Skip to content


Apr 17 16

Die Silbergirlande des Lieds

Sind es unter der kalten Milch des Monds
Kristalle singenden Quells?

Es ist, vom Geist der Wellen belebt,
von Händen der Anmut geschlungen
in die Weide am Ufer des Rheins,
die Silbergirlande des Lieds.

Sind es, von schwarzen Wassern beseufzt,
des Abschieds gestreute Blüten?

Es ist, was sprüht auf den Wellen,
wenn das Kind den runden Kiesel
seines Namens hüpfen ließ,
die Silbergirlande des Lieds.

Sind es auf Moosen heimlicher Liebe
die Küsse perlender Tropfen?

Es ist, was ins Haar deines Schluchzens
der Tanz der Libelle geflochten,
sie schwirrt aus dem Fenster des Traums,
die Silbergirlande des Lieds.

Apr 16 16

Nun kann ich sagen

Moos auf verschlungenem Pfad,
blauer Vorhang des Morgens,
es schmeckte nach feuchter Erde
jedes Wort, wie sich sagender Kuß.

Nun, da ich eingeschneit bin im Gemüt,
kann vom Schönen ich sagen, es war,
es ist und tropft am Munde der Rose.
Nun, da die Schleier wie Tränen verrinnen.

Ich ging mit dir, Blitze über dem Rhein,
und schon flüsterten uns die Tropfen
ein Gleiches auf die Blätter des Herzens.
Ich ging mit dir, dein Atem gab mir Gestalt.

Nun, da es Zeit ist, die Reiser zu häufen,
die vergilbten Papiere, die Liebesakten,
zerknüllt, ungelesen zu entzünden,
nun, da es Zeit ist, mit Flammen zu singen.

Wir kamen zur Lichtung, wo äst das Wild,
wir sahen Liebe aus den letzten Blüten
Wehmut trinken und fühlten einander
die rasenden Pulse der Trennung.

Nun, da der Tod eine Amsel ist,
die mir herrlich singt in den Tag,
kann vom Schönen ich sagen, es war,
es ist und tropft am Munde der Rose.

Apr 15 16

René Guy Cadou, Station du Calvaire

Sa femme absente de sa vie
Si son amour la lui rendait
Il saurait la tenir encore
Comme un violon entre ses bras

Habillée de mains nues de flammes
Il la voit dans la rue passer
Mais le temps d’ouvrir une porte
Et sa compagne a disparu

Il referme sans bruit la porte
Se met à pleurer doucement
Dans une larme reconnaît
Le visage de sa compagne

Ce visage adoré n’a pas
Une parole de reproche
Il se contente d’être beau
De sourire à travers ses larmes

Alors cet homme est convaincu
De la tendresse de sa femme
Il s’agenouille devant elle
Et la reprend dans sa maison

 

Station auf dem Kalvarienberg

Seine Frau ist fern von seinem Leben,
wenn seine Liebe sie ihm wiedergäbe,
könnte er sie noch einmal halten
wie eine Geige in den Armen.

Er sieht sie, bekleidet mit nackten Flammen-
händen, die Straße entlanggehen.
Doch die Zeit, die Tür zu öffnen,
und seine Gefährtin waren entschwunden.

Er schließt lautlos die Tür,
beginnt leise zu weinen,
in einer Träne erkennt er
das Gesicht seiner Gefährtin wieder.

Dieses vergoldete Gesicht äußert
kein Wort des Vorwurfs.
Es ist sich genug, schön zu sein,
unter seinen Tränen zu lächeln.

So ist dieser Mann überzeugt
von der innigen Liebe seiner Frau.
Er kniet vor ihr nieder
und holt sie zurück in sein Haus.

Apr 15 16

René Guy Cadou, Que la lumière soit

Ô nuit ! salle d’attente où brûle un feu de lèpre
Vieille gare des pluies seule et désaffectée
Quel voyageur maudit saccage tes fenêtres
Qui baignent des prairies de panonceaux crevés ?

Serait-ce moi ? Serais-je un larron de moi-même
Bagnard d’un monde absous qui cherche à retrouver
Sous la pâle fumée des solitudes d’Ouest
La flamme et le parfum de sa demeure hantée ?

Nuit pareille à mon chant la vérité dispose
Du temps qui met un sexe à l’âme de l’enfant
Ce n’est pas pour les chiens que je métamorphose
En rose rouge l’étamine du couchant !

J’ai trop vécu sous le boisseau et dans l’attente
D’une nuit d’Idumée que de patients oiseaux
Feraient neiger sur les décombres de ma chambre
Comme un miroir promis à des soleils nouveaux.

Mais voici qu’aujourd’hui un homme entre les hommes
A choisi par-delà ses astres préférés
La planète déchue tombée comme une pomme
Sur la dernière marche de l’éternité.

 

Auf daß scheine das Licht

O Nacht, Wartesaal, wo ein Licht der Lepra glüht,
alter Bahnhof des Regens, stillgelegt und verlassen,
welcher verfluchte Reisende verwüstet deine Fenster,
die mit zerfetzten Schildern die Wiesen wässern?

Wäre ich es? Wäre ich ein Dieb an mir selbst,
Sträfling einer freigesprochenen Welt,
der unter dem fahlen Rauch der Einsamkeiten des Westens
die Flamme sucht und den Duft seiner Geisterstätte?

Nacht, meinem Lied gleich, die Wahrheit verfügt
über die Zeit, die der Seele des Kinds ein Geschlecht gibt,
nicht für die Hunde verwandle ich das Staubgefäß
des Sonnenuntergangs in die rote Rose.

Ich habe zu lange unterm Scheffel gelebt, in Erwartung
einer Nacht des Idumäers, auf daß geduldige Vögel
es schneien ließen auf den Schutt meines Zimmers,
wie ein Spiegel der Verheißung neuer Sonnen.

Doch hier ist heute ein Mensch unter Menschen,
der jenseits seiner Lieblingssterne
den abgestürzten Planeten wählt, der wie ein Apfel
herabfiel auf die letzte Stufe der Ewigkeit.

Apr 15 16

René Guy Cadou, Rose de Noël

Nuit d’amour à passer
Nuit captive des cloches
Ah vingt ans de bonheur
Harassés dans les poches
Les guêpes de la neige
Et du calendrier
Tandis que de ses yeux
S’éprend le noisetier

Il trouve des raisons de renverser la table
Et tire des dossiers d’azur
De son cartable
Seul
Errant dans sa chair aux pieuses bergeries
Le chiffre de son cœur n’aura jamais souri

Mais le matin reprend ses perles
Ses conquêtes
Un doux filet de voix se partage la tête
Une lampe s’écroule enfermant les jardins
Et ce nouvel ami tranquillise ses mains

 

Weihnachtsrose

Fliehende Nacht der Liebe,
Nacht, Gefangene der Glocken,
ach, zwanzig Jahre des Glücks,
ausgelaugt in den Taschen.
Die Wespen des Schnees
und des Kalenders,
während an ihren Augen
der Haselstrauch entbrennt.

Er hat gute Gründe, den Tisch umzustoßen,
und zieht Unterlagen vom Blau des Himmels
aus seiner Mappe,
einsam,
in seinem Fleisch nach den frommen Schäfereien irrend,
wird das Monogramm seines Herzens niemals lächeln.

Aber des Morgens rafft er seine Perlen auf,
seine Eroberungen.
Ein weiches Stimmennetz legt sich um den Kopf,
eine Lampe bricht ein und begräbt die Gärten unter sich,
und dieser neue Freund beruhigt seine Hände.

Apr 14 16

René Guy Cadou, Noël

Tous les hôtels sont fermés à Bethléem
Où dormira celle que j’aime

Un bœuf marche seul dans la rue
Quand il lève les yeux les étoiles remuent
Dans la direction de l’étable
Tendent leurs cornes charitables

Le chemin monte encore
Et toujours de travers
Il n’y a pas de réverbère
Mais la faible clarté du sang qui nous éclair

Dieu-parent donnez-nous l’abri le lit de paille
Ma femme sème ses entrailles
Et nous sommes loin de chez nous

La porte s’ouvre d’un seul coup
L’enfant glisse entre les genoux

Ô neige annonce la nouvelle
Aux amis aux bergers à celles
Qui depuis si longtemps ont froid
Jésus vient de naître les rois
Vont se mirer dans ses prunelles

Le jour se lève
Et l’on entend
L’ange qui court à travers champs.

 

Weihnacht

Alle Hotels in Bethlehem haben geschlossen.
Wo wird jene schlafen, die ich liebe?

Ein Ochse läuft allein über den Weg,
wenn er seine Augen hebt, flackern die Sterne,
in die Richtung des Stalls
strecken sie ihre barmherzigen Hörner.

Der Weg steigt immer noch an
und es geht querfeldein.

Es gibt keine Straßenlaterne,
nur die schwache Klarheit des Bluts, das uns leuchtet.

Gott-Vater gib uns das Obdach, das Bett aus Stroh,
mein Weib sät seinen Schoß
und wir sind fern von zu Haus.

Die Pforte öffnet sich mit einem Schlag,
das Kind schlüpft durch die Knie.

O Schnee, verkünde die Botschaft
den Freunden, den Hirten, jenen,
die seit so langer Zeit frieren.
Jesus kam auf die Welt. Die Könige
werden sich in seinen Pupillen spiegeln.

Der Tag hebt an,
und man hört
den Engel, der durch die Felder streift.

Apr 14 16

René Guy Cadou, Nativité

Paille de la saison
Fraîcheur des tiges nues
Ô nids de neige reconnus
À la fenêtre de l’étable
Passe l’étoile
Ouvre les mains
Amour presqu’île du matin

L’âne suspend son pas
Épaissies sous la langue
Le bœuf a retrouvé
Ses anciennes ciguës

Et Joseph attendri
Par ce bon voisinage
Écarte de ses yeux
Les guêpes du sommeil

Un mage prie
Moulant ses lèvres de faïence
Sur les mots jamais dits
Et semblables au sel

Tandis que retenant
Son ventre avec tendresse
Marie ne comprend pas
Ce grand soleil éteint.

 

Geburt

Stroh des Sommers,
Frische nackter Halme,
o wiedergefundene Nester des Schnees.
Im Fenster des Stalls
wandert der Stern vorüber,
öffnet die Hände
Liebe, Halbinsel des Morgens.

Der Esel verhält seinen Tritt,
Knoten unter der Zunge,
der Ochse fand sein altes
Schierlingskraut wieder.

Und Josef, gerührt
von seinen guten Nachbarn,
scheucht von seinen Augen
die Wespen des Schlafs.

Ein Magier betet,
mit seinen Lippen aus Fayence
nie gesagte Worten formend,
dem Salze ähnlich.

Während sie ihren Leib
zärtlich umklammert,
begreift Maria die Sonne nicht,
diese große, die erloschen ist.

Apr 14 16

René Guy Cadou, Jour de Dieu

Tu ne reviendras plus dans le chaud de l’étable
Tandis que tes deux mains saignent sur les rosiers

Tu vas et tu souris
Les pampas de tes yeux soulèvent des gazelles
Soudain les arbres font un doux cliquetis d’ailes
la cloche du souper berce le monastère

Je marche près de Toi
Ta croix est plus légère
Et nous nous arrêtons souvent sous les tonnelles

On parle à ceux qui boivent
La femme qui mendiait son fils était bien brave
Tu te souviens Seigneur
Celui qu’on a trouvé
Avec un gros bouquet de sang sur le côté

Tous les cœurs se dérident
Tu es loin
Et la croix a laissé un grand vide
Mais ta photographie est sur la cheminée.

 

Tag Gottes

Du kehrst nicht wieder in die Wärme des Stalls,
doch deine beiden Hände bluten über den Rosenbüschen.

Du gehst und lächelst,
die Pampa deiner Augen läßt die Gazellen springen,
plötzlich kommt aus den Bäumen ein süßes Rascheln von Flügeln,
die Abendglocke wiegt das Kloster.

Ich geh an deiner Seite,
dein Kreuz ist leichter,
und wir verweilen öfter unter den Lauben.

Wir reden mit denen, die da trinken,
die Frau, die um ihren Sohn bettelte, war sehr mutig,
du erinnerst dich, Herr,
es war jener, den man mit einem großen Bouquet
von Blut an der Seite fand.

Alle Herzen werden hell.
Du bist fern.
Das Kreuz hat eine große Leere hinterlassen.
Aber dein Foto hängt über dem Kamin.

Apr 14 16

René Guy Cadou, Et maintenant

Et maintenant que toute action de la Justice est éteinte
Achève ta truite ! va ! mène à bien ton péché
Ignoble au bonnet d’aubergiste
En ce soir de Nativité !
Mais vous bergers
Je vous donne rendez-vous sur le plus ancien mail
Dans la plus vieille mégisserie du monde
Oh ! quelle odeur ont cette nuit
Les lys tourmentés de la neige
À travers bois
À travers des couloirs trop longs
Des lits détruits
Voici que s’en vient un cortège
De rois et de gens ennemis
Qui sans lampions sceptres ni cierges
À la clarté de leur esprit
S’accordent à trouver au Fils
Même sourire qu’à la Vierge.

 

Und nun, da alle Gewalt der Gerechtigkeit ruht,
verzehr deine Forelle! Auf, wende ins Gute deine Sünde,
Spötter über die Mütze des Gastwirts,
in dieser Nacht der Geburt!
Ihr Hirten aber,
euch treffe ich auf der ältesten Promenade,
in der ältesten Weißgerberei der Welt.
O, welchen Duft verströmen in dieser Nacht
die Lilien, vom Schnee umdrängt,
in den Wäldern,
in den allzu langen Fluren
die zertrümmerten Betten.
Seht, da kommt das Geleit
von Königen und feindlichem Volk,
ohne Laternen, Zepter und ohne Kerzen,
in der Klarheit ihres Geistes
sind eines Sinnes sie, beim Sohn
dasselbe Lächeln zu finden wie bei der Jungfrau.

Apr 14 16

René Guy Cadou, Halte en campagne

Le cœur plus haut que l’œil et la tête en arrière
Atteindrai-je le soir dans ma courbe de pierre

Quelles tempes de verre allez-vous fracasser
Sondes jamais rendues aux fosses du passé
Mais le sapin crevant le toit du paysage
Arpent de la clarté, bouquet de sauvetage

Mais la main douce au bord des hectares salés
Le pas du promeneur qui veille dans l’allée

Et puis tous les genoux retrouvés sous la table
Un Dieu toujours nouveau dans le fond de l’étable

Une dernière lame emportant l’encrier
Et la chair qu’on n’a pas fini de supplier.

 

Rast auf dem Land

Höher als das Auge das Herz und den Kopf im Nacken,
werde ich den Abend in meiner steinernen Kuhle erreichen?

Welche Schläfen aus Glas wollt ihr zerbrechen,
Senkbleie, nie herabgelassen in die Gräben der Vergangenheit.
Aber die rührende Tanne, das Dach der Landschaft,
Tagwerk der Klarheit, der Blumenstrauß der Rettung.

Aber die sanfte Hand am Rand des gesalzenen Areals,
der Schritt des Spaziergängers, der in der Allee wachbleibt.

Und dann all die Knie, die sich wiederfinden unter dem Tisch,
ein Gott, immerdar neu im hintersten Stall.

Eine letzte Welle, die das Tintenfaß wegschwemmt,
und das Fleisch, dessen Anrufungen kein Ende finden.

Apr 14 16

René Guy Cadou, D’où venons-nous ?

I

Dans la calèche emballée du sommeil
Dis ! vieil homme ! en cette nuit nouvelle de printemps
Sur la route aux bourgeons nouveaux
Où me mènes-tu ? Où conduis-tu cet enfant
Qui dort sous l’épaisse couverture de voyage
Avec son pauvre rêve à ses pieds
Et l’allure accélérée du paysage ?
Ah ! Cocher ! Cocher ! Tu ris doucement dans ton manteau
Tu as vu la pluie d’Avril dans les lilas
Et les pommiers s’allumer un à un
Sur l’océan plus calme des campagnes !
Belle nuit décidément pour qui veut vivre et qui le sait
Belle nuit pour un cocher
Mais pour cet enfant endormi ?
Qu’importe d’où je viens ? Qu’importe mon visage ?
Et que j’aie dû souffrir mille vies avant moi
Qu’importe ce printemps ! Ô cocher que t’importe
La grêle d’un poing noir dans l’orage des portes
Qu’importe si je paie mon passage et le tien
Ah ! jette-moi contre la borne !

II

Que suis-je dans ma vie ? Ah ! j’aurais dû noter
Quelque part sur un coin de ciel toutes mes courses
Ou comme un chapardeur de lune m’en tenir
Tout près du bord à des incursions en douce
Cet enfant que j’étais qui donc me le rendra ?
Que je le serre comme une brassée d’herbe dans mes bras !
Le vin qui bout ce soir dans les cuves du monde
À cette odeur de sang qui trouble les cerveaux !
Mais ceux qui ont brisé les poignets de l’enfance
Voudraient-ils nous meurtrir et nous tuer à nouveau ?
Ah ! J’ai confiance ! J’ai confiance en cette vie !
Ce ne peut être en vain que les charniers fleurissent
Et que sur le miroir impalpable des nuits
Se profile la flamme éternelle des lys !
Laissez-moi seul dans le matin !
Laissez-moi parcourir
Le petit lotissement à vendre de l’avenir !
Mon Dieu ! C’est moi Cadou ! Je voudrais posséder
Ce carré de lupin et le monde à côté
Mais voyez-vous depuis trente ans
Je n’ai pas réuni la somme
Fait-on confiance à ses enfants
Quand c’est le Seigneur qu’on se nomme ?

III

Je renonce au bonheur de vivre mais non pas
À celui d’être un homme effronté
Parodie l’harmonieux instant où tu es ivre
Et profère en rêvant des paroles sacrées !
Où allons-nous ? Vers quel butoir incertain de l’espace
Quelle petite vie au détour du matin
Qui renifle hébétée dans le café des tasses
L’indigent et cruel mélange du destin ?
Mais s’enivrer est vain et les pluies qui reviennent
Ont cette odeur de temps qui ranime les cors
Ceux-là qui font sonner les heures diluviennes
À l’horloge inexacte et stérile des corps
D’où venons-nous ? Qui sommes-nous ? Où allons-nous ?
Avec des bleus aux yeux et des plaies aux genoux ?
Quand on a comparu sur les bancs de l’enfance
Et acquis sans effort l’acquiescement de Dieu
Ah ! peut-on réfuter l’Admirable Conscience
Comme une manifestation du merveilleux ?
Mais qu’importent la fièvre et le Mot du verdict
Si la Terre aussi bien que le Ciel est unique !

 

Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

I

Alter Mann in der Kutsche, die Schlummer umhüllt,
sprich, in dieser jungen Frühlingsnacht,
auf der Straße mit den frischen Knospen,
wohin führst du mich? Wohin bringst du dieses Kind,
das unter der schweren Reisedecke schläft,
mit seinem armen Traum zu Füßen
und dem Anblick der schnell vorüberziehenden Landschaft?
Ah, Kutscher, Kutscher, du lachst mild in deinen Mantel,
du hast den Aprilregen in den Lilien gesehen
und wie die Apfelbäume aufleuchteten, einer nach dem anderen,
auf dem stilleren Ozean der Fluren!
Schöne Nacht sicherlich für jenen, der leben will und darum weiß.
Schöne Nacht für einen Kutscher.
Doch für dieses Kind im Schlaf?
Was liegt daran, woher ich komme, wen schert schon mein Gesicht?
Und daß ich tausend Leben vor mir erleiden mußte,
wiegt das dieser Frühling auf? Was schert dich, Kutscher,
der Hagel einer schwarzen Faust während des Unwetters in den Häfen,
was, ob ich meine Überfahrt bezahle und die deine,
ah, schleudere mich gegen den Meilenstein!

II

Wer bin ich in meinem Leben? Ah, ich hätte irgendwo
in einem Winkel des Himmels alle meine Fahrten aufzeichnen müssen
oder wie ein Dieb des Monds nur in Ufernähe
heimlich kleine Abstecher machen.
Jenes Kind, das ich war, wer gibt es mir also zurück?
Könnte ich es wie eine Handvoll Gräser in meinen Armen drücken!
Der Wein, der diesen Abend in den Bottichen der Welt kocht,
mit diesem Geruch nach Blut, der die Gehirne verwirrt!
Doch möchten jene, die die Handgelenke der Kindheit zerbrochen haben,
uns schinden und töten aufs Neu?
O, ich habe Vertrauen! Ich habe Vertrauen in dieses Leben!
Es kann nicht umsonst sein, daß aus den Massengräbern Blumen sprießen
und auf dem ungreifbaren Spiegel der Nacht
sich die ewige Flamme der Lilien abzeichnet!
Laßt mich allein am Morgen!
Laßt mich schweifen
durch die kleine Siedlung der Zukunft, die zum Kauf ansteht!
Mein Gott, ich bin es, Cadou, ich möchte dieses Beet
von Lupinen besitzen und die Welt daneben.
Doch wie ihr seht, ich konnte in den dreißig Jahren
die Summe dafür nicht aufbringen.
Schenkt man seinen Kindern Vertrauen?
Wann ruft man sich im Namen des Herrn?

III

Ich verzichte auf das Lebensglück, aber nicht darauf,
ein unverfrorener Kerl zu sein.
Parodiere den harmonischen Moment, an dem du betrunken bist,
und stoße im Traum heilige Worte aus!
Wohin gehen wir? Zu welchem ungewissen Prellbock des Raums,
welchem kleinen Leben über den Umweg des Morgens,
das stumpfsinnig im Café an den Tassen schnuppert,
eine dürftige und grausame Mischung des Schicksals?
Doch sich zu berauschen ist vergeblich und der wieder einsetzende Regen
hat diesen Duft der Zeit, der die Waldhörner wieder belebt,
jene, die zu den Stunden der Sintflut ertönen
aus der ungenauen und unfruchtbaren Standuhr der Körper.
Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?
Mit dem Blau in den Augen und den Wunden am Knie?
Wenn alle wieder auf den Bänken der Kindheit erschienen sind
und mühelos das Einverständnis Gottes eingeholt haben,
ach, können sie dann das staunenswerte Gewissen,
als eine Manifestation des Wunderbaren, zurückweisen?
Doch was schert das Fieber und das Wort des Gerichts,
wenn die Erde wie der Himmel einzigartig ist?

Apr 13 16

René Guy Cadou, Devant cet arbre

Devant cet arbre immense et calme
Tellement sûr de son amour
Devant cet homme qui regarde
Ses mains voltiger tout autour
De sa maison et de sa femme

Devant la mer et ses calèches
Devant le ciel épaule nue
Devant le mur devant l’affiche
Devant cette tombe encor fraîche

Devant tous ceux qui se réveillent
Devant tous ceux qui vont mourir
Devant la porte grande ouverte
À la lumière et à la peur

Devant Dieu et devant les hommes
À chaque vie d’être vécue.

 

Vor diesem Baum, ungeheuer und still,
so sehr sich seiner Liebe sicher,
vor diesem Menschen, der sieht,
wie seine Hände sein Haus
und seine Frau umflattern.

Vor diesem Meer und seinen Kaleschen,
vor des Himmels nackter Schulter,
vor der Mauer, vor dem Plakat,
vor diesem noch frischen Grab.

Vor alle jenen, die erwachen,
vor all jenen, die sterben,
vor dem großen Tor, das offensteht
dem Licht und der Angst.

Vor Gott und vor den Menschen,
daß jedes Leben gelebt worden sei.

Apr 13 16

René Guy Cadou, Confession générale

Seigneur ! me voici peut-être à la veille de te rencontrer !
Il fera nuit ! Je serai là debout à la barrière du pré
Tu sais ! Comme dans ce tableau de Gauguin où apparaît le peintre
En gros sabots avec sa pèlerine de croquant que les pluies d’automne ont déteinte
Je t’attendrai Toi ou ton Ange ou quelqu’un de ton Cérémonial
Entre les quatre planches du ciel pareilles à un confessionnal
Ô Toi qui viens sur le chemin pour me parler et me confondre
Voici que le boîtier de ma vie s’ouvre sur les rouages de la honte
Et que tout mon passé dégringole soudain pauvre mur de bibliothèque
Livrant ses pages non coupées et nombre de dessins obscènes
Plus besoin de dissimuler ô mon Dieu ! plus besoin
De se donner des gants trop grands et le tintouin
De ressembler à travers soi à quelqu’un d’autre
Puisque ta main de sang me soupèse les côtes.

 

Generalbeichte

Herr! Siehe auf mich am Vorabend, da ich dir begegnen soll!
Es wird Nacht! Ich stehe hier an der Schwelle des Angers,
du weißt es! Wie auf jenem Bild von Gauguin, wo der Maler auftaucht
mit großen Holzschuhen in seinem bäurischen Umhang, den der Herbstregen ausgebleicht hat.
Ich warte auf Dich oder deinen Engel oder einen aus deinem Hofstaat
zwischen den vier Brettern des Himmels, die einem Beichtstuhl gleichen.
O Du, der da des Weges kommt, um mit mir zu sprechen und mich zu entlarven,
siehe, der Kasten meines Lebens mit dem Räderwerk der Schande springt auf
und meine ganze Vergangenheit stürzt ein im Nu, armselige Mauer der Bibliothek,
sie gibt ihre noch nicht aufgeschnittenen Seiten preis und zahlreiche obszöne Zeichnungen.
Sinnlos, noch weiter Verstecken zu spielen, mein Gott, sinnlos,
viel zu große Handschuhe überzuziehen und sich damit zu plagen,
durch und durch einem anderen ähnlich zu sehen,
denn deine Blut-Hand wägt meine Seiten.

Apr 13 16

René Guy Cadou, Comme un Christ de Gauguin

Mon Dieu tu es quelque part sur une petite plage bretonne
Dans une crique à l’abri du vent
Tu as la bouche comme empêtrée de consonnes
Et tu as soif de limonade éperdument
Qui me rendra la palme fraîche du village
Mes figuiers et la voix des maréchaux-ferrants
Un soleil d’huile rance est l’unique breuvage
Et les gouttes de feu qui perlent à mon flanc
La fièvre le poignant il s’évanouit encore
Ses bras en se fermant semblaient un sémaphore
Lors on vit sur la mer mille et mille vaisseaux
S’approcher du rivage et lancer des canots
Du premier sur le bord il en sortit un ange
Porteur de vin doré d’olives et d’oranges
Mon Dieu éveille-toi je suis ton serviteur
J’ai parcouru les mers comme un pauvre pêcheur
Défiant nuits et marées corsaires et cyclones
Pour atteindre à jamais cette plage bretonne
Merci de tes présents dit tout bas le Seigneur
Mais laisse-moi puiser à deux mains dans ton cœur.

 

Wie ein Christus von Gauguin

Mein Gott, du bist irgendwo an einem kleinen Strand der Bretagne,
in einer Felsenbucht zum Schutz vor dem Wind,
dein Mund sieht aus, als habe er sich in den Konsonanten verheddert,
und du hast einen Riesendurst auf Limonade,
du, der mir die junge Palme des Dorfes wiedergeben wird,
meine Feigenbäume und die Stimme der Hufschmiede.
Eine Sonne ranzigen Öls ist der einzige Trank
und die Feuertropfen, die an meiner Seite rinnen.
Fieber sucht ihn heim, wieder fällt er in Ohnmacht,
seine sich schließenden Arme gleichen einem Signalmast.
Dann sieht man auf dem Meere tausend und abertausend Schiffe
sich dem Ufer nähern, sie senden Boote aus.
Aus dem ersten, das ans Ufer gelangt, steigt ein Engel,
er bringt Wein, vergoldet mit Oliven und Orangen.
„Mein Gott, erwache, ich bin dein Diener,
ich habe die Meere durcheilt wie ein armer Fischer,
ich trotzte den Nächten und Gezeiten, den Seeräubern und Zyklonen,
um für immer an dieser bretonische Küste zu landen.“
„Danke für deine Gaben“, spricht sehr leise der Herr,
„doch laß mich mit beiden Händen aus deinem Herzen schöpfen.“

Apr 12 16

René Guy Cadou, L’enfant

Tu as sept ans et tu vas à l’école
Tes vêtements sentent la colle
De menuisier
Tu as rempli de fleurs champêtres ton plumier
Tu marches lentement en évitant la fange
Tu as des étoiles dans tes cheveux qui te démangent
Tu regrettes un peu l’odeur des grands sapins
Tu voudrais t’arrêter et partager ton pain
Avec la petite fille qui passé
Tu n’es pas toujours le premier en classe
Tu es bavard
Tu dessines des chats sur ton papier buvard
Tu regardes souvent le ciel par la fenêtre
Tu rêves à de bons bergers qui t’ont vu naître
Mais tu sais lire aussi et déjà dans le vent
Tu découvres tout seul des tas de mots savants
Des mots qui prononcés font du bien à tes lèvres
Tu sais tresser le jonc et conduire les chèvres
D’un geste simple et doux apaiser les chevaux
Bruire comme un laurier pour consoler l’oiseau
Tu aimes caresser le front blanc de ta mere
Tu es l’Enfant que je vénère
Tu es bien le Fils de mon Dieu

 

Das Kind

Du bist sieben und gehst zur Schule,
deine Kleider riechen nach dem Leim
des Tischlers,
in dein Federkästchen hast du Feldblumen gestopft,
du gehst vorsichtig, um nicht in den Schlamm zu treten,
du hast Stroh in den Haaren, das dich juckt,
du vermißt ein wenig den Duft der hohen Tannen,
du möchtest anhalten und dein Brot teilen
mit dem kleinen Mädchen, das vorüberging,
du bist nicht immer der Primus der Klasse,
du bist geschwätzig,
du zeichnest Katzen auf dein Löschpapier,
du schaust oft durch das Fenster in den Himmel,
du träumst von den Schäfern, die bei deiner Geburt dabei waren,
du kannst auch lesen und schon im Wind
entdeckst du eine Menge sinniger Wörter,
Wörter, die auszusprechen deinen Lippen wohltut,
du verstehst es, Binsen zu flechten und Ziegen zu leiten
mit einfachen Zeichen und die Pferde ruhig zu halten,
zu säuseln wie ein Lorbeer, um die Vögel zu trösten,
gern streichelst du über die weiße Stirn deiner Mutter,
du bist das Kind, das ich verehre,
du bist gewiß der Sohn meines Gottes.

Apr 12 16

Die Kleine im Bethmannpark

Da kommt die Kleine gewackelt,
die Schultern hüpfen, die Füße schlüpfen,
sie lächelt aus Mamas Schatten.
Die Welt hat heut offen: Der Garten schimmert.

Hat sie nicht Augen für alles,
für die Raschel-Tüte, die Magnolienblüte,
und Mama trägt ihr den roten Eimer
und die Schaufel nach: Der Sandkasten glimmert.

Der Greis mit dem Hütchen grinst,
die Alte hat Fladen auf die Bank geladen,
er kaut bedächtig, sinnierend,
was da im Schacht der Erinnerung wimmert.

Sie weiß den Weg, den schmalen,
frühen ins kleine Gelingen, die Löckchen schwingen,
sie winkt den Latz-Genossen.
Die Welt hat heut offen, bis der Abendstern flimmert.

Apr 12 16

René Guy Cadou, Ma chambre

Ma chambre est comme l’avant d’un navire qui fend les hautes vagues de la campagne et je ne vois rien à l’horizon qu’une ligne d’arbres immobile. Elle est ouverte sur la solitude et respire le silence. Rien ne vient troubler mon regard habitué au balancement des herbes. Rien ne frappe mon oreille qui ne me soit familier : hennissement d’un cheval, pas ferré sur la route, chant d’un coq. Je puis donc tout entier me donner à cette marée montante qui frappe mon poignet.

Mein Zimmer ist wie der Bug eines Schiffes, das die hohen Wogen der Landschaft zerteilt, und ich sehe nichts am Horizont als eine starre Linie von Bäumen. Es blickt in die Einsamkeit und atmet die Stille. Nichts wird meinen Ausblick stören, der gewöhnt ist an das Schaukeln der Gräser. Nichts trifft mein Ohr, was mir nicht vertraut wäre: Wiehern eines Pferds, Hufeisen auf dem Stein, Krähen des Hahns. Ich kann mich also ganz der Flut hingeben, die in meinem Handgelenk schwillt.

Apr 12 16

René Guy Cadou, Ô, poésie, écarte-toi de ton miroir !

Ô, poésie, écarte-toi de ton miroir ! Je parle pour des jeunes gens et pour des hommes de tous âges. Je parle de ce qui m’arrive. Je parle d’un monde absous de sa colère. Et peut-être entendrez-vous cette voix volontairement monocorde, désarçonnée à bas du cheval dans l’allée, derrière cette grille à triple verrou, derrière cette grille, derrière cette âme, cette voix, ô jeunes gens et vous hommes de tous âges, peut-être entendrez-vous cette voix qui frappe, qui veut entrer, qui frappe, ô jeunes gens, qui frappe comme vous à la porte de son destin et qui chante sous les balles.

 

O Dichtung, rück nur ab von deinem Spiegel! Ich rede für die Jungen und für Menschen jeden Alters. Ich rede von dem, was mir geschieht. Ich rede von einer Welt, freigesprochen von ihrem Grimm. Und mag sein, ihr werdet diese Stimme hören, die mit Vorliebe auf einer Saite tönt, hinabgeworfen vom Rücken des Pferds auf der Allee, hinter jenem Gitter mit der dreifachen Verriegelung, hinter jenem Gitter, hinter jener Seele, jene Stimme, ihr Jungen und ihr Menschen jeden Alters, mag sein, ihr werdet diese Stimme hören, die anklopft, die eintreten will, die anklopft, ihr Jungen, die anklopft wie ihr an der Tür ihres Schicksals und die singt inmitten der Geschosse.

Apr 11 16

René Guy Cadou, En ce moment

En ce moment, quelqu’un fait le tour de la maison pour entrer. Il n’y a pas de porte. C’est à moi d’aller chercher, de montrer quels chemins il faut prendre pour être là, sous les ramages de la lampe.
Je n’ose pas me lever. Je n’ose pas mettre pied sur le tapis roulant du monde qui m’emporterait. Pourtant, je suis sûr que c’est elle, la quotidienne, la présente, la désirable comme le feu, elle dont le nom est comme une fleur rouge dans ma gorge. Je ne la vois pas encore, je l’entends seulement qui tourne dans la grande cage des lauriers. Elle profite d’une aile, elle est givre nouveau sur la vitre. Je suis lié à elle par toutes les cordes de mon sang.
Comment la prendre ? J’ai peur de lui faire mal avec ces mains durcies par tant d’écorces. Mon visage l’effraiera blessé par tant d’oiseaux. Et puis que lui donnerais-je ? J’ai tout abandonné pour ce clair vivier de lumière.

 

In diesem Moment geht einer um das Haus herum, um einen Eingang zu finden. Da ist keine Tür. Es ist an mir, nachzusehen, zu zeigen, auf welchen Wegen man hier gehen muß, unter dem Rankenwerk der Lampe. Ich wage nicht, mich zu erheben. Ich wage es nicht, den Fuß auf den fliegenden Teppich der Welt zu setzen, er könnte mich forttragen. Dennoch bin ich sicher, daß sie es ist, die tägliche, die gegenwärtige, die begehrenswert ist wie Feuer, sie, deren Name wie eine rote Blume in meiner Kehle steckt. Noch sehe ich sie nicht, ich höre sie bloß, wie sie sich im großen Korb des Lorbeers dreht. Ein Flügel macht es ihr leicht, sie ist frischer Reif auf dem Fenster. Alle Saiten meines Herzens verknüpfen mich mit ihr.
Wie sie fassen? Ich habe Angst, ihr weh zu tun mit diesen Händen, schrundig geworden an so vielen Borken. Mein Gesicht, von so vielen Vögeln zerkratzt, wird sie erschrecken. Und dann, was könnte ich ihr schenken? Ich habe alles dahingegeben für diesen klaren Teich des Lichts.

Apr 11 16

René Guy Cadou, Pour t’avoir là dans la maison

Pour t’avoir là dans la maison
Comme une étoffe toujours blanche
Et sans souci des lunaisons
Te caresser le long des hanches

Pour deviner ta jambe nue
Comme un soleil d’été qui traîne
Dans le ruisseau d’une avenue
Un matin de tristesse humaine

Pour ne savoir te désirer
A chaque instant dans chaque femme
Pour t’aimer comme un beau cheval
Dans la rue pleine de passants

Pour soulever dans ton sourire
Un ciel d’automne ses pommiers
Pour balayer d’une main large
Les flocons noirs du souvenir

 

Um dich hier im Hause zu haben
wie Linnen, die immer weiß sein müssen,
sorglos um Mondes Wechselgaben
dich die Hüften entlang zu küssen.

Um dein Bein nackt zu erraten
wie die Sonne, die den Sommer lang säumt
in Bächen, die durch Alleen waten,
am Morgen, der sich in Traurigkeit träumt.

Um nicht zu sein, der dich begehrt
in jeder Frau in jedem Moment,
um dich zu lieben wie ein schönes Pferd
auf dem Weg, wo die Menge rennt.

Um dem Himmel aus deinem Lächeln
die herbstlichen Äpfel zu locken,
um mit leichter Hand zu fächeln
der Erinnerung schwarze Flocken.

Apr 11 16

René Guy Cadou, Avant tout

Avant tout
Prenez-moi comme je suis
Prenez-moi pour vous aider
Dans vos tâches quotidiennes

Les yeux des bêtes de montagne
Le grand vent l’oiseau chanteur
Et l’apparence la plus calme
Me retiennent loin de vous

Mais je vous aime en vérité
Pour le plaisir de vous aimer
Au plus sombre de votre amour
Pour le plaisir de vous surprendre
Et quand ma vie ne suffit plus
A me faire entendre la vie
Je me réclame de vous tous.

 

Vor allem
nehmt mich so, wie ich bin,
nehmt mich zu eurer Hilfe
bei den Aufgaben eures Alltags.

Die Augen der Tiere in den Bergen,
der große Wind, der Sänger Vogel
und der Zauber der stillsten Stille
hielten mich fern von euch.

Doch in Wahrheit liebe ich euch,
für die Freude, euch zu lieben
mit der dunkelsten Liebe zu euch,
für die Freude, euch zu überraschen,
und wenn mein Leben nicht mehr genügt,
damit ich das Leben verstehe,
berufe ich mich auf euch alle.

Apr 11 16

René Guy Cadou, Tu peux me couvrir de ta haine

Tu peux me couvrir de ta haine
Devant moi dresser tes poings nus
Chaque jour chaque nuit défaire
Ma patience ma belle vie

S’il te plait d’élever des murs
Qui me feront plus grand encore
Je suis prêt j’arrive prends-moi
Fais-toi complice de tes chiens

 

Du kannst mich mit deinem Haß bedecken,
deine nackten Finger nach mir ausstrecken,
jeden Tag, jede Nacht meine Geduld
zermürben, mein schönes Leben.

Wenn es dir gefällt, Mauern zu errichten,
die mich nur größer machen werden,
ich bin bereit, ich komme, fasse mich,
mach dich zum Komplizen deiner Hunde.

Apr 11 16

René Guy Cadou, Je veux

Je veux que sur tes joues scintillent les avoines
Que ton cœur aux sillons de blé ouvre ses vannes
Qu’un bouquet de clarté enfin te soit offert
Entre le sol qui tremble et un plafond de fer
Apprends donc à chanter à dresser sur tes lèvres
Les merles les oiseaux délicats de la fièvre
Apprivoise et reprends le monde à son matin
La terre est pleine de saveurs fais-en ton pain

Charme les durs serpents des arbres les fontaines
Charme les fleurs et les ruisseaux charme ta peine
Que ton corps tout entier soit le doux sifflement
De l’eau qui a trouvé le ciel, son élément.

 

Ich will, daß auf deinen Wangen der Hafer schimmere,
dein Herz auf den Furchen des Weizens seine Schleusen öffne
und dir endlich, zwischen der zitternden Sonne und einer Eisendecke,
ein Blumenstrauße der Klarheit überreicht werde.
Lerne deshalb zu singen und die Amseln und die Vögel,
die bang aufflattern, sich auf deinen Lippen niederzulassen.
Mache die Welt zahm und schenk ihr einen neuen Morgen.
Die Erde ist voller Würze, backe daraus dein Brot.

Bezaubere die harten Schlangen der Bäume, die Brunnen,
bezaubere die Blumen und Bäche, bezaubere dein Leid,
auf daß dein ganzer Leib ein süßes Zwitschern
des Wassers sei, das den Himmel fand, sein Element.

Apr 10 16

René Guy Cadou, Il se peut que tu meures avec moi

Il se peut que tu meures avec moi
Que nous n’ayons pour témoigner
Qu’une même tombe avec un rosier
N’oublie pas cependant que je te lègue
Quelque chose de fabuleux comme un village nègre
Dans la forêt voilà cent ans
Si l’imagination te fait défaut ô mon fils pense
A un wagon abandonné
A une malle des Indes
A quelques fruits de coloquinte
Dans une coupe
Au fond d’une chambre.

 

Mag sein, du stürbest mit mir
und wir hätten zu unseren Zeugen
nichts als ein gemeinsames Grab mit dem Rosenstrauch,
dennoch vergiß nicht, daß ich dir etwas hinterlasse,
märchenhaft wie ein Negerdorf
im Wald vor hundert Jahren.
Wenn deine Phantasie nicht ausreicht, denke, mein Sohn,
an einen verlassenen Eisenbahnwagen,
an die Post zwischen Indien und England,
an Früchte des Teufelsapfels
in einer Schale
an der Rückwand eines Zimmers.

Apr 10 16

René Guy Cadou, Je ne sais rien de tout cela

Je ne sais rien de tout cela
Ni comment tu t’habilles les jours de fête
Ni comment tu embrasses celle que tu aimes
Mais je sais à la façon dont tu portes la tête
A la façon que tu as de marcher
Que nous sommes faits pour aller tous deux
Avec cette joie saine sous l’épaule
Je t’écris parce que je ne puis supporter
Plus longtemps le silence
Parce que c’est trop de quatre années
A ne plus savoir si la vie
Est bonne à vivre ou méprisable
Parce que je suis responsable de ma vie
Comme de toutes celles qui m’entourent
Parce que de penser que tu m’attends peut-être
Et que tes mains se refroidissent loin des miennes
Me donne la force de parcourir ces kilomètres
Qui ne sont rien puisque je t’aime

 

Ich weiß nichts von alledem,
nicht wie du dich für die Festtage kleidest,
nicht wie du jene küßt, die du liebst,
doch weiß ich um die Art, wie du deinen Kopf hältst,
die Art, wie du zu gehen pflegst,
weiß, daß uns beiden bestimmt ist,
mit dieser gesunden Freude unter der Schulter zu gehen.
Ich schreibe dir, weil ich das Schweigen
nicht länger mehr ertrage,
weil es nun über vier Jahre her ist,
daß ich nicht weiß, ist dir das Leben
gut oder zur Schmach,
weil ich verantwortlich bin für mein Leben
wie für das all derer, die mit mir sind,
weil mir vorzustellen, daß du vielleicht auf mich wartest
und deine Hände frieren fern von den meinen,
mir die Kraft gibt, diese Kilometer zurückzulegen,
die gar nichts bedeuten, weil ich dich liebe.

Apr 10 16

Das Lied

Über Nacht aufgesprossen,
zittern ihre fleischigen Lippen zu Tage,
Magnolienblüte,
du purpurnes Lied für eine taube Welt.

Sie blickt mit feuchtem Auge
in das ewig tränenlose der Sonne.
Sie gibt sich den Launen des Winds
und fleht um die Gnade, herabzuwehen
ins Grab einer Pfütze.

Sie blüht für ihr reines Sterben
und stirbt für ein unbegreifliches Morgen.
Sie dehnt den bejahenden Kuß,
bis ihre Schönheit verblaßt.

Einer kam und las sie auf,
preßte seine Lippen an ihre verstummten,
hob sie auf den perlenden Wein einer Schale
vor dem kindlichen Bild seiner Andacht.

Als die Nacht den Mund
mit süßem Odem bestrich
und das Seufzen eines Opferlichts
das Bild überhauchte,
sang es aus ihm, das Lied.

Apr 10 16

René Guy Cadou, Qui marche sur la mer

Qui marche sur la mer
Et n’est point bâtiment

Qui vole dans les airs
Et pourtant n’a pas d’ailes

Qui peut changer le monde
Et n’en profite pas

Qui est toujours plus grand
A chaque fois qu’il tombe

Qui fait une fontaine
Enchantée de sa tombe

Qui n’a pas d’enfant
Mais des milliers d’enfants

Qui me hante qui est
Ma face de lumière.

 

Es gleitet auf das Meer

Es gleitet auf das Meer
und ist doch kein Schiff.

Es fliegt durch die Luft
und hat doch keine Flügel.

Es kann die Welt verwandeln
und wandelt sich doch nicht.

Es wird nur immer größer,
je tiefer es auch fällt.

Es bildet eine Quelle,
verzückt über ihrem Grab.

Es ist kinderlos
und hat doch tausend Kinder.

Es verfolgt mich, es ist
mein Antlitz aus Licht.

Apr 10 16

René Guy Cadou, La parole

Voleuse
Ô perle noire enrichie d’étincelles
Ecuyère des mots
Trapéziste du sang
Lancée sur le circuit vertigineux du temps
Convoi de mon amour
Echarpe lumineuse
Je te perds
Je te prends
Je te mets en veilleuse

 

Die Sprache

Diebin,
o schwarze Perle, kostbar von Gefunkel,
Kunstreiterin der Worte,
Trapezspringerin des Bluts,
geworfen auf die taumelnde Rennbahn der Zeit,
Geleitzug meiner Liebe,
leuchtende Schärpe,
ich verliere dich,
ich fasse dich,
ich schalte dein Nachtlicht an.

Apr 10 16

Die Nacht

Die Nacht ist ein Fell,
es flimmert von sirrenden Mücken,
es stinkt von Gefahren des Lebens,
es klebt vom Honig der Küsse.

Ich habe das Fell abgezogen,
ich bin in die Nacht geschlüpft.

Die Nacht ist ein Schiefergestein,
gemasert von fiedrigem Blatt,
es bricht durch die Adern
der sterbende Ruf eines Vogels.

Ich habe den Schiefer gespalten,
ich bin in der Nacht versteint.

Die Nacht ist eine Glocke,
sie zittert unterm Herzschlag der Angst,
sie fliegt auf im Krähen des Hahns,
sie läutet den Horizont rot.

Ich habe die Glocke gegossen
aus der grünen Bronze des Traums.

Die Nacht ist ein blutender Mohn,
er leuchtet am Ufer des Rheins,
er singt mit durstigen Lippen,
er tropft auf die Wange des Schlafs.

Ich habe den Mohn gedüngt
mit der grauen Asche, der Asche.

Apr 9 16

René Guy Cadou, Poésie la vie entière

Avec l’amour
Avec le ciel
Avec le jour
Et tous les souvenirs démêlés un à un
Avec le plus faible qui t’aime
Avec la plus belle d’entre toutes
Qui te regarde et s’humilie
Avec les prisons qui s’éclairent
Lorsque tu passes sous les murs
Avec l’oiseau
Avec les bêtes
Qui tremblent de te perdre un jour
Poésie la vie entière
Je te caresse
Aux yeux de tous.

 

Dichtung das ganze Leben

Mit der Liebe,
mit dem Himmel,
mit dem Tag
und allen Erinnerungen, auf feinste entwirrt,
mit dem Geringsten, der dich liebt,
mit der Schönsten der Schönen,
die dich ansieht und demütig wird vor dir,
mit den Gefängnissen, in denen es hell wird,
wenn du an ihren Mauern entlangstreifst,
mit dem Vogel,
mit den Tieren,
die davor zittern, dich eines Tages zu verlieren,
Dichtung das ganze Leben,
ich liebkose dich
in aller Augen.

Apr 9 16

René Guy Cadou, Les chiens qui rêvent dans la nuit

Les chiens qui rêvent dans la nuit
Il y a toujours un poète qui leur répond par une petite luieur
Tirée comme un bas jaune sur une maigre lampe
Et l’on ne sait rien du poète
Et l’on se cache de ces chiens
Qui tirent sur leur chaîne comme s’ils remontaient
Du fond de la journée un seau lourd de ténèbres
Mais l’homme qui se tient penché sur sa jeunesse
Et la main répandue comme un trieur de grains
Reconnaît dans la voix confuse de ces bêtes
La diane doucement poignante du destin.

 

Den träumenden Hunden der Nacht

Den träumenden Hunden der Nacht
hält stets ein Dichter ein kleines Licht zur Antwort hin,
wie ein gelber Strumpf über die schlanke Lampe gezogen.
Man weiß nichts von diesem Dichter.
Und man versteckt sich vor diesen Hunden,
die an ihrer Kette zerren, als zögen sie
aus der Tiefe des Tages ein Netz, beschwert mit Dunkelheit.
Aber der Mensch, der sich über seine Jugend beugt
und seine Hand ausstreckt, als lese er Samenkörner,
erkennt im Stimmengewirr dieser Tiere
die Göttin Diana mit dem sanften Schicksalsgriff.

Apr 8 16

René Guy Cadou, Testament

Dans le temps de ma vie
Je vous ai tout donné.
Sur mes mains, sur mon sang,
Je vous ai promené.

Pour vous plaire, j’ai dû
Me soulever du monde,
Eloigner mes poumons
Des cryptes enfumées,

Reprendre au jour nouveau
Son butin de solfège,
Et ses vitraux couverts
De graffiti, de neige

Peu d’années ont suffi
Pour voiler mon regard.
J’ai pâli, j’ai vieilli,
Mon coeur a fait sa part.

Dans la mansarde bleue
Qui me gardait des branches
J’ai vu mon front s’ouvrir
Sous une étoile blanche.

Que voulez-vous de moi,
Maintenant que je n’ai
Pas même, pour saluer,
La grâce des poneys?

Dans le cirque des mots
J’ai trop fait de voltige,
Trop d’oiseaux sont venus
S’appuyer à ma tige.

Je ne puis rien pour vous,
Pas même vous soumettre
A la lumière, au vent,
Au dernier kilomètre.

 

Testament

In meiner Lebenszeit
habe ich euch alles gegeben.
Über meine Hände, über mein Blut
ließ ich euch wandern.

Euch zu Gefallen mußte ich
der Welt mich entheben,
meine Lungen entfernen
von parfümierten Krypten,

dem jungen Tag wieder entreißen
seine Beutestücke mi, fa, sol und si, do, re
und seine mit Graffiti bedeckten
Gläser, bedeckt mit Schnee.

Wenige Jahre genügten,
meinen Blick zu verhängen.
Ich wurde blaß, wurde alt,
mein Herz hat seinen Dienst getan.

In der blauen Mansarde,
meiner Zweige Hort,
sah ich meine Stirn erblühen
unter einem weißen Stern.

Was verlangt ihr von mir
nun, da ich nicht einmal
mehr um zu grüßen
die Grazie eines Ponys habe?

Im Zirkus der Worte
habe ich zu viele Sprünge gemacht,
zu viele Vögel kamen herbei,
ließen sich nieder auf meinen Halm.

Ich vermag nichts mehr für euch,
nicht einmal mehr euch das Licht
aufzuerlegen, den Wind,
den letzten Kilometer.

Apr 8 16

René Guy Cadou, Citations et Sentences

Le temps qui m’est donné que l’amour le prolonge.

Pourquoi tant de poèmes, pourtant si admirablement construits, nous laissent-ils à ce point indifférents ? Sans doute y perçoit-on un peu trop l’intention, cette volonté préétablie d’agencer des matériaux dans l’apparence du chef-d’œuvre. Mais ces fenêtres si hautes, si claires, si ordonnées, sont murées de l’intérieur. L’obscurité est partout dans cette demeure.

Toute poésie tend à devenir anonyme.

Les poèmes les plus surprenants surprennent d’abord par l’absence de surprises.

L’émotion du poète ne vient pas de ce qu’il voit mais de ce qu’il endure.

Et c’est vrai, j’ai profité de la joie comme d’une graine qui lève, une graine que d’autres ont semée et dont la flamme mordille la terre. Je n’ai pas songé à l’entourer de mes mains, je n’ai pas empêchée qu’elle veille, je l’ai regardée danser dans les prunelles du monde. Demain elle éclatera en gerbes sous les faucilles et je n’y serai pour rien.

Quand tu es loin de moi tu es toujours présente – Tu demeures dans l’air comme une odeur de pain – Je t’attendrai cent ans mais déjà tu es mienne – Par toutes ces prairies que tu portes en toi.

Fais vite – Ton ombre te précède et tu hésites – Derrière toi on marche sur tes jeux brisés – On referme la porte – Et les heures sont comptées – Mais la vie la plus courte – Est souvent la meilleure.

La solitude je la vois pour moi dans l’insignifiante compagnie des gens de lettres.

Je ne conçois pas de poésie sans un miracle d’humilité à la base.

La poésie n’est rien que ce grand élan qui nous transporte vers les choses usuelles, usuelles comme le ciel qui nous déborde.

J’aimerais assez cette critique de la poésie : la poésie est inutile comme la pluie.

Tu es une grande plaine parcourue de chevaux / Un port de mer tout entouré de myosotis / Et la rivière où le nageur descend / À la poursuite de ton image / Tu es l’algue marine et la plante sauvage.

Je cherche surtout à mettre de la vie dans mes poèmes, à leur donner une odeur de pain blanc, un parfum de lilas, la fraîcheur d’une tige de sauge.

 

Zitate und Sentenzen

Möge die Liebe die Zeit, die mir gegeben ist, verlängern.

Weshalb lassen uns so viele Gedichte, und seien sie noch so bewundernswert gebaut, einfach kalt? Zweifellos, weil ein wenig zu sehr die Absicht durchschimmert, der willentliche Vorsatz, die Versatzstücke nach dem Muster eines Meisterwerkes anzuordnen. Doch diese Fenster, so hoch, so klar, so schön angeordnet, sie sind von innen zugemauert. Überall in diesen Gemäuern nichts als Dunkelheit.

Alle Dichtung strebt ins Namenlose.

Die überraschendsten Gedichte überraschen durch die Abwesenheit von Überraschungen.

Die innere Bewegung des Dichters rührt nicht von dem her, was er sieht, sondern von dem her, was er erduldet.

Es stimmt, ich lebe von der Freude wie von einem Samenkorn, das aufkeimt, einem Samen, den andere ausgestreut haben und dessen Flamme die Erde aufbeißt. Mir kam es nicht in den Sinn, meine Hände um sie zu legen, ich habe sie nicht daran gehindert, zu wachen, ich habe zugesehen, wie sie tanzt in den Pupillen der Welt. Morgen zerstiebt sie unter den Sicheln in Garben, und ich werde keinen Anteil daran haben.

Wenn du fern von mir weilst, bist du doch immer da – du schwebst in der Luft wie der Geruch von Brot – ich werde hundert Jahre auf dich warten, doch gehörst du mir heute schon an – durch all die Wiesen, die du in dir trägst.

Mach schnell, dein Schatten eilt dir voraus und du zögerst, hinter dir tritt man auf deine zerbrochenen Spiele, die Tür wird verschlossen, die Stunden sind gezählt, doch ist gerade das kürzeste Leben oft das beste.

Die Einsamkeit, mir tritt sie vor Augen in der belanglosen Gesellschaft von Schriftstellern.

Ich habe keinen Sinn für Dichtung, die nicht aus dem Wunder der Demut sproß.

Die Dichtung ist nichts als der große Schwung, der uns zu den alltäglichen Dingen hinführt, alltäglich wie die Sonne, die uns der Grenzen entrückt.

Diese Kritik an der Dichtung sprach mir aus dem Herzen: Die Dichtung ist unnütz wie der Regen.

Du bist eine weite Ebene, wo sich Pferde tummeln/ein Hafen am Meer, ganz umwuchert von Vergißmeinnicht,/und der Fluß, in dem der Schwimmer deinem Bild entgegentreibt,/du bist die Meeresalge und die wilde Pflanze.

Ich bin darauf bedacht, Leben in meine Verse zu hauchen, ihnen den Duft von Weißbrot zu geben, den Wohlgeruch der Lilien, die Frische eines Salbeiblatts.

Apr 8 16

René Guy Cadou, Sauver les meubles

Il est un homme au bord du monde
Qui chancelle
Un pauvre corps sans étincelles
Tout au fond de la vie
Un grand remous à la surface
Et puis des cris
Un doigt crispé qui me fait signe
Dans le courant un cœur qui saigne
Et cependant je n’ose aller
Vers cet homme qui me ressemble
Qui bat des mains
Qui me supplie
De l’achever d’un seul regard
Nous ne pouvons mourir ensemble

 

Retten, was zu retten ist

Es gibt einen Menschen am Rande der Welt,
der wankt,
ein armer Körper ohne Glanz.
Aus der Tiefe des Lebens
kommt ein großer Strudel nach oben,
dann Schreie,
ein verkrampfter Finger, der mir Zeichen gibt,
und dennoch wage ich nicht,
auf diesen Menschen, ganz mein Ebenbild, zuzugehen,
der mit den Händen um sich schlägt,
der mich anfleht,
ihm den Gnadenschuß eines einzigen Blicks zu geben.
Wir können nicht zusammen sterben.

Apr 7 16

Im Zwielicht

Das Zwielicht bezeichnet die Atmosphäre unserer Existenz. Denn in der Dimension der conditio humana wird es niemals vollständig hell, aber auch nicht gänzlich dunkel.

Die radikalen Aufklärer wähnen, alles beleuchten und alles ins klare Licht rücken zu können. Der Wahn der Aufklärung entspringt der Verwechslung des Begriffs der Vernunft im Sinne des Abwägens und Erwägens von überschaubaren Gründen mit dem Begriff der rechnenden Rationalität im Sinne der deduktiven Ableitung von Sätzen aus gegebenen Annahmen. Wir können aber nur in einem zeitfreien Systemkontext wie dem der Zahlen oder logischen Operationen rechnen, in den zeitlichen Kontexten, in denen wir unsere Entscheidungen zu fällen genötigt sind, können wir nur vernünftig abwägen – denn das Kommende sehen wir nicht oder nicht vollständig voraus.

Die radikalen Skeptiker wähnen, unsere Existenz sei gänzlich in die Finsternis der letzten Unerforschlichkeit der Gründe und der Folgerungen aus unseren unerfindlichen Annahmen getaucht. Doch stehen wir auf dem rutschigen Untergrund unserer Annahmen nicht vollständig im Dunkeln. Wenn wir auch nicht wissen, ob morgen die Sonne aufgehen, ob wir morgen noch leben werden, tun wir allem menschlichen Ermessen nach gut daran, so zu tun, als werde dies wie heute auch morgen der Fall sein. Radikale Skepsis fruchtet nicht im alltäglichen Weltumgang: Das Kind bleibt das Kind seiner Eltern und kann sich darauf verlassen, wenn auch nicht unbedingt und für alle Fälle, daß das Mittagessen auf dem Tisch stehen wird, wenn es von der Schule nach Hause kommt. Der Bauer sät seinen Weizen, nicht ganz ohne begründete Erwartung, daß er aufgehen wird, der Liebhaber stellt sich zum Rendez-vous ein, auch wenn es regnet oder schneit, denn er setzt auf den Liebeswunsch der Geliebten, der sie mit einem Regenschirm bewaffnet und mit Handschuhen versieht, um wie er selbst sich einzufinden zum Stelldichein.

Um seiner quälenden Eifersucht zu entrinnen, bestach er einen Bekannten, seines Zeichens ein Beau und Bonvivant, seine Freundin zu verführen. Teil der finanziell gut unterfütterten Abmachung war auch ein ausführlicher, kein Detail auslassender Bericht des Frauenhelden über das gelungene erotische Abenteuer. – Ob seine schreckliche Unruhe danach verflogen war und seine Liebschaft wie erhofft in ein harmonisches Fahrwasser geriet, ist uns nicht zu Ohren gekommen.

Im Zwielicht zu leben heißt, in steter, nie zu beseitigender Unsicherheit und Ungewißheit über das Kommende zu existieren, es heißt, unter dem lautlos zitternden Damoklesschwert der ungewissen Ereignisse zu existieren, die die nächste Stunde, die nächste Nacht, der nächste Tag bereithält.

Es gibt nur ein Mittel, ein für allemal dem Leben das Zwielicht der Ungewißheit und Unsicherheit zu nehmen: es zu beenden.

Alle Versuche, sich einen weiten Überblick zu verschaffen oder eine bleibende Ordnung in den Niederungen des Wankelmuts zu stiften, dienen dazu, die Quellen der Beunruhigung auszutrocknen und unser Herz wenn auch nur für kurze Frist zu befrieden. Doch gerade dann erfüllt uns Freude, wenn die über Nacht aufgesprossenen Blüten die im Schlaf gedämpfte Unruhe des Herzens wieder erwecken, seinen eingeschlummerten Teich das Kräuseln sanfter Wellen wachruft.

Wir wären nicht, was wir sind, ohne das Zwielicht, das unsere Seelen nährt. So setzt du manches, vieles, alles daran, dein Versprechen zu erfüllen, dem Bekannten, dem Verwandten, dem Geliebten am ausgemachten Tag die geliehene Summe Geld, das überlassene Auto, das versprochene Geschenk auszuhändigen, auch wenn dir an jenem Tag eine Laus über die Leber laufen mag, auch wenn es donnert und blitzt, auch wenn die Welt untergeht.

Wir nennen die ethische Form oder die moralische Fassung, die uns im Dasein unterm Zwielicht ansteht und menschlich auszeichnet, Haltung. Wir bewahren die Haltung angesichts der Ungewißheit der Zukunft, angesichts des dunklen Gewölks aus dem Abgrund, angesichts des Todes.

Wäre alles licht und klar, könnten wir die Zukunft voraussehen, wären wir nicht die Menschen, die wir sind, windschief geworden gegen die Stürme der Zeit, wankend wie das Schilfrohr, aber so biegsam, daß wir auf lange nicht zu brechen gedenken.

Nur unter der trüben Sonne unseres Daseins gedeihen die Blumen, die unsere Pfade zieren, allen voran die königliche, die Treue. Wären wir unsrer selber vollständig gewiß, bedürfte es nicht der Schwüre und der Verpflichtung, den Anfechtungen mit offenem Visier zu begegnen. Wären wir des anderen vollständig gewiß, bedürfte es nicht der Hoffnung auf seine Standhaftigkeit und die Erfüllung seiner Zusage.

Auch wenn Ärgernisse nicht ausbleiben und wir angesichts der Treulosigkeit der Welt die Fassung und den Kopf verlieren mögen, werden wir doch, aus dem Gewirr der Stimmen jene freundliche, gebietende, himmlische heraushörend, die uns zu uns zurückruft, die Haltung nicht ganz aufgeben oder wiedergewinnen.

Hüten wir uns vor den Parolen der Radikalen, den radikalen Parolen, die eine utopische Welt ohne Zwielicht, eine Welt der Gewißheiten und der blendenden Durchsichtigkeit in Aussicht stellen, eine scheinbar befriedete und glückselige Welt, in der wir nicht mehr wanken und schwanken, nicht mehr sündigen können! Denn schwach zu sein und der Sünde ausgesetzt, ist nicht nur die Bedingung für unser Unglück, sondern wenn Bedingung des Unglücks, so auch Bedingung unseres Glücks.

Wenn die Sonne im Zenit steht und wir keinen Schatten mehr werfen, erstarrt die Seele im Augenblick des Pan. Nur wenn die Schatten wachsen, nur wenn die Schatten wandern, schreiten wir den schillernden Farbkreis des Gemütes ab, werden uns die Dinge im Claire-obscur rätselhaft und verwandt.

Und auch kein Glück, keine Wonne, keine Beseligung ohne das Zwielicht der Angst. So das Kind, dem die gute Hand der Mutter die Gespenster vertreibt, so der Wartende, dem ein Blatt, ein plötzlich hervortretender Schatten, der Ruf eines Vogels die Ankunft bezeugt.

Der radikale Skeptiker, der im Zwielicht nur die Abwesenheit der platonischen Sonne gewahrt, hat keine Haltung und ist der Verräter, der mit sardonischem Lächeln und geschürzten Lippen von der Hoffnung redet wie vom verfaulten Apfel, vom Versprechen wie vom Kopfsprung in die Styx, von der Treue wie vom Knüpfen des eigenen Stricks.

Im Zwielicht leben heißt das Abenteuer der Zeitlichkeit zu wagen.

Abenteuer der Zeitlichkeit: Die Haare wachsen nach, der Dreck unter den Fingernägeln kehrt wieder, die Worte, die nachdrücklich gesprochenen, die Psalmen und die Flüche verwehen, du sitzt vor den unentzifferbaren Kreidezeichen auf der Tafel, da schrillt die Schulglocke und du erwachst.

Wir gehen die ausgetretenen Pfade, hier tritt kein Gespenst aus dem Dickicht, wir nehmen die Abkürzung, um nicht zu spät zu kommen. Doch nur wenn wir beherzt den kindlichen Schritt ins jungfräuliche Grün tun, schwebt uns der Paradiesvogel über den Weg. Nur weil wir heute einen Umweg entlang trödelten, stießen wir auf das längst vergessene, moosüberwachsene Denkmal, das uns an die Jugendzeit gemahnte.

Apr 7 16

René Guy Cadou, Les fusillés de Châteaubriant

Ils sont appuyés contre le ciel
Ils sont trente appuyés contre le ciel
Avec toute la vie derrière eux
Ils sont pleins d’étonnement pour leur épaule
Qui est un monument d’amour
Ils n’ont pas de recommandations à se faire
Parce qu’ils ne se quitteront jamais plus
L’un d’eux pense à un petit village
Où il allait à l’école
Un autre est assis à sa table
Et ses amis tiennent ses mains
Ils ne sont déjà plus du pays dont ils rêvent
Ils sont bien au-delà de ces hommes
Qui les regardent mourir
Il y’a entre eux la différence du martyre
Parce que le vent est passé là où ils chantent
Et leur seul regret est que ceux
Qui vont les tuer n’entendent pas
Le bruit énorme des paroles
Ils sont exacts au rendez-vous
Ils sont même en avance sur les autres
Pourtant ils disent qu’ils ne sont plus des apôtres
Et que tout est simple
Et que la mort surtout est une chose simple
Puisque toute liberté se survit

 

Die Erschossenen von Châteaubriant

Sie sind gegen den Himmel gelehnt.
Es sind dreißig, gelehnt gegen den Himmel.
Mit dem ganzen Leben im Rücken
überkommt sie Erstaunen, wie ihre Schulter
ein Denkmal der Liebe ward.
Sie haben sich keine Ratschläge zu geben,
denn sie werden sich nie wieder verlassen.
Der eine denkt an ein kleines Dorf,
wo er zur Schule ging,
ein anderer sitzt an seinem Tisch
und die Freunde reichen ihm die Hände.
Sie sind schon fern vom Land ihrer Träume,
sie sind schon jenseits der Menschen,
die sie sterben sehen.
Sie sind im Martyrium nicht gleich,
denn der Wind strich gerade vorbei, da sie sangen,
und ihr einziges Bedauern gilt jenen,
die sie töten, daß sie den ungeheuren Hall
ihrer Worte nicht vernähmen.
Sie sind rechtzeitig zur Stelle,
sie sind es sogar früher als die anderen.
Dennoch sagen sie, Apostel seien sie schon gar nicht
und alles sei einfach
und der Tod vor allem sei einfach,
denn die Freiheit, sie überlebe ganz.

Apr 7 16

René Guy Cadou, Le chant du prisonnier

Ô signes par-dessus le Rhin
Soleil et vignes
Pampres des mains
Mon poing lourd retombé
Sur sa haine

Pas de larmes
Mais pour décor
Cette croix où je vibre encore
Un ami qui comprend ma peine

Ah je vous reverrai visages
Paysages
Belle aube couturée
De barques et d’oiseaux

Et vous aussi lilas
Bergers de mon enfance

C’est déjà le printemps
Les fleuves vont plus vite
Mon cœur tu te couronnes
De lauriers de sang

Ô chemin parcouru
Entre ces deux poitrines

Tendres chairs soulevées
D’un geste de la main
Ton épaule et la mienne
Pour la même aventure.

 

Das Lied des Gefangenen

O Zeichen von jenseits des Rheins,
Sonne und Reben,
Ranken der Hände,
meine Faust fiel schwer zurück
auf seinen Haß.

Keine Tränen,
aber als Schmuck
dieses Kreuz, wo ich noch bebe,
ein Freund, der meinen Schmerz begreift.

Ah, ich sehe euch wieder, Gesichter,
Landschaften,
schöne Morgenfrühe, genäht
aus Kähnen und Vögeln.

Und auch euch, Lilien,
Hirten meiner Kindheit.

Es ist schon Frühling,
heftiger strömen die Flüsse,
mein Herz, du krönst dich
mit dem Lorbeer des Bluts.

O Weg, durchmessen
von Brust zu Brust.

Zarte Körper, emporgehoben
von einem Zeichen der Hand,
deine Schulter und meine,
demselben Abenteuer entgegen.

Apr 6 16

René Guy Cadou, Les amis de Rochefort

Le ciel et le grand air
La flamme du clocher dégagée du tonnerre
La place de l’église
Les pelouses du toit jonchées de pierres grises
Une table encombrée de feuillage et de mains
Pour chaque ami un lendemain

Ce soir encore ensemble
Dans mes yeux le rideau de ton regard qui tremble

Je voudrais tant rester cet hiver parmi vous
Le visage dans la mousse de vos genoux

Le vent n’efface pas le bruit de vos paroles
Je prends place dans vos poitrines sur ce môle
Où s’attarde déjà la nef de l’horizon
C’est votre sang qui donne une teinte aux saisons

Vogueurs de grands chemins
Négriers des villages
Les gibiers du soleil tiennent dans votre cage
Vous êtes à l’avant du monde les passeurs
Les rapides du soir empruntent votre cœur

Je vous regarde aller
Vous marchez bien quand même
C’est à travers vos pas la lumière que j’aime
Au-dessus des étangs le son de votre voix
Et je rejoins la nuit
Très tard
À contre-voie.

 

Die Freunde von Rochefort

Der Himmel und die frischen Lüfte,
die Flamme des Glockenturms, die dem Donner entschlüpfte,
der Kirchplatz,
die Dachwiesen, mit grauer Steine Besatz,
ein Tisch, mit Blattwerk überladen, mit Händen, vereint.
Ein neuer Morgen für jeden Freund.

Heut Abend noch im Einklang.
In meinen Augen ein Schauern, deines Blickes Vorhang.

Ich möchte so sehr diesen Winter bei dir sein,
mein Gesicht sinkt ins Moos deiner Knie ein.

Der Wind kommt dem Geräusch deiner Worte nicht bei,
ich bette mich zwischen deinen Brüsten auf diesem Kai,
an dem schon das Schiff des Horizonts säumt,
es ist die Farbe deines Bluts, die in den Jahreszeiten schäumt.

Ihr treibt auf den Wellen der großen Straßen,
in den Dörfern macht ihr Sklaven,
die Sonnentiere in euren Käfigen schlafen,
ihr seid die Kuriere an der Spitze der Welt,
wenn der Nachtzug durch eure Herzen schnellt.

Ich sehe, ihr geht,
ihr kommt dennoch gut voran,
eure Schritte quert das Licht, das es mir angetan,
über den Teichen der Klang eurer Stimme nur.
Ich erreiche die Nacht,
sehr spät,
auf der Gegenspur.

 

 

Apr 6 16

René Guy Cadou, La liberté

Embarquez-la comme une esclave blanche
Pour une île
Et laissez-la aux indigènes sur la plage
Décoiffée seule
Avec un pauvre corsage
Ou perdez-la si vous voulez au fond d’un gouffre
Parmi des chiffonniers et des gosses
Ô bien-aimée tu es debout devant ma porte
Et nul ami au monde n’est encore levé
Tu as grandi pendant la nuit et tu retombes
Comme une glycine sur la mer
Tu es chez toi dans ma maison
Tu peux bien disposer
De ma femme de moi de mes outils rangés
Ô bien-aimée tu es confuse de tes armes
Tu les polis comme un miroir
Je le sais
Tu voudrais m’emmener
Comme un tranquille sous les arbres
Mais tu remues en moi tes deux ailes fermées.

 

Die Freiheit

Hievt sie an Bord wie eine weiße Sklavin,
für eine Insel bestimmt,
und laßt sie den Eingeborenen auf dem Strand,
allein und zerzaust,
mit einer ärmlichen Bluse,
oder laßt sie, wenn ihr wollt, in der Tiefe eines Abgrunds liegen
zwischen Lumpensammlern und Kindern.
O Geliebte, du stehst vor meiner Tür,
und kein Freund auf der Welt ist noch auf.
Du bist die Nacht gewachsen und fällst zurück
wie eine Glyzine auf das Meer.
Im meinem Hause bist du zu Hause,
du kannst gern gebieten
über meine Frau, über mich, meine Werkzeuge in Reih und Glied.
O Geliebte, du bist verlegen wegen deiner Waffen,
du polierst sie wie einen Spiegel,
ich weiß es.
Du möchtest mich entführen,
als ruhte ich unter Bäumen.
Doch läßt du in mir deine beiden geschlossenen Flügel erbeben.

Apr 5 16

René Guy Cadou, Encore l’enfance

Mon Dieu c’est peut-être parce que je suis toujours avec les enfants comme l’un des leurs
À leur disputer leurs secrets leurs sanglots et leurs craies de couleur

Je pense à un jardin profond et tout en demi-teintes
Avec des gueules-de-lion et du désespoir-du-peintre

Je marche en écoutant mes pas dans les allées
L’air sent le soufre de la treille et les fruits éclatés

Et très loin dans le fond parfumé des villages
Le ciel fait boire au fond des yeux son attelage

De bêtes lourdes et comme ensanglantées
Par les coquelicots et les griffes du blé

C’est un dimanche après-midi comme les autres
Avec des bonnes gens en habit sur la route

Et mon père qui lit tristement son journal
Enveloppé dans des fumées de caporal

Ordinaire C’est ici que je sens battre
Mon cœur comme un volant d’une machine à battre

Et c’est encore ici qu’en moi-même dressé
Je m’épouvante d’un moment d’éternité.

 

Noch einmal Kindheit

Mein Gott, es liegt wohl daran, daß ich immer noch ein Kind unter Kindern bin
und ihnen ihre Geheimnisse streitig mache, ihre Seufzer und die Farbe der Kreide.

Ich denke an einen Garten, tief angelegt und von gebrochenen Farben,
mit Löwenmäulern und Künstlerverzagtheit.

Ich gehe und lausche meinen Schritten in den Alleen,
die Luft riecht nach Schwefel vom Most und aufgeplatzten Früchten.

Und weit in der Ferne die duftigen Gründe der Dörfer,
der Himmel gibt in der Tiefe der Augen seinem Gespann zu trinken,

wuchtigen Tieren und als wären sie mit dem Blut des Klatschmohns
befleckt und verwundet von den Klauen des Weizens.

Das ist ein Sonntagnachmittag wie andere auch,
mit guten Leuten im Sonntagsstaat auf der Straße.

Und mein Vater, der traurig in seiner Zeitung liest,
eingehüllt im Rauch seines billigen

Knasters. Hier höre ich, wie mein Herz schlägt
wie das Schwungrad einer Dreschmaschine.

Noch einmal recke hier ich mich innerlich auf
im Entsetzen vor dem Augenblick der Ewigkeit.

Apr 5 16

René Guy Cadou, Anthologie

Max Jacob ta rue et ta place
Pour lorgner les voisins d’en face !

Éluard le square ensoleillé
Un bouquet de givre à ses pieds !

Jouve ! c’est mieux que Monsieur Nietzsche
Une effraie étudiant la niche

Léon-Paul Fargue ! La musique
D’un triste fiacre mécanique !

Blaise Cendrars ! Apollinaire !
Le bateau qui prend feu en mer

Reverdy ! la percée nouvelle
Les éléments comme voyelles !

Le remue-ménage cosmique
De Saint-Pol-Roux-le-Magnifique !

Boulevard Jules Supervielle
Noë la Fable et les gazelles !

Vladislas de Lubics-Milosz
Les clefs de Witold dans sa poche !

Le chemin creux de Francis Jammes
On y voit l’âne on y voit l’âme !

Aragon la ruelle à chansons
Et les yeux d’Elsa tout au fond !

Cocteau la neige la roulotte
L’Ange amer qui se déculotte !

Paul Claudel ! filleul de Rimbaud
Cinq grandes odes cent gros mots !

Mais aussi mon Serge Essénine
Ce voyou qui s’assassina

Et la grande ombre de Lorca
Sous la pluie rouge des glycines !

À qui s’en prendre désormais
Pour célébrer le mois de mai ?

 

Anthologie

Max Jacob, deine Straße und deine Rast,
wo du die Nachbarn gut im Auge hast.

Eluard, ein Grün, die Sonne zu grüßen.
ein Bouquet aus Rauhreif zu Füßen.

Jouve! Die Eule, besser darin befunden
als Nietzsche, ein Schlupfloch zu erkunden.

Léon-Paul Fargue! Die Musik,
einer Elendskutsche Mechanik!

Blaise Cendrars! Apollinaire!
Das Schiff, das Feuer fängt im Meer.

Reverdy! Die durchbohrte Schale,
die Urstoffe seien die Vokale!

Des Alls chaotische Scharen
bei Saint-Pol-Roux, dem Wunderbaren!

Boulevard Jules Supervielle,
Noah, die Fabel und die Gazelle!

Wladislaw de Lubics-Milosz,
dem Witold die Türen erschloß.

Im Hohlweg Francis Jammes,
aus dem das Langohr, die Seele kam!

Aragon, das Gässchen der Lieder,
und da schaut auch Elsa wieder!

Cocteau, im Schnee steckt der Planwagen fest,
der bittere Engel, der die Hosen herunterläßt.

Paul Claudel! Patenkind Rimbauds,
fünf Oden, hundert Worte groß!

Doch auch mein Serge Essénine,
der Taugenichts, der sich erhängte.

Und Lorcas Schatten, der sich senkte
unterm roten Regen der Glyzine!

Wessen Name ist nun noch frei,
um zu preisen den Monat Mai?

Apr 5 16

René Guy Cadou, 30 mai 1932

Il n’y a plus que toi et moi dans la mansarde
Mon père
Les murs sont écroulés
La chair s’est écroulée
Des gravats de ciel bleu tombent de tous côtés
Je vois mieux ton visage
Tu pleures
Et cette nuit nous avons le même âge
Au bord des mains qu’elle a laissées

Dix heures
La pendule qui sonne
Et le sang qui recule
Il n’y a plus personne
Maison fermée
Le vent qui pousse au loin une étoile avancée

Il n’y a plus personne
Et tu es là
Mon père
Et comme un liseron
Mon bras grimpe à ton bras
Tu effaces mes larmes
En te brûlant les doigts.

 

30. Mai 1932

Nur noch du und ich sind in der Dachkammer,
mein Vater,
die Mauern sind eingestürzt,
das Fleisch ist eingestürzt,
der Schutt des blauen Himmels fällt von allen Seiten.
Ich sehe besser dein Gesicht,
du weinst.
In dieser Nacht sind wir gleichen Alters
am Rand der Hände, die sie uns ließ.

Zehn Uhr.
Das Pendel schlägt
und das Blut fließt zurück.
Keiner ist mehr da,
das Haus ist verschlossen.
Der Wind, er treibt einen Stern vor sich her.

Es ist keiner mehr da.
Du bist hier,
mein Vater,
und wie eine Ackerwinde
klettert mein Arm deinen Arm empor,
du wischst meine Tränen weg,
deine Finger sind Flammen.

Apr 5 16

René Guy Cadou, 23 avril 1946

Mon amour ! Il y aura demain quatre ans
Que nous sommes dans cette même chair
Quatre ans que je promène à la surface de ton corps
Les lourds hameçons de la tendresse !
Et tout peut s’écrouler
Tout est pollué
Tout suit l’enterrement
Tu es toujours plein d’arbres
Mon amour !

 

23. April 1946

Meine Liebe! Morgen werden es vier Jahre,
daß wir eins sind im Fleisch,
vier Jahre, daß ich über die Landschaften deines Leibes wandle.
Die schweren Angelhaken der Zärtlichkeit!
Und alles kann einstürzen,
alles ist verschmutzt,
alles geht den Weg unter die Erde.
Du bist immer voller Bäume,
meine Liebe!

Apr 5 16

René Guy Cadou, 17 juin 1943

Tu étais la présence enfantine des rêves.
Tes blanches mains venaient s’épanouir sur mon front

Parfois dans la mansarde où je vivais alors
Une aile brusquement refermait la lumière.

J’appelais, je disais que vienne enfin la grande,
La belle, la toujours désirable et comblée.

Et j’allais regarder souvent à la fenêtre
Comme si le bonheur devait entrer par là

Ce fut par un matin semblable à tous les autres.
Le soleil agitait ses brins de mimosa

Des peuplades d’argent descendaient la rivière.
Les enfants avaient mis des bouquets sur les toits.

Aussitôt que je vis tes yeux, je te voulus
Soumise à mes deux mains tremblantes, à mes lèvres,

Capable de reprendre à la nuit son butin
De fleurs noires et vénéneuses caresses.

Tout le jour je vis bleu et ne pensai qu’à toi.
Tu ruisselais déjà le long de ma poitrine.

Sans rien dire, je pris rendez-vous dans le ciel
Avec toi, pour des promenades éternelles.

 

17. Juni 1943

Du warst im kindlichen Zauber der Träume.
Deine weißen Hände erblühten auf meiner Stirn.

In der Mansarde, wo ich damals wohnte,
löschte manchmal ein Flügel plötzlich das Licht.

Ich rief, ich sprach, es werde einmal kommen die Große,
die Schöne, die den Wunsch immer weckt und erfüllt.

Und ich schaute immer wieder aus dem Fenster,
als müsse das Glück dort eintreten.

Das war an einem Morgen wie an allen anderen auch.
Die Sonne wedelte mit ihren Mimosenhalmen.

Völkerschaften aus Silber strömten den Fluß herab.
Die Kinder hatten Blumensträuße auf die Dächer gelegt.

Sobald ich deine Augen sah, wollte ich, du hättest dich
meinen beiden bebenden Händen ergeben, meinen Lippen,

und ich könnte der Nacht ihre Beute aus schwarzen Blumen
und betäubenden Liebkosungen entreißen.

Den ganzen Tag sah ich blau und dachte nur an dich.
Du rieseltest schon meine Brust entlang.

Wortlos habe ich mich mit dir im Himmel
verabredet zu Spaziergängen in der Ewigkeit.

Apr 4 16

René Guy Cadou, L’amitié

Qu’est-ce qui se passe ici si tard ?
Un chemin creux n’est pas un boulevard !

- C’est un ami des temps anciens
Voyageur seul et sans bagage

- Femme prépare les vins fins
Les liqueurs des chaussons de feutre

- Ne viens pour boire ni manger
Mais pour parler des années douces

Max Jacob retour de Quimper
Le chat roux le quai de la Fosse

Fosse au passé fosse au remords
Ne te dérange pas si tu dors !

- Et pour qui me dérangerais-je
Sinon pour vous Amis les Anges ?

Les salles tristes du collège
Mais les dimanches sous les pins !

Je te retrouve après quinze ans
Mon lointain mon parent trop rare

Faut-il que tu passes si tard
Dans le corridor du destin !

 

Freundschaft

Was ist das so spät für ein Trara?
Ein Hohlweg ist kein Boulevard!

„Das ist ein Freund aus alten Tagen,
ein einsamer Reisender ohne Gepäck.

„Frau, hol mal die Weine der guten Lagen,
die Likörflaschen aus den Filzpantoffeln!“

„Ich komme nicht zum Trinken oder Essen,
sondern um von der süßen Zeit zu reden.“

Max Jacob, auf der Rückreise von Quimper,
von der roten Katze, dem Quai de la Fosse.

Graben für das Vergangene, Graben für den Kummer,
er sorge dich nicht in deinem Schlummer!

„Und um wen würde ich mich sorgen,
wenn nicht um euch, Freunde der Engel?“

Die tristen Säle des Gymnasiums,
doch die Sonntage unter Kiefern!

Ich finde dich nach fünfzehn Jahren wieder,
mein Ferner, väterlicher, seltener Gast.

Trägst du noch so spät die Last,
mußt durch den Flur des Schicksals gehen!

Apr 4 16

René Guy Cadou, Parle bas

Parle bas
La bouche pleine de soleil et de laine
Il est temps
La terre s’ouvre les veines
Les hommes attellent leurs bras
Pour vivre
On attend les graines de ta voix
On attend chacun sa part
Chacun sa peine
Et les yeux sont coulés sous des filets de haine.

 

Sprich leise

Sprich leise,
den Mund voller Sonne und Wolle,
es ist Zeit,
die Erde öffnet sich die Adern,
die Menschen spannen die Arme ein
um zu leben,
man wartet auf die Samen deiner Stimme,
man wartet, ein jeder auf sein Teil,
ein jeder auf seine Pein,
und die Augen sind ausgeflossen unter des Hasses Netze.

Apr 4 16

René Guy Cadou, Prière d’insérer

Si je suis né c’est à la vague
À la molle et blanche vague
À la chanson de la mort lente
À la douceur des terrains vagues

Au grand soleil qui sue sa peine
À celui qui sait et se tait
À toutes les portes qui s’ouvrent
Sur des enfants abandonnés

Et ce monde pour moi commence
À la minute où je prédis
Que toutes mains toutes paroles
Trouvent en elles récompense.

 

Gebet für ein Lesezeichen

Bin ich am Leben, dann für die Woge,
für die weiche und weiße Woge,
für das Lied vom säumenden Tod,
für der Landschaften süße Woge.

Für die große Sonne, die ihre Qual ausschwitzt,
für jenen, der weiß und schweigt,
für all die Tore, die sich auftun
den verlassenen Kindern.

Und diese Welt beginnt mein Glück
in der Minute, da ich verkünde:
Alle Hände, alle Worte
finden ihr Gegenstück.

Apr 4 16

René Guy Cadou, Les chevaux de l’amour

Les chevaux de l’amour me parlent de rencontres
Qu’ils font en revenant par des chemins déserts
Une femme inconnue les arrête et les baigne
D’un regard douloureux tout chargé de forêts

Méfie-toi disent-ils sa tristesse est la nôtre
Et pour avoir aimé une telle douleur
Tu ne marcheras plus tête nue sous les branches
Sans savoir que le poids de la vie est sur toi

Mais je marche et je sais que tes mains me répondent
Ô femme dans le clair prétexte des bourgeons
Et que tu n’attends pas que les fibres se soudent
Pour amoureusement y graver nos prénoms

Tu roules sous tes doigts comme des pommes vertes
De soleil en soleil les joues grises du temps
Et poses sur les yeux fatigués des villages
La bonne taie d’un long sommeil de bois dormant

Montre tes seins que je voie vivre en pleine neige
La bête des glaciers qui porte sur le front
Le double anneau du jour et la douceur de n’être
Qu’une bête aux yeux doux dont on touche le fond

Telle tu m’apparais que mon amour figure
Un arbre descendu dans le chaud de l’été
Comme une tentation adorable qui dure
Le temps d’une seconde et d’une éternité.

 

Die Pferde der Liebe erzählen mir von Begegnungen
auf ihrem Rückweg auf einsamen Pfaden.
Eine unbekannte Frau hält sie fest und badet sie
mit einem schmerzlichen Blick, ganz von Wäldern bedeckt.

Hüte dich, sagen sie, ihre Traurigkeit ist die unsre,
und hast du einmal einen solchen Schmerz geliebt,
wirst du nicht mehr barhäuptig unter den Zweigen gehen,
ohne zu wissen: die Bürde des Lebens ruht auf dir.

Doch ich gehe und ich weiß, deine Hände antworten mir,
o Frau, sie nehmen die Knospen als Vorschein,
und du wartest nicht darauf, daß die Fasern verwachsen,
damit wir auf sie unsre Namen liebevoll ritzen.

Du rollst unter deinen Fingern wie grüne Äpfel
von Sonne zu Sonne die grauen Wangen der Zeit.
Du richtest unter den müden Augen der Dörfer
das gute Kissen langen Schlummers im schlafenden Wald.

Zeige deine Brüste, damit ich in der Fülle des Schnees
leben sehe das Tier aus den Gletschern, das auf der Stirn
den Doppelring trägt, den Tag und den Schmerz, nichts
als ein Tier zu sein mit sanften Augen, deren Grund man berührt.

So erscheinst du mir, daß meine Liebe zum Baum wird,
der aus der Hitze des Sommers herabstieg,
wie eine reizende Versuchung, die anhält
für eine Sekunde und eine Ewigkeit.

Apr 3 16

René Guy Cadou, Toute ma vie

Toute ma vie et c’est bien peu si l’on regarde
Avec des yeux d’avant la Terre la lucarne
Où s’égosille un ciel de crin qui n’en peut plus
D’être beau de travers et de porter ombrage
Au plus dévoué au plus sincère des visages
Toute ma vie pour te comprendre et pour t’aimer
Comme on se couche à la renverse dans les blés
En essayant de retrouver dans le silence
L’alphabet maladroit d’un vieux livre d’enfance
Je m’entoure de toi comme un enfant frileux
Je pars je suis en route depuis des siècles je
T’arrive un matin beau comme un matin de chasse
Tu ne sais pas que je suis là et je me place
Tout contre toi comme une porte mal fermée
Qui boit son lait et qui respire doucement
Je te regarde et tu souris sans mouvement
D’un sourire venu de plus loin que toi-même
Qui fait que tu es belle et qui fait que je t’aime.

 

Mein ganzes Leben und es ist so wenig, sieht man
mit früheren Augen die Erde, die Lichtluke,
wo ein Himmel aus Tierhaaren zwitschert, der nicht anders
sein kann als schräg-schön und Schatten senden
dem treuesten, dem lautersten Gesicht.
Mein ganzes Leben, dich zu begreifen und dich zu lieben,
wie man sich auf den Rücken legt im Getreidefeld
und versucht in der Stille wieder zu entziffern
das Buchstabengestöber eines alten Kinderbuchs.
Du bist mir die Hülle gleich einem verfrorenen Kind.
Ich breche auf und bin unterwegs seit Jahrhunderten, ich
erreiche dich eines schönen Morgens wie am Morgen der Jagd.
Du weißt nicht, daß ich da bin, und ich setze mich
dir gleich gegenüber wie eine Tür, die nicht verschlossen ist,
wie jemand, der seine Milch trinkt und leise atmet.
Ich schaue dich an und du lächelst still
ein Lächeln, das von weiter herkommt als du selbst,
das bewirkt, daß du schön bist, das bewirkt, daß ich dich liebe.

Apr 3 16

Die Warteschlange

oder vom vernünftigen Abwägen unter den Bedingungen der Sterblichkeit

Du kommst kurz vor Toresschluß am Samstagmittag zum Postamt, um anhand des Benachrichtigungsscheins eine Buchsendung abzuholen. In dein Erstaunen mischen sich Bedauern und Verärgerung, als du der langen, bis weit aus dem Eingang des Postamts sich hinausschiebenden Schlange der Wartenden ansichtig wirst, in die dich einzureihen dir nicht leichtfällt. Aber du tust es und hast damit eine Entscheidung gefällt – nämlich dich der gegebenen Situation anzupassen und sie so lange wie nötig auf dich zu nehmen, nämlich in der Menschenreihe zu warten, bis du an der Reihe bist.

Du überblickst die Lage und schätzt mit flüchtigen Blicken die Länge der Menschenschlange ab, um in etwa den Zeitaufwand abzuschätzen, den du benötigst, bis du zu der von dir angestrebten Zielerreichung gelangst. Du sagst dir vielleicht: „Das dauert eine ganze Weile, bestimmt eine gute Stunde. Ich wollte hier, nachdem ich das Buch abgeholt haben würde, noch einen Sprung zu meinen Freund Walter machen, das kann ich dann vergessen.“

Wir bemerken, daß wir im Alltagsleben nicht neutrale Orte besetzen und bewohnen, sondern aus und in Situationen leben. Du bist hastig aufgebrochen und hast dich gesputet, um das Postamt vor Schließung zu erreichen. Die Situation des zielstrebigen Gehens ist grundverschieden von der Situation, in die du gerätst, wenn du dich der Gruppe wartender Menschen anschließt. Hier teilst du die gemeinschaftliche Lage von Leuten, die der Zufall an diesem Ort zu dieser Zeit zusammengerufen hat. Wenn du ein paar Schritte seitwärts aus der Menschenschlange heraus unternimmst, wirst du bald eine unsichtbare Grenze überschreiten, jenseits derer du die Situation hinter dir läßt: Du bist aus der Reihe der Wartenden herausgetreten, wenn du beispielsweise einen Bekannten gesehen hast und auf ihn zugegangen bist, um mit ihm ein wenig zu plaudern. Auch kannst du nicht ohne weiteres dich wieder an derselben Stelle in die Menschenschlange einreihen – lautstarker Protest der Umstehenden würde sich erheben, und die Wartenden würden dir den Wiedereintritt in die Reihe verwehren.

Wir bemerken, daß alle Lebenslagen oder Situationen nicht nur physische, sondern auch normative Grenzen aufweisen. Die wartende Menschenschlange ist eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe, die im Gegensatz zu familiären und sozial formierten Gruppen keine innere Struktur aufweist, die die Zugehörigkeit, die Verfahren der Aufnahme und des Ausschlusses oder auch bestimmte privilegierte oder untergeordnete Positionen der Mitglieder definiert. In hierarchisch strukturierten Gruppen hat das Führungspersonal den Untergebenen gegenüber gewisse Vorrechte, der Mafiaboss kommt zur geheimen Sitzung, alle anderen weichen zurück, er geht stracks zu seinem Ehrensitz und sein Adlatus schenkt ihm vom besten Tropfen ein, der den anderen verwehrt ist. Würde ein übermütiger Teilnehmer ihm dieses Vorrecht streitig machen, wäre es schnell um ihn geschehen, denn das Überschreiten einer solchen normativen Grenze zöge empfindliche Sanktionen nach sich, bis hin zum Verlust des Lebens.

Wir haben in der Situation des Wartens in der Menschenschlange in nuce oder im Modell die Entstehung der modernen egalitären Gesellschaft vor Augen, die im Gegensatz zur traditionellen hierarchisch geprägten Gemeinschaft ihren Mitgliedern ihrem Selbstbild gemäß keine Vorrechte einräumt, indes den echten Abweichler, der das egalitäre Prinzip anzutasten und aus der Reihe zu springen wagt, umso härter bestraft. Wir wissen von den Ungeheuerlichkeiten, die sich an anderen Warteschlangen zutrugen: wenn ausgehungerte Kriegsgefangene, die mit ihrem Blechnapf vor der Essensausgabe auf die Zuteilung ihrer dürftigen Wassersuppe warteten, Kameraden, die sich vordrängeln wollten, oder alte Offiziere, die sich ein Vorrecht und eine Vorzugsbehandlung ob ihres Alters, ihrer Rangstellung und ihrer Verdienste anmaßten, ohne weiteres und auf der Stelle erschlugen und töteten.

Im übrigen erfassen wir an dem soziologischen Modell der Warteschlange auch den Grund, warum traditionelle Gemeinschaften von der Überlieferung und dem Nacherzählen ihrer Mythen zehren: Sie beziehen ihr Selbstbild auf die Herkunft der mythisch überhöhten Ahnen. Der homerische Rhapsode erzählt von den Heldentaten eines Achilleus und den Abenteuern eines Odysseus vor der adligen Runde von Hörern, die sich mit den besungenen Protagonisten auf eine Stufe des Könnens und Geltens stellen. Dagegen sind die Individuen der egalitären Gruppe einzelne Atome einer Masse, die kaum noch gemeinschaftliche Traditionen teilen. Sie sind auf sich verwiesen. Das wird gut sichtbar, wenn viele und vor allem die Jüngeren unter den Wartenden mit ihrem Smartphone beschäftigt sind.

Kennzeichnend für intern unstrukturierte Gruppen und Menschenansammlungen wie unsere Warteschlange ist demnach die Gleichstellung aller Mitglieder. Der Personalchef hat keinen Vortritt vor dem Angestellten, der sich zufällig vor ihm in die Reihe gestellt hat. Der Schwerbehinderte im Rollstuhl wird nicht bevorzugt behandelt, er muß sich wie alle anderen in Geduld üben. Es ist allerdings ein naives Vorurteil anzunehmen, egalitäre Gruppen seien weniger durch normative Grenzen eingeengt. Das Gegenteil ist der Fall, wie wir bereits sahen, als du den Versuch unternommen haben solltest, dich wieder in die Schlange einzureihen, nachdem du für ein Schwätzchen mit deinem Bekannten dich aus ihr davongeschlichen hattest. Wie erst, wenn einer im Dünkel eines Vorrechtsbewußtseins zu später Stunde in das Postamt träte, mit großer Geste an allen Wartenden vorbeistöbe und sich wichtigtuerisch vor dem Schalterbeamten aufbaute? Ein ungeheures Gejohle durchzöge die Reihe, tatkräftige Mannskerle sprängen herbei, um den unverschämten und anmaßenden Emporkömmling und Glücksritter mit roher Gewalt in die Schranken zu weisen. Unwahrscheinlich, daß er an diesem Tage noch in den Genuß gelangt, sein Paket ausgehändigt zu bekommen.

Wir wohnen hier der Entstehung der Begriffe von Recht und Pflicht oder Gebot, von Unrecht und Strafe oder Sanktion aus der Situation des Alltagslebens bei. Nur wer sich der ungeschriebenen Pflicht unterwirft, sich brav in die Schlange einzureihen, nur wer sich einreiht und das Schicksal der Wartenden geduldig teilt, kann das Recht in Anspruch nehmen, sein persönliches Ziel zu erreichen. Wer diese Pflicht verletzt und gegen das ungeschriebene Gebot, es allen anderen gleichzutun, verstößt, muß Strafen und Sanktionen befürchten, die von Gesten der Mißachtung und Verachtung (Ausbuhen) bis zur Androhung oder Anwendung körperlicher Gewalt (Rauswurf) reichen.

Wir bemerken auch, wie sich das soziale Schicksal anders in traditionellen, anders in egalitären Gruppen gestaltet: Das Grundproblem des Sozialen, Ordnung im Zusammenleben zu stiften und zu erhalten, regelt die traditionelle Gruppe mittels Verfahren der Zuordnung, Einstufung und Klassifizierung gemäß Kriterien wie Herkunft und Abstammung, wie wir es an den Ordnungen der Gilden, Kasten und Klassen ersehen, Zuordnungen, die eindeutig und rigide, Ordnungen, die starr und meist undurchlässig sind.

Blicken wir dem sozialen Schicksal der egalitären Gruppe am Modell der Warteschlange in die Eingeweide: Du reihst dich ein, und der Zufall von Tag und Stunde wählt die Menschen aus, die vor dir, die hinter dir warten müssen. Ihr habt keine innere Verbindung, wie sie die Zugehörigkeitsauslese der Verwandtschaft, der Freundschaft, des familiären, schulischen und beruflichen Umfelds bereitstellt. Deshalb ist die Kommunikation auf das Nötigste, das Funktionale und Zweckdienliche heruntergefahren. Nur Rudimente und Reste natürlicher und gewachsener Bande ragen in das artifizielle und willkürliche Gebilde der Warteschlange hinein: Da steht vor dir ein Paar, sie lehnt sich manchmal an seine Schulter, er spricht ihr tröstliche Worte zu. Dich kennt hier niemand, niemand weiß, wer du bist, wie es um dein Leben bestellt ist, niemand interessiert es im geringsten. Und auch du kennst niemanden und hast keinen inneren Anteil am Dasein all dieser Menschen. Was gehen dich diese Leute an, mit denen auszuharren und ein künstliches soziales Schicksal zu teilen du dir nicht ausgesucht hast?

Kennzeichnend für die mehr oder weniger undurchlässigen Ordnungen der traditionellen Gesellschaft ist die Ruhe und Gelassenheit, die von ihren Mitgliedern ausstrahlen, wie wir auf Porträtbildern alter Meister gewahren. Das hat seinen guten Grund in dem aus Zufriedenheit oder Resignation gespeisten Einverständnis mit den jeweiligen Daseinsbedingungen. Im Gegensatz dazu sind egalitäre Gruppen vom Geist der Unruhe und Aufgeregtheit obsediert, jederzeit kann der Funke eines Gerüchts oder das Fanal und Empörungsgeschrei rebellischer Großmäuler die ganze Gruppe zum Kochen und Aufflammen bringen. Der tiefere Grund für die Neigung zur Massenhysterie in solchen Verbänden liegt in der Diskrepanz zwischen ihrem egalitären Selbstverständnis und den realen Unterschieden im Zugang zu den Ressourcen von Geld, Macht und öffentlichem Ansehen aufgrund der faktischen Ungleichheit der Begabungen und Temperamente, eine Diskrepanz, die aufgrund der Zugänglichkeit noch der intimsten Informationen in den Mediennetzen allen sichtbar ist. So blickt in der Warteschlange der arme Schlucker, der sein Freßpaket von Verwandten abholen will, scheel auf den Vordermann, der mit seinem elfenbeinfarbenen Smartphone über horrennde Geldgeschäfte mit seinem Kompagnon verhandelt. So die alte, runzlige Marktfrau, die ein Päckchen ihrer weit weggezogenen Enkelin mit einem Paar Handschuhen und einem selbstgestrickten Schal abholen will, auf das vitale Prachtweib vor ihr, die auf hohen Hacken ihren Hintern unter einer edlen Pelzjacke tänzeln läßt.

Du hast dich also in die Warteschlange eingereiht und es vorgezogen, eine ganze Weile die nicht eben freudvolle Schicksalsgemeinschaft der Wartenden zu teilen, als dich gleich auf dem Absatz umzudrehen und das Abholen des Buchs auf einen anderen Tag zu verschieben, der wie ein gewöhnlicher Werktagvormittag günstigere Bedingungen verspricht. Du magst dir sagen: „Jetzt habe ich mich schon dermaßen abgehetzt, um noch rechtzeitig zum Postamt zu gelangen. Diese Mühe wäre ja vergebens, würde ich gleich die Flinte ins Korn werfen und die Segel streichen. Vielleicht geht es ja schneller voran als befürchtet.“

Wir konstatieren hier en passant ein allgemeines Gesetz, das sich aus der conditio humana, des Lebens der Menschen unter Bedingungen begrenzter Ressourcen von Kraft und Zeit oder kurz der Sterblichkeit ableiten läßt: Je höher der Aufwand zur Zielerreichung, umso wertvoller erscheint das Ziel und umso hartnäckiger das Streben, an ihm festzuhalten. Je länger du in der Schlange gewartet hast, umso vernünftiger erscheint es dir, auch noch den Rest der nötigen Zeit mit Warten zu verbringen.

Die prinzipiellen und prinzipiell vernünftigen Fragen, die wir in Situationen unter Bedingungen begrenzter Ressourcen an Kraft und Zeit stellen, können wir etwa so formulieren: „Jetzt habe ich schon so lange gewartet, um meinem Ziel näherzkommen. Wäre es da nicht weniger vernünftig, aus der Warteschlange auszuscheren, um endlich wieder frei atmen zu können, als mich den Rest der Zeit in Geduld zu üben und am Ende mein Paket in Händen zu halten?“ Oder: „Lohnt es sich, nur um den Druck dieser unleidlichen Lage mit einem beherzten, aber vielleicht unvernünftigen Schritt, abzuschütteln, die Warteschlange wieder zu verlassen, wo ich doch schon so viel Mühe und Zeit aufgewandt habe, um mein Ziel zu erreichen?“

Wenn wir vernünftig rechnen und also Vernunft stets als mehr oder weniger formales und mechanisches Verfahren der deduktiven Ableitung ansehen und verwenden könnten, würden wir sagen: „Jetzt habe ich wohl schon über die Hälfte der benötigten Zeit in der Warteschlange verbracht. Demnach wäre es unvernünftig, das Warten jetzt abzubrechen. Denn je mehr ich, sagt mir die Vernunft, das Zeitlimit über der Halbzeit des Wartens erfülle, umso mehr lohnt es sich, auch den Rest meiner Zeit noch daranzugeben.“

Hier kommen wir zu dem springenden Punkt, der uns vor Augen führt, weshalb vernünftige Erwägungen der Art, wie wir sie hier an ihrem Ursprung und in ihrer lebensweltlichen und lebenswichtigen Funktion im Alltag betrachten, nicht als Formen des Rechnens und Berechnens oder der formalen Ableitung zu charakterisieren und zu definieren sind: Denn die lebendige Situation erlaubt uns keine klare Voraussicht und wahrheitsgemäße Prognose ihres Verlaufs. Wir wissen nicht genau, wie lange wir warten müssen, und können demnach auch nicht die genaue Zeitstrecke berechnen, die die Hälfte der Wartezeit umfaßt, und die zu erfüllen weiteres Warten bis zum guten Schluß immer sinnvoller und lohnender erscheinen läßt.

Wir müssen also zu den Bedingungen begrenzter Ressourcen an Kraft und Zeit, die die Situationen unseres Lebensalltags bestimmen, auch die Begrenzung unserer Fähigkeit der Voraussicht hinzunehmen. Da wir nicht genau voraussehen können, wie lange die Situation dauert, in die wir geraten sind oder in der zu bleiben wir uns vorläufig entschieden haben, können wir nur mehr oder weniger geschickt und sorgfältig erwägen und abwägen, ob es vernünftiger oder unvernünftiger ist, in ihr zu verharren oder sie zu verlassen. Wenn du nur noch ein paar Leute in der Warteschlange vor dir siehst, wäre es um ein vielfaches unvernünftiger die Schlange zu verlassen, als wenn du dich soeben erst in sie eingereiht hättest. Und es wäre vernünftiger, die Warteschlange sofort zu verlassen, wenn dir ein kurzer Überblick über die Situation verrät, daß dich das Warten wahrscheinlich so viel Zeit kosten würde, daß du den anschließenden Termin für ein wichtiges Treffen verpassen würdest.

Welche Instanz ist es eigentlich, die all unserem vernünftigen Erwägen und Abwägen souffliert und die Funktion der abwägenden Vernunft steuert? Pathetisch gesagt: der Tod. Oder schlicht und ergreifend die Tatsache, daß wir kein unbegrenztes Kontingent weder an Kraft noch an Lebenszeit zur Verfügung haben. Was kümmert es den unsterblichen Apollo, daß heute sein Pfeil danebentraf, wenn er morgen und übermorgen und alle Zeit tausend und abertausend Pfeile abschießen kann, die ihr Ziel erreichen? Aber wir haben oft nur mehr einen Pfeil im Köcher und unsere Kraft, den Bogen zu spannen, ist schon erlahmt. Da wägen wir noch einmal ab, ob jenes Ziel dasjenige ist, das es verdient, von uns erreicht zu werden.

Hier gelangen wir schließlich zu dem Begriff, der gleichsam die tiefsten Wurzeln in den Boden unserer Lebenssituation geschlagen hat: dem Begriff des Werts oder Sinns.

Du magst dich in die Warteschlang einreihen und dich in Geduld üben, weil du ein Buch abholen willst, das dir einen neuen geistigen Nährwert verspricht. Wenn es allerdings ein billiger Unterhaltungsroman wäre, könntest du den Verzehr dieses weniger lebenswichtigen Nährwerts gern auf morgen und übermorgen aufschieben und getrost die Warteschlange verlassen, um es anderentags zu versuchen. Ein armer Schlucker indes, der von seinen gutmütigen Verwandten ein Paket mit Lebensmitteln abholen will, ohne das sein Wochenende mit Magenknurren verbunden wäre, hat im Ziel seines Wartens einen ganz anderen Nährwert vor Augen, der ihm die aufgewandte Geduld und Unbill des Wartenmüssens leichter vergilt.

Gewiß, wäre der arme Schlucker ein religiöser Asket, geübt in der Sublimierung des Magengrummelns zu mystischen Erlebnissen, würde ihm der unmittelbare Verzicht auf die leiblichen Genüsse nicht schwerfallen. Andererseits hätten wir in ihm einen Heros des Alltags, geprüft und geeicht, sich in der Askese, dem Verzicht, der Geduld und Ausdauer zu üben, die uns die Bewältigung des Lebensalltags zumeist abverlangt.

Denn der Begriff des Werts oder desjenigen, dem wir einen Sinn für unser Dasein zusprechen, ist immer auch eine Funktion der Mühe und Kraftanstrengung, deren es zu seiner Erlangung bedarf. Das meinen wir, wenn wir uns angesichts der Warteschlange unter Abwägung aller uns überschaubaren Umstände fragen: „Lohnt sich das Warten? Ist es sinnvoll, hier die Zeit zu vergeuden, wenn ich andernorts Sinnvolleres tun oder erreichen könnte?“

Vielleicht steht in der Warteschlange ein Selbstmörder, der sich von einem ominösen Absender Medikamente hat zusenden lassen, mit denen er sich an diesem Wochenende das Leben nehmen will. Vielleicht steht in der Warteschlange ein Mörder, der sich von einer ominösen Adresse die Pistole hat zusenden lassen, mit der er an diesem Wochenende sein Opfer ums Leben bringen will. Vielleicht steht in der Warteschlange ein Terrorist, der sich von einer ominösen Adresse Sprengstoff hat zusenden lassen, mit dem er an diesem Wochenende einen Anschlag verüben will.

Was sollen wir sagen? Vermutlich ist der primäre Sinn des Wertbegriffs kein moralischer Sinn oder ein Sinn, den wir unter allen Umständen nach objektiven Kriterien beurteilen können. Natürlich werden der Mörder und der Terrorist nach Ausführung ihrer Übeltaten zur Verantwortung gezogen und der Gerechtigkeit zugeführt werden können. Doch für sie hat sich das Warten in der Warteschlange gelohnt. Auch sie haben im Rahmen ihres Wertempfindens vernünftige Erwägungen angestellt, mit dem Ergebnis, daß es sich für sie allemal lohne und sinnvoll erscheine, die kleine Schicksalsgemeinschaft der Wartenden zu teilen.

Doch gehen wir noch einen letzten Schritt und nehmen an, die Warteschlange sei eine Parabel aus der Dichtung Franz Kafkas. Ist nicht das Leben ein immer erneutes Warten auf ein imaginäres Ziel hin, dessen Erfüllung so disparat zur Mühe und Geduld des Wartens ist, daß sie leer ist wie eine leere Schachtel oder ein mit Holzwolle gefülltes Paket? Gewiß wird in dieser Parabel das eiserne Rouleau vor dem Postschalter mit einem großen Krach niedergelassen, gerade in dem Augenblick, wenn du deinen Abholschein zückst und jenem Beamten mit dem Lächeln der Auguren vorlegen möchtest? Was war also der Sinn des Wartens, was der Sinn der Schicksalsgemeinschaft der Menschen, die das Wartenmüssen blind zusammengeschart hat und die in der gehörigen Ordnung zu halten sie Recht und Gesetz aufgerichtet, Strafen und Sanktionen ausgesprochen und ausgeübt haben?

Oder ist es die Parabel darüber, was sich die Menschen, wenn es Farbe zu bekennen gilt, eigentlich zu sagen haben, nämlich Lügen und Prahlhansgeschichten? Denn ein jeder mag vorgeben, Post von einer hochgestellten Persönlichkeit, von der reichen Tante in Amerika, von einem berühmten Gesicht des Boulevards zu erhalten, oder dem anderen die Nase lang machen mit Schilderungen des funkelnden, wertvollen Inhalts seines Pakets, wenn auch alles Talmi ist, was an diesen Geschichten glänzt.

Nun, auch dann war es immerhin ein Sinn des Wartens, sich die Zeit mit der Darbietung ausgedachter Geschichten und blendender Fiktionen zu vertreiben.

Oder ist es die Parabel darüber, wie alle warten, um am Ende von jenem Beamten mit dem Lächeln der Auguren das von der obersten Behörde amtlich besiegelte Todesurteil abzuholen, mit dem Tag und der Stunde, dem Ort und der Art der Vollstreckung?

Nun, auch dann war der Sinn des Wartens die Teilhabe an der blind zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft der Wartenden und ihren fatalen Bemühungen, die Ordnung des Wartens durch Gesetz und Recht zu erhalten, und ihren kindlichen Versuchen, sich mit dem Erzählen von Witzen, Anekdoten und Geschichten, dem Trällern und Singen von Liedern oder dem mehr oder weniger unterhaltsamen, mehr oder weniger geschmacklosen Ziehen von Grimassen die Wartezeit zu verkürzen.

 

 



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top