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Aug 15 13

Philosophieren XXIX

Du hast gesehen, wie soziale Beziehungen auf der horizontalen Achse gemäß der Steigerung der Adverbien nahe und fern vermessen und gewichtet werden können: Deine Freundin liegt dir sehr am Herzen und steht dir sehr nahe, deine Kollegen stehen dir weniger nahe, aber auch nicht so fern wie der zufällige Sitznachbar im Bus. Du hast ebenso erfasst, dass alle Größen oder Vektoren auf der horizontalen Achse der sozialen Beziehungen direkt proportional zu den Größen oder Vektoren auf der vertikalen Achse der Machtpositionen und der Überlegenheits- und Unterlegenheitsgefühle schrumpfen oder wachsen: Wenn dein Verdacht sich erhärtet, dass deine Freundin intimen Umgang mit anderen Männern pflegt, steigt ihre Position auf der vertikalen Achse rapide an, denn dein Unterlegenheitsgefühl wächst proportional zu ihrer gewachsenen tatsächlichen oder vermeintlichen Überlegenheit. Denn es spielt dabei keine Rolle, in welchem Ausmaß deine Gefühle auf Fiktionen und Projektionen beruhen: Der eigentlich unbegründete Verdacht der Untreue hat dieselbe Wirkmacht wie der begründete Verdacht, wenn er nur mit genügend emotionaler Energie behaftet ist. Genau um das Maß, in dem deine Freundin auf der vertikalen Skala nach oben geschossen ist, wirst du dich auf der horizontalen Skala von ihr entfernen.

Wenn deine intellektuelle Überlegenheit neben der etwas verdrucksten und mausgrauen Erscheinung deiner Freundin glamourös erstrahlt, wird sie diesen vektoriellen Vorsprung auf der vertikalen Achse vielleicht gemeinerweise dadurch auszugleichen suchen, dass sie ihre natürliche sexuelle Überlegenheit als Frau mittels mehr oder weniger feiner Nadelstiche und Anspielungen ins Spiel bringt. Wenn sie Pech hat, sinkt dadurch das Thermometer deines Überlegenheits- und Selbstwertgefühls in die unteren Bereiche, so dass sich die Größenverschiebung von oben nach unten bald in einer Entfernung deiner Person von ihrer Person auf der horizontalen Achse umsetzt und umschlägt.

Durch die beständigen Wechsel des atmosphärischen sozialen Drucks auf das Thermometer, das die Abstände der sozialen Beziehungen misst, geht es bei uns hierzulande und hienieden recht bunt, betriebsam und aufgeregt zu, denn die Vektoren auf der horizontalen Achse rasen ständig hin und her. Deshalb leben wir in einer Welt der mehr oder weniger großen, aufregenden, bedeutsamen Dramen. In einer Welt, in der die vertikale Achse der ungleichen Machtpositionen gleichsam abgebrochen ist, kommen die Positionswechsel auf der horizontalen Achse schnell zur Ruhe und gleichen sich auf regelmäßige, geringfügige Abstände aus. Diese Welt ohne Dramen, Tragödien und Komödien, ohne Entwicklungsschübe und erfindungsreiche Neuerungen ist die Utopie des radikalen Egalitarismus, in der sich alle aufs Höchste gelangweilt ebenbürtig und Aug in Aug auf den Zehen stehen.

Institutionen wie Freundschaft, Liebe und Ehe sind Einrichtungen, die dem Zweck dienen, die aufgrund biologischer und sozialer Veränderungen wie Schwangerschaft, Krankheit und Altern oder Karrieresprung und Entlassung unausweichlichen Positionswechsel auf den Achsen der sozialen Beziehungen auf das Erträgliche, Förderliche und Angemessene einzudämmen und zu hegen: Wenn ihr einen Liebensbund miteinander geschlossen oder euch im Ehegelöbnis zugesprochen habt, auch im dramatischen Auf und Ab des Lebens, soweit es eure Kräfte erlauben, füreinander einzustehen, musst du nicht gleich befürchten, dass dich deine Freundin mit einem anderen betrügen oder verlassen wird, wenn du einmal krank daniederliegst und auf Pflege und Betreuung angewiesen bist – auch wenn ein solches Drama natürlich nicht auszuschließen ist.

Wir haben schon gesehen, wie uns das System der Personalpronomina ich, du, er/sie/es, wir, ihr, sie und der Demonstrativa dieser und jener sowie hier und dort ein Netzwerk von Relationen der Nähe und Ferne aufspannt und an die Hand gibt, das wir nun mit den Koordinaten der sozialen Beziehungen verschmelzen und vereinheitlichen können.

Ich stehe hier und du stehst dort, während er da drüben sitzt. Wir bleiben hier, ihr geht dorthin, während sie da hinten auf uns warten. Wenn ich und du, wir und ihr in Institutionen wie die Ehe, ein Unternehmen, eine Behörde, einen Club eingebunden sind und diese repräsentieren, geben uns die jeweiligen Entfernungspositionen auf der vertikalen und horizontalen Achse der sozialen Beziehungen einen Maßstab für die Über- und Unterordnung und die inkludierende Nähe oder exkludierende Ferne der Institutionen an die Hand, in denen wir Mitglieder sind.

Sofern und solange du atmest, bist du Teil der Menge oder Ganzheit der atmenden Lebewesen. Diese Ganzheit umfasst alle Lebewesen, die über Lungen oder Kiemen ihren Sauerstoffgehalt im Blut regulieren. Weil du atmest, bist du Teilnehmer oder Teilhaber dieser Menge. Die Menge derjenigen, die mittels der eingeatmeten Luft für die Verständigung geeignete und bedeutsame Laute artikulieren können, sind eine kleine Untermenge der ersten Menge. Als Teilnehmer oder Teilhaber der Menge der Sprecher einer syntaktisch strukturierten und semantisch unterfütterten Sprache bilden sie das Ganze der Menschheit. Die Menge derjenigen, die durch direkte Abstammung ein natürliches Verwandtschaftsverhältnis zueinander haben, ist eine Schnittmenge aller Mengen von Arten, die eben diese Eigenschaft aufweisen. Die genannten Mengen oder Ganzheiten sind natürliche Arten, die Teilnahme und Teilhabe an ihnen wird nicht durch Konventionen wie die formalisierte oder informelle Aufnahme eines Individuums in eine Menge oder Ganzheit dieser Art geregelt.

Anders bei Institutionen. Sie sind Mengen und Ganzheiten, an denen teilzunehmen und teilzuhaben es der Erfüllung konventionell festgelegter Bedingungen der Aufnahme oder der Inklusion und des Ausschlusses oder der Exklusion bedarf. Wenn du unsere Sprache nicht verstehst und nicht sprichst, kannst du ins Innere und in die Arcana unserer Kult- oder religiösen oder kulturellen Gemeinschaft nicht vordringen. Wenn dir die Bedeutung und die Funktion der Symbole, Siegel, Wappen, Riten und Zeremonien, derer wir uns bei unseren Abmachungen, Mitteilungen und Zusammenkünften bedienen, um die Identität unserer Gruppe zu bekräftigen, fremd sind, kannst du unser Mitglied nicht sein. Wenn du die Lieder, Legenden, Mythen oder Märchen, an denen wir uns bei unseren Zusammenkünften ergötzen und die unser Gemeinschaftsgefühl heben, nicht von Kindesbeinen an erlernt oder später eifrig eingeübt hast, wirst du die Gefühle, Einstellungen und Vorstellungen, die wir teilen und die wir uns beständig neu erwecken und mitteilen, nicht verstehen und beherzigen können.

Wenn du dich indes aufrichtig und lebhaft zu unserer Gemeinschaft und ihren Werten hingezogen fühlst und mit Hilfe eines Freundes fleißig unsere Sprache erlernt und unsere Zeichen, Geschichten und Zeremonien dir eifrig eingeprägt hast, wenn du endlich bei den Befragungen und Aufnahmeprüfungen, deren wir dich unterziehen, um die Echtheit und Breite deiner neuen Kenntnisse auszuloten, mit Bravour bestanden und hinreichend unter Beweis gestellt hast, dass du ein würdiger Adept unserer Gemeinschaft geworden bist, sind wir geneigt, dich als Mitglied in unserer Mitte aufzunehmen.

Solltest du indes dich auf heimtückische und arglistige Weise in unsere Mitte eingeschlichen haben, um unsere Interna, unsere Arcana oder Geschäftsgeheimnisse auszukundschaften und verstohlen nach außen zu tragen und sie Unbefugten und Uneingeweihten oder unseren Feinden auszuplaudern oder solchen Elementen Stoff und Anregungen für despektierliche, verleumderische oder blasphemische Entstellungen unsere Ansichten und Symbole zu liefern, oder wenn du dich in der tückischen Absicht uns genähert hast, eines unserer Mitglieder durch üble Insinuationen und Verleumdungen unserer Gruppe abspenstig zu machen und unserer Mitte zu entfremden, wenn wir dich eines oder einiger von diesen Vergehen oder aller zusammen mittels gerichtlicher Verfahren der Überprüfung und Beurteilung überführen konnten, sind wir rechtens gewillt und gehalten, dich aus unserer Mitte auszuschließen und für immer zu entfernen sowie die weltlichen Gerichte für eine weitere Strafermittlung anzurufen, soweit eine solche in Frage kommt.

Die Institutionen überlagern und umfassen einander in hierarchischer Folge oder in überlappender Weise: Du bist ein Angehöriger der deutschen Nation und damit Einwohner eines Bundeslandes und eines Ortes in Deutschland. Wenn du als Gläubiger der römisch-katholischen Kirche angehörst und verheiratet bist, bist du getauft, gefirmt und mit dem Ehesakrament betraut. Wenn du als katholischer Militärpfarrer deinem seelsorgerischen und pastoralen Auftrag nachgehst, bist du deinen Kameraden, deiner Heeresabteilung und der obersten Militärbehörde auf der Hardthöhe verpflichtet. Zugleich musst du die hierarchische Abstufung auf säkularer Ebene mit der hierarchischen Abstufung auf kirchlicher Ebene, bei der du deinem Militärbischof und deinem Orts-Bischof verpflichtet bist, zum Ausgleich bringen. Sollte es zu einem Konflikt zwischen den hierarchischen Linien kommen, weil du ein Vergehen begangen hast, das das Militärgericht zwar als moralisch bedenklich, strafrechtlich aber als geringfügig einschätzte, als dass es beruflich nachteilige Folgen für dich nach sich zöge, die letzte von dir angerufene Instanz in Rom allerdings die Sache anders einschätzte und dir eine Strafe zumäße, die mit der Versetzung von deiner bisherigen Position oder gar dem Ausschluss aus dem Priesterkollegium einherginge, gälte für dich: Roma locuta causa finita.

Aug 13 13

Philosophieren XXVIII

Wertvoll scheinen dir die Stoffe und Dinge, die dein Leben erhalten. Wenn du nach Wasser lechzt, bedarfst du keines Champagners der Luxusklasse. Wenn du aber die Freunde aus eurem Musikclub zum monatlichen musikalischen Stammtisch einlädst, geht es mehr als um die Befriedigung von natürlichen Bedürfnissen wie Hunger und Durst: Du hast über den Tisch eine bestickte Tischdecke geworfen und darauf einen hübschen Strauß Blumen in einer gläsernen Vase gestellt. Ihr labt euren Gaumen an einem edlen Tropfen, während ihr euch ausgewählte Stücke eurer Lieblingskomponisten auf der digitalen Audioanlage zu Gemüte führt. Ihr hört Stücke von Bach, Mozart und Beethoven nicht zur Zerstreuung, und während ihr hört, ist allen dareinzureden untersagt. Ja, einige von euch sind fachlich so ausgebildet, dass sie die Partituren einsehen, während die Musik erklingt. Ihr fachsimpelt auch über Rang und Qualität der unterschiedlichen Interpretationen ein- und desselben Stücks durch verschiedene Solisten, Orchester und Dirigenten.

Du würdest sagen, dass dir eure regelmäßigen Zusammenkünfte wertvoll erscheinen und du manches zu tun bereit wärest, diese schöne Tradition und diese schöne Institution zu erhalten. Neben natürlichen Werten stoßen wir demzufolge auf kulturelle Werte, die sich in Gepflogenheiten und Institutionen verkörpern und deren Pflege und Weitergabe von Woche zu Woche, Monat zu Monat, Jahr zu Jahr und von Generation zu Generation durch auf diese Pflege und Weitergabe verpflichtete Mitglieder einer Gruppe oder Gemeinschaft wir Tradition nennen.

Werte erhalten ihre Bedeutsamkeit und Relevanz, weil sie in der Form von Gütern, Dienstleistungen und Institutionen wie Nahrung, Geld, Unternehmen oder Kulten den biologisch erzeugten oder kulturell hervorgebrachten Bedarf von Individuen und Gruppen befriedigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die in Gütern, Diensten und Institutionen verkörperten Werte mehr oder weniger große fiktive Momente und Anteile wie Mythen, Legenden, Erzählungen, Bilder, Klänge, Tänze oder Zeremonien mit sich führen.

Elementarwerte oder natürliche Werte sind Stoffe und Gebrauchsgüter, welche die physischen Bedürfnisse von Menschen befriedigen wie Esswaren, Heizungs- und Brennstoffe, Kleiderstoffe und daraus gefertigte Kleidungsstücke, Baustoffe und damit errichtete Wohnhäuser, Speicher oder Ställe, Abwehrmittel wie Feuer gegen wilde Tiere, Wasser zum Löschen von Bränden, Waffen zur Abwehr von Feinden und Medikamente zur Abwehr von Bakterien und Viren.

Gebrauchsstoffe und Gebrauchsgüter, welche die natürlichen Bedürfnisse befriedigen, genießen eine hervorragende Wertschätzung, weil sie für die Lebenserhaltung unentbehrlich sind und ihre Auffindung, ihre Herstellung und ihr Konsum die Voraussetzung für die Herstellung und den Konsum der kulturellen Güter darstellen. Gegenstände und Einrichtungen, die nicht denselben Grad der Dringlichkeit bei der Lebensfristung aufweisen wie die natürlichen Werte, aber dennoch hochgeschätzt werden können, sind Luxusgüter und Einrichtungen des gehobenen Lebensstils wie Dekorationen, Gemälde, Wandbehänge, Plastiken, Zierpflanzen, Ornamente oder Vasen mit Blumen, die das Haus oder die Wohnung schmücken.

Der Unterschied zwischen Gütern und Einrichtungen mit keinem oder geringerem Anteil an Fiktion und Gütern und Einrichtungen mit höherem Anteil markiert keinen Unterschied in der Dringlichkeit bei der Bedarfsdeckung: Kulte, Gebete, Musik können denselben Grad an Nutzen und Wert erlangen wie Wasser und Brot. Nur mittels der Pflege und Weitergabe der Tradition eures Musikclubs, der wiederum die ungeheuer reiche und vielfältige Tradition der deutschen klassischen Musik zur Voraussetzung hat, existiert eure schöne Institution. Sie zu missen und auf den Austausch mit deinen Freunden in heiterer geselliger Runde verzichten zu müssen, würde dich hart angehen.

Um dich in den Besitz von materiellen Werten zu bringen, die deiner Lebenserhaltung diesen, oder dich mit kulturellen Werten umgeben zu können, die zur Hebung deines Lebensstils und der Verfeinerung deines Komforts beitragen wie eine digitale Audioanlage, musst du Leistungen erbringen, die dir in der Form von Optionen auf den Kauf von Waren wie in Form von Geld entgolten werden.

Du gelangst in den Genuss kultureller Güter und kannst dich der Pflege und Weitergabe kultureller Einrichtungen widmen, wenn du als Kind durch Geburt und Verfügung deiner Eltern oder als Erwachsener Mitglied einer kulturellen Gemeinschaft geworden bist. Für diese Form des Gebrauchs und der Pflege kultureller Werte musst du meist eher geringfügige Kosten in Form von Beiträgen und Steuern zahlen. Wesentlicher für den Erhalt und die Weitergabe der kulturellen Werte ist deine Verpflichtung auf die Erfüllung und Einhaltung der dir von der Gemeinschaft auferlegten formalen und informellen Regeln, Vorschriften, Gebote und Verbote, die in Listen, Mitgliederbestimmungen, Registern oder Beichtspiegeln aufgezeichnet werden.

Wenn du die monatliche Tagung eures Musikclubs wieder und wieder verschwitzt oder dich trotz wiederholter Aufforderung schon wieder nicht oder nur ungenügend durch Lektüre der Partitur darauf vorbereitet hast, wenn du gegen Mitglieder des Clubs lästerst und Verleumdungen in die Welt setzt, die jeder Grundlage entbehren, läufst du Gefahr, mit Sanktionen der Clubmitglieder gegen deine Person bis hin zur schärfsten Sanktion, dem Ausschluss, rechnen zu müssen.

Außerdem solltest du beherzigen, dass viele Mitgliedschaften in kulturellen Gruppen und Gemeinschaften in der Regel exkludierenden Charakter haben: Sicher kannst du zugleich Mitglied in eurem Musikclub und darüber hinaus Mitglied im Handballverein sein. Doch kannst du nicht gleichzeitig Mitglied der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sein. Ebenso wenig kannst du zugleich Mitglied der römisch-katholischen Kirche und der Synagogengemeinde deines Stadtteils sein. Noch weniger darfst du zugleich Mitglied der römisch-katholischen Kirche und der kriminellen Gang deines Stadtviertels sein. Solltest du die elementaren Werte, die dir von deiner Gemeinschaft mitgegeben und mitgeteilt wurden, nicht mehr mittragen und mitteilen, solltest du gröblich gegen die Sitten und Bräuche deiner Gruppe verstoßen, musst du darauf gefasst sein, mittels formaler oder informeller Verfahren rechtens aus der Gemeinschaft und der Gruppe ausgeschlossen zu werden. So geschieht es auf religiösem Gebiet den Abtrünnigen und Häretikern.

Der Gebrauch bestimmter kultureller Güter und die Nutzung bestimmter kultureller Einrichtungen definieren, wer und was du bist: Ist für dich der wertvollste Kult die Heilige Eucharistie, bist du Katholik, ist es die Vorlesung aus der Thora, bist du Jude. Die kulturellen Werte, die du mit allen Mitgliedern deiner Gemeinschaft zu teilen aufgegeben ist, wurden dir mittels Unterricht, Nachahmung oder Katechese, meist von Kindesbeinen an von den Eltern und Verwandten, mitgegeben und mitgeteilt.

Dein vernunftbezogenes Leben besteht darin, deine alltäglichen Absichten im Lichte von natürlichen und kulturellen Werten zu betrachten, ihren aktuellen Nutzen und ihre weitergehende Bedeutsamkeit abzuwägen und vernünftig zu gewichten, um zu Entscheidungen für dein Tun und Lassen zu kommen, die dir ein Licht aufstecken, dich im Gleichgewicht halten und deinen Lebensweg einigermaßen gut ausrichten und orientieren können. Wenn du als Katholik den Wert des Sakraments der Ehe oder als gläubiger Jude den Wert der monogamen Ehe hochschätzt, solltest du den natürlichen Wünsch nach billiger Zerstreuung und flüchtiger sexueller Befriedigung, die dir ein loses Abenteuer gewähren könnte, gegen den höheren Wert deines seelischen Gleichgewichts oder „Seelenheils“ abwägen und dich für die keusche Variante entscheiden. Wenn dir eine auf geteiltem Fühlen und geteilten Werten beständig aufruhende und harmonisch wachsende Gemeinschaft mit deiner Freundin oder Frau wertvoller ist als folgen- und belanglose Zerstreuung bei flüchtigen Genüssen in knapper Freizeit, solltest du dich von dieser Frau, der eher an Letzterem gelegen ist als an Ersterem, fernhalten.

Aug 12 13

Philosophieren XXVII

Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen kannst, ist dir von der Natur zu tun verwehrt. Einen konstitutionellen Mangel kannst du in etlichen Fällen durch medizinische Eingriffe oder Medikamente kompensieren, in vielen Fällen musst du dich mit dem Mangel und Manko abfinden und damit leben. Wenn du tun willst, was du weder erlernen noch durch kompensatorische Maßnahmen erlangen kannst, bist du unvernünftig und zu tadeln. Wenn aber dein Wollen eine verkehrte Richtung einnehmen kann, wenn dein Wollen insofern getadelt werden kann, musst du auch in der Lage sein, den Kurs deines Wollens zu korrigieren und dann das Richtige zu wollen lernen. Denn ich kann dich nicht für ein Tun und Wollen tadeln, das du nicht unterlassen kannst. Wenn du das Richtige tun willst und auch erlangst, ist dein Wollen und Tun nicht zu tadeln, sondern zu loben. Ein Tun und Wollen, das Lob und Tadel verdienen kann, ein Tun und Wollen, dessen Ausrichtung und Ausführung korrigierbar sind, nennen wir in gewisser Weise frei.

Als die Wespe dir empfindlich nah ans Auge flog, hast du reflexartig die Hand erhoben und heftig um dich geschlagen. Dabei hast du versehentlich und wider Willen die Vase auf dem Tisch heruntergestoßen, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Was du reflexartig, versehentlich und ohne Absicht tust, tust du wider Willen und bist dafür weder zu loben noch zu tadeln. Wenn du indes während einer heftigen Auseinandersetzung mit deiner Freundin, bei der die Fetzen fliegen, wütend die Vase mit einer vehementen Bewegung des Arms vom Tisch stößt und sie am Boden in tausend Scherben zerspringt, lag deinem Handeln eine Absicht zugrunde und du hast nicht widerwillig, sondern sogar böswillig gehandelt. Wenn du willentlich und in voller Absicht einen Fehlgriff tust, bist du dafür zu tadeln. Wenn wir dich wegen eines Fehlers tadeln, setzen wir voraus, dass du auch anders, nämlich richtig, hättest handeln können. So machen wir wieder die Voraussetzung, dass dein Wollen und Tun unter gewissen Bedingungen deiner bewussten Kontrolle unterliegen.

Er beobachtete, wie die Wespe um ihn kreiste und ihm jetzt empfindlich nahe ans Auge flog. Da schlug er scheinbar reflexartig um sich und erwischte scheinbar absichtslos und wider Willen die Vase auf dem Tisch seiner Gäste, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Unser kleiner Unhold hat simuliert und vorgetäuscht, dass seine Armbewegung reflexhaft und wider Willen erfolgte, sodass er wegen des erfolgten Schadens nicht zu tadeln wäre. In Wahrheit hat er die böse Absicht gehegt, seinen Gästen zu schaden, und diese Absicht geschickt hinter dem Vorhang einer absichtslosen Reflexbewegung kaschiert. Dafür ist er natürlich zu tadeln, denn seine böse Absicht unterlag unter diesen Bedingungen seiner Kontrolle und seinem Willen.

Du bist mal wieder aus rein gesellschaftlicher Verpflichtung bei diesen unmöglichen Leuten zu Gast, denen du schon lange einmal eins auswischen und ihre gehässigen Anspielungen und ihr arrogantes Betragen heimzahlen willst. Du betrachtest die Kristallvase auf dem Tisch, an dem sich die Runde eingefunden hat. Du weißt, die Gastgeberin schätzt das edle Teil ganz besonders, weil es ein Geschenk ihres Mannes zum Hochzeitstag ist. Dich überkommt die Phantasie, wie du die Vase packst und zu Boden schleuderst, aber du bist natürlich viel zu gut erzogen, so etwas in die Tat umzusetzen. Da schwebt angelockt vom Kuchen diese lästige Wespe heran und schwirrt dir plötzlich gefährlich nahe ans Auge. Während du noch mit heißem Wollen und Wünschen an die Absicht denkst, die Vase zu packen und auf den Boden zu schleudern, machst du eine reflexhafte Bewegung mit dem Arm, triffst die Vase und das kostbare Stück fällt wirklich zu Boden und das Glas zerspringt. Du hast in der Tat die Absicht zu einem Tun gehegt, das du auch ausgeführt hast. Doch werden wir dich nicht tadeln, denn die Verknüpfung deiner Absicht mit dem Ereignis, dass die Vase zu Bruch ging, war keine kausale Verknüpfung, sondern eine zufällige Verknüpfung, die das Ereignis nicht wirklich verursachte. Obwohl du die bösartige Absicht hegtest, die durch deine Armbewegung zur Realität wurde, wollen und können wir dich nicht tadeln, denn nicht deine bösartige Absicht stand am Nullpunkt der Kausalkette, an deren Endpunkt die zerbrochene Vase auf dem Boden lag, sondern die Reflexbewegung deines Arms.

Der Schüler steht an der Tafel und kann die Gleichung mit zwei unbekannten Variablen nicht lösen. Er stiert auf die Formel und zerbricht sich den Kopf. Vergebens. Wir wollen dem Schüler nicht unterstellen, dass er mutwillig oder böswillig handelt und die Lösung aus Trotz oder rebellischem Widerspruchsgeist nicht aufschreiben will. Der Schüler möchte die Lösung aufschreiben, er hegt gewiss die Absicht, sie endlich an die Tafel zu zaubern, er kann es aber nicht. Obwohl er wider Willen und ohne die Absicht, sie nicht an die Tafel zu schreiben, handelt, wird er dennoch dafür getadelt und erhält am Ende eine schlechte Note. Was wird aber in diesem Falle getadelt und ist zurecht tadelnswert?

Tadelnswert ist der fehlende oder geringe Wille des Schülers, sich zu Hause auf den Hosenboden zu setzen, den Stoff über die Lösungen von Gleichungen mit zwei unbekannten Variablen zu repetieren und sich auf diese Weise ordentlich für die Mathematikstunde zu präparieren. Die Absicht, sich auf den Unterricht vorzubereiten, unterlag der willentlichen Kontrolle des Schülers und war unter solchen Bedingungen frei, sie auszuführen verdiente Lob, sie erst gar nicht zu hegen Tadel. Ich kann dich nicht für etwas tadeln, das du jetzt zu tun nicht in der Lage bist. Ich kann dich aber dafür tadeln, dass du jetzt die Gleichung nicht lösen kannst, weil du verabsäumt hast, deine Schulaufgaben zu machen.

Wir unterscheiden Wollen, Beabsichtigen und Handeln oder Wille, Absicht und Tat, wobei die Tat die Verwirklichung der Absicht ist, der Wille aber die Instanz, die die Absicht gewichtet und gleichsam nach genehmigter Einlass- beziehungsweise Auslasskontrolle mit dem Anteil an Kraft und Energie ausstattet, der zur Umsetzung in die Tat nötig ist. Wenn du Hunger verspürst und die Absicht hegst, etwas zu essen, achtest du darauf, ob die Ausführung deiner Absicht hier und jetzt angemessen und vernünftig ist: Du hast zwar ein Pausenbrot, in Papier eingewickelt, in deiner Box in der Aktentasche bereitliegen, aber du hütest dich, es hier und jetzt während der Geschäftsbesprechung, der Präsentation beim Kunden, der Disputation oder der Gerichtsverhandlung auszupacken und beherzt hineinzubeißen. Das würde einen denkbar schlechten Eindruck hinterlassen und dir den Abschluss des Kaufvertrags, den Beifall des Kunden, den Zuspruch der Prüfungskommission und deine Rolle als glaubwürdiger Zeuge vor Gericht verderben und untergraben. So siehst du die Lage, bleibst vernünftig und verschiebst die Verwirklichung deiner Absicht, etwas zu essen, auf später.

Was wir leichthin Wille nennen ist der volitive Anteil an der Vernunft, deren rationaler Anteil der Verstand oder das Denkvermögen darstellt. Beide Anteile kommen im günstigsten Falle bei der Gewichtung und Beurteilung sowie der Ausführung der Absicht ins Spiel: Du beurteilst die Angemessenheit der Absicht und ihrer Verwirklichung hier und jetzt und du bekräftigst deinen positiven Entscheid zur Ausführung der Absicht mit der Aktualisierung der Energie, die für eben diese Ausführung nötig ist. Aber du bekräftigst auch deinen negativen Entscheid, insofern ein Energieaufwand nötig ist, um die Ausführung der Absicht zu hemmen, aufzuschieben oder zu unterdrücken, wie dies in unserem Beispiel mit dem Pausenbrot der Fall war.

Wir sagen: Es wäre unvernünftig von dir, deinem natürlichen Hungerimpuls durch die Verwirklichung der Absicht, etwas zu essen, hier und jetzt nachzugeben, weil du dir mit dieser Tat Nachteile einhandeln und dir selbst schaden würdest. Dein Verstand ist klar und wach und hat die Lage überschaut und wieder einmal mittels Anwendung des konditionalen Satzgefüges mit dem irrealen Konjunktiv auf die Wenn-Dann-Folge hin abgetastet: Wenn ich hier und jetzt meinem Hungerimpuls nachgäbe, würde ich mir Nachteile einhandeln und mir selbst schaden. Also, schlussfolgerst du im Indikativ des Präsens, gebe ich meinem Impuls nicht nach und packe das Pausenbrot erst nach Beendigung der Besprechung, der Präsentation, der Disputation oder der Gerichtssitzung aus.

Mit der Verwendung des konditionalen Satzgefüges im Irrealis machen wir die Vernunftprobe auf das Bedingungs- und Folgegefüge der Verwirklichung unserer Absichten. Sollte die Probe ergeben, dass die erwogenen Folgen unseres Handelns mit den übergeordneten Gründen, Zwecken und Werten unserer Lebensordnung und der Lebensordnung der Gemeinschaft, in der wir leben, harmonieren und kongruieren, nennen wir unsere Absichten angemessen und richtig und ihre Verwirklichung klug und vernünftig. Unklug und unvernünftig sind Absichten und Taten, die dazu beitragen, unser Leben und unsere Lebensgemeinschaft zu schädigen oder zu zerstören.

Sollte einer nicht in der Lage sein, seine Absichten zu handeln im Lichte der geteilten Werte seiner Gemeinschaft und der biologisch basierten Zwecke zur Erhaltung der Unversehrtheit, Gesundheit und Integrität der eigenen Person mittels vernünftiger Überlegungen zu beleuchten, zu gewichten und zu beurteilen, mit vernünftigen Gründen zu akzeptieren oder abzulehnen, ist sein Vernunft- und Urteilsvermögen eingeschränkt und wir nennen ihn mental behindert, wenn es sich dabei um einen überschaubaren Kreis von Absichten handelt, also die Einschränkung der Absicht, sich gesund zu ernähren, aufgrund von Magersucht oder Fresssucht, die Einschränkung der Absicht, sich mittels Anwendung bekömmlicher Genussmittel Wohlgefühle zu erwecken, aufgrund von Drogensucht. Sollte einer nicht in der Lage sein, irgendeine seiner Absichten zu handeln im Lichte vernünftiger Gründe zu gewichten, die zulässigen und zuträglichen zu akzeptieren und die unzulässigen und schädlichen zu verwerfen, nennen wir ihn geisteskrank und tun gut daran, ihn im eigenen Interesse zu entmündigen und die vernunftbezogenen sozialen Beziehungen wie Geld- und Bankgeschäfte, Einkäufe oder Eigentums- und Mietangelegenheiten einem Vormund zu übertragen.

Leute, die bestreiten, dass wir über ein willensbezogenes Vernunftvermögen verfügen, halten dich demgemäß für einen von neurochemischen Prozessen gesteuerten Automaten, der nicht wirklich weiß, was er tut, und der eigentlich entmündigt und einem Vormund unterstellt werden sollte. Aber nach dieser Annahme kann es ja keinen Vormund geben, denn wenigstens diesem müssten wir ja unterstellen, er verfüge über einen gesunden Menschenverstand. Dass diese Leute indes, sollte ihre Annahme stimmen, auch nicht wissen könnten, was sie tun, wenn sie die Wahrheit ihrer Annahme behaupten, sie nicht darüber befinden könnten, ob die Annahme wahr oder falsch ist, zeigt, dass sie schlicht nichts behaupten, wenn sie einen Unsinn dieses kolossalen Ausmaßes in die Welt setzen.

Aug 11 13

Philosophieren XXVI

Wir besteigen nicht das Hochgebirge der Philosophie, da uns die dünne Luft da oben nicht bekommt und wir den Sonderlingseinfällen und Delirien des einsamen Höhenwanderes misstrauen. Schlendern wir also wie immer gemütlich, aber wachen Sinnes über die weite Ebene des Tuns und der Tätigkeit, die wir gar nicht unbescheiden Philosophieren nennen. Du musst also nicht am Schreibtisch hocken und verzagt auf die weiße Fläche der Word-Datei starren. Machen wir wie immer unsere kleinen Exkursionen und halten die Augen auf, was auf der Straße, im Kaufhaus, bei der Arbeit im Büro alles so passiert, spitzen wir die Ohren, wenn merkwürdige oder kauzige, durchschnittliche oder distinguierte Zeitgenossen am Nachbartisch des Cafés plaudern und diskurrieren. Du hast ja stets dein kleines schwarzes Schreibheft dabei und kannst die frischen Impressionen rasch, bedenkenlos, hemmungslos zu Papier bringen. Zu Hause streichst du den rohen Klumpen aus Sense Data und Gedankenfetzen glatt, schneidest ihn in feine dünne Scheiben und hältst das Mikroskop der grammatischen Analyse darüber. So machst du es gut, wenn du die feineren Distinktionen und begrifflichen Tüpfelchen beim Übertrag auf den PC nachholst.

So hast du schon manches erfahren und erschlossen: dass wir herauskriegen, wer und was wir sind und wie es hierzulande und hienieden zugeht, wenn wir fragen, wer was wem wie sagt oder wer was wem (mit wem, gegen wen) wie wo und wann tut. Wir waren so frei, den Redesinn als höherstufigen Sinn in die Reihe der Sinne aufzunehmen, und haben gesehen, dass allererst die adverbiellen Bestimmungen der Elementarausdrücke für unser sinnfälliges Tun und Lassen wie sehen und hören, stehen und gehen, reden und schweigen uns die Welt, in der wir tatsächlich leben, zugänglich und verständlich machen.

Du blickst etwas skeptisch und gibst zu bedenken, dass wir uns doch all den Vordenkern und all dem Vorgedachten gegenüber dankbar zu erweisen haben und erst dankbar erwiesen, wenn wir uns sagen wir mal Platons Schrift über den Staat, die Politeia, vorknöpften und zu Gemüte führten – immerhin ist auch zu dir das Gerücht gedrungen, alles, was post festum zu akademischen Würden aufgestiegen ist, könne als Fußnote zu jenem Meisterwerk angesehen werden. Warum also nicht unsererseits noch ein kleines, bescheidenes Fußnötchen hinzufügen und dann zufrieden in Urlaub fahren oder die Rente beantragen?

Platons Werk gehört eigentlich zum Genre der „Philosophical Fiction“, ist es doch die dialogisch zerklüftete Planskizze einer übersichtlichen Organisation des urbanen Lebens und einer rigiden Ordnung der generierbaren und konsumablen Dinge, wobei zu letzteren neben Sklaven auch Frauen und Kinder gehören. In diesem wenig idyllischen Städtchen passen platonisch dressierte Gedankenpolizisten auf, dass der Bauer nur isst, was er kennt, der halsstarrige und stolze Adel sich unter den Rohrstock des Schulmeisters duckt, Künstler ihre Werke mit dem Gelbstich puren Moralins verdüstern und versäuern und ihre Medien mit schwarzen Propagandafetzen stopfen, während in die verquatschte und entscheidungslos bleibende Ratssitzung der Philosoph nach Einnahme einer Droge namens Theorie mit dem Hammer dreinschlägt und verkündet, was Sache ist – kurz ein utopischer Ort, wo alles blitzblank, ordentlich und hochgeschlossen zugeht und wir nicht leben möchten.

Wir aber, meine Liebe, verschmähen die Fiktion und halten uns lieber an das, was es gibt – und davon gibt es ja bekanntlich reichlich. Ich schlage also vor, anstatt dich in die fiktive WAHRstadt Platons zu flüchten mit mir ein wenig durch die wirklichen Straßen dieser wirklichen Stadt zu flanieren und uns beim Warenhaus KARstadt einzufinden, um die Ordnung der Dinge, die Ordnung unserer Dinge, unsere Ordnung der Dinge, hierzulande und hienieden, kennenzulernen und zu ergründen.

Verwenden wir wieder einmal die uns schon geläufige konditionale Fügung mit dem Irrealis des Verbs, um an einem Teilbereich ein Gegenmodell mit umgekehrten Vorzeichen aufzustellen, dessen Negation uns Sinn und Bedeutung dieses Teils der realen Konsum- und Warenstadt ermessen lässt: Wenn alle bei Karstadt feilgebotenen Kleidungsstücke, sowohl die für Männer und Frauen als auch die für Kinder, ungeordnet in einem riesigen chaotische Haufen und Knäuel durcheinandergeworfen und aufgehäuft wären, du aber heute an keinem anderen Gegenstand als einem Damenschlafanzug mit kleinem Blumenmuster Interesse hegtest, könntest du auch nach tagelangem Suchen das Gewünschte in dem ungeheuren Durcheinander nicht finden. Damit dein Wunsch baldmöglichst in Erfüllung geht, sind alle im Kaufhaus angebotenen Kleidungsstücke geordnet und sortiert, nach den Zugehörigkeiten zu Geschlechtern (Mann, Frau) und Altersstufen (Kinder, Young Fashion), nach Themenbereichen wie Tag- und Nachtwäsche, Bademode, Freizeit oder Sport und last but not least nach Marken, Größen und Farben passend zusammengestellt.

Wenn du das Kaufhaus Karstadt auf der Zeil in Frankfurt (oder einer anderen deutschen Stadt) betrittst, vermittelt dir ein großer Etagenplan im Eingangsbereich oder jeweils an der Rolltreppe die Übersicht über alle auf sieben Etagen verteilten Waren- und Serviceangebote. Der Etagenplan von Karstadt gibt uns unmittelbar Einblick in die wesentlichen Belange und Lebens-, Handlungs- und Funktionsräume, um die und in denen sich hierzulande und hienieden alles dreht.

Die vorwaltenden Ordnungsschemata, denen gemäß wir die Dinge aufreihen und sortieren, einordnen und klassifizieren, sind keineswegs willkürlich gewählt, sind keineswegs ins Belieben einer ohne Bodenkontakt vagierenden Imagination gestellt und ebenso wenig von kulturspezisch-lokalen Vorlieben determiniert: Die Einteilung nach den Geschlechtern Mann und Frau beziehungsweise Altersstufen wie Erwachsenen und Kindern sind allen Unkenrufen zum Trotz hienieden allenthalben der biologisch gezeugte und erzeugte Normal- und Regelfall, und da der Planet Erde sich während seiner Jahresreise um die Sonne im 24-Stunden-Tag-und-Nacht-Rhythmus um die eigene Achse dreht, bedürfen wir der Kleidung für den Tag wie der Kleidung für die Nacht, in der wir uns in der wohlig-weichen und bunt gemusterten, frisch duftenden Bettwäsche räkeln und schlafen, die wir jüngst in der dritten Etage erstanden haben.

Unseren Wach- und Schlafrhythmus, dem wir als natürliche Wesen zwangsläufig unterliegen, passen wir tunlichst dem Tag- und Nachtrhythmus da draußen an. Denn am Tage gehen wir hoffentlich seriösen Beschäftigungen nach und erbringen im Büro, an der Werkbank, hinter dem Katheder Leistungen, deren Nutzen mit dem entsprechenden Entgelt quittiert wird. Am Abend und im Urlaub, den wir zwecks Regeneration unserer Kräfte nötig haben und mit wohltuendem Nichtstun oder unterhaltsamen Sport- und anderen Spielen oder beim Wandern, Golfen, Skaten oder Bergsteigen verbringen, tragen wir die bunte und funktionale Sport-, Urlaubs- und Freizeitkleidung und benutzen die Fitness- und Sportgeräte, die wir bei Karstadt gefunden und gekauft haben.

Wir sind keine Barbaren und schlingen die uns nötigen Speisen nicht roh hinab. Mit den Tischsitten, die uns Karstadt dank feinster Tischdecken und Servietten, erlesenen Ess-, Kaffee- und Teerservice aus bemaltem, vergoldetem, figürlich gebranntem Porzellan nebst silbernem Besteck für alle Gelegenheiten vom Braten bis zur Torte, von der Geburtstags- bis zur Hochzeitsfeier ermöglicht, steigen wir auf den Gipfel der Zivilisation und genießen bei gefälliger Tafelmusik aus der digitalen Musikanlage unter dem jüngst von dir an der Wand befestigten leuchtenden Deko-Stoff aus der Abteilung Heimtextilien unser Mittagsmahl, plaudernd und leise-vornehm mit den Gabeln und Löffeln klappernd.

So finden wir im Kaufhaus nicht nur uns nützliche oder unterhaltende Dinge, sondern die Stoffe und Utensilien zu unserem sozialen Umgang und geselligen Leben. Wenn du deine Frau zum Hochzeitstag mit einem Geschenk beglücken willst, schau dich in der Schmuckabteilung um. Wenn du deinen Mann zum Geburtstag überraschen willst, nichts wie hin in die Abteilungen Herrenbekleidung, DVDs, Radsport oder Golf. Wenn du deinen Freund mit einem verführerischen Duft bezaubern oder die Blicke des attraktiven neuen Kollegen mittels einer schicken neuen Frisur oder einem erfrischten und gestrafften Teint auf dich ziehen möchtest, wirst du in der Parfümerie, beim Friseur und in der Beauty-Lounge des Kaufhauses ausgezeichnet bedient.

Es erscheint bemerkenswert, dass gewisse Lebens-, Handlungs- und Funktionsbereiche von der Klassifikation und Einteilung der Dinge im großen Warenhaus ausgeklammert werden: Särge und einen Bestattungsservice findest du hier beispielsweise nicht, obwohl das Sterben und der Tod zu den nicht gerade unbedeutenden Themen des Lebens gehören. Der Gepflogenheit gemäß, den Leichnam zu verbrennen oder mit Erde und einem schweren Stein zu bedecken, nicht nur, um das Leben vor Fäulnis und üblen Dünsten zu bewahren, sondern vor allem auch, um dem Verstorbenen die Würde des Hinscheidens und uns den für den Abschied und das Weiterleben nötigen Abstand zu verschaffen, wird der Bestattungsservice diskret von den anderen Lebensdimensionen abgeschirmt. Wir wollen in der Parfümerie nicht an Fäulnisgerüche denken, wenn in der Nachbarabteilung Särge feilgeboten würden. Das Leben, solange wir leben, von unnötig bedrückenden, hemmenden und verdüsternden Gedanken wie den Gedanken an den Tod frei zu halten, sei uns vergönnt. Die Lebensfreude und der Wunsch nach Erheiterung unseres so fragilen und leicht niederzuziehenden Lebens, auch sie sind in der Ordnung der Dinge, wie sie Karstadt offenlegt, einbeschrieben.

Das Entgelt für unsere Leistungen und nutzbringenden Tätigkeiten am Arbeitsplatz ist das Geld, das wir für die Bezahlung des Preises der im Kaufhaus ausgesuchten Waren benötigen und an der Kasse mittels Bargeld oder Scannen der EC- oder Kreditkarte einlösen. Dass du für dein verwöhntes Dasein auch noch zahlen sollst, ist ja allerhand! Doch wir philosophieren ja und bleiben also ruhig. Gewinnen wir wieder einmal mittels Verwendung des konditionalen Satzgefüges im Irrealis ein Gegenmodell zur leider vorhandenen kostspieligen und schweißtreibenden Arbeits- und Warenpreiswelt und schauen, was uns da blüht: Endlich, die Philosophen oder die Kinder (der Unterschied verschwimmt bei solchen Sachlagen und Engagements) haben die Macht errungen und per Erlass die Abschaffung des Geldes und der ärgerlichen Preise von Waren und Dienstleistungen deklariert. Jetzt aber nichts wie hin zu Karstadt! Was geschähe, würden die bei Karstadt gelagerten, hübsch aufgereihten und sortierten Waren plötzlich kostenlos von der Stange und aus dem Regal geholt und nach Hause getragen werden können? Würden die Waren verschenkt, würden die Hersteller und Lieferanten der Waren für ihre Leistungen kein Entgelt erhalten und ihre Angestellten und Arbeiter kein Gehalt und keinen Lohn ausbezahlt bekommen. Würden die Hersteller und Lieferanten kein Entgelt für ihre Leistungen erhalten, würden sie die Produktion der Güter und Dienstleistungen sofort einstellen – denn welchen Anreiz hätten sie noch, in Leistung und Mühewaltung dieser Art zu investieren?

Wenn nichts etwas kostete, dann erhieltest du auch kein Entgelt für deine Arbeitsleistung. Erhieltest du kein Entgelt für deine Arbeitsleistung, gingest du erst gar nicht mehr zur Arbeit, denn welchen Anreiz hättest du, früh dich aus dem warmen Bett zu schälen und den lieben Kollegen acht Stunden mit deinem Pokergesicht Paroli zu bieten? Gingest du und alle anderen nicht mehr zur Arbeit, würden binnen Kurzem die Wirtschaft, der Verkehr, die Versorgung des Landes, kurz das ganze zivile Leben, zusammenbrechen – und aus wärʼs mit dem schönen Warenangebot von Karstadt für dein bequemes Leben.

Die Preise unterliegen in der Regel (wenn nicht per Preisabsprache gemogelt wird) dem Kreislauf von Angebot und Nachfrage: Steigt die Nachfrage, steigt der Preis entsprechend, was auf Hersteller dieser Produkte den Reiz erhöht, in die Produktion gerade dieser lohnenden Güter zu investieren. Dadurch werden mehr Güter und Waren der Sorte auf den Markt geschwemmt und bald übersteigt das Angebot die Nachfrage. Infolgedessen sinkt der Preis in entsprechendem Maße und die Hersteller passen die Menge der produzierten Waren dem tatsächlichen Nachfrageniveau an. Der Preis pendelt sich auf das alte Niveau ein oder liegt leicht darunter.

Die Preisbildung richtet sich in der Regel (wenn auch hier nicht gemogelt wird) nach dem Wert der Ware, die auf den Markt gelangt, das heißt nach der Summe aller Investitionen, die zu ihrer Auffindung oder Entwicklung, ihrer Testung und Erprobung, ihrer Freigabe und Lizensierung, ihrer Herstellung und Lieferung, schließlich ihrer Wartung und Versicherung erforderlich sind. Nur die erfolgreichen und gelungenen Investments können sich am Markt amortisieren. Würde ein Pharmahersteller bei der Entwicklung oder der kontrollierten Testung eines neuen Medikamentes schlampen und sich ein paar millionenschwere Investitionen „sparen“, schlüge sich das in der minderen Qualität des Produkts nieder. Geringere Qualität ist ein Absatzhemmnis, folglich wären die Verordnung und der Abverkauf des Medikamentes geringer als erwartet und kalkuliert, jedenfalls aber geringer als die in die Entwicklung und Herstellung des Produkts investierten Summen: Das Unternehmen schriebe Verluste und wäre gezwungen, das neue Medikament schleunigst vom Markt zu nehmen – falls die „Schlamperei“ nicht längst von einem Mitbewerber mit der Gabe scharfer Beobachtung entdeckt und bei den gerichtlichen Instanzen angezeigt worden wäre.

Hast du bemerkt, dass Karstadt ein Netzwerk und Kreuzungspunkt vieler Kulturen ist? Bei etlichen Branchen wie Mode, Schmuck und Parfums findest du Angebote von Markenherstellern, die in den großen urbanen Zentren und Metropolen der USA, Europas und Japans beheimnatet sind. Das bedeutet, auch wir, die wir uns gerne des reichen Angebots so vieler Länder bedienen, demonstrieren mit dem Konsum dieser Produkte das hohe zivilisatorische Niveau einer weltweit sich behauptenden und vergrößernden, mehr oder weniger gebildeten, mehr oder weniger wohlhabenden Mittelschicht.

Aug 9 13

Philosophieren XXV

Die grundlegenden Adverbien für die Spezifikation der Ausdrücke, mit denen wir unsere sozialen Beziehungen beschreiben, sind „nah“ und „fern“ beziehungsweise „oben“ und „unten“. Insofern wir mit den Steigerungsformen dieser Adverbien wie „näher“ und „ferner“, „höher“ und „tiefer“ Modulationen und Fluktuationen der sozialen Beziehungen auf der horizontalen Achse der Nähe und Ferne beziehungsweise der vertikalen Achse der Über- und Unterordnung markieren, erschließen wir uns die kleinen und großen Dramen des menschlich Lebens – und zwar sowohl von Personen im Intimbereich von Liebe und Freundschaft wie von Quasi-Personen wie Unternehmen und Staaten im wirtschaftlichen und historischen Ereignisfeld.

Alles, was deine Person und dein Leben, deine Lebensumstände und dein Schicksal angeht, liegt mir nahe, interessiert und besorgt mich. Ich habe daran lebendigen Anteil. Die Lebensumstände und Schicksale deiner Kollegin liegen mir fern, sie interessieren mich nur insofern, als sie wiederum dein Leben tangieren. Ich erkundige mich nach deinem Ergehen, nicht nach dem Ergehen deiner Kollegin. Als wir uns noch nicht begegnet waren, waren wir uns so fern, dass ich nicht einmal den Gedanken habe hegen können, mich nach deinem Ergehen zu erkundigen. Was mir jetzt so nahe liegt, war mir ehedem so fern und gleichgültig. Das gereicht mir nicht zum Vorwurf, weil das Unmögliche nicht eingeklagt werden kann.

Den höchsten, stärksten, intensivsten Grad der Anteilnahme nennen wir Liebe und sagen etwa: „Du stehst mir in meinem Leben am nächsten.“ Oder: „Was dich freut, freut auch mich, was dich bekümmert, bereitet mir Sorge.“ Wir können konstatieren, dass Liebe die sozialen Beziehungen sowohl zwischen nahe Verwandten und hier vorzüglich zwischen Eltern und Kindern in beiderlei Richtung als auch zwischen nicht verwandten Liebesleuten umfasst.

Wir wissen ja genau, was Liebe ist, weil wir sehen, wie Eltern ihre Kinder herzen und versorgen, wickeln, ernähren und erziehen, wie Kinder ihre Eltern umarmen, mit Spielen und Geschenken erfreuen, im Haushalt und Garten helfen, im Alter unterstützen und pflegen. Wir wissen genau, was wir mit Liebe meinen, weil wir sehen, dass Liebespaare nicht nur Händchen halten und sich küssen, sondern füreinander einstehen, einander helfen und stützen. Wir begreifen, dass mit Liebe nicht ein bloßes Gefühl oder eine Passion gemeint sein kann, sondern ein soziales Band von Verbindlichkeiten und gegenseitiger Verpflichtung. Die schönen Zeichen der Liebe sind gewiss Blumen und Geschenke, die von Herzen kommen, die besten Zeichen aber sind Taten. Wenn ich dich auf deinen ausdrücklichen Wunsch hin nicht besuchen komme, obwohl du zu Hause krank im Bett liegst, dir nichts zu essen bereite oder mitbringe und dir zu deiner Unterhaltung nicht aus deinem Lieblingsschriftsteller vorlese, sondern solches Mühewalten für unbequem erachte und ihm einen Besuch im Kino oder ein Spiel mit meinen Schachkumpanen vorziehe, ist sonnenklar erwiesen, dass hier von Liebe nicht die Rede sein kann.

Es kennzeichnet die Verwendung von adverbiellen Bestimmungen für Ausdrücke sozialer Beziehungen, dass sie einer Metrik nicht nur der Richtungskoordinaten Ordinate (der Vertikalen) und Abszisse (der Horizontalen) einbeschrieben sind, sondern auch der Orientierung von Plus und Minus wie im kartesischen Koordinatensystem. Die Negation von Liebe ist Hass, die Negation von Freundschaft ist Feindschaft. Die Negation von Feindschaft ist entweder Freundschaft oder Indifferenz. Die Negation von Hass ist entweder Liebe oder Freundschaft oder Indifferenz.

So wollen und können wir nicht verhehlen: Am Ergehen der Person, die dir einen nicht unbeträchtlichen physischen oder seelischen Schaden zugefügt hat, nimmst du ähnlich intensiven Anteil, wie am Leben der Person, die dir physischen Genuss und seelischen Reichtum beschert hat. Da du kein Heiliger bist, kannst du nicht umhin, dich insgeheim zu ergötzen, wenn dir eine Nachricht über einen jener verhassten Person entstandenen Verlust zu Ohren kommt, wie du dich offenherzig freust, wenn du erfährst, die geliebte Person habe im Lotto gewonnen, einen Preis verliehen bekommen oder bei der Prüfung exzellent abgeschnitten. Interessanterweise ist Hass ein reines Gefühl und ein ziemlich lästiger oder schwer erträglicher affektiver Zustand, nicht aber wie Liebe ein echtes soziales Band von Verbindlichkeiten und gegenseitiger Verpflichtung.

Hier erfassen wir auch, was wir meinen, wenn wir einem Menschen ein krankhaftes und pathologisches Verhalten und Fühlen in seinen sozialen Beziehungen attestieren: Dieser Mensch ist weder in der Lage, die wahre Größenordnung von Nähe und Entfernung auf der horizontalen Achse der sozialen Beziehung noch die wahre Größenordnung der Über- und Unterordnung auf der vertikalen Achse einzuschätzen, zu gewichten und zur Richtschnur seiner Einstellung, seines Gefühls und seines Verhaltens zu nehmen. Vielmehr täuscht der Kranke sich darin, eine scheinbare Nähe wie die bloß zufällige Berührung oder den beiläufigen Blick für Zeichen echter Nähe zu deuten und solcherweise zutraulich oder zudringlich sich aufzuführen, dass ihm Einhalt geboten werden muss. Oder umgekehrt, der Kranke versteht echte Zeichen von Fürsorge und freundlicher, freundschaftlicher oder liebevoller Nähe als Formen verletzender und verwirrender Übergriffe und Einschüchterungen. Das Naheliegende deutet der Kranke als das Fernliegende, das Fernliegende als das Naheliegende, die liebevolle Annäherung als böswilligen Angriff, den böswilligen Angriff als liebevolle Annäherung.

Auch die Begriffe von Oben und Unten haben sich unserem Patienten verwirrt: Dem Lehrer und Arzt, dem Priester und Richter, dem Techniker, Handwerker und Wissenschaftler fühlt er sich, der keine Lehre abgeschlossen, kein Examen bestanden, keine Ausbildung durchgehalten hat, unendlich überlegen und verhält sich ihnen gegenüber auch demgemäß: herablassend, rebellisch, unverschämt. Den in Hinsicht auf Leistung und Ausbildung weit über ihm stehenden Personen gegenüber beansprucht der Kranke eine die Grenzen des Anstands überschreitende Nähe und vulgäre Vertraulichkeit.

Ein anderer fühlt sich trotz seiner erwiesenen hervorragenden Leistungen auf beruflichem, wissenschaftlichem oder sportlichen Feld jedem dahergelaufenen Dreckspatz und Gassenjungen unterlegen, der ordentlich auf die Pauke hauen, sein freches Mundwerk laufen lassen und den schüchternen Menschen mit deftigen Witzen und Obszönitäten unflätig anhauen kann. Der Kranke ist unfähig, den ihm gebührenden Abstand von Zudringlichkeiten der gemeinen Art mittels Entfernung der eigenen und nötigenfalls der anderen Person entschieden und beherzt in die Tat umzusetzen.

Der Kranke sieht sich auch nicht in der Lage, der wahren oder vorgeblichen Größe für die Nähe oder Ferne seiner sozialen Beziehung auf der horizontalen Skala einen eindeutigen Richtungswert zuzuordnen – vielmehr wechselt er beständig von Plus zu Minus und Minus zu Plus oder versteigt sich zur paradoxen Behauptung der gleichzeitigen Existenz beider Werte. So unterliegt er dem krankhaften Zwang, den zu hassen, den er liebt, und den zu lieben, den er hasst. Er ist misstrauisch gegen den, der ihm gut will, und vertraut blindlings dem, der ihn hinters Licht führt und übers Ohr haut.

Wir wollen an dieser Stelle nur andeuten, dass die kleinen und großen Dramen des menschlichen Lebens in der Tat mittels der Steigerungsformen der adverbiellen Bestimmungen der Ausdrücke für soziale Beziehungen wie näher und ferner erfasst werden: Gestern standen wir uns noch fern, dann kamen wir uns unter einer glückbringenden Konstellation immer näher, heute liegen wir uns in den Armen. Wehmütig gedenkst du der verflossenen Tage des Sommers, als du mit deinem Liebsten glücklich Hand in Hand gingst. Dann legte sich oft und öfter ein schmaler Schatten der Entfremdung oder der herannahenden Figur eines Dritten zwischen euch und wurde größer und größer. Heute empfindest du die Entfernung zwischen euch als so trostlos weit wie die Entfernung des Mondes zur Erde. Ihr wart euch sehr zugetan, da spielte euch das Schicksal einen dummen Streich und fast ließet ihr die Hände voneinander abgleiten und sinken. Doch die Wärme und Zuversicht eurer Liebe und die Hochherzigkeit eurer gegenseitigen Zusagen blieben siegreich und vertrieben die Schatten.

Freundschaft ist das Gegenteil von Feindschaft und verbindet die Freunde in einem sympathetischen Umgang gegenseitiger Achtung. Ihr trefft euch regelmäßig zu Konzert- oder Museumsbesuchen, zu Kaffee und Kuchen, ihr tratscht vergnügt über die Malaisen von Nichtanwesenden, nehmt aber gehörigen Anteil am beiderseitigen Schicksal und unterstützt euch in Notlagen nach Billigkeit und Angemessenheit. Freundschaft kann eng sein und dir einen Packen von Verbindlichkeiten aufbürden, von der Intimität und Intensität der Liebe entfernen sie aber die geringere Nähe und Dichte von Emotion und Obligation.

Feindschaft hat denselben Grad der Nähe wie Freundschaft, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wir unterscheiden Feindschaft von Hass und setzen den Unterschied darin, dass Hass auf die Schädigung oder gar Vernichtung der gehassten Person aktiv oder passiv aus ist, während Feindschaft die Persönlichkeit des Feindes würdigt und nicht in Frage stellt, aber seine Absichten und Zwecke, seine Gesinnungen und Werte ablehnt. Du hütest dich vor dem Feind, weil er Interessen und Absichten verfolgt, die den deinen entgegengesetzt sind und mit ihnen konfligieren. Du gehst ihm aus dem Weg oder ergreifst Abwehrmaßnahmen wider seine unlauteren Absichten. Doch kannst du zwischenzeitlich durchaus Aug in Aug ihm gegenübertreten und mit ihm gleichsam einen Waffenstillstand verabreden: eine Zeit des Interimsfriedens, in der ihr euch gelassen verschmäht, ohne euch zu schmähen.

Wir spezifizieren die Ausdrücke für soziale Beziehungen nicht nur mittels der adverbiellen Bestimmungen nahe und fern beziehungsweise näher und ferner und markieren damit den Grad ihrer Nähe, gleichsam von links nach rechts und von rechts nach links Abstände bildend. Wir spezifizieren unsere Ausdrücke für soziale Beziehungen auch mittels der adverbiellen Bestimmungen oben und unten beziehungsweise höher und tiefer und markieren damit den Grad der Ober- und Unterordnung oder der Dominanz und Unterlegenheit der beteiligten Personen und Partner. Die kontinuierliche langsame oder schnelle Verschiebung oder der abrupte Wechsel der Werte auf der vertikalen Ordnungsskala erschließen uns neue Gründe für die kleineren und größeren Dramen des menschlichen Lebens – und das sowohl im intimen Umfeld von Liebe oder Freundschaft wie im komplexen Rahmen von Unternehmen oder Staaten.

Wir achten auf das Zusammenspiel der Verschiebungen auf der Horizontalen und der Vertikalen: Ich kann mich von dir entfernen, indem ich den Weg nach links einschlage und ebenerdig zwanzig Meter zurücklege. Ich kann mich ebenso weit von dir entfernen, wenn ich die Treppe hier hinaufsteige, während du unten an der Tür stehenbleibst.

Du hast es durch fleißiges Lernen und den Besuch der Abendschule oder von Fortbildungskursen dahin gebracht, schnell die Karriereleiter emporzuklettern. Mit der dünnen Luft der Chefetage hast du neue Lebensformen und das Highlife von Luxus, feinen Anzügen, edlen Schuhen und raffinierten Cocktails in der Bar des Tennisclubs kennengelernt. Deine alten Freunde haben sich einer nach dem anderen leise von dir entfernt, während du auf der Segelyacht des Vorstandsvorsitzenden deiner Firma und in den VIP-Lounges der internationalen Flughäfen Bekanntschaft mit den Happy Few geknüpft hast. Natürlich entspricht das neu erworbene Loft in bester Westendlage und das flotte Sportcoupé nunmehr deinem Style of Life. Während alledem ist deine Frau die alte geblieben, sie räkelt sich gelangweilt auf der teueren Ledercoach und lackiert ihre Fingernägel, um sich für die Party schick zu machen. Doch eigentlich sind ihr die neuen Gesichter dort mit ihrem undurchdringlichen Dauerlächeln und ihrem ewig gleichen Singsang auf die teure Sorglosigkeit eines sinnleeren Luxuslebens zuwider. Sie vermisst die alten Freunde, mit denen man unbefangen scherzen und auch mal Neun gerade sein lassen konnte. Es kommt, wie es kommen muss. Deine Frau hat sich in dem Maße innerlich von dir entfernt, wie du äußerlich aufgestiegen bist. Die einst geteilte intime Nähe von Liebe und Freundschaft hat sich gleichsam in dem kühlen Dunst aufgelöst, der dir aus der Klimaanlage deines Chefzimmers entgegenweht. Mach dich darauf gefasst, dass dich deine Frau bald verlassen wird.

Beschränken wir für unseren Hausgebrauch die Funktion von Unternehmen, Vereinen, Organisationen, Nationen beziehungsweise der sie repräsentierenden Staaten auf eine Rolle als Quasi-Personen, können wir ihnen wie allen Personen Absichten und Zwecksetzungen unterstellen, die ihr Handeln begründen und verständlich erscheinen lassen. Unternehmen zum Beispiel sind Organisationen mit dem Zweck der Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen, die am Markt durch Wachstum und mittels ständiger Verbesserung und Innovation ihrer Leistungen expandieren wollen. Ihre Nähe und Ferne zu anderen Unternehmen ist durch den Wettbewerb um Kunden und Absatzmärkte oder durch Filiationen wie Konzernbildung oder Zweckabsprachen wie bei der Preisbildung definiert. Unternehmen, die gestern noch als Konkurrenten auf einem Marktsegment um denselben Kundenstamm gekämpft haben, werden von einem dritten ihnen in Hinsicht auf die schiere Größe, die Produktentwicklung und das Produktdesign, die finanziellen und technischen Ressourcen weit überlegenen Unternehmen übernommen und partizipieren nunmehr dank einer sinnvoll angepassten und komplettierten Kooperation gemeinsam am Verkaufs- und Markterfolg.

Hier beobachten wir, dass bei bestimmten Größenordnungen und Komplexionsgraden der beteiligten Partner die Werte auf der Abszisse der Beziehungsentfernung um die Über- und Unterordnungsstufen der Werte auf der Ordinate zu ergänzen sind: Die beiden gleichermaßen unterlegenen Unternehmen, die früher harter Wettbewerb voneinander entfernte, operieren jetzt auf Augenhöhe in kooperativer Nähe.

Staaten stehen sich auf der horizontalen Koordinaten als durch Bündnisverträge eingeschworene Partner nahe oder als Feinde fern, wenn sie hart um dieselben Energieträger und Absatzmärkte ringen und kämpfen. Die Feindschaft zwischen Staaten kann sich bis zu bewaffneten Konflikten oder Kriegen steigern. Staaten, die aufgrund ihrer schieren Größe oder Überlegenheit an Know-how, Waffentechnik und Ressourcen ihre Anrainer dominieren, betrachten wir als Regional- oder Mittelmächte, während wir Staaten als Großmächte oder Imperien ansehen, die ebenfalls aufgrund ihrer Größe und ihres technologischen Know-hows sowie des Reichtums an Ressourcen ganze Kontinente und deren Staaten und Nationen beherrschen.

Die Konflikte zwischen Staaten und Mächten können aus kulturell-religiösen Quellen genährt werden wie die Konflikte zwischen den sunnitisch und den schiitisch dominierten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Die von Großmächten dominierten Völker können sich erheben und ihre natürlichen Feinde durch Rebellionen und Revolutionen in die Defensive drängen oder durch Zermürbung, hohen Blutzoll von Attentaten und Terrorangriffen sowie Störungen und Zerstörungen in Industrie und Verkehrsanlagen durch Partisanenangriffe oder durch reguläre Kriege zur Aufgabe zwingen wie die Völker des Balkans zuerst das Osmanische Reich und später das Reich der Habsburger.

Nach dem Zerfall des Sowjetischen Imperiums sind die alten Konfliktlinien der einst gemeinsam unter Moskaus Stiefel gedrückten Nationen wie die Konfliktlinien zwischen Balten und Russen, Polen und Russen, Ukrainern und Russen oder Polen und Ungarn wieder aufgerissen, während noch ältere Konfliktlinien wie die zwischen Frankreich und Deutschland nach Jahrzehnten vertraglicher und touristischer Annäherung beinahe in Vergessenheit gerieten. Die Voraussetzung für diese Annäherung auf der horizontalen Linie war freilich die grausame und blutige Verschiebung der Größenordnung auf der vertikalen Linie infolge des Zweiten Weltkriegs, wodurch Deutschland seine hegemoniale Rolle in der Mitte Europas verloren hat.

Zwecks Analyse der Verhältnisse zwischen Staaten und der sozialen Verhältnisse zwischen Personen können wir die gegebenen Größen der Über- und Unterordnung auf der vertikalen Achse wie die gegebenen Größen der Annäherung und Entfernung auf der horizontalen Achse addieren und subtrahieren und gleichsam eine neue Lage und Ordnung der Dinge berechnen.

Aug 8 13

Philosophieren XXIV

Was wir sind und wer wir sind, wie wir uns hier und heute befinden und wie es hierzulande und hienieden um uns bestellt ist, erkunden wir über die Analyse und Betrachtung der Verwendung der Adverbien und adverbiellen Bestimmungen, mit denen wir die generischen Ausdrücke für unsere sensomotorischen Aktivitäten, also Verben wie sehen und reden, hantieren und gehen, spezifizieren. Dabei werden wir einer Verknüpfung oder synthetischen Leistung inne, die unser Tun und Lassen, unser Handeln und Wandeln stetig begleitet: Jeder Bewegungsausdruck ist eine Ausdrucksbewegung.

Die Ausdrücke für sensomotorische Bewegungen und Aktivitäten umfassen die Ausdrücke für den Gesichtssinn, den Hörsinn, den Tastsinn, den Geruchssinn, den Geschmackssinn, den Schwere- und Gleichgewichtssinn und die Empfindungen für Wärme und Kälte. Verständigen wir uns darauf, den Redesinn, das Sprech- und Sprachvermögen, in die ehrwürdige Reihe unserer Sinne aufzunehmen – wenn auch als höherstufigen Sinn, da ja zumindest der Hörsinn und der Gesichtssinn ihm in gewisser Weise hierarchisch untergeordnet sind: Du hörst, was der andere sagt, und du hörst, was du selbst sagst. Du siehst, wie der andere auf deine Äußerung mimisch-gestisch reagiert. Diese acht Sinne sind einerseits biologisch geprägt, andererseits dienen sie perfekt unserem gemeinsamen Tun und Handeln im sozialen Raum. Die acht Elementarausdrücke zur Bezeichnung der sieben Elementarsinne heißen: sehen, hören, tasten (fühlen), riechen, schmecken, stehen (gehen), sich warm (gut) fühlen oder überhitzt sein beziehungsweise frieren, reden.

Adverbien und adverbielle Bestimmungen heben hervor, wie du tust, was du tust. Sie sind mehr als verbaler Dekor, den wir um die eigentlich wichtigen Verbalstämme der Ausdrücke für primäre Bewegungen und Aktivitäten winden würden: Es gibt die Verwendung dieser Ausdrücke nicht ohne irgendeinen Bezug auf die Situation, in denen sie verwendet werden. Du siehst nicht einfach in die Welt hinein, sondern erblickst etwas, siehst nach vorn, rückwärts, geradeaus, vor dich hin, du tastest die Fläche mit Blicken ab. Du weichst deinem Nachbarn mit Blicken aus. Deinem wachsamen Auge entgeht der plötzliche Aufflug des Vogels. Der Schüler glotzt gelangweilt oder blöde vor sich hin. Angesichts der indezenten Geste runzelst du die Stirn und rollst unwillig die Augen. Der unter starke Sedativa gesetzte Patient stiert brütend vor sich hin. Bei dem unerwarteten Wiedersehen hast du verdutzt dreingeschaut. Als dich die Erinnerung überkam, hat sich dein Blick verschattet.

Dass elementare Bewegungsarten und -muster wie Suchen, Aufspüren, Verfolgen, Ergreifen und Aufraffen oder Verlieren, Fallen- und Liegenlassen, Verstecken und Tarnen leicht identifizierbar und wiedererkennbar sind, sollte dich nicht wundern, gehören sie doch zur festen Ausstattung des Überlebensrucksacks von sozialen Lebewesen, wie wir es nun einmal sind. Die Elementarsinne werden mittels selbststeuernder sensorisch-nervöser Regelkreise miteinander verknüpft: Du schaust auf deine Hand, während du mit dem Stift die Zeilen schreibend entlangfährst oder mit deinen Fingern auf die Tasten der Tastatur des PCs schlägst, und zugleich betrachtest du abwechselnd das Ergebnis deines Handelns auf den auf dem Blatt oder dem Screen sich darstellenden Schriftzügen. Dadurch registriert dein wachsames Auge die Fehler, die du gemacht hast, und du gehst zu der betreffenden Stelle zurück, um sie auszubügeln und zu korrigieren.

Auch unser Redesinn ist wie alle Sinne in einen komplizierten sensorisch-motorischen und nervösen Regelkreislauf von Input und Output, Aktion und Reaktion, Kontrolle und Fehlerkorrektur eingebaut, der dir erlaubt, absichtsvoll und zweckgerichtet zu reden, sich des Gesagten bewusst zu machen und auf Fehler oder Unklarheiten hin zu kontrollieren und eventuelle Versehen richtigzustellen. Der selbststeuernde Regelkreis bezieht natürlich auch deinen Gesprächspartner mit ein: Du beobachtest an seinem Gesichtsausdruck, wie er deine Äußerung, dir beim Umzug behilflich zu sein, aufgenommen hat. Du entnimmst seiner ausweichenden Antwort, addiert mit der Wahrheit seiner Mimik, dass er eigentlich nicht willens ist, dir zu helfen. Du korrigierst deine Redeabsicht, deinen Bekannten um Hilfe zu bitten, mit der Einsicht in ihre Vergeblichkeit und insistierst nicht weiter. Umgekehrt hat dein Bekannter an deinen dringlich bittenden Blicken, mit denen du dein Hilfeersuchen an ihn komplettiert hast, die Intensität deines Wunsches oder das Gewicht der Bitte an ihn erkannt, aber auch, was mit seinem Entgegenkommen impliziert wäre: eine Annäherung, die aus eurer Bekanntschaft am Ende eine Freundschaft machen könnte. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ihm an einer noch stärkeren Annäherung und Intensivierung der Beziehung mit dir nicht gelegen ist, hat dein Bekannter dich abschlägig beschieden. So hat er dir höflich lächelnd geantwortet, wobei er wie teilnahmslos in die Ferne schaute.

Du hörst nicht einfach, was da an Schallwellen aus dem sinnfreien Kosmos dein Ohr trifft. Du hörst genau hin, was dein Freund dir rät. Die Fragen, die dir der Prüfer in der mündlichen Prüfung stellt, saugst du förmlich in dich ein. Das leise Knabbern in deinem eichenen Schlafzimmerschrank gibt dir zu denken. Du lauschest erwartungsvoll auf die Geräusche des erwachenden Morgens. Du überhörst geflissentlich die unschönen Bemerkungen des Kollegen über einen anderen Kollegen. Du neigst dein Ohr den schmeichelhaften Einflüsterungen des fliegenden Händlers. Du bist ganz Ohr, wenn in den Nachrichten ein großer Anschlag vermeldet wird. Du spitzt die Ohren, wenn du auf das akustische Signal wartest, das dir das Eintreffen einer wichtigen E-Mail ankündigt.

Du bückst dich nach vorn und überblickst aufmerksam den Fußboden in der nächsten Umgebung des Fahrscheinautomaten, der dir soeben eine Euromünze ausgespuckt hat, die dir in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit aus der Hand glitt. Sogleich beginnst du aufgeregt und mit verdoppelter Aufmerksamkeit nach dem Geldstück zu suchen. Nach scharfer Bemusterung des Bodens entdeckst du die silbrig schimmernde Münze und raffst sie hastig auf. Der Bogen der bewussten und zielgerichteten sensomotorischen Aktivität beginnt mit den tastend-wachsamen Suchbewegungen der Augen und schließt sich mit dem Auffinden des gesuchten Objekts und seiner Bergung.

Unser generischer Ausdruck für die sensomotorische Aktivität des Sehens, also „sehen“, wird mittels adverbieller Bestimmungen präzisiert und spezifiziert: Du siehst nicht einfach ins Allgemeine hinein oder auf die Welt, ohne dass dein Sehen in der singulären Situation mit spezifischen Merkmalen verbunden wäre. Andernfalls käme nichts Besseres als ein dummes Gaffen und dämliches Glotzen zustande. Du siehst auch nicht ziellos um dich – als ließest du unmotiviert und müde die Blicke schweifen. Du siehst auch nicht schlicht auf den Boden – als stiertest du vor dich hin. Vielmehr tastest du den Boden gezielt mit Blicken ab. Der Bewegungsausdruck, der beschreibt, wie du tastend und wachsam mit Blicken einen Gegenstand suchst und eine Fläche oder einen Rauminhalt abtastest, wird spontan mit der Ausdrucksbewegung verknüpft und synthetisiert, gemäß welcher du auf mich einen nervös-erregten und unruhig-suchenden Eindruck machst.

Ich bin nicht genötigt zu sagen: „Deine hastigen, nervösen Bewegungen in der Nähe des Fahrkartenautomaten sehe oder interpretiere oder deute ich als dein Suchen nach einem verlorenen Geldstück.“ Ich bin nicht genötigt zu sagen: „Aus deinen hastigen, nervösen Bewegungen in der Nähe des Fahrkartenautomaten schließe ich auf deinen inneren, mir direkt nicht zugänglichen Bewusstseinszustand, den ich als deine Absicht erschließe, ein verlorenes Geldstück zu suchen.“ Weil jeder Bewegungsausdruck eine Ausdrucksbewegung mit sich führt, sehe und verstehe ich sofort und unmittelbar, was du da treibst. Jedenfalls sehe und verstehe ich, dass du aufgeregt bist und etwas suchst. Und weil du um den Fahrkartenautomaten herum suchst, gehe ich natürlich davon aus, dass du ein verlorenes Geldstück suchst. Solltest du indes eine aus dem Auge gefallene Kontaktlinse suchen, läge ich zwar unrecht mit der Annahme, du suchtest nach einer Münze, aber recht in der Annahmen, dass du überhaupt nach etwas suchst.

Wenn du einer älteren Dame vor dem Fahrkartenautomaten ansichtig wirst, die irritiert und verwirrt ob der ihr unverständlichen Bedienungsanweisungen den Kopf schüttelt und hilfesuchend um sich schauend einen freundlichen Menschen, wie du es bist, erblickt, was wirst du wohl tun? Gewiss doch der Dame deine Hilfe anerbieten, wenn sie dich mit bittenden Blicken darum ersucht. Wir versehen zurecht den generischen Ausdruck für das Sehen, hier „blicken“, mittels der adverbiellen Bestimmung „bittend“ mit einer spezifischen Information, die uns die Augen für die nunmehr konstituierte soziale Situation öffnet.

Wir können mittels der adverbiellen Bestimmungen der generischen Ausdrücke für das Sehen und Reden alle bedeutsamen sozialen Situationen erschließen. Aber auch der angeblich dem unmittelbaren Verstehen verschlossenen Erlebnis- und Bewusstseinszustände unserer Gesprächspartner und Lebensgenossen können wir mittels adverbieller Bestimmungen der Ausdrücke für ihr Sehen, Reden oder Fühlen ohne weiteres inne werden. Auch die verborgenen und verhehlten Absichten, die heimlichen Wünsche und verhüllten Scham- und Schuldgefühle zeigen sich und werden uns als modifizierende adverbielle Spezifikationen unserer generischen Ausdrücke greifbar. Denn in demselben Maß, in dem du dich unbefangen, verständig und offen gebärdest, dein Tun und Reden freisinnig und freundlich sind, zeigen sich im umgekehrten Falle dein Tun und Reden hinterhältig und misstrauisch, gebärdest du dich befangen, verlegen und schamhaft. Dies zu sehen und zu verstehen und mittels korrekter Verwendung unserer adverbiellen Bestimmungen für die generischen Ausdrücke des Tuns und Handelns zu spezifizieren, bedürfen wir keiner speziellen sogenannten Hermeneutik oder Interpretations- und Seelenzergliederungskunst. Jeder Gassenjunge versteht es ja.

Du blickst deinem Gegenüber ruhig und entschlossen in die Augen. Du blickst verlegen und beklommen, beschämt oder schuldbewusst weg, in eine andere Richtung oder zu Boden. Du schaust dich bang und ängstlich um, als ob einer dir folge oder dir nachblicke. Sie blickt spöttisch oder höhnisch auf den entlarvten Scharlatan herab. Als unvermutet ihr Name bei Tisch fiel, wurdest du puterrot, verhaspeltest dich und redetest nur dummes Zeug daher. Selbstbewusst, keck oder siegessicher blickt der Prüfling in Richtung Prüfungskommission. Unterwürfig und kriecherisch-schmeichelnd schlägt der ertappte Dieb die Augen nieder. Dreist, hoffärtig und hochmütig blickt der Erpresser, der Heiratsschwindler oder Erbschleicher auf sein Opfer. Verzückt und beseligt schaut der Verliebte seiner Angebeteten nach. Der Dichter geht frei und einsam seines Wegs und hält inne vor einem verlorenen Kinderhandschuh, einem unleserlich gewordenen Papierschnipsel, einer zerknüllten Zigarettenschachtel einer alten Marke – er schaut träumerisch, vielsagend, geheimnisvoll vor sich hin.

Du hast stockend, leiernd oder hastig geredet. Deine Rede ging dir flott und flüssig von den Lippen, du hast dich nicht verhaspelt oder gestottert und gelispelt. Er trug seine Thesen vollmundig, großsprecherisch und triumphierend vor. Sie brachte leise, bedächtig und umständlich künstliche Einwände vor. Als er auf seine Urlaubserlebnisse angesprochen wurde, sprudelte es nur so aus ihm hervor. Er sprach manieriert, ausufernd, ohne Punkt und Komma. Er hat seine Fehler offen und freimütig einbekannt. Bei trivialen Sachen wurde er langatmig, bei hintergründigen lapidar. Auf sein Vergehen angesprochen, wurde er einsilbig und wortkarg. Auf der Karriereleiter frisch aufgestiegen, redet er nunmehr von oben herab mit dir und befleißigt sich eines schneidenden und klirrenden Tones. Weil er etwas zu verbergen hatte, bediente er sich eines gleisnerischen und mysteriösen Tonfalls. Er rutschte verlegen auf seinem Hosenboden hin und her, und was aus seinem Munde kam, war das Gegenteil von zungenfertig: Es war verdruckst und voll rätselhaft-verquälter Anspielungen.

Du erblickst die alte, etwas gebrechlich wirkende Dame, wie sie vor dem Fahrkartenautomaten aufgeregt die Bedienungsanweisung liest, ihre Geldbörse öffnet, kein passendes Münzgeld findet und zu einem 10-Euro-Schein greift, den in den saugenden Schlitz einzuführen ihr auch tatsächlich gelingt. Im Hintergrund ertönt schon die Ansagestimme mit dem Hinweis auf den einfahrenden Zug. Hastig entnimmt die alte Dame die Fahrkarte aus dem Automaten und eilt in Richtung Bahngleis, ohne Gedanken an das jetzt herabklimpernde Wechselgeld. Nun, du bist ein anständiger Mensch und alten, etwas gebrechlichen Damen zugetan. Also schüttest du rasch die herabgekollerten Münzen in die Hand und rennst der Alten hinterher, holst sie ein und überreichst der freudestrahlenden und vor Dankbarkeit dahinschmelzenden das vergessene Geld. Nachdem du die Frau noch höflich bis zur Tür der S-Bahn geleitet hast, schreitest du zufrieden lächelnd und hochgemut blickend von dannen.

Wäre ein anderer weniger netter, ein bösartiger Kerl an deiner Stelle gewesen und hätte die Situation mit der alten Dame aus gebührender Entfernung mit verstohlenen Blicken argwöhnisch beobachtet, hätte er das vergessene Wechselgeld betrügerisch an sich gerissen und damit einen gemeinen Diebstahl begangen. Von der bestohlenen Dame wären ihm keine Dankesworte und kein liebreizendes Lächeln zugeflogen und zuteil geworden. Der gemeine Kerl schliche sich, hinterhältig um sich schauend und feige vor sich hinblickend in die dunklen Winkel seines verkommenen Lebens zurück.

Wir beziehen uns demnach mit den adverbiellen Bestimmungen der generischen Ausdrücke für unser sinnfälliges Tun und Handeln nicht nur auf Erlebnisinhalte des Bewusstseins wie aufgeregt, leidenschaftlich oder fad und lau. Wir erschließen uns mit dieser erprobten sprachlichen Technik auch Merkmale sozialer Eigenschaften wie hochmütig, beschämt und dankbar. Auch die Zuweisung moralischer Eigenschaften wie anständig und moralisch verwerflich können wir mittels der Verwendung der Adverbien und adverbiellen Bestimmungen für moralische Qualitäten wie offenherzig, höflich, hilfreich oder feige, hinterhältig und durchtrieben mit Rücksicht auf die Bedürfnisse unseres Alltagslebens ausgezeichnet regeln und ordnen.

Aug 5 13

Philosophieren XXIII

Unsere sinnlichen Eindrücke lassen sich mittels angemessener Ausdrücke auf Skalen des Mehr oder Weniger, des Stärker oder Schwächer, des Größer oder Geringer, des Höher oder Tiefer abtragen. Denn es ist der sinnlichen Erfahrung eigentümlich, eine Empfindungs- oder Gefühlsqualität wie dunkel und licht, weich und rauh, süß und sauer, hoch und tief, erhaben und flach mit einem quantitativen Maß zu spezifizieren.

Dieser Kaffee schmeckt bitterer als der, den du mir gestern gebraut hast. Diese Kirschen schmecken sauer, der säuerliche Geschmack ist aber bei weitem nicht so intensiv wie der einer Zitrone. Diese Iris changiert in den Farbwerten ihrer Blütenblätter von einem rötlichen Blau bis zu einem bläulichen Violett. Das Gemälde zeigt eine südliche Landschaft im Abendlicht – die Dämmerung sinkt hernieder, der blass durchschimmernde Mond ist von Dunst umhüllt, die eigentliche Nacht aber ist noch fern.

Jene Passage in der Sinfonie von Bruckner klingt wegen des Vibratos der Geigen weich, doch dieser Eindruck des Weichen und Sanften wird vor dem Hintergrund der plötzlich einbrechenden schroffen und schnellen Staccati in den Blechbläsern erschüttert. Das Trompetensignal in der Sinfonie von Mahler macht mir einen so unabweisbar-triumphierenden, herrisch-strahlenden Eindruck der Intensität, als könne er durch keinen intensiveren Eindruck übertroffen oder ausgelöscht werden – es scheint mir der intensivste Eindruck dieser Art, den ich je hatte.

Wir nuancieren und raffinieren unsere Ausdrücke für sinnliche und ästhetische Eindrücke, indem wir sagen: Deine Hand ist kühl im Vergleich mit der Sommerhitze, das Bier ist eiskalt, der Wein hat Zimmertemperatur, die Suppe ist lauwarm, die Nudeln sind brühwarm, die Esse ist glühendheiß. Das Stillleben macht einen unterkühlten Eindruck, der Schauspieler hat keine Miene verzogen und gab den eiskalten Charakter des Mörders gut wieder, das Kitschgemälde mit Motiven aus der Welt der Zigeuner verströmt die schwülen Dünste vulgärer Sinnlichkeit.

Mit Hilfe der grammatischen Funktionen der Bildung des Komparativs, des Superlativs und des Intensivums der Adjektive und Adverbien können wir unsere Ausdrücke für sinnliche und ästhetische Eindrücke in Hinsicht auf ein Mehr oder Weniger, Höher oder Tiefer, Lauter oder Leiser, Wärmer oder Kälter, Intensiver oder weniger Intensiv auf sinnfeldbezogenen Skalen einer relationalen Metrik der Empfindung und des Gefühls ein- und abtragen.

Du hörst, dass dieser Ton höher klingt als der zuvor gehörte, du hörst dass der dritte der Reihe höher klingt als der zweite, der nächste Ton aber, hörst du, klingt von den vier Tönen der Reihe am höchsten. Du kannst nicht nur den Höhenunterschied der Töne hören, sondern auch feststellen und schlussfolgern: Wenn der jetzt gehörte Ton höher klingt als der zuvor gehörte, muss der nächstfolgende Ton, der höher klingt als sein Vorgänger, auch höher klingen als der zuerst gehörte Ton. Wir können deine Höreindrücke und die Richtigkeit der Verwendung der Ausdrücke für deine auditiven Eindrücke überprüfen, indem wir die Töne von einem Tontechniker mittels elektronischer Tonaufzeichnungsgeräte auf dem PC-Screen auf einer Tonskala objektivieren und urteilen, ob du richtig oder falsch lagst mit deinen Zuschreibungen.

Wenn du die vier Töne hintereinander hörst und hörend ihre Tonabstände und Höhenunterschiede ermisst, hörst du nicht nur eine willkürlich anmutende Reihe von Tönen, sondern eine Melodie oder den Anfang einer Melodie. Das rührt daher, dass du den Bogen des Hörens als zeitlichen Vorgang und als Einheit eines zeitlichen Vorganges sinnlich wahrgenommen hast – und Melodien sind als Zeitverlauf gehörte Töne. Spontan vermögen wir einer beliebigen Abfolge von Tönen den Charakter einer scheinbar künstlerisch gewollten Melodie zu verleihen, indem wir die Reihe der Töne als Zeitgestalt wahrnehmen.

Alle sinnlichen Eindrücke und alle ästhetischen Eindrücke sind in einen Zeitverlauf eingebettet und nehmen eine Zeitgestalt an. Hier kannst du dem Ursprung des menschlichen Zeitempfindens und des subjektiven Zeitbegriffs nachspüren. Du hältst Kühlung suchend die Hand in den Bach. Die heranströmenden Tropfen üben eine mehr oder weniger starke Druckempfindung auf deiner Haut aus, die du mit dem Tastsinn erfasst. Der in sehr kleinen Zeitabständen fluktuierende Wechsel dieses Mehr oder Weniger der Druckempfindung gestaltet sich dir spontan als mitempfundener Zeitverlauf. Der visuelle Eindruck der Bewegung von Wolken oder im Wind bewegten Wipfeln der Bäume, von einer sich intensivierenden oder abschwächenden Lichtquelle wie bei der Morgen- und Abenddämmerung, vom Auf und Ab der Meereswellen und vom Kommen und Gehen der Tiede, von den zu- und abnehmenden Phasen des Mondes oder der Scheinbewegung der Sonne haben wir je schon in Zeitgestalten von kurzen oder langen Dauern, von Tag und Nacht, Monat und Jahr eingebettet.

Wanderers Nachtlied
Johann Wolfgang von Goethe

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Der ästhetische Eindruck eines Gedichts wie des Goetheschen „Wanderers Nachtlied“ muss gewiss anhand der verwendeten sprachlich-poetischen Techniken und Formen wie der metrischen Einheiten, Reimformen, Lautverwandschaften oder der symbolischen Werte der gebrauchten Begriffe im Einzelnen analysiert und überprüft werden. Dabei gilt es indes, die Einheit der dichterischen Töne in der Zeitgestalt mit zu bedenken und zu ermessen. Die Zeitgestalt wird determiniert durch die Zeitformen der verwendeten Verben. Hier zeigt sich: Alle Zeitformen des Goetheschen Gedichts determinieren die unmittelbare Gegenwart, außer den beiden letzten. Die neutrale Aussage der ersten beiden Verse stellt dir unvermittelt die Situation vor Augen: Es ist Abend, du bist hochgestiegen, du hast den Gipfel der Wanderung, des Tages, des Lebens erklommen. Im vierten Vers wirst du unmittelbar auf dein aktuelles Gefühl angesprochen, dieses Spüren wird dir unmittelbar unterstellt und suggeriert. Was du spürst, ist ein Weniger an Intensität des Erlebens, des Hörens und Sehens, des Fühlens und Leidens, als es der gewesene Tag, das verdämmernde Leben dir abverlangt hat. Was du in der Ruhe des Entrücktseins vom Lärm des Tages und von den bunten Melodien des Lebens noch spürst, ist weniger laut, weniger stark, weniger intensiv als ein bloßer Windhauch. Mit dem folgenden Vers wird im Äußeren vorweggenommen, was dir geschieht, wenn das Weniger als ein Hauch zu nichts weniger als einem verhauchten Stummsein wird, wenn die Stille und das Schweigen vollkommen werden. Die beiden letzten Verse sprechen dich wiederum unmittelbar an: Gesteigert von der feststellenden Aussage zur persönlichen Aufforderung und Beschwörung: zu warten, dass bald auch du zur dir dann ganz anheimgefallenen, innerlich gewordenen Ruhe finden wirst. Das Raffinement des Gedichts zeigt sich darin, dass die mittels der Zeitformen evozierte Zeitgestalt gleichsam nach oben unabgeschlossen ist und nach hinten oder vorne eine Öffnung hat: Du wirst aufgerufen zu warten, auf dass auch du bald Ruhe fändest. Die dichterische Zeitgestalt mündet also in die Erwartung, gewährt deinem Spüren gleichsam eine Mündung in die nächste Zukunft, die dir gnädig bereitet ist: die gefühlte, schon greifbare, nahe und nächste Erfüllung.

Wir sind auch darauf geeicht, den Anfangs- und Endpunkt einer Bewegung in einer Zeitgestalt zu verknüpfen und zu verdichten: Du stehst auf einer hohen Terrasse und kannst Front und Hinterhof des gegenüberliegenden Hauses einsehen. Ein auffallend elegant gekleideter, junger, dunkelhäutiger Mann, mit Glacéhandschuhen und breitkrempigem Hut, einen scheckigen Dalmatiner an der Leine, betritt das Haus durch den vorderen Haupteingang. Dann siehst du, wenige oder einige Zeit später, den elegant gekleideten Mann mit dem Dalmatiner das Haus durch den Hinterausgang verlassen. Du sagst dir, es müsse derselbe Mann sein, der vor Kurzem das Haus betrat, und er müsse eine gewisse Zeit gebraucht haben, um den Weg vom Ein- zum Ausgang zurückzulegen. Wie immer du an letzter Gewissheit bei der Angabe der Identität des Mannes zurückbleiben magst (du kannst von deinem entfernten Beobachtungsposten aus nicht mit letzter Gewissheit ausmachen, ob es sich um den denselben Mann handelt, dazu bedürfte es genauerer Beobachtungs- oder Messverfahren) – um die Gewissheit der Annahme des Zeitverlaufs ist dir nicht bange, denn: Wenn derselbe Mann den Eingang betritt, der auch später den Ausgang nimmt, muss er eine Zeit gebraucht haben, um den Weg zu gehen. In solchen Fällen musst du demnach, um das ganze Stück der Zeitgestalt in Händen halten zu können, die spontane Verknüpfung der sinnlichen Eindrücke des Anfangs- und Endpunktes einer Bewegung mittels der Hypothese der Identität des Gegenstands ergänzen.

Die Nuancierung, Differenzierung, Abschattung unserer sinnlichen Eindrücke führen uns in den Intimbezirk der sinnlich-ästhetischen Qualifizierung: Du hörst jeden einzelnen Ton als Element einer aktuell mitgegebenen Obertonreihe, aber auch als Element einer virtuell mitgegebenen Tonreihe, die präzise Gestalt annimmt, wenn du mindestens drei Töne der Reihe vernommen und in die Zeitgestalt einer harmonischen Reihe eingebettet hast: Dann nämlich bist du in der Lage, den zuerst gehörten Ton einem Tongeschlecht, einer Tonart wie A-Dur oder g-Moll, zuzuordnen.

Auf der Leinwand siehst du auf durchgehend schwarz grundierter Fläche nur da und dort, wie absichtslos hingestreut, winzige Lichtpunkte oder helle Tropfen aus dem Hintergrund aufschimmern. Das Gleichgewicht kippt, wenn du des purpurn-gelblich schwelenden Flecks in der rechten oberen Bildecke gewahr wirst. Auge, Tastsinn und Gleichgewichtssinn sind gleichzeitig und gleichsinnig aufgerufen, das Dargestellte zu decodieren, und so gelingt es dir. Du erfährst, dass die scheinbare Gleichsinnigkeit und Ruhe der Tröpfchenwelt immerdar oder gerade jetzt ins Ungleichgewicht oder in Gefahr gebracht wird durch eine schmutzig-magische Sonne, ein Licht der Unruhe, der Ungewissheit und der Schmerzen. Dabei bildest du spontan die Zeitgestalt eines zunächst ruhigen Dahingleitens, wenn du von links nach rechts das Bild mit Blicken abtastest, und eines plötzlichen stürzenden Ablaufs, wenn du in die Nähe des feindseligen Gestirnes kommst. – Wir sehen jeden Farbtupfer als Element auf der Skala ihm mehr oder weniger ähnlicher Farbwerte und zugleich auf der Folie der Kontrast- und Komplementärfarben.

Das Bonmot, Architektur sei gefrorene Musik, hält näherer Betrachtung nicht stand. Wenn man sagte, Architektur sei sichtbare Musik, käme man der Wahrheit vielleicht näher. – Du siehst gleichsam ertastend an dem tragenden Pfeiler der romanischen Basilika die drückende Last, die ihm der Rundbogen des Daches aufbürdet, du ertastest mit Blicken die Spannungskräfte, die der Pfeiler von oben nach unten und von unten nach oben weitergibt und austauscht. Du siehst mit dem Auge und zugleich mit dem Tastsinn. Und mehr noch: Die Säule meistert mit ihrer wuchtigen Form gleichsam die Aufgabe, unter den erschwerten Bedingungen des Spannungs- und Lastenausgleichs aufrecht und gerade zu stehen. Du siehst also nicht nur mit dem Auge und dem Tastsinn, in den sinnlichen Eindruck des Gesehenen ist gleichsam auch der laufende Kommentar des Gleichgewichtssinns mit eingeschrieben und einverwoben. Ja, noch mehr: Am besten ertastet du mit Blicken die Elemente der Architektur wie Säule, Bogen und Kuppel, wenn du dich um die Dinge herumbewegst, wenn du die unsichtbaren Druck- und Spannungsfelder der tragenden Elemente und die luftig-graziösen Gesten der getragenen gleich sichtbar und fühlbar gewordene Auren der Dinge wahrnimmst. Dabei kann es dir geschehen, dass du angesichts der unter Spannung stehenden, unter Druck ausharrenden Säule innerlich einen Klang zu vernehmen wähnst, der sich aus der Übertragung des Stimulus des visuellen Systems ins auditive System spontan gebildet hat. Du siehst, was du siehst, nicht nur, sehend hörst du es auch.

Aug 3 13

Philosophieren XXII

Du sagst, in deinen Ohren klinge jene Passage bei Mozart lieblich, und ich kann nicht umhin, deinen Eindruck zu bestätigen.

Wir können demnach Eindrücke, die sensorischen Reizungen eines spezifischen Sinnes, wie des Auges, des Ohrs, des Tast- und Geruchssinns, des Gleichgewichtssinnes sowie der Wärme- und Kälteempfindung, qualifizieren, indem wir ihnen Ausdrücke wie lieblich und rauh, weich und hart, dunkel und licht, grell und finster, schrill und dünn, dürr und überladen, pathetisch und schwülstig, seelenvoll und barbarisch anheften.

Einen Gutteil ästhetischer Geschmacksbildung haben wir uns tastend und erprobend dadurch angeeignet, dass wir die sinnlichen Ausdrücke für sinnliche Eindrücke als ästhetische Etiketten für unsere Eindrücke von Kunstwerken verwenden.

Der Witz der Sache kommt ans Licht, wenn du merkst, dass die Etiketten gleichsam quer über die Sinnesfelder wandern, sich kreuzen und wechselseitig vertreten: Du benennst oder etikettierst eine gehörte Tonfolge, also den sinnlichen Eindruck des Hörsinns, als weich oder hart, mit Ausdrücken für sinnliche Eindrücke des Tastsinns. Hier wohnst du der Geburt der Technik oder des Kunstgriffs bei, den man etwas umständlich und missverständlich Metaphorik nennt: Austausch und wechselseitige Repräsentation von Eindrucksetikettierungen.

Ausdrücke für sinnliche Eindrücke lernen wir von Kindesbeinen an, deshalb gehen sie so flott von den Lippen. Was ist einleuchtender als der Gebrauch des Ausdrucks „hart“ für den Eindruck, der dir schmerzlich bewusst wird, wenn du dir als Kind den Zeh an einem Stein gestoßen hattest? Was einleuchtender als der Gebrauch des Ausdrucks „weich“ für den wunderbaren Eindruck, der dich überkam, wenn du als Kind, vom Wandern und Spielen ermüdet, in die weichen Kissen sankest?

Ein dicker Brocken Evidenz beim Gebrauch von Ausdrücken für unsere sinnlichen Eindrücke ist gleichsam herübergerollt auf das Feld des Gebrauchs von Etiketten für unsere ästhetischen Eindrücke. Würde ich deinen Eindruck, jene Passage bei Mozart sei lieblich, bestreiten und dagegenhalten, sie sei geziert, manieriert oder gar gekünstelt, würdest du mich mit Recht an den langen Eselsohren ziehen und bis vor die Partitur schleppen und meinen Kopf ganz nah an die besagte, scheinbar umstrittene Stelle beugen, wo ich mit mildem Blick gleich gewahre, welche Ausdrucksbezeichnung der Meister notiert und vorgegeben hat: „amoroso“.

Ich hätte mich demzufolge mit meiner Etikettierung besagter Stelle geirrt und wäre gut beraten, meinen Eindruck und meine Eindrucksetikettierung zu revidieren. Der Gebrauch unserer Ausdrücke für sinnliche Eindrücke im engeren Sinne wie weich und hart, dunkel und hell scheint relativ stabil, wohlgeordnet und wenig revisionsbedürftig. Dagegen ist der Gebrauch unserer Ausdrücke für ästhetische Eindrücke einesteils einleuchtend und unbedenklich, so bei Ausdrücken wie piano und pianissimo oder forte und fortissimo, wo es um die unter normalen Bedingungen leicht identifizierbaren akustischen Eindrücke von Lautstären und auf ihnen aufruhenden Klangqualitäten geht. Anderenteils kann der Gebrauch von ästhetischen Etiketten anfällig für Irrtümer oder Fehlgriffe und insofern kritikwürdig und revisionsbedürftig sein, wie das Beispiel mit dem Ausdruck „lieblich“ oder „amoroso“ gezeigt hat.

Die verbreitete Meinung, phänomenale Bewusstseinszuständen – und sinnliche und ästhetische Ausdrücke bezeichnen ebensolche Zustände – seien sozusagen ein hortus conclusus und für „Außenstehende“ nicht zugänglich, erweist sich als Irrtum. Ich weiß ziemlich gut, was du meinst, wenn du mich darauf hinweist, dass dieses Kissen sich weich anfühlt und jene Passage bei Mozart lieblich klingt.

Die Kultur des ästhetischen Geschmacks bleibt nicht bei einfachen Querverbindungen und wechselseitigen Repräsentationen von Ausdrücken für ästhetische Eindrücke stehen. Über eine andere Tonfolge, mag sein aus Mozarts Requiem, sagst du vielleicht: „Das klingt in meinen Ohren wie eine weiche Dunkelheit, die alles Grelle, Schrille, Aufdringliche des Tages gnädig verhüllt. Zugleich scheint mir aus dem Inneren dieser Dunkelheit wie auf dem schwarzen, glattpolierten Marmor eines nächtlichen Sees ein Licht, ein Stern, ein Auge zu leuchten, das darauf hofft, mich zu berühren, mich zu sehen, das darauf hofft, von mir berührt, von mir gesehen zu werden.“ Ich bin geneigt zu sagen, dein Eindruck habe einen Einschlag ins Mystische.

So gelangen wir von der simplen Zuweisung sinnlicher Ausdrücke zu sinnlichen Eindrücken über die Querverbindung von Ausdrücken über verschiedene Sinnesfelder hinweg zu komplexen, manchmal widersprüchlich anmutenden Überlappungen, Verdichtungen und Kreuzungen unserer Etiketten für ästhetische Eindrücke wie weich und dunkel, nah und fern, dunkel und licht.

Aber solch seltsame, abgehobene Etiketten wie pathetisch und schwülstig oder gar seelenvoll und barbarisch, wie kannst du diese noch mit sinnlichen Eindrücken gleichsam einlösen und abgelten?

Schwulst nennen wir ein hohles, verlogenes, falsches Pathos. Die Lymphe des Ausdrucksverlangens ist gleichsam bis zum Platzen angeschwollen – doch darin befindet sich nichts als trübes, süßliches Wasser. Einer redet geschwollen daher, wenn er die eigene Geistesblöße mit dem üppigen Velours oder der knisternden Seide hochtrabender oder betulicher Phrasen verdecken will. Dann erkundigt er sich bei dem Azubi im Supermarkt nach Frühstückscerealien statt nach schlichten Brötchen. So nehmen wir vom sinnlichen Eindruck geschwollener und aufgeplatzter Haut und aufgedunsenen Fleisches den spezifischen Anteil des Unschönen und Ungesunden und leimen uns daraus ein ästhetisches Etikett.

Pathos nennen wir den echten, unverfälschten Ausdruck schweren, aber erduldet-hingenommenen körperlichen und seelischen Leidens. Echtes Pathos ist nicht so leicht zu haben wie Schwulst. Du kannst aber gut den Ausdruck des Pathos auf den sinnlichen Eindruck von einem Menschen zurückleiten, dessen Antlitz von geduldiger Hingabe und hoher Erwartung leuchtet, dessen Lippen sanft erbeben, dessen Stirn in Falten gelegt ist, dessen Augenlider verschattet und dessen Blicke in eine unbestimmbare Ferne gerichtet sind – dorthin, wohin sein Schicksal oder seine Berufung ihn zieht, dorthin, woher sein Retter ihm zu nahen dünkt.

Wenn aber ein ausdrucks- und eindrucksarmer Möchtergernkünstler Krach schlägt, krakeelt und aus vollen Rohren ballert, um sich endlich auch einmal Gehör zu verschaffen, wenn sein Machwerk grelle Lichter reiht, schrille Töne häuft, dank Schmutzflecken, Blutlachen und Urinecken ungut riecht, unter Tränenströmen und anderen Gefühlsergüssen unterzugehen droht, wenn solch ein Flick- und Schundwerk dich mit giftigen Stacheln und stechenden Dornen gesuchter Rätsel und okkulter Bezüge reizt und ritzt, wenn dieses Feuerwerk, dieser Jahrmarkt, dieser Budenzauber der Gefühlsnötigung und gewaltsamer Eindruckschinderei deine Sinne verstört, zugleich blendet und benebelt, aufreizt und lähmt, deinen Geist zugleich foltert und verblödet, dann stempelt das Etikett „barbarisch“ die Sache rechtens ab. Aber nenne auch getrost barbarisch, wenn ein Möchtegernkünstler dich im Gegenteil mittels Aussageverweigerung und Sinnzerstörung, mit Paradoxien und Absurditäten verblüffen, leimen, hinters Licht führen will, wenn er tollwütig das Netz mühsam geflochtenen Sprachsinns zerschlitzt und zerreißt, wenn er die Einheitssoße und Kollektivtunke eines modischen Jargons, eines urinwarmen Lyrismus über alle Grenzen und Ordnungen von Genres und Gattungen, Textsorten und Redesituationen hinweg vergießt und ausschüttet.

Wenn dir nach einem schweren Gang, einem mühsamen Werktag, einem großen seelischen Kampf einer naht und legt dir die Hand auf die Schulter oder auf das Haupt, und die Hand ruht nachdrücklich auf dir und du fühlst, die Wärme eines Zuspruchs, einer Hingabe, einer Liebe fließt über zu dir – wenn auf solche Weise ein Vers, eine Melodie dir nahegeht, dich anhaucht, dir durch ein Erinnern an ein einst geahntes Schönes eine Träne entpresst und sie sogleich mit dem Finger mütterlicher Lossprechung abwischt – nenne du solchen Eindruck, wie du willst, ich nenne ihn seelenvoll.

Aug 2 13

Philosophieren XXI

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“ – „Vater unser, der du bist im Himmel, dein Name werde geheiligt.“ -„Veni, vidi, vici.“ „Roma locuta, causa finita.“ – „Gesagt, getan.“ –„Gut Ding will Weile haben.“ – „Noch ist nicht aller Tage Abend.“ – „Von nichts kommt nichts.“ – „Morgenstund hat Gold im Mund.“ – „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ – „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ – „Es war einmal ein altes Weiblein, das hauste in einer Hütte mitten im Wald … und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“

Wie wir etwas sagen und tun, wie wir etwas mit Farben, Formen, Tönen, Mienen und Gesten darstellen, daran haben wir die Arten unseres ästhetischen Ausdrucks und die Inhalte unserer ästhetischen Bewertungen. Wie sagt es der Dichter, das Sprichwort, der Merk- und Sinnspruch, die Gnome und die Sentenz, mit welchen Techniken der Sprachformen und Stilformen? Wortreich oder lapidar, kurz und bündig oder mit episch langem Atem, sentenziös zugespitzt oder in Kanzleideutsch, merk- und denkwürdig wie ein Sinn- und Merkspruch oder verwaschen und phrasenhaft wie Zeitungsschreibe?

Unsere Sprache verfügt über eine Fülle von Wendungen und Etiketten für ästhetische Darstellungsweisen, die davon zeugen, dass die Leute schon immer von ihren spontanen Äußerungen zurückgetreten sind und ihr eigenes Sprachverhalten und vor allem natürlich das ihrer Unterredner näher in Augenschein genommen haben. Hätte ich das nicht klarer, einfacher, verständlicher ausdrücken können? Warum redet der so umständlich daher, wenn es doch einfach ginge? Muss er sich mal wieder in Szene setzen mit seinem fremdwortgespickten Sermon, seinen exquisit-snobistischen Vergleichen, seinen Eindruck schinden wollenden Satzgirlanden? Stimmt das Bild denn, hinkt der Vergleich nicht? Habe ich mich da nicht in der Wortwahl vergriffen? Spricht man so vulgär und schlampig mit einer Amtsperson, einem Honoratior, einem Priester? Muss man bei der Bedienung im Supermarkt einen so hohen Ton anschlagen und anstatt von schlichten Brötchen hochtrabend von Frühstückszerealien faseln?

Zu festlichen Anlässen pflegen sich die Teilnehmer herauszuputzen, sie erscheinen im Sonntagsstaat, sind gestriegelt und geschmückt. Der Festredner spart nicht mit schmeichelhaften Vergleichen und windet dem gefeierten Jubilar einen duftenden Kranz rhetorischer Blätter und blühender Sentenzen um den Hals. Und dann vergreift er sich im Ton, der alte Dampfplauderer bricht wieder durch und krönt seine Lob- und Preisrede mit einer ins Obszöne absinkenden Anekdote.

Unser Reden und Schreiben sollte sich in der Wahl von Stil und Sprachniveau, im Satzbau und beim Wortschmuck dem gestellten oder vorliegenden Thema sowie der Rede- und Textgattung wie Plauderei, Argumentation, Festrede und Polemik oder privater, geschäftlicher und amtlicher Brief, Lebenslauf und Hausarbeit anpassen. Dazu gehört auch die Auswahl des Wortschmucks, des verbalen Dekorums, das am falschen Ort ausgestreut wie im amtlichen Brief lächerlich, am rechten Ort aber ausgespart wie im Liebesbrief Unmut und Kopfschütteln provozieren wird. Eine Liebeserklärung mit dürren Phrasen und holprigen Sätzen verfehlt ihren Zweck.

Der lapidare Stil, wie er sich in vielen Büchern des AT und im NT findet, besticht durch Prägnanz des Ausdrucks und die Einfachheit der Satzgliederung: Oft wird ein einheitlicher Gedanke in zwei Varianten aufgeteilt und es entsteht die typische Zweischenkligkeit des Satzbilds. In der Apostrophe „Vater unser“ liegt keimhaft das im Folgesatz Ausgesagte: dass Gott nicht irdischer Götze, sondern rein im Transzendenten wohnt, dass der einzig echte Bezug des Menschen sich in der Heiligung des Namens auftut, welche wie im Folgenden dargetan die Heiligung des menschlichen Lebens auf Erden einschließt. Wir haben den bündigen Ausdruck in den meisten Sinn- und Merksprüchen, die den Gedanken immer am farbigen Ding und lebendigen Vorgang, nicht in der Wüste der Abstraktion vorführen. Memorabel mittels feiner Würze und bekömmlich machen sich die Sinn- und anderen Sprüche mittels einfacher Techniken wie Alliteration, Assonanz, Anaphora oder Reim. Dabei sättigen sie wie je mit ihrer frugalen Kost von Lebensklugheit und Lebensweisheit.

Thema, Absicht und Zweck sowie die soziale Situation geben der Art und Weise unseres Redens und Schreibens den Rahmen vor, den wir mit mehr oder weniger Geschick mittels rhetorischer Techniken ausfüllen. Dabei halten wir uns bei amtlichen und geschäftlichen Diskursen und Anschreiben geflissentlich auf dem Boden der Tatsachen auf, denn wir wissen um die Nachteile und den Schaden, der uns droht, sollte ans Licht kommen, dass wir die Tatsachen verbogen und Unwahres behauptet haben. Weniger ernst ist die Lage, wenn wir in privaten Briefen oder gar im Tagebuch uns prahlerisch ein wenig größer machen, als wir sind, oder ironisch-augenzwinkernd uns ein wenig kleiner machen, als wir sind.

Weniger ernst und manchmal sogar heiter wird die Lage, wenn wir die sozialen Räume, in denen der rauhe Wind des Lebens weht, hinter uns lassen und freien Sinns zum Felsenquell der Musen schlendern. Ein Gedicht zu schreiben, ein Drama zu verfassen, ein Lied zu komponieren, künstlerisches Tun dieser Art verfolgt keine Absicht und keinen Zweck, die unmittelbar aus der Art und Weise, der poetischen Form oder den verwendeten rhetorischen Techniken ableitbar wären, wie das bei amtlichen Briefen oder Laborprotokollen der Fall ist. Sie dienen im weitesten Sinn der Unterhaltung, der mehr oder weniger geistvollen, mehr oder weniger mit Gefühl und Leidenschaft befrachteten Weise mentaler Stimulation, die von den durch die Schnulze hervorgerufenen falschen Tränen bis zur meditativen Beruhigung durch ein Haiku reichen kann.

All die genannten Formen ästhetischen Ausdrucks und ästhetischer Bewertung, die in den Mitteilungen des Alltagslebens eingebettet sind, kehren als künstlerische Ausdrucksmittel und künstlerische Bewertungen wieder – mit dem Unterschied, dass ihnen der funktionale Sinn und Zusammenhang, die handgreifliche Wahrheit unserer alltäglichen Lebensbemeisterung benommen sind. Schriftsteller des lapidaren, bündigen, konzisen Stils wie Sallust und Tacitus haben diesen zur Sentenz und Gnome neigenden Schreibstil kultiviert, weil ihre Persönlichkeit in dieses Buchstabenkostüm am leichtesten hineinschlüpfen mochte. Andere Schriftsteller wie Cicero und Augustinus befleißigten sich eine kaskadenhaft rieselnden, langatmigen und komplexen Stils, der, aus vielen Quellen der Lebenserfahrung und Inspiration gespeist, gleißende Nebengedanken und verführerische Nuancen wie Treibgut mit sich führt. Andere wiederum wie Petronius locken den Leser mittels einer bunten, verschiedene Sprachniveaus und Stilebenen durcheinanderwirbelnden Schreibweise von den schmuddeligen Ecken der Gassen und Bordelle in die prunkvollen Säle neureicher Prahler. Hier gilt die Regel: Mach es, wie du es kannst.

Bei den sozial eingebundenen Formen funktionalen Redens und Schreibens wie der Fest- oder Trauerrede, der TV- und Radiomoderation, des Zeitungsberichts und der Glosse, des privaten, geschäftlichen und amtlichen Anschreibens können wir stets fragen: Hast du nur Informationen verwendet, die Hand und Fuß haben, die hieb- und stichfest oder zumindest angemessen und plausibel sind? Und weiter: Hast du mit der Art deines verbalen Auftretens bei dem Bewerbungsgespräch den Zweck der Sache, die Anstellung oder die Beförderung, erreicht? Ist es dir gelungen, mit passend gewähltem Wortschmuck und lieblich raschelnden Satzgirlanden die Erkorene zu einem Rendezvous zu überreden? Die ästhetische Ornamentierung unserer funktionalen Formen alltäglichen Redens und Schreibens darf den Tatsachen nicht widersprechen und sollte der Verwirklichung der Rede- und Handlungsabsicht nicht im Wege stehen, ja sie im besten Falle fördern.

Anders bei den ästhetischen Ornamentierungen der künstlerischen Formen des Redens und Schreibens. Soll dein Liebesbrief an die Auserwählte durchaus deine Absicht verwirklichen, wirst du Wortblüten mit zarter Hand zwischen die Zeilen streuen. Der Dichter, der uns mit demselben Stilmittel in einem Briefroman mit den Herzensabenteuern zweier fingierter Personen entzückt, verfolgt einen solchen Zweck gerade nicht – es sei denn er ist ganz ausgebufft und verschlagen und beabsichtigt, mit einem Werk der Fiktion ein echtes Liebesabenteuer ins Werk zu setzen, indem er in die fiktiven Briefe seines Romans Anspielungen und zarte Hinweise hineinflicht, die nur die eine versteht.

Das Gedicht, und hier wieder Ode und Elegie, Hymne und Sonett, Ballade und Volkslied, das Epos, der Roman, das Drama, Märchen und Legende, Fabel und Anekdote, Novelle und Kurzgeschichte, sie und viele andere Formen und Gattungen haben ihre eigenen Gepflogenheiten und Konventionen der Wortwahl und des Sprachniveaus, des Aufbaus, der Raffung und der Steigerung sowie des Ausgangs wie der Pointe, der Klimax oder Antiklimax, und tausend Kniffe und Techniken des Ausdrucks entwickelt. Dazu gehören die Verwendung des narrativen Präteritums in Märchen, Epos und Roman oder des historischen Präsens in Novelle, Fabel und Anekdote.

Mit der Sprachkunst befinden wir uns in vertrautem Gelände und auf tragendem Boden, wie die Besichtigung von Bibliotheken und Archiven und grammatisch-stilkritische Analysen uns zeigen. Wenn wir Absicht und Funktion, Sinn und Zweck des Ganzen ins Auge fassen, steigen gleich Nebel aus anthropologischen Abgründen auf und wir schwanken auf der hohen See der Ungewissheit. Mit der Ablösung von den sozialen Funktionen des Alltags, der Verschleierung und Unterbelichtung der Absichten, wenn sich nicht gerade hartleibige Schreiber- und Finsterlinge ins Joch politischer Verführer spannen lassen, mit der Geisterwelt seltsamer Figuren und der Intrigenwelt dunkler, unheimlich spannender Geschichten, Fiktionen, Illusionen und Phantasmen führt uns die Kunst über die Grenze von Realität und Traum, in ein Zwischenreich des Wunderbaren in diffusem oder überwirklich klarem Licht, das uns von den Nöten und Bedrängnissen des Alltags entlastet und unseren Geist schmackhafte und erfrischende Schlucke aus der Weisheitsquelle des Fiktiven und Irrealen tun lässt.

Manche Kunstwerke scheinen solche simplen Weisheiten unwillkürlich auszuplaudern. Oder ist nicht das Goldene Vlies aus dem Epos des Apollonios Rhodios über die Meerfahrt der Argonauten ein Urbild für den Drang des Menschen zu chimärischen Orten und golden-außeralltäglichen Dingen, in denen sich seine Sehnsucht nach dem Absoluten ausdrückt, Sehnsucht nach einer Erfüllung, der im Alltag die Nerven und die Muskeln, die Sorge und die Angst, die Arbeit und die Liebe ihre Streiche spielen, die sich aber in der Kunst scheinbar gefahrlos vom wiedererblühten Baum des Paradieses pflücken lässt? Indes zeigt das Epos vom Goldenen Vlies auch die Schattenseite des chimärischen Wunsches nach Erfüllung im luftleeren Raum der Kunst, nämlich dass diese Erfüllung selbst Chimäre ist, der Drang ins Phantastische Schuld anhäuft und die alltägliche Besonnenheit und Tapferkeit des Lebens ihr unabgeltbares Recht einklagen. Iason gelingt es nur durch Verbrechen das Objekt der Begierde zu rauben und am Ende des Abenteuers sinkt das Vlies gleichsam zu einem schmutzigen Lappen herab: Die Helden waten im Blut.

Jul 31 13

Philosophieren XX

Wenn du zu sehen gelernt hast, was auf religiösen Bildern in welcher Weise dargestellt ist, bahnt sich dir ein Weg zum Verständnis dessen, was die Leute meinen, wenn sie von frommen und diabolischen, heiligen und zerstörerischen, gesegneten und fluchbeladenen Menschen, Taten und Dingen reden.

Auch für die Dinge und Angelegenheiten der Kunst haben wir ja Vokabularien und Sprachmuster die Fülle entwickelt, um sagen zu können, dieses Fresko aus der restaurierten spätrömischen Kirche Santa Maria Antiqua auf dem Forum Romanum stelle die Kreuzigung in byzantinischer Manier dar: An Christi Leib sind nicht die Male und Züge der Qualen und Leiden dargestellt, kein Blut, keine Wunde sticht ins Auge, vielmehr breitet der Erlöser in erhabener Ruhe die Arme weit aus, als wolle er das All umspannen und umarmen, als wolle das Bild dir zeigen, die Mächte des Bösen, des Negativen und Hässlichen haben ihr Vetorecht verloren und können nurmehr an der Oberfläche kratzen.

Auf Bildern vieler Jahrhunderte, in allen Ländern, in die die Botschaft der Freude gelangt ist, erkennst du die heiligen Personen leicht an der Aureole, die ihr Haupt gleichsam in himmlischen Dunst und Äther taucht, oder an der Mandorla, die oft die Gottesmutter vom Haupt zu den Füßen in einer Muschel warmer Strahlen birgt. Auch auf dem Kreuzigungsfresko der Kirche Santa Maria Antiqua zu Rom sind die hohen Personen des Christus, seiner Mutter Maria, auf die er teilnahmsvoll herabblickt, sowie des Lieblingsjüngers Johannes mit dem Heiligenschein ausgezeichnet. Hingegen sind die beiden römischen Soldaten, ihrer damaligen Bedeutung entsprechend klein in den Hintergrund gesetzt, ohne Aureole dargestellt. Auch wenn der Soldat mit dem Namen Longinus in späteren Jahrhunderten als Märtyrer verehrt wurde und zur Ehre der Altäre aufstieg – nicht zuletzt wegen der Verehrung der Heiligen Lanze, die Longinus dem Herrn am Kreuz in die Seite stieß und die tempi passati nunmehr als Herrschaftsinsignie des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation an Symbolkraft zugenommen hatte, wovon in unserem Bild sich noch keine Spur findet.

Schon wenige Zeit, nachdem die christlichen Kaiser den Foltertod der Kreuzigung, der in der römischen Antike an der Tagesordnung wahr, als Strafe für Kapitalverbrechen außer Kraft gesetzt hatten, zeigt dir der Künstler eine der entscheidenden Geschehnisse des Wirkens Christi gemäß den Evangelien in einem vom körperlichen Aspekt der Passion entrückten, milden Licht: Alles bis hin zur Mattigkeit und Glanzlosigkeit der Farben wirkt verhalten, zurückgenommen, ruhig: Marias Trauergeste, mit der sie sich das Gewand an die Wange führt, während sie ihren Sohn anschaut, ist wenig spektakulär. Das für den Glauben des Künstlers aufschlussreiche Zeugnis ist indes der Umstand, dass er den Gekreuzigten nicht im Tode dargestellt hat, sondern lebend.

Alle Gestalten des Bildes verharren in Ruhe, keine Bewegung ist sichtbar, kein Lufthauch, der ein Gewand ins Wehen brächte, sogar die Soldaten scheinen in der Position erstarrt zu sein, in der die Bewegung, die sie soeben ausgeführt haben, nämlich den Speer in die Höhe zu recken, zu ihrem Ende und Abschluss gekommen ist. An dieser Ruhe unmittelbar vor dem Versterben des Erlösers gewinnst du eine Spur davon, was es mit dieser Erlösung von dem Bösen auf sich haben mag: Denn es ist ja der Schein der Allmacht des Bösen, der uns beunruhigt.

Wenn du verstehen willst, was auf Bildern dieser Art, die wir religiöse Bilder nennen, dargestellt wird, musst du um die wesentlichen Inhalte des Dargestellten wie die Passionsgeschichte und die Bedeutung von malerischen Ausdrucksmitteln wie die Aureole wissen. Indes ohne deine Empfindungen und Gefühle als Resonanzboden des Gesehenen vibrieren und schwingen zu lassen, wird dir der Witz der Sache, die eigentliche Aussage und Pointe entwischen: Nur wenn du weißt, was Trauer ist, was Anteilnahme mit dem Leiden und dem Tod der dir Nahestehenden und wie die Klage ob ihrer Leiden sich anhört, nur wenn du in Bedrängnis und Not einmal unvermuteten Trost, Hilfe und einen Ausweg gefunden hast, wenn du empfunden hast, wie tief die Geste reicht, aus welchen Höhen die Geste kommt, die dich aus selbstverschuldeter Verstrickung ans Licht zieht, nur dann kommst du dem Verständnis des Dargestellten nahe und näher.

In allen religiösen Ausdrucksmedien, auf Bildern oder in Liedern, ob Preislied oder Hymnus, Klage- oder Pilgerlied, bei Musikwerken wie Oratorium, Messe und Kantate bist du gefordert, das Deine an Gefühlen und Gedanken ungeteilt zum Einsatz zu bringen. Ist nicht ein Gutteil des Religiösen die Umwandlung und Katharsis menschlichen Fühlens, das nunmehr auf einen als absolut geglaubten heiligen Wert und Maßstab gerichtet sich gleichsam ins Übermenschliche ausstreckt und -reckt, sich auf den Kern und reinen Typus seiner Funktion besinnt, als wäre Zorn erst Zorn, wenn er als heiliger Zorn gegen die Machenschaften des Bösen aufflammt, als wäre Liebe erst Liebe, wenn sie sich zum Zeugnis eines Höheren hingibt und opfert, Trauer erst Trauer, wenn sie nicht um ihretwillen jammert und klagt, sondern um Seinetwillen?

Jul 30 13

Philosophieren XIX

„Du erkühnst dich, solch ehrwürdige und heikle Dinge, wie es die religiösen Angelegenheiten nun einmal sind, gleichsam ohne Handschuhe, mit rauhen Händen und nackten Blicken anzugehen und zu berühren. Braucht es nicht die Handschuhe der theologischen und philosophischer Begriffe, wenn du dich nicht an deinem Gegenstand vergreifen willst?“

„Wie bei allen Sachen, scheint es mir vernünftiger, von dem auszugehen, was wir bereits kennen, verstehen und gebrauchen, uns die Namen und Redewendungen vorzuknöpfen, die auf die Sachen zutreffen und sie richtig aufs Korn nehmen. Warum etwas erfinden, wenn doch alles da ist und vor Augen steht? Warum nach Luft haschen, wenn einfaches Atmen genügt?

Schau dir an, wie die Leute über Religion reden, und du findest heraus, was es damit auf sich hat. Wende dich an die einfachen Menschen und die Laien, dann führe dir den Sprachbestand, die Grammatik und sprachliche Logik der Gebete, Lieder und Legenden zu Gemüte. Schließlich begutachte das hochentwickelte Vokabular und die sich in Bildern, Vergleichen, Metaphern und Allegorien ergehende Sprachkunst der Katechismen, der Breviere und Stundenbücher, der Predigten und Traktate, der Mönchsregeln und Beichtspiegel, des neuen und des Alten Testaments.

Du musst natürlich auch genau hinschauen und herausfinden, wie die Gläubigen das, was sie sagen und singen, am heiligen Ort zur heiligen Zeit, wie in der Osternacht vor der Schwelle des Haupteingangs der Kirche zu nächtlicher Stunde, einbetten, einfließen lassen und einfügen in das, was sie tun, am heiligen Ort zur heiligen Zeit – wie wenn sie in der Lichtfeier der Osterliturgie nach der Weihe und Entzündung der Osterkerze am Osterfeuer vor der Kirche dem Priester folgen, der ihnen mit der hochgehaltenen Osterkerze in das geheimnisvoll-unheimlich dunkle Kirchenschiff vorausschreitet und dreimal in jeweils höherer Tonlage in die finstere Leere ruft „Lumen Christi“, und ihm in jeweils höherer Tonlage antworten „Deo gratias“, während sich allmählich das Kircheninnere erhellt, denn alle Kinder und Eltern und Großeltern entzünden ihre mitgebrachten Kerzen am neuen Osterlicht, bis endlich in die Helle dieser tiefsten Nacht die Orgel mit großer Wucht das Gloria in excelsis Deo anstimmt.“

„Und all die großen Begriffe, mit denen metaphysischer Eifer solch schlichtes folkloristisches Brauchtum, solch schlichte Volksfrömmigkeit in die ätherischen Höhen ontologischer Gottesbeweise und furchteinflößender Theodizeen gezogen hat, all diese Geistes- und Gottesschätze soll ich für dein armes Denken dahinfahren lassen?“

„Wer durch hohen Schnee den Pfad sucht, wirft die ihm aufgebürdete Last von Scheitern von der Schulter. Und wohin gerätst du, wenn die metaphysischen Vorhänge lange genug über den religiösen Dingen geweht haben? Am Ende verbleiben dir solch schlaue Fragen, was Gotte wohl vor der Schöpfung der Welt tat und wie er sich die Langeweile der Ewigkeit vertrieb oder wie lang wohl sein Bart seit dem ersten Tag der Schöpfung gewachsen sein muss.“

„Du meinst also, ich solle den Leuten aufs Maul schauen und betrachten, was sie dabei tun und hantieren, das sei die ganze Weisheit, das ganze Geheimnis? Gut, ich habe ja vernommen und gelesen, wie die Menschen das ihnen Heilige und das diesem Entgegengesetzte benennen: heilig eben und unheilig, fromm und widergöttlich, erbauend und verwirrend, sakral und profan, inspiriert und erkünstelt, rein und unrein, erlöst und verdammt – und ich habe auch öfters mitangesehen, wie sie ihre Gotteshäuser bauen, einrichten und weihen, wie sie bei der Taufe dem Bösen eine Abfuhr erteilen und den Täufling segnen, ich weiß, wie sie sich von ihren Sünden rituell entlasten und ihre Toten in geweihter Erde feierlich bestatten. Wenn ich dermaßen meine Nase auf der flachen Gegenwart plattdrücke, wie gewinne ich den nötigen Abstand, dessen es bedarf, um all die Dinge begrifflich zu bestimmen? Weiß ich, was fromm ist, wenn ich von Hinz und Kunz vernehme, wie sie zu diesem sagen, er sei fromm, und zu jenem, er sei es nicht?“

„Ja, wenn du neben Hinz und Kunz den Diakon, den Kantor, den Priester und den Bischof, meinetwegen auch den einen oder anderen deiner Theologen, ebenso gut aber auch die religiös inspirierten Dichter und Komponisten stellst und auch diese befragst und ihre Werke als Zeugen mit aufnimmst. Lerne, der Fülle des Vorhandenen recht zu geben!

Dann kannst du selbst zu reden beginnen. Wie wenn du sagtest, in der Osterliturgie und durch die Lichtfeier der Osternacht werde der Erfahrung eines gnadenhaften Neubeginns symbolhaft Ausdruck verliehen, dem Geschenk des Wiederlebenkönnens nach hoffnungslos scheinender Erstarrung, dem Geschenk des Wiederredenkönnens nach hoffnungslos scheinendem Verstummen, dem Geschenk des Wiederhandelnkönnens nach hoffnungslos scheinender Ermattung: Nein, du wirst sagen, nicht nur werde dieser Erfahrung in der heiligen Handlung am heiligen Ort zur heiligen Zeit symbolhaft Ausdruck verliehen, sondern diese plötzlich in tiefste Nacht einbrechende Helle, dieses Rufen nach dem heiligen Licht, dieses strahlende Klingen aus der Höhe, sie seien der Neubeginn, sie seien das neue Leben, sie seien das neue Sagen, sie seien das neue Handeln!

Jul 28 13

Philosophieren XVIII

Die geweihten Hostien werden in einem Ziborium genannten goldenen Gefäß aufbewahrt, das mit einem verzierten Deckel verschlossen wird, auf dessen Kuppel ein Kreuz ragt. Das Ziborium wird zum Zeichen seiner Heiligkeit mit einem edlen und kostbar bestickten Tuch, dem Ziboriumvelum, verhüllt. – Wenn du die Kirche betrittst, gehst du ans Weihwasserbecken, tauchst deine Finger hinein und bekreuzigst dich. – Vor dem Altar angekommen bist, beugst du das Knie und schlägst das Kreuzzeichen. – Jetzt müssen wir alle still sein, das Heilige Sakrament wird vorübergetragen. – Du darfst als getaufter Mann nach gewissenhafter Prüfung deiner Berufung und nach intensiven Studien und asketischen Übungen die Priesterweihe empfangen, die Weihe vornehmen darf nur der Bischof. – In diesem geweihten Kelch wird der Wein für die Einsegnung aufbewahrt, in jener Schale das Öl für die Letzte Ölung, in dieser Schale wiederum das Öl für die Priesterweihe.

Die Thorarollen werden in einem heiligen Schrein der Synagoge aufbewahrt, der die Mitte der Wand durchbricht, die gen Jerusalem zeigt, und von einem prachtvollen Vorhang verhüllt wird, auf dem heilige Zeichen und Bilder in Gold oder anderen kostbaren Stoffen prangen. – Die Thorarolle darfst du nicht mit bloßen Händen anfassen. – Die Gesetzesrolle dürft ihr nicht wie schlichten Müll entsorgen, sie gilt in gewissem Sinne als ein Lebewesen und muss rituell bestattet werden, wenn sie außer Gebrauch gekommen ist. – Bei nur einem Schreibfehler verliert die Rolle ihren Wert und muss vernichtet werden. – Am Sabbatabend muss das Kind den Vater, der die Zeremonie leitet, nach den Geschehnissen im Land der Ägypter fragen, als Moses die Juden aus der Gefangenschaft führte. – Beim Mahl zum Gedenken des Exodus dürfen nur ausgewählte Speisen und Getränke verzehrt werden, wie Matze genannte salzlose Brote und Bitterkräuter, die an die Umstände der Flucht erinnern. – Der Vorleser des Tagesabschnittes der Thora bindet sich, bevor er die Synagoge betritt, die Tefellin genannten Lederriemen mit Gebetskapseln für Stirn und Oberarm um, auf dass seine Aufmerksamkeit auf den heiligen Text befördert und gesteigert werde.

Wie werden die Vorschriften zum Umgang mit geweihten Gegenständen des religiösen Kults, wie die den Laien und einfachen Gläubigen vorgeschriebenen Gebete und zeremoniellen Bewegungen während der liturgischen Feier und wie die Regeln für die anderen rituellen Handlungen weitergereicht und ins Gedächtnis geprägt? Wer sagt und tut was wie an einem heiligen Ort zu einer heiligen Zeit? Wem, welchen Einzelnen, welcher Gemeinschaft, gelten welche Gegenstände, welche Handlungen, welche Orte und welche Zeiten als heilig? Wer ist befugt, Gegenstände, Orte und Zeiten durch welche rituellen Handlungen zu heiligen? Wie verhält sich die heilige Zeit an heiligem Ort zur profanen Zeit an säkularem Ort? Wie steht es um dich, wenn du die Schwelle zum heiligen Ort überschritten hast?

Die zum Umgang mit den heiligen Stoffen und Dingen sowie der Ausführung heiliger Handlungen amtlich-institutionell bestallten und beauftragten Personen wie Priester und Bischöfe, Rabbiner und Kantoren werden zu ihren frommen Diensten erst zugelassen, wenn sie etliche Schulbänke gedrückt haben, um das von der vorigen und vorvorigen Generation angesammelte und weitergereichte Wissen über die religiösen Angelegenheiten sich ihrerseits erfolgreich anzueignen. Und auch sie selbst werden ihr Wissen und Können an die folgenden Generationen weitergeben.

Die Laien lernen den Umgang mit religiösen Stoffen und Dingen wie dem Weihwasser und dem Rosenkranz und die korrekte Ausführung zeremonieller Bewegungen wie Kniebeugen oder Kreuzzeichen sowie die liturgisch gebrauchten Gebete und Lieder als Kinder durch Nachahmung des elterlichen Vorbilds und mittels der Befolgung der Anweisungen der Eltern. Religion ist das Ergebnis kulturellen Lernens und kultureller Überlieferung. Das Kind hört vor den gemeinsamen Mahlzeiten die Großen das Tischgebet sprechen und allmählich spricht es die Worte mit, auch wenn es sie nicht oder nicht zur Gänze versteht – dies ist auch nicht vonnöten, es dringt auch so in die Atmosphäre und die Aura des Religiösen vor. Es spürt, anders als bei Märchen und Puppenspielen weht um das Religiöse ein heiliger Ernst, hinter dem sich eine fordernd-prüfende, aber auch liebend-vergebende Macht verbirgt. Das Kind wird spielend in den Kreis der Feiern des Heiligen Jahres mit einbezogen: Es freut sich an der Gestaltung und den Gestalten der Krippe, singt zum ersten Mal ein Weihnachtslied, hält zum ersten Mal aufgeregt die Osterkerze. Später wird es im Religionsunterricht und in der Katechese gründlicher in die Inhalte und Formen des Glaubens eingeführt. Das Kind sollte nicht zu argwöhnischem Befragen und Bekritteln der dargebotenen Glaubensinhalte verleitet und verführt werden. Und wenn es fragt, können ihm Geschichten und Legenden, Lieder und Andachtsbilder die entstandene Lücke leicht füllen. Im Umgang mit dem Unverständnis, dem Spott und der Häme atheistisch-bösartiger Zeitgenossen wird es später genügend Eigensinn, Mut und Tapferkeit zur Selbstbehauptung aufbringen müssen.

Dinge wie Kerzen und Räuchergefäße, Kelche und Schalen, Tücher und Vorhänge, Gewänder und Stolen, Stoffe wie Öl und Narde, Weihrauch und Wasser werden am heiligen Ort zur heiligen Zeit von dazu durch eigene Weihe berufenen Personen wie Priestern und Bischöfen geweiht. Um ihres Dienstes am Heiligen willen sind die Dinge und Stoffe kostbar, edel, exquisit: Schon ihr Anblick, ihr Duft, ihr Schimmer und Glanz vermögen dich über die Schwelle alltäglicher Laxheit und Lauheit in die Schärfe und Wachheit außeralltäglicher Wahrnehmung und Wachheit zu heben. Der Umgang und das Hantieren der berufenen Personen mit solchen Dingen und Stoffen im Vollzug heiliger Handlungen wie der Segnung der Gemeinde oder der Weihe eines Priesters durch den Bischof verlangen ein Höchstmaß an Sorgfalt und den skrupulösen Sinn des Jongleurs auf dem Hochseil für die außerordentliche Gefahr der Grenzverletzung.

Die geweihten Dinge und Stoffe dienen dem Vollzug ritueller Handlungen, deren Ablauf und Gestaltung durch den Festkalender des Heiligen Jahres und ihren Bezug auf den jeweiligen rituellen Inhalt wie die Eucharistie, die Marienandacht, die Taufe, die Firmung oder die Letzte Ölung festgeschrieben sind. Der Sinn der Ausrichtung des eigenen Lebens am Rhythmus des Heiligen Jahres und der religiösen Rites de Passage ist die Durchkreuzung und Überwindung der profanen Zeit durch die Zeit des Heiligen. Die Geburt wird durch die Taufe durchkreuzt und überwunden, die Tischgemeinschaft der Familie durch die Gemeinschaft der Eucharistie, der Eintritt in die Gemeinschaft von Volk und Nation durch die Bekräftigung der Zugehörigkeit zur universalen Gemeinschaft der Kirche bei der Firmung, die rechtliche Verpflichtung im weltlichen Ehegelöbnis durch das sakramentale Ehegelöbnis, der Tod durch die Macht der Letzten Ölung als Wegzehrung für den Weg zu einem anderen Ort.

Der Vollzug der Weihehandlung, der Ritus, verlangt den langen, den langsamen Atem, das wache, staunende Herz, das kühne Stehen wie im Mittelpunkt der Welt, das weiche Knien wie auf dem Gipfel der Zeit. Verhüllten Angesichts, verhalten und bedachtsam führt der Priester den Kelch in die Höhe und psalmodiert die Wandlungsworte. Der Ministrant schwingt das Weihrauchbecken im Hochamt mit lässiger, groß ausladender Geste aus dem Handgelenk. Es genügt, über einen einzigen Vers der Psalmen, des Hohelieds, des Korintherbriefes zu sinnen und zu meditieren, um das leidende Gemüt zu kühlen und den Geist zu befeuern.

Was du an einem heiligen Ort zu einer heiligen Zeit sagst und tust, unterscheidet sich von dem, was du zu Hause, auf der Straße, in der Schule, auf der Universität, im Büro oder bei der Fußpflege zu sagen und zu tun pflegst. Zu Hause oder bei deiner Freundin redest du frei von der Leber weg, wie dir der Schnabel gewachsen ist, du fläzt dich auf der Chaiselongue, ziehst wegen der Hitze dein T-Shirt aus und gähnst gedankenlos vor dich hin oder klopfst dir angesichts einer gelungenen Pointe in deiner Lieblingsfernsehserie lauthals lachend auf die Schenkel. Wenn dein Bekannter dich auf der Straße grüßt, würzt du ihm seinen kurzen Aufenthalt augenzwinkernd und wild gestikulierend mit einer Klatschgeschichte. In der Schule stürmen die Kinder brüllend und johlend aus den Klassenräumen, sobald es heißt: „Hitze frei!“ Während der Vorlesung tuschelt dir dein ewiger Nachbar kichernd eine Story über das angeblich sexuell abweichende Verhalten des Referenten ins Ohr. Im Büro wettert deine Kollegin wieder unflätig gegen die Arroganz des Chefs. Bei der Fußpflege rätselt man über den Namen des neugeborenen englischen Thronfolgers.

Das Meiste von dem, was und wie wir alltäglich daherreden, das Meiste von dem, wie wir uns alltäglich verhalten und gebaren, was wir mit Gesten und Grimassen darstellen, ist dir zu heiligen Zeiten an heiligen Orten untersagt, ausdrücklich oder unausdrücklich verboten. Du darfst dich nicht spontan äußern, nicht reden, was du denkst oder was dir gerade in den Sinn kommt. Was du zu sagen hast, deine Meinung, deine Ansicht über dies und das, über Hinz und Kunz, über Gott und die Welt zählen hier nicht, sie sind gleichgültig und belanglos, sie sind nicht gefragt. Du kannst deine Ansichten und Meinungen, deine Redegewohnheiten und Redewendungen, deine billigen Witze und deine sublimen Geistesblitze getrost zu Hause lassen und dich ihrer für die heilige Zeit am heiligen Ort entledigen, dich von ihnen entlasten. Was zur heiligen Zeit am heiligen Ort gesagt und getan wird, sind nicht deine Worte, nicht deine Handlungen, sondern Worte und Handlungen alter Überlieferung, weitergegeben als kostbarstes Erbe vom Vater auf das Kind und Kindeskind – du hast ihnen nur dein Ohr ganz zu leihen, dein Auge ganz zu öffnen, um dich ihrer würdig und wert zu erweisen. Das, was am heiligen Ort gesagt werden darf und gesagt zu werden pflegt, Wort heiliger Überlieferung, sind Gebete, Auszüge aus heiligen Schriften und Worte ihrer Ausdeutung aus berufenem Munde. Du brauchst dir des vollen Sinns der Sätze, die dir im Gebet von den Heiligen, Erwählten und Propheten aus der Tiefe der Geschichte auf die Lippen gehoben werden, nicht zur Gänze, nicht in allen Stücken bewusst zu sein. Es ist dir genug an Gnade aufgespart, auf dass du dich von ihnen wie auf Flügeln des Engels eine Zeit lang, die heilige Zeit am heiligen Ort, tragen und über die Spitzen und Ritzen und Zähne deines Wollens und Wünschens und Träumens hinwegheben lassen darfst.

Eben deine Wünsche und dein ganzes Wollen, das deinen Alltag rechtens mit Absichten und Gedanken füllt, bedrängt oder versüßt, verblassen und entwirklichen sich am heiligen Ort zur heiligen Zeit wie überschneite Gegenstände im Mondlicht. Der Gedanke, dass du krank oder alt oder hässlich bist, oder dass du jung und gutaussehend und attraktiv bist, die Absicht, deinen Berufsabschluss voranzutreiben, deinen Partner zu überraschen, zu den Stätten der alten Griechen zu reisen – Gedanken und Absichten des Alltags verlieren ihr Gewicht, werden angesichts dessen, was am heiligen Ort zur heiligen Zeit gesagt und getan wird, unscheinbar, durchsichtig, geringfügig wie die Gedanken und Absichten eines Fremden. Aber die widersprüchlichen, einander jagenden und auslöschenden Gedanken und die feindseligen, dir und anderen Schaden bringen wollenden Absichten würden dein Ohr ganz verstopfen, dein Auge ganz blenden, dein Herz ganz verstocken für das, was am heiligen Ort zur heiligen Zeit gesagt und getan wird. Deshalb musst du die unreinen Gedanken und die unreinen Absichten durch Akte und Übungen der Reue und Buße von dir abgetan haben und mit dir ins Reine gekommen sein, bevor du den heiligen Ort zur heiligen Zeit aufsuchst.

Und ebenso sind dein Tun und Leiden, dein Handeln und Unterlassen, die in deinen Alltag unentwegt die Muster deines Lebens sticken, dir leiser und unwirklicher entronnen als fernes Brandungsrauschen um den hohen Fels des heiligen Orts. Was du tust, steht nicht in deiner Absicht, du schuldest es dem vorgeschriebenen Zeremoniell, du dankst es dem von Kindesbeinen an eingeübten Ritual. Die alten Gebete kommen dir gemeinsam mit den anderen Gemeindegliedern über die Lippen, gemeinsam mit den anderen beugst du das Knie und gemeinsam schlägst du das Kreuz. Du hast nicht Besonderes, Eigenes, Eitles zu sagen und zu tun, dein Besonderes, Einziges, Eitles zergeht in der vollkommenen Schlichtheit und schlichten Vollkommenheit heiliger Worte und ritueller Gesten. Das Rohe, Laute, Animalische, das in Lachen und Johlen, Spotten und Spucken, Schlingen und Saugen aus dem Grund- und Brackwasser unserer Primärwünsche aufspringt und aufspritzt, wird in der heiligen Feier außer Kraft gesetzt, muss gleich einem kläffenden Köter draußen angebunden warten. Also wirst du dich am heiligen Ort gesittet und züchtig betragen und deine Blöße nicht enthüllen. Deine Haltung wird nicht erschlaffen, sie ist gestrafft und in das Geschehen gereckt und geweckt, deine Gesten willfahren und schmiegen sich den Verfügungen und Fugungen des Zeremoniells an.

So ist die heilige Feier am heiligen Ort zur heiligen Zeit weder Arbeit noch Muße. Arbeit ist die absichtsvolle Aufwendung von Kraft und Ressourcen, um gemeinsam mit den Arbeitskollegen des Teams ein vorgestecktes Ziel zu erreichen. Der Zweck der Arbeit und der einzelnen kooperativ abgestimmten Arbeitsschritte liegt außerhalb des Kreises der Arbeit und Herstellung: Das Auto fährt vom Band, die es hergestellt haben, werden es in der Regel nicht besitzen und fahren. In den Mußestunden suchst du in Spaziergängen oder sportlichen Aktivitäten Erholung und Regeneration der durch Arbeit verbrauchten Kräfte. So liegt auch der Zweck der Muße, dem Anschein entgegen, da du gerne spazieren gehst (aber du kannst auch gerne deiner Arbeit nachgehen), außerhalb des Kreises der müßiggängerischen Beschäftigungen.

Die heilige Feier, das, was am heiligen Ort zur heiligen Zeit gesagt und getan wird, hat keinen Zweck außerhalb des Kreises dessen, was hier und heute, dort und dann gesagt und getan wird – gemessen an den Maßstäben von Arbeit und Muße ist sie reine Zeitverschwendung. Dein Alltag wird ohne Unterlass und ohne Gnade von der Allmacht des Schicksals in Richtung Zukunft gezogen: Morgen hast du dies und das zu erledigen, übermorgen fährst du in die Ferien, nächstes Semester machst du Examen, im kommenden Jahr blickst du deiner Pensionierung entgegen, und dann wirst du früher oder später für immer Abschied nehmen müssen. Die animalisch-spirituelle Sorge und die Angst in und vor der Welt bleiben mahnende, aber stumme Schatten, das letzte Wort wird ihnen entzogen, sobald du die Schwelle zum heiligen Ort überschreitest: Die Zeit steht still, eine andere Zeit hebt an, in der das Einzigartige, das Außerordentliche wiederholt wird und es die Ordnung deines Lebens sich anverwandelt. Das Geschrei und das grelle Tageslicht versinken hinter dir, die Dinge des Alltags verlieren das Zudringliche, Schattenlose, Wimpernlose ihres Daseins, ihres nackten Anspruchs auf deine Lust und deine Vergänglichkeit.

Im bunten Dämmer des heiligen Orts sind die Dinge des Alltags unter dem Licht stiller Kerzen der Schärfe ihrer Umrisse benommen und gleichsam ausgehöhlt und entleert von der schweren Substanz ihres Anspruchs auf deine Aufmerksamkeit, deinen Gebrauch und deine Unterwerfung. In der Betrachtung heiliger Gegenstände und heiliger Handlungen betrachtest du dich selbst wie einen Wanderer, den Schatten eines Wanderers, der in hoher Mondnacht leichte, leicht verwehte Spuren im Schnee hinterlässt. So wirst du angesichts der ewigen Heiligkeit des Heiligen gleichmütig gegen die Wirklichkeit deiner Existenz, wie du gleichmütig wirst gegen die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz.

Jul 25 13

Philosophieren XVII

Wer oder was befindet sich (liegt, steht, hängt) wie wo (an, auf, über, hinter, vor, in wem, zwischen wem und wem)?
Wer oder was bewegt sich wie wo woher wohin?

Das Buch liegt auf dem Tisch. Über dem Tisch hängt auf halber Höhe zur Decke ein Spiegel. Neben dem Tisch befindet sich zwischen dem Sofa und der Anrichte ein Regal mit Vasen, bunten Kieseln, Muscheln, Versteinerungen. In der Anrichte werden ein Tee- und ein Kaffeeservice aufbewahrt. Oben an der Decke schwebt eine Leuchte. In der Ecke steht vor einem Ficus ein Aquarium, in dem Zierfische mal im Wasser stehen, mal blitzschnell hin- und herflitzen. Eine Pumpe hält das Wasser in Bewegung, es sprudelt. Während du in Ruhe all das betrachtetest, senkte sich die Dämmerung herab, die Umrisse der Dinge wurden unscharf.

Unter Verwendung eines ganzen Sets von Präpositionen kannst du den Gegenständen die Stellen und Örter im Raum zuweisen, an denen sie sich aufhalten. Du kannst damit ebenso die räumlichen Beziehungen bezeichnen, die die Dinge untereinander unterhalten. Welcher Art diese Gegenstände sind, erfahren wir mittels ihrer Klassifikation: Wasser ist ein Stoff, Kiesel sind Dinge. Muscheln und Versteinerungen Dinge, die das Relikt oder den Abdruck lebendiger Organismen darstellen. Tische, Spiegel, Sofas, Vasen, Anrichten, Tee- und Kaffeeservice, Leuchten, Aquarien und Pumpen sind von Menschen entworfene und hergestellte Dinge zu zweckdienlichem Gebrauch. Fici sind Pflanzen, Zierfische sind Tiere, und du bist ein Mensch. Und was ist Licht, die Dämmerung, kannst du es sagen?

Soll man sagen, wie viele meinen, da wo du bist, gibt es die räumliche Ordnung der Dinge, wenn du im Raum verweilend Sätze wie die genannten hersagst? Aber auch wenn du fern weilst, bleibt das Buch auf dem Tisch liegen, der Spiegel an der Wand hängen, die Sachen im Regal und in der Anrichte, die Leuchte an der Decke, der Ficus und das Aquarium in der Ecke, die Fische im Aquarium. Auch wenn du fern weilst, stehen die Fische mal im Wasser, mal flitzen sie hin und her.

Du könntest fragen: Und das sprudelnde Geräusch des Wassers im Aquarium, ist es noch da, wenn keiner es hört? Das Geräusch ist freilich verschwunden, aber die Luftwellen, verursacht vom Sprudeln des Wassers, sind und bleiben im Raum, sie sind und bleiben hörbar, vorausgesetzt es gibt Organismen wie uns mit guten Lauschern. Die Schallwellen könnten jederzeit gehört werden, auch wenn sie jetzt, da du fern bist, nicht gehört werden und nicht gehört werden können.

Die Realität der Dinge ist grundlegend verschieden von der Realität ihrer Bilder und Repräsentationen: Wenn du aus dem Radius trittst, innerhalb dessen die von dir ausgehenden Lichtwellen im Spiegel reflektiert werden, verschwindet dein Bild im Spiegel. Das Bild, die Zeichnung, die Fotografie der Katze kann verloren gehen, geknickt oder verbrannt werden, die Katze bleibt derweil ungerührt auf dem Sofa liegen, ihr geschieht nichts dergleichen.

Die Dinge und die Ordnung der Dinge sind also auch keine Phänomene, wenn ein Phänomen das ist, was die Weihen der Existenz ausschließlich dem verdankt, der es wahrnimmt. Man kann demnach nicht sagen, die Dinge sind Phänomene und darüber hinaus noch etwas mehr, etwas anderes, etwas, das wir nicht kennen und das uns für immer verborgen bleiben wird wie die von der Erde abgewandte Seite des Mondes.

Die Dinge sind uns bekannt, soweit wir sie wahrnehmen, mit ihnen umgehen, sie herstellen und gebrauchen. Was sie sonst noch sind, sagt uns die Wissenschaft, zum Beispiel, dass Wasser nicht nur der wohlbekannte durchsichtige, nasse, Durst und Feuer löschende Stoff ist, der in unserer Küche aus dem Wasserhahn fließt, sondern zusammengesetzt ist aus Wasserstoff und Sauerstoff, chemischen Elementen, die wahrzunehmen unser Wahrnehmungsvermögen nicht ausreicht.

Die Dinge sind uns bekannt, weil wir sie benennen und als Steine, Möbelstücke, Gebrauchsgegenstände, Pflanzen und Tiere klassifizieren können. Dinge, die uns jetzt nicht bekannt sind, können wir morgen entdecken oder erfinden. Die Ordnung, in der sich die Dinge befinden, gruppieren, situieren, die Ordnungsschemata, mit denen wir die Dinge in einer Ordnung positionieren, gruppieren, situieren, ist nicht beliebig und willkürlich, denn das Buch liegt tatsächlich auf dem Tisch, der Ficus steht wirklich in der Ecke und die Fische schwimmen ganz bestimmt im Aquarium.

Wir können natürlich unserem philosophischen Spieltrieb nachgeben und spaßeshalber an den großen ontologischen Stellschrauben drehen, die uns die Ordnung der Dinge vor die Nase setzen. Drehen wir ein bisschen an „g“ und murksen an der Gravitationskonstante herum. Da kann es dann sein, dass das Wasser aus dem Aquarium in die Höhe schwebt und nicht mehr sprudelt, sondern gluckst, dass in spiritistischer Anmutung das Buch über dem Tisch, der Tisch über dem Boden, das Sofa an der Decke schwebt. Das Porzellan in der Anrichte ist zerdeppert, die Fische in der Luft krepiert. Kein Ort, an dem wir uns länger aufhalten wollen. Allerdings zeigt uns das Szenario, dass diese Ordnung nicht mehr unsere Ordnung ist, aber unsere altgedienten Ordnungsschemata sind unter gewohnter Verwendung unserer altgedienten Präpositionen zäh und widerstandsfähig genug, es mit dieser befremdlichen Welt aufzunehmen und die dortigen Dinge zu beschreiben, wie sie sind.

Das Wasser bewegt sich und sprudelt aufwärts und wieder hinab. Die Fische stehen still oder flitzen hin und her. Die Dämmerung senkt sich herab. Mit den Fischen tun wir uns nicht schwer: Sie sind singuläre Wesen, die in der Raum-Zeit hin- und herflitzen, und die wir unter Verwendung singulärer Dingwörter wie eben „Fisch“ gut zu packen kriegen. Doch dass sie erst hin- und dann herflitzen oder umgekehrt, macht uns stutzig: Es ist ja nur sinnvoll zu sagen, etwas bewege sich hin oder her, wenn du in der Mitte der Feststellung thronst und der Fisch sich hin zu dir oder her zu mir bewegt. Heißt das, die Fische flitzen nicht mehr hin und her, wenn du aus dem Zimmer gegangen bist!

Genau das heißt es! Relativbewegungen wie das Hin- und Herflitzen der Fische im Aquarium haben den Sprecher zum perspektivischen Mittelpunkt. Indes bewegen sich die Fische in deiner Abwesenheit durchaus weiter, wenn sie auch nur im übertragenen Sinne hin- und herflitzen. Diese Bewegungen kriegen wir auch in und trotz deiner Abwesenheit zu fassen: Wir behandeln das Zimmer als cartesischen Käfig und malen ihm auf dem Boden und an den Wänden Koordinaten auf, wobei sich die 3 Raumkoordinaten in der Zimmerecke kreuzen, in der das Aquarium steht. Die Koordinaten markieren wir in regelmäßigen Abständen mit Strichen und Zahlen. Wir sagen jetzt: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 in gerader, dem Boden paralleler Richtung bewegt. Wir können es mit unserer Lust an der Exaktheit auch noch bunter treiben und sagen dann: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 in gerader, dem Boden paralleler Richtung in dem Moment bewegt, als du in den Spiegel schautest. Oder wenn schon, denn schon: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 von 15.33.13 Uhr bis 15.33.17 Uhr MEZ in gerader, dem Boden paralleler Richtung bewegt.

Mit Wasser und Dämmerungen haben wir eher philosophische Berührungsängste. Wenn sie herabsprudeln oder sich herabsenken, stehen wir als Mittelpunkt der Wahrnehmung und als perspektivischer Ort der Aussage gern stramm. Aber in unserer Abwesenheit: Was sagen wir dann? Wir bekommen, wie das bei in der Raum-Zeit vagabundierenden Stoffen so zugeht, mit singulären Ausdrücken nichts zu packen. Deshalb müssen wir umständlich werden und die Suppe gleichsam verteilen: Hier ein Löffelchen, da ein Löffelchen, wobei zum guten Schluss in ein Löffelchen ein Wassermolekül oder ein Photon gehört. Dann machen wir uns wieder unseren cartesischen Käfig zurecht und legen los. Nur Spaß! Wir wissen ja, dass wir Photonen auf die gute alte cartesische Tour nicht aufspüren und verorten können.

Während du all das betrachtetest, senkte sich die Dämmerung herab. Bevor sich die Dämmerung herabzusenken begann, warst du nicht in dem Zimmer. Nachdem sich die Dämmerung herabgesenkt hatte, warst du nicht mehr in dem Zimmer. Du verweilst so lange in dem Zimmer, wie sich die Dämmerung herabsenkt. Wenn sich die Dämmerung ganz herabgesenkt haben und die Nacht hereingebrochen sein wird, wirst du nicht mehr in dem Zimmer sein. Zwischen dem Moment, als du dich im Spiegel betrachtetest, und dem Moment, als dir das Geräusch des sprudelnden Wassers bewusst, du seiner gewahr wurdest, hatten sich die Fische im Aquarium zwanzigmal hin- und herbewegt.

Wir erzählen von dir als einem, der sich zu einem unbestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit in dem beschriebenen Zimmer aufgehalten hat. Durch die Erwähnung der Tatsache, dass du all die Dinge betrachtetest, im narrativen Tempus des Präteritums geraten die vorangestellten Beschreibungen der Dinge in ein neues Licht: Die Aussagen werden jetzt als Aussagen im historischen Präsenz erkennbar.

Eine Handlung oder ein Ereignis, das sich zeitlich vor dem im Präteritum erzählten Geschehen abspielt und im Moment des Eintritts des im Präteritum erzählten Geschehens abgeschlossen ist, pflegen wir im Tempus der Vorvergangenheit, dem Plusquamperfekt, zu beschreiben. Eine Handlung oder ein Ereignis, das vor einem in der Zukunft stattfindenden Geschehen abgeschlossen sein wird, beschreiben wir im Tempus der vollendeten Zukunft, dem Futur II.

Wie wir den räumlichen Bezug der Dinge mittels der Verwendung der lokalen Präpositionen ziemlich gut und genau angeben können, so wenn wir darauf hinweisen, dass ein Ding zwischen einem anderen und noch einem anderen liegt, können wir auch die Handlungen und Ereignisse in ihrem zeitlichen Bezug ziemlich gut und genau mittels der Verwendung von Satzgebilden aus Hauptsätzen und Nebensätzen angeben, die mit temporalen Konjunktionen wie während, als, bevor, nachdem, solange, bis eingeleitet werden. Wir setzen in diesen Sätzen die Verben in die verschiedenen Zeitstufen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so wenn wir darauf hinweisen, dass ein Ereignis vor dem Eintritt eines anderen Ereignisses geschehen ist oder dass eine Handlung geschehen sein wird, wenn eine andere Handlung auf sie folgt.

Wir können noch mehr, nämlich auf Ereignisse und Handlungen oder eine Reihe von Ereignissen und Handlungen Bezug nehmen, die im Rahmen eines sie zeitlich einschließenden Ereignisses oder einer sie zeitlich einschließenden Handlung von größerer Dauer ablaufen, wie darauf, dass du dich während der Lektüre dieses Textes in unterschiedlichen Zeitabständen an die Stirn gefasst, in der Nase gebohrt und die Brille geputzt hast.

Wie wir als verkörperte Wesen uns mit den Spezifika körperlicher Existenz unter anderen Körpern im Raum herumzuplagen genötigt oder zu verlustieren geneigt sind, sind wir als zeitliche Wesen in dem Rahmen von früher und später eingetretenen und eintretenden Ereignissen und Handlungen eingehaust oder zu Hause. So laufen die Dinge hier ab. Alle Ereignisse ordnen wir nämlich Zeitpunkten zu, die sie als früher oder später als andere Ereignisse einstufen. Das zeitliche Geschehen lässt sich ebenso wenig auf Akte der Zeitwahrnehmung reduzieren wie die Körperdinge auf bloße Phänomene der Dingwahrnehmung. Es ist schlicht wahr zu sagen, dass du gestern an jenem Ort warst und heute hier bist. Und dass du morgen zu unserem Treffpunkt kommen wirst, ist sehr wahrscheinlich.

Sollen wir großes Aufheben um die schlichte Tatsache machen, dass wir Zeitlinge die Zeitlichkeit des Daseins von Katz und Maus, von Hinz und Kunz auf dem Schirm haben oder dass wir unserem endgültigen Hinschied ins Auge zu sehen haben? Sollen wir uns jetzt noch länger in unserem Zimmer langweilen oder um die Langeweile zu vertreiben uns existentiell ein bisschen erregen mit Formeln falschen Pathos wie der Formel vom Sein zum Tode oder mittels Trivialitäten wie des Unterschieds zwischen vorhandenen und zuhandenen Dingen, Dingen der natürlichen und Dingen der künstlich-kulturellen Ordnung, zwischen Stein, Fisch und Vase und den unterschiedlichen Auren des Sinns, die sie vorgeblich ausdünsten? Es reicht für unseren Hausgebrauch allemal hin, den Unterschied zu sehen. Dann verlassen wir leise vor uns hinsummend das Zimmer und vertreten uns draußen in der anregenden Atmosphäre der sich herabsenkenden Dämmerung noch ein wenig die Beine.

Jul 24 13

Philosophieren XVI

Du tust, was du willst. Du tust nur das, was du willst. Was du nicht willst, könntest du vielleicht tun, tust es aber jetzt nicht. Du tust nicht, was du nicht willst. Du kannst nicht tun, es ist dir nicht möglich zu tun, was du ein für alle Mal nicht willst.

Du gibst deinem Freund die Geldsumme, die er dir freundlicherweise ausgeliehen hat, zum vereinbarten Zeitpunkt nebst den ausbedungenen Zinsen zurück. Du gibst das Geld zurück, weil du es deinem Freund versprochen hast, weil du es ihm hoch und heilig gelobt hast. Auch wenn es dir nicht leichtfällt, obwohl du die Summe gerade jetzt gut gebrauchen könntest, brichst du dein Versprechen nicht, sondern löst es ein.

Wenn du das Geld nur ungern, widerwillig, wider Willen zurückgibt, wider Willen zwar, aber getreu deinem Aug in Aug zugesagten Wort, wider Willen, aber pflichtbewusst – dann tust du etwas, was du eigentlich gar nicht willst, und wäre es dir freigestellt, wärest du in einer Welt, in der das gegebene Wort, das gegebene Versprechen nicht zählten – nicht in deiner Welt –, dann würdest du deinem eitlen Willen freien Lauf lassen: „Was schert mich mein Geschwätz von gestern!“

Aber dir gilt: Gesagt, getan. Versprochen ist versprochen. Also musst du dein Versprechen einlösen wollen, soll weiterhin das Gesetz gelten: Natürliche Organismen werden durch natürliche Ursachen und Antriebe wie Bedürfnisse und Wünsche oder durch physikalisch-chemisch-biologische Mechanismen zu Handlungen determiniert, welche sich für den Betroffenen als Bedürfnisse und Wünsche bemerkbar machen. Wenn du aber, wie du sagst, dein Versprechen eigentlich nur widerwillig einlöst, müssen wir annehmen, dass die Macht des Versprechens die Macht des natürlichen Willens zu überformen und sich unterzuordnen in der Lage ist. Die Macht des Versprechens, des Gelobens, des Treueschwurs oder der Verpflichtung setzt sich gleichsam an die Stelle unserer primären Wünsche, sodass du fähig bist zu wünschen, was du auf einer anderen Ebene eigentlich nicht wünschst.

Du windest dich morgens aus den Laken und machst dich schließlich trotz deines Unbehagens oder Widerstrebens auf in die Schule, die Universität, zur Arbeit. „Wenn ich mich morgens nicht mehr rausquälen würde, um zur Schule, zur Universität, zur Arbeit zu gehen, würde ich über kurz oder lang riskieren, von der Schule zu fliegen, mein Examen zu vermasseln, entlassen zu werden.“ Du willst sagen: Weil diese dir zweifellos drohenden größeren Übel das geringere Übel des morgendlichen Unbehagens übersteigen, siehst du peinlich darauf, sie durch dein Handeln zu vermeiden.

Ist es nicht auch so beim Versprechen? Löst du es nicht ein, könntest du Gefahr laufen, schlecht beleumundet zu werden, an Ansehen und Ehre einzubüßen, bei Freund und Feind verschrien als Betrüger und hundsgemeiner Schuft, dem nicht zu trauen ist, mit dem man keine Geschäfte machen, keine Freundschaft pflegen sollte. Also entgehst du mittels des geringeren Übels, nämlich das Geld auf den Tisch zu zählen, dem größeren, nämlich sozialer Ächtung und Isolierung.

Doch nehmen wir an und übertreiben wir ein wenig der Deutlichkeit und Klarheit des Gedankens zuliebe, du bist willens, dein Versprechen nicht einzulösen, möchtest aber den unangenehmen Folgen dieses Betrugs wie bösem Leumund und sozialer Ächtung entgehen und ziehst deshalb weit weg in eine andere Stadt, ein anderes Land, nimmst einen anderen Namen an und gedenkst, so ein unbeschwertes Leben zu führen. Aber die Tatsache, dass du dort hingezogen bist, weil du deinem Freund nicht mehr ins Gesicht sehen kannst, bleibt bestehen und sie besteht fort in dir, solange du dich daran erinnerst. Und diese Erinnerung ist nicht süß, sie hat einen bitteren Beigeschmack, der von dem herrührt, was wir schlechtes Gewissen nennen.

Können wir indes nicht annehmen, dass du dir gleichsam selbst versprochen hast, die Schule und die Universität zu besuchen und erfolgreich abzuschließen, um einen deinen Fähigkeiten angemessenen und deine Neigungen zufriedenstellenden Beruf ausüben zu können? Können wir nicht annehmen, dass du in dieser Form der Selbstverpflichtung dir ein berufliches Engagement gesucht hast, das dir ermöglicht, ein angenehmes und anständiges Leben zu führen? Dann wäre es am Ende die Macht der Verpflichtung und Selbstverpflichtung, die es dir nicht leicht, aber möglich macht, deinem Primärwunsch, liegen zu bleiben und dir noch eine Mütze Schlaf zu genehmigen, nicht nachzugeben, sondern ihn durch den mittels Selbstverpflichtung mobilisierten Sekundärwunsch zu überformen und zu ersetzen, Laken und Schlaf abzuschütteln und pünktlich in der Schule, der Universität, der Arbeit zu erscheinen.

Wenn dich aber aus dem Hinterhalt eine Krankheit packt, wie die mentale Erkrankung, die bewirkt, dass du paranoide Ängste vor deiner Lehrerin, deinem Professor, deinen Kollegen entwickelst, wird die finstere Macht dieser Krankheit allmählich oder rasch die lichte Macht deines Sekundärwunsches, deiner Selbstverpflichtung, deiner Lebenswahl unterspülen und unterminieren: Du bleibst morgens einfach liegen, du stehst tagelang nicht mehr auf. Alles, was du dir selbst, deinen Liebsten, deinen Freunden magst versprochen haben, verliert seine Macht und wird ohnmächtig. Und rechnen wir nicht die Unfähigkeit, Versprechen, Gelöbnisse, Eide und Schwüre einzuhalten und einzulösen, zu den Symptomen der Geisteskrankheit, an deren Endpunkt die Entmündigung steht, die amtliche Beglaubigung der Tatsache, dass der Betroffene keinen bürgerlichen Amtsgeschäften mehr nachgehen, kein Konto führen, keine Verträge schließen darf, Handlungen, die die Macht der Sekundärwüsche über die Primärwünsche, die Macht der Verpflichtung und Selbstverpflichtung voraussetzen?

Oder du stellst nach jahrelangem Studium der Germanistik, nach jahrelangem treuen und engagierten Dienst als Deutschlehrer an der Gesamtschule fest (infolge seltsamer Erlebnisse, aufregender Erfahrungen), dass du einen falschen Weg, einen Holzweg, gegangen bist: Jetzt erst, spät, aber nicht zu spät entdeckst du deine eigentliche Begabung, deine tiefe Neigung zu einer handwerklichen Tätigkeit wie dem Kunstschreinern, Töpfern oder Glasmalen – an diesem Zeitpunkt verwirfst du deine einstige Selbstverpflichtung und erklärst sie für null und nichtig. Nunmehr setzt du eine andere an ihre Stelle, das neu entdeckte Kunsthandwerk so gut, gründlich und sorgfältig dir anzueignen, dass du eine neue Profession daraus machen kannst, die ihren Mann (und deine Frau, deine Kinder) ernährt.

Wir können also wohl sagen: Du kannst dir einerseits die Gründe zu handeln klarmachen, indem du mit dem bewährten konditionalen Satzgefüge auslotest, was geschieht oder unterbleibt, wenn du tust, was du zu tun geneigt bist, oder unterlässt, was dir nicht in den Kram passt. Schwänzt du in einem fort die Schule, gerätst du auf die schiefe Bahn. Um nicht auf die schiefe Bahn abzurutschen, kriechst du morgens wenn auch widerwillig aus dem warmen Bett. In solchen Fällen konditionieren wir unseren Willen, indem wir den Primärwunsch durch den Sekundärwunsch überformen und ersetzen.

Anders bei den Formen der Verpflichtung: Schule, Universität und Büro sind Einrichtungen an konkreten Orten, die ihre Zeit unabhängig von deinem Wollen und Nichtwollen, deinem Tun und Lassen existieren und dauern, denen du den Rücken zudrehen und entlaufen kannst. Dein Versprechen, den Kredit bei deinem Freund dann und dann abzulösen, ist als soziale Tatsache einzig in der Welt kraft der Bewegungen und Artikulationen deines Mundes, mit denen du das Versprechen in die Welt gesetzt hast. Du hast ja mit deinem Versprechen allererst die hinreichende Bedingung für die geldliche Transaktion, die Übergabe des Geldes zu deinen Gunsten, hergestellt. Schule, Universität, Arbeitsstelle kannst du wechseln, dein Versprechen bleibt als solches an dir kleben.

Formulieren wir es vorsichtig: Verpflichtungen und Selbstverpflichtungen im Rahmen institutioneller Akte wie Versprechen, Geloben, Schwören haben kraft ihrer ontologischen Form, ihre Existenz einzig dem Akt zu verdanken, durch den sie ausgesagt werden, eine den Willen nötigende ethische Macht, die sich von der sozialen Macht unseres selbst oder durch andere konditionierten Willens unterscheidet. Gegebenenfalls ist die ethische Macht der Verpflichtung so stark, dass sie der äußeren sie fördernden Stimuli und Stützen wie beruflichen und privaten Erfolgs oder ihre Verletzung ahndender Risiken wie Ächtung und sozialer Isolierung entbehren zu können scheint.

Du hast vor Jahren vor den Beamten des Amtsgerichts und den anwesenden Zeugen deiner Frau das Ehegelöbnis ausgesprochen, das beglaubigt und ins Amtsregister eingetragen wurde. Das Versprechen der Treue und des Beistandes in allen Lagen war dir ernst und du hast es beherzigt. Du hast fleißig gearbeitet und eine berufliche Karriere aufgebaut, die es euch ermöglichte, ein nettes Häuschen anzugehen, die beiden Kinder wohl zu versorgen und auf gute Schulen zu schicken und euch da und dort schöne Urlaubstage zu gönnen. Nun, vorgerückten Alters, die Kinder sind aus dem Haus, musst du zu deinem Leidwesen erfahren, dass dich deine Frau vor langer Zeit über Jahre mit einem anderen Mann betrogen hat. Das gibt dem Rückblick auf dein Leben einen bitteren Beigeschmack und lässt dein einstiges Eheversprechen in einem fahlen Licht erscheinen. Du fühlst dich verraten, dein Lebenswerk scheint zu wanken.

Immerhin, könnte man sagen, sind da die Kinder. Immerhin geht es nicht um das Eheversprechen deiner Frau, das sie freilich gebrochen hat, sondern um das deine, und das hast du ja unversehrt gelassen. Wenn dein Versprechen an die Bedingung geknüpft war, dass deine Gefühle gegenüber deiner Frau die Frische und Kraft der Bejahung behielten, die sie hatten, als es dir über die Lippen kam, wäre dein Ehegelöbnis nicht unbedingt und aus eigener Vollmacht, sondern bedingt und aus fremden Motivquellen gespeist gewesen.

Bist du nicht kirchlich getraut, lässt das bürgerliche Gesetzbuch mittels des Scheidungsverfahrens in der Tat einen Widerruf des Eheversprechens zu, während das im Falle des katholischen Ehesakraments nicht möglich ist: Die Kirche sieht hier mit großer Klarheit und Bestimmtheit die ethische Macht des Versprechens und den autonomen Willen des Menschen, der zwar als gefallene Kreatur immerdar unter das Joch der Primärwünsche gebeugt bleibt, aber sie mittels der institutionellen Macht der Verpflichtung und der sakramentalen Macht des Gelöbnisses oder der Weiheformeln überformen und ersetzen kann.

Jul 23 13

Philosophieren XV

„Du siehst ja, mein Lieber, ich muss erst den Kleinen versorgen, dann kümmere ich mich um dich!“ – „Warte noch ein Weilchen, die Spaghetti sind bald fertig!“ – „Ab ins Bad und Hände waschen, was soll unser Gast denn denken!“ – „Der Reihe nach, bitte, jeder kriegt etwas vom Kuchen!“ – „Jetzt sitzen wir ganz still und falten die Hände! Großmutter ist jetzt im Himmel und schaut auf uns herab!“

Die Institution des Eigentums, haben wir gesehen, ist eine machtvolle Quelle des Rechts. Die Institution der Familie, sehen wir nun, ist die Pflanzstätte und die Volks- oder Elementarschule des Anstands. Anständig verhältst du dich, wenn du ohne zu jammern und zu nörgeln wartest, bis die Mutter deinen kleinen Bruder gewickelt hat und sich dann dir zuwendet. Auch auf das Essen ohne zu plärren oder zu mäkeln geduldig warten übt den Anstand. Dem Gast Achtung zollen, indem du ihm dein sauberes Pfötchen hinstreckst und dich manierlich bei Tisch beträgst, erhöht letztlich die Achtung vor dir selbst.

Du bist ja schon groß und kannst dich in Geduld üben, um dem Kleineren und Schwächeren den Vortritt zu lassen. So lernst du die Erfüllung eines noch so heißen Wunsches für eine kleinere oder größere Zeitspanne aufschieben. Den Aufschub erfährst und trainierst du zunächst, wenn es um die Bevorzugung des anderen geht: Der Sessel gebührt Großvater als Ehrenplatz bei seinem Besuch, da wirst du dich so lange nicht breitmachen und rekeln. Heute bekommst du Mamas altes Handy, später kannst du dir von deinem eigenen Einkommen ein tolles Smartphone leisten – jedes Familienmitglied mit dem neuesten Schnickschnack, den schicksten Markenklamotten, den angesagten Computerspielen einzudecken, gibt die Haushaltskasse nicht her.

Weil du fleißig im Garten, auf dem Feld, in der Werkstatt mitgeholfen hast, weil du Großmutter die Einkaufstasche getragen und Mutter beim Geschirrspülen geholfen hast, bekommst du ein Eis, eine Tafel Schokolade, darfst du heute länger aufbleiben. Weil du deiner Schwester die Murmeln weggenommen, deinen Bruder in der Schule verpetzt, deine Hausaufgaben gar nicht oder schlampig erledigt hast, darfst du heute kein Eis essen, das Fußballspiel nicht angucken, nicht ins Freibad gehen. Die Erfüllung der Anstandspflicht ist zu loben, die Verfehlung zu tadeln und abzustrafen – und dies auf angemessene, einfühlsame Weise, sodass der Größenordnung der Pflichterfüllung die Größe der Belohnung, der Größenordnung der Verfehlung die Härte der Strafe entspricht.

Werden diese Proportionen nicht gewahrt, züchten wir uns den verwöhnten, lebensuntüchtigen Querulanten und Kriminellen oder den verängstigten, feindseligen Unglücksraben heran. Zu viel Lob, zu üppige Belohnungen für eine läppische Bemühung, die sich eigentlich von selbst versteht, wie dass der Pimpf aufzustehen hat, wenn ein Älterer oder Gebrechlicher einen Sitzplatz benötigt, oder gar den Hosenscheißer mit Geschenken zu überschütten, der bloß faul in der Ecke liegt oder mit schmuddeligen Kindern aus dem Hof wieder Schabernack treibt: Damit füttern wir Maßlosigkeit der Ansprüche, Leistungsscheu und kriminelle Gier nach fremdem Gut sowie Schamlosigkeit im Betragen. Zu viel Tadel, zu harte Strafen für eine geringfügige Verfehlung oder gar ein unbeabsichtigtes Versehen, wie dass der strebsame Bursche eine schlechte Note nach Hause bringt, weil er wegen Krankheit die schulischen Übungen für die Klassenarbeit versäumt hat, oder aus lauter Spaß an der Freude im Schwimmbad in den Schwimmerbereich sprang und von dir herausgezogen werden musste: Damit verängstigen wir das Kind, hemmen seine fröhlich sich ausgestaltenden Neigungen, verdüstern seine Lebensfreude. Am Ende schleicht ein misstrauischer, neidischer und mürrischer Einzelgänger durchs Leben, der seine Anlagen brachliegen ließ, seine Wünsche und Lebensträume verriet, ein unglücklicher Mensch.

Im Kreise der Familie überformst du Gefühle der Unlust, Trauer und Niedergeschlagenheit zur komplexen sozialen Reaktion der Scham, Gefühle der Lust, Freude und Heiterkeit zur komplexen sozialen Reaktion des Stolzes. Wirst du als Kind rechtens einer Verfehlung, eines Verstoßes gegen die guten Sitten, einer lästerlichen Geste geziehen, ertappt dich die Mutter beim verbotenen Naschen, kommt dir der Vater bei einer hundsgemeinen Lüge auf die Schliche, schimpft dich die große Schwester, weil du hinter ihrem Rücken der Tante die Zunge rausgestreckt hast, dann läufst du rot an, stotterst irgendeine Entschuldigung vor dich hin und beugst verlegen den Kopf: Du bist beschämt. Wirst du für eine gute Tat gelobt, heimst du für eine besondere Leistung vor versammelter Mannschaft Applaus ein, wirst du für eine edle Handlung ausgezeichnet, lobt dich der Großvater dafür, dass du ihm die Leiter gehalten hast, der Vater für das glänzende Zeugnis, dankt dir die Mutter für die Pflege der Großmutter, strahlst du und reckst dich empor: Du bist stolz.

Scham und Stolz hervorzurufen und zu empfinden dient dem Haushalt der familiären Kommunikation: Scham dämmt antisoziales Verhalten ein und Stolz kittet und festigt das Wir-Gefühl. Denn weil Scham mit dem Gefühl der Unlust und Trauer verknüpft ist, wird deine Tochter alles daransetzen, Handlungen zu vermeiden, die ihr Tadel zuziehen und für die sie sich schämen muss. Ebenso wird dein Sohn, weil Stolz mit dem Gefühl der Lust und Freude verknüpft ist, alle Gelegenheiten nutzen, bei denen er sich mit guten, wertvollen und edlen Handlungen hervortun und für sie Lob und Belobigung einheimsen kann. Indes solltest du dein Kind nicht wegen eines geringfügigen Vergehens oder gar eines unbeabsichtigten Versehens beschämen – sonst gerät es dir bald unter der Hand zu einem eingeschüchterten, lebensuntüchtigen Trauerkloß. Und ebenso gilt für den Stolz: Übertreibe es nicht mit den Auszeichnungen, verleihe den Lorbeer nur sparsam, und juble nicht jedes Mal, wenn der Bursche mal den Müll rausgetragen hat, sonst gerät er dir zu einem asozialen Besserwisser, Besserkönner und Alleswoller.

Die Eltern tragen Verantwortung für das Wohlergehen und die Erziehung ihrer Kinder, die Kinder sind den Eltern und den Eltern der Eltern zu Dank, Gehorsam und Ehrerbietung verpflichtet. Die Familie ist der Ort, an dem die wesentlichen Regularien des Handelns, für jemanden und für etwas verantwortlich zu handeln beziehungsweise zu etwas verpflichtet zu sein und pflichtgemäß zu handeln, eingeübt und ausgeübt werden. Die Verantwortung der Eltern wird ihnen von den Schultern genommen, wenn ihr Vergehen, ihr Versagen oder ihr geistig-moralisches Unvermögen sie die Erziehungsberechtigung kosten. Die Kinder bleiben den Eltern ihr Leben lang verpflichtet, auch wenn sie sich ihnen teilweise oder vollständig entfremden.

Die Familie ist der Ort, an dem sich die wesentliche Inhalte des menschlichen Lebens vollziehen: heiraten und zeugen, gebären und nähren, spielen und lernen, wachsen und reifen, arbeiten und der Muße pflegen, plaudern und beten, Abschied nehmen und sterben. Um diese Lebensinhalte oder Sinnhorizonte unseres Hierseins keimen und erwachsen, wie Moos und Flechten um die Felsenquelle, die Moralia oder Ethica, die Gepflogenheiten und Bräuche, mit denen wir sie pflegen und hegen: Wir begehen Hochzeit und Geburt sowie die folgenden Geburtstage mit einer Feier. Wir sitzen gemütlich bei Kerzenschein, am Kamin, in der guten Stube, und Vater liest vor, Großvater erzählt eine seiner Schnurren, wir führen das frisch eingeübte Volkslied, den Popsong, das Streichquartett auf. Zum ersten Schultag erhältst du eine bunte Tüte mit Leckereien. Zur ersten Kommunion erhältst du ein Gnadenbild und einen Sinnspruch, zur Firmung einen Rosenkranz. Ihr feiert bald die goldene Hochzeit. Du bastelst für deinen Enkel zum Geburtstag, zum Namenstag, zur Einschulung einen Drachen. Du schneiderst für deine Enkelin zu ihrer Hochzeit, dem Faschingsball, ihrem ersten Konzertauftritt als Klaviersolistin ein hübsches Kleid. Morgen zeigst du dem Enkelsohn im Garten, wie man die Hecken, die Büsche, die Rosen beschneidet. Morgen zeigst du der Enkeltochter, wie man an der Töpferscheibe den Ton zur Vase formt. Die Kinder waren tapfer und mit ganzem Herzen bei der Pflege der Großmutter. In drei Tagen nehmen wir in einem Trauergottesdienst Abschied von der Großmutter und gestalten die Beerdigung still im Familienkreis. Wir haben im Gasthof das Hinterzimmer reserviert, um im Anschluss an die Beisetzung ihr Leben mit Anekdoten und Histörchen und sogar lustigen Geschichten Revue passieren zu lassen. Heute Abend vor dem Abendessen am großen Esstisch, wo ihr Platz leer bleibt, falten wir gemeinsam mit den Kleinen die Hände und gedenken ihrer im stillen Gebet.

Die Institution der Familie bewahrt und tradiert die Zeichen des Lebens: Urkunden, Symbole, Wappen. Etliche prägt und schöpft sie selbst, andere sammelt sie ein von den Gruppen, Institutionen und Organisationen wie Ämtern, Schulen oder Vereinen, die ihre Mitglieder durchlaufen, und präsentiert sie gerne den staunenden Gästen. Die Geburtsurkunde des neuen Weltenbürgers fügst du ins Stammbuch. Die Zeugnisse der Kinder hebst du auf wie ihre Bilder und Kritzeleien. Du nähst und heftest das Sportabzeichen, das Pfadfinderwappen, das Schul- oder Hochschullogo ans Revers, auf das T-Shirt, an den Beutel. Die Geburts-, Hochzeits- und Todesanzeige schneidest du aus und legst sie ins Album. Den Totenschein heftest du zu den letzten Fotos.

Du weißt um die Bedeutung der großen, führenden, geschichtsmächtigen Adels- und Kaufmannsfamilien, die über Siegel und Wappen mit den Insignien, allegorischen Bildnissen und Zeichen verfügten, die ihre Hausmacht, ihren Anspruch auf Herrschaft und politischen Einfluss, ihr Mäzenatentum symbolisch überhöht zum Ausdruck brachten. Diese zur Elite des Landes gehörenden Familien waren untereinander in der Eintracht des Handels und in der Zwietracht materieller, finanzieller und kultureller Konkurrenz verbunden, die sich bis zur Fehde und zu blutigen Händeln steigern konnte. Auf den Burgen und Schlössern wurde dann nicht mehr gefeiert, von den Türmen und Zinnen wurde geschossen. Die Konkurrenz um den größten Reichtum, die schönsten Frauen, die edelsten Pferde und die kostbarsten, sublimsten Kunstwerke, aber auch die Kräfte, Geld, Ressourcen verzehrenden Kämpfe und kriegerischen Auseinandersetzungen führten zum Untergang manch einer Sippe, aber auch zu Aufstieg und Sieg und zur Alleinherrschaft der mächtigsten, ehrgeizigsten, intrigantesten Familie: der Familie des Königs.

So wird die Aristokratie, die Herrschaft der großen Familien, abgelöst und überformt von der Monarchie, der Herrschaft der königlichen Familie, im neuen Zentrum der Macht, dem Hof. Hier entwickelt sich ein neues Ethos, das Ethos des Staates, das die zentrale Machtausübung, die Souveränität, mit den höfisch-höflichen Sitten der Diplomatie verbindet.

Jul 22 13

Philosophieren XIV

All unsere Regungen sind natürliche Vorgänge. All unsere Empfindungen und Gefühle sind natürliche Regungen, sind Leistungen und Funktionen eines natürlichen Organismus. Dein Herz rast, dein Puls flattert, dein Atem ist flach: Du hast Angst. Das Herz geht langsam und gleichmäßig, dein Puls ist ruhig, dein Atem tief: Du fühlst dich sicher und wohl.

Die sensorischen Funktionen des Sehens, Hörens, Tastens und Riechens, die Empfindung für Wärme und Kälte, die Empfindung für Trockenheit und Nässe – sie eröffnen uns die Primärwelt unserer Sinne aus farbigen, leuchtenden, beschatteten Stoffen und Dingen, aus flüsternden, rufenden, leiernden, gellenden Stimmen, aus kratzenden, raschelnden, quietschenden, murmelnden Geräuschen. Wir erfühlen das weiche, kühle, saubere Kissen, das seidig strömende Wasser, schnuppern gerne nach dem Geruch von Kuchen und Schokolade, werden verführt und verlockt vom Duft der Astern, Rosen, Reseden des Gartens, spüren das heiße Züngeln der Flamme, die behaglich knisternden Scheite, das klitschnasse Fell des Hunds, die wohlige Trockenheit aufgewärmter Socken.

Die Gefühle sind den Empfindungen und sinnlichen Wahrnehmungen gleichsam sinnreich aufgepfropft und betten die Wahrnehmung in das Raster bedeutsamer Affekte ein. Die Gefühle wiederum tun ihren Dienst als Angeln an den Pforten der Bewegung: Du zuckst bang zusammen, wenn dich plötzlich eine Hand von hinten packt, ein schriller Ton lässt dich unwillkürlich den Kopf einziehen, das Gurgeln und Quellen von Wasser auf dem Moorweg lässt deine Schritte zagen und verhalten, der blendende Schnee erblühter Apfelbäume berauscht dich und zaubert dir ein Lächeln aufs Gesicht, ein Liebeslied auf die Lippen.

Das Kindergesicht wärmt dein Herz und besonnt dein Gemüt, die grüßend offene Hand, das Lächeln des Freundes beim Wiedersehen erfreuen und ermutigen dich, das finstere Gesicht des Nachbarn, sein böser Blick und sein Schnauben schüren dein Misstrauen, verursachen dir Unwohlsein und schlechte Träume. Gerne bleibst du bei der Frau mit dem Kinderwagen stehen, gerne triffst du dich wieder mit dem Freund, dem Nachbarn aber gehst du aus dem Weg. Sensation, Emotion und Motion, Empfindung, Gefühl und Bewegung bilden geschlossene Schaltkreise und Rückkopplungsschleifen, die unseren Lebensweg offen und licht halten, uns mit guten Orientierungen und angemessenen Handlungsimpulsen auf das hin versehen, was in unserer Umgebung los ist.

Du schrickst vor dem Schatten, dem Abgrund, dem Steinschlag zurück – das natürliche Gefühl des Schreckens und der Angst steht im Dienst der motorischen Reaktionen und Aktionen, die dich der Gefahr entkommen lassen, dich vor Verletzung und Tod schützen und bewahren. Du schüttelst dich vor Ekel und spuckst den Happen der Stulle mit der verdorbenen Fleischwurst aus. Du breitest Arme und Beine auf der Wiese aus, nachdem dich die Wanderung ermüdet hat. Das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit schenkt dir Ruhe und den Raum, deinen stillen Beschäftigungen und Gedanken, deinen Hobbys oder der Pflege deiner Kontakte nachzugehen. Das Gefühl der Frische und des Tatendrangs führt uns an den Schreibtisch, auf das Feld und den Garten, in Wiese und Wald, zu Tanz und Gesang, vom Gefühl der Erschlaffung und Müdigkeit übermannt suchen wir uns den Rastplatz, das heimelige Bett, das sichere Nest.

Gefühle wie Freude, Lust, Frische und Mut beflügeln uns und motivieren oder begleiten Bewegungen nach vorn in Raum und Zeit über die Schwelle der Wohnung und des Hauses, über die Grenze der Stadt und des Landes hinaus. Gefühle wie Angst, Ekel, Trauer und Niedergeschlagenheit lassen unser Aktionsfeld schrumpfen, stoßen uns in die enge, aber sichere Behausung der Wohnung und das wärmende Nest der Nahbeziehungen zu Eltern und Verwandten zurück.

Empfindungen erschließen uns die Umwelt und beleuchten unseren Weg, Gefühle sind die Wegmarken, die uns ins Licht, aber auch ins Dunkle und in die Irre führen können. Angst fühlen, wo keine Gefahr ist, hemmt und lähmt. Tatendrang, Mut und Übermut, wo der Weg scharf am Abgrund entlangführt, ist töricht und gefährlich. Dem Feind, der dunkle Drohungen raunt, aus Menschenliebe Menschenliebe unterstellen ist dumm und gefährlich. Dem Freund, der dir seine Neigung durch Rat und Tat bezeugt hat, zu unterstellen, er verberge wie der Fuchs im Schafspelz hinter seinem freundlichen Gesicht finstere und gehässige Motive, ist nicht nur unangemessen und verfehlt, sondern paranoid und ehrenrührig. Auf diese Weise brechen soziale Beziehungen nach und nach zusammen, Freundschaften gehen auseinander, Ehen scheitern.

Wenn wir bestimmten Wahrnehmungen nicht mehr die angemessenen Gefühlsregungen zuordnen, könnte das auf ein Durcheinander in unserem Gedächtnis deuten. Elementare Reaktionen wie das Zurückschrecken und der plötzliche Ekel laufen instinktiv ab und brauchen nicht durch das primäre Lernen der Konditionierung mit ihren sensorischen Auslösern verknüpft zu werden. Andere Reaktionen sind konditioniert und fußen auf der angemessenen Verknüpfung von sensorischem Auslöser und Handlung. Wenn es blitzt und donnert und du treibst dich auf freiem Felde herum, überkommt dich Furcht und du suchst dir ein bergendes Dach. Wenn früh Dunkelheit einbricht, heißt es für den Wanderer und den Bergsteiger, dem Gefühl der Unsicherheit und Ungeborgenheit mit dem Auffinden eines sicheren Unterschlupfs zu entraten.

Wenn du an paranoidem Misstrauen leidest, lösen die sensorischen Reize des Lächelns, der herzlichen Wärme, der guten Gaben von Kuchen und Plätzchen, die dir dein Freund mitbringt, weder die zugehörigen und angemessenen Gefühle der Freude, der Lust und der Sicherheit noch die entsprechenden Impulse zu Handlungen wie dich zärtlich zu nähern und Zärtlichkeit zu empfangen sowie Haltungen wie Vertrauen, Freundlichkeit und Gelassenheit aus. Andere, antagonistische Gefühle wie Unlust, Angst, Scham und Hass, andere, antagonistische Impulse zu Handlungen wie zu fliehen und dich zu verstecken sowie Haltungen wie argwöhnische Verstelllung, beißende Ironie und zynische Spottlust kommen dir in die Quere oder verwickeln sich mit den normalen Reaktionen zu einem unauflöslichen Knäuel ambivalenter Gefühle. Das mag durchaus daran liegen, dass du als Kind durch peinliche oder traumatisierende Erlebnisse auf eine ungute, schädliche und deinen Lebensweg mit großen Brocken verstellende Verknüpfung konditioniert worden bist. Ein böser Kerl hat dich mit süßem Lächeln und lieblichen Tönen zu sich gelockt, und dann geschah dir Übles.

Wir können falsche, schädliche und pathogene Verknüpfungen von sensorischen Stimuli und Gefühlen und Handlungsimpulsen durch ein geduldiges Verhaltenstraining rekonditionieren und mittels positiver Verstärkungen neue, gute, förderliche Verknüpfungen aufbauen. So lernst du allmählich, mühsam, trotz Rückschlägen, mittels immer neuer Aufbrüche und Annäherungen dem Menschen, der dir wohlwill, die Hand reichen, und dem Menschen, der dir übelwill, den Rücken zeigen.

Jul 22 13

Philosophieren XIII

Philosophieren heißt ruhig werden.

Philosophieren heißt Ruhe finden und all den künstlichen Aufregungen und Erregungen entkommen, die aus verfehlten Fragen, irregeleiteten Zwangsgedanken und zeit- und kraftzehrenden Scheinproblemen erwachsen.

Mit manchen Überlegungen gerätst du in eine Zwickmühle, hemmst und versperrst du den Weg deines Handelns, zergrübelst du deine Kraft in ineinander verbissenen Paradoxien. – „Wenn ich das schicke Sakko anziehe, hält sie mich für einen Snob. Wenn ich die zerschlissene Jeans trage, denkt sie vielleicht, ich sei ein Freak.“ – Hier kommst du leicht raus. Denn die Wenn-Sätze stellen keine vollständige und erschöpfende Alternative dar: Du bist nicht gezwungen, zwischen Sakko und Jeans zu wählen – zieh doch das grüne Shirt und die hellbraune Marken-Cordhose an!

Du gehst nach dem Regen den umlaubten Pfad durch die Gärten und gelangst unversehens an eine große Pfütze, die du mit einem Schritt nicht nehmen kannst. Also wendest du dich ein paar Schritte zurück, nimmst Anlauf und überwindest die Hürde. Du machst weiter deinen Weg, indem du auf diese Weise scheinbar den Rückweg antrittst. Du kommst ebenfalls weiter, wenn es dir gelingt, Hindernisse mittels Umwegen zu umgehen.

Du bist mal wieder spät dran und musst zur Arbeit. Wenn du die frühe Bahn noch erreichen willst, musst du dich sputen und hetzen. Wenn du dich abhetzt, könnten dein Herz und dein Kreislauf verrückt spielen, so wie kürzlich. Und wenn das passiert, kannst du die Fahrt zur Arbeit ganz vergessen. Wenn du dich indes in aller Ruhe und Gelassenheit fertig machst und die nächste Bahn nimmst, kommst du garantiert zu spät – und das nicht zum ersten Mal in diesem Monat. Dir könnte daraufhin eine Abmahnung drohen. – Nun, aus dieser Zwickmühle schlüpfst du ins Freie, indem du eine Güterabwägung anstellst: Es liegen jeweils hier das Gut Gesundheit, dort das Gut Arbeitsplatz in den Waagschalen. Da aber Gesundheit das primäre Gut ist, da du als kranker Mensch deiner Arbeit nicht mehr nachgehen kannst, neigt sich die Waage auf der Seite „Gesundheit“. Also bleibst du ruhig und nimmst in aller Gelassenheit das Risiko einer Abmahnung in Kauf. Solltest du abgemahnt werden, böte dir dies die Chance, über einen neuen Arbeitsplatz nachzudenken, an dem du immer frühzeitig erscheinst, weil er deinen Fähigkeiten und Neigungen besser entspricht oder wo dich freundlichere Kollegen begrüßen.

Du fürchtest dein Gesicht und dein Ansehen zu verlieren, wenn du vor den Blicken deiner Mitschüler, deiner Lehrer, der Prüfungskommission, deiner Freunde, deines Partners eine bestimmte Leistung nicht erbringst oder in nur eingeschränktem Maße erbringst, bestimmten Ansprüchen nicht genügst oder nur in eingeschränktem Maße nachkommst. – Anstatt dich über längere Zeit vergeblich abzustrampeln, ohne deine Ziele zu erreichen, weil du ihnen am Rande deiner Kräfte und Möglichkeiten hinterherhechelst, solltest du überlegen: Ein Ziel, das zu erreichen oder in befriedigendem Maße zu erreichen deine Kräfte und Fähigkeiten nicht ausreichen, solltest du nicht länger zum Mittelpunkt deiner Absichten machen. Also wechselst du die Schule oder das Studium und erlangst bessere Noten und die ersehnte Anerkennung. Wenn dir deine Freunde oder dein Partner das von dir gewünschte Maß an Aufmerksamkeit, Nähe und Zuwendung entziehen, weil du ihren Ansprüchen und Erwartungen nicht genügst, streiche ihre Namen und Adressen aus deinem Telefon- und Adressbuch! Suche dir Freunde und Partner, bei denen Erwartung und Erfüllung, Anspruch und Zuspruch ins Gleichgewicht gelangen.

Nichts ist weniger ohne Sinn und Funktion als die Tatsache, dass wir weite Strecken unseres Lebens uns unserer Zustände, Erlebnisinhalte und Absichten bewusst sind. Nichts ist weniger sinnlos als die Tatsache, dass wir uns täglich und stündlich Gedanken machen über unsere Lage, unsere Möglichkeiten, unsere Grenzen sowie die eigenen Ziele und Absichten und die Ziele und Absichten der anderen.

„Wenn ich jetzt dies tue, bewirke ich dann jenes.“ „Wenn ich jetzt dies tue, erreiche ich irgendwann jenes.“ „Wenn ich jetzt dies unterlassen, laufe ich Gefahr, jenes zu verpassen oder zu verlieren.“ Mit solchen Fragemustern und Musterfragen kommen wir weiter. „Wenn ich jetzt eine Pause an der Raststätte einlege, kann ich mich vom Stress etwas erholen und vermindere das Unfallrisiko.“ „Wenn ich diesen Job annehme, habe ich für die nächste Zukunft ausgesorgt.“

Weil du Gedanken dieser Art bilden kannst, darfst du es dir leisten, ohne Fesseln des Instinkts – gleichsam frei – herumzulaufen. Denn du kannst dir bewusst machen, vorstellen, imaginieren, was passieren würde, wenn du dieses tust oder jenes lässt. Zwar wird dir schwindlig, wenn du zu hoch steigst, aber leider nicht, wenn du zu hoch mit faulen Derivaten spekulierst, auf lahme Gäule wettest oder blind auf den falschen Partner, Freund, Kompagnon setzt. „Wenn ich in der Gesellschafterversammlung einen Antrag auf Aufnahme eines neuen Kredits stelle, könnte mir mein Geschäftspartner das Misstrauen aussprechen.“ Mittels des konditionalen Satzgefüges machen wir uns alternativer Abläufe in Ereignisreihen und Handlungsketten bewusst, die uns die Entscheidung für das risikoärmste oder risikoärmere, das erfolgversprechendste oder eher erfolgversprechende Handeln ermöglichen oder erleichtern.

Leute und insbesondere Philosophen, die fragen, weshalb sich „die Natur“ eine so kostspielige, aufwendige „Investition“ wie das menschliche „Bewusstsein“ leiste, stellen mit dieser Frage und Fragen dieser Art unter Beweis, dass es sich bei ihrem Bewusstsein in der Tat um einen überflüssigen Luxus handelt. Natürlich werden in der Natur keine Investitionen getätigt, das zu tun ist allein Menschen im Rahmen zivilisierter Institutionen wie Geld, Banken und Märkten möglich.

Philosophieren heißt ruhig werden und beunruhigende, aber irregeleite Fragen auflösen. – „Alles hat seine Zeit, alles hat einen Anfang in der Zeit – und die Zeit selbst?“ Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, die Schlange verschlingt sich selbst, und dem verirrten Frager gelingt es nicht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf seiner selbstgegorenen Aporien zu ziehen.

Wie es zu unserem Begriff der Person gehört, verkörpert zu sein, und zu unserem Begriff des Körpers, Raum einzunehmen, so gehört es zu unserem Begriff der Zeit, Anfangspunkt, Verlauf und Endpunkt eines Ereignisses oder einer Handlung zu bezeichnen. Der Begriff der Person ist keine Person, der Begriff des Körpers ist kein Körper und der Begriff der Zeit hat keinen Anfangspunkt, keinen Verlauf und keinen Endpunkt.

„Was machte Gott, bevor er die Welt schuf?“ „Die Ruten, mit denen er am Jüngsten Gericht die Leute züchtigen wird, die solche Fragen stellen!“

Unlösbar scheinende Fragen sind falsch gestellte Fragen. Unlösbar scheinende Probleme sind Scheinprobleme.

Es gibt immer ein mehr oder weniger offener, mehr oder weniger lichter Horizont möglicher Antworten, wahrscheinlicher Alternativen. Wenn der Horizont sich wie aufeinander gepresste Lippen endgültigen Schweigens verengt, wenn am Horizont die ewige Nacht aufzieht – lass das Ruder deines schwanken Lebenskahnes fahren dahin, lehne dich weit zurück und nähre deine Blicke zum letzten Mal mit dem Licht der langsam verlöschenden Sterne, verströme Dankbarkeit noch mit deinem letzten Atemzug.

Jul 21 13

Philosophieren XII

Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst.
Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst.
Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung.
Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde.
Auf der Grundlage einer DNS-Analyse wurde der Nachweis erbracht, dass er der Mörder war.
Auf der Grundlage einer DNS-Analyse konnte die Annahme bekräftigt werden, dass er mit einiger, hoher, sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder war.

Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst. – Dass gewisse Gegebenheiten und Begebenheiten auf der Hand liegen, sonnenklar, offensichtlich, augenscheinlich und evident sind, drücken wir dadurch aus, dass wir den Sachverhalt in einen schlichten Satz packen und mit Zusätzen garnieren wie „Das ist doch sonnenklar, offensichtlich, augenscheinlich, evident!“

Wir können uns leicht eine Situation des Alltags denken, in die der genannte Satz gut hineinpasst, so wenn du im Kaufhaus eine neue Hose anprobieren willst, die dir augenscheinlich zu eng ist und deine Begleitung dich darauf aufmerksam macht. Sollen wir hier noch weiter fragen und grübeln?

Überlassen wir das dem Philosophen, der gerne auf den harten Fels letzter Wahrheiten stößt. Die letzte Wahrheit ist hier, dass du als eine körperbehaftete Entität Eigenschaften aufweist, die nun einmal Körper an sich haben: eine gewisse Größe zu haben zum Beispiel, die einem Körper in eine Öffnung zu passen erlaubt oder nicht, ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Dauer in der Zeit, in der derselbe Körper wieder auftaucht, auch wenn er dir aus deinem Gesichtsfeld hinter einer Wand oder vielen Wänden und Gebäuden und Gegenden entschwunden ist, als derselbe Körper, auch wenn er durch natürliche Verwitterungs- und Alterungsprozesse dir bis zur Unkenntlichkeit verändert erscheint. Auch du bist solch ein Körper mit der interessanten Eigenschaft, nur in Aspekten sichtbar, wahrnehmbar und erschließbar zu sein: Ein Körper ist ein kompaktes Ding in unserem Wahrnehmungsfeld, das sich bewegt oder stillsteht, gemessen an deinen Bewegungen, ein Ding, das du von vorn, von hinten und von den Seiten betrachten kannst, aber nur nacheinander, nicht gleichzeitig von allen Seiten. Der Körper ist ein Komplex von Teilen, Atomen, Molekülen, Quarks – hineinschauen können wir schlecht und gründlich nur mit komplizierten Apparaten, und Atome und Moleküle sind für das bloße Auge unsichtbar, Quarks als theoretische Entitäten ebenso. Hinten hast du keine Augen, und was du vor dir von deinem Körper sehen kannst, ist ein seltsames Zerrbild des Körpers, den du aus dem Spiegel kennst.

Wir können sodann an diesen wie an alle anderen Körpern die wissenschaftlichen Verfahren der Vermessung anlegen und damit eine metrische Objektivierung unserer Aussagen über Zeit und Ort seines Aufenthalts vornehmen und seine verschlungenen Bewegungen durch Straßen und Gassen, Viertel und Städte und Länder auf Land-, Wasser- und Luftwegen von der Entstehung, Herstellung oder Erzeugung bis zu seiner Auflösung oder seinem Tod ziemlich genau nachzeichnen. Der Messtechniker hat seine Freude an den mit modernster GPS-Technik gewonnen Daten.

Der Philosoph lernt einsehen und hinnehmen, dass seine letzten Wahrheiten ein trockenes Bündel trivialer Aussagen sind, die sich gegen unsere weiterbohrenden Fragen gleichsam spröde und abweisend verhalten: Warum haben wir einen Körper? Ja, weil es zu unserem Begriff der Person gehört, verkörpert zu sein, denn Personen sind wie alle Gegenstände Bestandteile des Raum-Zeit-Systems. Unkörperlichen Seelen und Gespenstern können wir zur Begrüßung nicht die Hand schütteln, nicht ermutigend auf die Schulter klopfen oder zum Abschied auf die Wange küssen. Ein Schatten zeugt mit einem Schatten keinen Schatten. Warum haben Körper Größe und Gewicht, warum sind Körper nur in Aspekten zugänglich? Ja, weil es zu unserem Begriff des Körpers gehört, Größe und Gewicht zu haben, und aus Teilen zu bestehen, die nicht zur Gänze und auf einen Schlag in unser Gesichts-, Merk- und Forschungsfeld treten.

Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst. – Aufgrund der Beobachtung deines Verhaltens kann ich dem auf die Spur kommen, was du denkst und glaubst, was du beabsichtigst und vorhast. Ich schließe aus deinen Bewegungen und Verrichtungen auf das, was du willst, auf das, was du denkst. Ein sicheres Wissen kann ich mit einer solchen Methode nicht erlangen – ich könnte einem Fehlschluss aufsitzen, wenn es sich herausstellt, dass du bei jedem Wetter die Marotte pflegst, deinen Regenschirm mitzunehmen: Dann liege ich zwar richtig mit der Annahmen, dass du spazieren zu gehen beabsichtigst, nicht aber mit der Annahme, dass du glaubst, es werde bald regnen. Auch wenn es tatsächlich zu regnen begänne, kaum dass du deinen Fuß ins Freie gesetzt hättest, rechtfertigte diese Tatsache nicht meine Annahme, dass du vermutest hast, es werde bald regnen. Hier komme ich nur weiter, wenn ich dich frage.

Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung. Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde. – Um eigene oder Überzeugungen und Annahmen anderer zu benennen, stellen wir einem dass-Satz (einem indirekten Aussagesatz) beziehungsweise dem entsprechenden erweiterten Infinitiv einen Ausdruck des Meinens voran.

Du hast den Inhalt deiner Überzeugung, nämlich die chemische Zusammensetzung von Wasser, einem Lehrbuch der Chemie entnommen oder bei eurem Experiment im Chemieunterricht, bei dem ihr Wasser je in ein Teil Wasserstoff und zwei Teile Sauerstoff aufgelöst habt, ad oculos vorgeführt bekommen. Es handelt sich bei diesem Inhalt also um eine durch wissenschaftliche Verfahren der Analyse und Synthese erhärtete, nachgewiesene Annahme. Dennoch kannst du deine mit der Annahme aller Wissenschaftler harmonierende Überzeugung nicht als Weisheit letzten Schluss ausgeben und ihre letztgültige Gewissheit bekräftigen – es könnte sich ja einmal erweisen, auch wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass ein neues Experiment durch den Nachweis einer winzigen Spur eines dritten Elements die Hypothese umstürzt.

Hartnäckig fest- und hochgehaltene Annahmen wie die Bewegung der Sonne um die Erde oder der Antrieb der Organismen zu Vermehrung, Wachstum und Entwicklung durch einen élan vital haben sich als unhaltbar erwiesen, und zwar aufgrund genauerer Beobachtungen mittels genauerer Instrumente und aufgrund der Einbettung der neu ermittelten Beobachtungsdaten in ein neues theoretisches Rahmenwerk, mit dem die Fehlannahmen der alten Theorie erklärt und bessere und weitreichendere Annahmen abgeleitet werden können.

Wir können mit der konditionalen Satzfügung unter Verwendung des irrealen Konjunktivs Weltentwürfe skizzieren, die sich zu den hierzulande vorfindlichen und üblichen Bedingungen konträr oder kontradiktorisch verhalten. „Wenn auf einem fernen Planeten ein gewisses Nass nicht aus den chemischen Elementen bestünde, aus denen bei uns Wasser besteht, das aber ansonsten nach Aussehen, Geruch, Geschmack und den landläufigen Aggregatzuständen ganz unserem Wasser gleicht, wären wir berechtigt, es dennoch Wasser zu nennen oder nicht?“

Diese bekannte Frage läuft darauf hinaus, die Genauigkeit und Widerstandsfähigkeit unserer Verwendung von Begriffen auszuloten. Wir müssen davon ausgehen, dass wir auf Gegenstände wie Dinge und Personen einigermaßen genau Bezug nehmen können, weil sie raum-zeitlich ein festes Kontinuum der Vergegenwärtigung ausfüllen, das wir mit unseren Instrumenten wie Augen, Ohren und GPS-Sonden gut abmessen können. Anders steht es um in der Raum-Zeit zerstreute und vagabundierende Stoffe wie Wasser, Sand oder Müsli: Hier können wir den genauen Bezug nur rechtfertigen, wenn wir eine Etage tiefer gehen und uns ihrer chemischen, organischen und anderweitigen Zusammensetzung als Mittel der Identifizierung annehmen – wobei wir uns die Sache durch Querulanten-Fragen wie „Sind 5 Körner schon ein Häuflein Sand?“ oder „Ab wie vielen Flocken sprichst du denn von Müsli?” nicht madig machen lassen. Also, schließen wir hier: Wäre jenes ominöse Nass anders als Wasser zusammengesetzt, wären wir schlecht beraten und nicht gerechtfertigt, es Wasser zu nennen.

Auf der Grundlage einer DNS-Analyse wurde der Nachweis erbracht, dass er der Mörder war. – Auf der Grundlage einer DNS-Analyse konnte die Annahme bekräftigt werden, dass er mit einiger, hoher, sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder war. – In beiden Aussagen wird behauptet, eine Tatsache bestehe aufgrund des Bestehens einer anderen Tatsache – die gewöhnlichste Form der Begründung. Eine DNS-Analyse kann die Identität eines Menschen erweisen und damit die Identität dessen, der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit gehandelt hat, zum Beispiel einen anderen Menschen ermordet hat. Sie kann aber nicht zum Nachweis verwendet werden, dass sich ein bestimmter Mensch zu einer bestimmten Zeit genau an diesem Ort aufgehalten hat, an dem der Mord stattfand. Folglich ist die erste Aussage ohne zusätzliche Angaben und Nachweise nicht zu rechtfertigen, während man an der zweiten solange festhalten kann, bis das Gegenteil bewiesen wird.

„War es denn so? Hat es sich so und nicht anders abgespielt? Könnte es nicht sein, dass der Verdächtige nicht der Täter ist, weil er zwar am Tatort gewesen ist, aber zu einer anderen Zeit als der Tatzeit?“ Mittels der Anwendung des konditionalen Satzgefüges erschließt du dir ein alternatives Modell für den Tathergang, das die Bedingungen des Geschehens um den entscheidenden Faktor Zeit erweitert.

„War es denn so? Hat es sich so und nicht anders abgespielt? Könnte es nicht sein, dass der Verdächtige, dessen DNS-Spuren zwar am Tatort gesichert worden sind, der aber zur Tatzeit an einem anderen Ort von mehreren Zeugen gesichtet worden ist, dennoch hinter der Tat steckt, weil er den Mörder gedungen hat?“

„Er ging zum Kühlschrank, weil er durstig war.“ „Er ging zum Kühlschrank, weil er etwas trinken wollte.“ Wir erklären Ereignisse und Handlungen, indem wir unsere Aussagen mit Hinweisen auf sach- und ereignisbezogene Ursachen oder intentionale Handlungsgründe versehen. „So und so viele Photonen schossen in seine Iris und verursachten über die Weiterleitung der neuronalen Stimuli über den Sehnerv in das Sehzentrum ein visuelles Bild.“ „Er blickte sie fragend an.“

Wissenschaft entsteht aus dem Nachdenken über die Verwendung des kausalen „weil“. Unser Alltagsverständnis, die Fähigkeit, uns selbst und die anderen zu verstehen, erwächst aus der Verwendung und dem Nachdenken über die Verwendung des intentionalen „weil“. Weil uns das Deutsche hier mit einer einzigen Konjunktion knapp hält, solltest du, um den intentionalen Grund klar von der sach- und ereignisbezogenen Ursache unterscheiden zu können und diesen Unterschied anzuzeigen, statt der Konjunktion „weil“ die Konjunktion „damit“ oder „auf dass“ oder den finalen Infinitiv „um zu“ verwenden. Forme also den Satz „Er ging zum Kühlschrank, weil er etwas trinken wollte“ um in die Sätze: „Er ging zum Kühlschrank, damit (auf dass) er etwas trinke“ oder „Er ging zum Kühlschrank, um etwas zu trinken“.

Wissenschaftliche und alltägliche Erklärungen widersprechen sich nicht, sondern verhalten sich komplementär zueinander. Die wissenschaftliche Psychologie sucht unser Verhalten durch Antriebe, Motive und Konditionierungen zu erklären, die sie aus natürlichen Quellen und sozialen Umwelten ableitet. Wir kennen das Durstgefühl gut, und es anzuführen genügt uns, eine Handlung zu verstehen. Die Neurobiologie untersucht die sensorischen Stimuli und ihre Verarbeitung in den neuronalen Netzwerken. Wir wissen, was es heißt dumm aus der Wäsche zu schauen oder neugierig, lüstern oder enttäuscht, wissend oder fragend zu blicken.

Unsere Erklärungen sind auch dann nicht schlecht oder sogar zufriedenstellend, wenn es uns gelingt, das zu erklärende Phänomen mittels begrifflicher oder technischer Hilfsmittel wie Bleistift und Papier, eines Fotoapparats, der Videofunktion des Smartphones oder einer Software zur 3-D-Darstellung von eingegebenen Daten zu imitieren, zu modellieren und zu simulieren. Du machst gleich ein Foto von der Unfallstelle, um einen Nachweis zu erhalten, wie sich der Unfall zugetragen hat, dass nämlich der Unfallverursacher von links einbiegend die Vorfahrt missachtet hat. Die Wissenschaftler der NASA untersuchen das Mars- oder Mondgestein, um ein Modell der Entwicklung des Planeten zu entwickeln oder das in der wissenschaftlichen Community anerkannte Modell zu untermauern oder in Zweifel zu ziehen. Evolutionsbiologen simulieren am PC mittels 3-D-Techniken anhand weniger paläontologischer Spuren von Knochen und Gebiss Organismen ausgestorbener Arten und von Vorläufern heute lebender Arten, um etliche Aufschlüsse über ihre Bewegungs-, Ernährungs- und Lebensweise zu erhalten.

Jul 19 13

Philosophieren XI

Handeln ist die Verwirklichung deiner Absichten und Zwecke mit geeigneten, angemessenen Mitteln: Mit den über das zentrale Nervensystem gesteuerten Muskelkontraktionen und -laxationen deiner Arme, Beine und Hände, und vor allem deines Mundwerks, nimmst du Einfluss auf das große Weltgeschehen inmitten deiner kleinen Lebensprovinz.

Willst du die geeigneten Mittel wie Kleidung, Deo oder Blumen zu einem vorgegebenen Zweck wie einem Rendezvous oder aus der Reihe dir gleichzeitig sich anbietender Zwecke wie eines Rendezvous, des Besuchs des Vortrags deines Doktorvaters und der Teilnahme an der Sitzung einer berühmten Wahrsagerin, die nur an diesem Nachmittag in der Stadt gastiert, den für deine gegenwärtige und künftige Situation passendsten und eher zuträglichen, eher förderlichen auswählen und diesen Zweck zu deiner Absicht erklären, solltest du dich in vernunftgeleiteten Erwägungen ergehen.

Die Mittelwahl gelingt dir diesmal auch bei herabgedimmtem Verstand: Beim Friseur warst du, gebadet hast du, die Kleidung stimmt und ein letzter Blick in den Spiegel sagt dir: Viel Glück bei deinem Date!

Anders ist es um die begründete Wahl des Zwecks aus der vorliegenden Reihe von Zwecken bestellt: Hier musst du auf der Grundlage von Güterabwägungen und der Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten zur guten oder richtigen Entscheidung kommen. Das Rendezvous könnte den Beginn einer tragenden Verbindung darstellen. Den Vortag deines Doktorvaters solltest du nicht verpassen, sonst könnte er düpiert sein, und das könnte dir bei deiner momentanen Leistungsbilanz übel ausschlagen. Und wenn du ein Astro-Fan bist und den Glauben an die Sterne von allen vernünftigen Gegenargumenten abgeschottet hast, zieht es dich magisch zur Sitzung der berühmten Wahrsagerin.

Nur wenn in deinen Gedanken aufgrund eines überzeugenden Kalküls oder wegen gefühlsmäßiger Aufwallung eine der drei Optionen Oberwasser bekommt, wirst du handeln. Wenn alle drei oder zwei sich mit gleicher Schwere gegenseitig blockieren, kannst du entweder würfeln oder musst zu Hause bleiben.

Du überlegst so: Wenn mein Rendezvouspartner mehr als oberflächliches Interesse an mir hat, wird er bereit sein, eine plausible Entschuldigung zu akzeptieren und das Rendezvous zu verschieben. Damit ist diese Option freigestellt und nichts ist verloren. Meinem Doktorvater sende ich eine freundliche Mail und teile ihm mit einem Ausdruck des Bedauerns mit, dass ich wegen Krankheit leider um den Genuss seines Vortrags komme. Das wird das Risiko, seinen Unmut in der Bewertung der Dissertation oder während der Disputation zu spüren zu bekommen, verringern oder ganz beseitigen. Also gehe ich zur Wahrsagerin! – Erhoffst du dir von dieser doch klare Auskünfte und gute Ratschläge für deinen weiteren Lebensweg – und eben dies scheint dir der passendste, eher zuträgliche und eher förderliche Zweck in deiner augenblicklichen Lage zu sein.

So hast du mit guten Gründen und plausiblen Erwägungen eine Entscheidung für eine Sache getroffen, die die meisten für uns als irrational und obskur abtun dürften. Und doch ist es gerade solch ein Weg der Überlegung und Entscheidung, den wir oft mit all unserer Verstandeskraft und mit allen guten Geistern oder auch von allen guten Geistern verlassen beschreiten, auch wenn er uns am Ende in Teufels Küche führt.

Also versuche es noch einmal. Du taxierst zunächst die Risiken nach dem Schweregrad der Bedrohung, die sie für dich haben: Risiko, den Partner fürs Leben zu verpassen (80 Punkte), Risiko, deine Promotion zu vermasseln und dadurch beruflich ins Abseits zu geraten (80 Punkte), Risiko, aufgrund der verpassten Ratschläge einer berühmten Wahrsagerin dich auf deinem Lebensweg zu verirren (20 Punkte). Dann bewertest du die Wahrscheinlichkeit, mit der jedes der genannten Risiken tatsächlich eintreten dürfte: Partnerverlust 50 Punkte, berufliches Scheitern 60 Punkte, Verpassen der Wahrsagerin 100 Punkte. Dann multiplizierst du die zugehörigen Punkte (4.000, 4.800, 2.000), um zu sehen, welche Größe dir das zu vermeidende Risiko anzeigt, und kommst zum Ergebnis, dass es klüger und ratsamer ist, das Rendezvous und das Treffen mit der Wahrsagerin sausen zu lassen und dem Besuch des Vortrags deines Doktorvaters den Vorzug zu geben.

Das Ergebnis scheint dir plausibel. Denn die Promotion zu vermasseln wiegt in deiner gegenwärtigen Lebenssituation am schwersten. Das Argument, dein Rendezvouspartner werde, wenn es ihm denn ernst ist, sich auf die Verschiebung eures Treffens einlassen, gilt weiterhin. Und die Bedrohung, die aufgrund nicht erteilter Ratschläge einer Wahrsagerin über dir schwebt, ist doch eher gering zu veranschlagen.

Steigen wir kurz auf die Gipfel der Zeit und schnuppern die Höhenluft historischer Entscheidungen. Als Cäsar den Rubikon überschritt, verfolgte er die Absicht, mit seinen Truppen auf Rom zu marschieren. Als Cäsar mit seinen Truppen auf Rom marschierte, verfolgte er die Absicht, die Macht des Senats zu stürzen und den Feldherrn Antonius, hinter den der Senat sich verschanzt hatte, zu warnen. Als Cäsar mittels des Einmarschs in Rom die Macht des Senats stürzte, verfolgte er die Absicht, eine neues Machtgefüge und eine neue Staatsform in Rom zu etablieren.

So weit können wir die ineinander geschachtelten Absichten des großen Feldherrn ans Licht ziehen. Tatsächlich etablierte sich in der Folge von Cäsars absichtsvollem Handeln und dem darauf entfesselten Bürgerkrieg eine neue Staatsform in Rom, das augusteische Kaisertum. Dies absichtsvoll herbeiführen zu wollen können wir dem Handeln Cäsars allerdings nicht entnehmen. Die Errichtung des Kaisertums in Rom ist eine indirekte Konsequenz von Cäsars Handeln, die nicht im bewussten Fokus seiner damaligen Absichten lag und liegen konnte.

Du bist also brav zum Vortrag deines Doktorvaters gegangen. Indes ging die Sache nicht gut aus: Dein Rendezvouspartner, dem du per Mail eine plötzliche Erkrankung als Vorwand nanntest, um euer Treffen zu verschieben, erschien doch tatsächlich auf der Veranstaltung, da er um die Tatsache deines Promotionsverfahrens bei dem Referenten wusste und dir gerne, soweit es in seinen Kräften stand, Bericht davon geben wollte. Von Stund an haben sich eure Wege getrennt: Diese unbeabsichtigte Folge deines absichtsvollen Handels musst du in den Kauf nehmen und ertragen lernen.

Jul 19 13

Philosophieren X

Was ist wem wo seit wann zu eigen? Was dir zu eigen ist, gehört dir, sind deine Eigenschaften oder dein Eigentum. Eigenschaften wie die Eigenschaft, so und so groß und so und so alt zu sein, Mann oder Frau zu sein, der weißen oder gelben Rasse anzugehören, einen großen oder geringen Verstand zu haben, mutig oder feige, jähzornig oder kaltblütig zu sein, sind natürliche Eigenschaften, die überhaupt nicht oder nur in geringem Maße deiner Willkür unterliegen. All das, worüber du ansonsten noch verfügst, sind Fähigkeiten und Kenntnisse wie die Fähigkeit, Fahrrad oder Auto zu fahren, oder die Fähigkeit, neben deiner Muttersprache andere Sprachen zu beherrschen, oder Kenntnisse über höhere Mathematik. Diese Fähigkeiten und Kenntnisse hast du dir angeeignet, und du kannst sie zur Verwirklichung deiner Absichten unter Wahrung der gesetzlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen nutzen: Fahre also mit dem Auto, wohin du willst, doch bei uns bitte auf der rechten Fahrspur!

Aneignungen sind die Basisfunktionen des Lebens wie der Kultur. Du musst, das Leben zu fristen, deinen Hunger und deinen Durst stillen und alles Nötige unternehmen, dir Nahrung zu bereiten oder zu verschaffen. Du vertilgst die Nahrung, schluckst das Wasser, und dein Magen und dein Darm erledigen über die verwickelt-kunstvollen Verfahren der Verdauung und des Metabolismus die Aneignung und Assimilierung der Nährstoffe, deren deine Fortexistenz bedarf. Am Ende gelangen aufgefrischte Blutzellen zu allen Organen deines Körpers und versorgen sie mit Energie. Und du setzt ein zufriedenes, vielleicht etwas dümmliches Lächeln auf.

Das Unbekömmliche und Unverdauliche pflegen wir auszuscheiden, zu entsorgen und unschädlich zu machen. Wir spülen, wir betätigen die Spülung. Wir müssen auch mit uns selber ins Reine kommen. Und das, was uns an Dingen und in der Begegnung mit Personen nicht zuträglich oder unzumutbar, ja verderbenbringend und vergiftend ist, von uns fernhalten oder entfernen. „Die höhere Mathematik hast du wohl nicht verdaut!“

Dadurch, dass du dir etwas aneignest, und durch das, was du dir aneignest, erfährst, erlebst, erlernst du, wer und was du bist. Etwas ist dir zu eigen, wenn und solange wir, die Gemeinschaft, die dich trägt und birgt oder ausstößt und unschädlich macht, die Familie, die Sippe, der Staat, es dir zueignen, das heißt als dir eigentümlich oder als dein Eigentum dir zusprechen. Wenn du rechtens erworben hast, was dir zu eigen und was nun dein Eigentum ist, untersteht es deinem Willen, steht es dir zur freien Verfügung, kannst du damit schalten und walten, solange wir es dir zueignen und zusprechen. Für deinen Anspruch auf das, was du die rechtens angeeignet hast, für deinen Anspruch auf dein Hab und Gut erhältst du unseren Zuspruch.

Wir entziehen dir unseren Zuspruch und bestreiten oder setzen deinen Anspruch auf dein Hab und Gut außer Kraft aufgrund der Tatsache, dass du es dir widerrechtlich durch Formen der Missachtung und des Verstoßes gegen unsere Gesetze, durch Hehlerei, Veruntreuung, Erbschleicherei, Erpressung, Diebstahl und Raub, angeeignet hast.

Das Eigentum als Institution, die einen Anspruch anmeldet und einen Zuspruch findet, ist die Grundlage unseres zivilen, halbwegs befriedeten sozialen Lebens und der Ursprung aller kulturellen Entwicklungen. Den Garten, den du von den Großeltern geerbt hast, pflegst du, schon aus Pietät und Hochachtung den Verstorbenen gegenüber. Du willst ihn nicht den natürlichen Prozessen der Verwilderung aussetzen, denn es ist dein Garten. Du bist stolz darauf, dass er deine Mühen, dein Jäten und Säen, dein Pflanzen und Düngen mit reicher Ernte von Obst und Beeren, mit schöner Blüte und angenehmen Düften belohnt. Während dort drüben der alte Garten von Unkraut strotzt, denn der Eigentümer ist verstorben und ein Nachfolger oder einer, der sich verantwortlich fühlte und sich der Sache annähme, außer Sicht. Du aber wirst erfinderisch, darauf aus, den Geschmack des Apfels zu versüßen, die Farbe der Rose aufzuhellen, und übst dich in der Auslese der Sämlinge und in der Kunst des Propfens. Freche Eindringliche oder Parasiten, seien es Schnecken, seien es Läuse, weißt du unschädlich zu machen. Bösen Buben und Dieben schlägst du auf die garstigen langen Finger. Deine Kinder und Enkel haben in deinem Garten ein Paradies der Spiele und Lustbarkeiten. Und den Jüngsten, der so anstellig mit dem Rechen umgeht und eine grüne Hand zu haben scheint, ihn hast du als Erblasser zum Erben bestimmt. Das sind die Ansprüche, die dein Hab und Gut dir freistellt und uns freigibt: Hege und Pflege, Schönheit und Ordnung, Recht und Gesetz.

Schönheit und Ordnung, Perfektion und Glanz, Erfindungsgabe und Kunstsinn – all dies wächst und gedeiht in der Atmosphäre der Institution des Eigentums wie der Efeu am alten Stamm der Eiche. Dein Haus mit einem komfortablen Bad auszustatten, deinen Wagen mit einer High-Tech-Musikanlage, dein Büro mit einem superschnellen Rechner – diese Investitionen vergrößern nicht nur den Wert deines Eigentums und erhöhen nicht nur den Komfort deines Lebens und die Effektivität deines Arbeitens – sie sind auch eingebettet in den Kreislauf des Marktgeschehens, in dem die Nachfrage nach besseren Gütern den Erfindungsgeist und die technischen Finessen der Hersteller im Wettbewerb um die Gunst des Käufers weckt und beflügelt: Handwerkliche Perfektionierung, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt sind eine Funktion und ein Folgeeffekt der Institution des Eigentums.

Häuser, die allen gehören und keinem, wie bald hausen Ratten oder Landstreiche und anderer Pöbel darin, aufgegebene Wingerte, brach liegende Flächen, wie bald überwuchert sie hässliches Kraut. Die verschworenen Gegner der Institution des Eigentums sind die Totengräber der Zivilisation und die Götzendiener des Chaos, der Unordnung, der Unvernunft.

Um die Wohnung in Ordnung und sauber zu halten, musst du dem natürlichen Prozess der Verwahrlosung und zunehmender Unordnung Einhalt gebieten und wieder Ordnung und Sauberkeit in die Bude bringen: Das geht nur durch Aufwand an Mühe und Energie, durch Wischen und Putzen. Bei der Verschönerung der Fassade deines Hauses und der Vermehrung der Blumenpracht deines Gartens lohnt sich die Mühe doppelt: Dein Gut bleibt in einem tadellosen Zustand und du kannst deinen Nachbarn beeindrucken und ausstechen.

Hast du großen Reichtum angehäuft, ist dir nicht nur daran gelegen, ihn durch geregelte Erbfolge zu erhalten, sondern in Teilen der Gemeinschaft zu stiften, die mit ihren Gesetzen und Ordnungsmächten dein ziviles Leben und deine Aneignungen möglich gemacht und behütet hat: So freuen wir uns, dich als Stifter und Mäzen beim Besuch des Museums, des Theaters, der Hochschule in bester Erinnerung behalten zu können.

Wenn ich deinen Füllfederhalter, dein Handy, dein Handtuch benutzen will, sollte ich dich schon aus Höflichkeitsgründen fragen, ob du es mir erlaubst. Die Nutznießung ist wie alle Formen der Veräußerung und Umwandlung von Eigentums- und Besitztiteln ein Regular unseres zivilen Lebens, das wie die Erbschaft, Kauf und Verkauf, die Leihgabe, die Vermietung und Verpachtung oder der Kredit auf Basis von Zins und Zinzeszins unser Sprech- und Aktionsumfeld mit all den Fäden gegenseitiger Verpflichtung und Verantwortung durchflicht und verwebt, die uns von aufreibenden Streitgesprächen, verlustreichen Händeln und blutigen Raufereien entlasten.

Dein Haus und deine Firma sind dir von Väterseite zugesprochen und vererbt. Du willst sie deinem Sohn, deiner Enkelin weitererben, damit sie in gute Händen gelangen, unter wachem Blick verantwortungs- und pflichtbewusst gewartet und geführt werden: Eigentum bindet und flicht das Band der Generationenfolge immer neu – auch wenn es natürlich infolge Entartung der Enkel zerspleißen und rissig werden kann.

Wir sind als Geist der Gemeinschaft der Hüter des Eigentums. Dazu dient uns die Instauration der Herrschaft und allem voran die Herrschaft des Gesetzes. Wir ahnden die Übertretung der Gesetze, die das Eigentum hüten, durch empfindliche Strafen oder wir machen die Übeltäter, die Betrüger, die Diebe, Räuber und Raubmörder, dingfest und unschädlich.

Wer für uns sein Eigentum, sein Hab und Gut, sein Leben hingegeben und geopfert hat, auf dass du und ihr vor Gefahren bewahrt wurdet, in der Not ein Auskommen und Rettung fandet, euer Acker zu neuen Ernten gedüngt wurde, diesen Edlen, diesen Heiligen verehren wie als Heros des Opfers: wie den Helden von Golgatha, der sein Leben für das Heil und die Rettung der vielen hingegeben hat.

Jul 18 13

Philosophieren IX

Was tat (hat) wer wem (mit wem, für wen, gegen wen) wie wann und wo (getan)? Was tut wer jetzt (heute)? Was wird wer morgen (in der Zukunft) tun?

Den Orts- und Raumbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt auf der Straße, unterwegs, in fremden Gebäuden, Städten und Landschaften, benötigen, stellen wir dadurch her, dass wir die räumlichen Entfernungen auf die Nullkoordinate der Position beziehen, die wir mit unserem Körper einnehmen. „Komm her zu mir!“ heißt: „Komm näher an den Ort, den ich mit meinem Körper einnehme!“

Du schaust von der Höhe des Bergs auf den tief im Tal fließenden Strom und rufst aus: „Wie klein die Schiffe und die Menschen sind!“ Freilich sind sie nicht wirklich klein, jedenfalls nicht kleiner als gewöhnlich – du nimmst sie allerdings aufgrund der Struktur deines Sehorgans in dieser Entfernung so und nicht anders wahr. Soll man also sagen: „Du täuschst dich, in Wahrheit sind die Dinge viel größer?“ Aber auch ganz in der Nähe betrachtet, sehen die Dinge und Menschen so groß oder klein aus, wie du sie aufgrund der Struktur deines Sehorgans nun einmal wahrnimmst.

Allerdings machen wir uns einen festen Maßstab wie das Metermaß, messen das Ding und den Menschen daran ab, und sagen: „Diese Frau misst genau 164 cm, egal aus welcher Entfernung du sie betrachtest.“ So fangen wir mit unseren Messkünsten und Messverfahren an und schreiten dann voran auf den Gebieten der Topographie, Geographie, Geodäsie und hören nicht auf, bis wir die Ausdehnung des Universums bestimmt haben.

Den Zeitbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt zur Übersicht über die Einteilungen und die Dauer des Tags, der Woche, des Monats, des Jahrs, deiner und meiner Lebenszeit, der Lebensdauer unserer Wir-Gruppe in Gestalt der Familie, der Sippe, der Nation benötigen, stellen wir dadurch her, dass wir die zeitlichen Abstände mittels der kulturell erworbenen und erlernten Kalender- und Epochengliederungen auf die Nullposition unseres Gegenwartsbewusstseins beziehen, das heißt auf die Gegenwart deines Erlebens, in der du augenblicks handelst und sprichst und die du so durchgehend Augenblick für Augenblick als „jetzt“ ansprichst.

Einige haben angenommen, analog zum Sehorgan für die räumliche Orientierung von einem Zeitorgan für die zeitliche Orientierung sprechen zu können. Indes scheint der wache Sinn für den schmalen Horizont der Gegenwart und all das, was in ihm abläuft, vom Kurzzeitgedächtnis kontrolliert und abgebildet zu werden. Diese aktuelle Erlebniszeit begleitet die lange Zeit unseres Lebens und Erlebens, die vom Langzeitgedächtnis kontrolliert und abgebildet wird wie der Schatten den Körper oder wie der aktuell sich schreibende Algorithmus den Prozessor.

Dieses an das Kurzeitgedächtnis geknüpfte bewusste Zeiterleben ist der letzte Horizont unserer persönlichen Zeiterfahrungen und Zeitabschätzungen. Von diesem Nullpunkt des Zeitbezugs aus reden wir von gestern, heute und morgen, von unserer Kindheit oder der Zeit, die wir in dieser Stadt oder in jenem Land verlebten, von der vergehenden und der kommenden Zeit. Es ist dieses Gegenwartserleben, das sich mit den bekannten merkwürdigen oder außerordentlichen psychologischen Zuständen mischen und aufladen kann: die ewig sich in Erlebnisfülle und -dichte dahinziehenden Sommertage der Kindheit oder das Erlebnis des alternden Menschen, die Zeit verlaufe schneller und schneller, die Langeweile des allen sozialen Erwartungen und Beanspruchungen entlaufenen Bohemiens und Verbrechers, das Erlebnis des Kairos durch den historischen Menschen, der eine Zeitenschwelle überschreitet.

Als natürliche Wesen mit sich nur in Grenzen regenerierenden Organismen, anfällig für Krankheiten, Verletzungen und Unfällen ausgesetzt, gelangen wir unversehens vom Kindsein zum Jugendalter und blicken ungläubig von der hohen Warte des reifen Erwachsenen auf die ferne Ebene des Alters: Schicksalhaft dem Prozess des Alterns preisgegeben, sehen wir unserem endgültigen Verfall und Untergang entgegen. Das Wissen um dieses tödliche Faktum führt zwar bei schweren pathologischen Fällen zu Lähmungen der Antriebskraft und des Lebenselans – im Normalfall bleiben uns ein tragisches Lebensgefühl oder ein schwermütiges Starren aufs Grab (das berüchtigte Sein zum Tode) erfreulicherweise erspart. Jedenfalls hindert uns die Gewissheit unseres dermaleinstigen Hinschieds nicht daran, weiterhin unsere Absichten für die nähere oder fernere Zukunft zu hegen und mit den Menschen und Mitteln zu verfolgen, die wir dafür als geeignet ansehen.

Wir synchronisieren mein und dein Gegenwartserleben im Wir-Erleben kollektiver Gegenwart des Festes, des Wettkampfes, des Spiels, des Rituals, des Krieges. Löst sich die kollektive Umklammerung der einzelnen Erlebniszentren, fallen ich und du wieder in die Einzelrhythmen und Einzelzyklen unseres kleinen Dahinlebens zurück.

Auf dem historischen Hintergrund der großen Gründungen und Stiftungen unseres Kulturkreises säkularer und religiöser Art waren und sind unsere Erlebniszeiten eingebettet und synchronisiert in epochal ausstrahlende Epochen-, Monats- und Jahresregister, wie bei der Jahreszählung nach der Gründung Roms (ab urbe condita) und der Annuität der Senatorenfolge oder den Regierungszeiten der Kaiser sowie nach der jüdischen Offenbarung datierend von der Erschaffung der Welt oder nach der christlichen Offenbarung datierend von der Geburt Christi.

Erzählungen über Personen, die uns interessieren, knüpfen wir an Erzählungen über Ereignisse, in denen sie verstrickt waren, in denen sie sich zum Beispiel tapfer behaupteten und das Ihre verteidigten oder feige davonliefen und alles preisgaben. In solchen Geschichten treten ihre besonderen Begabungen, Persönlichkeitsmerkmale und Charaktereigenschaften zutage: Mut und Feigheit, Besonnenheit und Leichtsinn, Ausdauer und Schwäche, Klugheit und Torheit. Wir erzählen solche Anekdoten, Histörchen und Geschichten im narrativen Erzähltempus des Präteritums (Imperfekts). „Es war ein schöner Sommertag, er ging in der Lindenallee spazieren.“ Das Erzähltempus erlaubt uns, ohne genaue Angabe des Zeitpunkts auf Ereignisse und Zustände der Vergangenheit Bezug zu nehmen, die eine gewisse Dauer für sich beanspruchen.

„Nachdem er seinen Bruder Remus ermordet hatte, hat Romulus die Stadt Rom gegründet.“ Mit der Verwendung der vollendeten Gegenwart (Perfekt) nehmen wir auf ein reales oder fiktives Geschehen der Vergangenheit Bezug, dessen Auswirkungen und Konsequenzen für unsere Gegenwart beziehungsweise die Gegenwart des Sprechers Relevanz und Bedeutung haben oder zu haben beanspruchen.

„Ich werde dich morgen früh in der Lindenallee abholen.“ Wir sind handelnde Wesen, auf der hügeligen Vulkanlandschaft unserer gleichsam erloschenen, vergangenen Handlungen sind wir guter Dinge, weiterhin Absichten zur Ausführung zukünftiger Handlungen hegen zu dürfen. Um die zukünftige Aktion glücklich in den Hafen zu fahren, betasten wir fragend den Zukunftshorizont: „Wirst du morgen auch Zeit haben und rechtzeitig zur Stelle sein”? „Passt dir die Lindenallee oder sollen wir einen Treffpunkt wählen, der dir lieber ist?“ Wir klopfen mit Fragen und Wenn-dann-Behauptungen im futurischen Tempus die Vektoren und Faktoren, die als Bedingungen des Eintretens des gewünschten oder als Bedingungen der Vermeidung des unerwünschten und gefürchteten Ereignisses vorliegen, auf die Wahrscheinlichkeit eben dieses Eintretens ab. „Wenn du den Frühzug nimmst, kann du noch rechtzeitig zum Beginn der Veranstaltung da sein.“

“Wenn du das und das tätest, würdest du dadurch das und das erreichen.“ „Wenn du das und das getan hättest, hättest du das und das erreicht.“ Die konditionale Fügung im Möglichkeits- und Unmöglichkeitsmodus des Coniunctivus irrealis stellt uns Gedankenmodelle zur Verfügung, mit denen wir unseren Möglichkeitssinn auf die Probe stellen und mögliche Handlungen und Ereignisse auf die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens oder Nichteintretens abtasten können: „Wenn du den Frühzug verpassen würdest, könntest du nicht rechtzeitig zum Beginn der Veranstaltung da sein.“ „Wenn du mehr Engagement zeigen würdest, könntest du bald beruflich aufsteigen.“

Der offene Horizont der Zukunft ist unser eigentlicher Lebensbezug – solange wir leben. Die Ereignisse der Vergangenheit, die wir mit anderen und andere neben und vor uns erlebt und in Gang gesetzt haben, beziehen wir über die Mündungsspitze unserer aktuellen Erlebnisgegenwart auf das mehr oder weniger offene Delta der Zukunft. Um die vergangenen Handlungen in das konditionale Satzgefüge einzupassen, das uns erlaubt, sie in Hinsicht auf zukünftige Möglichkeiten zu bewerten, bilden wir Wenn-dann-Sätze im Möglichkeits- und Unmöglichkeitsmodus des Coniunctivus irrealis: „Hättest du damals mehr Engagement gezeigt, wärest du bald beruflich aufgestiegen.“ Daraus leiten wir hoffnungsfroh und motivierend den Satz im realen Futur ab: „Wenn du mehr Engagement zeigen wirst, wirst du bald beruflich aufsteigen.“

Die Zukunft ist der mehr oder weniger weite Horizont all der Ereignisse, die wir erhoffen, die wir befürchten oder die uns gleichgültig sind. Was uns angeht und interessiert, unsere ureigenen Lebensinteressen berührt, sind nützliche, förderliche, segensreiche oder schädliche, hemmende, feindselige Dinge, Ereignisse und Personen. Was uns angeht, sind gute Erwartungen oder schlimme Drohungen, gute Ernten oder Parasitenbefall, Kindersegen oder Kindstod, glückliche Tage oder verweinte Nächte.

Das konditionale Satzgefüge bietet uns die sprachlichen Mittel und Techniken, Nutzen und Schaden, die Taxierung der Wahrscheinlichkeit des Eintritts von nützlichen oder verderblichen Ereignissen und die Taxierung der Wahrscheinlichkeit der Vergrößerung oder Minimierung von Risiken darzustellen: „Wenn wir die Filiale unseres Unternehmens in Flussnähe am Ober- oder Mittelrhein gründen würden, wären wir einem erhöhten Hochwasserrisiko ausgesetzt. Betriebsausfälle aufgrund von eingetretenen Hochwasserschäden könnten unseren Absatz vermindern und dem Ruf unseres Unternehmen schaden.“ „Wenn wir die riskanten und umstrittenen Zusatzstoffe dem neuentwickelten Medikament entzögen, könnten wir das Produkt besser vermarkten und unser Unternehmensimage aufpolieren.“

Jul 17 13

Philosophieren VIII

Wir atmen ein und lassen den Atem kontrolliert wieder ausfließen, wobei wir mit verschiedenen Öffnungsgraden des Munds und mit absichtsvollen und gezielten Berührungen von Zähnen und Gaumen durch die Zunge Geräusche hervorbringen, die zum Grundbestand unserer artikulierten Verlautbarungen gehören.

Warum so und nicht anders? Zunächst einmal bleiben wir mit dieser Art der Artikulation sozusagen zu Hause und müssen keine äußerlichen Mittel zur Hand nehmen, die uns am Ende im Wege stehen könnten. Probieren wir es einmal mit Klatschen, da sind unsere Hände nicht einmal ganz äußerliche und von unserem Körper getrennte Mittel: 1x klatschen heißt „O. k.“, 2x klatschen „Gehen wir!“, 3x klatschen „Kehren wir zurück!“ – wie oft aber musst du klatschen, um sagen zu können: „Der Aufwand an Investitionen steht im umgekehrten Verhältnis zum Grad des mit ihnen erzielten Wachstums.“

Das Beispiel zeigt: Mit einfachen Mitteln und Techniken der Signalgebung wie Pfeifen, Zeigen mit Flaggen oder bemalten und bezifferten Schildern können zwar einfache Hinweise und primitive Befehle, Aufforderungen und Warnungen mitgeteilt werden, komplexe Informationen dagegen überschreiten ihr Fassungs- und Ausdrucksvermögen.

Der Aufwand an Energie bei der Artikulation sollte ökonomisch sein. Sprachen wie das Chinesische haben hier optimale Lösungen gefunden: Mit einem Vokal verknüpfte Konsonanten wie ta, mi, fu reichen zusammen mit den bedeutungsvariierenden Lautstärken und -höhen sowie der Positionierung der bedeutungsvollen Laute in der vollständigen Lautkette für die gesamte Ökonomie der sinnvollen Verlautbarung aus.

Wenn wir reden, hören wir uns unmittelbar und unser Brustkorb und unser Schädel fungieren dabei als Resonanzkörper. Auf diese Weise merken wir uns das von uns Gesagte und Gemeinte auf der Stelle, denn die Sensorik und Motorik unserer Artikulationsorgane wird von eben dem neuronalen Netzwerk aus gesteuert, das auch die Speicher und Verarbeitungsregister für das von uns Gesagte und Gemeinte zur Verfügung stellt.

Du atmest ein und bildest beim Ausatmen in absichtsvollen und kontrollierten Bewegungen mit Mund und Zunge artikulierte Laute, die bedeutungstragende Einheiten darstellen und deren sinnvolle Verkettung dir Sätze und Reihen von Sätzen liefern. Dabei synchronisierst du Input und Output beim Sprechen: Was du sagst, wird mit passenden Inhalten aus dem Gedächtnis befrachtet, was du hörst, an den passenden Stellen deiner Informationsspeicher abgelegt.

Dein Zuhörer ist derjenige, der nach deiner Äußerung reagieren und das Wort ergreifen wird. So redet ihr miteinander. Und praktischerweise stehen die Mittel der Verlautbarung nicht als äußerliche Hindernisse zwischen euch: Ihr steht oder geht frei und ungehindert Seit an Seit oder tête-à-tête, so dass ihr euch im Auge behalten und die Reaktionen des anderen auf die Anrede in seinem Mienenspiel mit ablesen könnt.

Aus dir und mir bildest du ein Wir, indem du mich mittels des Gesprächs in eine gemeinsame Arbeit oder die gemeinsame Bewältigung einer Aufgabe hineinziehst und engagierst. „Kannst du mir helfen?“, fragst du mich und darfst auf meine Hilfsbereitschaft setzen, weil wir befreundet sind. Du sagst: „Schichte die Holzbalken auf den Karren!“, und: „Nicht so, sondern anders herum!“ Wir ziehen den Karren gemeinsam wohin. Dorthin, wo du dir eine kleine Hütte im Garten bauen willst. Und wenn ich als Mitglied in unserem kleinen Gesprächs- und Aktions-Wir dir auch bei dem Bau der Hütte helfe, erwerbe ich das Recht, ab und an in der Hütte zu hausen.

Unser Sprechumfeld ist also zugleich immer Aktionsumfeld, wir reden, um zu handeln, und handelnd reden wir. Wir blicken uns beim Sprechen an oder zeigen dem anderen den Gegenstand im Zeigefeld, über den wir eine Aussage machen. In der Wechselrede schreiten wir den Weg der Rede ab, bei dem sich Frage und Antwort, Antwort und Frage abwechseln. Ebenso wechsele ich die Rolle des Sprechers und werde Hörer in genau der Reihenfolge, in der du von der Rolle des Hörers zu der des Sprechers wechselst. Oder du tust das, was ich dir sage, und ich tue das, was du mir sagst und aufträgst, empfiehlst oder anweist. Wenn du unsicher bist, was genau oder wie genau du tun sollst, was zu tun ich dir rate oder auftrage, fragst du mich. Und wieder hebt das Wechselspiel von Frage und Antwort, Antwort und Frage an.

Worüber reden wir, was können wir zum Bezugshorizont unseres Dialoges machen? Alles, worüber sich reden lässt. Und worüber ließe sich nicht reden? Alles, das heißt genau: Personen, Sachen und Ereignisse. Reden wir also über Personen, die Sachen und Ereignisse folgen im Schlepptau, denn wir charakterisieren ja Personen durch die Sachen, die ihnen gehören, die sie begehren und für die sie sich interessieren, die sie befürchten. Zu den materiellen und rechtlichen Sachen zählen Grund und Boden, Häuser und Wohnungen, Speicher mit Korn und Saaten, Weiden und Ställe mit Vieh, Geld und Schmuck, aber auch Söhne und Töchter als potentielle Heiratskandidaten. Und wir rücken uns wichtige Personen in den Mittelpunkt von Geschichten, die wir über sie erfahren und die wir über sie erzählen (und dies im Erzähltempus des narrativen Präteritums), von Ereignissen, in die sich verstrickten oder in denen sie sich bewährten.

Reden wir also über die anderen, bekennen wir mutig: Klatsch und Tratsch sind der Hauptzweck unserer Unterhaltungen. Personen, die unseren Weg gekreuzt haben und für unsere Lebensinteressen eine nicht unbedeutende Relevanz hatten und haben und haben werden (hier kommen wir der Funktion und dem korrekten Gebrauch der Tempora verbi schon nahe), sind wichtige Spielfiguren im Wechselspiel unseres Redens. Und über Abwesende lässt sich bekanntlich unbefangener plaudern. Sinn und Zweck unseres Klatsches ist ein anthropologisch gesehen tiefer und schwerwiegender: Wir wollen gemeinsam und mittels der Erfahrungen unseres Gesprächspartners ausloten, in welche Kategorie, zu welchem Typus wir den Kandidaten einzuordnen haben: (potentieller) Freund, Verbündeter, Feind oder neutrale Person. Klatsch hat insofern eine moralische Funktion, als er darauf abzielt den, über den geklatscht wird, moralisch zu qualifizieren.

Kann er unseren Zwecken dienen? Sollen wir ihm eine so wichtige Sache anvertrauen? Wird er Wort halten? Wird er zu uns stehen, obwohl er anderen gegenüber die Treue gebrochen hat? Erzähl uns die Geschichte seines Verrats, seines Treuebruchs! Wird er unsere neuen Waffensysteme, unser Art zu wirtschaften, unser Wissen um die Orte von Quellen und Brunnen, Bodenschätzen und Tierweiden, unseren Geheimcode, all das, was er, einmal in unsere Nähe gelassen, auskundschaften kann, den Gegnern und Feinden verraten? Gehört er nicht zur Sippe, der Verwandtschaft, dem Clan, der einst unsere Vorfahren, unsere Ahnen bedroht, verleumdet, verfolgt hat? Erzähl uns die Geschichte, die Legende, den Mythos von der alten Feindschaft zwischen ihrem und unserem Zweig!

Ist also Argwohn geboten oder sind über die Jahre die Wogen geglättet und ein Vertrauensvorsprung unsererseits harmlos und unbedenklich? Hat er die Willensstärke und Kraft, die Kenntnisse und Fertigkeiten, um mit uns bei der Bewältigung der anstehenden Aufgabe erfolgreich kooperieren zu können? Ist er ausdauernd und geduldig bei der Arbeit, bei der Sache, oder wird er leicht ungeduldig und bricht die Arbeit schnell ermüdet oder missmutig ab? Ist er tapfer, beißt er sich auf die Lippen, wenn es mal hart auf hart kommt, oder ist er ein Jammerlappen, der gleich losheult und die Flinte, die Sense ins Gras wirft? Erzähl uns die Geschichte von der Schlacht, in der er sich heldenhaft geschlagen hat, in der er den Schild feige weggeworfen hat und zum Feind übergelaufen ist! Oder war es sein Vorfahr, über den die alte Ballade von Verrat und Feigheit erzählt? Sag uns die Ballade auf, sing uns die Ballade vor!

Können wir mit dem und jenem, mit diesen und jenen gemeinsam leben und arbeiten, Kriege führen, Kolonien gründen – eignen sie sich als Bündnispartner für solche Vorhaben oder können wir mit ihnen wie mit Freunden unter vier Augen sprechen? Werden sie den Beeinflussungen und Bestechungsversuchen unserer Gegner widerstehen? Oder sind sie schwach, niederträchtig, gemein? Können wir mit solchen Leuten ein Abkommen, einen Vertrag, ein Bündnis schließen? Werden sie die Abmachung auf Dauer einhalten oder nachdem sie ihren Vorteil eingestrichen haben sich arglistig davonschleichen? Und was soll mit jenem geschehen, der uns geschadet, betrogen, verraten hat? Der böse Absichten hegt und uns schaden, betrügen, verraten will? Wie wappnen wir uns, wie bleiben wir wehrhaft, wie hüten wir den wertvollen Wir-Kern unserer Lebens- und Überlebensgemeinschaft?

Wie nehmen wir auf den abwesenden Dritten Bezug? Wir fragen: Wer und was ist er? Mit seinem Eigennamen, seinem Ehrentitel oder seinem Spitznamen ziehen wir ihn in die Gegenwart unseres Redens, mit dem Gedächtnisbild seines Gesichts belebt er unsere Unterhaltung. Unsere hervorstechende Begabung, uns die Gesichter so vieler Personen merken zu können, befruchten wir mit all den Anekdoten, Histörchen, Geschichten, die sich um sie ranken, die wir vom Hörensagen kennen, die kluge Ratgeber uns offenbart oder falscher Verleumder uns eingeflüstert haben, und verknüpfen, konterkarieren oder korrigieren sie mit all den Erzählungen über dieselbe Person, die unser Gesprächspartner uns freigebig mitteilt.

Moralische Qualifizierungen von Personen und Moral in diesem guten Sinne sind kein mentaler Luxus, sondern lebens- und überlebenswichtig, damit du und damit wir uns mit Leuten umgeben, die uns nicht schaden, verraten und unglücklich machen, sondern mit guten Charakteren, die uns langfristig nutzen und unterstützen, uns ermutigen und erheitern, mit wertvollen Personen, die mit ihrem Wohlwollen und all ihrem Können und Wissen unsere Gemeinschaft beleben, bereichern, verschönern.

Jul 16 13

Philosophieren VII

Mittel und Medien der Bezeichnung, der Kundgabe und Verlautbarung müssen geeignet sein, ihren Zweck möglichst reibungslos und energiesparend zu erfüllen. Das heißt: Sie müssen den wiederzugebenden Inhalt klar, verständlich und so weit reichend wie erforderlich transportieren. Der Adressat der Botschaft muss mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die übertragene Information identifizieren und interpretieren (lesen) können.

Deinem Partner, Kollegen, Freund oder Gegner in der Umwelt stehen die sensorischen und mentalen Mittel zur Aufnahme und Deutung deiner Nachricht zur Verfügung, über die prinzipiell auch du zur Verpackung und Absendung deiner Botschaft verfügst. Dies sind die Sinnesorgane und die Verarbeitung der von ihnen übermittelten Informationen in den ihnen angeschlossenen Interpretationsregistern.

Deshalb kann die Wahl oder Auslese des materiellen Zeichenträgers nicht wie gerne postuliert völlig arbiträr sein. Mit Händen und Füßen ginge und geht es auch oder mit Pfeifen oder Händeklatschen. Die Indianer gaben Rauchzeichen, die römischen Soldaten Trompetensignale von ihren Wachtürmen. Flaggenzeichen haben sich bewährt. Das Morsealphabet ersetzt das römische Alphabet ohne Abstriche. Das digitale System kommt mit zwei Werten aus, deren Verkettung die Wörter der natürlichen Sprache und alle Zahlen und Zahlarten und ihre operationellen Verknüpfungen vollständig abbilden.

Kriterien für die Auswahl des Zeichenträgers sind die Deutlichkeit und Prägnanz, die Reichweite und die Differenziertheit oder Nuancierung, womit er mit seinem Material und dessen Verformbarkeit die Informationen wiederzugeben vermag. Denn es sieht schlecht aus, wenn du im Nebel stochern musst und weder den Typ des Zeichenträgers identifizieren noch die dargebotenen Zeichen erkennen und lesen kannst.

Was kennzeichnet das von uns ausgewählte und durch uns ausgelesene und perfektionierte System der Mitteilung mittels lautlicher Artikulationen? Vor allem die Vielzahl, Unterschiedlichkeit und feine Nuancierung der mit Konsonanten und Vokalen bildbaren Phoneme. Einzig der Längenunterschied, aber dieser in ausreichendem Maße unterscheidet die Wörter „Mus“ und Muss“, während der unverkennbare Wechsel der Konsonanten die Wörter „Laus“ und „Maus“ unverwechselbar macht.

Die gelingende Kommunikation setzt voraus, dass du dich angesprochen fühlst: Dir gilt die Botschaft und dies hast du zu vergegenwärtigen, damit deine Aufmerksamkeit die Schwelle wacher Wahrnehmung und scharfer Selbstvergegenwärtigung überspringt. Gewöhnlich erfolgt dieser Weckruf im täglichen Umgang mit dem Ausruf deines Namens oder mit einer direkten Ansprache wie „Herr Wittgenstein, würden Sie mir bitte folgen!“

Wer bewegt etwas mit wem (für wen, gegen wen) wie womit wohin wann wie lange?

Mit dieser Strukturformel erschließen wir uns die Welt unseres Lebens mit den Koordinaten von Ort und Zeit, den Typen von Akteuren, die gemeinsam für oder gegen andere handeln, und dies mit Mitteln, Techniken und Methoden, welche die Handelnden zur Fristung ihres Daseins und zur Erleichterung ihrer Daseinsbedingungen erfunden und umgesetzt haben.

Durch die grammatische Untersuchung der Funktionsweisen von Personal- und Demonstrativpronomina und der adverbiellen Bestimmungen von Ort und Zeit ziehen wir die Grundlinien der Ontologie menschlichen Daseins.

Wer bist du? Woher kommst du? Kommst du von hier oder von dort oder von da? Wohin gehst du? Bleibst du hier oder gehst du dorthin oder dahin? Willst du zu uns, zu diesen oder zu jenen? Gehst du mit mir? Hilfst du mir tragen, bauen, ernten? Gehst du mit mir zu euch oder zu ihnen? Wie lange bleibst du? Wann kommst du zurück? Wo treffen wir uns und wann?

Die Grammatik der Pronomina und Adverbien des Ortes und der Zeit gewährt uns den Einblick in die ontologischen Strukturen, gemäß denen wir in näheren, mittleren und ferneren Beziehungen und Dimensionen zueinander wohnen, arbeiten, leben.

Die symmetrisch zugeordneten Pronomina „ich“ und „wir“ werden von den Adverbien „jetzt“ und „hier“ in unsere Orts- und Zeitregister eingegliedert. So erhalten wir als ontologisch basale Sätze die Aussagen. „Ich tue etwas (spreche) jetzt hier“ und „Wir tuen etwas (sprechen) jetzt hier.“

Die symmetrisch zugeordneten Pronomina „du“ und „ihr“ werden von den Adverbien „jetzt“ und „dort“ in unsere Orts- und Zeitregister eingegliedert. So erhalten wir als ontologisch basale Sätze die Aussagen. „Du tust etwas (sprichst) jetzt dort“ und „Ihr tut etwas (sprecht) jetzt dort.“

Die symmetrisch zugeordneten Pronomina „er/sie/es“ und „sie“ werden von den Adverbien „jetzt“ und „da“ in unsere Orts- und Zeitregister eingegliedert. So erhalten wir als ontologisch basale Sätze die Aussagen. „Er tut etwas (spricht) jetzt da“ und „Sie tuen etwas (sprechen) jetzt da.“

Wir wohnen hier in diesem Haus, ihr wohnt dort als unsere Verwandten und Freunde im Nachbarhaus oder als Verbündete im angrenzenden Viertel, sie wohnen da als zu uns indifferente und neutrale Individuen und Gruppen oder als unsere Feinde jenseits der Grenze unseres Hofes, unseres Viertels, unseres Dorfes, unserer Stadt, unseres Landes.

Ich kann in eurem Auftrag handeln oder sprechen, du kannst in unserem Auftrag handeln oder sprechen, er kann nicht in unserem Auftrag sprechen (es sei denn, er wird durch ein besonderes Auswahlverfahren dazu legitimiert). Ich und du müssen nicht eigens zu diesen Formen der Stellvertretung oder Arbeitsteilung legitimiert werden, denn wir stehen in einem freundschaftlichen Nahverhältnis zueinander, das stellvertretende, arbeitsteilige und andere Hilfsmaßnahmen einschließt.

Die Nah- und Fernbeziehungen, die durch die Verwendung von Pronomina und Adverbien kartiert werden, können fluktuieren, sich spannen oder zerreißen. Wenn ihr Treuebruch begeht und euch mit unseren Feinden gemein macht, rückt ihr in ein Fernverhältnis des Misstrauens und der Angriffsbereitschaft. Wenn sie sich um unser Wohl verdient gemacht haben, steigen sie in unserer Gunst und rücken vom Fernverhältnis der neutralen Gruppe näher zu uns in das Nahverhältnis des Verbündeten.

„Ich gebe dir das Ding, ich leihe dir die Sache, ich transportiere mit dir gemeinsam die Dinge.“ Der neutrale Charakter der 3. Person Singular und Plural der Personalpronomina zeigt sich auch darin, dass mit ihnen neben den ferner stehenden Personen auch schlicht auf unpersönliche Dinge, Sachen und Sachverhalte Bezug genommen werden kann.

Zu den Grundlinien der Ontologie unseres Hier- und Jetztseins gehört also die Tatsache, dass mit den symmetrisch zugeordneten Pronomina ich und wir sowie du und ihr auf ein Nahverhältnis der Verwandtschaft, Freundschaft oder Intimität Bezug genommen wird, während die Verwendung der ebenfalls symmetrisch zugeordneten Pronomina er/sie/es und sie auf ferner liegende Verhältnisse und soziale Formen wie Bündnis, Partnerschaft, Vertrag, Union oder soziale Formen wirtschaftlicher und kultureller Konkurrenz und Feindseligkeit hinweist. So sind wir soziale Tiere geartet: Wir scharen uns zur Daseinsfristung und Lebenserleichterung in Kern-Gruppen, denen andre Gruppen näher oder ferner stehen. Mit diesen mischen wir uns, treiben wir Handel, tauschen wir Produkte, Werkzeuge, Waffen, Instrumente, Schmuck und Kunstwerke, mit anderen sind wir verfeindet und führen Handelskriege oder echte Kriege.

Eine einschneidende Differenz wird durch Ortsadverbien wie hüben und drüben, diesseits und jenseits angezeigt: Hüben ist die Innenseite der intimen Ich- und Du-Welt und der vertrauten Wir-Welt, drüben ist die fremde oder feindliche Es- und Sie-Welt. Zwischen hüben und drüben verläuft die das Dasein durchschneidende, wachhaltende, motivierende Grenze, die aus gehörigem Abstand betrachtet sich immer leicht schlängelt und wie unter Treibsand verwischt oder fortgeblasen wird. Wer heute dein Feind ist, kann dir morgen Blumen schicken, und wer dir gestern Blumen brachte, schickt dir morgen ein Messer. Grenze, die auch nach innen geht. So sagen wir: „Du bist zu weit gegangen!“, wenn du die empfindliche Grenze verletzt hast, die mit Gesten der Höflichkeit und Ritualen der Intimität als das Territorium des integralen Daseins bewacht wird, jenes Daseins, das von sich sagt: „Ich bin jetzt hier!“

Jul 14 13

Philosophieren VI

Einzusehen und festzustellen, dass wir als biologische Spezies oder dass du als bewusst Erlebender einen singulären Ort unter singulären Bedingungen in einer so und nicht anders aufgebauten, aber auch ganz anders aufbaubaren kosmischen Umwelt lebst, fügt einer Einsicht und Feststellung wie „In diesem Viertel wohne ich“ oder „Wasser setzt sich aus den Elementen Helium und Sauerstoff zusammen“ oder „Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands“ keinen ontologischen Mehrwert hinzu: Einsichten und Feststellungen dieser Art liegen gleichsam auf derselben Ebene, wie alle Einsichten und Feststellungen – sie stimmen oder eben nicht.

Mit Feststellungen solch allgemeiner Art wie der genannten verbindet sich leichthin ein Gefühl des Erhaben-Schauerlichen oder der Verlockung, in transzendentale Abgründe zu rutschen oder auf Gipfel metaphysischer Aussichten zu klettern. Aber dies ist eine Luftspiegelung, die gerne von geschickten Geistesgauklern als Instrument ihres Hintersinns missbraucht wird. In Wahrheit hat der Satz „Ich bewohne den Planeten Erde in einem Sonnensystem der Galaxie“ keinen tieferen Sinn als der Satz „Ich wohne in Frankfurt am Main“.

Umgekehrt kannst du den Satz „Ich wohne in Frankfurt am Main“ mit demselben Aura-Dunst des Tiefsinnigen und Rätselhaften umhüllen wie den Satz „Ich bewohne den Planeten Erde in einem Sonnensystem der Galaxie“.

Wenn du lange genug auf einfache Feststellungen der Art starrst wie „Ich bin jetzt hier, sitze leibhaft vor diesem Tisch, in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Planten, in diesem Sonnensystem, in dieser Galaxie und bin mir all dessen bewusst“ kannst du in dir leichthin ein Gefühl des Schwindels erzeugen und mit diesem geraten all jene Sätze in ein Schillern und Flimmern.

Aber dass du dir dessen bewusst bist, was du sagst, diese Tatsache gehört für uns in den Bedeutungskern des Begriffs „sagen“. Wenn du schlafwandelnd zu mir sagst „Morgen breche ich auf nach China!“, würde ich angesichts deines somnambulen Zustandes den von dir gerade ausgesprochenen Satz als nicht echt und wahrhaft gemeint durchstreichen und nicht befürchten, dich übermorgen in der Transsibirischen Eisenbahn vermuten zu müssen – auch wenn dein dreimalkluger Psychoanalytiker sich mit der Zunge schnalzend auf diesen Satz stürzt, weil in seinem verrückten System unbewusst gesprochen werden kann. In unseren Kreisen, wo wir kleinen, gleichsam einmalklugen Leute uns mühsam und mit Bedacht in wachen Momenten durchs Leben schleppen, gilt: Dass wir dem Sprecher unterstellen, dass er sich absichtsvoll äußert, das heißt sich des Inhalts, des Adressaten und der absehbaren Wirkung seiner Sätze bewusst ist, gehört für uns zum Bedeutungskern des Begriffs „sagen“.

Als Antwort auf die Frage „Wo wohnst du?“ hören zu müssen „Ich wohne auf dem Planeten Erde“ oder gar „Ich wohne in der Galaxie“ oder auf die Frage „Was machst du gerade?“ hören zu müssen „Ich sitze vor meinem Tisch auf dem Planeten Erde“ oder gar „Ich sitze vor meinem Tisch in der Galaxie“ erscheint uns nicht nur nicht angemessen, sondern klingt geradezu verrückt in unseren auf mittlere Frequenzen des Sinns gestimmten Ohren. Du würdest dir deinen Teil denken und dich aus dem Gespräch flüchten. Ich würde sagen: „Nun spiel dich mal nicht so auf und komm auf den Teppich!“ oder: „Lass den Firlefanz und komm auf den Boden der Tatsachen zurück!“

Der Boden der Tatsachen ist natürlich eine Metapher. Sie zielt auf die Struktur und den Inhalt der Formel: „Wer sagt was wem wie wann und wo?“ Mit dieser Formel kommen wir klar, erfassen wir unsere Lage, ziehen die Grenze dessen, was wir gut, klar, angemessen sagen können und was nicht – wobei diese Grenze aus dem Teleskop vom Sirius aus betrachtet oder wie man so schön zu sagen pflegte „sub specie aeternitatis“ sich wie ein Aal schlängelnd fließt und weiterkriecht – allerdings in einem Tempo, das unsere gegenwärtigen Bemühungen um Genauigkeit und Angemessenheit des Ausdrucks nicht einschränkt und nicht zu beunruhigen braucht.

Du hörst, wie im Hof der Automotor anspringt, wie eine Tür zuschlägt. Der Mann, der den Motor anlässt, hat nicht die Absicht, dir mittels des Motorengeräusches mitzuteilen, dass er jetzt im Begriff ist, wegzufahren. Er verfolgt mit dem von ihm indirekt erzeugten Geräusch überhaupt keine Absicht. Die alte Frau vom Nachbarhaus, die die Haustür hinter sich zuschlägt, hat nicht die Absicht, dir mitzuteilen, dass sie jetzt im Begriff ist, in ihre Wohnung zurückzukehren. Die Frau verfolgt mit dem von ihr direkt erzeugten Geräusch überhaupt keine Absicht oder eine Absicht, die nicht dir gilt, sondern ihren Mitbewohnern, nämlich sich als die penetrante und impertinente Person in Erinnerung zu rufen, die die Türen immer zu laut ins Schloss fallen lässt. Geräusche dieser Art können dir etwas mitteilen, dich über ein Geschehen deiner Umwelt ins Bild setzen: Aha, der Nachbar fährt weg. Ach so, die impertinente Alte von Gegenüber kommt zurück.

Vögel zwitschern. Die Tiere erzeugen die zwitschernden Klänge nicht in der Absicht, dir etwas mitzuteilen. Ob sie die Klänge mit der Absicht hervorbringen, einander etwas mitzuteilen, könnte man allenfalls fragen. Dennoch kann Vogelgezwitscher dir Informationen über die Umwelt und dich selbst übermittel: dass es früher Morgen ist oder dass du heiterer Stimmung bist, weil du das Zwitschern mit der Erinnerung an eine schöne Ferienwanderung verknüpfst.

Das Telefon klingelt. Du hebst ab, und der von dir erwartete Anrufer meldet sich mit Namen. Das Klingeln des Telefons ist ein vom Anrufer mit der Absicht erzeugtes Geräusch, dich aufzufordern, den Hörer abzunehmen und mit ihm zu sprechen.

Du steigst mit einem Freund einen steilen Berghang hoch. Plötzlich ruft er: „Achtung, Steinschlag!“ Du weichst unwillkürlich zur Seite und schaust nach oben, wo du herabfallende Steine zu erblicken erwartest. Gefragt, was dein Freund dir mitgeteilt hat, wirst du korrekt antworten, er habe dir eine Warnung ausgesprochen und zur Verdeutlichung und Akzentuierung der Tatsache, dass er dich warnte, den Sprechakt des Warnens als solchen mit dem Ausruf „Achtung!“ explizit gemacht. Er hätte auch bloß ausrufen können „Steinschlag!“, und mit genügend Impetus hervorgebracht, hätte diese Warnung bei dir dieselbe Reaktion ausgelöst.

Für einen der deutschen Sprache nicht Mächtigen ist der Ausruf „Achtung, Steinschlag!“ ein bloßes Geräusch, dem Naturlaut des Vogelrufes ähnlich: Es sagt ihm nichts, bleibt unverständlich und bedeutungslos. Welche Eigenschaften machen den Ausruf für uns verständlich und bedeutungsvoll? Nichts an der Lautung „Stein“ verweist auf einen Stein. Gäbe es eine natürliche Verbindung zwischen der Lautung „Stein“ und der Bedeutung Stein, könnte „pierre“ im Französischen nicht dasselbe bedeuten. Wir haben die Verbindung zwischen dem Laut und dem Begriff erlernt, immer wieder den Laut im selben Wahrnehmungsumfeld bilden gehört und dann selbst gebildet. So wenn wir als Kinder mit Steinen gespielt, mit Steinen geworfen, mit Steinen Häuser und Türme gebaut haben. Laut und Begriff und ihre Verknüpfung liegen ab einem bestimmten Zeitpunkt im Gedächtnis zur jederzeitigen Abrufung bereit. Doch die Verbindung ist nicht sehr fest gespannt, sondern gleichsam elastisch. Wir müssen nicht in jedem Falle genau angeben können, ob es sich hier um einen großen Kieselstein oder doch um ein exotisches Ei handelt.

Wir benötigen keine Vorstellungen, Bilder oder Repräsentationen für das von den Wörtern Gemeinte, als hingen in der Galerie des Gedächtnisses die Bilder der Dinge, jeweils mit den Etiketten ihrer Namen versehen. Welche Vorstellung, welches Bild benötigst du, um den Ausruf „Achtung!“ zu kapieren?

Die Tatsache, dass wir mittels bedeutungsloser Geräusche, hervorgebracht mittels Nase, Lippen, Gaumen und Lungen, uns auf Begriffe und Bedeutungen beziehen, hat eine strukturelle Ähnlichkeit mit der Tatsache, dass wir mit einem rein physischen, bedeutungsfreien Objekt, unserer Hand, jemandem etwas bedeuten, etwas zeigen können, und scheint genauso merkwürdig zu sein wie die Tatsache, dass wir aufgrund der guten Leistungen unseres begriffs- und bedeutungsfrei vor sich hinrechnenden neuronalen Netzwerks die Umwelt und etliches an uns selbst bewusst erleben und unendlich viele bedeutungsvolle Sätze hervorzubringen und zu verstehen imstande sind.

Hier müssen wir uns wieder vor den Luftspiegelungen hüten und die Gaukler des Hintersinns maßregeln. Schließlich kann unser bewusstes Erleben und unsere Fähigkeit zu semantischen Höchstleistungen nicht anders als kausal erklärt werden, nämlich hervorgebracht von unserem neuronalen Netzwerk. Die hier gerne hochgekitzelte steile Behauptung, man stoße halt auf letzte Grenzen der Erkenntnis und prinzipiell unlösbare Fragen, geht auf ein Missverständnis dessen zurück, was wir wohlweislich mit dem Begriff „Fragen“ meinen. Fragen tauchen auf, wenn das Spielfeld des Handelns sich unvermutet verengt. Die auftauchende Frage gleicht dem plötzlich den Weg versperrenden Hindernis – die Antwort lautet: Bleibe stets konstruktiv und warte, bis sich die Woge gelegt und der Nebel sich verzogen hat, oder untersuche die Umgebung und mach einen Umweg. Ein unübersteigliches, „absolutes“ Hindernis auf dem Weg des Fragens und Forschens kann es genauso wenig geben wie einen endgültigen, „absoluten“ Um- und Ausweg für alle künftigen oder möglichen Hindernisse, der damit jedes weitere Fragen überflüssig machen würde.

Rede nicht mehr von „Bewusstsein“ – und die Spannung lässt nach, aber auch der Kitzel. Bewusstsein ist ja kein Gegenstand in der Welt wie dieses Fässchen Salz vor uns auf dem Frühstückstisch, den du auffinden, beobachten, zerlegen und wieder zusammensetzen könntest. Vielmehr sind die Akte, die wir bewusst vollziehen, und unter diesen der Akt des Sagens, die Voraussetzung dafür, dass wir die Welt in gegenständliche und nichtgegenständliche Entitäten einteilen. Wir, die wir reden, sind nichtgegenständliche Entitäten, feierlich, aber unscharf Subjekt oder Selbstbewusstsein genannt, wir greifen mit den auf Objekte referierenden Begriffen unserer Sprache auf mögliche und wirkliche Objekte im Wahrnehmungsfeld oder in den theoretischen Begriffsnetzen zu. Daran ist so viel und so wenig ungewöhnlich wie an dem Satz: „Bitte, reiche mir doch das Salz herüber!“

Sind wegen der Tatsache, dass die Einteilung der Welt in Gegenstände die bewährte Leistung unseres absichtsvollen Sprechens voraussetzt, die Gegenstände oder, diese in den Sack der Welt gepackt, die ganze Welt nichts als Illusion, Einbildung, transzendentale Träumerei, Flammenschrift an der Wand des Unbewussten? Mitnichten. Denke an das berühmte Bild vom Fischernetz: Je nach Größe der Maschen fängst du die großen Barsche oder die kleinen Sardinen. Und die stillen deinen realen Hunger. Netze müssen ausgebessert, eingerissene Maschen geflickt und erneuert werden. So auch die Sprache und das Netzwerk unserer auf Gegenstände referierenden Begriffe. Wie fein ist das Sprachnetz der Botaniker, der Entomologen, der Geologen, der Zoologen, der Neurologen, der Archäologen – und ohne Unterlass sind die globalen wissenschaftlichen Netzwerker damit beschäftigt, neue Funde zu taufen, Begriffe neu zu untergliedern, Begriffshierarchien umzubauen. Und wenn am Nachbartisch zwei Gauner in Gaunersprache über den nächsten Coup reden, versuche herauszufinden, worüber sie reden, welches Gebäude, welche Bank, welche Devisen sie meinen!

Uns genügen Netze, mit denen wir Barsche und Sardinen einfangen können. Das übrige überlassen wir getrost den Wissenschaftlern mit ihren Quarks und ihrem fluktuierenden Ur-Vakuum, die mit immer feineren Messverfahren das menschliche Auge beschämen und immer entlegenere, immer winzigere Objekte einfangen – und den Dichtern, die so manchen bunten Vogel mit den subtilen Pfeilen Apolls abgeschossen haben.

Jul 13 13

Bleib eine Weile nur still

Das Licht, die Luft, das Element –

manchmal scheinst du, eine weiße Gänsefeder,
im unendlichen Blau zu trudeln, zu schwimmen –

manchmal scheinst du, eine verschlossene Muschel,
über die wogende Zunge des Leviathan zu rollen.

Das Licht, die Luft, das Wasser –

manchmal scheinst du, ein zitternder Kiesel,
unter den fleißigen Händen des Wassers reinlich geglättet –

dann wieder, manchmal, springst du, ein Gaukler
des Nichts, grell aus dem Spielwerk der Zeit.

Komm nur, reich mir die Hand –
vielleicht bleibt eine Weile still der Wandelblick –

vielleicht schwingst du mit mir langsam
über den glatten, stillen Spiegel des Schlafs.

Jul 12 13

Fragen, fühlen

Wird es Regen geben, was meinst du?

Wenn der Wind uns umfächelt,
und in dein Haar sprüht das Licht,
werden dann wir uns fühlen,
in der schattigen Laube des Fühlens
uns unterhalten –

werden Hand in Hand wir stehen
unter der Wölbung des Tors
mit dem Doppelschatten
von Abschied und Wiederkehr –

wie unter einem Bogen zwei Saiten,
doppelt gegriffen, schwingen
in einen sich tiefer erinnernden Ton?

Wenn der Wind sich schelmisch
im Raunen der Espe versteckt
und das Licht, ein Wandergeist
durch die Blüten, den Staub der Zeit,
im Heidekraut verglimmt,
dem Kissen purpurnen Schlummers –
wirst dann du noch da sein?

Wenn die Luft sich im Blattwerk der Weide
verplaudert und im Nu anderen Ton,
fremden, dunklen,
im Schilf des Teiches erregt –
dem Traum schon nah –

wirst reden,
wirst schweigen du dann?

Jul 12 13

Philosophieren V

Wir tun etwas mit euch (für euch, gegen euch) (in bestimmter Weise, jetzt und hier). Wir sagen euch etwas (in bestimmter Weise, jetzt und hier). Dies sind die Formeln zur Beleuchtung und Erschließung der Identität und des Verhaltens von Gruppen, der kollektiven Intentionalität.

Ein Sprecher sagt befugtermaßen und rechtens „wir“, wenn er von der Gruppe, die diese Pluralform meint, durch ein Verfahren der Legitimierung wie Wahl oder Akklamation dazu autorisiert ist, in ihrem Namen zu sprechen. Die Formel der kollektiven Äußerung könnte in rechtskräftiger und gültiger Ausprägung lauten: „Im Namen des amerikanischen Volkes erkläre ich der Volksrepublik China den Krieg.“ Diese Äußerung ist keine Aussage über die Tatsache eines Krieges zwischen den USA und China, sondern deklariert – wenn sie denn vom in korrektem Verfahren gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vor dem Kongress in Washington oder aus dem Oval Office des Weißen Hauses verlautbart wird – die Tatsache des Krieges der USA mit der Volksrepublik China als vom Augenblick ihrer Verkündung an bestehend.

Die Formel „Im Namen des amerikanischen Volkes erkläre ich der Volksrepublik China den Krieg“ hat keine verbindliche Wirkung und setzt die Tatsache des eben mit ihrer Verlautbarung beginnenden Krieges dann nicht in die Welt, wenn sie von einem Junkie im Drogenwahn vor dem Weißen Haus oder vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im Traum geäußert wird. Um ihre ungeheure Wirkung zu entfalten, bedarf die Formel der Einbettung in das numinose Element der institutionellen Autorität und der Repräsentanz des Gruppenwillens. An der richtigen Stelle, zum richtigen Zeitpunkt, von dem Sprecher geäußert, der qua Amt dazu befugt ist, hat die Kriegserklärung weitreichende Folgen, die eine ungeheure Kaskade von Befehlen und Einzelhandlungen in Heer und Marine und wahrscheinlich Millionen von Toten einschließen können. Im gegenteiligen Fall, verlautbart am falschen Ort, zum falschen Zeitpunkt, ohne Legitimierung durch einen Gruppenwillen, verhallen die Worte ohne Folgen, schlimmstenfalls wird der Sprecher in Gewahrsam genommen und einer psychiatrischen Begutachtung zugeführt.

Kollektive wie Clubs, Vereine, Firmen, Kirchen oder Staaten verfolgen Absichten und suchen ihre Zwecke und Ziele zu erreichen. Ihre Absichten und Ziele werden aus der Quelle des Antriebs gespeist, die eigene Identität über möglichst lange Zeitdauern zu erhalten und gegen Gefahren von außen und innen zu schützen.

Gruppen müssen Ressourcen wie Geld, Grund und Boden, Immobilien oder Aktien sowie Machtmittel wie Waffen, Wissen, Informationen, Podien der Selbstinszenierung und Propaganda akkumulieren und besetzen, um die Risiken und Unsicherheiten infolge des unaufhaltsamen Wandels im Zeitverlauf zu beherrschen oder zu minimieren. Das höchste Risiko ist der Untergang, es zu vermeiden, zumindest vorerst, heißt die Wahrscheinlichkeiten von Handlungen und Ereignissen, die die Existenz sichern, zu maximieren.

Strategien der Existenzsicherung lassen sich als Grade auf einer Gaußschen Kurve wachsender Abschließung und Ausschließung beziehungsweise wachsender Öffnung und Einschließung eintragen: Die beiden Überschneidungen der Kurve mit der Ordinate bezeichnen dasselbe Ereignis: Untergang, Aussterben und Tod der Gruppe. Also liegt das Optimum der Bedingungen, die den Erhalt und das Wachstum der Gruppe sichern, im Maximum der Kurve zwischen den beiden Extremen.

Ein eingetragener Schachclub, der an regelmäßigen Wettkämpfen teilnimmt, aber es verabsäumt, Auslesekriterien für neue Mitglieder aufzustellen, der es nicht für nötig befindet, den Nachwuchs zu Schulungen zu verpflichten, wird auf Schachturnieren im Wettkampf mit anderen Clubs, die harte Auslese betreiben und ein rigides Schulungsprogramm durchpauken, bald Niederlage für Niederlage einstecken. Der Sports- und Kampfgeist erlahmt, die alten Hasen resignieren und ziehen sich zurück, die Jungen verlieren an ihnen Vorbild und Halt. Die Auflösung des Vereins steht ins Haus.

Selbstredend wird auch ein Schachclub, der sich rigide jedem Neuzugang verschließt und sich vollständig von der Umwelt abschottet, zum sicheren Untergang verurteilt sein: Schon wegen der Tatsache, dass er bald überaltert und am Ende alle Mitglieder verstorben sein werden.

Dagegen wird ein Schachclub erfolgreich auf dem regionalen, nationalen oder internationalen Parkett der Schachturniere agieren, wenn er sich nicht Hinz und Kunz öffnet, sondern diejenigen in kontrollierten Ausleseverfahren auswählt, mit deren Talenten und Neigungen sich auf dem Gebiet des Vereinsgegenstands am besten wuchern lässt. Die Neuzugänge werden gehörig geschult, die Ablösung der alten Herren vollzieht sich stufenweise und glimpflich. Hier gelingt der Existenzerhalt durch überwachte, gelenkte Öffnung und gelungene Sukzession, ein allmähliches Wachstum ist nicht ausgeschlossen.

Völlige Abschließung führt wie unkontrollierte Öffnung zum Untergang von Gruppen wie Vereinen, Firmen, Kirchen und Staaten. Die Existenz der Gruppe und ihr Erhalt ist weniger wahrscheinlich als ihre Nichtexistenz und ihr Untergang. Denn sie muss im stets fluktuierenden Ereignisfeld ein sich selbst steuerndes und tragendes Fließgleichgewicht anzielen und immer wieder herstellen.

Jul 12 13

Philosophieren IV

Wer sagt wem was wie wann und wo? Auch Reden ist bekanntlich ein Tun, wenn auch eines der besonderen Art. Auch dem Sprecher unterstellen wir rechtens eine Absicht, die er mit seiner Äußerung verfolgt und zu verwirklichen sucht. Die Art und Weise seiner Äußerung muss zu der von ihm verfolgten Absicht passen. Willst du etwas von mir wissen, solltest du mir eine Frage stellen. Willst du, dass ich dich auf dem Weg begleite, solltest du mich darum bitten. Willst du mich von dem Kontakt mit dem dubiosen Typen fernhalten, solltest du mich vor ihm warnen. Wenn wir nach dem Sinn oder der Bedeutung einer Äußerung fragen, können wir zumeist korrekt antworten, indem wir die Art und Weise, den Modus, der Äußerung nennen: Frage, Bitte, Befehl, Warnung, Behauptung.

Was meint er damit? Nun, er hat eine Frage gestellt. Wir können den Äußerungstypus auch explizit machen, indem wir ihn einleitend wie einen Indikator benennen. Hältst du dein Gegenüber für etwas begriffsstutzig oder ist dir daran gelegen, das Gewicht deiner Äußerung zu betonen, sagst du: „Ich frage dich, kannst du angesichts dieses Treuebruchs noch von freundschaftlichen Gefühle mir gegenüber reden?“ „Ich behaupte, das ist nicht der Fall!“ „Ich warne dich, tu das nie wieder!“ „Ich bitte dich, nur dieses eine Mal pünktlich zu sein!“

Wer sagt wem was wie wann und wo? Die Tatsache, dass wir mit unserem Tun und Lassen, mit unserem Reden und Schweigen überhaupt Absichten der unterschiedlichsten Art verfolgen, wurzelt in den Tiefen unserer biologischen Ausstattung: Immer strebend uns zu bemühen, stets auf dem Quivive, aufmerksam, auf der Hut und wachsam zu sein, wenn es nottut (und das ist oft der Fall), sind wir als natürliche Lebewesen angehalten: um zu leben und uns am Leben zu halten, um am sozialen Leben teilzunehmen und unsere Funktionen und Rollen im Spielfeld des Handelns einigermaßen korrekt, ordentlich, angemessen oder zufriedenstellend zu erfüllen.

Wer sagt wem was wie wann und wo? Wer neu in eine Firma, einen Verein, eine kirchliche Gemeinde oder einen Tennisclub eintritt, wird gut daran tun, höflich, zuvorkommend und freundlich aufzutreten, um sich den anderen Mitgliedern auf angemessene Art zu gesellen und die Grenzen der eigenen Rolle abzutasten, die es bei Strafe unangenehmer Sanktionen, übler Nachreden, beschämender Aussonderung oder gar des schließlichen Ausschlusses aus der Gruppe nicht zu übertreten gilt. Um diese Absicht zu erreichen, wird der Novize nicht ständig das Maul aufreißen und wichtigtuerisch gestikulierend lautstark seinen Senf zu allem und jedem dazugeben, sondern einen höflichen Ton anschlagen, sich zurückhalten, wenn die Vorgesetzten, die Älteren und Erfahrenen das Wort führen und auf Fragen angemessen, reserviert, aber bestimmt, antworten. In der Rolle des Neulings, des Debütanten, des Anwärters, des Azubis, des Novizen dämpfst du den Ton und trittst eine Weile verhalten auf.

Die Äußerungen des Polizisten, des Richters und Staatsanwalts, des Gerichtsvollziehers, des Arztes, des Prüfers, des Beichtvaters wiegen schwerer als die des Temposünders, des Delinquenten, des Schuldners, des Kranken, des Fahrschülers, des reuigen Sünders. Äußerungen dieser Art, von Amts- und Respektspersonen vorgebracht, sind mit institutionellem Gewicht befrachtet: sie zu bekritteln und zu bemäkeln, gar sie zu ignorieren und zurückzuweisen, ist nicht ratsam. Denn Anweisungen, Befehle und Urteile zu ignorieren, die mit amtlicher und institutioneller Autorität bewehrt sind, hat für den Ignoranten unangenehme Disziplinierungsmaßnahmen oder empfindliche Einschränkungen, Zurechtweisungen und Strafen zur Folge.

Du kannst die Grade der Verbindlichkeit des Gesagten auf einer Skala abtragen, die vom Nullpunkt unverbindlichen Geschwätzes bis zum Gipfelpunkt von Äußerungen wie Befehlen, richterlichen Urteilen, amtliche Verlautbarungen, Verkündungen von Verfassungsartikeln und Gesetzen, Namensvergaben wie bei der Taufe oder Treue- und Vertragsversprechen wie beim Ehegelöbnis reicht: Mit Äußerungen dieses institutionellen Gewichts werden die Tatsachen und Strukturen der sozialen Welt erzeugt.

Am Rande sei vermerkt, dass die Frageformel „Wer sagt wem was wie wann und wo?“ auch aufschlussreich für den Bereich des sakralen und poetischen Sprechens ist. Dem mit dem Charisma von Berufung und Auserwählung begabten Menschen wie Buddha oder Jesus wird in ihren Äußerungen die Autorität des Heiligen verliehen, die ihre Sprüche, Segnungen, Verfluchungen und Gleichnisse unantastbar macht. Dem mit dem Charisma von Einweihung und Genialität begabten Menschen wie Goethe oder Bashô wird in ihren Äußerungen die Autorität der Meisterschaft verliehen, der ihre überlieferten Werke zu erleuchteten Vorbildern macht.

„Ich erwarte dich hier morgen um die gleiche Zeit.“ Die Anwendung unserer Begriffe für Akteure, Handlungsarten mit ihren Zeitstufen und Zeitmodi, direkte und indirekte Objekte, Zeitpunkte oder Zeitstrecken und Orte ist im lebensweltlichen Umgang nicht streng formal und definitiv geregelt. Die Vagheit der Spielräume verengt sich unter Hinzuziehung der Koordinaten der Umgebung: Wenn wir jetzt in einem Park wandeln oder am Ausgang des Parks stehen, erwarte ich dich morgen an anderen Stellen, als wenn wir uns an der Tür meiner Wohnung verabschieden. Das implizit Mitgemeinte bei der Verwendung von Sätzen mit vagen Zeit- und Ortsadverbien kann explizit gemacht und durch Erläuterungen präzisiert werden. Dieses Verfahren ist geboten, wenn Missverständnisse und Unklarheiten zu befürchten sind.

Wird die Aussage „Ich erwarte Sie hier morgen um die gleiche Zeit“ von einem Staatsanwalt oder Untersuchungsrichter verlautbart, wird ihr qua Amtsautorität des Sprechers die Eigenschaft einer Anordnung verliehen, die zu ignorieren Sanktionen wie Strafgeld oder Untersuchungshaft nach sich ziehen könnte. Das implizit Mitgemeinte muss nicht erläuternd präzisiert werden. Das richterliche Urteil letzter Instanz ist kein frommer Wunsch, keine laue Empfehlung, sondern eine Entscheidung mit der Autorität des nicht mehr einklagbaren Vollzugs.

Die Bedeutung von Äußerungen ist demnach sowohl abhängig vom Modus des Äußerungstyps als auch von Funktion und Befugnis des Sprechers sowie dem institutionellen Handlungsrahmen, in dem sie verlautbart werden. „Ich liebe dich“, zwischen den Kissen gehaucht, kann leicht und unverbindlich, ja trügerisch und betrügerisch über die Lippen kommen oder auch mit folgen- und tatenlos bleibendem romantischen Ton. Das Paar, das sich vor der kirchlichen oder amtlichen Autorität das Eheversprechen gibt, verpflanzt mit dem Jawort sein weiteres gemeinsames Leben in den Rahmen der Institution Ehe, die es mit gegenseitigen Erwartungen zu handeln und zu reagieren, mit gegenseitigen Rechten und Pflichten bis zur Versorgung und Pflege ausstattet. Wenn reden nichts kostet, trudeln die Worte wie leichte Blätter auf dem Sturzbach der Ereignisse. Reden, das nichts kostet, ist darum meist wertlos, luxurierendes Faseln.

Institutionen wie die Taufe oder die Ehe, bei denen mittels Worten soziale Tatsachen und langwährende Lebensumwelten geschaffen werden, haben so lange Bestand, wie es Menschen gibt, die an ihre Existenz glauben. Die Macht und Kraft des Glaubens verleiht ihnen institutionelles Gewicht, das gleichsam den Kahn mit genügend schwerer Fracht ausstattet, die ihn in den Wogen des Lebens tiefere, sichere Bahn finden lässt. Dass mittels der Einsegnungsworte „Hoc est enim corpus meum, hic est enim calix sanguinis mei“ im liturgischen Rahmen der Eucharistie Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt werden, wird aufgrund des Charismas und der Amtswürde des in der Nachfolge Petri handelnden Priesters und der Autorität der als heilig geglaubten Kirche glaubend angenommen.

Beschimpfungen aus losem Mundwerk treffen den gelassenen Menschen, der gerade befördert wurde und zu dem Beleidiger in keinem Nahverhältnis steht, ganz am Rande. Dem in die magischen Zwänge des Voodoo-Kultes Verstrickten kann die als sakrosankt geglaubte Verfluchung durch die Autorität des Priesters den Tod bedeuten.

Jul 11 13

Philosophieren III

„O!“ und „Ach!“ sind die Interjektionen und Partikeln, die Grenzwerte des Gefühls markieren („himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“) – gleichsam der Nukleus und die Quintessenz von Poesie und Musik. „Und“ und „oder“ sind die sprachlichen Konjunktionen, die die Grundfunktionen des logischen Schließen bezeichnen (angliedern und partiell oder total ausschließen, aufnehmen und partiell oder total ausstoßen).

Je älter die Sprache oder Sprachstufe, scheint es, umso nuancierter und differenzierter der Reichtum der Partikeln, mit denen die Stellung von Satzgliedern und Sätzen zueinander und die Einstellung und emotionale Reaktion des Sprechers auf die geäußerte Mitteilung angezeigt wird. Je nach Kategorie sind diese Ausdrücke logische Marker oder Kennzeichen seelischer Befindlichkeiten und Gefühle.

„Ich ging spazieren, aber (indes, jedoch) da fing es an zu regnen.“ Der Sachgehalt, den der Satz mitteilt, lässt sich in zwei Informationen aufteilen: 1. Einer, der so und so heißt (geboren dann und dann, da und dort), geht zu einem Zeitpunkt, der der Gegenwart um so und so viele Jahre/Tage/Stunden/Minuten vorausliegt, spazieren. 2. Zu einem Zeitpunkt der Vergangenheit, der in die Dauer des Spaziergangs des Genannten eingeschlossen ist, regnet es. Die Bedeutung der einschränkenden, konzessiven Partikel „aber (indes, jedoch“) ist keine logische, sondern eine emotionale und fügt der eben dargelegten Information des Satzes folgende gefühlsmäßige Nuancierung durch emotionale Reaktion und Stellungnahme des sprechend-erlebenden Akteurs hinzu: „Es war schön spazieren zu gehen. Wie schade, dass es ausgerechnet da zu regnen anfing.“

„Das Gehirn ist ein Teil des menschlichen Körpers, aber kein Teil der menschlichen Person.“ In diesem Falle hat der Gebrauch der Partikel „aber“ die Funktion, die Aufmerksamkeit auf den logischen Sinn des Satzes zu lenken, der auf den Wechsel der kategorialen Ebenen von Teil und Ganzem beziehungsweise von Körper und Person verweist. Alle Funktionen, die schludriger oder bornierter Sprachgebrauch dem Gehirn zuweisen zu können wähnt wie denken, sprechen, fühlen und entscheiden, können ausschließlich der menschlichen Person zugesprochen werden. Ich denke, spreche, fühle und entscheide, und dies kann ich nur, wenn das Gehirn ein intakter Teil meines Körpers ist.

„Es regnet und die Straße ist nass.“ „Es regnet oder die Sonne scheint.“ „Es regnet oder es regnet nicht.“ Im Falle dieser Verwendung der Konjunktionen „und“ und „oder“ handelt es sich um ihren logischen Sinn, durch den sie die in den Teilsätzen geäußerten Informationen verknüpfen. Satzverknüpfungen dieser Art vermitteln uns Regeln, wie wir unsere Aussagesysteme konsistent aufbauen sollen. Sie sagen nichts über die Realität der Inhalte und geben uns keine ontologischen Hinweise. Wenn du einen Satz durch „und“ mit einem anderen Satz verknüpfst, ist die Verbindung stichhaltig, wenn immer die beiden Teilsätze zutreffen oder nicht zutreffen. „Es regnet und die Straße ist nass“ trifft genauso zu wie der zusammengesetzte Satz „Es regnet nicht und die Straße ist nicht nass.“ Wenn du zwei Teilsätze mit dem nichtausschließenden „oder“ verknüpfst, sind die ganzen Sätze richtig, es sei denn, beide treffen nicht zu. „Es regnet nicht oder die Straße ist nicht nass“ ist falsch. Akzeptierst du einen Satz und verwirfst du ihn im gleichen Moment, verstößt du gegen die Regel, Widersprüche und Inkonsistenzen zu vermeiden. Denn würdest du gedankenlos Widersprüche und Inkonsistenzen zulassen, würden unsere Aussagenetze ziemlich bald sehr rissig und mit der Zeit unbrauchbar. Kein Fisch eines wahren Inhalts bliebe mehr darin hängen.

„Die Straße ist nass, weil es regnet.“ „Die Sonne scheint nicht, denn es regnet.“ „Es regnet, also scheint die Sonne nicht.“ „Er war durstig, deshalb ging er zum Kühlschrank und nahm sich ein Bier.“ Bei dem Gebrauch der Konjunktionen „weil“, „denn“, „also“ und „deshalb“ liegen verschiedene Kategorien von Gebrauchsweisen vor. Die Konjunktion „weil“ leitet einen Nebensatz ein, der die objektive Ursache der Tatsache oder des Vorgangs darstellt, die im Hauptsatz bezeichnet wird. Die Konjunktionen „denn“ und „also“ leiten Schlussfolgerungen aus Prämissen ein, von denen im Hauptsatz meist nur eine genannt wird: „Es regnet, also scheint die Sonne nicht“ lautet in der vervollständigten Version des logischen Schlusses: „Immer wenn es regnet, scheint die Sonne nicht.“ „Es regnet.“ – „Also scheint die Sonne nicht.“

Im Unterschied zum kausalen Grund gibt der intentionale Grund kein objektives Moment oder Ereignis der Außenwelt an, aufgrund dessen ein anderes Moment oder Ereignis der Außenwelt eintritt oder zu existieren beginnt, sondern ein Motiv, aufgrund dessen der Akteur tut, was er tut: „Er war durstig, deshalb ging er zum Kühlschrank und nahm sich ein Bier.“ Das Ereignis bleibt nicht aus und tritt stets ein, wann immer seine objektive Ursache vorliegt, während das Motiv, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, gleichsam auf der Strecke bleiben und seine Kraft unterwegs verlieren kann, so dass die erwartete oder beabsichtigte Handlung ausbleibt. Er war zwar im Begriff, sich wegen seines Dursts eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank zu holen, zog es dann aber vor, sich ein Glas Wasser aus dem Hahn zu genehmigen, weil er befürchtete, noch ein Bier könne den Kater am nächsten Morgen unerträglich machen. Der intentionale Grund der Befürchtung überwog gleichsam die Kraft des intentionalen Grunds, der zum Biergenuss motivierte.

Intentionale Gründe und Motive, zu handeln, bestimmen einen Großteil unseres Lebens. Was immer wir vorhaben, beabsichtigen und planen, aber auch vermeiden, unterlassen und übergehen wollen, hat seine intentionalen Gründe und Motive. Wir müssen die aus ihnen erwachsenen Taten und Handlungen in die objektive Welt der Dinge und Ereignisse so einpassen, dass wir unsere Ziele erreichen. Diese Anpassungsleistung vollbringen wir durch den Erwerb, die Speicherung und Erweiterung sowie die angemessene Anwendung unserer Fähigkeiten und Erkenntnisse.

Du möchtest heute Abend mit deinem Freund ins Konzert gehen. Der Ort und das Gebäude, wo das Konzert stattfindet, sind objektive Tatsachen der menschlichen Umwelt. Du musst einen Stadtplan lesen können, wenn dir der Ort unbekannt ist. Dazu gehört auch ein intuitives Verständnis der topographischen Projektionsmethode, mittels derer Straßen als weiße, dünne Linien, Gebäude als Rechtecke und Parks als grüne Flächen dargestellt werden. Dieses Wissen hast du schon erworben und erfolgreich erprobt. Die Projektionsmethode wurde über Jahrhunderte von Geometern und Geographen entwickelt. Wenn du zur rechten Zeit zum Konzertsaal kommen möchtest, musst du die Uhrzeit auf deiner Armbanduhr oder deinem Handy ablesen. Auch dieses Wissen hast du schon als Jugendlicher erworben, das Wissen, mittels dessen das Wunder von Präzisionswerk entstand, das du am Arm trägt oder das in deinem Smartphone durch eine sehr lange Liste von Algorithmen repräsentiert wird, wurde über Jahrhundert von Physikern, Mathematikern, Ingenieuren und Technikern angesammelt und angewendet.

Jetzt muss du dich zu einer U-Bahn- oder Bus-Station begeben und dort eine Fahrkarte lösen. Du musst an der richtigen Haltestelle aussteigen und den vereinbarten Treffpunkt aufsuchen, um deinen Freund abzuholen. Auf der gleichsam unteren Ebene des intentionalen Handlungsgeschehens musst du Personen und Hindernissen mittels Körperbewegungen geschickt ausweichen. Ja, du musst als Kind gehen gelernt haben, um eben jetzt deinen Weg machen zu können. Gehen, ausweichen, Auto und Fahrrad fahren sind erlernte Fähigkeiten, zu denen es mehr oder weniger tief angelegte Dispositionen in den sensorisch-neuronalen Netzwerken des Körpers geben mag.

„Wenn ich jetzt losgehe, komme ich noch rechtzeitig an.“ „Wenn ich diese Bahn verpassen würde, käme ich nicht mehr rechtzeitig an.“ Du musst die logischen Verknüpfungen von Teilaussagen zu informativen Sätzen beherrschen und in der Lage sein, irreale Ereignisse und Zustände durch korrekte Anwendung des konditionalen Konjunktivs in Bedingungssätzen zu imaginieren. So kannst du dir vorstellen, welche Ereignisse du vermeiden solltest, wenn du bestimmte Ziele erreichen willst, beziehungsweise welche Ereignisse einträten, falls du versäumen solltest, bestimmte Handlungen zu vollziehen, wie jetzt aber schnell loszugehen und zur Haltestelle zu eilen, um noch rechtzeitig deinen Freund für euren gemeinsamen Konzertabend abholen zu können.

Jul 11 13

Philosophieren II

Ich zeige dir etwas. Morgen zeige ich dir am Jesuitenplatz in Koblenz am Rhein mein altes Gymnasium. Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Hier hast du die Gelenke und Wurzeln des Satzes, die ziemlich genau unsere allgemeine Situation, unser Leben in dieser Welt, abbilden.

Du wirst nicht sagen: „Ich zeige mir dies und das.“ Zeigen meint ja, jemand anderen durch die Geste des Zeigens auf etwas aufmerksam machen.

Zu den Singularformen „ich“ und „du“ gesellen sich die Pluralformen „wir“ und „ihr“, in der Mitte gleichsam zwischen „ich“ und „du“ stehen die Singularformen „er“, „sie“ und „es“, in der Mitte gleichsam zwischen „wir“ und „ihr“ steht die Pluralform „sie“. „Ich“ kann nicht willkürlich durch „du“ ersetzt werden, ebenso wenig wie „wir“ durch „ihr“. Dagegen können unter Umständen „ich“ und „wir“ die Plätze tauschen, genauso wie „du“ und „ihr“; dasselbe gilt für „er“ und „sie“.

Die Verwendung der Personalpronomina verweist auf unser Verständnis der Rollen, die wir im sozialen Leben mit den anderen spielen. Ich bin auf ein Gegenüber verwiesen, das mir wie du oder ihr nahestehen oder wie er und sie ferner stehen kann. Ich kann mit dir eine intime Gemeinschaft des Redens, Handelns und Lebens bilden. Wir können mit euch eine solidarische Gruppe des Kämpfens, gegenseitiger Hilfe und gemeinsamen Feierns bilden. Ich kann mit ihm oder ihr einen Vertrag schließen, eine Firma gründen, einen Arbeitsplatz teilen. Das können wir auch mit ihnen, ebenso er mit ihnen und sie mit ihnen.

Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Die gebeugte Form des Verbs (wir gehen spazieren, wir gingen spazieren, wir sind spazieren gegangen) informiert über den Akteur und die Art des Tätigkeit sowie über die Zeitstufe (wann) oder die Modalität der Zeit (in einem Augenblick oder während einer längeren Zeitdauer): Wer tut was wann? Dabei kann die in der Verbform mitgegebene Zeitstufe durch eine adverbielle Bestimmung der Zeit (heute, morgen, gestern) genauer expliziert werden: Wir gingen gestern Morgen spazieren. Ebenso leicht und genau lassen sich die örtlichen Gegebenheiten, an denen ich, wir, du, ihr oder er und sie etwas tun, durch Verwendung passender Ortsbeschreibungen näher bestimmen: Wir gingen gestern Abend durch den Grüneburgpark in Frankfurt am Main spazieren.

Wir erfassen in den grammatischen Gelenken des Satzes die ontologische Struktur und Grundsituation, in der sich unser Dasein und unser soziales Leben abspielen: Wir sind als biologische Organismen auf ein zielgerichtetes soziales Tun und Handeln angewiesen, das wir in kleineren und größeren Gruppen und Gemeinschaften zur Erlangung und Durchsetzung überlebenswichtiger Ziele und Zwecke aufeinander abstimmen. Da unsere Kräfte bemessen sind, bedürfen wir der Regeneration und Erholung: körperlicher und seelischer Entspannung und Erfrischung, die wir im Schlaf, im Fußballstadion, im Schwimmbad, im Theater oder Konzertsaal finden.

Der Spielraum des Handelns ist zeitlich bestimmt und ausgedehnt: Wir benötigen für die Entwicklung eines neuen Medikaments von den ersten Laborversuchen bis zur Marktreife einige Jahre. In diesem Zeitraum bleibt die originäre Zwecksetzung unseres Handelns so lange bestehen, bis der Zweck erfüllt ist: Ein Medikament ist auf dem Markt, das eine therapeutische Wirkung aufweist, die es in Teilen, zum Beispiel aufgrund geringerer störender Nebenwirkungen, gegenüber seinen Mitbewerbern bevorteilt. Dabei mündet unsere einheitliche Zielsetzung in ein ganzes Delta von einzelnen aufeinander abgestimmten Handlungssträngen, die sich auf verschiedene Personengruppen wie Mediziner, Pharmazeuten oder Patienten verteilen.

Wir investieren zur Erlangung eines Zwecks und zur Erreichung eines Ziels mittels zielgerichteten Handelns Kraft, Ressourcen und Geld. Die Investitionen für die Entwicklung eines neuen Medikaments können durchaus hunderte von Millionen betragen. Sollte der Fall eintreten, dass der erhoffte therapeutische Mehrwert verfehlt oder ein Mitbewerber ein gleich wirkstarkes Produkt in kürzerer Zeit oder ein wirkstärkeres Medikament zur gleichen Zeit wie wir auf dem Markt positioniert, ist unser Projekt gescheitert, unser Absicht verwirkt, unsere Investitionen wurden in den Sand gesetzt.

Handlungen kann Erfolg beschieden sein oder Misserfolg, sie können gelingen oder scheitern. Absichten werden verwirklicht oder verwirkt. Absichten können aufgrund der Irrationalität ihres Inhalts (die Absicht, ein Perpetuum Mobile zu entwickeln) eo ipso zum Misserfolg verurteilt sein. Zwecke werden verfehlt aufgrund der verfehlten Wahl der Mittel (wegen der falschen Substanz wird das Medikament unwirksam).

Ist der Spielraum des Handelns von einer mehr oder weniger großen Gruppe ausgefüllt und werden die Ziele und Zwecke in längeren Zeitverläufen zu erlangen gesucht, zerfällt der Handlungsgang in viele Kaskaden synchronisierter Einzelhandlungen, wie bei den einzelnen zielgerichteten Armbewegungen des Arbeiters am Fließband, zu dessen Einzelhandlung das Spitzen des Bleistifts durch den Prokuristen ein Komplement bildet.

Zu fragen, ob wir frei sind zu tun, was wir tun, scheint angesichts der Feinstruktur der Handlungsvollzüge unangemessen und akademisch. In gewisser Weise sind wir nicht frei in der Bildung der Absicht, ein neues besseres Medikament zu entwickeln, sind wir als sterbliche Wesen bei dem gegebenen Zustand von Medizin und Pharmazie doch auf die Erfüllung von Absichten dieser Art angewiesen. Andererseits wäre es lächerlich anzunehmen, jede einzelne Handlungskaskade vom Schütteln des Reagenzglases durch die Laborassistentin bis hin zum Spitzen des Bleistifts durch den Prokuristen wäre vollständig determiniert, weil wir jeweils die den Muskelbewegungen entsprechenden vorausgehenden oder damit gleichzeitig verlaufenden neuronalen Zustände in bildgebenden Verfahren verorten können.

Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Die Gegenstände, auf die sich das Tun und Handeln beziehen, werden grammatisch durch die Formen des direkten und indirekten Objekts (Akkusativ- und Dativobjekt) bezeichnet. Mit diesen Objekten erfassen wir ontologisch ebenso wie mit den Kategorien von Raum und Zeit die Struktur der Welt, in der wir leben, uns bewegen und handeln.

„Ich schlage den Nagel mit dem Hammer in die Wand.“ „Du leihst mir das Buch aus.“ „Der Bub hat seiner Schwester die Puppe gestohlen.“ „Die Pflegerin hat dem Demenzkranken den Mund abgewischt.“ Ein direktes Objekt scheint ein solches zu sein, das sich unseren Handlungsabsichten unmittelbar fügt und offensteht, das wir berühren und ergreifen, wahrnehmen und manipulieren können. Aber ich sehe dich nicht nur, sondern begrüße dich auch. Ich kann sagen: Ich gebe dir einen Begrüßungskuss. Oder auch: Ich küsse dich zur Begrüßung. Keiner wird sagen wollen, dies mache einen grundlegenden, einen kategorialen Unterschied der Bedeutung.

Mit der Verwendung des indirekten Objekts können wir eine Relation, ein Gefüge, ein Verhältnis zwischen Personen und Sachen näher erfassen. Statt des Satzes: „Die Pflegerin hat dem Demenzkranken den Mund abgewischt“ können wir ungelenk, aber ebenfalls genau auch sagen: „Die Pflegerin hat den Mund des Demenzkranken abgewischt.“ Das indirekte Objekt hat hier also die gleiche Funktion wie der Genitivus subjectivus, es weist uns darauf hin, um wessen Mund es sich handelt. Das wird auch sichtbar, wenn wir statt des Satzes: „Der Bub hat seiner Schwester die Puppe gestohlen“ den Satz gleichen Sinnes sagen: „Der Bub hat die Puppe seiner Schwester gestohlen.“ „Du leihst mir das Buch aus.“ Gerade rechtliche Bestimmungen und Verfügungen der Übereignung, Überweisung oder Testierung verfügen mit der Angabe des indirekten Objekts über das geeignete Mittel, das zugrundeliegende Rechtsverhältnis zwischen Personen in Bezug auf die Sache explizit darzustellen. „Ich schlage den Nagel mit dem Hammer in die Wand.“ Für die Darstellung unseres technisch-handwerklichen, künstlerischen und methodischen Weltumganges verfügen wir über eine Fülle von präpositionalen Ausdrücken und modalen Begriffen, mittels derer wir die zu manipulierende Sache ins Verhältnis zu den Instrumenten, Mitteln und Methoden setzen können, mit denen wir sie traktieren. „Der Künstler trägt die Farben auf die Leinwand auf.“ „Der Musiker spielt das Stück vom Blatt.“ „Der Schauspieler spricht den Part auswendig.“

Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? „Der Schauspieler spricht den Part auswendig.“ Die modalen Ausdrücke (Wie? Auswendig, leise, laut, schnell, langsam, hastig, schludrig) geben die Farbschattierungen oder die Obertöne an, die sich über der Melodie unseres Tuns und Handelns, Leidens und Erlebens bilden. Die Engländer sagen für „auswendig“ „by heart“, die Franzosen ähnlich „par coeur“, die Italiener „a memoria“. Die Angabe der Art und Weise, wie wir tun, was wir tun, beleuchtet unsere Fähigkeiten, Dispositionen und gefühlsmäßigen Stimmungen, die unser Handeln begleiten und beeinflussen. Du bist ein guter Schauspieler, wenn du den Text auswendig hersagen kannst. Du bist ein schlechter Schauspieler, wenn du deiner Neigung nachgibst und dich von unangemessenen Stimmungen hinreißen lässt: Dann sprichst du deinen Part zwar auswendig, doch zu leise, zu laut, zu schnell, zu langsam, hastig oder schludrig. In den modalen Ausdrücken sind wir dem Befinden des Agenten, also einem wichtigen Part unseres Lebens, auf der Spur: Wie ist dir zumute? Langweilig, müde, nervös, wohl, unwohl, erregt, schlapp … Der Gebrauch der modalen Ausdrücke, ihre Selbst- und Fremdzuschreibung, zeigen uns, dass die berüchtigten phänomenalen Bewusstseinszustände kein unzugängliches Mysterium sind, sondern am hellen Tag jedermann offen vor Augen liegen.

Jul 10 13

Philosophieren I

Aufgrund zweier Dinge ist dir der andere gegeben (Luft, die den Schleier bewegt und lüpft): des Körpers, in dem er leibt und lebt, mit dem er durch Handlungen (absichtsvolle Muskelbewegungen), Gesten und Mimik zeigt, was er meint, wer er ist – und der Sprache, in der er redet und schreibt: Sie ist wie die Falten, die beim Lächeln unwillkürlich entstehen, oder die Tränen beim Weinen (ziehe die Falten ab vom Lächeln, die Tränen vom Weinen – was bleibt?).

Die Gedanken, Absichten, Gefühle des anderen sind nicht hinter der Stirn des Geheimnisses und in einer unzugänglichen Kammer der Seele verborgen oder nur mühsam mittels Analogie zu den dir vertrauten eigenen Bewusstseinszuständen aus seinen Äußerungen zu erschließen – und dies dann bei hohem Unsicherheitsrisiko. Wenn du wissen willst, was er denkt, welche Absichten er hegt, wie er fühlt und empfindet – nun, so frage ihn, betrachte ihn, handle mit ihm, lebe mit ihm!

Oder achte auf die Umgebung und das Spielfeld des Handelns! Siehst du ihn einen Regenschirm ergreifen und das Haus verlassen, musst du nicht fragen, um seine Absicht zu erkunden: Du weißt, er erfüllt sich den Wunsch nach einem Spaziergang, befürchtet aber, vom Regen überrascht zu werden. Eine Absicht, einen Wunsch, eine Befürchtung – all das, einen komplexen mentalen Zustand, hast du in einem Nu geistesgegenwärtig erfasst.

Es könnte sich natürlich auch um einen Kauz handeln, der auch beim schönsten Allwetterhoch nie ohne sein Accessoire unterwegs ist. Wenn du diesen Menschen über längere Zeit beobachtest, wirst du ihn schon als kauzig wahrzunehmen und einzuschätzen lernen.

Zum Spielfeld des Handelns zählt manches und vieles, so auch die jeweilige Semantik der Anredeformen, die dir deine Sprache bereitstellt. Diese Semantiken sind ausgespannt zwischen dem Pol maximaler Verfeinerung der Anredeskala – das sind die chinesischen, japanischen und altindischen Aristokraten unter den Semantiken – und dem Pol maximaler Reduktion und Vereinfachung – das sind die amerikanischen Demokraten. Du kannst immerhin zwischen der Du-Anrede im Nahbereich von Verwandtschaft, Freundschaft und Liebe und der höflichen, respektvollen Sie-Anrede im Distanzbereich von Institutionen der Unterordnung und Hierarchien wie Schule, Armee und Kirche wählen, auch wenn dir die alte vornehme Geste der Ihr-Anrede für die Distanzierung im Nahbereich mittlerweile versagt ist.

Mittels der Anredeform wird die Situation mitdefiniert, in der dir der andere sein Gesicht zeigt. Der Unteroffizier wird den General, der Untergebene seinen Vorgesetzten und der Pfarrer seinen Bischof nicht ungebührlich duzen, er riskiere denn Ruf und Stellung. Umgekehrt kann der Ältere, der im Handlungsfeld Führende durch das Angebot des vertraulichen Du die Situation neu definieren und den Weg zu vertraulicherem Umgang und intimeren Mitteilungen bahnen.

Natürlich kann der andere lügen und sich verstellen – doch nur bis zu einem gewissen Grad. Es bleibt deinem Feingefühl überlassen, ihn zu entlarven, ihm auf die Schliche zu kommen. Ist er im Grunde unglücklich, möchte aber durch Preisgabe seiner traurigen Lage dir nicht unterlegen oder gar ausgeliefert scheinen, kann er sich zu einem künstlichen Lächeln und einem scherzhaften Plauderton zwingen. Das Gekünstelte, Geheuchelte und Erzwungene in diesem Lächeln, in diesen Worten kannst du zu sehen und zu hören lernen.

Weil anders als der sprachliche der gestische und mimische Ausdruck in vielen Stücken – bei weitem nicht in allen – unter allen Völkern etwa gleich ist, könnt ihr euch mit Händen und Füßen verständigen – zu einem freilich geringen Grad. Beherrschtest du alle Sprachen der Welt und wärest ein perfekter Gebärdeninterpret und dir begegnete ein Wesen, und du verstündest keine seiner Äußerungen – so wäre dieses Wesen eo ipso nicht als menschliches Wesen, als Wesen unserer Art, zu betrachten.

Immer wiederholst du gleichsam den von dem anderen geäußerten Gedanken, im Augenblick, da du den Satz hörst, mit dem er ihn ausdrückt. Sein Gedanke verwandelt sich – bei günstigen Bedingungen – unmittelbar in deinen Gedanken. So kannst du verstehend hören und hörend verstehen. Doch versteht du, was der andere meint, wenn er etwas sagt, erst recht, wenn das euch beiden gegebene Umfeld der Wahrnehmung, des Erlebens und Handels offen und transparent da- und vor Augen liegt. Denn zumeist beziehen sich die Äußerung und der mit der Äußerung gemeinte Gedanke auf das nähere Umfeld des Sprechenden, das wie für ihn auch für sein Gegenüber mittels sinnlicher Wahrnehmung zugänglich ist.

Du kommst der Bedeutung des Gesagten, dem Gedanken, einfach auf die Schliche, wenn du fragst: Was wollte er mir bedeuten? Wollte er mir etwas zeigen, mich auf etwas hinweisen? Hat er mich etwas gefragt? Wollte er etwas von mir wissen? Hat er mich zu etwas aufgefordert? Wollte er, dass ich den von ihm ausgeschrittenen Handlungskreis vollende und schließe? Hat er mich vor etwas gewarnt? Mich um etwas gebeten? Wollte er mir seine Überzeugung über etwas kundtun? In diesen sprachlichen Figuren des Fragens, Aufforderns, Bittens, Warnens enthüllt sich dir der intentionale Grund, der mentale Zustand, der den Sprecher zu sagen bewog, was er sagte. In dem „etwas“, auf das sich das Gesagte und der im Gesagten gemeinte Gedanke beziehen, enthüllt sich dir der objektive Grund, auf den sich das Gesagte und der im Gesagten gemeinte Gedanke beziehen. Meist ist dies, handelt es sich nicht um die dünne Luft wissenschaftlicher Fachgespräche, um Gegenstände, Personen oder Ereignisse im Umfeld der sinnlichen Wahrnehmung.

Oft bezieht sich aber die Äußerung nicht auf einen Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auf einen bestimmten Punkt einer unabgeschlossenen Handlungskette: „Kannst du das mal halten!“ „Bitte steck den Brief ein und händige ihn dem Vater aus!“ „Komm mal näher, ich kann so nicht sehen, was du im Auge hast!“ „Daran arbeiten wir beim nächsten Mal weiter!“

Äußerungen, deren Gegenstand im Umfeld der Wahrnehmung liegt, werden oft eingeleitet oder begleitet von Formulierungen wie: „Schau mal! Sieh mal! Vorsicht! Achtung! Da drüben! Hierher! Sofort! Später. Nachher. Morgen. Rechts davon, links davon. Auf dem Tisch. Im Wohnzimmer. Im Garten. Das blaue, nicht das grüne Kleid.“ Diese Formulierungen spezifizieren die Raum-Zeit-Koordinaten und die sinnlichen Wahrnehmungen, die wir als biologisch-soziale Wesen zur Bestimmung der Gegenstände und ihrer Eigenschaften heranziehen müssen, damit wir sie uns zeigen, unsere Aufmerksamkeit auf sie richten und Handlungen mit und an ihnen ausführen können.

Im Übrigen sorgen die Dichte und Prägnanz der Situation – ähnlich der Fähigkeit des Menschen, Lücken der gesehenen Gestalt augenblicks auszufüllen – dafür, dass ihr euch gut versteht. Seid ihr verliebt, ist ein Kuss eine Antwort oder eine Aufforderung. Seid ihr verfeindet, ist eine Schmeichelei ein ironischer Stich oder eine versteckte Beleidigung. Seid ihr in einer geschäftlichen Unterhandlung, ist die Frage nach der Zeit eine Aufforderung, nicht länger nach Kompromissen zu suchen und zum Abschluss zu kommen.

Jul 9 13

Arthur Rimbaud, Le Coeur supplicié

Mon triste coeur bave à la poupe …
Mon coeur est plein de caporal!
Ils y lancent des jets de soupe,
Mon triste coeur bave à la poupe …
Sous les quolibets de la troupe
Qui pousse un rire général,
Mon triste coeur bave à la poupe,
Mon coeur est plein de caporal!

Ihtyphalliques et pioupiesques
Leurs insultes l’ont dépravé;
A la vesprée, il font des fresques
Ithyphalliques et pioupiesques,
O flots abracadabrantesques,
Prenez mon coeur, qu’il soit sauvé!
Ithyphalliques et pioupiesques
Leurs insultes l’ont dépravé!

Quand ils auront tari leurs chiques,
Comment agir, ô coeur volé?
Ce seront des refrains bacchiques
Quand ils auront tari leurs chiques,
J’aurai des sursauts stomatiques
Si mon coeur triste est ravalé!
Quand ils auront tari leurs chiques,
Comment agir, ô coeur volé?

 

Abgefuckt

Die Seele muss aufs Heck ich spein …
Ich bin verstopft vom Wunderkraut.
Sie schütten Suppe mir ans Bein.
Die Seele muss aufs Heck ich spein …
Unter miese-fiesen Witzelein
wird der Meute Lachen laut.
Die Seele muss aufs Heck ich spein …
Ich bin verstopft vom Wunderkraut.

Mit ihren höhnisch gereckten Schwänzen
hat das Pack mich fertiggemacht.
Jeden Abend wollen sie glänzen
mit ihren höhnisch gereckten Schwänzen.
Mit deinen wuschigen Zaubertänzen
zieh mich, Wasserhose, in die rettende Nacht.
Mit ihren höhnisch gereckten Schwänzen
hat das Pack mich fertiggemacht.

Wenn sie den letzten Pfriem ausspucken,
sich seellos flüchten, wozu denn noch?
Das wird ein wildes Bacchus-Zucken,
wenn sie den letzten Pfriem ausspucken,
mein Magen will mein Herz verschlucken,
sie stoßen mir ins triste Loch.
Wenn sie den letzten Pfriem ausspucken,
sich seellos flüchten, wozu denn noch?

Jul 7 13

Fernes Echo

Ist es jetzt, so war es eben.
Und dem folgt ein Echo fern.
Du kannst haltlos nur verschweben
mit des Echos Echo fern.

Lang herbeigeküsstes Wort,
hoch als Wolke blaut es fern.
Und von dem besonnten Hort
sind die Schatten nicht mehr fern.

Was durch Zeiten ausgefaltet,
selten sich noch grüßt von fern,
bleibe in dir unveraltet,
der Umarmung nie ganz fern.

Jul 6 13

Nacktheit der frühen Seele

Wer stellte dich nackt in die leeren Räume,
wo Monde und Sonnen fliegen und wirbeln
oder Blüten von mächtigen Bäumen,
die älter als du dich lang überleben?

Die Sprache, ein Tuch aus lebendiger Seide,
das ganz und gar um die Seele gewickelt,
ihre Gestalt verhüllt und verrät:
Wie fadenscheinig ist es geworden.

Was also blieb, blieb unerfüllt,
was harrt der Knospung und Bergung?
das Seufzen und Schreien der frühen Seele,
mit der bloßen Haut der Empfindung.

Jul 6 13

Levitation

„… wackelt der Stuhl oder wackelt die Welt …“

Du langst nicht hin.

Streckst deine krampfigen Finger
des Hungers, der Angst,
durch die Luke, das Gitter, das Loch –

du fühlst an den Fingerspitzen sehr fern
jene Wärme,
dich ganz zu umwickeln,
jene Glut,
dich ganz zu verzehren.

Du langst nicht hin.

Reckst den Kopf, die vergossene Schale,
aus der Grube, dem Fenster, dem Schlaf –

du fühlst an den Haaresspitzen sehr fern
die Luft,
deine Wirrnis zu kämmen,
den Wind,
dich über die Flüsse zu heben.

So müde lässt du, so bitter, so schlaff,
lässt die Hände du sinken,
sich in die Dämmerung wiegen den Kopf …

Ein sanftes Zischen wie züngelnder Flammen
hebt dich langsam, langsam empor ins Gezweig –

ein sanftes Schluchzen, so mütterlich,
küsst den Weg dir frei durch die Nacht –

ein sanfter Schrecken wie singender Wind
bläst dich in den Hof, wo die Geschwister dir sind.

Jul 5 13

In der Klamm

Eine Phantasie über die Ruppertsklamm bei Bad Ems

Auf dem schwindligen Grate der Klamm
wölbt sich eine Kapelle aus Holz und Basalt
über sprudelndem Mund.

Aus dem verrußten Gebälk flattern Falken.
Die Fenster frieren ohne die Scheiben
und ihre Farben.

Tief im Schutte birgt sich der Opferstein,
von dem kindliches Blut den Fratzen rann,
vor der Ankunft des Engels.

Jene Dämonen, wer kennt sie heute mit Namen?
Und kein Engel hat die Mordlust gehemmt
mit dem reinen Gesang.

Du entschreite der Klamm und ihren Schatten,
wirf vom schwarzen Gießbach den Schaum
ins menschenleere Blau.

Jul 5 13

Und der Tod tritt leise zurück

Café Ypsilon, Berger Straße, Frankfurt am Main

„… denn Lesen ist Liebe zum Leben …“

An den Gehwagen das Bein gewinkelt,
die winzige Hand, furchig, verfleckt,
ruht, ein herabgetaumeltes Blatt,
auf der aufgeschlagenen Seite,
als würde sie erwarmen an der Schrift.

Oder sie hält die Kaffeetasse schräg,
heikel zitternd – schon siehst du dich
zu Heldentaten auf dem Sprung –,
doch die Alte mit den mausohrigen,
weißen Kringellöckchen ist auf dem Quivive …

… schon wie sich ihr Mund schlürfend, leckend
zu einem zarten Grinsen glättet und stülpt –

ihr Körper aus mädchenhaftem Tüll,
betropften Atemfetzen, Perlmuttnägelchen,
in einem Arom aus Kampfer- und Kölnisch-Wasser,
ihr Körper ist wie nackt
vor der Wahrheit der Stunde.

Und der Tod, an die Litfaßsäule gelehnt –
mit dem scheelen Blick eines Taschendiebs zählt er
die Leberflecken auf den Armen der Greisin –
und der Tod tritt vor der späten Glut
dieses Lese-Lebens leise zurück.

Oh, sie schlägt uns allen ein Schnippchen –
jetzt jongliert sie ihr silbernes Handy
und kündigt dem eingeschüchterten Hörer
klipp und klar ihre baldige Rückkehr an –
und sie schiebt ihren Spazierhelfer,
als würde sie ihm, nicht er ihr Beine machen.

Ihr letzter schräger Blick
auf das Tablet eines Gastes verriet:
„Ich auch, demnächst – das müsste noch drin sein!“

Jul 5 13

Eugenio Montale, Incespicare

Incespicare, incepparsi
è necessario
per destare la lingua
dal suo torpore.
Ma la balbuzie non basta
e se anche fa meno rumore
è guasta lei pure. Così
bisogna rassegnarsi
a un mezzo parlare. Una volta
qualcuno parlò per intero
e fu incomprensibile. Certo
credeva di essere l’ultimo
parlante. Invece è accaduto
che tutti ancora parlano
e il mondo
da allora è muto.

 

Zungenbrecher

Ins Stocken geraten, sich verhaspeln
tut not,
die Schwere der Zunge
zu lockern.
Aber Stottern langt nicht
und wenn dadurch der Lärm auch nachlässt,
ist sie am Ende ganz hin. Also
finde das Reden
in der Mitte sein Maß. Einmal
redete einer aus vollem Halse
und blieb unverständlich. Gewiss
schwante ihm, als letzter
das Wort zu haben. Stattdessen
kam es dahin, dass nunmehr alle quasseln
und seither die Welt
sich in Schweigen hüllt.

Jul 4 13

Unschuld des Seins

Gelangst du dorthin?

Mit der Träne,
die an der Wimper zittert –

wenn der Morgen dir sein Rosenblatt
auf den Mund legt –

die Träume aus dem verlassenen Nest
des Schlafs, die Ameisen
heroischer Nachtarbeit,
über die Lanzetten der Gräser krabbeln –

deine Hand,
eine panische Hummel,
sich im Vorhang der Farne verfängt –

im sich entzündenden Harz
aus dem Teich auftaucht
die Nymphe aus grünem Glas,
die Puppe zart ausgeblasener Schmerzen –

im schwarz-feuchten Glanz der Buche
die alte Wahrsagerin,
die Eule, den Kopf dreht
und die langsamen Lider aufhebt
über des Horizonts schmale Purpurlippe?

Jul 4 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

Chants dʼen bas

XII

Déchire ces ombres enfin comme chiffons,
vêtu de loques, faux mendiant, coureur de linceuls :
singer la mort à distance est vergogne,
avoir peur quand il y aura lieu suffit. A présent,
habille-toi dʼune fourrure de soleil et sors
comme un chasseur contre le vent, franchis
comme une eau fraîche et rapide ta vie.

Si tu avais moins peur,
tu ne ferais plus dʼombre sur tes pas.

Im Winterlicht

Von unten gesungen

Zerreiße diese Schatten wie Fetzen,
du mit deinen Flicken, falscher Bettler, Bahrtuchhascher,
dem Tode von ferne Fratzen schneiden ist falsche Scham,
in seiner Nähe sich ängsten genügt. Jetzt aber
schlüpfe unter ein Sonnenfell und rücke vor
wie ein Jäger gegen den Wind, übersprühe
wie eine frische Fontäne dein Leben.

Hättest du weniger Angst,
verfingen sich deine Schritte nicht mehr im Schatten.

Jul 3 13

Im Rosenlichte des Morgens

Unter dem Rauschen des Wildbachs
wird zwischen weißen Kieseln
dein Wissen rundgerieben und glatt.

Aus der Wunde der Rinde
zählt das Versickern des Harzes die Zeit.

Der Spiegel des Teiches beschlägt
von den Samenschleiern der Weiden.

Dein Traum schreibt sich wie rosige Nebel
über die Schiefertafel der Nacht.

Die Gedanken an deine Toten fallen
Tropfen für Tropfen
von den Wimpern des Farns.

Wie die Seide der Luft singt
im Rosenlichte des Morgens!

Jul 2 13

Glückliche Schatten

Geisterhaft die Spuren
längst aufgescheuchter Vögel im Schnee:
eine Wolke, ein Rütteln
aus den trocknen Halmen des Rieds –
verwischt.

So flog dein Auge –
eine Hummel –
ins Gegenlicht über die Schwelle
des Unsichtbaren hinweg.

Wo vermengt mit winzigen Schreien,
ein Wirbel aus Spänen, Blättern und Blüten,
die Stunde, in der du gehadert –

siehst du einen stillen Teppich gebreitet,
mit Mustern zarter Geduld,
Echsen kauern darin,
Vögel lugen aus Winden,
zur Unzeit erblüht.

*

Du erkennst die flimmernde Landschaft von einst,
mit den Pfaden, von Ginster erwärmt,
und dem falben Gesichte der Reben
im verwilderten Wingert.

Du bist glücklich mit glücklichen Schatten,
die für einen Augenblick der Milde
die Lider dir schließen.

Unter den leuchtenden Schleiern des Wassers
bist du gelöst –

es schmelzen Lüfte trauten Gesangs
dir die Stirn.

Und auf hellen Rufen,
die dich meinen,
gelangst du wie auf schwingenden Brücken
ans andere Ufer.

Jul 1 13

Unterm Mistral

Vergeblich hast du dich vor dem Mistral
unter das Laubdach geduckt –
dorthin, wo deine Toten flüstern.

Wind, der die feinen Körnchen wirbelt,
die schlaffe Haut der Gewissheiten zu geißeln.

In den schwelenden Schacht
verworfener Wahrheiten,
durchlöcherter Dinge
dich zu stürzen warst du geneigt:

Wozu bleiben
mit Augen, die auf der falschen Seite
der Gegenwart wuchsen –

mit Händen, aus denen das Mehl
zerstoßner Begegnungen stäubt –

mit einem Mund, aus dem der Saft
bittrer Beeren rinnt –

mit einem Gedächtnis, verdunkelt
von Schwärmen panischer Bienen.

Der Mistral geißelte dich
mit heißen Körnern der Wüste –
und das Pergament der Haut riss ein.

Jun 30 13

Der Abort der Zeichen

Eine rubinrote Kette der Schmerzen,
der Erde huldvoll um den Hals gelegt –
die Glieder aus Tropfen Bluts,
der großen Welten-Lese geopfert.

Die Höhlung des Leibs
ist sorgsam ausgehackt, gemeißelt,
vom glühenden Schnabel des Habichts.
Die zarten Knochen der Taubenbrust
sind ausgebrochen, wie hingestreut
der Deutung des Augurs …

Wer kann sie lesen,
wer denn mehr hier lesen
als die Wirrnis ewigen Sterbens
im Abort der Zeichen,
als ein Rätsel, ganz verschmiert
von Blut und Gewölle?

Oder siehst du mehr
im stillen Werk des Vergessens,
siehst im Wachsen von Kraut und Gras
über diese winzige Walstatt
dir unbedeutenden Todes hinweg,
mehr als der Vernichtung trunkenes Wuchern?

Jun 30 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

XI

Parler donc est difficile, si cʼest chercher… chercher quoi ?
Une fidélité aux seuls moments, aux seules choses
qui descendent en nous assez bas, qui se dérobent,
si cʼest tresser un vague abri pour une proie insaisissable…

Si cʼest poster un masque plus vrai que son visage
pour pouvoir célébrer une fête longtemps perdue
avec les autres, qui sont morts, lointains ou endormis
encore, et quʼà peine soulèvent de leur couche
cette rumeur, ces premiers pas trébuchants, ces feux timides
– nos paroles :
bruissement du tambour pour peu que lʼeffleure le doigt
inconnu…

 

Im Winterlicht

Reden ist demnach schwierig, wenn es suchen bedeutet … suchen wonach?
Nach einer Treue zu den einzelnen Augenblicken, den sachen selbst,
die in unsere Tiefe herabsteigen, die sich entziehen,
wenn es bedeutet, den Schattenriss einer Zuflucht einer Beute zu weisen,
das nicht zu packen ist …

Wenn es bedeutet, eine Maske anzulegen, die wahrer ist als das eigne Gesicht,
um ein lange versäumtes Fest mit zu feiern, mit denen, die tot sind, weit weg oder
noch schlafen, und die von ihrem Lager kaum jenes Gemunkel aufscheucht,
jene ersten stolpernden Schritte, jene schüchternen Flammen
– unsere Worte:
ein leiser Trommelwirbel, wenn es der Finger bloß streift,
der fremde …

Jun 30 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

X

Jʼaurais voulu parler sans images, simplement
pousser la porte…
Jʼai trop de crainte
pour cela, dʼincertitude, parfois de pitié :
on ne vit pas longtemps comme les oiseaux
dans lʼévidence du ciel,
et retombé à terre,
on ne voit plus en eux précisément que des images
ou des rêves.

 

Im Winterlicht

Gerne hätte ich ohne Bilder gesprochen, einfach
die Türe aufgestoßen …
Ich bin dazu zu ängstlich, unsicher, mitfühlend:
du lebst nicht lange Zeit wie die Vögel
in der Klarheit des Himmels,
und zurückgefallen auf die Erde,
siehst du in ihnen genau dies: Bilder
oder Träume.

Jun 30 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

IX

Assez ! oh assez.
Détruits donc cette main qui ne sait plus tracer
que fumées,
et regarde de tous tes yeux :

Ainsi sʼéloigne cette barque dʼos qui tʼa porté,
ainsi elle sʼenfonce (et la pensée la plus profonde
ne guérira pas ses jointures),
ainsi elle se remplit dʼune eau amère.

Oh puisse-t-il, à défaut du grand filet
de lumière, inespérable,
pour toute vieille barque humaine en ces mortels parages,
y avoir remission des peines, brise plus douce,
enfantin sommeil.

 

Im Winterlicht

Genug jetzt, genug!
Zermalme endlich diese Hand, die nichts als
Rauchschwaden festhalten kann,
und schau hin mit all deinen Augen:

So entfernt sich wieder die beinerne Barke, die dich gebracht hat,
so geht sie unter (und auch ein Gedanke voll Tiefsinn
wird ihre Fugen nicht richten),
so füllt sie sich mit einem bitteren Wasser.

Könnte es doch (wenn wir auch auf das große Netz
aus Licht nicht hoffen dürfen)
für jede alte menschliche Barke in dieser Sterbe-Welt
Linderung des Kummers, Wind, der sänftigt,
kindlichen Schlummer geben.

Jun 30 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

VIII

Y aurait-il des choses qui habitent les mots
plus volontiers, et qui sʼaccordent avec eux
– ces moments de bonheur quʼon retrouve dans les poèmes
avec bonheur, une lumière qui franchit les mots
comme en les effaçant – et dʼautres choses
qui se cabrent contre eux, les altèrent, qui les détruisent :

comme si la parole rejetait la mort
ou plutôt, que la mort fît pourrir
même les mots ?

 

Im Winterlicht

Könnte es nicht auch Dinge geben, die die Worte
lieber bewohnen, die harmonisch mit ihnen schwingen
– jene Augenblicke des Glücks, die du in gelungenen Gedichten
findest, ein Licht, das über die Worte huscht,
und sie scheinen unter ihm zu verblassen – und andere Dinge,
die sich gegen sie sträuben, sie entstellen, die sie zerstören:

als würde die Sprache den Tod ausstülpen,
oder mehr noch: als ließe der Tod
selbst Worte verfaulen.

Jun 29 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

VII

Parler pourtant est autre chose, quelquefois,
que se couvrir dʼun bouclier dʼair ou de paille…
Quelquefois cʼest comme en avril, aux premières tiédeurs,
quand chaque arbre se change de source, quand la nuit
semble ruisseler de voix comme une grotte
(à croire quil y a mieux à faire dans lʼobscurité
des frais feuillages que dormir),
cela monte de vous comme une sorte de bonheur,
comme sʼil le fallait, quʼil fallût dépenser
un excès de vigueur, et rendre largement à lʼair
lʼivresse dʼavoir bu au verre fragile de lʼaube.

Parler ainsi, ce qui eut nom chanter jadis
et que lʼon ose à peine maintenant,
est-ce mensonge, illusion ? Pourtant, cʼest par les yeux ouverts
que se nourrit cette parole, comme lʼarbre
par ses feuilles.
Tout ce quʼon voit,
tout ce quʼon aura vu depuis lʼenfance,
précipité au fond de nous, brassé, peut-être deformé
ou bientôt oublié – le convoi de petit garçon
de lʼécole au cimetière, sous la pluie ;
une très vieille dame en noir, assise
à la haute fenêtre dʼoù elle surveille
lʼèchoppe du sellier ; un chien jaune appelé Pyrane
dans le jardin où un mur dʼespaliers
répercute lʼécho dʼune fête de fusils :
fragments, débris dʼannées
–

tout cela qui remonte à paroles, tellement
allégé, affiné, quʼon image
à sa suite guéer même la mort…

 

Im Winterlicht

Reden geht gleichwohl noch anders, manchmal,
als sich hinter einem Schild aus Luft, aus Stroh zu verstecken …
Manchmal ist es wie im April, bei ersten lauen Lüften,
wenn jeder Baum sich aus den Wurzel erneut, wenn die Nacht
von Stimmen zu rieseln scheint wie eine Grotte
(und du meinst, Besseres tun zu können in der Dunkelheit
des jungen Blattwerks als zu schlafen),
das hebt sich aus dir, als wäre es Glück,
als ob es so sein müsste, als ob du
ein Übermaß von Kraft verschwenden solltest,
und der Luft reichlich die Trunkenheit vergelten,
aus dem zerbrechlichen Glas der Morgenröte getrunken zu haben.

Reden auf solche Art, das, was dereinst Gesang genannt wurde
und was man sich heute nicht mehr getraut,
ist dies Lüge, Illusion? Dennoch nährt sich das Wort
durch die offenen Augen wie der Baum von seinen Blättern.
Alles, was man sieht, seit der Kindheit gesehen hat,
es ist in den Schlund unseres Inneren gestürzt, wurde vermengt,
wohl auch entstellt oder bald vergessen – der Trauerzug für den kleinen Schuljungen
zum Friedhof im Regen; eine uralte Frau in Schwarz,
die am oberen Fenster hockte, um den Laden des Sattlers im Auge zu behalten;
jener Hund, den man Pyran rief, im Garten, wo von einer Mauer aus Spalieren
das Echo der feiertäglichen Schüsse widerhallte:
Bruchstücke, Abfall der Jahre
…

All das, was an die Lippen steigt,
so leicht, so fein, man könnte meinen,
der Tod selbst tapse hinterdrein …

Jun 28 13

Philippe Jaccottet, À la lumière dʼhiver

VI

Chacun a vu un jour (encore quʼaujourdʼhui
on cherche à nous cacher jusquʼà la vue du feu)
ce que devient la feuille de papier près de la flamme,
comme elle se rétracte, hâtivement, se recornit,
sʼéffrange… Il peut nous arriver cela aussi,
ce moment de retrait convulsive, toujour trop tard,
et néanmoins recommencé pendant des jours,
toujours plus faible, effrayé, saccadé,
devant bien pire que du feu.

Car le feu a encore une splendeur, même sʼil ruine,
il est rouge, il se laisse comparer au tigre
ou à la rose, à la rigueur on peut prétendre,
on peut sʼimaginer quʼon le desire
comme une langue ou comme un corps ;
autrement dit, cʼest matière à poème,
depuis toujours, cela peut embraser la page
et dʼune flamme soudain plus haute et plus vive
illuminer la chambre jusquʼau lit ou au jardin
sans vous brûler – comme si, au contraire,
on était dans son voisinage plus ardent, comme sʼil
vous rendait le souffle, comme si
lʼon était de nouveau un homme jeune devant qui
lʼavenir nʼa pas de fin…

Cʼest autre chose, et pire, ce qui fait un être
se recroqueviller sur lui-même, reculer
tout au fond de la chambre, appeler à lʼaide
nʼimporte qui, nʼimporte comment :
cʼest ce qui nʼa ni forme, ni visage, ni aucun nom,
ce quʼon ne peut apprivoiser dans les images
heureuses, ni soumettre au lois des mots,
ce qui déchire la page
comme cela déchire la peau ;
ce qui empêche de parler en autre langue que de bête.

 

Im Winterlicht

Jeder hat eines Tages gesehen (obgleich man heutzutage
uns sogar den Anblick des Feuers verbergen will),
was mit dem Blatt Papier in der Nähe der Flamme geschieht,
wie es hastig sich kringelt, schrumpelt,
zerfasert … Das kann auch uns passieren,
diese zuckende Schrumpfung, immer zu spät,
und dennoch tagelang wiederholt,
immer schwächer, verängstigter, ruckartiger,
vor einem Ding, schrecklicher als Feuer.

Denn das Feuer hat noch einen Glanz, auch wenn es zerstört,
es ist rot, es lässt sich mit dem Tiger vergleichen,
mit der Rose, man kann nach seiner Unerbittlichkeit streben,
man kann sich einbilden, es zu begehren
wie eine Sprache oder wie einen Körper;
anders gesagt, es ist poetischer Stoff
seit jeher, es kann das Blatt entzünden
und mit einer plötzlich höher, lebendiger lodernden Flamme
das Zimmer erleuchten bis hin zum Bett oder dem Garten,
ohne dich zu verbrennen – als wäre man, im Gegenteil,
in seiner Nähe selbst glühender, als ob es dir
Atem schöpfte, als ob
du wieder ein junger Mann wärest und vor dir
die Zukunft grenzenlos …

Es ist ein ander Ding, und schlimmer, das ein Wesen
sich krümmen lässt über sich selbst, und es rollt sich
in den hintersten Winkel des Zimmers zurück, ruft nach Hilfe,
wen auch immer, wie auch immer:
das hat weder Form noch Gesicht, hat keinen Namen,
das kannst du in Bildern des Glückes nicht zähmen,
auch nicht gefügig machen den Gesetzen der Sprache,
das zerreißt die Seite,
wie es die Haut zerreißt,
das lässt dich nur in einer Sprache sprechen: des Tiers.



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