Auf den Spuren der Vernunft V
Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl taub auf beiden Ohren?“ oder „Wasch dir mal die Ohren!“
Den eindeutigen Sinn von „hellhäutig“ kannst du nicht doppelsinnig machen, indem du ein Analogon „hellhäutig2“ zu „hellhörig1“ bildest und „hellhäutig2“ jemanden nennst, der seine gesamte Aufmerksamkeit gleichmäßig intensiv über die ganze Oberfläche seiner Haut verteilt.
Die Variationen und Modulationen unserer Aufmerksamkeit merken wir dem Reichtum des Vokabulars an und ab, das wir zur Bezeichnung von Wahrnehmungsvorgängen verwenden. Der reichen Palette von Verben des Sehens wie erblicken, schauen, sichten, erspähen, beobachten, betrachten usw. steht eine relativ begrenzte Anzahl von Verben des Hörens gegenüber: hören, horchen, lauschen.
Wir erklären uns diesen semantischen Engpass auf dem Hörgebiet mit der Dominanz des visuellen Sinnes bei der Orientierung, der uns angesichts der etymologischen Herkunft des Wissensbegriffs (von der Wurzel von lat. videre) vor Augen geführt wird. Die Vorherrschaft des Sehens in den Regimen der Wahrnehmung beruht auf der Kraft der Diskriminierung, Identifikation und Unterscheidung von Gegenständen der Außenwelt: Wenn du nach dem gefragt wirst, was dir vor Augen liegt und über den Weg läuft, antwortest du spontan, ohne groß zu überlegen, gleichsam reflexionslos: „mein Schreibtisch“, „meine Kaffeetasse“, „mein Laptop“, „der Hund meines Nachbarn“, „meine Nachbarin“, „ein Müllauto“. Wegen des nisus ad visum, unserer Wahrnehmungsstärke durch das Augenlicht, ordnen und strukturieren wir unsere Welt als räumlich-zeitliche Struktur, in der uns physische Entitäten in komplexen Verknüpfungen und Abfolgen begegnen.
Wir wenden uns wieder dem Hörsinn zu und bemerken, dass er im Verhältnis zum Sehsinn stärker zeitlich geordnet ist: Alles, was uns ans Ohr dringt, hat einen Beginn in der Zeit, eine gewisse, wenn auch noch so kurze Dauer und endet schließlich mehr oder weniger abrupt oder ausklingend. Wir sind allerdings so vortrefflich auditorisch begabt, dass wir auch die Richtung, aus der der Schall uns trifft, mehr oder weniger präzise oder vage angeben können. In der Kooperation von Auge und Ohr, wenn es gilt, das von unserem Gegenüber uns Gesagte fein gegen das mimisch Ausgedrückte abzuwägen, haben wir es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht.
Wir wissen, aus welchem Frequenzbereich unsere Ohren uns Informationen einfangen können und wo für uns das große Schweigen beginnt. Aber das, was unter 20 Hertz für sich und ohne uns dahergrummelt, ist für uns kein Bestandteil der Welt – und deshalb auch nicht eigentlich dem Raum des uns unzugänglichen Schweigens angehörig. Wir bemerken Schweigen und Stille nur als Abbruch oder Pausieren von Geräuschen und Stimmen, gleichsam intermedial, nicht hypo- oder hypermedial.
Wir hören alle möglichen Arten und Typen von Geräuschen, die von natürlichen oder künstlich-technischen Schallquellen ausgehen. Wir sind oft auch in der Lage, rein durch den Hörtest, die Art der Quelle, ob natürlich wie den Donner oder künstlich wie das Autohupen, zu bestimmen.
Hört unser Schoßhündchen den Donner? Gewiss hört es ein dumpfes Grollen und Grummeln in der Ferne. Aber versteht es dieses akustische Signal als Anzeichen des nahenden Gewitters? So wie wir den aufsteigenden Rauch als Zeichen eines offenen Feuers interpretieren, deuten wir das vor uns gehörte schrille Quietschen von Reifen und den unmittelbar folgenden blechernen Krach als Anzeichen für einen Verkehrsunfall.
Gewiss wird unsere Interpretation der akustischen Wahrnehmung erst verifiziert und ins Reich der banalen Gewissheiten aufgenommen, wenn wir unsere Ohrenzeugenschaft durch unsere Augenzeugenschaft ergänzt haben.
Unter allen akustischen Signalen sind die sprachlich artikulierten Laute oder Phonemsequenzen, die an unser Ohr dringen, für uns außerordentlich wichtig, aus der umgebenden Geräuschkulisse herausgehoben und emotional und epistemisch prägnant.
Wir nennen das, was wir durch das Hören eines Zurufs oder Satzes verstehen, den durch den Ruf oder Satz ausgedrückten und repräsentierten Gedanken. Den ausgesprochenen Satz hören wir, nicht den Gedanken. Freilich ist der Gedanke nur insofern und insoweit vorhanden, als er durch die geeignete Kette von Phonemen (oder Schriftzeichen, die wiederum Phoneme darstellen) repräsentiert wird.
Wir ahnen, zwischen der Abfolge von physikalischen Frequenzen und der Abfolge von bedeutungstragenden Phonemen liegt der Schnitt zwischen Materie und Semantik. Die kausale Quelle des Schalls, der auf unser Trommelfell einwirkt, können wir nicht hören, hören können wir nur das Ergebnis des komplexen physikalischen und neurophysiologischen Vorgangs, der die Schwingungen der Gehörknöchelchen und die Stimulation der Haarzellen des Mittelohrs in neurale Inputs transduziert, die im Thalamus und den auditorischen Zentren des Cortex verarbeitet werden.
Die Musik lief schon eine ganze Weile im Hintergrund, aber erst jetzt vernimmst du die leise Melodie, wirst dich ihrer bewusst – und unwillkürlich verbinden sich Erinnerungen an Kindheitstage oder süße Empfindungen in einem südlichen Land an das Gehörte. Wie ein Vexierbild schwebst du mit deinem Bewusstsein hinter dem Hör- und Klangbild. Ebenso wenig, wie wir verstehen, wie das Bewusstsein aus der Materie auftaucht, verstehen wir, wie wir mit dem Gehörten sinnvolle Gedanken verbinden.
Wenn du in geselliger Runde das Weinglas hebst und der Gastgeber, der gerade an eurem Tisch vorbeigeht, ruft „Prosit!“, verstehst du diese Klangfolge richtig, wenn du annimmst, der Gastgeber äußere den Wunsch, dass dir der Wein munde.
Der Wunsch ist der intentionale Gehalt, der Gedanke, den der Gastgeber äußert. Du kannst diesen Gedanken verstehen und dein Verständnis zum Beispiel zeigen, wenn du dem Gastgeber freundlich zulächelst, du kann den Gedanken nicht verstehen, weil er dir mangels Kenntnis der deutschen Sprache verborgen bleibt oder du kannst den Gedanken missverstehen, wenn du entgegen der wirklichen Sprecherintention annimmst, der Sprecher habe seine Äußerung ironisch gemeint und der unausgesprochene Gedanke laute: „Mein Freundchen, jetzt reicht es aber, du hast doch schon genug getrunken!“
Der Gedanke ist nicht identisch mit der Instanz seiner aktuellen akustischen Realisierung: „Prosit!“ heißt, was es heißt, überall und immer, wenn es zum gegebenen Anlass vom richtigen Sprecher zum erfreuten Gegenüber hin ausgerufen wird. Aber auch, wenn es undeutlich und gerade noch verständlich oder mit wer weiß welchen dialektalen Einsprengseln und Klangfarben hervorgebracht wird, es überträgt dieselbe Mitteilung.
In der Symptomatologie und Diagnostik der Psychose gilt das Auftreten von visuellen und akustischen Wahnwahrnehmungen als eindeutiger Indikator für das Vorhandensein der Erkrankung. Der Patient deutet das Lächeln seines Gegenübers als Zeichen dafür, dass er zur Erlösung der Menschheit berufen ist. Der Patient deutet den freundlich gemeinten Zuruf des Gastgebers „Prosit!“ als Hinweis darauf, dass er sterben muss, wenn er das Glas austrinkt. In letzterem Falle ist die Kompetenz des Patienten, den semantischen Gehalt des Zurufs zu interpretieren, nicht eingeschränkt, er weiß, was der Ausdruck unter gewöhnlichen Umständen besagt. Aber das pragmatische und kommunikative Netz, das die Verwendung der Verlautbarung normalerweise trägt, ist zerrissen, das Verstehen des intentionalen Gehalts der Äußerung ist nicht durch die Bezugnahme auf die reale Situation eingeschränkt und definiert, sondern durch Bezugnahme auf eine wahnhaft imaginierte Situation abgelöst.
Wenn man annehmen darf, dass im verständigen Hören das Ich-Bewusstsein gleichsam mitschwingt und sich ausfaltet, deutet die akustische Wahnwahrnehmung darauf hin, dass das Ich-Bewusstsein des Erkrankten in der aktuellen Situation nicht mehr mitschwingt und unausgefaltet bleibt.
Wenn wir die Leistung der Identifikation und Diskriminierung von sinnvollen Gedanken mittels des verständigen Hörens als Leistung der Vernunft betrachten, müssen wir das Auftreten von Wahnwahrnehmungen der genannten Art als Symptom einer zumindest vorübergehenden Ohnmacht der Vernunft auffassen.
Geblümte Lautschirmchen für dich
All die Laute,
die dich heimzusuchen scheinen,
fallen wie ein warmer Schnee auf stillen Grund.
All die Laute,
die dich zu meinen scheinen,
sind vor der Rose deines Namens ohne Mund.
All die Laute,
die deine Nacht zu höhlen scheinen,
machen dich zum Liebestag gesund.
All die Laute,
die die Stille deines Seins verneinen,
stopfe ich in eines Waldschrats grünen Schlund.
All die Laute,
die aus der Wolke deines Schlafes weinen,
schlürfe ich mit meiner Seele heißem Mund.
Auf den Spuren der Vernunft IV
Vernunft ist keine Entität, kein Etwas, das wir in der Außenwelt oder im Raum des Mentalen auffinden und untersuchen könnten. Vernunft heißt uns die Abkürzung für die menschliche Fähigkeit, die Gründe des Handelns zu analysieren, zu bewerten und zu gewichten, und handeln umfasst tun und reden.
Wie viel Vernunft in einer Handlung steckt, bemisst sich an Maßstäben, die aus der Anwendung großer Erfahrung und gesunden Menschenverstandes bei der Abwägung von Handlungsgründen resultieren.
Wenn du ein einigermaßen zufriedenes, um nicht zu sagen ein erfülltes und glückliches Leben führen willst, solltest du eine Ausbildung absolvieren, die deinen Talenten und deinen Neigungen gemäß ist, und einen Beruf ergreifen, mit dem du nicht nur dein Dasein fristen und dein Auskommen finden kannst, sondern der dich zumindest auf lange Sicht oder hin und wieder mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lässt, weil du nicht nur dein Pensum geschafft, sondern eine ausgezeichnete Leistung zu deiner eigenen Zufriedenheit und zur Zufriedenheit deiner Kollegen und deines Chefs abgeliefert hast.
Es wäre allerdings wenig vernünftig, dir von supergescheiten Leuten einreden zu lassen, so etwas wie natürliche Begabungen und Anlagen oder Talente und Neigungen gebe es nicht: Würden wir nur alle in die gleiche soziale Nährlösung geworfen, könnten wir bunte Triebe die Fülle aufkeimen lassen, ein jeder nach seinem Gusto. Aber schau: der mit den plumpen Händen und dem nervösen Tick, als Chirurg möchtest du dir ihn lieber nicht denken – und schon gar nicht an deinem Rückenmark. Oder, das quirlige, süße Mädchen, das gerne mit feinen Stoffen und edlen Accessoires spielt, nein, es soll nicht ihrer Neigung nachgeben und Kunstnäherin werden, sondern nach dem Spleen ihrer hysterischen Mutter sich täglich acht Stunden die Finger am Klavier wundüben, um als Pianistin die Karriere hinzulegen, die ihr selbst mangels Disziplin und Begabung nicht vergönnt war!
Vernunft walten zu lassen erfordert demnach nicht nur die korrekte Anwendung des logischen Denkens bei der Abwägung von Gründen und Gegengründen, sondern auch charakterliche Dispositionen wie Mut, Durchsetzungsstärke und Ausdauer.
Das Gegenteil vernünftigen Tuns und Redens hat, wie ein Blick in die täglichen Nachrichten oder die Lektüre von Romanen oder Kriminalgeschichten oder die Erinnerung an das selbst Erlebte bestätigen, eine breite Spanne von Aspekten und Nuancen und reicht von Torheit und Schusseligkeit über Kurzsichtigkeit und Starrsinn bis zu Besessenheit und Wahnsinn. Dagegen scheint uns die Vernunft nicht gerade mit einer reichhaltigen Schlachtplatte zu mästen, sondern auf frugale Kost zu setzen mit ihrer Lebensklugheit und Besonnenheit, auch wenn sie gelegentlich den Gipfel salomonischer Weisheit zu erklimmen willens und in der Lage ist.
Wir wandeln auf den Spuren der Vernunft den schmalen Pfad zwischen dem unheimlichen Urwald der Natur und dem ungeheuren Friedhof der Geschichte. In die Naturgeschichte sind wir mit Leib und Seele von der Geburt bis zum Tod verschlungen; die Geschichte packt uns am Schlafittchen, wenn wir als Mitglied einer Gruppe, einer Nation, eines Staats identifiziert werden, bestenfalls Steuern zu zahlen und schlimmstenfalls unser Leben für höhere Belange hinzugeben ersucht werden. Auf diesem schiefen Gelände droht die Vernunft vor dem Schicksal abzurutschen – und kann manchmal doch heroisch Haltung bewahren.
Das Mädchen zeigte bei der Geburt eine abstoßende Entstellung des Gesichts, die nach Auskunft der Fachärzte erst kurz vor Beginn der Pubertät durch einen komplizierten chirurgischen Eingriff zu beheben oder zumindest wesentlich zu lindern war. Die Eltern waren bestürzt und verzweifelt angesichts der Aussicht für ihr Baby, all den seelischen Qualen ausgesetzt sein zu müssen, die es von der Grausamkeit, der Verwirrung und abergläubischen Furcht der Umgebung im Kindergarten und in der Schule zu erwarten hatte. Denn es wäre töricht, in diesem und in ähnlichen Fällen auf die Milde und das Verständnis der Mitlebenden setzen zu wollen. Für Vater und Mutter, aber auch für die Großeltern war diese Erstgeburt liebenswert trotz ihrer Hässlichkeit. So befand die Familie es nach vielem Grübeln und Nachdenken für das klügste und vernünftigste, das Kind den widerwärtigen und bösen Blicken der anderen zu entziehen, es im Verborgenen zu behüten, zu pflegen, aufzuziehen und zu unterrichten, bis die bang ersehnte Operation endlich vorgenommen werden konnte. Hier musste die vernünftige Erwägung die möglichen Qualen und Leiderfahrungen des Kinds in seiner Umwelt gegen den Verlust an Freizügigkeit und Lebensfreude sowie den erhöhten Aufwand an Geld und Kraft der Familie in Rechnung stellen – vom Konflikt mit dem Gesetz, das privaten Unterricht nicht duldet, einmal ganz abgesehen.
In solchen und ähnlichen Fällen muss die vernünftige Entscheidung dem Schicksal abgerungen werden. Das Schicksal und die fatalen Umstände bilden einen engen Korridor, durch den man mit der blakenden Funzel vernünftiger Abwägung nicht allzu weit blicken kann – aber manchmal immerhin so weit, dass man den eingeschlagenen Weg entschlossen, tapfer oder doch ausdauernd weiterzugehen gewillt ist.
Der Fall zeigt auch klar, dass es unvernünftig wäre anzunehmen, Opfer und Verzicht zugunsten eines Beeinträchtigten könnten jederzeit und allerorten jedermann zugemutet werden: Hier ist die genetische Abstammung und Verwandtschaft ersten und zweiten Grades die einschränkende Voraussetzung dafür, dass vernünftige Abwägungen und harte Entscheidungen der genannten Art überhaupt ein geneigtes Ohr finden.
Aber ist nicht auch die Liebe, wie in diesem Fall die herausgeforderte, gleichsam erhitzte und eifersüchtige Elternliebe, ein machtvoller Zug des Schicksals, mit dem die Vernunft zu rechnen hat, den sie aber nicht selbst rechtfertigen, begründen oder mit Gründen erschüttern kann?
Die Mutter, die ihr Kind, von schöner Gestalt oder hässlich entstellt, von Geburt an ablehnt, und dieses emotionale Schicksal teilen einige Mütter, wird es für wenig vernünftig ansehen, für ihr Kind so viele Opfer zu bringen, damit es vor den Zumutungen und Übergriffen der Mitwelt geschützt im Verborgenen aufwachse, sondern es zur Adoption freigeben oder in ein Pflegeheim abgeben. Diese Entscheidung mag vor strengen moralischen Maßstäbe einer selbstlosen Caritas nicht bestehen können, als unvernünftig können wir sie aber nicht disqualifizieren, weil das Gegenteil dieser Entscheidung zu keinen vernünftigeren Ergebnissen beitrüge, da ein ungeliebtes, ja gehasstes Kind aufzuziehen auch für das Kind schwere seelische Schäden zur Folge hätte.
Wie wir sehen, erglänzt aus dem Hintergrund der Vernunft keine Sonne des Guten. Eher finden wir uns hier im nordischen Nebelland, wo die Konturen der Gegenstände, je tiefer wir dringen, um so mehr verschwimmen und unsere Suche ins Unwegsame gerät, weil Moor und Morast den Tritten nachgeben. Unser Nachforschen und Fragen stößt an Grenzen, verwirrt sich oder versandet in Trivialitäten und Tautologien, wonach wir greifen, zerfällt uns in der Hand, entweicht uns wie Schattengebilde.
Wir fragen beherzt und scharfsinnig nach Gründen und finden begriffliche Netzwerke, die von den Pfeilern der Gründe leicht und manchmal in eleganten Schwüngen getragen und ausgespannt werden. Doch je weiter wir kommen und je mehr wir nachgraben, finden wir: Die Pfeiler selbst ragen in unregelmäßigen Abständen in unterschiedlicher Höhe empor, Abstände und Höhen, die keiner Metrik gehorchen, sie stecken manchmal sehr tief, manchmal nur im flachen Boden und drohen bei leichten Verwehungen und Verwitterungen in Schieflage zu geraten, ja manche Pfeiler sinken augenscheinlich immer tiefer in den sandigen Boden.
Hier geraten wir ins Stottern oder machen ratlose Gesten, die besagen: „Was sollʼs, es ist halt so!“ „Hier geht es scheintʼs nicht weiter!“ „Ein Umweg ist nicht in Sicht.“ „Alles endet hier in Monotonie und Erschöpfung.“
Nur im Vordergrund und auf den leicht gewellten Oberflächen unseres alltäglichen Lebens bekommt das Gesicht der Vernunft Farbe, hellt sich ihr Blick auf, ermuntert ihr Lächeln. Wenn es darum geht, eine Handlung vor einer anderen auszuzeichnen, weil es vernünftiger ist, das eine zuerst, das andere danach zu tun. Oder was man tun könnte, ja was zu tun einen geradezu kitzelt, was zu sagen einem geradezu auf der Zunge brennt, gerade nicht zu tun und herunterzuschlucken, weil es vernünftiger ist, das eine dem anderen vorzuziehen. Oder weil es vernünftiger in Hinsicht auf dein emotionales Leben ist, jene Person zu meiden, als den beruflichen Vorteil ihres Umgangs zu suchen. Und unendlich vieles dergleichen mehr, was uns die Vernunft rät und ansinnt und worauf wir vertrauen und bauen können, weil im Kleinklein und Durchwursteln durch die leichten Untiefen und Fährnisse unseres Alltags auf ihre Bauernschläue und Lebensklugheit Verlass ist.
Wir sehen im Licht der Vernunft klar – für heute und morgen. Wir wissen uns zu helfen und zu orientieren – hierhin und dorthin. Wir ziehen uns elegant oder gerade noch aus den begrifflichen Fallen, bevor es zu spät ist und sie zu tatsächlich tödlichen Fallen zu werden drohen, und schlagen einen anderen Weg ein und machen einen Umweg.
Wir finden Wege, Umwege und Auswege, aber nicht den einen Königsweg des Lebens. Das Licht der Vernunft reicht gerade so zur Erhellung auf unserem Lebensweg, aber es löst den Schatten, den wir selbst unterwegs ununterbrochen werfen, nicht auf.
Wir sagen, es sei vernünftiger, mit einem anständigen Beruf sein Auskommen zu finden als einem bodenlosen Spleen nachzujagen, der ins seelische und materielle Verderben stürzt; es sei vernünftiger, hart zu schuften, als arbeits- und wohnungslos auf der Straße zwischen Abfall und degenerierten Mitgenossen des Elends zu vegetieren. Wir können dir bei aller Vernunft aber nicht mit tiefergehenden Argumenten auf die Beine helfen, wenn du die Arbeit scheust und die Erniedrigung, auf öffentliche Wohlfahrt oder den Bettel angewiesen zu sein, stoisch hinnimmst. Auch den scheinbar vernünftigen Hinweis auf dein Kind, wenn du ein Kind hättest, für das du doch Verantwortung übernehmen solltest, könntest du mit einer wegwerfenden Geste und der zynischen Bemerkung von dir weisen, dein Kind gedeihe besser in einer mental auch nur geringfügig gesünderen Umgebung als gerade in der deinen. Ja, wenn du in der Gosse liegend, dein Lebenslicht, blöde und gänzlich abgestumpft vor dich hinstierend, verlöschen lassen willst – es vermöchte kein leuchtender Rat der Vernunft es wieder zu entzünden.
Wir können nur hier und dort und dann und wann gute oder bessere Gründe finden, um dir zu raten, dies und das zu tun und zu sagen, jenes aber zu lassen. Das Beste, zu dem wir uns aufschwingen, ist ein Ausgleich, ein zeitweiliges harmonisches Gleichgewicht zwischen widerstrebenden Ansprüchen, Gründen und Gegengründen. Die Vernunft leitet uns auf dem schmalen Pfad des Ausgleichs zwischen Tätigkeit und Ruhe, Selbstliebe und Hingabe, Fürsichsein und Teilnahme an der Gemeinschaft, Ernst und Spiel, Konzentration und Zerstreuung, Logik und Traum.
Weil wir sind, was wir sind (Lebewesen unserer Art), aber gilt auch: Es gibt keine letzten Vernunftprinzipien und absolut zwingenden Gründe der Vernunft, dies und jenes zu tun und zu sagen und dies und jenes zu lassen und zu beschweigen.
Humor gelte uns als ethische Tugend, denn sie erleichtert uns die notwendige Resignation der Vernunft, das Mittelmaß, die aurea mediocritas, zu suchen und menschlich und das heißt mittelmäßig zu bleiben.
Auf den Spuren der Vernunft III
Subtilität:
Alles so sagen, wie wir es denken.
Anstand:
Nicht alles sagen, was wir denken.
Überheblichkeit:
Denken wollen, was wir nicht sagen können.
Engstirnigkeit:
Nicht sagen wollen, was wir denken können.
Fanatismus:
Mehr sagen wollen, als wir denken können.
Noblesse:
Weniger sagen als denken.
Journalismus:
Alles so sagen, als hätte man es selbst gedacht.
Liebe:
Alles so sagen, als hätte es der andere gedacht.
Verachtung:
Alles so sagen, als hätte es der andere gesagt.
Inspiration:
Alles so sagen, als hätte es ein anderer gedacht.
Anmut:
Nicht denken können, was andere sagen.
Genialität:
Sagen können, was andere nicht denken können.
Größe:
Nicht sagen, was alle denken.
Unterwerfung:
Denken, was alle sagen.
Vernunft:
Sagen, was man nicht verschweigen kann.
Sagen, was nicht ungedacht bleiben kann.
Denken, was nicht ungesagt bleiben kann.
Sagen, was ungesagt gedankenlos macht.
Denken, was ungedacht sprachlos macht.
Nicht denken wollen, was nicht gesagt werden kann.
Nicht sagen wollen, was nicht gedacht werden kann.
Nicht sagen, was man nicht denkt.
Sagen, was man denkt.
Nicht sagen, was man denkt.
Sagen, was man nicht denkt.
Denken, was keiner sagt.
Sagen, was keiner denkt.
Nicht sagen, was keiner denkt.
Das Ungesagte denken.
Das Undenkbare ungesagt sein lassen.
Das Unsagbare ungedacht sein lassen.
Das Unsägliche verschweigen.
Auf den Spuren der Vernunft II
„Es hat ihm die Sprache verschlagen.“ „Darauf verstummte sie und starrte ausdruckslos vor sich hin.“ „Die Worte zerfielen ihm auf der Zunge wie platzende Pilze.“
Radikale Skepsis in Bezug auf die Fähigkeit der Sprache, etwas Reales darzustellen und etwas Richtiges darüber zu sagen, führt wie die radikale Skepsis gegenüber unserer Fähigkeit, etwas zu erkennen, was keine Funktion unserer Wahrnehmung oder unseres Interesses ist, schließlich zur Verzweiflung an der Möglichkeit des sinnvollen Gedankens und zur selbstzerstörerischen Selbstaufgabe der Vernunft.
Doch immer ist es die Vernunft, die sich selbst aufgibt – sie erliegt dem Schein, widerlegt worden zu sein oder sich selbst widerlegt zu haben. In Wahrheit setzt sie noch im Schein des Selbstwiderspruchs die Wahrheit der einfachen Position ihrer selbst voraus.
Wir sagen: Die Sprache ist der Körper der Vernunft.
Wenn die Sprache der Körper der Vernunft ist, besteht Hoffnung, bei ihrer einigermaßen bedachtsamen, aufmerksamen, hellhörigen Verwendung nicht gänzlich in die Irre gehen zu müssen.
Wir wissen von keinem Ort vor der Sprache, von keinem Bereich unserer Lebenswelt, den wir diesseits oder jenseits der Sprache betreten könnten. Wer immer zerknirscht und verstört in den Keller und die Unterwelt hinabsteigt, um dort stumm zu vegetieren, steigt in den Keller im Haus der Sprache und die Unterwelt in der Welt der Sprache hinab.
Wer immer durch Krankheit dement, durch Entwürdigung und Folter in den Irrsinn getrieben wird, er fällt nicht aus dem logischen Raum von Sprache und Vernunft, dem er einmal zugehörte – weil er ihm einmal zugehörte.
Wir wissen von keinem Bereich diesseits oder jenseits der Vernunft, den wir wie Freibeuter unter falscher Flagge betreten könnten. Wenn wir annähmen, die Natur oder die natürliche Entwicklung wäre dieser Bereich, müssten wir die Existenz der vernünftigen Rede und die Geltung der durch die vernünftige Rede erzeugten Wahrheiten voraussetzen: Wir müssen annehmen, dass unsere Behauptung, die Vernunft sei ein Produkt der natürlichen Evolution, wahr sei. Also kann Wahrheit, das wesentliche Kennzeichen der vernünftigen Rede, kein Produkt der natürlichen Evolution sein.
Wenn wir annähmen, Wahrheit, die Eigenschaft der vernünftigen Rede, einen bestehenden Sachverhalt in der Welt zu beschreiben, wäre eine Funktion und ein Produkt der natürlichen Entwicklung und der natürlichen Auslese, könnten wir nicht wissen, ob unser Reden Wahres hervorbringt, weil wir zwischen dem subjektiv-evolutionär Vorteilhaften und dem objektiv Wahren nicht unterscheiden könnten. Wir können allerdings annehmen, dass das, was uns als animalischen Subjekten evolutionäre Vorteile einbringt, wie das Gefühl des Wohlbehagens und der Lust, wenn wir etwas Süßes essen oder wenn ein Feind Schaden oder den Tod erleidet, nicht eine objektiv gültige Wahrheit oder einen objektiv gültigen Wert darstellt. Wenn wir aber aufgrund der natürlichen Entwicklung in das Gefängnis subjektiver Empfindungen, Wahrnehmungen und Wertgefühle eingesperrt wären, wäre die Annahme, durch vernünftige Rede und das Erwägen und Abwägen von Gründen etwas über das objektiv Wahre herausfinden zu können, allemal illusorisch. Also kann die Wahrheit oder die Eigenschaft der vernünftigen Rede, mittels guter Gründe wahre von falschen Behauptungen unterscheiden zu können, keine Funktion und kein Produkt der natürlichen Entwicklung und der natürlichen Auslese sein.
Die natürliche Entwicklung wird durch physische und psycho-physische Beweggründe – Ursachen und Motive – vorangetrieben und gesteuert. Die vernünftige Rede hingegen wird nicht durch physische oder psycho-physische Beweggründe vorangetrieben und gesteuert, sondern durch logische Gründe strukturiert und entfaltet. Wenn wir annähmen, die vernünftige Rede würde durch Beweggründe und nicht durch Gründe aufgebaut, müssten wir mindestens einen Grund auffinden und benennen, der uns zu dieser Überzeugung gebracht hat und in dieser Überzeugung bestärkt. Denn der Sinn und Zweck der vernünftigen Rede ist es, gute oder hinreichend gute Gründe für unsere Überzeugungen zu finden oder gute Gründe dafür, dass die eine oder andere unserer Überzeugungen falsch ist. Würden wir aber einen guten Grund finden, der die Überzeugung, dass die vernünftige Rede durch Beweggründe und nicht durch Gründe strukturiert und entfaltet wird, bewahrheitet, würden wir mittels einer vernünftigen Rede mit zumindest einer guten Begründung die Geltung und den Anspruch der vernünftigen Rede, Wahres zu finden und auszusagen, bestreiten, also behaupten, die vernünftige Rede sei unvernünftig. Das aber ist offensichtlich falsch, das Gegenteil muss demnach richtig sein. Folglich wird die vernünftige Rede nicht durch Beweggründe, sondern durch rationale Gründe strukturiert und entfaltet.
Wir sagen: Moralisch handelt, wer in wesentlichen Fragen und bei wichtigen Entscheidungen nicht spontan seinen Beweggründen und triebhaften Impulsen nachgibt, sondern mittels der vernünftigen Rede die Gründe seines Handelns abwägt und nach objektiven Maßstäben des Guten und Besseren oder des Schlechten und Schlechteren beurteilt. Wenn die vernünftige Rede eine Illusion und ihr Aufweis von Gründen zur Ohnmacht verurteilt wären, wären wir wie es törichte Menschen und supergescheite Philosophen stets gewünscht oder angenommen haben zu einem zynisch-fröhlichen Immoralismus verdammt.
Doch was tust du, wenn du dein Versprechen einhältst und deinem Lehrer das freundlicherweise entliehene Buch zur ausgemachten Stunde am ausgemachten Ort zurückgibst? Du handelst vernünftig und moralisch gut. Denn geliehenes Gut auszuhändigen, ist nicht nur rechtens oder eine schöne Sitte, sondern moralisch geboten, weil es nicht zu tun auf Betrug und Diebstahl hinausläuft. Du aber handelst gut, einfach aus dem Grund, weil es gut ist, sein Versprechen einzuhalten, und schlecht, es nicht zu tun.
Aber, wendet der Advocatus diaboli, sprich der nietzscheanische Immoralist, der darwinistische Evolutionspsychologe oder der freudianische Seelenzerkleinerer, ein: Du sonnst dich in der Lüge moralischer Perfektion, in Wahrheit handelst du aus Angst vor der Autorität des Lehrers, der dir dein kleines Schüler- oder Studentenleben zur Hölle machen kann, wenn du nicht parierst. Hinter deinen vorgeschützten moralischen Handlungsgründen verstecken sich schamhaft unschöne Beweggründe, die die Freiheit deines Handelns nach Gründen einschränken, wenn nicht aufheben.
Doch bevor du noch das Buch zum rechten Zeitpunkt hast aushändigen können, stirbt der Lehrer. Du aber vergisst dein Versprechen nicht, obwohl du die Lage ausnutzen könntest und den Umstand, dass keiner außer dir und dem Lehrer von der Ausleihe des Buches und deinem Versprechen etwas weiß. Obwohl es dir doch größeres Vergnügen machen sollte, das Buch hinfort ungestraft unter dein Eigentum zu rechnen, wendest du dich zu einem angemessenen Zeitpunkt an die Familie und die Verwandten des Verstorbenen und händigst ihnen zu ihrem Erstaunen das Buch aus.
Auf den Spuren der Vernunft I
Mit einem grammatisch wohlgeformten Aussagesatz unserer natürlichen Sprache können wir einen beliebigen sinnvollen Gedanken ausdrücken, der insofern etwas über die Wirklichkeit aussagt, die Wirklichkeit gleichsam wie die Tangente den Kreis berührt, als er wahr oder nicht wahr zu sein pflegt.
Der sinnvolle Gedanke äußert sich in einem sinnvollen Satz, der ein Stück der Wirklichkeit gleichsam herausgreift und darstellt und zugleich behauptet, dass die von ihm herausgegriffene und dargestellte Wirklichkeit oder der Sachverhalt existiert oder nicht existiert.
Ohne die Tatsache, dass der sinnvolle Gedanke ein Stück der Wirklichkeit herausgreift und darstellt, gibt es überhaupt keine Tatsache, deren Existenz bejaht oder verneint werden könnte. Das heißt, es gibt keine nackten Tatsachen in der Welt ohne sinnvolle Gedanken und ohne natürliche Sprachen, die sie ausdrücken. – Aber freilich sind auch die sinnvollen Gedanken und die natürlichen Sprachen Tatsachen in der Welt.
„Dort oben sitzt eine Taube auf dem Dach.“ Der Satz drückt einen sinnvollen Gedanken in einer Welt aus, in der es Häuser und Dächer, Tiere und Menschen gibt, und er ist wahr, wenn er von dem Sprecher geäußert wird, in dessen Wahrnehmungsfeld eine Taube auf dem Dach sitzt.
„Der Mond ist der Erdtrabant“. Der Satz drückt einen sinnvollen Gedanken in einer Welt aus, in der ein Zentralgestirn namens Sonne von einem Planeten namens Erde umkreist wird, der wiederum von einem Planeten namens Mond umkreist wird, und er ist wahr, gleichgültig wann und wo er von welchem Sprecher einer natürlichen Sprache der Erde geäußert wird.
Der Satz drückt auch dann einen sinnvollen Gedanken aus und ist wahr, wenn er in einer natürlichen Sprache geäußert würde, die die Klassifikation von unbelebten und belebten Entitäten anders als unsere Sprache fasste und Sterne und Planeten den belebten Entitäten zurechnete – wie in der Antike allenthalben üblich.
Man könnte sich auch eine Sprache denken, in der all das, was auf einem anderen liegt oder sitzt oder worin es sich bewegt, solange es da liegt oder sitzt oder sich bewegt, als begriffliche Einheit mit dem aufgefasst würde, auf dem es liegt oder sitzt oder worin es sich bewegt. Die Taube, die auf dem Dach sitzt, wäre in dieser Sprache eine „Dachtaube“, die Taube, die auf dem Ast eines Baumes sitzt, eine „Baumtaube“ und die Taube, die über die Dächer durch die Luft fliegt eine „Lufttaube“. Anders als in unserer Sprache wäre die „Dachtaube“ nicht dasselbe Tier wie die „Baumtaube“ und diese wäre nicht dasselbe Tier wie die „Lufttaube“.
Dieser seltsame Umstand weist uns darauf hin, dass der sinnvolle Gedanke auf die logisch korrekte Verwendung des Pronomens „derselbe“, „dieselbe, „dasselbe“ eingeschränkt ist: Wir können sagen: „Dieselbe Taube, die eben auf dem Dach saß, fliegt jetzt über den Platz.“ Oder: „Die Taube sitzt auf dem Dach. Jetzt fliegt sie über den Platz“, wobei das Relativpronomen „sie“ als Stellvertreter oder Anzeiger der Identität des herausgegriffenen Objekts fungiert.
In jener merkwürdigen Sprache, die begriffliche Verschmelzungen der genannten Art zuließe, könnten wir keine grammatisch wohlgeformten Sätze mit dem logisch korrekten Gebrauch der Indexwörter für die Identität wie „derselbe“ oder des Relativpronomens bilden.
Daraus folgern wir: Die grundlegende semantische Leistung der Benennung oder die regelrechte Verwendung von Namen für Objekte ist eine Ableitung der ldentitätsfunktion oder der identifizierenden Tätigkeit der Vernunft.
Die Tätigkeit der Vernunft konstituiert unser Dasein: Sie macht uns zu denen, die zu verantworten haben, was wir an sinnvollen Gedanken und sinnvollen Sätzen oder Sprechakten äußern. Wenn ich dir versprochen habe, das mir freundlicherweise entliehene Buch in drei Wochen zurückzugeben, bin ich gehalten, mich am Tag der Rückgabe als dieselbe Person zu identifizieren, die dir vor drei Wochen das Versprechen gegeben hat. Die identifizierende Tätigkeit der Vernunft ist einer der Grundpfeiler der menschlichen Lebensordnung.
Die Taube des Heraklit
Sie ist so schmal,
sie schlüpft durch den Spalt
zwischen Rose und Wahn,
ihr Herz schlägt so vag,
ein Kuss –
sie entfliegt,
ein Flaum weist die Bahn.
*
Ruhig hockt die Taube auf dem hohen Kamin –
seelenruhig könntest du sagen,
wärst du nur Dichter und kein Philosoph.
Hier unten auf der Straße fällt ein Tor
bei der WM in Brasilien,
die FAN-Meute beim Public Viewing schraubt
wie aus einer Kehle die Stimme
in hyperbolischer Kurve hoch und heult auf.
Die Taube da oben auf dem Kaminsims
über dem vierten Stock bleibt ruhig:
Sie hört und sie hört nicht,
sie hört den Lärm der Stimmen,
aber sie hört keine Stimmen,
sie hört den Lärm der Hupen,
aber sie hört keine Hupen,
sie sieht das Wehen von Flaggen,
aber sie sieht keine Flaggen,
sie blickt auf das Wehen von Haaren,
aber sie erblickt keine Menschen.
Sie hört und sie hört nicht.
Der Entsetzensschrei der Meute,
der auf dem Gipfel rückwärts in ein Mauseloch
der Enttäuschung hinabgurgelt,
ist ihr dem monotonen Schaben gleich,
das in ein sprühendes Schrillen umschlägt,
wenn der Schreiner den Balken unter die Kreissäge schiebt,
oder gleich dem Schluchzen ihrer Schwester,
der Nachtigall,
mit dem sie den Mondstrahl erstickt.
Nur wenn das Gurren trostlosen Turtelns sie umfängt,
weiß sie sich am weg- und heimatlosen Ort ihres Daseins.
Die Taube da oben auf dem Kamin
dreht sich und schmiegt ihren Kopf unter den Flügel,
als versänke sie in eine Welt, verborgener, ferner
als was uns den Tag trennt vom Traum.
Sie weiß nicht um die Welt des Fußballs,
die Welt der Spiele unter Menschen kennt sie nicht,
sie weiß nicht, was Siegen heißt und Verlieren,
ohne dass einem ein Nest vom Himmel fiele
oder eines ein Federchen ließe –
sie weiß so wenig vom Spiel mit dem Ball oder dem Würfel,
dass zu sagen, sie wisse nicht, was ein Tor ist oder ein Pasch,
gleichzeitig zu viel und zu wenig gesagt wäre:
Und dies gilt für alles, was wir sehen und benennen,
wir sehen und sagen „Menschen“, „Bierflaschen“, „Rosen“ und „Tauben“,
sie sieht weder Menschen noch Bierflaschen oder Rosen –
geschweige denn Tauben.
Sie schwebt über den Dächern und Häusern
und weiß nichts von Dächern und Häusern
und von denen, die darin wohnen.
Sie fliegt über Dörfer, Gärten, Länder, Kontinente
und weiß nichts von Sprachen, Nationen und Grenzen.
Wäre sie ein Wesen, frei zu benennen, was es sieht,
und frei zu tun, was es will,
wäre sie weggeflogen oder auch nicht,
wenn ein Sturm oder ein Warnschrei sie gehindert hätte.
Diesseits von Absicht, Wille und Freiheit,
flatternd in der Welt schieren Scheins,
wäre es von ihr zu viel oder zu wenig zu sagen,
sie könne nicht einmal daran gehindert werden,
zu tun, was sie will,
oder zu lassen, was sie nicht will.
Ein vollkommenes Tier lebt die Taube
in einer Welt ohne Bedeutung,
ohne Absicht, ohne Glück oder Unglück,
ohne Erwartung oder Reue:
Kommt ihr Täuberich, flattert sie auf,
ohne die Freude der nicht eingetretenen Befürchtung,
ohne die Freude der erfüllten Erwartung,
er ist einfach wieder da, ohne weiteres:
Das bestätigt nichts,
daraus folgt nichts.
Sie kann nichts erwarten, nichts erhoffen,
nichts beneiden, nichts bereuen.
Sie kann nicht erwarten, dass ihr Täuberich
gleich mit einem Zweig im Schnabel zurückkehrt,
das Nest auszubauen.
Sie kann nicht erhoffen, zwei Eier zu legen
oder ihre Brut in zwei Wochen aus dem Kropf zu tränken.
Sie kann nicht die Nachbarin beneiden,
die zwei Eier im Gelege hat, sie aber nur eines.
Sie kann nicht bereuen,
das falsche Männchen ausgesucht zu haben,
eine Taube oder überhaupt ein Tier und kein Mensch zu sein.
Hier unten im Bistro vor dem LED-Schirm ist es ruhig,
es ist eine gebannte Ruhe,
als wäre die Luft schwanger
von gieriger, heißer, feuchter Aufmerksamkeit,
die sich bei jedem Flackern auf dem Screen in ein Zischen,
ein Kreischen, ein Muhen entladen kann –
auch dort oben ist es ruhig,
aber dieser Ruhe fehlen die Ufer der Hybris und der Angst,
zwischen denen sie auf- und niederschwappen könnte –
es ist die Ruhe der verfallenen Gärten entstiegenen Luft,
die manchmal wie ein Seufzer
den weichen Flaum der Vogelseele bauscht.
Jetzt ist sie weggeflogen.
Aber ist sie weggeflogen?
Es ist mit ihr weggeflogen,
könntest du überschwänglich sagen,
wärst du nur Dichter und kein Philosoph.
Vom Teich kennt sie nur die Tiefe des eingetunkten Schnabels,
von der Sonne die trockene Feder,
vom Schnee die Flocken des Schlafs.
Von der Haut und dem Flügel der sichtbaren Dinge
kennt sie nur den flüchtigen Schimmer,
die blendende Helle
und das plötzlich flügelnde Dunkel.
Die Taube flog übers Dach,
sie lebt nicht in unserer Welt,
sie lebt in keiner Welt,
in niemandes Welt lebt sie.
Glaubensbekenntnis für Nihilisten
Also glauben wir den in der Sonne
hart gebrannten Köpfen
schmiegsamen Sinns –
und nicht den weichen Birnen
gut gemeinter Neigung,
die Gott sich aus dem feuchten Lehm
verfaulter Wünsche buken
zum lichten Lach-Idol
mit dem Gehörn des Hochmuts
und dem Dorn-Gemächte
erdachter Zukunft.
Den Kopf solchen Idols wird abhauen
der vielgewanderte, der dunkle Mann
mit der Schaufel seines Ruders
oder dem Rad des ewig treuen Sterns.
Also glauben wir nicht den Bonzen
vor den Trikoloren
in lasziven Schärpen,
die mit Versprechen goldener Zeiten blenden
und mit welschen Mythen
lebensmüden Friedens uns betäuben.
Also glauben wir den nackten Gnomen,
wurzelknorrig-dunklen Weisen,
die uns auf edelsten Verzicht
und heitre Armut streng verpflichten
um eine Zukunft ohne Menschen,
eine Schönheit sonder Brunst.
Also glauben wir den lächelnden Propheten,
die uns das schöne Opfer weisen
für ein Leben hoher froher Liebeszeichen
und das Flimmern zarter Schönheitsflecken
auf dem Altar,
wo unsre Herzen brennen
vom heiligen Öl der Sehnsucht,
ihre Flammen küssend zu vermischen,
für einander sterbend,
über sich hinaus.
Ithyphallisch verzückt
Nach einem antiken Vasenbild
„Wer hat, Süßer, den haarigen Fuß uns hinterwärts
auf den Wagen gestellt und sein Hodensack hüpft ihm
auf und nieder?“
„Weh mir, beim Hund, ist das nicht Koprophagus,
der seinem Nasenkolben nur lebt und dem,
was aus Ritzen und Falten, unausgespült
seit der Urmutter Niederkunft, aromatisch emporsteigt?“
„Treibe, Xanthos, mein Guter, die Esel mit dem Lederriemen
nur fester, schau, wie sie schon die Augen verdrehen,
ithyphallisch verzückt unter so viel Kränzen!
So magst abschütteln du das Borstentier sogleich.“
„Oder soll ich vielmehr, meine Nachtigall, meine Philomele,
dem Nasenfeger einen Nasenstüber verpassen,
dass er fern vom Weihespiel der großen Kabiren
den Staub der Gosse fresse?“
„Gewiss hat das Stinktier es unserem frisch lackierten Wagen
angerochen, hatʼs meinem blütenweißen Chiton abgeschaut
und der veilchenumkränzten Dauerwelle,
und die uns voran mit Kastagnetten die Hüften schwingen
und gnomenhaft verknäult die Flöten schrillen
waren ihm Einladung genug, sich spitzbübisch
mit uns in den mystischen Keller schleichen zu wollen!“
„Mein Vögelchen, der kommt mir nicht weit,
dem weiß meine Peitsche den Weg zu weisen
und zu künden, wer zur hohen Feier der großen Götter
einzutreten würdig ist – Leute wie wir, ohne Hautgout,
die mit Rosenöl, Persercreme und Stutenmilch
das Äußerste abgewendet – nicht Leute wie er,
die nicht würdelos, weil sie riechen,
sondern riechen, weil sie würdelos sind.“
„O, mein blonder Held, nur zu und brat ihm eins über,
dem verhassten Kotkügelchendreher, dem furzverrückten –
aber igitt, mein Xanthos, das lacht ihm ja aus der schwarzen
zahnlosen Höhle wie aus dem Unterweltsloch und dreht ekstatisch
die Augen, so blutig er den Striemen auf der Haut spürt!“
„Ja, da nimm den zweiten Hieb – wie er schreit oder singt er?
Wie er lacht oder heult er höllenhündisch? Jetzt
beugt er sich entsetzlich nach hinten –
was ist das, sein hochsteifes Glied ragt in den Äther
des Zeus, jetzt sprüht es in weitestem Bogen
Milch, weiß wie die weißen Rosen der Aphrodite!“
„Ach was, stoß ihn, stoß ihn herab! Endlich, er fällt,
Staub soll er lecken –
aber schau, sein ekler, klebriger Schleim,
er hat mir den durchschimmernden Bausch des Ärmels befleckt!
So fahr ich nicht zu den Kabiren, hörst du!
Auf der Stelle machen wir kehrt und fahren nach Hause!“
Die Eiche von Dodona
Wer hat sie gepflanzt?
War es die Erdmutter selbst,
von deren Eicheln wir uns sättigten einst?
Und sie stieg in den Wipfel des heiligen Baums
und schaute auf den sämigen Schaum
des ionischen Meers, erwartungsfroh –
um die knorrige Borke und das nährende Wurzelgeflecht
aber stapften die stinkenden Priester,
barfüßig, halbnackte Männer mit schlaffer Haut
und taubengurrenden Stimmen,
die Füße schmutzig gebetet im quatschenden Matsch.
Wenn der schwarze Samt zerriss
und die Nacht brütete über dem roten Ei des Monds,
standen die Selloi still –
sie erlauschten im Raunen und Rieseln des Laubs
die schicksalsumwölkten,
die Träume der Mutter.
Dann fielen die Blitze,
Äste stürzten, es zeigte der Stamm
die Inschrift der Flammen.
Auf ihren geschnäbelten Schiffen
brachten die blonden Helden Mykenes
den Gedanken ewigen Äthers,
ewiger Bläue.
Und sie erbauten dem Vater des Lichts
das heilige Haus mit des Giebels zarter Neigung,
Zeus, und er küsste Gaia
die Veilchenhand und zog sie
am dichten Zopf zur Liebe sich nieder.
Nun hüpften die Priester gewaschenen Fußes
in roten Sandalen und lilienblütigen Ärmeln
um die Eiche zum Chor –
oder sie rührten,
wenn Pan die Schatten verscheuchte,
Weissagungen aus den braunen Bronzekesseln
und dem ehernen Dreifuß
von der Molosser Sturm
und dem Zwielicht um Pyhrros –
bis weit zu den goldenen Tropfen des Abends,
dem Schleier um die Ankunft fremdblütiger Gottheit.
Alexander hat in ihrem Schatten geschlafen.
Augustus und Hadrian, kultisch erregt,
umgaben den Baum mit dem Dekor des Zeitgeschmacks
und narkotisierten die Plebs durch den Rummel der Sandbahn.
Die Basilika thronte schon lang,
da wehte es nachts noch einmal
wie von klagenden Schatten herab –
die Priester, dieʼs zu deuten vermochten,
waren verschwunden.
Hätte der Blitz das ganz verholzte,
ausgeträumte Leben
mit einem Mal verbrannt!
Wo bist du, Mutter,
die in den Zweigen schwebte
und Eicheln herabschüttelte?
Wo bist du, Vater,
der unter ihr auf dem Moos schlief,
und sein Herz aus Bronze sang?
Wo bist du, Purpurball,
in welchem Dornicht verfing
des Eros Spiel sich?
Sappho, Lieder VII
Ποικιλόθρον᾽ ἀθανάτ᾽ Ἀφρόδιτα,
παῖ Δίος δολόπλοκε, λίσσομαί σε,
μή μ᾽ ἄσαισι μηδ᾽ ὀνίαισι δάμνα,
πότνια θῦμον·
ἀλλὰ τύιδ᾽ ἔλθ᾽, αἴ ποτα κἀτέρωτα
τὰς ἔμας αὔδας ἀίοισα πήλοι
ἔκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα
χρύσιον ἦλθες
ἄρμ᾽ ὐπασδεύξαισα· κάλοι δέ σ᾽ ἆγον
ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας
πύκνα δίννεντες πτέρ᾽ ἀπ᾽ ὠράνω αἴθε-
ρος διὰ μέσσω.
αἶψα δ᾽ ἐξίκοντο, σύ δ᾽, ὦ μάκαιρα,
μειδιαίσαισ᾽ ἀθανάτωι προσώπωι
ἤρε᾽, ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι
δηὖτε κάλημμι
κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι
μαινόλαι θύμωι. τίνα δηὖτε Πείθω
μαῖσ᾽ ἄγην ἐς σὰν φιλότατα, τίς σ᾽, ὦ
Ψάπφ᾽, ἀδίκηει;
καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει,
αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ᾽, ἀλλὰ δώσει,
αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει
κωὐκ ἐθέλοισα.
ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλέπαν δὲ λῦσον
ἐκ μερίμναν, ὄσσα δέ μοι τέλεσσαι
θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον, σὺ δ᾽ αὔτα
σύμμαχος ἔσσο.
Aphrodite, schwebend auf bunten Wolken
ewig, du spinnst, Zeuskind, die Fäden, wolle,
ich bitt dich, den Stein nicht der Trübsal legen,
Herrin, aufs Herz mir.
Nein, erscheine wieder wie einst mir hier,
als dich meine heißen Gebete rührten,
und du gingst für mich aus des hohen Vaters
goldnem Palaste,
flogest mit dem Wagen, vor dem die süßen
Spatzen schwirrten, über die schwarze Erde.
Das Rauschen des Anflugs verdunkelte die
himmlische Bläue.
Da plötzlich ergoss sich um mich, Selige,
deines immerblühenden Angesichtes
Lächeln. Was mir wäre, befragtest du mich,
wonach ich riefe,
nach welcher Erfüllung die Lust mich dränge,
so rase das Herz. Welche der Süßen soll denn
Peitho heute gewogen dir stimmen? Wer will,
Sappho, so recht nicht?
Die jetzt flieht, Verfolgerin wird sie dir flugs.
Die jetzt verschmäht deine Geschenke, schenkt bald sich
selbst. Die du kalt lässest, erhitzt ein Sehnen,
unüberwindlich.
So tu mir auch nun und erlöse mich vom
Bann des Liebeskummers. Wonach mir das Herz
sich zu stillen pocht, das erfülle, du mein
Schutzgeist für immer.
Über die Charis
Die Charis eignet der Jugend sich zu: ihrem beschwingten Gang, den verwehten Blättern ihrer Küsse, ihrem Zwitscher-Geplauder und ihrer Hingabe – Hingabe, die einzig Wunder, Kulte, hohe Werke stiftet, frohen Gedenkens wert.
Im Alter findest du ihre Gunst, wenn das trübe Auge, ein von Algen verdunkelter Teich, aufleuchtet im jungen Mond, Blumen-Lippen eines Kusses an lang dahingewelktes Erinnern.
Die Feinde der Charis gehen nach Beute und Geld – greifen sie ab wie das Wappen auf der Münze, verblasst von Verbrauch. Verlegen, beschämt vor der Macht dieses sanften Feuers, das die Seele mit rätselhaftem Flackern und Flüstern wärmt, ärgern sie sich und nehmen Anstoß – und ihr Trachten geht auf Vernichtung des Schönen, auf Rache wider das Unrecht, das Unheil: hässlich zu sein von inwärts, mit dem Gott die große Weltenwaage ins Gleichgewicht setzt.
Feindschaft: der böse Wille, den Dank zu verwerfen, dankbar nicht sein zu können für etwas, das sie mit eigenem Schweiße, eigenem Speichel nicht beträufelt, verätzt nicht haben. Dank gilt ihnen als Schwäche und demütigt sie wie Kinder, die trotz Schummelns mit Murmeln, mit Zahlen das Spiel verloren haben.
Die Charis aber ist freundlich den Freunden, milde den Mildtätigen und erheitert, wenn eines trauert aus Liebe. Darum spendet die Rose ihren Duft, deshalb lächelt das Sein eines Kinds, das nach nichtigen, flüchtigen Lichtkügelchen hascht.
Die Charis kündet das Wahre stumm: eine Hand, die wie vom Winde geschüttelt noch lange winkt, wenn das Antlitz der Liebe schon tief im grauen Gewoge des Schicksals versank.
Gedenke des Glücks, ein schmaler Pfad warʼs zwischen raschelnden Halmen und den wirrenden Geistern des Walds, da wir Hand in Hand nirgendhin stapften und du sagtest: „Der Mond!“ oder: „Die Flocken, als würde es atmen!“
Sappho, Lieder VI
ἀπὺ] Σαρδ[ίων
πόλ]λακι τυῖδε [ν]ῶν ἔχοισα.
ὠς πε[δε]ζώομεν· β[εβάω]ς ἔχεν
σὲ θέα<ι>σ᾽ ἰκέλαν Ἀρι-
γνώτα, σᾶι δὲ μάλιστ᾽ ἔχαιρε μόλπαι.
νῦν δὲ Λύδαισιν ἐνπρέπεται γυναί-
κεσσιν, ὠς ὄτ᾽ ἀελίω
δύντος ἀ βροδοδάκτυλος <σελάννα>
πάντα περρέχοισ᾽ ἄστρα, φάος δ᾽ ἐπί-
σχει θάλασσαν ἐπ᾽ ἀλμύραν
ἴσως καὶ πολυανθέμοις ἀρούραις.
ἀ δ᾽ ἐέρσα κάλα κέχυται, τεθά-
λαισι δὲ βρόδα κἄπαλ᾽ ἄν-
θρυσκα καὶ μελίλωτος ἀνθεμώδης.
πόλλα δὲ ζαφοίταισ᾽ ἀγάνας ἐπι-
μνάσθεισ᾽ Ἄτθιδος ἰμέρωι
λέπταν ποι φρένα, κῆρ <δ᾽> ἄσα βόρηται.
κῆθι δ᾽ ἔλθην ἄμμε [. .]. .
Von Sardes aus
fühlt zu uns sie oftmals herüber.
Wie schlugen aneinander Herz uns und Herz.
Eine Göttin erschaute gewiss sie in dir,
Arignota, bei deinem Singen lächelte ganz ihr Sein.
Nun glänzt sie unter den feinen Damen Lydiens,
wie im Rücken des Tags der Mond seine Rosen
streut über den Flimmer der Sterne und sein Strahl
blüht auf den bitteren Wassern des Meers wie
auch auf blumigem Fruchtland.
Tau goss ein Geschmeid und Rosen taumeln,
Anthrysken tun zärtlich,
des Lotos Tränen aber sind Honig.
Dort wandelt auf und ab sie, vor Augen
die sanfte Atthis, und von Wehmut
weich, sinkt sie allmählich in süßen Kummer.
Ach, wären wir bei dir …
Sappho, Lieder V
Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα
καὶ Πληίαδες· μέσαι δὲ
νύκτες, παρὰ δ’ ἔρχετ’ ὤρα,
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω.
Schon sind ja hinabgetaucht Mond
und Siebengestirn. So tief ist
die Nacht. Hohe Stunde sank.
Ich liege allein hier wie tot.
Sappho, Lieder IV
φαίνεταί μοι κῆνος ἴσος θέοισιν
ἔμμεν’ ὤνηρ, ὄττις ἐνάντιός τοι
ἰσδάνει καὶ πλάσιον ἆδυ φωνεί-
σας ὐπακούει
καὶ γελαίσας ἰμέροεν, τό μ’ ἦ μὰν
καρδίαν ἐν στήθεσιν ἐπτόαισεν·
ὠς γὰρ ἔς σ’ ἴδω βρόχε’, ὤς με φώναί-
σ’ οὐδ’ ἒν ἔτ’ εἴκει,
ἀλλά κὰμ μὲν γλῶσσα †ἔαγε†, λέπτον
δ’ αὔτικα χρῷ πῦρ ὐπαδεδρόμηκεν,
ὀππάτεσσι δ’ οὐδ’ ἒν ὄρημμ’, ἐπιρρόμ-
βεισι δ’ ἄκουαι,
κὰδ’ δέ ἴδρως κακχέεται, τρόμος δὲ
παῖσαν ἄγρει, χλωροτέρα δὲ ποίας
ἔμμι, τεθνάκην δ’ ὀλίγω ‘πιδεύης
φαίνομ’ ἔμ’ αὔτᾳ.
Abglanz des Göttlichen strahlt mir aus der
Mann, der ins Angesicht blickend dir gegen-
übersitzt. Süß strömt deiner Stimme Hauch ins
Ohr ihm und deines
Lachens Liebreiz. Mir aber rast das Herz in-
mitten der Brust, schau ich auf dich, ein Wimpern-
schlag nur – und meiner Stimme Spannung
lahmt und erschlafft.
Trocken will die Zunge mir stocken, und die
Blumen-Haut durchschauert ein Feuerregen,
schwarz wird mir vor Augen, und Brausen füllt so
dumpf mir die Ohren.
Tropfen rinnen mir von der Stirn. Ich bin nur
Zittern, wie die fahl und vertrocknet sind, die
Gräser. Mich bedünkt es, ich weilte schon im
Reiche der Schatten.
Sappho, Lieder III
τεθνάκην δ᾽ ἀδόλως θέλω·
ἄ με ψισδομένα κατελίμπανεν
πόλλα καὶ τόδ᾽ ἔειπέ̣ [μοι
ᾤμ᾽ ὠς δεῖνα πεπ[όνθ]αμεν,
Ψάπφ᾽, ἦ μάν σ᾽ ἀέκοισ᾽ ἀπυλιμπάνω.
τὰν δ᾽ ἔγω τάδ᾽ ἀμειβόμαν·
χαίροισ᾽ ἔρχεο κἄμεθεν
μέμναισ᾽, οἶσθα γὰρ ὤς σε πεδήπομεν·
αἰ δὲ μή, ἀλλά σ᾽ ἔγω θέλω
ὄμναισαι [ ]·αι
·[ ] καὶ κάλ᾽ ἐπάσχομεν·
πό̣[λλοις γὰρ στεφάν]οις ἴων
καὶ βρ[όδων κρο]κ̣ίων τ᾽ ὔμοι
κα·[ ] πὰρ ἔμοι περεθήκαο
καὶ πό̣[λλαις ὐπα]θύμιδας
πλέκ[ταις ἀμφ᾽ ἀ]πάλᾳ δέρᾳ
ἀνθέων ἔ̣[βαλες] πεποημμέναις
καὶ πό̣λ̣λ̣ῳ̣ [ ]· μύρῳ
βρενθείῳ ·[ ]ρ̣υ[··]ν
ἐξαλείψαο κα̣[ὶ βασ]ι̣ληίωι
καὶ στρώμν[αν ἐ]πὶ μολθάκαν
ἀπάλαν πα·[ ]···ων
ἐξίης πόθο̣[ν ]·νίδων
κωὔτε τις[ οὔ]τ̣ε̣ τι
ἶρον οὐδυ[
ἔπλετ᾽ ὄππ̣[οθεν ἄμ]μες ἀπέσκομεν,
οὐκ ἄλσος ·[ χ]ό̣ρος
[ ]ψοφος
[ ]··οιδιαι
(…) = angedichtet
Lieber wäre ich tot, als noch-
mal sie weinen zu hören im
Abschied. So überkam es sie:
„Weh, was müssen wir leiden arg,
Sappho, wehrlos verlass ich dich heute ja.“
Da entgegnete ich ihr so:
„Geh im Glück, und gedenke mein,
schwebt vor Augen dir noch unser Liebesdienst.
Wenn nicht, gerne erinnre ich
dich daran …
… und Schönes erlebten wir.
Hast du dich doch mit Veilchen gern
bekränzt, hast bei mir angelegt
Rosenblüten, von Krokus ein Diadem.
Hast dir duftendes Halsgeschmeid
um die kosige Haut geschmiegt –
weich von Blüten geflochten und Blättergrün.
Mit der Creme von Asiens
Königshöfen
hast verführend du dich parfümiert.
Und auf zärtlichen Kissen hast
dich gebettet
deine Sehnsucht gestillt
(Wohl kein heiliger Hain war uns
unzugänglich, kein Opferbrand,
dem wir unsere Düfte nicht streuten hin.
Unser Lied, in den Gärten der
Tempel schwebte es auf zu der
Rosen-Göttin …)
Sappho, Lieder II
ὔμμες πεδὰ Μοίσαν ἰ]ο̣κ[ό]λ̣πων κάλα δῶρα, παῖδ⌊ε⌋ς,
σπουδάσδετε καὶ τὰ]ν̣ φιλάοιδον λιγύραν χε̣⌊λύνναν⌋·
ἔμοι δ’ ἄπαλον πρίν] π̣οτ̣’ [ἔ]ο̣ντα ⌊χρό⌋α γῆρα⌊ς⌋ ἤδη
ἐπέλλαβε, λεῦκαι δ’ ἐγ]ένοντο τρίχες ἐκ μελαίνα̣ν̣·
βάρυς δέ μ’ ὀ [θ]ῦμο̣ς̣ πεπόηται, γό̣⌊να⌋ δ’ [ο]ὐ φέ̣⌊ροισι⌋,
τὰ δή ποτα λαίψη̣ρ’ ἔον ὄρχησθ’ ἴσα νεβρίοισι.
τὰ ‹μὲν› στεναχίσδω θαμέως· ἀλλὰ τί κεν ποείην;
ἀγήραον ἄνθρωπον ἔοντ’ οὐ δύνατον γέν⌊εσθαι⌋.
καὶ γάρ π̣[ο]τ̣α̣ Τίθωνον ἔφαντο βροδόπαχυν̣ ⌊Αὔων⌋
ἔρωι φ ̣ ̣ α̣θ̣ε̣ισαν βάμεν’ εἰς ἔσχατα γᾶς φ⌊έροισα[ν,
ἔοντα̣ [κ]ά̣λ̣ο̣ν καὶ νέον, ἀλλ’ αὖτον ὔμως ἔμ⌊αρψε⌋
χρόνωι π̣ό̣λ̣ι̣ο̣ν̣ γῆρας, ἔχ̣[ο]ν̣τ̣’ ἀθανάταν ἄ̣⌊κοιτιν⌋.
Kinder, in der Rhythmen schöne Gaben von den Musen, den mit
Veilchen überhauchten, schmieget euch, pflücket der Leier helle
Töne. Angetastet hat das Alter mir die Haut, die einst so
glatt war, und die einmal waren schwarz, weiß sind sie jetzt die Haare.
Abwärts ist der Hochsinn mir gesunken, und die Knie schlottern,
wie Kitze es sind, waren sie früher behende beim Tanzen.
So klagend verseufz ich manche Tage, aber bleibt mir sonst was?
Menschen ohne Alter hat die Natur ja nicht vorgesehen.
So sagt uns der Mythos von der rosenüberschäumten Eos:
Erotisch verblendet trug sie Tithonos ans Weltenende,
den schönen, den jungen. Aber gleichwohl, mit der Zeit verhüllt ihn
das Alter mit grauem Schleier. Die todlose Gattin, sie strahlt!
Sappho, Lieder I
ἄστερες μὲν ἀμφὶ κάλαν σελάνναν
ἄψ᾽ ἀποκρύπτοισι φάεννον εἶδος,
ὄπποτα πλήθοισα μάλιστα λάμπηι
γᾶν ‹ἐπὶ παῖσαν›.
Mondin, die schöne, rings funkeln die Sterne,
schon verhüllen sie ihre Leucht-Gestalten,
schon ergießt geründeter Fülle sie Glanz auf
Erde und Meere.
δεῦρύ μ᾽ ἐκ Κρήτας ἐπ[ὶ τόνδ]ε ναῦον
ἄγνον ὄππ[αι δὴ] χάριεν μὲν ἄλσος
μαλί[αν], βῶμοι δ᾽ ἔ‹ν›ι θυμιάμε-
νοι ‹λι›βανώτω
ἐν ‹δ᾽› ὔδωρ ψῦχρον κελάδει δι᾽ ὔσ‹δ›ων
μαλί‹νω›ν, βρόδοισι δὲ παῖς ὀ χῶρος
κ‹ασ›σκιάσ‹θ᾽›, αἰσθυσσομένων δὲ φύλλων
κῶμα κατέρρ‹ει›
ἐν δὲ λείμων ἰππόβοτος τέθαλε
ἠρίνοισιν ἄνθεσιν, αἰ [δ᾽] ἄηται
μέλλιχα πνέοισι
ἔλθε δὴ σὺ στέμ[ματ᾽] ἔλοισα, Κύπρι,
χρυσίαισ‹ιν› ἐν κυλίκεσσιν ἄ‹β›ρω‹ς›
συμμ‹εμ›είχμενον θαλίαισι νέκταρ
οἰνοχόεισα.
Komm von Kreta hierher zum reinen Tempel,
wo dir blüht ein Garten von Apfelbäumen.
Angezündet warten Altäre dein mit
Düften von Weihrauch.
Kühles Wasser rauscht im Gezweig der Apfel-
bäume, Schatten spenden im weiten Haine
Rosen, Blätter, windübersäuselte Blätter
tropfen vom Schlafe.
Pferde weiden hier auf den fetten Matten,
Frühlingsblüten leuchten und Winde hauchen
süßere Düfte.
Komme zu uns, Kypris, mit deinen Kränzen,
mische in die goldenen Becher reichlich
deinen Nektar, dankbaren Festtagsgästen
schenke den Wein ein.
Poetologisch II
Warum sie das Schöne verwerfen
Alles verblasst, alles wird schal,
wennʼs ihnen nicht panisch aufreißt die Augen,
die Zunge geifernd nicht streckt
von Fratze zu Fratze –
meinen, die hassen,
weil sie hässlich sind.
Das Schöne wohnt hier nicht,
das Blut wird ihnen dünn davon,
ihre Gnomen-Lust,
auf Augenhöhe zu hecheln.
Geblendet vom Abendpurpur der Rose,
wenn ihr Bild sich im Wasser vollendet.
Alles wird ihnen blass, alles fad,
wenn sie nicht mit satirischem Schweif
die winzigen Mumien,
die in trüben Laugen schwimmen,
die Präparate verwachsenen Gefühls
taktlos beklopfen.
Das Schöne verwerfen,
entstellen sie,
Rosenwasser ätzt ihre Haut,
von den Pollen des Südlichts
werden sie allergisch,
sie husten im Wohlgeruch
harmonisch gesetzter Töne,
die in die Nacht tasten
nach der lächelnden Anmut.
Das Schöne verwerfen sie,
es beleidigt
mit seinen blumenblauen Augen,
die sich aus Tiefen befeuchten,
die ihre trockne Natur erweichen,
befruchten nicht können.
Das Schöne aber, die Gnade
jungfräulicher Selbstempfängnis,
es bezwingt wie das Zittern
von Veilchen durch Sanftheit
und die nicht zu erwerbende,
nicht zu verteilende Grazie,
die sich – Spiel des Schönen
für die Schönen – vor sich selber verbirgt
und nur sich selbst offenbart.
Denn es ist beides: das Funkeln
der Augen und der Fächer,
hinter dem sich ihr Dasein
plötzlich verdunkelt.
Pflaumenhaut der frühen Zeit
Manch ein Gedicht
fliegt,
ein Zirrus-Wölkchen,
rasch an dir vorbei
und bleibt ungeschrieben.
Manch ein Gesicht
schwebt
tränenhell an dir vorbei
und bleibt ungeküsst.
Manch ein Wort
gibt,
ein dürftiges, abgehärmtes,
spät einen Wohlgeruch dir hin.
Manch ein Duft
bringt
spät im Jahr dir heim
der Liebe einst beweintes Bild.
Manch ein Blick
weckt,
wie zärtlicher Biss,
die Pflaumenhaut der frühen Zeit.
Anakreon, Lieder IV
ὦναξ, ᾧ δαμάλης Ἔρως
καὶ Νύμφαι κυανώπιδες
πορφυρῆ τ’ Ἀφροδίτη
συμπαίζουσιν, ἐπιστρέφεαι
δ’ ὑψηλὰς ὀρέων κορυφάς·
γουνοῦμαί σε, σὺ δ’ εὐμενὴς
ἔλθ’ ἡμίν, κεχαρισμένης
δ’ εὐχωλῆς ἐπακούειν·
Κλεοβούλῳ δ’ ἀγαθὸς γένεο
σύμβουλος, τὸν ἐμόν γ’ ἔρωτ’,
ὦ Δεόνυσε, δέχεσθαι.
Mein Gebieter: Eros, der All-Bezwinger,
und die Nymphen, die schwarzäugigen,
und die purpurne Aphrodite,
sie scherzen mit dir, da du streifst
über die Berge, die Höhen.
Ich knie vor dir, du sei mir hold,
erhöre nur mein Flehen,
das mir Charis zum Munde führt:
Kleobolus gib den klugen Rat,
er wolle doch meinen Eros,
o Dionysos, erhören.
πῶλε Θρηικίη, τί δή με
λοξὸν ὄμμασι βλέπουσα
νηλέως φεύγεις, δοκεῖς δέ
μ’ οὐδὲν εἰδέναι σοφόν;
ἴσθι τοι, καλῶς μὲν ἄν τοι
τὸν χαλινὸν ἐμβάλοιμι,
ἡνίας δ’ ἔχων στρέφοιμί
σ’ ἀμφὶ τέρματα δρόμου·
νῦν δὲ λειμῶνάς τε βόσκεαι
κοῦφά τε σκιρτῶσα παίζεις,
δεξιὸν γὰρ ἱπποπείρην
οὐκ ἔχεις ἐπεμβάτην.
Fohlen aus Thrakien, was
schaust du so scheel mich an,
zeigst kalt mir den Rücken,
als ob ich so ganz kunstlos sei?
Merk es dir: Das Zaumzeug spürtest
du recht wohl auf deiner Haut,
ich jagte dich am Zügel
um des Laufes Wendemarken.
Jetzt grast du auf den Matten,
unbeschwert tollst du wie ein Kind.
Denn dir fehlt der Pferdekenner,
der dich kunstgerecht besteigt.
Anakreon, Lieder III
ὦ παῖ παρθένιον βλέπων,
δίζημαί σε, σὺ δ’ οὐ κλύεις,
οὐκ εἰδώς, ὅτι τῆς ἐμῆς
ψυχῆς ἡνιοχεύεις.
Knäbchen, schaust ja wie ein Mädchen,
such ich dich, versteckst du dich,
bist dir nicht bewusst, wie mein Leben
hängt an deinem Fädchen.
Σφαίρῃ δηῦτέ με πορφυρέῃ
βάλλων χρυσοκόμης ῎Ερως
νήνι ποικιλοσαμβάλῳ
συμπαίζειν προκαλεῖται.
ἡ δ’ – ἔστιν γὰρ ἀπ’ εὐκτίτου
Λέσβου – τὴν μὲν ἐμὴν κόμην -
λευκὴ γάρ – καταμέμφεται,
πρὸς δ’ ἄλλην τινὰ χάσκει.
Den Porphyrball wirft wieder Eros
mir zu, der goldgelockte, wir sollen
im Spiel ihn tauschen, ich und
das Mädchen mit den schicken Sandalen.
Das aber, aus Lesbos feinerem Viertel,
rümpft ob meines schlohweißen Haars
das Näschen, und gafft schon offenen Munds
wem nach: dem mit dem Glanz der Nacht.
Anakreon, Lieder II
γουνοῦμαί σ’ ἐλαφηβόλε,
ξανθὴ παῖ Διὸς, ἀγρίων
δέσποιν’ ῎Αρτεμι θηρῶν·
ἥ κου νῦν ἐπὶ Ληθαίου
δίνῃσι θρασυκαρδίων
ἀνδρῶν ἐσκατορᾶις πόλιν
χαίρουσ’, οὐ γὰρ ἀνημέρους
ποιμαίνεις πολιήτας.
Die Knie, Hirschjägerin, umschlinge ich dir,
blondes Kind des Zeus, der wilden
Tiere Herrin, Artemis –
jetzt wohl bei des Lethaios
Schäumen auf herzbeschwingter
Männer Stadt ruht dein Blick,
frohen Sinnes, denn nicht wilder
Menschen bist die Hirtin du.
Ἀρθεὶς δηὖτ᾽ ἀπὸ Λευκάδος
πέτρης ἐς πολιὸν κῦμα κολυμβέω μεθύων ἔρωτι.
Wieder finde ich mich auf dem Leukalischen
Felsen, tauche hinab ich in den grauen Schaum, von Eros betört.
Ἀπό μοι θανεῖν γένοιτ᾽· οὐ γὰρ ἂν ἄλλη
λύσις ἐκ πόνων γένοιτ᾽ οὐδαμὰ τῶνδε.
Könnt ich nur weg mir sterben – es gibt wohl eine andre
Lösung nicht für solche Leiden, eine andre nicht.
Μεγάλωι δηὖτέ μ᾽ Ἔρως ἔκοψεν ὥστε χαλκεὺς
πελέκει, χειμερίηι δ᾽ ἔλουσεν ἐν χαράδρηι.
Wieder hat mich Eros dem Schmiede gleich mit dem schweren
Hammer getrieben, und dann kopfüber ins Eisbad getaucht.
ἐμὲ γὰρ λόγων ∪ – εἵνεκα παῖδες ἂν φιλέοιεν·
χαρίεντα μὲν γὰρ ἄιδω, χαρίεντα δ᾽ οἶδα λέξαι.
Um mein Dichterwort sollen die Jungen mir hold sein –
denn Anmut einzig sing ich, von Anmut einzig weiß ich.
Anakreon, Lieder I
ἐγὼ δὲ μισέω
πάντας ὅσοι χθονίους ἔχουσι ῥυσμούς
καὶ χαλεπούς· μεμάθηκά σ᾽, ὦ Μεγιστῆ,
τῶν ἀβακιζομένων.
Ich verachte indes
all solche, denen die Scholle klebt an der Sohle,
die stinkende – ich weiß, lieber Megistes,
dich unter den Feinen im Land.
Πολιοὶ μὲν ἡμὶν ἤδη
κρόταφοι κάρη τε λευκόν,
χαρίεσσα δ᾽ οὐκέτ᾽ ἥβη
πάρα, γηραλέοι δ᾽ ὀδόντες.
γλυκεροῦ δ᾽ οὐκέτι πολλός
βιότου χρόνος λέλειπται.
διὰ ταῦτ᾽ ἀνασταλύζω
θαμὰ Τάρταρον δεδοικώς·
Ἀίδεω γάρ ἐστι δεινός
μυχός, ἀργαλέη δ᾽ ἐς αὐτὸν
κάτοδος· καὶ γὰρ ἑτοῖμον
καταβάντι μὴ ἀναβῆναι.
Grau geworden sind mir schon
die Schläfen, und das Haupt ist weiß,
die Anmut hat bereits das Leben
verlassen, die alten Zähne wackeln,
des süßen Lebens aber bleibt
nur mehr ein schmaler Streif.
So schluchz ich unter Tränen auf,
mir ist so bange vor dem Tartarus,
denn Hades ist ein fürchterliches
Loch, und schlimm ist da hinab
der Abstieg – leicht fällst du hinein,
hoch kommst du niemals wieder.
John Keats, Ode on a grecian urn
Thou still unravish’d bride of quietness,
Thou foster-child of silence and slow time,
Sylvan historian, who canst thus express
A flowery tale more sweetly than our rhyme:
What leaf-fring’d legend haunts about thy shape
Of deities or mortals, or of both,
In Tempe or the dales of Arcady?
What men or gods are these? What maidens loth?
What mad pursuit? What struggle to escape?
What pipes and timbrels? What wild ecstasy?
Heard melodies are sweet, but those unheard
Are sweeter; therefore, ye soft pipes, play on;
Not to the sensual ear, but, more endear’d,
Pipe to the spirit ditties of no tone:
Fair youth, beneath the trees, thou canst not leave
Thy song, nor ever can those trees be bare;
Bold Lover, never, never canst thou kiss,
Though winning near the goal yet, do not grieve;
She cannot fade, though thou hast not thy bliss,
For ever wilt thou love, and she be fair!
Ah, happy, happy boughs! that cannot shed
Your leaves, nor ever bid the Spring adieu;
And, happy melodist, unwearied,
For ever piping songs for ever new;
More happy love! more happy, happy love!
For ever warm and still to be enjoy’d,
For ever panting, and for ever young;
All breathing human passion far above,
That leaves a heart high-sorrowful and cloy’d,
A burning forehead, and a parching tongue.
Who are these coming to the sacrifice?
To what green altar, O mysterious priest,
Lead’st thou that heifer lowing at the skies,
And all her silken flanks with garlands drest?
What little town by river or sea shore,
Or mountain-built with peaceful citadel,
Is emptied of this folk, this pious morn?
And, little town, thy streets for evermore
Will silent be; and not a soul to tell
Why thou art desolate, can e’er return.
O Attic shape! Fair attitude! with brede
Of marble men and maidens overwrought,
With forest branches and the trodden weed;
Thou, silent form, dost tease us out of thought
As doth eternity: Cold Pastoral!
When old age shall this generation waste,
Thou shalt remain, in midst of other woe
Than ours, a friend to man, to whom thou say’st,
Beauty is truth, truth beauty,—that is all
Ye know on earth, and all ye need to know.
Ode auf eine griechische Urne
Du Braut der Stille, du noch ungeschändet,
dich nährten Schweigen und des Weilens Gunst.
Du Blumenmund, der Blumen reich verschwendet
in Märchen duftiger als alle unsre Kunst.
Welche Sage, laubumschattet, weht um dich
von Göttern oder Sterblichen oder beiden
in Tempe und Arkadiens stillen Senken?
Wie heißen diese Götter, jene Menschen, warum leiden
diese Mädchen? Packt sie Wahn? Flüchten sie sich
vor Streit? Warum Flöten, Schellen, wildes Sichverrenken?
Süß klingt Musik ins Ohr, doch die innen klingt
noch süßer, darum, ihr Flöten, endet nie!
Nicht in die Muschel tönt, nur geistbeschwingt
hebt ihr das Herz mit stummer Melodie.
Süße Jugend, gelagert unter Bäumen, ewig dein Gesang,
und diese Bäume dürfen ewig Schatten spenden.
Niemals wirst, nie, du Liebestoller, küssen
den Mund, der vor dir glänzt, doch ferne sei dir Gram,
sie geht nicht fort, musst du dein Glück auch missen,
sie bleibt so schön und deine Liebe endet nie!
Ihr glücklichen Zweige, eure Blätter fliegen
nie davon, ihr raunt dem Frühling niemals Abschied.
Du glücklicher Aulist, nie wird deine Lust versiegen
in immer neuem Spiel zu immer neuem Lied.
Doch überglücklich, über-, überglücklich: Liebe!
Du glühst für immer und in wie viel Farben,
für immer pochend und für immer jung,
erhaben über alles Keuchen dunkler Triebe,
die uns im Ekel lassen und mit Schicksalsnarben,
die Stirne Feuer, die Zunge dürrer Dung.
Wer sind, die hier zum Opfer gehen Seit an Seit?
Du dunkler Priester, und zu welchem Moosaltar
treibst du die Färse, die zum Himmel schreit,
die Flanke unter Seidenbändern wölbt sich klar?
Was für ein Städtchen, am Fluss gelegen oder auch am Meer
oder hoch auf dem Bergeskamm mit Friedenszinnen,
hat dieses Volk verlassen und so fromm im Morgenglück?
Ja, Städtchen, deine Straßen sind ganz leer
und still und keiner wird sich drauf besinnen,
warum es ist verwaist, und keiner kehrt zurück.
O attische Gestalt! Anmutgebärde! Reich bestickt,
mit Männern und mit Frauen köstlich überladen,
mit Waldesgrün und Gräsern, ganz herabgedrückt,
stille Form, du spielst auf unserem Gedankenfaden,
Äonenkind: erstarrtes Leben auf dem Land!
Wenn uns das Alter siech macht und vernichtet,
sollst du bleiben, auch die nach uns kommen leiden,
du Freund des Menschen, den dein Wort verpflichtet:
Schönheit ist wahr, Wahrheit schön – das ist das Unterpfand
der Erden-Weisheit, alles andre sollt ihr meiden.
Poetologisch I
Das Wetter reden lassen ist schon Dichtung
Geruch von nassen Gräsern
oder schwitzendem Asphalt –
wo Kinder hüpfen über Pfützen
süßer Schmerzenslaute –
von einem Sonnenstrahl vergoldet
eine Kupfermünze,
als würden an der tiefen Sonne
Abschiedsküsse knospen:
erster Schnee.
Dichtung ist die Resonanz der Lüfte,
der Schwalben halbgeträumtes Sirren,
ist wie die Träne Niederschlag
des Innen-Wetters
von Seelen, pflanzenhaft,
die unter lauen Winden wehend
leise mit sich reden oder
Träume flüstern mit den regen Blättern.
Dichtung ist, was über Lippen kommt
wie morgens Tau, schüchtern glitzernd
an den dunklen Moosen,
an den Lilien hell.
Dichtung ist wie geblasene Samen
aus der Kapsel, heiß geplatzt,
und niemand weiß, wohin sie fliegen,
ob der und jener die Lichtung findet,
wo das Wort der Ferne keimt
und einmal, einmal nur
im Sommer ihrer Reife blüht.
Dichtung ist der Thermograph,
das Barometer, der Höhen- und
der Tiefenmesser,
eingeborene Organe des Meisters
feinster Wetterfühligkeiten,
auf Wasser geschrieben
photonenflüchtiger Reflex.
Ein leichter Luftdruckanstieg macht
die Lymphe feuchter Psyche schwellen.
Ein zarter Wechsel im Gemisch der Atmosphäre
lässt den Zeiger zittern,
ein Gewitter-Windzug dämpft
den Widerhall der Straße und das Quasseln
und das Rasseln und das Quietschen
in der Watte müder All-Verlorenheit.
Doch ist das durchgeschwitzte Kissen
kein Beweis für die Tiefe deiner Sehnsucht
nach dem Licht aus Eden.
Die Zahl der Punkte für das Ungesagte –
diese heißen Kieselsteinchen –
sind nicht wie stumme Schreie
ein Echtheitssiegel deines Schmerzes,
deiner Trauer.
Gelee von Quitten oder Pflaumen
mag die Scheibe Schwarzbrot überquellen –
der Vers verströmt den Sommerduft,
wenn er von eingemachtem Fühlen
nur dünn bestrichen ist.
Prophetenzorn, verpufft
Berger Straße, Frankfurt am Main
Der tätowierte Friseur, um den sich süße
Pornomädchen scharen,
die schrill wie ihre Hündchen kläffen,
macht nicht mal Eklat
mit obszönen Puppen, knapp verhüllt
von lila Bischofsschärpen,
oder gotteslästerlichen Arrangements,
die er ins Schaufenster hängt:
barbieschlanke Nüttchen
mit goldnem Feenhaar,
die an ihren knochenzarten Händchen
und unbestrumpften Füßchen
mit den heiligen Nägeln Christi
an Christi heiliges Kreuz genagelt sind –
du freilich würdest in einem Anfall
heiligen Zorns an das Amt
(doch welches, das, was einmal „Sitte“ hieß?)
ein geharnischt Schreiben adressieren
des Inhalts, diesem Unfug, der zarte Herzen,
fromme Seelen und die wohnen dichterisch,
beleidigt, Einhalt zu gebieten.
Du siehst dich schon den Delinquenten
auf der Reise in die öde Steppe
seelsorgerisch begleiten
und ihm aus der Juden heiligen Schriften
den Levitikus rezitieren,
der dem Lästerer zu seinem und der Gemeinde
Heil das böse Ende hat beschieden –
oder du versteigst dich,
der Sittenstrenge eines halb erträumten
heiligen Russland das Wort zu reden,
allwo gleich hoch entrüstet Patriarchen
das Sündenfenster mit den weißen
Prophetenbärten zu verhängen
sich anschickten.
Ich aber sage dir: Lass fahren all dahin.
In diesen Höllenkreisen ist selbst der Zorn
auf Sakrilege dem Sakrileg gleich
an heillos-ungeregelter Empfindung.
Tito Maniacco, Poesie
La freccia del tempo
La freccia del tempo
che era partita
domani
ieri sarà giunta
vibrando sul bersaglio
di oggi
così
il suo nome suonerà
prima che parta
e all’arrivo il sole sarà già tramontato
prima che sia sorto
e in questo spazio
dove l’andare
ostenta l’arrivato
il tempo sarà
cedevole cenere
e i nostri affanni non esistiti
All’alba
All’alba
ferisce l’occhio mancino
l’alba
che si inerpica fra i monti
corre bianco dragone di vapori
il Lumiei nella sua cupa forra
vedere è una forza attiva
Il viandante
Il viandante che tutto sa
s’agita alle novità
e come una farfalla
s’immerge nel nettare del fiore
è inutile
indicare il tramonto con il dito
se non hai il senso
della fine delle cose
Se puoi
Se puoi
respirare
len
ta
men
te
l’alba che sale
inonda il noce
sì che la chioma
avvampa
e il fusto giace
intricatoscuro
pensare di pensare
non serve a niente
Gedichte
Der Pfeil der Zeit
Der Pfeil der Zeit,
der morgen
davongeschnellt ist,
wird gestern
angekommen sein,
bebend in der Pupille
der Augen.
Ebenso
wird sein Name aufklingen,
ehe er noch losging,
und beim Aufgang wird die Sonne bereits untergegangen sein,
ehe er noch aufgetaucht ist,
und in dieser Welt,
wo zu gehen
die Ankunft in sich birgt,
wird die Zeit
Asche sein, die in sich zusammenfällt,
und unser Kummer wesenlos.
Im Morgenrot
Im Morgenrot
verwundet das linke Auge
das Morgenrot,
das die Berge emporklimmt.
Lumiei, weißer Drache aus Dampf,
ihn fließen sehen in seiner finstern Klamm
weckt die Lebensgeister.
Der Wanderer
Der Wanderer, der alles weiß,
erregt sich an Neuigkeiten,
und wie ein Schmetterling
stürzt er sich in den Blumennektar.
Es ist sinnlos
mit dem Finger auf die Abendsonne zeigen,
wenn du kein Gespür hast
für das Ende aller Dinge.
Wenn duʼs vermagst
Wenn duʼs vermagst,
ganz
all-
mäh-
lich
Atem zu holen,
überflutet die steigende Röte
die Nacht:
Das Haar fängt Feuer
und der Leib liegt da,
schattenbehext.
Im Kreise denken
ist zu gar nichts nütze.
Happy is England! I could be content
To see no other verdure than its own;
To feel no other breezes than are blown
Through its tall woods with high romances blent;
Yet do I sometimes feel a languishment
For skies Italian, and an inward groan
To sit upon an Alp as on a throne,
And half forget what world or worldling meant.
Happy is England, sweet her artless daughters
Enough their simple loveliness for me,
Enough their whitest arms in silence clinging;
Yet do I often warmly burn to see
Beauties of deeper glance, and hear their singing,
And float with them about the summer waters.
England ist glücklich! Ich könnte mich bescheiden
England ist glücklich! Ich könnte mich bescheiden,
nur dieses Grün zu sehen, das hier lacht,
an diesen hohen Wipfeln, sanft am Wind erwacht,
wenn Märchen flüstern, nur mein Herz zu weiden.
Und dennoch: Manchmal zehrt an mir die Sehnsucht
nach Italiens tiefem Blau, ich lechze schon
auf dem Gipfelschnee der Alpen nach dem Thron.
England ist glücklich! Seine Töchter sind zum Küssen,
ihre Süße schließt mich in den Kreis,
ihre Brüste mögen mich mit Schnee betören.
Und dennoch: Manchmal überkommtʼs mich heiß
nach den dunklen Augen-Schönen, ihr Lied zu hören
und mit ihnen mich zu schaukeln auf den Sommer-Flüssen.
Die ferne Seele
Während du auf dem Sofa die Welt
in hastigen Bilderbissen schlingst,
krabbelt eine dünne, blinde Spinne
müde an der Zimmerdecke
und gleitet jäh an ihrem Seidenfaden
in die Tiefe ihrer Einsamkeit.
Während deine Zunge
an der Tütensuppe schlabbert,
schwirrt ein grauer Falter aussichtslos
über den Asphalt des Autohofs,
unter dem die hehren Gladiolen,
die fetten Pfingstrosen und die stillen Astern
deiner Kindheit früh erstickten.
Während du im flimmernden Smartphone
dich über die Meridiane hinweg
per Google-Map in die All-Seele schwindelst,
gräbt mühsam sich ein Maulwurf
mit den tumben Schaufelpfoten
in dem Gärtchen, das du Heimat nanntest,
in die Rettung gaukelnde
Dunkelheit der Erde.
Zurufe an den Engel
Der heiße Luftstoß eines Flügels, unsichtbar,
er mag dich auf die Halme heben,
die sich weichem Flüstern beugen.
Halbgeschlossen wie die Wasserrosen,
die trudeln auf den schläfrigen Teichen des Parks,
blinzelt dein Gefühl vor so viel Tag.
Dein Herz kam siech aus dieser Nacht,
wie die aus Porzellan gebrannte Tasse
mit dem feinen Riss im rosa Muschelschmelz
kam aus dem Feuerofen.
Der Engel binde die Girlande
mit dem Nachtigallenglitzer
dir um das tief gekränkte Herz.
Dein Herz kam siech aus dieser Nacht,
wie eines Kindes, das vergebens
in das Ohr, das schon von Lethe-Wasser brauste,
um einen Abschiedskuss
die Mutter angebettelt hat.
Der Engel hebe dich ans tiefe Blau
der Adria und salbe deine Lippen
mit dem Saft julischer Beeren
und deine Ohren mit den goldnen Jodlern
von den Bergen des Friaul.
John Keats, Ode on Melancholy
No, no, go not to Lethe, neither twist
Wolf’s-bane, tight-rooted, for its poisonous wine;
Nor suffer thy pale forehead to be kissed
By nightshade, ruby grape of Proserpine;
Make not your rosary of yew-berries,
Nor let the beetle, nor the death-moth be
Your mournful Psyche, nor the downy owl
A partner in your sorrow’s mysteries;
For shade to shade will come too drowsily,
And drown the wakeful anguish of the soul.
But when the melancholy fit shall fall
Sudden from heaven like a weeping cloud,
That fosters the droop-headed flowers all,
And hides the green hill in an April shroud;
Then glut thy sorrow on a morning rose,
Or on the rainbow of the salt sand-wave,
Or on the wealth of globed peonies;
Or if thy mistress some rich anger shows,
Imprison her soft hand, and let her rave,
And feed deep, deep upon her peerless eyes.
She dwells with Beauty – Beauty that must die;
And Joy, whose hand is ever at his lips
Bidding adieu; and aching Pleasure nigh,
Turning to poison while the bee-mouth sips:
Ay, in the very temple of Delight
Veiled Melancholy has her sovran shrine,
Though seen of none save him whose strenuous tongue
Can burst Joy’s grape against his palate fine;
His soul shall taste the sadness of her might,
And be among her cloudy trophies hung.
Ode an die Schwermut
Nein, nein, geh nicht zu Lethe, noch ergrabe
Wolfswurz aus schwarzer Erde, Gift für deinen Wein.
Verdunkle nicht die blasse Stirn mit bittrer Labe
die Tollkirsche, Proserpinas roter Edelstein,
nicht lösche schwarzer Taxus deinen Rosentraum.
Erwähle nicht den Totenkäfer, nicht die Motte
zu deiner Klage-Psyche, noch sei die Eule mit dem Flausch
die Schwester dir im trauerblauen Weihe-Raum.
Denn Schatten wölbt auf Schatten sich zur Schlummergrotte
und schmerzerhellter Sinn entschläft im Rausch.
Und regnet dann die Schwermut plötzlich nieder
vom Himmel, wie aus Wolken Tränen rinnen,
die welken Blumen recken kaum sich wieder,
das Grün verhängt April mit einem Regen-Linnen,
dann nähre deine Trauer mit der Morgenrose,
mit dem Regenbogen überm Salz der Düne
mit Päonien-Bällen aufgeschwollner Wonnen.
Wenn dir die Holde austeilt böse Lose,
fass ihre weiche Hand, gönn ihr die Bühne,
du trinke, trink aus ihren Augen-Bronnen.
Schönheit heißt ihr Lager – Schöne an den Letheküsten,
sie lebt der Freude, die Hand stets an den Lippen
zum Lebewohl, nahe bei den Schmerzenslüsten,
ist sie schon Gift, ihr Bienenmund will nippen.
Ja, sogar im Tempel der Verzückung
hat der Schwermut Rätsel einen hohen Schrein.
Sie zeigt sich dem nur, der mit harter Zunge Drängen
am Gaumen presst aus Freude-Beeren Wein.
Der wird bald kosten ihre Mächte der Bedrückung
und in den Wolken ihrer Beutestücke hängen.
Was schlimmer ist
Geschwätz und Kauderwelsch gemischter
Sprachen von Menschen, zwiegesichtig
oder wulstiger, debiler Lippen –
schlimmer sind der Hintersassen
tätowierte Kerle mit Halskettchen, Silberringen
und Meinungen, hartgebrannt
wie Terra Sigilata, die sie Krug für Krug
an die Wände schmettern.
Schlimmer ist Gezeter alter Weiber
in den faulen Abendstunden,
wenn Nachbarn sich im Wettstreit
aufgedrehter Radios und Fernseher
oder mitternächtig mit pornostrammem
Lustgestöhn in die Eingeweide
lieblicher Affekte greifen.
Schlimmer ist es, wenn der Sekten
spitzes Psalmodieren den Qualm
von Wurstsaft überspritzter Hinterhöfe
rituell durchsticht.
Was noch schlimmer ist:
wenn sich die Stimmen atonaler Opern
gleich schartigen Messern
aneinander reiben
und im finalen Schreikrampf
Erwürgten gleich die Zungen
aus den ausdrucklosen Masken strecken.
Was noch viel schlimmer ist:
wenn in den Sterbehäusern
aus den Tropfsteinhöhlen
moribunder Leiber
es wie Hunde kläfft
oder wie der Ratten hohes Pfeifen,
während die Seelen-Fledermäuse
lautlos in den Sterbekammern kreuzen.
Am schlimmsten aber ist:
wenn ganz verblasste Wünsche,
Sirenen auf den Todesinseln,
flügellahme Geier
mit platinblondgelockten Engelsköpfen,
aus dem Mund der halberstickten Seele
nach den schönen Opfern singen,
um ihre ausgeschabten Schädel
wie märchenzarte Muscheln
sich ans Ohr zu pressen –
und wiegen sich im Blues
der totgeküssten Liebe.
Percy Bysshe Shelley, Loveʼs Philosophy
The fountains mingle with the river
And the rivers with the ocean,
The winds of heaven mix for ever
With a sweet emotion;
Nothing in the world is single;
All things by a law divine
In one spirit meet and mingle.
Why not I with thine?
See the mountains kiss high heaven
And the waves clasp one another;
No sister-flower would be forgiven
If it disdained its brother;
And the sunlight clasps the earth
And the moonbeams kiss the sea:
What is all this sweet work worth
If thou kiss not me?
Liebeskunde
Zu den Flüssen kehren sich die Quellen,
die Flüsse sind vermischt im Meer.
Der Himmelswinde wirre Wellen,
sie atmen ineinander schwer.
Nichts auf der Welt ist einsam,
jedes lächelt sich im andern zu
schön wieʼs aus Gottes Händen kam,
warum denn nicht auch ich und du?
Schau, Berge küssen blaue Lüfte,
zusammen rollen sich die Wogen.
Verschließt sie uns die Liebesdüfte,
ums Leben Rose ward betrogen.
Wie die Erde warm wird an der Sonne,
wie rauscht das Meer, vom Mond berückt!
Wie sinnlos wär all diese Wonne,
wenn dein Kuss mich nicht beglückt.
Die Sehnsucht und der Tag
Eine Allegorie
„Ich bin so jung im Lied
des Morgenwinds: Schau meinen Leib,
er wölkt aus tiefem Blau –
und sitzt, ein fescher Bräutigam,
am Tisch mit Fisch und Frucht.“
„Ich bin so alt wie die Nacht,
die mich im Wehschrei
unter trockenen Blitzen hat geboren
und gebeugt ins Rauschen dunklen Leids
ewig rätselt über sich und ihre graue Tochter.“
„Den Nachmittag erspäh ich mir
aus schmatzendem Röhricht ein Kitz,
wie es von Schauern auf und ab durchzittert
aus der grünen Lache leckt –
mein hochgebogner Phallus tropft.“
„Von der Brust verstoßen,
erwachte ich als greises Kind
in einer Kittelschürze,
vor mir die Schiefertafel:
Ich kratze drauf ein böses Wort, ein hässliches,
schrill, so schrill,
dass alles grinsend auf mich starrt.“
„Ein Wachtelpaar kläglich sich verfing
in einem meiner Netze –
ich rupf es nackt und singe
im Vorgeschmack der heißen Säfte
ein freches Lied auf Huren und auf Pfaffen.“
„Kein Junge hat mich angeschaut
mit Wohlgefallen. Meine Blicke stechen,
meine Zunge zischt. Ich begann zu wandern
von Ort zu Ort mit den Zigeunern, als Küchenmagd
verdingt bei Menschen dunkler Sprache.“
„Abends ging ich auf den Rummelplatz,
da hockte krumm ein Ding –
halb Greisin und halb Kind.
Mein Schatten fällt auf sie, da blickt sie auf.
,Einen Wunsch hast du heut frei, mein Kind,
doch rasch, die Sonne sinkt.‘ Ich tätschle ihre Wange –
doch blöde stierend bleibt sie still.“
„Des Abends saß ich auf dem Rummelplatz.
die Heimat schien mir nah,
als die Gesichter schattenhaft verschwammen.
Da tritt ein hoher Herr, goldberingt,
mit hellem Sonnenhut dicht vor mich hin,
fragt dies und das, woher, wohin –
habʼs gar nicht recht vernommen.
Er lachte schneidend, da ich reglos blieb.
Als er davonging, sah ichʼs erst:
Er humpelte und stützte schwer sich auf den Stock.“
Erna, strana fanciulla, oscura come
la grazia.
Un giovane
l’amava, ed ella non poteva dargli,
per quanta pena gli facesse, un bacio.
Li dava a molti i dolci baci, a quello
che la pregava piangendo, nessuno.
Di lui fu sorte ammalarsi (da tempo
era senza lavoro, era da tempo
anche a sé un peso) e la fanciulla, finta
unʼimprovvisa passione, la bocca
dipinta
giungeva a quella del morente.
Forse
ella può ancora guarire. Ma dove
cosa le accada di cui teme il freddo
questa fanciulla povera, Signore;
dove apparirti ella dovesse viso
a viso,
apri le porte del tuo paradiso.
Gebet für ein armes Mädchen
Erna, ein seltsames Ding, rätselhaft wie
die Gnade.
Ein Junge
liebte sie, sie aber konnte ihm,
wie sehr er auch darunter litt,
keinen Kuss geben.
Die gab sie vielen, süße Küsse, dem aber,
der unter Tränen darum bat, nicht einen.
Da befiel ihn Krankheit (er war
lange arbeitslos, war lange auch
sich selber eine Last) und das Mädchen täuschte
plötzlich erwachte Leidenschaft vor,
sie führte ihren rotgeschminkten Mund
an den Mund des Sterbenden.
Mag sein,
sie kann noch mal genesen. Aber wenn
etwas ihr zustößt, vor dessen Kälte ihr graut,
diesem armen Kind, mein Gott –
wenn sie vor dich treten sollte von Angesicht
zu Angesicht,
so öffne die Pforten deines Paradieses.
Evokation
Der Knabe liegt aufgebahrt
auf dem hellen Kalksteinquader.
Sein Haarschopf quillt
in blonder Sonnenfülle über seinen Rand.
In ein weißes Tuch gehüllt,
scheint sein schmaler Leib
zu schweben wie ein Einbaum
auf schäumiger Flut.
Schlanke Vasen ragen seitlich,
zeichenlos und still,
recken weiße Lilienblüten
in die Ewigkeit.
Durch die Flügel bunter Gläser
küssen Strahlen seine kühle Stirn.
Der Wunder-Rabbi pflückt
die gelben Rosenblätter
vom Schnee der reinen Lider.
Barfuß umschreitet er den Aufgebahrten,
ein Gebet stumm auf den Lippen.
Er neigt sich zärtlich
über das entrückte Antlitz,
er flüstert einen warmen Hauch
verstummtem Mund.
Er hat sich aufgerichtet,
mit erhobenen Händen
scheint er Gewalt von Liebesstrahlen
in diesen Augenblick zu binden
zu einem Kranz,
der von Prophetenstimmen
golden rauscht.
Und wieder beugt er sich
und salbt die Schläfen ihm
mit hingesprochenen Küssen.
Von erzenem Gong ein dunkler Hall
bricht durch die Wände –
der Knabe schlägt die Augen auf
und lächelt.
*
Eine schwarze Ratte
ward indes von all dem Zauber
aus ihrem faulen Loche aufgescheucht –
aufrecht lehnend auf dem feisten Schwanz
reckte sie die beiden roten Pfötchen.
Erst entfuhr ihr ein asthmatisch fragmentiertes Pfeifen,
dann überschlug im Diskant sie sich und quietschte,
quietschte wie eine Assoluta allen Rattenvolkes.
Als jedoch der Gongschlag ihre Sinne
wie aus Asche und aus Teer ein Donnern
gänzlich überwölkte,
fiel tot sie um und streckte alle Viere.
Ave, maris stella
Vesperhymnus zum Fest Mariae Verkündigung
Ave, maris stella,
Dei Mater alma
atque semper Virgo
felix caeli porta.
Sumens illud Ave
Gabrielis ore,
funda nos in pace,
mutans Evae nomen.
Solve vincla reis,
profer lumen caecis,
mala nostra pelle,
bona cuncta posce,
Monstra te esse Matrem,
sumat per te preces,
qui pro nobis natus
tulit esse tuus.
Virgo singularis,
inter omnes mitis,
nos culpis solutos,
mites fac et castos.
Vitam praesta puram
iter para tutum,
ut videntes Iesum,
semper collaetemur.
Meeresstern, uns weise,
Gottesmutter leise
diese dunkle Reise
bis zur Himmelsschneise.
Aus der Engel Munde
kommt dir frohe Kunde.
Löse uns die Hände,
Evas Namen wende.
Lös die Unheilsbinden,
schenke Licht den Blinden.
Unser Leid vertreibe,
unsre Freude bleibe.
Mutter sei dein Wesen,
deinen Blick kann lesen,
der für uns geboren,
der dich auserkoren.
Du allein die Reine,
uns zur Milde eine.
Lös die alte Bürde,
richt uns auf die Würde.
Gieße Licht ins Leben,
Stern du hoher Bahne.
Jesus, unsre Fahne!
Glück, mit dir gegeben!
Iesu dulcis memoria III
Hymnus zu den Laudes am Fest des Namens Jesu
Iesu, decus angelicum,
in aure dulce canticum,
in ore mel mirificum,
in corde nectar caelicum.
Qui te gustant, esurient,
qui bibunt, adhuc sitient,
desiderare nesciunt,
nisi Iesum, quem diligunt.
O Iesu mi dulcissime,
spes suspirantis animae!
te quaerunt piae lacrimae,
te clamor mentis intimae.
Mane nobiscum, Domine,
et nos illustra lumine,
pulsa mentis caligine,
mundum reple dulcedine.
Iesu, flos maris virginis,
amor nostrae dulcedinis,
tibi laus, honor nominis,
regnum beatitudinis.
Jesus, Engelsanmut ungemessen,
Gesang aus seligen Gärten,
wo wir deinen Honig essen,
uns ergeben deinen Zärten.
Wie den Hunger dein Brot vertieft,
wie die Zunge flammt in deinem Wein!
Keinem wird das Siegel „Herz“ verbrieft,
der im Stillen liebt nicht dich allein.
O Jesus, was hat mich berückt,
die kranke Seele seufzt verwaist.
In frommen Tränen bin ich mir entrückt,
es schreit nach dir der kranke Geist.
Herr, bleibe bei uns diese Stunde,
wasche uns in deinem Licht.
Gleich ist geheilt die alte Wunde,
die Welt verklärt dein Angesicht.
Jesus, Blüte du aus reinem Schoß,
Liebe band aus ihren Strahlen ein Gewand.
Wir preisen dich, wir singen deinen Namen groß
im Reich der Seligen, in jenem Land.
Iesu dulcis memoria II
Hymnus zur Matutin am Fest des Namens Jesu
Iesu, rex admirabilis,
et triumphator nobilis,
dulcedo ineffabilis,
totus desiderabilis.
Quando cor nostrum visitas,
tunc lucet ei veritas,
mundi vilescit vanitas,
et intus fervet caritas.
Iesu, dulcedo cordium,
fons vivus, lumen mentium,
excedens omne gaudium,
et omne desiderium.
Iesum omnes agnoscite,
amorem eius poscite,
Iesum ardenter quaerite,
quaerando inardescite.
Te nostra, Iesu, vox sonet,
nostri te mores exprimant,
te corda nostra diligant,
et nunc, et in perpetuum.
Jesus, dein Königtum ist wunderbar,
sein Adel stammt vom Himmelreich.
Du schenkst Erquickung deiner Schar,
die macht all unsern Starrsinn weich.
Du bist der Seele hoher Gast,
entzündest ihr den Wahrheitsmut.
Die bösen Schatten fliehen die Rast,
den Abgrund erhellt Liebesglut.
Jesus, deine Fülle labt die Herzen,
Wasser, das lebendig macht, Stern
im Finstern, Freude mehr als alles Scherzen,
Friede, der umschmilzt aller Wünsche Kern.
Lasset all nur Jesus machen,
drängt euch um sein Liebesfeuer.
Wird sich der Eifer dran entfachen,
tragt ihr die Glut ins Abenteuer.
Jesus, an dir lichte sich Gesang,
an dir richte auf sich unser Hang,
in deine Liebe münde unser Gang.
In dieser Zeit und in alle Ewigkeit.
Schreie und Schluchzen
Café Ypsilon, Berger Straße, Frankfurt am Main
Mit den verkrümmten, dürren Haxen schiebend,
unterm Rollstuhl drängend, scharrend,
bewegt er sich das letzte Stück voran.
Kahle gelbe Stellen im Bart,
schielend, den Kopf schief gegen die Welt,
die Pupillen mit dem Weißen sperrend,
eine Kippe zwischen den Fingern
spastisch zitternd.
Kinderlähmung? Kretinismus? Aids?
Wahrscheinlich aus dem Hospiz im Sandweg.
Aber dürfen die noch raus –
die sollen sich doch wohl stekum-leise
aus dem Staub machen,
ohne die Umgebung mit Schreien, Schluchzen,
Röcheln, Stinken, Furzen oder toderbrechendem Radebrechen
von dem Ausgang allen Fleisches
in Kenntnis zu setzen?
An der Litfaßsäule kurzes Innehalten:
Was erblickt er da?
Den Aufruf zur Europawahl?
Den stramm gewachsenen Schönling,
voll im Safte stehend, vom FSV Frankfurt?
Ich weiß es nicht.
Ich hörte ihn nur krächzen:
„Diebe! Diebe! Diebe!“
Wen klagte er wohl an?
Die Mächte, die ihm das schöne Leben geraubt haben?
Ihn verkrüppelten, misshandelten,
missachteten, die Seele fraßen?
Die Götter, das Schicksal, die Ärzte,
die Frauen, die Schwulen, die Bonzen,
die Neger, die Banker, die Priester?
Oder habe ich mich schlicht verhört –
schluchzte er vielmehr,
flehte er vielleicht:
„Liebe! Liebe! Liebe!“?
Iesu dulcis memoria I
Hymnus zur Vesper am Fest des Namens Jesu
Iesu dulcis memoria,
dans vera cordis gaudia:
sed super mel, et omnia,
eius dulcis praesentia.
Nil canitur suavius,
nil auditur iucundius,
nil cogitatur dulcius,
quam Jesus Dei Filius.
Iesu, spes peonitentibus,
quam pius es petentibus!
quam bonus te quaerentibus!
sed quid invenientibus!
Nec lingua valet dicere,
nec littera exprimere:
expertus potest credere,
quid sit Jesum diligere:
Sis, Iesu, nostrum gaudium,
qui es futures praemium.
Sit nostra in te gloria
per cuncta semper saecula.
Über Jesus süß zu sinnen,
gibt die wahre Freude innen:
Doch wird mehr als Honig rinnen,
wird alle Süße neu beginnen.
Nichts ist lieblicher zu singen,
nichts mag lieber Ohren klingen,
nichts lässt Seelen süßer schwingen,
als in Jesu Namen dringen.
Jesus, Hoffnung der Büßenden,
wie lächelst du den Grüßenden!
Gütig bist den Suchenden du!
Was fällt wohl erst den Findern zu?
Nicht kann die Zunge es fassen,
toter Buchstab muss es lassen:
Werʼs erfuhr, dem ist gegeben
dies: in Jesu Liebe leben.
Hier sei, Jesus, unsre Wonne,
dort auf ewig unsre Sonne.
Dir gebührt all unser Preisen
in aller Ewigkeiten Kreisen.
Kleine Ode
Wenn dann die blauen Stimmen steigen,
wir hell bestäubt
von Zärtlichkeiten
wie schwärzlich-grüne Bienen
in Jenseitsgärten schweben –
wenn dann die Stimmen steigen …
Wenn dort die bunten Fäden flattern,
genäht an heilige Zweige,
silbertropfenden,
und wie die Blätter und Blättchen der Wind
ein göttlicher Atem uns wieder anrührt –
wenn dort die Fäden flattern …
Wenn dann die Abende goldener sinken,
wir liebend-reinen Sinns
einander halten bei den Händen
und ich dir unter Tränen
die Lider müde küsse
bis in den Schlaf –
wenn dann die Abende goldener sinken …
Umberto Saba, Il canto di un mattino
Da te, cuor mio, l’ultimo canto aspetto,
e mi diletto a pensarlo fra me.
Del mare sulla riva solatia,
non so se in sogno o vegliando, ho veduto,
quasi ancor giovanetto, un marinaio.
La gomena toglieva alla colonna
dell’approdo, e oscillava in mar la conscia
nave, pronta a salpare.
E l’udivo cantare,
per se stesso, ma sí che la città
n’era intenta, ed i colli e la marina,
e sopra tutte le cose il mio cuore:
“Meglio – cantava – dire addio all’amore,
se nell’amor non è felicità.”
Lieto appariva il suo bel volto; intorno
era la pace, era il silenzio; alcuno
né vicino scorgevo né lontano;
brillava il sole nel cielo, sul piano
vasto del mare, nel nascente giorno.
Egli è solo, pensavo; or dove mai
vuole approdar la sua piccola barca?
“Così, piccina mia, così non va”
diceva il canto, il canto che per via
ti segue; alla taverna, come donna
di tutti, l’hai vicino.
Ma in quel chiaro mattino
altro ammoniva quella voce; e questo
lo sai tu, cuore mio, che strane cose
ti chiedevi ascoltando: or se lontana
andrà la nave, or se la pena vana
non fosse, ed una colpa il mio esser mesto.
Sempre cantando, si affrettava il mozzo
alla partenza; ed io pensavo: è un rozzo
uomo di mare? 0 è forse un semidio?
Si tacque a un tratto, balzò sulla nave;
chiara soave rimembranza in me.
Das Lied eines Morgens
Von dir, mein Herz, erhoffe ich das neue Lied,
und mich entzückt, darauf mich zu besinnen.
An der besonnten Meeresseite,
ich weiß nicht, war es Traum oder Wirklichkeit, sah ich
einen Matrosen, fast noch ein Junge.
Er löste das Tau vom Pfosten
des Kais, und im Meer hüpfte, als wisse es,
das Schiff, bereit, in See zu stechen.
Und er hob zu singen an,
vor sich hin, doch so, als lauschte die ganze Stadt
gebannt und die Hügel und das Meer
und vor allen Dingen mein Herz:
„Besser istʼs – so sang er – Adieu zu sagen,
wenn uns die Liebe bringt kein Glück.“
Heiter strahlte sein hübsches Gesicht. Ringsum
war alles friedlich, alles still, keinen Menschen,
weder nah noch fern, erblickte ich.
Die Sonne glänzte droben, auf der weiten
Meeresfläche, beim Anbruch dieses Tags.
Er ist allein, dachte ich. Oder wo gedenkt
er seinen Kahn wohl zu vertäuen?
„So, mein Kleines, so geht es nicht“,
sagte das Lied, das Lied, das dir folgt
auf der Straße, in der Kneipe setzt es sich
wie eine Frau von Welt gleich gegenüber.
Doch an diesem klaren Morgen
gemahnte diese Stimme noch an andere Dinge. Und das
weißt du wohl, mein Herz: Seltsame Fragen
hast du dir gestellt, als du dem Liede hast gelauscht: ob das Schiff
weithin segele, ob das Ungemach nicht umsonst sei
und du schuldig mit solch einer Wehmut.
Noch immer singend, sputet sich der Junge
wegzukommen. Und ich dachte: Ist er bloß ein rauher
Seemann? Oder ist er gar ein Halbgott?
Plötzlich verstummte er, sprang in das Schiff.
Klar stieg dieses süße Bildnis in mir auf.
Umberto Saba, Il poeta
Il poeta ha le sue giornate
contate,
come tutti gli uomini; ma quanto,
quanto variate!
L’ore del giorno e le quattro stagioni,
un po’ meno di sole o più di vento,
sono lo svago e l’accompagnamento
sempre diverso per le sue passioni
sempre le stesse; ed il tempo che fa
quando si leva, è il grande avvenimento
del giorno, la sua gioia appena desto.
Sovra ogni aspetto lo rallegra questo
d’avverse luci, le belle giornate
movimentate
come la folla in una lunga istoria,
dove azzurro e tempesta poco dura,
e si alternano messi di sventura
e di vittoria.
Con un rosso di sera fa ritorno,
e con le nubi cangia di colore
la sua felicità,
se non cangia il suo cuore.
Il poeta ha le sue giornate
contate,
come tutti gli uomini; ma quanto,
quanto beate!
Der Dichter
Des Dichters Tage
sind gezählt,
wie die aller Menschen,
doch zu welchen Wundern auserwählt!
Da sind des Tages Stunden und die vier Jahreszeiten,
mal verblasst die Sonne, dann wieder geht der Wind,
das sind die immer wieder neuen Unterhalter
und Geleiter seiner Leidenschaften,
die immer wieder alten. Und wie das Wetter ist,
wenn er aufsteht, das ist das große Ereignis
des Tages, seine Freude, kaum dass er wach.
Was ihm über alles geht und ihm Freude macht,
sind die Wettspiele des Lichts und die schönen Tage,
reich bewegt
wie die Ereignisfülle großer Zeiten,
da folgt auf heiteren Himmel bald ein Sturm,
und die Ernten wechseln zwischen Untergang
und Sieg.
In einem Abendrot findet es sich wieder
und mit den Wolken wechselt es die Farbe,
sein Glück,
doch es bleibt sein dichterischer Sinn.
Des Dichters Tage
sind gezählt,
wie die Tage aller Menschen,
doch zur Schönheit auserwählt!
Alt-Metternich
Der enge Pfad durch hohe Mauern,
der abbiegt von der Pfaffengasse,
Uringeruch, Grünspan und liebliche Gespenster –
eine Ritze oder zarte Zarge,
durch die das Blau des Abends sickert.
Der weiche Weg
über den knirschend-weißen Kies beim Schlösschen,
der zum heiligen Herzen Mariens führte,
dem durchbohrten.
Der Hinterhof, in dem der Sommersonntagnachmittag
strenge Gerüche nach Kohl und Gegrilltem
und nach Kölnisch Wasser mischte,
war abends hell durchtönt
vom Diskant des Zwergs
mit seiner Ziehharmonika.
Die Gaslaterne vor Großmutters Haus,
an dem ein schlankes Fresko mit dem Drachentöter
der Dorfmaler hinterließ –
ich meine fast, er tatʼs für meiner Mutter
schwarzes Haar und Alabasterteint –
da wimmelten die Mücken,
im Leuchten dieser altmodischen Idylle
knisterte sich gar manches Leben tot.
Da stand auf dem Kirmesplatz
ein schmächtiger Schlacks von Jüngling
und schickte dem schmalzgelockten Zigeunerjungen
mit den biegsamen Gliedern
hochgestimmten Lebens,
der auf die flotten Selbstfahrer sprang,
vor allem die mit den hübschen blonden Mädchen,
ein Schmachten tief gekränkter Seele nach.
Die milde Phantasie der Hiesigen,
der Meinen,
nennt den harten Preußenadler des Kriegerdenkmals
auf dem Kimmelberg
Eule – so ist es billig und recht
und gar nicht widersinnig,
in Versen mit langen müden Wimpern
und verschleierten Augen
Eulen nach Alt-Metternich zu tragen.
Umberto Saba, Tre vie
C’è a Trieste una via dove mi specchio
nei lunghi giorni di chiusa tristezza;
si chiama Via del Lazzaretto Vecchio.
Tra case come ospizi antiche uguali,
ha una nota, una sola, d’allegrezza;
il mare in fondo alle sue laterali.
Odorata di droghe e di catrame
dai magazzini desolati a fronte,
fa commercio di reti, di cordame
per le navi: un negozio ha per insegna
una bandiera; nell’interno, volte
contro il passante, che raro le degna
d’uno sguardo, coi volti esangui e proni
sui colori di tutte le nazioni,
le lavoranti scontano la pena
della vita: innocenti prigioniere
cuciono tetre le allegre bandiere.
A Trieste ove son tristezze molte,
e bellezze di cielo e di contrada,
c’è un’erta che si chiama Via del Monte.
Incomincia con una sinagoga,
e termina ad un chiostro; a mezza strada
ha una cappella; indi la nera foga
della vita scoprire puoi da un prato,
e il mare con le navi e il promontorio,
e la folla e le tende del mercato.
Pure, a fianco dell’erta, è un camposanto
abbandonato, ove nessun mortorio
entra, non si sotterra più, per quanto
io mi ricordi: il vecchio cimitero
degli ebrei, così caro al mio pensiero,
se vi penso ai miei vecchi, dopo tanto
penare e mercatare, là sepolti,
simili tutti d’animo e di volti.
Via del Monte è la via dei santi affetti,
ma la via della gioia e dell’amore
è sempre Via Domenico Rossetti.
Questa verde contrada suburbana,
che perde dì per dì del suo colore,
che è sempre più città, meno campagna,
serba il fascino ancora dei suoi belli
anni, delle sue prime ville, sperse,
dei suoi radi filari d’alberelli.
Chi la passeggia in queste ultime sere
d’estate, quando tutte sono aperte
le finestre, e ciascuna è un belvedere,
dove agucchiando o leggendo si aspetta,
pensa che forse qui la sua diletta
rifiorirebbe all’antico piacere
di vivere, di amare lui, lui solo;
e a più rosea salute il suo figliolo.
Drei Straßen
Es gibt in Triest eine Straße, in der ich mich spiegele
an langen Tagen eingeschlossener Trauer:
Sie heißt Via del Lazzaretto Vecchio.
Zwischen Häusern, alten Hospizen gleich,
hat sie einen, nur den einen Freudenschimmer:
das Meer am Ende ihrer Seitengassen.
Hier schwebt ein Duft von Gewürzen und von Teer
aus Lagerhallen, deren Fassaden bröckeln.
Hier treibt man Handel mit Netzen, mit Tauwerk
für die Schiffe. Ein Geschäft hat als Schild
eine Flagge, drinnen sitzen mit dem Rücken
zum Passanten, der ihnen selten einen Blick
vergönnt, anämisch und gebeugt
über die Farben aller Nationen
die Näherinnen die lebenslange
Strafe ab: Unschuldig Gefangene
nähen trostlos an den Freudenbannern.
In Triest hat es viele trübe Winkel
und die Pracht des Himmels und der alten Bauten,
hier gibt es einen steilen Weg, die Via del Monte.
Am Ausgang steht eine Synagoge,
am Ende ein Kloster, in der Mitte
eine Kapelle, da kannst du von einer Wiese
das Meer und das Vorgebirge erblicken,
das schwarze Lebensgewimmel da drunten
und die Menge und die Stände auf dem Markt.
Ferner ist da an der Seite des Abhangs ein Friedhof,
längst aufgegeben, auf den kein Leichenzug mehr führt.
Man begräbt hier keinen mehr, soweit
ich mich erinnere: der alte Judenfriedhof,
der meinem Sinn so lieb, wenn dort ich
meine Ahnen denke, die nach so viel Leiden,
so viel Schuften dort begraben sind,
alle gleich im Geist und der Gestalt.
Die Via del Monte ist die Straße heiligmäßiger Gefühle,
doch die Straße der Freude und der Liebe
ist noch immer die Via Domenico Rossetti.
Diese grüne Gegend der Vorstadt
verliert von Tag zu Tag an Farbe,
sie ist immer mehr Stadt, immer weniger Land.
Doch bewahrt sie noch den Charme der Belle
Époque, ihrer ersten abgelegenen Villen,
mit den lichten Reihen frisch gesetzter Bäumchen.
Wer hier schlendert in diesen letzten Sommer-
abenden, wenn alle Fenster offen stehen
und ein jedes dient zum Ausguck,
wo man beim Nähen oder Lesen der Dinge harrt,
der meint, die Geliebte blühte hier vielleicht
noch einmal auf zur alten Lust des Daseins
und würde ihn wieder lieben, ihn allein,
und sein Söhnchen wieder rosig lächeln.
Umberto Saba, Per un fanciullo ammalato
Nella casa paterna ti aggiravi
silenzioso come un gatto. Il nome
sapevi, non la realtà, del dolore.
Dai tuoi compagni diviso, le rose
sulle guance affilate impallidivano.
Rinato dalla mia anima, fiore
della vita, fanciullo amico. È tua
questa che ancora mi rimane estrema
lacrima che non vedi.
Für einen Jungen, der erkrankt ist
Im Vaterhaus bist du herumgelungert
still wie eine Katze. Den Namen
wusstest du, was wirklich Leid ist, nicht.
Fern von deinen Kameraden, sind die Rosen
auf deinen hageren Wangen blass geworden.
Aus meiner Seele neu geboren, Blume
des Lebens, mein guter Junge. Sie gilt dir,
die als letzte noch mir rinnt,
die Träne, die du nicht siehst.
Nichts bleibt
Unwägbarkeit, die wächst dir nach, ein Unkraut,
unausrottbar. Wurmfraß schwächt im Wingert
den Rebstock. Ein Pesthauch hat wohl über Nacht
der jungen Kiefer die Nadeln rötlich-braun gefärbt.
Gestern galt bei ihr dein flüchtig Wort noch
wie der alte Franc. Dann ätzte über Nacht
ein mystischer Schleim das Wappen weg. Auch Liebe
schwillt zu leerer Blase und ihr Bild schmilzt in der Luft.
Nichts bleibt so, wie es ist. Der Glanz erlischt
im Frauenhaar – ein früher Frost vereitelt
des Schönen jungen Trieb. Noch gestern sagtest du
dein lautes Ja. Ein Sturm verschluckt jetzt jeden Ruf.
Ich streune bloß umher
Die Kunst mag wohl das Leben groß ergänzen,
wie wir einander im Leben nicht ergänzen konnten.
Ich streune bloß umher,
wie ein Hund, der sich von der Kette
im finsteren Hinterhof losgerissen hat
und nun in fremden Vierteln streunt und winselt.
Ich streune bloß von Augenblick zu Augenblick
und suche zu vergessen
die Zeitenfülle, die wie aus Waben Honig
tropft inmitten.
Ich ziehe mir die Mütze tief über beide Ohren
und höre doch im Wind wie eines Kindes Schrei
deinen Schrei.
Ich werfe mich wie eine Hure
an den ersten besten Eindruck
und suche zu vergessen
den hohen Glanz, der mit den Wolken-Nomaden
zieht und weiterzieht.
Ich streune bloß von Augenblick zu Augenblick,
ein gewesener Kettenhund,
eine Hure des ersten besten Eindrucks –
ich schlafe nur bei Licht,
denn wird es um mich dunkel,
erscheinen gleich zwei Augen
und bitten flehentlich,
zwei Augen,
die noch lange schweben dort.
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