wirkt auf den Außenstehenden bisweilen komisch.

Die Variationen, nach denen Kinder weiße und schwarze Steine, rote, grüne, blaue Perlen auf eine Schnur reihen, ähneln dem Rhythmus der Dichtung.

Man tut den Insekten Unrecht, wenn man das Gewimmel in ihren Bauten mit demjenigen in den Wohnsilos der Riesenstädte vergleicht.

Die modernen Medien erfüllen ihren Zweck, wenn sie den Verdacht gegen den Menschen bis zum Widerwillen steigern.

Welcher metaphysische Witz, wie Männer und Frauen ihre Körper nach genetischem Bauplan so ausbilden, daß ihre Geschlechtsorgane zusammenpassen.

Die großen Worte wurden durch inflationären Gebrauch zu hohlen Hülsen, unter den geringen und unscheinbaren finden wir noch etliche Körner und schmackhafte Beeren.

In der Welt der Hinkenden gilt der anmutig Schreitende für einen göttlichen Tänzer.

Infolge der Kulturvernichtung mittels organisierter Kulturförderung vergeben geistige Analphabeten die höchsten literarischen Preise an Schreiber, die auf dem Glatzkopf ihrer Sprache modische Locken zu drehen vorgeben.

Die kriminelle Tat wird unter Hinweis auf die schöne, aber traumatisierte Seele des Täters exkulpiert.

Das Opfer der Straftat gilt als eigentlich kriminell, hat es den Täter doch, und sei es durch sein Dasein, seinen Blick, seinen Ausruf, provoziert.

Der Gedanke an Wiedergutmachung, das Gerüst des Rechts, gilt als Relikt archaischer Racheimpulse.

Der moralische Imperativ, nur sich als Gedanke, als Absicht, als Wunsch zu erlauben, was von allen gutgeheißen wird, ist schon Verrat an der Wahrheit des eigenen Lebens.

Der Konsens ist das Ideal des Pöbels mit seinen chaotischen Instinkten.

Dummheit der Philosophen: einen Schleier von Ideen vor die Erfahrung des Lebens zu hängen.

Am hohen Absatz des eleganten Schwätzers klebt der Kot des Gewöhnlichen.

Man kann kein Verjüngungsbad in der schlammigen See des Widersinns nehmen.

Auch den grellsten Blitz verschluckt die Nacht.

Tage später klingt der letzte Schrei im Kunstbetrieb nur noch wie ein Röcheln.

Die Wunde der persönlichen Identität blutet durch den dicksten Verband.

Geisteswissenschaft oder die Scheinblüte des Sekundären.

Betrachten wir die hellenische Linie von Winckelmann und Goethe über Hölderlin bis zu George: Hier bricht sie ab.

Nur der Eigentümer von Grund und Boden, der Besitzer des eigenen Hauses ist autonom: Kann er sich doch aussuchen, mit wem er leibt und lebt.

Mieter dagegen sind Sklaven eines fremden Willens und den Machenschaften von Nachbarn ausgesetzt, die sie sich nicht ausgesucht haben.

Sklavenseelen führen den Kampf gegen das Eigentum. Strategen der Macht sind seine Parasiten.

Die Parklandschaften, die dem feudalen Landadel gehörten, waren gepflegt und eine Augenweide, große Gartenarchitekten und bedeutende Botaniker wurden beauftragt, die Versöhnung von Natur und Kultur zu lebenden Bildern auszugestalten. Die Volksgärten der Demokratien sind von Müll und widrigen Meuten verstopft, Schwaden von eklen Gerüchen benehmen einem den Atem.

Die Idee des Erbes führte die antike Kultur zu ihren ragenden Gipfeln an sublimem Geschmack und künstlerischer Verfeinerung.

Die alte jüdische Schule diente der Pflege des überlieferten väterlichen Erbes.

Um zu kaschieren, daß ihnen nichts einfällt, schmücken sie sich mit großen Namen.

Im dichten Rankenwerk der Zitate raschelt bisweilen eine graue Maus und sucht vergebens nach einem Körnchen, einem Samen.

Die Linie des deutschen Hellenismus brach ab: Kein Gott hat sich verleibt.

Das prophetisch beschworene Gastmahl von Göttern und Menschen endete in einer wüsten Wirtshausschlägerei.

In schlichten Gesten, lächelnd äußert sich die Güte, nicht in moralisch hochgezogenen Brauen angesichts der Schlechtigkeit der Welt.

Besser als große Ankündigungen und Versprechungen sind die leisen Worte, das fast geflüsterte, ja schweigend bekundete Bekenntnis, da zu sein und noch ein Weilchen zu bleiben.

„Ich habe genug“, „Schlummert ein, ihr matten Augen“ – welcher immer wieder durch selige Augenblicke verklärten Lebens unterbrochene, verzögerte, weit ausgeatmete Abschied.

Als wären das Bewußtsein, das Ich, der Geist, der Begriff, die Vernunft eigenständige Wesenheiten – was für eine bizarre Mythologie, die sich selber auf dem Olymp des deutschen Idealismus ansiedelte.

Die unfreisten Köpfe faseln immerfort von der Freiheit.

Dem häßlichen Genie darf man die Beschwörung vollkommener Schönheit zutrauen.

Die Allegorisierung des Begriffs ist griechisches Erbe, Ursprung des Mythos – nicht nur Sonne und Mond, Erde und Meer, Feuer und Wasser galten dem antiken Menschen für mythische Wesen, selbst Schlaf und Traum, Sorge und Lust, Hoffnung und Sehnsucht hatten ihre Epiphanien eigentümlichster Personen; davon zehrt noch der zweite Teil des Faust mit seiner klassischen Walpurgisnacht und ihrem Reigen der Grazien, Parzen und Furien, ihrem Gang zu den Müttern, der Beschwörung der Helena und der mythischen Zeugung des Euphorion.

Noch unsere gewöhnlichsten Redewendungen speisen sich aus mythischem Wurzelwerk; sprechen wir ja von einem, dem der Schreck im Nacken saß, der dem Tod ins Angesicht schaute oder den ein dunkles Ahnen beschlich.

Die Wahrheit des Lebens ist die außermoralische Wahrheit des Leibes; sie ist nicht verborgen, sondern kommt zutage mit jeder Regung, jedem Lächeln, jeder Träne.

Der Zeitgeist ist das Zwie- und Dämmerlicht, in dem die Proportionen verzerrt, Nähe und Ferne vertauscht, Hoch und Niedrig eingeebnet scheinen.

Der Schorf mancher Worte, der Grind mancher Empfindung, der Ausschlag mancher Idee löst sich bisweilen, taucht man sie in die Wellen des homerischen Epos, ins warme Blut des tragischen Bocks oder ins nüchterne Wasser der horazischen Ode.

 

Aug 28 20

Der Liebe letzte Rosen

Was noch aus Dunkels Zweigen spricht,
aus hohen Lebens fernen Flüssen,
sind Abschiedsworte voll Verzicht,
Geseufz von Toten, die uns missen.

Wie Weiden wild am Ufersaum
beugt uns der Schmerz zum Abgrund nieder,
die bittren Blätter rauschen kaum,
nur Tau tropft hin wie Klagelieder.

Wir sahen, wie im Dämmerblau
der Liebe letzte Rosen sanken,
war Wunsch und Hoffen alles grau,
blieb uns der Träne helles Danken.

 

Aug 27 20

Fremder Hauch

Ein fremder Hauch aus dunklem Grund
weht übers Gras der Worte hin.

Wie schmiegt sich Wort um Wort zum Bund,
ein helles Grün, ein dunkler Sinn.

Die Welle kommt, die Welle geht,
wie glänzt das Wort, wie wird es matt.

Die Welle geht, die Welle kommt,
wie Kiesel wird der Wehlaut glatt.

Was Sonne aus dem Staub entfacht,
des hohen Wortes Rose blüht.

Das Dunkel wogt, es strömt die Nacht,
ein schwarzer Mohn ist es verglüht.

Was uns aus Südens Bucht geweht,
war blauer Nachtigallenchor.

Das Lied, das sich mit Sternen dreht,
erlischt im Schilf, versinkt im Moor.

 

Aug 26 20

Überwindung des Nihilismus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Nihilismus ist die letzte Phase des Monotheismus.

Nietzsches Wort ist noch ein Teil dessen, was es negiert.

Daß wir die atonale Musik als letzte Phase der klassisch-romantischen begreifen können, wird schon an den Rissen und Sprüngen in der Biographie ihrer Gründer evident.

Mythos, Religion, Kunst – Versuche der Steigerung und Sublimierung des Lebens. Wenn sie zerfallen, wird das Leben flach, schal, ohne den geheimnisvollen Duft jener exotischen Blumen.

Fällt kein Licht mehr von den Flammen der Tempel, Kultstätten und Altäre in die trübe Wirrsal des Lebens, borniert es sich in einen dumpfen All- und Nichtstag.

Die Feier des Perversen ist das moribunde Stadium des Patriarchats.

Der Siegeszug der Technik und die Digitalisierung der Kommunikation sind die letzte Phase des Cartesianismus.

Vom Glauben an die Vernunft bleibt nur der Wahn der Machbarkeit.

Eine Rose, eine Mücke, einen Tiger oder einen Menschen kann man nicht erfinden.

Die Erfahrung der Lebensstufen und des Alterns läßt sich vom freien Entwurf der Existenz nicht überholen.

Worte haben nicht die Bedeutung, die wir ihnen geben.

Gäbe es keine Rosen, Mücken oder Tiger, wir könnten ihren Begriff nicht erfinden oder konstruieren.

Aus dem Begriff eines Stoffes, der H2O ist, können wir die Bedeutung von Wasser nicht herleiten.

Die Schachtel mit der subjektiven Bedeutung des Wortes, die jeder mit sich herumschleppt, ist bekanntlich leer.

Epochen der Epiphanien des Seins – dies ist der gehaltvollere Begriff als der sich in geschichtlichen Phasen manifestierende Weltgeist Hegels und seiner Derivate im Marxismus oder Spenglerismus.

Die Erfahrung des Nihilismus bei Hugo von Hofmannsthal – wenn die Worte, die großen und die geringen, nach nichts mehr schmecken, auf der Zunge zerfallen.

Heidegger überwand den Nihilismus, der notwendig aus der cartesischen Annahme des nur sich selbst zugänglichen Ego cogito folgt, dadurch, daß er die Strukturen der Bedeutsamkeit freilegte, in die das Dasein fraglos eingebettet ist, Stimmungen, Gesten, Rituale, Sitten, Gepflogenheiten.

Wir finden zu einer tieferen Bedeutsamkeit des Lebens nur zurück, wenn wir die Idee der Singularität des Subjekts aufgeben und durch die Erfahrung des Heiligen ersetzen.

Ein wesentliches Merkmal des Heiligen ist seine Aura, dasjenige, was in unsere Dunkelheit leuchtet, wenn das lumen naturale oder der Funke der Seele schon erloschen ist.

Wie wir die Anmut einer Bewegung oder Geste wahrnehmen, können wir die Aura des Heiligen wahrnehmen, nicht durch Vergleich mit einer Mustervorlage, sondern unmittelbar und intuitiv.

„Die erste Zeile schenken die Götter“ – doch muß der Dichter sich auf die Feinheiten und subtilen Techniken des poetischen Handwerks verstehen, um sie in den Bau des Gedichts als Schlußstein einsetzen zu können.

Der Rezitator, der Sänger, der Musiker, sie müssen ihr Handwerk und ihre Disziplin aufgrund jahrelanger Übung und Praxis vollkommen beherrschen; doch damit die Interpretation gelingt, bedarf es der Gunst der Stunde, der Gnade des Augenblicks, dessen, was die Griechen Kairos nannten, und dies ist ihrer Verfügungsgewalt und künstlerischen Kontrolle entzogen.

Wir nennen, was dem Duft der sich öffnenden Blüte gleich als Glück des Gelingens der Interpretation entströmt, Charisma.

Die Strahlen des Charismas legen sich über den Abgrund der Angst und die Leere des Nihilismus wie eine Brücke, die wir ohne Schwindelgefühl betreten.

Man mag die Handlungen des Menschen auf dem Hintergrund ihrer Absichten und der Fähigkeiten zu ihrer Ausführung für der Willkür unterstellte Bewegungen ansehen; doch an jenen, deren Gelingen auf uns die Wirkung der Anmut oder des Charismas ausübt, gewahren wir ein unwillkürliches Moment, das sich unserer Analyse entzieht und den Begriff der Freiheit und Willkür überholt.

In wesentlichen Momenten unseres Daseins unterliegen wir einem Dritten jenseits von Tun und Leiden, so beim Einschlafen, im Traum, bei der zärtlichen Berührung, der Erinnerung oder dem schöpferischen Prozeß der Kunst.

Zu den Strukturen der ursprünglichen Bedeutsamkeit des Daseins gehören auch, wie Heidegger gezeigt hat, die Stimmungen. Sie haben medialen Charakter, entfalten sich jenseits von absichtsvoller Regung und passiver Duldung, so die heitere Stimmung des morgendlichen Spaziergangs im sommergrünen Park oder die düstere beim Heimgang durch den Wald am Winterabend, wenn es zu regnen beginnt. Stimmungen dieser Art sind nichts Innerseelisches, denn sie umhüllen uns und unsere Begleiter gleichermaßen.

Wir müssen, anders als Homer und die Griechen, die Mächte, die unser Leben „stimmen“ oder mit der Gunst ihres Charismas begaben, nicht als göttliche Wesenheiten betrachten, um ihrer Größe und Verfügungsgewalt gerecht zu werden; dennoch sind sie auch uns ein Jenseits von bloßer Konvention und Fiktion.

Wir können den Verlauf und den Ausgang einer Unterredung, einer Verhandlung, eines Gesprächs, einer Plauderei zu Beginn nicht überschauen und voraussagen; dem einen fällt eine treffende und erhellende Formulierung ein, der andere verstrickt sich in dürres Wortgeranke.

Die hochmütige Aspiration, als selbstbewußtes Ego ein selbstbestimmtes Dasein führen zu wollen, führt uns an den Abgrund der Ohnmacht und der Verzweiflung.

Die autonome Moral des guten Willens, die sich regel- und gesetzförmig in einer widerspenstigen und tauben Welt zur Geltung zu bringen sucht, ist ein Ahnherr des Nihilismus.

Wir singen oder summen eine bekannte schlichte Melodie; wir können in gleichem Sinne sagen, daß wir es sind, die sie im Munde führen, aber auch, daß sie es ist, die uns von Note zu Note, von Takt zu Takt weiterleitet.

Es ist unfruchtbar und trügerisch, dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens und dem Nihilismus entfliehen zu wollen, indem man sich einer kulturellen Modeströmung oder einer Exaltation des Zeitgeistes unterwirft.

Betrachten wir die Neurosen und Perversionen im Lichte ihrer scheinhaften Flucht aus dem Dickicht und Wirrsal der vom Nihilismus erregten Angst.

Es ist besser, die Leere auf sich zu nehmen, statt sie mit Illusionen und Chimären zu füllen, besser, in der Entsagung auszuharren, als sich mit noch so schmackhaften Lotosfrüchten abspeisen zu lassen.

Wir finden ein lichteres Feld und freieres Atmen, wenn wir uns vom rationalen und öffentlichen Diskurs einer Sprache abwenden, die sich der Worte als Instrumente, Waffen oder Reizmittel bedient, und jener Sprache zuwenden, in der die Worte gleichsam wie Masken eines Traumspiels erscheinen, das wir zugleich erfunden und nicht erfunden haben, in dem wir zugleich Zuschauer und Mitspieler sind, einer Sprache, in der die Worte gleichsam wie abgefallene Knospen auf einem Fluß treiben, ohne daß wir wüßten, woher und wohin, der Sprache der Dichtung.

Die Erneuerung oder die Ankunft des Denkens in der dichterischen Sprache belehrt uns darüber, daß der argumentative Gebrauch der Worte nicht der allein maßgebende und die kommunikative Vernunft der wohlgenährte Parasit jener Sprache ist, die sich frei von der Absicht, etwas mitzuteilen, wie das nächtliche Rauschen einsamer Fontänen gleichsam selber spricht.

 

Aug 25 20

Die alte Wirrnis

Nicht Tag, nicht Nacht ist noch bewußt,
die alte Wirrnis lauert,
ein Blumenduft, verseufzte Lust,
der Geist der Dämmerung schauert.

Wie Schrift auf Malen, Schattenriß,
des Himmels Zweige wehen,
der Tag des Sinnes ungewiß
muß uns in Traum vergehen.

Die Saat der Sonne war bestellt,
nun wuchern dunkle Triebe,
was Aug in Auge sich erhellt,
in Tränen schwimmt es trübe.

Die Flamme, die zum Himmel sang,
des Danks geweihte Schale,
erlosch bei unserm letzten Gang
zum hohen Abendmahle.

Das Dunkel kommt, das Dunkel sinkt,
die Rosen wollen bleichen,
kein Stern, der aus der Nacht uns blinkt,
wie wir den Rosen gleichen.

Ist einem Kind, wohl tief im Ried
gebettet, an Wassers Rauschen,
vergönnt, dem süßen Lebenslied
der Nachtigall zu lauschen?

 

Aug 25 20

Die Träne grauen Lichts

Ein Wind geht durch die Halme,
wie alles Leben zittert,
wie stürzt das Licht im Tau.
Fängt deine Wimper ihn noch auf?

Der Huf des Pan zertritt die Halme,
wie wird das Leben grau,
der Erde Schoß verwittert.
Erweicht ihn noch dein sanfter Hauch?

O deiner Augen dunkle Wasser,
und was darauf geschwommen,
die Knospe süßen Lichts.
Hat sie mein Blick erschreckt?

O Blumenschlaf auf dunklem Wasser,
und was ihn dir genommen,
die Träne grauen Lichts.
Hat sie mein Blick geweckt?

 

Aug 24 20

Das Lächeln der Toten

Als läge ich in Windes Gras
und ziehen Wolken hoch,
des tristen Monds Gespiele,
ist mir die Zeit vergangen.

Und wie gerauscht das Gras
am kühlen Strom der Nacht,
nur Wind ist, was ich fühle,
bin ich von Traum umfangen.

Als schliefe ich im Uferschilf
und singen Wasser hell,
die schöne Melusine,
ist mir die Zeit zerronnen.

Und was geglänzt im Schilf,
der Toten Lächeln mild,
daß Blume sie mir schiene,
ist mir im Traum zerronnen.

 

Aug 22 20

Fremdeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn du den Hausflur putzt, machst du es sorgfältig und mit beherztem Aufwand an Hygiene; läßt du ihn putzen, keimt das Mißtrauen, denn wer im Auftrag putzt, wird es wohl tun, doch so lala, ohne unnötig ins Schwitzen zu kommen.

Gehört, wer für dich putzt, einem fremden Stamm an, steigt das Mißtrauen exponentiell mit dem Grade seiner Fremdheit.

Wer genötigt ist, seine Kinder von dahergelaufenen Fremden beaufsichtigen oder schulisch unterweisen zu lassen, darf sich nicht wundern, wenn sie eines Tages hinter seinem Rücken eine lange Nase drehen.

Erpreßte Dankbarkeit erzeugt Groll.

Die chassidischen Gemeinden wie die in New York oder Ost-Jerusalem leben rassisch und religiös rein nach den Büchern Mose und dem Talmud. Sie hausen daselbst kulturell, rituell und sprachlich aufs Dichteste abgeschlossen von ihrer Umwelt. Denjenigen, der gemäß der neudeutschen Ideologie der Grenzöffnung und Völkervermischung forderte, daß sie ihre kulturellen Mauern niederreißen, um sich dem ungehemmten Zustrom fremder Völker und Kulturträger auszusetzen, könnte man mit Recht einen Antisemiten schelten.

Die römischen Eliten haben sich trotz der Widerstände altkonservativer Kreise wie des Kreises um Cato mehr und mehr der ihnen überlegen scheinenden Kultur der Griechen geöffnet; so haben sie ihre adligen Zöglinge von ehemaligen griechischen Sklaven erziehen lassen. Die großen Schriftsteller der Klassik wie Cicero, Horaz und Vergil waren zweisprachig, jedenfalls lasen sie Homer, Demosthenes, Sappho und Kallimachos im Original. Dennoch ist die altrömische Kultur nicht untergegangen, das beweisen die Fortdauer der alten Staatskulte und der Widerhall der alten Götter im Amalgam mit den neuen, wie des Faunus in Pan, des Bacchus in Dionysos oder der Venus in Aphrodite.

Die Schwäche, Fragilität und Porosität der deutschen Nationalkultur ist tief angelegt; so bereits in der Tatsache, daß die altgermanischen Götter und Kulte nur in Spuren und schwachen Relikten die staatlich verordnete Christianisierung überdauerten.

Bruchlinien im deutschen Nationalcharakter zeigen sich in der Entwicklung einer neulateinischen Dichtung an den süddeutschen Höfen, am Kampf um die Orientierung des Rechts (römisches Recht oder überkommenes germanische Landrecht), an der neuheidnischen an Hellas orientierten Dichtung der Goethe und Hölderlin und schließlich dem neuheidnischen, Walhall beschwörenden Musikdrama Wagners.

Die philologisch und hermeneutisch ausgerichtete Schulung des protestantischen Theologen im Kielwasser Luthers und Melanchthons, die rhetorisch und literarisch ausgerichtet Schulung des katholischen Theologen im Zuge der von den Jesuiten vollzogenen Gegenreformation.

Calderon und das Jesuitendrama, wie es noch in den allegorischen Schauspielen Hugo von Hofmannsthals ein kurzes Nachleben fand.

Die Zerschlagung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation durch Napoleon und die Folge der kulturellen und militärischen Konfrontation zwischen Berlin und Wien. Die Alternative zwischen kleindeutscher und großdeutscher Reichsgründung und die fatale Entscheidung für die großdeutsche in Folge der Ereignisse ab 1933.

Nur Torheit zieht eine gerade Linie von Preußen zur Naziherrschaft, von Bismarck zu Hitler, hat dieser doch die großdeutsche Lösung durchgesetzt, die Bismarck mit seinem nüchternen Sinn für Proportionen und die Balance der Mächte verhindern wollte.

Wälzt man den großen Felsbrocken um, schaut man in ein Gewimmel von Würmern, ein Geranke von Trieben, ein Geglimmer von Mineralien und Säften; so ist es auch mit den große Begriffen, wenn man sie umdreht, Begriffen wie Subjekt, Liebe oder Sprache.

Die Flachen und die Seichten, die Kindischen und die Weibischen wollen und verstehen nur, was sie mittels Sensation und Marktschreierei aus der Lethargie reißt; so auch in der Kunst.

Der Künstler, der eine moralische und politische Botschaft verkündet, verbirgt sich und anderen seinen Mangel an künstlerischer Substanz.

Sie hasten atemlos zum Quell der Aufmerksamkeit und hoffen sie durch das Brüllen, Stöhnen und Psalmodieren von Reizwörtern und Jargonbegriffen für den Augenblick blitzender Scheinwerfer zu ergattern.

Sie rotten sich unter der Flagge und dem Emblem einer Idee zusammen; aber was ihrer Menge Dichte, Ladung und Spannung verleiht, sind nicht hehre Begriffe wie Gleichheit, Weltoffenheit oder Alles für alle, sondern Selbstgefälligkeit, Dünkel, Hochmut und der solidarische Argwohn gegen jene, die abseits stehen und stoisch lächeln oder kynisch spotten, jene, die fremdeln.

Jene, die fremdeln, gelten als Gefahr, machen sie doch spürbar, daß die Bekenntnisse hohl und die moralischen Vorgaben erpresserisch sind.

Die eigentlich Fremden sind jene, die sich dem Jargon verweigern; schon das Schweigen macht verdächtig, wer aber die falschen Begriffe benutzt, gilt als unheilbarer Träger eines geistigen Virus.

Man erstellt eine Liste von Begriffen, die für obsolet, antiquiert oder gefährlich gelten, Begriffen wie Volk, Nation, Nationalcharakter, Rasse, natürliches Geschlecht, Monogamie, Keuschheit, Treue, Schönheit, Ehre, Vaterlandsliebe, Fraulichkeit, Männlichkeit, weibliche Hingabe, männliche Tapferkeit, Heldentum und tausend andere. Wer mehr als zwei davon gebraucht, gilt als verdächtig, wer mehr als drei, für kriminell, wer mehr als vier, ist schon verurteilt.

Die Richter in Kafkas Prozeß hatten in ihre Unterlagen bei Gericht pornographische Bilder geschmuggelt; die Richter der medialen Aufsichtsbehörde benutzen dreist und schamlos Listen von Begriffen, die für pornographisch gelten und diejenigen, die sie benutzen, vom Diskurs der aufgeklärten Menschheit ausschließen.

Nach dem mosaischen Bericht war „Es werde Licht!“ das erste Schöpfungswort. War der Verfasser der Priesterschrift, gewiß ein gelehrter Mann, skotophob, ja nigrophob und misogyn, da die Erde, die Mutter, noch in Dunkel gehüllt war?

Das Licht des ersten Tages im biblischen Schöpfungsbericht greift verwandelnd das Wort des Neuen Testaments auf: „Ich bin das Licht der Welt.“ Als Lumen Christi fand es sein Spiegelbild in der Liturgie der Osternacht. Ein fratzenhafter Dämon aus dem dunklen Erdteil bläst es aus.

Wir sprechen von hellen Köpfen, lichtvollen Erwägungen, Geistesblitzen, der Morgenröte der Vernunft, dem Seelenfunken, der Mondnacht des Gefühls, dem lichten Horizont des Kommenden – unsere erhabensten und gewöhnlichsten Metaphern zum Ausdruck ethischer und ästhetischer Werte schöpfen von Anbeginn aus der Polarität von Licht und Dunkelheit, Helle und Zwielicht, apollinischer Klarheit und dionysischer Nacht. Wann kommen die Sprachpolizisten und räumen hier auf, wie sie es bei der ebenso ursprünglichen Polarität der natürlichen Geschlechter schon getan haben?

Der neue Sprachenkrieg um die Metaphorik des Lichts und die mit ihr innig verflochtene Idee der Schönheit seit den Tagen des Perikles ist auch ein Ausdruck für den Überlebenskampf oder die Resignation der weißen Rasse angesichts der steigenden Flut der dunklen.

Nicht mehr die Fremdwörter, sondern deutsche Allerweltsbegriffe der inkriminierten Art sind nunmehr die Juden der Sprache.

Schon wer zweifelt, gilt als Judas und Verräter.

Wer das Augenscheinliche nicht leugnet, gilt für blind.

Wer das Fiktive und seltsam Konstruierte empirisch bestätigt, zählt unter die Koryphäen der Wissenschaft.

Die neue deutsche Wissenschaft macht Voraussagen, die in Frage zu stellen oder empirisch falsifizieren zu wollen, als strafwürdiges Unterfangen betrachtet wird.

Sie haben ein kafkaeskes System amtlicher Kulturförderung etabliert, und jene, die das Hohelied auf die Moral ihrer Gönner anstimmen oder ihr zumindest durch Stillschweigen akklamieren, zehren vom Gnadenbrot.

Der Aspirant auf ein Habilitationsstipendium, der Martin Heidegger öffentlich zum Naziverbrecher stempelt, erhält den Zuschlag; jener der über Heidegger forschen will, geht leer aus.

Wer sein Gedicht mit floralen Metaphern ziert und den nüchtern-profanen Sinn mittels Reimen berauscht, wird bald als Holocaustleugner entlarvt.

Wer die Liebe Dantes zu Beatrice für die einzig sublime Schwelle hält, über die man seine Dichtung betritt, gilt für homophob.

Wer in Benns Gedichten nicht den Ausdruck verachteter, gefürchteter und überwältigter Weiblichkeit findet, gilt für frauenfeindlich.

Wer in Hölderlins Diotima eine mythische Gestalt und nicht die Bürgersfrau Susette Gontard erblickt, die eigentliche Schreiberin seiner Gedichte, verliert den Boden im Gender-Diskurs der Pseudo-Forschung. Wohl ihm, ist dieser Boden doch verschmutzt und stinkt vom Unrat der Halbbildung.

Das fremdelnde Kind versteckt sich zurecht hinter dem Rücken der Eltern, wenn ihm unvertraute Gestalten nahen. Wem heute die übergriffigen Fratzen des Zeitgeistes aufs Fell rücken, muß ins Niemandsland einer neuen Unbehaustheit flüchten. Mag er es als sein Kythera fingieren, als seine Insel der namenlos Seligen bedichten.

 

Aug 21 20

Im Abendrot

Wenn wir zum Hort des Abends gehen,
wird unser herbes Sinnen mild,
wenn uns des Dämmers Blätter wehen,
ist es um goldner Stille Bild.

Will schon der Blume Mund verblassen,
bleibt süß ein Duft noch, der uns hüllt,
es will ans müde Herz uns fassen
ein Lied, das wie aus Wunden quillt.

Es ist im Abendrot sanft hingeflossen,
was uns den Sinn so lang genarrt,
das Dunkel hat den Schmerz umgossen
wie Harz, worin ein Käfer starrt.

O suchen wir den Schlaf im Moose
und schweigen wir von Blut und Dorn,
es sinkt das Haupt der edlen Rose,
es redet irr aus blauem Born.

 

Aug 20 20

Seitentriebe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn du dich in den Finger geschnitten hast, sagst du: „Ich habe Schmerzen“, aber nicht: „Mein Finger hat Schmerzen.“

Hast du jemandem aus Versehen auf den Fuß getreten, bittest du um Verzeihung, auch wenn der Betroffene es im Gedränge kaum verspürt haben sollte.

Der Leichnam wird uns aufgrund einer merkwürdigen Scheu nicht zum leblosen Ding unter Dingen. – Doch ist es eine gänzlich andere Situation, wenn der Pathologe versehentlich auf die Hand einer Leiche, als wenn er seinem Gast versehentlich auf den Fuß tritt.

Gefragt, ob du noch Schmerzen an der Schnittwunde empfindest, stellst du keine wie immer sorgfältigen oder umständlichen Selbstbeobachtungen an, sondern antwortest schlicht mit Ja oder Nein.

Wir sind uns nicht durch Introspektion zugänglich und gewärtig – sondern unmittelbar, ohne Medium, ohne übertragende und übersetzende Instanz.

Wir sind weder uns selbst noch anderen ein Buch mit Sieben Siegeln.

Wir verstehen manchmal das Treiben der anderen nicht, doch nur auf dem Hintergrund vieler Handlungen, deren Sinn wir aufgrund ihrer Absichten und Ziele verstanden haben.

Wir stehen anderen mehr oder weniger nahe, sind mit anderen mehr oder weniger vertraut; aber daß wir mit uns selbst vertraut seien, ist eine wenig glückliche oder sogar irreführende Metapher.

Von jemandem, dem ich einst nahestand, bin ich nun entfremdet, jemandem, der mir fremd war, bin ich nahegekommen. Das kann man von sich selbst nicht sagen.

Eine res cogitans oder ein reines Bewußtsein hat weder Namen noch Adresse und kann keiner Person und ihrer Biographie zugeordnet werden; dies gilt auch für Surrogat- und Scheinbegriffe wie das Selbst, das Subjekt oder das Ich.

Der größenwahnsinnige Patient wird vom untersuchenden Arzt gefragt, ob er Max Müller heiße, worauf er antwortet: „Ich heiße Julius Caesar.“ Ebenso wird etwa der Heiratsschwindler nicht seinen bürgerlichen Namen angeben, sondern vollmundig tönen: „Ich heiße Wilhelm von Beerenfeld.“ So ist leicht zu ersehen, inwiefern wir das „ich“ in der Äußerung oder die Verlautbarung in der ersten Person nicht mit dem Eigennamen des Sprechers gleichsetzen oder erklären können.

Der Demente hat seinen Namen vergessen, aber er kann sagen: „Ich weiß ihn nicht mehr.“

Heißt dies aber, das mit „ich“ Gemeinte sei eine autonome reflexive Instanz, die über allen Äußerungen des Sprechers schwebt? – Ich kann keine Form der Reflexion meines Bewußtseins sein, denn eine solche Form trüge kein Kriterium an sich, woran ich erkennen könnte, daß sie die Form der Reflexion meines und keines anderen Bewußtseins ist.

Die Äußerung „ich“ repräsentiert (darin den logischen Konstanten ähnlich) nichts; der Pfeil auf der Wanderkarte, der den Standort des Betrachters angibt, repräsentiert nicht die Tatsache, daß ich dort stehe, wenn ich dort stehe.

„Ich habe heute früh unseren alten Freund Peter gesehen, er ist also von seinem Italienaufenthalt zurückgekehrt.“ – „Das kann ich bestätigen, ich traf ihn gestern in der Cafeteria der Universität.“ Zu glauben, wir seien aufgrund der Ich-Zentriertheit unserer Erfahrung auf ein subjektives Weltbild eingeschränkt und von den Erfahrungen anderer abgeschnitten, ist ein philosophischer Irrglaube.

Können wir das Vorkommen ich-zentrierten Lebens nicht mit dem Gebrauch des Eigennamens erklären, so ebensowenig mit der sprachlichen Fähigkeit zu Äußerungen in der ersten Person. Denn das Kleinkind hat sie noch nicht, der Sterbende nicht mehr, ohne daß wir ihnen ein ich-zentriertes Leben absprechen würden.

Wenn ich dich auf dem alten Klassenfoto nicht gleich erkenne, zeigst du mit dem Finger auf das Abbild eines jugendlichen Körpers und sagst: „Das bin ich.“

Ich-zentriertes Leben, könnten wir sagen, ist eine Funktion des menschlichen Körpers (nicht des Gehirns allein). Nur ein Mund kann „ich“ sagen, kein reines Bewußtsein.

Wenn wir uns an jemanden erinnern, haben wir etwa sein Gesicht, sein Lächeln, seinen beschwingten Gang vor Augen, aber nicht den Schatten einer Seele, an deren leibliche Erscheinung wir uns nicht mehr erinnern.

Etwas vor Augen haben, das ist keine Erklärung für den Vorgang der Erinnerung, sondern eine Metapher für das, was wir unter Erinnerung verstehen.

Einer küßt das Porträtfoto seiner verstorbenen Frau. – Ist dies eine symbolische Geste? Damit wäre zu wenig gesagt. Ist es eine Ersatzhandlung (im Sinne Freuds)? Damit wäre zuviel gesagt.

Es gibt kein menschliches Tun und Reden, das nicht in die Form einer Äußerung der ersten Person gebracht werden könnte.

„Mir ist heiß, schwindlig, unheimlich, bang; mich friert, mir graut, mir träumte“ – mit solchen Ausdrücken der Betroffenheit von Stimmungen und mentalen Zuständen befinden wir uns gleichsam auf der Schwelle zum ich-zentrierten Leben.

Nur wer seine Absichten, Wünsche, Befürchtungen mitteilen kann, vermag sie auch zu verbergen.

Unsere sublimsten Wertgefühle sind mit unseren elementarsten Leibempfindungen verbunden. Wer grob angerempelt wird, fühlt sich in seiner Würde verletzt, der auf den Fuß Getretene auf den Fuß seiner Integrität getreten.

Die Akzeptanz des Todes entwickelt sich im besten Falle mehr oder weniger harmonisch mit der Erfahrung des körperlichen Verfalls.

Die Götter der Griechen, denen im Gegensatz zu den Menschen ewiges Leben beschieden war, sind meist in guter körperlicher Verfassung, voll Jugendfrische oder in rüstigem Alter.

Aber wurde ihnen ein leichtes Leben rechtens darum zugesprochen, weil es den Schatten des Todes nicht kannte?

Das im Vergleich mit den ungeheuren zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Universums kurze, flüchtige, winzige menschliche Dasein könnte einem nichtig und eitel erscheinen. Aber dies ist eine ebensowenig plausible Schlußfolgerung wie jene von seiner erwünschten oder geglaubten ewigen Dauer auf seine Sinnhaftigkeit.

Nichts wird sinnlos an Tätigkeiten und Verrichtungen wie dem Jäten des Gartens, dem Pflücken und Einmachen des reifen Obstes, dem Brotbacken oder dem Geburtstagsständchen, weil sie rückschauend betrachtet nur kurz währten und in manchem Aspekt nicht ganz gelangen oder weil sie vorausblickend betrachtet dem geschwächten Kranken oder dem Sterbenden nicht mehr möglich sein werden.

Seine Vergänglichkeit ist kein Einwand gegen das Leben.

Nur krankhafte Skrupel hemmen den Impuls, Blumen zu schenken, die doch rasch dahinwelken.

Was wir unter Liebe, Sorge und Verantwortung verstehen, erhält Bedeutsamkeit nur in einer Welt, in der dasjenige, was wir lieben, worum wir uns sorgen, wofür wir Verantwortung tragen, Gefahren, Bedrohungen und möglichem Leiden ausgesetzt ist.

Es ist ein Glaube im Sinne religiösen Glaubens, der jene inspiriert oder verführt, die in der Wissenschaft Lebensorientierung suchen und in der wissenschaftlichen Methode den Pfad ins Herz der Dinge sehen.

In der Pathologie des Nervensystems nicht nur die Ursache, sondern auch den Grund zu sehen, aus dem der Erkrankte seine Geliebte erdrosselt oder sein Kind mißhandelt hat, heißt den Begriff von Vergehen und Schuld, von Verbrechen und Strafe aufzulösen.

Wir können nicht dankbar sein, wenn jener, vom dem wir annehmen, daß wir ihm zu Dank verpflichtet sind, nicht anders handeln konnte, als er uns half oder förderte.

Das Theater, das No-Spiel der Japaner, die griechische Tragödie oder die römische Komödie, gibt uns bisweilen ein besseres Muster an die Hand, um das Leben zu begreifen, als die Wissenschaft der Psychologie und Soziologie.

Es ist wahr, die einen ziehen auf der Kirmes des Lebens eine Niete, die anderen schießen den Hauptgewinn ab, aber das macht jene vielleicht nicht weniger glücklich und diese nicht weniger unglücklich.

 

Aug 19 20

Einmal noch

Tropft einmal noch
zur blauen Stunde
dein weiches Du
in meine Wunde,
schließt einmal noch
mit weichem Munde
mein Aug du zu?

Schwebt einmal noch
wie Schwäne sacht
dein helles Lied
durch meine Nacht,
daß einmal noch
Gesanges Macht
an mir geschieht?

Strömt einmal noch
wie Rosenlicht
dein süßes Ja
in mein Gedicht,
als wäre noch
geschehen nicht,
was doch geschah?

 

Aug 18 20

Luftwurzeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Worin zeigt sich die Dummheit der Philosophen? – In der Anbetung der Vernunft.

Worin die Dummheit der Wissenschaftler? – In der Vergötzung der erklärenden Methode.

Dasein ist jenseits von Vernunft (und Unvernunft).

Wie die Erde nicht an Fäden hängt und von keiner Schildkröte getragen wird, so schweben auch wir gleichsam im Freien ohne festen Halt und tragenden Grund.

Wir befürchten nicht, daß die Erde plötzlich klafft und uns verschlingt, daß unser Gegenüber sich plötzlich in Luft auflöst.

Wie zweifeln nicht daran, daß wir nicht als Double unseres gestrigen Selbst aufwachen, auch wenn wir die Fäden der Erinnerung nicht vollständig zurückspulen können.

Wir wissen in einem basalen Sinne, daß die Sprechpuppe oder die digitale Stimme der Mailbox nicht meint und nicht versteht, was sie quiekt und quakt.

Wir wissen, daß unser Hund zwar auf seinen Namen hört, doch nicht versteht, daß er einen hat.

Uns überkommt kein Zweifel derart, daß wir an unserem Schreibtisch sitzend in einem unserer Wahrnehmung unzugänglichen Sinne (oder weil der Faden der Erinnerung über Nacht gerissen ist) nicht mehr dieselben sein könnten, die gestern an demselben Schreibtisch saßen.

Wir sind uns sicher, daß die Rosen in der Vase sich nicht in Luft auflösen, wenn keiner sie wahrnimmt; obwohl es keine Möglichkeit gibt, dies empirisch zu prüfen.

Mit Lebewesen, die in einer Welt zu Hause wären, in der sich die Gegenstände (einschließlich ihrer selbst) ohne Vorankündigung und Grund in Nichts auflösen könnten, wären wir nicht in der Lage, uns über basale Angelegenheiten zu verständigen.

Müßten wir befürchten, daß sich die Rosen, die wir unserer Freundin zum Geburtstag schenken, sich kaum in die Vase gesteckt in Luft auflösen könnten, verlören sie in dem Maße an Wert, wie unser Vertrauen darauf, daß sie sich wenigsten einige Tage halten, an Sicherheit einbüßte.

Unser Dasein ruht aufgrund der Annahme einer gewissen Dauer der Dinge in einem wenn auch fragilen Gleichgewicht.

Würde sich die Bedeutung der Begriffe, die wir täglich verwenden, in einem unvorhersehbaren Ausmaße ändern, würden wie bald verstummen.

Das Wort gilt, und wir verlassen uns auf die Zusage. Warum? Weil dies die Bedeutung oder Spielregel für das ist, was wir Zusage oder Versprechen nennen.

Wären alle unsere mentalen Zustände kausale Bilder physischer Zustände unseres Gehirns und unsere Handlungen mit ihnen identische Naturereignisse, wäre das Leben ein Traum. – Und wir hätten nicht einmal die Chance, dahinterzukommen und den Schleier zu lüften.

Wäre unser Gehirn eine Rechenmaschine, wie könnten wir uns verrechnen, wie den Fehler bemerken und revidieren?

„Woher weißt du das?“ – „Ich habe es selbst gesehen.“ Mit solchen Auskünften geben wir uns zumeist und zurecht zufrieden, ohne die Bedeutung dessen, was mit den Begriffen „ich“ und „sehen“ gemeint ist, in Frage zu stellen.

Während einer angeregten Plauderei wägen wir nicht jedes Wort ab und haben nicht für jede Äußerung einen zureichenden Grund in petto. Dennoch würden wir den Verdacht, wonach wir nicht im eigenen Namen sprechen, sondern als Sprachrohr unzugänglicher fremder Mächte, als Ausgeburt einer sinnlosen Skepsis zurückweisen.

Wir können an der Wahrheit mancher Aussagen Cäsars in seinem Bericht an den römischen Senat zweifeln, aber nur, wenn wir die Bedeutung seiner Aussagen, wonach er dies und jenes gesehen, gesagt, getan habe, nicht in Frage stellen, sondern so verstehen, wie wir sie gebrauchen, wenn wir von uns behaupten, wir hätten dies und jenes gesehen, gesagt, getan.

Wahre Erinnerung kann kein Bild dessen sein, woran wir uns erinnern; denn dafür haben wir kein Kriterium.

Warum hat er das getan? – Er wollte es. Dafür, daß er dies eher als etwas anderes oder gar nichts wollte, kann er Gründe angeben; aber nicht dafür, daß er es wollte.

Die Vernunft ist kein Wesen, keine Person, kein Richter, der ihre eigenen Befugnisse legitimieren, ihre eigenen Grenzen ein für alle Mal abstecken könnte. – Wir finden nur Argumente, die mehr oder weniger stichhaltig, einleuchtend, plausibel sind. Aber das Spiel der Argumente wiederum auf einem Argument oder einem letzten Grund, der das ganze Spiel trägt, gründen zu wollen, wie etwa das Haus auf seinem Fundament, mutet widersinnig und töricht an.

Jener scharfsinnige Kopf, der die anthropologische Mannigfaltigkeit der Artung und Gesittung, die bunten Einsprengsel der Begabung und auch das so unterschiedliche Talent zur moralischen Lebensführung der Menschen in einem kalten und ernüchternden Licht vor Augen hatte, glaubte dennoch, dies krumme Holz mit dem scharfen Eisen seiner sittlichen Vernunft glattschaben zu sollen.

Die Wurzeln des menschlichen Daseins gehen nicht in die haltgebende Tiefe eines festen Grunds, sondern sind gleichsam Luftwurzeln.

In dem Maße, wie unser Leben von Konventionen, Ritualen, Regeln und Gebräuchen durchflochten und durchkreuzt ist, können wir es nicht auf objektive Faktoren oder die Einheit einer natürlichen Art zurückführen. Denn alle konventionellen Ordnungen, ob die Mathematik, die verbale Alltagsverständigung oder das sprachliche Kunstwerk, unterliegen Kriterien wie dem Korrekten und Inkorrekten, dem Angemessenen und Unangemessenen, dem Richtigen und Falschen, während natürliche Ordnungen mehr oder weniger deterministischen Gesetzen gehorchen, deren Erfüllung diesseits der Normen menschlichen Ermessens geschieht.

Der Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dasselbe vom Dichter einzufordern, zeugt von wenig Kunstverständnis.

Der Vogel singt nicht eigentlich wie der Sänger, der ein Notenbild vor Augen hat; die Noten liest er ab, indem er sie singend interpretiert, der Vogel interpretiert nichts.

Die Anthropomorphismen und Metaphern, mit denen wir über Tiere reden, bringen sie uns nur scheinbar nahe, in Wahrheit verstellen sie uns die Fremdheit ihres Daseins.

Du oder ich zu sein sind keine Formen des Wissens, sonst könntest du ja wissen, wie es wäre, ich, und ich, wie es wäre, du zu sein.

Es ist merkwürdig und erstaunlich, daß wir mittels bedeutender Dichtung fühlen können, was wir bisher kaum oder nur dunkel gefühlt haben, und mittels großer Malkunst sehen können, was wir bisher so nicht gesehen haben.

Der Atheist wird nicht gläubig aufgrund der Gottesbeweise des Anselm, aber vielleicht durch das Erlebnis einer religiösen Liturgie.

Der Dichter verstummt nicht, weil ihm die Worte ausgehen, sondern weil sie schal werden, ihren Glanz und ihre Frische verlieren wie ein morastig gewordener Teich, weil sie fade schmecken wie ein abgestandener Wein.

Ein anderer verstummt, weil ihm das Salz des Lebens, mit dem er das Brot des dichterischen Worts gewürzt hat, schal geworden ist – jenes Salz oder jene kaum definierbare Würze, die wir schmecken, wenn wir „ich“ sagen und „du“.

Und wieder einer mag die eigene Sprache wiederfinden, nachdem er die allzu scharfen exotischen Gewürze, mit denen er seine exquisiten Gerichte überfeinerte, weggeworfen hat und zu schlichter frugaler Kost, bestreut mit Kräutern des heimischen Gartens, zurückgekehrt ist.

 

Aug 17 20

Über den Begriff der Emotion

 

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Peter befürchtet, daß seine Freundin (wieder einmal) zu spät zu ihrer Verabredung kommen wird.
Ich befürchte, daß meine Freundin (wieder einmal) zu spät zu unserer Verabredung kommen wird.

Die beiden Sätze haben verschiedene Wahrheitsbedingungen. Der deskriptive Satz gilt uns unter folgender Bedingung für wahr: Wir wissen, daß Peter mit seiner Freundin verabredet ist, und beobachten ihn dabei, wie er die Zeit des Wartens damit verbringt, unruhig auf und ab zu gehen, wie er immer wieder auf die Uhr blickt und in die Richtung schaut, aus der sie auftauchen muß; so werden wir leicht zu der Vermutung gelangen, welche Befürchtung Peter umtreibt.

Die Aussage in der ersten Person gilt uns unabhängig von einschlägigen Beobachtungen für wahr, falls wir den Sprecher für einen aufrichtigen Zeitgenossen ansehen.

Das, was Peter oder der Sprecher befürchtet (im Vokabular der klassischen analytischen Philosophie „intentionaler Gehalt“ der Emotion genannt), wird durch den Nebensatz ausgedrückt, nämlich, daß seine Freundin unpünktlich sein wird.

Ist die Emotion ein mentaler Zustand oder ein seelisches Ereignis, das sich im Innern der sie erfahrenden Person abspielt, sodaß wir nur durch ihren Bericht davon in Kenntnis gesetzt werden könnten? Nein, denn wir können die beiden Sätze als gleichwertig betrachten.

Die Annahme, seelische oder mentale Zustände wie Empfindungen, Wahrnehmungen, Emotionen und Erinnerungen seien im Innern der sie erfahrenden Person gleichsam eingekapselt und nur durch Introspektion oder Intuition des Subjekts zugänglich, ist ein konstitutiver Bestandteil des cartesianischen Mythos. Doch der auf seine Freundin wartende Peter wird auf Nachfrage bestätigen, daß er in der Tat fürchte, seine Freundin komme zu spät; um diesen Satz zu bilden, muß er gelernt haben, seine Emotion zu benennen. Die Sprache, mit der er dies ausdrückt, kann er indes nicht, wie Wittgenstein klar erwiesen hat, als private Sprache erlernt haben.

Wir wissen, daß einer Schmerzen hat nicht nur aufgrund der Beobachtung seines Schmerzverhaltens, sondern auch dank seiner Äußerung, daß er Schmerzen habe, falls wir unter normalen Umständen keinen Anlaß haben, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln.

Wir können Emotionen wie Furcht, Traurigkeit und Ärger bis zu einem gewissen Grad oder auf eine gewisse Dauer verbergen; aber daraus folgt nicht, daß sie von Natur aus private Seelenzustände sind.

Scham können wir kaum verbergen, denn sie drückt sich beispielsweise darin aus, daß der Betroffene rot wird oder verlegen unter sich blickt. Freilich, allein aus der Tatsache, daß einer rot wird, können wir nicht schließen, daß er sich schämt; dazu müssen wir herausfinden, daß er sich aufgrund eines ihn beschämenden Fehltritts schämt oder weil eine Person in der Nähe ist, deren Gegenwart ihn verlegen macht.

All jene Emotionen sowie Stimmungen, zu deren Ausdruck es keiner sprachlichen Fähigkeiten bedarf, wie Angst, Zorn, Ekel, Kummer und Eifersucht sowie Ausgelassenheit, Aggressivität, Freude und Traurigkeit, verbinden uns mit unseren tierischen Verwandten und Ahnen. Sie haben einen körperlich-physiognomischen Ausdruck wie das Erbleichen oder Erröten, Zittern oder Erstarren, Frösteln oder Schwitzen, Naserümpfen oder Stirnrunzeln; sie beziehen sich auf ein Objekt wie die Furcht auf ein gefährliches wildes Tier, der Zorn auf einen Angreifer oder Beleidiger, der Ekel auf ein faules, stinkendes Gewebe, der Kummer auf den Entzug eines Objekts der Begierde und die Eifersucht auf die Bedrohung durch einen Nebenbuhler; zu guter Letzt liefern sie uns Motive oder Gründe, mittels angemessener Reaktionen und Handlungen wie Flucht, Ausweichen oder kluge Eingriffe und Manöver den Anlaß ihres Auftretens abzuschwächen oder zu beseitigen.

Von diesen elementaren Emotionen unterscheiden wir Gefühle und emotionale Einstellungen wie Hoffnung und Besorgnis, Liebe und Haß, Reue und Scham, Ehrgefühl und religiöse Scheu, deren Inhalt wir gewöhnlich nicht als einfaches Objekt aufzeigen und benennen können, sondern in der Form eines abhängigen Aussage-, Kausal- oder Konzessivsatzes erfassen. Die Katze fürchtet sich vor dem Hund, aber Peter fürchtet, daß ihn seine Freundin verlassen wird. Der Hund, der Herrchen die Treppe hinaufsteigen hört, wedelt mit dem Schwanz und freut sich auf ein Leckerli. Aber Hans hofft darauf, daß er das Examen besteht, um danach nach Italien reisen zu können. Die Katze zeigt ihre Zuneigung, wenn sie sich an ihren Mitbewohner anschmiegt und schnurrt. Aber Peter drückt seine Liebe zu seiner Freundin dadurch aus, daß er ihr Blumen schenkt, obwohl sie sich in letzter Zeit von ihm entfernt hat. Die Katze bezeigt ihre Abneigung, wenn sie den Nachbarshund anfaucht. Hans aber haßt seine ehemalige Freundin seit dem Tag, als sie ihn während seines Krankenhausaufenthaltes betrogen hat. Hansens Freundin hat ihren Fehltritt bereut, auch wenn sie keinen Weg zu ihm zurück fand.

Der treue Hund kann nicht befürchten, daß sein altes Herrchen bald stirbt; freilich wird er, wenn er gestorben ist, Zeichen von tiefer Traurigkeit zeigen. Aber die animalische Trauer ist von anderer Art als die Trauer des Angehörigen, der sie auch mittels konventioneller Gesten zum Ausdruck bringen kann (so trug man traditionell eine schwarze Krawatte oder eine schwarze Binde um den Ärmel), auch wenn das Gefühl der Traurigkeit einer inneren Leere oder Gelassenheit gewichen ist.

Die religiöse Scheu vor dem Numinosen hat ihren Ursprung vermutlich in der Scheu vor dem Leichnam; es ist ein charakteristischer Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß Tiere ihre toten Verwandten oder Gruppenmitglieder nicht rituell bestatten, während der Totenkult singuläre humane Züge trägt. So gehören zu den wichtigsten Fundstätten der Archäologie nicht zufällig Gräber und Zeugnisse ritueller Bestattung wie Grabbeigaben und Totenspenden.

Antigone nimmt eher die von Kreon verhängte Todesstrafe auf sich, als ihrem Bruder die rituelle Bestattung zu verweigern. Für sie ist die Totenspende eine Form der Liebesbezeugung, die ein älteres ungeschriebenes Gesetz einfordert, das sie höher stellt als die kalte Staatsdoktrin, die den Ritus dem zum Feind erklärten Bruder verwehrt.

Jemandem, der ein großes Gewese um einen Fehltritt in seiner Vergangenheit macht, der sich indes als nichtig oder eingebildet erweist, würden wir nicht das Gefühl echter Reue und aufrichtigen Bedauerns zusprechen; hier handelte es sich vielmehr um eine krankhafte Form von Hypokrisie. Die Sprachabhängigkeit jener Emotionen, die wir im Gegensatz zu den animalischen höherstufig nennen können, wird in diesem Fall in der Tatsache faßbar, daß ihr Inhalt eine propositionale Struktur hat, die der für deskriptive Aussagen maßgeblichen Wahrheitsbedingung unterliegt. Denn nur wenn sich die Reue auf ein tatsächliches Ereignis in der Biographie bezieht, sprechen wir ihr die Eigenschaft zu, echt und aufrichtig zu sein, ansonsten wäre sie geheuchelt und beispielsweise der Ausdruck einer neurotischen Störung.

Scham und Verlegenheit sind ein Ausdruck dafür, einem anderen etwas schuldig geblieben zu sein, ihm die gebührende Achtung versagt oder ein ihm gegebenes Versprechen nicht eingelöst zu haben. Doch jemandem, der bei jeder Gelegenheit rot wird und ständig aus unerfindlichen Gründen verlegen unter sich blickt, würden wir kein echtes Schamgefühl zusprechen, sondern eine neurotische Persönlichkeitsdeformation unterstellen.

Im Falle eines Menschen, der sich von feindlichen Mächten beobachtet und bedroht glaubt und sie sich vom Leibe zu halten rituelle Abwehrzauber und magische Praktiken einsetzt, würden wir nicht vom echten Gefühl religiöser Scheu, sondern von Aberglauben und im schlimmsten Falle von einer religiös verbrämten Form einer paranoiden Psychose sprechen.

Es ist bezeichnend für den Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß Tiere keine Emotionen vortäuschen und beispielsweise Furcht, Kummer oder Trauer heucheln können. Der Heiratsschwindler dagegen kann dem hinters Licht geführten Opfer Liebe vorgaukeln, der Neurotiker kann Schuldgefühle für Fehltritte empfinden, die er nicht begangen hat.

Im Gegensatz zu den Tieren spielen Menschen Theater und stülpen sich auf der Bühne Masken eines fremden Gefühls über; denn der Schauspieler kann Gefühlen Ausdruck verleihen, die er nicht hat, und das in einem Maße (dem Maß seiner Kunstfertigkeit), daß die Zuschauer davon mitgerissen werden und der Täuschung so lange sich gerne hingeben, bis der Vorhang fällt.

Wenn wir höflich sind und unser Gegenüber nicht vor den Kopf stoßen wollen, lächeln wir und spielen souverän oder in geübter Routine und Selbstdisziplin den Heiteren und Aufgeräumten, auch wenn wir insgeheim von dunklen Wolken der Schwermut und Trübsal überschattet werden. Hier sprechen wir nicht von Heuchelei, sondern von bewährten Formen des Anstands und höherer Sittlichkeit, falls uns daran gelegen ist, das zarte Gemüt des anderen zu schonen.

Aber ist das wahre Leben nicht auch eine Form des Theaters, bei dem uns das Schicksal Masken des Gefühls überstülpt, die wir so lange tragen oder in einem fatalen Szenenwechsel immer wieder wechseln müssen, bis der Vorhang fällt?

Sich mittels stoischer Abhärtung allen Gefühlsanwandlungen zu entziehen, scheint uns ein allzu heroisches und lebensfeindliches Ideal. Doch das übermäßige Wuchern einzelner Emotionen wie der Furcht oder Eifersucht können wir in glücklichen Fällen mit dem scharfen Messer der Selbstanalyse und Selbstvergewisserung beschneiden oder mit dem paracelsischen Antidot der Stimulierung des Gegengefühls, die Furcht im Hortus conclusus heiterer Geselligkeit, die Eifersucht im Spiegel vertrauter und erhebender Freundschaft neutralisieren.

 

Aug 16 20

Geschlechterwahn

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn wir versehentlich die falsche Bahn nehmen und unseren Termin verpassen, beruht unser Mißgeschick auf einem Irrtum, der irrtümlichen Annahme, jene Bahn sei die richtige, wo es doch die andere war.

Wenn wir einen Fuchs, der in etlicher Entfernung über die Lichtung spurt, für einen Dachs halten oder eine Gans für eine Ente, irren wir uns nicht in der Wahrnehmung, sondern in der Zuordnung des Wahrgenommenen zu einem zoologischen Paradigma oder deskriptiven Muster.

Von einem, der ein Huhn für einen Adler, einen Wurm für einen Drachen ansieht, oder einem, der mit seinem Regenschirm spricht, weil er ihn für ein lebendiges Wesen, sagen wir seine Tante, hält, würden wir nicht sagen, daß er sich irrt.

Doch ist es nicht immer leicht, die Grenze zwischen Irrtum und Wahn oder anderen Formen seltsamer deskriptiver Zuordnungen zu bestimmen. Denn wenn wir in einem Buch lesen, wie ein Zwerg auf eine Schlange trifft und sie für einen Drachen ansieht, wissen wir, daß es sich wohl um ein Märchen handelt.

Wir wären nicht geneigt, in den alten Griechen, die Bäume und Quellen von Dryaden und Wassernymphen behaust und belebt sahen, für Stümper in der Botanik und Geologie oder Kandidaten für psychotische Formen der Wahnwahrnehmung zu vermuten.

Der Mann, der sich für eine Frau hält, ist entweder einer der seltenen Fälle, die an den Folgen einer embryonalen Fehlentwicklung des Gehirns leiden, oder er ist psychotisch.

Freilich können kleine Jungs Mißbrauchsopfer einer sich fortschrittlich dünkenden Pädagogik werden, die ihnen diesen Unfug einredet; aber solche Anflüge verdunsten leicht und haften nicht wie der giftige Stachel des psychotischen Wahns.

Die spontane Wahrnehmung des Körperschemas von Mann und Frau ist eine genetische Disposition; manchmal kann man sich bei der Zuordnung des natürlichen Geschlechts irren, wie aufgrund geschickter Kostümierung im Fasching. Doch trotz massiver Alltagswahrnehmung die natürlich gegebene Bipolarität der Geschlechter zu leugnen und von einer beliebigen Vielzahl nicht natürlich festgelegter Geschlechteridentitäten zu faseln, ja in öffentlichkeitswirksame und pädagogische Verordnungen zu gießen, überschreitet die Grenze des bloßen Irrtums – denn weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind aufgrund einer Chromosomenschädigung des Embryos (DSD = Disorder of Sexual Development) nicht eindeutig einem der beiden natürlichen Geschlechter zuzuordnen, obwohl sie nicht das darstellen, was der Volksmund Zwitter oder Hermaphrodit nennt (denn diese sind wie die Mehrzahl der zwittrig angelegten blühenden Pflanzen oder Würmer sexuell funktionstüchtig, wenn sie Selbstbefruchtung auch zu verhindern wissen; bei den geschädigten menschlichen Individuen aber sind sexuelle Merkmale der beiden Geschlechter nur rudimentär ausgeprägt).

Irrtümer beruhen auf falschen Annahmen, setzen demnach die Möglichkeit wahrer Annahmen voraus, die wir im einfachsten Falle aufgrund der Verifizierung einer Hypothese erhalten. So wenn wir sagen, dieser Stoff sei Wasser, denn diese Annahme kann aufgrund einer chemischen Analyse bestätigt oder widerlegt werden. Doch die Annahme, die Identität einer Person beruhe auf der Präsenz eines unkörperlichen Geistes, ist keine Hypothese, die etwa mittels einer medizinischen Untersuchung abgeklärt werden könnte, sondern die Folge eines begrifflichen Fehlers in der Grammatik der Redeweisen von Person, Körper, Geist und Bewußtsein.

Die Zuordnung der geschlechtlichen Identität einer Person ist in der Regel keine Frage des Wissens und kein Inhalt einer Hypothese, die aufgrund von Forschung und Analyse bestätigt oder wiederlegt wird. Denn wenn wir auf einem amtlichen Formular die Angabe zum Geschlecht machen sollen, schauen wir nicht, gleichsam wie aus einer Ohnmacht erwacht, an unserem Körper herab, um festzustellen, ob wir Mann oder Frau sind. Die Zuordnung der Geschlechtsidentität unserer eigenen sowie aller anderen uns begegnenden Personen erschließen wir im Normalfalle nicht aus umständlichen Beobachtungen. Sie gehört, können wir sagen, wie sehr viele andere formale und kategoriale Formen unseres Weltumganges, zum Vorragt unseres Vor-Wissens.

Aufgrund der Verifizierung durch chemische Analyse können wir sagen, wir wissen, daß es sich bei diesem Stoff um Wasser handelt. Doch bei der angemessenen Form der Anwendung von Begriffen wie Person, Bewußtsein, Ich, Raum, Zeit und Gegenstand, aber auch Körper und Geschlecht handelt es sich nicht um Weisen des Wissens, die zu wahren und falschen Aussagen führen, sondern um formale Begriffe unserer logischen und sprachlichen Grammatik.

Das Gerüst der formalen Begriffe unserer Grammatik ist keine Form und kein Inhalt des Wissens, sondern gleichsam ein Vorrat und Bestand vorbewußter natürlicher Vor-Urteile, die sich wie der Fluß in der Landschaft der Sprache verhalten, die Wittgenstein mythologisch nannte.

Die in die Grammatik und Logik unserer Sprache eingebetteten Begriffe kennzeichnet im Gegensatz zu rein empirischen Begriffen die Eigenschaft, uns nicht allererst aufgrund von Beobachtungen der Außenwelt oder mittels Erinnerungsanalysen zugänglich zu sein und zur Verfügung zu stehen, sondern gleichsam spontan, mühelos, ohne Suchen und Zögern: Wir müssen ins nicht, um festzustellen, daß wir zwei Augen, zwei Hände und zwei Gonaden (oder zwei weibliche Brüste) haben, eigens im Spiegel betrachten, und ebensowenig uns fragen, ob wir als Mann oder Frau angeredet werden, wie wir uns etwa vergebens daran zu erinnern suchen, ob die Augenfarbe einer uns nahe stehenden Person eher grün oder eher blau ist.

Die Aussage: „Die Schüler der Klasse 1b sind vollständig versammelt“ impliziert oder ist bedeutungsgleich mit der Aussage: „Alle Schüler der Klasse 1b, sowohl Jungs als auch Mädchen, sind in der Klasse versammelt.“ Die schlichte Anrede „Meine Damen und Herren“ vor versammeltem Publikum „läßt keinen zurück“ und schließt niemanden aus, denn von den weniger als 1 Prozent der Bevölkerung, die sich aufgrund ihrer chromosomalen Schädigung keinem der beiden natürlichen Geschlechter zuordnen können, ist niemand unter den Anwesenden, denn diese Krankheit hat nicht nur physische, sondern auch einschneidende psychische Folgen, die den Betroffenen von der normalen Alltagskommunikation ausschließen.

Ein großes sprachliches Gewese zur Nobilitierung der homophil Veranlagten, immerhin etwa 4 Prozent der Gesamtbevölkerung, zu machen, erübrigt sich aus dem einfachen Grund, weil Schwule nun einmal Männer sind und Lesben nichts anderes als Frauen, die in die Anrede „Meine Damen und Herren“ vollständig miterfaßt werden.

Zeugt es von mangelnder Kenntnis der deutschen Sprache und ihrer Formenlehre und ist es also ein Zeichen von Dummheit, in der Grammatik der generischen Substantive wie „Lehrer“, „Schüler“, „Politiker“, „Zuschauer“, „Student“, „Dozent“, „Autor“ oder „Minister“, „Bürger“ und „Arbeiter“ nicht die deskriptive Leerstelle und die normative Valenz für die Anwendung auf beide natürliche Geschlechter erkennen zu wollen? Nein, dies sieht nur so aus wie ein freilich schwer verzeihlicher Irrtum im Gebrauch der deutschen Grammatik; hier handelt es sich vielmehr um einen, freilich mit einer gehörigen Portion von Dummheit vermengten Auswuchs dessen, was wir Geschlechterwahn nennen können.

Dieser Wahn scheint uns ein Symptom einer Krankheit zu sein, von der ein Volk heimgesucht wird, das in seinem Überlebenswillen stark geschwächt und dessen Energie, die eigene kulturelle Identität auf kommende Generationen zu übertragen, fast auf den Nullpunkt herabgesunken ist.

Die Leugnung des wesentlichen natürlichen Unterschieds der Geschlechter ist eine Maske, hinter der sich die Bestreitung und Verdrängung der prokreativen Macht verbirgt, die einzig in dieser Bipolarität angelegt ist. Die Bestreitung der Singularität der Fähigkeit, die der Verbindung von Mann und Frau zukommt, nämlich Kinder in die Welt zu setzen, erweist sich demnach als eine Form der Verzweiflung am Zukunftssinn der sozialen Gemeinschaft und an der Legitimität ihrer kulturellen Überlieferung.

Die Leugnung des wesentlichen natürlichen Unterschieds der Geschlechter oder der Geschlechterwahn muß in seiner symptomatologischen Nähe und klinischen Verwandtschaft mit anderen degenerativen Tendenzen betrachtet werden, wie der Verwischung des Unterschieds zwischen normaler und perverser sexueller Orientierung sowie des Unterschieds in der Höhe kultureller Leistungen aufgrund angeborener Talente zwischen den kaukasischen, asiatischen und dunklen Rassen, der Herabwürdigung der Rolle der sich der Pflege des Nachwuchses widmender Mütter oder der systematisch geförderten ethnischen Durchmischung des Herkunftsvolkes.

Nicht weniger evident ist der Zusammenhang des Geschlechterwahns mit dem für Massendemokratien kennzeichnenden Verlust des Wertempfindens und der Einebnung der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur, sublimem Geschmack und vulgärem Reizkostüm; so sollen wir das mit Menstruationsblut angereicherte Geschmiere der ordinären Kunstmarktstricherin mit dem gleichen Ausdruck der Bewunderung wie die sublime Transparenz der Farben eines Vermeer goutieren.

Wo keine Rede mehr von Hochkultur sein darf, verblaßt auch der Sinn für die aus der Minne der mittelalterlichen Sänger entsprungene sublime Form der Fernsten-Liebe, wie wir sie von Goethe kennen.

Der absurde Gebrauch des Zwischen-Punktes zur Andeutung der Sinn-Leere, in der die wilden Fratzen beliebig zu definierender Geschlechterrollen ihr Unwesen treiben, überkleckert das Schriftbild mit den Hinterlassenschaften einer geistigen Diarrhö.

Der Narr der Brüderlichkeit, der die Grenze seiner Behausung nicht bewacht, wird von seinem Wahn vielleicht kuriert, wenn er eines Nachts im Schlaf von einer Räuberbande überfallen wird; doch selbst dies bleibt ungewiß, wenn er sich am nächsten Tag grüblerisch in sein Schuldgefühl versenkt und ein Lamento anhebt derart, sein Haus als Eigentum zu beanspruchen sei vielleicht die von den Ahnen überkommene Schuld, die es rechtens abzubüßen gelte.

Der Geschlechterwahn deutet dagegen auf eine grundlegende Unordnung im Verhältnis der Geschlechter und im seelischen Haushalt der Gemeinschaft, der auf keine einfache Therapie hoffen läßt.

Der Geschlechterwahn ist auch ein Symptom für die Schwächung der väterlichen Autorität; denn diese entspringt der Erkenntnis: pater semper incertus, nämlich in ungeordneten geschlechtlichen Verhältnissen. Die väterliche Autorität installiert allererst die Institution der monogamen Ehe und das Gesetz der Erbfolge unter dem Zeichen des zu sichernden und zu tradierenden Eigentums, sei dieses materieller oder kultureller Art; die Institution des Eigentums aber ist die eigentliche Quelle, aus der sich die Hochkulturen des Abendlandes speisten.

Der Geschlechterwahn ist daher sowohl ein Symptom der Anfeindung der durch gesetzliche Autorität garantierten Institution des materiellen und kulturellen Eigentums als auch ein Seitentrieb des Gleichheitswahns, der sich durch den Ruf nach der Ebenbürtigkeit von Hinz und Kunz, des Edlen und Gemeinen, des Begabten und des Kretins zu nobilitieren dünkt.

Die Duden-Redaktion unter der Leitung dümmlicher, vulgärer, ungebildeter Damen, stimmt natürlich das Hohelied auf die gendergerechte Sprache an. Was sie aber in Wahrheit veranstaltet, ist die allmähliche Emanzipation der deutschen Sprache von allen Normen und Maßstäben des gewählten, differenzierten, verfeinerten Ausdrucks; denn die Wortmassen, die ihr zufließen und auf die sie zugreift, entstammen den öffentlichen Kloaken des Zeitgeistes, wie er sich in den Medien absetzt, sammelt und unförmig verhärtet.

Fortschritt: von der Imago Dei und dem Eros des Schönen unter dem griechischen Licht zu den Halbaffen der Evolution, den blinden Genmaschinen der Neurowissenschaft und den polymorph-perversen Lebensschatten unter dem Stern der Apokalypse.

 

Aug 14 20

Zerfallende Gestalten

Die dich leicht gehalten,
edler Formen Sinn,
Blüten über blauem Grund,
sie gleiten, schwinden hin,
zerfallende Gestalten,
vom Kuß des Lichtes wund.

Die du dir erlesen,
schlanker Vase Pracht,
Rosen, Flieder, süße Glut,
erloschen in der Nacht,
und keines kann genesen
an deinem warmen Blut.

Den du dir erkoren,
Sanges weicher Reim,
aufs Laub des Schlafs getropft,
läßt dich eines Nachts allein,
fühlʼs, warst immer schon verloren,
o Herz, das sinnlos klopft.

 

Aug 13 20

Dein leichter Schritt ist schon verhallt

Dein leichter Schritt ist schon verhallt
auf den basaltenen Treppenstufen,
das warme Leben wurde kalt
und dunkel, was ins Licht gerufen.

Verweht ist bald der Wohlgeruch,
der schillernden Worte Schaum und Flocken,
kein Odem bläht des Traumes Tuch,
des Lebens grüner Born liegt trocken.

Die Lilien, deiner Lippen Bild,
sie blassen in der schmalen Vase,
was unser Wort mit Blut gefüllt,
rann hin, Wein aus gestürztem Glase.

Wie eines Sarkophags Relikt
lag unterm Kissen deine Spange,
nicht kehrt die Lerche, ins Licht entrückt,
kurz war ihr Lied, das Leid währt lange.

 

Aug 13 20

Streif ab

Streif sie ab, die feilen Blicke,
die geilen Wimpern schneide kurz,
die dir das lichte Bild beschatten.

Spuck sie aus, die faule Zunge,
den Reisekoffer steck in Brand,
aus dem die toten Worte stinken.

Wirf sie weg, die tausend Bücher,
stich aus, was du gelesen hast,
mit heißer Nadel wie Eiterblasen.

Gehe leichten Schritts ans Ufer,
sieh, was die Welle mit sich trägt,
sind Blätter welker Erinnerungen.

Frag nach Schatten nicht, nach Sonnen,
dich hebt die Knospe deines Bluts,
du fällst in Abgrunds blaue Stille.

 

Aug 12 20

Schwermut im August

Wenn rote Knospen aufgetan
ihr wildes Strahlenkleid,
durchschauert dich der kühlen See
tiefblaue Einsamkeit.

Entquillt ein dunkler Schmerzensduft
dem Blumenschoß der Nacht,
schwebt nieder deines Traumes Blatt
in einen toten Schacht.

Peitscht Schluchzen, Stöhnen und Geschrei
aus jedem Mund August,
sagt dir des Wassers zitternd Bild,
daß stumm du gehen mußt.

Und fällt im Dunkel reife Frucht
in deines Schlafes Gras,
fühlst du der Liebe süßen Biß,
von dem kein Herz genas.

 

Aug 12 20

Und es strömt das Leben

Und es strömt das Leben,
strömet sanft
dir von den Lippen,
strömt mit jedem Hauch,
mit jedem Seufzer,
und dem Tau gewordenen Wort,
dem veilchendunklen Kuß,
von deinem Mund.

Wie von schwarzen Wassern
steigt ein Duft
zum bleichen Mond,
da sein trunkener Strahl
der weißen Blüte,
der scheuen Schwester
bebenden Knospe,
sich herabgeneigt.

Und es strömt das Blut,
strömet sanft
dir aus den Wangen,
des Lebens Wärme fließt
aus deinen hellen Armen,
wehenden Zweigen,
die sich schon ganz vermählt
dem Wind der Dunkelheit,
strömet sanft
mit jedem Atemzug.

Wie von lichten Tropfen
fällt ein Klang
in einer Seele Schacht,
die dort lange, lange schlief,
und als gälten Rufe ihr
von fernen Sonnenauen,
aufwärts blickt
in die dunkelblaue Wölbung
ihrer ewigen Nacht.

 

Aug 11 20

Das alte Grauen

Das alte Grauen quillt und schwillt,
die Lebenswasser stocken,
der Glanz des Schönen ward verhüllt,
uns nähren Aschenflocken.

Was uns der grüne Tag genannt
im Schwung von Blütenkronen,
ist ganz in stummen Fels gebannt,
ins Starren von Dämonen.

Was wir der blauen Nacht geweiht
im Dankesspruch beim Weine,
ist wie die Inschrift zugeschneit
auf morschen Grabes Steine.

Das alte Grauen ist erwacht,
der Fluch der Eumeniden,
Gezücht der Erde und der Nacht,
uns ist kein Heil hienieden.

 

Aug 10 20

Wir gingen lange schweigend

Wir gingen lange schweigend, aus den Schilfen
kam uns des frühen Lebens Schauer an.
Und erste Blicke zuckten unter Grases
Wimpern, tropfend löste sich der Bann.

Wie aus des Flusses aufgeschäumten Wirbeln
ertönte deines Mundes heller Klang,
wie die auf Wellen schwingt, die weiße Knospe,
umhüllte Anmut deinen leichten Gang.

Ich aber zog dich fort von seufzenden Moosen,
dem Tränenglanz auf Dämmers grünem Samt,
bergan in herbe Düfte zwischen Reben,
wo sie der hohe Strahl zu Gold entflammt.

Dort sahen wir durchs Schattenspiel der Ranken
ins Blaue blitzen Stromes Silberband,
wir saßen lange schweigend, bis seine Veilchen
der Mond ins Haar der stillen Erde wand.

 

Aug 9 20

Traumgezwitscher

Schmelz der Schwermut, rosa Glimmer.
Feuchte Ranken windergeben,
bleichem Mond geweihte Tropfen.
Blaues Dämmern wilder Reben.

Traumgezwitscher schwanker Nester.
Die der Erde Schoß entquollen,
Seufzer, scheuer Hauch der Gräser.
Tränen, die ins Dunkel rollen.

Leiser, immer leiser rauschen
Wasser, die das Gold der Sage
zu den Schattenufern bringen.
Lieder, Glück der frühen Tage.

 

Aug 8 20

Ins Dunkel sinkt der Blütenschaum

Und hat der Wind davongetragen
aus deinem Haar den Sonnenflaum,
es bleibet uns nichts mehr zu sagen,
ins Dunkel sinkt der Blütenschaum.

Uns rufen goldene Abendstrahlen,
verlorene Stimmen in den Grund,
sie künden uns vom Quell der Qualen,
der Erde schmerzbetautem Mund.

Wir standen auf den lichten Höhen
und schauten auf des Wassers Glanz,
wir müssen zu den Ufern gehen,
zu flechten Abschieds schönen Kranz.

Wir winden ihn aus grünen Zweigen,
erglühtem Mohn und Veilchen bang,
wir wollen auf den Strom uns neigen
und lauschen: Fern verseufzt der Sang.

 

Aug 7 20

Wie flüchtig ist die Spur des Lebens

Die Inschrift ist schon fast verwittert,
der Efeu, der sie wild umrankt,
er ist noch grün und glänzt von Feuchte,
wenn deine Tränen längst versiegten.

Wie flüchtig ist die Spur des Lebens,
die zarten Risse weichen Schnees,
und hat auch Seufzen sie geschrieben,
sie schmelzen mit dem jungen Strahl.

Das leere Ich ist wie auf Spiegeln
ein blinder Hauch des warmen Munds,
ein Wasser, das im Dunkel rieselt,
und wird es hell, ist alles still.

Ein Lied, von einem Kind, das fiebert,
im Halbschlaf vor sich hin gelallt,
wie eines Vogels leises Schluchzen
verliert es sich im Schilf der Nacht.

 

Aug 6 20

Begriffsspiele

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die einen Toren sagen, Kunst sei, was man dafür hält, die anderen, das Geschlecht könne man wählen. Oder sind es dieselben?

Die Empfehlung, das bessere Argument gelten zu lassen, ist selbst kein Argument.

Argumentieren ist eine Art Spiel; wir können den Unwilligen nicht zwingen, mitzuspielen.

Das beste Argument schwebt in der Luft, in der freien Luft des Spieles.

Die Statistik oder die größere Anzahl ist kein Argument und bietet keinen objektiven Grund dafür, einen Begriff, einen Maßstab oder eine Handlung zu empfehlen.

So und so viele machen dies, so und so viele machen jenes; daraus läßt sich nichts folgern und daraus folgt nichts.

Etwas in einer bestimmten Beleuchtung zu sehen, heißt nicht, es verzerrt zu sehen, sondern diesen Aspekt deutlicher, jenen Aspekt verschwommener.

Es gibt nicht die einzigartige universale Beleuchtung, in der wir alles richtig, scharf und deutlich sehen.

Auf dem Hügel stehend übersehen wir die Felder, Wiesen, Auen; auf dem Berggipfel stehend sehen wir auf den Hügel herab, auf dem wir kürzlich standen; die Felder, Wiesen und Auen dagegen verblassen in der Ferne.

Ich gehe nicht im Park spazieren, weil ich aufgrund wissenschaftlicher Studien über die gesundheitsförderlichen Aspekte von Spaziergängen mich zu diesem Tun entschieden habe; ich gehe spazieren, weil es mir gefällt, weil ich es will.

Ich entscheide mich nicht dafür, einem Freund die Treue zu halten oder für ein Kind Verantwortung zu übernehmen, weil mir die biologische Theorie erklärt, wie mir aufgrund intimer Nähe gewisse Hormone Bindungsgefühle aufdrängen.

Ich muß meine Überzeugung, Gras sei grün, nicht aufgrund der Tatsache revidieren, daß die physikalische Theorie von farblosen Entitäten handelt.

Aus der Möglichkeit, optischen Täuschungen aufzusitzen oder von einem bösen Dämon hinters Licht geführt zu werden, die Wahrscheinlichkeit zu folgern, daß wir uns in einer visuellen Scheinwelt oder trügerischen Traumwelt aufhalten, ist ein Fehlschluß.

Die Möglichkeit des Falschen ist eine Implikation des Begriffs des Richtigen und Wahren.

Wir können mit Figuren aus Holz oder Elfenbein korrekt nach den Regeln Schach spielen; aber wenn wir die Bauern wegnehmen, spielen wir ein anderes Spiel.

Wir können das Spiel des Begründens spielen; aber dies Spiel können wir in seinem Rahmen nicht wieder begründen.

Das kulturelle Erbe ist ein strukturell anderer Begriff als der biologische des genetischen Erbes.

Das kulturelle Erbe unterliegt anderen Gesetzen als den wissenschaftlichen der genetischen Theorie.

Wesentliche Begriffe enthalten einen biologischen Kern, wie der Begriff der Liebe, der im familiären Umfeld der elterlichen Fürsorge um die Nachkommenschaft entspringt und gedeiht.

In der Tat, wenn wir den biologischen Kern zerstören und den Acker der Familie, auf dem der Begriff gedieh, verwüsten, erlischt allmählich auch seine Anwendung im übertragenen Sinne.

Dennoch ist der Zusammenhang natürlicher oder naturkundlicher Begriffe wie der biologische der Sexualität und der animalischen Brutpflege mit kultürlichen oder werthaltigen Begriffen wie dem Begriff der Liebe alles andere als evident.

Wir sprechen mit guten Gründen von Erbkrankheiten oder vererbten Dispositionen zu Erkrankungen wie Psychosen, doch wenn wir von genetisch bedingten und statistisch auffälligen Abweichungen im Sexualverhalten als Perversionen sprechen, wie es Freud tut, können wir unseren naturkundlichen Studien keinen wertneutralen Begriff von Sexualität unterstellen. Hier vermengt Freud wissenschaftliche Befunde und werthaltige Deutungen.

Ist der genetisch homophil Veranlage pervers, weil er die Bedingung normaler Sexualität, durch Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle eine lebensfähige Zygote hervorzubringen, nicht erfüllt? Aber er kann sie qua biologischer Voraussetzung nicht erfüllen.

Der Hinweis auf die Tatsache, daß das Menschengeschlecht unterginge, wäre die statistische Mehrheit der Menschen nicht mit der genetischen Neigung zu heterosexueller Vereinigung ausgestattet, ist allerdings ein Scheinargument, denn sie setzt die Wahrheit des Satzes voraus, die Existenz und Weiterexistenz der Menschheit sei besser als ihre Nichtexistenz und ihr Untergang. Die Eigenart des Wortes „besser“ verhüllt den Wechsel im Begriffsspiel, der hier vonstattenging.

Die biblische Offenbarung ist in dieser Hinsicht eindeutig; ihr gemäß gilt der Satz, es sei besser, der Mensch existiere, als daß er nicht existiere oder untergehe, aus dem guten Grund, daß er dem Wort oder Befehl Gottes entspricht, der sie als Mann und Weib nach seinem Bilde schuf und ihnen befahl, zu wachsen und sich zu vermehren.

Hier wird offenkundig, daß es sich bei der Eigenart des Wortes „besser“ um einen Tatbestand jenseits aller Vernunft und wissenschaftlichen Rationalität handelt.

Nur wenn wir in diesem geoffenbarten oder übervernünftig geglaubten Sinne die Existenz und Weiterexistenz der Menschheit für besser als ihre Nichtexistenz und ihren Untergang ansehen, hat die scheinbar wissenschaftliche Rede Freuds von den sexuellen Abweichungen wie Homosexualität, Fetischismus, Masochismus als Perversionen Bedeutsamkeit und Relevanz.

Mann und Frau als biologische Typen des sexuellen Dimorphismus verkörpern zugleich natürliche Realitäten und seelisch-kulturelle Werte. Wer die natürlich gegebene und kulturell bedeutsame Differenz leugnet, plädiert für eine scheinbar vielfältige, in Wahrheit und im Ergebnis sterile, unfruchtbare und monotone Lebenswelt und nimmt den natürlichen und kulturellen Tod seiner Herkunftsgruppe in den Kauf.

Die natürliche und kulturell bedeutsame Geschlechterdifferenz zu diskreditieren, einzuebnen, zu neutralisieren, zeugt von einem geschwächten, degenerierten Überlebenswillen.

Der Vater ist nicht nur der Erzeuger und Samenspender, sondern derjenige, der die Familie hütet und dem Nachwuchs den lichten Horizont der Zukunft eröffnet. Der Begriff des Patriarchats bezieht seine Bedeutsamkeit aus dieser kulturellen Funktion.

Wir befinden uns in jeweils anderen begrifflichen Kontexten, wenn wir den natürlichen Begriff des Samenspenders und den kulturellen des Vaters verwenden.

Die abendländische Kultur ist von ihren Anfängen bei den Griechen patriarchalisch, wie es sich im Triumph der olympischen Götter über die Götter der Unterwelt widerspiegelt.

Doch umfaßt der Lebenstag Licht und Dunkel, die Ekstase bunten Erblühens und das Grauen der Dämmerung.

Der hebräische Gott ist kein Vatergott, denn er hat nicht gezeugt, im Gegensatz zum christlichen, denn Christus ist der Sohn.

Wenn wir mit Goethe gegen die Anmaßungen der Physikalisten und Naturalisten an der farbigen Welt festhalten, können wir über Farben nicht nur als optische, sondern auch als ästhetische und sittlich wirksame Phänomene sprechen.

Goethes begriff von Natur ist kein naturwissenschaftlicher Begriff.

Wesentliche Antworten gehen notwendigerweise den Fragen voraus.

Wir wechseln die Bühne, Szenerie und Beleuchtung, wenn wir von demjenigen reden, was wir sehen, messen und gewichten, und den Maßstaben, die wir bei unserer Beobachtung, Messung und Gewichtung anlegen.

Den Maßstab, mit dem wir die Länge messen, haben wir axiomatisch festgelegt. Das Urmeter hat selbst keine Länge, sondern zeigt uns, was wir darunter verstehen.

Wir sprechen anders vom farbigen Licht, anders von einem bunten oder monochromen Stil.

Wir können statt Elle und Fuß den präzisen Maßstab des Meters festlegen. Aber wir können nicht alle Maßstäbe zugleich in Frage stellen.

Wir können uns fragen, ob wir uns wirklich vor einem Jahr mit unserem Freund im Park getroffen haben. Aber wir können nicht an unserer eigenen Existenz zweifeln.

Von der eigenen Nichtexistenz zu reden verstrickt uns unmittelbar in Paradoxien.

Die Möglichkeit, im eigenen Namen zu sprechen, oder die semantische Funktion der ersten Person ist die transzendentale Bedingung dafür, an beliebigen Begriffsspielen teilzunehmen, ja neue vorzuschlagen und zu erproben.

Wir bestimmen die Farbe eines Tuchs anhand das Farbmusters, das wir an es anlegen. Wir bedürfen keiner Vorstellung oder Idee, um das richtige Tuch mit der richtigen Farbe aus einem ungeordneten Haufen von Tüchern herauszufinden, wenn wir über das geeignete Farbmuster verfügen.

Wir sagen, das ausgewählte Tuch exemplifiziere die Farbe des Farbmusters.

Zwei verschiedenfarbige Tücher miteinander zu vergleichen ist etwas anderes als ein Tuch mit einem Farbmuster zu vergleichen.

Wir können zwei Dramen des Sophokles miteinander vergleichen, zum Beispiel in Hinsicht auf die dramatische Rolle des Chors; aber es handelt sich um ein anderes Begriffsspiel, wenn wir das Drama „Ödipus Rex“ als Musterdrama akzeptieren, und andere Dramen desselben Autors oder anderer Tragödiendichter an diesem Muster und Maßstab messen.

Wenn wir in der ägyptischen Wüste einen Pergamentfetzen mit einem Gedichtfragment finden, in dessen verstümmelten Zeilen einige Silben in einer Anordnung folgen, die wir den Metren der Sappho zuordnen können, ja darüber hinaus eine für diese Dichterin charakteristische Verwendung von Blumennamen oder die Erwähnung eines Eigennamens einer Person finden, die uns aus dem gesicherten Vorrat der Sappho zugeschriebenen Werke bekannt ist, können wir mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß es sich um das Fragment einer echten sapphischen Ode handelt.

Alles philologische Detailwissen über Sapphos Werke muß uns als Maßstab dafür dienen, die Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei dem unbekannten Fund um ein Fragment eines Sappho-Gedichtes handelt, zu erwägen, zu begründen oder abzuweisen.

Wenn wir Zeilen lesen, die eine fiktive Person in eigenem Namen zu einer anderen Person äußert, die ihrerseits in eigenem Namen darauf antwortet, kurz wenn es sich um einen Dialog handelt, der nicht die Aufzeichnung eines realen Gesprächs darstellt, können wir mit einiger Sicherheit vermuten, daß er einen Auszug eines Dramas und die Vorlage einer Theaterszene darstellt. Wir bestimmen ein solches Kunstding als Drama, weil wir es an das Muster und den Maßstab all der Dramen anlegen, die wir kennen.

Wir können uns irren, beispielsweise, wenn wir feststellen müssen, daß der Dialog eine Passage innerhalb eines beschreibenden und erzählenden Rahmenwerks darstellt, wie wir es in den Homer zugeschriebenen Epen finden.

Wir erkennen das Typische anhand von Mustern, die oft als Kontraste oder Supplemente angeordnet sind, wie die Gestaltschemata von Hund und Katze, Kind und Greis, Blume und Stein, hierzu gehören auch die typischen Körperschemata von Mann und Frau.

Wir erkennen ein Gesicht am abstrakten Gesichtsschema, den Gesichtsausdruck von Freude, Wut oder Ekel an konkreten Ausdrucksmerkmalen.

Der natürliche Geschlechtsdimorphismus von Mann und Frau ist der biologische Kern und das natürliche Muster der ästhetischen Werte von Anmut und Würde.

 

Aug 5 20

Ins Uferlose laß uns gleiten

O laß uns auf des Wassers Weiten,
von einem Schwan der weiße Flaum,
von seinem Lied der goldne Schaum,
ins Uferlose laß uns gleiten.

Laß uns ans Blau des Himmels schmiegen,
im Zwitschern eines Lerchenpaars,
im schwarzen Augenglanz des Maars,
ins Tal der Heimat laß uns fliegen.

O laß uns in der Sappho Hainen,
wo ihre Verse wiegt der Wind,
vom Schmerzensduft des Abends blind,
mit weichen Veilchen laß uns weinen.

 

Aug 4 20

Norm und Perversion

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wäre wie in der frühen Christenheit Keuschheit und sexuelle Askese das höchste Ideal, könnte der Widersacher keinen moralischen Stich mit dem Argument machen, würden es alle beherzigen, stürbe die Menschheit aus. – Denn daß es die Menschheit geben soll, läßt sich nicht aus der Tatsache ableiten, daß es sie gibt.

Die Existenz einer Sache ist kein Argument, weder für sie noch gegen sie.

Der Biologe definiert Sexualität als Verhalten, das im darwinistisch günstigen Fall zur Vereinigung von männlichen und weiblichen Gonaden, von Samenzellen und Eizellen führt. – Gott aber, so sagt es die biblische Offenbarung, schuf sie nach seinem Bilde, als Mann und Weib erschuf er sie und trug ihnen auf: „Wachset und mehret euch!“

Wenn Sexualität ein natürliches Verlangen darstellt, ist es nicht töricht, sie zum moralischen Ideal zu erheben? – Doch weshalb sollten moralische Gebote ihr Kriterium an der Tatsache finden, daß wir sie nur widerstrebend erfüllen?

Wer wie Sigmund Freud zu wissen glaubt, daß gewisse natürliche Verhaltensneigungen, wie die sexuelle Anziehung zwischen Mann und Frau, zugleich eine Norm begründen, muß die davon abweichenden Neigungen wie Homosexualität, Sadismus, Masochismus oder Fetischismus folgerichtig als Perversionen betrachten.

Und Freud tut genau dies; doch kann er Perversionen nicht als Naturwissenschaftler diagnostizieren: Der seriöse Biologe kann ja nur statistische Aussagen treffen, nämlich, daß die Mehrheit der Mitglieder der menschlichen Spezies heterosexuelle Neigungen aufweist und eine Minderheit davon abweichende. Freud kann von abweichenden Neigungen als Perversionen nur als Psychiater reden, dem ein gewisses Ideal seelischer Gesundheit und Krankheit vorschwebt.

Ist aber seelische Krankheit nicht ein Symptom körperlicher Krankheit, wie die Psychose ein Symptom degenerativer Veränderungen des Gehirns?

Von einem Dementen erwarten wir nicht, daß er ein gegebenes Versprechen hält. Wir betrachten ihn in dieser Hinsicht nicht (mehr) als moralische Person. – Der Mörder, der seine Tat unter dem Einfluß eines psychotischen Verfolgungswahns begangen hat, wird strafrechtlich nicht belangt.

Der Unterschied von Mensch und Tier läßt sich auch so fassen, daß wir Tiere nicht als moralische Personen gelten lassen, die ein Versprechen einlösen oder brechen, einen Mord begehen oder verhüten, sich für eine Untat schämen oder sie wiedergutmachen oder sie mit fadenscheinigen Gründen bemänteln.

Mord ist kein natürliches Vorkommnis, moralische Personen sind keine natürlichen Personen.

Das Tier unterscheidet sich vom Menschen darin, daß es weder Verbrechen begehen noch geisteskrank werden kann.

Der Ehebrecher scheint aus dem Schneider zu sein, wenn seine Frau ihm den Seitensprung nicht verargt oder ihn mit gleicher Münze heimzahlt; der Straftatbestand des versuchten Mordes bleibt bestehen, auch wenn der Betroffene in christlicher Demut dem Schurken die Tat verzeiht.

Der Unterschied von Mensch und Tier läßt sich auch so fassen, daß wir Tiere nicht als natürliche Personen gelten lassen, deren seltsames Gebaren und Verhalten wir als Folge einer seelischen oder geistigen Erkrankung erklären.

Der vereinsamte alte Mann wird unwirsch, herrisch, aggressiv; das Verhalten des Schoßhündchens, das zu knurren beginnt und bissig wird, werden wir nicht als Symptom einer Neurose erklären.

Wie Nietzsche markig zu behaupten, alle unsere moralischen Begriffe würden hinfällig, wenn man den Gott des mosaischen Gesetzes vom Thron stößt, ist ähnlich begrifflich konfus und töricht, wie zu sagen, eigentlich lebten wir in einer farblosen und gestaltlosen Welt, denn die Weise, wie wir die Welt sehen, nämlich farbig und perspektivisch, sei nur die Folge unserer zufälligen subjektiven Beschaffenheit.

Die Röte der Rose ist genauso ein echter Bestandteil unserer Welt wie ihr Duft und ihre Schönheit oder die Tatsache, daß sie jemanden als Geschenk eines Freundes erfreut.

Wir können sagen, daß diese Rose rot ist, ohne uns über ihr Sein an sich zu betrügen, denn dieses ist eine Chimäre.

Nichts verpflichtet uns, irgendwelche Theorien der Naturwissenschaft, ob der Physik oder der Evolutionsbiologie, als unabdingbare Muster unseres Alltagsverständnisses zu übernehmen.

Ich gehe nicht als Mitglied der Spezies Homo sapiens spazieren, sondern als der Mensch dieses Namens mit dieser Biographie.

Wir können sagen, daß uns diese Tat für einen Mord gilt, ohne uns darum zu scheren, daß sie im Tierreich, dem Stamm X oder unter Robotern keinen Gegenbegriff hat.

Freud ist insofern begrifflich konfus, als er naturkundliche oder statistische Begriffe wie abweichendes Verhalten mit normativen Begriffen wie Perversion und Geisteskrankheit vermengt.

Wir legen eine Tonskala, ob tonal oder atonal, zugrunde und betrachten sie als Muster, das eine gegebene Komposition erfüllt oder nicht erfüllt.

Wir sagen, dieses Gedicht sieht so aus wie ein Sonett, ist aber keines, weil es das Muster, zwischen den Quartetten und Terzetten eine gedankliche und metaphorische Linie einzuziehen, nicht erfüllt.

Wir lassen es als Entschuldigung gelten, wenn unser Freund die Tatsache, grußlos an uns vorübergegangen zu sein, mit einer momentanen geistigen Abwesenheit erklärt; nicht aber, wenn der Schreiber des scheinbaren Sonetts uns den Pfusch mit seiner momentanen Zerstreuung zu erklären trachtet.

Es gibt keinen Begriff von Kunst ohne normative Implikationen; wenn wir darunter auch bloß eine Menge von Mustern verstehen und kein universal gültiges Ideal.

Wir erheben die Natur unserer Sexualität, verstanden als natürliches Verlangen nach Zeugung und Nachkommenschaft, zur Norm, wenn wir (etwa im Sinne Platons) Fruchtbarkeit als kulturelles Kriterium ansetzen und kulturell höherstufiges Verhalten kulturell unfruchtbarem, destruktivem und selbstzerstörerischem gegenüberstellen.

Wer ist dieses Wir, das die Natur zum normativen Muster erhebt? Nun, eine Elite, ein Volk, eine Kulturnation wie die Griechen, die Römer, die Franken.

Die Einsicht, daß Norm und Perversion begrifflich unauflöslich verflochten sind, ist so grausam und herrlich wie die Einsicht in die Todumfangenheit des Lebens.

Die Reduktion von fruchtbarer Sexualität oder produktivem Tun auf rein selbstbezügliche Erotik oder dem, was Kierkegaard die ästhetische Existenzform nennt, wäre in diesem Sinne eine Grundform von Perversion.

Wie wir die Dinge nicht ohne Farbe, Gestalt und Perspektive wahrnehmen können, so keine moralisch relevante Handlung und kein Kunstwerk, ohne sie an Wertmaßstäben und Mustern zu messen und zu gewichten.

Wir können uns im eigentlichen Sinn im Traum nicht verrechnen, denn auch die scheinbar angewandten Rechenregeln sind Bestandteil des Traums; geträumte oder bloß vorgestellte Regeln und Muster aber sind gar keine Regeln und Muster.

Der denkwürdige Vergleich der Hervorbringung des Kunstwerks mit dem sexuellen Akt, Zeugung und Schwangerschaft: das notwendige Dunkel, die Ungewißheit, die Nacht der Tragezeit; die Qualen der Geburt; die Freude über das Werk, wenn es das Licht der Welt erblickt, es sei denn, es war eine Eintagsfliege, eine Fehlgeburt oder eine Mißgeburt.

Daß einer mit einem Kunstwerk schwanger geht, läßt sich füglich nur vom Manne sagen.

Die kulturellen Relativisten sind ähnlich begrifflich konfus und bedeutungsblind wie die amoralischen Naturalisten. Die Naturalisten sagen, Farben und Werte seien Illusionen, die eigentliche Welt der physikalischen Dinge sei farblos und jenseits aller visuellen (und anderer ästhetischer) und moralischer Qualitäten. Die kulturellen Relativisten sagen, ästhetische und moralische Werte seien subjektive Zutaten zu dem Kuchen unseres Hier- und Soseins, der an sich nach nichts und daher jedem anders schmecke.

Kein Begriff von Fehler ohne Muster korrekten Verhaltens, kein Begriff von Perversion ohne normative Muster. Wenn wir den Begriff des Fehlers oder die Möglichkeit, Fehler und Fehlschlüsse zu machen, streichen, wird alles Rechnen, Argumentieren, Urteilen sinnlos. Wenn wir den Begriff der Perversion oder die Möglichkeit, moralische Fehler und Untaten zu begehen, streichen, wird alles Handeln, Rechtfertigen, Bewerten sinnlos.

Sokrates nahm an, gedankliche und moralische Fehler beruhten auf Geistesschwäche, der Unfähigkeit zur Einsicht in ein universal gültiges oder ideales Muster; doch bedürfen wir keiner allgemeinen Idee des Guten, um spontane Gewißheit darüber zu erlangen, daß unser Tun von Übel ist. Darüber hinaus ist sein Irrtum umso bedenklicher, als er den Hang zur Perversion oder der Herabwürdigung normativer Muster, ob ästhetischer oder moralischer Provenienz, als mentale Schwäche verkennt; er erweist sich indes als eine dämonische Macht, welche die biblische Offenbarung mit dem Bild von der Ursünde erhellt.

Dies scheint das Eigentümliche an der dämonischen Macht der Perversion, ob sexueller, ästhetischer oder moralischer Natur: Sie bezieht ein Großteil ihrer Energien und Antriebe gleichsam aus der Polemik oder dem Krieg gegen die normativen Muster des Feindes (der Mutter, des Vaters, der Familie, kurz des Patriarchats, der Schönheit, der liebenden Sorge, des Anstands). Ihre Exzesse der Obszönität, der Verhäßlichung und Degradierung werden von den medialen Voyeuren gierig aufgesogen und als Sprach- und Bilderbrei unter allgemeinem Applaus wieder erbrochen.

 

Aug 4 20

Letzter Strahl

Mögen Tropfen süßen Lichtes
auf dein Haupt herniederzittern,
schließt sich auch der Sonnengarten
hinter blauen Schattengittern.

Mag das Zwielicht grüner Wellen
noch dein Angesicht umfließen,
wenn die Blüten auf den Teichen
ihre hellen Fächer schließen.

Mögen Seufzer deine Lippen
noch mit mildem Glanz befeuchten,
wenn der Veilchen blaue Augen,
weil sie weinen, weicher leuchten.

Wankt der letzte Strahl voll Bangen,
Lichtes letzte Fäden fliegen,
wollen Hand in Hand wir harren,
Herz an Herz im Dunkel liegen.

 

Aug 3 20

Geh mit mir hinab

Geh mit mir hinab die Dämmerpfade,
immer fernen Wassers Glitzern nach,
Blattes Rieseln immer nur im Ohre,
wird der krumme Weg auch nicht mehr grade.

Ist mir nur dein leiser Sang Geleite,
schimmert mir dein Auge noch im Dunkel,
brennt mich zärtlicher die Dankesträne,
ahn ich zwischen Schatten Sternenweite.

Betten wir uns abseits unterm Moose,
wenn die Nacht mit ihrem Eulenflügel
über unsre bange Stirne streift,
weißer Mond, neig dich, o letzte Rose.

Herz an Herz verrinnt des Blutes Klage,
und kein kühler Tau, der uns erweckt,
wenn im Tal die Morgenglocken tönen
und im Fluß wogt Gold von alter Sage.

 

Aug 2 20

Erloschen

Des hohen Geistes Sonne ist erloschen,
was noch in dieses Tales Dämmer schwelt,
ist Fäulnis morscher Hölzer, morscher Seelen,
lepröser Schorf, der an den Worten klebt.

Die Flamme, die sich Hochsinn weiterreichte
von Kelch zu Kelch, mit goldnem Laub umkränzt,
des kalten Aberwitzes trunkner Unhold
hat in der Jauchegrube sie erstickt.

In diesem Tale hängt der Kranz der Jahre
an einem rostigen Nagel, und wechselt nicht
der ausgedörrten Sprache Blatt die Farbe,
blutlose Zunge röchelt in toter Luft.

Und neigt sich nieder Mondes Grabesblume,
ist es, als glömmen manchmal Tränen auf
an nächtlichen Grases scheu erzitterter Wimper,
was aber rinnt, ist unfruchtbarer Tau.

 

Jul 31 20

Das tote Wort

Wie eine Mücke starr liegt auf dem Blatt,
scheint tot das Wort, das golden-grün gefunkelt,
und wär ein Hauch, der jene krabbeln macht,
ist keiner, der das tote Wort erweckte.

Und ist der trockne Kiesel blaß und matt,
ein frisches Lebenswasser läßt ihn schillern,
einmal verblichnes Wort, so schwer es wog,
schenkt keines Gottes Atem Glanz und Farbe.

Mit seinen morschen Adern ohne Blut
flammt herbstlich auf das Laub im Abendstrahle,
der Mund, der seinen Abschiedsgruß gelallt,
ein welkes Blatt schwimmt er auf Lethes Wellen.

Die späte Traube, bereift von Winternacht,
glüht purpurn Freunden in den schönen Schalen,
das wie vergessne Frucht vom Baume fiel,
das süße Lied fault unter stummen Schatten.

 

Jul 31 20

Wir tasten fühllos

Die Kruste auf der Haut des Sinns
vermag kein Öl, kein Spruch zu lösen,
den Star in trüber Augen Grund,
kein Dorn des Lichtes will ihn stechen.

Wir tasten fühllos volle Frucht.
Die uns an Wimpern glänzten, Tränen,
sie schluckte Staub, den unwirsch wir
und eilig uns vom Fuße streifen.

Auf glattem Teint der Schönen sieht
der hohe Geist lepröse Flecken,
in eines klugen Schwätzers Hirn
Gewürm den Nerv der Liebe nagen.

Und was wie graue Traube starrt
in einem Weinberg ohne Erben,
erblaut nicht unterm Tau der Nacht.
Wo sind die Schauer, die uns weckten?

Uns singt kein Quell der Katharsis
für ungeweihten Lebens Schwären,
und keines Heilands Mund hat Hauch,
worin die toten Aschen stäubten.

 

Jul 30 20

In uns die Ströme

Wie sich in uns die Ströme erben, Ströme
fremder Quellen, von Traumgestrüpp verhüllt,
die unter fremden Sonnen glänzten, Knospen
mit sich reißend, Muscheln, Wappen, Kronen,
und führten Schlamm, Gebein und Totenkränze,
des hellen Tages gurgelnd Wahngeschlinge,
und hat der Wind sich müd gestöhnt im Schilf,
trank Gold an ihren Ufern Abend still,
die Silberflosse tunkte ein der Mond.
Wir wissen nicht, ob sie in Blütenbuchten,
ob durch Morast sie, Täler grünen Schlafs
ins Meer gemündet, versickert sind im Karst.
Und was die Wellen sangen, Sagen schäumte
der Ruderschlag vergangner Völker, Schrei
und Fluch der Opfer, deren Blut sie färbten,
in unseren Adern ist es noch nicht ganz
verstummt. Denn manchmal dringt in unsres Traumes
Fenster ein Duft versunkner Gärten, die einst
an ihren Wassern grünten, geisterhaftes
Zwitschern eines Vogels, dessen Nest
in ihrem Rohr geschwebt, und manchmal stockt
der Atem uns, und ritzt der Dorn der Rose
unsern Schlaf, wenn jählings unter uns
der alten Ströme morsche Ufer brechen.

 

Jul 29 20

Gespenster der Stadt

Gespenster gehen durch die Einkaufsstraßen,
in prallen Taschen tragen sie den Tod,
ihr Bildnis zittert in den Fensterscheiben,
doch auf dem erznen Schild des Engels nicht.

Ihr Träumen reißt, ein fahles Zwielicht-Flackern,
in kalte Zahlenströme das Gesicht,
in ihres Lächelns papierner Jahrmarktblüte
schwirrt sich die blaue Abort-Mücke müd.

Und was sie reden, rinnt wie schwere Tropfen
von Blatt zu Blatt herab auf stummes Moos,
und wenn sie lieben, welkt an ihren Seufzern
von Kuß zu Kuß der Glanz von stillen Rosen.

Der Überdruß verklebt die starren Wimpern,
vertaner Blicke unfruchtbares Licht,
ins Wüste zucken ihre Gesten, Quallen,
die irren Muskels Krampf ins Grauen peitscht.

 

Jul 28 20

Aristide Maillol

Dir rankten weicher Linien des Lebens
um tauend runde Frucht der Weiblichkeit,
wenn um getunkten Fuß die Woge lächelt,
sich Locken knoten um den Wirbel Luft,
gespreizte Finger Hauches Säume heben,
das Fleisch sich bäumt zum Schauer-Kuß hinan,
und niederquillt das Haar in grünen Schaum.
Die Nacktheit ward dir Gipfelglanz und Schatten-
schlucht, worin ein Quell zum Monde singt,
die Flechten lösten Nymphen deinem Mund.
Die süßen Duftes in den Garten stieg
aus tiefem Mythenblau des Altertumes,
und Blumenseufzer fälteln ihr Gewand,
Wind-Lippen, die hellen Schlafes Wasser necken,
hielt dir, die Göttin, Samen hin und Früchte.
Du hast den runden Bronzeklang des Lichts
aus schluchzendem Geschling des Sonnenmeeres
mit lauschenden Fingern in den Leib gebannt.
Du bogst des Hauptes schwere Schmerzensknospe
nieder auf den stummen Schoß, die Nacht.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Aristide_Maillol#/media/Datei:Aristide_Maillol_(1861%E2%80%931944)_Bildhauer_Maler_Grafiker._Bronze._Friedhof_am_H%C3%B6rnli,_Basel._(3).jpg

 



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