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Jun 10 16

Biagio Marin, Sensa calísene del Pare

Sensa calisene del Pare
onbra sensa cunfin
nostro destin
de naufragare.

No zogia piú né luto,
né istàe, né inverno,
solo lʼEterno,
sensa piú luse e muto.

E ninte score e ninte muta,
no esiste piú lʼetà,
nessuna novità,
ogni riviera sita e muta.

E Dio solo vivente
ne lʼombra sensa zente,
sensa parola
che ʼl cuor uman consola.

 

Ohne des Vaters fahlen Schein
Schatten nur ohne Zahl,
unser das Schicksal,
schiffbrüchig zu sein.

Nicht Freude, nicht Klage,
nicht Blüten-, nicht Flockenspur,
der Ewige nur,
Licht erloschen, stumme Tage.

Nicht Orte, nicht Worte tauschen,
Sommer verflossen,
Schoß verschlossen,
verklungen Ufers Rauschen.

Gott wird im Dunkel allein
ohne Geschöpfe sein,
ohne Wort,
der Menschen Sehnsuchtshort.

Jun 10 16

Biagio Marin, Da lʼutero possente

Da lʼutero possente
sete creature,
a oriente le montagne asure,
el sole dʼoro in ponente.

I sete tʼha fruàgia,
i sete tʼha magnàgia:
a me solo ricordo
el gran sielo del to coldo.

 

Jener mächtige Schoß
gebar sieben Kreaturen,
gen Osten die Gipfel blauer Fluren,
gen Westen die Sonne, golden und groß.

Die Sieben haben dich zerschlissen,
die Sieben haben dich zerbissen,
mir bleibt Erinnerung im Bilde:
der große Himmel deiner Milde.

Jun 10 16

Biagio Marin, La morte in me camina

La morte in me camina
coʼ passo silensioso,
el sangue melodioso
la compagna in sordina.

La vita piase
a duti do,
fa rosso bordò
el sangue, cô ʼl tase.

 

Der Tod geht in mir hin und her,
sein Schritt ist leise,
das Blut, es singt ihm seine Weise
dumpf und schwer.

Das Leben, es bezeigt
beiden sich als Traum,
es sickert hin ein roter Saum,
wenn das Blut dann schweigt.

Jun 9 16

Biagio Marin, Durmimi incúo

Durmimo incúo
durmiremo doman
in un regno lontan
dopo ʼvê qua vissúo.

ʼNa vita sola
musica ʼl creato,
el senpre novo nato
che i selesti consola.

 

Wir schlafen nun
und werden morgen schlafen
in einem fernen Hafen,
wo wir das Leben vertun.

Einmal wird das Leben uns wecken
eine Seele voll Gesang,
ewigem Neuanfang,
den Engel mit Küssen bedecken.

Jun 9 16

Biagio Marin, Se zermana in amor

Se zermana in amor
te manga incontro el don
del sangue sovo,
un mondo duto novo
te vien nel le to vene,
un grando bene,
duto un suriso
de paradiso.

E passa la ventá,
ma quel parfumo resta
coʼ la so granda festa
de la beltà.

La fioridura passa,
le mámole passisse,
anche nuvisse,
ma quel ricordo dura.

 

Aus Liebe will er keimen,
dich indes beschenken
mit seinem Blut,
und frische Glut
gießt er in die Venen,
erfülltes Sehnen,
Lächelns Süße
aus dem Paradiese.

Der Wind verweht,
Düfte schneien nieder,
Feste gehen wieder,
Schönheit, sie besteht.

Grünes Laub verglüht,
zarte Brüste welken,
auch die Hochzeitsnelken,
Erinnerung erblüht.

Jun 9 16

Biagio Marin, Vanità del reale

Vanità del reale
la me tormenta,
no vogio che me senta
la corcala de lʼale.

Del Dio piú puro,
de lʼuniverso,
êsse vogio siguro,
piú de me, del mio verso.

Se Elo manca
duto, sogno e magia
e lʼarmonia
duti ne sfianca.

 

Der leere Schein der Welt
ist meine harte Zwinge,
ich will nicht, daß die Schwinge
der Möwe auf mich fällt.

Ich will, daß Gottes Reine,
des Himmels Licht,
meine Seele eine,
mich und mein Gedicht.

Wenn Er dem Sinn entweicht,
ist Traumes Wunderlicht,
des Schönen Angesicht,
für immer ausgebleicht.

Jun 9 16

Biagio Marin, Anche la luse de le note

Anche la luse de le note ciare
la me xe de conforto:
maravegioso porto,
stele amorose, rare.

Discursi lunghi, musicài
da silinsi vogiúi,
ben misurài
da lunghi tinpi núi.

 

Auch der hellen Nächte Glast
kann Trost mir schenken:
in Wunderhäfen mich lenken,
Sterne der Liebe, unwahr fast.

Lange Gespräche, Kantilenen,
ins Schweigen dringend,
rhythmisch schwingend,
weiter Bögen nacktes Sehnen.

Jun 8 16

Die Stimme der Vernunft

Ein Beitrag zur Theorie der Subjektivität

Wir hören, daß eine Amsel singt, ob sie in der Nähe oder erregt laut zwitschert oder entfernt oder ruhig leisere Töne erzeugt, wir können den Gesang der Amsel von den ihn umgebenden Geräuschen, von Blätterrauschen oder Motorenlärm oder Menschenstimmen, unterscheiden und gleichsam aus dem Hof und Horizont der akustischen Umgebung herausheben. Wir können, wenn unsere Aufmerksamkeit nachläßt oder durch ein anderes akustisches Ereignis abgelenkt wird, den Vorgelsang auch wieder in den allgemeinen Hintergrund der Umgebungsgeräusche zurücktreten lassen.

Den Vogelgesang wird der Ornithologe mit anderen Ohren hören als der lyrisch gestimmte Wanderer, anders der Verliebte, anders der Verzagte, anders der Gleichgültige, anders der Gläubige. Hier bemerken wir, daß unser Gehör sympathetisch mit Sinnkontexten in Verbindung steht, die das Gehörte in einen spezifischen intentionalen Rahmen stellen. Aus dem Satz „Ich höre einen Vogel singen“ wird so der Satz „Ich höre, daß eine Amsel Warnrufe aussendet“, aus dem Satz „Ich höre ein an- und abschwellendes Heulen“ wird so der Satz „Ich höre, daß ein Polizeieinsatz stattfindet“.

Unser Gehör hat sehr spezifische diskriminatorische Fähigkeiten, allen voran die Fähigkeit, aus allen sonstigen akustischen Umweltgeräuschen die eigentümlichen Laute der menschlichen Stimme herauszuhören, abzuheben und zu unterscheiden. Dies verdanken wir der conditio humana, der besonderen menschlichen Situation, mit dem Hören der menschlichen Stimme die Aufmerksamkeit gezielt auf bedeutungstragende Laute richten zu können.

Wir vergleichen damit die spezifische diskriminatorische Fähigkeit unseres Sehsinns, aus allen sonstigen visuellen Umweltreizen die eigentümlichen Muster des menschlichen Gesichts herauszusehen, abzuheben und zu unterscheiden. Wir pflegen aber nicht nur die Tatsache zu registrieren, daß es sich hier oder dort um die typischen visuellen Merkmale eines Gesichts handelt, sondern sind zumeist in der Lage, unmittelbar den emotionalen Ausdruck, den es bietet, wahrzunehmen und zu verstehen, ob es nun freundlich oder bedrohlich blickt, zornig oder gütig, freudig lächelt oder weint, aber auch ein gleichgültig blickendes Gesicht wissen wir gleichsam in der Tabelle unserer emotionalen Mustererkennung einzutragen und gleichsam nach Klasse, Genus und Art taxonomisch einzuordnen.

Wenn ein Ortskundiger dich im Dunkel einen schmalen und abschüssigen Pfad entlang geleitet, kannst du zwar das Mienenspiel seines Gesichts nicht mehr erkennen und sein ängstlicher Ausdruck und seine Schreckensmiene können dir nicht von der unmittelbaren Gefahr künden, wenn dein Fuß den Pfadsaum überschreitet, doch seine Anweisungen und warnenden Ausrufe wie „Hier entlang!“, „Rechts halten!“ oder „Faß meine Hand, ich führe dich!“ geben dir die nötige Orientierung.

Daß die akustische und visuelle Mustererkennung von Stimme und Gesicht primäre epistemische Leistungen darstellen, erkennen wir einerseits daran, daß wir unwillkürlich dazu neigen, in den an sich unartikulierten Geräuschen fließender Gewässer oder vom Wind bewegter Blätter, Sträucher und Gräser ein Flüstern, Raunen und Murmeln zu vernehmen (bei empfindsamen Dichtern wie Keats oder Brentano finden wir reichlich Spuren solchen Erlebens) oder in diffusen Stoffen wie Nebel und Wolken Gesichter auftauchen zu wähnen; andererseits ersehen wir sie an der lebendig geprägten Vormacht der Ähnlichkeit, die uns das Vertraute vom Unvertrauten, das Eigene vom Fremden zu unserer eigenen Sicherheit unterscheiden hilft. Gesichter der eigenen Verwandtschaft erkennen wir am leichtesten, Gesichter der Freunde und Partner leichter als Gesichter von Bekannten, und so in absteigender Linie bis zu den Gesichtern fremder Völker und Rassen, die uns in einem uniformen Einerlei von Reizen verschwimmen. Ebenso mit der Ähnlichkeit der Stimme, von der intimsten Nähe der mütterlichen Stimme geht es auch hier die Skala abwärts von den vertrauten Stimmen der Freunde und Partner über die weniger vertrauten der Bekannten bis zu den fremden und unverständlichen Stimmen der Angehörigen uns fremder Kulturen, deren Idiome und Sprachen in Phonematik und Grammatik von der unseren gravierend abweichen.

Das Erkennen von Mustern, Reihen, gesetzesförmigen Wiederholungen und von entsprechenden mehr oder weniger gravierenden Abweichungen und „Fehlern“ oder „Löchern“ in gegebenen oder antizipierten Mustern und Reihen ist eine Leistung der Vernunft, und wir können sagen, daß die Vernunft auf der biologischen Basis der Ähnlichkeitswahrnehmung gleichsam in unserer Stimme und unserem Gehör inkarniert ist: Wenn wir nach zwei unbetonten Schlägen oder Auftakten mehrmals hintereinander einen dritten betonten Schlag hören, vernehmen wir einen Drei-Viertel-Takt, wie er uns durch den Walzer eingängig ins Ohr geht. Wenn in der Reihe der Takte einer ausfällt, also drei unbetonte Schläge eingestreut sind oder ein Takt mit zwei Senkungen nach einer betonten Hebung, haben wir den Eindruck, da stimme etwas nicht, es sei ein Fehler, ein rhythmisches Loch entstanden.

Allerdings erleben wir auch den Fall, daß eine leicht gebrochene oder verschobene Symmetrie in den harmonischen Zügen eines Gesichts oder der Skizze einer Landschaft nicht nur unsere Aufmerksamkeit steigert, sondern das Gefühl von Wohlordnung trotz der kleinen Abweichung, trotz des winzigen Webfehlers nach dem Motto „variatio delectat“ intensiviert. Und dies gilt auch für die akustische Wahrnehmung, wenn wir ihr ästhetischen Rang zubilligen: Denn solche leichten, aber gefälligen Abweichungen eines akustischen Grundmusters machen eben das aus, was wir in den Gedichten als Reim kennen.

Unsere Stimme und unser Gehör sind aufgrund der Tatsache, daß wir bedeutungstragende sprachliche Laute hervorbringen, unterscheiden, identifizieren und mit anderen Lauten kombinierend verstehen können, Organe der Vernunft.

Worauf hört die Vernunft, könnten wir etwas überschwänglich fragen? Nun, auf den Unterschied! Wir hören den Unterschied zwischen „gehen“ und „stehen“, „sollen“ und „wollen“, „lassen und passen“, „dunkeln und funkeln“, „Liebe und Hiebe“, wo nur ein Phonem die Bedeutung variiert, aber auch den Unterscheid zwischen „ist“ und „war“, „geht“ und „ging“, „lebt“ und „hat gelebt“, wo die grammatische Form den Sinn entscheidend modifiziert, oder den Unterschied von „und“ und „oder“, „wenn“ und „wenn nicht“, womit wir die logischen Beziehungen unserer Aussagen und Gedanken ausdrücken.

Wir können ein Bilderrebus mit einem durchgestrichenen Gesicht nicht ohne weiteres dechiffrieren: Heißt das, der Abgebildete ist nicht da, ist aus der Freundesliste gestrichen, wird heute nicht zu unserem gemeinsamen Treffen kommen, ist verstorben?

Die visuelle Repräsentation kann uns Abbilder von Gegenständen wie Gesichtern oder ein Muster in einer Tafel ähnlicher Gesichter darbieten. Wenn ich dir, bettlägerig und hilfsbedürftig, in einer Welt nonverbaler Kommunikation einen Zettel aushändige, auf dem Gegenstände wie Brot, Eier, Tomaten und dergleichen abgebildet sind – heute könnte ich dir auch eine Bildreihe von Lebensmitteln auf dem Smartphone aushändigen –, verstehst du nicht unbedingt und unmittelbar, daß ich dich damit auffordere, mir diese Eßwaren im Supermarkt zu besorgen. Aber unter der Überschrift „Bitte einkaufen!“ erschließt sich das Bilderrebus in seinem Aufforderungscharakter ohne weiteres.

Das Bilderrebus war demnach ein Surrogat für einen Sprechakt der Aufforderung, eine Handlung auszuführen, deren Gegenstand die abgebildeten Lebensmittel waren. Die Bedeutung der Mitteilung bestand demnach nicht in der Repräsentation der abgebildeten Dinge, sondern in der gemeinten Handlung, und diese hat die sprachliche Form: „Ich bitte dich, daß du mir diese Sachen besorgst.“

Wir haben uns wie gewohnt bei dir zu einem Plauderstündchen getroffen und nun steht wie üblich unser gemeinsamer Spaziergang an, da zeigst du mit der Hand nach draußen, um mich darauf aufmerksam zu machen, daß es zu regnen begonnen hat. Mit dieser Zeigegeste willst du meine Aufmerksamkeit nicht auf bestimmte Gegenstände wie die düsteren Wolken oder die Regentropfen hinlenken; vielmehr ist diese nonverbale Geste ein Hinweis auf die Tatsache, daß es regnet, sie ist das Surrogat eines Sprechakts, der lauten könnte: „Schau mal, es regnet!“ oder: „Es regnet, was tun?“

Wenn ich deiner Geste mit den Augen folge, sehe ich nicht nur düstere Wolken oder Regenfäden, sondern ich sehe gleichsam die Tatsache, daß es regnet. Aus der Mitteilung der Tatsache, daß es regnet, ziehen wir den Schluß auf gewisse Handlungsoptionen: Entweder bleiben wir vorerst zu Hause und warten, bis es aufklart, oder schreiten beherzt nach draußen, mit Regenschirmen bewaffnet.

Wir sagen kurz und bündig: Stimme und Gehör sind Organe der Vernunft, weil wir mit ihrer Hilfe artikulierten Lautreihen das Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten entnehmen können. Das Erfassen von Tatsachen versetzt uns in die Lage, logische Beziehungen zwischen unseren Überzeugungen darzustellen und wiederzugeben.

Wir bemerken insbesondere, daß wir nur mittels verbaler Artikulation und Rezeption in der Lage sind, negative Sachverhalte und Tatsachen darzustellen, eine grundlegende Fähigkeit der menschlichen Vernunft, ohne die wir aus dem beschränkten Bannkreis des Gegebenen nicht heraustreten und keine Aussagen über das Mögliche und das Nichtmögliche, das Virtuelle und das Zukünftige machen könnten.

Wir haben das Unwetter abgewartet und nun zeigst du aus dem Fenster mit den Worten: „Jetzt regnet es nicht mehr!“ und ich verstehe diese Aussage über einen nichtbestehenden Sachverhalt richtig als Aufforderung, jetzt unseren gemeinsamen Spaziergang anzutreten.

Wenn die Sonne scheint und ich zeige aus dem Fenster, kann ich dich mit dieser Geste oder mit dem Bild von Leuten, die frohgemut im Sonnenschein daherwandeln, nicht ohne weiteres und unmißverständlich auf die negative Tatsache aufmerksam machen, daß es nicht regnet.

Versuchen wir einmal, die Mitteilung „Wenn es morgen nicht regnet, gehen wir spazieren“ visuell darzustellen! An der Negation scheitern wir sofort, und ein klarer Bildausdruck für „morgen“ fehlt.

Vernunft, so sehen wir, ist unsere Fähigkeit, sowohl die Welt als Funktion von Aussagen über bestehende und nichtbestehende Tatsachen abzubilden, als auch Modelle dessen zu bilden, wie sie aufgrund von Aussagen über bestehende oder nichtbestehende Tatsachen sein könnte, wenn wir bestimmte Ausgangsbedingungen zugrundelegen und variieren.

Tatsachen der hier gemeinten Art, wie die Tatsache, daß es regnet, sind KEINE Gegenstände oder Entitäten in der Welt, sondern sprachliche Tatsachen; in der Welt finden wir Wolken und Regentropfen und dergleichen mehr, nicht aber die Tatsache, daß es regnet.

Die Rede von den nackten oder reinen Tatsachen ist demnach keine sinnvolle Rede; Tatsachen sind an das Dasein der Sprache und der Subjektivität, unser Dasein und unser Reden funktional gebunden. Wenn wir sie nicht denken und über sie nicht sprechen, gibt es sie in gewisser Weise nicht. Aber das heißt nicht, Tatsachen seien Fiktionen oder Konstruktionen: Spiegelbilder, um uns dieses Vergleiches zu bedienen, sind nichts ohne den Spiegel, der sie erzeugt – aber der Spiegel spiegelt Gegenstände, die es gibt, auch wenn sie ungespiegelt sind. In ähnlicher Weise sind Gegenstände wie Regentropfen reale Dinge dieser Welt, aber in dem Satz „Es regnet“ kommen sie nur als Element der Tatsache vor, daß es regnet, und diese Tatsache besteht nur, insofern jemand meint, denkt, sagt, daß es regnet.

Die Aussage, daß es regnet, ist das sprachliche Bild unserer Überzeugung oder des Gedankens, daß es regnet. Gedanken zu haben ist gewiß die Funktion der Vernunft. Hier weisen wir darauf hin, daß diese Fähigkeit an die Artikulation distinkter bedeutungstragender Phoneme, die Stimme der Vernunft im wörtlichen Sinne, insbesondere von Phonemen wie „nicht“, „und“, „oder“ und „wenn–dann“, kurz die logischen Ausdrücke sui generis, und ihre akustische Rezeption gebunden ist.

„Wenn es morgen regnen sollte, vergiß deinen Regenschirm nicht!“ – „Wenn du am Monatsende die Kreditrate nicht pünktlich überwiesen haben wirst, wird eine Gebühr fällig.“ – „Wenn du zum Konzertbeginn nicht pünktlich eintriffst, wirst du draußen auf mich warten müssen.“ Aussagen dieser Art machen uns auf die Relevanz der nur sprachlich darstellbaren Gedanken und ihrer logischen Verknüpfung aufmerksam, ohne die wir unser alltägliches Leben nicht bewältigen könnten. Insbesondere aber auch auf die Tatsache, daß kein ausschließlich bildlichen Medium zur ihrer Repräsentation geeignet ist.

Wie kann es aber sein, daß geäußerte und gehörte Laute und ihre Reihung, augenscheinlich Vorkommnisse unseres subjektiven phänomenalen Bewußtseins, geeignet sind, Gedanken auszudrücken, Gedanken, mit denen wir den Anspruch verbinden, bestehende und nichtbestehende Tatsachen in der Welt darstellen zu können, die keine bloßen Vorkommnisse des phänomenalen Bewußtseins sind, sondern eben Tatsachen, wenn auch solche, die, wie wir sahen, Funktionen sprachlicher Aussagen sind?

Hier kommen wir an eine epistemologische Grenze, an der wir nur konstatieren können, daß unser subjektives Dasein einen internen Bezug zu der Welt hat, in der wir leben und handeln und über die wir sprechen, ein Bezug, der die Welt zu unserer Welt macht, ohne daß wir das Bild, das wir uns von ihr machen, als Illusion unter Generalverdacht stellen müssen.

Der interne Bezug von Subjektivität und Welt erschließt sich auch aus der Tatsache, daß wir einige Lautverbindungen, die wir äußern oder hören, mit anderen Lautverbindungen, die ihnen nicht ähneln, so verknüpfen, daß wir die eine Äußerung bedenkenlos mit der anderen vertauschen, die eine durch die andere ersetzen: Wir gehen ohne weiteres davon aus, daß wir statt zu sagen: „Wenn morgen die Sonne scheint, machen wir unseren Spaziergang“ sagen können: „Wenn es morgen nicht regnet, machen wir unseren Spaziergang“ und auch sagen können: „Wenn es nicht der Fall sein wird, daß morgen die Sonne nicht scheint, machen wir unseren Spaziergang.“ Wir meinen dann, in allen dreien Aussagen werde derselbe Gedanke ausgedrückt.

Daß wir mittels geschickter Verwendung der Negation die Identität eines Gedankens bewahren können, ist eine wichtige Leistung unserer Vernunft, die uns erlaubt, die interne Verbindung von Subjektivität und Welt durch Verwendung des Wahrheitsprädikats gleichsam abzusichern und zu fundieren. Denn eine Aussage kann salva veritate nur dann durch eine andere Aussage ersetzt werden, wenn sie denselben Gedanken ausdrückt und darstellt oder wenn alle Aussagen, die logisch aus der ersten Aussage abgeleitet werden können, auch aus der zweiten abgeleitet werden können, oder wenn aus allen Aussagen, aus denen die erste Aussage logisch folgt, auch die zweite Aussage logisch folgt.

Durch angemessene Verwendung der Negation können wir also die inferentiellen Verknüpfungen unserer Gedanken und Überzeugungen zum Ausdruck bringen. Die biologische Basis dieser Möglichkeit ist, wie wir sahen, die Eignung unserer akustischen Artikulation und Rezeption, von Stimme und Gehör, distinkte bedeutungstragende Phoneme zu generieren und zu verknüpfen, Bedeutungsträger, die uns mit der gleichen Kraft und Relevanz von unseren anderen Sinnesorganen nicht bereitgestellt werden. Was die Darstellung logischer Verknüpfungen angeht, können wir sie sehr wohl effizient graphisch vereinfachen und algorithmisch abkürzen – doch bedürfen all diese grafischen Zeichen und Abbreviaturen und die Art ihrer Verknüpfung der Definition, die wiederum nicht anders als durch die Wortsprache gegeben werden kann.

Stimme und Gehör, so sahen wir, sind Organe der Vernunft, weil sie uns erlauben, sinnvolle Laute und ihre Verbindung, das heißt Gedanken, zu erzeugen und zu empfangen. Die Vernunft freilich ist es, die sich ihrer gleichsam als Werkzeuge bedient und ohne die sie wie im Falle der Demenz oder des Rauschs ihren vernunftbestimmten Charakter einbüßen. Die Artikulation der Stimme und das Hören von Sätzen sind Ereignisse in der Zeit, sie haben Anfang und Ende, der Gedanke, den die Vernunft mit ihrer Hilfe ausdrückt und wiedergibt, ist kein Ereignis in der Zeit, hat keinen Anfang und kein Ende. Wir verleihen der Äußerung: „Schau mal, es regnet!“ einen zeitlichen und räumlichen Index, weil du sie gestern, als wir uns bei dir aufhielten und unseren Spaziergang antreten wollten, gemacht hast. Doch der in der Äußerung enthaltene Gedanke, daß es regnet, und die Tatsache, die er ausdrückt, haben keine zeitliche und räumliche Referenz. Ich habe auf deinen Hinweis gesagt: „Warten wir, bis es aufklart und die Sonne scheint“, und auch diese Äußerung hat ihren zeitlichen und räumlichen Index. Aber der Zusammenhang, den wir zwischen diesen Äußerungen als logischen Zusammenhang unterstellen und den wir etwa so ausdrücken können: „Wenn es regnet, gehen wir nicht spazieren. – Es regnet, also gehen wir nicht spazieren.“ – dieser logische Zusammenhang hat keinen zeitlichen und räumlichen Index.

Daraus schließen wir, daß die Subjektivität unseres Daseins die nichtzeitliche und nichträumliche Bedingung der Möglichkeit darstellt, Gedanken zu haben und Zusammenhänge von Gedanken zu bilden, die selbst keinen zeitlichen und räumlichen Index aufweisen, deren Äußerungen wir aber mit einem zeitlichen und räumlichen Index versehen können.

Jun 7 16

Biagio Marin, Caldo el tinelo

Caldo el tinelo
el sol lo inonda
ʼna pase fonda
porta in tinelo el sielo.

La vita la me dona
unʼora de gran ben,
canpane nel seren
dolse le sona.

El tempo in me finío,
no esiste qua o delà,
de musica un gran rio
lontan, solene, va.

 

Zimmers warmer Schein,
goldene Welle,
Friedensquelle,
fließt der Himmel ein.

Lebens helle Grüße
solcher hohen Stunde,
sanfter Glocken Kunde,
meine letzte Süße.

Entrückt bin ich der Zeit,
kein hier mehr oder dort,
groß kommt Musik, und weit,
erhaben, strömt sie fort.

Jun 7 16

Biagio Marin, La zoventú

La zoventú
ora de sielo blu,
dopo, el sielo se ingrisa,
se fa sinísa.

Gnanche la puta
fresca e novela
la resta suta
la resta bela.

Cu resta nuovo
cu resta fiama
che ʼl sielo brama,
el regno sovo?

 

Jugendzeiten,
Stunde blauer Weiten,
später graut das Licht,
Unheil spricht.

Auch die junge Frau,
frisch und glatt,
wird bald grau,
trocknes Blatt.

Wer bleibt immer gleich,
Flamme ohne Sinken,
von der die Engeln trinken
in seinem Reich?

Jun 7 16

Biagio Marin, Fra noltri e Dio

Fra noltri e Dio
continuo un zuogo
dʼaqua e de fogo,
de tonba e de nio.

Coʼ noltri el nasse,
in noltri el more,
in dute lʼore
el rinasse.

Novi vivinti
ʼi dà sostansa,
ʼi dà speransa
in duti i muminti.

 

Zwischen uns und Gott
ein Spiel wird genannt
Wasser und Brand,
Grab und Schoß.

Mit uns wird er geboren,
mit uns geht er zugrunde,
zu jeder Stunde
wird er neugeboren.

Neue Lebensgeschicke
geben ihm Macht,
seine Zukunft erwacht
in jedem Augenblicke.

Jun 7 16

Biagio Marin, Epur ʼste carne martoriàe

Epur ʼste carne martoriàe
che conbate pel solo respirâ
me fa pietâ,
le voravo salvàe.

A pase mai le riva
mai a presensa sigura,
né la granda aventura
le porta a lʼoltra riva.

Ogni destin inserto
e vana ogni sperenza,
in lontanansa
el ninte de la morte, ʼverto.

 

Und doch, dieses Fleisch wird geschunden,
nach Atem geht einzig sein Ringen,
Erbarmen will mich bezwingen,
ach, hätt es Erlösung gefunden.

Nie ruht es unter dem Stern,
nie findet es sicheren Hort,
die Welle reißt es fort,
das andere Ufer ist fern.

Fatum, Stimme des Zwielichts,
alles Hoffen versiegelt,
in der Ferne entriegelt
das hohe Tor des Nichts.

Jun 6 16

Subjektivität und Welt

Kurze Skizze ihres internen Zusammenhangs
Ein Beitrag zur Theorie der Subjektivität

Subjektivität ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit, überhaupt Gedanken zu haben (1), sodann Gedanken nach wahren und falschen Gedanken zu durchmustern (2), Gedankeninhalte mit räumlichen Koordinaten oder zeitlichen Indices zu versehen (3) und die Vernetzung von Gedanken auf gültige Inferenzen zu analysieren (4).

(1) Gedanken haben einen propositionalen Gehalt p; der vollständige Ausdruck eines Gedankens lautet: „Ich meine, daß p.“

Gedanken können nur jemandes Gedanken sein; ein Gedanke, der nicht von jemandem gedacht wurde, wird oder werden könnte, ist kein Gedanke.

(2) Zu meinen, daß p, kann implizieren, daß nicht-q; nun wissen wir, daß r und s q implizieren; daher implizieren r, s und q die Tatsache, daß nicht-p; demnach war unsere ursprüngliche Annahme, daß p, falsch, und zu meinen, daß p, war ein falscher Gedanke.

(3) Wenn wir annehmen, daß unter Erdbedingungen sich die Kugel auf der schiefen Ebene zur Zeit t1 am Ort l1befindet, können wir mit Recht annehmen, daß sie sich zu einem Zeitpunkt t2, den wir nach der Messung von l1 ansetzen, am Ort l2 befindet, und die Streckendifferenz durch ein Gesetz bestimmen.

(4) Zu sagen, daß sich die chemischen Elemente in der Reihenfolge ihres Atomgewichts anordnen lassen, ist dasselbe wie zu sagen, daß sich die chemischen Elemente in der Reihenfolge ihrer chemischen Reaktionsfähigkeit anordnen lassen, denn die Reaktionsfähigkeit der Elemente ist eine Funktion ihres atomaren Aufbaus und ihr atomarer Aufbau bestimmt ihr atomares Gewicht. Die durch logische Inferenz gewonnene Einsicht in die Identität der Anordnungsmuster der Elemente ist die Grundlage des periodischen Systems.

Aus der Tatsache, daß wir Gedanken haben können oder kurz denken, schließen wir, daß die Welt, in der wir leben, eine geordnete Welt ist, deren Ordnungssysteme wir in Reihen, Mustern und Gesetzen abbilden. In einer völlig ordnungslosen und chaotischen Welt wäre uns Gedanken zu haben schlechterdings nicht möglich.

Wir gehen aber einen entscheidenden Schritt weiter und sagen, die Möglichkeit einer Welt der Ordnung nach Reihen, Mustern und Gesetzen impliziert das Dasein der Subjektivität als der Fähigkeit, die Welt als geordnetes System zu beschreiben, zu analysieren, zu denken.

Führt diese Annahme nicht zu scheinbar absurden Konsequenzen, als wäre beispielsweise die Ordnung des Periodensystems der chemischen Elemente eine Funktion der Leistung der Subjektivität und in dieser Weise nicht vorhanden, hätte Mendelejew sein Werk nicht geschaffen?

Diese absurde Folgerung vermeiden wir, wenn wir uns der transzendentalen Voraussetzung bedienen, daß die Existenz der Subjektivität einen internen Zusammenhang mit der Tatsache bildet, daß die Welt so ist, wie wir sie erkennen, nämlich als nach Reihen, Mustern und Gesetzen geordnet.

Es gilt demnach beides: Die Welt ist so beschaffen, daß wir als Subjekte existieren können, die ihre Ordnung erkennen, und sie ist so beschaffen, weil wir sie als so und so geordnet erkennen.

Das Zwischenglied, das wir brauchen, um uns diesen internen Zusammenhang zwischen Subjektivität und Welt klar zu machen, ist die Struktur der sprachlichen Aussage, die den Gedanken überhaupt oder den Gedanken, daß die Welt ist, wie sie ist, modelliert.

Die Aussage „Ich sehe einen Lichtfleck in meinen Gesichtskreis“ ist wahr und nicht bloß der Bericht über ein rein phänomenales Vorkommnis oder eine visuelle Halluzination, wenn wir zurecht annehmen können, daß der Fleck die Wirkung von Lichtstrahlen darstellt, die von einer Quelle wie der Sonne emittiert werden, deren Vorhandensein wir beispielsweise mittels Spektralanalyse nachweisen können. Wenn wir die Kausalität der visuellen Wahrnehmung festgestellt haben, können wir den Satz ersetzen durch die Aussage: „Ich sehe die Sonne“ und sie als wahr annehmen.

Nun leuchtet uns unmittelbar ein, daß eine Aussage wie die genannte nur möglich ist in einer Welt, in welcher Subjekte wie du und ich existieren, die sehen und visuell wahrgenommene Objekte als solche unterscheiden und identifizieren können.

Nehmen wir an, statt unser existierten Roboter, die kein Bewußtsein hätten und Aussagen wie „Ich sehe die Sonne“ weder bilden noch verstehen könnten, aber in der Lage wären, physikalische und chemische Informationen zu generieren und anzuwenden, also beispielsweise mittels Spektralanalyse die Identität des Himmelskörpers zu bestimmen, den wir sehen, wenn wir die Sonne sehen.

Unsere starke These ist nun, daß diese Welt einer nicht sichtbaren und nicht in sprachlichen Aussagen oder Aussagen unserer Sprache als Gegenstand vorkommenden Sonne eine andere Welt wäre als die, in der wir sagen: „Ich sehe die Sonne.“

Mithilfe der Betrachtung der sprachlichen Form unserer Gedanke, nämlich „Ich meine (denke), daß p“, können wir die eigentlich unvollständige Satzform „Ich sehe die Sonne“ zu der vollständigen Form „Ich sehe, daß die Sonne scheint“ ergänzen und die Einsicht bestätigen, daß die grundlegenden Einheiten, die wir gedanklich erfassen, keine Phänomene oder Dinge, sondern Tatsachen und Ereignisse darstellen.

Damit können wir die These vertiefen: Die Welt, in der wir leben, ist insofern in singulärer Weise unsere Welt oder die mit der Subjektivität intern verknüpfte Welt, weil nur in dieser Welt Tatsachen und Ereignisse derart vorhanden sind oder stattfinden, wie sie unsere Aussagen über Tatsachen und Ereignisse erfassen.

Wir sagen also, die Tatsache, daß die Sonne scheint, ist eine Funktion der Aussage der Form „Ich sehe, daß die Sonne scheint“, auch wenn die physikalische Realität, auf die sie sich bezieht, von Robotern mittels Instrumentarien wie der Spektralanalyse festgestellt werden könnte, Wesen, die niemals die Sonne gesehen haben und nicht verstehen könnten, was die Aussage „Ich sehe, daß die Sonne scheint“ bedeutet.

Der interne Zusammenhang von Subjektivität und Welt erhellt auch aus den interferentiellen Beziehungen und Mustern, mit denen wir die Ordnung von möglichen und wirklichen Tatsachen und Ereignissen darstellen: Wir können dem Täter nur unterstellen, die Tat begangen zu haben, wenn wir nachgewiesen haben, daß er an dem Ort, an dem er laut seines Alibis gewesen sein will, nicht gewesen ist, denn nur dann kann er am Tatort gewesen sein. Die Tatsache, daß er am Tatort gewesen sein kann, ist eine logisch schlüssige Folgerung in einem Modalkalkül, die keinem objektiven Sachverhalt entspricht.

Die Möglichkeit, Modelle des Realen zu bilden und sie in adäquaten Modalaussagen zu erfassen, ist augenscheinlich eine Funktion der Subjektivität, die gleichsam mit Versatzstücken der Realität hantiert, die sie aber nicht eins zu eins abbilden und von ihr auch nicht zwingend suggeriert werden.

Daß die Welt so beschaffen ist, daß wir ausgehend von unserem subjektiven phänomenalen Bewußtsein wahre Gedanken von ihr haben können, ist ein Rätsel, das wir deshalb nicht ohne weiteres entschleiern können, weil wir uns zu seiner Lösung außerhalb des internen Zusammenhangs von Subjektivität und Welt stellen können müßten – doch dies ist evidenterweise unmöglich.

Manche allerdings, die für die Wahrheit des internen Zusammenhangs von Subjektivität und Welt blind sind, hegen die absurde Hoffnung, eine Wissenschaft wie die Neurobiologie könne uns am Ende das Rätsel lüften. Aber das wäre ähnlich widersinnig wie zu erwarten, ein blinder und sprachunmündiger Roboter könne schließlich nach eifriger Analyse der physikalischen und chemischen Natur der Sonne und des von ihr emittierten Farbspektrums sein Labor verlassen und ausrufen: „Ich sehe, daß die Sonne scheint.“

Jun 6 16

Biagio Marin, Cô me te baso

Cô me te baso
tu sâ de menta,
duta contenta
se godo e taso.

El to abandon
parʼ na pianura
del mar azura
estesa, sensa son.

E, trepidando
sito, te amiro,
con un suspiro
ma fondo, grando.

 

Wenn ich dich küssen will,
schmeckt nach Minze dein Mund,
dein Gefühl ist rund,
ich bin froh, bin still.

Deine Ergebenheit
dehnt sich wie der Meeresflur
blauender Azur
lautlos weit.

Und ich bange sehr,
staune stumm dich an,
und mein Seufzen dann,
es ist tief und schwer.

Jun 6 16

Biagio Marin, Cô incontro fantulini

Cô incontro fantulini
che core per le strâe
su piculi piedini,
pupile inamoràe,

voravo fâme strada
voravo fâme sielo
e fâme rada
per un fantastico batelo
cargo de fantulini
cargo de quii matini.

 

Wenn ich die kleinen Knirpse sehe,
wie sie über die Straße flitzen,
auf ihren flinken Füßchen,
mit ihren glühenden Augen,

möchte ich die Straße sein,
möchte ich der Himmel sein
und die Bucht sein
für das Märchenboot,
es legt ab mit den Kleinen
in die Frische des Morgens.

Jun 6 16

Biagio Marin, Tu, cu tu son?

Tu, cu tu son?
No sè ʼl to nome, né ʼl to volto,
me stago sito e ascolto
el silensio del sol.

Ascolto el firmamento
co ʼl xe piú trasparente,
el mar coʼ la vose dolente,
e a volte el vento.

Xe vose che trascende
el pesante creato,
la vose del Beato
che sognante me rende.

 

Du, wer bist du?
Ich kenne nicht deinen Namen, nicht dein Gesicht,
ich verharre stumm und höre im Licht
der Sonne das Schweigen.

Ich lausche dem Firmament
und seinem gläsernen Glimmen,
dem Meer und seinen wehen Stimmen,
und manches Mal dem Wind.

Da ist eine Stimme, die übersteigt
die Schwere der Kreatur,
es ist die Stimme des Heiligen nur,
die mich den Träumen neigt.

Jun 5 16

Biagio Marin, E score lʼore

E score lʼore
in selensio , incantàe
e dute inamoraè
del sol che mai more.

Con elo le gno vene,
tempo desmentegào
el momento che sviene
drento el sieleo stelào.

Cossiensa persa
ne lʼultima luse,
lʼanema tase
ne lʼaria piú tersa.

 

Stunde um Stunde enteilt
in die Stille, gebannt,
von Liebe entbrannt
zur Sonne, die immerdar weilt.

In sie mein Blut verfließt,
Zeit verlor die Acht,
Moment, der sich ergießt
in die Sternennacht.

Bewußtseinsduft
im letzten Licht,
die Seele still
in reinster Luft.

Jun 5 16

Ego cogito

Über den reinen Gedanken als Synthesis des Bewußtseins
Ein Beitrag zur Philosophie der Subjektivität

Unser Dasein ist der Gedanke, daß wir da sind. Ohne den Gedanken, da zu sein, wären wir nicht da.

Wer glaubt, ein anderer zu sein, als er in Wahrheit ist, glaubt immerhin der zu sein, der er nicht ist, und erweist somit, nicht vergessen zu haben, was es heißt, jemand zu sein.

Wir können uns nicht vorstellen, was es hieße, vergessen zu haben, daß man jemand ist, weil alle Vorstellungen auf die synthetische Leistung des Ego cogito verweisen.

Auch die äußerste Vorstellung, vergessen zu haben, wer man ist, impliziert den Verweis auf die Synthesis des Bewußtseins, sich von der Vorstellung leiten zu lassen, jemand zu sein.

Es gibt keinen Inhalt des Bewußtseins, der nicht die transzendentale Form der Synthesis enthielte. Wir können nicht sinnvoll von Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erwartungen oder Phantasien reden, die nicht jemandes Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erwartungen oder Phantasien wären. Das visuelle Bild der Vase auf dem Tisch wäre ohne die unwillkürliche Leistung der Synthesis des Ego cogito überhaupt kein Bild. Wenn nicht du es bist, der das phantasmagorische Bild von der Vase auf dem Tisch des Restaurants an der Adria vor dem geistigen Auge hat, wo du in den Ferien des vergangenen Sommers den Mittagstisch aufzusuchen pflegtest, oder das Foto, das du von der Vase gemacht hast, als dein Erinnerungsbild identifizierst, könnte es vielleicht auf die Erinnerung eines anderen verweisen, doch als dein Erinnerungsbild könnte es dann nicht dienen.

Das „Ich denke“ hat keinen spezifischen Inhalt. Wenn ich dich aus deiner Zerstreutheit mit der Frage wecke, woran du gerade gedacht hast, wäre es in dem Maße unsinnig, wenn du antwortetest, du habest an dich gedacht, wie es sinnvoll wäre, wenn du antwortetest, du habest an einen verstorbenen Freund gedacht.

Das Ego cogito ist die Form des Gedankens schlechthin, überhaupt, an und für sich. Der einfachste sprachliche Ausdruck dieses Gedankens könnte lauten: „Ich meine, daß p“, wobei der Ausdruck „Ich meine, daß“ für die intentionale Struktur des Gedankens steht und die Variable p für einen beliebigen Gedankeninhalt wie eine Wahrnehmung, Erinnerung oder Erwartung.

Auch unsere Träume zeigen die unermüdliche Arbeit der transzendentalen Synthesis, denn auch Träume sind immer jemandes Träume, niemandes Traum ist nicht einmal ein Traum.

Der Gedanke ist kein Reflex eines Sachverhalts oder einer Tatsache, wie der Schatten auf dem Boden, der sich im Restdunkel auflöst, wenn die Sonne versinkt. Der Gedanke ist mächtig und, könnte man sagen, bewegt die Welt, insofern wahre Gedanken nicht nur die Voraussetzung richtigen oder sachgemäßen Handelns sind, wie der Gedanke, daß die schnellste Verbindung zwischen Frankfurt und Köln die ICE-Strecke über den Taunus und Westerwald darstellt, die adäquate Voraussetzung für meine Absicht ist, eine Fahrkarte für diese Strecke zu lösen, wenn ich morgen früh auf dem schnellsten Wege nach Köln gelangen möchte. Sondern das Ego cogito ist auch die Form meines Handelns selbst, da Handlungen, die ich nicht als die meinen identifiziere, vielleicht deine Handlungen und Körperbewegungen sein könnten, aber nicht meine wären und daher keinen Ansatzpunkt und keine Eingriffsfläche in der Welt neben deinen Handlungen und deinen Körperbewegungen fänden und somit ohne Wirkung und Erfolg blieben.

Der Gedanke oder das Ego cogito kann kein falscher Gedanke sein, denn könnte ich gedanklich das Dasein des Ego cogito widerlegen, müßte ich das Dasein des Ego cogito bereits voraussetzen, denn einen als fasch angenommen Gedanken zu widerlegen setzt das Dasein eines Gedankens überhaupt voraus. Wenn das Ego cogito aber kein falscher Gedanke sein kann, dann auch kein wahrer Gedanke, denn die Voraussetzung dafür, daß ein Gedanke wahr ist, ist die Möglichkeit, daß er auch nicht wahr sein könnte.

Daraus schießen wir, daß der reine Gedanke oder das Cogito die transzendentale Bedingung der Möglichkeit dafür ist, daß wir überhaupt von wahren und falschen Gedanken sprechen können.

Der reine Gedanke oder das Cogito sind keine Formen des Zeitbewußtseins, die zeitliche Indexierung unserer Gedanken leisten bekanntlich die Funktionen der Erinnerung, Vergegenwärtigung und Erwartung.

Wenn das Cogito zeitlich wäre, wüßte ich nicht, ob derjenige, der morgen in meinem Bett erwacht, ich selbst bin. Und wenn wir einander das Versprechen gemacht haben, uns in einem Jahr da und dort wieder zu treffen, und wir haben uns am vereinbarten Ort getroffen, ist derjenige, der vor einem Jahr das Versprechen tat, derselbe, der es nach einem Jahr erfüllt.

Das Leben, das wir hier fristen, müssen wir trotz seiner zeitlichen Etappen in einem Kontinuum über die Abgründe der Zeit und des Schlafs hinaus als unser Leben erfassen und auffassen, genauso wie wir unseren Körper trotz all der vielfältigen Metabolismen und Zellerneuerungen, die seine Identität als materielles Objekt vollständig auflösen und ersetzen, als unseren Körper erfassen und auffassen müssen, um überhaupt sinnvoll reden und agieren zu können.

Das Cogito hat keine Zukunft, aber es ermöglicht auf dem Hintergrund seiner Synthesis über die Zeit das Ende des zeitlichen Daseins vorstellen zu können. Nur weil wir als Cogito ins Dasein gelangen und bewußt existieren, haben wir auch ein Wissen um den Tod.

Daraus schließen wir, daß der reine Gedanke oder das Cogito die transzendentale und selbst nicht zeitlich strukturierte Bedingung der Möglichkeit dafür ist, daß wir überhaupt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprechen können.

Auf der großen Karte am Waldrand erkennen wir eine rote Pfeilmarkierung, die den Standort des Betrachters auf dem Bild der verschlungenen, sich überkreuzenden Wanderpfade angibt. Jeder, der vor der Karte steht und sich Orientierung verschaffen will, wird durch diese Markierung repräsentiert. Wenn wir am Ausgang unserer Wanderung den Wald verlassen, finden wir wiederum eine Karte am Waldrand, ebenso mit einer Pfeilmarkierung versehen, die den Strandort des jeweiligen Betrachters markiert – nur ist diese Markierung spiegelbildlich oder invers zu derjenigen der Ausgangskarte.

Wir gebrauchen dieses Beispiel als Modell, um die Tatsache zu veranschaulichen, daß es unsinnig wäre, von einem bestimmten Ort des Cogito oder unseres Bewußtseins im Raum zu sprechen. Es ist vielmehr umgekehrt: Orte oder Räume kann es wie Zeitpunkte und zeitliche Dimensionen nur unter der Voraussetzung des Daseins eines Bewußtseins oder Cogito überhaupt geben.

Daraus schließen wir, daß der reine Gedanke oder das Cogito die transzendentale Bedingung der Möglichkeit dafür ist, daß wir von Orten, räumlichen Dimensionen oder dem Raum schlechthin sprechen können.

Der reine Gedanke oder das Cogito ist kein logischer Gedanke, er kann nicht aus spezifischen Mustern der Inferenz oder der logischen Deduktion als Schlußfolgerung abgeleitet werden. Eine Aussage über die Wahrnehmung einer absichtsvollen Bewegung wie die Bewegung der Finger und eine Aussage über die Wahrnehmung des aufleuchtenden Lichts der Lampe legen den Schluß aus der Addition dieser Aussagen nahe, daß jemand den Lichtschalter erfolgreich umgelegt hat. Eine Aussage über die Wahrnehmung des Schattens auf der Sonne und eine Aussage über die Beobachtung der Planetenbewegungen von Erde und Mond um das Zentralgestirn legen den Schluß aus der Addition dieser Aussagen nahe, daß es sich um eine Sonnenfinsternis handelt. Dies sind Schlußfolgerungen auf je eine spezifische Kausalität, zum einen des Handelns, zum anderen eines physikalischen Ereignisses, nämlich der Lichtablenkung infolge der Planetenkonstellation. Eine Aussage über die Bedeutung des Begriffs „Morgenstern“ und eine Aussage über die Bedeutung des Begriffs „Abendstern“ legen den Schluß aus der Addition dieser Aussagen nahe, daß es sich bei beiden Aussagen um denselben Gegenstand, nämlich die Venus, handelt. Diese Schlußfolgerungen setzen, um bedeutungsvoll sein zu können, das Dasein des reinen Gedankens, des Cogito oder des Bewußtseins überhaupt voraus, doch dieses kann aus ihnen nicht logisch abgeleitet werden.

Zu sagen, Morgenstern und Abendstern bedeuten denselben Gegenstand, setzt ein Bewußtsein oder Cogito voraus, das in der Lage ist, überhaupt Bedeutungen zu bestimmen, zu verstehen und miteinander abzugleichen.

Daraus schließen wir, daß der reine Gedanke oder das Cogito die transzendentale und selbst außerlogische Bedingung der Möglichkeit dafür ist, daß wir bedeutungsvolle, das heißt wahre oder falsche Gedanken, gleichsam addieren oder subtrahieren und auf ihre logischen Beziehungen wie die der Implikation oder Negation hin analysieren können.

Was ist das, eine synthetische gedankliche Funktion, die außerzeitlich, außerräumlich, nichtlogisch sein soll, aber unser Dasein schlechthin ausmacht? Das wissen wir nicht und können es nicht wissen, denn alles Wissen ist eine Folge und Ableitung dieser synthetischen Funktion.

Wir können nur gleichnisweise reden, indem wir auf die Rede der Theologie und die biblischen Bilder zurückgreifen. Demnach ist Gott derjenige, der als erster und letzter vor der Schöpfung und zum Geschöpf spricht, dessen Rede ein Sprechakt ist, der hervorbringt, was er sagt und bedeutet. Gott ist also der erhabene Jemand überhaupt und damit der reine Gedanke, der außerzeitlich, außerräumlich, außerlogisch, aber schöpferisch ist. So können wir der biblischen Rede, wonach Er uns nach seinem Bilde schuf, einen vorläufigen, schattenhaften Sinn unterlegen, wenn wir unsere Form der Subjektivität als Spiegel des reinen göttlichen Gedankens dessen auffassen, der von sich sagt: „Ich bin, der ich bin.“

Jun 4 16

Stadt

Stadt, das heißt Elendsgeruch
von sauer gewordenem Leben,
Schorf der harschen Gesten,
die Liebe nicht sich vergeben.

Stadt, das heißt rostiger Lärm,
Hölle sich windender Seelen,
wo Hämmer die Sehnsucht plätten,
Nägel die Schreie zählen.

Stadt, das heißt Wahnluft atmen,
Blumen und Vögel verraten,
Gottes Quellen vergiften,
in Sprachkloaken waten.

Stadt, das heißt grauer Rausch,
in herzlose Augen stieren,
Irren im Unrat der Zeichen,
in wirbelnden Betten krepieren.

Jun 4 16

Biagio Marin, Me, me riposo in Dio

Me, me riposo in Dio
e per questo rinego duto,
nassita e luto
la gran fiumana, el breve río.

La radicale assensa
xe spàssio per la pase:
l’aneme dal gran ninte invase
ariva a la sapiensa.

Quanta pase nel no
d’un fior de basigò:
ne la gran scuritàe
de l’arie eternàe

 

Ich, ich finde in Gott den Frieden,
winde mich von allem los,
Lebens und des Todes Schoß,
von Strömen und Bächen abgeschieden.

Die Leere ganz am Grunde
wird die Sehnsucht stillen:
Seelen, die dem Nichts entquillen,
ruhen in der Weisheit Munde.

Wir groß der Frieden im Nein
aus Basilienblütenschein,
und ins große Dunkel lind
strömt der Ewigkeiten Wind.

Jun 4 16

Biagio Marin, Luse d’istàe

Luse d’istàe:
incora godo
inserto ‘l mio modo,
l’eternitàe.

Luse d’oro sospesa
comò salmo de ciesa,
calma luse serale
cô tase el maestrale.

Parola mia lisiera,
un súpio de la sera
che preanunsia la note
e le stele devote.

 

Sommersonne:
ich koste noch leise,
in meiner Schattenweise,
der Ewigkeiten Wonne.

Goldnen Lichtes Weben,
Psalm, den Chöre heben,
stiller Abendstrahl,
endlich schweigt Mistral.

Leicht wird mir das Wort,
Abend haucht es fort,
Nacht ist seine Kunde,
der Sterne Andachtsstunde.

Jun 4 16

Biagio Marin, Semo solo un momento

Semo solo un momento
de Dio nel tessuto:
el passa del duto
comò súpio de vento,

che no l’ha casa
che no l’ha spiasa
indola rivâ
per riposâ.

Súpio de vento
perfin el firmamento,
che ‘l trascore a so modo
l’infinito piú svodo.

 

Wir sind ein Augenblick, gehaucht
in Gottes Gewebe:
als ob es sich leise hebe,
wenn es in Windes Odem taucht.

Er hat kein Land,
hat keinen Strand,
dorthin zu eilen,
dort zu verweilen.

Windes Odem schnellt,
bis ans Sternenzelt,
daß auf seine Art er kehre
wieder in die unendliche Leere.

Jun 3 16

„Bitte leise!“

Anmerkungen zur Einheit des künstlerischen Stils

Das große Kunstwerk gewinnt unser Herz durch die Einwirkung der Einheit des Stils, die sich gebrochen spiegelnd von Stufe zu Stufe, von Schwelle zu Schwelle bis in die Details verschattet und weiterzeugt.

Das abgeschlagene Kapitell des griechischen Tempels, die fehlende Hand eines Apoll, den Lorbeer des Bacchus können wir im Geiste ergänzen, doch den dorischen oder ionischen Säulenstumpf neben einen seelenlosen Klotz aus Beton und die anmutige Kore einer synthetischen Puppe an die Seite zu stellen oder einen gipsernen Dionysos im Eingangsbereich einer Touristentoilette zu plazieren, empört unser Empfinden für die harmonische Einheit des Stils.

„Dekonstruktion“, „Vielfalt“ und „Multikulturalismus“ sind modische Masken und Pathosformeln, hinter denen sich der erbärmlichste ästhetische Geschmack, der Ruin der Empfänglichkeit für Wohlgestalt und Wohllaut verbergen.

Einheit und Reinheit der Gestaltung und Empfindung sind nicht zuletzt Sedimente höchster Sprachkultur.

Wenn du in eine erregte Gesprächsrunde hineinrufst: „Bitte leise!“, liefert uns eine kurze Betrachtung der hier implizierten sprachlichen Funktionen die klassische Trias:

1. Expressive oder kundgebende Funktion: „Ich leide unter dem Lärm!“
2. Explorative oder erklärenden Funktion: „Es herrscht hier Lärm über Gebühr.“
3. Adhortative oder auffordernden Funktion. „Ich bitte, den Gesprächston zu senken.“

Ausdruck des Befindens, Aussage über einen Sachverhalt und Aufforderung zur Beeinflussung der Situation sind die grundlegenden sprachlichen Leistungen, Sprachspiele oder typischen Sprechhandlungen, deren entfaltete und ins Medium des Imaginären gehobene Ausformungen wir in der lyrischen Kundgabe, der epischen Erzählung und dem dramatischen Handlungsspiel wieder begegnen.

Wer den seelischen Ausdruck, der nach Stille verlangt und ruft, zum Hintergrund lyrischer Kundgabe wählt, rutscht in ein falsches Genre, wenn er vom Lärm der Fabrikhalle oder dem Geschrei der politischen Versammlung erzählt, ohne diese Sachverhalte in die Imago der Anima, das Bild der Seele, heben, und mit ihr verschmelzen, amalgamieren zu können.

Natürlich wird, wer den Ausruf „Ich leide unter diesem Lärm!“ zum Stoff und Anlaß lyrischer Kundgabe wählt, mittels Anwendung der explorativen Sprachfunktion Gegenständlichkeiten aufrufen, anreißen, apostrophieren, die jene Hölle beschwören, in der die gequälte Seele sich durch lyrische Interjektionen Luft zu machen sucht. Aber diese sind Mittel, kein Zweck, und sie gehen im Malstrom der beschworenen Ängste und Verbitterungen, in der apokalyptischen Lava unter, die aus der geborstenen und aufgeplatzten Seele emporquillt.

Wer den seelischen Ausdruck, der nach Stille verlangt und ruft, zum Hintergrund lyrischer Kundgabe wählt, rutscht ebenfalls in ein falsches Genre, wenn er sich in der dramatischen Darstellung eines Streits mit dem unruhestiftenden, krakeelenden Nachbarn ergeht, ohne den Disput auf die innere Bühne der mit sich ringenden Seele zu heben, die sich vergeblich müht, das Katzengejammer der Klage, das Heulen der kindlichen Begierden und das Zungenschnalzen einer frivolen Lustbarkeit durch die magische Einstrahlung eines kühlen inneren Monds oder die panische Beleuchtung einer geistigen Sonne zu stillen und zu befrieden.

Wer spricht, wenn das Gedicht die Wendung „Bitte leise!“ zum Stoff und Anlaß lyrischer Kundgabe nimmt? Eine Stimme, die dich anmutet und dir zumutet, deine Stimme sein zu können, wenn du dir in einer ähnlichen Seelenlage Luft zu machen wünschtest. Die Stimme des Gedichts ist demnach nicht die versteckte, maskierte, mystifizierte Stimme des Dichters, nicht sein alter ego, sondern die virtuelle Stimme des Lesers, die der Dichter ihm leiht, entäußert, schenkt.

Wer im liedhaften Ton beginnt und in einem bitter-satirischen Bonmot abbricht, erweist sich als gescheiterter Dichter und geborener Feuilletonist.

Die alte universale Kirche hat sich in viele Regionen, Sprachen und Kulturen ausgebreitet, aber die Einheit ihres Stils wahrte sie in der einen heiligen Sprache, in der einen heiligen Kulthandlung der römischen Liturgie. Die Stileinheit der Kirche kam aus dem Ausstrahlungszentrum der lateinischen Kultur.

Wer die Einheit des liturgischen Stils durch Verwendung bunter folkloristischer Einsprengsel multikuturell aufzufrischen wähnt, entlarvt sich nicht nur als religiöser Dilettant, sondern auch als ästhetischer Banause.

Auch eine Gruppe können wir nach der Einheit der Stilformen ihrer Manieren, ihrer Redeweisen, ihres lukullischen und ästhetischen Geschmacks, ja nach den Stilformen ihrer Haltungen und Bewegungen, ihrer Mimik und Gestik, ihrer Phantasien, Gelüste und Angstvorstellungen befragen.

Gardesich oder Venetisch-Friulanisch, die Sprache des Dichters Biagio Marin, welche seltene Blüte unter den vielen schönen und üppigen Gewächsen des Italienischen, und wie eigentümlich und individuell seine Voraussetzungen in der Geschichte der Serenissima, der Winde der Adria, der feuchten Lüfte der Lagunen und ihrer Inseln, der Vegetation, der Vogelwelt und ihrer Gesänge … Und gerade deshalb finden wir im Gedicht dieses Dichters all dies und seine Ausstrahlungen auf die Einbildungskraft einer zärtlich empfindenden Seele im einheitlichen Stil der Strophen, die glänzenden Kieseln am adriatischen Strand gleichen, der Reime, die wie Resonanzen aus den vom Wind bewegten Rosenbüschen, Glockenblumen und Hortensien, Orangenhainen oder der sich im azurnen Blau auflösenden weißen Wolkenfetzen auftauchen und wieder in die eintönige Brandung versinken.

Der Globalismus ist der Totengräber der regionalen Kulturen, und da alle Kultur aus dem je individuellen und einzigartigen Humus einer regionalen Landschaft und Sprache, eines individuellen Volkstums und seiner Sitten und Gebräuche erwächst, der Totengräber der Kultur überhaupt.

Das Ziel des Globalismus ist die Abschaffung aller gewachsenen Unterschiede und individuellen Lebens- und Spielformen der Rassen und Ethnien, der Völker und Geschlechter, er will die unterschiedslose Verschmelzung und Durchmischung, er strebt nach der Ersetzung des sprachgebundenen Denkens durch den Algorithmus, er strebt nach der Abschaffung des Menschen.

Da Kulturen singulär sind, kann es keine einheitliche Kultur der einen Menschheit geben. Wer dies anstrebt, und alle Kanzeln und Katheder und Redaktionen verkünden dies in den Pathosformeln reiner Moral, will in Wahrheit ihre Vernichtung.

Propheten, Priester, Weisheitsdichter, Künstler hatten einmal das Amt der Wahrer und Reiniger der Einheit der Stilformen der Kultur. Was sie für Demokratie und die freie Entfaltung des Individuums halten, ist nichts als der Freibrief für den Wildwuchs und die Verunkrautung dieses schönen Gartens.

Bevor die sich selbst generierenden und duplizierenden Fabriken und Labore die Endherrschaft übernehmen, fließt noch einmal der Auswurf aller Rassen und Völker, die Gülle aller kulturellen Residuen in einem Melting Pot zusammen und wird als großes Maskenfest der Menschheitsbelustigung gefeiert – in Wahrheit ist es ein bizarrer Totentanz.

Man muß die Chorlyrik und Pindar, die Lyriker und Tragiker der Griechen vor dem Hintergrund der Tempel der Akropolis und der großen Festfeiern ihrer Götter sehen, um die verspielte und reich gefältete Einheit ihres kulturellen Stils zu gewahren.

Unsere Agora und die auf ihr wandeln riechen nach der sterilen Atmosphäre einer öffentlichen Toilette.

Nur die Herrschaft inspirierter Priester und Propheten, die ähnlich den sorgsamen Gärtnern den Wildwuchs beschneiden und das Unkraut jäten, verspräche Rettung. Doch sie bleibt aus – zur Freude von Wildwuchs und Unkraut.

Jun 3 16

Biagio Marin, Per grando amor

Per grando amor
la mʼha oferto lʼodor
de lʼanima so quieta,
che gera de poeta.

Amor de lontananse
intonàe dute de biavo,
e de miel duto un favo,
fato de ricordanse.

Amoroso ʼl so don,
per me sesto de zogia,
ʼna bela fogia
de la granda ilusion.

 

Ihre Liebesfülle
lieh mir Duftes Hülle,
ihrer Seele Stille,
nach des Dichters Wille.

Liebe sucht die Weite,
der Amsel ferne Grüße,
aller Waben Süße
Erinnern ihr bereite.

Lieblich sind die Spenden,
sie streicht die Stirn mir glatt,
reicht ein schönes Blatt,
um mein Herz zu blenden.

Jun 3 16

Biagio Marin, El blu del sielo novenbrin

El blu des sielo novenbrin
xe de puro veludo:
lisiero fiào de burin
lo valisa a saludo.

Me stago a vardálo
quasi turbào
e in elo me calo
de nostalgia avanpào.

Indola vogio andâ,
per quala strâ
sʼariva ne lʼeterno
adesso che fa inverno?

 

Novemberhimmelblau
ist von reinem Samt:
Bora streichelt lau,
bis es heller flammt.

Ich halte ein und schau,
als wäre ich benommen,
und falle in das Blau,
von Heimweh überglommen.

Wohin soll ich mich wenden,
wo nur ist der Weg,
im Ewigen zu enden,
da nun vereist der Steg?

Jun 2 16

Biagio Marin, Ultime ore

Ultime ore,
grani de perla dʼun rosario,
contài dal vecio solitario,
che ʼl sa che ʼl more.

Ma quanto ben
de queste ore lʼoro,
savorando lʼaloro,
che ne la boca el tien.

E quanto ben
ne la largura
de lʼanima sigura
che ʼl sol, coʼ elo el vien.

 

Letzte Stunden,
Perlenkörner, Rosentau,
einsamer Alter zählt sie genau,
weiß um Todes Wunden.

Und doch wie gefällt
dieser Stunden Gold,
der Lorbeer schmeckt hold,
den er im Munde hält.

Und wie schön haucht
die Seele sich aus,
als wär sie zu Haus,
da in die Sonne er taucht.

Jun 2 16

Biagio Marin, Disfâsse in tu

Disfâsse in tu:
ma sielo blu
ma unʼaria asura
no fa paura.

Se te penso de fogo
me intimorisso,
me vego stisso
nel spaventoso zuogo.

Forsi la fantasia
ʼdesso me amala,
e cala lʼala
ne la triste angunia.

 

In dich will ich tauen:
Himmels Blauen,
azurner Schaum
ängstigen kaum.

Glaub ich dich Feuer,
Ängste bedrängen,
und mich versengen
tollende Ungeheuer.

Mag sein, Phantasie
macht mich schon krank,
und mein Flügel sank
in trüber Agonie.

Jun 1 16

Biagio Marin, Paese mio, picolo nío

Paese mio,
picolo nío e covo de corcali,
pusào lisiero sora un dosso biondo,
per tu de canti ne faravo un mondo
e mai no finiravo de cantâli.

Per tu ‘sti canti a siò che i te ‘ncorona
comò un svolo de nuòli matutini
e un solo su la fossa de gno nona
duta coverta d’alti rosmarini.

 

Mein Dorf,
kleine Krippe und Möwennest,
leicht schwebst du über gelbem Feld,
dir möchte aus Liedern ich formen die Welt,
und niemals enden das Sangesfest.

Dich krönen die Lieder, die ich dir gab,
wie Vogelschwärme am Morgen,
einer fliegt über Großmutters Grab,
Rosmarin hat es ganz verborgen.

Jun 1 16

Biagio Marin, Tutto il mondo è Vangelo

Io credo, Signore, e sento
arrivare la tua parola
nel lamento del vento
o di un’anima sola.

Anche nel fiore del croco
Ti sento favellare:
si alza a poco a poco
il viso dell’estate.

Tutto il mondo è Vangelo
Per chi può capire,
tutto il mondo è cielo,
cielo di un sol dì.

 

Ich glaube, Herr, und finde,
dein Wort erklang
im Klagen der Winde,
in des Einsamen Sang.

Auch in des Krokus Blühen
wird dein Sagen licht:
es hebt sein süßes Mühen
Sommers Angesicht.

Evangelium ist die ganze Welt,
so haben wir erkannt,
die ganze Welt ein Himmelszelt,
Gott, dem Einen, aufgespannt.

Jun 1 16

Biagio Marin, Senpre un lamento

Senpre un lamento
me digo al vento
porta al le stele
le gno novele.

Doman sto lume
sarà za spento,
nel mar in perdimento
sarà el fiume.

Doman la note,
sensa le stele a frote,
sensa parola
che te consola.

 

Mein ewiges Klagen,
dem Winde Sagen,
reicht ins Sternenlicht
ein neues Gedicht.

Morgen ist die Leuchte
bereits erblindet,
der Fluß gemündet
in blaue Feuchte.

Morgen die Nacht
ohne der Sterne Pracht,
und das Wort
ging trostlos fort.

Jun 1 16

Biagio Marin, Ben tʼhè vogiúo tanto

Ben tʼhè vogiúo tanto
e ciara e alegra
e túrbia e negra
persa nel pianto.

Cô un croco sponta
fresco de tera,
e cô la luna monta
granda a la sera,

de tu favelo
a duto el sielo
e ʼi digo sotovose
che senpre vogio
basâte ʼl vogio
e del viso le rose.

 

Wie ich dich liebgewann,
licht und funkelnd,
trüb und dunkelnd,
wenn die Träne rann.

Wenn der Krokus erblüht
aus dem Erdenschoß,
wenn der Mond erglüht
am Abend so groß,

von dir erzählen sie nur
dem weiten Azur,
ich flüstre ihm bange,
küssen will ich dir immer
deiner Augen Schimmer
und die Rosen der Wange.

Mai 31 16

Biagio Marin, Signor mio scrivi Tu

Signor mio scrivi Tu,
xe tova la parola
che senpre sʼinsola,
eterna to virtú.

No hè ʼbastansa mente
né fede granda
per fâme al vento tova randa
e a Tu arivâ, Tu onipotente.

Canta soltanto la to vose
nei sieli de lʼeternità;
xe finía la gno età,
son ʼrivào a le fose.

 

Mein Gott, Du bist es, der schreibt,
und das Wort, es ist dein,
das da wohnt allein,
deine Macht nur, sie bleibt.

Meines Geistes Blöße
und mein Glaube so klein
können deinem Wind kein Segel sein,
nicht fassen deine wahre Größe.

Einzig deine Stimme prangt
in der ewigen Himmel Lied;
mein Sommer verschied,
ich bin zur Mündung gelangt.

Mai 31 16

Biagio Marin, Comò salvasse se se more

Comò salvâsse se se more?
Ché se pol fa
qual fiore amâ
se dalongo se more?

 

Können im Tod wir uns retten?
Wollen wir ihn begrüßen
wenn wir die Blüte küssen,
ihre Düfte uns betten?

Mai 31 16

Biagio Marin, Fin che tu pol canta

Fin che tu pol
canta mio cuor,
va pur in fior
cô duto duol.

Granda la sorte
de fâ-ʼi la corte
col tovo canto
al duto Santo.

Ninte tu sa,
solo cantâ,
musicâ lʼora,
ne la so aurora.

 

Bis zum letzten Hauch,
mein Herz, nur singe,
mit der Rose dringe
der Dorn in dich auch.

Wie ist dein Los
zu rühmen groß,
mit deinem Mund
den heiligsten Grund.

Wissen ist Schein,
singen allein
rötet den Gang
im Morgengesang.

Mai 31 16

Biagio Marin, Negra la luse

Negra la luse, el mondo
xe fonte de dolor;
la belessa pol fâne za murî,
lʼabisso de la zogia il xe profondo.

Véghe el siel ne le note stelàe
ne leva ogni respiro,
de le stele nel lento giro
perdemo el sentimento.

Quel perdimento
xe nostra realtà:
eternità
de Dio nel vento.

 

Schwarz das Licht, das uns rief
in die Welt der Schmerzen;
Schönheit kann ausmerzen,
der Abgrund der Freude ist tief.

Schau der Nächte Sternenband,
ein Atem wirbelt von ferne
das träge Kreisen der Sterne,
wir verlieren den Verstand.

Welch ein Untergehen
ist unsere Wirklichkeit:
Gottes Ewigkeit
in Windes Wehen.

Mai 30 16

Dei gloria

Gott alleine spricht,
wir radebrechen und lallen,
in Silben-Schatten zerfallen,
Er nur ist das Licht.

Gottes ist das Wort,
uns gebührt zu schweigen,
uns zur Lilie neigen
in der Jungfrau Hort.

Gottes Atem heilt,
unsre Worte ätzen,
hetzen und verletzen,
wo kein Segen weilt.

Gott ist reiner Geist,
wir spiegeln uns die Fratze,
unsre Lust die Tatze,
die das Herz zerreißt.

Gott ist Wahr-Kristall,
wir zerlaufen in Dünste
wolkenwendischer Künste,
wässriger Weisheit Gelall.

Gottes ist die Liebe,
wir rauben uns die Seelen,
unser Geben ist Stehlen,
Gott nur ist die Liebe.

Gott allein ist schön,
wir schminken Todeswunden,
füllen leere Stunden
mit eitler Dichtung Getön.

Mai 30 16

Auf Treu und Glauben

Anmerkungen über den Sinn des sozialen Lebens

Das Zentrum, aus dem der Sinn quillt, gleicht dem blinden Fleck. Daher können wir das Zentrum nicht im Zentrum, sondern nur von den Rändern aus beobachten.

Der Ausnahmezustand offenbart die Wahrheit über den gewöhnlichen Gang des Lebens, Krankheit, Wahnsinn und Tod im individuellen, Abweichung, Verbrechen und Zerfall im sozialen Leben.

In der Ausnahmesituation des Selbstmörders erfassen wir den Sinn des Lebens, aus der Grenzsituation des moralischen Kretins oder aus dem moralischen Defekt den Sinn des moralisch Guten, aus der Grenzsituation des Verbrechers den Sinn des Gesetzes und des Heiligen.

Der Selbstmörder, der den letzten Schritt zu tun bereit ist, hat die Nabelschnur der moralischen Energieversorgung mit dem sozialen Organismus schon durchschnitten, mag aber noch eine Weile vor sich hinleben, und dies in einem ironischen Zustand der Unverbindlichkeit und Unwirklichkeit aller Ereignisse, an die er noch streifen, von denen er noch erfahren mag. Arbeit, Freundschaft, Liebe, Familie – solche und andere bedeutungsschwere Begriffe, die gleichsam auf dem Kothurn erhöhter sozialer Aufmerksamkeit und Wachsamkeit daherzuschreiten pflegen, klingen im Ohr des moralisch Moribunden tönern und sinnentleert. Der suizidale Mensch, und es sind dies nicht nur solche, die wirklich Hand an sich legen, sondern in diesem Zustand der moralischen Vakanz noch lange ihr Dasein fristen mögen, er lebt beständig in einem Ausnahmezustand, welchen die anderen, die am Leben tatkräftig und mühsam Engagierten, als existientielle Ferien bezeichnen könnten: Wir erinnern uns an einen gewissen Herrn Albin, seines Zeichens der Typus des Selbstmörders in Thomas Manns Zauberberg, der den Protagonisten den Romans, Hans Castorp, an das Interregnum seiner Schulzeit erinnert, als er in der Prima des Gymnasiums vorzeitig vom Umstand erfuhr, nicht versetzt zu werden, und nun die verbleibende Zeit als leere Zeit unwirklichen und unverbindlichen Herumsitzens und Zeitverschwendens bis zum Schuljahrsende erlebte. Ja, wir können von diesem Falle auf das Ganze der Ausnahmesituation jener Schicksale des Romans extrapolieren, die das unsichtbare Siegel der meist tödlichen Krankheit mit der seltsamen und zweideutigen Auszeichnung begabt, dem Ernst der sozialen Verpflichtung, wie sie die gewöhnlichen Menschen „da unten“ im Tal der gewöhnlichen Freuden und Leiden bindet, entkommen zu sein. Das prägnante Merkmal dieser Unwirklichkeit und Traumexistenz angesichts des Todes zeigt sich in der Tatsache, daß das zugesagte Wort seine bindende Kraft einbüßt, es wird gewichtslos, eine Eintagsfliege, die keine Nachkommen haben wird. So ist ja ein geträumtes Versprechen ohne soziale Bindemacht, ein im Wahn oder Rausch den ohnmächtigen, aber ekstatisch bebenden Lippen entschlüpftes Liebesbekenntnis haftet sich an eine leblose Imago, eine Puppe und Maske in einem schnarrend ablaufenden Panoptikum oder Pandämonium, die sich alsbald im Nebel des Ungesagten auflöst.

Wir bemerken, daß der Sinn des sozialen Lebens sich aus dem auf Treu und Glauben zugesagten Wort, dem Versprechen und der verbindlichen Geste erschließt, Wort, Versprechen und Geste, die als Bedingung ihrer Erfüllung und Bewährung auf ritualisierte Handlungsbahnen und auf Dauer gestellte Gewohnheiten und Institutionen verweisen, die Zukunft, eben die Zukunft ihrer Erfüllung und Bewährung, eröffnen.

Was ist der Defekt des moralischen Kretins? Das auf Treu und Glauben zugesagte Wort, das Versprechen, die verbindliche Geste nicht verstehen zu können, kurz, über den zu ihrem Verständnis nötigen moralischen Sinn nicht zu verfügen. Der moralisch Stumpfsinnige sagt dir zu, morgen das ausgeliehene Buch, das geschuldete Geld bestimmt aushändigen zu wollen. Doch er tut es nicht, nicht, weil er es nicht tun will, sondern weil er sich durch das eigene Wort nicht gebunden und verpflichtet fühlt. In gewisser Weise ist er unschuldig, denn sein Defekt macht ihn zu einem armselig-blöden Außenseiter, dem wir schuldhafte Handlungen oder Unterlassungen nicht zurechnen mögen. Er kann demnach weder durch Mahnungen und Drohungen eines Besseren belehrt noch durch Strafen gebessert oder durch Therapien geheilt werden. In den ärgeren Fällen ist der Ausschluß aus verantwortlichen Ämtern und Funktionen oder gar der Ausstoß aus der Gemeinschaft die angemessene Regularie, die nicht ihm hilft, aber den Betroffenen, den Geschädigten oder von Schaden Bedrohten.

Dem asozialen Charakter, der uns durch fortgesetzten Lug und Trug hinreichend geärgert hat, entziehen wir am Ende unser Vertrauen; da er sich als unglaubwürdig erwiesen hat, kann er nicht mehr auf unseren moralischen, geschweige denn materiellen Kredit hoffen oder spekulieren. Gewiß nehmen wir an, der moralische Kretin bestrafe sich selbst, wenn er durch sein fortgesetztes Überschreiten moralischer Grenzen mehr und mehr Freundschaften und Kontakte einbüßt und sich sozial isoliert hat. Doch findet er bei seinesgleichen oft das Surrogat einer Gemeinschaft der Infamie. Indes vermöchte er seiner moralischen Minderbegabung wegen jene Ächtung nicht als selbstverschuldete Strafe zu verstehen, sondern wird der Welt grollen, die ihn so ungerecht behandelt.

Der Defiziente in moralibus enthüllt uns den positiven Sinn des moralisch Guten: Es ist demnach kein objektives Gut oder gegenständlicher Wert, sondern die Wachheit und Achtsamkeit für die Verbindlichkeiten und Verpflichtungen, die aus dem Netz der sozialen Lebenstatsachen spontan erwachsen. Der moralische Kretin ist bedeutungsblind für diese Verbindlichkeiten und Verpflichtungen, er achtet und berücksichtigt sie bestenfalls als Dekor und schamhafte Verhüllung, hinter der sich in seinen Augen die von Natur amoralischen Neigungen und Triebe tummeln. Der Kinderschänder oder Vergewaltiger, der kein Bewußtsein der Grenzen des subjektiven Lebens hat, hält seine traumatisierenden Übergriffe für unschädlich, da sie in seinen Augen den Neigungen des Opfers entgegenkommen, die nur falsche Scham leugne und in Abrede stelle. Der diebische oder räuberische Parasit plündert die Taschen oder das Konto des Wohlhabenden, und wähnt sich im Recht, da diese Grenzübertritte in seinen Augen dem Opfer keinen Schaden zufügen, sondern einen gerechten Ausgleich herstellen, der seine Tasche oder sein Konto um den Wert vergrößert, den das Opfer ihm durch List und Betrug vorenthalten habe.

Das moralisch Gute erweist sich demnach als eine spezifische Funktion des subjektiven Lebens und Bewußtseins überhaupt, nämlich als Bewußtsein von der Grenze zwischen den persönlichen Lebensbereichen, zwischen „meiner Wohnung“ und „deiner Wohnung“, „meinem Körper“ und deinem Körper“, „meinem Leben“ und „deinem Leben“. Das moralisch Gute ist das Bewußtsein von den Grenzen des eigenen und des fremden subjektiven Daseins.

Das moralisch Gute ist auch kein sekundäres Phänomen, als könne eine utopisch rein funktional und technologisch konstruierte soziale Welt seiner entbehren. Da es in der Grundschicht menschlicher Subjektivität einlagert, ist es in der menschlichen Gemeinschaft, was die Lebensmittel für den Erhalt des Organismus: Wir können die Ernährung umstellen und Vegetarier werden, aber eine Null-Diät führt bald zum Tode; wir können die Komplexität der gegenseitigen Verbindlichkeiten und Verpflichtungen auf ein Minimum reduzieren (wie es gewisse strenge Orden handhaben mögen), aber eine Null-Diät führt bald zum Untergang des sozialen Lebens.

Der Verbrecher enthüllt uns den Ursprung des Gesetzes bis in die Tiefen seiner religiösen Dimension. Der Dieb, der Räuber, der Vergewaltiger, der Mörder weiß, was er tut, deshalb wird ihm das Vergehen als Schuld zugerechnet. Sein moralisches Stigma ist die Ehrlosigkeit, denn die Ehre und Würde, die wir dem Eigentum, Leib und Leben des Mitmenschen zumessen, gelten ihm als geborenem moralischen Anarchisten nichts. Er wirkt im Verborgenen, doch nicht aus Scham, sondern um der Nachstellung durch die Ordnungsmacht und der Strafe zu entgehen. Auch wenn er um die Schuld weiß, hat er doch kein schlechtes Gewissen, denn die gelungene Tat spornt ihn zu neuen Vergehen an. Die Verletzung der persönliche Integrität der durch ihn zu Schaden Gekommenen und das ihr entspringende Leid, das von der Beschämung bis zur Selbstverachtung und Verzweiflung reichen kann, sind ihm gleichgültig, wenn sie ihm nicht sogar ein perverses Vergnügen bereiten.

Worin besteht die Ehrlosigkeit des Verbrechers? Nun, er ignoriert, überschreitet, verletzt die Grenzen von Mein und Dein, von Ich und Du, von Wir und Ihr – die Grenzen der Subjektivität des menschlichen Daseins. Denn es gibt dein und mein Buch, deinen und meinen Leib, dein und mein Leben nur unter der ontologischen Voraussetzung der Subjektivität oder des subjektiven Bewußtseins, daß dies mein oder dein Buch, dies mein oder dein Leib, dies dein oder mein Leben ist.

Daran ermessen wir, daß der Sinn des sozialen oder des menschlichen Lebens gleichursprünglich mit dem Dasein der Subjektivität oder des subjektiven Bewußtseins ist.

Mit der Subjektivität des menschlichen Daseins ist ein spezifischer Wert verbunden, den wir aus den empfindlichen Reaktionen auf seine Ignorierung durch den moralischen Kretin und seine Verletzung durch den Kriminellen ersehen: Wir heißen ihn kurz und bündig das Heilige oder den religiösen Wert. Der Anspruch auf die Unversehrtheit des individuellen Eigentums, von Leib und Leben und also die Bedeutung und Geltung des Gesetzes wurzeln ontologisch in der subjektiven Grundschicht des sozialen Lebens der Menschen, welcher einen religiösen Wert zuzusprechen wir geneigt und berechtigt sind.

Gewiß ließe sich die Ontologie der Subjektivität theologisch vertiefen unter Bezugnahme auf die Heiligkeit Gottes als der Subjektivität par excellence.

Es ist ein offenbares Geheimnis, was sich in der Vergöttlichung der sozialen Tugenden in den allegorischen Gestalten der altrömischen virtutes, allen voran von fides und pietas, ausspricht und beredte Gestalt annimmt. Fides verkörpert die sozialen Bindekräfte und die Heiligkeit der sozialen Grenzziehungen, die Gültigkeit des zugesagten Worts und die Glaubwürdigkeit des Versprechens, die Treue des Bündnisses, die Verläßlichkeit der Abmachung und des Vertrags, die Zusage von Schutz, Fürsorge und Fürsprache. Pietas ist die Frömmigkeit gegenüber dem Anspruch und der Erwartung der Ahnen auf die Zukunft ihrer Worte und Werke in den Worten und Werken der Nachkommen, die Einlösung des Versprechens, daß ihre Anfänge in den Antworten der Enkel Früchte tragen.

Nun, was tun mit Herrn Albin und all jenen, die in der üppigen Wüste eines ästhetischen Nihilismus versandet sind? Mögen wir uns auch in Geduld und Nachsicht mit ihnen üben, aber ihre Haltungen sollten wir nicht für bare Münze nehmen, sondern sehen wir in der Entwurzelung des Lebens von der Wahrheit der Subjektivität die uns alle bedrohende Gefahr, unser Dasein als kontingenten Schaum auf der Woge einer namenlosen Entwicklung namens biologische oder soziale Evolution mißzuverstehen, auch wenn dieser Schaum noch so betörend glitzern und irisieren mag – er reflektiert die Strahlen einer schwarzen Sonne.

Mai 30 16

Biagio Marin, El piopo lieve

El piopo lieve ondesa
nel baso del maestral
che ʼl sa de sal
e de salmi di ciesa.

Piopo anche tu lisiero,
cussí alto e sutilo,
bianchi surisi in filo,
el passo dʼun oselo.

Passo lento, solene,
de sgarza bianca
e unʼonda un poco stanca
de sogni ne le vene.

 

Es wogt die schlanke Pappel
unterm Kuß des Mistral,
Salz in seinem Gelall
und Fetzen eines Psalms.

Pappel, lichtes Spreiten
hoch und elegant,
Lächelns helles Band,
eines Vogels Schreiten.

Zag und feierlich der Schritt
eines weißen Reihers,
träge Woge des Weihers
durch Traum-Geäder glitt.

Mai 29 16

Biagio Marin, Vita, granda aventura

Vita, granda aventura
e zogo del fogo
in ogni logo
per creâ la natura.

E la Tera matrisse
de piante e animali
de pissi nei mari
e al sol tante nuvisse.

E intorno dʼela
firmaminti splendinti
senpre ridinti
che fa ogni note bela.

 

Großes Abenteuer Leben,
Freudenfeuer,
die ungeheuer
Natur ins Dasein heben.

Erde, Mutter der Pflanzen
und Tiere, die von ihr zehren,
der Fische in den Meeren,
all der Sonnenbräute Tanzen.

Und rings die Himmelsmächte,
der Sterne Glimmen,
die immer heiter stimmen,
die Schönheit all der Nächte.

Mai 29 16

Biagio Marin, La tova gloria

La tova gloria, granda,
tanti fiuri sui prài
tanti sieli stelài
la tera duta veneranda.

Ma scunti patimenti
in dute le to rose,
ne le pute amorose
dai vogi risplendinti.

Tanti fiuri sui rami,
ma ʼl vento li distruse,
e no giova la luse
a salvâ quel domani.

 

Groß ist deine Herrlichkeit,
Wiesen, die von Blumen schwimmen,
Sterne, die vom Himmel glimmen,
Erde trägt dein Ruhmeskleid.

Doch verborgen sind die Qualen
in deinen großen Rosen allen,
in der Frauen Wohlgefallen,
und der Augen Widerstrahlen.

Zweige, die von Blüten glühen,
doch der Wind, er reißt sie nieder,
und kein Leben hebt sie wieder
aus dem Licht der Morgenfrühen.

Mai 29 16

Variationen über ein unbekanntes Thema

Beiläufige Bemerkungen zum Übersetzen von Gedichten

Von einem zum anderen Berggipfel können nur Vögel leicht und umstandslos übersetzen.

Übersetzungen von Gedichten sind Variationen über ein Thema, das der Originaltext vorgegeben hat. Es kann daher nicht die eine, wahre und exklusive Übersetzung geben, sondern eine jede ist die Annäherung an ein Urbild oder Muster, das auch dem Dichter der Ausgangsprache mehr oder weniger klar und lebendig vorgeschwebt hat.

Gedichte sind Variationen über ein unbekanntes Thema: Denn der Impuls zum Gedicht kommt nicht aus der reinen Welt der Bedeutungen, sondern ähnelt dem Windstoß, der den Strandhafer beugt oder im feinen Sand Rillen und Mulden formt. Wir sehen die Biegung des Schilfs, die Rillen und Mulden im Sand, wir ahnen die Urgewalt des Winds.

Gedichte sind das Echo einer Stimme, deren Urheber unbekannt und namenlos oder noch unbekannt und noch unbenannt sein mag. Gedichte stellen oft Versuche dar, der Stimme, die sie aus dem Schweigen ruft, einen Namen, ein Gesicht, ein Leben zu geben. Diese ausgesprochenen oder ungesagt bleibenden Namen sind anders, handelt es sich um die hymnische Anrufung einer numinosen Macht, anders beim odischen Ansingen einer mythischen oder historischen Person, und wieder anders, wenn aus der liedhaften Stimmung ein Du berührt wird, das sich als verklärtes Spiegelbild des dichterischen Ich erweist. Kunst der Übersetzung ist es, den richtigen Namen mit der richtigen Intonation zu finden.

Die Worte und Wendungen des Gedichts sind wie Eisblumen auf den Scheiben: Wir wissen, es sind keine echten Blumen, sie blühen und duften nicht, und dennoch reichen sie an die Schönheit der wahren Blumen. Die wahren Blumen sind das Bild für den schöpferischen Ausgangsimpuls, dem die Übersetzung mit ihren jeweiligen künstlichen Blumen sich anschmiegt.

Gedichte sind Übersetzungen der stummen Sprache der Dinge.

Bei mißlungenen Übersetzungsversuchen wirken jene stummen Dinge wie geschältes, gekochtes Obst in Einmachgläsern, du magst erkennen, daß es sich um Birnen, Pflaumen oder Erdbeeren handelt, doch ihr lieblicher Geschmack und ihr feiner Geruch bleiben unter dem sterilen Glase gefangen und verborgen.

Übersetzungen gleichen geometrischen Projektionen: Die Ausgangspunkte werden verschoben, die Verbindungslinien gedehnt oder gekürzt, das Ganze kann seitenverkehrt oder verzerrt anmuten, entstand aber nach klaren Regeln.

Das Verweisungssystem der Ausgangssprache wird nur an den Rändern und Grenzen, den Umfassungslinien und inneren Faltungen vom Verweisungssystem der Zielsprache überlappt, deshalb sind wörtliche Gedichtübersetzungen unmöglich, mißleitend, ja unverständlich.

Wenn du einen Linol- oder Holzschnitt von einer Landschaft oder einem Gesicht anfertigst, wirst du den ersten groben Entwurf probeweise einfarbig auf Papier abziehen; dann verfeinerst du die Arbeit, wo es dir nötig scheint, und wieder machst du Probedrucke, vielleicht mit zwei oder drei Farben. Am Ende hast du letzte Hand angelegt und der mehrfarbige Papierabzug stellt den letzten Akt, die letzte Version deines Werkes dar, mit dem du fürs erste einverstanden und zufrieden bist. In diesem Falle stehen die Probedrucke für Stufen und Versionen der Gedichtübersetzung.

Wenn du den Linol- oder Holzschnitt eines individuellen Porträtbildes einer umgekehrten Verarbeitung unterziehst, also Schritt für Schritt erst die subtilen Linien der Gesichtszüge, des Mienenspiels, der Falten und dann auch markantere Linien um Kinn oder Auge oder der Haartracht mit dem Grabstichel oder Hohleisen glättest und neutralisierst, wobei du jeden Schritt wieder als Papierabzug dokumentierst, wird allmählich die Individualität und das persönliche Profil des Abgebildeten verblassen und verlöschen, und nur das universale Muster oder die intuitive Grundlage dessen, was wir Gesicht nennen, wird bleiben. Bei Gedichtübersetzungen kann uns dieses asketische Verfahren der Lichtung oder Ausdünnung und Ausmagerung dazu dienen, Schwulst und rhetorische Füllsel zu vermeiden und das Wesentliche der dichterischen Aussage zu entdecken.

Der Holzschnitt gibt uns noch andere Fingerzeige: Der erfahrene und geistreiche Künstler versteht sich darauf, die in der verwendeten Holzplatte eingewachsenen feinen oder groben Muster, die Äderungen und sogar wurmstichige Flecken und sogenannte Augen in seinem Werk bedeutsam oder anspielungsreich mitsprechen zu lassen. Wir vergleichen dieses kunsthandwerkliche Verfahren mit der Wirkmacht der natürlichen Stimme des Dichters: Sie mag rauh oder zart, leise oder laut, warm oder kühl sein, immer wird sie auch die Atmosphäre seines Gedichts, wie die Bodenbeschaffenheit und das Klima den Artenreichtum der Gartenpflanzen, tingieren und mitprägen. Ein elegisches Gedicht, das seine dunklen Klagen und wehmütigen Erinnerungen leise hinhaucht und gleichsam schmerzlich verhüllt, muß im Übersetzer nicht nur einen poetam doctum, sondern auch einen guten Stimmenimitator und Schauspieler der Seele finden.

Bei den meisten Gedichten spiegelt sich der originäre Impuls, der sie ins Leben der Sprache rief, in der rhythmischen Gliederung ihrer Gestalt und der lautlichen Überwölbung der Reime. Deshalb zeugt es von Ignoranz oder Hochmut zeitgenössischer Übersetzer und Verächter des Schönen, Rhythmus und Reim in den Wind zu schreiben und sich nicht um sie zu scheren. Diese arrogante Haltung tarnt sich gern im Gestus der Bescheidenheit, ist aber Ausdruck undichterischer Kriecherei vor einem Zeitgeist, der rhythmische Wohlgestalt und lautlichen Wohlklang als intime Annäherungen verabscheut und verwirft, weil an ihnen die Rohheit und Barbarei des eigenen Empfindens schändlich zutage zu treten drohen.

Der Rhythmus gleicht den Säulen und dem Gewölbe eines Laubenganges, die Reime dem Laub und den wohltuenden Schatten, die es wirft.

Es ist erstaunlich zu sehen, daß sich reine Dialektgedichte wie die schwäbischen oder rheinfränkischen nur um den Preis ihrer Entstellung oder Verarmung ins Hochdeutsche übersetzen lassen; während die Gedichte Biagio Marins, die alle auf Friulanisch oder im Gardeser Heimatdialekt des Dichters verfaßt sind, die Übersetzung in eine literarische Hochsprache dulden. Hierin erweist sich die Tatsache, daß es sich beim Friulanischen um eine eigene Sprache literarischen Ranges neben dem Hochitalienischen handelt. Die Gedichte Biagio Marins einer vorgeblichen Treue zur Mundart halber beispielsweise ins Schwäbische übersetzen zu wollen, wäre ein lächerliches Unterfangen und gliche einer unfreiwilligen Parodie.

Der Wind, der die italienische Zypresse schüttelt, ist von gleicher Substanz und Intensität wie der Wind, der die Blätter der deutschen Eiche rührt. Die Identität der Substanz und der Bewegung bezeichnen in diesem Bild die universale Bedingung der Möglichkeit der Gedichtübersetzung; die Verschiedenheit der Baumarten bezeichnet, wieder bildhaft, das lokale, kulturelle, spezifische Kolorit, das nicht unmittelbar übersetzbar ist, sondern nur durch Analogien wiedergegeben werden kann.

Hier erfassen wir auch den Grund, weshalb genuine sprachliche Wendungen und idiomatische Ausdrücke mit ihrem kulturhistorischen Einschlag und lokalen Zungenschlag nicht unmittelbar übersetzt, sondern nur durch den bedachtsamen Gebrauch analoger sprachlicher Wendungen der Zielsprache wiedergegeben werden können. Denn was in Frankfurt die Spatzen von den Dächern pfeifen, ist in Florenz „il segreto di Pulcinella“ (wobei heute nur die Eingeweihten um die Bedeutung dieser Figur des Volkstheaters wissen); und wenn in Rom gilt: meglio un uovo oggi che una gallina domani („Besser heute ein Ei in der Hand als morgen eine Henne im Stall“), dann gilt in Berlin: Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach, und wenn in Dresden oder London eine Schwalbe noch keinen Sommer macht und one swallow does not make a summer, dann macht sie in Paris und Neapel noch keinen Frühling: une hirondelle ne fait pas le printemps beziehungsweise una rondine non fa primavera.

Wie können wir das südliche Licht, das in den Gedichten eines Biagio Marin als Urgedanke der Schöpfung leuchtet, in deutscher Übersetzung reflektieren lassen? Wir müssen uns auf die Sedimente des deutschen Wortes stützen, die sich im Laufe der Jahre durch die Übertragungen der Genesis oder der Gedichte Sapphos, Pindars und der griechischen Tragiker, durch die poetischen Betrachtungen der deutschen Lichtmystiker und die Dichtungen Goethes und Georges an ihm wie ein funkelndes Inkarnat von Kieseln und Halbedelsteinen abgesetzt haben.

Übersetzen heißt im besten Falle Nachdichten, den Sinn und Geist des Originals in Sinn und Geist der eigenen Sprache heben, fügen, retten; Nachdichten aber heißt im besten Falle Weiterdichten, den ursprünglichen dichterischen Impuls aus der Vorlage befreien und befruchtend auf den Acker der eigenen Sprache regnen lassen. Unter mancherlei Unkraut, das auf solche Weise üppig aufzuschießen pflegt, gedeiht auch hier und dort die reine, leuchtende Blume.

Übersetzen heißt verstehen wollen; und die beste Art des Verständnisses finden wir in den Versuchen, den Urimpuls des zu übersetzenden Gedichts aufzugreifen und in der eigenen Sprache einzusenken, keimen zu lassen, aufblühen zu lassen, wenn auch die so entstehenden Blüten und Früchte anders duften und anders schmecken als die im heimischen Garten des übersetzten Dichters.

Mai 29 16

Die Träne

Nicht damit laue Winde bauschen
das dunkle Schilf in der Brust,
bist emporgetaucht du ans Licht.

Am Herzen des Liebsten zu lauschen,
bist du der Schmerzen bewußt,
meißelt der Stern dein Gesicht.

Nicht zur Unzeit bist du geboren,
als wär dein Lieben schon blind
von blauen Küssen des Schnees.

Zu heißem Fühlen bist du erkoren,
wenn dir die Träne rinnt,
die keusche Braut des Wehs.

Mai 28 16

Biagio Marin, Anche ʼl sol more

Anche ʼl sol more,
poche xe lʼore
de la granda aventura,
solo lʼEterno dura.

 

I.

Sonne, nun auch überwunden,
es sind nur wenige Stunden,
bis unsere Spur verweht,
einzig der Ewige steht.

 

II.

Auch die Sonne muß sterben,
die Früchte des Lebens verderben
in wenigen Stunden,
in Gott ist alles verwunden.

 

III.

Auch die Sonne vergeht,
kurz nur weht
das Banner der großen Fahrten,
ewig blüht Gottes Garten.

 

IV.

Tod löscht auch die Sonne,
kurz nur war die Wonne,
das Leben ins Offne zu tragen,
des Ewigen Gipfel ragen.

 

V.

Auch die Sonne wird Nacht,
kürzer als gedacht
blitzten die Segel der See,
ewig glänzt Gottes Schnee.

 

VI.

Auch die Sonne verlischt,
kurz nur schäumte der Gischt
im Kiel der großen Schiffe,
Gott thront jenseits der Riffe.

 

VII.

Sonne sinkt wieder ins Nichts,
Schatten des Verzichts
löschen die Farben des Lebens,
vor Gott war alles vergebens.

 

VIII.

Nun will auch Sonne verbleichen,
Stunden, die letzten, weichen,
verstummt der Meerfahrten Lieder,
des Ewigen Stille kehrt wieder.

Mai 27 16

Biagio Marin, Me vardo in alto

Me vardo in alto el firmamento,
el par in pase
e duto el tase,
tase anche el vento.

Nel cuor, la meravegia
Per l’estasi de l’ora
Per la luse che infiora
L’eternità che vegia.

E prego pian a Dio,
tòme ne la to quiete,
xe ferme le comete,
e tase l’aqua del gran rio.

 

Mein Auge dringt in Himmels Höhen,
die sich dem Frieden neigen,
und alles atmet Schweigen,
es schweigen auch der Lüfte Böen.

Das Wunder greift nach mir,
so hoch der Stunde Glühen,
so hell des Lichtes Blühen,
die Ewigkeit ist hier.

Gott meinem Flehen lauscht:
Faß mich in deiner Stille Reif.
Erstarrt ist der Kometen Schweif,
der große Strom hat ausgerauscht.

Mai 27 16

Biagio Marin, Signor, fàme murî seren

Signor, fàme murî seren
comò ʼl sielo dʼincúo
seleste núo
e dolse comò ʼl miel.

Fàme murî lodando
I grandi verti sieli,
firmaminti noveli
dʼun Dio piú grando.

Fàme capî
che morte mite in tera cala,
perchè coʼ lʼala
arivo a le to porte.

Granda questʼala
che rende el ninte regno,
là che luse mai se amala:
el zorno xe dʼeterno degno.

 

Herr, heiter sei die Sterbestunde,
wie heute Himmels Reine
im tiefblauen Scheine,
wie Honig süß im Munde.

Mein Sterbenshauch sei Lob
des großen Himmels Weiten,
junger Sterne Gleiten,
die Gott aus Gott erhob.

Laß mich begreifen,
wie Tod streift sanft die Erde kaum,
und auf seines Flügels Flaum
trägt er mich an deine Pforten.

Groß ist diese Schwinge,
sie schwingt aus Nichts das Sein,
daß Licht die Nacht bezwinge:
Mein Tag bleibt ewig rein.

Mai 27 16

Biagio Marin, Làgrime hè visto

Làgrime hè visto bagná un viso
grande e risplendinti,
le pareva vignúe dal paradiso,
stele cagiúe dai firmaminti.

E me no lʼhè bevúe
per rispetá la puta duta pura.
ma dopo tanti ani me brusa lʼarsura
de quele làgreme minúe.

 

Ich sah ein Gesicht von Tränen umflossen,
sie glänzten so groß,
sie kamen wohl aus Abrahams Schoß,
Sterne, vom Himmel geschossen.

Ich habe sie nicht getrunken,
das Kind erschien mir so unnahbar rein.
Da kamen die Jahr voll brennender Pein,
ich bin im Durst nach den Tränen versunken.

Mai 27 16

Biagio Marin, ʼVemo creào

ʼVemo creào
el gran Dio sensa viso,
l’inferno e l’paradiso,
el canto più infiorào

Cussí se ʼvemo consolào
de vita sensa meta,
comò che fa ʼl poeta,
col so canto intonào.

 

I.

Wir sind die Schöpfer
des großen Gottes ohne Gesicht,
von Hölle und von Edens Licht,
sind Gesanges Kelche die Töpfer.

So verwanden wir den Schmerz
eines Lebens ohne Sinn,
dieses war von Anbeginn
Sängers Ernst im Scherz.

 

II.

Wir haben uns gemacht
Gottes Größe unsichtbar,
die Teufel- und die Engelschar
und der Lieder Blumenpracht.

So wurden wir getrost
dieses Lebens ohne Ziel,
wie holder Klänge Spiel
der Dichter sich erlost.

Mai 26 16

Der Aronstab

Wenn die Rosen blassen
und der Mond uns kühlt,
lockert sich Umfassen.

Oder kommt Gesang,
unsrer Liebe Weinen,
warmer Widerklang?

Wenn die Tauben bangen
und der Mohn verglüht,
mündet das Verlangen.

Oder sproßt ein Stern,
den die Hymnen meinen,
aus dem keuschen Kern?

Wenn sich Flocken wiegen,
wird wie Wahn verblüht
Herz bei Herzen liegen.

Oder grünt am Grab,
Marien sich zu einen,
hell ein Aronstab?

Mai 26 16

Biagio Marin, Le gno zornàe

Le gno zornàe
le passa in aria vana,
la musica dʼistàe
senpre piú sʼalontana.

Resta grando el silensio
sora duto el palúo
e odor de assensio
sul gno mondo za núo.

 

Meine späten Tage
vergehn in leerer Luft,
es verschwimmt ins Vage
Sommerliedes Duft.

Tief des Schweigens Klüfte
über dem Morast,
und in Wermutdüfte
meine Welt verblaßt.

Mai 25 16

Biagio Marin, Rèsteme fior sereseri

Rèsteme fior de sereseri
che dà zogia novela ai sieli
e fa cantâ i oseli
in sieli piú lisieri.

I petali xe l’ale
del fresco maestrale,
se tu perdi la sova festa
de tu più ninte resta.

Rèsteme luminosa
ala lisiera,
no calâ su la tera,
rèsteme ariosa.

 

Bleibt mir, blühende Kirschenbäume,
dem Himmel bringt die Freude wieder
und den Vögeln ihre Lieder
in Himmeln sanfter Träume.

Die Blütenblätter sind Schwingen,
die Nordwinds Kühle bringen,
versäumest du dein Fest,
so bleibt von dir kein Rest.

Schenke mir dein Licht,
leichter Flügel,
schnei nicht nieder auf die Hügel,
deine Luft sei mein Gedicht.



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