Charles Baudelaire, La Géante
Du temps que la Nature en sa verve puissante
Concevait chaque jour des enfants monstrueux,
J’eusse aimé vivre auprès d’une jeune géante,
Comme aux pieds d’une reine un chat voluptueux.
J’eusse aimé voir son corps fleurir avec son âme
Et grandir librement dans ses terribles jeux ;
Deviner si son cœur couve une sombre flamme
Aux humides brouillards qui nagent dans ses yeux ;
Parcourir à loisir ses magnifiques formes ;
Ramper sur le versant de ses genoux énormes,
Et parfois en été, quand les soleils malsains,
Lasse, la font s’étendre à travers la campagne,
Dormir nonchalamment à l’ombre de ses seins,
Comme un hameau paisible au pied d’une montagne.
Die Riesin
Zu Zeiten, da Natur nach schwungvollen Entwürfen
warf Tag für Tag der Erde neue Monster hin,
hätt doch bei einer jungen Riesin ich leben dürfen,
eine lüsterne Katze zu Füßen einer Königin.
Welche Lust, des Leibes Blust zu schauen und der Seele,
wie in grausamen Spielen er sich herrisch bäumt,
zu ahnen, wie ihr Herz von dunklen Flammen schwele
aus feuchtem Nebel, der in ihren Augen schäumt.
Müßig in ihren üppigen Formen zu mäandern,
zum Gipfelausblick ihrer ragenden Knie zu wandern,
bisweilen, wenn das Gift der Sonne im August
sie träge niedersinken ließe unter Hecken,
ohne Sorge zu schlummern im Schatten ihrer Brust,
wie am Fuße eines Bergs ein stiller Flecken.
Hinweise zur Interpretation:
Gewiß, Baudelaire war das poetische Genie des 19. Jahrhunderts, und selbst die Größten, die nach ihm kamen, Verlaine, Mallarmé, George, nährten ihre dichterische Substanz mit dem Schimmern und geisterhaften Funkeln, das auf den schwarzen Wassern seiner Verse zurückblieb.
Der Zwerg, dem der von einem Riesen aufgewirbelte Staub die Sicht nimmt, sollte ihm nicht indigniert nachhusten, er muß eben warten, bis sich die Wolke des Naturwunders verzogen hat.
Der Beckmesser, der mechanisch den Leisten schlagend die metrischen Lücken im Lied des Meisters glaubt enthüllen zu können, gleicht dem Ingenieur einer elektronischen Nachtigall, der ihren Gesang dem der echten vorzieht, weil sie auf Tastendruck zwitschert und aus dem Käfig seiner Mache nicht wegfliegen kann.
Mag man am minder gelungenen Gelegenheitswerk des Meisters Kritik üben, doch nur unter Entblößung wundgescheuerter Knie.
Das Sonett La Géante aus den Fleurs du Mal ist trotz der gewohnten Geschliffenheit der sprachlichen Form und der Reinheit der rhythmischen Gestalt ein schwaches, ja cum grano salis ein mißlungenes Gedicht; alles duftet, klingt, flackert wie ein echter Baudelaire, Motive wie die Dämonisierung des weiblichen Geschlechts, die Verwandlung des Dichters in den Wiedergänger eines archaischen Daseins, das vom Elementargeist durchbraust mit üppigen Formen strotzt, die gelassen lächelnde Verklärung der Wildheit, die sich in keiner Education sentimentale à la Rousseau bleiche Wangen geholt hat – und doch mutet es wie eine schief aufgesetzte Maske des Dichters an, eine bravourös absolvierte Imitation seiner selbst.
Reime wie monstrueux und voluptueux, âme und flamme, formes und énormes wirken hier sei es zudringlich und pseudo-suggestiv sei es abgenutzt und verblichen; sie haben den Hautgout des einst in ferner Jugend Beschworenen und nun doch Faden, das wie mit durchschnittenen Sehnen durchhängt, als habe ein müder Baudelaire im eigenen Auftrag routiniert baudelairisiert.
Die Crux aber ist der Schiffbruch der geistigen Form, der mißliche Umstand, daß der Spannungsbogen fehlt, die Brücke, die das Sonett zwischen den Quartetten und Terzetten über den Abgrund einer Frage, eines Rätsels, ja einer Wunde schlägt, Gewölbe, das oft von einem dunklen Ufer sich aufschwingt, um auf dem gegenüber schwebenden Pfeiler aus Licht oder der Klarheit einer bündigen Sentenz aufzuruhen.
Wir erkennen dieses Manko an der grammatischen Struktur; denn die gesamte Aussage, der schwere Zopf des zweiten Quartettes und der beiden Terzette hängt an einem einzigen dünnen Haken, wird von einer einzigen schwachen Klammer zusammengehalten: J’eusse aimé, einer aufgrund des Irrealis schwachbrüstigen und dünnblütigen Aussage, an der alle folgenden Infinitive (voir, parcourir, ramper, dormir) hilflos baumeln. Entscheidend ist indes, daß die Infinitive ohne jedes Staunen, jede Beklemmung, jedes Innehalten in die Terzette hinübergleiten, zerlaufen, versanden.
Daß Baudelaire vom Bild und Antlitz der Frau und Geliebten das leichenhafte Make-up der gelangweilten höheren Tochter mit heftigen, wütenden, obsessiven Gesten weggewischt hat, daß er der stummen Kleinbürgertugend das wilde Stöhnen der Mänade entgegenhielt, dem Kichern der bezopften Mädchen den Wahnsinnsschrei der Lady Macbeth, der staksigen und anämischen Anmut auf Stöckelschuhen die einzig von Titanenlippen erweckbare Nacht des Michelangelo – nun, wohlan!
Aber der Dichter, der unterm Niemands-Mond schlaflos irrende Fremdling, der über den Wahrsage-Quell in den Wäldern des Wahns gebeugte Verfemte und Heimatlose: ein lüsternes, verspieltes Kätzchen zu Füßen einer Riesin, auf deren üppigen Rundungen er herumkraxelt, ein Voyeur geistloser Fleischberge, ein Tagtraum-Tourist überseeischer Idyllen mit Hochglanz-Prospekten unterm Kissen, die mit barbusigen schokoladenbraunen Tänzerinnen vor saftigen Palmwedeln locken, ein Gnom der Lüsternheit, der auf die Klippen der mächtigen Knie einer Gigantin kriecht, um in welchen Abgrund zu starren? Wie, der Schatten einer albtraumhaften Erdmutterbrust als erlösendes Sedativum, auf daß der müde Dichter endlich sorglos dösen mag?
Nein, das ist eine Prise Baudelaire zuviel, etliche schwülstige Tränen mehr, die den Wein des Einsamen verpantschen, eine Phantasmagorie des Ennui, ein Pfühl mit dem ausgerupften Flaum eines abgeschossenen Schwans, ein pralles Kissen, gestopft mit des Albatros Federn.
Charles Baudelaire, L’Ennemi
Ma jeunesse ne fut qu’un ténébreux orage,
Traversé çà et là par de brillants soleils ;
Le tonnerre et la pluie ont fait un tel ravage,
Qu’il reste en mon jardin bien peu de fruits vermeils.
Voilà que j’ai touché l’automne des idées,
Et qu’il faut employer la pelle et les râteaux
Pour rassembler à neuf les terres inondées,
Où l’eau creuse des trous grands comme des tombeaux.
Et qui sait si les fleurs nouvelles que je rêve
Trouveront dans ce sol lavé comme une grève
Le mystique aliment qui ferait leur vigueur ?
— Ô douleur ! ô douleur ! Le Temps mange la vie,
Et l’obscur Ennemi qui nous ronge le cœur
Du sang que nous perdons croît et se fortifie !
Der Feind
Was war die Jugend mehr als ein Gewittergrauen,
das da und dort durchzuckte ferner Sonnen Glast,
Donner und Regen hat das Rankenband durchhauen,
in meinem Garten ist der Goldlack fast verblaßt.
Nun also kann den Herbst des Geistes ich erfühlen,
nun ist es Zeit, mit Schaufel und Harke ruhelos
der überschwemmten Erde Humus aufzuwühlen,
wo schon das Wasser Trichter höhlt, wie Gräber groß.
Wer aber weiß, ob meiner Träume neue Blumen
auf diesem Erdreich, ein Sand von ausgewaschnen Krumen,
die mystische Nahrung finden, auf daß ihr Antlitz ragt?
O Schmerz, o Schmerz! Die Zeit, sie frißt des Lebens Mark,
und der finstere Feind, der uns am Herzen nagt,
am Blut, das wir verlieren, wächst er und wird stark!
Charles Baudelaire, Le Mauvais Moine
Les cloîtres anciens sur les grandes murailles
Étalaient en tableaux la sainte Vérité,
Dont l’effet, réchauffant les pieuses entrailles,
Tempérait la froideur de leur austérité.
En ces temps où du Christ florissaient les semailles,
Plus d’un illustre moine, aujourd’hui peu cité,
Prenant pour atelier le champ des funérailles,
Glorifiait la Mort avec simplicité.
— Mon âme est un tombeau que, mauvais cénobite,
Depuis l’éternité je parcours et j’habite ;
Rien n’embellit les murs de ce cloître odieux.
Ô moine fainéant ! quand saurai-je donc faire
Du spectacle vivant de ma triste misère
Le travail de mes mains et l’amour de mes yeux ?
Mönch ohne Segen
In alten Klöstern leuchtete an hohen Mauern
der heiligen Offenbarung schönes Wunderbild,
die frommen Herzen tränkte es mit süßen Schauern,
der Frost der strengen Übung wurde an ihm mild.
In jenen Zeiten, da des Heilands Samen Blüten brachten,
hat manch berühmter Mönch, der heut vergessen ganz,
den Totenanger erkoren zu seinem ernsten Trachten
und kränzte des Todes Ruhm mit einem schlichten Kranz.
Ein Grab ist meine Seele, wo Mönch ich ohne Segen
seit Ewigkeiten hausend irr auf dunklen Wegen.
Nichts, was den Mauern des häßlichen Klosters Glanz verleiht.
O fauler Mönch, wann endlich führt mich weise Lehre
aus dem Begaffen meiner traurigen Misere
zu eigner Hände Werk, der Liebe Blick geweiht?
Hinweise zur Interpretation:
Das Sonett zeigt wie die meisten Sonette der Fleurs du Mal die erhabene, gravitätische und strenge Tönung und Formung durch den regelhaften Gebrauch des Alexandriners, der vor allem in sentenziös herausgehobenen Versen wie den Schlußversen mittels der Zäsur nach der dritten Hebung die Woge des Gedankens vertiefend teilt und gleichsam scheitelt.
Wie in allen klassischen Dichtungen unterscheiden wir den die Atmosphäre beherrschenden Grundton, die von ihm gefärbten Bilder und Metaphern und den vom Metrum getragenen Rhythmus. Der Ton quillt gleichsam aus dem seelischen Abgrund wie ein fernes Echo, ein Weck-, Jubel- oder Freudenruf, ein Klage- oder Entsetzensschrei; der Ton ist dasjenige am Gedicht, was seiner Gestalt, Sprache und Bild, vorausgeht, er ist das am wenigsten Gemachte, sondern ein gleichsam von den fernen Ufern des Traums vernommener Widerhall.
Wir gehen davon aus, daß der Grundton des Sonetts aus der Resonanz von âme und tombeau, Seele und Grab, wie aus einem schon halb verschütteten Brunnen hervorgequollen ist. Mit diesem Grundton der Klage ist zugleich das wesentliche dichterische Bild der Seele als Grab assoziiert. Es sei darauf hingewiesen, daß die solcherart Sprache gewordene Klage unmittelbar nach der Zäsur des Sonetts, dem Beginn des ersten Terzetts, einsetzt, das der Dichter mit einem langen Gedankenstrich zu markieren pflegt. Die Binnenzäsur in der Versmitte des Alexandriners hat gleichsam ihr Spiegelbild in der strophischen Zäsur zwischen den Quartetten und Terzetten.
In der metaphysischen Tradition des platonisch geprägten Christentums war der Körper das Grab der Seele, dies kehrt Baudelaire um: Nun ward die Seele selbst zum Grab. – Nach den mystischen Lehren der christlichen Askese vermag die sich vor der Welt verschließende und sich ins Schweigen einmauernde Seele mit sich selbst in Kontakt zu gelangen, ihre unversehrte adamitische Gestalt zu gewahren, in einer durch Meditation und Gebet gesteigerten und vergeistigten Stille in die reine Quintessenz ihrer selbst zu tauchen – freilich nicht ohne den Influxus oder den Einstrom des göttlichen Segens, der gleichsam durch die Ritzen der Mauern dringt.
Ein Zeichen der Heilsnähe, die im Gedicht durch die Blüten aus den Samen Christi beschworen wird, sind die an den Klostermauern dargestellten Bilder der göttlichen Weisheit, Wahrheit und Offenbarung, bei denen wir an östliche Ikonen oder die Fresken eines Giotto denken können.
Wenn von den Bildern des Heils gesagt wird, sie erwärmten das Innere und milderten den Frost der strengen Askese, sollten wir keineswegs an eine ästhetische Wirkung denken, wie sie das auf uns gekommene geistlich entwurzelte Kunstverständnis einzig als angenehme schöngeistige Zerstreuung kennt; jene Wärme und diese Milde entstammen der heiligen Flamme der Offenbarung, wenn auch in künstlerisch temperierter und gedämpfter Form.
Wenn Baudelaire die geistvolle Atmosphäre der Klöster des alten Frankreich, la douce France, heraufruft, so als Dichter mit dem Wissen um die Greuel und Schändungen der Kirchen, Kathedralen, Klöster, der Denkmäler, Bildnisse und Ikonen durch den Terror der Französischen Revolution.
Das religiöse Bildnis war wie die hymnische Dichtung eine Form, in der die Kirche den Geist der Antike ins Abendland gerettet hat; keine heilige Liturgie, kein monodischer und polyphoner Gesang, kein romanischer und gotischer Dom, kein Giotto und Michelangelo, kein Dante und Petrarca, kein Racine und Pascal ohne diese rettende Arche über der Sintflut des untergehenden römischen Reiches.
Die alte Weisheit war mit dem Tod als der Schwelle zu höherem Leben versöhnt; daher der Mönch, dessen Werkstatt der Totenanger, dessen Werk der Ruhm auf das Vergehen der irdischen Welt. – Wir könnten in die Leere, den gleichsam aussetzenden Herzschlag zwischen den Quartetten und den Terzetten, den heils- und unheilsgeschichtlichen Ort des Schreckens und der Unterbrechung des Gnadenstroms vermuten, des Stroms aus der Quelle eines von den Barbaren des zivilisatorischen Fortschritts zum grauen Paradies von Gleichheit, Monotonie und Langeweile verwüsteten Hortus conclusus.
Der faule, entartete, enterbte Mönch, der Mönch ohne Segen, das ist der moderne Dichter, wie ihn uns Baudelaire verkörpert; immer noch Mönch, also berufen und einem wenn auch ungewissen Heil sich überliefernd, doch innerlich wie tot und abgestorben, trockener Zunge, tauben Herzens.
Worin, fragen wir, zeigt sich der seelische Zustand des inneren Abgestorben- und Welkseins, das gespenstische Dasein, Schatten ohne eucharistisch von Feuer und Wasser des Lebens erfüllt, der zwischen kahlen bilderlosen Mauern herumirrt? Im Taedium vitae, dem Ennui, Langeweile, Sinnleere und Überdruß, dem Grundton und Grundmotiv der Fleurs du Mal. Nichts langweiliger, sinnloser, widerwärtiger als dem öden Schauspiel des eigenen Elends als gefesselter Zuschauer beizuwohnen.
Welches Wissen, welche Weisheit ruft der Dichter an, die ihn in die Werkstatt rufen, zum Werk der eigenen Hände, um ein Bild, das Bild des Gedichts, zu bilden, das die Grabkammer der Seele mit einem überirdischen Licht erfüllt, auf dem die Augen liebend verweilen? – Dem alten Mönchtum erhob sich dieser klagende, bittende Ruf zur Feuerquelle des Heiligen Geistes, Dante schimmerte im Auge der Geliebten die überirdische Sonne, im Wort der Überlieferung duftete die Rose des Paradieses. – Baudelaire indes, gewahrte er diese Sonne, diesen Duft im Dämmer und Zwielicht unter dem trostlosen Mond seiner künstlichen Paradiese?
Seltsam, das Sonett sieht den Gnadenstrom versiegen und kniet gleichsam am schlammigen, austrocknenden Bett des Unheils nieder; es lechzt nach dem süßen belebenden Tropfen, doch dieser schillert zweideutig zwischen der Tat des Werks und dem Zuspruch der Liebe.
Und seltsamer noch, der Grund der Klage, die aus dem Ennui wie fauler, verderblicher Dunst aufsteigende Leere, ist zugleich aufgehoben und erfüllt von der reinen transparenten Luft des Werks, mit dem eben dieses Gedicht unseren Atem erfrischt.
Fragen, wehende Zweige
Im milchigen Dunst schwirrt es wie ein Fleck
auf dem Schnee eines Lakens ohne Ränder.
Ist es ein Mückenschwarm und der Wind verweht
sein Surren, ist es das Seufzen eines Verirrten?
Hinter der Mauer mit den zerbrochenen grünen
Scherben tönt manche Nacht wie Raunen, Glucksen.
Ist es der Erde dunkles Quellen unterm Schlaf
von Moosen, ist es eines Einsamen Schluchzen?
Unter wehenden Zweigen erweckt des Mondes
Tränenschimmer ein Zittern zarten Blaus.
Sind es vom Kuß der Sonne angeschwollene
Beeren, sindʼs feuchte Wangen müder Veilchen?
Charles Baudelaire, La Muse venale
Ô Muse de mon cœur, amante des palais,
Auras-tu, quand Janvier lâchera ses Borées,
Durant les noirs ennuis des neigeuses soirées,
Un tison pour chauffer tes deux pieds violets ?
Ranimeras-tu donc tes épaules marbrées
Aux nocturnes rayons qui percent les volets ?
Sentant ta bourse à sec autant que ton palais,
Récolteras-tu l’or des voûtes azurées ?
Il te faut, pour gagner ton pain de chaque soir,
Comme un enfant de chœur, jouer de l’encensoir,
Chanter des Te Deum auxquels tu ne crois guère,
Ou, saltimbanque à jeun, étaler tes appas
Et ton rire trempé de pleurs qu’on ne voit pas,
Pour faire épanouir la rate du vulgaire.
Die Muse auf dem Markt
O Muse meines Herzens, du liebst feudale Pracht,
doch läßt der Jänner seinen Stürmen freie Hand
und dunkelt abends Trübsal auf verschneitem Land,
wo wird deinem vereisten Fuß ein Herd entfacht?
Behaucht dir deiner Schultern kalten Marmor hold
der Strahl der Nacht, der durch die Fensterläden schwebt?
Wenn der Beutel gähnt, die Zunge am Gaumen klebt,
mähst du von azurnen Feldern Sternengold?
Daß abends dir ein Brot ragt überm Tellerrand,
mußt du Weihrauch schwenken wie ein Ministrant,
Te Deum singen, bleibt dein Sinn ihm auch verschlossen,
mußt hungrig tänzelnd du entblößen deine Brust,
dein Lächeln, feucht von Tränen, keinem je bewußt,
damit des Pöbels gemeine Triebe üppig sprossen.
Charles Baudelaire, Le Chat
Viens, mon beau chat, sur mon cœur amoureux ;
Retiens les griffes de ta patte,
Et laisse-moi plonger dans tes beaux yeux,
Mêlés de métal et d’agate.
Lorsque mes doigts caressent à loisir
Ta tête et ton dos élastique,
Et que ma main s’enivre du plaisir
De palper ton corps électrique,
Je vois ma femme en esprit. Son regard,
Comme le tien, aimable bête,
Profond et froid, coupe et fend comme un dard,
Et, des pieds jusques à la tête,
Un air subtil, un dangereux parfum,
Nagent autour de son corps brun.
Die Katze
Schöne Katze, an mein Herz komm, das ganz dein,
in deine Pfoten steck die Krallen,
laß tauchen mich in deine schönen Augen ein,
Gesprenkel von Quarzen und Metallen.
Da meine Finger zärtlich ohne Hast
ums Haupt dir fahren, den weichen Rücken
und meine Hand die Lust erfaßt,
in den Schauern deines Leibs zu zücken,
erscheint mir meines Weibes Bild. Der Augen Spiel,
ganz wie deins, Geschöpf der sanften Blitze,
abgründig-kühl, sticht, schnellt den Pfeil ins Ziel,
und vom Scheitel bis zur Zehenspitze
ein feiner Hauch, Duftwolke, die betäubt,
hat ihren braunen Leib umstäubt.
Charles Baudelaire, Le Guignon
Pour soulever un poids si lourd,
Sisyphe, il faudrait ton courage !
Bien qu’on ait du cœur à l’ouvrage,
L’Art est long et le Temps est court.
Loin des sépultures célèbres,
Vers un cimetière isolé,
Mon cœur, comme un tambour voilé,
Va battant des marches funèbres.
Maint joyau dort enseveli
Dans les ténèbres et l’oubli,
Bien loin des pioches et des sondes ;
Mainte fleur épanche à regret
Son parfum doux comme un secret
Dans les solitudes profondes.
Das Mißgeschick
Zu heben solch ein schweres Scheit,
Sisyphus, wo ist dein Wille,
drängt zum Werk auch Geistes Fülle,
die Kunst ist lang und kurz die Zeit.
Fern von marmorner Grüfte Schneise
zum abgelegnen finstern Hag
trägt wie gedämpfter Trommelschlag
mein Herz die dumpfe Totenweise.
Manches Kleinod ruht im Schacht,
in gedächtnisloser Nacht,
fern von gieriger Hände Wühlen.
Manche Blume strömt voll Harm
süßen Dufts verborgnen Charme
in Abgründe, die nichts fühlen.
Charles Baudelaire, La Beauté
Je suis belle, ô mortels ! comme un rêve de pierre,
Et mon sein, où chacun s’est meurtri tour à tour,
Est fait pour inspirer au poëte un amour
Éternel et muet ainsi que la matière.
Je trône dans l’azur comme un sphinx incompris ;
J’unis un cœur de neige à la blancheur des cygnes ;
Je hais le mouvement qui déplace les lignes ;
Et jamais je ne pleure et jamais je ne ris.
Les poëtes, devant mes grandes attitudes,
Que j’ai l’air d’emprunter aux plus fiers monuments,
Consumeront leurs jours en d’austères études ;
Car j’ai, pour fasciner ces dociles amants,
De purs miroirs qui font toutes choses plus belles :
Mes yeux, mes larges yeux aux clartés éternelles !
Die Schönheit
Schön bin ich, o Sterbliche, ein Traum in Stein gehauen,
meine Brust, vor der noch jeder sich Wunden schlug,
lieh Dichtern aller Zeit den Schwung zum Liebesflug,
ewig bin ich, stumm wie der dunklen Mutter Grauen.
Ich throne in der Bläue wie eine Sphinx im Rätselgrund.
Mein Herz aus Schnee schlägt unter schwanentrunkener Helle,
ich hasse Schaumgebilde auf erregter Welle,
ich schmelze nicht in Tränen, kein Lachen zerrt am Mund.
Die Dichter, die in meinen hehren Gesten lesen,
ich schaute sie mir ab von stolzer Torsen Glanz,
verzehren ihren Tag im Schauer der Askesen.
Mir sind, um diese zahmen Schwärmer zu bannen ganz,
reine Spiegel, worin sich selbst Häßliche gefallen:
meine Augen, Augen aus himmlischen Kristallen.
Charles Baudelaire, La Muse malade
Ma pauvre Muse, hélas ! qu’as-tu donc ce matin ?
Tes yeux creux sont peuplés de visions nocturnes,
Et je vois tour à tour s’étaler sur ton teint
La folie et l’horreur, froides et taciturnes.
Le succube verdâtre et le rose lutin
T’ont-ils versé la peur et l’amour de leurs urnes ?
Le cauchemar, d’un poing despotique et mutin,
T’a-t-il noyée au fond d’un fabuleux Minturnes ?
Je voudrais qu’exhalant l’odeur de la santé
Ton sein de pensers forts fût toujours fréquenté,
Et que ton sang chrétien coulât à flots rhythmiques,
Comme les sons nombreux des syllabes antiques,
Où règnent tour à tour le père des chansons,
Phœbus, et le grand Pan, le seigneur des moissons.
Die kranke Muse
Arme Muse, was geht dir in der Frühe durch den Sinn?
In deinen Augenhöhlen feiern Nachtmahre Feste,
auf deinem Angesichte kriechen Schatten hin,
der Wahnsinn und das Grauen, eisig-stumme Gäste.
Der schilfig-grüne Alb, die Fee im Rosenhain,
gossen sie dir Angst und Liebe hin aus Vasen?
Hat ein Angsttraum mit Fäusten, herrisch und gemein,
dich hingestreckt auf einer Sage wüsten Rasen?
Ach möchte deine Brust des Odems Heilkraft heben,
Gedanken hohen Muts sie immerdar durchbeben,
dein Christenblut durch strenge Rhythmen schießen,
wie volle Klänge in antiken Maßen fließen,
wenn Leier und Flöte wechseln der Vater des Päan,
Phöbus, und der Herr der Ernten, der große Pan.
Charles Baudelaire, Le Flambeau vivant
Ils marchent devant moi, ces Yeux pleins de lumières,
Qu’un Ange très savant a sans doute aimantés;
Ils marchent, ces divins frères qui sont mes frères,
Secouant dans mes yeux leurs feux diamantés.
Me sauvant de tout piège et de tout péché grave,
Ils conduisent mes pas dans la route du Beau;
Ils sont mes serviteurs et je suis leur esclave;
Tout mon être obéit à ce vivant flambeau.
Charmants Yeux, vous brillez de la clarté mystique
Qu’ont les cierges brûlant en plein jour; le soleil
Rougit, mais n’éteint pas leur flamme fantastique;
Ils célèbrent la Mort, vous chantez le Réveil;
Vous marchez en chantant le réveil de mon âme,
Astres dont nul soleil ne peut flétrir la flamme!
Die lebende Fackel
Sie schreiten mir voran, die Augen glutentbrannt,
ein weiser Engel hat sie magisch angehaucht,
sie schreiten, Brüder, meine Brüder, gottgesandt,
in ihr demantnes Glühen ist mein Blick getaucht.
Sie lösen mich von jedem Band und Makel los,
geleiten mich den Pfad, der mich zur Schönheit bringt,
meine Diener sind sie, ich ihr Sklave bloß,
ich knie, wenn über mir die lebende Fackel schwingt.
Augen voller Liebreiz, ihr sprüht ein Wunderlicht,
Kerzen am hellen Tag, und wenn im Purpur schied
die Sonne, verlischt die märchenhafte Flamme nicht.
Sie feiern den Tod, ihr aber singt das Morgenlied,
ihr kommt und singt, die Seele wieder mir zu wecken,
Sterne, keine Sonne kann eure Flamme schrecken!
Charles Baudelaire, Ciel Brouillé
On dirait ton regard d’une vapeur couvert ;
Ton œil mystérieux (est-il bleu, gris ou vert ?)
Alternativement tendre, rêveur, cruel
Réfléchit l’indolence et la pâleur du ciel.
Tu rappelles ces jours blancs, tièdes et voilés,
Qui font se fondre en pleurs les cœurs ensorcelés,
Quand, agités d’un mal inconnu qui les tord,
Les nerfs trop éveillés raillent l’esprit qui dort.
Tu ressembles parfois à ces beaux horizons
Qu’allument les soleils des brumeuses saisons…
Comme tu resplendis, paysage mouillé
Qu’enflamment les rayons tombant d’un ciel brouillé !
Ô femme dangereuse, ô séduisants climats !
Adorerai-je aussi ta neige et vos frimas,
Et saurai-je tirer de l’implacable hiver
Des plaisirs plus aigus que la glace et le fer ?
Himmel hinter Nebel
Mir ist, als ob dein Blick aus Dunst und Nebel schien,
dein geheimnisvolles Auge (blau, grau oder grün?),
zärtlich, träumerisch, grausam zum andern Mal,
der Trägheit Spiegel und eines Himmels fahl.
Tage weckst du auf, hell, laulich und verhüllt,
da bestrickt das Herz in Tränen niederquillt,
und von unbekanntem Übel, das sie beißt,
überwache Nerven höhnen dem schlafenden Geist.
Manchmal bist du den schönen Horizonten gleich,
entzündet von Sonnen aus herbstlichem Nebelreich …
Wie ein Glanz von Wiesen bist du, regenfeuchten,
wo vom trüben Himmel fallend Flammen leuchten.
O Weib voll Fährnis, o Wetter, die zum Abgrund ziehen!
Werde ich in deinem Schnee und Reif noch knien,
im unerbittlichen Winter bahnen mir noch Schneisen
zu Wonnen, schärfer als der Frost, das Eisen?
Mond, der aufgeht über Eden
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Verse, kraftvoll und geschmeidig, athletisch und anmutig, geistreich und blutvoll: Sie sind nicht zu fett, aufgeblasen und verschwitzt, daß sich das Seil des Verses durchböge oder risse, aber auch nicht zu luftig oder wässrig, daß sie der Wind der Laune wie ein Flöckchen, einen Tropfen hinabwehte. Weil sie Mark und Fleisch, Mark des Geistes und Fleisch der Leidenschaft, haben, nennen wir sie klassisch.
Sophokles und Horaz, Shakespeare und Goethe, Baudelaire und George schrieben solche Verse; insofern ist der klassische Vers zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Merkmal zur Auszeichnung von Epochen der Dichtkunst als klassisch.
„Wer Rasse sagt, dekuvriert sich als Rassist.“ – Hier herrscht dieselbe strenge Logik wie in dem Satz: „Wer Bier! ruft, ist schon betrunken!“ Oder: „Wer von den Abgründen der menschlichen Natur spricht, stellt eine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar.“ Oder: „Wer Bach und Mozart höher schätzt als Rockmusik und Jazz, ist ein weißer Kulturfaschist.“ Oder: „Weil Hitler die Sonne für das Zentralgestirn ansah, ist Kopernikus widerlegt.“
Weil der Schnauzbart um die Existenz von Rassen wußte, soll, darf, kann es keine geben.
In der Tat, die Tilgung gewisser Begriffe aus dem Gedächtnis und dem Lexikon, köpft die Sachverhalte, denen sie einmal mittels geregelter Verwendung Leben eingehaucht haben. Streicht eine Gruppe den Begriff der Ehe, lösen sich alle von ihm konstituierten Regeln, Bräuche und Institutionen auf; sie können fröhlich herumhuren, ohne Ehebruch zu begehen.
Doch vom Ochsen erwarten, er gebe morgen Milch, wenn man ihn hinfort Kuh nennt, ist ein Grenzfall von Idiotie.
Die Wortgläubigkeit und Wortklauberei beginnen die Bibelfrömmigkeit und Hermeneutik alter Zeiten in den Schatten zu stellen.
Was im Buch der Rechtgläubigen ob Koran oder Grundgesetz nicht steht, kann es nicht geben.
Wer Schlitzauge sagt, scheint die asiatische Rasse aufs Korn nehmen oder herabsetzen zu wollen. Wer dicke Lippe sagt, den Schwarzen, wer Nase, den Juden. Diese Wendungen gehorchen dem rhetorischen Gesetz der Metonymie, wonach ein Merkmal einer Ganzheit herausgegriffen wird, um diese zu vertreten wie Segel für Schiff, Kopf für den Träger desselben, Zunge für Sprache, Welle für Meer, Wasser für Leben, Haus für Heimat.
Der metonymische Ausdruck Kraut, womit der Engländer den Germanen ins primitive Dasein zurückschickt, oder Bleichgesicht, womit die indianische Rothaut den weißen Trapper ins Visier nimmt, bezeugen nicht nur die Abwehr des Fremden mittels satirischer Überspitzung, sondern auch die Kraft der das charakteristische Merkmal auslesenden sprachlichen Wahrnehmung.
Wer mit dem schiefen Turm seiner steilen Nase die dunstige Luft seines Lebens schneidet und die Häme seiner Mitwelt auf sich zieht, hat eine andere Seele, als wer mit dem Stupsnäschen in seinem Engelsgesicht die Umwelt entzückt.
Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Physiologie eines Volkes, die natürlich eine Funktion genetischer Varianz ist, und der von ihm hervorgebrachten kulturellen Werte und Werke, die wie ein mehr oder weniger edles Reis auf dem alten Stamm seiner Physis aufgepfropft werden.
Das Auge ist gewiß ein nach genetisch codiertem Plan aufgebautes Organ, doch die Augen der indogermanischen Völker, die in der Frühzeit in den ägäischen Raum einwanderten, sahen offenkundig anders und anderes als das Auge der Ureinwohner Australiens und Neuguineas. Das bezeugen ihre Kunstwerke von der archaischen Plastik über die Vasenmalerei bis zu den Tempelsäulen.
Schwul war gestern ein Schimpfwort, heute ein Ehrentitel.
Négritude war einmal die hymnische Umkehrung des in Verruf geratenen Wortes Niggertum.
Was sie nicht herstellen, herumschubsen und manipulieren können, geht ihnen durch ihre schmutzigen Lappen.
Das Unbewußte der Zivilisation ist eine bösartige Geschwulst, ihre Metastasen fressen sich in die Gesichter, die Träume, die Worte.
Der Penis als modisches Anhängsel. – Aber nicht der schwarze.
Heute müßten die Fleurs du Mal wegen ihres Kultes der Mulattin und des schwülen Charmes schwarzer Hüften jener Art von Zensur anheimfallen, die einst an ihrer Darstellung der lesbischen Liebe Anstoß nahm.
Nicht nur die Werke Kants, der anthropologisch nüchtern von der biologischen und ethischen Verschiedenheit der menschlichen Rassen handelte, auch die des Aristoteles werden von den Regalen der Bibliotheken gerissen, hat er doch sich zu der himmelschreienden Ansicht bekannt, daß gewisse Individuen von Natur aus Sklaven und knechtischer Gesinnung seien.
Wenn der Leib, die Motorik, die Physiognomie, das Gedächtnis die Ausdrucksform der Seele darstellen, kann die Psychologie des Japaners nicht die des Afrikaners, das Seelenlebens des tropischen Insulaners nicht das des nomadischen Eskimos sein.
Die Werke Baudelaires gehören auf den Scheiterhaufen, enthalten sie doch anstößige Passagen wie jene, es gebe nur drei würdige Repräsentanten der Menschheit, den Dichter, den Priester und den Soldaten, denn sie verkörperten den Sinn des Lobpreises, des Segens und des Opfers, dem Rest gebühre die Peitsche.
Wir werden den Teufel tun und uns zur Vergötzung wulstig aufgequollener Negerlippen hinreißen lassen.
Unser Schönheitsideal ist abendländisch-hesperisch, wir denken an Beatrice und Laura, Lotte und Mignon, an die Blütenkörbe des Adonis, die glänzende Muschel der Aphrodite, die Veilchen des Eros; wir denken an die Engel Giottos und die rosenwangigen rheinischen Madonnen, an Arme und Brüste weiß wie Schnee, an milchübergossene Lenden, an den goldenen Schimmer von Locken, an Blicke, deren tiefes Blau uns in die Abgründe des Azurs taucht.
Unser Schönheitsideal ist sublim, geistig und apollinisch-hell wie die Lilien der Madonna, die Lilien der Bourbonen.
Der schöne Leib unseres Traums glänzt nicht im Schweiß der tropischen Sonne, seine ätherische Kühle flammt und blitzt wie der köstliche Schnee des Fujiyama, des heiligen Bergs.
Unser Schönheitsideal ist mädchenzart und knabenfrisch, wir denken an das geheimnisvoll-süße Lächeln der archaischen Epheben, an die veilchenlockigen Schönen in Sapphos Reigen, an den Speerträger und die Wagenlenker von Olympia, der Kränze eines Pindar würdig; wir denken an den Frühling Botticellis, an das Gnadenlächeln, das aus dem Hortus conclusus strömt, an die Hingabe und den Tränen ahnenden Blick des Johannes in den Plastiken vom Bodensee; wir denken an den göttlichen Knaben Maximin in Georges Buch Der Siebente Ring.
Wir werden den Teufel tun und die seligen Melodien eines Mozart dem Triebgeschnarre des Neger-Jazz opfern.
Alles Sublime, Großgeartete, Außerordentliche ist dem Untergang geweiht, wenn der ominöse Drang der weißen Eliten zur Vermischung und Homogenisierung der Rassen, Kulturen und Sprachen, zur Verpantschung des edlen Weins der Tradition in der tristen Orgie olivfarbener Leiber und aschgrauer Seelen mündet.
Der unterschwellig brodelnde Haß und das den Blick der Seele trübende Ressentiment nähren sich aus dem vergifteten emotionalen Grundwasser der Zivilisation.
Nur der Stumpfsinnige entwickelt keine Mordlust gegen den Nachbarn, mit dem er Käfig an Käfig eingepfercht in Wohnsilos zwischen Motorenlärm und dem penetranten Gestank des ins Fenster wehenden Geschwätzes vegetieren muß. – Vor allem wenn dieser Gestank die Herkunft aus dem Kauderwelsch unreiner Zungen und dem morastigen Geschlinge ungeläuterter Hirne verrät.
Nicht über die Eruptionen der Gewalt muß man sich verwundern, sondern über die langen Phasen unheimlicher Stille.
Geduld, mütterliche Hingabe, väterliche Sorge, das Warten-Können der elterlichen Liebe auf die Reifung, die sich an den ersten Schritten, am ersten Wort, an der ersten freien Handlung des Kindes kundtut – dies sind auch die ethischen Haltungen, die zur Meisterschaft in Kunst und Dichtung führen.
Das Echte am dichterischen Meisterwerk rührt nicht von der Mache, sondern der frommen Hut des Samens, den Eros in die Furche des Traums gesenkt.
Doch mag der Same trotz liebevoller Pflege und gärtnerischer Kultur kaum entsprossen eine duftlose Scheinblüte hervorbringen, die rasch dahinwelkt.
Der Intellektuelle, der Idiot der Zivilisation, betet die Mache und alles Gemachte an, der Herzschlag des sich erneuernden Bluts, der natürliche Rhythmus von Vers und musikalischem Gedanken, ist ihm unter den dicken feuchten Fetzen gedruckten Geschwätzes und von Lügen durchnäßten Bandagen aus Zeitungspapier unhörbar geworden.
Wir gewahren die höchste Reife der Kunst an der Verschmelzung von Tun und Leiden, Machen und Wachsen, am Bilden des entgegenblickenden Bilds, wie an der antiken Tempelsäule, die urtümlich ein gerodeter Baumstamm noch in den sublimen Verfeinerungen der ironischen und korinthischen Ordnung am stilisierten Laub des Akanthus von ihrer Herkunft kündet: dem Wald, ursprünglicher Ort der Kulte, Weihungen und nächtlichen Ekstasen.
Wo die Säulen noch als Allegorien heiliger Bäume die Architektur und die Aura öffentlicher Räume prägen, wie im preußischen Staat, finden wir schöne Erinnerungen an die Wahrheit der Antike.
Die Säule verlangt den Marmor, in dessen Maserung die Kraft der Erde pulst, in Beton gegossen wirkt sie leblos und stumpf.
Im Wurzelgrund des zur überirdischen Sonne strebenden klassischen Verses rauscht ein dunkles Wasser, in den Tropfen des Reims spiegelt sich ein geheimnisvolles Licht, Mond, der aufgeht über Eden.
Charles Baudelaire, Élévation
Au-dessus des étangs, au-dessus des vallées,
Des montagnes, des bois, des nuages, des mers,
Par delà le soleil, par delà les éthers,
Par delà les confins des sphères étoilées,
Mon esprit, tu te meus avec agilité,
Et, comme un bon nageur qui se pâme dans l’onde,
Tu sillonnes gaiement l’immensité profonde
Avec une indicible et mâle volupté.
Envole-toi bien loin de ces miasmes morbides;
Va te purifier dans l’air supérieur,
Et bois, comme une pure et divine liqueur,
Le feu clair qui remplit les espaces limpides.
Derrière les ennuis et les vastes chagrins
Qui chargent de leur poids l’existence brumeuse,
Heureux celui qui peut d’une aile vigoureuse
S’élancer vers les champs lumineux et sereins;
Celui dont les pensers, comme des alouettes,
Vers les cieux le matin prennent un libre essor,
— Qui plane sur la vie, et comprend sans effort
Le langage des fleurs et des choses muettes!
Aufschwung
Über den Weihern, über den Schluchten,
Gebirgen und Wäldern, Wolken und Meeren,
jenseits von Sonne und blauenden Leeren,
jenseits der sternenschimmernden Buchten,
dort fliegst, mein Geist, du mit luftigem Fittich,
wie guten Schwimmers Lust am Schaum der Welle
überwindest du freudig des Unendlichen Schwelle,
unsagbar ist deine Wonne, ist männlich.
Steig hoch empor aus diesen Fäulnisschäumen,
Odem höchster Sphäre wasche dich rein,
trinke wie einen lichten göttlichen Wein
klaren Feuers Fülle in kristallenen Räumen.
Abseits von Lebensekel und tiefem Verdruß,
Bürde von Wesen, die im Nebel verzagen,
selig, wen seiner Flügel kraftvolles Schlagen
erhebt zu Licht-Gefilden und frohem Genuß,
wessen Denken sich wie der Lerchen Singen
des Morgens aufschwingt zur himmlischen Flur,
er schwebt über dem Leben und kennt von Natur
die Sprache von Blumen, von stummen Dingen.
Der tote Garten
Du tratest spät durchs schmale Tor
in meinen abgeblühten Garten,
wo ich den Sinn des Leids verlor
mit Duft und Blatt im kahlen Garten.
Du tauchtest deines Lächelns Licht
in meinen dämmernden Garten,
es blühte auf mir dein Gesicht
ein Lilienschein im dunklen Garten.
Dein Mund hat Mohnes Glut gehaucht
in meinen ausgeblichnen Garten,
dein weicher Leib ist eingetaucht
ein goldner Mond in meinen Garten.
Das Bild zerrinnt im Morgenrot,
entgeistert starrt mein öder Garten
des Sinnes bar, o läg ich tot
ein totes Blatt im toten Garten.
Schimmer auf dem Staube
Wie wollen durch die Gräser schweifen,
Frührots zarte Kelche klingen,
wir wollen Flaum von Träumen streifen,
bis der Sonne Flügel schwingen.
Wir gehen barfuß durch die feuchten
Gründe, wo die Moose ächzen,
der Veilchen treue Augen leuchten,
Tau und Licht stillt alles Lechzen.
Wir hocken auf den warmen Steinen,
kauen unsre Butterbrote,
zu reden gibt es nichts, zu meinen,
Falter ist des Wunders Bote.
Wenn Wolken Gold ins Blaue tauchen,
tropft schon Mondes Milch im Laube,
wie süß wir unser Glück verhauchen,
Traumes Schimmer auf dem Staube.
Wir gingen zu den alten Quellen
Wir gingen zu den alten Quellen,
zu fühlen, wie sie schwellen.
Umfängt, beglückt uns noch das Wehen,
der Erde dunkles Flehen?
Wir flohen aus den Nebelschwaden
auf roten Reben-Pfaden.
Tönt es aus tiefer Himmelsbläue,
daß sich der Traum erneue?
Wir sanken in bemooste Mulden,
umhaucht von Frührots Hulden.
Erhellen Schimmer unser Grauen,
wenn Aug in Aug wir schauen?
Wir standen vor den Ahnenmalen
und tränkten Blumenschalen.
Erwärmt das Blut sich noch an Lettern,
die müde wir entblättern?
Schatten auf den Höhen
Schatten auf den Höhen,
Schatten, die verwehen,
Glanz, er ging zur Neige,
schweige, Liebe, schweige.
Tau schreibt auf die Wiesen,
Mooses graue Fliesen
zarte Epitaphe,
schlafe, Liebe, schlafe.
Blüten immer blasser,
dunkler tönen Wasser
durch die leeren Räume,
träume, Liebe, träume.
Wir gingen ziellos unterm Schweige-Mond
Wir gingen ziellos unterm Schweige-Mond,
die helle Träne, wie einander zugeweint,
sie rann von Blatt zu Blatt, und süßer schimmernd
verlor sie sich im dunklen Moos der Nacht.
O sage nichts von Abschied und frage nicht,
warum die Blüten, die ins Frühlicht staunend
mit weichen Düften uns den Traum entlockten,
sich zagend vor der Dämmerung verschlossen.
Wir kamen zu dem Gartengitter, berankt
mit blinden Knospen, Schattenwuchs von Efeus
erstarrten Blättern, und hörten hinter Dornen
gebannter Wasser Aufschwung schluchzend münden.
O sage nichts von Wiederkehr, wir sind
nur einer kranken Erde blasses Träumen,
du fühlst ja, wenn die Küsse sich verhauchen,
wie leise, immer leiser pocht ihr Herz.
Clearly the blue river chimes in its flowing
Under my eye;
Warmly and broadly the south winds are blowing
Over the sky.
One after another the white clouds are fleeting;
Every heart this May morning in joyance is beating
Full merrily;
Yet all things must die.
The stream will cease to flow;
The wind will cease to blow;
The clouds will cease to fleet;
The heart will cease to beat;
For all things must die.
All things must die.
Spring will come never more.
O, vanity!
Death waits at the door.
See! our friends are all forsaking
The wine and the merrymaking.
We are call’d–we must go.
Laid low, very low,
In the dark we must lie.
The merry glees are still;
The voice of the bird
Shall no more be heard,
Nor the wind on the hill.
O, misery!
Hark! death is calling
While I speak to ye,
The jaw is falling,
The red cheek paling,
The strong limbs failing;
Ice with the warm blood mixing;
The eyeballs fixing.
Nine times goes the passing bell:
Ye merry souls, farewell.
The old earth
Had a birth,
As all men know,
Long ago.
And the old earth must die.
So let the warm winds range,
And the blue wave beat the shore;
For even and morn
Ye will never see
Thro’ eternity.
All things were born.
Ye will come never more,
For all things must die.
Alles wird vergehen
Hell ertönen blauen Stromes Wellen,
ich kann sie sehen.
Wie warm und weit von Süden Winde schwellen
auf den Höhen.
Wolke um Wolke, weiße, die einander jagen,
an diesem Maienmorgen alle Herzen freudig schlagen,
dem Glück geweiht.
Doch alles muß vergehen.
Strom, er wird versiegen,
Wind, er muß erliegen,
Wolkenflug wird unterbrochen,
Herz hört auf zu pochen.
Denn alles muß vergehen.
Nie wieder Frühlingsflor.
O Nichtigkeit!
Tod steht vor dem Tor.
Unsre Freunde, sieh, den Rest
im Glas, vorbei das Fest.
Die Stunde schlug, wir müssen los.
Tief in der Erde Schoß
harrt unser dunkles Lehen.
Ermattet ist der Hymnen Flügel.
Was Nachtigall gesungen,
ist immerdar verklungen.
Kein Wind braust überm Hügel.
O tiefes Leid!
Horch, Tod, er ruft ins Grab,
mein Lied gibt euch Geleit,
der Kiefer sinkt herab,
der Wange Röte bleicht,
der Gliederbau erweicht.
Blutbahnen, sie gefrieren,
die Augen, wie sie stieren.
Neunmal tönt die Glocke hohl,
ihr frohen Seelen, lebet wohl.
Die alte Erde
vernahm ihr „Werde!“,
euch ward die Kunde,
vor Jahr und Aberstunde.
Auch die alte Erde muß vergehen.
So laßt die warmen Winde schweifen,
das Ufer blaue Woge queren.
Dämmerung und Frühlicht-Flur
wirst du nicht mehr sehen
in alle Ewigkeit.
Alles dies ist Kreatur.
Niemals wird sie wiederkehren,
denn alles muß vergehen.
Oscar Wilde, Taedium vitae
To stab my youth with desperate knives, to wear
This paltry age’s gaudy livery,
To let each base hand filch my treasury,
To mesh my soul within a woman’s hair,
And be mere Fortune’s lackeyed groom, – I swear
I love it not! these things are less to me
Than the thin foam that frets upon the sea,
Less than the thistledown of summer air
Which hath no seed: better to stand aloof
Far from these slanderous fools who mock my life
Knowing me not, better the lowliest roof
Fit for the meanest hind to sojourn in,
Than to go back to that hoarse cave of strife
Where my white soul first kissed the mouth of sin.
Meine Jugend mit Verzweiflungsdolchen niederfechten,
das grelle Kostüm dieser gemeinen Zeiten tragen,
wo schmutzige Hände meinen Schatz zu klauen wagen,
meine Seele in eines Weibes Locken flechten,
nichts als Fortunas Knecht, der ihren Speichel leckt,
nur dies nicht! Diese Dinge machen mir weniger her
als Schaumes fader Zierrat auf dem Meer,
weniger als Distelwolle, vom Sommerwind geneckt,
die nirgends keimt: Da wird mir abseits stehen teuer,
fern von gehässigen Toren, die mein Leben höhnen,
ohne mich zu kennen, besser eine schäbige Scheuer,
die einer armen Hirschkuh Zuflucht ist,
als in dies Loch zurück, wo rüde Stimmen dröhnen
und meine weiße Seele zuerst der Sünde Mund geküßt.
Wunde, sie spricht
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Raufbolde, die aufgrund charakterlich-natürlicher Gegensätze immer voll Argwohn und Mißgunst einander belauern und befehden, sich berserkerhaft ineinander verhaken, muß man trennen, sie nebeneinander die Schulbank drücken zu lassen deutet auf Dummheit oder Ideen moderner Pädagogik, also auf beides.
Separation, Segregation, Apartheid – nicht die Lösung rassischer, ethnisch-kultureller Konflikte (sie sind nicht lösbar), sondern ihre Vermeidung.
Sprachliche Schnitzer sind oft Symptome gedanklicher und logischer Insuffizienz. So verwechselt man die Konjunktionen „nachdem“ und „weil“, also ein temporales Verhältnis („Ihm wurde übel, nachdem er die Schweinshaxe heruntergeschlungen hatte“) mit einem kausalen („Ihm wurde übel, weil er die Schweinshaxe heruntergeschlungen hatte“). Doch die Angabe gleichzeitiger oder aufeinanderfolgender Phänomene und Ereignisse drückt eine Korrelation aus, anders die Angabe von Ursachen und Gründen. (Ihm könnte, nachdem er die Schweinshaxe heruntergeschlungen hatte, übel geworden sein, obwohl das üppige Mahl nicht die Ursache seines Unwohlseins war.)
Heute leisten sich Dozenten an Hochschulen und Universitäten Schnitzer, für die in Zeiten schwarzer Pädagogik Klein Fritz in die Ecke gestellt worden wäre, das Gesicht zur Wand. Jene aber verlieren deshalb nicht an Ansehen, geschweige denn die venia legendi, sondern werden zu Säulenheiligen des Zeitgeistes erhoben, wenn sie ihm nur schmeicheln („Wahrheit ist das Ergebnis herrschaftsfreier Diskurse“ oder „Es gibt keine natürlichen Rangunterschiede unter Menschen“).
Gewalttätige Exzesse und sexuelle Perversionen können in vielen Fällen als Ausdruck und Symptom metaphysischer Langeweile („Spleen“ bei Baudelaire) verstanden werden.
Spleen, Langeweile, taedium vitae und ihre zivilisatorische Spätzeit anzeigenden Symptome: Verödung, geistige Leere, Abgestumpftheit und ihre Zwillingsschwestern Nervosität und Erregtheit bei tiefer Müdigkeit und Niedergeschlagenheit, scheeläugige Neugier und masochistische Schaulust, Rede- und Schwatzsucht bei seelischer Erblindung und geistiger Stummheit, Umtriebigkeit und Ruhelosigkeit im raschem Wechsel von Wohnort, Reiseziel, Amüsierlokal bei vollständiger innerer Erlahmung und Erstarrung, obsessive Berauschungen gegen gemüthafte Dumpfheit und mentale Sklerose, Erotizismus und sportliche Nachäffung pornografischer Vorlagen, Jagd nach dem Orgasmus als Suizid von Liebe und Eros, organisierter Tourismus als Ichflucht, Kunstmarkt als Musenstrich, Kunstbetrieb als Metastase des Amüsierbetriebs, politisch-moralische Dauererregung als Religionsersatz.
Der Antisemitismus ist nicht Ursache, sondern Folge von Diskriminierung und Aussonderung, nämlich der Erwählung des biblischen Volkes zum ersten und bevorzugten Hörer von Gottes Wort.
Erwählung aber impliziert auch die Ausgesetztheit des Herzens in die Wüsten sternenloser Nacht.
Je mehr das göttliche Wort vom Rauschen der Maschinen und dem Gejohle des Amüsierbetriebs übertönt wird, desto lauter wird das intellektuelle Geschwätz von Menschenwürde und Humanität.
Je mehr die Flamme des Heiligen Geistes vom Feuer der Motoren und der Nervosität der künstlichen Beleuchtung überblendet wird, desto wilder wirbeln die Asche einer kalten Leidenschaft und der Staub der abstrakten Kunst.
Niemand ist weiter vom ödipalen Begehren der psychoanalytischen Lehre entfernt als der Ödipus des Sophokles. Nichts liegt weiter von der freudschen Kastration ab als die Blendung des tragisch Verblendeten, sie ist nicht Strafe, sondern tragische Tat, um mit dem Gott der Reinheit ins reine zu kommen.
Hölderlin sieht zurecht in der tragischen Tat wie der Selbstblendung des Ödipus oder dem Sturz des Empedokles die angestrebte Wiedervereinigung mit dem „aorgischen Grund“ oder dem göttlichen Pleroma.
In der Industrialisierung der Landwirtschaft wurde das Gesicht Demeters hinter dem Nebel der ausgebrachten Gifte unkenntlich, in der Esse der Hochöfen verlöschten die Funken des Hephaistos.
Die Heilsgaben Brot und Wein entwirklichen sich fast unwillkürlich zu bloßen Zeichen einer sich selber feiernden Gemeinschaft, wenn man am realen Brot die Fadheit der Fabrikware schmeckt und im realen Wein die Glut der dionysischen Macht, die noch im Hintergrund der christlichen Überlieferung lodert, längst in organisiertem Frohsinn verblaßt ist.
Die Idiotie des Zeitgeistes grinst einem in der Leugnung des natürlichen Unterschiedes der Geschlechter entgegen, also der Tatsache, daß es einen schicksalhaften Unterschied macht, ob sie mit einem Uterus und schwellenden Milchdrüsen ausgestattet und in der Lage ist, Kinder auszutragen, und er mit Hoden und Penis, und somit spermienklein hinter der Größe und Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt zurückbleibt.
Die natürliche mädchenhafte Anmut fällt der Blindheit des Zeitgeistes ebenso anheim wie die natürliche Wildheit, Abenteuerlust und Verstiegenheit des Knaben.
Das Nächstbeste wollen sie nicht leisten, sondern eifern, über es hinwegtretend, ins fahle Licht eines sie dem eigenen Dasein entfremdenden doktrinären Ideals.
Klug, redegewandt, smart, doch innerlich verödet.
Die Quelle, die uns die Wüste des Herzens bewässert, können wir nicht wie Landvermesser und findige Ökologen kartieren und ingenieurmäßig anzapfen.
Die heilige Quelle ist nicht nur ein Ursprung der seelischen Fruchtbarkeit, sondern als ein Wasser, das singt, Ursprung des dichterischen Weltumgangs.
Nach dem Mythos hat Pegasus, das geflügelte Pferd der Dichtung, den heiligen Quell der Poesie auf dem Gebirge Helikon mit seinem Hufschlag geweckt.
Wir finden das Bild der Offenbarung des göttlichen Sinns in allen Mythen über den Ursprung der Dichtung, so als Anhauch, Einflüsterung, Verwundung, Verbrennung oder eine andere Weise der Versehrung. Ähnliche Bilder enthalten die biblischen Berichte über die Berufung der Propheten wie des Moses, Elias oder Jesajas.
Wunde, sie spricht, Wunde, sie singt.
Es ist ein Symptom des spirituellen Verfalls und der verödenden Macht der Zivilisation, wenn sie den Dichter in die Kolonne der den Sekt der Selbstvergötzung schlürfenden Bohemiens einreiht (denn das Bitterkraut der Verwandlung mundet ihnen nicht), Entertainer, die der dumpfen Masse die Langeweile mit sentimentalen Versen oder rhythmischem Unzuchtschnalzen vertreiben sollen.
Die Sentimentaliserung der Poesie hüllt das banale Gefühl, das sich abgestumpfter Rohheit zu entschlagen wähnt, in ein mit rotem Samt ausgekleidetes Futteral, parfümiert mit Veilchenduft und Eau de Cologne.
Der sentimentale Dichter, der noch feinsinnig genug ist, um zu ahnen, daß er von der helikonischen Quelle durch unübersteigliche Mauern der Sinnleere abgeschnitten ist, kompensiert sein Mangelgefühl durch Ironie.
Biß der ironischen Desillusionierung in die obszön entblößte Brust der Muse.
Die Verödung des dichterischen Weltumgangs spiegelt sich in der verbissen oder routiniert betriebenen ingenieurhaften Kopie technischer Verfahren wie der Fragmentierung der Verse oder Klänge und ihrer Montage nach kalkulierten Mustern.
Manche suchen dem Stigma der Sentimentalität zu entrinnen, indem sie vor dem Wohlklang voller Reime zurückscheuend wie wurmstichige Früchte unreine ans Versende reihen.
Andere wähnen sich in erhabener Nähe zu den Dichtern, die ihre Formen nach antiken reimlosen Mustern und Strophen gebildet (oder suchen den Stachel der Ruhmsucht in ihre Adern senkend parasitär anzuschwellen), doch auf ihrem Acker strotzt das freudlose und staubige Unkraut der Beliebigkeit, wucherndes Chaos, das sie für den Ausweis einer außergewöhnlichen Fruchtbarkeit halten.
Und wirklich, wem, der barhaupt über die abgetretene Schwelle seines Könnens und Wollens unter ein Sternenwehen menschenferner Nacht träte, geschähe Anhauch, Bauschen des Haars, das ihn nicht eitel sich selbst tiefer und feiner spüren ließe, entrückter Chöre fern flüsterndes Funkeln, das ihm nicht die Bühne seiner Selbstinszenierung erhellte, Stimmen, die seine schattenhafte Gegenwart in das Meer blauer Versunkenheit tauchten?
Wie die Knospen einsam wogen
Wie die Knospen einsam wogen
unter fremden Monden
auf umschäumten Spuren,
Traumes schwanken Fluren.
Sturmwind riß sie los
vom gekränkten Mutterschoß.
Glänzen auch die Lippen –
wenn von schroffen Klippen
ungeheure Schatten schweben,
wie sie dann erbeben.
Wolke weint die bleichen
Tränen auf die weichen
Waisen ganz entrückter Gärten,
Frühlings Schmerzgefährten.
Was von Düften sie noch hüllen,
kann die Wehmut nimmer stillen,
muß das bißchen Traum ernähren,
Ödnis ihrem Tag zu wehren.
Wie sie durch die Nächte schaukeln,
wie sie äugen, ob im blauen Gaukeln
einmal noch die Freude webt,
einmal noch die Sonne hebt
Lächeln auf die blassen Wangen.
Doch auf wüsten Wassern
schwirren keine Bienen,
Taues Schoß zu dienen,
und kein Falter wird die Süße,
die sie unter zarter Blüte
bergen, jemals finden.
O ins Namenlose schwinden,
Abendröte auf den Fluten
ist ein stummes Bluten.
Nächtens wehen Flocken,
Blumenadern stocken,
wie sie bitter schmecken.
Laßt die Lider nun verdecken
unerfüllter Liebe Bild.
O ihr Knospen mild,
dunklen Schicksals lichte Sprossen,
Duft ist, Traum zerflossen.
Charles Baudelaire, L’Homme et la Mer
Homme libre, toujours tu chériras la mer
La mer est ton miroir ; tu contemples ton âme
Dans le déroulement infini de sa lame,
Et ton esprit n’est pas un gouffre moins amer.
Tu te plais à plonger au sein de ton image ;
Tu l’embrasses des yeux et des bras, et ton cœur
Se distrait quelquefois de sa propre rumeur
Au bruit de cette plainte indomptable et sauvage.
Vous êtes tous les deux ténébreux et discrets :
Homme, nul n’a sondé le fond de tes abîmes,
Ô mer, nul ne connaît tes richesses intimes,
Tant vous êtes jaloux de garder vos secrets !
Et cependant voilà des siècles innombrables
Que vous vous combattez sans pitié ni remord,
Tellement vous aimez le carnage et la mort,
Ô lutteurs éternels, ô frères implacables !
Der Mensch und das Meer
Offner Mensch, deine Liebe für das Meer währt ungestillt,
das Meer, es ist dein Spiegel, magst die Seele dir erhellen,
betrachte nur das ewige Auf und Ab der Wellen,
dein Geist: ein Abgrund, minder nicht von Bitterkeit erfüllt.
Gerne magst an deines Bildes Brust dich schmiegen,
das Aug ihm kosen, seine Glieder, und manches Mal
wird dein eigner Herzschlag übertönt, wenn voller Qual
die wilde Klage braust, die niemals wird versiegen.
Dunkel seid ihr beide, seid so voller Scheu:
Keiner senkte jemals, Mensch, das Lot in deine Tiefen,
keiner weiß, o Meer, wo deine Perlen triefen,
so wahrt ihr eure Schätze vor den Neidern treu.
Doch wie lange spinnt sich schon der Schicksalsfaden,
da ihr euch bekrieget, fühllos und verroht,
so sehr liebt ihr das Blutbad, liebt den Tod,
o Streiter immerdar, o Brüder ohne Gnaden!
Graue Wolken
Graue Wolken, Wasserbäuche
tief auf frostbehauchtem Feld,
Herbstes Schillern ist zerschellt,
schwarze Früchte, Fraß der Seuche.
Kahle Äste, hohle Knochen,
Disteln, müde unterm Staub,
ausgeflammtes feuchtes Laub,
welker Ranken Pfahl, zerbrochen.
Auch nicht kleinen Lebens Knistern,
Schatten nur geht auf und ab,
sucht sich unterm Dorn ein Grab,
Rinnsal nicht, nicht Halme flüstern.
Abends treiben glanzlos Flocken,
doch der Atem, der sie jagt,
bringt den Fäulnisdunst, der nagt,
bis noch Wurmes Pulse stocken.
Mond blüht auf, die Grabesblume,
duftlos mit der fahlen Pracht,
Trauergast der toten Nacht,
blauer Hauch auf kalter Krume.
Unkraut sprach zur Rose
Unkraut sprach zur Rose:
„O du makellose
Sonne sanfter Liebe
bin ich nur ein Kraut,
das man um bald haut
mit dem schnöden Hiebe,
bücke mich ja ganz
unter deinen Glanz,
darf an dir verehren,
welche reiche Gunst
schenkt die Menschenkunst,
will mich nicht beschweren,
daß mich Erde hüllt,
der dein Ruhm entquillt.“
Rose sprach zum Kraute:
„O du staubergraute
Tochter roher Keime,
kannst du auch nicht ranken
zart um Herz-Gedanken,
bist doch wert der Reime
und der Sonne Kind,
wie wir Rosen sind,
will an dir verehren,
welche reiche Gabe
dein Verscheiden habe,
wirst mein Prangen nähren,
wenn dich Erde hüllt,
blühtest sinnerfüllt.“
Wieso die Ödnis
Wieso die Ödnis, armes Kind,
der Worte Sirren wie von Mücken,
vom Kelche nur in faden Schlücken?
Weil wir Verwaiste Gottes sind.
Wieso im Rausch noch Langeweile,
zerplatzten Schillerns Schaum der Kuß,
in Blumenfülle Überdruß?
Wir gähnen, tropft der Psalm vom Heile.
Wieso uns Sonne Todesglut,
der Wollust Bilder schwarz von Bränden,
die Flammenschrift an Stirn und Händen?
Uns löschte keines Heilands Blut.
Hat nie das hohe Lied von Inseln
des Südmeers uns den Traum geweht,
wie Rosenschöne aufersteht?
Wir hören nur den Bettel winseln.
Der Konzeptkünstler
Ein lichtscheues Element
Er kaut ein Wort nur, nein, o nein,
zerquälte Wollust, geile Pein,
es klebt als Haar auf seiner Zunge,
es schwärzt das Blut in seiner Lunge.
Verneinung kann nicht Sonnen ballen,
aus leerem Schacht kein Wasser wallen,
und doppelt nein bleibt ewig nein,
es kann Kritik nicht Schöpfung sein.
Wer goß frech hin den Festpokal,
ihm wird der frohe Sang zur Qual,
muß Musenanmut denunzieren
und neidisch sie mit Kot beschmieren.
Das Hirn verquillt ihm von Ideen,
doch keine Ferne macht sie wehen,
in seinen Adern klumpt Verzicht,
verdunkelt ist das süße Licht.
Konzepte nennt er das Gelumpe,
gestopft in die Fäkalienpumpe,
die Transparenz hat überfleckt
des Hochmuts Spucke, Fratze bleckt.
Die Fläche gähnt wahnimmanent,
kein noch so dürres Häkchen brennt,
die Transzendenz ist zugenagelt,
weh, wenn es blitzt, weh, wenn es hagelt.
Nur Blut nicht tropfen, Knospen weihen,
die Anti-Kunst ist Lymphe speien
auf kalte porenstumpfe Haut,
die Sonne nicht und Hauch nicht taut.
Stößt Harmonien er vom Thron,
Eunuche heiß am Mikrophon,
kastriert um alle Melodien,
muß er den Schoß des Urklangs fliehen.
Feil greift die Hand ans Mal der Ahnen,
verhüllt es mit obszönen Planen,
zerkocht der Grazie zartes Bein
und lädt den Mob zum Festmahl ein.
Daß kindlich Augen leuchten
Daß kindlich Augen leuchten
aus blauer Himmelsschlucht,
am süßen Fleisch der Frucht
sich Zwillingslippen feuchten.
Wie kann ein Wunder klopfen
in einer Brust so bang,
auf Duldens Dämmergang
ein Glanz von Tränen tropfen.
Und decken Lockenwogen
sanft Schlummerlider zu,
die Schwalbe ist im Nu
dein Herz vom First geflogen.
Wie können Blutgefäße
sich füllen zart mit Licht,
dein süßes Dunkel spricht,
daß es mein Lied besäße.
Des Kranichs Abschiedsflügeln
verschleiert dir den Blick,
dein Auge feuchtet Glück,
wenn sich die Schwäne spiegeln.
Dein Frühling ist ein Wehen,
erwacht von Matten Hauch,
der Sommer läßt dich sehen,
uns reiften Sonnen auch.
Herbst zündet kalte Flammen,
der Mond rollt in den Fluß,
die Hände wärmt, die klammen,
im Winter dir mein Kuß.
Kristalle des Schlafs
Was dort schimmert wie Salz,
sind Kristalle des Schlafs.
Der Nährerin Dunkel entquollen,
Salz getrockneter Tränen.
Was da glimmt auf den Krumen,
schwarzen Schollen des Traums.
Was dort leuchtet wie Blut,
sind Gerinnsel des Schlafs.
Des Dulders Wunde entsickert,
färbten sie Rose und Mohn.
Was da glimmt an den Ufern,
Nebelauen des Traums.
Mein stilles Land
Süßer tropfen Gluten
auf mein stilles Land,
sanfter flechten Fluten
Locken auf den Strand.
Muscheln, Mond-Geschmeide,
weicher Klage Ton.
sommerlich die Heide,
heiß von Phlox und Mohn.
Engel sind die Blumen
und sie gießen Duft
auf die Schmerzenskrumen,
in die wehe Luft.
Freude birgt die Quelle,
daß sie nicht vereist,
Moos umkost die Welle,
Lilien hauchen Geist.
In der Höhe blauen
Stimmen veilchenweich,
milde Herzen tauen,
arme fühlen reich.
Rehe sind, die weiden
sanfter Erde Gras,
wenn die Strahlen scheiden,
tönt des Traumes Glas.
Vögel sind, die wiegen
Zweige im Gesang,
wenn die Strahlen siegen,
schauern Blätter bang.
Himmel sinkt ins Wasser,
Milch und Purpurwein,
Sterne blühen blasser,
Azur flammt allein.
Nur die grinsend schwärmen,
Fratze, Wahn und Tand,
sollen mir nicht lärmen
durch mein stilles Land.
Gnadenbild
Laß uns kindlich trinken
deines Lächelns Licht.
Daß wir nicht versinken,
blüht dein Angesicht.
Leeren Herzens haben
wir der Fülle Bild.
Deine Gnadenwaben
tropfen Honig mild.
Deine Blicke segnen,
die da knien hin.
Deine Hulden regnen
Tränen dürrem Sinn.
Falten deines blauen
Mantels, geistdurchweht,
bergen unser Grauen,
hüll uns ins Gebet.
Und der Nächte Sonne,
die dein Schoß gebar,
strahle Heiles Wonne
auf die Dulderschar.
Mußte sie auch dunkeln
an dem Schmerzensbaum,
fühlen wir ihr Funkeln
fern an Edens Saum.
Nimm aus Demutshänden
Rosen weiß und rot,
magst du Liebe senden,
Hoffnung in den Tod.
Ist uns nichts als weinen
auf dem Floß der Nacht,
laß zur Rettung scheinen
deines Bildes Pracht.
Post festum
Rührender als das silberne Quellen grünender Erde
sind von Mondlicht getrübt Wassers Gesänge zur Nacht.
Wo der morsche Kahn sich stöhnend ergab und erstarrte,
im gebogenen Schilf einst hast du ihnen gelauscht.
Wo denn flossen sie hin, die Wasser, die nächtlichen Sänge,
Lampion schief nach dem Fest schwankend am Aste, der Mond.
Aber die heller sprachen als Blüten tragendes Wasser,
goldener Locken Flut, daß du getaucht darein, Duft,
als schon Sonne unter Wimpern der Dämmerung schielte,
Stirn, sie war noch heiß, offene Knospe der Mund.
Wo denn ist die Flut verebbt, verrauchten die Düfte,
Locken, wie ergraut, kußlos verrunzelter Mund.
Grell gefleckt ist Tages Fell
Grell gefleckt ist Tages Fell,
goldene Schuppen aber tauchen
aus dem Meer der Nacht.
Sind die Blitze trockene Stachel,
Grollen ist im Tal verraucht,
hofft des Dulders Herz auf Regen,
daß die Ebene glänzt erneuet,
lau ein blaues Wehen
Stirne ihm und Locke kost.
Staub des Lärmens ist versunken,
eingerollt in Schlafes Farne
ist der Sehnsucht wirres Zittern.
O die Fülle sanfter Leere,
Veilchen, das sich dunkler duftend
um verschwiegne Bängnis schließt.
Suchst, Dulder, du nach Heimat,
Flamme, die aus Träumen singt
und die bleiche Wange rötet,
wühle nicht in kalten Aschen,
Liebe senkt dir hin die Fackel,
wenn du weinend vor ihr kniest.
Golden sind die Töne
O das süße Glimmen
unter Schmerzensbrauen,
stille Knospen schwimmen,
taube Herzen tauen.
Wie aus Engelhänden
goldne Körner sausen,
kleine Gnadenspenden
aus den Wolkenklausen.
Golden sind die Töne,
die getropft aus Flüssen
himmelsblauer Schöne
Stein und Stirne küssen.
Blüten auch sind golden,
wenn sie Dichter sehen,
Blumenworten holden,
die wie Duft verwehen.
Stéphane Mallarmé, Frisson d’Hiver
Cette pendule de Saxe, qui retarde et sonne treize heures parmi ses fleurs et ses dieux, à qui a-t-elle été ? Pense qu’elle est venue de Saxe par les longues diligences, autrefois.
(De singulières ombres pendent aux vitres usées.)
Et ta glace de Venise, profonde comme une froide fontaine, en un rivage de guivres dédorées, qui s’y est miré ? Ah ! je suis sûr que plus d’une femme a baigné dans cette eau le péché de sa beauté ; et peut-être verrais-je un fantôme nu si je regardais longtemps.
— Vilain, tu dis souvent de méchantes choses..
(Je vois des toiles d’araignées au haut des grandes croisées.)
Notre bahut encore est très vieux : contemple comme ce feu rougit son triste bois ; les rideaux amortis ont son âge, et la tapisserie des fauteuils dénués de fard, et les anciennes gravures des murs, et toutes nos vieilleries ? Est-ce qu’il ne te semble pas, même, que les bengalis et l’oiseau bleu ont déteint avec le temps.
(Ne songe pas aux toiles d’araignées qui tremblent au haut des grandes croisées.)
Tu aimes tout cela et voilà pourquoi je puis vivre auprès de toi. N’as-tu pas désiré, ma sœur au regard de jadis, qu’en un de mes poèmes apparussent ces mots : « la grâce des choses fanées » ? Les objets neufs te déplaisent ; à toi aussi, ils font peur avec leur hardiesse criarde, et tu te sentirais le besoin de les user, — ce qui est bien difficile à faire pour ceux qui ne goûtent pas l’action.
Viens, ferme ton vieil almanach allemand, que tu lis avec attention, bien qu’il ait paru il y a plus de cent ans et que les rois qu’il annonce soient tous morts, et, sur l’antique tapis couché, la tête appuyée parmi tes genoux charitables dans ta robe pâlie, ô calme enfant, je te parlerai pendant des heures ; il n’y a plus de champs et les rues sont vides, je te parlerai de nos meubles.. Tu es distraite ?
(Ces toiles d’araignées grelottent au haut des grandes croisées.)
Schauer des Winters
Diese Pendeluhr aus Sachsen, die nachgeht und unterm Dekor von Blumen und Göttern dreizehn Stunden schlägt, wem hat sie einst gehört? Denk dir, wie lang sie aus Sachsen mit Postkutschen unterwegs war, dermaleinst.
(Seltsame Schatten hängen auf verbrauchten Spiegeln.)
Und dein venezianisches Glas, tief wie ein gefrorener Born an einer Küste von heraldischen Schlangen mit abgeblätterten Goldschuppen, wer hat sich darin wohl gespiegelt? O ich bin gewiß, mehr als eine Frau hat in diesem Wasser die Sünde ihrer Schönheit gebadet; mag sein, ich sehe ein nacktes Gespenst, wenn ich lange blicke.
– Du Böser, du sagst oft schlimme Dinge.
(Ich sehe Spinnweben oben an den großen Fensterkreuzen.)
Unsere Truhe ist auch sehr alt: Schau, wie die Flamme ihre düsteren Hölzer rötet, die gedämpften Vorhänge haben ihr Alter. Und die schon ganz abgewetzten Bezüge der Sessel, die altmodischen Stiche an den Wänden, all dieser Trödel? Scheint dir nicht auch, daß der Prachtfink und der blaue Ara mit der Zeit ihre ursprüngliche Farbe eingebüßt haben?
(Denke nicht an die Spinnweben, die oben an den großen Fensterkreuzen zittern.)
Du liebst all dies und gerade darum kann ich in deiner Nähe leben. Hattest du, Schwester mit dem Blick von ehedem, kein Verlangen danach, daß in einem meiner Gedichte die Worte auftauchten: „die Anmut der verblaßten Dinge“? Neue Dinge mißfallen dir; auch dir machen sie Angst mit ihrer schreienden Zudringlichkeit, und du fühlst dich genötigt, sie abzunutzen – was recht schwierig für jene ist, die keinen Geschmack an der Tat finden.
Schließe deinen alten deutschen Kalender, den du mit soviel Aufmerksamkeit liest, obgleich er vor über einhundert Jahren erschienen ist und die Könige, deren Besuch er ankündigt, schon alle tot sind. Dann will ich, auf den alten Teppich gebettet, den Kopf zwischen deinen gütigen Knien auf dein verblichenes Kleid geschmiegt, dir, mein stilles Kind, stundenlang erzählen; es gibt keine Felder mehr und die Straßen sind verwaist, ich werde von unseren Möbeln reden. Bist du zerstreut?
(Die Spinnweben oben an den großen Fensterkreuzen zittern vor Kälte.)
Un ciel pâle, sur le monde qui finit de décrépitude, va peut-être partir avec les nuages : les lambeaux de la pourpre usée des couchants déteignent dans une rivière dormant à l’horizon submergé de rayons et d’eau. Les arbres s’ennuient ; et, sous leur feuillage blanchi (de la poussière du temps, plutôt que de celle des chemins), monte la maison en toile du Montreur de choses Passées : maint réverbère attend le crépuscule et ravive les visages d’une malheureuse foule, vaincue par la maladie immortelle et le péché des siècles, d’hommes près de leurs chétives complices enceintes des fruits misérables avec lesquels périra la terre. Dans le silence inquiet de tous les yeux suppliant là-bas le soleil qui, sous l’eau, s’enfonce avec le désespoir d’un cri, voici le simple boniment : « Nulle enseigne ne vous régale du spectacle intérieur, car il n’est pas maintenant un peintre capable d’en donner une ombre triste. J’apporte, vivante (et préservée à travers les ans par la science souveraine) une Femme d’autrefois. Quelque folie, originelle et naïve, une extase d’or, je ne sais quoi ! par elle nommé sa chevelure, se ploie avec la grâce des étoffes autour d’un visage qu’éclaire la nudité sanglante de ses lèvres. À la place du vêtement vain, elle a un corps ; et les yeux, semblables aux pierres rares ne valent pas ce regard qui sort de sa chair heureuse : des seins levés comme durs d’un lait éternel, la pointe vers le ciel, aux jambes lisses qui gardent le sel de la mer première. » Se rappelant leurs pauvres épouses, chauves, morbides et pleines d’horreur, les maris se pressent : elles aussi par curiosité, mélancoliques, veulent voir.
Quand tous auront contemplé la noble créature, vestige de quelque époque déjà maudite, les uns indifférents, car ils n’auront pas eu la force de comprendre, mais d’autres navrés et la paupière humide de larmes résignées se regarderont ; tandis que les poëtes de ces temps, sentant se rallumer des yeux éteints, s’achemineront vers leur lampe, le cerveau ivre un instant d’une gloire confuse, hantés du Rythme et dans l’oubli d’exister à une époque qui survit à la beauté.
Was noch ins Haus steht
Ein fahler Himmel, über einer Welt, die an Altersschwäche versiecht, mag vielleicht sich in Wolken lösen: Die Fetzen von Purpur, in Sonnenuntergängen vernutzt, verbleichen in einem Fluß, der an einem Horizont schläft, überschwemmt von Strahlen und Wasser. Die Bäume stehen voll Verdruß, und unter ihrem verblaßten Laub (vom Staub der Zeit mehr als von dem der Wege) ragt das Zelt des Schaustellers von Dingen, die längst passé sind: Manch eine Straßenlampe harrt der Dämmerung und haucht den Gesichtern einer unglücklichen Menge wieder etwas Leben ein, sind sie auch besiegt von der unausrottbaren Krankheit und dem Makel des Zeitalters, Männern mit ihren ärmlichen Komplizinnen, schwanger mit Elendsfrüchten, mit denen die Erde untergehen wird. In der Stille, zitternd von all den Augen hinabflehend zur Sonne, die sich mit einem Verzweiflungsschrei ins Wasser stürzt, da, welch eine einfältige Marktschreierei: „Kein Reklameschild gibt euch einen Geschmack vom Schauspiel da drinnen, denn heutzutage ist kein Maler imstande, davon auch nur einen trüben Schatten wiederzugeben. Ich bring sie herbei, lebensprall (konserviert über die Jahre von überlegener Wissenschaft), ein Weib von ehedem. Etwas verrückt, ursprünglich und naiv, eine Ekstase aus Gold, das gewisse Etwas, so hat sieʼs selbst genannt, biegt sich ihr Haar mit der Anmut von Stoffen um ein Gesicht, das die blutige Blöße ihrer Lippen beleuchtet. Ihr bekommt kein leeres Kostüm, nein, den vollen Leib, die Augen, seltenen Edelsteinen ähnlich, wiegen den Blick nicht auf, der aus ihrem glücklichen Fleisch dringt, Brüste, angehoben wie starr von einer ewigen Milch, die Spitze Richtung Himmel, mit glatten Schenkeln, die das Salz des Urmeers wahren.“ Ihrer armen Frauen eingedenk, der kahlen, hinfälligen, von Grauen erfüllten, drängen sich die Gatten: Doch auch jene wollen sehen, so neugierig sind sie, die schwermütigen.
Haben alle die edle Kreatur beschaut, Relikt einer bereits verfemten Epoche, bleiben die einen gleichgültig, denn sie bringen nicht mehr die Kraft auf zu begreifen, doch andere sind betrübt und die Wimper feucht von Tränen des Verzichts blicken sie sich an; während die Dichter jener Zeit, fühlend, wie sich die erloschenen Augen wieder entfachen, zu ihrer Lampe eilen, das Hirn trunken für den Augenblick eines unbestimmten Ruhms, heimgesucht vom Rhythmus und ohne Gedanken daran, daß sie in einer Epoche leben, welcher die Schönheit für überlebt gilt.
Stéphane Mallarmé, Plainte d’Automne
Depuis que Maria m’a quitté pour aller dans une autre étoile — laquelle, Orion, Altaïr, et toi, verte Vénus ? — j’ai toujours chéri la solitude. Que de longues journées j’ai passées seul avec mon chat. Par seul, j’entends sans un être matériel, et mon chat est un compagnon mystique, un esprit. Je puis donc dire que j’ai passé de longues journées seul avec mon chat et, seul, avec un des derniers auteurs de la décadence latine ; car depuis que la blanche créature n’est plus, étrangement et singulièrement j’ai aimé tout ce qui se résumait en ce mot : chute. Ainsi, dans l’année, ma saison favorite, ce sont les derniers jours alanguis de l’été, qui précèdent immédiatement l’automne, et dans la journée l’heure où je me promène est quand le soleil se repose avant de s’évanouir, avec des rayons de cuivre jaune sur les murs gris et de cuivre rouge sur les carreaux. De même la littérature à laquelle mon esprit demande une volupté sera la poésie agonisante des derniers moments de Rome, tant, cependant, qu’elle ne respire aucunement l’approche rajeunissante des Barbares et ne bégaie point le latin enfantin des premières proses chrétiennes.
Je lisais donc un de ces chers poèmes (dont les plaques de fard ont plus de charme sur moi que l’incarnat de la jeunesse) et plongeais une main dans la fourrure du pur animal, quand un orgue de Barbarie chanta languissamment et mélancoliquement sous ma fenêtre. Il jouait dans la grande allée des peupliers dont les feuilles me paraissent mornes même au printemps, depuis que Maria a passé là avec des cierges, une dernière fois. L’instrument des tristes, oui, vraiment : le piano scintille, le violon ouvre à l’âme déchirée la lumière, mais l’orgue de Barbarie, dans le crépuscule du souvenir, m’a fait désespérément rêver. Maintenant qu’il murmurait un air joyeusement vulgaire et qui mit la gaîté au cœur des faubourgs, un air suranné, banal : d’où vient que sa ritournelle m’allait à l’âme et me faisait pleurer comme une ballade romantique ? Je la savourai lentement et je ne lançai pas un sou par la fenêtre de peur de me déranger et de m’apercevoir que l’instrument ne chantait pas seul.
Herbstklage
Seitdem Maria mich verlassen hat, um zu einem andren Stern zu gehen – zu welchem, Orion, Altair, oder bist, grüne Venus, du es? – liebte ich alle Zeit die Einsamkeit. Wie dehnten sich die Tage, da ich mit meiner Katze einsam war. Einsam nenne ich kein bloß körperliches Sein, und meine Katze ist ein mystischer Gefährte, ein Geist. Ich kann also sagen, ich verbrachte lange Tage mit meiner Katze und einsam mit einem der späten Dichter der lateinischen Dekadenz; denn seitdem es die reine Schöpfung nicht mehr gibt, habe ich eine seltsame und einzigartige Form der Liebe zu all dem entwickelt, was sich in dem einen Wort verdichtet: Untergang. So ist denn auch meine liebste Jahreszeit jene der letzten trägen Sommertage, die dem Herbst unmittelbar vorausgehen, und von den Stunden des Tages, wo ich umherschweife, jene, da die Sonne, bevor sie gänzlich verlischt, zur Ruhe kommt in Strahlen gelben Kupfers auf den grauen Mauern und roten Kupfers auf den Kacheln. Desgleichen dürstet mein Geist nach einer Dichtung, die wie die späte römische ihm noch mit ihren letzten Atemzügen Wonne schenkt, gerade weil ihr vom verjüngenden Andrang der Barbaren noch kein frischer Hauch entgegenweht und sie nicht das kindliche Latein der frühen christlichen Prosa stammelt.
So las ich eines jener kostbaren Gedichte (deren hingetupfte Schminke mich mehr bezaubert als das rosige Fleisch der Jugend) und tauchte dabei meine Hand in das Fell des reinen Tiers, als ein Leierkasten unter meinem Fenster eine schmachtende und schwermütige Weise spielte. Er ertönte in der weiten Allee von Pappeln, deren Blätter mir selbst im Frühling traurig schienen, seitdem Maria dort ein letztes Mal mit Kerzen vorüberging. Es ist das Instrument der Traurigen, ja, wirklich: das Klavier, es funkelt ja, die Geige öffnet der zerrissenen Seele Räume aus Licht, die Drehorgel aber hat mir im Sonnenuntergang des Abends Träume des Verzagens gebracht. Jetzt, da sie ein Lied recht gewöhnlicher Lustbarkeit säuselt, das eitel Freude im Herzen der Vorstädte weckt, ein antiquiertes, banales Lied: Wie kommt es, daß mich sein Geleier ergreift und zu Tränen rührt wie eine romantische Ballade? Ich kostete es bis zum Nachklang aus, warf aber keinen Sou aus dem Fenster, aus Furcht, mir Unbehagen zu bereiten, sollte ich gewahren, daß es nicht einsam sang, das Instrument.
Was flötet hier so fein?
Was flötet hier so fein?
Es ist ein Vögelein,
hatʼs Nest im Korridor.
Was zirpt da frei und frank?
Es ist in meinem Schrank
verzückter Grillen Chor.
Was quiekt in Saus und Braus?
Es ist die kleine Maus,
die gern sich bei mir labt.
Was klopft ans Fensterglas?
Ei, die meine Verse las,
die Fee, die ihr vergessen habt.
Was gluckst hier unterm Fuß?
Ach, dunkler Erde Gruß,
der unerlöste Quell.
Fiept noch am End ein Reh?
Ja, dort im hohen Schnee,
und wie es dampft, sein Fell.
Die Aussicht
Die Ziegel leuchten auf im Abendschimmer,
der Strahl hat sie mit rotem Wein besprengt,
es perlt, wenn er durch grüne Fugen geistert,
als hätt die Mauer eines Gärtners hoher Sinn
errichtet, um am Schattensaum zu schauen,
wie innig sich verschäumt der Sonnentag.
Sieh aber nun das Tor inmitten, die Ranken,
Knospen, Blätter, Kunst hat wie nach alten
Gemälden für sanfte Augen sie geschmiedet.
Es öffnet sich ins grünende Gelände,
das weich wie aufgebauschter Taft, bemalt
mit Wasserfarben blau und gelb, hinabwallt
zum Schilf, dem Bach und Schlummer fächelnd Weiden.
Nun laß die Blicke wandern auf dem Pfad,
der unter weißen Holunderdolden empor
sich schlängelt, schmeichelt, hier ist er verdeckt
von Dornenhecken, dort auf die Höhe langend
sieh, etwas flimmert, Kies, den man gestreut,
dort zweigt er ab zu einem Gräberfeld,
wo gut ein Ruhen ist nach langem Tag.
Grabmale freilich siehst du von hier nicht,
auch nicht das eine mit der weißen Lilie,
nein, auch die Blume siehst du nicht und wie
noch eine träge Hummel surrend schweift,
da rankt ein Widmungsspruch um einen Namen,
fremd ist der Name, rätselhaft der Spruch.
Das Püppchen
Fliegt es noch auf im Abendschein,
das dichterische Wort?
Hör, wie es flüstert: „Nein, ach nein,
ein Wörtlein sitz ich dort,
verhutzelt, klein und flügellos,
im öden Neonlicht
dem Bettlerkinde auf dem Schoß,
ein Püppchen, das nicht spricht.
Es kämmt mir das ergraute Haar,
und küßt es meinen Mund,
gehn Augen auf so klar,
als wär mein Innerstes nicht wund.
Und wiegt es mich, das sanfte Kind,
entringt sich meiner Brust
ein Ächzen dunkler Lust,
die Lider schließen sich geschwind.“
1. Strophe
Ἰὼ γενεαὶ βροτῶν,
ὡς ὑμᾶς ἴσα καὶ τὸ μη-
δὲν ζώσας ἐναριθμῶ.
Τίς γάρ, τίς ἀνὴρ πλέον
τᾶς εὐδαιμονίας φέρει
ἢ τοσοῦτον ὅσον δοκεῖν
καὶ δόξαντ’ ἀποκλῖναι;
Τὸν σόν τοι παράδειγμ’ ἔχων,
τὸν σὸν δαίμονα, τὸν σόν, ὦ
τλᾶμον Οἰδιπόδα, βροτῶν
οὐδὲν μακαρίζω·
1. Gegenstrophe
ὅστις καθ’ ὑπερβολὰν
τοξεύσας ἐκράτησε τοῦ
πάντ’ εὐδαίμονος ὄλβου,
ὦ Ζεῦ, κατὰ μὲν φθίσας
τὰν γαμψώνυχα παρθένον
χρησμῳδόν, θανάτων δ’ ἐμᾷ
χώρᾳ πύργος ἀνέστας·
ἐξ οὗ καὶ βασιλεὺς καλῇ
ἐμὸς καὶ τὰ μέγιστ’ ἐτι-
μάθης ταῖς μεγάλαισιν ἐν
Θήβαισ[ιν] ἀνάσσων.
2. Strophe
Τανῦν δ’ ἀκούειν τίς ἀθλιώτερος;
τίς ἄταις ἀγρίαις, τίς ἐν πόνοις
ξύνοικος ἀλλαγᾷ βίου;
Ἰὼ κλεινὸν Οἰδίπου κάρα,
ᾧ μέγας λιμὴν
αὑτὸς ἤρκεσεν
παιδὶ καὶ πατρὶ
θαλαμηπόλῳ πεσεῖν,
πῶς ποτε πῶς ποθ’ αἱ πατρῷ-
αί σ’ ἄλοκες φέρειν, τάλας,
σῖγ’ ἐδυνάθησαν ἐς τοσόνδε;
2. Gegenstrophe
Ἐφηῦρέ σ’ ἄκονθ’ ὁ πάνθ’ ὁρῶν χρόνος·
δικάζει τὸν ἄγαμον γάμον πάλαι
τεκνοῦντα καὶ τεκνούμενον.
Ἰώ, Λαίειον <ὦ> τέκνον·
εἴθε σ’ εἴθ’ <ἐγὼ>
μήποτ’ εἰδόμαν·
δύρομαι γὰρ ὥσ-
περ ἰήλεμον χέων
ἐκ στομάτων. Τὸ δ’ ὀρθὸν εἰ-
πεῖν, ἀνέπνευσά τ’ ἐκ σέθεν
καὶ κατεκοίμησα τοὐμὸν ὄμμμα.
1. Strophe
Io, Geschlechter der Sterblichen,
wie ich euch gleich dem Nichts
solange ihr atmet sehe an.
Wer denn, welcher Mann birgt
an Lebenssegen mehr
als bloß den eitlen Schein,
und Scheinens voll verlischt er ganz.
An dir hab ich das Musterbild,
an deinem Unheil, deinem, o
Unglücks-Ödipus, von Sterblichem
nichts mag ich glücklich preisen.
1. Gegenstrophe
Der du genau ins Schwarze
treffend dir den Preis,
das volle Glück gewannst,
o Zeus, erlegtest ja
die krummzehige, die Jungfrau,
die Rätselsängerin, bäumtest für mein
Land ein Turm dich wider den Tod,
von daher heißt du König
mir und warst höchster Ehren
wert, in der mächtigen
Thebe ein Herrscher.
2. Strophe
Doch nun, wer kennt einen unseligeren?
Der mit argen Flüchen, der unter Qualen
haust in des Lebens Wirrnis?
Io, ruhmvolles Haupt des Ödipus,
dem ein Hafen groß
derselbe offen schien
dem Sohne und dem Vater
als Bräutigam zu ankern.
Wie nur, wie nur konnten des Vaters
Furchen auch dich tragen, Armer,
schweigend für so lange Zeit?
2. Gegenstrophe
Ins Licht hob wider Willen dich die alles sieht die Zeit.
Sie richtet heillose Hochzeit seit alters,
den Zeuger und Gezeugten.
Io, des Laios armes Kind:
Hätte ich, hätt ich
niemals dich gesehen.
Denn ich seufze
Klage gleichsam gießend
aus dem Mund. Wahr ist aber
auch: Durch dich kam ich zu Atem
und Schlummer trank mein Aug.
Auf den Toten schwitzt Asphalt
Auf den Toten schwitzt Asphalt,
und die drüber hasten, haben
Blutes nicht, sind Taggespenster.
Kein Mensch ist, dessen Lippen weich
wie weiche Blüten Duft
hauchen hohen Lebens Lob.
Blicke, hart von Nichtgeweintem,
wühlen aus dem Fleisch der Bilder
Egel, Traumgewürm.
Kein Wort ist, dessen zarter Flügel
auf dem Halm der Stille zittert,
keines, das am Blumenmunde saugt.
Langsam ritzt ein Geisterdorn
Wunden in die Stirn der Nacht,
und sie tropfen fahles Licht.
Kein Ohr, dem Dunkel sanft geneigt,
hört fern wie aus versunkenem Wald
eine Nachtigall.
Fatums blinder Strahl
Tauben zwei im Hinterhof,
Fallen, Flattern, Steigen.
Fatums blinder Strahl,
Keimen, Strotzen, Neigen.
Mücke surrt im Glas,
Schwüle, kein Gewitter.
Ewigkeit schmeckt fad,
Frucht des Leidens bitter.
Hände fragen sich,
was sie tasten wollten.
Fern verklingt der Ton,
der dem Geist gegolten.
Was sich schimmernd spreizt,
Wirbel hatʼs geschliffen,
Chaos singt erregt,
doch nicht gottergriffen.
Hündchen wetzt heran
Hündchen wetzt heran,
heiß und lieb,
rollt den roten Ball,
Spiel und Trieb,
zwischen deine Füße,
daß es dich begrüße.
Legt sein Köpfchen schief,
Traum und Glut,
auf dein rechtes Knie,
Treu und Blut,
äugt ein dunkler Glanz,
wedelt mit dem Schwanz.
Streichelst du sein Fell,
Bausch und Flausch,
stechen Kletten grell,
Trug und Fug,
zupfst sie aus der Wolle
deinem guten Trolle.
Sieh, der blaue Krug
Sieh, der blaue Krug,
Rosen, die noch ragen,
sind sie auch voll Zagen,
duften mir genug.
Steht der Krug allein,
sanken sie hernieder,
hoben sich nicht wieder,
sagten mir ihr Nein.
Sieh, der grüne Teich,
und die auf ihm blassen,
Schwäne, so gelassen,
Kargheit fühlt sich reich.
Graut der Teich im Schnee,
stolzer Flügel Spannen
trugen sie von dannen,
rauschten „Gehe, geh!“.
Wie ein Flöckchen fällt
Wie ein Flöckchen fällt,
glitzernd niederschwebt
auf die dunkle Welt,
sinnt es unentwegt:
„Ist mein Leben sinken,
nichts als Abschied blinken
in der Weltennacht,
leuchte ich doch sacht.
Mag nur zagend fallen,
fall ich ja mit allen
Flocken tief hinab
auf ein weiches Grab.
Mond mit seinen Strahlen
malt mir zarte Schalen
um mein Nichtigsein,
bin ich auch allein,
kann doch alles fühlen,
wenn die Strahlen kühlen.“
Flöckchen fällt dem Reh
auf die warme Nase,
kriegt sie keine Blase,
fühlet selbst kein Weh.
Und es schmilzt dahin,
leuchten war sein Sinn.
Wunderglanz des Schönen
Einzig Wunderglanz des Schönen
kann uns mit der Welt versöhnen.
Mondbehauchtes Mosaik,
Laub im Regen, Nacht-Musik.
Laulich wie von Orchideen
Dämmers rosa Düfte wehen.
Totenklage ist versiegt,
wenn den Efeu Zwitschern wiegt.
Lichtes Flaum auf einer Lache,
goldnes Flüstern, Ginster-Sprache.
Silbrig aufgerauschtes Glück,
Weide küßt ein Sonnenblick.
Auge krokusblauen Maares
wimpert aus der Trübnis Klares.
Schatten zwei auf fernem Boot
lösen sich ins Morgenrot.
Ach, wie sie aus Lärm und Härmen
hin zum Schilf der Stille schwärmen,
Schlummer trinken mit dem Schwan,
dösen mit dem Mittagspan.
Sehnen weiß uns kein Verweilen,
muß mit Wolkenschatten eilen
bis zum lila Horizont,
wo sich noch ein Vogel sonnt,
und wenn wir ihn lächelnd fragen,
ob uns sein Gesang möcht tragen
ins gepriesne Zauberland,
wo die Liebe Heimat fand,
hat uns schon ins Blau gehoben,
Blau, mit Fäden Golds durchwoben,
einer Stimme warmer Klang,
der aus unsern Herzen drang.
Sonnenstrahlen
Wurzelfäden fein,
die ins Dunkel reichen,
zwischen Wurm und Stein,
saugen stumm den Saft,
keines muß erbleichen,
jedem blüht die Kraft,
reiner Bilder Hort,
dichterischeres Wort.
Sonnenstrahlen heiß,
Blüten aufzuwecken
zwischen Löß und Gneis,
Flocken zart gestreut,
jedes grüßt ein Necken,
keines hatʼs bereut,
feuchter Knospen Glanz,
grüner Lieder Kranz.
Wenn dein Boot versinkt
Wenn Tropfen auf dem Laubdach klingen,
fahl und geisterhaft,
in strenge Falten kühn sich schwingen,
Windes blauer Taft.
Mit Farnen sich der Nacht entrollen,
Mal des Monds verblaßt,
sich fädeln aus den Nebel-Wollen,
bis die Sonne praßt.
Wo Schlaf in trunkne Schilfe gleitet,
gluckste Wasser süß,
hat sich das Segel ausgebreitet,
Mund der Muse blies.
Und weht ein Duft von Traubenküsten,
Lächelns Knospe blinkt,
schon fühlst du Lippen, die dich mißten,
wenn dein Boot versinkt.
Blütenlos dein Maar ist Schlaf
Wie auf der Amphoren Bauch
Götter ruhn auf goldnen Thronen,
Nike ziert mit Lorbeerkronen,
Mythe: Bild, gebannter Rauch.
Hat geflügelt Pegasus
heiß mit seinen Silberhufen
Sang aus dunklem Quell gerufen,
wie zerrann des Sprühens Kuß.
Dem Gesang ein Blitz zerteilt,
Jüngling, Herz, es war geständig,
ist im Seufzer noch lebendig,
klopft die Wunde, die nicht heilt.
Blick, den blaue Iris warf,
ferner Jugend Bilder blassen,
mußt dem Dämmerlicht sie lassen,
blütenlos dein Maar ist Schlaf.
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