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Apr 16 20

Reste

Lieblich schauernd Ranken,
von blindem Tau beweint,
schwermutsüß Gedanken,
da mir dein Bild erscheint.

Trunkenes Mückenweben,
von Sonnendunst getränkt,
unerfülltes Leben,
wenn alte Sehnsucht kränkt.

Kind, es fängt den Schimmer,
geglückten bunten Schaum,
und ich schaue immer
das Blau im leeren Raum.

Goldnen Sommers Feste,
als mich dein Anblick hob,
auf dem Gras die Reste,
die grauer Wind zerstob.

 

Apr 15 20

Auswege

Wenn Früchte grauen ohne Feuchten,
das Gerank im Staub vergreist,
was macht die Seele leuchten?
– Liedes Tau und Flammengeist.

Wenn schwüle Dünste schläfernd lecken,
ein Alb verzerrt ihm das Gesicht,
wer mag den Träumer wecken?
– Nachtigall und Lilienlicht.

Und irren wir durch Schatten-Schneisen,
Verlorene im Dornenhag,
wer mag den Weg uns weisen?
– Schwalbenflug und Lerchenschlag.

Verrinnen zagender die Tropfen
in des Erinnerns Trümmergrus,
was macht das Blut uns klopfen?
– Lächelns Licht und Liebeskuß.

 

Apr 15 20

Der blasse Sang

Von Chrysanthemen, die schon sinken,
von Nelken nur ein graues Licht,
im Grabesgrün verschneites Winken,
so kühl und rein glänzt uns Verzicht.

Und wenn den Teppich wir betreten,
von leisem Schmerz beflocktes Moos,
quillt aus dem Blütennebel Beten
und Odem aus dem Blumenschoß.

Wie Monde tauchen deine Augen
in meiner Augen trübes Naß,
und Lippen, die nach Wärme saugen,
sie finden meine Lippen blaß.

 

Apr 15 20

Wie Lerchen tun

Willst du wie Lerchen tun
auf Liedes Fittich ruhn?

Den Schaum der Stille teilen,
mit mir im Blauen weilen?

Und deines Schwebens Flaum
fühlt meinen Atem kaum.

Magst schluchzend du mich heben
in flaumenbanges Beben?

Weht uns Verlornen schon
des Abendlichtes Mohn?

Sinkt Nacht ins Sternenlose,
glüh deines Liedes Rose!

 

Apr 14 20

Wie edle Katzen

Wie edle Katzen, bunt gefleckt, wir sprangen
durch Flammenringe von Gewittern,
nun beben wir gefangen
vor Schatten-Gittern.

Wie Möwen, die durch blaue Gischten flattern,
hat uns der eigne Schrei entzückt,
und hocken jetzt auf Gattern,
fast ungeschickt.

Einst Falter, die an goldenem Staub sich letzen,
wenn eins im Hauch des andern trudelt,
hier kleben wir in Netzen,
von Scham besudelt.

 

Apr 14 20

Brosche, die ins Wasser fiel

Der durch der Nächte Rankenspiel
geschimmert, Klang aus goldnem Horn.
Und beugte Seufzen dich nach vorn,
die Brosche, die ins Wasser fiel.

Der Hund, der sein Herrchen von der Türe zieht,
weil noch ein karges Moos verlockt.
Die Liebe, die dunklem Rausch entflieht,
wenn ihr der zarte Atem stockt.

Und der auf grauem Pflaster treibt,
verstummten Sanges weißer Flaum.
Was von den hohen Festen bleibt,
der fade Dunst im leeren Raum.

Was leise von den Zweigen tropft,
das matte Gold des späten Lichts.
Was dumpf aufs Gras der Dämmerung klopft,
die dunkle Süße des Verzichts.

 

Apr 14 20

Wipo, Ostersequenz

Victimae paschali
laudes immolent Christiani.

Agnus redemit oves;
Christus innocens Patri
Reconciliavit peccatores.

Mors et vita duello
conflixere mirando;
Dux vitae mortuus
Regnat vivus.

Dic nobis, Maria: Quid vidisti in via?
Sepulchrum Christi viventis
Et gloriam vidi resurgentis,

Angelicos testes,
sudarium et vestes.
Surrexit Christus spes mea;
Praecedet suos in Galilaeam.

Credendum est magis soli Mariae veraci
Quam Judaeorum turbae fallaci.

Scimus Christum surrexisse a mortuis vere.
Tu nobis, victor rex, miserere! (Amen. Alleluia.)

 

Dem Osterlamme sollen
Christen Hymnen zollen.

Das Lamm hat die Schafe erlöst.
Der ohne Sünde ist, Christus hat
die Sünder mit dem Vater versöhnt.

Tod und Leben kämpften vereint
einen seltsamen Streit.
Des Lebens Fürst war tot,
als Herrscher lebt er fort.

Uns, Maria, sage:
Was sahst du an dem Tage?
Christi Grab, des lebendigen, ich fand.
Die Gloria dessen, der auferstand.

Engel, die es künden,
das Schweißtuch und die Binden.
Christus, meine Hoffnung, ist erstanden.
Den Seinen voraus will er nach Galiläa wandeln.

Maria muß mehr man glauben, die nicht lügt,
als der Juden Menge, die betrügt.

Wir wissen, Christ stieg wahrhaft aus dem Grab.
Send, Sieger-König, dein Erbarmen uns herab. (Amen. Halleluja.)

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=vQ8zVV9G310
https://www.youtube.com/watch?v=PmC-asXxatQ

 

Apr 13 20

Die Fülle

Aus Wunden flicht den Strahlenkranz,
dem Knospen aus dem Dunkel bluten,
und Fülle atmet um ihn ganz,
wehn aus dem Schmerz der Rose Gluten.

Wer Dank aus schlichten Schalen gießt,
in blauer Nacht gereifte Trauben,
ein Lied, das Abendlicht umfließt,
das Grün, umgurrt von Ringeltauben.

Und weiche Stille wolkenlos,
da unsre Seelen sanfter streifen,
als schritten wir auf holdem Moos
durch Gärten, wo Sinnbilder reifen.

Auf letzter Stufe hohen Danks
sind Tropfen Lichts auf uns gefallen,
durchs Rauschen blumigen Geranks
blaut ferne uns der Buchten Wallen.

 

Apr 13 20

Der Heimat Spiegelbild

Wir dringen atemlos durch Schatten
und ritzen uns am Dorn,
schon will der Liebe Herz ermatten,
versiegen Glaubens Born.

Da öffnen schauernd sich die Hecken
wie unter blauem Wind
vor Blüten, die ihr Leuchten recken,
als ob sie Heimat sind.

Und uns, schon Seelen, die verglimmen,
blickt an ein Spiegelbild
auf grünen Wassers Schild,
Gesichter, die im Gold verschwimmen.

 

Apr 12 20

Wenn Worte bellen

Sie lieben es, wenn Worte bellen,
Plakate kläffen, sie beglückt,
was wedelnd sich ans Schienbein drückt,
betört Gestank aus krausen Fellen.

Vertiert vom Lärmen der Maschinen,
ward ihnen Sinn im Schreckensknall,
Gedankenflug im Überschall,
und stumm der trunkne Flor der Bienen.

Der im Getriebe weint um Stille,
den Dichter halten sie für blöd,
das Radio ganz aufgedreht,
hofft jeder, daß es ihn niederbrülle.

Erfinder glänzend, geistlich stupide,
hat deutscher Geist sich selbst kastriert,
in Babels heißem Toben friert
den Dichter, Reif stäubt ihm vom Liede.

 

Apr 12 20

Die Not

Wer fühlte noch in Weihe-Räumen
die Klarheit und den reinen Sinn,
der lichten Leere Zugewinn,
und Engel den Altar umsäumen?

Wir suchten immerfort den einen,
um den, er weiß es selber nicht,
wie Aureole weht ein Licht,
auch unser Tiefstes zu bescheinen.

Wir wünschten, daß wie die Oblate
er wahren Wortes trocknes Brot
zur Wegzehr reichte unsrer Not –
sonst stürzen wir vom Zwielicht-Grate.

Doch geistlos dämmern alle Stätten,
nicht rauscht mehr der Propheten Bart,
und alles schreit nach wilder Fahrt,
als könnte sie der Abgrund retten.

 

Apr 11 20

Spät im Jahr

Ward Frost ihr auch zum Fluch
und Blattes Leuchten fand sein Grab,
die Rose hat geblüht und gab
Erinnerungen Wohlgeruch.

Es blinkt durch Rauch und kranken Dunst,
was zarter Fühler einst gestreift
und Sommers milde Glut gereift,
der vollen Früchte süße Gunst.

Doch auf zerwühlten Laken liegst
ermattet du und merkest nicht,
in Zweigen rinnt das späte Licht,
kein Strahl schäumt auf, in dem du siegst.

 

Apr 11 20

Frühlingslied

Wie zarter Schatten Ranken
unterm blauen Wehen
von entzückten Höhen
erzittern die Gedanken.

Und die wie Kinder schliefen
bei den Lichtkristallen,
Laute hörst du lallen,
den Schnee ins Grüne triefen.

Die Dämmerung umsponnen,
Wangen, trostlos fahlen,
wollen Küsse malen
den Purpur neuer Sonnen.

O wolle gleich der Rose
öffnen Knospenfülle,
weicher Seele Stille,
daß Liedes Tau dich kose.

 

Apr 10 20

Weißes Laken Schweigen

Die Erde stäubt aus weißen Schneisen
in einen Himmel ohne Blau.
Mondsichel, scharfes kaltes Eisen,
von Träumen mähend den Verhau.

Die müd ich ließ, des Zagens Stapfen,
sind bald von frischem Schneien blind,
und Hoffen ist wie blaue Zapfen,
wo Glanz von grauen Tropfen rinnt.

Und keines Liedes lichter Flügel
hebt mir den Geist, im Eis erstarrt,
hoch über weißen Grabes Hügel,
wo eine Seele meiner harrt.

So mag mich denn das Schweigen hüllen,
das leichte Laken weiß und rein,
wie Blüten, die mit Leuchten füllen
das Dunkel und das Einsamsein.

 

Apr 10 20

Stiller Seelen kleiner Rest

Daß Menschenwüsten wir verlassen,
wo die Sonne Satans gleißt,
bleicher Mond sei unser Geist,
auf schwarzen Wassern zu verblassen.

Der Flammen Singen hat getrogen,
Todes schrilles Gauklerfest,
stiller Seelen kleiner Rest,
hat Edens Duft uns angezogen.

O schwämmen wir auf grünen Teichen,
Knospen, schön und weiß und rein,
Blicken öffnend sich allein,
die wehe Tropfen Taus erweichen.

 

Apr 9 20

Soll ich die müde Kammer schließen?

Was hingekniete Anmut meinte,
in Versen hat es meine Hand
in leiser Gesten Glanz gebannt,
am Ufer schöpfend, was Nacht weinte.

Auch Blüten sammelnd in der Schale
und Abendtaues Opferwein,
erhellte ich des Dulders Pein,
benetzte Stirn und Wundenmale.

Soll ich die müde Kammer schließen,
wo noch der Lilie Flehen steigt,
da sich mein Sternbild abwärts neigt,
den hellen Schaum ins Dunkel gießen?

 

Apr 8 20

Unter blauen Mondes Dunst

Rosen glühen auf Terrassen
unter blauen Mondes Dunst,
ungeküßte Wangen blassen,
Tränen schenkt die milde Kunst.

Tränen glänzen auf den Wangen,
wie auf Rosen scheu der Tau,
Falters Fühler mag ihn fangen
oder schmelzen Himmelsblau.

Freude hat noch ärmlich Leben,
weht aus Sommergärten Hauch,
schimmert Lust an dunklen Reben,
Danken schäumt im Wein ihm auch.

 

Apr 7 20

Veilchenlicht

Schimmert auf den Winterauen
fahlen Mondes Einsamkeit,
Sonnenknospe liegt verschneit,
tönt kein Lied, sie aufzutauen.

Und nun seufzen weiche Wellen
azurtrunknen Veilchenlichts,
aus der weißen Leere sprichtʼs,
Tropfen, süßer Silben Quellen,

rinnen in den Vers der Moose,
küssen aus dem Schlaf den Reim,
und ein weher Duft kehrt heim.
Weckten sie das Herz der Rose?

 

Apr 6 20

Der Abglanz des Vollkommenen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Es ist unsinnig zu behaupten, die Amsel habe den rechten Ton nicht getroffen, sie habe sich versungen.

Einer stimmt ein Lied an, der Freund fährt ohne zu zögern fort. Würde er mit einem anderen Lied fortsetzen, sähen wir seine Reaktion als unangemessen oder doch befremdlich an.

Wir unterscheiden das spontane und natürliche Verhalten vom konventionellen Gebaren und künstlerischen Ausdruck anhand des Kriteriums der Normativität und Korrigierbarkeit.

Der Rechner spuckt immer wieder einen Fehlbetrag bei einer Addition aus; wir sagen, seine algorithmische Funktion ist gestört. Doch macht er keinen Fehler in dem Sinne, wie wir einen Fehler machen, wenn wir uns verrechnen; verrechnen wir uns, können wir uns auf unser Fehlverhalten besinnen und es korrigieren, nicht so der Rechner.

Das Eichhörnchen hat die Stelle vergessen, wo es eine Nuß vergraben hat, und gräbt vergebens an einer Stelle, wo keine versteckt ist. Es könnte sich nicht in dem Sinne darüber ärgern oder beunruhigt, gar beschämt sein wie ein Kind, das eine schöne Murmel vergraben hat und nicht wiederfindet. Das Kind sieht sich mit den ernsten Augen eines anderen, eines Freundes beispielsweise, vor denen es sich seines Versagens schämt, hatte es doch im Sinn, sie ihm zu zeigen oder zu schenken.

Das Tier, das sich nicht mit den Augen anderer sieht, ist gleichsam niemand; wir sind eben aus diesem Grunde jemand.

Wir nennen den Gesang der Nachtigall schön; doch hören wir den Naturlaut so, als ob es sich um ein Kunstlied handelte.

Die Nachtigall muß ihr Lied nicht einstudieren und proben; wir üben das Kunstlied so lange ein, bis wir oder der fachkundige Hörer den Eindruck haben, daß unser Vortrag richtig, stimmig, gut ist.

Anders als laut und leise, hoch und tief, weich und rauh, hell und dunkel sind richtig, stimmig und gut keine natürlichen Prädikate.

Finden wir auch kein absolutes Kriterium dafür, was ein Ding zu unserem Gebrauch, eine Handlung zu unseren Zwecken, eine Lebensform zu unserer Erfüllung gut macht, wissen wir doch, das scharfe Messer ist besser als das schartige, sich um der Verabredung willen zu sputen besser als zu trödeln, sich um Freundschaft zu bemühen besser als Feindschaft zu säen.

Das Leben der Tiere erscheint uns auf dem Hintergrund unserer Fehlbarkeit wie in sich gegründet und unversehrt.

Der Hahn auf dem Mist kann nicht glauben, ein großer Sänger zu sein, wir können unser Leben verfehlen, indem wir etwas zu sein glauben, was wir nicht sind.

Im Angesicht oder im Abglanz des Vollkommenen, den große Musik wie die Mozarts oder Bruckners im rechten Augenblicke uns gewährt, ahnen wir etwas vom Glück, das sein Maß nicht mehr an animalischer Sättigung hat.

Der Duft der Rose wirkt auf uns betörend nicht wie auf den Instinkt des Insekts, sondern weil er uns Erinnerungen an ein namenloses Glück erweckt.

Wir markieren den Unterschied zwischen Aufforderung und Frage in der Schriftform mittels Ausrufe- und Fragezeichen; und bei der mündlichen Verlautbarung den Unterschied zwischen „Gehen wir spazieren!“ und „Gehen wir spazieren?“ mittels Senken und Heben der Stimme. Wir erzeugen bei gleichbleibender syntaktischer und semantischer Satzstruktur einen gravierenden Unterschied der Bedeutung demnach durch Mittel, die weder syntaktisch noch semantisch signifikant sind.

Der Kristall leuchtet uns im Abglanz des Vollkommenen in dem Maße, wie wir in ihm die Idee der perfekten Ordnung erblicken.

Der zierliche Bau der Muschel, der wollüstige Rhythmus der Meduse, die zärtlichen Kadenzen der Regentropfen auf dem Blechdach, unter dem wir Unterschlupf fanden, sie scheinen uns unübertrefflich in ihrer Harmonie, Pracht und Distinktion, und ihnen gilt unsere Bewunderung, doch sie bleibt kalt gegen unsere Liebe für das schlichte Ornament der alten Vase, die uns die Großmutter vererbt hat, unsere Hingerissenheit angesichts des anmutigen Ganges der Geliebten, wenn sie sich unbeobachtet wähnt, und den Liebreiz der Erinnerung an das kleine Lied, das wir ehedem aus Kindermund von einem Garten eines südlichen Städtchens herüberwehen hörten, dessen Namen wir längst vergessen haben.

Wie am staubigen, matten Kiesel das Leben bunter Adern spricht, rinnt ein wenig Wasser über ihn hin; so auch wir, auch unsere Seele, wenn einer sanften Gnade Wasser das eingetrocknete Blatt ihres Mundes benetzt.

Wie der Bergkristall in den Schründen der Dämmerung funkelt, so der Kristall des Worts in der Nacht der Passion.

Die im alten Strom versanken, der Kindheit fromme Glocken, tönen, dunkle Sirenen, wider uns im Traum.

Sind die Trauben für der Erquickung Gesang schon reif? Und welcher Meister mag sie keltern? Das Dunkel, in dem ein solcher Most noch gären mag, es wartet im Verlies unsrer Herzen.

Weshalb das inständige Bemühen um die sapphische Ode bis hin zu Klopstock und Hölderlin? Aus Sehnsucht nach dem Lied, das uns für immer verloren ist.

Sind noch Blüten, sie zu streuen vorm Nahen des Heiligen?

Glossen zu einem ungeschriebenen Text.

Als sein Drang zur Mitteilung versiegte, sagte er en passant das eine und andere Wahre.

Man geht nicht mit vollem Magen zum Gastmahl.

Nicht lebensgierig sich sättigen, sondern abschiedswillig den wahren Durst empfinden.

Wir sind zum Ufer nicht gelangt, niedergesunken in Nacht hören in der Ferne wir das Rauschen.

Konnten das Gute wir nicht finden, eiferten doch dem Besseren wir nach.

Als fehlte, wie dem Auge der Glanz der Träne, die letzte Zeile zur Vollendung.

Erst ist es nur wie das dumpfe Knien vor dem Allerheiligsten, dann allmählich, wenn die Knie schmerzen, wird seine Gegenwart fühlbarer.

Wenn alles versinkt, bleibt nur das Leuchten der Wunden am Kreuz der Nacht.

Vor dem Morast: „Welch ein großer Mime muß mit mir die Bühne verlassen!“ – Auf der Schwelle: „Wir müssen dem Asklepios noch ein Huhn opfern!“ – Erhöht: „Es ist vollbracht!“

Erst entbehrt man den Kuß, dann wie die allmählich verkrustende Wunde der Erinnerung, den Schmerz.

 

Apr 5 20

Und keine Knospe scheint

Will keine Knospe Glanz mehr trinken,
von unsren Augen Tau,
und keines Blickes Blau
uns aus des Grames Dickicht winken?

Einst hörten wir, wie ferne Quellen
uns riefen durch die Nacht,
aus dumpfem Traum erwacht
betraten wir des Mooses Schwellen.

Wir schritten unterm Wehn von Zweigen,
ein süß und banger Hauch,
in Morgens goldnen Rauch,
uns vor des Lichts Monstranz zu neigen.

Und die zum Wahren uns beriefen,
die Wasser trugen mild
der Schwäne trunknes Bild,
daß friedlich wir am Ufer schliefen.

Die wir nun dunkel liegen müssen,
und keine Knospe scheint,
die Träne still geweint
will niemand uns vom Lide küssen.

 

Apr 4 20

Die Lehre der Seuche

Wär die Seuche doch die Geißel Gottes,
lautes, freches, schamloses Wort in eklen
Schlünden zu ersticken, die Luft zu rauben,
Odem reinen Sinns, verlognen Lungen,
offenbarte sie den Schmerz der Wahrheit,
daß die Nähe trügt, verhülltes Antlitz
unentstellt der Augen jähes Glimmen
läßt vom Grinsen eines schiefen Mundes.
Daß sie Scham und Schweigens Würde lehrte,
Seltenheit des rein gesprochnen Wortes.
Doch sie kuschen wie geschlagne Hunde
nur vor einem dunklen Herrn und Meister,
der ein dumpfes Schmachten wie ein Gärtner
siechen Trieb von hohen Reben schneidet.
Wie in Hunden, die am Pflocke zerren,
lauert innerlich die Wut verschluckten Bellens,
welche sie ihr Recht auf Ausdruck heißen,
Indezenz, die sie für Freiheit halten.
O des Stillstands trügerische Gnade,
Fluß, der sich am hohen Felsen staut und
kaum erstarrt zu schwarzem Teiche, daß wohl
Schwanenfedern darauf leuchten könnten,
schon sich Fugen leckt mit geiler Zunge,
um ins Wilde wieder auszuschäumen.
Daß die Steppe käme, Sand sich häufte,
geisterhaft verwehte goldene Körner,
auf den Treppen, die ins Leere führen,
blauer Azur über Wüsten die Zimmer
überschwämme, wo sie sinnlos warten,
dunkle Zeit verseufzen, einsam sterben.
Daß ich Wölfe heulen hörte in Vorgärten
und Schakale auf verwaisten Plätzen
bitter winseln, unterm Monde Geier
flattern und blutig ein Verwestes rupfen,
ich Altäre sähe überwuchert von wilden
Rosen, Engel in den Nischen lächeln,
weil durch offne Fenster Schwalben fliegen,
über schwebender Monstranz die Lilie
aber trunken sich im Abschied neigen.

 

Apr 4 20

Der Kristall des Wortes schmilzt

Der Kristall des Wortes,
der im Morgenrot geblitzt,
schmilzt unter hohen Mittags Blick,
und ein Hauch steigt auf
ins stumme Blau.

Seele, die wie Wasser rinnt,
tropft von Zweigen Licht,
ruht, ein schwarzer Teich,
unterm Fels der Nacht,
wo Mondes volle Knospe schwebt.

Wie das Klopfen heißer Hämmer
an die bronzene Glocke des Ruhms
in Abends blaue Auen ebbt,
verzischt die Schmiede Herz,
wenn Traum und grüne Flut
die Esse löscht.

Wo ein blutiger Schnabel rupfte,
liegen weiße Federn,
und schneit es in der Nacht,
verblaßt der Schmerz
wie unter Flocken Flaum.

 

Apr 3 20

Tau von leisen Liedern

Wenn zwischen Wolkenhügeln
Purpurtöne rinnen
aus jenen Wunden,
die kein Menschenaug erschaut,
wär Hand in Hand
im hohen Grase liegen
gut.

Lange sind wir hergewandert,
die Stirn von Sommerglut verbrannt,
wie reife Frucht zerkocht das Herz,
von Schnee bedeckt der Locke Gold.

Erst gingen wir am Fluß entlang,
und mit ihm strömte uns das Lied.

Wir mußten aber zwischen Dornen
höher steigen
taumelnd auf gewundnem Pfad,
gepreßtem Atem opfern
manches liebe Wort.

Süßes Blut von wilden Beeren,
unter Schatten uns
in Schlafes Kelch geflossen,
versöhnte mit dem Schweigen,
und der schweigender uns überglomm,
der volle Mond.

Dann tauchten wir in Kreuzes Dunkel,
und sahen fern im Tal den Schimmer
in den Fenstern heimatlich,
Tränen haben ihn gelöscht.

Blieb uns kein Wort mehr,
es wie Brot zu brechen,
Tau von leisen Liedern
netzte uns
der Seele trocknen Mund.

 

Apr 2 20

William Butler Yeats, Sailing to Byzantium

That is no country for old men. The young
In one another’s arms, birds in the trees
– Those dying generations – at their song,
The salmon‐falls, the mackerel‐crowded seas,
Fish, flesh, or fowl, commend all summer long
Whatever is begotten, born, and dies.
Caught in that sensual music all neglect
Monuments of unageing intellect.

An aged man is but a paltry thing,
A tattered coat upon a stick, unless
Soul clap its hands and sing, and louder sing
For every tatter in its mortal dress,
Nor is there singing school but studying
Monuments of its own magnificence;
And therefore I have sailed the seas and come
To the holy city of Byzantium.

O sages standing in God’s holy fire
As in the gold mosaic of a wall,
Come from the holy fire, perne in a gyre,
And be the singing‐masters of my soul.
Consume my heart away; sick with desire
And fastened to a dying animal
It knows not what it is; and gather me
Into the artifice of eternity.

Once out of nature I shall never take
My bodily form from any natural thing,
But such a form as Grecian goldsmiths make
Of hammered gold and gold enamelling
To keep a drowsy Emperor awake;
Or set upon a golden bough to sing
To lords and ladies of Byzantium
Of what is past, or passing, or to come.

 

Meefahrt nach Byzantium

Hier können alte Männer nicht mehr leben.
Jugend, Arm in Arm, Vögel in den Zweigen
beim Gesang, dem Tode schon ergeben,
Lachs-Sprung, Meere voll Makrelen-Reigen,
Fisch, Fleisch, Geflügel loben Sommers Streben
in allen Samen, sich vom Schoß dem Tod zu neigen.
Im Sinnenklang gefangen sind alle taub
für Zeichen, daß der Geist nicht Alters Raub.

Ein Greis ist ja ein Ding schon ganz zerschlissen,
ein Fetzen am Stock, es sei denn, in die Hände
klatscht die Seele und singt, singt hingerissen
um jedes Loch, das sie im Sterbenskleide fände,
und keine Schule singt, sie wirbeln nur beflissen
aus alten Schmökern Staub vergangner Größe.
Deshalb fuhr über Meere ich ringsum
und kam zur heiligen Stadt Byzantium.

O Weise, stehend in Gottes heiligem Feuer,
wie auf goldenem Mosaik der Mauern,
kommt vom heiligen Feuer, Spule sausend ungeheuer,
seid Gesanges Lehrer meiner Seele.
Brennt aus mein Herz, es stinkt von Triebes Eiter,
will nur beim Tiere, das verendet, kauern.
Es weiß nicht, was es ist; entraffet mich der Zeit
in hoher Künste Werk zur Ewigkeit.

Ich will, einmal Naturgewalt entkommen,
keinen Körper mir aus groben Stoffen geben,
nein einen, wie sie in Hellasʼ Schmieden glommen,
sie hämmerten Gold, mit Email es zu verweben,
daß ein Kaiser aufsah, schon benommen,
oder ließen auf goldenem Zweig ein Singen schweben,
daß den Herren und Damen aus Byzantium,
was war, was ist, was kommt, nicht bliebe stumm.

 

Apr 2 20

Hermann der Lahme, Salve Regina

Salve, Regina, mater misericordiae,
vita, dulcedo, et spes nostra, salve.
Ad te clamamus exsules filii Evae.
Ad te suspiramus,
gementes et flentes in hac lacrimarum valle.
Eia, ergo, advocata nostra,
illos tuos misericordes oculos ad nos converte.
Et Jesum, benedictum fructum ventris tui,
nobis post hoc exsilium ostende.
O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria. Amen.

 

Gegrüßet seist du, Königin, Mutter des Erbarmens,
Leben, Liebreiz, Hoffnung uns, sei gegrüßt.
Zu dir rufen wir Kinder Evas im Exil,
zu dir hin seufzen wir,
die da trauern und weinen in diesem Tal der Tränen.
Wohlan denn, unsre Fürsprecherin,
schau auf uns mit deinen gütigen Augen.
Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes,
ihn zeige uns am Ausgang dieses Elends.
O milde, o selige, o süße Jungfrau Maria. Amen.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=hobhMYO-xnk

 

Apr 1 20

Giuseppe Ungaretti, Finale

Più non muggisce, non sussurra il mare,
il mare.

Senza i sogni, incolore campo è il mare,
il mare.

Fa pietà anche il mare,
il mare.

Muovono nuvole irriflesse il mare,
il mare.

A fiumi tristi cedè il letto il mare,
il mare.

Morto è anche lui, vedi, il mare,
il mare.

 

Finale

Nicht brüllt mehr, nicht flüstert das Meer,
das Meer.

Ohne Traum ist farblose Flur das Meer,
das Meer.

Es heischt auch Erbarmen das Meer,
das Meer.

Wolken ohne Glanz bewegen das Meer,
das Meer.

Traurige Flüsse ließ in sein Bett das Meer,
das Meer.

Tot ist ja, siehe, das Meer,
das Meer.

 

Apr 1 20

Nächtlicher rauschend

Wir aber blieben fast atemlos
zwischen trockenen Halmen
am Strom zurück,
der nächtlicher rauschend
mit sich riß die Blumen
der Erinnerung.

Das recht und schlecht zu Sagende
ging mit ihrem Duft dahin,
und kein Seufzer blieb
in Mondes blassem Schaum.

Ist uns weiter nichts
als wie erschöpftem Tier
im hohen Gras zu suchen
taubenetzten Schlaf?

Doch erhob sich zwischen uns,
Ranken, die sich durstig
umeinander schlingen
und nach großen Tropfen tasten,
das Zittern eines wilden Lichts,
wie Schwärmen heller Mücken
im Ginster sternenloser Nacht.

Ist wie hinter Dunkels Mauern
nicht ein leise Singendes?

Als hätte Stromes Lauf sich umgekehrt,
aus des Herzens Süden
ans erwachte Ufer
uns zu schwemmen
Blüten des Gesangs.

 

Mrz 31 20

Daß ich sagen dürfte

Daß dichte Kränze Epikurs
unsern Blick verhielten,
des Gartens Brunnenmund
und kleiner Vögel Traumgesang
das Seufzen übertäubten,
das von jenseits quillt!

Bliebe schön genannt die Rose,
ungeschmäht
vom Tau geküßt ihr Mund.

Überdunkelte
Efeus dunkles Flüstern
unsern Schmerz.

Daß ich sagen dürfte:
Ist der Iris Lippe weich,
weicher ist dein Mund,
duftender,
was er verschweigt.

Daß wir fühlten
Zweige höher rauschen,
überrauschen allen Schmerz!

Daß ich sagen dürfte:
Ist des Pfirsichs Wange sanft,
sanfter ist dein Lächeln,
köstlicher,
was es verspricht.

Daß Sapphos Veilchenlocken
einmal noch
beträufte Mondes Milch
und in Schlaf uns wiegte
schwesterlichen Tanzes Schritt.

Daß wir fühlten
halb verklungnen Liedes Atem
überschauern unsern Schmerz!

 

Mrz 30 20

Goldne Luft

Stromes weiches Wogen
flicht mit Blütenfunken
dir ums Haupt
Erinnerung.

Noch vernimmst im Schaum,
der glitzernd stäubt,
Seufzer du geliebter Toten.

Geh in Abschieds Frieden,
leise summend,
auf bemoostem Pfad,
der sich höher windet,
in die goldne Luft.

Und der Gärten blaue Blicke,
Hortensie verweint,
trunkner Iris Winken
und der Rose
feucht geküßte Lippen.

Duldsamkeit basaltner Stufen
hebt dich sacht
der späten Bläue zu,
und du steigst
eignen Atems stillen Steig hinan,
zart gewundne Treppe eigner Seele,
von lichtem Grün umseufzt.

Nun leg der Schwermut
grauen Kiesel
nieder unterm dunklen Kreuz,
mag ein sanfter Mond
ihm späten Schimmer leihen.

Auf der Höhe,
kommt ein leises Brausen
aus der Eichen Kraft,
schau mit reinen Augen
in der Kindheit Tal,
sag dem fernen Glanz
des Wassers, sag der Dächer
mattem Schiefer Dank.

Birg den Traum ins Gras,
wenn aus Purpurwellen
das Gebet der Glocken steigt.

 

Mrz 29 20

Abendlied

Sanften Glühens Lampen hängt
das Lied in abendblaue Zweige,
daß blassen Mundes Klage schweige,
bis er Friedenshauch empfängt.

Blicke hat die Finsternis,
die unserm Kummer Funken schenken,
wenn wir erloschner Glut gedenken,
Träne leuchtet uns gewiß.

War der Sonne Tagwerk schwer,
macht Liedes voller Mond uns schweben,
wie Traubenglanz an dunklen Reben,
und der Schmerzen Schrein ist leer.

 

Mrz 28 20

Stéphane Mallarmé, Le Cygne

Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui
Va-t-il nous déchirer avec un coup d’aile ivre
Ce lac dur oublié que hante sous le givre
Le transparent glacier des vols qui n’ont pas fui !

Un cygne d’autrefois se souvient que c’est lui
Magnifique mais qui sans espoir se délivre
Pour n’avoir pas chanté la région où vivre
Quand du stérile hiver a resplendi l’ennui.

Tout son col secouera cette blanche agonie
Par l’espace infligée à l’oiseau qui le nie,
Mais non l’horreur du sol où le plumage est pris.

Fantôme qu’à ce lieu son pur éclat assigne,
Il s’immobilise au songe froid de mépris
Que vêt parmi l’exil inutile le Cygne.

 

Der Schwan

Was rein und ewig schön uns tagt,
wird brechen uns mit trunknen Flügels Hiebe
den blinden harten See, den unterm Reif Geschiebe
lichten Eises quält von Flügen, denen Flucht versagt!

Ein Schwan von einst sinnt auf sein hohes Sein,
doch ganz vergebens will er aufwärtsschweben,
er sang ja nicht dem freien Feld zu leben,
als fader Geist war toten Winters Widerschein.

Er schüttelt ab vom Hals die weiße Agonie,
vom Raum dem Vogel auferlegt, der ihm sagt „Nie!“,
doch vorm Boden nicht das Graun, wo treibt der Flaum.

Gespenst, hierher wies ihm sein reiner Glanz die Bahn,
erstarrt in der Verachtung kaltem Traum,
im fruchtlosen Exil das Kleid dem Schwan.

 

Mrz 28 20

Der zerschellte Traum

Aus dem Abgrund der Stille
sind auf den schwarzen Samt der Nacht
blasse Malven ausgestreut.

Wie schmerzlich der Venus
glitzernder Nagel
den Nerv des Denkens ritzt!

Des Mondes trunkne Barke
schwebt einsam
durch das blaue All.

Wenn Morgenrotes Feuerwellen
über ihr zusammenschlagen,
ist unser Traum zerschellt.

 

Mrz 27 20

Robert de Montesquiou, Enfleurage

Au myosotis bleu qui mire dans les sources
Ses constellations de fleurettes d’azur,
Il emprunte la voix cristalline des courses
Que font sur les cailloux les ondes au coeur pur.

Aux pruniers il a pris leur âme japonaise,
Aux hortensias bleus leur pâle étrangeté ;
Aux tulipes leur pourpre, aux tournesols leur braise ;
Aux iris leur tristesse ; aux roses leur gaîté.

Et chaque soir, la fleur qui féconda la page,
Sentant mourir sa part d’éphémère beauté,
Se réjouit de voir, en nouvel équipage,
Refleurir en mes chants ce qui leur fut ôté.

 

Der Blumenduftdestillateur

Dem blauen Vergißmeinnicht, das in Quellen
die Sterngebinde aus azurnen Blüten sieht,
leiht das kristallne Rauschen er von Wellen,
das über reinen Herzens Kiesel zieht.

Die Seele Japans pflückte er von Pflaumenzweiges Blühen,
von blauen Hortensien den seltsam fahlen Schein,
von Tulpen Purpur, von Sonnenblumen Glühen,
von Iris Traurigkeit, von Rosen Fröhlichsein.

Die jeden Abend schenkte meinem Blatt die Pollen,
die Blume, fühlend, was an flüchtiger Schönheit mit ihr starb,
entzückt das Bild, wie mir aus frischen Schollen
an Versen wieder aufblüht, was an ihr verdarb.

 

Anmerkung:
Der Pariser Salonlöwe und Schriftsteller Robert de Montesquiou war die lebende Vorlage für die Figur des hochmütigen Wollüstlings Baron de Charlus in Marcel Prousts Romanwerk. Ob für ein Gedicht, wie das hier wiedergegebene und übersetzte, zutrifft, was der Erzähler Marcel über den fiktiven Baron äußert, er habe keine echten Werke hervorgebracht, sonst hätte er sich nicht, an den Felsen der Materie geschlagen, der Geißel der Lust preisgegeben, möge der kritische Geschmack des Lesers entscheiden.

 

Mrz 26 20

Das Grauen

War Hoffnung nicht, daß nun die Schrillen schweigen,
die Frechen sich verkriechen unter Betten,
von dort zu lauschen, wie Gespenster ächzen,
doch nicht vor Lust, vor Grauen vor sich selbst?
Nicht Hoffnung auch, es falle ab der Phallus
des Aufruhrs, den sie in Hadesfarben tunken,
in Schreies atonale Schöße stecken,
an Parasiten faulten Parasiten?
Ach, trüber Wunsch nach Parks gesäubert von
Geschwätz, von Pollen, den weißen nicht, die fruchten,
von giftigen Gedanken, die mit Seufzern,
mit grellem Lachen sich auf Blütennarben
der frommen Herzen schamlos niederlassen,
und bleiben sie auch unbestäubt von ihnen,
Betrübnis faßt sie doch wie keusches Welken.
Nun sitzen tote Masken auf den Bänken,
die blassen wie die roten Blütenwangen
der frühen Magnolien in der Dämmerung,
sie nicken nur, wenn wir vorübergehen,
als wüßten sie sich Weges letzte Wächter.
Und wo im lichten Grün sich Liebende
einander den Wein der sanften Blicke reichten,
ist nun der Abend blind von einem Abschied,
der Knospe schwer, die lautlos zur Erde fiel.
Und ist dies Grauen ja das alte wahre,
bloß deutlicher und greller angeleuchtet,
wie wenn des Schmerzensmannes alte Wunden
am Kreuze dort auf dunklem Anger wieder
erfrischt vom Regen dem Blick der hohen Sonne,
dem gnadenlosen, wild entgegenblühen.

 

Mrz 25 20

Vom Schweben

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die entscheidenden Dinge hängen in der Luft, oder, könnten wir sagen, sie schweben.

Die Logik kann man nicht auf außerlogische psychische oder reale Tatsache gründen; aus seelischen oder physischen Ereignissen folgt nichts.

Die Semantik oder die Bedeutung eines Zeichens kann man nicht auf seelische und reale Tatsachen gründen, die selbst keine Zeichen sind; mit der Hand winken ist nicht an sich ein Zeichen, sondern nur im Rahmen einer Konvention.

Die Ethik kann man nicht auf Aussagen über seelische und reale Tatsachen gründen, wenn sie nicht schon die Form der Aufforderung haben; jemanden zu töten ist nicht an sich verboten, sondern nur im Rahmen einer Konvention oder Kultur.

Die Ästhetik kann man nicht auf Aussagen über seelische und reale Tatsachen gründen, die nicht bereits mit Etiketten versehen sind, die wir als ein Ansinnen verstehen, unser Wohlgefallen oder Mißfallen kundzutun; Rosen duften nach Schönheit und Liebe nur im Kontext kultureller Überlieferung.

Wir finden keine systematisch abgeschlossenen Regelwerke, keine ein für allemal feststehenden Bedeutungen, keine universell gültigen Normen des Guten und Schönen, mit denen wir die Korrektheit, Sinnfälligkeit und Normativität all unserer Argumente, Aussagen und Handlungen ablesen oder ableiten könnten.

Wären wir nietzscheanische Ironiker oder freudianische Schelme, könnten wir vermuten, daß sich im absoluten Geltungsanspruch der platonischen Idee, im Ewigkeitsanspruch Fregescher Gedanken und Bedeutungen, in der Vorstellung von der göttlichen Offenbarung des Gesetzes und der Harmonie angelischer Chöre die Bodenlosigkeit und Fragilität, das Unheimliche und Schwebende aller menschlichen Dinge verraten.

Wir sagen, knallgelbe Socken bei einem feierlichen Empfang zu tragen, schicke sich nicht für den kleinen Beamten oder sei geschmacklos; das tiefe Dekolletee der Witwe bei der Trauerfeier erscheine uns ungehörig; wenn dagegen die Witwe, deren zweifelhafter Ruf Stadtgespräch ist, tief verschleiert am Grab des betrogenen Gatten steht, erblicken wir in solch einem übertriebenen Auftritt geradezu eine Parodie.

Urteile dieser Art, insbesondere Geschmacksurteile hinsichtlich ästhetischer Anmutungen und Werte, gründen in Konventionen und kulturellen Überlieferungen; wenn wir sie ohne zu zögern bekunden, bezeugen wir damit unsere Zugehörigkeit zu einer kulturellen Lebensform; doch diese kann durch solche Urteile nur manifestiert, nicht ihrerseits gerechtfertigt werden.

Dagegen könnte man folgendes zu bedenken geben: In unseren ästhetischen und moralischen Urteilen benutzen wir öfters gleichsam elementare, primitive oder natürliche Prädikate wie „hell“ und „dunkel“, „süß“ und „bitter“, „weich“ und „hart“ und sprechen metaphorisch plausibel von „heller Freude“, „dunklen Ahnungen“, „süßem Licht“, „bitterem Nachgeschmack“, „weichem Gemüt“ und „hartem Herzen“. Wir meinen, diese Begriffsbildungen und Bildfindungen seien nicht willkürlich und beliebig, sondern gründeten in unserer natürlichen Organisation als fühlende und empfindende Lebewesen, ja in gewissen natürlichen Tatsachen des Lebens überhaupt.

Wenn wir einen Blick auf die poetische Metaphorik nicht nur der deutschen, sondern vieler fremder Sprachen werfen, scheint uns ihre allgemeine Verbreitung in dieser Auffassung zu bestärken.

Daß Licht und Dunkel primitive Bezeichnungen unserer natürlichen Wahrnehmung darstellen und folglich die auf ihnen aufbauende Metaphorik universelle Resonanz haben muß, heißt ja: So und nicht anders leben und weben wir, so und nicht anders drücken wir aus, was uns im Tiefsten bewegt.

Primitive oder natürliche Prädikate, die bezeichnen, was uns bekömmlich, angenehm und zuträglich oder widerwärtig, ekelhaft und gefährlich erscheint, benutzen wir, um die Gründe und Motive dessen auszuloten und zu beschreiben, was wir begehren und verabscheuen, wollen und ablehnen.

Was für alle gut sein soll, muß ein fades, geschmackloses, wässriges Ideal sein; wie etwa, wenn wir köstlich nur nennten, was allen mundete und bekömmlich wäre – etwa Haferschleim.

Wir bemerken aber, daß manche ihren Geschmack verfeinern, wenige an sublimen Farb- und Formgebilden Gefallen finden, einzelne nur das absolute Gehör haben.

Quid placet Jovi, displicet bovi. Und umgekehrt.

Wenn alle sich mit allen darüber verständigen sollen, was für schön und häßlich, gut und schlecht gilt, müßten sie das sprachliche und geistige Niveau auf dasjenige des dümmsten, gröbsten Kleinbürgers, des radebrechenden Triebtäters und lallenden Kretins senken.

Dem geilen Affen kann man mit Botticellis Schönen nicht imponieren.

Der Triebtäter und der Kretin gähnen vor der Mona Lisa.

Satan scheint einen sublimen Geschmack zu haben, schleicht er doch nicht nur den prallen Nymphen, sondern auch den anmutigen Magdalenen und schüchternen Margareten nach.

Was heißt es, an jemanden (oder etwas) zu denken?

Wenn ich dich, da du so geistesabwesend wirkst, frage, woran du denkst, aber noch bevor du es mir zu sagen vermagst, der Wind das Fenster aufstößt, sodaß du es vor Schreck unterläßt, war es dann der Gedanke an deinen Freund Peter, den du mir genannt hättest, indem du gesagt hättest: „An meinen Freund Peter“?

Wenn wir an jemanden denken, müssen wir auch an etwas denken, was wir von ihm sagen könnten, wie „an meinen Freund Peter“, was ja bedeutet: „an Peter, meinen Freund“.

An Peter zu denken heißt nicht, eine Vorstellung oder ein Bild der Person „vor dem inneren Auge“ zu haben; denn ich könnte an Peter denken, wenn mir das Bild einer Landschaft einfällt, die ich mit ihm bereist habe.

Hätte Peter Hans, einen eineiigen Zwilling, zum Bruder, könnte ich durchaus an meinen Freund Peter denken, auch wenn ich sein Bild vor Augen hätte, das sich in nichts vom Bild seines Bruders unterscheidet.

Für Platon und Aristoteles wie für Frege ist der Gedanke etwas, was die sprachliche Form der Prädikation (anzunehmen) hat. – Ist an meine Mutter zu denken, kein Gedanke dieser Art, oder heißt an meine Mutter zu denken, sagen zu können: „Ich habe an die Frau gedacht, die mich geboren hat“?

Ich habe an Peter gedacht, wie ich mit ihm am Eifelmaar gewandert bin. – Doch es stellt sich heraus, daß ich damals die Wanderung mit Manfred unternommen habe. – Habe ich also nicht an Peter gedacht, sondern eigentlich an Manfred, und Peter hat sich in meinen Gedanken gestohlen?

Ich habe von jemandem geträumt, doch ich weiß nicht, ob es Peter war oder Manfred. – War der Gedanke also kein Traumgedanke, wie Freud ihn nennt?

Würden Gedanken wie durch Kondensation von Dunst entstehen, müßte scheint es mehr als ein Tropfen herauskommen.

Gleicht der Gedanke einem chemischen Stoff, der durch mehrere Verbindungen gesättigt werden kann? – Wie der Gedanke an Peter mehrere Erfüllungen zuläßt, wie daß er mein Freund ist, mit mir vorige Woche im Park spazierenging und mir heute eine E-Mail geschrieben hat.

Zu sagen, Peter sei das intentionale Objekt des Gedankens an meinen Freund, ist nur scheinbar eine Erklärung und beläßt den Gedanken in seiner mysteriösen Aura.

Wenn ich dir auf deine Frage, an wen ich gedacht habe, sage, an meinen Freund Peter, der mir eben eine E-Mail geschrieben hat, verfliegt der mentale Dunst, den wir nicht durchdringen, wenn wir vergebens auf ein inneres Bild oder eine Vorstellung verweisen, auf die wir Peter meinend zeigen.

Wir können, was wir den Gedanken oder Denken nennen, nicht durch Reflexion einholen oder begründen.

Das Modell der inneren Bilder ist ähnlich trügerisch wie dasjenige des Hauses oder des Baumes, die wir mehr oder weniger implizit und verstohlen an die Frage herantragen, wie wir begründen, was wir sagen und meinen. Als wäre der tiefere Grund dem Fundament ähnlich, auf dem das Haus steht, und die Bedeutung des Gesagten der Frucht, die wir vom Zweig pflücken und uns in aller Unschuld munden lassen können.

Aber das Haus der Sprache, in dem wir wohnen, schwebt gleichsam in der Luft, und der Baum des Sinns bringt bisweilen Früchte hervor, mit denen wie uns den Magen verderben.

 

Mrz 24 20

Jean Racine, Cantique

Verbe égal au Très-Haut, notre unique espérance
Jour éternel de la terre et des cieux
De la paisible nuit nous rompons le silence:
Divin Sauveur, jette sur nous les yeux

Répands sur nous le feu de ta grâce puissante;
Que tout l’enfer fuie au son de ta voix;
Dissipe le sommeil d’une âme languissante
Qui la conduit à l’oubli de tes lois!

Ô Christ! Sois favorable à ce peuple fidèle
Pour te bénir maintenant rassemblé;
Reçois les chants qu’il offre à ta gloire immortelle
Et de tes dons qu’il retourne comblé.

 

Wort, dem Höchsten gleich, auf das allein wir hoffen,
der Erde und des Himmels ewiger Tag,
die Friedensnacht steh unsrem Flehen offen:
daß, Retter-Gott, Dein Blick uns treffen mag!

Das hohe Feuer Deiner Gnade um uns breite,
damit die Hölle flieh, wenn Deine Stimme tönt,
der Schlaf der schlaffen Seele von ihr gleite,
der sie vergessen läßt, daß Dein Gesetz versöhnt!

O Christus, diesem Volk des Glaubens sei gewogen,
das wie aus einem Munde Dich hier preist,
die Hymnen hör, die Deinem ewigen Ruhme wogen,
so kehrn wir heim, erfüllt von Deinem Geist.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=umryo_Znn24

 

Mrz 23 20

Prophetisch

Wie bei Rosen sie sich eilen,
doch dem Unflat gilt ihr Weilen,
Sänger Wind, Betschwester Hauch!
Und im Flair der schönen Reichen
wittern wir Gestank von Leichen,
du Prophete und ich auch!

Große Worte, groß geschwungen,
schmecken faul nach faulen Zungen,
Frau Professor, Herr Kaplan!
Fetter Lügen ekle Schleime
parfümiert von edlem Reime,
Dichterling, mein lieber Schwan!

Samen ohne Sonnen, Früchte
ohne Kerne, Wahngezüchte,
Schwätzer Penis, Seufzer Schoß!
Die nicht reden, sondern dichten,
stehen unter Blitzgerichten,
ihr Verstummen noch ist groß!

 

Mrz 23 20

Wenn sich Blätter golden färben

Wenn sich Blätter golden färben
und des Waldhorns Rufe sterben,
küß ich dir vom Mund den Hauch.
Hör, noch sprühen späte Feuer,
Efeu rieselt am Gemäuer,
Unschuld hat die Bläue auch.

Wollen wir ein Bett uns suchen
unterm Rauschen hoher Buchen
und uns halten Hand in Hand.
Wenn die Herzen höher glimmen,
wollen wir ins Jenseits schwimmen
zu der Asphodelen Strand.

Winken dort nicht, die wir mißten,
die im Traume nur uns küßten,
Kinder einer sanften Lust?
Doch die Ufer sind versunken,
meines Liedes schwache Funken
wärmen dir nicht mehr die Brust.

 

Mrz 22 20

O die Blicke dunklen Lebens

O die Blicke dunklen Lebens
flehn nach Blumenlicht vergebens,
wenn die Kelche stürzt die Nacht.
Sterne sind, die von uns weichen,
Blüten, die auf Schalen bleichen,
grauser Gottheit dargebracht.

Wie der leere Blick der Hunde
sagt uns von des Lebens Wunde,
und wir nähren sie mit Trost.
Quellen, die den Gräsern singen,
können nicht den Sturm durchdringen
der in wüsten Herzen tost.

Würden deine Glieder Ranken,
die wie Schatten um mich schwanken,
ach, und deine Küsse Mohn.
Würden meine Wunden Rosen,
die wie Flammen um dich glosen,
blühten Liedes Dornen schon.

 

Mrz 22 20

Liebe ist im Dunkel da

Sind noch ferner Bilder Strahlen,
wenn die Blüten um uns fahlen
und der Blick vor Blicken sinkt?
Wird ein banges Glück uns rufen
zu den reinen Tempelstufen,
wo die Opferschale blinkt?

Daß der Liebsten wir gedenken,
wenn uns Dornen wild umschränken
und des Dunkels Wunde blüht.
Möge unser Herz aufsteigen,
ihr als klarer Stern sich zeigen,
der im Teich der Trübsal glüht.

Mag kein Gott uns Flügel geben,
daß wir durch die Fremde schweben,
Liebe macht die Ferne nah.
Wenn wir Herzens Docht entzünden,
soll das Lied der Flamme künden,
Liebe ist im Dunkel da.

 

Mrz 21 20

Nachsommer

Wenn sich Silberfäden ranken
um der Liebe Herbstgedanken,
tropft vom Laub ein goldner Tau.
Wandeln wir auf weichen Moosen,
wissend um erloschne Rosen
und den Schmerz der hohen Frau.

Schauen wir vom Sonnenhügel,
leise Worte haben Flügel,
und vom Sinn rinnt süßes Licht.
Schluchzend kommt der Quell zur Erde,
milde ist des Tods Gebärde,
Tränen lösen dein Gesicht.

Gehen wir auf stillen Pfaden,
unser Leid im Mond zu baden,
schaut uns an ein banges Reh.
Stehen wir in Kreuzes Schatten,
will der Treue Herz ermatten,
glänzt die Ferne uns wie Schnee.

 

Mrz 20 20

Alanus ab insulis, Omnis mundi creatura

Rosensequenz

Omnis mundi creatura
quasi liber et pictura
nobis est, et speculum.
Nostrae vitae, nostrae mortis,
nostri status, nostrae sortis
fidele signaculum.

Nostrum statum pingit rosa,
nostri status decens glosa,
nostrae vitae lectio.
Quae dum primo mane floret,
defloratus flos effloret
vespertino senio.

Ergo spirans flos exspirat
in pallorem dum delirat,
oriendo moriens.
Simul vetus et novella,
simul senex et puella
rosa marcet oriens.

Sic aetatis ver humanae
juventutis primo mane
reflorescit paululum.
Mane tamen hoc excludit
vitae vesper, dum concludit
vitale crepusculum.

Cujus decor dum perorat
ejus decus mox deflorat
aetas in qua defluit.
Fit flos fenum, gemma lutum,
homo cinis, dum tributum
homo morti tribuit.

Cujus vita cujus esse,
poena, labor et necesse
vitam morte claudere.
Sic mors vitam, risum luctus,
umbra diem, portum fluctus,
mane claudit vespere.

In nos primum dat insultum
poena mortis gerens vultum,
labor mortis histrio.
Nos proponit in laborem,
nos assumit in dolorem;
mortis est conclusio.

Ergo clausum sub hac lege,
statum tuum, homo, lege,
tuum esse respice.
Quid fuisti nasciturus;
quid sis praesens, quid futurus,
diligenter inspice.

Luge poenam, culpam plange,
motus fraena, factum frange,
pone supercilia.
Mentis rector et auriga
mentem rege, fluxus riga,
ne fluant in devia.

 

Aller Welten Kreaturen
finden wir mit bunten Spuren
in des Lebens großer Schrift.
Unser Leben, unser Sterben,
unser Wohlstand und Verderben
malt getreulich uns ihr Stift.

Wie wir blühen, zeigen Rosen,
was uns hebt, ihr hohes Glosen,
unsres Lebens Unterricht.
Blumen, die im Frührot sprießen,
müssen ihre Blüten schließen,
sinkt des Abends Dämmerlicht.

So muß Blumenduft verwehen,
blassend Lebenskraft vergehen,
und das Grab war schon der Schoß.
Mädchens Hand erfaßt die Alte,
daß sein warmes Herz erkalte,
Welken ist der Rose Los.

Frühling ist im Menschenleben
Jugendtagen nur gegeben,
kurz die Weile, die ihm winkt.
Denn der Morgen, er wird weichen,
Lebensabend macht erbleichen,
wenn die hohe Sonne sinkt.

Und die glänzend weithin prangen,
hält das Schicksal schon umfangen,
Flut, die alles mit sich reißt.
Flor wird Fäulnis, Knospe Kot,
Mensch zu Asche, wenn dem Tod
den Tribut er bar erweist.

Strafe ist das Leben, Mühsal
alles Sein, es schließt ja einmal
Lebens Pforte zu der Tod.
Tod tilgt Leben, Lachen Trauer,
Schatten Tage, Horte Schauer,
Morgenrot das Abendrot.

Strafe ist, was unserm Leben
Todes Grinsen hat gegeben,
Gaukler Tod trinkt unsern Schweiß.
Läßt von Früchten nur die Schalen,
zehrt uns auf in dunklen Qualen,
Tod ist allen Lebens Preis.

Unter dies Gesetz beschlossen
ist, o Mensch, was du genossen,
lies es, sieh, mehr hast du nicht.
Was du von Geburt gewesen,
was dir jetzt, was bald erlesen,
blick der Wahrheit ins Gesicht.

Weine über Schuld und Strafe,
laß das Treiben, lieber schlafe,
senk des Hochmuts dreisten Blick.
Der die Sternenbahnen zieht,
bann den Geist, der schäumend flieht,
halt vorm Abgrund ihn zurück.

 

Mrz 20 20

Zwielicht glänzt auf allen Zeichen

Zwielicht glänzt auf allen Zeichen,
einer Träne heller Mond
ist von dunklem Tod bewohnt.

Die beherzt die Hand sich reichen,
da im Gruß die Freude quillt,
sind von Sterbenslust erfüllt.

Die von Mund zu Mund sich schüren
Flamme, die von Herzen loht,
sehnen sich nach Liebestod.

Klopft ein Engel an die Türen,
sagt aus dunklen Zimmern bloß
Seufzen, daß die Furcht zu groß.

Schwäne, die auf Teichen gleiten,
sehen bange Seelen nicht,
Angst verschlingt der Anmut Licht.

O der Schönen weiches Schreiten,
auf bemoostem Sonnenpfad
knirscht des Schicksals Eisenrad.

Der du aus dem Süden bringest
mir des Liedes goldne Frucht,
Gottheit hat uns heimgesucht,

daß du mir vergebens singest,
von dem Hügel so entrückt
hör den Vers ich nur zerstückt.

 

Mrz 19 20

Wenn sich im blauen Abgrund lösen

Wenn sich im blauen Abgrund lösen
des Geistes Wolken, wird uns bang,
und aus der Tiefe strömt ein Sang,
wie Bach-Kantaten vor dem Bösen.

Geht wonnevoll in Satans Ohren
Geseufz gebrochner Blumen ein?
Kredenzt uns Tod der Verse Wein,
in dessen Dunkel er gegoren?

Es flutet über Traumes Grenzen
ein wilder Asphodelenduft,
es sinken, wenn das Dunkel ruft,
die Blicke und die Tränen glänzen.

 

Mrz 18 20

Terzinen aus der Ödnis

Verwaist sind nun die Wege, die Plätze öde,
der Schmerz hat ausgeseufzt, nur Schatten gehen,
nur Lallen eines Bettlers, blind und blöde.

Die sich in staubig-dumpfen Wirbeln drehen,
die Blätter wissen nichts von grünem Leuchten,
von Beeren, die um Flammengärung flehen.

Die Stimmen, die einst uns frohe Boten deuchten,
wenn schwirrend Winde bunte Flügel schwellten,
ersticken im Gemüt, dem wahnverseuchten.

Die uns den Feiertag mit Lust erhellten,
die Kerzen der Hortensien hat ausgeblasen
des Ahnen schiefer Mund aus Schreckenswelten.

Gesanges Bienen, tot auf totem Rasen.

 

Mrz 17 20

Auf Gedeih und Verderb

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Ausnahmesituation entblößt die Wahrheit des sozialen und individuellen Lebens.

Es müssen kurze Wege der Einsichtnahme und Entscheidung genommen werden, um der Gefahr zu begegnen; zauderndes Gerede, das auch noch Hinz und Kunz das Wort erteilt, kann sie vergrößern, der langatmige Diskurs tödlich sein.

Sicherheit ist schwankend wie das Schilfrohr, denn der Wind hebt an, wie die auf dem Wasser schwebende Rose, denn die Woge kommt.

In der Gefahr richtet sich wie im platonischen Staat die Politik nach den Maßgaben der Fachkundigen.

Die Partei- und Religionszugehörigkeit sinkt angesichts der Bedrohung zu einer quantité négligeable herab.

Die notwendige Beschneidung der Freizügigkeit enthüllt sie als Luxusgut einer saturierten Gesellschaft, die sich der Illusion der Sicherheit hingibt.

Man kommt auf ungeheuerliche Fragen zurück: Wer soll gerettet werden, die vitalen Jungen oder die moribunden Alten? Hätte das Leben in einem Getto ohne Kunst, Theater, Musik auf Dauer Sinn?

Herabgedrückt zu sein auf die bloße Sorge ums Weiterleben scheint so unvermeidlich wie stupid.

Es scheint fast lächerlich, wenn ein Riese auf einer Bananenschale ausrutscht und stürzt, ein Goliath von einem kleinen Stein getroffen ins Knie sinkt; doch an der Schläfe schlug er ein.

Man kann eine Kurve so krümmen und stauchen, daß sie an keinem Punkt eine Tangente zuläßt; die Funktion, die sie beschreibt, ist diskontinuierlich, also bildet die Linie nur scheinbar ein Kontinuum. – Der Ausnahmezustand ist das Extrem, das die Diskontinuität des sozialen Lebens enthüllt.

Begriffe, die in Zeiten des Übermuts und Hochmuts mißachtet und verachtet wurden, wie Nation, Staatsgrenze, Staatsgewalt und Staatsvolk, kommen in der Ausnahmesituation wieder zu ungeahnten Ehren. – Mancherorts geht man so weit, anders als hierzulande, sogar vom Kriegszustand zu sprechen.

Tapferkeit, Mut, Sinngebung – sie gewinnen erst im Kampf und Krieg, der auch unter friedlicher Bläue lautlos in den Grotten und Schründen der Erde tobt, ihre Kontur. Das Wehen im Vorhang es Traums, es kommt von dort.

Albert Camus benutzte in seinem Roman Die Pest noch das traditionelle Symbol für den Feind, die Ratten, um die Flucht in die geschlossene Gesellschaft und die Abgeschiedenheit der Quarantäne augen- und sinnfällig zu machen. Heute ist der Feind, das fatale Virus, unsichtbar, doch die Folgen, welche die radikalen Methoden, es aufzuspüren und einzuhegen, zeitigen, gestalten das Bild des Alltags auf ebenso radikale Weisen um: leere Plätze und Straßen, leere Gaststätten, Theater, Museen, Konzertsäle, Sportstätten.

Welch ein zwielichtiger Friede, welch ein friedvolles Zwielicht in dieser großen unheimlichen Leere, in der Stille der Hallen und Säle, unter den hörbar gewordenen Tropfen Taus, die von den Blüten und Zweigen der Parkanlagen fallen, in der traumseligen Verlassenheit um die Fontana di Trevi, den venezianischen Löwen, das Brandenburger Tor, welch blaue Stunde der Kontemplation in den Theatern und Arenen, da das Geschrei und Gejohle der Schausteller und Zuschauer verstummte.

Die Diktatur, als extreme Form des Ausnahmezustandes zur Niederringung des äußeren oder inneren Feindes, bedient sich zu seiner Aufspürung der raffiniertesten Technologien, die bei der Überwachung von Regimegegnern entwickelt und eingesetzt werden.

Angst und Bedrohung rauben den Halt und die Besinnung, brechen das Rückgrat des Eigensinns und Stolzes: Die Menschen lassen sich klaglos in der eigenen Wohnung einsperren.

Die Fäden intimer Beziehungen werden aufs äußerste gespannt. Nur die mit dem goldenen Band der Treue verzwirnten reißen nicht.

Fragen, die stets im Verborgenen hausen und einen erröten machen, Gespenster dunkler Ahnungen, treten ans Licht: Wer wird wen überleben? Wem ist zu trauen? Wer ist rein, wer verseucht?

Der medizinische Begriff des Kranken und Infektiösen geht in der sozialen Maske der gefürchteten Gefahrenquellen und jener neuen Unberührbaren um, die als Brutstätten tödlicher Keime ausgemacht werden.

Die Masse fühlt sich wieder als organischer Körper, der einer Purifikation bedarf; die religiösen Formen der Entsühnung scheinen indes keine Macht mehr über sie zu haben.

Doch es könnte sein, daß archaische Formen der Ausscheidung des Unreinen im modischen Gewand medizinischer und technologischer Verfahren wiederkehren.

Das Kostüm der Zivilisation ist fadenscheinig, die nackte Haut der Angst, das verwesliche Fleisch immerwährender Unruhe, wollüstiger Langeweile, glänzender Laster und die Schwären vorweltlicher Begierden schimmern durch.

Welcher tragisch gestimmte und zugleich dem Komischen nicht abholde Geist dürfte sich wundern, wenn die verängstigte und vom Schicksal genarrte Menge nach einem Führer schreit und herdenfromm jenem folgt, der sie aus dem Verlies der Angst unter den blauen Himmel und auf die üppigen Auen einer revolutionären Verzückung zu leiten verspricht?

Das Fatum ist blind, es läßt mit den Vitalen nicht auch die Edlen weiterleben und mit den Schwachen nicht auch die Unwürdigen untergehen.

Der Begriff des Ausnahme- und Notstandes, status necessitatis, gemahnt uns an den Ernst des Lebens, dem wir denkend nur durch die Besinnung auf die beständige Gefährdung aller menschlichen Situationen gerecht werden, die uns zwar kraft der Dauer und Stärke unserer Verpflichtungen und aufeinander abgestimmten Bestrebungen zu tragen vermögen, aber wegen der Wetterwendigkeit des Gemüts und der Verwirrbarkeit des Geistes ebenso wieder ins Schwanken geraten.

Das Kind läuft unbekümmert dem roten Ball nach, während rings Gewitterwolken aufziehen; der Dichter findet noch Heiterkeit im Spiel der Reime, doch manche geraten ihm unversehens farblos und fahl, wie im Dämmerlicht die auf das Wasser hingestreuten weißen Blüten, wenn sie allmählich verblassen.

Gewiß hofft, wer sieht, wie alles rings sich verdunkelt und zerfällt, das Gesicht des Freundes, das Lächeln der Geliebten möge ihm unter der Lampe des Intimen noch eine Weile aufleuchten.

Daß auch unsere Liebsten der bleibenden Gefahr auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sind, daß am Ende unser oder ihr Flehen vor dem hohlen Auge und tauben Ohr des Todes keine Gnade findet, dies gemeinsame Schicksal macht ihre Nähe dichter und ihre Ferne fühlbarer.

 

Mrz 16 20

Der Sand weht

Der Sand weht über kahle Schwellen,
wie sanft er sich an Brüste schmiegt,
wie schimmernd er auf Lippen liegt,
aus denen rote Seufzer quellen.

An Muscheln lernten Kinder Sehnen
und preßten sie ans Ohr gebannt,
wie großer Botschaft Rauschen schwand,
verstummt sind alle Meersirenen.

Sind wahr noch hinter Dünenbogen
die Blüten namenlosen Schaums,
dörrt Gras am Ufer blauen Traums,
wo Sommers goldne Bienen sogen?

Wie leer sind Teiche ohne Schwäne,
wie ohne Rosen Pfade blind,
und was aus hohem Dunkel rinnt,
ist Mondes kalte Abschiedsträne.

 

Mrz 15 20

Wenn Rosen fast an Träume grenzen

Wenn Rosen fast an Träume grenzen
und Abend fahle Früchte reicht –
wie deinen Mund ein Seufzer bleicht.

Daß Trauben noch im Mondlicht glänzen.

Wenn Schwäne auf dem Wasser grauen
und Schnee mit falschen Blüten narrt –
wie deines Mundes Hauch erstarrt.

Daß Herzen noch an Küssen tauen.

Wenn Kerzen auf den Gräbern zittern
und Male sinken in Morast –
wie deines Mundes Blume blaßt.

Daß Blüten leuchten noch an Gittern.

 

Mrz 14 20

Der Blick des anderen

Zur Philosophie der Wahrnehmung V

Wir sehen den Blick des anderen und erfassen intuitiv das, was wir den Blick-Modus nennen können; diesen bezeichnen wir näher durch Hinzufügung einer adverbiellen Bestimmung, wenn wir etwa davon reden, einer blicke uns freundlich, verwundert, prüfend, lauernd, mißtrauisch oder geringschätzig an.

Zu behaupten, wir würden im Blick des anderen zu einem Objekt oder Ding entfremdet und entwirklicht, hätten gar am Ende nur die Wahl zwischen aggressiver Selbstbehauptung oder masochistischer Selbstverleugnung, ist eine phänomenologisch unzureichende Beschreibung. Genauer besehen, geben wir in der konkreten Situation der Begegnung und des kommunikativen Austauschs dem anderen einen Anlaß oder zumindest einen Vorwand, seinen Blick auf uns in der Weise zu modifizieren, wie er es tut. Geben wir ihm einen Anlaß zu Verwunderung, Ärger oder Mißtrauen, ist es plausibel zu erwarten, daß er uns verwundert, verärgert oder mißtrauisch anblickt.

Der Blick-Modus spiegelt die jeweilige Situation des Nah-Kontakts und das soziale, familiäre oder intime Verhältnis der Beteiligten; so wird der Personalchef den Bewerber kritisch mustern, der Meister den Lehrling fachkundig-distanziert beobachten, das Kind, das heimlich genascht hat, die Mutter verstohlen anschauen, der Enkel den Großvater, während er sein Seemannsgarn abspult, mit großen, bewundernden Augen betrachten, der Liebhaber die flatterhafte Geliebte argwöhnisch ins Auge fassen, wenn sie sich allzu begeistert über den neuen Kollegen ausläßt.

So sagen wir von einem Blick, er sei offen oder verstohlen, verhangen oder glänzend, stechend oder lieblich, bewundernd oder abschätzig, gläubig oder skeptisch, fest oder irre, sinnend oder schweifend, hoheitsvoll oder hündisch.

Der Topos vom Auge und Blick als Spiegel der Seele kommt uns in den Sinn, denken wir an den leuchtenden Blick des Kindes, das sich zum ersten Mal im Spiegel erkennt, den erloschenen, dem wir pietätvoll die Lider verschließen.

Aufgrund der Wahrnehmung des Blicks betrachten wir unser Gegenüber nicht als etwas, sondern als jemand, nicht als seelenlosen Körper, sondern als leibhafte Person.

Am Blick des anderen gewahren wir einen Nullpunkt des Daseins, der mit dem unseren in der Kongruenz geteilter oder noch unentdeckter Perspektiven steht.

Der Blick enthüllt uns die Beseeltheit des Leibes; seine glänzende, doch undurchdringliche Präsenz ist jene Instanz, die uns vor der Versuchung des cartesischen Dualismus von Körper und Geist bewahrt. Denn im Antlitz und Blick des anderen ist uns die Realität der leibseelischen Monas intuitiv gegeben.

Wir fragen nicht, aufgrund welchen psychophysischen Mysteriums ein Körper eine Person sein kann; genausowenig wie wir fragen, aufgrund welcher semantischen Transsubstantiation sich physikalische Ereignisse wie bloße Laute zu Trägern von Bedeutung wandeln.

Betrachten wir ein soziales Phänomen wie Verlegenheit und Scham, enthüllt sich uns im Spiel der Blicke eine ethische Dimension, wenn wir unter den vorwurfsvollen Blicken dessen, den wir betrogen oder verraten haben, schuldbewußt den Blick senken.

Auf der anderen Seite ermessen wir am Blick des Perversen, der sich ungerührt auf die physischen oder seelischen Verletzungen seines Opfers richtet, die ethische Paradoxie des rechtlich nicht zurechenbaren Vergehens dessen, der unfähig ist, sich schuldig zu fühlen oder Scham zu empfinden.

Unser Ethos gründet in unserer Fähigkeit, Verlegenheit, Scham und Schmerz zu empfinden; in einer Welt menschenähnlicher Roboter wäre ein Gebot wie dasjenige, dem anderen unter normalen Umständen nicht zu nahe zu treten und ihn nicht über Gebühr in Verlegenheit zu bringen, ihn nicht unnötig zu beschämen oder körperlich und seelisch zu verletzen, ohne Relevanz.

Wir lernen, uns selbst unter dem Blick des anderen zu sehen. Der Blick der Mutter, der das Kind mehr in Verlegenheit bringt als ermuntert, macht sein Selbstgefühl nach und nach unsicher und raubt ihm den inneren Halt.

Wir vermeiden es, uns vor den Blicken der anderen zu entblößen, in ernsten Situationen Grimassen zu schneiden, in ausgelassenen in der Ecke zu schmollen, im Liebesbett zu klagen, am Totenbett zu lachen.

Der Blick des anderen übt jene soziale Kontrolle aus, der den Dieb veranlaßt, heimlich vorzugehen, den Voyeur, hinterm Gebüsch zu lauern, den Paranoiker, sich unauffällig zu kleiden, leise zu reden und lautlos aufzutreten.

Wir kennen die Wendung, wonach wir es dem unbefugten Blick versagen, in die Falten unseres Herzens zu spähen. Wir könnten ergänzend bemerken, daß wir es dem intimen Blick erlauben.

Wir sehen nur das, was in unser Gesichtsfeld gerät; der Rand des Gesichtsfeldes bildet implizit, was wir in der Rede von Subjekt und Ich explizieren.

Daß unser Blick die Grenze des Sichtbaren konstituiert, ist uns nur selten bewußt; denn wir haben keine Vorstellung davon, wie es wäre, wenn seine Grenzen anders gezogen wären. Andererseits gehen wir davon aus, daß der Blick des anderen ein dem unseren ähnliches Gesichtsfeld aufbaut; diese wechselseitige Bestätigung unserer subjektiven Perspektiven zieht uns nicht in den Strudel eines skeptischen Relativismus, sondern führt uns zum Begriff einer gemeinsamen objektiven Welt.

Wenn wir in ein Teleskop blicken, entdecken wir in dem blassen Nebel, den wir mit bloßem Auge wahrnehmen, eine Vielzahl von Sternen und Galaxien. Auf verwandte Weise kann die schärfere Sicht des anderen unserer schwächeren aufhelfen, wenn er uns darüber belehrt, daß es sich bei den weißen Flecken in der Ferne, die wir für blühende Büsche hielten, um Schwäne handelt.

Der andere vermag uns darüber aufzuklären, daß was wir zu sehen uns einbilden, nicht real ist, wie es der Psychiater dem halluzinierenden Patienten gegenüber tut.

Was wir halluzinierend, imaginierend und träumend sehen, sind von uns anhand der Erinnerung an Reales konstruierte Bilder; was wir wirklich sehen, sind keine Bilder. – Daher können wir Träume interpretieren, aber keine Wahrnehmungen.

Bilder sind weder wahr noch falsch; Wahrnehmungen können anhand theoretischer Modelle richtig oder falsch erklärt werden, wie die Wahrnehmung der Sonnenbahn unter dem Horizont anhand des geozentrischen Weltmodells falsch, anhand des kopernikanischen richtig erklärt wird.

Wir lernen mit den Augen anderer sehen, nämlich den Augen von Kopernikus und Newton, wenn wir aufgrund des Schulunterrichts unser naturwüchsiges geozentrisches Weltbild in ein kopernikanisches transformieren.

Wir lernen mit den Augen der anderen sehen, insbesondere der Eltern und Lehrer, wenn wir den Unterschied bei der Wahrnehmung des Konkreten und des Abstrakten, von Token und Type, Einzelding und Universale bemerken. Wir sehen nicht nur die Hand, sondern zählen fünf Finger, und nicht nur bei uns, sondern an den Händen der anderen Kinder. Man legt uns Blätter der Buche vor Augen, und wir erfahren, daß sie von den Bäumen auf dem Schulhof stammen, doch könnten sie an diesem Baum oder jenem gewachsen sein. Wir wissen, daß dieses Glas Wasser enthält, und verstehen, daß es sich um denselben Stoff handelt, der die Flüsse, Seen und Meere füllt.

Wir lernen an der Form dieser singulären Tanne die allgemeine Eigenschaft, dreieckig zu sein, kennen, die wir an allen möglichen Objekten identifizieren, aber auch losgelöst von ihrer physischen Instantiierung als abstrakte geometrische Figur betrachten, konstruieren und berechnen.

Wir lernen die logische Form (x)F an einem roten Ball sehen, wenn wir bemerken, daß wir die generelle Farbeigenschaft F allen möglichen Dingen oder Einsetzungen für x zusprechen können.

Wir lernen die logische Form der Relation xRy am Verhältnis von Vater und Sohn oder von Bruder und Schwester sehen, wenn wir bemerken, daß wir die generelle Relationseigenschaft R allen Einsetzungen für x und y zusprechen können, die in einem solchen oder ähnlichen Verhältnis zueinander stehen.

Der Blick und die Sichtweise des anderen üben demnach nicht nur eine soziale Kontrollfunktion auf uns aus, sondern sind auch die Instanz, die uns peu à peu mit den allgemeinen Eigenschaften und Strukturen der Welt, in der wir leben, bekannt macht.

Wir erfahren aus dem Mund des Freundes, wie er die Sache sieht; wir können seine Sichtweise und seinen Blickwinkel probeweise und als Variante unserer Sichtweise übernehmen. Wir sehen in dem Bild eine Ente, er weist uns darauf hin, daß wir es auch als Hasen sehen könnten. Wir sehen in dem Verhalten der Frau eine uns beschämende Zurückweisung; er macht uns darauf aufmerksam, daß es auch ein Ausdruck der Unsicherheit aufgrund der Erfahrung eigener beschämender Zurückweisung sein könnte.

Das eine ist, allgemeine Züge und Merkmale mittels Variation unserer Perspektiven und Blickwinkel aufzufinden und zu beschreiben, wie etwa jene Züge und Merkmale, die wir jemandem als Person zusprechen; etwas anderes, die individuellen Züge und Merkmale einer bestimmten Person zu beschreiben. So erfassen wir in den Schriften Platons Beschreibungen des Sokrates; doch vergleichen wir sie mit jenen Xenophons, erkennen wir die spezifische Tönung der jeweiligen Ansichten, die wir in vielem nicht zur Deckung bringen können.

Wir können allgemeine Züge und Merkmale biologischer und psychologischer Natur eines Mannes und einer Frau beschreiben; doch es scheint nur eine leere Phrase, uns aufzufordern, einmal den Blickwinkel und die Sichtweise dieses bestimmten Mannes, dieser bestimmten Frau zu übernehmen.

Freilich können wir die Sichtweise eines anderen erfinden, doch dann schreiben wir einen Roman oder ein Gedicht.

Wie andere die Welt und das Leben sehen, entnehmen wir ihren Äußerungen, besonders den Werken der Dichter, Maler und Musiker. Dabei stoßen wir auf eine irreduzible Mannigfaltigkeit von Sichtweisen, weil ihnen das Moment des Imaginären und Fiktiven innewohnt. Dies gilt auch für Autobiographien, wie es Goethes Benennung der seinen als Dichtung und Wahrheit sinnfällig macht.

Individuum est ineffabile, und, könnten wir hinzufügen, in gewisser Weise auch invisibile.

Da wir in einer Welt leben, die größtenteils von Individuen, seien es Dinge oder Personen, bevölkert ist, müssen wir eingestehen, daß wir auf weiten Strecken im Dunkeln tappen.

 

Mrz 13 20

Am grünen Stein

Am grünen Stein, wo wir einst standen,
und noch schienen Zeichen matt
zwischen Moos und Efeublatt,
singt nun ein Wind mit öden Sanden.

Die alten Wegekreuze dämmern,
fremd sind Gärten, und Basalt
glänzt wie unter Tränen kalt,
aus Erdentiefen dunkles Hämmern.

Und können Blicke Botschaft geben,
Glanz, den uns der Schmerz gebar,
steigt die Nacht aus deinem Haar,
o Hände, die im Abschied beben.

 



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