Skip to content


Mai 26 16

Biagio Marin, Le gno zornàe

Le gno zornàe
le passa in aria vana,
la musica dʼistàe
senpre piú sʼalontana.

Resta grando el silensio
sora duto el palúo
e odor de assensio
sul gno mondo za núo.

 

Meine späten Tage
vergehn in leerer Luft,
es verschwimmt ins Vage
Sommerliedes Duft.

Tief des Schweigens Klüfte
über dem Morast,
und in Wermutdüfte
meine Welt verblaßt.

Mai 25 16

Biagio Marin, Rèsteme fior sereseri

Rèsteme fior de sereseri
che dà zogia novela ai sieli
e fa cantâ i oseli
in sieli piú lisieri.

I petali xe l’ale
del fresco maestrale,
se tu perdi la sova festa
de tu più ninte resta.

Rèsteme luminosa
ala lisiera,
no calâ su la tera,
rèsteme ariosa.

 

Bleibt mir, blühende Kirschenbäume,
dem Himmel bringt die Freude wieder
und den Vögeln ihre Lieder
in Himmeln sanfter Träume.

Die Blütenblätter sind Schwingen,
die Nordwinds Kühle bringen,
versäumest du dein Fest,
so bleibt von dir kein Rest.

Schenke mir dein Licht,
leichter Flügel,
schnei nicht nieder auf die Hügel,
deine Luft sei mein Gedicht.

Mai 25 16

Biagio Marin, Semo passài de qua

Semo passài de qua
con vento de ponente,
coʼ lʼore lente
de la perplessità.

Maravegiài de lʼopera de Dio
poco ʼverno capío
in onta ai tanti istài;
ʼdesso semo rivai.

 

Hierhin sind wir gekommen,
vom Westwind getragen
in langen Tagen,
von Verwirrung benommen.

Bewundere Gottes Wehen,
wir konnten es kaum verstehen,
trotz all der Sommer so groß.
Jetzt ruhn wir in seinem Schoß.

Mai 25 16

Biagio Marin, Lontan lontan

Lontan lontan
nel fisso del caligo
se sperde un sigo
rauco, dʼun corcal.

Anche lʼanima mia
ne la foschia
la xe smaría,
perso ʼl so son.

Me son sensào,
la luse grisa,
la gran sinisa,
va via dʼun fiào.

 

Weit, weithin,
im Nebeleinerlei
verliert sich ein Schrei,
ein rauher Möwenschrei.

Auch meine Seele
ging in die Irre
im Nebelgewirre,
ihre Stimme verhallt.

Ich stehe entseelt,
das Licht ist taub,
Aschenstaub
Atem verschwelt.

Mai 25 16

Biagio Marin, Luse del sol

Luse del sol
mio ultimo conforto
a la gno barca porto,
là che piú ninte duol.

Luse del sol
de fosse doloroso fruto,
e che distruse duto,
luse sensa duol,

el cuor beato
el se dissolve, el svien
ne l’ultimo seren
del gran creato.

 

Sonnenlicht,
meiner Wonne Wort,
meinem Boot der Port,
dort findet Schmerz mich nicht.

Sonnenlicht,
aus Gräbern Schmerzensfrucht,
das alles auszulöschen sucht,
um Schmerzen weiß es nicht.

Das Herz, in selige Nacht
löst es sich auf, verhaucht,
wenn in letzten Frieden taucht
alle Schöpfungspracht.

Mai 25 16

Meditatio mortis

In die Dämmerung gesprochen

Wird alles zerreißen wie eine Bahn
sich bauschender Seide,
und ihr Knistern und Prasseln
vernimmst du noch eben,
nicht aber mehr den rauschenden Riß?

Oder fällt der eiserne Vorhang
wie ein Schafott durch die Handlung,
und das Knacken und Knirschen
der besessenen Knochen
und eines letzten Zweigs unerblühten Gefühls
bleibt dir zu hören erspart?

Vielleicht gleiten wir dann auf Jenseits-Teichen
wie das abgefallene Blatt einer Maske
und kreisen und trudeln ein wenig
nach dem weichen Katarakt des Übergangs
in die stillere Zone, wo uns Kühle bespült,
die aus der fernen Frische des Ursprungs quillt.

Vielleicht gleiten wir dann wie das Rosenblatt
bis in die Mitte der Nacht, wo wir verhalten schweben,
und unter dem fahlen Blick eines Jenseits-Monds
zittern noch einmal die Wimpern an blumigem Lid.

Doch abgelöst wie die Maske vom warmen Fleisch
denken wir nicht aus dem Blut und der Lymphe der Angst,
wir ziehen entrückt mit Wolken auf farbigem Glas,
sprechen dem Winde nach, der die Birke nicht meint,
aber rührt. Und ihr silberner Tanz ist die Freude des Lichts.

Und die nicht sich lösen und fallen wie Frucht,
gereift für anderen Anfang, der Odem Gottes
reißt sie mit sich, Seelen, die am Gesicht des Schreies
kleben, und der inständige Ruf des Engels
läßt sie zerknittern und wie harte Borke zurück.

Oder wir gehen noch eine Weile den Pfad
abschüssigen Traums, und die Zweige wiegen
statt Blüten kristallene Augen, die blauen Messer
ihrer Blicke schneiden durch unser Nebelgesicht,
und wir bluten nicht.

Und jene, sieh, die dir den Krumen der Liebe brach,
ihre Stirn trug die prophetische Narbe,
und ihr Schoß weinte um dich,
den schlangenhaft züngelnden Sohn,
sie furcht, eine erkaltete Erinnye,
durch dich wie durch abgeschöpften Rahm.

Jene aber mit den Augen des Kinds,
geweitet vom Licht der Lagune,
die dir mit weichen Tränen
das schmerzende Rätsel gekühlt,
suchst du vergebens mit dem Schattenmund
zu rufen mit Namen und einem kosenden Wort.

Vielleicht kehrt uns wie dürrer Spelt
ein emsiger Engel mit harten Reisern
auf der hohen Tenne zusammen
und entzündet im kalten Hof,
wo die Büßer lange harren,
ihnen ein wärmendes Feuer,
unser letzter, unser einziger Dienst.

Mai 24 16

Biagio Marin, De Dio tremenda brama

De Dio tremenda brama
di tutto ricreare,
in ogni età,
con infinita fiamma.

Gioia di luce,
ma fiamma dolorosa
che tutto distrugge
con pazienza animosa.

Quel grido doloroso
nessuno lo sente
tra levante e ponente
nel calore numinoso.

 

Ungeheuer ist Gottes Verlangen,
alles neu zu erschaffen,
in jedem Sommer,
wenn seine Flammen prangen.

Freude im Licht,
doch Flamme, die schmerzt,
die alles zerbricht
geduldig und beherzt.

Und jener Weheschrei,
der keinem Ohr erklang,
vom Aufgang bis zum Untergang,
Gottes heißer Odem setzt ihn frei.

Mai 24 16

Biagio Marin, Garghe boca

Garghe boca a muminti
la me xe stagia porto,
la me xe stagia lʼorto
coʼ i alburi fiurinti.

Quelo el gno solo ben,
dopo i gno canti;
adesso lʼombra vien,
vien el regno di santi.

 

Manches Mal wollte
ein Hafen mich erwarten,
manches Mal der Garten
mir sein Blühen zollte.

Dieser blieb mein Glück allein,
er und meine Lieder.
Doch nun kehren Schatten wieder,
das Land der Heiligen wird mein.

Mai 24 16

Biagio Marin, Rose e pute

Rose e pute ʼpassisse,
ogni miel se consuma,
ogni richessa sfuma,
se oscura ogni siel.

No stâ voltáte indrío,
svodo xe ʼl favo,
nissuna barca a Gravo
parte dal lío.

 

Rosen und Mädchen verblühen,
aller Honig wird aufgebraucht,
alle Pracht verraucht,
und die Sterne verglühen.

Kein Rückblick macht dich froh,
die Honigwabe ist leer,
es fährt keine Barke mehr
aus dem Hafen von Grado.

Mai 24 16

Biagio Marin, Dio solo vive

Dio solo vive
Dio solo crea,
Elo marea
sora dute le rive.

DʼElo, ninte xe fora,
e òmini e animài,
e álburi e rosai
ʼna sola rivelassion
de la granda Passion.

 

Gott alleine lebt,
Gott alleine schafft,
Er der Gezeiten Kraft,
wenn das Ufer erbebt.

Außer Gott ist nichts,
der Menschen und Tiere Lose,
der Baum und die wilde Rose,
sie sind die wahre Vision
der großen Passion.

Mai 24 16

Biagio Marin, Me son vissúo

Me son vissúo
favelando co’ i nuòli,
barche lontan dai moli
su l’urizonte de velúo.

E son vissúo sognando
isole e rade
de là del mar più grando,
el mare sensa strade.

Cussí son arivào
ai cunfini del mondo,
de là del mar profondo
sempre solo sognào.

 

Das war mein Leben,
mit Wolken plaudern verstohlen,
mit Booten fern von den Molen,
wo die Linien samten verschweben.

Mein Leben war träumen
von Inseln und Buchten,
jenseits der Wasserschluchten,
in unbefahrenen Räumen.

So bin ich endlich gedrungen,
wo die Grenzen der Welt verliefen,
jenseits der Meerestiefen,
träumend ist es gelungen.

Mai 24 16

Das tote Mädchen

Ihrer Zunge Wein,
Schnee das Angesicht,
Rose sprach ihr Mund.

In ihres Schoßes Schlehen
sog ein Schmetterling
Tränen-Pollen.

In ihrer Rosenbrust
sang ein Vogelherz.

Ihre Arme waren Lilien,
sich um meinen Schmerz zu schmiegen,
zu schmiegen um den Schmerz.

Du wartest auf mich, mein Kind,
bis deiner Augen Himmel
mich berge, mich bette.

Ihrer Hüften Sonnenhügel,
ihr Haar ein Ginsterschein.

O, diesem Schlaf entschlafen
darf ihr Lächeln ich schauen,
kann ihre Seele ich küssen.

Mai 23 16

Der letzte Gang

Auch wenn die Stimmen tönen
und samten ist der Tritt,
du darfst dich nicht versöhnen,
bis deine niederglitt.

Und will dich Wohlduft wiegen
und lockt ein liebes Bild,
du halte dich verschwiegen,
bis dich die Leere stillt.

Auch wenn dein Schmerz, die Rose,
auf dunklen Seufzern schwankt,
bewahre deine Lose –
den Dornen sei gedankt.

Und kommst du spät zum Tore,
wo weiß der Engel wacht,
dann weht dein Lied zum Chore
in die Sternennacht.

Mai 23 16

Der Kretin des Mitgefühls

Wenn reine Moral die politischen Entscheidungen beflügelt, sind Lug und Trug und Verantwortungslosigkeit die Folgen.

Wer die höhere Moral auf seiner Seite glaubt, watet bald durch das Blut der Anverwandten.

Der Kretin des Mitgefühls hievt den Schiffbrüchigen an Bord, der das Boot zum Kippen bringt.

Politische Dummheit ist Blindheit vor der Gefahr.

Die Selbstgerechten brechen als erste den Stab über den Zweifler und Zauderer.

Der Schnauzbart mästet eine faule Moral, die sich die Hände nicht schmutzig machen zu müssen wähnt.

Bei jedem kleinen Schnupfen rennen sie gleich zum Arzt; ist aber die Nation in toto infiziert, harren sie sehnsüchtig auf den Untergang im Delirium.

Die Gänse, die wie einst auf dem heiligen Hügel bei drohender Gefahr schnattern, werden hierzulande nicht kultisch verehrt, sondern geschlachtet.

Sie verwechseln Unachtsamkeit mit Offenheit und Gastlichkeit.

Sie glauben sich selbstlos, doch Eignes haben sie nicht.

Rom ging nicht an einem Tage unter, aber schon Sallust und Tacitus diagnostizierten die Krankheit am Symptom der Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit.

Nur wenige Auserwählte wie Platon, Goethe und Stefan George erlebten den erfüllten Augenblick, in dem sich der Stern im stillen Wasser der Seele spiegelt.

Der Wert des Menschen bemißt sich an dem Wert der Sache, für die er sein Leben zu opfern bereit ist.

Sie aber wähnen, das nackte Vegetieren, ob in Schande oder am Tropf der Fremdbestimmung, sei der Güter höchstes.

Für die Menge zählt nur der warme Koben, in dem sie sich auch morgen noch suhlen können.

Wenn alle irren, halten sie den Irrtum für Wahrheit.

Wer am lautesten brüllt, wer am schamlosesten gestikuliert, wer am glänzendsten lügt, erhält den Haupt- und Ehrenpreis.

Sie verwischen die weiße Spur, Europas Würde, mit Palmenwedeln.

Der Dichter, der singt, läßt die Besseren erröten, denn sie schämen sich ihrer Harthörigkeit.

Der Dichter, der leise singt, wird bedauert, als sei er im Stimmbruch oder kastriert.

Die vornehme Seele malt sich in feinsten Graunuancen, der vulgären können die Farben nicht bunt genug schreien.

Die Stumpfen begleiten ihren Zug mit heiseren Parolen und dröhnenden Trommeln.

Hat ein Barbar eine Unschuld auf offener Straße erschlagen, bedauert ihn der Kretin des Mitgefühls ob der ihm versagten Fürsorge und Zuwendung.

Der Barbar will erregt werden, nicht gestillt.

Die Kunst hat sich selbst aufgegeben, wenn sie auf den Strich der öffentlichen Moral geht.

Die falschen Propheten lallen nicht, weil der Geist zu sehr braust, sondern aufgrund geschwollener Zungen und wässriger Herzen.

Sie halten die Liebe für eine diskretere Form der Ausscheidung.

Der verzweifelte Dichter sehnte sich nach der Vermischung des Urschlamms. Aber sein Herz tönte darüber fern und silbern, die gläsern-blaue Glocke adriatischer Luft.

Sie applaudieren dem Mund, der sie mit Unrat bespuckt, der am Licht der Gnade erblüht, stinkt ihnen.

Weil sie keine eigne Kultur haben, feiern sie den Karneval aller.

„Karneval der Kulturen“ – ein Ausdruck der geistigen Unzucht.

Reinheit des Ausdrucks, der Seele und ihres Akkords – das Feindbild des geistigen Mischlings.

Die hohe Orgel der Seele zieht von selbst ihre Register ein, da sie sich mit dem Gequengel und Geplärre der Mundorgel begnügen.

Ein tödlicher Einwand ist dem Straßenlärm die Stille im Elfenbeinturm.

Dem Götzen Babylons, der sich über Stahl und Beton wälzt, opfern sie die reine Jugend.

Selig, die ihre Ohren mit dem Wachs der Langmut und Demut verstopfen, sie vernehmen nicht mehr das nächtliche Gurren der Barbaren und das Blöken der geschächteten Lämmer.

Hoffnung ist bei dem reinen Kind, das zurückschrickt vor dem ersten Schritt auf den jungfräulichen Schleier des Schnees.

Mai 23 16

Wenn Melodien dich durchwandern

Wenn Melodien dich durchwandern,
auseinanderbrechen, heiser werden,
stottern, dämmern und ertrinken
in einem übergroßen Schmerz …

Wenn du im klatschenden Regen,
die Scheibenwischer schluchzen,
die winzige Silberstimme
ungeborenen Enkels hörst …

Wenn du am Heimatufer stehst,
und Wellen wischen Seelenstaub,
ist jene Welle, die einst deinen Schmerz
umfloß, lange lang entschwunden …

Dann geh hinüber in des Spiegels Stille,
wo auf der Feuchte Wolken flocken
und eine kalte Wasser-Sonne
den Schmerz ins tiefe Blau erlöst.

Mai 22 16

Geh mit mir den leisen Pfad

Geh mit mir den leisen Pfad
durch die Sommernacht.
Alles atmet träumerisch,
nur der Kuckuck lacht.

Dort im Felsen namenlos
schläft die Königsbraut.
Keiner sang die Melodie,
die ihr Starren taut.

Dort erblüht der wilde Mond
auf dem schwarzen Teich.
Und am Duft von Tannenharz
wird dein Denken weich.

Hier verhalt mit mir den Schritt,
warmer Quellmund fließt.
Weißt du noch das Sehnsuchtswort,
das die Tür erschließt?

Dort die Aussicht mit der Bank,
wo die Schwester saß.
Weißt du noch die zarte Hand,
die uns Veilchen las?

Dort stürzt nieder unser Blick
in das Urstromtal.
Doch uns wendet lauer Wind
in den Birkensaal.

Hier neig weich dein Herz an meins,
bis uns Traum beschneit.
Linderung von mancher Qual
hält er uns bereit.

Mai 22 16

Biagio Marin, Arde ‘l mondo

Arde ‘l mondo
comò un bosco in agosto;
urla nel vento
de zorno e de note la guera;
i òmini i massa so’ freli
e trema la tera.
Me, vardo a le stele dei sieli,
ai nuvoli d’oro, ch’el vento disperde,
a l’ultimo verde che
incanta la tera.
Eterni xe i munti selesti,
più eterni xe i sieli e i grandi pensieri.
Cô tase i canuni e le bombe
fa tanto silensio sul mondo,
e l’erba continua a fiurî;
seren se dilata el sielo profondo,
el sol torna biondo,
comò duti i dì.

 

Brucia il mondo
come un bosco in agosto;
urla nel vento
di giorno e di notte la guerra;
gli uomini ammazzano i loro fratelli
e trema la terra.
Io, guardo le stelle nei cieli,
alle nuvole d’oro, che il vento disperde,
all’ultimo raggio verde che
incanta la Terra.
Eterni sono i mondi celesti,
più eterni sono i cieli ed i grandi pensieri.
Quando tacciono i cannoni e le bombe
fa tanto silenzio sul mondo,
e l’erba continua a fiorire,
sereno si dilata il cielo profondo,
il sole torna biondo,
come ogni giorno.

 

Die Welt steht in Flammen

Die Welt steht in Flammen,
wie ein Busch im August,
es heult im Wind
vom Morgen bis in die Nacht der Krieg.
Die Menschen metzeln ihre Brüder,
und die Erde erbebt.
Ich aber schaue die Sterne des Himmels,
die goldenen Wolken, die der Wind zerstreut,
den letzten Schimmer des Grüns,
der die Erde verzaubert.
Ewig bestehen die himmlischen Räume,
ewiger die Himmel und hohen Gedanken.
Wenn die Kanonen schweigen und die Bomben,
breitet Stille sich über die Welt,
und die Blumen blühen aufs neu.
Heiter ist Himmels Tiefe erschlossen,
Sonne hat wieder ihr Gold vergossen,
wie alle Tage der Welt.

Mai 22 16

Der blaue Schnee

Sei ohne Sorge, das Schneehuhn lebt,
die helle Nacht hebt ihr schweres Lid
überm Nordland, und es blaut der Schnee,
es blaut der Schnee.

Denke das Rentier mit dem Krüppelhorn,
das nach Wurzeln wühlt, Flechten und Moos
mit dem Huf in Gottes weißem Gischt,
in Gottes weißem Gischt.

Der Polarfuchs taucht in den Schaum,
es bauscht die Lust seinen Schweif,
nach dem zitternden Leben der Maus,
dem zitternden Leben.

Ein Schlitten zieht durch das Fell der Stille
sein knirschendes Lied, und wieder glatt
streicht es die Hand des trunkenen Winds,
des trunkenen Winds.

Sei ohne Sorge, wir sind nur Flocken
des ewigen Schnees, gewirbelt, geweht,
und schmelzen im Wundmal des Lichts,
im Wundmal des Lichts.

Mai 22 16

Biagio Marin, Quanto più moro

(im Gradeser Heimatdialekt des Dichters und auf Hochitalienisch)

Quanto più moro
presenza
al mondo intermitente
e luse che se spenze, de ponente
tanto più de la vita m’inamoro.
E del sol rîe che fa fiurî l’avril
e del miel che l’ha in boca,
la prima neve che za fioca
sia pur lenta e zentil.
Melodioso l’andâ per strà
de l’anca mola nel menèo
che ondesa comò fa ‘l canèo
nel maistral disteso de l’istà.
Musica in ela
e in duta la persona
che duta quanta sona
de quela zoigia che m’insiela.
Quela musica duta la me intona
la fa de me corente d’aqua viva
che in mar se perde senza riva
e solo el perdimento la ragiona.

 

Quanto più muoio
nel mondo
presenza intermittente
e luce che si spegne, da ponente
tanto più nella vita m’innamoro.
E del suo ridere che fa fiorire l’aprile
e del miele che ha in bocca,
la prima neve già fiocca
sia pure lenta e gentile.
Melodioso l’andare per istrada
nell’ondulare dell’anca molle
che ondeggia come fa il canneto
nel maestrale disteso dell’estate.
Musica in lei
e in tutta la persona
che tutta quanta suona
di quella gioia che mi inciela.
Quella musica tutta mi intona
fa di me corrente d’acqua viva
che si perde in mare senza rive
e solo il perdimento suo ragiona.

 

Je mehr ich sterbe
und mein Dasein
der Welt entziehe
und im Westen verlischt das Licht,
je mehr bin ich dem Leben hingegeben,
dem Lächeln auf den Blütenlippen des April
und dem Honig, den er im Mund hat,
und die ersten Schneeflocken
sollen mir schwebend sinken und sanft.
Melodisch ist der Wege Wandeln
auf weicher Welle der Hüfte,
Gewoge wie im Schilf des Rieds,
wenn der Mistral weithin den Sommer verhaucht.
Musik ist dann in allen Menschen,
denn alles ist voll Widerklang
der Freude, die mich himmelwärts hebt.
Jene Musik, die mich ganz erfüllt,
verwandelt mich in einen Strom lebendigen Wassers,
der sich verliert im grenzenlosen Meer,
Hingabe war sein ganzes Sinnen.

Mai 22 16

Entrückt im Goldrauch der Heide

Entrückt im Goldrauch der Heide
auf den Menhir Geduld.

Der harzende Zapfen der Seele
ruckt, ein Zeiger der Ewigkeit.

Das bunte Kraut, der Nachklang
verwehter Urzeit-Gletscher.

An bebenden Blütenglocken
rinnen einzelne Tropfen.

Du fällst, ein Herz ohne Schale,
dem grünen Rauschen anheim.

Mai 21 16

Erlöst

Du schläfst auf goldenen Tönen hin,
die Vogelzungen stäuben.

Ein Kind weist dir den Weg zum Moos
mit weißem Lilienfinger.

Die Masken ausgedörrten Seins
verflattern in den Zweigen.

Du gehst so weich und wundenlos
auf Zypressenschatten.

Und der Rosen helle Nacht
salbt die matten Augen.

Dort ist das Rund des Birkenhains,
wo deine Veilchen warten.

Geh nur, geh und gib dich preis
dem tiefsten Blau der Stille.

Mai 21 16

Biagio Marin, Fa che la morte mia

(im Gradeser Heimatdialekt des Dichters und auf Hochitalienisch)

Fa che la morte mia,
Signor, la sia
comò ‘l score de un fiume in t’el mar grando,
comò la melodia
de la dosana che de quando in quando
a ridosso de un faro la pianzota
per un momento,
e la va via apena co’ un lamento
verso l’averto, sensa lota.
Fa che ‘l gno ultimo respiro
el se pusa sul mondo incòra ciaro,
comò ‘l maistro estivo
in t’i puninti el cala sensa amaro.
Tégneme senpre vivo,
che posso ringrassiate
de le ore de pena
e de quele beate
e de la luse, Signor, mia zogia piena,
d’ogni mio canto in te l’aria serena.

 

Fa’ che la morte mia,
Signore, sia
come il fluire di un fiume nel mare grande,
come la melodia
della dosana che di quando in quando
a ridosso di una briccola piagnucola
per un momento,
e va via appena con un lamento
verso l’aperto, senza lotta.
Fa’ che il mio ultimo respiro
si posi sul mondo ancora chiaro,
come il maestrale estivo
nei ponenti cala senza amaro.
Tienimi sempre vivo,
che possa ringraziarti
delle ore di pena
e di quelle beate
e della luce, Signore, mia gioia piena,
d’ogni mio canto nell’aria serena.

 

Laß, Herr, mich sterben,
wie wenn ein Fluß mündet in das große Meer,
wie die Melodie
der strömenden Lagune, die dann und wann,
für einen Augenblick,
im Schutz eines Leuchtturmes wimmert,
und endlich mit einem Seufzen
den Weg ins Offene nimmt, kampflos.
Laß meinen letzten Atemzug
die Welt noch strahlend finden,
wie der Mistral des Sommers
gen Westen hinsinkt ohne Bitterkeit.
Wahre mir das Leben
voll des Dankes
für die Stunden des Leids,
für die Stunden des Glücks
und des Lichtes, Herr, meine ganze Freude,
für all meine Lieder aus wolkenloser Luft.

Mai 20 16

Gerard Manley Hopkins, The Handsome Heart

At a Gracious Answer

‘But tell me, child, your choice; what shall I buy
You?’—‘Father, what you buy me I like best.’
With the sweetest air that said, still plied and pressed,
He swung to his first poised purport of reply.

What the heart is! which, like carriers let fly—
Doff darkness, homing nature knows the rest—
To its own fine function, wild and self-instressed,
Falls light as ten years long taught how to and why.

Mannerly-hearted! more than handsome face—
Beauty’s bearing or muse of mounting vein,
All, in this case, bathed in high hallowing grace…

Of heaven what boon to buy you, boy, or gain
Not granted?—Only … O on that path you pace
Run all your race, O brace sterner that strain!

 

Das holde Herz
Anläßlich einer Antwort voll Anmut

„Nun, sag mir Kind, was willst du. Was soll ich dir kaufen?“ –
„Pater, alles was du mir kaufst, ist mir recht lieb.“
Mit holder Miene sprach er so, wenn er auch noch verlegen blieb,
hat er doch die erste Bahn des Eigensinns durchlaufen.

Es will das Herz! Laß es fliegen wie die Tauben drum –
verscheuch das Dunkel, Natur gerät ihr Ziel von selbst in Sicht –
auf seinen wahren Zweck, urwüchsig und aus eigenem Gewicht,
fällt ihm Licht aus langer Lehre vom Wie und vom Warum.

Herz von feinem Takt, mehr als schönes Angesicht,
hohe Haltung oder Muse in hochgestimmtem Leben,
alles war hier eingetaucht in der Anmut Weihelicht …

Welch ein Himmelssegen dir kaufen, Kind, dir geben,
was dir gewährt nicht schon? – Einzig … O weich vom Pfade nicht,
den dein Adel geht, o fester gürte dich dies Streben!

Mai 20 16

Soldatenfriedhof

Am Saum der Nacht verglüht der Traum.
Dann rauschen Schwingen schwarz.

Die Toten sind mit sich allein,
nur Veilchen bitten stumm.

Das Kreuz steigt wie Gericht empor.
Und tausend Gräber warten.

Gefleckte Blätter decken Namen
und Rang und graues Schicksal zu.

Keiner kommt und trägt die Rose
seines Herzens durch die Reihn.

Keiner weiß um ein Gesicht, ein Muttermal,
ein Lied auf Lächelns Lippen.

Zu jung, um auszureifen dunklen Keim,
zu jung, um treuen Augen Glanz zu leihn.

Herabgeweht vom Baum des Lebens,
von Gottes jäher Hand geschüttelt.

O Blatt, des Lebens schönste Maske,
auf Wassern treibst du namenlos.

Mai 20 16

Der Abschied

Der Mond fiel durch die Nacht der Zweige,
sein Schein war nackte Qual.
Verstummtes Leben schlief in Schatten,
das Zucken war der Traum.

Es schrieb Gewölk die wirren Zeichen
aufs Glas der kalten Milch.
Und Stille war im Sang des Vogels,
als schlief ein Kind drin ein.

Wie traulich rankte sich die Winde
am harten Gitterkreuz.
Im Sand dort Linien und Mulden
von Krallen oder Käfer-Tanz.

Dein Singen trug die Lichter der Lagune,
sie kitzelten den blauen Mund.
Bezaubert drehten deine Finger
das Siegelrot des Rings.

Wie sprühte noch im Schaum der Haare
der Untergang des Lichts.
Es streckten Schatten nasse Felle
mir hündisch vor den Fuß.

Mai 19 16

Gerard Manley Hopkins, Andromeda

Now Time’s Andromeda on this rock rude,
With not her either beauty’s equal or
Her injury’s, looks off by both horns of shore,
Her flower, her piece of being, doomed dragon’s food.

Time past she has been attempted and pursued
By many blows and banes; but now hears roar
A wilder beast from West than all were, more
Rife in her wrongs, more lawless, and more lewd.

Her Perseus linger and leave her tó her extremes?—
Pillowy air he treads a time and hangs
His thoughts on her, forsaken that she seems,

All while her patience, morselled into pangs,
Mounts; then to alight disarming, no one dreams,
With Gorgon’s gear and barebill, thongs and fangs.

 

Jetzt haust sie dort, Andromeda, auf rauhem Riff,
nicht ihre Schönheit macht dies wett
noch ihr Vergehen, schaut rings von ihrem Kieselbett
ihr Geblüm, ihr Flecken Dasein, in Höllendämons Griff.

Die ganze Zeit ward sie verfolgt und heimgesucht
von manchem Schlag und Fluch, nun dringt das Röhren an ihr Ohr
von West, des Untiers, wilder noch als alle je zuvor,
an seinem Fehl gereift, fremder dem Gesetz, verfallener der Unzucht.

Zaudert ihr Perseus noch, beläßt sie auf ihrem schmalsten Saum? –
Er ruht noch auf den Polstern der Luft und schwebt
um sie ein wenig, die ganz verloren scheint im Raum,

und doch wächst Geduld, von Stichen Schmerz belebt,
ihr zu. Dann landet er, entkettet sie, es ist kein Traum,
mit Gorgos Hauer-Haupt, von Schlangenhaar verklebt.

Mai 19 16

Komisches Gebet

Herr, ich will wieder beten vor dir,
doch meine Knie sind steif.
Herr, schick einen kleinen Engel,
der seinen Knicks neben mir macht.

Herr, ich will wieder säen dein Wort,
doch mein Herz ist ein verwilderter Garten.
Herr, schick einen Engel vom Land,
um mit mir Unkraut zu jäten.

Herr, ich will wieder singen für dich,
doch meine Zunge ist taub von Geschwätz.
Herr, schick einen dicken Bacchus-Engel
mit einem guten Tropfen für uns beide.

Herr, ich bin ein Dunst vor dir,
und meine Gedanken sind Wolken.
Herr, weck mir den alten Zeus,
meine Dürre mit Blitzen zu segnen.

Herr, ich bin ohne Charme vor dir,
und mein Mund ist voll Schorf.
Herr, schick Maria die holde zu mir,
und Lilien singt meine Lippe.

Mai 18 16

Ein Duft aus Eden

Wir gingen auf dem Samt der Nacht,
fern von der Menschen Dünsten.
Das Haar bestäubte uns zur Pracht
der Wind mit Geister-Pollen.

Es wirrten Augen rings im Gras,
die mochten uns beschauen.
Der Himmel war ein blaues Glas,
ein Spiegel stiller Wolken.

Schmolz dir nicht ein Blumen-Herz
im Kelch ertrunkner Hände?
Und taute fernen Gottes Stern
dir nicht im Mund zum Liede?

Es tropften aus der grünen Kluft
neue Seelen auf die Farne.
Warʼs dein Lächeln, floß aus Eden Duft,
woran mein Traum erblaßte?

Mai 18 16

Gerard Manley Hopkins, Morning, Midday, and Evening Sacrifice

The dappled die-away
Cheek and wimpled lip,
The gold-wisp, the airy-grey
Eye, all in fellowship—
This, all this beauty blooming,
This, all this freshness fuming,
Give God while worth consuming.

Both thought and thew now bolder
And told by Nature: Tower;
Head, heart, hand, heel, and shoulder
That beat and breathe in power—
This pride of prime’s enjoyment
Take as for tool, not toy meant
And hold at Christ’s employment.

The vault and scope and schooling
And mastery in the mind,
In silk-ash kept from cooling,
And ripest under rind—
What life half lifts the latch of,
What hell stalks towards the snatch of,
Your offering, with despatch, of!

 

Morgen-, Mittag- und Abendopfer

Flecken, die Schmachten blies
auf die Wange, und den Mäander-Mund,
der Locke Gold, das lichte Gries
des Auges, alles in losem Bund,
all dieser Schönheit Sporen,
alles, was Tauglanz beschworen,
gib Gott hin, es ist zum Opfer erkoren.

Beide, Sinn und Sehne, kühne Brücken
und nach der Natur Geheiß: nun Turm.
Haupt, Herz, Hand, Fuß und Rücken,
sie pochen und atmen Lebenssturm.
Dies Prunken in der Gipfel Hochgefühl,
dir gereich es zum Werk und nicht zum Spiel,
Christus zu dienen sei das Ziel.

Wölbung, Bahn und Weisung
und Geistes hohe Zucht,
Aschen-Seide barg ihn vor Vereisung,
unter Schalen reifte volle Frucht –
wovon das Leben schon den Riegel schiebt,
wonach der Höllenschlund zu schnappen liebt,
dein Opfer, das sich ohne Zögern gibt!

Mai 18 16

Biagio Marin, Preghiera è consentimento

Preghiera è consentimento
al fiorire di un rosaio,
dar l’ala ad un pensiero
al vento farsi bastimento.

Preghiera è tremore
davanti a un viso chiaro
ed è l’amore
per un radicchio amaro.

Il camminare leggero
nell’aria marzolina,
e ascoltare, la mattina,
il canto di un uccello.

 

Beten heißt mitfühlend sein,
wenn Rosen wieder blühen,
dem Gedanken Flügel leihen,
dem Wind ein Segel sein.

Beten heißt Beben
vor einem hellen Angesicht,
heißt Liebe hegen
für eine Bitterfrucht.

Freies Sichergehen
in der Märzenluft,
und lauschen im Morgenduft
auf eines Vogels Lied.

Mai 17 16

Zarte Spuren

Wenn sich die Stunden schieben wie die Blüten
aus dunklen Knospen in den hellen Tag
und wir wandern leise unterm Laub der Schatten,
wollen wir einander scheu behüten.

Und wir erlauschen im Niederfall der Tropfen
den Geisterchor der fremden Seele,
küssen bang ihr banges kindliches Entzücken,
wenn sie an die dunklen Scheiben klopfen.

Wenn die Rosen einsam stehn an Zweigen,
die ein Wind zu weichem Winken rührt,
schmiegt sich deine treue Hand in meine,
wenn die Rosen sich im Abschied neigen.

Und wenn gaukeln aus den Himmelsgärten
Blüten reinen Schnees auf unsern Pfad,
schreiben wir aufs weiße Totenlinnen
zarte Spuren, flüchtige Lebensfährten.

Mai 17 16

Biagio Marin, Maravegiusi ingani

(im Gradeser Heimatdialekt des Dichters und auf Hochitalienisch)

Maravegiusi ingani
dei fiuri che no’ dura
dei nuòli sensa afani
che navega per l’aria asura.

Me mai ve disdirè
de voltri hè senpre sé,
e co’ la mente inferma
piú v’amo de la tera ferma.

Feste dei mili
che l’alto siel ‘nbriaga
e púo un’ariosa maga
disperde i petali sutili;

primavera matana
istàe che ‘l cuor tu brusi,
sol che tu lusi
nel sangue che bacana:

senpre ve benedisso
co’ boca tonda me ve lodo:
in ogni modo,
me vogio el vostro abisso.

 

Meravigliosi inganni
di fiori che non durano
di nuvoli senza affanni
che navigano per l’aria azzurra.

Io mai vi disdirò,
di voi ho sempre sete,
e con la mente ammalata
vi amo più della terraferma.

Feste dei meli
che l’alto cielo ubriaca
e poi un’ariosa maga
disperde i petali sottili;

primavera pazza,
estate che bruci il cuore,
sole che fai luce
nel sangue che baccana:

sempre vi benedico,
a bocca tonda io vi lodo
in ogni modo,
io voglio il vostro abisso.

 

Wunderbare Gaukelei
der Blumen, die nicht dauern,
der Wolken, die da segeln frei
von Sorgen durch die blaue Luft.

Zu euch sage ich niemals nein,
nach euch bin ich immer durstig,
und wirren Sinnes
liebe ich euch mehr als die Erde selbst.

Apfelblütenfeste,
die der hohe Himmel berauscht,
und hernach zerstreut ein Luftgeist
die feinen Blütenreste.

Frühlingswirren,
Sommer, du setzt das Herz in Flammen,
Sonne, du leuchtest
dem Blut zum Bacchanal.

Immer rühme ich euch,
mein runder Mund soll preisen
euer Lob in allen Weisen,
in euren Abgrund will ich.

Mai 16 16

Der heilige Narr

Als wäre geformter Lehm
aus Töpfers Hand,
der gestaltenweisen,
nächtens wieder verquollen
und in Sündenblasen
über die Ränder gedunsen.

Welcher Prophet
erschaut im Traumquark der Nacht
die gemeinte Linie des Sinns,
die edle Knospe der Stirn?

Im aufgelassenen Wingert,
überwuchert von Dorn und Wachholder,
klammern sich gichtig
die blutleeren Finger der Rebe
um den hohlen Hals der Amphore.

Welcher Priester des Weins
erschaut in trockener Echsenhaut
den Tanz der Korybanten,
unterm aschenen Schleier des Schiefers
die Purpurlippen des Lieds?

Das Grabmal mit dem Inbild
des himmlischen Zweigs
und dem Paßwort der Seele
ist umgestürzt über den Schnee
der Knochen, als würden darunter
die Mäuse noch singen.

Welcher heilige Narr
erschaut im Phosphorschein
das Licht des Wunders,
im zerquetschten Wurm
das blutende Herz des Erlösers?

Mai 16 16

Biagio Marin, Vita che sempre score

(im Gradeser Heimatdialekt des Dichters und auf Hochitalienisch)

La bavisela
no ‘ veva fiào
de move la gno vela
nel mar grando de Grào.

Le caresse lisiere
per quanto fresculine,
che va per le marine,
no porta primavere.

E no le move zente umana,
per quanto mite e sana,
e le lassa la spiagia
sita e incantagia.

 

Vita che sempre scorre

La bava leggera
non aveva fiato
di muovere la mia vela
nel mare grande di Grado.

Le carezze leggere,
per quanto frescoline,
che vanno per le marine
non portano primavere.

E non persuadono la gente
umana,
per quanto mite e sana;
ma lasciano la spiaggia
zitta e incantata.

 

Leben, das immerdar strömt

Der leichte Schaum
auf Grados weitem Meer
gab einen Hauch mir kaum,
mein Segel blieb mir leer.

Das sanfte Lecken
all der frischen Brisen
über Meeres Wiesen
Frühling kannʼs nicht wecken.

Und keine Menschenseele
ihr Locken gewann,
sind sie auch weich und beschwingt,
es liegt der Meeresstrand
stumm wie im Bann.

Mai 16 16

Biagio Marin, Te caresso i genugi

(im Gradeser Heimatdialekt des Dichters und auf Hochitalienisch)

Te caresso i genugi
mori, e i cavili nigri.

Tu son comò un’anfora cota
piena de vin.
E i brassi xe l’anse.

E te togo e te bevo.
Soto ‘l sol sensa fin.

 

Ti accarezzo le ginocchia
more, ed i capelli neri.

Sei come un’anfora cotta
piena di vino.
E le braccia sono le anse.

E ti prendo e ti bevo.
Sotto il sole senza fine.

 

Ich streichle dir die Knie,
die braunen, und das schwarze Haar.

Du bist wie eine gebrannte Amphore,
mit Wein gefüllt.
Und deine Arme sind die Henkel.

Ich hebe dich an den Mund
und trinke dich.
Sonne, unendlich tief am Grund!

Mai 16 16

Gerard Manley Hopkins, Peace

When will you ever, Peace, wild wooddove, shy wings shut,
Your round me roaming end, and under be my boughs?
When, when, Peace, will you, Peace? I’ll not play hypocrite
To own my heart: I yield you do come sometimes; but
That piecemeal peace is poor peace. What pure peace allows
Alarms of wars, the daunting wars, the death of it?

O surely, reaving Peace, my Lord should leave in lieu
Some good! And so he does leave Patience exquisite,
That plumes to Peace thereafter. And when Peace here does house
He comes with work to do, he does not come to coo,
He comes to brood and sit.

 

Friede

Wann wirst Friede, du wilde Taube des Walds, endlich schließen
scheue Flügel, nicht mehr um mich schweifen, wirst als mein Zweig mich halten?
Wann, wann, Friede, wann endlich, Friede? Ich verspiele nicht die Gaben
meines Herzens: Ich öffne die Tür, tritt nur einmal ein. Doch mich verdrießen
diese Flicken eines faulen Friedens. Ist denn reinen Friedens Walten
Krieges Schreckensschrei, vom Krieg entseelt, sein eignes Grab zu graben?

O gewiß, mein Herr soll stiften statt bösen Friedens Rauben
einen guten! Und so stiftet er die köstliche Geduld,
die ihr Gefieder gleich um Frieden hüllt. Und wenn Friedensmächte schalten,
gilt es sein Werk zu tun und nicht zu gurren wie die Tauben,
gilt es zu brüten in des Harrens Huld.

Mai 16 16

Der Zwiekauz

Der Lebenskauz stemmt seinen Schirm auf die Erde,
den schwülstigen Dunst ihrer Verdauung
fächelt er von sich mit Traumgefiedern,
die auf zarten Stielen wanken.

Der Liebeskauz legt seine Augäpfel
unter den Strahl seines einzigen Sterns,
bis die Lider sich schließen. Dann schickt er sie,
o blaues Schleifchen! der Erwählten.

Der Schreibkauz zerknüllt das Samtpapier
seines Herzens und stopft den Knäuel
mit seiner Paraphe in das Spundloch,
aus dem der Wind des Orkus pfeift.

Der Wildkauz geht wedelnd von hinnen,
Moos im Strumpf und im Kopf eine grüne
Scherbe, geht dem Ruf des Kuckucks nach,
zum Teich der plätschernden Nixe.

Der Sprechkauz spricht mit sich selbst,
tröstlich geleitet er sich zum Fest
des Zwiegesangs einsamer Flamme,
die ihren Honig mit gespaltener Zunge verzehrt.

Mai 15 16

Christina Rossetti, Color

What is pink? a rose is pink
By a fountain’s brink.
What is red? a poppy’s red
In its barley bed.
What is blue? the sky is blue
Where the clouds float thro’.
What is white? a swan is white
Sailing in the light.
What is yellow? pears are yellow,
Rich and ripe and mellow.
What is green? the grass is green,
With small flowers between.
What is violet? clouds are violet
In the summer twilight.
What is orange? Why, an orange,
Just an orange!

 

Farbe

Was ist rosa? Rosa ist eine Rose,
wo gluckst eine Quelle im Moose.
Was ist rot? Rot ist der Mohn,
des Kornfeldes Sohn.
Was ist blau? Blau ist die Luft
in hoher Wolken Kluft.
Was ist weiß? Weiß ist ein Schwan
auf lichttrunkener Bahn.
Was ist gelb? Gelb ist die Pomeranze,
rund und reich von Glanze.
Was ist grün? Grün ist das Gras,
wenn ein Käfer darauf saß.
Was ist purpurn? Wolken trinken Purpurwein
in Sommers Abschiedsschein.
Was ist orange? Na, eine Orange,
einfach eine Orange!

Mai 15 16

Phänomen und Begriff

oder warum eine Theorie des Subjekts nicht Phänomenologie sein kann
Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität

Wir können in einer etwas zugespitzten Wendung sagen: Der Mond, als semantischer Gegenstand betrachtet, leuchtet nicht. Der Mond leuchtet nur in einer Welt wie der unseren, in der wir Augen haben, mit denen wir von den Objekten abgelenkte Photonenstrahlen als Lichtpunkte auf der Retina abbilden – kurz in der Welt als Phänomen oder der phänomenalen Welt. In der Aussage: „Der Mond ist ein Massenpunkt, der die Erde auf einer elliptoiden Umlaufbahn gleichmäßig umkreist“, oder in der Aussage: „Der Mond ist der einzige Erdtrabant“, verliert das mit „Mond“ Gemeinte seinen phänomenalen Charakter, den es in Äußerungen hat wie: „Schau dort, der Mond!“

Erst in Sätzen wie: „Der Mond ist der einzige Erdtrabant“ wird aus dem Wort „Mond“ ein Name, dessen Gegenstand wir in einem Netzwerk von Begriffen verorten. Wenn der Mond gemäß dieser Aussage ein Planet ist, exemplifiziert er unter allen Objekten die spezifische Eigenschaft, ein Planet zu sein, das heißt, einem bestimmten kosmischen Körper wie der Erde oder der Sonne eindeutig als astronomischer Begleiter zugeordnet zu sein. In formaler Diktion lautet der Satz, wenn M für Mond, P für Planet und E für Erde steht:

Satz 1:
M ist P in Bezug auf E, und es gibt nur ein M, das P in Bezug auf E ist.

Nach diesem formalen Schema können wir beliebig viele Sätze bilden, indem wir für die gewählten Konstanten Variable einsetzen:

Satz 2:
X ist Y in Bezug auf Z, und es gibt nur ein Y in Bezug auf Z.

Setzen wir für X „Mosel“, für Y „Nebenfluß des Rheins“, für Z „Koblenz“ ein, erhalten wir die Aussage:

Satz 3:
Die Mosel ist ein Nebenfluß des Rheins (in Bezug auf) bei Koblenz.

Für den Namen Koblenz gilt die Definition:

Definition1:
Von allen Städten der Erde ist Koblenz die Stadt, die an der Mündung der Mosel in den Rhein liegt.

Eine andere Definition drückt die Lage der Stadt Koblenz als Schnittpunkt zweier geodätischer Linien auf der Erdsphäre aus, nämlich von Längengrad LK und Breitengrad BK:

Definition 2:
Von allen Städten der Erde ist Koblenz die Stadt, die am Schnittpunkt von LK und BK liegt.

Jemand, der weiß, welche Bedeutung die Begriffe „Stadt“ und „Längengrad“ und „Breitengrad“ als Orientierungslinien oder Koordinaten auf der Erdkugel haben, kann die Definition 2 verstehen, auch wenn ihm jede Spur eines phänomenalen Bewußtseins von dem realen Ort namens Koblenz abgeht.

Die Aussage „Die Mosel mündet in den Rhein“ ist eine Aussage mit einem propositionalen Gehalt der Form: „Es ist der Fall, daß die Mosel in den Rhein mündet“, oder der Form: „Es ist wahr, daß die Mosel in den Rhein mündet“, eine Form, die wir der Einfachheit halber auf die reine Aussage reduzieren oder kürzen können, ohne daß sich ihre Bedeutung und ihr Wahrheitsgehalt ändern. Wenn wir ihre Form explizit machen, wird augenscheinlich, daß solche Sätze einen Wahrheitsanspruch ausdrücken, den wir mit ihnen erheben, nämlich einen Anspruch auf die Wahrheit der Feststellung, daß etwas so ist, wie es ist, oder so ist, wie der Satz von ihm aussagt.

Diese Vorüberlegungen dienen zur Unterfütterung unserer Kernthese, daß wir die Subjektivität unseres Daseins nicht ausschließlich phänomenologisch durch Betrachtung und Analyse der Inhalte unseres phänomenalen Bewußtseins verstehen können. Denn wir haben nicht nur von solchen Phänomenen als einem Niederschlag sensorischer Reizungen in unserem zentralnervösen System auszugehen, sondern müssen die wesentliche Funktion menschlicher Subjektivität, in Aussagen über solche Phänomene Wahrheitsansprüche geltend zu machen, in Betracht ziehen.

Die Äußerung: „Ich sehe dort einen hellen Fleck in meinem Gesichtsraum“ ist von grundsätzlich anderer Struktur und Relevanz als die Aussage: „Ich sehe dort den Mond, den Erdtrabanten.“ Denn nur die letztere läßt sich wie folgt umformen:

Satz 4:
Ich sehe den Mond, und ich weiß, der Mond ist der Erdtrabant.

Da wir das Wissen als eine Form des Fürwahrhaltens oder Glaubens analysieren können, lautet die genauere Formulierung für unseren Satz:

Satz 5:
Ich sehe den Mond, und ich glaube (mit letzter Bestimmtheit), daß der Mond der Erdtrabant ist.

Die propositionale Form unserer Aussagen: „Ich glaube, daß a P ist“ oder kürzer „Ich glaube, daß …“ bringt demnach die originäre Verfassung unserer leiblich und sprachlich bezogenen Subjektivität zum Ausdruck.

Wir bemerken hier, daß unsere Aussagen Ausschnitte aus einem an den Rändern verschwimmenden oder unbegrenzten Begriffsnetz herausgreifen. Den netzartigen Zusammenhang unserer Begriffe können wir als logische Form der Implikation von Aussagen darstellen:

Satz 6:
Wenn wir glauben, daß der Mond der Planet ist, der die Erde umkreist, und glauben, daß die Erde der Planet ist, der die Sonne umkreist, glauben wir folglich auch, daß der Mond die Sonne umkreist.

Wir können das Begriffsnetz an den Rändern immer weiter auswerfen und kommen dann auf weitere implizierte Sätze wie:

Satz 7:
Wenn wir glauben, daß der Mond der Planet ist, der die Erde umkreist, und glauben, daß die Erde der Planet ist, der die Sonne umkreist, und glauben, daß die Sonne mitsamt ihren Planeten das Zentrum unserer Galaxie umkreist, glauben wir auch, daß der Mond das Zentrum unserer Galaxie umkreist.

Wir konstatieren, daß wir als lebendige Subjekte nicht in einer Welt isolierter Wahrnehmungsgegenstände und unbezüglicher Erlebniseindrücke existieren, sondern in einer Welt begrifflich vernetzter Fakten und Ereignisse, die sich nicht der einfachen Wahrnehmung und Beobachtung erschließen, sondern Funktionen nicht unseres phänomenalen Bewußtseins, sondern unserer sprachlich fundierten Intentionalität sind.

Die Wahrnehmung des Phänomens Mond wird als echtes Moment des Faktums, daß der Mond der Erdtrabant ist, oder des Ereignisses, daß der Mond als einziger Planet um die Erde kreist, begriffen, wenn wir dem phänomenalen Bewußtseinsinhalt „Mond“ mittels Anwendung unserer intentionalen Kraft die Bedeutung des Begriffs „Planet“ zuweisen. Die Wahrnehmung des Phänomens des Zusammenflusses zweier Flüsse wird als echtes Moment des Faktums, daß Koblenz der Ort ist, an dem die Mosel in den Rhein mündet, oder des Ereignisses, daß die Mosel bei Koblenz in den Rhein mündet, begriffen, wenn wir dem phänomenalen Bewußtseinsinhalt „Ort der Mündung eines Flusses in einen anderen“ mittels Anwendung unserer intentionalen Kraft die Bedeutung des Begriffes „Stadt, wo die Mosel in den Rhein mündet“ geben.

Wesentlich für die Bestimmung der Welt, in der wir als sprachliche Subjekte leben, ist die Identität der Begriffe, die wir auf unsere Erfahrung anwenden. In den Ausdrücken „die Stadt, wo die Mosel in den Rhein mündet“ und „die Stadt, die am Schnittpunkt von LK und BK liegt“ müssen die Bedeutungen für den Begriff „Stadt“ identisch sein, wenn wir für ihn „Koblenz“ einsetzen.

Wir können auch sagen: Die eindeutigen Definitionen unserer Begriffe gewährleisten die Erfüllung der Identitätsbedingungen unserer Aussagen.

Dagegen sind die phänomenalen Inhalte unseres Bewußtseins begrifflich unterbelichtet und unterliegen daher keinen strengen Identitätskriterien. Das visuelle Bild, da ich jetzt von der Mündung der Mosel in den Rhein habe, unterscheidet sich von dem visuellen Bild, das ich gestern von dem gleichen Phänomen hatte, und dieses wiederum von dem Erinnerungsbild, das ich mir gemacht habe, als ich als Jugendlicher am Deutschen Eck saß. Vor diesem Verschwimmen der Identitätsgrenzen ist der semantische Gegenstand der Aussage: „Koblenz ist die Stadt, wo die Mosel in den Rhein mündet“ ein für allemal gefeit.

Eine entscheidende Frage in Hinsicht auf unser subjektives Dasein betrifft die Phänomenologie unserer leiblichen Wahrnehmung. Die Grenzen unseres Bewußtseins scheinen auch die Grenzen unserer leiblichen Wahrnehmung zu sein, denn der Schmerz, den ich in der rechten Hand spüre, ist nur mein Schmerz und nicht deiner.

Doch unterscheiden sich unsere Leibwahrnehmungen von allen anderen Wahrnehmungen eben dadurch, daß sie begrifflichen Identitätsbedingungen unterliegen: Die Hand, die ich hier sehe, ist kein Phänomen wie dasjenige, das ich sehe, wenn ich deine Hand dort sehe, sondern aufgrund der Selbstempfindung begrifflich als Teil meiner Person gegeben.

Ich kann meine Hand nicht mit deiner Hand verwechseln (es sei denn für außerordentliche Momente in ausgetüftelten Spiegelfechtereien), so wie ich das Erinnerungsbild von Peter mit dem Erinnerungsbild von Paul verwechseln kann. Daraus schließen wir:

Satz 8:
Die Grenzen des phänomenalen Bewußtseins sind nicht die Grenzen der Leibwahrnehmung. Die Wahrnehmungen unserer körperlichen Qualitäten sind integraler Teil der Subjektivität unseres Daseins als einer selbsterschlossenen Person.

Wohl sitzen wir gleichsam auf den phänomenalen Inhalten unseres Bewußtseins wie auf Inseln fest – doch auf Inseln, von denen wir mittels Leuchtsignalen Botschaften einander zusenden können. Diese Botschaften sind nichts anderes als unsere verbalen und nonverbalen Mitteilungen propositionaler Struktur. Wenn du die Stadt nicht kennst, der ich jüngst wieder einmal einen Besuch abgestattet habe, genügt es, dir mitgebrachte Fotos oder Filmsequenzen auf dem Smartphone mit der Erläuterung zu zeigen: „Dies ist Koblenz, die Stadt, wo die Mosel in den Rhein mündet.“

Mai 14 16

Ichfarben und weltengrau

oder vom Unterschied zwischen Phänomen und semantischem Gegenstand
Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität

Du kannst jedermann oder doch den Einsichtigen deiner Sprachgemeinschaft bedeuten, du habest Zahnschmerzen, wenn du sagst, du habest Zahnschmerzen. Die Verständigung über deinen Schmerz ist insofern unproblematisch, als du nicht davon ausgehen mußt, daß die anderen beim Erleben starker Lustempfinden das Wort gebrauchen, das du beim Erleben starker Unlustgefühle gebrauchst.

Aber jemandem den spezifischen Erlebnisgehalt eines Schmerzes zu vermitteln oder zu verdeutlichen, ist deshalb schwierig und meist unmöglich, weil dir hierzu die Beschreibungsmittel bald ausgehen – „ziehend“, „stechend“, „pulsend“, „hämmernd“, das sind letzte metaphorische Fluchtpunkte, hinter denen der Abgrund des Schweigens aus Beschreibungsschwäche und Sprachnot gähnt.

Stoßen wir beim Versuch, dem eigenen Erleben – und alles Erleben hat diesen Charakter, eigen oder gleichsam ichfarben zu sein – Ausdruck in welchem Mitteilungsmedium auch immer zu verleihen, nicht auf eine objektive, notwendige Grenze, diesseits derer das schweigende Selbsterleben und jenseits derer der Bericht und die Beschreibung des Erlebens stehen, die aus nichts als Wörtern gemacht sind, also Vehikeln der Mitteilung, von denen jede Spur des Selbstseins getilgt ist?

Wir geben dem Impuls nach, noch tiefer und radikaler zu fragen: Ist nicht die Idee, das subjektive Erleben philosophisch oder theoretisch beschreiben und erhellen zu wollen, konfus, widersprüchlich, sinnlos? Denn jede Theorie setzt die Dritte-Person-Perspektive voraus, und diese auf die Erste-Person-Perspektive anwenden zu wollen riecht nach einer ausgemacht faulen Sache.

Ist nicht eine wahre Fundgrube solch fauler Angelegenheiten die philosophische Terminologie, die beispielweise das kleine Wörtchen „ich“ durch das große Wort „Ich“, mehr noch: „das Ich“, glaubt ersetzen und adäquat übersetzen zu können?

Was passiert, wenn wir in grammatisch sonst wohlgebildeten Sätzen „ich“ durch „Ich“ oder „das Ich“ ersetzen? Wenn das eine Wort mit dem anderen bedeutungsgleich wäre, müßten der Sinn und der Wahrheitsgehalt der beiden Sätze, des ursprünglichen und des neugebildeten, identisch sein. Machen wir die Probe!

Wenn ich als Angeklagter vor Gericht stehe und angesichts der Folgen meines kriminellen Handelns reumütig mich zu meiner Tat bekenne, sage ich etwa:

Satz 1:
„Ich bekenne mich der Tat für schuldig.“

Satz 2a:
„Das Ich bekennt sich der Tat für schuldig.“

Da wir wissen, daß sich in grammatisch wohlgeformten Sätzen Substantive durch Pronomina ersetzen lassen, können wir Satz 2a in den Satz umformen:

Satz 2b:
„Es bekennt sich der Tat für schuldig.“

Wir haben hier eine ähnliche Umformung wie in folgender Reihe:

Satz 3a:
„Ich bekenne mich der Tat für schuldig.“

Der Gerichtsschreiber notiert:

Satz 3b:
„Er (der Angeklagte N. N.) bekennt sich der Tat für schuldig.“

Die Sätze 1 und 2 bzw. 3 sind der grammatischen Form nach ähnlich, aber ihre Wahrheitsbedingungen sind verschieden:

Satz 1 ist ein deklarativer oder performativer Satz, dessen Wahrheitsbedingungen erfüllt sind, wenn die sprechende Person unter normalen Bedingungen (bei mentaler Gesundheit, Glaubwürdigkeit und Sprachkompetenz) sich die Kausalität der genannten Handlung zuspricht und zugleich tatsächlich die Handlung vollzogen hat.

Satz 2 ist ein konstativer oder deskriptiver Satz, dessen Wahrheitsbedingungen erfüllt sind, wenn der genannte Täter die Handlung tatsächlich vollzogen hat (ob er sich dazu bekannt hat oder nicht).

Durch den deklarativen Satz verleiht das sprechende Ich dem Gehalt des Satzes Geltung, insofern es die Verantwortung für ein Handeln übernimmt, das von ihm ausgeführt worden ist. Leider können wir durch deskriptive Sätze die Wahrheit ihrer Aussage nicht garantieren; insofern muß der aktenkundige Satz, N. N. habe die Tat begangen, anderweitig durch Zeugenaussagen bestätigt, anhand von Indizien dokumentiert und verifiziert werden, gegebenenfalls kann er auch falsifiziert werden, wenn Zeugen ihm widersprechen. Indes wird er meist schlagartig verifiziert, wenn der Täter sich vor Gericht zu seiner Tat bekennt und sagt: „Ich bekenne mich der Tat für schuldig.“

Hier berühren wir einen weiteren Unterschied, der performative Ich-Aussagen von deskriptiven Aussagen erhellt: den Unterschied der epistemischen Erfüllungsbedingungen von Sätzen. Der schuldige Täter mußte sich nicht selbst beobachten oder langwierige und umständliche methodische Beobachtungen seines Innenlebens anstellen, um herauszufinden, daß er der Täter war. Er weiß es aufgrund der Tatsache, daß er sich daran erinnert, dann und dort die Tat begangen zu haben; während die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei in der Tat manchmal langwierige und umständliche Methoden der Beobachtung und Analyse anwenden müssen, um dem Täter die Kausalität der Tat eindeutig nachzuweisen.

Der Täter muß den Tatvorgang nicht wie in einem inneren Film sich vor Augen führen, um darauf zu kommen, daß er es war, der die Tat begangen hat. Er erinnert sich daran, auch wenn er kein inneres oder mentales Bild, keine innere Repräsentation vor Augen hat, die seine Erinnerung als Erinnerungsbild stützt. Dagegen stützt sich die Staatsanwaltschaft mit Vorliebe auf bildliche oder auch akustische Dokumente wie Videoaufzeichnungen, Fotos oder Modelle des Tatorts und Tatvorgangs, um ihre Anklagepunkte zu untermauern.

Es führt demnach philosophisch in die Irre, das kleine Wörtchen „ich“ durch das große Wort „das Ich“ zu ersetzen, weil dadurch die wesentlichen Unterschiede der Satzfunktionen von performativen und deskriptiven Sätzen einschließlich ihrer unterschiedlichen Wahrheits- und Erfüllungsbedingungen verwischt werden.

Die Tatsache, daß du nicht mit meinen Geschmacksknospen im Mund und in der Nase schmecken kannst, wie mir der Kuchen mundet, hindert dich nicht daran, zu fragen, wie mir der selbstgebackene Kuchen schmecke. Und eben dieselbe Tatsache hindert mich nicht daran, dir zu antworten „sehr lecker“ oder „für meinen Geschmack etwas zu süß“.

Es sei hier darauf aufmerksam gemacht, daß wir ab ovo aufgrund der leibgebundenen Struktur unserer Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken allesamt in einer subjektiven Welt leben und die Welt aus der Ich-Perspektive auffassen. Wir müssen uns nicht reflexiv in innerpsychische Abenteuer stürzen, um uns dessen zu vergewissern; jeder sieht die Welt gleichsam ichfarbig oder ichgetönt. Auch der Mond, von dem du nicht zweifelst, daß er weiter munter seine Runde dreht, wenn du dich umgedreht hast, um weiterzuschlafen, war dir soeben als visuelles Wahrnehmungsphänomen in der Jeweiligkeit, Kontingenz und raumzeitlichen Singularität deiner Ich-Perspektive gegeben, als du aufwachtest und ihn im Fenster erblickt hast. Und doch weißt du, daß es derselbe Mond ist, den bereits dein verstorbener Großvater gern betrachtet und auf seinen Nachtbildern festgehalten hat, und derselbe kosmische Gegenstand, den Menschen nach aufwendigen und riskanten Flugmanövern betreten haben.

Wir unterscheiden demnach die Welt, die uns phänomenal auf sensorischer Basis als Funktion unserer Empfindungen und Wahrnehmungen gegeben ist, von der Welt, von der wir etwas wissen oder zu wissen meinen. Mit dem Satz: „Ich sehe, wie in dieser Stadt ein Nebenfluß in einen großen Strom mündet“ formulierst du einen Wahrnehmungseindruck; mit dem Satz „Koblenz ist die Stadt, wo die Mosel in den Rhein mündet“ ein Wissen, das allen sprachbegabten Lebewesen unserer Art zur Verfügung steht, auch solchen, die blindgeboren sind oder nie in der Stadt Koblenz waren, um die geäußerte Tatsache selbst in Augenschein zunehmen.

Definition (1): Auf Basis unserer sensorischen Organisation erleben wir die Welt aus der phänomenologischen Ich-Perspektive. Auf Basis unseres Wissens oder unserer epistemologischen Perspektive erfahren wir die Welt als semantisch identifizierbare Gegenstände und Ereignisse.

Wir können die Lage einer Stadt auch durch Angabe der Längen- und Breitengrade angeben, um sie an deren Schnittpunkt genau zu lokalisieren. Aus dieser geographischen Angabe ist gleichsam jede Ichfarbe und Ichtönung oder jeder phänomenale Einschlag der Ich-Perspektive getilgt. Während Aussagen aus der Ich-Perspektive eine je eigene Färbung und Tönung mit sich führen, sind Aussagen über semantische Gegenstände gleichsam weltengrau, denn semantische Gegenstände sind gleichsam von Natur aus farblos.

Mittels der Verwendung von Namen verwandeln wir gleichsam die an den Rändern unscharfen phänomenalen Wahrnehmungsgegenstände in semantische Gegenstände unserer Aussagen über die Welt. Daraus folgt, daß jene phänomenale Instanz, die in unseren Aussagen die Stelle der ersten Person einnimmt, kein semantischer Gegenstand ist.

Definition (2): Was wir mit „ich“ meinen, ist eine phänomenale Urgegebenheit und kein semantischer Gegenstand.

Aus der Äußerung des Beschuldigten, er bekenne sich der Tat für schuldig, können wir nicht folgern, daß er die Tat begangen hat, und also nicht das Wissen ableiten, daß er die Tat begangen hat: Er könnte lügen oder die korrekte Verwendung der sprachlichen Wendung „sich zu etwas bekennen“ nicht richtig gelernt haben. Das heißt, performative Aussagen lassen sich nicht ohne weiteres in deskriptive Aussagen umformen. Nur wenn wir anhand anderer Belege die Glaubwürdigkeit und die Sprachkompetenz des Angeklagten zu Recht unterstellen dürfen, gilt uns sein Schuldeingeständnis für sachentscheidend.

Erst wenn die Aussage des Beschuldigten „Ich bekenne mich der Tat für schuldig“ ihren begründeten Niederschlag im Urteil des Gerichts findet, daß N. N. die Tat begangen hat, schreiten wir im besten Fall vom Phänomen zum Objekt, von der performativen zur deskriptiven Aussage. Dazu ist entscheidend, daß wir die Identitätsbedingungen des Gemeinten angeben können: Der Beschuldigte vor Gericht muß als mit der Person identisch gewußt werden, die zu dieser bestimmten Zeit an diesem bestimmten Ort die Tat begangen hat. Wenn N. N. die Tat zu dem bestimmten Zeitpunkt beispielsweise in der Stadt Koblenz begangen hat, legen unsere semantischen Regeln für die Verwendung von Namen eindeutig fest, daß der gemeinte Ort die Stadt ist, wo Mosel und Rhein zusammenfließen. Der Name „Koblenz“ steht in dieser Aussage nicht für einen schwer oder gar nicht identifizierbaren phänomenalen Gegenstand, sondern für einen semantischen Gegenstand, dessen Identitätsbedingungen wir angeben können.

Definition (3): Als natürliche Lebewesen existieren wir in einer subjektiven phänomenalen Welt, insofern wir mittels unserer sensorischen Rezeptoren Eindrücke von Dingen empfangen, deren Identitätsbedingungen wir nicht angeben und von denen wir demgemäß nichts Objektives wissen können. Als sprachliche Lebewesen existieren wir in einer objektiven Welt, insofern wir mittels der Verwendung von Namen und Begriffen für semantische Gegenstände etwas über Ereignisse in der Welt ausmachen, insofern ihre Identitätsbedingungen durch die Verwendungsregeln für Namen und Begriffe eindeutig bestimmt werden, sodaß wir von ihrer Existenz oder Nichtexistenz wissen oder immerhin zu wissen vermeinen.

Natürlich leiten sich auch alle Formen deskriptiver Aussagen und alles wirkliche oder vermeintliche Wissen in letzter Instanz aus dem intentionalen Pol oder Ur-Strahl der Ich-Perspektive ab: Gäbe es uns nicht als natürliche Lebewesen in unserer phänomenalen Welt, hätten unsere Wahrheitsansprüche, die wir mit deskriptiven Aussagen erheben, keinen Ursprungsort.

Wenn auch die Instanz, die wir mit der Verwendung des Personalpronomens der ersten Person bezeichnen, selbst kein semantischer Gegenstand ist, so ist ihre intentionale Kraft doch die Bedingung der Möglichkeit dafür, daß es eine Sprache gibt, mit der wir auf semantische Gegenstände verweisen und den Übergang vom Phänomen zum Gegenstand bewältigen können.

Mai 13 16

Christina Rossetti, Bitter for sweet

Summer is gone with all its roses,
Its sun and perfumes and sweet flowers,
Its warm air and refreshing showers:
And even Autumn closes.

Yea, Autumn’s chilly self is going,
And winter comes which is yet colder;
Each day the hoar-frost waxes bolder
And the last buds cease blowing.

 

Bitter kommt nach süß

Sommer ging, nahm alle Rosen fort,
Licht und Duft und Blütenküsse,
laue Luft und Regengüsse.
Schon verriegelt Herbst den Hort.

Ja, Herbst will fröstelnd weitergehen,
Winter kommt mit klammer Hand.
Reif bläst täglich dreister übers Land.
Letzte Blüten wollen nicht mehr wehen.

Mai 13 16

Christina Rossetti, I wish I could remember

Era gia l’ora che volge il desio. – Dante
Ricorro al tempo ch’io vi vidi prima. – Petrarca

I wish I could remember that first day,
First hour, first moment of your meeting me,
If bright or dim the season, it might be
Summer or Winter for aught I can say;

So unrecorded did it slip away,
So blind was I to see and to foresee,
So dull to mark the budding of my tree
That would not blossom yet for many a May.

If only I could recollect it, such
A day of days! I let it come and go
As traceless as a thaw of bygone snow;

It seemed to mean so little, meant so much;
If only now I could recall that touch,
First touch of hand in hand – Did one but know!

 

Es war die Stunde schon, da wandte sich der Wunsch. – Dante
Ich eile zu der Zeit, da ich zuerst Euch sah. – Petrarca

Könnt vor Augen ich mir rücken groß
Tag und Stunde, Augenblick, da wir uns fanden.
Leuchtete das Jahr, lag es in dunklen Banden,
im Sommer oder Winter, wann war es bloß?

Er glitt am Köder der Erinnerung vorbei,
ich war so blind, sah nichts, sah gar nichts kommen,
nicht, daß an meinem Baum die Knospen glommen,
die nicht mehr blühen sollten manchen Mai.

Könnte nur zurück zu mir er fliegen,
der Tag der Tage! Ich aber ließ ihn kommen, gehen,
spurlos, Schnee, der taut, Flocken, die verwehen.

Er schien mir so gering und hat mich überstiegen.
Könnte wieder fühlen ich das erste Schmiegen
unser beider Hände – ich würde ihn bestehen!

Mai 13 16

Christina Rossetti, Crying, my little one

Crying, my little one, footsore and weary?
Fall asleep, pretty one, warm on my shoulder:
I must tramp on through the winter night dreary,
While the snow falls on me colder and colder.

You are my one, and I have not another;
Sleep soft, my darling, my trouble and treasure;
Sleep warm and soft in the arms of your mother,
Dreaming of pretty things, dreaming of pleasure.

 

Du weinst, mein Kind, dein Fuß ist dir geschwollen?
Schlaf ein, mein Herz, an meiner Schulter dich zu wärmen.
Ich muß durch öde Winternacht mich weitertrollen,
im kalten Schneegestöber mich abhärmen.

Du bist mein Kind, dich nur weiß ich mein.
Mein Herz, schlaf süß, mein Lieb du, meine Last.
Schlaf warm und süß in Mutters Armen ein,
von Spielen träum in sommerblauer Rast.

Mai 13 16

Christina Rossetti, After Death

The curtains were half drawn, the floor was swept
And strewn with rushes, rosemary and may
Lay thick upon the bed on which I lay,
Where through the lattice ivy-shadows crept.

He leaned above me, thinking that I slept
And could not hear him; but I heard him say,
‘Poor child, poor child’: and as he turned away
Came a deep silence, and I knew he wept.

He did not touch the shroud, or raise the fold
That hid my face, or take my hand in his,
Or ruffle the smooth pillows for my head:

He did not love me living; but once dead
He pitied me; and very sweet it is
To know he still is warm though I am cold.

 

Nachtod

Der Vorhang war gerefft, gefegt der Korridor,
bestreut mit Binsen. Rosmarin und Dornenhag
überwucherten das Bett, auf dem ich lag,
Efeu-Schatten kroch durchs Gitterwerk empor.

Er war über mich gebeugt und wähnte, daß ich schlief,
als könnt ich ihn nicht hören, doch hörte ich sein Wort:
„Armes Kind, du armes Kind“. Da wandte er sich fort,
die Stille wurde groß – ich wußte gleich, die Träne lief.

Er hob mein Leichentuch nicht an, nicht das Gefalt,
das mein Gesicht verbarg, er nahm nicht meine Hand,
glättete mir nicht das Kissen unterm Haupt.

Er liebte mich nicht, da ich lebte. Lebens nun beraubt,
rühr ich an sein Herz. Wie süß ich es empfand
zu wissen: Sein Blut ist warm und meines kalt.

Mai 12 16

Name und Gegenstand

Oder warum semantische Theorien keine naturalistischen Theorien sind
Ein Beitrag zur Theorie der Subjektivität

Wenn der Briefträger den chaotischen Haufen unsortierter Briefe in seine Fächer nach den Auswahl- und Zuordnungskriterien von Straßennamen und Hausnummern steckt und so neu ordnet, repräsentiert oder symbolisiert beispielsweise das dritte Fach in der zweiten Reihe auf seinem Arbeitstisch dein Haus mit der entsprechenden Nummer in deiner Straße: Das Fach ist gleichsam ein Modell deiner Adresse und der vom Briefträger hineingesteckte und an dich adressierte Brief deines Freundes ist gleichsam ein Modell oder Repräsentant deiner Person, denn auf seinem Adressfeld prangt gut leserlich dein Name.

Wir können die Verwendung von Dingen wie lautlichen oder bildlichen Zeichen als Repräsentanten, Symbolen oder Modellen dadurch kenntlich machen, daß wir sie in Anführungszeichen setzen, während wir im Gegensatz dazu den gemeinten Gegenstand in seiner ungeschminkten Existenz mit demselben Begriff ohne Anführungszeichen meinen und bezeichnen. Das Fach des Zustellers, an dem der Straßenname „Musterstraße“ befestigt ist, bedeutet die Straße namens „Musterstraße“ – während die gemeinte Straße selbst, die Musterstraße, in der du wohnst, einfach sie selbst ist und gar nichts bedeutet.

Definition (1): Mit Anführungszeichen geschriebene Begriffe weisen diese als Symbole, Modelle oder Repräsentanten der Gegenstände aus, für die sie stehen, während ohne Anführungszeichen geschriebene Begriffe die Sache selbst meinen – was immer diese auch sein mag.

Der Name auf dem Adressfeld des an dich gerichteten Briefes im Verteilerfach des Zustellers steht für die Person dieses Namens, symbolisiert und bedeutet diese Person, während du selbst, der gemeinte, gar nichts bedeutest, sondern für dich dahinlebst und dir selbst ontologisch gleichsam genügst.

Dabei können wir die Bedeutungsträger oder Symbole sowohl beliebig verändern und modifizieren als auch durch andere Symbolen und Bedeutungsträger ersetzen und vertreten lassen, allerdings unter Einhaltung der notwendigen Bedingung, daß die Identität der übermittelten Bedeutung gewahrt bleibt.

Wenn ich unter „Koblenz“ die Stadt verstehe, die an der Mündung der Mosel in den Rhein liegt, kann ich das Zeichen „Koblenz“ durch die Erklärung „Stadt an der Mündung der Mosel in den Rhein“ ersetzen, denn die Identität der Bedeutung bleibt dabei gewahrt. Ich kann die verbalen Bedeutungsträger auch durch visuelle ersetzen, zum Beispiel durch ein Foto vom Deutschen Eck oder ein Bild des Stadtwappens.

Wenn ich allerdings mit dem Rucksack von Mayen in der Eifel nach Koblenz gewandert bin und auf der Wanderkarte den Namen des Zielortes am Zusammenfluß von Rhein und Mosel mehr als einmal gelesen habe und endlich lese ich am Ortseingang das Schild mit dem Namen „Koblenz“, dann bin ich in Koblenz ohne Anführungsstriche angelangt.

Definition (2): An dem Punkt der Symbolkette oder der Bedeutungsübertragung, an dem der Name als Symbolträger und Repräsentant des Gegenstandes, für den er steht, seine unsichtbaren Anführungszeichen verliert, treten wir gleichsam aus der scheinhaften Existenz der Bedeutungen in das echte Dasein der Gegenstände ein, die von ihnen bedeutet und gemeint sind – was immer dieses auch sein mag.

Während wir unter Einhaltung der Identitätsvorschrift ein Symbol durch ein anderes ersetzen können, wie das Wortzeichen „Koblenz“ durch das Bildzeichen des Wappens dieser Stadt, können wir für Koblenz nicht Frankfurt oder Köln einsetzen – der gemeinte Gegenstand ist eben der Gegenstand, nicht mehr und nicht weniger.

Wenn du mir das Stadtwappen von Koblenz zeigst, kann ich dich fragen: „Was bedeutet das?“ Doch wenn wir in den Rheinanlagen eben dieser Stadt spazieren gehen, wäre es mehr als verfehlt, nämlich sinnlos, fragte ich dich: „Was bedeutet diese Stadt?“

Anders steht es um Sätze der Art: „Rose“ bedeutet eine Blume, „Eiche“ bedeutet einen Baum, „Koblenz“ bedeutet eine Stadt, „Peter“ bedeutet einen Menschen. Hier stehen die Wörter „Blume“, „Baum“, „Stadt“ und „Mensch“ nicht für die Gegenstände, die „Rose“, „Eiche“, „Koblenz“ und „Peter“ bedeuten, sondern für die Begriffe, unter denen wir sie klassifizieren. „Städte“ an sich existieren nicht, wohl aber einzelne Städte, die wir mit den Namen „Koblenz“, „Frankfurt“ oder „Köln“ bezeichnen. Menschen an sich existieren nicht, wohl aber die Personen, die wir mit den Namen „Peter“, „Hans“ oder „Eva“ bezeichnen.

Wir verwenden Begriffe, um uns die Zuordnung zu erleichtern: Wenn wir sagen, daß wir unter „Koblenz“ die Stadt gleichen Namens verstehen, wissen wir, daß nicht der Rheindampfer namens „Koblenz“  gemeint ist, der an der Anlegebrücke der Stadt des gleichen Namens festgemacht hat.

Wir nennen die Fähigkeit unseres Geistes, mit dem Wort „Koblenz“ die Stadt dieses Namens am Zusammenfluß von Rhein und Mosel zu meinen, Intentionalität – aber dies ist nur ein Wort, das noch nichts erklärt und jener Fähigkeit die magische Aura, die ihr anhaftet, nicht eo ipso benimmt.

Wenn wir die Fähigkeit, Wörtern Bedeutungen zuzuweisen und mit ihnen Gegenstände in der Welt zu meinen, Intentionalität oder intentionale Kraft nennen, schließen wir aus, daß es sich bei diesem Vorgang um ein rein kausales Ereignis handelt, das einer naturalistischen Erklärung nach dem Kausalprinzip zugänglich wäre.

Definition (3): Bedeutungen können nicht kausal erklärt werden. Semantische Theorien sind keine naturalistischen Theorien.

Wenn wir das Geräusch fallender Wassertropfen einmal nach dem akustischen Muster des Trochäus (Hebung, Senkung; I 2 oder A b) wahrnehmen, dann wieder nach dem akustischen Muster des Jambus (Senkung, Hebung; 1 II, a B) oder wiederum nach dem Muster des Anapästs (Senkung, Senkung, Hebung; 1 2 III, a b C) oder des Daktylus (Hebung, Senkung, Senkung; I 2 3, A b c), dann ist es evident, daß diese Musterbildung bei unserer akustischen Wahrnehmung nicht kausal durch die Erregung der nervösen Bahnen bis zur Hörrinde des Großhirns verursacht worden sein kann – sonst könnten wir unser Hörmuster nicht beliebig variieren. Und dies vermögen wir ohne weiteres: Je nach Gusto oder Stimmung klimpern wir auf der Klaviatur unserer akustischen Wahrnehmung Trochäen, Jamben, Anapäste oder Daktylen, ja wir können diese Elementarmuster zu komplexen Mustern kombinieren und verschränken, bis wir die rhythmischen Höhen der sapphischen, alkäischen oder asklepiadeischen Odenstrophe erklommen haben.

Wir bemerken hier, daß nicht nur bei der Verwendung der Wortsprache, sondern auch bei der Musterbildung der Wahrnehmung intentionale Kräfte am Werk sind, die nicht auf kausale Prozesse reduziert werden können.

Definition (4): Muster der Wahrnehmung, mit denen wir das Wahrgenommene rhythmisch gliedern, sind keine kausalen Vorkommnisse, sondern Effekte intentionaler Kräfte, die den intentionalen Beziehungen ähneln, wie sie die Semantik der Wortsprache beschreibt.

Wenn du dich an Peter erinnerst, mit dem du gemeinsam die Schulbank gedrückt hast, schwebt dir dann ein wenn auch verschwommenes oder undeutliches visuelles Bild von Peter oder von Peters Gesicht vor? Oder erinnerst du dich an Peter in der Weise, daß dir der penetrante Klang seiner Stimme wieder eingefallen ist? Das könnte sein. Aber du kannst auch an Peter denken, ohne Versatzstücke aus dem visuellen oder akustischen Gedächtnis zu Hilfe zu nehmen.

Ähnlich steht es beim Wortgebrauch. Du kannst wohl, wenn du mit „Koblenz“ auf die Stadt dieses Namens hinweist, dir das eine oder andere Bild vor Augen rücken, etwa das Deutsche Eck oder die Kastorkirche am Rhein. Doch der Bezug, den deine Verwendung dieses Stadtnamens darstellt und herstellt, ist von diesem kontingenten Umstand völlig unabhängig. Auch jemand, der nie in Koblenz war und keine Gedächtnisspur auftreiben kann, um seinen semantischen Bezug auf diese Stadt sinnlich zu unterfüttern, liegt goldrichtig, wenn er mit diesem Namen die Stadt am Zusammenfluß von Rhein und Mosel meint.

Definition (5): Die durch intentionale Kraft ermöglichte semantische Bezugnahme von Zeichen auf die mit ihnen gemeinten Gegenstände bedarf keiner mentalen Vorstellungen und Vorstellungsbilder, um die Korrektheit der Bezugnahme zu stützen oder zu garantieren.

Das Gesicht Peters, an den du dich erinnerst, sieht heute gewiß anders aus, als zu der Zeit, da du mit ihm die Schulbank gedrückt hast. Und mehr noch, wir könnten auf diese Weise niemals sicher sein, daß du mit dem Bild deines früheren Schulkameraden genau die Person repräsentierst, die du meinst und korrekt repräsentierst, wenn du dich seiner als der Person mit Namen „Peter“ erinnerst, mit dem du gemeinsam zur Schule gegangen bist. Denn hier könntest du leicht in die Irre gehen und das Bild von Karl könnte dir vor Augen schweben, wenn du an Peter denkst. Und dennoch denkst du an Peter, auch wenn dir das Bild von Karl vor Augen schwebt.

Peter könnte einen Zwillingsbruder namens Paul haben, von dessen Existenz du nichts weißt. Wenn nun der korrekte Gebrauch des Namens „Peter“ an das visuelle Vorstellungsbild gebunden wäre, das du dir von dieser Person machst, könnten wir nie sicher gehen, ob du Peter oder Paul meinst. Weil du aber mit „Peter“ deinen früheren Klassenkameraden meinst, auch ohne zu wissen, wie er jetzt genau ausschaut, gehst du semantisch bei der Verwendung seines Namens nicht fehl.

Ist es also die ontologische Souveränität des Gegenstandes, die unserer Verwendung seines Namens Korrektheit und Sinn verleiht? Nein, dem scheint bloß so zu sein. In Wahrheit können wir uns einen Gegenstand wie die Stadt Koblenz nicht denken, ohne daß wir über die semantische Fähigkeit verfügten, ihn mit eben dem Namen „Koblenz“ aus der Fülle aller Weltgegenstände herauszugreifen und zu identifizieren. In gewisser Weise, können wir sagen, gibt es Koblenz nicht ohne „Koblenz“, die Stadt nicht ohne den Namen, mit dem wir sie bezeichnen, sie benennen, mittels dessen wir uns an sie erinnern.

Aber der Mond ist doch der kosmische Gegenstand, der er nun einmal ist, unabhängig davon, ob wir an ihn denken, ihn Mond oder Moon oder Luna nennen? In gewisser Weise müssen der Gegenstand, dessen trübes Seelenlicht Trakl in seine Gedichte einfließen ließ, und der Gegenstand, auf den ein amerikanischer Astronaut als erster Mensch seinen Fuß setzte, identisch sein. Aber die Tatsache, daß wir den Mond „Mond“ nennen, gibt diesem kosmischen Gegenstand eine eigentümliche ontologische Färbung, die ihm im Auge des Orang-Utan, der ihn von seinem Schlafplatz im Baumwipfel aus sieht, abgeht.

Dieser singuläre Umstand scheint daher zu rühren, daß sich in unserem sprachlichen Weltumgang die Einwirkung natürlicher Kausalkräfte und die Einwirkung nichtnatürlicher, rein semantischer intentionaler Kräfte die Waage halten.

Wenn wir die Einwirkungen natürlicher Kausalkräfte auf unseren Organismus mittels der Rezeptoren der sinnlichen Wahrnehmung und ihrer autonomen zentralnervösen Verarbeitung Erfahrung nennen, bemerken wir, daß die semantische Elementarrelation von Name und Gegenstand weder der Erfahrung entspringt noch selbst ein Element der Erfahrung darstellt. Sie ist vielmehr das Konstituens oder Aufbauprinzip unserer Erfahrung im Kontext unseres sprachlichen Weltumgangs. Das aus Lichtpunkten zusammengesetzte visuelle Bild deines Freundes Peter auf der Retina deines Auges, das über dein zentralnervöses System mit den Gedächtnisspuren früherer Wahrnehmungen ähnlicher Art verarbeitet und verschaltet wird, ist nicht der ontologische Gegenstand, den du meinst, wenn du auf der Straße deinen Freund mit Namen rufst.

Definition (6): Der Wahrnehmungsgegenstand ist nicht der semantische Gegenstand, und der semantische Gegenstand ist nicht der Wahrnehmungsgegenstand. Das visuelle Bild einer Person ist nicht die Person, die wir meinen, wenn wir sie mit Namen rufen oder uns ihrer erinnern (auch wenn Fragmente visueller Vorstellungsbilder in unsere Erinnerung hineinspielen).

Der Gegenstand der Wahrnehmung bietet uns eine unbegrenzte Mannigfaltigkeit von Aspekten, die wir beschreiben, aber nicht abschließend festschreiben können. Schon die farblichen Aspekte der Wahrnehmung sind unendlich nuanciert und differenziert. Wir kämen an kein Ende, wollten wir das Gesicht Peters in seinem Aspektenreichtum durch die Zeit und alle Alterungsprozesse hinweg minutiös beschreiben. Dagegen erfassen wir mit dem Namen oder Begriff die Identität des Gegenstandes, den wir meinen, ohne alle Umstände und ohne viel Federlesens. Was immer Peter gerade für ein Gesicht schneidet, wir wissen, Peter ist eben diese Person und keine andere.

Definition (7): Wahrnehmungsgegenstände sind eine im Raum-Zeit-Kontinuum sich differenzierende Mannigfaltigkeit von Aspekten der sinnlichen Wahrnehmung ohne eindeutige Identitätsgrenzen. Mittels semantischer Gegenstände verfügen wir über eine eindeutige Zuschreibung von Identität, die freilich in eine unbegrenzte Mannigfaltigkeit von Kontexten eingehen kann, ohne sich deshalb zu verlieren und aufzulösen, vergleichbar den festen Knotenpunkten eines unbegrenzten Netzwerks.

Mai 11 16

Muster der Wahrnehmung

oder warum Intelligenz keine Sache der Erfahrung ist
Ein Beitrag zur Theorie der Subjektivität

Das Geräusch regelmäßig (nicht zu schnell, nicht zu langsam) fallender Tropfen pflegen wir in rhythmische Muster abzuteilen und hören etwas wie: pling, plong; pling, plong; pling, plong – wobei wir den Hauptton oder Akzent jeweils entweder auf den ersten oder zweiten Schlag setzen; im ersten Falle bilden wir einen trochäischen Akzent, im zweiten Falle einen iambischen. Wenn wir eine größere seelische Spannung oder einen stärkeren seelischen Tonus anlegen, hören wir: pling, pling, plong; pling, pling, plong oder plong, pling, pling; plong, pling, pling – im ersten akustischen Muster setzen wir den Akzent auf jeden dritten Ton und bilden somit den Versfuß des Anapästs, im zweiten Fall setzen wir den Hauptton auf den jeweils ersten Ton einer Dreierkette und bilden somit den Versfuß des Daktylus.

Wir können die metrischen Muster auch in Form zahlenmäßiger oder algebraischer Matrizen darstellen, wobei die arabischen Ziffern bzw. kleingeschriebenen Zeichen für die unbetonten Senkungen, die römischen Ziffern bzw. großgeschriebenen Zeichen für die betonten Hebungen stehen:

Trochäus (Choreus):
I 2
I 2
oder:
A b
A b

Jambus:
1 II
1 II
oder:
a B
a B

Anapäst:
1 2 III
1 2 III
oder:
a b C
a b C

Daktylus:
I 2 3
I 2 3
oder:
A b c
A b c

Definition (1): Wir metrisieren das akustische Material in der Form oder Struktur einer gegliederten Reihe. Wir können jede Reihe in der Form einer Matrize abbilden.

Mittels der Verwendung von Matrizen wird der zeitliche Ablauf der rhythmischen Gliederung entlang dem Zeitstrahl auf die geometrisch plane Anordnung von Zeichen auf der Fläche oder der zweidimensionalen Ebene projiziert.

Wir können die trochäische Metrisierung zum Ausdruck einer seelischen Spannung verwenden, die einen gestauten oder schwebenden Gefühlszustand evoziert, wie in den Zeilen Mörikes:

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.

Während wir mit dem jambischen Muster seelischen Spannungen Ausdruck verleihen können, die einen gleichmäßig fließenden und ins Unbestimmte und Weite ziehenden Gefühlszustand evozieren wie in den Zeilen Goethes:

Kennst du das Land? wo die Citronen blühn
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn?

Definition (2): Die Intensitäten seelischer Spannung können wir in Form einfacher Wahrnehmungsmuster und ihrer zeitlichen oder räumlichen rhythmischen Gliederung und Anordnung abbilden.

Natürlich können wir den seelischen Tonus, den wir an die akustische Wahrnehmung anlegen, nicht nur intensivieren, sondern auch komplizieren oder in einer komplexen Mannigfaltigkeit von kombinierten Mustern ausdrücken.

Wenn wir unsere Tropfgeräusche in dieser Weise gliedern: pling, plong, plong, pling wobei wir auf die zweite und die dritte akustische Einheit den Hauptton oder den Akzent setzen, erhalten wir ein komplexes rhythmisches Muster, das die antike Metrik als Choriambus bezeichnet, welcher ein wesentliches rhythmisches Element der alkäische Odenstrophe bildet. In Matrizenform abgebildet, sieht der Choriambus so aus:

Choriambus:
I 2 1 II
oder:
A b a B

Der komplexe Rhythmus des Choriambus ist in der Odenstrophe ein akustisch auffälliges Muster, das nicht isoliert auftritt, sondern mit anderen Mustern und ihren typischen Verstärkern wie den Zäsuren verschränkt ist. Wir geben hier nur das Muster der vierten Zeile der alkäischen Ode, den sogenannten alkäischen Dekasyllabus, in dem der Choriambus vorherrscht:

Alkäischer Dekasyllabus:
—◡◡—◡◡—◡—×

In Matrizenform dargestellt (wobei die Null als Leerstelle fungiert, die beliebig von beiden Werten ausgefüllt werden kann):

I 2 1 II 1 1 II 1 II 0
oder:
A b a B a a B a B 0

Hölderlin verwendet die alkäische Odenform kunstgerecht in seinem Gedicht „An die Parzen“ (1. Strophe:)

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Natürlich ist es ein gewaltiger Unterschied, ob wir wie im Falle der Odenstrophe Hölderlins eine rhythmische Gliederung von bedeutungstragenden Elementen, nämlich der semantischen Elemente der natürlichen Sprache, vor Augen oder im Ohr haben, oder ob wir natürliche Elemente der akustischen Wahrnehmung wie das Geräusch fallender Wassertropfen rhythmisch gliedern, Elemente also, die von Natur aus keine Bedeutungen an sich tragen.

Definition (3): Die Komplexität seelischer Spannung können wir mittels der Kombination einfacher Wahrnehmungsmuster und ihrer zeitlichen oder räumlichen rhythmischen Gliederung und Anordnung abbilden.

Was tun wir, wenn wir unsere akustischen und visuellen Wahrnehmungen nach bestimmten Mustern gliedern und rhythmisieren? Wir wenden ein wohlbekanntes Verfahren an, mit dem wir als Subjekte unser alltägliches Leben steuern und organisieren, das Verfahren der Eins-zu-eins-Projektion oder der wohlgeformten Zuordnung.

Haben wir die Arten der metrischen Rhythmisierung der akustischen Erfahrung, wie sie sich in der abendländischen Verskunst verdichtet darstellen, peu à peu mit Geschick und Finger- oder besser Ohrenspitzengefühl unseren Wahrnehmungen, wie dem Hören fallender Wassertropfen, abgelauscht? Wir begegnen immer wieder der verdrießlichen, aber informativen Tatsache, daß stumpfsinnigen Zeitgenossen die Wahrnehmung komplexer metrischer Rhythmen wie der komplexen Mannigfaltigkeit der Odenformen verschlossen bleibt. Sie gelten dann für unmusikalisch, jedenfalls vermögen noch so gutwillige und einfühlsame Belehrung und Unterrichtung ihnen das taube Ohr nicht aufzuschließen.

Daraus (und natürlich noch aus anderen Tatbeständen) schließen wir, daß die Muster und besonders die kunstvollen Muster, in denen wir unsere alltägliche und besonders unsere künstlerische Erfahrung gliedern und artikulieren, wohl der Erfahrung gemäß angewandt, nicht aber aus der Erfahrung abgeleitet oder erschlossen werden können. Die grundlegenden Muster unserer Erfahrung sind demnach Projektionen und Zuordnungsdirektiven der Strukturen des menschlichen Geistes. Daß sie wiederum in ihrem Quellpunkt mit dem Erfahrungsgrund harmonieren und wie dies möglich sein kann, ist eine andere Frage, ein wahrhaft weites Feld, das hier nicht beschritten, geschweige denn beackert werden kann.

Nehmen wir die Tätigkeit unseres Briefträgers als Beispiel: Allmorgendlich steht er vor einem Korb von Briefen und anderen Schriftstücken, die er ordnungsgemäß zustellen muß, das heißt in der Weise, daß der dir bestimmte oder an dich adressierte Brief deines Freundes am Ende das Tages in deinem Briefkasten landet. Wie verfährt unser Austräger? Nun, er ordnet die Briefe aus dem Haufen des Sammelkorbs oder der Aluminium- oder Plastikkiste den jeweiligen Fächern auf seinem Arbeitstisch zu, die in ihrer Reihenfolge die Hausnummern und die Straßen abbilden, die er später abschreiten und mit seinen Postsendungen beliefern muß. Hier ersehen wir eine erste Form des Projektionsverfahrens oder der wohlgeformten Zuordnung: Der an dich adressierte Brief deines Freundes findet seine vorläufige Unterkunft ordnungsgemäß in dem Fach, das mit der Straße und Hausnummer deiner Wohn- und Postadresse markiert ist. Auf diese Weise, mittels des Projektionsverfahrens, wird aus dem chaotischen Haufen von Briefen eine wohlgeordnete Reihe nach dem Muster der Adressen, die sie tragen.

Die durch das Projektionsverfahren ermöglichte Musterbildung funktioniert nur im Lichte der wohlgeformten Zuordnung identischer Elemente: Straßenname und Hausnummer, die dein Freund auf das Adressfeld des an dich gerichteten Briefes geschrieben hat, müssen identisch sein mit dem Straßennamen und der Hausnummer, die sich auf den Verteilungsfächern am Arbeitstisch des Briefträgers befinden. Wenn der Zusteller den für dich bestimmten Brief in das falsche Verteilerfach mit dem falschen Straßennamen und der falschen Hausnummer steckt, kommt er heute wahrscheinlich nicht an. Schließlich muß dein Name, den dein Freund auf das Adressfeld des Briefes geschrieben hat, identisch sein mit dem Namen auf deinem Briefkasten, in den der Briefträger ihn einwirft.

Wenn nun der Briefträger mit den vorsortierten Packen von Briefen an deiner Adresse angelangt ist, ordnet er alle Briefe des Bündels, das für die Bewohner deines Hauses (denn du wohnst wie die meisten in einem Mehrfamilienhaus) der Reihe nach den vertikal oder horizontal oder vertikal und horizontal angeordneten Briefkästen zu. Ist er ein gewitzter Mensch, hat er die Briefe, die für dein Haus bestimmt sind, zuvor in der Reihenfolge der zu bestückenden Briefkästen vorsortiert: Er wirft also die Briefe von oben nach unten und rechts nach links in die Schlitze ein und geht dadurch viel früher nach Hause als sein weniger schlauer Kollege, der jedes Mal neu den jeweiligen Brief dem jeweiligen Briefkasten zuordnen muß und dabei die kreuz und die quer herum verteilt.

Dein Briefträger ist ein alter Hase und macht seinen Dienst routiniert und geschickt. Dennoch kommt sein junger Kollege, der die Zuordnung der Postsendungen nach der Reihenfolge der Briefkästen berücksichtigt und geschickt abbildet, täglich früher nach Hause. Der schlaue Bursche ist dem alten natürlich an Erfahrung weit unterlegen, aber bei ihm ist eine Fähigkeit stärker ausgeprägt als bei jenem: die Fähigkeit, formale Zuordnungen mittels Anwendung mehr oder weniger komplexer Algorithmen abzubilden. Diese Fähigkeit ist eine der elementaren Fähigkeiten der menschlichen Intelligenz und dem Grad und Maß ihres Vermögens nach nicht durch Erfahrung erworben, sondern angeboren.

Wie sieht der Algorithmus dieser formalen Zuordnung in unserem Falle aus? Etwa so: Projiziere die Adressen der zuzustellenden Briefe sowohl auf die Straßennamen, Hausnummern und Namen als auch auf die Reihen der Briefkästen von rechts nach links und von oben nach unten. Natürlich könnte der junge Kollege den Trick dem alten Hasen beibringen und dieser ihn dankbar annehmen und wirkungsvoll umsetzen. Aber der springende Punkt ist: Der alte Zusteller ist selbst darauf nicht gekommen, auch jahrzehntelange Erfahrung wies ihm keinen Weg, den entscheidenden Rest von Unordnung in seinem Verteilungs- und Zuordnungsverfahren durch eine einfache intelligente Lösung zu bereinigen.

Wir haben die Muster der Erfahrung nicht willkürlich konstruiert und der Mode des Tages gemäß zugeschneidert. Sie wohnen gleichsam jenseits der Moden und Konventionen in den Tiefen und der fruchtbaren Latenz unseres Daseins als selbstbewußte sprachliche Lebewesen und werden aktiviert und ans Licht gezogen, wenn wir handeln und sprechen, wenn wir unser alltägliches Leben leben oder in die sublimen Regionen der Kunst aufsteigen.

Definition (4): Muster der Wahrnehmung formen und erleuchten unsere Erfahrung, sie werden von ihr aktiviert und animiert, aber sie entspringen ihr nicht. Intelligenz als Fähigkeit, durch Anwendung mehr oder weniger komplexer Algorithmen formale Zuordnungen von Mustern auf die Ebene unseres Wahrnehmens und Handelns zu bilden, wird durch Erfahrung aktiviert und animiert, sie entspringt ihr aber nicht.

Mai 11 16

Christina Rossetti, A Dirge

Why were you born when the snow was falling?
You should have come to the cuckoo’s calling,
Or when grapes are green in the cluster,
Or, at least, when lithe swallows muster
For their far off flying
From summer dying.

Why did you die when the lambs were cropping?
You should have died at the apples’ dropping,
When the grasshopper comes to trouble,
And the wheat-fields are sodden stubble,
And all winds go sighing
For sweet things dying.

 

Trauergesang

Warum kamst du zur Welt, als noch Schnee lag?
Wärst doch gekommen beim Kuckucksschlag
oder wenn Beeren glänzen in den Trauben
oder wenn Schwalben sich schrauben
hoch zum langen Abschied
in Sommers verklingendem Lied.

Warum starbst du, als die Lämmer beieinanderlagen?
Wärst du gestorben, wenn die Äpfel aufschlagen,
wenn Heuschrecken schwärmen
und sich Ähren zu Stoppeln verhärmen
und Winde seufzen Abschied
im verklingenden Lebenslied.

Mai 10 16

Abgeschnittene Zungen

Der Retter – ein Heros des antiken Griechenlands (was uns immerhin davor zurückschrecken lassen sollte, ihm nach gründlicher Ausmistung des Stalles ein Bärtchen unter die Nase zu kleben).

Nur der priesterliche Mann mit dem Pathos zur edlen Gestalt und dem Eros zur Jenseits-Musik ist zur Herrschaft berufen. Er muß nicht nur das Gären der Hefe befrieden und im Gleichgewicht halten; er muß nicht nur Unkraut jäten und den Dung ausmisten: Er muß auch edle Reiser vorbildlichen Wuchses und würdiger Ahnen auf junge Triebe pfropfen.

Der Priester, berufen zur Auslese und Verfeinerung der Rasse und des Geschmacks, der sich durch die Leidenschaft des Sublimen zu erkennen gibt, rückt in die Nachfolge des platonischen Herrschers. Platon der Stifter und Gründer, er der Vollender.

Die Vision ist nicht der neue Mensch, sondern der neue Leib, den die hohe, die königliche Seele bewohnt: humanoide Koralle, Synthese aus Blume und Tier, Blumentier, das sich vom Licht ernährt und den Keimen der Erde, das sich im Rhythmus des Lichtes dreht, sich wie im Tänzeln der Katze und im Schaukeln der Giraffe schlafwandelnd über die menschenleeren Plätze hinweghebt.

Der Herrscher-Priester, der Gärtner im stillen, still duftenden Park der Seele, mit den Schneisen des Mondlichts, dem Blau jungfräulicher Morgenwolken.

Die neue Seele: erlöst vom Widerspiel und Widersinn: Mitte zwischen Traum und Wachen, Ich und Du, Liebe und Tod.

Irrtum des Glaubens an die freie Entfaltung der Persönlichkeit: nicht jeder hat eine.

Wie sie sich alle frei entfalten: Irrsinn, Blutorgie, Schändung, Betrieb.

Wäre, was wir Realität nennen, das bloße Konstrukt unseres Geistes, könnten wir dies nicht wissen – denn um dies und überhaupt irgendetwas zu wissen, müssen wir Einbildung und Wirklichkeit, Wahn und Realität unterscheiden können. Die solches behaupten, wissen demnach nicht, was sie sagen.

Er glaubte, um etwas Wahres sagen zu können, sich auf die Zunge beißen, sich die eigene Zunge abschneiden zu müssen.

In Wahrheit sind die abgeschnittenen Zungen die von den Heroen des Schweigens und des Verzichts in den Humus der Zukunft gepflanzten Gebete an den deus absconditus.

Aus der Tatsache, daß sich subtile Zusammenhänge dem unmittelbaren sprachlichen Ausdruck zu entziehen pflegen, die subtilsten ihre Zuflucht im Schweigen suchen, glaubt der vulgäre Geschmack des Zeitungsschreibers zu Unrecht die Lizenz ableiten zu dürfen, aufs Geratewohl zu radebrechen.

Die Ideologie der freien Meinungsäußerung beruht auf der Illusion, die Wahrheit koste nichts – sie sei wie eine käufliche Dame für jedermann zu haben. Aber sie ist kostbar, sie kostet Blut, Schweiß und Tränen.

Einsicht ist keine Sache der Erfahrung. Einer, der alle Länder bereist hatte, dem nichts Menschliches fremd schien, verstummte vor den Tränen der Geliebten, erschrak vor dem Jubilieren der Lerche.

Vor dem Abgrund halt zu machen, ist Folge der Einsicht, der Selbstgewißheit, daß Liebe größer ist als der Tod.

Sterben zu wollen ist entweder Ausdruck des geschwächten Lebenswillens oder eines überwachen Verstandes.

Höflichkeit ist der milde Ausdruck der Einsicht in die unüberwindliche Borniertheit der menschlichen Angelegenheiten.

Der religiöse Orden ist die edelste Verdichtung der abendländischen Kultur zum Muster gelingender menschlicher Gemeinschaft, und unter den Orden das edelste Muster die Gemeinschaft des Schweigens.

Die abgefeimte Vision der Rache des amerikanischen Kriegsgegners des Dritten Reiches, den Deutschen mittels der Verwandlung ihrer Heimat in eine Agrarland ein für allemal den giftigen Stachel imperialer Machtgelüste ziehen zu sollen – welches Traumbild, welche bukolische Traumlandschaft für edle Schwärmer von Hölderlin bis Stefan George.

Der von der Saug-, Freß- und Beißbegierde emanzipierte Mund – die Schwester der Blume, das erotische Organ der Sprache des Paradieses.

In der freien Assoziation gibt sich zumeist nicht der geheime Wunsch verkniffener Seelen zu erkennen, sondern das billige Niveau des in der Mühle der öffentlichen Meinung wund- und totgedrehten Geistes.

Denk dir alles weg: Auto, Smartphone, TV, Kühlschrank und Make-up – der Wind im offenen Haar bleibt zur Genüge, die Träne an der Wimper, die schüchterne Aster auf dem Tisch.

Paradoxie der Lust: Enttäuschung durch Befriedigung. Und je sublimer das Gelüst, umso tiefer die Trauer.

Die Tautropfen singen den sentimentalen Refrain auf die Wahrheit des Schnees – die weiße Stille.

Der Tod verleiht dem Selbstgefühl die Innigkeit, die Emphase, das sublime Glück.

Dummheit – Stumpfsinn vor der Facies Hippocratica.

Tränen – stumme Wahrheitszeugen, Perlen gesteigerten Selbstgefühls.

Es gibt keine Formel, keine Gleichung, keinen Algorithmus für das Leben – denn in dem Maße, in dem es sich selbst erschließt, erkundet, ausspricht, bleibt es sich verborgen, rätselhaft, unsagbar.

Das Leben zieht einen Kreis der Selbsterhellung, der Selbstvergewisserung um sich – doch seine Mitte ist ein Pulsen, ein Herz, ein Geist, der sich ins Dunkle, ins Ungewisse übersteigt.

Mai 9 16

Christina Rossetti, Echo

Come to me in the silence of the night;
Come in the speaking silence of a dream;
Come with soft rounded cheeks and eyes as bright
As sunlight on a stream;
Come back in tears,
O memory, hope, love of finished years.

O dream how sweet, too sweet, too bitter sweet,
Whose wakening should have been in Paradise,
Where souls brimfull of love abide and meet;
Where thirsting longing eyes
Watch the slow door
That opening, letting in, lets out no more.

Yet come to me in dreams, that I may live
My very life again though cold in death:
Come back to me in dreams, that I may give
Pulse for pulse, breath for breath:
Speak low, lean low
As long ago, my love, how long ago.

 

Echo

Komm zu mir im Schweigen der Nacht,
komm in Träumens stillem Sang,
komm mit sanftem Wangenrund und Augen-Pracht,
wo Sonne spielt im Wellengang.
Komm in Tränen mir zurück,
o Erinnern, Hoffen, verflossener Jahre Glück.

O Traum so süß, zu süß, zu bitter-süß,
zu dem nur Paradiese wecken,
wo liebend Seele sich in Seele gießt,
wo der Blicke Sehnsuchtslecken
die Tür den Quell entblößt,
der Heimat gibt und nicht verstößt.

Komm zu mir zurück im Traum, so kann ich leben
mein wahres Leben, wenn auch todeskühl:
Komm zu mir zurück im Traum, so kann ich geben
dem Herzen Pulse, Atem dem Gefühl.
Sanften Munds sink sanft hernieder,
wie einst, Geliebter, o wie einstmals wieder.

Mai 9 16

Christina Rossetti, Remember

Remember me when I am gone away,
Gone far away into the silent land;
When you can no more hold me by the hand,
Nor I half turn to go yet turning stay.
Remember me when no more day by day
You tell me of our future that you plann’d:
Only remember me; you understand
It will be late to counsel then or pray.
Yet if you should forget me for a while
And afterwards remember, do not grieve:
For if the darkness and corruption leave
A vestige of the thoughts that once I had,
Better by far you should forget and smile
Than that you should remember and be sad.

 

Gedenke mein, wenn ich gegangen bin,
gegangen bin ins ferne, stille Land.
Da kannst du nicht mehr halten meine Hand,
und ich nicht wenden abgewandten Sinn.
Gedenke mein, dann ist ja abgetan
das Schwärmen Tag für Tag vom schönen Einst:
Gedenke mein nur, wenn du nicht mehr weinst,
weil es ein wenig spät für Wunsch und Plan.
Verblaßt vor dir für eine Zeit mein Bild,
taucht wieder auf, sei Kummer dir nicht not.
Denn haben Dunkelheit und Sündentod
mein Erdenwallen einst entweiht,
verschließ nur deinen Sinn und lächle mild,
als mein zu denken voller Traurigkeit.



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top