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Feb 10 18

Weißer Kelch

Du weißer Kelch,
auf dunklen Wassern schwebend,
dich formte groß das Licht,
von Schweigen angefüllt,
o stilles Angesicht.

Du bebst im Hauch,
von fremdem Hauche bebst du,
die Welle nimmt dich mit,
die Sonne kümmert nicht,
was deine Nacht erlitt.

Du träumst den Mond
und deine Lider zittern,
du träumst ihn rot und rund,
und öffnest feucht von Tau
den stummen Blumenmund.

Du weißer Kelch,
den Schatten Schimmer gebend,
Geheimnis, süß und schlicht,
was deinem Schoß entquillt,
schenkt Seufzern das Gedicht.

 

Feb 10 18

Sanfte Rose Nacht

Sanfte Rose Nacht,
schmerzbetaute Blüte,
behauch den Mund,
auf daß er bete.

Hohen Lebens Kelch,
knospenfeuchte Stille,
mit dunklem Glanz
das Auge fülle.

Sanfte Rose Nacht,
Schlafes blasse Wange,
bald küsse Licht
dich wach für lange.

 

Feb 9 18

Die Wolke und ihr Schatten

Was der Wolke gleich
und Wolkenschatten
sich vorübergehend zeigt,
das Wahre,
bleibt ungesagt.

Wortes leeren Spiegel
überhaucht ja nicht,
und sei er noch so weich,
fremden Atems Mund.

Zart gespannt ist der Faden
zwischen Sonne und Geist,
es schwebt die Träne
zwischen Seele und Mond
an scheuer Wimper.

Und reißt der Faden,
kehren Wolken
aus dem Ungesagten,
und sinkt die Wimper,
glänzt das Blatt
im Tau der Nacht.

 

Feb 9 18

Tage, Jahre

Wie unter Reben,
wenn einmal
Sonnenfäden wehen,
dann wieder
blaue Trauben scheinen
in das dunkle Grün
der Tage.

Sommer flocht den Mohn
ins gelbe Haar des Ackers,
Herbst war still
mit langsamem Rinnen
von Tropfen.

Und Tage stürzen,
Bäumen gleich
unter der Axt,
und kahler glänzt
die Lichtung des Winters.

Und Jahre,
wie Blätter des Vorjahrs,
schwarz,
gedächtnislos,
fegt harter Reschen
von Friedhofswegen.

Kehrt einmal,
woran Bienen tranken,
dein Gold zurück,
kleinen Lebens Primel,
und grünet heim
ins Tal hinab
das Wasser?

 

Feb 8 18

Lindenblatt

O der Linde grüne Schläfe,
leuchte Heiterkeit,
als ob mich frühe Zeit
wiederträfe.

Du opferst dich der Sonne
für ein Schattenspiel,
so kleiner Samen Ziel
Sterbenswonne.

Dann tropft dir aus den Poren
dünne gelbe Glut,
du stirbst wie Liebe tut,
unverloren.

Wie erdwärts sehnend zittert
ausgebleichtes Sein,
ich trinke Herbstes Wein,
unverbittert.

 

Feb 8 18

Über Inspiration

Sentenzen und Aphorismen

Es kann nur eines geben: inspiriert oder nicht inspiriert.

Goethe oder Heine, Trakl oder Brecht, Celan oder Grünbein.

Damit ist nichts erklärt, aber alles gesagt.

Nichts erklärt: Denn um zu wissen, was inspiriert ist, ja um zu wissen, was NICHT inspiriert ist, bedarf es der Inspiration.

Alles gesagt: Nur was vom Geiste zur Sprache kommt, kann die Grenze des Sagbaren bis zum Rand des Unsagbaren erfüllen und ermessen.

Sind der Zauber und das Faszinosum, die von den inspirierten Schriften und Sprüchen, vom Charme großer Musik, ausgehen, kein Kriterium der Inspiriertheit?

Nein, denn auch Satan bezaubert und bedient sich durch eine Art Betäubung oder durch Schändung der Musen.

Auch wenn die Musen unter Satans Würgegriff stöhnen, vernimmt man in der Ferne noch eine seltsame Art von Musik.

Anhauchung, Begeisterung, Inspiration: Bilder und Metaphern, die das, was sie meinen, voraussetzen oder implizieren. Sie erklären also nichts, sondern sind Hinweise und Winke.

Gottes Geist kann sich nur selbst verstehen und auslegen. So hören wir aus der Muschel das Rauschen des eigenen Bluts.

Man könnte auch von der Quelle reden, die das Wort bewässert, von der Quelle, deren Rauschen das Wort erfüllt. Und wir verstehen ohne weiteres, was das Revers-Bild meint, wenn wir sagen, die Quelle sei versiegt oder vertrocknet.

Wir denken an Reinheit, Klarheit, Lauterkeit und Demut, wenn wir das Bild der Quelle verwenden, doch kann es nur der reine, klare, lautere und demütige Geist wie der goldene Sand der Wüste dankbar in sich aufnehmen.

Licht und Wolken, Blüte und Blatt, Tropfen und Tau, Feuer und Rauch, Erde und Strom, Wald und Lichtung, Flocken und Schnee: Alle natürlichen Phänomene verwandeln sich unter dem Blick der Muse in heilige Zeichen oder Embleme der Gottheit.

Die Flocken gehören in der heiligen Ursprache zum Dasein der Zeichen, alles andere ist wie Celan es nennt, schon Metapherngestöber.

Sprechen wir von Inspiration, berühren wir den Ursprung des dichterischen Sagens. Das Bild des wehenden Zweigs, dessen bewegter Schatten über das dichterische Wort streift, ist selbst das Wehen, der Zweig und der Schatten.

Wir sprechen von einer Anwandlung, als hätte eine kühle Brise das schlaffe Zelt der Mittagsschwüle gebläht, bis an seinem losen Flattern bemerklich wird, daß es nur eine Grille oder ein Capriccio war.

Es ist eine Folge der Wirkung des Heiligen Geistes, weissagend oder prophetisch davon zu künden, daß Gott als Schöpfer der erste oder anfängliche Inspirator ist.

Ohne Beistand des Heiligen Geistes kann man also das Wort Gottes, verbum Dei, nicht verstehen.

Das reine Wasser der Quelle ist fruchtbar und an seinem Rand und in seiner Tiefe sprießt und gedeiht die Kreatur. Das kreatürliche Dasein weist in seiner Wohlgeformtheit und dem Gedanken der Ordnung, die sich in seinem Leib, seinem Wuchs und seiner Bewegung kundtun, auf den Formsinn und den Ordnungstrieb seines schöpferisch gesprochenen Ursprungs hin.

In der Tiefe des Wassers, das die Quelle der dichterischen Inspiration spendet, finden wir die schön gebaute Muschel des Gedichts mit dem feingliedrigen Bau seiner Rhythmen und Strophen und dem Fruchtfleisch des verborgenen Sinns.

Wir finden im dichterischen Wort den Inhalt oder das, was es beschreibt und darstellt, und den schöpferischen Akt, daß es anruft, beschwört und hinstellt, was immer es an Dingen und Sachverhalten benennt und beschreibt.

So unterscheiden wir am Schöpfungsbericht das, WAS alles als daseiend und lebend beschrieben und benannt wird, von der Tatsache, DASS all dies ins Dasein und Leben gerufen wird.

So ist ja das Geheimnis der Welt nicht irgendein in ihr enthaltener sonderlich staunenswerter Inhalt, sondern ihre Existenz.

Wir könnten vermuten oder erwägen, inwiefern die satanische Bezauberung dazu verdammt ist, unfruchtbar zu bleiben oder sogar die Frucht zu verderben und die Ordnungen des Lebendigen zu zerbrechen. Die ihr Hörigen genießen an solch bizarren Deformationen eine sterile Form der Wollust.

Die sich an der Phrase vom Verschwinden des Subjekts oder dem Versiegen und Zerbröckeln der Autorschaft ergötzen, muß man als flüchtige Schatten unter den blinden und niedrigen Horizont der Leugnung Gottes als auctor divinus stellen.

Nachdem seine Schwester Hermine Wittgenstein ihre Verstörung angesichts der Tatsache zum Ausdruck gebracht hatte, daß ihr Bruder Ludwig nicht nur seinen ererbten ungeheuren Reichtum in den Wind geschlagen habe, sondern nunmehr auch sein Genie in einem geistig und physisch dürftigen Dasein als Volksschullehrer in der finstersten Provinz Niederösterreichs verschwenden wolle, antwortete ihr der Philosoph in einem Brief mit einem inspirierten Bild: Sie verhalte sich wie jemand, der sich bei geschlossenem Fenster über die sonderbaren Bewegungen eines Passanten unten auf der Straße verwundere, unwissend, daß dieser gegen einen heftigen Sturm angehe. So sind, könnten wir sagen, die wunderlichen und fremdartigen Ausdrucksformen inspirierter Dichtung manchen rätselhaft oder anstößig. Doch rührt dieser befremdliche Eindruck aus der Tatsache, daß sie das Gedicht wie die sonderbaren Bewegungen und Haltungen des Passanten in Wittgensteins Brief gleichsam bei geschlossenem Fenster hinter einer Scheibe betrachten, die den in der Tiefe brausenden Sturm wahrzunehmen verhindert.

Horaz nennt sich in der Ode 2, 20 vates, einen Seherdichter und deutet die damit gemeinte Berufung im Bild der Verwandlung in einen Schwan, der auf dem Strom des Äthers über Städte und Länder bis zu den Grenzen der bekannten Welt dahingleitet, wo selbst exotische Völker und die seligen Inseln seinen Schwanengesang vernehmen. Eingang und Ausklang der Ode sind sinnreich verschränkt: Mit der Bitte an seinen Förderer Maecenas, hohen Pomp und zeremonielle Klage von seinem Grab zu verweisen, greift er auf das Eingangsbild seines unter dem Anhauch der Muse schon verwandelten Daseins zurück, in dem er über die stygischen Gewässer der Todverfallenheit hinwegfliegt. Wir haben an diesen Versen ein besonders kostbares Zeugnis der Ahnung des Ewigen aufgrund der Begeistung durch den göttlich-schöpferischen Odem (besonders kostbar, weil ganz außerhalb des biblischen Schrifttums stehend).

Verwandlung in ein geflügeltes Wesen, ob Vogel oder Engel, ist ein wiederkehrender Topos der Inspiration von Horaz bis Eichendorff, und damit sinnvoll verknüpft die Entrückung in eine übermenschlich-himmlische Sphäre des Glanzes und der Schönheit, in eine ferne Höhe, deren Gestirne der dunkle Spiegel des Styx und der Totenflüsse der Unterwelt nicht reflektieren.

Die Inspiration hat für Horazens gewandeltes Selbstverständnis eine solch intensive Anmutung, daß er sogar aus dem antiken Dunstkreis der untröstlichen Klage um das sterbliche Dasein in das reine Licht der göttlichen Dauer hervortritt, auch wenn sich dieser Gedanke scheinbar in den welkenden Flor des Ruhmes kleidet (berühmter als des Dädalus Sohn Ikarus, der freilich anders als der begnadete Vates abgestürzt ist, weil ihn nicht himmlischer Hauch emportrug, sondern dünkelhafte Menschenkunst), Lorbeer, betaut von den Tränen um die fernen Lieben dürftiger Herkunft, die der heiße Wind seines erhabenen Flugs für immer abwischt.

Das Lied des inspirierten Dichters ist als Schwanengesang schon, mit Paul Celan zu sprechen, jenseits der Menschen gesungen. Nicht sein Gehalt ist wesentlich (und die Lieblingstöne der Dichter, die Vogelstimmen, haben ja keinen Inhalt), sondern die reine Tatsache seiner Existenz.

 

Horaz, Oden, Buch II, 20

Non usitata nec tenui ferar
penna biformis per liquidum aethera
vates neque in terris morabor
longius invidiaque maior

urbis relinquam. non ego, pauperum
sanguis parentum, non ego, quem vocas,
dilecte Maecenas, obibo
nec Stygia cohibebor unda.

iam iam residunt cruribus asperae
pelles et album mutor in alitem
superne nascunturque leves
per digitos umerosque plumae.

iam Daedaleo notior Icaro
visam gementis litora Bospori
Syrtisque Gaetulas canorus
ales Hyperboreosque campos.

me Colchus et qui dissimulat metum
Marsae cohortis Dacus et ultimi
noscent Geloni, me peritus
discet Hiber Rhodanique potor.

absint inani funere neniae
luctusque turpes et querimoniae;
conpesce clamorem ac sepulcri
mitte supervacuos honores.

 

Ein Zwiegewächs mit reinen und starken Flügeln,
als Seherdichter trägt mich der Ätherstrom, auf
der Erde hält mich nichts, ich bin der
Mißgunst entronnen, von ferne leuchten

die Städte. Ich, nur ärmlicher Eltern Blut,
ich, den du rufst, Maecenas, entgehe wohl
der Todverfallenheit und werde von
stygischen Wassern umfangen nicht ganz.

Da, da umwachsen runzlige Häute mir
die Fesseln und ich werde verwandelt vom
Haupt her in einen weißen Vogel, es
sprießt um die Finger, die Schultern Flaum mir.

Berühmter schon als Ikarus, Dädalus
Sohn, schaut der Küste Rauschen am Bosporus
mich, Syrten Gätulas vernehmen den
Schwanengesang und die seligen Inseln.

Mich hört der Kolcher, mich, der die Furcht verheimlicht
vorm Marserheer, der Daker, es hört mich singen
das Grenzvolk der Gelonen, Spanien
hört und der Zecher der Rhône hört mich.

Es soll am leeren Grabe mir nicht ertönen
bezahlte Flöte, hässliches Stöhnen nicht
und Jammern. Verhalte die Stimme, hohler
Pomp bleibe fern meiner Totenfeier.

 

Feb 7 18

Orphisch

Samen des Lichts,
sie dauern wie Mücken
in der Kohle der Urangst
und harren des Tags
unter den schmutzigen Nägeln
des blinden Bettlers.

Sehen heißt blind sein
für das glitzernde Öl
auf schwankenden Straßen
und den Starrsinn der Gezeiten,
auf denen tote Monde
auf- und niederschäumen.

Jener aber barg den Samen
in der duftenden Hirtentasche
aus Kräutern und Moos,
um sie an die blauen Fäden
der Luft zu kleben.

Genährt von Küssen
mit Seraphs Honig,
ward ihm das Ohr
ausgeleckt von Meeres
rauschender Zunge.

Sehen heißt Sprechen
mit der Kehle der Drossel
und den Lippen des Feuers.

Sehen heißt Becken sein
für den Wirbel des Winds,
Dung für den Sonnenfalter,
hingebogenes Blatt
für Regens süße Peitsche.

Singen heißt Schweigen
unter den Flügeln des Baums,
die Feuer fangen von oben.

Singen heißt Erde sein
für den Pflug des Wassers,
das um Sternlicht weint,
Traube, zerquetscht
für den Wein des Gebets,
Schnee, der tauend seufzt
unter Gottes Schritten.

 

Feb 7 18

Wenn Sophisten dichten

Sie flattern mit luftigen Paradoxien
eine Handbreit über dem Asphalt,
wo Seraphs Einfalt einst auf Knien
aufsang, schwadroniert ihr Zwiespalt.

Sie melken schlaffe Metaphern-Zitzen
und pinkeln Herzen in den Schnee,
sie reichen dir vom Glück den Zipfel
und schmieren dir aufs Brot das Weh.

Ihr Glanz ist wie von Fliegen im Haufen
Kot obszön, der Stachel ihres Reims
erbebt, wenn durch Lebens Adern laufen
Ergüsse ihres trüben Schleims.

 

Feb 6 18

Wind rauscht von Orplid

Und sind verbrannt auch Gras und Geist,
Erde kaut es wieder,
Himmel nimmt ihn auf,
das Gras wird Geist
und Wolken dichten Lieder.

Und sind zertreten Phlox und Mohn,
Erde wird sie neu anzünden,
anzuglühen stummen Mund,
den Faltern Tanz,
den Dichtern Sinn zu künden.

Und sind verwaist auch Herz und Traum,
offen steht das Tor der Sagen,
Wind rauscht von Orplid,
das scheue Blatt
verwehter Küsse heimzutragen.

 

Feb 6 18

Nature morte

Die alten Male,
schwarze, fahle,
die unter Birken, unter Weiden,
dem Gedenken dienen
oder sich begrünen,
wenn Moos und Efeu sie umkleiden.

Manche sind gestürzt,
ihre Zeichen arg gekürzt,
Stummel die Palmetten, halbe Namen,
Engel ohne Flügel,
eingesackter Hügel,
vertrocknet sind des Ruhmes Samen.

Bei manchen freilich
flackern heimlich
Honigkerzen, als gäben Seelen
Flammenzeichen,
die den Stein erweichen,
als würde Geist im Staube schwelen.

Hier liegt verwittert,
grasumzittert,
eine Puppe, die Ärmchen abgebissen
von wilden Zähnen,
und hatte keine Tränen,
das Tuch der Trauer ist zerschlissen.

Und am dunkeln Rand
der Heiland,
das Kreuz wirft tags wie Sonnenuhren
Schatten auf die Toten,
Nacht küßt ihre Boten,
das trübe Schimmern der Lemuren.

 

Feb 5 18

O Herzen ohne Widerhall

Du Blüte lichterlesen,
dich kehrt gemeiner Sinn
aus mit kotigem Besen.

Ihr frühen Engelsweisen,
ihr mußtet vor dem Lärm
ferne nach Orplid verreisen.

Ihr weichen Hirtenlieder,
dumpf im Asphalt erstickt,
nimmer blüht ihr wieder.

Maria, schönster Stern,
die Herzen wurden blind,
Schmerzens-Lilie, dämmerst fern.

Du Rose anmutgroß,
von Wahn zerpflückt,
geistert Liebe ohne Schoß.

Wo Lied der Nachtigall,
wo sanken deine Federn?
O Herzen ohne Widerhall.

 

Feb 5 18

Die Rose Liebe

Dein Sinnen ist ein Traumes-Weben,
betautes Blatt dein waches Leben,
bis Schlummers Perle tropft.
Dein Blut durchwandert Sternenbahnen,
kein Herz kennt deines Herzens Ahnen,
und was es leise klopft.

So hingebogen ist dein Neigen
in veilchenblaues Liebe-Schweigen,
so veilchenblau dein Blick.
Sind Blüten deine tiefsten Worte,
war nie ein Kelch, der dir verdorrte,
o veilchenweiches Glück.

Dein Sommer schrie mit Meeres Möwen,
fromm küssten dich Venedigs Löwen,
Lagune pries dein Licht.
Dein Herbst war weißer Dünen Dehnen
und kraus das Haar um Schilfe lehnen.
War Lied die Welle nicht?

Auch wenn im Frost die Dahlien zittern,
soll Rose Liebe nicht verwittern,
der Schöpferhauch ist groß.
Und bleiben stumm die Wintertage
zur letzten Träne, Rose, sage:
o sink in meinen Schoß.

 

Feb 5 18

Winterlicht

Das Gold der Tage ist zerronnen,
verblaßt sind hohen Sommers Sonnen,
die Gartentüre knarrt.
Wo Schwäne wogten auf den Teichen,
der Anmut Spiegelbild zu gleichen,
die alte Krähe scharrt.

Vereinzelt stehen bleiche Rosen,
die Ranken am Gesims, die losen,
sind ausgefranst und grau.
Verwildert liegen matte Garben,
verwaschen sind die edlen Farben,
und einsam glänzt das Blau.

Willst du noch Blut und Liebe fühlen,
mußt du im Laub der Schatten wühlen,
ob dort ein Wurm sich krümmt.
Doch hoffe nicht auf Duftes Pollen,
der Duft des Sommers ist verschollen,
der frohe Mund verstimmt.

Ach, suchen wir in dunklen Reimen,
ob noch dem Herzen Wonnen keimen
im fahlen Winterlicht.
Ich ahne, wenn die Flocken fallen,
im trüben Schimmer von Kristallen
dein liebes Angesicht.

 

Feb 4 18

Käfertraum

Es hat gesaust,
tief aufgebraust,
ich kroch auf einem Zweige
im Birnenbaum,
im Käfertraum
blies mir der Wind die Steige.

Mein Hunger wild
blieb unerfüllt,
ich bohrte stumm in Schatten
den Schattenmund
vor Sehnsucht wund,
mein Kauen war Ermatten.

Mir folgte nach
ein Ungemach,
mit Flügeln schön geschwungen,
die Federn reich,
die Blicke weich,
von Liebe hatʼs gesungen.

Es schwebt am Ast,
ein Engel fast,
doch blitzen seine Krallen,
sein süßes Lied,
es macht so müd,
möcht in den Abgrund fallen.

 

Feb 3 18

Dein Auge

Die Sonne groß,
die Blume Schoß,
ich bin zum Fluß gegangen,
saß auf dem Stein,
war nicht allein,
die weichen Wellen sangen.

O dunkles Lied,
die Sonne schied,
der Fluß hat Schaum geboren,
so grauend fahl
wie Todesqual,
mein Leben schien verloren.

Der Mond so bleich,
die Seele weich,
mein Fenster stand weit offen,
ich sah ein Bild
so abschiedswild,
mit Wolken floh mein Hoffen.

Dein Auge klar,
wie blind ich war,
wir gingen zu den Blüten,
die Rose sprach,
geh Blicken nach,
die deinen Schmerz behüten.

 

Feb 3 18

Ich habe nichts als Tränen

In tiefer Nacht
bin ich erwacht,
ein Vogel hat gesungen,
mich hauchte an
das Lied des Pan,
ich ward von Weh umschlungen.

Auf ödem Teer
ging ich umher,
ein Duft aus fernem Garten
hat mich umweht,
mich angefleht,
nicht länger hier zu warten.

Gefieder blau,
der Morgentau,
sie wollten mich bezwingen,
glaub nicht dem Leid,
zerreiß das Kleid,
der hohe Geist hat Schwingen.

Der stille Teich,
die Luft so weich,
die Anmut hat mit Schwänen
mich angeblickt,
ob mirʼs geglückt,
ich habe nichts als Tränen.

 

Feb 3 18

Abschied Hand in Hand

Dann klammern wir uns wie Kinder,
wenn es dunkelt, aneinander,
schmiegen uns wie Vögel ins Gefieder
und bilden des Abschieds Brücke
mit Hand und Hand.

Einmal führte uns dein Schritt,
einmal der meine,
wir spürten es kaum,
da wir Schulter an Schulter
ins Dunkel glitten.

Ich mußte nichts sagen,
sah ich nur deine Augen,
du mußtest nichts fragen,
als der Weg durch Schatten,
immer tiefer durch Schatten stieg.

Der Weg war lang und steinig,
Zweige klatschten Dornen ins Gesicht,
bis sich die Höhe lichtete
und milde Luft von unteren Wassern quoll.

Dort steht die alte Bank am Eichenbaum,
da lauschen lange wir den Mythen
des hohen sternenschönen Lebens,
die sein Laub mit Purpurtönen haucht.

Wir sehen auf gewelltem Band
des grünen Wassers im Tal
Blätter, Zweige, Früchte,
die schon vergilbten Farben
von grauen Seufzern
fortgetragen.

Zwischen Laubes Schatten
regen geisterhaft
sich vage Gesten
längst entschwundener Freunde.

Wir sitzen Haupt an Haupt geneigt,
Hand in Hand,
Bild im Abschiedsbild der Welt.

Alle Klage, alle Sehnsucht schläft,
die Eulen, die Nachtigallen schlafen.

Nur der leise Wind der Nacht
zupft spielend dir am Seidenschal
mit den zarten Blumenmustern,
windet spöttisch mir und lässlich
die sich sträubt, die weiße Locke.

Dein Händedruck wird fester, zuckt,
dann löst er sich, ich gebe dir mit meinem
einen letzten Gruß der Wärme
von einem Herz, das leiser schlägt,
als glühte Mohn im Blut.
Und dein Gruß ist ein erstauntes „Ach!“.

So sitzen wir am Rand des Walds, des Tals,
geschlossenen Auges fühlen wir den Fluß
mit Blättern, die wirbelnd bald versinken,
uns durchfließen wie einen fremden Atem,
der ans andre Ufer drängt.

So sitzen wir am Rand des Walds
wie an überrankten Tores Schwelle,
betaut von dunkelgrünen Rätseln,
als wären wir in Stein gehauene Figuren.

Und wenn das Wasser golden blitzt,
und fern die Morgenglocken rufen,
so sehen wir es nicht, hören es nicht mehr.

 

Feb 2 18

Schweifen und reifen

Die Traube hat nur Reifen
an der Rebe luftigem Halt.

Der sie schüttelt, Wind
will nur schweifen, schweifen.

Die aus dem Dunkel quollen,
Augen sind wie Inseln hell.

Weiße Möwe hob das Meer,
Liebe war verschollen.

Wie Trauben schimmern Lieder
unterm Glanz der Nacht.

Es duften süß wie Wein
der Liebe Reime wieder.

 

Feb 2 18

Das verborgene Licht

Am Plätschern und Eilen
des Weins,
der aus ihm strömt,
rät niemand
die Wohlgestalt des Krugs.

Doch im Farbenspiel
des Schaums,
der vom Schilfrohr tropft,
spiegelt sich
der hohe Sinn des Seins.

An eines Tieres Spur
im Schnee,
die schon verweht,
sieht niemand,
ob Angst, ob Lust es trieb.

Doch beim Vogelsang
der Nacht,
der nach Lichtung ruft,
öffnet sich
die Knospe des Gemüts.

 

Feb 1 18

Mit Winden reden

Schatten und Licht.
Zweige und Wasser.
Wasser.

Die auf Wassern schweben,
Schatten und Zweige.

Bäume und Wind.
Wasser und Wolken.
Wolken.

Die mit Winden reden,
Bäume und Wolken.

Sporen und Moos.
Pollen und Seufzer.
Seufzer.

Die auf Seufzern gehen,
Sporen und Pollen.

Rosen und Schaum.
Wogen und Küsse.
Küsse.

Die auf Wogen stehen,
Rosen und Küsse.

Schimmer und Gras.
Gräser und Tropfen.
Tropfen.

Die mit Gräsern beben,
Schimmer und Tropfen.

Falter und Mohn.
Düfte und Träume.
Träume.

Die von Düften leben,
Falter und Träume.

 

Feb 1 18

Am Abend war es still

Am Abend war es still von goldnem Laub,
er hielt den müden Hauch von Veilchen
und hingesunkenem Licht, wie von Musik,
die schon verklungen ist, von Silben,
entstiegen weichem Sinn wie Duft dem Haar,
dem Grase Nebel, still war der Abend,
nur Wasser rauschten Lebens frohen Sinn.

Da zitterte Zweig und Blatt im Birnenbaum,
es wehten Schatten geisterhaft lebendig,
und Vögel flogen auf mit hartem Pfiff,
verwaist blieb Nest und Ei, wie Haut gesprenkelt,
es schüttelte kein Wind die Äste, keine Hand,
die gelbe Frucht fiel ab, es war nicht Ernte,
die Birnen klatschten, süßlich spritzte Saft,
es kreischte wie ein Tier, zerfleischt vom Dämon,
die Motorsäge, hinschlug der alte Baum.

Nie wieder wird Liebe ihre Nester finden,
Gefieder schmiegen seine Lust ins Laub,
die Stille, die jetzt kommt, ist kahl und rauchig,
Musik des Wassers ohne grünen Widerklang
im Tanz der Blätter und im Schaum des Lichts,
und Liebespaare haben im Glühen der Früchte
keine Ampeln für der Küsse Dämmerung,
und keiner weilt, von zertretenen Veilchen
den Duft zu nehmen für ein gutes Wort.

Jan 31 18

Mit scheuer Stimme

Ist Seele noch im Blütentau,
der ohne Wehr ins Dunkel schwimmt,
gestilltes Leid im Blumenlicht,
das ruhlos auf dem Wasser glimmt?

Hat Geister noch das Schattenspiel,
das zartes Laub ins Zimmer schwingt,
sagt Liebe noch der laue Wind,
wenn Rosenduft ins Fenster dringt?

Betört den Schmerz nicht Sommernacht,
wenn Regen an die Herzwand pocht,
bleibt von der Hoheit Bild ein Glanz,
wenn niederbrennt des Herzens Docht?

 

Jan 31 18

Kahles Mal

Wolken aufgewühlt,
stumm sich klammernd, wälzend,
Mondnacht, dumpf gefühlt.

Scheibe, wächsern, dünn,
Seele sterbend, schmelzend,
dunkelt, schwindet hin.

Seele, Mond so blind,
irrend und versinkend,
Liebe, Labyrinth.

Augen, Lichtes Tau,
Bilder trinkend,
leuchtend, blau und grau.

Seufzen, halb gelacht,
Wort, das Wahn entbunden,
Seele, unerwacht.

Scheibe, aschenfahl,
Liebe, taube Wunden,
Mondes kahles Mal.

 

Jan 30 18

Wo wir uns wiedersehen

Wo Pappeln an grünen Wassern leuchtend stehen
und in den Wassern glimmert bunter Stein,
dort wollen wir uns dereinst wiedersehen.

Des Tages wilde Feuer sind verraucht,
es atmen Wälder Dunst und Abendkühle,
der Schmerz der süßen Knospen ist verbraucht.

Dort spielen Schatten mit dem Licht der Zweige,
und keinem ist die herbe Frucht zu schwer,
dort ist es, wo dein liebes Haupt sich neige.

Dann schweigt der Himmel grau, das Wasser singt
von Wolken, die auf seinem Spiegel dunkeln,
dein Auge ist es, das die Nacht mir bringt.

Blinkt auch kein Sternbild uns von fernem Glücke
und ist der Sehnsucht goldnes Haar verrauscht,
sind deine Hände mir noch Weg und Brücke.

Wo Veilchen sich in Duft und Anmut hüllen
und Moos des Schlafes weiche Wange kost,
dort ist es, wo mich deine Tränen stillen.

 

Jan 29 18

Hugo von Hofmannsthal, Gute Stunde

Interpretation

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt,
Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt!

Die Wege der Menschen sind um mich her,
Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer:

Sie tragen die Ware, die ihnen gefällt,
Unwissend, daß jede mein Leben enthält.

Sie bringen in Schwingen aus Binsen und Gras
Die Früchte, von denen ich lange nicht aß:

Die Feige erkenn ich, nun spür ich den Ort,
Doch lebte der lange vergessene fort!

Und war mir das Leben, das schöne, entwandt,
Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land!

 

Wir sind auf der Suche nach dem logisch-semantischen Sinn lyrischer Sätze wie:

Über allen Gipfeln ist Ruh

oder eben:

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt

Wir kennen den logisch-semantischen Sinn in der funktionalen Bedeutung, wie uns der nichtlyrische Satz, der Bergsteiger habe auf dem Gipfel der Welt gestanden, darüber unterrichtet, daß der Bergsteiger den Mount Everest bestiegen hat, oder der nichtlyrische Satz, der Schreiber des Briefes vom 6. September 1780 an Charlotte von Stein habe im Thüringer Wald bei Ilmenau Ruhe vor dem Lärm und Getriebe der Stadt gefunden, das Erlebnis der Waldesstille und Ruhe bedeutet, auf die Goethe in dem berühmten Gedicht anspielt, das er in der Hütte auf dem Gickelhahn an die Wand geschrieben hat (oder haben soll).

Diese deskriptiven Sätze berichten demnach von einem Ereignis oder Erlebnis. Aber berichtet der lyrische Satz:

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt

von einem Ereignis, und berichtet der lyrische Satz:

Über allen Gipfeln ist Ruh

von einem Erlebnis?

Lassen wir den hiermit berührten logisch-semantischen Fragenkreis vorerst liegen und wenden uns dem Gedicht „Gute Stunde“ von Hugo von Hofmannsthal zu.

Zunächst bemerken wir, daß wir in einen sanft beschwingten und leicht tragenden Rhythmus des singenden Sprechens geraten, der uns wie die angesprochenen Menschen „hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer“ durch alle Zeilen ohne banges Zögern und ohne zweifelnden Aufenthalt mitnimmt.

Der daktylisch gedehnte Rhythmus trägt, aber reißt nicht mit, er belebt, aber ohne Leidenschaft. Er kehrt in einer gefälligen und anmutigen Monotonie stets in sich zurück. Diese Rückkehr ist wie ein auf dem Grund der Seele lautlos wogendes Erinnern, das im Paarreim der doppelzeiligen Strophen mit vollem Sinnklang ins Bewußtsein tritt.

Die Größe dieser lyrischen Sprache zeigt sich in der Schlichtheit, Unmittelbarkeit, Direktheit des Ausdrucks. Nichts ist schlichter als der Satz:

Die Wege der Menschen sind um mich her

Nichts von Erlesenheit, Ziererei und symbolistisch verrätselter Metaphorik verdunkelt den klaren und transparenten Spiegel, aus dem das Gesagte wie ein sanft lächelndes Gesicht hervorblickt.

Und doch ist dieses Gesicht nicht ohne eigenes Geheimnis, das sich allerdings nicht in dilettantischer Manier durch wilde Grimassen aufdrängt oder mit falschen Tränen kokettiert. Das Gesicht ruht auf transparentem Spiegelgrund in ungreifbarer Nähe und lebendigen, unverschleierten Blicks.

Schon in den Reimen verspüren wir einen sanft gepaarten Gegensinn, der nicht stört und stachelt, sondern sich ungezwungen fügt. Auf dem Gipfel der Welt findet sich für den Sprechenden kein Zelt, die Wege der Menschen gehen hin und her, von den Bergen zum Meer, sie wissen nicht, daß sein Leben enthält, was ihnen zu tragen gefällt, Früchte, von denen er lange nicht aß, sind umschlungen von Gras, der vergessene Ort lebte wie die Feige fort, und das schöne Leben war ihm entwandt und blieb doch in jenem Land.

Die Schlichtheit des Gesagten rankt sich um einen leicht geschwungenen Spannungsbogen, den der Dichter mittels der Verwendung von Negationen (1), gegenläufigen Wendungen (2) und gegensinnigen Begriffen (3) andeutet (von denen wir den nicht ausdrücklich genannten Gegenbegriff leicht erschließen können):

1.1 Die gute Stunde, die ihn auf dem Gipfel der Welt findet, gewährt ihm kein Bleiben und keine bleibende Stätte (kein Haus, kein Zelt).

1.2 Die Bauern und Händler, die Früchte tragen, wissen nicht, daß diese das verborgene und vergessene schöne Leben des Sprechenden enthalten.

1.3 Der Sprechende hat schon lange keine der Früchte gegessen, die ihm jetzt vor Augen sind.

1.4 Den Ort (den Gipfel der Welt), an dem er jetzt die exemplarische Frucht des Südens, die Feige, erblickt, hatte der Sprechende lange vergessen und doch lebte er fort.

1.5 Das schöne Leben, das der Sprechende vergessen hatte oder das ihm unter dem Schleier des alltäglichen Daseins verborgen blieb, hielt sich unversehrt (im Meer, im Land).

2.1 Der Sprechende liegt, doch auf einem ragenden Gipfel.

2.2 Folgende gegenläufigen Wendungen sind selber gegenläufig oder chiastisch gebaut:

Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer (2. Strophe)

Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land! (6. Strophe)

3.1 Vom Dasein der guten Stunde, die wir mit dem Kairos oder dem günstigen und beglückenden Augenblick mythischen Vorstellens vergleichen, schließen wir auf all die gleichgültigen Augenblicke einer leeren Zeit.

3.2 Das ephemere Verweilen auf dem Gipfel der Welt, des Lebens, der Zeit kontrastiert mit der Einhausung des Daseins auf der Ebene seiner Alltäglichkeit, die südliche Insel des hellen Glücks mit dem nordischen Kontinent trüben Geschicks.

3.3 Hier lieg ich. Wir liegen aber krank danieder, zur Liebe oder zum Tode. Den Sprechenden dünkt es aber nicht Ohnmacht, nicht der Jubel der Erhöhung, sondern ein dritter Zustand, denn liegend-erhaben schaut er rings des Lebens seltsame Spiele und verschlungene Wege.

3.5 Wenn das schöne Leben sinnlich greifbar wird in den Früchten des Südens und insbesondere in der Feige, schließen wir auf die Unfruchtbarkeit und Sterilität eines Lebens, das den Kairos nicht kennt, der solche Früchte gewährt.

3.6 Das schöne Leben geht im Kairos auf wie die Erinnerung an den süßen Geschmack der Feige. Die Erinnerung kann ganz ins Dunkel des gelebten Augenblicks abtauchen, doch wird sie gleichsam dinglich vor dem Vergessen bewahrt in eben den Früchten und Bildern südlichen Lebens, der Feige, dem Meer, und der blauen Luft Griechenlands oder Italiens.

3.7 Das schöne Leben kann dem Sprechenden zwar entrissen werden und ist somit nicht seiner Verfügung und autonomen Machenschaft anheimgestellt, aber es lebt im Meer und im Land fort.

Was aber ist dieses Meer, dieses Land anderes als das Gedicht selbst? Das Meer, das Land, die gute Stunde, das schöne Leben sind eine Evokation des dichterischen Worts, sie hätten ohne dieses nicht das ephemere Dasein, das ihnen der Augenblick des Gedichts verleiht, sie blieben vergessen, wenn das dichterische Wort mit seiner beschwörenden Erinnerung an den Kairos an ihnen nicht festhielte.

Gewiß, das Meer des Gedichts rauscht nicht, aber seine Bläue leuchtet zwischen den zarten Schatten der Zeilen; die Feige des Gedichts ist nicht eßbar, und doch vergönnen die duftigen Laute des Gedichts einen Nachgeschmack ihrer Süße; gewiß, die frühen Bilder der Italiensehnsucht sind durch die massenhaft durchorganisierte Freizeitindustrie verschandelt und im Hochglanz verkitschter Trivialität erloschen, und dennoch berührt der Dichter uns einen fast ertaubten Nerv, der für das Gefühl der Schönheit des Lebens am Meer und in südlichen Hainen in einem kurzen Moment, dem Augenblick des Gedichts, in seiner ganzen Süße und Fülle erwacht.

Kehren wir abschließend zu unserer Ausgangsfrage nach dem logisch-semantischen Status und Sinn der Sätze des Gedichts zurück. Fragen wir, wer solche Sätze sagt, wenn es heißt:

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt

Gewiß nicht jener Hugo von Hofmannsthal, der sich an eine seiner Reisen und Aufenthalte in Italien oder Griechenland erinnerte, auch wenn das Gedicht nicht ohne Realien wie das Meer, die Früchte und die Feigen denkbar sein mag, deren Bilder der Heimkehrende mit sich trug. Wenn nicht der biographisch faßbare Dichter, wen meint das sprechende Subjekt?

Es ist das inspirierte, von der Gunst der Stunde bezauberte Leben selbst, das spricht. Das Leben, das seiner verborgenen und vergessenen Schönheit eingedenk ist. Es ist das Wesen, welches die Antike die Muse des Gedichts genannt hat. Sie spricht stellvertretend für den Leser, sie sagt, was zu denken er vergessen hat, sagt, was sich seiner Erinnerung im Dunst der leeren Zeit entzogen und verflüchtigt hat.

Die Sätze des Gedichts sind demnach keine deskriptiven Sätze, die uns über ein Ereignis unterrichten oder vom Erlebnis eines empirischen Subjekts in Kenntnis setzen. Ihr logisch-semantischer Status ähnelt den Phänomenen Husserls, die ungeachtet ihrer empirischen Geltung am Horizont des reinen Bewußtseins aufscheinen.

Doch kann uns dieser Hinweis nicht wirklich befriedigen. Sind die Sätze der Dichtung auch nicht im trivialen Sinne wahrheitsfähig, so sind sie doch mehr als Bilder eines L’art pour l’art. Das Gedicht Hugo von Hofmannsthals folgt nicht den blendenden Spuren der symbolistischen Dichtung eines Mallarmé, die schwanenhaft aus dem Nichts auftaucht und wie eine geisterhafte Epiphanie wieder ins Nichts entschwindet. Vielmehr ist in dieser Dichtung eine an Goethe gemahnende Fruchtbarkeit oder lebendige Fülle bewahrt, die wie die Frucht des Südens in das offene Fenster des stiller Lektüre Hingegebenen überhängt.

Wir können die Frucht nicht jederzeit und an allen Orten lesen und pflücken. Auch wir Lesende bedürfen der günstigen Stunde, um uns für das Bild der verborgenen Schönheit des Lebens empfänglich zu machen. Der Kairos des Gedichts muß mit dem Kairos der gelingenden Lektüre koinzidieren.

Wir können es auch so sagen: Wie sich das schöne Leben, scheinbar entschwunden und von dem Sprechenden abgewandt, im Meer und im Land des Gedichts gehalten und bewahrt hat, so vermag uns die Frucht des dichterischen Worts an seinen verhüllten Glanz zu erinnern.

Wir ahnen etwas vom Sinn des dichterischen Worts, wenn wir es mit dem Duft vergleichen, der uns aus verborgenen oder schon vergessenen Gärten in Augenblicken unwillkürlichen Verweilens zwischen dem Hin und Her des Daseins unverhofft anweht und an den Sommertag der Kindheit erinnert, doch wissen wir nicht wem und von wannen, als wären nicht wir das Kind gewesen, sondern ein Kind, das wir hätten gewesen sein können.

Das Gedicht, das von der Ruhe über den Gipfeln spricht, berichtet weder von einem ihm äußerlichen Sein noch läßt es uns an der Empfindung des Sprechenden teilhaben, die wir wie es uns beliebte nachfühlen oder ignorieren könnten. Das Gedicht evoziert die Ruhe, von der es spricht, es stellt die Einkehr der Stille über den Gipfeln und in den Wipfeln bis hinab zum kreatürlichen Dasein nicht dar, sondern vollzieht sie.

Das Gedicht, das vom Kairos der Erfahrung und Erinnerung des schönen Lebens spricht, ist der Mund dieses Lebens selbst, das wie die süße Frucht, die unter südlicher Sonne heranreift, in der heiteren Luft zwischen Bergen und Meer, den uralten Bergen des Sinns und den wogenden Rhythmen des Meers, verborgen keimte und im Altertum des Fruchtbaums der Feige und Olive, dem Wurzelstock und den Knospen des Gedichts, standhielt.

Wer die Stille über dem Lärm der Welt sich erbitten und beschwören läßt, dem klebt gewiß nicht unablöslich eine der grellen oder trüben Fratzen einer dämonischen Vulgarität medial gefilterten Brüllens, Emporkreischens und Niedergrölens an, oder kann er wie wir alle ihr kaum entrinnen, so will er für sich doch mit der Einkehr der Stille eine Umkehr des Begehrens und eine erneuerte Hellsicht des Träumens.

Wer des schönen Lebens im Verweilen auf dem Gipfel der inneren Welt inmitten des auf- und niedergehenden Lebens gedenkt, mag sich ohne eitle Vermessenheit der Nietzscheanischen kleinen Schar der Freunde des Sublimen zugesellen wollen, und wenn er wie wir alle die Verrohung und Verhäßlichung des Lebens der großen Städte an der eigenen seelischen und geistigen Physiognomie über sich ergehen läßt und daran Schaden nimmt, widerfährt ihm doch bisweilen die Erinnerung des Gedichts an die köstliche Reinheit seines Ursprungs wie dem waidwunden Reh der frische Trunk aus der unverhofft unter seinem Tritt aufgesprungenen Quelle.

Zuletzt enthüllt sich uns ein neuer, alter Sinn lyrischer Sätze. Die Ruhe über allen Gipfeln gilt uns als Anmutung und Zumutung, es mit dieser Form des Fühlens und Sinnens zu wagen. Wir selber mögen auf dem Gipfel der Welt ein ruhendes und weithin schauendes Verweilen finden. Im Kern der scheinbar deskriptiven Sätze der Gedichte Goethes und Hofmannsthals erschließen sich eine Inspiration und Evokation mit sittlichem Aufforderungscharakter, eine Forderung freilich, die sich nur im Atmen der seelischen Luft des dichterischen Worts, also auf eine ästhetische oder im Hofmannsthalschen Sinne schöne Weise des Lebensvollzugs erfüllen läßt.

Da sind nur Worte, und fast alltägliche und nicht sehr weither gesuchte, Haus und Zelt, Menschen, Berge und Meer, Binsen und Gras und Früchte, und wieder Meer und Land, Land und Meer, über allem aber wie ein Hauch der blauen Luft das schöne Leben. Gewiß gibt uns ihre Stellung wie Haupt und Glieder, parallel und über Kreuz, als gereimtes Paar oder als gegensinnige Begriffe das Maß an Rhythmus und Wohllaut. Aber die Quelle, aus der alles tönt, das sprechende Ich, bleibt seltsam verhüllt. Es ist wie die Grenze der Sprache, die selbst ohne Bild und sprachlos bleibt.

Doch ist das Naheliegende zu sagen, es sind deutsche Worte, Worte eines deutschen Gedichts. Sie werden aber in fast fremder Umgebung, am Meer des Südens, gesagt. Wir treffen auf das eigentümliche Phänomen, wie sich das Gesicht deutscher Dichtung an der mediterranen Sonne bräunt oder Lichtreflexe der Lagune sich flackernd und irrlichternd auf ihm spiegeln.

Die Flucht des deutschen Dichterworts aus der stickigen Atmosphäre des Fin de Siècle in das frische Wehen adriatischer Böen wiederholt in gewissem Sinne paradigmatische Fluchten wie die Hölderlins aus der Dürftigkeit der Herkunft zum blauen Funkeln hippokrenischen Quells.

Noch ist das schöne Leben des Gedichts ein fremdartiges Luft- und Schaumgebilde, ist die Frucht, die seine Intensität spürbar und schmeckbar macht, die exotische Feige. Noch ist sein zarter Schaum nicht am Leib der Liebe herabgeronnen, der Sprechende einsam auf dem Gipfel des innigen Selbstgefühls.

Wenn erst die Anmutung und Zumutung, dem Leben in der Kultur der deutschen Sprache schönen und sublimen Ausdruck zu verleihen, auf den Dichter mit der Wucht erneuerter sittlicher Anforderung anprallen, wird der Sprechende aus der Verborgenheit des Gedichts auftauchen. Doch dann läßt er die transparente Schale des lyrischen Ausdrucks wie zerbrochen hinter sich, und Hugo von Hofmannsthal wird sich dem sozialen Gehalt des Lebens in der poetischen Form des Dramas zuwenden. Der Sinn der dramatischen Sprache ist aber insofern ein anderer als der Sinn der frühen Lyrik Hofmannsthals, als der aus der Innigkeit des verborgenen Lebens Sprechende sich in der Spannung der sprachlichen Gemeinschaft nationaler Kultur komödiantisch behaupten oder tragisch untergehen muß.

 

Jan 28 18

Schicksalslied

Liedes Wange blaßt,
wenn die Eulen schrein.

Und hatte morgens
Blut wie roter Wein.

Küsse flogen auf,
Vögel aus dem Nest.

Verse seufzten wahr,
Mund an Mund gepreßt.

Reime waren Duft,
Knospen aufgeblüht.

Liebe war der Sinn,
als das Wort geglüht.

Rufe mittagsblau,
Veilchen hat gebebt.

Abend, goldnes Haar,
Träume zart gewebt.

Stumm die Mitternacht,
Herz ist tot allein.

Liedes Wange blaßt,
wenn die Eulen schrein.

 

Jan 28 18

Ein Wehen geht

Ein Wehen geht durch Gras und Rohr,
von blauen Inseln kommt es her,
wo Leiden sich im Lied verlor.
O daß ich Gras und Röhricht wär!

Ein Tropfen glänzt am Blütenmund,
die Lilie neigt sich sehnsuchtsblaß.
O niemals ward ich mehr gesund,
da ich der Tränen dein vergaß!

Ein Licht steigt aus dem Schilf empor,
am Ufer schaut ein Kind aufs Meer.
Es hält die Muschel an das Ohr.
O daß mein Lied die Muschel wär!

 

Jan 27 18

Wassers Mund

Am hellen Tag
umhüllt dich
wie die Knospe
Blütenduft des Schlafs.

Aus Teiches Dunkel,
in das du nie getaucht,
leuchten tränenhell
dir Liebesblicke.

Und deine Finger
zittern Melodien nach,
doch kein Ohr vernimmt,
was Ophelia singt.

Und was du sagst,
ist wie der Strand
umspült von Schaum,
in den der Mond gehaucht.

Und was du singst,
quillt wie aus Wassers Mund,
blau und grau getönt,
bist selber dir der Trunk.

 

Jan 27 18

Tropfen

Wir sind ein Tropfen
an der Wimper des Lichts.

Wie er funkelt,
wie er glitzert
über blaue Grüfte.

Wie es dunkelt,
wie es zittert,
zartes Lid der Lüfte.

Wir sind ein Tropfen
und rinnen still ins Nichts.

 

Jan 27 18

Gedankenverloren

Biene,
herabgespult
an Windes blauem Zwirn.

Dorn,
der Nachtluft ritzend
den gebauschten Samt.

Mücke,
glitzernd in den Falten
weiß gestärkten Traums.

Zapfen,
gelbe Samen wirbelnd
auf Wassers vagen Schlaf.

Falter,
auf Schmerzensflügeln
mischend Licht und Staub.

 

Jan 27 18

Heimkunft

Ausgeseufzt
zwischen Moosen.

Verdämmert
unter Farnen.

Entrückt
mit Herbstzeitlosen.

Was noch tönt
in deiner Nacht?

Der Schrei der Eule,
des Wassers Wehlaut.

Was tönt dir denn
am lauten Tag?

Der Hieb der Axt,
der Raupe Schmatzen.

Zwischen Kräutern
sanft erstickt.

Erblindet
unter Veilchenlidern.

Mit Krokusblüten
zerquetscht von Hufen.

 

Jan 26 18

Liebesgaben

Zeilen, Ranken.

Blüten zart und weiß.

Düfte geben.

Sinnen, Danken.

Veilchenscheues Leben.

Blaue Augen, Ehrenpreis.

*

Worte, Samen.

Knospen fiedrig-weich.

Lüfte geben.

Kosenamen.

Locken, Federn schweben.

Schwarze Augen, tiefer Teich.

*

Worte, Zweige.

Früchte gelb und blau.

Schatten weben.

Lichtes Neige.

Herbstzeitlosen beben.

Heiße Tränen, kühler Tau.

 

Jan 26 18

Kaum gefühlt

Sanft entquillt,
was sich selber singt,
weichem Mund
entspringt.

Kaum gefühlt,
Wassers Hauch,
Schatten bunt,
Lippen auch.

Farnes Haar.
Bist du nah?
Tau und Moos.
Du bist da.

Ist es wahr?
Blütenschaum.
Schlaf und Schoß.
Schwanenflaum.

Sanft entquillt,
was sich selber singt,
weichem Mund
entspringt.

 

Jan 26 18

Dämonisch belebt

Hülse Hauch.

Tauber Mund.

Schale Traum.

Gekrümmtes Blatt.

Graue Luft.

Vergilbter Sinn.

Blasser Tau.

Rätselhauch.

Tropfen Wort.

Geisterhauch.

Wiegt das Blatt.

Blasser Tau.

Begrünt den Sinn.

Tropfen Wort.

Erglänzt am Mund.

 

Jan 25 18

Liebe

Gras auf Pfaden.

Tropfen.

Licht im Gras.

Tropfen.

Licht auf Pfaden.

Rinnen.

Tau und Gras.

Schmelzen.

Tau der Nacht.

Liebe.

Gras der Einsamkeit.

Liebe.

Tau der Nacht.

 

Jan 25 18

Sublime Blüte

Sublime Blüte,
Flockenlicht
auf schwarzem Wasser.

Abschiedsgeste,
träumerisch,
ward blaß und blasser.

Dankespfade,
moosbeseelt,
zu Gräbern führten.

Edle Inschrift,
Staubes Schlaf,
umschäumten Myrten.

 

Jan 24 18

Mit fahler Stimme

Umhaucht
von Geistes Stille –

Rose,
die ins Jenseits blüht.

Ergrünt
in Gottes Wille –

Weißdorn,
der im Dunkel glüht.

Undine
hat geträumt –

Schaumkraut,
das am Wasser schwillt.

Von Myrten
hell umsäumt –

Inschrift,
die den Toten gilt.

 

Jan 23 18

Spiele des Lichts

Als das Licht sein Spiel begann,
warfen bunte Schatten
Zweig und Reim.

Kam die Nacht,
und das Bild zerrann.

Als die Nacht um Rosen warb,
troff von wilden Seufzern
Zweig und Reim.

Kam der Tag,
und der Klang erstarb.

Als der Sommer Reben bog,
atmete aus Wassern
Sinn geheim.

Kam der Herbst,
und der Duft verflog.

Als der Herbst die Trauben las,
stand in Laubes Flammen
Sinn geheim.

Kam der Frost,
und das Laub ward blaß.

 

Jan 22 18

Verwaiste Zeichen

Über dem Schneefeld
bleicht
der schmale Himmelsstreif.

Verwaiste Zeichen
starren da und dort,
dunkle Steine.

Ein harter Wind
klirrt unwirsch
durch leere Stoppeln.

Unkenntlich die Marken,
die Pfade verweht
von weißem Staub.

Der blaue Fries des Abends
splittert ab
wie spröde Fayence.

Auf die schwarzen Fliesen
der Nacht tropft
aus leckem Eimer Milch.

Zwischen Einst und Jetzt
zittern Traumes
bange Wimpern.

Das in der Tiefe seufzt,
Wasser der Wehmut,
fand keinen Mund.

 

Jan 21 18

Zauber

Als würfen die Zweige des Gedichts
zarte Schatten der Erinnerung.

Als fiele auf die graue Wange
die rosige Blüte eines Lächelns.

Als höbe die müde Hand
der blaue Flaum des Winds.

Als hielte Trübsal ans Ohr
die summende Muschel des Schlafs.

Als flössen helle Tropfen
über das blinde Glas des Traums.

Als stillten Flocken Schnees
das Seufzen banger Schritte.

Als lägen auf der Schwelle
blasse Dolden Blütenlicht.

Als stiege aus dunklen Kellern
Sommers Apfelduft.

Als summte in die Einsamkeit
die Biene der Mittagsschwüle.

Als löste sich im letzten Atemzug
die schwere Frucht vom Baum.

Als zitterte an der Wimper der Nacht
die namenlose Träne.

Als würfen die Zweige des Gedichts
zarte Schatten der Erinnerung.

 

Jan 20 18

Das Licht im Dunkel

Das im Dunkel wacht, das Licht,
öffnet, wenn der Abgrund lockt,
eine Nische hellen Schlafs.

Das im Dunkel wacht, das Licht,
zeichnet gütig ein Gesicht,
das sich milde zu ihm beugt.

Das im Dunkel wacht, das Licht,
erwärmt die klamme Hand,
leise summt der Wandrer vor sich hin.

Das im Dunkel wacht, das Licht,
gibt der Liebe Tränen süßen Glanz,
wenn sie wehrlos vor ihm kniet.

Das im Dunkel wacht, das Licht,
löst versteintem Mund ein Wort,
das ihm kindlich-rein entquillt.

Keiner weiß, wie lang es brennt,
ob es selbst sich ganz verzehrt,
obʼs vor der Zeit ein Windstoß löscht.

Bin ich das Licht, bist duʼs?

 

Jan 20 18

Verwandlung

Deine Seele fädelt um die Kralle eines Vogels
und steigt mit ihm ins Nest der blauen Luft empor.

Du siehst entsetzt, wie er den jungen Vogel atzt.
Schnabel klirrt an Schnabel, Horn an Horn.

Wie nackt der Nackte seine Flügelstummel spreizt,
und seine Augen blitzen dich entzwei, Rubinen.

Und du gestaltlos wie ein Wurm, den Liebe ringelt,
steckst halb im Traum, halb schon verdaut im Schlund.

Jetzt löst du dunstig dich ins warme Dunkel auf,
und immer näher pocht dir heiß ein Vogelherz.

Du schläfst im Blut der Kreatur ein Jahr gebannt,
bis dich ein Zittern weckt, ein Schluchzen hebt.

Traubensüße Kehle gluckst, Gefieder rauscht.
Schnabels Klappern wirbelt Lebensgeister ein.

Der Vogel singt und du mit seiner Stimme Schmelz.
Dir jauchzt vom Flaum gekitzelt jung das Lied.

Es schimmert ein Opal, tief unter dir das Meer.

 

Jan 19 18

Eros

Fittich war nicht leicht genug.
Sonne gab ihm Blut.
Ode schwirrte blau voran.

Rose glomm im Morgendunst.
Mond ertrank im Fluß.
Eros dichtete den Schwan.

Quelle, die aus Urleid quoll,
schrieb im Hymnenton,
bis die Flosse golden schwang.

Eros starb im Abendrot
einen milden Tod,
als ein kleiner Vogel sang.

 

Jan 18 18

Wenn der Schmerz verblaßt

Das Dunkel wächst herauf
mit Zweigen ohne Duft.

Und ist nur Taues Tropfen
Stern Erinnerung.

Was zwischen Blättern blaut,
sind keine Augen treu.

Was unter Wurzeln aufseufzt,
bannet ohne Mund.

Nicht winkt im Hain der Nacht
ein frühes Lilienlicht.

Es ist wie Mondes Grabmal,
wenn der Schmerz verblaßt.

 

Jan 18 18

Geh mit mir den weichen Pfad

Geh mit mir den weichen Pfad
bis zum Quellengrund.
Sonne wirft dir Narrengold
vor den nackten Fuß.

Wart nicht, bis die Amsel schweigt.
Sieh, wie sich die Rose neigt.

Röte dir den Mund am Mund
meines süßen Lieds.
Beug dich über Wassers Rand,
bis dein Bild verrinnt.

Wart nicht, bis die Amsel schweigt.
Sieh, wie sich die Rose neigt.

Geh mit mir durchs hohe Gras
ins Libellenlicht.
Pflück von Windes Rankenspiel
blauen Schlummers Mohn.

Wart nicht, bis die Amsel schweigt.
Sieh, wie sich die Rose neigt.

 

Jan 17 18

Abseits

Die Wimper hält
die Träne bang.

Ins Ungesagte
stürzt ihr Glanz.

Dunkelheit gebiert
den lichten Tau.

Steines Maserung
wird zarte Schrift.

Abseits zur Rose
geht das Leid.

Am Grund der Wildnis
quillt Gesang.

Grases dürre Chiffren
rührt ein Hauch.

Kuß der Flocke
schließt das Lid.

 

Jan 16 18

Fauler Zauber

Schattenranken,
die im Blau des Mittags wurzeln,
treiben keine Blüten,
die uns mit Düften
vor das Bild der Heimat locken.

Wortgespinsten,
die wie Flaum an Disteln kleben,
keimen keine Trauben,
die uns den Wein
des Liebesopfers gönnen.

Grelle Larven,
die am Dung der Zeitung nagen,
öffnen keine Augen,
die uns mit Tränen
den Staub der Seele feuchten.

Kalte Seufzer,
die wie Rauch vorm Munde schweben,
reifen nicht zu Körnern,
die uns das warme Brot
der Dichtung geben.

 

Jan 15 18

Das Wasser und die Schrift

Das Wasser im Bassin des alten Gartens
färbt die Gunst des Tags.

Der Morgen haucht es wilder Ahnung grau.
Grünen Sinnes rührt es Mittags lichter Stab.
Goldenes Sehnen wird ihm abends blaß.
Mond gießt ihm die bittre Milch der Nacht.

Die Schrift im Buch der alten Lieder
wird mit der Seele alt.

Jugend tupft Initialen aus Rosen ihr und Blut.
Sommers Ferse kitzelt ihr subtiles Gras.
Reife ist der herbe Most des Reims.
Zarte Gitter legt ihr Schatten auf den Schlaf.

Das Wasser im Bassin des alten Gartens
färbt der Sinn des Jahrs.

Frühling taut es auf mit Veilchenmund.
Seine blaue Münze wirft ihm Sommer hin.
Purpurn ist der Kuß des leisen Blatts.
Weiße Flocke fällt auf weiße Stirn.

 

Jan 14 18

Verhängten Blicks

Matter Glanz,
als würde eine Messingschale
im Mondlicht dämmern,
blieb vom Rosenlicht des Tags.

Silbrig schimmern,
wie von Weiden Blätter,
die ins Wasser glitten,
die Blätter der Erinnerung.

Den goldenen Schaum
wehte wie Pollenstaub
verwaister Gärten
aus dem Haar der Wind.

Und jene Augen,
die ins Freie blauten,
erloschen wie Veilchen
unter Lidern von Schnee.

 

Jan 13 18

Fülle und Leere

Die Blüte wölbt sich
um die Leere.
Und ihr Beten füllet sich
mit Duft.

Wir schritten den alten Pfad entlang
bis zum Kreuz der Kehre.
Ein jeder trank des andern Schweigen
aus der Luft.

Wie fern im Bild des Wassers
sich die Weide sieht.
Und wenn die hohe Wolke steht,
ist die Tiefe blind.

Dein Mund war eine Blume stumm,
ihr Duft mein Lied.
Kein Kuß verriet uns,
wer wir sind.

 



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