Wenn überm Rhein die Sagen verblassen
Wenn überm Rhein die Sagen verblassen,
es dämmern die Reben hernieder,
sind im hohen Blau noch einige Stellen,
die schmerzen, zerrissene Schleier,
müde verlaufen die goldenen Wellen
gesungener oder geträumter Lieder,
wenn überm Rhein die Sagen verblassen.
Wenn im Rauch die Gärten versinken,
es neigt sich Oktober den tiefen Strahlen,
leuchten im Dunkel die Monde der Quitten,
kleine Träumer zwitschern aus Eiben,
die Rose des Herzens hat ausgelitten,
des Weinlaubs Purpur weckt neue Qualen,
wenn im Rauch die Gärten versinken.
Die Seelen, die dort warten
Die deiner harren,
dir entgegensehnen,
in Träumen nahen sie schon,
in Nebeln siehst du sie narren,
die Seufzer des Abends dehnen –
durch Flure irrt ihr Klageton.
Und wenn Tropfen fallen,
der Steine Glänzen reißt dich hin,
der blaue Schleier überm Garten,
fühlest Abschied du in allen,
wie Blätter gilbet Sinn um Sinn,
o die Seelen, die dort warten.
Gib dich
Wenn dich Sehnen hält
oder der warme Ton
vergessener Stimmen,
wachsen die Schatten schon
und ins Dunkel fällt
unvordenkliches Glimmen.
Ist es kühl eine Hand,
die deine Schläfe berührt,
hat vogelzart ein Klopfen
dich noch einmal ans Fenster geführt,
sind es Tränen ungenannt,
die ins Herz dir tropfen?
Steig in die Wasser des Traums,
alles ist ja gesagt,
alle Früchte vergoren,
der Morgen des Abschieds tagt
in den Dämmer des Raums,
gib dich der Sonne verloren.
Liebesduft verweht
O Wort wie Tropfen Wein
doch auf die Lippe sprenge,
auf den Mund, der blaßt,
ein trockner Kieselstein.
Und Abend oder Nacht
auf Herz und Stirne hänge,
sie sind des Lichtes müd,
des Blutes dunkler Macht.
Und wär es noch Gesang,
was aus den Rosen klänge,
ihr Liebesduft verweht
auf deinem letzten Gang.
Die Entgrenzten
Wenn sich ihnen eine Laus ins Fell setzt,
dürfen sie sich nicht kratzen und den Gast
nicht quetschen (sie tun es heimlich,
nachts auf dem Abtritt ihrer Freudenhäuser
hört man es manchmal knacken und in den Hinterhöfen
stinkt es schon öfters nach verkohltem Chitin),
denn sie leben in Harmonie, so kündet ihr Arsch-
Tatoo, mit allem, was da kreucht und fleucht.
Doch die wahrhaft Entgrenzten mischen
auf ihren Babelsfesten und dem Phrasenjahrmarkt
der Kirchentage den Auswurf, den Kot
ihrer Läuse, Wanzen und Schrecken (Pharaos Plagen),
um die geistige Auflösung, die sie Erlösung nennen,
zu entfesseln, Vanitas ist ihre Caritas,
in das unreine Brot, den Jauche-Wein.
Wenn das Unkraut, das Sciroccos dicke Lippen
in ihren schönen Garten geblasen, ihnen
aus platzenden Schoten um die Ohren knallt
und ihren Alpenveilchen ins Gesicht,
dürfen sie nicht zu Pestiziden greifen,
denn sie leben in Harmonie mit allem,
was da wuchert und sprießt, entgrenzten
Sinns lecken sie an der stinkendsten Morchel,
denn die Ekstatiker der Selbstentmannung opfern gern
den eigenen Samen, wenn nur der fremde im Schoß,
dem heimatlichen, stromert und strunzt.
Die Schakale, die über ihren Lattenzaun springen,
und das Kaninchen ihres Zöglings reißen,
des fremdgezeugten, oder den Mops ihrer
Lebensabschnittspartnerin vierteilen,
dürfen sie nicht schießen, denn die Entgrenzten
sind friedensbewegte Kretins des Herzens,
die gern das Eigne opfern, wenn nur das Fremde
die Zunge fletscht und in die Nacht, die heimatliche, jault.
Den Paradiesvögeln und bunten Papageien,
die morgens auf ihren Fenstersimsen hocken
und mit lüsternen Schnäbeln an die Scheiben klopfen,
leihen sie andächtig das Ohr, lernen an ihnen
ein frivoles Krächzen und Zungenbrechen,
schicken die Kleinen in die Schule ihrer greulichen
Prosodie, denn die Entgrenzten opfern gern
die eigene Mutter, wenn nur die fremde Zunge
in die aufgerissenen Stellen der eigenen,
in die selbstgebissene, offene Wunde
den betäubenden Sud des Vergessens träuft.
Dunkel verrauscht
Wolken haben noch Gold,
wenn die Welle verrauscht,
sei der Abend dir hold,
Atem den Vorhang bauscht.
Wenn der Abend aus Gold
sinkt auf das grübelnde Herz,
sei die Stunde dir hold,
Sternluft weht erdenwärts.
Wenn stille Träume aus Gold
auf dem Wasser schweben,
sei die Nacht dir hold,
dunkel verrauscht das Leben.
Phrasen
Bunte Seifenblasen, die an den Fäden
kindlicher Allmachtsgedanken zittern,
verlogene Tränen, die am beschlagenen Fenster
unterm Siegeskuß der Frühjahrssonne rinnen.
Dummheit als schönstes Selbstgefühl,
das sich, eine Katze selbstverliebten Schnurrens,
rekelt in den Kissen und mit Eroten bestickten
Seidendecken verhätschelter Daseinsfristung.
Vom Beil des Zeitengotts geköpfte Hühnchen,
die, erregteste Tote, durch die Straßen, die Küchen,
die Talkrunden flattern, kein Kopf spricht,
aus offener Wunde sprudeln die Phrasen.
Rascheln der Vorjahrsblätter, esoterisches Raunen
vertrockneter Geister, die sich dem Hurer
Wind hinlegen, Wind, der sie aus den Kloaken
verfaulter Meinung mit Urinduft begeistert.
Phrasen kern- und samenloser Liebe,
haltlose Rinne, die überläuft von ätzendem,
bleichendem Sud in den dunklen Forst,
es bräunt sich sein ewiges Moos.
Die stachlige Distel, dein Herz
Die stachlige Distel, dein Herz,
mildert kein weicher Reim,
sie bleibt deiner Einsamkeit Keim.
Die Wunde, die einmal Liebe dir schlug,
brennt für hohen Mut nicht genug,
du mußt sie mit Asche versiegeln.
Der Kiesel in der Hand des Knaben
wird bald kalt in der Nacht,
sein Traum hat ihm Hitze entfacht.
Der Wind, der dein Haar verwirrt
und dich mit Seufzern kirrt,
fledderte jüngst tote Ratten.
Der Duft, der dein Herz betört,
weht aus Auen, die längst verdorrt,
Gespenster hausen an jenem Ort.
Die Amsel, die vor deinem Fenster hockt,
hat nicht deine Sehnsucht gelockt,
sie singt den zitternden Schatten.
Die Murmel, die dir über die Füße rollt,
gilt nicht dir, laß rollen sie doch,
sie findet ihr prophezeites Loch.
Die Letzten
Mus und Gries, Schleimsuppe, warmer Pudding,
Schmand, in Heilkräutertee getunkte Brocken
der Mildtätigkeit, zerquetschte Beeren,
vegane Afterknödel, mit Andachtsspucke vergoren –
sie munden dem zahnlosen Geist,
Molluskenmagen, der den harten Kern
der Wirklichkeit, den kalten Kiesel
und die sperrigen Gräten des wilden Seins
nicht lösen, nicht verdauen kann–
es speit der ausgelachte Mund
das Wahr-Gewölle wieder aus.
Sie werfen die Bernsteinspange,
die Nadel des äußersten Halts
in die Kloake des Allgefühls,
sie lösen das Haar dem lauen Wind,
er bläht ihr Narrengewand,
die Poren starren in die blauen Schatten
einer Ekstase von Jahrmarktszwergen,
die übereinander stolpern, kugeln, rollen,
bis an den schroffen Abhang,
unter dem die Brandung ihnen
auftut den brüllenden Schlund.
Es sind die Letzten, die sich ins fade Glück,
ins allgemeine Wohl, in die auslöschende
Versöhnung gemenschelt haben,
sie haben nur eine Gemeindezunge,
eine Zunge aus klebrigem Harz
in einem klaffenden Muschelmund,
sie reichen sie von Spruch zu Spruch,
von Jawort zu Jawort, sie reichen einander
den lallenden Phallus, der anschwillt
am triefenden Lügengaumen.
Sie sehen das Kommende unter Schleiern
getrübt, verschwommen, verwackelt,
Schleiern von Tränen, die ihnen die Phrase
verfetteten Herzens, der Vers auftreibt,
der über den Hortensienbusch
hinterm Lattenzaun des Wohlgefühls
matte Lilafarben streicht,
verwaschen wie die Küchenschürze,
Tränen, die ein schwarzer Sturm
ihnen jählings von den Wangen fegt.
Sturm, der kommt, der schon, ein Schakal
in den Hinterhöfen, heult, sich aufrauht
in den Schründen und Sprüngen
untanzbarer Rhythmen, einatmet
an den Sickergruben und Schächten
grüner Schäume, ausatmet
in den Flammen-Masken fremden Bluts,
die aus den rosenmüden Rabatten züngeln,
den weichen Mull der schönen Gesten
zerreißt und die papierne Trikolore
des bunten Selbstverzichts,
der mondüberleckte Paravent vor dem Bett
der Niemandslüste fällt, es schmilzt
die Ikone ohnmächtigen Schmachtens,
die Gardine brennt, die Aussicht wird frei
in sternenkühle Nächte, menschenleere.
Gehen, wandern, stehen, singen
Gehen wir mit den Flüssen,
eine Feder, ein Halm, der darauf treibt,
eine Sonnenmünze, die schaukelt
und schimmernd versinkt,
oder stehen wir, der Weiden
verzauberte Geister, an den Ufern,
die Füße umspielt von kristalliner Botschaft
ferner Quellen, das Haar, getunkt,
schwappt zwischen goldenen Seufzern –
wandern wir südwärts, wo Schnee
die Nacht der Gipfel beglänzt,
um, laichende Fische, unsere Schätze
in den moosigen Nischen, den Schlüpfen
rauchender Felsen zu bergen,
erkühnen wir uns, von Klippe zu Klippe
zu hüpfen, wenn die Brandung heißer
schäumt gegen die purpurnen Lippen
der Lagune, den Sand mahlt zu weißen
Taumels Mehl, von Licht und Schrei
geformte Möwen, die mit dem Schnabel
die Decke des Nebels aufreißen, stürzend
die wollüstigen Kissen der Wolken schlitzen –
stehen wir, das müde gerauschte Gefieder
von salzigen Zungen des Meers gespreizt,
weiße Reiher im Delta der Nacht,
oder lauschen, den Rubin der Augen
gespiegelt im Wasser der Auen,
Eulen im schwarzen Laub, auf das Knistern,
das Wispern und süße Glucksen,
das uns hinreißt, mit lautlosen Schwingen
über den grünen Abgrund zu streichen –
singen wir, die Kehle von schrägen Strahlen
der Abendsonne gekitzelt, geschaukelt
im ächzenden Rohr, winzige Vögel
der Liebe, schluchzende Federbällchen,
die erfrischt von Tau, in die Wiederkehr
des Lichtes flattern oder erschöpft
von den Sängen nach dem Unendlichen
in das schwarze Blau der Stille tauchen.
Die Glocken
Wie gleicht die verirrte Seele
mit ihrem Wimmern
und falschen Seufzen,
ihrem blechernen Lachen
und schütterem Weinen,
dem lüsternen Fletschen
und Verzagenshecheln
der gesprungenen Glocke,
der ein häßlich gezackter Riß
die Wange entstellt,
sinnlos klopft die Zunge des Klöppels
an den wunden Gaumen,
und ihr widriges Gellen,
ihr Unsinns-Girren,
ihr obszönes Schellen
scheucht die Tauben von den Simsen.
Wie gleicht die reine Seele,
wenn der Gnaden-Wind
das Schilf ihres Wartens erschüttert
und der Kuß eines fernen Bilds,
es hob die Woge ins Abendlicht,
in ihr offenes Fenster springt,
wenn eines Nachtvogels
Liebesschrei den Eichenhain
ihres Schlafs erhellt,
wenn auf die dunkle Schneise
ihres Verhauchens
Schnee die Stille flockt –
wie gleicht die göttliche Seele
der geweihten Glocke,
die mit Gold-Geläute
ihre Frommen ruft
zu zartem Angedenken,
mit Purpurklängen
die weißen Kinder
zum Geschmack der Ewigkeit lockt,
aus dumpf tönender Bronzeschale
Blüten der Lilie, der Nelke, der Rose
auf den einsamen Pfad
der Trauer streut.
Die Tote im Teich
Der Atem auf dem Teich ist einer Toten
ins Jenseits hingeglittner Schleier,
und Blätter schwebend silbern auf dem Weiher
sind ihres Lebens sanfte Abschiedsworte:
Ihr bleibet rein und schweigt an diesem Orte,
vergebt dem weißen Sinken einer Toten.
Der Nebel auf dem Teich ist einer Toten
in grauer Nacht herabgerissnes Kleid,
es bauscht von stummen Schreien weit,
die Nymphe dieses Wassers kann nicht weinen,
kann nicht den Sternen bräutlich sich vereinen,
das Brautlied starb im Munde einer Toten.
Die Rose auf dem Teich ist einer Toten
in blaue Nacht hinausgetropftes Blut,
sie hat von Liebe noch die schwache Glut
und schwankt im Geistertanz der Lüfte,
sie atmet manchmal schmerzlich-reine Düfte,
das vogelzarte Rufen einer Toten.
Klageruf
Herr, der Abend naht,
ich hab nur müde Gesten,
es dunkelt deiner Sonne Pfad
im Unkraut der Gebresten.
Herr, meine Hand ist leer,
ich hab dein Wort verschwendet,
meine Seele ist voll Teer,
ich bin im Kot geendet.
Herr, schick mir deine Taube,
ins Herz soll sie mir picken
nach einem Körnchen Glaube,
ach, könnt es sie erquicken.
Gebet
Gottes sei die Welt,
er sende uns den Engel,
das Gewölk zu fegen,
das taube Herz zu regen,
bis ihm das Lied gefällt.
Gottes sei das Wort,
er sende uns den Geist,
verdorrte Zunge zu befeuchten,
dunklem Herzen heimzuleuchten,
bis es mit Tauben flieget fort.
Gottes sei der Leib,
er send uns seinen Hauch,
die Augen zu beglänzen,
die Herzen zu ergänzen,
daß er in seinem Frieden bleib.
Gottes sei die Lust,
er send uns seine Sonne,
die Blüten zu entzünden,
die Früchte uns zu ründen,
daß sein Duft uns stillt die Brust.
Gottes sei der Tod,
er sende uns den Boten,
das Tor uns aufzufalten,
die Hände uns zu halten,
bis seine Wunderrose loht.
Alterchen
Ein Alterchen sitzt auf der Bank am Rhein,
der Stumpen ist ihm ausgegangen.
Hört er das Tuten der Schiffe noch,
die ablegen am Deutschen Eck?
Alter, dein Geruch ist schlecht,
kein Weibchen mag dir mehr streicheln
den welken Bart, dein Hut,
dein Hütchen, es sitzt so schief.
Was hast du in deinem Rucksack,
jetzt kramt er darin, Späne hustend,
ach, eine Flasche nur, oder ist es der Brief,
den einst einer Liebsten er schrieb?
Nun liest er, es stottert sein Mund,
es sind seine Worte doch, ihm ward
fremd ihr blumiger Sinn, den er im Frühling
gepflückt, und hat ihn nie abgeschickt.
Alter, rudere heim, ach, die Bank am Rhein
soll ein Kahn dir sein, schlummere, schlaf nur ein,
ein Engel bewahr dich vor Träumen,
Träumen von der Jugend am Rhein.
Feuertanz
Nicht der die Blüten streut,
kann uns erheitern,
Wind tut, was uns gereut,
wollen wir uns weitern.
Die ins Nächtige wehen,
Flammen, Irr-Blicken gleich,
und im Leeren vergehen,
gründen der Seele kein Reich.
Nur im gekelterten Wein,
den wir aus Schalen gießen
auf den geweihten Stein,
soll das Traumbild verfließen.
Reiner Quellen Rauschen
hat grünen Pfad uns erfleht,
blaue Lüfte bauschen
den Schmerz zum Gebet.
Goldner Lieder Ranken
winden wir zum Kranz,
krönen Liebesgedanken
für ihren Feuertanz.
Biagio Marin, Sere de lugio
Sere de lugio
dute ʼndoràe,
de la piú colda istàe
dolse rifugio.
Sere miracolose
che persuade a la pase
ne lʼore suspirose
mentre che ʼl vento tase.
E lʼole fresche rende
del gran mar la belessa,
soto la so caressa
el sielo al baso se protende.
Juliabende,
goldenes Fluten,
Sommers Gluten
kühl erlabende.
Der Abende Wunderschein
macht zum Frieden geneigt,
verzeufzte Stunden allein,
da der Wind schon schweigt.
Und frischer Wellen Gruß,
Schönheit vom blauen Sund,
auf seinen lieblichen Mund
beugt sich der Himmel zum Kuß.
Biagio Marin, Semo vignúi da le to man
Semo vignúi da le to man:
no stâ ghitâne via,
no stâ restâ lontan
de sta carne vilía.
Coʼ lʼoro puro
tu tu duvivi fâne,
che no se vela mai,
no poveri animài
fati de vogie vane.
No se coronpe lʼoro,
e gnanche el nostro aloro:
de che sostansa tu ne ha fato,
tu onipotente, tu beato?
Wir kamen aus deinen Händen:
wollest den Weg uns nicht wehren,
wollest dich nicht abwenden
von dieses Fleisches Schwären.
Aus purem Golde
mußtest du uns schaffen,
stets zu strahlen erlesen,
nicht arme Lebewesen,
die eitle Lüste erraffen.
Gold wird nimmer zu Teer,
rein bleibt auch unser Lorbeer:
woraus schufest du unser Teil,
Du Allmächtiger, unser Heil?
Biagio Marin, Negra la luse (2)
Negra la luse, el mondo
xe fonte de dolor;
la belesa pol fâne za murî,
lʼabisso de la zogia il xe profondo.
Vêghe el siel ne le note stelàe
ne leva ogni respiro,
de le stele nel lento giro
perdemo el sentimento.
Quel perdimento
xe nostra realtà:
eternità
de Dio nel vento.
(2. Übersetzungsversion:)
Schwarzes Licht, die Welt
ist der Schmerzen Quelle;
Schönheit kann das Leben kosten,
wenn man in den Abgrund der Freude fällt.
Den Himmel voller Gestirne zu sehen
macht uns den Atem stocken,
wenn uns die Sternentänze locken,
vergehen wir in Seelennacht.
Dies Vergehen
ist unser Sein,
in Windes Wehen
ewig ist Gott allein.
Biagio Marin, Mola la sima
Mola la sima e ciapa ʼl vento:
de là del mar xe la to rada;
breve o longa la strada,
quando tu ʼrivi, finesse ʼl tormento.
Salpâ bisogna,
xe mundi tarda la to età;
no ʼvê paura de lʼadelà
che duti quanti sogna.
De qua, de là,
ʼna vita sola,
ma tu la sima mola
e salpa per lʼeternità.
Löse das Tau und fange den Wind:
jenseits des Meeres liegt deine Bucht,
ob kurz oder lange du sie gesucht,
kommst du an, wird dein Leiden lind.
Es gilt, den Anker zu lichten,
dein Sommer reifte schon lang,
vor dem Jenseits sei dir nicht bang,
es ruft aus allen Traumgesichten.
Fallen, Erheben,
ein einziges Leben,
du aber mach dich bereit,
brich auf in die Ewigkeit.
Biagio Marin, Per me un lumin a ogio
Per me un lumin a ogio,
un calmo dolse vogio
in te la note scura
che me feva paura.
Per me, per lêse, la candela,
a petrolio púo ʼl lume
e in fino el sol a fiume,
consào de bavisela.
Mundi hè vardào
e mundi visto
del mondo belo e tristo
per senpre inamorào.
Ein Öllämpchen mir tauge,
ein sanftes, süßes Auge,
in der finsteren Nacht,
die mir Angst gemacht.
Eine Kerze, um zu lesen,
eine Petroliumlampe darauf,
endlich die Sonne an Stromes Lauf,
Duft, der im lauen Wind gewesen.
Vieles habe ich angeschaut,
hab viel gesehen von der Welt,
sie war schön, sie war entstellt,
immer hat mich Liebe erbaut.
Wolken
Leichtes Leben,
um Schmerzensbilder
Wolken weben.
Küsse ermatten.
Wolken träumen.
Schlafen im Schatten.
Augen schenken,
Wolken zerrinnen,
Glanz und Gedenken.
Purpurschein,
Winde streuen
Rosen darein.
Wolkenkissen,
ausgeschüttelt,
Blüten wissen.
Wolkensträhnen,
Regenlied,
warme Tränen.
Liebeszanken,
Mondes Blicke
Wolken umranken.
Leichtes Leben,
um Schmerzensbilder
Flocken schweben.
Biagio Marin, Mai vele piú
Mai vele piú
che rosse e zale
nel golfo blu
pareva farfale.
Né i fianchi nigri
dei grandi soleni vapori
che navegheva aligri
verso i so sogni azuri.
Golfo deserto
una vita diversa,
la fiabra nostra persa,
el presente soferto.
Nie wieder Segel groß,
rote, goldne, die streichen
über den Meeresschoß
und Faltern gleichen.
Noch die schwarzen Flanken
erhabener Nebelschäume,
die sich freudig ranken
ins Himmelblau der Träume.
Der Golf wirkt kahl,
unser Leben ist verwandelt,
unser Märchen verschandelt,
die Gegenwart ist Qual.
Biagio Marin, Solo sabion
Solo sabion
coʼ garghe brulera,
e a sera
corcali in confusion.
E mar intorno
che a fin del zorno
el se distúa
e la sera xe núa.
Sand bloß,
mit etwas Röhricht,
und im Abendlicht
schwirren Möwen los.
Und Meer in weiter Runde,
das zur Dämmerstunde
in die Tiefe sackt,
der Abend ist nackt.
Biagio Marin, Ma son stào inamorào
Ma son stào inamorào
de la vose del celo,
una vose del sielo
dʼascoltâ sensa fiào.
Ma anche vose
de víssere umane,
profonde e lontane,
e senpre dolorose.
Esiste arcate
che dà spavento,
tu perdi el sentimento,
rumor de maregiate.
Ich war verzückt
vom Celloklang,
Jenseitssang,
ich lauschte entrückt.
Es war ein Tönen
von Seelen-Saiten,
dunkles Entgleiten,
Schmerzensstöhnen.
Es strich der Bogen
Schrecken blank,
die Seele versank
im Rauschen der Wogen.
Biagio Marin, Anche le pute
Anche le pute
drento la nebiola
silensiose le svola
e le par quasi mute.
Gieri, strâe senpre sute,
e soneva le piere:
anche le case piú lisiere
de la nebia ne le volute.
Die Mädchen nun auch,
im Nebel versunken,
im Schweigen ertrunken,
den Mund ohne Hauch.
Gestern waren die Straßen so trocken
und die Echos der Steine schallten:
Die leichten Häuschen halten
die Nebel nun in ihren Locken.
Biagio Marin, La gran busía
La gran busía
la dise «noltri»
la dise «i altri»,
e la fiumana score via.
Unʼaqua sola
score lenta al mar,
anche se piova la rinova
e diversa la par.
Semo lʼaqua che score
e porta nel mar grando
la vita, mormorando,
sonando in dute lʼore.
Der große Selbstbetrug,
er sagt „hier wir“,
er sagt „dort ihr“,
und der Strom ist sich genug.
Es ist ein einzig Wasser,
das langsam fließt zum Meer,
macht auch Regen es blasser
und schwankt es noch so sehr.
Wir sind die Wasser, die schnellen,
die tragen das Leben ins große Meer,
von Rauschen und Klängen schwer,
und die Stunden, sie schwellen.
Biagio Marin, Te canto salmi
Te canto salmi
in ogni logo
mattini calmi
sere de fogo.
E me cô canto
ne lʼora vesperale
spalanco lʼale
comò se fosso un santo.
Cussì te digo ʼl ben
che me te vogio,
coʼ ʼI cuor in bogio
soto ʼl sielo seren.
Psalmen will ich dir singen
in der Nähe und Weite,
Morgens sanfte Schwingen,
Abends flammende Scheite.
Und singe ich dann
zur Vesperzeit,
spann ich die Flügel breit,
als wär ich ein heiliger Mann.
So preise ich dich mein Gut,
schüre mein Sehnen groß,
meines Herzens Glut,
der Himmel ist wolkenlos.
Biagio Marin, Andagia tu son
Andagia tu son
rogia che sita score,
zornâ che more
in sielo sensa son.
I t’ha portagia via
e no’ tu son mai piú tornagia,
no’ sè indola sparía,
da cu sa cu robagia.
E te serco per casa
e no’ te cato
e scanpo e coro su la spiasa
pianzando comò un mato.
Du bist verschwunden,
es versickert ein Rinnsal zag,
ersterbend hat ein Tag
am Himmel Stille gefunden.
Sie haben dich weggetragen,
du bist nicht mehr heimgekehrt,
ich weiß nicht, wohinʼs dich verschlagen,
wer immer dich mir verwehrt.
Ich suche nach dir im Haus,
dort find ich dich nicht,
ich laufe und irre zum Strand hinaus,
Tränen strömt mein Narrengesicht.
Biagio Marin, Noltri, zente minúa
Noltri, zente minúa
semo in lenta cagiúa
sensa piú vogie
cofà in autun le fogie.
Ma del nostro color
la tera se inzala:
cô le fogie le cala
le se ferma sul siol.
Per un momento
oro contento
che dopo se distúa
sora la tera núa.
Wir kleinen Leute
sind Fallens Beute,
fallen so taub
wie im Herbst das Laub.
Doch wie wir selber
wird die Erde gelber:
wenn die Blätter fliegen
und auf dem Boden liegen.
Für einen Augenblick
goldenes Glück,
bald schon zerstreut,
nackt die Erde erneut.
Molches Wahrspruch
Es war ein feuchter Molch,
der kroch aus deinen Linnen,
du warst zu müde,
seinem Seufzen zu entrinnen.
Du warst von Träumen krank,
vom Atmen ohne Glauben –
das Tier bläht seine Haut,
mußt ihm den Spruch erlauben.
„Ich atme Gott, bin Speichel meiner Seele,
mich nährt ein Jenseitstau,
bittrer als der Jungfrau Träne,
mein Lebensschmerz ist grau.
Du bist enterbt, weil nicht ein Same
aus deinen schnöden Träumen tropfte
in eines Herzens offne Fuge,
das dir in heißer Unschuld klopfte.
Ich war deiner Kindheit Engel einst,
der weiße Fittich deiner Schöne,
deine Gifte haben mich verhunzt
zu diesem Speier ekler Töne.“
Wann aber, Flammen?
Wann aber, daß hinschmilzt Stirne und Bangen
und Luft der Bläue die Herzkammer füllt,
ihr Flammen, wann, wann der Geburten Feuerzangen?
Das goldne Geweih, den Samt der Nacht zu schlitzen,
eines Hirsches unter Nordmeers grünen Blitzen,
der den Schnee gehackt nach bitteren Kräutern.
Das tödliche Horn, honigtropfend, o Rufer,
der den Soldatenmantel der verlorenen Schlacht
über die Veilchen schleift an Herzsees Ufer.
Wann aber Blitze aus dem Munde der Gnade,
die morsche Borke verhornter Bäume zu beiteln,
Blitze von Schreien, die das Haar der Wollust scheiteln?
Und duldsamen Schalentieren, Wahnlymphe trieft vorbei,
schwitzenden Seelen im krustierten Etui,
wann Blitze knackt entzwei ihr das keusche Email?
Doch die Tage frieren unter falscher Glut,
schütteln, sanglose Vögel, die grauen Tropfen
aus dem Gefieder, farbloser Worte den Sud.
Verdorrte Zungen knistern in qualmenden Halden,
Würmer der Vorstadtbeete, harten Kotes Blähen,
baumeln über den Schreibertischen, Traumtrophäen.
In den heißen Getrieben friert das Öl der Begierde,
aus den Totenbetten der Regale recken sich tote Hände
nach den Wegwerfseelen um eine Totenspende.
An der Grenze zwischen Meer und Nacht schäumt
rote Milch, in der die Toten die Bälge waschen,
verrauschter Schwingen sinkende Aschen.
Aber ein Wehen genügt, der Wind von Blumenglocken,
der Edens Garten entsteigt, schmerzliche Düfte,
den Toten aus dem Dickicht der Schatten zu locken.
Aber der Mund eines kindlichen Liedes auch
kann den schwarzen Herzkristall, kann den Kristall
wieder entzünden mit ersterbender Küsse Hauch.
Biagio Marin, Me vogio dîte incora
Me vogio dîte incora
che tu uduri de fien
e che te vogio ben
per la to carne mora.
Tu sa de lontanansa
de quela biava colda
che la dâ giolda
e un cargo de sperensa.
Un fior de nostalgia
cressúo in lontanía,
una gensiana
su ʼna freda montagna.
Ich will sagen dir wieder,
du duftest nach Gras,
mein Verlangen nimmt Maß
am Dunkel deiner Glieder.
Du kennst es von der Ferne
jener blauen Glut,
schenken tut gut,
gibt dem Hoffen die Sterne.
Eine Sehnsuchtsblüte,
die im Verborgnen erblühte,
ein Enzian,
droben auf schneeigem Plan.
Biagio Marin, Noʼ stâ crê che se mora
Noʼ stâ crê che se mora,
né che la vita sia una stela fissa,
lʼha ʼl so matin in ogni ora,
in ogni dí la xe nuvissa.
E tu senpre presente,
senpre in oriente:
col vignî al mondo dʼogni banbin
risorge el to matin.
Glaube doch nicht, es sterbe,
noch sei das Leben gefesselter Stern.
Jede Stunde ist Morgenlichts Erbe,
einem jeden Tag ist es Braut so gern.
Und du bist immer im Schwange,
in jedem Sonnenaufgange:
in jedem Kind, das kommt auf die Welt,
wird wieder dein Morgen erhellt.
Biagio Marin, Perché ninte ha realtà
Perché ninte ha realtà,
ninte trapassa o dura,
lʼaria la resta asura
e per lʼeternità.
Sogni noʼ i ha sostansa
quî vissini o lontani
senpre i xe ninte e vani,
in ogni lontanansa.
La musica xe bela,
la dolse tentassion;
ʼna bianca tesa vela
pronta per lʼevasion.
Da alles ist nur Schein
alles fällt, verwittert,
bleibt der Himmel blau vergittert,
ewig und allein.
Träume geben keinen Halt
in der Nähe, in der Ferne,
immer sind sie Truges Sterne,
ganz entrückt und kalt.
Die Musik ist schön,
ist ein süßes Locken;
weißes Segel bläht der Föhn,
Abschied läuten Glocken.
Biagio Marin, Me vago incora in fior
Me vago ancora in fior
pur con la carne stanca:
ʼna fioridura bianca
dʼun biancospin che va in amor.
Son vecio tanto
epur me canto
cô son piú solo
megio dʼun rusignolo.
E, cô ʼl mar se lamenta,
conpagno le restíe
coʼ dolse rime mie,
cantàe coʼ vose lenta.
Noch will unter Blumen ich gehen,
ist das Fleisch auch müd:
der Weißdorn blüht,
weiße Blüten im Liebeswehen.
So alt bin ich schon,
hab noch lyrischen Ton,
wenn mein einsamer Schall
beschämt die Nachtigall.
Und wenn das Meer zu klagen anhebt,
will seine Wellen ich grüßen
mit meiner Reime Süßen,
meiner Stimme, die träge entschwebt.
Biagio Marin, Ben pêrde lʼore
Ben pêrde lʼore,
el senso del continuo scôre,
fermâ el sol che cala
e anche el svolo dʼun ala.
Belo el vardâ
ferme le stele,
e le rose novele
al sol, e suspirâ.
Signor, la vita inquieta,
lʼanema amala,
volemo fermâla
comò che fa ʼl poeta.
Schön ist die Zeit zu vergessen,
nicht mehr die Stunden zu messen,
die sinkende Sonne aufzuhalten
und der Flügel rasches Entfalten.
Schön ist es anzusehen,
wie fest die Sterne stehen,
und die neu die Sonne grüßen,
Rosen seufzend zu küssen.
Herr, unser Leben ist unstet,
siech ist unsere Seele,
wir wollen nicht, daß sie sich quäle,
wollen sie wahren wie der Poet.
Biagio Marin, Quando i nuòli lʼoprime
Quando i nuòli lʼoprime
Grào se riduse
a poche rime
del mar, za confuse.
Pochi muri sʼingrisa
comò sinisa
e le restìe li sbate
a gran riâte.
Un pugno de sabion
in perdission
xe lʼisola intiera
quando fa sera.
Wenn die Wolken lasten,
wird Grado klein,
durch schmale Schlitze tasten
trübe Blicke noch Meeres Schein.
Manche Mauern sind ergraut,
wie von Asche betaut,
und die Wellen krachen
mit hellem Lachen.
Eine Handvoll Sand,
verloren am Rand,
bleibt von der Insel allein
im Dämmerschein.
Biagio Marin, Noʼ esiste scampo
Noʼ esiste scampo,
ne speta grave onbría,
score la corentía,
la vita dura un lanpo.
Nel lanpo breve
el mondo intiero,
el bianco de la neve,
la zogia del pensiero.
E mile bocche
rosse, tarloche
averte un minuto
prima del grando luto.
Uns ward keine Rettung erdacht,
dort warten nur Schatten
an jenes Stromes Matten,
ein Blitz, und wieder die Nacht.
Die Welt zeigt ihr Antlitz
in einem kurzen Blitz,
Schnee blinkt zurück,
des Gedankens Glück.
Und tausend rote
Lippen, Küsse,
haben kurze Süße,
dann kommt der Todesbote.
Biagio Marin, Xe nuvole vaganti
Xe nuvole vaganti
nel sielo, site,
le nostre vite,
anche se semo santi.
Le stele fisse
tra I nuvoli sparisse
e basta el venot
pel derdimento.
Wolken sind, die irren blind
durch den Himmelsraum,
unsres Lebens Traum,
wenn wir auch heilig sind.
Das ewige Sternenlicht
verhüllt Gewölke dicht,
doch ein Windstoß nur,
es bleibet keine Spur.
Biagio Marin, Mámole abandonàe
Mámole abandonàe
comò restíe distese su la spiagia,
le sere incora colde de lʼistàe
e la luna là in alto sola viagia.
Dolse quelʼabandono,
la vose za profonda de la gola,
el sì, una parola sola,
e duto el modo in viaso
verso lʼultimo baso.
Verlassene Frauen,
wie fern überm Strand die Wogen,
an Abenden, sommerlauen,
und droben kommt ein einsamer Mond gezogen.
Hold ist dies Verlassensein,
die Stimme sinkt schon tief in die Kehle,
das Ja, dieser einzige Entschluß,
und die ganze Welt reist heim
zu jenem letzten Kuß.
Biagio Marin, Noʼ stâ baucâ
Noʼ stâ baucâ
co versi e rime,
mola le sime
de lʼaldelà.
Xe ʼl solo viaso
che senpre conta,
vita tramonta
in ogni caso.
Làssete anda
magari a pico,
tu sarà rico
dʼeternità.
Verfranse dich nicht
bei Vers und Gedicht,
mach zur Fahrt dich bereit
in die Ewigkeit.
Das ist die Reise,
die einzig zählt,
das Leben vergeht,
auf diese, auf jene Weise.
Laß dich fallen,
und seiʼs in den Abgrund,
du wirst gesund
im Ewigen wallen.
Apokalypse der Liebe
Du wirbelst im Rauch der Schreie,
der aus den Hörnern der Widder quillt
in der Nacht der glühenden Engel,
wenn die Mauern erzittern
unter Gottes Gewittern,
daß neue Gestalt er dir leihe!
Dann suchst du dein nicht mehr
unter den Masken der Welt,
sie schmelzen dahin,
es schmelzen die Bilder des Glücks,
die Schale der Schöpfung ist leer,
die Worte verloren den Sinn.
Und der Liebsten Bild wird Schnee,
verwirbelt in hymnischen Stürmen,
ihres Herzens Mund
verblaßt unter fremden Küssen,
Blitzen aus Wolkentürmen,
verseufzt ein kindliches Weh.
Aus Aschen steigt der Seligen Chor,
Vogelrufe, Rosenseufzer, Regenlied,
er schwebt zur neuen Sonne empor,
des Heilandes Herz,
es hat die Nacht durchklungen
mit weckendem Liebespochen.
Und deine Seele wird wieder hell
du singst mit erblühtem Munde
unter dem Stern,
der Gottes Garten überglimmt,
o goldene Stunde,
die Geliebte ist nicht mehr fern,
neuen Edens süßester Quell.
Biagio Marin, Signor, son pronto
Signor, son pronto,
vien pur a tôme,
e benedetto sia ʼl to nome
ne lʼora del tramonto.
La bela ora
cussí granda la me indora
e mete larga lʼala
che piú noʼ cala.
Me, Signor, son beato
de disfâme nel sielo,
comò nuòlo, un beatelo
che navega ʼl creato.
Herr, ich bin bereit,
zieh mir aus das Kleid,
dein Name sei gebenedeit,
jetzt, zur Abendzeit.
Wie schön die Stunde mündet,
wenn sie die Aureole zündet
und mir den Flügel breitet,
der nicht mehr abwärts gleitet.
Herr, Segen ist dein Wind,
zerschelle ich am blauen Riff,
der Wolke gleich, dem Schiff,
das getragen hat dein Kind.
Biagio Marin, Me, al la morte vago
Me, a la morte vago
al sonno ne lʼeterna onbría,
e vivo lʼanguni
e, del murî, son pago.
Ogni alboro se suga,
a pian a pian el more,
i nuòli in sielo passa in fuga,
e passa dute lʼore.
Ich weiche dem Todesstern
zum Schlaf in ewigem Schatten,
ich atme letztes Ermatten
und füge ins Sterben mich gern.
Es vertrocknen alle Bäume,
allmählich gehen sie ein,
Wolken ziehen wie Träume,
die Zeit ist blassender Schein.
Qua su lʼoro de lʼanulamento
ogni nuvola in siel lisiera
decora lo gno sera,
zogioso avenimento.
Morte protese lʼultime ore
e duto vive e ninte more,
ogni marea
nova musica crea.
El gaudio musical
nel sol el me trasporta,
la granda porta
de la vita imortal.
Hier auf dem Goldglanz des Nichts
spielt jede Wolke lind
von Licht im Abendwind,
o Wonnen des Verzichts!
Tod bewacht die letzten Stunden,
alles lebt, alles überwunden,
jede Flut
bringt neuen Sanges Gut.
Jubelklänge
heben mich zur Sonne empor,
dem großen Tor
in die seligen Gänge.
Wenn wieder rufen die Tempel
Wenn wieder rufen die Tempel
nach Bildern und Spenden,
werden Hymnen vollenden
die Stille der fruchtigen Stempel.
Kinder pilgern zum Dienst,
waschen die Opferschalen,
erlösen dich von den Qualen,
da du dir sinnlos schienst.
Es zählen Monde die Zeiten
zum Fest der Früchte und Blumen,
Gesänge bilden die Krumen,
die wir den Seelen bereiten.
Und Priester tanzen mit Blüten
die zierlichen Litaneien,
die Anmut uns verleihen,
mit Huld unser Harren vergüten.
Wenn Gottes Wort wird Schnee,
jenseits trinken die Schwäne,
erglänzt der Liebe die Träne,
Kristall wird alles Weh.
Was die Schwalben schreiben
Das schwarze Licht im Lack,
der summende Glanz der Nacht,
dem wir anheim wieder fallen,
er rinnt in den Fugen der Fliesen,
er ist zwischen Worten wie Zögern.
Wie seltsam in den Achseln des Seins
die Wolkenbüschel des Nichts,
seltsam auf wirbelnder Erde gehen,
auf bunten Kieseln stehen,
wie auf Tränenkristallen.
Seltsamer noch, was in sich lauscht
nach den Sängen der Nachtigall,
die auf Halmen der Seele sich wiegt,
nach den goldenen Stimmen der Insel,
die in der Lagune der Trauer versinkt.
Es schwirren die Schwalben endlos
durch die nährende Luft, sie ritzen ins Blau
mit Schreien „Nacht“ und „Nacht“.
Tau auf den Lippen von Küssen,
entfährt ein Seufzen dem Mund.
Sommerabend
Sommerabend allein,
wenn Bilder dich durchwandern,
vom Grablicht der Mutter, vom grauen Rhein,
von Gärten und Schatten, von einem zum andern.
Abschied rauscht aus den Lauben,
Abschied, Wehduft der Rosen,
als könnte Nachtluft dir rauben
einer Seele letztes Kosen.
O, dies Warten auf Tränen, die lindern,
wenn der Mond mit der Wolke spielt,
Sternenlied wird mindern
den Schmerz, der am Leben dich hielt.
Biagio Marin, Tante stagion passàe
Tante stagion pasàe
tante rose sfogiàe
e femene passíe
che piú no ríe.
E oltre xe sparíe,
fior de memoria,
quasi la storia
de le restíe.
Riavêle in vita
per solo un baso
ʼdesso che ocaso
a morte me invita.
So viele Sommer verglüht,
so viele Rosen verblüht,
und die Frauen, alles Laub
ihres Lächelns wurde Staub.
Und mehr noch ist verflogen,
der Erinnerungen Blumentraum,
als wären sie geschrieben Schaum
auf Meereswogen.
Sie wollen wiederkehren,
wollen sich an Küssen weiden,
nun, da mich der Sonne Scheiden
ruft in Jenseitssphären.
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