Umberto Saba, Fumo
Conforto delle lunghe insonni notti
dʼinverno
– allora in labirinti oscuri
errò, di angoscia, il pensiero; la mano
corse affannosa al tuo richiamo –
il filo
tenue che sale, poi si rompe, il cielo,
dallʼaperta finestra, di un suo raggio
colora;
e mi ricorda una casetta, sola
fra i campi, che fumava per la cena.
Rauch
Tröstung für die langen schlaflosen Nächte
des Winters
– wenn durch dunkle Labyrinthe
voller Angst irrte der Geist, die Hand
nach deiner Stimme hat gefiebert –
der Faden,
der zart aufzüngelt und dann reißt, ihn färbt
durchs offene Fenster mit einem Strahl der Himmel.
Er rückt mir gleich das Häuschen vor die Augen, allein
in der Gemarkung, das rauchte, wenn es Abendessen gab.
Umberto Saba, Da quando
Da quando la mia bocca è quasi muta
amo le vite che quasi non parlano.
Un albero; ed appena – sosta dove
io sosto, la mia via riprende lieto –
il docile animale che mi segue.
Al giogo che gli è imposto si rassegna.
Una supplice occhiata, al più, mi manda.
Eterne verità, tacendo, insegna.
Seitdem
Seitdem mein Mund fast ganz verstummte,
liebe ich die Wesen, die fast gar nichts sprechen.
Einen Baum – und eben das zahme Tier, das mir folgt,
es setzt sich, wenn ich stehenbleibe,
freudig spiegelt es mein Leben.
Es trägt geduldig das ihm auferlegte Joch,
wennʼs hochkommt, blickt es flehentlich mich an.
Es ist der stumme Lehrer ewiger Wahrheiten.
Grisaille
Wie ist ein Leben still und schön,
von Atem-Chiffren grau in grau
auf einem weißen Schaum von Licht,
aus Möwenschwingen sprühend,
in einem feinen Nieselregen
abendlich vergehend.
Es ist ja da und bleibt es,
weil es schlägt, dein Herz –
und aus den grauen Zeichen,
die sich auf weißem Grund
als körperlose Schatten schreiben,
blicken wie durch Halme,
sanft gespreitet,
Augen fort und fort dich an.
Umberto Saba, L’ornitologo pietoso
Raccolse un ornitologo pietoso
un espulso dal nido. Come l’ebbe
in mano vide ch’era un rosignuolo.
In salvo lo portò con il timore
gli mancasse per via. Gli fece, a un fondo
di fiasco, un nido; ritrovò quel gramo
l’imbeccata e il calore. Fu allevarlo
cura non lieve, ed il dispendio certo
di molte uova di formiche. E ai giorni
sereni, ai primi gorgheggi, l’esperto
in un boschetto libertà gli dava.
“Più – diceva al perduto, e lo guardava
a terra e in ramo cercarsi – il tuo grazie
udrò sommesso”. E si sentì più solo.
Der Vogelkundler mit Herz
Ein Vogelkundler erbarmte sich und hob
einen aus dem Nest verstoßenen Vogel auf.
Da er ihn in der Hand hielt, sah er, es war eine Nachtigall.
Er barg sie, trug sie, in der Furcht,
sie sterbe auf dem Weg ihm weg. Er machte ihr
ein Nest auf dem Boden eines Körbchens; da fand
das Häuflein Elend Nahrung und Wärme wieder.
Den Vogel aufzupäppeln war ein schweres Kümmern
und kostete wohl eine Menge Ameiseneier. Dann kommen
die hellen Tage, die ersten Vögel zwitschern, da ließ
der gelehrte Mann ihn in einem Dickicht frei.
„Dein Dankeslied“, sprach er zu dem verlorenen Ding
und sah es über Blatt und Zweige irren, „wird mir
sehr leise nur ertönen.“ Und fühlte sich noch einmal so allein.
Im Rhein
„Sʼ gibt nix mehr –
is all so leer,
sind all schon tot!“
„Da, nimm vom Brot,
machʼs net so schwer –
Christ hält die Wehr!“
„Was soll ich sein –
bin doch allein,
bin ja schon tot!“
„Komm, spring ins Boot –
es gleißt ein Wein
im Rhein, im Rhein!“
Wenn die Seele starrt
Kinder wissenʼs: Sie treiben den Rolle-Reifen
mit dem Peitsche-Schwengel –
sie pusten rasch die Samen von der Blume.
Wie damals, als unterm blauen Eis der Mosel
dunkles Seufzen, herzbeklemmend
tiefes Knarzen, schiefes Quietschen
den Löse-Mächten nahen Frühlings
widerspenstig Zeugnis gab –
oder als deines Freunds, des alten Dichters,
jungen Herzens,
mit Mennige bestrichene,
mit Safran gelb betupfte Reime
frohe Tränen dir entlockten und sie rannen
in die Falte deines müden Säumens –
oder als in einer Ecke der Schüchternen,
verlegen dämmernd,
ein Lächeln aufglomm, und sie griff nach jener Hand,
die sie sachte in den Zauberkreis entriss,
ihn tanzend auszumessen ganz
mit weich geschwungenen Schritten,
Brust an Brust gehoben und Aug versenkt in Aug,
den eignen Atem heiß gemischt im fremden.
Wenn die Seele starrt,
ruf ich die alten Mächte an,
die Grazien, Psyche anbefohlen,
und den treuen Engel mit der Wunder-Harfe,
ja mit den Gnaden-Brüsten selbst Marien
ruf ich an
zu heilender Verwandlung.
Immer noch
Immer noch das Verwundern,
wenn plötzlich Glocken tönen,
als riefen sie dich –
doch wohin, wohin?
Als riefe eins in ihnen –
doch wer nur, wer?
Immer noch das stumme Schluchzen,
wenn Regen aus der Rinne spritzt,
als sagten dir von andrer Seele Tropfen,
von einem Leben ohne Tod.
Immer noch die jäh entstürzte Träne,
wenn überm Rhein die Nebel steigen
und den grauen Schiefer schwärzlich feuchten,
wenn bunte Lichter durch die Fensterscheiben
eines weißen Ausflugsschiffes
von Festlichkeit, von Tanz und Singen
fremden, so fremden Lebens künden –
und auf der Aussicht überm Siechhaustal
brichst du ins Knie vor diesem Abend,
diesem dunklen Fluss und Tal,
vor diesem dunklen Leben,
dem kein Wort, kein Kuss das wehe Rätsel löst.
Weiser Rat
Nun hör einmal den weisen Rat:
Da sich der Hoffnung kindlich Bild,
die Hülle weicher Wünsche, woran du dich
so lieb, so treu hast angelehnt –
da unterm kalten Blick, dem schwarzen Strahl
des Wahren Bild und Hülle dir zerfielen
spurlos, und es blieb die reine Luft
des einsam-großen Abends –
kannst du, kannst nicht länger du dich
lehnen, tätest duʼs, du fielest schmählich um –
du musst, aufrecht musst allein du stehen:
Willst frei du stehen, kannst du weitergehen.
„Der Liebende“
Die Slippers lässig abgestreift, reckt
er den Pansen, lümmelnd auf dem Sofa.
Abwesend streicht er seinen Blädes
mit aufgedunsener Hand und gähnt.
Dann gewährt er Audienz und setzt dich
über sein Befinden minutiös in Kenntnis
mit einem Monolog, von Seufzern unterbrochen
und Schmatze-Schlucken aus der Pulle.
Mit dem Lamento, zugespitzt zu giftigen
Pfeilen wider seine bösen Artgenossen
im Büro, trifft er fort und fort den Schrumpel-Kürbis
deines Selbstgefühls, auf dass er platze.
Du hast ihm alles schön gemacht
mit Kuchen, Düften, Perlenohrgehängen.
„Zwei Sträuße Tulpen gibtʼs bei Penny
für nur 4 Euro.“ „So billig soll ich dich beschenken?“
Du hoffst auf Zärtlichkeiten, seine Hand- und
Zungenfertigkeit, die heiße Botschaft
kurz gestoßnen Atems – er zieht ein Blatt hervor,
ach je, er dünkt sich einen feinen Dichter,
du musst das schlecht Geleimt-Gereimte
mit Engelston ihm lange wiedertönen,
bis ein schnödes Schnarchen dir bezeugt
das Ende dieser blauen Stunde – Gott sei Dank!
È bene ritrovare in noi gli amori
perduti, conciliare in noi l’offesa;
ma se la vita all’interno ti pesa
tu la porti al di fuori.
Spalanchi le finestre o scendi tu
tra la folla: vedrai che basta poco
a rallegrarti: un animale, un gioco
o, vestito di blu,
un garzone con una carriola,
che a gran voce si tien la strada aperta,
e se appena in discesa trova un’erta
non corre più, ma vola.
La gente che per via a quell’ora è tanta
non tace, dopo che indietro si tira.
Egli più grande fa il fracasso e l’ira,
più si dimena e canta.
Der Junge mit der Schubkarre
Es ist gut, in sich zu gehen und Bilanz
zu machen, sich abzufinden mit Liebes-
verlust und Kränkung; doch wenn dir die Decke
auf den Kopf fällt, dann nichts wie raus ins Freie.
Reiß die Fenster auf oder geh runter
zu den andern: Wirst sehen, eine Kleinigkeit genügt
und schon bist du wieder happy: ein Tier, ein Scherz,
oder, im blauen Drillich,
ein Junge mit einer Schubkarre,
der sich großmäulig den Weg frei macht
und immer wenn die Straße steil nach unten führt,
schon nicht mehr rennt, sondern fliegt.
Um diese Zeit ist viel los auf dieser Straße, die Leute
halten nicht still, nachdem sie dem Kerl ausgewichen sind.
Doch Radau und Wut schlagen erst richtig auf ihn ein,
als er beginnt zu tänzeln und zu singen.
Das Leben spricht für sich
Die Kleine, die schon ganz aufgeregt
vor der Eisvitrine mit dem bunten Süßen
sich mit der Hand, hastig,
aber stolz durch die Mähne fährt,
eine rote Spange hält die Pracht.
Die nervige Hand des Meisters,
die den kühlen Stein, bildschwellend,
umfasst und die Mulden kost,
die Hand, die den feurigen Maserungen
des Holzscheits entlangfährt,
dessen Sprödigkeit oder Nachgiebigkeit zu prüfen,
das horchende Betasten,
mit dem der Arzt geschwollene Lymphe
oder schwaches Pochen der Ader misst –
sie spüren in den fremden Wesen sich
und des Lebens große Gesetzlichkeit.
So ist es mit dem Bau des Körpers
und seiner ausgewogenen, nervgefügten Gliederung:
Es ist die ganze Seele,
die im Zucken des kleinen Fingers,
im hingeworfenen Blick,
im Verweigern eines Lächelns
sich wagt oder sagt,
döst oder stößt.
Nicht anders ist, wie aus dem dunklen Glas
des Wassers aufschimmerndes Gesicht,
das Narziss von Liebe kündet,
das weiße Blatt oder das jungfräuliche Fotopapier,
der leere Grund der Dichtung,
auf dem leicht emporgezittert
unterm zeugenden Andrang der Schrift
das Leben ein Selbst-Bild freigibt,
ein Schnappschuss, ungestellt und ungeschönt,
und gerade so nimmt es für sich ein.
Umberto Saba, Città vecchia
Spesso, per ritornare alla mia casa
prendo un’oscura via di città vecchia.
Giallo in qualche pozzanghera si specchia
qualche fanale, e affollata è la strada.
Qui tra la gente che viene che va
dall’osteria alla casa o al lupanare,
dove son merci ed uomini il detrito
di un gran porto di mare,
io ritrovo, passando, l’infinito
nell’umiltà.
Qui prostituta e marinaio, il vecchio
che bestemmia, la femmina che bega,
il dragone che siede alla bottega
del friggitore,
la tumultuante giovane impazzita
d’amore,
sono tutte creature della vita
e del dolore;
s’agita in esse, come in me, il Signore.
Qui degli umili sento in compagnia
il mio pensiero farsi
più puro dove più turpe è la via.
Altstadt
Oft gehe ich auf dem Rückweg zu meinem Haus
durch eine dunkle Gasse der Altstadt.
Gelb in mancher Pfütze spiegeln sich
Lampen, und die Straße ist belebt.
Hier unter all den Leuten, die kommen und gehen
von der Kneipe nach Hause oder ins Bordell,
wo Waren und Menschen zu Abfall werden
eines großen Meereshafens,
hier finde ich, im Vorübergehen, das Unendliche
im niederen Leben wieder.
Hier die Hure und der Seemann, der lästernde
Alte und das zänkische Weib,
der Soldat, der in der Bude bei den brutzelnden
Fischen hockt,
die tobende junge Frau, irre geworden
an der Liebe,
all dies sind Geschöpfe des Lebens
und des Leids;
in ihnen, wie in mir, ist ruhlos Gott.
Hier in der Kumpanei der kleinen Leute
spüre ich meinen Geist je reiner,
je schmutziger der Weg.
Umberto Saba, L’ora nostra
Sai un’ora del giorno che più bella
sia della sera? Tanto
più bella e meno amata? È quella
che di poco i suoi sacri ozi precede;
l’ora che intensa è l’opera, e si vede
la gente mareggiare nelle strade;
sulle mole quadrate delle case
una luna sfumata, una che appena
discerni nell’aria serena.
È l’ora che lasciavi la campagna
per goderti la tua cara città,
dal golfo luminoso alla montagna
varia d’aspetti in sua bella unità;
l’ora che la mia vita in piena va
come un fiume al suo mare;
e il mio pensiero, il lesto camminare
della folla, gli artieri in cima all’alta
scala, il fanciullo che correndo salta
sul carro fragoroso, tutto appare
fermo nell’atto, tutto questo andare
ha una parvenza d’immobilità.
È l’ora grande, l’ora che accompagna
meglio la nostra vendemmiante età.
Unsere Stunde
Kennst du eine Stunde des Tages, schöner
als der Abend? So viel
schöner und weniger geliebt? Es ist die Stunde,
die der heiligen Abendruhe kurz vorausgeht;
die Stunde, da sich die Arbeit überschlägt und man
die Leute auf den Straßen wimmeln sieht
und über den massigen Quadern der Häuser
ein Schattenmond, den du kaum
wahrnimmst in der Abendluft.
Zu dieser Stunde wandtest du dich von den Fluren,
um dich an deiner geliebten Stadt zu erfreuen,
vom Leuchten des Golfs bis zum Gebirge
wandeln sich die Bilder, ihre Schönheit bleibt;
die Stunde, da mein Leben überströmt
wie ein Fluss, der sein Meer erreicht;
und mein Sinnen, das schnelle Gewusel
der Menge, der Handwerker auf der Kuppe
bei der steilen Treppe, der Knabe, der im Lauf
auf den knarzenden Karren springt, alles
scheint im Vollzuge still zu stehen, all dieses Treiben
hat einen Anstrich von Unbeweglichkeit.
Es ist die große Stunde, die Stunde, die uns
die Kiepe heimträgt voll mit der Lese dieser Zeit.
Umberto Saba, Trieste
Ho attraversato tutta la città.
Poi ho salito un’erta,
popolosa in principio, in là deserta,
chiusa da un muricciolo:
un cantuccio in cui solo
siedo; e mi pare che dove esso termina
termini la città.
Trieste ha una scontrosa
grazia. Se piace,
è come un ragazzaccio aspro e vorace,
con gli occhi azzurri e mani troppo grandi
per regalare un fiore;
come un amore
con gelosia.
Da quest’erta ogni chiesa, ogni sua via
scopro, se mena all’ingombrata spiaggia,
o alla collina cui, sulla sassosa
cima, una casa, l’ultima, s’aggrappa.
Intorno
circola ad ogni cosa
un’aria strana, un’aria tormentosa,
l’aria natia.
La mia città che in ogni parte è viva,
ha il cantuccio a me fatto, alla mia vita
pensosa e schiva.
Triest
Ich habe die ganze Stadt durchstreift,
dann stieg ich auf eine Anhöhe,
da war viel Volk zuerst, dann aber Stille.
Ein niedriges Gemäuer schließt mich
in einen Winkel, dort allein zu sein.
Und mir warʼs, als umschlössen diese Mauern
die ganze Stadt.
Triest ist von einem ruppigen
Charme. Je nach Gusto,
wie ein Gassenjunge derb und gierig,
mit himmelblauen Augen und Händen, zu groß,
eine Blume darzureichen,
wie eine Liebe
voller Eifersucht.
Von diesem Ausguck liegt vor mir jede Kirche,
jeder Weg, ob er zum überfüllten Strand geht
oder auf die Bergeskuppe, der sich, auf steinernem
Kamm, ein Haus, das letzte, anschmiegt.
Rings
umweht ein jedes Ding
eine fremde Luft, eine beklemmende Luft,
die Luft der Heimat.
Meine Stadt, in jeder Faser lebensprall,
hat eine Nische mir bereitet, meinem Leben,
grüblerisch und scheu.
Septemberabend
Eiserne Hand, Wolken, Eifel
In der weiten Flur flammen die Feuer auf,
auf den Feldern, den Brachen,
Reiser knistern, Hölzer pfeifen,
Rauch, schweifend in weißen Fratzen,
beißt.
Die große violette Blüte des Himmels
öffnet sich einmal noch weit
und atmet.
Schnäbel von abertausend Staren
picken mit weißem Zwitschern
Löcher in die Blätter
und neu erwachter ferner Welten
Sterngebilde
schneien Hymnen herab.
Hier magst du stille werden
und dein wundes Herz vergraben
am Wegesrand unter dem bemoosten Stein.
In einer Pfütze, schwarz von Abwesenheit,
einer Egge oder eines Pfluges schmerzlicher Spur,
putzt sich eine Meise
den langen trockenen Tag
aus dem Gefieder.
Dein Herz blieb wach von den Pulsen all
der unerfüllten Liebe.
Die Feuer singen auf,
ein jedes hat sein eigenes Lied,
sie kennen einander, rufen sich zu,
wie Liebende auf getrennten Inseln.
Menschenkinder bilden den Ring,
reichen einander die Hand,
werfen Gaben süßen Wohlgeruchs in die Flammen.
Sie opfern in Chören feierlichen Abschied
den uralten Göttern des Felds,
von denen keiner mehr weiß
den Namen oder die schöne Gestalt.
Oder singen in den Flammen auf dem Eifelfeld
ein letztes Mal die alten Götter selbst,
von Pan geweckt,
der großen Mutter,
die dort in einem dunklen Schober schläft
unter Ballen Heus
und dem traumerstickten Gurren ihrer Tauben?
Macht und Ohnmacht der Sprache
Im Jubel des Siegers,
den die Schicksalswoge ins Licht hob,
oder im Gestöhn des von eben diesem Sieg
Niedergetretenen, der in die mondbeschienene
Kloake nach Rache schreit
und hündisch gegen die mamorweiße Apathie
der Götter aufheult –
darin ist lauter Wahrheit.
Und doch ist dieser Jubel, dieses Stöhnen,
wenn dirʼs nicht selber widerfährt –
sondern du hörst es an gelassen
vom Ufer des Lukrez,
oder du hörst davon im Goldschnitt der Legende,
oder liest es bloß in solchen Zeilen –
es ist wie Farbe einer Frucht,
wie immer schimmernd, immer leuchtend –
es schläft das Fruchtfleisch unter ihrer Schale,
Traum ist sein süßer oder bitterer Geschmack.
Oder kannst zum wenigsten aus diesen Versen
den Duft, das Fluidum du wittern,
das zur Erfahrung lockt,
in die Tiefe der Empfindung,
zu weher Lust, zum Schmerz?
So ist die Sprache, alle Sprache,
auch die vom Schnee des Gipfels flimmert,
von Lebensodem schwellend,
und ohnmächtig sinkt sie ein,
wie Sehnsuchtsnebel über eine Landschaft
verhüllter Blüten schleicht,
einsamer Pfade Überwuchertsein,
goldrauchendes Verwunschensein
aufgelassner Gärten
und alter Gräber umgefallener Stein.
Umberto Saba, Squadra paesana
Anch’io tra i molti vi saluto, rosso-
alabardati,
sputati
dalla terra natia, da tutto un popolo
amati.
Trepido seguo il vostro gioco.
Ignari
esprimete con quello antiche cose
meravigliose
sopra il verde tappeto, all’aria, ai chiari
soli d’inverno.
Le angoscie
che imbiancano i capelli all’improvviso,
sono da voi così lontane! La Gloria
vi dà un sorriso
fugace: il meglio onde disponga. Abbracci
corrono tra di voi, gesti giulivi.
Giovani siete, per la madre vivi;
vi porta il vento a sua difesa. V’ama
anche per questo il poeta, dagli altri
diversamente – ugualmente commosso.
Fußballmannschaft auf dem Land
Auch ich grüße euch, inmitten der Menge, ihr mit der roten
Wappenschlinge,
Sprößlinge
aus heimatlicher Erde, bei allem Volk
die Lieblinge.
Schüchtern gehe ich mit bei eurem Spiel.
Ohne es zu ahnen
gebt ihr mit eurem Spiel uralten
Wundergestalten Gegenwart
auf dem grünen Teppich, im Freien, unter den hellen
Sonnen des Winters.
Von den Albträumen,
durch die wir graue Haare bekommen über Nacht,
wie seid ihr fern davon! Der Ruhm
hat euch ein Lächeln angefacht
obenhin: Die bessere Mannschaft heimst ihn ein.
Umarmungen wogen unter euch, zur Freude erkoren.
Jünglinge seid ihr, von der Mutter geboren,
euch trägt der Wind, Schutzschilden gleich, vor sich her.
Deshalb liebt euch auch der Dichter, auf seine Weise –
doch wie alle tief bewegt.
Umberto Saba, La capra
Ho parlato a una capra.
Era sola sul prato, era legata.
Sazia d’erba, bagnata
dalla pioggia, belava.
Quell’uguale belato era fraterno
al mio dolore. Ed io risposi, prima
per celia, poi perché il dolore è eterno,
ha una voce e non varia.
Questa voce sentiva
gemere in una capra solitaria.
In una capra dal viso semita
sentiva querelarsi ogni altro male,
ogni altra vita.
Die Ziege
Ich habe mit einer Ziege geredet.
Sie stand allein auf der Wiese, einen Strick umgelegt.
Sie schmatzte ihre Halme, ein Schauer fegte
über sie hinweg, sie hat gemeckert.
Dies monotone Meckern war verschwistert
meinem Leid. Und ich stimmte ein, erst
nur zum Spaß, sodann weil ewig ist das Leid
und immer nur die eine Stimme hat, durch alle Zeit.
Diese Stimme wurde laut
in einer Ziege, die einsam hat gestöhnt.
In einer Ziege mit dem Judenbart
hörte ich alles Leid der Erde klagen,
Leben jeder Art.
Augenspiel
Ich mag dirʼs durch die Blume sagen.
Du weißt, ich will in deinen Augen schweigen.
Du magst mir deinen langen Tag beklagen.
Ich weiß, du willst dich in mein Auge neigen.
Ich mag dich tratsche-ratschend unterhalten.
Du weißt, ich will um deine Augen schweifen.
Du möchtest gern in meiner Küche schalten.
Ich weiß, du willst in meinen Augen nach dir greifen.
Ich mag mit Worten zwinkernd mich verstecken.
Du weißt, ich will an deinen Augen schmachten.
Du möchtest mich mit Kitzel-Küssen necken.
Ich weiß, du willst in meinen Augen nachten.
Umberto Saba, La Malinconia
Malinconia
la vita mia
struggi terribilmente;
e non v’è al mondo, non c’è al mondo niente
che mi divaghi.
Niente, o una sola
casa. Figliola,
quella per me saresti.
S’apre una porta; in tue succinte vesti
entri, e mi smaghi.
Piccola tanto,
fugace incanto
di primavera. I biondi
riccioli molti nel berretto ascondi,
altri ne ostenti.
Ma giovinezza,
torbida ebbrezza,
passa, passa l’amore.
Restan sì tristi nel dolente cuore,
presentimenti.
Malinconia,
la vita mia
amò lieta una cosa,
sempre: la Morte. Or quasi è dolorosa,
ch’altro non spero.
Quando non s’ama
più, non si chiama
lei la liberatrice;
e nel dolore non fa più felice
il suo pensiero.
Io non sapevo
questo; ora bevo
l’ultimo sorso amaro
dell’esperienza. Oh quanto è mai più caro
il pensier della morte,
al giovanetto,
che a un primo affetto
cangia colore e trema.
Non ama il vecchio la tomba: suprema
crudeltà della sorte.
Trübsal
Trübsalsstern,
meines Lebens Kern
zerstrahlst du mir zum Schrecken.
Da ist nichts weit und breit, mich zu erwecken,
mich zu entheben.
Nichts, was mir bliebe,
wäre Heimstatt. Nur du Liebe,
die einzig es mir wüsste.
Die Tür springt auf: Es schimmern deine Brüste,
und machst mich beben.
Zartes Keimen,
flüchtig Reimen
unterm Frühlingslicht. Die hellen
Strähnen lässt du unter einer Mütze schwellen,
manche auch im Freien funkeln.
Doch die Jugendzeit,
trübe Trunkenheit,
vergeht, Liebe auch verweht.
Dem kummervollen Sinn dafür entsteht
mulmiges Munkeln.
Wehmut,
meine Lebensglut
entfachte stets nur eins: der Tod.
Ach, wie traurig, dass anders mir in meiner Not
nicht zu helfen war.
Ist einmal aus dem Lot
die Liebe, reicht dir der Tod
nicht mehr die Hand,
und im Unglück bleibst du fest gebannt
und jene Hoffnung ist nicht wahr.
Das konnte ich nicht
ahnen. Nun schlürfe ich Verzicht,
den letzten Trank,
von Wissen bitter. O mit welchem Dank
denkst du an das Ende
im Jugendwahn-Gewühl,
bleich beim ersten Angstgefühl
voll süßen Bebens.
Das Alter scheut vorm Grab zurück: des Lebens
grausame fatale Wende.
Umberto Saba, Ulisse
Nella mia giovanezza ho navigato
lungo le coste dalmate. Isolotti
a fior d’onda emergevano, ove raro
un uccello sostava intento a prede,
coperti d’alghe, scivolosi, al sole
belli come smeraldi. Quando l’alta
marea e la notte li annullava, vele
sottovento sbandavano più al largo,
per sfuggirne l’insidia. Oggi il mio regno
è quella terra di nessuno. Il porto
accende ad altri i suoi lumi, me al largo
sospinge ancora il non domato spirito,
e della vita il doloroso amore.
Odysseus
Zu meiner Jugendzeit bin ich weit gesegelt
an den dalmatischen Küsten vorbei. Da tauchten,
wogenumschäumt, Inselchen auf, wo sich
hin und wieder Vögel niederließen, auf Beute spähend,
alles war verschlickt von Algen, schlüpfrig, an der Sonne
herrlich wie von Edelsteinen. Dann verschluckten
hohe See und Nacht die Inseln, die Segel
aus dem Windschatten gehievt, gingʼs aufs offene Meer,
dieser bösen Lockung zu entfliehen. Heute
bin der Herr ich über dieses Niemandsland.
Die Häfen zünden andern ihre Lichter an,
mich hetzt der ungezähmte Dämon in die Ferne
und des Lebens Liebe, leidenstrunken.
Weil du es bist
Weil du es bist, liebe,
was du liebst,
ich um ein Gleiches,
um ein Sinn- und Segensreiches.
Um deinetwillen liebe ich die Dichter
deines gelobten Lands,
schmeckt mir der Fisch
und das salzige Meergewächs
aus der Lagune von Friuli.
Weil du es bist, durchwittert
mein kleines Metternicher Gärtchen
mit südlichen Aromen
das Traumgewölk von Apfelsine und Limone,
von Oleander und Zitrone.
Um deinetwillen reime ich
auf deinen Namen
leise, gar nicht naseweise Gedanken,
und ich knüpfe die wirren Fäden des Gefühls
zu einem weichen Flusen-Teppich
dir zu Füßen.
Um deinetwillen sagt
eine ferne Sonne in dunkler Stunde
mir von unerreichbar hohem Sinn
für ein Leben, das sich klein
in lauter Unbesonnenheiten kränkt.
Weil du es bist, liebe,
was du liebst,
ich um ein Gleiches,
um ein Sinn- und Segensreiches.
Guarda là quella vezzosa,
guarda là quella smorfiosa.
Si restringe nelle spalle,
tiene il viso nello scialle.
O qual mai castigo ha avuto?
Nulla. Un bacio ha ricevuto.
Schau doch, wie sie voller Anmut
Schau doch, wie sie voller Anmut,
schau doch, wie sie spröde tut.
Die Schulter zuckt, als wär sieʼs nicht,
sie birgt im Halstuch das Gesicht.
Von welchem Weh ist sie benommen?
O, sie hat nur einen Kuss bekommen.
Wenn ich dich nicht hätt
Wenn ich dich nicht hätt,
ging ich früh ins Bett –
oder hockte in der Küche kalt,
von Gedudel dumpf beschallt.
Wenn ich dich nicht hätt,
ging ich spät ins Bett –
vernähm aus Schränken oder Luken
ein Flüster-Knaster-Knister-Spuken.
Wenn ich dich nicht hätt,
wärʼs ziemlich mau im Bett –
schmölze nicht in süßer Liebs-Gewalt
die rissig-schrumpelige Ich-Gestalt.
Wenn ich dich nicht hätt …
„Das Opfer“
Erst litt er an des Vaters übergroßem Schatten
so sehr, dass er keinen eigenen mehr warf.
Dann litt er an der Schattenlosigkeit der Mutter
so sehr, dass er seinen eignen Schatten wegwarf.
Erst litt er an der Geschwätzigkeit seiner Frau
so sehr, dass er ins Verstummen sich verbockte.
Dann litt er an des Sohnes stummer Blödigkeit
so sehr, dass er in Selbstgesprächen sich verlor.
Erst litt er an der Lehrer überlegener Strenge
so sehr, dass er seine Wahrheit in die Hose machte.
Dann litt er an der Frechheit seiner Schüler
so sehr, dass er nur Zeitungslügen auf das Smart-Board schrieb.
Erst litt er an der trocknen Kälte seiner Frau
so sehr, dass er in Alkohol die Seele sich ertränkte.
Dann litt er an der Dauer-Hitze der Geliebten
so sehr, dass er durch Viagra am Infarkt erstickte.
Ada Negri, Cade la Neve
Sui campi e su le strade,
silenziosa e lieve,
volteggiando, la neve
cade.
Danza la falda bianca
ne l’ampio ciel scherzosa,
poi sul terren si posa,
stanca.
In mille immote forme,
sui tetti e sui camini,
sui cippi e sui giardini,
dorme.
Tutto d’intorno è pace,
chiuso in oblìo profondo,
indifferente il mondo
tace.
Fällt der Schnee
Auf das Land und den See
tonlos-unbelebt
wirbelnd niederschwebt
der Schnee.
Es tanzt ein weißes Blatt
lustig durch den Himmelsraum,
senkt sich auf den Wege-Saum,
todesmatt.
Unterm kristallinen Tuch
auf den Zinnen, Dacheslatten,
auf den Urnen und Rabatten
schlafen ist genug.
Inwärts wurde alles schlicht,
zum Vergessen tief verschlossen,
alle Reize ausgeflossen,
mildester Verzicht.
„Der Verfemte“
Er stiert mit frechem Gauner-Grinsen in den Fokus.
Die Locke loht um seine aufgeschrammte Birne –
er schielt, als trüge er ein Stigma auf der Stirne,
indes sein Name prangt in jedem Schwulenlokus.
Er redet schroff und schlürft den Hochmut aus der Gosse.
Er ist auf jeder Party der große Einsamkeitsrebell
und zieht gleich jedem übern Kopf das Fell,
der ihm die Hände reicht als Schmerz-Genosse.
Er spuckt auf allen Biedersinn, auf jeden Anstand.
Er scheucht mit seinem Schwengel ein Nönnchen aus dem Feld
und spendet alten Hürchen Piccolöchen von dem Geld,
das er im Strumpfe unterm Kissen seiner Oma fand.
Geister-Regen
Wenn die Tropfen
uns umhüpfen,
wollen wir versöhnt
in die zarte Muschel schlüpfen
einer Seele, kussverwöhnt.
Wenn das Pochen
an die porzellane Schale
unser Sehnen stillt
mit den süßen Qualen,
melodiös entquillt
wie ein helles Tränen,
uns in Sapphos Reigen wähnen.
Wenn das Zimbel-Klopfen
wie von Silberreihern flieht
in die hohen Sternen-Räume,
uns die Leere wieder zieht
in die Muschel weißer Träume,
betten wir uns Mund an Mund,
bis der Liebe Tränen tropfen.
Quillt ein Bitten
Quillt ein Bitten
durch die Blätter
nach dem Retter,
nach dem Sinn.
Ach wie zittern
all die Zweige
von Gewittern,
brechen hin.
Ist in Blitzen
denn ein Lösen
von dem Bösen
für uns Feige?
Wird zu ritzen
wache Wunde
von den Blitzen
Wunderkunde?
Quillt ein Bitten
durch die Blätter
nach dem Retter,
nach dem Sinn.
Trugfanal und Wunderlicht
In der Natur ist all der Ruf –
und was ihm folgt, wird leuchten
in dem breiten Tal,
in dem die Winde säen
und die Sterne Zukunft weisen.
Worauf sie aber spannten,
war ein Sturmgedröhn aus Megaphonen –
und sie liefen in die Nacht
verfratzter Maskeraden,
grell angeschrien
von feuernden Maschinen.
Sie schlichen in den Hetze-Spuren
ihrer dunklen Meister
auf ein Brachfeld abgeholzter Zeichen –
und den Geduckten sprach
aus wahnsprudelnder Quelle
sich die Botschaft des Verweigerns zu. –
Ich ging durch einen alten Garten
von Büschen warmen Flüsterns
und großer Blüten leisen Weinens –
und wusste keinen Sinn und kein Gebet.
Da brach durch der Zweige heißes Wogen
einer fernen Stimme Licht –
die rief mich an mit neuem Namen
in eines neuen Lebens
hohes, leichtes, freies Schweben.
Vom Ende her
Mürbes Trockenholz, wurmstichig –
nachtlang hörst duʼs widrig kauen,
süßlich schmatzend sich verdauen –
ausgeatmetes Gebein.
Der Kopf, ein klappriger Eimer,
überquellend von zerknüllten Blättern,
voll unleserlicher Krakel-Lettern,
in grotesken Zügen fremder Schrift.
Der Augen spätes kaltes Glimmen
hält die ausweglose Wacht
über einer Erde ohne Tag und Nacht,
bedeckt mit einem Asche-Linnen.
Der Arme dürre kahle Zweige,
die mochten weder rauschen
noch die Zeuge-Pollen tauschen
an ihrem unfruchtbaren Stamm.
Nur die Zunge blieb im Aufruhr
einer Feuer-Schlange Zischen
und ihr Züngeln ist Verwischen
aller Namen groß und heil.
Mein weißer Kindersarg
Am liebsten hockte ich,
verlorner Knabe,
wenn es Hund und Katzen hat geregnet,
vor dem Tor, wo hinter mir Großvaters Hühner scharrten
und der alte Hund die Fliegen scheuchte
müde mit dem Schweif –
dort war gut Schauen und gut Staunen,
wenn in der aufgeschäumten Gosse
Federchen, Blätter, Pappelsamen trieben,
duldsam-still und abendfriedlich –
da war gut Kauen an der dicken Stulle
von dunklem Korn, belegt mit frischem Schmalz,
die hatte Mutter mir geschmiert.
War ich denn fröhlich, war ich traurig?
Zufrieden war ichʼs, meine kleine Weile da zu sein,
noch fern vom Ärgernis Geschlecht,
geborgen in des alten Hauses Hut
vor dem Schulhof und der Rohheit
halbentblößter Männlichkeitsagone –
dann durfte keusch ich unterm Kreuze liegen
und mich drin üben, die Wunden des Erlösers
mit ganzer Seele für und für zu küssen.
Warum hat mich kein weißer Kindersarg
vor der Zeit, zur rechten Zeit,
in den warmen Schoß der Erde
sanft entrückt?
Warum musste zum Manne ich mich
aufwärts quälen und auf der Sprache
krummem Stab mich zittrig stützend
in das Irrsal viel zu großer Welt auswandern?
Ein schmales Grab wär mir vergönnt gewesen,
mit einem Alabasterengel mir zu Häupten,
der spräche aus dem süßen Schmolle-Mund:
„Dies enge Reich von Moosen und von Astern,
von Veilchen und von Krokusblüten
mag wohl genügen, ein reines Kinderleben
zu umfassen. Wenn ihr gedenken wollt,
es reicht die eine Träne,
die harten Sinn erweichen mag!“
Nur einen Tropfen Bluts!
Das Trommeln der Tropfen gegen das Fensterglas,
das plötzlich verstummt –
wie ist diese Stille leer, eine weiße Blüte,
die entsagend sich schließt.
Ein Flirren der Luft an der Purpurnaht des Morgens:
schneller schlägt ein Herz –
als träte ein lang Ersehntes aus verschwiegenem Traum
unter die Blumen des Tags.
Füllte nicht eben ein Zwitschern – oder warʼs beglückter Gesang –
die Muschel der Gegenwart?
Und färbten aneinander sich wie Hände, die Nüsse viel gesammelt,
unsre Seelen von Zärtlichkeiten nicht?
Wie schaukelte, ein Zweig im Salzwind der Lagune,
meine Hand in deiner Hand –
wie floss warm im Rhythmus singender Herzen uns zu,
was sie Liebe zu nennen geneigt.
Und war wie alles Wahn: In Wahrheit lieg, ein Toter, ich
unter den pfeifenden Ziegeln des Dachs
und schreibe mit närrischem Finger in Staub und Mäusekot:
„Nur einen Tropfen Bluts, o Jesus!“
Die Schönheit einst
Einst der Jugend Schimmer
von Sternenblüten,
geflochten hold ins Haar,
oder duftigen Schmelzes
auf flüsterfeuchten Lippen.
Einst marmorweiß
der Schultern kühne Neigung
und das weiche Streichen
nackter Füße
auf päonienhellem Pfad.
Im Glücke einst
der wortlos-heiteren Gespräche
zwischen Singen goldener Bienen
und wässerndem Gelall,
wo du und ich
im Gezirpe gläserner Libellen
der Liebe Masken tauschten hin und wider
oder legten Blatt auf Blatt
die Zeichen betend-scheuer Hände.
Die Schönheit einst,
als sich die reinen Lüfte wölbten
zu Lauben der Erinnerung,
dufterfüllt von Veilchen, Rose und Zitrone
aus Südlands Gärten.
Nun liegen todumschlungen
wir in der schwarzen Grotte
tief im Erdreich
unterm klirrenden Gestänge der Stadt.
Durch den Bomben-Einschlag eines Lochs –
fern wie der Mond –
sickern Purpurflusen, Ascheflocken
eines letzten Brands.
Wir sind ein jedes in seinen Tod gekrümmt
in diesem Endzeit-Bunker,
wo aus den Wänden schwitzend
Phosphor seufzt –
und aus dem toten Laub am Boden
Irrlichter steigen.
Wo blutig-rohe Bälger,
gehäutete,
in den mürben Kot von Fledermäusen,
wahnflatternden,
mehr und mehr versinken.
Die schmale Schneise
Berger Straße, Frankfurt am Main
Die Lippen aprikosenrosig,
die großen leeren Augen
von weißer Aura dicht umschäumt,
in starrer Beter-Haltung
wie in Ägyptens Ewigkeit,
und auf das graue Fell gefaltet
andachtsvoll der nackte Schwanz –
so starrte auf dem Bürgersteig der Berger Straße,
gleich vor dem schicken Herrenausstatter,
schamlos öffentlich krepiert,
die fette tote Ratte.
Du bist, ein schüchtern Herz,
ungläubigen Ausdrucks,
fast hingestolpert, drangestoßen,
und hast im letzten Augenblick
den rechten Fuß noch spastisch
drüberweggehoben.
Am nächsten Morgen war die Ratte weg –
der Kadaver war entsorgt,
die Bahn war wieder frei für die Prozession
der Bummler und Passanten.
Wer hat sie weggeschippt?
Mit welchem Grauen im Herzen,
mit welchem Ekel im Gesicht?
Ich aber sitze hier bei Schummerkerzenlicht
im Café Ypsilon und denke allem Schicksal nach,
der Lebenden, der Toten,
dem deinem und dem meinen.
Gegenwelten sind uns Enterbten nicht beschert –
wir bleiben ängstlich frei
in dieser schmalen Schneise,
aus der verklärt oder vernebelt
der immer heutige Tag uns lächeln mag.
Preislieder auf das gewöhnliche Leben X
Gepriesen sei der Nippes,
Maskottchen und Figürchen,
Rehlein, Zicklein, Schäfchen,
all die Püppchen, ausgeziert mit Kleidern,
Hütlein und Kravättchen,
artig und manierlich aufgereiht
auf Stellagen, Anrichten und Borden
aus Blech und Edelholz.
Gepriesen sei der Nippes,
dieweil er uns an die Penaten,
Hausgötter der antiken Küche stets gemahnt,
die unter frommer Obhut der Matrona
auf den Simsen des Familienaltars
bei der Vesta ewiger Flamme prangten –
dort wo auch die Gipsabdrücke
der Ahnen hingen an der Wand –
die trugen dem Leichenzug voran
feierlich die Hinterbliebenen.
Gepriesen sei der Nippes,
die Püppchen und die Tierchen,
Hühnchen, Hundilein und Bärchen,
Häschen oder Vögelchen
aus Stoff und Ton,
aus Marzipan und Schokolade,
die sich Verliebte einander eignen zu
als lächelnde Gesichter, Totemmasken,
Allegorien ihres Liebeskults –
Trophäen einer heißen Jagd
nach großen, tiefen, süßen, leisen Augenblicken,
die Amor ihnen blindlings trifft.
Gepriesen sei der Nippes,
Engel, Putten, Plastikrosen,
abgebrochne Säulen, schwarze Mamorkugeln
oder seltsam leere Andachtsschalen,
die auf Gräbern stehen,
um Totenstätten traumesdunkel schweben –
sie seien Zeichen uns, dass die Seele lebt,
der Trauernden und so wir liebend glauben,
der Betrauerten.
Preislieder auf das gewöhnliche Leben IX
Gepriesen sei das Kissen
mit Blumen- oder Streifenmuster,
das dein wartet Tag und Nacht,
wo du versinken magst
in einer warmen Düne Kosen –
und sind dir Augen bloß,
aus unsichtbaren Gräsern lugend.
Gepriesen sei das Kissen,
das Großmutter aufgeschüttelt
und dir unter deinen Po gequetscht hat,
auf dass an Höhe mit den Großen du gewannst
und beim Mittagsmahl
klirrend-schlürfend
die sämige Kartoffelsuppe löffeln konntest.
Gepriesen sei das Daunenkissen,
das der Geliebte kühn dir unterschob,
um deinen Liebeswald emporzuwandern
auf kecker Suche nach kussbestäubten Pilzen
oder auch die rote Venusblüte aufzupflücken
und sie zwischen seinen Blecke-Zähnen,
warm geseufzt,
dir auf den Mund zu lallen.
Gepriesen sei das Kissen,
in weißes, frisch gestärktes Linnen eingeschlagen,
das, ein verschneiter Grabeshügel,
du dem spatzenzarten Haupt der Mutter unterbreitet hast,
auf dass durchs schmale Fenster im Hospiz
ihr Abschiedsblicke, Ankunftsblicke
wären wohl vergönnt
auf den Vater Rhein.
Gepriesen sei das Kissen
von Moos und Flechten schwellend
und Tannennadeln und Gewürm,
auf das ich einst nach morgenfrohem Aufstieg
von Koblenz-Stolzenfels
beim Tempel des Mercurius
den Wusel-Kopf, einen Bienenkorb
voll Sehnsuchtssummen,
dichterisch gebettet –
liebeslinkisch-lebensscheu.
Gepriesen sei der Bleistift,
der anders als die tauben Tasten am PC
mitfühlt, mitdenkt, mitzittert
und wie ein Blitzableiter
die durchs Geflecht der Schreibhand jagen,
des Schreibers hellste Nervenblitze
in den Schnee jungfräulichen Papiers einfurcht.
Gepriesen sei der Bleistift
und die Dauer des Gefühls,
die Ruhe der Empfindung,
womit er den nervösen Geist beglückt –
wenn uns dereinst wie Hirnen in der Schale
jedwedes Organ des Menschenausdrucks
amputiert ward,
und in Geisterschrift das grad von dir Gedachte
gnadenlos auf dem Screen in Kolonnen aufmarschiert,
oder wir, mit Neuro-Chips verbunden,
uns die Gedanken rauben ungeniert –
dann denk zurück an meines Bleistifts
mühsam gekrakelten Weg zur Wahrheit.
Gepriesen sei der Malstift,
Härtegrade bis B 9,
mit dem ein Maler weichen Sinns wie Ingres
das Purpur-Inkarnat weiblichen Fleisches
in vollen Strichen aus Graphit,
an zart beflaumten Stellen
mit der Estompe nebelhaft verwischt,
erahnen und eratmen lässt.
Gepriesen sei der Bleistift,
auf dem du, aus dem Fenster stierend
oder ins Gedröhn der Boeing dich verlierend,
geistlosen Ausdrucks
herrlich kauen kannst,
wenn dir mal wieder,
obwohl das blöde Ding entgegenragt,
sich das rechte Wort versagt.
Gepriesen sei der Eimer,
aus Blech gewalzt und wasserdicht verschweißt –
den hast du Schritt für Schritt
vor dich über die steinernen Fliesen des Flurs,
die kalten, bunten, hingeschoben,
auf den Knien rutschend
und den grauen Putzlappen schwingend,
bis der Boden glänzte
wie ein maurisch-paradiesisch Ornament.
Gepriesen sei der Eimer
und der über seinen Rand gelehnte Lappen,
knotig ausgewrungen
von deinen mütterlichen Magdeshänden,
schmerzlich-rot.
Gepriesen sei die hölzern-maserige Kufe
auf dem gedrungenen Rücken
schwer atmenden Winzers
im steilen Moselwingert,
da sie sich füllt mit herbstlich edlen Trauben
für den Most, den einst mit nackten Füßen
der Enkel hat zerstampft.
Gepriesen sei die bauchige Amphora,
die gefüllt mit Schwarzoliven,
auf flachem Nachen verschifft
über Tiber, Ister und Mosella,
das karge Mahl eines Dichters tändelnder Bukolika
oder eines armen Klerikers,
in seinen Psalter schniefend,
fern vom Glanz der goldenen Roma
bereichert hat.
Gepriesen sei die Situla
aus dunkel dröhnender Bronze Etruriens
und die feinnervige Hand des Künstlers,
der mit Hirschgeweihen, Masken, Rätsel-Sphingen,
wie aus Fenstern lugend,
sie hat magisch ausgeziert.
Gepriesen sei der kleine Bottich,
mit Essig abgefüllt,
in den der römische Soldat,
dem jene Stimme fern im Herzen widerklang,
den Schwamm an langer Lanze Spitze
hat getunkt –
und ihn geführt an den zerrissenen Klagemund,
der eines Sterbens maßlosen Ruf
in das Ohr verstockter Menschheit röchelte
und in das von Engelschören taube Ohr des Vaters,
der ihn längst in unerlöste Schlämme
der Gehenna sinken sah:
„Mich dürstet!“
Gepriesen sei die Karaffe aus gebranntem Ton,
voll heißen Wassers,
aus der Großmutter dir
den Badezuber nachgefüllt hat
mit all den heißen Tropfen
ungeschmälter, reiner Liebe.
Preislieder auf das gewöhnliche Leben VI
Gepriesen sei der Napf,
aus Blech getrieben,
mit mattem silbrigen Besatz
und herzentsprossener Gravur,
den wir Großvater, ich auf dem Leiterwagen,
den lieben langen Sommer lang
zum Kartoffelacker brachten,
wenn die Sonne wieder sank,
zum glühenden Erdbeerfeld,
in den laubertrunkenen Garten,
wo sich Lurch und Kröte neckten
und die Unke rief im Schlaf.
Es zischte leise, wenn Großvater den Deckel
mit den beiden Gummizügen öffnete:
Kartoffelsuppe schwappte, Erbsen-,
Linsen-, Wirsingsuppe mit Würstchen,
Speck oder Schwartenmagen.
Und Opa löffelte und wischte sich den Schweiß
mit dem losen Unterärmel des Leinenhemds
von Stirn und Wangen.
Nach dem Bluten und dem Todesschuften bei Verdun
blieb der Napf als letzte Waffe
dem Entwaffneten im Überlebenskampf:
Mit allen Näpfen habt ihr, du und die zerlumpten Kameraden,
auf die harten Dielen und die schweren Eichentische
des Gefangenenlagers eingeschlagen –
der Lärm war eine ungeheure Brandungswelle,
auf der ein Schaum aus Schreien hat gespukt:
HUNGER! HUNGER! HUNGER!
(Nur einer war trotz Hungers eingebildet
auf die preußisch-hohe Bildung und schrie: FAIM!)
Gepriesen sei der Napf,
um Hungers und um Christi willen!
Von all dem Höllenkrach wurde der Wärter blass
und fuchtelte mit der Pistole über kahlen Köpfen:
Und schoss Panikschüsse in einen lilienbleichen Himmel,
bevor er sich in die Hose machte.
Dann befahl der Wachhabende,
aus den Schalen der Kartoffeln,
die sie nebst Schweinerippchen selbst verzehrt,
einen dünnen Sud zu brauen,
damit endlich Ruhe herrsche.
Gepriesen sei der Napf,
um Hungers und um Christi willen!
Hast duʼs recht beschaut,
was auf der Unterseite eingraviert?
„Für Kaiser, GOTT und Vaterland …
… und für dich, meine liebste Gertrud!
Verdun, Sommer 1916. Jesus steh uns bei!“
Gepriesen sei der Napf,
um Hungers und um Christi willen!
Preislieder auf das gewöhnliche Leben V
Gepriesen sei der Kamm,
aus edlem Holz geschnitzt, aus Elfenbein,
aus Silber gefertigt, mit Perlmutt belegt,
wie Finger ausgestreckt
oder zart gekrümmt wie eine Hand.
Gepriesen sei der Kamm,
den du ins das geflochtene Haar gesteckt,
schillernd, eines Meerestieres Schale
aus dünnem Porzellan.
Gepriesen sei der Kamm,
mit dem du, Sklave eines dunklen Dufts,
surfst auf den Wogen blauer Nacht,
süßen Schrecks hinunterbrechend
in die Stille schwerer Flechten,
emporgehoben
von den heißen Fluten der Erinnerung.
Gepriesen sei der Kamm,
des Dichters reines Metronom,
die Rhythmen sinnendunklen Reims
zu zählen, glatt zu strählen.
Gepriesen sei der Kamm,
mit dem du deiner Mutter weißes Haar
zur Totenbahre
hast geglättet und verschönt.
Gepriesen sei der Kamm,
der schmale, aus honiggelbem Horn,
auf dem der Vater dir,
gespitzt-gewitzter Zunge,
das Wiegenlied gesummt, gebrummt.
Gepriesen sei der Kamm,
aus blankem Blech gezähnt,
mit dem die Schizophrene
im geschlossenen Trakt der Psychiatrie
das heilige Empfinden,
sie selbst in eigner Welt zu sein,
sich ekstatisch-automnetisch wiegend,
aus dem unendlich tiefen Wasserfall
ihres Mädchenhaares
hat geschöpft.
Gepriesen sei der Kamm,
der Schönheit adelt,
Dichtung stiftet,
Liebe kündet,
Wahnsinn heiligt.
Preislieder auf das gewöhnliche Leben IV
Gepriesen sei der Besen,
der Feger, Kehrwisch für die Hand,
die Eule auch genannt,
am harten Riegel fein besetzt mit Borsten,
festem Haar von Roßschweif oder Ziegenbart –
mit geflochtenen Blättern machtʼs die nackte Negerin
mit dem Palmenschurz die Insulanerin
und mit gebundenem Reisig der Ziegenbärtige in Vietnam.
Am Besenwesen fasst du ganz des Menschen Heldentum,
ob tragisch oder komisch,
im ewigen Kampfe mit den Mächten der Vernichtung,
der Verwirrung und des Untergangs.
Des Chaos Spuren sind allgegenwärtig,
Krümel, Flocken, Späne, Grind,
Fäden, Flusen, Schuppen, Horn,
Haare, Schalen, Splitter, Haut –
alles kehrst du scharrend
über Dielen, Fliesen, Stein und Teppich
und häufst den Todesabhub
weise auf zu Kehrichtpyramiden.
Gepriesen sei der Besen,
mit dem du, schwuppdiwupp,
des alten Chaos ewig jungen Sohn, den Staub,
auf das Kehrblech hievst.
Gepriesen sei der Besen,
und der ihn erfand und immerfort ihn schwingt,
der Mensch, der komisch-große Kehrer-Heros,
dem noch kein Denkmal außer diesem
ward ersonnen und erbaut.
Wenn du erschöpft auf blanker Schwelle sitzt,
in einer jener Kampfespausen –
Waffenstillstand, Frieden gar, die gibt’s hier nicht! –
kriecht dir im Rücken schon die Nacht heran
und in dem es tückisch gleißt und glimmt,
des Geistes Staubgeweb, der Traum.
Mit dem Besen, gepriesen sei er, kehrst du,
selber Staub vom Staub, den Staub.
Gepriesen sei der Besen,
mit dem die Spreu der faulen Worte,
die Füllsel toter, leerer Lügennamen,
du von der Tenne kehrst,
und hast geerntet nur ein goldnes Korn.
Und bettest du dich heim zur Erde nackt,
und ruhst vom Wisch- und Kehrdienst ewig aus –
mein Preislied hält dir eine hohe Seele wach,
den Feger leg ich dir in dieses Grab.
Gepriesen sei das konvexe Doppelglas,
das von verschwommenen Bildern dich erlöst,
das dir die wahre Weltanschauung gönnt,
statt der Scheuklappen der falschen,
die dir der Sturm der Zeit herunterriss.
Gepriesen sei die Brille –
auch wenn sie dir das Kichern
dummblonder Gören eingebrockt hat,
du hast doch endlich klar erblickt,
wie die Leuchtspur des ewigen Schnees,
was auf der grünen Tafel stand:
Exegi monumentum aere perennius.
Gepriesen sei die Brille,
auch wenn sie deine Augen ferner rückt,
sie bringt dich einem Leben nah,
das, von Licht erheitert,
du nicht bang und blöd,
kurzsichtig nicht beglotzen sollst.
Ich weiß, du hast, bebrillter Sehnsuchtsaffe,
all die Rätselaugen nah und klar geschaut,
die dir sagten: „Nein, es tut uns leid,
wir wissen in diesem menschenwüsten Wimmeln,
wir wissen jenseits dieses Jahrmarkts
greller Buden, blinder Fenster, wirrer Reden
von keinem Bahnhof, keinem Zug,
der dich nach Hause führe.“
Gleichwohl, die Brille sei gepriesen,
mit der im Heimatlosen du den Durchblick hast.
Schau, die Brille ist ein Wahrheitszeuge,
Zeuge wahrer Nähe, echter Liebe:
Nur unterm Schattenbogen liebster Augenbrauen
magst du dich räkeln wohlig-blind.
Gepriesen sei der Liebeszeuge,
der ungenutzt am schönsten nutzt.
Preislieder auf das gewöhnliche Leben II
Gepriesen sei das lederne Schuhwerk
und seine gediegene Festigkeit,
weich gehämmert und kunstgerecht vernäht,
das mir die langen Wanderwege hat vergönnt:
Koblenz–Stolzenfels–Rittersturz–Merkurtempel–
Villa Rustica–Remstecken–Karthause,
Rhens–Königsstuhl–Gedeonseck–Vierseenblick–Boppard.
Wege, die von Trauerschmerzen weich
ich um Abschied mir erschritt, erstritt:
von der Mutter Heimgang
im Sterbe-Tollhaus in der Laubach,
den sie gesänftigt von heiliger Salbung,
leicht wie eines zarten Vogels Traum,
hinabgeseufzt.
Gepriesen sei das Schuhwerk,
das mich festen Schritts
auf gekiester, auf bemooster, auf lehmiger Bahn
zur Heiligung der Muttererde hat geführt,
als das mütterliche Herz,
das mich mit Stolz und Angst und Gläubigkeit genährt,
nur immer ferner, leiser, unhörbarer schlug.
Gepriesen sei das Schuhwerk,
das mich die alten Sehnsuchtspfade hat geführt,
auch wennʼs die eine oder andre Blase gab.
Gepriesen sei, derʼs über seinen Leisten schlug,
der gute Schuster unbekannt.
Doch istʼs nicht gut,
am Mittag tapfer ausgeschrittenen Wegs
barfuß in kühlem Sand zu baden,
den nackten Fuß entgegenstrecken
den Küssen süßer Tropfen?
Und istʼs nicht besser, das Beste nicht,
am Ende schweren Gangs
die Schuhe von den rauchenden Füßen streifen?
Den letzten Gang gehst du freilich unbeschuht:
Oder meinst du, in jenem Garten melodisch
ausgegossenen Lichts könntest du auf Unrat treten?
Und in jenen siedenden Pfühlen,
was nutzten dort die besten Schuhe?
Solange wir den Asphalt der Kultur beschreiten,
müssen wir mit Voltaires Schmerzensgrinsen
einsamen Wallers Träumereien verwinden.
Solange sei das gute Schuhwerk hoch zu preisen.
Preislieder auf das gewöhnliche Leben I
Gepriesen sei die bunt bemalte Tasse,
an der du deine Hand gewärmt,
zu deren Rand du deinen Mund geführt,
aus der du roten Tee geschlürft hast.
Gepriesen sei die zarte Frauenhand,
die warmen Blicks den Rohling hat bemalt,
der Töpfer sei gepriesen,
der ihn gedreht, geformt, gebrannt.
Gepriesen sei der Erde Wunder-Schoß,
wo in Riesel-Schlünden und in blauen Minen
neben der Minerale reinen Farben
der weiche Ton ist ausgereift.
Gepriesen sei der rote Tee,
der schwarze Schlamm, aus dem er spross,
der Schweiß der armen Bauern
mit den spitzen Hüten Asiens.
Gepriesen sei die bunt bemalte Tasse,
gepriesen sei, der sie geküsst, dein Mund,
und der die Tasse pries und deinen Mund,
er sei gepriesen auch!
Dein Händchen sei geküsst!
Du hast den rissigen Lederriemen
an deiner Lebenswandertasche
so fein vernäht, Stich auf Stich –
dein Händchen sei geküsst!
Du hüllst die scheuen Knospen deiner Brust
vor den Blicken deines liebsten
Sittenstrolches mit der Hand –
dein Händchen sei geküsst!
Manchmal zögert sich ins Licht,
ein weißer Falter, deine Hand,
und landet sanft auf einer lieben Schulter –
dein Händchen sei geküsst!
Dann wieder wischt dein Handstreich
die Zweifelsfrage aus der Luft,
ein Wehen loser Fäden –
dein Händchen sei geküsst!
Katzenpfotig ballt sie sich voran,
dem liebend Hingestreckten
das Hemdchen hochzuzerren –
dein Händchen sei geküsst!
Gottes Mühle oder Beelzebubs?
Mahle, Mühle, mahle
unser Seelenkorn –
knacke unsre Schale,
breche unser Horn.
Mahle, Mühle, mahle,
bis ein goldner Staub
für das Leid bezahle –
bis die Herzen taub.
Mahle, Mühle, mahle,
bis ein goldnes Mehl
rinnt aus unsrer Schale –
Opfergabe ohne Fehl.
Wird ein Enkelsohn
Lebenssinn sich backen –
oder werden Gott zum Hohn
Ratten darein kacken?
Philosophische Fragen und Antworten VI
Soll ich einen Gedanken oder Begriff seiner Bedeutung und Relevanz wegen hervorheben und an den Beginn all meiner philosophischen Überlegungen stellen?
Ja, den Gedanken an dich selbst, den Urgedanken.
Der Gedanke an dich oder mich oder sich ist der Urgedanke, der alle deine oder meine oder seine sonstigen Gedanken begleitet, triviale oder erhabene, moralische oder unmoralische, wahre oder falsche wie der Mond die Erde oder die Erde die Sonne. Du kannst nicht denken, ohne gleichzeitig mehr oder weniger deutlich an dich selbst zu denken.
Du stößt immer wieder auf den Gedanken an dich, wenn du bemerkst, dass all dein Erleben um den Kern deines Ich wie in den alten Atommodellen die Elektronen um den Atomkern kreisen. Du stößt immer wieder auf den Gedanke an dich, wenn du bemerkst, dass du niemand anderen, und sei er dir noch so nahe, in die gleichsam intime Beziehung zwischen dir und deinem Gedanken an dich hineinlassen kannst, ebenso wenig wie es dir vergönnt ist, jemals in den Selbstbezug des anderen, und sei er dir noch so nahe, einzudringen.
Wenn du an dich denkst, bist du da. Du kannst nicht fehlgehen und ängstlich vermuten, du könntest, wenn du an dich denkst, versehentlich jemand anderen meinen. Du weißt nicht, woher der Gedanke an dich rührt, aus welchem Horizont er aufstieg – wenn der Gedanke an dich da ist, bist du da.
Der Gedanke an dich selbst, dein Wissen darum, hier und jetzt da zu sein, ist kein kognitiver Universalschlüssel, der dir die Türen zu allen möglichen Welten des Wissens aufschlösse. Der Gedanke an dich selbst schützt dich nicht davor, in vielem anderen fehlzugehen und nicht klar zu sehen. Der Gedanke an dich schützt dich zum Beispiel nicht davor, heute zu meinen, du habest mich gestern gesehen, und dabei war es in Wahrheit vorgestern, dass wir uns begegnet sind. Der Gedanke an dich impliziert demnach weder eine vollständige Selbstgegenwart oder Selbstpräsenz – die für schwache Wesen wie unsereins schlechterdings unerreichbar bleibt – noch setzt er sie voraus, wie einige angenommen haben (Jacques Derrida).
Der Gedanke, dass der Mond der Erdtrabant ist oder dass du mich gestern getroffen hast, ist von ganz anderer Struktur und hat eine ganz andere logische Form als der Gedanke an dich, der Urgedanke. Du könntest dich in Bezug auf die Wahrheit der Aussage, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist, irren (wenn sich beispielsweise herausstellt, dass in einem ansonsten identischen Paralleluniversum die Erde nicht von einem, sondern von zwei Planeten begleitet wird); und du könntest dich wie gesehen natürlich in Bezug auf die Wahrheit der Aussage irren, dass du mich gestern getroffen hast – während diese Art des kognitiven Fehlgehens hinsichtlich des Gedankens an dich oder des Gedankens an dein Dasein ausgeschlossen ist.
Es ist bekanntlich gleichgültig in Bezug auf die Existenz äußerer Gegenstände der Wahrnehmung wie Planeten oder theoretischer Entitäten wie Quarks, ob du an sie denkst oder nicht an sie denkst – doch in Bezug auf deine eigene Existenz geht es schlicht ums Ganze: Denkst du an dich oder denkst du nicht an dich, bist du da oder existierst du nicht.
Hörst du auf, an dich zu denken oder wieder an dich denken zu können wie im Schlaf oder einer vorübergehenden Ohnmacht, existierst du nicht mehr. Hier gilt die Gleichung: esse est cogitari, Denken ist Sein.
Wenn du dein Wissen von der Existenz des Mondes einbüßen solltest, was schert es ihn, er mondet friedlich weiter. Solltest du allerdings dein Wissen um dein Dasein einbüßen, hätte dies fatale Folgen für dein Leben.
„Wissen um sich“ hat eine andere Struktur und logische Form als „Wissen, dass p“. Beim Wissen um sich ist dem Wissenden der Inhalt seines Wissens unmittelbar gegeben: Du musst den Gedanken an dich nicht rechtfertigen, in dem du auf andere Tatsachen der Wahrnehmung hinweist, aus denen er abgeleitet werden könnte. Weil der Gedanke an dich nicht die Form des Gedankens an etwas hat, ist er nicht einmal eigentlich eine Form des Wissens – kann Wissen doch immer in Frage gestellt, revidiert oder verworfen werden. Das Wissen von der Existenz des Mondes als dem Erdtrabanten kann als Wissen davon beschrieben werden, dass es unter allen Entitäten nur eine einzige gibt, die die Eigenschaft aufweist in einer elliptischen Flugbahn den Sonnenplaneten Erde in unserem Sonnensystem der Milchstraße zu umkreisen. Der Gedanke an dich duldet keine Form einer solchen Erklärung und Rechtfertigung: Entweder ist der Gedanke da oder er ist nicht da – er ist gegeben oder nicht gegeben.
Wir fassen den Gedanken an die kontingente Tatsache in den Blick, dass die Sonne von acht Planeten umkreist wird, und belegen die Kontingenz dieser Tatsache mit der Möglichkeit des Gedankens, dass es in der kosmischen Entwicklung des Sonnensystems nicht zur Entstehung unseres Heimatplaneten gekommen wäre.
Der Gedanke an dich ist nicht ein Gedanke an eine kontingente Tatsache. Es gibt keine Möglichkeit eines Gedankens derart, dass du in einer möglichen Welt existiertest, ohne den Gedanken an dich zu haben. Denn wenn dieser Gedanke, in welcher Welt auch immer, ausbliebe, existiertest du nicht. Folglich sind der Gedanke an dich und die Tatsache deiner Existenz in einer notwendigen Beziehung miteinander verknüpft.
Du bist nicht in der Lage, gleichzeitig an dich zu denken und deine Existenz in Frage zu stellen. Versuche es! Du bleibst gleichsam an dir – an dem Gedanken an dich – hängen. Die Notwendigkeit der Beziehung des Gedankens an dich und der Tatsache deiner Existenz erweist sich auch in der logischen Folgerung eines Widerspruchs, wenn du diese Beziehung negierst. Versuche es, versuche an dich zu denken und gleichzeitig diesen Gedanken an dich mit dem Gedanken deiner Nichtexistenz zu verknüpfen – du bleibst im Widerspruch hängen – und der Widerspruch ist das eindeutige Indiz dafür, dass der Gedanke falsch und sein Gegenteil wahr ist.
Der Gedanke an dich, der Urgedanke, ist kein Fundamentalgedanke und der Begriff des Ich oder Selbst, der Urbegriff, ist kein Fundamentalbegriff.
Urbegriffe sind Begriffe oder Konzepte, die das gesamte Netzwerk all unserer sonstigen Begriffe und Konzepte gleichsam durchwalten und regulieren oder in einem sachgemäßen Bild: Urbegriffe sind die Knoten, die das gesamte Netzwerk unserer sonstigen Begriffe zusammenhalten, verdichten und verknüpfen.
Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffe sind Gedanken und Begriffe, aus denen andere Gedanken und Begriffe abgeleitet, zusammengesetzt und begründet werden können. Aus dem Begriff der Menge kann ich den Zahlbegriff ableiten: Der Begriff der Menge ist im Verhältnis zum Begriff der Zahl fundamental.
Urgedanken und Urbegriffe sind nicht wie Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffe begriffliche Atome, aus denen wie Wörter aus Buchstaben, Sätze aus Wörtern, Stoffe aus chemischen Elementen alle sonstigen Gedanken und Begriffe abgeleitet und zusammengesetzt werden könnten. Insbesondere ist der Gedanke an dich, der Urgedanke des Ich und Selbst, nicht der eigentliche, aber latente Inhalt aller sonstigen Gedanken, den eine überschwängliche Metaphysik durch alle Phasen der begrifflichen und historischen Entwicklung aufzuspüren und aufzudecken hätte (Hegel).
Urgedanken wie der Gedanke an dich und Urbegriffe wie der Begriff des Ich können nicht aus tieferliegenden Gedanken und Begriffen oder Strukturen, aus Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffen, abgeleitet, begründet und erklärt werden. Der Urbegriff des Ich kann nicht mithilfe des Fundamentalbegriffs der sprachlichen Semantik, des sprachlichen Indikators für die erste Person singularis oder dem Personalpronomen der ersten Person „ich“ abgeleitet, begründet und erklärt werden.
Einem Automaten, der haargenau so aussähe wie du und kein Bewusstsein hätte und daher nicht wüsste, dass er er, das heißt, das er ein Ich ist, könnten verschmitzte Techniker einen Algorithmus zur korrekten Verwendung des sprachlichen Indikators oder des Personalpronomens der ersten Person singularis „ich“ einprogrammieren, so dass er oder „du“ im gegebenen Fall, wenn ich ihn und „dich“ nach seinem und „deinem“ Befinden fragte, er und „du“ korrekt antworten könnten „Mir geht es gut“. Allerdings wüssten er und „du“ nicht, was er und „du“ meinten, wenn er und „du“ diese wohlgebildete Antwort gäben, geschweige denn, dass er und „du“ wüssten, dass er und „du“ mit „mir“ sich selbst und „dich“ selbst meinten.
Daraus folgern wir, dass die korrekte Verwendung des Personalpronomens der ersten Person singularis und das Erlenen dieser korrekten Verwendung die Existenz des Gedankens an dich oder die Identität der Person voraussetzen und nicht begründen oder konstituieren können. Wenn du nicht bereits über den Gedanken an dich verfügtest, worauf solltest du den sprachlichen Indikator denn anwenden?
Dies gilt auch für die sprachlichen Indikatoren „hier“ und „jetzt“: Sie setzen den Gedanken an dich oder die Identität der Person voraus. Nur in Hinsicht auf den Gedanken an dich ist es sinnvoll zu sagen, dass du dich jetzt hier an diesem Ort aufhältst. Und weil die variable Situation die Bedeutung der Indexwörter „hier“ und „jetzt“ variiert, müssen wir die Identität dessen, der sie anwendet, voraussetzen oder voraussetzen, dass sich der Gedanke an dich in der Zeit und unabhängig von der Umgebung kontinuiert oder als derselbe festgehalten wird.
Wenn die Beziehung zwischen dem Gedanken an dich und der Tatsache deiner wirklichen Existenz der Struktur und logischen Form nach eine notwendige Beziehung darstellt, folgt daraus wie gezeigt, dass sie keine kontingente oder zufällige Beziehung sein kann. Wenn der Gedanke an dich, der Urgedanke, keine kontingente Tatsache meint, dann auch keine natürliche oder historische Tatsache, denn alle Tatsachen, Vorkommnisse und Ereignisse der natürlichen Welt und der Geschichte hätten auch ausbleiben oder anders ausfallen können. Wenn wir ausschließen, dass der Gedanke an dich sich nicht allmählich entwickelt hat – er ist wie auf einen Schlag da oder er ist nicht da –, kann er folglich nicht mit den Kriterien des Erklärungsschemas der darwinistischen Evolution erklärt werden. Wenn der Gedanke an dich kein Resultat historisch kontingenter Entwicklungen darstellt, dann insbesondere auch nicht das Resultat einer spezifisch europäischen oder patriarchalischen oder kapitalistischen Entwicklung von Mächten der Disziplinierung und Unterwerfung unter ein historisches Subjekt (Michel Foucault).
Der Gedanke an dich oder die Tatsache deiner Existenz sagt nichts darüber aus, wer oder was du bist. Die vom Gedanken an dich gleichsam ausgeleuchtete Welt, in der du lebst, die subjektive Welt deines Daseins, ist dir im und über das Medium deines Körpers gegeben. Du bist im Gedanken an dich nicht nur überhaupt da, sondern immer auch irgendwie da: Du befindest dich in einem situierten Erlebnishorizont körperlich bedingter Gefühle und Stimmungen, die dir die Welt, die subjektive Welt deines Lebens und Erlebens, erschließen.
Du erlebst deinen Körper und alle durch ihn übermittelten Erlebnisse und mentalen Inhalten deiner Empfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen im Lichte des Gedankens an dich, auch wenn du dich anders als beim Gedanken an dich über die Inhalte deiner Empfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen täuschen und irren kannst.
Durch den Gedanken an dich und die in seinem Lichte ausgeleuchteten Dimensionen deines Erlebens erschließt du dir eine Welt des Sinns, nicht eine Welt bewusstloser Körper und bewusstloser körperlicher Ereignisse, die den Gedanken an sich von sich ausschließen. Insofern grenzt es ans Absurde, wenn Neurowissenschaftler und von ihnen irregeleite Philosophen sich unterfangen, mittels wissenschaftlicher Verfahren, wie der bildgebenden Verfahren der Neurologie, den Gedanken an sich oder das Selbstwissen aus den Strukturen und Ereignissen im neuronalen Cortex ableiten und erklären zu wollen. Gehört es doch geradezu zum Sinn und Ethos naturwissenschaftlicher Methodik, Informationen zu ermitteln, die dadurch zustande kommen, dass sie vom Gedanken an sich und von allen subjektiven Perspektiven losgelöst sind.
Du hast gelernt, „ich“ zu sagen, aber du hast nicht gelernt, den Gedanken an dich zu haben, und nicht gelernt, ein Ich zu sein. Bei dem, was du gelernt hast, wie Rechnen, kann ich dich auf einen Fehler oder die Lösungsmöglichkeit einer Gleichung aufmerksam machen. Auf den Gedanken an dich, darauf, dass du da bist, kann ich dich nicht aufmerksam machen – als wärest du jetzt gerade nicht bei dir und wenn ich dich freundlicherweise auf die Tatsache deiner Existenz stieße, ginge dir das Licht des Gedankens an dich auf.
Pseudopodien der Liebesangst
Kleine deutsche Stilübungen IX
„Wie könnten wir, in siamesischer Liebe vereint, uns trennen – flüsterst du mir nicht, was ich kaum gefühlt, ins Ohr, sprichst du nicht, was ich kaum gedacht, klar und deutlich aus – fühle ich nicht, was du schüchtern oder schützend ins Schweigen hüllst, was du vor dir selbst verbirgst, beseligt oder peinigend genau?“
„Bleib ganz nah, geh nicht weg – sonst kann ich mich in deiner Pupille nicht mehr sehen und stürze ins Leere.“
„Bleib ganz nah, geh nicht weg – sonst zieht mir in die Nase statt deines lieben Dufts der fade Dunst der Wirklichkeit.“
„Bleib bei mir, geh nicht weg – sonst verbleicht dein mich bergender Schatten und das grelle Licht des Lebens blendet mich!“
„Bleib ganz nah, geh nicht weg – wenn du entfliehst, stranguliert mich der Strick um den Hals, der mich mit dir verbindet.“
„Du kannst mich nicht verlassen – ich habe keine Wurzeln in der Erde getrieben, sondern in deiner Luft wurzelnd und dich umschlingend bin ich an dir emporgewachsen.“
„Dreh mir nicht den Rücken zu – sonst verzehre ich mich, nähren mich doch einzig deine Blicke.“
„Verlass mich nicht – ich verstumme ja, rührt deine sanfte, starke Hand nicht mehr die wohlgestimmten Saiten meiner Seele.“
„Verlass mich nicht – sonst würgen meine eignen Worte mich, die doch nur Geltung finden, die wahr nur werden in der Muschel deines Ohrs.“
„Bleib ganz nah – nur Gebüsch und Bausch deines Haares gönnt mir das Dunkel, die Bergung vor feindlichem Strahl.“
„Verlass mich nicht – zerschneidest du das Band, flieg ich ins leere All, ein schwereloser Luftballon.“
„Wende dich nicht ab – ohne den reinen, lauteren Spiegel deiner Seele werde ich mir hässlich und verhasst.“
„Schüttelst du mich ab – ich fall zu Boden vor der Zeit, eine unreife Frucht.“
„Verlass mich nicht – einzig du vermagst die scheu flackernde Flamme meines Lebens mit gütigen Händen zu behüten, da draußen geht ein schwarzer Wind.“
„Du, geh nicht fort – einzig du kannst, meinen Namen rufend, mich in des Daseins Unschuld wecken.“
„Verlass mich nicht – ohne den süßen Rhythmus deines Lieds vertanz ich mich, erlahme ich, muss mich an toten Krücken hangeln.“
„Du, geh nicht fort – ohne den Schlüssel deiner Küsse bleibt mir der Mund verriegelt alle Zeit.“
Kleine deutsche Stilübungen VIII
… windschief stehend, vor dem Grab der Großmutter, bei den Eltern, die nicht wissen, was anfangen mit dem Kerl – ihn so lange ohrfeigen, bis er gerade steht, ihn windelweich schlagen, auf dass er nicht mehr gerade stehen kann? – verlegen vor dem Kameraauge – wo die affenlangen, klammen Hände verstecken? – verstörten Blickes, ratlos, ob er nun beschämt vor sich hinstarren, ob scheinbar ungerührt schräg in die Ferne stieren solle – eingekleidet noch von der Mutter in Senioren-Strickjacken und viel zu engen Hosen, der Mutter, die in ihren großgepunkteten Kleidern und Bausche-Hüten ihm einen Jahrmarktsbudenspiegel verzerrter Selbstverliebtheit vorhielt – den Tränen nah, unglücklich-glücklich, wenn die knospenharten, aufgequollenen Brüste der Nachbarstochter ihn im Gewühl der gestopfte vollen Straßenbahn bedrängten – aufgeklärt durch die gewalttätig-obszönen Witze seiner Ko-Ministranten, unter ihrer gottesdienstlichen Weibsgewandung fummelnd, und dem Schock bebrillter Lektüre im zerfledderten Lexikon des elterlichen Lesezirkels, wonach Virilität sich in der Dichte des Blutandranges in mystischen Schwellkörpern bemesse – angeekelt von der Wahrheit des Todes, die ihm im vollen Blecheimer mit den Blutkloaken der im Sterben liegenden, röchelnden Großmutter entgegenstank – heimgesucht von der Gabe eines durchdringenden, nadelspitzen Verstands, der ihm den Vater alsbald entfremdete, als dieser ihn im Schach nicht mehr besiegen konnte, der ihm die Schmach der Überlegenheit über seine Mitschüler einhandelte, die sich mit zotigen Kritzeleien in seinem Schulheft rächten – mitleidig belächelt von der schönen Nachbarstochter, die auf fragilen Stelzen zur Tanzschule balancierte, nachdem er ihr im Diskant des Stimmbruchs Nachhilfe in Latein erteilt hatte – warʼs nicht die ars amatoria, die sie tückisch aufgetischt hatte, so dass am Ende nicht er sie, sondern sie ihn mit spitzem Munde korrigierte? – verkrampft im Hirnzwang, alle und noch die unscheinbarsten, verborgensten Herzensregungen unausgesetzt, unmittelbar in den Kokon einer verflixt exquisiten Wendung zu spinnen, jeden noch so laschen Impuls in der Falle gesuchter Vergleiche zappeln zu lassen, bis er, ein toter, stinkender Fisch, sich nicht mehr rührte – bemüht in hilfloser Arroganz, die nackten Tatsachen des Lebens in angelesenen Begriffsfetzen ängstlich, doch vergebens zu hüllen, Tatsachen, die ihn im Schrei des pavor nocturnus einzuholen pflegten – nur manchmal einen Augenblick, einen Atemzug, vergessenstief, geblendet von Glühwürmchen eines freien dichterischen Worts, die im windigen Garten der Schlaflosigkeit unter Zweigen dunklen Webens auf- und niederschwirrten, als wären tausend Augen zu erschauen, zu küssen ihn geneigt …
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette