Still
Der Abendwind,
der nichts will,
wird bei Locken lind,
wird bei Rosen still.
Das Abendlied,
das nichts will,
streift durchs Ried,
wird im Grase still.
Das Menschenherz,
das nichts will,
geht langsam rückwärts,
steht an der Quelle still.
Die Honiglampe
Eine Lampe goß ihr honigwarmes Licht
in die Höhle eines Dichterlings,
Dämmerung wogte rings,
nur auf dem Blatt des Schreibers nicht,
es blieb die Nacht so weiß und rein
wie ein schneebedecktes Rasenstück.
Benommen von dem sanften Schein,
war das Herz des Dichters müd vor Glück.
Da ist die Lampe plötzlich ausgegangen,
Gespensterlicht fiel in den Raum,
trüben Mondes fauler Schaum,
da krampfte durch die Finger ein Verlangen,
sie kratzten wild, und als die Vögel sangen,
war schwarz das Blatt von einem wüsten Traum.
Sag mir, mit wem sie furzen
Der alte Römer saß in Reih und Glied
auf einem Donnerbalken oder Loch
an Loch und politisierte immer noch
mit seinen Nachbarn, wenn er schied.
Der alte Japaner ging in seine Laube
und salbte seinen Steiß mit Blatt
und Blüte, still wie eine Taube,
die ihr Köpfchen unterm Flügel hat.
Wie degoutant, daß auch Fräulein Vergil
benutzte einen eklen Schwamm am Stiel.
Wie erbaulich, daß der freie Bashō
einsam schiß in seinem Garten-Klo.
Die Seife
„Menschenskind, wer hätte das gedacht,
ich war doch zartrosa eingewickelt.
Mir hat die Seele schon geprickelt,
als die schöne Feine mir so zugelacht.
Da packt mich grob aus dem Regal
dieser Saukerl, roh und verstunken,
der mich jetzt reibt um sein – pfui, egal!
Lieber wär in ihrer Wanne ich ertrunken!“
Ein Gespenst
Wie ein Gespenst torkeln
durch die Schluchten
und Irrgänge der Kaufhäuser.
Mensch, hier gibt es nicht,
was dich wirklich macht!
In Cafés und Parks stieren
nach jenem Engelsgesicht
und jenen Augen.
Mensch, die Geflügelten
schwirren nur in Elegien!
Wie ein Gespenst nippen
von der laschen Sahne
im klirrenden Porzellan.
Mensch, was dich erfrischt,
ist eines heißen Herzens Blut!
In den Beeten und Vorgärten
wittern nach jenem Duft,
dem überwirklichen.
Mensch, die blaue Blume
duftet nur zwischen Zeilen!
Bittere Knospe
Wie mir verblaßt,
das mich nährte,
das Licht deiner Augen.
Wie von Blättern
wird mir Rauschen
dein liebes Wort.
Die Blüte deiner Hand
legt sich leicht
auf meinen Schlaf.
Deine Lippen,
o Beben,
verschütten mein Herz.
Südens Duft,
Wogen des Haars,
verdunkelt mich.
Bittere Knospe,
letzter Kuß,
verschließt meinen Mund.
Die blaue Stille
In Gottes Wiederkehr
der blauen Stille
sind alle Städte leer.
Nur in der grünen Flur
summen Bienen noch
in seiner Atemspur.
Wieder hat verbannt
uns der Herr
und hat sein Kreuz verbrannt.
Gott hat seiner Wunden
sich erbarmt
und im Unheil Heil gefunden.
Er hat den holden Wahn,
ein Mensch zu sein,
von sich abgetan.
Allein geht er durch Eden,
mit seinen Rosen
Müßiges zu reden.
Nur ein Vogel singt,
der von Zweig zu Zweig
durch seinen Schatten springt.
Rainer Maria Rilke, Ossuaire
Poèmes et Dédicaces (1920–1926)
N’y a-t-il plus que des Victoires
aux ailes cassées?
Et l’amour laisse-t-il toujours choire
les enlacés?
Qui les rappelle, les sources mortes
et les sourires?
Et cette onde qui nous emporte – -
c’est vers le pire.
On voudrait, pour que rien ne se passe
qu’on nous arrête.
Mais la mort qui se presse, entasse
tête sur tête.
Beinhaus
Gilt denn einzig Bezwingen,
sind auch die Flügel gerissen?
Ist Liebe selbst im Umschlingen
immer Vermissen?
Die Quellen, wer mag von ihnen sagen,
und vom Lächeln, das zerrann im Nu?
Und jenen Wogen, die uns tragen
dem äußersten zu?
Man möchte, daß nichts passiert,
wenn sie uns vollends entpflichten.
Doch dem Tod es nur pressiert,
Schädel auf Schädel zu schichten.
Philippe Jaccottet, Devancier
J’ai reconnu dans un rocher
la mort fuguée et mensurable,
le lit ouvert de ses petits comparses
sous la retraite d’un figuier.
Nul signe de tailleur :
chaque matin de la terre ouvrait ses ailes
au bas des marches de la nuit.
Sans redite,
allégé de la peur des hommes,
je creuse dans l’air ma tombe et mon retour.
Einer, der vorausging
Ich erkannte in einem Felsgestein
den Tod wieder, auf der Flucht und faßbar,
das Bett seiner kleinen Komparsen im Freien
im Schutz eines Feigenbaums.
Nichts wies auf einen Schneider hin:
Jeder Morgen der Erde breitete seine Flügel
tief über die Wege der Nacht.
Ohne mich zu wiederholen,
um die Angst vor den Menschen leichter geworden,
höhle ich in der Luft mein Grab und meine Wiederkehr.
Paul Verlaine, Beauté des femmes
Sagesse
Beauté des femmes, leur faiblesse, et ces mains pâles
Qui font souvent le bien et peuvent tout le mal,
Et ces yeux, où plus rien ne reste d’animal
Que juste assez pour dire : ” assez ” aux fureurs mâles.
Et toujours, maternelle endormeuse des râles,
Même quand elle ment, cette voix ! Matinal
Appel, ou chant bien doux à vêpre, ou frais signal,
Ou beau sanglot qui va mourir au pli des châles !…
Hommes durs ! Vie atroce et laide d’ici-bas !
Ah ! que du moins, loin des baisers et des combats,
Quelque chose demeure un peu sur la montagne,
Quelque chose du coeur enfantin et subtil,
Bonté, respect ! Car, qu’est-ce qui nous accompagne
Et vraiment, quand la mort viendra, que reste-t-il?
Schönheit der Frauen, ihre Schwäche und der Hände weiße Blüten,
die oft das Gute tun und all das Böse lieben,
und diese Augen, in denen vom Tier nur Funken blieben,
gerade genug „Genug!“ zu rufen, wenn ihre Männer wüten.
Und immer ist sie mütterlich, wenn sie einschläfernd brummt,
auch wenn sie lügt, diese Stimme! Rufe, die wecken,
oder liebliches Singen am Abend oder munteres Necken
oder Seufzen schön, das im Bausch des Schals verstummt …
Harte Männer! Leben gräßlich und häßlich in diesen Breiten!
Ach, daß zumindest fernab von Küssen und Streiten
irgendetwas dort noch wohnt über Gebirges Höhen,
irgendein kindliches Fühlen und Erschauern,
Güte, Ehrfurcht! Was könnte denn mit uns gehen
und wenn der Tod naht uns wahrhaft überdauern?
Du bist es ja
Schatten tanzen vor mir.
Seufzer wiegen mich.
Sind es lüpfende Zweige?
Sind es närrische Lüfte?
Nein, du bist es ja,
die sich beugt
über mein bleiches Herz.
Im Abend ist ein Summen.
Ein Duften in der Nacht.
Sind es verirrte Bienen?
Sind es verborgene Blumen?
Nein, du bist es ja,
die sich beugt
über mein bleiches Herz.
Unverzagt
Diese Lippen welken schon,
ihr Lied wird leiser,
ihre Küsse blasser
unter kalten Sternen.
Der junge Baum singt weiter
im Blütenlicht.
Seine Rinde birgt
die Wärme vor der Nacht.
Tief im Winter
schläft sein Lied im Schnee,
bis goldne Tränen
weich es wecken.
Der junge Vogel
bebt in seinem Flaum,
südliche Düfte
weisen ihm den Weg.
Er wird weiter fliegen
als dein müdes Lied,
gibʼs wie losen Zweig
seinem Schnabel mit.
Paul Verlaine, Circonspection
Jadis et naguère
Donne ta main, retiens ton souffle, asseyons-nous
Sous cet arbre géant où vient mourir la brise
En soupirs inégaux sous la ramure grise
Que caresse le clair de lune blême et doux.
Immobiles, baissons nos yeux vers nos genoux.
Ne pensons pas, rêvons. Laissons faire à leur guise
Le bonheur qui s’enfuit et l’amour qui s’épuise,
Et nos cheveux frôlés par l’aile des hiboux.
Oublions d’espérer. Discrète et contenue,
Que l’âme de chacun de nous deux continue
Ce calme et cette mort sereine du soleil.
Restons silencieux parmi la paix nocturne :
Il n’est pas bon d’aller troubler dans son sommeil
La nature, ce dieu féroce et taciturne.
Bedachtsamkeit
Reich mir die Hand, verhalte den Atem, setzen
wir uns unter den hohen Baum, wo dem Tod sich neigen
Wellen von Seufzern unter grauen Zweigen,
die Mondes bleiche und süße Küsse netzen.
Starr wollen wir die Blicke abwärts zu den Knien führen,
an nichts denken, träumen. Lassen in ihrem Reigen
entfliehen das Glück und die Liebe schweigen
und der Eule Schwingen an das Haar uns rühren.
Vergessen wir zu hoffen. Daß verschwiegen und gefaßt
die Seele eines jeden von uns beiden ganz umfaßt
diese Ruhe und der Sonne heiteres Sterben.
Bleiben wir still mitten im Frieden der Nacht:
Nicht ist es gut, den Schlaf ihr zu verderben
der Natur, der Göttin stumm und ungeschlacht.
Louise Labé, IV. Sonett
Depuis qu’Amour cruel empoisonna
Premierement de son feu ma poitrine,
Tousjours brulay de sa fureur divine,
Qui un seul jour mon coeur n’abandonna.
Quelque travail, dont assez me donna,
Quelque menasse et procheine ruïne :
Quelque penser de mort qui tout termine,
De rien mon coeur ardent ne s’estonna.
Tant plus qu’Amour nous vient fort assaillir,
Plus il nous fait nos forces recueillir,
Et toujours frais en ses combats fait ester.
Mais ce n’est pas qu’en rien nous favorise,
Cil qui les Dieus et les hommes mesprise :
Mais pour plus fort contre les fors paroitre.
Seit der grausame Amor hat geschossen
zum ersten Mal sein Flammengift mir in die Brust,
brenn täglich ich von seiner Dämonslust,
die an keinem Tage von mir abgeflossen.
Welche Qualen er mir auch beschlossen,
welche Gefahr und drohenden Verlust,
welche Tode er mir zu malen hat gewußt,
meine Glut hat alles kalt genossen.
Je heftiger Amors heißes Stürmen,
je mehr müssen wir die Kräfte türmen,
täglich Zornestränen seinem Zürnen weinen.
Doch weit gefehlt, daß er uns verwöhnt,
er, der Götter und Menschen verhöhnt:
Er will nur stärker als die Starken scheinen.
Der Seelenkäfer
Seele, deine Fühler,
wie sie zittern,
wenn Fliederbüschel schäumen,
wie sie starren,
wenn Schnee
Schlaf flockt
auf all die Einsamkeit.
Goldener Käfer
im wahr flüsternden Gras,
wo dich zeugte
das Lied eines verirrten Fauns,
du versäumst den Mond,
des Honigs tropfendes Lied.
Brummst du noch ein wenig,
wenn aus Holundersternen
Funken stieben
auf deinen braunen,
fühllosen Panzer?
Seele, hörst du mich,
oder schläfst du,
ausweglos verschüttet
im Erdloch, im schwarzen,
wo dich umspinnen
die Silberfäden
des ewigen Traums?
Paul Verlaine, A poor young shepherd
Romances sans Paroles
J’ai peur d’un baiser
Comme d’une abeille.
Je souffre et je veille
Sans me reposer :
J’ai peur d’un baiser !
Pourtant j’aime Kate
Et ses yeux jolis.
Elle est délicate,
Aux longs traits pâlis.
Oh ! que j’aime Kate !
C’est Saint-Valentin !
Je dois et je n’ose
Lui dire au matin…
La terrible chose
Que Saint-Valentin !
Elle m’est promise,
Fort heureusement !
Mais quelle entreprise
Que d’être un amant
Près d’une promise !
J’ai peur d’un baiser
Comme d’une abeille.
Je souffre et je veille
Sans me reposer :
J’ai peur d’un baiser !
A poor young shepherd
Ich habe Angst vor einem Kuß,
wie vor einer Biene Stich,
drum leide, wache ich,
Schlaf macht mir Verdruß:
ich habe Angst vor einem Kuß!
Und doch, ich liebe Kathrin
und ihre hübschen Augen.
Sie ist voll süßem Spleen,
und so bleich wie Laugen.
O, wie liebe ich Kathrin!
Heut ist Valentinstag!
Ich bin, bin nicht so weit,
daß am Morgen ich̛ s ihr sag …
vermaledeit,
dieser Valentinstag!
Sie ist mir zugesagt,
ich hatte Glück wie keiner!
Doch wie ist es gewagt,
Liebhaber zu sein bei einer,
die einem zugesagt!
Ich habe Angst vor einem Kuß,
wie vor einer Biene Stich,
drum leide, wache ich,
Schlaf macht mir Verdruß:
ich habe Angst vor einem Kuß!
Rainer Maria Rilke, Cimetière à Flaach
Poèmes et Dédicaces (1920–1926)
Tombeaux, tombeaux, debout comme des personnes
dans cet enclos en vain fermé,
cet air si tendre qui vous environne
et tout autour de vous, heureux, ce pré
ne vous font-ils regretter au moins
en ce moment, o pierres indifférentes
le sort d’antan quand vous étiez un coin
vivant pourtant de la montagne vivante?
Quel lot funest vous attache aux morts
qui malgré vous s’évadent et se mêlent
aux changements, tandis que vous encor
imitez leur raideur, horribles stèles.
Friedhof bei Flaach
Grabsteine, Grabsteine, aufrecht wie Personen
auf diesem Hof, vergebens ummauert,
die Lüfte, so zart, die euch bewohnen,
und die Wiese, die euch rings umkauert,
ergreift euch nicht doch ein Sehnen
in diesem Augenblick, o herzlose Steine,
nach dem einstigen Sein, als ihr konntet lehnen
in lebenden Berges lebendem Haine?
Welch dunkles Los läßt euch bei den Toten harren,
die euch zum Trotz entweichen und sich vermählen
mit dem Geschehen, dieweil ihr noch ihr Starren
im Bilde faßt, ihr schaurigen Stelen.
Rainer Maria Rilke, Haï-Kaï
Poèmes et Dédicaces (1920–1926)
C’est pourtant plus lourd de porter des fruits que
des fleurs.
Mais ce n’est pas un arbre qui parle -
c’est un amoureux.
Es ist doch viel schwerer, Früchte zu tragen als
Blumen.
Aber kein Baum sagt dies –
es ist ein Mensch, der liebt.
Rainer Maria Rilke, Qui nous dit
Poèmes et Dédicaces (1920–1926)
Qui nous dit que tout disparaisse?
de l’oiseau que tu blesses,
qui sait, s’il ne reste le vol,
et peut-être les fleurs des caresses
survivent à nous, à leur sol.
Ce n’est pas le geste qui dure
mais il vous revêt de l’armure
d’or – des seins jusqu’aux genoux -,
et tant la bataille fut pure
qu’un Ange la porte après vous.
Wer sagt uns, daß alles entschwinde?
Wer weiß, ob nicht sich wiederfinde
der Flug des Vogels, den du verletzt,
ob nicht der Zärten Blumengewinde
uns überlebt, uns, die es genetzt.
Jede Geste muß ja scheiden,
doch mag sie euch mit einer Rüstung kleiden
aus Gold – von den Lenden zu den Knien,
und umso reiner ist das Streiten,
wird nach euch ein Engel sie sich überziehen.
Alles, was du bist
Du bist so fiberdünn,
ein blindes Glas,
an das die Tropfen prallen.
Du bist das zarte Grau,
worin Hortensien
mit dem Abendlicht
verschmelzen.
Im Neonlicht
schwimmst du
auf öligen Lachen
zu den Asphaltrosen.
Fühle es,
wenn Flieders Rüschen
um deine Ärmel bauschen,
wanderst du
durch wehen Duft
in deinen unbekannten Garten.
Aus dem Glockenturm der Kindheit
kommst,
ein blauer Ton,
durch die Leidschlucht
du geflogen.
Dort in der Aschenglut
liegt dein Herz,
o es singt,
es singt,
bis daß der Himmel weint.
Rainer Maria Rilke, Nénuphar
Poèmes et Dédicaces (1920–1926)
J’ai toute ma vie, mais qui la dirait mienne
me priverait, car elle est infinie.
Le frisson d’eau, la teinte aérienne
sont à moi; c’est encor cela, ma vie.
Aucun désir ne m’ouvre: je suis pleine,
jamais je ne me referme par refus, -
au rythme de mon âme quotidienne
je ne désire point -, je suis émue;
Par ce mouvement j’exerce mon empire
rendant réels les rêves du soir
car à mon corps du fond de l’eau j’attire
les au-delà des miroirs…
Seerose
Das Leben ist mir ganz eigen, doch wer es das meine nennte,
würde mich berauben, es ist von keiner Grenze ja umgeben.
Der Schauer des Wassers, die himmlischen Pigmente
gehören mir; auch dies ist es noch, mein Leben.
Kein Begehren öffnet mich: ich bin ohne Fehle,
ich schließe mich nicht ein, als wär ich prüde,
im Rhythmus des Tages meiner Seele
bin ich ganz ohne Gier – ich bin nur Gemüte.
In seinen Regungen durchwalte ich mein Reich,
mache wahr mein abendliches Träumen,
denn von Reflexen wird mein Körper weich,
die mir aus Wassers Spiegel schäumen …
Exercises et Évidences
À quoi donc mésure-t-on
ce qui passe et, tour à tour,
semble trop long ou trop court
à l’imprévisible saison
de nos coeurs peu utilisables.
N’importe que vous dormez
ou que vous vous mettez à table,
on finit par se conformer
à l’inénarrable.
Quel silence autour de nos vies,
malgré tel mot qui voudrait
vivre. On pleure, on crie,
mais l’ensemble se tait.
Wie wird uns denn zugeteilt,
was nach und geschieht
und zu spät oder verfrüht
zum Sommer unsrer Herzen eilt,
unvorhersehbar für die fast blinden.
Ob ihr nun mögt schlafen
oder euch zum Mahl einfinden,
am Ende sind wir die Braven,
die sich ans Undeutbare binden.
Rings um unser Leben welche Stille,
trotz solch einem Wort, das aufsteigt
ins Sein. Tränen, Schreie die Fülle,
doch das Ganze, es schweigt.
Rainer Maria Rilke, Nos pertes
Exercises et Évidences
Nos pertes, n’est-ce sur vous
que nos rêves s’érigent?
Seulement nos rêves? Que dis-je?
Pertes, vous portez tous
nos plus tendres élans!
Vous êtes ces caves anciennes
où les vins de vos vignes deviennent
grands invisiblement.
C’est sur vos voûtes qu’on pose
tous ces étages émus.
Qu’est-ce, en somme, la rose
que la fête d’un fruit perdu.
Unsre Verluste, sind sie nicht,
wonach sich recken unsere Träume groß?
Nur unsre Träume? Was rede ich bloß?
Verluste, ihr seid die tragende Schicht
für unser zartestes Schweifen!
Ihr seid jene Höhlen der Vorzeit,
wo der Wein unsrer Reben gedeiht
in seinem heimlichen Reifen.
Auf euren Gewölben lasten lose
alle Etagen, wo die Seele sich sucht.
Was ist sie denn im Grunde die Rose,
das Fest einer verlorenen Frucht.
Stachlige Früchte
Sentenzen für behutsame Zungen
Die Ideen der Aufklärung führen zu ihrer Selbstaufhebung in einem neuen Mittelalter, gegen das die angebliche Finsternis des europäischen eine strahlende Lichterprozession gewesen sein wird.
Die Selbstermächtigung des aufgeklärten Individuums paart sich mit der Unterwerfung unter eine neue totalitäre Disziplin und Bevormundung.
Das Pochen des schwärmerischen Herzens unterliegt am Ende dem stillen Tun der alltäglichen Pflicht.
Das Ethos ist das Wasser, das Individuum der Schaum.
Dem aufgeregten Menschen des unmittelbaren Anspruchs fehlt die Geduld des Samens, der lange im Dunkel keimt.
Die Sprache ist weiser als der Sprechende. Wenn er ihr Gewebe zu heftig spannt, reißt es.
Die Künstler, die den Massengeschmack bedienen, sind Flöhe im warmen Bett der Lüge; es knackt, wenn sie sich umdreht.
Die Wunde der Aufklärung heilt nicht, sie verschorft.
Man kann nichts Fremdes achten, wenn man sich selbst verachtet.
Sie bemerken den Wert nicht einmal bei seinem Verlust.
Wenn Susette in die Nacht des Grabes sinkt, geht der Stern Diotimas auf.
Mit der Mundorgel erreicht man nicht die Nuancen und Abgründe Mozarts.
Es ist ein Zeichen des vulgären Geschmacks, daß er sich am Rhythmus betäubt.
Platon war Elitist, Aristoteles Monarchist, Thomas Theokrat – nur demokratische Schwärmer wie Rousseau verkennen die gebrochene Natur des Menschen.
Ich weiß nicht, wie es den Leuten im Eckhaus geht, und Gott bewahre, ich will es nicht wissen. Aber ich soll unter einem Dauerbombardement von Nachrichten mir ständig zu Gemüte führen, wie es den Leuten im Jemen, der Türkei oder auf Bali geht – Gott bewahre, ich will es nicht wissen.
News – ein Euphemismus für Verblödung oder Betäubung.
Kunst, die nach staatlichen Subventionen schielt, wird scheeläugig.
Das Gehüpfe, Gebrülle, Gesudel auf Brettern und an Wänden weicht der erbaulichen Stille und dem Grau-in-Grau der Besinnung, wenn dem Erziehungsinstitut namens Staat der Säckel abgeschnitten wird. Wer aber führt diese Kulturrevolution an? Sie hängen ja alle am Tropf.
Die Mönchszelle ist die wahre Therapie, nicht die Couch.
Es gibt ein Ethos der Kunst, das durch Selbstverleugnung wirkt.
Künstler, die wirken wollen, moralisch, politisch, ästhetisch, malen keine Bilder, sondern färben Ideen.
Das Ethos der Kunst wirkt wie der Schatten, in den man vor dem grellen Tageslicht flüchtet.
Die helfende, schenkende Hand ist leer. Sie winkt von weitem, ins Weite.
Die Quelle war erstorben. Lange, nachdem auf den Höhen der Schnee geschmolzen war, begann sie zu sprechen.
Die Lektüre der Chiffren des Grases ist belehrender und geistvoller als die Lektüre des Programms zur Rettung der Menschheit.
Es ist nur ein Wort, es ist schon verklungen. Es ist nur ein Duft, er ist schon verhaucht.
Die Dunkelheit und die rätselhafte Fluoreszens um das dichterische Wort sind wie die schützenden Stacheln der süßen Frucht.
Die Stacheln hemmen den Griff, machen das Sich-Einfinden in das innere Fruchtfleisch zu einer saumseligen Betrachtung.
Die Frucht des Worts betäubt nicht, sie stillt den Hunger, ohne satt und schläfrig zu machen.
Das Wort ist die Frucht und zugleich der Garten, in dem sie wächst.
Manchmal sind die üppigen Blüten trügerisch und die Frucht bleibt aus.
Der Garten des dichterischen Worts ist zugleich auch der Zyklus seiner Tages- und Jahreszeiten, in denen er sich lichtet und dämmert, Düfte braut, Blätter zu Farben vergärt oder sich in Eiszapfen ausweint.
Manche, Satiriker, Polemiker, hinkende Iambiker oder von der Liebe enttäuschte Romantiker, haben es nur auf die Stacheln abgesehen – ihre armselige Freude an den Blutstropfen der kalt Erwischten.
Es gibt welche, die werfen mit den Stachelfrüchten und ergötzen sich wie Kinder, wenn die abgeschossenen Kletten am fremden Hosenbein kleben bleiben.
Die Umwendung des Blicks: Wir haben uns nicht selbst erzeugt.
Wir finden uns vor, das ist das Unheimliche, vom dem Heidegger spricht.
Wir werfen kein Licht auf die Dinge, sodaß wir sie an den Rändern ihrer Schatten ermessen könnten.
Wir können die Dinge zum Sprechen bringen – aber sie springen aus dem Netz der Sprache, wenn wir mit ihr auf Fang ausgehen.
Die Sprache ist nicht unser Werk.
Ebensowenig wie die Logik, sie ist kein Organon.
Auch die Grundbegriffe, mit denen wir die Welt aufschließen und ordnen, sind keine Tentakel, mit denen wir nach geistiger Nahrung greifen.
Wir haben die Grundbegriffe, die Worte des Denkens, nicht erfunden wie Maschinen oder Roboter, sie wuchsen uns zu, wie die Früchte im imaginären Garten der Dichtung.
In der Sprache ist Licht, aber seine Quelle ist dunkel.
Rainer Maria Rilke, Coucou
Exercises et Évidences
Depuis tant de semaines tout nous dispute nos
règles d’hiver. Il faudra, il faut
désarmer, s’adoucir, laisser faire
l’inévitable printemps héréditaire.
Déjà le nid dans mon oreille est assez doux
pour que ta voix y vienne, coucou.
Dépose dans cet écrin le long collier de tes cris
dont le fermoir perdu nous occupe. Tant pis!
C’est vous, Cytise et Citronelle,
qui me faites encore sentir mon enfance.
Ô des étés la longue chance
sûre, lente et mutuelle.
C’est toi, mon coeur en permanence,
que je réclame aux fugitives
choses, à ces ombres vives
qui traversent mes attirances.
Kuckuck
Seit so vielen Wochen haben wir nur Verdruß
an diesem Winter. Man müßte, man muß
nachgeben, weich werden, umwerben
den Frühling, den unvermeidlichen Erben.
Schon ist das Nest in meinem Ohre weich genug,
daß zu ihm deine Stimme kommt, Kuckuck.
Leg nur in dies Etui die lange Kette deiner Schreie,
sein verlornes Schloß wirft – was soll’s! – uns aus der Reihe.
Ihr seid es, Goldregen und Zitronengras,
ihr schenkt mir noch den Duft der Kinderzeit.
O Sommerglück, so weit,
gewiß, langsam, voller Wechselmaß.
Du bist‘s, mein Herz in deinem Überdauern,
das ich hindränge zum Vorüberflimmern
der Dinge, zu des Lebens Schimmern,
die meine Neigungen durchschauern.
Rainer Maria Rilke, Ce sont les jours
Ébauches et Fragments
Ce sont les jours où les fontaines vides
mortes de faim retombent de l’automne,
et on devine de toutes les cloches qui sonnent
les lèvres faites des métaux timides.
Les capitales sont indifférentes.
Mais les soirs inattendus qui viennent
font dans le parc un crépuscule ardent,
et aux canaux avec les eaux si lentes
ils donnent une rêve vénitienne …
et une solitude aux amants.
Das sind die Tage, da die leeren Bronnen
Hungers gestorben in den Herbst heimfallen,
man erfühlt, wenn die Glocken erschallen,
ihre Lippen, aus scheuen Metallen geronnen.
Die großen Städte sind seelenleer.
Doch die Abende treten über den Saum
des Parks in glühende Dunkelheit,
und auf den Kanälen mit den Wassern so schwer
breiten sie einen venezianischen Traum …
und um die Liebenden Einsamkeit.
Con sordino
Einsinken in das Moos
des Schlafs, aus dem
Bienen schwirren.
Über Blüten wachen,
die auf dunklen Klängen
ins Uferlose treiben.
Am offenen Fenster sitzen,
wenn wie Seufzer der Nacht
die Gladiolen verblassen.
Das Gebrumm der Hummel,
ausweglos verfangen
im zu engen Herzen.
Wie eine Trommel
rühren Schnäbel
die Haut der blauen Nacht.
Das dumpfe Knacken,
wenn sich die Flamme
durch feuchte Scheite singt.
Die Schwermutglocke,
weich angeschlagen
vom Klöppel der Erinnerung.
Überreste
Auch die ins Dunkel ragte,
Marmors weiße Botschaft,
verdunstete,
und die höher flog,
die Inschrift der Möwen
im Abendblau.
Es blieb die Flocke
eines leichten Worts
auf grüner Schwelle,
die im Zwielicht glimmt.
Die Nachtgesang gewiegt
auf Beeten grünen Wassers,
Blumenmaske,
entblätterte
eines Matrosen tätowierte Hand.
Es blieb ein Echo
aus versiegelten Brunnen
von einem Wiegenlied
oder eines Lallens
der Verbannten,
wenn sie in der Höhe
das blaue Loch
des Himmels sehen.
Rainer Maria Rilke, L’Indifférent
(Watteau)
Tendres Impôts à la France
Ô naître ardent et triste,
mais, à la vie assiste,
tendre et bien habillé,
à la multiple surprise
qui ne vous engage point,
et, bien mis, à la bien mise
sourire de très loin.
Der Gleichgültige
O Kind von Glut und Traurigkeit
gibst dem Leben dein Geleit,
zart und fein umfältelt,
in verblüffender Pose,
die nicht euch zuliebe blinkt,
und mit des Lächelns Rose
einer fernen Schönen winkt.
Siehe:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b8/Jean-Antoine_Watteau_-_L%27indiff%C3%A9rent.jpg
Rainer Maria Rilke, L’aurai-je exprimé
Tendres Impôts à la France
L’aurai-je exprimé, avant de m’en aller,
ce coeur qui, tourmenté, consent à être?
Étonnement sans fin, qui fus mon maître,
jusqu’à la fin t’aurai-je imité?
Mais tout surpasse comme un jour d’été
le tendre geste qui trop tard admire;
dans nos paroles écloses, qui respire
le pur parfum d’identité?
Et cette belle qui s’en va, comment
la ferait-on passer par une image?
Son doux ruban flottant vit davantage
que cette ligne qui s’éprend.
Finde ich das Bild, bevor ich ab mich wende,
für dieses Herz, das in seiner Qual das Sein bejaht?
Nehme ich staunend ohne Ende dich, immerdar mein Rat,
zum Vorbild noch bis an das Ende?
Doch die sanfte Geste, die verehrt zu spät,
übersteigt alles wie ein Sommertag;
wo atmet unsrer Worte Blumenhag
den reinen Duft der Identität?
Und diese Schöne, die ins Freie springt,
wie könnten wir ins Bild sie heben?
Ihr süßes Band zeigt flatternd mehr an Leben
als jene Linie, die sich um sie schlingt.
Tendres Impôts à la France
Aidez les coeurs, si soumis et si tendres, -
tout cela blesse!
Qui saurait bien la tendresse défendre
de la tendresse.
Pourtant la lune, clémente déesse,
ne blesse aucune.
Ah, de nos pleurs où elle tombe sans cesse,
sauvez la lune!
Gebet einer zu wenig Gleichgültigen
Steht den Seelen bei, so ergeben und so zart –
alles dies schafft Leid!
Wer nur schenken könnte der Zärtlichkeit den Widerpart
der Zärtlichkeit.
Indes der Mond, Göttin, die Milde bringt,
uns alle schont!
O vor unseren Tränen wo unendlich er sinkt
rettet den Mond!
Die Entschwundenen
Alle sind sie entschwunden,
und dir blieb nur der Name
oder ein Kosename,
ein Spitzname ohne Gesicht,
denn wie jener die Lippen aufwarf
fragend oder höhnisch,
wie jene gegen dich die Augen
verdeckte mit der Hand,
wie gegen zu grelles Licht,
und ihre Stimmen in einer Prozession
des Flüstern und Wisperns,
des Stammelns und Glucksens,
des Girrens und Gellens
an dir vorüberzogen,
da du müßig an der Wand lehntest,
all das ist überdeckt und vermummt,
eingemacht wie Obst in aseptischen Gläsern,
ein Ölbild, überzogen mit Rissen und Patina,
verschnürt in vergessenen Kisten
eines maroden Lagerhauses der Vorstadt –
ach ja die Fetzen der Erinnerung,
wenn du Jahre noch Mutters Jacke,
abgerieben und fadenscheinig
trugst und nicht mehr zu waschen wagtest,
sie könnte sich in ihre Fäden lösen,
sie ist unansehnlich und zu eng,
keine Mode ist ihr mehr anzumerken,
doch graute dir vor dem letzten Schritt –
die Pfeife des Lehrers, Geschichte?
Latein?, die immer wieder ausging,
aber den Raum mit grauem Rauch
in eine strenge kalte Aura hüllte,
oder mit ihrem koptischen Halsschmuck
die feinsilbige Sibylle der Alten Kirche,
an dem sie lässig nestelte,
während du im Steinbruch deiner Halbbildung
nach dem Schlußstein kramtest
für den typologischen Bogen –
die letzte ungerauchte Zigarette,
die auf den Boden gerollt war,
mit ihr, als sie über den Teppich
zur Wand kroch, um vergebens zu klopfen
mit den gichtigen Fingern,
ob ein Nachbar sie höre,
du fandest sie als einziges Zeichen
des hereinbrechenden Chaos,
sonst war alles reinlich an seinem Platz,
Vasen und Kissen, Schalen und Früchte,
nur der Kühlschrank war leer,
sie aß zum Schluß nur aus kleinen Dosen
und Gläsern Suppen und Beeren,
und der Fernseher mit dem vergilbten Foto
und dem geschnitzten Rehkitz auf der Stickerei
gab nur verschwommene Bilder
und keinen Ton vom Weltenende,
als du die Wohnung aufgelöst hast –
entschwunden, verblaßt, zerronnen,
als könnte man glauben, die Seelen,
eingezwängt in die Voliere der Schatten
und Ängste, könnten, wenn sie hart aufschlägt
auf dem Küchenboden und zerspringt,
denn wo ist der Engel, der sie öffnete,
ins Freie flattern, aber haben sie noch Kraft,
nach diesem Leben, in dem die Flügel verkümmern?
O wenn sie ausgehaucht aufstiegen
und leichte weiße Flocken dem Wind
zum Spiel sich in Wolken ballten,
die über die Stätten und Felder und Kirchen
der Heimat ziehen in eine nie geahnte Ferne –
bis über dem grünen Schaum eines Flusses
die rote Zunge der Sonne sie wie Sahneeis
leckt oder sie feucht und grau von den Tränen
des Monds sich öffnen und herniederregnen.
Philippe Jaccottet, Portovenere
La mer est de nouveau obscure. Tu comprends,
c’est la dernière nuit. Mais qui vais-je appelant ?
Hors l’écho, je ne parle à personne, à personne.
Où s’écroulent les rocs, la mer est noire, et tonne
dans sa cloche de pluie. Une chauve-souris
cogne aux barreaux de l’air d’un vol comme surpris,
tous ces jours sont perdus, déchirés par ses ailes
noires, la majesté de ces eaux trop fidèles
me laisse froid, puisque je ne parle toujours
ni à toi, ni à rien. Qu’ils sombrent, ces « beaux jours »!
Je pars, je continue à vieillir, peu m’importe,
sur qui s’en va la mer saura claquer la porte.
Wieder hat sich das Meer verdunkelt. Du verstehst,
dies ist die letzte Nacht. Doch zu wem rufe ich?
Außer mit dem Echo spreche ich mit keinem, mit keinem.
Wo die Klippen stürzen, ist das Meer schwarz und es donnert
in seiner Regenglocke. Eine Fledermaus
prallt gegen das Gitter der Luft, als hätte sie der Flug überrascht,
all diese Tage sind verloren, durch ihre schwarzen Flügel
geht ein Riß, die Majestät dieser allzu ergebenen Wasser
läßt mich kalt, denn ich rede nicht unentwegt,
weder zu dir noch zu irgendwas. Sollen sie versinken, diese „schönen Tage“!
Ich reise ab, ich werde weiter altern, kaum schert es mich,
in wessen Rücken das Meer die Türe knallen wird.
Philippe Jaccottet, Les nuages
Les nuages se bâtissent en lignes de pierres
l’une sur l’autre
légère voûte ou arche grise.
Nous pouvons porter peu de choses,
à peine une couronne de papier doré;
à la première épine
nous crions à l’aide et nous tremblons.
Die Wolken türmen sich in einer Linie von Steinen,
eine über die andere,
leichtes Gewölbe oder grauer Bogen.
Wir vermögen nur wenig zu tragen,
gerade einmal eine Krone aus Goldpapier;
beim ersten Dorne
schreien wir um Hilfe und zittern.
Rainer Maria Rilke, De quelle attente
Tendres Impôts à la France
De quelle attente, de quel
regret sommes-nous les victimes,
nous qui cherchons des rimes
à l’unique universel?
Nous poursuivons notre tort
en obstinés que nous sommes;
mais entre les torts des hommes
c’est un tort tout en or.
Wozu sind wir verdammt,
zu warten, zu bereuen,
die wir in Reimen erneuen
was einzig alles umspannt?
Wir haften stur auf unserem Grund,
wollen uns nun einmal betrügen;
doch unter allen Menschenlügen
hat unsre einen goldenen Mund.
Wasser der Erinnerung
Geh mit mir den moosigen Pfad,
wenn der Holunderbusch schäumt.
Was rauscht uns im Schatten?
Ein Wasser der Erinnerung.
Uns stechen an den nackten Füßen
die harten Körner der Lust.
Du schenkst mir das süße Licht,
der Liebe schmelzenden Schnee.
Mich küßt schon närrisch ein Glück,
wenn dürre Halme streifen.
Deine Hand plauscht mit dem Schilf,
der Farne Flaum knistert im Wind.
Dort laden uns goldene Düfte
zu den Bernsteintropfen der Bienen.
Lauschen wir vom Gras gekitzelt
dem warmen Summen der Toten.
O Erde, purpurne Traube,
die unserer Traurigkeit leuchtet.
Rainer Maria Rilke, Parfois les amants
Tendres Impôts à la France
Parfois les amants ou ceux qui écrivent
trouvent des mots qui, bien qu’ils s’effacent,
laissent dans un coeur une place heureuse
à jamais pensive…
Car il en naît sous tout ce qui passe
d’invisibles persévérances;
sans qu’ils creusent aucune trace
quelques-uns restent des pas de la danse.
Bisweilen finden Liebende oder jene die schreiben
Worte, die auch wenn sie vergehen
im Herzen eine Stelle des Glücks hinterlassen,
um die wir immer treiben …
Denn es keimen in allem Geschehen
unsichtbare Dinge in der ewigen Mitte;
lassen sie auch keine Spuren stehen,
da und dort verbleiben tänzerische Schritte.
Rainer Maria Rilke, Tombeau
Tendres Impôts à la France
(dans un parc)
Dors au fond de l’allée,
tendre enfant, sous la dalle;
on fera le chant de l’été
autour de ton intervalle.
Si une blanche colombe
passait au vol là-haut,
je n’offrirais à ton tombeau
que son ombre qui tombe.
Grab
(in einem Park)
Schlaf unter dem Totenstein
am Rande der Allee, zarter Knabe;
Sommers Lied wird heller Schein
um deines Dämmerns Wabe.
Wenn droben vorüberschnellt
eine weiße Taube im Flug,
wär mir als Totenopfer genug
ihr Schatten, der herniederfällt.
Der Dichter Tod
Warum so ernst, spricht der Tod,
ich bin nur eine Maske des Lebens,
das herumtollt wie ein Kind,
wild im Kreise wirbelt und tanzt,
und schwindlig geworden
sich die Nase blutig stößt
an einem vorspringenden Ding –
da läuft es wimmernd heim
und versteckt sich im Bett
Du siehst mich nur im Grinsen
des lächerlich hohlen Schädels,
im Prangen der Knospe nicht,
die der eigener Fülle müde
sich an die Schwester schmiegt,
nicht im sapphischen Lied
und Veilchentanz der Mädchen,
hörst mich nicht im süßen Wehlaut
des nächtlichen Vogels,
nicht im bacchantischen Schluchzen,
wenn im Sande lechzen die Wellen.
Warum so ernst, mein Freund,
ohne mich wärest du nichts,
denn ich ließ von allen übrig,
die ihren Samen gaben reihum,
bis der letzte endlich im Schoß
deiner Mutter aufging mit dir.
Ich werfe so dunkle Schatten,
sagst du. Sei dankbar dem Schatten,
der dir im grellen Tage des Lebens
die stille Mulde bettet mit Moos,
der Betrachtung dich hinzugeben
oder beschwipst vom Tau des Monds,
die dem Wind der Halme entsteigt
der Sylphe blauen Getöns zu lauschen
und Ariels neckenden Trillern.
Der Liebe schimmerndes Auge,
in dem die Nacht der Träne glüht,
verschlösse ich vor der Zeit,
klagst du. So bleib am Zaun
der Wimpern nicht stehen,
laß dich fallen in die helle Nacht.
Dank der feinen Nervenstiche,
die ich in ihr Fleisch gedrückt,
wächst in der Muschel der Zeit
die sie herrlich übersteigt,
die edel glänzende Perle,
Schönheit, die deine Liebe übersteht
und auf dem roten Samt dämmert,
den einst sie dir schenkte,
doch ihr lieber Name,
vor dem dein Herz gekniet,
flog mit den Kranichen südwärts
unter den rosigen Bäuchen der Wolken.
Schau noch die Bilder der Galerie,
sie sind mein Werk, die Gesichter
der Väter und Mütter, mit ihrem Leben,
ihren Seelen, ihrem Geist woben sie
die Wiege, auf der du zum ersten Male
träumtest, ihre Tritte ebneten den Weg,
der dich zum Wasser führt, zum Garten,
den sie gepflanzt. So lerne in ihre Ferne
wie aus dem Fenster das Gestirn
mit Dank in ihre Abwesenheit blicken.
Komm, ich führe dich über den Gipfel,
dort ist die Wasserscheide,
dort ist das Urstromtal, in dem es anders
blüht, anders die Seelen wie mit Körpern
zarter Vögel Schattengrüße
über die lauschende Erde schreiben,
sie sprechen nicht Trübsal und Luft,
ihre Hände und Augen und Herzen
sind durchsichtige Schleier des Sinns –
hier muß ich an der Grenze kehren,
du aber, wenn sie dich erkennen,
gehst in ein Dasein unendlichen Übergangs
sanfter Klänge des Wassers,
saumseligen Atmens der Lust –
die Jahreszeiten der Seele.
Hörst du Gesang? So schwingen
die Dolden der Jenseits-Blumen.
Ins Feuer geworfen
Lied, das unendlich
den Mund übersteigt,
es sickert wie Tau
in die Muschel der fernen
eingesunkenen Seele.
Woraus wir keimen
und wozu Knospen treiben
in fremdeste Luft,
wir wissen es nicht.
Da ist wie für Blumen
dunkel die Erde
und veilchenblau ein Himmel,
da sind auf den Hügeln der Nacht
die Flammen der Toten.
Wahr reden wir leise
in der leuchtenden Maske
der Ahnen, die uns überwächst
wie Rinde, wenn sie die Wunde
des Baumes verschließt.
Segen wird uns im Fallen,
wie reifen Früchten
am Ast des Herbstes,
ins Gras geschüttelt vom Wind.
Und sind wir wurmstichiges Holz
in dunklen Kammern
vergessener Geigen,
die Erde nimmt uns zurück,
wirft uns ins Feuer,
sich ein wenig zu wärmen,
am Wegesrand
ihrer langen Wanderschaft.
Rainer Maria Rilke, Restons à la lampe
Tendres Impôts à la France
Restons à la lampe et parlons peu;
tout ce qu’on peut dire ne vaut pas l’aveu
du silence vécu; c’est comme le creux
d’une main divine.
Elle est vide, certes, la main, cette main;
mais une main ne s’ouvre jamais en vain,
et c’est elle qui nous combine.
Ce n’est pas la nôtre: nous précipitons
les choses lentes. C’est déjà l’action
qu’une main qui se montre. Regardons
la vie qui en elle afflue.
Celui qui bouge n’est pas le plus fort.
Il faut admirer son tacite accord
avant que la force remue.
Weilen wir im Lampenlicht, reden wir nicht groß;
alles Gesagte ist des Sagens bloß,
das im Schweigen lebt; dieses ist der Schoß
einer Hand von oben.
Sie ist leer, gewiß, die Hand, diese Hand;
doch sie öffnet sich nicht ohne Unterpfand,
sie hat uns ja verwoben.
Das ist die unsre nicht: wir übergehen,
was langsam geht. Dies ist schon mehr Geschehen
als eine Hand, die sich zeigt. Laßt uns sehen,
wie das Leben in sie fließt.
Wer bewegt, kann sich nicht besser wehren.
Ihren stillen Einklang müssen wir verehren,
bevor die Kraft sie schließt.
Rainer Maria Rilke, À une Amie
Tendres Impôts à la France
Combien coeur de Marie est exposé,
non seulement au soleil et à la rosée:
tous les sept glaives l’ont trouvé.
Combien coeur de Marie est exposé.
Ton coeur pourtant me semble plus à l’abri,
malgré le malheur qui en a tant envie,
il est moins exposé que le coeur de Marie.
Le corps de Marie ne fut point une chose;
ta poitrine sur ton coeur est beaucoup plus close,
et même si ta douleur veut qu’il s’expose:
il n’est jamais plus exposé qu’une rose.
An eine Freundin
Wie ist ausgesetzt das Herz Unsrer Lieben Frau,
nicht bloß der Sonne und dem Tau:
alle sieben Schwerter trafen es genau.
Wie ist ausgesetzt das Herz Unsrer Lieben Frau.
Dein Herz hat doch wohl seine Hütte,
hört es auch Unglücks nahe Schritte,
nicht wie Mariens Herz klafft seine Mitte.
Mariens Leib ist ein Ding nicht unter Dingen,
dein Herz hält deine Brust in festen Ringen,
wünscht auch dein Schmerz es sich von Hüllen lose,
es ist ausgesetzt nie mehr als eine Rose.
Rainer Maria Rilke, Les Rois Mages
Tendres Impôts à la France
Qu’est-ce que les Rois Mages
ont-ils pu apporter?
Un petit oiseau dans sa cage,
une énorme Clef
de leur lointain royaume, -
et le troisième du baume
que sa mère avait préparé
d’une étrange lavande
de chez eux.
Faut pas médire de si peu,
puisque ça a suffi à l’enfant
pour devenir Dieu.
Die Heiligen Drei Könige
Was haben über die Meere
die Magier-Könige gebracht?
Einen Vogel in seiner Voliere,
einen Schlüssel, ungeschlacht,
für ihr fernes Königreich –
der dritte Balsam weich,
den seine Mutter gemacht
aus Lavendels Wunderblüten
bei ihnen vor Ort.
So wenig? Nur keinen Spott!
Sollt es dem Kind doch genügen,
zu werden groß zum Gott.
Lamento
Still – nur still.
Laß die Meute rasen.
Weiß nicht, was ich will.
Mit den Lämmern grasen.
Alles ist nur Schaum,
Lichtes lose Flusen.
Spüre sie ja kaum,
Küsse von Medusen.
Worte sind ein Tau,
dürres Laub zu lecken.
Morgen sind sie grau,
grellen Lebens Gecken.
Abend ist schon lang,
Klatschmohn hat getrogen.
Ist es mir auch bang,
Nacht sei mir gewogen.
Streue, Mutter Nacht,
Träne ist geronnen,
deine Schreckenspracht,
deine kalten Sonnen.
Rainer Maria Rilke, Pégase
Tendres Impôts à la France
Cheval ardent et blanc, fier et clair Pégase,
après ta course -, ah! que ton arrête est beau!
Sous toi, cabré soudain, le sol que tu écrases
avale l’étincelle et donne de l’eau!
La source qui jaillit sous ton sabot dompteur,
à nous, qui l’attendons, est d’un secours suprême;
sens-tu que sa douceur impose à toi-même?
Car ton cou vigoureux apprend la courbe des fleurs.
Pegasus
Weißes Feuerpferd, stolzer, lichter Pegasus,
wie schön trittst du nach deinem Fluge auf der Stelle.
Du bäumst dich, unter deinem stampfenden Fuß
schluckt Erde den Funken, strömt die Quelle!
Der Born, der unter deinem Herrscher-Hufe steigt,
zu uns, die seiner harren, ist höchste Gnadengabe;
spürst du, wie dich selbst verzückt die süße Labe?
Es hat sich ja, der Blume gleich, dein starrer Hals geneigt.
Das Urwort „Ich“
Sentenzen und Aphorismen zur Philosophie der Subjektivität
Können wir lernen, Ich zu sein? – Nein, wir können nur lernen, „ich“ zu sagen.
Wenn wir uns bewußt zu sein nicht erlernen können, ist das Ich deshalb angeboren? – Nein, die Alternative angeboren vs. erlernt, Natur vs. Kultur ist keine umfassende oder exklusive.
Das Ich oder Selbstbewußtsein ist ein Knotenpunkt im Netzwerk aller Begriffe und Satzfunktionen, mit denen wir die Welt beschreiben. Würden wir diesen Knoten auflösen, löste sich das ganze Netz auf.
Ist das Ich eine Vorstellung oder Repräsentation, die all meine Vorstellungen begleitet? – Nein, Vorstellungen zu haben setzt das Selbstbewußtsein oder die Instanz voraus, die sie hat.
„Vorstellung“, „Repräsentation“, „Bild“, „Idee“ oder „Modell“ – all diese Begriffe verstellen die kategoriale Bestimmtheit des Ich.
Ist der andere oder das Alter Ego der Gegensatz oder Gegenbegriff zum Ich oder Ego? – Nein, kategoriale Begriffe, die das Netzwerk verknoten, mit dem wir die Welt abbilden, haben keine Gegensätze oder Gegenbegriffe.
Das Ich oder das Bewußtsein kann nicht negiert werden – es ist daher Unsinn, vom Dasein eines Nicht-Ich zu sprechen.
Das Ich ist kein empirischer Begriff – es ist die Voraussetzung dafür, daß wir empirische Begriffe verwenden.
Das Ich ist „da“, wie die Welt „da“ ist – ebensowenig wie ein anderes Ich kann es daher für mich eine andere Welt geben.
Das Ich ist gleichursprünglich mit der Welt und der Sprache, mit der es über die Welt spricht.
Das Ich ist die erste und letzte Instanz, die spricht.
Ist das Ich ein Sachverhalt? – Nein, denn Sachverhalte sind die Gehalte einer (propositionalen) Aussage, daß etwas so und so ist. Aber es kann sein, daß etwas nicht so ist, wie die Aussage behauptet. Diese logisch-semantische Möglichkeit, daß etwas anders ist als angenommen, fehlt, wenn wir vom Ich sprechen. Denn ich kann kein anderer sein als der, der ich bin. Also ist das Ich kein Sachverhalt.
Die Sätze über das Ich sind Scheinaussagen, denn sie entbehren der propositionalen Form, die echten, wahren oder falschen, Aussagen und Behauptungen eignet.
Formbegriffe wie das Ich und die Welt scheint eine metaphysische Notwendigkeit auszuzeichnen, aber diese Notwendigkeit ist keine von Gesetzen, wie wenn wir uns kein Vorkommnis ohne Ursache denken können. Es ist eine semantische Notwendigkeit oder der Ausdruck unserer Art zu sprechen.
„Ich sage jemandem etwas“ – dies ist die einfachste Formel, die den Gehalt unserer Existenz zum Ausdruck bringt.
„Jemand sagt jemandem etwas“ – dies ist die einfachste Formel, die den Gehalt der menschlichen Existenz zum Ausdruck bringt.
Jemand ist immer einer, der das an ihn gerichtete Wort zurückgeben kann – beispielsweise als Antwort auf eine Frage oder als Frage auf eine Behauptung.
Dabei setzen wir voraus, daß jemand an meiner Stelle sprechen, wie auch ich an jemandes Stelle sprechen kann.
Der allgemeine Formbegriff des Ich ist demnach „jemand“ – wie der allgemeine Formbegriff der Welt „etwas“ ist.
Unter „sagen“ können wir die allgemeine Form der Mitteilung verstehen, die sich auch in nonverbalen Akten verwirklichen kann.
„Jemand zeigt jemandem etwas“ oder „Jemand bedeutet jemandem etwas“ sind die einfachsten Sätze, mit denen wir die genannten Formeln ersetzen können.
Wenn jemand jemandem den Weg mittels der ausgestreckten Hand weist, muß er die Wegrichtung meinen (und der andere die Bedeutung dieser Geste verstehen) und nicht die eigene Hand. Wir nennen dies den intentionalen Gehalt der Zeigegeste oder der Mitteilung.
Ich ist also jemand, der die Bedeutung eines Ausdrucks (einer Geste, eines Zeichens, einer Mitteilung) durch den intentionalen Gehalt bestimmt, den er ihr verleiht.
Ich ist auch jemand, der die Bedeutung eines Ausdrucks (einer Geste, eines Zeichens, einer Mitteilung) aufgrund des damit gemeinten intentionalen Gehalts versteht.
Wir können das Ich demzufolge durch die semantische Funktion definieren, eine Äußerung mittels eines intentionalen Gehalts zu einer Mitteilung zu machen oder dazu äquivalent, eine Äußerung mittels eines intentionalen Gehalts als Mitteilung zu identifizieren.
Objekte und Ereignisse sind „etwas“ oder Inhalte der Welt – demnach ist das Ich oder die semantische Funktion kein Inhalt der Welt.
Das Ich ist die Grenze der Welt – ähnlich der Grenze eines Landes, ohne die es nicht dieses Land wäre, nur daß die Welt nicht wie das Land von einem anderen Land durch eine andere Welt begrenzt wird.
Haben nur Menschen ein Ich? Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß Inhalte unserer Welt wie Steine, Sterne, Pflanzen oder Tiere kein Ich haben (wenn einige unter ihnen auch eine Seele haben mögen).
Wenn Gott existiert, ist er ein Ich – also wäre er kein Inhalt unserer Welt.
Das Ich, das zu sein wir jemandem zusprechen, ist kein Inhalt unserer Welt wie seine Seele oder sein Charakter, seine Persönlichkeit oder sein Leib.
Jemand, der sich erinnert, gestern dies und das getan zu haben, ist derselbe, der sich jetzt erinnert und gestern dies und das getan hat – wäre er nicht derselbe, würde er sich nicht daran erinnern oder sich an etwas erinnern, das ein anderer getan hat.
Das Ich ist demnach eine Voraussetzung des Zeiterlebens, aber kein Inhalt und Teil des Zeiterlebens.
Das Ich scheint weder jung noch alt zu sein oder neue Erfahrungen zu machen wie die Person, in der es sich gleichsam verkörpert.
Dies ist nur eine metaphysische Redeweise für die semantische Tatsache, daß ich von mir spreche, ohngeachtet meines Alters oder der Erfahrungen, die ich dabei zum Ausdruck bringe.
Wir können dem Ich oder der semantischen Funktion bestimmte Bilder oder Zeichen zuordnen – wie den Pfeil auf der Wanderkarte, der den Betrachter zu der Aussage animiert: „Hier stehe ich also.“
Das Ich ist aber nicht identisch mit dem Namen der Person, die von sich spricht – denn wir können uns den Fall denken, daß einer seinen Namen vergessen hat und weiterhin von sich spricht.
Man kann sich nicht mit einem anderen verwechseln – die Irritation und Täuschung, die entsteht, wenn einer in der spiegelenden Scheibe sein Abbild mit dem eines anderen verwechselt, ist keine Form der Selbsttäuschung.
Das Ich hat gewisse Kennzeichen, die Parmenides dem Sein zuspricht – es ist eines, ungeworden, unzeitlich, unkörperlich, kein Teil der physischen Umgebung und kann nicht negiert werden.
Wir übersetzen die Metaphysik in Semantik, wenn wir sagen, das Ich ist die einheitliche, gleichbleibende semantische Funktion, jemandem etwas mitzuteilen oder jemandes Mitteilung zu verstehen.
Zu leugnen, das und jenes getan oder gesagt zu haben, obwohl man es getan oder gesagt hat, ist vergleichbar mit der Unterschrift unter einem Schreiben, die sich als unecht oder gefälscht erweist.
Der Fälscher hat ja geschrieben, was geschrieben zu haben er leugnet, indem er es einem anderen zuweist; er hatte die Absicht etwas mitzuteilen, wenn er es auch unter der Maske eines fremden Namens tat.
Ich ist jemand, der jemandem etwas mitteilt und dabei die Absicht hat, es mitzuteilen.
Ich ist jemand, der die Absicht dessen, der etwas mitteilt, aus der Art der Mitteilung errät; erst wenn er die Intention des Sprechers versteht, versteht er das Mitgeteilte.
Die Absicht kann in der Art der Mitteilung oder in ihrem Kontext versteckt oder impliziert sein, so wenn wir große Worte um ein Nichts machen (Ironie) oder bei einem traurigen Anlaß derbe Witze reißen (Zynismus).
Die scheinbar absichtslosen Sätze der Wissenschaft, wie daß Wasser H2O ist, scheinen Mitteilungen aus anonymer Quelle an niemanden zu sein. Sie sehen aus wie Mitteilungen einer Gemeinschaft von Menschen, die sich bemüßigt fühlen, ausschließlich in der dritten Person zu reden. Die Aussage über die chemische Zusammensetzung von Wasser impliziert eine unbegrenzte Anzahl von Aussagen über das Periodensystem, den molekularen Aufbau der Materie von den interstellaren Gaswolken über Sternsysteme bis zur Physik und Biochemie des Planeten Erde, zu der auch „mein“ Körper gehört, in denen ich aber nicht vorkomme.
Daß ich aber selbstverständlich von meinem Körper spreche, weist darauf, daß unsere Welt primär die Welt der Wahrnehmung oder die sensible Welt ist, die nichts ist ohne den, der sie wahrnimmt.
In diese Welt bauen wir die objektive Sprache der Wissenschaften mittels unserer Handlungen ein, wenn wir Häuser, Autos oder Maschinen bauen – Handlungen freilich, die nichts sind ohne jemanden, der handelt.
So sind auch die Geräte und Meßinstrumente, die die Wissenschaften konstruieren und einsetzen, hochspezialisierte artifizielle Wahrnehmungs- und Beobachtungsorgane, die am äußerste Ende jemanden benötigen, der die mit ihnen gemachten Wahrnehmungen und Beobachtungen registriert und theoretisch ableitet. Wir können diese Instanz nicht wiederum durch eine von uns konstruierte Maschine oder einen Roboter ersetzen, der ohne Selbstbewußtsein Beobachtungen registrieren und theoretisch ableiten könnte.
Wenn wir der untilgbaren gleichsam transzendentalen Tatsache des Ich gerecht werden wollen, sind wir genötigt, Theorie und Praxis der Wissenschaften als operationale Funktionen zu beschreiben, die sich auf jene Tatsache – wie entfernt auch immer – rekursiv zurückbeziehen.
Die Aussage „Ich habe Schmerzen“ impliziert die Aussage „Jemand hat Schmerzen“, aber nicht umgekehrt – von der Aussage „Jemand hat Schmerzen“ kommen wir nicht ohne weiteres zu der Folgerung, daß du oder ich es bin, der Schmerzen hat.
Hier erfassen wir die offenkundige Asymmetrie zwischen der ersten und der dritten Person. Sie verweist uns auf den Grund des Scheiterns der Versuche, das Bewußtsein zu naturalisieren.
Rainer Maria Rilke, Le Dormeur
Tendres Impôts à la France
Laissez-moi dormir, encore…C’est la trêve
pendant de longs combats promise au dormeur;
je guette dans mon coeur la lune qui se lève,
bientôt il ne fera plus si sombre dans mon coeur.
Ô mort provisoire, douceur qui nous achève,
mesure de mes cimes, très juste profondeur,
limbes de tout mon sang, et innocence des sèves,
dans toi, à sa racine, ma peur même n’est pas peur.
Mon doux seigneur Sommeil, ne faites pas que je rêve,
et mêlez en moi mes ris avec mes pleurs;
laissez-moi diffus, pour que l’interne Ève
ne sorte de mon flanc en son hostile ardeur.
Der Schläfer
Laß mich noch ein wenig schlafen … Es ist die Stille
vor langen Kämpfen, die nach dem Schläfer fassen;
ich späh in meinem Innern, ob bald der Mond es fülle,
es werden seine Schatten bald das Herz verlassen.
O Todes Vorgeschmack, Sanftheit, der Fülle Huld,
Maßstab meiner Gipfel, der Tiefe tiefster Hort,
Limbus all meines Bluts und meiner Säfte Unschuld,
in dir, ihrer Wurzel, glaubt meine Angst der Angst kein Wort.
Mein sanfter Herrscher Schlaf, die Träume von mir wende,
und meinem Lachen meine Tränen mische;
laß mich diffus, auf daß nicht meiner Lende
die innerliche Eva in ihre Feindesglut entwische.
Tendres Impôts à la France
Il faut croire que tout est bien, si tant
de calme suit à tant d’inquiétude;
la vie, à nous, se passe en prélude,
mais parfois le chant qui nous surprend
nous appartient, comme à son instrument.
Main inconnue …. Au moins est-elle heureuse,
lorsqu’elle parvient à rendre mélodieuses
nos cordes? – Ou l’a-t-on forcée
de mêler même aux sons de la berceuse
tous les adieux inavoués?
Man muß glauben, alles ist gut, schweigen
die Gründe tief nach solchem Beben;
wie ein Prélude geschieht an uns das Leben,
dann wieder ist das Lied uns ganz zu eigen,
ergreifend, als wären wir die Geigen.
Unsichtbare Hand … Wird es Glück ihr bringen,
wenn Melodien ihr gelingen
auf unsren Saiten? – Oder bereitet es ihr Qualen,
Wiegenliedes weiße Schwingen
mit Tupfen von Adieus zu untermalen?
Paul Verlaine Agnus Dei
L’agneau cherche l’amère bruyère,
C’est le sel et non le sucre qu’il préfère,
Son pas fait le bruit d’une averse sur la poussière.
Quand il veut un but, rien ne l’arrête,
Brusque, il fonce avec de grands coups de sa tête,
Puis il bêle vers sa mère accourue inquiète…
Agneau de Dieu, qui sauves les hommes,
Agneau de Dieu, qui nous comptes et nous nommes,
Agneau de Dieu, vois, prends pitié de ce que nous sommes.
Donne-nous la paix et non la guerre,
Ô l’agneau terrible en ta juste colère.
Ô toi, seul Agneau, Dieu le seul fils de Dieu le Père.
Agnus Dei
Das Lamm sucht nach dem bitteren Heidekraut,
es ist das Salz, nichts Süßes, was es erbaut,
sein Tritt im Staub weckt Schauers Laut.
Hat es ein Ziel, kennt es kein Erwägen,
jäh stürzt es, mit Kopfes weiten Schlägen,
blökt seiner Mutter, sie eilt ihm bang entgegen.
Lamm Gottes, das die Menschen befreit,
Lamm Gottes, das uns erwartet und uns weiht,
Lamm Gottes, blick mit Erbarmen nur auf unser Leid.
Gib uns den Frieden und nicht Krieges Fron,
Lamm gerechten Zornes auf dem Schreckensthron.
O einziges Lamm, Gottvaters einziger Gottessohn.
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