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Nov 30 19

Wenn fern die dunklen Wasser weinen

Was unterm Strahl gereift zum feuchten Glanz,
muß lang im Dämmerlichte gären,
es sprüht der weichen Wogen Schattentanz
vom bunten Licht der letzten Fähren.

Wie sänftiget des Dichters milder Wein
die wilde Schwermut, die wir fühlen,
tief unterm Sichelmond allein,
o goldne Tropfen, unsern Schmerz zu kühlen.

Sind Augen nicht in blauen Abends Grund,
die uns mit hellen Tränen scheinen?
Wie lauschet unser Herz von Sehnsucht wund,
wenn fern die dunklen Wasser weinen.

 

Nov 29 19

Aschenwolken wehen Nacht

Aschenwolken wehen Nacht,
Schatten wandeln auf den Wegen,
Kreuz, das dunkler ragend fragt:
„Blutete mein Holz nicht Segen?“

Ausgeglühten Lebens Blatt,
fahler Tanz auf schwarzem Wasser,
Herz, das leiser schlagend klagt:
„Wie wird liebes Antlitz blasser.“

Echo stirbt im Brunnenschacht,
wo die Wünsche untergingen,
Mund, der sich verschließend sagt:
„Stumm bleib ich bei stummen Dingen.“

 

Nov 28 19

Was Liebe fragt

An einem grob gestutzten Stecken
hält sich die Rose eine Weile –
gab so mein Herz dir einen Sommer
leichten Aufruhns für dein Lächeln?

Der Kreise schreibt, der Wassertropfen,
sie weiten sich in sanften Wellen –
gab so mein Atem deinem Fühlen
weiches Zittern, leises Lächeln?

Auf Wassern treibend, Mondes Blüte,
die rasch verblaßt auf grünen Wellen –
gab so mein Auge dir den Spiegel
sanften Aufschauns für ein Lächeln?

 

Nov 27 19

Der Kranz

Wie kleines Dasein Güte hebt,
wenn wir zu schönem Kranze binden
des Sommers Grün, den Schmerz ins Licht
von Blüten, weißen Sternen, winden.

Und weihen ihn dem schwarzen Stein,
worauf wir Namen meißeln ließen,
die unsres Herzens Mitternacht
erhellen, Monde, die zerfließen.

Wie graues Dasein Sonne lockt,
mit Reben höher sich zu ranken,
in goldner Trauben feuchtem Glanz
dem grenzenlosen Blau zu danken.

Und funkeln Blicke uns im Wein,
der Liebe lang versunkne Sonnen,
umkränzet unser Herz ein Laub,
dem Flammen aus der Nacht geronnen.

 

Nov 26 19

Als weiße Flügel Ferne tranken

Als weiße Flügel Ferne tranken
über letztem Rosenglühen,
wollte ich mit ihnen fliehen,
als weiße Flügel Ferne tranken.

Beim Schneien von Magnolienblüten
über mondbetauten Steinen
wollte ich mit ihnen weinen,
beim Schneien von Magnolienblüten.

Beim Niedersinken kleiner Falter
über brunnengrünen Scherben
wollte ich mit ihnen sterben,
beim Niedersinken kleiner Falter.

Als deine hellen Tränen rannen
über veilchenblasse Wangen,
nährten sie mein dunkles Bangen,
als deine hellen Tränen rannen.

Als kleine Falter niedersanken
und Magnolienblüten schneiten,
wollte ich ins Blaue gleiten,
wo weiße Flügel Ferne tranken.

Als dunkel lag des Abschieds Schwelle,
gaben deine veilchenfeuchten
Wangen mir ihr schwaches Leuchten,
als dunkel lag des Abschieds Schwelle.

 

Nov 26 19

Torheit, Weisheit, Liebe

Torheit fragt, warum ins Licht sich reckt
Baum und Blume, Liebeslieder
blauen Himmel spiegeln, Dunkel schreckt
Herz und Hoffen, tropft es nieder.

Weisheit sieht, wie hell auf Schatten schwimmt
Sang der Nachtigallen, Tränen
Abgrunds Samt begeisten, Traumgras glimmt,
überschwirrtʼs ein Flügelschlag von Schwänen.

Liebe ahnt, erglüht im Zwielicht Schnee,
Purpurrosen und die blauen,
weichen Wassers Blicke, wie ihr Weh
sanften Hauches Veilchen tauen.

 

Nov 25 19

Abwärts schwebend

Abgepflückt
von kalten Windes
spitzen Lippen
rotes Ahornblatt
am wilden Kuß
verglühtes Herz
des Sommertags
Opferflamme
die erlischt
abwärts schwebend
sahest ja das Totenmal
des vollen Monds
und blutig drunten
der Turteltaube
zarten Flaum
die Herbstnacht
fängt dich nicht mehr auf
in ihrer zitternd
hingehaltnen Bettlerschale
dem treu gedient
dein Grünen
dein Säuseln
in der blauen Luft
der Erde hohem Baum
sagt dein graziöses
Niedertaumeln
Lebewohl
nur die blasse Malve
leise schwankend
fühlt es
wie du sanft
im Gras versinkst

 

Nov 24 19

Blauend blaß aus Übergängen

Blauend blaß aus Übergängen
zwischen Schlaf und Gras
flirrend Flieders Überhängen.
Wasser, grünes Glas.

Tropfenüberklungne Stunden,
dunklen Schluchzens Moos
und mit Efeu schmerzumwunden
Grabstein namenlos.

Pochen stockt, wie Kinderschritte
rasch verschluckt vom Schnee,
weich, als ob ins Dunkel glitte,
was dir tat so weh.

 

Nov 23 19

Hoffe nicht auf Wiederkehr

Leide, doch leide nicht zu sehr.
Du gehst hinab ins dunkle Schweigen,
wenn sich die späten Rosen neigen.
Hoffe nicht auf Wiederkehr.

Singe Schaum und grüne Flut.
Am Ufer, wo die Lilien winken,
wird dir das schmale Boot versinken.
Hohe Woge löscht die Glut.

Gehe hin, doch nicht mehr her.
Der Weg, wo du den Duft getrunken,
ist bald im tiefen Schnee versunken.
Hoffe nicht auf Wiederkehr.

 

Nov 23 19

Rotes Ahornblatt

Rotes Ahornblatt
von Sonnen ausgeglüht
von Liebesqual
das von seinem Zweig
ein Seufzen löst
ein Hauch der Nacht
und sein Torkeln schimmert
des Monds Gespielin
für eine kleine Weile
stillen Schwebens
abwärts gaukelnd
und tastet nicht nach Halt
am Blick der Schwestern
abwärts tänzelnd
im vollkommnen Tanz
des Niedersinkens
o letztes Glück
der Erde dunklen Schoß
leise sterbend
leise küssen

 

Nov 22 19

Wir gehen in die Abendstrahlen

Wir gehen in die Abendstrahlen
des Sommergartens, still versinken
im Lindenduft die süßen Qualen,
die wir aus feuchten Blicken trinken.

Wir sitzen auf den Marmorsteinen
und lauschen, könnten sie uns stillen,
wie Brunnen sich ins Dunkel weinen,
sich schluchzend Schalen überfüllen.

Verklungen ist das Spiel der Wasser,
des Dämmers Milch vertropft an Rinden
und unsre Schatten werden blasser,
bis sie im vollen Mond verschwinden.

 

Nov 22 19

Ein weißes Blütenblatt

Ein weißes Blütenblatt
fiel auf das zarte Grün,
wie schlug dein Herz so matt,
als weiß das Blatt dort schien.

Ein leiser Hauch der Nacht
verwehte ihren Duft,
du hast so lang gewacht,
doch fade blieb die Luft.

Wie macht der Wellenschlag
an dunkle Ufer bang,
wie kurz der Sommertag,
die Sommernacht wie lang.

 

Nov 21 19

Dionysos, so fern

Es war so still, nur Schatten schwebten.
Im Gras wir beide, Frau und Mann,
und ungestillt die Herzen bebten,
bis Mondes kalte Milch zerrann.

Die Worte lagen rings wie Trauben,
noch unreif und rasch ausgespien,
die Küsse wollten es nicht glauben,
daß Lieder in die Bläue fliehn.

So hieß der ferne Gott uns schweigen,
der dunkle Glut im Wein entfacht,
ihm tropft ein Glanz von Efeuzweigen,
wenn ihm der Mund des Sanges lacht.

 

Nov 21 19

Schmelzende Eisblumen

Schöne Ranken an den Fensterscheiben,
Frostes weiße Blumen, unfruchtbar,
die nicht blühen und nicht lange bleiben,
ihr erstarrter Traum ist schmerzensklar.

Wenn sie dann im Frühlingswinde weinen,
ein kristallnes Herz verrinnt so leicht,
ohne Seufzen schmilzt ihr blasses Scheinen,
ist es wahr: auch unser Herz erbleicht.

Fließt der Blick erfrischt durch reine Gläser,
Himmels Fahnen flattern wasserblau,
sehen wir im Hof die dürren Gräser,
möchten weinend auch zergehn im Tau.

 

Nov 20 19

Der Weg im Abendlicht ist nicht mehr weit

Der Weg im Abendlicht ist nicht mehr weit,
schon will der Blick ins Dämmer-Tal erblinden,
wo zarte Schimmer noch vom Leben künden,
als sprühte fallend ferner Liebe letztes Scheit.

Ein Schauer löst sich jäh vom dunklen Laub.
War es ein Vogel, den dein Kommen scheuchte,
war es des Sommers schwermutsüße Feuchte?
Dein Herz ist für das helle Rieseln taub.

So legst du dich ins Gras, die Wimper kann
die blaue Flut der Nacht nicht lange halten,
du willst in fremder Sterne Blick erkalten,
und zum Kristall erstarrt, was Liebe sann.

Wie dunkler Sang aus dunklen Quellen trinkt.
Die Stimmen, die in hohen Kronen wogen,
sie sind an jene Ufer schon gezogen,
wo unter Asphodelen sie dir winkt.

 

Nov 20 19

Gang ins Schweigen

Wir haben nun nicht weite Ziele mehr,
der Abend steht schon grau und blütenlos,
wir sind vor weichem Seufzen ohne Wehr,
das aus den Wiesen steigt, der Erde Schoß.

Was geisterhaft auf jenem Hügel thront,
gießt unsern müden Herzen keinen Tau,
ins Tal, das wir nicht sehen, rollt der Mond,
die alte Nacht verschließt den Weltenbau.

So bleibt uns nur zum dunklen Liebeslicht
der treuen Blicke zarter Wechseltausch,
einander schöpfend Glanz ins Angesicht
verebbt in Schweigen Wort und Kuß und Rausch.

 

Nov 19 19

Du warst der Blume leises Bitten

Du warst der Blume leises Bitten
nach Tränen, die den Blick verhüllen
vor Sichelmondes stummen Schnitten,
mit stillem Glanz das Auge füllen.

Du warst der Duft aus blauem Süden,
was weiche Wasser dunkel sagen
den Sanften und den Weinens Müden,
war dein Gesang in Sommertagen.

Wie Tropfen, die im Schneelicht zittern,
ein Lindenblatt in alten Briefen,
sind hingestreut in blinden Splittern
die Bilder, die im Innern schliefen.

Du warst der Blume leises Bitten
nach Tränen, die im Herzen quellen,
o daß sie nicht umsonst gelitten
und meine Tränen sie erhellen.

 

Nov 18 19

Die zerbrochene Äolsharfe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Gründe, Vernunft, Argumente, Theorien: Fetische der Philosophen, die mit ihnen – vergebens – die fatalen Wahrheit verdecken und bannen wollen, daß wir grundlos leben und nur in Zweifelsfällen wägen, was wir tun und sagen.

Wir reden so dahin, ohne zu wissen, was wir sagen.

Auch wenn wir nicht gemäß dem rationalen Muster leben und handeln und reden, wie es die Philosophen von Sokrates bis Kant und Habermas gutheißen oder uns vorschreiben, folgt daraus nicht, daß wir Gefahr liefen, wie Musikautomaten angesehen zu werden oder Papageien einer eingebauten biologischen Partitur.

Die Philosophen lassen sich vom verführerischen Bild des Grunds und Fundamentes, auf dem ein Gebäude steht, gern zu theoretischen Annahmen letzter Begründungen inspirieren; doch das Firmament und Himmelszelt ruht nirgends auf, die Gestirne schweben gleichsam losgelöst und frei im Leeren.

Wir spielen, voller Unschuld, doch manchmal mit tödlichen Folgen, Schicksal miteinander.

Wenn die soziale Maske auf das biologische Muster paßt, verstehen wir einander wie Mann und Frau oder Kinder und Greise intuitiv.

Die perfideste Rache: den anderen in den Wahnsinn treiben.

Der perfekte Mord: den anderen in den Selbstmord treiben.

Ikonographie des Alltags: Das Kind läuft dem roten Ball nach, die Alte schiebt ihren Rollator vom Supermarkt, der Bettler hält die Schale hin.

Grundformen der Kommunikation: zwei, die Güter tauschen oder Worte; einer schenkt dem anderen ein Gut oder ein erfreuliches Wort; einer raubt dem anderen sein Gut oder die Möglichkeit, sich auszudrücken; einer raubt dem anderen sein Gut und zerstört es.

Tausch, Gabe, Raub und Zerstörung bilden die Bilanz der menschlichen Kommunikation.

Aller Ehren wert ist die Illusion der Unsterblichkeit der Seele, wenn sie sich aus der Hoffnung nährt, den vom Tod aus den Armen gerissenen Geliebten wiederzusehen.

Bedenklich, ja verächtlich ist diese Illusion, wenn sie aus dem Ressentiment des gekränkten, zukurzgekommenen und übervorteilten Lebens aufkeimt, um seine jenseitige Rache an dem stärkeren, reicheren oder verbrecherischen Leben zu ermöglichen.

Die dumpfe Hefe der Religionen gärt vom Ressentiment der Rache und Vergeltung.

Was sollen dem alten Weib, das mit zitternder Hand in der Gnadenkapelle eine Kerze entzündet, die dogmatischen Lehren eines Athanasius oder Augustinus?

Wasserspiele, Trompe-l’œil, Irrlichter, farbige Schatten, perspektivische Täuschungen, rätselhafte Echos, kurz: köstliche Spiele zwischen Sein und Schein locken in den Garten der Kunst.

Rokoko, bezaubernde Tändeleien, durchschimmernd wie Porzellan, Serenaden auf schwankenden Booten, in denen die Geige aus perlenden Schäumen der Flöte nixenhaft auf- und niedertaucht, im Sommerduft des Parks verhauchte Arien, Schäferspiele zwischen seufzenden Wassern und rosenüberwachsenen Pavillons, neckendes Spiel der Blicke hinter bunten Fächern, zitternd wie vom Trinken und Schillern ermüdete Falter, enge Mieder, künstlich inniger zu schluchzen, weite blumenbestickte Röcke, lüsterne Spiele des Winds.

Wie dumpfer Seele Schwere sich löst in wehenden Zweiges Schatten, dem zarte Fäden webenden Licht des Abends, dem leise in der Dämmerung des Grases glucksenden Wasser, in Sonnenflecken auf milchiger Birkenhaut.

Alter Baum, der für sich steht auf weitem Feld, knorrige Fäuste gegen die unbarmherzige Sonne reckend, gebeugt unter den nassen Flüchen des Winds, als rausche in seinen Zweigen noch das Lied des Hirten, der vor Zeiten sich schläfrig an seinen Stamm gelehnt hat.

Mag der Dichter die Äolsharfe der Sprache in den Wind des Zufalls halten, besser als sie für eine Partitur gezinkter Noten zu mißbrauchen.

Die sich groß dünken und als Frucht ihrer Bemühungen die Stücke der eigenhändig zerbrochenen Windharfe ins johlende Publikum halten.

In den Maaren steigen am Rande noch Bläschen aus der Tiefe der Vergangenheit dieser Vulkanseen; so die Erinnerungen aus der Seele des Dichters.

Aus der Vergangenheit steigt bisweilen ein Name auf, völlig abgelöst vom Bild und der Stimme seines Trägers, wie im Dunst über grauem Wasser ein voller Mond; mag es uns dermaleinst mit dem eigenen Namen ebenso ergehen.

Glück war, aus dem Wirbeln und Stäuben des Schnees mit glühenden Händen und Ohren sich als Kind in die Stube der Großmutter zu flüchten und die kalten Füße in den zahnlosen Rachen des gußeisernen Herds zu stecken.

Glück auch, nach dem strengen Aufstieg aus dem Moseltal sich in der Höhe zwischen kitzelnde Gräser zu legen und wie in Trance zu den ziehenden Schneebergen der Wolken zu blinzeln, während einzelne große Schweißperlen über die Wange in den Mundwinkel rannen – ihr Salz zu schmecken und an das Meer zu denken.

Glück, sich in die Frische und sich erneuernde Macht des Wassers zu neigen, sich von seinem murmelnden Schweigen überrinnen zu lassen, sein immer altes, immer neues Lied aus dem Ächzen von Röhricht und Binsen herauszuhören.

Ja, Glück der Ungewißheit in diesem jähen Wehen der Zweige und Flattern der Blätter, wenn schneller graue Wolke aufziehen, erste Tropfen wie winzige Warnschüsse auf fettem Kohl und dürrem Reisig platzen, wird man noch rechtzeitig trocken heimkehren, und die Lust wandelt einen wie eine süße Ohnmacht an, reglos auf der Wiese liegen zu bleiben, sich von Blitzen grüßen zu lassen, sich segnen zu lassen von warmen Sommerschauern.

Bange Seligkeit des einsamen Kindes auf dem Rücken des Pferds, das sich immer schneller dreht, und die da winken an der Seite des Karussells, sind es noch die Eltern, die Freunde noch, und die kleine Hand, die sich ängstlich an die harten Roßhaare geklammert, gibt sich frei und schwankt auf und ab im Wind wie eine vom Gitter gerissene Ranke.

Glück sogar, ist der Tod ein guter Tänzer, der dich in einem letzten rauschenden Walzer dreht und herumwirbelt, und seitlich an den immer weiter zurückweichenden Wänden winken die Freunde, die Geliebten, selbst einige finstere Gesichter sind darunter, die sich nun ein wenig aufhellen.

Gewiß ist die Monarchie die würdigste Regierungsform, wenn bis in den Dämmerwinkel der Köhler, Diebe und leichten Mädchen goldene Schimmer der kaiserlichen Embleme dringen und die schönen Parkanlagen um die Hofburg selbst das feinnervigste Sensorium der Musiker und Dichter mit dem Plätschern ihrer Brunnen, dem duftigen Schaum ihrer Fontänen und den Wohlgerüchen ihrer exotischer Blüten zu Werken inspirieren, deren süße Geheimnisse bestricken und deren Teint durchsichtig schimmert wie die zarte Haut der jungen Kaiserin.

Banges Glück, wenn der Einsame unterm schrägen Dach schlummerlos liegt und aus ebenso einsamer Höhe der Nacht blaue Kühle durch das kleine offene Fenster strömt, unvermutet indes wie über das Ufer schlagende Wellen ferne Glocken den Morgen verkünden, den Anbruch des Tages, zu dem sie einladen wie weich dahinziehende Wasser den mutigen Kahn.

 

Nov 17 19

Ermattende Terzinen

Wir wollen schweigend in den Abend gehen,
wenn über uns die dunklen Kronen schwanken
und gelbe Blätter auf den Pfaden wehen,

die wilden Rosen, die sich umeinander ranken,
weil späte Strahlen sie ins Leben heben,
sie glühen noch wie große Herz-Gedanken.

Die Hände, die wir uns wie Blinde geben,
durchströmt, was schmale Lippen uns versagen,
des Blutes Sang mit veilchenleisem Beben.

Wir wollen eins des andern Wehmut tragen,
als liehe Nacht uns blauer Flügel Schatten,
mit denen wir in bangen Pulsen schlagen,

bis wir in weicher Küsse Tau ermatten.

 

Nov 17 19

Abschiedsterzinen

Noch rieseln lächelnd goldene Tränen
auf unsern Pfad aus Abends Dämmerkronen,
wir lassen schweigen alles Wollen, Wähnen,

als möchte uns der Geist der Zeit verschonen,
verbergen Schimmer uns und Dunkelheiten,
daß dort im Heimattale Menschen wohnen,

die unser harrend schon das Mahl bereiten,
ihr Kuß mag uns den Reif vom Herzen hauchen.
Doch wollen weiter wir ins Brachfeld schreiten,

bis einsam wir ins kalte Sternlicht tauchen,
einsamer noch wie Schnee im Mondlicht sehen
Jasmin, den wir nicht pflücken und nicht brauchen,

mit Liebeszeichen wieder heimzugehen.
Uns bleibt nur zarter Halme leises Rauschen,
die süßen Worte, die so bald verwehen,

die Abschiedsworte, die Hand in Hand wir tauschen.

 

Nov 16 19

Horaz, Ars poetica, 156–178

Aetatis cuiusque notandi sunt tibi mores,
mobilibusque decor naturis dandus et annis.
Reddere qui uoces iam scit puer et pede certo
signat humum, gestit paribus conludere et iram
colligit ac ponit temere et mutatur in horas.               160
inberbus iuuenis tandem custode remoto
gaudet equis canibusque et aprici gramine Campi,
cereus in uitium flecti, monitoribus asper,
utilium tardus prouisor, prodigus aeris,
sublimis cupidusque et amata relinquere pernix.               165
Conuersis studiis aetas animusque uirilis
quaerit opes et amicitias, inseruit honori,
commisisse cauet quod mox mutare laboret.
Multa senem circumueniunt incommoda, uel quod
quaerit et inuentis miser abstinet ac timet uti,               170
uel quod res omnis timide gelideque ministrat,
dilator, spe longus, iners auidusque futuri,
difficilis, querulus, laudator temporis acti
se puero, castigator censorque minorum.
Multa ferunt anni uenientes commoda secum,               175
multa recedentes adimunt. Ne forte seniles
mandentur iuueni partes pueroque uiriles;
semper in adiunctis aeuoque morabitur aptis.

 

Jeglichen Alters Ethos solltest fein du verzeichnen,
schneidere jedem Charakter altersgemäße Kostüme.
Worte plappert der Knabe schon nach, seine Fußspur
zeigt sich im Lehm, er spielt gern mit Freunden, und übermannt ihn
Zorn, ist er gleich wieder brav, ein rollender Spielball der Stunden.                160
Flaumlos noch der Jüngling, den Aufpasser endlich vom Halse,
tollt er mit Pferden und Hunden, im Gras des sonnigen Spielfelds,
Wachs in der Laster Hand, für Moralapostel wie Leder,
sieht nicht, was morgen zählt, und zählt nicht, was heut er verjubelt,
gierend nach Hirngespinsten verstößt er das Herz seines Herzens.                165
Neuen Zielen geneigt strebt das reife Alter nach Geltung,
bildet Freundeskreise, stellt sich in den Dienst eines Amtes,
scheut vor Dingen zurück, die man nicht so leicht wieder loswird.
Manch Beschwernis umlauert den Greis, kaum hat er gefunden,
was ihm im Sinn war, läßt miesepetrig erʼs liegen, er scheut die                170
Nähe oder faßt alles nur bang an, mit fröstelnden Händen,
zaudert, vag hoffend und schlaff, das Morgen sollʼs bringen,
heikel, ein Krittler, voll des Lobs für verflossene Zeiten,
da er noch jung war, geißelt er, brandmarkt die Unart der Jugend.
Vieles Angenehme bringen sie uns, die kommenden Jahre,                175
vieles rauben die scheidenden wieder. Doch was den Alten
ziemt an Rollen, laß Jugend nicht spielen, nicht Knaben wie Männer,
stets wird man bleiben bei dem, was jedem Alter gemäß ist.

 

Nov 15 19

Letzte Rosengluten

Verlöschen letzte Rosengluten
und neigen Blüten sich zur Erde
in weicher Schmerzgebärde,
dann send uns, Abend, blaue Fluten.

Verebbt der Ruf der Purpurreiher,
Erinnerung an den Süden
bezwang das Herz der Müden,
dann webe, Traum, den zarten Schleier.

Klirrt dumpf der grüne Geisterspiegel,
aus denen Schwäne tranken,
des Lebens bunte Bilder sanken,
dann hüll uns, Nacht, in sanfte Flügel.

 

Nov 14 19

Schubert

Wo deine große Seele singt,
rührt sich an der hohen Mauer
Efeu, grünen Lebens Trauer,
dem weicher Regen Funkeln bringt.

Im Moos, der dunklen Erde Schlaf,
hörst du, Traum ward alles Sinnen,
Tropfen zitternd niederrinnen,
den Ton, der dich im Herzen traf.

Und weitet sich des Atems Gang,
seufzen Wasser, die schon sinken,
Rosen haben wieder Trinken,
und die Verzagten lauschen bang.

Im kargen Dasein unerreicht,
Liebe kommt, dich anzuschauen,
gib die Veilchen ihr, die blauen,
denn Liedes Tau hat sie erweicht.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=-FEODPzkKSw

 

Nov 14 19

Erfrorene Bienen

Daß unter Himmels grauer Leere,
Schnee deckt der Halme Rauschen zu,
des Mundes Blume wiederkehre,
das Leid im Liede atme Ruh!

Von Leichentüchern sind die Schwellen
zu Lebens Triften bleich verhüllt,
verebbt sind grünen Lichtes Wellen,
die dunkle Herzen angefüllt.

Des Gartens bienen-goldnes Singen
erfror in Kelchen aus Kristall.
Wo wir durch rote Tulpen gingen,
rollt eines Mondes weißer Ball.

Daß frostbehauchte Totenaue,
Reif glitzert kalt auf Kreuz und Gruft,
der Liebe Träne wieder taue,
der laue Abend atme Duft!

 

Nov 13 19

Das weite Tal des Gleichmuts

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Warum um Himmels willen soll denn ALLES auf EINES (oder überhaupt auf ETWAS) hinauslaufen, das strömende Chaos sich in eine höhere Ordnung ringeln und kringeln, die schlammigen Flüsse ins Meer des Lichtes münden, die bunten sybillinischen Blätter der Seele auf der dünnen Leine einer grauen Allegorie zum Bleichen aufgehängt werden, die tausend Geschichten der Perser, Griechen, Römer, Germanen im preußischen Licht einer blassen sittlichen Sonne als EINE Geschichte lesbar werden?

Nur Sätze haben Sinn, das Dasein der Menschheit hat keinen.

Die von sich behaupten, alles von Adam bis Adolf übersehen zu können, sind blind für die Abgründe, die sich zwischen den Zeiten, den Völkern, den Sprachen auftun.

„Geschichte der Stadt Osnabrück“ – na schön; „Geschichte der Philosophie“ – das riecht schon nach Betrug.

Gewiß, wir können Abgründe der Zeit überspringen: Wenn Horaz von den unterschiedlichen Rollen, Charakteren und sittlichen Masken spricht, wie sie auf der Bühne der Welt und des Schauspieles auftreten und vom Dichter geformt werden sollen (ars poetica, 156 ff.), verstehen wir genau, was er meint; denn wie die biologische Polarität der Geschlechter stattet uns auch der natürliche Prozeß des Alterns mit den immer gleichen habituellen Gepflogenheiten, mit den bis zur Monotonie gleich gedrechselten und geschnitzten Phrasen und Physiognomien aus.

Der Kleinbürger vermag den Graben zwischen seinem idyllischen Traum von der Gartenlaube (oder bei bierseliger Laune den obszönen in derselben) und den mythischen Größenphantasien der Cäsaren oder der Vision der Symbolisten von der reinen, vollkommenen lyrischen Sprache, die leer, ohne Inhalt ist wie der rosige Schimmer der Nachmittagssonne auf welken Hortensien, nicht zu überspringen.

Unüberbrückbare Welten liegen zwischen den ohne Mörtel verfugten Quadern der Sprache Cäsars und den leise plätschernden Seufzer-Wellen Brentanos.

Seltsamerweise verbindet bisweilen das Absurde, das Irrationale, der Albtraum Menschen fernster Zeiten und Regionen mehr als Sippenangehörige die Gemeinschaft des Blutes. Denn es ist dasselbe Feuer, das in der Hölle der Buddhisten, Christen und Mohammedaner die Verdammten brät, auf daß sich die Erlösten an ihren Qualen und Schreien delektieren.

Horaz deutet an (ars poetica 203 ff.), wie der von den Griechen übernommene Aulos (eine Art Doppel-Oboe) von einem primitiven Ding aus Holz oder Knochen zu einem raffinerten Musikinstrument aus Metall mit Klappen verfeinert wurde, sodaß die auf ihm im Theater zu Gehör gebrachten Melodien präziser ausgeführt und ausdrucksreicher vorgetragen werden konnten. Dieses Detail ist in ein größeres Mosaik kulturgeschichtlicher Betrachtung eingefügt, wonach sich der schlichte Geschmack eines noch bäurisch geprägten Theaterpublikums subtilisiert, ja dekadenter Übersteigerung zugeneigt habe, nachdem sich aus einem Bauernvolk in Waffen nach der Niederwerfung der Karthager, des römischen Hauptfeindes, in der ihr zugewachsenen Muße eine Elite verwöhntester Ansprüche herausgebildet hat:

Postquam coepit agros extendere uictor et urbes
latior amplecti murus uinoque diurno
placari Genius festis impune diebus,
accessit numerisque modisque licentia maior.

Darauf begann der Sieger das Land zu vergrößern, die Städte
dehnten den Mauerring aus und an festlichen Tagen ward straflos
schon am hellen Tage getrunken, ein Hoch auf den Genius,
da sind Versmaß und Melodie ins Kraut aufgeschossen.

Horaz blickt auf die Phänomene einer luxurierenden Selbstfeier der Elite, vielleicht im Schatten der konservativen Augusteischen Kulturpolitik, ersichtlich skeptisch, der wackere, biedere Mann ist ihm, dem Artisten auf dem lyrischen Hochseil, lieber als der Spätling, der, den Kopf in farbig ausgeleuchteten Klangwolken, den Boden unter den Füßen zu verlieren droht.

Die Zügel im Zeichen der großen Freiheit schleifen lassen führt in Verwahrlosung, Verluderung und Verbrechen; sie unter dem Banner der starren Ordnung eng um Seele und Leib zu schnüren, macht fühllos und stumpf.

Erst ließen sie Haare und Nägel wachsen, und stank es auch in der Bude, sie gaben sich genialisch; dann kamen sie kahlgeschoren in härenen Hemden nach Haus und knallten dir die radikale Phrase vor den Kopf.

Die Weisheit der Antike sieht den Moment im Wechsel und Fluß und weiß um seine Wiederkehr, auf Regen folgt Sonnenschein, erst herrscht der Monarch, dann eine Elite, schließlich der Pöbel, dann geht es wieder von vorne los. Die Borniertheit der Moderne sieht den Moment als Phase eines zielhaften Laufs, der im Idealzustand oder mindestens in der eigenen Selbstgefälligkeit gipfelt.

Weil gewisse Kleingeister abstrakte Kunst und atonale Musik für entartet ansehen, bin ich nicht gehalten, sie zu schätzen oder zu lieben.

Zwischen den Gipfeln der Neigung und Abneigung dehnt sich das weite Tal des Gleichmuts, wo die Betrachtungen stiller und flüchtiger schön die Wolken sich zeigen.

Auf dem Kuhfladen schimmern purpurne Mücken.

Hätte er anders handeln können? Wir wissen es nicht; das entbindet uns nicht der Pflicht, ihn zu maßregeln oder zu bestrafen, falls er eine Untat beging.

Der bissige Hund wird noch ärger wüten, wenn wir ihn von der Kette nehmen.

Sie überschwemmen die Seiten mit freien Versen, weil sie das Wasserzeichen der Strophe nicht fanden.

Die großmäulig und hemdsärmelig die Konventionen von Metrum und Rhythmus mißachten, grüßen brav ihren Verleger und überreichem dem Lektor einen Blumenstrauß.

De Sade wird nicht dadurch erträglich, daß beschriebener Kot nicht stinkt.

Autoren, die mit Worten ringen und ihre Niederlage penibel zu Protokoll geben, können Scharlatane oder Märtyrer sein, manchmal findet man nicht heraus, was von beidem.

Frauen wurden als das schwächere Geschlecht deklariert, weil sie fühlender als der Mann dem Sturm nachgeben, an dem dieser zerbricht, länger leben und weniger bereuen, das Schicksal aus ihren Augen blitzt und ihr Schoß die Lebensmacht birgt.

Des Mannes Ohnmacht ist seine Potenz.

Wer den Kreislauf der Eliten beschleunigen möchte, soll sich auch offen zu den Spänen bekennen, die das große Hobeln erzeugt.

In den finsteren Katakomben der Macht hält der Machthaber vor dem Wurm seine Shakespeare-Monologe.

Man muß gleichmütig wie Diogenes werden, um sich unter dem schlechten Atem der moralischen Erpressung nicht zu übergeben.

Das Monster zu Füßen, zu Häupten den Engel, das macht noch kein Weltendrama.

Zwischen nächtlichem Schweigen und dem Lärm des Tages die grauenden Nebel, in denen fremd und unverständlich Rufe hallen, man weiß nicht, wem sie gelten.

Hat alles gelesen, sinkt sprachlos ins Grab.

Wir kneten unsere Zeichen nicht in den Lehm der Natur; diese muß mitschwingen, damit sie uns mitteilen und tragen.

Das Spielkind lugt erst scheu hinter der Schürze der Mutter hervor, dann lächelt es, reißt sich los und läuft auf die Spielkameraden zu.

Das Spielkind kann bis ins hohe Alter unvermutet wieder lächeln und sich plötzlich wieder losreißen.

Bittere Armut beschmutzt die Seele genauso wie obszöner Reichtum.

Die Verklärung des Hungerleiders und Depravierten ist die Christentum und Sozialismus gemeinsame Dummheit.

Was den moralisch immer Empörungsbereiten in Harnisch bringt: ein zufriedenes Leben, das sich um andere nicht schert, sondern im Stillen sich an den Früchten des eigenen, sorgsam eingehegten Gartens gütlich tut.

 

Nov 12 19

Frostige Terzinen

Gefrorene Tropfen, Lichtkristalle hängen
an toten Fäden, blitzen, wenn sie beben.
Es ist, als ob die weißen Schalen klängen,

die überm Schlaf der Weidenbüsche schweben,
und weicher lösen Bilder sich in Teichen.
Die Schwermut will den dunklen Blick nicht heben –

er haftet fern am Gold von Sonnenreichen –
nicht eignen Schmelzens bunte Schlieren schauen,
die unterm wilden Flockenfluge bleichen.

Und Träne wird den Schmerzkristall nicht tauen.

 

Nov 11 19

Mimnermos, Distichen

τίς δὲ βίος, τί δὲ τερπνὸν ἄτερ χρυσῆς Ἀφροδίτης,
τεθναίην ὅτε μοι μηκέτι ταῦτα μέλοι,
κρυπταδίη φιλότης καὶ μείλιχα δῶρα καὶ εὐνή,
οἷ᾽ ἥβης ἄνθ εα γίγνεται ἁρπαλέα
ἀνδράσιν ἠδὲ γυναιξίν: ἐπεὶ δ᾽ ὀδυνηρὸν ἐπέλθῃ
γῆρας, ὅ τ᾽ αἰσχρὸν ὁμῶς καὶ κακὸν ἄνδρα τιθεῖ,
αἰεί μιν φρένας ἀμφὶ κακαὶ τείρουσι μέριμναι,
οὐδ᾽ αὐγὰς προσορῶν τέρπεται ἠελίου,
ἀλλ᾽ ἐχθρὸς μὲν παισίν, ἀτίμαστος δὲ γυναιξίν,
οὕτως ἄργαλέον γῆρας ἔθηκε θεός.

 

Was wär Leben, Genuß ohne Aphrodite, die goldne,
lieber wär ich tot, wäre dies mir abhold,
heimliches Kosen und schmeichelnde Gaben und Freuden des Bettes,
Blüten der Jugendzeit sind so voller Reiz
Männern wie Frauen: Wenn aber kummerbeladen das Alter
anrückt, das häßlich macht und entwürdigt den Mann,
reißen den Geist in Stücke ihm die widrigen Sorgen,
und sein Herz erquickt nicht mehr der Sonnenschein,
Knaben ist er verhaßt, nicht achten seiner die Frauen,
solche schwere Last häufte dem Alter der Gott.

 

Nov 11 19

Winter-Terzinen

Nun sieht man tote Blätter, Hülsen treiben
auf trüben, sonnenfernen Teichen, Funken
aus Aschen stieben, Blicke, die nicht bleiben.

Das Gold des Herbstes ist hinabgesunken,
verschüttet ist der lichte Tau der Trauben,
des Glückes Wein, den ich nicht ausgetrunken.

Wie einsam ist das Gurren der Turteltauben,
wie einsam ist das Herz, es pocht ins Leere,
gespenstisch starren Sommers kahle Lauben.

Daß Mondes kalte Sichel wiederkehre,
es wie verdorrte Halme hinzumähen,
und heim zur Erde fiele alles Schwere.

Dann kommt und schlinget, Schnäbel wilder Krähen!

 

Nov 11 19

Rauschen, versickern

Wie könnt es ein Lächeln geben ohne Augen
und Mund, Gesichtes Wahrheit am menschlichen Körper,
doch lächelt kein Körper, sondern ein menschliches Wesen.

Ist Lächeln wie Weinen Ausdruck seelischen Lebens
und kann verleibt nur lächeln der Mensch, so wissen
wir, Plato lag falsch, unkörperlich ist keine Seele.

Wie könnt es Gedanken geben ohne die Zeichen
für richtig und falsch, den falschen Satz verneinen,
den wahren bejahen wir sprachbegabten Tiere.

Ist Reden wie Denken Ausdruck gemeinsamen Lebens
und werden in Zeichen Gedanken sichtbar, so wissen
wir, fehl ging Descartes, rein innerlich ist kein Gedanke.

*

Wir leben die Jahreszeiten der Seele, wurzelnd
im Mutterboden der Sprache, fruchtend, verdorrend.
Gefrorene Quellen unterm Bogen wechselnder Monde

sind ausgesetzt wir auf verschneiten Gipfeln des Schweigens.
Kommt gütig der Strahl und taut uns, rinnen wir rauschend
einander entgegen, doch müssen wir wieder versickern.

 

Nov 10 19

Weißt du noch

Weißt du noch die jähen Regenschauer,
als uns alte Gräber eitel fanden,
weißt du noch den Efeu an der Mauer,
als an Kreuzen wir verlegen standen,

und das schöne Weib, das kleine Kerzen
pflanzte auf des schmalen Grabes Moose?
Sind wie Wolken ihre, unsre Schmerzen
ganz entrückt, wie dunkler Duft der Rose?

Bleibt von allem, was wir innig fühlen,
denn kein Rest als dumm ein Fleck von Tränen,
wenn wir in vergilbten Briefen wühlen?
Was, am Ende bleibt nur ödes Gähnen?

 

Nov 9 19

Die Flucht vor der Leere

Schau jene heimlich an,
die sich einsam wähnen,
sie stehen lose dumm herum,
wie vor gischtendem Wasser
mit eingezogenem Schwanz
der zitternde Hund.
Sie spielen mit der Kippe
im asphaltierten Hinterhof,
oder an der Haltestelle,
wenn es dunkel wird,
zählen sie die Lichter,
die dort im Hochhaus
flackern eines nach dem andern auf:
Keiner ist ja innerlich erfüllt,
selig in sich selbst,
nein, Augen schweifen,
Blicke irren, ob es wo
doch irgendetwas gibt,
das erregt, des dumpfen Fühlens
Laken, das schlaff herabhängt,
ein heißer Windstoß bläht,
Schläfe, wo der Schlummer pocht,
ein süßer Faustschlag weckt.
Weint da nicht ein Kind,
fällt vom Dach kein Vogel,
wird kein Mensch geschlagen,
schreit es nicht im Untergrund,
quillt aus keuschem Mund kein Blut?
Dann und wann genügt ein Blatt,
das vorm Winde raschelnd rollt,
das monotone Tropfen
eines Wasserhahns,
ein dummer Gassenhauer,
den ein Witzbold pfeift –
schöner freilich wäre,
schwebte ihnen jählings
wie Dämmerlaubes Pfirsich
einer Wange weicher Flaum.
Der Käfer, der unter der Bank
aus dem Dunkel krabbelt,
ist auch sein Horn
ein Abendrot aus Ebenholz,
ist allzu fern und kann den hohlen
Geist mit seinen kleinen
Augenpunkten nicht erfüllen,
schon wirft ein eleganter Schuh
seinen Schatten über ihn,
und es knirscht.
Tötungslust ist unausrottbar
ein Trieb, seine Wurzeln
saugen Tropfen der Bitternis
aus einer Luft,
in der die Bläue nicht mehr träumt.
Denn alle Leere in der Welt
wird uns zur Hohlform einer Gier,
für die kein Reiz mehr abfällt,
Gier des nimmersatten Ohrs und Blicks,
Mutwillen, dem kein Kitzel
die Haare aufstellt,
lauernde Trübsal,
der nichts klingt und klatscht
wie wilden Sinns geworfner Stein
aus schwarzem Brunnenloch.
Es hockt der Dämon schon
am Tor des Lebens
und darüber steht:
„Die ihr tretet ein,
laßt alle Hoffnung fahren!“
Doch kein Vergil gibt uns Geleit,
und Beatrice hebt uns
auf die Schwelle nicht,
wo Gnadenstrahl erwärmt.
Uns ist des Daseins Hölle ohne Sinn
der Flammen, die bestrafen oder sühnen,
Inferno ist uns Langeweile,
das ohne Feuer brennt,
wenn flammenlos
die Seele Ödnis dörrt.
Das müde Erz des Willens schmiedet
dieser Dämon zum Hammer um
und zerschlägt die Schale
eines tauben Eis,
das voller Luft und unfruchtbar.
Man schnippt die Kippe weg,
heilfroh, wie trunken
unters Surren der Maschinen
sich zu ducken,
in den Pferch des flatternden
Geschwätzes sich zu zwängen,
man seufzt erleichtert auf,
wenn der Nachtbus hält,
seines Grinsens blöde Maske
der Nachbar ins grelle Licht uns rückt.
Nur das Kind ist nicht allein
mit des eignen Atems
Wogen oder Wolken,
im Tropfen und im Blatt,
im Käfer und im Lied
findet es sein Ebenbild,
nur der Genius ist einig
einsam mit sich selbst,
sprüht auch wunderlich
der Seele Scheit
ein letztes Mal,
bevor es ausgeglüht
zum Abgrund stürzt.

 

Nov 7 19

War schwer das Leben

Noch einmal gehen Hand in Hand
wir durch den alten Garten,
und häuft sich rings auch schon der Sand,
die liebe Sonne kann noch warten,
noch lädt der Hyazinthen süßer Schein
uns zu verweilen ein.

War schwer das Leben, machte wund
und wirr bei Tag und Nacht.
Und kam doch manches gute Wort aus deinem Mund,
und war dein Lächeln doch so sacht,
es achtete ja nicht sein,
wie jener Hyazinthen süßer Schein.

Und war es dunkel, war es licht zugleich,
wie deine Tränen, Liebe war ihr Funkeln.
So gehen wir noch einmal bis zum Teich
und schauen, ob noch kleine Vögel trinken,
bevor die hohen Blätterkronen dunkeln
und Herz an Herz wir aneinandersinken.

 

Nov 7 19

Horaz, Oden, Buch IV, 12

Iam veris comites, quae mare temperant,
impellunt animae lintea Thraciae,
iam nec prata rigent, nec fluvii strepunt
hiberna nive turgidi.

Nidum ponit, Ityn flebiliter gemens,
infelix avis et Cecropiae domus
aeternum obprobrium, quod male barbaras
regum est ulta libidines.

Dicunt in tenero gramine pinguium
custodes ovium carmina fistula
delectantque deum, cui pecus et nigri
colles Arcadiae placent.

Adduxere sitim tempora, Vergili;
sed pressum Calibus ducere Liberum
si gestis, iuvenum nobilium cliens,
nardo vina merebere.

Nardi parvus onyx eliciet cadum,
qui nunc Sulpiciis accubat horreis,
spes donare novas largus amaraque
curarum eluere efficax.

Ad quae si properas gaudia, cum tua
velox merce veni! Non ego te meis
inmunem meditor tinguere poculis,
plena dives ut in domo.

Verum pone moras et studium lucri,
nigrorumque memor, dum licet, ignium
misce stultitiam consiliis brevem:
dulce est desipere in loco.

 

Frühlingsboten, des Meers Wogenschwall sänftigend,
machen Segel nun prall, Luftgeister Thrakiens,
nicht mehr starren von Frost Wiesen, nicht rauscht der Fluß
von Schmelzwasser geschwollen.

Sein Nest baut, Jammers voll, Itys beweinend,
der Unglücksvogel nun, ewige Schmach dem Haus
der Kekropen, der so schrecklich gerächt hat des
Königs wilde Begehrlichkeit.

Im weich wogenden Gras spielen die Hirten der
fetten Schafe ihr Lied auf ihrer Flöte dem
Gott zur Freude, der gern schaut auf das Vieh und die
dunklen Hügel Arkadiens.

Solch ein Wetter, Vergil, macht einen durstig. Doch
willst du kosten vom Wein, frisch aus den Kellern von
Cales, ein Schützling du adliger Jugend, so
gib mir Narde dafür im Tausch.

Schon ein Onyxgefäß, nardegefüllt, entlockt
den Krug, ruhend im Hort noch des Sulpicius,
reichlich spendet er uns Hoffnung, die Bitternis
des Kummers aber spült er fort.

Willst du solchen Genuß, eile herbei mit dem
Kaufpreis! Nicht sollst du mir, mein ich, umsonst aus den
Bechern netzen den Mund, kommst du doch nicht in ein
Haus, das von Reichtum nur so strotzt.

Also zaudere nicht, laß von der Gier nach mehr,
denke bitte daran: Flamme läßt Asche nur.
Lüfte deinen Verstand mit etwas Albernheit:
Unsinn treiben tut manchmal gut.

 

Nov 6 19

Horaz, Oden, Buch IV, 2

Pindarum quisquis studet aemulari,
Iulle, ceratis ope Daedalea
nititur pinnis, uitreo daturus
nomina ponto.

Monte decurrens uelut amnis, imbres
quem super notas aluere ripas,
feruet inmensusque ruit profundo
Pindarus ore,

laurea donandus Apollinari,
seu per audacis noua dithyrambos
uerba deuoluit numerisque fertur
lege solutis,

seu deos regesque canit, deorum
sanguinem, per quos cecidere iusta
morte Centauri, cecidit tremendae
flamma Chimaerae,

siue quos Elea domum reducit
palma caelestis pugilemue equomue
dicit et centum potiore signis
munere donat,

flebili sponsae iuuenemue raptum
plorat et uiris animumque moresque
aureos educit in astra nigroque
inuidet Orco.

Multa Dircaeum leuat aura cycnum,
tendit, Antoni, quotiens in altos
nubium tractus; ego apis Matinae
more modoque

grata carpentis thyma per laborem
plurimum circa nemus uuidique
Tiburis ripas operose parvus
carmina fingo.

Concines maiore poeta plectro
Caesarem, quandoque trahet ferocis
per sacrum cliuum merita decorus
fronde Sygambros;

quo nihil maius meliusue terris
fata donauere bonique diui
nec dabunt, quamuis redeant in aurum
tempora priscum.

Concines laetosque dies et urbis
publicum ludum super impetrato
fortis Augusti reditu forumque
litibus orbum.

Tum meae, si quid loquar audiendum,
uocis accedet bona pars, et: ‘O sol
pulcher, o laudande!’ canam recepto
Caesare felix;

teque, dum procedis, io Triumphe!
non semel dicemus, io Triumphe!
ciuitas omnis, dabimusque diuis
tura benignis.

Te decem tauri totidemque uaccae,
me tener soluet uitulus, relicta
matre qui largis iuuenescit herbis
in mea uota,

fronte curuatos imitatus ignis
tertius lunae referentis ortum,
qua notam duxit niueus uideri,
cetera fuluus.

 

Pindar eifert einer nur nach, wer auffliegt,
Iullus, mit des Dädalus Kunstwerk, Flügeln,
fein mit Wachs verpicht, um Namen zu geben
spiegelndem Meere.

Wie vom Berge stürzet herab der Fluß, den
Schauer über sichere Ufer schwellten,
tost und braust aus unauslotbaren Tiefen
Pindar hernieder,

ihm gebührt der Lorbeer Apolls, weil er
neue Wortgetüme hoch wälzt auf kühne
Dithyramben, stürmisch wogen ihm Verse
über die Maße,

weil er Götter singt und die Helden, ihrem
Blut entsprossen, und ins Gericht sinken
ließ durch sie Kentauren, sinken Chimäras
Grausen, die Flamme,

oder jene singt, die elischer Palmzweig herrlich
heimgeleitet, Sieger im Faustkampf oder
Wagenrennen, seine Gabe wiegt mehr als
hundert Skulpturen,

oder Tränen weint für den Jüngling, seiner
armen Braut entrissen, sein Leben macht er,
Geist und Daseinsglanz zum Sternbild, dem dunklen
Orkus mißgönnt erʼs.

Hohe Lüfte heben den Schwan der Dirke,
spannt, Antonius, er seine Flügel über
Wolkengipfeln, wie matinische Bienen
aber treib ich es,

die den süßen Thymian sammeln, mühsam
wimmelnd, so beim Hain und den feuchten Tiber-
ufern form ich schwachen Geistes die Waben
meiner Gedichte.

Du, ein Dichter größeren Atems singst dem
Cäsar, wenn er einmal die wilden schleppt zum
Weihehügel, die Sygambrer, geehrt mit
Blättern von Lorbeer.

Nichts, was größer, besser als dieser gab
Schicksal je dem Erdkreis, nie geben wieder
so die guten Götter, kehrten zurück auch
goldene Zeiten.

Frohe Tage wirst du besingen, Spiele
offner Stadt, da endlich Augustus heimkehrt
mächtig, und das Forum ruhet verwaist vom
Streit der Parteien.

Dann mag meiner Stimme Gewicht mitschwingen,
wenn ein Ohr sich neigen ihr mag, so sing ich
„O du schöne Sonne, sei mir gepriesen!“
glücklich vor Cäsar.

Nicht nur einmal rufen Triumph wir, wenn du
aufwärts schreitest, dein der Triumph, rufen
alle Römer, und wir opfern den Weihrauch
gütigen Göttern.

Dein Gelübde lösen zehn Stiere ein und
ebensoviel Kühe, ein zartes Kalb, längst
eine Waise, rupfend saftige Kräuter
für mein Gelübde,

auf der Stirn das Zeichen des Sichelmondes,
der am dritten Tag wieder aufgeht, solch ein
Mal, wie reiner Schnee so glänzet es auf, doch
goldbraun der Körper.

 

Anmerkung zur metrischen Wiedergabe:
Die Übersetzung bedient sich der sapphischen Strophe in der Version Hölderlins (Wechsel des Daktylus im dritten Vers).

 

Nov 5 19

Horaz, Oden, Buch IV, 7

Diffugere nives, redeunt iam gramina campis,
arboribus comae;
mutat terra vices et decrescentia ripas
flumina praetereunt;

Gratia cum Nymphis geminisque sororibus audet
ducere nuda chors.
Inmortalia ne speres, monet annus et almum
quae rapit hora diem.

Frigora mitescunt Zephyris, ver proterit aestas
interitura, simul
pomifer autumnus fruges effuderit, et mox
bruma recurrit iners.

Damna tamen celeres reparant caelestia lunae:
nos ubi decidimus,
quo pater Aeneas, quo dives Tullus et Ancus,
puluis et umbra sumus.

Quis scit, an adiciant hodiernae crastina summae
tempora di superi?
Cuncta manus auidas fugient heredis, amico
quae dederis animo.

Cum semel occideris et de te splendida Minos
fecerit arbitria,
non, Torquate, genus, non te facundia, non te
restituet pietas;

infernis neque enim tenebris Diana pudicum
liberat Hippolytum,
nec Lethaea valet Theseus abrumpere caro
vincula Pirithoo.

 

Schnee ist weggeronnen, schon grünen wieder die Felder,
wieder belaubt sich der Baum.
Erde wechselt ihr Antlitz, und sanfter gehend an Ufern
strömen die Wasser dahin.

Anmut wagt vor den Nymphen und Zwillingsgeschwistern
nackt hinzuschreiten im Tanz.
Hoffe nichts über den Tod hinaus, mahnt das Jahr und die Stunde,
löschend das liebliche Licht.

Milder wird es, weht es von Westen, Frühling, er weicht vorm
Sommer, auch dieser vergeht,
wenn die Äpfel goldener Herbst verstreut, und da nahet
Gähnen erregend der Frost.

Mondes verdunkeltes Angesicht, voll strahlt es ja wieder,
wir aber, sanken wir hin,
wo weilet Vater Äneas, wo der prächtige Tullus und Ancus,
Staub sind wir, Schatten nur noch.

Wer denn weiß, ob die hohen Götter der Spanne des Heute
fügen ein Morgen hinzu?
Alles das zerrinnt in den gierigen Händen des Erben,
was du dir glücklich vergönnt.

Bist du aber tot, hat Minos den glänzenden Richtspruch
über dich einmal gefällt,
dient, Torquatus, Adel dir nicht, nicht strömendes Wort noch
fromme Gesinnung zum Heil.

Weder entreißt der Finsternis drunten Artemis ihren
keuschen Hippolytos je,
noch kann Theseus von Schlingen an Lethes Ufern erlösen
seinen geliebten Peirithoos.

 

Nov 4 19

Sommers Farben sind verblichen

Sommers Farben sind verblichen,
in den Rinnen trudeln lose
weiße Blüten einer Rose,
schöne Zeichen durchgestrichen,
Sommers Farben sind verblichen.

Herbstes Nächte sind voll Bangen,
enger stehen kahle Mauern,
Stunden, die so lange dauern,
Liebe ist früh ausgegangen,
Herbstes Nächte sind voll Bangen.

Wintertage sind wie Schleier,
Schnee erstickt die fernen Glocken,
Tag versinkt im Traum der Flocken,
Mond erglüht zur Totenfeier,
Wintertage sind wie Schleier.

Könntest du auf Frühling hoffen,
wenn die blauen Veilchen schauen
wie die Augen zarter Frauen,
o dein Herz hätt wieder offen,
könntest du auf Frühling hoffen.

 

Nov 4 19

Bote bin ich

Ich bin die Lerche, die dich hebt
auf weichen Fühlens Schwingen
in blauen Abgrunds Singen,
Schwirren bin ich, das belebt.

Ich bin die Sonne, die dir blitzt
auf wehmutdunklem Weiher,
aufsteigen Feuerreiher,
Lichtdorn bin ich, der dich ritzt.

Ich bin die Windsbraut, die dir wirrt
ins Gras des müden Herzens
die Wirbel wilden Scherzens,
Luftgeist bin ich, der dich kirrt.

Ich bin der Schauer, der dir netzt
die Karste fahlen Glimmers
mit Tropfen frohen Schimmers,
Wolke bin ich, die dich letzt.

Ich bin der Adler, der dich schickt
auf hohen Fühlens Flügel
zu Himmels blauem Hügel,
Bote bin ich, der entrückt.

 

Nov 3 19

Gras war unsres Fühlens Zittern

Zärtlich sind die leisen Lieder
zwischen Mond und Laub geflossen,
Duft gab unsrer Liebe Flieder,
Tau hat Anmut ausgegossen.

Perlmutt hat die lichte Hülle,
wo die zarten Perlen prangen,
einer Muschel weiche Stille,
kühlend Kusses heiße Wangen.

Gras war unsres Fühlens Zittern,
unser Seufzen dunkle Moose,
und aus deines Herzens Gittern
brach der Purpurstrahl der Rose.

 

Nov 3 19

Was sollen mir Rosen

Was sollen mir Rosen,
was mir Narzissen,
mir sagenʼs Dornen,
ich muß dich missen.

Was Lichtes Locken,
was Taugefunkel,
mein Mund ist trocken,
mein Herz ist dunkel.

Mir gurrt die Taube,
als würd sieʼs wissen,
im Schattenlaube,
ich muß dich missen.

 

Nov 3 19

Ferner, immer ferner

Fremder tönt der Dome dumpfes Läuten,
und der deutschen Ströme blaue Wellen,
die den Vers der großen Dichtung schwellen,
sind verstummt im Ohre fremder Meuten.

Ferner, immer ferner leuchten Blüten,
die im Garten deutscher Lieder standen,
Rosen, die zum Reime sie sich wanden,
wo undichterische Hände wüten.

Näher, immer näher gellen, schrillen
Kehlen, die vom Weine ungewaschen,
Ratten wühlen in den Ahnenaschen,
Kerzen flackern um die Schar der Stillen.

 

Nov 2 19

Im Märchenland

Wohin denn, Liebe, fliehen?
Ins Märchenland,
wo die Orangen glühen.

Kann ich sie dir auch pflücken?
Mit sanfter Hand
magʼs dir wohl glücken.

Wie sollen wir dorthin gelangen?
Uns trägt der Strahl,
der unser Herz umfangen.

Kann unser Herz denn fliegen?
Die Schwermut fahl
wird Morgenrot besiegen.

Ob uns die Früchte munden?
Wie Küsse süß,
an denen wir gesunden.

Und werden sie uns stillen?
Was sie uns wies,
das Lied wird in uns quillen.

 

Nov 2 19

Weiß nicht, wie mir ist

Fernher sommerblaues Flirren,
weiß nicht, wie mir ist,
nah von Schwalben hohes Sirren.
Hast du mich geküßt?

Ward ich unter Blumen-Lidern
oder Tränen blind,
matt an schlummerwarmen Fiedern,
die wie Locken sind?

Tropfen, die von Halmen fallen
auf des Schlafes Saum
wie ein liebetrunknes Lallen,
ach, ich hör sie kaum.

 

Nov 1 19

Der Sinn des Lebens

Wenn Staub auf Herz und Halmen liegt,
die Träume sind im Dunst verschollen,
sieh, wie der Pfad ins Blaue biegt,
wo Veilchen deine Seufzer wollen.

Der Sinn des Lebens fällt als Nuß,
gehst du im Herbst auf feuchten Wegen,
dir unvermutet vor den Fuß,
so dumpf der Klang, er kündet Segen.

Und ist das Nest des Herzens leer,
entflogen sind des Sommers Vögel,
blitzt plötzlich überm grauen Meer
der Schwermut dir ein Möwenflügel.

Macht stumme Fron kein Weltgedicht,
nicht Traumes Wahn und Tages Harmen,
o Blume öffne dein Gesicht,
dein Lächeln schenkt das Lied den Armen.

 

Okt 31 19

Schimmer

Ich hab noch wenige Schimmer
Goldes mir aufbewahrt,
in einem nebligen Wiesental
von Abendsonnen gemalt.

Und eines Klanges reinen Kristall
in gehärteten Tropfen,
die unterm Wintermond erglühn
und auf Frühlinge hoffen.

Ich hab von grünem Schweigen
Moos auf die Schwelle getan,
wenn lieblich Astern sich zeigen,
kehrst heim du auf sonniger Bahn.

 

Okt 31 19

Seelen, Flammen

Umeinander züngelnde Seelen,
wollet euch das Opfer bringen,
müßt mit Küssen euch verfehlen,
Flammen, die vergebens singen.

Hände, die zu Herzen fühlen,
Lippen, die sich Dunkles sagen,
müßt an blauer Nacht erkühlen,
dunkler tönt der Quelle Klagen.

Augen, die einander glänzen,
Teiche eingetauchter Sonnen,
könnt das Bild euch nicht ergänzen
mit dem Golde stummer Wonnen.

Todestrunkne Schauer sprühen
und die müden Flammen sinken,
Rosen, die dem Schmerz erblühen,
geben euch den Tau zu trinken.

 

Okt 30 19

Giovanni Pascoli, Temporale

Aus: Myricae

Un bubbolìo lontano…

Rosseggia l’orizzonte,
come affocato, a mare:
nero di pece, a monte,
stracci di nubi chiare:
tra il nero un casolare:
un’ala di gabbiano.

 

Gewitter

Grollen fernher gezogen …

Der Horizont rötet sich grell,
wie entflammt, die Wogen
des Meeres pechschwarz, hell
Wolkenstreifen am Hügel,
im Dunkeln Tores Bogen,
ein weißer Möwenflügel.

*

Grollen aus Fernen dringt …

Der Horizont rötet sich grell,
wie entflammt, das Branden
des Meeres pechschwarz, hell
am Hügel Wolkengirlanden,
eine Hütte in Dunkels Banden,
ein Möwenflügel schwingt.

 

Okt 30 19

Beiseite gesprochen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Komödianten des Elends, die mit dem Glanz ihrer Wunden prunken.

Manche stehen mit langem Gesicht am Bühnenrand, kurz bevor der Vorhang fällt, sie haben sich einen tosenden Applaus erwartet, auch wenn es nur eine stumme Rolle war, die sie spielten.

Es genügt nicht, Talent zu haben, es muß zum Trieb werden, damit es keimt und aufblüht, sich entfaltet und endlich mit einem unverwechselbaren Duft bezaubert.

Die im Spiegel der anderen leben, erlöschen, sobald er beschlägt.

Man kann den Charakter eines Menschen im Dunkeln erraten – an seiner Stimme.

Manche Gedichte sind wie feines Gras, vom Windhauch beschrieben.

Manche wie Dorngestrüpp, woran am frühen Morgen Tropfen glimmen.

Andere wie Kerzen, die bei jedem leisen Luftzug flackern, daß man Angst bekommt, jetzt gingen sie aus.

Wieder andere sind wie zu dicht gestopfte Pfeifen, man hält die Lunte daran und zieht und zieht, aber sie wollen nicht angehen.

Die Anmut der schlichten Geste: das Pflücken des Apfels, der Birne, der Blume, das Brotschneiden, das Winken mit der Hand oder dem Taschentuch, das Entzünden des Grablichts, das Zögern auf der Schwelle, der Willkommens- und Abschiedsgruß, das Blumengießen, der leise Kuß auf die Stirn, das Niederdrücken der Lider eines Toten.

Der Sämann weiß nicht, wohin die Samen fallen, der Dichter nicht, ob die Worte aufgehen.

Kastraten, die Aphrodite als Flittchen schmähen.

Schürzenjäger, die ihre Mutter vergöttern.

Kritiker sind wie Spielverderber, und Spielverderber wie Fliegen auf der Geburtstagstorte.

Farbenblinde Maler, die dem Zeitalter des Trübsinns und der Dämmerung als wahre Zeugen gelten.

Taube Komponisten, die in den Zeiten des großen Lärms als einzige die kosmischen Harmonien vernehmen.

Kleine Kuß-Teufel, die ihren und seinen Mund immer zur Seite biegen.

Er war so empfindsam geworden, daß er Blumen als Geschenke verschmähte, um sie nicht welken sehen zu müssen.

Er las sich sein Lebtag durch seine riesige Bibliothek, die aus Abteilungen mit Werken verschiedener Sprachen bestand, bis er im Alter vergessen hatte, welches seine Muttersprache war.

Natürlich kann der Pferch der Familie, wie Kafkas Erzählung zeigt, eine Hölle sein; aber sie ist ein Paradies im Vergleich zum bindungslosen und promiskuitiven Nomadendasein.

Die erhabensten Bilder versunkener und in ein goldenes Abendlicht heraufbeschworener antiker Stätten entstammen der Feder deutscher Dichter, die das Mittelmeer nie mit eigenen Augen gesehen haben.

Den Mißmutigen stört die Mücke an der Wind. Der Paranoide glaubt sich von ihr beobachtet. Der Lebensfrohe öffnet das Fenster und sie schwirrt hinaus.

Die ernsten Gesichter der großen Dichter des Fin de Siècle in ihren Maßanzügen, Hofmannsthal, George, und dann kommt Brecht in seiner Joppe daher, im schiefen Maul den Stumpen.

Wir suchen oder bauen, ersinnen oder erträumen, wie es der Dichter Giovanni Pascoli ausdrückt, immer ein Nest, das es wie die Haut unsere Eingeweide und der Schädel unser Hirn unser Dasein schützend umhülle.

Doch der Feind ist listig, das Böse ist unbesiegbar, es greift von innen an, während wir heiteren Sinnes aus dem Fenster die lachende Erde betrachten, nagt schon der Wurm im Eingeweide und die Mücke der Angst krabbelt in den Hirnwindungen umher.

Wir sind gemischte Wesen. Ein jedes geht mit seinem Schatten, die einen nennen sich Freigeister und spotten seiner, andere suchen ihn kindisch zu beschwören und zu beschwatzen, daß er sie freigebe und verlasse, wieder andere haben den Kampf aufgegeben und ziehen sich in einen Winkel der Nacht zurück, und die ganz Schlauen finden glücklich die Stelle des blendenden Mittags, wo die Sonne im Zenit steht, doch sogleich wieder wachsen die Schatten.

Verließe man sich auf die Vernunft des Leibes, könnte man manchen Dachschaden vermeiden oder beheben.

Der alternde Körper, der nach wenigen Schritten Atem holt, aber dabei gerne in das Blau des Himmels gafft, giert nicht danach, seine Runzeln und Falten bei athletischen oder erotischen Schaukämpfen zu entblößen, geschweige denn danach, ewig zu leben; denn das hieße, wie jener mythische Tor immer weiter zu schrumpfen und zu zerknüllen, bis ein Fliegendreck bliebe, den der erste frische Morgenwind auseinanderstiebt.

Nein, eine höhere Gerechtigkeit ist nicht in Sicht. Es ist der trübe, alles verdüsternde Gedanke des schwachen, kränkelnden und vor den Kopf gestoßenen Rangniederen an eine jenseitige Rache für erlittenes Unrecht, physisches und moralisches Leid eben jener Hinkefuß, auf dem die strengen religiösen Lehren nicht geradestehen und weswegen ihre Anhänger nicht mit einem sanften oder ironischen Lächeln vom Leben Abschied nehmen können.

Immer schwingt, was wir Seele nennen, im leiblichen Ausdruck mit, im Tonfall der Rede, in der Anmut oder Plumpheit des Schritts, im trüben oder irisierenden Glanz der Augen.

Der geht, als habe er eine Last von Scheiten zu tragen, der, als schiebe der Windhauch ihn an.

Mit Woyzeck kommt der Typus des gehetzten, besessenen, verrückten Triebtäters auf die Bühne; mittlerweile hat er den durch Schmerzen geläuterten Geist einer Iphigenie oder eines Lear, den sich aus Intrigen der Gesellschaft und den Schlingen der Liebe schwermütig lösenden Charakter des Schwierigen fast gänzlich verdrängt.

Büchners Woyzeck kann man leicht vulgarisieren, Iphigenie, Lear und den Schwierigen kaum.

Man müßte die Theater und Ausstellungen für Gegenwartskunst für dreißig Jahre dicht machen, um dann mit einer neuen Generation neu zu beginnen.

Warum soll ich unbedingt wissen, welche Völker sich im wilden Kurdistan die Köpfe einschlagen, ja anhand bluttriefender Bilder unmittelbar mich daran delektieren?

Der große Geist verehrt in den Ordnungen der Natur und der Sprache seine eigene geheimnisvolle Herkunft und Bestimmung. Er vermag bei sich selbst zu bleiben, wie Seneca sagt, und wohin immer es ihn verschlägt, zu Hause zu sein.

Die Elenden aber halten es nicht bei sich aus, zurecht, möchte man sagen, und suchen Reize, Gifte, exotische Ausblicke, um sich zu vergessen.

So auch die Lektüre der meisten; sie ist ihnen der Ausschank am Wegesrand, ob von erlesenen Weinen oder billigem Fusel, doch der Wirt ist der alte Gevatter mit dem höhnischen Grinsen.

Alle streben nach Lust, nach Tugend, nach Wissen; das sind törichte Sätze, so wie es töricht ist, alles über einen Kamm scheren, alles auf ein Prinzip zurückführen zu wollen.

Wenn wir Sätze dieser Art als Hypothesen nehmen, vernichten sie sich selbst im Regreß auf weitere prinzipielle Annahmen.

Die einen legen sich aufs Ohr, wenn Müdigkeit sie übermannt, die anderen kämpfen dagegen an, weil sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben. Die einen greifen hemmungslos nach Kuchen und verschlingen beim ersten Hungergefühl Würste und Knödel, die anderen fasten, um den Geist spartanisch zu stählen oder asketisch zur Andacht zu beflügeln.

Ach, der Schlemmer und Fresser rührt heute die Würste nicht an? Nein, er handelt nicht aus der besseren Einsicht, daß der von faulen Dünsten nicht behelligte Geist klarer sieht; er hat sich den Magen verdorben, morgen wird er wieder zulangen.

Wir handeln meist nicht aufgrund besserer Einsicht oder gewichtiger Argumente. Der immer gähnende Faulpelz rafft sich plötzlich zu asketischen Nachtwachen auf? Sein neuer Freund ist Anhänger einer strengen Glaubensgemeinschaft und ihn will er beeindrucken.

Wir bewohnen keine Seele und kein Bewußtsein, keine Innenwelt, sondern sind gleichsam draußen, in den primitiven Regungen des Leibes, wenn uns heiß wird und Schweißperlen von der Stirne rinnen, ja in der lauen Frühlingsluft, die sanft über unsere Haut streicht. Wir sind gleichsam, was wir sagen, und unsere Äußerung schreiben wir keiner vom Sprechakt losgelösten Instanz der Selbstrepräsentation zu, vielmehr sind unsere Wort als Fleisch von unserem Fleisch beglaubigt, weil unser Gesprächspartner auf sie eingeht, sie ernstnimmt oder maßregelt.

Die Berührung der einen Hand wiegt leicht wie ein Schatten, bei der Berührung der anderen zuckst du zusammen oder es überlaufen dich Schauer.

Kinder fragen Sachen wie: Wo sind die Winde, wenn sie nicht wehen? Vielleicht im Sack des Aiolos. Philosophen fragen: Wo ist das Subjekt, wenn es schläft?

Plötzlich riß die Wolkendecke auf und das heiterste Blau wurde sichtbar. Plötzlich wurde ihr Gesicht von der milden Sonne beschienen und sie lächelte.

Als fühlende Wesen sind wir unschuldig, denn in den Horizont der Gefühle treten wir wie aus einem dämmerigen Wald auf eine Lichtung. Erst wenn wir in den zweideutigen Zustand einer Person mit der Fähigkeit gelangen, etwas von uns zu halten, beginnt das Maskenspiel oder die Komödie, und mit der Unschuld hat es ein Ende.

Wir werden zu einer lächerlichen Figur, wenn wir mehr von uns halten als uns zusteht, zu einer tragikomischen, wenn weniger.

Er dünkt sich einen geistreichen Kopf, aber es sind, was er abspult, nur breitgetretene Phrasen. – Er hält sich für einen großartigen Liebhaber, aber Frau und Geliebte, heimlich verbündet, zerreißen sich hinter seinem Rücken die Mäuler. – Der alte Herr wird im Alter sentimental und plaudert mit seinem Diener auf Augenhöhe. – Hier bekäme der Diener in der klassischen Komödie seinen Einsatz, um sich ironisch über die Altersschrullen seines Herrn auszulassen, und dies mittels Beiseitesprechen Richtung Publikum.

Er hat mit Kompositionen wunderlich versponnener Quartette sein Talent bewiesen, aber tritt auf der Party vor dem Salonlöwen und Homme à femmes zurück, der seine schnulzigen Kadenzen auf die Tasten schmiert. – Sie fühlt sich zu dem jüngeren Mann hingezogen und ihm geistesverwandt, aber vor der hübschen, ungeniert vor sich hin schwadronierenden Rivalin, die ihm das Wasser nicht reichen kann, weicht sie resigniert zurück. – Hier würde in der alten Komödie die Zofe beiseite sprechen, und zwar mit gepfefferter Rede.

Der schwermütige Denker macht es mit sich selber ab, blickt als eigener Knappe und Diener hinter die Maske seines erhöhten Ego, um wie in der Commedia dell’arte hinter vorgehaltener Hand sich selbst als beinahe schon eingeschlafenes Publikum mit ironischen Sticheleien über seinen tragikomischen Auftritt noch einmal für eine letzte Lachsalve aufzuwecken.

 

Okt 28 19

Giovanni Pascoli, X agosto

Aus: Myricae

San Lorenzo, io lo so perché tanto
di stelle per l’aria tranquilla
arde e cade, perché sì gran pianto
nel concavo cielo sfavilla.

Ritornava una rondine al tetto:
l’uccisero: cadde tra spini:
ella aveva nel becco un insetto:
la cena de’ suoi rondinini.

Ora è là, come in croce, che tende
quel verme a quel cielo lontano;
e il suo nido è nell’ombra, che attende,
che pigola sempre più piano.

Anche un uomo tornava al suo nido:
l’uccisero: disse: Perdono;
e restò negli aperti occhi un grido:
portava due bambole in dono…

Ora là, nella casa romita,
lo aspettano, aspettano in vano:
egli immobile, attonito, addita
le bambole al cielo lontano.

E tu, Cielo, dall’alto dei mondi
sereni, infinito, immortale,
oh! d’un pianto di stelle lo inondi
quest’atomo opaco del Male!

 

Der 10. August

Heiliger Lorenz, ich weiß, warum so viel
Sterne glimmen auf blauen Wogen
und versinken, weiß, warum so viel
Tränen glitzern am Himmelsbogen.

Die Schwalbe kehrte zur heimischen Flur:
erschossen fiel sie in Dornenhecken.
Im Schnabel hielt sie einen Wurm,
der sollte ihren Kleinen schmecken.

Nun liegt sie da, wie am Kreuz, und reckt
dem fernen Himmel den Wurm entgegen.
Ihr Nest, das ihrer harrt, ist im Dunkel versteckt,
immer leiser und leiser wird das Quieken.

Auch ein Mensch kam heim in sein Nest:
erschossen, sagte: Wollt mir verzeihen!
Einen Schrei hielten die offenen Augen fest.
Hatte zwei Puppen dabei für die Kleinen.

Ist nun da, im Haus, das verwaist,
wo sie nach ihm sich sehnen, umsonst sich sehnen:
Er aber hält erstarrt wie ein Geist
dem fernen Himmel die Puppen entgegen.

Und du, Himmel, vom hohen Paradies,
so heiter, ohne Enden, ohne Sterben,
die Tränen, ach, der Sterne doch gieß
auf diese Kleinen, die am Bösen verderben.

 

Anmerkung zum Verständnis:
In der Nacht zum 10. August 1867, dem Tag, der dem Hl. Lorenz geweiht ist, wurde der Vater des Dichters, wohl von Banditen, ermordet. Ruggero Pascoli war auf dem Heimweg und hatte zwei Puppen dabei, die er seinen Kindern schenken wollte. Die Form der italienischen Schreibweise des Datums weist auf das im Gedicht beschworene Kreuz hin.

 

Okt 28 19

Todes Bruder ist der Schlaf

Geh nach Haus, die Tür schließ zu,
laß der Nacht die wirren Stimmen,
deiner Angst der Kerze Glimmen,
denn der Geist hat keine Ruh.

Gib dem dunklen Wunsch nicht nach,
lausche nicht ersticktem Weinen
aus den fernen Schattenhainen,
wo der Dorn die Liebe stach.

Wenn ihr Schluchzen dich auch traf,
aus dem Weine Blicke funkeln,
lasse Tränen dich verdunkeln,
Todes Bruder ist der Schlaf.

 

Okt 27 19

Tierische Plaudereien

I

Kater: „Wenn ich schreite, istʼs wie Nurejew, wenn du trottest, istʼs nur wie Hund.“

Hund: „Wenn ich heule, dann um meinetwillen unterm hellen Mond, wenn du jammerst, dann um die Katz in finsterer Nacht.“

II

Pfau: „Mein Schrei ist gräßlich, doch mein Rad ist schön.“

Spatz: „Dein Rad hat schöne Augen, doch du kannst damit nicht fliegen.“

Nachtigall: „Ich bin unscheinbar wie du, mein Spatz, doch mein Gesang ist himmlisch.“

Huhn: „Bin weder schön noch kann ich singen, doch zu Ostern färbt man meine Eier und versteckt sie für das gute Kind.“

III

Lipizzaner: „Mein Schritt hat Anmut, Würde hat mein Trab.“

Hund: „Doch mußt im Kreis du an der Leine laufen; derselbe Mensch, um den devot du kreist, läßt mich auf seinem Kissen dösen.“

Lipizzaner: „Mußt doch das Stöckchen, das er wirft, ihm apportieren.“

IV

Möwe: „Ich segle kühn auf wilder Wellen Schaum, mich dauert nicht der Schiffbruch kleiner Menschen.“

Taube: „Schreckt mich auch Sturm und Wildnis, Blattes grüne Hoffnung trug ich einst im Schnabel.“

V

Esel: „Ein Roß, das fliegen kann, na gut. Doch schleppe ich auf krummem Rücken Scheiter oder Früchte, Dinge, die dem Menschen nützen.“

Pegasus: „Ich schlug mit meinem Huf die Quelle auf, die schön den Dichtern singt.“

Esel: „Amphoren, die ich trage, bergen nicht der Erde Sinn allein, denn im Weine funkelt tief die Sonne, wahren Dichters klarer Rausch.“

Pegasus: „Ich trug den großen Heros, daß er das Unheil der Chimäre niederringe.“

Esel: „Ich trug das Heil der Welt, daß des Lebens Dunkelheit ein reiner Wein erhelle.“

VI

Frosch: „Mein Sommerabend ist laut quaken für die Liebe.“

Grille: „Ist deine Liebe denn halb taub, daß du so schreien mußt?“

Frosch: „Ich singe laut, weil auch mein Nachbar quakt, und werde lauter, ihn zu übertönen, so gehtʼs reihum, bis Lied und Kehle platzen.“

Grille: „Ich zirpe fröhlich durch die Nacht, wer möchte Frohsinn überschreien?“

Leuchtkäfer: „Meine Liebe, sie ist stumm, doch leih ich ihrer Nacht ein Leuchten, daß man ihr Wunder schaut.“

 



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