12. Uses of Diagrams to Test Validity of Schemata
If we have two predicates applying in our Universe, we may have things of four different kinds described by means of these predicates: for a given thing a in the universe there are four possibilities
1. a is F and a is G
2. a is F and a is G’
3. a is F’ and a is G
4. a is F’ and a is G’
So the object may come in one of four different cells or compartments of the Universe.
Venn diagram Lewis Carroll diagram
The shape of the cells clearly doesn’t matter logically, only the exhaustive division of the Universe into four cells. If we have three predicates we need eight cells:
Venn diagram Lewis Carroll diagram
Cell 1 for FGH’; Cell 2 for FGH;
Cell 3 for FG’H; Cell 4 for F’GH’
For four predicates we need sixteen cells; and so on.
So far the diagrams tell us nothing about the Universe — only shows us a logical possibility of classifying its contents. To show propositions in a diagram we put a mark in a cell to show that it is empty (0) or non-empty (X). If we are given premises and a conclusion:
1. If the premises and the contradictory of the conclusion canbe togetherrepresented in the diagram, this will be because there is an interpretation that will make the premises true and the conclusion false: so the form of argument is invalid.
2. If the premises and the contradictory of the conclusion cannotbe together represented in the diagram, then this will be because in representing the premises we have already represented the conclusion and could not do otherwise: so the form of argument will be valid.
The result will always go one way or the other, so this is a decision procedurefor the validity of argument-schemata.
It pays off if we represent emptiness of cells before trying to represent cells’ being non-empty. If we must show e.g. that the FG cell is non-empty, we must represent this by putting X somewhere in the FG cell — but this doesn’t tell us whether to put it in the FGH cell or the FGH’ cell. We could then use Lewis Carroll’s dodge and put the X ‘on the fence’ between the two cells:

but we may not need to do this if the FGH cell is already marked as empty, since a X and a O cannot go into the same (undivided) cell: we then must mark the diagram thus:
Examples of valid and invalid schemata:
Every F is G ; every F is H; ergo some G is H.
In existential form the premises are: FG’ = O, FH’ = O, and the contradictory of the conclusion is: GH = O. Let us see how to represent this information.
FG’ = O, so FG’H = O and FG’H’ = O. FH’ = O, so FGH’ = O and FG’H’ = O. GH = O, so FGH = O and F’GH = O. All this is represented in the diagram, so the argument is invalid. Notice, however, that if we adopted Lewis Carroll’s way of reading ‘every’ proposition the premises would also give us the information: FG ≠ O, FH ≠ O. If we first represent FG’ = O, FH’ = O, we find we have to represent the further information as below:
(After inserting the Os, there is only one place left to put the X within the FG cell or the FH cell.)
We now cannot mark the GH cell as empty, so the argument is valid. This is no surprise, because the Lewis Carroll way of reading ‘every’ propositions makes them more informative, and a conclusion that doesn’t validly follow when we have less information may follow when we have more. (Can a conclusion ever follow from more limited information, but be seen not to follow when we have further information?)
It is hard to draw four-term Venn diagrams (impossible with overlapping circles), but quite easy to draw four-term Lewis Carroll diagrams, thus:
(i.e. the inside large vertical rectangle is the H cell, the inside large horizontal compartment is the K cell).
If we wish to represent a singular proposition of form ‘a is FG’ say, then we simply use an asterisk instead of an X. Since an asterisk contains an X, this is meant to show that a cell containing an asterisk is marked as non-empty. The only extra rule we need is that since an individual cannot belong to two separate classes (e.g. a cannot be both FG and F’GH) we must put only one asterisk in the diagram if only one individual name figures in the premises — whereas there is no ban on inserting several Xs in the diagram.
12. Die Verwendung von Diagrammen zur Überprüfung der Gültigkeit von logischen Schemata
Wenn wir zwei Prädikate in unserem Universum haben, könnten wir vier Gegenstände verschiedener Art unterscheiden, die mittels dieser Prädikate beschrieben werden: Für einen in unserem Universum gegebenen Gegenstand a gelten vier Möglichkeiten:
1. a ist F und a ist G
2. a ist F und a ist G’
3. a ist F’ und a ist G
4. a ist F’ und a ist G’
Demnach kann der Gegenstand a in einem von vier verschiedenen Zellen oder Abteilungen des Universums auftauchen.
Venn-Diagramm Diagramm von Lewis Carroll
Der Umriss der Zellen tut logischerweise nichts zur Sache, der wesentliche Punkt ist die vollständige Aufteilung des Universums in vier Zellen. Wenn wir drei Prädikate haben, benötigen wir acht Zellen:
Venn-Diagramm Diagramm von Lewis Carroll
Zelle 1 für FGH’; Zelle 2 für FGH;
Zelle 3 für FG’H’; Zell 4 für FG’H
Zelle 5 für F’GH’; Zelle 6 für F’GH
Zelle 7 für F’G’H’; Zelle 8 für F’G’H
Für vier Prädikate benötigen wir 16 Zellen usw., x2, wenn x die Anzahl der Prädikate darstellen.
In dieser Form verraten uns die Diagramme keine definitiven Inhalte über das Universum – sie zeigen uns nur die logischen Möglichkeiten, wie wir die Inhalte anordnen oder klassifizieren können. Wenn wir Aussagen in einem Diagramm einzeichnen wollen, versehen wir eine Zelle mit dem Zeichen 0, um anzuzeigen, dass sie leer ist, und mit dem Zeichen X, um anzuzeigen, dass sie nicht leer ist. Wenn wir Prämissen und eine Konklusion vor uns haben, gehen wir wie folgt vor:
1. Wenn sowohl die Prämissen als auch die Negation der Konklusion im Diagramm dargestellt werden können, liegt das offensichtlich daran, dass eine Interpretation der beiden Aussagen die Prämisse wahr macht und die Konklusion falsch: Demnach ist die Form des Arguments ungültig.
2. Wenn dagegen die Prämissen und die Konklusion nicht gleichzeitig im Diagramm dargestellt werden können, liegt das offensichtlich daran, dass in der Darstellung der Prämissen die Konklusion bereits enthalten war: Demnach ist die Form des Arguments gültig.
Eine Überprüfung der Gültigkeit von Argumenten mittels solcher Diagramme kommt immer zu dem einen oder dem anderen Ergebnis. Das heißt, es handelt sich um ein Entscheidungsverfahren in Bezug auf die Gültigkeit von Argumentformen.
Es lohnt sich, zuerst die leeren Zellen zu markieren, bevor wir die belegten Zellen zu markieren versuchen. Wenn wir zum Beispiel zeigen müssen, das die FG-Zelle nicht leer ist, müssen wir dies dadurch anzeigen, dass wir ein X mitten in die Zelle platzieren – doch das sagt uns noch nichts darüber, ob wir berechtigt sind die FGH-Zelle oder die FGH’-Zelle ebenso zu markieren. Wir können im Zweifelsfalle den Trick von Lewis Carroll anwenden und das X genau auf der Grenzlinie platzieren:
Allerdings dürfen wir das nicht tun, wenn die FGH-Zelle bereits als leer markiert ist, denn die Zeichen 0 und X dürfen nicht in derselben Zelle vorkommen. Folglich müssen wir das Diagramm folgendermaßen markieren:
Beispiele für gültige und ungültige Schemata:
Jedes F ist G. Jedes F ist H. Ergo: Einige G sind H.
In quantifizierter Schreibweise stellen wir die Prämissen so dar: FG’ = 0. FH’ = 0. Die Kontradiktion der Konklusion sieht so aus: GH = 0. Dieses Argument können wir in ein Diagramm fassen:
FG’ = 0, also FG’H = 0 und FG’H’ = 0. FH’ = 0, also FGH’ = 0 und FG’H’ = 0. GH = 0, also FGH = 0 und F’GH = 0. Alle diese quantifizierten Aussagen sind in dem Diagramm eingeschrieben, das heißt: Die Argumente sind alle ungültig. Würden wir die Lesart von Lewis Carroll benutzen, gäben uns die Prämissen noch folgende Informationen: FG ≠ 0, FH ≠ 0. Wenn wir zunächst die Aussagen FG’ = 0 und FH’ = 0 darstellen, werden wir die restlichen Informationen in folgender Weise in das Diagramm schreiben:

(Nachdem die Nullen eingetragen haben, gibt es nur noch einen Platz in der FG-Zelle oder der FH-Zelle, in der wir das X markieren können.)
Wir können die GH-Zelle nicht mit einer Null als leer kennzeichnen, also ist das Argument gültig. Das ist keine Überraschung, weil die Lesart von Lewis Carroll für die Aussagen mit dem Quantor „einige“ mher Infiormatioonen enthält, und eine Konklusion, die wir bei weniger Information nicht schlüssig folgern können, lässt sich eher folgern, wenn wir mehr Information zur Verfügung haben. (Kann eine Konklusion jemals aufgrund einer begrenzten Information folgen, aber nicht folgen, wenn uns mehr Information zur Verfügung steht?)
Es ist ziemlich schwierig, Venn-Diagramme für vier Prädikatterme zu bilden (mittels überlappender Kreise funktioniert es gar nicht). Aber mit den Diagrammen von Lewis Carroll ist es ziemlich leicht:
(Beachte: Das innere lange Rechteck in der Vertikalen ist die H-Zelle, das innere lange Rechteck in der Horizontalen ist die K-Zelle.)
Wenn wir eine singuläre Aussage der Form „a ist FG“ im Diagramm abbilden wollen, gebrauchen wir einfach ein Sternchen anstelle des X, um zu markieren, dass die Zelle nicht leer ist – ein Sternchen enthält ja ein X. Die einzige Zusatzregel, die wir anwenden müssen: Da eine Individuenkonstante wie a nicht gleichzeitig zwei verschiedenen Klassen angehören kann (zum Beispiel kann a nicht beides sein: FG und F’GH), dürfen wir immer nur ein einziges Sternchen pro Diagramm verwenden, wenn nur ein einziger Name für einen Gegenstand in den Prämissen auftaucht – dagegen steht es uns frei, mehrere X in ein Diagramm einzuschreiben.
Peter Geach, Wittgensteineley
(von Herrn Geach selbst sowohl gedichtet als auch gesungen)
“I know not if there is a reason
Why I am so sad at heart.”
For Frege explains on so many pages that there is a Sinn.
But fear weighs heavy when night falls,
And nothing nothings the No.
The peak of the mountain is sparkling
In the furthest Aussersein.
The round square twinkles.
The King of France is sitting up there
And combing his only hair
With a one tooth comb
And sings a song as well
Which has an enthralling silent melody.
In his little boat, Frege hears it with much woe.
He does not see the contradictions,
he only gazes up the mountain.
I believe that the waves will devour Frege and his ship.
And this by his song’s sheer power
Herr Wittgenstein has done.
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin.“
Frege erklärt es doch allen Leuten:
Es gibt einen, gibt einen Sinn.
Doch Ängste steigen auf, wenn Nächte fallen
und das Nichts nichtet in uns allen.
Die Bergesspitze schimmert
im äußersten Außersichsein.
Das Quadratrund flimmert.
Der König von Frankreich sitzt droben in seinem Horste
und kämmt sein einziges Haar
mit seines Kammes einziger Borste.
Er kämmt sich und singt ein altes Lied dabei,
das hat eine gewaltige, gar stumme Melodei.
In schwankem Kahne Frege lauschet mit Weh,
er achtet nicht der Kontradiktionen,
er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich fürchte, am Ende werden nicht schonen
Frege und seinen Kahn
die schmerzlichen Wonnewogen:
Sie werden bald alles verschlingen.
Und all das hat mit seinem Singen
Herr Wittgenstein getan.
11. Existential Import of Sentence Schemata
This formidable title just means: What does a predicative proposition, schematically represented, imply as to what there is or is not to be found in the given Universe?
‘No’ schemata are easy; ‘No F is G’ means that nothing occurs in the Universe that both is F and is G. ‘Some F is G’ is treated as true if at least one thing both is F and is G, and implies no more than this. In ordinary language ‘some’ may be double-edged: ‘Some men are wise’ may be meant to imply ‘. . . and others are otherwise’. But if such an implication is intended in formal logic, it must be made explicit: ‘Some F is G and some F is G’’
About ‘every’ forms there are differing conventions. In ordinary language there are proverbial expressions where the very point is not to infer ‘Some F is G’ from ‘Every F is G’:
(1) Every rainbow’s end has a crock of gold buried under it.
(2) Every honest miller has a golden thumb.
There is here implied a reading of ‘Every F is G’ as meaning simply ‘No F is G’’
(1) Univ. = places on Earth; . F* = * is the end of a rainbow; G* = a crock of gold is buried under *
(2) Univ = persons: F* = * is an honest miller; G* = * has a golden thumb.
And it is further hinted (though not logically implied) that ‘No F is G’’ comes out true because nothing in the Universe is F. On the other hand, many ordinary-language ‘every’ propositions clearly are meant to imply the corresponding ‘some’ propositions: e.g. ‘Everybody in this room perfectly understands logic’. (A logical example need not be true. False propositions can figure as premises and conclusions in logical work; in fact it is by drawing conclusions from a false proposition that we find out it is false.)
Some logic texts (Lewis Carroll in Symbolic Logic and The Game of Logic) use this convention — that ‘Every F is G’ does imply ‘Some F is G’. In that case the rainbow’s end and honest miller examples will not be represented as ‘Every F is G’ but as ‘No F is G’’, whereas the example about people in this room will be represented by ‘Every F is G’. (Work ou ta specification of the Universe and interpretation of ‘F*’ and ‘G*’ for this last example.)
Most recent texts follow a different convention — that ‘Every F is G’ is always equivalent to ‘No F is G’’ and no more. In that case the example about people in this room will be represented not by ‘Every F is G’ but by ‘Every F is G and some F is G’.
This is a matter of convention, purely. In working examples follow this practice:
As regards an ordinary-language ‘every’ proposition, consider whether it is the likely meaning that the ‘some’ proposition is also implied; settle this before you pass from English to schemata.
State which convention you are employing for the ‘every’ form in schemata, and stick to that convention.
The ‘some’, ‘every’, or ‘no’ form can be reduced to an existential proposition to the effect that in the Universe there are or are not things answering to some complex description. Thus if we write ‘= O’ to show that there are no things in the Universe answering a given description, and ‘≠ O’ to show that there are somesuch things, we get the following results:
Some F is G: FG # O
No F is G: FG = O
Every F is G: FG’= O
(or with Lewis Carroll’s convention: FG’ = O and FG ≠ O).
11. Logik und Existenz
Ich möchte mit dem etwas hochtrabenden Titel auf die Frage hinweisen: Welche existenziellen Konsequenzen, welche Folgeannahmen in Bezug auf das, was in dem vorgegebenen Gegenstandsbereich existiert oder nicht existiert, hat eine in unserem Schematismus dargestellte prädikative Aussage?
Schemata mit dem Quantor „nicht“ sprechen für sich selbst: „Kein F ist G“ heißt einfach, dass in unserem Gegenstandsbereich kein Gegenstand vorkommt, der zugleich F und G ist. „Einige F sind G“ ist nur dann wahr, wenn zumindest ein Gegenstand sowohl F wie auch G ist, es kann natürlich auch mehr als ein Gegenstand sein, aber nicht alle, es kann natürlich auch nur einer sein, aber nicht keiner. „Einige“ kann zweideutig gebraucht werden: „Einige Menschen sind weise“ könnte die Aussage implizieren: „und einige sind es nicht.“ Wenn wir aber eine solche Implikation im Bereich der formalen Logik mitmeinen, müssen wir sie ausdrücklich machen. Also lautet in diesem Falle der eigentlich gemeinte Satz: „Einige F sind G und einige F sind G’.“
Bei den Satzformen, die mit dem Quantor „einige“ gebildet werden, herrschen unterschiedliche Konventionen. In der Umgangssprache benutzen wir sprichwörtliche Wendungen, bei denen die Pointe darin besteht, den Schluss von „Alle F sind G“ auf „Einige F sind G“ nicht zuzulassen.
(1) Unterm Ende eines jeden Regenbogens liegt ein Topf voll Gold vergraben.
(2) Jeder ehrenhafte Müller hat einen goldenen Daumen.
Bei solchen Sätzen müssen wir achtgeben. Hier ist nicht der Schluss von „Jedes F ist G“ auf „Einige F sind G“ impliziert, sondern der Schluss von „Jedes F ist G“ auf „Kein F ist G’“.
(1) Universum = Orte auf der Erde. F* = * ist das Ende eines Regenbogens. G* = Ein Topf voll Gold liegt unter *
(2) Universum = Personen. F* = * ist ein ehrenhafter Müller. G* = * hat einen goldenen Daumen.
Ferner ist angedeutet (wenn auch nicht logisch impliziert), dass „Kein F ist G’“ oder „Kein F ist nicht G“ wahr ist, weil es keinen Gegenstand im gegebenen Universum gibt, der F ist. Andererseits finden wir im täglichen Sprachgebrauch jede Menge Sätze mit den Quantoren „alle“ und „jeder“, die den entsprechenden Satz „Einige sind F“ implizieren. Beispiel: „Jeder, der das liest, versteht perfekt Logik.“ (Ein Beispielsatz aus der Logik muss nicht wahr sein. Falsche Aussagen tun ihren guten Dienst als Prämissen und Konklusionen in Lehrbüchern der Logik. Und in der Tat, wir finden die Falschheit einer Aussage heraus, wenn wir aus ihr Konklusionen ziehen.)
Einige Bücher über Logik (wie Lewis Carrolls Symbolic Logic oder sein Buch The Game of Logic) halten an der Konvention fest, dass der Satz „Alle F sind G“ den Satz „Einige F sind G“ impliziere. In diesem Falle würden die Sätze über das Ende des Regenbogens und den ehrenhaften Müller nicht durch das Schema „Alle F sind G“, sondern das Schema „Kein F ist G’“ dargestellt, wogegen der Beispielsatz über die Leser dieser Zeilen korrekt durch das Schema „Alle F sind G“ wiedergegeben würde. (Du könntest für das letztere Beispiel einmal wie oben vorexerziert den Gegenstandsbereich nennen und die korrekte Interpretation der Formeln „F*“ und „G*“ hinschreiben.)
Die meisten neueren Bücher über Logik halten sich an die Konvention, dass der Satz „Jedes F ist G“ dem Satz „Kein F ist G’“ äquivalent ist, nicht mehr und nicht weniger. Unser Beispielsatz über alle Leser dieser Zeilen würde in diesem Falle nicht durch den Satz „Alle F sind G“ dargestellt, sondern durch den Satz „Alle F sind G und einige F sind G“.
Das ist nur eine Frage der Konvention. Wenn wir an Beispielaufgaben sitzen, gehen wir am besten so vor:
1. Haben wir eine alltagsprachliche Aussage mit dem Quantor „einige“ vor uns, überlegen wir uns, welche Bedeutung wahrscheinlich von der Aussage impliziert wird. Das regeln wir, bevor wir einen deutschen Satz schematisieren.
2. Wir legen fest, welche Konvention wir bei der Verwendung des Quantors „einige“ verwenden wollen, und halten uns daran, solange wir das Beispiel ausarbeiten.
Mit den Quantoren mit der Bedeutung „einige“, „alle“ und „nicht“ oder „keiner“ können wir quantifizierte Aussagen bilden, mit deren Hilfe wir feststellen, ob es in dem festgelegten Gegenstandsbereich Gegenstände gibt oder nicht gibt, die der komplexen Beschreibung entsprechen. Wir verwenden zum Zeichen, dass es keine Gegenstände in unserem Universum gibt, die der gegebenen Beschreibung entsprechen, den Ausdruck „= O“, zum Zeichen, dass es einige Gegenstände gibt, die der Beschreibung entsprechen, den Ausdruck „≠ O“. Dann erhalten wir folgende logischen Schemata mit Angaben ihrer existentiellen Quantifikation:
Einige F sind G: FG ≠ O
Kein F ist G: FG = O
Alle F sind G: FG’ = O
(oder mit der Konvention von Lewis Carroll:
Alle F sind G: FG’ = O und FG ≠ O)
10. Logical Schemata
The following three arguments, though obviously different in grammatical form, are instances of a single logical form:
1. Every philosopher is mortal; Socrates is a philosopher; therefore Socrates is mortal.
2. Edith envies everybody luckier than Edith; Herbert is luckier than Edith; therefore Edith envies Herbert.
3. Herbert is less lucky than everybody who envies Herbert; Edith envies Herbert; therefore Herbert is less lucky than Edith.
The only practical way of representing a logical form is the one invented by Aristotle; in this instance we should get:
4. Every F is G; a is F; therefore a is G.
The letters ‘F’, ‘G’ and ‘a’ are called schematic letters and (4) is called a schema (a term coming down from Aristotle). Textbooks often use the word ‘variables’; but they use this term also for other uses of single letters — these will not concern us for the present.
Each schematic letter has a certain range of interpretations: the small letter ‘a’ is a letter representing proper names. When we pass from ‘a is G’ to ‘Socrates is a man’ we are interpreting ‘a’ by ‘Socrates’. We speak of the category of proper names.
It is convenient to consider in the first instance arguments concerned with objects contained within some definite class. This class is called the Universe of Discourse. The Universe for the arguments we are presently considering is the class of human beings.
There are various things that hold good or do not hold good of each object in such a Universe; e.g. that he/she is a philosopher, that Edith envies him/her, that he/she is luckier than Edith. Expressions for what holds good or does not hold good of objects in a Universe are called predicates. Predicates are a different category from proper names. The big letters ‘F ’ and ‘G’ represent predicates.
The word ‘is’ is a mere concession to English idiom and plays no essential logical role (cf. Russian: ‘John clever’, ‘John rascal’). In logic a proper name and a predicate fit together to make a sentence; logicians regularly use the notation ‘Fa’ rather than the ‘a is F’ that I have been using. So there’s no objection to counting ‘Edith envies Herbert’ and ‘Socrates is mortal’ as two concrete interpretations of ‘Fa’, even though one has an ‘is’ in it and the other doesn’t.
The quickest and easiest way to give interpretations of predicate letters is to stick in an asterisk, ‘*’; this is a mere gap-filling sign — the gap may be filled with the name of any old object in the Universe. Thus given:
a = Edith, F* = * envies Herbert or again
a = Herbert, F* = Edith envies *
we get ‘Edith envies Herbert’ as the reading of ‘Fa’ or ‘a is F’. (Both interpretations work.)
And with the readings
F* = * is luckier than Edith G* = Edith envies *
‘Every F is G’ will be interpreted as ‘Every(body who is) luckier than Edith, Edith envies’. The ‘—body’ part of ‘everybody’ expresses the choice of Universe; and ‘who is’ is gist a bit of English grammar — these words could be left out in another language (say Latin).
‘Every’, ‘some’, and ‘no’ belong neither to the category of names nor to that of predicates; they are quantifiers. Phrases like ‘every man’ and ‘some man’ seem more like names than predicates or quantifiers do; but jokes about ‘no man’ as a name are about 3000 years old, and it’s not too hard to see that whereas ‘Socrates’ names Socrates, ‘every man’ doesn’t name every man nor ‘some man’ some man.
A schema may be valid, in which case all its interpretations are valid. (4) is a valid schema. Any sound and conclusive argument is reducible to a valid schema. This does not mean: to one of the valid schemata discussed in chapters 10-13 of the present book. We shall later consider schemata in which the interpretations of the schematic letters belong to the category, not of predicates or of proper names, but of propositions; and there are many other schemata, bringing in expressions of yet other categories as the required interpretations. But any valid argument is reducible in principle to some valid schema; if our existing logic cannot supply such a schema, that only means we need to develop logic a bit further.
It may be necessary to add a truistic premise that can be taken as generally admitted: e.g. ‘Every man is an animal’ is a truism needed to reduce ‘Socrates is a man, therefore Socrates is an animal’ to schema (4). An argument purporting to be conclusive but not reducible to a valid schema is invalid. The use of schemata is to give us tests for validity other than the hit-or-miss method of finding an obviously valid or invalid argument that is sufficiently ‘on all fours with’ the argument under test.
We represent a conjunction of predicates just by writing predicate letters side by side. Thus if ‘F*’ represents ‘* is a philosopher’ and ‘G*’ represents ‘Murdoch dislikes *’, then ‘FG*’ represents ‘* is a philosopher and Murdoch dislikes *’.
Every predicate, like every proposition, has a negation or contradictory: we represent this by putting a dash (‘) after the sign for a predicate. Thus if ‘K*’ represents ‘* admires Wittgenstein’, then ‘K’*’ represents ‘* does not admire Wittgenstein’.
With letters read as above, and the Universe taken to be people, the sentence-schema ‘Every FK’ is G’ will come out as:
Every person who is a philosopher and does not admire Wittgenstein, Murdoch dislikes.
or: Murdoch dislikes every philosopher who does not admire Wittgenstein.
The skill of translating from schemata to English sentences, from English sentences to schemata, with the aid of a ‘dictionary’ that specifies the Universe of Discourse and interprets the schematic letters, is one that can be acquired only by practice: like learning a foreign language.
The following two exercises are worked out in slow motion, step by step. With practice, especially in simpler exercises, much of the work will become mental work; you will then not need to set out each step on paper.
I To translate into English the schema ‘Any AB is C’\
Univ. = persons; A* = * is a husband, B* = * drinks heavily, C* = the wife of * will have enough housekeeping money.
Step 1 Introduce mention of the Universe into the schema.
Result: Any person who is AB is C’
Step 2 Expand all conjunctions of predicate letters.
Result: Any person who is A and (who) is B is C’
Step 3 The grammatical predicate of the original schema is ‘* is C” where the star marks an empty place. Interpret ‘* is C’\
Result: Since ‘C*’ or equivalently ‘* is C’ is to be read
as:
the wife of * will have enough housekeeping money, the contradictory ‘* is C’’ will have to be read as:
the wife of * will not have enough housekeeping money.
Step 4 In the empty place (marked with the star) of the result of Step 3, insert the phrase used in Step 2, ‘any person who is A and who is B’.
Result: The wife of any person who is A and who is B will not have enough housekeeping money.
Step 5 Use the ‘dictionary’ to interpret the relative clauses ‘who is A’ and ‘who is B’.
Since ‘* is A’ is to be read as ‘* is a husband’, ‘who is A’ becomes ‘who is a husband’. Since ‘* is B’ is to be read as ‘* drinks heavily’, ‘who is B’ is to be read as ‘who drinks heavily’.
Result of Step 5:
The wife of any (person who is a) husband (and) who drinks heavily will not have enough housekeeping money.
II. To express in a logical schema the sentence:
The wife of any husband who drinks heavily will not have enough housekeeping money.
Univ. = persons; A* = * is a wife, B* = *’s husband drinks heavily, C* = * will have enough housekeeping money. (Notice that this is not at all the same ‘dictionary’ as in Exercise I.)
Step 1 A moment’s thought shows that this example does not contain a ‘definite description’ purporting to describe just one wife, as in the sentence:
The wife of Sir Isaac Harman was arrested, but is about any wife, any person who is a wife and who (etc.). We may in fact paraphrase the sentence, bringing in the Universe explicitly, as follows:
Any person who is a wife and whose husband drinks heavily will not have enough housekeeping money.
Step 2 Replace the relative clauses ‘who is a wife’ and ‘whose husband drinks heavily’ by clauses containing schematic letters.
Since ‘* is a wife’ is the rendering of ‘A*’ or ‘* is A’, we rewrite ‘who is a wife’ as ‘who is A’.
Since ‘*’s’ husband drinks heavily’ is the rendering of ‘B*’ or ‘* is B’, we rewrite ‘whose husband drinks heavily’ as ‘who is B’.
Result of Step 2:
Any person who is A and (who) is B will not have enough housekeeping money.
Step 3 Replace the remaining English predicate in the result of Step 2 by using a schematic letter in the ‘dictionary’.
Result of Step 3:
Any person who is A and is B is C’: for, in view of the dictionary entry for ‘C*’ or ‘* is C’, ‘* is C’ will come out thus: ‘* will not have enough housekeeping money.’
Step 4 We contract ‘is A and is B’ to ‘is AB’.
Result: Any person who is AB is C’
Step 5 We now omit mention of the Universe, which is not needed since the ‘dictionary’ tells us what the Universe is for interpreting the schema.
Result : Any AB is C’.
In exercises like (II), you may not be given a ‘dictionary’, but have to invent a ‘dictionary’ that will turn an English sentence into a schema.
10. Logische Schemata
Die folgenden drei gültigen logischen Argumente unterscheiden sich zwar in der grammatischen Form, sind aber dennoch Beispiele für eine einzige logische Form:
(1) Alle Philosophen sind sterblich. Sokrates ist ein Philosoph. Ergo: Sokrates ist sterblich.
(2) Edith beneidet jeden, der glücklicher ist als Edith. Herbert ist glücklicher als Edit. Ergo: Edith beneidet Herbert.
(3) Herbert ist unglücklicher als alle, die Herbert beneiden. Edith beneidet Herbert. Ergo: Herbert ist unglücklicher als Edith.
Der einzig gangbare Weg, eine logische Form darzustellen, ist der von Aristoteles eingeschlagene Weg. Für unsere Beispiele erhalten wir folgendes Schema:
(4) Alle F sind G. a ist F. Ergo: a ist G.
Die Buchstaben F, G und a heißen schematische Buchstaben und (4) heißt ein logisches Schema (der Begriff stammt von Aristoteles). Lehrbücher der Logik gebrauchen oft den Ausdruck „Variablen“. Aber sie benutzen diesen Ausdruck auch für andere Verwendungsweisen einzelner Buchstaben – das soll uns im Augenblick nicht kümmern.
Jeder schematische Buchstaben vertritt einen bestimmten Bereich, aus dem er interpretiert, das heißt durch Namen und Begriffe dieses Bereichs ersetzt werden kann: Der Kleinbuchstabe a wird durch Eigennamen ersetzt. Wenn wir die Einsetzung vornehmen und statt „a ist G“ sagen „Sokrates ist ein Mensch“, interpretieren wir „a“ durch „Sokrates“. Wir sprechen von der Kategorie der Eigennamen.
Es ist zweckdienlich, sich für den Anfang Argumente vorzunehmen, die von Gegenständen handeln, die Elemente einer definierten Klasse oder einer Menge von bestimmten Gegenständen sind. Diese Menge von bestimmten Gegenständen wird der Gegenstandsbereich oder das Universum des Diskurses genannt. Das Universum, aus dem wir zurzeit Argumente interpretieren, ist die Klasse oder Menge der Menschen.
In einem solchen Universum treffen verschiedene Sachverhalte in Bezug auf jedes Mitglied der Klasse oder Menge zu oder auch nicht zu, zum Beispiel, dass er oder sie ein Philosoph ist, dass Edith ihn oder sie beneidet, dass er oder sie glücklicher als Edith ist. Sprachliche Ausdrücke, die angeben, welche Eigenschaft auf einen Gegenstand einer bestimmten Kategorie zutrifft oder nicht zutrifft, heißen Prädikate. Prädikate sind eine von den Eigennamen zu unterscheidenden logische Kategorie. Die Großbuchstaben F und G stehen für Prädikate.
Das Wort „ist“ ist ein bloßes Zugeständnis an die Grammatik der deutschen Sprache und spielt keine wesentliche logische Rolle (andere Sprachen können leicht darauf verzichten, zum Beispiel das Lateinische: „Roma locuta, causa finita“ statt „Roma locuta, causa finita est“). Für die Logik ist nur entscheidend, dass ein Eigenname und ein Prädikat zusammenkommen, um einen Satz zu bilden. Logiker gebrauchen gewöhnlich die kanonische Bezeichnung „Fa“ anstelle von „a ist F“, die ich benutzt habe. Wir können demnach getrost die Sätze „Edith beneidet Herbert“ und „Sokrates ist sterblich“ als konkrete Interpretationen von Fa ansehen, auch wenn in letzterem Satz ein „ist“ enthalten ist und in ersterem nicht.
Der schnellste und leichteste Weg zu Interpretationen von Großbuchstaben für Prädikate geht so: Wir heften an den Buchstaben ein Sternchen als Zeichen, dass hier eine Lücke ist, die mit einem Namen aus unserem altbekannten Universum menschlicher Wesen zu füllen ist. Schreiben wir also:
a = Edith, F* = * beneidet Herbert oder auch
a = Herbert, F* = Edith beneidet *
Dann erhalten wir durch Interpretation des Schemas Fa oder a ist F: Edith beneidet Herbert.
Und mit den Schemata
F* = * sind glücklicher als Edith
G* = Edith beneidet *
interpretieren wir den Ausdruck Alle F sind G auf folgende Weise: Edith beneidet alle, die glücklicher sind als Edith. Der Ausdruck alle steht für die Wahl unseres Universums, und das grammatische Prädikat „sind“können wir wie gesagt getrost streichen.
Die Ausdrücke „alle“, „einige“ und „keiner“ gehören weder zur Kategorie der Eigennamen noch zu der Kategorie der Prädikate, sie sind Quantoren, die dem Schema vorangestellt werden und die die in ihm auftretenden Variablen binden, wie wir sagen:
(Ea) (Fa) können wir lesen als: Es gibt mindestens ein a so, dass gilt: a ist F.
(a) (Fa) können wir lesen als: Für alle a gilt, a ist F.
(¬ a) (Fa) können wir lesen als: Es existiert kein a so, dass gilt: a ist F
Wendungen wie „jedermann“ oder „einige“ sehen eher aus wie Namen als Prädikate oder Quantoren. Doch Scherze über einen gewissen Niemand, womit schon Odysseus den Polyphem an der Nase lang führte, sind über 3000 Jahre alt, und es ist unschwer zu sehen, dass „Sokrates“ wohl Sokrates meint, doch „niemand“ keinen.
Ein Schema ist dann gültig, wenn alle seine Interpretationen gültig sind, bei denen die Quantoren sowie die schematischen Buchstaben für Namen und Prädikate durch Wörter wie „alle“, „einige“ oder „keine“ beziehungsweise durch Namen von Personen oder Objekten und durch Begriffe von Eigenschaften restlos ersetzt werden. In diesem Sinne ist das Schema (4) gültig. Jedes wohlgebildete und schlüssige Argument kann auf ein gültiges logisches Schema zurückgeführt werden. Das heißt nicht, dass wir in den Kapiteln 10–13 dieses Buches alle möglichen gültigen logischen Schemata vorstellen werden. Wir werden später logische Schemata kennenlernen, bei denen die Interpretationen der schematischen Buchstaben nicht auf die Kategorien von Eigennamen und Prädikaten zurückgreifen, sondern auf die Kategorie von Aussagen (Propositionen). Und es gibt noch viele andere Schemata, die zu ihrer Interpretation wiederum die Verwendung anderer Kategorien fordern. Im Prinzip aber ist jedes gültige Argument auf irgendein gültiges logisches Schema zurückführbar. Wenn wir kein solches Schema aus unserem logischen Vorrat ziehen können, müssen wir die Logik eben ein bisschen weiterentwickeln.
Es kann notwendig sein, eine Binsenweisheit unter die Prämissen aufzunehmen, um das Argument zu vervollständigen: „Jeder Mensch ist ein Lebewesen“ ist so eine Binsenweisheit, die wir benutzen, um den Satz „Sokrates ist ein Mensch, daher ist er ein Lebewesen“ auf das Schema (4) zurückführen zu können. Ein Argument, das vorgeblich schlüssig ist, aber nicht in dieser Weise auf ein gültiges logisches Schema zurückgeführt werden kann, ist ungültig. Der Nutzen von logischen Schemata besteht darin, uns ein Prüfverfahren für gültige Argumente an die Hand zu geben, eine Methode, die uns von den Zufallstreffern unabhängig macht, bei denen wir auf den Fund eines plausiblen oder evidenten gültigen oder ungültigen Arguments angewiesen sind, das dem zu prüfenden Argument wie ein Ei dem anderen gleicht.
Wir stellen die Verbindung von Prädikaten dar, indem wir die Großbuchstaben, die für sie stehen, einfach aneinanderreihen. Wenn also „F*“ bedeutet „* ist ein Philosoph“ und „G*“ bedeutet „Murdoch verachtet *“, dann bedeutet „FG*“ „* ist ein Philosoph und Murdoch verachtet *“.
Jedes Prädikat kann wie jeder Satz auch negiert werden. Wir stellen die Negation eines Prädikats durch einen vertikalen Strich nach dem Großbuchstaben für das Prädikat dar. Wenn also „K*“ bedeutet „* bewundert Wittgenstein“, dann bedeutet „K’*“ „* bewundert Wittgenstein nicht“.
Mit der angegebenen Interpretation der Prädikatzeichen und der Wahl unseres Universums oder Gegenstandsbereichs können wir das Satzschema „Für alle a: FK’ sind G“ folgendermaßen lesen:
Alle Menschen, die Philosophen sind und Wittgenstein nicht bewundern, verabscheut Murdoch.
Mithilfe eines Wörterbuchs, das den Gegenstandsbereich ausweist und Übersetzungen für die schematischen Buchstaben an die Hand gibt, erlernen wir durch die Praxis (ähnlich wie eine Fremdsprache) die Kunst, logische Schemata sinnvoll und korrekt als deutsche Sätze zu interpretieren, wie auch umgekehrt, deutsche Sätze auf logische Schemata zurückzuführen.
Die folgenden beiden Übungen bringen einen geistigen Ertrag, wenn man sie in Zeitlupe durchgeht, Schritt für Schritt. Mit etwas Übung werden wir bald leichtere Aufgaben im Kopf bewältigen können und brauchen nicht mehr jeden kleinen Schritt auf dem Papier festzuhalten.
I. Übersetze das Schema „Jedes AB ist ein C’“ in einen deutschen Satz.
Gegenstandsbereich: Personen. „A*“ = „* ist ein Ehemann“, „B*“ = „* trinkt zu viel“. „C*“ = „die Frau von * hat genügend Haushaltsgeld“.
Schritt 1: Füge den Gegenstandsbereich in das Schema.
Ergebnis: „Jede Person, die AB ist, ist C’.“
Schritt 2: Mache die Verbindung der Prädikatszeichen deutlich.
Ergebnis: „Jede Person, die A und B ist, ist C’“.
Schritt 3: Das grammatische Prädikat des ursprünglichen Schemas lautet: „* ist C“, mit dem Sternchen für die Leerstelle des grammatischen Subjekts. Übersetze nun „* ist C“.
Ergebnis: „C*“ oder sein Äquivalent „* ist C“ ist so zu lesen:
„Die Frau von * hat genügend Haushaltsgeld.“ Die Negation dieses Satzes „* ist C’“ heißt übersetzt:
„Die Frau von * hat nicht genügend Haushaltsgeld.“
Schritt 4: Für den Platzhalter (mit dem Sternchen) im Resultat von Schritt 3 setze nunmehr die in Schritt 2 gebrauchte Wendung ein: „jede Person, die A und B ist“.
Ergebnis:
„Die Frau einer jeden Person, die A und B ist, hat nicht genügend Haushaltsgeld.“
Schritt 5: Benutze das Wörterbuch, um die Relativsätze „die A ist“ und „die B ist“ zu interpretieren.
„A*“ heißt „* ist ein Ehemann“, also heißt „der A ist“ „der ein Ehemann ist“.
„B*“ heißt „* trinkt zu viel“, also heißt „der B ist“ „ der zu viel trinkt“.
Ergebnis:
„Die Frau einer jeden Person, die ein Ehemann ist und zu viel trinkt, hat nicht genügend Haushaltsgeld.“
II. Führe folgenden deutschen Satz auf ein logisches Schema zurück:
„Die Frau eines Ehemannes, der zu viel trinkt, hat nicht genügend Haushaltsgeld.“
Universum: Personen. „A*“ = „* ist eine Ehefrau“. „B*“ = „*s Ehemann trinkt zu viel“. „C*“ = „* hat nicht genügend Haushaltsgeld“. (Achtung: Wir haben hier keineswegs dasselbe Wörterbuch vorliegen wie in der ersten Übung!)
Schritt 1: Eine kurze Überlegung überzeugt uns davon, dass unser Beispielsatz keine definite Beschreibung enthält. Eine definitive Beschreibung greift genau einen Einzelfall aus dem vorgegebenen Universum herausgreift, in unserem Falle würde sie also genau auf eine einzige Frau zutreffen wie in dem Satz aus dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells:
„Die Frau von Isaac Harman wurde verhaftet.“
Unser Satz spricht von einer beliebigen Ehefrau, irgendeiner Frau, die verheiratet ist. Wir werden also den Satz mit voller Erwähnung des angenommenen Universums so umschreiben:
Jede Person, die eine Ehefrau ist und deren Mann zu viel trinkt, hat nicht genügend Haushaltsgeld.
Schritt 2: Ersetze die Relativsätze „die eine Ehefrau ist“ und „deren Ehemann zu viel trinkt“ durch schematische Buchstaben.
„* ist eine Ehefrau“ ist die Wiedergabe von „A*“ oder „* ist A“. Also schreiben wir für „die eine Ehefrau ist“ „ die A ist“.
„*s Ehemann trinkt zu viel“ ist die Wiedergabe von „B* oder „* ist B“. Also schreiben wir für „deren Ehemann zu viel trinkt“ „der B ist“.
Ergebnis:
„Jede Person, die A und B ist, hat nicht genügend Haushaltsgeld.“
Schritt 3: Ersetze das verbleibende deutsche Prädikat im Ergebnis von Schritt 2 durch einen schematischen Buchstaben aus dem Wörterbuch.
Ergebnis:
„Jede Person, die A und B ist, ist C’.“
Denn, wie wir im Eintrag des Wörterbuchs unter „C*“ oder „* ist C“ sehen, bedeutet „* ist C’“ „* hat nicht genügend Haushaltsgeld“.
Schritt 4: Wir ziehen „ist A und ist B“ zusammen zu „ist AB“.
Ergebnis:
„Jede Person, die AB ist, ist C’.“
Schritt 5: Wir können den ausdrücklichen Hinweis auf den Gegenstandsbereich streichen, denn das Wörterbuch gibt uns diesen ja vor, wenn wir das logische Schema interpretieren wollen.
Ergebnis:
„Jedes AB ist C’.“
In Übungen wie dieser können wir auf kein vorhandenes Wörterbuch zurückgreifen, sondern müssen selbst ein Wörterbuch aufbauen, mit dessen Hilfe wir einen deutschen Satz auf ein logisches Schema zurückführen können.
9. Definition
In a work like the present the topic of definition can be only briefly, and therefore inadequately, discussed. One valuable aid to further thought on the subject is Richard Robinson’s book Definition (O.U.P., 1972) — a book of much wit and insight, adorned with a rich variety of well-selected examples, both of definitions themselves and of rules and theories formulated for definition.
In non-academic debates, by word of mouth or in the columns of newspapers, ‘Define your terms!’ is a frequent move: ‘Let us first of all agree on the definition of our terms’ is more polite and less peremptory, but not logically a different move. But clearly this is not a demand that can always legitimately be made. If a definition is given in words, the demand might again be made that these words be defined — and there would be no end to it, or rather the discussion could never begin, never get under way. ‘Define your terms!’ is as effective a discussion-stopper as Toddy Beamish’s way of meeting every premise put up for his assent with ‘So you say!’ It is just as unreasonable, too; for of course our ability to understand our fellow-men, and our right to assent to what they say, cannot depend on the production of formal definitions in words for the terms employed. Of course our mutual understanding is very often imperfect; but then producing a formal definition in words is not necessarily either the only way or the best way of removing the misunderstanding.
Socrates used to maintain that nobody has the right to maintain a thesis unless he is prepared (if challenged) to produce a definition of the key words used in stating the thesis: inability to do this means that you didn’t know what you were talking about in stating the thesis. It would really have served him right if one of his victims had retorted: Come now, Socrates, please define “definition”!’ and given him a taste of his own medicine; ‘So you can’t define “definition” satisfactorily? Very well then: you don’t know what you are talking about when you say we must be able to give definitions — so I need pay no further attention to your time wasting dialectic.’ In concrete instances, the Socratic demand is preposterous. I certainly could not define either ‘oak-tree’ or ‘elephant’; but this does not destroy my right to assert that no oak-tree is an elephant, nor will my readers find this thesis hard to understand or be likely to challenge it.
Socrates demanded not merely a definition, but one that would enable one to decide marginal and doubtful cases. This demand is still more unreasonable. To return to my example: i here might well be animals and plants around about which I should be quite unable to decide whether they are elephants, oi whether they are oak-trees, as the case may be; but mything that is even marginally likely to count as an oak is certainly no elephant, and anything that is even marginally likely to count as an elephant is certainly no oak-tree.
Socratic dialectic was believed at the time to be morally pernicious. One can indeed well imagine that a man might be morally harmed if he decided he must suspend judgement as to whether swindling is unjust until he has watertight definitions of ‘swindling’ and ‘unjust’. In moral philosophy of our time there are to be found arguments in the Socratic style. The following fairly shows the sort of thing we get. ‘What is life? Can we define the moment of death? Can we, moreover, define the difference between actually killing and just failing to preserve life? And what is a baby? Would fine healthy puppy-dogs brought forth by a human mother count as babies? — If you can’t answer these questions, you have no right to say with any confidence that it’s wrong to kill babies, since you don’t know what you mean by “killing” or “baby”.’ The demand ‘Define your terms!’ is not harmful only in theory.
The right reply to a moral philosopher who argues like this is not to try to answer his questions, but to remind him about oak-trees and elephants; there are clear specimens of these, even if there are also marginal cases; and similarly there are cases in which some proposed act would quite clearly be killing a baby, even if there are also marginal cases. Nor is anybody logically obliged to say how he would apply his terms in the fantastic cases dreamed up by moral philosophers, and say e.g. whether we’d be dealing with babies if a human mother brought forth puppy-dogs; he can simply reply in the style of Dickens’s Tommy Traddles ‘But she wouldn’t, you know; so if you please we won’t suppose it.’
In theory, in speculation, the Socratic view of definitions has been very harmful. One useful way of coming to understand the meaning of an imperfectly clear term is to produce some good example where the term plainly applies. Plato represents Socrates as objecting to this procedure: unless we already know quite well what the term means, there will be no unexceptionable examples to show us; so examples are useless anyhow. The truth is that if misunderstanding arises it may be resolved either by producing criteria for using a term or by giving good clear examples: we can work from examples to get criteria that will fit them, and we can use criteria to apply the term to new examples. But if we have neither criteria nor examples, the original misunderstanding may persist; in the typical Socratic enquiry, a definition is still to find, but examples are rejected — so it is no wonder that the ostensible purpose of the enquiry is foiled in the ensuing impasse, though the disputants have good clean philosophical fun on the way.
A way of explaining terms quite different from verbal definition is ostensive explanation or definition: pointing to a typical case of the term’s correct application and saying ‘That’s so-and-so.’ Realizing that if all terms must be defined with only verbal definitions we could never get started, philosophers have sometimes held that we ought to start with ostensive definitions, and then define other words directly or indirectly in terms of these. But there is a difficulty about assigning to ostensive definition this primitive and fundamental role. If the pupil already grasps what sort of word is being ostensively explained, e.g. that it is a name of a person, a colour-adjective, a word for a direction like ‘north’, etc., then ostensive teaching may enable him to fill a gap in his understanding; if he fails to grasp this, he may ludicrously misunderstand. Now which sort of word a word is, is a matter of its use in the context of a sentence; and it would be a miracle if ostensive teaching of single words conveyed this. Ostensive definition has sometimes been supposed to play a dominant role in the child’s learning of its first language. But in fact it plays a very minor role: children come to understand words used in sentences, which themselves have meaning as wholes in human beings’ physical environment and in connexion with practical activities; and after a time the children come to understand new combinations of words and to produce new combinations themselves. Philosophical theories of knowledge and meaning, and psychological theories of language learning, are doomed to futility if this fact is forgotten or played down.
It has long been traditional to distinguish between real and nominal definitions. Real definitions aim at marking out a class of things that shall correspond to a natural kind, like gold or acids. Locke despaired of finding natural kinds in the world, but prematurely so; the unreliable behaviour of chemicals called by a given name, which was so frustrating to chemists of Locke’s day, was removed by better methods of preparing and purifying substances. Locke conceived of the kinds of things in the world as forming a continuous spectrum, in which men made arbitrary divisions for practical purposes; but in fact the spectrum itself shows the defect of this view — spectral lines correspond to the radiations of definite chemical elements, whose properties, we believe, remain the same even in remote stars whose spectra we observe. We need, then, to recognise the natural kinds of things, and to conceptualize this recognition in a form of words describing a given kind: such is the real definition, which naturally scientists keep on updating.
Nominal definition on the contrary is concerned with the use of a term. One sort of nominal definition accepts established usage, and is concerned to sort out and characterize as accurately as possible the actual uses of a word; this is the sort of definition you find in a good dictionary — though dictionaries will also contain a certain number of what would count as real definitions, of the sort just described. Another sort of nominal definition does not merely accept whatever happens to be current usage, but constitutes a proposal for tightening up the use of a term; under the proposal, the term would mostly be applied as it now is, but with stricter criteria; or again, the proponent of the definition may suggest that we abandon some current uses and retain only one preferred use. Finally, an old word may be arbitrarily given a quite new meaning — as when Humpty Dumpty stipulated that ‘glory’ shall mean ‘a knock-down argument’. This is harmless so long as the new arbitrarily conferred meaning is far enough away from the old meaning; but philosophers have often unwisely introduced terms thus defined by stipulations into contexts where the reader could easily slip back unawares into the familiar old meaning; and I am afraid some philosophers have then deceived themselves, as well as baffling their readers.
Mathematicians have an old custom of picking up words from the market-place and giving them new meanings in Humpty-Dumpty style. Our ‘sphere’, ‘cone’, ‘cylinder’, ‘pyramid’, come from Greek; the Greek geometers used the common words for ‘ball’, ‘pine-cone’, ‘garden roller’, and ‘wheat-cake’, and of course this caused no confusion. In modern mathematical jargon we find such words as ‘lattice’, ring’, ‘chain’, and ‘filter’. But even in mathematics the risk of confusion coming about from the familiar use of words is not altogether negligible: it could be shown, I believe, that fundamentally confused intuitions in set theory arise from associating the mathematical terms ‘set’ and ‘class’ with such familiar uses as we get in ‘chess set’ and ‘Bible class’.
A special caution is needed about the definition of relative terms — words expressing relationship, like ‘father’. We must first explain what it is for A to be father of B; then we can explain what being a father is — ‘being a father’ means ‘being father of somebody’. Who is father of whom determines who belongs to the class of fathers, not the other way round; we could not start with the idea of just being a father, and then explain being father of A in terms of some way that A has orspossesses ‘his’ father. (This is the point of the old Greek sophism that if a dog is a father and is yours he is your father: why does this not follow, since a dog that is a spaniel and is yours is your spaniel?) In this case the matter is perhaps obvious enough; but many faulty definitions of terms have been given which sin against the principle here illustrated; for example, purporting to define the term ‘number’ rather than ‘the number of As’, or the term ‘love’ rather than ‘love for a person X by a person Y’.
An important class of definitions are recursive definitions. One might for example define ‘ancestor’ as follows: A is B’s ancestor if and only if (either A is B’s parent, or A is parent of an ancestor of B). The term to be defined recurs in the definition, but that by no means makes it useless; it is an immediate consequence that B’s parents are his ancestors, and it can be shown in a few steps that B’s father’s mother’s lather’s mother is an ancestor of B.
Recursive definitions are of frequent use in symbolic logic and mathematics. For example, the power notation may be explained thus, if ‘n’ stands for a whole number:
If n = 0, an = 1; if n > o, an = a X an–1
It clearly does not get us into real difficulty that there is an instance of the power notation in the formula used to explain this notation; for given which numbers a and n are, we can work out in a finite number of steps which number an is — e.g. 35 is3 x 3 x 3 x 3 x 3 x1 or 243.
Again, recursive explanations are often used in logic to characterize the class of well-formed formulas (wffs) in some part of logic, some restricted logical calculus. For example, the wffs of the equivalential calculus, written in Polish notation, may be characterized as follows:
1. The letters ‘p,q,r’ — with or without primes (‘) attached to them — are wffs.* (Each of these letters is short for some arbitrarily chosen proposition.)
2. The letter ‘E’ followed by two wffs of the equivalential calculus is a wff. (‘Epq’ is read as ‘p if and only if q’.)
3. There are no other wffs in the calculus.
Given this recursive explanation, we can work out step by step which strings of letters are wffs (and what these mean) and which are not wffs. For example, ‘E’p’q’, ‘pqEr’, ‘EEpqrs’, are not wffs; but ‘EEpq’Eq’p’ is a wff, meaning ‘(p if and only if q’) if and only if (q’ if and only if p)’.
9. Definition
In einem Werk wie diesem können wir den Begriff der definition nur in aller Kürze und daher nur inadäquat behandeln. Eine wertvolle Hilfe für eingehenderes Nachdenken über dieses Thema ist das Buch von Richard Robinson Definition (Oxford University Press 1972) – ein Buch voller Esprit und Einsicht, garniert mit einem bunten Strauß wohl ausgesuchter Beispiele, und zwar sowohl von Definitionen selbst wie ihrer Regeln und von Theorien, die es über sie gibt.
Wenn Laien sich streiten, ob nun am Stammtisch oder in Internetblogs, ist die Forderung „Definiere gefälligst diesen Begriff!“ gang und gäbe. Manche drücken sich auch höflicher aus: „Wir wollen uns zunächst um Übereinstimmung bei der Definition der Begriffe bemühen!“ Das ist weniger entschieden, aber läuft auf dasselbe hinaus. Wir können eine solche Forderung allerdings rechtens nicht immer erfüllen. Wenn eine Definition eines Begriffs in einem Satz vorgebracht wird, kann ein anderer wieder verlangen, nun wiederum in dem Satz gebrauchte Begriffe zu definieren; damit kämen wir nie an ein Ende, beziehungsweise unsere Diskussion könnte niemals richtig beginnen, niemals richtig Fahr aufnehmen. „Definiere diesen Begriff!“ ist ein ebenso wirksamer Gesprächskiller wie der Spruch, mit dem Toddy Beamish aus The Man Who Could Work Miracles von H. G. Wells jede Prämisse, die man ihm zur Zustimmung vorbringt, abschmettert: „Das ist deine Meinung!“ Die Radikalforderung ist auch unvernünftig; denn unsere Fähigkeit, unsere Mitmenschen zu verstehen und unser Recht auf Zustimmung oder Ablehnung dessen, was sie sagen, kann nicht davon abhängen, dass wir die Begriffe in den verwendeten Sprechakten haarklein und methodisch sauber definieren. Klar, unser Verständnis untereinander stößt immerfort auf Grenzen; doch ist das Hervorzaubern von Definitionen weder ein Allheilmittel noch eine Vademecum für unsere Missverständnisse.
Sokrates pflegte zu behaupten, niemand dürfe etwas behaupten, wenn er nicht darauf gefasst sei (bei entsprechender Nachfrage), eine Definition der Kernbegriffen seiner Äußerung vom Stapel zu lassen. Wenn du dazu außerstande bist, heißt das, dass du gar nicht weißt, was du daherredest. Eines seiner Opfer hätte ihm einen guten Dienst erwiesen, wenn es ihm mit gleicher Münze heimgezahlt hätte: „Nun mach mal halblang, Sokrates, definiere bitte erst einmal den Begriff Definition!“ So hätte er ihm die eigene Medizin verabreicht. „Ach so, du kannst den Begriff Definition nicht hinreichend definieren? Da haben wir es: Du selbst weißt nicht, worüber du redest, wenn du uns ständig anhältst, für alles und jedes eine Definition parat zu haben – da halte ich mir den Kopf lieber frei von deiner zeitraubenden Dialektik!“ In konkreten Alltagssituationen ist die sokratische Forderung absurd. Ich kann bestimmt keine halbwegs wasserdichte Definition der Begriffe „Eiche“ oder „Elefant“ geben; das sollte mich nicht im Geringsten vor dem Urteil zurückhalten, dass eine Eiche kein Elefant ist. Und meine Leser verstehen diesen Satz ohne weiteres und werden ihn nicht anfechten, auch ohne jede dilettantischen Definitionsversuche meinerseits.
Zu seiner Zeit wurde das dialektische Nörgeln des Sokrates als moralisch verderblich hingestellt. In der Tat, es lässt sich leicht denken, dass jemand moralisch zu Schaden kommt, wenn er beschließt, sein Urteil, dass Betrug unmoralisch ist, so lange zurückzustellen, bis er wasserdichte Definitionen der Begriffe Betrug und Moral in Händen hält. In der Moralphilosophie der Gegenwart finden wir bedenkliche Gedankenspiele im sokratischen Gewand. Fragen folgender Art zeigen schön, an welche Abgründe wir geraten: „Was ist Leben? Können wir den Augenblick, an dem der Tod eintritt, exakt bestimmen? Können wir den Unterschied zwischen echtem Töten und der Beendigung und dem Abschalten aller lebenserhaltenden Maßnahmen definieren? Und was ist ein Baby? Würden von einer Frau zur Welt gebrachte gesunde Welpen als Babys durchgehen? – Wenn du diese Fragen nicht beantworten kannst, so sagt man uns, hast du kein Recht, mit dem Brustton der Überzeugung zu behaupten, dass es unrecht sei, Babys zu töten, weil du die genau abgegrenzte Bedeutung der Begriffe „Töten“ oder „Baby“ nicht angeben kannst. – Man sieht, die Forderung „Definiere deine Begriffe“ kann nicht nur in der Theorie Schaden hervorrufen.
Solche Fragen allzu ernst zu nehmen wäre nicht die richtige Reaktion gegenüber den Anwürfen unserer Moralphilosophen. Vielmehr wollen wir sie an das Beispiel mit der Eiche und dem Elefanten erinnern: Demnach gibt es eindeutig auszumachende Exemplare einer Art, wenn es am Rande auch unklare Fälle geben mag, die wir nicht so leicht identifizieren können. Dem analog können wir eindeutige Fälle ausmachen, wonach einige mit voller Absicht vorgenommene Handlungen den Tatbestand des Mordes an Kindern erfüllen, während es auch hier wieder nicht genau definierbare Randfälle (wie den mit den Welpen) geben mag. Es ist auch niemand verpflichtet, seine im Alltag gut bewährten Moralbegriffe auf das Prokrustesbett luftiger Gedankenspiele von Moralphilosophen spannen und zum Beispiel sich wie eine Pistole die Frage vorhalten zu lassen, ob von einer Frau geborene Welpen als Babys anzusehen seien. Er kann darauf schlicht mit den Worten von Tommy Traddles aus dem Roman David Copperfield von Charles Dickens antworten: „Aber sie würde das nicht tun, verstehst du. Also, bitte, lass es uns einfach nicht annehmen!“
In der Theorie, und hier bei gewagten Spekulationen, hat der sokratische Ansatz bei den Definitionen eine Menge Schaden angerichtet. So ist es etwa keine schlechte Methode, einen unklaren Begriff zu erhellen, wenn man sich gute Beispiele vor Augen hält, bei denen der Begriff gut funktioniert. Plato gibt uns ein Bild von Sokrates, der gegen diese Methode energisch zu Felde zieht. Seiner Meinung nach kann uns kein noch so gutes Beispiel für die Anwendung eines Begriffs dessen Bedeutung vermitteln; Beispiele scheiden demnach von vornherein aus. In Wahrheit haben können wir Missverständnisse auf zweierlei Weise beheben: indem wir erstens Kriterien für den korrekten Gebrauch des Begriffs festlegen (wie zu sagen, dass wir den Begriff Wasser richtig verwenden, wenn wir damit einen Stoff mit der chemischen Zusammensetzung H2O benennen oder einen Stoff mit dem für diese Zusammensetzung charakteristischen molekulare Strahlenspektrum) oder zweitens indem wir klare und angemessene Beispiele für seinen Gebrauch aufzählen (indem wir etwa sagen, der nicht individuierte Stoff, der sich in flüssiger Form in Quellen, Bächen, Strömen und im Meer befindet und aus dem Hahn in der Küche fließt und der bei –1 Grad Celsius gefriert und bei 100 Grad Celsius verdampft, nennen wir Wasser). Von gut gewählten Beispielen aus können wir Kriterien für die korrekte Anwendung des Begriffs entwickeln und diese Kriterien dazu benutzen, den Begriff auf neue Beispiele korrekt anzuwenden. Doch wenn uns weder Kriterien noch Fallbeispiele zur Verfügung stehen, wird das aufgekommene Missverständnis uns weiter behelligen. Bei der typisch sokratischen Untersuchung soll zwar eine Definition gefunden werden, Fallbeispiele aber dürfen keine ausschlaggebende Rolle spielen – da wundert es nicht, dass der vordergründige Zweck des Unternehmens schließlich in einer Sachgasse mündet (die sogenannte Aporie), auch wenn die Teilnehmer des Dialogs ihren Spaß an der Verwirrung der sokratisch in die Enge Geführten hatten.
Wir können Begriffe auch anders als mit sprachlichen Mitteln definieren: Wir zeigen auf ein typisches Exemplar des mit dem Begriff gemeinten Gegenstands du sagen „Das da heißt so und so.“ Müssten wir alle Begriffe mittels Verbaldefinition bestimmen, würden wir gleich im Sande stecken bleiben. Also meinten etliche Philosophen, wir sollten mit ostensiven Definitionen beginnen und dann andere Begriffe direkt oder indirekt mit Hilfe dieser Ausgangsdefinitionen bestimmen. Leider taucht sofort ein Problem auf, wenn wir den ostensiven Definitionen eine solch ursprüngliche und fundamentale Rolle zuweisen: Wenn der Schüler versteht, welche Art von Wort mittels Ostension oder der Zeigegeste erklärt wird, beispielsweise ein Personenname, ein Farbadjektiv, eine Himmelsrichtung wie Norden usw., dann kann das Lernen an diesen nichtverbalen Fallbeispielen ihm dazu verhelfen, über die Hürde eines unverständlichen Wortes zu springen. Wenn er diesen Hintergrund an grammatischer Form nicht kapiert, sitzt er vielleicht einem aberwitzigen Missverständnis auf (wenn er nicht weiß, dass Maria ein Personenname ist, könnte er meinen, Maria bedeute leichtes Mädchen, wenn ihm der Name angesichts einer Straßendirne genannt wird). Wir lernen die grammatische Form eines Wortes aber nicht durch ostensive Definition, sondern durch die Verwendung des Worts im Satzzusammenhang. („Maria war ein schönes Mädchen. Als sie auf der Totenbahre aufgebettet war, befiel manchen noch eine Ahnung ihrer verblichenen Schönheit.“ In der Anwendung des Namens in solchen Sätzen lernen wir, dass damit die Identität der Person gemeint ist, deren Bedeutung unabhängig vom Träger des Namens und seinen materiellen und seelischen Zuständen und Veränderungen konstant bleibt.) Dass wir mittels der Geste, die auf einen Kirschbaum weist, die Bedeutung des Farbbegriffs Rot zu lernen verstünden, wenn einer dem Kind sagt „Diese Früchte sind rot“, käme einem Wunder gleich (es könnte ja alles Mögliche darunter verstehen wie „Die Früchte sind nahrhaft, ungenießbar oder kugelförmig“, wenn es die Bedeutung der Begriffe „nahrhaft“, „ungenießbar“ und „kugelförmig“ bisher ebenfalls durch ostensive Definition nicht gelernt hat). Manche meinen, ostensive Definitionen spielten eine herausragende Rolle beim Erwerb der Muttersprache. Aber in Wirklichkeit ist ihre Bedeutung bei diesem Prozess gering. Kinder lernen die Bedeutung von Wörtern im Satzzusammenhang, und Sätze haben nun einmal als abgeschlossene Sprechakte eine Bedeutung in der physischen Umwelt von Menschen und in Verbindung mit menschlichen Handlungsvollzügen. Nach einer Zeit verstehen sich Kinder sogar darauf, neue Kombinationen bereits erlernter Wörter zu verstehen und selbst zu konstruieren. Philosophische Theorien der Sprache und der Bedeutung sowie psychologische Theorien des Spracherwerbs sind zum Scheitern verurteilt, wenn sie diese grundlegende Tatsache ignorieren oder herunterspielen.
Man hat traditioneller Weise lange zwischen Realdefinitionen und Nominaldefinitionen unterschieden. Realdefinitionen bezwecken, eine Klasse oder Menge von Gegenständen herauszugreifen, die einer natürlichen Art entsprechen sollen, wie Gold oder Säuren. Locke gab das Unternehmen entmutigt auf, in der Welt natürliche Arten zu finden, aber wie sich zeigte verfrüht. Das unberechenbare Verhalten von chemischen Stoffen, auch wenn sie einen einheitlichen Namen trugen, das die Chemiker zu Lockes Zeiten entnervt hat, gab seine Geheimnisse erst preis, als man bessere Methoden entwickelte, die Substanzen herauszulösen und zu reinigen. Locke ging davon aus, dass die Arten von Objekten in der Welt ein kontinuierliches Spektrum bilden, das von uns Menschen zu rein praktischen Zwecken unterteilt wird (so nennen wir den einen Stoff Dampf, den anderen Eis, auch wenn beides H2O ist). Doch heute wissen wir: Das Spektrum der Frequenzen angeregter chemischer Substanzen widerlegt diese Sicht der Dinge, denn es zeigt tatsächliche Unterschiede der Stoffe, deren stabile Eigenschaften sogar in weit entfernten Sternen erhalten bleiben, wenn wir ihre Spektren analysieren. Wir müssen demnach die Existenz natürlicher Arten anerkennen und wenn wir das typische Verhalten von Gegenständen einer bestimmten Art genau genug beschreiben, gelangen wir zu einer Realdefinition dieser natürlichen Art, die von Naturwissenschaftlern im Lichte neuer Erkenntnisse permanent verbessert wird.
Nominaldefinitionen haben es im Gegensatz zu Realdefinitionen mit dem Gebrauch eines Worts in Sprechakten zu tun. Eine Form der Nominaldefinition akzeptiert den statistisch voraltenden Gebrauch und bemüht sich darum, die tatsächlichen Verwendungsweisen eines Worts auszusortieren und so genau wie möglich zu beschreiben. Diese Art von Definitionen findet man in guten Wörterbüchern – auch wenn Wörterbücher immer auch einen Gutteil von Definitionen enthalten, wie wir zu den soeben beschriebenen Realdefinitionen zählen würden. Eine andere ASrt von Nominaldefinitionen akzeptiert nicht rundweg den üblichen Sprachgebrauch, sondern kommt mit Vorschlägen, bestimmte Begriffe schärfer zu umgrenzen. Gemäß solchen Vorschlägen würde der Begriff zwar weiterhin gebraucht wie heute, jedoch anhand strengerer Kriterien. Ein anderer Vorschlag würde vielleicht aus unseren alltäglichen Sprechakten einige Verwendungsweisen eines Worts ganz streichen und nur einen bevorzugten gelten lassen. Schließlich käme der eine oder andere daher und drückte einem alten Wort einen neuen Stempel auf, wie es Humpty Dumpty in Alice hinter den Spiegeln von Lewis Carroll tut, wenn er festsetzt „Ruhm“ bedeute von nun an „ein unwiderlegliches Argument“. Das kann man schadlos machen, solange die neue Bedeutung des Wortes nur weit genug von der alten Bedeutung abweicht. Aber leider haben Philosophen oftmals Begriffe mittels Festsetzung neu definiert und sie dann unbedacht in Kontexten verwendet, die die alte Bedeutung des Begriffs für den Leser unversehens nahelegen. Ich befürchte, so haben sich einige Philosophen selbst betrogen und dazu noch ihre Leser genarrt.
Mathematiker greifen gern auf alltäglich verwendete Begriffe zurück und versehen sie im Stile Humpty-Dumptys mit neuen Bedeutungen. Unsere Begriffe „sphärisch“, „konisch“, „zylindrisch“ oder „pyramidal“ stammen aus dem Griechischen. Griechische Geometer gebrauchten Alltagsbegriffe wie „Ball“, „Pinienzapfen“, „Ackerwalze“ und „Weizenkuchen“, um damit ihre geometrischen Figuren zu bezeichnen. Das hat noch keinem Kopfschmerzen bereitet. Im Jargon moderner Mathematik finden wir Wörter wie „Gitter“, „Ring“, „Kette“ und „Filter“. Doch sogar in der Mathematik ist die Gefahr, dass die neue Bedeutung von der alten angesteckt wird, nicht geringzuschätzen. Man kann meines Erachtens nachweisen, dass grundlegend verworrene Intuitionen in der Mengenlehre sich der Assoziation der mathematischen Begriffe „Menge“ und „Klasse“ mit dem vertrauten Gebrauch dieser Begriffe in Wendungen wie „eine Menge Menschen“ und „erster Klasse oder klassenlose Gesellschaft“ verdanken.
Mit großer Vorsicht muss man mit relationalen Begriffe oder Relationsbegriffen umgehen – Begriffe, die eine Relation ausdrücken wie „Vater“. Zunächst haben wir zu erklären, was es für A heißt, Vater von B zu sein – dann erst können wir erst können wir im Allgemeinen erklären, was „Vater“ bedeutet: Vater zu sein bedeutet Vater einer bestimmten Person zu sein. Wer Vater von wem ist, das legt fest, wer zur Menge der Väter gehört, nicht umgekehrt (wer als Kind welchen Vater hat, denn beispielsweise haben manche Kinder denselben Vater). Wir können jedenfalls nicht von der Idee des Vaterseins ausgehen und dann die Tatsache, dass A Vater von B ist, damit erklären, dass B irgendwie seinen Vater „habe“ („das Kind hat einen guten Vater“). (Das ist der Witz des alten griechischen Trugschlusses, wonach ein Hund, der Vater und dein Hund ist, dein Vater ist, wie ja ein Hund, der ein Spaniel ist und dein Hund ist, dein Spaniel ist.) In diesem Falle ist die Sache wohl ziemlich klar. Doch so manche fehlerhafte Definition von Begriffen resultiert aus dem Verstoß gegen das hier illustrierte Prinzip. Zwei Beispiele: Man gibt vor den Begriff „Zahl“ zu definieren, geht aber nicht vom Relationsbegriff „die Zahl der Gegenstände“ aus, oder man gibt vor, den Begriff „Liebe“ zu definieren, vergisst aber, dass dieser ein Relationsbegriff ist mit der Bedeutung „Liebe einer Person zu einer anderen Person“.
Eine wichtige Klasse von Definitionen sind die rekursiven Definitionen. Man könnte etwa „Vorfahre“ so definieren: A ist Bs Vorfahre dann und nur dann, wenn A Bs Vater oder A der Vater eines Vorfahren von B ist. Der zu definierende Begriff kehrt in der Definition wieder (ist „rekursiv“), aber diese Tatsache macht die Definition nicht nutzlos. Es ist eine unmittelbare Konsequenz, dass Bs Eltern seine Vorfahren sind und man kann in ein paar Schritten zeigen, dass Bs Mutter des Vaters der Mutter des Vaters ein Vorfahre von B ist.
Rekursive Definitionen begegnen häufig in der symbolischen Logik und Mathematik. Zum Beispiel kann die Potenzfunktion folgendermaßen definiert werden: wenn „n“ für eine ganze Zahl steht:
wenn n = 0, an = 1; wenn n > o, an = a x an–1
Es macht uns nicht wirklich Kopfzerbrechen, dass wir der Potenzfunktion in der Formeln begegnen, die sie definieren soll. Denn wenn wir ganze Zahlen in die Variablen a und n einsetzen, können wir in endlichen Schritten ausrechnen, welche Zahl an ist: e.g. 35 is3 x 3 x 3 x 3 x 3 x1 or 243.
Ferner werden rekursive Definitionen in der Logik oft benutzt, um die Klasse der wohlgeformten Formeln (well-formed formulas, wffs)für logisch notwendige Wahrheiten eines genau festgelegten logischen Kalküls zu bestimmen. Wir können beispielsweise die wohlgeformte Formel für den Kalkül der logischen Äquivalenz (wenn p, dann q; wenn q, dann p) in der einfach zu lesenden polnischen Notation folgendermaßen definieren:
1. Die Buchstaben p, q, r – ob mit oder ohne einzelnen Anführungsstrich – stehen als Variablen für wffs. (Jeder Buchstabe steht für einen willkürlich auszuwählenden Satz.)
2. Der Buchstabe E bildet mit zwei auf ihn folgenden wffs des Äquivalenzkalküls eine wff. (Epq heißt: p dann und nur dann, wenn q)
3. Es gibt keine anderen wffs im Äquivalenzkalkül.
Wenn wir diese rekursive Definition zugrundelegen, können wir jede Buchstabenkombination daraufhin untersuchen, ob sie eine wff ist (und was sie bedeutet) oder ob sie keine wff ist. Beispiele:
E’p’q, pqEr, EEpqrs sind keine wffs; aber EEpq’Eq’p ist eine wff und bedeutet: (p dann und nur dann, wenn q’) dann und nur dann, wenn (q’ dann und nur dann, wenn p).
8. Truth and Falsehood
Wo have kept on using the word ‘true’ without explanation or definition; this does not mean that we had no right to use the word, nor yet that we understand the word so well that no problems can arise about it.
‘True’ is variously applied; we shall be concerned with the use of ‘true’ — or as the case may be ‘false’ — to characterize what people say. What people say is true or false whether they are asserting it or not: if I say ‘It is false to hold that the earth is flat’, the sub-sentence ‘the Earth is flat’ is false; and that is why what I myself do assert — ‘It is false to hold that’ is true. Nobody need have actually asserted that the Earth is flat — even though in fact some people have done so — to make what I say true.
‘Contradictory’ or ‘negation’ being explained as in chapter 7, a proposition is false if and only if its negation or contradictory is true, and true if and only if its negation o contradictory is false. So, of any two contradictories, one is true and one false — unless it can be said that the yes-no question to which both are answers is a question that ‘does not arise’. (Just when this can properly be said is a point much disputed among philosophers; I cannot enter into the dispute here.)
Some philosophers think there are different brands of truth – empirical or factual truth, logical truth, mathematical truth, religious truth, etc. But such principles as that a falsehood cannot be inferred from a set of truths take no account of these supposed differences in brand of truth.
II we take any specific proposition, we see that ascribing truth to it hardly ever raises any problem about truth — still less about the alleged kinds of truth or senses of ‘true’. If the proposition comes to us in a foreign tongue or unfamiliar jargon, then indeed we do not know what ascribing truth to it amounts to; but once this obstacle is overcome, the problem of truth as such vanishes. Let A be the proposition ‘Our liege Lord and Sovereign is deceased’; once we know that A just means ‘Our King is dead’, ascribing truth to A raises all and only the problems of ascribing death to the King. Death is indeed a philosophical problem — but the truth of death-notices is not an extra problem.
Further reason for scouting the idea of brands of truth or senses of ‘true’ may be apparent if we consider the figure of speech called asseveration. We say ‘So-and-so as sure as such-and-such’ — we affirm the first-uttered proposition very strongly by thus linking it to the allegedly obvious truth of the second. ‘He’s guilty, as sure as I’m standing here; he’ll soon be caught, as sure as eggs are eggs; and then he’ll swing, as sure as God made little apples.’ The effectiveness of the asseverations depends only on whether the propositions put forward after ‘as sure as’ are acceptable as obvious truths: no matter that one truth would be observational, a second logical, and the last religious.
Logicians recently introduced the term ‘the truth-value of a proposition’ to mean its truth if it is true and its falsehood if it is false. They also speak of truth-conditions, meaning necessary and sufficient conditions for a proposition’s being true: e.g. a conjunction, an ‘and’ proposition, is true if and only if each conjoined proposition is true. The word ‘iff’ is short for ‘if and only if.
8. Wahrheit und Falschheit
Wir haben unentwegt das Wort „wahr“ gebraucht, ohne Erklärung oder Definition. Das bedeutet weder, dass wir es zu Unrecht gebrauchten, noch dass wir das Wort so gut verstehen, dass wir es problemlos verwenden könnten.
„Wahr“ wird vielfach verwendet; wir werden die Bedeutung des Begriffs „wahr“ – oder wenn erforderlich „falsch“ – ins Auge fassen, mit dem wir von Menschen verlautbarte Sätze kennzeichnen. Was Menschen äußern, ist wahr oder falsch, unabhängig davon, ob sie die Wahrheit oder Falschheit der Sätze ausdrücklich behaupten und bejahen. Wenn ich sage: „Es ist falsch, zu behaupten, die Erde ist flach“, ist der als Teil der indirekten Rede vorkommende Satz „Die Erde ist flach“ falsch. Und das ist der Gurnd, weshalb der von mir ausdrücklich behauptete und bejahte Satz – „Es ist falsch, zu behaupten, dass“ – wahr ist. Kein Mensch muss wirklich den Satz ausdrücklich behauptet und bejaht haben, dass die Erde flach ist – obwohl es einige Leute gab, die das taten –, damit der Satz, den ich selbst ausgesprochen habe, wahr wird.
Wir haben im letzten Kapitel die Ausdrücke „kontradiktorischer Gegensatz“ und „Negation“ definiert; demnach ist eine Aussage falsch, dann und nur dann, wenn ihr kontradiktorischer Gegensatz oder ihre Negation wahr sind, und sie ist wahr, dann und nur dann, wenn ihr kontradiktorischer Gegensatz und ihre Negation falsch sind. Ergo: Von je zwei kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen ist die eine wahr und die andere falsch – es sei denn, man kann feststellen, dass die Ja-Nein-Frage, auf die beide Aussagen entgegengesetzte Antworten geben, eine Frage darstellt, die von keinem Belang ist, weil sie eine Scheinfrage ist. (Anhand welcher Kriterien man das aber genau feststellen kann, ist unter Philosophen heftig umstritten; ich übergehe das hier.)
Einige Philosophen meinen, es gebe unterschiedliche Arten von Wahrheit – empirische oder Tatsachenwahrheit, logische Wahrheit, mathematische Wahrheit, religiöse Wahrheit usw. Indes, solche logischen Fundamentalgesetze wie dieses, dass eine Falschheit niemals aus einer Menge von wahren Sätzen abgeleitet werden kann, gelten für alle Bereiche des Denkens und Sprechens, ungeachtet der Art von Wahrheit, die man denkt oder ausspricht.
Wenn wir uns eine einzelne Aussage vorknöpfen, erkennen wir, dass wohl kein Problem mit dem Ausdruck „wahr“ auftauchen dürfte, wenn wir ihr die Eigenschaft zusprechen, wahr zu sein – schon gar nicht, wenn es dabei um Aussagen geht, die mal die, mal jene vorgebliche Art von Wahrheit oder diesen oder jenen vorgeblichen Sinn von „wahr“ ausdrücken sollen. Wenn uns die Aussage in einer fremden Sprache oder einer unvertrauten Fachsprache vorgelegt wird, dann wissen wir auf Anhieb nicht, worauf wir uns einlassen, wenn wir ihr die Eigenschaft zusprechen, wahr zu sein. Wir wollen folgenden Satz A als Beispiel verwenden: „Our liege Lord and Sovereign is deceased.“ Mithilfe guter Wörterbücher können wir aus A den deutschen Satz bilden: „Unser Lehnsherr und Herrscher ist verstorben.“ Jetzt müssen wir nur noch eine kleine Recherche machen, um festzustellen, dass im Mittelalter der höchste Herrscher Englands natürlich der englische König war. Also bedeutet der Satz A schlicht und ergreifend: „Unser König ist tot.“ Ob wir dem genannten Satz die Eigenschaft zusprechen wahr zu sein, heißt also die Frage aufwerfen, ob es wahr ist, dass der König gestorben ist. (Dass es keinen gegenwärtigen König von England gibt, und also auch kein englischer König gestorben sein kann, dass es dagegen eine englische Königin gibt, die sich wiederum eines rüstigen Alters erfreut, wirft das philosophische Problem auf, ob der genannte Satz in unserem Kontext falsch oder sinnlos ist.) Der Tod mag ein philosophisches Problem sein – die Wahrheit von Todesnachrichten zu beurteilen ist dagegen kein Sonder-Problem.
Ein weiterer Grund dafür, der Idee unterschiedlicher Arten oder Bedeutungen von Wahrheit auf der Spur zu bleiben, wird ersichtlich, wenn wir uns den Sprechakt der Beteuerung anschauen. Wir sagen „Es ist so und so, so wahr …“ – wir bekräftigen die Wahrheit der ersten Aussage, indem wir sie an die zweite Aussage knüpfen, von deren evidenter Wahrheit wir ausgehen. „Er ist schuldig, so wahr ich hier stehe! Man wird ihn bald fassen, so wahr Eier Eier sind! Und dann wird erhängen, so wahr Gott die Äpfel erschaffen hat!“ Die Wirksamkeit der Beteuerung hängt ausschließlich davon ab, ob die an die Formel „so wahr …“ angefügten Aussagen als evidente Wahrheiten akzeptiert werden. In unserem Falle handelt es sich offenkundig um eine Beobachtungswahrheit, dann um eine logische Wahrheit und endlich um eine religiöse Wahrheit.
Neuerdings haben Logiker den Ausdruck „Wahrheitswert der Aussage“ eingeführt. Sie verstehen darunter die Wahrheit, falls der Satz wahr, und die Falschheit, falls er unwahr ist. Sie sprechen ebenfalls von Wahrheitsbedingungen für die Wahrheit einer Aussage. So ist die Verknüpfung zweier Sätze durch den logischen Junktor „und“, die Konjunktion, dann und nur dann wahr, wenn jeder der beiden durch „und“ verknüpften Sätze wahr ist. Sie verwenden dafür das Zeichen für die Äquivalenz (den Doppelpfeil ↔).
).
7. Logical Validity
If starting from truth we are led into falsehood, we know our conclusion has been drawn by an invalid process. Contrariwise, it is sometimes obvious in a particular instance that a conclusion follows from premises — we need not know whether conclusion and premises were true or not.
We can satisfy ourselves that a conclusion follows from premises, when this is not obvious, by constructing a chain from premises to conclusion of little links, every one obvious. “One step enough for me”!
In a rough and ready way we can test an argument for validity/invalidity, when in doubt, by observing that it is “on all fours with” an argument patently invalid. “You might as well say. . .” But this is a very hit-or-miss procedure. The only method we can rely on is to devise a way of showing the logical form common to arguments that are “on all fours with” each other. This was Aristotleʼs achievement; nobody, as far as we know, had thought of such a thing before; we still use his term “schema” (plural “schemata”) for the way of setting out an abstract logical pattern. Logical schemata are the very backbone of logic: we shall come to discuss them in Chapter 10. Before getting on to logical schemata, we need a clear idea of propositions and contradictories.
As we saw in the last chapter, when an argument is put forward by someone who claims to derive a conclusion, that person is not necessarily vouching for the truth of either premises or conclusion. So we should say that logical rules of inference are concerned with propositions, theses put forward for consideration, not necessarily with statements i.e. asserted propositions. A proposition is true or false regardless of whether you assert it. When you vouch for conclusionʼs following, you do not vouch for its truth unless you have committed yourself to asserting the premises.
Any proposition can be regarded as one of the two possible answers to a yes-or-no question. The contradictory of a proposition is the other one of the two possible answers. It is often not obvious whether two propositions are contradictories. You can mechanically form a contradictory by slicking “It is not the case that” in front of a proposition. Another word for the contradictory of a proposition is: the negation of a proposition. Since negation means switching from yes to no, or from no to yes, as an answer to a certain question, double negation cancels out, and gets us back to the answer we started with.
7. Logische Gültigkeit
Wenn wir von der Wahrheit ausgehen und bei der Falschheit enden, wissen wir, dass unsere Schlussfolgerung einem ungültigen Verfahren zum Opfer gefallen ist. Bei anderer Gelegenheit sind die Vorzeichen umgekehrt: Die Konklusion folgt offenkundig aus den Prämissen – dabei müssen wir nicht wissen, ob die Konklusion oder die Prämissen wahr sind oder nicht.
Wir können uns damit zufriedengeben, dass eine Konklusion aus den Prämissen folgt, auch wenn dies nicht offensichtlich ist, indem wir schrittweise vorgehen und eine Kette von kleinen Bindegliedern, jedes unmittelbar einleuchtend, von den Prämissen zur Konklusion legen, nach dem Motto: „Schritt für Schritt!“
Wir können im Zweifelsfalle die logische Gültigkeit oder Ungültigkeit eines Arguments über den Daumen gepeilt dadurch überprüfen, dass wir seine zwillingsgleiche Ähnlichkeit mit einem Argument entdecken, das offenkundig gültig oder ungültig ist. „Du könntest ebenso gut sagen …“ Aber solch ein Zwillings-Ei erhalten wir nur durch Zufallstreffer. Die einzige verlässliche Methode würde uns, ohne dass wir raten müssten, wie mit einer Mechanik zeigen, dass die logische Form des vorliegenden Arguments vollkommen mit der logischen Form all der Argumente übereinstimmt, die logisch gültig sind. Das ist die Errungenschaft von Aristoteles; niemand hat meines Wissens vor ihm an diesen Weg gedacht. Wir benutzen immer noch seinen Fachbegriff „Schema“ (Plural „Schemata“), um die Technik zu bezeichnen, mit der wir ein logisches Muster für eine gültige Schlussfolgerung aufstellen. Logische Schemata sind das Rückgrat der Logik: Wir wollen sie im 10. Kapitel vorstellen. Vorher aber wollen wir uns um eine klare Definition der für die Logik unverzichtbaren Begriffe „Aussage“ und „kontradiktorischer Gegensatz“ bemühen.
Wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, muss jemand, der ein Argument mit dem Ansinnen vorbringt, eine Schlussfolgerung zu ziehen, nicht notwendigerweise seine Hand dafür ins Feuer legen, dass beide, Prämissen und Konklusion, wahr sind. Deshalb reden wir davon, dass sich die logischen Regeln für das korrekte Schlussfolgern auf Aussagen (Propositionen) beziehen, nicht notwendigerweise auf Behauptungen, das heißt als wahr bejahte Aussagen (Propositionen). Eine Aussage ist wahr oder falsch, ungeachtet dessen, ob du sie als wahr oder falsch bejahst. Wenn du dich dafür verbürgst, dass eine Konklusion rechtens aus Prämissen folgt, verbürgst du dich noch lange nicht für ihre Wahrheit, es sei denn du hast zuvor die Wahrheit der Prämissen anerkannt.
Jede Aussage kann als eine von zwei möglichen Antworten auf eine Ja-Nein-Frage angesehen werden. Der kontradiktorische Gegensatz einer Aussage ist die eine der beiden möglichen Antworten. Man kann zwei Aussagen nicht immer von der Oberfläche ablesen, dass sie kontradiktorisch zueinander stehen. Wir können aber leicht die Kontradiktion einer Aussage bilden, indem wir vor die Aussage den Ausdruck „Es ist nicht der Fall, dass“ einfügen. Ein anderer Ausdruck für den kontradiktorischen Gegensatz einer Aussage ist die Negation einer Aussage. Wenn wir mittels der Negation von Ja zu Nein und umgekehrt, von Nein zu Ja, umschalten und damit jeweils Stellung zu einer Frage beziehen, annulliert die doppelte Negation unser ganzes Vorhaben: So landen wir wieder am Ausgangspunkt, bei der ursprünglichen Antwort.
6. Uses of Argument
Drawing conclusions from accepted premises in order to reach conclusions that you can accept and propound for acceptance is only one use of inference. Other uses of valid arguments are the following:
1. Working out the consequences of imaginary cases, e.g. in school arithmetic or algebra problems or in puzzle books or in composing fiction. This use of argument is very familiar to us, but allegedly some men of primitive cultures find it very hard to grasp; and of course we had to learn it ourselves. Littlewood, the Cambridge mathematician, tells a story of a schoolmaster who began stating a problem: ‘Suppose y is the number of eggs —’ ‘But Sir, please Sir, suppose y isn’t the number of eggs?’ (Why is this question absurd?)
2. Testing the consequence of a supposition when you haven’t yet committed yourself either way. If by validly drawing conclusions you arrive at a false result (e.g. one flatly contrary to observation) then if you are certain of all the other premises employed you know the supposition under test is false. If on the other hand you never come across a false conclusion the supposition under test is thus far confirmed. (This is called the hypothetico-deductive method: it is of use even in pure mathematics.)
3. Ad hominem arguments. This Latin term indicates that these are arguments addressed to a particular man — in fact, the other fellow you are disputing with. You start from something he believes as a premise, and infer a conclusion he won’t admit to be true. If you have not been cheating in your reasoning, you will have shown that your opponent’s present body of beliefs is inconsistent and it’s up to him to modify it somewhere. — This argumentative trick is so unwelcome to the victim that he is likely to regard it as cheating; bad old logic books even speak of the ad hominem fallacy. But an ad hominem argument may be perfectly fair play.
Let us consider a kind of dispute that might easily arise:
A. Foxhunting ought to be abolished; it is cruel to the victim and degrading to the participants.
B. But you eat meat; and I’ll bet you’ve never worried about whether the killing of the animals you eat is cruel to them and degrading to the butchers.
No umpire is entitled at this point to call out ‘Ad hominem! foul!’ It is true that B’s remark does nothing to settle the substantive question whether foxhunting should be abolished; but then B was not pretending to do this; B was challengingly asking how A could consistently condemn foxhunting, without also condemning something A clearly does not wish to condemn. Perhaps A could meet the challenge, perhaps not; anyhow the challenge is a fair one — as we saw, you cannot just brush aside a challenge to your consistency, or say inconsistency doesn’t matter.
Ad hominem arguments are not just a way of winning a dispute: a logically sound ad hominem argument does a service, even if an unwelcome one, to its victim — it shows him that his present position is untenable and must be modified. Of course people often do not like to be disturbed in their comfortable inconsistencies; that is why ad hominem arguments have a bad name.
4. Reductio ad absurdum. If a reasoner employs some premise or premises that he has only assumed for the sake of argument, then in general he is not committed to asserting the conclusion that he draws from these; like Alice who protested ‘I only said “If” ’, he may say ‘I only said Suppose” — if he didn’t assert his premises, he is not bound to assert his conclusion and not entitled to say he has given a proof of it. But there is one important exception.
Consider a man who asserts premises P and Q and now adds a third premise R just as a supposition. If from the premises P, Q, and R all together the falsehood of R logically follows, then the reasoner’s assertion of P and Q warrants him in going on to assert that R is false, and in offering this as a proved conclusion to anyone who agrees in accepting P and Q. For if R could be asserted along with P and Q, the set of asserted premises P, Q, R would logically lead to the assertion both of R and of R’s falsehood, and this is absurd. This powerful argumentative move is called reductio ad absurdum.
We must carefully notice that in drawing a conclusion by reductio ad absurdum the reasoner is not revoking a false move of assuming R; he never did assert R, and to assume a premise for the sake of argument is in no case a mistake. Of course it is possible for a man to begin by asserting P, Q, and R and then discover that the falsehood of R follows; in this case he has made a mistake, and must put it right by going back on the assertion of one or other premise; he cannot acquiesce in self-contradiction.
An example from the topic of testimony which we were considering just now may serve to show the difference between a sound reductio ad absurdum procedure and a lapse into muddle and self-contradiction. Many of us have heard the story of psychological experiments to show how inaccurately eye-witnesses will report a series of incidents. So far as I am concerned these stories are mere hearsay; I have never met anyone who claimed to have been present on such an occasion. But suppose I had met such a person, M.N. Then I could reason as follows:
M.N. claims to have witnessed such-and-such psychological experiments.
Let us suppose that eye-witness testimony is never seriously unreliable.
Then such-and-such experiments had the results that M.N. reports.
But if the results were such as M.N. reports, some eye-witness testimony is seriously unreliable (because the eye-witness testimony of the people used as subjects of the experiment will have turned out to be so).
So, some eye-witness testimony is seriously unreliable.
This argument is a sound reductio ad absurdum, and would warrant one in asserting its conclusion. Notice that in drawing the conclusion I do not assert the premise that eye-witness testimony is reliable in order to draw the conclusion that it is not; what I assert about M.N. is not that he reliably gave such-and-such testimony, but only that he gave it — and if he was inaccurate or mendacious in giving it, then so far from throwing doubt on my conclusion this confirms it.
On the other hand, people often appear prepared to believe without question the accounts given of such experimental results, and to say that here there is ‘scientific proof’ that eye-witness testimony, e.g. in law-courts, is unreliable. It is very difficult to make sense of such a position. Probably those who maintain it will be going by hearsay, which on any view is less reliable than eye-witness testimony; but even in the most favourable case, that they have heard or read an eye-witness of the experiments, they are indefensibly inconsistent. For in order to be warranted in asserting that the experiments happened as described, they have to assert the reliability of this eye-witness; but the ultimate conclusion casts doubt on the testimony of eye-witnesses; and then what makes the position different for the eye-witness of these experiments? The mere fact of his evidence, as we have seen, affords a valid reductio ad absurdum proof that eye-witness testimonies may be very unreliable; but then just on that account we can and should be chary of believing all the tales emanating from psychology labs. (Some such tales — like the tale I once heard of a young ape that could talk just like a young human child — bear the stamp of fraud or self-deception upon their face.)
Reductio ad absurdum is a tool for obtaining knowledge, not just a good dialectical trick. G.H. Hardy the Cambridge mathematician said that reductio ad absurdum is a much more brilliant move than any chess sacrifice; in order to win the game, you offer, not some major piece, but the game. An example of a particularly brilliant move comes in Euclid. Euclid attacks the problem whether the prime numbers — which become rarer and rarer as we go on in the number series — finally peter out altogether: whether there is a biggest prime number, beyond which there are no more prime numbers. He proves that there is no biggest prime number by assuming that there is one! Suppose P is the biggest prime number. Then multiply together all the prime numbers up to and including P, and add 1. The resulting number, N say, clearly has not as a prime factor any of the prime numbers up to P; for there will upon division always be a remainder 1 (1 itself does not count as a prime number). So this number N will have some prime factor bigger than P; N may of course be prime itself, but then N is obviously bigger than P, so it makes no difference if N is its own only prime factor. So P is not the biggest prime number. We have reached this result by assuming (not asserting) that P is the biggest prime number, and using along the way some obvious truths about numbers, which we asserted; we are now entitled to assert that P is not the biggest prime number, regardless of which number P may be — i.e. that there is no biggest prime number.
6. Wie wir Argumente verwenden
Schlussfolgern von anerkannten Prämissen in der Absicht, Konklusionen zu gewinnen, die du selbst akzeptierst und gerne anderen nahelegst, ist nur eine Art, Argumente zu verwenden. Andere Arten, gültige Argumente zu verwenden, sind die folgenden:
1. Wir ziehen die logischen Folgen aus imaginären Fällen und Gedankenspielen, zum Beispiel beim Rechnen in der Schule oder bei algebraischen Aufgaben, beim Lösen von Rätseln oder bei der Verfertigung eines literarischen Textes. Diese Verwendung logischen Denkens in Form von Argumenten ist uns sehr vertraut, doch scheinen einige Leute von geringer Bildung Schwierigkeiten damit zu haben; und es stimmt, auch wir selbst mussten die Sache lernen. John E. Littlewood, der Cambridger Mathematiker, begann eine Vorlesung mit einer Aufgabenstellung: „Nehmen wir an, y sei die Anzahl der Eier –“ „Aber, Herr Professor, was ist, wenn y nicht die Anzahl der Eier ist?“ (Warum ist diese Frage sinnlos?)
2. Wir überprüfen die Folgen einer Hypothese, bevor wir uns dafür oder dagegen aussprechen. Wenn du die logischen Folgen korrekt ermittelst und bei einem falschen Ergebnis landest (zum Beispiel könnte die Beobachtung dir das Gegenteil verraten), dann kannst du bei der Korrektheit aller sonst noch verwendeten Prämissen mit Sicherheit davon ausgehen, dass die überprüfte Hypothese falsch ist. Wenn du aber bisher bei keinem Test auf eine falsche logische Ableitung gestoßen bist, dann ist die Hypothese bis auf weiteres bestätigt. (Dieses Testverfahren heißt hypothetisch-deduktive Methode, es wird auch in der reinen Mathematik verwendet.)
3. Argumentum ad hominem. Dieser lateinische Ausdruck bedeutet, dass solche Argumente an einen einzelnen Menschen gerichtet sind – also zumeist an den Gesprächspartner. Du greifst eine Behauptung auf, die er als Prämisse setzt, und leitest davon eine Konklusion ab, deren Wahrheit er bestreitet. Wenn du keine üblen Tricks angewandt hast, hast du deinem Partner damit die Tatsache vor die Nase gerieben, dass im Corpus seiner Annahmen der Wurm namens Inkonsistenz steckt, und es ist an ihm, ihn herauszuziehen. – Dieser Kunstgriff in der Verwendung von Argumenten ist dem Opfer dermaßen peinlich, dass er ihn wahrscheinlich als Betrugsmanöver hinstellen wird. Schlechte Logiklehrbücher aus alten Zeiten sprechen hier gern von dem Trugschluss ad hominem. Doch kann das Argument ad hominem Fair Play im besten Sinne sein.
Wir wollen uns einen gelinden Disput anschauen, wie er leicht entstehen kann:
A: Die Fuchsjagd sollte abgeschafft werden; sie ist grausam gegenüber dem Opfer und entehrt die Teilnehmer.
B: Du bist doch Fleischesser; ich wette, du hast dir noch nie Gedanken darüber gemacht, ob das Schlachten der Tiere, die du verzehrst, nicht grausam ist und die Schlächter entehrt.
Kein Schiedsrichter darf an diesem Punkt vortreten und ausrufen: „Foul, ein Argumentum ad hominem!“ Es stimmt zwar, dass Bs Bemerkung auf keine Weise zur Lösung der Rechtsfrage beiträgt, ob die Fuchsjagd verboten werden solle; aber B hatte dies auch gar nicht im Sinn. B verfolgte vielmehr mit seiner Frage die Absicht, A mit der Nase darauf zu stoßen, dass er nicht konsistenterweise einerseits die Fuchsjagd verdammen kann, ohne gleichzeitig etwas zu verdammen, zu dessen Verdammung er keinerlei Wunsch verspürt. Vielleicht kann A den Angriff parieren, vielleicht auch nicht; wie dem auch sei, die Herausforderung ist jedenfalls fair – wir sahen ja, dass wir den Wurm namens Inkonsistenz im Corpus unserer Annahmen nicht einfach ignorieren können, als ob Inkonsistenz unter ferner liefen abgetan werden könnte.
Argumente ad hominem sind keine schlauen Techniken, mit denen man als Sieger aus Diskussionen hervorgeht. Ein logisch sauberes Argument ad hominem leistet dem Unterlegenen einen Dienst, auch wenn er ihn nur ungern annimmt: Es macht ihm klar, dass seine gegenwärtige Behauptung unhaltbar ist und verändert werden muss. Natürlich mögen die Leute es nicht, wenn sie aus dem Faulbett ihrer bequemen Inkonsistenzen aufgescheucht werden – deshalb eilt Argumenten ad hominem ein schlechter Ruf voraus.
4. Reductio ad absurdum. Wenn jemand bei seinen Erwägungen eine oder mehrere Prämissen nur zum Zwecke der Aufstellung einer Schlussfolgerung gebraucht, ist er im Allgemeinen nicht gehalten, die Konklusion, die er aus ihnen zieht, zu bejahen. Ähnlich wie Alice im Wunderland, die beteuert: „Ich sagte nur »Wenn!«“, mag er sagen: „Ich sagte nur „»Nehmen wir einmal an«!“ – wenn er seine Prämissen nicht ausdrücklich bejaht, muss er auch nicht seine Schlussfolgerung bejahen, aber dann ist er auch nicht zu der Behauptung berechtigt, er habe die Wahrheit der Konklusion bewiesen. Doch es gibt eine wichtige Ausnahme.
Betrachten wir folgenden Fall: Jemand bejaht die Prämissen P und Q – dann formuliert er noch eine zusätzliche Prämisse R, er stellt sie gleichsam in den logischen Möglichkeitsraum, ohne sie zu bejahen. Wenn aus den genannten Prämissen P, Q und R zusammen die Falschheit von R logisch abgeleitet werden kann, dann berechtigt uns die Bejahung der Prämissen P und Q dazu, die Unwahrheit der Prämisse R zu bejahen – dieses Ergebnis muss jedem als erwiesene Schlussfolgerung einleuchten, der nur immer die Prämissen P und Q als wahr voraussetzt. Würde man R allerdings gemeinsam mit den wahren Prämissen P und Q als wahre Prämisse bejahen, würden die wahren Prämissen P, Q und R notwendig zu dem Schluss führen, dass R unwahr ist. Wir hätten also R als wahr vorausgesetzt und unsere logische Ableitung erweist R gleichzeitig als unwahr. Das aber ist absurd oder logisch sinnlos. Diesen wirkungsvollen Zug im Argumentationsspiel nennen wir reductio ad absurdum.
Es gilt, sorgfältig zu beachten, dass wir bei einer Schlussfolgerung durch reductio ad absurdum nicht zunächst R als unbewährte Prämisse in den Raum stellen, um sie anschließend als logisch falsch erwiesenen Satz zurückzunehmen. Wir haben R ja nie und nimmer als wahre Prämisse bejaht, und eine beliebige Prämisse zur Aufstellung eines Arguments anzunehmen ist in keinem Falle ein Fehler. Natürlich könnte ein anderer hingehen und mir nichts, dir nichts P, Q und R gemeinsam als wahre Prämissen ausgeben und dann vor dem Schluss stehen, dass R unwahr ist. In diesem Falle hat er allerdings einen Fehler begangen und er muss die Sache bereinigen, indem er die Bejahung der einen oder anderen Prämisse zurücknimmt – im Faulbett des Selbstwiderspruchs sollte er sich nicht lange lümmeln.
Wir wollen uns an einem Beispiel aus dem Bereich der Zeugenschaft, die wir eben betrachtet haben, den Unterschied zwischen einer korrekten reductio ad absurdum und einem bloßen Stolpern in Verwirrung und Selbstwiderspruch klar machen. Viele unter uns haben von den psychologischen Experimenten gehört, die zeigen sollen, wie ungenau Augenzeugen einen Tathergang wiedergeben. Ich kenne solche Berichte allerdings nur vom Hörensagen; mir ist nie jemand begegnet, der behauptete, bei einer solchen Gelegenheit zugegen gewesen zu sein. Doch nehmen wir einmal an, ich hätte eine solche Person getroffen, Herrn Karl. Dann könnte ich folgende Überlegungen anstellen:
Herr Karl behauptet, Zeuge dieser und jener psychologischen Experimente gewesen zu sein.
Nehmen wir für unser Argument einmal an, die Berichte von Augenzeugen seien niemals völlig unzuverlässig.
Dann haben diese und jene psychologische Experimente die Ergebnisse, die Herr Karl als Augenzeuge darlegt.
Doch gemäß den Ergebnissen der psychologischen Experimente, die Herr Karl uns darlegt, sind einige Berichte von Augenzeugen nicht völlig zuverlässig.
Daraus folgt: Einige Berichte von Augenzeugen sind völlig unzuverlässig.
Das ist eine korrekte reductio ad absurdum. Sie gibt mir die Berechtigung, die Wahrheit der Konklusion zu bejahen. Ich mache darauf aufmerksam, dass ich bei der Schlussfolgerung nicht die Prämisse bejaht habe, dass die Berichte von Augenzeugen zuverlässig sind, um dann in der Konklusion das glatte Gegenteil zu behaupten, nämlich dass sie es nicht sind. Was ich in Bezug auf Herrn Karl annahm, war nicht, dass er mir einen zuverlässig Bericht als Augenzeuge vortrug, sondern nur dass er mir etwas erzählt hat – und falls er dabei ungenau war oder gelogen hat, wird diese Tatsache keinen Zweifel auf meine Schlussfolgerung werfen, sondern sie im Gegenteil bestätigen.
Auf der anderen Seite scheinen die Leute gern bereit, die Berichte über die Ergebnisse solcher Experimente fraglos zu schlucken, und sie reden dann gern davon, es gebe „wissenschaftliche Beweise“ dafür, dass Augenzeugen, zum Beispiel vor Gericht, unzuverlässige Berichte abgeben. Es ist ziemlich schwer, dieser Position einen Sinn abzugewinnen. Vor allem, wenn man sich nur auf das Hörensagen verlassen hat, was doch wirklich weniger zuverlässig ist als die Augenzeugenschaft selbst. Aber auch im günstigsten Falle, wenn die Leute Berichte eines Augenzeugen der Experimente gehört oder gelesen haben, bleiben sie doch unrettbar im Selbstwiderspruch befangen. Denn sie müssen ja die Zuverlässigkeit dieses Augenzeugen bejahen, wenn sie berechtigt sein wollen, seinen Bericht über die Experimente als zuverlässig und wahr zu bejahen. Aber das letzte Ergebnis der Experimente wirft Zweifel auf die Zuverlässigkeit von Augenzeugen. Und wie steht es um die Zuverlässigkeit der Augenzeugen dieser Experimente selbst? Wie wir sahen, hatte das Argument durch eine reductio ad absurdum das klare Ergebnis gebracht, dass Augenzeugenschaft ziemlich unzuverlässig sein kann. Dann aber können und sollten wir uns angesichts dieser Lage hüten, unbesehen all die Märchen zu glauben, die aus den psychologischen Laboren flattern. (Manche dieser Märchen – wie das von dem jungen Affen, der sprechen konnte wie ein menschliches Kind – tragen das Siegel des Betrugs oder der Selbsttäuschung auf ihrer Stirn.)
Die reductio ad absurdum ist ein Werkzeug zum Wissenserwerb, nicht bloß ein dialektisches Spielzeug. Godfrey Harold Hardy, der Cambridger Mathematiker, sagte, die reductio ad absurdum sei ein glänzenderer Zug im Argumentationsspiel als das Opfer einer Figur beim Schach: Um das Spiel zu gewinnen, bietest du nicht eine einzelne Figur an, sondern das ganze Spiel. Wir finden einen solchen glänzenden Gedankenzug bei Euklid. Euklid geht die Frage an, ob die Primzahlen, die bei zunehmender Größe immer seltener werden, schließlich versanden – ob es also eine größte Primzahl gibt, über die hinaus wir keine Primzahlen mehr finden. Er bewies, dass es keine größte Primzahl gibt, indem er annahm, es gebe eine! Nehmen wir an, P ist die größte Primzahl. Dann multiplizieren wir alle in P enthaltenen Primzahlen einschließlich P selbst und addieren zu der so gewonnenen Zahl eine 1. Die resultierende Zahl, nennen wir sie N, hat offensichtlich keine der Primzahlen bis einschließlich P zu ihren Primfaktoren, durch die sie teilbar wäre, denn würden wir sie durch diese Primzahlen teilen, bliebe immer ein Rest von 1 (die wir zum Ergebnis der Multiplikation aller Primfaktoren von P einschließlich P hinzuaddiert haben; die Zahl 1 selbst gilt nicht als Primzahl). Also wird diese Zahl N einen Primfaktor haben, der in der Reihe der in P enthaltenen Primfaktoren einschließlich P nicht vorkommt. Somit erschöpft diese Reihe anders als vorausgesetzt nicht die Menge der Primzahlen. N kann natürlich selbst eine Primzahl sein, aber dann ist N ja klarerweise größer als P, so dass das Ergebnis dasselbe bleibt, auch wenn die Zahl N ihr einziger eigener Primfaktor sein sollte. Demnach ist P nicht die größte Primzahl. Wir haben dieses Ergebnis gewonnen, indem wir annahmen (nicht bejahten), dass P die größte Primzahl sei, und dazu haben wir noch einige offensichtliche Wahrheiten über Zahlen in unsere Überlegungen eingebaut – Wahrheiten, die wir bejaht haben. Am Ende sind wir berechtigt, die Aussage zu bejahen, dass P nicht die größte Primzahl ist, ungeachtet dessen, welche Primzahl P immer sein mag. Ergo gilt aufgrund der reductio ad absurdum: Es gibt keine größte Primzahl.
5. Starting Points: Observation, Memory, Testimony
Much of our rational belief about the world is an inference from premises; but if we are to believe anything at all, there must be uninferred beliefs to start with. This doesn’t mean that the uninferred beliefs are certain or exempt from revision. Nor need the starting points be the same for all: A and B may share a belief, but A may have to come to it by inference whereas for B it is immediate and uninferred.
It is fairly clear that observation and memory contrast with inference. The expression of judgement that a man comes up with when he observes something only counts as an observation statement if he doesn’t need to make an inference but comes up with it straightaway. (This will be different for trained and untrained observers; cf. W.V. Quine and J.S. Ullian, The Web of Belief, New York 1978, p.33). And if I believe something about my past life because somebody else has told me or because I work it out that that’s what must have happened, then I’m not remembering the past event in my life.
Of course a man’s own memory and observation would not take him very far; he begins as a child by trusting other people’s testimony without any checking or any inference, and it would be impossible for a sophisticated adult to do much checking. There are indeed ways of finding out that an authority previously trusted is unreliable; but even here each man has to rely very largely on checks performed by other people, of which he himself knows by testimony.
Obviously not all testimony is reliable; a prudent man will have learned to apply certain principles about what makes someone a poor observer or an inaccurate or untruthful reporter. These principles would be said to be ‘learned from experience’. But once again it is not the prudent man’s personal experience alone that teaches him these principles; he relies on the general experience of mankind about the reliability of testimony — but what the general experience of mankind amounts to is again something that he can learn only by relying on testimony.
We can rely on observation, memory, and testimony only in a general way; to attempt to accept each detail as true would land us in positive inconsistency. Must we then say: ‘A man has to judge for himself’? In one way this is a triviality; in another way of taking it, plainly silly. If it means that whatever a man judges to be so, he is judging to be so, then this is a tautology from which nothing interesting follows; if on the other hand it means that a man is logically debarred from accepting anybody’s authority about anything, then it is a plainly silly principle. A man who decides to rely on an authority is indeed making a judgement about that authority; but in so doing he is not assuming the position of a judge, not setting himself up as a higher authority. In recommending someone as a good lawyer or doctor, I am not claiming to be myself an even better lawyer or doctor.
5. Ausgangspunkte: Beobachtung, Erinnerung, Zeugenschaft
Viele unserer vernünftigen Annahmen über die Welt sind Schlussfolgerungen aus Prämissen. Doch sollen wir nur überhaupt etwas glauben, müssen wir einmal mit nicht durch Schlussfolgern erworbenen Annahmen begonnen haben. Das heißt nicht, dass solche nicht erschlossenen Annahmen gewiss und von jeder Korrektur ausgenommen wären. Noch brauchen die Ausgangspunkte für alle dieselben zu sein: A und B können einen Glauben über die Welt teilen, aber A könnte zu seiner Annahme mittels Schlussfolgerung, B durch unmittelbare und nicht gefolgerte Erfahrung gekommen sein.
Es dürfte allenthalben einleuchten, dass Beobachtung und Erinnerung der Schlussfolgerung gegenüberstehen. Der Ausdruck des Urteils, welches jemand als Kommentar seiner Beobachtung zum Besten gibt, zählt nur dann als Beobachtungssatz, wenn er auf direktem Wege und ohne Zuhilfenahme von Schlussfolgerungen zustande kommt (hier gibt es Unterschiede zwischen geübten und unerfahrenen Beobachtern, vgl. Willard V. Quine und Joseph S. Ullian, The Web of Belief, New York 1978, S. 33). Und wenn ich etwas über mein vergangenes Leben glaube, das mir ein anderer erzählt hat oder weil ich es selbst herausgefunden habe, dass ein solches Ereignis stattgefunden haben muss, bin ich beide Male nicht im Begriff, mich an ein vergangenes Ereignis meines Lebens zu erinnern.
Natürlich tragen einen die eigenen Erinnerungen und Beobachtungen nicht allzu weit. Es beginnt mit dem Kind, das sich auf das Zeugnis anderer verlässt, ohne es zu überprüfen oder in ein Argument einzubauen, und endet bei dem gebildeten Erwachsenen, dessen Möglichkeiten der Nachprüfung ziemlich begrenzt sind. Sicherlich gibt es Methoden herauszufinden, dass eine Autorität, deren Zeugnis man bisher vertraut hat, unzuverlässig ist. Aber in jedem Falle sind wir alle auf Überprüfungen angewiesen, die von anderen Menschen durchgeführt worden sind, Überprüfungen, von denen wir immer nur wieder Augen- und Ohrenzeugen sind.
Offenkundig ist nicht alle Zeugenschaft seriös; ein kluger Mensch hat gelernt, gewisse Grundsätze anzuwenden, um herauszufinden, was jemanden zu einem schwachen oder ungenauen und unwahrhaftigen Berichterstatter macht. Wir gehen davon aus, dass diese Grundsätze mittels Erfahrung erworben worden sind. Doch auch hier gilt: Es ist nicht die persönliche Erfahrung des klugen Menschen, die ihn diese Grundsätze gelehrt hat. Er verlässt sich vielmehr auf die allgemeine Erfahrung der Menschheit mit der Zuverlässigkeit von Zeugenschaft – aber worauf es bei der allgemeinen Erfahrung der Menschheit ankommt, dies lernt er wiederum nicht anders als so, dass er sich auf Zeugen und ihre Zeugnisse verlässt.
Wir können uns jeweils auf Beobachtungen, Erinnerungen oder Zeugenschaften nur in allgemeiner Form berufen. Der Versuch, jedes kleinste Detail als wahr zu akzeptieren, würde uns zwangsläufig in Inkonsistenzen stürzen. Müssen wir also verkünden: „Jeder Mensch steht mit seinem Urteil allein“? Auf der einen Seite ist dies eine Trivialität; man kann den Satz aber auch so münzen, dass er zu einer großen Dummheit ausartet. Wenn der Satz auf der einen Seite bedeuten soll, ein jeder sei seines Urteiles Schmied, dann ist er nichts als eine Tautologie, aus der nichts Interessantes folgt. Wenn er auf der anderen Seite bedeuten soll, dass logische Gründe jemanden davon abhalten, irgendjemandes Autorität über irgendeine Sache ernst zu nehmen, wird eine große Dummheit aus dem Satz. Ein Mensch, der entschieden ist, sich auf eine Autorität zu verlassen, fällt in der Tat ein Urteil über diese Autorität. Doch indem er dies tut, nimmt er für sich nicht die Stellung eines Richters in Anspruch und überhebt sich nicht über den anderen als eine höhere Autorität. Wenn ich jemanden als einen guten Rechtsanwalt oder Arzt empfehle, beanspruche ich nicht, meinerseits ein noch besserer Anwalt oder Arzt zu sein.
4. Inference
Arguments are always quite different from statements; this is recognised in the familiar saying ‘I’m not arguing, I’m telling you!’ In presenting an argument, we present certain reasons, set forth in sentences, for deriving a stated conclusion; the verbal formulations of the reasons are called the premises of the argument, and the transition from premises to conclusion is expressed by such words as ‘and so’, ‘hence’, ‘therefore’, ‘consequently’, ‘it follows that’, or (in logic books) the Latin word ‘ergo’. There is a curious tendency to confuse an argument ‘So-and-so, therefore such-and-such’ with a hypothetical or conditional statement employing the same sentences, ‘If so-and-so, then such-and-such’. But it is easy to find examples to show the difference: ‘War has been declared, so there will be a panic on the Stock Exchange’ is not at all the same as ‘If war has been declared, there will be a panic on the Stock Exchange’. A hypothetical statement is no more an argument than any other statement is.
In this chapter we shall consider only one use of arguments: the attainment of further truths from premises that you, the reasoner, already accept as true. You may be trying to discover truths on your own account; or on the other hand you may be trying to bring home some truth to somebody else, starting from premises that both you and he accept as true. You cannot fairly claim that your argument ought to convince the other fellow unless you and he are agreed on some stock of premises; and there certainly will be the possibility of agreement on premises, for without some accordance in your judgements you and the other could not speak and understand the same language. Of course he may make a show of challenging any premise you put up: like Toddy Beamish in H.G. Wells’s short story The Man who could work Miracles, who met every attempt to get him to accept a premise with an irritating ‘So you say!’ But this cannot be anything but a ploy.
Statements are true or false; to refuse to accept a statement is to assert or suggest that the statement is false. Arguments are not statements, and cannot themselves be true or false; but the premises of an argument may be called in question as false or as not known to be true. That is one way of challenging an argument; another way is to deny or doubt the soundness of the inference from premises to conclusion — ‘That’s not a good reason’, ‘I don’t see that follows’. These are the only two possible ways of casting doubt upon an argument: to challenge the assertion of the premises, or to dispute whether the conclusion follows from them. Sometimes people try to object to an argument on a third ground; that the conclusion is ‘already implicit in’ the premise, so that one who asserts the premises and then derives the conclusion is only ‘begging the question’. Bad logic books list ‘begging the question’ as a fallacy. This objection, however, is a mere confusion, and in the court of logic it should be denied a hearing: if the conclusion really is implicit in the premises, then the argument is logically as good as can be — the conclusion really and indefeasibly follows from the premises.
A defender of the idea that begging the question is a real fault in arguments might here say: ‘A question-begging argument need not be open to logical objection; but it is necessarily useless. If a conclusion is really implicit in the premises, surely somebody who knows the premises must already know the conclusion; so the conclusion tells him nothing new.’ This protest forgets that a man may know each premise, but never happen to think of the two premises together and draw the obvious conclusion. Moreover, even with the premises before them, people vary very much in their natural or acquired ability to derive conclusions from them; having the premises is no guarantee that they will know how to derive the right conclusion. So a conclusion’s being implicit in premises nowise shows that actually deriving it is a useless procedure. In C.S. Lewis’s Pilgrim’s Regress, the lady who is a personification of logic replies to the pilgrim’s urgent questioning with ‘I cannot tell you what I know, I can only tell you what you know.’ But until logic tells him, the pilgrim may not know what are the things he knows.
Not all sound reasons for a conclusion are formulable as premises in which the conclusion is implicit and from which the conclusion strictly follows; we may have a good reason that is not conclusive. For instance, if our information about an individual X is simply that X belongs to a class of whose members more than 90 per cent have a certain property, then it is reasonable to conclude that X has this property: after all, this pattern of reasoning must lead from truth to truth in more than 90 per cent of the possible arguments from such pairs of true premises. But such a conclusion is defeasible by further information about X; we may even have arguments that lead opposite ways, for example:
90 per cent of Swedes are non-Catholics
Petersen is a Swede
Ergo Petersen is not a Catholic
90 per cent of Lourdes pilgrims are Catholics
Petersen is a Lourdes pilgrim
Ergo Petersen is a Catholic
If the premises are true, ought we to conclude that Petersen is a Catholic or that he is not?
No such difficulties arise for arguments whose conclusions follow from the premises by logical implication: what logically follows from true premises is true, and no added information can give us reason to go back on our conclusion unless it obliges us to revise our premises. When premises are supposed to give a decisive logical ground for accepting the conclusion, the argument is said to be valid if the conclusion really does logically follow, otherwise invalid.
A validly drawn conclusion spells out what is logically implicit in the premises; so valid reasoning can never lead from true premises to a false conclusion. If a conclusion does turn out false, we know that either there is falsehood in the premises, or the argument was invalid so that the conclusion did not really follow; but we may not easily see which way the argument has gone wrong. If we know that the premises are true, the fault must lie in the form of argument employed; if we know the form of argument is sound, then one or other premise must be false; but we may be unable to say definitely what is wrong with a given argument.
On the other hand, false premises, or an invalid move in argument, or both together, need not prevent our reaching a true conclusion. For example, the premise:
Everybody in Lyddon Hall speaks some language
does not yield the conclusion:
There is a language that everybody in Lyddon Hall speaks
but as it happens both are true, since everybody in Lyddon Hall speaks English. We may show that the inference is invalid by substituting for ‘Lyddon Hall’ the name of some organization in which everybody speaks some language but no language is common to all, say ‘the United Nations’; in that case there would be an argument obviously ‘on all fours’ (as we say) with the original argument, so that one is valid if and only if the other is; but this second argument could not be valid, having a true premise and a false conclusion. Again, these two arguments are obviously ‘on all fours’ with one another, and both are valid arguments with a true conclusion:
All girls are mammals
All mammals are warm-blooded
Ergo: All girls are warm-blooded
All girls are serpents
All serpents are warm-blooded
Ergo: All girls are warm-blooded
but one has true premises, the other false premises.
Accordingly, if a conclusion turns out to have been supported by false premises or invalid arguments, that does nothing whatever to show the conclusion is false. To question the premises or deny the validity of some particular argument of the existence of God does not at all amount to denying or doubting the existence of God; to deny the validity of a well known argument for the Earthʼs being round does not make one a Flat-Earther (a suspicion that I have myself incurred on this account).
Again, one may have good grounds for suspecting a manʼs testimony if he would very much wish that some state of affairs should exist, so that he may deceive himself by wishful thinking — or again, if it is very much to his interest to get people to believe his testimony, regardless of whether it is true. But no such considerations ought to affect our weighing of the arguments a man offers; knowledge of his bias or self-interest may disincline us to accept his premises on his word, but whether a conclusion follows from a set of premises can and should be judged apart from any opinions we have about the mental processes and motives of the person who employs the premises.
The conclusion of one argument may serve as a premise in a second argument, and the conclusion of that as premise in a third argument, and so on; we thus get what are called chains of argument or reasoning. Chains of reasoning can be very long. A chain is only as strong as its weakest link; but a logical chain, unlike a physical one, cannot break because it is too long. How are we to check over a long chain of reasoning? Descartes urged expanding by practice your ability to take in more and more steps in one apprehension. I fear this is only a way of persuading yourself that you were right, not a way of avoiding errors. Memory is indeed, as Descartes argued, perishable: but this suggests the real check – write your argument down, and get kind friends to check it as well.
4. Wie Sätze schlüssig aufeinander folgen
Wir müssen Argumente streng von Behauptungen unterscheiden; darauf beziehen wir uns bei alltäglichen Unterhaltungen, wenn wir etwa sagen: „Ich begründe die Sache nicht, ich erzähle sie dir bloß!“ Wenn wir ein Argument vorbringen, führen wir gewisse Gründe an, die wir in Sätze kleiden, um aus diesen eine bündige Schlussfolgerung abzuleiten; die Sätze, mit denen wir die Gründe anführen, heißen Prämissen des Arguments, und den Übergang von den Prämissen zur Konklusion markieren wir mit Wendungen wie „und also“, „demzufolge“, „daher“, „folglich“, „daraus folgt, dass“ oder (in alten Lehrbüchern der Logik) dem lateinischen „ergo“. Seltsamerweise ist die Neigung weit verbreitet, ein Argument der korrekten Form „So und so, daher dies und das“ mit einer hypothetischen oder konditionalen Aussage zu verwechseln, die dieselben Sätze enthält, nämlich: „Wenn so und so, dann dies und das“. Aber es ist leicht, Beispiele zu finden, um sich den Unterschied klarzumachen: „Es gab eine Kriegserklärung, daher wird es an der Börse einen Krach geben“ heißt nicht im mindesten dasselbe wie „Wenn Krieg erklärt wird, wird es an der Börse einen Krach geben“. Eine hypothetische Aussage ist um keinen Deut einem Argument näher als es jeder andere gewöhnliche Satz ist.
In diesem Kapitel wollen wir nur eine Gebrauchsweise von Argumenten betrachten: das Folgern von neuen Wahrheiten aus Prämissen, die der Leser bereits als wahr annimmt. Du kannst versuchen, neue Wahrheiten auf eigene Faust zu entdecken; oder du kannst jemand anderen mit neuen Wahrheiten beglücken, ausgehend von Prämissen, die ihr beide als wahr voraussetzt. Du kannst allerdings dem anderen fairerweise nicht abverlangen, dass dein Argument ihn überzeuge, es sei denn, ihr beide stimmt in einem gewissen Vorrat an Prämissen überein; und ihr werdet euch sicherlich auf etliche Prämissen einigen können, andernfalls könntet ihr ohne eine gewisse Übereinstimmung in euren Urteilen nicht dieselbe Sprache sprechen und verstehen. Mag sein, der andere könnte großsprecherisch jede Prämisse, die du vorbringst, anfechten; so wie Toddy Beamish in der Kurzgeschichte von H. G. Wells The Man who could work Miracles, der jedem Anlauf, ihn von einer Prämisse zu überzeugen, mit einem ärgerlichen „Das sagst du!“ begegnet. Aber das ist bloß ein billiger Trick.
Behauptungen sind wahr oder falsch; eine Behauptung nicht akzeptieren wollen ist gleichbedeutend mit der Behauptung oder Unterstellung, sie sei falsch. Argumente sind keine Behauptungen und können daher nicht wie diese wahr oder falsch sein; doch wir können die Frage aufwerfen, ob die Prämissen eines Arguments falsch sind, oder unser Unwissen eingestehen, ob sie wahr sind. Das ist die eine Art, ein Argument anzufechten; die andere ist es zu leugnen oder anzuzweifeln, dass die Prämissen auf schlüssige und korrekte Weise zur Konklusion führen: „Das ist kein guter Grund“, „Ich kann nicht erkennen, dass dies aus jenem folgt.“ Dies sind die beiden einzig möglichen Formen, die Gültigkeit eines Arguments zu bestreiten: die Behauptung der Prämissen zu bestreiten oder in Abrede zu stellen, dass die Konklusion aus ihnen folgt. Manchmal versuchen Leute die Gültigkeit eines Arguments auf eine dritte Weise anzugreifen: Die Konklusion sei schon in den Prämissen enthalten, und einer, der die Prämissen aufstellt und daraus die Konklusion ableitet, setze voraus, was es zu beweisen gelte. Schlechte Logiklehrbücher reihen dieses Verfahren als Petitio Principii unter die Fehlschlüsse ein. Diese Kritik beruht allerdings auf Konfusion und vor dem Gerichtshof der Logik sollte ihr kein Gehör geschenkt werden: Wenn nämlich die Konklusion tatsächlich in den Prämissen enthalten ist, kann es logischerweise kein besseres Argument geben – folgt doch die Konklusion wirklich und unanfechtbar aus den Prämissen.
Der Verteidiger der Idee, dass die Petitio Principii einen echten Fehler in Argumente einschleppe, könnte auf Folgendes verweisen: „Ein Argument in der Form einer Petitio Principii muss nicht unbedingt logischen Einwänden ausgesetzt sein; aber es ist notwendigerweise nutzlos. Wenn nämlich eine Schlussfolgerung wirklich und wahrhaftig in den Prämissen enthalten ist, muss jemand, der die Prämissen kennt, sicherlich auch die Konklusion kennen. Demnach teilt ihm die Schlussfolgerung nichts Neues mit.“ Dieser Einwand übergeht die Tatsache, dass jemand jede Prämisse eines Schlusses kennen kann, ohne Gelegenheit zu haben, gleichzeitig an beide Prämissen zu denken und daraus den offenkundigen Schluss zu ziehen. Mehr noch, Menschen unterscheiden sich beträchtlich in ihrer natürlichen oder erworbenen Fähigkeit, Schlüsse aus Prämissen zu ziehen, die man ihnen vorlegt: Die Tatsache, dass sie die Prämissen kennen, ist noch keine Garantie dafür, dass sie daraus auch die richtige Konklusion folgern. Auch wenn eine Konklusion in den Prämissen enthalten ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie wirklich zu ziehen eine nutzlose Prozedur ist. In dem Buch Pilgrimʼs Regress von C. S. Lewis antwortet die Dame, eine Allegorie der Logik, auf die drängenden Fragen des Pilgers: „Ich kann dir nicht sagen, was ich weiß, ich kann dir nur sagen, was du weißt.“ Doch bis es die Logik ihm sagt, wäre der Pilger ohne Wissen, was genau die Dinge sind, von denen er weiß.
Nicht alle guten Gründe für eine Konklusion können als Prämissen derart formuliert werden, dass die Konklusion in ihnen enthalten ist und aus ihnen haarscharf folgt; wir könnten einen guten Grund haben, ohne dass er uns zu einer Konklusion führte. Wenn wir beispielsweise von einer Person X nur wissen, dass sie zu einer Menge gehört, deren Mitglieder zu 90 Prozent eine bestimmte Eigenschaft aufweisen, dann scheint es vernünftig, zu dem Schluss zu kommen, dass auch X diese Eigenschaft hat: Immerhin führt in 90 Prozent der Fälle diese Überlegung zu wahren Schlüssen der Argumente, die wir mit je zwei wahren Prämissen aufstellen können. Aber eine solche Schlussfolgerung ist aufgrund weiterer Informationen über X anfechtbar; wir können sogar Argumente aufstellen, die aus wahren Prämissen zu sich widersprechenden Schlüssen führen:
90 Prozent der Schweden sind nicht katholisch
Petersen ist ein Schwede
Ergo: Petersen ist nicht katholisch
90 Prozent der Lourdes-Pilger sind katholisch
Petersen ist ein Lourdes-Pilger
Ergo: Petersen ist katholisch
Wenn die Prämissen doch wahr sind, welchen Schluss sollen wir dann ziehen: dass Petersen katholisch oder nicht katholisch ist?
Argumente, deren Prämissen den Schluss logisch enthalten, bringen uns nicht in solche Bedrängnis: Was aus wahren Prämissen logisch folgt, ist wahr, und keine nachträgliche Information vermöchte uns einen Grund anzugeben, unsere Schlussfolgerung zurückzunehmen, es sei denn, sie nötigt uns, unsere Prämissen zu ändern. Wenn wir davon ausgehen können, dass die Prämissen einen stichhaltigen logischen Grund dafür geben, die Konklusion zu akzeptieren, sprechen wir von einem gültigen Argument, falls die Konklusion tatsächlich logisch folgt, andernfalls von einem ungültigen Argument.
Die Konklusion eines gültigen Arguments macht ausdrücklich, was logisch in den Prämissen enthalten ist; demzufolge ist logisches Denken, das sich gültiger Argumente bedient, davor gefeit, von wahren Prämissen zu einer falschen Konklusion geführt zu werden. Wenn sich eine Schlussfolgerung als falsch erweist, wissen wir: Entweder steckt Falschheit in den Prämissen oder das Argument ist ungültig, und in diesem Falle folgt die Konklusion nicht wirklich aus den Prämissen; doch es ist nicht leicht zu sehen, wo das Argument schiefliegt. Wenn wir uns der Wahrheit der Prämissen versichern können, muss der Fehler in der Form des verwendeten Arguments liegen; wenn wir wissen, dass die Form des Arguments gültig ist, dann muss die eine oder andere Prämisse falsch sein; doch mag es geschehen, dass wir nicht in der Lage sind, definitiv anzugeben, was mit einem gegebenen Argument nicht stimmt.
Andererseits ist es nicht notwendig so, dass uns falsche Prämissen oder ein ungültiger Zug in einem Argument oder beides zusammen daran hindern müssten, zu einer wahren Schlussfolgerung zu gelangen. Nehmen wir als Beispiel folgende Prämisse:
Jeder Student im deutschen Seminar der Frankfurter Universität spricht eine Sprache.
Von dieser Prämisse kommen wir allerdings keinesfalls zu der Konklusion:
Es gibt eine Sprache, die jeder Student im deutschen Seminar der Frankfurter Universität spricht.
Doch wie die Dinge liegen, sind beide Prämissen wahr, denn jeder Student im deutschen Seminar der Frankfurter Universität spricht – mehr oder weniger gut – deutsch. Wir können aber zeigen, dass die Schlussfolgerung ungültig ist, wenn wir statt „deutsches Seminar der Frankfurter Universität“ den Namen einer Organisation einsetzen, in der jedermann eine Sprache spricht, ohne dass eine Sprache von allen gesprochen wird, wie beispielsweise die Vereinten Nationen; in diesem Falle hätten wir ein Argument vor uns, das wie ein Ei dem anderen dem anfänglich genannten gliche, so dass das eine Argument dann und nur dann gültig ist, wenn auch das andere Argument gültig ist; aber dieses zweite Argument könnte nicht gültig sein, hat es doch eine wahre Prämisse und eine falsche Konklusion. Auch die folgenden Argumente sind offensichtlich formgleich, beide sind gültig und weisen eine wahre Konklusion auf:
Alle Frauen sind Säuger
Alle Säuger sind warmblütig
Ergo: Alle Frauen sind warmblütig
Alle Frauen sind Schlangen
Alle Schlangen sind warmblütig
Ergo: Alle Frauen sind warmblütig
Doch hat das eine Argument wahre Prämissen, das andere falsche.
Wenn es sich herausstellt, dass eine Konklusion auf falschen Prämissen oder ungültigen Argumenten fußt, beweist das noch lange nicht, dass die Konklusion falsch ist. Wenn jemand gegen ein Argument für die Existenz Gottes einwendet, dass die Prämissen falsch oder das Argument ungültig sei, läuft dies ganz und gar nicht darauf hinaus, die Existenz Gottes anzuzweifeln; die Gültigkeit eines wohlbekannten Arguments zugunsten der Tatsache, dass die Erde rund ist, zu leugnen heißt nicht, sich zum ptolemäischen Weltbild zu bekennen (ein Verdacht, den ich mir dieserhalb zugezogen habe).
Ferner kann man gute Gründe haben, die Zeugenschaft eines Menschen anzuzweifeln, wenn er sich von seinen Wünschen über den steinigen Pfad der Realität hinwegtragen lässt und sich Wunschträumen hingibt – oder auch dann, wenn es in seinem höchsteigenen Interesse liegt, dass die Leute seinem Zeugnis Vertrauen schenken, ohngeachtet dessen, ob es wahr ist. Doch keine dieser Überlegungen sollte unsere Gewichtung der Argumente beeinflussen, die ein Mensch vorbringt; das Wissen um seine Neigung oder seinen Eigennutz können unserer Neigung entgegenstehen, seinen Prämissen aufs Wort zu glauben, doch sollten wir unser Urteil darüber, ob eine Konklusion aus einer Menge von Prämissen folgt, unabhängig von jeder Meinung halten, die wir uns über die Geisteszustände und Motive der Person erlauben, die sich der Prämissen bedient.
Die Konklusion des einen Arguments kann als Prämisse eines anderen Arguments verwendet werden, und die Konklusion dieses Arguments wiederum als Prämisse eines dritten Arguments und so weiter; wir gelangen so zu sogenannte Ketten von Argumenten oder Gedankenketten. Gedankenketten können sehr lang werden. Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied; doch eine logische Kette kann, anders als eine materielle Kette, nicht deshalb brechen, weil sie zu lang ist. Wie können wir eine lange Kette von Gedanken überprüfen? Descartesʼ Ansporn ging dahin, durch praktische Übungen mehr und mehr Gedankenstufen hintereinander auf einen Blick zu überschauen. Ich fürchte, dies ist nur eine Methode, sich selbst davon zu überzeugen, dass man recht habe, nicht eine Methode, Irrtümer zu vermeiden. Das Gedächtnis ist in der Tat, wie Descartes darlegte, kurzlebig: Doch diese Tatsache gibt uns die Anregung für ein echtes Testverfahren: Schreibe dein Argument auf und bitte nette Freunde, es ebenfalls zu prüfen.
3. Judgement, Belief and Knowledge: Doubt and Certainty
Belief and knowledge are states or dispositions of mind. Given that we have no reason to think there is anything wrong with his mind or brain, we unhesitatingly ascribe to a man who is presently asleep beliefs and items of knowledge that he manifested while he was awake. But besides these dispositions there are certain acts of mind which occur transiently and are traditionally called judgements: a judgement occurs at least as often as a man is confronted with a theoretical or practical problem and makes up his mind — ‘This is how things are’ or ‘This is what I must do.’ When a man makes a theoretical judgement, about the way things are, we may say of him afterwards that he knew or believed (thought) so-and-so; but it may be quite wrong to say that he still knows or believes so-and-so — the matter may have rapidly passed out of his mind without his judgement’s leaving behind any dispositional knowledge or belief. If asked, as in Hamlet, whether a certain cloud is not very like a whale, I may judge that indeed it is; but an hour later, concerned with more important matters, I may have forgotten all about the cloud, and may no longer believe or know that the cloud I saw was like a whale. Noticing small details of one’s environment and forming judgements about them is not, pace Sherlock Holmes, a generally useful habit. In fact, storing up such trivial knowledge permanently may be positively harmful — cf. A.R. Luria’s book The Mind of a Mnemonist; it may make one fitted only to be a gazing-stock on the stage.
Belief is sometimes favourably contrasted with unbelief; belief is a laudable disposition, unbelief a deplorable one — so we are given to understand. The contrast is spurious. Christians and Muslims used to call one another unbelievers; but the subject of the quarrel was not: which side goes in for believing, which for unbelieving? Obviously, Christians and Muslims both believed, very passionately; only they believed different dogmas. There is no more an activity or condition of unbelieving as opposed to believing than there is one of unseeing as opposed to seeing; belief and unbelief with respect to the same topic correspond rather to opposite ways of seeing a thing — it looks red to A, green to B, but both are seeing it.
What is opposed to a state of belief is a state of doubt, hesitancy, or uncertainty; or again a state of chosen suspense of judgement — which is a sophisticated achievement. We experience degrees of certainty and uncertainty, ranging from complete untroubled certainty to complete uncertainty.
Even the most complete certainty may turn out wrong. I may be certain that I put something in a drawer, but then look in the drawer and decide I was mistaken — and this time too certainty may be deceptive: I may be certain the thing isn’t in the drawer because I’ve looked in the drawer and failed to see it, but the next time I look there it is, staring me in the face. These are humdrum examples: but about more important matters too we may come to doubt or deny what we previously accepted with certainty — we decide that our earlier certainty was unjustified.
Should we therefore adopt the Cartesian programme of trying to achieve a state of uncertainty, suspense of judgement, concerning all kinds of questions — or at least in all fields where by past experience we know we have been certain but wrongly so — until at the end we come to propositions that we simply cannot doubt? It is in fact psychologically impossible for a thinker to follow this programme; an attentive reader of the Meditations may observe many places where Descartes unhesitatingly assumes something that he would have done well to doubt, rather than doubt some of the things he in fact did doubt. Descartes was obsessed with an architectural metaphor: the house of knowledge in which we live is crumbling and unstable, so let us pull it down — living in a shack of ‘provisional morality’ during the process — and dig down to bedrock so as to rebuild in security. But a better metaphor for the human situation was found by the Austrian philosopher Otto Neurath: we are like sailors in a leaky ship, and we have to replace rotten timbers with sound ones while the voyage continues — we cannot get the ship into dry dock and undertake a total rebuilding of the ship.
Some philosophers have held that we can learn to be aware in our own minds of a felt difference between two kinds of certainties: one sort of felt certainty is never deceptive, it is genuine knowledge; the other sort is a mere ‘taking something for granted’, and this may well be mistaken. If we not only are certain, but also certain with the right kind of certainty, then we know and cannot be mistaken. Such was the teaching of certain Oxford philosophers, notably Cook Wilson and Prichard. (Prichard indeed refuses to give the name ‘certainty’ to that fallible state of mind which ‘we may fail to distinguish’ from inerrant certainty; but since he admits that this state excludes any doubt or uncertainty, it seems clearer to speak of the right and the wrong kind of certainty.)
Given the claim that is made, of ability to recognize this inerrant kind of certainty, it is fair to consider the sort of things that Prichard said he was certain of and therefore ‘knew’. Prichard was certain, and therefore ‘knew’, that waves cannot be said, as physicists suppose, to have a velocity, since a wave is not a body and only bodies have velocities. He records, with no sense that the story might be against himself, the fact that when he said this sort of thing to physicists they thought he was ‘just mad’: they ought to have ‘thought a bit more’, but ‘you cannot make a man think any more than you can make a horse drink’. (Knowledge and Perception, O.U.P. 1950, p.99). Furthermore, he ‘knew’ that his ego was a substance, and that no substance can be generated or destroyed — so that he was in the world in the days of Julius Caesar. These claims he no doubt made bona fide and with a feeling of certainty; but for others they may throw some doubt on Prichard’s claim that he could always tell when he had the kind of certainty that cannot be wrong. Again, some other philosophers (including myself) would claim to be certain that no mere man exists at all before his mother conceives him, and that Prichard was not conceived, and therefore did not exist, till many years after the days of Julius Caesar. Prichard could of course reply that our certainty is the wrong, fallible, sort of certainty; but how is anyone to decide?
In fact, nobody who thinks consequently can get any joy out of this doctrine that there is a discernible experience of certainty that never misleads. Mr A may be certain that his certainty about some matter is the right kind of certainty; but is this second-order certainty itself a certainty of the right kind? More important, if you really are certain — whether your certainty is in fact ‘knowing’ or mere ‘taking for granted’ — then you will not be wishing to inspect your state of certainty, in order to judge whether or not it is the right kind of certainty; as soon as you do wish to undertake such an inner scrutiny, you are already in doubt, and the certainty you wished to scrutinize has vanished. In fact, when we say ‘I know’ or ‘I’m certain’, this is often a desperate attempt at self-reassurance when we are not certain and do not know. A man who is certain does not stop to scrutinize his own certainty, he just acts upon it; and then sometimes he is wrong — but it is poor consolation for that if he is told after the event by an Oxford philosopher of this school ‘You see, you didn’t know, you just took it for granted.’
Let us consider how all this applies to one particular case – memory. Memories very often come to us without any uncertainty about them; but some such memories deceive us. A man whose memory was as fallible as most of ours are and who yet decided always to trust it would have to believe that very peculiar things happened in the world, like objects disappearing from locked drawers. In fact he could scarcely avoid self-contradiction. For he would most likely resemble me in this respect: I sometimes remember the same incident in different and incompatible ways when I try to recall it on different occasions. On one or other occasion, then, memory must have been deceptive, however little doubt I felt at the lime. Of course it is my present memory that tells me how I did remember one and the same incident when I recalled it on different occasions; but I need not rely on my present memory to make my point, for if my present memory is wrong then again memory can be undoubted at the time but nevertheless wrong. And in other spheres than memory of one’s own past, certainty does not exclude error.
Should this drive us to a bewildered uncertainty about everything? We certainly shall not be so driven, even if we ‘logically’ ought to be. Nature, as Hume remarked, has put this out of our power. A man can hold his breath for a while, but he cannot commit physical suicide by holding his breath till he dies; a man can suspend judgement in particular cases, but he cannot commit intellectual suicide by a general and persistent suspense of judgement. So we shall go on judging this or that to be certainly the case, and sometimes we shall be wrong; and there is no remedy for this either in learning to pick out the right kind of certainties or in suspense of judgement. A lot of the time, of course, we shall both be certain (so that we don’t worry) and be right (so that there was nothing to worry about). And though men often err, they can correct errors, and can acquire mental discipline that makes error less frequent.
3. Urteil, Glauben und Wissen: Zweifel und Gewissheit
Glauben und Wissen sind Zustände oder Fähigkeiten des Geistes. Wir schreiben einem Schlafenden, an dessen geistiger Gesundheit zu zweifeln wir keinen Anlass haben, ohne zu zögern Glaubensannahmen und Wissensbestände zu, die er im Wachzustand zum Besten gegeben hat. Doch neben diesen mentalen Fähigkeiten gibt es bestimmte mentale Vollzüge, die schnell abgetan sind: Wir nehmen hier die Tradition auf und nennen sie Urteile: Ein Urteil stellt sich zumindest dann ein, wenn jemand vor einem theoretischen oder praktischen Problem steht und zu dem Entschluss kommt: „So verhält es sich mit der Sache“ oder „Das habe ich zu tun“. Wenn jemand ein Urteil über einen Weltzustand abgibt, können wir ihm daraufhin unterstellen, dass er wusste oder glaubte (dachte), wie sich die Dinge verhalten; doch könnte es ganz verkehrt sein, ihm jetzt noch ein solches Wissen oder einen solchen Glauben zu unterstellen – die Sache könnte seinem Gedächtnis flugs entschwunden sein, ohne dass die Tatsache, dass er einmal so geurteilt hatte, bei ihm die geringste Spur eines solchen Wissens oder Glaubens hinterlassen hätte. Vielleicht würde ich, wie in Hamlet befragt, ob nicht jene Wolke ganz die Form eines Wales zeige, das Urteil abgeben, ja, dem sei so; doch könnte ich eine Stunde später, mit wichtigeren Dingen befasst, die ganze Sache mit der Wolke vergessen haben und nicht mehr glauben oder wissen, dass die Wolke, die ich sah, einem Wal glich. Was immer Sherlock Holmes dazu sagen würde, seine Umgebung ständig auf die kleinsten Details hin abzusuchen und ununterbrochen Kommentare darüber abzugeben, ist im Allgemeinen keine nutzbringende Gewohnheit. Im Gegenteil, triviales Wissen dieser Art ohne Unterlass zu memorieren kann echten Schaden bringen – vgl. A. R. Lurias Buch The Mind of a Mnemomist; am Ende steht man da wie ein Eckensteher des Lebens.
Glaube wird bisweilen positiv dem Unglauben gegenübergestellt; Glaube ist eine löbliche, Unglaube eine beklagenswerte Einstellung – so will man uns zu verstehen geben. Der Gegensatz hat keine Berechtigung. Christen und Moslems pflegten sich wechselseitig Ungläubige zu nennen; doch der Gegenstand des Streits betraf nicht die Frage, wer ist gläubig, wer ungläubig. Offensichtlich hingen beide Seiten leidenschaftlich an ihrem Glauben; nur glaubten sie an unterschiedliche Glaubensinhalte. Es besteht in diesem Fall genauso wenig eine Tätigkeit oder eine Bedingung des Unglaubens, die dem Glauben entgegengesetzt wäre, wie im Falle des Sehens eine, die man dem Nichtsehen entgegensetzen könnte; Glauben und Unglauben in Bezug auf denselben Gegenstandsbereich entsprechen eher unterschiedlichen Weisen, etwas zu sehen – dem einen erscheint das Ding rot, dem anderen grün, doch beide sehen es.
Glauben hat den Zweifel zum eigentlichen Gegensatz, die Unschlüssigkeit, die Ungewissheit; und außerdem eine willentliche Urteilsenthaltung – die Errungenschaft einer verfeinerten Kultur. Wir erleben graduelle Abstufungen von Gewissheit und Ungewissheit, einmal sind wir uns einer Sache rundum gewiss, dann verschwimmt uns dieselbe Sache im Zwielicht.
Sogar die absolute Gewissheit kann sich als trügerisch erweisen. Ich mag mir sicher sein, etwas in die Schublade gelegt zu haben, aber ein Blick in die Schublade überzeugt mich vom Gegenteil – aber auch in diesem Falle kann mich mein Gewissheitsgefühl foppen: Ging ich doch schnurstracks davon aus, dass das Gesuchte sich nicht in der Schublade befinde, denn eben habe ich doch noch nachgeschaut und es war nicht da, aber beim nächsten Mal, wenn ich die Schublade öffne, springt es mir ins Gesicht. Das sind triviale Beispiele: Doch auch bei bedeutenden Angelegenheiten kann uns Zweifel befallen oder unsere frühere Gewissheit gänzlich über Bord gehen – wir müssen uns eingestehen, dass wir schwanken, wo wir früher auf festem Boden zu wandeln wähnten.
Sollen wir aus diesem Grunde das cartesianische Programm befolgen und Ungewissheit uns zur Denkkunst küren, die Urteilsenthaltung, bezogen auf Fragen jeglicher Art – oder zumindest auf den Feldern, die wir mit Gewissheiten betraten, die uns hernach aber abhandenkamen –, bis wir schließlich zu Aussagen gelangen, die von keinem Zweifel mehr angekränkelt sind? Wahrlich, einem solchen Programm zu folgen ist dem denkenden Menschen eine psychologische Unmöglichkeit; einem aufmerksamen Leser der Meditationen wird an etlichen Stellen auffallen, dass Descartes Dinge behauptet, die er rechtens in Zweifel hätte ziehen sollen, und andere bezweifelt, die er rechtens hätte in Ruhe lassen sollen. Descartes drängte sich hartnäckig ein Bild aus dem Bereich des Bauwesens auf: Das Gebäude des Wissens, in dem wir leben, bröckelt und schwankt, also reißen wir es ab – hausen wir vorübergehend in einer Bretterbude, solange der Neubau statthat – und diesen gründen wir auf dem soliden Fels, auf den wir endlich gestoßen sind. Ein besseres Bild für unsere Situation als Menschen fand der österreichische Philosoph Otto Neurath: Wir gleichen Seeleuten auf einem Schiff, das leckschlug, und wir müssen die faulen Balken durch gesunde ersetzen, während die Reise weitergeht – es ist uns nicht vergönnt, unser Schiff in ein Trockendock zu hieven und es dort vollständig zu erneuern.
Einige Philosophen behaupteten, wir könnten lernen, uns des Unterschieds zweier Formen von Gewissheit bewusst zu machen: die eine Form gefühlter Gewissheit ist untrüglich, sie ist echtes Wissen; die andere hält etwas bloß für selbstverständlich und kann danebengreifen. Wenn wir einer Sache nicht bloß gewiss sind, sondern gewiss sind mit der richtigen Art von Gewissheit, dann sind wir auf der sicheren Seite des Wissens und können nicht fehlgehen. Diese Art von Lehre verbreiteten Philosophen in Oxford, allen voran Cook Wilson und Harold A. Prichard. (Prichard allerdings zierte sich, den guten Namen der Gewissheit einem fehleranfälligen Geisteszustand zu verleihen, den wir mit der unfehlbaren Gewissheit verwechseln könnten; weil er aber dieses Gewissheitsgefühl eingestandenermaßen von jedem Zweifel und jeder Ungewissheit ausschloss, scheint es klarer zu sein, wenn wir von der richtigen und der falschen Art von Gewissheit sprechen.)
Gehen wir von dem Anspruch aus, man könne diese Art der unfehlbaren Gewissheit erkennen, sollten wir der Fairness halber einmal ein paar Dinge ins Auge fassen, von denen Prichard Gewissheit und Wissen zu haben behauptete. Prichard war sich dessen gewiss und folglich „wusste“ er, dass Wellen im Gegensatz zu dem, was die Physiker sagen, keine Geschwindigkeit haben können, denn eine Welle ist kein Körper und nur Körper bewegen sich schnell oder weniger schnell. Er schreibt, ohne jedes Gespür dafür, dass man die Geschichte gegen ihn wenden könnte, er habe diese Sache einmal vor Physikern vorgetragen und sie dachten, er sei einfach nur verrückt: „Sie sollten mal ein bisschen tiefer schürfen“, aber „Toren eingeflößtes Wissen wird rasch überlaufen, vollgesoffen, mag ein Pferd nicht weitersaufen“ (nach Harold A. Prichard, Knowledge and Perception, Oxford University Press 1950, S. 99). Weiterhin „wusste“ er, dass sein Selbst eine Substanz sei und dass keine Substanz erzeugt oder zerstört werden könne – folglich muss er schon zu Zeiten des Gaius Julius Caesar sich auf der Welt getummelt haben. Diese Behauptungen erhob er sicherlich im guten Glauben und mit einem guten Gewissheitsgefühl; für andere sind sie aber Anlass, Prichards Anspruch zu bezweifeln, stets angeben zu können, dass er die richtige Art von Gewissheit, die untrügliche eben, verspüre. Ferner würden einige andere Philosophen (mich eingeschlossen) ihre Gewissheit dagegen aufbieten, dass kein kreatürlicher Mensch überhaupt existiere, bevor ihn seine Mutter empfangen habe, und dass Prichard zur Zeit Caesars noch lange nicht gezeugt worden und folglich erst lange Zeit nach den Tagen des Julius Caesar ans Licht der Welt gekommen sei. Prichard könnte natürlich einwenden, dass unsere Gewissheit die falsche, fehleranfällige Art von Gewissheit sei. Aber welcher Salomon träte hier vor die Schranken?
Wahrhaftig, kein konsequent denkender Mensch kann sich an der Lehre freuen, es gebe ein signifikantes Erlebnis von Gewissheit, das unfehlbar ist. Jemand mag gewiss sein, dass seine Gewissheit hinsichtlich einer Tatsache die richtige Art von Gewissheit ist. Doch ist diese Gewissheit zweiter Stufe ihrerseits die richtige Art von Gewissheit? Was noch wichtiger ist: Wenn du wirklich einer Sache gewiss bist – ob deine Gewissheit nun heißt, etwas klar zu „wissen“ oder bloß „als gegeben anzunehmen“ –, dann bist du nicht geneigt, deinen mentalen Zustand der Gewissheit zu überprüfen, um zu dem Urteil zu kommen, ob er die richtige oder nicht die richtige Art von Gewissheit ist; sobald du eine solche innerliche Untersuchung in Angriff nimmst, stürzt du schon in Zweifel, und die Gewissheit, die du zu untersuchen dich anschickst, schwand dahin. In Wirklichkeit ist die Vergewisserung „Ich weiß“ oder „Ich bin sicher“ oft eine verzweifelte Beschwörung der Selbstgewissheit, wenn wir uns nicht sicher und ohne Wissen sind. Ein seiner Sache gewisser Mensch hält nicht inne, um seine eigene Gewissheit zu durchblättern, er schreitet schlicht ihr gemäß zur Tat; und dann mag es geschehen, dass er sich irrt – aber es ist ein billiger Trost, wenn ihm daraufhin ein Oxforder Philosoph dieser Schulrichtung mitteilt: „Sehen Sie, Sie hatten gar kein echtes Wissen, sie hielten die Sache bloß für ausgemacht.“
Wir wollen diese Überlegungen einmal zuspitzen am Beispiel der Erinnerung. Erinnerungen suchen uns ziemlich oft ohne jedweden Makel der Ungewissheit heim; und doch täuscht uns die eine oder andere Erinnerung. Würde jemand, dessen Erinnerungsvermögen fehleranfällig wie das aller Menschen ist, sich dennoch dazu durchringen, ihm immer zu vertrauen, müsste er wohl annehmen, in der Welt ginge es schier bunt zu, wie dass Gegenstände aus verschlossenen Schubladen verschwinden. Der Mensch könnte schwerlich dem Selbstwiderspruch entrinnen. Denn er gliche mir in dieser Hinsicht nur allzu sehr: Manchmal erinnere ich mich desselben Ereignisses in ganz unterschiedlichen und unvergleichlichen Weisen, wenn ich es mir bei verschiedenen Gelegenheiten ins Gedächtnis zurückzurufen versuche. Bei dieser oder jener Gelegenheit muss mich die Erinnerung also hinters Licht geführt haben, und hätte ich noch so wenig Zweifel dabei verspürt. Natürlich ist es meine gegenwärtige Erinnerung, die mir das Bild der vergangenen Erinnerung desselben Ereignisses bei verschiedenen Gelegenheiten vor Augen rückt; doch brauche ich mich gar nicht auf meine gegenwärtige Erinnerung zu berufen, um mein Argument ins rechte Licht zu rücken. Wenn jedenfalls meine gegenwärtige Erinnerung trügt, erweist es sich aufs Neue, dass die Erinnerung ohne den geringsten Verdacht eines Zweifels daherkommen und dennoch falsch sein kann. Und auch in anderen Bereichen als dem der Erinnerung an die eigene Vergangenheit bewahrt das Gefühl der Gewissheit nicht vor dem Irrtum.
Sollte dieser Befund uns verstören und zu einer Haltung ständiger Ungewissheit allem und jedem gegenüber verleiten? Dazu sollten wir es nicht kommen lassen, auch wenn dies eine „logische“ Folgerung zu sein scheint. Die Natur hat uns nach Hume vor dieser Gefahr geschützt. Ein Mensch kann seinen Atem eine Weile lang anhalten, aber er kann nicht Selbstmord begehen, indem er seinen Atem bis zum Exitus anhält; ein Mensch kann sich seines Urteils in gewissen Fällen enthalten, aber er kann nicht geistigen Selbstmord begehen, indem er sich seines Urteils ein für allemal enthält. Wir sollten also getrost uns weiterhin unsere Meinung darüber bilden, dass dies oder das sicherlich der Fall ist, und ab und an werden wir dabei falsch liegen; für diese Irrtumsanfälligkeit gibt es keine endgültige Therapie, es hilft weder die richtige Art von Gewissheit herausfühlen zu wollen noch sich seines Urteiles auf Dauer zu enthalten. Ein Gutteil unseres Lebens werden wir indes im guten Gefühl der Gewissheit verbringen (und daher sorglos sein) und zugleich im rechten Gefühl der Gewissheit (weil wirklich kein Grund zur Besorgnis vorliegt). Und obwohl die Menschen oft irren, können sie ihre Irrtümer berichtigen und eine mentale Disziplin erwerben, die Irrtümer seltener aufkommen lässt.
2. Consistency
We wish to attain to what is true in our thinking, even though, as we have seen, there are other wishes that may form beliefs regardless of truth; and to a large extent we also wish to communicate the truth to others. Moreover, when we form plans, we wish them to be executable. To achieve these general aims, we must also aim at consistency in our thinking and talking and planning. We cannot adopt Walt Whitman’s light-hearted attitude towards inconsistency:
Do I contradict myself? Very well then, I contradict
myself. I am large, I contain multitudes.
For, whether we like it or not, if we tolerate inconsistency in the thoughts we harbour and pass on to others, some of those thoughts will be false — will be at odds with the way things are in the world. Whether we like it or not, if we tolerate inconsistency in our plans, some of our plans will be frustrated. Error and frustration are no doubt our lot as men, but that is no reason for incurring them gratuitously. Consistency is not the only virtue of thinking and planning, but it is a very necessary one.
Because men are fallible, overall consistency in a man’s whole corpus of beliefs is probably never achieved; and even large-scale consistency is difficult to achieve. Writers of fiction sometimes strive very hard to tell a story consistent in all its details; but in the instances when their work is rigorously tested for consistency, some failure is often apparent. Trollope actually worked with a map of his imaginary county Barsetshire; but Ronald Knox managed to show that the topographical data that can be extracted from the novels are inconsistent with the map and with one another — two sides of a triangle come out together shorter than the third side. And similar results have been reached as regards the Sherlock Holmes corpus, and even as regards some individual stories in the corpus, and have been claimed as regards George Eliot’s Middlemarch and Tolstoy’s War and Peace.
When it is fiction we are concerned with, these inconsistencies matter very little — if they don’t offend the reader, they matter not at all. For in fiction the author is not aiming (or purporting to aim) at truth, nor yet deliberately lying; the author is only making believe to write a history of certain people and places, in order to entertain us or to teach us; and if his inconsistencies go unnoticed they will not frustrate his aim. The theory of time sketched out in Wells’s Time Machine is grossly inconsistent; in fact the Time Traveller nimbly dances from one theory to another, and I think not one of the several theories he puts forward will on its own account stand a rigorous test for consistency; but Wells gets away with it imaginatively — only too well, for an appreciable number of philosophers are prepared to take him seriously and regard time-travel as a genuine logical possibility.
It has been said that a charge of inconsistency is an ‘internal criticism’ of a piece of discourse, a charge that ‘does not refer to anything outside our discourse’. This view, I think, is the direct opposite of the truth. Where, as in fiction, we are not concerned to describe, or prescribe for, some reality outside discourse, inconsistency doesn’t matter; it does matter in theories, historical narratives, orders, instructions, and advice, for there falsehood or practical failure is the penalty to be paid for inconsistency; so it is precisely reference to outside reality that makes inconsistency a thing to avoid if possible.
If we were always right, all our views would be consistent; as Aquinas insisted, one truth cannot conflict with another. But we are not always right, we do not always know where the truth lies; and we may need to assure ourselves that some corpus of beliefs is at least consistent before being able to find out that each member of that corpus is correct. Logicians and mathematicians have accordingly devised indirect proofs of consistency. It is sometimes possible to show that one body of statements is consistent if and only if a second body of statements is consistent; any inconsistency that might crop up in the first set would be paralleled by a corresponding inconsistency in the second set. Now if we have grounds for accepting the second set as being one and all true, the set will certainly be consistent; and accordingly the first set of statements must likewise be consistent.
The history of non-Euclidean geometry provides an interesting example. The Jesuit Saccheri believed that geometry based on an axiom contrary to the Euclidean axiom of parallels would run into inconsistency if developed far enough; and he believed that by developing the consequences of non-Euclidean axioms he had in fact shown how such inconsistency arises. There were however flaws in Saccheri’s proofs, and later thinkers showed that nobody could have succeeded where Saccheri failed. For a sort of parallelism can be established between the deductions from non-Euclidean axioms and the Euclidean theorems deduced from Euclidean axioms, and in virtue of this parallelism any inconsistency in the non-Euclidean system would be matched by an inconsistency in the Euclidean system. Those who believed — and Frege, for example, continued to believe — that Euclidean geometry is actually true, and therefore cannot be inconsistent, found themselves obliged to give up the hope of proving the falsity of non-Euclidean geometry by some internal inconsistency in it.
For any complicated subject-matter like this, avoidance of inconsistency is not a matter of just avoiding a flat inconsistency — of not asserting and then denying the same thing. Clearly we want to avoid adopting a set of beliefs (or indeed a set of practical policies) that are by implication inconsistent. But we cannot discuss the problem of what makes a position to be by implication an inconsistent position without understanding the notion of one thing’s following from another, and learning to apply this notion in particular cases. Now what does really follow from what is not in general at all obvious to an untrained mind. When a falsehood comes out as apparently following from a truth, we know we have gone astray somewhere; but we may not easily see where — and so we may be unable to profit by the experience. And we may need to deal with a subject-matter in which we do not know when our conclusions are false and thus cannot appeal to their obvious falsity as a sign of some error in the reasoning. It would therefore be very desirable to have an art which can test our reasonings for soundness regardless of the concrete truth about the subject-matter, and can give us some assurance that if we start out with truth we shall not deviate into error. The aim of logic is to meet this need.
It is clearly self-frustrating to affirm and deny one and the same thing in the same breath, on one and the same occasion. It is not so obviously self-frustrating if we keep the assertion and the denial well apart, in different contexts of discourse: this may be called the Watertight Compartments Policy, and a good many people who seem to be reasonably efficient and happy pursue this policy. I once heard a story of a Japanese astronomer who seemed to succeed very well in treating the sun alternately as an inanimate natural body whose properties can be investigated by the techniques of mathematical physics, and as a divinity, the ancestress of the Japanese imperial dynasty; when challenged about the matter by a European colleague, he said ‘Here in Europe I know it’s all nonsense, but in Japan I believe it.’
In the long run the Watertight Compartments Policy cannot work. On one occasion or the other, those who follow the policy will be saying and thinking the thing that is not; and the comforts of falsehood are short and precarious. To go in for falsehood knowingly, in the words of the prophet, is to desert the fountain of living water and hew out broken cisterns that will hold no water.
2. Konsistenz
Wir möchten, was wahr ist, in unserem Denken erlangen, auch wenn es, wie wir gesehen haben, andere Wünsche gibt, die uns ungeachtet der Wahrheit zu Annahmen verleiten; und wir wünschen auch, die Wahrheit zu einem großen Teil anderen mitzuteilen. Zudem wollen wir unsere Vorhaben so wählen, dass sie ausführbar sind. Um diese allgemeinen Ziele zu erreichen, müssen wir auch auf Konsistenz in unserem Denken, Reden und Planen abzielen. Wir können Walt Whitmans leichtsinnige Einstellung zur Konsistenz nicht übernehmen:
Do I contradict myself? Very well then, I contradict
myself. I am large, I contain multitudes.
Widerspreche ich mir selbst? Gut denn also, ich widerspreche
mir selbst. Ich bin weit, ich berge Mannigfaches.
Denn ob wir wollen oder nicht, wenn wir Inkonsistenz in den Gedanken zulassen, die wir beherbergen und an andere weitergeben, werden einige dieser Gedanken falsch sein – werden quer liegen zur wahren Lage der Dinge in der Welt. Ob wir wollen oder nicht, wenn wir Inkonsistenz in unseren Plänen zulassen, werden einige unserer Pläne vereitelt werden. Irrtum und Enttäuschung sind zweifellos unser Schicksal als Menschen, aber das ist kein Grund, sich ohne Not in sie zu verrennen. Konsistenz ist nicht die einzige Tugend des Denkens und Planens, aber sie ist eine äußerst notwendige Tugend.
Weil Menschen fehlbar sind, wird eine allumfassende Konsistenz in eines Menschen vollständigem Korpus von Annahmen wahrscheinlich niemals erreicht; und selbst ein hoher Grad an Konsistenz ist schwer zu erlangen. Schriftsteller geben sich manchmal große Mühe, einer Erzählung Konsistenz bis in die Details zu verleihen; aber wenn ab und an ihre Werke wie auf Herz und Nieren auf Konsistenz hin überprüft werden, kommt der eine oder andere Missgriff zutage. Trollope ging tatsächlich mit einer Landkarte seines imaginären Countys Barsetshire ans Werk; aber Ronald Knox konnte zeigen, dass die topographischen Angaben, die man den Romanen entnehmen kann, nicht mit der Landkarte und nicht untereinander übereinstimmen – zwei Seiten eines Dreiecks erweisen sich als kürzer als die dritte Seite. Und ähnliche Ergebnisse kann man dem Korpus der Geschichten über Sherlock Holmes entnehmen, ja selbst einzelnen Geschichten daraus, auch George Eliots Middlemarch und Tolstois Krieg und Frieden kommen nicht ungeschoren davon.
Wenn es um Romane geht, zählen solche Inkonsistenzen ziemlich wenig – wenn sie den Leser nicht stören, zählen sie gar nicht. Denn der Romancier zielt in seinem Werk weder auf die Wahrheit ab (oder gibt nicht vor, darauf abzuzielen) noch will er absichtlich Lügen verbreiten; der Autor macht nur glauben, er schreibe eine Geschichte über gewisse Leute und Orte, in der Absicht, uns zu unterhalten oder uns zu belehren; und wenn seine Inkonsistenzen unbemerkt bleiben, werden sie sein Ziel nicht vereiteln. Die Theorie der Zeit in Wells Zeitmaschine ist haarsträubend inkonsistent; in Wahrheit tänzelt der Zeitreisende geschickt von einer Theorie zur nächsten, und meiner Meinung nach würde keine einzige der verschiedenen Theorien für sich genommen einen Härtetest auf Konsistenz bestehen; aber Wells schafft sich all das mit genügend Phantasie vom Halse – allzu geschickt, denn eine erkleckliche Anzahl von Philosophen stehen nicht an, ihn ernst zu nehmen und Zeitreisen als eine genuine logische Möglichkeit zu betrachten.
Man hat vorgebracht, auf Inkonsistenz zu verweisen sei eine „interne Kritik“ eines Diskursabschnitts, ein Verweis, der „sich auf nichts außerhalb unseres Diskurses bezieht“. Diese Ansicht ist, denke ich, das gerade Gegenteil der Wahrheit. Wo es wie in Romanen nicht darum geht, etwas Reales außerhalb des Diskurses zu beschreiben oder vorzuschreiben, hat Inkonsistenz kein Gewicht; Gewicht hat es in Theorien, historischen Berichten, Befehlen, Anweisungen und Ratschlägen, denn deren Falschheit oder praktische Undurchführbarkeit ist die Strafe, die wir einer Inkonsistenz zu entrichten haben; demnach ist es gerade die Bezugnahme auf äußere Realität, die uns veranlasst, wenn immer möglich Inkonsistenz zu vermeiden.
Wenn wir immer richtig lägen, wären alle unsere Ansichten konsistent; wie der Aquinate betont, eine Wahrheit kann einer anderen nicht widerstreiten. Doch liegen wir nicht immer richtig, nicht immer wissen wir, wo die Wahrheit liegt; und wir könnten zumindest eine Vergewisserung darüber gut brauchen, dass eine bestimmte Ganzheit von Annahmen konsistent ist, bevor wir in der Lage sind herauszufinden, dass jede einzelne Annahme daraus korrekt ist. Logiker und Mathematiker haben zu diesem Zweck indirekte Beweisverfahren für Konsistenz ersonnen. Manchmal können wir zeigen, dass eine Gesamtheit von Aussagen konsistent ist, dann und nur dann, wenn eine zweite Gesamtheit von Aussagen konsistent ist; eine jede Inkonsistenz, die in der ersten Menge auftauchen würde, würde von einer entsprechenden Inkonsistenz in der zweiten Menge begleitet. Wenn wir nun Gründe für die Annahme haben, dass die zweite Menge aus durch und durch wahren Aussagen besteht, wird diese Menge sicherlich konsistent sein; und entsprechend muss die erste Menge von Aussagen dann gleichfalls konsistent sein.
Die Geschichte der nichteuklidischen Geometrie gibt dazu ein interessantes Beispiel. Der Jesuit Saccheri war der Ansicht, dass eine Geometrie, die das euklidische Parallelenaxiom verletzt, weit genug ausgearbeitet sich in Widersprüche verwickeln würde; und er war auch der Ansicht, er habe mit seiner Ausarbeitung der logischen Folgen der nichteuklidischen Geometrie gezeigt, wie eine solche Inkonsistenz entstehe. Allerdings gibt es Fehler in den Beweisen Saccheris, und spätere Denker haben nachgewiesen, dass niemand dort zum Erfolg gekommen wäre, wo Saccheri fehlging. Denn man kann eine Form der vollständigen Zuordnung aufbauen zwischen den Ableitungen aus nichteuklidischen Axiomen und den euklidischen Theoremen, die aus euklidischen Axiomen deduziert worden sind, und dank dieser Zuordnung würde eine jede Inkonsistenz im nichteuklidischen System durch eine Inkonsistenz im euklidischen System pariert. Diejenigen, die der Ansicht waren – und Frege, zum Beispiel, hat daran festgehalten –, dass die euklidische Geometrie tatsächlich wahr ist und daher nicht inkonsistent sein kann, fühlten sich dazu genötigt, die Hoffnung aufzugeben, dass sie die Falschheit der nichteuklidischen Geometrie durch eine ihr inhärente Inkonsistenz nachweisen könnten.
Wenn es sich um eine komplexe Ganzheit von Aussagen handelt wie im Falle der euklidischen und nichteuklidischen Geometrie, reicht es nicht aus, eine auf der Hand liegende Inkonsistenz zu vermeiden – also nicht eine Aussage zu bejahen und im gleichen Atemzug zu verneinen. Es ist vielmehr offensichtlich, dass wir die Übernahme einer Menge von Annahmen (oder gar einer Menge von praktischen Grundsätzen) aus dem Weg gehen wollen, die aufgrund von logischen Folgerungen inkonsistent sind. Doch können wir das Problem, was eine Behauptung aufgrund logischer Folgerung inkonsistent macht, nicht erörtern, ohne den Begriff der logischen Folgerung des einen aus dem anderen zu verstehen und zu lernen, wie man diesen Begriff in Einzelfällen anwendet. Es liegt allerdings dem Ungeübten im Allgemeinen keineswegs klar vor Augen, was wirklich woraus folgt. Wenn offensichtlich eine falsche Aussage aus einer wahren Aussage folgt, dann wissen wir, wir sind vom rechten Wege abgekommen; doch können wir nur schwer absehen, wo – und so würden wir aus dieser Erfahrung keine Lehre ziehen. Manchmal stehen wir vor einer unüberschaubaren Masse von Aussagen und wissen nicht, ob unsere Schlussfolgerungen falsch sind, denn wir können sie nicht einfach an einem offenkundigen Widerspruch als einem Zeichen dafür erkennen, dass wir in unseren Überlegungen in die Irre gegangen sind. Es wäre daher äußerst wünschenswert, über eine Technik zu verfügen, mit der wir unsere Überlegungen auf Korrektheit prüfen könnten, unabhängig von der konkreten Wahrheit des vorliegenden Falles, und die uns eine gewisse Garantie dafür bietet, dass unsere Bahn nicht die Wahrheit zum Startpunkt, aber die Falschheit zum Zielpunkt nimmt. Der Zweck der Logik ist es, diesem Bedarf mit solch einer Technik abzuhelfen.
Keine Frage, ein und dieselbe Aussage im selben Atemzug und in ein und derselben Situation zu bejahen und zu verneinen heißt, sich selbst ein Bein zu stellen. Dagegen ist es nicht so offensichtlich, dass wir uns selbst im Wege stehen, wenn wir zwischen die Aussage und ihre Verneinung einen großen Abstand legen und sie in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen unserer alltäglichen Rede- und Schreibpraxis gebrauchen: Nennen wir ein solches Vorgehen Immunisierungsstrategie, und viele anscheinend recht erfolgreiche und glückliche Menschen verfolgen diese Strategie. Mir kam einmal die Geschichte eines japanischen Astronomen zu Ohren, der es mit einer gewissen Doppelzüngigkeit weit gebracht zu haben schien, indem er die Sonne das eine Mal als einen unbelebten natürlichen Körper behandelte, dessen Eigenschaften mit den Verfahren der mathematischen Physik erforscht werden können, und das andere Mal als eine Gottheit, die Urahnin der japanischen Herrscherkaste; als er deswegen von einem europäischen Kollegen in die Enge getrieben wurde, sagte er: „Hier in Europa ist mir klar, dass all das Unsinn ist, aber in Japan glaube ich daran.“
Auf lange Sicht kann die Immunisierungsstrategie nicht fruchten. Bei der einen oder anderen Gelegenheit werden diejenigen, die dieser Strategie folgen, sagen und denken, was nicht der Fall ist; und die Annehmlichkeiten der Falschheit sind von kurzer Dauer und stehen auf wackligen Beinen. Über solche, die sehenden Auges die Wege der Falschheit gehen, sagt der Prophet: „Denn mein Volk tut eine zwiefache Sünde: mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich hier und da ausgehauene Brunnen, die doch löcherig sind und kein Wasser geben.“ (Jeremias 2,13)
1. Argument and Giving Reasons
Philosophy as now pursued in British Universities (and many others) is a highly argumentative discipline. The philosophers most studied are not sages who come out with unargued dicta, but thinkers who argue for what they think. I am not saying philosophers ought to ignore the sages; one cannot say in advance what will turn out to be philosophically interesting and important. But if we do study the dicta of some sage, we may find difficulty in accepting them; in particular, they may seem mutually inconsistent. The sage himself will be unwilling to engage in argument about our difficulties, and he may be right in not wanting to; but if we are to go on taking him seriously, at least his disciples ought to be ready to hear our difficulties and give reasoned answers. Even if people claim to be messengers bearing a divine revelation, that does not dispense them from giving reasoned answers to serious enquirers. Christians in particular are enjoined to be “ready always to give an answer to every man that asketh you a reason of the hope that is in you, with meekness and reverence” (I Peter 3.15).
Though it is reasonable to ask for reasons, it is not always reasonable to ask for reasons. Discussion between A and B will clearly be frustrated if B keeps on asking for a reason why he should accept what A has last said. Again, it is not reasonable to ask for a reason why one should ever observe the practice of asking for reasons; the man who claims to reject the practice must not ask others why (i.e. for what reason) they go in for it, or else he is shown not to be a total abstainer from it.
Reasons may be reasons for belief or reasons for action. Human thought is both theoretical and practical: we are concerned both with the way things are and with what we ourselves have to do. In both domains there are problems to be solved, opposing considerations, and ultimate decision: and as regards both a man may be censured for hesitancy, vacillation, or pig-headed obstinacy, or again commended for wisdom in reaching decisions and firmness in adhering to what he has decided.
Here, though, a doubt may arise: is our coming to a theoretical conclusion, a conclusion as to how things are, really something for our own decision? On this matter extremely opposed views have been held; we may take Descartes and Shelley as typical supporters of the opposed views. Descartes seems to have thought belief was simply and directly a matter of choice: at least for the time being and in a time of tranquillity, you can stop believing any one of the things you now believe. Some people appear to have claimed the power to adopt beliefs at a momentʼs notice: like the White Queen who (admittedly with practice) could believe as many as six impossible things before breakfast. The Queenʼs words are probably an allusion to an Oxford character, W.G. (“Ideal”) Ward, sometime Fellow of Balliol; he was a truculent Ultramontane in religion, and is alleged to have expressed a wish that an infallible Papal document might arrive for him to believe every morning before breakfast with The Times. In our own time an official of the Roman curia is similarly alleged to have said that if the Pope came out with a new decree approving artificial contraception, he himself would pass from his present certainty that this practice is wrong, to an equal certainty that it is not wrong.
This sort of command over our own beliefs is something few of us can claim; Shelley would hold it is something that nobody can truly claim. According to Shelley, if we are considering whether something is true, it is a mere matter of spontaneous feeling whether we assent or dissent or suspend judgement; feelings cannot be commanded, so neither can belief. This comes in The Necessity of Atheism – an interesting tract, which I regret is too inaccessible to be used as a text in the day-to-day work of philosophy departments. Shelleyʼs grasp of the causes of human belief turned out to be very faulty; he expected his tract to stop Oxford dons from believing in the existence of God, but instead he was simply sent down.
The truth seems to lie between these two extremes. Beliefs cannot be immediately switched on or off at will; but they are in some extent under our control. We can form habits from thought which will modify our beliefs for good or ill, and the formation of such habits is certainly voluntary. It is still clearer that we can by choice hang on threatened beliefs. Thomas Hardy has a poem about a man who manages to preserve his belief that a tombstone bearing the name of his beloved actually covers her remains, even though he could easily confirm the truth of an ugly tale he has heard – that the girl buried there is in fact a different girl and his own girl lives on as a blowsy drunken barmaid. Here, resistance to modification of belief would strike us as pitiful or contemptible; but we may regard differently the hero of Victorian romance who continues to believe in his belovedʼs innocence of crime, will not be moved by the damning evidence against her, and who in the dénouement when she is triumphantly vindicated can proudly say “I always believed you were innocent even when they proved you were guilty”.
Here it is natural to bring in the threefold distinction: motives for belief, reasons for belief, causes of belief. For convenience, I am restricting “reasons for belief” in the present context to mean: statable reasons from the truth of which it would follow, with certainty or probability, that the belief is true. Our two lovers each had a strong motive for hanging on to the belief in the innocence of the beloved: the contrary belief if accepted would give the lover much unhappiness. But this motive affords no reason for the belief. Again, an academic exile from Ghana in the days of “Redeemer” Nkrumah would have a strong motive to believe in Nkrumahʼs philosophy of Consciencism: a motive for actual belief, not only profession, because insincere profession, if detected, might make return from exile very dangerous: but here too the motive for believing affords no reason for belief.
All sorts of things may cause beliefs: a belief that black dogs are specially dangerous may be traceable to a forgotten fear in childhood, or the belief that a man is your murderous enemy may be due to brain disease. Clearly we have here neither a motive nor a reason for believing.
Sometimes a belief is adopted for motives that afford no reason, or arises from some psychological or physiological cause again independently of any reasons, but the believer later dreams up reasons in support of the belief. This process is called rationalization. On the face of things, however, a grasp of reasons that would if true make out the thing believed to be certain or at least probable sometimes actually produces a belief; not all reasoning is rationalization. Some thinkers have held, or at least have been accused of holding, that all giving reasons for oneʼs own beliefs is a matter of rationalization: the stated reasons have never determined the belief arrived at, but we dreamed up after the event. If anybody does really hold this view, it is foolish of him to allege any reasons or evidence for his view; for if he is right, then other menʼs assent to or dissent from his view is itself something that would come about independently of their considering any reasons alleged by him. This book is written in the contrary conviction that the consideration of reasons for thinking something true sometimes results in the appropriate belief; if somebody does not share this conviction, he can hardly ask for reasons to be given why he should adopt it.
Vernunft und Argument*
1. Argument und Rechtfertigung durch Gründe
Philosophie, wie man sie heute an den Universitäten Englands (und vielerorts) betreibt, ist eine rationaler Argumentation stark verpflichtete Disziplin. Die meistgelesenen Philosophen sind keine Weisen, die unbegründete Sprüche verkünden, sondern Denker, die mit Gründen für das einstehen, was sie denken. Ich sage nicht, Philosophen sollten die Weisen ignorieren; keiner kann im Voraus absehen, was am Ende für die Philosophie von Interesse und Bedeutung sein mag. Wenn wir uns aber auf das Studium der Sprüche eines Weisen einlassen, hält uns vielleicht etwas davon ab, sie zu akzeptieren; im speziellen Falle könnte es so aussehen, als widersprächen sie einander. Der Weise selbst hält sich vielleicht vornehm zurück und schert sich nicht um unsere Probleme und er mag gut daran tun; wenn wir ihn aber weiterhin ernst nehmen wollen, sollten zumindest seine Schüler bereit sein, sich unsere Fragen anzuhören und vernünftig zu beantworten. Auch wenn Menschen mit dem Anspruch auftreten, Botschafter göttlicher Offenbarung zu sein, entbindet sie dies nicht von der Pflicht, Zuhörern, die sie ernsthaft befragen, mit vernünftigen Antworten zu bedenken. Gerade Christen ist dies auferlegt: „Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert für die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmütigkeit und Furcht.“ (I Petrus 3,15)
Auch wenn es vernünftig ist, nach Gründen zu fragen, ist es doch nicht immer vernünftig, nach Gründen zu fragen. Eine Diskussion zwischen A und B wird offensichtlich vereitelt, wenn B nicht ablässt, nach dem Grund zu fragen, warum er akzeptieren solle, was A gerade gesagt hat. Es ist weiterhin nicht vernünftig, nach einem Grund dafür zu fragen, warum wir denn stets die Methode verwenden sollen, nach Gründen zu fragen; derjenige, der diese Methode zu verwerfen fordert, darf andere nicht danach fragen, warum (d. h. aus welchem Grund) sie daran festhalten, andernfalls tritt es an den Tag, dass er selbst sich davon nicht freimachen kann.
Es gibt Gründe für das Glauben und Gründe für das Tun. Das menschliche Denken geht auf beides, Theorie und Praxis: Unsere Sorge gilt beidem gleichermaßen, der Art und Weise, wie die Dinge sind, und dem, was wir zu tun haben. In beiden Bereichen finden sich zur Lösung drängende Probleme, widerstreitende Überlegungen und am Ende die Entscheidung: Und in beiden Bereichen tadelt man jemanden wegen Zögerlichkeit, Unschlüssigkeit oder stumpfen Starrsinns oder lobt ihn wiederum, weil er seine Entschlüsse mit Weisheit fasst und entschlossen an dem festhält, was er einmal entschieden hat.
An dieser Stelle könnte sich jedoch ein Zweifel melden: Ist es wirklich unserer Entscheidung anheimgestellt, wenn wir zu einer theoretischen Schlussfolgerung gelangen, eine Schlussfolgerung in Hinsicht darauf, wie die Dinge sind? In dieser Frage sind extrem unterschiedliche Meinungen vertreten worden; wir können Descartes und Shelley als die typischen Fürsprecher dieser extremen Positionen anführen. Descartes scheint angenommen zu haben, Glauben sei schlicht und einfach eine Sache der Wahl: Du kannst zumindest vorläufig und für eine Zeit innerer Ruhe alle deine Annahmen auf Eis legen. Manche scheinen die Fähigkeit für sich geltend gemacht zu haben, in jedem beliebigen Moment diese oder jene Meinung zu übernehmen: wie die White Queen, die (gewiss, sie hatte schon Übung darin) nicht weniger als sechs unmögliche Dinge vor dem Frühstück glauben konnte. Die Äußerungen der White Queen sind wahrscheinlich eine Anspielung auf einen Zeitgenossen in Oxford, W. G. („Ideal“) Ward, einen ehemaligen Fellow von Balliol; er war ein grobschlächtiger Ultramontanist und soll den Wunsch geäußert haben, dass ihm ein unfehlbares päpstliches Dokument zugestellt werde, das ihm erlaube, jeden Morgen vor dem Frühstück an die Times zu glauben. In unseren Tagen soll auf ähnliche Weise ein Mitglied der römischen Kurie gesagt haben, würde der Papst ein neues Dekret erlassen, das die künstliche Empfängnisverhütung erlaubt, würde er selbst seine jetzige Gewissheit, dass diese Methode falsch ist, zugunsten der ebenbürtigen Gewissheit aufgeben, dass sie nicht falsch ist.
Nur wenige von uns können diese Art der freien Verfügung über unsere Glaubensgewissheiten für bare Münze nehmen; Shelley würde dagegenhalten, in Wahrheit vermöchte dies keiner von uns. Wenn wir darüber nachdenken, ob etwas wahr ist, dann ist es nach Shelley bloß eine Sache spontanen Gefühls, ob wir bejahen oder verneinen oder unser Urteil zurückhalten; Gefühle kann man nicht kommandieren, ebenso wenig das Meinen. So steht es in The Necessity of Atheism – einem interessanten Traktat, welcher leider zu wenig zugänglich ist, dass er in die Curricula der philosophischen Fachbereiche Eingang fände. Shelleys Griff nach den Ursachen menschlichen Glaubens erwies sich als ziemlicher Missgriff; er erwartete sich von seinem Traktat, dass die Dozenten nach der Lektüre den Glauben an die Existenz Gottes aufgäben, doch stattdessen wurde er selbst schlicht und ergreifend von der Universität verwiesen.
Die Wahrheit scheint zwischen diesen zwei Extremen zu liegen. Meinungen kann man nicht beliebig an- oder ausschalten; dennoch unterstehen sie in einem gewissen Maße unserer Kontrolle. Wir können Gewohnheiten des Denkens annehmen, die unsere Meinungen im Guten wie im Schlechten beeinflussen, und die Ausbildung solcher Gewohnheiten unterliegt sicherlich dem Willen. Es ist noch einleuchtender, dass wir, vor die Wahl gestellt, an bedrohten Glaubensgewissheiten festhalten. Es gibt ein Gedicht von Thomas Hardy über einen Mann, dem es gelingt, seinen Glauben daran zu bewahren, dass der Grabstein mit dem Namen seiner Geliebten wirklich ihre Gebeine bedeckt, obwohl er sich der Wahrheit einer hässlichen Geschichte, die ihm zu Ohren gekommen war, leicht vergewissern konnte – dass das dort begrabene Mädchen in Wahrheit ein anderes Mädchen sei und sein eigenes Mädchen als ein schlampiges, betrunkenes Schankmädchen weiterlebe. In diesem Falle würde die Weigerung, seine Meinung zu ändern, in uns Mitleid oder Verachtung erwecken; doch anders können wir den Helden der viktorianischen Romanze betrachten, der am Glauben an die Unschuld seiner Geliebten festhält, sich durch keinen sie der Schuld überführenden Beweis erschüttern lässt und wenn der Knoten sich löst und ihre Unschuld triumphal ans Licht kommt stolz sagen kann: „Ich habe immer an deine Unschuld geglaubt, auch als sie bewiesen, dass du schuldig seist.“
Es ist nunmehr an der Zeit, die dreiteilige Unterscheidung einzuführen: Beweggründe, etwas zu glauben, Vernunftgründe, etwas zu glauben, Ursachen, etwas zu glauben. Der Einfachheit halber schränke ich die Bedeutung des Ausdrucks „Gründe für eine Meinung“ in diesem Zusammenhang auf Folgendes ein: aussagekräftige Gründe, aus deren Wahrheit mit Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit die Wahrheit der entsprechenden Annahme folgen würde. Unsere beiden Liebhaber hatten beide ein starkes Motiv, weiterhin an die Unschuld ihrer Geliebten zu glauben: Würde er das Gegenteil annehmen, stürzte dies den Liebhaber in großes Unglück. Aber dieses Motiv liefert keinen vernünftigen Grund für den Glauben. Ferner dürfte ein aus Ghana exilierter Akademiker in den Tagen des „Erlösers“ Nkrumah ein starkes Motiv zur Konversion zum Glauben an Nkrumahs „Philosophy of Consciencism“ haben: ein Motiv zu echtem Glauben, nicht nur zu Lippenbekenntnissen, denn würde er bei einem unernstes Bekenntnis ertappt, machte dies seine Rückkehr aus dem Exil zu einer gefährlichen Angelegenheit; doch auch in diesem Falle liefert das Motiv keinen vernünftigen Grund für den Glauben.
Alle möglichen Dinge können Glaubensgewissheiten verursachen: Der Glaube, schwarze Hunde seien besonders gefährlich, könnte auf eine vergessene Furcht in der Kindheit zurückgehen, oder die Annahme, dass jemand dein Todfeind sei, könnte sich einer Hirnkrankheit verdanken. Offensichtlich erkennen wir hier weder ein Motiv noch einen vernünftigen Grund für einen Glauben.
Manchmal glaubt man an Dinge aufgrund von Beweggründen, die keine Vernunftgründe bereitstellen, oder man glaubt etwas, weil eine seelische oder körperliche Ursache wiederum unabhängig von allen vernünftigen Gründen auf einen einwirkt, doch später erträumt sich der Glaubende Gründe, die seinem Glauben aufhelfen. Diesen Vorgang nennt man Rationalisierung. Wenn wir allerdings prima facie vernünftige Gründe erfassen, deren Wahrheit unsere Annahmen gewiss oder zumindest wahrscheinlich machen, gelangen wir tatsächlich zu einem Glauben; nicht jeder Vernunftgebrauch ist Rationalisierung. Manche Denker meinten oder wurden beschuldigt zu meinen, dass jede Rechtfertigung einer Annahme durch Angabe von Gründen Rationalisierung sei: Die angeführten Gründe hätten niemals die Annahme, zu der man gelangt ist, veranlasst, sondern seien nach dem Geschehen hinzuphantasiert worden. Wenn jemand wirklich diese Ansicht vertritt, begeht er eine Torheit, wenn er irgendwelche Gründe oder eine Evidenz für seine Ansicht anführt; denn wenn er recht hat, dann ist die Zustimmung oder Ablehnung seiner Ansicht durch andere etwas, das sich unabhängig von den Überlegungen ereignet, die sie über die Gründe anstellen, die er vorbringt. Dieses Buch wurde in der entgegengesetzten Überzeugung geschrieben, dass die Erwägung von Gründen, die für die Wahrheit einer Annahme sprechen, manchmal zu einem angemessenen Glauben führt; wenn jemand diese Überzeugung nicht teilt, kann er schwerlich danach verlangen, man möge ihm Gründe nennen, warum er sie übernehmen soll.
*Die Übersetzung ist eine sinngemäße, stellenweise frei kommentierende Wiedergabe des 1976 in Oxford erschienen Buchs von Peter Thomas Geach. Der Originaltext ist allgemein zugänglich unter:
http://books.google.de/books/about/Reason_and_Argument.html?id=IH2clcGcPnMC&redir_esc=y.
Für Stimmigkeit, Korrektheit und Fehlerlosigkeit übernimmt der Übersetzer keine Verantwortung ebenso wenig wie für jedwede Folgen aus der Anwendung und dem Gebrauch durch den Leser. Nachdruck, mediale Vervielfältigung und Weitergabe jeder Art sind untersagt. Der Inhalt dieser Anmerkung gilt für alle anderen vom Übersetzer auf dieser Webseite veröffentlichten Übersetzungen ebenso wie für alle in Zukunft erscheinenden Übersetzungen.
Kleine philosophische Lektionen XI
Ursache, Beweggrund, kausale und intentionale Erklärung, Wechsel des kategorialen Bezugsrahmens
Was steckt dahinter? Das ist eine gute Frage, und das ist keine ungefährliche Frage.
Wenn du weißt, dass alle Säugetiere lebend gebären und erfahren hast, dass Wale lebend gebären, schließt du daraus richtig, dass Wale Säugetiere sind. Wir können diese einfachen logischen Zuordnungen schematisch mit Mengendiagrammen (wie den Venn-Diagrammen) darstellen. Wenn du bisher dachtest, Wale seien Fische, die bekanntlich nicht lebend gebären, sondern ihre Eier ablaichen, ist diese Schlussfolgerung eine Bereicherung. Aber diese Schlussfolgerung ist keine Bereicherung des Wissens, sondern eine Klärung des schon Gewussten, und zu diesem gehörte auch die neue Erkenntnis, dass Wale lebend gebären.
Es ist ein Kennzeichen des von Aristoteles begründeten und formalisierten Syllogismus, denn um dessen primäre Form handelt es sich hier, dass wir bei jedem gültigen Argument den Gegenstandsbereich, über den wir Aussagen machen, eindeutig festlegen. In unserem Falle handelt es sich um den Gegenstandsbereich der Lebewesen. Wenn wir zur tiefer schürfenden Erklärung einen Wechsel des kategorialen Bereichs benötigen, um absehen zu können, was dahintersteckt, müssen wir uns anderen Formen der stichhaltigen Argumentation als dem Syllogismus zuwenden.
Was also steckt dahinter? So kannst du gut fragen, was hinter einer Handlung steckt, zum Beispiel, wenn dir dein angeblicher Freund ein Beinchen stellt. Hier fragst du nach dem Beweggrund oder Motiv der Handlung, wobei wir unter einer Handlung das Ganze aus physischer Bewegung und Motiv verstehen. Wir leiten in diesem Falle der Erklärung menschlichen Verhaltens das Physische aus dem Psychischen ab, denn ein Bein zu stellen ist freilich ein körperlicher Vorgang, jemandem übel mitspielen zu wollen augenscheinlich ein psychischer Vorgang.
Wir sagen: A hat B ein Bein gestellt, weil er ihm übel mitspielen wollte.
Formelhaft ausgedrückt: A wirkt aufgrund der Intention i mittels der Handlung h auf B ein.
Die physische Realität können wir beobachten und beschreiben, die wirkursächliche psychische Realität können wir nicht beobachten, sondern müssen sie erschließen. Wir sagen: A hat an B die Handlung h vollzogen. Wer immer h tut, ist in einem mentalen Zustand M1, M2, M3 … Mx. In welchem Zustand aus der Reihe der Handelnde tatsächlich ist, bedarf weiterer Analysen, unter Einbeziehung der Situation, der vorausgehenden Zustände und der Geschichte des Verhältnisses zwischen den Personen A und B.
Wenn dir die Erklärung einleuchtet, hat dies unmittelbar erhebliche Folgen für dich und deine Lebenswelt: Du wirst dem angeblichen Freund die Ehre, unter deine Freunde gerechnet zu werden, entziehen und etliche Maßnahmen ergreifen, euer Verhältnis einzuschränken, wenn nicht einzufrieren oder zu beenden. Deine Überlegung und deine Einsicht haben ziemlich weitgehende Folgen in der physischen Welt, soweit sie dich betrifft: Du wirst nicht mehr den Hörer abheben und die Nummer des Verräters wählen oder den Hörer abheben, wenn du seine Nummer auf dem Display erkennst, du wirst nicht mehr aus dem Haus gehen, um zu eurem gewöhnlichen Treffpunkt zu gelangen, du wirst den Teufel tun, ihm beim nächsten Umzug zu helfen.
Wir können von der Handlung auf den Beweggrund schließen, aber nicht umgekehrt von einem Beweggrund auf die daraus etwa prognostizierbare Handlung. Dein Gast hat sich bei Tisch vor deinen eingeladenen Freunden wieder einmal danebenbenommen; dennoch gibst du deinem Impuls, ihn mit einer scharfen Bemerkung oder Rüge abzustrafen und vor den anderen herabzusetzen, nicht nach, sondern bewahrst wenn auch nicht ohne Anstrengung dein Gesicht und milderst die Verlegenheit oder rettest die Situation mit einer witzigen Bemerkung.
Wir sehen: Handlungsgründe sind nicht identisch mit ihren physischen Ursachen, deren Vorkommen wir aus dem Vorkommen anderer physischer Ursachen gesetzmäßig ableiten und vorhersagen können. Wir verbleiben mit unseren Erklärungen physischer Ereignisse in einer kausal geschlossenen Welt: Wir gehen von der Bewegung eines Körpers weiter zur Bewegung eines anderen Körpers, der den ersten wiederum in Bewegung gesetzt hat, oder wir reduzieren die fühlbare und messbare Hitze des Wassers im Kochtopf auf die nur mittels eines Elektronenmikroskops sichtbar zu machende Bewegung der Wassermoleküle.
Wenn wir aber die unverschämte Handlung deines angeblichen Freundes als physische Bewegung seines Beines auf die neuronalen Bewegungsmuster in seinem Gehirn reduzieren, bleiben wir ebenfalls in einem geschlossenen kausalen Bezugsrahmen: Allerdings erhalten wir durch diese reduktive Analyse keine Erklärung, die uns das bizarre Tun deines Freundes verständlich macht, sondern nur eine tautologische Verdopplung derselben Beschreibung, einmal auf der Ebene der Alltagssprache, sodann auf der Ebene der Wissenschaftssprache.
Freilich können wir uns in der Zuordnung oder Identifikation von physischen und psychischen Ereignissen irren: Wenn dich dein Freund von hinten unglücklich gestoßen hat, weil er selbst gestolpert ist, rechnen wir ihm die physische Bewegung nicht als willentliche Ausführung einer Handlungsabsicht oder eines Bewegungsgrundes bösartiger Natur zu. Er tat dies unwillentlich und ohne Absicht und ist daher nicht zu tadeln. Und solltest du ihn im ersten Aufruhr der Gefühle grundlos getadelt haben, ist es an dir, dich von ihm wegen grundlosen Tadelns in die Schranken weisen zu lassen.
Wenn wir physische Ereignisse mittels des Vorkommens anderer physischer Ereignisse erklären, verbleiben wir nicht nur im selben Bezugsrahmen der physischen Welt beziehungsweise der physikalischen Erklärung. Die kausalen Bezüge, die wir auffinden, sind auch zumeist symmetrisch und transitiv: Wenn es regnet, wird die Straße nass, und wenn die Straße nass wird, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es regnet – falls nicht die städtische Versorgungseinrichtung bei großer Sommerhitze die Straße mit Wasser besprengt hat.
Wenn wir die physische Realität aus dem Vorliegen von mentalen Zuständen und Intentionen erklären, wechseln wir den kategorialen Bezugsrahmen. Hier sind wie bei den relationalen Ausdrücken „kleiner als“ oder „größer als“ oder „ist der Vater von“ Symmetrie und Transitivität des Bezugs ausgeschlossen: Wenn du größer bist als ich, bin ich kleiner als du, und wärst du mein Vater oder meine Mutter, könnte ich dich nimmermehr gezeugt oder geboren haben.
Denken wir kurz an den Sprung von einer Kategorie des Realen zu einer anderen, die wir Extrapolation nennen, wie sie die Logiker W. V. O. Quine und Peter Thomas Geach aufgezeigt haben: Wenn ich sage: „A ist kleiner als B“, bleibe ich unter Anwendung desselben Standardmaßes mit diesen Ausdrücken im Bereich des physisch Beobachtbaren als meinem standardisierten Gegenstandsbereich. Wenn ich aber sage: „Es gibt mindestens ein x und x ist kleiner als alle sichtbaren Objekte“, extrapoliere ich mit dieser Aussage auf einen Bereich, der mein Standardmaß und meinen standardisierten Gegenstandsbereich übersteigt.
Das regelmäßige Vorkommen eines physischen Ereignisses, das sich zeitlich einem psychischen Ereignis mehr oder weniger eng anschließt, muss nicht auf eine kausal-notwendige Beziehung beider Ereignisse hinweisen: Immer wenn ich nach draußen gehen will und es regnet, greife ich nach meinem Schirm. Aber ich kann es auch einmal vergessen.
Und warum sollte ein Gedanke wie eine Absicht oder ein Motiv, etwas zu tun, immer mehr oder weniger vollständig auf der physischen Ebene repräsentiert sein? Dass ich meinen Tadel zurückzuhalten weiß, um einen Gast nicht in Verlegenheit zu bringen, haben wir bereits gesehen. Aber warum sollte immer dasselbe oder überhaupt ein korrespondierendes Muster neuronaler Bewegung in meinem Kopf ablaufen, wenn ich denke „Ach, wie langweilig!“ oder „Warum nur gibt es keine größte Primzahl?“. Das hat noch keiner erwiesen, und wie es aussieht, bleibt dieses Blatt leer.
Trug-Stern
Schmatzen, Girren –
mit Blüten verweht.
Flehen, Schreien –
erstickt unter Schnee.
Wie vollenden,
wenn die Wurzel abgetötet ist?
Taubes Gefühl,
Teich unterm Eis.
Trug-Wort,
harter Kristall,
undeklinierbar
für allzu weiche Lippen.
Wie vollenden,
wenn vorm Klotz einer Frage
traumesschwerer Hand
der Meißel entsinkt?
Taubes Gefühl,
und du stiehlst dich an Menschen vorbei,
wie an Sirenen,
die um Liebestod singen.
Trug-Stern,
Auge,
heller Lidschlag,
der das Dunkel beschwört.
Das Zeichen des Bunds
Per Deum meum transilio murum.
Es durchbrach mit der Macht des Schönen
die mitternächtigen Zweifel.
Siehst du, wie die Schwalben
darin stürzen auf und nieder?
Wider alles Hoffen
im letzten Schauer der Sintflut
haucht sich aus dem Unerschöpflichen
ein Zauber in das Sprühen und Zittern
der kreatürlichen Angst.
Und obenhin schreibt
die zerbrochene Scheibe des Monds
die schmale Zeile der Stille.
Springst mit dem Zuspruch du
über die Mauer?
Freust deiner Ohnmacht du dich,
die das Zeichen nicht fasst –
es beißt wie Träne auf der Wange,
hüllt wie Schleier dein Haar,
knirscht wie Schnee
unterm linkischen Fuß?
Nimmʼs wie die in der Fäulnis leuchtet
herbstliche Frucht
oder die an den Saum des Verses fallen,
ausgezupfte Blüten der Dahlie.
(Ein krankes Kind auf der Nachtstation
liegst du mit dem dunklen Klopfen der Wunde,
ratlos an die Mauer gepresst,
und es sickert ein, das Licht
eines einsinnig-vielfarbigen Worts,
unaussprechlich –)
Der Ausflug
Gerbermühle – Waldfriedhof Oberrad – Goetheturm
Plötzlich ein dumpfer Stoß, die Tassen klirren,
der Ponton am Eisernen Steg schwappt hin und her,
da legt die „Goethe“ an.
Du erwachst aus der dumpfen Phantasie,
drei Boings jagten in die Türme der Deutschen Bank
und des Messeturms –
da quillt die Tourimasse aus dem Schiff
und endlich stürmst du zielbewusst zum Vorderdeck.
Schon wandelt sich das Ufer, der Dom, der Fluss,
der heute träge schlämmt,
in ein Abschiedspostkartenbild,
das du dir selber schickst.
Die Lautsprecherstimme erklärt dir, was du siehst:
St. Katharinen, Deutsch-Herren-Ufer, Alte Brücke,
da oben schritt der junge Dichter,
dem sich die Bilder weicher Wellen,
bunter Boote, reger Menschen
anmutig duckten wie in der Manege
vor dem Dompteur die falben Katzen.
Doch siehst du auch, was keiner dir erklärt,
was unerklärt erscheint: das Sichwiegen eines jungen Schwans,
das Licht, das goldne Fäden in die Zweige spinnt,
das Unglück einer Frau, die sich in die Sonne reckt,
und längst vergaß, wonach sie seufzt.
Wie hat sich nur, was jugendstilig sich verjüngend biegt,
beim großen Port des Westens gut versteckt!
Du staunst, wie das Hochhaus der EZB sich doppelflügelig
um die Residuen der Großmarkthalle gluckt,
oder istʼs ein schlanker Häher scharfen Schnabels,
der einen alten, grauen Maulwurf ausgeweidet?
Die Kinder kleben unter Deck an den Scheiben,
was rufen sie sich zu, und sie drängen,
wenn der Matrose das Tau anwickelt
und der schwere Kahn ächzend ans Ufer schrammt.
Hier glühte wie unter ersten Küssen Mädchenwange
die Wunderblume in persisch-deutsche Liebesnacht.
Und ihre Schönheit schmerzt,
da sie genährt die Wunde einsam-fernen Tods.
Es sind die Spuren solchen Welt-Umdichtens
spärlich hier gestreut: Ein Wimpel auf dem First
der nobilitierten Gerbermühle, in der nicht Korn
noch Träume mehr gemahlen werden,
zeigt ein Rokoko-Getändel des Dichters und der Muse.
Doch der freundlich-erbötige Kellner weist dir den Weg:
Da hinten stiert die Büste des altersgrauen Meisters
in die flüsternde Beflissenheit gedämpfter Gastlichkeit.
Wie kommst dem stillen, guten Leben du näher
unter den Toten des Waldfriedhofs!
Hier bannst du die Dämonen
mit dem milden Schrei des Vogels und des Eichhorns
süßem Knacken von Kastanien oder Nüssen.
Und doch ist die schöne Waldesdichtung
aus den Hainen von Buchen, Birken oder Kiefern
geschändet durch den Lärm der Einflugschneise,
geschändet ist die Pietät der Totenruhe
vom Gemache grenzenlos Besessener.
Nahe dem Goetheturm verhökern Kinder
„Glückssteine“, runde oder flache Kiesel,
die sie übermalt mit bunten Zeichen und Gesichtern.
„Man muss sie aber in der Tasche tragen!“
Nur dann bringen sie dir Glück, mein Lieber.
An der Haltestelle Hainerweg kniet sich der Fahrer
während der Pause, es dämmert schon,
im leeren Bus auf einen schmalen Teppich
(wie er sein Mekka ahnt!) und betet sein Gebet.
Könnte nur seine schlichte Frömmigkeit dich heilen
von den Ängsten und der Phantasie,
Flugzeuge rasten in die Bankentürme!
Lass uns den Engel ansingen
Lass dich ohne Bangen tragen
durch das Menschengetümmel,
bebend wie im Walzerschritt.
Lass durch das finstre Gewoge
uns gleiten wie der blaue Wal,
der an Jonasʼ Schiff hinglitt.
Lass bei den Malen der Toten
Liebe und Ahnen die Lippen uns rühren –
und den einen, der um Liebe litt.
Und wenn müde wir dem Leben entatmen,
lass still uns den Engel ansingen,
der vor uns die Schwelle betritt.
Das verpasste Wunder
Nichts Wahres geschieht hier,
wenn unwirsch das Wort,
gleich dem Speichel der Viper,
lieblos fliegt von den Lippen.
Oder geschah es einmal doch,
dass wie im Dämmerlicht
einer segnend vorüberschritt,
und freudig-erschrocken riefst du:
„Bist du es, Meister?“ –
und nicht mit dem Mund,
mit dem wachen Auge senkte er
dir in die Seele den Keim?
Unter all dem Unrat und Schutt
auf dem Hinterhof eines Bordells,
wo Grünspan und Überdruss
sich an ausgeschiedenen Wassern nähren –
unter den trostlosen Schwaden des Morgenfrosts,
aus denen froschhaft es quatscht und klatscht –
unter dem festgetretenen Grind,
den Lachen, aus denen höhnisch
Neonlicht grimassiert –
sollte aufwärts er treiben,
sich schmerzlich winden ins Licht?
Ist noch die Zeit oder ward sie vergeudet,
zu tun, was getan werden muss:
auszuräumen Unrat und Ungeist,
den Boden zu lockern,
die Erde durch reinen Quell,
mit Tränen gemischt,
zu versöhnen –
und auf das Wunder zu warten,
das mit dem Anblick des Schönen beglückt,
da auch dein Mitmensch
lächelnd verweilt?
Die schöne Täuschung
Wie scheint mit einem Male
die Seele ganz verloren,
ganz zerstreut.
So sind die Splitter eines Apsis-Mosaiks,
von der Eisenfaust des Hasses
zermahlen und zerbombt,
rings ganz verweht –
Basalt des Altars, des Wasserbeckens Schiefer,
ein abgehauner Puttenkopf,
sinnlos ins Leere lächelnd,
und manches Heiltum –
sie ragen, schmerzend-unverständlich,
wie Male aus dem Schnee.
Wie scheinen wir so ganz zerflossen,
schäumig-nichtig wie in bunter Dose
der Kinder Seifenlauge,
mit heißem Mute gut geschüttelt –
wie kommt es Gnadenwunder gleich,
wenn Kunst der feinsten Lese,
kluger Tunke,
zwischen schmaler Zarge eines Wasserblättchens
dünnstes Zittern hochgespannt –
es löst, es wölbt
ein lebenstrunkner Hauch
zur heilen kugelrunden Glanzgestalt –
ein Sonnenblitz, und alle Farben leben,
ein Sonnenstich, und alle Täuschung platzt.
Kleine philosophische Lektionen X
Negativismus, Dialektik
Negativismus ist eine pathologische Neigung, Dialektik ihr logischer Ausdruck.
Leute, die ungeduldig einem ein Loch in den Bauch fragen, Leute, die sich mit keiner Antwort und keiner Aussicht zufriedengeben können, sondern immer weiterfragen und weiterreisen müssen, bis zur nächsten Frage, bis zur nächsten Aussicht, Leute, die mit radikalen Zweifeln und Anfechtungen lieber auf dem Kopf gehen als mit beiden Beinen im Leben stehen wollen, sind Negativisten und mit Vorsicht zu behandeln. Sie sollten keine Entscheidungen für andere und im Auftrag anderer fällen dürfen.
Die vorwitzigen Buben, die auf eine Auskunft hin weiterfragen: „Und warum?“, sind die Vorbilder aller spitzfindigen Denker. Man sollte diese Unsitte deshalb nicht als Zeichen aufbrechender intellektueller Neugierde missdeuten – in Wahrheit ist sie ein Mittel, die geplagten Eltern zu schikanieren und die Umwelt ins Bockshorn zu jagen. Denn es ist nur scheinbar klug und nur scheinbar ein Zeichen geistigen Wagemutes, immer weiterzufragen und weiterzudenken und weiterzureden, anstatt zu gebotener Stunde zu verharren, still zu werden und das Denken stillzustellen.
Negativismus ist ein Ausdruck der Sprach- und Liebesverweigerung: Die Bedeutung der Wörter und Sätze ist nicht dein eigen, sondern du hast sie empfangen und das Empfangene musst du mit deiner Kraft und deinem Sinn beladen. Wenn du liebst, bist du nicht nur nicht allein auf der Welt, sondern weißt dich geringer im Auge des Geliebten. Der Negativist fühlt sich ohnmächtig durch die Last der Sprache und der Gemeinschaft, die sie verkörpert, er fühlt sich verhöhnt und gedemütigt durch die Liebe, die ihn umfasst und die nicht er umfasst.
Er sagt: „Das weißt du nur vom Hörensagen. Aus fremder Leute Mund, denen man nicht trauen kann. Wie kannst du für bare Münze nehmen, was du nicht selbst gesehen, selbst erfahren hast? Die Botschaft, die von Mund zu Ohr sich weiterschleppt, wird unterwegs mehr und mehr entstellt.“ Wie weiß er denn vom Hörensagen außer vom Hörensagen, und wenn er keinem traut, dann darf er sich selbst am wenigsten trauen: Wie kann er noch etwas behaupten?
Wenn er großspurig daherredet: „Die menschlichen Maße sind im Angesicht der unendlichen Weiten des Kosmos eitel und nichtig!“, sage ihm: „Hier ist es unbedingt richtig, den Unschuldigen zu schützen!“ Und wenn er dann wieder dialektisch mit der Anfechtung und Frage kommt, woher du denn die Sicherheit nehmest zu wissen, was „richtig“ bedeute, sage ihm: „Es gibt kein absolutes Maß für den Begriff des Richtigen, denn wenn ich das hätte, woran mäße ich es? Aber es braucht auch keines zu geben: Wir haben das Beispiel solcher Menschen, die recht taten und deren hohen Sinn und deren moralische Integrität auch die vielen anerkennen.“
Wenn er nun aufbraust und bedenklich wird über die Maßen und er stößt dich auf die dialektische Lücke, moralische Integrität könne nur von solchen anerkannt werden, die selbst moralisch integer seien, dann sage bloß: „Ja, so ist es! Nur dem Sehenden zeigt sich das freundliche oder unfreundliche Gesicht.“
Und wenn er dann dialektisch sich aufwirft und dich schilt: „Wie kannst du die Bedeutung eines Allgemeinbegriffs wie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Frömmigkeit und Weisheit durch Angabe eines Beispiels aufzeigen – woran ermisst du denn, dass dies Beispiel zutrifft?“, dann folge ihm nicht, sondern halte dagegen: „Wenn du wähnst, kein Wort und kein Begriff habe Bestand, deren Bedeutung nicht zuvor in einem klaren und eindeutigen Verfahren der Definition bestimmt worden ist, so gib mir doch klipp und klar durch ein eindeutiges Verfahren der Definition die Bedeutung des Begriffs Definition an!“
Lotus und Edelweiß
Dr.-Bockenheimer-Brunnen, Denkmal für Dr. Jakob Herman Bockenheimer, gestaltet von August Bischoff, Oppenheimer Platz, Frankfurt am Main
Die Sonne lugt müd und schräg,
der Wind schreibt Herbst ins rote Laub,
ein Seufzen teilt wie Mond den schwarzen Busch –
wenn du den hohen Nackten dort erblickst
unterm Grünspan seiner fröhlichen Geduld,
so lass von Funken dich besprühen,
die Seele lasse lechzen
nach den erinnerungsklaren Sprüchen
seiner Heilungsstrahlen,
die dem lebensreformierten Bronze-Jüngling
aus den Blumenschalen seiner Hände wehen
von Opfersinn entzückt.
Da kommt ein sehr gemischtes Paar,
bei dem die Strahlen fernster Welten,
aus Nippons Sonnin und Germaniens Mond,
in ein wohl vermummtes Kinderglück sich wirrten.
Die Mandeläugige sieht sogleich die Schneise goldenen Lichts
und lässt sich auf der Bank ins Zentrum fallen,
den blonden Erzeuger in krachlederner Tracht
mutwillig mit dem Hintern zur Seite schubsend,
um von letzten Flämmchen kitzeln zu lassen
ein gewiegtes Glück –
vielleicht verschmelzen so entlegener Rassen
Keime nicht zu harmonischstem Gesicht,
doch ihre hohen Geister wohl
wie von Lotus und Edelweiß
ein Häubchen Schnee
zu schönerem Gedicht.
Du aber, Freund, verweile
auf dem Eisernen Steg
und lass dich von dem Glühen
wässriger Botschaft blenden –
fühle, wie die Wärme später Liebe
dein Gesicht zerschmilzt,
und lächelnd löst es sich,
herbstlich ein Blatt,
wie weher Liebes-,
süßer Abschiedsgruß,
so fliegt es, flattert so
über die Wellen hin,
die Wellen hin des Mains.
Kleine philosophische Lektionen IX
Konsistenz
Manche meinen, die Forderung der Nicht-Widersprüchlichkeit unserer Annahmen, danach, dass wir nicht etwas glauben und gleichzeitig sein Gegenteil annehmen sollen, sei der Auswuchs trockener Seelen oder seelenloser Pedanten. Diese Auffassung ist das Gegenteil der Wahrheit. Denn Konsistenz in unserem Denken, Wollen und Tun ist der Humus des Lebens, ohne den wir nicht aufwachsen und nicht Blüten treiben können.
Wenn du, aufmerksam geworden durch sein verdächtiges Tun und Treiben, aus bestimmten Beobachtungen zu dem richtigen Schluss gekommen bist, deinem Nachbarn sei nicht zu trauen und er führe etwas gegen dich im Schilde, du aber andererseits diese wahre Annahme wie ein Atoll der Südsee vom Festland deines Alltags fernhältst, des Alltags, der geprägt ist vom alteingewachsenen Zutrauen zu deinem Nachbarn, den du dir einmal in frühen Jahren zum Freund gewonnen hattest, wenn auch über die Zeit die Bande zwischen euch schwächer wurden – läufst du aufgrund dieser Inkonsistenz deiner Annahmen über den wahren Charakter deines Nachbarn Gefahr, in die Falle zu tappen und dermaleinst von ihm übel behandelt zu werden.
Ein rechtes Leben „lebt aus der Wahrheit“, wenn es bisweilen auch wehtut, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Leute, die, der Anstrengung des Wissens überdrüssig, sich in naturmagische Kulte der Magna Mater oder des Dionysos stürzten und stürzen, brachten und bringen sich um den Verstand, denn sie können das wahre Wissen, dass die Früchte der Erde und des Weinstocks nicht von sich aus Leben haben, sondern von Menschen kultiviert worden sind, nicht auf Dauer vom Festland des alltäglichen Lebens auf ein fernes Lügenatoll verbannen.
Wenn wir in unseren Absichten, Entscheidungen, Forderungen und Aufträgen nicht auf die Konsistenz und logische Verträglichkeit der ihnen zugrundeliegenden Annahmen achten, sondern sich widersprechende Voraussetzungen nebeneinander stehen lassen, laufen wir Gefahr, dass unsere Pläne vereitelt werden, unsere Vorhaben scheitern, unsere Bitten kein Gehör finden und unsere Aufträge unausführbar bleiben.
Du bist frei, mir eine Aufgabe zu stellen. Du drückst mir einen Zettel in die Hand, auf dem eine schwierige mathematische Gleichung notiert ist. Du forderst mich auf, mich in mein Stammlokal zu setzen, zügig hintereinander acht Gläser Wodka zu trinken und dabei die mathematische Gleichung zu lösen. Dass ich kläglich scheitern werde, ist absehbar, denn die beiden Forderungen sind miteinander unverträglich und können nicht gleichzeitig erfüllt werden. Die schwierige Gleichung lösen zu können, impliziert die Forderung, nüchtern zu bleiben. Soll ich aber deine andere Forderung erfüllen, kann ich nicht nüchtern bleiben.
Natürlich können wir uns eine Geschichte ausdenken, in der ein sonderbarer Kerl sich in eine Kneipe hockt, sich mit Wodka abfüllt und dabei eine schwierige mathematische Gleichung zu lösen versucht – vielleicht aus irregeleitetem Ehrgeiz oder intellektuellem Wagemut. An dieser Beschreibung ist nichts inkonsistent, denn warum sollte ein sonderbarer Mensch nicht dergleichen tun – und wir nicht uns eine Geschichte ausdenken, in der eben dies berichtet wird.
Hier bemerken wir die unterschiedliche Relevanz der Forderung nach Konsistenz und Widerspruchsfreiheit in der Welt der Fiktion oder der fiktiven Welt der Literatur, der Phantasie oder des Traums und der realen Welt. Ja, wir haben an diesem Unterschied ein Kriterium unter vielen anderen an der Hand, um fiktionale Darstellung von wirklichkeitsgetreuer Darstellung unterscheiden zu können.
Nach all unseren Erfahrungen und unsern ausgefuchsten physikalischen Kenntnissen wissen wir, dass ein mythisches, aber menschenähnliches Wesen wie der Götterbote Hermes mittels seiner winzigen Flügel an den Schuhen nicht wirklich hätte fliegen können. Und dennoch stören wir uns nicht im Geringsten daran, ihn sich auf Geheiß seines Herrn Vaters vom Olymp stürzen zu sehen, um gleich danach stante pede seinen Auftrag unter den Sterblichen zu erfüllen, sondern bewundern die poetische Lizenz, die sich der homerische Dichter von der Forderung nahm, dass die Annahme, menschenähnliche Wesen könnten nicht ohne weiteres fliegen, mit der Annahme kollidiert, dass Hermes fliegen könne, obwohl er ein menschenähnliches Wesen ist.
Dass die Forderung nach Konsistenz unserer Annahmen einzig für unsere Theorien Relevanz habe und nur im luftigen Raum der Diskurse ihre Missachtung zu schlimmen Konsequenzen führe, für unser alltägliches Tun und Treiben aber der Karneval der Inkonsistenzen geradezu erwünscht sei, ist eine unbegründete und törichte Annahme. Wer unter dem Einfluss sogenannter bewusstseinserweiternder, in Wahrheit aber Inkonsistenzen generierender Drogen wähnt, mir nichts, dir nichts sich in die Lüfte schwingen und fliegen zu können, und sich aufgrund dieser falschen Prämisse aus dem Fenster stürzt, obwohl er eigentlich längst aus den wahren Prämissen, dass menschenähnliche Wesen nicht ohne weiteres fliegen können und er nun einmal ein solches Wesen ist, den wahren Schluss gezogen hatte, würde nunmehr die Missachtung dieser Inkonsistenz mit dem Leben büßen.
Kleine philosophische Lektionen VIII
Intentionale Zustände: Glauben (4), gute und schlechte Gründe, Motive, Ursachen
Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du, befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen. Du könntest dich darauf berufen, wahrgenommen zu haben, dass der böse Nachbar etwas Abträgliches über dich einem weiteren Mitbewohner zugeraunt habe; dass der böse Nachbar den Mülleimer auf gegen dich verwendbare Hinweise und Informationen unter die Lupe genommen habe; schließlich dass der böse Nachbar einen despektierlichen und verleumderischen anonymen Brief an deine Freundin geschrieben habe – die Handschrift weise ihn als Verfasser aus.
Um die Wahrheit herauszufinden, hilft es uns, zwischen guten und weniger guten oder schlechten Gründen für eine Annahme zu unterscheiden. Sich auf Wahrnehmungen zu berufen, die der Täuschung unterliegen und zudem von Dritten nicht nachvollzogen oder überprüft werden können, bietet nicht gerade die besten Gründen – du könntest dich verhört haben und der Nachbar hat vielleicht wirklich getratscht, aber nicht über dich; du könntest dich getäuscht haben und der Nachbar hat in dem Mülleimer nicht nach gegen dich verwendbarem Informationsmaterial gewühlt, sondern mit seinem Müll versehentlich ein wichtiges Schriftstück weggeworfen, nach dem er nun suchte.
Somit bleibt der Brief, ein Objekt, das auch Dritte wie ich inspizieren und als Indiz oder Beweisstück analysieren können. Sollte falls möglich eine kriminaltechnische Untersuchung auf dem Brief die Fingerabdrücke des Nachbarn oder eine genetische Untersuchung die DNA des Nachbarn oder schließlich eine graphologische Untersuchung die Identität der Handschrift des Nachbarn bestätigen, sagen wir: Du hast guten Grund zu der Annahme, dass dein Nachbar böse Absichten hegt und dir zu schaden sucht. Sollten sich alle drei Sachverhalte bewahrheiten, sagen wir, du hast die besten Gründe zu dieser alles andere als angenehmen Annahme.
Sollte sich durch die Untersuchungen und Analysen herausstellen, dass dein Nachbar nicht der Verfasser des gehässigen Briefes sein kann, ist dein Verdacht ihm gegenüber nicht bestätigt, wenn auch nicht widerlegt und gänzlich aus der Welt geräumt, denn der werte Nachbar könnte auch einen Vertrauten angestiftet haben, den Brief zu verfassen und abzuschicken. Sollten wir auch diesen weiteren Verdacht ausschließen können, wäre dein Misstrauen gegen deinen Nachbarn vielleicht nicht ausgeräumt, aber doch herabgestimmt. Allerdings wärest du bei weitem nicht aus dem Schneider: Denn hat nicht dein Nachbar den bösen Brief verfasst und an deine Freundin geschickt (aufgrund dessen verleumderischer oder auch wahrheitsgemäßer Hinweise dich deine Freundin verlassen haben mag), muss es ja einen anderen Menschen geben, der ihn geschrieben und abgeschickt hat und ergo böse Absichten gegen dich hegt und dir schaden will.
Wir finden demgemäß Wahrnehmungen und Objekte wie Spuren, Zeichen oder Gegenstände als Mittel, um unsere Annahmen zu bestätigen, zu widerlegen oder anzuzweifeln. Wir sagen, dass wir aufgrund einer Beobachtung annehmen, der Nachbar sei heute früher nach Hause gekommen. Wir sagen, der Nachbar scheide als Verdächtiger aus, weil die Analyse der DNA-Spuren seine Identität nicht bestätigt hat. Wir halten unser Urteil in der Schwebe oder enthalten uns des Urteils, wenn unsere Wahrnehmungen weder eine Annahme noch ihr Gegenteil bestätigen.
Nehmen wir an, dein Nachbar sei ein alter Freund, mit dem du einige schöne Reisen und manche Abenteuer erlebt hast, ein Freund, der dir schon einige Male aus der Patsche geholfen und dir in finanziellen und persönlichen Nöten seinen Beistand nicht verweigert hat. Nie würdest du einen Verdacht wider ihn und seine uneingeschränkt positive Einstellung dir gegenüber aufkommen lassen – und wenn ich dir mit meinen Verdächtigungen komme und davon berichte, deinen Nachbarn ungut von dir reden gehört zu haben, wischst du solche Bemerkungen unwirsch vom Tisch.
Wir sagen, dein Glaube, der Nachbar sei dein Freund und dir uneingeschränkt zugetan, speise sich aus dem Motiv der Freundschaft, die euch schon viele Jahre verbindet. Motive, etwas zu glauben, sind keine Gründe, etwas zu glauben – ja, sie können im Gegenteil das Wahre zu glauben verhindern.
Motive sind Antriebe, etwas zu tun. Es gibt gute oder mehr oder weniger gute und schlechte oder mehr oder weniger schlechte Motive. Meistens sind die Motive gut, die dich antreiben, das Wahre anzunehmen und danach zu handeln, und die Motive schlecht, die dich antreiben, das Falsche anzunehmen und danach zu handeln.
Wenn du trotz der gegenteiligen Gründe, die ich dir aufgezählt habe, weiter der Annahme anhängst, dein Nachbar meine es gut mit dir, handelst du, wenn du ihm stets freundlich und arglos entgegenkommst, aus einem schlechten Motiv, weil du das Falsche annimmst und danach handelst. Wenn du meine Mahnungen beherzigst und dich eines Besseren besinnst, indem du in Zukunft dich vor deinem Nachbarn in Acht nimmst, handelst du aus einem guten Motiv, weil du das Wahre annimmst und danach handelst.
Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen, die in einem Maße unser allgemeines Verständnis des sozialen Lebens und der Welt verletzen, dass wir geneigt sind, sie sinnlos und widersinnig zu nennen. Wenn du mir sagtest, du hieltest deinen Nachbarn für ein schädliches Individuum, weil er ein Zauberer und Hexer sei, der über magische Kräfte dank eines Teufelsbundes verfüge, würde ich diese Angaben nicht als Gründe gelten lassen, sondern mich um deinen Geisteszustand sorgen.
Freilich, lebten wir in Gegenden des südlichen Afrikas, wo der Glaube an Hexerei, Zauber und Magie weit verbreitet ist und die Hetzjagd auf Hexer, Zauberer und Magier oft tödlich ausgeht, würde ich die von dir genannten Angaben wahrscheinlich als plausible Gründe akzeptieren. Wir beide wären dann in einer finsteren Weltanschauung befangen, die uns zu falschen Annahmen über unsere Mitwelt und zu üblen Handlungen gegen unsere Mitmenschen veranlasste.
Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du, befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen, die in einem Maße die Prinzipien der Vernunft verletzen, dass wir geneigt sind, sie sinnlos und unvernünftig zu nennen. Wenn du mir sagtest, du hieltest deinen Nachbarn für ein gefährliches Individuum, weil er zwar dem Anschein nach ein friedsames und verträgliches Leben führe, sein bösartiger Doppelgänger aber des Nachts umherschleiche und auf Mord und Gewalttat gegen dich sinne, würde ich diese Angaben nicht als Gründe gelten lassen, sondern mich um deinen Geisteszustand sorgen.
Wenn eine psychiatrische Untersuchung und eine Magnetresonanztomographie deines Gehirns zu dem Ergebnis führten, dass du an einer Psychose erkrankt bist und signifikante Areale deines Gehirns vom Normalzustand abweichende Deformationen und Fehlfunktionen aufweisen, würden wir diese Ergebnisse als Hinweise auf die Ursachen deiner wahnhaften Annahmen zu deuten verstehen.
Vergiftungen, die Wirkung von Drogen und Medikamenten oder Gehirnerkrankungen sind physische Ursachen, die uns zu Annahmen über die Welt veranlassen können, die vollkommen unbegründet sind. Wenn eine Erkrankung eines bestimmten Hirnareals die kognitive Fähigkeit einschränkt oder zerstört, Farbnamen und Farbwahrnehmungen korrekt zuzuordnen, wissen wir, dass der Patient bei Fehlangaben der scheinbar von ihm wahrgenommenen Farben kein Motiv und keinen Grund hat, die Unwahrheit zu sagen und das Falsche zu behaupten oder uns zu belügen. Denn Ursachen, die zu mentalen Prozessen führen, welche wiederum das Urteilsvermögen einschränken oder zerstören, sind weder Motive noch Gründe, etwas zu glauben.
Der natürliche Mensch
Im natürlichen Menschen kreist
blütentriebig wie süßer Saft
durch der Bäume unabgestorbene Adern
Liebe –
rauscht wie durch dunkle Umarmung
im üppigen Blattwerk
über den müden Gliedern des Wanderers
und seinem hechelnden Hündchen
hochsinnige Huld.
Das Kind,
das sein Dasein im ausgestreckten Finger weitet,
und es lacht ins Helle.
Das alternde Mädchen,
das sich die Haare in Goldrot färbt,
und im Halbschlaf greift es
nach dem Kuscheltier,
dem schon ein Ohr fehlt
oder ein abgeherztes Beinchen.
Der Grauschopf,
der sich an allerfernster Schönheit
hoher Büsten begeistert,
und das Auge wird ihm feucht,
unerfühlt,
wie auf schlaffen Farnen Tau.
Die Sterbende,
die wie träumend die Hand reckt,
und lüpft ein wenig die Gardine,
wie von fernem Vogelrufe beseelt.
Der Schüler,
der sich aus dem Fenster hinausträumt,
leicht hinweggehoben von Lüftchen
und Seufzern der bukolischen Verse Vergils,
und er fliegt durch das Gurren der Tauben
und das schmerzlich-süße Schwirren der Bienen
in Großvaters Gärtchen
unter die stille Offenbarung
von Dahlie und Rose.
Der Dichter,
der im Dunklen schreibt,
und heimliche Liebe umflattert seinen Stift
wie der verborgene Blüten entdeckt,
der Falter der Nacht.
Die kleine Weile
Zu Berkersheim an der Nidda,
im Schatten des Eichenbaums,
unterm Zuspruch der hellen Glocke von Michaelis
Wie lange sie wohl dauern mag,
die kleine Weile –
gut, dass du nicht fragen magst.
Mein Weilchen ist so zart und arg,
es zittert wie ein Kinderlebenslicht.
Doch, Liebe, sei nicht bang,
es wölbt sich schützend,
Lüftchen niederbückend,
eine liebe Liebeshand.
Die kleine Weile hält so lange wohl,
wie der Atemhauch in der Abendkühle
säumt und dir zusagt „Du“.
Und schweig ich dann,
mein Herz schweigt nicht sodann –
und eine kleine gute Weile
flackert noch das Licht.
Frag nicht, wenn die Schatten wachsen
und die Blätter knistern –
wie lang die Weile weilen mag.
Wisse dich geliebt
von dem, der dir zu Herzen
die kleine Weile gibt.
Kleine philosophische Lektionen V
Intentionale Zustände: Glauben (3), Befürchten, Mensch-Tier-Unterschied
Wir sagen zurecht „Ich glaube, dass p“, wo wir einfach auch sagen können „Ich meine, dass p“ oder „Ich denke, dass p“.
Glauben ist die Grundform unserer intentionalen Zustände, alle anderen bauen darauf auf. „Ich befürchte, dass der Brief vom Finanzamt heute eintrifft“ heißt: „Ich glaube, der Brief vom Finanzamt trifft heute ein, und das ist unerfreulich“. „Ich hoffe, dass du mich bald wieder besuchst“ heißt: „Ich glaube, du besuchst mich bald wieder, und dann werde ich mich freuen.“ „Ich bedauere, dich gestern beleidigt zu haben“ heißt: „Ich glaube, ich habe dich gestern beleidigt, und das ist von Übel.“
Wir können uns intentional auf Ereignisse der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft beziehen. Wir bereuen, etwas gesagt oder getan zu haben, wir glauben, etwas zu sehen, wir erwarten hoffen, befürchten, dass ein Ereignis eintritt.
Kann ein Hund befürchten, dass du aufgrund deiner fortgesetzten Unpünktlichkeit demnächst wieder eine Abmahnung deines Arbeitgebers erhalten wirst und es damit wahrscheinlicher wird, dass du bald fristlos gekündigt wirst?
Warum kann er das nicht, obwohl er doch ansonsten so ein cleveres Kerlchen ist und immer gleich spitzkriegt, wo du den Socken versteckt hast? Wir sagen: Weil ein der menschlichen Sprache nicht mächtiges Tier nicht in der Lage ist, syntaktisch und semantisch komplexe Glaubensüberzeugungen wie eine solche Befürchtung zu bilden.
Wie könnte die genannte Befürchtung OHNE Zuhilfenahme der menschlichen Sprache ausgedrückt werden? (Wenn unser Hund jene Befürchtung hegen können soll, müsste er ja dazu in der Lage sein.) Antwort: überhaupt nicht.
Kommen wir dem Hund mittels der so beliebten Reduktion der Komplexität doch ein wenig entgegen: Könnte er befürchten, dass du ihm demnächst aufgrund deiner prekär gewordenen finanziellen Verhältnisse NICHT mehr mit den nicht ganz billigen Leckereien aufwarten könntest wie bisher?
Du meinst vielleicht, so ein Tier denkt vorwiegend mit dem Magen – und damit packen wir es! Doch wir sagen: Dies könnte der Hund noch viel weniger glauben und befürchten. Es ist gewiss kein leichtes Unterfangen, eine Überzeugung über ein zukünftiges Ereignis und seine komplexen Bedingungen zu bilden. Aber es ist ein noch weniger leichtes Unterfangen, eine Überzeugung über ein zukünftiges Ereignis zu bilden, das NICHT eintreten wird! Der Hund soll irgendein Bild von seinem leckeren Fressen im Kopfe haben – meinetwegen! Aber wie soll er ein Bild von einem nicht existierenden leckeren Fressen im Kopfe haben – etwa von seinem schmerzlich leer vorgefundenen Fressnapf?
Der Brocken Fleisch, der nicht im Fressnapf liegt, ist dem Hund kein Brocken, der nicht da ist, sondern einfach nicht vorhanden. Der Glaube und die Befürchtung, dass der Napf demnächst mit einem billigen Surrogat gefüllt sein oder leer bleiben wird, ist dem Hund ein nicht denkbarer Gedanke.
Ich kann glauben, dass du davon überzeugt bist, dein Hund werde den nicht vorhandenen „Braten“ riechen. Doch dein Hund kann ganz und gar nicht glauben, dass du ihm so etwas zu glauben unterstellst!
Am Ende läuft es darauf hinaus: Dein Hund trabt herzu und wedelt freudig mit dem Schwanz, schleicht um seinen Napf und findet nicht seine gewohnten Leckereien – er wird ein wenig grummeln und sich dann über den billigen Fraß hermachen. Wird er des Nachts aufschrecken und die Befürchtung hegen, am kommenden Tag wieder mit dem schnöden Surrogat abgespeist zu werden? Keineswegs. Am kommenden Tag wird er schon begierig auf den Napf stoßen und beherzt zulangen.
Wir bemerken: Etwas zu glauben und all jene intentionalen Befindlichkeiten, die etwas glauben zu können voraussetzen, wie Bedauern, Hoffen und Befürchten, sind ein humanes Spezifikum, das den Gebrauch der syntaktisch und semantisch komplexen menschlichen Sprache voraussetzt.
Und da die Fähigkeit, zu glauben, dass etwas der Fall ist, die Fähigkeit impliziert, zu glauben, dass etwas nicht der Fall ist, erweist sich auch die Fähigkeit der Negation als ein humanes Spezifikum, das den Gebrauch der syntaktisch und semantisch komplexen menschlichen Sprache voraussetzt.
Kleine philosophische Lektionen IV
Intentionale Zustände: Glauben (2)
Wir sind uns nie vollständig bewusst, über welche und wie viele Überzeugungen wir tatsächlich disponieren. Erst wenn dich einer fragt: „Glaubst du, dass die Welt vor deiner Geburt bestand?“, wirst du der Tatsache inne, dass du dieser Meinung beipflichtest und schon immer zugeneigt hast, wenn sie dir zuvor auch nie in den Sinn kam. Aber wir können diese Annahme jederzeit aus anderen Annahmen ableiten, die dir schon einmal in den Sinn gekommen sind:
„Ich glaube, die Welt hat existiert, bevor meine Schwester geboren worden ist.“
„Meine Schwester ist älter als ich.“
Also gilt:
„Ich glaube, die Welt hat existiert, bevor ich geboren worden bin.“
Wir nennen diese trickreiche Art, uns Annahmen bewusst zu machen, die uns zuvor noch nicht in den Sinn gekommen sind, logische Ableitung oder Inferenz. Logische Ableitungen sind darüber hinaus die raffinierteste Technik, um die Gültigkeit von Annahmen zu überprüfen oder neue und wahre Annahmen aus bereits geltenden oder gesicherten Annahmen zu folgern.
Hier zeigt sich, dass Glauben ein Dispositionsbegriff ist, der sich auf deine Bereitschaft und Fähigkeit bezieht, auf die Frage nach der Wahrheit einer Behauptung mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten: „Glaubst du, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist?“ oder „Glaubst du, dass uns die Marsbewohner belauschen?“
Unsere Disposition, dies und das zu glauben oder dies eher anzunehmen als jenes oder ziemlich sicher davon auszugehen, dass dein Freund heute kommt, wenn er es versprochen hat, aber eher zu bezweifeln, dass das Medikament aus der Internetapotheke auch sicher hilft, ist kein theoretischer Luxus, sondern Bauelement unseres praktischen Tuns und Lassens.
Wir müssen lernen, nicht wie Kinder alles zu glauben, was man uns sagt und einredet. Wir lernen unter den Gründen, etwas zu glauben, nach dem Grad und Maß ihres Gewichts zu unterscheiden. Was wir mit eigenen Augen gesehen haben, bestätigt unsere Meinung eher als das, von dem ein anderer sagt, er habe es mit eigenen Augen gesehen, zumal wenn er uns nicht nahesteht oder gar, wenn er uns feindlich gesonnen ist.
Natürlich können wir uns irren, wenn wir etwas zu sehen geglaubt haben, und ebenso derjenige, dem wir aufgrund seines Ansehens und seiner bewährten Freundschaft unbedingtes Vertrauen zu schenken geneigt sind. Wir können unabsichtlich getäuscht werden, wenn einer sich in der Angabe des Weges irrt, den wir unverzagt beschreiten. Wir können böswillig hinters Licht geführt werden, wenn einer uns zur Schadenfreude in die Büsche schickt.
Indes wäre es unvernünftig, deshalb all unsere Annahmen und Überzeugungen einem Generalverdacht zu unterziehen, weil es nicht ausbleibt, dass wir uns dann und wann täuschen und irren oder getäuscht werden und sicher schon getäuscht worden sind. Der generalisierte Zweifel ist schon deshalb kein Vademecum für unsere epistemische Gesundheit, weil wir auf dem schwanken Grund des grandiosen „dubito, ergo sum“ uns nicht lange aufrechthalten können.
Leichtgläubigkeit ist ebenso verderblich wie Zweifelsucht und obsessives Misstrauen. Wir haben ja gewiss in den Falten des Herzens versteckt, was Marcel Proust kunstvoll von der Zweifelsucht und dem Misstrauen des eifersüchtigen Liebhabers bis zur Schamlosigkeit und Beschämung enthüllt hat: Hat die Geliebte die bange Frage um ihr Ausbleiben mit den heißesten Küssen weggewischt, blüht sie in dem allzu üppigen Rot ihrer Wangen und Lippen wieder auf, die sich der Eifersüchtige nicht anders als erregt durch die Erinnerung an kürzliche Begegnungen erotischer Ausschweifung erklären zu können glaubt.
Wenn wir die Lebensform des anderen durch systematischen Zweifel bis auf die innerste Faser zu entblößen vermeinen, vergiften wir nicht nur den Humus, auf dem wir im satten Grün einverträglicher Kommunikation uns betten können, sondern zerrütten auch unsere eigene Existenz: Denn wer warst du, dass du ihr geglaubt hast und ihr bezauberndes Lächeln mit deinen zärtlichen Regungen beantwortet hast, wenn du jetzt nicht nur an ihrer Treue, sondern auch an der Berechtigung und Echtheit deiner Gefühle zweifelst?
Solche Anfälle des großen Weltzweifels zerstieben wie Träume, und wir gehen wieder erfrischten Sinnes den Weg unseres Tags. Sollte sich im fernen Dunst die Aussicht verunklaren, tun wir nicht gut daran, uns an die köstlich genauen Gestalten der nahen Gegenwart zu halten?
Kleine philosophische Lektionen III
Intentionale Zustände: Glauben (1)
Wir können sagen, dass wir von dem und durch das leben, was wir glauben. Wer von einer schweren Psychose heimgesucht glaubt, dass die anderen Menschen ihm feindlich gesonnen sind, wird seines Lebens nicht mehr froh, und wer glaubt, die ihm dargebotene Nahrung sei vergiftet, wird nicht mehr lange leben.
Du schaust aus dem Fenster und hüllst dich in dein Regencape. Du hast gesehen, dass es regnet und bist aufgrund dieser Wahrnehmung zu der Überzeugung gelangt, dass es regnet. Weil es nun tatsächlich regnet – ich kann es bezeugen –, bist du zu der wahren Überzeugung gelangt, dass es regnet.
Ich glaube aufgrund deines Verhaltens, dass du die Überzeugung hast, dass es regnet. Ich glaube demnach, dass du glaubst, es regne.
Wir nennen mentale Zustände, die auf ein Objekt oder einen Sachverhalt Bezug nehmen, intentionale Zustände und die korrespondierenden Objekte oder Sachverhalte intentionale Objekte oder intentionale Sachverhalte. Wenn du glaubst, es regne, ist dein Akt des Glaubens ein intentionaler Zustand und der Sachverhalt, dass es regnet, der intentionale Sachverhalt, auf den sich deine Annahme bezieht.
Wie gesagt, kann ich und jeder beliebige andere sich mittels seiner intentionalen Zustände auf deine intentionalen Zustände beziehen. Ich könnte beispielsweise befürchten, dass du annimmst, ich sei ein unzuverlässiger Mensch. Oder ich könnte hoffen, dass du nicht annimmst, ich sei ein unzuverlässiger Mensch. Oder ich könnte vermuten, dass du eher annimmst, ich sei ein zuverlässiger Mensch, als dass du annimmst, ich sei es nicht.
Es gibt viele mentale Zustände, mittels derer wir uns auf Objekte und Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beziehen. Wir erinnern uns an die letzte Geburtstagsfeier, sind vom Anblick eines Gemäldes bezaubert, sehnen uns nach dem Wiedersehen mit einem geliebten Menschen.
Wie viele mentale Zustände dieser Art mag es geben? Vielleicht so viele, wie wir mittels einfacher Sprechakte zum Ausdruck bringen können, Sprechakte, die den Inhalt des intentionalen Zustands in einem Verb explizit machen und dem Ausdruck für den Sachverhalt oder das Ereignis in der Oratio obliqua, der indirekten Rede, voranstellen: „Ich glaube, hoffe, wünsche, fürchte, dass p“.
Mit dem Anspruch des Wissens behaupten wir das Bestehen oder die Wahrheit des in der indirekten Rede ausgedrückten Sachverhalts. „Ich weiß, dass Wasser H2O ist“ ist eine wahrer Satz, denn der ausgedrückte Sachverhalt, dass Wasser H2O ist, ist wahr. Immer wenn der in der indirekten Rede ausgedrückte Sachverhalt existiert, können wir davon ausgehen, dass der im Hauptsatz erhobene Wissensanspruch zurecht besteht.
Dies gilt nicht für die intentionalen Zustände des Glaubens, denn ich kann jederzeit etwas annehmen, was nicht besteht. Ich kann glauben, Wasser bestehe aus XYZ, während es in Wahrheit aus H2O besteht. Der Inhalt des Glaubens, der geglaubte Sachverhalt, ist hier kein Inhalt des Wissens, denn er ist falsch. Auch wenn ich felsenfest davon überzeugt bin, dass Wasser XYZ oder der Mond aus Käse besteht, werden diese meine Überzeugungen unwahr bleiben – denn die hier relevanten Wahrheiten sind unabhängig von meiner Meinung.
Wenn alle über Nacht zur Überzeugung gelangt wären, dass die Euroscheine und -münzen in ihrem Portemonnaie oder die Euros auf ihren Konten kein echtes Geld, sondern Falschgeld sind, würde die Währung zusammenbrechen, denn keiner würde Falschgeld vom anderen annehmen wollen. Die Annahme nach dem Zusammenbruch der Währung, dieser Euroschein sei kein Geld, wäre wahr. Daraus schließen wir: Glaubensüberzeugungen über institutionelle Sachverhalte konstituieren die Wahrheit der in ihnen ausgedrückten Sachverhalte. Diese bestehen nicht unabhängig von unseren Meinungen über sie.
Demgemäß existiert das Rechtsinstitut der Ehe und Familie auf der Basis einer Mehrheit der Mitglieder einer Gemeinschaft, die bei der Eheschließung bereit sind, sich einem das Paar bindenden und verpflichtenden Treuegelöbnis und Vermählungsritual zu unterziehen. Solange der das Eheinstitut konstituierende Sprechakt unter Zeugen „Ja, ich will“ unter der Mehrheit der Gemeinschaft Usus bleibt, besteht das Institut. Wenn nicht, dann nicht mehr lange.
Alle unsere Annahmen sind durch die logischen Junktoren „und“ und „oder“ und den Negator „nicht“ verknüpft. Diese logischen Verknüpfungen sollten ein sinnvolles Ganzes bilden, das einigermaßen standfeste und regendichte Gebäude oder Korpus unserer Annahmen über die Welt. Wir können nicht gleichzeitig glauben, dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist und dass es keine Stadt des Namens Berlin gibt. Wir sind demnach darauf verwiesen, zwischen den logischen Verbindungen unserer Glaubenssätze Ordnung zu halten. Unser oberstes Ordnungsprinzip heißt Konsistenz. Es gebietet, dass wir von zwei sich widersprechenden Sätzen einen aus dem Korpus unserer Annahmen verbannen oder einen falschen Satz durch Negation wahr machen müssen: von den genannten Sätzen also den Satz über die Nichtexistenz Berlins.
Wir müssen im Kern unseres logisch-semantischen Systems gewisse Annahmen als unverbrüchlich zugrundelegen, während wir unsere Überzeugungen, je mehr wir an seine Ränder gelangen, wie die Kleider zu wechseln imstande sind. So stoße ich am Systemgrund auf den Felsen des Glaubens, dass ich es bin, der jetzt hier dieses schreibt. Oder dass ich durch die Negation eines falschen Satzes einen wahren erhalte. Aber die Annahme, dass der Morgen graue, wenn ich in der Nacht von einem Vogelzwitschern erwacht bin, während ich in Wahrheit das Zwitschern geträumt habe, kann ich, ohne dass im Korpus meiner Überzeugungen gleich alles drunter und drüber geht, ebenso problemlos verwerfen wie die scheinbar gewichtigere Überzeugung, die Menschheit werde sich, wie sie sich im Maße der Zunahme an Konsistenz ihrer allgemeinen Annahmen und Überzeugungen logisch zu vervollkommnen scheint, im Maße der Zunahme an Konsistenz ihrer ethischen Annahmen und Überzeugungen auch moralisch vervollkommnen.
Ethnosensitiver Knuffeltest
Viktoriapark, Kronberg a. T.
Wir sitzen mit der allerknuffeligsten kleinen Carla,
Carla Cool, dem süßesten Knuffling aus dem Hause Penny,
nasendickster Knuddelkopf mit Megakulleraugen,
auf der Bank im Viktoriapark zu Kronberg a. T.
Ich fasse mein Carlaherzilein an den Muhkuhbeinchen
und schwenk es groß und schüttle seinen Dickkopf
vor jedem Kleinen unter vier, der da vorbeitrippelt
oder peilt entlang, ob gehoben ob geschoben.
Das germanische Jungchen schielt mal rüber und grinst –
ist eh verwöhnt, rutscht auf seinem splendiden Trekker rum.
Aber die Mama ist einem Flirt mit einer Wuschelkuh
oder dem, der Herzensgrüße aus ihr schüttelt, nicht ganz abgeneigt.
Doch das unters Kopftuch gebeugte Muttchen flieht hellhäutigen
Gelichters blauen Strahl, und hinterdrein knarzt der Herrenschnauzer
stieren Blicks, die zickleindürre Tochter mit den schweren Flechten
hat ’nen Stock verschluckt, den Starrsinn des Propheten.
Doch der kleine Knirps wuselt zwischen alle den Beinen durch
und winkt und ruft dem Knuffling zu und ruft und winkt –
doch ist sein kindliches Begehren Staub vor den Füßen der Sippe,
die unsre Xenophilie mit ihrer Misoxenie entgilt.
Doch kommt uns alter, neuer Trost aus dem Land der Sonne:
Mama und Tante führen den zartäugigsten Knaben am Kimono
und stehen unsrer Seele wohl zur Seite: stimmen in ein wildes Muhen ein.
Der Kleine scheut zurück, doch Nippon ist uns nahe.
Ecce Homo
U-Bahn-Station, Frankfurt Merianplatz
Er ging vor mir mit dem Smartphone auf und ab,
nervös darüberstreifend,
Häherkopf, dunkler Stoppelbart,
warzig-rote Himbeernase,
Jeans, Weste, jung wie die Mordlust
am allerersten Tag.
Ich saß auf dem drahtigen Sitzgestell,
das ich immer nach kotigen Spuren absuche,
bevor ich Platz nehme.
Die großen Latschen, Wilddleder, mauvefarben,
glänzten vor mir hin und her,
sie glänzten nach dem Auswurf und dem Gift des Seins.
Sie starrten bissig vor lauter blanken Zähnchen,
wie des Tasmanischen Teufels seine,
wenn er sie fletscht,
aus Metall, scharfkantig,
und von zerbrochenen Glasscherben,
ritz- und schlitzgierig –
alle kundig appliziert in Reih und Glied,
in Naht und Saum,
mit sublimem Goldlack überhaucht.
So ging der in den Tag,
aus Menschheitsdämmerung
in seinen Menschheitstag,
und kommt ihm einer in die Quere,
das reißt die Haut in Fetzen
von Gesicht und Lenden.
Was hat ihn überkommen,
in welchen Auswurf trat er,
welches Gift ward ihm eingeflößt,
dass er den Fluch auf die ersten Menschen
mit terroristischem Dekor
an harmlosen Schuhen
auf dem öligen Boden einer U-Bahn-Station
widerhallen lässt?
Hätte ich ihn fast gebeten,
den Abdruck seiner überzähligen Existenz
im pittoresk ausgestülpten Gesäß
eines der Kampfbahn des Südlands
feige entflatterten Hahns zu hinterlassen,
der sich schwarzschnäblig kikerikierend
vor seiner weißen Henne plusterte,
Süßholz raspelnd,
Schmonzes girrend?
Der Betrachtung Stille
Der Betrachtung Stille
eignet ein fast leeres Blatt,
auf dem sich silbern Chiffren
gleich dürren Gräsern biegen.
Der Betrachtung Stille
eignen leere Augen,
von Tränenwasser leer
wie von schwarzem Glühen.
Augen, die sich der Stille öffnen,
wie Blumen tun,
wenn früher Strahl erweckt.
Der Betrachtung Stille
eignet sanft verebbte Melodie,
nicht gegenbrandende –
eignet der Liebe Kosewort,
wie auf Wogen
weit hinweggeseufzt.
Der Betrachtung Stille
zugeeignet
ist der Herbst der Bilder,
das Licht der scheuen Birken,
ist, das ausgerauscht,
das leergeschriebne Blatt.
Liebe, die Flamme Gottes
Unzulänglich ist uns Ruhe wohl,
allzu bänglich
hüpft das Herz
von Ernst zu Scherz,
schwillt und schwelgt
von Ton zu Ton.
Ruht im Auge des Orkans
ein stummes Bild?
Wie das Bildnis eines Schwans,
das uns stillt?
Sind auch unsre Stunden
gemischt aus Sein und Schein,
vor des Heilands Wunden
stehen wir allein.
So finden wir den leeren Mund
im Radau der Sinne:
Schrie er aus Ängsten ohne Grund,
aus Liebe hält er inne.
Kleine philosophische Lektionen I
1. Sinnvoll – sinnlos, wahr – falsch
Sätze wie:
„Die Sonne strahlt Wärme ab.“
„Pferde sind Säugetiere.“
„3 ist eine Primzahl.“
sind sowohl sinnvoll als auch wahr.
Sätze wie:
„Auf der Sonne schneit es.“
„Pferde sind Nagetiere.“
„4 ist eine Primzahl.“
sind sowohl sinnvoll als auch falsch.
Dagegen sind Sätze wie:
„Die Sonne ist wahnsinnig.“
„Pferde sind Edelsteine.“
„Die Primzahl 3 ist ein siamesischer Zwilling.“
einfach sinnlos und können deshalb weder wahr noch falsch sein.
Der letzte Satz ist eine Konjunktion aus einem sinnvollen wahren Satz: „3 ist eine Primzahl“ und einem sinnlosen Satz: „Die Zahl 3 ist ein siamesischer Zwilling“ Wenn du jetzt noch den ersten Teilsatz in einen falschen umwandelst, indem du sagst: „4 ist eine Primzahl“, wie könnte dann aus dem ganzen Satz und also aus doppelt gemoppeltem Unsinn etwas Wahres und Richtiges werden?
Sinnvoll sind Sätze, die Prädikatsausdrücke einem Subjektausdruck zuordnen, die zu dessen kategorialem Umfeld gehören. So ist Wärme eine Eigenschaft des solaren Seins, Säugetierhaftigkeit eine Eigenschaft des Pferdseins und Prim eine Eigenschaft der Zahl 3. Auch falsche Zuordnungen sind möglich und ergeben sinnvolle, wenn auch falsche Aussagen, wenn sie im selben kategorialen Feld vorgenommen werden. Die einfachste Art, falsche, wenn auch kategorial mögliche Zuordnungen zu erzeugen, erhält man durch Negation der wahren kategorialen Zuordnung: „Die Sonne strahlt keine Wärme ab“, „Pferde sind keine Säugetiere“ oder „3 ist keine Primzahl“.
Wenn wir mittels einer kleinen logischen Operation wie der Negation einen wahren Satz in einen falschen oder einen falschen in einen wahren Satz umformen können, wissen wir, dass es sich beides Mal um einen sinnvollen Satz handelt.
2. Wahrscheinlich – wahr
Wenn du in einem Haufen falscher Perlen, auf den immer mehr falsche Perlen geschüttet werden, die eine echte Perle finden willst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, mit der Anzahl der hinzugekommenen Perlen. Sie wird aber nie null, denn die eine echte Perle bleibt ja vorhanden.
Wenn durch einen chemischen Zusatz die falschen Perlen nach und nach aufgelöst würden, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, die echte Perle zu finden, mit der Anzahl der aufgelösten falschen Perlen. Sie würde genau 1, wenn alle falschen Perlen aufgelöst wären und vor deinen Augen die einzig echte Perle übrig bliebe.
So könnte man auch dem Begriff des Wahren mal auf andere Weise, vom Begriff des Wahrscheinlichen her, auf die Schliche kommen, wenn man sagt: Wenn die Wahrscheinlichkeit, das Falsche zu erwischen, auf null sinkt, hast du das Wahre gefunden – falls es denn vorhanden war.
Wenn unter drei Schachteln eine Perle versteckt ist, erwischst du sie spätestens, wenn du dreimal nachgeschaut hast. Wenn zwei, dann zweimal, wenn drei, dann sofort. Die Wahrscheinlichkeit ist demnach beim ersten Fall 1/3, beim zweiten 1/2, mein dritten 3/3, sprich 1. Wenn du von den drei Schachteln, unter denen eine Perle liegt, eine leere aufgedeckt hast, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Aufdecken die Perle zu finden, von 1/3 auf 1/2, und wenn nochmals die leere Schachtel aufgedeckt wurde, von 1/2 auf 1, denn dann hast du sie zu 100 %. Es gibt hier keine Geheimnisse, es sei denn böse Taschenspieler sind am Werke oder – fiese Zirkuslogiker bluffen.
Südfriedhof, Frankfurt am Main
Hier wär gut ruhen.
Hier ist es Abend,
bevor die Sonne sinkt
und die Schatten über den Prunk
des Tages wischen.
Hier sinnt die nächtliche Flamme
ernster als der Menschen
drängender Atem,
ernster und schöner.
Hier versöhnt dich
mit dem Rascheln der Maus
und dem Seufzen der Gräser
der Gedanke an kindliches Glück,
barfuß und sommerblau,
das wie eine Murmel im Spalt
verschwindet.
Da kommt meine Gärtnerin,
die mir den Giersch erklärt,
den ziegenfüßigen Grabsalat,
vielnamig wie des Propheten Gotteslust,
vielsamig wie der Grünspan Vergessen,
der die Monumente überleckt
und die Putten des Kindergrabs.
„Der Giersch ist unausrottbar ein Gewächs,
verknotet, zerfasert, triumphiert
im Dunklen, wühlt sich wüstlich untertags,
bis das Grabmal stürzt –
zäh ist er wie der böse Trieb –
doch obertags reicht er sich mild
zum Armeleutgemüse dar –
das ist der Giersch, mein Kind!“
Meine Gärtnerin, die blonde, verrückte,
die mit dem Besen die Gespenster
des Lebens zusammenkratzt,
des geliebten, unausgeliebten,
sie soll mir den Giersch ausjäten,
vor sich hin meckernd
von der Vergeblichkeit allen Sinnens und Beginnens,
von der schönen Vergeblichkeit …
Schaum vorm Mund
Wenn einer dir zu nahe tritt,
ans Bein dir pisst,
bei dem Zipfelchen der Ehre gar dich packt –
bist du Mensch ein Tier.
Wennʼs zu Unrecht geschah,
schreist nach Vergeltung du
tausendfach.
Wennʼs zu Recht geschah,
schreist nach Vergeltung du
zehntausendfach.
Wer dich schief ansiehst,
dem misstraust du.
Wer dich verlacht,
macht sich dir zum Feind.
Hast du den Übergriff, den Anwurf,
die Missetat, den Schimpf
einmal so recht vergolten
mit Spucke, Hohn und Tritt –
wirst du dir selbst zum Feind
und Aber-Feind ob der großen Scham
deiner Selbstentblößung –
und trittst hinfort den Freund.
Heimwärts
Du sprachst davon, es sei genug,
genug der Arbeit und der Fron,
das Dasein sei umwuchert schon
von Disteln, rußbestäubt.
Du wüsstest dir ein Abendglück
im Haus bei stillem Walten
in Küche, Garten … still erkalten
von Daseinsfiebrigkeit.
Zu wissen, wem du Vorrat sparst,
dein Jäten bunte Blicke streut,
wen dein guter Wein erfreut,
gibt Bleibens süßen Grund.
Was dir genug am Maß verlorner
Eigenzeit, gäb mir’s ein Maß
vergossner Lebensfülle? Vergaß
ich denn mir selbst zu sein?
Könnt ich es sagen ohne Reumut-
missgefühl, könnt ohne Klagen
ich von meinem Heimgang sagen,
er wäre wohl-, nicht unbedacht?
Entbehrte ich der Abendstille
Asyle auch – wird die Welt nicht mein,
macht’s mich nicht kindlich-rein,
von Liebe her sie kennen?
Stiller Platz
Die Menschen sind schon heim.
Wie still, wie still,
dass ich mit mir alleine bin.
Die Kiesel sind noch warm.
Ein Käfer wankt
auf seinem schwanken Halm.
Wie ist es still
mit mir allein.
Aus den Kronen fällt ein Flüstern
wie von Sprüchen eines Geister-Things.
Der Wind, der Wind,
in dem sich meine Seele,
ein abgewelktes Blatt,
verfing, verfing.
Der Blick, der Blick,
aus Südens stillstem Blau,
schenkt letztes Glück,
als wär es Liebe,
Liebe einer liebsten Frau.
Edel sei der Mensch
Christian Thielemann, dem Meister
Scheuen Hauches angerührt,
Lächelns großer weißer Mohn.
Der Blick verliert sich
in den Wolken des Gesangs –
sie ziehen, ziehen,
des Meisters Weh-Geduld,
fruchtbringend,
schwebt,
ein Geister-Mond,
der sich in zarten Anspielhaftigkeiten
zart glühend schleiert,
sich in heitern Küssens-Blicken
unsrem tagverlorenen, zagen,
armen Lieben-Wollen
entgegentrinkt,
ein süßes Bleiben im Gefühl,
dem groß gemeinten,
gönnend.
Edel lüpft uns seine Nase
der reinen Hoffnung
kindlich-flügge Ankunftslüfte.
Edel sammelt sich sein Mund
zum liebe-offnen Sinneswandel.
Edel fügt sein willensweises Kinn
die Harmonie der Stille
in der Liebesvibrationen
Gegen-Stimmen,
die mit goldnem Zuspruch
sich bestäuben.
Von dem Taktstock,
wenn er sinkt
ins Dunkel ausgesummten Sinns,
die Asphodelen-Blüte
sich versprühenden Danks,
schmerzentsprossen,
schneit.
Genüge finden
Dein Genüge findest im Wind –
erlausch mit der Haut,
wenn er säuselt
oder gleisnerisch hinseufzt
von zärtlichen Gelegenheiten,
von südlichen Winkeln
für sonnengoldenen Schlaf.
Dein Genüge findest im Schatten –
bläulich lodernd
über den Hecken der Erinnerung,
gefaltet wie im Gebet
zum Gezelt des mitternächtigen Hains,
wenn dich die Aromen der Sehnsucht wachhalten.
Dein Genüge findest im Rauschen –
unwirklich hohe Bäume der Kindheit,
oder wenn in der Lagune ein Segel blitzt,
die Gräser aber reden von dem, was kommt,
was entgegen dir zwitschert,
goldgefiedert,
auf den Flügeln des Winds.
Dein Genüge findest im Schnee –
das ganze Bild der Stille hält dir hin die Welt,
gleich Liebesgeflüster rieseln Sterne
von dem toten Geäst,
und dein Herz klopft unterm Totenlaken
einsamsten Glitzerns.
Betten wir uns
Betten wir uns ein wenig abseits der Welt –
auf den sanften Hügel mit der leuchtenden Akelei
und kühlen uns am Duft von Kräutern und Kamille.
Bette du nur dein katzenkluges,
dein katzenfeines Köpfchen in die Mulde meiner Schulter,
in die Mulde meiner Liebe.
Schwirrt es nicht rings von verlorenen Stimmen,
von schlaflosen Mücken oder Gespenstern,
die vergebens trachten,
in den bitteren Lachen des Monds
ihren grausamen Durst zu löschen?
Ich schließe deine Augen mit Küssen.
Ich öffne deinen Mund mit Bitten,
Nacht mir, weindunkle Nacht,
ozeanische Nacht,
in meine Seele zu atmen.
Auf den Spuren der Vernunft XI
Wer etwas oder sich selbst einem anderen anvertraut, muss damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Ungewissheit und das Risiko, dass der eingesetzte Vertrauensvorschuss nicht entgolten wird, gehört zum Begriff des Vertrauens. Mittels eingeforderter und eingebrachter Vertrauensbeweise suchen wir das Risiko, enttäuscht zu werden, zu minimieren; freilich wissen wir nicht, in welcher Haltung und welchem Maße an Redlichkeit und Aufrichtigkeit solche Beweise erbracht werden. Sind sie am Ende vorgetäuscht, erheuchelt, fingiert, um uns in die Irre zu führen und ins Bockshorn zu jagen? Es scheint nicht unvernünftig, Vertrauensvorschüsse vorsichtig, zögerlich oder sparsam zu vergeben und ganz vorzuenthalten, wenn sich der Kandidat in der zurückliegenden Zeit mehrmals schon als unsicherer Kandidat erwiesen hat.
Es ist indes gewiss vernünftig, solch einem Menschen zu vertrauen und etwas oder sich selbst anzuvertrauen, der seine Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit dadurch schon öfters unter Beweis gestellt hat, dass er ein uns gegebenes Versprechen eingehalten und erfüllt hat. Vertrauenswürdigkeit lässt sich am Einhalten von Versprechen bemessen.
Radikales Misstrauen, das sich auch gegen bewährte Erfahrungsquellen wie die eigenen Sinne oder die Auskunft von vertrauten Freunden sperrt, scheint uns ebenso unvernünftig zu sein wie blindes Vertrauen, das sich einer auserwählten oder charismatisch aufgehöhten Stellung eines Menschen unterwirft, ohne die Gebrechlichkeit und Irrtumsanfälligkeit alles Menschliches zu bedenken.
Manches von dem, was wir wissen, haben wir dem unmittelbaren und direkten Zeugnis unserer Sinne zu verdanken. Den Augen vertrauen wir als unter normalen Bedingungen ziemlich sicherer Informationsquelle und messen Aussagen vor Gericht den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit bei, wenn sie von Augenzeugen vorgenommen wurden, deren Vertrauenswürdigkeit aufgrund ihres korrekten Lebenswandels einigermaßen gesichert scheint.
Aber dass der Mond sich in einem Abstand von 384.400 km in einer elliptischen Bahn um die Erde dreht, während diese sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in 365 Tagen ebenfalls in einer elliptischen Umlaufbahn um das Zentralgestirn dreht, hast du dir nicht aus den Fingern gesogen, sondern lernwillig in der Schule von deinem geschätzten Lehrer in Physik erfahren. Den Darlegungen dieses Lehrers warst du ein vertrauensseliger Ohrenzeuge, denn kraft seiner Amtes und dank seiner persönlichen Integrität erschien er dir und deinen Mitschülern eine vertrauenswürdige Quelle interessanter und erstaunlicher Informationen zu sein.
Und so geht es dir mit den meisten Dingen: Dein Wissen um ihre Existenz und ihre Eigenschaften ist ein geliehenes, geborgtes, bezeugtes, aber kein unmittelbares und sinnfälliges. Du wirst im Laufe deines Lebens gelernt haben, den Bestand deines Wissens gemäß der Wertschätzung und Vertrauenswürdigkeit derer, die es dir zugänglich gemacht oder bezeugt haben, hierarchisch nach Stufen oder Reihen zu ordnen: vorne das von den besten und bewährtesten Zeugen wie deinen Eltern, Freunden und Lehrern und den für ihre Seriosität bekannten Autoren überlieferte Wissen, dahinter all das, was man so in den Zeitungen, im Fernsehen und Internet aufschnappt, ohne die Echtheit und Integrität der Quelle nachprüfen zu können, und ganz hinten das Gerümpel all der Dinge, deren Authentizität aufgrund von Voreingenommenheit, Bestechlichkeit oder böswilliger Absicht ihrer Zeugnisgeber mehr als fragwürdig ist.
Hast du deine Bestände sorgfältig geprüft, wirst du vielleicht der Seltsamkeit und Extravaganz unserer Lage inne: Wir können nicht sprechen, ohne schon vorab den anderen in unser Vertrauen gezogen zu haben. Denn wenn wir reden, tun wir dies in der Einstellung, der Hörer möge darauf vertrauen, dass unsere Sprecherabsicht redlich, wahrhaftig und glaubwürdig ist.
Aus nichts wird nichts, wie aus Nacht nicht notwendig das Licht des Lebens und der Wahrheit steigt (das scheint einem höheren Willen anheimgestellt). Die reine Nacht des Misstrauens und Argwohns lähmt die Zunge und kann die Schwelle zur Sprache und Mitteilung des Wahren nicht übersteigen. Sagen wir es so schlicht wie angemessen: Vertrauen ist das normative Apriori sprachlicher Mitteilung und vernünftiger Verständigung.
Die normative Kraft der Vernunft zeigt sich darin, dass sie uns verpflichtet, mit immer wieder frischem Mut und Zutrauen in neue Kommunikationssituationen einzutreten und dem Sprecher, der sich in einer symmetrisch Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Klarheit uns gegenüber befindet, mittels eines Vertrauensvorschusses unsere Dialogbereitschaft zu bezeigen. Freilich sind wir auch zu dem moralischen Rigorosum verpflichtet, dem notorischen Lügner und treulosen Brecher von Abmachungen, Versprechen und Verträgen vorläufig oder bei krimineller Widerspenstigkeit ein für allemal aus unserer Dialoggemeinschaft zu verbannen beziehungsweise unsere Mitmenschen vor ihm zu warnen beziehungsweise sie aufzufordern, mit dem unverbesserlichen Tunichtgut dasselbe zu tun.
Natürliche Phänomene lügen nicht, sie hegen überhaupt keine Absichten mit uns – sie sind, was sie sind. Offenbart der Rauch die Wahrheit über die Tatsache, dass es dort drüben brennt?
Deine Tränen gelten mir als Zeichen deiner inneren Erschütterung und sie sind mir umso kostbarer, je weniger du mit ihnen eine Absicht verbunden hast. In dem Maße, in dem du mit deinen Tränen die Absicht verbindest, mich von der Tiefe deines Gefühls zu beeindrucken oder mich zur Anteilnahme zu bewegen, in dem Maße wird mein Eindruck schwächer und kühlt meine Anteilnahme ab.
Wenn wir im Konzertsaal sitzen und du sagst „Mir geht es nicht so gut“ oder „Ich fühle mich schlecht“ und wir vertraulich miteinander umgehen, verstehe ich deine Äußerung, wenn ich deine Absicht verstehe, mich über dein ungutes Befinden in Kenntnis zu setzen. Ich verstehe, was du mit der Äußerung sagen möchtest, nämlich mir den Wunsch oder die Aufforderung mitteilen, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen und nach Hause zu eilen.
Stünden wir auf weniger vertraulichem Fuße und hätte ich dich in das Konzert eingeladen, verstünde ich deine Äußerung, du fühlest dich schlecht, wenn ich deine Absicht verstünde, mir mitzuteilen, dass du dich nicht wirklich krank fühlst, sondern dass dir die Musik oder die Interpretation furchtbar auf die Nerven geht, du diese unschöne Wahrheit, höflich wie du bist, mir aber nicht unter die Nase reiben möchtest und mir deshalb mit jener unwahren Äußerung den Wunsch oder die Aufforderung mitteilst, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen.
Die Vernunft der guten Verständigung ist, wie das Beispiel zeigt, nicht auf die unbedingte Beanspruchung und Geltendmachung der Wahrheit verpflichtet; sie lässt es dem höflichen Menschen gern durchgehen, wenn er aus Höflichkeit oder Zartsinn oder einem anderen Respekt das eigentlich Gemeinte hinter dem uneigentlich Gesagten verbirgt – und eben damit zugleich enthüllt.
Wüsste ich in keinem Falle die Absicht deiner Äußerung zu identifizieren und verpasste im schlimmsten Fall deine erstrangige Absicht der wörtlichen Mitteilung, nämlich mir mit dem Satz „Ich fühle mich nicht gut“ mitteilen zu wollen, dass du dich schlecht fühlst, geschweige denn dass mir die genannten zweitrangigen Griceschen Implikaturen aufgingen, nämlich dass du mit dem Gesagten den Wunsch oder die Aufforderung meinst, das Konzert zu verlassen, könnte man von mir annehmen, aus der Dimension vernünftiger Kommunikation herausgefallen zu sein.
Auf den Spuren der Vernunft X
Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung angesichts der Ansprüche des Hörers dazu, das zu sagen, was du für wahr hältst, und es so zu sagen, dass er es gut versteht oder zumindest nicht missversteht, das heißt, ohne ihn mit mehrdeutigen, selbstverliebt-enigmatischen und weitschweifigen oder kurzatmigen Ausführungen zu irritieren, zu behelligen und zu langweilen.
Warum sollte denn dein Gegenüber davon ausgehen, dass du im Regelfall ihn mit deinen Reden nicht hinters Licht führst, sondern ihm klipp und klar, ohne Umstände reinen Wein einschenkst und als wahr behauptest, was du für wahr erachtest? Hier berühren wir den Grund unserer Lebensweise und können nur sagen: So machen es du und ich im Regelfalle, weil wir menschliche Wesen sind und unter Menschen Vertrauen das höchste Gut darstellt, falls man ein gedeihliches und verträgliches Zusammenleben einem Leben unter Argwohn und Zwist vorzieht. Und hier hat die Natur unserer menschlichen Lebensform vorgesorgt und auf die Sprünge geholfen: Neigt sich doch das Kind mit unbedingtem Zutrauen und Vertrauen seinen natürlichen Lehrern und ersten Für- und Vorsprechern, den Eltern, entgegen.
Würden wir uns immerzu verbal foppen und an der Nase herumführen oder würden wir unser Reden immerzu für unverbindliche Verlautbarungen eigenbezüglicher Ideen, wilder Assoziationen und Traumgedanken brauchen, wären weder Haus noch Tempel gebaut, kein Acker bestellt und kein Orchester gegründet, von computergesteuerten Kommunikationssystemen, Raumfahrtprogrammen oder Großkliniken und tausend anderen Technologien und Errungenschaften, die der Kooperation der sich mit- und untereinander oft schwer tuenden Menschen erwuchsen, zu schweigen.
Alle Kooperation beruht auf dem Urfaktum, dass ich verstehe, was du mit deiner verbalen oder schriftlichen Mitteilung mir zu verstehen gibst. Oder vorsichtiger formuliert: dass ich mich zu verstehen bemühe, was du mir sagen willst. Dabei vertraue ich darauf, dass du mich nicht systematisch irreleitest, sondern mich im Normalfall nach deinen Möglichkeiten und im Lichte deiner Einsichten in die Lage mit den gewünschten Informationen ausstattest.
Wer ständig und ohne Not das Vertrauen, die Gutwilligkeit und Kooperationsbereitschaft der Mitmenschen missbraucht, verschwendet sinnlos und unvernünftigerweise das ihm gleichsam seit und mit Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft mitgegebene symbolische Kapital an Vertrauen, den Vertrauensvorschuss, mit dem jedermann mittels gemeinschaftsförderlichen Engagements – und das heißt im Normal- und Durchschnittsfall durch Arbeiten und Dienste aller Art – zu wuchern aufgefordert ist.
Sprechen impliziert demnach, sich ursprünglich zu verpflichten und den sprachlichen und sprachgemeinschaftlichen Normen der Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Bedeutsamkeit und Klarheit zu huldigen. Aufgrund der menschheitsbegründenden Tatsache, dass wir sprechen, sind wir in das normative Abenteuer der Vernunft verstrickt und können uns nicht als faule Beobachter und vornehme Ästheten an den Rand des Spielfelds stellen.
Wir können uns des normativen Drucks der Sprache der Vernunft und der Vernunft der Sprache nicht dadurch entledigen, dass wir uns als Puppen eines mirakulösen Spiels in der Hand launischer Götter oder als Projektionen neurochemischer Prozesse unseres Gehirns und unseres Organismus ansehen und definieren und solcherart alles Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft mit einem Schlag uns vom Halse zu schaffen und als bloßes Gerede abzutun wähnen. Müssten wir dieses Falls unser Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft aber nicht auf verbindliche Weise mittels des verantwortungsvollen Gebrauchs unserer Vernunft eben als unverbindliches, unverantwortliches und unvernünftiges Gerede erweisen? Sehen wir nicht in diesem Nebel die dicken Schwaden, die aus des Teufels Küche dringen?
Wir sahen, wie die Psychose die normative Kraft der Sprache schwächt und in vielen Episoden der Krankheit aufhebt: Der Kranke erkennt die Absicht des Sprechers nicht oder verkennt und missdeutet sie in einem Grade, der die Kommunikation unterhöhlt, wenn er die Absichten ihm gewogener Sprecher paranoide verbiegt; der Kranke irrt in der Unterscheidung von intentionalen und kausalen Quellen der Kundgabe und Information, wenn er das Hundegebell als Warnung versteht und das geistesabwesende Lächeln des Kollegen als Ankündigung des nahen Todes; der Kranke verheddert sich in semantische und pragmatische Inkonsistenzen, wenn er etwas akzeptiert oder behauptet, von dessen Nichtexistenz oder Falschheit er eigentlich oder eben noch überzeugt war, oder etwas leugnet, das ihm offenkundig vor Augen schwebt.
Wir können in Anlehnung an das Gesagte annehmen, der Kranke habe das symbolische Kapital des Vertrauens vor der Zeit verbraucht, oder wir müssen angesichts der erblichen Disposition zur Krankheit konzedieren, es sei ihm zu spärlich davon mitgegeben worden. Jedenfalls scheint die Psychose viele Kranke mit Misstrauen, Angst und Argwohn zu vergiften und die Quellen guten Mutes, die unser Gemeinschaftsgefühl stärken und unsere Dialogfähigkeit auffrischen, in einem Maße zu vergiften, dass Verstummen, Erstarren, Teilnahmslosigkeit und Apathie um sich greifen.
Sicher wäre die Liebe die große Macht, das zerrissene Band des Vertrauens wieder anzuknüpfen und die vor Schrecken oder Verzweiflung erstarrte Zunge zu lösen; indes ist diese Macht nicht umsonst die himmlische genannt, lässt sie sich doch wie alles, was von oben kommt, nicht verordnen und häppchen- oder löffelweise verabreichen. Der Arzt ist gehalten, nüchtern seine Pflicht zu tun, er kann sein Erbarmen selten einmal mit in Schwingung bringen. Woher denn Liebe, wenn der Flügel des Engels nicht streift?
Auf den Spuren der Vernunft IX
Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft folgenden Handlungsvollzüge verstehen. Wir können dies aber nur unter der Bedingung, dass wir solche Patienten und Wahnkranke als vernunftbegabte Personen ansehen: Sie mögen unvernünftig handeln und uns unvernünftig erscheinen, doch sind sie nicht vernunftlos.
Wenn jemand Nachstellungen befürchtet und sich von Feinden verfolgt weiß, denen er sich unterlegen fühlt, und aus diesem Grund Vorkehrungen trifft, die Nachstellungen zu umgehen und den Verfolgern zu entrinnen, handelt er nach einem allgemeinen Schema der praktischen Vernunft, das besagt: Wenn du von übermächtigen Feinden verfolgt wirst, suche ein sicheres Versteck auf. Der springende Punkt ist natürlich, dass der Betroffene diese allgemeine Regel ohne Hinzunahme einer weiteren speziellen Regel im gegebenen Fall anzuwenden weiß.
Wir unterstellen unseren Mitmenschen, auch Wahnkranken und Psychotikern, Personen wie wir selbst zu sein und so zu denken, zu fühlen und zu handeln wie wir selbst. Dazu gehört auch die Unterstellung, normalerweise und durchschnittlich vernünftig denken und handeln zu können, das heißt, über die Fähigkeit und Disposition zu verfügen, Gedanken aus wohlbestimmten Gründen als wahr anzunehmen und Handlungen aus rationalen Motiven zu vollbringen, um damit lebensdienliche Zwecke und Ziele mit geeigneten Mitteln herbeizuführen.
Um nonverbale oder sprachliche Mitteilungen von Personen verstehen zu können, müssen wir ihnen unterstellen, uns etwas mittteilen zu wollen. Denn stünde ihnen nicht frei uns zu sagen, was immer sie uns sagen wollen, sondern wäre ihre Mitteilung eine unmotivierte und unabsichtliche Kundgebung wie das Plätschern von Wasser, würden wir das Gehörte nicht als informationshaltige Äußerung akzeptieren.
Mit der Äußerung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ willst du mich auf das Herannahen deiner Anverwandten aufmerksam machen. Ich gehe davon aus, dass du glaubst, was du sagst, und also dass es sich wirklich um deine Tante handelt, anders würdest du mich – aus welchen Gründen auch immer und solche Gründe könnte es ja geben – anlügen wollen. Aber auch wenn du glaubst, was du sagst, kann der Satz „Da kommt meine Tante Grete“ falsch sein, denn du könntest dich irren, weil du deine Tante über Jahre nicht gesehen hast und die andere Frau deiner Tante verblüffend ähnlich sieht.
Wenn uns beiden aber die Tatsache bekannt ist, das deine Tante schon vor Jahren verstorben ist, könnte ich dir nicht unterstellen, mich belügen noch die Unwahrheit sagen zu wollen. In diesem Falle sprechen wir von einer wahnhaften oder psychotischen Personenverkennung. Das Charakteristische der wahnhaften Mitteilung besteht darin, dass die vernünftige Basis symmetrischer Zuschreibungen von Intentionen zusammengebrochen ist. Daher der für die Krankheitssymptome typische Eindruck des Unverständlichen und Unbezüglichen. In normalen Fällen berücksichtigen wir manchmal Ausnahmefälle hoher Unwahrscheinlichkeit und gravierender Täuschungen und Irrtümer. Im Krankheitsfalle ist uns meist ohne Weiteres merklich, dass die Grenze des gerade noch Wahrscheinlichen überschritten ist.
Eine spezifische Fehldeutung von Intentionen nonverbaler und verbaler Art finden wir bei allen wahnkranken Patienten, nämlich die Ersetzung des eigentlich gemeinten Bezugsobjekts oder Referenten durch die eigene Person (Eigenbezüglichkeit): Was in der Zeitung über wen auch immer steht, was im Radio oder Fernsehen von wem auch immer gezeigt oder über wen auch immer geschrieben oder gesagt wird, all das meint je die eigene Person, und dies meist geprägt von einer feindseligen und paranoiden Wahnstimmung.
Oft bezieht sich die fehlgedeutete Äußerung auf den thematischen Hintergrund der Erkrankung: Wer sich wegen vorgeblicher oder tatsächlicher sexueller Fehltritte in der Vergangenheit heute beobachtet oder verfolgt wähnt, bezieht den Zeitungsbericht über die außerehelichen Affären des Schauspielers oder den TV-Report über die pädophilen Übergriffe des Lehrers auf sich selbst und geht felsenfest davon aus, dass nunmehr alle Welt über sein schmutziges Leben im Bilde ist.
Eine andere spezifische Fehldeutung bezieht sich auf das Vorkommen nichtintentionaler Phänomene, die konsequent und willkürlich als intentionale Äußerungen und Kundgaben gedeutet werden: Risse in der Mauer, ein blinkendes Licht in der Ferne, das Hupen von Autos, Hundegebell, der Klang von Glocken, das Schreien eines Kinds, jemand tritt dem Patienten versehentlich auf den Fuß, schnäuzt sich oder kratzt sich in seiner Gegenwart, stößt ihn an, blickt unter sich, seufzt oder zuckt mit dem Augenlid – all dies und manches andere wird intentional-eigenbezüglich als intentionale Mitteilung an die eigene Person gedeutet.
Die Krankheit zeigt demnach nicht die teilweise oder vollständige Einbuße der Fähigkeit, nonverbale und verbale Kundgaben auf ihren intentionalen Gehalt hin zu befragen und deutend aufzuschließen. Vielmehr ist der Psychotiker im akuten Prozess der Fähigkeit beraubt, das pragmatische Feld zu identifizieren, in dem die Kundgaben ihre kontextuell individuierte Bedeutung aufbauen: Öffentliche Medien sind nur in seltenen Fällen das pragmatische Feld, in dem die Mitteilungen nach der Devise „tua res agitur“ ihre Bedeutungen erhalten.
Interessant ist die Neigung von Patienten, nichtintentionale Phänomene mit symbolischem Gehalt aufzuladen – eine Neigung, die uns in der Dichtung bis zu Goethe und Baudelaire begegnet, aber auch in den kultischen Handlungen und künstlerischen Hervorbringungen der frühen Völker. Aber noch in den klassischen Zeitaltern deuteten die Priester der Griechen aus dem Rauschen der Eiche von Dodona und die der Römer aus dem Vogelflug. Tatsachen dieser Art sollten unser pragmatisch-skeptisches Misstrauen gegenüber Theorien beflügeln, die von einer fugenlos-dichten Grenze zwischen intentionalen Kundgaben und kausalen Phänomenen ausgehen.
Wir konstatieren zwei wesentliche Merkmale der Begriffe „Vernunft“, „vernünftig“ und „rational“: Sie sind nicht deskriptiv, sondern dispositionell und präskriptiv: Sie beschreiben keine kontinuierlich-stabilen Eigenschaften von Personen, wie die Eigenschaft blond zu sein oder 1,68 m groß, sondern Fähigkeiten, wie die Fähigkeit, Fahrrad oder Auto fahren oder lesen zu können; und sie beschreiben keine Fakten, wie das Faktum, einen bestimmten IQ zu haben, sondern Normen oder Vorschriften, wie die Norm, nicht nur intelligent zu handeln, sondern seine Intelligenz möglichst produktiv und relevant einzusetzen – und nicht ausschließlich darauf zu verwenden, Kreuzworträtsel zu lösen.
Aufzuspüren und zu analysieren, mit welchen Methoden und raffinierten Techniken einen Verfolger überwachen und kontrollieren, mag des Einsatzes eines nicht geringen Maßes von Intelligenz bedürfen, vernünftig ist es nicht, wenn die Feinde imaginär oder die vermeintlichen Verfolger harmlos sind.
Lebloses für lebend zu halten und Verstorbene am Wegrand zu begrüßen, widerspricht den begrifflichen und kognitiven Bedingungen dafür, dass wir Begriffe von Dingen und Personen sinnvoll und bedeutungsvoll verwenden. Die Enthüllung der Absurdität der erwähnten Aufforderung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ legt eben diese basalen Bedingungen unserer Art, vernünftig zu reden und zu handeln, offen.
Auf den Spuren der Vernunft VIII
Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis erlaubt, steht seinem Urteilsvermögen nicht zur Verfügung. Diese Differenz mittels empirischer Nachprüfung und nüchterner Abwägung im Falle der kritischen Realitätsprüfung zu öffnen oder im Falle der positiven Bestätigung – wenn auch nur vorläufig – zu schließen, gilt uns als wesentliches Kennzeichen des gesunden Menschenverstandes und der Vernunft.
Ein Patient, der unter einer Psychose mit paranoidem Leitwahn leidet, erblickt in der Putzfrau in seinem Büro eine „falsche Figur“ (Personenverkennung), die zwar so aussieht wie die echte Putzfrau, in Wahrheit aber eine von seiner Ehefrau beauftragte oder gesteuerte Person ist, die den geheimen Auftrag hat, ihn in seinem beruflichen Umfeld zu überwachen und seine Gedanken zu lesen, um ihrer Auftraggeberin von der Schwere seiner geistigen Erkrankung Bericht zu geben. Nach Abklingen der Episode und Bearbeitung des Erlebten in einer psychotherapeutischen Sitzung beginnt der Patient, von der Personenverkennung abzulassen, und kommt zur Realitätseinsicht, was ihre Identität angeht. Das bedeutet freilich nicht, dass er in toto von dem paranoiden Leit- oder Grundwahn, von Personen seines engeren Umfelds, insbesondere seiner Ehefrau, verfolgt und überwacht zu werden, abließe.
Wir sahen, dass die für psychotische Wahnerkrankungen typischen Gefühlsregungen und emotionalen Muster keineswegs pathologisch oder abnorm sind, sondern tief in den Strukturen unserer Lebensform wurzeln: Wir tun gut daran, in fremder Umgebung Vorsicht walten zu lassen, Unbekannten nicht blindlings zu vertrauen und auf abschüssigen Pfaden bei hereinbrechender Dämmerung furchtsam uns voranzutasten. Und bei einem sportlichen oder geistigen Überstieg über unsere Grenzen oder beim Glück zärtlich zugeneigter Liebe zu frohlocken oder die Füße tänzerisch zu heben, steht uns sehr wohl an.
Indes den ungebetenen Gast, den dunklen Schleicher oder den zudringlichen Schmarotzer rührselig zu bewillkommnen oder die Zuneigung echter Liebe durch frostiges Misstrauen und obsessiven Argwohn zu verbittern, heißt das Maß der Vernunft, an dem wir die Zuträglichkeit und Angemessenheit unseres emotionalen Engagements hinsichtlich seiner Objekte bemessen, willkürlich zerreißen.
Wenn Grenzen der Haut – auch die unserer Gefühle und Gedanken –, in denen wir uns oft vor den anderen verborgen wähnen, ebenso die Schwelle von Wohnung und Haus, Garten und Feld, Fluss und Pass, an denen wir als Einzelne oder als Gruppenwesen unsere Identität hängen, verletzt oder überschritten werden, wühlt dies urtümliche Ängste aus dem Innersten und Untersten unserer Natur auf und lässt uns oft rechtens die Hand erheben oder die Waffe zücken.
Patienten, deren akute Wahninhalte limitierende, das Leben einschränkende, beeinträchtigende oder schädigende Faktoren betreffen, verdächtigen Passanten, verleumderisch über sie zu reden, und Fahrgäste im Bus, ihre Gedanken zu lesen und über sie zu lachen; sie fliehen vor vermeintlichen Verfolgern in geschützte Umgebungen und Räume oder in die Arme von Angehörigen; sie bezichtigen Arbeitskollegen, sie ermorden zu wollen; sie ziehen von einer Wohnung in die andere, zunächst in ihrem Viertel, dann in der ganzen Stadt, dann fliehen sie gar vor all den Intrigen, Nachstellungen und Machenschaften in ein anderes Land; sie verdächtigen Arzt und Schwestern, ihnen vergiftete Medikamente und Speisen vorzusetzen; sie zerstören das Telefon oder den Fernseher im Glauben, ihre Verfolger würden sie damit ausspionieren; sie verbarrikadieren sich in der Wohnung und gehen nicht mehr auf die Straße; sie springen aus dem Fenster, weil sie die Zudringlichkeiten und Anschläge ihrer Feinde nicht mehr ertragen können.
Wir bemerken zunächst, dass all diese wahngetriebenen Reaktions- und Verhaltensweisen dem allgemeinen Schema von Handlungen gehorchen, die von der praktischen Urteilskraft und Vernunft geleitet werden: Handle so, dass du deinen Handlungszweck im Rahmen deiner aktuellen Überzeugungen über die Welt mit Mitteln und Methoden erreichst, die dem Zweck möglichst angemessen und förderlich sind.
Wir können das praktische Schema bekanntermaßen auch in ein Schema zur Erklärung von Handlungen umformen: Wer Z erreichen will und glaubt, dass p, wird M als Mittel wählen, um Z zu erreichen.
Wer sich von bösen, feindseligen Menschen beobachtet und verfolgt weiß, handelt nach diesem Schema gewiss nicht unvernünftig, wenn er den finsteren Gestalten, die nun einmal gemäß seinen aktuellen Überzeugungen über die Welt hinter der Wand lauern, aus dem Wege geht, ihre Intrigen aufdeckt und ihre Machenschaften durch Flucht oder Selbstwehr hintertreibt.
Fluchtreaktionen und Maßnahmen zur Selbstwehr dienen dem Schutz und der Sicherung von Leib und Leben, sowohl der eigenen Person als auch von Angehörigen und Freunden beim offenkundigen Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren. Die Maßnahmen können auch eigenes und fremdes Gut mit einschließen. Reaktionen und Handlungen auf der Basis begründeter Überzeugungen vom Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren wie Flucht oder Selbstwehr leiten wir aus der Struktur der menschlichen Lebensform ab: Sie sind insofern vernünftig zu nennen. Auch der bewaffnete Angriff zur Selbsterhaltung und Selbstwehr bis hin zur eventuellen Tötung des Aggressors ist im Sinne der individuellen und kriegerisch-kollektiven präventiven Feindabwehr lebensdienlich und sollte die Missachtung der Vernunft nicht fürchten.
Vernunft oder Unvernunft bemessen wir am Inhalt von Glaubensüberzeugungen und sagen: Es ist unvernünftig für eine Person anzunehmen, dass sie von ihren Nachbarn, ihrem Arbeitgeber, ihren Kollegen, dem Arzt oder den Schwestern verfolgt, ausspioniert oder feindlich behandelt wird, wenn wir Gründe haben anzunehmen, dass die Nachbarn, der Arbeitgeber, die Kollegen, der Arzt und die Schwestern dem Betroffenen wohlwollend und freundlich oder zumindest nicht feindlich beziehungsweise gefühlsmäßig indifferent gegenüber eingestellt sind.
Der Inhalt der Überzeugung, verfolgt, ausspioniert und bedroht zu werden, ist nicht prinzipiell unvernünftig, denn es gab und gibt und wird immer wieder Situationen geben, in denen diese Beschreibung zutrifft. Und auch die praktische Folgerung aus dieser Überzeugung, möglichst wirksame Anstalten zu treffen, den vermeintlichen Verfolgern zu entkommen und ihr Intrigenspiel aufzudecken und zu hintertreiben, ist nicht unvernünftig, sondern entspricht wie gezeigt dem bekannten Schema der Handlungsrationalität.
Wir nennen die paranoide Überzeugung und die daraus folgenden Reaktionen und Verhaltensweisen deshalb wahnhaft, pathologisch oder abnorm, nicht weil sie an und für sich unvernünftig wären, sondern weil sie in diesem speziellen Fall und unter diesen aktuellen Umständen nicht zutreffen beziehungsweise nicht angemessen sind.
Wir nennen die Handlungen der Patienten in akuten psychotischen Schüben unvernünftig, weil ihnen die Einsichten in die Gründe ihres Handelns und damit auch die eventuelle Berücksichtigung von Handlungsalternativen verschlossen sind. Gründe für das eigene Handeln in vernünftiger Rede oder vernunftgeleitetem Dialog anzugeben, impliziert, alternative Handlungsgründe in Betracht ziehen und gegebenenfalls die Entscheidung für die aktuelle Handlung revidieren zu können.
Auf den Spuren der Vernunft VII
Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, sumpfiges Gelände voran, und diese schmalen Pfade, die hie und da abbrechen, da und dort zu erhabenen Aussichten führen, um sich wieder im trüben, versteppten Ödland zu verlieren – diese Pfade wären schon die langsam, stoßweise hervorgebrachten Sätze oder Zeilen unserer vernünftigen Rede und Schreibe?
Jemand erhält aus heiterem Himmel eine furchtbare Nachricht: Er ist fristlos entlassen worden. Seine Frau hat ihn mir nichts, dir nichts verlassen. Die Mutter liegt im Sterben oder ein naher Angehöriger ist verstorben. Der Arzt hat eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Wir sehen, wie der Betroffene erbleicht, schlaff wird und sich aufstützen muss oder halb ohnmächtig sich auf einen Sessel zurückfallen lässt, wir sehen, wie ihm ohne dass er es merkt Tränen in den Augen stehen. Wir verstehen dieses Verhalten ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung oder Reflexion als Ausdruck seelischer Erschütterung der Trauer und Verzweiflung. Wir verstehen ebenso spontan und ohne zusätzlicher Hintergrundinformationen zu bedürfen, wenn einer einen Freudensprung macht, „Juchheißa“ ruft oder beseligt lächelt, nachdem er die freudige Nachricht erhalten hat, dass sein ihm feindlich gesonnener, querulatorischer Nachbar ausgezogen ist, er im Lotto gewonnen hat oder seine Frau von einem gesunden Kind entbunden worden ist.
Wir verstehen diese und tausend andere Reaktionen und Verhaltensweisen ohne weiteres, weil sie Lebensinhalte und Lebensthemen betreffen, die wir mit dem angemessenen Pathos als Leitthemen all der Dramen erachten, die Menschen als die Lebewesen, die sie nun einmal sind, zu durchleben und zu durchleiden haben. Die Themen betreffen Ereignisse, die das Leben des Einzelnen oder seine Gruppe fördern, stärken, erweitern (expandierende Faktoren) oder aber im Gegenteil beschädigen, schwächen, einschränken (limitierende Faktoren.) Wir finden all diese Themen leidenschaftlich präsentiert und in Fleisch und Blut übergegangen, wenn wir uns die Stücke der antiken Tragiker und Shakespeares oder Molières anschauen.
Wer ein gesundes und ausgeglichenes Naturell mitbringt, vom Glück gesegnet ist oder aus eigener Kraft dem Ziel seiner Wünsche nahekommt, findet sich leichter unter heiteren Masken wieder als der Hypochonder, der grundlos Eifersüchtige oder Misstrauische oder der Fanatiker, denen wir gerne die Schellenkappe überstülpen möchten. Dass Ressentiment und Eifersucht den Weltumgang einschnüren, während Wissensdrang und Abenteuerlust den Schrebergarten der Langeweile und des Vorurteils weit hinter sich lassen, gilt für ausgemacht.
Dass wir Ereignissen und Erlebnissen, die uns hemmen und einschnüren, uns beängstigen und verunstalten, gerne aus dem Weg gehen und schon ihre Aura uns übel in die Nase steigt, ist uns so natürlich und in Fleisch und Blut übergegangen, wie dass wir gerne nach schöneren, fruchtbareren Gefilden im materiellen und geistigen Sinne unter Inkaufnahme großer Mühen und Anstrengungen aufzubrechen geneigt sind, wenn in jenem Lande die goldenen Äpfel der Hesperiden zu leuchten scheinen. Selbst niedere Gesinnungen und faule Naturen recken sich gern nach Nachbars Äpfeln, weil sie so schön glänzen und mit einem süßen Geschmack, dem Geschmack des Verbotenen, locken, auch wenn die Gefahr besteht, eins auf die Finger zu bekommen.
Beeinträchtigungen, Limitationen und ihre Gefahren und ihr Gegenteil, expandierende und fördernde Faktoren, betreffen Leib und Leben, die Verfügung über nahrhafte beziehungsweise keimfreie Nahrung und Flüssigkeit, die Sicherheit und Unversehrtheit des eigenen Körpers, die Funktionstüchtigkeit der Organe, allen voran von Hirn und Sinnesorganen, den Schutzraum der Behausung und seine Reinlichkeit, aber auch die Integrität und Sicherheit der Familie, der Verwandten, Angehörigen und Nahestehenden.
Natürlich gelten für Intensität und Quantität der expandierenden und limitierenden Lebensinhalte und Lebensereignisse Grade und Gradabstufungen: Wir sind nun einmal mehr oder weniger gesund oder krank, reich oder arm, mit Familienanhang gesegnet oder vereinsamt, von Freunden umgeben oder von Feinden umlauert. Auf der zugigen Bühne all solcher Eventualitäten und Fragilitäten spielt sich das menschliche Drama nun einmal ab.
Es ist nur allzu plausibel, dass wir uns eher an unschöne, beeinträchtigende und limitierende Ereignisse erinnern oder von solchen in Träumen heimgesucht werden, als dass wir unentwegt von den Lustbarkeiten des Gartens Eden träumen. Wachsamkeit und Vorsicht, Vorsorge und Voraussicht sind nun einmal Haltungen und Einstellungen, die uns für die Bewältigung unseres Lebensalltags gut anstehen. Ein Fehltritt kann endgültig sein, während ein überhörter Scherz, eine verpasste kleine Lust nicht einmal den Schatten eines Schmerzes hinterlassen. Den Genuss auch der sublimen Dinge zu gewinnen wie das Kosen des Windes auf der Haut oder die visuellen Ekstasen beim Gang durch die herbstlich verglühende Landschaft bedarf es eines besonderen Talents oder einer verfeinerten ästhetischen Kultur, während uns der Schauer der Angst vor dem Abgrund und das Misstrauen im Dunkeln oder vor dem Unbekannten angeboren sind.
Jemandem freilich, der angesichts furchtbarer Nachrichten wie der vom Tode seiner Mutter oder eines nahen Angehörigen feixt und kichert, einem, der eine schlimme Diagnose vom Arzt erhält oder der erfährt, dass die Firma ihm fristlos gekündigt hat oder seine Frau ihn betrogen hat und der sodann nichts Besseres weiß, als sich ins Fäustchen zu lachen und diabolisch zu grinsen, würden wir rechtens ein abnormes, paradoxes, paramimisches Verhalten und die es bedingende psychotische Erkrankung unterstellen, wenn wir die Nebenbedingungen erfolgreich ausgeräumt haben, dass ihn seine Mutter oder der Verwandte in der Kindheit nicht bis aufs Blut gequält hat, er nicht schon vor einiger Zeit beschlossen hatte, aus dem Leben zu scheiden, er sich nicht längst von der öden Arbeitsstelle verbschieden wollte oder er die innere Bindung zu seiner Frau nicht schon lange verloren hatte.
Wir huldigen vernünftigerweise nicht den zweifelhaften Entzückungen eines surrealistischen schwarzen Humors und kennzeichnen pedantisch und humorlos als psychotisch und seelisch-abnorm solche Reaktionen, die den offenkundigen Ernst der Lage nicht nur ignorieren und verkennen, sondern ins Gegenteil verzeichnen. Aber auch die Überzeichnung und Verzerrung der normalen Lage infolge krankhaft paranoid übersteigerter Ängste wie der Angst, verfolgt, vergiftet, entführt, vergewaltigt, bestohlen, abgehört oder ermordet zu werden, wenn weit und breit niemand im Hinterhalt liegt, um solch wüste Absichten in die Tat umzusetzen, tragen wir keine Bedenken, als Symptome einer psychotischen Erkrankung einzustufen.
Wir bemerken, dass nicht die elementaren Inhalte wahnhafter Ideen Indikatoren für das Vorliegen einer Psychose bilden: Diese Inhalte wie die Angst um das leibliche Wohlbefinden oder die Sorge um das Wohlergehen der Anverwandten, der Neid auf den Präferierten und Bessergestellten, die Eifersucht des betrogenen Partners, der Hass auf den Eindringling und den Ehrabschneider oder die Liebe zu den Kindern und allem, was die Spuren der eigenen leib-seelischen Entäußerung trägt, gehören zum emotionalen Fundus und zur biologisch-sozialen Grundausstattung des Menschen. Es ist die Unangemessenheit der Reaktion zur gegebenen Situation, die uns zum Indiz oder Verdachtsmoment krankhaften Erlebens wird.
Auf den Spuren der Vernunft VI
Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll (zweckvoll) oder sinnlos ist, sich auf Grund einer anderen Tatsache versteht oder scheinbar grundlos ist, logisch aus einer evidenten Annahme folgt oder aus keiner evidenten Annahme folgt oder ein Bestandteil unseres Wissens ist.
Wir folgen den Spuren der Vernunft, das heißt natürlich, der Art und Weise, wie wir die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ als Kriterien der Urteilsbildung der genannten Art in unserer täglichen Rede sinnvoll verwenden. Wir tun dies in der Absicht, den Vernunftbegriff zu klären oder das, was als unklarer Bestandteil an ihm haftet, zu sichten und auf diese Weise vielleicht mit einem warnenden Etikette zu versehen.
Um uns auf die Sprünge zu helfen, spielen wir das bisweilen heitere, bisweilen intrikate, allemal aber instruktive Begriffsspiel „Vernunft contra Wahnsinn“, weil wir uns durch die Engführung der Vernunft in den Labyrinthen des Wahnsinns Aufklärung über die grundlegenden Eigenschaften und Strukturen der Vernunft versprechen.
Wir gehen von folgender Basisannahme aus: Die Vernunft ist in der Lage, sich selbst und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, zu verstehen, während der Wahnsinn nicht (einmal) in der Lage ist, sich selbst zu verstehen. Das schließt natürlich nicht aus, dass der Wahnsinn Methode hat und ein in sich sinnvoll aufgebautes, lebensgeschichtlich hoch personalisiertes System der Selbst- und Weltverständigung des Patienten darstellt – dem allerdings mindestens ein entscheidendes Merkmal in mehr oder weniger starkem Ausmaß fehlt: die Angemessenheit der wahnhaft konstruierten Konzepte an das, was wir rechtens für real, wirklich, echt und faktisch bedeutsam halten. Natürlich geht es uns bei unseren Betrachtungen nicht zuletzt um die Aufklärung auch der zuletzt genannten philosophisch dubiosen Begriffe von Wirklichkeit, Echtheit und Bedeutsamkeit.
Wir können beide Wege gehen: vom Wahn zur Vernunft und von der Vernunft zum Wahn. Nach beiden Wegstrecken möchten wir besser über das, was wir rechtens vernünftig und Vernunft nennen, unterrichtet sein.
Wahrnehmungen orientieren uns über die Tatsachen der Umgebung und die Selbstwahrnehmungen über unser Befinden und unsere Reaktionen auf das, was um uns herum geschieht. Je genauer Wahrnehmungen die Informationen aus dem Umfeld herausfiltern, die für unsere Orientierung relevant sind, umso besser. Wir gehen davon aus, dass wir Grund haben, uns im Prinzip und im Allgemeinen – nicht stets und in jedem einzelnen Falle – auf die Funktion unserer Wahrnehmungen verlassen zu können, uns mit den wichtigen Auskünften über das Weltgeschehen (um uns herum) in Kenntnis zu setzen.
Wer einwirft, dies sei doch wohl angesichts aller möglichen Sinnestäuschungen und systematischen Verzerrungen unserer Wahrnehmung durch unkontrollierbare Umweltbedingungen eine allzu optimistische Annahme, dem kommen wir insofern entgegen, als wir darauf hinweisen, dass das Vorkommen von Täuschungen und Illusionen nicht zu leugnen ist, aber als solches einzig und allein erklärbar auf dem Hintergrund all jener wahren und gut gesicherten Informationen, die uns eine ungetrübte und authentische Wahrnehmung bereitgestellt hat.
Wir sagen, dass wir uns im Prinzip durch die Wahrnehmungsleistungen unseres Sinnes- und Nervensystems gut aufgeklärt wissen, weil wir davon ausgehen, dass unsere Sensorik von genau jenen Tatsachen gesteuert und kausal stimuliert wird, deren phänomenaler Niederschlag in dem und als das Bewusstsein eben dieser Tatsachen sich darstellt.
Ich sehe, dass du eben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast, aufgrund der Tatsache, dass du soeben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast. Oder: Ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet, weil das Licht der Kerze kausal solchermaßen auf meine visuelle Sensorik einwirkt, dass ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet.
Wir bemerken, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion davon sprechen, dass wir eine brennende Kerze sehen – also ein wohlabgegrenztes und wohldefiniertes Objekt des Raum-Zeit-Kontinuums, die Kerze, identifizieren, der wir die Eigenschaft zusprechen, eben zu dem Zeitpunkt der Wahrnehmung zu brennen.
Wir bemerken ebenfalls, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern immer etwas im Sinne einer Entität sehen, von der wir im günstigsten Falle geneigt sind zu sagen, dass sie eben das ist, was wir für wirklich oder real halten. Welche Arten von Entitäten wir nun im Einzelnen wahrnehmen, ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern bildet eine Funktion des Schemas oder der Struktur unserer Erfahrung: Denn es sind neben diffus ausgebreiteten und verschieden dichten Massen wie Wolken, Wasser und Schnee vor allem zwei elementare Typen von Entitäten, die unsere Lebenswelt bewohnen: unbelebte Körper von Dingen wie Steine, Äpfel, Tische und Kerzen, oder belebte Körper von Pflanzen und Tieren auf der einen Seite und Menschen auf der anderen Seite, Leute wie du und ich.
Ich sehe, dass du es bist, der eben das Zimmer mit der Kerze in der Hand betreten hat und nun die Kerze anzündet. Ich weiß, dass du in der Küche warst, um die Kerze zu holen, und nicht aus dem Nirgendwo im Zimmer aufgetaucht bist. Ich weiß einzig aufgrund der Tatsache, dass du die Kerze angezündet hast, dass du die Kerze angezündet hast.
Dabei gehe ich selbstverständlich, ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion, davon aus, dass du die Kerze nicht ohne Grund, sondern deshalb angezündet hast, weil es jetzt allmählich dunkel wird, du aber statt des nüchternen elektrischen Lichts mit einem natürlichen Licht für romantische Stimmung sorgen willst. Und deshalb hast du eben aus der Küche die Kerze geholt und sie angezündet. Mit dem Wunsch, das Zimmer bei Anbruch der Dunkelheit nicht nur zu erhellen, sondern durch ein geeignetes Licht in ein gefühlsmäßig anregendes Halb-Dunkel zu tauchen, unterstelle ich dir intentionale Zustände, die dir mehr oder weniger bewusst, aber keineswegs gänzlich unbewusst sind; mit der Absicht, die gewünschten Lichtverhältnisse mittels einer brennenden Kerze herzustellen, unterstelle ich dir rationale Zustände oder ein gerüttelt Maß an Vernunft, mittels derer du zum erwünschten Ziel ein rational angemessenes Mittel der Zielerreichung ausgewählt hast.
Ich erachte dich auf der Ebene meiner unmittelbaren Wahrnehmung als intentionales und rationales Lebewesen – als einen Menschen wie mich selbst.
Wir bemerken, dass wir auf der Ebene der unmittelbaren Wahrnehmung zwischen unserem Wahrnehmungserlebnis („Ich sehe oder mir scheint aufgrund meines Seheindrucks, dass du die Kerze anzündest“) und dem unabhängig von unserer Wahrnehmung als autonome Entität im Raum-Zeit-Kontinuum wahrgenommenen Objekt („Du bist es, der die Kerze entzündet“) unterscheiden.
Wir heben hervor, dass wir nicht etwas wahrnehmen, gleichsam ein sensuelles Neutrum an farbigen Flecken, das wir dann als dies und das, etwa als Kerze oder Mensch interpretieren – denn wir sehen Kerzen und Menschen und manch anderes ohne jedwede Interpretation oder Deutung.
Wir heben weiterhin hervor, dass wir die Klassifikation des wahrgenommenen Objekts, zum Beispiel deiner Person, wenn du es bist, der eben aus der Küche kommend das Zimmer mit einer Kerze in der Hand betritt, anhand seiner Identität vornehmen: Weil du der N. N. bist, bist du als derjenige, der in der Küche war und dort eine Kerze gesucht hat, derselbe N. N. oder identisch mit der Person dieses Namens, die jetzt das Zimmer mit der Kerze in der Hand betritt.
Wenn du behauptest, die Farbe meines Pullovers erscheine dir im Widerschein der Kerze als Rot, ich aber halte dagegen, mich dünke sie Violett, drehen wir uns mit unseren unterschiedlichen Meinungen zwar im Kreis, aber im Kreise der Vernunft: Gehen wir am nächsten Tag ins Freie und definieren diese Situation als Standardsituation zur Bestimmung von Farbwerten von Pullovern und anderen Sachen: So werden wir klar sehen und uns auf einen Farbwert einigen.
Wenn ich aber behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern ein weiß schimmernder Knochen, könntest du günstigenfalls davon ausgehen, dass ich einer Wahrnehmungstäuschung erlegen sei: Immerhin verbleibe ich bei der Identifikation des wahrgenommenen Objekts in dem zugehörigen Bereich des Typus von materiellen Dingen unbelebter Natur, vertue mich aber gröblich bei der Individuierung des Dings – ein Knochen ist nun mal keine Kerze. Sicher kannst du mir durch Entzünden der Kerze über deren Identität das gehörige Licht aufstecken.
Wenn ich indes behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern eine weiße Schlange, deren Zunge wie eine Flamme züngelt, wirst du mehr als im gewöhnlichen, das heißt durch eine Täuschung hervorgerufenen Maße erstaunt und verblüfft sein: Handelt es sich hier doch nicht bloß um eine Fehlidentifikation innerhalb einer Kategorie von wahrnehmbaren Objekten, den materiellen Dingen unbelebter Natur, sondern um eine Verwechslung des Typus der Entität: Etwas, das wir unter normalen, übersichtlichen Standardbedingungen für differenzierende Wahrnehmungen unter der Kategorie der materiellen, unbelebten Körper klassifizieren, vielmehr unter der Kategorie belebter Objekte und also in diesem Falle als Tier zu identifizieren, scheint uns weit eher als auf einer Täuschung auf einer grundlegenden Sinnverwirrung zu beruhen – eine Sinnaberration, die wir in der Psychopathologie der psychotischen Erkrankung in der Form der Wahnwahrnehmung wiederfinden.
Wenn ich dir dafür danke, die aus der Küche geholte Kerze entzündet zu haben, um uns mit gefühlvoller Beleuchtung einzustimmen, du aber darauf hinweist, hier brenne keine Kerze, und dein Vater, der eben hinzugestoßen ist, diese Tatsache bestätigt, handelt es sich offensichtlich um eine visuelle Halluzination, ein typisches Symptom psychotischer Erkrankungen. Wir bemerken, dass Halluzinationen Wahrnehmungsüberzeugungen veranlassen, die denselben deskriptiven Gehalt wie jene Wahrnehmungsüberzeugungen haben, die von echten Wahrnehmungen veranlasst und kausal gesteuert werden – nur, dass aufgrund des Ausfalls des kausalen Nexus die Überzeugung falsifiziert wird.
Wir halten fest, dass wir Wahnphänomene wie Wahnwahrnehmungen und Halluzinationen als Durchlässigwerden oder Zerreißen jener Sinngrenzen auffassen können, die wir wie die ontologische Einteilung aller Entitäten in Dinge und Personen oder aller Dinge in belebte und unbelebte Dinge oder wie all unsere basalen Existenzannahmen mittels der Analyse unseres alltäglichen Vernunftgebrauchs als grundlegende Bedingungen und Formen unserer Erfahrung ausmachen können.
Die Bedingung aller Bedingungen, die gleichsam transzendentale Bedingung dafür, dass wir wirklich wahrnehmen, was wir wahrnehmen, ist natürlich, dass wir selbst es sind, die es wahrnehmen. Das Authentizitäts- und Echtheitssiegel der Wahrnehmung ist ihre Jemeinigkeit. Wenn du auf Nachfrage nicht bestätigen kannst, dir aufgrund deiner visuellen Wahrnehmung bewusst geworden zu sein, dass ich soeben das Zimmer betreten habe, gilt für ausgemacht, dass du gar nicht erst gesehen hast, dass ich soeben das Zimmer betreten habe.
Psychotische Störungen der Jemeinigkeit, Lockerungen oder Zerreißungen des Bandes, das unsere Wahrnehmungen mit dem lebendigen Fokus unseres Ichbewusstseins verbinden, finden wir zum Beispiel in den Erlebnisberichten von Patienten, wonach ihnen ihre Gedanken eingegeben, verfälscht oder entwendet werden.
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