Skip to content


Mai 8 16

Christina Rossetti, Somewhere or Other

Somewhere or other there must surely be
The face not seen, the voice not heard,
The heart that not yet—never yet—ah me!
Made answer to my word.

Somewhere or other, may be near or far;
Past land and sea, clean out of sight;
Beyond the wandering moon, beyond the star
That tracks her night by night.

Somewhere or other, may be far or near;
With just a wall, a hedge, between;
With just the last leaves of the dying year
Fallen on a turf grown green.

 

Da oder dort

Da oder dort muß doch das Antlitz sein,
das ich nie sah, die Stimme unhörbar,
das Herz, das nicht, das niemals mein
ein Rufen auf mein Rufen war.

Da oder dort, nah oder fern,
hinter Land und Meer, dem Blick entrückt,
hinter dem Wandelmond, hinter dem Stern,
der ihn Nacht für Nacht entzückt.

Da oder dort, nah oder fern,
nur eine Mauer trennt, ein Dornenhag,
nur ein welkes Blatt unterm fahlen Stern,
das auf dem grünen Anger lag.

Mai 8 16

Christina Rossetti, Who has seen the wind?

Neither I nor you:
But when the leaves hang trembling,
The wind is passing through.

Who has seen the wind?
Neither you nor I:
But when the trees bow down their heads,
The wind is passing by.

 

Wer hat den Wind gesehen?

Nicht ich, nicht du:
Doch wenn im Laub die Blätter zittern,
strich Wind durch ihre Ruh.

Wer hat den Wind gesehen?
Nicht du, nicht ich:
Doch wenn ihre Wipfel Bäume neigen,
dann vor dem Winde herrscherlich.

Mai 8 16

Christina Rossetti, Song

When I am dead, my dearest,
Sing no sad songs for me;
Plant thou no roses at my head,
Nor shady cypress tree:
Be the green grass above me
With showers and dewdrops wet;
And if thou wilt, remember,
And if thou wilt, forget.

I shall not see the shadows,
I shall not feel the rain;
I shall not hear the nightingale
Sing on, as if in pain:
And dreaming through the twilight
That doth not rise nor set,
Haply I may remember,
And haply may forget.

 

Lied

Liebster, bin ich einmal tot,
halt keine Trauerwacht.
Stell mir aufs Haupt kein Rosenlicht,
pflanz nicht Zypressen-Nacht.
Grünes Gras sei mir bedacht,
Tropfen, Taues Leichtgewicht.
Und wenn du willst, gedenke mein,
und willst du nicht, so nicht.

Ich seh ja nicht die Schatten,
ich fühl ja keinen Schauer,
bin taub der Nachtigall
Gesang, als hätt sie Trauer:
Und träumend durch den Dämmer,
der wird nicht Nacht noch Licht,
rührt manchmal mich Erinnern,
und manchmal nicht.

Mai 8 16

Lied, woher dein schmerzlicher Trost

Lied, woher dein schmerzlicher Trost,
dein tröstlicher Schmerz?

Lied, nichts weiter als Luft
und goldener Rauch,
und von Luft getragen, gewiegt,
blaue Mücke,
die im Spinnenweb klebt.

Oder es schwebt,
Flusen von Pollen,
durchsichtiges Staubgefäß,
trudelt auf Farnen des Winds.

Im steigenden Zwitschern der Lerche
schnellt es ins dunkle Licht,
wird leuchtender Schatten.

Zwischen den Radiofrequenzen
von Tokio und New York
ist es der zerstückelte Ruf
eines sterbenden Kinds.

Und ist die Quelle versiegt,
bleibt der Nacht ein Beten,
ein Klagen aus geborstenem Stein
um einen schlafenden Mund.

Ein Sperling saß es zu Füßen Sapphos
in ihrem glühenden Hain –
er trippelte so klein,
als sie im Honigduft des Erinnerns entschlief,
in den purpurnen Schatten der Göttin.
Ihr weißer Marmor schmolz im Mond.

Eine stille Taube saß es
auf dem Balken des Stalls,
als der Glanz des Wunders
die rauhen Lippen der Hirten taute.

Es flog in die Wolke des Gesangs,
als der Staub der alten Erde
wirbelte unter dem Pochen ihrer Herzen.

Lied, woher dein schmerzlicher Trost,
wenn es aus Regentropfen ersteht,
die uns im Schlaf hinter dem Dunst der Zeit
dem aufgegebenen Garten der Kindheit,
wie Tränen dem dunklen Gesicht,
den Glanz der Unschuld verleihen.

Mai 7 16

Wink ins Unendliche

Vollendung spricht sich zu
aus den blauen Tönen des Schiefers
im Regen, aus Zwiegesprächen
des Lichts mit den Schatten.

Ein Vogel schwebt dem Geher ums Haupt,
das Seelenspiel der Luft im Gefieder.
Und sein Schluchzen zirkelt den Bann
bis zu den Fächern der Farne,
wo sein Geselle schwankt auf dem Rohr.

Ein Reh verharrt und neigt den Hals,
seine Hand mit wehem Glück zu füllen.
Der Augen schwarze Ferne mildert,
sein warmes Zittern den unsteten Geist.

In der Grotte liegt auf steinernem Bett
der Knabe mit dem Schönheitsmal,
gehüllt in den Teppich, dem zarte Hände
einwebten die Reiher des Übergangs.

Er lauscht dem Tropfen der Zeit,
fühlt im Wehen des Haars
dem Frühlinge nach, der ihn entseelte.
Die Rose des Munds verschloß ihren Traum.

Und aus der Nacht geht der Weg
in die Vollkommenheit, wenn Gold
schürft das Licht aus Bernstein und Harz,
aus dem Herzen schlummernden Kinds.

Kusses süßer Widerschein,
wenn die ergebene Stille des Teichs
die Kerze des Pilgers streift.

Wie die Kolben des Röhrichts
ihre Todeslust schütteln im Wind.

Der Flieder, der sein Blau jetzt flehender sagt,
die von der Morgensonne geweckte Hand,
die ins Unendliche winkt.

Mai 6 16

Gerard Manley Hopkins, Ash-boughs

Not of all my eyes see, wandering on the world,
Is anything a milk to the mind so, so sighs deep
Poetry to it, as a tree whose boughs break in the sky.
Say it is ashboughs: whether on a December day and furled
Fast or they in clammyish lashtender combs creep
Apart wide and new-nestle at heaven most high.
They touch heaven, tabour on it; how their talons sweep
The smouldering enormous winter welkin! May
Mells blue and snowwhite through them, a fringe and fray
Of greenery: it is old earth’s groping towards the steep
Heaven whom she childs us by.

 

Aschen-Zweige

Nicht von allem, was meine Augen schauen, wenn sie wandern durch die Welt,
ist eines für den Geist solch eine Milch, so seufzt tief
Poesie ihm zu, wie der Baum, dessen Zweige in den Himmel ragen.
Sag, es sind Aschenzweige: ob an einem Dezembertag und schnell
entrollt oder ihre klammen, zinkenzarten Kämme kriechen
weit hinweg und schmiegen sich wieder unter den höchsten Himmel.
Sie berühren den Himmel, trommeln auf ihm. Wie ihre Krallen kratzen
den Qualm im ungeheuren Gewölbe des Winters! Mai
mischt Blau und Schneeweiß in ihnen, eine Strähne, eine Franse
grünen Laubs: So tastet die alte Erde nach dem steilen
Himmel, dem sie uns als Kinder anvertraut.

Mai 6 16

Gerard Manley Hopkins, Hurrahing in Harvest

Summer ends now; now, barbarous in beauty, the stooks arise
Around; up above, what wind-walks! what lovely behavior
Of silk-sack clouds! has wilder, wilful-wavier
Meal-drift moulded ever and melted across skies?

I walk, I lift up, I lift up heart, eyes,
Down all that glory in the heavens to glean our Saviour;
And, eyes, heart, what looks, what lips yet gave you a
Rapturous love’s greeting of realer, of rounder replies?

And the azurous hung hills are his world-wielding shoulder
Majestic—as a stallion stalwart, very-violet-sweet!—
These things, these things were here and but the beholder

Wanting; which two when they once meet,
The heart rears wings bold and bolder
And hurls for him, O half hurls earth for him off under his feet.

 

Jubelschreie bei der Ernte

Sommer endet nun. Nun zeigen sich in roher Schönheit rings
die Garben. Und droben, welche Wind-Gänge, wie lieblich
ziehen Seiden-Taschen-Wolken! Bauschte wilder, mutwillig-welliger
je sich Mehl-Schleier über den Himmeln und schmolz dahin?

Ich gehe, hebe auf, hebe aufwärts Herz und Augen,
hole all den Glanz von den Himmeln, unseren Retter zu ernten.
Und Augen, Herz, welche Blicke, welche Lippen gaben dir bisher
den Gruß einer verzückten Liebe zur Antwort, die wirklicher, runder wäre?

Und die azurnen Hügel sind majestätisch seine weltschütternde
Schulter – wie ein starker Hengst, ganz veilchenblau-lieblich!
Alles dies, dies alles ist hier und harrt seines Betrachters.

Und wenn die zwei dereinst sich treffen,
wachsen dem Herzen Flügel kühn und kühner
und es wirbelt Erde auf für ihn, o wirbelt Erde auf für ihn unter seinen Füßen.

Mai 6 16

Herr, nur einen Tropfen Blut

In der Glut schmilzt die Schlacke.
In der Esse wird Eisen Demut,
dem Wort des Herrn zu dienen.

Meine Worte sind Schlacke, Herr,
glühe sie aus.
Mein Reden ist blind,
brenn Augen ihm ein.

Jesu Blut ist die Lebensglut,
ein Tropfen fällt in den Schoß
des verdorrten Herzens, und es blüht
die Lilie, die Herbstzeitlose.

Aus der Wunde tropft das Wort,
aus dem Kelch seines Leibs,
Wort, von Dornen bezeugt.

Mein Sinn ist Nebel, o Herr,
Wolke die wandernde Seele,
mein Leben wirbelnder Staub.

Sende den Blitz deiner Liebe,
laß regnen die Wolke,
gib dem Staub einen Mund.

In Jesu Tränen spielt das Licht,
die Nacht seiner Schmerzen
heißt es Schwester.

Mein Sinnen ist grauer Regen,
mein Fühlen Stumpf des Gebeins.
Mein Leben ist tot.

Herr, nur eine Träne meinen Lippen,
nur das Salz einer Träne,
und meine Seele singt.

Jesu Blut ist die Nahrung der Welt,
die dörrt in üppiger Wüste,
die fleht mit schlingendem Mund.

Herr, nur einen Tropfen Blut
auf die taube Zunge des Herzens,
nur einen Tropfen Blut!

Mai 5 16

Die Rosen auf der Schwelle

Wir haben nur dies Leben, mein Kind,
drum eile mit den Rosen geschwind
und leg sie auf des Schicksals Schwelle.

Verschließe mein Ohr mit deinem Gesang
vor dem Keuchen der Welt bei ihrem Gang
vor des Schicksals eisernes Tor.

O, feuchte mein Auge mit deinem Winken,
wenn die Sterne der süßen Hoffnungen sinken
und der Zapfen der schweren Türe ächzt.

Und ist es wahr, daß wir scheiden müssen,
so laß uns scheiden mit letzten Küssen,
bis das Licht im Spalt der Tür erstirbt.

Und war es doch gut, deinem Atem zu lauschen,
gut dein Lächeln und Blicke zu tauschen,
wenn über die Schwelle Milch goß ein Mond.

Wird noch einst ein Dom über uns schweben,
ein Gesang der Rose empor uns heben,
wenn die eherne Tür in den Angeln bricht.

Wird noch einmal der Garten erstrahlen,
und sich dein Herz in meinem malen,
wenn wir auf der Schwelle die Rosen finden.

Wird noch einst die Glocke wieder schellen
aus des Rheines lieblichen Wellen,
wenn wir auf der Schwelle die Rosen finden.

Wenn wir auf der Schwelle die Rosen finden.

Mai 5 16

Gerard Manley Hopkins, At the Wedding March

God with honour hang your head,
Groom, and grace you, bride, your bed
With lissome scions, sweet scions,
Out of hallowed bodies bred.

Each be other’s comfort kind:
Deep, deeper than divined,
Divine charity, dear charity,
Fast you ever, fast bind.

Then let the March tread our ears:
I to him turn with tears
Who to wedlock, his wonder wedlock,
Deals triumph and immortal years.

 

Zum Hochzeitsmarsch

Gott bekränze mit Ehre dein Haupt,
Bräutigam, und er schmücke, Braut,
dein Bett mit zierlichen Reisern,
aus den geheiligten Leibern erbaut.

Jeder tröste den anderen mit Güte,
tief, tiefer als Ahnung euch glüte,
göttliche Nachsicht, Herzenstrost,
immerdar euer Band behüte.

So soll der Hochzeitsmarsch erklingen:
Ich will unter Tränen mich schwingen
zu ihm, der die Ehe, seinen heiligen Bund
mit Lorbeer krönt und ewigem Gelingen.

Mai 5 16

Gerard Manley Hopkins, Thou art indeed just, Lord

Justus quidem tu es, Domine, si disputem tecum; verumtamen
justa loquar ad te: Quare via impiorum prosperatur? &c.

Thou art indeed just, Lord, if I contend
With thee; but, sir, so what I plead is just.
Why do sinners’ ways prosper? and why must
Disappointment all I endeavour end?
Wert thou my enemy, O thou my friend,
How wouldst thou worse, I wonder, than thou dost
Defeat, thwart me? Oh, the sots and thralls of lust
Do in spare hours more thrive than I that spend,
Sir, life upon thy cause. See, banks and brakes
Now, leavèd how thick! lacèd they are again
With fretty chervil, look, and fresh wind shakes
Them; birds build – but not I build; no, but strain,
Time’s eunuch, and not breed one work that wakes.
Mine, O thou lord of life, send my roots rain.

 

Herr, wenn ich gleich mit Dir rechten wollte,
so behältst Du doch recht;
dennoch muß ich vom Recht mit Dir reden.
Warum geht’s doch den Gottlosen so wohl
und die Verächter haben alles die Fülle?
Du pflanzt sie, daß sie wurzeln und wachsen und Frucht bringen.
Nahe bist Du in ihrem Munde, aber ferne von ihrem Herzen.
Jer 12, 1–2

Herr, Du bist wahrhaft gerecht, wenn ich streite mit Dir.
Doch, Herr, mein Ansinnen ist rechtens auch.
Warum blühen die Wege der Sünder, warum
sind all meine Bestrebungen eitel?
Wärst mein Feind Du, o Du mein Freund,
wie könntest Du ärger, frag ich mich, als so
mich jagen und schlagen? Ach, die Säufer und Knechte
der Lust treiben mehr Blüten in kurzer Zeit
als ich, Herr, der alles setzt auf Dich. Sieh Ufer und Bäche,
wie sie nun unter Blättern schwelgen! Rings schmücken
sie Litzen vom bitteren Kerbel, sieh, kühler Wind
rührt sie auf, Vögel bauen Nester, ich aber bleibe unbehaust,
der Zeit Eunuch zeuge ich nicht eines, das erwacht.
Mein Gott, Du des Lebens Herr, sende Regen meinen Wurzeln.

 

 

Mai 5 16

Der verlassene Garten

Die Schwelle, moosblindes,
geborstenes Gesicht.

Wie ging hin die Zeit,
mit Schneegeflüster,
Regenfädenflechten,
Samenpusten unter wässriger Sonne.

Du warst dir einst so nah,
als die Seele Schatten trank im Laub.

Du warst ein Luftgesicht,
mohnumschoßt,
von Anemonen geneckt.

Die Zeit ging hin,
dein Herz vergaß die Lieder,
dein Schmerz ihr Echo aus Kastanienschalen.

Sieh, die Wicke spielt
um die rostigen Finger des Drahtverhaus.

Blubbern noch Quappen im Teich?
Ein Wasserfloh spukt mit Schattenbeinen
über den brackigen Schaum.

Aus alter Narbe des Apfelbaums
sintert kleinmütig Harz.

Du warst ein Hirte des Pan,
als Mondlicht spie auf deinen Gram.

Der morsche Schuppen
mit dem Phosphorfirnis der Toten,
Reschen, Spaten, Axt,
die verbissene Sense am Nagel,
erschöpfte Gespenster
eines verwucherten Sinns.

Es liegt ein Löffel im Sand,
die Spiele versunkenen Kinds.

Da graut der Schiefer,
das Inbild der Heimat,
abgeflossen die Wärme
aus dem Echsenschlaf.

Mai 4 16

Gerard Manley Hopkins, Duns Scotus’s Oxford

Tower city and branchy between towers;
Cuckoo-echoing, bell-swarmed, lark-charmed, rook-racked, river-rounded;
The dapple-eared lily below thee; that country and town did
Once encounter in, here coped and poised powers;

Thou hast a base and brickish skirt there, sours
That neighbour-nature thy grey beauty is grounded
Best in; graceless growth, thou hast confounded
Rural rural keeping—folk, flocks, and flowers.

Yet ah! this air I gather and I release
He lived on; these weeds and waters, these walls are what
He haunted who of all men most sways my spirits to peace;

Of reality the rarest-veined unraveller; a not
Rivalled insight, be rival Italy or Greece;
Who fired France for Mary without spot.

 

Das Oxford des Duns Scotus

Stadt der Türme, der Wipfel zwischen Türmen,
Hall des Kuckucksrufs, Glockengewimmel, Lerchenzauber, Krähenschwärme, flußumschäumt,
und unten Lilien gefleckten Ohrs, dies Land und diese Stadt haben Mächte gesäumt,
denen sie trotzten und wehrten allen Stürmen.

Du breitest deinen Rock aus Sockeln und Ziegeln, machst sauer
rings die Fluren, aus denen deine graue Schönheit sproß
so gut. Deinem Wachstum fehlte Anmut, da es dich verdroß,
das Land zu hüten, zu bewahren – Herde, Beet und Bauer.

Und doch war diese Luft, die mir macht Atmen und Veratmen weich,
sein Lebensstoff, die Wiesen und die Wasser, diese Mauern,
wo weilte, der von allen Menschen meinen Geist entrückt ins Friedenreich.

Der Wirklichkeit Enträtsler mit dem Wunder-Nerv, an tiefer Schau
unübertroffen, nicht Rom kommt, nicht Athen ihm gleich.
Er, der Frankreich für Maria entflammte, die unbefleckte Frau.

Mai 4 16

Gerard Manley Hopkins, Inversnaid

This darksome burn, horseback brown,
His rollrock highroad roaring down,
In coop and in comb the fleece of his foam
Flutes and low to the lake falls home.

A windpuff-bonnet of fáwn-fróth
Turns and twindles over the broth
Of a pool so pitchblack, féll-frówning,
It rounds and rounds Despair to drowning.

Degged with dew, dappled with dew
Are the groins of the braes that the brook treads through,
Wiry heathpacks, flitches of fern,
And the beadbonny ash that sits over the burn.

What would the world be, once bereft
Of wet and of wildness? Let them be left,
O let them be left, wildness and wet;
Long live the weeds and the wilderness yet.

 

Inversnaid

Der Bachlauf düster, braun der Kamm,
er stürzt sich tosend durch die Klamm,
in Pferch und Wabe flockt der Seim
und furcht hinab zum See sich heim.

Windbausch-Haube aus brauner Flut
wendet und windet sich auf dem Sud
des Teichs, pechschwarz sein Todesblick,
er beugt der Verzweiflung das Genick.

Benäßt, gesprenkelt sind von Tau
die Hügel-Rippen, da gräbt der Bach sich seinen Bau,
Büschel von Heidekraut, Farn-Gespreite
und die Fruchtfinger der Esche, sein Geleite.

Was wäre die Welt, einmal beraubt
der Wildheit und Feuchte? Sie seien erlaubt,
Oh, sie seien erlaubt, Feuchte und Wildheit.
Es lebe der Wald und die Wildnis noch weit!

Mai 3 16

Der innere Mond

Es dampft aus braunem Schilf,
das Flehens-Hände teilen,
ein Honig-Licht.

Noch saugt eines Mundes
dunkles Gurren
und hält es schief.

Die Sense eines Schreies blitzt,
es steigt, es übersteigt
Torfes warme Schwelle.

Die Scheibe dreht sich frei
von Schründen, Striemen
eines alten Bluts.

Sie schwimmt im Meer
eines Chorals von Stimmen,
schwarzen, blauen.

Und da sie schweigen,
ründet sich ihr Einsamsein
zum Rosenquarz-Gesicht.

Die Erde ist entrückt
in stummes Nebel-Beten,
das aus den Sträuchern quillt.

Der Mond steht im Zenit
der Stille, er blaßt,
verblaßt, verrinnt.

Es hackt der heiße Hahn,
das Milchgewand zerreißt
ein Feuer-Schnabel.

Mai 3 16

Pan

Wenn wir aus einem Nebel tropfen nieder,
Kristall und Knochen,
Lippen und Neuronen,

wenn ein Atem ohne Mund spricht ohne Worte
grünen Hauch des Lächelns auf den Wiesen,
schwarzen Samt des Schreckens auf den Wellen,

sind Augen Sternentraum
und Sterne Augenschatten,
läuft an der Wand die Mücke
eines Waisenkinds.

Wenn Meeresalgen sind des Windes Oden,
Flammen Schrift des Staubs,
Quellen Orpheusʼ Mund,

wenn wir der Wolken Purpurlocken träumen,
Tränen grauer Nacht mit heißer Seele lecken,
wie schweigt in uns im Morgendunst der volle Mond!

Dort sitzt der alte Mann auf grünem Stein
und stochert blind im Moos.
Sein Schatten trägt das Doppelhorn,
es singt, was er nicht hört, sein Schattenmund.

Mai 2 16

Gerard Manley Hopkins, Easter

Break the box and shed the nard;
Stop not now to count the cost;
Hither bring pearl, opal, sard;
Reck not what the poor have lost;
Upon Christ throw all away:
Know ye, this is Easter Day.

Build His church and deck His shrine,
Empty though it be on earth;
Ye have kept your choicest wine—
Let it flow for heavenly mirth;
Pluck the harp and breathe the horn:
Know ye not ’tis Easter morn?

Gather gladness from the skies;
Take a lesson from the ground;
Flowers do ope their heavenward eyes
And a Spring-time joy have found;
Earth throws Winter’s robes away,
Decks herself for Easter Day.

Beauty now for ashes wear,
Perfumes for the garb of woe,
Chaplets for dishevelled hair,
Dances for sad footsteps slow;
Open wide your hearts that they
Let in joy this Easter Day.

Seek God’s house in happy throng;
Crowded let His table be;
Mingle praises, prayer, and song,
Singing to the Trinity.
Henceforth let your souls always
Make each morn an Easter Day.

 

Ostern

Öffne das Gefäß, die Narde träuf ein.
Rechne jetzt nicht, was an Kosten entsteht.
Bring Perle, Opal und Edelstein.
Schau nicht, was den Armen entgeht.
Für Christus alles ohne Rest!
Weißt du, heute ist Osterfest.

Bau Seine Kirche und schmücke den Schrein,
mag auch die Erde noch öde liegen,
aufbewahrt hast du den köstlichsten Wein,
gieße ihn hin den himmlischen Siegen.
Blase ins Horn, die Saiten schlag.
Weißt du nicht, heute ist Ostertag.

Pflück von den Himmeln freudiges Hoffen,
laß dich der Erde Wiesen belehren,
Blumenaugen stehn himmelwärts offen,
mögen den Frühlingslüsten nicht wehren.
Erde dem Winter den Schleier beläßt,
schmücket sich für das Osterfest.

Aus der Asche steigt Schönheit klar,
Düfte verdrängen die Trauertracht,
Kränze decken zerzaustes Haar,
Tänze statt Schlürfen in Grabesnacht.
Öffnet eure Herzen weit,
seid für die Osterfreude bereit.

Froh ins Gotteshaus den Gang,
weidet euch am Tische des Herrn,
mischet Lob, Gebet und Gesang,
Dreieinigkeit besinget gern.
Euren Seelen sei an jedem Tag
morgenfroh ein Ostertag.

Mai 1 16

Gerard Manley Hopkins, The Starlight Night

Look at the stars! look, look up at the skies!
O look at all the fire-folk sitting in the air!
The bright boroughs, the circle-citadels there!
Down in dim woods the diamond delves! the elves’-eyes!

The grey lawns cold where gold, where quickgold lies!
Wind-beat whitebeam! airy abeles set on a flare!
Flake-doves sent floating forth at a farmyard scare!
Ah well! it is all a purchase, all is a prize.

Buy then! bid then! — What? — Prayer, patience, alms, vows.
Look, look: a May-mess, like on orchard boughs!
Look! March-bloom, like on mealed-with-yellow sallows!

These are indeed the barn; withindoors house
The shocks. This piece-bright paling shuts the spouse
Christ home, Christ and his mother and all his hallows.

 

Sternenhelle Nacht

Zu den Sternen hebe den Blick, laß ihn an Himmeln saugen!
O, schau zu all dem Glut-Volk, das sich die Lüfte erkor!
Die hellen Viertel, der Zitadellen Chor!
Tief in dunkle Wälder taucht der Diamant! Die Elfen-Augen!

Die grauen Lichtungen kalt, wo Gold liegt, flüssiges Gold!
Windschiefer Silberbaum, luftige Pappeln im Fackelschein!
Flocken-Tauben, aufgeflattert bei eines Farmers Schrein.
Ach ja, alles ist Tausch, alles steht in des Tausches Sold.

Kauf also! Biete! – Was? – Gebet, Geduld, Almosen und Geloben.
Siehe, sieh: wie im Mai in den Hainen die Blüten toben!
Sieh! Märzen-Blüte, auf Weiden wie von Gelb ein Seim.

Diese sind wahrhaft der Stall. Sie sind die Herbergshallen
für den Schrecken. Dieser helle Zaun gibt ein trautes Heim
Christus, dem Bräutigam, Christus, seiner Mutter und seinen Heiligen allen.

Mai 1 16

Gerard Manley Hopkins, That Nature is a Heraclitean Fire and the comfort of the Resurrection

Cloud-puffball, torn tufts, tossed pillows flaunt forth, then chevy on an air-
Built thoroughfare: heaven-roysterers, in gay-gangs they throng; they glitter in marches.
Down roughcast, down dazzling whitewash, wherever an elm arches,
Shivelights and shadowtackle ín long lashes lace, lance, and pair.
Delightfully the bright wind boisterous ropes, wrestles, beats earth bare
Of yestertempest’s creases; in pool and rut peel parches
Squandering ooze to squeezed dough, crust, dust; stanches, starches
Squadroned masks and manmarks treadmire toil there
Footfretted in it. Million-fueled, nature’s bonfire burns on.
But quench her bonniest, dearest to her, her clearest-selvèd spark
Man, how fast his firedint, his mark on mind, is gone!
Both are in an unfathomable, all is in an enormous dark
Drowned. O pity and indignation! Manshape, that shone
Sheer off, disseveral, a star, death blots black out; nor mark

Is any of him at all so stark
But vastness blurs and time beats level. Enough! the Resurrection,
A heart’s-clarion! Away grief’s gasping, | joyless days, dejection.

Across my foundering deck shone
A beacon, an eternal beam. Flesh fade, and mortal trash
Fall to the residuary worm; world’s wildfire, leave but ash:

In a flash, at a trumpet crash,
I am all at once what Christ is, since he was what I am, and
This Jack, joke, poor potsherd, patch, matchwood, immortal diamond,
Is immortal diamond.

 

Diese Natur ist ein herakliteisches Feuer und der Trost der Auferstehung

Wolken-Staubpilz, zerfetzter Flor, zerknautschte Kissen, wild verweht, Luftschneisen-Fahrt:
Lärmende Himmelszecher drängen sich in Freude-Meuten, in Glitzer-Reigen.
Niedersinkend Putz auf Wänden, grelle Tünche, wo immer Ulmen sich neigen,
Lichtspäne und Schattenseile, zu langen Wimpern geknüpft, gesträhnt, gepaart.

Der helle ungestüme Wind sperrt, zerrt, stößt die Erde zurück
von den Falten des gestrigen Sturms, auf Teichen und Furchen dörrt Haut,
zerquetschter Schlick verpraßt zu Teig, Kruste, Staub, festigt, baut
Maskenscharen und Menschenspuren, Tritte plagen sich da im Schlick

die zermürbten Füße. Millionenfach betankt brennen die Freudenfeuer der Naturgewalt.
Doch ihren schönsten, ihr teuersten Funken, ihr innerstes Lichtgefunkel
sprüht der Mensch, wie sein Feuerschlag, sein Brandmal des Geistes, ging hin so bald!
Beide sind in einem abgrundtiefen, alles ist in einem ungeheuren Dunkel
ertrunken. O Erbarmen und Empörung! Des Menschen Gestalt, die Eingestalt
reinen Sterns, schwarzer Tod bläst sie aus. Kein Zeichen seiner Gewalt

wahrt lange den Gehalt,
die Ferne macht es unlesbar, die Zeit zerschlägt sein Maß. Genug! Auferweckung,
sie ist die Herz-Fanfare! Hinweg des Kummers Keuchen, freudlose Tage, Schwermut-Befleckung!

Es wies mir auf sinkendem Schiff den Halt
ein Leuchtfeuer, ein ewiger Strahl. Das Fleisch verwelkt, das verkohlte Lebenslos
sinkt hin zum Wurmesnest. Vom wilden Weltenbrand bleibt Asche bloß:

In einem Blitz, einem Trompetenstoß
geh ich mit einemmal ganz in Christus ein, denn er war, was ich bin, und dieser Fant
namens Hans, Scherz, dürftige Scherbe, Flicken, Zündholz ist unsterblicher Diamant,
unsterblicher Diamant.

Mai 1 16

Der Sternendorn

Die Endzeitrose zittert am Abgrund.
Ein einsamer Stern sticht ihr ins Herz.

Du gingst am Ufer des Rheins,
deine Stadt lag in Trümmern,
das Geschrei der Stare war Rauch.

Jenseits, der schmale Wingert,
der deine Lippen erweckt,
gedüngt mit qualmendem Teer.

Die Glocken von St. Kastor,
geschmolzene Bronze der Schmerzen,
läuteten aus dem Wellenschaum.

Görres hatte den Kopf verloren,
aus dem Rumpf flammten Zungen,
die knatterten Selbstmordkommandos.

Du beugtest dich im Blumenhof
über den zarten Mund des Brunnens.
Er spuckte Blut.

Wo sich honiglicht Hoffnung gewiegt,
auf der Mondbarke von Liebfrauen,
hatte ein Sonnensturm radiert.

Du gingst zu der Mutter Grab,
der Denkstein war umgedreht,
aus der Urne äugte ein Mäuschen.

Wer mag singen am Abgrund,
den Dorn eines Sterns im Herzen.

 

Apr 30 16

Der Zwitter

Beobachtet vom Dichter aus seinem Wach- und Schlafnest im hohen Baumwipfel, das er mit einem Orang-Utan teilt

Der Journalist schreibt in fremdem Auftrag für Lohn und Brot Dinge, an die er glauben oder nicht glauben mag. Während er schreibt, hat er stets das Bild des Lesers vor Augen, bei dem seine Schreibe ankommt und wirkt, das pfiffige und gemeine Grinsen, die gierigen oder vor Neugierde und Schrecken oder ungläubigem Staunen aufgerissenen Pupillen oder die durch Unverständnis, Anstrengung, geistige Qual von Falten gerunzelte Stirn. Er muß und möchte ankommen und wirken, er muß den vulgären Geschmack und die niedrigsten Neigungen des Publikums riechen, reizen und befriedigen, durch Dauerreizung befriedigen, er muß und will Neugierde wecken auch und gerade für Dinge, vor die Anstand und Scham, der Gott und sein Engel gnädig den Vorhang der Dezenz und Seelenschonung niederließen, er muß und möchte durch Grimassen, Angstschreie und Todesröcheln erschrecken, durch sensationelle Meldungen über Mißgeburten und Chimären des Schicksals Staunen hervorrufen, er muß und will durch dunkle Andeutungen, abstoßende Rätsel und unlösbare Fragen die Hirne spannen und narren, bluffen und ins Bockshorn jagen.

Der Journalist ist wie sein Geschwister im Geist, der Politiker, dem er dient, indem er ihn verhöhnt, den er verhöhnt, indem er ihm dient, ein Blutsauger der Sprache und ein Parasit der Wahrheit. Die Sprache liegt ausgestreckt und ohnmächtig vor ihm, eine Schöne, die er narkotisiert und entkleidet hat, und über sie gebeugt, doch ihre Wunderaugen sind verschlossen, saugt er, eine winzige Laus, aus ihrem Riesenleib kleine Tröpfen Bluts, ohne die er nicht einmal seinen schönsten Lügen den infernalischen Funzelschein wahrer Überzeugung verleihen könnte.

Der Journalist maßt sich an, seine Zeilenschinderei im Lichte höherer Gesinnungen und hehrster Ideale zu vollbringen, Wahrheit und Sprache in das Joch des Dienstes am Volk, an der Aufklärung, an der Penetration einer allgemeinen Menschheitsmoral einspannen zu dürfen. Er wähnt als Sittenwächter die Sprache als Hure für den gemeinen Trieb der Marktschreierei geiler Parolen und abgescheuerter Phrasen auf die Gassen seiner schmutzigen Wörterstadt peitschen zu dürfen.

Der Journalist interviewt die Wahrheit, indem er ihre Seufzer, ihr Schreien und Stöhnen auf Band aufzeichnet, während sie sich in der blechernen Stachelhalskrause seiner unlauteren Unterstellungen und dem engmaschigen Fangfragennetz seiner Gesinnungsjagd windet.

Der Journalist zeugte mit der narkotisierten Sprache eine Chimäre, ein häßliches Hybridwesen, dessen Herz schwarz ist von Verleumdung und Verachtung, dessen Gesicht die milchige, von blauen Unschuldsaugen aufgehübschte Maske eines jungen Dichters, Rilkes Augen, als fette Rosinen schwimmend auf dem warmen Vanillepudding der Lüge.

Der Hauch der Minne, vergiftet zum Aphrodisiakum.

Der Blütenschnee der bukolischen Erde, ein sentimentaler Schleier auf dem Pickelgesicht der Verzweiflung.

Die Blutübertragung des Reims, ein glitschiges Gel für das flotte Gleiten der Pointe und eines schnöden Witzes.

Das anmutig geschürzte und geknüpfte Mieder der rhythmischen Form, das den fühlenden Busen des ins Geheimnis fliegenden Atems aufhöht, ein nasses T-Shirt, bedruckt mit den obszönen Emblemen des Tages, das er in falscher, routinierter Ekstase von den ausgestopften Brüsten einer Puppe herunterreißt, die dazu schrille Orgasmusflüche quiekt oder wüste Haßtiraden auf die Mutter ausspuckt, die Jungfrau des reinen Lebens.

Die Schönheit des elegischen Wehs, die aus der Scheedecke ihres langen Wartens, ihrer träumenden Geduld mit dem ersten scheuen Krokus in die Nacht flammt, die aus Nervenwasser und fader Lymphe gezogene wächserne Rose, die er auf der Bühne obszöner Passionsspiele, auf Stöckelschuhen der Selbsterniedrigung stakend, einer Waisenkindpuppe in den Mund steckt.

Der Dichter-Journalist, dieser geistige Zwitter, ist das eigentliche Ende des Abendlandes.

Apr 29 16

Gerard Manley Hopkins, In the Valley of the Elwy

I remember a house where all were good
To me, God knows, deserving no such thing:
Comforting smell breathed at very entering,
Fetched fresh, as I suppose, off some sweet wood.

That cordial air made those kind people a hood
All over, as a bevy of eggs the mothering wing
Will, or mild nights the new morsels of Spring:
Why, it seemed of course; seemed of right it should.

Lovely the woods, waters, meadows, combes, vales,
All the air things wear that build this world of Wales;
Only the inmate does not correspond:

God, lover of souls, swaying considerate scales,
Complete thy creature dear O where it fails,
Being mighty a master, being a father and fond.

 

Im Tal des Elwy

Ich denke ein Haus, da lag alles Gute mir bereit,
mir, dem, Gott weiß, solches nicht gebührt:
Wer eintrat, hat Behagens Wohlgeruch verspürt,
er entströmte, denk ich, manchem süßen Scheit.

Die Herzlichkeit der Menschen stülpte sich wie eine Haube
auf alles, wie die Glucke, die über das Gelege wacht,
hudernd, oder Frühlings frische Fünkchen milde Nacht:
Warum? So schien es mir und rechtens, wie ich glaube.

Liebreich die Wälder, Wasser, Wiesen, Grate, Hage,
alles strahlt hier Anmut aus, so sind in Wales die Tage.
Nur die Bewohner fallen aus dem Bild:

Gott, Liebhaber der Seelen, du prüfst sie auf feiner Waage,
oh, vollende die dir teure Kreatur, wo sie versage,
du bist der mächtige Meister, der Vater und mild.

Apr 29 16

Gerard Manley Hopkins, Carrion Comfort

Not, I’ll not, carrion comfort, Despair, not feast on thee;
Not untwist — slack they may be — these last strands of man
In me ór, most weary, cry I can no more. I can;
Can something, hope, wish day come, not choose not to be.

But ah, but O thou terrible, why wouldst thou rude on me
Thy wring-world right foot rock? lay a lionlimb against me? scan
With darksome devouring eyes my bruisèd bones? and fan,
O in turns of tempest, me heaped there; me frantic to avoid thee and flee?

Why? That my chaff might fly; my grain lie, sheer and clear.
Nay in all that toil, that coil, since (seems) I kissed the rod,
Hand rather, my heart lo! lapped strength, stole joy, would laugh, chéer.

Cheer whom though? the hero whose heaven-handling flung me, fóot tród
Me? or me that fought him? O which one? is it each one? That night, that year
Of now done darkness I wretch lay wrestling with (my God!) my God.

 

Aases Wonne

Nein, ich will nicht, Aases Wonne, Verzweiflung, mich mästen an dir,
nicht entzwirnen – und seien sie schon lose – in diesem Mann
die Fäden oder, ermattet ganz, schreien „Ich kann nicht mehr“. Ich kann.
Kann etwas, hoffen, wünschen, es komme Tag, will nicht das Leben nehmen mir.

Doch ach und weh, du Schrecklicher, weshalb möchtest roh du auf mir wiegen
deinen weltwürgenden rechten Fuß? Eine Löwenpranke gegen mich recken?
Mit deinen schlingenden schwarzen Augen mein geborstenes Gebein belecken?
und oh! mit stürmischen Böen anfachen meinen Elendshaufen? Mich, der rast, dir zu entfliegen?

Warum? Daß meine Spreu soll fliegen, meine Samen liegen, klar und rein.
Nein, in all dem Schinden und Sich-Winden, seit ich (scheintʼs) geküsst, die er geschwungen,
die Fuchtel, noch mehr die Hand, sieh, mein Herz, es leckte Kraft, stahl Freude, möchte lachen, Hurra schrein.

Jubeln? Doch wem? Dem Helden, der den Himmel wendend mit Tritten mich bezwungen?
Oder mir, der mit ihm focht? Wem von beiden? Jedem? Diese Nacht, dieses Jahr in Pein,
in dieser Finsternis, lag ich am Boden und habe (mein Gott!) mit meinem Gott gerungen.

Apr 29 16

Gerard Manley Hopkins, Binsey Poplars

Felled 1879

My aspens dear, whose airy cages quelled,
Quelled or quenched in leaves the leaping sun,
All felled, felled, are all felled;
Of a fresh and following folded rank
Not spared, not one
That dandled a sandalled
Shadow that swam or sank
On meadow and river and wind-wandering weed-winding bank.

O if we but knew what we do
When we delve or hew —
Hack and rack the growing green!
Since country is so tender
To touch, her being só slender,
That, like this sleek and seeing ball
But a prick will make no eye at all,
Where we, even where we mean
To mend her we end her,
When we hew or delve:
After-comers cannot guess the beauty been.
Ten or twelve, only ten or twelve
Strokes of havoc unselve
The sweet especial scene,
Rural scene, a rural scene,
Sweet especial rural scene.

 

Pappeln bei Binsey

Gefällt 1879

Meine Espen-Lieblinge, in ihren luftigen Käfigen besänftigten,
besänftigten oder kühlten sie mit den Blättern die steigende Sonne,
alle gefällt, gefällt, alle sind sie gefällt.
Die verschränkte Reihe mit noch jungen Bäumen
blieb nicht verschont, nicht einer,
der den Schatten einer Sandale
wiegte, welcher schwamm oder sank
auf die Wiese und den Fluß und das Ufer, wo Winde wandern, Wicken sich winden.

O, wenn wir nur wüßten, was wir tun,
wenn wir graben oder hauen –
hacken und zwacken das wachsende Grün!
Ist doch Landschaft so fein
dem Gefühl, hat so zarte Glieder,
daß diesem glatten und sehenden Erdball
kein einziger Stich ein Auge pflanzt,
wo wir doch, auch wo wir meinen,
sie zu heilen, sie töten,
wenn wir hauen oder graben:
Die nach uns kommen, ahnen nicht, was schön war einst hienieden.
Zehn oder zwölf, nur zehn oder zwölf
wüste Schläge entselbsten
die liebliche, sich eigene Szene,
die bukolische Szene, die bukolische Szene,
die lieblich-bukolische Szene.

Apr 29 16

Der Sinn

Was ist er nun,
der Sinn der Schrift?

Es ist die Leere,
das leere weiße Blatt.

Was ist er nun,
der Sinn des Seins?

Es ist die Leere,
die Leere deines Ich.

Ein kleiner Vogel
stakt durch den Schnee.

Wie zierlich ist die Schrift.
Der Wind hat sie gelesen
und bläst sie wieder fort.

Das Laken ist verknittert,
ein Abdruck deines Traums.

So wirr war dieser Traum.
Du streichst das Laken glatt,
nichts mehr bleibt leserlich.

Es schäumt der Kiel des Schiffs
der Sehnsucht Spur.

Der Horizont ist grau,
der Schaum wird Wolke,
die Wolke tropft ins Meer.

Du schreibst geduldig
deine Schritte in den Schnee.

Wie schmerzt doch diese Schrift.
Der Wind hat sie gelesen
und bläst sie wieder fort.

Apr 28 16

Gerard Manley Hopkins, The windhover

I caught this morning morning’s minion, king-
dom of daylight’s dauphin, dapple-dawn-drawn Falcon, in his riding
Of the rolling level underneath him steady air, and striding
High there, how he rung upon the rein of a wimpling wing

In his ecstasy! then off, off forth on swing,
As a skate’s heel sweeps smooth on a bow-bend: the hurl and gliding
Rebuffed the big wind. My heart in hiding
Stirred for a bird, – the achieve of, the mastery of the thing!

Brute beauty and valour and act, oh, air, pride, plume, here
Buckle! And the fire that breaks from thee then, a billion
Times told lovelier, more dangerous, O my chevalier!

No wonder of it: shéer plód makes plough down sillion
Shine, and blue-bleak embers, ah my dear,
Fall, gall themselves, and gash gold-vermilion.

 

Der Windgleiter

Ich fing heut morgen des Morgens Liebling, den Königssohn
im Reich des Tageslichts, den Falken im getupften Dämmerkleid, er ritt
übers Hügelland, unter ihm die stille Luft, und schritt
hoch daher, wie flog über Flatterflügels Zügel der schrille Ton

in seinem Rausch! Dann weg, weit weg im Schwunge schon,
wie ein Schlittschuh sanft die Schleife saust: Sturz und Gleiten
stieß vor sich her der große Wind. Meines Herzens stumme Saiten,
ein Vogel schlug sie wach – ihn zu erlangen, ihn zu fangen war mein Lohn!

Wüste Schönheit und Mut und Tat, o Luft, Stolz, Gefieder,
hier knicke ein! Und die Feuer, die da aus dir brechen ohne Zahl,
ihren Zauber, ihre Fährniß, o mein Troubadour, faßten besser deine Lieder!

Wen nimmt es wunder: Schiere Schufterei pflügt tausendmal
die Lichter unter, und blau-graue Aschenglut fällt hernieder,
mein Teurer, sie sauert ein, und Goldrubine sickern aus dem Wundenmal.

Apr 28 16

Gerard Manley Hopkins, As Kingfishers Catch Fire

As kingfishers catch fire, dragonflies draw flame;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell’s
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;

Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves — goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I dó is me: for that I came.

I say móre: the just man justices;
Keeps grace: thát keeps all his goings graces;
Acts in God’s eye what in God’s eye he is —

Chríst — for Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men’s faces.

 

Wenn Eisvögel Feuer fangen

Wenn Eisvögel Feuer fangen, Flammen malen die Libellen,
wenn Steine, über den Brunnenrand gekippt,
klatschen, jede gestrichne Saite spricht, wenn sie wippt,
jede Glocke Zunge findet, ihren Namen weit zu schellen,

jedes Sterbliche hat eines, immer eins im Sinn:
Es lehnt sich aus dem Fenster, wo es haust.
Jedes steht für sich. Es kündet: Ich, auf eigne Faust.
Es schreit: Ich lebe meiner Weise, für die ich kam hierhin.

Ich sage mehr: Der rechte Mensch nur Rechtes tut,
Gnade läßt er walten: Das leiht seinem Wandel Gnaden viel,
wie er ist im Auge Gottes, handelt er auch gut

als Christ – Christus ist auf tausend Bühnen schon am Ziel,
schenkt den Gliedern und den Augen (außer seinen) Liebesglut
für den Vater in der Menschen Mienenspiel.

Apr 27 16

Gerard Manley Hopkins, The Caged Skylark

As a dare-gale skylark scanted in a dull cage,
Man’s mounting spirit in his bone-house, mean house, dwells —
That bird beyond the remembering his free fells;
This in drudgery, day-labouring-out life’s age.

Though aloft on turf or perch or poor low stage
Both sing sometímes the sweetest, sweetest spells,
Yet both droop deadly sómetimes in their cells
Or wring their barriers in bursts of fear or rage.

Not that the sweet-fowl, song-fowl, needs no rest —
Why, hear him, hear him babble and drop down to his nest,
But his own nest, wild nest, no prison.

Man’s spirit will be flesh-bound, when found at best,
But uncumberèd: meadow-down is not distressed
For a rainbow footing it nor he for his bónes rísen.

 

Die Lerche im Käfig

Da die Lerche, die den Sturm genarrt, verkümmerte in Käfigöde,
und des Menschen Gipfelgeist in seinem Beinhaus wohnte, dem Verschlag –
war jenem Vogel ganz entrückt der hohen Moore freier Tag,
ward diesem sein Leben in Schinderei, im Stundenfraß der Mühe blöde.

Doch überm Rasen, auf der Stange, auf ärmlich flacher Bühne
singen beide von Zeit zu Zeit so süße, süße Lieder,
und sinken wieder leblos in ihren Zellen nieder
oder rütteln an den Stäben, wenn vor Schreck sie bersten oder Schreckenskühne.

Auch ein Herzens-, ein Sängervogel will, daß man in Frieden ihn läßt.
Warum? Hör ihn nur zwitschern und flattern in sein Nest,
doch in sein eignes Nest, sein wildes Nest, nicht ein Gefängnis.

Der Menschengeist kommt nur im Fleisch zu seinem Fest,
doch ohne Fesseln: Im Anger bleibt kein trüber Rest,
dem Regenbogentanze nicht noch ihm, steigt sein Gebein aus der Vergängnis.

Apr 27 16

Gerard Manley Hopkins, Spring

Nothing is so beautiful as Spring –
When weeds, in wheels, shoot long and lovely and lush;
Thrush’s eggs look little low heavens, and thrush
Through the echoing timber does so rinse and wring
The ear, it strikes like lightnings to hear him sing;
The glassy peartree leaves and blooms, they brush
The descending blue; that blue is all in a rush
With richness; the racing lambs too have fair their fling.

What is all this juice and all this joy?
A strain of the earth’s sweet being in the beginning
In Eden garden. – Have, get, before it cloy,
Before it cloud, Christ, lord, and sour with sinning,
Innocent mind and Mayday in girl and boy,
Most, O maid’s child, thy choice and worthy the winning.

 

Frühling

Nichts ist so schön wie der Frühling –
wenn Kräuter kreiselnd sprießen wonnevollen Flor.
Die Eier der Drossel schimmern wie kleine Himmel, ihr Ohr
mag mit eignem Waldesecho die Drossel waschen und wringen,
es trifft wie Blitze dich, hörst du sie singen.
Der blendende Birnbaum treibt Blätter und Blüten hervor,
sie fegen das fallende Blau. Dies Blau klatscht ans Tor
der großen Fülle. Und die Lämmer werden hell im Springen.

Wo all dieser Saft, all diese Lust entsprungen?
Es ist ein Lied der frühen Erde, da alles hold begann
im Garten Eden. – Bevor es ausgeklungen,
bevor es wölkt, Christus, Herr, und Bitterkeit nicht singen kann ,
unschuldigen Sinn erwähle dir und Maienlicht in Mädchen und Jungen,
o Kind der Jungfrau, und reich dem Würdigen die Hand sodann.

Apr 26 16

Meinigkeit oder das inkarnierte Selbst

Ein Beitrag zur Theorie der Subjektivität

Die Mengen und Massen, in denen die Arten individualisiert und verkörpert sind, bleiben immer erstaunlich. Die Anzahl der Tulpen im Beet magst du noch grob abschätzen, die Anzahl ihrer Blütenblätter oder ihrer Staubgefäße oder der Samen in den Gefäßen nicht mehr. In diesen ungeheuren Mengen und Massen existieren wir, sie umgeben uns in allen Formen der Materie von den Pollen in der Luft bis zu den Wassertropfen der Meere, von der Anzahl der Atome in dem Bissen Brot, das du kaust, bis zur Anzahl der menschlichen Individuen auf dem Planeten Erde.

Und dennoch bist nur du unter all den Milliarden einzig und allein du selbst. Du bist vollständig losgelöst vom materiellen Dasein all der Dinge um dich herum, denn du bist für dich da, dir selbst gegenwärtig, du gehst mit dir um, führst das innigste, vertrauteste und intimste Leben mit dir selbst – wie mit keinem sonst.

Was von dir und der Unzahl der materiellen Teile und Körper des Kosmos um dich herum gilt, diese ontologische Urdifferenz zwischen dem Dasein der Gegenstände und deinem Dasein als demjenigen, der sie wahrnimmt, sie benennt und über sie spricht, finden wir wieder im Verhältnis zwischen den materiellen Teilen und Elementen deines Körpers und dir als demjenigen, der sie wahrnimmt, sie benennt und über sie spricht. Dein Gehirn, das Organ, von dem wir wissen, daß es der kausale Prozessor all deiner Lebensregungen darstellt, besteht aus Milliarden Nervenzellen und Synapsen: Du nur bist der eine und einzige, der von sich sagen kann: „Das ist mein Kopf und unter meiner Schädeldecke befindet sich mein Gehirn. Das ist meine Hand, mit der ich taste und fühle, mit der ich die feinsten und feinfühligsten Bewegungsabläufe und Verrichtungen, wie das Benutzen des Haustürschlüssels oder das Knoten der Schnürsenkel, vollziehen kann.“

Und doch stoßen wir hier auf einen grundlegenden Unterschied, der durch den grobschlächtigen Unterschied zwischen Subjektivität und Objektivität nicht nur nicht abgedeckt, sondern sogar verschleiert wird: Du kannst wohl von deiner Wohnung und deiner Küche, deinem Smartphone und deinen Büchern reden, aber nicht so und im selben Sinne von deinem Kopf und deiner Hand. Einst lebtest du in einer anderen Wohnung, hattest andere Küchenutensilien, hast Bücher neu erworben und alte abgestoßen oder verschenkt. Nicht so mit deinem Kopf und deiner Hand. Deine Organe und dein Körper gehören in einem ursprünglichen Sinn zu deiner Subjektivität, sie definieren eine originäre Meinigkeit, die dir in Bezug auf alle anderen materiellen Gegenstände der Welt, deine Mitmenschen eingeschlossen, abgeht.

Du kannst nur mit deiner Hand etwas fühlen und ertasten, und wenn du mir die Hand gibst, spürst du meine Hand in der deinen, aber du fühlst nicht, wie sich deine Hand in meiner anfühlt. Dein Gefühl, das dir deine Hand vermittelt, ist als Selbstgefühl in sich abgeschlossen, und dennoch ist die Fühlung deiner Hand offen für die Gegenstände, die du ertastest, deren sensorische Qualitäten wie Härte und Weichheit, Trockenheit und Feuchtigkeit, Wärme und Kälte du mit Haut und Hand erfährst.

Wie Descartes anzunehmen, Gegenstände seien als res extensae ontologisch vollständig losgelöst von der res cogitans, die wir als Subjekte darstellen, ist zumindest was die res extensa unseres je eigenen Körpers angeht, falsch. Nennen wir zur besseren Verständigung die leibseelische Einheit, die wir selber sind, im Unterschied von den rein materiellen Entitäten, Meinigkeit oder das inkarnierte Selbst.

Wir sind als inkarniertes Selbst gleichzeitig und gleichursprünglich zu und für uns selbst erwacht und zu und für die Welt, in der wir leben. Die Welt, in der wir leben, wahrnehmen und handeln, ist uns so unmittelbar gegeben und erschlossen wie wir uns selbst. Es ist dasselbe zu sagen: „Ich fühle, daß meine Hand die warme Tasse umfaßt“ und zu sagen: „Ich fühle, wie warm die Tasse ist“ oder schlicht auszurufen: „Wie warm die Tasse ist!“ Wir müssen nicht fragen, wie es denn zugehe, daß einer ontologisch vollkommen vereinzelten und verinselten Subjektivität alle Weltdinge ihr Gesicht zeigen – und zwar kein verschleiertes oder entstelltes oder scheinhaftes, sondern ihr echtes und wahres Gesicht –, wo doch die Dinge als Mengen und Massen von Gegenständen oder Atomen und Molekülen keine Spur der Meinigkeit aufweisen, die uns so vertraut ist. Denn die Gegenstände als Mengen und Massen von Entitäten, Elementen und Atomen aufzufassen, ist ein abstraktes Denkschema, das wir einem grob interpretierten physikalischen Modell entleihen. Wenn du am Morgen erwachst, sammelt und verdichtet sich deine Erfahrung, dich in diesem halbdunklen Zimmer mit den leise heranströmenden Geräuschen der Straße noch müde oder zerschlagen oder auch erfrischt und tatenfroh vorzufinden, gleichzeitig und gleichursprünglich in der Meinigkeit deiner leibseelischen Selbstgegenwart und der Welt, die deine Welt ist und keine andere.

Die ontologische Sonderstellung der Subjektivität hat auch epistemische Besonderheiten zur Folge: Die mentalen Inhalte unseres Bewußtseins erfahren wir nicht mittels der identifizierenden Wahrnehmung von Gegenständen, wie wir eine Blume in der Vase visuell identifizieren, indem wir sie Rose nennen, denn es gibt keine innere Wahrnehmung: Wir gewärtigen die Zustände unseres Erlebens mehr oder weniger klar oder unklar, deutlich oder undeutlich, aber wir müssen uns nicht fragen, ob wir eine Rotempfindung haben oder uns freuen, denn wenn wir etwas Rotes sehen, haben wir eben diese Empfindung, und wenn wir uns freuen, haben wir eben dieses Erlebnis, auch wenn uns manchmal nicht klar ist, ob diese Farbe mehr rot oder rosa, dieses Erlebnis Freude oder nur das Gefühl der Erleichterung ist.

Wir sagen, daß diese Rose größer ist als jene, daß diese Blume keine Rose, sondern eine Lilie ist. Aber wir können nicht sagen, daß sich diese Person als Ereignis der Selbstgegenwart durch bestimmte gegenständliche Qualitäten von jener Person unterscheidet; wenn wir von Unterschieden der Person sprechen, meinen wir Unterschiede der Persönlichkeit, so ist der eine größer, klüger, geschickter oder freundlicher als der andere, aber diese Eigenschaften sind keine Eigenschaften der Selbstgegenwart der Person.

Wir könnten mit Peter F. Strawson annehmen, daß sich die Selbstgegenwarten von Personen auf alle Phasen der Raum-Zeit erstrecken und abbilden lassen, die sie von der Geburt bis zum Tod durchmessen; damit wäre jeder Ereignisstrang einer subjektiven Existenz von jedem anderen unterscheidbar, obwohl dieser Unterschied nicht an unterschiedlichen Eigenschaften gemessen würde – außer dem einen Unterschied, der einleuchtet, wenn man sich klar macht, daß Personen aufgrund ihrer Verkörperung stets unterschiedliche Raum-Zeit-Punkte der Welt einnehmen. Damit wäre auch ausgeschlossen, daß mein Doppelgänger dieselbe Person wie ich sein könnte, einfach weil sein Roterlebnis an einem anderen Punkt der Raum-Zeit stattfände als das meine.

Warum befriedigt diese bestechende Theorie bei näherer Betrachtung unser theoretisches Bedürfnis nicht völlig? Weil, wie wir gesehen haben, die leibseelische Gegenwart oder das inkarnierte Selbst durch eine Meinigkeit bestimmt wird, die sich auch auf sein ganzes leibliches Dasein erstreckt. Ich erlebe meine Freude nicht rein innerlich, sondern gleichzeitig und gleichursprünglich mit den Enervationen meiner Gesichtsmuskeln, die ein Lächeln auf meinem Gesicht verursachen. Wenn du mich freundlich oder herablassend anschaust, ist der freundliche oder verächtliche Ausdruck deines Gesichts und deiner Körperhaltung ein integraler Teil deines mentalen Zustands. Wenn du mich von weitem auf der Straße erkennst und meinen Namen ausrufst, um mich zum Verweilen zu veranlassen, hast du nicht zuerst innerlich meinen Namen auf mentalesisch vor dich hingesprochen, sondern deine physisch ausgeformte verbale Kundgabe ist gleichzeitig und gleichursprünglich mit deinem Sprecherlebnis.

Der Unterschied der raumzeitlichen Phasenverläufe der subjektiven Existenzen scheint demzufolge nicht hinreichend, um die ontologischen Unterschiede der subjektiven, vollständig inkarnierten Existenzen anzugeben. Auch wenn deine momentane Rotempfindung angesichts der Rose in dem Beet, vor dem wir beide stehen, meiner Rotempfindung wie ein Ei dem anderen gliche, verknüpfst du dennoch diese wie all deine anderen Wahrnehmungen mit Erinnerungen oder Erwartungen, Sehnsüchten oder Befürchtungen, deren mentales Netzwerk sich gänzlich von dem unterscheidet, in welchem meine intentionalen Bewußtseinsinhalte verknüpft sind.

Wenn wir uns begegnen und kennenlernen, erzählen wir uns Geschichten, die vielleicht in dem einen oder anderen Punkt ähnlich sein können, aber sich in dem wesentlichen Punkt unterscheiden, daß ich deine Geschichten nicht willkürlich und beliebig in meine Geschichten transplantieren, nicht deine Geschichten ohne weiteres als meine Geschichten wiedergeben kann. Dies gilt auch für den Fall, daß wir streckenweise gemeinsame Erlebnisstrecken durchmessen haben: Sie werden, wenn du von ihnen erzählst, intrinsische Teile deiner Geschichte. Schließlich sind wir die Personen, die sich selbst ihre Geschichten erzählen, gleichgültig wie groß der Anteil an Träumen, Illusionen und Fiktionen daran sein mag.

Doch Meinigkeit und leibseelische Selbstgegenwart sind als ontologische Tatsachen keine Täuschungen und Illusionen einer raffinierten biologisch-evolutiven Strategie, sondern die Bedingungen und Voraussetzungen für die Tatsache, daß wir Täuschungen erliegen und Illusionen aufsitzen können. Du erwachst in deinem Zimmer, glaubst dich aber in einem Haus und einer Gegend am Meer, in der du vor langer Zeit einmal deine Ferien verbracht hast, und wirklich hörst du die ferne Brandung rollen und den Glockenschlag der alten Turmuhr des Dorfes. Doch es waren Überhänge eines Traums, die sich mit der unterschwelligen Wahrnehmung der Geräusche des Straßenverkehrs und des Hämmerns auf einer Baustelle vermischten, was dir völlig erwacht als Täuschung aufgeht, nachdem du die Realität des Orts deiner Selbstgegenwart hast feststellen können.

Die Meinigkeit, das inkarnierte Selbst oder die leibseelische Selbstpräsenz sind die ontologischen Urtatsachen, die unser Leben hienieden ausmachen. Aber wie Fichte anzunehmen, neben der originären Urtatsache des Ich sei der ontologische Rest der Welt als Nicht-Ich zu definieren und zu begreifen, ist falsch: Denn die Welt, in der wir je unsere Gegenwart erfahren, umfaßt auch diejenigen, denen wir ihrerseits ein Dasein als Meinigkeit und inkarniertes Selbst zuschreiben: die Mitmenschen.

Wir können diesen Befund sentenzenartig so fassen: Ich nehme deinen Körper als Manifestation deiner Seele wahr und vice versa du meinen Körper. Wenn ein Lächeln dein Gesicht aufhellt, merke ich, daß du dich freust; das Lächeln ist kein isoliertes Phänomen, das ich interpretierend deinem inneren Zustand zuschreibe, als könnte ich mich hier insofern irren, daß dein inneren Zustand ein Zustand sein könnte, der von deinem Lächeln verborgen oder kaschiert werden könnte – auch wenn du in einer anderen Situation durchaus verlegen lächeln könntest. In solchen Fällen merkte ich an anderen Zeichen, deiner Haltung, deinem Erröten, deinem Stottern, daß du dich nicht freust, sondern verlegen bist.

Wir können sagen, daß die Meinigkeit oder das inkarnierte Selbst immer schon aufgeschlossen und bezogen auf die Welt ist, in der wir leben, und ebenso immer schon aufgeschlossen und bezogen ist auf diejenigen, denen wir als Mitbewohner unserer Welt Meinigkeit zusprechen. Ebensowenig wie ich im selben Sinne von meiner Hand wie von meiner Wohnung reden kann, kann ich von deiner Hand im selben Sinne reden wie von deiner Wohnung. Du kannst ja nach Belieben aus deiner Wohnung ausziehen, nicht aber aus deinem Körper. Du deinerseits kannst ab und an deine Wohnung renovieren, aber die Tatsache, daß du sterben wirst und kein anderer für dich sterben kann, kannst du durch keine medizinischen Restaurationen deines Körpers aus der Welt schaffen.

In der Begegnung mit den Mitmenschen sind wir immer schon mit der Tatsache des zeitlichen oder historischen Daseins konfrontiert, mit der Tatsache der Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Wir begreifen in der Verletzlichkeit und Sterblichkeit des anderen unsere eigene Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Wir würden ihr nicht gerecht, wenn wir sie als peinliche und verstörende Erinnerung an die irdisch-animalische Gebundenheit und Hinfälligkeit unserer eigenen Existenz und damit als bedrohlich und beängstigend wahrnähmen. Ja, wir können mit einiger Eindringlichkeit konstatieren, daß in unserer Fähigkeit, der zeitlichen, verletzlichen und todgeweihten Existenz des anderen in unserem Wahrnehmen und Handeln möglichst gerecht zu werden, ein Ursprung dessen liegt, was wir Verantwortung oder schlicht Moral nennen.

Die Bedeutung der zeitlichen oder historischen Existenz der Meinigkeit erschließt sich uns in der sprachlich-historischen Tatsache, daß wir als Personen existieren, die einen Namen haben. Ja, wir können so weit gehen zu sagen, daß Subjektivität sich in der Tatsache des Namens der Person manifestiert und offenbart. „Er hieß so und so, hat dann und dann und da und dort gelebt und ist an jener Stelle beerdigt worden“– mit dieser schlichten Aussage erfassen wir die Wahrheit des subjektiven Lebens.

Gewiß tritt mit der ontologisch bedeutsamen Tatsache der Benennung der Person die ganze sprachliche Wirklichkeit unserer Existenz vor Augen. Wir weisen hier aber darauf hin, daß Subjektivität nicht auf die sprachlichen Formen der Kommunikation reduziert werden kann. Auch Tiere vermögen durch Verwendung geeigneter Signalsysteme miteinander zu kommunizieren, aber sie rufen sich nicht mit Namen, verknüpfen nicht wie wir ihre Erinnerungen an dieses und jenes Mitgeschöpf mit dem Namen, den es trägt.

Im übrigen setzt die korrekte Verwendung des Personalpronomens naturgemäß die Bekanntschaft mit der Instanz, auf die ich es münze und anwende, voraus. Der Psychotiker, der sich mit einer anderen Person oder einem Phänomen seiner Umwelt identifiziert und verwechselt, kann die Personalpronomina immer noch korrekt verwenden, auch wenn ihm das eigene Ich aus der leibseelischen Einheit verschwunden sein mag. Er wähnt sich dann nicht in seinem Körper, sondern weist auf sich als denjenigen, der da und dort auf ein obskures Eiland verbannt sei oder noch unter der im tiefen Ozean schlummernden Schale des Welteneis stecke.

Hier berühren wir einmal mehr die ontologische Differenz zwischen dem tierischen und menschlichen Leben. Dein geliebter Hund Fips denkt nicht an dich, wenn du einkaufen gegangen bist, wie wir an unseren Freund denken, indem er sich etwa sagt: „Hoffentlich läßt Walter mich diesmal nicht wieder so lange allein!“ Fips mag durchaus den tierseelischen Zustand des Wartens oder einer unausgefüllten, gespannten inneren Leere erleben, aber er weiß nichts davon, daß er, Fips, auf dich, auf Walter oder Hildegard, wartet. Dein Hund scheint auf seinen Namen zu hören, wenn du ihn „Fips“ rufst. Doch dieser Namen ist kein echter Name, sondern ein lautliches Signal zur Einleitung eines Verhaltens, wie der Begrüßung, des Streichelns oder der Nahrungsausgabe. Fips ist nicht in der Lage, mit sich zu sprechen und wie Walter sich sagen mag: „Mensch Walter, da bist mal wieder über die Stränge geschlagen!“ sich zu sagen: „Hund Fips, da bist du mal wieder über die Stränge geschlagen!“ Wir sprechen demnach unseren tierischen Freunden und den Tieren überhaupt, von Pflanzen zu schweigen, nicht diejenige Form der Meinigkeit selbstpräsenter zeitlicher und historischer Existenz zu, die wir an uns selbst erleben und den Mitmenschen zusprechen.

Die Sprache ist über die Funktion der Benennung hinaus auch das Medium der Selbstverständigung der Subjekte in den Zeithorizonten von Erinnerung, Vergegenwärtigung und Erwartung. „Gestern habe ich das Geschenk gekauft, jetzt packe ich es in schönes Papier ein, morgen bringe ich es meiner Freundin“ – eine typische Sequenz von sprachlich artikulierten Gedanken, die allerdings die Tatsache der Meinigkeit voraussetzen. Denn ich bin derjenige, der den zeitlichen Horizont um den Nullpunkt meiner Selbstgegenwart ausspannt, in den ich meine Erinnerungen, Wahrnehmungen und Absichten eintrage und einordne.

Wir könnten versucht sein zu fragen, ob die Subjektivität, wenn sie uns nur als leibseelische Einheit gegeben ist, nicht eine materielle Struktur besitzen müsse. Aber das wäre genauso verfehlt wie zu fragen, ob das Schachspiel, das wir mit hölzernen Figuren spielen, aus Holz sein müsse. Gewiß, wir spielen Schach mit hölzernen Figuren, das Spiel ist aber nicht wiederum eine Figur, sondern die Struktur der Regeln, nach denen wir die Figuren bewegen. Und diese Struktur und diese Regeln sind weder aus Holz noch figürlich darstellbar. Die Neurowissenschaftler, die, von Ideen begriffsblinder Philosophen verführt, nach der materiellen Form und Struktur des Selbst suchen, sind demnach auf dem Holzweg.

Wenn wir den großen Begriff der Transzendenz im Munde führen wollen, was wir nur mit Bedacht und nicht ohne Scheu tun sollten, dann an dieser Stelle, wenn wir uns der Ontologie des Selbst zuwenden: Denn das Selbst ist kein Teil der Welt, von der die Physiker, Chemiker und Biologen handeln. Wir können es mit dem Schatten vergleichen (und der Vergleich der Seele mit einem Schatten ist alt), der nichts als die Abwesenheit des sichtbaren Lichts ist. Freilich, aus dem Schatten des Hauses oder Baumes können wir heraustreten, den eigenen werden wir nicht los. Die biblische Rede davon, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf, meint eben dies, die Transzendenz des Selbst.

Apr 25 16

Selbstisch – Über einige Formen der narzißtischen Ich-Störung

Eine Materialie zur Philosophie der Subjektivität

Dir flog eine kleine Fliege ins Auge. Der nervöse Reiz ist so stark und unabweislich nötigend, daß du gezwungen bist, augenblicks das Störungsfeld zu besichtigen und den Schaden zu beheben.

Wenn du Zahnschmerzen hast, bist du, solange sie anhalten, mit nichts anderem beschäftigt, der Schmerz zieht deine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Alle anderen Reize und Wahrnehmungen, die auf dich einströmen, sind des Guten zuviel, du blendest sie möglichst aus, denn sie aufzufassen und gebührend zu verarbeiten, reicht deine irritierte Aufmerksamkeit nicht aus.

Ich kann dir eine Last abnehmen, die du auf dem Rücken trägst. Die nervöse Irritation, die pathogene Ablenkung der Aufmerksamkeit und den Schmerz kann ich dir nicht abnehmen. Ich kann auch nicht in einem gleichursprünglichen Sinne nachvollziehen, wie es für dich ist, irritiert, abgelenkt und unkonzentriert zu sein oder Schmerzen zu empfinden. Der nervöse Regelkreis der Aufmerksamkeit und Schmerzen sind intrinsische Formen der Subjektivität, die nicht vertreten oder adäquat repräsentiert werden können.

Wir nennen Ich-Störungen pathologisch (in skalierbaren Schweregraden), wenn sie den Betroffenen zeitweise oder auf Dauer der Fähigkeit berauben oder die Fähigkeit einschränken, an den sozialen Lebensgewohnheiten seiner Gemeinschaft teilzunehmen. Wir erfahren von Hermann Hesse, er habe sich geweigert, bei der Beerdigung seiner eigenen Mutter anwesend zu sein; von Goethe, er sei nicht willens und in der Lage gewesen, das schmerzvolle Sterben seiner Frau Christiane in teilnehmender Nähe mit anzusehen und ihr die letzte Ehre des Abschieds auf dem Friedhof in Weimar zu geben (der Leichenzug ging wohl an seinem Fenster im Haus am Frauenplan vorbei, wo er sich verkrochen hatte).

Wir gehen wohl richtigerweise davon aus, daß hartnäckige oder stereotype Formen der Weigerung, dem Leiden und Sterben von nahestehenden Mitmenschen die gebührende Achtung und sozial konventionalisierte Aufmerksamkeit (gefühlshafte Anteilnahme, Trauer und Trauerrituale) zu bezeigen, auf das unbewältigte (und vielleicht nicht völlig bewältigbare) ursprüngliche Trauma, das Wissen um die eigene Versehrbarkeit und den eigenen Tod, verweisen. Formelhaft können wir sagen: Der tieferliegende Grund der Ich-Störungen, nämlich die Bedingung ihrer Möglichkeit, beruht auf der Conditio humana der Verletzbarkeit und Sterblichkeit des Menschen als eines natürlichen Organismus, und zwar in dem Schweregrad, wie der Sinn für die menschliche Fragilität und Hinfälligkeit bei den Betroffenen durch frühe Traumatisierungen in ein Übermaß oder Unmaß der Irritation und Verängstigung gesteigert ist.

Der funktionale Sinn der nervlichen Irritation und des Schmerzempfindens ist es, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um ihre Ursachen zu beseitigen oder zumindest die Intensität des störenden Erlebens zu mildern. So suchst du unter dem Augenlid nach dem Störenfried, der dich belästigt, und fischst die Fliege mittels eines geschickt manövrierten Taschentuchs heraus. Es bleibt dir manchmal keine Wahl, als dir den faulen Zahn als Ursache der Schmerzen durch einen zahnärztlichen Eingriff ziehen zu lassen, was dir für einige Momente noch größere Schmerzen bereiten mag, die ertragen zu müssen die Aussicht auf baldige Schmerzfreiheit entschädigt.

Wir sehen hier den funktionalen Zusammenhang zwischen der erfahrenen Not und dem Erfindungs- und Forschergeist des Menschen, kurz seiner Intelligenz. Denn Not lehrt bekanntlich nicht nur beten, sondern mehr noch denken (während wir sagen sollten, das dankbar empfundene Erlebnis tiefer Beglückung lehre beten im Sinne des Dankens, aber auch dichten im Sinne des Preisens und Rühmens). Die conditio humana im großen Lebenskontext des drohenden Hungers und anderer natürlicher Unbill gibt unserer Aufmerksamkeit den kulturellen Leitfaden an die Hand, durch Einsatz probater Mittel Notlagen zu wenden.

Intelligenz ist wie wir sehen kein abstraktes Vermögen eines beliebigen Verfahrens, sondern die Fähigkeit, besonnen, klug und angemessen zu handeln. Handeln aber ist der Humus des menschlichen Lebens und aller Geschichte, nämlich die Leistung, den eigenen Körper im Bewegungs- und Spielraum der Umwelt sinnvoll in Aktion zu setzen, zu gehen und zu laufen, zu warten und zu beobachten, zu greifen und zu bewegen, aber auch Materialien in sinnvoller Weise zu zerlegen und für den Werkzeuggebrauch neu zusammenzusetzen.

Wir bemerken, daß die menschliche Aufmerksamkeit und Intelligenz an Willensfunktionen gebunden sind, nämlich die natürlichen Impulse zu handeln. Daher ist die Rede von einem unbewußten Willen, wie wir sie bei Schopenhauer und leider auch in seiner Nachfolge bei Freud finden, insofern sinnwidrig, als Wollen bedeutsam nur sein kein auf dem Hintergrund der mehr oder weniger intelligenzbegabten Willkürbewegungen, die wir mit unseren Gliedmaßen ausführen.

Nach diesem Exkurs kommen wir also zu der Schlußfolgerung, daß Ich-Störungen Beeinträchtigungen des Willens zu intelligentem Handeln darstellen oder zumindest implizieren.

Das wollen wir beispielhaft erläutern. Ein verbreitetes, einigermaßen harmloses psychisches Zeichen für eine narzißtische Ich-Störung sind sentimentale Selbstverhaftungen wie Wehleidigkeit und Selbstmitleid. Der Wehleidige zieht sich oft schon bei geringfügigen Anlässen und Ereignissen, die sein übermäßiges oder übergroßes Selbstbild ein wenig in den Schatten stellen, in seine vier Wände zurück und glänzt bei den anderen durch Abwesenheit, weil er beispielsweise versehentlich nicht wie die anderen Gäste mit einer Einladungskarte bedacht, sondern in der Eile nur telefonisch unterrichtet wurde. So befriedigt er ein kleines Rachegelüst, wenn er die Freunde seine fehlende Gegenwart schmerzhaft spüren zu lassen gedenkt (wenn auch in Wahrheit die Tatsache, daß er der Einladung zur Geburtstagsfeier nicht gefolgt ist, bei den Anwesenden nur ein kurzes Kopfschütteln hervorrufen mag). Andererseits suhlt er sich aber auch in Selbstmitleid, sich solcherart von der Gesellschaft ausgestoßen fühlen zu können.

Der triviale Umstand, daß sich der Wehleidige durch geringfügige Anlässe zurückgesetzt oder gekränkt fühlt, weist auf eine Lähmung seines Willens zur angemessenen Interaktion hin; aber auch auf eine tiefer gehende Kränkung, die ihm in früher Kindheit durch Vater oder Mutter widerfahren sein mag und die ihm die falsche Lektion gelehrt hat, das erlittene Hemmnis nicht aktiv durch Handeln wettzumachen, sondern die Kränkung durch passive Formen des Gekränktseins und Den-Gekränkten-Spielens, des Krankseins oder Den-Kranken-Spielens zu kompensieren. Es ist in derlei Fällen zu vermuten, daß das wehleidige Kind schließlich die Aufmerksamkeit der sensiblen Mutter hat auf sich ziehen können; wir sprechen sinnigerweise von Krankheitsgewinn.

Wenn wir die Urform der Ich-Störung einerseits mit dem Wissen um die Versehrbarkeit und sterbliche Hinfälligkeit der Menschenwesen in Verbindung setzen und andererseits mit der Funktion des Willens als Urform des intelligenten Handelns, können wir unsere Schlußfolgerung sentenzenhaft auch so ausdrücken: Das vom Wissen um den Tod gekränkte und den Tod nicht wahrhaben wollende Ich will nicht sein, wie alle anderen sind. Alle anderen sind verletzbar und müssen sterben. Das kranke Ich dünkt sich unverletzbar und unsterblich. Da ihm aber das Wissen um seinen Tod nicht völlig verschlossen bleibt, wälzt es sich gleichsam ein Leben lang auf dem Pfuhl dieses Selbstwiderspruchs.

Narzißtisch gestörten Charakteren begegnen wir öfters unter Künstlern. Warum? Weil der Kult um das Werk und die Aureole seiner Unsterblichkeit oder zumindest seiner Einzigartigkeit, die Künstler und Werk vom Publikum und von ihnen selbst gern umgelegt wird, den Narziß in seinem Ich-Wahn und Ego-Dünkel bestärken. Wenn er schon sterben muß, so nicht sein Name und sein Werk. Und wenn Atome seiner Seele auf magische Weise in seinem Werk enthalten sind, dann lebt er mit ihm fort. Solange sein Name genannt, sein Werk gelesen oder zitiert wird, ist er nicht ganz tot. Wenn er aber zu Lebzeiten immer weniger genannt, immer weniger gehört und gelesen, kaum noch zitiert wird, glaubt er sich schon ante mortem tot oder scheintot.

Warum unter Künstlern, warum nicht unter Wissenschaftlern? Nicht ausschließlich wegen einer spezifisch geformten und geneigten Intelligenz, sondern deshalb, weil Wissenschaftler der seriösen Art in einem permanenten disziplinären und interdisziplinären Austausch ihre methodisch begründeten Forschungsergebnisse einander zur Begutachtung vorlegen und dabei das Ziel der Objektivierung und Fundierung ihrer Arbeiten auch unter Inkaufnahme kritischer Einwürfe der geschätzten Kollegen nicht aus dem Auge verlieren. Der narzißtische Künstler scheut nicht nur Kritik, sondern weist sie als in Hinsicht auf seine Ausnahmestellung als Person und künstlerisches Genie ungeziemend, ja ehrabschneidend und rufmörderisch mit aller Schärfe zurück. Dieser pathologische Befund ist mittlerweile zum Standard und unter dem schillernden Begriff der künstlerischen Freiheit zum Aushängeschild der Kunstproduktion und Kunstpräsentation geworden, das keinen zurückweist, auch wenn er mangelndes Talent durch Frechheit, Schamlosigkeit und Chuzpe auszugleichen wähnt. Es verhält sich hier analog zum Mißbrauch des Begriffs der freien Meinungsäußerung, die dem vulgären Geschmack denselben Rang einräumt wie dem sublimen und die Hervorbringungen würdeloser Satiriker und Gossen-Poeten mit demselben Namen benennt wie die Verse Goethes und Hölderlins. Es ist dabei erhellend zu bemerken, daß in Zeiten, die das glänzende Schaffen der Goethe, Schiller, Hölderlin und Kleist, ja noch eines Trakl und Rilke gesehen, nicht nur eine mehr oder weniger strenge Zensur die Produktiven sinnigerweise vor dem erstbesten Auswurf der sich kratzenden, sich scheuernden oder sich erbrechenden Seele bewahrte, sondern unser narzißtisch gekränkter Künstler die wenigsten Chancen gehabt hätte, eine Bühne oder ein Lesepublikum zu ergattern – unter anderem sorgten die anerkannte Autorität und kritische Stimme der Großen ihres Handwerks und der gebildete Geschmack des Publikums dafür, daß geistige Leere sich nicht hinter Geschrei und obszönen Gesten verstecken konnte.

Man könnte sagen, der Narziß hat ein falsches Selbstbild aufgebaut, das dem einer ägyptischen Mumie nicht unähnlich ist. Nur ist er bei lebendigem Leibe mumifiziert und im Zeitlichen dem glänzenden Schein der Ewigkeit gestorben. Der Selbstverliebte aus tiefer Kränkung klebt am Spiegelbild eines geschönten, verklärten Selbstbildes, dessen Reflexe er auch in den Augen der Mitmenschen sucht, und wehe, er findet sie dort nicht oder sie verschließen die Augen vor ihm: Sein Groll ist ihnen sicher.

Tätigkeit war das Remedium, das sich der lyrisch-stiller Betrachtung so sehr hingegebene Goethe verordnete. Tätig zu sein und sinnvolles Tun und Vollbringen, wie klein es auch beginne, bedarf indes der Einfügung der ichlichen Bestrebungen in eine übergeordnete, zweckhafte Struktur, ob wir nun ein Mahl zubereiten oder die Wohnung fegen und aufräumen, mit Kindern spielen oder mit Freunden uns unterreden. Das Rezept und die reinliche Ordnung, das Spiel und die Form des Dialogs geben hierfür die Strukturen vor, in die wir uns gern einfügen. So finden wir Erfüllung unserer selbst im Dienst an einem uns aufnehmenden größeren Ganzen.

Die narzißtische Störung zeigt sich in der trotzigen und rebellischen Weigerung, sich einem höheren Zweck unterzuordnen, der narzißtische Charakter ist der Urtypus des Rebellen, der jede Form der Dienstbarkeit und der Demut als Einschränkung und Kränkung seiner Selbstherrlichkeit entrüstet von sich weist.

Kommen wir nochmals zum Fall Hermann Hesse zurück, der in vielen literarischen Gestalten die Situation des gekränkten Kinds und des unverstandenen Künstlergenies, aber auch die stille und erhabene Gegenwelt einer menschliches Maß übersteigenden, großen Natur auf der einen und die grelle, orgiastisch aufzuckende Welt des trotzigen oder verzweifelten Rebellen gegen die harte, dem Mammon huldigende Welt der Väter auf der anderen Seite dargestellt hat. Hesse reicherte unser Bild der narzißtisch gekränkten Persönlichkeit mit seiner Biographie und seinen literarischen Gestalten um zwei wichtige Motive an: die Ambivalenz des Wunsches, verstanden und anerkannt zu werden und doch als ewiges Rätsel herumzugeistern, und den für den Ich-Verstörten so elementaren Impuls zum Selbstmord oder zu Suizidgedanken.

Den Ich-Kranken verlangt es nach nichts mehr, als vom Applaus umbrandet und von allen und am meisten den größten Autoritäten gehört und hofiert zu werden. Oft setzt er als Künstler seine ganze Energie, seine Liebes- und Lebenschancen, ja seine Gesundheit aufs Spiel, um dieses Ziel durch obsessive Vollbringung seines Werkes zu erreichen. Doch wird er gelobt, klingt der Applaus in seinem Ohr, mag er für einen Augenblick am Rand der Bühne aufblühen und strahlen, im nächsten schaut er betreten und verlegen zur Seite, denn keine Anerkennung dringt wirklich ganz in das Dunkel seiner gekränkten Seele, eine jede muß er sich letztlich versagen, weil sein Selbstgefühl wie ein Vogel auf dem schwankenden Blatt der Teichrose zittert. Nur die fühlen wir er selbst, nur die am Dasein leiden, dunkel und heillos wie er selbst, könnten ihn verstehen. Aber da er sich als einzigartig und singulär betrachtet, hüllt er sich in das hochmütige Schweigen des von Huldigungen zugleich Geehrten und Mißverstandenen.

Hesse hat wie kaum ein Künstler vor ihm und nach ihm die Welt der Väter als Hölle des rohen Egoismus und des unzarten Umgangs mit den Mitmenschen dämonisiert und verketzert, wie der berühmte Brief an den Vater bezeugt. Darin fand er ein schrilles Echo in der aufbegehrenden Jugend zunächst der USA, dann halb Europas. Nun ist der Vater immer darin mächtiger als der Sohn, als er ihn und nicht dieser jenen gezeugt hat. Das ist eine für den gewöhnlichen Erdling seltsame Kränkung, aber sie motiviert den narzißtisch geprägten Haß des Späteren auf den Früheren.

Der Ich-Kranke ist der typische Selbstmörder. Hesse hat einen mißglückten Suizid überlebt, seine persönlichen Zeugnisse und die Reflexionen seiner Protagonisten drehen sich oft um das freiwillige Ende. Warum fühlt sich der Kranke hienieden aufs elementarste unwohl und unbehaust? Nun, weil sich die Welt nicht um ihn dreht, nicht seine Welt ist, ja im Letzten sein Leben nicht einmal ganz ihm zu eigen sein kann, wird es doch heimgesucht von so vielen Leben, die ihm vorausgingen, von so vielen Sprachen und Zeugnissen mitgesprochen und mitgelesen, die er nicht selbst erschaffen und gestaltet hat. Er ist unter den Wellen des unendlichen Ozeans eine unter unzähligen. Dieser Gedanke ist ihm unerträglich, er möchte als einzelne Welle lieber untergehen, wenn er nicht das ganze Meer sein kann.

Wir sahen, wie deine ganze Aufmerksamkeit von der kleinen Fliege in Beschlag genommen wird, die dir ins Auge flog. Der Kranke, den wir hier in einigen Zügen porträtiert haben und der als Anlage und Schatten in uns allen umgeht, ist gleichsam besessen von dem Fremdkörper, der seine Seele befallen hat, und alles unbeholfene Kratzen und Scheuern bringt ihn nicht heraus. Was ist dieser Fremdkörper? Es ist der Atem Gottes, der ihm den tiefsten Grund des Lebens der Seele eingab, ohne den er ins Nichts versänke, aus dem jener ihn berief. Vor dieser fremden Macht und Herrlichkeit kann das starre und steife Selbst des seelisch Kranken das Knie nicht beugen.

Apr 25 16

Eine Träne weiter

Verwandlung war nur einen Frühling weit,
du klommst den steilen Rheinsteig.

Ein Engel saß auf den Steinen,
ein Flügel war dunkel von Moos.
ein Flügel brannte von Vogelgeschrei.

Vergebung war nur eine Träne fern,
du schlichest am Ufer entlang.

Ein Junge saß auf den Stufen,
eine Blume in der Hand,
eine keinem geschenkte Blume.

Liebe war nur einen Duft entfernt,
du hattest den Koffer gepackt.

Ein Bettler saß am Bahnsteig,
einen Filzhut in der Hand,
einen fernwehalten Hut.

Andacht war nur eine Glocke fern,
du hörtest die Lilien weinen.

Eine Greisin kniete vor dem Altar,
ihr Haar war schmutziger Schnee,
ihr Mund kaute das Schweigen.

Heimat war nur einen Lidschlag fern,
du kamst zur schönen Aussicht.

Ein Zwerg saß auf der Bank,
er sang ein Lied vor sich hin,
du hastʼs an den Tränen erkannt.

Apr 25 16

Gerard Manley Hopkins, Easter Communion

Pure fasted faces draw unto this feast:
God comes all sweetness to your Lenten lips.
You striped in secret with breath-taking whips,
Those crooked rough-scored chequers may be pieced

To crosses meant for Jesus; you whom the East
With draught of thin and pursuant cold so nips
Breathe Easter now; you serged fellowships,
You vigil-keepers with low flames decreased,

God shall o’er-brim the measures you have spent
With oil of gladness, for sackcloth and frieze
And the ever-fretting shirt of punishment

Give myrrhy-threaded golden folds of ease.
Your scarce-sheathed bones are weary of being bent:
Lo, God shall strengthen all the feeble knees.

 

Osterkommunion

Von Verzicht erhellte Gesichter nahen diesem Mahl:
Gott reicht alle Süße eurem Fastenmund.
Ihr innerlich gestriemt von stickendem Stachelbund,
die krummen roh-gebogenen Muster bilden nun den Pfahl

des Kreuzes um Jesu willen. Euch, die der Osten
mit dünnen, scharfen Zähnen der Kälte beißt,
sei Ostern warmer Hauch. Euch, im Bund verschweißt,
euch mit dem Funzellicht auf Wächterposten,

wird Gott die Becher eurer Spenden überfüllen
mit dem Öl der Freude, für das grobe Linnen und die Litzen
und das immer kratzige Büßerhemd euch hüllen

in von Myrrhe umwundene goldene Wonnespitzen.
Krümmens müde sind die Knochen, um die sich Fetzen knüllen,
Seht, Gott wird all die schwachen Knie stützen.

Apr 24 16

Bis ein Falter zittert

Streck nur aus die grüne Seite,
die dein Wort ins Lichte wölbt.
Das verbrannte Seelenblatt
schieb der Erde in den Mund.

Nur was du behüten magst,
laß auf deiner Wiese weiden.
Deiner Zweifel ungehörntes Lamm
halte still im treuen Pferch.

Nur wenn Träumen kochen mag,
wird aus Früchten Saft.
Deiner Ängste Kellerknollen
laß nur treiben bleiche Sprossen.

Hör, die Raupe schmatzt im Dunkel,
ihr Gedärm wird Lichtkristall.
Kaue deine Wünsche wieder,
bis ein Falter auf der Lippe zittert.

Apr 24 16

Gerard Manley Hopkins, Spring and Fall

Margaret, are you grieving
Over Goldengrove unleaving?
Leaves, like the things of man, you
With your fresh thoughts care for, can you?
Ah! as the heart grows older
It will come to such sights colder
By and by, nor spare a sigh
Though worlds of wanwood leafmeal lie;
And yet you will weep and know why.
Now no matter, child, the name:
Sorrow’s springs are the same.
Nor mouth had, no nor mind, expressed
What heart heard of, ghost guessed:
It is the blight man was born for,
It is Margaret you mourn for.

 

Frühling und Herbst
Einem kleinen Kind

Margarete, ist dein Herz so taub,
weil in Goldengrove nun gilbt das Laub?
Blätter dauern dein junges Gemüt,
nicht wahr, wie alles, was unter Menschen blüht?
Ach, wenn deines Herzens Stängel knicken,
wird es kalt und kälter blicken,
nach und nach, und dein Seufzen verhält,
selbst wenn die Blätter häuft der fahle Wald der Welt.
Und doch ist da die Träne, du weißt es, wem sie fällt.
Jetzt zählt für dich, mein Kind, kein wer und was:
Die Brunnen der Trauer füllt dasselbe Naß.
Kein Mund sprach aus, keiner Klugheit Staunen,
was Herzen hören, Geister raunen:
Es ist der Mensch, dem Leben Tod vergilt,
es ist Margarete, der deine Träne quillt.

Apr 23 16

Gerard Manley Hopkins, Moonless darkness

To a young child

Moonless darkness stands between.
Past, the Past, no more be seen!
But the Bethlehem-star may lead me
To the sight of Him Who freed me
From the self that I have been.
Make me pure, Lord: Thou art holy;
Make me meek, Lord: Thou wert lowly;
Now beginning, and alway:
Now begin, on Christmas day.

 

Mondlose Finsternis

Mondlose Finsternis steht inmitten,
Einst, o Einst, dem Blick längst entglitten,
Doch der Stern von Bethlehem geb mir Geleit
unter das Angesicht dessen, der mich befreit
von jenem, der zu sein ich erlitten.
Mach mich rein, Herr: Du bist heilig.
Mach mich fromm, Herr: Du warst niedrig.
Jetzt sei der Beginn, der nimmer mich läßt:
Jetzt der Beginn, am Weihnachtsfest.

Apr 23 16

Gerard Manley Hopkins, Pied Beauty

Glory be to God for dappled things—
For skies of couple-colour as a brindled cow;
For rose-moles all in stipple upon trout that swim;
Fresh-firecoal chestnut-falls; finches’ wings;
Landscape plotted and pieced—fold, fallow, and plough;
And all trades, their gear and tackle and trim.

All things counter, original, spare, strange;
Whatever is fickle, freckled (who knows how?)
With swift, slow; sweet, sour; adazzle, dim;
He fathers-forth whose beauty is past change:
Praise him.

 

Gefleckte Schöne

Gott sei verherrlicht für die Flecken auf den Dingen –
für des Himmels Farbenpaar gescheckter Kühe,
für die gestochenen Rosenmale der Forelle,
wenn der Kastanien frische Gluten fallen, Finken springen,
Äcker und Fluren gefaltet sind, gefurcht von Pfluges Mühe,
und all das Werken der Geräte, Geschirre und Gestelle.

Alle Dinge zählen, sind eigen, seltsam, scheu,
was immer sommersprossig (von wannen bloß?) erblühe,
es eilt und weilt, süß und sauer, loht laut, lischt leis,
er zeuget fort, seine Schöne wandelt wieder neu,
ihm sei der Preis.

Apr 22 16

Gerard Manley Hopkins, Rosa mystica

The rose is a mystery–where is it found?
Is it anything true? Does it grow upon the ground?
It was made of earth’s mould, but it went from men’s eyes,
And its place is a secret and shut in the skies.
In the gardens of God, in the daylight divine,
Find me a place by thee, mother of mine.

But where was it formerly? Which is the spot
That was blest in it once, though now it is not?
It is Galilee’s growth: it grew at God’s will
And broke into bloom upon Nazareth hill.
In the gardens of God, in the daylight divine,
I shall look on thy loveliness, mother of mine.

What was its season then? How long ago?
When was the summer that saw the bud blow?
Two thousands of years are near upon past
Since its birth and its bloom and its breathing its last.
In the gardens of God, in the daylight divine,
I shall keep time with thee, mother of mine.

Tell me the name now, tell me its name.
The heart guesses easily: is it the same?
Mary the Virgin, well the heart knows,
She is the mystery, she is that rose.
In the gardens of God, in the daylight divine,
I shall come home to thee, mother of mine.

Is Mary the rose then? Mary, the tree?
But the blossom, the blossom there–who can it be?
Who can her rose be? It could but be One
Christ Jesus our Lord, her God and her son.
In the gardens of God, in the daylight divine,
Show me thy son, mother, mother of mine.

What was the colour of that blossom bright?–
White to begin with, immaculate white.
But what a wild flush on the flakes of it stood
When the rose ran in crimsonings down the cross-wood!
In the gardens of God, in the daylight divine
I shall worship His wounds with thee, mother of mine.

How many leaves had it?–Five they were then,
Five, like the senses and members of men;
Five is their number by nature, but now
They multiply, multiply–who can tell how?
In the gardens of God, in the daylight divine
Make me a leaf in thee, mother of mine.

Does it smell sweet, too, in that holy place?
Sweet unto God and the sweetness is grace:
The breath of it bathes great heaven above
In grace that is charity, grace that is love.
To thy breast, to thy rest, to thy glory divine
Draw me by charity, mother of mine.

 

Rosa mystica

Die Rose ist ein Mysterium – wo ist sie daheim?
Gibt es sie wirklich? Wächst sie aus Erde und Keim?
Sie ward von der Erde genommen, doch entschwand des Menschen Blick,
ihr Wohnort liegt fern und verschlossen in himmlischem Glück.
In den Gärten Gottes, im göttlich-klaren Schein,
Mutter mein, laß mich bei dir sein.

Wo aber wohnte sie zuvor? Welches war der Ort,
von ihr einst gesegnet, ist sie heut auch nicht mehr dort?
Sie ist Galiläas Sprößling, hier wuchs sie auf Gottes Geheiß,
auf dem Hügel von Nazareth erblühte sie leis.
In den Gärten Gottes, im göttlich-klaren Licht,
Mutter mein, blick ich bald in dein liebliches Angesicht.

Welches war ihre Jahreszeit dort? Vor wie langer Zeit?
Welcher Sommer warʼs, der sah ihrer Knospe Kleid?
Zweitausend Jahre fast zählt der Brauch
von ihrer Geburt, ihrer Blüte und ihrem letzten Hauch.
In den Gärten Gottes, im göttlich-klaren Schein,
werde ich, Mutter, bald mit dir sein.

Sage nun mir den Namen, sag ihren Namen mir nun.
Das Herz errät ihn leicht: Es kann sich doch nicht vertun?
Maria die Jungfrau, das Wissen des Herzens ist rein,
sie ist das Mysterium, sie die Rose allein.
In den Gärten Gottes, im göttlich-klaren Schein,
werde ich, Mutter, bei dir zu Hause sein.

Also ist Maria die Rose? Maria, der Zweig allein?
Doch die Blüte daran, die Blüte – wer kann sie sein?
Wer kann die Rose vollenden? Nur einem ist sie Thron,
Jesus Christus, ihrem Gott und ihrem Sohn.
In den Gärten Gottes, im göttlich-reinen Licht,
zeige mir, Mutter, deines Sohnes Angesicht.

Welche Farbe hatte dieser Blüte Glanz?
Weiß steht am Beginn, Weiß ohne Makel ganz.
Doch welch wilde Flamme übergoß ihren Blütenstolz,
als die Rose die Purpurstrahlen des Kreuzes hinabschmolz!
In den Gärten Gottes, im göttlich-klaren Schein,
will ich, Mutter, mit dir Beter vor Seinen Wunden sein.

Wie viele Blütenblätter hatte die Rose? Fünf ist die Zahl,
fünf, so viele wie des Menschen Sinne und Glieder zumal,
fünf, so hat sie Natur gezählt, doch von nun an
werden es mehr, werden mehr – wie, keiner es sagen kann.
In den Gärten Gottes, im göttlich-klaren Schein,
laß mich, Mutter, ein Blatt an dir sein.

Duftet sie süß auch auf jenem heiligen Grund?
Süß zu Gott hin, ist sie der Gnade süßer Mund:
Ihr Atem den hohen Himmel speist
mit Gnade, die Erbarmen, Gnade, die Liebe heißt.
In deinen Atem, in deine Stille, deine göttliche Herrlichkeit,
nimm, Mutter, mich auf, dein Erbarmen ist weit.

Apr 22 16

Leberfleckenlitanei

Ich war mit den gründelnden Fischen,
wenn ihre Schuppen die Mondsichel schabte.

Ich war mit den Mücken die Mücke
und schwirrte auf glänzendem Dung.

Ich wand mich im Schreien der Kuh,
deren Euter prall war und schmerzte.

Ich schlüpfte ins Einschußloch
in Großvaters Fuß und schlummerte ein.

Ich war das Flackern des Flammengeists,
der aus den Rissen des Ofens stieg.

Ich lernte die Ordnung des Lebens auf den Beeten
der Haut, wo Großmutter Leberflecke gesät.

Ich war der blecherne Klang der Cola-Dose,
die der Junge mit dem Ranzen kickte.

Ich war ein Blatt unter den dürren Blättern
auf den Stufen der Wallfahrtskapelle.

Ich war die Ikone auf dem Marienaltar,
sie war rußig und weinte.

Ich sang mit der Schar auf dem Dampfer,
mein Lied tropfte wie Tau vom Moos.

Der Lehrer sagte, es sind Verse Vergils,
schwing dich mit ihnen, meine Lende war Blei.

Die Geliebte zischte, es ist Blut in den Lippen,
es singt, meine Zunge war taub.

Die Mutter sprach, Gottes Grün ist die Ferne,
ich kaute am Bitterkraut Langeweile.

Der Polizist rief, Achtung, ein Hoffnungsschimmer,
ich verbarg mich hinter der Sonnenbrille.

Ich war eine Blase unter den Blasen,
die den Teich der Quappen füllten.

Ich war das zerrissene Trikot,
das im Schlamm des Bolzplatzes faulte.

Ich war die Hostie der mißglückten Kommunion,
die wie ein Libellenflügel am Gaumen klebte.

Ich war die Decke der sternlosen Nacht,
in die sich Mutters Sterben wühlte.

Ich war das Wort, das dir fehlte,
der Mond am Grunde des Brunnens.

Ich war das Wort, das dir fehlte,
der Stern im Nabel der Nacht.

Apr 21 16

Spiel des Lebens

Es ist in der Wolke als blauer Reflex
des müde gewordenen Lichts.
Es ist im Tropfen als Glitzern,
das mit sich selber spielt.

Am Morgen ist es das Flüstern im Gras,
das Ariels Flügel streift.
Am Abend ist es die Nelke des Lichts,
die im Schoß der Mutter welkt.

Es ist zwischen dir und mir
der purpurne Ball des Wort,
den wilde Laune des Winds
von einem zum anderen rollt.

Es ist in der Klage um Trennung
die zitternde Muschel des Munds.
Es ist zwischen Auge und Aug
die Wahrheit des Zwielichts.

Es ist unterm blauen Samt,
den die Abendglocke schlingt
um die kühle Schulter des Kinds,
das stille Brennen des Blatts.

Es ist im Grabe bei Nacht,
wenn nur blasser Mond
dem Andenken verblieb,
die warme Arbeit des Wurms.

Apr 21 16

Gerard Manley Hopkins, Henry Purcell

The poet wishes well to the divine genius of Purcell and praises him that, whereas other musicians have given utterance to the moods of man’s mind, he has, beyond that, uttered in notes the very make and species of man as created both in him and in all men generally.

Have, fair fallen, O fair, fair have fallen, so dear
To me, so arch-especial a spirit as heaves in Henry Purcell,
An age is now since passed, since parted; with the reversal
Of the outward sentence low lays him, listed to a heresy, here.

Not mood in him nor meaning, proud fire or sacred fear,
Or love or pity or all that sweet notes not his might nursle:
It is the forgèd feature finds me; it is the rehearsal
Of own, of abrupt self there so thrusts on, so throngs the ear.

Let him Oh! with his air of angels then lift me, lay me! only I’ll
Have an eye to the sakes of him, quaint moonmarks, to his pelted plumage under
Wings: so some great stormfowl, whenever he has walked his while

The thunder-purple seabeach plumèd purple-of-thunder,
If a wuthering of his palmy snow-pinions scatter a colossal smile
Off him, but meaning motion fans fresh our wits with wonder.

 

Henry Purcell

Der Dichter entbietet Segenswünsche dem göttlichen Genius von Purcell und preist ihn dafür, daß er im Unterschied zu anderen Komponisten, die den Stimmungen des menschlichen Geistes Ausdruck gaben, darüber hinaus in seiner Musik den Typus und die Eigenart des Menschen darstellte, so wie sie in ihm selbst und in allen Menschen überhaupt erschaffen sind.

Möge ein Wunder herabgekommen sein, Wunder über Wunder, ihm, der so kostbar
mir ward, einem erz-wunderbaren Geist, wie der in Henry Purcell hat geschäumt,
eine Ära ging dahin, scheidet uns von ihm. Das schiefe Urteil ist ausgeräumt,
so hat Ebbe ihn angelandet hier, der unter die Irrenden gereiht war.

Nicht Stimmung noch Absicht, wildes Feuer oder heilige Furcht zuvor,
nicht Liebe oder Mitleid noch all die holden Noten waren, was ihn nährte:
Es ist die gehämmerte Linie, die in mir ausläuft. Es ist, was sich bewährte
an Eigenem, aus jähem Selbst, was stößt und strömt im Ohr.

O, laß ihn mit seinem Lied der Engel mich heben, mich legen, ich will mit
Augen schauen seine Gnaden nur, die wunderlichen Mondesflecken, die Flaumspur
unter den Flügeln: So wie ein großes Moorhuhn, wenn es eine Weile schritt

über den Donner-Purpur des Sonnenstrands, des Donners Fieder-Purpur,
ob ein Sturm aus seinen schneeigen Siegesschwingen das Lächeln eines Riesen schnitt,
Fächerwedeln schenkt an Wundern unserem Geist die Frischekur.

Apr 20 16

Abschiedsrede des Pan an die Hirten

Mein Mittag sank
im blausten Augenblick dahin,
der Hirschkuh gleich, die waidwund
einsam bricht ins Knie –

die Götterstille schluckte eine Schlange,
die kroch aus dem Verlies
verbrannter Häute.

Es sind des Abends goldene Fingerspitzen,
die mir Abschiedsblüten streuen,
mir sagen: „Lebe wohl!“

Es mäht am Ufer des Sees
die silberne Sichel des Monds
das Schilf der Schatten.

Mein Bruder hängt am Fels,
ein Adler reißt von seinem Leben,
die Nacht zu atzen.

Die Schwester, o reine Rose,
zittert nun, ein Stern
kältester Ferne,
über dem Gipfelschnee der Schmerzen.

Ihr, meine rauhe, heiße Schar,
ihr seid berufen,
nicht nur das Lamm zu bergen,
das im Dornbusch blutet,

das Honiglicht aus dem Flüstern
alter Eichen zu fassen
in die Blumenschale,

das kristallne Lied
aus dem Moos der Quelle
rein zu wahren –

berufen seid ihr auch,
die Flöte zu beerben,
meiner Seele Mund,

ihr weiches Holz
mit warmem Hauch
und zartem Beben,

mit geküßten Lippen
der Erinnerung zu weihen
an das ländlich-schlichte Leben,
das von Erosʼ Tränen überglänzte. –

Ihr kommt in dürre Zeiten,
sonder Fühlung mit den Geistern
der Lüfte und der Wasserspiele,

Zeiten, die ein Kalender
von knöchern-greiser Hand
nach Todestagen
und Abschiedsfeiern zählt,

Zeiten, da der Sappho weiße Tauben
die schwarzen Teiche
der Einsamkeit
mit ihrem Federflaum beschneien.

In diesen Zeiten sollt ihr mein gedenken
und dem sanften Knaben,
der sich über den Rand des Teiches beugt,
dem Kind der reinen Stirn,
dem sinken ließ auf Traumes Schwelle
die schlafwandelnde Muse
eine goldene Locke,
meine Flöte schenken.

Apr 20 16

Die großen Verführer

oder: Die Chefideologen

Sie blasen dir den heißen Rauch
der Antwort in die Augen,
und lachen, wenn du weinst,
weil du die Frage nicht errätst.

Sie hängen vor dein Bett
die verdorrte Haut des Unglücks,
und kassieren deine Scham
für ein schäbiges Glück.

Sie werfen mit großen Penishaltern
Schattentiere an die Wand,
die aus deinen Träumen schmatzend
rupfen Blatt für Blatt.

Sie stehen auf der Sonnenuhr
des Blutes ihrer Avantgarde,
und zeigen auf den geplatzten Kürbis
im wüsten Garten deines Dorfs.

Sie recken die Feldzeichen
mit den Pupillen der Meduse
und verkleben dir aus Schonung
die Augenlider mit Harz.

Sie streichen aus den Bärten
den Goldstaub der Propheten,
der auf deiner Mädchenhaut
die Lügenpickel düngt.

Sie schwenken den Siegeshelm
mit dem Blutrubin,
der, ein Hornissennest,
dir über beide Augen rutscht.

Sie brüllen Offenbarungseide
aus Wolle und Teer,
und stopfen sie dir
in die zart aufgebissene Seite.

Sie träufeln aus Silberlöffeln
süßen Geifer auf die Beete,
deine Lilien sind entfärbt,
deine Worte seelenblind.

Sie haben die Augen der Eule,
dein Kopf dreht sich
mit ihnen ins Ungesehene,
bis es knackt.

Sie blenden mit dem Schnee der Hüften,
und das Hündchen deiner Liebe
springt immer hoch,
und seine Zunge erfriert.

Sie walken ihre großen Brüste
mit den visionären Zitzen,
die alle Sommersprossen
deiner Jugend auf die Erde fegen.

Sie lichten das Stoppeldickicht
ihres Schoßes, in dem die Murmel
deiner Kindheit, die gefleckte,
kullert wie ins Mauseloch.

Apr 19 16

Der Kult des Authentischen

Kurze Anmerkungen zur Theorie der Subjektivität

Wenn du mich mit der Floskel „Wie geht’s, wie stehtʼs?“ begrüßt, sollte ich mich deshalb dadurch zurückgesetzt fühlen, weil du diese selbe Floskel heute schon in den Mund genommen hast, um Krethi oder Plethi zu begrüßen, ja, diese Floskel schon abertausend Mal benutzt hast, um diese und jene mir ganz unbekannten und vielleicht unangenehmen Leute zu begrüßen?

Wenn wir schon geraume Zeit befreundet sind und ich deiner Bitte nachkomme, etwas mehr über das Handwerk der Dichtung zu erfahren, und also treffen wir uns in einer ruhigen Ecke des Parks, wo ich dir ein vorbereitetes Blatt mit einer Ode des Horaz nebst Übersetzung unterbreite, anhand dessen ich mehr oder weniger aufschlußreiche Kommentare zur Gedichtform der antiken Ode, zu Metrik und Wortschatz, zur Verwendung der Mythologie und hoffentlich auch zur Einbettung in die Lebenssituation des Dichters und die geschichtliche Lage zur Zeit des Augustus vom Stapel lasse. „Das ist ja wie in der Schule!“, könntest du sagen, und ich sage nicht nein. Wenn wir also bei dieser Begegnung auf gewisse Zeit in die Rollen von Lehrer und Schüler schlüpfen, wird dadurch das Bild unserer Freundschaft andere Züge annehmen und gleichsam mit Grautönen übermalt, werden wir aufgrund dieses Spiels als Freunde einander entfremdet?

Wir könnten vereinbaren, nur um das scholastische Spiel zu würzen, daß wir während des Unterrichts wie es sich für Erwachsene geziemt einander siezen, während wir natürlich nach seiner Beendigung wieder in den legeren Umgangs- und Plauderton fallen und uns freundschaftlich duzen. Würdest du dann zögern, mich zu duzen, oder würdest du eher zögern, mich im vereinbarten Spielraum zu siezen? Wiese dein Zögern, mich zu siezen, etwa auf den psychischen Umstand hin, daß du mich als Freund nicht wiederzukennen oder gar zu verlieren früchtetest, wenn wir Schule spielen und einander siezen? Empfändest du die Grenze zwischen dem freundschaftlichen Gespräch und dem Unterrichtsgehabe als Grenze zwischen dem eigentlichen und authentischen Bezirk und einem uneigentlichen und nicht authentischen?

Wir bemerken, daß unser alltägliches Leben sich nicht in neutralen Räumen abspielt und nicht von gesichtslosen Agenten betrieben wird, sondern immer in konkreten Situationen und von Mitspielern, die ihre jeweilige soziale Rolle mehr oder weniger geschickt ausüben. Von einer Situation in die andere zu wechseln, die eine Rolle mit der anderen zu vertauschen stellt dabei kein grundsätzliches Hindernis dar.

Zu wähnen, weil mich die Wurstverkäuferin freundlich angelächelt oder finster angeblickt hat, sie habe damit ihre freundschaftliche Zuneigung oder eine feindliche Haltung signalisiert, die mich über die Lokalität des Supermarkts hinaus begleiten, beschäftigen und verfolgen müßte, deutete auf eine Störung meiner Fähigkeit, die Funktion sozialer Rollen im Zusammenspiel des Alltags zu identifizieren. Wir sprechen im Extremfall von einer psychotischen Beeinträchtigung der Subjektivität, wenn ich beispielsweise die Tatsache, daß mein Arbeitskollege mir heute mit Nachdruck nahegelegt hat, den Auftrag endlich zu erfüllen, als Zeichen einer heimtückischen Verfolgungs- und Erniedrigungsabsicht deute, oder die Tatsache, daß mir der Chef heute höflich die Tür geöffnet hat, als Zeichen einer privilegierten Stellung, die mich vor den Kollegen auszeichne und mich berechtige, morgen einmal das Klingeln des Weckers zu überhören.

Wenn der Standesbeamte unter Zeugen die eindeutig geäußerten Willensbekundungen des anwesenden Paares, einander das Eheversprechen zu geben, konstatiert und beurkundet hat, ist die Ehe formal geschlossen, gleichgültig, in welcher seelischen Verfassung sich der Beamte befunden haben oder ob er gar mit aversiven Gefühlen gegen die Anwesenden während der Amtshandlung erfüllt gewesen sein mag.

Wir sehen, das Amt definiert einen Spielraum des Handelns, der von den subjektiven Haltungen, Einstellungen und Gefühlsregungen des Amtsträgers und zumeist auch denen der von der Amtshandlung Betroffenen unabhängig ist. Die von Amts wegen ausgeführten Handlungen und Zeichen behalten unabhängig von der Subjektivität der von der Amtshandlung betroffenen Personen ihre Geltung und Gültigkeit.

Dies gilt sensu fortiori vom Amt des Priesters. Wenn der Priester im römischen Ritus die feierlichen Wandlungsworte spricht, durch die Brot und Wein in den Leib und das Blut des Herrn transubstantiiert werden, er aber in diesem Augenblick geistesabwesend ist oder gar von verstörenden, schrecklichen, obszönen Gedanken heimgesucht werden sollte, so bleibt nach katholischer Lehre die heilige Handlung, die von dem geweihten Manne in seiner liturgischen Rolle ausgeübt wird, im geglaubten Ausstrahlungsfeld des Heiligen Geistes unangetastet und wirksam.

Wenn du mich im Schulspiel als Lehrer siehst, so ist die optische Metapher des „Sehens als …“ nur ein Bild für eine soziale Tatsache, die nicht an die visuelle Wahrnehmung gebunden ist, sondern eine Funktion des kommunikativen und sozialen Handelns darstellt: Du siehst mich als Lehrer, will heißen: Du antwortest sachlich auf meine Fragen, arbeitest zu Hause deine Schulaufgaben ab und meldest dich nur, wenn du aufgerufen und gefragt wirst – du handelst so, wie ein Schüler in der Schule zu handeln pflegt (oder sich benehmen sollte).

Die transzendentale Philosophie Fichtes, dem das Verdienst, den epistemischen und ontologischen Sonderstatus der Subjektivität herausgestellt zu haben nicht bestritten sei, hat allerdings auch den schiefen Gegensatz von Subjektivität und Objektivität zur Geltung gebracht, der in der sogenannten Existentialphilosophie eines Heidegger und Sartre zu fatalen Unklarheiten und wirkungsmächtigen Mißverständnissen weitergediehen ist. Um nur dies zu nennen: Nach Heidegger ist das Dasein (wie er neudeutsch die Subjektivität umgetauft hat) in der Gefahr, im Umgang mit den Dingen und Mitmenschen sein eigentliches Sein, das sich ihm in der einsamen Angst vor dem Tod offenbart, zu vergessen. Nach Sartre ist das être-pour-soi (wie er neufranzösisch die Subjektivität umgetauft hat) in der Gefahr, durch den Blick des anderen sein eigentliches Sein, das sich ihm in der Freiheit des immer erneuten Entwurfs offenbart, zu vergessen und zum Ding unter Dingen zu entfremden.

Beide Modelle der Subjektivität kranken an einer mangelnden Bestimmung der Sprache als Medium der Verständigung. Wenn du mich bittest, für dich einen Brief an deinen Geschäftspartner oder ein Amt zu entwerfen, und ich komme der Bitte gerne nach, kann ich ohne Umschweife und innere Barrieren deine Sicht der Dinge auf Zeit übernehmen: Ich kann in deine Rolle und Haut schlüpfen, ich kann Worte in deinem Sinne drehen und wenden, ohne damit Gefahr zu laufen, den Sinn für mein Selbstsein zu verlieren.

Wir bemerken, daß wir im Gebrauch der Worte von anderen unsere Subjektivität nicht preisgeben, denn wir kommen zu dem Schluß, daß wir nicht nur Briefe für andere und in deren Auftrag verfassen oder als ihre Sprecher oder Fürsprecher auftreten können: Vielmehr gebrauchen wir, auch wenn wir im eigenen Namen sprechen, immer und überall die Worte der anderen. Denn die Sprache haben wir nicht gemacht, sondern sind in sie hineingeboren und hineingewachsen: Und es paßt kein Blatt zwischen uns und die Worte, die wir verwenden, um auszudrücken, was wir fühlen und denken, erwarten und beabsichtigen.

Wir schließen daraus, daß der Gegensatz zwischen der Objektivität der Mittel und der Subjektivität ihrer Verwendung, jedenfalls was die Sprache anbelangt ist, schief und mißverständlich ist.

Wenn du im Blick der alten, gebrechlichen Dame die schüchterne Aufforderung liest, ihr die Tür zu öffnen, und du kommst ihrem Ansinnen nach und unterstreichst deine höfliche Geste mit der freundlichen Floskel „Bitte schön! Gern geschehen!“, wurde dann durch den Blick dieses anderen deine Subjektivität eingeschränkt, entfremdet oder verdinglicht? Im Gegenteil, dürfen wir sagen, die kleine Begegnung hat dein Leben ein bißchen reicher gemacht, weil du eine sonst wenig ins Licht gerückte Möglichkeit des Gebarens, Freundlichkeit und Höflichkeit, gestisch und verbal zum Ausdruck bringen konntest. Warst du etwa weniger du selbst, weil du dich der Allerweltsfloskel „Bitte schön! Gern geschehen!“ bedient hast? Aber wir sagen zumeist oder immer das, was andere schon zumeist oder immer im Munde geführt haben, ohne dadurch im mindesten an Eigenart und Eigensinn zu verlieren.

Schon seit Menschengedenken haben Leute dies und das einander versprochen, mit Worten und Gesten, die wie ein Ei dem anderen gleichen. Aber wenn du mir nun versprichst, mir morgen rechtzeitig das geliehene Buch zurückzubringen, hast du dich mit deinem Versprechen in einem moralisch entscheidenden Sinne gebunden und verpflichtet, durch dein Handeln auszuführen, was deine Worte angekündigt haben. Du allein bist es, der das Gesagte wahr machen kann (auch wenn du einen Freund schickst, weil du selbst verhindert sein solltest: Dann hast eben du ihn geschickt). Dies ist der legitime Sinn von Subjektivität, den wir philosophisch gelten lassen können.

Was hat es nun mit der vielbeschworenen Authentizität auf sich, derer wir uns, wie wir aus dem Munde soignierter Moderatoren vernehmen, im Umgang mit uns selbst und den anderen anheischig machen und befleißigen sollen? Sie ist der Leerformel vergleichbar, wenn du nach der Äußerung deines Versprechens mit Nachdruck sagst: „Das meine ich ernst“ oder „Das kannst du mir glauben“. Doch wenn du dein Versprechen ernst gemeint hast, erübrigt sich der verbale Aufwand, und wenn nicht, helfen alle Beschwörungsformeln nichts.

Authentisch sein zu wollen ist eine Form des sozialen Kitsches, die sich bestimmter Kennzeichen bedient, die den Träger aus der gemeinen Menge herausheben sollen, wie weiland, als man in den angesagten Cafés in Paris mit schwarzem Rollkragenpullover herumsaß, um zu demonstrieren, man habe Sartre gelesen und sei Existentialist. Indes, täglich kamen mehr junge Männer mit schwarzen Rollkragenpullovern in dasselbe Café … Aber kaum einer dieser Burschen hat sich der Mühe unterzogen, die dicken Schwarten Sartres zu lesen, und kaum einer wußte eine sinnvolle Antwort auf die Frage, was er unter Existentialismus verstehe.

Die großen Gesten des Authentischen erweisen sich in diesen Fällen als Gegenteil dessen, was sie sein sollen: Sie sind modischer Firlefanz und Talmi und damit eine Form des uneigentlichen Seins, der mauvaise foi.

Ein häßlicher Zwerg geriert sich als begehrenswerter Beau und unwiderstehlicher Don Juan. Eine dickliche, puterrote Madame, die sich fortwährend mit einem Batisttüchlein den Schweiß von der Stirn wischt, wähnt, wenn am Nebentisch von der bezaubernden Grazie die Rede ist, die heute Abend alle in den Bann schlägt, sie sei gemeint. Ein halbgebildeter, parfümierter Salonlöwe, der glaubt, Vergil sei eine klassische Seifenmarke, dünkt sich einen neuen Poète maudit, weil er manisch zerrissene Zeitungschnipsel willkürlich zusammenleimt und als poetische Kreationen seines sogenannten Unbewußten feilbietet. – Nun, hier würden wir nicht anstehen zu behaupten, daß solche Damen und Herren der Schöpfung des Echtheitssiegels ermangeln. Unecht ist, was sie von sich glauben, was sie von sich geben und was sie kreieren. Aber ihre fatale Erscheinung ist leider alles andere als unauthentisch. Denn so leiben und leben sie allenthalben unter uns.

Vorgeben, jemand zu sein, der zu sein seine seelischen Bestände nicht hergeben, ist kein postmoderner Schick, sondern eine psychische Deformation, für die es allerdings nicht an Beifall von den Logenplätzen jener mangelt, die sich in diesen lächerlichen Komödianten des Seins wiedererkennen.

Entreißen wir die erhabenen Begriffe ihrer falschen Aura und ernüchtern die hitzigen Köpfe, die mit ihnen ihren Kult treiben, indem wir sie auf den Boden des alltäglichen Gebrauchs zurückstellen. Die gefälschte Urkunde ist unecht. Der Heiratsschwindler kein wirklicher Ehemann, sondern ein Betrüger. Der gefälschte Cézanne überhaupt kein Cézanne. Hier greifen wir den sprachlich soliden Sinn des Nichtauthentischen, mit dem wir umgehen und arbeiten können.

Daß wir als Subjekte sind wie alle anderen, die behost und bebrillt, pickelig oder geschminkt daherkommen, und dennoch unvertretbar und einzigartig in dem trivialen, aber elementaren Sinne bleiben, daß du nicht mein und ich nicht dein Versprechen einhalten kann, macht nur überschlauen Philosophen Kopfzerbrechen. Wir anderen können damit ruhig leben.

Apr 19 16

Gerard Manley Hopkins, Moonrise

I awoke in the Midsummer not to call night,
in the white and the walk of the morning:
The moon, dwindled and thinned to the fringe
of a finger-nail held to the candle,
Or paring of paradisaïcal fruit,
lovely in waning but lustreless,
Stepped from the stool, drew back from the barrow,
of dark Maenefa the mountain;
A cusp still clasped him, a fluke yet fanged him,
entangled him, not quit utterly.
This was the prized, the desirable sight,
unsought, presented so easily,
Parted me leaf and leaf, divided me,
eyelid and eyelid of slumber.

 

Mondaufgang

Ich erwachte im Hochsommer, um nicht zu sagen in der Nacht,
in der Helle und dem Schritt des Morgens:
Der Mond, geschrumpft und verdünnt zum Rand
eines Fingernagels, den man gegen die Kerze hält
oder der eine Paradiesesfrucht pellt,
er nahm lieblich ab, doch verlor an Glanz,
stieg vom Schemel, wich vom Schubkarren,
dort beim dunklen Maenefa, dem Berg.
Er hing an einer Zacke, baumelte an einem Haken,
hatte sich verfangen, noch nicht ganz gelöst.
Das also war der gepriesene, ersehnte Anblick,
der sich dem leichthin bot, der ihn nicht gesucht.
Er löste mir Blatt für Blatt, schälte mir
Augenlid für Augenlid den Schlummer.

Apr 18 16

Gerard Manley Hopkins, I wake and feel the fell of dark, not day

I wake and feel the fell of dark, not day.
What hours, O what black hours we have spent
This night! what sights you, heart, saw; ways you went!
And more must, in yet longer light’s delay.

With witness I speak this. But where I say
Hours I mean years, mean life. And my lament
Is cries countless, cries like dead letters sent
To dearest him that lives alas! away.

I am gall, I am heartburn. God’s most deep decree
Bitter would have me taste: my taste was me;
Bones built in me, flesh filled, blood brimmed the curse.

Selfyeast of spirit a dull dough sours. I see
The lost are like this, and their scourge to be
As I am mine, their sweating selves; but worse.

 

Ich erwache und spüre das Fell der Nacht, den Tag nicht.
In was für Stunden, ach schwarzen Stunden waren wir zugegen
diese Nacht! Was mußtest, Herz, du erblicken, auf Wegen,
die du gingst, und gehen mußt, es zögert ja das Licht.

Ich bin der Zeuge meiner Rede. Doch sag ich Stunden,
mein ich Jahre, das ganze Leben. Und mein Klagen
sind Schreie ohne Zahl, Schreie wie verlorne Briefe, die sagen
nichts dem Liebsten mehr, ach, ihm, der entschwunden.

Mir geht die Galle über, mein Leib hat Brand. Gottes Fug,
der letzte, würde mich bitter finden: Ich schmeckte nach meinem Sinn.
Fluch, der Knochen baute, Fleisch mir stopfte, ins Blut mir kroch.

Schaum des Geistes, trübe Hefe, die ins Saure umschlug.
Die Verdammten leben so, und sind Geißeln, wie ich mir bin,
für ihr schwitzendes Selbstgefühl, und ärger noch.

Apr 18 16

Gerard Manley Hopkins, Heaven–Haven

A nun takes the veil

I have desired to go
Where springs not fail,
To fields where flies no sharp and sided hail
And a few lilies blow.

And I have asked to be
Where no storms come,
Where the green swell is in the havens dumb,
And out of the swing of the sea.

 

Himmel–Hafen

Eine Nonne nimmt den Schleier

Mein Sehnen war zu gehen,
wo Frühling nie entsagt,
zu Auen, die kein scharfer Hagel tückisch plagt,
und manche Lilien wehen.

Mein Sehnen galt der Welt,
wo kein Stürmen schwillt,
wo das Grün in Häfen lautlos quillt,
und keine Brandung bellt.

Apr 18 16

Gerard Manley Hopkins, Godʼs Grandeur

The world is charged with the grandeur of God.
It will flame out, like shining from shook foil;
It gathers to a greatness, like the ooze of oil
Crushed. Why do men then now not reck his rod?

Generations have trod, have trod, have trod;
And all is seared with trade; bleared, smeared with toil;
And wears man’s smudge and shares man’s smell: the soil
Is bare now, nor can foot feel, being shod.

And for all this, nature is never spent;
There lives the dearest freshness deep down things;
And though the last lights off the black West went

Oh, morning, at the brown brink eastward, springs—
Because the Holy Ghost over the bent
World broods with warm breast and with ah! bright wings.

 

Gottes Größe

Die Welt ist erfüllt von Gottes Größe.
Ihr Feuer bricht auf wie aus Spiegelscherben.
Sie strömt ins Große wie gepreßtes Öl aus den Kerben.
Warum kniet vor ihr nicht des Menschen Blöße?

Menschenalter immerfort in neuen Gleisen reisen und kreisen.
Und alles verdorrt vom Getriebe, verrucht, verflucht von Qualen.
Alles starrt von Menschenschmutz, riecht nach Menschenschweiß: ohne Schalen
liegt die Erde nackt, kein Fuß kann fühlen mit Sohlen aus Eisen.

Und doch ist von alldem Natur nicht ganz zuschanden.
Es ist noch aus Lebenstiefen köstlichste Frische zu trinken.
Auch wenn die letzten Schimmer im schwarzen Westen verschwanden,

o Morgen, über dem braunen Saum gen Osten, dein Winken –
denn der Heilige Geist brütet über den Banden
der Welt mit warmem Flaum und ah! seine Flügel blinken.

Apr 17 16

Antonin Artaud, Le navire mystique

Il se sera perdu le navire archaïque
Aux mers où baigneront mes rêves éperdus,
Et ses immenses mâts se seront confondus
Dans les brouillards d’un ciel de Bible et de Cantiques.

Et ce ne sera pas la Grecque bucolique
Qui doucement jouera parmi les arbres nus ;
Et le Navire Saint n’aura jamais vendu
La très rare denrée aux pays exotiques.

Il ne sait pas les feux des havres de la terre,
Il ne connaît que Dieu, et sans fin, solitaire
Il sépare les flots glorieux de l’Infini.

Le bout de son beaupré plonge dans le mystère ;
Aux pointes de ses mâts tremble toutes les nuits
L’Argent mystique et pur de l’étoile polaire.

 

Das mystische Schiff

Das Schiff aus alten Zeiten geht verloren
auf Meeren, wo meines Traumes Gluten tauchen,
und seine Riesenmasten sich verbrauchen
in Nebeln, vom Himmel der Bibel und des Hohelieds geboren.

Aus Hellas wird kein Hirtenlied mehr singen
die süßen Weisen unter nackten Bäumen.
Das Heilige Schiff wird es wohl versäumen,
den fernen Ländern Wunderfracht zu bringen.

Auf Erden weiß es keine Feuer, die zum Hafen riefen,
es kennt nur Gott allein, und einsam, fern der Mole,
teilt es die Wogen, die den Grenzenlosen preisen.

Den hohen Bug taucht es in mystische Tiefen.
Auf den Masten, die in die großen Nächte weisen,
da zittert, geheim und rein, der Silberstern vom Pole.

Apr 17 16

Der Schinder von Bergen

Von totem Tier, von Aasgeruch
war seine Seele krank,
an fremdem Blute ward sie warm,
das sie aus Bälgen trank.

„Mein Gott hat mich verlassen,
ich muß mich selber hassen.
Ich trat am Kreuz zu den Schergen.
Ich bin der Schinder von Bergen.“

Heut warʼs ein Bär im schaurigen Fell,
dem hat er Herz und Darm
geweidet mit dem hellem Stahl,
das Blut, es rann so warm.

„Mein Herzog hat mir das Tier gegeben,
ich will als Untier weiterleben.
Ich trat am Kreuz zu den Schergen.
Ich bin der Schinder von Bergen.“

Er schlüpft in das leere Fell, ihn schauert,
er fühlt die Macht und hebt
die Tatzen, er brummt wie der Bär im Ried,
wo er von Honig und Kräutern gelebt.

„Mein Herzog pflegt so gern der Jagd,
bis rot der Morgen tagt.
Er dingte mich blutigen Schergen,
mich, den Schinder von Bergen.“

Die Masken kreisen, Flammen singen,
die Herzogin tanzt in den Saal.
Sie ist die Elfe lilienweiß,
ein Rothirsch ihr Gemahl.

„Du reine Blume, Herrscherin, schenk
mir den ersten Tanz.
Schein ich auch ein wilder Bär, so träuf
ins Aug mir milden Glanz.“

Die Masken kreisen, die Flammen singen,
die Elfe tanzt mit dem Bär.
Ihm wird das Herz so anmutleicht,
sein Blut hat keine Wehr.

Sein Blut hat keine Wehr, sein Fell
wird weich, sein Auge feucht,
er atmet reinen Lebensduft,
ein Stein, sein Herz, erweicht.

„Wer bist du denn, du wildes Tier,
das meine Lilie rührt?
Was hat dich aus dem wüsten Ried
in meine Au entführt?“

„Ich kam aus dem Tod ins Leben,
das deine Lilien umschweben.
Ich trat am Kreuz zu den Schergen.
Ich bin der Schinder von Bergen.“

Er reißt die Bärenmaske vom Haupt,
der Saal ist heißer Schrei.
Er zeigt sein rußiges Angesicht,
die Lilie knickt entzwei.

Da nimmt der Herzog ein Schwert zur Hand,
der Schinder glaubt sich verloren.
Doch hebt er es sacht und sacht er weiht
zum Ritter den armen Toren.

„Du bist der Reinen genaht, rein
und edel mußt du nun sein.
Tritt aus dem Banne der Schergen,
du bist der Ritter von Bergen.“



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top