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Okt 9 19

Paul Verlaine, Je vous ai promis mon baiser

Aus: Chair

Je vous ai promis mon baiser pour ce soir,
En revanche vous m’avez promis la récompense
Certes imméritée, et voici que j’y pense !
Et depuis lors je vis en un si doux et vague espoir !

Mais que pour l’avenir serait donc noir
Si, pendant que je rêve à la bonne bombance
Espérée et promise, et voici que je panse
La blessure que me ferait de ne pas voir

De mes yeux, presque en pleurs dans cette incertitude,
Vos yeux sourire avec plus de mansuétude
Que de coutume avec l’œuvre et de plus l’auteur.

Et j’ai fait ces vers-ci, qu’il fallait que je fisse.
Ne vous faisant d’ailleurs pas d’autre sacrifice
Que de vous plaire un peu, bien qu’un peu radoteur.

 

Einen Kuß versprach ich dir für heute Nacht,
dafür willst du mir auch was schenken,
habʼs nicht verdient, muß aber daran denken!
Wie vages Hoffen süß mein Leben macht!

Doch seh ich für die Zukunft wenig Licht,
denn da mir träumt von einer Schlemmerstunde,
erhofft und zugesagt, muß ich mir diese Wunde
verbinden, daß ich mit eignen Augen nicht

dürft schauen, in Tränen schon vor Bangen,
deine Augen lächelnd mein Gedicht empfangen,
den milder auch wie sonst, der es geschrieben hat.

Ich machte dies Gedicht, ist alles, was ich habe,
für dein Vergnügen eine Opfergabe,
käut es auch wieder nur ein altes Blatt.

 

Okt 8 19

Der versengte Flügel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Kehle gönnen wir Champagner, die Seele halten wir mit billigem Fusel hin.

Zähle die Stunden, da du dich selbst willkommen heißt.

Die meisten sind stumpf, viele verwirrt, ein paar durch Leiden aber nicht bitter und grob, sondern sanft geworden.

Horaz ist ein klarer Quell, der aus tiefen Spalten bemooster Stille bricht, über harten, schimmernden Kieseln hell tönt und sich zu einem runden Weiher beruhigt, in dem die Fackeln der Feiernden und die einsamen Lichter der Nacht sich spiegeln.

Gefühl der Nähe, der Ankunft des Reiches Gottes, jener, der es mit Vollmacht verkündet, ja schon verkörpert, Zeichen und Wunder, die bezeugen, daß er erwählt ist und aus der Höhe gekommen, Aufruf zur Buße und Versprechen der großen Tröstung jenen, die in der Hoffnung und Liebe gelitten. Dies sind die Elemente messianischer Frömmigkeit.

Manche davon finden sich gleichsam als leichter verdauliche Hausmannskost oft zu herabgesetzten und Schleuderpreisen in den säkularen Heilsbewegungen der älteren und jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart wieder. – Bisweilen blieb nur die scheppernde Orgel des Jahrmarkts, die immer wieder den Gassenheuer leiert: „Ein Schiff wird kommen …“

Der liebende Blick sieht ein Pummelchen, wo der nüchterne Fettsucht wahrnimmt und der medizinische hormonelle Probleme diagnostiziert.

Der strenge und gesetzestreue Pharisäer sieht im Falle Jesus Gotteslästerung, der römische Statthalter Aufruhr, der Jünger das Lamm Gottes.

Sollen wir sagen, wer für den Zauberklang Mozarts taub ist, sei dem Wurm gleich, der sich tief in den Schlamm der Verzweiflung gebohrt hat?

Wenn der Wurm Ohren hätte, solchen Wohllaut zu vernehmen wie der in der Hölle der Liebeskälte Verbannte die fernen, flammenden Lieder der Engelchöre.

Es ist sinnlos, das Unkraut zu jäten, den üppig schwellenden Zweig des Rosenstocks abzustützen und die duftende Knospe zu pflücken, wenn es keinen gibt, dem du sie schenken magst, keinen, dem ihre Schönheit und ihr Wohlgeruch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Das bedruckte Papier bleibt störrisch und stumm, erst die seelenvolle Stimme, die dem Vers Flügel anlegt, das Wort zum Gesang entfaltet, öffnet die Landschaft des Gedichts, in dem der Rhythmus mit den Quellen und Strömen fließt, der Vers mit dem Blattwerk rauscht, in unverhofften Tropfen klingt und schäumt, unter Blitzen erschrickt und sich in die blaue Grotte der Waldnacht flüchtet.

Was gesehen, was gefühlt, was erlebt zu haben legte uns wie eine reine, weiße Hostie das Wort auf die Zunge: „Es ist genug!“?

Mißtrauen gebührt den Naseweisen, die gestern da und dort etwas erschnuppert und heute wieder dort und da etwas anderes gewittert haben.

Der Scharlatan schreibt einen dicken Wälzer mit dem Titel „Versuche“ – dabei hat er nicht einmal an die Tür geklopft, geschweige denn, daß er eingetreten wäre. Und fände er die Tür, er klopfte nicht an, denn er hat kein Gastgeschenk mitgebracht.

Ist uns bestimmt, ein Blatt zu sein im Wind, so machen wir uns nicht selber schwer.

Ein leichter Windhauch, und das welke Blatt fällt wie von selbst in die Tiefe.

Die synthetischen Sushi-Gerichte in der Auslage der japanischen Restaurants würdest du nicht essen, aber diese Bücher, die sich als geistige Nahrung ausgeben, verschlingst du.

Die Schauspieler, die Hamlet, King Lear oder Faust geben, scheinen geistreich und seelenvoll wie die Dinge, die sie sagen, auf der Straße aber sind sie Rüpel wie Hinz und Kunz.

Er garniert sein Kauderwelsch mit hochtönenden Namen – und kommt damit durch oder sogar bis vor die Akademie für deutsche Sprache und Dichtung.

In ein Haus, auf Moorschlamm errichtet, ziehst du nicht ein, Gedichten, die schon beim ersten Wort nachgeben und glucksen, vertraust du dich an.

Die frühen Werke sind vollendet, so steht der wundersam behauene Monolith Jesaia neben der wuchtigen und doch schwebenden Säule der archaischen griechischen Lyrik.

Die Einfältigen reden von Entwicklung, von unterschwelligen Einflüssen und dem Zusammenstückeln exotischer Bauteile.

Was im Literaturbetrieb die Intertextualität, ist in sexualibus das Zwittertum.

Descartes, einer der scharfsinnigsten Köpfe, blieb wie eine Fliege auf dem Sonnentau im Mythos des sprachlichen Bildes kleben, wonach wir Empfindungen, Gefühle und Gedanken als mentales Privateigentum haben, wie der Geizhals, der seine Juwelen und Diamanten im Tresor verschließt, und nur er hat den Schlüssel und nur er ergötzt sich an ihrem Funkeln. – Aber die rote Farbtönung, die du an der Tulpe siehst, ist dieselbe, die auch ich wahrnehme, sie ist weder im Tresor deines noch meines Kopfes; daß du verstimmt und verärgert bist wegen meiner dummen Frage, lese ich von deinem Gesicht unmittelbar ab, ich muß nicht raten, ob dein Gefühl in Wahrheit ist, was es scheint; und der Gedanke, daß wir nicht weit kommen, wenn wir zugleich von dem, was wir behaupten, das Gegenteil annehmen, gehört uns beiden an oder ist ein Gedanke für alle und keinen, der Luft gleich, die wir beide atmen.

Der französische Catull des 19. Jahrhunderts, Paul Verlaine, der seelische Abgründe zärtlich ins Korsett des Rokoko schnürte, zählt für den vulgären Geschmack nur als bisexueller Trunkenbold und Gefängnisinsasse.

Goethe, Nietzsche, George – Mäuse, die im Stroh ihrer Albträume fiepen.

Was echauffierst du dich, daß sie Barbaren ins Land lassen, die das Abendland mehr und mehr orientalisieren, wo sie doch selber was nicht niet- und nagelfest niederreißen oder mit der Jauche ihres Endzeit-Witzes beizen.

Kein Engel wird mehr auf Lämmer weisen, mit deren Blut sie die Balken und Schwellen der Türen bezeichnen könnten, vor denen die Heimsuchung innehält.

Bayer kann er nicht sein, der Ali, Friese nicht, der Achmet, nicht Schwabe, der Mohammed, aber Deutscher, Deutscher allemal.

Wir lesen ständig, was anderen Leuten durch den Kopf ging. – Doch die hermeneutische Kunst, nach den ersten Zeilen zu imaginieren, ob jene Köpfe uns als Fratzen entgegenblicken oder Licht in ihren Augen haben, geht verloren.

Links und rechts, vorn und hinten, oben und unten – dies verweist auf unsere natürlichen Orientierungen des Raumes, der Zeit und von Ordnungen des Maßes, der Klassifikation und der sozialen Hierarchie. Sind sie deshalb subjektiv? Das ist ein Philosophen-Mißverständnis, das sich so hartnäckig hält wie der Glaube, unsere Gefühle seien Privatangelegenheiten und eigentlich nur uns selber zugänglich und verständlich.

Ich kann ja statt „rechts von dir“ „so und so viel Grad östlich von deinem Standort“ sagen.

Mit dem Hinweis, du habest den Diebstahl mit eigenen Augen gesehen, bekräftigst du den Wahrheitsanspruch deiner Zeugenaussage. Zu betonen, man habe etwas selbst wahrgenommen, mindert die Aussage nicht zur bloß subjektiven Kundgabe herab, sondern verstärkt und besiegelt sie.

Je mehr ihrer offiziell gedacht wird, umso weniger sprechen die Toten.

Das verklärte Leben der Ahnen verkörperte sich den Römern in ihrer Totenmaske.

Der Morsche bietet sich zur Stütze an, das Falsett will den Falstaff singen, die Matrone die Ophelia geben und der Zwitter den Don Juan.

Zwei Arten von Jubel: Schüsse und das Gloria.

Überkandidelte deutsche Professoren, die sich am Blitzen des Schafotts und am Sausen des Fallbeils gütlich tun, um ihr épater le bourgeois an den plötzlich von Schauder gepackten Damen und Herren zu exerzieren.

Die dichterische Inspiration wurde als Aufflug (wie in Horaz, Carmen 4,2 nach der Imago Pindars) empfunden und besungen; in dem Maße, wie sie in Illustrierten blätternd und Videos gaffend tatsächlich über die Meere düsen, scheint die musische Macht dieser Inspiration dahinzuschwinden.

Das Sengen von Flügeln, insbesondere der Engel, an dem sie sich ergötzen.

Allerorten bohren sie die Erde an und werden fündig: Asche der Toten stäubt.

Wie wundersam, der weiße Flügel, der über das kristallklare Wasser schwebte, ruht oder zittert eng an den Leib geschmiegt, wenn der Schwan des Apollon sterbend am schönsten singt.

Das von Gesang umrahmte Festmahl ist der Herkunfts- und Zukunftsort der lyrischen Dichtung. – Die musikalisch erweiterte und vertiefte Liturgie des Abendmahls gibt uns den bleibend weitesten Horizont.

 

Okt 7 19

Arthur Rimbaud, Le dormeur du val

C’est un trou de verdure où chante une rivière,
Accrochant follement aux herbes des haillons
D’argent ; où le soleil, de la montagne fière,
Luit : c’est un petit val qui mousse de rayons.

Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort ; il est étendu dans l’herbe, sous la nue,
Pâle dans son lit vert où la lumière pleut.

Les pieds dans les glaïeuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme :
Nature, berce-le chaudement : il a froid.

Les parfums ne font pas frissonner sa narine ;
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine,
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.

 

Der Schläfer im Tal

Da ist ein Kaff im Grünen, wo ein Bachlauf singt
und närrisch an das Gras Bordüren säumt
aus Silber, wo vom Gebirge ihre Lampe schwingt
die Sonne: ein kleines Tal, lichtüberschäumt.

Ein junger Soldat, mit offnem Mund, das Haupt entblößt,
und seinen Nacken in Kresse badend, blau und kühl,
ist unter Wolken auf das Gras gestreckt und döst,
auf grüner Bettstatt bleich, wo Lichtes Schauer fiel.

Schläft, die Füße unter Gladiolen. Sein Lächeln gleicht
dem Lächeln eines kranken Kinds, sein Schlaf ist leicht:
Natur, du wieg ihn warm: Er friert.

Die Nasenflügel schwellt ihm nicht der Düfte Flut.
Er schläft im Sonnenschein, und auf der Brust ihm ruht
die Hand. Da sind zwei Löcher, wo er Blut verliert.

 

Okt 6 19

Bunte Lampen, tote Träume

Bunte Lampen, die im Winde schwanken,
trunknen Lichtes Küsse auf das Wasser
ohne Hoffnung niederweinen,
ferner Liebe knospende Gedanken,
die wie weiße Lilienblüten blasser
auf den dunklen Wellen scheinen.

Wie in Träumen gehst du hin und wider
zagend, schweigend zwischen alten Gärten
und dem totgesagten Hafen,
denkst an edler Herzen sanfte Lieder,
und die einst sie sangen, die Gefährten,
lang verklungen, lang entschlafen.

Glocken, die in goldne Nischen riefen,
sind in Meeresgrotten abgesunken,
wo sie mit den Quallen glühen,
Namen, wie verwelkt in zarten Briefen,
haben Tau von deinem Aug getrunken,
doch sie wollen nicht mehr blühen.

 

Okt 6 19

Paul Verlaine, Crépuscule du soir mystique

Aus: Poèmes saturniens

Le Souvenir avec le Crépuscule
Rougeoie et tremble à l’ardent horizon
De l’Espérance en flamme qui recule
Et s’agrandit ainsi qu’une cloison
Mystérieuse où mainte floraison
— Dahlia, lys, tulipe et renoncule —
S’élance autour d’un treillis, et circule
Parmi la maladive exhalaison
De parfums lourds et chauds, dont le poison
— Dahlia, lys, tulipe et renoncule —
Noyant mes sens, mon âme et ma raison,
Mêle, dans une immense pâmoison,
Le Souvenir avec le Crépuscule.

 

Geheimnisvolles Abendlicht

Erinnerung im Abendlicht ertrunken
glimmt auf und zittert mit dem fernen Brand
der Hoffnung, die beinah versunken
erwächst aufs neu wie eine Gitterwand
geheimnisvoll, wo manche Blume rankt
– Dahlie, Lilie, Tulpe und Ranunkel –
in Windungen sich reckt und trunken
im kranken Hauch von Düften wankt,
von schweren, schwülen, Gift, das bannt
– Dahlie, Lilie, Tulpe und Ranunkel –
die Sinne mir, die Seele und der Geist erkrankt,
mir war, da mein Bewußtsein schwand,
Erinnerung im Abendlicht ertrunken.

 

Okt 5 19

Große, weiche Tropfen

Entzündetes Gefühl,
daß Nacht von innen leuchte,
Gespenster hüpfen fort
und liebe Seelen bleiben.
Und wenn die Flamme singt
und scheue Schatten walzen,
denkst du, es ist das Glück,
wenn eine dich erwählt,
die schöner als die Rose
und süßer spendet Duft,
was ihre Lippen hauchen.
Dir hat im Tanz gelöst
das Zögern vor dem Leben
der Sturzbach ihres Haars.

Wenn aber Wolken wehen,
erblüht ein andres Licht,
ein unberührbar bleiches,
schwimmt eine Blume stumm
der Mond auf schwarzen Wassern.
Und wenn die Blume fast
ins Wasser ist gesunken,
erglänzen dir sie schon,
der Küsse zarte Schwestern,
und Traum betaut dein Lid,
wenn heiße Schläfen kühlen,
die Flamme löschen mild
die großen, weichen Tropfen.

 

Okt 4 19

Paul Verlaine, À Clymène

Aus: Fêtes galantes

Mystiques barcarolles,
Romances sans paroles,
Chère, puisque tes yeux,
Couleur des cieux,

Puisque ta voix, étrange
Vision qui dérange
Et trouble l’horizon
De ma raison,

Puisque l’arôme insigne
De ta pâleur de cygne
Et puisque la candeur
De ton odeur,

Ah ! puisque tout ton être,
Musique qui pénètre,
Nimbes d’anges défunts,
Tons et parfums,

A, sur d’almes cadences
En ses correspondances
Induit mon coeur subtil,
Ainsi soit-il !

 

An Clymene

Die auf Wellen tanzen,
wortlose Romanzen,
Liebe, deiner Augen Tau
so himmelblau,

und deine Stimme, Traum
so seltsam löst zu Schaum
und übermannt
mir den Verstand,

und duftige Finesse
deiner Schwanenblässe,
Hauch ohne Harm
weht dein Charme,

ach, dein ganzes Sein,
Musik mir flößend ein,
Auren von Engeln, lang verblichen,
aus Klang und Wohlgerüchen,

hat mit weichen Melodien
in seine Harmonien
mein zartes Herz entführt.
Dank sagt es gerührt!

 

Okt 4 19

Paul Verlaine, Sur l’herbe (II)

Aus: Fêtes galantes

L’abbé divague. — Et toi, marquis,
Tu mets de travers ta perruque.
— Ce vieux vin de Chypre est exquis
Moins, Camargo, que votre nuque.

— Ma flamme… — Do, mi, sol, la, si.
— L’abbé, ta noirceur se dévoile.
— Que je meure, mesdames, si
Je ne vous décroche une étoile.

— Je voudrais être petit chien !
— Embrassons nos bergères, l’une
Après l’autre. — Messieurs, eh bien ?
— Do, mi, sol. — Hé ! bonsoir la Lune !

 

Auf dem Rasen

Der Abbé schwadroniert. – O nein,
Marquis, dein Toupet liegt quer.
– Köstlich glänzt der alte Zypernwein,
doch, Camargo, dein Hals noch mehr.

– Meine Flamme … – Do, Ré, Mi, Fa, Sol.
– Abbé, deine Schwärze kommt zu Tag.
– Ich sterbe, meine Damen, hol
ich keinen Stern für euch herab.

– Ich möchte gern ein Hündchen sein!
– Eine jede Schäferin sei nun bedacht
mit einem Kuß. Auf, ihr Herren mein!
– Do, Mi, Sol! – Hallo, Luna, und gut Nacht!

 

Okt 3 19

Idiotenstadl

Der evangelische Pastor liegt auf dem umgitterten Bett und erzählt dem Psychiater der Klinik, in die er soeben zwangsweise eingewiesen wurde: „Plötzlich sitzt ein Schwarzer in meiner Küche und sagt, er möchte eine Kartoffelsuppe mit Einlage. Wie ist er hereingekommen? Ich glaube, die neuartige Matrix, die glücklicherweise vor einiger Zeit vom zentralen Ethikrat der Regierung zur Entlarvung der Ungläubigen, Zweifler und Defätisten in Auftrag gegeben worden ist, ging vorgestern online, und der schwarze Eindringling war eine neuro-digital gesteuerte Materialisation meiner unbewußten Ängste und bösartigen Antriebe. Aber bin ich denn ein Ungläubiger, Zweifler und Defätist? Gott bewahre! Aber doch hatte ich den unkorrekten und verwerflichen Impuls, den ungebetenen Gast ohne Federlesens hinauszukomplimentieren und mir die Suppe pharisäerhaft-alleinherrlich schmecken zu lassen; so habe ich den Strom abgeschaltet und die Leitung zu meinem Provider gekappt – da hat sich die sinistere Erscheinung ins vorgöttliche Nichts aufgelöst. Und wirklich, ich muß es gestehen, ohne die hungerstarren, meine erbärmliche Existenz vertilgenden Blicke des Schwarzen hat mir die Suppe wie einem unkeuschen Heidenkind ganz köstlich gemundet. So bin ich am Ende wohl, der pädagogisch heilsamen Wirkung des amtlichen Traum- und Gedankensimulators sei Dank, als unwürdiges Glied der Gemeinde und dumpfer Rassist bloßgestellt! Ich harre der gebührend harten Bestrafung durch die diensthabenden Organe. Seltsam, mich überkam auch gleich die Angst, weil ich dem schmählichen Wunsch nach unvermischt-kulinarischer Einsamkeit nachgegeben habe, würden mich Schergen wie die aus Kafkas Prozeß schon am nächsten Morgen aus der Wohnung abholen.“ Darauf sagt der Psychiater: „Wir haben sie doch abgeholt!“

*

Ein fetter Finanzbeamter in hellblauem Seidenhemd und einem kolossalen Adamsapfel, aus dessen Auf- und Absteigen seine Worte hervorzuquellen scheinen, sitzt in deinem Wohnzimmer und breitet seine verfänglichen Unterlagen aus. Er trägt ein Toupet aus nikotingelben Strähnen, sein Schmerbauch wölbt sich über dem Gürtel. Er nimmt von Zeit zu Zeit ungescheut einen Flachmann aus dem speckigen Jackett und setzt ihn an die zittrigen Lippen. Sein dicker Penis zeichnet sich in seiner engen Hose deutlich ab, wenn er sich gelegentlich zurücklehnt und ungehalten gähnt. Plötzlich blickt er dich aus unendlich dumm-verträumten, blau-wässrigen Augen an und indigniert dich mit dem schonungslosen, unverblümten Bekenntnis, er fühle sich eigentlich als Frau, genauer gesagt als ein schon etwas welkes Mauerblümchen und ältliche Jungfer, die noch nie einen Mann erkannt hat (so biblisch weiß er sein Intimsten an den Mann zu bringen), und er wolle von dir als eine solche angesehen und angesprochen werden. O nein, du darfst nicht lachen, grinsen, losprusten; du mußt an dich halten und ihn auf sein Geheiß „Gnädige Frau“ und „Meine Dame“ nennen, widrigenfalls droht dir eine Anzeige wegen machistisch-übergriffigen Verhaltens bei der zu neuen Ehren gekommenen Sittenpolizei, Abteilung „Gender und Phobien“.

*

Nicht mehr der Jüngste, akademisch honoris causa halbseiden bestallt, schütteres Haar, kurzsichtig wie ein Maulwurf, der lesekrank die Seiten in einem Abstand vor sich hielt, als würde er sie lecken, war er dem Wallen und Wogen, dem ozeanischen Fluten und Ebben ihrer großen, von blassen Venen marmorierten Brüste verfallen, womit sie ihn wohin immer sie wollte lockte; in das dämmernde Wäldchen, wo sie die fatalen Dessous-Sprenger wie ungeheure Schneebälle aus dem Halter rollen ließ, aber in seinen klammen Händen mochten sie nicht schmelzen, in das Strandhotel, wo er die sündhaft teure Suite, in der sie trällernd ihr Höschen verlor, im voraus bezahlen mußte, weil der Rezeptionist dem einen zersplitterten Glas in seiner Brille, auf die sie aus Koketterie wie versehentlich getreten war, mißtraute, oder in den Konzertsaal, wo sie bei der Nocturne ihm ihr betautes Auge wie eine süße Frucht aus dem Garten Eden neigte. Weil er tiefer atmete, wenn sie hingegossen neben ihm lag, zumal wenn sie schlief und ihr Mund nicht ihn in ausweglose Rätsel stürzende, reizend-überreizende Zweideutigkeiten preisgab, glaubte er, ohne sie nicht leben zu können, und weil sie ausgelassener und höher hüpfte, je mehr er lahmte und zögernder schlurfend sich durchs Leben schleppte, ihr Fleisch praller schien, je mehr er sich vegane Suppen löffelnd verzehrte, war sein Glück dunkel wie die Ringe um ihre Augen, wenn sie geruhte, nach mit Wildfremden durchtanzter Nacht ihn morgens neckisch mit einem Kuß auf den erschrocken zuckenden Fuß zu wecken. – Aber als sie ihren lockigen, von alpiner Sonne gebräunten Liebhaber mitbrachte und ihn aus jener Fassung brachte, die ihm die letzte Würde gegeben hätte, ihr nicht beim Liebesspiel voyeuristisch erhitzt und masochistisch verquält zuzuschauen, biß er ihr unwillkürlich in die Zunge, die sie ihm beim diesmal offenkundig nicht vorgespielten Höhepunkt hechelnd entgegenstreckte. Da schnellte sie empor, rannte zum Fenster, riß es auf und ließ die Inkarnationen seiner paganen Anbetung daraus baumeln, aus Leibeskräften schreiend: „Me too, me too!“ – Nein, sie wollte schreien, doch sie lispelte, lispelte.

*

Alte Frau, gebeugt, gelber Pullover, roter Lippenstift, metallisch glänzender Stock, der Griff ein krummer Vogelschnabel aus Elfenbein, mit dem sie dir mitten auf dem Gehsteig vor den Augen fuchtelt und greint: „Ich sagʼs allen, sag allen alles und das eine keinem, soll mir einer kommen, der kriegt was ab, soll mir keiner kommen, der was kriegen will, das Haus da, ein Scheißhaus, eine Kloake, die da wohnen, Scheißkerle, ich kenn sie alle, mich kennt niemand, die Kirche da, eine Latrine, die da knien und singen, haben alle Würmer im Bauch, und sie beten und singen, um die Qual ihrer Bisse zu betäuben, zur Wache gehe ich, wenn die wieder hier herumlungern und mit mir beten und singen wollen, zur Wache, die kennen mich schon, und hören die mir nicht zu, dann geh ich zu einer anderen Wache, bis sie mein Anliegen ernstnehmen und ein Löschkommando schicken, damit es die Kloake und die Latrine mit klarem Wasser ausschwemmt und reinigt, was erlauben die sich, mit mir, einzig und allein mit mir, das laß ich mir nicht länger gefallen, ich nicht! Keiner soll mir wieder kommen und sagen, er sei der Heiland, und wenn er auf meinen Kopf seine Sprüche herabsäuselt, soll er nicht so tun, als hörten die widerwärtigen Bilder von verkohlendem Fleisch auf, in meinem Kopf zu flackern und die Gedanken wie Messer von innen an der Hirnschale zu kratzen. O dieses Schrillen und Schrammen, dieses Splittern und Knirschen, als würde ich langsam von innen zersägt und zerschlitzt! Dieser hundsföttische Messias hatte eine Fahne und stank aus der Hose, ich habe ihm den Schnabel meines Stocks in den Anus gesteckt, doch der liebe Gott, sein Vater, ist der hiesige Anstaltsleiter, der mir eine Maske aus Chloroform umlegen ließ, in der das verkohlende Fleisch verdunstete und die Messer schmolzen. Aber das Kratzen und Sägen hörte nicht auf, hört nicht auf. Nie wieder halte ich den Kopf hin, nie wieder soll ein Großsprecher darauf spucken!“

 

Okt 2 19

Stumme Glocke Herz

Weiche Wasser auf den Matten,
auf den Wangen bunte Lichter
sind zerronnen, sind erloschen,
auch die Düfte, lilienselig,
und die andern, schwermutvollen,
gelber Rosen, weißen Flieders,
sind im Sommerdunst verraucht.

Und was du gehaucht, geatmet,
mit den Lippen angefeuchtet
wie die Marken zarter Briefe,
kleine Verse, Kosenamen,
süßer Lieder köstliche Brocken
hat die Amsel oder Taube
aus dem hohen Gras gepickt.

Wie du ihr das Sommerhütchen
aus der Stirne schobst und Funken
streuten ihre Haare heiß ins
knisternde Goldstroh deines Herzens,
Tropfen waren eure Worte,
die wie Tau von großen Rosen-
blättern auf den Schlummer grünen
Teichs verklingend niederfielen,
Echos eines kaum geahnten,
veilchenrot gefleckten Fühlens,
Wolken, die am Abendhimmel
Lichtes Küsse lösen, weicher
Halme Beugen vor dem Wind.

All die Bilder sind verblichen,
Blüte fiel und Sommers Purpur-
früchte wurden in der irdnen
Schale fahl und ganz verrunzelt,
Halm und Gras und Teich verdorrten,
und kein Echo weiß von Fernen,
wo ein Kamm in weißen Haaren
zittrig langsam niederfahrend
keine Funken je erweckt.

Wie im Trog die Mücke sinnlos
über herbstlich faule Blätter
hin und wider eilt und findet
keinen Ausgang, ist dein Fühlen,
und dein Herz ist eine Glocke,
ein Betrunkner zerrt am Seile
rasend, und sie schwingt im Leeren,
längst zerbrach der morsche Klöppel,
und so bleibt sie stumm, bleibt stumm.

 

Okt 1 19

Paul Verlaine, Va, chanson, à titre-d’aile

Aus: La bonne chanson

Va, chanson, à titre-d’aile
Au-devant d’elle, et dis-lui
Bien que dans mon coeur fidèle
Un rayon joyeux a lui,

Dissipant, lumière sainte,
Ces ténèbres de l’amour :
Méfiance, doute, crainte,
Et que voici le grand jour !

Longtemps craintive et muette,
Entendez-vous ? La gaîté,
Comme une vive alouette,
Dans le ciel clair a chanté.

Va donc, chanson ingénue,
Et que, sans nul regret vain,
Elle soit la bienvenue
Celle qui revient enfin.

 

Fliege, Lied, du hast ja Flügel,
vor sie hin und tu ihr kund,
fiel auf Herzens Treuesiegel
mir ein Strahl auch, freudig-bunt,

heilig Licht, er ist umfangen
von Liebesdüsternissen ganz:
Argwohn, Zweifel, Bangen,
das ist meines Tages Glanz!

Du von stummer Angst umgattert,
hörst mich noch? Die Freude sang
wie die im hellen Himmel flattert
die Lerche schon so lang.

Auf, Lied, von Herzen gieße Süße,
und Reue trübe nicht das Glück,
wenn ich sie in die Arme schließe,
sie, die endlich kehrt zurück.

 

Sep 30 19

Paul Verlaine, Marine

Aus: Poèmes saturniens

L’Océan sonore
Palpite sous l’oeil
De la lune en deuil
Et palpite encore,

Tandis qu’un éclair
Brutal et sinistre
Fend le ciel de bistre
D’un long zigzag clair,

Et que chaque lame,
En bonds convulsifs,
Le long des récifs
Va, vient, luit et clame,

Et qu’au firmament,
Où l’ouragan erre,
Rugit le tonnerre
Formidablement.

 

Seestück

Dröhnend der Ozean
unterm Aug erschauert
eines Monds, der trauert,
und er wogt heran.

Da kratzt ein Blitzschlag
roh und schicksalswild
auf Himmels rußiges Bild
ein langes, helles Zickzack,

und jede Welle weit
zuckt in Wahnes Griffen
längs Korallenriffen,
ebbt, steigt, blinkt und schreit,

und am Himmelszelt,
wo Orkane rollen,
zieht das Donnergrollen
bis ans Ende der Welt.

 

Sep 29 19

Paul Verlaine, Es-tu brune ou blonde ?

Aus: Chansons pour elle

Es-tu brune ou blonde ?
Sont-ils noirs ou bleus,
Tes yeux ?
Je n’en sais rien mais j’aime leur clarté profonde,
Mais j’adore le désordre de tes cheveux.

Es-tu douce ou dure ?
Est-il sensible ou moqueur,
Ton coeur ?
Je n’en sais rien mais je rends grâce à la nature
D’avoir fait de ton coeur mon maître et mon vainqueur.

Fidèle, infidèle ?
Qu’est-ce que ça fait,
Au fait
Puisque toujours dispose à couronner mon zèle
Ta beauté sert de gage à mon plus cher souhait.

 

Bist brünett du oder blond?
Sind deine Augen dunkel
oder Karfunkel?
Ich weiß es nicht, ich mag es, wenn ihr Leuchten mich besonnt,
Ich schwärme, streut in ihre Wirrnis Wind Gefunkel.

Bist weich du oder stur?
Bist du charmant
oder mokant?
Ich weiß es nicht, doch dank ich der Natur,
die dein Herz zum Herrn und Sieger über mich ernannt.

Treu oder untreu?
Was macht das schon,
was schon,
bekränzt doch meinen Eifer immer neu
deine Schönheit, meines höchsten Wunsches Lohn.

 

Sep 28 19

Die Amsel singt

Die lange glomm
an nächtlicher Wimper,
die unbewußte Träne
gleitet ungefühlt
in den grauen Tag,
wenn du erwachst.

Die Amsel singt,
wenn bei offenem Fenster
du mit der Zeitung raschelst,
die Amsel singt,
wenn scharf geschossen wird
im Sonntagabendkrimi,
singt sie noch.

Wenn du mit dem Kamm
dir durch die Haare fährst,
schwebt der Staubfaden
eines Löwenzahns herab,
den keiner sieht, du nicht,
und nicht das Hündchen,
das unterm Hocker döst.

Wenn du mir müde sprichst
vom Staub des Tags,
der sich auf Herz und Blätter legt,
hör ich ein fernes Wasser rieseln,
doch geht es in die Irre stets
und mag den Staub uns nicht
von Blatt und Herzen lösen.

 

Sep 28 19

Paul Verlaine, Dans l’interminable ennui (II)

Aus: Romances sans paroles

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.

Comme les nuées
Flottent gris les chênes
Des forêts prochaines
Parmi les buées.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la Lune.

Corneille poussive
Et vous, les loups maigres,
Par ces bises aigres
Quoi donc vous arrive?

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable.

 

Im weiten Land
unendlich beklommen
leuchtet verschwommen
der Schnee wie Sand.

Kupfern der Horizont
und völlig bleich.
Als lebte der Mond
und stürbe zugleich.

Wie Wolken trunken
treiben die Eichen fort
aus den Wäldern dort
in Dünste versunken.

Kupfern der Horizont
und völlig bleich.
Als lebte der Mond
und stürbe zugleich.

Krächzende Krähe,
und ihr Wölfe, so dürr,
in Sturmes Geklirr
was sehrt eure Nähe?

Im weiten Land
unendlich beklommen
leuchtet verschwommen
der Schnee wie Sand.

 

Sep 28 19

Paul Verlaine, Les indolents

Aus: Fêtes galantes

- Bah ! malgré les destins jaloux,
Mourons ensemble, voulez-vous ?
- La proposition est rare.

- Le rare est le bon. Donc mourons
Comme dans les Décamérons.
- Hi ! hi ! hi ! quel amant bizarre !

- Bizarre, je ne sais. Amant
Irréprochable, assurément.
Si vous voulez, mourons ensemble ?

- Monsieur, vous raillez mieux encor
Que vous n’aimez, et parlez d’or;
Mais taisons-nous, si bon vous semble !

Si bien que ce soir-là Tircis
Et Dorimène, à deux assis
Non loin de deux sylvains hilares,

Eurent l’inexpiable tort
D’ajourner une exquise mort.
Hi! hi! hi! les amants bizarres !

 

Die Trägen

„Pah! Heißt unser Sternbild auch Verderben,
wollen wir nicht zusammen sterben?“
„Welch seltener Vorschlag das nun war.“

„Selten, aber gut. Verlassen wir die Zone
wie die Liebende im Dekamerone.“
„Ha, ha, ha, Ihre Liebe ist recht sonderbar!“

„Sonderbar, mag sein. Liebe ja,
ohne Makel, fest und nah.
Sterben wir also, wenn Sie mögen?“

„Mein Herr, mehr als Liebe beschert
Spott ihr Wort, ist es auch Goldes wert.
Schweigen wir aber, wenn Sie mögen!“

Schließlich lehnen abends noch lange
Thyrsis und Dorimene Wange an Wange,
nicht weit von einem heiteren Elfenpaar,

und verpaßten, unsühnbarer Tort,
ihren herrlichen Liebesmord.
Ha, ha, ha, wie ist die Liebe sonderbar.

 

Sep 27 19

Paul Verlaine, L’allée

Aus: Fêtes galantes

Fardée et peinte comme au temps des bergeries
Frêle parmi les noeuds énormes de rubans,
Elle passe sous les ramures assombries,
Dans l’allée où verdit la mousse des vieux bancs,
Avec mille façons et mille afféteries
Qu’on garde d’ordinaire aux perruches chéries.
Sa longue robe à queue est bleue, et l’éventail
Qu’elle froisse en ses doigts fluets aux larges bagues
S’égaie un des sujets érotiques, si vagues
Qu’elle sourit, tout en rêvant, à maint détail.
- Blonde, en somme. Le nez mignon avec la bouche
Incarnadine, grasse, et divine d’orgueil
Inconscient. – D’ailleurs plus fine que la mouche
Qui ravive l’éclat un peu niais de l’oeil.

 

Die Allee

Grell angemalt wie zur Zeit der Schäfereien,
zart unter Haares Knoten übergroß,
durchwandelt sie der Bäume Schattenreihen
in der Allee, wo grünt auf alten Bänken Moos,
mit Getue ohne Ende und mit Zierereien,
wie bei süßen Sittichen zu zweien.
Ihr geschweiftes Kleid ist blau, der Fächer,
den ihre dünnen Finger knüllen, schwer beringte,
wirbelt Liebesszenen auf, so leicht beschwingte,
daß sie lächelnd schweift durch diese, jene Gemächer.
Alles in allem, blond. Stupsnase, blaßrot der Mund
und üppig, an geheimem Hochmut göttergleich.
Indes, nicht wie der Schönheitsfleck so rund:
der macht den etwas stumpfen Glanz des Auges weich.

 

Sep 27 19

Paul Verlaine, Les ingénus

Aus: Fêtes galantes

Les hauts talons luttaient avec les longues jupes,
En sorte que, selon le terrain et le vent,
Parfois luisaient des bas de jambes, trop souvent
Interceptés ! – et nous aimions ce jeu de dupes.

Parfois aussi le dard d’un insecte jaloux
Inquiétait le col des belles sous les branches,
Et c’était des éclairs soudains de nuques blanches,
Et ce régal comblait nos jeunes yeux de fous.

Le soir tombait, un soir équivoque d’automne :
Les belles, se Pendant rêveuses à nos bras,
Dirent alors des mots si spécieux, tout bas,
Que notre âme depuis ce temps tremble et s’étonne.

 

Die Unbedarften

Die hohen Absätze kämpften mit langen Röcken,
und solcherart, je nach Pfützen und Windeshauch,
blitzte manchmal ein Bein hervor, war öfters auch
emporgeschnellt! – Wir ließen gerne uns so necken.

Dann kam mit ihrem Stachel eifersüchtig angeschwirrt
eine Mücke zum Hals der Schönen unter Zweigen,
welch jähe Blitze, wenn sich weiße Nacken neigen,
welcher Schmaus für junge Augen, die Narrheit kirrt.

Der Abend sank herab, Herbst warʼs, dem er glich:
Die Schönen neigten träumend sich auf unsern Schoß
und sprachen so sonderbare Worte, so atemlos,
seitdem zittert unsere Seele und wundert sich.

 

Sep 27 19

Paul Verlaine, Dans la grotte

Aus: Fêtes galantes

Là ! Je me tue à vos genoux !
Car ma détresse est infinie,
Et la tigresse épouvantable d’Hyrcanie
Est une agnelle au prix de vous.

Oui, céans, cruelle Clymène,
Ce glaive, qui dans maints combats
Mit tant de Scipions et de Cyrus à bas,
Va finir ma vie et ma peine !
Ai-je même besoin de lui
Pour descendre aux Champs Élysées ?
Amour perça-t-il pas de flèches aiguisées
Mon coeur, dès que votre oeil m’eut lui ?

 

In der Grotte

Dort mach ich Schluß, vor dir im Schlamm!
Weil ich unendlich elend bin,
Hyrkaniens schreckliche Tigerin
ist im Vergleich zu dir ein Lamm.

Ja, grausame Clymene, sei bereit,
dies Schwert, das in mancher Schlacht
manchen Scipio und Kyrus niedergemacht,
wird mein Leben enden und mein Leid!
Meinst du, ich würde es gezückt
die Champs Élysées hin und wider eilen?
Hat Amor nicht mein Herz mit spitzen Pfeilen
durchbohrt, seit dein Auge mich entzückt?

 

Sep 26 19

Paul Verlaine, Il ne me faut plus qu’un air de flûte

Aus: Epigrammes

Il ne me faut plus qu’un air de flûte,
Très lointain en des couchants éteints.
Je suis si fatigué de la lutte
Qu’il ne me faut plus qu’un air de flûte
Très éteint en des couchants lointains.

Ah, plus le clairon fou de l’aurore !
Le courage est las d’aller plus loin.
Il veut et ne peut marcher encore
Au son du clairon fou de l’aurore :
C’est d’un chant berceur qu’il a besoin.

La rouge action de la journée
N’est plus qu’un rêve courbaturé
Pour sa tête encor que couronnée,
Et la victoire de la journée
Flotte en son demi-sommeil lauré.

Femme, sois à ce héros, qui bute
D’avoir marché sans cesse en avant,
L’huile sur son corps après la lutte :
- Plus du clairon fou : la molle flûte !
La paix dans son coeur dorénavant.

 

Mich verlangt nur nach der Flöte Lied,
aus Fernen von erloschner Abendglut.
Ich bin des Kampfes müd.
Mich verlangt nur nach der Flöte Lied,
aus Fernen von erloschner Abendglut.

Ach, nicht der Morgenröte irres Horn!
Der Mut zu fernen Zielen, er entflieht.
Er will und kann nicht mehr nach vorn,
ertönt der Morgenröte irres Horn:
Ihn verlangt nach einem Wiegenlied.

Des Tages Tat, blutrot beglänzt,
sie ist ein Traum nur, der zerbricht
an ihrem Haupt wiewohl bekränzt,
der Sieg, der sie ergänzt,
zerfranst in Lorbeers Dämmerlicht.

Weib, sei dem Helden, den es graut
nach diesem Rennen ohne Sinn,
das Öl der Kämpfer auf der Haut:
Nicht irres Horn mehr: Flötenlaut!
Der Friede seinem Herzen fürderhin.

 

Sep 26 19

Paul Verlaine, Croquis parisien

Aus: Poèmes saturniens

La lune plaquait ses teintes de zinc
Par angles obtus.
Des bouts de fumée en forme de cinq
Sortaient drus et noirs des hauts toits pointus.

Le ciel était gris. La bise pleurait
Ainsi qu’un basson.
Au loin, un matou frileux et discret
Miaulait d’étrange et grêle façon.

Moi, j’allais, rêvant du divin Platon
Et de Phidias,
Et de Salamine et de Marathon,
Sous l’oeil clignotant des bleus becs de gaz.

 

Pariser Skizze

Der Mond preßte seine zinkgetönten Bahnen
zu engen Fächern.
Wie zu einer Fünf verdrehte Rauchfahnen
stiegen dicht und dunkel über hohen, spitzen Dächern.

Der Himmel war grau. Windes Laute,
Fagott-Gejammer gleich.
Ein Kater, verfroren und scheu, miaute
so seltsam in der Ferne, so weich.

Ich aber ging und träumte vom göttlichen Platon
und von Phidias,
von Salamis und von Marathon,
und das Auge zuckte vor blauen Schnäbeln aus Gas.

 

Sep 25 19

Walther von der Vogelweide, Ir sult sprechen willekomen

Ir sult sprechen willekomen:
der iu mære bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû frâget mich.
ich wil aber miete:
wirt mîn lôn iht guot,
ich gesage iu lîhte daz iu sanfte tuot.
seht waz man mir êren biete.

Ich wil tiuschen frouwen sagen
slhiu mære daz si deste baz
al der werlte suln behagen:
âne grôze miete tuon ich daz.
waz wold ich ze lône?
si sint mir ze hêr.
sô bin ich gefüege und bite si nihtes mêr
wan daz si mich grüezen schône.

Ich hân lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
kunde ich ie mîn herze bringen dar
daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
nû waz hulfe mich, ob ich unrechte strite?
tiuschiu zuht gât vor in allen.

Von der Elbe unz an den Rîn
und her wider unz an Ungerlant
mugen wol die besten sîn,
die ich in der werlte hân erkant.
kan ich rehte schouwen
guot gelâz und lîp,
sem mir got, sô swüere ich wol, daz hie diu wîp
bezzer sint danne ander frouwen.

Tiusche man sint wol gezogen,
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer si schildet, derst betrogen:
ich entkan sîn anders niht verstân.
tugent und reine minne,
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant: da ist wünne vil!
lange müeze ich leben dar inne!

 

Heißet nunmehr mich willkommen:
der euch neue Kunde bringt, bin ich.
Alles was ihr schon vernommen,
ist nichts als ein Wind: Nun fraget mich.
Doch mein Lied hat seinen Wert:
Scheint mir die Spende gut,
verkünde ich, was wohl euch tut.
Seht, was an Ehre mir gebührt.

Ich will von deutschen Frauen künden
solche Sage, daß in aller Welt
sie mehr noch Achtung finden:
Das tu ich ohne viel Entgelt.
Was dürfte ich verlangen?
Sie stehn hoch über mir.
Ich bescheide mich und danke schon dafür,
wenn sie heiter mich empfangen.

So manches Land hab ich gesehen
war gern im Kreis der Edlen dort,
es sollte Übles mir geschehen,
würfe je mein Herz ich fort
für das Wohlgefallen
an jenen fremden Sitten.
Was hülf es mir, würd Wahres von mir bestritten?
Deutsche Zucht glänzt vor ihnen allen.

Von der Elbe bis zum Rhein
und wieder bis zum Ungarland
dürften wohl die Besten sein,
die in der Welt ich hab erkannt.
Kann rechtens ich beschauen
Gebärde und schönes Schreiten,
so schwöre ich bei Gott: In diesen Breiten
besser sind als anderswo die Frauen.

Deutsche Männer sind wohlerzogen,
zu wahren Engeln hier die Frauen reifen.
Wer sie schilt, hat sich betrogen:
Nicht anders kann ich ihn begreifen.
Tugend und reine Liebe,
wer diese hat zum Ziel,
der komm in unser Land: Da ist der Wonne viel!
Daß ich noch lange in ihm bliebe!

 

Sep 25 19

Paul Verlaine, L’amour de la Patrie

Aus: Bonheur

L’amour de la Patrie est le premier amour
Et le dernier amour après l’amour de Dieu.
C’est un feu qui s’allume alors que luit le jour
Où notre regard luit comme un céleste feu ;

C’est le jour baptismal aux paupières divines
De l’enfant, la rumeur de l’aurore aux oreilles
Frais écloses, c’est l’air emplissant les poitrines
En fleur, l’air printanier rempli d’odeurs vermeilles.

L’enfant grandit, il sent la terre sous ses pas
Qui le porte, le berce, et, bonne, le nourrit,
Et douce, désaltère encore ses repas
D’une liqueur, délice et gloire de l’esprit.

Puis l’enfant se fait homme ou devient jeune fille
Et cependant que croît sa chair pleine de grâce,
Son âme se répand par-delà la famille
Et cherche une âme soeur, une chair qu’il enlace ;

Et quand il a trouvé cette âme et cette chair,
Il naît d’autres enfants encore, fleurs de fleurs
Qui germeront aussi le jardin jeune et cher
Des générations d’ici, non pas d’ailleurs.

 

Die Liebe zum Vaterland

Die erste Liebe ist die Liebe zum Vaterland
und nach der Liebe zu Gott soll sie die letzte sein.
An frühen Tages Glut entzündet sich ihr Brand,
von ihr glänzt unser Aug wie blauen Himmels Schein.

Sie ist der Tauftag, der auf Götterlider quillt
dem Kind, den Ohren, die wie frische Blätter sind,
das Morgenlied, die Luft, wenn Blütenhauch ihm füllt
die Brust, gestillt von Purpurduft der Frühlingswind.

Das Kind wird groß, spürt unter seinen Füßen schmal
die Erde, die es trägt, es wiegt und gütig nährt,
die mild ist und ihm stillt den Durst zu seinem Mahl
mit Wein, der Rausch und Ruhm des Geistes mehrt.

Dann reift zum Mann das Kind, zu einer jungen Frau,
indes, damit um seinen Leib die Anmut glüht,
sucht seine Seele fern vom Vaterhaus sich Tau
und eine Schwesterseele, um deren Leib sie blüht.

Und fand er dieser Seele, diesem Leib ein Heim,
zeugt Kinder er, wie Blumen Blumen knospenfroh,
die auch dem jungen, teuren Garten Keim um Keim
hinstreuen, Zukunft diesem Land, nicht anderswo.

 

Sep 24 19

Paul Verlaine, L’amour par terre

Aus: Fêtes galantes

Le vent de l’autre nuit a jeté bas l’Amour
Qui, dans le coin le plus mystérieux du parc,
Souriait en bandant malignement son arc,
Et dont l’aspect nous fit tant songer tout un jour !

Le vent de l’autre nuit l’a jeté bas ! Le marbre
Au souffle du matin tournoie, épars. C’est triste
De voir le piédestal, où le nom de l’artiste
Se lit péniblement parmi l’ombre d’un arbre,

Oh ! c’est triste de voir debout le piédestal
Tout seul ! Et des pensers mélancoliques vont
Et viennent dans mon rêve où le chagrin profond
Évoque un avenir solitaire et fatal.

Oh ! c’est triste ! – Et toi-même, est-ce pas ! es touchée
D’un si dolent tableau, bien que ton oeil frivole
S’amuse au papillon de pourpre et d’or qui vole
Au-dessus des débris dont l’allée est jonchée.

 

Der herabgestürzte Amor

Vom Sturm der letzten Nacht ist Amor herabgestürzt,
der im mystischen Dämmer des Parkes stand,
wo er tückisch lächelnd seinen Bogen gespannt,
wie hat sein Bild mit Träumen uns den Tag verkürzt!

Vom Sturm der Nacht gestürzt! Marmor stäubt sogar
umher im Morgenhauch. Wie traurig, den Saum
des Sockels zu schaun, wo des Künstlers Name kaum
im Schatten eines Baumes zu entziffern war,

ach, trauriger Anblick, wie der Sockel so allein
da steht. Und von schwarzen Gedanken verstört
wogt auf und ab mein Traum, mein tiefer Kummer schwört:
Die Zukunft wird einsam, wird unselig sein.

Ach, wie traurig! – Und du, du fühlst doch auch ein Weh
bei diesem Jammerbild, auch wenn dein eitler Blick
zum purpur-goldenen Falter wieder schweift zurück,
der auf den Trümmern schwebt, zerstreut auf der Allee.

 

Sep 24 19

Elizabeth Eleanor Siddal, Oh never weep for love

Oh never weep for love that’s dead
Since love is seldom true
But changes his fashion from blue to red,
From brightest red to blue,
And love was born to an early death
And is so seldom true.

Then harbour no smile on your bonny face
To win the deepest sigh.
The fairest words on truest lips
Pass on and surely die,
And you will stand alone, my dear,
When wintry winds draw nigh.

Sweet, never weep for what cannot be,
For this God has not given.
If the merest dream of love were true
Then, sweet, we should be in heaven,
And this is only earth, my dear,
Where true love is not given.

 

Um Liebe weine nicht, die tot,
denn selten ist die Liebe treu,
sie tauscht ihr Kleid, jetzt blau, dann rot,
Rot verblich und Blau macht neu,
der Liebe harrt ein früher Tod
und selten ist sie treu.

Nicht lächle süß stets vor dich hin,
daß tiefer Seufzen fleht,
das süße Wort aus treuem Mund
ist Hauch, der ganz zergeht,
und du, mein Herz, bist ganz allein,
vom Winterwind umweht.

Beweine, Süße, nicht, was uns versagt,
Gott hat es nicht gegeben.
Käm Liebestraum der Wahrheit nah,
wär himmlisch, Süße, unser Leben,
doch hier, mein Herz, ist Erde bloß,
woʼs treue Liebe nicht kann geben.

 

Sep 23 19

Das zarte Gras der Stille

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dummheit ist nicht heilbar; sie ist vegetativ wie das Nickerchen nach üppigem Mahl, wie das Schnarchen Homers.

Herrschaft des Demos impliziert die zyklische Ausbreitung von Massenwahn.

Vor den Argusaugen des Demokraten findet der aristokratische Hüter der Sprache immer weniger Schlupfwinkel, um die natürliche Extravaganz und unbotmäßige Grazie seiner Rede zu bergen.

Der natürliche Ausdruck der Freiheit des Demos ist sein Feixen, Jauchzen und Grölen – und der Ruf- oder Lynchmord an dem, der abseits steht und angewidert schweigt.

Die Rhetorik der Politik schöpft aus dem Wörterbuch des Teufels, das von Euphemismen nur so wimmelt.

Die geistig Impotenten haben die Kunst moralisiert und politisiert.

Je stupider, öder, unfruchtbarer der öffentlich alimentierte Kunstbetrieb, umso schriller, lauter, ekstatischer.

Die Waldmaus läßt sich von den Leckereien, Speck und Kuchen, nicht verlocken und bestechen, die ihr die Stadtmaus kredenzte, nicht weil, wie der Fabeldichter meint, die Nähe des Menschen sie erschreckte, sondern die frugale Nahrung ihrer Heimat ihr würziger und schmackhafter mundet und sie ihre Jungen lieber als in verrotteten Matratzen im moosigen Schlupfloch des Waldes birgt, auch wenn aus dem Dunkel bisweilen böse Augen blitzen.

Die weibliche Stimme, die nun an den Kathedern gehätschelt wird, ist eine frigide krächzende, sich heiser überschlagende Karikatur der männlichen.

Die Marktschreier des „Nie wieder“ kennen den ersten historiographischen Grundsatz nicht, daß die Bedingungen, Erlebnishorizonte und Erwartungen der vergangenen Gegenwart nicht diejenigen der aktuellen sind.

Der große Gesang entspringt einem reinen Quell, nicht der Kloake der Aktualität.

Die Unfruchtbaren suchen ihr steriles Heil, ihre Eunuchenlust in der Kritik.

Kindergärten, Schulen, Universitäten, Vereine, Kirchen und Unternehmen werden von den Leviten und Fanatikern einer alles vermischenden neuen Unreinheit ethisch gesäubert.

Milch ins Blut, Wasser in Wein, Wahn ins Wort heißt des Deutschen Reinheitsgebot.

Das Niederreißen der Ränge und Hierarchien, das Öffnen aller Grenzen und Beschränkungen befeuert den Neid, verschärft die Zwietracht und steigert die Verwirrung.

Man kann das Meer nicht mit einer Muschelschale ausschöpfen, die Erfahrung nicht mit dem Begriff, die Empfindung nicht mit dem Wort.

Sie wollen nichts über sich, und ihr Horizont ist leer.

Klarheit über das Gewesene verschafft nicht die Erinnerung, sondern das dingliche Zeugnis.

Der Zeitzeuge ist meist eine dubiose Figur, je weiter er sich vom Ausgangspunkt entfernt, umso mehr verschwimmt seine Erinnerung wie milchiges Glas und setzt einen Bodensatz an Legenden ab, die dem Zeitgeschmack schmeicheln.

Wenn wir gefragt, ob wir gestern im Park gewesen seien, ohne Zögern mit ja antworten (denn wir waren dort), müssen wir nicht umständlich im Gedächtnis nach der passenden Vorstellung suchen, als wäre es eine Lagerhalle, in der sich die Erinnerungen wie Bilder und verstaubte Folianten stapeln.

Die Erinnerung kann kein Bild des Erinnerten sein, wäre sie es, brauchten wir ein weiteres Bild, das die Echtheit des ersten bezeugte (und so weiter ad infinitum).

Wir müssen die Sprachregel spontan anwenden, wäre dem nicht so, müßten wir nach einer weiteren Regel Ausschau halten, an der wir überprüfen, ob wir die erste korrekt verwendet haben (und so weiter ad infinitum).

Das logische Salz verhindert, daß der Eintopf unserer Rede schal wird, wenn wir ihm neben einer Äußerung ihr glattes Gegenteil beimengen.

Den Satz vom auszuschließenden Widerspruch können wir nicht begründen, denn versuchten wir es, müßten wir uns wiederum auf ihn stützen.

Auch wenn ich den Rosenduft nicht rieche, nicht das Rauschen der Blätter höre, die das Gedicht beschwört, vermag es doch Sommers hellen Zauber in mir zu wecken.

Das feine, an die Resonanzen der Dämmerung gewöhnte Ohr vernimmt das Mitgesagte, das Verschwiegene, das Ungesagte.

Das geistreiche, vom Clair obscur verwöhnte Auge läßt sich vom Plakat (und allem Plakativen) nicht blenden.

Die sehende, an den Narben der Erfahrung erwachte Hand verweilt nicht ungern auf den weichen Wangen des Eros, doch auf den Runzeln der geliebten Stirne hält sie inne.

Die großen Worte, die da alle im trüben Schlamm der Floskeln und Parolen versickerten.

Die Sprache, die uns nährt, hat ihre Jahreszeiten des Fruchtens und der Dürre.

Wir haben für die Zeiten der Dürre einen Vorrat köstlicher Früchte in den dunklen Kammern der Überlieferung.

Der äußersten Gefahr enthebt uns bisweilen die Entrückung.

Kindfrau ist des Dichters Muse. – Ach nein, ein Bürger ist er nicht, er will sie weder ehelichen noch mit ihr ins Bett.

Wenn Geschwätz uns übermannt, fliehen wir zu den Gräsern und Blumen, wenn Wahn uns heimsucht, neigen wir uns dem Rauschen der Quellen und Ströme, wenn aber der Abgrund des Schweigens sich auftut in uns – sind ohne Halt wir verloren oder im Bodenlosen schwebend gerettet?

Entsagung, das zarte Gras der Stille.

Ein Nachbild, das verlöscht, ein Nachhall, der verklingt.

Die Freiheit weiß nichts mit sich anzufangen, die Vernunft gähnt und dreht sich auf die andere Seite, die Einfalt aber streift barfuß durchs Gras und plaudert mit den Schatten.

Die Einfalt nimmt mit graziöser Geste die Blume aus der Hand des Buckligen und achtet nicht der Spötter.

Die Einfalt küßt den moosigen Stein für sein Schweigen, das herabgefallene Blatt für sein Rauschen, das Hündchen für sein pochendes Herz, den gelb-grünen Sittich, weil er sich auf ihren Kopf und ihre Schulter setzte.

Die Einfalt küßt, die sie stach, die schöne Rose.

Sie meint Erlösung, wenn sie einen Hauch läßt zwischen Mund und Mund.

Amor staunt vor ihrer reinen Anmut und läßt den Bogen sinken.

Wo sie Abschied winkend stand, blüht eine Lilie zwischen Hoffen und Hoffen.

Nein, die Wunde schließt sich nicht, doch sie leuchtet bisweilen, eine Rose der Nacht.

 

Sep 22 19

Paul Verlaine, L’espoir luit comm un brin de paille

L’espoir luit comme un brin de paille dans l’étable.
Que crains-tu de la guêpe ivre de son vol fou ?
Vois, le soleil toujours poudroie à quelque trou.
Que ne t’endormais-tu, le coude sur la table ?

Pauvre âme pâle, au moins cette eau du puits glacé,
Bois-la. Puis dors après. Allons, tu vois, je reste,
Et je dorloterai les rêves de ta sieste,
Et tu chantonneras comme un enfant bercé.

Midi sonne. De grâce, éloignez-vous, madame.
Il dort. C’est étonnant comme les pas de femme
Résonnent au cerveau des pauvres malheureux.

Midi sonne. J’ai fait arroser dans la chambre.
Va, dors ! L’espoir luit comme un caillou dans un creux.
Ah ! quand refleuriront les roses de septembre !

 

Die Hoffnung schimmert wie im Stall das Stroh.
Was fürchtest du der trunknen Wespe irren Flug?
Sieh, aus einem Spalt bläst Sonne goldnen Staub genug.
Wirst, die Hände auf dem Tisch, Schlummers du nicht froh?

Arme, bleiche Seele, trink doch nur vom Born, er rinnt
so kühl. Und schlafe dann, du siehst, ich warte zu
und kose deine Träume, hältst du Mittagsruh,
und du wirst lallen, ein gewiegtes Kind.

Die Glocke tönt. Sei, Gnädige, so gut, entferne dich.
Er schläft. Wie ist der Schritte Widerhall so wunderlich
von einer Frau in eines Armen Hirn voll Pein.

Die Glocke tönt. Ich hab im Zimmer frischen Duft verstreut.
Schlaf! Die Hoffnung glimmt wie in der Kuhle ein Marmelstein.
Wann werden, ach, Septemberrosen blühn erneut!

 

Sep 21 19

Wie oft versickert uns das Lied

Ein Quell, der hoher Schlucht entspringt,
und klare Wasser schäumen,
wo Anemonen säumen,
ein reiner Mund, der Wahres singt.

Und hemmt der Fels ihn rund zum Teich,
träumt er von Wolkenhügeln,
von zarter Schwäne Flügeln,
ein Aug, von Sehnens Träne weich.

Wie oft versickert uns das Lied,
vom Gipfelschnee geronnen
im Lächeln ferner Sonnen,
das lichte Wort im dunklen Ried.

 

Sep 20 19

Nun will die müde Stirn ich neigen

Nun, da die zarten Farben blassen,
rinnt wie Lilienlicht
dir vom Angesicht
ein Tau, den keine Blüten fassen.

Nun will die müde Stirn ich neigen,
Erde ist der Schoß,
Mond glänzt kalt und groß
auf unser liebedunkles Schweigen.

Wir wollen auf ein Schneien warten,
weiß zerfließt das Bild,
das uns weich umhüllt,
wie erster Blüten Schnee im Garten.

 

Sep 20 19

Hahn und Henne

Dem Hahn, der morgens sein Gefieder
der Sonne reckt aus Dunges Dunst,
scheint sein Gekrächze hehre Kunst,
ihm haucht der Mist, was uns der Flieder.

Die Hennen scharren ihm zu Füßen,
das Ei ist ihr Elysium,
sie krähen nicht und picken stumm,
als ob die Arien sie genießen.

Und wenn sie halb im Schlafe brüten,
bis an die warme Schale pocht
ein neues Leben unverhofft,
sind sieʼs, die Glucken, die es hüten.

 

Sep 19 19

Der Heimatlose

Kann der kalte Schnee denn Heimat sein
dem, der auf der Erde liegt,
ganz von Flocken überstiebt,
groß den Himmel sieht, sich selber klein?

Bleibt der Heimatlose nicht allein,
wird, dem keine Hand sich reicht,
das versteinte Herz erweicht,
sieht am Himmel er den Abendschein?

Wird das graue Fatum einmal hell,
das ihn nackt ins Leere stieß,
Staub, doch nicht von Blüten blies,
hört im Dunkel er den süßen Quell?

 

Sep 18 19

Von Gründen und Maßstäben

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Ros’ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet.

Angelus Silesius

Den Maßstab legen wir fest und messen MIT ihm, ihn selbst messen wir nicht.

Etwas anderes ist es, vom Maßstab zu sprechen, etwas anderes vom Gemessenen. Hat der Lehrling den geeigneten Maßstab angelegt und richtig gemessen, kann dies Anerkennung oder Lob verdienen, hat er falsch gemessen, Tadel. Doch wenn wir einen ungeeigneten Maßstab verwenden, ein dehnbares Gummiband zur genauen Vermessung der Kante eines starren Körpers, ist dies nicht falsch, sondern unsinnig; wir verdienen nicht Tadel, sondern ernten nur Kopfschütteln.

Wir gehen um das Haus herum und betrachten seine Größe, Lage, Bauform; um die Sprache, das Denken, das Leben, die Welt können wir nicht herumgehen, sie von außen betrachten und vermessen.

Das Selbstverständliche, Einfache, Triviale ist kein Grund, auf dem wir stehen; es schwebt gleichsam in der Luft.

Das Einfache und vor Augen Liegende ist, was keiner sieht, was grundlos aus sich west.

Lebten wir in einer Welt, in der unsere Partner, Freunde, Kollegen plötzlich verschwänden (nicht stürben, sondern sich in Luft auflösten), bräche unsere Weise des Redens, Tuns, Erinnerns in sich zusammen.

Wenn wir davon ausgehen müßten, daß die Person, die uns heute ein Buch, Geld, ihr Auto geliehen hat, morgen spurlos von der Erdoberfläche verschwunden sein könnte, würden wir ihr heute nicht versprechen (oder nur mit äußersten Vorbehalten), ihr nächste Woche das geliehene Gut wieder auszuhändigen.

Die Philosophen, die von der Vernunft, der Rationalität und allen Verfahren der Begründung vollständig eingenommen sind, werden von einem Verlangen getrieben, das, uneingeschränkt und gleichsam ohne Schatten, gedankenlos und dumm ist; denn das jeweilige Spiel der Gründe läuft in seinem jeweiligen Rahmen ab, und dieser läßt sich klarerweise nicht wieder begründen oder mit gleichsam letzten Gründen oder für sich selbst sprechenden Evidenzen rechtfertigen; er ist weder vernünftig noch unvernünftig, weder rational noch irrational, nicht wahr und nicht unwahr (wie das organische Leben selbst).

Es liegt an uns, wo wir die Reihe der Gründe und Begründungen abbrechen oder in den Nebel des Ungewissen, Unerforschlichen oder Gleichgültigen tauchen lassen. Sie war dir untreu, er hat dich verraten: Das zu wissen genügt, mit ihnen zu brechen; denn wer weiterfragt, verirrt sich in einem psychologischen Labyrinth aus Gründen und Abergründen.

Die einen sehen ein geistiges Licht, die anderen verharren im alltäglichen Grau in Grau. Die Erleuchteten können den anderen nicht mit Gründen und Evidenzen kommen, sie eines Besseren zu belehren – und umgekehrt.

Wer damit rechnen müßte, daß die Person, mit der er sich zu Bett gelegt hat, am anderen Morgen eine andere sein könnte (oder er selbst ein anderer), hätte den Rahmen, in dem wir von Vertrauen, Liebe, Freundschaft reden, schon verlassen oder nie sich darein gefunden.

Wir verstummten augenblicks, würden wir den Anfang des ausgesprochenen Satzes, kaum daß wir ihn beendet hätten, schon vergessen haben; oder würden wir annehmen, daß der Satz, der uns über die Lippen kommt, eine Eingebung oder Einflüsterung einer fremden Macht (wie unseres Nervensystems, unserer Triebe, der Algorithmen des neuronal verkörperten linguistischen Systems) wäre.

Die Ballspieler, die Schachspieler spielen nach Regeln; aber nicht jede ihrer Bewegungen und Züge kann aus dem Regelwerk abgeleitet oder prognostiziert werden.

Ein Sonett, das sich gleichsam algorithmisch aus dem Vorschriften für die Verwendung von Metrum und Reim, Strophe und Aufbau zur Bildung von Sonetten ableiten ließe, wäre kein Gedicht.

Wir stehen am Fenster und sehen dem Treiben der Welt zu; aber die Tatsache, daß wir es sind (und niemand sonst), die dort stehen, daß wir es sind, die dort unseren Betrachtungen nachgehen (und gerade diesen und keinen sonst), hat keinen tieferen Grund; anders als die Tatsache, daß jetzt ein Blatt vom Baum des Nachbargartens fällt, daß jetzt der Mond aufgeht oder daß wir jetzt müde werden.

Es ist unsinnig zu sagen, an unserer statt könnte auch ein anderer am Fenster stehen, ein anderer fühlen und denken, was wir denken, ein anderer geboren worden sein.

Wir können nicht wissen, was es heißt, zu sein, wer wir sind, denn es zu wissen implizierte die Möglichkeit, es nicht zu wissen.

Wir vertrauen darauf, daß die Erde nicht plötzlich nachgibt, wenn wir über die Türschwelle treten, daß wir an unserem verabredeten Treffpunkt den Freund erkennen, daß wir seine Äußerungen verstehen – aber wir können es nicht wissen.

Wir können nicht beweisen, daß wir nicht offenen Auges träumen, wir können nur darauf bauen.

Sicher, die Historiker können Gründe geltend machen für den Ausbruch des trojanischen Krieges – doch welch seltsamen Kriegsgrund sahen die Beteiligten, wenn sie sich die Geschichte vom Priamossohn Paris aus Troja und dem Versprechen der von ihm erkorenen Göttin Aphrodite erzählten, ihm die schönste Frau auf Erden, die mykenische Helena, zu verschaffen.

Welche Weisheit in der kreationistischen Mythe, das Schöpferwort eines allmächtigen Gottes habe den Zustand hervorgebracht, in dem wir uns nun einmal vorfinden. Welche Stupidität in der evolutionistischen Annahme, die ganze Angelegenheit sei auf ein paar Mechanismen der Auslese und Anpassung zurückzuführen, die am Ende Organismen mit extravaganten Gehirnen hervorbrachten, so daß sie sich nun fragen können, was sie hier treiben.

Es ist wie mit dem Schlucken oder Atmen, wenn man überscharf und überwach darauf achtet und lauert, kommt man aus dem Takt oder wird verrückt.

Die Entdeckung, daß wir nichts mehr sagen, wenn wir das Behauptete gleichzeitig verneinen, die Entdeckung des Logischen überhaupt, gleicht dem hellen Klang des Wittgensteinschen Spatens, der vom harten Fels der Normativität der Sprache abprallt.

Der Sinn der Rede ist nicht gegeben, sondern aufgegeben, nicht Entität, sondern Norm; wir verstehen die Aussage als Aussage, die Aufforderung als Aufforderung, die Frage als Frage, die Antwort als ihr angemessen, andernfalls öffnen wir das Spundloch im Boot der Rede und versinken in den Fluten des Unsinns.

Der Sinn des Gesagten, der Gedanke, ist keine Entität oder Proposition, sondern die Spur eines Tuns, die auch die Spur eines Fehltritts sein kann. Deshalb korrigieren wir Äußerungen am Maßstab des Korrekten, Richtigen, Angemessenen.

Wir sagen, jemand habe sich im Ton vergriffen, wenn seine Äußerung im Verhältnis zum geringfügigen Anlaß überreizt und schrill oder angesichts einer dreisten, ehrverletzenden Äußerung kleinlaut und leisetreterisch war; den Maßstab unserer Beurteilung entnehmen wir der jeweiligen Situation, die wir intuitiv erfassen müssen.

Wir sagen, einer habe gut reagiert, wenn er dem Maulhelden oder dem schamlosen Lügner über den Mund gefahren ist; in einer Welt, in der Maulhelden verehrt und Lügner bewundert werden, stehen wir freilich auf verlorenem Posten. – Von einer allgemeinen Idee des Guten oder einem universellen Maßstab des Richtigen kann jedenfalls keine Rede sein.

Das joviale Auftreten und freimütige Plaudern erheitern die gemütliche Freundesrunde, sind aber auf der Beerdigungsfeier deplaziert. – Freilich, einer mag mit der Rezitation von Trakl-Gedichten und nekromantischem Geraune auf der Party Eindruck schinden.

Unser Mißgriff bei den geeigneten Maßstäben ähnelt bisweilen der enharmonischen Verwechslung der Noten As und Gis; auch wenn sie gleich klingen, gehören sie doch unterschiedlichen harmonischen Reihen an.

Wenn wir vom Wege abgekommen sind, erkennen wir dies manchmal daran, daß die Wegmarken nicht mehr das Ziel oder den Namen des Ortes anzeigen, zu dem wir aufgebrochen sind.

Wir können nicht irren, ohne von etwas Gewissem ausgegangen zu sein.

Wir müssen etwas im Sinn gehabt haben, wenn uns unser Unterfangen plötzlich sinnlos dünkt.

Wir können nur befragen, was nicht gänzlich ohne Sinn daherkommt.

Wir hoffen, an Türen zu klopfen, die uns aufgetan werden.

Wenn wir alles in Frage stellen, zerstören wir den Sinn des Fragens.

Wir können uns nicht als Bewohner oder Elemente eines alles umfassenden, universellen Bezugsrahmens sehen und verstehen, ob wir ihn Kosmos, Leben oder Gesellschaft nennen. Sicher sind wir Teil des Kosmos, aber wir gingen in die Irre, verstünden wir uns ausschließlich als gesetzmäßige Kombination physikalisch-chemischer Elemente und Strukturen, gewiß sind wir Teil der organischen Natur, aber uns entgingen die Pointe und der ganze Witz, verstünden wir uns einzig als emergente Komplexion neuronaler Netzwerke, und wir starrten blöde in den Spiegel, begriffen wir uns nur als der Sozius oder das Double des anderen.

Wir sind nicht die Summe oder Komplexion unserer Empfindungen, Intentionen und Erinnerungen; denn wäre dem so, wären unsere Gefühle und Gedanken Inhalte oder Funktionen einer ablösbaren, objektivierbaren Entität, gleichgültig, ob wir sie Seele nennen oder mit dem Gehirn ineinssetzen.

Auch wenn ich ohne Augen und Sehzentrum nichts sehen könnte, sieht mein Gehirn nicht, was ich sehe.

Du könntest deine Erinnerung, gestern deinen Freund Peter im Park getroffen zu haben, mittels Aufweis von Gründen als korrekt beschreiben, indem du beispielsweise Zeugen für die Korrektheit des Satzes benennst: „N. N. hat gestern Peter im Park getroffen.“ Doch dieser wahre Satz, durch objektive Gründe gerechtfertigt, wäre seinerseits kein Grund für den Nachweis der subjektiven Tatsache, daß es sich bei der Erinnerung, gestern Peter im Park getroffen zu haben, um DEINE Erinnerung handelt.

Wenn du dich irrtümlich erinnerst, gestern deinen Freund Peter im Park getroffen zu haben (denn es war vorgestern), bleibt es doch deine wenn auch irrtümliche Erinnerung, die jeder möglichen Rechtfertigung durch den Aufweis objektiver Gründe entbehrt.

Unsere Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen sind keine seelischen Inhalte, die wir uns korrekt oder versehentlich zuschreiben können.

Wir sind wie der eigene Schatten, auf den wir nicht springen können.

Für das, was wir unmittelbar sind und erleben, haben wir kein völlig angemessenes Bild und keine erschöpfende Metapher oder bleiben alle Vergleiche unzulänglich und ohne handlichen Maßstab; wenn Sappho die erotische Erfahrung mit einer sie durchrieselnden Glut vergleicht, klafft eine Lücke zwischen all den Bildern von Körpern, die wir je haben brennen sehen, und der Innigkeit der Empfindung der Liebenden, die sich als glühend erlebt. – Glut, die nichts verzehrt als sich selbst, Feuer, das sich vom Mark der Imagination nährt, Rose, die für sich selber blüht.

 

Sep 17 19

Die Toteninsel

Im Zwielicht geben sich die Toten Zeichen
und entrücken Tag und Wort
in den alten Schweige-Ort,
wo große Asphodelenkronen bleichen.

Wie weiß an jenem Eiland Schwäne ziehen
ihre schaumgeseufzte Spur,
Flocken fallen auf die Flur,
wie Klagen, die in Himmelsauen blühen.

Wenn eines fremden Mondes purpurrotes
Mal verblaßt im schwanken Ried,
hören sie am Strand das Lied
beim Nähergleiten eines schwarzen Bootes.

 

Sep 17 19

An den Purpur

Achilleus schmollte düster im Verstecke,
Briseis zog der Fürst ins Bett,
ihrer Daumen Violett
verriet den edlen Saft der Purpurschnecke.

Die Polster, die nach Meer und Algen rochen,
häufte der Phäaken Magd,
daß den Gast kein Albtraum plagt,
bis Rosenfinger an die Schläfe pochen.

Tags rötet heitres Spiel Odysseusʼ Wangen,
einer wirft den Purpurball
hoch auf Äthers Wolkenwall,
einer muß die Füße in der Luft ihn fangen.

Des Vaters Tränen konnten Gnade finden,
unter Scheiten glänzt Gebein,
Brüder löschen sie mit Wein,
um Hektors Urne schimmern Purpurbinden.

Daß sie von Ranges hohem Siegel wüßten,
war die Toga blutgesäumt,
purpurn hat Byzanz geträumt,
nur unsre Seele seufzt an trüben Küsten.

 

Sep 16 19

Halkyonische Tage

Die Toren fragen keuchend immer weiter
nach der Gründe letztem Grund,
ach, sie hielten erst den Mund,
machte sie die Meeresstille heiter.

Könnte hohe Purpurnacht sie laben,
die wie Südens dunkler Wein
dringt mit Liedes Tropfen ein,
daß sie länger nicht mehr Kopfweh haben.

Und der Frage harten Stachel treiben
sie ins Herz dem Leben tief,
wo im Schatten Pan nackt schlief,
soll kein warmes Blut, das singt, mehr bleiben.

Könnten sie die große Stille halten,
wie die Blumen unverzagt
ihre Kelche, wenn es tagt,
glänzte ihnen Tau in Herzens Falten.

Ihre Worte sind wie braune Blätter
der Novemberwinde Raub,
wie sie rascheln, eitles Laub,
das verfault in Dunst und Regenwetter.

Könnte sie das rein Belassne tragen,
zarter Flügel, lauer Wind,
wo die leisen Veilchen sind,
Glück in halkyonisch-stillen Tagen.

 

Sep 16 19

Gabriele D’Annunzio, Ai Lauri

Aus: Hortulus animae

Lauri, che ne la grande ombra severa
accoglieste il pensoso adolescente,
parlatemi di lui, la prima sera.

Parlatemi di lui benignamente
vecchi lauri, però ch’egli forse ode;
però ch’egli è lontano e pur presente.

Quanto v’amava il giovine custode!
E quante volte a la sua fronte amica
tendeste i rami in ascoltar la lode!

Egli leggea quel libro ove pudica
l’Anima geme, lacrima e desìa
chiusa nel velo d’una Grazia antica.

Lento d’intorno il bel giardin salìa
fiorendo, come un sogno dal cuor sale;
rigato da la pura melodìa,

in una luce insolita spirtale
che non era del cielo ma sul mondo
effusa da la pagina immortale.

O lauri, io son colui. Non più m’ascondo.
20Io son colui che lesse il libro e vide
quella luce e gioì nel cor profondo.

Tutto è perduto? Il raggio ultimo irride
nel gran bacino l’acqua putre e scarsa;
il paone su l’alto muro stride;

tra la gramigna livida e riarsa
giacciono spenti i cari iddii del loco…
Ogni divinità dunque è scomparsa?

Sol giunge suono di campane fioco.
A qual dolore l’onda pia si frange!
L’ombra invade una casa a poco a poco,

la triste casa ove mia madre piange.

 

An die Lorbeeren

Ihr Lorbeern, ihr habt im Schatten einst bewacht,
im hohen, strengen, den sinnenden Sohn,
sagt mir von ihm in dieser ersten Nacht.

Erzählt von ihm in einem milden Ton,
ihr Lorbeern alt, weil er vielleicht uns hört,
er ist wohl fern und dennoch nahe schon.

Wie hat der junge Hüter euch verehrt,
wie oft habt ihr die holde Stirne mild
mit Zweigen gestreift, von seinem Lob betört!

Er las in jenem Buch, wo schamerfüllt
die Seele stöhnt und Träne und Begier
antiker Anmut Schleier tief verhüllt.

Langsam tat sich auf des Gartens Tür
zum Blütenreich, wie Herzen Traum entspringt,
gekräuselt von reiner Melodien Zier,

ins Licht, von unerhörtem Geist beschwingt,
das nicht vom Himmel, sondern dieser Welt
aus einer Quelle floß, die ewig singt.

O Lorbeern, ich binʼs, seht mich unverstellt.
Bin jener, der das Buch gelesen und erschaut
dies Licht, das Herz von Freude ganz erhellt.

Ist alles aus? Auf Wassers schmutzige Haut
im großen Rund speit Spott der letzte Strahl.
Es kreischt der Pfau auf hoher Mauer laut.

Zwischen Quecken, bläßlich und verbrannt,
liegt der Heimatgötter edler Chor …
Ist nun alle Göttlichkeit verbannt?

Nur Klang von Glocken flutet matt ans Ohr.
Die fromme Woge bricht ein Schmerz, versteint!
Das Dunkel kriecht an einem Haus empor,

das düstre Haus, wo meine Mutter weint.

 

Sep 15 19

Gabriele D’Annunzio, La Buona Voce

Aus: Hortulus animae

Sei solo. D’altro più non ti sovviene.
E d’altro più non ti sovvenga mai!
Sul tuo cuore fluisca l’oblìo lene.

Ti sien dolci questi umili sentieri.
Ancóra qualche rosa è ne’ rosai.
Sarà domani quel che non fu ieri.

Domani prenderà novo coraggio
e nova forza l’anima che teme.
A la prima rugiada, al primo raggio
non s’alza l’erba che il tuo piede preme?

 

Die gütige Stimme

Du allein. Keiner da, dir beizustehen.
Daß niemand jemals komme, besser auch.
Vergessenheit soll weich dein Herz umwehen.

Deine Pfade mache Demut sacht und klar.
Noch manche Rose blüht am Rosenstrauch.
Und morgen, die noch gestern unsichtbar.

Morgen faßt die Seele neuen Mut
und neue Kraft, die heute furchtsam blickt.
Reckt nicht im frühen Rot, in früher Glut
das Gras sich wieder, das dein Fuß zerdrückt?

 

Sep 14 19

Gabriele D’Annunzio, L’Erba

Aus: Hortulus animae

Erba che il piede preme, o creatura
umile de la terra, tu che nasci
ovunque, in fili tenui ed in fasci,
e da la gleba e da la fenditura,

e sempre viva attendi la futura
primavera nei geli orridi, e pasci
l’armento innumerevole, e rinasci,
pur sempre viva dopo mietitura,

erba immortale, o tu che il piede preme,
io so d’un uomo che gittò nel mondo
un seme come il tuo dolce e tenace;

e nulla può distruggere quel seme…
- Pensa l’Anima un carcere profondo
ove l’erba germoglia umile in pace.

 

Das Gras

Gras, unter Ferse geduckt, o Kreatur
der Erde demutvoll, du kannst gedeihn
überall, als schwacher Halm, im Rain,
auf Schollen, in der Furchenspur,

ewig lebend harrst du der Sonne nur,
wenn Frühjahr taut den grausen Frost, bis dein
Ergrünen Herden wieder nährt, o nein,
kein Sensenstreich mäht deine Urnatur,

unsterblich Gras, das Füße leicht zerdrücken,
ich weiß um ihn, der säte einen Keim
auf diese Welt, wie deinen, süß und hart.

Und nichts kann diesen Keim jemals zerstücken …
– Denk dir die Seele: ein Verlies, geheim,
und drüber wuchert Gras, so friedlich-zart.

 

Sep 14 19

Gabriele D’Annunzio, Un Sogno (I)

Aus: Hortulus animae

Io non odo i miei passi nel viale
muto per ove il Sogno mi conduce.
È l’ora del silenzio e de la luce.
Un velario di perle è il cielo, eguale.

Attingono i cipressi con oscure
punte quel cielo: immoti, senza pianto;
ma sono tristi, ma non sono tanto
tristi i cipressi de le sepolture.

Il paese d’in torno è sconosciuto,
quasi informe, abitato da un mistero
antichissimo, dove il mio pensiero
si perde, andando pe ’l viale muto.

Io non odo i miei passi. Io sono come
un’ombra; il mio dolore è come un’ombra;
è tutta la mia vita come un’ombra
vaga, incerta, indistinta, senza nome.

 

Ein Traum (I)

Ich hör nicht meine Schritte auf dem Pfade,
dem stummen, den mich führt mein Traumgesicht.
Die Stunde kennt nur Stille, kennt nur Licht.
Ein Schleier perlt von Himmels Balustrade.

Mit dunklen Spitzen die Zypressen rühren
an den Himmel: ohne Regung, tränenlos,
doch trauervoll, es trauern nicht so groß
die Zypressen, die zu Gräbern führen.

Die Landschaft kommt mir fremd entgegen,
wie ungestalt, von Mysterien behaust
aus alter Zeit, mein Sinnen ist umbraust,
betret ich sie auf diesen stummen Wegen.

Ich hör nicht meine Schritte. Ich bin bloß
ein Schatten. Und wie ein Schatten ist mein Leid.
Mein Leben ist nur einen Schatten breit,
vage, schwank, verschwommen, namenlos.

 

Sep 13 19

Gabriele D’Annunzio, Un Sogno (II)

Aus: Hortulus animae

Era morta, era fredda. La ferita
era a pena visibile, in un fianco:
piccolo varco per sì grande vita!

Il lenzuolo pareva assai men bianco
del cadavere. Mai nessuna cosa
vedran gli occhi più bianca di quel bianco.

Fiammeggiava l’estate impetuosa
ai vetri; e insetti che pareano enormi
facean ne l’afa un rombo, senza posa.

Ella era fredda. Io le dicea: – Ma dormi? -
Con un sorriso stupido ed atroce
io ripetea, da presso: – Dormi? Dormi?

Dormi? – E il pensier che quella rauca voce
non fosse mia, mi strinse di paura.
Ascoltai. Non si udì fiato né voce.

Parevano di fiamma quelle mura.
In quell’afa un odor sempre più forte
saliva, come in una sepoltura.

L’invincibile odore de la morte
mi soffocava. E bene, io soffocai.
Io stesso chiuso avea finestre e porte.

- Dormi? Dormi? – Ella non rispose mai.
Il lenzuolo parea di lei men bianco.
Su la terra nessuna cosa mai

vedran gli occhi più bianca di quel bianco.

 

Ein Traum (II)

Sie war tot, war kalt. Das Wundenmal
lag an der Seite, wie versteckt ein Reis:
ein hohes Leben und ein Ausgang schmal.

Das Laken war bei weitem nicht so weiß
wie dieser Leichnam. Kein Auge je erblickt
ein Ding, das weißer ist als dieses Weiß.

Flammen hat Sommers Ungestüm geschickt
vor die Scheiben. Insekten, riesengroß,
schwirrten in der Schwüle, sinnentrückt.

Sie war kalt. Ich frug sie: Schläfst du bloß?
Und stumpfsinnig lächelnd, grauenvoll,
sprach in ihr Ohr ich: Schläfst du bloß?

Schläfst du? – Die Stimme, die so rauh erscholl,
schien mir nicht meine und mir wurde bang.
Ich lauschte. Kein Hauch, der einem Mund entquoll.

Ein Feuer aus den Mauerritzen drang.
In der Schwüle schluckte Rauch das Licht,
dichter noch als eines Sargs Behang.

Des Todes Moderduft, der jeden bricht,
erstickte mich. Gut denn, verstopft mein Schlund.
Ich machte selbst ja Tür und Fenster dicht.

Schläfst du, schläfst du? – Nur Schweigen ward mir kund.
Das Laken strahlte nicht wie sie so weiß.
Nie wird ein Aug auf diesem Erdenrund

ein Ding erschauen weißer als dies Weiß.

 

Sep 13 19

Henri de Régnier, Chanson

J’ai fleuri l’ombre odorante
Et j’ai parfumé la nuit
De la senteur expirante
De ces roses d’aujourd’hui.

En elles se continue,
Pétale à pétale, un peu
Du charme de t’avoir vue
Les cueillir toutes en feu.

Est-ce moi, si ce sont elles ?
Tout change et l’on cherche en vain
A faire une heure éternelle
D’un instant qui fut divin ;

Mais tant qu’elles sont vivantes
De ce qui reste de lui
Respire l’ombre odorante
De ces roses d’aujourd’hui.

 

Lied

In Dunkels Duft erblüht,
erfülle ich die Nacht
mit Wohlgeruch, versprüht
von solchen Rosen sacht.

In ihnen strahlt noch mild,
Blatt um Blatt entrückt,
das zauberhafte Bild,
wie du ihr Glühn gepflückt.

Bleib ich, wenn jene schwinden?
Der Sterbliche sucht vergebens
Blüten zu entwinden
dem Kranz des seligen Lebens.

Solang sie aber leben,
und verweht es auch,
was Dunkels Düfte geben,
atme Rosenhauch.

 

Sep 12 19

John Keats, Bright Star

Bright star, would I were stedfast as thou art–
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,

The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft-fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors–

No–yet still stedfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,

Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever–or else swoon to death.

 

Fixstern, könnte ruhig ich wie du nur stehen,
nicht einsam glänzen nur in hoher Nacht,
ewig mit wimpernlosen Augen sehen,
als Lebens Eremit, der duldsam wacht,

des Wassers Wogen, die wie Priester spülen
den Erdenschlamm vom Menschenland,
auf Masken Schnees hinstarren, die niederfielen
auf Hügel sacht und auf der Moore Sand,

nein, ganz ruhig und in sicherem Halt
an der Liebsten schwellende Brust mich schmiegen
und fühlen, wie sie auf- und niederwallt,

erwacht für immer in ein süßes Wiegen,
ganz still, um ihren süßen Hauch zu trinken,
und immer so leben – oder tot entsinken.

 

Sep 12 19

Dante Gabriel Rossetti, Autumn Song

Know’st thou not at the fall of the leaf
How the heart feels a languid grief
Laid on it for a covering,
And how sleep seems a goodly thing
In Autumn at the fall of the leaf?

And how the swift beat of the brain
Falters because it is in vain,
In Autumn at the fall of the leaf
Knowest thou not? and how the chief
Of joys seems—not to suffer pain?

Know’st thou not at the fall of the leaf
How the soul feels like a dried sheaf
Bound up at length for harvesting,
And how death seems a comely thing
In Autumn at the fall of the leaf?

 

Herbstlied

Kannst beim Fall der Blätter du nicht fühlen,
wie Herzen bleichen, sich betrüben,
wenn eines auf sie niedersinkt,
wie Schlummer sie Erlösung dünkt,
wenn im Herbst die Blätter stieben?

Nicht, wie stolpert des Gehirnes Traben
vor dem ungeheuren Graben,
wenn im Herbst das Laubwerk fällt,
und wie von aller Lust der Welt
nichts bleibt als keinen Schmerz zu haben?

Kannst beim Fall der Blätter du nicht spüren
der Seele Bangen beim Zusammenschnüren,
wie dürre Garbe unter hartem Ring,
wie Sterben scheint ein süßes Ding,
wenn Herbstes Laub die Lüfte rühren?

 

Sep 11 19

Wenn das Dunkel tiefer sinkt

Und taucht der Tag ins goldne Licht,
so wollen Hand in Hand wir gehen,
einander in den Augen sehen,
wie sanfter Liebe Glanz sich bricht.

Und wenn das Dunkel tiefer sinkt,
so wollen wir im Garten schauen,
wie rote Beeren mählich grauen
und bleiche Lilie Abschied winkt.

Erlosch der letzten Rose Pracht,
so wollen Herz an Herz wir schmiegen,
und lauschen, wie so sanft versiegen
die Quellen in der hohen Nacht.

 

Sep 10 19

Wir kommen aus der Nacht

Wir kommen aus der Nacht,
dem Dunkel fallen,
von Rätseln übersät
wie giftigen Stacheln,
wieder wir anheim.

Und was dazwischen glänzt,
und was dazwischen schimmert,
sind die bald verdämmern,
sind die bald verlöschen,
Blüten, Augen, Tränen.

Aus Nacht hat uns gehoben
die grüne Woge Schmerz,
und glomm sie fahl von Schäumen,
so war es toter Mond.

Was uns ins Dunkel leitet,
hat Rosenodem nicht,
ist keines Engels Lächeln,
was dort am Abgrund glüht,
ist Wahnes wilder Mohn,
was dort am Eingang grinst,
schlangenumsäuselt,
den Dolch der Zunge
röchelnd ausgestreckt,
das aufgespießte Haupt
des dunklen Gottes.

 

Sep 10 19

Émile Verhaeren, Viens jusqu’à notre seuil

Aus: Les Heures du Soir

Viens jusqu’à notre seuil répandre
Ta blanche cendre
Ô neige pacifique et lentement tombée :
Le tilleul du jardin tient ses branches courbées
Et plus ne fuse au ciel la légère calandre.

Ô neige,
Qui réchauffes et qui protèges
Le blé qui lève à peine
Avec la mousse, avec la laine
Que tu répands de plaine en plaine !
Neige silencieuse et doucement amie
Des maisons, au matin dans le calme endormies,
Recouvre notre toit et frôle nos fenêtres
Et soudain par le seuil et la porte pénètre
Avec tes flocons purs et tes dansantes flammes,
Ô neige lumineuse au travers de notre âme,
Neige, qui réchauffes encor nos derniers rêves
Comme du blé qui lève !

 

Komm bis zu unsrer Schwelle her,
breite deiner Asche Meer,
o Schnee, der Frieden bringt und zögernd fällt:
Die Gartenlinde, deren Astwerk niederschnellt,
sie hebt die leichte Lerche nicht gen Himmel mehr.

O Schnee,
du wärmst wie eine gute Fee
das Korn, das schwermutvolle,
mit dem Schaum, mit der Wolle,
die du streust von Scholle zu Scholle!
Schweigsamer Schnee, ein Freund so mild
den Häusern, die Morgens leichter Schlummer hüllt,
bedecke unser Dach und an die Fenster rühre,
dring unversehens durch die Schwelle und die Türe
mit deinen reinen Flocken und tanzenden Flammen,
o leuchtender Schnee, halt unsre Seelen zusammen,
Schnee, der noch unsre letzten Träume belebt
wie das Korn, das sich wieder erhebt!

 

Sep 9 19

Émile Verhaeren, Les Arbres

Quand les terreaux, déjà roussis et purpurins,
Flamboient, sous les couchants mortuaires d’automne,
On voit, d’un carrefour livide et monotone,
Partir pour l’infini les arbres pèlerins ;

Les pèlerins s’en vont, grands de mélancolie,
Pensifs, pieux et lents, par les routes du soir,
Les pèlerins géants et lourds et laissant choir
Leur feuillage de pleurs de tristesse et de lie ;

Les pèlerins marchant invariablement,
Toujours, sur double rang, depuis combien d’années ?
Toujours, vers l’horizon et ses gloires fanées
Et son insurmontable et despotique aimant ;

Les pèlerins, dont les manteaux tout en lumière,
Mordus par le soleil vespéral qui s’endort,
Apparaissent ainsi que des vêtements d’or,
Traînés, dans un chemin d’encens et de poussière ;

Les pèlerins, aux vieux sommets houleux et fous,
Que regardent passer, le long de leurs sillages,
De mystiques hameaux et de fervents villages,
Courbés dans la prière et jetés à genoux.

 

Die Bäume

Sind purpurrot entflammt der Erde Weiten,
sieht man unter herbstlichem Grabeslicht
von einem Kreuzweg, mit Aschen fahl verpicht,
die Pilger-Bäume ins Unendliche schreiten.

Von dannen gehen die Pilger in düsterem Wallen,
sinnend, fromm und sacht auf Pfaden zur Nacht,
die Pilger, riesig und schwer, und Laubes Pracht
voll Tränen, Trauer und Trübsal lassen sie fallen.

Die Pilger ziehen dahin, sie hemmen keine Sperren,
von je zu zweien gereiht, seit wie langer Zeit?
Von je zum Horizont und seiner verblichenen Herrlichkeit
und dem Magneten, dem unüberwindlichen Herren.

Die Pilger, ihre Mäntel ganz ins Licht gebogen,
sind von der sinkenden Abendsonne entzückt,
und scheinen wie Gewänder, mit Gold bestickt,
auf Wegen von Weihrauch und Staub gezogen.

Die Pilger, auf alten Höhen in erregtem Lallen,
betrachten in den Strudeln ihrer schwellenden Flut
schwärmerische Weiler und Dörfer voll Glut
ins Gebet sich beugen und auf die Knie fallen.

 

Sep 8 19

Émile Verhaeren, Ô le calme jardin d’été

Aus: Les Heures d’Après-midi

Ô le calme jardin d’été où rien ne bouge !
Sinon là-bas, vers le milieu
De l’étang clair et radieux,
Pareils à des langues de feu,
Des poissons rouges.

Ce sont nos souvenirs jouant en nos pensées
Calmes et apaisées
Et lucides – comme cette eau
De confiance et de repos.

Et l’eau s’éclaire et les poissons sautillent
Au brusque et merveilleux soleil,
Non loin des iris verts et des blanches coquilles
Et des pierres, immobiles
Autour des bords vermeils.

Et c’est doux de les voir aller, venir ainsi,
Dans la fraîcheur et la splendeur
Qui les effleure,
Sans crainte aucune et sans souci,
Qu’ils ramènent, du fond à la surface,
D’autres regrets que des regrets fugaces.

 

O der Sommergarten, von Stille übergossen!
Nur dort im klaren Teich,
von Sonnenstrahlen weich,
Feuerzungen gleich
Fische mit roten Flossen.

Sie sind die Erinnerungen, die in unsern Herzen baden
und sanften Frieden atmen,
sie leuchten, wie des Wassers Licht
von Ruhe und Zuversicht.

Heller wird das Wasser, die Fische springen heiß
in den prunkenden Sonnenschimmer,
nahe bei Liliengrün und Muschelweiß
und Steinen, die an Ufern
harren von purpurnem Glimmer.

Wie süß zu sehen, wie sie her und hin gelangen
durch den frischen glänzenden Schaum,
hauchend ihren Saum,
ohne Furcht und Bangen,
vom Grund zum Spiegel aufzuwühlen
andere Betrübnisse als die versprühen.

 

Sep 7 19

Wie Jesus seinen Glauben an Gott verlor

Des Jüngers Wimper tropfte schon Verrat
in milden Weines Opferschale,
den rein gesprochnen Dank zum Mahle
verschlang ein Schlund wie schwarzes Moor die Saat.

Als weichen Schritts hintrat im Purpursaum
Pilatus und frug nach seinem Namen,
fühlt er nur schwachen Juden-Samen,
sah Venus steigen aus dem Meeresschaum.

Und Todesschweiß und Tränen von Gethsemane,
sie waren banger Seele Zeichen,
Prophetenlippen mußten bleichen
vorm bittern Kelch, Verzweiflung seufzen weh.

Und als er unterm bösen Hammer schrie,
sah er das Paradies verblassen,
und hauchte, gnadenlos verlassen,
aus: „Eli eli lama sabachthani.“

 

Sep 7 19

Émile Verhaeren, Hélas ! les temps sont loin

Aus: Les Heures du Soir

Hélas ! les temps sont loin des phlox incarnadins
Et des roses d’orgeuil illuminant ses portes,
Mais, si fané soit-il et si flétri – qu’importe ! -
Je l’aime encor de tout mon coeur, notre jardin.

Sa détresse parfois m’est plus chère et plus douce
Que ne m’était sa joie aux jours brûlants d’été ;
Oh ! le dernier parfum lentement éventé
Par sa dernière fleur sur ses dernières mousses !

Je me suis égaré, ce soir, en ses détours
Pour toucher de mes doigts fervents toutes ses plantes ;
Et tombant à genoux, parmi l’herbe tremblante
J’ai longuement baisé son sol humide et lourd.

Et maintenant qu’il meure et maintenant que viennent
Et s’étendent partout et la brume et la nuit ;
Mon être est comme entré dans sa ruine à lui
Et j’apprendrai ma mort en comprenant la sienne.

 

Nun ist die Zeit vorbei, da Flammenblumen warten
und Rosen an der Tür auf hellen Prangens Stiel,
doch ist er auch verwelkt, verdorrt – gleichviel,
ich liebe ihn noch immer innig, meinen Garten.

Seine Not ist mir bisweilen lieber, süßer gar
als seine Lust mir war in sommerlichem Glühen.
Oh die letzten Düfte, die so zögernd fliehen
von letzten Blüten über letzten Mooses Haar!

Ich bin heut Abend herumgeirrt in seiner Dunkelheit,
meine heißen Hände um all sein Gewächs zu schmiegen,
von grünem Zittern umgeben, auf Knien zu liegen,
die feuchte, schwere Erde zu küssen, lange Zeit.

Und nun, da er stirbt, und nun, da ihn umloht
von allen Seiten Nebel und die Nacht sich breitet,
bleibt zum Leben, was durch seine Trümmer zu ihm gleitet,
und mir geht auf, was sterben heißt, an seinem Tod.

 



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