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Mai 18 17

Die weibliche Stimme: Martha

Unter einem beschneiten Weidenbaum

Warst du knorrig und kahl,
wand sich mein bunter Schal
um deine Trauer.

Sprühtest du wieder im Grün,
gabst du mir Schatten so viel,
selige Schauer.

Walltest nieder dein Haar
in das Wasser so klar,
wie ich auch.

Jetzt sind wir wieder allein,
schneeweiß ist dein Gebein,
ich binʼs auch.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Martha

Mai 18 17

Die weibliche Stimme: Mechthild

Einsam im Spital

Unter den Blitzen
von Gewittern
will blütenrot
ich mich verzittern.

Mit dem Stäuben
weißer Schlehen
darf ich im Tod
nach Hause wehen.

Unter dem Singen
kalter Flammen
will aschenfahl
ich erdwärts dringen.

Unter dem Würgen
von Gottes Händen
darf süßer Qual
ich mich vollenden.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Mechthild

 

 

Mai 17 17

Die weibliche Stimme: Roswitha

Auf einer Balustrade

Du trägst mich,
Abendwind,
ein abgefallnes Blatt,
über meines Lebens
dunkle Pfade.

Du hebst mich,
den Seufzer
einer Rose,
in goldner Dünste
Dämmerung.

Du reißt mich,
Abendwind,
ein vergilbtes Blatt,
aus meines Lebens
trocknen Schründen.

Du tauchst mich,
den Seufzer
einer Rose,
in goldner Dünste
Dämmerung.

Du trägst mich,
Sternenlied,
ein ergrautes Herz,
über meines Alters
öde Pfade.

Du hebst mich,
das Schluchzen
eines Vogels,
in goldner Bäche
Blumengrund.

Du reißt mich,
Sternenlied,
ein erschlafftes Herz,
aus meines Alters
trocknen Adern.

Du tauchst mich,
das Schluchzen
eines Vogels,
in goldner Bäche
Blumengrund.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Roswitha

Mai 17 17

Die weibliche Stimme: Elisabeth

Hingestreckt ins Gras

Ich war die Täubin stets,
die einsam pickte.
Doch war ein Täuberich,
der fern mir nickte.

Ich trippelte so sacht
in grünen Auen.
Dort waren Augen hell,
nach mir zu schauen.

Ich zuckte auf vor Schatten
und entflatterte,
daß der ihn warf
mich nicht ergatterte.

Des Morgens flog ich,
daß von weichen Spritzern
des ersten Lichtes
meine Federn glitzern.

Der Mittag schwieg
sein tiefes Blau um mich.
Das Wasser träumte kaum
ein Liebstes, das mir glich.

Am Abend war ich still,
mir zu erlauschen
das weiche Gurren
und der Lüfte Flauschen.

Des Nachts ist es mir nun,
als ob wer singt.
Ist es ein Traum,
der aus dem Herzen dringt?

Schwebt nun was ich verlor
in jenen Zweigen,
sein nahes Fernesein
mir seufzend zu bezeigen?

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Elisabeth

Mai 16 17

Die weibliche Stimme: Hadwiga

Abends am Fenster

Ich will mit letzten Hauchen
in die schwarze Bläue tauchen.

Mein Herz ist bald verloht
mit dem Abendrot.

Mein Haar ist lang verglommen,
Winter hat sein Gold genommen.

Meine Lippen haben wenig Blut,
doch mein Auge trinkt noch Glut.

Ich warte auf den Stern,
an dem zerschmilzt der dunkle Kern.

Meines Liedes Zärten
öffnen sich die Jenseitsgärten.

Ich sehe, wie sich Rosen neigen
in Gottes ewiges Schweigen.

Mein Herz ist bald verloht
mit dem Abendrot.

Ich will mit letzten Hauchen
in die schwarze Bläue tauchen.

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Hadwiga

Mai 16 17

Die weibliche Stimme: Augusta

Lustwandelnd im Park

Blauer Lüfte warme Wellen
wollet meinen Pfad erhellen,
bis den Duft ich ausgetrunken.

„O Schwester unsrer Elfen,
wir können dir ins Helle helfen,
bis den Duft du hast getrunken.“

Reiner Wolken fernes Fliehen,
wollet mich ins Dunkel ziehen,
bis ich in den Schlaf gesunken.

„O Schwester unsrer Sylphen,
wir decken dich mit Schilfen,
bis du in den Schlaf gesunken.“

Strömt ihr Lustfontänen,
sprüht mir wie den Schwänen
Träume aus den Wasserfunken.

„O Schwester der Najaden,
wir wollen dich in Träumen baden,
bis verlöschen alle Funken.“

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Augusta

Mai 16 17

Die weibliche Stimme: Sieglinde

Im Frühdämmer auf dem Balkon

Schatten, Furchen, Falten,
stumm im Ungestalten,
Irrsal in der Nacht.

Hast auch mich geboren,
blieb dir unverloren,
mütterliche Macht.

In den Zweigen singt,
was die Seele bringt,
süßer Vogel Licht.

Neigt sich Himmels Blüte,
gießt sich Gottes Güte
auf mein Angesicht.

Lichtes Aberpollen,
Liebe ist verschollen,
Liebe kehrt zurück.

Sonne darf mich küssen,
Mond soll mich vermissen,
unnennbares Glück.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Sieglinde

Mai 15 17

Die weibliche Stimme: Corinna

Mit ihrer alten Geige

In dir ein Wald von Vogelstimmen!
In seinem Dunkel träumt mein Schmerz!

Deine Saiten sind über den Abgrund
meiner Angst gespannt und das grüne Tal,
wo meine blauen Freuden sprudeln.

Mein Bogen weckt aus dir Gespenster-
Schleier, die lautlos am Dorn der Rose reißen –

er fischt aus dir den Schädel eines Klangs,
der am Riff des Stegs zerstäubt –

er schürft aus dir die scharfen Töne von Kristallen,
die im Schoß von Orchideen schmelzen –

mein Bogen bangt um jeden kleinen Seufzer
einer Nachtigall.

Meine Finger klopfen aus dir die harten Kiesel,
die in schwarzem Wasser untergehen –

sie rupfen aus dir die zarten Ginsterlippen,
die im Trommeln des Regens verstummen –

meine Finger gleiten über deine Saiten,
Schwalben unter einem grauen Himmel –

sie stürzen über deine Saiten, Möwen,
die Sturm in den Schaum des Bodenlosen wirft.

Deine Saiten sind über den Abgrund
meiner Angst gespannt und das grüne Tal,
wo meine blauen Freuden sprudeln.

In dir ein Wald von Vogelstimmen!
In seinem Dunkel träumt mein Schmerz!

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Corinna

Mai 15 17

Die weibliche Stimme: Gloria

Einen alten Kamm in Händen

Der Wind war der Liebhaber
meines blonden Haars –
er schürfte mit Seufzern in ihm
nach goldenen Küssen.

Der Wind des Morgens
besprengte es mit Tränen,
die er von den Wangen
schlafender Anemonen aufgelesen.

Der Wind des Abends
wand mir zärtlich Locken
mit duftenden Fingern,
die der Rose Augenlid geschlossen.

Der Regen war mein holder Dämon,
der in meine Haare wusch
der Wehmut Sommerdüfte
und die Angst des dampfenden Walds.

Nur im Schnee hab heut ich Liebe noch,
da er mir schenkt die tausend Küsse
seiner Flocken, die in meinen Haaren
leise lodern und verschmachten.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Gloria

Mai 14 17

Die weibliche Stimme: Angelika

Im Rollstuhl

Ich stieg, ein Steinbock,
durch das Herz-Gebirge
bis in das Knirschen und Glimmen
des ewigen Schnees.

So entkam ich den stumpfen Augen
der Menschen des Tals,
die in blechernen Kesseln
über betäubenden Flammen
ihr zähes Gemüt zerkochen.

Ich stieg auf die kahlen Felsen
und stieß mein Gehörn
gegen den blauen Topas des Himmels
und äste die harten Halme des Echos.

Den jungen Bock, der mich anging,
rammte meine zottige Lust,
ich hob ihn beinahe zärtlich
über den schwarzen Spalt
und hörte seinen ersterbenden Schrei.

Ich scharrte im blauen Eis
nach meiner erfrorenen Seele
und folgte dem süßen Ruf des Vogels
zu den kargen Büscheln des Lichts.

Zwischen den Dolchen lautloser Blitze
trank ich die kristallinen Wasser
des ewigen Schweigens.

Manchmal sandte der Rauch
über den Altären der Gipfel
mir den Hymnus meines Opfers,
des Gott wohlgefälligen.

Nie kehre ich wieder zurück.
Geblendet vom majestätischen Weiß
knicke sanft ich ins Verröcheln.
Geier öffnen mir die Seite,
ins Unwirkliche tropft mein Blut.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Angelika

Mai 14 17

Die weibliche Stimme: Agnes

Vor einem Marienbildnis

Ich wirble in der Asche,
die dein Angesicht verdunkelt.

Mein Singen ist das Feuer,
das dein Haar vergoldet.

Mein Schweigen ist das Schwert,
das deine Brust durchbohrt.

Ich halte mein brennendes Herz
in deine Nacht von Golgatha.

Ich trinke, eine Rose unterm Kreuz,
aus deinen Tränen Glut.

Ich bin der Duft in deinem Taschentuch,
wenn du deinen Sohn beweinst.

Eine Knospe Blut aus deinem Kranz,
fall ich durch die Erdennacht.

Ich schwimme, ein Lilienblatt,
auf dem Teiche deines Schlafs.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Agnes

Mai 14 17

Die weibliche Stimme: Cäcilie

Auf dem Sterbelager

Die bunten Flecken,
die auf Sommerwiesen hüpften,
die gelben Falter,
die aus dem Lied des Sommers schlüpften –

o das Lächeln
jener stillen Sommerstunden,
das auf meinen Lippen
den Kuß Ergebenheit gefunden.

Die dunstigen Schleier,
mit Herbstes Wappen bestickten,
die Vogelrufe,
die ins Herz des Herbstes pickten –

o blonder Mond
jener herbstlichen Stunden,
der in meinem Haar
die Locke Trunkenheit gefunden.

Die weißen Kristalle,
die auf dem Pfad des Winters summten,
die Eulenschreie,
die im vereisten Teich verstummten –

o kalte Sonne
jener winterlichen Stunden,
die auf meiner Stirn
den Schnee Verschollenheit gefunden.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Cäcilie

Mai 13 17

Die weibliche Stimme: Gudrun

Auf einem Stuhl vor dem Fenster

Wie der Kalk der kahlen Wände
ist mein Haar so glatt und weiß.
Aus Blüten herabgefallene Falter
schlafen mir im Schoß die Hände.

Ich weiß nicht, ob ich träume,
wenn ans Fenster klopfen
kleine Schnäbel oder sind es
grauen Himmels leere Tropfen.

Ich weiß nicht, ist es Morgen,
der Schleier um die Pappeln webt,
ist es Abend, der im Schwalbennest
die kleine Sonne hat geborgen.

Der Strahl des Tages las erstaunt
in meinem aufgeschlagenen Gesicht.
Aus den Falten meines Herzens trank
der Vogel der Nacht ein süßes Licht.

Die Regentropfen an der Scheibe
übertäuben meines Daseins
leises Beben. Mich umschwebt ein Duft
wie eines herben Apfelweins.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Gudrun

Mai 13 17

Interieur

Durch schmale Mauerscharten streckt
das Licht sein dürres Büschel,
an dem man nicht erkennt,
ob es Sommer oder Winter ist.

Die kalkweiße Haut der Wände
hat alle Poren zugeschlossen.
Kein Tropfen Schweiß perlt
auf ihrer dünnen Bangigkeit.

In einer Zimmerecke Klumpen
auf den nackten Bohlen,
bernsteindunkles Wachs
langsam herabgetropfter Stunden.

Unter der gewölbten Decke,
verfugte weiße und rote Quader,
schwebt der kalte Hauch
eines ausgeschluchzten Munds.

Abends Strahl durchblutet den Raum,
von sich selber ganz verlassen
schwebt das Zeichen an der Wand,
helle Streifen, die sich kreuzen.

Mai 12 17

Die weibliche Stimme: Monika

Mit ihrer Puppe

Mein Püppchen mit dem goldnen Haar,
sprichst du mit mir nicht mehr?
Dein Stimmchen war so wunderbar.

Mein Püppchen, hast mit mir gesungen,
als ich dich gebadet hab,
hast gelacht, als wir durchs Gras gesprungen.

Du bist so still. Und dein blaues Auge, ist es tot?
Willst du denn mich nicht mehr herzen?
Ohne dich graut mir vorm Abendrot.

Hab dich so gern mit Obst gefüttert,
mit Kuchen, dir eingeflößt die Honigmilch.
Dein Mund, er grinst jetzt so verbittert.

Mein Püppchen, bist so stumm und so allein.
Ich deck dich zu mit meinem Seidentuch.
Darf ja, mein Kind, kein Kind mehr sein.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Monika

Mai 12 17

Stilleben: Francisco de Zurbarán

Trauben, Quitten, Äpfel,
Früchte, über die Stille taut
aus Edens Abendkühle.

Die vom Teller matten Silbers
kühl umschoßte Rose
ist eines Engels Hand entglitten.

Die Rose träumt, sanft aufgeblättert
wie ein Seufzer, vom Kuß des Lichts,
der aus der Nacht des Wassers steigt.

Wer hebt den schlichten Krug,
in dem ein Wein der Demut schwebt,
wessen Lippen sind so unbefleckt?

Die poröse Haut der Apfelsine drückt
ein vager Schatten kaum,
der Atem dunkelgrünen Blatts.

Und Zitronen, fahle Geistersonnen,
die auf kaum geflüsterten Wellen
vom Jenseitsufer herübertrieben.

Vasen, Krüge, Schalen, leer
wie Christi Grabeshöhle bis zum Rand,
wer füllt sie auf mit neuem Schweigen?

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=francisco+de+zurbaran+still+life+paintings&client=firefox-b&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwi7vtHI4urTAhWB2RoKHanNAYIQsAQIKA&biw=1540&bih=826

https://the-artinspector.de/galerie/zurbaran-zitronen-orangen-und-ein-kelch-mit-rosenblaettern

Mai 12 17

Rainer Maria Rilke, Lys blanc

Poèmes et Dédicaces (1920–1926)

Lys blanc, à force d’être tant
blanc -: que devenir?
Il rêve, en reflétant
de toutes les couleurs un soupir.

Autour de lui, le jardin
jette un éclat éperdu;
son blanc, dans l’ombre, est plein
de tant d’absences émues…

 

Weiße Lilie, gezwungen, so rein
zu sein: wechselt sie die Gestalt?
Sie träumt, ein Spiegel zu sein,
auf dem sich ein Seufzer malt.

Rings hat sie umhüllt
der Garten mit entrücktem Schein;
ihr Weiß, umschattet, ist erfüllt
von ergriffenem Abwesendsein …

Mai 12 17

Die weibliche Stimme: Liesel

Vor einer Kerze

Die Kindheit war eine Wolke
Staub aus Kartoffelsäcken,
Glühwürmchen schwirrten,
die Süße der Nacht zu lecken.

Vater ging mit schwerem Schritt,
an dem der Dung der Gräben klebte,
und hielt vorm Duft nicht inne,
der mir aus Schatten schwebte.

Mutter war die weiße Taube,
die von Topf zu Töpfen ruckte,
Sämlinge aus den Ritzen pickte
und abends vor der Wiege gluckte.

Jugend war ein heller Mond,
der als Lampion im Kirschbaum hing,
ein Fiedler mit blauschwarzem Haar,
der den Klang mir aus dem Ausschnitt fing.

Dann kam der stille treue Mann,
der mir das Brennholz hackte,
die Backen mir, die kalten Füße rieb,
bis seufzend das Scheit im Ofen sackte.

Die Mädchen kamen, die Zeit flog hin,
die Straßen, die Leute wurden lauter,
daß man die Wolke nicht mehr weinen hört,
die Welt ward immer unvertrauter.

Ach, alles ist getan, mein Haar ist Schnee,
das Haus ist leer, der Herd ist kalt,
die Kerze flackert vor dem Bild,
ich bin so müd, ich gehe bald.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Liesel

Mai 11 17

Rainer Maria Rilke, Peur de la table

Ébauches et Fragments

Peur de la table, peur de l’alcôve
peur de l’effort qui demain m’attend -
ce qui me garde, ce qui me sauve
c’est le sommeil qui m’a vu enfant.

Il m’a connu, il doit me connaître,
à ceux qui sont simples, il reste bon;
lui, si profond: je ne suis qu’une fenêtre.
Il est la maison.

 

Angst vor dem Essen, Angst vor der Liebe,
Angst vor der Mühe, die mich morgen ereilt –
was als Hut, was als Rettung mir bliebe?
Der Schlaf, wie er als Kind mich geheilt.

Er kannte mich, soll finden wieder meine Spur,
gut bleibt er jenen, die schlichten Baus;
er, so tief: ich bin ein Fenster nur.
Er ist das Haus.

Mai 11 17

Die weibliche Stimme: Hildegard

Im Abendlicht

Dort geht der Strom.
Ich bin die Welle,
die Abschied singt
dem zitternden Ried.

Dort steht der Dom.
Ich bin die helle
Flamme des Opfers,
bis verflackert das Lied.

Dort grünt der Wein.
Ich recke das Schweigen
entwurzelter Reben
in das trunkene Blau.

Dort fließt der Rhein.
Ich bin das Neigen
verdursteter Halme
in das schluchzende Grau.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Hildegard

 

 

 

Mai 11 17

Rainer Maria Rilke, Ces ouvriers de la pluie

Ébauches et Fragments

Ces ouvriers de la pluie, ces lourds nuages, voici
que le soir les rend à de célestes vacances ;
un délire d’inutilité les a pris
et leur bord congédié ose des transparences.

Ils imitent nonchalamment montagnes et îles,
et proposent des caps lumineux aux naufrages du regard.
Et combien, devant la lune, plus tard
deviendront féminins leurs profiles.

Autour d’eux pâlissent ces profondeurs qui tantôt
devront contenir les mondes innombrables.
Une amie qui mal se surveille dit: Beau,
et se ferme sur l’inénarrable.

 

Diese Handwerker des Regens, jene Wolkenmassen,
seht, der Abend lädt sie zum Urlaub im Himmel ein;
sie ergriff der Rausch, alles unberührt zu lassen;
und ihr aufgelöster Rand wagt es, durchsichtig zu sein.

Sie formen Berge und Inseln im freien Spiele,
und entwerfen dem Schiffbruch des Blickes leuchtende Küsten.
Und später, vor dem Mond, wie an Büsten
von Frauen zeigen sie die Profile.

Rings um sie verblassen die Tiefen zwar,
und doch müssen sie die zahllosen Welten enthalten.
Einer Freundin entschlüpft der Ausruf „Wunderbar!“,
und sie verstummt vor dem ewig Ungestalten.

Mai 10 17

Die weibliche Stimme: Sibylle

Auf dem Kahn

Gleite leise durch das Schilf,
alter Kahn, ich atme kaum,
über mir der Stern,
unter mir der grüne Schaum.

Gleite leise in der Nacht
durch meinen letzten Traum,
über mir der Mond,
unter mir der tiefe Raum.

Ist es nur dein dunkles Seufzen,
das sich durch die Halme ringt?
Ist es die Nachtigall,
die mir den Abschied singt?

Tropft aus Purpurkelchen,
die der Nachtwind schwingt,
mir ein süßes Gift,
das ans andre Ufer bringt?

Gleite leise durch das Schilf,
alter Kahn, ich atme kaum,
über mir der Stern,
unter mir der grüne Schaum.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Sibylle

Mai 10 17

Rainer Maria Rilke, Jour d’Été

Ébauches et Fragments

La maison blanche, les persiennes closes,
s’est fermée comme une bouche après un cri;
sur le cadran la paon se repose
effaçant toutes les heures du midi.

On sent: Ce soir s’efeuilleront les roses,
trop pleines d’elles mêmes, en douces agonies.
Ô mon enfant, ô mon amie vas y -:
La vie s’éclaire dans la mort des choses.

 

Sommertag

Weiß das Haus, die Läden dicht gemacht,
verschlossen wie nach dem Schrei ein Mund;
der Pfau hält auf der Sonnenuhr die Wacht,
verwischt der südlichen Stunden volles Rund.

Man spürt: Heut abend werden die Rosen verderben,
allzu voll von sich selbst, in süßer Agonie,
O mein Kind, meine Freundin, komm und sieh:
Das Leben verklärt sich, wenn die Dinge sterben.

Mai 10 17

Die weibliche Stimme: Hedwig

Unter einer Birke

Birke, du östliche Schwester,
Birke, du blendest mein Herz
mit dem Schnee deiner Rinde.

Birke, du schüttest mir Tropfen,
Birke, du weinst mir dein Licht
in meine schwankende Blüte.

Birke, Fanfare des Sommers,
Birke, du dämpfst mir den Herbst
unter goldnem Geraschel.

Und wenn uns Winter entblößt,
Birke, biege ich mich mit dir
vor den beißenden Flocken.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Hedwig

Mai 10 17

Die weibliche Stimme: Silvia

Am See

Tropfen auf dem Wasser,
hingezischt vom Wind,
Kreise und zärtliche Kringel,
ausgewischt vom Wind.

Wie das Röhricht zaudert,
sanft gebogen vom Wind,
wie die Weide zögert,
sanft gezogen vom Wind.

Was zitternd die Pappel flüstert,
verweht der graue Wind,
was in Uferblasen schimmert,
zergeht im grauen Wind.

See, so verhüllst du dein Leben,
läßt mich ungelächelt dem Wind.
Ah, da gleitet weiß dein Schwan,
sprühend, gefächelt vom Wind.

 

Rezitation:

 


 


Mai 9 17

Die weibliche Stimme: Walburga

Vor einer Rose

Rose, Mund der tiefen Erde,
du singst den Tag mir sacht.
Rose, taugefülltes Auge,
du weinst in meiner Nacht.

Rose, Siegel edler Liebe,
du brennst dich in mein Herz,
Rose, hülle in dein Schweigen
meinen dunklen Schmerz.

Rose, Glück der hohen Stunde,
und wenn die erste Blüte fällt,
Rose, werde Lid sie meinem Schlafe,
bis dein Versprechen hält.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Walburga

Mai 9 17

Die weibliche Stimme: Christiane

Vor der Düne

Düne, ich will mit dir wandern
durch das Glitzern der Winternacht,
durch das Gleißen des Sommers,
bis zum Abgrund der Quallen.

Düne, mein Lied ist dein Schatten,
Düne, mein Lied ist dein Schilf,
es kühlt der Echse den Schlaf,
es biegt sich zur salzigen Gischt.

Düne, ich will mit dir wachsen,
Sandkorn um Sandkorn
schütten über vertane Welten,
die morschen Hütten begraben.

Düne, wie der Schatten der Möwe
will ich über dich jagen,
wie der Pfeil ihres Schreis
will ich in dich stürzen.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Christiane

Mai 9 17

Rainer Maria Rilke, En musique seulement

Ébauches et Fragments

En musique seulement il y a de semblables surprises
quand au milieu d’une phrase trop indécise
monte le brusque sanglot d’un violon.
Ainsi dans un chant longtemps chargé de vie triste,
il se fit une place pour l’abandon
dont mon coeur était le soliste.

 

Einzig in der Musik gibt es solch ein Übergreifen,
wenn die Wogen der Klänge vage schweifen
und der jähe Seufzer der Geige sie überschäumt.
So öffnete sich dem von Trauer verdunkelten Sang
das Fenster, aus dem die Hingabe träumt,
meines Herzens einsamer Geigenklang.

Mai 9 17

Die weibliche Stimme: Dagmar

Vor dem Feuer

Ihr Flammen, ihr Zungen,
ihr umküßt meine Brust,
ihr überleckt meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Hymnen,
ihr singt in meiner Brust,
ihr durchbebt meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Schlangen,
ihr züngelt um meine Brust,
ihr würgt meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Dolche,
ihr stecht in meine Brust,
ihr durchbohrt meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Schnäbel,
ihr ritzt meine Brust,
ihr zerklüftet meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Würmer,
ihr saugt an meiner Brust,
ihr durchsäuert meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Falter,
ihr zittert an meiner Brust,
ihr durchschauert meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Vögel,
ihr hudert meine Brust,
ihr umfiedert meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Rosen,
ihr rötet meine Brust,
ihr durchduftet meinen Leib.

Ihr Flammen, ihr Küsse,
ihr flackert an meiner Brust,
ihr verlöscht in meinem Leib.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Dagmar

Mai 8 17

Rainer Maria Rilke, Quel beau feu clair

Ébauches et Fragments

Quel beau feu clair
vous avez allumé au carrefour de ma vie,
quel beau feu clair.
Et comme sa pure force assouvie
fait trembler l’air!

Clarté qui tremble de ce feu d’automne.
De quoi a-t-elle peur?
La voici qui tremble en colonne,
portant de la douceur.

 

Wie schön der reinen Flammen Leben,
die ihr entzündet, wo mein Leben kreuzt,
Wie schön der reinen Flammen Leben.
Und wie ihre Urmacht, fast geseufzt,
die Lüfte läßt erbeben!

Klarheit zittert im Feuer dieser Herbstesnacht.
Welche bangen Schatten kämen ihr zuvor?
Ihr, die bebt wie einer Säule Schacht
und die Sanftheit hebt empor.

Mai 8 17

Die weibliche Stimme: Edith

Vor dem Bett

Du ganz zerwühlter Schmerz,
den ich nicht glätten kann
mit taub gewinkter Hand.

In dir versickerten die Tränen
blindgeweinter Lust,
in dir die Milch der Seufzer.

In dir tropften lichte Pollen
von den Staubfäden der Nacht
in den dahlienstillen Schoß.

Du hast mit dem Firn
traumverschneiter Kissen
mein schwarzes Haar gebleicht.

Die Glut vom Mond empfing,
einer Kröte Schluchzen,
gebar in dir den Schattensohn.

Rasch, daß um dich brennen
weißen Flieders Fackeln
und mich betäuben ganz!

Mai 8 17

Die weibliche Stimme: Käthe

Vor dem Strom

Vor mir fließt der Strom.
Er fließt in die Ewigkeit.
Er fließt durch meinen Leib.

Vor mir fließt der Strom.
Und meinen Schatten
nimmt er mit.

Unter mir fließt der Strom.
Und meinen Schatten
spült er ans Ufer.

Weiter fließt der Strom.
Und mein Schatten
geht durch den Sommertag.

Fern rauscht der Strom.
Und mein Schatten
zittert über dem Gras.

Fern verrauscht der Strom.
Und in meinen Schatten
legt sich ein müdes Tier.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Käthe

Mai 8 17

Die weibliche Stimme: Margot

Vor dem Spiegel

Das Glas schimmert wie eine Muschel,
in der ich schlafen darf,
leise schwankend
zwischen Nacht und Vogelsang.

Alles Licht stürzt in das Dunkel
seines Grottenwassers,
im Rieseln blauer Tropfen
summt wieder weich der Mund.

Wie fremd steht mir die Silber-
Haube dieses dünnen Haars,
das nicht mehr klatscht
auf der nackten Brust des Winds.

Sein Duft wie Rosmarin,
sein Wiesenschaum
hat ausgekehrt in einer Nacht
ein harter Kamm aus Bein.

Die Wangen, auf denen lang geblüht
ein warmer Schnee,
sind dürre Furchen,
in die kein Frühling wieder sät
die goldenen Pollen von ehedem.

Doch die Augen, die Brunnen
unversiegter Tränen,
sie halten mich in ihrem Glanz
und locken in ein grünes Tal hinab,
wo von ihren schweren Lidern,
wenn heimatlicher Duft sie schließt,
bläst die Erinnerung hinweg
wie losen Staub des Falters
eines fremden Mundes Hauch,
den ich unterm Fliederbusche
einst geküßt.

 

Mai 8 17

Die weibliche Stimme: Anne

Am Fenster

Die Heckenrosen,
ein Schatten,
in dem sich kleines Leben birgt.
Herbstlicht pflückt ihn ab,
und ich sehe dort
über dem Gespinst des Tags
das kalte Blau der Nacht.

Die Möwe fliegt auf,
ihren steilen Rufen nach.
Mein Haar ist ergraut,
mein Herz ist müde,
ich flieg mit ihr nicht mehr,
Flügel an Flügel,
Schrei an Schrei.

O, ich weine nicht,
alles ist so still,
es ist bloß mein Herz,
das schluchzt.

 

Rezitation:
Die weibliche Stimme – Anne

Mai 7 17

Rainer Maria Rilke, Nuage qui se déplace

Ébauches et Fragments

Nuage qui se déplace
dans cet immense air lumineux
et qui étonne l’uni de ce bleu
par sa forme d’audace.

En plein soleil cette trêve
d’ombre atteint mon jardin: elle rend
pensifs les verts et les rouges…. Le blanc
se dérobe et rêve.

 

Wolke, in ihrer Trift
durch diese lichten Lüfte grenzenlos,
hat diesen blauen Schoß
mit ihrer kühnen Form verblüfft.

Dieser tief besonnte Ruheort
reicht an meinen Garten: Auf sein Geheiß
sinnt das Grün, das Rot … das Weiß
verbirgt sich und träumt fort.

Mai 7 17

Rainer Maria Rilke, Départ

Poèmes et Dédicaces (1920–1926)

Mon amie, il faut que je parte.
Voulez-vous voir
l’endroit sur la carte?
C’est un point noir.

En moi, si la chose
bien me réussit,
ce sera un point rose
dans un vert pays.

 

Abreise

Meine Freundin, es ist Zeit zu gehen.
Ob die Karte dir tauge,
den Ort du sehen?
Es ist ein schwarzes Auge.

Auf mich, wenn meine Lose
glücklich fallen,
wartet dort eine Rose
in einem grünen Land.

Mai 6 17

Der Eichenhain

Auf dem Kühkopf bei Koblenz

Dort zittern früh die weißen Becher
und blauen Veilchen im kühlen Dunst.
Es rascheln dumpf die braunen Blätter
des Vorjahrs unterm Tritt des Wilds.

Die Stämme kann kein einzelner Mann,
kein menschlicher Verstand umfassen.
Die wulstigen Knollen sind wie Male,
die vom Ringen großer Schöpfung zeugen.

Aus den dunklen Kammern der Erde
fließt ein rotes Gold in Götterarme.
Die Wucht des Daseins winkt beseelt
mit dunkelgrünen Fingerkuppen.

Bald werden Schatten wie das Wiegen
mütterlicher Hände unterm Monde wachen
und die Stätte wie Geheimnis überwölbt
von eines weichen Wassers Rauschen.

Du stehst am Rand, wo Beeren glimmen
oder ein Vogel sich im Busch versteckt.
Du querst nicht diese heilige Mitte,
die nächtens blaßt vom Hauche des Gestirns.

Mai 6 17

Drängen und Engen

Alles drängt ins Weite,
schwirrt und trudelt,
schwingt und sprudelt –

läßt sich tragen vom Wind
wie die geflügelten Pollen –

schwappt auf den Wogen
wie der schlafende Lotus –

läßt sich ködern vom Duft
wie die tänzelnde Biene.

Alles ruft ins Weite,
säuselt und sirrt,
wispert und girrt –

mit durchsichtigen Flügeln,
die an Hornpanzern kratzen –

mit brennenden Kehlen,
die sich im Morgentau löschen –

mit rosigen Kinderhänden,
die hüpfende Rhythmen klatschen.

Nur du hockst im Engen
auf dem harten Rätsel
deines Steißbeins,

verstockst dich den Sängen
mit dem von süßen Klagen
klebrigen Mund.

Mai 6 17

Philippe Jaccottet, Oiseaux

Flammes sans cesse changeant d’aire
qu’à peine on voit quand elles passent
Cris en mouvement dans l’espace
Peu ont la vision assez claire
pour chanter même dans la nuit

 

Vögel

Flammen, die ohne Unterlaß hin- und herspringen,
kaum sieht man, wenn sie vorüberschießen.
Schreie bei der Bewegung durch den Raum.
Wenige habe eine so klare Sicht,
um auch in der Nacht zu singen.

Mai 6 17

Paul Verlaine, Un grand sommeil noir

Un grand sommeil noir
Tombe sur ma vie :
Dormez, tout espoir,
Dormez, toute envie !

Je ne vois plus rien,
Je perds la mémoire
Du mal et du bien…
O la triste histoire !

Je suis un berceau
Qu’une main balance
Au creux d’un caveau :
Silence, silence !

 

Tiefer schwarzer Schlaf

Dunkelheit steht offen,
Nacht fällt auf die Brust:
Schlafe, alles Hoffen,
schlafe, alle Lust!

Auge ist schon trübe,
alles will entschweben,
Feindschaft oder Liebe,
traurig ist das Leben!

Wiege in der Luft,
Sinken oder Steigen
über einer Gruft,
Schweigen, Schweigen!

Mai 5 17

Bei uns zu Hause

Bei uns zu Hause war es musisch karg –
da gabʼs die sentimentalen Schnulzen,
die ein Bänkelsänger schluchzte,
der wieder durchs Dorf zog
mit einem Schlapphut und Gitarre,
und Mutter wickelte ein paar Groschen
in Altpapier und warf sie aus dem Fenster ihm hin –
wie er sich kratzfüßig-galant verbeugte
und zog den Hut dabei.

Dann entdeckte Vater den erotischen Reiz
schöner Stimmen und schleppte Platten
von Zarah Leander oder Anneliese Rothenberger an.

Endlich wurde in der Lache am Oberwerth
eine Freilichtbühne gebaut,
zum Schrecken der noblen Anwohner
der Rheinanlagen, da konnte Mutter ihre großen Hüte
bei grellen Inszenierungen von „Wiener Blut“
oder der „Czardasfürstin“ zur Geltung bringen.

Und doch, große Musik erklang,
wie damals in jedem Dorf am Rhein,
wenn die Glocken zur Christmette riefen
oder das Osterfeuer vor St. Johannes brannte
und nach den Anrufungen des Lumen Christi
das Te Deum die Kehlen reinwusch
vom Gerede und Staub des Tags, sie erklang
wenn im Jahreskreis der edle Kranz
der alten Lieder mit betauten Blättern
schimmernd neu gewunden wurde.

Dann offenbarte sich dem Knaben,
so war die alte Kirche mütterlich,
im Kinderchor gregorianischer Gesang –
wie meine Lippen mit den Schwalben
über dem Altar aufflogen
und die weiße Kühle des Schlußsteins küßten.

Doch als ich vom ersten Taschengeld
mir Bachs Passionen zugelegt
und mich in die helle Dämmerung
verzückten Leidens einschloß,
wurde man zu Hause sehr bedenklich
und fragte sich stirnrunzelnd,
was mit dem Jungen nicht stimme –
diese Musik galt als „schwer“,
und ein Junge in der Pubertät,
der sich mit ihr belud, als gefährdet.

Wohl ganz zurecht, denn ich habe dann bald
wie alle die Glieder und das Glied geschüttelt
zum Hämmern und Dröhnen der Pop-Idole,
doch hatʼs mich seelisch nicht verwandelt,
ich blieb ein Derwisch des Gefühls.

Und heute? Scheu zurückgekehrt, fast verhornt
vom Lärm des Tags, zu den nächtlichen Passionen,
halte ich den Tönen, die aus der Stille tropfen,
die durstige Seele hin.

Mai 5 17

Philippe Jaccottet, Le travail du Poête

Aus: L’Ignorant

L’ouvrage d’un regard d’heure en heure affaibli
n’est pas plus de rêver que de former des pleurs,
mais de veiller comme un berger et d’appeler
tout ce qui risque de se perdre s’il s’endort.

Ainsi, contre le mur éclairé par l’été
(mais ne serait-ce pas plutôt par sa mémoire),
dans la tranquillité du jour je vous regarde,
vous qui vous éloignez toujours plus, qui fuyez,
je vous appelle, qui brillez dans l’herbe obscure
comme autrefois dans le jardin, voix ou lueurs
(nul ne le sait) liant les défunts à l’enfance…
(Est-elle morte, telle dame sous le buis,
sa lampe éteinte, son bagage dispersé ?
Ou bien va-t-elle revenir de sous la terre
Et moi j’irais au devant d’elle et je dirais :

« Qu’avez vous fait de tout ce temps qu’on n’entendait
ni votre rire ni vos pas dans la ruelle ?
Fallait-il s’absenter sans personne avertir ?
Ô dame ! revenez maintenant parmi nous… »)

Dans l’ombre et l’heure d’aujourd’hui se tient cachée,
ne disant mot, cette ombre d’hier. Tel est le monde.
Nous ne le voyons pas très longtemps : juste assez
pour en garder ce qui scintille et va s’éteindre
pour appeler encore et encore, et trembler
de ne plus voir. Ainsi s’applique l’appauvri,
comme un homme à genoux qu’on verrait s’efforcer
contre le vent de rassembler son maigre feu…

 

Die Arbeit des Dichters

Das Werk des Blicks, der Stunde um Stunde schwächer wird,
besteht weniger darin zu träumen und Tränen zu formen,
als wie ein Schäfer zu wachen und all das anzurufen,
was in Gefahr ist verloren zu gehen, wenn es einschläft.

An der Mauer, die der Sommer bescheint
(doch ist es eher die Erinnerung an ihn)
sehe ich euch auf solche Weise in der Stille des Tages,
euch, die ihr stets entschwindet, flieht,
rufe ich an, die ihr im dunklen Grase erglänzt
wie da und dort im Garten, Stimmen oder Lichter
(wer weiß es schon) und die Toten mit der Kindheit verbindet …
(Ist sie tot, jene Dame im Buchs,
erloschen ihre Lampe, ihr Gepäck verstreut?
Oder kehrt sie wohl von unter der Erde zurück
und ich träte vor sie und sagte:

„Was haben Sie all die Zeit gemacht, als weder ihr Lachen
noch ihre Schritte auf der Gasse zu hören waren?
Darf man sich denn ohne Vorwarnung einfach entfernen?
Ach, werte Dame, kehren Sie nunmehr zu uns zurück …)

Im Schatten und der heutigen Stunde verbirgt sich,
ohne ein Wort zu sagen, dieser Schatten von gestern. So ist die Welt.
Wir erblicken ihn nicht allzu lange: gerade genug,
um zu gewahren, was da schimmert und erlischt,
es wieder und wieder anzurufen und davor zu zittern,
es nicht mehr zu sehen. So bemüht sich der Verarmte,
als sähen wir einen Menschen auf den Knien mit allen Kräften
sein schwaches Feuer bewahren vor dem Wind …

Mai 5 17

Philippe Jaccottet, Lune à l’aube d’été

Dans l’air de plus en plus clair scintille
encore cette larme ou faible flamme
dans du verre quand du sommeil
des montagnes monte une vapeur dorée

Demeure ainsi suspendue
sur la balance de l’aube
entre la braise promise
et cette perle perdue

 

Mond im Sommermorgen

In der sich aufklarenden Luft schimmert
noch jene Träne oder schwache Flamme
im Glas, wenn aus dem Schlaf der Berge
ein goldener Dunst steigt.

Bleibe, auf diese Weise schwebend
im Gleichgewicht des Morgens
zwischen der versprochenen Glut
und dieser verlorenen Perle.

Mai 5 17

Philippe Jaccottet, Ninfa

En ce jardin la voix des eaux ne tarit pas,
est-ce une blanchisseuse ou les nymphes d’en bas,
ma voix n’arrive pas à se mêler à celles
qui me frôlent, me fuient et passent infidèles,
il ne me reste que ces roses s’effeuillant
dans l’herbe où toute voix se tait avec le temps.

Les nymphes, les ruisseaux, images où se complaire !
Mais qui cherche autre chose ici qu’une voix claire,
une fille cachée?

Je n’ai rien inventé : voici le chien qui dort,
les oiseaux rassemblés,
les ouvriers courbés devant les saules frêles
brûlant comme des feux; la servante les hèle
au bout de la journée…

La leur et ma jeunesse s’usent comme un roseau,
à la même vitesse, pour nous tous mars approche…

Et je ne rêvais pas quand j’entendis, après si longtemps,
cette voix me revenir du fond de ce jardin,
l’unique, la plus douce dans ce concert…

« — ô
Dominique !
Jamais je n’aurais cru te retrouver ici, parmi ces gens… —
Tais-toi.
Je ne suis plus ceci que je fus… »

Je la vis saluer avec grâce nos hôtes,
puis s’en aller comme les eaux s’effacent,
quittant le parc, alors que le soleil se perd,
et c’est déjà vers les cinq heures, dans l’hiver.

 

Ninfa

In diesem Garten versiegt die Stimme des Wassers nicht,
ist es eine Wäscherin oder die Nymphen auf dem Grund,
ich vermag meine Stimme nicht unter die ihren zu mischen,
sie streifen mich, fliehen mich und wenden sich treulos ab,
mir bleiben nur jene Rosen, die ihre Blätter verlieren
im Gras, wo jede Stimme verstummt mit der Zeit.

Die Nymphen, die Bäche, Bilder, an ihnen Gefallen zu finden!
Doch wer sucht hier etwas anderes als eine helle Stimme,
ein verborgenes Mädchen?

Ich habe nichts dazugedichtet: Dort ist der schlafende Hund,
der Vogelschwarm,
die Arbeiter, gebeugt unter den zarten Weidenbäumen,
die wie Feuer brennen; die Dienerin, die ihnen
am Ende des Tages winkt …

Ihre und meine Jugend nutzen sich ab wie ein Schilfgras,
in gleicher Eile, uns allen nähert sich der März …

Und ich träumte nicht, da ich hörte, nach all der Zeit,
wie jene Stimme wieder aus der Tiefe des Gartens zu mir drang,
die einzige, die süßeste in diesem Chor …

„O Dominique!
Nie hätte ich gedacht, dich je wieder hier zu treffen, unter solchen Leuten …“

„Sei still,
ich bin nicht mehr, der ich einst war …“

Ich sah sie unsere Gastgeber anmutig grüßen
und verschwinden wie ein Wasser, das verrinnt,
sie verließ den Park, als die Sonne sich verlor,
das war schon gegen fünf, im Winter.

Mai 4 17

Adagio

Gustav Mahler, 9. Sinfonie, 4. Satz

Streichen über Wangen
weich gefallener Flocken.

Blumendunkles Bangen,
blütenleises Stocken.

Nur sich selber meinen,
wenn die Streicher fliehen.

Für sich selber weinen,
wenn sie heimwärts ziehen.

Kuß perlt an den Moosen,
die ins Dunkel drängen.

Geigen pflücken Rosen
an den Dämmerhängen.

Aufgeschluchzte Seele
stürzt in grüne Tiefe.

Kitzelt Holzes Kehle,
als ob ein Toter riefe.

Warmer Wogen Rollen,
wo sich Zärten stauen.

Liebe ist verschollen
in den Jenseitsauen.

Weite, Meer und neue Weite,
bis die Sehnsuchtsufer blühen.

Fern auf Hügeln jene Scheite,
die noch lange weiterglühen.

 

Interpretation Leonard Bernstein und das Concertgebouw Orchestra:
https://www.youtube.com/watch?v=ag18Np_JInY

Mai 4 17

Paul Verlaine, Soleils couchants

Poèmes saturniens

Une aube affaiblie
Verse par les champs
La mélancolie
Des soleils couchants.

La mélancolie
Berce de doux chants
Mon coeur qui s’oublie
Aux soleils couchants.

Et d’étranges rêves,
Comme des soleils
Couchants, sur les grèves,
Fantômes vermeils,

Défilent sans trêves,
Défilent, pareils
A de grands soleils
Couchants sur les grèves.

 

Verlöschende Sonnen

Fahle Morgenglut
hat übers Land gesponnen
die Schwermut
verlöschender Sonnen.

Die Schwermut wiegt
auf Liedes Wonnen
mein Herz, das ganz erliegt
den untergehenden Sonnen.

Träume, die blenden,
gleich Sonnen,
die verlöschen an den Stränden,
Gespinste aus Vermeil gewonnen,

kreuzen ohne Gnade,
kreuzen, die geronnen
aus großer Sonnen
Untergängen, die Gestade.

Mai 4 17

Die Verwandlung des Löwenzahns

Ein Löwenzahn sproß
scheu am Wegesrand.
Da hörte er Gesang
und war gebannt.

Es klang wie Bäche,
die verrauschen.
Es klang wie Seiden,
die sich bauschen.

Da reckte er den Halm
und seine Blütenzungen,
sich zärtlich dem zu neigen,
der so süß gesungen.

Darüber ward es spät,
und kam die große Nacht,
die war so blau, so still,
und jenes Lied vollbracht.

War es ein rotes Kehlchen,
das hold geschmeichelt?
Waren es der Pappel Hände,
vom Wind gestreichelt?

Da hat eines Strahles Kitzeln
den Löwenzahn geweckt.
Mit zitternd hellen Strähnen
war sein Köpfchen ganz bedeckt.

Mai 4 17

Für mich, für euch

Ich sagʼs für euch,
die ihr am Rande blüht,
wie die Clematis,
so blaß,
ein verwischtes Abendrot,
kaum beachtet am Gitter
herabgeseufzt,
ein wenig ergraut
vom Staub
dieses langen Tags.

Ich sagʼs für euch,
die ihr wie ich
kaum geblüht
und nie stolz
in das hohe Blau
den goldenen Prunk
der Frucht gereckt.

Ich sagʼs für mich,
aus dem Nest gefallener
Vogel eines nie
aufgeflogenen Lieds,
der im wogenden Gras
dem Nachklang
des Lebens lauscht.

Ich sagʼs für euch,
für mich, für jene,
die am Ufer stehen,
wo jenseits die Geliebten
winken wie Knospen
unerweckter Rosen.

Ich sagʼs für euch,
die ihr wie ich,
torkelnde Falter,
in die endlose Nacht tragt
die leuchtenden Pollen
unerwiderter Küsse.

Ich sagʼs für mich,
ein grauer Kauz,
der schreit,
wenn so hell schweigen
Wolke und Stern.

Mai 3 17

Rainer Maria Rilke, Ciel Valaisan

Poèmes et Dédicaces (1920–1926)

Comment notre coeur lorsqu’il vibre
a-t-il tant besoin
que tout un ciel de loin
lui donne des conseils d’équilibre.

Mais ce ciel depuis toujours
a de nos cris l’habitude;
ami de la terre rude,
il en adoucit le contour.

 

Himmel überm Wallis

Wie ist unser Herz in seinem Beben
darauf erpicht,
ein ganzer Himmel möge ihm geben
eine Lehre vom Gleichgewicht.

Aber dieser Himmel ist von je
an unsere Schreie gewöhnt;
mit der rauhen Erde versöhnt,
birgt er ihr Gesicht im Schnee.

Mai 3 17

Pompe funèbre

Verwesung feiert
und der in allen grinst,
der Totenschädel.

Eine Knochenhand
schreibt immerfort
hochtrabende Glossen.

Geschwollne Köpfe
auf gräsernen Beinchen
platzen wie Früchte.

Im warmen Nest der Brust
schlürft die große Raupe
das Blut der Träume.

Schmachtende Pupille
verschließt das Büschel
eines Eulenlids.

Die große Schrecke frißt
gemütlich die kleine,
die sie zum Tod besamt.

Feinnervige Hände formen
den schönen Kelch
für Tristans Trunk.



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