Skip to content


Jul 11 16

John Keats, A Thing of Beauty

A thing of beauty is a joy for ever:
Its lovliness increases; it will never
Pass into nothingness; but still will keep
A bower quiet for us, and a sleep
Full of sweet dreams, and health, and quiet breathing.
Therefore, on every morrow, are we wreathing
A flowery band to bind us to the earth,
Spite of despondence, of the inhuman dearth
Of noble natures, of the gloomy days,
Of all the unhealthy and o’er-darkn’d ways
Made for our searching: yes, in spite of all,
Some shape of beauty moves away the pall
From our dark spirits. Such the sun, the moon,
Trees old and young, sprouting a shady boon
For simple sheep; and such are daffodils
With the green world they live in; and clear rills
That for themselves a cooling covert make
‘Gainst the hot season; the mid-forest brake,
Rich with a sprinkling of fair musk-rose blooms:
And such too is the grandeur of the dooms
We have imagined for the mighty dead;
An endless fountain of immortal drink,
Pouring unto us from the heaven’s brink.

 

Der Schönheit Gabe

Das Schöne kann uns immer Freude bringen,
es wächst an Anmut, nie wird ganz verklingen
sein Lied im Nichts, es wird uns offen halten
die Laube unsres Schlafes mit Gestalten
süßen Traums und schenken Wohl und sanften Hauch.
So weihen wir der Erde uns im Morgenrauch,
wenn wir in die Kränze Blüten winden,
auch im Hader, der Menschheit Fehl zu finden,
den Mangel edler Seelen, trotz trüber Regentage,
trotz heillos-dunkler Fahrten Plage,
unsre Ziel zu finden, trotz allem üblen Hang,
der Schönheit Gabe lüftet den Vorhang
unsrer trüben Sicht. So tun es Mond und Sonne,
Bäume alt und jung, wenn sie Schattens Wonne
arglosen Schafen spenden, so Osterglocken
in ihren grünen Auen, so verlocken
klare Bäche, die ein kühles Schilf befeuchten
in der Sommerglut, so im Waldesdunkel leuchten
hell die Moschus-Rosen, bunt verstreut,
nicht anders als der Untergänge Herrlichkeit,
die wir dem Tod aufs Leichentuch gemalt:
Endlos aus Himmels Brunnen regnet
ein Lebenstrank, der unser Dasein segnet.

Jul 10 16

Ich will die Lilien-Fahne in die Höhe halten

„Nur ein Krieg kann uns noch retten,
die Spreu wieder sondern vom Weizen.“

„Ich will unter Lilien mich betten,
nur des Engels Rufen kann mich reizen.“

„Es lichtet sich der neue Krieg der Zeichen,
der Sterne, die im Blute schwimmen.“

„Ich will von den Rosen nimmer weichen,
die im Paradies der Stille glimmen.“

„Kein Garten, keine Laube wird verschonen
der dunklen Horden Gift und Flammen.“

„Ich will knien vor stiller Götter Thronen,
die von der Liebe Honigwaben stammen.“

„Es knistern schwarze Feuer in den Spalten,
die heiligen Bilder schmelzen in den Wunden.“

„Ich will die Lilien-Fahne in die Höhe halten,
bis Schmerz und Traum ihr sanftes Grab gefunden.“

Jul 10 16

Algernon Charles Swinburne, A Ballade of Dreamland

I hid my heart in a nest of roses,
Out of the sun’s way, hidden apart;
In a softer bed than the soft white snow’s is,
Under the roses I hid my heart.
Why would it sleep not? why should it start,
When never a leaf of the rose-tree stirred?
What made sleep flutter his wings and part?
Only the song of a secret bird.

Lie still, I said, for the wind’s wing closes,
And mild leaves muffle the keen sun’s dart;
Lie still, for the wind on the warm seas dozes,
And the wind is unquieter yet than thou art.
Does a thought in thee still as a thorn’s wound smart?
Does the fang still fret thee of hope deferred?
What bids the lips of thy sleep dispart?
Only the song of a secret bird.

The green land’s name that a charm encloses,
It never was writ in the traveller’s chart,
And sweet on its trees as the fruit that grows is,
It never was sold in the merchant’s mart.
The swallows of dreams through its dim fields dart,
And sleep’s are the tunes in its tree-tops heard;
No hound’s note wakens the wildwood hart,
Only the song of a secret bird.

Envoy

In the world of dreams I have chosen my part,
To sleep for a season and hear no word
Of true love’s truth or of light love’s art,
Only the song of a secret bird.

 

Eine Ballade vom Traumland

Ich barg mein Herz in einem Nest aus Rosenlaub,
das hat den glühenden Blick der Sonne gestillt,
einem Bett, weicher als der Schneekristalle Staub.
Ich hab mein Herz unter Rosen gehüllt.
Warum sollte es nicht schlafen? Warum beben,
wenn nie sich rührte ein Rosenblatt unter ihm bang?
Was ließ es mit den Flügeln flattern im Schlaf und schweben?
Einzig eines verborgenen Vogels Gesang.

Lieg still, sprach ich, Windes geschlossene Schwingen sind taub,
und der Sonne scharfer Pfeil wird am Laube mild.
Lieg still, der Wind überm Meer ist Schlummers Raub,
und doch ist der Wind mehr als du so wild.
Ist ein Bild in dir, an dem Dornes Blutstropfen kleben?
Frißt an dir unerfüllter Hoffnung beißender Drang?
Was macht deines Schlafes Lippen erbeben?
Einzig eines verborgenen Vogels Gesang.

Der Name des grünen Lands unter der Lieder Laub,
das der Reisende findet auf keiner Landkarte Bild,
er ist so süß wie seiner Blumen Blütenstaub,
keine von ihnen ward je eines Händlers Raub.
Traumes Schwalben über seinen matten Fluren schweben,
und aus Träumen weht in seinen Wipfeln ein Klang,
kein Hundegebell weckt den Hirsch unter wilden Reben,
einzig eines verborgenen Vogels Gesang.

Geleit

In die Welt der Träume verschloß ich mein Leben,
den Sommer zu verschlafen und zu hören keinen Klang
von wahrer Liebe oder tändelnder Reime Weben,
einzig eines verborgenen Vogels Gesang.

Jul 9 16

Impressionen aus Alt-Metternich

Schwarzer Glanz der geschichteten Schollen,
das blutige Geringel durchhauener Mollusken,
Würmer und Egel und die mit einemal rutschen
vom glänzenden Spaten, die wandernden Schnecken.

Der Mond lebte für sich in einer anderen Welt
und hat uns besucht, je nach Laune in andrer
Gestalt, manchmal gab er uns die Ehre und protzte
mit dem leuchtenden Kugelwanst des Dionysos.

Im Winter war es hell um Mitternacht, wenn Schnee
den Kirchenvorplatz vermummt und die müden Arme
der Linde bandagiert hat, das diffuse Licht der Gaslaternen
hauchte den Kristallen eine mondhafte Aura ein.

Im späten Frühjahr wurde der Tag heller, klebriger,
die weißen und roten und gelben Blütenblätter
sausten, wirbelten umher, und in den Nischen
der Fensterbänke, im Haar der Kinder blieben sie hängen.

Schwer und dumpf wühlte die Totenglocke in der Luft,
warf pflügend den steinigen Acker der Trauernden auf,
da wußte Großmutter, die alte Liesbet ist nicht mehr,
wir steckten ihr ein Bukett aus Tannen, Nelken, Veilchen.

Oben auf den Ballen Heus und Strohs lagen die Bauerskinder,
das Kaltblut brauchte keine Peitsche, um heimzufinden,
wir reckten uns aus dem Fenster im ersten Stock
und konnten die ausgestreckten Hände mit Juchhe abklatschen.

Doch im Vorgarten des eigenen Hauses lag hingestreckt
auf die Primeln Heinrich, den sie „Schönhals“ riefen,
denn sein langer Hals war ein schiefer Turm, oder auch
„Frauenschuh“, wie die Blume, lag im kalten Morgentau,

ausgesperrt von der holden Gattin, als er mehr als beschwipst
wankte vom Moselfest zurück, wo er die Winzermädchen
mit dem kupferhellen Vibrato seiner Chansons entzückte,
neben ihm mauzte die rostgefleckte Katze.

Festlich war der Klang und leuchtend ihr Akkord,
wenn die Glocken zum Hochamt riefen, Glocken
der alten heiligen Namen, schon zogen feierlich mit steilem Hut
und bimmelnden Maiglöckchen am Revers die Männer,

mit wulstigen Hauben, wogenden Röcken und seidigen Westen
die Frauen, den Sinn des Lebens zu kosten, aber
die Kinder trippelten daneben und fanden noch Butterblumen
und Vergißmeinnicht zwischen den Wackersteinen,

oder eine Murmel glänzte, wo sie gestern geklickert,
in der fein geplätteten Kuhle, oder es hockte darin zersaust
der Flaumknäuel eines Zeisigs, der nach der Mutter fiepte.
Aus dem offnen Portal schwappte eine fette Wolke von Orgeltönen.

Der Pfarrer drückte nach der Messe einem jeden die Hand,
als gäbe er den Segen für das wilde Leben außerhalb des göttlichen Schiffs,
wo es zwischen den Dämmerwogen der Gärten unter hohen Kirsch-,
Apfel-, Nußbäumen sich verlief, bei den Beerenbüschen Schatten suchte

oder die Lieben, die Tage, die Toten zählte an den gerupften
Blättern der Margerite, den verwehten der Hortensie,
bis der Krokus des Himmels über dem Eifelfeld verblaßte und
wilde Feuer es wie Kastanien reiften zu herbstlichen Liedern.

Lag dort der greise Johann auf der Holzpritsche im Sterben,
war in der Nische des Fensters ein kleiner Altar geschmückt,
zwei Vasen mit Anemonen und Astern, eine Pietà, fein geschnitzt
aus Elfenbein oder Ahorn oder Eibe, und der warme Schein

von Kerzen fleckte über das weiße Linnen wie späte Sonne
die Erinnerung an tiefere Stille. Strich der Priester den Chrisam
über Stirn und Hände, hatte der Sterbende den guten Proviant erhalten,
ründeten sich seine weißen Lippen schon, einen letzten Kuß zu sagen.

Aber denen der Wind frische Lebensbotschaft stob ins Haar,
den Kindern am Moselufer oder auf dem Kimmelberg, sie zogen,
es zischten die Zungen, ihre bunten Drachen, die wie übermütige Geister
das Offene suchten und in die blauen Abgründe der Wolken zerrten.

Dem leise verklingenden Gold der Abende war die Heimkehr
bestimmt, wenn die rissigen Schuhe mit den irdenen Klumpen
unter dem gußeisernen Ofen schliefen und die Träume wie feiner Sand
und Flocken durch die offenen Fenster der Sommernacht stäubten.

Jul 8 16

Edgar Allan Poe, Impromptu

When from your gems of thought I turn
To those pure orbs, your heart to learn,
I scarce know which to prize most high —
The bright i-dea, or the bright dear-eye.

 

Wende ich mich von den Juwelen deiner Gedanken
reinen Sternen zu, meinen Sinn um dein Herz zu ranken,
wüßte ich kaum, wem der höchste Preis verbliebe,
der göttlichen Ich-Idee oder dem glänzenden Auge der Liebe.

Jul 8 16

Edgar Allan Poe, Eldorado

Gaily bedight,
A gallant knight,
In sunshine and in shadow,
Had journeyed long,
Singing a song,
In search of Eldorado.

But he grew old-
This knight so bold-
And o’er his heart a shadow
Fell as he found
No spot of ground
That looked like Eldorado.

And, as his strength
Failed him at length,
He met a pilgrim shadow-
“Shadow,” said he,
“Where can it be-
This land of Eldorado?”

“Over the Mountains
Of the Moon,
Down the Valley of the Shadow,
Ride, boldly ride,”
The shade replied-
“If you seek for Eldorado!”

 

Das goldene Land

In Seidenglitter
ein galanter Ritter
hat durch Sonnenglut und Regenwand
weite Strecken bezwungen
und ein Lied gesungen
auf der Suche nach dem goldenen Land.

Doch er wurde alt,
der Ritter von der kühnen Gestalt,
und an seines Herzens Rand
zog Dunkel auf, als keinen Flecken
er konnte entdecken,
keine Spur von dem goldenen Land.

Und als schließlich
seine Kraft von ihm wich,
traf er einen Schatten im Pilgergewand.
„Pilger“, sprach er auf ihn ein,
„wo nur mag es sein,
dieses goldene Land?“

„Über das Gebirge
des Mondes,
durch das Tal aus Schattensand,
reite kühn, reite immerfort“,
kam aus Schattenmund die Antwort,
„bist auf der Suche du nach dem goldenen Land!“

Jul 8 16

Der Hirte

Wenn wieder Nebel ziehen
über das Eifelfeld
und üppig Wolken blühen,
bis sanfter Regen fällt,

wenn der Stern mit Silbertönen
gleitet über das Maar,
werden die Blüten versöhnen,
die sein Singen gebar.

Wenn der Gong des Monds durchbebt
die Wehmut und den Traum,
ist er es, der sich erhebt
an der Brandstätte Saum.

Jul 7 16

Edgar Allan Poe, Evening Star

‘Twas noontide of summer,
And mid-time of night;
And stars, in their orbits,
Shone pale, thro’ the light
Of the brighter, cold moon,
‘Mid planets her slaves,
Herself in the Heavens,
Her beam on the waves.
I gazed awhile
On her cold smile;
Too cold, too cold for me,
There pass’d, as a shroud,
A fleecy cloud,
And I turned away to thee,
Proud Evening Star,
In thy glory afar,
And dearer thy beam shall be;
For joy to my heart
Is the proud part
Thou bearest in Heaven at night,
And more I admire
Thy distant fire,
Than that colder, lowly light.

 

Abendstern

Es war der Mittag des Sommers,
war die Mitternacht,
die Sterne auf ihren Bahnen
erbleichten vor der Pracht
des Monds, der heller schien, kalt,
devot von Planeten umzogen,
er in Himmels Mitten,
sein Strahl entflammte die Wogen.
Ich starrte mit leisem Weh
in seines Lächelns Schnee,
kalt, so kalt wurde mir.
Da hüllte ihn wie Leichengewand
einer Wolke wolliges Band,
und ich wandte mich zu dir,
stolzer Abendstern
in deiner Glorie fern,
lieblicher ist dein Strahlen mir,
denn meinem Herzen Lust
hast du zu bringen gewußt
aus Himmels dunklem Gesicht,
und eher ist mir teuer
dein fernes Feuer
als dies kältere, untere Licht.

Jul 7 16

Impressionen aus dem Bethmannpark Frankfurt

Halb Nomaden, halb Wanderburschen,
mit schlotternden Kitteln und Ponchos
stakten die beiden Mauren hühnenhaft durch den Park,
den mir verbliebenen Alte-Leute-Park,
am äußerste Ende des Abendlands, des maroden,
für Ente, Wasserhuhn, Silberreiher und Gans ein Refugium,
für Mutter und Kind, für Schachspieler und Verliebte,
die sich zärtlich unter das Schilf des Teiches ducken.
Und die vielen Silberschöpfe in ihren Gesundheitslatschen
und beigen Mänteln, den grauen und gelben Kapotthütchen,
neckisch drapiert über die letzten Wellen
des liebevoll ondulierten Haars,
sie sitzen rings auf den Bänken, mit ihren Krückstöcken
und Rollatoren, mit Taschen und Beuteln,
allein mit einem Modejournal, einem Rätselheft oder
geschlossenen Lids sich nach der Wärme reckend,
auch zu zweien, wenn das Schicksal es will, daß beiden die alte Heimat
in Pommern oder Schlesien genommen oder Sohn und Tochter
in ein fremdes, unverständliches Leben entrückt sind –
und wie üppig stehen Hyazinthen, Tulpen, Rosenbüsche,
Phlox, Gladiolen und sogar Mohn und Akelei
und versöhnen für den Augenblick auf schattiger Bank
mit dem Unrat und Lärm und der Zügellosigkeit der Straße.

Doch die braunen Wüstensöhne achten dies für nichts,
einer hatte sich mit einem Ledergurt einen Ghettoblaster
umgeschnallt, mit dem er den Park und die verbitterten Alten,
sie schauten erschrocken unter sich, zur Ohnmacht verdammt
vor der Invasion männlich-dumpfer Neger-Sitten,
mit widerwärtigen Unterleibsrhythmen aus vollem Rohr beschallte.
Warum wandeln hier nicht mir und den Alten zum Beistand
stramme Wachtmänner mit Pistolen im Anschlag
und fuchteln mit ihnen ein wenig vor den Barbarennasen herum?

Im Chinesischen Garten war die Pagode von innen verriegelt,
dort regte sich Gesindel von ähnlichem Schlag,
sie gingen wild gestikulierend hin und her und planten vielleicht
die Entführung einer Kinder-Braut oder eines Abtrünnigen Tod,
weh, du hättest als einheimischer Gast hier angeklopft,
dann Friede deiner deutschen Seele! Beim letzten Mal fand ich die Stätte
ohne weiteres okkupiert von türkischen Muskelmännern,
sie nehmen sich das Recht auf diesen Ort und alle anderen,
deutsche Senioren, wie schlaff sind eure Glieder, wie resigniert
euer trüber Blick,und diese Barbaren boxten, mit harten vernieteten
Handschuhen versehen, einander auf die lächelnd-blöden Visagen.

Welch edler, achtsam-feiner Sinn aus Spülicht und Brackwasser dieser Rassen
aufwölkt, ermißt du leicht: Ist die Pagode doch der Tempel buddhistischen
Kults – und den sie dort verehren mit Blumen, Weihrauch und Gesängen,
der Schenker sanften Lächelns. Ermißt du im Vergleich: ein Schinto-Tempel,
in dem die Eindringlinge ihre Notdurft verrichten, ein Altar in der Levante,
den sie mit Kot beschmieren.

Wo sind die Klauen und Zähne, mit denen die Stadt- und Staatsbeamten
abendländische Sitten zu verteidigen gedenken? O, sie mußten sie extrahieren,
mußten sie kupieren lassen und im eigens dafür errichteten Amt
für multikulturelle Angelegenheiten abgeben. Dort prangen sie, säuberlich
in Kästchen archiviert, in gläsernen Schauschränken, mit Name und Titel und
dem Datum der Selbstentmündigung versehen.

Wer räumt hier auf, wann kommen die schwarzen Garden,
wann kommen die weißen Garden?

Jul 6 16

Die deutschen Blüten sind verdorrt

Wenn auch der Mohn im Dämmer glüht
und Duft entströmt des Himmels Vase,
du gehst ins Einerlei geteerter Träume,
die deutschen Zungen sind verblüht.

Wenn auch das Gold von Reben blendet
und Kinder tanzen mit den bunten Blasen,
dir blinkt der Grünspan kalter Räume,
der Bogen deutschen Sanges ist vollendet.

Wenn auch noch ferne Quelle zittert
und goldene Wasser heimlich münden,
dich ritzen Stoppeln grauer Marken,
der Mund der Sage ist verwittert.

Wenn auch Schnee bedeckt den alten Hort
und Mondes Schatten Stille künden,
du stirbst im Lärm der Todesharken,
die deutschen Blüten sind verdorrt.

Jul 6 16

William Butler Yeats, The Mountain Tomb

Pour wine and dance if manhood still have pride,
Bring roses if the rose be yet in bloom;
The cataract smokes upon the mountain side,
Our Father Rosicross is in his tomb.

Pull down the blinds, bring fiddle and clarionet
That there be no foot silent in the room
Nor mouth from kissing, nor from wine unwet;
Our Father Rosicross is in his tomb.

In vain, in pain; the cataract still cries;
The everlasting taper lights the gloom;
All wisdom shut into his onyx eyes,
Our Father Rosicross sleeps in his tomb.

 

Das Grab im Gebirg

Schütte den Wein und tanze, gilt uns noch Ehre,
bringe Rosen, die noch würzen die Luft.
Der Wasserfall raucht über Berges Schwere,
unser Vater Rosencreutz ruht in der Gruft.

Die Läden dicht, Fiedel und Klarinette locken,
der Tänzer Walzen vertreibe den Schlaf.
Keines Mund bleibe von Küssen, vom Weine trocken,
unser Vater Rosencreutz, er ruht im Grab.

O Wahn, o Weh, so schreit der Wasserfall,
das ewige Licht vertilgt die düstre Luft.
Alle Weisheit sank in seiner Augen Onyxball,
unser Vater Rosencreutz schläft in der Gruft.

Jul 6 16

William Butler Yeats, A Drinking Song

Wine comes in at the mouth
And love comes in at the eye;
That’s all we shall know for truth
Before we grow old and die.
I lift the glass to my mouth,
I look at you, and I sigh.

 

Trinklied

Am Wein wird glänzend der Mund,
die Augen mag Liebe verfärben,
das reicht zu wissen, hat guten Grund,
bis wir alt werden und sterben.
Ich hebe das Glas an meinen Mund,
schaue dich an, meine Seufzer ersterben

Jul 6 16

William Butler Yeats, He Wishes For The Cloths Of Heaven

Had I the heavens’ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half-light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

 

Er wünscht sich des Himmels Tuche

Hätt ich des Himmels gestickte Tuche,
durchwirkt von silbern und goldenem Licht,
die blauen und matten und dunklen Tuche
von Tag und Nacht und Dämmerlicht,
ich breitete dir sie unter die Füße:
Doch bin ich arm, hab nur meine Träume,
meine Träume legte ich dir unter die Füße,
trifft sanft auf, du trittst auf meine Träume.

Jul 6 16

Das hinkende Wort

Rauch fällt wie weiße Strähnen
auf des Sommers geneigte Stirn.
Fruchtbarer Tiefe Endmoränen
von Gletschern aus eisgrünem Firn.

Ferner Pollenflug reißt am Mund
der sich verweigernden Seele.
Selbstbestäubung wurde ihr kund,
daß Sehnsucht nicht mehr sie quäle.

So ward einsilbig und hinkend ihr Wort,
ekstatisch verrenkt ihre Glieder,
goldene Biene flog von ihr fort,
in grauer Wüste fand sie sich wieder.

Jul 5 16

Noch einmal die hohe Nacht

Noch einmal die hohe Nacht,
Gottes Sterneneinsamkeit,
ihr Schweigen hat am Grund
einen purpurgoldnen Mund,
o Herr, ich bin bereit,
sprich doch von deiner hohen Wacht.

Noch einmal die goldene Flut,
wenn der Abend trinkt vom Rhein,
die Welle raunt von ferner Liebe,
daß unerfüllt die Sehnsucht bliebe,
die edle Seele, sie ist allein,
o, sie vergehe in später Rosen Glut.

Jul 5 16

Jede Nacht ist Schoß

Wenn wieder Herzen fliegen
mit dem Glockenklang
und sich zarte Halme biegen,
Windes Flüstergang,

wenn wieder Sporen sprühen
ins flimmernde Blau,
und wilde Mohne glühen,
Lüfte, süß und lau,

werden Dankeslieder steigen,
Flammen, rein und groß,
zu der Sterne hohem Schweigen,
jede Nacht ist Schoß.

Jul 5 16

Pappelblatt herniederschwebte

Pappelblatt herniederschwebte,
und es gilbte schon.
Wie dein graues Herz erbebte
bei der Glocke Ton.

Ginsterblüte, schmale Lippe,
und sie schwieg so lang.
Silbermondes dürre Rippe,
Birkenzeisig sang.

Droben leuchtet die Kapelle
überm Gold des Weins,
doch dich reißt es in die Welle,
in das Gold des Rheins.

Jul 4 16

Götterbilder des Parthenon

Die auf den Herrscherschenkeln wogen,
der Anmut transparente Falten,
weicher Lende schimmernder Bogen,
ihr seid ins Herz der Stille gehalten,
Tränen, die versteinern müssen,
mit Grazie über den Busen gezogen,
baden wir in euren Flüssen.

Sie sitzen auf den leichten Thronen,
Eros greift in ihres Schoßes Bausch,
wenn der Göttin hohe Hand
weiset aus dem weißen Rausch
der Meereshüften
in die fromme Schar,
es hält der Fessel goldenes Band
ihre Wollust über Morgendüften.

Und die Priester in Ergebenheit
führen einen Opferstier,
sein heißes Blut ist schon bereit,
er bietet seine Kehle dar,
und ein Hymnus gilt ihm hier,
heiterer Maße Silbenschar.

Doch Artemis mit dem weichen Lockensaum,
unter straffes Tuch gebannt,
hält den Peplos mit der keuschen Hand,
und ihr Blick geht in die Ferne,
wo um ihre Liebe weint
ein Sterblicher im Traum.

Jul 4 16

Attische Kylix

Aus Schutt und Grab entstiegen
einer Schale Doppelschwinge,
mit dem feinen Mund, verschwiegen,
geneigt den goldenen Siegen,

oder spendend dunkler Klage
honigsüße Weine –
reiner Schimmer jener Tage,
weißer Klang der Steine.

Unser Sinnen muß sich füllen
mit dem Lärm der Städte,
kann der Seele Mund nur stillen
auf dem kalten Totenbette.

Jul 4 16

Noch einmal Atem der Sommernacht

Noch einmal Atem der Sommernacht,
wenn stille Sterne weisen
über den Wolkenschneisen
in eines Jenseits Purpurpracht.

Noch einmal Schmerz der grünen Lust,
wenn von alten Bäumen
klopfen wie aus Träumen
Früchte auf die bange Brust.

Noch einmal das helle Lied
auf den Wogen des Rheins,
Flechten des Schiefersteins
tropfen von Tau und Abschied.

Jul 4 16

Edgar Allan Poe, Annabel Lee

It was many and many a year ago,
In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
In this kingdom by the sea;
But we loved with a love that was more than love,
I and my Annabel Lee;
With a love that the winged seraphs of heaven
Coveted her and me.

And this was the reason that, long ago,
In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsman came
And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
In this kingdom by the sea.

The angels, not half so happy in heaven,
Went envying her and me-
Yes! – that was the reason (as all men know,
In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love it was stronger by far than the love
Of those who were older than we,
Of many far wiser than we,
And neither the angels in heaven above,
Nor the demons down under the sea,
Can ever dissever my soul from the soul
Of the beautiful Annabel Lee.

For the moon never beams without bringing me dreams
Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise but I feel the bright eyes
Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
Of my darling- my darling- my life and my bride,
In the sepulchre there by the sea,
In her tomb by the sounding sea.

 

Edgar Allan Poe, Annabel Lee

Im Königreich aus verflossenen Tagen
da lebte einst am Meere sie,
das Mädchen kennst du wohl vom Hörensagen,
ihre Name war Annabel Lee,
und die Holde lebte dort nur einem Sinn,
sie liebte mich, ich liebte sie.

Ich war ein Kind, sie war ein Kind,
dort, wo die wilde Brandung schrie,
doch wir liebten uns in einer Liebe Übermaß,
ich und Annabel Lee,
sogar des Himmels Seraphim mit ihren Flügeln
beneideten uns, mich und sie.

So kam es, daß vor langer Zeit in jenem Land,
dem das Meer den Zauber lieh,
ein Wind aus einer Wolke fuhr,
und meine schöne Annabel Lee,
sie fror, ein hoher Herr trat hin,
und meinen Blicken entriß er sie,
verschloß sie in einer Gruft,
wo am Ufer die Brandung schrie.

Es waren die Engel nicht glücklich im Himmel,
sie beneideten mich und sie,
ja, das war der Grund (alle Welt weiß darum,
dort, wo am Ufer die Brandung schrie),
daß ein Wind nachts aus der Wolke stürzte
und unter seinen Schauern starb meine Annabel Lee.

Doch unsere Liebe sollte sich groß bewähren,
Liebe, der Jugend keine Kraft verlieh,
Liebe, der Alter keine Weisheit lieh,
und weder die Engel in Himmelssphären
noch der Dämon, der aus der Tiefe schrie,
konnten je meine Seele trennen von der Seele
der schönen Annabel Lee.

Und Mondes Strahlen bringen mir Träume nie
ohne das schöne Bild von Annabel Lee,
wenn die Sterne aufgehen, kann stets den Glanz ich sehen
der Augen von Annabel Lee,
wenn sich Nacht auf den Wellen wiegt, habe ich mich angeschmiegt
an meine Liebe, meines Lebens einzige Braut, die jetzt liegt
in jener Gruft, die mir Liebe verlieh,
in ihrem Grab, wo Meeres Rauschen endet nie.

Jul 3 16

Rabindranath Tagore, Chain of Pearls

Mother, I shall weave a chain of pearls for thy neck
with my tears of sorrow.

The stars have wrought their anklets of light to deck thy feet,
but mine will hang upon thy breast.

Wealth and fame come from thee
and it is for thee to give or to withhold them.
But this my sorrow is absolutely mine own,
and when I bring it to thee as my offering
thou rewardest me with thy grace.

 

Perlenkette

Mutter, ich will dir eine Perlenkette um den Nacken schmiegen,
darauf ich Tränen meines Grames fädle.

Die Sterne haben Fußringe gehämmert, deine Fesseln zu zieren,
doch meine Kette wird über deinen Brüsten schweben.

Reichtum und Ruhm, sie sind deines Zeichens,
und du allein verfügst, wem sie gebühren, wem nicht.
Doch dieser mein Kummer ist ganz mir zu eigen,
und wenn ich ihn dir als Gabe entbiete,
vergiltst du es mir mit deiner Anmut Glanz.

(Anmerkung: In der Gestalt der Mutter spricht der Dichter seine Heimat Bengalen an.)

Jul 3 16

Über die Lust am Widerwärtigen und am Unsinn

Georg-Büchner-Preis 2016

Wie wir dem hiesigen Intelligenzblättchen entnehmen, stammen folgende Zeilen aus einem Gedichtband eines Autors, der sich der Ehre rühmen darf, den diesjährigen Büchner-Preis verliehen bekommen zu haben:

Wespe, komm in meinen Mund,
mach mir Sprache, innen.

Wir wollen diese sogenannten Verse als ein Zeugnis nehmen, um daran den verrohten, verdunkelten und entarteten Geschmack und Geisteszustand der herrschenden Elite ad oculos zu demonstrieren. Wir bekennen zuvor frei und ohne Scheu, von dem mit dem höchsten Literaturpreis Deutschlands ausgezeichneten Autor sonst keine Silbe gelesen zu haben, ja versichern freimütig, aufgrund des Genusses dieser Zeilen jeder weiteren Vertiefung in dessen Werk auf immer abgeschworen zu haben.

Wir exponieren an dieser Stelle zwei Kennzeichen, die sich gegenseitig bedingen, ja qua inzestuöser Vermischung ästhetisch sterile und geistig debile Monstren hecken: einen degenerierten ästhetischen Geschmack und einen sich an Unsinn und Widersinn weidenden bedauernswerten Geisteszustand unserer Eliten.

Der Wunsch, eine Wespe möge einem in den Mund fliegen, und die Vorstellung, ein mit einem giftigen Stachel versehenes Insekt sei einem in den Mund geflogen, können nur der Wunsch und die Phantasie eines den tiefen Lebensinstinkten entfremdeten Menschen oder sagen wir es in psychiatrischen Termini: eines Masochisten entspringen. Wir wissen, daß uns das Leben mit den unmittelbaren Abwehrreflexen gegen alle Phänomene ausgestattet hat, die als Gefahr der Ansteckung und Vergiftung aus Abfall und Kot, verwestem und faulendem Fleisch uns in die Nähe, in die Quere, ins Gehege kommen. Der Wunsch des Kranken, diese natürliche Schranke zu überspringen, kennt die Psychiatrie in der Symptomatik der Koprophilie, Nekrophilie und anderer Formen des Masochismus. Nennen wir das, was uns aus dem Gedichtfetzen unseres Autors in solcher Weise anmutet, die Lust am Widerwärtigen.

Die poetisch ausgestellte Lust am Widerwärtigen, halten wir fest, offenbart die Leugnung und Verdrängung elementarer Lebens- und Daseinsbedrohungen durch den betroffenen Einzelnen und wenn er sie geschickt, artifiziell und grell dem Zeitdekor gemäß in poetischen und anderen Artikulationen kundtut, auch durch die Gruppe, die sich davon einnehmen oder berauschen oder doch geistig-seelisch repräsentieren läßt. Der Hinweis auf die Tatsache, daß die Folgen von Wespenstichen im Mund einen tödlichen Ausgang aufgrund von Vergiftung und Erstickung nehmen können, möge genügen.

Nun müssen wir nicht darüber belehrt werden, daß in der neueren Dichtung seit Baudelaire, Rimbaud und Trakl Bilder, Metaphern, Vergleiche, die eben diesem Lebensbereich von Schmutz, Verwesung und Ekel entstammen, vielfach und in vielfacher Verwendung aufzuspüren sind: Indes haben sie in diesen Dichtungen den Sinn der Verweisung auf menschliche Lebensbezüge, die innerlich und äußerlich gebrochen und zerbrochen, angefault und beschädigt sind, nicht aber, wie in unserem pathologischen Falle, den Sinn der Verweisung auf Gehalt, Funktion und Relevanz der Grundlage der geistigen Existenz des Menschen: der Sprache, und wie wir an der zitierten Stelle interpretatorisch sinngemäß ergänzen dürfen: der dichterischen Sprache.

Der perverse Wunsch, eine Wespe möge dem Autor in den Mund fliegen, findet also eine poetologische Weiterung und Transfiguration: die Geburt der Sprache und der Dichtung aus dem traumatischen Widerfahrnis, Sprache und Poesie aus dem Ursprung von Trauma und Verwundung – eine typisch deutsche Nachkriegssuggestion, mit der die wirkliche oder vorgebliche Schuld der Väter und Großväter rituell abgebüßt werden soll – bis zur gänzlichen Abschürfung der eigenen seelischen Substanz. Dieses Niederknien in den Schuld-Unrat und stinkenden Abhub der Selbstanklage und Diskreditierung der eigenen Herkunft läßt bei genügend schamloser Zurschaustellung und devoten Knicksen vor den Bonzen und Kuratoren der Schuld-Schund-Industrie und den Preisrichtern für das ekstatischste Wühlen im Sündenmorast bald die Kasse klingeln und die Titelseiten und Formate der kotfressenden Überschreitung vom Portrait des in die Pose des melancholisch geneigten Dulders prangen.

Hier konstatieren wir zunächst ein interessantes sprachliches Phänomen, das die alte Rhetorik Katachrese nannte: die Vermengung unverträglicher sprachlicher Bilder, Wendungen und Metaphern – der achtlosen Vermengung und Vermischung von Sprachen, Rassen, Kulturen und künstlerischen Stilen ohne paradigmatische Auswahl und ordnende Auslese nicht unähnlich, deren hybride Hervorbringungen häßlich oder steril oder stupid oder all dies zusammen zu sein pflegen: wenn das Deutsche von den ätzenden Zungen hergelaufener Kanacken um seine subtilen Ausdrucksvarianten und grammatischen Nuancen kastriert und diese Verunstaltung als multikulturelle Sensation goutiert und gefeiert wird, wenn die Chöre der Antigone von Nutten, Transvestiten und Zuhältern gegrölt und ihre Metren durch sexuelle Triller von Zigeunerinnen zerfetzt werden, wenn sie in die Silberschale der Ode den Urin der Satire schütten, wenn die Kultgewandung des jüdischen Hohepriesters oder des katholischen Bischofs von Penisschaft oder Indianerbemalung konterkariert wird und sie solche und andere Greuel auf ihren Kirchentagen als neue Offenbarung des Heiligen Geistes beklatschen, wenn das Taufbecken mit den Emblemen der Evangelisten von den schmutzigen Füßen der Mohammedaner geschändet wird, wenn die blonde Negerin, Pfeife rauchend, in Lederhosen und Janker über den Laufsteg von Dior watschelt oder der Mund des Dichters vom Stich invasiver Insekten lallend schwillt.

Irgendwie schwebte dem Autor an der zitierten Stelle die etwas ausgelaugte und blutleere Wendung „wider den Stachel löcken“ vor, die in Zeiten neuen Wind bekommt, in denen Hinz und Kunz ihre vorgeblich radikale Haltung darin bekunden, ständig gegen den Strom zu schwimmen. Vermengt ist mit dieser Wendung das ihr widerstrebende Sprachbild vom Stachel, der als schlechtes Gewissen oder als rebellisch-böse Unlust, an Werk und Unwerk der Restwelt teilzuhaben, im Fleische sitzt.

Kann aber, fragen wir ins Eigentliche, am Ursprung schöpferischen Wollens und Tuns wie des sprachlichen und dichterischen, eine sehnsüchtig oder jubilatorisch begrüßte giftig-lebensgefährliche Infektion der elementaren Lebensvollzüge stehen? Wir sehen hier abermals die Umkehrung der großen Traditionen der Antike und der Klassik, der Bejahung, Steigerung, Verlockung des Lebens in die olympische Höhe oder die orphische Tiefe, der produktiven poetischen Lust, den Lebensphänomenen umfänglich und umgänglich universalen Ausdruck zu geben. Müßte sich das Sinnen und Trachten des Dichters darin demütigen, beständig die eigenen oder widerlicher noch die Wunden der anderen zu lecken und im Verwesten zu wühlen, wäre Schweigen Pflicht und Wohltat für die Mitwelt.

Wenn sie des höheren Wunsches nach Sublimierung und Verschönung ermangeln, sollte man ausrufen, laßt tote Dichter tote Worte begraben – oder nekrophil schänden, aber im Verborgenen ihrer Sprachverliese.

Wir sprachen von zwei geistigen und ästhetischen Elementen, die den pervertierten Zeitgeschmack kitzeln und befriedigen: die Lust am Widerwärtigen und die Lust an Unsinn und Widersinn. Nun, es ist ein Zeichen großer Dummheit oder semantischer Verwirrung, zu wünschen und zu postulieren, Sprache solle „innen“ entstehen, wachsen, sein: Sprache entbehrt einer Dimension des Innen – folglich auch einer Dimension des Außen.

Wir können einen Satz an einem bestimmten Ort äußern, in einem Gedichtband auffinden, den Gedichtband in das Innere einer Schublade stecken – aber die Sprache können wir an keinem Ort auffinden und in keine Schublade stecken, in keinen Raum sperren. Wir können mittels Sprache unsere räumlichen und zeitlichen Abmessungen und Dimensionierungen ausdrücken, dokumentieren, archivieren – aber Sprache sensu strictu hat kein Hier und Jetzt, kein Oben und Unten, kein Gestern und Morgen. Darin gleicht sie dem Bewußtsein, und nicht kontingenterweise: Wir sind uns hier und jetzt oder waren uns dort und gestern dieses Gefühls des Ekels oder dieses Gedankens an die Existenz der Sonne bewußt – aber Bewußtsein strictu sensu finden wir nicht hier an dieser Stelle der Raumzeit und nicht dort im Garten, wo wir uns gestern der Existenz der Sonne bewußt wurden.

Es ist ein Elend mit den Dichtern, die mit ihren Gedichten philosophieren wollen und der logisch-semantischen Grundlagen des Denkens entbehren, ähnlich dem Elend der Philosophen, die mit ihren Philosophemen dichten wollen und eine ungenießbare sprachliche Katachrese verstümmelter Gedanken und hinkender Metaphern zum besten geben.

Ein schaler, von Würmern und Maden wimmelnder Salat aus Widerwärtigem und Unsinnigem scheint die bevorzugte Kost des Zeitgeistes zu sein, eine Kost, die nicht nährt und von den empfindsamen Geistern gleich wieder erbrochen wird.

Eine geistige Elite, die solch perversen Neigungen und Gelüsten huldigt, im Lebenswidrigen wühlt, in Abfall und Sprachmüll, zeigt durch dieses Gebaren, daß sie ihren Untergang will, mit ihrem Auftrag, ihre Sprache, Kultur, Tradition zu bewahren, zu erneuern und ins Kommende zu stellen, am Ende ist. Wiederum: Lassen wir die Toten ihre Toten begraben – der große Regenbogen des Lebens biegt sich ins Anfängliche zurück, in die wachstümliche Stille, dorthin, wo nach der Katharsis des Untergangs wieder fromme Dichter mit festlichem Rühmen und anmutigem Spiel die lebendigen Keime aus den Quellen der Schönheit und des Sinnes wässern.

Jul 3 16

Die blütenlose Leere

Er schwebt still wie in Gedanken,
nur die bleichen Rosen schwanken,
wenn sich der Moose grünes Licht
in seinen wimperlosen Augen bricht.

Aus der dunklen Wogen Rollen
sind sie einst hervorgequollen,
um zu scheiden Feindes Bild
von friedlich leuchtendem Gefild.

Ist in ihm des Lebens Selbstgefühl,
wird er seiner inne im Algengewühl,
wenn mit bleichem Finger Mond
färbt seine Schuppen rot und blond?

Schwankt in ihm die blütenlose Leere,
fern von der Bilder Sehnsuchtsschwere,
wenn er stülpt den goldenen Mund
um der Mücke glücklichen Fund?

Jul 3 16

Es strömen wieder die Quellen

Wenn wieder Wolken blenden
im schwarzen Spiegel der Teiche,
wird sich der Abend vollenden,
die Herzen neigen ins Gleiche.

Wenn wieder grünt an Mauern
des Sinnens schwarzer Samt,
werden wir nicht mehr trauern,
Gestirn ist rings entflammt.

Es strömen wieder die Quellen
Gesänge der Liebe empor,
die uns die Wege erhellen
bis an das letzte Tor.

Jul 2 16

Edgar Allan Poe, A Dream

In visions of the dark night
I have dreamed of joy departed
But a waking dream of life and light
Hath left me broken-hearted.

Ah! what is not a dream by day
To him whose eyes are cast
On things around him with a ray
Turned back upon the past?

That holy dream, that holy dream,
While all the world were chiding,
Hath cheered me as a lovely beam
A lonely spirit guiding.

What though that light, thro’ storm and night,
So trembled from afar
What could there be more purely bright
In Truth’s day-star?

 

Ein Traum

In dunkler Nächte Gesichten
träumte mir von versunkenem Glück,
doch ein Traum vom Leben, dem lichten,
warf mich gebrochen ans Ufer zurück.

Ach, was gilt dem des Tages Traum,
dem alle Dinge rings nur senden
Blicke wie aus dunklem Raum,
erloschener Augen süße Spenden?

Dieser heilige Traum, heilig und teuer,
den alle Welt als töricht von sich weist,
hat mich erwärmt wie Liebesfeuer,
meines Leitsterns einsamer Geist.

Was vor solchem Licht, das durch Sturm und Nacht
mir erzittert von so fern,
was könnte mit reinerem Strahle wohl bedacht
Wahres künden eines Tages Stern?

Jul 2 16

Wenn wieder die Stunden münden

Wenn wieder die Stunden münden,
Blumenarme, die von Küssen matt
Mädchen um die Urnen winden,
und Abend ist von Düften satt,

wenn wieder die Stunden münden,
blauend im Delta der Zeit,
die das Unendliche künden,
heilige Ströme, todesbereit,

die ihren Sinn verschwenden,
wenn ihre einsamen Lieder
in brausenden Chören enden,
und kehren nicht wieder –

wenn wieder die Seelen sich kennen
an stillen Jenseitsgestaden,
werden an Zweigen brennen
Blüten, in den Lüften baden,

gesänftigt von Rauschen,
Engel unter Wolkenhängen,
und ihre Flügel bauschen
von hellen Gesängen.

Jul 2 16

Die Liturgie der Heiligung

Die schlanken Figuren der großen Dome
stehen in würdiger Stille in den Nischen,
wie Flammen, ruhen unter Baldachinen,
ruhen unter den Schatten auf Simsen
und schön geschwungenen Balustraden,
im Leuchten der überhängenden Blüten,
Fittiche heben die einen schon höher ins Heil,
andere sind gefaßt und getragen
von höhenden Kränzen und Aureolen.
Ihre Stille leuchtet in den Nächten,
wenn ihre basaltenen Falten zu wehen scheinen,
wie von baldiger Ankunft und Wiederkehr,
vom Zuspruch der heiligen Engel.

Wie häßlich ist das Leben der Menschentiere,
die durch die Straßen und Märkte krabbeln,
gezogen von stechenden Eingeweiden,
vom Dunst der Hormone und Därme benebelt,
im Wahn, die Tage zu reihen wie Haufen Kots
oder wie Kreuze an den Gefängniszellen,
jedes steht für einen Fluch, einen Faustschlag,
eine erwürgte Erektion des Lebens.

Die Buchen stehen in den Domen
der Haine in übermenschlicher Stille des Duldens,
die der Wind mit leisem Rauschen vertieft,
und wenn Harz ihnen tropft aus Wunden,
hörst du kein Jammern, die Dämmerung
wird manchmal dichter nur von schmerzlichem Duft.

Dort eilen sie wieder, mit den Messern
die Beute zu zerlegen, das reine Antlitz
der Erde zu schlitzen oder mit dem Kot
und schwarzen Pech ihrer Zeichen und Sprüche
die schweigende Rinde,
die Stirn der heiligen Kühe,
den Altar der stummen Menhire
in ihr Kauderwelsch zu bannen.
Und einer sticht den anderen aus mit dem gelben Schwefel
der grelleren Meinung,
mit Zauber-, Ohren- und Nasenringen,
mit dem aufgeklärten Finger im Hirn der Einfalt wühlend,
mit phallusschwankem Getue und äugelnden Mienen
und feuchten Gesten, die Unschuld zu kirren,
sich mit Genüssen zu wirren,
und treten einander in Lachen.

Wie würdig ist die Stille der Blumen,
ihr Steigen aus dem Dunkel zum Vater,
ihr Sinken zur dunklen Mutter,
und der heitere Flug ihrer Sporen und Pollen
ist würdig und still, wenn der Wind auch singt
oder die Kapsel der Samen hüpft und springt,
sonst sind es die Bienen, in deren Summen
sie wandern von Lichtung zu Lichtung,
sonst ist das stille Saugen und Flattern
der Falter und Motten ihre tiefste Erregung.

Wie häßlich ist das triebentzündete Schwirren
und Irren der Menschentiere, ihr Knatschen
und Matschen, ihr Hacken, Häckseln und Hauen,
ihr schwitzendes Zeugen, verklebt von Seufzern
und Todesgestöhn, wie widerwärtig der Lärm
ihrer tobenden Kinder, das Rülpsen und Spucken
der zahnlosen Alten, das Lärmen und Brüllen
der werkelnden, bauenden, niederhämmernden Männer,
das spitze Gellen und Trillern aus den sexuellen Kehlen der Frauen,
wie wird die Seele geschändet von gemeinen Bildern,
mit denen sie das Leben feiern, von gemeinen Reden
aus den elektronischen Kästen und flackernden Behältern,
die nachts den weißlichen Glitzerwurm der Lüge ausscheiden,
und immerfort das nichtige Klatschen des Kots.

Die heilige Liturgie und das reine Wort der Seher
weist uns die Schwelle, für die Stunde
der reinen Empfindung abzutun
das eitle Gebaren und mit gesalbter Stirne
und abgeschminkter Seele,
in feierlichem Schreiten dem Wunder zu nahen,
angetan nur mit der stillen Kerze als demütigem Zeichen
für unser kleines flackerndes Dasein,
dem ein freches Husten und Prusten das Dunkel bringt.
Nicht aus uns selbst, aus dem Plunder des Erlebten
und den Goldgirlanden des Ersehnten, sollen wir uns beweisen,
geben sollen wir den ganzen Leib, sein erwachendes Beben,
wenn die Glocken schwingen, und einer mit dem andern
gehen wir gemessenen Schritts, in einerlei Gewandung
aus nichts als Flecken Lichts auf dem blumenhaft geschlossenen Fleisch.
Wenn die Engel mit Honig und Öl unsere Lippen bestreichen,
sollen dem Munde entstäuben, Mund an Mund,
die süßen Pollen purpurnen Dankgesangs.

Jul 1 16

Edgar Allan Poe, A Dream Within a Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

 

Ein Traum in einem Traum

Nimm auf deine Stirn den Kuß,
da ich von dir scheiden muß,
meines Mundes letzter Gruß
besiegelt, was du ahntest kaum:
meine Tage waren Traum.
Wenn das Hoffen floß hinein
in die Nacht, in Tages Schein,
in ein Gesicht oder nirgendhin,
ist weniger eitel dann sein Sinn?
Alles, was uns anblickt aus dem Weltenraum,
ist ein Traum in einem Traum.

In bin nur einsames Lauschen
in einer Brandung Rauschen,
und halte in meiner Hand
goldener Körner Sand,
wie wenige! Doch sie gleiten
durch die Finger in die Dunkelheiten,
wie meine Tränen, Tränen sie begleiten!
O Gott, kann ich sie nicht halten
in feiner Netze Spalten?
O Gott, kann ich nicht eine wahren
vor der Wogen Schreckensscharen?
Ist alles, was uns anblickt aus dem Weltenraum,
nur Traum in einem Traum?

Jul 1 16

Das Kind mit dem Rehkitz

Dem Andenken an Franz Marc

Wenn wieder Tau an Wimpern perlt,
an Hängen Ginster und Lupinen scheinen,
wollen wir dem Lichte einen
unsrer Herzen Müdigkeiten –

wenn vor dem Weihebilde Honig schmilzt,
sollen uns Gesänge leiten,
wollen wir gemessen schreiten,
durch die Dunkelheiten –

wenn wieder Flamme an den Ufern singt
und Wolken in das Zögern blühen,
eines Morgens zartes Glühen,
wollen wir auf die Schwelle breiten

einen Teppich wilder Rosen,
Kränze süß gewundner Lieder
mit dem Duft von weißem Flieder
hängen an Tores offene Seiten,

wenn fernen Lächelns Kind,
ein Rehkitz auf den Händen,
unsre Trauer zu beenden,
tritt aus des Wunders blauen Weiten.

Jul 1 16

Edgar Allan Poe, Alone

From childhood’s hour I have not been
As others were; I have not seen
As others saw; I could not bring
My passions from a common spring.
From the same source I have not taken
My sorrow; I could not awaken
My heart to joy at the same tone;
And all I loved, I loved alone.
Then in my childhood, in the dawn
Of a most stormy life was drawn
From every depth of good and ill
The mystery which binds me still:
From the torrent, or the fountain,
From the red cliff of the mountain,
From the sun that round me rolled
In its autumn tint of gold,
From the lightning in the sky
As it passed me flying by,
From the thunder and the storm,
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view.

 

Allein

Als Kind schon war ich nicht,
wie andre waren, anderes Gesicht
war mir als ihres, andre Quellen
machten meine Triebe schwellen.
Was mir Traurigkeit beschied,
war wie meiner Freude Lied
von seiner Artung ungemein.
Meiner Liebe Huld, sie stand allein.
In dieser Kindheit Morgenrot
sog ein Leben, sturmbedroht,
aus dunklen und aus hellen Gründen
Geheimnisse, die mich noch binden:
Im Wasserfall und in der Quelle,
in roter Klippen Felsenhelle,
wenn die Sonne um mich rollt
ihren Ball aus herbstlichem Gold,
wenn Himmels blitzende Zeichen
über meine Haare streichen,
in Sturm und Donnerknallen,
wenn mir der Wolke dunkles Ballen
(noch ist das Blau der Lüfte mild)
einen bösen Geist enthüllt.

Jul 1 16

Das Rauschen der Zeit

Deiner Verse leichte Brücken
tragen deine Schwermut nicht –
Reime können nicht beglücken,
wenn der Anmut Hauch gebricht.

Wenn du streust von Rosenblüten
Blätter auf verschorfte Stellen,
üblen Dunst sie nicht verhüten,
Wehmut aus den schwarzen Quellen.

Du mußt dich ins Schweigen bannen,
wenn das Herz auch sinnlos schreit –
oder bebende Zeilen spannen
über das dunkle Rauschen der Zeit.

Jun 29 16

Noch einmal das Gleiten

Noch einmal das Münden,
du zögerst ins Blau,
aus moosigen Gründen,
es hebt dich Wehen
aus blumigem Tau
über Wolke und Stern.

Noch einmal Bestehen,
wenn Abend öffnet
der Rose Wunde,
noch einmal Vergehen,
ein Singen kommt fern
aus träumendem Munde.

Noch einmal das Gleiten,
es fliegt dein entblößtes Herz
über verwehter Zeiten
Wogen und Tang,
schon tönt nah, so nah
der Seligen Gesang.

Jun 29 16

Gnadenreste

Die sich neigende Blüte
weckt dein Dankgefühl,
die Wasser, die fallen,
begleitet dein Lallen,
der dämmernde Tag
tönt nach im Gemüte,

die ersterbende Geste,
die Dolde, die dir fiel
auf dunkelnden Pfad,
der Augen bittere Saat,
die Träne, von allem sag,
es seien Gnadenreste,

des Abends süßes Weh,
Mohnes schwanker Stiel,
das blaue Gurren der Nacht,
Mondes Wandel, sacht, so sacht,
und was auf den Wangen lag,
der Küsse weicher Schnee.

Jun 29 16

Hast, Herr, du noch Goldes genug

Hast, Herr, du noch Goldes genug
über die Berge zu gießen,
wenn sich die Blumen schließen
und dunkler die Brunnen rauschen?

Ist es dein Wille und Fug,
daß mein Tag verblühe,
mein Abschiedsstern erglühe,
will ich die Rose tauschen

mit des Engels stillem Grüßen,
sie auf die Schwelle ihm legen,
bebend vor deinem Segen
das Tor in den Lüften durchschreiten.

Muß aber das Herz ich büßen,
blind für deiner Gnade Sterne,
hör ich in der schwarzen Ferne
noch stets die Sänge der Befreiten.

Jun 28 16

Stern der Liebe

Bette dich,
wenn zum Teppich sich breitet
der purpurne Klang.

Doch wenn Schnee dich blendet,
hülle der Flügel dich,
den mein Lied dir sendet.

Wandle nur,
wenn er mit Düften geleitet,
durch den Laubengang.

Doch wenn dich Frost anrührt,
hülle in Gluten dich,
die mein Herz dir schürt.

Küsse doch,
wenn er sich spreitet,
Holunderbusches Überhang.

Doch wenn Nacht er dir kündet,
schau auf den Stern,
den dir meine Liebe entzündet.

Jun 28 16

Bittere Kerne

Sanftes Vergehen,
zögerndes Licht,
rosentrunkenes Neigen,
letztes Gesicht.

Stilles Verwehen,
flackernder Blick,
lippenweiches Schweigen,
dunkles Geschick.

Spätes Verstehen,
geschälte Frucht,
bittere Kerne zeigen,
was dich gesucht.

Jun 28 16

O ihr Wellen, trinkt

O Wellen, über mich, ihr getreuen,
über mich, und schon zur Stille
sinkt das laute Herz,

ihr nur, ihr kühlt den Schmerz,
der mit der Sonne zehrte
den Kuß der lauen Lüfte,

lähmte die weiche Hüfte,
den Gang am Lebensstrom,
entkernte die reife Frucht.

O Wellen, eure dunkle Flucht
hebt mich aus Lichtes Qual
auf Schlafes blauen Sand,

in das Niemandsland,
wo sanfte Geister
mit dem Schattenmunde

küssen der Seele die Wunde,
und der Totensonne Mohn
nimmer versinkt,

o ihr Wellen, trinkt,
ihr Wellen, trinkt.

Jun 28 16

Ernte

Fernes Rufen,
eines Vogels
herabgetrudelter Flaum.

Von Früchten kaum
eine Handvoll
für die Silberschale.

Du gehst zu Tale,
auf den Lippen
das dürftige Lied.

Was aber geschieht,
wenn im Fluß ertrinkt
das treue Licht?

Das weißt du nicht,
voll sternloser Nacht
gehst du am Ufer entlang,

wo sich der Reiher schwang
ins Gegenlicht,
in deinen Traum.

Du pflückst den Flaum,
verklungen ist
das süße Rufen.

Jun 28 16

Dort, wohin Liebe eilt

Leuchtende Zeilen, blumenwahr,
dumpfer Gong, zierliche Flöte,
Blüten im flutenden Haar.

Späte Stunde, neckende Schamesröte
einer Wolke, die lieblich verweilt,
ob sich Wind ihr zum Tänzer erböte –

ist es dort, wohin Liebe eilt,
ans Ufer der Schwäne, in Gärten,
wo geküßter Arm den Flieder teilt

und Vögel grüßen die neuen Gefährten,
zwitschern leise unter den Schwingen,
Veilchen flüstern von Windes Zärten –

o Liebe, wo deine Dichter singen?

Jun 27 16

Der Granatapfel

Lahmen Fußes in die Ferne gerufen,
versteinerten Herzens zu lieben bestellt,
die Zunge verklebt vom Honig der Reime,
trüben Auges zur Einsicht verdammt.

An Wahrheitsklippen zerschellter Traum,
an glitzernden Scherben zerrissener Vers,
Blüten auf einsamen Pfaden, gestreut
unter die leere Monstranz der Sonne.

Schöne Tochter des Lichts, Persephoneia,
Hades gab dir zu kosten die Schattenfrucht,
immer kehrst du der Erde den Rücken,
um mit den Toten zu pflücken den Schlaf.

Kind der schwingenden Ähren, der Tänze
im Blumengürtel, schaust du erstarrt
im Wasser des Styx dein bleiches Antlitz,
der Totensonne Mohn glüht dir im Haar.

Jun 27 16

Leben ist Vorübergehen

Leben ist Vorübergehen
an Blumen und Schatten,
dunkles Begatten,
küssendes Mißverstehen.

Reden ist Verschweigen
unsagbaren Sinns,
Urbeginns
wirres Verzweigen.

Denken ist Vermeiden
unfruchtbarer Fragen,
heiteres Entsagen,
weises Scheiden.

Altern ist Überwinden
auftrumpfender Gesten,
von zuchtlosen Festen
heimliches Entschwinden.

Jun 26 16

Das Sehnsuchtsbild

Wenn wieder die Schlepper sich ducken
unter die Loreley,
schlägt dein Herz so wild,
ein Seufzen strömt herbei,
in Farben schwelenden Öls
schliert das Sehnsuchtsbild.

Wenn kalte Blicke des Mondes zucken
durch der Halme Schlaf,
schlägt dein Herz so wild,
als ob ihr Blick dich traf,
in den schwarzen Wellen
ertrinkt das Sehnsuchtsbild.

Wenn wieder die Tauben rucken
unter leuchtendem Laub,
schlägt dein Herz so wild,
der Abend ist goldener Staub,
im Mohn der letzten Sonne
verbrennt das Sehnsuchtsbild.

Jun 26 16

Gefiedertes Lied

Ewiger Tausch,
Berge schwimmen,
Meere verglimmen,
Herz verglüht,
grüner Rausch,
Sinn versprüht,
blüht wieder auf.

Und ich und du,
heben mit Händen
unser Verschwenden
zur Sonne empor,
Nacht kommt im Nu,
Sterne kreisender Chor.

Leises Entschweben
von Blüten und Flocken
ist unser Leben,
Lippen, die beben,
Worte, die stocken,
stummes Ergeben.

Sterblicher Mund,
dunkles Lallen,
gefiedertes Lied
schwebt überm Grund,
Tränen fallen,
süßer Reim Abschied.

Jun 26 16

Worte, Chimären

Worte, Chimären,
Lippen, o Hauch,
die nach eines Sinnes
Duft sich verzehren.

Bilder, versunken,
Augen, o Licht,
die aus Blumen
Träume getrunken.

Klänge, sanftes Neigen
von Lilien, von Stirnen,
wenn aus Gräbern
Liebesflammen steigen.

Bilder, geküßte
Augen, o Stille,
Schneekristalle
verwehter Lüste.

Worte, heimgekehrte
Wandrer, o Dank,
von goldener Blumen
Duft belehrte.

Jun 25 16

Laacher See

Wenn wieder der tote Mond
rollt über den schwarzen Samt
des Laacher Sees,

alles Leben hat sich vermummt
in die keusche Stille
des ersten Schnees,

spinnt die Fäden Erinnerung
über des tiefen Wassers
glucksendes Harren,

zitternde Silberfäden,
die wie der scheuen Undine
Lächeln dich narren.

Jun 25 16

Am Ufer des Rheins

Wenn fern die Schiffe dröhnen
über den dunklen Rhein,
bist du am Ufer allein,
wenn weh die Glocken tönen

wider vom Felsgestein,
schaust du auf den Wellen
Bilder tauchen und schnellen,
wie silberne Perlen im Wein,

hörst du von jenseits bellen
verlassene Kreatur,
siehst der Scheinwerfer Spur
Häuserfronten erhellen,

am Ufer der schäumenden Flur
sich im Röhricht versöhnen
die wilden Möwen, die schönen,
voll Schwermut ist die Natur.

Wenn weh die Glocken tönen
über den dunklen Rhein,
bist du am Ufer allein,
mußt dich ans Scheiden gewöhnen.

Jun 24 16

Herr, ich bin bereit

Alle Worte sind verbraucht,
alle Reime welk und grau,
in Dunst und Wolken ist getaucht
des großen Atems grüner Bau.

Ich stehe auf dem First der Zeit,
letzter Rosen Schein will blassen,
Herr, ich bin bereit,
deines Engels Flügel will ich fassen.

Blutes und der Lüste Tosen
war der Welten greller Wahn.
Erloschen ist der Rose Glosen,
verstummt der Anmut Schwan.

Jenseits dieser Sternenzeit,
jenseits blühtʼs in reinen Chören,
Herr, ich bin bereit,
laß mich deine Engel hören.

Jun 24 16

Die Wunde sang

Einst, wild umflockt,
der Apfelblüte Schnee,
der Wolken Gesang,
ins Ferne gelockt,
Ferne so süß,
Ferne so weh.

Einst, sanft umzückt
von Ginsterflitter,
von glänzenden Beeren,
von Liebe berückt,
Liebe so süß,
Liebe so bitter.

Einst, bang geneigt
über Herdes Scheit,
der Zapfen dunkler Duft,
das Zimmer schweigt
vom kleinen Glück,
vom großen Leid.

Einst, mild umhüllt
von Wellenklang,
Geisteratem im Schilf,
die Wunde gestillt,
Wunde so tief,
Wunde, die sang.

Jun 24 16

Scheue Blicke

Es sind nur scheue Blicke,
sind dürftige Worte,
die uns geliehen,
die uns geblieben sind,
sie geistern,
sie streifen um jene Orte,
wo einmal geatmet das Kind.

Es sind Wehmutsblicke,
tränenumflorte,
verblühte Worte
dürrer Geschicke,
die Blüten kennt nur der Wind,
es sind schmale Atemgänge
über Höhen und Felder,
wo silbern sind und golden
der Flüsse Gesänge,
entlaubte Wälder,
die Blätter kennt nur der Wind.

Es blieben nur scheue Silben,
der Verse bebende Stege
über das Rauschen „Gewesen“,
über das Murmeln „Ich bin“.
Und die Ginster, die Reime am Rain,
sind sanfter Flammen Vergilben.
Alles war Anruf, alles war Schein,
nun enden die schattigen Wege.



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top