Welten entfernt
Wenn ein Löwe sprechen könnte,
wir könnten ihn nicht verstehen.
Ludwig Wittgenstein
Da ist nicht EINE WELT, die wie der Himmel
sich über uns wölbte, nicht DIE GLEICHE SONNE,
die über der Linde des schwäbischen Pfarrhofs auf-,
der Palme des afrikanischen Kraals unterginge.
Der Schöpfer des Moses und Hesiods Gaia
verstehen einander nicht, die Nachtigall
nicht Keatsʼ „Ode to a Nightingale“,
auch wenn sie lesen könnte.
Für eine Mücke ist das Glas mit Wein
ein Ozean, in dem ihr Summen erstickt,
uns ist der Pazifik ein blauer Refrain
zwischen Wladiwostok und San Francisco.
Die Unke
Die Angel kreischte und die Tür schlug zu.
In einer Krypta tropfte vom Gewölbe
Salpeterlicht, ein Knappe in einer Livree
aus fleckigem, roten Samt, die Fasanenfeder
an seinem Barett, sie wippte „Dich meine ich“,
zog ihn an einem dünnen Seidenfaden,
der aus dem Nabel ihm gesprossen war,
er war ja nackt, zur Mitte hin, wo golden
ein Thron erglänzte, auf diesem aber saß
die fette Unke und schluchzte Wiegenlieder,
die warmen Töne rannen an seiner Haut
herab, ein Saft von wilden süßen Beeren,
der Knappe wickelte die Seidenschnur
ihr zärtlich um das Horn, den Purpurauswuchs,
der aus der Stirn ihr ragte, sie aber sprach:
„Du kommst zur rechten Zeit, in deiner Küche
hat meiner Ratten Heer ja schon das Brot
der Unschuld halb zerfressen, und meiner Vipern
gespaltene Flammenzungen umlecken jetzt
den Schoß der Liebsten, die aufzuckt unter ihnen
und fast vergeht. Nun nimm, was gnädig wir
dir zugedacht, den blauen Becher, kennst du
den schönen noch, den einst beglückt dein Ahn
an seinen Mund geführt, und trink, o trinke,
des Lebens Wonne schwappt in ihm, das Blut,
das wieder dich erwärmt zu hohen Fahrten,
erblühter Lippen Duft und Liedes Kuß.“
Er trank den Becher aus und Rufe von Vögeln,
wie in der Nacht vom Waldbrand aufgescheucht,
zerfetzten, singende Dolche, ihm das Herz.
Komm, gehen schweigend wir ins Abendrot,
der Amsel Schläge werden zagend matter
und ins Gefieder hüllt der Schwan sein Haupt.
Schon fühlen wir von Hand zu Hand die Pulse,
die wie an Schilfe ferner Ufer schäumen,
und unsern Blick beglänzt die Dunkelheit.
Wie könnten Worte uns die Lippen feuchten,
die stumme Duldsamkeit dem Kuß entwöhnt,
und alles noch Gesagte wirkt verblichen
wie unter unsern Schritten toter Sand.
Und leise bebend Veilchen, selbst im Staube
des Wegesrandes Disteln sagen hell,
was uns ein dunkler Schmerz wie eine Muschel
verhüllt an zartem Schmelz. Doch rinnen weich
wie lichtes Wasser die späten Abendstrahlen
dir auf das Angesicht, wölbt sich mein Mund
wie Meereswelle auf zu leisem Stöhnen.
So setzen wir uns auf den grünen Fels,
wo über uns der Wipfel Schatten summen,
und lehnen Herz an Herz und werden blind
vor Tränen, wenn Geisterhände Rosen streuen
auf den Altar der hohen Mutter Nacht.
Der letzte Flug der Taube
Im Dämmerlicht glitt ich gefiedert
ein Täuberich durch rote Ahornzweige,
vom Duft der welken Blätter blähte sich
mein weicher Hals. Des Lichtes letzte Tropfen,
an blauer Disteln Blütenspitzen zitternd,
sog ich mit hohlen Blicken in mein Herz.
Ich sank in einer krummen Eiche Wipfel
herab, um ihrer alten Seele moos-
gedämpftem Seufzen lange nachzulauschen.
Der laue Nachtwind, der mein Federkleid
berückte, brachte mir aus Rosenfernen
der Träume Schmerzenstau, geheimnisvoll
den Flüsterhauch verzagter Liebe von Lippen,
die zart verblaßt das Bild des Sommers rührt.
Gesprenkel böser Augen schien der Himmel
mir einer Schleiereule gefleckter Taft,
die trägen Herzens im dunklen Dickicht lauert,
und graut der Tag in stummer Schwingen Sturz
die Täubin schlägt, die sich im Grase duckte.
Der erste goldne Strahl ist mir Geheiß,
noch einmal an den alten Strom zu fliegen,
wo im Gestrüpp einst schwebte das Genist,
und leise, leise vor mich hin zu gurren,
dort wo die Liebe kam, die Liebe ging.
Der Glanz verlischt
Da ist wie scheues Lächeln noch ein matter Glanz
auf jenem Teich, wo wir vorübergingen,
nun aber, da es Regen gibt, verlischt er ganz,
als löste sich dein Bild in weichen Wasserringen.
Doch ragt es eine Stele kalt ins Abendlicht,
gibt mir der schlanken Birke dürres Sirren
zu hören, was die dunkle Gottheit spricht:
Ihr mußtet eins im Labyrinth des andern irren.
Dies nackte Prasseln ist wie Lachen ohne Sinn,
wie dumpf die Erde schluchzt, und drunten grauen
schon Nebel über tote Gärten hin,
als würden Veilchen nie, nie wieder Veilchen blauen.
Verhüllter Schmerz
Wir wollen uns nicht mehr befragen,
die Blicke nicht mehr zwängen
durch zarter Wimpern Engen,
des Atems Welle mag uns tragen.
Wir wollen nicht vor Blitzen springen,
den Mythen der Motoren,
und wandeln selbstverloren
an Strömen, die von Meeren singen.
Wir wollen selber uns verschweigen,
auf Abendhügeln hören
die Glocken, die betören,
verhüllten Schmerz wie Rosen neigen.
Wir wollen nicht uns selbst betrügen,
der Augen feuchtes Funkeln
mit Wortes Dunst verdunkeln,
die Träne mag den Stein besiegen.
Träume, dünne Zwirne
Träume, Fäden, dünne Zwirne,
die mir in den Nächten weben
Geister um ein fremdes Leben,
aus dem Nabel, aus dem Hirne.
Dringen leicht durch Kalk und Mauern,
schlingen sich um Bauch und Haare
banger Kinder, heißer Paare,
künden zitternd mir von Schauern,
zarter Nester dunklem Schwanken
in den Schilfen, die noch klingen
von des Wassers grünem Schwingen,
kükenwarmen Brutgedanken.
Manchmal zucken sie wie Ruten,
hat ein Fischweib angebissen,
könnt ich es ins Freie hissen,
doch zergehtʼs in Mondes Gluten.
Manchmal überfüllt mit blauen
Blasen mich ihr Lustgezitter,
Blüten zärtlicher Gewitter,
die an meinen Lippen tauen.
Morgensonne lacht des Wilden,
der von Fäden ganz umsponnen,
wie die Raupe, die begonnen,
sich zur Puppe umzubilden.
It was every zoologist’s dream.
In this fjord-Iceland
the other side of the New World,
Sirenians, sea cows
but narwhal-dwarfing, mountainous -
and here he was, Georg Steller,
administering baptism.
Through chilly April sunsets
where only the sky’s yellow-ochre
spoke of Spring, he watched them mate,
feeling for the one hither-
thithered by his lover’s
double-ballet, catch me, catch me not.
They even slept on their back. He thought:
‘How little divides us’.
But what do you eat, in Kamchatka?
How do you keep warm?
He went with the hunters.
The details tore his heart out:
the massive hook, the ropes,
the beating, and the desperate
devotion of the male
‘even when she was dead’
as he told the clean white page
(the fat burned without smoke).
In Europe, he petitioned.
Siberia’s longitude
intervened. He fell
twenty years before his mermaid:
an Arctic mercy.
In 1962,
off Cape Navarin, far to the north,
a pod of black giants perplexed
a whaling ship. Science
helter-skeltered from Moscow.
You can’t fast-net an echo.
Die Meerjungfrauen von Brobdingnag
Es war der Traum eines jeden Zoologen.
In diesem Land aus Eis und Fjorden,
der anderen Seite der Neuen Welt,
Sireniae, Seekühe,
die den Narwal in den Schatten stellen, groß wie Berge –
und hier war er, Georg Steller,
der sie aus der Taufe hob.
Während kühler Sonnenuntergänge im April,
da nur des Himmels gelbe Ockerfarbe
von Frühling sprach, sah er ihrem Paarungstanz zu,
fühlte ihr nach im Hin und Her beim Doppel-Ballett
mit ihrem Liebhaber, fang mich, fang mich nicht.
Sie schliefen sogar in Rückenlage. Er dachte:
„Wie wenig trennt uns.“
Doch was ißt man in Kamtschatka?
Wie hält man sich warm?
Er zog aus mit den Jägern.
Die Einzelheiten rissen ihm das Herz heraus:
der gewaltige Fanghaken, die Stricke,
das Schlagen und die verzweifelte
Ergebenheit des Männchen,
„selbst noch, als sie tot war“,
wie er es der reinen weißen Seite anvertraute
(das Fett brannte ohne Rauch).
In Europa verfaßte er eine Bittschrift.
Die ungeheure Ausdehnung Sibiriens
trat dazwischen. Er ging
zwanzig Jahre vor seiner Meerjungfrau zugrunde:
er, ein Segen der Arktis.
Im Jahre 1962
hat beim Kapp Navarin, hoch im Norden,
eine Schule von dunklen Riesen ein Walschiff
in Staunen versetzt. Wissenschaft
aus Moskau: holterdiepolter.
Ein Echo läßt sich nicht mit Netzen fangen.
Anmerkungen zum Verständnis:
Titel: „Brobdingnag“ heißt das Land in Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“, in dem der Protagonist alle Dinge ins Riesenhafte vergrößert wahrnimmt.
Der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller nahm in den Jahren 1737 bis 1743 an der zweiten Expedition zur fernöstlichen russischen Halbinsel Kamtschatka unter Leitung des dänischen Kapitäns Vitus Bering teil, nach dem die Bering-Insel und die Bering-Straße benannt sind. Steller verfaßte ein naturkundliches Werk über die botanischen und zoologischen Funde und Entdeckungen, die er während der Expedition machte. Neben den nach ihm benannten Tieren wie dem Diadem-Häher oder dem Stellerschen Seelöwen beschrieb er als erster die Seekuh (Sirenia), die bald darauf im Zuge massiver Bejagung durch Pelztierjäger (zu Nahrungszwecken) ausgestorben ist. Steller ist während der Rückreise von Kamtschatka im sibirischen Winter 1746 im Alter von 36 Jahren an den Folgen der jahrelangen Strapazen seines abenteuerlichen Forscherlebens verstorben.
Siehe auch:
www.luxautumnalis.de/die-seekuh/
François Couperin
Weiche Wellen, reine Klänge,
die ins Uferlose fließen,
nur sich selber zu genießen,
Seelenauf- und -untergänge.
Wimpern schatten, Blicke saugen,
wird der Mund des Liedes trocken,
rinnen Tränen, schmelzen Flocken,
Veilchen öffnen feuchte Augen.
Will der Nymphe Schuppengleißen
aus den grünen Tiefen dringen,
hebt das Wasser an zu schwingen,
ohne daß die Bilder reißen.
Wo einander Hirten rufen,
flockt ein fahles Vlies von Lämmern
und in Mondes Wolkendämmern
steigt das Lied auf Blumenstufen.
Augen, die im Dunkel scheinen,
kann ein schwarzer Glanz verschönen,
Herzen mit der Nacht versöhnen
Lieder, die aus Liebe weinen.
Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=3-7BHzUtaYU
Die Sonne Homers
Der Wein des Liedes, er schäumt,
Licht aus den Adern der Nacht,
sich zu verwandeln in Blut.
Die Sonne Homers, sie brennt
uns den Durst nach dem Mund
kirschroter Küsse ins Herz.
Der Flügel des Eros, er rauscht
von wildem Honige tropfend
über die Halme des Schlafs.
Die Flamme Apollos, sie singt
vom Gaumen leckend den Schmelz
ein Loch in die Schläfe des Traums.
Die Salzflut des Dulders, sie blaut
jenseits zerrissener Segel
sich kräuselnd wie Sirenengesang.
Die Flügel des Eros
Gefieder der Nacht,
dunkler rauschend als irdener Mund,
du stäubest silberne Asche
in die Funken der Lust,
wenn Ledas Blütenkelch
zerpflückt der Schnabel des Schwans.
Tönende Schwinge des Winds,
heller als perlmuttschillernde Muscheln,
du legst wie der Schatten der Eule
ein Seufzen über das Gras,
das sich unter dir biegt,
wenn von ihm abperlt wie Träume der Tau.
Tauender Fittich des Lieds,
süßer tropfend als Ariels Locken,
du hüllest Zwielicht-Samt
um des Einsamen Herz,
das weicher unter dir pocht,
als vernähme es fernes Gezwitscher im Schlaf.
Blaue Seide, schwarzer Lack
Blaue Seide, himmelweit gespannt,
weißer Wolken knospende Bordüren,
und sie bauscht zum Scherz ein Wind,
Ranken, Schilfe, Blätter
streuen ihren grünen Dämmer
auf die trägen Wellen,
die wie Liebende,
Blick aus Blicken trinkend,
seufzen immerfort.
Haut aus rotem Abendhauch,
blind von Perlenglanz,
schaukelt Rose sich in Schlaf,
hört nicht mehr das weiche Glucksen,
wenn im dunklen Wasser
Schwanenfedern fließen.
Aus dem schwarzen Lack der Nacht,
wo ein Nagel ihn geritzt,
quillt des Mondes Milch,
Tropfen, der allmählich,
wie ein Kuß,
der keinen Mund mehr fand,
niederrinnt.
Kehrst du wieder mit dem Duft
Kehrst du wieder mit dem Duft,
schneit Holunder schon,
weiche Lippe wölbt die Luft,
wie Oboenton.
Summt am Wegessaum im Kraut
dumpf die Hummel, hat
deine Locke Gras betaut,
Sonne küßt sie alsbald matt.
Gehen wir zum See, wenn weich
Wind die Weide wiegt,
und am Ufer schwanengleich
sich dein Hals mir biegt.
Stimmen, die aus Zweigen gießt
Abendsonnenschein,
schenken uns, die Welt zerfließt,
goldnen Liedes Wein.
Schwebt in wirren Ranken groß
Monds Orangenfrucht,
Herzens Taue lassen los,
ruft die blaue Bucht.
Unter der Asche Glut
Was immer wer mit Herzblut nähret,
es ward vom Schicksal ihm bestimmt,
daß einst ein Sinn im Finstern glimmt,
wenn sich die Frucht zur Erde kehret.
Sei nur wie Wachs für eine Kerze
dein leises Lied, sei dein Gesang
die Flamme, daß nicht Liebe bang,
nicht irre wird am Abschiedsschmerze.
Sieh, wie der Waller mit dem Stecken
in Aschen rührt, und sein Gesicht
wird hell im aufgesprühten Licht,
mag so dein Wort die Glut verdecken.
Über Geschmack
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Über Geschmack läßt sich trefflich streiten – mit jenen, die welchen haben.
Wie wir metaphorisch aufsteigen von den elementaren Geschmacksempfindungen bis zu den Subtilitäten in der Verteilung von Licht und Schatten, Linien und Farbtupfern, Mustern und Ornamenten.
Geschmacklos nennen wir ungezuckerte Flüssigkeiten, ungesalzene Speisen, und können auch fade dafür sagen, öde, lau, spanungslos, schal oder matt – wir können den Eindruck visualisieren und sehen eine in Nebel gehüllte platte Kuhweide oder eine postmodern gequetschte Glasfassade; wir können den Eindruck Zeile für Zeile nachschmecken an einem Börsenbericht oder einem Abituraufsatz.
Wenn in der Friedhofskapelle neben dem Sarg des Toten zu seinem Angedenken die Jazz-Combo aufspielt, so nennen wir auch dies geschmacklos, und da es eigentlich pietätlos ist, sehen wir die Grenze zwischen dem Ästhetischen und Ethischen verwischt und durchlässig.
Männer, die nicht in Würde altern können und sich über die Glatze keck ein Base-Cape schieben.
Manche Völker scheinen Geschmack im Blut zu haben, wie die Japaner oder die alten Griechen.
Wegen mangelnder Lektüre der Klassiker leider kein Schulstoff mehr: in der Diktion geschmackvoll oder wenigstens nicht geschmacklos daherkommen.
Sublimer Geschmack: viel mit wenig Worten sagen; vulgärer Geschmack: wenig mit einem Bombast von Worten.
Leeres hauchgraues Blatt, nur eine Linie, einer zarten Maserung gleich, einem feinen Riß, einer zitternden Grenzscheide zwischen Ja und Nein.
Die Vulgären schmieren mit dicken Quasten oder drücken gleich ganze Tuben aus.
Die Tuben, die sie hastig ausdrücken, um von sich selbst zu künden, erstehen sie im Supermarkt um die Ecke.
Die Vulgarisierung des Geschmacks beginnt mit dem scharfen Epochenschnitt der Guillotine.
Wahrhaft allegorisch und sinnbildlich für die Ausbleichung der volkstümlichen Identitäten und nationalen Kulturen durch die suizidale Europa-Idee (wer heute Europa sagt, will die physische und kulturelle Auflösung zumindest des eigenen Volkes) oder die parasitären Politchargen in Brüssel und Straßburg ist die Geschmacklosigkeit, Fadheit und Verwaschenheit im Design der Euro-Scheine, aus dem jeder eigentümliche Charme, jede legendäre und stilistische Eigenheit zugunsten öder Ikea-artiger Mustervorlagen ausgeschwemmt und ausgewetzt worden ist.
Die Geschmacklosigkeit der ästhetischen Anmutung der Nationalflaggen ist ein Niederschlag republikanischer Gesinnung – man halte das schöne Lilienwappen der Bourbonen neben das ästhetische Nichts der Trikolore. Nur Flaggen, in denen sich ein Rest der alten Adelsgesinnung und des Mythos des Volkes spiegelt, wie im Sonnenemblem der japanischen, haben einen gewissen ästhetischen Reiz behalten.
Unten, am Gezeitenstrom des Blutes, der Geburts-, Hochzeits-, Beerdigungs-, Kampf- und Festrituale des Volkes finden wir den sicheren, starken, elementaren Geschmack im intuitiven Ausdruck der großen Lebensmächte; oben, im blauen, bisweilen heiteren, bisweilen scharfen Luftstrom zwischen Herrschaft und Dienst, finden wir den reinen und sublimen Geschmack des Adels im höfischen Zeremoniell, dem Dekor von Fayence, Orchideen, Vignetten, Wandteppichen, in wohlduftenden Essenzen, wohlgesetzten Tanzschritten und zierlichen Worten.
Dazwischen: serielle Fertigung von Kleidern, Möbeln, Tapeten, Tassen und Tellern, Häusern, Bildern, Musik, Texten – der Ort, an dem wir jetzt hausen.
Geschmacksfragen bewegen sich im umfassenden Rahmen des Sittlichen und Ästhetischen.
Eine Bemerkung diskreditieren wir als geschmacklos, wenn wir sie als ungehörig, beleidigend, schamlos verwerfen.
Wider den guten Geschmack: was das Auge, das Ohr beleidigt. Wessen Auge, wessen Ohr? Nun, halten wir uns an die sensitiv Genialen, einen Goethe, einen Nietzsche, einen Stefan George oder Ludwig Wittgenstein.
Mit dem deutschen Expressionismus in Malerei und Dichtung nimmt der Formverlust bisweilen apokalyptische Ausmaße an.
Man könnte seinen Kirchenaustritt etwas hochtrabend mit dem Hinweis darauf begründen, die Dogmen hätten sich einem als taube Eier erwiesen, weil sie auf der Übernahme einer sei es falschen sei es sinnlosen antiken Metaphysik der körperlosen Seele beruhen. Doch robuster und schlagender ist der Hinweis auf den Verfall der pastoralen Formen durch dem Zeitgeist nachschwätzende Pfaffen und die Entweihung der Liturgie mittels geschmackloser musikalisch-szenischer Darbietungen.
Guter Geschmack ist erfahrbar, bildbar, erlernbar, falls man sich der gediegenen Traditionen des Kunsthandwerks, seiner Technik und Weisheit, in stiller Betrachtung widmet und den Wert der schönen Gebilde der Töpferkunst und Vasenmalerei, des Goldschmiedehandwerks und der Glasmalerei, der Seidenstickerei, der Webkunst und des Teppichknüpfens, der Kalligraphie oder der Buchmalerei schätzen lernt.
Die sensorischen Distinktionen der Geschmackserlebnisse scheinen zunächst recht simpel, wenn wir nur süß und sauer, bitter und fade, mild und scharf unterscheiden; doch gehen wir bei einem echten Weinkenner in die Lehre und erfahren, wie viele Nuancen der Gaumen und die Zunge zu bemerken und herauszuschmecken in der Lage sind.
Das Volkslied gleicht in den eigentümlichen Valeurs seiner Klänge und Farben, seiner Bilder und Stimmungen den wohlschmeckenden Gerichten der regionalen Küche; werden sie mit beliebigen Gewürzen und exotischem Schnickschnack verrührt und vermanscht, geht ihr einmaliger Geschmack, ihr unnachahmlicher Duft verloren.
Keine Rose der großen Dichtung ohne das Gras und die Kräuter des Volkslieds, die um sie sprossen.
Gewiß, statt der Rose kann es auch ein Veilchen sein, ein Krokus, ja ein Hahnenfuß oder eine Distel – immer haben die Blumen der Dichtung ihren Ort, ihre Herkunft, ihre Lust des Pollenflugs oder ihre Trauer, sich vor der Zeit den Schatten zu ergeben, kurz, ihre Schicksalslinie, nicht nur in den Träumen, Sehnsüchten und Leidensgeschichten der Dichter, sondern zuallererst in den Wundern, den Offenbarungen, den Passionen des dichterisch inkarnierten Logos.
Der Gärtner und die feinfühlige Hausfrau sind es, bei denen wir uns Auskunft zu holen haben über die Arten und Kulturen der Pflanzen, das Arrangement und den Schmuck der Blumen in Vasen und Schalen – kurz, über die Möglichkeiten, den Geschmack des Dichters zu bilden und zu verfeinern.
Gewiß geht es nicht bloß um Idyllen. Jede Lebensmacht hat ihren Gott oder ihre Himmel und Erde umspannende Wahrheit, und jeder Gott seine Blume, seine Frucht, das vegetabilische und biotische Reich seines Wirkens, das die Dichtung in Evokationen seelischer Wirklichkeiten verwandelt, wie die Trauben des Rausches, das Wasser der Ernüchterung, den Efeu des Gedenkens, den Mohn des Vergessens. Hier werden die Lebensmächte des dionysischen Rausches, der apollinischen Nüchternheit, der Muse der Erinnerung oder der Göttin des Schlafs, Mächte, die Schelling mythische Potenzen nennt, leicht als allegorische Figuren in antikem Gewand sichtbar.
Der dichterische Geschmack ist, so könnten wir sagen, das Vermögen der ausgleichenden Disposition und Anordnung ästhetischer Urqualitäten wie des Schönen, Erhabenen, Grotesken, Idyllischen in einer harmonisch-intensiven Ganzheit zur Gewinnung einer sittlich und geistig läuternden Wirkung.
Der dünne Stiel des Verses, der unter der üppig aufgeschossenen Blütenkrone überschwänglicher Bedeutung einknickt.
Der süßliche Kitsch heilloser Heilsverkünder geht uns ebenso wider den Geschmack wie der saure arroganter Lebensverleumder.
Hier die stickige Atmosphäre verstaubten Gerümpels, dort die sterile einer aseptisch glänzenden Leere.
Die meisten sind so von sich eingenommen, daß sie nicht bedenken, in welchem Maße ihre Empfehlung eines Schriftstellers, Musikers, Malers sich wie ein Siegel auf ihrem Qualitätsbewußtsein, dem kulturellen Niveau ihres Geschmacks ausnimmt.
Unser unaufhaltsamer Fortschritt in der Geschmacksbildung: vom sublimen, leisen Rausch der Mandelblüten eines van Gogh bis zu den feministischen, mit fader Ekstase herausgekitzelten Farbejakulaten des Mädchen-Mal-Vereins aus Klein-Kleckersheim.
Wo die rituelle Wurzel abgeschnitten ist, verdorrt die Kunst.
Ist der mit den Wellen der Nacht, den Ähren der Sonne wogte, der Refrain der alten Lieder verhallt, kriecht die müde Schnecke der Poesie auf dem Asphalt trockener, banaler Selbstbekenntnisse.
Poetologisch III
Silberbrosche am Revers,
von der Zeit schon angedunkelt,
Stein, der in der Dämmerung funkelt,
Blick, von allen Bildern leer.
*
Blaue Kanne, milchverschäumt,
Hand, sie zitternd anzuheben
an den Mund, ihm rasch zu geben,
was das graue Herz geträumt.
*
Abendwindes blaue Hand
schreibt ein Flackern in die Gräser,
tönen fernhin grüne Gläser,
sickert Wein in Schlaf und Sand.
*
Sieben Töne hat der Sang
wie der hohe Leuchter Kerzen,
siebenmal seufzt er in Schmerzen,
doch sein Geist ist Überschwang.
*
Wo in grüne Wasser neigt
sich des Sommers Blütenkrone,
schläft im wehen Duft von Mohne
Liebe, und die Amsel schweigt.
*
Regennacht, im Hinterhof
tropft der Tod in trübe Pfützen,
Wolken klöppeln weiße Spitzen,
Sichelmond, ein Apostroph.
Heim ins Unvordenkliche
Am Ufer wartend
glaubte ich die Fähre zu sehen,
doch unter mir wogte es längst,
und was auf mich zukam, war
was mich heim
ins Unvordenkliche trug
der ungeheure Nebel.
*
Ich sah durchs Fenster,
ebenerdig also sollte ich wohnen,
doch hier wohnte schon wer,
ein Grauschopf, der da
zwischen Wand und Wand
Hände auf dem Rücken
stumpfsinnig hin- und herging,
dann trat er ans Fenster
und sein Blick schnitt mich auf
wie ein Messer die Frucht.
*
Alles war festlich erleuchtet,
doch war ich zu spät
und hatte doch das Geschenk
für den Ehrengast zu überbringen,
da beugte er sich schon herab
mit seinem Augurenlächeln,
aber was ich verlegen
aus der Hosentasche zog,
war ein Damenstrumpf
mit einer langen Laufmasche,
in meinem Rücken fühlte ich
Johlen und Zischen
wie Picken von Schnäbeln,
als ich über die Schwelle glitt,
war es Applaus,
ein feuchter Sommerwind.
Als ich unter Ranken
Als ich unter Ranken
Lichtes Sinn verlor,
als aus braunem Moor
rauchten Wahngedanken,
hat sich mir verhüllt
dein geliebtes Bild.
Kam ich in den Garten,
war der Himmel blau,
sah ich es genau,
schien auf mich zu warten,
schwebend auf dem Teich,
Blüte, zart und bleich.
Als in toten Städten
blaues Gas mir schmolz
meiner Jugend Stolz,
lag in fremden Betten
Puppe augenlos,
stummgeweinter Schoß.
Fielen mir die Flocken,
Blumen tatenʼs kund,
auf den warmen Mund,
lugte unter Locken
tränenhell ein Blick,
Lied, es sang vom Glück.
Alba
Ach weh,
bist du noch immer wach,
mir träumte von dem grünen See,
wo wir die Jugendzeit verbracht,
da fiel mit einem Male Schnee,
dir war von Flocken weiß das Haar
und deine Tränen sprachen klar,
daß unser Sommer vorüber war.
Nun naht der Tag.
Ach weh,
sind, Liebster, wir auch alt,
und unser Sommer ist vorbei,
entstellt die schöne Wohlgestalt,
brach unsre Liebe nicht entzwei,
ich sah in dieser Nacht, wie leicht
das Blattwerk unterm Mondlicht bleicht,
doch hatʼs mein Herz noch nicht erreicht.
Nun naht der Tag.
Ach weh,
im alten Garten sah die Glut
ich reifer Frucht im dunklen Laub,
wie tat die Dämmerung uns gut,
betaute sie des Herzens Staub.
Es sprühten Funken wunderbar,
bot sich der Mücken Lichtkreis dar,
warʼs deiner Küsse Bienenschar?
Nun naht der Tag.
Ach weh,
lieh, Liebster, uns die Nacht ein Nest,
von weicher Träume Gras gefüllt,
uns blieb von Sommerduft ein Rest,
das graue Haupt wär uns verhüllt,
das Winter aus dem Brachfeld hebt.
Auch eine bleiche Lippe bebt,
die Blume, auf der Nachttau schwebt.
Nun naht der Tag.
Du wogst schon weit
Und wieder fühlst wie Taues Tropfen
auf eines süßen Pfirsichs Flaum
der Abendsonne Lied du niederglimmen,
wie bang im Dämmer Herzen klopfen,
du wogst schon weit vom Ufersaum,
wie Blüten, die im Abschiedsgolde schwimmen.
Laß seufzen alle Lust in Wellen,
mit Muscheln sinken alles Weh,
das Lied haucht dir mit letzten warmen Strahlen
leb wohl in leisen Ritornellen,
du treibst schon fern im Blütenschnee
wie Schwäne, die im vollen Monde fahlen.
Der Gummibaum
Ich bin der schiefe Gummibaum,
umhegt, gewässert
und Blatt für Blatt geputzt
von guter Frauenhand,
an einem Stecken aufgebessert
mit einem Seidenband,
hat aber alles nichts genutzt.
Und Blatt um Blatt ist mir vergilbt,
fiel ab, fiel ab, ganz still,
wie Glaubens leerer Tand,
der nicht mehr schimmern will,
und groß war meine Scham,
als jene mit sanfter Hand
es seufzend auf vom Boden nahm.
So ist mir worden häßlich-alt
wie eine kahle Stele
des Lebens grünende Gestalt,
und wie zum Hohne zittert
ein einzig Blatt mir noch
am dürren Holze und verwittert,
o pflück es ab, du liebe Seele.
Vor der Krippe
Nein, kein Über-Vater kann uns retten,
der als Doppelgänger seinen Sohn
hieß Maria in die Krippe betten
und sich opfern auf der Schande Thron.
Und noch immer will das Bild uns rühren,
Ochs und Esel, Hirten auf dem Feld,
Weise, die vom Stern sich lassen führen,
doch ein Schatten hat das Bild entstellt.
Ja, wir selber sind es, die ihn werfen,
unser Herz, das noch kein Wort erlöst
aus den Netzen wahngezerrter Nerven,
unser Geist, der an den Grenzstein stößt.
Und wir starren stumm ins Ungeheure,
wenn ein Lächeln Licht ins Dunkel gießt,
denn wir wissen um die böse Säure,
die mit weißer Milch auf ewig fließt.
Ward uns auch das schöne Bild verdunkelt
von der Wehnacht ohne Gnadenstern,
sehen blind wir noch, wie Liebe funkelt
in dem Blick des todgeweihten Herrn.
Wir wollen uns in Halme ducken
Wir wollen uns in Halme ducken,
die zart den grellen Tag vergittern,
wir wollen mit den Mücken zucken,
bevor die Herzen uns verwittern,
Pans-Arien auf Gräsern pfeifen,
die wir an Schlafes Ufern rupfen,
wenn Purpurwolken uns ergreifen,
in grünen Dämmers Nester schlupfen.
Und kommt die Nacht der weichen Sänge,
die wie geküßte Lippen schimmern,
durchwandeln wir die Laubengänge,
in denen Sternenblüten flimmern.
Mein Lied hat nur die sanften Wellen
Mein Lied hat nur die sanften Wellen
unter seinem schmalen Kiel,
die manchmal sich vom Mond erhellen,
Knospe, die ins Schweigen fiel.
Es schaukelt noch mit weißen Blüten
zwischen Dämmerung und Nacht,
auch wenn die Rosen schon verglühten,
die ihm süßen Schmerz gebracht.
Und siehst wie matte Flügel schleifen
du die Ruder auf dem Teich,
wie Serenaden, die ergreifen,
Seufzen macht das Wasser weich.
Ein schöner Rhythmus weiß vom Glück
Ein schöner Rhythmus weiß vom Glück,
entströmt er einer dunklen Quelle
und wird am grünen Ufer helle,
läuft bebend in sich selbst zurück.
Das Lied, von ihm getragen, träumt
von Zweigen, die im Winde schwanken,
von Augen, die ihr Dunkel tranken,
ein Mond, der blaß auf Wellen säumt.
Es ist ein Tropfen Glanz am Blatt,
und Tropfen wollen niederrinnen,
wie Tränen, die sich nicht besinnen,
bevor die Herzen werden matt.
Lied des verirrten Weihnachtsmanns
Weh, die Flocken, wie sie stieben,
weh, du armes Christenkind,
Sturm hat mich vom Weg getrieben,
ohne Sternlicht irr ich blind.
Wo sind nur die Gnadenlichter,
da sie horchen auf den Klang,
süßes Lied der frommen Dichter,
horchen, harren, warten bang?
Hoch in Wolken seh ich wehen
meines Bartes weißen Flaum
und entzwei den Schlitten stehen
an dem kahlen Eichenbaum.
Und auf einer Tannenspitze,
ach, die Glatze leuchtet bloß,
winkt die rote Zipfelmütze.
Wer riß meine Bommel los?
Fern der Fleck wie einer Mücke
schwarz auf blauem Tuch, mein Ren-
tier, nach Lappland fliegtʼs zurücke,
schad, doch wunderlich zu sehn.
All die bunten Liebesgaben,
guten Herzen zugesagt,
liegen in dem finstern Graben,
wo ein Mäuslein knitternd nagt.
Nun hab ich zum Kind geflehet,
das da lächelt mild im Stroh,
daß es meine Not ansehet
und die Weihnacht macht noch froh.
Schnee, ich seh ihn freudig blitzen
und wie Hoffens milden Schein
Engel auf dem Schlitten sitzen,
davor Ochs und Esellein.
Sieh, ein Eichhorn bringet wieder
mir die Mütze quastenschwer,
zart die Taube im Gefieder
meines Bartes Mannesehr.
So kann ich den Kindern bringen,
Tier und Engel hat sie gern,
all die Gaben, daß sie singen
Lieder unterm holden Stern.
Wenn im Zwielicht zarte Blumen bangen
Wenn im Zwielicht zarte Blumen bangen,
schon versinkt der blaue Hauch,
der ihr süßes Dasein hielt umfangen,
fühlst das Herz du zweifeln auch.
Es verrauscht des Lebens Dankesfeier
und verstummt, was Liebe spricht,
legt das Dunkel fühllos seinen Schleier
dir aufs bleiche Angesicht.
Und in Traumes schneebestäubten Auen,
deine Sonne ist so fern,
siehst auf blasser Wange du ergrauen
einer Träne hellen Stern.
Wird noch an den hohen Schattenmauern,
brach des Liedes Kelch entzwei,
dir beglänzt von Tau der Efeu schauern,
wecken dich der Stare Schrei?
Vielleicht
Vielleicht –
daß wir uns einmal wiedersehen,
wenn Flieder und Forsythien blühen
und blaue Lüfte lieblich wehen.
Vielleicht –
stehst du in einem roten Kleide
dort unter jener dunklen Weide,
wo wir uns küssend weinten beide.
Vielleicht –
magst lächelnd meiner du gedenken,
wenn letzte Blicke Rosen schenken
und stumm die Glut ins Wasser senken.
Vielleicht –
kann ich dein Bild im Dämmer fassen,
es eine Weile schimmern lassen,
bevor mir Sinn und Lippen blassen.
Vielleicht –
weht dir ein rotes Blatt zu Füßen,
als möchten dich aus Fernen grüßen
die Flammen, die ins Dunkel fließen.
Vielleicht –
daß wir uns einmal wiedersehen,
wenn Flieder und Forsythien blühen
und blaue Lüfte lieblich wehen.
Rogare longo putidam te saeculo,
viris quid enervet meas,
cum sit tibi dens ater et rugis vetus
frontem senectus exaret
hietque turpis inter aridas natis
podex velut crudae bovis.
sed incitat me pectus et mammae putres
equina quales ubera
venterque mollis et femur tumentibus
exile suris additum.
esto beata, funus atque imagines
ducant triumphales tuom
nec sit marita, quae rotundioribus
onusta bacis ambulet.
quid? quod libelli Stoici inter Sericos
iacere pulvillos amant,
inlitterati num minus nervi rigent
minusve languet fascinum?
quod ut superbo provoces ab inguine,
ore adlaborandum est tibi.
Du fragst, grad du, von einem langen Leben welk,
warum er mir denn nicht mehr steht,
ist dir der Zahn doch schwarz und über deine Stirn
zieht Furchen grauen Alters Pflug
und scheußlich klafft dir zwischen Runzeln am Gesäß
das Loch wie einer Kuh voll Blut.
Doch stachelt mich der Brüste faules Fleisch etwa,
wie einer Stute Zitzen spitz,
der aufgequollne Bauch, der Schenkel, welcher dürr
auf feister Waden Blase steckt?
Sei nur beglückt, daß man bei deinem Leichenzug
siegreicher Ahnen Masken trägt
und keine Frau mit schweren Klunkern kommt daher,
die so perfekt geschliffen sind.
Was denn, weil gern ein Stoiker-Traktätchen ziert
dein Kissen aus Chinesen-Taft,
bockt, Lesens ganz unmächtig, das Gemächt nicht mehr,
hängt schlaff nicht mehr herab der Schwanz?
Damit du ihn hervorlockst aus der Hoden Pracht,
darfst du nicht faul sein mit dem Mund.
Anregungen zur Interpretation:
Das iambisch stoßsichere Gedicht über das schlaffe Glied im Bett einer lang dahingewelkten Schönen wurde von Übersetzern (wie „Dingsda“ für „Schwanz“) und Kommentatoren aus ersichtlichen Gründen schamhaft behandelt oder gleich ganz verschwiegen; natürlich durften damit die holden Wangen der pubertär zur Erregung neigenden Knaben humanistischer Gymnasien, geschweige denn der Zöglinge kirchlicher Internate oder von Klosterschulen, nicht zum Erröten gebracht werden.
Man schlüpfe einmal kurz in die von keinem Kuß betaute Haut eines Benediktinermönches, der es zur Zeit der Karolingischen Renaissance abschrieb – und vielleicht eine winzig hingekritzelte Kopie heimlich mit auf seine Zelle nahm.
Das Gedicht ist ein Monolog, auch wenn es ihn in den fiktiven Rahmen eines Dialoges rückt, als Antwort auf die den Betroffenen offensichtlich bestürzende und von Madame keck vorgebrachte Frage aller Fragen, warum er schlaff bleibt. – Sie sagt kein Wort, er sagt alles, hart, scharf, gnadenlos. Im Angriff versteckt ist aber die Verteidigung verletzter Mannesehre, das Kreisen um den einen wunden Punkt. – Er kann nicht, und sie ist schuld. Er spitzt den Mund, um ihr moralisch die Luft zu nehmen, sie soll den ihren ründen, auf daß er ihm wieder anschwelle.
Die reimlose antike Lyrik bedient sich metrisch-rhythmischer Einheiten, um den Ausdrucksgehalt des Verses plastisch zu modellieren und ihn gleichsam mit einem Muskel- und Nervenspiel zu umhüllen, zu begaben. In der 8. Epode des Horaz finden wir dieses Spiel (nach dem Muster des griechischen Iambendichters Archilochos) verdichtet auf einen sechshebigen iambischen Langvers, dem jeweils ein vierhebiger iambischer Kurzvers (Epodos = der Nachklang) folgt.
Horaz war etwa 35 Jahre alt, als er das kleine Buch der Epoden herausbrachte; nach antiken Begriffen nicht mehr jung (ab 40 galt man als senex), doch in der vollen Reife seines Schaffens, das stufenweise von den Sermones (Satiren) über die Epoden zu dem großen Zyklus der Oden und dem Alterswerk der Briefe, allen voran des Briefes an die Pisonen (Ars poetica) in die Höhe singulärer Sprachkunst stieg; er war seit kurzem Mitglied des Freundeskreises um Maecenas und konnte die Parfumwolken der elitären Salons und die Höhenluft der römischen Machtzentrale um Augustus atmen.
Greift der antike Dichter zur Lyra oder Laute, um seinem Vers einen hohen, erhabenen, funkelnden oder auch weichen, zarten, schimmernden Klang zu verleihen, so bedient er sich der iambischen Maße als eines Floretts, um gezielt unliebsame Zeitgenossen, Neider, Sittenstrolche, Scharlatane und Miesepeter mit pointierten Hieben und entlarvenden Vergleichen anzugreifen und zur Strecke zu bringen. Im Gegensatz zu seinem griechischen Vorbild ist Horaz freilich zurückhaltender und nennt selten einmal Roß und Reiter; auch in unserer Epode bleibt die angegiftete Dame anonym. Daß sie oder ihr Typus seine Wege gekreuzt haben muß, dafür spricht das heiße Blut der Verse, auch wenn oder gerade weil es dem fatalen Gliede mangelt.
Auch wird ihre soziale Stellung deutlich markiert: Wenn bei ihrer Leichenfeier, die der Dichter während dieser wenig galanten Bettszene die Chuzpe hat, ihr kaltherzig vor Augen zu führen, Totenmasken der Ahnen, die sich eines Triumphzuges auf dem Forum rühmen durften, vorangetragen werden, wissen wir, daß wir in allerhöchste senatorisch-elitäre Kreise vorgedrungen sind; bei der Dame handelt es sich demnach um die Ehefrau (marita) eines mächtigen Mannes, die sich einen jüngeren Liebhaber hält. Der Hinweis auf ihr kostbares Geschmeide, das so leicht keine andere Dame der besseren Gesellschaft vorzuzeigen hat, macht das Bild komplett.
Horaz kann als Poeta doctus, als Dichter der gesteigerten sprachlichen Bewußtheit und der erlauchtesten Distinktion in der Auswahl seiner dichterischen Ausdrucksmittel und der durch raffinierte Wendungen und überraschende Bilder erzielten poetischen Wirkung bezeichnet werden. Wir erläutern dies an zwei Beispielen:
femur tumentibus/exile suris additum
dürrer Schenkel, schwellenden Waden aufgesteckt
Zunächst erkennen wir die für die römische Lyrik typische Stilfigur des Hyperbatons oder der Sperrung von Substantiv und zugehörigem Attribut: femur … additum, wodurch ein Spannungsbogen entsteht, in dem die Füllung: tumentibis/exile suris (die selbst ein Hyperbaton darstellt: tumentis … suris) gleichsam zusammengepreßt und als kompakte Sinneinheit umschlungen wird.
Als zweites Beispiel betrachten wir folgende Zeilen:
quid? quod libelli Stoici inter Sericos
iacere pulvillos amant,
inlitterati num minus nervi rigent
minusve languet fascinum?
Was denn, weil gern ein Stoiker-Traktätchen ziert
dein Kissen aus Chinesen-Taft,
bockt, Lesens ganz unmächtig, das Gemächt nicht mehr,
hängt schlaff nicht mehr herab der Schwanz?
Wir erfahren, daß die augenscheinlich hochgebildete Dame (wenn sie solch geistigen Höhenflüge nicht nur prätendiert) der damaligen Mode huldigt, sich seelisch an stoischer Lebensweisheit und ihrer kontemplative Ruhe predigenden Resignation aufzurichten; und ein Traktat über die Seelenruhe oder die resignative Hinnahme und Bewältigung profaner Widerborstigkeiten und fataler Verluste, wie sie Unglück, Krankheit, Alter zeitigen, findet der gereizte Liebhaber ausgerechnet auf ihrem mit kostbaren Seidenkissen gepolsterten Lager der Lust. Ein gewollter Mißklang zwischen stoischer Bedürfnislosigkeit und verwöhntem Luxusleben.
Doch was der Dichter polemisch zuspitzt, das Alter und das welke Fleisch suche vergebens Zuflucht in unverweslichen Werten, wird uns dadurch nicht weniger sinnfällig oder seiner edlen Intention beraubt.
In der kühnen Wendung: inliterati … nervi (Lesens nicht mächtig … das Gemächt) können wir eine ins Ironisch-Paradoxe gesteigerte Personifikation ausmachen: das männliche Glied, von dem mit scheinbarem Bedauern oder galliger Pointierung prädiziert wird, daß es nicht lesen könne, ein Analphabet sei oder immerdar höherer Bildung sich verschlossen zeige, geschweige denn, daß es sich von glitzernden Perlen und seidenen Kissen zu neuem Hochsinn erwecken ließe.
Einen Anflug dieser ironischen Personifikation vermittelt auch die Wendung: languet fascinum, als würde das männliche Glied nicht nur biologisch betrachtet abschlaffen, sondern psychologisch gedeutet lustlos sein. Die Frage sei nur angerissen, ob der Penis fascinum heißt, weil ein Amulett in phallischer Gestalt um den Hals getragen böse Geister abschrecken sollte oder eher umgekehrt, das pralle Glied sein eigenes Faszinosum hat …
Da hilft nur noch Fellatio: ore adlaborandum est tibi, so die gleichsam moralische Pointe der Epode, eine Aufforderung an die Dame, von der man gerne wüßte, ob sie bei ihr Lächeln, Widerwillen oder Spott hervorgerufen hat.
Wir merken auch dieses an: Die abstoßende und das sexuelle Begehren des Mannes verkühlende Häßlichkeit des welken Frauenkörpers wird ungeschminkt und derb ausgemalt; dabei tun Tiervergleiche ein Übriges; der Hintern klafft zwischen runzligen Pobacken wie der blutverschmierte einer Kuh, die Brüste baumeln welk herab wie die Zitzen einer Stute.
Soll man nun moralisch hochmögend und auf der Seite der anständigen Gesinnung von Kleingeistern und blutlosen Intellektuellen kundtun, hier werde ein bedauernswertes altes Weib von einem Liebhaber, der angesichts seiner abstoßenden Erscheinung (der schwarze Zahn, die schlaffen Brüste, der geblähte weiche Wanst) keinen hochkriegt, auf eine unser Feingefühl zutiefst verletzende Weise geschmäht, verhöhnt, diskreditiert? Nein. Denn das Gedicht verbleibt ja ohne Zimperlichkeit und Augenwischerei in jenem unzweideutigen Dunstkreis, in dem die hier maßgebliche Beziehung von Mann und Frau angesiedelt ist, dem des erotischen Spiels und des sexuellen Verkehrs. Hier ist das Fleisch in seiner Blüte und seiner Fäulnis der einzige Wahrheitszeuge, der spricht, ob er jubelt oder klagt, lobpreist oder flucht, seine Üppigkeit besingt oder seine Auszehrung verwünscht.
Gewiß, die Sprache der Liebe ist dies nicht; umso mehr verstehen wir im Kontrast zu dieser grellen Verlautbarung des verstörten Eros ihre eigentümliche Wahrheit, deren Zeugen nicht die Geschlechtsteile sind, sondern die Augen und ihre gütigen Blicke, die in den Falten und Runzeln des Alters nichts Häßliches, sondern den Aufruf zu Nachsicht und Milde angesichts des Todes sehen, die Hände und ihr versonnenes Streicheln, ihr Winken zum Willkommen und Abschied und ihre schenkenden Gesten, das Herz und seine sanfte Glut der Anteilnahme, des Gedenkens, der Hingabe.
Entfliehen wir im gleichsam schönen hesperischen Dämmerlicht der Liebe der gnadenlosen Wahrheit der biologischen Tatsachen, die der Frau die erotische Strahlkraft, dem Mann die Zeugungskraft für immer auslöschen? Aber sind nicht, können wir fragen, bis ins hohe Alter selbst noch den sublimsten Formen der Liebe Spuren der biologisch subkutan wirksamen Eigenschaften eingesenkt, die aus der mütterlichen Zuneigung und der väterlichen Sorge für das Kind entspringen?
Sinnbild
Die Eiche voller Wipfelwind,
dem weich ihr Dunkel rauscht,
mit Knorpeln langen Duldens,
den glutgezackten Blättern,
worin das Gold der Fülle schmilzt,
der Früchte Lust, den Winter
im Schnee des Schweigens zu bestehen,
sei unsres Daseins hohes Bild.
Die Säule mit dem Kranzgesims,
das glücklich überquillt,
den muschelweißen Rinnen
betauter Kanneluren,
worin der Blick nach oben schwimmt,
voll Lust, der bunten Friese
erhabnes Werk zu feiern,
sei unsres Sinnens reines Bild.
Die flache Schale aus Kristall,
von sanfter Frauenhand
mit Blüten hell bestreut
von Apfel-, Pflaumenbäumen,
die unterm Kuß der Sonne kreisen,
voll süßer Lust, im Licht des Monds
wie Seufzer zu vergehen,
sei unsrer Liebe stilles Bild.
Du kühltest mir das Herz
Das Seufzen feuchter Moose
bedrängte schon zu sehr,
der Schatten einer Rose
war meinem Schmerz zu schwer.
Du hobest auf mein Angesicht
aus Edens fernen Gärten
ein weiches Blumenlicht,
die Düfte, die mich nährten.
Das Klirren einer Vase
hat mir im Traum gegraut,
ein Hauch in dürrem Grase
war meinem Leid zu laut.
Du kühltest mir das Herz
mit kindlich-süßem Lallen,
wie Tropfen, die zum Scherz
aus goldnen Locken fallen.
Die Rettung
Plötzlich zupft der Kleine, Filzhut schräg,
Hahnenfeder aufrecht, Augen Basedow,
Brustkorb aus Chitin und Spinnenbeine,
zupft dir an der Hosennaht, gerade
als du blind ins Schwarze springen willst,
grient dich an und sagt (mit einer Stimme,
Schmirgelpapier verklebt mit Goldlack):
„Tu es nicht, wart noch, komm, drehen wir
noch ʼne Runde!“ Geht vor, nein wuselt,
und wie gebannt durch seine nach Gras
und Fellen duftende Aura, folgst du ihm.
Drunten flackert der Rhein, loderndes Öl der Sage,
Schuppen von Schiffsschrauben gerupfter Nixen.
Nenn ihn wie Horaz Maecenas iocosus, Witzbold,
Pfiffikus, wenn der sich wieder einmal zuviel
Knoblauch reingestopft und sein Mädchen gegen
seinen Kußmund die Hände hebt und an des Bettes
Kante rückt, nenn Götterzwerg ihn, deinen Retter,
Sohn des Hermes von einem leichten Mädchen,
führt er dich ja die Brücke runter, flugs am Rhein-
ufer lang in Richtung Stolzenfels, es ist schon
angestrahlt, das Schloß, wie ein Kirmes-Tand aus
Pappmaschee und Zuckerwerk, vorbei am
Hospital, wo dir im Arm die Mutter starb,
stumm und wie ein kleiner Vogel unter Satans
Sonne ausgedörrt, die Seele war schon lang zuvor
hinausgeschlüpft in eine räudige Katze,
die auf dem Ahorn saß und schaute elend
mauzend in das Fenster – und weiter dort am Strom,
wie es raschelt, das Gras, und auseinanderseufzt
vor dem heißen Pfeifen dieses Knirpses,
und dazwischen zucken gezackter Schlangen
Flammen, Feuerstätte im Lager der Vaganten,
seiner Brüder mit Mähnen von blauem Tang und Teer,
schimmernd um den Hals die Narbenschnur,
seiner Schwestern mit der Wölfin spitzen Brüsten,
auf der Stirn das Blenden schwarzer Sonnenflecken,
Kniee, die wie Monde aus dem Dunkel tauchen.
Ja und ja, dort ist ein Klirren, Schwirren, ist ein
Fletschen weißer Zähne, Schnalzen geht aus
purpurroten Mündern, und zum Schwingen
bunter Röcke, aufgewallter Locken singt,
kehlig, schnarrend, gurrend einer, dem am Gürtel
blitzt des goldenen Dolches Sichelmond:
Wir fahren durch die Lande
im Herzen Sand vom Strande,
und brennt die morsche Scheuer,
so war es unser Feuer.
Pflückt sich der Gott die Trauben,
ein Rausch, den wir ihm rauben,
will uns der Dämon hetzen,
sind Lieder, ihn zu letzen.
Uns nähren dunkle Feste
wie Flammen dürre Äste,
wen unsre Frauen küssen,
der wird sein selbst entrissen.
„Nun, mein Sohn“, flüstert mir der Zwerg ins Ohr,
„solche Flammen, solche Küsse, bringen sie nicht
schöneren Tod ins einmal durchglühte Leben? Schau
diese schmachtend zerbissenen Lippen, grüner Nächte
Augen, schneeige Molke der wogenden Brust,
willst du ins kalte Wasser, willst du armselige
Motte nicht lieber von solcher Glut deine papierne
Hülle verzehren lassen?“ Und du, ein Fremdling
fahler Rasse und erloschener Blicke sehnsuchtstrüber
Tränen, dem des Siegelringes Glutrubin im Schlaf
eine geile Metze vom Finger abgezogen,
statt im Wiehern der Silberstute „Dawn of the day“
unterm scharfen Sporn zu hören, wie das Leben
ruft nach fernen Bildern, neuen Reichen, hat
Reue dich entseelt, wie eines Töpfers ohne Ton
hängt dir die sehnenschlaffe Hand in müden Sausens
Gras. Ja du, der weiß, wer diesem Volke singen,
tanzen will mit seinen Frauen, findet nicht mehr heim,
und mit freiem Atem, offener Stirne stehst du
unter ihnen auf und hebst zu singen an …
Ich sagen können
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wir sagen, er sei im Nebenzimmer und schlafe; den wir meinen, ist demnach nicht identisch mit seinem Bewußtsein.
Worin liegt das Widersinnige, wenn einer sagen würde: „Ich schlafe.“?
Wir sehen, wie einer lächelt, nicht wie er sich erinnert. Wir müssen ihm unter gewöhnlichen Umständen glauben, wenn er sagt: „Ich erinnere mich …“
„Wer hat das gesagt?“, fragt der Lehrer. „Ich“, sagt der Schüler. Ist, wer hier ich sagt, die materielle Entität, deren Ort ich bestimmen kann? Nein. Es hätte eine Maschine sein können.
Das Gedicht von Trakl, das Andante der Schubert-Sonate wirken auf mich schwermütig; sind das Gedicht und das Musikstück schwermütig? – Und wieviel davon, die erste Zeile, die ersten drei Takte oder das Ganze?
Er hat Schmerzen im Fuß; aber der Fuß hat keine Schmerzen.
Wir bedauern nicht den schmerzenden Fuß, sondern jenen, der Schmerzen hat.
Derjenige, der Schmerzen hat, ist nicht der Körper, der am Fuß verletzt worden ist; aber auch nicht die Seele, denn sie hat keinen Fuß, in dem sie Schmerzen empfinden könnte.
Ich finde in alten Briefen die Beschreibung einer Wanderung zu zweit; und dann erkenne ich, daß der eine der Wanderer ich selbst gewesen bin.
Woran erkenne ich, daß ein Foto mich selbst darstellt? Weil es mir so ähnlich sieht?
Nichts scheint mir ähnlicher als mein Spiegelbild; dennoch kann es passieren, daß ich auf ein spiegelndes Schaufenster zugehend mich nicht wiedererkenne.
Es könnte sein, daß alle Erkenntnis, wie Platon meint, eine Art Wiedererinnerung wäre; doch nicht mein Wissen von mir selbst.
Ich erinnere mich, daß ich gestern im Park spazierenging. Der Sachverhalt, gestern im Park gewesen zu sein, ist der Inhalt meiner Erinnerung, doch die Tatsache, daß sie meine Erinnerung ist, wird darin nicht abgebildet und erfaßt.
„Mir geht es gut.“ – Ist dies der Ausdruck eines Körpergefühls?
Ich sehe, wie er lächelt und sich angeregt unterhält; ich sage: „Ihm geht es gut.“ Das Lächeln und das angeregte Plaudern sind Kriterien meiner Feststellung, daß es ihm gut geht.
Habe ich Kriterien zur Hand, um mit Grund sagen zu können: „Mir geht es gut.“?
Das Wissen, aufgrund dessen ich sage: „Es geht ihm gut“, ist echtes Wissen, insofern es als scheinbares Wissen entlarvt werden kann, wenn sein Lächeln und sein angeregtes Plaudern sich als Masken einer tiefen Traurigkeit dingfest machen lassen.
Wenn ich ohne zu heucheln oder zu lügen, bekenne, daß ich mich wohl fühle, kann meine Äußerung nicht angezweifelt werden.
Äußerungen, die nicht angezweifelt werden können, stellen keine Form des Wissens dar. Demnach ist das Wissen von mir selbst, das sich in solchen Äußerungen kundtut, kein eigentliches oder epistemisches Wissen.
Daraus folgt: Das, was wir Selbstbewußtsein nennen, ist keine Form des Wissens.
Wissen kann in Aussagesätzen analysiert werden; sie haben die grammatische Form: „Ich weiß, daß p.“
Daraus folgt: Wir können die grammatische Form der Aussagesätze nicht für den Ausdruck dessen verwenden, was wir mit Selbstbewußtsein meinen.
Aber ich sage doch: „Ich fühle mich gut.“ Nun, dann ist dies keine Aussage im strengen Sinn, sondern ein Ausdruck, ähnlich wie auf primitiver Stufe „Oh!“, „Schön!“ oder „Aua!“
Das, was wir mit Ich meinen, kann man nicht analysieren wie ein Wassermolekül oder einen Hirnzustand.
Zu sagen „Das Foto stellt N. N. dar“ oder „Es ist seine Unterschrift“ ist etwas anderes als zu sagen „Der da auf dem Foto bin ich“ oder „Das ist meine Unterschrift.“
Beruht die Möglichkeit, ich zu sagen, auf einer Form der (symbolischen) Identifikation? Nein. – Ich kann dieses Fahrrad, dieses Auto, diese Frau aufgrund von Dokumenten oder gewissen Kriterien als mein Fahrrad, mein Auto, meine Mutter identifizieren, aber nicht meine Hand, meinen Körper, meine Erinnerung.
Die Möglichkeit, ich zu sagen, ist die unmittelbare Voraussetzung und Bedingung der Sprache, die wir sprechen.
Ein Austausch von Zeichen, der wie ein Roboterprogramm nicht gleichsam an der Angel des Ich-Sagens, der ersten Person Singular (und Plural) oder des Selbstbewußtseins schwingt, ist nur scheinbar eine Sprache.
Alle sprachlichen Handlungen, die wir performative Sprechakte nennen, wie das Behaupten, Fragen, Befehlen, Wünschen oder Deklarieren hängen und schwingen an der Angel des Ich-Sagen-Könnens und des Selbstbewußtseins.
Was wir äußern, ist bestenfalls logisch stimmig und konsistent; doch die Tatsache, daß wir uns auf logisch stimmige und konsistente Weise äußern, ist keine logische Tatsache, sondern beruht auf der (außerlogischen) Möglichkeit, ich sagen zu können.
„Alle Menschen sind sterblich.“ – „Sokrates ist ein Mensch.“ – „Also ist Sokrates sterblich.“ – Doch die Erkenntnis, daß ich sterben werde, ist keine logische Folgerung, sondern beruht auf unmittelbarer Einsicht, auch wenn die Erfahrung des Todes anderer in sie eingeht.
Ich bin mir vorsprachlich gleichsam transparent im Medium der Empfindung; die Empfindungen sind gleichsam das liquide und fluide Element, in dem das vorsprachliche Ich sich tummelt und badet.
Ich spüre die Kälte in der Hand, im Körper; ich kann sagen, daß mir kalt ist, daß ich friere. Ich sage nicht, meine Hand, mein Körper friert.
Nur scheinbar können wir mit Äußerungen wie: „Es tut weh“ oder „Wie herrlich (schön, schrecklich)!“ in ein anonymes sensorisch-sensuelles Feld des Vor-Ichs gelangen; denn die natürliche Ergänzung dieser Äußerungen lautet: „Es tut mir weh“ und „Wie herrlich (schön, schrecklich) mich das anmutet!“
„Er erinnerte sich daran, wie er einst als Kind in diesem Garten spielte.“ Um die Identität dessen, der sich erinnert, mit demjenigen, an den er sich erinnert, zu markieren, sagen wir: „Er erinnerte sich daran, wie er selbst einst als Kind in diesem Garten spielte.“ Doch damit haben wir die Stufe des Selbstbewußtseins noch nicht betreten, denn es könnte ein mechanisches Verfahren geben, mit dem die Erinnerung eines N. N. daran, daß ein N. N. einst in diesem Garten spielte, modelliert würde.
Dies wird klar, wenn wir sagen: „Ich erinnere mich daran, wie ich einst als Kind in diesem Garten spielte.“ – Und dies können wir zur Verdeutlichung umformulieren und sagen: „Ich erinnere mich daran, einst als Kind in diesem Garten gespielt zu haben.“ Was wiederum sinngleich ist mit der Formulierung: „Ich erinnere mich: Ich habe einst als Kind in diesem Garten gespielt.“
Dagegen läßt der Satz: „Er erinnert sich: Er hat einst als Kind in diesem Garten gespielt“ ohne zusätzliche Markierung („selbst“) offen, ob es sich um dieselbe Person handelt.
Es ist charakteristisch für den Ausdruck der Selbstgegenwart, daß wir sie mit Verben des Empfindens, Fühlens, Denkens, Erinnerns (verba sentiendi et cogitandi, im Lateinischen mit dem a. c. i. und Reflexivpronomina zu konstruieren) in der ersten Person Präsens bezeichnen. Denn zu sagen: „Ich fühle …“ ist epistemisch gesehen etwas anderes, als zu sagen „Ich fühlte …“ und „Ich erinnerte mich …“ etwas anderes als „Ich erinnere mich …“
Die Aussage „Ich erinnerte mich“ impliziert nicht die Tatsache, daß ich mich jetzt daran erinnere, im Gegensatz zu der unter normalen Umständen gemachten Aussage „Ich erinnere mich.“
„Ich hatte gestern um 10.45 Uhr stechende Schmerzen im Fuß“ – aber es könnte 10.55 Uhr gewesen sein; Unklarheiten oder Zweifel dieser Art tauchen nicht auf, wenn ich sage: „Ich habe stechende Schmerzen im Fuß.“
Insofern ist der Ausdruck in der ersten Person der Vergangenheit „Ich fühlte/erinnerte mich/dachte …“ dem Ausdruck in der dritten Person der Gegenwart „Er fühlt/erinnert sich/denkt …“ verwandter als der Ausdruck in der ersten Person der Gegenwart „Ich fühle/erinnere mich/denke …“ dem Ausdruck in der dritten Person, ob nun im Präsenz oder der Vergangenheit, bei denen die bekannte epistemische Asymmetrie auftritt.
„Ich habe ihm gestern das ausgeliehene Buch wiedergebracht“ ist der Aussage epistemisch verwandter: „Er ging gestern im Park spazieren“ als der Aussage: „Ich verspreche dir, das Buch morgen wiederzubringen.“ – In der ersten Aussage könnte ich lügen, in der zweiten könnte ein Irrtum stecken – beides aber nicht in der dritten. Ich könnte mein Versprechen zwar nicht im Ernst machen, aber dann würde ich nicht lügen, sondern unaufrichtig sein.
Ich kann nichts im Namen eines anderen oder stellvertretend versprechen. Insofern ist die Rückbezüglichkeit in Haupt- und Nebensatz unabdingbar, wenn ich beispielsweise sage: „Ich verspreche dir, daß ich das Buch morgen wiederbringe.“
Daß ich dich gestern gefragt, gebeten, dir etwas versprochen, zu etwas geraten oder vor etwas gewarnt habe, kann bezweifelt oder in Abrede gestellt, ja widerlegt werden, nicht aber, wenn ich dich jetzt etwas frage, um etwas bitte, dir etwas verspreche, dir zu etwas rate oder dich vor etwas warne.
Aussagen, die einen unmittelbaren Ausdruck der Empfindung, des Gefühls, der Erinnerung oder des Denkens oder Sprechakte in der ersten Person Präsens darstellen, können nur inkonsistent sein, wenn der Sprecher der betreffenden Sprache nicht mächtig ist oder ihre Inkonsistenz als Kriterium für gewisse Formen von Wahnsinn gilt: „Es zieht und mir wird warm“, „Es tut weh und stimmt mich heiter“, „Ich lüge, indem ich dir sage …“, „Ich verspreche es dir, aber werde es nicht tun.“
Der letzte Punkt erhellt auch aus der Tatsache, daß wir üblen Nachreden, Beleidigungen, Flüchen die performative Kraft nehmen, indem wir den Sprecher für geistig minderbemittelt, unzurechnungsfähig oder verrückt erklären.
„Ich habe sie geliebt“ ist epistemisch der Aussage „Er hat sie geliebt“ verwandter als dem Sprechakt: „Ich liebe dich.“ Das Narrativ einer Liebesepisode in der Vergangenheit ist gleichsam episch abgeschlossen, während das Liebesbekenntnis von Angesicht zu Angesicht dramatisch offen ist; es impliziert ja Aussagen wie: „Du kannst mir vertrauen“, „Du kannst, was immer geschehe, dich auf mich verlassen“, „Du kannst, wann immer du willst, zu mir kommen.“
Aufgrund der unmittelbaren Selbstbezüglichkeit des Liebesbekenntnisses ist es nicht möglich, stellvertretend zu lieben; wenn wir auch im Namen eines anderen uns um einen Anvertrauten oder Schutzbefohlen kümmern können.
Der Schauspieler auf der Bühne meint nicht, was er sagt, wenn er der Schönen seine Liebe gesteht, wie er es meint, wenn er es ihr nach der Aufführung hinter der Bühne ins Ohr flüstert. Daß wir das Ich und das Ich-Sagen fiktionalisieren können, ist eine Voraussetzung dramatischer, epischer und lyrischer Kunst. – Nur wenn wir Sappho oder Goethe als historische Personen von dem fiktiven oder imaginären Ich unterscheiden, das sie in der Liebesode oder der Marienbader Elegie beschwören, verstehen wir ihre Dichtungen.
Wir sind gegenwärtig für uns selbst und andere in dem, was wir sagen und tun. Daher bürdet uns die unmittelbare Gegebenheit, wir selbst zu sein, eine sittliche Haltung oder die Pflicht auf, was wir tun und sagen, so unzweideutig und klar wie möglich zu tun und zu sagen. So werden wir uns selbst und anderen durchsichtiger für das, was wir sind – auch wenn ein Rest von Undurchsichtigkeit, Zweideutigkeit und Verborgenheit haften bleibt, wir wissen nicht, ob wegen der Schwäche unserer Natur oder einer ihr eingesenkten, alle Bruchstücke unserer Vergegenwärtigung transzendierenden numinosen Größe.
Der Tropfen, der dich weckte
Ein Windhauch,
der Pollen stäubt von der Blüte,
der Fussel fällt aus dem Haar.
Sie bleiben, was sie sind,
bis sie der eiserne Fuß des Schicksals zertritt.
Tropfen gleiten vom Moos zur Erde,
aus Wolken ins Wasser.
Untergegangen und verschmolzen
sind sie unauffindbar,
ohne verschwunden zu sein.
Das Kind, das nicht weiß,
daß Tautropfen
und Schneeflocken
zwei Gestalten eines Stoffes sind,
empfindet nicht weniger getreu
als der Dichter, der es weiß
und der Verwandlung nachsinnt
mit dem Klöppel der Zunge,
der leicht oder heftig
gegen die Glocke der Stille schlägt.
Den Tropfen,
den Kristall des Lichts,
die gefrorene Träne des Wanderers im Schnee,
die Eisblume am Fenster
kannst du zerlegen, schmelzen,
verdunsten lassen,
den Tropfen,
der auf das weiche Blatt des Schlafes fiel
und dich weckte,
nicht.
Jemandes Haut kannst du ritzen,
ihm ein Haar ausrupfen,
die Träne von der Wange ihm küssen,
dem Haut, Haar und Träne zu eigen,
bleibt dir verborgen
und er sich selbst.
Die Dinge der Welt kannst du
wie das Wassermolekül
zerlegen, analysieren,
oder diese Sätze,
doch nicht jenen,
der sie sagt,
und er sich selber nicht.
Du oder ich,
wir sind uns jeder selbst
wie das befruchtete Ei,
in dem sich zwei Lebensstränge
ununterscheidbar
verflochten haben,
sind uns selbst
und eins dem anderen
die Welt.
Nur manchmal klingen wir
wie zwei Saiten einer Geige,
die der Meister,
den wir göttlich nennen,
mit einem warmen Bogenstrich
gemeinsam beben läßt,
und scheinen uns verschmolzen
wie eins ins andre rinnend
Tränen –
und rasch fliegt auf der Ton
mit unsres Rauschens Doppelschwinge,
wird leiser und erstirbt
in einer Lichtung, fern
und aller Sehnsucht unzugänglich.
Wie leer die Tage sind
Das hohem Quell entflossen
und deine Seele sang,
das Lied blieb ungenossen,
dein Mund war allzu bang.
Als süße Stimmen flogen
zur grünen Jugendzeit,
hast du dich weggelogen
in stolze Einsamkeit.
Die Blumen, die erhellten
so manche dunkle Spur,
sie welkten zu entstellten
Gespenstern toter Flur.
Als Sommers reife Beeren
wie Küsse glänzten rot,
hast du sie abzuwehren
getan, als wärst du tot.
Dann kamen Herbstes Farben
wie Glut und goldner Wein,
du aber mußtest darben,
warst ohne Frucht allein.
Nun da die Flocken fielen,
dein Herz ist worden blind,
du kannst es kaum mehr fühlen,
wie leer die Tage sind.
Als würde Licht die Herzen weiten
Und war ein reines helles Fließen,
als spräche mit sich selbst die Nacht,
ein banges Herz schlug wieder sacht,
als würden Ranken es umschließen.
Wie einer Knospe scheues Beben,
bevor sie sich der Erde neigt,
hat Mondes Blume sich gezeigt,
als tränke sie im Tau noch Leben.
Und war ein engel-weiches Schreiten
auf kaum erwachter Erde Schoß,
ein Seufzen schauerte im Moos,
als würde Licht die Herzen weiten.
Moseltal
Mostgeruch aus feuchten Kellern,
Bruchstein, Schiefer und Basalt,
und der grüne Blick des Sommers
aus steilem Wingert, Blattgerank
von Reben, zartgezackte Schatten.
*
Und im weißen Haar des Alten,
der am Ufer an der Böschung lehnt,
der weichen Mosel kaum gefühlter Hauch.
Sprich mir, alter Moselwinzer, sprich
von der traubenschweren Last der Tage,
vom Grillenlied aus Schründen warmen Schiefers,
dem braunen Glucksen frischen Mosts,
dem Tuckern der Schiffe durch den Dunst des Schlafs,
vom Geläut der Vesper, das noch schwingt,
wenn deine Träume durch die Gärten wehen,
wie lose Blätter oder Fetzen Nebellicht.
Doch nein, sag nichts, ich seh ja deine Hand,
die zittert, weil die Fülle wog zu schwer,
und gefurchte Rinnen auf den Wangen,
am wilden Strahl verdorrte Tränenbetten,
und deine Augen grau wie nachts der Fluß,
wenn einsam schwache Lichter streifen,
seh deine Stirn von Fragen kahl und schief
den Mund, weil zuviel Seufzer starben.
*
So steig ich denn ein letztes Mal empor,
vorbei an Andachtsbildern der Passion,
wo flehentlich wie arme Seelen Kerzen flackern,
dankbar für den hohen Geist der Ahnen,
die mir den Pfad gebahnt, die Bilder schön geformt,
und höre nur wie eines Fremden meinen Atem,
das Knirschen meiner Schritte im Geröll.
Vorbei an Strünken alter Eichenbäume,
die tiefer sich ins Dasein als meine Seele krallten,
die keine Wurzeln trieb im dunklen Lebensgrund
und keine Frucht wie sie, ein Eichhorn oder Reh
zu nähren, einem Kind in scheuer Hand Gefühl
der eignen Wärme mitzuteilen, am Kreuz vorbei,
wo Ehrfurcht niederkniet und Liebe weint,
und auf der Höhe, wie goldenen Weines Strahl,
darf einmal noch ich schauen auf die Mosel,
die wie zum Abschied lächelt, wohl wissend,
im Arm des Bruders findet sie Vergessen bald.
Nachhall in der Dämmerung
Ist es, weil süß im Blattwerk saust
ein Schwirren, Zwitschern alter Seelen,
weshalb du wandelst unbehaust
ins Schluchzen kleiner Vogelkehlen?
Bleibt, was ins Tal sein Gold ergoss,
von grauen Höhen, Nebelpässen,
durch Zweifels Dämmer Strahlen schoss
auf grüne Wellen, unvergessen?
Glänzt dir, wenn Sommers Flamme spricht
in Mückentanz und Grasgeflimmer,
im Laubengang des Abschieds Licht,
ein Auge hell im dunklen Zimmer?
Bleibt dir, von weißem Nichts genarrt,
wenn Flocken alle Bilder trüben,
des Wassers Lied im Eis erstarrt,
ein Herz, den Gang der Welt zu lieben?
Einst und jetzt
Den Fussel oder warʼs ein Flaum,
vom Hühnerhof hereingeweht,
hat von der Schulter dir die Mutter
(der erste gute Anzug, Kind)
mit der vom Wringen roten Hand
flugs weggewischt.
Wie lange ist das her,
jetzt ist der Flaum verbrannt,
der Anzug ward zu Lappen,
die Hand, die immer Staub
und gerne Stäubchen wischte,
selber Staub.
*
Und mit den Kameraden (alle
in ihren neuen blauen Anzügen,
die weißen Rüschenmädchen
knieten fern in anderen Bänken)
mit allen einzustimmen:
Du geheimnisvolle Rose
Du Pforte des Himmels
Du Morgenstern
Du Trösterin der Betrübten
Wie ist der Klang verhallt,
jetzt tropft durch die Stille
der Nacht aus der Küche
monoton der Wasserhahn
in das öde unterirdische
Museum der Erinnerung,
wo dumpf gurrend eine Taube
auf dem einäugigen Kopf
der Madonna sitzt.
*
Aus aufgeplatzten Scheiten
Zischen, Sprühen, Singen,
wenn rings die Nacht
die funkelnde Spindel drehte
und dunklen Augen
der helle Tau des Traums
im Schein der Flammen glänzte.
Vom Wasser haben wir’s gelernt,
vom Wasser.
O Wandern, Wandern meine Lust,
o Wandern!
Das Wasser ist verrauscht,
die Wege sind geteert,
ergraut das Herz
im kalten Rauch der Nacht.
Schmerz-Knospen
Und magst am Abend du erlauschen,
ins dunkle Moos gelehnt,
wie fremde Leben sanfter rauschen,
dem eignen wie entwöhnt.
Die Schatten, Schimmer, Zärtlichkeiten,
die blasse Blume Mund,
die Lilien auf dem Grab der Zeiten,
sind deiner Seufzer Grund.
Dich kann ein Wasser nicht mehr spiegeln,
das übers Ufer schwillt,
Schmerz-Knospen, lichtbetaut, besiegeln
der Ranken Rätselbild.
Die Heiterkeit
Wie dichterisch ist Heiterkeit,
ob Blüten tragen dunkle Fluten,
ob still verlöschen Rosengluten,
der Sprache immergrünes Kleid.
Nah tropft ein Schlehendorn von Licht
und sinnend geht auf braunen Wegen
ein Wanderer der Nacht entgegen,
von Heimkehr fern ein Fenster spricht.
Die Heiterkeit bleibt fest im Sturm,
wenn Samen, Keime, Zeichen fliegen,
sie singt, wo finstre Denker schwiegen,
und lächelt, zuckt im Kern der Wurm.
Und ist der Liebe blauer Blick
vom welken Blatt des Lids verschlossen,
bleibt treu ihr Sinnen unverdrossen,
erfuhr sie einst des Schauens Glück.
Die Leiche Wort
Denn nicht die Meinung zählt, nur warm
der Hauch auf kaltem Spiegelglase,
von Träumen blind, nur nackt ein Arm,
der seine Blöße fühlt im Grase.
Die Meinung nimmt, des Parasiten Bauch,
vom Blut der Bilder angeschwollen,
die Sicht ins Wahre wie ein Rauch,
aus Phrasenmunde aufgequollen.
Die Meinung macht die Lücke dicht,
die Leere zwischen Geist und Sinnen,
sie löscht der Wunde dunkles Licht,
aus der gefühlter Tropfen rinnen.
Die Meinung ist die Leiche Wort,
einbalsamiert von totem Wissen,
Empfindung aber bettelt fort
und wühlt im Dung nach einem Bissen.
Die Wiederkehr
Es kehrt des Abends noch zurück,
ein Blütenstern auf grünen Wellen,
als rauschten fremde Wasser Glück,
das Lied aus lang versunknen Quellen.
Und kommt ein Wind und streicht
das Haar wie einstmals warme Hände
sanft aus der Stirn, wird Schlummer leicht,
der Tau von Veilchen küßt die Lende.
So biegt sich sacht das müde Haupt
wie Knospen unter eigner Fülle
ins Dunkel, Efeu, mondbestaubt,
und birgt sich in den Schoß der Stille.
Wenn im Abendwind die sanften Veilchen
beben und auf dunklen Wassern scheint
Mondes blasse Blume, bleib ein Weilchen,
Liebe, noch, bis uns das Schweigen eint.
Wenn in Herbstes Gärten zart verrinnen
Vogelruf und Schlummers heller Tau,
hüllt des Nebels traumgesponnenes Linnen
uns die Wehmut in sein weiches Grau.
Wenn aus Asphalthöfen aber steigen
Zischen, Maulen, Grölen, Lärm der Welt,
flehn wir unter grünen Liedes Zweigen,
daß der stille Schnee der Gnade fällt.
Sonne
Daß ich, Sonne, mich dir wiedergebe,
wenn deine Feuerklingen
mein graues Herz durchdringen,
und mein Lied auf zarten Stielen schwebe.
Daß ich deinem tollen Lachen reife,
als Frucht der Nacht entquelle,
wie vollen Mondes Mirabelle,
Eos Rosenatem mich umschweife.
Daß dein goldnes Messer zärtlich schäle,
zur süßen Frucht geschwollen,
von der schon Abschiedstränen rollen,
meine glutgenährte reife Seele.
Schneid sie durch, die Bissen lächelnd reiche
den Kindern, Katzen, Hunden,
wird wohl sie ihnen munden
die von deinen Küssen traubenweiche.
Bittgesang
Der du dem Grün verlorn
duftlos hast gewacht,
mag dir erblühen noch
die Rose der Nacht
überm Dorn,
o hartem Dorn.
Der du vom Denken grau
lichtlos hast gewacht,
mag dir erglänzen noch
die Träne der Nacht,
Himmels Tau,
o weicher Tau.
Der du um Liebe bang
trostlos hast gewacht,
mag dich erquicken noch
der Vogel der Nacht
mit Gesang,
o süßem Sang.
Das scheue Glück
Hell schwingt der feine Nerv der Saite,
ein Zweig bog sich zurück,
du siehst in blaue Weite.
Rührst du daran nur leicht,
der süße Ton entweicht.
Ein Gast, ein scheuer, ist das Glück.
Eisblumen an den Fensterscheiben,
die Sonne kehrt zurück,
du hoffst, sie möchten bleiben.
Hauchst du sie an nur leicht,
der zarte Flor erbleicht.
Wie Tau von Blüten rinnt das Glück.
Magenbitter
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Am dicken Ende kommt es zutage: Der Jude ist eine Erfindung des Antisemiten.
Auch ein Asket – der Teufel hat ihm in die Suppe gespuckt.
Besser als der rechtgläubige Exorzismus: Pan furzt und die Hexen suchen das Weite.
Sie meinen, etwas kitzle sie am Geschlechtsteil ihres Denkens, und was sie daraufhin lallen, sei Poesie.
Der Unhold tötet, plump und ungeschlacht, wie er ist, mit einem Schlag – die Holde verabreicht ihr süßes Gift mit Blicken, Küssen, Worten für ein lebenslanges Siechtum.
Der kommende Weltstaat ohne Nationen und Grenzen wird von einem Zentralkomitee gesteuert, in dem Narren, Transvestiten, Junkies, Drogen-, Mädchen- und Waffenhändler, Pornostars, Kinderschänder und andere Triebtäter das Sagen haben.
Die männliche Hebamme – welch eine Groteske.
Der weibliche Dirigent – welch eine Parodie.
Boxerinnen – welch ein verkommenes Geschlecht.
Im frommen Judentum müssen sich die Mädchen und Frauen nach der Monatsblutung einer rituellen Waschung unterziehen, um wieder an der Sabbatfeier teilnehmen zu können.
Die unfruchtbaren Eier im seelischen Zyklus gewisser Intellektueller werden in Schriftform ausgeschieden und in den Periodika veröffentlicht.
Die jüdischen Hohepriester hatten eine feine Nase für die unreinen Ausdünstungen der Frauen.
Nur wer eine feine Witterung für den animalischen Geruch der Frauen hat, versteht ihr Wesen.
Et incarnatus est – warum als Sohn, nicht als Tochter? Nun, dies ist ein Grund, im jüdischen Umfeld.
Wer gebären kann, lebt inniger, empfindender, gedankenvoller als der flüchtige Samengeber.
Hüterin und Samenflüchtling.
Mittels der monogamen Ehe verpflichtet die Gebärmutter den Zeuger.
Das Blumengebinde der sexuellen Verführung und Lust, das SIE IHM umlegt, auch wenn es sich um eine billige, grelle Plastikattrappe handelt, ist zugleich die Sklavenkette, an der er hinter ihr hergezerrt wird.
Mädchen und junge Frau – der Kosmos von Haartönungen, Hautcremes, Wimperntusche, Nagellack, Strümpfen, Dessous, Büstenhalter, Parfums und Blumen.
Wie sie wirken, wie sie erscheinen, davon sind sie besessen, wessen Blicke sie ergattern.
Sie geht spazieren, Blicke pflücken.
Gälte die Maxime: Kein Wort zuviel! als moralischer Imperativ – dann stampft alle Zeitungen ein, legt Feuer an die Bibliotheken, knebelt die Schwadroneure hinter den Kathedern und vor den Kameras.
Die Schwarze, die mit Indianern, Eskimos und Cowboys ihre Gospels und Spirituals nicht singen mag – o Schwester im Geiste!
Regietheater: Schändung des Autors, Vergewaltigung des Schauspielers.
Sie dulden nur, was sie selber sind, gemeine Kerle.
Ihre Sätze sind Nesseln, Lattich und Disteln, die gepflegten Beete des großen Stilisten verachten sie als langweilig und öde.
Das Wachstum der Brüste, die Dehnung des Beckens, die Behaarung von Achselhöhlen und Scham, das Einsetzen der Monatsblutung – das sind die echten Existentialien im Leben der Frau.
Philosophen, die über Frauen schreiben, als wäre ihre Scham wie bei den marmornen und gipsernen Antiken in den Museen glatt und unbehaart.
Der erste Eisprung in der Pubertät und das Aussetzen der Regel im reifen Alter bilden den Lebenszyklus der Frau – auch im Empfinden, Fühlen, Denken.
Das Interesse der Frauen an Düften, Salben, Parfums und Essenzen, an Samt und Seide, Ornament und Gewebe, Blättern und Blüten entspringt ihrer Natur.
Den Frauen die Hintertür der Quote in die Alma mater zu öffnen, bedeutet den Anfang vom Ende der technischen Zivilisation. – Den Rousseauisten, Romantikern, Goetheanern kann es ja nur recht sein.
Das schamlose Maul des Feministen und Genderisten, der den Unterschied der Geschlechter für eine soziale Konstruktion ansieht, stopfe man aus rein didaktischen Gründen mit einem frisch gebrauchten Tampon.
„Shoa“, „Holocaust“, „Rassismus“ – grelle Diskursattrappen, mit denen wie dazumal die Kleinen mittels Butzemann, Beelzebub und Vitzliputzli moralisch unaufgeregte und skeptisch abgeklärte Zeitgenossen eingeschüchtert werden sollen.
Ausdrucksreich, nuanciert, vielschichtig sind Sprachen von Völkern, die eine imperiale und kolonialistische Vergangenheit hinter sich haben.
Das Wogen und Rauschen des homerischen Verses und die Abenteuer der frühen Seefahrer und Kolonisten.
Die hohe, stille Bläue des Südens und die schwellenden Trauben mediterraner Gärten leuchten in Hölderlins Versen nach seinem Aufenthalt in Bordeaux glühender, inniger, vollkommener auf.
Wir sehen nicht das feinnervige Spiel der Muskeln um Augen und Mund und deuten es sodann als Lächeln – wir sehen es unmittelbar.
Woran erkennen wir den Unterschied von Lächeln und Lachen? Nun, wir sehen ein süßliches, verschmitztes, mildes Lächeln und hören ein höhnisches, derbes, schmutziges Lachen.
Nur was Augen, eine Nase, einen Mund, kurz ein Gesicht hat, kann lächeln. Ja, wir müssen sagen, nur ein menschliches Gesicht kann lächeln.
Wir können gezwungen lächeln oder ein Lächeln vortäuschen, doch ein Roboter nicht; würde er lächeln, flößte uns dies automatisierte Verhalten kein Vertrauen ein.
Es ist sinnlos zu fragen, ob der auf Lächeln programmierte Roboter seine freundliche Miene nur vortäuscht.
Der grinsende Affe lacht nicht wie du und ich, denn er könnte seinem Mienenspiel keinen Ausdruck von Hohn, Verachtung oder Vulgarität verleihen.
Wir hören nicht Geräusche, um sie sodann als artikulierte, sinntragende Laute zu interpretieren. Wir hören einen reden und verstehen ihn oder nicht.
Was wir Seele nennen, ist sichtbar in den Regungen des Leibes.
Keine Zahlen ohne Finger. Nur Menschen, die mit den Fingern auf gewisse Mengen zeigen und an den Fingern abzählen können, lernen rechnen.
Zahlen sind keine abstrakten Entitäten, sondern konkrete Zeichen für Rechenschritte oder rechnerische Operationen.
Zu sagen, es gebe keine unendliche Zahl oder der Zahlenstrahl sei unendlich, ist Unsinn.
Wonnen des Hasses, Qualen der Liebe.
Das Recht, von keinem geliebt werden zu wollen, auch nicht von höheren Wesen.
Das Recht zu hassen, wen immer man will.
Das Recht zu schweigen, wann immer man will.
Das Recht auf klare, unzweideutige sprachliche Mitteilung – auch von Philosophen.
Sie haben nichts auf dem Herzen – und das teilen sie in einer Suada von gischtenden Phrasen mit, die sie für modern, ja postmodern halten.
Wer möchte auferstehen, um all diesen Kreaturen wieder ins Angesicht zu blicken?
Der wahre Held der Zeit: Wer da zufrieden leben könnte ohne Internet, TV und Zeitung.
Die Waffe der Frauen sind Worte – oder das Schweigen.
Die meisten haben ein Verhältnis zu Tieren wie Kinder zu Puppen.
Ein Hauch – und das Kartenhaus stürzt ein. Ein Wort – und das Bild von diesem oder jener verblaßt.
Was sie witzig, lustig, komisch finden, was sie zu wieherndem Gelächter reizt, offenbart ihre ganze Niedertracht.
Welcher Magenbitter nach der Blutwurst der täglichen Nachrichten, der täglichen Eindrücke auf Straßen und Plätzen?
Die alten Griechen gönnten sich nach der tragischen Schlachtwurst den Magenbitter des Satyrspiels.
Die nichts zu sagen haben, kämpfen mit aller Leidenschaft gegen die Zensur.
Der Kampf gegen das Gespenst des Schnurrbarts wird immer glühender und verbissener, je mehr er dem Grinsen der Katze in Lewis Carrolls „Alice’s Abenteuer im Wunderland“ gleicht, das noch sichtbar ist, wenn sie selbst sich schon in Luft aufgelöst hat.
Daß sich Mopse und Afghanen ohne Dolmetsch verstehen! Meine Mopse, sprich Zeitgenossen, bleiben mir ein Rätsel.
Die meisten beziehen ihr Ansehen aus der Tatsache, daß die Umstehenden so kurzsichtig sind.
Es bedarf keines Grundes zu töten, der Wille genügt, Gründe finden sich immer.
Höher, reiner, sublimer als Mozart? Nein. – Aber tiefer geht es immer, bis zu Rock, Techno und Jazz.
Schachtelsätze, die Gedankensurrogate gewisser Intellektueller – die letzte Schachtel ist leer.
Parteien – Furunkel im Hintern des angeblichen Souveräns, der sich nicht einmal kratzen darf.
Verlogenheit aus Instinkt – das echte Talent, um in der Republik nach oben zu kommen.
Gegen ihre schmierigen Vertreter im Kulturbetrieb darf rechtens antisemitische Aversionen hegen, wer die ernsten Frommen, also echte Juden, hochschätzt.
Wenn wir dunkel liegen
Daß uns wenn wir dunkel liegen,
aus den Tälern der Erinnerung
Lüfte streifen, Seufzer wiegen
wie von Lippen rot und jung.
Daß auch wenn die Wangen blassen
unter grauen Abends Schnee,
Träume uns die Rosen lassen,
Rosen sagen: „Laß und geh!“
Abgrund, den wir blind durchmessen,
wo der letzte Sinn zerschellt,
mache weich ein Kuß vergessen,
Blatt, das auf die Stirn uns fällt.
Ranken zarter Lettern
Du kalte Amme, Luft, dein Wiegen
ist ohne Sinn, das Nest ist leer,
die krummen Fänge ließen liegen
nur weißen Flaum – Flaum, nicht mehr.
Wer hat den Becher ausgetrunken,
warst du es, Liebe, schmeckte nicht
zu bitter meine Seele? Funken
warf sie, kleine, auf dein Angesicht.
Die letzte Glut in schwanken Blättern
erlischt, im Brief, wie mein Herz so grau,
verschwimmen die Ranken zarter Lettern
von Tränen, unfruchtbarem Tau.
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