Lektüre
Betrachte Schorf und Flecken
auf der Haut des Baums,
wie Moose schreiben, Flechten,
schreibt kein Letternschmock.
Das Zeitgeschick entziffre
dir im Taubenkot
auf Friedrichs Bronzenase –
wirf die Zeitung weg.
Im Abtritt deutschen Geistes,
warm von Angst-Urin,
Geschmier von Menschheitsphrasen –
wirf die Brille weg.
Du mußt nicht Schmöker wälzen,
öffne zarte Hand,
da stehn dir eingeschrieben
Linien des Geschicks.
Liest Schatten du aus Blicken,
hüll dich in sie ein,
in Wassers vagem Zittern
lies den Liebestod.
Kometenschweifes Sprühen
sei dein Nachtbrevier,
der Liebe Flammenbisse
auf verkohltem Blatt.
Die Wimpern grüner Augen
buchstabier, was salbt
mit Nacht die Knospenlider,
tränenhelle Schrift.
Ein Fragezeichen krümmt sich
durch den Baum und harrt
auf Antwort nicht, ein Komma
kringelt Wurm im Mulch.
Wenn Spießers Wolkenbetten
schlitzt Tribunen-Blitz
mit seinem Ausrufzeichen,
schlag die Seite um!
Erlös die Sommersprossen
aus der Klammerhaft
um eines öden Lebens
schönsten Nebensatz.
Durchschlüpf mit roten Schnecken
Gartenzwerges Zaun,
zieh leicht im Lehm der Schwermut
den Gedankenstrich.
Mit Eulen lies, mit Füchsen
windgestrichnes Gras,
des Regens Predigt wecke
deinen flachen Puls.
Durchschwimme nackt das Epos,
tiefer als Homer,
des Blutes hohe Wogen,
singend uferlos.
Besprenge sanft mit Liedern,
Tropfenglanz der Nacht,
an Reimes Traube zitternd,
liebesweichen Schoß.
Und haucht aus Veilchenlippen
duftend dir das Wort,
beschlag es keusch den Spiegel
deines dunklen Traums.
Im alten Garten
Alter Garten, wo dir Blätter
flüstern, was du längst geahnt,
Abendzeit hat Veilchenduft,
und das Auge seine Träne.
Schönes Antlitz, das die Sonne
scheidend dir aufs Wasser legt,
und dir schrickt die Hand zurück,
daß es noch ein Weilchen blicke.
Doch dies wunderliche Singen,
rinnend über Stein und Moos,
rinnt auch über deinen Schmerz,
muß aus tiefen Träumen kommen.
Alles hüllt es ein mit Hauchen
schwermutsanft, den Apfelbaum
vor dem morschen Gartenhaus,
und im Glanze krumm, den Wurm.
Weht der Wind es her von Gräbern,
wo es aus dem Dunkel steigt,
tropft es von dem toten Holz
efeudunkel, leises Flehen?
Aus: The Winding Stair and Other Poems
I summon to the winding ancient stair;
Set all your mind upon the steep ascent,
Upon the broken, crumbling battlement,
Upon the breathless starlit air,
Upon the star that marks the hidden pole;
Fix every wandering thought upon
That quarter where all thought is done:
Who can distinguish darkness from the soul?
Je t’appelle : viens à l’antique escalier en spirale ;
concentre-toi de tout ton esprit sur la montée aride,
Sur les créneaux ruinés qui s’effritent,
Sur l’air constellé que nul souffle n’agite,
Sur l’étoile qui indique le pôle caché;
Concentre toutes tes pensées errantes sur
Ce lieu où toute la pensée s’élabore :
Qui peut distinguer entre l’âme et l’obscurité ?
(Übersetzung: Jean-Yves Masson)
Ich geh hinan durch alten Turms Gewinde.
Der Geist sei ganz im Steigen dieser Stufen
durch bröckelndes Gemäuer aufgerufen,
daß Sternenluft, unatembar, er finde
und über dunklem Pole Sternes Brennen;
als Fixstern hefte allen Schweifens Glut
in diesen Grund, wo alles Sinnen ruht:
Wer kann das Dunkel von der Seele trennen?
Die Leichten und die Bangen
Wie gehn sie leicht auf dieser schweren Erde,
ein Pollenflug, daß kaum ihr Gehen streift
und kaum ihr leises Singen haften bleibt,
auf goldgetränkten Spiegeln blasses Hauchen.
Sie sind aus Stoff wie Wolken sind, wie Flieder
sich unter schweren Tropfen wiegt und glänzt,
sind ihre Träume, schimmernd rundet sich
ihr Tag und fällt wie Frucht ins Gras des Schlafes.
Doch jene starren scheu und schwarz wie Krähen
auf wurmgehöhltem Strunk, und kirschkernklein
sind ihre Herzen und pulsen traumlos hin,
vor Hunger häßlich, onyxkalten Blickes.
Ein Abgrund trennt die Leichten und die Bangen.
Des Lichtes Falter scheut das faule Fleisch,
an dem ein krummer Schnabel hackt, und schwebt
zum Lilienschnee. Wie bald sich jener rötet.
Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse
Et maintenant, éveille-toi, mon âme,
car il est temps pour toi de vivre dans l’éveil
le rêve de la vie. Parcours les chemins d’ombre
que tu connus dans le sommeil, ouvre les portes qui conduisent
vers le théâtre de la chair et de l’esprit. Je veux
découvrir maintenant quelle apparence je possède
après l’hiver de la métamorphose. Ouvre
les yeux, mon âme, servante de la vie terrestre
voici que tu nais forte au jour et prête pour les noces enfin.
Und nun, du meine Seele, wach auf,
deine Zeit ist da, daß im Wachen du lebst
den Lebenstraum. Eile durch die Schattenpfade,
du kennst sie im Schlaf, öffne die Pforten, die ins Theater
des Fleisches und des Geistes führen. Ich will
nun endlich sehen, in welcher Gestalt ich auftrete
nach dem Winter der Verwandlung. Öffne
die Augen, meine Seele, Dienerin des irdischen Lebens,
nun, da auf der Höhe des Tags du zur Welt kommst, endlich zur Hochzeit bereit.
Schalentiere
Wir sind die Schalentiere,
vom grünen Klang der Binsen
gelockt aus dunkelblauem Schlaf.
Das Funkeln zarter Fühler,
aus Harnisch-Gittern webend,
führt glitzernd uns zum Strand.
Der Sonne zu! Das Dröhnen
des Himmelsgongs, der Gischt
verwirrt den Scheren-Klapper-Chor.
Wir schlüpfen über Muscheln
und tanzen Hummer-Walzer,
gespreiztes Krabben-Menuett.
Wir schreiben mit Mandibeln
des Daseins schiefe Runen
dem trunknen Meergott in die Hand.
Aus Dämmerhöhlen recken
Antennen wir Langusten,
ob Schlafes Schäume sprüht der Mond.
Wir sind die Schalentiere,
vom Muschelhorne Tritons
gelockt zu Galateias Mahl.
Jean-Yves Masson, Berceuse
Aus: Poèmes du festin céleste
Quand le sommeil descend sur le calme des tombes,
dors, héritier de tant de veilles, dors.
Quand la nuit vient bercer les ombres de nos morts,
dors pour calmer la vie encore inquiète, dors.
Dors et rejoins le monde d’avant toi
et les rêves d’avant la chair,
les rêves obstinés des morts, mon enfant, dors.
Dors et rejoins la force émue des plantes,
la crue des fleuves sous le manteau de la lumière,
les fleurs qui s’ouvrent vers le soir et le raisin
lent qui mûrit, qui craint l’orage. Dors.
Et pour que tourne cette terre sur son axe
selon la grande mue du temps, dans l’incessant
désir qui fait se mouvoir toute chose, mon enfant, dors.
Dors pour que vivent encore en toi les morts,
tandis que dans ton âme des cités
s’éveillent, où tu marchas dans la lumière d’un autre corps,
dors jusqu’à ton matin de créature, mon enfant, dors.
Wiegenlied
Wenn der Schlaf auf die Stille der Gräber herabsinkt,
während in deiner Seele Städte
erwachen, wo du einst gingst im Lichte eines anderen Körpers,
schlafe, zu stillen das noch bange Leben, schlaf.
Schlaf und kehr zur Welt vor dir zurück,
den Träumen vor dem Fleisch,
den Träumen starr von Toten, schlaf, mein Kind.
Schlaf und kehr zu der Planeten Wirbel-Macht zurück,
zum Überschwappen der Flüsse unterm Mantel des Lichts,
den Blumen, die sich dem Abend öffnen, und der trägen
Traube, die reifend schwillt und vor den Blitzen bebt. Schlaf.
Auf daß sich diese Erde um ihre Achse drehe
nach der Zeiten hohem Schwung, im Sehnen
endlos, woraus sich alles immer regt, schlaf, mein Kind.
Schlafe, auf daß in dir die Toten weiterleben,
während in deiner Seele Städte
erwachen, wo du einst gingst im Lichte eines anderen Körpers,
schlafe, bis zum Morgen deines Wesens, schlaf, mein Kind.
Jean-Yves Masson, Soir
Aus: Offrandes
Amour, inclinons-nous vers cette terre qui respire,
tandis que passent les vaisseaux du soir
qui se cherchent et se confondent,
et toi, multiple
dieu multiple, ouvre pour nous les fleurs dernières
de cette serre aux vitres invisibles où nous aurons
passé, cherchant d’un même regard l’un de l’autre
sur la toile nocturne le nom d’étoiles.
Abend
Neigen, Liebe, wir uns hier der Erde zu, die wieder atmet,
während die Schiffe des Abends vorübergleiten,
die sich suchen und sich verlieren,
und du, Vielgeblatt
Gott Vielgestalt, blättere uns die letzten Blüten auf
in diesem Glashaus mit Scheiben unsichtbar, wo wir gleich
vorübergehen, suchend eines Blickes zwiegesichtig
auf dem Tuch der Nacht den Namen Stern.
Jean-Yves Masson, Le voleur d’eau
Aus: Poèmes du festin céleste
Le voleur d’eau qui fuit à travers le désert,
poursuivi par de très grands chevaux d’oubli,
se cache dans des tombes de noir secret,
réveille la patience des lampes éteintes,
dépose son fardeau d’argile sur le sol.
Ranime en lui des mots aux lèvres desséchées,
baptise de sa soif les ossements anciens
sur lesquels a soufflé le feu de la colère,
le très vieux feu d’Hadès. Murmure
dans le silence sans écho une prière
pour mille bouches assoiffées, un sortilège.
Et de l’eau monte une lumière au fond des jarres.
Der Wasserdieb, der durch die Wüste floh,
verfolgt von Riesen-Pferden des Vergessens,
versteckt sich in Gräbern aus geheimem Dunkel,
erweckt die Geduld erloschener Lampen,
legt seine Lehm-Last auf dem Boden nieder.
Hebe ihm Lebensworte auf die vertrockneten Lippen,
taufe auf seinen Durst die alten Gebeine,
auf die das Feuer des Zornes gehaucht hat,
das uralte Feuer des Hades. Flüstere
in die echolose Stille ein Gebet
für tausend durstige Münder, einen Zauberspruch.
Und vom Grund der Krüge steigt aus dem Wasser ein Licht.
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Archaische Stämme bezeichnen sich mit Namen, die wir mit dem Begriff „Mensch“ wiedergeben.
Sich Namen zu geben heißt, ein Mensch zu sein. Der Mensch ist das Tier, das sich einen Namen gibt.
Menschliche Eigennamen im eigentlichen Sinne wie Karl, Anna, Paul oder Hildegard sind nicht deskriptiv wie der vom Eigennamen abgeleitete Titel Kaiser (von Caesar) oder wie der die messianische Abkunft beschreibende Name Christus.
Tiere geben sich keine Namen, sie haben solche, die wir ihnen geben. Sie verfügen nicht über eine Sprache, in der eine Namensgebung nur auf der Grundlage des im rituellen Akt der Taufe wachen Bewußtseins des Nennenden von der eigenen und der Identität des Benannten möglich ist („ICH taufe DICH auf den Namen …“). Tiere haben keinen Namen im eigentlichen Sinne, weil sie keine Biographie haben, und sie haben keine Biographie im eigentlichen Sinne, weil sie namenlose Wesen sind.
Der Sinn des menschlichen Namens beruht auf den rituellen und institutionellen Aufgaben, die ihm in der menschlichen Gemeinschaft zukommen: zunächst die Identifikation einer Person anhand ihrer familiären Herkunft (in manchen Sprachen gekennzeichnet mittels eines Suffix wie in den skandinavischen durch das Suffix -son in Mathisson, Sohn des Mathis, oder -dottir wie in Leifsdottir, Tochter des Leif), sodann zur Bezeugung und Besiegelung von Amtshandlungen, Akten, Urkunden, Aussagen vor Gericht, Dekreten, Zeugnissen oder Testamenten.
Die dem Namen zugeflossene Magie speist sich aus der Vorstellung, Seele und Lebenskraft seines Trägers seien mit ihm wie ein Gefäß und sein Inhalt verbunden, und den Namen ehren oder entweihen hieße dieses Leben erhöhen oder verdunkeln, würzen oder vergiften.
Wir unterscheiden in unserem Kulturkreis Rufnamen und Familiennamen, wobei mediterran und abendländisch von Juden, Griechen, Römern, Kelten und Germanen her der Familienname der Name des Vaters ist, dessen genealogische Linie von Geschlecht zu Geschlecht vererbt wird. Der Name des Vaters ist das Paßwort auf den Graten des historischen Übergangs, ob zum Ruhme oder zum Elend, im Glanz und im Grauen. Die patrilineare Überlieferung des Namens ist der geschichtliche Ursprung und Resonanzraum von Pietät und Ahnenkult als Ursprung der Religion, von Gedächtnis und Erzähllust als Ursprung des Mythos, der Legende und schließlich der Historiographie sowie von Sammlung und Pflege vorbildlicher Exempla als Stimuli juvenilen Tatendrangs, von kultureller Höchstleistung und kriegerischer Zerstörung, künstlerischer Blüte und traditionsfeindlicher Barbarei – eines ist ohne das andere nicht zu haben.
Der Name als soziale Institution ist die Keimzelle des Geschehens, das wir Geschichte nennen. Die alte Historiographie (vor der zahlenförmigen Chronologie) folgt in der Abfolge der Ereignisse den Namen der Herrscher und Könige; so listet Herodot die Namensreihe der lydischen und persischen Herrscherhäuser auf, um seine Erzählung zeitlich zu strukturieren, noch Tacitus bleibt diesem Verfahren treu, das erst infolge des Übergewichts der christlichen Zeitrechnung abgelöst wird.
Die erste und primordiale Historie ist die Familienchronik, das Gedächtnis der Ereignisse um die Träger eines gemeinsamen Namens.
Die Heiligung des Namens macht seinen Träger sakrosankt, sie führt zur Heraldik und Emblematik, zu Schwur und Eid auf die mit dem Emblem des Namens ausgezierte Fahne. Die damnatio memoriae oder die Entweihung des Namens macht ihren Träger vogelfrei. Sie bedeutet das Auslöschen des Gedächtnisses einer Person, eines Hauses, eines Geschlechternamens. Die Formen der Entweihung und Schändung des Namens sind Legion, sie reichen von der satirischen und karnevalesken Entstellung über die magische Verfluchung bis zur Dämonisierung (die asiatischen Horden, die Hexen, die Juden).
Das historische Ringen ist der Kampf um den Glanz und Ruhm oder den Untergang der Namen von exzellenten Personen und großen oder maßlosen Herrschern, Geschlechtern und Völkern.
In den Epen der Völker von Homer und Vergil bis zur Bhagavadgita und Edda erkennen wir den Kampf um den Ruhm des göttlichen und heroischen Namens. In Shakespeares Königsdramen sind die handelnden Personen als Träger landmannschaftlicher Namen wie beispielsweise Cornwall, Kent, Gloucester in der Tragödie „König Lear“ benannt.
Die Geschichte des alten römisch-deutschen Kaiserreichs liest sich wie die Abfolge und Perlenkette von Namen der sich um die Herrschaft streitenden Stämme von Merowingern, Karolingern, Franken, Sachsen, Bayern, Friesen, Schwaben, Hohenzollern, Preußen.
Der Eigenname bezeichnet sowohl die Person als auch das ihr gehörige Eigentum an materiellen und geistigen Gütern. Ohne Name kein Recht und kein Rechtsinstitut, das beispielsweise die Verfügung über Hab und Gut, Erbe und Schuld eines Namensträgers in Kraft setzt oder außer Kraft setzt.
Das historische Ringen ist auch der Kampf um den Ruhm der Namen von Völkern wie der Griechen mit den Persern, der Römer mit den Karthagern, der Juden mit den Assyrern, Babyloniern oder Seleukiden, aber seit der Ära des Monotheismus auch von Weltreligionen, die nichts wären ohne die auratische Ausstrahlung der Namen ihrer Gründer.
Das durch siegreiche Feldzüge und kulturellen Glanz ruhmvoll aufgepflanzte Banner des Geschlechternamens weht auf dem First eines Hauses wie des Hauses Habsburg, Luxemburg oder Brandenburg.
Für den Ruhm des glanzvollen Namens mag der Held, der vagabundierende Söldner oder das träumerische Gemüt den Tod in der Schlacht suchen wie der Prinz von Homburg im Drama von Kleist.
Wie eng die Identität der Person und die Integrität des Namens verknüpft sind, zeigt das Schicksal des Verfemten oder dessen, der sein Gesicht verloren hat und sich von sozialer Scham getrieben in ein Pseudonym oder die Anonymität flüchtet, und der Fall des Wahnpatienten, der sich manisch gestimmt eines fremden glorreichen Namens rühmt.
Ist Dr. Jekyll das vom Tageslicht verscheuchte oder versöhnte Monstrum Mr. Hyde oder Mr. Hyde das im Grauen der Dämmerung aus der Haut gefahrene monströse Selbst des Dr. Jekyll? Jedenfalls markiert der Autor der Horrorgeschichte die beiden Seiten des hybriden Wesens mit zwei unverwechselbaren Namen, ohne uns über die Janusköpfigkeit einer solchen Doppelnatur den letzten Aufschluß zu geben.
Menschen, Familien, Geschlechter, Völker, Kulturen ringen untereinander und miteinander um den Erhalt und die Mehrung des Ruhms ihres Namens. Wir entnehmen diesen geschichtsmächtigen Tatbestand ungezählten Zeugnissen. Wir nennen nur den gymnischen und künstlerischen Agon der Hellenen, ihrer alten Adelsgeschlechter, ihrer Städte und Stadtstaaten, die im Wettkampf ringenden Athleten, Sänger und Chöre, die dramatischen Festspiele zur Ehren des Dionysos in Athen; den Kampf der griechischen Philosophenschulen der Platoniker, Peripatetiker, Epikureer und Stoiker um die klügsten Köpfe der freien Jugend; die geistigen Strömungen der Orden in der Scholastik oder die mit harten Bandagen ausgefochtene Konkurrenz von Kunstschulen und künstlerischen Stilen wie Klassizismus, Naturalismus, Symbolismus, Jugendstil oder Abstraktion in Dichtung, Kunst und Architektur; solchen Kollektivnamen wurde geopfert an Blut, Schweiß und Tränen wie dereinst den mythischen Göttern.
Was der schwarzen Aura von Namen wie Hitler, Marx, Lenin, Stalin, Mao geopfert wurde, können Worte nicht fassen.
Wenn ein Kulturvolk den eigenen Namen und alten Ruhm, den seine wahren Heroen in Dichtung und Kunst ihm anhäuften und gültig besiegelten, verramscht oder dem Hohn seiner entnervten Eliten preisgibt, kann es nur noch in die billigen Kitzel und schnöden Ersatzkämpfe von Moden und Marken flüchten, freilich auch ein Agon der Namen – doch um den Preis eines hektischen oder stupiden Konsums, der keine tieferen spirituellen Bedürfnisse mehr zu stillen vermag.
Die Gründer tauften die Orte und Städte ihrer neuen Siedlungen und Kolonien, oft auf die Namen der Ahnen, vergöttlichter Heroen oder der Götter wie Athen, Sparta und Rom. Der Göttin Roma wurden kultische Ehren zuteil, und solange ihr Tempel stand und ihr Brunnen Wasser gab, war der imperiale Glanz ihrer Stadt noch nicht verblaßt.
Der Kampf um die Hoheit des Namens zeigt sich immer wieder in der Neubenennung der Städte durch die Eroberer und Invasoren, so wurde aus Byzanz Konstantinopel, aus Konstantinopel Istanbul, aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt und aus Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz. Wann die Namen von Straßen, Stadtteilen und Städten in Deutschland mit orientalischen Schriftzügen prunken, ist nur eine Frage der Zeit.
Was wären ohne die Namen einer Beatrice, Laura oder Diotima die Dichtungen Dantes, Petrarcas und Hölderlins? Hier hat die Aura des Namens in der Tat eine größere Strahlkraft als die leibhaftige Geliebte – für die Liebenden selbst wie für uns Nachgeborene.
Es ist bei alledem merkwürdig zu gewahren, daß in uns allen unter den unzähligen Schriftzügen der Namen auf Emblemen, Buchtiteln, Etiketten, Briefköpfen, Klingelschildern, Zeugnissen, Attesten und Adressverzeichnissen, zwischen all den gerufenen, geflüsterten, verschwiegenen, sehnsüchtig oder schamvoll erinnerten Namen sich immer wieder ein Abgrund oder Spalt auftut, aus dem die blaue Luft oder das dunkle Wasser des Namenlosen eindringt, uns mit kindlichem Zauber zu betören oder ins graue Vergessen zu tauchen. Und scheinen wir uns nicht im Namenlosen, wo keine Letter und kein zudringlicher Anruf unseres Namens das wogende Element der Seele vergittert, keine Beschilderung uns den dürftigen Aufenthalt bemißt, eigentlicher zu Hause?
Die geschichtsbildende Macht des Namens umgrenzt das Menschliche nicht ganz, es klafft ein Loch im Dach der historischen Heim- und Werkstatt, und gleichmütig im Halbschlaf der Dämmerung ausgestreckt erblicken wir wie aus einem dunklen Brunnenschacht die von Vogelflug-Blitzen rätselhaft durchkreuzte blaue Nacht und mit dunstigem Schleier die Nichtigkeit unseres Lebens heiter verhüllend das namenlose Auge des Monds.
Aus: Poèmes du festin céleste
Je me souviens d’un jardin d’encre dans un livre
que l’on avait déplié contre le mur,
où l’on suivait des yeux la forme des nuages
que le pinceau avait décrite avec douceur.
Dehors, dans les jardins, je retrouvais l’œuvre du peintre,
les arbres d’encre torturés qui se dressaient
devant l’étang, refusant d’affronter le ciel
et protégeant la terre éprise de leurs branches.
Et je me suis penché vers l’eau dormante
qui formait dans les joncs un signe d’eau.
Moi, le fils d’Occident, sur la terre orientale,
je contemplais, en ignorant, le fruit de la sagesse
d’un lettré du Japon qui avait fait tracer
dans ce jardin avec de l’eau le nom de l’eau.
Et tel est l’art : non pas expliquer mais comprendre,
et ne cacher que ce que l’on veut faire voir.
Ich erinnere mich an einen Garten aus Tinte in einem Buch,
das man an einer Mauer aufgeblättert hatte,
wo die Augen Wolkenformationen folgten,
von einem Pinsel voller Zartheit aufgemalt.
Draußen in den Gärten fand ich das Werk des Malers wieder,
die Bäume in der Tintenmarter, die vor dem Teich
aufragten, die Stirn vom Himmel abgewandt
und die verliebte Erde mit ihren Zweigen schirmend.
Ich beugte mich über das schlafende Wasser,
das im Schilf ein Wasserzeichen formte.
Ich, der Sohn des Abendlands auf orientalischer Erde,
ich beschaute, ohne zu verstehen, die Frucht der Weisheit
eines gebildeten Japaners, der in diesem Garten
mit Wasser den Namen Wasser schrieb.
Dies ist die Kunst: nicht erklären, sondern verstehen,
und nur verbergen, was man offenbaren will.
Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse
Arbres de grand sommeil, confidents de ces jours d’enfance
où le temps neuf dévoilait sa lumière ardente,
arbres chargés d’abîme inverse, traits d’union entre vie et mort.
J’en appelle à votre amitié quand chante l’oiseau de l’orage
quand la nuit vient, quand le cœur étouffe en silence,
que toute route se dérobe et que vient le doute ou la peur.
Près de vous je suis cet enfant qui s’en allait vers la frontière
à la recherche de la langue où l’origine
chante au-delà de toute langue, dans la musique de vos voix.
Bäume großen Schlafs, Vertraute jener Kindertage,
da die frühe Zeit ihr flackerndes Licht enthüllte,
Bäume, unter oberen Abgrunds Last, Mischlinge von Leben und Tod.
Ich beschwöre unsere Freundschaft herauf, wenn der Gewittervogel singt,
wenn die Nacht naht, wenn das Herz erstickt am Schweigen,
daß jeder Weg einbricht und Zweifel kommt oder Angst.
In eurer Nähe bin ich das Kind, das sich zur Grenze aufmacht,
um die Sprache zu suchen, die aus dem Ursprung
jenseits aller Sprache singt, in der Musik eurer Stimmen.
Aus: Onzains de la nuit et du désir
L’ange venait encore sur le seuil
et sans entrer tenait dans ses mains la lumière,
une lampe de faible éclat.
Et il disait : « Voici la lumière du soir,
tandis que des pays inanimés s’éveillent,
salue ce peu de jour que je tiens dans mes mains ».
Mais quand il eut parlé et que la lumière fut éteinte,
je vis que ses mains étaient lumineuses,
son visage baigné de larmes rayonnait.
Et lui, me désignant la nuit pour mon domaine,
disait plus bas : « Toute aube a dans ses mains le soir ».
Wieder stand der Engel auf der Schwelle
und hielt ohne einzutreten das Licht in seinen Händen,
eine Lampe schwachen Glanzes.
Und er sprach: „Dies ist das Licht des Abends,
während das entseelte Land erwacht,
grüße diesen kleinen Tag, den ich in Händen halte.“
Kaum war er verstummt, das Licht erloschen,
erblickte ich das Leuchten seiner Hände
und sein Gesicht, das in Tränen schwamm und strahlte.
Er wies die Nacht mir zu als Heimstatt
und flüsterte: „Jedes Morgenrot hält den Abend in der Hand.“
Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse
Dormir est un jardin de vent ce soir, une arche d’air
sur l’océan de mes pensées qui jusqu’alors
avaient fui le sommeil et son trône de sable.
Dormir est un pays où mon ami m’attend
où parlent par sa voix toutes les sources d’aube
et les chagrins de l’enfance perdue.
Comble-moi de tes dons terribles, dieu des fables
toujours recommencé, fais qu’une fois encore je retourne
au cœur secret de la métamorphose.
Schlafen ist ein Garten im Abendwind, eine Arche der Luft
auf dem Ozean meiner Gedanken, die bis jetzt
den Schlaf geflohen und seinen Thron aus Sand.
Schlafen ist ein Land, wo mich mein Freund erwartet,
wo mit ihren Stimmen allen die Dämmer-Quellen reden
und der verlornen Kindheit Kümmernisse.
Erfülle mich mit deinen Schreckensgaben, Gott der Mären,
du alten Ursprungs ewig neu, auf daß einmal noch ich kehre
zum geheimen Herzen der Verwandlung heim.
Nimm die Veilchen mit
Über dir der Strahl,
Haar und Halme funkeln.
Unter mir der Sand,
Gras und Augen dunkeln.
Du magst regenblind
Tau und Tropfen lauschen.
Vor mir geht der Blitz,
hinter mir das Rauschen.
Siehst im Morgenlicht
blaue Augen leuchten,
nimm die Veilchen mit,
die von Tränen feuchten.
Poetica in nuce
Wir schweben im Gewand des Winds
aus Vogelstimmen, Meeressagen,
dem Bienenlied der dunklen Waben.
Wir steigen aus dem Schoß des Lichts
mit Distelflusen, Mückenwolken,
wir winden goldnen Abends Locken.
Wir streuen Flocken auf die Gruft
und winterharschen Harmes Splissen
und schmelzen, Schnee von Glitzer-Küssen.
Wir sind die Treppen blauer Luft,
die sich an dunkle Herzen lehnen,
an Höhenschwindel sie gewöhnen.
Wir sinken aus dem Herbst des Laubs
wie Trauben in den Wein der Lieder
und kehren, Sommer-Hummeln, wieder.
Je l’attendais le soir dans le pavillon de chasse, près de la Rivière Morte. Les sapins dans le vent hasardeux de la nuit secouaient des froissements de suaire et des craquements d’incendie. La nuit noire était doublée de gel, comme le satin blanc sous un habit de soirée, — au-dehors, des mains frisées couraient de toutes parts sur la neige. Les murs étaient de grands rideaux sombres, et sur les steppes de neige des nappes blanches, à perte de vue, comme des feux se décollent des étangs gelés, se levait la lumière mystique des bougies. J’étais le roi d’un peuple de forêts bleues, comme un pèlerinage avec ses bannières se range immobile sur les bords d’un lac de glace. Au plafond de la caverne bougeait par instants, immobile comme la moire d’une étoffe, le cyclone des pensées noires.
En habit de soirée, accoudé à la cheminée et maniant un revolver dans un geste de théâtre, j’interrogeais par désœuvrement l’eau verte et dormante de ces glaces très anciennes; une rafale plus forte parfois l’embuait d’une sueur fine comme celle des carafes, mais j’émergeais de nouveau, spectral et fixe, comme un marié sur la plaque du photographe qui se dégage des remous de plantes vertes. Ah ! les heures creuses de la nuit, pareilles à un qui voyage sur les os légers et pneumatiques d’un rapide — mais soudain elle était là, assise toute droite dans ses longues étoffes blanches.
Ich wartete auf sie im Jagd-Pavillon, nahe beim Totenfluß. Die Tannen schüttelten im Wage-Wind der Nacht Leichentuch-Geraschel und Brand-Geknister aus. Die schwarze Nacht war mit Frost gefüttert, dem weißen Atlas unterm Abendkleide gleich – draußen liefen Locken-Hände von allen Seiten über den Schnee. Die Mauern waren große dunkle Vorhänge, und auf den Schnee-Steppen weißer Tischtücher erhob sich, soweit das Auge reichte, wie Feuer sich von zugefrorenen Teichen ablösen, das geheimnisvolle Licht von Kerzen. Ich war der König eines Volkes blauer Wälder, wie ein Pilger, der sich mit seinen Bannern am Ufer eines Eissees aufpflanzt. An der Decke der Höhle flackerte manchmal, starr wie das Moiré-Muster eines Tuchs, der Wirbelsturm schwarzer Gedanken.
Im Abendanzug, den Ellenbogen auf den Kamin gestützt und indem ich in theatralischer Manier mit einer Pistole fuchtelte, verhörte ich, um die Zeit totzuschlagen, das grüne, schlafende Wasser dieser uralten Eisflächen; eine äußerst heftige Windböe ließ sie manchmal von einer dünnen Schweißschicht anlaufen wie die Oberfläche von Karaffen, doch ich tauchte von neuem auf, gespenstisch und angewurzelt wie der Bräutigam auf der Fotoplatte, der bei der Entwicklung aus dem Strudel grüner Pflanzen hervortritt. Ach, die leeren Stunden der Nacht, vergleichbar einem, der auf den leichten, pneumatischen Knochen einer Stromschnelle reist – doch plötzlich war sie da, saß ganz aufrecht in ihren langen weißen Stoffen.
34
The night is upon me.
My desires that wandered all day have come back to my heart like
the murmur of the sea in the still evening air.
One lonely lamp is burning in my house in the dark.
The silence is in my blood.
I shut my eyes and see in my heart the beauty that is beyond all forms.
Die Nacht ist über mir.
Meine Wünsche, die den ganzen Tag wanderten, kommen zu mir zurück wie
das Murmeln des Meers in der stillen Abendluft.
Eine Lampe nur brennt in meinem Haus in der Dunkelheit.
Die Stille ist in meinem Blut.
Ich schließe meine Augen und sehe in meinem Herzen die Schönheit, die alle Formen übersteigt.
35
What is this melody that overflows my life, only I know and my
heart knows.
Why I watch and wait, what I beg and from whom, only I know and
my heart knows.
The morning smiles like a friend at my gate, the evening droops
down like a flower by the edge of the woods.
The flute music floats in the air in the dawn and in the dusk. It
beguiles my thoughts away from my toils.
What is this tune and who plays it ever, only I know and my heart knows.
Welch eine Melodie dies ist, die mein Leben überflutet, weiß nur ich allein und
weiß allein mein Herz.
Weshalb ich Ausschau halte und warte, worum ich bitte und vom wem, weiß nur ich allein und
weiß allein mein Herz.
Der Morgen lächelt mir an meiner Tür wie ein Freund, der Abend welkt hin
wie eine Blume im Winkel des Walds.
Das Lied der Flöte flutet in der Luft in der Morgenfrühe und der Abenddämmerung. Es
lockt meine Gedanken von meinen Mühen.
Was dies für eine Weise ist und wer immer sie spielt, weiß nur ich allein und
weiß allein mein Herz.
36
Thou didst well to turn me back when I came begging.
In thy parting glance I saw a smile; and since then
I have learnt my lesson. I break my old alms bowl,
I wait for my chance to give what is mine.
From the morning crowds have gathered at thy gateway.
Let their need be all fulfilled. When at the fall of night they disperse, and cries are hushed; when
stars seem listening to some epic of the age before their birth-time, of the fight of new-born light with ancient darkness,
to thy feet I come with homage of my longing:
‘Take my lute in thine own hand and play it, Master.’
Du hast recht daran getan, mich wegzuschicken, als ich bettelnd ankam.
In deinem Abschiedsblick sah ich ein Lächeln; und seitdem
habe ich meine Lektion gelernt. Ich zerbreche meine alte Bettlerschale,
ich warte auf die Gelegenheit, das Meinige zu geben.
Von früh auf haben sich die Scharen am Eingang versammelt.
Erfülle ihre Wünsche ganz. Wenn sie sich bei Einbruch der Nacht zerstreuen und die Rufe verstummt sind; wenn die Sterne einem Epos zu lauschen scheinen, weit älter als ihre Geburt, vom Kampf des neugeborenen Lichts mit der alten Dunkelheit,
komme ich zu deinen Füßen mit der Huldigung meiner Sehnsucht:
„Nimm meine Laute in deine Hand und spiele du sie, Meister.“
Aus: Poèmes du festin céleste
Il nous sembla soudain que les oranges
qui brillaient là sur l’arbre dans le soir
dans le demi-sommeil de la lumière parlaient enfin
d’une contrée connue jadis et désirée.
Mais maintenant que la prière autour de nous
monte des murs, et que l’hiver suspend sans poids
son don de fleurs de givre à ces feuillages,
comment penser encore à ces soleils aux cœurs obscurs ?
Ah maintenant, comment se souvenir des fleurs dans l’ombre,
et des parfums, des mots légers qui les nommaient ?
Toi plus savante, encore un jour, lumière,
sèche nos larmes, toi fidèle qui te souviens.
Uns schien es plötzlich, daß die Orangen,
sie schimmerten am Baum dort in den Abend,
in den Halbschlaf des Lichts, endlich von einer Gegend
erzählten, bekannt dereinst, ersehnt.
Doch im Augenblick, wenn das Gebet rings um uns
die Mauern erklimmt und der Winter seine gewichtlose
Gabe von Eisblumen in dies Blattwerk hängt,
wie noch jener Sonnen gedenken in dunklen Herzen?
Ach, wie im Schatten nun der Blumen sich erinnern
und Düfte, leichter Worte, die sie nannten?
Das es besser weiß, noch einen Tag, du Licht,
trockne unsre Tränen, treues, du erinnerst dich.
Aus: Onzains de la nuit et du désir
De quoi parlent-ils à présent dans le silence,
les arbres, au-dessus des grillages,
dans les allées où nous ne marchons plus main dans la main,
ma mère ? Où brille encore
dans des étés de tendre espoir le silence des fruits,
obstinément dans ce jardin que j’ai quitté
et qui m’obsède, encore vierge de désir et de souffrance ?
Qui vient le soir
pencher sur l’eau éteinte son visage
à l’heure où le sommeil s’étend sur l’herbe
dans la confidence des morts ?
Wovon sprechen sie jetzt in der Stille,
die Bäume, über den Gittern,
in den Alleen, wo wir nicht mehr gehen Hand in Hand,
Mutter? Wo noch immer leuchtet
in Sommern zarten Hoffens die Stille der Früchte,
starrköpfig in jenem Garten, den ich im Stich ließ
und der mich verfolgt, jungfräulich an Sehnsucht noch und Schmerz?
Wer kommt des Abends,
sein Antlitz über das verblaßte Wasser zu beugen,
zur Stunde, da der Schlaf sich über das Gras hinstreckt
ins Geflüster der Toten?
Wer wohnt hier noch?
Nachtgetrippel nackter Frauenfüße
auf der harten Bohle, kalten Fliese,
Löffelklirren. Stille bang.
Wehmutstriller einer süß verlognen
Mädchenkehle träufeln Milch und Honig
krausen Traumes Haar hinab.
Rieselt Estrich, knistert Kalk und Mörtel
oder stippen flink Kanarienvögel
Salz ins Einmachglas des Schlafs?
Listig schnäbelnd hat verharschte Schläfe
Morgenstrahl getaut. Ob Seufzer säen
Flocken auf den Schoß des Tags?
Julien Gracq, Vergiß mein nicht
Ce que tu fais à cette heure tardive de la nuit ?
Peut-être assise à coudre dans cette lumière bonne des soirées diligentes, des mains soigneuses, cette foisonnante envie du bon ouvrage qui délie les langues pour un babil bienveillant sous la lampe, et les chaudes pensées gaies qu’on distribue à la ronde à l’absent amical — peut-être à la fenêtre devant un bois de pins sous la lune brillante, tu touches le grand froid minéral qui rôde entre les planètes avec les doigts mouillés de ta main, et tu penses que je suis, loin, derrière cet horizon où s’enfonce un train empenné de ses douces lumières, si enivré de son bruit de fer dans la nuit calme — peut-être un livre me trahit-il dans un battement d’éventail de ces pages tournées dans la fièvre au vent doux d’une chevelure, et des infortunes te bouleversent où rien ne te paraîtrait tout à coup plus malséant que j’aie aucune part — ou bien dans la chambre où tu t’endors, où soudain tout me déserte et t’oriente selon les mystérieux indices du prochain matin, tu coules au milieu de tes rêves dans l’enivrement d’être si seule, et travaille avec délices pour les voleurs de nuit toute une ruche de mauvaises abeilles.
Was tust du da zu dieser späten Stunde der Nacht?
Vielleicht sitzt du hier, um bei diesem Licht, das emsigen Abendstunden freundlich scheint, sorgsamen Händen, diese wuchernde Lust eines guten Werks zu nähen, das die Sprachen in ein wohlwollendes Geplauder unter der Lampe auftrennt und die lebhaften, heiteren Gedanken, die man rings dem abwesenden Freund austeilt – vielleicht berührst du am Fenster vor einem Kiefernwald unterm schimmernden Mond den großen, kalten Mineral, der unter den Planeten herumstreift, mit den benetzten Fingern deiner Hand und du denkst, ich sei, fern, hinter diesem Horizont, wo ein Zug, von seinen sanften Lichtern umfiedert einsinkt, so berauscht vom Lärm des Eisens in der ruhigen Nacht – vielleicht verrät mich ein Buch mit dem Gefächel des Fächers dieser Seiten, im Fieber gewendet vom süßen Wind eines Haars, und Unglück wühlt dich auf, wo nichts dir je ungehöriger erschiene, als daß ich teil daran hätte – oder im Zimmer, wo du einschläfst, wo mich plötzlich alles verläßt und dich auf die geheimnisvollen Zeichen des nächsten Morgens ausrichtet, strömst du in der Trunkenheit, so allein zu sein, zum Mittelpunkt deiner Träume und baust für die Diebe der Nacht mit Wonne einen ganzen Korb bösen Bienen.
Wie Blumen tun
Wie Blumen tun
mit sanften Bebens Lidern,
die Augen schließen
unter Abschieds süßem Duft.
Wie Flocken sinken
langsam durch die weiße Nacht,
an weichen Wangen
glitzernd schmelzen.
Wie Tropfen fallen
haltlos vom Blütenrand,
leise ganz zerspringen
im dunkelgrünen Moos.
Wie Nachtigallen
mit Liedes Liebesperlen
durch grüne Schatten
niederrinnen.
Wie Flausch des Löwenzahns,
von kinderheißem Mund
entzweigeblasen,
in blauer Luft zerstieben.
Allein am Strom
Singt vorbei der Strom,
glitzern Schaum und Wirbel,
rote Blätter, gelbe
wallen schwankend fort.
Und du sitzt für dich im Gras,
Gras hat dir nur Raunen.
Abend haucht den grauen Tau.
Schluchzt vorbei das Schiff,
schimmern Haut und Masken,
goldne Klänge, dunkle,
weichen schmeichelnd hin.
Und du liegst allein im Moos,
Moos hat dir nur Schweigen.
Nacht löst auf den Rätsel-Traum.
Julien Gracq, Un hibernant
Le matin en s’éveillant, les doubles fenêtres l’emprisonnaient dans la forêt vierge de leur délicate palmeraie de glace.
Il n’était besoin que de les arroser pour qu’elle poussât en une nuit.
On s’étonnait cependant à peine de marcher la tête en bas : le ciel n’était plus que du terreau gris sale, mais la voie lactée de la neige éclairait le monde par-dessous.
Tous les visages étaient beaux, rajeunis, — la neige enfantait des corps glorieux.
A midi dans le jardin de neige et d’ouate, debout sur un pied et retenant son souffle, il réaccordait le silence.
Le soir le labyrinthe duveteux du brouillard cadenassait la maison, — les portes restaient battantes.
Puis le rayon de lune rôdait autour de la chambre jusqu’à ce que la fenêtre posât sur le lit une grande croix noire.
Ces délicates escroqueries lumineuses pourtant n’étaient pas toujours sans danger.
Ein Winterschläfer
Als er am Morgen erwachte, schlossen ihn die Doppelfenster in den jungfräulichen Wald ihres zarten Glaspalmenhains ein.
Man müßte sie nur gießen, damit er ihnen des Nachts entsprösse.
Es rief nicht einmal Verwunderung hervor, daß er auf dem Kopf stand: Der Himmel war nichts weiter als ein grauer, schmutziger Humus, indes die Milchstraße des Schnees die Welt von unten beleuchtete.
Alle Gesichter waren schön, verjüngt – der Schnee gebar herrliche Leiber.
Am Mittag stand er im Garten von Schnee und Watte auf einem Bein, hielt den Atem an und stimmte die Stille neu.
Am Abend verriegelte das flaumige Labyrinth des Nebels das Haus – die Türen schlugen weiterhin.
Dann schlich der Strahl des Mondes so lange um das Zimmer, bis das Fenster ein großes, schwarzes Kreuz auf das Bett breitete.
Diese köstlichen Gaukeleien des Lichts, sie waren dennoch nicht immer ungefährlich.
31
Love, thou hast made great my life with death’s magnificence, and
hast tinted all my thoughts and dreams with radiant hues of thy farewell rays.
The tear-washed limpid light reveals at life’s last sunset-point
the hints of Paradise, where descending flame of kiss from
starry sphere of love lights the sorrows of our earth to
splendour of their end, in one blazing ecstasy of uttermost extinction.
Love, thou hast made one vast wonder Life and Death for me.
Du hast, Liebe, meinem Leben Größe verliehen mit der Herrlichkeit des Todes und
hast all meine Gedanken und Träume mit den Farbtupfern deiner Abschiedsstrahlen getönt.
Das durchsichtige Tränenwasser des Lichts enthüllt am letzten Sonnenrand des Lebens
des Paradieses Spuren, wo der Flammenkuß aus dem Sternenraum der Liebe
herniedersteigt und die Trübsal unserer Erde bis zu ihrem Ende hin erhellt,
in einer lodernden Verzückung geht gänzlich sie unter.
Du hast mir, Liebe, Leben und Tod in ein einziges großes Wunder verwandelt.
32
As the tender twilight covers in its fold of dusk-veil marks of
hurt and wastage from the dusty day’s prostration, even so
let my great sorrow for thy loss. Beloved, spread one
perfect golden-tinted silence of its sadness o’er my life.
Let all its jagged fractures and distortions, all unmeaning
scattered scraps and wrecks and random ruins, merge in
vastness of some evening stilled with thy remembrance,
filled with endless harmony of pain and peace united.
Wie das zarte Zwielicht in den Falten seines Dämmer-Schleiers Male von
Schmerz und Verlust durch die Erschöpfung im Staub des Tages birgt, so
laß auch mir die große Trauer um deinen Verlust. Geliebte, breite einen
vollkommenen Goldglanz des Schweigens dieser Traurigkeit über mein Leben.
Laß all seine schroffen Brüche und Krümmungen, all die sinnlos
zerrissenen Schnipsel und Scherben und Ruinen des Zufalls sich in der Weite
eines Abends verschmelzen, der von Erinnerung gestillt ist,
erfüllt von der grenzenlosen Harmonie von Leid und Frieden ineins.
33
Through death and sorrow
there dwells peace
in the heart of the Eternal.
Life’s current flows without cease,
the sunlight and starlights
carry the smile of existence
and springtime its songs.
Waves rise and fall,
the flowers blossom and fade
and my heart yearns for its place
at the feet of the Endless.
Neben Tod und Trauer
wohnt Frieden
in des Ewigen Herz.
Die immerwährenden Ströme des Lebens,
Sonnenlicht und Sterngeflimmer
schenken das Lächeln des Daseins
und Frühling seine Lieder.
Wogen schwellen und ebben,
die Blumen blühen und welken,
und mein Herz sehnt sich nach seiner Stätte
zu Füßen des Unendlichen.
Letzter Liebesdienst
Novembermond ließ zögernd
den zarten Schleier los.
Die schiefen Schultern der Weiden
tragen weiße Epauletten.
Die kleinen Zitter-Zungen
der Totenlichter schicken
ihr leises Stundengebet
in die Dämmerung.
Umsonst sucht früher Strahl
nach Blau im Ochsenauge
des Kapellengiebels. Ein Busch
stäubt unterm Amselschrei.
Sie geht, im Krug das Heidekraut,
flüsternd durch die Reihen.
Sie wischt den Schnee vom Stein,
damit ein Name golden sei.
Julien Gracq, La vie de voyage
Nous quittions la ville vers trois heures du matin, quand les maisons ténébreuses des avenues se relancent de façade en façade les oiseaux de nuit, comme un tir aux pigeons de coussins de soie. L’aube se levait en ruban de lumière bleue sur les rails d’un tramway des faubourgs, — mais, dès avant la terre promise, le ciel change ! c’est la pluie sur les vitrages d’un hôtel désaffecté de la plage, le déjeuner de pain gris sur lequel la mer fait le bruit des larmes.
A qui s’en prendre ? tout désorientés, perplexes, nous faisons les cent pas sur l’estacade, en jetant nos morceaux de pain dans la mer. Voici : maintenant j’ai jeté sur mes épaules la pèlerine des pauvres, rattaché mes chaussures au coin amer d’une borne, et, tout seul maintenant sous la gargoulette des gouttières, j’attends l’heure de l’ouverture des épiceries.
Leben auf Reisen
Wir verließen die Stadt um drei Uhr in der Früh, wenn die im Dunkel liegenden Häuser der Straßen sich von Fassade zu Fassade die Vögel der Nacht zuwerfen wie ein Schuß auf Tauben aus Seidenkissen. Die Morgendämmerung erhob sich in einem Streifen blauen Lichts über den Straßenbahngleisen der Vorstädte – doch fern das Land der Verheißung, das Wetter schlägt um! Es regnete auf die Scheiben eines leerstehenden Hotels am Strand, das Frühstück – Graubrot, belegt mit dem Tränengebraus des Meers.
An wem seinen Ärger loswerden? Völlig orientierungslos, perplex, machen wir hundert Schritte über den Hafendamm und werfen unsere Brotkrumen ins Meer. Sieh an: Nun habe ich mir den Umhang der Armen über die Schultern geworfen, meine Schuhe im bitteren Winkel eines Fahrkartenautomaten wieder zugebunden und warte, ganz allein unter dem Tropfen einer Traufe, darauf, daß endlich die Läden aufmachen.
28
You will lead me from star to star to waken me in new mornings of love.
It is your love that draws out the flow of my being through the
maze of channels of new life over your endless worlds.
You will startle me with new visions of fulfilment at every bend
of the road and fashion my moments with immortal forms of joy.
The infinite life will never remain chained in unchanging
shackles of immortality but will speed through death to
death to countless new shrines of light in its eternal pilgrimage of love.
Du wirst mich von Stern zu Stern geleiten, um mich in neuen Morgenfrühen der Liebe aufzuwecken.
Deine Liebe ist es, die den Fluß meines Daseins in den labyrinthischen
Kanälen eines neuen Lebens durch endlose Welten führt.
Du wirst mich mit neuen Bildern der Erfüllung an jeder Biegung
des Wegs erschrecken und meine Augenblicke in ewige Gestalten der Freude verwandeln.
Das unendliche Leben wird niemals in unbiegsame Ketten der Unsterblichkeit
gefesselt, sondern wird von Tod zu Tod
zu neuen Schreinen des Lichts ohne Zahl eilen, und die Pilgerreise der Liebe wird ewig währen.
29
Dark clouds have blotted all lights from above; and we caged
birds cry and ask you: ‘My friend, is it the death moment
of creation? Has God withdrawn His blessings from the sky?
Times were when the sudden breath of April would waft the distant
fragrance of hope into our hearts, and the morning light
would gild the iron bars of our prison with its golden
spell and would bring the gladness of the open world into our cage.
But, see, it is all dark in the hills yonder, and not a thinnest
rift has been made by the scimitar of light cutting through the massive gloom.
Our chains today sit heavy on our feet, and not a flush of glow
is left in the sky with which to build an illusion of joy.
But let not our fear and sorrow pain you, my friend!
Come not to sit at the door of our cage to cry with us.
Your wings are unfettered.
Far away from us you soar beyond all clouds.
And from there send us the message in song:
‘The light is shining for ever. The lamp of the sun is not out.’
Dunkle Wolken haben alles Licht aus der Höhe befleckt; und wir Vögel
in Käfigen schreien und fragen dich: „Mein Freund, ist der Tod ein Augenblick
der Schöpfung? Hat Gott seine segnenden Hände abgezogen vom Himmel?
Es waren Zeiten, da wehte der jähe Atem des April den fernen
Dufthauch der Hoffnung in unsere Herzen, und das Morgenlicht
beglänzte die Eisengitter unseres Gefängnisses mit goldenem
Zauber und brachte die Freude der freien Welt in unseren Käfig.
Sieh doch, drüben auf den Hügeln ist alles finster, und der Krummsäbel
des Lichts, der die dichte Düsternis durchschneidet, ließ nicht die schmalste Spalte.
Heute drücken uns die Ketten arg am Fuß, und kein Blütenschimmer
verblieb am Himmel, der Freude Trugbild uns zu dichten.
Doch unsere Angst und unser Kummer sollen dich, mein Freund, nicht schmerzen!
Verweile nicht am Tore unsres Käfigs, mit uns zu weinen.
Deine Flügel sind gebunden nicht.
Fern von uns steigst du über alle Wolken auf.
Schick uns von dort im Lied die Kunde:
„Das Licht wird scheinen immerdar. Der Sonne Leuchte ist erloschen nicht.“
30
The battle is over. After strife and struggles the treasure is
gathered and stored.
Come now, woman, with your golden jar of beauty. Wash away all
dust and dirt, fill up all cracks and flaws, make the heap shapely and sound.
Come, beautiful woman, with the golden jar on your head.
The play is over. I have come to the village and have set up my
hearth stone.
Now come, woman, carrying your vessel of sacred water; with
tranquil smile and devout love, make my home pure.
Come, noble woman, with your vessel of sacred water.
The morning is over. The sun is fiercely burning. The wandering
stranger is seeking shelter.
Come, woman, with your full pitcher of sweetness. Open your door
and with a garland of welcome ask him in.
Come, blissful woman, with your full pitcher of sweetness.
The day is over. The time has come to take leave.
Come, O woman, with your vessel full of tears. Let your sad eyes
shed tender glow on the farewell path and the touch of thy
trembling hand make the parting hour full.
Come, sad woman, with your vessel of tears.
The night is dark; the house is desolate and the bed empty, only
the lamp for the last rites is burning.
Come, woman, bring your brimming jar of remembrance. Open the
door of the secret chamber with your unbraided streaming
hair and spotless white robe, replenish the lamp of worship.
Come, suffering woman, bring your brimming jar of remembrance.
Die Schlacht ist vorbei. Nach Krieg und Kämpfen ist der Schatz
gesammelt und verwahrt.
Nun komm heraus mit deinem goldnen Krug von Schönheit. Wasch allen
Staub ab, allen Schmutz, die Risse fülle und die Male, gib dem Angehäuften reine Wohlgestalt.
Nun komme, Frau, den goldenen Krug auf deinem Haupt.
Das Stück ist aus. Ich kehrte heim zu meinem Dorf und habe meinen Herd geschürt.
Nun komme, Frau, mit deinem Krug geweihten Wassers; mit
stillem Lächeln und ergebener Liebe reinige mein Haus.
Komm, edle Frau, mit deinem Krug geweihten Wassers.
Der Morgen ging dahin. Der Sonne Strahl ist scharf. Der wandernde
Fremde sucht einen Unterschlupf.
Komme, Frau, mit deinem Krug voll Süße. Öffne deine Tür
und mit einer Girlande heiße ihn willkommen.
Komme, herrliche Frau, mit deinem Krug voll Süße.
Der Tag ist vorüber. Die Zeit des Abschieds nah.
Komme, o Frau, mit deinem Krug voll Tränen. Laß deine traurigen Augen
zarten Glanz auf den Pfad des Lebewohls vergießen und die Berührung deiner
bebenden Hand mache die Abschiedsstunde voll.
Komme, traurige Frau, mit deinem Krug von Tränen.
Die Nacht ist schwarz; das Haus ist einsam und das Bett ist leer, einzig
die Lampe leuchtet für die letzten Riten.
Komme, Frau, mit deinem Krug, der von Erinnerungen überschäumt. Öffne die
Tür des geheimen Zimmers mit dem Strömen deiner losen Locken
und deinem fleckenlosen weißen Kleid, füll die Lampe der Anbetung auf.
Komme, leidende Frau, bringe deinen Krug, der von Erinnerungen überschäumt.
68 – ein toter Stern
Lümmeln auf dem expropriierten Rasen
vor der Alma Mater (an die Mutter durfte man
nicht denken, ihre Milch galt für vergiftet),
in Jeans, Rollkragenpulli, Mao-Jacke
und Turnschuhen, an einem Lederriemen
um den Hals ein roter Stern oder
ein Totenschädel aus Elfenbein
(solch neuen Talismanen, denn magisch
umhaucht west der wüsteste Schädel),
die Haare zerzaust, als bliesen immer Böen,
oder eine fettige Matte, die man herrisch
oder kokett über die Schulter schlug.
„Genossin“ hießen die bärtigen Marxologen
die Kleine, die ihren Mistgeruch
aus der schwäbischen Provinz,
der noch aus den klobigen Boots stieg,
mit dem Qualm einer Roth-Händle übertäubte,
„Genossin“, als wären sie, die unbeschnittene
Triebstruktur in der Hosentasche,
vorgestern noch mit ihr intim gewesen,
lange her.
Die neue Hörigkeit des Weibes feierten
die freischwingenden Schwänze der Kader
als Emanzipation und quittierten sie
mit dem Totenschein für obskure Föten.
Doch mit dem Hippietum vorm Audimax
hatte es bald ein Ende, wenn ihnen wie somnambulen
Puppen die Schrei-Schlingen der Megaphone
an den Hintern rissen, die das Gras
der Anarchie plattgedrückt, und Mann
und Weib, ein einig Völkchen im messianischen
Sturm des Endsiegs der Weltrevolution
strammstand vor neuen Totschlagwort-
schreiern, die kubanische Zigarre im Mundwinkel
oder im geschmacklosen Streifen-Pullover
die Bartstoppeln der Askese für die Utopie
der klassenlosen Hanswurstiade gewichtig
auf und ab streichend.
Den müden greisen Herren schlug man den Krück-
stock, auf dem sie ihre kleine, von Tapferkeits-
medaillen verunzierte Würde stützten,
wie die Gassenjungens weg, das neue Johannisfeuer
der höheren Moral, um das sie bündisch sich scharten,
die Stirn in einem rituellen Schmierentheater stigmatisiert
mit der Talmi-Asche rhetorisch ausgebuddelter Toter,
es loderte mit geifernder Flamme über den Fetzen
der Talare und Bücher, ach alten Scharteken,
die nach ranziger Frömmelei rochen
und dem Weistum des glorreich dunklen
Lebens, von genieverseuchten Sprach-Friseuren
ins dunkle Vlies rauschender Verse
homerisch onduliert.
Sie aber leisteten den Schwur auf grelle Fahnen,
bestirnten, rot vom Blut, das aus dem Schlachthaus
asiatischer Horden rann, von den Schädelstätten
der Verbrüderung unter Gleichgeschorenen.
Latzhosen-Künstler pappten aus dem Abfall
halluzinogener Träume die Idole für den Pop-
und Vulgo-Konformismus des Abseitigen, Schrillen,
je fremder ätzend, umso kitzliger tauben
Zungen für gestammelte Schein-Verzückung.
Den gemessenen Vers zerstückelten Propheten
hohler Bauchrednerei als würgende Schlinge,
die den Adamsapfel sexuell geschwollenen Lallens
stranguliere, den fliegenden Samen des Reims,
der auf den jungfräulichen Auen heimatlicher
Ströme nicht fruchten solle, entkeimten
apokalyptische Zeugungsdienstverweigerer,
die im Gleichklang ferner Stimmen
das Geheimnis süßen Liebesbundes schmerzte.
Lederne Zungen kündeten hedonisches
Verfließen, die Sprengung des Charakterpanzers
im Korsett der Phrase keuchende Priester
ozeanischen Gefühls, vom Star befallene,
im Dickicht der Angst blutende Gurus
die Erweiterung der Iris in der blauen Nacht
des Surrealen, sich ständig am Hoden
der Selbstsucht kratzende Kommunarden
die freie Liebe.
Friede ihrer Asche jenen, die am Haschischrauch
und den Ausdünstungen des schwelenden
Müllbergs von Mao-Bibeln, MEGAs, Pornoheftchen,
Ho-Chi-Minh-Postern, Vietnam-Fahnen und Karten
nie angetretener Fahrten langsam erstickten!
Krieg den feisten Parvenüs, die ihre Knallfrösche
und Handgranaten in der untersten Schublade
versteckten und mürbe wie runzlige Äpfel
das Arom ihrer Seelenfäule und das stumpfe
Irrlicht ihres toten Sterns in die Windungen
junger Hirne und die Falten zarter Herzen verströmen!
25
Light thy signal, Father, for us who have strayed far away from thee.
Our dwelling is among ruins haunted by lowering shadows of fear.
Our heart is bent under the load of despair and we insult thee
when we grovel to dust at every favour or threat that mocks our manhood.
For thus is desecrated the dignity of thee in us thy children
for thus we put out our light and in our abject fear make it seem that our orphaned world is blind and godless.
Wink uns, Vater, mit deinem Licht, denn wir haben uns weit verirrt von dir.
Wir hausen in Ruinen, umgeistert von lauernden Schatten der Angst.
Unser Herz ist unter den Stein der Verzweiflung gequetscht und wir, im Staube kriechend,
spotten deiner bei jeder Huld und jeder Gefahr, die unserer Mannheit trotzt.
Darum ist deine Würde in uns, deinen Kindern, entweiht,
darum löschen wir unser Licht, und in unserer elenden Angst scheint uns die verwaiste Welt düster und gottlos.
26
Yet I can never believe that you are lost to us, my king, though
our poverty is great, and deep our shame.
Your will works behind the veil of despair, and in your own time
opens the gate of the impossible.
You come, as unto your own house, into the unprepared hall, on
the unexpected day.
Dark ruins at your touch become like a bud nourishing unseen in
its bosom the fruition of fulfilment.
Therefore I still have hopenot that the wrecks will be mended,
but that a new world will arise.
Noch immer kann ich nicht glauben, du seiest uns, mein König, verloren, auch
wenn unsere Armut groß und tief unsere Schande ist.
Den Schleier der Verzweiflung hauchst willig du im Verborgenen an und öffnest
das Tor des Unmöglichen zu deiner Zeit.
Du trittst, wie in dein eigenes Haus, unerwartet in die Halle, an einem Tag,
den keiner ahnt.
Dunkle Ruinen blühen unter deinen Händen auf, wie eine Knospe, in deren verborgenem Innern die Frucht heranreift.
Deshalb habe ich noch immer Hoffnung, nicht daß die Bruchstücke wieder verleimt werden,
sondern eine neue Welt erscheint.
27
Be not ashamed, my brothers, to stand before the proud and the
powerful with your white robe of simpleness.
Let your crown be of humility, your freedom the freedom of the soul.
Build God’s throne daily upon the ample bareness of your poverty, and know that what is huge is not great and pride is not everlasting.
Seid nicht beschämt, meine Brüder, vor den Stolzen und
Mächtigen in eurem reinen Kleid der Schlichtheit dazustehen.
Eure Krone heiße Demut, eure Freiheit die Freiheit der Seele.
Bildet Gottes Thron Tag für Tag aus der reichen Blöße eurer Armut und wisset, was riesig ist,
hat keine Größe, und Stolz, er dauert nicht.
Wirbel
Gespenster im Albtraum der Luft,
Rascheln ausgemergelter Blätter,
abgehackte Köpfe
herbstlichen Hochgerichts,
die über den feuchten Asphalt rollen.
So tänzelt mit amöbenzartem
Geisterbein der schlanke Trichter
des Hurrikans über die Erde,
um sein blindes Auge
rotiert die Galaxie
vergifteter Milch,
Anmut schäumend.
Welche Schönheit kosmischer
Harmonie in den Lotusblumen
der Vernichtung,
welcher Schmerzensduft
aus den Wunder-Knospen
schwarzer Rosen des Orkans.
So speit der Tüllen-Mund
mannweiblicher Propheten
den Juckseim der Phrase
auf den hündisch
hingereckten Demos,
so saugt der Schnabel-Mund
bacchantischer Eunuchen
die Fäulnis-Blätter und Schnipsel
phallischer Bilder
aus den Löchern von
abertausend Schädeln,
trepaniert vom Meißel
silbern tönenden Auf-
und Nieder-Menschelns,
und die warme Waben
halluzinierenden Horden
wirbeln los, nachtschwärmende
Bienen, und tasten
mit den Zungen-Rüsseln
in fremde Blumentaschen.
Die schönen Mütter des Walds,
wo das Unterholz der Tierangst knackt,
recken tränenglitzernde Trauben,
blutig gekratzte Brüste
dem Kuß des Gliederlösers entgegen,
tanzen mohngefleckten Haars
um lichte Pyramiden,
zierlich geschichtet aus Knochen,
schwingen kleine Arme, rosige Beine,
den Kindern ausgerissene
Opfergaben des Sturmgotts.
O gleißendes Geschmeide
ambrosischer Nacht,
was dort nach dem Gewitter der Zeit
überm Gipfelschnee glänzt,
dem Dämmer abgebrannter Rosen,
sind, Ariadne, die Nägel der Sterne,
geschlagen mit dem Zapfen
des Thyrsos in den schwarzen
Katafalk des Schweigens.
22
They who are near to me do not know that you are nearer to me
than they are.
They who speak to me do not know that my heart is full with your
unspoken words.
They who crowd in my path do not know I am walking alone with you.
They who love me do not know that their love brings you to my heart.
Die mir nahe sind, wissen nicht, daß du mir näher
bist als sie.
Die zu mir sprechen, wissen nicht, daß mein Herz erfüllt ist von deinen
unausgesprochenen Worten.
Die sich auf meine Pfade drängen, wissen nicht, daß ich mit dir allein unterwegs bin.
Die mich lieben, wissen nicht, daß ihre Liebe dich zu meinem Herzen führt.
23
Far as I gaze at the depth of Thy immensity
I find no trace there of sorrow or death or separation.
Death assumes its aspect of terror
and sorrow its pain
only when, away from Thee,
I turn my face towards my own dark self.
Thou All Perfect,
everything abides at Thy feet
for all time.
The fear of loss only clings to me
with its ceaseless grief,
but the shame of my penury
and my life’s burden
vanish in a moment
when I feel Thy presence
in the centre of my being.
Sei weit ich auch in die Tiefe Deiner Unendlichkeit blicke,
nirgends finde ich dort die Spur von Leids, von Tod oder Trennung.
Der Tod zeigt sein Schreckgesicht
und das Leid sein Schmerzensantlitz nur,
wenn ich dir abgewandt
meine Augen auf mein dunkles Selbst hefte.
Du vollkommen ganz und gar,
alles weilt zu deinen Füßen
für und für.
Die Angst vor Verlust klammert sich wohl an mich
mit ihrer ewigen Bekümmernis,
doch die Scham vor meiner Dürftigkeit
und die Bürde meines Lebens
sind augenblicks verflogen,
wenn ich Deine Gegenwart
in der Mitte meines Seins empfinde.
24
I ask for an audience from you, my King, in your solitary chamber.
Call me from the crowd.
When your gate was kept open for all I entered your courtyard
with the bustling throng, and in the confusion found you not.
Now when at night they take up their lanterns and go by different
roads to their different homes, allow me to linger here for
a moment, standing at your feet, and hold up my lamp and see your face.
Ich bitte dich, mein König, um eine Audienz in deinem einsamen Gemach.
Ruf mich aus der Menge heraus.
Als dein Tor allen offenstand, betrat ich deinen Hof
mit der wimmelnden Menge und in all dem Gewühl fand ich dich nicht.
Da sie nun in der Nacht ihre Lampen ergreifen und da und dorthin
in ihre Heimatdörfer gehen, erlaube mir, für einen Augenblick hier
zu verweilen, zu deinen Füßen stehend meine Lampe emporzuheben und dein Gesicht anzuschauen.
Wie ohne deinen Atem leben
Wie ohne deine Schritte gehen,
die weiße, rosa Schirmchen
in meine nackten Furchen streuen –
Ackerwinden.
Was ohne deine Hände halten,
auf deren Schwebe-Schalen
ein Wasserhühnchen trippelt –
Wasserlilien.
Wie ohne deine Lippen singen,
die im fahlen Gras der Abendstille
Gesumm von Flügeln küssen –
Veilchenblüten.
Wie ohne deine Augen sehen,
die auf grünen Wassern
in meine Nächte leuchten –
Lotusblumen.
Wie ohne deinen Atem leben,
würd seine aufgeküßte Knospe
nicht mit Duft ein graues Herz erhellen –
Hyazinthe.
19
I threw away my heart in the world; you took it up.
I sought for joy and gathered sorrow, you gave me sorrow and I found joy.
My heart was scattered in pieces, you picked them up in your hand
and strung them in a thread of love.
You let me wander from door to door to show me at last how near
you are.
Your love plunged me into the deep trouble.
When I raised my head I found I was at your door.
Ich warf mein Herz weg in die Welt; du fingst es auf.
Ich suchte Freude und fand Leid, du gabst mir Leid, ich fand die Freude.
Mein Herz lag hingestreut in Stücken, du pflücktest sie in deine Hand
und wandst sie in ein Liebesband.
Du ließest mich von Tür zu Türe wandern, mir zu zeigen, wie nah
du bist.
Deine Liebe tauchte mich in tiefes Leiden.
Als ich den Kopf erhob, stand ich vor deiner Tür.
20
My heart, like a peacock on a rainy day,
spreads its plumes tinged with rapturous colours of thoughts,
and in its ecstasy seeks some vision in the sky,
with a longing for one whom it does not know.
My heart dances.
The clouds rumble from sky to sky
the shower sweeps horizons,
the doves shiver in silence in their nests,
the frogs croak in the flooded fields,
and the clouds rumble.
O who is she on the king’s tower
that has loosened the braid of her dark hair,
has drawn over her breasts the blue veil?
She wildly starts and runs in the sudden flashes of lightning
and lets the dark hair dance on her bosom.
Ah my heart dances like a peacock,
the rain patters on the new leaves of summer,
the tremor of the crickets’ chirp troubles the shade of the tree,
the river overflows its bank washing the village meadows.
My heart dances.
Mein Herz spreizt wie ein Pfau im Regen
sein Gefieder, schillernd von verzückten Gedanken,
und sucht in seinem Taumel ein Bild am Himmel
und sehnt sich nach dem Unbekannten.
Mein Herz tanzt.
Die Wolken grollen von Himmel zu Himmel,
der Regen fegt über die Horizonte,
die Tauben zittern schweigend in ihren Nestern,
die Frösche quaken in den überschwemmten Auen,
und die Wolken grollen.
O, wer ist jene auf dem Turm des Königs,
die den Zopf ihres dunkles Haars gelöst hat,
über ihre Brust den blauer Schleier zog?
Wild stürmt sie los und rennt in die jähen Gewitterblitze
und läßt ihr dunkles Haar auf ihren Brüsten tanzen.
Ah, mein Herz tanzt wie ein Pfau,
der Regen plätschert über die frischen Blätter des Sommers,
das Beben des Grillengezirps verwirrt den Schatten des Baums,
der Fluß tritt über seine Ufer und überschwemmt die Wiesen des Dorfs.
Mein Herz tanzt.
21
The dumb earth looks into my face and spreads her arms about me.
At night the fingers of the stars touch my dreams. They know my former name.
Their whispers remind me of the music of a long silent lullaby. They bring to my mind the smile of a face seen in the
gleam of the first daybreak.
There is love in each speck of earth and joy in the spread of the sky.
I care not if I become dust, for the dust is touched by his feet.
I care not if I become a flower, for the flower he takes up in his hand.
He is in the sea, on the shore; he is with the ship that carries all.
Whatever I am I am blessed and blessed is this earth of dear dust.
Die stumme Erde blickt mir ins Gesicht und breitet ihre Arme um mich.
Nachts tasten die Finger der Sterne nach meinen Träumen. Sie kennen mich bei meinem alten Namen.
Ihr Flüstern weckt in mir die Erinnerung an die Melodie eines langen stillen Wiegenlieds. Sie gemahnen mich an das Lächeln eines Gesichts im
Schimmer des Morgenrots.
Da ist Liebe in jedem Winkel der Erde und Freude ausgebreitet am Himmel.
Mich bekümmert es nicht, wenn ich zu Staub vergehe, denn sie streifte den Staub mit ihrem Fuß.
Mich bekümmert es nicht, wenn ich zur Blume werde, denn sie birgt die Blume in ihrer Hand.
Sie ist im Meer und ist am Strand; sie ist auf dem Schiff, das alles trägt.
Was immer ich bin, ich bin gesegnet und gesegnet ist die Erde aus lieblichem Staub.
16
O man divine, sanctify our efforts
with the light of thy sacred touch.
Dwell in our hearts,
hold before us the image of thy greatness.
Forgive our transgression,
teach us to forgive.
Guide us into serene fortitude
through all joys and sorrows,
inspire us with loveovercoming pride of self,
and let our devotion for thee
banish all enmity.
O gottgeweihter Mann, segne unsere Bemühungen
mit dem Licht deiner heiligen Berührung.
Wohne in unseren Herzen,
halte das Bild deiner Großmut uns vor Augen.
Vergib unsre Sünden,
lehre uns zu vergeben.
Führe uns zu ruhiger Seelenstärke
durch alle Freuden, alles Leid,
begeiste uns mit dem Stolz der Seele, der Liebeswahn besiegt,
und laß die Ehrfurcht vor dir
uns alle Feindschaft bannen.
17
Ceaseless is the welter of rain that wearies the sky.
Alas for the forsaken! Alas for the homeless wanderer!
The shrieks of the wind die away in sobs and sighs.
What flying phantom does it pursue across the pathless wild?
The night is hopeless like the eyes of the blind.
Alas for the forsaken! Alas for the homeless wanderer!
The waves are frantic in the river lost in the shoreless dark.
The thunder growls, the lightning flashes its teeth.
The lights of the stars are dead.
Alas for the forsaken! Alas for the homeless wanderer!
Endlos die Regenschauer, die den Himmel scheuern.
Weh denen, die verlassen sind! Weh den heimatlosen Wanderern!
Das Heulen des Winds erstirbt in Schluchzen und Seufzen.
Welch geflügeltes Gespenst verfolgt er in pfadloser Wildnis?
Die Nacht ist hoffnungslos wie die Augen des Blinden.
Weh denen, die verlassen sind! Weh den heimatlosen Wanderern!
Die Wogen toben im Strom, der sich im uferlosen Dunkel verlor.
Der Donner grollt, der Blitz zeigt seine weißen Zähne.
Das Sternenlicht ist tot.
Weh denen, die verlassen sind! Weh den heimatlosen Wanderern!
18
You have watched all night alone, your eyes are tired, sweet one!
The light of the lamp has paled, it flickers in the breeze of the dawn.
Wipe away your tears, my friend, and draw up the veil over your breast.
The autumn morning is still, the smell of the woods is in the
air, the grassy path is caressingly tender.
Let the wreath of the forlorn night lie crumpled upon the bed.
Come out in the world of the morning, gather fresh flowers in
your skirt and put on new blossoms in your hair.
Du hast die ganze Nacht einsam gewacht, deine Augen sind müde, mein Liebling!
Das Licht der Lampe wurde fahl, es flackert im Anhauch der Morgenfrühe.
Trockne deine Tränen, Freundin, und hülle die Brust mit dem Schleier.
Der Herbstmorgen ist still, der Geruch des Waldes liegt
in der Luft, der grasüberwachsene Pfad will dich zärtlich kosen.
Laß den Kranz der einsamen Nacht zerdrückt liegen auf dem Bett.
Komm in die morgenhelle Welt, häuf frische Blumen
in die Schürze und steck neue Blüten dir ins Haar.
Gnadenmadonna
auf dem Kimmelberg zu Metternich
Im Traum setze ich sie,
die kleine Madonna der Lilien
in der Gnadenkapelle
auf dem Kimmelberg,
zersplittert in tausend Scherben,
aus tausend Scherben
wieder zusammen.
Doch das Gesicht will nicht
aufleuchten aus dem Seufzen
sich krümmender Dochte,
nicht blühen die Wangen
vom Blut der Heckenrosen,
das am runden Fenster rinnt.
Und fließt ein milchiger Schaum
aus schwarzen Lockenbüscheln
zur Rosenschale des Munds,
daß auf stumme Blüten
perle stumm ein Tau,
fehlen die grünen Teiche der Augen,
daß zu weichen Moosen
tauche weich ein Herz,
fehlt des Lächelns Dämmerlicht,
in Abends stiller Laube
einzuschlummern still.
Der Pfad des Tages ist nur
nackten Fußes gehen
über Schutt und Scherben,
der Pfad der Nacht ist nur
sanftes Bluten
aus Wunden der Erinnerung.
Terzinen auf die Schatten einer Zauberin
Sie ist nicht ganz verbrannt, verwest, noch geht
in einem Hauchen bauschender Gardine,
in einem Glucksen, das sich in den Ausguß quält,
im dumpfen Surren einer totgestürzten Biene
der Geist der Hexe um und kann nicht, kann nicht
im Staub des Hinterhofs, im Dämmer der Latrine
entschlafen endlich, endlich lösen das Gesicht
im Strahl, der aus Turbinen schießt, von Tönen
erweicht, Geträuf von goldnem Ginsterlicht,
entströmen in den Schoß der bleichen Schönen,
bei Schwester Ophelia in den Wellen hell
die Nacht der Rosen finden, die sie krönen.
Sie aber krabbelt, eine rote Laus im Fell
der Wölfin, deren Zitzen milchend tropfen,
ihr Gift zu speicheln in den Liebesquell.
O Schatten, die den Mund dem Liede stopfen!
13
Little songs and little things come to my mind this morning.
I seem to be floating on a stream in a boat, passing by the world
on both banks.
Every little scene gives a sigh and says, ‘I go.’
World’s pleasure and pain, like brother and sister, lift their
pathetic eyes upon my face from afar.
Homely love peeps from her cottage corner to give me her passing glance.
With eager eyes I gaze from my heart’s window on to the heart of
the world.
And feel that with all its good and bad it is lovable.
Kleine Lieder, kleine Dinge sind heut morgen mir im Sinn.
Ich seh mich in einem Boot hintreiben zwischen den Ufern der Welt.
Jede kleine Aussicht seufzt und sagt adieu.
Lust und Leid der Welt, sie sind mir wie Geschwister und heben herz-
ergreifend aus der Ferne ihre Augen auf mein Antlitz.
Verstohlen schickt die schlichte Liebe aus ihrer Hütte mir Abschiedsblicke nach.
Voll Sehnsucht schaue ich aus dem Fenster meines Herzens auf das
Herz der Welt.
Und ich fühle, sie ist mit all ihrem Gut und Übel liebenswert.
14
Thou ocean of things, they say, in thy dark depths there are
pearls and gems without end.
Many a diver learned in the sea is seeking for them.
But I care not to join in their search.
The light that flashes on your surface, the mystery that heaves
on your bosom, the music that maddens your waves, and the
dance that trips on your foam, are enough for me.
If ever I am weary of them, I will plunge into your unfathomed
bottom where there is death, or the treasure.
Du Ozean der Wesen, man sagt du birgst in deinen dunklen Tiefen
Perlen und Edelsteine sonder Zahl.
Viele Taucher, die Meister der Wellen, taucht nach ihnen.
Ich aber will mit solchen nicht die Suche teilen.
Das Licht, das glänzt auf deiner Oberfläche, das Geheimnis, das wogt
auf deiner Brust, die Musik, die deine Wellen betört, und der
Tanz, der deine Schäume streift, sie sind mir schon genug.
Sollte ich ihrer einst müde werden, will ich in deine bodenlose
Tiefe tauchen, dort wo der Tod oder das Kleinod wohnt.
15
Thou shalt dwell in silence in my heart like the full moon in the
summer night.
Thy sad eyes shall watch over me in my wanderings.
The shadow of thy veil shall rest upon my heart.
Thy breath like the full moon in the summer night shall hover
about my dreams, making them fragrant.
Magst im Schweigen meines Herzens wohnen dem Monde gleich
in einer Sommernacht.
Deine traurigen Augen sollen hinab auf meine Pfade schauen.
Der Schatten deines Schleiers lege still sich mir aufs Herz.
Dein Atem schwebe wie der Mond der Sommernacht
über meinen Träumen, auf daß sie duften.
Tinnef
unter fettigen schenkeln homerisch
tage vergackeiert, wehwurzgetropf
klopft auf den brunzigen bauch.
blaugetüme von schatten warfen
rot gebohnerte tinnef-titten,
waberten brumsend von hummel-
schwärmen wärmend ums ohr.
schmutzmusen reckten der füße sechs
wechselnd im stänkernden Chor.
Kabores
feig dich nicht flunsch
wo sie dich untergespeichelt
und dicke libbe vertunkt
mit zuckerste peitschen
*
hasenschartig seis angemündigt
ich war unter die retter gebettet
ward hornig gegerbt und dornig
verhornt ich der ärschlinge gnom
ach gottchen ich schoß mir zum
trotz ins hymnisch surrende knie
*
„ärztle, spiegel mich grund, horch
mir ins atzloch, wo gspaßig hausen
gespensterratzen, rüttel mich
rettig, rettel mich rüttig,
knaps mir den ganglienwurm,
schind mirs hintersinnengewinde
und pick die pimpfe pinzettlich.
ärtzle, schieß mir den hirnhund,
stopfs lochchen mit phonogelee!“
„mach dich nackig, ich spiegel dich
grund, autschi, mautzi, ich hör spucken,
brunzen, grunzen die saugespenster
im atzloch, wart nur, ich kreisel und
geißel dich rund, ich schieß deinen
hirnhund, ich würg dich gesund.“
Aufbahrung
Dem Andenken an Hildegard Hilten
Zögernd auf der Schwelle –
Pforte mit den bunten Scheiben,
grüne Lache Licht schwimmt
auf den Fliesen des Korridors,
klatschmohnüberfleckt die Wand
vom leisen Seufzen
des Stundenbrenners
unter dem Andachtsbild.
Kühle Stille flieder-
trunkner Einsamkeit.
Jedes Wort der Widerhall
eines Kiesels, hinabgeworfen
in den Schweige-Schacht.
Katze auf der Fensterbank,
Griesel trüber Flocken,
die auf falbem Gras ermatten
und in Bernsteinaugen tauen.
Perlmuttdämmer,
auf der Vitrine die Schatulle,
kleiner Sarkophag der Briefe.
Ein Knäuel Wolle zwischen Kissen,
durchkreuzt von langen Nadeln.
Auf dem Altar des Fernsehers
Bilder neben einem Kruzifix,
der Sohn, verschämt im Weihestaat
eines Rüschenflitter-Talars,
ein Luftschlangen-Lametta-Trio
aus zwei Prinzessinnen und inmitten
eine alte Marketenderin
mit einem Korb voll Rosen,
und dieselbe jung, im glasblüten-
bestickten Schleier, im Odem
weißer Lilien Mädchenwangen,
das fesche Mannsbild
in Wehrmachtsuniform
faßt galant sie um die Hüfte.
Trockner, ausgemergelter Kokon,
Gesicht der Toten,
doch kein Falter weit und breit.
Verschüttet unterm Schnee der Lider,
die kleinen Augenäpfel.
Aus der dunklen Erde Schmerz
gewuchert um gichtige Finger
duftlos ein Rosenkranz.
Korallendunst
unterm Kreideriff der Kehle.
Erstarrt in einem dunklen Ach
die aufgerissene Muschel
Mund.
Das Murmeln ist herabgetropft,
die Kerze des Gebets erlosch.
Am Abend spielen Schimmer
auf dem Brautkleid,
dessen Schleppe schon fern
auf schwarzen Wassern
des Styx dahintreibt.
Graue Strähne,
Signatur des Abschieds,
hat sich auf das Pergament
der Stirn geschrieben.
Im Winkel zittert,
kunstvoll gesponnen,
ein Geweb
vom Krampf der Mücke,
sie harrt noch still,
die grausame Künstlerin.
10
I thought I had something to say to her when our eyes met in the road.
But she passed away, and it rocks day and night
like an idle boat on every wave of the hours
the thing that I had to say to her.
It seems to sail in the autumn clouds in an endless quest
and to bloom into evening flowers
seeking its lost words in the sunset.
It twinkles like fireflies in my heart to find its own meaning
in the dusk of despair
the thing that I had to say to her.
Ich fühlte, ich hatte ihr etwas zu sagen, als sich unsere Blicke auf dem Wege trafen.
Doch sie ging vorüber, und es schaukelte Tag und Nacht
wie ein verlorenes Boot auf den Wellen der Stunden,
was ich ihr zu sagen hatte.
Es schien in den Wolken des Herbsts auf endloser Suche zu segeln
und mit den Blumen des Abends zu blühen,
um nach seinen verschollenen Worten im Sonnenuntergang zu suchen.
Es funkelte wie Leuchtkäfer in meinem Herzen, um seinen Sinn
in der Dämmerung der Verzweiflung zu finden,
was ich ihr zu sagen hatte.
11
Lord of my being, has your wish been fulfilled in me?
Days have passed without service and nights without love.
Flowers have dropped on to the dust and have not been gathered
for your acceptance.
The harp strings strung with your own hands have slackened and
lost their notes.
I slept in the shadow of your garden and forgot to water your plants.
Is the time over now, my lover? Have we come to the end of this play?
Then let the bell ring of departure, let the morning come for the
freshening of love.
Let the knot of a new life be tied for us in a new bridal bond.
Herr meines Seins, hat dein Wunsch sich in mir erfüllt?
Tage gingen dahin ohne Gebet und Nächte ohne Liebe.
Blüten sanken nieder in den Staub und ich habe sie nicht aufgesammelt,
sie dir zu reichen.
Die Saiten der Harfe, von dir selbst gerührt, sie wurden schlaff und
büßten ihren Wohlklang ein.
Ich schlief im Schatten deines Gartens und vergaß, deine Pflanzen zu wässern.
Ist meine Zeit abgelaufen, mein Geliebter? Sind wir ans Ende dieses Stückes angelangt?
So laß die Abschiedsglocken läuten, laß den Morgen kommen für die
Erneuerung der Liebe.
Knüpfe uns den Knoten eines neuen Lebens in einem neuen bräutlichen Band.
12
At Youth’s coronation, Kalidasa,
You took your seat, your beloved by your side,
in Love’s primal paradise.
Earth spread its emerald-green carpet beneath your feet,
the sky held over your heads
its canopy gold-embroidered;
the seasons danced round you
carrying their wine cups of varied allurements,
the whole universe yielded itself to your loneliness of delight,
leaving no trace of human sorrows and sufferings
in the immense solitude of your bridal chamber.
Suddenly God’s curse descended from on high
hurling its thunderbolt of separation
upon the boundless detachment of youth’s egotism.
The seasons’ ministry in a moment was ended
When the veil was wrenched from love’s isolation,
and on the tear-misted sky appeared the pageantry
of the rainy world of June
across which journeyed the sad notes of your bereaved heart
towards a distant dream.
Bei der Krönung deiner Jugend, Kalidasa,
setztest du dich auf den Thron, deine Geliebte dir zur Seite,
im ersten Paradies der Liebe.
Die Erde breitete ihren smaragdgrünen Teppich unter eure Füße,
der Himmel hielt über eure Häupter
den goldbestickten Baldachin;
die Jahreszeiten tanzten um euch,
sie trugen Kelche mit Weinen voll Zauberwurz,
das ganze Universum bot sich der Abgeschiedenheit eurer Verzückung dar
und löschte alle Spuren menschlichen Kummers und Leids
in der grenzenlosen Einsamkeit eures Hochzeitszimmers.
Da stieg Gottes Fluch aus der Höhe herab und schleuderte
den Blitzstrahl der Entzweiung
auf die grenzenlose Absonderung jugendlicher Eigensucht.
Die Huld der Jahreszeiten war mit einem Schlag zu Ende,
als der Schleier vom einsamen Antlitz der Liebe gerissen ward
und am tränenfeuchten Himmel die Pracht
der regnerischen Welt des Juni erglänzte,
um die traurigen Klänge deines beraubten Herzens
zu einem fernen Traum zu tragen.
Die Vogelscheuchen
Waren es Strudel schäumenden Wahns
unter Flocken wirbelnder Seufzer,
die uns zwischen Mohnblut-Ufern
ins Fremdland rissen?
*
Wir stehen schon am Saum des Felds,
wo Knospen fremder Samen gaukeln,
magere Vogelscheuchen, Wind
bläht den löchrigen Hungermantel.
Nicht mal die scheue Elster schrickt
zurück vor unsern glasigen Augen,
grünen Scherben zersplitterten Fests,
und unser schiefer Mund, ein Fetzen
roten Samts, der einmal weiße Wangen
wärmte, weiß sich keinen Reim
aufs höhnisch schwarze Krähenlachen.
Im Gestrüpp des Haars aus Stroh
und Mulch sitzt gern ein Sperlingspaar
und piept und pickt sich ungeniert.
Glänzt der krumme, rostige Haken
uns im Gesicht vom scharfen Frost,
ist leer das Schneefeld, kahl und leer.
Ein Hündchen kommt, o Lebenswärme,
letzte Fühlung morschen Seins,
warm rieselt sein Urin ans Bein.
Schwarzer Abschiedstau, das Auge
eines Rehs, das schnaubt und scharrt.
Der angetrunkne Mond grinst über
unsre Schattenfratzen, torkelt heim.
Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte 7–9
7
Struck with the curse in mid-wave of your tumultuous passion,
your life stilled into a stone, clean, cool and impassive.
You took your sacred bath of dust, plunging deep into the
primitive peace of the earth.
You lay down in the dumb immense where faded days drop, like dead
flowers with seeds, to sprout again into new dawns.
You felt the thrill of the sun’s kiss with the roots of grass and
trees that are like infant’s fingers clasping at mother’s breast.
In the night, when the tired children of dust came back to the
dust, their rhythmic breath touched you with the large and placid motherliness of the earth.
Wild weeds twined round you their bonds of flowering intimacy.
You were lapped by the sea of life whose ripples are the leaves’
flutter, bees’ flight, grasshoppers’ dance and tremor of moths’ wings.
For ages you kept your ear to the ground, counting the footsteps
of the unseen comer, at whose touch silence flames into music.
Woman, the sin has stripped you naked, the curse has washed you
pure, you have risen into a perfect life.
The dew of that unfathomed night trembles on your eyelids, the
mosses of ever-green years cling to your hair.
You have the wonder of new birth and the wonder of old time in
your awakening.
You are young as the new-born flowers and old as the hills.
Als der Fluch dich traf am Wellenkamm deiner stürmischen Leidenschaft,
erstarrte dein Leben zu Stein, rein, kalt und teilnahmslos.
Du nahmst dein heiliges Bad im Staub, tauchtest tief hinab
in den urtümlichen Erdenfrieden.
Du lagst im stummen Grenzenlosen, wo fahle Tage sinken wie tote
Blumen mit Samen, um in neuen Morgenröten aufzukeimen.
Du spürtest den Kitzel des Sonnenkusses in den Wurzeln der Gräser und
Bäume, die sich wie kindliche Finger um die Brust der Mutter schlingen.
Wenn des Nachts die müden Kinder des Staubs heimkehren zum
Staub, berührte dich ihr gleichmäßiges Atmen mit der weiten und sanften Mütterlichkeit der Erde.
Wilde Kräuter umrankten dich mit Bändern blühender Innigkeit.
Du wardst umschoßt vom Meer des Lebens und seinen Wellen aus Blätter-
flattern, Bienenflug, Heuschreckentanz und Mottenflügelzittern.
Du hast durch Äonen dein Ohr auf die Erde gepreßt und zähltest die Schritte
des Unbekannten, der da kommt, unter dessen Hand die Stille aufflammt in Musik.
Weib, die Sünde hat dich ganz entblößt, der Fluch dich rein
gewaschen, du bist erstanden zu einem Leben in Vollkommenheit.
Der Tau der unermeßlichen Nacht zittert an deinen Lidern,
die Moose immergrüner Jahre haften dir im Haar.
Das Wunder der Neugeburt und das Wunder der Urzeit
ist in deinem Erwachen.
Du bist jung wie neu entsproßte Blumen und bist alt wie die Berge.
8
Come friend, who can free me from bonds of toil,
for I lag behind while the pilgrims rush to follow their vision.
Come like a sudden flood that runs with its offerings to the sea,
Sweep me away from the load that drags me down.
Come from among the crowd,
you, to whom I fully belong,
who can call me by my own true name
and smile and be known to me for ever.
Komm, mein Freund, du kannst mich von den Fesseln der Mühsal befreien,
denn ich bleibe zurück, während die Pilger ihrer Vision nacheilen.
Komm wie die jähe Flut, die dem Meer ihre Opfer bringt,
spüle die Last mir hinweg, die mich hinabzieht.
Komm aus der Mitte der Menge,
du, dem ich ganz gehöre,
der mich kann bei meinem wahren Namen nennen
und mir lächeln und vertraut für immer sein.
9
Bonds? Indeed they are bonds, this love and this hope in our hearts.
They are as mother’s arms pressing the child to the warmth of her bosom.
Thirst? Yes, it is the thirst which leads life to each source of its joy in the breasts of the eternal mother.
Who would take from the child this thirst of his growing life and break through the bonds of the mother’s encircling arms?
Fesseln? Wahrhaftig, es sind Fesseln, diese Liebe und diese Hoffnung in unseren Herzen.
Sie gleichen den Armen der Mutter, die ihr Kind an die Wärme ihrer Brust drückt.
Durst? Ja, es ist der Durst, der alles Leben zu seiner Quelle der Freude aus den Brüsten der ewigen Mutter drängt.
Wer wollte dem Kind diesen Durst seines keimenden Lebens nehmen und die Fesseln der mütterlichen Arme zertrennen, die es umschlingen?
Das Gurren
Ein Gurren legte sich zum Schlaf
mit deinem Kopf aufs Kissen.
Das Gurren wurde weich und warm.
Das Dunkel rings, ein Taubenschlag,
und alle Täubchen sind davon,
nur eines sitzt auf der Gardinenstange.
Es gluckst und druckst und bläht
die blaue Rüsche um den Hals,
und trippelnd nickt es: „Gurr mit mir!“
Dann hörst duʼs flattern, hörst es wilder
flackern, knistern, rascheln,
Flammen, Flügel, Federn prasseln.
So eng, so bang im Traumverlies,
das Fenster auf, das Fenster –
einsam flockt ein Flaum der Angst.
Ein Luftzug zerrt, die rote Kralle,
dir im Haar, ein stumpfer Schlag,
ein dumpfer Prall, ein Totes sackt.
Dein Schlaf ist Durst, ein leerer Krug,
in einen Brunnen lange langsam abgeseilt,
und findet keinen Trank am Grund.
Am Tag saugst du den Teppich ab,
liegt eine Feder da, grau-blaues Fähnlein,
dein Mund lallt einen Namen fern –
den du, ein Fremdling, nicht verstehst.
Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte 4–6
4
If there is nothing but pain in loving
then why is this love?
What folly is this to claim her heart
because you have offered her your own!
With the desire burning in your blood
and madness glowing in your eyes
why is this circling of a desert?
He bankers for nothing in the world
who is in possession of himself;
the sweet air of the spring is for him,
the flowers, the bird songs;
but love comes like a devouring shadow
effacing the whole world,
eclipsing life and youth.
Then why seek this mist that darkens existence?
Wenn nichts als Schmerz die Liebe hat,
warum sie Liebe nennen?
Wie töricht, ihr Herz zu wollen,
hast dein eigen Herz du ihr geschenkt!
Brennt Verlangen dir im Blut
und glüht im Auge Wahn,
fragst du, warum die Wüste endlos ist?
Es giert nach keinem Gold der Welt,
wer selber sich besitzt.
Die süße Frühlingsluft ist sein,
Blumen sindʼs und Vogelsang.
Doch Liebe kommt mit einem Schattenschlund
und schluckt die ganze Welt,
Leben verfinsternd und Jugend.
Warum in diesen Nebel gehen und Schatten werden?
5
Delusions I did cherish
but now I am rid of them.
Tracing the track of false hopes
I trod upon thorns
to know that they are not flowers.
I shall never trifle with love,
never play with heart.
I shall find my refuge in you
on the shore of the troubled sea.
Am Trug fand ich Gefallen,
das hab ich hinter mir.
Ich nahm den Pfad der trügerischen Hoffnung
und trat in Dornen,
ich weiß jetzt, Blüten sind sie nicht.
Nie mehr will ich mit Liebe scherzen,
nie mehr mit Herzen spielen.
In dir will ich mir Zuflucht finden
an gequälten Meeres Strand.
6
I have ever loved thee in a hundred forms and times,
Age after age, in birth following birth.
The chain of songs that my fond heart did weave
Thou graciously didst take around thy neck,
Age after age, in birth following birth.
When I listen to the tales of the primitive past,
The love-pangs of the far distant times,
The meetings and partings of the ancient ages,
I see thy form gathering light
Through the dark dimness of Eternity
And appearing as a star ever fixed in the memory of the All.
We two have come floating by the twin currents of love
That well up from the inmost heart of the Beginningless.
We two have played in the lives of myriad lovers
In tearful solitude of sorrow,
In tremulous shyness of sweet union,
In old old love ever renewing its life.
The on-rolling flood of the love eternal
Hath at last found its perfect final course.
All the joys and sorrows and longings of heart,
All the memories of the moments of ecstasy,
All the love-lyrics of poets of all climes and times
Have come from the everywhere
And gathered in one single love at thy feet.
Immer habe ich dich geliebt in hundert Formen und Zeiten,
durch die Lebensalter hin, von Geburt zu Geburt.
Die Kette der Lieder, die mein verliebtes Herz gewebt,
du hast sie gnädig um den Nacken dir gelegt,
durch die Lebensalter hin, von Geburt zu Geburt.
Lausche ich Legenden derer, die am Ursprung westen,
den Liebesschmerzen ganz versunkner Zeiten,
wie Menschen des Altertums sich grüßten, voneinander schieden,
erschaue ich, wie dein Antlitz nach und nach
ins Licht taucht aus der Ewigkeiten Finsternis
und es strahlt, dem All-Gedächtnis eingesenkt, ein Stern.
Wir wogten beide auf der Liebe Zwillingsflüssen,
die aus dem innersten Herzen des Anfanglosen quellen.
Wir spielten beide im Leben der Liebenden ohne Zahl
in Trübsals Tränen-Einsamkeit,
in süßer Umarmungen zagem Zittern,
in alter, alter Liebe, die sich eratmet neues Leben.
Die hinwogende Flut der Liebe ewiglich,
sie hat am Ende ihrer Mündung Vollkommenheit gefunden.
All die Freuden, Kümmernisse, all die Herzenswünsche,
all die Erinnerungen an Augenblicke der Verzückung,
all die Liebeslieder der Dichter aller Zonen und Zeiten,
von überallher sind sie gekommen,
und liegen, die Eingestalt der Liebe, dir zu Füßen.
Die verlorenen Handschuhe
Liegst im Graben,
grau befleckt,
Schmeichlerin,
die so sanft die blumig sanfte
Hand der Schönen
hast umschmeichelt.
Und du trauerst,
grau bekümmert,
um der Schwester
trauriges Geschick,
die ins Abseits nun gerät
ohne deine Zwillingsliebe.
Einhändig nur gewärmte
Schöne ist zum Lachen.
So nicht wärmt,
muß selbst erkalten.
Schwesterherz, mußt faltig,
unerfüllt und waisenkindlich
deinerseits im Abseits liegen.
Und die Gottheit
hat Erbarmen manchmal
mit verlornen Sachen,
läßt es tröpfeln.
Kommt ein Mäuschen,
huscht hinein.
Handschuh,
wärm das Mäuseherz!
Doch die Schwester haust
vergessen ganz
im Dunkel eines Schranks.
Hörst den Himmel ferne weinen?
Würdst gern selber weinen
um des Lebens Aberwitz,
aber Tränen preßt du leider
keine aus der trocknen Wolle.
Tote Schraube
Fein geschnittenes Gewinde,
girlandenzart gewickelt,
das mit der heiklen Spitze
kalter Wollust des Metalls
ins unbekannte Dunkel
ächzend sich gebohrt,
von Rost zerfressen
von Alterslast zermürbt.
Wer hier noch Halt sucht,
der lass alle Hoffnung fahren.
Als schwanktest auf gelbem Gel
tauenden Schnees du blind
über tiefes Traumgewässer,
dein Fuß faßt keinen Grund
in Schlammes Glucksen.
So dreht die Schraube sich im Leeren,
findet kein Vor und kein Zurück,
hat keinen Halt das Leben,
das schief ins Holz
des Ursprungs sich gewunden.
So dreht die Sprache sich im Leeren,
rutscht das Wort vom Gaumen,
dorrt die Zunge heimatlos,
die schief ins Mark
des Ursprungs sich gewunden.
Dichters Schlaf
Kleinen Vogels heißes Herz
pocht im Schatten einer Wolke
über deinem Bett.
Öffnet sich die weiße Muschel
deines Schlafs –
hörest du es nicht?
Abertausend Weltenessen
sprühen ihre Flammennadeln
auf dein Angesicht.
Lockert sich die weiße Rüsche
deines Schlafs –
kitzeln sie dich nicht?
Abertausend tote Seelen
tupfen ihre Bettelflocken
an dein Fensterglas.
Weitet sich die weiße Knospe
deines Schlafs –
fröstelt es dich nicht?
Kleinen Vogels heißes Herz
sang im Schatten einer Wolke
über deinem Bett.
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