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Nov 18 21

Terzinen vom menschlichen Zwiespalt

Kein Wort, das nicht wie welke Blätter zittert,
kein Leben, das nicht dunkle Mächte falten.
Der Sehnsucht Fenster hat der Tod vergittert.

Kein Bild ist, unsern lauen Blick zu halten,
wir schauen auf, und Stern und Blume blassen.
Als träumten wir, zerrinnen die Gestalten.

Und was uns wert, wir können es nicht fassen,
wir pressen alle Formen, bis sie fließen.
Wir lieben spät, zu spät, was wir verlassen.

Wir können, was wir haben, nicht genießen,
das unerreichbar Schöne macht uns leiden.
Wir welken hin, wenn rings die Veilchen sprießen.

Im Kusse lodert Angst uns vor dem Scheiden,
was wir verehrt, verlarvt sich uns zur Fratze.
Was uns verhaßt, wir wollen es nicht meiden.

Wie göttlich ist die Einfalt einer Katze!

 

Nov 17 21

Männliche Maske

Er kam aus Dämmerungen, ohne Hoffnung,
was über, unter, in ihm ausgerauscht,
als Muschel zu werfen auf den blanken Tisch
der Sonne, als zarten hohlen Vogelschädel
dem stolzen Tag aufs Fenstersims zu legen.
Und wär das Meer nicht schon, das Blut, verebbt,
vom salzigen Wind er zum Gespenst verhärmt,
was hätten Schatten ohne Herz zu sagen?
Doch suchte er wie Falter im Dunkel Süße
nach Blicken noch, nach jenem Liebesglanz,
der Feuer mischt mit süßer Feuchtigkeit.
Die Tropfen, die an Halmen zitternd glommen,
als ihm der alte Garten seinen Pfad
von Moosen ausgerollt wie einen Teppich,
sie waren die Erinnerung an Tränen,
die einmal, es war die Zeit der Fliederblüte,
mit Wärme seine hohe Wange kosten.
Und eignen schweren Duftes müde wogten
die weißen Rosenknospen, als flehten sie
nach ihr, der weißen Hand, die sie dereinst
wie kühlen Flaum zum heißen Antlitz hob.
Wo schwand sie hin? Und sank das Blumenantlitz
wie ein vom Wind gepflücktes Blütenblatt?
Hat neidisch auf ihr Blau die Veilchenblicke
der Azur in sein Aber-Meer gelöst?
Das Zwielicht kam, es siegt das Ungewisse,
so warf er sich wie einsam Tiere tun
ins hohe Gras, der Dunkelheit entgegen.
Und seltsam, wie schon dumpfer schlug das Herz,
durchglänzten warme Tropfen seinen Schlaf.
Doch waren seine Augen trockne Brunnen.

 

Nov 16 21

Der Gang zur Krippe

Und wenn wir schlafen, schweben leise Flocken,
und träumen wir noch Träume voller Bangen,
ertönen aus verschneitem Tal schon Glocken.

Erwachen wir, das Traumbild ist verhangen,
doch schläft die Welt, gehüllt in weiße Linnen,
verstummt die Stimmen, die dem Leben sangen.

So wollen wir auf eigne Fülle sinnen,
zu Bildern fliehen, die dem Blut entsteigen,
zu traurig-schönem Glanz, wenn Tränen rinnen.

Und finden wir im Bild, im Glanz nur Schweigen,
als wären wir im tiefsten Schnee begraben,
bleibt dürftig Hoffen: Tropft der Tau von Zweigen?

So öffnen wir, was wir verschlossen haben,
durchs Fenster wehen noch die fernen Töne,
die Schwelle glänzt von Himmels Blütengaben.

Wir suchen, wo ein Stern das Dunkel kröne,
und finden licht die Nacht um eine Krippe,
das Wort, das uns mit unserm Sein versöhne.

O Wort, du Tau auf trockner Menschenlippe.

 

Nov 15 21

Lichterprozession

Wenn wir Leuchtkäfern gleich im Wingert schweifen,
dem Rebendämmer streuen zarte Helle,
wird Mondes Blässe kaum zur Traube reifen.

Die wir entzündet auf des Abends Schwelle,
die Flamme hüten wir mit klammen Händen,
daß süßer Sang uns leite zur Kapelle.

Dort wollen wir dem hohen Bildnis spenden
die bang schon flackern, Lichter unsrer Seelen.
Nur glanzbetaute Nacht kann sie vollenden,

die schönen Gesten, die zum Dank uns fehlen,
wie fahlen Knospen, die sich erdwärts beugen,
die Tropfen, die ins matte Herz sich stehlen.

Wir ziehen hin, ein Engel mag’s bezeugen,
wie Seelen, fast erloschen, neu entbrennen,
wie Knospen, schon erblindet, wieder äugen.

Daß Nächte wir noch hell und gnädig kennen!

 

Nov 14 21

Terzinen auf den Nebel

Wenn sich die hohen Bildnisse verhüllen,
und Nebel schluckt die Rufe aus der Bläue,
die hellen Sänge, die Brunnenschalen füllen,

daß unser dunkles Lebens sich erneue,
ist uns, als wären wir umsonst geboren.
Die wir geschenkt, daß sich die Liebe freue,

die schöne Geste scheint im Dunst verloren,
das reine Blütenblatt, das wir ihr pflückten,
hat was aus Schwaden tropfte Gift vergoren.

Was aber steigt aus Herzen, grambedrückten,
hüllt dichter noch als Dampf die weichen Glieder,
die süßen Bilder, die uns einst entzückten,

erstickt in fahlem Munde Sapphos Lieder.

 

Nov 13 21

Feuer-Stanze

Als ob sie aufwärts flatternd Funken sprühten,
ein Schatten blaut, wo sie gegurrt, die Tauben.
Weißt du’s, ob Knospen oder Früchte glühten,
als wir geschlendert sind durch Abendlauben?
Da Liedes frühe Rosen schon verblühten,
sang noch ein Feuer uns aus Sonnentrauben.
Nun schürst nach Gluten du im kalten Herde,
nach Worten ich, daß hell die Nacht uns werde.

 

Nov 12 21

Wasser-Stanze

Auf Knospen fallend, daß sie seufzend schwingen,
im Halbschlaf mahnen Tropfen uns an Tränen.
Die Bergkristalle, die zu Gischt zerspringen.
Die Dämmerung erhellend Schnee von Schwänen.
Und weht von weißen Schiffen trunken Singen,
erwägen wir als Pflicht, sich glücklich wähnen.
Ist unser Tropfen dem Meer zurückgegeben,
wird ihn der Strahl zu Wolken wieder heben?

 

Nov 11 21

Stanze ohne Höhepunkt

Da sind noch Stimmen, Jauchzen oder Klagen,
doch mündend schon in unfruchtbare Meere.
Da sind noch Augen, Schimmer, stummes Sagen,
doch bald verschwimmen sie im Dunst der Leere.
Da sind noch Hände, Kosen oder Schlagen,
doch müde schon wie Sklaven der Galeere.
So wollen wir nichts hören, sehen, fühlen,
der Erde Würmer wühlen blind, sie wühlen.

 

Nov 11 21

Terzinen auf die Jahreszeiten

Im Maienduft am offnen Fenster stehen
und hören, wie die Abendglocken mahnen,
daß mit den Sternen Seelen untergehen.

Der Gräber denken, bang verstummter Ahnen,
wo Moose schon die Inschrift überflecken,
und Klopstocks Ode grüne Stille bahnen.

Im Sommer sich mit Gras und Küssen necken,
als könnten sie entflammen Ginsters Zungen,
in dunklen Mulden Lockenpracht verstecken.

Hat sich der Lerche Wehmut ausgesungen,
den weißen Kelch auf schwarzen Weihern finden,
der letzten Duft dem Herbste abgerungen.

Wenn Wege sich im Schnee ins Leere winden,
ein Purpurblatt noch zwischen Seiten pressen,
wie weichen Lebens Schlaf in harte Rinden,

daß wir das Lied der Rose nicht vergessen.

 

Nov 11 21

Maurice Carême, Au Cirque

Ah ! si le clown était venu !
Il aurait bien ri, mardi soir :
Un magicien en cape noire
A tiré d’un petit mouchoir
Un lapin, puis une tortue
Et, après, un joli canard.
Puis il les a fait parler
En chinois, en grec, en tartare.
Mais le clown était enrhumé :
Auguste était bien ennuyé.
Il dut faire l’équilibriste
Tous seul sur un tonneau percé.
C’est pourquoi je l’ai dessiné
Avec des yeux tout ronds, tous tristes
Et de grosses larmes qui glissent
Sur son visage enfariné.

 

Im Zirkus

Ach, wär der Clown doch aufgetaucht!
Er hätte Dienstag abend so gelacht:
Ein Magier im Umhang, schwarz wie die Nacht,
hat aus seinem Schnupftuch sie hervorgebracht:
ein Häslein, eine Schildkröte drauf,
eine Ente, recht hübsch.
Dann ließ er sie reden im Terzett
chinesisch, griechisch, tatarisch.
Doch der Clown lag mit Fieber im Bett:
Der dumme August fandʼs nicht nett.
Er hatte zu balancieren
auf einem durchlöcherten Faß.
So hab ich ihn gemalt ganz blaß
mit traurig-runden Augen und Schlieren
auf den gepuderten Wangen,
Tränen, sie rannen dem bangen.

 

Nov 10 21

Maurice Carême, Les Deux Scarabées

Un scarabée montait la rue,
Un scarabée la descendait.

-Passez donc, monsieur, s’il vous plait,
Puisque vous descendez la rue.

-Après vous, monsieur, s’il vous plait,
La remonter est plus ardu.

Chacun tenant son chapeau gris
Dans une main gantée de gris

Voulait être le plus poli
Des scarabées nés dans la dune.

Ils s’étaient croisés à midi.
A minuit, madame la lune

Les vit encore se souriant,
Se parlant et se saluant,

Chacun tenant son chapeau gris
Dans une main gantée de gris.

 

Die beiden Skarabäen

Ein Skarabäus stieg den Weg hinan,
ein Skarabäus kam herabgeschritten.

„Nach Ihnen, mein Herr, darf ich bitten,
der Abstieg ist nicht leicht getan.“

„Nach Ihnen, mein Herr, darf ich bitten,
der Aufstieg ist kein Schlendrian.“

Jeder lüpfte seinen grauen Hut
mit einer Hand in grauem Tuch.

Jeder wollte der höflichste sein,
Skarabäen, die der Sand geboren.

Seit Mittag standen sie Bein an Bein,
um Mitternacht sah Frau Luna die Toren

noch lächelnd sich die Zeit versüßen
mit Plaudern und höflichem Grüßen:

Jeder lüpfte seinen grauen Hut
mit einer Hand in grauem Tuch.

 

Nov 9 21

Der Winter der Liebenden

So sind die Sonnentage fortgegangen,
wie dumpf verhallen schwere Abendglocken.
Ein Schluchzen blieb, wo gestern Vögel sangen.

Die Wolken kämmt der Wind, die grauen Locken,
und tote Falter fallen auf die Erde.
Es ist, als ob der Freude Quellen stocken.

Daß uns nicht Trauern ohne Sanftmut werde,
betrachten wir das stumme Flockentreiben
wie treuen Himmels reine Schmerzgebärde.

Im Öden laß als Liebende uns bleiben.
Uns sollen Blumen noch im Dunkel sprießen,
im Frost erblühte auf den Fensterscheiben.

O Blumen, die am Sonnenkuß zerfließen.

 

Nov 9 21

Maurice Carême, L’Ogre

J’ai mangé un oeuf,
Deux langues de boeuf,
Trois rôts de mouton,
Quatre gros jambons,
Cinq rognons de veau,
Six couples d’oiseaux,
Sept immenses tartes,
Huit filets de carpe,
Neuf kilos de pain,
Et j’ai encore faim.
Peut-être, ce soir,
Vais-je encore devoir
Manger mes deux mains
Pour avoir enfin
Le ventre bien plein.

 

Der Oger

Gegessen habe ich ein Ei,
von Rinderzungen ihrer zwei,
drei würzige Lämmerlein,
Schinken vier vom Schwein,
fünf Kälbernieren,
sechs Vogelpärchen sollten nicht frieren,
sieben gewaltige Kuchen,
acht Karpfen, die mir fluchen,
neun Kilo Brot am Stück:
Der Hunger kehrt zurück.
Vielleicht muß ich am Abend,
am eignen Leib mich labend,
verschlingen meine Hände,
daß mir am guten Ende
platzen die Magenwände.

 

Nov 8 21

Liebe, die da ferne weilt

Ein Schimmer aus dem Schneelicht deiner Lenden,
Glanz deiner Augen, die der Sonne danken,
soll meine Zeilen aus dem Zwielicht wenden.

Und meinen Worten, die wie Blumen kranken,
da sie umsonst der Frühe Tau erwarten,
sie, die auf allzu dünnen Stielen schwanken,

entsende feuchten Hauch aus deinem Garten,
magst kleinen Blüten weiche Tropfen sprengen,
daß sie vergebens nicht ins Leere starrten.

So wird der heiße Tag sie nicht versengen,
Endymion mag sie dem Monde pflücken.
Und wandelst du in fernen Laubengängen,

wo bunter Vögel Stimmen dich entzücken
und süße Beeren an den Ranken locken,
wird mir der Vers an deinem Glück noch glücken.

O koste sie, so bleibt mein Wort nicht trocken.

 

Nov 7 21

Am Saum des Abschieds

Der Abend will die Rosenknospe schließen,
die einmal noch ein weher Strahl entflammt,
der Traube Glut aus blauer Schale fließen

auf unsrer Müdigkeiten dunklen Samt.
Die Vogelrufe, die ans Ufer uns geleitet,
zum Schweigen hat sie Mondes Gram verdammt.

Pans Huf hat uns ein Bett im Gras bereitet,
wir wollen Herz an Herz wie Träumer liegen,
bis sanft ein Flügel durch die Zweige gleitet,

die sich von seinem Hauch im Dunkel wiegen.
Als wär zerronnen uns das Leid im Tau,
wenn weinend Wange wir an Wange schmiegen,

als hätte sich der Kuß von Mann und Frau,
die Woge, worauf Feuerblüten treiben,
in Dämmerung gelöst und mildes Grau.

O Liebende noch am Saum des Abschieds bleiben!

 

Nov 6 21

Maurice Carême, L’École

L’école était au bord du monde,
L’école était au bord du temps.
Au-dedans, c’était plein de rondes ;
Au-dehors, plein de pigeons blancs.

On y racontait des histoires
Si merveilleuses qu’aujourd’hui,
Dès que je commence à y croire,
Je ne sais plus bien où j’en suis.

Des fleurs y grimpaient aux fenêtres
Comme on n’en trouve nulle part,
Et, dans la cour gonflée de hêtres,
Il pleuvait de l’or en miroirs.

Sur les tableaux d’un noir profond,
Voguaient de grandes majuscules
Où, de l’aube au soir, nous glissions
Vers de nouvelles péninsules.

L’école était au bord du monde,
L’école était au bord du temps.
Ah ! que ne suis-je encor dedans
Pour voir, au-dehors, les colombes !

 

Die Schule

Die Schule lag am Weltenende.
Die Schule lag am Rand der Zeit.
Innen waren geschwungene Wände,
Draußen Turteltauben, als hättʼs geschneit.

eschichten konnte man dort hören,
wunderbar von Anbeginn.
Wollen sie wieder mich betören,
weiß ich nicht mehr, wo ich bin.

Um die Fenster rankten sich Blüten,
wie man ihnen nie begegnet.
Blutbuchen im Schulhof erglühten,
in Spiegeln hat es Gold geregnet.

Auf den Tafeln schwarz wie Teer
segelten Großbuchstabenscharen,
wir sind vom Nord- zum südlichen Meer
zu neuen Inseln ausgefahren.

Die Schule lag am Rande der Welt,
die Schule lag im Zeitengrauen.
Ach, wieder dort aus dem Fenster zu schauen,
wie Taubengefieder den Hof erhellt!

 

Nov 6 21

Maurice Carême, Le Temps des Violons

C’est le temps des violons,
C’est le temps des violettes.
Le printemps joue au ballon.
Les fillettes lui font fête.
Et, comme balles au bond,
Les toits brillants se renvoient
Le salut de leurs pigeons.
Avril, prêtez vos souliers
Au soleil pour mieux sauter.
Frère Jacques, dormez-vous ?
Le ciel n’attend plus que vous.
Le bonheur vient d’accrocher
Sa corde neuve aux pommiers.

 

Die Zeit der Violinen

Es ist die Zeit der Violinen,
es ist die Zeit der Violen.
Der Frühling summt mit Bienen.
die Mädchen singen Triolen.
Wie Bälle, die springen,
kann man Taubenrufe hören
von hellen Dächern widerklingen.
Aus Strahlen mach dir Schlaufen,
April, um besser zu laufen.
Bruder Jakob, schläfst du noch?
Der Himmel wartet dein doch.
Das Glück spannt seine neue Saite
über blühender Gärten Weite.

 

Nov 5 21

Die Kleine, die hüpfte

Die Kleine, deren Zöpfe golden stoben,
sie tänzelte, sie hüpfte froh und sang
durchs Nieselgrau des tristen Morgens.

Sie huschte wie ein rotes Hörnchen
an dunklen Menschen-Statuen entlang,
die vor den Läden Schlange standen.

Wie silbern war ihr dünner Schrei,
als sie das heiße Händchen streckte,
wo hinter Scheiben Puppen äugten.

Doch ging die Mutter stumm vorbei,
sie hinterdrein, und blieb ganz unverdrossen.
Die Püppchen hatten ihre Augen schon geschlossen.

 

Nov 5 21

Bilder der Liebe

Wie vollen Mondes Auf- und Niedergehen
war deines Lächelns weich gedehnter Bogen
in Knospen, die von seinen Strahlen wehen.

Den Schwänen gleich, von Rosen angezogen,
sie sind wie Schnee und Schnee, worein sie tunken,
durchglittest sanft du meiner Schmerzen Wogen.

Wie Blüten, in der Nacht herabgesunken,
als hätte sie beschwert das Salz der Sterne,
hat Tau dein Blick aus meinem Blick getrunken.

Der Katze gleich, die in der Sonne gerne
sich wärmt, hast du am Fenster lang gesessen,
und was du fühltest, schwieg dir zu die Ferne.

Wie könnten, Liebe, deine Bilder wir vergessen.

 

Nov 4 21

Wir stehen stumm

Im harschen Hauch auf winterlichen Fluren
verweht, was uns aus schmal gewordnem Munde
quillt, deutungslos wie vage Nebelspuren.

Uns kümmert nicht der Ort, nicht, ob die Stunde
mag noch den Großen Wagen vor uns heben,
ob letzte Rosen tropft des Abends Wunde.

Wie dunkel ist verwaister Menschen Leben,
wenn Tränen nur den Liebespfad erhellen,
die lange zögernd an den Wimpern schweben.

Und rinnen sie und müssen sie zerschellen
wie Perlen Taus an harter Erde Steinen,
erlöschen wir wie ausgetrunkne Quellen.

Wir stehen stumm und können nicht mehr weinen.

 

Nov 3 21

Maurice Carême, Le Cheval

Et le cheval longea ma page.
Il était seul, sans cavalier,
Mais je venais de dessiner
Une mer immense et sa plage.

Comment aurais-je pu savoir
D’où il venait, où il allait ?
Il était grand, il était noir,
Il ombrait ce que j’écrivais.

J’aurais pourtant dû deviner
Qu’il ne fallait pas l’appeler.
Il tourna lentement la tête

Et, comme s’il avait eu peur
Que je lise en son cœur de bête,
Il redevint simple blancheur.

 

Das Pferd

Da lief ein Pferd mir über die Seite.
Es war ohne Reiter, war allein.
Gerade fiel mir zu zeichnen ein
den Strand des Meers und seine Weite.

Wer hätte mir die Kunde gebracht,
woher es kam, wohin es lief?
Es war groß, schwarz wie die Nacht,
warf einen Schatten auf meinen Brief.

Eigentlich hätte ichʼs wissen sollen,
rief ich nach ihm, würde es schmollen.
Es wandte den Kopf wie scheue Wesen,

und als hätte es Angst bekommen,
ich könnte in seinem Tierherzen lesen,
ist es wieder im Weißen verschwommen.

 

Nov 2 21

Si tacuisses …

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn jeder vor seiner eigenen Türe kehrte, wären alle Wege sauber.

Wenn sich jeder um sich selber kümmerte, wäre allen geholfen.

Aber sich in fremde Angelegenheiten zu mischen und alles mißzuverstehen, alles in Unordnung zu bringen gilt als Zeichen eines moralisch hochstehenden Charakters.

Von nüchterner Vernunft nicht begrenztes Wohlwollen verschlimmert den Mißstand, zu dessen Behebung es unter allen Anzeichen von Empathie und Euphorie heroisch anzutreten pflegt.

Si tacuisses … Aber sie, die Meisterdenker, leiden am meisten unter dem pathologischen Zwang, nicht den Mund halten zu können.

Der wie eine Taube geräuschvoll aufflatternde Satz … der plötzlich abbricht, als wäre unhörbar ein Schuß gefallen … als hätte Apollon seinen Pfeil abgeschossen.

Amtlich bestallte Reliquienverehrer, die ein ganzes Professorenleben darangeben, sich in der blassen, immer weiter wuchernden Ranke einer Fußnote am Werk Platons, Kants, Hegels oder Adornos zu entwirklichen.

Ihre devotesten Schüler bekommen einen Ableger, der ihnen, wenn er durch eifriges Wässern Wurzeln bildet, ein glänzendes Examen in Aussicht stellt.

Die menschliche Eitelkeit geht dialektisch so weit, daß ein Philosoph, der das Glück darin sah, verborgen zu leben, und anderen nicht auf den Ruf und den Ruhm zu achten und zu bauen anempfahl, eben aufgrund dessen hoher Achtung und eines weiten Rufes gewürdigt zu werden bemüht war, und tatsächlich dadurch allbekannt und berühmt wurde.

Manche Propheten der Menschheitsbeglückung ähneln den vom Tourette-Syndrom heimgesuchten Autisten, nur daß sie anstelle von Flüchen und obszönen Interjektionen dem semantischen Zwang unterliegen, kontextfrei knallig-billige Plastikrosen, das heißt Begriffe wie Humanität, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Weltrettung, in die Menge schleudern zu müssen.

Die korrekte und die mißglückte Bildung von Sätzen stehen gleichnishaft für den Sinn und Unsinn des menschlichen Lebens.

Dichtung ist ein anmutiger Tanz mit Worten, der die fatalen Fußfesseln und Fallstricke nicht fürchten muß, die dem gravitätischen Gang des Denkens mit Worten in den unscheinbaren Begriffen „wahr“ und „falsch“ allenthalben begegnen.

Doch sollten die Schritte und Figuren beim Tanz kein unkontrolliertes Gezappel und wildes Getrampel sein; hier finden wir der Poesie eigene Kriterien der präskriptiven Zuschreibung und der ästhetischen Urteilskraft wie plump und elegant, verworren und maßvoll, schwerfällig und behende, kraftlos und gespannt, farblos und schillernd und viele weitere mehr.

Die meisten wohlwollenden Ratschläge sind solche, um die man nicht gebeten hat.

Die uns raten, tun es meist, um uns nicht gleich zu ohrfeigen.

Das kulturelle Elend der Deutschen zeigt sich in dem trotz der Mahnungen und Menetekel von 1933, 1945, 1968, 1989 zügellos gebliebenen Verlangen nach sozialen Utopien.

Der nüchtern gewordene Geist, wie der eines Horaz, eines Seneca oder Tacitus, nimmt hin, daß es über das morgendliche Festmahl und den sonntäglichen Spaziergang mit Freunden oder wenn es hochkommt den abendlichen Kuß der Geliebten hinaus nichts zu erwarten gibt.

Die Resignation ist die Schwelle zum Glück, und sei es zu dem bescheidenen, auf einem bemoosten Stein in der Abendsonne zu sitzen und nichts weiter zu fühlen als die noch warmen Strahlen auf der Haut und nicht weiter zu sehen, als die letzten Strahlen eben reichen.

Würde man die Funktionsträger der politischen Elite durch Automaten ersetzen, die nur stumm die Lage berechnen und fällige Entscheidungen auf ihren Bildschirmen anzeigen, müßten Krethi und Plethi nichts entbehren, aber jeder Feinhörige dürfte für die Stille danken, in der all die hochmögenden Phrasen ungesagt blieben.

Wenn ein kleiner Verrückter einen großen der Verrücktheit zeiht, wie Schopenhauer Hegel, ist dies nicht allemal ein Ausweis von Vernunft.

Hegel mal Marx ist gleich Irrsinn im Quadrat.

Ein kopfstehendes schlangenlockiges Monstrum auf die Füße zu stellen macht aus ihm noch keinen Apoll.

Der Glaube, daß der Heilige Geist sowohl aus dem Vater als auch aus dem Sohne hervorgehe, ist die reine Vernunft gegenüber jenem, wonach sowohl das Ich als auch das Nicht-Ich aus dem absoluten Ich hervorgehen.

Die den Gedanken nicht ertragen, daß der Raum zwischen den Sternen und Galaxien leer ist und stumm, erlauschen sich Engelschöre. Das spricht vielleicht nicht für ihren Verstand, aber für ihren edlen Charakter.

Der Glaube, daß die Götter wie Menschen Händel und Liebschaften untereinander pflegen, ist die reine Vernunft gegenüber jenem, wonach die Rede zwischen Krethi und Plethi, läßt man ihnen nur freie Hand und gewährt ihnen eine Tüte blauer Luft, von rationalen Kriterien gelenkt und zu einer respektheischenden Verständigung erblühen werde.

Die Torheiten der Philosophen verbreiten sich epidemisch, wenn sie mit dem Nachhall der alten Heilsversprechen versehen wurden.

Jene, denen die Wahrheiten der Bibel nur ein Grinsen entlocken, blicken selig-verklärt auf zu den Kathedern philosophischer Heilsverkündigung.

Wenn Fichte, Hegel und Schopenhauer sich aus derselben Quelle nähren, kann diese trotz der Kritik der reinen Vernunft nicht ganz sauber sein.

Das Kind bemerkt, wie es größere Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zieht, wenn es krank ist und sich unter der Decke verkriecht; desgleichen finden wir den neurotischen Patienten, der scheinbar grundlos krank wird und sich in seinem Unterschlupf verbirgt, in der törichten Hoffnung, gütige Augen würden ihn bald dort entdecken.

Wenn das Kind die Puppe wiegte, ließ sie den wonnigen Laut eines Babys vernehmen; nachdem das Kind die Puppe, um eine ungute Neugierde zu stillen, recht unsanft geöffnet hatte, blieb sie stumm.

Die despektierlich herabzerrende Geste, mit der man einmal glaubte durch das Herunterreißen der Talare den unter ihnen angesammelten Muff freizulegen, ist heute zur grauen Phrase der Festtagsreden und dem staubigen Rankenwerk feuilletonistischer Nachrufe erstarrt.

„Die Welt als Wille und Vorstellung“ – welch eine befremdliche Phantasmagorie, was für ein Irrwitz schon im Titel.

Wer wähnt, die Welt sei seine Vorstellung, hat vergessen, daß er der Sohn seiner Eltern ist.

Mißtrauen wir den Geistesblitzen in der währenden Nacht der Vernunft.

Der Kunsthandwerker versteht sich darauf, mit wenigen routinierten Griffen die Töpferscheibe wieder in Drehung zu versetzen, die Meißener Porzellanfigur zu kitten, ohne daß die Bruchstelle zu sehen wäre, dem Kirchenfenster transparentere farbige Scheiben einzufügen; die kurzsichtigen Bürokraten und betriebsblinden Sozialingenieure aber, denen gesinnungsethisch verblendete Politik ihre Entscheidungen zur allbeglückenden Modernisierung der Gesellschaft überantwortet, können die marktschreierisch ausgerufenen Eingriffe in die Feinmechanik und das undurchsichtige Netzwerk des ökonomischen oder sozialen Systems nur unter dem unausbleiblichen Risiko ihrer Beschädigung vornehmen.

Gott als Substanz, ens verum, ens realissimum, causa prima, causa finalis … – die christliche Theologie als parasitärer Wurm, der sich durch den Leichnam der antiken Metaphysik frißt.

So mag Pascal es gemeint haben: Die Gebete, die Riten, die Hymnen sind echt und ursprünglich, nicht der Weihrauch der Theologie, der sie im Zwielicht surrealer Begriffswolken verschwimmen läßt.

Der parasitäre Wurm der Theologie frißt sich durch den Leichnam der antiken Metaphysik, bis er schließlich im Ekel und Überdruß von Atheismus und Nihilismus kraftlos von ihm abfällt.

Man kann Begriffe definieren, konstruieren, dekonstruieren – aber keine natürlichen Sprachen, die uns eine ins Dunkel der Vergangenheit reichende Überlieferung vermacht hat.

Der Gebrauch von „wissen“ führt uns auf die notwendigen Bedingungen des korrekten Gebrauchs von „wahr“ und „falsch“.

Die Bedingungen des korrekten Gebrauchs von „wahr“ und „falsch“ sind objektiv; dieser Umstand schließt nicht aus, sondern impliziert, daß „Objektivität“ ein korrelativer Begriff zu „Subjektivität“ ist.

Denn wir können „wissen“ nicht korrekt verwenden, ohne zu sagen: „Ich weiß“ oder „Wir wissen“; das mittels der Personalpronomina der ersten Person aufgespannte syntaktische Netzwerk aber verweist uns auf räumlich und zeitlich verschiebbare Positionen seiner Befestigung, während die Semantik von „wissen“ davon unberührt bleibt.

So können wir logisch konsistent nicht sagen: „Ich wußte, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist“, denn dies würde implizieren, daß wir jetzt eine Wahrheit verkennen, die wir einmal erkannt hatten; ja, eine Wahrheit in der Vergangenheit einmal eingesehen und gewußt zu haben impliziert, sie auch in der Gegenwart noch zu wissen, falls nicht Geistesschwäche oder Demenz unsere Wissensbestände aufgelöst hat.

Freilich, wenn wir den Satz in ein passendes syntaktisches Netz fügen, dem wir räumliche und zeitliche Koordinaten zuordnen, können wir ihn ohne Widerspruch behaupten und etwa sagen: „Unser Geographielehrer hat uns anhand eines astronomischen Modells vorgeführt, wie der Mond um die Erde kreist. Da wußte ich, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“

Daß der Mond der einzige Erdtrabant ist, bildet eine Tatsache und ist keine Vorstellung von der Welt, die natürlicherweise verschwindet, wenn wir in den Schlaf oder eine Ohnmacht sinken; sie bleibt auch dann eine objektive Wahrheit, wenn wir aufgrund einer Geistesschwäche daran gehindert würden, ihrer inne zu werden. Allerdings, ihrer inne zu werden impliziert, daß du oder ich oder wer immer sagt: „Ich weiß, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“

Der semantische Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von „wissen“ und dem Gebrauch von „wahr“ und „falsch“ ist ein interner und logisch notwendiger Zusammenhang, der syntaktische Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von „wissen“ und dem Gebrauch der Personalpronomina der ersten Person ist ein externer und logisch nicht notwendiger Zusammenhang.

 

Nov 2 21

Maurice Carême, Le Poète

Il reprit encore sa feuille
Et crut devenir enragé.
Il tournait comme un écureuil
Que l’on retiendrait encagé.

Il pensait bien à un chevreuil,
Mais qu’en faire ? Etait-ce à Mellier,
Etait-ce, un soir, à Grand Verneuil
Qu’il l’avait vu au bord d’un pré ?

Dire qu’il est des fruits qu’on cueille
A la main, sans se déplacer,
Qu’il est des loriots, des bouvreuils
Qui chantent comme on joue aux dés !

Il repris encore sa feuille
Et demeura tout étonné
Il avait douze vers rimés,
six vers en é, six vers en euil
qui ne lui avait rien coûté.

 

Der Dichter

Erneut war ihm der Versfuß verrenkt,
er glaubte, schon verrückt zu sein.
Ist im Kreise herumgeschwenkt,
wie ein Eichhorn in des Käfigs Pein.

Das Bild eines Rehs hat ihn abgelenkt.
Wohin damit? Warʼs bei Götzenhain,
oder als sich die Nacht gesenkt,
bei Großkrotzenburg am Main?

Da werden sogar Hände geschwenkt,
und doch bleibt man starr wie ein Stein,
da ist die Luft von Zwitschern durchtränkt,
als würfle man Würfel zu zwein!

Der Versfuß war wieder eingerenkt,
sein Erstaunen war nicht klein,
ein Dutzend Reime nannte er sein,
sechs auf „-ein“ und sechs auf „-enkt“,
und keiner riß ihm aus ein Bein.

 

Nov 1 21

Maurice Carême, Le Chat et le Soleil

Le chat ouvrit les yeux,
Le soleil y entra.
Le chat ferma les yeux,
Le soleil y resta.

Voilà pourquoi, le soir
Quand le chat se réveille,
J’aperçois dans le noir
Deux morceaux de soleil.

 

Die Katze und die Sonne

Machte die Katze die Augen auf,
trat die Sonne hinein.
Machte die Katze die Augen zu,
blieb dort der Sonnenschein.

Drum, wenn sie abends erwacht,
sehe ich aus zwei Schlitzen
kleine Sonnen der Nacht
in der Dunkelheit blitzen.

 

Nov 1 21

 Maurice Carême, La Lune

Ah ! Quel dommage !
La lune fond.
Il n’est plus rond
Son gai visage.

Quelle souris
En maraudage
La prend, la nuit,
Pour un fromage ?

Elle maigrit
Que c’est pitié :
Plus qu’un quartier
Qui s’amincit…

Mais sans souci
Presque au cercueil
La lune rit
Avec un œil.

 

Der Mond

O je, wie schade!
Der Mond schmilzt hin,
spitz wird sein Kinn,
sein Lächeln fade.

Wer hätt die Maus bedacht,
daß sie den Mond erläse
anknabbernd ihn bei Nacht
als ein Stück Käse?

Er magert schnell.
Wohl ist es schad:
Um mehr als 90 Grad
ist weniger er hell …

Doch kein Gesicht gemacht!
Beinahe ganz im Loch,
der Mond, er lacht
mit einem Auge noch.

 

Okt 31 21

Stanzen von den Ton- und Schaumgebilden

Wie Töpfers feuchte Hände Formen sinnen
aus dunkler Erde Ton, die Hüften schwellen
der schlanken Vase, doch wie Tränen rinnen
die Perlen, die den steilen Wuchs erhellen,
sie trocknen Gluten, süßer Flammen Minnen,
die schöne Tochter Schwestern zu gesellen.
Vollendet ist das Werk, wenn Blüten ragen,
die uns von Lebens stiller Schöne sagen.

So ist dem Dichter Schaum anheimgegeben
von Wogen, die aufs Ufer Mondnacht gießen,
Gespinste, die auf dunklen Wassern schweben,
in zarter Knospen Schmelz sie einzuschließen,
er kann noch scheue Ranken ihnen weben,
die um den reinen Schlaf der Schwäne fließen.
Vollendet ist das Werk, wenn Düfte quillen,
am Liebesblick die Knospen sich enthüllen.

 

Okt 31 21

Maurice Carême, Pour Ma Mère

Il y a plus de fleurs
Pour ma mère en mon cœur
Que dans tous les vergers
Plus de merles rieurs
Pour ma mère en mon cœur
Que dans le monde entier
Et bien plus de baisers
Pour ma mère en mon cœur
Qu’on en pourrait donner

 

Meiner Mutter

Es gibt auf meines Herzens Rain
für meine Mutter Blumen allein
mehr als in allen fremden Beeten.
Mehr Amselsänge, die ihr benedein
in meines Herzens Schrein
als je die Welt durchwehten.
Mehr Küssen, stumm erflehten,
gönnt ich das Bild der Mutter mein,
als je die Frommen, die ihm beten.

 

Okt 31 21

Maurice Carême, Le Chaperon Rouge

« Chaperon rouge est en voyage »,
Ont dit les noisetiers tout bas.
Loup aux aguets sous le feuillage,
N’attendez plus au coin du bois.

Plus ne cherra la bobinette
Lorsque, d’une main qui tremblait,
Elle tirait la chevillette
En tendant déjà son bouquet.

Mère-grand n’est plus au village.
On l’a conduite à l’hôpital
Où la fièvre, dans un mirage,
Lui montre son clocher natal.

Et Chaperon rouge regrette,
Le nez sur la vitre du train,
Les papillons bleus, les fleurettes
Et le loup qui parlait si bien.

 

Das Rotkäppchen

„Rotkäppchen ist auf Reisen“,
hat’s sanft vom Haselstrauch gehallt.
Wolf, komme aus des Dickichts Schneisen
und warte nicht auf sie im Wald.

Die Tür, sie ächzt nicht wieder,
streckt zitternd sie die Hände aus
und drückt die Klinke nieder,
zückend schon den Blumenstrauß.

Großmutter konnt im Dorf nicht bleiben,
man brachte sie ins Hospital,
wo ihr durch fieberdüstre Scheiben
der Kirchturm flirrt im Heimattal.

Rotkäppchen aber sieht verdrossen,
am Zugfenster drückt sie die Nase platt,
die blauen Falter, die grünen Sprossen
den Wolf, der so schön gesprochen hat.

 

Okt 30 21

Traumpfad am Rhein

Wie heimatlich ist hier die Luft, es scheinen
die Wege alle in den Rhein zu münden,
wo die verirrten Seelen sich vereinen.

Wie sanft sich Himmels Schieferbrauen ründen,
und immer sprühen helle Wolkenlitzen,
die sich im Abendrot um Türme winden,

auf denen weiße Turteltauben sitzen,
im Schlafe gurrend, wenn die Glockenklänge
mit Schwalbenrufen durch das Dunkel blitzen.

Ach, gehen wir noch einmal still die Gänge,
wie Hand in Hand sich liebend Anvertraute.
Vernimmst auch du der Dämmerung Gesänge,

als ob im schwarzen Ried schon Glitzern taute
und Mondes schneebeflaumte Schwäne flössen
durch weichen Wassers aufgeschluchzte Laute?

Auf daß wir einmal noch des Weins genössen,
wie sänftigte der zarte Klang der Schalen,
als ob uns Rosen um die Herzen sprössen.

O wie versanken, Rosen, eure Strahlen.

 

Okt 30 21

Die Reliquien

Der Wahrheit Kelch liegt umgehauen,
das Gold des Weins, das ihm entquollen,
verblich im ersten Morgengrauen.

Als zögernd Vogelruf erschollen
vom Garten mit den wehen Trieben,
ließ lauer Hauch die Krümel rollen,

die auf dem bleichen Tuch geblieben,
vom Brot, dem ungesäuerten,
wie Vätergeist es vorgeschrieben.

Die treuen Sinn beteuerten,
und Hoffnung aßen, Glauben tranken,
daß ganz sie sich erneuerten,

sie bargen sich in Schattenranken
und flohen vor den Feuerzungen,
dem Blut, das dunkle Engel tranken.

Den Spatzen nur ist es gelungen,
sie flatterten zum Tisch des Boten
und labten ihre kleinen Zungen

an den Reliquien des Toten.

 

Okt 29 21

Maurice Carême, La Peine

On vendit le chien, et la chaîne,
Et la vache, et le vieux buffet,
Mais on ne vendit pas la peine
Des paysans que l’on chassait.

Elle resta là, accroupie
Au seuil de la maison déserte,
A regarder voler les pies
Au-dessus de l’étable ouverte.

Puis, prenant peu à peu conscience
De sa forme et de son pouvoir,
Elle tira d’un vieux miroir
Qui avait connu leur présence,

Le reflet des meubles anciens,
Et du balancier, et du feu,
Et de la nappe à carreaux bleus
Où riait encore un gros pain.

Et depuis, on la voit parfois,
Quand la lune est dolente et lasse,
Chercher à mettre des embrasses
Aux petits rideaux d’autrefois.

 

Der Kummer

Man verkaufte den Hund samt der Leine,
die Kuh und den Schrank, schon betagt,
doch Käufer für den Kummer fanden keine
die Bauern, die man fortgejagt.

So blieb er auf der Schwelle sitzen,
vor dem verwaisten Hause dort,
und sah die Elstern stibitzen,
der Riegel vor der Stallung war fort.

Dann wurde allmählich er inne
der eignen Schöne, eigner Macht,
ihm blitzten aus des alten Spiegels Nacht,
der alles barg in seinem treuen Sinne,

Schimmer auf von alter Möbel Pracht,
von der Pendeluhr, vom Feuer im Herd,
und vom Tischtuch, blaukariert,
wo noch ein großer Brotlaib gelacht.

Manchmal sieht man ihn seitdem,
bei einem Mond, zum Glücklossein verflucht,
wie er Kordeln anzubringen sucht
an den kleinen Gardinen von ehedem.

 

Okt 29 21

Maurice Carême, Le Muguet

Carillonnez ! car voici Mai !
Cloches naïves du muguet !

Sous une averse de lumière,
Les arbres chantent au verger,
Et les graines du potager
Sortent en riant de la terre.

Carillonnez ! car voici Mai !
Cloches naïves du muguet !

Les yeux brillants, l’âme légère,
Les fillettes s’en vont au bois
Rejoindre les fées qui, déjà,
Dansent en rond sur la bruyère.

Carillonnez ! car voici Mai !
Cloches naïves du muguet !

 

Das Maiglöckchen

Maiglöckchen, Mai ist gekommen,
schwing deine Glocken, die frommen!

Unter des Lichtes Schauern
raunen die Bäume sich Reime,
Gemüse sprießt lächelnde Keime
zwischen den Gartenmauern.

Maiglöckchen, Mai ist gekommen,
schwing deine Glocken, die frommen!

Mit schimmernden Augen, schweifenden Herzen
sind die Mädchen zum Wald entflohn,
wieder die Feen zu treffen, die schon
im Heidekraut Reigen tanzen und scherzen.

Maiglöckchen, Mai ist gekommen,
schwing deine Glocken, die frommen!

 

Okt 28 21

Maurice Carême, L’automne

L’automne, au coin du bois,
Joue de l’harmonica.
Quelle joie chez les feuilles !
Elles valsent au bras
Du vent qui les emporte.
On dit qu’elles sont mortes,
Mais personne n’y croit.
L’automne, au coin du bois,
Joue de l’harmonica.

 

Der Herbst

Dem Saum des Waldes nah
Herbst spielt Harmonika.
Wie sich die Blätter freuen!
Im Walzerschritt reißt da
der Wind sie mit sich fort.
Es heißt, sie sind verdorrt.
Doch niemand glaubt es ja.
Dem Saum des Waldes nah
Herbst spielt Harmonika.

 

Okt 28 21

Maurice Carême, Simple Vie

C’est du soir en fruit,
De la nuit en grappe
Et le pain qui luit
Au clair de la nappe.

C’est la bonne lampe
Qui met, sur les fronts
Rapprochés en rond
Sa joie de décembre.

C’est la vie très simple
Qui mange en sabots,
C’est la vie des humbles :
Sourire et repos.

 

Schlichtes Leben

Es ist im Apfel Abendrot,
Nacht in der Beere,
es leuchtet auf das Brot
aus weißen Linnens Leere.

Es ist der Lampe Güte,
die Stirnen hat erhellt,
was liebend sich gesellt,
als ob ein Schnee erblühte.

Es ist das schlichte Leben,
man ißt im groben Schuh,
das Leben, das ergeben
nur Lächeln sucht und Ruh.

 

Okt 28 21

Adagietto

Wie Flocken, die im Dunkel leuchten,
sind Töne, die herniederschweben
und süßer Liebe Wange feuchten.

Als könnten sie uns noch erheben,
die wir bei welken Blumen kauern,
mit Engelsodem uns beleben.

Sie sprühen Duft von milden Schauern.
Sie gleichen veilchenblauen Blicken,
die lang wie bange Küsse dauern.

Und wenn sie unser Herz entrücken,
will uns die Nacht wie Faltern scheinen,
die Tropfen mondnen Taus beglücken.

O dunkler Glanz uns, daß wir weinen.

 

Siehe:
Gustav Mahler, Adagietto, 5. Symphonie, Claudio Abbado:
https://www.youtube.com/watch?v=yeaCjyxrgGY

 

Okt 28 21

Maurice Carême, La Bise

” Ce sont des feuilles mortes “,
Disaient les feuilles mortes
Voyant des papillons
S’envoler d’un buisson.

” Ce sont des papillons “,
Disaient les papillons
Voyant des feuilles mortes
Errer de porte en porte.

Mais la bise riait
Qui déjà les chassait
Ensemble vers la mer.

 

Der Nordwind

„Das sind welke Blätter“,
sprachen die welken Blätter,
als Falter sie erspähten,
die aus Büschen wehten.

„Das sind Schmetterlinge“,
sprachen die Schmetterlinge,
als welke Blätter schwirrten,
von Tür zu Türe irrten.

Nordwind hat gelacht,
leicht war ihm die Fracht,
als beide er zum Meer verbracht.

 

Okt 27 21

Maurice Carême, La Fillette et le Poème

“Le poème, qu’est-ce que c’est ?
M’a demandé une fillette :
Des pluies lissant leurs longues tresses,
Le ciel frappant à mes volets,
Un pommier tout seul dans un champ
Comme une cage de plein vent,
Le visage triste et lassé
D’une lune blanche et glacée,
Un vol d’oiseaux en liberté,
Une odeur, un cri, une clé ?”

Et je ne savais que répondre
Jeu de soleil ou ruse d’ombre ? -
Comment aurais-je su mieux qu’elle
Si la poésie a des ailes
Ou court à pied les champs du monde ?

 

Das Mädchen und das Gedicht

„Was ist das, ein Gedicht?“,
so fragte mich ein Mädchen,
„ein Regen, glättend sich die langen Flechten,
an mein Fenster klopfend Himmelslicht,
ein Apfel, ganz allein auf einem Feld,
das wie ein Käfig nur von Wind gefüllt,
das Antlitz, traurig und verloren,
des Mondes, schimmernd wie gefroren,
ein Schwarm von Vögeln, der ins Blaue singt,
ein Duft, ein Schrei, ein Tor, das schwingt?“

Darauf ich, als ob ich auch was wüßt:
„Spiel des Lichtes oder Schattenlist?“
Wie hätte besser ich gewußt als sie,
ob Flügel hat die Poesie,
ob barfuß sie durch Wald und Wiesen schießt?

 

Okt 27 21

Maurice Carême, L’Enfant

A quoi jouait-il cet enfant ?
Personne n’en sut jamais rien.
On le laissait seul dans un coin
Avec un peu de sable blanc

On remarquait bien, certains jours,
Qu’il arquait les bras tels des ailes
Et qu’il regardait loin, très loin,
Comme du sommet d’une tour.

Mais où s’en allait-il ainsi
Alors qu’on le croyait assis ?
Lui-même le sut-il jamais ?

Dès qu’il refermait les paupières,
Il regagnait le grand palais
D’où il voyait toute la mer.

 

Das Kind

Wozu nur spielte es, dies Kind?
Das konnte keiner jemals fassen.
Man hat im Winkel es gelassen,
wo weißen Sandes Kühle rinnt.

Doch manchmal sah man es gebannt
die Arme wie zwei Flügel knicken
und fern in lauter Fernen blicken,
als schwebte es an Turmes Rand.

Wohin nur flog es heimlich fort,
da man geglaubt, es säße dort?
Hat’s selber es denn je erfaßt?

Kaum wurden ihm die Lider schwer,
ward es entrückt in den Palast,
von wo es sah das ganze Meer.

 

Okt 26 21

Maurice Carême, La Voix du silence

Depuis le jour où tu es morte,
Nous ne nous sommes plus quittés.
Qui se doute que je te porte,
Mère, comme tu m’as porté ?

Tu rajeunis de chaque instant
Que je vieillis pour te rejoindre ;
Si je fus ton premier tourment,
Tu seras ma dernière plainte.

Déjà, c’est ton pâle sourire
Qui transparaît sous mon visage,
Et lorsque je saurai souffrir
Longtemps, comme toi, sans rien dire,
C’est que nous aurons le même âge.

 

Die Stimme des Schweigens

Es ward um uns seit deinem Sterbetage
ein Band geflochten für und für.
Wer zweifelt noch, daß ich dich in mir trage,
wie du mich, Mutter, trugst in dir?

Du wirst verjüngt in jedem Augenblicke,
um den ich alternd werde dein.
War ich der erste Schmerz in deinem Glücke,
wirst du mein letzter Wehlaut sein.

Es ist dein Lächeln schon, das bleiche,
das mich verklärt mit seinem Schein,
und wenn ich vor dem Leid nicht weiche,
in langem Schweigen dir mich gleiche,
dann werden wir gleichaltrig sein.

 

Okt 26 21

Begriffsmagie

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das Wort besitzt magische Kraft; im Gedicht tut sie Wunder mit beschworenen Blüten, die zu duften scheinen, im Denken aber verlockt sie in ontologische Fallen und logische Labyrinthe, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Im Vergleich zu Gottes allmächtigem Schöpferwort oder dem hybriden Geist des urtümlichen biblischen Autors wissen wir um die reale Ohnmacht unseres Redens. Das Opfer mag den Täter, der das Messer, die Pistole gezückt hat, kniefällig bitten – vergebens. Der Dieb rennt trotz unserer Aufforderung, stehen zu bleiben, davon, denn unser Wort ist leider kein Lasso, womit wir ihn einfangen könnten.

Der Täufling erhält wie durch Schicksalsspruch seinen Taufnamen; doch nur aus dem Munde des dazu legitimierten Zeremonienmeisters. Er bleibt das magische Siegel auf seiner Existenz, und er hört ihn wohl im Halbschlaf oder aus dem monotonen Rauschen des Wasserfalles wie aus dem Munde der Mutter oder der Geliebten rufen.

Der Name des Homer verweht auf den Wogen des Meeres wie der Gesang der Sirenen, die Odysseus, nicht aber uns, den Lesern, gefährlich werden könnten; dagegen dürfen wir im Erzähler seines Romans immer wieder die liebenswürdige, wenn auch bisweilen wie von Schleiern gedämpfte Stimme Prousts vernehmen.

Der Urteilsspruch gilt; doch nur aus dem Munde des legitimierten Richters; mag er in Urzeiten als Fluch seine unmittelbare Wirkung getan haben, wird seine Vollstreckung heute sichergestellt, wenn die schwere Türe hinter dem Gefangenen ins Schloß fällt.

Das Wort ist Fleisch geworden; doch nur im Herzen des Frommen.

Die Qual des Einsamen in den Weltmetropolen wird unerträglich, vernimmt er wie fernes Brandungsrauschen die ozeanische Gesänge des frühen Dichters.

Was wir Wirklichkeit, Realität oder mit sonst einem passenden Begriff benennen, ist das Gitterwerk, an dem einzig die Ranken unserer wahren Rede Halt finden (aber auch und sogar die wilden unserer unwahren).

Die unwahre Rede ist wie der unfruchtbare Seitentrieb unserer wahren Rede, die doch beide am selben Gitter ranken; dagegen ist die sinnlose Rede wie das Wuchern erstickender Triebe über der flachen Erde.

Der Künder des Zauberspruchs, in dem sich die Magie der Beschwörung und der poetische Charme von Klang und Rhythmus vermählten, überlebte den Scheidungsprozeß zwischen Religion und Kunst oder die Ernüchterung der Abklärung als abgemagerter, halb verrückter Eremit der hermetischen Dichtung.

Verlaine wollte dem Vers nur die magische Substanz des Wohlklangs belassen, De la musique avant toute chose; der Rest war ihm, was er verächtlich Literatur nannte. Doch verwehte diese leise Melodie einer schmerzlichen Verzückung nur allzu rasch, als sich der Höllenlärm der Maschinen erhob oder die Totenstille am rostigen Zaun der Hinterhöfe von kümmerlichen Ranken herabtropfte.

Der Mond ist in der Dichtung eines Goethe oder des alten Japan ein magisches Wort-Ding, das unmittelbar aus dem Meer einer sich selbst kaum bewußten Seele auftaucht; die dunklen Wogen oder die nächtliche Wasseroberfläche, die er mit seinen bleichen, unfruchtbaren Strahlen überstreicht, beginnen wie aus dem Munde des Somnambulen ihre seltsam plätschernde, ihre schluchzende Rede.

Die Meisterdenker, die Worte wie Sein und Nichts, Idee und Geist, Subjekt und Objekt, Dialektik und Metaphysik als magische Begriffe und Beschwörungsformeln mißbrauchten, haben uns und sich selbst in ontologische Fallen gelockt, aus denen uns nur der dünne, leicht einreißende Faden der philosophischen Sprachkritik den Weg ins Freie weist.

Wenn wir einen Satz und sein Gegenteil behaupten, etwa sagen: „Jesus war ganz Mensch“ und hernach „Jesus war ganz Gott“, wissen wir, daß die dabei verwendeten Begriffe trotz ihres magischen Leuchtens für unseren sterblichen Verstand nichtssagend oder sinnlos sind. Ihnen einen übermenschlichen Sinn zu verleihen, bedarf, wie Kierkegaard wußte, eines Sprunges, doch ob eines Sprunges ins Freie oder in den Abgrund des Wahnsinns, wer vermag es zu wissen?

Freilich können zwei sich widersprechende Beobachtungssätze miteinander verträglich oder konsistent sein, wenn wir ihre Verwendung mittels Indexikalisierung (wie Orts- und Zeitangaben) einschränken und etwa sagen: „Eben war der Konferenzraum leer; jetzt ist er voll“ oder „Betrachten wir nun das Licht als Welle“ und „Betrachten wir jetzt das Licht als Photon“. Aber wenn wir sagen: „Es hat lange geregnet; das ist ein Beleg des Klimawandels“ und „Es hat lange nicht geregnet; das ist ein Beleg des Klimawandels“, ist es um die konsistente Verwendung unserer Begriffe und Aussagen nicht zum besten bestellt.

Eine ähnliche logische Aporie wie die biblische Überlieferung, wonach Moses auch das letzte seiner Bücher geschrieben habe, in dem von seinem Tod berichtet wird, finden wir im Satz des Matrosen in Melvilles Roman „Moby Dick“, der sich auf eine Tonne rettete, den Untergang des Schiffes beim Ansturm des weißen Wahls habe keiner überlebt.

Wenn es in der Bibel heißt, Gott habe Moses die von ihm selbst in Stein geritzten Gebote ausgehändigt, bemerken wir unmittelbar, inwiefern die hier vorwaltende urtümliche Gottesvorstellung mit der von der griechischen Metaphysik inspirierten, wonach Gott reiner Geist ist, nicht gut zu harmonieren vermag.

Die Übernahme der griechischen Metaphysik in die christliche Theologie ist der logische Giftwurm, der sich am Ende auf fatale Weise durch ihr Herz und Mark gefressen hat.

Wenn Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, wie die Genesis behauptet, so existierte ja nicht nichts vor der Erschaffung der Welt, sondern Gott. Wenn aber Gott, dann auch die Welt und die Natur; und schon sind wir bei Spinoza oder dem Atheismus.

Gottes Wort wird vom Autor der Genesis höchste magische Schöpferkraft zugebilligt, wenn es das Licht aus der Finsternis hervorzurufen vermag. Welche Art Theologie den Sinn von Gottes Wort auch immer zu erschließen vermöchte, keine Philosophie, es sei denn eine törichte, kann dem Menschenwort analoge magische Kräfte zusprechen. Doch was wir ständig hören, spricht für das Gegenteil, nämlich aus Eitelkeit und Anmaßung oder ihr scheinbares Gegenteil (nämlich Sünden- und Schuldbewußtsein) entspringende Aussagen über angebliche begriffliche Konstrukte natürlicher, historischer und sozialer Gegebenheiten wie Geschlecht, Rasse, Identität, Intelligenz und Dispositionen des Charakters und Verhaltens.

Ein historischer Ursprung der modernen und zeitgenössischen Begriffs- und Wortmagie liegt in der Poetik der Romantik und ihrem Programm einer Poetisierung der Welt, der freilich die Tatsachen des Lebens, Krankheit, Wahnsinn, Grausamkeit, Verfall und Tod, Hohn sprechen. Doch schon Baudelaire wußte, daß die Bilder der künstlichen Paradiese einzig den ephemeren Zauber des im Schnee erblühenden Krokus haben, der beim nächsten Nachtfrost wieder dahinwelkt.

Sich als Aufklärung tarnende oder ausgebende philosophische Anmaßung will uns weismachen, daß wir mit den Formen der Anschauung und den Kategorien des Denkens in das Gehäuse oder Gefängnis der Erfahrung eingesperrt sind, in dem die Dinge gleichsam ihre eigenen Simulakren darstellen, ähnlich den Projektionen in der platonischen Höhle. Doch sind, was wir sehen, wirkliche Blumen, und wie wir sie botanisch klassifizieren und beschreiben, gibt uns Auskunft über ihre reale Beschaffenheit; doch sind, mit denen wir umgehen und reden, wirkliche Menschen, und wir erfassen, was sie meinen und beabsichtigen ohne Abstriche, wen sie redlich mit uns sprechen, wenn sie, wie sie es zugesagt haben, ihr Versprechen einlösen.

Wir sind, was wir glauben, fühlen, beabsichtigen, und doch wird, was als unser Wesen anzusprechen allzu großsprecherisch und vollmundig wäre, erst enthüllt, wenn, was wir glauben, von anderen bestätigt oder in Zweifel gezogen wird, wenn wir, was wir fühlen, in den Augen derer, die wir lieben oder denen wir mißtrauen, ablesen können, und wenn unsere Absicht, den anderen mit einem Geschenk zu erfreuen, durch sein offenherziges Lächeln bestätigt oder sein verlegenes durchkreuzt wird.

Genausowenig wie der Physiker in seinem Labor die Photonen erzeugt, deren Verhalten er im Doppelspalt-Experiment untersucht, erzeugt der Künstler, Dichter und Musiker mit Farben, Worten und Klängen eigene Welten; ja, die Farben, Worte und Klänge findet er vor. Die Gesetze der Farbharmonie, der antiken Versmaße und der Sonatensatzform sind nicht mit den Gesetzen der Physik und Chemie vergleichbar. Die Zertrümmerung des Atoms führt zu gigantischen Zerstörungen, die Zertrümmerung der tonalen Klangharmonien höchstens zu einer vorübergehenden Irritation des feinsinnigen Hörers; die Analyse des Erbguts führt zu einer wirklichen Entdeckung, nämlich der Entlarvung des Täters; die Analyse einer Bachschen Fuge bestätigt am Ende die Regeln der Komposition, die wir schon an anderen Werken des Meisters erkundet haben.

Die Verwendung und Propaganda von magischen Begriffen wie „die Moderne“, „die Avantgarde“, „die Auflösung der literarischen Gattungen“, „der Tod des Autors“ oder „die soziale Plastik“ durch Meisterdenker wie Adorno e tutti quanti und ihre vulgarisierende Aussaat und Hybridisierung im lauwarmen Sumpf der Feuilletons haben das vom Zeitgeist gegängelte unbedarfte Gemüt und den Vertreter des Common Sense auf eine Weise eingeschüchtert, daß sie ihrem ureigensten Verlangen nach sublimen Formen in der Kunst zu mißtrauen begannen und schon den schlichten Gebrauch von floralen Metaphern in der Lyrik, die Führung durch die Labyrinthe des Erzählstoffes an der Hand des Erzählers oder die harmonische Auflösung einer Dissonanz in der Sonate unter den Verdacht des Kitsches oder emotionaler Unreife stellten.

„Trauma“, „traumatische Erfahrung“, „Fremdheitserfahrung“, „Stigmatisierung“, „Ausgrenzung“ oder „Auslöschung der Identität durch die Gewalt des Vaters, des Mannes“, will sagen, des weißen Mannes, gehören zu den magischen Begriffen in den muffigen Salons des Zeitgeistes und den geistig sterilen Redaktionen des Kulturbetriebs. Der Wert eines Buches wird nicht mehr nach literarischen Kriterien ermessen, sondern nach der Menge von Blut und anderer Absonderungen, die aus seinen Seiten triefen, nicht nach dem poetischen Ausdrucksreichtum und den subtilen Anspielungen seiner Darstellung und Diktion, sondern nach der drastischen Wiedergabe der Striemen und Narben, die seine Protagonisten von der verzückten oder hysterischen Hand des Autors abbekommen, und all den verkrusteten Hautfetzen, die seine Zeilen mühsam zusammenhalten.

Augenblicke des Glücks, und sei es des bescheidenen eines, der sich trotz schmerzender Glieder oder der Atemnot des Alters auf die stille Parkbank des Abends gerettet hat, hoffen vergebens auf dichterische Resonanz im Wohlklang magischer Bilder und Worte.

 

Okt 25 21

Verdämmernde Strahlen

Laß uns einander träumend tiefer sinken
wie weiße Knospen auf verwaiste Schwellen.
Wir wollen süßen Tau des Abschieds trinken

wie Turteltauben Glanz bemooster Quellen.
Der Sonnenfalter Schimmer sind verblichen.
Der Schaum der Wiesen, Schnee von Lämmerfellen

sind trüben Zwielichts Überdruß gewichen.
Mit Worten können wir die Angst nicht stillen,
mit Gesten kaum, so bang-geschwisterlichen.

Laß uns aus irdnem Krug noch einmal füllen
mit Traubengold die leise klingen, Schalen,
bis Weinen weite unsere Pupillen.

O Knospen, wie verdämmern eure Strahlen.

 

Okt 24 21

Der neue Ablaßhandel

Sie streuen Asche auf ihr Haupt und klagen:
„Wir Sünder, wir Verworfenen, wir Weißen,
uns sendet Mutter Erde rechtens Plagen.

Weil ihre magern Brüste wir zerbeißen,
wird sie mit Dürren, Fluten uns versehren,
mit Flammen, die uns schwärzen, uns die Weißen.“

Und viele sieht man sich die Haare scheren,
vor Priestern knien, die der Sekte raten,
den Scharen, die jetzt Gott-Natur verehren.

Damit nicht alle in der Hölle braten,
erwerben sie zum Ablaß ihrer Sünden
Papiere mit dem Siegel grüner Saaten,

die fern, wo Schlangen sich durch Wüsten winden,
den neuen Garten Eden finanzieren,
wo Frucht der Milde die Enterbten finden.

Der dumme Deutsche, wird er es kapieren,
wie Götzendiener ihn ums Ohr gehauen,
wenn dunkle Augen ihm entgegenstieren

und niederschlagen muß er seine blauen?

 

Okt 23 21

O Immergrün

Im Sand die Kinderschaufel, halb vergraben.
Das Teichhuhn kreist, was mag es suchen,
das Nest ist leer, wo sie gebrütet haben.

Der Mond, ein platter, kalter Eierkuchen,
von unsichtbarem Messer durchgeschnitten,
zerbröselt am Gerippe kahler Buchen.

Die Fugen des Gefühls kann niemand kitten,
was durch sie sickert, Traumes trübe Säfte,
wie arg, sie morgens in den Ausguß schütten.

Der Liebe ließ der Herbst nur Stummelschäfte,
an denen manchmal kleine Tropfen glimmen,
geplatzte Frucht, als ob sie Sommer äffte.

Die falben Blätter, die ins Dunkel schwimmen,
sind Versen gleich, die einmal Sonnen priesen,
doch bange Nacht erstickte ihre Stimmen.

O Immergrün in Dichters Paradiesen!

 

Okt 22 21

Terzinen auf den Herbst

Was uns entzückt an Linien hohen Lebens,
verwischen Moders dunstige Tinkturen,
wir tasten nach dem Traumgesicht – vergebens.

Kaum sprühten Ähren goldnen Schaum der Fluren
und Vögel flogen auf bei zagen Schritten,
schon sehen wir der Leere Signaturen,

hat jener Mäher alle Frucht geschnitten,
und auf die öden Stoppeln sickert Schweigen.
Was nicht dem Herbst entfloh, hat ausgelitten,

es kann das müde Haupt nur erdwärts neigen,
wie sanfte Rosen an verwaisten Stufen,
einander rufend nicht zu Wolken steigen,

wie Kraniche, die blaue Buchten rufen.

 

Okt 21 21

O tropfe Tau

Wir wissen, daß nur Schatten unser harren,
so wandeln einsam wir auf Stoppelbrachen,
wo Krähen schreien, Hungerklauen scharren.

Uns künden trübe Augen grauer Lachen
von Wolken, die mit weißen Federn schrieben
dem hohen Blau in rätselsüßen Sprachen.

Zwei Rosen, die sich Zweig an Zweig geblieben,
erbeben wir bei jeden Hauches Rühren,
da lose Blüten schon ins Dunkel trieben.

Als könnten trunkne Monde Trunkne führen,
gelangen wir ans Ufer unsres Flusses.
Daß wir noch einmal tiefer Leben spüren,

o tropfe Tau vom Blütenkelch des Kusses.

 

Okt 20 21

Wie luftig wandelt sich Empfinden

Wie luftig wandelt sich Empfinden,
Gelock, von lauem Wind gebläht,
blau wie die Wicken, die sich winden,
der Blick, der bang durchs Gitter späht.

Wie lauschen fern wir weichen Schritten,
gleich einer süßen Melodie,
und hören unsre Herzen bitten:
O komme näher, ach, entflieh!

Wie bleicht der Sommermond die Schale,
die sich mit Purpurschaum gefüllt.
Die ihr entglittene Sandale
hat spätes Glück im Gras verhüllt.

Wie blassen, die wir unser wähnen,
die Blüten auf dem Teich der Nacht,
wie glühen sie geweckt von Tränen
ums Herz, das ihrer kaum gedacht.

 

Okt 19 21

Die Märtyrer der Avantgarde

Sie stehen abseits, stülpen ihren Kragen,
den schwarzen, die bittre Miene zu verbergen,
mit der sie uns vom Leid des Künstlers klagen,

des wahren Künstlers unter tausend Schergen,
die sich der Dominante und dem Sinn verdingen
und keinen Frost erduldet auf den Zauberbergen.

Sie zetern, nicht nur fette Töne klingen,
ein jedes Ding hat seinen Mund zum Heulen,
und Winseln, Quietschen, Krachen beim Zerspringen.

So schwingen sie die atonalen Keulen,
und aus dem Synthesizer spritzen Schüsse,
bedenklich schwanken die bourgeoisen Säulen.

Sie nennen liederlich die Klanggenüsse,
die Mozart, Wagner, Bruckner uns gewähren,
und masochistisch spotten sie der Küsse,

mit denen uns den grauen Tag verklären
die leichten Musen, der Anmut holde Schwestern.
In ihren Augen sind sie Geld-Hetären,

die ärger sie als Puritaner lästern.
Was lärmend nicht Gemüt und Nerven zwackte,
ist ihnen temperierter Sud von gestern.

Doch heimlich schlürfen sie Dreivierteltakte.

 

Okt 18 21

In sanfteren Gefilden

So wollen Knospen wir ins Dunkel treiben,
wie Rosen weiße, gelbe Chrysanthemen,
die mit dem Wasser fließen und nicht bleiben.

Und blassen wir, des Dämmerlichtes Schemen,
ist uns vergönnt, im bangen Tanz der Wogen
verblühten Schaumes Seufzen zu vernehmen.

So kommen Vögel wir nach Haus gezogen,
wie Tauben weiße, golden-gelbe Ammern,
die träumerisch mit Frühlingslüften wogen.

Und glühen wir in Sommers blauen Kammern,
der Kronen grüner Schatten wird uns kühlen,
wenn zum Genist wir Halm und Zweig umklammern.

O Nachtwind in vermählten Federn fühlen!

 

Okt 17 21

Torheiten der Philosophie

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Was wir meinen, ist nicht, was wir uns etwa vorstellen, wenn wir zu unserem Gast sagen: „Das Wetter ist schön, machen wir noch einen kleinen Spaziergang!“ Einer mag an den blühenden Flieder im nahegelegenen Park denken, ein anderer an den Seerosenteich in seiner Mitte, doch was sie meinen, ist dasselbe.

Wenn wir meinten, was wir uns dabei denken oder vorstellen, käme keiner, dem wir es mitteilen, je zum Verständnis des Mitgeteilten.

Das Proton Pseudos der Philosophie ist die Annahme, wir bezögen uns mit dem, was wir meinen, auf die Idee, die Vorstellung oder das Wahrnehmungsschema, worunter wir den mitgeteilten Begriff fassen.

Wir beziehen uns aber mit dem Begriff, etwa dem Begriff „Kanne“, nicht auf die Vorstellung oder das Wahrnehmungsphänomen einer Kanne, sondern auf die Kanne sensu strictu, wenn wir etwa den Tischnachbarn bitten: „Reich mir doch bitte die Kanne!“

Die Unterscheidung von Phänomen und Sache gehört zu den tiefsten Torheiten der Philosophie, die von Platon über Kant, Fichte, Hegel und die Idealisten bis zu Husserl und den Phänomenologen oder den logischen Positivisten ihre fatalen Spuren hinterlassen haben.

Vielfach erwächst das philosophische Mißverständnis aus einer Verwechselung von Phänomen und Symptom: Schweißausbrüche, Gliederschmerzen, Husten und Fieber sind, was wir zurecht Symptome der Krankheit namens Grippe nennen. Wir geben die Ansteckung mit einem bestimmten Virentyp als Ursache der Erkrankung und ihrer Symptome an; aber wir liegen logisch-grammatisch falsch, wenn wir diese Symptome als Phänomene beschreiben, hinter denen sich die eigentliche Sache namens Grippe oder das sie verursachende Virus verbergen. Denn Schweißausbrüche, Gliederschmerzen, Husten und Fieber sind die „eigentliche Sache“, wenn wir dem Patienten die Krankheit namens Grippe zuschreiben, und das Virus ist die „eigentliche Sache“ in dem Falle, wenn wir ihre Ursache angeben.

Es ist natürlich Unsinn zu sagen: „Denk dran, morgen besuchen wir unseren Freund Peter. – Jedenfalls die Person, die wir Peter nennen und deren körperliche Erscheinung wir schon oft wahrgenommen haben; freilich wer und was Peter, wie die Philosophen sagen, an sich und eigentlich ist, der noumenale Peter halt, das entzieht sich unserer Kenntnis.“

Es geht bei manchen Philosophen ähnlich grotesk zu wie in der jüdischen Kabbala, die den Leuten neben ihrem bürgerlichen und gewöhnlichen Geburts- und Taufnamen einen geheimen, ihnen selbst verborgenen mystischen Namen zuschreibt, der ihr eigentliches ontologisches Wesen unmittelbar zum Ausdruck bringt. – Nur leider kennt ihn niemand außer Gott.

Das grammatisch-logische Unkraut der Philosophen wuchert auf dem fetten Gartengrund, der neben den genießbaren Gemüsesorten des regulären Sprachgebrauchs auch ihre degenerierten, ungenießbaren und verderblichen Vettern hervorbringt.

So finden wir neben den regulären Formen im Gebrauch des Verbums „scheinen“ (und all seiner Ableitungen wie „Schein“, „Anschein“, „scheinbar“, „Erscheinung“) auch all ihre irregulären, zu Schein-Sätzen und Schein-Gedanken verlockenden entarteten Varianten. „Es scheint Regen zu geben“ bedeutet „Es könnte regnen oder auch nicht“; „Er scheint verlegen zu sein“ bedeutet „Sein Erröten könnte der Ausdruck von Befangenheit oder eines schlechten Gewissens sein“; „Sie gibt sich den Anschein, ihren Studienabschluß ernsthaft in Angriff zu nehmen“ bedeutet dasselbe wie „Scheinbar nimmt sie ihren Studienabschluß ernsthaft in Angriff“, nämlich: „Sie tut nur so, als büffele sie zu Hause ihr Lernpensum, in Wahrheit treibt sie sich mit ihrem neuen Freund herum.“

Der Satz „Er ist eine imponierende Erscheinung“ ist ein sinnvoller deutscher Satz, dagegen ist der Satz „Farben sind bloß Erscheinungen, doch die Dinge, die uns farbig erscheinen, sind in Wahrheit farblos“ ein philosophischer Unsinns-Satz.

Wenn uns etwas so erscheint, wie es in Wahrheit nicht ist, sprechen wir über dasselbe Etwas, wie etwa über den Mond, der uns in dunstiger Atmosphäre manchmal riesengroß und zum Greifen nahe erscheint, doch eben jener und derselbe Mond ist, von dem uns die Astronomie die wahre Entfernung und Größe angibt, und keine unsere Sinne täuschende Erscheinung derart, daß sich dahinter der wahre Mond versteckt. Dagegen sprechen wir anläßlich der farbigen Phänomene von etwas anderem als von den Dingen, die ihnen kausal zugrundeliegen (wie Photonen und neuronale Prozesse) und angeblich farblos sind; denn Photonen oder Neuronen das Prädikat „farbig“ abzusprechen oder das Prädikat „farblos“ zuzusprechen zeugt von grammatisch-logischer Torheit.

Nach Platon und Kant gehören das Phänomen und die Idee und das Ding an sich oder die eigentliche Sache, deren Phänomen es ist, ontologisch unterschiedlichen Kategorien an, die platonische Idee thront in der von physischer Verderbnis und Zeitlichkeit unberührten ewigen Sphäre, das Ding an sich verbirgt sich in der noumenalen Dimension, die von der phänomenalen Dimension und unserer Erfahrung mittels der Formen der Anschauung und der Kategorien des Verstandes abgetrennt in einem ontologischen Vakuum liegt. Freilich, hier bleiben uns eine Tautologie und eine logische Trivialität nicht erspart: Über das, was gänzlich abseits von den Wegen unserer Erfahrung und sprachlichen Darstellung liegt, können wir nun einmal nichts sagen. Und andererseits bedürfen wir nur der Erfahrung und der Weisen ihrer Darstellung und Mitteilung, um zu sagen und mitzuteilen, was zu sagen und mitzuteilen ist.

Die Person, die einer Straftat verdächtigt wird, gelangt vom ontologischen Status eines vermeintlichen Diebes zu dem eines wirklichen Diebes, wenn ihr die Straftat durch öffentlich kontrollierbare Verfahren der Tatfeststellung nachgewiesen wird. Die Vermutung, jemand habe die Grippe, wird anhand einer Fiebermessung bestätigt. Doch der Ausruf „Wie schön es heute ist!“ wird nicht durch die Beobachtung des Sonnenscheins und der Schön-Wetter-Wolken bestätigt, sondern ist ein Ausdruck der Wahrnehmung dieser Wetterphänomene, hinter denen sich nicht verbirgt, was wir schönes Wetter nennen, sondern die eben das schöne Wetter ausmachen.

Mit dem Ausruf „Ich!“ des Schülers auf die Frage des Lehrers, wer den Abschnitt lesen möchte, wird nicht auf ein geheimnisvolles Wesen hinter dem Phänomen der leiblichen Erscheinung des Sprechers verwiesen, das Philosophen auf den Begriff einer nur sich selbst vertrauten oder zugänglichen Subjektivität zu taufen belieben, sondern auf jemanden, den die Mitschüler Peter oder Paula nennen.

Was wir mit dem Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person Singular meinen, hat keine ontologische, sondern eine grammatische Funktion im Umfeld der Verwendung aller anderen Personalpronomina. Aber diese Allerweltsweisheit wird von Meisterdenkern wie Kant, Fichte, Hegel und tutti quanti in den Wind geschlagen; denn sie suchen, ergründen oder ergrübeln hinter dem Pseudo-Phänomen des Subjekts ein tieferes, größeres, erhabeneres Subjekt, letztlich ein Surrogat des christlichen Gottes, an den sie in Wahrheit nicht mehr glauben.

Die Subjektphilosophie des deutschen Idealismus ist eine Krypto-Theologie von Philosophen, die es nicht verschmerzen konnten, daß ihnen der bunte Schleier ihres Kinderglaubens von den Furien der Aufklärung heruntergerissen worden ist, und nunmehr vergebens Gebete durch eine dialektische Litanei von metaphysischen Schein-Sätze zu ersetzen suchen.

Die These der Idealisten vom Weltsubjekt ist der Ausdruck des menschlichen Elends, in der Leere zwischen den Gestirnen kein Alter Ego gewahren zu können; die Torheit des verlassenen Kinds, im Brausen des Winds, im Rauschen der Zweige, im Tosen der Wellen eine Stimme zu hören, die zu ihm spricht; und auch wenn sie noch so bedrohlich wirkt, es fühlt sich nicht mehr allein.

Noch beim Heidegger der Kehre finden wir ein ominöses Etwas, das sich aus den Tiefen des sich immer wieder verbergenden und entziehenden Seins dem zum reinen Toren gewordenen Menschen zuspricht, wenn er nur fromme Ohren hat zu hören.

Verzweiflung aber spricht aus der kindlichen Logik Platons, wenn er, wie wir alle die endgültige Verwesung der beseelten Körper vor Augen, aus der vorgeburtlichen Erinnerung an angeblich ewige Ideen auf die Unsterblichkeit der Seele zu schließen wähnt.

Welche Torheit, aus der scheinbaren Selbstgewißheit des Cogito auf die Existenz eines sie garantierenden Gottes schließen zu wollen.

Das Erbe jener Truggebilde der platonischen Ideen sind die leeren humanistischen Begriffshülsen von Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit, die das Gott-Surrogat der humanistischen Religion, die Menschheit, endlich zu seiner wahren Offenbarung finden lassen sollen.

Mag sein Herr dem Hund wie eine erhabene Gottheit erscheinen; wie aber vermag der Glaube des Philosophen im Dunkel, aus dem wir stammen und in das wir wieder zurücksinken, ein Licht zu erblicken, das heller scheint als das lumen naturale, von dem er wähnt, es sei ihm von jenem verliehen worden?

Es ist eine törichte Form des Selbstwiderspruchs, wie Hegel anzunehmen, der von ihm postulierte Weltgeist berge ein höheres Wissen als er selbst.

Torheit, einem endlichen oder einem zum Weltgeist aufgeblähten Cogito Gewißheit und absolutes Wissen zu unterstellen, wenn Wissen das ist, was man als solches nur bezeichnen kann, wenn es sich im Fall des Falles auch als unwahr oder als nur scheinbares Wissen erweisen können muß.

Existenz und Sosein sind Formen der Kontingenz. Wir können weder aus einer logischen Wahrheit auf eine empirische noch aus dem Vorliegen einer Tatsache folgern, daß es so und nicht anders hat kommen müssen. Für die Auguren des Weltgeistes wie Hegel und die Propheten der Geschichtsphilosophie wie Benjamin und Adorno ist das anders. Wer in den Eingeweiden der Geschichte zu lesen versteht, dem offenbart sich der göttliche Wille und jene Vorsehung, nach der die Gestalten der Freiheit mit Notwendigkeit (sic!) vom Orient zum Okzident heraufziehen und im preußischen Staat sich vollenden; der kennt das historische Gesetz, gemäß dem die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft mit Notwendigkeit in der proletarischen Revolution gipfelt.

Die Rede von historischen und sozialen Gesetzen, gemäß denen Ereignisse mit Notwendigkeit erfolgen, ist schlicht ein Auswuchs der philosophischen Torheit, empirischen Aussagen den falschen Anstrich von logisch notwendigen Wahrheiten zu geben.

Was wir historische und soziale Ereignisse nennen, ist ohne die mehr oder weniger große Willkür der Absichten von Handlungen und der Unvorhersehbarkeit ihrer näheren und ferneren Auswirkungen nicht denkbar; wäre Karl Martell vor der Schlacht von Poitiers mit dem linken Fuß aufgestanden oder wären die Ungarn nicht willens gewesen, den erschöpften Wienern gegen den Vormarsch der Osmanen beizuspringen, ertönten (schon längst) um uns nicht Glocken, sondern die Rufe des Muezzins; wäre der arme Schlucker und Bewohner von Männerwohnheimen in Wien, der sich später als Führer des großdeutschen Reiches in Szene setzte, zu jener Zeit mit seiner Bewerbung an der Kunstakademie erfolgreich gewesen, hätte das Buch der Geschichte ihn höchstens mit einer kleinen Fußnote bedacht („zweitklassischer Landschafts- und Historienmaler in der Manier Lenbachs und von Strucks“), ihm aber keine ausufernden Kapitel über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust widmen müssen.

Philosophische Torheit, sich zu wissen anzumaßen, was an der Zeit ist, wie Adornos Torheit, aus der Existenz der atonalen und seriellen Musik auf ihre gesellschaftliche Notwendigkeit und die sie zur Ohnmacht und Rückständigkeit verurteilende Hohlheit der Tonalität schließen zu wollen.

Freilich, Adornos Torheit ist auf dem fatalen Totenanger des Hegelschen Idealismus erblüht; denn Hegel gemäß ist die Welt eine Erscheinung und die Geschichte eine Offenbarung Gottes, also ist alles an ihnen mit der höheren Weihe der Notwendigkeit gesegnet. Daher der arrogante und unerbittliche Zug im Denken vor allem der Linkshegelianer, in deren Augen die Avantgarde der Kunst keiner künstlerischen Rechtfertigung bedarf, weil sie der aggressiv bemalte Schild der politischen Avantgarde ist. Mit einem zynischen Grinsen händigt der radikale hegelianisch gedrillte Intellektuelle den revolutionären Führern den Freibrief für den Blutzoll aus, den die soziale Revolution, als notwendiger Umbruch in der säkularen Heilsgeschichte, nun einmal verlangt.

Philosophische Torheit, aus dem Dunst der Befindlichkeiten des Zeitgeistes eine anthropologische Bestimmung oder ein Existential wie die Aufgabe der Aufklärung bei Kant oder die Angst bei Heidegger kondensieren zu wollen.

Torheit, in pseudoreligiöser Schwärmerei nicht einen fatalen Beleg der menschlichen Geistesschwäche, sondern einen zu feiernden Vorzug zu entdecken, ob es sich nun um den Tanz um das Goldene Kalb oder den Freiheitsbaum der Französischen Revolution (Hegel, Fichte, Schelling), die Fackelaufmärsche der Rot-, Schwarz- und Braunhemden (Lukács, Heidegger) oder die von wohlfeiler Wissenschaft akklamierten Prozessionen fanantischer Flagellanten aus der Sekte der Weltklimaretter handelt.

Wir bedürfen keiner Vorstellung von unserer physischen Erscheinung und keiner Bilder oder Assoziationen unseres Seelenlebens, um im Gespräch die erste Person Singular des Personalpronomens in konsistenter und korrekter Weise zu verwenden.

Es genügt uns für den Hausgebrauch, die Zahl Vier ohne emphatischen Bezug auf eine platonische Idee oder ein kantisches Anschauungsvermögen reiner Formen von Raum und Zeit zu definieren, sondern der schlichte Hinweis auf Wendungen wie „die Anzahl von Beinen, die Mäusen, Hunden und Kühen gemeinsam ist“. Desgleichen genügt uns für den Gebrauch der Begriffe „wahr“ und „falsch“ der Hinweis auf die rein logische Bedeutung von Sätzen wie „Es regnet oder es regnet nicht“ und „Es regnet und es regnet nicht“, für deren Bestimmung als (notwendig und immer) wahr beziehungsweise falsch wir keiner Rückgriffe auf meteorologische Beobachtungen bedürfen.

Wenn wir philosophisch hinterhältige Begriffe wie „Erscheinung“, „wissen“, und „ich“ am Leben unserer Sprache auf ihren korrekten, sinnfälligen und konsistenten Gebrauch hin abgetastet und überprüft haben, müssen wir Begriffsbildungen und vertrackte Wendungen wie „das Ding an sich, das sich in der Erscheinung verbirgt“ (à la Kant), „das absolute Wissen“ (Hegel) oder „die sich in der Angst offenbarende Einsamkeit des Ich“ (à la Heidegger) als unsinnige Auswüchse philosophischer Torheit betrachten.

 

Okt 16 21

Der entlarvte Schöngeist

Die Dame Dichterin mit Pudernase
lallt, daß er gähnt, ihn möchte kitzeln
kein Pinsel obszöner Allusion, die Phrase,

die kalte Schwärmer an die Wände kritzeln,
bringt ihm Verdruß. Die allzu leicht gewagten
Metaphern, die sich Literaten schnitzeln

aus alten Alben, von Mäusen längst zernagten,
die Bilder, getropft aus Nebel-Theorien,
und Verse, Büschel, die Schur und Schnitt entsagten,

sie heißen ihn dem Zeichenmarkt entfliehen.
Als Eiland findet er nur eins: das Schweigen
und unter reiner Wolken Schrift zu knien.

Doch muß er eitel sich zum Wasser neigen,
schaut ihm das Antlitz eines Fauns entgegen,
die Glatze, Ziegenohren, so ihm eigen,

die platte Nase machen ihn verlegen.
Sein Geist kann seine Ungestalt nicht fassen,
das war Pans Fluch und nicht Apollons Segen.

Muß selber er entstellt vom Schönen lassen,
weil scheue Veilchen plumpen Huf nicht lieben
und Sapphos Rosen vor dem Gnom erblassen?

O Tränen, wollet ihm die Bilder trüben.

 



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