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Sep 6 19

Émile Verhaeren, Le moulin

Le moulin tourne au fond du soir, très lentement,
Sur un ciel de tristesse et de mélancolie,
Il tourne et tourne, et sa voile, couleur de lie,
Est triste et faible et lourde et lasse, infiniment.

Depuis l’aube, ses bras, comme des bras de plainte,
Se sont tendus et sont tombés ; et les voici
Qui retombent encor, là-bas, dans l’air noirci
Et le silence entier de la nature éteinte.

Un jour souffrant d’hiver sur les hameaux s’endort,
Les nuages sont las de leurs voyages sombres,
Et le long des taillis qui ramassent leurs ombres,
Les ornières s’en vont vers un horizon mort.

Autour d’un vieil étang, quelques huttes de hêtre
Très misérablement sont assises en rond ;
Une lampe de cuivre éclaire leur plafond
Et glisse une lueur aux coins de leur fenêtre.

Et dans la plaine immense, au bord du flot dormeur,
Ces torpides maisons, sous le ciel bas, regardent,
Avec les yeux fendus de leurs vitres hagardes,
Le vieux moulin qui tourne et, las, qui tourne et meurt.

 

Die Mühle dreht im Grund des Abends sich ganz lahm,
vor einem Himmel, dem nur Traurigkeit und Schwermut blieb,
sie dreht sich, dreht sich, und ihr Flügel, schmutzig-trüb,
ist trist und schwach und schwer und voller Gram.

Seit die Sonne schied, sind ihre Arme wie Klagearme nur,
sie hoben und sie senkten sich, und wieder
sinken sie tief in die dunklen Lüfte nieder
und in die ungeheure Stille der erloschenen Natur.

In den Weilern schlummert ein Tag voll winterlichem Leid,
die Wolken sind schlaff von ihren düsteren Fahrten,
und in den kleinen Wäldern, die ihre Schatten sparten,
führen die Spuren hin zu toten Horizonten weit.

Hölzerne Hütten scharen sich um einen alten Teich
wie Elendsgestalten in einem trauten Rund.
Eine Lampe aus Kupfer leuchtet im kahlen Grund
und fleckt die Fensternischen fahl und bleich.

Und in der weiten Ebene, am Ufer des Stroms, den Schlummer lockt,
schauen die stumpfen Häuser, an denen die Wolken sich reiben,
mit den geborstenen Augen ihrer stierenden Scheiben
auf die alte Mühle, die sich dreht und des Kreisens müde stockt.

 

Sep 5 19

Émile Verhaeren, Avec mes vieilles mains

Aus: Les heures du soir

Avec mes vieilles mains de ton front rapprochées
J’écarte tes cheveux et je baise, ce soir,
Pendant ton bref sommeil au bord de l’âtre noir
La ferveur de tes yeux, sous tes longs cils cachée.

Oh ! la bonne tendresse en cette fin de jour !
Mes yeux suivent les ans dont l’existence est faite
Et tout à coup ta vie y parait si parfaite
Qu’un émouvant respect attendrit mon amour.

Et comme au temps où tu m’étais la fiancée
L’ardeur me vient encor de tomber à genoux
Et de toucher la place où bat ton coeur si doux
Avec des doigts aussi chastes que mes pensées.

 

Mit meinen alten Händen deiner Stirn so nah
streiche ich dein Haar zurück und küsse an diesem Abend,
während du am dunklen Herd ein wenig schläfst,
die Wärme deiner Augen unter deinen langen Wimpern.

O, wie tut am Ende dieses Tags Liebkosung gut!
Meine Augen tasten die Jahre ab, die wir hier leben,
und mit einemal scheint mir dein Dasein so vollkommen,
daß mich Ehrfurcht rührt und meine Liebe sanfter macht.

Und wie zur Zeit, da wir verlobt noch waren,
kommt wieder mich die Inbrunst an, ins Knie zu gehen
und die Stelle, wo so süß dein Herz dir pocht,
anzurühren mit Fingern wie mein Sinnen keusch.

 

Sep 5 19

Invokationen

Die ihr in Reif und blauem Firne zittert,
Veilchen du und Enzian,
Sohn von Schnee und Wolke, Schwan,
daß uns dank euch das Leiden nicht verbittert.

Wärt ihr von Lichtes Knospen nicht erkoren,
Biene du und Schmetterling,
Falter mit dem roten Ring,
der Rosen weher Duft wär uns verloren.

Die an des Traumes grüne Scheiben klopfen,
Schwalben, Sommers Widerhall,
Lerchen und du Nachtigall,
bleibt hier, solang die sieben Leuchter tropfen.

 

Sep 4 19

Émile Verhaeren, Roses de juin

Aus: Les Heures d’après-midi

Roses de juin, vous les plus belles,
Avec vos coeurs de soleil transpercés ;
Roses violentes et tranquilles, et telles
Qu’un vol léger d’oiseaux sur les branches posés ;
Roses de Juin et de Juillet, droites et neuves,
Bouches, baisers qui tout à coup s’émeuvent
Ou s’apaisent, au va-et-vient du vent,
Caresse d’ombre et d’or, sur le jardin mouvant ;
Roses d’ardeur muette et de volonté douce,
Roses de volupté en vos gaines de mousse,
Vous qui passez les jours du plein été
A vous aimer, dans la clarté ;
Roses vives, fraîches, magnifiques, toutes nos roses
Oh ! que pareils à vous nos multiples désirs,
Dans la chère fatigue ou le tremblant plaisir
S’entr’aiment, s’exaltent et se reposent !

 

Rosen im Juni, ihr schönsten von allen,
mit euren Herzen, sonnendurchdrungen,
Rosen, in denen Wucht und Stille sich ballen,
leicht wie Vögel, die sich im Flug auf Zweige geschwungen.
Rosen im Juni und Juli, aufrecht und unverbraucht,
Münder, Küsse, in jähe Erregung getaucht
oder schlummernd im wiegenden Wind,
Liebkosung von Schatten und Gold, die über den Garten rinnt.
Rosen stummen Glühens, weichen Wollens Flaum,
Rosen der Wonne in euren Miedern aus Schaum,
die ihr die Tage hohen Sommers hinbringt,
euch zu lieben, während die Sonne singt.
Rosen des Lebens, der Frische, der Herrlichkeit, all unsre Rosen,
oh, wie euch unsere vielblättrigen Wünsche winken,
die im süßen Ermatten oder im bebenden Trinken
eins im andern sich lieben, aufrauschen und in den Schlaf sich kosen.

 

Sep 4 19

Der Weisheit goldenes Licht

Ginge weich die Knospe, Ledas Schoß,
auf vor eines Uhus Schielen?
Könnten Amoretten spielen
auf ergrauter Herzen dürrem Moos?

Spuckt auf Aphrodites Blumenbrust
schwarzen Auswurfs Gift ein Zwitter,
wirft ihn nicht der Sonnenritter
in die Gruft, Apollos Flammenlust?

Stürzte sich Narkissos schmelzbetört
in des Spiegels schönen Schrecken,
würde ihm entgegenblecken
eine Fratze, deren Blick verstört?

Häßlich ist geflecktes Angesicht,
mischt man Edle und Gemeine,
glimmen fader Lüste Weine,
Wahn verlacht der Weisheit goldnes Licht.

Schaben flüchten vor dem Lampenglanz,
doch vom Sommerblust geblendet,
der ins Blaue sich verschwendet,
schwingt der Düstre schief im Sensentanz.

 

Sep 3 19

Widerhall im Herz-Verlies

Dämmerung und stilles Abendrot,
sie sind uns geblieben,
Blüten ferner Lieben
sind zerstreut, die sanften Lieder tot.

Und die laue Lüfte küssten süß,
blauer Nächte Glocken,
die zur Einkehr locken,
sind ein Widerhall im Herz-Verlies.

Schatten und des Laubes dürrer Sang
sind, die auf uns warten
in dem alten Garten,
Stern der Höhe, zitternd blaß und bang.

Dämmerung und fahles Morgenrot,
sie sind uns geblieben,
alles, was wir lieben,
ist wie Mondes Glühen, das verloht.

 

Sep 2 19

Das Bild verschwimmt

Wie einer Rose weißes Blütenblatt
ist deine Hand herabgesunken,
vom tiefen Blau des Abends trunken
verzittert sich das Lid, ein Falter matt.

Das letzte Gold, das in der Locke glimmt,
ist wie Gesumm verirrter Bienen,
und die uns Liebesspiegel schienen,
die Augen dunkeln und das Bild verschwimmt.

Der golden aus geneigtem Kelch uns rann,
der Wein der Lippen ist vergossen,
was uns wie lichtes Grün umflossen,
liegt blind zerdrückt in dumpfen Schlafes Bann.

 

Sep 1 19

Stabat mater

Stabat mater dolorosa
Iuxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius;
Cuius animam gementem,
Contristantem et dolentem
Pertransivit gladius.

O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti.
Quae maerebat et dolebat,
Et tremebat, cum videbat
Nati poenas incliti.

Quis est homo, qui non fleret,
Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum filio?

Pro peccatis suae gentis
Iesum vidit in tormentis
Et flagellis subditum.
Vidit suum dulcem natum
Morientem, desolatum,
Cum emisit spiritum.

Eia, mater, fons amoris,
Me sentire vim doloris
Fac, ut tecum lugeam.
Fac, ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum,
Ut sibi complaceam.

Sancta mater, illud agas,
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.
Tui nati vulnerati,
Iam dignati pro me pati,
Poenas mecum divide.

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero.
Iuxta crucem tecum stare,
Te libenter sociare
In planctu desidero.

Virgo virginum praeclara,
Mihi iam non sis amara,
Fac me tecum plangere.
Fac, ut portem Christi mortem,
Passionis eius sortem
Et plagas recolere.

Fac me plagis vulnerari,
Cruce hac inebriari
Ob amorem filii.
Inflammatus et accensus,
Per te, virgo, sim defensus
In die iudicii.

Fac me cruce custodiri,
Morte Christi praemuniri,
Confoveri gratia.
Quando corpus morietur,
Fac ut animae donetur
Paradisi gloria.

 

Stand die Mutter schmerzerschüttert
unterm Kreuz, die Träne zittert,
als ihr lieber Sohn da hing.
Durch ihr Herz, das seufzend klagte,
Herz, das ihr vor Leid verzagte,
eines Schwertes Spitze ging.

Ach, von Trauer schwer beladen
war die Mutter voll der Gnaden,
die den Einzigen gebar.
Sie ergriff ein wehes Grauen
und erbebte, zu erschauen,
was des Hohen Ende war.

Wen würd Träne nicht berücken,
Christi Mutter zu erblicken
in der Marter so versteint?
Wer empfände kein Erbarmen
vor der Mutter voller Harmen,
die um ihren Liebsten weint?

Für des eignen Volkes Sünden
sieht sie sich am Holze winden
Jesus, den die Geißel schlug.
Sieht den Sohn, den vielgeliebten,
sterbend sieht sie den betrübten
tun den letzten Atemzug.

Mutter, du der Liebe Quelle,
mach mir das Empfinden helle,
daß dein Leiden mich durchdring.
Herzens Dürre mir entzünde,
daß ich Christi Liebe finde,
meinen Geist um seinen schling.

Hohe Mutter, jene Wunden,
die am Leib des Herrn wir finden,
präge meinem Herzen ein.
Laß die Wunden deines Sohnes,
edle Rosen seines Thrones,
Fülle meines Lebens sein.

Laß mich innig mit dir weinen,
Schmerz um Jesu soll uns einen,
bis an meiner Tage Ziel.
Mit dir eins am Kreuz zu stehen,
trauernd gern dir beizustehen,
treibt mich innerstes Gefühl.

Jungfrau in dem reinsten Kleide,
nimmer wär es mir zuleide,
sengt mich deiner Tränen Glut.
Laß mich Christi Tod mittragen,
gern von seinen Leiden sagen
und von seinem Opferblut.

Laß mich mit den Wunden bluten,
und am Kreuz soll mich durchfluten
Liebeswoge für den Sohn.
Ich sei Feuer, ich sei Flamme,
daß mich nicht der Zorn verdamme,
stehst du bei mir vor dem Thron.

Laß das Kreuz mich stets behüten,
Christi Tod den Sturm begüten
und mich ruhn im Gnadennest.
Muß der Leib einst auch vergehen,
hilf der Seele dann zu sehen
selig Paradieses Fest.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=K8-IrXDAm8I
https://www.youtube.com/watch?v=xHQVtYzjLao

 

Aug 31 19

Morgenzwielicht

Wie fällt auf der Erinnerung Ruinen
das Morgenzwielicht fahl,
sind Fenster fremd und kahl,
die warmen Flackerns Kerzen dir erschienen.

Wie auf dem schwarzen Halm die stumme Mücke
schleichst du am schiefen Ort
der Welt ins Leere fort,
doch ist kein Tau, der dich wie sie entzücke.

Und wenn vom falschen Kuß des Lichts die Scheiben
erglänzen nach und nach,
beugst du das Haupt in Schmach
vor jenen, die bei Sonnenknospen bleiben.

 

Aug 30 19

Gethsemane

Komm mit in jenes Gartens Dämmergrund,
wo schimmert fahl das Ölbaumblatt,
der trockene Herzen gewässert hat,
es schwebt der bittre Kelch vor seinem Mund.

Die Wolke, die am leeren Himmel loht,
sie bringt der Gnade Tropfen nicht,
der Tränenblick des Sohnes spricht
von Trauer über seines Vaters Tod.

Wo ist der edlen Frauen, der Jünger Schar,
die Geist vom Quell des Lichtes trank?
Sie liegt in Traumes Banden krank,
erwacht erst, sagt dem Holz der Hammer wahr.

Ins Tal der stummen Brunnen geht er hin,
verlorener Liebe sanfter Hirt,
es seufzt das Gras, die Mücke schwirrt,
das Fleisch blieb Finsternis wie im Beginn.

 

Aug 30 19

Der trockene Regen der Verse

Gedichtes Rosen duften nicht,
sie wurzeln nicht im Garten,
wohl tief aus dunklem Warten
die Knospe Wort ins Blaue bricht.

Wenn es im Metrendickicht gluckt,
war es ein trockner Regen,
das blinde Bild schenkt Segen,
hat es Apollos Blick durchzuckt.

Nur manchmal stapft ein fremder Hirt
durch Strophen holder Wiesen
und flötet von Paradiesen,
ein weicher Reim hat ihn verwirrt.

 

Aug 29 19

Dulders Angesicht

Preß die Stirne, halt das Ohr
an des Kreuzes Einsamkeit.
Bebt nicht deine Dunkelheit,
zieht kein Seufzen dich empor?

Hör, wie Wasser heller singt,
aller Himmel tunkt darein
seiner Schmerzen grauen Schein,
bis die Bläue ihm gelingt.

Tuch, gewebt aus Fäden Licht
glänzt wie Milch und Edelweiß,
Tuch, betropft von Angst und Schweiß,
zeigt des Dulders Angesicht.

 

Aug 28 19

Die letzte Aster

Vom Schnee des Mondes überhaucht
die kleinen Veilchen starben,
es neigen sich die Garben,
das Blut der Rosen ist verraucht.

Wir gehen durch das Stoppelfeld,
und deine Augen sagen,
was Herz und Mund nicht wagen,
verdüstert ist der Geist der Welt.

Und ist dein Haar auch aschengrau,
und keine Küsse lassen
die Wangen blühn, die blassen,
die letzte Aster schimmert blau.

 

Aug 27 19

Die Wasser glucksen

Die Wasser glucksen, süßen Atems Stocken,
Himmel fliederblaß,
Lilienwangen naß,
und Waldes Funken, die ins Freie locken.

Wir wollen wie Jasmin in Juninächten
uns verströmen ganz,
Tränen, uns der Glanz,
blaut ihr Veilchen, euch ins Haar zu flechten.

Laß knien uns im Schnee der bleichen Strahlen,
Born und Mund versiegt,
Mond, vom Schilf gewiegt,
bis Frührot Rosen schüttet aus den Schalen.

 

Aug 26 19

Sprache und Geschlecht

Eine sprachphilosophische Skizze

Welcher grimmige Herakles wird dereinst mit der unerbittlichen Forke den Augiasstall der Nation ausmisten und mit der gnadenlosen Keule ihre tönernen Götzen zerschlagen?

Der Moribunde, der sich aufgrund der Zersetzung seiner Hirnsubstanz an Wahnvorstellungen von seiner hohen moralischen Sendung berauscht, läßt sich über seinen wahren Zustand nicht mehr in Kenntnis setzen.

Dummheit kennt im Gegensatz zur Klugheit keine Grenzen, sie geht vor dem Widersinnigen und Paradoxen nicht in die Knie, ja wird vom Absurden noch beflügelt.

 

Die mit dem bösen Willen pathologisch verschmolzene Dummheit auf dem Gebiet der geschlechtsbezogenen Sprache wittert mit ihrem pervertierten Instinkt in der Verwendung des grammatischen Geschlechts die Herabminderung des natürlichen, im Gebrauch des generischen Maskulinums die Diskriminierung des Femininums.

Als wäre DER Backfisch oder DER Sopran EINE Weibsperson in verstümmelter Gestalt. DER dumme Vogel scheint den Beckmessern der korrekten Sprache ein besonderer sprachlicher Leckerbissen für DIE Katze auf dem heißen Blechdach der Gleichstellung zu sein und DAS Kind oder DAS Weib sich den Sprachkastraten gemäß seiner Geschlechtlichkeit zu schämen.

Sexualität ist bei zweigeschlechtlichen Organismen wie dem Menschen die Verschmelzung der männlichen und weiblichen Gameten, also von Spermium und Eizelle. Das Verhalten, das diesen biologischen Vorgang einleitet, begleitet und verwirklicht, nennen wir erotisch, einschließlich seiner imaginären Vergegenwärtigung in Träumen, Kunstwerken und Dichtungen.

Erotik mit Sex gleichzusetzen verrät das Niveau derer, die es mit Männern und Frauen ebenso halten.

Sprachliche Verlautbarungen über mentale Zustande im Licht unserer sexuellen Natur nennen wir Aussagen, die mittels Verwendung psychologischer Prädikate wie „verliebt“, „glücklich“ oder „eifersüchtig“ psychische Eigenschaften beschreiben oder einer Person zuschreiben; was wir umgangssprachlich Seelenleben auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit nennen, ist demnach ein Kürzel oder eine Abbreviatur des Inhalts von Aussagen wie: „Er hat sich in Helga verliebt“ oder: „Ich bin in Helga verliebt“; „Er ist aufgrund ihrer Liebesbekundungen glücklich“ oder: „Ich bin wegen ihres Kokettierens mit Peter eifersüchtig.“

Verliebtheit ist eine Neigung, sich auf die typische Art von Verliebten zu gebärden; sie erfüllt ein gestisches und sprachliches Muster.

Wir unterscheiden biologische Tatsachen wie die Tatsache, daß die menschliche Sexualität wie bei allen landlebenden Wirbeltieren durch innere Befruchtung gekennzeichnet ist, von psychologischen Tatsachen wie den Neigungen, Vorlieben und Wünschen von Männern und Frauen, die wir an durchschnittlichen Mustern ihres Verhaltens ablesen, zu denen wir auch das sprachliche Verhalten zählen.

Bekanntermaßen treffen wir auf eine semantische und epistemische Asymmetrie bei der Verwendung psychologischer Prädikate in deskriptiven Sätzen in der dritten Person (in den unterschiedlichen grammatischen Zeiten) und in Äußerungen der ersten Person Singular. Der Satz „Er ist in Helga verliebt“ verlangt bei Fragen nach einer Begründung die Angabe empirischer Belege, die wir der Beobachtung des Verhaltens der gemeinten Mannsperson entnehmen. Wir schauen, ob und wie der Betreffende das gestische und sprachliche Muster erfüllt, das typisch ist für Leute dieses Erregungszustandes. Anders bei dem Satz „Ich bin in Helga verliebt“: Hier fragen wir nicht nach dem Grund der Berechtigung der Selbstzuschreibung des psychologischen Prädikates „verliebt“ – denn jeder, der in Helga verliebt ist, kann den Satz umstandslos äußern.

Mag der Sprecher sich auch nicht ganz im Klaren sein über den Grad und Ernst seines Verliebtheitsgefühls – auch in diesem Falle wird er den Satz nicht wie eine Vermutung oder Hypothese ansehen, die er aufgrund der Beobachtung seines eigenen Verhaltens aufgestellt hat. Er hat nicht aus der Tatsache, daß er oft an Helga denkt, immer wieder fasziniert ihre Fotographie betrachtet und wenn ihr Name fällt, unwillkürlich errötet, auf die Tatsache geschlossen, daß er wohl in sie verliebt sein muß.

Offensichtlich können nur Männer und Frauen wechselseitig oder ineinander verliebt sein; die Berechtigung der Zuschreibung des psychologischen Prädikates „verliebt“ ist demnach nur im Rahmen der Zuschreibung des natürlichen Prädikates „Mann“ oder „Frau“ möglich.

Wir bemerken, wie bestimmte Kategorien unsere sprachrelativistischen Ontologien begründen, die sich logisch voraussetzen oder implizieren. Die Kategorie der psychologischen Prädikate auf dem Gebiet der geschlechtsbezogenen Sprache oder der Erotik setzt die Kategorie der natürlichen Prädikate voraus; ein Verliebter ist entweder ein Mann oder eine Frau. Doch nicht umgekehrt: Mann oder Frau zu sein impliziert nicht notwendig, verliebt zu sein.

Die Psychologie der Liebe ist eine Übersetzung der Physiologie der sexuellen Natur der Liebenden; doch kranken die Einträge im Wörterbuch an der Verschwommenheit der Metaphorik und der Unbestimmtheit der Bezugnahme. So können wir den Zustand der Verliebtheit nicht eindeutig einem spezifischen Hormonstatus zuschreiben und einen spezifischen Hormonstatus nicht immer eindeutig einem bestimmten Erleben und Empfinden, das wir Verliebtheit nennen.

Aussagen in der ersten Person Singular mit nichtpsychologischen Prädikaten kann man zur Bestätigung durch Aussagen in der dritten Person heranziehen; so würde die seltsame Aussage aus dem Munde Helgas: „Ich bin ein Mann“ durch die aufgrund der Beobachtung oder einer medizinischen Untersuchung leicht zu belegende Aussage widerlegt: „Sie ist eine Frau.“

Sollte allerdings die medizinische Untersuchung Helgas ergeben, daß sich ihr Hirnstoffwechsel und der Testosteronspiegel in ihrem Blut an den der männlichen Vertreter der Gattung angenähert haben, könnten wir zu dem Ergebnis kommen, daß in ihrer Selbstauskunft ein Körnchen Wahrheit enthalten ist, insofern sie keine Frau im Lichte der medizinischen Tatsachen zu sein scheint. Doch auch in diesem Falle verwandelten sich die natürlichen Prädikate Mann und Frau nicht in psychologische Prädikate, die wir uns aufgrund spontanen Selbstgefühls kriterienlos zuschreiben könnten. Die adäquate Form der Selbstauskunft wäre in diesem Falle daher die Aussage Helgas: „Ich fühle mich eher als Mann denn als Frau.“

Wenn wir erfahren, daß Helga eine geborene Meyer ist, wissen wir, daß ihr Vater Meyer heißt, ähnlich wie wir dem Namen Gaius Julius Caesar entnehmen, daß dieser Gaius väterlicherseits der altrömischen Sippe der Julier entstammt. Der Eigenname dient demnach im Kontext patrilinearer Abstammungskennzeichnungen sowohl der Identifikation der Person wie der Markierung ihrer Herkunft und ihres Geschlechts.

Sobald der kausale Zusammenhang zwischen Sexualakt und Zeugung erkannt ist, wird der Mann danach trachten, durch Überwachung der Frau die Abstammung ihrer Kinder als Träger seiner DNS zu sichern. Die patriarchalische Familie und die ihr aufgebürdete Kontrolle der Absicherung des männlichen Erbes im physischen, materiellen und kulturellen Sinn ist demnach keine Folge der Überlegenheit, sondern der Unsicherheit des Mannes (pater semper incertus).

Die kulturellen Unterschiede des familiären Lebens verschiedener Rassen und Ethnien wie Monogamie und Polygamie sind unter anderem eine Funktion der unterschiedlichen Normalverteilung des Testosteronspiegels und des zu diesem im umgekehrten Verhältnis stehenden durchschnittlichen Intelligenzquotienten ihrer männlichen Mitglieder. Aufgrund der dem Christentum entwachsenen westlichen Kultur und der sie kennzeichnenden Monogamie wird der Mann als verantwortlicher pater familias zu intelligenten Hochleistungen motiviert, mit denen er die Versorgung der Familie zu sichern bestrebt ist.

Die biologische Fähigkeit, weibliche primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zu entwickeln und befruchtungsfähige Eier zu generieren, eine Zygote im Uterus auszutragen und den nach neunmonatiger Schwangerschaft geborenen Säugling mit Muttermilch zu versorgen, prägt den Charakter oder die Psychologie der Frau, ebenso wie umgekehrt den Charakter des Mannes die Fähigkeit, in den Gonaden Spermien zu produzieren und sie über den Penis in die Vagina der Frau zu injizieren.

Eine wesentliche Ursache der biologischen und psychologischen Differenz der Geschlechter bildet nicht nur der Unterschied der sexuellen Organe, sondern nicht minder ihre unterschiedlich vernetzte und unterschiedlich mit Hormonen überschwemmte Hirnstruktur, was sich in jeweils spezifischen Verhaltensdispositionen, emotionalen Reaktionsmustern und intellektuellen Leistungsmerkmalen manifestiert.

Wir unterscheiden psychologische Prädikate, die sich aus den natürlichen Ressourcen des sexuellen Dimorphismus speisen wie „verliebt“ und „eifersüchtig“ vom Rest der psychologischen Prädikate, die wie „jähzornig“, „traurig“ oder „introvertiert“, aber auch „großherzig“, „engstirnig“ und „dumm“ auf allgemeine Merkmale der menschlichen Natur zurückgehen.

Von den psychologischen Prädikaten unterscheiden wir die sozialen Prädikate wie „verlobt“, „verheiratet“ und „geschieden“, die sich auf soziale Konventionen der Sprachgemeinschaft beziehen.

Zu guter Letzt bereichern unser Vokabular und unsere sprachliche Ontologie alle natürlichen Prädikate wie „Hund“, „Baum“ oder „Stern“, zu denen auch „Mann“ und „Frau“ gehören.

Die korrekte Verwendung von Prädikaten bemißt sich anhand spezifischer Kriterien, wie Angemessenheit, Wahrheit oder Sinnfälligkeit. Es ist angemessen und sinnfällig und entspricht der Wahrheit von jemandem zu sagen, er sei geschieden, wenn er verheiratet war und es jetzt nicht mehr ist (falls sein ehemaliger Ehepartner noch lebt). Es ist dagegen nicht angemessen und widersinnig (daher weder wahr noch falsch), von einem Hund zu sagen, er sei verlobt, oder von einem Baum, er sei eifersüchtig.

Wie gesehen gibt es psychologische Prädikate, deren Verwendung in der ersten Person Singular wir nicht anhand spezifischer Kriterien bemessen. Wenn Peter sagt: „Ich bin in Helga verliebt“, verstehen wir diesen Satz als Äußerung seines Empfindens, wenn wir ausschließen, daß Peter lügt oder verrückt ist (und also nicht weiß, was er sagt). Aufgrund der semantischen und epistemischen Asymmetrie zwischen Äußerungen der ersten und Aussagen in der dritten Person verstehen wir die Äußerung Peters: „Ich bin in Helga verliebt“ anders als den über Peter geäußerten Satz: „Er ist in Helga verliebt.“

Sind die Äußerungsbedingungen nicht in den Nebel der Zweideutigkeit gehüllt, wissen wir, wie es um Peter bestellt ist, wenn er seine Verliebtheit in Helga eingesteht. Doch der Satz: „Peter ist in Helga verliebt“ hat eher den Rang einer Vermutung oder Hypothese, wie wenn wir aufgrund von Peters Erröten, sobald die Sprache auf Helga kommt, sagen: „Peter ist wohl in Helga verliebt.“ Peter könnte aber auch erröten, weil er Helga gegenüber einen peinlichen Fauxpas begangen hat, dessen er sich schämt. Um die Wahrscheinlichkeit der Vermutung, Peter sei in Helga verliebt, zu erhärten, bedürfen wir neben der Beobachtung seines Errötens demnach weiterer Indizien, Anzeichen oder Symptome, die für das Gebaren und das Verhaltensmuster Verliebter typisch sind.

Sprachhandlungen sind normative Akte, insofern unsere Äußerungen Kriterien der korrekten Verwendung unterworfen sind und sich die Anwendung von psychologischen, sozialen oder natürlichen Prädikaten an der Beobachtung von Anzeichen und Symptomen ausrichtet, die im Verwendungskontext bereitliegen müssen.

Welche Verwendungskontexte könnten wir für die Aussage: „Er ist ein Mann“ oder: „Sie ist eine Frau“ ausfindig machen? Nur seltene oder exotische; so mag man zum nicht geringen Erstaunen in einer zwielichtigen Bar über das männliche Geschlecht einer effeminierten blondgelockten und grell geschminkten Person aufgeklärt werden. Ansonsten kommt die Hebamme oder Krankenschwester aus dem Kreißsaal zu dem aufgeregt wartenden Vater und verkündet: „Es ist ein Junge (ein Mädchen)“, eine Aussage, deren korrekte Verwendung auf die Beobachtung spezifischer Anzeichen und Symptome zurückgeht, wie einer Vagina oder eines Penis.

Die Zuschreibung des natürlichen Geschlechts durch Dritte erfolgt in Sätzen, deren korrekte Verwendung des jeweiligen deskriptiven Prädikats den relevanten medizinischen und physiologischen Kriterien gehorcht und durch einfache Beobachtung oder Diagnostik bis auf einen statistisch marginalen Rest (Zwitter) gut abgesichert werden kann.

Können wir einen Verwendungskontext ausfindig machen, in dem die Aussage: „Ich bin ein Mann (eine Frau)“ sinnvoll ist? Dieser Kontext wäre so exotisch und ungewöhnlich wie eine Situation, in der einer mit Verwunderung feststellt: „Das ist meine Hand!“ oder: „Das bin ja ich!“

Das Kind, das beim Spiel der aufeinandergepatschten und schnell wieder hervorgezogenen Hände seine Hand am Schluß gerade noch hervorzieht, könnte ausrufen: „Das ist meine Hand!“ Wer an einem Schaufenster vorbeigeht, könnte vielleicht, überrascht von seinem undeutlich oder verzerrt reflektierten Spiegelbild, ausrufen: „Das bin ja ich!“ Doch wer, es sei denn ein Verrückter, tritt vor den Spiegel und ruft überrascht aus: „Ich bin ja ein Mann (eine Frau)!“?

Freilich, die Äußerung des übergriffigen Zeitgenossen „Ich bin halt ein Mann!“, wenn er seine Hand unvermittelt über das Knie der Frau schiebt, die sich neben ihm auf dem Barhocker rekelt, und sollte es in seiner gewagten Blöße noch so locken, lassen wir nicht als Entschuldigung gelten.

In der Äußerung „Ich bin halt ein Mann“ wird das natürliche Prädikat wider den Anschein als psychologisches Prädikat ähnlich wie die Eigenschaftswörter „männlich“, „mannhaft“ und „maskulin“ gebraucht, denn mit diesen Prädikaten wollen wir nicht das natürliche Geschlecht benennen und hervorheben, sondern Eigenschaften wie „mutig“, „entschlossen“, „draufgängerisch“. Analoges gilt für „fraulich“, „weiblich“ und „feminin“. Sätze mit solchen psychologischen Prädikaten sind keine auf Kriterien und Gründe nicht angewiesene Äußerungen, sondern Aussagen, für deren legitime Verwendung wir leicht auf Beobachtungen des Gebarens und Verhaltens hinweisen können. So nennen wir einen mädchenhaft ondulierten, leicht tänzelnden Mann feminin, auch wenn er diese Beschreibung als Selbstbeschreibung nicht gelten lassen würde.

Da „Mann“ und „Frau“ keine psychologischen Prädikate sind, können sie auch nicht in kriterienlosen Äußerungen des Selbstempfindens verwendet werden, wie die Prädikate in den Sätzen: „Ich bin in Helga verliebt“, „Mir ist kalt“ oder „Wie komisch das schmeckt!“

Zu glauben, man könne „Mann“ und „Frau“ wie psychologische Prädikate in Selbstzuschreibungen verwenden, die keinen Kriterien der Angemessenheit, Wahrheit und Sinnfälligkeit unterworfen sind und daher auch nicht von Dritten bezweifelt und korrigiert werden können, kommt der Meinung des Psychotikers gleich, der wähnt, er habe mit der Äußerung „Ich heiße Napoleon“ seinen wahren Namen genannt.

Selbst die scheinbar angemessene und wahre, wenn auch exotische Äußerung Helgas: „Ich bin eine Frau“ könnten wir aufgrund uns vorliegender medizinischer Befunde über ihren Hormonstatus in Frage stellen.

Wir markieren und betonen die wesentliche Differenz zwischen Äußerungen in der ersten Person Singular, die psychologische Prädikate verwenden, die sich der Sprecher selbst zuschreibt, wie die Äußerungen: „Ich bin verzagt“ oder: „Ich fühle mich von meinem Mann hintergangen“, von Aussagen in der dritten Person, die psychologische oder andere Prädikate verwenden, die einem Dritten, von dem die Rede ist, zugeschrieben werden, wie die Aussagen: „Das Verhalten seiner Frau hat ihn aus der Bahn geworfen“ oder: „Die Untreue ihres Mannes hat sie hart getroffen.“ Äußerungen der ersten Form bedürfen keiner Rechtfertigung durch Angabe von Gründen; Aussagen der letzten Art können auf Nachfrage durch Angabe von Gründen erhärtet oder falsifiziert werden.

Die Dummheit der Sprachverderber in Sachen politisch korrekter geschlechtsbezogener Sprache zeigt sich in der gänzlichen Unkenntnis dieses normativen Unterschieds der Satzverwendung sowie in der abstrusen Annahme, die Zuschreibung des natürlichen Geschlechts wäre der Selbstzuschreibung psychologischer Prädikate homolog und bedürfe demgemäß keiner Rechtfertigung und Begründung, sondern sei das Ergebnis einer vermeintlich freien Wahl.

Die Sprache ist aufgrund ihrer Grammatik ein normativ geordnetes Darstellungssystem, das je nach Ausdrucksfunktion unterschiedliche Kategorien mit ihren regionalen Ontologien bereithält, wie man an der Verwendung psychologischer, sozialer und natürlicher Prädikate sieht. Aber sie dient keinem übergeordneten Zweck, schon gar nicht dem der Gesinnungslenkung mittels sexualmoralisch korrekter Wortwahl.

Wenn wir sagen, wir gehen zum Bäcker, zum Arzt oder zum Anwalt, also das geschlechtsneutrale generische Maskulinum benutzen, schließen wir nicht aus, daß eine Frau die Brötchen gebacken hat und uns ein Mädchen den Kuchen über die Theke reicht, daß uns eine Ärztin untersucht oder eine rechtskundige Dame berät; wenn wir aber sagen, wir gehen zur Bäckerin, zur Ärztin oder zur Anwältin, schließen wir aus, daß uns ein männlicher Vertreter des Fachs in die Quere kommt.

Der Umstand, daß der Gebrauch höflicher Wendungen wie „meine Gnädigste“, „gnädige Frau“ oder „die Dame des Hauses“ außer Kurs gesetzt oder gar mit einem Sprechtabu behaftet worden ist, belegt die Paradoxie, daß die Frauenemanzipation zum Ikonoklasmus des würdigen Bildes der Frau geführt hat.

Wenn die Hausfrau und Mutter über Jahrzehnte als Magd des Mannes und Sklavin der Küche oder als Gebärmaschine verhöhnt und verunglimpft und den Frauen als allein seligmachendes und einzig lebenswertes Ideal die angebliche Selbstverwirklichung durch den Acht-Stunden-Arbeitstag eingeimpft worden ist; wenn zudem die gewachsene Sprache in ein groteskes Moralkorsett von unsinnigen Sprachregelungen gezwängt wird, um die natürliche Ordnung der Geschlechter zu verwirren und die tradierte Sittlichkeit des familiären Lebens zu zersetzen, sollte keiner sich über das fatale Ergebnis dieser ideologischen Vergiftung verwundern, nämlich das allmähliche Aussterben des eigenes Volkes. Indes, ist es eine von Dummheit oder von Bösartigkeit ins Absurde getriebene Paradoxie, wenn dieselben Leute die Invasion von Fremdvölkern als Erlösung vom Joch der eigenen kulturellen Identität bejubeln und sie gleichzeitig zur Bestandsrettung des eigenen Volkes verklären?

Die Sprache, die sie aus der Nacht der Trübsal wecken sollte, war nur Chloroform.

 

Aug 25 19

Laue Abendluft

Wenn sich die müden Augen netzen
beim blauen Glockenklang,
wie leicht und liebensbang
die Falter sich auf Mohnstaub setzen.

Du, geh mit mir durchs leise Klagen
der lauen Abendluft,
es seufzt der Veilchenduft,
was meine Lippen sich versagen.

Die Efeublätter, wie sie beben,
das dunkle Heimchen zirpt,
als ob die treue Liebe stirbt,
o Pollen, die aufs Wasser schweben.

Und perlen von den weichen Moosen
wie fremden Hauches Raub
die Träume in den Staub,
erblühen auf den Wolken Rosen.

 

Aug 24 19

Das bange Kind

Von basaltenen Fenstersimsen rannen
unter zarten Hauben Schnees
Frühlingsküsse süßen Wehs,
Waldes Dunst wie Milch, verdampft aus Kannen.

Flamme, die in feuchten Scheiten zischte,
Netze spann die Spinne Licht,
wo die Mücke Schatten sticht,
Pendelschläge, mit Seufzern untermischte.

Steckst du einen Zweig geweihter Palmen
an des Kreuzes Einsamkeit,
hörst du, wie es schreit,
Kind, umgittert von den schwarzen Halmen?

 

Aug 23 19

Die Heimat leuchtet fern

Wir wollen rohem Sinn entfliehen,
die Lerche ist verstummt,
die Liebe schleicht vermummt
an Mauern hin, wo Fratzen glühen.

So Lilien mit den Veilchen sprechen,
in stillen Abends Strahl,
bei Herzen, sehnsuchtsfahl,
dort wollen Dankes Brot wir brechen.

Die Heimat leuchtet fern in Auen,
von Engeln mild erhellt,
von Blüten weich gewellt,
die wir im Aug der Liebe schauen.

 

Aug 23 19

Die müden Mythomanen

Mythenfaulig stinkt ihr Pfuhl
von vergorenen Trauben,
wer will ihnen glauben
Harzgeruch von Irminsul?

Gleißender Verse schwarzer Aal
schlüpft durch taube Finger
müder Metrenschwinger.
Brillenguru nennt sich Baal.

Was des Atems Lücken stopft,
Dyspnoe-Gebresten,
Ring erborgter Questen,
der von Opern-Kunstblut tropft.

Sperrholz-Leier grell bemalt,
Sperber und Meduse,
aufgedunsene Muse,
hat Apollon bald zerstrahlt.

Was sie streuen deutschem Sang,
sind nur Jahrmarktrosen,
Wunden, die nicht glosen,
machen uns die Nächte lang.

 

Aug 22 19

Die blassen Herzen

O ihr einsam, Klänge holden Wehs,
als liefen Tränen immer,
geheimen Hauches Schimmer,
über Blütenwangen weichen Schnees.

Wie ist Himmels Aschenantlitz grau,
kein Vogel, der uns sänge,
was uns die Träume enge.
Wie schien früher Liebe Auge blau.

Kommt mit Südens Lüften salzumweht
des Feuers Scheide-Wetter,
ein Rauschen wilder Blätter,
o ihr blassen Herzen, wer besteht?

 

Aug 21 19

Sind noch Götter?

Sind noch Schwingen, weich zu hüllen,
uns, die Traumverwirrten,
sind noch sanfte Hirten,
wilde Herzen mit Gesang zu stillen?

Was mag durch die Nächte tragen,
gibt des Hoffens Osten
im Gebet zu kosten,
die am Abendrot verzagen?

Sind noch Götter, die mit Blitzen
uns von Fernen künden,
wo die Lieder münden,
blauen Eilands Blütenspitzen?

 

Aug 20 19

Aufflug der Kraniche

Wenn Kranichschreie Abschied meinen,
wird grünes Wasser grau.
Wie unterm Schmerzenstau
die zarten Veilchen einsam weinen.

Als wir durch weiche Schilfe glitten,
Geschwister im Schattenspiel,
schob seufzend sich der Kiel
auf schwarzen Sand, wo Wellen stritten.

So ließen wir die Ruder fahren,
und lagen Hand in Hand
an blauen Abgrunds Rand,
betört vom Glück der hohen Scharen.

 

Aug 19 19

Locken weicher Wasser

Die das lange Haar der Gräser kräuseln,
Locken weicher Wasser,
falber Dolden blasser
Widerschein und Mündens grünes Säuseln.

Laß uns mit den losen Blüten schwimmen,
unter uns der Leiden
Dunkelglanz von Weiden,
über uns wie Tränen Sternenglimmen.

Siehst du noch die Früchte, ungepflückte,
aus des Dämmers Zweigen
sich herniederneigen,
und wie Küsse schimmern, süß entrückte?

 

Aug 18 19

Winterliches Feld

Harte Stoppeln, Schattennarben auf den weißen
Wangen der Einsamkeit,
Schreie wahngeweiht,
Ratten, die sich ineinander blind verbeißen.

Hochgewehte Aschen waren Herbstes Sänge,
ausgetretene Glut,
ferner Liebe Blut,
schwarz versickernd in der Erde Totengänge.

Braune Puppen, die auf dürren Halmen schaukeln,
ungeschlüpfter Traum,
fühlen dunkel kaum,
wenn im kalten Mond die schönen Flocken gaukeln.

 

Aug 18 19

Verschneiter Garten

Unerfüllter Sehnsucht Käfer leuchten
auf der Ginsterwiese.
Käme Herbst und bliese
Flammen aus, die uns wie Herzen deuchten.

Stille Freude wird verschneitem Garten,
wo die kapriziösen
dunklen Triebe dösen,
keusche Flocke blüht an Wimpern, zarten.

Harsch gewiegt von blauen düftelosen
Himmeln fühlt der Baum
seine Säfte kaum,
einsam träumt der Erde Schoß von Rosen.

 

Aug 17 19

Der Teppich der Seele

Die rückwärts nur der Seele Teppich sehen,
bestürzt sind sie, verstört,
und findenʼs unerhört,
wie kreuz und quer die krausen Fäden gehen.

Die seine Blumenpracht und Ornamentik
im Mond-, im Sonnenlicht
voll tiefen Sinns besticht,
wie feuchtet goldnen Taues sich ihr Blick.

Dem Dichter tun sich beide Seiten kund,
vom Glück gebannter Strahl,
die Quasten wirrer Qual.
O wehes Lied, erblüht am trunknen Mund.

 

Aug 17 19

Die Angst der Welt

Fern verdämmert uns der Rosen Schein,
blauer Enzian,
leichten Sanges Schwan.
Tragen wir die Angst der Welt allein?

Blieb kein Wort, das golden sich ergießt
in den Kelch der Brust,
sanfter Tropfen Lust?
Gartenpforte, die sich kreischend schließt.

Ist kein Flügel, der ein Rauschen bringt
jener fernen Zeit
in die Einsamkeit,
Vogel, der im Schilf des Schlafes singt?

 

Aug 17 19

Die leeren Gänge der Erinnerung

Gelbe, rote Blätter treiben dort im Park
auf totem Dämmerteich,
es schimmern geistergleich
Aphrodites Brüste wie zerlaufener Quark.

In den leeren Gängen der Erinnerung,
im großen Spiegelsaal
liegt noch ein weißer Schal,
schweben keine Masken mehr im Walzerschwung.

Wispern zeugt von Lebenslust aus weichem Pelz,
bestreicht der Dielen Glanz
ein nackter Ringelschwanz,
Mäuseschwof, als blende noch der Geige Schmelz.

 

Aug 16 19

Ansichten eines reaktionären Melancholikers

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der rigide Anspruch von Rationalität und universeller Moral erzeugt im Labor der Metropolen die widrigsten und provinziellsten Monstren, die ihm Hohn sprechen und den Garaus machen.

Der kommende Bürgerkrieg der Ethnien könnte entweder zu ihrer lokalen und kulturellen Segregation und Regimen der Apartheid oder zur Aufrichtung eines europäischen Cäsarismus führen, der auf Bergen von Schädeln thronend die neue Pax Europaea verkündet.

Wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, war das Motiv Rassismus; im umgekehrten Falle brach sich die angestaute Wut eines schwer traumatisierten Opfers Bahn.

Schon der widrige Umstand, in Massenquartieren mit unbekannten Nachbarn hausen zu müssen, erweckt natürliche Haltungen von Abwehr und Mißtrauen; wenn aber Krethi und Plethi gezwungen wird, Haus und Hof, Wasser und Brot mit Ali und Hussein zu teilen, erzeugt dies natürlicherweise Ressentiments und Pogromstimmung.

Wenn wir mit Nietzsche und Spengler Kulturen unterschiedlichen und sich ausschließenden Regimen des Instinkts und der Triebmodellierung zuordnen, ob wir sie nun apollinisch, dionysisch oder faustisch nennen (der Name tut nichts zur Sache), folgt daraus, daß ihre in ein enges Quartier zusammengepferchten Träger im günstigsten Falle einander ignorieren und mit dem ironischen Lächeln dumpfen Überlegenheitsgefühls begegnen, im ungünstigsten Falle einander mißtrauisch beäugen oder die Köpfe einschlagen.

Wir fühlen es nicht mehr, daß wir uns uneigentlich ausdrücken, wenn wir vom Gesang der Vögel reden oder davon, daß das Hundchen an der Leine vor dem Supermarkt auf sein Frauchen warte.

Warten ist kein Erlebnis oder Seelenzustand wie der Schmerz oder die Furcht: Schmerz und Furcht haben eine gewisse Dauer und Intensität. Doch wenn ich auf dich warte, muß ich nicht ständig an dich denken – ich kann etwas lesen, ohne an dich zu denken, in der stillen Erwartung, daß es demnächst klingeln werde.

Kinder, die einen Ausflug auf einen Bauernhof machen, treffen sich nicht mit den Kühen, sondern treffen auf Kühe. Wenn wir uns mit jemandem treffen, gilt beispielsweise, daß der Betreffende uns erwartet oder auf uns wartet. Tiere warten auf niemand.

Der Hund an der Leine vor dem Supermarkt kann nicht hoffen, daß sein Frauchen, obwohl es schon geraume Zeit ausgeblieben ist, endlich wieder erscheinen werde.

Tiere warten weder auf jemanden noch hoffen sie auf etwas.

Der Pawlowsche Hund erwartet oder hofft nicht aufgrund des akustischen oder visuellen Signals, ihm werde gleich das leckere Futter gereicht. Das Signal wirkt als bedingter Reflex oder Auslöser einer Verhaltensweise wie Speichelabsonderung; der Speichelfluß ist ein internes Symptom dessen, was wir Appetit oder Hungergefühl nennen.

Wir fühlen nicht mehr, daß wir uns uneigentlich ausdrücken, wenn wir sagen, der Orang Utan baue sich abends aus abgerissenen Zweigen und Laub ein Schlafnest oder die Schimpansenhorde führe Krieg gegen ihre Nachbarn.

Tiere bauen nicht, sie wohnen und arbeiten nicht, sie führen weder Krieg gegeneinander noch leben sie mit ihren Nachbarn im Frieden.

Um Krieg führen zu können, muß man über den Begriff des Krieges verfügen und beispielsweise verstehen, was es heißt, eine Kriegserklärung zu machen.

Um Krieg zu führen, müssen wir über eine Sprache verfügen, in der wir die einen als Freunde und Bündnispartner, die anderen als Feinde bezeichnen.

Blütenpflanzen und Insekten leben in einer sexuellen Symbiose, sexuelle Befruchtung finden wir allenthalben im Tierreich, von den Fischen über die Vögel bis zu den Säugern; aber nur Menschen leben als Mann und Frau.

Es gibt nur zwei menschliche Geschlechter; der Rest sind Varianten oder Deformationen im Rahmen dieser Polarität.

Wir können auch sagen, wir existieren als geschlechtliche Wesen auf gewissen Punkten der Wahrscheinlichkeitskurve, die vom Ausgangspunkt des idealtypischen Mannes zum Endpunkt der idealtypischen Frau verläuft; wobei Mann und Frau eben biologische und psychische Idealtypen darstellen, die von keinem Exemplar rein und unvermischt dargestellt werden.

Seele und Geschlecht sind insofern eine Einheit, als idealtypisches Mannsein sowohl biologisch durch die Funktion der Samenproduktion und -ejakulation als auch psychologisch durch Formen der Expansion und Aggression ausgezeichnet ist; während idealtypisches Frausein sowohl biologisch durch die Funktion der Produktion fruchtbarer Eier und der Schwangerschaft als auch psychologisch durch Formen der Bewahrung und Hege ausgezeichnet ist.

Das väterliche Ideal bildet die Urformen der Religion des Lichts, der Höhe, des Wortes aus; das mütterliche Ideal die Urformen der Religion der Nacht, der Tiefe und des Schweigens.

Das Bild des Mannes greifen wir nur in der Reihe seiner kulturellen Variationen, im Herren von Haus und Hof, im Krieger und Priester, im Eigentümer und Erblasser, im Redner und Sänger. Entsprechend das Bild der Frau als Hüterin von Herd und Feuer, Ernährerin und Erzieherin, Erzählerin und Muse.

Ein jedes Bild ist mit seinem Schatten behaftet, der Herrscher und der Tyrann, der Krieger und der Zerstörer, der Priester und der Inquisitor, der Eigentümer und der Vergeuder des Erbes, der Redner und der Schwätzer, der Sänger und der Krakeeler.

Im Tierreich finden wir Männchen und Weibchen, aber weder Mann noch Frau in der kulturellen Funktion von Vater und Mutter.

Die Aufgaben des Erbes und des Erblassers im Rahmen der römisch-rechtlichen Sittlichkeit verpflichten den pater familias und den Herrscher darauf, die materiellen und kulturellen Güter der Familie, der Sippe, des Landes nicht nur zu pflegen und zu bewahren, sondern sie auch zu vermehren und den Nachkommen möglichst unbeschadet, ja glänzender zu überliefern.

Das Charisma der matrona als Hüterin und Hegerin des Hauses vermochte es auf lange Dauer das ungezügelte und von Natur gewalttätig-polygame Wesen des Mannes bisweilen im Gehäuse der Monogamie und der ehelichen Treue zu zähmen und zu kultivieren. Daß es in finsteren Ekstasen immer wieder ausbricht, zeigt die Chronik der Massaker und Vergewaltigungen.

Eine spezifische natürliche Mitgift der männlichen Mitglieder der weißen Rasse, die Fähigkeit zur Entfaltung einer formal nuancierten und logisch differenzierten Intelligenz, bahnte von der Logik des Aristoteles und der Geometrie des Euklid über die Algebraisierung der Mathematik durch Leibniz und Newton bis zur neuen Logik von Frege und Russell den Weg zur technischen Durchdringung der Weltzivilisation.

Die germanischen Eroberer wußten mit der komplexen Technik der römischen Wasserversorgung nichts anzufangen; in den verwahrlosten Wohnstätten begann es zu stinken. Der massenhafte Zustrom geistig minderbemittelter Mitglieder nichtweißer Kulturen führt unweigerlich zum Niedergang der westlichen Zivilisation; der Gestank des Niedergangs ist schon allerorten wahrnehmbar.

Das korrekte Ergebnis einer Addition oder Multiplikation beschreibt keine Tatsache in der Welt, sondern ist die Exemplifizierung normativer Vorgaben.

Auch die Logik und die Grammatik beschreiben keine Tatsachen in der Welt, von denen wir zu sagen geneigt wären, sie seien ideale Formen oder Paradigmen einer idealen Sprache.

Zu sagen, der Hund hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit seinem Herrchen, ist nicht falsch, weil wir unter dem Scanner im Hirn des Tieres nicht jene neuronalen Abläufe identifizieren könnten, die bei uns im analogen Falle der Erwartung eines Freundes statthaben; es ist unsinnig, weil wir psychologische Prädikate wie hoffen und erwarten nur auf Teilnehmer einer reziproken Kommunikation anwenden, bei der einer, der auf den anderen wartet, hofft, daß der Betreffende sich bemüht, seine Erwartung zu erfüllen, während dieser wiederum befürchtet, den anderen zu enttäuschen, würde er sie nicht erfüllen.

Das Kriterium für die Erfüllung einer Erwartung ist nicht die Kausalität eines seelischen Sättigungserlebnisses, sondern die grammatische Möglichkeit, den Satz „Er wartet darauf, daß sein Freund komme“ durch den Satz „Seine Erwartung wurde durch das Kommen seines Freundes erfüllt“ zu ersetzen.

Der Hund kann die Entschuldigung seines Herrchens, die erklären würde, weshalb er sich verspätet hat, nicht annehmen.

Erinnern ist kein Erlebnis oder ein innerer Seelenzustand, auch wenn es mit Erlebnissen und Seelenzuständen verknüpft sein mag.

Sich zu erinnern glauben, heißt nicht, sich zu erinnern.

Wenn ich mich zu erinnern glaube, gestern im Park eine Seerose gesehen zu haben, kannst du mich korrigieren und behaupten, es handele sich um eine Lilie. Ich glaube dir eher als meinem Gedächtnis, denn du bist Botaniker.

Kluge Biologen sind dumme Philosophen, wenn sie meinen, an den Veränderungen neuronaler Muster im Nervensystem einer Meeresschnecke dem Phänomen, das wir Erinnerung oder Gedächtnis nennen, auf die Spur gekommen zu sein, wenn diese Veränderungen aufgrund kausaler Wirkungen systematischer Reizstimulationen zustandegekommen sind. Erinnerung kann nicht mit einem kausalen Vorgang im neuronalen System identisch sein, sonst könnten wir nicht sagen, daß ich mich verrechne, wenn ich mich aufgrund einer systematischen, aber leider fehlerhaften Lernkonditionierung angesichts der Aufgabe einer Addition immer an dieselbe falsche Lösung erinnere.

Kein Dummkopf, der glaubt, Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, bemerkt oder stört sich an der Inkonsistenz, die darin liegt, daß er ohne Zuhilfenahme der begrifflichen Bipolarität von Mann und Frau, was er sagen will, nicht ausdrücken könnte; er könnte von einem dritten nicht reden, wenn er das erste und zweite Geschlecht nicht heimlich oder verschämt mitgezählt oder als natürliches Muster vorausgesetzt hätte.

Zu behaupten, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion ist ähnlich begrifflich konfus und abgeschmackt, wie zu behaupten, eigentlich sähen wir keine Stühle und Tische, Hunde und Katzen, sondern konstruierten, was wir so nennen, aus den visuellen Wahrnehmungen von Farbflecken, oder zu behaupten, wir hörten nicht eigentlich, was der andere sagt, sondern interpretierten seine Worte und Äußerungen aus der akustischen Wahrnehmung der von ihm ausgesandten Geräusche.

Ich sehe die Angst, die Scham, die Verlegenheit eines Menschen unmittelbar an seinem Gesichtsausdruck und seinen Gebärden; ich muß nicht aufgrund der sensorischen Daten, die mir die visuelle Wahrnehmung seines körperlichen Verhaltens liefert, auf einen inneren Geistes- oder Seelenzustand schließen.

Die Scham enthüllt sich gleichsam hemmungslos im plötzlichen Erröten. Natürlich könnte ich mich im Einzelfall irren, wenn es sich in Wahrheit um einen unterdrückten Wutausbruch handelt, aber nicht im Normalfall, wenn ich die Umstände berücksichtige, beispielsweise eine mir entfahrene verstörende Bemerkung oder das Auftauchen einer Person, die beim Betroffenen peinliche Erinnerungen wachruft.

Die Revolution der Denkungsart, wonach die Natur Kern und Schale, das Äußere die Manifestation des Inneren und die Grammatik ein kontingentes Apriori oder Normengeflecht unseres sprachlichen Weltumganges darstellen, ist mit den Namen Goethe, Nietzsche und Wittgenstein verbunden; die von ihr hervorgerufenen Verwerfungen alter Deutungsschichten und die Möglichkeiten eines neuen Denkens treten in der Gegenwart nur erst bruchstückhaft ans Licht.

 

Aug 15 19

Pflück von meinem Lied den roten Mohn

Schmeckst du Erde auf der Zunge schon,
knirschen dir im hastigen Biß
harte Körner der Bitternis,
pflück von meinem Lied den roten Mohn.

Ward dein Pfad des Ginsterlichts beraubt,
Falters bunte Seligkeit
trat die taube Sohle breit,
senk in Mohnes weichen Schoß das Haupt.

Wenn der Liebe Abschiedsblick dich traf,
o aus feuchter Augen Blau,
an den Wimpern hing schon Tau,
such in Mohnes Schatten dumpfen Schlaf.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=HbA5bp-26NA

 

Aug 14 19

Von Traumkristall umglost

Zarter Wasserfäden Schimmer fallen
in die Muscheln grüner Nacht,
Mondlicht hat ein Schaum gebracht.
Kühlen Rätselhauches Lippen lallen.

Weiße Blüten schwappen auf und nieder,
unter Locken sinkt Narziß
in des Spiegels zarten Riß.
Duftend kehrt im Blumenschoß er wieder.

Moose glimmen auf den Schwermutsteinen,
Tau ist herber Erde Trost,
hell von Traumkristall umglost.
Laßt uns mit den weichen Quellen weinen.

 

Aug 13 19

Der Liebe zarte Lettern

Wenn Dämmerdickichts Gnome ihre Zipfel-
mützen traurig schwenken,
magst du mein gedenken,
verrauschter Lieder kühler Ahornwipfel.

Wo sanft uns rannen von den Efeublättern
goldne Liebestränen,
magst aus Mondes Strähnen
du streifen meiner Liebe zarte Lettern.

Vertröpfeln überm grünen Schlaf der Moose
Pans durchschluchzte Röhren,
mag dich Hauch betören,
mein Liebesgruß vom Morgenrot der Rose.

 

Aug 12 19

Schmerzachat

Laß uns auf den Wal der Woge springen,
Geifers Lefzen,
Schaumes Seufzen,
wenn aus blauen Tiefen Schatten singen.

Nymphen wringen Zöpfe, Muscheln blenden,
Purpurschalen,
Qualspiralen,
Tritons Horn dreht Schlangen um die Lenden.

Wassers Schmerzachat ist Mondes Spiegel,
goldner Tropfen
weiches Klopfen,
und mein Lied schenkt uns den schwarzen Flügel.

 

Aug 11 19

Sanften Feuers Zungen

Wie wehen Duft des Abends Rosen hauchen,
ferner Firn der Hügel,
weißer Tauben Flügel,
will unser Herz ins Herz der Blumen tauchen.

Wenn Blüten in die Nacht des Wassers sinken,
Todes Lied vom Leben,
heller Schwäne Schweben,
will unser Mund vom Mund der Erde trinken.

Wie Falter ihren bangen Traum bekennen,
blumenleicht bezwungen,
sanften Feuers Zungen,
will unser Herz mit Rosenherzen brennen.

 

Aug 10 19

HIngegebenheiten

Wir wollen durch den grünen Dämmer schreiten,
auf Mooses Schoß, dem feuchten,
nur deine Locken leuchten,
die Herzen heiß von Hingegebenheiten.

Wie blau umhaucht sich Farn und Ferne weiten,
mag deiner Augen Glänzen
mein dunkles Wort ergänzen,
wenn unsre Herzen sanft durch Schilfe gleiten.

Wir wollen dort am Wasser Blumen breiten,
die wir am Ranft uns pflückten,
wir leicht vom Licht beglückten,
die Herzen weich vom leisen Fluß der Zeiten.

 

Aug 9 19

Metamorphosen

Die einsame Seele, sie gähnt.

Die auf dünnen Lianen des Wassers wandelt
zu Blumenschwestern des Lichts,
die Mücke ist selig.

Des grünen Echos Welle
hebt, ein Blatt, das rötlich erglänzt,
den singenden Mund
aufs Ufer der schweigsamen Moose.

Nackte Arme sind Stümpfe
ohne das ihnen entgegenwehende
Rauschen der Blätter.

Wangen, verrunzelten Äpfeln,
strafft die Furchen der Mond,
der sie ins weiche Wasser
des Abendlieds rollt.

Die müden Füße, gekitzelt
von neckenden Gräsern,
zucken zum Trommeln der Tropfen,
tänzeln mit Flammen
seufzender Rosen.

Die Herzen aber, sie knistern
wie entzündete Reiser sich zu,
und als käme ein barscher Hirt,
er stochert mit seinem Krummstab
im träumenden Feuer,
jetzt hebt er die aufgeschreckten Gluten
wie Masken des Winds
und stülpt sie über die schwarzen Büsche der Nacht.

Oder wie Käfer sprühen wir uns ins Dunkel,
wickeln die glühenden Fäden
unsrer luftigen Bahnen und Schneisen
umeinander zum lichten Knäuel,
bis die Eulenlider des Dämmers
Funke um Funke bedecken.

Oder der gelbe Azteke der Schlucht,
der Krieger blutiger Blumen,
reißt mit dem muschelgeschmückten Messer
aus Obsidian
den Schlummerumschlungnen
die Brust auf,
gedämpften Stöhnens Schale,
doch unsre Herzen sind schon
Nachtigallen,
die in Herthas Tempel entflattern,
leise bebend hocken wir
Flügel an Flügel
auf den Gesimsen des Traums,
unsre fernen Körper aber gleiten,
als wären sie unversehrt,
wie Schatten über das Wasser.

 

Aug 8 19

Die durchgeschnittene Seele

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Luft auf Straßen und Plätzen, in den Cafés und Straßenbahnen ist voller Wahnpartikel, die bei den meisten ungefiltert ins Hirn dringen.

Zeitgenössische Kunst ist der Anus der Politik, der sich im Rhythmus öffentlicher Erregung aus- und einstülpt.

Daß die heutigen Pfaffen spirituelle Kastraten sind, beweist ihre Kapitulation vor einem religiösen Massenwahn, der die von ihm Befallenen nötigt, mehrmals täglich rituell Staub zu fressen.

Milliarden von Bakterien im Darm des Leviathans.

Sublime Gedanken haben ihr Glitzern vom Schweiß der Passion.

Massengeschmack oder die Idolatrie der Servilen.

Untergang der heimischen Kultur? Ach ja, sie haben dir in den Garten geschissen und eine Hermesstatue geköpft.

Der wohlgelittene, besorgte Nachbar wird einem zuwider, wenn er einmal zu oft klingelt.

Daß sie keine Unterschiede gelten lassen – geistloser Stumpfsinn oder moralische Heuchelei, gleichviel.

Der seelische Unterschied oder besser gesagt der Graben zwischen Mann und Frau resultiert aus dem Unterschied ihrer Physiologie; die Anzahl der fruchtbaren Eier sind eine der Huld und Obhut anheimgestellte natürliche Mitgift, die Unzahl der Samen, die ein Mannesleben lang aus den Gonaden sprudeln, besteht aus Geißeltierchen, die sich verantwortungsblind durch den Morast jedweder Gemeinheit schlängeln.

Buschmann und Börsianer, Hindu und Kopfjäger, Ptolemäer und Kopernikaner, Dichter und Journalist – Männer und Frauen.

Wie viele Glaubensüberzeugungen sind Messer, die wie Lämmergeier über dem Fleisch der Unschuld schweben.

Moralischer Tropismus oder Sonnenkult des Guten – doch die Wurzeln treiben im Dunkel.

Wozu darüber nachsinnen, wie ein Volk mittels Amputation der leprösen Gliedmaßen zu retten wäre, wenn jede Nachricht über sein politisches und kulturelles Dahinsiechen einen darauf stößt, daß die Hirnsubstanz zerfressen ist.

Die Gemeinen verachten das Edle, die Häßlichen das Schöne, die Lasterhaften die Unschuld, die Söhne des Chaos die Ordnung, die innerlich Zerrissenen die musikalische Harmonie und die Enterbten den alten Reichtum.

Die Stupidität des städtischen Lebens hintern den synthetischen Gardinen, auf den zugemüllten Straßen, unter den verschmierten Häuserwänden und den obszönen Lautsprechern der Supermärkte, vor dem dämonischen Flimmern der Bildschirme.

Das wilde, schöne Leben der Kindheit auf dem Lande unter den Gesängen des Regens auf dem Dach der mütterlich bergenden Laube, dem Zucken der Blitze auf freiem Feld, den betörenden Düften des herbstlichen Gartens.

Die feinsinnig und feinmotorisch Vertieften, der Weber und die Näherin, der Töpfer und der Bildschnitzer, der Gärtner und der Stillebenmaler – sie sind die Bewahrenden; die von Blut, Herz und den Aromen des Lebens Emanzipierten, die Schreiber und Pamphletisten, die Intellektuellen und Journalisten, die Partei- und Sektenbonzen – sie sind die Zerstörer.

Die Pädagogen, die ihre Zöglinge dem Sturm der Zweifel und Ungewißheiten aussetzen und sie im Sumpf der Freizügigkeit und Orientierungslosigkeit untergehen lassen, sind die eigentlichen Kinderschänder.

Dem fatalen Schnauzbart sei Dank, er füllt noch den geistig Enterbten die innere Leere mit der Illusion moralischer Überlegenheit.

Wäre unsere nichtige Existenz wie jene Schattenrisse blutleerer, halbverwester Puppen – doch von den Faltern, die ihnen entschlüpft sein könnten, sehen wir nichts.

Welche Genialität hat in jenem begnadeten Volk das Auge aufgeschlagen für den erhabenen Triumph der dorischen und den stillen Wuchs der ionischen Säule, für den grenzenlosen Ozean epischen Rauschens und die feinen Düfte lyrischer Blüten?

Das trügerische Gewäsch der Philosophen von der Wahrheit, die wir leider wie eine schnöde Vorortbahn wieder einmal verpaßt oder wie kleine Fische mit einem Netz nicht einfangen konnten, dessen Maschen zu grob geraten sind.

Warum den Schlafwandler auf dem schmalen Grat mit einem Zuruf wecken, wird er doch aufgeschreckt das Gleichgewicht verlieren und in den Abgrund stürzen. – Soviel zum moralischen Ansinnen der Aufklärung.

Demokratische Kunst ist eine contradictio in adiecto.

Künstlerische Freiheit und Größe gedeihen nicht im Morast staatlicher Alimentierung und Bevormundung, wohl aber in der lichten Atmosphäre kunstsinnigen Mäzenatentums.

Die große Kunst, ob die hohe Lyrik eines Goethe und George oder die sinfonische Dichtung eines Beethoven, Bruckner und Mahler, durchzieht wie ein versteckt fließender Bach die üppig blühende Au die Reminiszenz volkstümlichen Sinnens, Sagens und Singens.

Mit dem Absterben der volkstümlichen Wurzeln verlischt auch die Blüte der hohen Kunst.

Der Traum der Kunst fluoresziert nicht in der Dämmerung wie ein Pilz auf dem morschen Stamm des Problematischen.

Es gibt keine tiefen Probleme oder unauflöslichen Fragen; was uns so vorkommt, sind Verknotungen unserer Sprache, in denen das Blut des Sinnes stockt.

Der heitere, gelöste Geist ist die Antwort, die den Dunst müßiger Fragen nach dem Sinn des Daseins lichtet.

Das unendlich aus und in sich mäandernde Band des keltischen Ornaments hat keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende.

Die kurzen Musikstücke Anton von Weberns sind der auf den irisierenden Tropfen des Augenblicks kondensierte lange Atem einer Sinfonie Mahlers oder Bruckners.

Schneide den Wurm entzwei, er ringelt sich weiter und wächst ins Ganze zurück; so auch die Seele, die wie die Mandelbrot-Menge oder die Monade des Leibniz in jedem ihrer Teile sich ganz enthält.

 

Aug 7 19

Mystische Lampe

Versöhnerin der Schatten,
die gleich zögernden Libellen
und somnambulen Faltern
auf deinen bunten Blumen schweben,
Blumen jener Gärten,
die wir aus Märchen kennen
und von bemalten Sonnenschirmen
trauriger Prinzessinnen
aus den galanten Gedichten Verlaines.

Den Atem der Gardine,
glühende Käfer ausseufzend,
gibst dem Schmerz der Seele du zurück,
dein Licht ist Trost,
der wie bernsteinhelles Harz
aus der Borke Bangen rinnt.

Den vom Tag der ächzenden Strahlen
allzu müden Augen,
die sich in dein warmes Abendsummen neigen,
betaust die Wimpern
du mit sanftem Traum.

Unter deinem runden Schirm
von Liebe zart beschworener Flammen
tritt der Tod als schöner Knabe
den Grauschopf an,
streicht mit kühler Hand
über die gefurchte Stirn
und schließt die Lider ihm,
die dünnen gemaserten Blätter
ausgeblühten Seins.

Auf deinen zart verwebten Schimmern
wandern der Liebeswonne
weiche Blicke wie Mücken
über das Wasser des Mondes
hin und wieder.

Laß uns, wenn im Dom der Nacht
rings die Kerzen nach und nach verlöschen
und wie ein Karfreitagstabernakel
das Dunkel die Tore der Abwesenheit öffnet,
Hand in Hand,
Wange an Wange,
Herz an Herz
unterm geisterhaften Frühlingshimmel
der bunten Lampe harren,
bis die Auferstehungsglocke tönt
und die Libellen, Käfer und Falter
ihre Flügel recken
und sich aus dem Bann des Glases
in die Lüfte schwingen.

 

Aug 6 19

Das leere Fenster

Wo am Fenstergriff die Pflanze hing
mit ihren fetten Sukkulentenwulsten
zwischen fraulich gerafften Gardinen,
saß oft wie eine Porzellanfigur
die kleine graue Katze
und sah mit faden Blicken einer Göttin
höhnisch mir durchs Vakuum der Iris,
auch wenn ich feixte
und die Zunge streckte,
den Ranzen auf dem Rücken
mit dem wollnen blauen Läppchen,
neckisch baumelnd an der Schiefertafel.

Einmal ragte dort der verschrobene Rumpf
einer dürren alten Frau,
sie preßte fast die Stirne an die Scheibe,
der Atem ihres Schimpfens malte Flecken,
der lange schwere Zopf,
den sie sich wand,
stob wieder auseinander,
ein Sturzbach voller weißem Schaum
und Tang von Schatten,
und drohte mir mit krummem Finger,
fauchend huschte die Katze vom Sims.

Eines Tages war das Fenster leer,
fort die Pflanze, die Gardinen,
nur das Band, das sie gerafft,
das rote Seidenband
hing nun schlaff am Fenstergriff.

Der helle Kalk des kahlen Raums
zerfloß wie Milch am trüben Glas.

Wo war die Katze?

Mehr hab ich nicht gedacht
und wußte plötzlich um die Leere,
die alle Wesen, alle Dinge
unwiederbringlich
in sich zurücknimmt,
als wär ihr Dasein Dunst,
von Mücken des Wahns durchwirrt,
vom Gift der Sonne zerfressen.

Sieh, wie im Morgengrauen
die feinen Nebel überm Wasser,
den seltsamen Gespensterrauch,
mit lässiger Gebärde
die kalte Majestät des Lichts zerstäubt.

 

Aug 5 19

Wir waren in der blauen Bucht

Schöner waren Nachmittage
voller Sonnenflecken,
die wie Purpurmücken
um den Brunnen zuckten,
die wie goldne Münzen
in das graue Wasser stürzten.

Wasser mit dem toten Schwanken
gelber Küsse, Birkenblättern.

Wir waren in der blauen Bucht,
die Herbst sich in die Wolken hauchte,
kleiner Vögel leiser Schrei.

Uns tropfte, was ihr Liebe nennt,
von dunkler Beeren Schlummer zu,
und was von Mund zu Munde rann,
war sanfter Flammen Wein.

Der Herzen Bangen ward gedämpft
im Farn des Abendwinds,
die Becher weißer Ackerwinden
füllten sich mit Wassern
geschmolzener Erinnerung,

Das zarte Fleisch der Wehmut,
dem keine Perle wuchs,
verschloß wie Muschelschalen
Geläut von Abendglocken.

Rührung kam uns wie ein Wehen,
das in Blättern Schatten weckt,
und abgelöster Tropfen zwei,
die Glanz in Glanz sich spiegeln,
fielen wir einander zu.

 

Aug 4 19

Blumenlied

Weißer, blauer Enzian,
der in weichen Mulden kauert,
zart bei nackten Steinen dauert,
deine Düfte bannen Pan.

Roter, gelber, schwarzer Mohn,
unterm Hauch des Mondes bebend,
ganz der Sonne Kuß sich gebend,
Falterträumen schwanker Thron.

Veilchen, hell- und dunkelblau,
schenkest hold den müden Seelen,
die umsonst die Stunden zählen,
feuchte Blicke einer Frau.

Rose schwebend auf dem Teich,
Tropfen, die an Lidern glimmen,
Blüten, die ins Dunkle schwimmen,
machest harte Augen weich.

Lilie unter Lächelns Bild,
Gnadenkind reicht sie der Reinen,
Gottes Engel müssen weinen,
hast den Schmerz mit Duft umhüllt.

 

Aug 2 19

Tritt ans Ufer sacht

Ruhig liegt der See
im moosigen Schoß der Nacht.
Komm, tritt ans Ufer sacht,
zitternd wie ein Reh.

Schaue, was dich rief,
im Wasser klagt der Strahl
des Monds von süßer Qual,
Seele still und tief.

O die Woge deckt
dir hold das Auge zu,
entatmend findet Ruh
Liebe roh geneckt.

Seegras schlingt sich rund
ums Antlitz lilienbleich
und Abschiedsküsse weich
sprudelt Abgrunds Mund.

 

Aug 1 19

Symbole der Dichtung

Wassers weiche Wange, die der Strahl der Sonne ritzt.

*

Kelch, gehalten unter eines Brunnens Mund.

*

Auge, das im Andrang eines Unsagbaren dunkelt.

*

Gras, das sich vorm Lied des Windes beugt.

*

Mund, der seine Knospe öffnet einem großen Ja.

*

Wolke, die nicht weiß, ob sie aus Sehnsucht,
ob aus Übermut in leisen Reimen
und im Tropfenglanz sich ausweint
überm Dämmern später Rosen.

*

Das wogende Haar und der Tropfen,
der in seinen Lockenwirbeln
wie ein Funke verlischt.

*

Das Ei des Monds, das aus dem Nest der Waldnacht rollt.

*

Voller Mond,
Brunnen,
dunkles Schluchzen.

*

Mond, und der Saum des Efeus brennt.

*

Mondes schmale Sichel,
die den blauen Abgrund mäht.

*

Sonnentupfen, Bienen des Lichts,
die auf dem Stamm der Buche schwirren.

*

Schatten, der zu Schatten von der Glut des Sommers singt.

*
Die trügerischen Rosen, die an Dämmers Saum der Schmerz sich pflückt.

*

Der Tropfen Harz, geronnen um die Knöchel einer Urzeit-Seele.

*

Phrasen und Dogmen des Wahns,
Verband um eine Wunde,
die ihn ständig näßt.

*

Schwamm des Geistes, gedörrt
unterm monotonen Singsang
heißen Wörterschwalls, geschält
durchs goldene Messer der Sonne
von der Borke des Schlafs.

*

Rose, die im Dunkel scheint,
Duft, der sanft den Schmerz umhüllt,
Rose, die im Dunkel weint,
Dorn, woran ein Tropfen schwillt.

*

Quelle, dunkler Erde helles Lied,
das in sanften Rätseln traumwirr rauscht,
Wasser, das vom Grund zum Abgrund flieht,
Quelle, der verloren Liebe lauscht.

*

Schnee auf äußersten Gipfeln des Schweigens,
Glanz unter Rosen göttlichen Neigens.

*

Des Hochwalds kühler Hauch,
wenn durch grünen Schlummers Stille
unterm zarten Fuß des Rehs
ein dürres Reisig knackt.

 

Jul 31 19

Ich und mein Schatten

Wir brauchten nicht viel, ich und mein Schatten,
den ich Bruder hieß und wieder Schwester,
ein Wasser, uns darin zu spiegeln,
wie wir uns die Köpfe tauschten,
einen Stein, der munter drüber flutschte:

Bist du der Stein, bin ich die Hand,
bin ich der Stein, sind wir gebannt,
grüner Strudel, der uns abwärts lockt,
blaue Tiefe, wo die Nixe hockt.

Mädchen, Strumpfhosenhochzieherinnen
mit Antilopenhufen, die über Gummischnüre
hüpften und auf den Lehmboden klatschten.
Sie röteten mir die Wangen mit ihren Reimen,
die wie Ohrfeigen auf mich niederprasselten:

Im Hexenhaus, da geht es lustig zu,
von selber bindet sich der rote Schuh,
von selber dreht der Löffel sich im Topf,
der Hexe flicht ein Gnom den roten Zopf.

Ich und mein Schatten suchten das Weite,
er saß mir auf der Schulter, sie ließ
die Beine baumeln, riß mir aus das Haar,
wir wateten durchs Wasser, uns stachen
Bremsen und Küsse, Vögel sangen:

Tirili, tirilo, schaut, dort gehn die zwei,
tirilo, tirili, oder sind es ihrer drei.
Euch des blauen Sommers Fülle,
euch die wehverlorne Stille!

 

Jul 30 19

Dies Land ist nicht mein Land

Die Ranken über der Laube
am glitschigen Saum einer Grube,
wo Schädel von Nachtigallen
und Knochen von Ungeborenen schimmern,
sind Zungen rußiger Flammen
und was sie lecken
sind Trauben schlafloser Augen.

Hier wandern Todesschreie
blasser Knaben, sommersprossiger Mädchen,
von Beduinen geschächtet und Mamelucken,
unterm blitzenden Halbmond gemäht,
vom Zischen der Ratten weiter und weiter gehetzt,
durch die Abflußrohre der Kloaken
in den Siphon der Westendküche,
wo ihr ersticktes Schluchzen
eines Rohköstlers Rülpsen übertönt.

Die weiße Muschel der Marienkapelle,
überwuchert von bacchischen Blättern,
von siechem Blumendunst erfüllt
und dem Zucken hilfloser Kerzen,
schwimmt auf dem Blutstrom der Nacht,
die bunten Scheiben erblinden
unterm Hohngelächter der Blitze,
und die Nacht, sie hat keine Ufer.

Hier starren runzlichte Gesichter,
Mottenkugeln unterm Lid,
aus den Schränken der Witwen,
blecken gelbe Gebisse der Ahnen
aus dem Ornament der Tapete,
der Einsamkeit ausgerissene Haare
wehen, wenn Nachtluft sie bläht,
in der Gardine des Dichters,
kindlichem Lächeln ausgerupfte Wimpern
kleben im verstaubten Album,
das ein betrunkener Bote
in den Schlitz des Traumes quetscht,
und auf der Terrasse sitzt
die mit Kassenzetteln und Rezepten
ausgestopfte Puppe einer Greisin
und leiert Namen um Namen,
Rose, Aster, Lilie, Flieder, Gladiole,
Tote ihres asphaltierten Gartens.

 

Jul 29 19

Brunnenheiliger

Steht noch, steht, aber schief,
als habe sich ihm in die Weiche
das harte Knie der Zeit gedrückt,
fleht noch, fleht, aber schrill,
wie ein im Dornicht verfangener Vogel,
der wild nach dem Muttertier schreit,
so verwuchs der Mund sich zum Schnabel,
als habe die Zange des Dämons
ihn scherzend gegen den Sinn gedreht.

Und in die einfache Schale,
die seine Demut noch hält,
doch mit verwitterter Hand,
dem Stummel eines Leprösen,
rinnt wie vor Zeiten der Strahl,
singt seinen Hymnus Kristall.

Der Rücken ist ihm zerfurcht,
zerklüftet vom Spottlied der Schauer,
von Elegien-Schnee verbrannt,
die Augen gab er dahin,
die blöden Tropfen der Liebe,
die schrecklichen Spiegel des Leids,
zusammensackte das Antlitz,
Sand vor den Wogen des Monds,
Teig unterm Walken des Lichts,
zum Ausdruck dümmlichen Staunens.

Und am Rand der einfachen Schale,
die er wie schlafend noch hält,
sitzt ein junger Sperling,
nippt vom Wasser des Lebens,
taucht ein und plustert sich frisch,
ein zwitschernder Schatten verweht.

 

Jul 28 19

Bleistiftskizzen

Schau diesen an, er sinkt ins Knie,
das Wandern hat ein Ende.
Und was heroisch er geschleppt
auf seiner krummen Schulter,
der Sack, er reißt nun auf und rings-
um purzeln tote Steine.

*

Hör diese an, sie zählt entrückt
die Blüten ihrer Jugend,
worauf sie tritt mit taubem Fuß,
ist Mohnes grüne Kapsel.
Die Poren seufzen auf und rings
tropft Milch auf schwarze Samen.

*

Drei Schwarze grinsen auf der Bank
bei einer hohen Eiche.
Sie lauschen Raunens Munde nicht,
das Blatt spricht hölderlinisch.
Sie glotzen auf ein Handy-Bild,
Flugsand der Wurzellosen.

*

Die weiße Elite, Pack im Frack,
grinst auf dem grünen Hügel,
ein nackter Mann-Weib-Neger tanzt
ein Venusberg-Durchwühler.
Sie blendet, was dem Gral entweht,
Treibsand der Heimatlosen.

 

Jul 26 19

Wenn deine Tränen mich im Schlafe netzen

Wenn deine Hand im Schlafe mir entgleitet
wie fortgeschwemmt ein dünnes Blatt,
ist meine Stirn ein Ufer kahl und glatt,
auf dem der Schmerz sein ödes Rauschen breitet.

Bog nicht des Abends Silberkantilene
in grünen Schilfen unsern Schlaf?
Dort, wo der Sichelmond sie traf,
schwillt auf der Schaum, zerfällt der Lenden Lehne.

Wenn deine Tränen mich im Schlafe netzen
wie weicher Knospen Schmerzenstau,
seh ich der Lilie hohen Flammenbau,
auf den der Dunkelfalter zwei sich setzen.

 

Jul 25 19

Wenn Knospen sich mit Tropfen füllen

Ist überm schmalen Saum, dem grünen,
uns noch ein Abendlicht gespart?
Als wäre dort das Atmen zart,
wenn Schatten uns zur Laube dienen.

Wenn Schatten uns zum Schlafe laden,
tut Traumes Rose auf den Schoß.
War nicht der Mond des Abschieds groß
auf unsern schmalen Abendpfaden?

Ist in dem Dämmer-Tal, dem stillen,
ein Wasser, das uns weich beweint?
Als wären wir von Duft umschreint,
wenn Knospen sich mit Tropfen füllen.

 

Jul 24 19

Die ethische Ursituation

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Noli me tangere – das wollen wir als urtümliche Forderung verstehen, aus der Recht und Moral entspringen.

Das animalische Verlangen nach der Unversehrtheit des Leibes und der Sicherung des primitiven Eigentums artikuliert und sedimentiert sich in Regeln, Vorschriften und Gebräuchen, die den sozialen Abstand regulieren und organisieren.

Soziale Nähe und Ferne sind habituell zu Haltungen geronnen, die wir Vertrauen und Mißtrauen nennen. Dem Freund reichen wir die Hand, dem Feind verschließen wir die Tür.

Vor der Differenz von Nähe und Ferne liegt die embryonale Situation des Eingetaucht- und Umhülltseins im mütterlichen Uterus. Die Mutter ist die Vertrauensinstanz, der wir blindlings, so sie uns wäscht und wickelt, säugt und wiegt, die Verfügungsgewalt über Leib und Leben anheimstellen.

Diese äußerste und gefahrvollste Form blinden Vertrauens und entäußerter Hingabe nährt unseren animalischen, wenn auch nicht sexuellen Begriff der Liebe.

Liebe kann man nicht vom Sexus her verstehen, aber gewiß nähren sich viele Formen gesunder und perverser Sexualität aus dem reinen oder vergifteten Brunnen der Liebe.

Das Maß des Vertrauens offenbart sich im Grad, in dem wir bereit und geneigt sind, uns von dem Vertrauten berühren lassen.

Die primitive Berührungsfurcht wird demnach nicht, wie Elias Canetti annahm, im paradoxen Sprung in die enthemmte Masse überwunden, sondern in dem durch Bräuche, Rituale und Gepflogenheiten abgedichteten Schutzraum sozialer Nahe- und Intimbeziehungen.

Vertrauen und Mißtrauen sind reziproke Begriffe, deren relationalen Sinn wir auf mannigfache Weise wiedergeben können, beispielweise wenn wir sagen, daß wir jemandem etwas anvertrauen können oder eben nicht anzuvertrauen wagen, etwa ein Geheimnis oder unser Haus, unseren Garten, unser Fahrrad, unser Kind.

Jemandem ein Gut anzuvertrauen impliziert das Versprechen und die Verpflichtung der Gegenseite, das anvertraute Gut unversehrt wieder auszuhändigen, auch wenn es nicht ausdrücklich in einem Sprechakt expliziert oder durch einen Vertrag festgesetzt worden ist. Hier fassen wir den noch informellen und vorinstitutionellen Grund der rechtlichen Obligation.

Die primitive Gestalt sozialer Nähe wird durch das Haus, das einmal eine Höhle oder Grotte war und auch ein Zelt, eine Baracke oder ein Container in Tokio sein kann, bezeichnet und symbolisiert. In der Behausung des Frühmenschen brennt ein Herdfeuer und sein Ein- und Ausgang wird von einem Hund bewacht oder vom Abwehrzauber von Schädeln und Fratzen. – Die Wärme des Feuers und seine gebändigte Gewalt, die das rohe Fleisch gar werden läßt, sind urtümlich und symbolisch mit der das Feuer hütenden Mutter und den über dem Herd ikonisch vergegenwärtigten Ahnengeistern verknüpft, die gefahrvolle Übergangszone der Schwelle mit der väterlichen Wachsamkeit und Gewalt.

Vater, der Mann, der zeugen und töten können muß.

Der Grund des Ethos liegt in der Natur des Menschen, insofern er in der frühesten Lebensphase auf Nahrung, Pflege und Schutz der Eltern angewiesen und von Kindesbeinen an Gefahren durch Übergriffe, Verletzungen und Irreführungen ausgesetzt ist.

Wenn wir nach den lautlichen und sprachlichen Urformen des menschlichen Ethos fragen, stoßen wir auf den Ausdruck des Dranges und Verlangens, der Bedürfnisse und Wünsche, die sich um Nahrung, Pflege und Schutz drehen; so hört die Mutter den Schrei des Kindes und versteht, daß es um Nahrung, Nähe, Trost bittet.

Der Ausdruck und die Sprache des natürlichen oder primitiven Ethos sind Bitten und Forderungen, Wünsche und Klagen, Ansprüche und Einsprüche. Das Kind meldet seine Forderungen dem Elternteil gegenüber an, von dem es ihre Erfüllung erwartet; oder besser gesagt, auf dessen Bereitschaft, seine Wünsche zu erfüllen, es vertraut.

Wird der Anspruch des Kindes nicht gehört, findet sein Hilfe-, Not- oder Klageruf kein Gehör oder wird die Verlautbarung seines Verlangens mißverstanden (weil die verwahrloste Mutter taub dagegen ist), wird sich eine Unsicherheit und ein Zwiespalt gegenüber seinen eigenen Wünschen und ihrer Artikulation im Kinde aufbauen, was im ungünstigen Fall sich pathologisch in Formen psychischer Unreife und Labilität oder gar einer dystonisch-schizothymen Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann.

Das unreife Selbst ist unfähig, seine Wünsche in angemessener Form und gegenüber den ihm nahestehenden und zugeneigten Sozialpartnern zu äußern oder sie überhaupt deutlich zu verspüren und lebhaft und energisch zu vergegenwärtigen, sodaß sie sich diffus und bis zur Unkenntlichkeit mit Ängsten und Selbstzweifeln vermischen. Aber der durch frühe Kränkung seelisch Erkrankte zeigt auch Unreife, wenn er in unangemessenen Situationen und die nötige soziale Nähe und Intimität verweigernden Personen gegenüber in übermäßig drängendem, ja bisweilen schrillem und hysterischem Maße seine Wünsche und Ansprüche zur Geltung bringt, ausagiert und einklagt.

So erkennen wir in der angemessenen Erfüllung der berechtigten Forderungen der ethischen Ursituation die Voraussetzung einer gesunden seelischen Entwicklung. Die Einschränkungen durch die Kriterien der Angemessenheit und des berechtigten Anspruchs sind deshalb wesentlich, weil die Überfütterung, Verhätschelung und Verzärtelung des Kinds sowie die gluckende Indulgenz und Willfährigkeit gegen seine maßlosen Ansprüche nicht weniger verstörend und neurotisierend wirken können als die unverhältnismäßige Härte kränkender Versagung.

Ethisch nennen wir die frühkindliche Situation, weil die sie strukturierenden Wünsche und Erfüllungen, Ansprüche und Antworten zwar biologischen Ursprungs, aber keine animalischen Reiz-Reaktions-Mechanismen, sondern von Erwartung, Absicht und gegenseitiger Spiegelung geprägte Weisen des Verstehens darstellen. Die ethische Ursituation der frühen Kindheit birgt den semantischen Keim, der sich in der sprachlichen Vollform von wechselseitigen Aufforderungen und Erwiderungen, von Fragen und Antworten, Rede und Widerrede entfalten kann.

Die ambivalente Position des Vaters als Hüter der Schwelle zeigt sich im Janusköpfigen seines und allen männlichen Wesens, hinaus- und hereinzublicken, nach draußen in für das Kind unbegreifliche Fernen aufzubrechen und heimzukehren – im Glücksfalle mit Geschenken und Geschichten. Das erregend-exotische Fluidum, das den Vater umgibt, kann auf unheimliche Weise faszinieren.

Die häusliche Kultur, die das Kind formt, ist ein mehr oder weniger harmonisch verschmolzenes Amalgam zwischen der Gruppe, welcher der Vater, und jener, welcher die Mutter entstammt. Spannungen und Konflikte zwischen diesen Gruppen werden meist auf Kosten des Kindes ausgetragen.

Aus DEMSELBEN Grund, warum es nicht DEN Vogel gibt, sondern Hühner, Spatzen, Enten, Raben und Nachtigallen, gibt es nicht DIE Sprache, sondern Latein, Deutsch, Russisch, Japanisch und Suaheli. Wie Vögel der Schnabel wächst gemäß dem Futter, das sie picken, so wächst den Völkern und Ethnien der Schnabel gemäß dem natürlichen und kulturellen Lebensraum, in dem sie ums Überleben kämpfen.

Argwohn und Mißtrauen gegen alles Fremde oder Xenophobie ist eine angeborene Disposition, die der Sicherung der eigenen Lebensform und Identität dient. Dies zu leugnen, ist ein Zeichen von öfters leider akademisch ausgezeichneter Dummheit, es mit vollmundiger Humanitätsrhetorik beschönigend zu verwischen oder denjenigen, der die schlichte Wahrheit auszusprechen wagt, zu verketzern, ein Zeichen von verantwortungsloser und gefährlicher Heuchelei.

Gründe, weswegen wir fallen: Wir verstehen den Freund nicht, der uns den rechten Weg am Abgrund vorbei weist, oder wir können seine Zeichen nicht lesen; derjenige, der uns den rechten Weg weisen möchte, ist nicht in der Lage, dies mittels eindeutiger und uns verständlicher Zeichen und Winke zu vollbringen; derjenige, der vorgibt, uns den rechten Weg zu weisen, kennt ihn selber nicht und ist ein falscher Priester und Scharlatan; derjenige, der uns vorgeblich den rechten Weg zeigt, ist ein uns feindlich gesinnter Lügner und Betrüger, der uns schaden und zu Fall bringen will.

Pater semper incertus. Das kleine Kind weiß manchmal nicht, ob der Mann, der das Haus verließ, derselbe ist, der wieder nach Hause kommt.

Dem Kind ist das Bild vom Vater bisweilen in Zwielicht getaucht.

Je weniger Familienähnlichkeiten die Sprachen in Lautung und Syntax aufweisen, umso ferner stehen sie zueinander in Hinsicht auf das, was Humboldt ihre innere Form und Weltansicht nannte.

Was würde der Rabe hören, vermöchte er dem Gesang der Nachtigall zu lauschen?

Der Rabe findet Wohlgefallen an seinem Krächzen, wenn es uns auch garstig dünkt.

Die Familie oder die ethische Ursituation erhält ihren Sinn nur als Glied in der Kette der Generationen.

Zeugung und schöpferische Tat – der Rest ist stille Ergebung in das Unzulängliche oder Ödnis des Weiterlebenmüssens.

Die Familie ist die natürliche Lehrerin der Muttersprache und die wichtigste Übermittlerin der kulturellen Techniken und des primären Ethos, das die Bräuche und Sitten der Gruppe für die Nachkommen verbindlich macht.

Nach dem Grad der Verschiedenheit der Sprachen hinsichtlich ihrer inneren Form und Weltansicht bemißt sich die lokal und kulturell verteilte Variationsbreite des familialen Ethos.

Sowohl sehr entfernte als auch allzu nahe genetische Verwandtschaft der Elternteile führen zu ungünstigen oder minderwertigen Genmischungen bei der Nachkommenschaft. Deshalb hat das familiale Ethos auch die Selektion der generativen Partner mittels Steuerung von sozialer Nähe und Ferne zu bewältigen. Dabei muß der Degeneration aufgrund von Inzest nicht eigens durch Verinnerlichung eines Tabus vorgebeugt werden; die frisch aufkeimenden Neigungen und Leidenschaften klettern von sich aus gerne über den Gartenzaun und über Gräben und Mauern.

Ödipus und Elektra, Inzesttabu und Kastrationsangst – Schreckgesichter von Medusen und Megären, die durch das ornamentale Schlinggewächs des Wiener Jugendstils auf feine Damen im atemraubenden Korsett und eitle Snobs mit zartem Oberlippenbart in mit grünem Samt und Brokat ausgeschlagenen Salons starren.

Die Schwarze, die an blauen Fjorden friert und kein Wort für das Schneegestöber hat; der Eskimo, der im Schweiße seines Angesichts sein Iglu vergebens im Wüstensand zu fixieren versucht.

Jedes tragende Ethos ist lokal, provinziell und engstirnig; der Kopfjäger hat keine schlechteren Motive als der Vegetarier.

Gewiß finden wir in gewachsenen, hierarchischen, ausdifferenzierten Institutionen wie im Militärwesen, der Verwaltung, dem Großunternehmen jeweils adaptive und formalisierte Regelwerke und Kodizes des Verhaltens; doch ebenso wie in ihnen die Sprache gesprochen wird, die jeder im familiären Zusammenhang erlernt hat, nur mit einem erweiterten und ausgeklügelten Wortschatz, müssen ihre Angehörigen die Lehrjahre im Elternhaus erfolgreich absolviert haben, sollen sie in den offiziellen Kreisen nicht versagen.

Bei denen, die sich das Gesamtwohl der Menschheit angelegen sein lassen, verhungert während ihrer Vortragsreise zur Bekehrung der Ungläubigen der Kanarienvogel in der Küche.

Ein Wüstenprophet mit Sonnenstich verkündet die welterlösende Kraft des Rituals seines Waschzwangs.

Doch ein paar Philosophen aus der hessischen Provinz übertreffen ihn noch durch die hybride Annahme, ihr Dialekt-Kauderwelsch sei die moralische Lingua franca.

 



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