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Jan 13 18

Fülle und Leere

Die Blüte wölbt sich
um die Leere.
Und ihr Beten füllet sich
mit Duft.

Wir schritten den alten Pfad entlang
bis zum Kreuz der Kehre.
Ein jeder trank des andern Schweigen
aus der Luft.

Wie fern im Bild des Wassers
sich die Weide sieht.
Und wenn die hohe Wolke steht,
ist die Tiefe blind.

Dein Mund war eine Blume stumm,
ihr Duft mein Lied.
Kein Kuß verriet uns,
wer wir sind.

 

Jan 11 18

Schritte ins Abseits

An der grauen Wand des Morgens
zerschliert ein Nebelfleck.

War es der ins Herz dir schnitt,
der Stern?

Am Wegrain erzittern
dürre Halme.

Entflatterte der dir galt,
der Ruf?

Moos und Flechte überwuchs
den Schieferstein.

Versank die dich entzifferte,
die Schrift?

An der Biegung liegt gestürzt
das Wegekreuz.

Ertaubte der zum Wort dich hob,
der Schmerz?

 

Jan 10 18

Blumen auf dem Arm

Toter Nächte totes Rauschen
möcht ich gegen Worte tauschen,
Blumen auf dem Arm.

Worte, die nicht Augen feuchten,
nicht der Liebe heimwärts leuchten,
haben keinen Charme.

Die auf dünnen Zeilen kriechen
und von Reim zu Reim hinsiechen,
sind im Innern wund.

Herrenlose Traumgestalten,
die sich bang am Metrum halten,
seufzen ohne Grund.

Wachen, die am Grabe schwiegen,
duftend sich ums Denkbild schmiegen,
Rosen dunkler Glut?

Gebt uns Dank und Tränen wieder,
schließt um unsern Schmerz die Lider,
Wort, es wird noch gut.

 

Jan 9 18

Am äußersten Ufer, Orpheus

Grinst noch, o Stein,
ein grünes Mal der Stille
dir das Bartgeflecht?

Waren keine Tränen weich
und keine Lippen rein,
zu rühren deinen starren Sinn?

Noch spielt um deinen schroffen Mund,
das leergeseufzte Klaffen,
der silberne Geist
der glatten Fische.

Schwätzten die Wirbel
grauer Wasser
dich in den Schlaf?

Webten ihre tausend Schimmer
dir das Einerlei
von Zeit und Ewigkeit?

Ausgeprasselt sind die Hymnen
mit den Scheiten des Herbstes.

Das ausgerupfte Gefieder
des Sonnengesangs
kämmt der Regen
den Uferweiden aus dem Haar.

 

Jan 8 18

Seelischer und ästhetischer Ausdruck

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Gewöhnlich lächelt, wer sich freut, macht ein trauriges Gesicht oder stöhnt, wer traurig ist oder Schmerzen hat. Wir gewahren an jemandes Gesichtsausdruck oder einer lautlichen Äußerung, wie es um ihn bestellt ist. Dies ist die psychologisch primitive oder intuitive Form des Verstehens, die augenscheinlich ohne Sprache und sprachlich artikulierte Äußerung auskommt.

Wir sagen, jemand sei frohgemut, weil er lächelt, er sei betrübt, weil er finster dreinblickt, und er habe Schmerzen, weil er stöhnt. Wir verwenden demnach psychologische Prädikate wie froh, traurig und leidend aufgrund entsprechender Beobachtungen.

Wenn jemand äußert, er sei froh, daß wir zu ihm gefunden haben, oder er sei traurig, weil sein Vater verstorben ist, oder er habe Kopfschmerzen, verstehen wir unmittelbar aufgrund der sprachlichen Mitteilung, wie es um ihn bestellt ist, ohne auf die Beobachtung seines Verhaltens angewiesen zu sein.

Das Verstehen der sprachlichen Äußerung bedarf in vielen Fällen keiner stützenden Verhaltensbeobachtung.

Das Verstehen aufgrund einer sprachlichen Äußerung ist dem Verstehen aufgrund der Beobachtung eines Gesichtsausdrucks, eines Gebarens oder Verhaltens äquivalent.

Wir können uns irren, wenn wir aufgrund der Wahrnehmung eines Lächelns zu der Überzeugung kommen, der Lächelnde sei froh, obwohl er in Wahrheit verlegen ist. So reden wir ja auch von einem verlegenen Lächeln.

Wir können unsere irrtümliche Verwendung eines psychologischen Prädikats korrigieren, wenn wir den Kontext eines physiognomischen Ausdrucks oder Gebarens berücksichtigen. Wir sehen, daß es jemanden peinlich berührt, zu spät zu unserer Verabredung erschienen zu sein. Dann nimmt sein Lächeln eine andere Schattierung oder Färbung an, eben die der Verlegenheit.

Unser Verstehen beruht nicht auf Empathie oder Einfühlung. Denn wir können natürlich den Ausdruck der Freude oder Trauer in jemandes Mimik und Gebaren verstehen, wenn wir selbst traurig oder gut gelaunt sind.

Wir verstehen, wenn einer aufgrund eines Todesfalles sagt, er sei traurig, auch wenn wir seine Trauer nicht teilen oder nachvollziehen können, weil uns der Verstorbene gleichgültig oder gar verhaßt war.

Wenn jemand ständig nervös auf die Uhr schaut oder aus dem Fenster blickt, verstehen wir, daß er gewartet hat, wenn es an der Wohnungstür klingelt und er eilt, dem erwarteten Gast zu öffnen.

Wir verstehen gewisse Gebärden und Verhaltensweisen als Ausdruck des Wartens und der Erwartung. Die Gebärden und Verhaltensweisen sind dabei ein echter Teil des Wartens.

Das Verstehen der sprachlichen Äußerung: „Ich warte auf die Ankunft meines Freundes“ und das Verstehen der Gebärden des Wartenden als Ausdruck des Wartens sind gleichwertig und äquivalent.

Wenn wir sehen, wie jemand hastig, unwirsch und wahllos Blumen in eine Vase steckt, und einen anderen sehen, der die Blumen mit Bedacht, wählerisch und mit gleichsam sehender Hand in der Vase anordnet, sprechen wir von plumpen und tauben Gebärden auf der einen Seite und von feinsinnigen und schönen Gebärden auf der anderen Seite. Wir sprechen dem jeweiligen Verhalten in diesem Falle also keine psychologischen Prädikate zu, sondern einen spezifischen ästhetischen Ausdruckswert.

Dasselbe tun wir, wenn wir das Ergebnis des plumpen und des wohlbedachten Arrangierens der Blumen in Augenschein nehmen. Hier sehen wir ein unordentliches, wildes Gestrüpp, dort eine harmonisch-lichte Anordnung, bei der auf schwer zu bestimmende Weise die Gestalt, der Wuchs und die Farben der ausgewählten Blumen zueinanderpassen.

Wir sprechen von gewissen ästhetischen Anmutungsqualitäten, die sich unserer Wahrnehmung von Gesten, Bewegungen, Umgebungen und Arrangements scheinbar unwillkürlich aufdrängen.

Wir müssen die ästhetischen Ausdruckswerte in der alltäglichen Wahrnehmung und ihrer umgangssprachlichen Verwendung eingeübt und erprobt haben, um sie in der verfeinerten und sublimen Gestalt des Kunstwerkes wiedererkennen und genießen zu können.

Es ist bemerkenswert, daß wir dazu neigen, aufgrund der Wahrnehmung ästhetischer Ausdruckswerte und Anmutungsqualitäten am Gebaren und Verhalten einer Person dieser spezifische psychologische Eigenschaften zuzusprechen. So sprechen wir angesichts des wahllosen und häßlichen Blumenarrangements von einem Grobian oder einem tumben Menschen. Wie umgekehrt angesichts des harmonischen und wohlgeordneten Arrangements von einem feinsinnigen und geistreichen Menschen.

Indes kann jemand, wie wir sagen, zwei linke Hände haben oder ungeschickt sein, und ihm mag es trotz guten Willens nicht gelingen, die Blumen in der gewünschten schönen Anordnung zu arrangieren. Doch auch dies vermögen wir zu sehen, und wir werten das Ergebnis seiner Bemühungen nicht nach dem vorderhand enttäuschenden Eindruck oder nach einem idealen Bild harmonischer Anordnung, sondern gleichsam nach dem Ton oder der Aura, die das unvollkommene Bild uns einflößt.

Eine Stimme kann brüchig, schwach und müde sein, dennoch vermögen wir ihr eine gewisse Sanftheit und Schönheit des Ausdrucks anzuhören.

Wir erblicken die gleichsam ungeborene schöne Gestalt im Ungestalten.

Wenn wir dem ästhetischen Ausdruck in Gedichten Goethes oder Rilkes nachhören und nachsinnen, gelangen wir zu einem imponderablen Etwas zwischen den Worten und Zeilen, einem Etwas, das sich nicht unmittelbar aussprechen läßt, das uns dafür aber umso stärker betört und ergreift und unser Dasein gleichsam einhüllt wie der Duft die Blume oder der feuchte Glanz den Blick.

Wir verspüren dies Unwägbare auch an dem abgebrochenen Gedanken oder dem stockenden Wort, das an einen unwegsamen Ort oder in eine Aporie geraten zu sein scheint. Doch finden wir uns dabei bisweilen wie auf dem einsamen Pfad wieder, der auf einer Anhöhe abbricht, die uns unverhofft eine weite Aussicht eröffnet.

Keine Geste, kein Ausdruck enthält uns ganz.

Jeder Tag scheint unwiederbringlich in Nacht zu münden, am Saum der Nacht glimmt es wie frischer Schnee.

Es ist rührend zu sehen, wir kindlich-töricht der alte Goethe mit dem vollkommensten Juwel seines Schaffens, der Marienbader Elegie, umging, indem er das kalligraphische Manuskript in eine kostbare Schale edler Stoffe einhüllte, als wollte er es vor dem zersetzenden Regen der Zeit bergen.

Die Geste und der Ausdruck, in dem wir uns ganz zu fassen, ganz zu geben vermeinen, sind ebenso flüchtig wie ein letztes Adieu.

Abschiedsgruß, der wie eine Flocke vom Wind davongetragen wird.

Auch wenn sich die Flocke an der Wimper einer Schönen verfängt, sie schmilzt bald dahin.

Indes ist das Unwägbare, das uns erregt und das wir schätzen, nicht dem feingeschliffenen Diamanten und dauerhaften Juwel vergleichbar, so märchenhaft sie ins Zwielicht des Daseins funkeln mögen, sondern dem Duft, der flüchtig uns aus dem Sommer der Erinnerung anweht, dem Klang, der während wir einschlafen an der Blütenspitze des ersten Traums herabtropft.

Jede Geste, jedes Wort, in denen wir uns ganz zu fassen, ganz zu geben vermeinen, sind eine Abschiedsgeste, ein Adieu.

 

Jan 6 18

Vom Zögern auf der Schwelle

Betrachten wir verwandtschaftliche Verhältnisse und die davon abgeleiteten Einstellungen. Es ist klar, daß für die Eltern und Großeltern die eigenen Kinder und Kindeskinder zum engeren Kreis der Familie gehören als die verschwägerte Sippschaft, denn diese ist eingeheiratet und nicht im eigentlichen Sinne verwandt. Wir können sagen, daß Heike und Uwe sich ähnlicher sehen und ähnlicher sind als Ernst und Helga, wenn es sich bei ersteren um Geschwister, bei letzteren um deren Neffen und Nichten handelt.

Wir finden heute im Bereich der biologisch fundierten Erforschung der Verwandtschaft einen Zweig des objektiven Wissens, die Genetik, die mit großer Sicherheit den Grad der Verwandtschaft feststellen kann.

Ansonsten verfügen wir für Geburten, die über zwei oder drei Menschenalter zurückliegen, im besten Falle über Stammbäume und Einträge in das Taufregister des Kirchensprengels, in dem das Kind geboren wurde. Gewöhnlich haben die Eltern den Eintrag im Kirchenregister vornehmen lassen. Doch nach der Devise Pater semper incertus ist nur die Mutter die einzige und echte Zeugin der Geburt ihres Kindes. Sie nur kann sagen: „Das ist mein Kind.“ Ihr Mann kann im strengen Sinne, wie es das altrömische Ritual des Aufhebens des Kindes vom Erdboden durch den Pater familias auf schönste vor Augen führt, die Vaterschaft und die Aufnahme des Kinds in den Kreis der Familie nur bestätigen.

Der Begriff der Familie und der Verwandtschaft im gewöhnlichen Sinne (nicht im technischen Sinne des genetisch fundierten Wissens) ist demnach im hergebrachten Sinne von der subjektiven oder Erste-Person-Perspektive der Mutter abhängig.

Wir wollen hier, ohne in die Breite zu gehen, darauf aufmerksam machen, daß die wichtigen Begriffe, die unsere Orientierung im Leben bestimmen, wie Liebe und Vertrauen, Intimität und Geborgenheit, Treue und Verpflichtung, Pietät und Andenken dem Wurzelgeflecht der Familie und somit dem Verhältnis der Eltern zueinander und der Beziehung zwischen Eltern und Kindern entstammen.

Freilich sind demgemäß auch die Gründe, die uns die Orientierung im Leben rauben, Feindseligkeit und Mißtrauen, Verwahrlosung und Unbehaustheit, Unfähigkeit zur Treue und zur Einlösung von Zusagen und  Versprechen, Undank und Wildwuchs des Gefühls dem familiären Umkreis erwachsen, insofern und in dem Maße, wie er pathologisch vergiftet ist oder die Beziehungen zwischen Eltern und Nachkommen gestört und entfremdet sind.

Begriffe wie Liebe, Vertrauen, Intimität oder Treue und ihr Gegenteil können demgemäß keine bloßen Konstrukte und willkürlichen kulturellen Erfindungen darstellen. Denn sie gehen letztlich auf die natürliche Tatsache zurück, daß wir als schutzbedürftige, verletzliche und sterbliche Lebewesen von einer Mutter geboren wurden.

Die Begriffe, die unsere aus dem familiären Umkreis erwachsenen Formen primitiver Sittlichkeit prägen, sind nicht Prädikate einer vorwaltenden Eigenschaft, sondern solche einer spezifischen Relation. Wir können ihren Inhalt nur näher angeben, wenn wir beispielsweise sagen, daß der Mann die Frau liebt, das Kind den Eltern vertraut und der Freund dem Freund die Treue bewahrt.

Dabei bemerken wir, daß Einstellungen wie Feindseligkeit, Mißtrauen, Verachtung oder Untreue deviante oder entartete Formen der ursprünglichen Werthaltungen darstellen. Oft erwächst Feindseligkeit aus gestörter oder verratener Liebe, Mißtrauen aus mißbrauchtem Vertrauen, Verachtung aus enttäuschter Achtung und Untreue aus gedemütigter Anhänglichkeit.

Betrachten wir die Situation des Kinds, das die Wohnung und im übertragenen Sinne den familiären Umkreis als Schutzraum und gleichsam als warme Höhle physischer und psychischer Sicherheit erfährt und auffaßt. Dagegen wird das verstörte, vernachlässigte und mißhandelte Kind die eigenen vier Wände und darüber hinaus geschlossene Räume an und für sich, auch im übertragenen Sinne von Nahebeziehungen, als Gefängnis und Verließ empfinden. In diesem Mißempfinden wurzelt die Unfähigkeit zur Intimität oder die quälende Neigung zu Fluchtgedanken oder panischen Zuständen.

Symbole erschließen uns die Wirklichkeit und Wirksamkeit der menschlichen Ausgangssituation im Schoß der Familie. Tor und Schwelle geben uns das einfache Bild für die Problematik des Übergangs von Innen und Außen, Außen und Innen, die von der Geburt über das Heranreifen und den Aufbruch in neue Räume bis zur Rückkehr in den ruhigen Port des Alters und zum Tode reicht.

Das behütete Kind tritt anfangs gestützt und angeleitet von der Fürsorge seiner Lieben über die Schwelle, dann mutigen Schrittes allein, aber mit dem Gefühl, von unsichtbaren Händen bei jedem Zögern und Zagen gehalten zu werden, in die offene, ihm offen stehende Welt. Das verstörte Kind zögert lange bänglich oder weigert sich die Schwelle zu übertreten, auch wenn es die Höhle der Herkunft als Ort der Verlorenheit und Ausweglosigkeit erfahren hat. Es fühlt sich wie ein Nichtschwimmer, der vom unbarmherzigen Schicksal ins tiefe Wasser geworfen wurde. Es wird jede Einladung von wohlwollenden Menschen auf seinem verirrten Weg als Bedrohung auffassen, als wolle man es wieder in das Verlies seiner Kindheit sperren.

Je nachdem, wie wir den entscheidenden Übergang aus dem dunklen Mutterschoß ans Licht des Tages oder dem Schoß der Familie in die Welt eigenen Daseins erlebt haben, wird uns auch der Tod anders erscheinen, dem behüteten Kind verspricht er die gnädige Auflösung wie die Stille des Abends nach den hohen Erregungen des Tages, dem verstörten Kind ist er als sein verzerrter und höhnisch äffender Schatten am hellen Tage jederzeit gewärtig.

Es ist ihm selbst wenig tröstlich, doch uns wie ein Zeichen höher Gerechtigkeit, wenn wir bemerken, daß das zwar verstörte, aber musisch geniale Kind anders als das behütete oft die Gabe mitbringt, im Lärm und Zwielicht der Welt und trotz des Chaos in seiner eigenen Seele sublime Gebilde zartsinniger Harmonie hervorzubringen und uns mit Klängen oder Bildern edlen Sinns, liebenswürdigen Charmes oder gedämpfter Festlichkeit über das Ermatten und Verstummen vor dem Absurden hinwegzuhelfen.

Der eine mag uns auf einem Rastplatz der Lebensreise mit seiner vergnügten Geselligkeit und seinem Mutterwitz aufs angenehmste die Zeit vertreiben. Dem anderen, dem unter Gottes ehernem Himmel nicht zu helfen ist, den kein tröstlicher Schimmer im Verlies seines Herzens erreicht, vermag uns contre cœur mit den zerzausten Locken seiner Verse oder dem raschen Wimpernschlag seiner Tuschfeder zu betören oder zu trösten.

Wer unverstört aus der Liebe lebt, vermöchte ihr wohl weniger hohe und geistvolle Klänge und Bilder zu widmen als wer ihrer entbehrt oder von ihrer Kunde nur die kaum leserlichen Fetzen eines zerrissenen Liebesbriefes in Händen hält.

Doch können wir Mittleren am Abhang des Lebens uns nicht halten ohne des Maßes Mitte, wie wir es am Wohlwollen und der Zusage des Freundes genießen oder an der unscheinbaren Aster finden, die uns zarte Hand gepflückt.

Blendet allzu gewaltig die Sonne, bergen wir uns im Dämmer des Weinlaubs, das uns mit Schatten und Flüstern an den Schlaf gemahnt.

Prasselt Regen aufs Dach, öffnen wir das Fenster und strecken die Hand hinaus, ob uns die Tropfen noch an die Sommerabende der Kindheit erinnern oder ob sie uns kitzeln wie zärtlich uns huldigende Zungen.

Wir kramen endlich nicht mehr in den Erinnerungsfetzen unseres Lebens, als könnten wir im Sammelsurium von Skizzen und Fotos der untersten Schublade eine sinnvolle Reihenfolge ausfindig machen. Und könnten wir es, verstünden wir mehr?

Wir wollen unser Genüge finden am schmucklosen Becher, halb gefüllt mit dem herben Wein des uns Sagbaren, von dem wir zum Abschied die schuldigen Tropfen auf den Schoß der Mutter Erde schütten. Funkeln sie noch ein wenig in der Abendsonne, wenn uns das Dunkel schon umfängt?

 

Jan 5 18

Grenzen des Begriffs II

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die wichtigen Dinge in unserem Leben haben keine Gründe.

Oder keine tieferen Gründe.

Es ist damit wie mit der Vorliebe für Tee oder Kaffee, Bier oder Wein.

Es ist widersinnig zu fragen, warum jemand lieber Bier als Wein trinkt.

Genauso wie zu fragen, warum er Bach den Beatles vorzieht oder umgekehrt.

Wenn wir versuchen, den fröhlichen oder traurigen Ausdruck eines Gesichts zu beschreiben, ohne Worte wie „fröhlich“ oder „traurig“ zu verwenden, scheitern wir.

Eine Maschine könnte in der Lage sein, dem gescannten Bild eines fröhlichen oder traurigen Gesichts die Begriffe oder Etiketten „Freude“ oder „Trauer“ zuzuordnen, indem sie das aktuelle Bild mit stereotypen Bildern eines fröhlichen oder traurigen Gesichts abgleicht. Doch würde der Roboter diese Gesichtsausdrücke nicht in dem Sinne sehen, wie wir sie sehen, nämlich unmittelbar und ohne Vergleich als fröhlich oder traurig.

Wir können uns fragen, ob jemand fröhlich oder traurig, freundlich oder mißmutig, heiter oder streng dreinblickt, ohne die fraglichen Mienen mit einem Standardset von typischen Gesichtsausdrücken zu vergleichen.

Wenn wir versuchen, die anmutige Haltung und Geste des jungen Mannes auf dem Gemälde von Antoine Watteau mit dem Titel L’Indifférent zu beschreiben, ohne Worte wie „anmutig“ oder „graziös“ zu verwenden, werden wir scheitern.

Gewiß haben wir die Verwendung solcher ästhetischen Begriffe und Etiketten wie „anmutig“ und „schwerfällig“, „leichtfüßig“ und „plump“, „verspielt“ und „streng“ auf ähnliche Weise gelernt wie die Verwendung solcher psychologischen Begriffe und Etiketten wie „fröhlich“ und „traurig“, nämlich anhand von Beispielen jener ästhetischen oder psychologischen Phänomene, bei deren Vorkommen wir mit ihrer Benennung vertraut gemacht wurden.

Wir können aber für die Verwendung des ästhetischen Ausdrucks keine tieferen Gründe anführen als für die Verwendung der Farbbegriffe.

Wer die Haltung des Jünglings auf dem Gemälde von Watteau anmutig nennt, reagiert nicht anders als der Passant, der bei Grün über die Straße geht.

Wir könnten unsere Skala von ästhetischen Werten anders einteilen, wie wir es auch mit der Farbskala tun könnten. Dann würden wir jeweils etwas anderes sehen.

Freilich mag es mitunter auch geschehen, daß wir keine Reaktion erkennen. Dann handelt es sich um Fälle von Ausdrucksblindheit, ähnlich der Farbenblindheit.

Wir können den Ausdruck der Freude oder Trauer auf verschiedenen Gesichtern vergleichen. Doch machen wir dies nicht anhand eines gleichsam idealen Bilds, das unseren Begriff dieser Gesichtsmienen auf vollkommene Weise darstellen und exemplifizieren würde.

Wir bemerken die Ähnlichkeit der Gesichtszüge von Mutter und Kind. Doch nicht so, daß wir beide wiederum an einem idealen Bild eines gleichsam vollkommenen Typus dieser familiären Verwandtschaft messen. Sondern wir sehen die Ähnlichkeit unmittelbar.

Es ist widersinnig zu fragen, warum wir die Gesichtszüge von Mutter und Kind ähnlich finden. Wir wüßten keine tieferen Gründe dafür anzugeben.

Wie wir wissen, daß es sich bei einem Paar Schuhen um zwei Schuhe handelt, wissen wir um die Gleichheit der Anzahl von einem Dutzend Äpfeln und von zwölf Äpfeln, weil wir gelernt haben, ein Dutzend als Synonym für die Zahl Zwölf zu verwenden.

Wie wir wissen, daß es sich bei natürlichen Eltern um Mann und Frau handelt, wissen wir um die eheliche Liebe als eine Relation zwischen Mann und Frau und um die elterliche Liebe als eine Relation zwischen Eltern und Kindern.

Um zu verstehen, was mit ehelicher Liebe oder mit elterlicher Liebe gemeint ist, müssen wir uns demnach nur darauf verstehen, eine spezielle Relation zwischen Gatten oder Eltern und Kindern korrekt zu benennen.

Wenn wir sagen, Walter sei in Helga verliebt, wissen wir alles, was damit gemeint ist. Wir könnten nicht Walters seltsames Betragen, sein Erröten, wenn die Rede auf Helga kommt, oder seine Aufregung, wenn er sich zu einem Rendezvous mit Helga auf den Weg macht, verstehen, wenn wir nicht annehmen, er sei in Helga verliebt.

Wir könnten das Verhalten eines Verliebten nicht sinnvoll beschreiben, ohne Worte wie „Verliebtheit“ oder „verliebtes Lampenfieber“ zu verwenden.

Wenn wir nach Gründen suchen, die Walters Verhalten erklären, können wir nicht auf irgendwelche chemischen und neuronalen Ereignisse in seinem Gehirn verweisen. Denn wenn wir auch wüßten, daß sich solche chemischen und neuronalen Ereignisse in Walters Gehirn abspielen, wenn er errötet oder Lampenfieber hat, verstehen wir sein Erröten und sein Lampenfieber nur, wenn wir davon ausgehen, daß er verliebt ist.

Wie mit der Liebe und dem Verliebtsein verhält es sich mit allen anderen Gemütsbewegungen wie Freude, Trauer, Zorn, Haß, Eifersucht oder Neid und den sprachlichen Ausdrücken, mit denen wir sie benennen.

Wenn wir wissen, daß Peter traurig ist, weil sein Vater kürzlich verstorben ist oder seine Frau ihn verlassen hat, haben wir wichtige Gründe für seinen Zustand vorgebracht. Sie machen alles Suchen nach weiteren Gründen überflüssig.

Wenn Karl eifersüchtig auf seine Freundin ist, weil sie ihn mit Walter betrogen hat, wissen wir zugleich, daß er auf Walter neidisch ist, weil dieser die Zuneigung seiner Freundin erlangt hat.

Es ist widersinnig zu fragen, warum Peter traurig ist, wenn wir wissen, daß sein Vater verstorben ist oder seine Frau ihn verlassen hat, wie es widersinnig ist zu fragen, warum Karl eifersüchtig ist, wenn wir wissen, daß ihn seine Freundin betrogen hat.

Wenn es um die Anwendung der basalen sprachlichen Ausdrücke auf unsere Gemütsbewegungen und all der aus ihnen entspringenden Verwicklungen und Lebensgeschichten geht, finden wir uns gleichsam in einer abgeschlossenen Welt des Sinns und des Verstehens wieder.

Wir können auch sagen, in den Geschichten, bei denen es um Liebe und Haß, Freude und Trauer, Eifersucht und Neid geht, sind wir zu Hause. Wir benötigen keine weiteren und keine anderen Begriffe als beispielsweise die Begriffe Trauer, Eifersucht und Neid, um die Geschichte von Peter und Karl zu erzählen und zu verstehen.

Wenn wir erfahren, daß Walter sich verliebt hat, ist es widersinnig zu fragen, warum. Wenn Peter wegen des Todes seines Vaters traurig ist, ist es widersinnig zu fragen, warum.

Wir können an einer gewissen Grenze der Anwendung unserer grundlegenden oder einfachen Begriffe nicht weiter nach Gründen ihrer Anwendung fragen.

Die wichtigen Dinge, um die es uns geht, oder die Lebensgeschichten, in die wir verwickelt sind und in denen wir einander begegnen, haben keine tieferen Gründe als die, die wir für die Trauer des Sohnes um seinen Vater oder die Eifersucht des Mannes auf seine Frau anführen. Gründe, die mehr erklären würden als beispielsweise das Verliebtsein das Erröten und das Lampenfieber des Verliebten, sind redundant. Sie gleichen rhetorischen Schnörkeln aus nichtssagenden Worten.

Würde man nach anderen und tieferen Gründen für die Geschichten, um die unser Leben spielt, Ausschau halten, wäre ihr Erklärungswert etwa so groß, wie wenn man jemandem, der nicht weiß, was der Begriff „Junggeselle“ bedeutet, erklärte, das sei ein unverheirateter Mann.

 

Jan 4 18

Grenzen des Begriffs I

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir sind verführt zu meinen, der Begriff einer Sache, wie „Mensch“, „Spiel“ oder „Sprache“, enthalte ein wesentliches oder notwendiges Merkmal, das allen Vorkommnissen dessen, was wir so nennen, oder allen Exemplifikationen des Begriffs einheitlich und eindeutig zukomme. Aber dies erweist sich als semantische Fiktion oder als von unserer Art, mit Hauptwörtern um uns zu werfen, inspirierte Illusion.

Wir halten bei allen Begriffen, die wir nicht wie die Eigenschaft des Junggesellen, unverheiratet zu sein, tautologisch definieren, jeweils ein Bündel von Merkmalen in Händen, von denen wir weder annehmen noch wissen können, daß es vollständig ist.

Wir könnten eines Tages vor der Frage stehen, ob wir ein synthetisch hergestelltes Lebewesen unserer Gattung zurechnen, was das uns vertraute Merkmal des Menschen, das natürliche Produkt zweier anderer Menschen zu sein, über Bord würfe. Auf der anderen Seite können wir neuartige Spiele oder grammatische Formen erfinden, ohne gezwungen zu sein, unsere Begriffe von Spiel und Sprache zu erweitern.

Alle tiefsinnig daherkommenden Begründungen für Dinge, an denen uns gelegen ist, erweisen sich als trivial.

Wir meinen wunders einen gewichtigen Unterschied zu machen, wenn wir statt zu sagen, etwas finde unser Gefallen, sagen, es sei schön. Doch weder im einen noch anderen Falle kommen wir auf einen grünen Zweig mit dem Begriff und der Bedeutung dessen, was wir damit meinen.

Wir können nur immer Beispiele nennen, um den Sinn unserer Rede von dem zu erhellen, was uns ästhetisch beeindruckt oder für schön gilt.

Wenn wir behaupten, Gott habe das Morden verboten, können wir damit nicht mehr meinen, als daß wir es für unabdingbar erachten, das Töten aus niedrigen Beweggründen unter schwere Strafe zu stellen.

Was macht einen Satz wahr? Die Tatsache, daß wir dank seiner Behauptung im Leben ein Stück weiterkommen.

Den wahren oder wohlgeformten Satz kann man mit einem Ticket vergleichen, mit dem wir eine Reise antreten. Wie der Fahrschein bei einer Kontrolle unsere Berechtigung legitimiert, das Verkehrsmittel zu benutzen, so der Satz unsere Berechtigung, das Kommunikationsmittel der Sprache zu dem gewählten Ziel und Zweck zu benutzen.

Das Bild, das Rätsel des Lebens sei wie ein Schleier vor einem Gesicht, und höben wir ihn, sähen wir es klar und unverfälscht, ist in mehrfacher Hinsicht trügerisch. Denn es gibt weder einen Schleier noch ein Gesicht dahinter. Gibt es aber keinen Schleier und nichts, was er verschleiert, dann auch kein Rätsel.

Die Angst, daß einem die Grenzen wesentlicher Begriffe verschwimmen und vage werden, gleicht der Angst des Schwimmers, der sich plötzlich der ungeheuren Tiefe des Sees bewußt wird, auf dem er sich über Wasser hält.

Doch für den Schwimmer ist der Umstand, daß das Gewässer seicht oder tief ist, ohne Belang, solange er sich über Wasser hält.

Man kann die Begriffe, die Dichter verwenden, nicht ohne den Ton und die Geste verstehen, mit denen sie daherkommen. Ähnlich wie der Duft und Geschmack einer köstlichen Frucht sind sie nicht definierbar.

Wir können nur sagen: „Probiere es selbst!“

Hölderlin benutzt die Begriffe der platonischen, mythologischen und heilsgeschichtlichen Überlieferung. Aber er spricht noch zu uns, auch wenn wir sie nicht mehr für bare Münze nehmen.

Einer kann ein angemessenes Hörverständnis der Bachschen Kantaten entwickeln, auch wenn die christliche Wahrheit ihrer Textgrundlagen für ihn vergangen und bedeutungslos geworden ist.

Die großen Begriffssysteme, die um den ästhetischen Ausdruck kreisen, schrumpfen am Ende auf die Platitude zusammen, daß man um die persönliche Erfahrung dessen, wofür er ein Ausdruck ist, nicht herumkommt.

Eine falsche Disjunktion: Entweder sind die Begriffe vor uns da und wir entdecken sie wie die Sterne am Himmel oder wir bringen sie mit und ziehen Verbindungslinien zwischen ihnen, wie wir es mit Sternen und Sternbildern tun.

Es gibt die Mannigfaltigkeit der Dinge und die Art, wie wir sie sortieren und zählen. So können wir zwölf Äpfel zählen oder ein Dutzend. Aber ein Dutzend sind zwölf, und diese Tautologie ist unbezweifelbar wahr, wenn auch trivial.

Es führt zu einer trügerischen Dialektik zu meinen, man habe mit dem Begriff seine eindeutigen Grenzen abgesteckt und mit den Grenzen sei man schon zum nächsten, umfassenderen und „tieferen“ Begriff vorgedrungen. Denn wir können uns geometrisch oder geodätisch auf der Kugeloberfläche orientieren und sie vermessen, ohne die dritte Dimension des geometrischen oder planetarischen Körpers der Kugel wahrzunehmen oder zu berücksichtigen.

Das Erlebnis des gegenwärtigen Augenblicks ist vage und unbestimmt, der Augenblick kann sich dehnen oder er kann uns wie die feine Naht eines kaum fühlbaren, flüchtigen Übergangs widerfahren, aber wir leben nie auch nur ein winziges Stück in der Vergangenheit oder der Zukunft.

Wenn man die Theologie von der Bürde der platonischen und aristotelischen Begriffe erlöst, wird sie zur Hermeneutik religiöser Erzählungen.

Man muß die Erzählung von der Auferstehung ablösen von der platonischen Idee der unsterblichen Seele.

Die Rede vom Tode Gottes erschließt sich im Lichte der Einsicht in die Sinnlosigkeit der Rede vom Wesen oder dem ontologischen Begriff Gottes.

Wenn man von der Irrealität oder Fiktionalität der Zeit ausgeht, löst sich die Vergangenheit in eine Reihe von Geschichten auf, an die man sich erinnert. Oder die man nach und nach vergißt.

Daß der platonische Mythos des Begriffs sich gegen die religiöse Einstellung neutral verhält, erkennt man daran, daß auf der einen Seite der Atheist Russell den Begriff der Zahl durch ihre Fiktion ersetzte, während auf der anderen Seite sein religiös gestimmter Schüler Wittgenstein sogar die logische Form in die Trivialität der Tautologie auflöste.

Wenn es keinen klar abgegrenzten, einhelligen Begriff des Menschen gibt, so a fortiori keinen eindeutigen Begriff eines einzelnen Menschen oder einer Person. Wir können uns einem anderen und das heißt auch uns selbst nur gleichsam auf Taubenfüßen nähern. Wir tun einen Schritt in seine Richtung, in unsere Richtung, wenn wir Geschichten anhören, die man sich über ihn oder die wir von uns selbst erzählen. Wir tun einen anderen Schritt, wenn wir die Ansichten und Äußerungen im Lichte der Bilder (Fotos etc.) dieser Person betrachten, die wir vielleicht von Kindern beschreiben lassen, und diese Beschreibungen mit ihren Ansichten und Äußerungen vergleichen. Hier können etliche weitere Schritte folgen. Wir kommen nicht zu einer eindeutigen Grenze, die das Wesen der Persönlichkeit umgriffe, ohne daß diese uns deswegen im Dunst des Unbestimmten verschwömme.

Das Leben, das eigene und fremde, verstehen heißt nicht, eine Sammlung oder ein Archiv von Fakten anlegen, die man auf den begrifflichen Faden beispielsweise von Ursache und Folge aufreiht. Das Verstehen ähnelt vielmehr einer Serie von Portraits oder Selbstportraits, die uns nicht wie Fotos eine objektive Wahrnehmung vorgaukeln, sondern das eine Gesicht in eine Reihe von Gesichtern zerlegen, die aus dem Spiegel einer je verschiedenen Beleuchtung und Stimmung emportauchen.

Wir sehen ein Gesicht (ein Portrait), es mutet uns traurig an, wir gewahren, daß hier einer in trauriger Stimmung in die Welt und auf das Leben blickt. Doch an welchen Zügen des Gesichts erkennen wir Traurigkeit? Am Ton der aufgetragenen Farben? An den Linien der Augen oder Mundwinkel? Wir sehen es, wenn wir Augen im Kopf haben. Der Kunstkenner sieht noch mehr, vielleicht eine Traurigkeit mit der Spur von Enttäuschung oder Verbitterung, einem Ingredienz von Weichheit oder Sehnsucht. Der Kenner vermag sogar zu einem ästhetischen Urteil über die Güte, das Raffinement oder die Meisterschaft der Darstellung vorzudringen. Doch wenn wir ihn nach seinen Gründen für sein Urteil fragen, wird er uns mit vagen Begriffen kommen und am Ende auf das imponderable Etwas seiner ästhetischen Erfahrung ausweichen.

 

Jan 3 18

Leben ohne Grund

Schimmer zwischen Blättern bloß,
doch ward die Frucht schon Traum,
die Höhe kahl und sternenlos
und Wasser schwillt am bangen Saum.

Flüstern, Geist im dürren Gras,
Nacht steht hoch um Mund und Lied,
Lied zerspringt wie zartes Glas,
roter Mond im dunklen Ried.

Gurren, Federn trudeln weich,
Wimpern zittern schon um Licht,
Veilchenlippe ist noch bleich,
Herz der Liebe kennt sich nicht.

Glocken, Wald und Blume schwingt,
Kinder laufen mit dem Hund,
jauchzen, wenn die Flamme singt –
ah, schönes Leben ohne Grund!

 

Jan 2 18

Philosophische Konzepte: ästhetischer Ausdruck

Elementare Sprachgesten sind „Ja!“ und „Nein!“, mit denen wir jeweils einen Sachverhalt akzeptieren und verwerfen. Wir akzeptieren und verwerfen aber sowohl Annahmen oder den Inhalt deskriptiver Sätze als auch Aufforderungen und Wünsche oder den Inhalt präskriptiver Sätze. Wenn wir die Annahme, daß Peter eingeladen wurde, verwerfen, behaupten wir, daß er sich nicht unter den Gästen befinde. Wenn wir den Wunsch hegen, Peter soll an der Feier teilnehmen, richten wir an ihn die Aufforderung, unserer Einladung nachzukommen. Wir antworten auf die Frage, ob Peter an der Feier teilgenommen hat, mit „Ja!“. Ebenso antworten wir auf die Frage, ob Peter eingeladen werden soll, mit Ja, wenn dies unserem Wunsch entspricht. Doch mit dem ersten Ja haben wir eine Tatsache bestätigt, mit dem zweiten Ja eine Forderung.

Wir können Beschreibungen von Tatsachen in Handlungsanweisungen umformen. Wir beschreiben die Zusammensetzung eines Kuchens. Oder wir machen ein Rezept, indem wir eine Liste mit den Handlungsanweisungen oder Vorschriften aufsetzen, deren Befolgung und Ausführung den wohlschmeckenden Kuchen zum Resultat haben. Die Erfüllung der Vorschriften des Rezepts ergibt ein Resultat, das wir wiederum beschreiben können. Im Idealfalle stimmen unsere Ausgangsbeschreibung und die resultierende Beschreibung überein. Sollten sie nicht übereinstimmen, haben wir etwas falsch gemacht.

Nun wenden wir uns der Beschreibung sprachlicher Tatsachen in der Form dichterischen Ausdrucks zu. Wenn wir ein schlichtes Gedicht wie das Abendlied von Matthias Claudius in seine Bestandteile zerlegen und eine Liste mit allen verwendeten sprachlichen Eigentümlichkeiten von der Wortwahl über die Syntax bis zum Reimschema erstellen und diese Liste wie beim Kuchenrezept in eine Liste von Handlungsanweisungen und Vorschriften umformen und sie jemandem vorlegen, der mit dem Original nicht vertraut ist, wird es ihm bei noch so großem Sprachtalent nicht gelingen, den gewünschten „Kuchen“ zu backen.

Wir bemerken, daß uns eine normative Ästhetik von Sprachkunstwerken als Liste von Handlungsanweisungen und Vorschriften, solche Kunstwerke hervorzubringen, nicht zur Verfügung steht. Das hat seinen Grund in der Tatsache, daß wir kein vollständiges Set präziser sprachlicher Regeln angeben können, nach denen Sprachkunstwerke funktionieren.

Auch wenn wir die Dichte und Nuanciertheit der ästhetischen Beschreibung sehr weit treiben, gelangen wir immer wieder zu stereotypen oder musterartigen Beschreibungsetiketten. So sprechen wir von einem strengen oder weichen, einem kargen oder überladenen, einem reduzierten oder üppigen Ausdruck, und finden diese Stilprinzipien auf allen Gebieten künstlerischer Gestaltung, von der Töpferkunst über die Plastik bis zur Architektur, von der Malerei über die lyrische Dichtkunst bis zur Musik. Wir finden eine gewisse Häufung und Konzentration solcher Ausdruckswerte auf Stilepochen verteilt wie die archaische, geometrisch-strenge, klassische und hellenistische Stilepoche in der Vasenmalerei und Plastik des antiken Griechenlands, die dorische, ionische und korinthische Säulenordnung des antiken Tempels oder die Epochen Renaissance, Barock, Klassik und Romantik in Malerei, Architektur und Musik des Abendlands. Wir finden und empfinden sie auch in den Altersphasen der Produktion großer Künstlerpersönlichkeiten. Denken wir beispielsweise an die triadischen Produktions- und Stilphasen der klassischen Dichter Roms, die iambische, lesbische und hexametrische Dichtungsart des Horaz oder das cecini pascua, rura, duces des Vergil. Oder denken wir an die Stilphasen in Goethes Werdegang, an die rokokohafte Verspieltheit und den erotischen Charme seiner Jugendgedichte, den Sturzbach seiner frühen Hymnen, die zart verschleierten Veduten seiner klassischen Epoche und die bunten, stillen Flockenwirbel seiner Alterswerke.

Wir finden Ausdruckswerte ästhetischer Anmutung auch in den musikalischen Vortragbezeichnungen wie andante und presto, grazioso und maestoso, lento und forte, animato und morendo. Sie bilden wie die Ablagerungen und Versteinerungen des urzeitlichen Lebens im Meeresschlamm Einschlüsse und Embleme des anonymen Seelenlebens vieler Generationen.

Wir bemerken, daß die Vorliebe der klassischen Ästhetik für die Ausdruckswerte des Schönen und Erhabenen, wie wir sie bei Kant oder Hegel finden, unseren Blick zu sehr einschränkt und der Fülle und Differenziertheit künstlerischer Gestaltung nicht gerecht wird.

Auch wenn die ästhetischen Ausdruckswerte nicht rein naturwüchsig vorgegeben sind, scheinen sie doch nicht willkürlich und beliebig oder willkürliche Erfindungen zu sein. Wir könnten beispielsweise nicht den ästhetischen Ausdruck des Komischen goutieren, wenn wir nicht in der Lage wären zu lachen, und wir könnten nicht dem ästhetischen Ausdruck des Tragischen nachspüren, wenn wir nicht in der Lage wären zu weinen. Das Komische in den Komödien von Aristophanes, Molière oder Nestroy und in den Gedichten von Morgenstern oder Ringelnatz und das Tragische in den Tragödien von Sophokles, Racine und Shakespeare sind grundlegende ästhetische Ausdruckswerte, die gewissen Sichten und Gestimmtheiten entsprechen, mit denen wir dem Leben und seinen Verwicklungen und Verstrickungen begegnen.

Das, was uns belustigt und erheitert, was uns traurig macht und erschreckt, sind natürliche Aspekte unseres Erlebens, und zugleich gerinnen die Inhalte solchen Erlebens vor unseren Augen zu komischen oder ernsten, grotesken oder grauenerregenden Bildern und Gestalten eines prägnanten ästhetischen Ausdrucks. Aber auch die Art und Weise, wie jemand steht und geht, sich regt und bewegt, fassen wir zugleich in die Anmutungsqualitäten des Plumpen oder Anmutigen, Schwerfälligen oder Leichtfüßigen und charakterisieren sie mit den entsprechenden ästhetischen Etiketten. Die ästhetischen Ausdruckswerte entspringen demnach dem Anmutungscharakter in der trivialen Wahrnehmung von Gestalten, Farben und Klängen, Gesten, Bewegungen und Sprechweisen unserer alltäglichen Umgebung, sie haben ihren Ursprung nicht in der Kunst. Die Kunstwerke sagen uns etwas und sprechen uns an, weil alltägliche Anmutungsqualitäten in ihnen in verdichteter und prägnanter Form verwendet werden. Dieser Umstand scheint der mißverständlichen Redeweise zugrunde zu liegen, die Kunst sei Mimesis oder ahme die Natur nach.

Wir können vom tollpatschigen Gebaren eines Hundewelpen oder Kleinkinds erheitert und belustigt werden, während wir das Lächeln unseres Freundes verstehen, auch wenn wir selbst traurig sind. So kann uns die melancholisch-heitere Anmutung eines Gemäldes von Antoine Watteau oder eines Gedichts von Paul Verlaine aus dem Zyklus der Fêtes galantes melancholisch-heiter stimmen, doch könnten wir den Sinn des malerisch Dargestellten und dichterisch Ausgedrückten auch verstehen, wenn wir uns der melancholisch-heiteren Stimmung momentan verschlössen. Hier berühren wir die Grenze der Redeweise von der Kunst als Nachahmung der Natur, insofern das Verstehen der ästhetischen Ausdruckswerte nicht auf psychologische Gründe und Motive wie etwa auf die sympathetische Anteilnahme zurückgeführt werden kann. Wir können ja den ästhetischen Ausdruckscharakter des dicken Mannes, der schwerfällig und plump unseren Weg kreuzt, wahrnehmen, auch wenn wir von ihm abgestoßen werden.

Wenn wir im Tropfen des Wasserhahns bald ein rhythmisches Klangmuster zu hören geneigt sind, hat dieser ästhetische Wahrnehmungseindruck nicht die ästhetisch ausgezeichnete Qualität, die uns als ähnliches rhythmisches Muster in einem Musikstück zu Gehör kommt. Ersteres ist zufällig und intentionslos, während der Kunstcharakter des Musikstücks den Rhythmus absichtsvoll gestaltet und gleichsam ausstellt.

Der dicke Mann wirkt auf uns schwerfällig und plump, aber er sinnt uns nicht wie die Kunstfigur Falstaff in Shakespeares Komödie Die lustigen Weiber von Windsor seinen fetten Wanst als glänzende Hülle seiner Trink-, Liebes- und Lebenslust an. Es ist umgekehrt, wir mögen, wenn wir gut gelaunt sind, Falstaff in dem dicken Mann wiedererkennen. Desgleichen mag uns die anmutige Gebärde oder die graziöse Haltung des schönen Erdenkinds an Ophelia oder Ariel erinnern, auch wenn es nichts von diesen Kunstgestalten weiß. Wir können demnach die Tristesse und Eintönigkeit unseres Erdenwandels mildern, wenn wir uns darauf verstehen, Szenen unseres Alltags mit Zitaten aus Stücken von Molière, Shakespeare oder Beckett zu garnieren und in ganz gewöhnlichen Vasen, Tassen und Früchten auf dem Tisch Fragmente der Stilleben von Chardin, Modersohn-Becker oder Morandi erblicken.

Gewiß ist uns der allgemein-platonische Begriff des Schönen oder der normative Regelbegriff der barocken und klasischen Kunst abhandengekommen, wir leben gleichsam ästhetisch von der Hand in den Mund und müssen uns mit der Aufzählung von Beispielen begnügen, die kaum mehr bezeugen als Idiosynkrasien und Vorlieben unseres persönlichen Geschmacks. Dennoch ist uns ein vager Begriff von Größe am Maß der Intensität und der Sublimierung menschlichen Leidens im künstlerischen Ausdruck geblieben, wie ihn uns die Dichtungen Hölderlins, Baudelaires und Trakls oder die Kantaten Bachs und die Lieder Schuberts bezeugen.

Wir ahnen aber noch einen Hintergrund der künstlerischen Produktion, der sich im Dargestellten und Ausgesprochenen schwer greifen läßt und mehr als ein duftiger Schleier des Ungesagten um alles Gesagte schwebt. Er mutet, wie dem von tiefem, traumlosen Schlaf Erquickten die blaue Luft des Morgens, als unverbrauchter Lebenssinn uns an. Wir stellen dies Ausgesparte, die gleichsam leer gelassene Mitte des Werks, der Reife und Meisterschaft des schöpferischen Genies anheim, die wohl nicht ohne Virtuosität auskommt, doch wie der Schmelz oder Tau auf die blasse Blütenspitze unverhofft als ein Segen und Glanz auf das noch so dürftige und nichtssagende Wort herabtropft.

 

 

Dez 31 17

Philosophische Konzepte: Kehraus III

Wir unterscheiden zwei Formen des Wissens: die unmittelbare oder evidente Gewißheit, wie wenn einer sagt, daß er jetzt hier sei oder daß er jetzt einen roten Farbeindruck habe, und das Wissen in Form gut bestätigter Aussagen, die beispielsweise aus den Prämissen einer empirischen Beobachtung und einer gesetzesförmigen Hypothese durch logische Folgerung abgeleitet werden können wie der Satz, in diesem Eimer sei Wasser gefroren, der uns als Mitteilung wahren Wissens gilt, weil er aus dem Satz über die Beobachtung von Eis in einem Eimer und dem unter unseren lokalen Bedingungen gültigen physikalischen Gesetz, wonach Wasser unter null Grad Celsius gefriert, abgeleitet werden kann.

Manchmal steckt man auch die rein logische Ableitung von Sätzen aus als wahr angenommenen Prämissen in die Schublade „Wissen“. Wenn wir anhand der Beschreibungen, daß der Gatte der Xanthippe (B1) der Lehrer Platons (B2) war und der Lehrer Platons Sokrates (C), folgern, daß Sokrates der Gatte der Xanthippe war, ergibt sich folgendes logische Schema:

B1 = B2
B2 = C
B1 = C

Statt von einem Schlußsatz, den wir aufgrund der Folgerung als wahr wissen, sollten wir besser von der Einsicht in die Tautologie B1 = B2 = C reden oder davon, daß wir die Identität des verschieden Ausgedrückten sehen.

Wenn wir beobachten, daß sich Eis in dem Eimer gebildet hat, können wir statt der oben explizierten logischen Folgerung auch schlicht sagen:

Immer wenn es friert, bildet sich Eis im Wassereimer.
Bei Frost gefriert das Wasser im Eimer.

Unser Wissensanspruch schrumpft hier wie so oft auf die Feststellung einer allgemeinen Erfahrungs- oder Faustregel zusammen. Was wir Wissen nennen, ist auf den verwinkelten Pfaden der Erfahrung meist nur die Versicherung, es könne halt nicht anders sein, als ginge die Sonne auf, weil sie es nicht bleiben lassen kann, und so mit dem Apfel, der vom Baum fällt, oder dem gefrorenen Wasser.

Wie dem auch sei, nichts von alledem, also dem über die unmittelbare Gewißheit, das empirische Wissen und die logische Einsicht Ausgeführten, läßt sich auf folgende Sätze anwenden:

Du sollst nicht auf die Straße spucken.
Das Kind soll dem Behinderten seinen Platz in der U-Bahn freimachen.
Du sollst nicht töten.

Gebote und Verbote dieser Art sind keine deskriptiven, sondern präskriptive sprachliche Ausdrücke und deshalb weder wahr noch falsch. Sie können nicht aus beschreibenden Sätzen, sondern wiederum nur aus vorschreibenden Sätzen abgeleitet werden. Wenn ich sage, der Anstand gebiete es, nicht auf die Straße zu spucken und dem Gebrechlichen behilflich zu sein und seinen Platz zu räumen, sage ich nicht mehr, als wenn ich dazu auffordere, nicht auf die Straße zu spucken und dem Gebrechlichen behilflich zu sein und ihm seinen Platz freizumachen. Kurz: Ich bekunde damit meinen moralischen Willen.

Wir weisen zur Verdeutlichung des besonderen Status von moralischen Verboten auf den grammatischen Gebrauch unterschiedlicher Formen der Negation in den alten Sprachen hin. In dem Umstand, daß Verbote und negative Aufforderungen im Lateinischen und Altgriechischen eigene Konjunktionen benutzen (ne und μη), die mit dem Konjunktiv des Verbs verknüpft werden, zeigt sich der Unterschied zur indikativischen Aussage, die durch non und ου verneint wird. Das aber bedeutet, daß die Negation eines Verbots nicht die Beschreibung einer Tatsache darstellen kann:

Ne nos inducas in tentationem.
Führe uns nicht in Versuchung.

Es gibt keine evidente ethische Intuition, beispielsweise dem Gebrechlichen zu helfen, denn es könnte auch die Intuition geben, ihm wie in der Einstellung einer Nietzscheanischen Herrenmoral nicht zu helfen. Wir können den Satz, man solle dem Gebrechlichen nicht helfen, nicht als falsch bezeichnen und damit aus dem logischen Verkehr ziehen, weil wir den Satz, man solle dem Gebrechlichen helfen, nicht als wahr auszeichnen können, denn er stellt nichts mehr und nichts weniger dar als ein anerkanntes oder nicht anerkanntes moralisches Gebot oder Vorurteil.

Wir können nicht wissen, daß es gut ist, dem Gebrechlichen zu helfen, denn zu sagen, es sei gut, so zu handeln, heißt nicht mehr als in der Aufforderung oder dem präskriptiven sprachlichen Ausdruck enthalten ist, man solle dem Gebrechlichen helfen.

Es gibt keinen evidenten, empirischen oder logischen Grund, ethisch zu handeln, indem wir dem Gebrechlichen helfen. Wir können nur konstatieren, daß wir in unserem Umkreis oder unserer Kultur oft, gewöhnlich oder bisweilen so zu handeln pflegen, oder es als unverschämt, verwerflich und schlecht empfinden, wenn dem Gebrechlichen absichtlich, das heißt demnach böswillig, Hilfe verweigert wird.

Aber ist nicht das Tötungsverbot, könnte die moralische Einfalt einwenden, ähnlich wie das Inzestverbot in der menschlichen Natur verankert? Dieser Annahme widerspricht nicht nur die empirische Beobachtung eines fortgesetzten Tötens bei Morden, Raubmorden oder in Kriegseinsätzen und eines wenn auch seltenen rituellen oder kulturell sanktionierten Übertretens der Inzestschranke.

Der entscheidende Einwand ist darüber hinaus dieser: Wäre das Tötungsverbot eine natürliche Hemmschwelle, hätte es nicht den Gehalt einer moralischen Vorschrift, denn so zu handeln, wie es natürliche Neigung oder Anlage determiniert, heißt per definitionem nicht moralisch zu handeln. Wer einen natürlichen Abscheu vor der Tötung von Menschen hegt, handelt instinktgemäß und nicht moralisch, wenn er fremdes Leben schont. Er bedürfte keines Verbots, um so zu handeln, wie er handelt.

Die religiöse Begründung des Tötungsverbots folgt aus der Annahme, es verdanke seine moralische Geltung dem außerordentlichen Ereignis, daß Gott es verkündet habe. Doch dann ist die Voraussetzung der Moral oder der Geltung wesentlicher moralischer Gebote und Verbote der Glaube an Gott, wie uns diese moralischen Vorschriften ja nirgend anders als in der mosaischen Urkunde überliefert sind.

Doch stehen wir sogleich vor einer absurd anmutenden Folgerung: Wenn die moralischen Vorschriften gelten, weil Gott sie befohlen und angeordnet hat, sie demnach Ausdruck seines Willens sind, hätte er auch andere Vorschriften, Vorschriften, die vielleicht das Gegenteil der uns überlieferten implizierten, erlassen können. Denn wenn Gott das moralisch Gute dekretiert, steht er jenseits dessen, was er für gut befindet. Wäre es anders, wäre er durch das von ihm Dekretierte eingeschränkt und in dieser Hinsicht nicht der als allmächtig Geglaubte.

Die Annahme, moralische Vorschriften wie das Verbot zu töten oder zu lügen, könnten aus der logischen Form der Allgemeingültigkeit begründet und abgeleitet werden, weil sie uns sonst mit Inkonsistenzen die Hölle heiß machten, scheitert nicht nur an der empirisch belegbaren Koexistenz und Verträglichkeit unterschiedlicher moralischer Geltungssphären. So ist es uns selbstverständlich, im familiären Kreis und im Umgang mit den Nahestehenden zumeist offen und ehrlich miteinander zu verkehren und kein Blatt vor den Mund zu nehmen, es sei denn aus Rücksichtnahme und Höflichkeit sagen wir nicht die Wahrheit oder sagen die Unwahrheit. Dagegen ist die Verheimlichung von Tatsachen oder die Vorspiegelung nicht vorhandener Tatsachen ebenso selbstverständlicher Teil des Geschäftsgebarens von Unternehmen oder der Politik, mit dem wir jederzeit rechnen und ohne den Institutionen dieser Größenordnung nicht funktionieren würden.

Wenn ich lüge, setze ich dabei stillschweigend voraus, daß die anderen in der Regel die Wahrheit sagen, sonst verlöre meine Unwahrhaftigkeit ihren Witz. Und wenn alle nur immer die Unwahrheit sagten, entbehrte der Begriff der Lüge jeglichen Sinnes. Ja, es ist logisch widersinnig anzunehmen, daß alle die Unwahrheit sagten.

Daraus ersehen wir, daß unsere Suche nach logischen oder empirischen Gründen für die Geltung moralischer Vorschriften ins Leere läuft. Moral ist eben, Kant hin, Diskursethik her, kein Sprachspiel, in dem zur Hauptsache rationale Gründe und Gegengründe angeführt oder abweichende Einstellungen mittels Aufweis logischer oder performativer Widersprüche eines besseren belehrt werden könnten. Der Selbstmordattentäter, der Dutzende Menschen für seinen Gottesglauben in den Tod reißt, hat keine schlechteren Gründe als Mutter Theresa, die ihren Eigenwillen zugunsten des Wohlseins der Armen und Gebrechlichen aufopfert, denn beide handeln nicht aus Gründen, die aus wahren Prämissen als gültig abgeleitet oder durch den Nachweis falscher Prämissen widerlegt werden könnten.

Wir können nur sagen, daß wir es vorziehen, nicht auf die Straße zu spucken, uns anständig zu verhalten und fremdes Leben weitestgehend zu schonen, weil wir so handeln wollen. Und unsere Willensbestrebungen wurden, wie die Wasser einer Quelle in das Bach- und Flußbett, in die sprachlichen und gestischen Gußformen unserer Kultur eingeleitet. Wir können diese Einbettung nicht willkürlich und auf einen Schlag aus der Verankerung heben und in Frage stellen, ohne unser triviales Selbstverständnis zu verlieren oder moralisch verrückt zu werden.

Wir bleiben aber der Tatsache eingedenk, daß unser moralisches Wollen sich nicht an absoluten Maßstäben ausrichten läßt. Denn wenn wir auch das Töten verabscheuen, sind wir doch bereit, das Leben eines Angreifers, der unser eigenes Leben oder das der uns Nahestehenden unmittelbar gefährdet, zu opfern.

Auch wenn dem Gläubigen das Leben als absoluter und unverfügbarer Wert erfahrbar sein und daher der Selbstmord als Tabu erscheinen mag, sollte ihm der Fall des perversen Kindsmörders zu denken geben: Wenn er, der mehrfachen Vergewaltigung und Ermordung von Kindern überführt, aus Einsicht in seine unkorrigierbaren Neigungen seinem Leben ein Ende setzt, um weiteren Untaten vorzubeugen – hat er dann unmoralisch gehandelt?

Wir können denjenigen, der seinem Leben ein Ende setzen will, weil er sein Leben oder das Leben überhaupt angesichts der eigenen Verstrickung in Schuld oder der Bedrückung durch schweres Leid oder angesichts des blutüberschwemmten Tollhauses der Welt für moralisch unwert und für nicht lebenswert hält, nicht durch Argumente vom Gegenteil überzeugen und durch vernünftiges Räsonieren von seinem Vorhaben abbringen. Er könnte vielleicht vor seinem fatalen Schritt bewahrt werden, wenn wir selbst in unserer freundlichen Bekümmernis und unserer tröstenden Zuwendung ein Beispiel für einen wertvollen und lebenswerten Aspekt des Daseins bieten, den er bisher so schmerzlich vermißt hat.

 

Dez 30 17

Philosophische Konzepte: Kehraus II

Wenn die Spiele, wie Wittgenstein erläutert, keine Menge oder Klasse von Gegenständen darstellen, die sich durch ein allen gemeinsames Merkmal oder die Identität einer Eigenschaft auszeichnen, bilden sie einen mehr oder weniger losen Verband oder ein Bündel von Merkmalen, das durch die Ähnlichkeitsrelation mehr schlecht als recht zusammengehalten wird.

Wir können angesichts der sprachlogischen Mannigfaltigkeit der Spieltypen nicht davon reden, daß Schach oder Fußball der reinen und idealen Form oder der Idee des Spiels näher kommen als Blindekuh oder Knobeln oder daß Blindekuh und Knobeln nur im abgeleiteten, uneigentlichen oder übertragenen Sinn Spiele genannt werden können. Die Unterscheidung von wörtlicher und abgeleiteter oder metaphorischer Bedeutung entfällt bei dieser Art der Begriffsbildung, die ohne Rekurs auf ein einsinniges Merkmal und die Identität einer Eigenschaft auskommt.

Wir können natürlich auch angesichts der sprachlogischen Mannigfaltigkeit der Sprachtypen nicht einen einzelnen Sprachtypus wie die Logik aus dem Geflecht oder Bündel herausziehen und sie als Idealsprache oder Normsprache deklarieren, so daß sie uns etwa den Maßstab an Klarheit, Distinktion und Mächtigkeit der idealen Satzformen an die Hand gäbe, um alle anderen Sprachen daran zu messen.

Wir können die Regeln des Schachspiels nicht in den Regeln des Fußballspiels formulieren oder die Regeln eines Spiels in die Regeln eines anderen Spiels transformieren. Das ist die einfache Folge der Tatsache, daß uns kein ideales oder normatives Spiel, kein Metaspiel, zur Verfügung steht. Alles funktioniert, wenn wir innerhalb der Domäne eines Regelwerks bleiben. Dann können wir von einem guten oder schlechten Spieler, von einem ausgezeichneten oder verfehlten Spielzug reden. Doch wir können keine Rochade im Fußballspiel und kein Elfmeterschießen im Schachspiel anwenden.

Wir können die Regeln der Beschreibung und des Berichts (des deskriptiven Sprachspiels) nicht in den Regeln der Aufforderung (des präskriptiven oder adhortativen Sprachspiels) formulieren oder die Regeln eines Sprachtyps oder Sprechakttyps in die Regeln eines anderen Sprachspiels transformieren. Das ist die einfache Folge der Tatsache, daß uns kein ideales oder normatives Sprachspiel zur Verfügung steht. Alles funktioniert, wenn wir in der Domäne einer sprachlichen Verkehrs- und Verständigungsform bleiben oder sie was uns freisteht nur wechseln, wenn wir darin übereingekommen sind. Dann können wir von einem guten oder schlechten Dialogpartner, von einer gültigen oder unkorrekten Sprachverwendung reden. Doch wir können nicht erwarten, jemand verstehe es als Einladung zu unserer musikalischen Soiree am nächsten Samstag, wenn wir den musikalischen Charakter des einen und anderen Musikstücks detailliert beschreiben, das an diesem Abend zu Gehör gebracht werden soll.

Wenn wir keine Begriffe finden, die uns die Einheit einer Mannigfaltigkeit oder die Menge von Gegenständen, die unter sie fallen sollen, einem Faustpfand gleich anheimstellen und garantieren, tun wir gut daran, uns vom Begriff des Begriffs zu verabschieden.

Der Begriff ist die eigentliche Chimäre des abendländischen Denkens. Er gaukelt uns die Scheinexistenz eines der natürlichen Lebenswelt enthobenen Gegenstands vor, dessen wir nur jeweils unzulänglich, vorläufig und en passant in seinen Exemplifikationen habhaft würden. Als wäre die Identität des Merkmals einer geometrischen Figur, drei Seiten zu haben, die mindesten zwei Winkel kleiner als 90 Grad bilden, die gleichsam übersinnliche Bedeutung des Begriffs Dreieck, die wir in den augenscheinlichen Exemplaren eines rechtwinkligen, eines spitzwinkligen oder eines stumpfwinkligen Dreiecks nur unzulänglich, ephemer und traumartig streiften. Als wäre die Identität des Merkmals eines Lebewesens, Einsicht mittels logischer Folgerungen und vernünftiger Argumente gewinnen zu können, die eigentliche Bedeutung des Begriffs Mensch, die wir in den Exemplaren Walter, Peter und Paula nur unzulänglich, fragmentarisch und mangelhaft verwirklicht finden.

Wir kommen zu einer ungewöhnlichen und noch kaum ausgedachten Schlußfolgerung: Wie Schachspiel und Fußballspiel keine Unterbegriffe oder Exemplifikationen des allgemeinen Begriffs Spiel und wie das Sprachspiel der Beschreibung und das Sprachspiel der Aufforderung keine Exemplifikationen des allgemeinen Begriffs der Sprache darstellen, so sind Walter, Peter und Paula keine Exemplare des allgemeinen oder Gattungsbegriffs „Mensch“.

Wenn wir Kehraus machen mit den Allgemeinbegriffen und dem Begriff des Begriffs, so wie bereits erwähnt gewiß auch mit dem Begriff des Bewußtseins. Wenn aber mit dem Begriff des Bewußtseins, dann auch mit all jenen Phantasmen, die uns seinen internen Aufbau und seine mentale Struktur vorgeblich plausibel machen sollen: der Verkettung von Vorstellungen durch das Wirken von Assoziationen oder dem Erlebnisstrom.

Denn deine Gegenwart in der Geschichte, die wir gemeinsam erleben, besteht beispielsweise darin, mich zu einem geselligen Abend einzuladen, dabei ist es gleichgültig, welche Assoziationen von Vorstellungen du durch diesen adhortativen Sprechakt bei mir auslöst (falls überhaupt welche), und es ist gleichgültig, welche Assoziationen von Vorstellungen du selbst mit deiner Äußerung verbindest (falls überhaupt welche), wenn nur ich deine Äußerung als Einladung verstehe und du sie grammatisch unzweideutig als eine solche formuliert hast. Mein Verständnis deiner Äußerung als einer Einladung ist aber kein Teil des Erlebnisstroms meines Bewußtseins, sondern eine Handlung: am genannten Termin bei dir vor der Tür zu stehen.

Wenn wir rückblickend und nicht ohne Verwunderung fragen, was mit solch ominösen und mysteriösen Begriffen wie dem Begriff der Einheit des Bewußtseins oder des Erlebnisstroms gemeint gewesen sein könnte, denken wir beispielsweise an die Geschichten, Anekdoten und Räuberpistolen, die wir anderen erzählen, wenn wir unsere Kindheits- oder Jugenderinnerungen zum besten geben: ein Gemisch aus Fakten und Fiktionen, einzig zusammengehalten von den losen Fäden der temporalen Bestimmungen und Konjunktionen („damals“, „und dann“, „in der Zwischenzeit“), verschwommenen oder kurz aufleuchtenden Bildern, unterbrochen von Leerstellen und durchzogen von Löchern und Rissen, die wir wiederum gerne mit Redewendungen und geläufigen Phrasen aus dem Repertoire des autobiographischen Erzählens stopfen.

Die Einheit des Bewußtseins und des Erlebnisstroms enthüllt sich uns als der Faden oder der aus vielen Fäden gedrehte Zwirn der Geschichten, die wir uns und anderen von unserem Leben erzählen. Auf diese Weise transformieren wir die nichtssagende Pseudotheorie des Bewußtseins in die fruchtbare Betrachtung einer literarischen Form und ihrer rhetorischen Technik: der Erzählung, in die sowohl echter Bericht als auch fiktive Elemente eingehen.

Geraten wir am Ende in die gefährliche Zone, in der Philosophie in Literatur übergeht? Nicht in Literatur, sondern in die nüchterne Betrachtung spezieller Sprachspiele und die handwerklich saubere Anwendung narrativer Techniken des Erzählens auf das, was einmal Bewußtsein, Ich, Subjektivität und Erlebnisstrom genannt wurde.

Die platonisch-aristotelische Begriffsanalyse hat uns die Begriffspyramide übermacht, an deren Spitze ein Allgemeinbegriff der Sorte „Mensch“, „Lebewesen“, „Sein“ als Stern letzter Orientierung aufblitzt, während tief in ihrem Inneren oder ihrem dunklen Grab das mumifizierte ens ineffabile namens Walter, Peter und Paula ruhen, zu ewigem Schweigen verdammt. Ihnen die Sprache zurückzugeben setzt voraus, die Pyramiden des Begriffs abzutragen.

Wir gelangen ins Licht eines neuen Aspekts der Welt, der eher das Zwielicht eines Gartens in der Abenddämmerung sein mag, des Gartens der Sprache, in dem die Bäume, Sträucher, Blumen, Gräser (die Sprachspiele) nicht für etwas anderes stehen, was sie eigentlich bedeuten (den klassifikatorischen Allgemeinbegriff), und in dem sie nicht flüchtig aufscheinende Phänomene einer verborgenen Struktur oder eines verborgenen Wesens (als botanisch bestimmbare Exemplare oder als Signaturen einer göttlichen Schöpfung) darstellen, sondern sich selber meinen oder wörtlich verstanden werden wollen.

Wenn wir den Begriff der Sprache als umfassenden Allgemeinbegriff aus dem Garten der natürlichen Sprache ausgekehrt haben, wird uns auch die Annahme der Totalität oder Allheit zuschanden. Nicht nur weil die Annahme der Menge aller Mengen zu Inkonsistenzen führt, sondern weil die narrativen Formen, in denen wir unsere Lebensgeschichten erzählen, in sich relativ abgeschlossen, kontingent und endlich sind. Wir können nicht, wenn wir von unserer Kindheit erzählen, die Gestalten unserer Eltern und Großeltern oder unserer Lehrer (wie im illusorischen Realismus des klassischen Gesellschaftsromans) als Repräsentanten einer Klasse oder Schicht meinen, in welchen alle Individuen dieser begrifflichen Mengen enthalten sind. Wir nennen die Namen der Eltern und der Lehrer, doch diese Namen sind wie unser eigener Name Knoten in den narrativen Fäden, die sich von ihnen aus ins unabsehbare Wirrwarr und Knäuel anderer Geschichten fortspinnen.

Geschichten, die scheinbar von allen Vertretern einer Gattung erzählen, wie die Ursprungsmythen der Aborigines und Indianer, das platonische Höhlengleichnis, die biblische Genesis oder die Rahmenerzählung der europäischen Aufklärung („Alle Menschen sind …“) betrachten wir als alternative Erzählungen, die wir wie Variationen eines Themas in der Musik goutieren und wie diese nach ästhetischen Kriterien des Reichtums der literarischen Erfindung oder der angewandten Technik bildlichen Sprachgebrauchs beurteilen.

Denn wir reden und handeln im Zwielicht der Welt nicht mehr mit dem Anspruch, daß alle so reden und handeln sollen wie wir selbst oder daß wir so reden und handeln, wie wir es gemäß einer universalen Regel von allen anderen erwarten. Das aber heißt in der Tat, daß wir auch den allgemeinen Begriff der Moral wie vorjähriges Laub aus dem Garten der natürlichen Sprache auskehren. Freilich können wir demgemäß Handlungen von Zeitgenossen, die wir als Zumutungen und Übergriffe empfinden, nicht mit dem Hinweis oder Argument anfechten, daß sie einem moralisch bornierten oder degenerierten Verständnis entspringen, das der universalen Regel oder dem Allgemeinbegriff der Moral verbotswidrig oder auf inkonsistente Weise widerspreche. Wir lassen demnach die Hoffnung fahren, den Handlungsanspruch anderer mittels Rekurs auf den moralischen Allgemeinbegriff der Aufklärung („Alle Menschen sollen …“) argumentativ zu entkräften. Wir können uns der mißliebigen Vertreter uns unzuträglicher moralischer Ansprüche nur erwehren, indem wir uns von ihnen oder sie von uns fernhalten.

Wenn wir nicht mehr von einem allgemeinen Begriff des Menschen oder der Moral ausgehen, können wir andere, die unsere Sicht der Dinge nicht teilen oder ablehnen, nicht durch noch so ausgeklügelte Argumente überzeugen wollen, wie im übrigen die Lebenserfahrung hinlänglich und leidvoll bestätigt. Wir könnten den schweren Jungen, die garstige Megäre der Menschheitsverbrüderung, die holde Fee der Allbeglückung oder den religiösen Fanatiker vielleicht mittels erhellender, amüsanter oder pfiffiger Beispiele pädagogisch traktieren und zu bekehren suchen, es einmal anders zu sehen und einmal anders zu probieren. Aber dazu ist uns die kostbare Zeit zu schade. Lassen wir also in aller Seelenruhe die Don Quijotes der x-ten Auflage der globalen Aufklärung die zur Hauptsendezeit ausgestrahlte Komödie weiterspielen, die gezückte Lanze der moralischen Entrüstung noch dem letzten Hinterwäldler ins widerborstige Sitzfleisch bohren zu wollen.

 

Dez 29 17

Philosophische Konzepte: Kehraus I

Wir kommen am Ende dahin, wesentliche Begriffe der philosophischen Tradition wie „Mensch“, „Gegenstand, „Bewußtsein“ und „Außenwelt“, „Vorstellung und Bedeutung“, „Möglichkeit“, „Ähnlichkeit“ und „Identität“ in Anführungszeichen zu setzen oder ganz aufzugeben. Denn sie entpuppten sich als Projektionen eines Mißbrauchs der natürlichen Sprache oder als Scheinbegriffe ohne eindeutig definierbaren semantischen Bezug. Tun wir dies, dann endet unser Kehraus nicht bei diesen Begriffen, sondern umfaßt auch den Begriff „Philosophie“ selbst, den wir nur noch in Anführungszeichen setzen oder ganz aufgeben – es sei denn, wir stellen ihn in den Horizont einer neuen schöpferischen Tätigkeit.

Wir müssen nicht das Wesen des Menschen ergründet haben oder einen spezifischen Begriff vom Menschen im Unterschied zu allen anderen Lebewesen definiert haben, um zu verstehen, was es heißt, daß viele Menschen sich in einem Saal versammelt haben. Denn wir können stattdessen auch sagen, es hätten sich viele Leute dort versammelt. Wir verstehen, was es heißt, daß Irren menschlich ist, doch um dies zu verstehen, müssen wir nicht einen klar definierten Begriff der Vernunft oder der Moral voraussetzen. Wir könnten stattdessen auch sagen, daß die Leute einerseits öfters danebengreifen, vom Wege abkommen oder sich ein X für ein U vormachen lassen oder daß sie andererseits Dinge tun, die eine Mehrheit ihrer Zeitgenossen für unverantwortlich, verwerflich und sanktionswürdig halten.

Wir könnten natürlich, wenn wir auf den einheitlichen Begriff vom Menschen verzichten, uns damit begnügen, den Exemplaren der Gattung einen beliebig langen Schweif an definitorischen Merkmalen anzuhängen wie animal rationale, animal loquens, animal laborans, animal ludens, animal pingens, animal saltans – doch um den Preis, daß wir uns in der palavernden Runde von Politikern bei einer anderen Sorte Mensch aufzuhalten schienen als bei den schweigsamen Malern einer Meisterklasse oder dem taubstummen Seiltänzer eines Zirkus.

Wenn die alten Griechen ihre Anrainer wegen deren unverständlichen Idioms als Barbaren bezeichneten, haben sie sie aufgrund des Fehlens eines (ihnen) wesentlichen Merkmals in ihrem Begriff des Menschen als andere Sorte von Menschen eingestuft. Und dies erscheint uns post festum oder nach dem Auslaufen des vielbeschworenen „Projekts der Moderne“ oder dem Ende der bisherigen Gestalt des Menschen, wie es harsch und hyperbolisch Michel Foucault auszudrücken beliebte, legitim.

Haben wir einmal von der vergeblichen Bemühung abgelassen, einen einheitlichen Begriff vom Menschen bilden zu wollen, müssen uns Fragen nach der sogenannten Bestimmung des Menschen (Fichte) nicht scheren, geschweigen denn die Fragen uns Kopfschmerzen bereiten, was wir überhaupt wissen können, was wir tun sollen oder hoffen dürfen (Kant). Denn wir sehen ja, daß die Sonne scheint, wir sollten uns daher zur versöhnlichen Aussprache mit unserem Freund in der heiteren Atmosphäre des Parks treffen, und wir dürfen hoffen, das Konzert am heutigen Abend mit dem hervorragenden Dirigenten und seinem Orchester werde ein famoser ästhetischer Genuß.

Sind wir uns einmal darüber klar geworden, daß es etliche Bäume und Sträucher in unserem Garten und etliche Sterne in unserer Galaxie gibt, daß indes die Annahme der Existenz eines Gegenstandes überhaupt oder von Gegenständen in einem Welt genannten Behälter barer Unsinn ist, können wir uns bei den einfachen Beschreibungen von Zuständen und Ereignissen bescheiden, die uns darüber ins Bild setzen, was wann wo vorhanden ist oder wer was wo und wann tut oder getan hat. Und Beschreibungen behandeln wir wie Handlungsanweisungen, analog den Einkaufslisten, bei denen wir die aus dem Regal genommenen Waren abhaken. Seltsame Namen auf der Liste wie „Asphodelen“ oder „das goldene Vlies“, zu denen wir keine Gegenstücke in unseren Regalen finden, versehen wir entweder mit einem speziellen Zeichen (dem Negationszeichen) um anzuzeigen, daß kein Regal mit diesem Etikett existiert, oder setzen diese Namen in Anführungszeichen und weisen sie einem Sprachspiel (wie der Dichtung) zu, das nicht mit rein deskriptiven Ausdrücken operiert.

Über die Fata Morgana des Bewußtseins oder des Subjekts und seiner Vorstellungen hüllen wir uns in Schweigen. Wir kommen klar mit der Aussage, der Verräter habe das Tor bewußt offengelassen, der gemeingefährliche und soziopathische Kriminelle sei sich der Schwere seines Vergehens nicht bewußt oder der Komapatient vegetiere seit Wochen ohne Bewußtsein vor sich hin. Doch wir lassen uns durch Wendungen wie diese, der Sterbende habe sein Bewußtsein bereits verloren oder der aus der OP erwachte Patient habe sein Bewußtsein wiedererlangt, nicht dahingehend täuschen, als sei Bewußtsein eine Entität oder eine funktionelle Eigenschaft wie das Wehen der Gardine, die als „Möglichkeit“ vorhanden sei, auch wenn die Gardine (oder das Gehirn) sich im Ruhemodus befinde.

Wenn es uns nicht rätselhaft anmutet zu sagen, daß der Honig dem Gast süß schmecke, ist es umso weniger rätselhaft zu sagen, daß er sich erst dessen bewußt wurde, wie süß der Honig schmecke, nachdem wir ihn auf die besondere Qualität dieser Honigsorte aufmerksam gemacht hatten. Denn die Aussage, daß wir uns dessen bewußt sind, der Honig schmecke süß, ist eine redundante Form der Aussage, daß der Honig süß schmeckt.

Wenn wir uns das „Rätsel des Bewußtseins“ semantisch vom Halse geschafft haben, scheren uns hinfort angeblich bedrängende und ungelöste oder gar unlösbare Fragen wie die nach dem Verhältnis von Bewußtsein und Leib (Gehirn) oder Bewußtsein und Außenwelt (oder anderem Bewußtsein, vulgo Intersubjektivität) nicht mehr, denn sie sind Scheinfragen, die aus begrifflichen Konfusionen hervorgehen.

Wenn jemand aufgrund des unverschämten Verhaltens der Bedienung seinen Ärger kundgibt, indem er das ausgewählte Kleidungsstück brüsk fallenläßt und hochroten Kopfes, die Tür hinter sich zuschlagend, aus dem Laden eilt, ist sein „Bewußtsein“ (der gefühlte Ärger) ein Teil der „Außenwelt“ (das fallengelassene Kleidungsstück, das Rotwerden, das Zuschlagen der Tür, das Hinauseilen aus dem Geschäft) und wird als solches adäquat und unmittelbar wahrgenommen (von der konsternierten Bedienung, ohne daß sie aus dem Verhalten des verärgerten Kunden auf dessen mentalen Zustand schließen müßte).

Wenn die Frau den Mann mit der Aussage konfrontiert, daß sie ihn verlasse, ist ihr „Bewußtsein“ Teil der „Außenwelt“ in der sprachlich vermittelten „Bedeutung“ der Aussage, daß sie ihn verlasse, die der Mann zu seinem Bedauern wahrzunehmen nicht umhin kann.

Dabei ist die Frau, wenn sie dem Mann mit dem fatalen Satz den Laufpaß gibt, nicht das Subjekt der Vorstellungen, die sie in dem Satz zum Ausdruck bringt oder die sich während sie den Satz ausspricht vor ihrem „inneren Auge“ abspielen, sondern sie ist nichts mehr und nichts minder als die Sprecherin der Aussage, und die Bedeutung dieser Aussage gründet nicht in den Vorstellungen, welche die Sprecherin damit verbindet, sondern in der grammatischen Form des von ihr geäußerten Satzes.

Mit diesem Verfahren bringen wir nach dem Bilde Wittgensteins die Wolken der überkommenen philosophischen Terminologie zum Verdunsten und Kondensieren oder kehren verschwommene und haltlose Begriffe wie „Bewußtsein“, „Außenwelt“, „Vorstellung“ oder „Bedeutung“ aus dem Haus der natürlichen Sprache aus.

Eine dieser düsteren und unheilschwangeren Wolken trägt den ontologisch geweihten Namen „Möglichkeit“. Zu sagen, was wirklich ist, sei eo ipso möglich gewesen, weil es sonst ja nicht wirklich geworden wäre, ist ein ähnlicher Unfug, wie zu sagen, die Frau sei schwanger geworden, weil es möglich war, daß eines ihrer Ovula befruchtet wurde, anstatt zu sagen, ihr Mann habe mit ihr ein Kind gezeugt. Es existiert oder subsistiert kein mögliches Kind in einem virtuellen Raum, sondern das reale Kind existiert in der Gebärmutter.

Zu sagen, der lang erwartete Gast werde möglicherweise durch einen Verkehrsstau daran gehindert, pünktlich einzutreffen, oder er werde wegen eines Unfalls überhaupt nicht eintreffen, heißt nicht, daß die wie eine Chimäre über ihm schwebende Möglichkeit des Staus oder des Unfalls fatalerweise auf ihn niedergestürzt sei, sondern heißt nur, daß er vielleicht später oder überhaupt nicht kommen wird.

Zu sagen, der Student habe die Möglichkeit wahrgenommen, seine Sprachkenntnisse durch Belegen eines zusätzlichen Aufbaukurses zu verbessern, heißt nichts weiter, als zu sagen, er habe es vorgezogen, zweimal die Woche abends an dem angebotenen Kurs teilzunehmen, anstatt mit seinen Freunden die Zeit mit Trinkgelagen oder Dartspielen totzuschlagen. Es heißt nicht, jene Möglichkeit sei als virtuelles Etwas durch seine Aktivität in ein reales Etwas überführt worden. Denn es gibt kein virtuelles Etwas, das wir wie die platonische Idee durch unsere Wahrnehmung und Erkenntnis in ein konkretes Etwas verwandelten oder das wie die aristotelische Potentia aufgrund einer Aktualisierung das Licht der Welt erblickte.

Eine andere Wolke, die nur schwer herabregnet und sich in den winzigen Tropfen zur gewünschten Klarheit kondensiert, trägt die Namen „Ähnlichkeit“ und „Identität“. Wir bemerken die Ähnlichkeit zwischen dem Gesicht von Mutter und Tochter. Doch die Ähnlichkeit ist keine begriffliche Entität oder platonische Idee, die zwischen dem Gesicht von Mutter und Tochter herumschwebte und herumgeisterte. Die Ähnlichkeit ist nur eine Façon de parler, wenn wir etwa sagen, der Ausdruck der Augen der Tochter gleiche dem der Mutter. Eine ebensolche Façon de parler ist die tiefsinnig daherkommende Rede von der Identität. Denn wenn wir sagen, der Mann, der den Namen Sokrates trug, war derselbe Mann, der auch der Lehrer Platons war, sagen wir nicht mehr, als wenn wir sagen, Sokrates war der Lehrer Platons.

Ist aber Sokrates nicht Sokrates und insofern mit sich selbst identisch? Das ist deshalb Unfug, weil sich nur deskriptive Ausdrücke wie „der Ehemann der Xanthippe“ und „der Lehrer Platons“ auf „dasselbe“ beziehen können, nämlich auf „Sokrates“, aber kein Name und kein Ding auf sich selbst.

Können wir Philosophie jenseits der überkommenen Terminologie noch Philosophie nennen? Auch dies ist nur eine Façon de parler. Natürlich sind wir frei, den Begriff fallenzulassen und wie etwa der späte Heidegger dichterisch vom Denken als Andenken zu reden oder uns wie Wittgenstein in der Erzählung von Beispielen natürlichen Sprachgebrauchs zu ergehen. Wir können aber auch nach dem Kehraus der abgenutzten Begriffe und nachdem die Dellen, die wir uns beim Anrennen gegen die mit ihnen errichtete Sprachwand zugezogen haben, abgeschwollen sind, Philosophie als schöpferische Tätigkeit verstehen, mit neuen Begriffen Aussichten auf ein Gelände zu eröffnen, über dem die Wolken scheinbarer Rätsel sich ausgeregnet haben und verschwunden sind.

 

Dez 28 17

Aus aufgeweichten Blättern

Das Schulfenster fliegt auf,
Stöße von Luft,
Fetzen von Gesang,
Nebelschwaden,
aus denen Lachen glimmt,
die Spickzettel der Erinnerung
wirbeln ins Freie.

Ein Spatz setzt sich
auf die schlaffe Leine
zwischen Hauptwort
und Eigenschaftswort,
wippt auf und nieder
und schilpt.

Ein Biber lugt aus
dem Dickicht der Grammatik,
ist schon wieder unter Tage,
die Deklinationen feinen Raspelns,
die unerbittlichen Kommentare
sägenden Nagens
erklingen bis tief in die Nacht.

Regen fällt
auf das dichte Laub
der Metaphern,
es dunkelt unter der Nässe,
die Tropfen springen
von Blatt zu Blatt,
ein jedes bebt und klingt
wie das andere,
ein jedes stammelt und sagt
dem anderen
„Grüß Gott!“
und „Adieu!“.

 

Dez 27 17

Philosophische Konzepte: Aspekt III

Der philosophische Aspekt verweist uns auf eine Grenze des Sichtbaren und des Sagbaren. Er ist eine Art, die Welt zu sehen, doch die Art, wie wir die Welt sehen, können wir nicht wiederum sehen, und die Form, in der wir über das Leben reden, können wir nicht wiederum sprachlich zum Ausdruck bringen.

Wir sagen, daß wir uns ein Bild von der Situation machen. Doch die Ähnlichkeit des Bilds mit dem, was es darstellt, können wir mit dem hier gemeinten Bild nicht begründen. Das Bild, unter dem wir das Ganze des Lebens und des menschlichen Daseins sehen, kann nicht mit dem Ganzen des Lebens und dem menschlichen Dasein verglichen werden.

Bei einem Portraitbild können wir die Gesichtszüge auf dem Bild mit dem Gesicht des Abgebildeten vergleichen, falls er unter den Lebenden wandelt. Aber bei dem Bild, das wir uns vom Leben machen, gibt uns das Gesicht auf dem Bild gleichsam das Original.

Wir können allerdings verschiedene Bilder oder Aspekte miteinander vergleichen. So sehen wir, daß das Leben im Licht des mythischen Aspekts in vielfacher Hinsicht verschieden ist von dem Bild, das uns das menschliche Leben zeigt, wenn wir unter einem philosophischen Aspekt „Mensch“ als Begriff definieren, dessen spezifische Eigenschaft als Logos oder Vernunft bestimmt ist.

Ödipus löst das Rätsel der Sphinx, was dies für ein Lebewesen sei, das am Morgen auf allen Vieren kriecht, am Mittag auf zwei Beinen aufrecht steht und am Abend auf drei Beinen geht, indem er das Losungswort „Mensch“ ausspricht. Wir können nicht erkennen, daß der Held der sophokleischen Tragödie durch die Entdeckung rein menschlicher Kräfte hinter dem Geheimnis der Sphinx oder der alten mythischen Götterwelt das Licht der Aufklärung in das unbegriffene oder unbegriffliche Dunkel der Vorzeit gebracht habe. Denn der Fortgang des sophokleischen Dramas zeigt seine unbegriffene und unbegreifliche Verstrickung in das Schicksal, die er nicht damit endgültig entknotet und auflöst, daß er sich selbst als Detektiv und Richter des eigenen Prozesses als den wahren Täter und eigentlich Handelnden entdeckt.

Wenn uns das Rätsel der Sphinx ein mythisches Bild des menschlichen Lebens gibt, erkennen wir wohl, wie sich die Ohnmacht des Logos am Morgen animalisch gebärdet und wie sich die Macht des Logos am Mittag des azurblauen, schattenlosen Zenits im aufrechten Gang zur Geltung bringt. Indes sehen wir jetzt bei Einbruch der Dämmerung umso deutlicher jenes Wesen, das seinen Weg nur unter Zuhilfenahme einer Krücke weiter- und zu Ende gehen kann.

Im Schicksal des Ödipus ist diese Krücke vielleicht die Blindheit als Strafe seiner Vermessenheit oder Hybris, als reines Vernunftwesen in der Mittagshöhe seiner souveränen Selbstvergewisserung scheinbar ungebunden zwischen Erde und Himmel gestanden und frohlockt zu haben, sehende Blindheit, die den Schmerzensmann in der Folge an der Hand seiner Tochter Antigone zum heiligen Hügel und Altar von Kolonos gelangen lassen sollte.

Im Vergleich mit dem tragischen Bild und Aspekt des Daseins, den uns Sophokles nicht durch die Augen, sondern die Blindheit des Ödipus (oder wie Hölderlin wahrsagt, das dritte Auge des Geblendeten) dartut, bietet das rationale oder sokratische Bild des Daseins dort ein tiefenloses und abstraktes Grau-in-Grau, wo jenes eine Plastizität farbiger Schatten oder ein Chiaroscuro hat.

Wir können auch sagen, daß die Krücke, anhand der wir ödipal Blinde in den Abend unseres Geschicks wandeln, die Sprache ist, die uns nicht die souveräne Aussicht und Einsicht in den Begriff des menschlichen Daseins auftut und gewährt, sondern zugleich das Dickicht oder Labyrinth verzweigter Wege eröffnet und den Faden reicht, an dem wir uns von Abzweigung zu Abzweigung, von Satz zu Satz durch dieses unwegsame Gelände schlängeln.

Doch führt uns dieser Faden oder die Grammatik der Sprachspiele nicht zu einem Ausgang, hinter dem wir die Sonne Platons erblicken. Wir verbleiben im Zwielicht oder Chiaroscuro des Dickichts der Sprache.

Wir lassen uns nicht von dem trügerischen Bild der sokratischen Aufklärung verführen oder blenden, als könnten wir die Wege der Sprache nach einem einheitlichen Maßstab vermessen und mittels einer topographischen Methode der Projektion wie Wege, Orte und Landmarken einer Wanderkarte aufzeichnen, um sie uns als objektives Gesamtbild vor Augen zu führen und den Standort eindeutig zu identifizieren, an dem wir uns befinden.

Wir treffen im Zwielicht und Chiaoscuro des Walds der Sprache, in dem wir uns verirrten, nicht auf einen Seher Vergil, der uns den Standort, an dem wir uns aufhalten, als Aporie eines Irrwegs aufweist und uns zum Ausweg und Rückweg in die Mittagshöhe des Lichts geleitet, nicht auf einen Engel der göttlichen Liebe Beatrice, die uns das Gesamtbild aller möglichen Wege in der großen kosmischen Ordnung unterirdischer, irdischer und himmlischer Sphären zeigt und deutet, Sphären, die harmonisch aus dem Nullpunkt einer göttlichen Vernunft schwingen.

Unsere sprachlich überwachsenen Wege münden nicht in den geradewegs aufsteigenden Königsweg, sondern bleiben Stückwerk, und wir sehen uns gleichsam wie in einem zerbrochenen Spiegel, ohne die Hoffnung, daß er am Ausgang von göttlicher Hand rein zusammengefügt werde. Doch auch wenn dies Wunder sich vollzöge, was könnten wir im reinen Spiegel der Erkenntnis am Abend unserer Tage erblicken? Wir erspähten nicht ein harmonisch vollkommenes menschliches Gesicht, sondern nichts als einen vagen Schimmer und blassen Dunst. Denn uns wurden unterwegs im Zwielicht des Walds der Sprache die physiognomischen Konturen des Kinds und des reifen Erwachsenen nach und nach verwischt und die erkenntlichen Gesichtszüge aufgerieben und vage. So geschieht uns, wie am Hügel von Kolonos dem Ödipus die Entrückung zu den Göttern des Hains, die Auflösung und das Verschwinden in der letzten uns zugänglichen oder gerade noch sichtbaren Lichtung der Sprache.

So verließen und vergaßen wir die maßvoll und besonnen gebahnten Wege der sokratischen Methode zur Anhöhe des Mittags der Vernunft, auf der uns der weite Ausblick auf den unter uns liegenden Wald und das Dickicht der menschlichen Existenz ad oculos demonstriert wurde. Und wir verließen und vergaßen auch diese Anhöhe und diesen Ausblick, denn in der Ferne gewahrten wir andere Höhen und Gipfel, wolkenverhangene, schneebedeckte, die zu erreichen oder gar zu ersteigen wir uns nicht vermessen konnten.

Blicken wir zurück, soweit es die Dämmerung des Abends zuläßt, sehen wir, daß sich unsere Spuren verloren haben wie Fußstapfen im Schnee eines ununterbrochenen Flockengestöbers oder wie Tritte im niedergebogenen Gras, das sich wieder aufgerichtet hat, als hätte es nie jemand gestreift.

Was wir verloren haben, ist der in der Mittagsonne leuchtende Kristall, hart und kunstvoll geschliffen, der Begriff des Menschen. So müssen wir unseren Weg ohne eindeutigen Begriff von uns selbst, ohne klares und einhelliges Selbstverständnis, zu Ende gehen.

Was wir stattdessen fanden, war ein nicht auflösbares Bündel, ein Sammelsurium und Florilegium von Geschichten, die uns von jenen erzählt wurden, die uns zufällig unterwegs begegneten oder die wir in den Herbergen und Raststätten am Weg trafen und die uns von anderen Orten und fernen Wegen sprachen, mit Worten einer uns kaum verständlichen Sprache, die wir nur bruchstückhaft in unser eigenes Idiom zu übersetzen vermochten.

Was wir fanden, waren seltsame Denkmale und Monumente am Rand unserer sprachlichen Wege, mit schwer entzifferbaren Inschriften, die über Ereignisse und Zustände Auskunft gaben, Zeugnisse von Wesen, die uns mit Begriffen vom Menschen und vom menschlichen Leben bekannt machten, die mit unseren Begriffen nur unvollständig übereinstimmten.

Und wir trafen in einem Hohlweg eine alte Frau, die uns nicht vorbeiließ, es sei denn, wir lösten ihr ein Rätsel. Und sie frug nach einem Lebewesen, das am Morgen unverständlich lallt, am Mittag klar und verständlich spricht und am Abend in einem fremdartigen Idiom singt. So mußten wir den Rückweg antreten in den Wald, aus dem wir gekommen waren, denn wir wußten, das alte Losungswort war verbraucht und hatte keine Gültigkeit mehr.

Der Begriff des Menschen löst sich auf und zerstreut sich in einer Mannigfaltigkeit von sprachlichen Wendungen und Praktiken, die von keiner alles durchwaltenden und überstrahlenden Idee vereinigt werden, sei es die Idee des Menschen als Geschöpf, das dunkler oder klarer die Spur des Schöpfers trägt, oder ihre säkulare Gestalt als homo humanus des Humanismus, sei es die Idee des schöpferischen und sich selbst setzenden Menschen des Idealismus und Existentialismus oder der humanitaristischen Ideologie und des zeitgeistigen Geredes von Menschenrecht und Demokratie.

 

Dez 26 17

Philosophische Konzepte: Aspekt II

Wir verwechseln den Aspekt nicht mit der Perspektive, die wir durch Einnahme eines Standorts gewinnen und infolge der Veränderung unserer Position in Raum und Zeit variieren. Denn wenn Robinson auch am Strand entlang seine Insel ganz umrundet, er sieht immer nur das Meer, den Sandstrand und die Palmen. Ob wir kreuz und quer mit dem Fahrrad durch die Stadt kurven oder unseren Wohnort aus großer Höhe vom Flugzeug aus erblicken: Was wir sehen, ist eben die Stadt.

Doch wenn wir im Liniengewirr ein Gesicht erblicken, sehen wir nicht mehr das gleiche Bild, sondern etwas Neues, aber so, daß wir das Neue im gleichen Bild erblicken. Und wenn wir (in der Kipp-Figur) statt eines Hasen eine Ente oder statt einer Ente einen Hasen erblicken, sehen wir gleichfalls nicht mehr das gleiche Bild, sondern ein anderes, aber so, daß wir das andere im gleichen Bild erblicken.

Vergleichen wir dies mit einem Aspekt, der uns sehr ferngerückt erscheinen mag, aber die Literatur- und Kunstgeschichte des Abendlands stark geprägt hat: die mythische Sicht auf das Dasein bei Homer.

Wir greifen ein Detail heraus: Die Götter mischen sich unter die Kämpfer vor Troja, sowohl in die Reihen der Griechen als auch die Reihen ihrer Feinde. Wir erfahren, wie Athene dem Helden Achilleus im rechten Moment erscheint, um seinen Groll zu beschwichtigen und in ihm den Impuls zu hemmen, sich an Agamemnon aus Ärger über die ihm angetane Kränkung zu vergreifen. Wir sagen, in diesem Augenblick habe der stürmische Krieger noch einmal Besonnenheit walten lassen, statt in Rage zu geraten. Homer stellt es so dar, daß die Macht der Besinnung ihm in Gestalt der Göttin Athene von außen entgegentritt. Achill sieht die Göttin leibhaftig vor sich und sie gebietet ihm durch ihr Erscheinen Zurückhaltung, den Umstehenden indes bleibt ihre Gestalt verborgen. Homer sieht das gleiche Phänomen anders, als wir es zu sehen pflegen.

Homer und wir haben dasselbe Phänomen vor Augen: einen Menschen, den ein Moment der Besinnung daran hindert, sich wie wir sagen zu vergessen und loszuschlagen. Für uns ist die Besinnung, wie es Platon und Aristoteles unter dem Aspekt des Menschen als animal rationale sahen, ein integraler Bestandteil der Vernunft. Für Homer ist sie eine den Menschen als Lebewesen zwischen Erde und Himmel überwältigende göttliche Macht, auf derselben Stufe angesiedelt wie der Impuls, den sie hemmt, Zorn und Wut. Doch würden wir von einem jähzornig aufbrausenden Mann, den sein besonnener Freund vor einer Tat, die er bereuen würde, handgreiflich zurückhält, nicht sagen, er habe sich noch rechtzeitig eines Besseren besonnen.

Wir lesen bei Homer, daß die höchste Göttin, Hera, aus gekränkter Eitelkeit ziemlich schlecht auf den trojanischen Prinzen Paris zu sprechen, der sie beim Schönheitswettbewerb alt aussehen ließ (er schenkte ja Aphrodite den goldenen Apfel und nicht ihr), die Gattin des Zeus also höchstpersönlich in die Reihen der Griechen fährt, um ihnen beizustehen. Ihr Beistand besteht nun seltsamerweise darin, daß sie sich in einen der griechischen Krieger namens Stentor, bekannt für sein gewaltiges Stimmorgan, verwandelt und mit der Energie von fünfzig männlich rauhen Kehlen die kampfesmüden Helden zu frischen Taten aufruft und anspornt. Für uns ist unter dem Aspekt der Subjektivitätsbestimmung Kants die Identität des Ich die Voraussetzung dafür, daß einer sich mit eigener Stimme zu Wort meldet. Für Homer indes scheint Stentor mit der fremden Stimme der Göttin zu brüllen. Wir kennen dieses Phänomen bezeichnenderweise nur noch als Symptom religiöser Besessenheit oder psychotischen Wahns. Wir sagen, wenn jemand hysterisch schreit, er sei außer sich oder nicht mehr bei sich. Homer sieht dasselbe Phänomen unter dem mythischen Aspekt, daß der Mann von einer göttlichen Macht namens Hera besessen und überwältigt ist. Uns gilt eine Person, die ihrer Sinne nicht mehr mächtig ist und die Kontrolle über ihre Handlungsimpulse verloren hat, für unzurechnungsfähig und in der Sprache des Gerichts für nicht schuldfähig, weil wir ihr keine Verantwortung für ihre Taten zusprechen. Der homerische Stentor dagegen, aus dem die Göttin Hera schreit, wird von seinen Kampfgenossen durchaus ernst genommen und seine bizarre Aufforderung zu erneutem Kriegseinsatz findet Gehör.

Wir lesen des weiteren in der Ilias des Homer, daß der Kriegsgott Ares, Sohn des höchsten Götterpaares, auf Seiten der Trojaner in den Kampf eingreift und ein wüstes Schlachten und Morden unter den Griechen vollführt. Er wird sodann durch seine Schwester, die Göttin Athene, mittels eines Lanzenwurfs mitten in den Leib außer Gefecht gesetzt und kehrt zum Hohn der Olympischen jammernd zu seinem Vater Zeus zurück, der kein gutes Haar an ihm läßt. Auch die schöne Aphrodite ist sich nicht zu schade, sich in das grausame Gemetzel zu stürzen, gilt es doch, ihren Schützling Paris, der sich als rechter Waschlappen entpuppt und sich feige unter die Helme seiner Kampfgenossen duckt, vor der Wut seines Rivalen Menelaos, dessen Gattin Helena er entführt hat, zu bewahren. Die schöne Göttin wird ihrerseits im Schlachtgetümmel an ihrer zarten Haut von der Lanze des Griechen Diomedes gestreift und zieht sich schmollend in den Olymp zurück.

Daß der Krieg als wilder Gott und Eros als schöne Göttin erscheinen, setzt uns über einen erstaunliche Tatsache ins Bild: Das Dasein unter dem mythischen Aspekt zu betrachten bedeutet, die großen, unabweislichen Mächte des Lebens, in die alles Lebendige von der Geburt bis zum Tode verwoben und verstrickt ist, Gestalt werden zu lassen und als Person gewordene Gestalten zu sehen.

Sollen wir sagen, die Fähigkeit, das Dasein unter dem mythischen Aspekt zu betrachten, bezeuge eine Stufe der Entwicklung des menschlichen Geistes, über die wir dank der Fortschritte der Aufklärung und Wissenschaft zu einer reifen Stufe der Autonomie der Vernunft glücklich und für immer hinausgewachsen sind? Diese Arroganz und Selbstgefälligkeit sei ferne von uns! Denn wir haben in den Dichtungen Hölderlins, Georges und Hofmannsthals Zeugnisse der Wiedergeburt oder der Wiedererinnerung des mythischen Aspekts des Daseins, deren Gültigkeit nur trockene Schulmeisterei oder fanatisch bornierter Fortschrittsdünkel anzuzweifeln sich vermessen.

Die Götter nennt Homer die leicht Lebenden, sie mischen sich wie zum Spiel in die Bedrängnisse des menschlichen Lebens und ziehen sich wolkengleich auf die Höhen des Olymp zurück, die Blessuren, die Aphrodite und Ares im Kampf vor Troja davongetragen haben, sind keine tödlichen Wunden, sie heilen alsbald. Die Menschen aber bleiben den Lebensmächten, die Ares, Aphrodite oder Athene verkörpern, ohne ihnen entfliehen und entrinnen zu können, ausgeliefert. Nur ein unscheinbares Antidot, die harmlose Zauberdroge eines ephemeren Rückzugs vom (Lebens-)Kampf oder wie in der Odyssee von den Mühen der Lebensfahrten, weiß uns Homer: die Kunst. So finden wir Achilleus, der sich grollend bei den Schiffen der Griechen in sein Zelt zurückgezogen hat, wie er sich die trübe und müßige Zeit mit epischem Gesang und dem Spiel auf der Phorminx vertreibt. So wird es uns als edle Kunstübung vorgeführt, wie Odysseus vor dem König der Phäaken und der anmutigen Königstochter Nausikaa von der Mühsal und den Leiden seiner Fahrten mit episch breitem Atem erzählt.

Unter dem mythischen Aspekt erglänzt das, was Menschen kostbar und schätzenswert erscheint, im harten Mittagslicht einer einmaligen und unwiederbringlichen Begegnung und im verfließenden Abendlicht eines unaufhaltsamen Abschieds. So sehen wir mit Hektor, wenn er seiner Gattin Andromache, das Söhnchen Astyanax an der Hand, auf seinem schicksalhaften Gang ins Schlachtfeld begegnet, den Glanz in ihren Augen und den Glanz in ihren Tränen, sehen den Schmerz der Pflicht und des Verzichts in den hohen Zügen des Mannes, aber auch die Rührung des Vaters, der den mächtigen Helm auf den Boden setzt, weil sich der Kleine vor dem wippenden Helmbusch fürchtet, um das Kind auf seinen Arm zu nehmen und sanft zu wiegen. Die Worte, mit denen der Vater eine goldene Zukunft auf den Sohn herabbeschwört, trägt, kaum ausgesprochen, der eisige Atem der Geschichte davon. Die Worte, die Mann und Frau tauschen, verdunkeln die Schatten des unentrinnbar Gewissen, des tragischen Schicksals, das nicht innehält.

Andromache, die Eltern und Brüder verloren hat, beschwört ihren Mann, ihr Vater und Mutter zu sein, ihr und dem Kind das traurige Geschick einer Witwe und eines Waisen zu ersparen. Doch Hektor ruft sogar das trübe Bild herauf, wie Andromache in die Sklaverei verbracht in Argos für Fremde Wasser schleppen und am Webstuhl sitzen wird. Er müßte sich aber vor seinen Leuten schämen, wenn er nicht tapfer sein Los auf sich nehme und in den Kampf ziehe, diese Pflicht zu erfüllen sei er sich und den Ahnen schuldig.

Die tragische Sicht auf das Leben scheint uns durch einen Abgrund von dem uns vertrauten Aspekt des animal rationale getrennt, insofern sich seine Rationalität endlich von allen Verstrickungen und Fatalitäten des Herkommens und der Sittlichkeit emanzipiert hat, um als Kalkül freier Wahl der Befriedigung eigener Interessen zu dienen. Doch mutet dies nur wie ein trügerisches Sophisma an, wenn wir auf unser tatsächliches Verstricktsein in Geschichten blicken, die uns heutzutage von den namenlosen Göttern des Fortschritts, der Technik, der Geschwindigkeit oder des Konsums souffliert werden.

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hektorlied
https://www.youtube.com/watch?v=LUx0SBAj9fc

 

Dez 25 17

Philosophische Konzepte: Aspekt I

Die Arché oder der Urgrund der Vorsokratiker, die Zahl des Pythagoras, die Idee Platons, die Wesensbestimmung des Aristoteles, das Zeitbewußtsein des Augustinus, die Substanz des Descartes, das Ich Kants und Fichtes, das Sprachspiel Wittgensteins, um nur diese zu nennen, sind keine Wahrheiten, sondern ursprüngliche Intuitionen, Sichtweisen und Aspekte ins bislang Ungedachte. Sie ähneln den Sichtweisen der Maler, die sie durch Figuration und Farbigkeit ans Licht bringen, oder den poetischen Anschauungen der Dichter, die sie durch ihre rhythmischen und mimetischen Mittel verwirklichen.

Wir sehen plötzlich in einem Wirrwarr und Labyrinth von Linien ein Gesicht. War es, bevor wir es sahen, bereits im jenem unentzifferbaren Chaos von Linien und Kurven vorhanden, verborgen und versteckt, und wir hatten es bloß noch nicht entdeckt? Hat unser Blick ihm aus dem Nebel des Bedeutungslosen heimgeleuchtet?

Jedenfalls betrachten wir den Wust von wirren Linien, nachdem wir die Züge des Gesichts bemerkt haben, nicht mehr als diesen unsinnigen Wirrwarr, wir können ihn nicht mehr anschauen, ohne daß sich uns das Gesicht zeigt, nachdem wir es einmal gesehen haben.

Wir können den Augenblick, da uns das bedeutsame Phänomen aufgeht, nicht voraussehen, wir können ihn nicht berechnen. Er könnte ganz ausbleiben. Ist das bedeutsame Phänomen aber einmal in unseren Gesichtskreis getreten, können wir es nicht wieder ungeschehen machen oder auslöschen.

Wir erwähnten das Zeitbewußtsein, das sich Augustinus in einer starken Intuition verstörend bemerkbar machte. Dies scheint auf kohärente Weise mit der Tatsache übereinzustimmen, daß Augustinus denjenigen, dem die Zeit fraglich wird, das selbst zeitlich verharrende und ausharrende Subjekt, nämlich sich selbst in seinen Bekenntnissen ins Zentrum seines Nachdenkens gerückt hat. Denn wir können alles zeitliche Geschehen nur vom Augenblick dessen her vergegenwärtigen, der in seiner subjektiven Erlebnisgegenwart sich selber gegenwärtig ist. Den Jetzt-Moment unserer Selbstvergegenwärtigung erfassen wir, indem wir von uns als den jetzt hier Gegenwärtigen sprechen.

Wir können aber vom Erlebnis des Augenblicks aus nicht nur die subjektiv sich eröffnenden Dimensionen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfassen, sondern Differenzierungen in der Wahrnehmung und Darstellung zeitlicher Abläufe vornehmen.

Betrachten wir dazu kurz folgende Beispielsätze:

1.1 Es regnete unaufhörlich.
1.2 Ich spannte den Regenschirm auf.
1.3 Dann bin ich nach Hause gegangen.

2.1 Il pleuvait sans cesse.
2.2 J’ouvris mon parapluie.
2.3 Alors, je suis rentré à la maison.

Wir stellen neben die deutschen Sätze ihre französischen Gegenstücke, weil an ihnen das Gemeinte deutlicher zutage tritt. Sprechen wir davon, daß es unaufhörlich regnete, beziehen wir uns auf einen kürzer oder länger währenden Vorgang der Vergangenheit. Einen sich in der Vergangenheit zeitlich erstreckenden Vorgang (wie auch einen in der Vergangenheit andauernden Zustand) drücken wir grammatisch (im Deutschen und Französischen) mittels der Verwendung des Präteritums oder Imperfekts aus (es regnete, il pleuvait). Dagegen kann der gebildete Franzose (wie auch der Italiener, Spanier, Portugiese, Rumäne und Ladiner) den besonderen zeitlichen Aspekt, daß ein aus der Dauer des vergangenen Ablaufs herausragendes Ereignis oder eine Handlung punktuell vollzogen wird, mittels eines eigenen Tempus, des Passé simple, zum Ausdruck bringen (j’ouvris), während wir im Deutschen mit dem Imperfekt des Verbs vorliebnehmen müssen (ich spannte). Das Passé simple drückt also eine eigenen Zeitsinn aus und bezeichnet in der Vergangenheit liegende punktuell auftretende und in sich abgeschlossene Handlungen. Hinwieder verwenden wir das Perfekt (Passé composé in den romanischen Sprachen), um eine in der Vergangenheit liegende Handlung (oder ein entsprechendes Ereignis) zu bezeichnen, dessen Dauer oder Wirkung bis an die Schwelle der Gegenwart dessen reichen kann, der spricht (Ich bin nach Hause gegangen; je suis rentré à la maison).

Wir weisen darauf hin, daß die Zeitstufen der Vergangenheit uns narrative Kontexte eröffnen: So pflegen wir beispielsweise unter Verwendung des Präteritums Vorgänge und Zustände der Vergangenheit zu schildern oder zu beschreiben, während der Sprecher einer romanischen Sprache über historisch einmalige Ereignisse und Taten berichtet, indem er das Passé simple verwendet.

Wir können demnach zugespitzt sagen, daß uns die Grammatik der Zeitstufen und Aktionsarten intuitiv den Weg bahnt, uns in unterschiedlichen narrativen Ausdrucksformen und literarischen Genera wie der Schilderung und der Beschreibung oder der Erzählung und dem Bericht zu üben.

Das eine wäre die Verstörung durch die Frage nach dem Wesen der Zeit, wie sie uns Augustinus überliefert, das andere ihre Auflösung oder produktive Umformung in Hinblicke oder Sichtweisen, die uns die Grammatik beispielsweise auf die Darstellung zeitlicher Abläufe und Ereignisse der Vergangenheit ermöglicht.

Kehren wir wieder zur Intuition oder dem Auftauchen des bedeutsamen Aspekts im Chaos der Wahrnehmung wie im Beispiel des plötzlich im Linienwirrwarr auftauchenden Gesichts zurück. Hier erkennen wir einen Hauptzug der Intuition: Klarheit und Licht in eine übersichtliche Situation zu bringen und Orientierung in einem unübersehbaren Umfeld. Von dieser Art sind die Aspekte oder Sichtweisen, die uns die Vorsokratiker mit dem Konzept der Arché und Platon mit dem Hinblick auf die Idee geben wollen.

Wenn wir annehmen, daß im Chaos der Erscheinungen eine grundlegende Struktur durch das Walten und die gliedernde Herrschaft eines Urstoffes oder die Kombination der Elemente sich durchhält, erblicken wir gleichsam im Dickicht des Mannigfaltigen das vertraute Gesicht. Wenn wir im unübersichtlichen Text der alltäglichen Rede das eine und andere vorwaltende Thema ausmachen und wie Sokrates im Begriff einer Tugend (Tapferkeit, Besonnenheit, Weisheit, Gerechtigkeit) oder den Ideen des Wahren, Guten und Schönen dialektisch aufspüren und definitorisch fixieren, gewinnen wir Orientierung in einem trügerischen Umfeld. Ähnlich will uns Descartes mit der Unterscheidung zweier wesensverschiedener Substanzen, der geistigen und materiellen, Klarheit und Orientierung über das verschaffen, was wir klar und deutlich ausmachen und sicher wissen können und was nicht. Und wiederum ähnlich will uns das Ich der Idealisten an jenem epistemisch ausgezeichneten Ort verankern, von dem aus wir eine wenn auch transzendental begrenzte Orientierung unserer Erfahrung erlangen können.

Anders verhält es sich mit der Intuition, die Wittgenstein Aspekt nennt. Zwar finden wir auch unter diesem Hinblick ein gewisses Maß an Klarheit und Übersicht, doch nicht weil wir im Mannigfaltigen das Identische sehen, sondern wie bei den unterschiedlichen Spielen gewisse Ähnlichkeiten bemerken, ohne uns aufgrund der Identität der Laut- und Schriftgestalt des Wortes „Spiel“ zur Annahme verführen zu lassen, in der Mannigfaltigkeit all der Spielformen oder Sprachspiele halte sich ein einheitlicher, definitorisch zu fixierender Begriff von Spiel oder Sprache durch.

Doch die Intuition Wittgensteins geht weiter. Sie weist uns auf die Grammatik als ein faktisches Apriori hin, das uns in einer nicht ausdeutbaren Zweideutigkeit einerseits ermächtigt, indem es uns begrenzt, und andererseits ebenso lähmt und an die Wand stoßen läßt, indem es uns beflügelt. Grenzen wir unseren Blick beispielsweise, wie gezeigt, auf die grammatischen Zeitstufen und Aktionsformen der Vergangenheit ein, sind wir fähig, uns in wahrheitsfähigen Beschreibungen und Berichten über das Vergangene auszulassen. Doch werden wir auf der anderen Seite auch von sprachlich kontingenten Eigenheiten wie der semantischen Relation zwischen dem Namen und seinem Träger dazu verleitet, analoge Bedeutungen dort zu suchen und anzusetzen, wo die sprachlichen Ausdrücke semantisch leerlaufen (bei sogenannten Quantoren und indexikalischen Ausdrücken wie „nichts“, „keiner“, „alle“, „ich“) oder wo sie uns begriffliche Hypostasen vorgaukeln (bei Ausdrücken wie „die Tugend“, „das Gute“, „die Wahrheit“, „die Gerechtigkeit“).

Die Aspekte oder Sichtweisen, auf die wir aufmerksam machen, sind weder wahr noch falsch, denn sie bilden keine Schlüsse eines logisch wohlgeformten Arguments. Sie können allerdings dazu anregen, Argumente durch Aufweis von Inkongruenzen und Inkonsistenzen auszubilden, wenn man beispielsweise unter dem Aspekt der Wesensbestimmung des Aristoteles feststellt, daß der Bezug auf Sokrates sich nicht wesentlich ändert, gleichgültig wo sich das Individuum dieses Namens gerade aufhält, oder unter dem Aspekt der Subjektivitätsbestimmung Kants die Inkonsistenz der Perspektive der dritten Person („Ding an sich“) und der Perspektive der ersten Person („Phänomen“) nachweist.

Wir können philosophische Aspekte oder Sichtweisen als mehr oder weniger fruchtbar, anregend und aufschlußreich charakterisieren. Wir können sie einnehmen, erproben und sehen, wie weit wir damit auf den überwachsenen Pfaden des Daseins kommen. Doch lassen sie sich weder aus einsichtigen oder begründeten Prämissen ableiten noch wie die sokratischen Tugenden erlernen. Denn wir vermögen weder willentlich zu kontrollieren noch zu antizipieren, daß und wann der Aspekt des Hasen in der bekannten Kipp-Figur in den Aspekt der Ente oder umgekehrt umschlägt und überspringt.

 

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Dez 24 17

Fühlung der inneren Grenze

Um jedes Wort zittert
der Schatten des Schweigens.

Um jeden Satz wölbt sich
die Wabe des Ungesagten.

Durch jeden Gedanken läuft
die Naht des Ungedachten.

An jeder Wimper kitzelt
die Flocke des Ungesehenen.

An jede Hand streift
der Flaum des Ungetanen.

An jeder Schläfe pocht
die Ader des Ungelebten.

In jeden Kuß mischt sich
ein Tropfen des Styx.

An jeder Zunge prickelt
die Stelle für Charons Münze.

 

Dez 23 17

Weihnacht

Als fielen Tropfen in silberne Schalen,
es wird hell für einen Augenblick,
wenn sie aufprallen und zerspringen,
als erglänze ein Kristall,
der sich tiefer bohrt ins Herz.

Als kämen Schritte über den Flur,
das Trippeln eines kleinen Mädchens,
das Schlurfen einer alten Frau,
sie verstummen an der Schwelle,
als setzte der Atem aus,
bevor sie sich entfernen.

Als prasselte ein Feuer im Herd,
es summen die schmelzenden Scheite,
über das Fell der Dunkelheit rieseln
die Stimmen von einst, die Stimmen
der Ahnen, die erwacht sind
unterm Ächzen faulen Holzes.

Als wäre alles tief verschneit,
alles was da Atem hat kroch
in Nester eines weißen Traums,
die an toten Ästen schwanken.
Hört keines den süßen Schrei
eines Kinds in heller Nacht?

 

Dez 22 17

Philosophische Konzepte: Gespräch

Sokrates eröffnet, führt und schließt das Gespräch. Der sokratische Dialog steht unter dem Stern eines Begriffs, der mal näher, mal ferner, heller oder blasser leuchtet. Erlischt er am Ende, stehen die Teilnehmer der Unterredung im Dunkel oder Zwielicht der Aporie. Ist das Sternlicht indes intensiv und konstant, scheint die Einsicht nicht fern. Wie erst, geht der Stern der Sterne auf, der alle anderen überblendet, die Sonne, auch wenn sie ungefährdet zu betrachten nur die Aura aus Dunst oder das spiegelnde Wasser erlaubt.

Das Licht der Begriffs-Sterne soll, so das Ziel des von Sokrates aufgerufenen methodischen Willens und seiner Gesprächsführungs- oder dialektischen Strategie, vermessen, die Sterne in symbolischen Konstellationen eingeordnet werden, die keine mythischen Namen tragen wie die Tierkreiszeichen, sondern abstrakte Namen wie Tapferkeit, Besonnenheit, Weisheit und Gerechtigkeit, das Wahre, Gute und Schöne. Von ihrer begrifflichen Natur aus betrachtet sind diese Konstellationen Ordnungen und Hierarchien von Begriffen. Der Gesprächspartner soll seinen Blick gleichsam aus dem Dunst und Wirrwarr der nächsten Umgebung in den klaren Himmel dieser aus sich leuchtenden begrifflichen Ordnung erheben.

Eine seltsame Art von Gespräch, eine merkwürdige Art, sich zu unterhalten. Pflegen gewöhnliche Leute wie du und ich doch nur ausnahmsweise zu später Stunde einmal das Fenster zu öffnen und einen Blick auf den Sternenhimmel zu werfen. Ansonsten reden oder plaudern wir über dies und das, über das Wetter, den schlimmen Verkehrsunfall an der Kreuzung, den neuen Chef im Betrieb oder eine lohnende Lektüre, zur Kurzweil erzählen wir uns Anekdoten und Geschichten über den und jenen, und stellen vielleicht fest, daß dein Freund Walter mit mir in dieselbe Klasse der Volksschule eingeschult worden ist.

Unser Gespräch wird nur zwischenzeitlich oder streckenweise durch den perspektivisch verengten oder vereinseitigten Blick auf ein bestimmtes Thema gleichsam enggeführt, wenn wir beispielsweise längere Zeit bei der Frage verweilen, ob der neue Chef recht daran tat, den Büroleiter einstweilen von seiner Funktion zu dispensieren. Ich machte den Einwand, daß sich der Büroleiter etliche Jahre in seiner Funktion bewährt und die Abteilung durch sein geschicktes Management und die Einführung einer neuen Verwaltungssoftware auf Vordermann gebracht habe. Doch mußte ich schließlich einräumen, daß gegen solche an sich triftigen Gründe der von dir vorgebrachte und durch unzweideutige Anzeichen erhärtete Verdacht, der Büroleiter habe seine Position mißbraucht, um Gelder zu unterschlagen, schwerer wiege.

Wir bemerken, daß wir in unserem Gespräch über die vorläufige Entlassung des Büroleiters Gründe für und gegen die Entscheidung des Chefs sowohl angeführt als auch gewichtet haben. Denn schließlich mußte ich mit meinen schwächeren Gründen gegen diese Entscheidung hinter dem von dir vorgebrachten stärkeren Grund für die Entscheidung zurückstehen. Damit haben wir die Entscheidung des Chefs als zumindest vorläufig korrekt, rechtens oder in sokratischer Diktion gesprochen als „gerecht“ gekennzeichnet.

Um zu diesem vorläufigen und mit allen Schwankungen der Wahrscheinlichkeitsannahme versehenen Schluß zu kommen, mußten wir unseren Blick nicht zur platonischen Sternenkonstellation namens Gerechtigkeit erheben. Wir kamen bei unseren Überlegungen gut ohne die seltsame Annahme der Existenz einer Entität und Tugend mit dem Namen Gerechtigkeit aus. Wir haben einfach das Handeln des Chefs unter Hinzuziehung eines plausiblen Handlungsgrunds als korrekte oder der Situation angemessene Entscheidung qualifiziert.

Was brachte einen überaus begabten Denker wie Platon dazu, in solch eklatanter Weise vom alltäglichen Sprachgebrauch abzuweichen, wenn er die seltsame ideale Existenz solcher Begriffe wie der Gerechtigkeit oder der Schönheit postulierte? Wir erklären diesen sprachlichen Exotismus und diese begriffliche Extravaganz aus der alltagsprachlichen Tatsache, daß das Altgriechische wie auch das Deutsche eine Nominalisierung von Adjektiven wie gerecht, schön oder gut möglich macht und erlaubt, als wäre was wir gerecht oder schön nennen gerecht und schön kraft Teilhabe an der Idee der Gerechtigkeit oder Schönheit, wo wir doch gerecht eine Handlung kraft der situativen Angemessenheit der ihr zugrunde liegenden Entscheidung und schön nennen, was uns kraft einer speziellen ästhetischen Anmutung beeindruckt.

Wenn wir wissen wollen, was Schönheit ist, hören wir einmal und mehrmals hin, wie Leute von einer schönen Aussicht, einer schönen Frau oder einer schönen Melodie reden. Und wenn wir sie fragen, weshalb sie die Aussicht schön nennen, erfahren wir, von dort blicke man auf eine weite, nicht zersiedelte und nicht von Schnellstraßen oder Windradkolossen verhäßlichte naturbelassene Landschaft, in der sich ein in der Sonne glänzender Fluß windet, wo Weiden und Birken an unbegradigt sich schlängelnden Ufern ihre belaubten Häupter im Rhythmus der Lüfte schwingen. Und desgleichen hören wir manches vom ausdrucksstarken Auge, der gebieterisch geschwungenen Braue, dem lichtdurchfluteten Haarschopf, den ebenmäßigen, von einem Schönheitsfleck einnehmend irritierten Zügen, dem graziösen Gang und der phantasievollen oder geistreichen Redeweise der schön genannten Frau. Die Melodie aber sei schön, vernehmen wir von dem einen, weil sie zu Herzen gehe, weil sie ihn an die unbeschwerte Jugendzeit erinnere, von einem anderen, oder weil sie weiche und sanft anmutende Klänge wie eine sprudelnde Quelle freigebig auf eine dürstende Wiese zu verschwenden scheine, weil ihre rokokohaft sich zierenden und schmeichelnd zerrinnenden Tonkaskaden, wie der musikalische Kenner anmerkt, sich keiner bestimmten Tonart und Stimmung zuordnen lassen, ihr Ausdruck aber übertöne gleichsam mit heiteren Gesten einen tiefen Schmerz.

Wir stören uns nicht wie Sokrates daran, daß die Leute uns Beispiele und Geschichten erzählen, wenn sie den ästhetischen Eindruck wiedergeben wollen, den sie schön nennen. Warum sollen wir argwöhnen, daß es sich bei der gleichsinnigen Etikettierung dieser ganz unterschiedlichen Eindrücke mit dem Prädikat „schön“ um einen Etikettenschwindel handeln muß, weil auf diese spielerische und nonchalante Art das all diesen Eindrücken vorgeblich zugrundeliegende identische Etwas, der Begriff oder die Idee des Schönen, verfehlt werde?

Uns genügen die Beispiele und Erzählungen von als schön etikettierten Erlebnissen und Eindrücken, wenn sie uns darauf hinweisen, daß es sich bei ihnen nicht um denselben Begriff in verschiedenen Maskeraden, sondern um eine ähnliche ästhetische Anmutung in mehr oder weniger starken Abwandlungen und Variationen handelt, Variationen, die neue Themen aufgreifen oder ein altes Thema gegen den Strich bürsten und gleichsam mit fremden Zeichen und Chiffren übermalen.

So gelangen wir dahin, neben das Etikett „schön“ eine durch diese Ähnlichkeit verknüpfte Mannigfaltigkeit ebenbürtiger Begriffe wie „ebenmäßig“, „harmonisch“, „ausdrucksvoll“, „anspielungsreich“ oder „auf rätselhafte Weise resonierend“ und manche andere noch viel außergewöhnlichere gelten zu lassen, ohne darüber bedenklich zu werden, ob sie sich alle akkurat und säuberlich in die Nischen unter- und übergeordneter Begriffe einer idealen Ordnung und Hierarchie aufpflanzen lassen. Auf diese Weise bereichern wir unser ästhetisches Vokabular, unbekümmert darum, ob alle Beispiele und Paradigmen anhand einer begrifflichen Elle sauber auszumessen sind. So widerstehen wir dem magischen Zwang, der von der Nominalisierug der Adjektive, Adverbien und Verben ausgeht und das mit dem Substativ Gemeinte mit der Aura einer statuen- oder sternhaften Einzigartigkeit oder mit dem Faszinosum einer geheimnisvollen metaphysischen Strahlung umgibt. Haben wir uns einmal von dieser Magie des Begriffs freigemacht, weisen wir eigensinnig und übermütig geworden die Suggestion von uns ab, als müßten alle Anwendungen eines Begriffs notorisch und starrsinnig auf einen festen Bedeutungskern abzielen oder darauf abgerichtet sein. Wir entlassen die Sprache und uns selbst von den leuchtenden Gängelbändern der sokratischen Begriffs-Sterne und schauen, ob die ins bunte Reich des Schönen ausgesandte Taube mit einem grünen oder goldenen Blatt, mit einer roten Kirsche oder einer braunen Nuß im Schnabel zurückkehrt – oder bisweilen auch mit einem sich in Todesangst ringelnden Wurm.

So fliehen wir in unserem Gespräch gern vor Begriffen und nüchternen Abwägungen, um was zu verfolgen? Nichts, nichts weiter, wir haben kein bestimmtes Gesprächsziel, sondern vertreiben uns plaudernd und schwätzend die Zeit, wenn wir wie unausbleiblich auf Kindheits- und Jugenderinnerungen kommen und auf deinen Freund Walter, von dem sich herausstellt, daß er mit mir zusammen die ersten Jahre der Schulzeit verbracht hat. Ich wußte noch, daß der Sohn der Familie Bach aus unserer Nachbarschaft mit mir zur Schule ging, doch hatte ich seinen Vornamen glatt vergessen. Du hast mich allererst darauf gebracht, daß der jüngste Sproß der Bach-Kinder eben kein anderer als dein Freund Walter ist.

Wir haben geplaudert und uns Anekdoten aus der Kindheit erzählt, ohne zu merken, daß wir dabei den philosophischen Gedankentrick der Identitätsrelation angewandt haben. Denn wenn dein Freund Walter das jüngste Kind der Familie Bach ist und wenn ich mit dem jüngsten Kind der Familie Bach gemeinsam die Schulbank gedrückt habe, dann habe ich zusammen mit deinem Freund Walter die Schule besucht. Indes, um diesen Gedanken zu erfassen, mußten wir nicht anhand des spiegelnden Abbilds der Sonne im Wasser über die Idee des Guten spekulieren und aufgrund der Einzigartigkeit dieser Idee postulieren, daß ihre Einheit und Selbigkeit sich in allen einzelnen Dingen und Handlungen, die wir gut nennen und als Einzeldinge identifizieren, widerspiegelt.

Wir nahmen einfach folgendes an: Wenn unsere Beschreibung eines Dinges A eine Bestimmung P1 enthält, die nur diesem Ding zukommt, und wenn unsere Beschreibung eines Dinges B eine Bestimmung P2 enthält, die nur diesem Ding zukommt, dann handelt es sich bei den beiden Dingen A und B um dasselbe Ding, dann und nur dann, wenn ihre Beschreibungen bedeutungsgleich oder synonym sind. Denn es gibt unter deinen Freunden nur einen namens Walter und es gibt nur einen jüngsten Sohn der Familie Bach, der mit mir zur Schule ging. Wenn also dein Freund Walter der jüngste Sohn der Familie Bach ist, dann ging ich mit ihm zur Schule. Auf diese Weise haben wir die erhabene metaphysische Annahme der Existenz der Idee der Einheit oder Selbigkeit in die bescheidene Form der sprachlichen Logik aufgelöst oder vielmehr allererst plausibilisiert.

Wir entdecken, daß unter der Oberfläche unserer alltäglichen Gespräche ein unsichtbares Netz logischer und argumentativer Strukturen ausgespannt ist. Dabei können sich allerdings bisweilen lose Fäden bilden und sich da und dort Verbindungslinien lockern oder gar reißen, ohne daß wir es gleich oder überhaupt bemerken. Wir plaudern weiter, ohne uns daran zu stören. Doch wenn uns eine Inkonsistenz auffällig wird oder ein Ausdruck doppelsinnig vorkommt, können wir den Schaden meist mittels sprachlicher Analyse beheben.

Im Normalfalle sind Gespräche in eine soziale Situation eingebettet, die den Teilnehmern ihre Rollen und dem Gespräch mit seinem Zweck auch das Thema und die korrespondierende Diktion (gleichsam seinen Zungenschlag und Idiolekt) vorschreibt oder ansinnt. Denken wir an das Vorstellungsgespräch, das Prüfungsgespräch oder die Disputation, das Gespräch mit dem Arzt, den Dialog mit dem Psychotherapeuten, das Verhör durch den Untersuchungsrichter oder die fachliche Unterredung mit dem Kollegen im Büro oder im Labor. Solche Gespräche sind terminiert und haben einen konventionellen Rahmen oder Kontext, der uns gewisse semantische Grenzen aufnötigt, die wir nur bei Strafe der Verwirrung oder der Hintertreibung des Gesprächszwecks überschreiten können.

Wir werden nicht die Offenheit und Vertraulichkeit, die wir beim intimen Liebesgeplauder schätzen, oder den Schalk und Sprachwitz, die wir unserem Freund zumuten, bei der ernsthaften Unterredung mit dem Vorgesetzen oder bei der nüchternen Absprache mit dem Versicherungsvertreter an den Tag legen, ohne unseren Zweck zu verfehlen oder Gefahr zu laufen, nicht für voll genommen zu werden.

Indes würden wir auch das lockere und ungezwungene Plaudern, Schwätzen und Tratschen mit dem besten Freund oder der Geliebten ad absurdum führen, wenn wir nicht gewisse selbstverständliche Konventionen der Dezenz, Rücksichtnahme und Feinfühligkeit beobachten, sondern uns etwa großmäulig, girrend oder dröhnend als unwiderstehliche Schwerenöter, alles niedersingende Sirenen und unbesiegbare Erlebenspotentaten aufbauen oder als hochtrabende Besserwisser aufführen, dem andern die Luft durch einen ungebremsten Redeschwall nehmen, ihn schamlos neckend und bleckend hochnehmen oder süffisant an seine Schwächen erinnern und Salz in seine Wunden streuen.

Daß es sich auch bei ungezwungenen Plaudereien um nichts weniger als (ein großes Wort zu gebrauchen) eine Form des sittlichen Weltumgangs handelt, zeigt sich an den fatalen Folgen von Flunkerei und Unaufrichtigkeit, Hochstapelei und Lüge. Dazu zählen nicht nur falsche Angaben und verfälschende Verschönerungen des eigenen Werdegangs vor dem Personalchef oder fremden Orts gepflückte Lorbeeren, die man dem Prüfer im Examen vor die Nase hält. Wir sprechen hier von einer existentiellen Unaufrichtigkeit, die bisweilen den Charakter des Unwillkürlichen und Manierierten annimmt, wenn sie gleichsam auf Dellen und umgeknickte Kanten im Selbstbild zurückgeht.

Wir können Mißverständnisse vermeiden und ausräumen, wenn wir Zweideutigkeiten aufklären oder mittels erhellender Beispiele und Kommentare Licht ins Dunkel bringen. Doch die Mißverständnisse, die aus dem Zwielicht innerer Unaufgeräumtheit und verdunkelnder Selbstverstellung aufsteigen, sitzen wie der Staub in finsteren Nischen tiefer und bedürfen des frischen Winds neuer Erfahrungen, die sie im besten Falle zerstreuen. Solche Erfahrungen können auch darin bestehen, die faulen oder abgestorbenen Zweige sprachlicher Klischees abzuschneiden oder einen neuen Gesprächston zu erproben.

Wir entdecken Blockaden des offenen Gesprächs in allen Formen der Befangenheit, dazu zählen nicht nur unangemessene Verlegenheit und Scheu oder bis zur Verstocktheit reichende Schüchternheit, sondern auch die Befangenheit in wie Masken angewachsenen Rollen, in denen man sich selbst inszeniert, die man aber auch dem Gesprächspartner aufgrund starrer Erwartungen überstülpt.

Wir haben Glück, wenn wir Gesprächspartner finden, deren Nonchalance und Sensitivität uns erlauben, unbefangen zu sein und zu reden, und deren Empathie uns die Zunge löst. Nicht weniger wiegt das Glück, wenn wir selbst den richtigen Ton anschlagen und die richtigen Worte wählen, Worte, die sich dem anderen nicht aufdrängen, sondern ihn ermuntern, eigene zu finden.

Das höchste Glück mag uns freilich geschehen, wenn der Worte genug gewechselt wurden und ein beredtes Schweigen eine tiefere, umfassendere Gemeinschaft bezeugt, die von keinem noch so einverständigen Gerede gestiftet werden kann. Geteiltes Schweigen nährt das Gemüt besser als geteiltes Brot.

 

Dez 21 17

Philosophische Konzepte: semantische Grenze

Wir sehen einen rechten Winkel, penibel mit zwei kurzen Strichen auf weißes Papier gezeichnet. Dann schiebt jemand langsam ein aufliegendes weißes Blatt beiseite, und das vollständige Bild eines Quadrats erscheint, von dem der zuerst erblickte Winkel die linke untere Ecke bildet.

Zunächst sahen wir einen rechten Winkel, dann ein Quadrat. Wenn wir das ganze Bild vor uns haben, wissen wir, daß der Winkel bloß ein Ausschnitt des vollständigen Bilds gewesen ist.

Das vollständige oder kohärente Bild muß das zunächst Wahrgenommene nicht immer wie das Ganze als einen integralen Teil enthalten und umschließen. So sehen wir in einer Filmsequenz deutlich helle Quellwolken sich allmählich von links nach rechts fortbewegen. Dann sehen wir, wie das Bild sich verdunkelt, die Wolken verschwimmen und kleine Wellen sich auf einer Wasseroberfläche fortpflanzen. Jetzt wissen wir, daß es sich bei dem zuerst gesehenen Bild um das Spiegelbild des bewölkten Himmels in einem See gehandelt hat.

Wir sagen, das vollständige Bild gibt uns einen übersichtlichen und verständlichen Zusammenhang, in dem sich die Teile, Ausschnitte oder Fragmente unserer Wahrnehmung einordnen lassen.

Doch könnte uns das vollständige Bild nicht nur offenbaren, daß es sich bei dem zunächst wahrgenommenen rechten Winkel um einen Bildausschnitt handelte, sondern auch, daß sogar das ihn enthaltende Bild des Quadrats wiederum einen Ausschnitt oder echten Teil eines noch größeren, vollständigeren und kohärenteren Gesamtbilds darstellt, nämlich eines sich perspektivisch hinter dem Quadrat als seiner Vorderseite abzeichnenden Würfels.

Vielleicht zeigt sich uns, wenn wir den Kopf heben und wenden, eine sich ringsum öffnende Parklandschaft als das vollständige Bild, von dem der See und die sich auf der Wasseroberfläche spiegelnden Wolken echte Teile oder wie wir auch sagen können Momente darstellen.

Der Würfel könnte seinerseits einen Teil eines platonischen Körpers bilden, wenn er beispielsweise einem regelmäßigen Dodekaeder einbeschrieben sein sollte, und der Park mit seinem See ist naturgemäß von einer größeren Landschaft aus Siedlungen, Wasserwegen, Wiesen und Feldern umgeben, die uns ein noch vollständigeres Bild der Situation bietet.

Wir bemerken, daß wir uns in solchen Verfahren durch Erweiterung und Vertiefung der Perspektive ein vollständigeres Lagebild verschaffen. Und wir erkennen, daß sich dieser Prozess der Ausweitung und Verschiebung der Wahrnehmungsgrenzen ähnlich dem Inhalt einer russischen Puppe, die wieder Puppen und Püppchen enthält, ziemlich weit ausdehnen läßt. Wir kommen wie es scheint immer nur an ein vorläufiges Ende wie bei einem steilen Anstieg, bei dem wir ab und an eine Atempause einlegen.

Bei den bisher betrachteten blickerweiternden Übergängen ins Umfassende oder Umschreibende, in einen umfassenden und umschreibenden Horizont oder Sinnzusammenhang, handelt es sich um kontinuierliche Übergänge, vergleichbar einer sogenannten Interlinearversion, bei der zwischen den Linien oder Zeilen einer alten Handschrift mit beispielsweise lateinischem Urtext eine ziemlich wörtliche Übersetzung, sagen wir ins Mittelhochdeutsche, eingefügt worden ist. Die Übersetzung fügt den Ausgangstext in den Sinnhorizont der Sprache des Übersetzers ein, ohne einen prinzipiell neuen Sinnhorizont gegenüber demjenigen des Urtextes aufzureißen, denn die Interlinearversion will nichts als ein möglichst getreues Spiegelbild des Urtextes in der Zielsprache sein.

Wenn die beiden Linien, welche die Ecke des Quadrats bilden, verlängert und ausgezogen werden, erkennen wir plötzlich zwei sich vertikal überkreuzende Strecken. Wir könnten meinen, bei dieser geometrischen Darstellung liege die Pointe auf dem Punkt, in dem sich die Linien kreuzen. Dann verblieben wir im Dimensionsfeld der euklidischen Geometrie und könnten etwa an das Axiom erinnert werden, wonach Geraden, die nicht parallel zueinander verlaufen, sich notwendigerweise schneiden.

Wenn wir aber mit einemal die geometrische Figur als Wahrzeichen und Emblem des christlichen Glaubens wahrnehmen, springen wir aus der Geometrie in ein ganz anders geartetes Bedeutungsfeld, das religiöse. Der mit dem religiösen Zeichen verknüpfte Inhalt läßt sich nicht wie die geometrische Figur anhand von Axiomen und Theoremen erläutern (auch wenn solche Versuche unsinnigerweise in dogmatischer Manier unternommen worden sind), sondern nur mittels Erzählungen verdeutlichen wie den Erzählungen des Neuen Testaments. Die semantische Grenze zwischen dem logischen Feld der Ableitung von Theoremen aus Axiomen und dem narrativen Feld der Erläuterung mittels Erzählungen, Gleichnissen oder Fabeln scheint klar und wie mit hartem Bleistift gezogen zu sein.

Jemand schildert einem befreundeten Maler eine phantastisch-exotische Landschaft, in der üppige Blüten von innen allmählich stärker aufleuchten, wenn man sich ihnen nähert, und das Wasser der Flüsse und Seen je nach der Stimmung des Passanten seine Farbe wechselt. Der Maler läßt sich von dieser Beschreibung zur Verfertigung eines vielleicht surreal anmutenden Gemäldes anregen, das er hernach seinem Freund kommentarlos zeigt, in der Meinung, er werde es auf Anhieb als wenn auch transfigurierte oder verzerrte Widerspiegelung seiner Beschreibung erkennen. Der Freund indes mag vielleicht interessiert auf das Bild schauen, doch ohne die erhoffte Reaktion einer Reminiszenz. Wie sich herausstellt, hatte er von jener Landschaft nicht phantasievoll fabuliert, sondern sie in einem nächtlichen Traum erblickt.

Wir bemerken demnach eine semantische Diskontinuität oder Inkongruenz zwischen der Traumbeschreibung und ihrer malerischen Wiedergabe, die so gravierend ist, daß der Träumer seinen Traum im gemalten Bild nicht wiederzuerkennen vermag, obwohl der professionelle Künstler sämtliche Hinweise und Details seines Traumberichts berücksichtigt hat.

Wenn ich meinen Seheindruck von der üppigen Blumenpracht einer Frühlingswiese beschreibe, rede ich vielleicht von dem blauen Veilchen, dem gelben Hahnenfuß, der rötlichen Küchenschelle und dem saftig grünen Gras. Ich verwende also die konventionellen Pflanzennamen und die ihnen entsprechenden Farbbegriffe. Wenn ich dagegen meinen visuellen Eindruck als reine Sinnesdaten beschreiben soll, kann ich nur von gewissen im Sehfeld kreuz und quer verteilten mehr oder weniger deutlichen oder verschwommen Farbflecken reden.

Hier stoßen wir auf die semantische Diskontinuität oder Inkongruenz zwischen alltagssprachlicher Beschreibung und Beschreibung von Sinnesdaten. Wir erkennen die semantische Bruchlinie zwischen diesen Beschreibungstypen an der Tatsache, daß jemand, dem wir die Beschreibung der Sinnesdaten im Sehfeld vorlegen, nicht im Traum darauf kommt, daß es sich dabei um den Seheindruck von blauen Veilchen, gelbem Hahnenfuß, rötlichen Küchenschellen und saftig grünem Gras handeln soll.

Wenn ein Botaniker die Frühlingswiese unter die Lupe nimmt und sorgfältig beschreibt, wird er tausend Details aufführen, die dem ungeschulten und oberflächlichen Blick des Laien entgehen, der immerhin noch ein Veilchen von Hahnenfuß und Küchenschelle unterscheiden kann.

Wir sagen in verdichteter Terminologie: Das empirische Feld, das uns durch die Sinnesorgane zugänglich ist, erweist sich als ein solches, das eine unbegrenzte Tiefe, Dichte und Variationsbreite möglicher Beschreibungen zuläßt. Es ist deskriptiv unerschöpflich.

Greifen wir das Beispiel des Traums und der Traumbeschreibung wieder auf. Die Beschreibung von Träumen ist nicht nur weniger dicht und variantenreich als die empirische Beschreibung, sondern mündet oder versandet bald in sprachlichen Floskeln und Klischees. Denn die geträumte Wiese hat nicht die farbliche und gestalterische Differenziertheit und den Nuancenreichtum wie die gesehene Wiese. Wir erschöpfen uns schnell bei unserer Beschreibung eines Traums, in dem wir über eine Blumenwiese im Frühling gestreift sind, mit klischeehaften Wendungen der Art, die Wiese sei bunt oder voller Blumen gewesen.

Wir ersehen daran, daß sich gewisse semantische Grenzen wie jene zwischen Normalsprache und Sinnesdatensprache oder zwischen empirischer Beschreibung und Traumbericht nicht oder kaum verschieben lassen. Wir nehmen sie demgemäß einfach hin, wie sie sind, und richten unser Augenmerk besser auf die Pointe oder den Witz des unterschiedlichen Gebrauchs der Sprache, der durch diese Grenzen abgesteckt ist. Denn der Zweck der botanischen Beschreibung mag eine ökologische Bestandsaufnahme der gefährdeten Landschaft sein, der Witz der Traumerzählung erfüllt sich nicht mittels der präzisen Klassifikation der im Traum gesehenen Pflanzen, sondern in dem besonderen Aspekt oder Licht, in dem wir selbst und unser Verhältnis zu demjenigen erscheinen wollen, dem wir den Traum erzählen.

Sichten wir abschließend noch die semantische Grenze zwischen Erinnerung und empirischer Beschreibung auf Grundlage sinnlicher Wahrnehmung. Die Erinnerung hat nur in Ausnahmefällen, bei Genies des Erinnerns wie Peter Kurzeck oder Vladimir Nabokov, jene Dichte und Detailbesessenheit, die wir selbst, minder begabte Gedächtnisakrobaten, leichter von der sorgfältigen, konzentrierten und gewissenhaften Beobachtung des gegenwärtigen Umfelds einheimsen und nach Hause tragen können. In den meisten Fällen schwimmen unsere Erinnerungen wie ausgebleichte gelbe Blätter im Herbst auf unruhig wogendem, trübem Gewässer. In ihrem gewöhnlichen Mangel an ereignisreicher Dichte und gegenständlicher Farbigkeit ähneln unsere Erinnerungen den Traumberichten.

Aus diesem Grund kann sich die mit Akribie und Wahrheitsliebe betriebene Historiographie nicht nur auf subjektive Erinnerung stützen, wie sie etwa in Memoiren oder Autobiographien vorwaltet, sondern muß möglichst durch Dritte gut bestätigte Zeugnisse von Augen- und Ohrenzeugen oder historische Dokumente zu Rate ziehen, die der vergangenen Gegenwart angehören, die sie beschreibt. Und selbst bei solchen Dokumenten muß sie, wenn es sich nicht um unzweideutige und besiegelte Urkunden wie Verträge, Testamente, Erbscheine oder notarielle Beglaubigungen handelt, ihren echten Aussagekern durch methodische Analyse und hermeneutisch ausgefuchste Verfahren herausschälen.

Wir sollten nicht davon reden, daß die historische Gestalt Octavians und des Kaisers Augustus, wie wir sie aus historiographischen Urkunden und Quellen Stück für Stück zusammensetzen können, in den Oden des Horaz oder im Werk des Vergil verbogen und verzerrt werde. Die Dichtung hat eine eindeutige und scharfe semantische Grenze zum historischen Bericht, und der Dichter verteidigt sie und wehrt barbarische Übergriffe auf sein ästhetisches Territorium ab. Das schillernde, mit seltsamen Emblemen bestickte oder auch aus grellen Flicken zusammengestoppelte Gewand der Dichtung gleicht nicht der prosaischen Alltagskleidung der Historiographie, wie Dichtung auch auf etwas anderes aus ist oder einen andere Pointe, einen anderen Witz hat als jene. Ihre eigentümliche Atmosphäre entspringt wie in den Oden des Horaz beispielsweise dem didaktisch-moralischen Zweck, das Idealbild eines großgesinnten und weitblickenden Herrschers zu zeichnen (vergleichbar den Fürstenspiegeln des Mittelalters), oder verfolgt wie im Epos des Vergil den didaktisch-prophetischen Zweck, Augustus und sein Imperium als endliche Erfüllung der schicksalhaften Berufung seines Urahns, des troischen Aeneas, deutend zu beschreiben oder beschreibend zu beschwören.

Die Existenz vielfacher semantischer Grenzen zwischen Sprechhandlungen, die nicht vergleichbaren grammatischen Strukturen und sinnunverträglichen Verständnishorizonten zugehören, sollte uns nicht beunruhigen. Denn in Wahrheit überspringen wir diese Grenzen tagtäglich mit Leichtigkeit, wenn wir von einem Sprechakt zum anderen wechseln. Beunruhigen sollte uns dagegen das sinnwidrige und Verwirrung stiftende Bemühen, mittels einer Einheitsübersetzung oder eines pseudometaphysischen Esperantos eine sprachliche Ebene auf die andere oder gar alle auf eine (wie „des Lebens goldnen Baum“ auf seine physikalisch-chemischen Bestandteile oder unsere Gedanken auf Gehirnvorgänge) abzubilden und zu übersetzen. Lassen wir also unsere Träume bisweilen ungedeutet stehen und pressen sie nicht durch das Sieb einer einsinnigen Hermeneutik. Lassen wir den edlen Wein der Dichtung nicht von dünkelhaften Doktrinären in den weißen Kitteln wissenschaftlicher Hygiene oder von zudringlichen Maulhelden in den fleckigen Latzhosen vorgeblich menschenfreundlicher Pädagogik unter Zusatz verdünnender, zuckerhaltiger Lösungen panschen und dem vulgären Geschmack als billigen Tafelwein verkaufen.

 

Dez 20 17

Philosophische Konzepte: Zweideutigkeit

Dein Freund Walter hat dir, wie er es versprochen hat, das Buch, das du ihm ausgeliehen hast, zur verabredeten Zeit unbeschädigt zurückgegeben. Du magst sein Verhalten korrekt oder anständig nennen, dein Vertrauen in den Menschen wird vielleicht wachsen, sodaß du bereit bist, ihm auch zukünftig den einen oder anderen Gefallen zu tun.

Sollen wir aufgrund dieses Beispiels annehmen, Walter habe anständig gehandelt, weil er einen anständigen Charakter habe, weshalb er die Neigung zeige, in ähnlichen Fällen sich ähnlich korrekt zu verhalten, also annehmen, er werde dir auch eine Summe Geld, die du ihm ausleihst, wieder pünktlich zurückbezahlen?

Doch könnte es geschehen, daß Walter, solltest du ihm aufgrund des ihm zugebilligten Vertrauensvorschusses tatsächlich Geld geliehen haben, es dir nicht zum verabredeten Zeitpunkt zurückzahlt. Wirst du denken, er könnte in noch größere finanzielle Not geraten sein, ob selbstverschuldet oder unfreiwillig? Er schäme sich vielleicht seines Versagens und habe den peinlichen Rückzahlungstermin stillschweigend verstreichen lassen? Würdest zu seinen Gunsten annehmen, er habe gewiß die Absicht, sich bald zu melden oder dir zu schreiben und sich schriftlich zu erklären? Beschleicht dich gar die Ahnung, Walter könnte in ernsthaften Schwierigkeiten oder erkrankt sein? Oder wärst du in dieser Situation eher versucht, das positive Bild, das du dir über Walters Charakter gemacht hast, in Frage zu stellen und vielleicht zu revidieren – und der Gedanke an Anstand käme dir zunächst nicht mehr ohne weiteres in den Sinn, wenn du an deinen Freund Walter dächtest?

Nehmen wir an, Walter habe sich bald bei dir gemeldet, sich für sein Versäumnis entschuldigt und dir am nächsten Tag das Geld ausgehändigt. Jetzt scheinen alle Zweifel ausgeräumt und der Charakter deines Freundes in seiner Geradheit und Anständigkeit wieder offen zutage zu liegen. Doch wenn du eines Tages erfahren solltest, daß er die Geldsumme, die er dir ganz korrekt ausbezahlt hat, heimlich der schwarzen Kasse des Ladens, in dem er angestellt war, entnommen, also gestohlen hat?

Wir finden andere Beispiele, die uns vor Augen führen, daß unsere Erwartungen nicht nur hinsichtlich des Verhaltens anderer im allgemeinen, sondern hinsichtlich ihrer moralischen Einstellungen im besonderen bisweilen bestätigt, manchmal indes enttäuscht und wir eines besseren belehrt werden. So erfahren wir von einem, den wir wegen seiner Trägheit und Nonchalance nicht gerade zu den heroischen Charakteren zählten, er habe sich überaus tapfer verhalten, als er in ein brennendes Haus vorgedrungen sei und ein kleines Kind aus dem Inferno gerettet habe.

Gilt nicht, was wir von bestätigten und widerlegten Annahmen über das Verhalten anderer sagten, a fortiori von uns selbst? Sind wir nicht bisweilen in mißlichen Situationen der Gefahr oder Unsicherheit gleichsam von uns selbst überrascht, weil wir tapfer oder gelassen reagierten, obwohl wir uns selbst eher als hasenfüßig oder unbeherrscht einschätzen? Müssen wir demnach, wie wir das Bild, das wir uns von anderen machen, je nach der Bestätigung oder Widerlegung unserer Erwartungen, gleichsam abrunden oder übermalen, auch unser Selbstbildnis im Verlauf unserer Lebenserfahrung erweitern oder übermalen?

Wenn wir jemandem eine moralische oder psychologische Eigenschaft mittels Eigenschaftswörtern wie anständig und korrekt, tapfer und mutig, gelassen und beherrscht oder ihrer Gegenteile wie gerissen und tückisch, feige und hasenfüßig, jähzornig und unbeherrscht zuschreiben, sprechen wir über unsere Erwartung, daß jemand sich in bestimmten Situationen so oder anders verhält. Die Liste solcher Eigenschaften, die unsere Erwartungen hinsichtlich der Zuschreibung moralischer oder psychologischer Eigenschaften von Personen betreffen, ist lang und enthält neben Eigenschaften wie pfiffig und verschlagen, ehrlich und verläßlich, fürsorgend und selbstsüchtig, verantwortungsbewußt und rücksichtslos auch die sogenannten Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit.

Wir schließen nicht aus der Tatsache, daß wir im Gegensatz zu Eigenschaften wie Größe, Farbe oder Gewicht eines Gegenstands, die sinnlich wahrnehmbar sind, Eigenschaften wie Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit als intelligible oder geistige Eigenschaften auffassen müßten, weil sie uns als solche nicht unmittelbar sinnenfällig vor Augen treten. Vielmehr gehen wir davon aus, daß diese Eigenschaften nichts weiter bezeichnen als unsere Beobachtungen, wie und in welchem Ausmaß Personen in relevanten Situationen weise, tapfer, besonnen oder gerecht handeln. Und weil wir bisweilen oder des öfteren beobachtet haben, daß sich jemand beispielsweise in angespannter Lage zurückhaltend, gelassen und abwägend verhalten hat, erwarten wir, daß er sich bei nächster Gelegenheit nicht anders, sondern ebenfalls besonnen verhalten wird. Doch unsere Erwartung hat keine stabilere und festere Basis als eine Annahme über ein beliebiges zukünftiges Verhalten einer Person und ist demgemäß eine mehr oder weniger begründete, aber keineswegs gewisse Hypothese.

Moralische Eigenschaften sind ein spezieller Typus psychologischer Eigenschaften, die denselben semantischen und epistemischen Kriterien der Beschreibung und Identifizierung unterliegen. Wir beschreiben beide als Neigungen und Verhaltenstendenzen, wir erkennen beide an typischen Formen der Äußerung, des Gebarens und Handelns.

Vergleichen wir in diesem Lichte die beiden Aussagen:

Schon bei geringen Frustrationen neigt er zur Zornausbrüchen.
Auch in ausgelassener Runde neigt er zur Mäßigkeit.

Den Unterschied von moralischen und psychologischen Eigenschaften können wir kurz so skizzieren: Schwerfälligkeit oder Flinkheit, rasche Auffassungsgabe oder Stumpfsinn, Jähzorn oder Sanftheit, Ängstlichkeit oder Forschheit, Melancholie oder Heiterkeit sind charakterliche Prägungen, deren genetische Grundlage tiefergreifenden Erziehungs- und Umerziehungsmaßnahmen widersteht. Zwar haben auch moralische Eigenschaften wie Tapferkeit, Mäßigkeit und Besonnenheit eine charakterliche Verankerung, denn das jähzornige oder ausschweifende Naturell wird kaum die Neigung zur Gelassenheit und Mäßigung an den Tag legen. Doch können moralische Eigenschaften bei guter Veranlagung durch Übung und Erziehung an Prägnanz und Stabilität gewinnen. Dennoch gereichen dem noch so Intelligenten noch so ausgetüftelte intellektuelle Übungen nicht zu jenem Maß an Weisheit im Urteil und Handeln, das den weniger Intelligenten befähigt, das Bessere vom Guten zu unterscheiden oder statt den bequemen Weg ins Verderben den steinigen Weg zum seltenen Glück der Selbstüberwindung zu wählen.

Urteile über moralische Eigenschaften sind demnach Hypothesen über das zukünftige Verhalten von Personen unter Anwendung genereller Prämissen über die Wahrscheinlichkeit der Stabilität und Konstanz eines solchen Verhaltens. Die generellen Prämissen sind Erfahrungsregeln. So unterstellen wir beispielsweise Personen, die sich in herausragenden Gefahrensituationen besonnen oder tapfer verhielten, daß sie in weniger herausragenden, doch immer noch angespannten Situationen in gleicher Weise reagieren werden.

Betrachten wir folgende induktive Schlußfolgerung:

Wenn jemand sich unter Lebensgefahr als tapfer erwiesen hat (weil er beispielsweise ein Kind aus einem brennenden Haus gerettet hat), dann wird er sich auch in weniger gefährlichen Lagen tapfer zeigen.

Doch nichts schließt aus, daß unser Held bei nächster Gelegenheit das Weite suchen wird. Und sollte er sich demnächst bei einer geringeren Herausforderung hasenfüßig verhalten und die Beine unter die Arme nehmen, werden wir auch hinsichtlich seiner früheren Heldentat bedenklich: Könnte es sein, daß er als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr die Gefahr durch die Flammen, aus denen er das Kind gerettet hat, anders als das erschrockene und bewundernde Publikum, nämlich sachverständig und nüchtern als geringer einschätzte, als es den Anschein hatte? Könnte er damals den Helden markiert haben, weil sich eine von ihm umworbene Dame unter den Zuschauern des Unglücks befand, die er beindrucken wollte, sodaß sein Motiv zumindest ein gemischtes war, Tapferkeit und Geltungssucht?

Wir schließen aus diesen Überlegungen, daß wir von moralischen Eigenschaften nur im Horizont unserer Erwartungen hinsichtlich des Verhaltens im Kontext unsicherer, mehr oder weniger wahrscheinlicher induktiver Folgerungen sprechen können. Moralische Eigenschaften sollten nicht mit physischen Dispositionen verwechselt werden, denn diese sind mittels einer kausalen Erklärung eindeutig beschreibbar und identifizierbar wie die Disposition des Fensterglases zu zerspringen, wenn es von einem Stein getroffen wird, während wir uns einen zweiten Sokrates vorstellen können, der wie der Lehrer Platons seine Tapferkeit bei etlichen Gelegenheiten seines Lebens wie in den Feldschlachten des Peleponnesischen Krieges bei Potidaia und Delion unter Beweis gestellt hat, aber am Ende seines Lebens mithilfe seiner Schüler die feige Flucht aus dem Gefängnis wählte.

Doch würden wir angesichts dieser weniger idealen Version von Sokrates unterstellen, sein tapferes Verhalten im Krieg gerate unter der Retrospektive seiner Flucht aus dem Gefängnis in ein verdächtiges Zwielicht? So wie Judas, der zeitlebens ein guter Apostel seines Herrn gewesen sein mag, dessen ganzes Dasein aber aufgrund seines Verrats in ein unauflösliches Zwielicht getaucht wurde?

Betrachten wir negativ konnotierte Eigenschaften wie Verachtung und Haß. Kommen wir hier, was die Beschreibung und Identifizierung betrifft, nicht auf sicheren Grund? Doch können wir beispielsweise den Haß eindeutig entweder als psychologische oder moralische Eigenschaft ausweisen? Wir werden dem empfindsamen oder neurasthenischen Menschen, der gegen Lärm allergisch ist und es haßt, wenn er in seiner stillebedürftigen geistigen Arbeit durch den Radau der Nachbarn oder das Schrillen der Kreissäge gestört wird, diese starke Abneigung als psychologische Eigenschaft zuschreiben. Was aber sagen wir, wenn er jahrelang unter dem Krakeelen der im Hof spielenden Nachbarskinder zu leiden hatte und sich am Ende seine Aversion gegen diesen Lärm auf seine Quelle, die Kinder, überträgt? Haßt er nun diese Kinder oder haßt er gar Kinder überhaupt, wie er selber auf Befragen zugesteht, und würden wir annehmen, seine psychologische Eigenschaft der Aversion gegen Lärm sei in die moralische Eigenschaft des Hasses auf Kinder umgeschlagen? Doch im Sommer sahen wir ihn im Park, ein kleines Mädchen an der Seite, mit dem er in einem Bilderbuch blätterte und die abgebildeten Tiergeschichten liebevoll ausfabulierte.

Was ist aber der Haß, was die Verachtung? Nichts mehr und nichts weniger als die Neigung, bei Gelegenheit und in bestimmten Situationen sich aversiv oder aggressiv zu verhalten. Der Feingeist, der die Vulgarität verachtet und die Dummheit haßt, flüchtet aus dem Trubel und lauten Gewimmel des Jahrmarkts oder läßt sich gar, wie Wittgenstein als Volksschullehrer, dazu hinreißen, den dummen Buben, der verstockt ist und nichts begreifen will, zu ohrfeigen. Werden wir sagen, hier sei eindeutig die psychologische Abneigung dem moralischen Fehlverhalten beigesprungen oder in das moralisch verwerfliche Handeln übergesprungen? Doch können wir nicht sagen, Wittgenstein habe den dummen Schüler gehaßt, denn er hat auch für ihn sein Wörterbuch für Volksschüler in den mühsam seiner Erholungszeit abgerungenen Abendstunden verfertigt.

In manchen oder vielen Fällen ist der Haß der Ausdruck der verletzten, gekränkten, vergifteten Liebe, und die vergiftete Liebe vergiftet auch den Liebenden oder bohrt sich wie ein Messer in sein Herz. Denn so wie Woyzeck das Messer gegen seine Geliebte richtet, bohrt er es zugleich in sich selbst, er hat sein Leben mit der schrecklichen Tat verwirkt.

Dürfen und sollen wir ausnahmslos die Unzweideutigkeit oder Eindeutigkeit des Hasses behaupten, da wir wissen, daß er der Schatten der Liebe ist? Und ist nicht Liebe, menschlich gesprochen, die Bevorzugung, die Erhebung und gleichsam die Krönung des einen geliebten Wesens vor allen anderen, die dagegen in die graue Masse der Gleichgültigkeit oder des herabgeminderten Mitfühlens herabsinken? Und wird nicht der Liebende einen jeden hassen, der ihm die Geliebte streitig oder abspenstig macht, sei es ihre mißgünstige Mutter, sei es einen Rivalen oder gar den Tod, der ihm das geliebte Wesen zu rauben droht? So daß wir also zu dem Schluß kommen, Liebe impliziere die Bereitschaft zu hassen? Das uns als lichtzugewandte Seite des Lebens erscheinende Fühlen, Sinnen und Wollen impliziere die moralisch verwerfliche dunkle Seite des Lebens?

Wir geraten, wie es scheint, in unserer Beurteilung und Zuschreibung moralischer Eigenschaften von Personen immer wieder auf schwanken Grund und in einen manchmal nicht auflösbaren Nebel der Zweideutigkeit.

 

Dez 19 17

Am Fenster

Ich schaue aus dem Fenster,
da geht wer und winkt.
Bist du es, die mir winkt?
Winkst du mir zum Gruß,
winkst du zum Abschied?

Winkst du gar nicht,
winkst also mir nicht,
und winkst niemandem,
verscheuchst nur eine Mücke,
ein lästiges Insekt?

Du könntest rufen,
oder weißt du meinen Namen nicht mehr,
oder verschluckte deine Stimme
das Schrillen der Schwalben,
das jetzt die Dämmerung zerschneidet?

Gilt dein Winken nicht mir,
sondern einem fremden Gesicht
im spiegelnden Fenster des Traums,
dem ich mein Lächeln lieh,
und nun gehst du schon weiter,
als wäre es erloschen?

Ich stürze die Treppe hinab
wie ein erhitztes Kind,
und beschämt stehe ich dort
vor einer Unbekannten,
die mich verlegen nach dem Weg fragt.

 

Dez 18 17

Magie des Worts

Das Wort Wald riecht nicht nach Moos und Birkenharz,
das Wort Meer läßt dich im Trocknen stehn,
das Wort Sonne wärmt dich nicht.

So hauch nur „Wald“ der lauen Sommernacht
in einem fort ins Ohr,
psalmodiere „Meer“, „o Meer“,
bis deine Augen glänzen,
so nimm ihr Bild und seufze „Sonne mein“,
wenn du sie liebst –

ist dir nicht,
als führe bemooster Pfad der Sommernacht
dich durch den Birkenhain,
als rausche Brandung näher schon
und Morgen schwinge
über einer Düne nackte Schulter
seinen blonden Schopf?

 

Dez 17 17

Philosophische Konzepte: Müssen

Wir betrachten hier die Semantik und Grammatik des Gebrauchs des modalen Hilfsverbs „müssen“ und einiger mit ihm verwandter modaler Ausdrücke wie „nicht können“, „nicht anders können“ oder „nicht möglich sein“. Unser Ziel ist ein sprachkritisches insofern, als wir auf die sich unwillkürlich mit dem Gebrauch solcher modaler Ausdrücke einschleichenden begrifflichen Mißverständnisse und Konfusionen hinweisen und die sich daraus ergebenden Begriffs-Mythen freilegen wollen.

Gehen wir von folgenden Beispielsätzen aus:

1.1 Jeder Mensch muß sterben.
1.2 Weil es dem Bergsteiger nicht möglich war, Halt zu finden, mußte er abstürzen.
1.3 Der Fahrer konnte dem entgegenkommenden Fahrzeug nicht mehr ausweichen und verursachte einen Unfall.
1.4 Er konnte nicht in Hamburg sein, weil er zu dieser Zeit in München war.

Die Tatsache, daß wir alle einem sicheren Ende entgegengehen, können wir unter Vermeidung des modalen Hilfsverbs „müssen“ so ausdrücken:

2.1 Jeder Mensch wird sterben.
2.2 Alle Menschen sind sterblich.
2.3 Wir wissen, daß alle Menschen sterben werden.

Wir verschaffen uns Klarheit über den epistemischen Status dieser Sätze, wenn wir die in ihnen enthaltene generelle Annahme offenlegen:

3.1 Wir wissen, daß alle Menschen, die bis vor hundert Jahren gelebt haben, gestorben sind.
3.2 Daraus schließen wir, daß auch wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sterben werden.

Der Satz, daß alle Menschen sterblich sind und sterben müssen, ist eine generelle Gesetzeshypothese, die wir aus einem allgemeinen Erfahrungssatz, zu dem wir keinen Ausnahmefall kennen, schlußfolgern. Der Charakter des Zwangs, den das modale Hilfsverb ausdrückt, bezieht sich demnach auf die eigentümliche logische „Nötigung“, die wir empfinden, wenn wir einen Schluß dieser Art ziehen. Entgegen allem Anschein drückt das Modalverb „müssen“ also keine naturgesetzliche Notwendigkeit, sondern einen grammatikalischen Zwang aus.

Wir sehen dies noch deutlicher, wenn wir eine letzte Umformung unseres Beispielsatzes vornehmen:

Wenn es wahr ist, daß alle Menschen sterblich sind und ich ein Mensch bin, folgt daraus, daß auch ich sterben werde.

In dieser Umformung haben wir die Bezugnahme auf gesetzesförmige Aussagen und generelle Erfahrungshypothesen vermieden und den Satz direkt als logischen Schluß aus als wahr angenommenen Prämissen abgeleitet. Den Modalausdrück „müssen“ können wir auf diese Weise gänzlich vermeiden.

Welche Auswirkung auf den Begriff des Menschen hätte die Annahme, daß nicht alle Menschen sterblich sind, falls wir damit meinen, daß es Menschen gegeben hätte, die zwar gestorben sind, aber hernach wieder zum Leben erwacht oder erweckt worden sind? Es ist diese Annahme ja der zentrale Lehrinhalt des christlichen Glaubens, wonach Christus gestorben und auferstanden ist. Und an diesem Glaubensartikel ersehen wir auch, daß eine Änderung des wesentlichen Merkmals der Sterblichkeit eine Änderung des Begriffs vom Menschen nach sich zieht: Denn Christus ist dem Credo gemäß nicht nur Mensch, sondern zugleich auch Gott. Der Begriff Mensch wird aufgrund dieser begrifflichen Modifikation im Falle Christi durch den Begriff Gott-Mensch und im Falle der getauften Christen durch den Begriff des neugeborenen Menschen abgelöst.

Wenn sich die Eigenschaft des Gott-Menschen, ein zukünftiges Leben zu haben, gemäß dem Credo auf alle Menschen überträgt und sie dergestalt neue Menschen werden, zieht dies augenscheinlich für den allgemeinen Begriff vom Menschen eine begriffliche Modifikation nach sich. Wir fragen: Wird infolge solcher begrifflicher Modifikationen der bisherige Begriff vage und porös, wie es der Philosoph Friedrich Waismann nannte, oder handelt es sich um einen neuen Begriff? Handelt es sich sogar um ein Paradox, das Paradox des Sprungs in den Glauben, wie es der religiöse Schriftsteller Sören Kierkegaard nannte?

Das Paradox hat folgende logische Form:

Wenn es wahr ist, daß der Gott-Mensch gestorben und auferstanden ist und ich durch den Glauben an seiner Auferstehung teilhabe, dann werde ich sterben und doch nicht sterben.

Doch zugleich sterblich und nicht sterblich zu sein, heißt nicht sterben zu „müssen“ und dann wieder leben zu „können“. Was wir fälschlich mit den modalen Hilfsverben als objektive Notwendigkeit und objektive Möglichkeit mißverstehen, ist nichts weiter als der Druck und Abdruck der logischen Eigenschaften, die sich aus der Festsetzung des eingeführten Begriffs oder des modifizierten Begriffs vom Menschen ergeben.

Das Beispiel der begrifflichen Modifikation am Begriff des Menschen infolge der Einführung des Begriffs vom Gott-Menschen oder vom neugeborenen Menschen weist uns darauf hin, daß selbst fundamentale oder Stammbegriffe unseres alltäglichen Verstehens aufgrund nicht vorhersehbarer Einwirkungen gleichsam in einen anderen Sinnzusammenhang getaucht oder neu umbrochen werden können, sodaß sich die scheinbare Notwendigkeit, an die sie bisher gekettet schienen, von selbst auflöst.

Wir erinnern an die Dualität des physikalischen Begriffs vom Licht: Der ursprüngliche Begriff des Lichts als materielle Substanz (Korpuskulartheorie) wurde durch eine neue Konzeption aufgrund seiner Eigenschaft als Welle in einen neuen Sinnzusammenhang getaucht, in dem seine Definition oder Begriffsbestimmung geradezu die Form eines Paradoxes angenommen hat.

Ein anderes Beispiel für die Vagheit des Begriffs und die Schwierigkeit in der Verwendung modaler Ausdrücke wirft die Frage auf, ob man den Begriff Mensch auf jene Träger personaler Identität einschränken soll, die ein Bewußtsein dieser Identität haben und demnach sagen können „Ich bin jetzt hier“? Oder sollen wir wie es moralisch geboten scheint den Begriff auf alle ausdehnen, die wie man sagt ein solches Bewußtsein haben können wie Embryonen oder ein solches Bewußtsein hatten wie schwer Demente oder komatöse Patienten, von denen man sich wie man gleichfalls sagt vorstellt, daß sie ihr Bewußtsein wiedererlangen könnten? Das führt uns dazu, die Vagheit infolge der Anwendung modaler Ausdrücke zu verringern oder zu vermeiden, indem wir den Begriff Mensch erweitern und auch vor- und unbewußte sowie vorsprachliche mentale Zustände in das Definiens einbeziehen, sodaß die bewußte Äußerung der singulären Indikation „Ich bin jetzt hier“ nur eine Bestandteil des Begriffs neben anderen darstellt.

Worauf wollen wir mit diesen künstlich anmutenden Überlegungen hinaus? Darauf, gewisse scheinbar unausweichliche gedankliche Projektionen oder Mythen, die mit dem alltäglichen Gebrauch von modalen Ausdrücken wie „müssen“ einhergehen, bloßzulegen.

Verdeutlichen wir dies an unserem nächsten Beispielsatz: Weil es dem Bergsteiger nicht möglich war, Halt zu finden, mußte er abstürzen. Dieser Satz ist gleichbedeutend mit folgendem Satz, in dem wir die modalen Ausdrücke „nicht möglich“ und „mußte“ vermeiden:

Aufgrund des losen Seils fand der Bergsteiger keinen Halt und stürzte ab.

Wenn wir uns allerdings so ausdrücken, daß es dem Bergsteiger nicht möglich war, Halt zu finden, unterstellen wir zumeist, daß er unter anderen Umständen die Möglichkeit gehabt hätte, Halt zu finden und nicht abzustürzen. Wir suggerieren mit dieser Ausdrucksweise, es gebe irgendwo ein Reich des Möglichen, das sich vom Reich des Wirklichen, in dem wir uns vorfinden, unterscheidet wie die Schatten von den Dingen, die sie werfen. Und als wäre das Unmögliche nicht bloß wie ein Schatten des Wirklichen, sondern wie der geraubte und fehlende Schatten, demzufolge es auch das Ding, das ihn werfen könnte, nicht gibt. Aber das scheint pseudometaphysischer Unsinn zu sein.

Der Bergsteiger hat, als er abstürzte, nicht die Möglichkeit gehabt und leider verspielt, sich trotz allem zu halten und nicht abzustürzen. Wir glauben dies gleichwohl aufgrund der gedanklichen Projektion, zu der uns die modalen Hilfsverben „nicht möglich sein“ und „müssen“ verleiten. Auf diese Weise kommen wir zu der sonderbaren Annahme, daß die Möglichkeit des Haltfindens greifbar nahelag, aber vertan wurde und die durchkreuzte Möglichkeit oder die Unmöglichkeit, Halt zu finden, durch das zusammengesetzte Verb „mußte abstürzen“ sinnfällig wird.

Doch die Projektion löst sich auf, wenn wir unseren Beispielsatz auf folgende Weise formulieren:

Wenn es wahr ist, daß alle Bergsteiger ohne Halt abstürzen und dieser Bergsteiger keinen Halt mehr fand, folgt daraus, daß er abstürzte.

Auf diese Weise haben wir gleichsam den Mythos von der objektiven Notwendigkeit im Licht der grammatisch-logischen Form aufgelöst und den scheinbar objektiven Zwang, den das Hilfsverb „müssen“ suggeriert, auf den logischen „Zwang“ einer schlichten Schlußfolgerung zurückgeführt.

Kommen wir zu unserem dritten Beispielsatz: Wenn der Fahrer dem entgegenkommenden Fahrzeug nicht ausweichen konnte und so einen Unfall verursachte, werden wir durch den modalen Ausdruck „nicht können“ oder auch „nicht anders können“ dazu verleitet, das Verhalten des Fahrers mit dem Verhalten der Fruchtkapsel eines Springkrauts zu vergleichen, die aufgrund der kausalen Einwirkung einer Berührung aufspringt und ihre Samen herausschnellen läßt. Doch das Verhalten des Fahrers erklären wir nur vordergründig kausal, in letzter Instanz aber intentional. Denn sollte der Fahrer beispielsweise betrunken gewesen sein, wird er für den von ihm durch den Unfall verursachten Sach- und Personenschaden haftbar gemacht und zur Verantwortung gezogen.

Daraus ersehen wir den grundlegenden semantischen Unterschied folgender Sätze:

4.1 Aufgrund der Berührung sprang die Fruchtkapsel des Springkrauts auf.
4.2 Aufgrund seiner Unaufmerksamkeit verursachte der Fahrer einen Unfall.

Wir sagen in terminologischer Verdichtung: Den natürlichen Vorgang an der Pflanze erklären wir aus der Disposition der Fruchtkapsel, unter der kausalen Wirkung einer Berührung aufzuspringen. Das Verhalten des Fahrers erklären wir einerseits aus der kausalen Wirkung des Alkohols auf seine verminderte Aufmerksamkeit und andererseits intentional aus der Absicht des Fahrers, Alkohol zu sich zu nehmen, die ihrerseits der kausalen Wirkung des Alkohols zeitlich und logisch vorausging.

Wenn wir durch den Gebrauch des modalen Hilfsverbs „nicht können“ suggerieren, daß der Fahrer unter der Wirkung des Alkohols und aufgrund getrübten Bewußtseins nicht umhin konnte, den Unfall zu verursachen, sitzen wir einem Mythos auf, der dem Mythos gleicht, den uns neurowissenschaftlich konfundierte Philosophen erzählen, wenn sie uns weismachen wollen, unser Bewußtsein und unser Verhalten seien identisch mit der Wirkung gewisser neuronaler Vorgänge: Wie das getrübte Bewußtsein des Fahrers durch die Wirkung des Alkohols erklärt werden kann, so unser Bewußtsein überhaupt durch die Wirkung von Neuronen, Transmittern und Hormonen.

Diesen Mythos können wir in Gestalt der folgenden logischen Form auf die Hörner nehmen:

Wenn es wahr ist, daß unser Bewußtsein vollständig als Funktion des Gehirns erklärt werden kann, komme ich nicht umhin, was immer ich denke, sage und tue, zu denken, zu sagen und zu tun.

Im Gebrauch des modalen Ausdrucks „nicht umhinkönnen“ ertappen wir den Mythos auf frischer Tat. Doch brauchen wir nur die Wahrheit der Prämisse in Frage zu stellen, um uns aus der Zwangsjacke dieses neuesten Mode-Mythos zu befreien.

Abschließend ein kurzer Kommentar zu unserem letzten Beispielsatz: Sicher können wir nicht gleichzeitig in Hamburg und in München sein. Aber können wir das nicht, weil wir uns nicht zweiteilen können? Scheitern wir mit unserem Unvermögen, nicht gleichzeitig an zwei Orten zu sein, an natürlichen Tatsachen? Das klingt absurd und ist in der Tat pseudometaphysischer Unsinn.

In Wahrheit ist die Unmöglichkeit der Doppel- oder Zwillingsexistenz keine Folge unserer beschränkten natürlichen Daseinsbedingungen, sondern eine grammatisch-logische Konsequenz, die unser Begriff personaler Identität (nicht zu verwechseln mit der empirischen psychologischen Persönlichkeit) nach sich zieht. Dies erfassen wir anhand der singulären Indikation der personalen Identität in dem Satz:

Ich bin jetzt hier.

Würden wir uns gleichzeitig in Hamburg und München aufhalten, müßte der Satz lauten:

Ich bin jetzt hier und dort.

Indes schließt wie schon Klein-Hänschen weiß die Aussage, hier zu sein, die Aussage, dort zu sein, aus. Unsere gewöhnliche Redeweise, wir könnten nicht anders, als hier oder dort zu sein, suggeriert eine physische oder objektive Tatsache, als könnten wir uns eine Welt mit anderen Tatsachen denken, in der wir uns gleichzeitig in Hamburg und München aufhalten könnten oder in der es uns und unseren Doppelgänger gäbe. Doch in einer solchen Welt könnten wir aus dem einfachen Grund nicht auf unseren Doppelgänger treffen, weil wir in einer Welt, in der wir vorgeblich zugleich in Hamburg und in München sein könnten, nicht existieren würden – und dies aus semantisch-logischen Gründen gemäß unserem Begriff der personalen Identität, nicht wegen physischer Ursachen.

Daraus ersehen wir eine gewisse Fahrlässigkeit im Umgang mit dem Begriff sogenannter möglicher Welten, als gäbe es Begriffe oder Sachverhalte wie den Begriff der personalen Identität, die ungeachtet aller sonstigen Änderungen in allen Welten notwendig vorkommen oder anwendbar seien. Doch gilt der Begriff der personalen Identität nur in der Welt, in der wir leben, er bildet sogar eines der fundamentalen semantischen Merkmale dieser Welt, das sich nicht beliebig auf andere Welten oder auf beliebige andere Welten transponieren und übertragen läßt.

 

Dez 16 17

Der abgeholzte Eichenhain

Nun sind die Pfade überwuchert,
die Erwartung jugendlich uns schrieb
durch Moos und zarte Gräser hin.

Die Rufe aus der Lichtung grünem Saum,
die Echos erstickte Dorngestrüpp
von Beeren, die kein Kind mehr pflückt.

Die hohen Zeichen, die wir ritzten,
die Rinde hat sie eingeschlossen
unter Narben-Siegeln, rätselwirr.

Wo froher Haut die Nacktheit pries
Gesang getauter Perlen,
sickert Rinnsals Trübnis hin.

Der alte Eichenhain, der Gold
ins Laub der Stille spann,
birgt keinen mehr, ist abgeholzt.

 

Dez 15 17

Philosophische Konzepte: Können

Wir unterscheiden Verben oder Vollverben wie „sprechen“, „sterben“ oder „jonglieren“, von modalen Verben wie „wollen“, „müssen“ oder „können“, die nur im Verein mit Vollverben einen vollständigen Prädikatausdruck ergeben wie „sprechen wollen“, „sterben müssen“ oder „jonglieren können“. Ohne eine Zusammensetzung mit einem Vollverb bilden modale Hilfsverben einen grammatisch unvollständigen Ausdruck („Er will, kann, muß …“).

Betrachten wir die unterschiedlichen semantischen Rollen folgender Sätze:

1.1 Er spricht.
1.2 Er will sprechen.
1.3 Er kann sprechen.
2. Er kann jonglieren.

Der Sinn solcher Sätze erschließt sich aus ihren Kontexten und Anwendungsbedingungen: Wenn wir den Vortrag eines berühmten Philosophen besuchen und ein Raunen durch die Menge geht, weil der Vortragende soeben auf dem Podium erschienen ist, sage ich zu dir, während du noch in die Lektüre des Veranstaltungsprogramms vertieft bist: „Er spricht“. Wir verdeutlichen den Sinn des Gemeinten, wenn wir Sätze dieser Art durch ein Adverb ergänzen: „Er spricht jetzt“, „Er spricht ziemlich leise“ oder „Er spricht über seinen Werdegang“. Wenn sich der Redner am Rednerpult räuspert oder an das Mikrophon zwecks Hörprobe tippt, könnte ich zu dir sagen: „Er will sprechen“ und auch hier wird das Gemeinte durch den Gebrauch von Adverbien deutlicher, wenn ich sage: „Er will jetzt sprechen.“

Der Satz „Er kann sprechen“ hat eigentümliche Äußerungsbedingungen wie im Falle des Verunglückten oder frisch aus der OP Erwachten, der murmelnd seine Lippen bewegt, und ich sage: „Er kann sprechen“. Auch hier verdeutlicht der Gebrauch eines Adverbs das Gemeinte, wenn ich sage: „Er kann noch sprechen“ im Fall des schwer Verletzten oder „Er kann wieder sprechen“ im Fall des aus dem Koma Erwachten.

Die Äußerungsbedingungen für den Satz „Er kann jonglieren“ bestehen offenkundig in dem Umstand, daß wir beispielsweise auf dem Marktplatz einen Mann in gestreiften Latzhosen beobachten, der drei große Kegel immer schneller abwechselnd durch die Luft wirbelt und der Reihe nach auf das geschickteste wieder auffängt, und du sagst zu mir: „Er kann jonglieren.“ Auch hier wird der Sinn des Gemeinten klarer, wenn du sagst: „Er kann gut jonglieren-“

Sind wir als Besucher in einem fremden Ort in Bayern oder Brandenburg unterwegs und finden uns nicht zurecht, sprechen wir diesen oder jenen beliebigen Menschen an, der uns ortsansässig zu sein scheint, und erwarten bei hoffentlich aufgeschlossenem Wesen eine Auskunft. Wir hegen demnach implizit die selbstverständliche Erwartung, daß die Leute in unserer Umgebung sprechen können. Wir können es niemandem ansehen, daß er sprechen kann. Wir setzen dieses dem Menschen eigentümliche Können im allgemeinen rechtens voraus.

Das spezifische Können des Jonglierens, Jodelns oder Komponierens setzen wir naturgemäß nicht im allgemeinen voraus. Auch dieses spezifische Können sehen wir denjenigen, die darüber verfügen, nicht an. Wir erkennen allererst, daß jemand jonglieren kann, wenn er vor uns seine Jahrmarktskunst ausübt und zum besten gibt.

Vergleichen wir folgende Sätze:

3.1 Peter kann gut jonglieren.
3.2 Die Fruchtkapsel des Springkrauts könnte bei Berührung leicht aufspringen.

Jemand, der Peter nicht persönlich kennt und von seiner Kunstfertigkeit nichts weiß, wird seine Fähigkeit, jonglieren zu können, ebensowenig an seinem Äußeren und seinem Verhalten wahrnehmen können wie jemand, der bisher keine Erfahrung mit der heimischen Pflanzenart der Springkräuter gemacht hat, die Möglichkeit in Anschlag bringen wird, daß ihre Fruchtkapsel bei leichter Berührung aufspringt und die Samen herausschnellen.

Um die unterschiedlichen semantischen Rollen der genannten Sätze zu verdeutlichen, sagen wir einerseits, Peter verfüge über die Fähigkeit zu jonglieren, während wir andererseits sagen, die Fruchtkapsel des Springkrauts habe die Disposition, bei Berührung aufzuplatzen.

Daraus ersehen wir, daß sich die Fähigkeit oder das spezifische Können grundlegend von der Möglichkeit oder der Disposition zu einem Verhalten unterscheidet. Peter hat nicht die Disposition, unter bestimmten Umweltbedingungen, beispielsweise weil die Sonne scheint, seine Kunstfertigkeit als Jongleur zum besten zu geben. Wenn er schlechter Laune ist, bleibt er im Bett liegen, die Sonne mag scheinen, wie sie will. Dagegen hat die Fruchtkapsel des Springkrauts keine Wahl, streift wer darüber, „muß“ sie springen, womit wir metaphorisch ausdrücken, daß sie springen wird.

Wenn wir Peter einen Jongleur nennen, meinen wir damit, daß er jonglieren kann, wenn wir Walter einen Komponisten nennen, meinen wir damit, daß er komponieren kann, aber wenn wir eine Pflanze ein Springkraut nennen, meinen wir damit nicht, daß ihre Fruchtkapseln springen können, sondern daß sie unter bestimmten kausalen Bedingungen, nämlich bei Berührung, springen werden (oder metaphorisch gesagt: springen müssen). Während Peter unter keinen kausalen Bedingungen jonglieren „muß“. Es ist daher nicht sinnvoll bei spezifischen menschlichen Könnensformen von kausal auslösbaren Verhaltensdispositionen zu sprechen, wie wir etwa von der Disposition des Augenlids reden mögen, sich bei Berührung reflexartig zu schließen.

Das spezifische Können, wie Peters Fähigkeit des Jonglierens, ist keine Eigenschaft in dem Sinne, wie wenn wir sagen, Peter sei 1,80 m groß, 70 kg schwer und schwarzhaarig. Aber das Können hat eine semantische Ähnlichkeit mit der Eigenschaft, träge, großzügig oder verliebt zu sein. Wir verwenden die psychologischen Prädikate „träge“, „großzügig“ und „verliebt“ nicht in der Weise, wie wir die physischen Prädikate der Größe, des Gewichts und der Farbe verwenden. Die Verwendung dieser psychologischen Prädikate wird durch die Beobachtung des Verhaltens und Handelns gerechtfertigt, wenn wir beispielsweise sehen, wie Peter die Erstellung seiner Steuererklärung wieder hinausschiebt und sich lieber vor dem Fernseher ausstreckt, wie er seinem Freund gern das letzte Stück Kuchen überläßt oder wie er rot anläuft, wenn die Rede auf eine gewisse Angelika kommt, die neuerdings in seinem Büro arbeitet.

Wir gehen von der Sprache oder dem Sprachvermögen als einem dem Menschen eigentümlichen allgemeinen Können aus. Dieses Können ist nichts anderes als die Fähigkeit, unter gegebenen Umständen oder in bestimmten Handlungskontexten die angemessenen Sätze zu bilden und zu äußeren. Gewöhnlich sind solche Kontexte Gesprächssituationen, in denen einer auf die Äußerungen des Gesprächspartners seinerseits mit angemessenen Äußerungen reagiert. Wer auf eine Frage die angemessene Antwort geben kann, muß allerdings zuvor die an ihn gerichtete Frage verstanden haben.

Daraus ersehen wir, daß Verstehen einen integralen Teil des spezifischen Sprachvermögens und daher selbst ein spezifisches Können darstellt. Und wie alle Fähigkeiten ist es nicht direkt wahrnehmbar, sondern nur an seinen Handlungsfolgen abzulesen und zu ermessen. Zeigst du mir, wie man Rosen fachgerecht beschneidet und stutzt, zeige ich dir, daß ich dich verstanden habe, indem ich es dir gleichtue. Beschreibe ich dir den Weg zu unserem Treffpunkt, zeigst du mir, daß du mich verstanden hast, indem du rechtzeitig dort eintriffst.

Wir unterscheiden die Vorstellung oder den Begriff und den Gedanken. Wir können uns jederzeit alles Mögliche vorstellen, wenn wir beispielsweise an unseren Freund Peter denken oder an das Heimatdorf unserer Kindheit. Wir setzen dabei allerdings wiederum ein spezifisches Können voraus, nämlich zu wissen, daß es jemanden gibt, den wir Peter nennen, und zu wissen, daß es etwas gibt, das wir ein Dorf nennen. Bei diesem spezifisch semantischen Vermögen handelt es sich um die Fähigkeit, etwas als Element einer Menge mit einer exklusiven Eigenschaft zuzuordnen. Peter ist ein Exemplar der Menge der Elemente mit der Eigenschaft, ein Mensch zu sein, Dorf ein Exemplar der Menge der Elemente mit der Eigenschaft, eine menschliche Siedlung zu sein. Wenn wir nicht wissen, daß sich der Name Peter auf die Mitglieder der Menge der Menschen bezieht, wissen wir nicht, worum es sich bei Peter handelt und könnten uns in einer Unterhaltung nicht darüber verständigen, worüber wir reden. Dieses spezifische Können der Klassifikation von Gegenständen scheint uns mit der Sprache und dem Spracherwerb spontan erschlossen zu werden.

Wir können ein wie immer vages Bild oder eine wie immer deutliche oder undeutliche Vorstellung, ob im Wachen, im Tagtraum oder im Traum, vor Augen haben oder durch ein Foto von Peter oder eine Zeichnung unseres Heimatortes zu einer entsprechenden Vorstellung angeregt werden. Wir können auch an Peter, den Jongleur, denken, wenn wir zufällig im Fernsehen ein Bild von einer Zirkusrevue sehen, oder an unseren Heimatort, wenn wir auf einen Namen stoßen, der dem Namen dieses Ortes ähnelt. Die Vorstellung, mit der wir an Peter oder den Ort denken, ist nicht wahr oder falsch, sie kann nur verschwommener oder deutlicher sein. Denn auch wenn das Bild oder die Phantasievorstellung, die uns vorschwebt, keine Ähnlichkeit mit Peter oder unserem Heimatdorf haben sollte, es genügt uns allemal, um an Peter oder unseren Heimatort zu denken. Wir benötigen auch kein spezifisches Können, ohne welches wir uns keine Vorstellungen oder Phantasiebilder machen könnten – denn was wir Vorstellungsvermögen nennen ist kein Können im strikten Sinne, wie es das Jonglieren oder Komponieren ist.

Anders, wenn es sich um einen Gedanken handelt. Zum Beispiel den Gedanken, daß wir Peter oder unseren Heimatort lange nicht gesehen haben. Diesen Gedanken und überhaupt einen Gedanken zu haben setzt ein spezifisches Können voraus, nämlich einen komplexen sprachlichen Ausdruck folgender Form bilden zu können:

4.1.1 Ich habe Peter lange nicht gesehen.
4.1.2 Ich bin lange nicht mehr in meinem Heimatort gewesen.

Diese in der ersten Person Singular formulierten Sätze sind semantisch mit folgenden Sätzen äquivalent oder gleichsinnig:

5.1. Ich glaube, daß ich Peter lange nicht gesehen habe.
5.2 Ich glaube, daß ich lange nicht in meinem Heimatort gewesen bin.

Wir schreiben dafür in der üblichen Notation:

6. Ich glaube, daß p.

Wir können diesen Ausdruck auch dergestalt wiedergeben, daß wir die in unserem Sprachkreis übliche Form des indirekten Satzes (… daß p) vermeiden. Es gibt Sprachen, die diese den indogermanischen Sprachen eigentümliche grammatische Konstruktion nicht kennen. Wir schränken das Kürzel für den gedachten Sachverhalt p durch den vorangestellten Ausdruck (Gedanke) oder mittels geschweifter Klammern ein:

7.1 (Gedanke) p
7.2 {p}

Das spezifisch menschliche Können besteht also in der Fähigkeit, einen Gedanken zu haben, der durch einen komplexen sprachlichen Ausdruck oder einen Satz mit der semantischen Eigenschaft ausgedrückt wird, wahr oder falsch zu sein. Denn ich könnte fälschlicherweise glauben, meinen Freund Peter lange nicht gesehen zu haben, obwohl er mir vorige Woche im Gewühl der Einkaufspassage über den Weg gelaufen ist, ohne daß ich ihn erkannt habe.

Wir gehen davon aus, daß das spezifische Können, einen Gedanken mithilfe der genannten sprachlichen Mittel zu fassen, wie das Sprachvermögen überhaupt ein Gattungsmerkmal ist, das wir aufgrund unserer genetischen Ausstattung und der allgemeinen Bedingungen des Spracherwerbs mit allen Menschen teilen.

Einen Gedanken zu haben heißt noch nicht (sich) ein Urteil zu bilden. Denn jeder Gedanke kann wahr oder falsch sein, doch erst mittels der Urteilsbildung kommen wir darüber ins Reine und Klare – oder müssen uns des Urteils mangels valider Kriterien für eine Entscheidung über seinen epistemischen Status enthalten.

Ein Urteil zu bilden stellt wiederum ein spezifisches Können dar, nämlich die Fähigkeit, Gedanken auf systematische und konsistente Weise zu verknüpfen. So können wir die Annahme, daß wir Peter kürzlich gesehen haben, aufgrund der bestätigten Mitteilung oder des Wissens, daß er sich seit längerem in Australien aufhält, zumindest infragestellen, und aufgrund der zusätzlichen Information, daß er seither Australien nicht mehr verlassen hat, falsifizieren. Die falsifizierende Schlußfolgerung können wir als einfache deduktive Verknüpfung folgender Gedanken beziehungsweise als Verknüpfung ihrer sprachlichen Äquivalente darstellen:

p
wenn q, dann nicht-p
q
also: nicht-p

Wenn q nicht-p impliziert, ist vorausgesetzt, daß p nicht (nicht-p) impliziert.

Das spezifische Können der Urteilsbildung setzt demnach die grundlegende Einsicht in den Satz der Identität voraus, den die einfache Gleichung ausdrückt:

p = nicht (nicht-p)

Diesen Satz können wir nicht weiter ableiten oder begründen, wie wir die Falschheit der Annahme, kürzlich Peter gesehen zu haben, aus zusätzlichen gut bestätigten Annahmen ableiten und begründen können. Wir müssen ihn als letzte Evidenz, die allem Denken und jeder Urteilsbildung zugrundeliegt, akzeptieren. Ansonsten würden die Verknüpfungen unserer Gedanken inkonsistent und wir verfielen auf die verrückte Idee, Peter heute gesehen zu haben, obwohl derselbe Peter sich gerade in Australien aufhält.

Im Unterschied zu den Könnensformen der generellen Sprachkompetenz und der Gedankenbildung nimmt ähnlich wie das spezifische Können des Jonglierens, Kopfrechnens und Komponierens die allgemeine Streuung des logischen Urteilsvermögens auf die Geschlechter, die Ethnien und die Kulturen, ja sogar auf geschichtliche Epochen, auch wenn es inopportun erscheinen mag, dessen zu erwähnen, die Gestalt der Gaußschen Normalverteilung an. Merkwürdigerweise ist die extrem ungleiche Verteilung logischen Könnens auf alles andere als logische Faktoren zurückzuführen, nämlich auf spezifische Genkombinationen als proximaten Ursachen und auf allgemeine Lebens- und Umweltbedingungen wie Klima, Ernährung, Heiratsstrukturen und Populationsgenetik als ultimaten Ursachen. Bildungschancen scheinen zum Schrecken aller Kulturalisten und Humanisten dagegen bei der Verwirklichung dieses spezifischen Könnens eine untergeordnete Rolle zu spielen.

 

Dez 14 17

Nebel und Licht

Kommen wir aus dem Nebel
und sinken in ihn zurück,
wogende Schatten
auf der Gardine des Schlafs,
flimmernde Gesichte aus Dunst,
die haltlos wie Staubfäden
unter dem Seufzen der Nacht
zerstieben?

Kommen wir aus dem Licht
eines Worts, das uns ruft
wie den Adler der Abgrund,
Wort, an dem wir wie Blüten
aufgehen am Zweig,
und verstummt es
blau zwischen Wolken,
uns wie Schnee schüttelt
auf den nächtigen Pfad?

Sind wir der Nebel
über den Wassern des Traums,
in dem ein blasser Mond
herabtropft
auf das Zittern weißer Lilien,
auf das Wehen weißen Mohns,
im heißen Morgengesang
einer mystischen Sonne
aber lösen wir uns auf?

 

Dez 13 17

Philosophische Konzepte: Jetzt

Mein Gedanke, daß ich jetzt hier bin, und die Tatsache, daß du dasselbe von dir sagen kannst, bezeichnen eine begriffliche oder notwendige Wahrheit über unsere Art zu sein.

Betrachten wir folgende Sätze:

1. (Ich denke) Ich bin jetzt hier.
2. (Ich denke) Du bist jetzt dort.

Die beiden Sätze haben semantisch völlig unterschiedliche Bedeutungen. Das zeigt der Umstand, daß ich nicht glauben kann, daß ich jetzt nicht hier bin, denn um dies zu glauben oder festzustellen, müßte ich jetzt hier sein. Doch ich kann ohne inkonsistent zu sein nicht glauben, daß ich jetzt nicht hier bin. Das wäre eine echte Antinomie. Woraus folgt, daß ihre Negation eine begriffliche Wahrheit darstellt.

Es gilt demnach der Satz:

(Ich denke) Ich bin jetzt nicht hier ist falsch.

Indes, nichts hindert mich daran zu glauben, daß du jetzt in München bist, während du in Wahrheit in Hamburg bist, und nicht zu glauben, daß du in Hamburg bist, während du in Wahrheit in Hamburg bist.

Es gilt demnach der Satz:

(Ich denke) Du bist jetzt nicht dort ist wahr oder falsch.

Die Tatsache, daß du jetzt in Hamburg bist, läßt sich empirisch bestätigen oder widerlegen. Doch was ich mit dem Gedanken ausdrücke, daß ich jetzt hier bin, läßt sich empirisch weder bestätigen noch widerlegen. Dieser Sachverhalt entspricht der Tautologie, daß begriffliche Wahrheiten nun einmal keine empirischen Wahrheiten sind.

Wenn du jetzt nicht mehr in Hamburg weilst, sondern mittlerweile in München angekommen bist, ist der Zeitpunkt deiner Ankunft in München später als dein Aufenthalt in Hamburg und dein Aufenthalt in Hamburg war früher als deine Ankunft in München.

Aber wenn ich mich in Hamburg aufhalte und denke „Ich bin jetzt hier“ und dann nach München gereist bin, und wiederum denke „Ich bin jetzt hier“, beziehen sich beide Gedanken auf dieselbe Gegenwart, nämlich die Gegenwart meiner Selbstgegebenheit oder Subjektivität. Wir sagen, der Zustand meiner Selbstgegenwart, die ich gestern in Hamburg verspürte, ist nunmehr, da ich in München bin, vergangen. Doch die Selbstgegenwart, die ich jetzt in München verspüre, ist keine andere oder ist dieselbe Selbstgegenwart wie die gestern in Hamburg verspürte.

Ich kann mich jetzt, da ich in München bin, darauf besinnen oder mich daran erinnern, gestern noch in Hamburg gewesen zu sein. Doch diese meine Erinnerung ist mir JETZT präsent oder Teil meiner Selbstgegenwart.

Das Jetzt-Sein oder die mir unmittelbar gegebene Gegenwart ist keine Eigenschaft physischer Ereignisse, von denen wir sagen, daß sie sich an bestimmten Zeitpunkten abspielen oder abgespielt haben. Denn kein Ereignis der Raum-Zeit, dessen Eintritt, Dauer und Verschwinden wir mit unseren bewährten Uhren messen, findet in einem objektiven Sinne JETZT statt. Vielmehr bin ich es oder du oder irgendwer, der solche Ereignisse JETZT wahrnimmt, denn wir können sie überhaupt nicht wahrnehmen, ohne sie JETZT oder als gegenwärtig oder gegenwärtig wahrzunehmen. Doch die Voraussetzung dafür, ein etwas oder ein Ereignis JETZT wahrzunehmen, das heißt demnach es überhaupt wahrzunehmen, ist die Tatsache, daß ich mir selbst JETZT gegenwärtig bin.

Wir können nicht etwas wahrnehmen oder uns an etwas Vergangenes erinnern oder uns etwas Zukünftiges vorstellen, ohne es JETZT wahrzunehmen, uns JETZT daran zu erinnern oder es uns JETZT vorzustellen.

Wenn ich mich in Hamburg aufhalte und JETZT die Absicht habe, morgen nach München zu fliegen, impliziert meine Absicht, diese Reise zu unternehmen, die Möglichkeit, daß ich mich morgen abend in München daran erinnere, heute in Hamburg gewesen zu sein, indem ich mir sage: „JETZT bin ich München, heute morgen war ich noch in Hamburg.“ Aber dieses JETZT ist nicht identisch mit der Zeit, die mir die Uhr am Abend nach meiner Ankunft in München anzeigt. Vielmehr ist es umgekehrt: Daß ich sagen kann „JETZT bin ich hier“, ist die Voraussetzung dafür, daß ich auf der Uhr die Zeit ablesen kann.

Das JETZT ist keine Funktion der Aufmerksamkeit, als könnte sich meine Selbstgegenwart aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit verflüchtigen oder dank gespannter Aufmerksamkeit verdichten. Vielmehr ist es umgekehrt: Die seltsame Tatsache, daß ich mir gegenwärtig bin, ist die Voraussetzung dafür, daß ich das, was ich ringsum wahrnehme, mehr oder weniger aufmerksam wahrnehmen und ein Geschehen aufgrund meiner Unaufmerksamkeit entweder gar nicht bemerken oder dank gespannter Aufmerksamkeit scharf ins Auge fassen kann.

Das JETZT ist auch keine Funktion der Innerlichkeit, als würden unsere mentalen Vorstellungen, Absichten, Überzeugungen oder Gefühle sich in einer zeitlichen Abfolge vor unserem inneren Auge abspulen, die einen von den anderen ins Gewesene verdrängt werden und die nachrückenden uns JETZT bewußt werden. Es ist vielmehr umgekehrt: Wir sind es, die uns JETZT etwas vorstellen, etwas beabsichtigen, etwas glauben oder etwas fühlen. Wenn wir uns abends etwas anderes vorstellen, beabsichtigen, glauben oder fühlen als morgens, tun wir dies, weil uns diese Vorstellung, diese Absicht, diese Überzeugung und dieses Gefühl dann gegenwärtig sind.

Wenn wir uns zu einem Spaziergang treffen und uns unterwegs angenehm unterhalten, teilen wir dieselbe Gegenwart, doch nicht nur in dem Sinn, daß wir uns zur selben Zeit am gleichen Ort aufhalten, sondern weil meine Äußerung über das schöne Wetter dir, wenn du sie vernimmst, in demselben Sinn gegenwärtig ist wie mir, wenn ich sie ausspreche. Und die Voraussetzung dafür, daß dir meine Äußerung gegenwärtig ist, besteht in der seltsamen Tatsache, daß du dir selber gegenwärtig bist, wie auch ich mir gegenwärtig sein muß, wenn ich die Äußerung mache.

Wir leben demgemäß in derselben Gegenwart, und dies nicht etwa nur in dem Sinne, daß wir unsere Uhren nach der Mitteleuropäischen Zeit synchronisiert hätten: Wir könnten uns auch per Telefon unterhalten, wobei ich mich in Hamburg aufhielte und du in einer anderen Zeitzone, sagen wir in San Diego USA. Dennoch teilten wir dieselbe Gegenwart, wenn du verstehst, was ich sage, und ich, was du sagst.

Vergangenheit und Zukunft haben wir nur, weil wir JETZT in der je eigenen und je geteilten Selbstgegenwart des subjektiven Lebens existieren. Nur als subjektiv in Selbstgegenwart Existierende können wir Gedanken und Absichten haben, die sich auf Handlungen beziehen, die wir auszuführen gedenken. Die Tatsache, daß es die historische Zeit und geschichtliche Ereignisse gibt, ist eine andere Tatsache als die, daß sich vor etlichen Jahren eine Sonnenfinsternis ereignet hat und in etlichen Jahren wieder ein solches astronomisches Ereignis eintreten wird. Cäsar hat die historisch bedeutsame Überquerung des Rubikon nur vollziehen können, weil er sich hat sagen können: „JETZT werde ich den Rubikon überschreiten.“ Der Erste Weltkrieg hat sich nur ereignen können, weil der Kaiser von Österreich sich hat sagen können: „JETZT werde ich den Krieg erklären.“ In beiden Fällen spielte es keine determinierende Rolle, ob es Montag oder Mittwoch war, als die historischen Akteure diese Gedanken und Absichten hatten. Doch weder Cäsar noch Kaiser Franz Joseph hätten diese Gedanken und Absichten haben können, wenn sie ihnen aufgrund fehlender Selbstgegenwart verschlossen und ungreifbar gewesen wären.

Die seltsame Tatsache, daß wir uns gegenwärtig sind, können wir nicht erklären und aus anderen Tatsachen ableiten. Denn solche Tatsachen wären kausale Ereignisse in der physikalisch meßbaren Zeit. Um indes physikalisch verursachte Ereignisse erklären zu können, müssen wir Theorien über den kausalen Ablauf von Ereignissen aufstellen und Uhren konstruieren, um die Abfolge der Ereignisse anhand unserer Meßinstrumente in Zeitkoordinaten einzutragen. Die Voraussetzung dafür, Überzeugungen zu haben und Theorien zu entwickeln sowie Zeitmesser zu konstruieren, ist indes wiederum die seltsame Tatsache, daß wir in einem zeitlich unausgedehnten und metrisch undimensionierten JETZT uns selbst gegenwärtige oder erschlossene Subjekte sind.

Ebensowenig wie wir die logischen Wahrheiten, daß gilt: immer wenn p, dann nicht-q, gegeben p, also nicht-q oder: p impliziert nicht (nicht-p), aus psychologischen Tatsachen ableiten und erklären können, ohne diese logischen Wahrheiten wiederum vorauszusetzen, können wir die begriffliche Wahrheit, daß eine Überzeugung, eine Absicht oder ein Wunsch denjenigen voraussetzt, der diese Gedanken als ein seiner gewärtiges Subjekt hat, aus den psychologischen Tatsachen, eine Überzeugung, eine Absicht oder einen Wunsch zu haben, ableiten und erklären, ohne diese begriffliche Wahrheit wiederum vorauszusetzen.

Wenn wir beobachten, wie unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen der letzte Nacht gefallene Schnee schmilzt, können wir folgende Sätze formulieren, die wir bestimmten aufeinanderfolgenden Zeitpunkten zuordnen:

1.1 Der Hof ist ganz mit Schnee bedeckt.
1.2 Der Hof ist schon an vielen Stellen schneefrei.
1.3 Der Schnee ist vollständig geschmolzen.

Ich könnte im Verlauf meiner Beobachtungen aber auch folgendes sagen:

2.1 Eben war der Hof noch ganz mit Schnee bedeckt.
2.2 Jetzt ist der Schnee schon an vielen Stellen geschmolzen.
2.3 Bald wird der Schnee vollständig geschmolzen sein.

Wir können den Beobachtungen 1.1, 1.2 und 1.3 Zeitpunkte wie 8.00 Uhr, 9.00 Uhr und 10.00 Uhr eines bestimmten Kalendertages zuordnen. Dann ist augenscheinlich 8.00 Uhr früher als 9.00 Uhr und 9.00 Uhr früher als 10.00 Uhr und 10.00 Uhr später als 9.00 Uhr und 9.00 Uhr später als 8.00 Uhr. Diese Zeitpunkte sind unabhängig von der Position dessen, der die Beobachtungen gemacht und auf der Liste eingetragen hat. Keines dieser auf einer Liste vor der entsprechenden Beobachtung (den Sätzen 1.1, 1.2 und 1.3) eingetragenen Ereignisse hat die Eigenschaft, gegenwärtig zu sein.

Die zweite Satzfolge aber ergibt nur einen Sinn, wenn ich JETZT sehe, daß der Schnee an vielen Stellen geschmolzen ist, und mich JETZT daran erinnere, daß der Hof vor kurzem noch ganz mit Schnee bedeckt war, und mir JETZT vorstelle, daß der Schnee vollständig geschmolzen sein wird. Ich erinnere mich JETZT an einen Zeitpunkt der Vergangenheit, an dem ich sagen konnte: „Der Hof ist JETZT ganz mit Schnee bedeckt“, und ich antizipiere einen Zeitpunkt in der Zukunft, an dem ich voraussichtlich sagen kann: „Der Schnee ist JETZT vollständig geschmolzen.“

Daraus ersehen wir, daß die Identität der Selbstgegenwart die Voraussetzung dafür ist, Sätze über vergangene und zukünftige Beobachtungen, zurückliegende und voraussichtlich eintretende Erlebnisse bilden zu können.

Die semantischen Rollen der beiden Satzreihen sind ganz unterschiedlich. Die Reihe unter 1 (die sogenannte A-Reihe des Philosophen John McTaggart) besteht aus deskriptiven Aussagen, deren Wahrheitswert eine Funktion der Beobachtungsdaten zu den jeweiligen Zeitpunkten darstellt, unabhängig von der Äußerungssituation. Dagegen ist der Wahrheitswert der Sätze der 2. Reihe (der sogenannten B-Reihe) eine Funktion der Äußerungssituation inklusive der Beobachtungsdaten. Von mir geäußert mögen die Sätze wahr sein, von dir geäußert falsch, und umgekehrt.

Es gilt aber noch eine weitere semantische Bedingung, die erst augenscheinlich wird, wenn wir folgenden Satz betrachten:

Ich erinnere mich daran, daß ich gesehen habe, wie der Hof ganz mit Schnee bedeckt war.

Dieser Satz ist nur dann sinnvoll, wenn die Bedeutung des Reflexivpronomens des ersten Nebensatzes identisch ist mit der Bedeutung des Subjekts des Hauptsatzes. Damit sagen wir aber, daß die Selbstgegenwart dessen, der gesehen hat, wie der Hof ganz mit Schnee bedeckt war, identisch ist mit der Selbstgegenwart dessen, der sich daran erinnert, dies gesehen zu haben.

Der JETZT-Punkt meiner Selbstgegenwart (ego nunc stans) ist nicht notwendigerweise identisch mit dem Zeitpunkt, an dem wir den neuronalen Vorgang messen oder an dem sich der neuronale Vorgang ereignet, der das kausale Korrelat zu meiner Äußerung „Ich bin jetzt hier“ darstellt. Denn wir können uns durchaus vorstellen, daß derselbe neuronale Vorgang sich in einem Organismus abspielt, der genauso aussieht wie ich, ohne daß dieser wüßte, was er sagt, wenn er sagt: „Ich bin jetzt hier.“ Er wäre ein organischer Automat, dessen Sprachprogramm ein Teil jenes Programms wäre, das seine neuronalen Prozesse steuerte, ohne daß er sich selbst gegenwärtig wäre.

Wir können diesen Sachverhalt auch so darstellen: Wenn wir annehmen, daß sich im Gehirn meines eineiigen Zwillings oder eines menschlichen Organismus mit der gleichen neuronalen Struktur, wie ich sie habe, der typen- oder tokenidentische neuronale Vorgang ereignet, der in meinem Gehirn abläuft, wenn ich sage: „Ich bin jetzt hier“, so ist es gleichwohl evident, daß meine Selbstgegenwart nicht identisch mit der Selbstgegenwart meines Zwillings ist und sein kann, auch wenn sie dasselbe neuronale Korrelat haben sollte.

Drücken wir den daraus folgenden Schluß pointiert aus: Mein Gehirn kann nicht glauben und wissen, was ich glaube und weiß, wenn ich sage: „Ich bin jetzt hier.“ Die Zeit meines Gehirns ist nicht identisch mit dem Augenblick meiner Selbstgegenwart.

 

Dez 12 17

Philosophische Konzepte: Zeichen

Wir fragen zunächst, woran wir erkennen, daß ein Laut oder ein Bild als Zeichen gemeint ist.

Denn daß ein Duft oder ein Geschmack uns als Zeichenträger vorschweben könnte, scheinen wir von vornherein oder intuitiv auszuschließen. Warum, könnte man fragen? Das hat systematische und rein praktische Gründe, können wir doch auch bei einer genügend reichen Skala von Duftnoten diese nicht nach Belieben kontrollieren und verteilen, geschweige denn zu längeren Sinneinheiten verketten. Wir können nur ein paar Geschmackswerte unterscheiden, nicht genug, daraus eine hinreichend gegliederte Mannigfaltigkeit von Sinnbezügen zu kombinieren.

Doch sind die Blinden nicht in der Lage, bloß mit dem Tastsinn lesen zu lernen? Indes, was sie lesend ertasten, sind keine bildhaften Zeichen, sondern wie in der Brailleschrift distinkte erhabene Punkte, die in systematischer Rasterung angeordnet werden und wie die diskreten Lautzeichen der gesprochenen und geschriebenen Sprache jeweils einen Buchstaben- oder Zahlenwert haben. Damit erfüllen sie auf der Ebene des Tastsinns die grammatischen Anforderungen an Gliederungs- und Verkettungsmöglichkeiten wie die distinkten Laute und Buchstaben auf der Ebene des Hörbaren und Sichtbaren.

Gewöhnlich nehmen wir die Dinge so auf und so hin, wie sie sind. Wir schauen aus dem Fenster und sehen, daß es schneit, daß Kinder mit Schulranzen auf dem Weg zur Schule rennen oder daß dort unser Freund Walter verabredungsgemäß auf unser Haus zumarschiert.

Wenn wir hören, daß eine altmodische Schelle ertönt und jemand laut „Kartoffeln, neue Kartoffeln!“ ruft, wissen wir, daß wie allwöchentlich um diese Jahreszeit der Händler mit seinem Fuhrwerk unterwegs ist und seine Ware feilbietet. Die Schelle ertönt nicht, weil jemand sie schüttelt, um sich an ihrem Klang zu ergötzen, sondern weil jemand mittels des Klangs eine Mitteilung machen möchte, nämlich kundtun, daß er nunmehr in der Nähe ist. Zu welchem Zweck er unterwegs ist, teilt er mit der Anpreisung der käuflichen Ware mit, wodurch er bei den Anwohnern ihrerseits die Absicht hervorrufen will, seine Kartoffeln zu kaufen.

Der Hund wird durch das Ertönen der lauten Schelle vielleicht erschreckt und schlägt an. Er nimmt das Geräusch nicht anders wahr als den Krach von Motorlärm oder das Kreischen einer Säge, worauf er ähnlich unwirsch reagieren mag. Indes erkennt er im Klang der Schelle nicht die bewußte Mitteilung. Er erkennt nicht und weiß nicht, daß der Klang als Zeichen gemeint ist, und er erkennt nicht, wofür dieses Zeichen steht.

Die Fähigkeit, aus der chaotischen Mannigfaltigkeit von Geräuschen eine bestimmte Lautgestalt als Zeichen zu erkennen, nennen wir diskriminatorische Fähigkeit.

Wenn der Hund die gewohnten Schritte seines nach Hause kommenden Herrchens auf der Treppe hört, wird er die Ohren spitzen und dann freudig mit dem Schwanz wedelnd an der Wohnungstür auf- und abspringen, weil er weiß, daß sein Herrchen gleich die Türschwelle überschreitet. Natürlich nimmt er das Geräusch der Schritte nicht als Zeichen für die Ankunft seines Besitzers wahr. Der Hundebesitzer teilt dem Hund mit dem Geräusch, das seine Schritte nun einmal hervorrufen, nichts mit. Es löst bei seinem tierischen Freund eine typische Reaktion aus, nämlich die Ankunft seines Besitzers zu erwarten. Dieser Auslöser gleicht der Klingel, auf die der Psychologe Pawlow das Verhalten seiner Versuchshunde konditioniert hatte, wenn sie erwarteten, daß es gleich etwas zu fressen gebe. Diese Erwartung zeigte sich daran, daß sie Speichel absonderten, noch bevor sie den leckeren Happen vor Augen hatten.

Wir unterscheiden demgemäß echte Zeichen von Reizen und Signalen, wobei Reize eine unwillkürliche Verhaltensreaktion wie Ekel vor faulem Fleisch und Signale eine konditionierte Verhaltensreaktion wie den Speichelfluß der Pawlowschen Hunde auslösen, während Zeichen nur als solche diskriminiert und beantwortet werden können, wenn die mit ihnen verfolgte Mitteilungsabsicht erkannt worden ist. Naturgemäß zählen daher auch Verkehrsschilder und Signale wie Glockenläuten, Hupen, Winken oder das einem Regelkanon entsprechende Schwenken von Fahnen zu den Zeichen.

Daran erkennen wir zweierlei: Zum einen unterscheidet sich die diskriminatorische Fähigkeit, ein Zeichen zu erkennen, grundlegend von der verhaltenstypischen Reaktion oder dem konditionierten Reflex, der durch ein bestimmtes Signal ausgelöst wird. Zum anderen ist es charakteristisch oder konstitutiv für das Zeichen, daß es als solches gemeint sein muß. Anders gesagt: Die Absicht dessen, der das Zeichen gibt, gehört zum Wesen des Zeichens und des Zeichengebrauchs. So ist das Geräusch der Schritte auf der Treppe kein Zeichen, weil es nicht auf die Absicht des Heimkehrenden zurückgeht, um damit seine nahe Ankunft mitzuteilen. Vielmehr ist das Geräusch der Schritte eine unwillkürliche oder unbeabsichtigte Folge der Tatsache, daß jemand die Treppe hochgeht.

Daraus schließen wir, daß es keine kausale Theorie des Zeichens geben kann, wie es eine kausale Erklärung für die typische Verhaltensreaktion auf einen Reiz oder ein Anzeichen gibt, wie der Rauch ein kausal bedingtes Anzeichen für das Feuer darstellt, auch wenn die Pfadfinder, die es entzündet haben, nicht beabsichtigt haben sollten, Rauchzeichen zu geben.

Zeichen im eigentlichen und vollen Wortsinne ist immer das Zeichen des Subjekts, seine primäre Bedeutung ist die Veranschaulichung der ursprünglichen Indikation des subjektiven Lebens:

Ich bin jetzt hier.

Der Gebrauch der Schelle dient dem fliegenden Händler zu der Mitteilung: „Ich bin jetzt hier!“ Die mit Farbe markierten Handflächen und auf den Stein gepreßten Finger des frühen Menschen in den steinzeitlichen Höhlen dienten als Signaturen und sagen uns: „Wir waren hier!“

Die zeichenhafte Indikation des „ich, jetzt, hier“ ist ein Wink, ein Anruf oder eine Frage, ob dort jetzt wer ist, der den Wink wahrnimmt, den Anruf hört, die Frage beantwortet. Somit ist das erste oder primordiale Zeichen der Keim und Ursprung eines Zwiegesprächs, eines Dialogs.

Das Zeichen ist kein Ausdruck oder Bild einer Innerlichkeit, eines mentalen Zustands oder einer Vorstellung, und es zu erkennen bedeutet nicht, einen lautlichen oder figurativen Ausdruck auf einen mentalen Zustand zurückzuführen oder ein Bild in eine Vorstellung zu übersetzen. Das Schellengeläut ist kein Bild des mentalen Zustands oder einer mentalen Vorstellung des fliegenden Händlers – was immer er sich vorstellen mag, wenn er die Schelle läutet, oder auch wenn er sich gar nichts dabei denkt, wir verstehen die Absicht unmittelbar, der sein Schellengeläute dient, und damit dessen Bedeutung, nämlich die Anwesenheit des Läutenden mitzuteilen.

Zeichen können wie die Zeichen der frühen Bilderschriften Bilder, Abbreviaturen oder Andeutungen von Gegenständen oder Sachverhalten sein, so ist auch das abstrahierte Bild auf dem Verkehrsschild, das einen Abhang darstellt, an dem Steine herabstürzen, ein Zeichen, das sich nur in seinem intentionalen Kontext erschließt, nämlich die Absicht auszudrücken, den Verkehrsteilnehmer vor drohendem Steinschlag zu warnen.

Das prachtvolle Schwungrad des Pfaus, das er in der Balz zeigt, ist kein Zeichen, das der Vogel gebraucht, um den weiblichen Vögeln eindeutige Absichten zu bekunden, sondern ein Element oder Bestandteil der Balz selbst. Der Pfau entfaltet sein Rad unwillkürlich, er könnte nicht, weil er schlechte Laune hat oder ihm das eine oder andere Weibchen mißfällt, seine Werbung vorläufig zurückhalten oder die Absicht hegen, sie bei anderer Gelegenheit nachzuholen. Ebenso ist der schrille Pfiff des Murmeltiers, das es angesichts der durch einen Greifvogel drohenden Gefahr ausstößt, kein Zeichen, das es mit der Absicht gebraucht, seine Verwandten zu warnen, sondern selbst ein Element oder Bestandteil der typischen Verhaltensreaktion, die durch eine nahe Bedrohung als ihre Reizquelle ausgelöst wird. Das Murmeltier könnte nicht die Absicht hegen, sich selbst in Sicherheit zu bringen, die Gefahr aber auf hinterlistige Weise oder böswillig nicht anzuzeigen, weil es auf seine Verwandten im Moment schlecht zu sprechen ist oder ihnen ein Schnippchen schlagen möchte.

Was wir freien Willen nennen, steht demnach mit dem Gebrauch von Zeichen oder dem semiotischen Handeln in einem internen Zusammenhang. Der freie Wille drückt sich im Zeichengebrauch beispielsweise darin aus, daß wir unsere wahren Absichten mittels zweideutiger Zeichen verschleiern oder den Adressaten durch unangemessene Zeichen in die Irre führen oder belügen können.

Bedeutungsvoll ist die Beobachtung, daß wir uns im Ganzen oder cum grano salis NICHT selbst belügen können, denn sonst müßten wir konsistenterweise sagen können:

Ich bin jetzt nicht hier.

Doch das können wir nicht, denn sagen wir es, geben wir damit ein eindeutiges Zeichen für das Gegenteil des Ausgesagten – eine echte Antinomie.

Ein Schild, auf dem ein Paar schwarze Fußsohlen abgebildet sind, die ein roter Strich durchquert, ist ein Verbotsschild und besagt, daß das Betreten des Orts, der sich hinter dem Schild befindet, nicht erlaubt ist. Es bedeutet dagegen nicht oder spricht nicht den bestehenden Sachverhalt aus, daß an diesem Ort niemand herumläuft.

Es ist von hoher Relevanz für unseren Gebrauch und unser Verständnis der Zeichen, daß wir Negationen und negierte Sachverhalte weder mittels Klängen und Geräuschen noch mittels Bildern eindeutig darstellen können. Der fliegende Händler könnte nicht negativ oder verneinend schellen oder mit akustischen Mitteln beispielsweise kundtun, daß er heute nichts zu verkaufen habe. Es sei denn es gelte die Verabredung: zweimal lang, einmal kurz – doch wäre diese Konvention eine artikulierte oder grammatische Gliederung der Lautkundgabe, die nicht nur ihr Vorbild in der sinnträchtigen Gliederung unserer Lautsprache hätte, sondern diese allererst voraussetzte. Denn wie anders als durch mündliche Abmachung oder schriftliche Mitteilung könnte der Händler seine komplexe Verlautbarung als Regel aufstellen?

Mit dem Durchstreichen eines Bilds geraten wir leicht wieder in Inkonsistenzen. Würde der frühe Mensch die Signatur seiner Hand in der Absicht durchgestrichen haben, um wahrheitswidrig oder lügnerisch vorzugeben, daß er nicht an Ort und Stelle gewesen sei, würde das Zeichen seiner Absicht zuwiderlaufen und er sich selbst widersprechen. Wiederum eine echte Antinomie.

Diese Beobachtung führt uns zu der Einsicht, daß wir Wahres und Falsches nur mittels einer grammatischen Struktur bezeichnen können. Dazu benötigen wir mindestens ein Laut- oder Schriftzeichen als Zeichen für einen Sachverhalt und ein Laut- oder Schriftzeichen für die Negation: nicht p. Denn nur so können wir die Gleichung ausdrücken:

p = nicht (nicht-p)

Um auf die Tatsache hinzuweisen, daß an einem Ort keiner raucht, genügt nicht das Schild mit dem Bild einer Zigarette, die von einer roten Linie durchgestrichen ist, denn dieses Verbotsschild gibt uns nur den Hinweis, daß hier nicht geraucht werden SOLL. Das Verbot könnte ja mißachtet werden. Wir können die Tatsache, daß es niemanden gibt, der in einem bestimmten Raum raucht, nicht durch ein Bild wiedergeben. Nur ein grammatisch artikuliertes Zeichen, das heißt eine mehrgliedrige, mindestens zweigliedrige, Zeichenkette, kann einen negativen Sachverhalt als bestehenden Sachverhalt ausdrücken und behaupten.

Mithilfe der Negation können wir unseren gedanklichen Spielraum ausdehnen, indem wir beispielsweise sagen:

Hätte ich mein Versprechen nicht gebrochen, wären wir Freunde geblieben.
Er könnte nicht mit mir befreundet bleiben, wenn ich mein Versprechen nicht hielte.
Wenn es nicht regnet, gehen wir spazieren.
Wenn es regnet, gehen wir nicht spazieren.

Wir können auch den originären sprachlichen Ausdruck unseres subjektiven Lebens mittels kontrafaktischer oder hypothetischer Bildung von Konditionalen modulieren und variieren:

Wenn ich jetzt nicht hier wäre …
Wenn ich jetzt dort (woanders) wäre …
Wenn nicht ich (sondern ein anderer) jetzt hier wäre …

Auf diese Weise üben wir unseren Möglichkeitssinn und erproben und entfalten unsere Einbildungskraft.

Nur wenn wir das Negationszeichen verwenden können, befinden wir uns im eigentlichen Raum und Kontext des sprachlichen Zeichengebrauchs. Wie wir sahen, können wir mittels Bildern oder Zeichnungen (wenn es sich nicht um das Schriftbild handelt) keine negativen Sachverhalte darstellen. Daraus schließen wir, daß wir besser nicht von der Kunst als Sprache oder von der Sprache der Kunst im strengen Sinne reden sollten. Ähnliches gilt mutatis mutandis von der Musik: Mit Akkorden und Melodien läßt sich nicht darstellen, daß eine bestimmte Tonfolge gleichsam eingeklammert ist und das mit ihr Ausgedrückte nicht gilt. Daraus schließen wir, daß wir besser nicht von der Musik als Sprache oder von der Sprache der Musik im strengen Sinne reden sollten.

Dies gilt im Grunde auch für die Dichtung, denn auch mit ihr betreten wir eine Erfahrungsdimension, in der wir gleichsam Zeichen und Winke ins Irreale, Nichtwirkliche, Abwesende geben und empfangen. Nehmen wir die Hymnen Hölderlins auf die Flüsse Rhein, Neckar oder Donau. Wo fließen sie, wo entspringen und münden sie? Nicht an den Orten, die wir auf der Landkarte identifizieren können. Die gedichtete Landschaft ist nicht die reale, von ihr borgt sie nur die uns vertrauten Zeichen und Bezeichnungen, aber entwirklicht oder entkernt sie und füllt die leeren Hülsen mit einer seltsam berauschenden Substanz, entrückt sie mittels einer Transposition oder Transfiguration in eine imaginäre und mythische Landschaft.

Lesen wir die Hymnen, werden auch wir gleichsam entwirklicht oder entkernt und die leere Hülse unseres vertrauten Ich von seltsam-fremden Anmutungen und Atmosphären erfüllt, werden wir in unwirkliche Beleuchtungen getaucht. Die semantische Ursituation des „ich, jetzt, hier“ wird in den Konditionalis und Irrealis transponiert und transfiguriert, als wären wir jetzt im Schnee der Alpen gewandelt und sogleich im blendenden Licht über den Inseln der Ägäis geschwebt. Die auf keine realen Gegenstände und Ereignisse bezüglichen dichterischen Zeichen umhüllen uns wie das Wasser den Taucher, der über sich den kalten und unheimlichen Glanz einer fremdartigen Sonne erblickt und unter sich ein von exotischen Fischen und transparenten Quallen reflektiertes Korallenlicht, dessen Herkunft und Sinn er nicht zu deuten vermag.

Sagen wir es so: In der Dichtung erfahren die Zeichen und ihr Gebrauch in der Alltagssprache eine manchmal unmerkliche, öfter aber einschneidende Deformation, Transposition oder Entrückung ihrer ursprünglichen semantischen Rolle. Die ästhetische Funktion dieser Einschnitte und Verformungen der normalsprachlichen Zeichen und ihrer untrüglichen Verwendung deutet Aristoteles an, wenn er davon spricht, die Dichtung strebe nicht die Darstellung oder Mimesis des Wirklichen, sondern die Darstellung des Möglichen an, nicht die zufällig uns begegnende Erfahrungswelt, wie sie aus der Lotterie des Schicksals aus allen möglichen Konstellationen von Dingen und Ereignissen herausgemendelt und herausgesiebt worden ist, sondern gleichsam das unwirkliche Zwischenreich der Potentialität.

Wir erkennen im Werk Kafkas das Zwielicht und die Zweideutigkeit dieses sprachlichen Zwischen- und Schattenreiches. So sehen wir, wie der Autor des Romans Der Prozeß Zweideutigkeit zum Prinzip der Rede seiner Protagonisten und der gesamten Darstellung macht, auch und gerade indem er die normalsprachliche Rolle der Negation gleichsam deformiert und entstellt. Die Zeichen „(ist) nicht“, „kein, „nein“ bedeuten in Kafkas poetologischer Semantik und dichterischer Sprachversion nicht das Gegenteil von „ist“, „jeder“ und „ja“, sondern „(ist) scheinbar“, „mehrere“ und „vielleicht“. In seiner Unterredung mit dem Gerichtsmaler Titorelli, der von einem nicht individualisierten Kollektiv junger Mädchen wie von einem Nebel umgeben ist, aus dem man Flüstern vernimmt oder Kreischen, will der Angeklagte Josef K. die Chancen ausloten, die ihm der Kontakt mit dieser Maske des Gerichts zu eröffnen verspricht. Dabei erfährt K. zu seinem Erstaunen, daß der Maler vorgibt, ihn möglicherweise vor einer Verurteilung bewahren zu können. Doch bedeutet in der zweideutigen Sprache dieser aus dem Alltag der Zeichen herausgefallenen Welt nicht verurteilt zu werden nicht, daß K. die Hoffnung hegen dürfte, freigesprochen zu werden. Die Negation des verdammenden Urteils ist, wie Titorelli in einer den Kanzleistil parodierenden rabulistischen Manier klarstellt, nicht der Freispruch, sondern der scheinbare Freispruch oder die ewige Verschleppung des endgültigen Urteils: Der Angeklagte bleibt im Dunstkreis des Gerichts befangen, er wird wohl freigelassen, muß aber damit rechnen, schon morgen oder übermorgen oder irgendwann wieder in Haft genommen zu werden. Verschleppt sich aber das Gerichtsverfahren, so bleibt K. auch auf freiem Fuß immer dem Gericht überantwortet, denn seine Akten schweben zwischen den niederen Instanzen und dem allen unzugänglichen obersten Gericht auf und ab. Kann man aber einer Instanz wie dem immerdar unzugänglichen, unsichtbaren, wesenlosen obersten Gericht überhaupt Existenz in dem normalsprachlichen Sinn zusprechen, in dem wir dem Träger wesentlicher Eigenschaften Existenz zusprechen?

Man hat geglaubt, Kafkas Prozeß entweder theologisch deuten zu können als Bild des in eine dämonische Traum- und Schattenwelt gefallenen Menschen oder soziologisch als Bild des in der unheimlichen Maschinerie des totalen Staates entfremdeten Menschen. Beide Deutungen stochern gleichsam mit allegorischen Stöcken im Nebel des stofflich Aufdringlichen, aber Opaken herum. Sie verfehlen die semantische Ebene des eigentümlichen poetischen Gebrauchs der Zeichen.

Wir geben dafür noch einen abschließenden Hinweis: Der wie ein Vogelschwarm ungreifbare Chor der Mädchen, die den Maler (als eine Federn und Flaum um sich streuende, gackernde Karikatur auf das Klischee der ausschweifenden Künstlerexistenz) umgeben, sind aus der semantischen Ursituation der Subjektanzeige „Ich bin jetzt hier“ ausgebrochen. Denn keine hat ein eigenes Leben, ein eigenes Gesicht, eine eigene Zunge, um auf diese Weise ihren existentiellen Standort angeben zu können. Jede verkörpert alle, keine steht für sich selbst. Die Mädchen sind nicht vollständig individualisiert und leiblich vereinzelt oder subjektiv verleiblicht, sie sind immer mehrere und wie ein in die Echos der Umgebung aufgelöstes Für-sich-Sein.

 

 

Dez 11 17

Philosophische Konzepte: Kränkung

Der Mensch ist das von Natur aus kränkbare Lebewesen. Wir wüßten nicht auszumachen, wie wir ein Tier beschreiben sollten, das sich gekränkt fühlte. Ein Haustier wie der Hund und die Katze mögen in uns den Eindruck erwecken, daß sie schmollen und sich gleichsam verärgert oder bekümmert wegen unseres ignoranten Betragens von uns abwenden. Aber wir würden in solchen Fällen nicht im Ernst von jenem Zustand des Gekränktsein sprechen, den Kinder zeigen, wenn sie sich gegen andere zurückgesetzt fühlen.

Der Unterschied von Tier und Mensch ergibt sich hier aufgrund der eigentümlichen mehr oder weniger starken leiblich vermittelten Selbst-Gegenwart des Menschen, Subjektivität, die ihrer gleichsam nie gänzlich sicher sein kann oder nie gleichmütig auf einen Pegel gestimmt ist. Wir finden uns vielmehr zwischen Verlegenheit und Stolz, Unsicherheit und Selbstachtung, Scham und Selbstvertrauen auf eine Skala selbstbezüglicher Affekte und Stimmungen gespannt, die auch Befindlichkeiten am Nullpunkt subjektiven Lebens wie Gleichgültigkeit, Fadheit, Langeweile und Dumpfheit einschließt.

Jemand betritt einen Saal, wo sich viele Personen zu einem festlichen Anlaß, sagen wir der Verleihung eines bedeutenden Preises an einen bekannten Schriftsteller, versammelt haben. Unser Irgendwer schätzt die Bücher dieses Mannes und so hat er sich, der ansonsten nicht gerade auf vielen Hochzeiten tanzt, dazu durchgerungen, die ihm von seinem unpäßlichen Buchhändler abgetretene Einladungskarte zu nutzen, um sein Idol einmal hautnah zu erleben. Jetzt zwängt sich der Neuankömmling durch die dichten Reihen der festlich gekleideten Menschen, die ihm die bessere Gesellschaft zu verkörpern scheinen. Vergebens hält er nach bekannten oder freundlichen Gesichtern Ausschau, bei denen er vielleicht innehalten könnte. Doch keiner hat ein Auge für ihn, er findet kein Lächeln, das ihm gälte, kein Gruß lädt ihn zum Verweilen ein, er hat im Gegenteil den Eindruck, daß die Anwesenden in ihren angeregten Plaudereien verstummen, sobald er an ihnen vorbeikommt, und ihm ungläubig oder sogar spöttisch nachblicken. Dem Gast wird beklommen zumute und er schaut verlegen um sich oder verschämt unter sich. Seine Unsicherheit wächst in dem Maße, wie er auf sich selbst achtet und sich selbst ins Visier nimmt mit Fragen wie: „Ist mein Haar in Unordnung? Ist meine Jacke fleckig? Kann ich mich mit diesen schäbigen Klamotten in solchen Kreisen blicken lassen? Bin ich hier nicht das fünfte Rad am Wagen? Sollte ich mich nicht schleunigst aus dem Staub machen?“

Wir bemerken, daß selbstbezügliche Affekte und Haltungen wie Verlegenheit und Scham eine Befragung und Bewertung der eigenen Person einschließen, die zu ihren Ungunsten ausfällt. Die Selbstbefragung übernimmt Gesichtspunkte kritischer Erwägung, die anderen Personen zugeschrieben werden. Dies geschieht meist in deren Anwesenheit, kann aber auch in einsamer Selbstbespiegelung geschehen, wenn wir uns beispielsweise an ein peinliches Vorkommnis erinnern.

Kehren wir zu unserem verlegenen Gast zurück. Mitten in dem Getümmel erblickt er ein bekanntes Gesicht, eine zwar etwas ferner stehende Bekannte, die im schicken enganliegenden Cocktailkleid gerade zwei eleganten Herren an einem Tisch mit einem Sektglas zuprostet, ihm aber erscheint dieses strahlende Gesicht wie eine rettende Insel inmitten eines Ozeans der Verlorenheit, und so steuert er wild entschlossen auf die Frau zu. Als er auf sie zutritt und sie erwartungsvoll anlächelt, ist sein Entsetzen groß, als diese Person eine steinerne Miene aufsetzt und ihn von oben herab mit den Worten abspeist: „Sie haben sich wohl in der Hausnummer geirrt!“ Der verstörte Gast bezieht diese spöttische Bemerkung auf seine nicht standesgemäße Bekleidung und die Tatsache, daß er in diesen gesellschaftlichen Kreisen nicht eingeführt ist. Hochroten Gesichts wendet er sich ab und sucht tief gekränkt das Freie.

Wir bemerken, daß Kränkungen kommunikative Akte der Demütigung darstellen, so zwar, daß der Gekränkte sie annimmt und mit seiner Reaktion des Gekränktseins bestätigt. Denn der fremde Gast hätte die unverschämte Bemerkung der Frau auch, wäre er seiner selbst sicher oder von Selbstachtung nicht gänzlich verlassen gewesen, an sich abprallen lassen oder mit einer schlagfertigen Retourkutsche parieren können. Er indes wurde rot und flüchtete mit seinem gekränkten Selbstgefühl aus der Situation.

Wir sagen, daß jemand an einer Kränkung leidet, und drücken damit den passiven Aspekt dieser Befindlichkeit aus, deren aktive Seite nicht wie bei den Gemütsregungen der Freude, des Zorns, des Ekels, des Neides oder der Eifersucht auf Seiten dessen liegt, der Freude, Zorn, Ekel, Neid und Eifersucht empfindet, sondern bei demjenigen, der durch ein Sagen oder Tun die Kränkung bewirkt. Gekränkt zu sein ist demnach ein reaktiver Affekt.

Wir bemerken, daß im Fall der Kränkung das Machtgefälle zwischen dem, der die Kränkung auslöst, und demjenigen, der sie erleidet, eine herausgehobene Rolle spielt. Dabei ist es zunächst gleichgültig, ob es sich wie bei institutionellen oder hierarchischen Machtgebilden um eine reale Macht handelt oder um eine imaginäre Instanz, die der Gekränkte als relativ machtloser oder ohnmächtiger Part seinem als überlegen angesehenen Gegenüber verleiht. So verlieh der fremde Gast der unverschämten Dame die Macht, ihn zu kränken, während der Kompaniechef die reale Macht hat, den Rekruten durch entwürdigende Befehle zu demütigen.

Im Falle, daß sich jemand aufgrund der Situation zurückgesetzt fühlt, sprechen wir vom Gefühl der Entwürdigung oder Entwertung, wie der fremde Gast sich schon angesichts der erlauchten, eleganten Gesellschaft, in die er geriet, aufgrund seiner Herkunft, seiner Armut oder seines schäbigen Aufzugs entwertet fühlen mochte.

Die angemessene Reaktion auf eine Kränkung ist der Zorn, der die Kränkung gleichsam wie einen Pfeil nicht allzu tief ins Fleisch eindringen oder das Gift der Selbstverachtung an seiner Spitze nicht ins Blut einsickern läßt. Der Zorn richtet sich gegen den Urheber der Kränkung und erhebt einen Anspruch auf Vergeltung, Wiedergutmachung oder Entschädigung. Der Zornige fällt nicht ohnmächtiger Sprachlosigkeit anheim, sondern klagt sein Recht ein. Während der gekränkte Gast, der die Gelegenheit des Zorns verstreichen ließ, sich in der Selbstzerfleischung ohnmächtiger Wut verliert.

Kränkungen sind die wunden Stellen intimer Beziehungen. Hier ist das Machtgefälle durch die ungleiche oder schwankende Verteilung in der Intensität des Liebesanspruchs oder des Begehrens definiert. Wer mehr investiert, hat mehr zu verlieren und ist deshalb gefährdeter, unsicherer, leichter kränkbar. Und wer aufgrund größeren Begehrens in größere Abhängigkeit gerät, sieht sich oft in der infantilen Position, die es ihm verwehrt, den aufgrund einer Kränkung ausgelösten Zorn dem Geliebten frank und frei ins Gesicht zu schleudern, fürchtet er doch einen weiteren Liebesentzugs. Ähnlich wie der fremde Gast sinkt der gekränkte Liebende in die sprachlose Selbstvergiftung ohnmächtiger Wut zurück. Eine für den Bestand der intimen Beziehung äußerst gefährliche Situation, kann sie doch zu abrupten Gewaltausbrüchen oder zum depressiven Rückzug dessen ausarten, der nicht mehr willens und fähig ist, seinen Liebesanspruch mit offenem Visier anzumelden, sondern seine Energie dazu verwendet oder mißbraucht, seine Wut zu verbeißen und herabzuwürgen.

Unnötige Kränkungen können manchmal dank der überragenden Kraft einer Persönlichkeit, die über die seltene Tugend gebietet, besonnen und gelassen zu agieren, vermieden oder wenn nicht aus der Welt geschafft, so doch abgemildert werden. Aber auch und gerade intime Beziehungen können Situationen entwickeln, in denen der unterlegen Liebende zwar keinen direkten Kränkungen ausgesetzt ist, aber sich aufgrund der zunehmenden Unaufmerksamkeit oder Gleichgültigkeit des überlegenen Geliebten entwertet fühlen muß.

Die Möglichkeit der Kränkung entspringt der Struktur der Subjektivität und ist demgemäß nicht aufhebbar. Eine utopische Welt ohne jedwede Möglichkeit der Kränkung, Demütigung und Entwertung, ohne Regungen des Zornes, der Wut oder Rache mag es geben, nur kann es nicht unsere Welt sein.

Kein Krieg und keine kollektiven Gewaltexzesse ohne eine vorausgehende vermeintliche oder tatsächliche Kränkung mindestens eines der verfeindeten Lager. So war der heimtückische Mord am Thronfolger und Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gattin in Sarajevo eine nicht hinnehmbare Kränkung für das habsburgische Kaiserhaus und damit Auslöser des Ersten Weltkriegs und die als Kränkung und Demütigung empfundenen Gebietsverluste und extremen Sanktionsmaßnahmen der Siegermächte der Auslöser für den Zweiten Weltkrieg. Die als tiefe Kränkung und Demütigung empfundene militärische Präsenz der USA an den heiligen Stätten des Islam war der Auslöser der Rache durch 9/11.

Der griechische Mythos hat die Wahrheit, die aus dieser Möglichkeit unseres subjektiven Lebens entspringt, paradigmatisch dargetan. Der größte Kämpfer der Myrmidonen, Achill, fühlt sich wegen der Wegnahme seiner Beute durch den griechischen Heerführer Agamemnon gekränkt. Er reagiert mit jenem Zorn, den ihm das verletzte Ehrgefühl einflößt, und da ihm der erhobene Anspruch auf Entschädigung verwehrt wird, sinnt er auf Rache. Sein Rückzug aus dem Kampfgeschehen kostet die eigenen Leute etliche Opfer, bis der Feind endlich, wie es seine göttliche Mutter Thetis in seinem Auftrag von Zeus ausbedungen hat, ins Heerlager der Griechen einzubrechen droht. In dieser Not willigt Achill ein, seinen Freund Patroklos mit seiner Rüstung in den Kampf zu senden, um das Kriegsglück zu wenden. Der aber fällt. Hier gewahren wir den aus der Kränkbarkeit des Menschen erwachsenden tragischen Zug, wie er in den Werken der griechischen Tragiker zur Geltung kommt.

Die Tiere leben aufgrund ihres Mangels an der semantischen Ursituation des Gebrauchs der Indikatoren „ich, hier, jetzt“ und der in diese Situation einverleibten selbstbezüglichen Affekte in einer fremden, uns unzugänglichen Welt. Sie sind nicht kränkbar, sie schämen sich nicht und werden nicht verlegen, kennen weder Ehrgefühl noch Stolz. Sie sinnen nicht auf Rache und erliegen nicht schweren Gemütsverstimmungen, weil sie ihren Rechtsanspruch nicht zur Geltung bringen können oder ihre Wut unterdrücken.

Die klassische Anthropologie von Herder bis Gehlen glaubte, die kulturellen Leistungen des Menschen vom Werkzeuggebrauch über die Institutionen des koordinierten Handelns bis zur Sprache als Organersatz und Kompensation der Hilflosigkeit und Verletzlichkeit der menschlichen Natur erklären zu können. Aber uns scheint sie damit auf der falschen Fährte zu sein. Denn wie wir sahen ist die Verletzlichkeit ein Positivum und wesentliches Merkmal der Natur des Menschen als eines subjektiven Daseins.

Mag Besinnung den Kränkenden zu Mitgefühl und der Bitte um Verzeihung befähigen oder dem Gekränkten durch Distanznahme aufhelfen und ihm ein Pflaster für seine Wunde bereithalten. Doch kann nur Gnade uns der fatalen Verstrickung von Kränkung und Zorn, Zorn und Rache, Wut und Verzweiflung entreißen, Gnade, die uns an Bildern wie der Verspottung Christi die Umkehr vom Hadern und Verzagen an der dem menschlichen Leben eingesenkten Möglichkeit von Kränkung und Erniedrigung in ihre demütige Hinnahme vor Augen führt. Doch dies können wir niemanden mit moralisch geschwollener Brust abverlangen, weder anderen noch uns selbst, sondern nur erbitten und erhoffen. Oder mit dem Zauberstab der Dichtung in die blaue Luft malen.

 

Dez 10 17

Philosophische Konzepte: Weg

Viele Wege sind uns gebahnt und gespurt, der Weg zum Supermarkt, der Weg zur Arbeit, Wege zu Freunden. Auf gebahnten Wegen, die von vielen täglich begangen werden, kennen wir uns aus. Wir achten nicht auf Baum und Strauch, die am Rande stehen, es sei denn im Frühjahr vielleicht auf die ersten zarten Sprossen oder das satte Gelb der Forsythien, im Herbst sehen wir unter uns Klumpen brauner Blätter. Nur wenn es regnet, sind wir aufgeweckter und vermeiden es, in Pfützen zu treten, ebenso im Winter, auf gefrorenem Boden auszugleiten. Auf bekannten Wegen fühlen wir uns auch im Dunkeln, wenn Laternen genügend Licht spenden, einigermaßen sicher oder nicht allzu unsicher, denn wir wissen, wo es langgeht, daß dort die Abbiegung oder Kreuzung kommt, daß es jetzt nur mehr ein paar Schritte gilt, und wir sind zu Hause.

Anders bei unbekannten Wegen oder Wegen, die durch fremde Viertel, Orte, Gegenden führen. In diesen Fällen machen wir uns vorab kundig, wie wir zu gehen haben, wir befragen den Ortskundigen oder studieren den Stadtplan oder die Wanderkarte. Dabei vertrauen wir auf die Hinweise, die uns der Fremde oder der Plan gibt, auch dann, wenn wir schon einmal durch falsche Hinweise oder veraltete Stadtpläne in die Irre geführt worden sein sollten. Gibt uns der Fremde verläßliche Auskunft, machen wir uns ein Bild von der zurückzulegenden Strecke, indem wir uns die Hinweise „geradeaus, dann links bis zur übernächsten Kreuzung, dann rechts und etwa 200 Meter wieder geradeaus“ einprägen. Wir erreichen unser Ziel, wenn wir die Hinweise wie Vorschriften der Reihe nach abarbeiten oder gedanklich abhaken.

Wir sagen, der Weg führe uns vom Ausgangspunkt zu dem Ziel, das wir erreichen wollen. Der Ausgangspunkt ist bestimmt durch den Ort, an dem wir uns gerade eben aufhalten, der Zielpunkt durch den Ort, wo wir hinwollen. Hier stoßen wir auf die eigentümliche semantische Rolle der Indikatoren „ich, hier, jetzt“, die wir als unmittelbare Funktionen des subjektiven Lebens erkennen: Dort, wo es kein subjektives Lebens gibt, kann es keinen Ausgangspunkt eines Weges geben. Oder: Der Sinn der Rede von Wegen ist eine Markierung am Horizont des subjektiven Lebens. Noch anders gesagt: Es kann keine objektiven oder Wege an sich geben. Wir dürfen demnach Wege nicht mit Strecken verwechseln, die man beispielsweise in einem kartesischen Koordinatensystem zwischen Punkten abtragen kann, die durch ihre jeweiligen Achsen-Koordinaten definiert sind.

Die Semantik unserer Rede von Wegen ist eine andere als die Semantik unserer Rede von Strecken.

Der Ausgangspunkt unseres Weges ist also dadurch gegeben, daß wir uns dort aufhalten, und sein Zielpunkt dadurch, daß wir dort hinwollen. Es existieren offenkundig keine objektiven Ausgangspunkte und Zielpunkte in der Welt, in der wir leben. Wir können zwar Ausgangs- und Zielpunkt unseres Weges auf dem Stadtplan oder der Wanderkarte mit einem Kreuz versehen und mit einer farbigen Linie verbinden. Wir können also unseren Weg wie eine Strecke auffassen und sogar als Strecke definieren, indem wir beispielsweise ihre geographischen Koordinaten mittels GPS angeben. Aber diese Strecke erweist sich nur dadurch als Weg, wenn wir einen der angekreuzten Punkte als einen Ort auffassen, an dem wir uns gerade aufhalten, und den anderen Punkt als einen Ort, an den wir gelangen wollen.

Wir kommen auf diese Weise auch zur Einsicht, daß unsere Rede von Orten zweideutig ist. Sie erfüllt gänzlich verschiedene semantische Rollen, je nachdem, ob es sich um Orte entlang einer Strecke oder um Orte, an dem von uns gewählten Weg handelt. Wir bringen Klarheit in unsere Rede, wenn wir den Ort an einer Strecke Position, den Ort an einem Weg eben Ort nennen, wie wir auch von unserem Standort oder Wohnort sprechen.

Erinnern wir uns an die Beobachtung, die man öfters in Parkanlagen machen kann: Da ist ein schmaler Pfad oder Streifen Fußwegs als Abkürzung zwischen zwei schon bestehenden Wegen kürzlich oder vor nicht langer Zeit neu gebahnt worden. Sind die ersten Spuren gelegt, folgen die Leute nach und nach und mehr und mehr dieser Einladung und gehen auf dem neuen Pfad, sodaß er sich wie wir sagen breittritt oder befestigt. Irgendwann sieht er so aus, wie die „offiziellen“ Wege und wird als solcher akzeptiert.

Erinnern wir uns an eine andere Beobachtung, die man öfters auf dem platten Land machen kann, wenn Wiesen und Felder von einer dicken Schicht Neuschnee bedeckt sind: Wir gehen einen Spazierweg, auf dem der Schnee von eifrigen Spaziergängern und Wanderern bereits in einer Gangschneise fest zusammengepreßt ist, und bemerken, daß vor uns Fußstapfen vom eingetretenen Pfad abweichen und sich im Wald verlieren. Da es wieder heftig zu schneien angefangen hat, gewahren wir auf dem Rückweg an derselben Stelle, daß die Spuren des einsamen Wanderers vom frischen Schnee aufgefüllt und verschwunden sind.

Sagen wir es so: Neue Wege werden gebahnt, und alle Welt folgt den gebahnten und bequemen Spuren. Diese neuen Wege haben sich bald bewährt und finden allgemeinen Zuspruch, sie unterscheiden sich nach einer Weile nicht mehr von den alten Wegen. Dann sehen wir solitäre und singuläre Wegbahnungen, einsame Spuren, denen keiner folgt, die sich gleichsam nicht trivialisieren und konventionalisieren. Die Alltagswege der gebahnten Pfade werden von Alltagsmenschen begangen, weil sie glatt, sauber und sicher sind, weil man auf diesen Wegen ein Stück gemeinsam zurücklegt oder sich immer wieder trifft und grüßt oder auch voreinander verlegen wegschaut.

Die einsamen Pfade indes bahnen vielleicht Zeitgenossen, die nicht oder nicht gern gesehen werden wollen, aus welchen Gründen auch immer, weil sie ein Stigma tragen oder weil sie etwas auf dem Kerbholz haben, weil sie Ruhe suchen oder von Schrecken gequält oder von Verzückungen heimgesucht werden, die man ungern mitteilt oder die auf taube Ohren stoßen würden, oder weil sie in die Wildnis ungedachter Gedanken vordringen. Manchmal verlieren sich ihre Spuren und die einsamen, kühnen oder tollkühnen Pfadfinder selbst verschwinden bei der Bahnung eines neuen Weges oder kommen im Weglosen und Unwegsamen um. Die zurückkehren, haben vielleicht die erste Bahnung eines neuen Denkwegs oder einer neuen Ausdrucksweise dichterischer oder bildnerischer oder musikalischer Natur gewagt, die nun auch mutige andere betreten können.

Wären uns alle Wege des Lebens im Buch des Schicksals oder im Weltenplan des göttlichen Demiurgen vorgezeichnet, gäbe es nach unserer Definition überhaupt keine Wege, sondern nur Strecken, gäbe es nur definierte Positionen auf diesen Strecken, aber keinen Standort, an dem wir uns als subjektiv Lebende aufhielten, keine Ausgangs- und Zielpunkte unserer Wege.

Wir können allerdings den einmal eingeschlagenen Weg abbrechen oder verlasen, auf einen Seitenweg ausweichen oder bei einer Kreuzung anders als geplant abbiegen. Und wenn wir aus dem Haus gegangen sind, wollen wir bisweilen gleich wieder umkehren, doch unser anfänglicher Schritt läßt sich nicht verwischen und tilgen, wenn er gewisse Folgen nach sich zieht – und er zieht immer irgendwelche Folgen nach sich, und sei es einen Fußabdruck im Schnee oder die Tatsache, daß uns der Nachbar an der Haustür freundlich gegrüßt hat.

Insbesondere können anfängliche Schritte und Wegbahnungen aufgrund singulärer historischer Entscheidungen zwar unterbrochen, aber nicht rückgängig gemacht werden. Der Weg Cäsars über den Rubikon ist dafür exemplarisch. Die Entscheidung, seine militärischen Schritte gegen Rom und den Senat zu wenden, hat alsbald dessen Reaktion und damit den Beginn des Bürgerkriegs und des Kampfes um die Zentralmacht in die Wege geleitet, der schließlich im Umbau der römischen Republik zur monarchischen Staatsform mündet. Eine Verkettung und Überkreuzung von Wegrichtungen, die kaum noch zu entknoten und zu entflechten gewesen wären.

Wir haben uns freilich den Ausgangspunkt unseres Lebensweges nicht ausgesucht, er ist uns durch Geburt und Herkunft, aufgrund unserer Stellung in der Familie, unserer genetischen Ausstattung mit Dispositionen für Krankheiten und Begabungen, Neigungen und Abneigungen sowie der kulturellen Herkunftsgruppe mit ihrer sprachlichen und rituellen Überlieferung auf den Leib geschneidert. Doch ähnlich wie der Wanderer unterwegs von einem Gewitter überrascht wird und sich in eine Hütte flüchtet, wo er einen Fremden trifft, mit dem er sich gut versteht und sie gehen bald ein Stück des Weges gemeinsam, begegnet auch uns das Schicksal in Gestalt von Glücks- und Unglücksfällen und der eine oder die andere kreuzt unseren Lebensweg und wir ändern unser Vorhaben oder streben einem gemeinsamen Ziel zu.

Auch wenn uns, wenn wir nicht vorher sterben, gewisse Wegmarken wie die Entwicklungsschwellen und Lebensstufen von der Kindheit über die Pubertät, die Jahre der Reife und des hohen Alters zu passieren nicht freisteht, können wir eigentlich nur im Rückblick von unserem Lebensweg oder besser dem Geflecht und Gespinst unserer verwobenen und sich kreuzenden Lebenswege sprechen. Denn meist erfaßt uns ein mit mehr oder weniger großem Schrecken gemischtes Staunen, wenn wir auf dieses Geflecht und Gespinst zurückschauen, daß wir es waren, die daran maßgeblich mit gewoben und gesponnen haben.

Daher sollten wir vielleicht den Begriff des Lebensweges besser vermeiden, um nicht in die Fallstricke biographischer Typologien zu geraten, wie sie uns klassische Allegorien vom Lebensweg vorzeichnen wie der Mythos von Herakles am Scheideweg zwischen den Pfaden der Tugend und des Lasters oder der Mythos von Paris und seiner fatalen Entscheidung, Aphrodite als der schönsten Göttin den goldenen Apfel zu reichen. Aristophanes hat es mit seinem galligen Humor vielleicht besser getroffen, wenn er in seiner Komödie Die Vögel den Fettwanst Herakles beinahe die in seine Nase dampfende üppige Mahlzeit der Wahl der Königsherrschaft vorziehen läßt. In Paris wiederum hat der epische Geist der Griechen einen Typus Mann gemalt, dessen Paarung mit der schönen Helena gleichsam konstitutionell vorbestimmt war.

Doch die metaphorische Rede von den sich kreuzenden Lebenswegen ist philosophischer Betrachtung wert. Ihre Bedeutung erschließt sich leicht, denken wir an entscheidende Begegnungen der Freundschaft und der Liebe, aber auch der Feindschaft und des Hasses, oder um dieser Wahrheit die Ehre zu erweisen: der in Feindschaft umschlagenden Freundschaft und der in Haß umschlagenden Liebe (während das Umgekehrte der bei weitem seltenere, aber interessantere Fall ist). In solchen Begegnungen kommen wesentliche Affekte und Haltungen wie Freude und Anteilnahme, Neid und Bewunderung, Eifersucht und Nachahmungseifer in Anschlag und zum Austrag. Liebe und Haß können den Liebenden völlig vom eingeschlagenen Lebensweg abbringen, die Entscheidung für ein Kind kann ihn zu beruflichen Spitzenleistungen beflügeln, der Verrat der Geliebten ihn die Karriere kosten.

Doch verleitet die Metapher von den sich kreuzenden Wegen auch zu Mißverständnissen, als würden sich Lebenswege wie zwei Strecken in einem Positionspunkt kreuzen oder sich überlagern. Wir können indes nur so viel sagen, daß sich zwei Menschen begegnen und mehr oder weniger aneinander festhalten. Sie gehen einen gemeinsamen Weg heißt, sie synchronisieren und koordinieren ihr Reden und Tun, ohne daß jeder einzelne nicht weiter seinen eigenen Weg verfolgte. Keiner kann die Perspektive eines anderen einnehmen, aber seinen Blick an dem des anderen messen, seinen Standort mit dem des anderen vergleichen, das Verhalten des anderen als angemessene oder überschießende, absonderliche oder verständliche Antwort auf sein Verhalten interpretieren und bewerten.

Wenn wir die Metapher des Lebensweges vermeiden wollen, in welchem Sinne können wir dann, wenn überhaupt, von der Verfehlung eines Lebensweges, von unnötigen Umwegen oder fatalen Abwegen sprechen? Einer verfehlt einen Weg noch nicht, wenn er gerne trödelt und saumselig da und dort verweilt, neugierig da und dort seine Nase hineinsteckt. Vom ärztlichen und therapeutischen Gesichtspunkt aus kann man indes beobachten, wie fruchtbare Begabungen und Talente aufgrund neurotischer Stockungen oder psychotischer Auflösungen an ihrer Entfaltung gehindert werden oder ganz auf der Strecke bleiben. Dabei ist das werthaltige Kriterium kein starres Lebensziel, sondern das Potential möglicher Ausdruckssteigerung und kommunikativer Ausweitung der Person. Auch dieser Möglichkeitshorizont kann nicht exakt vermessen werden, denn ob einer im stillen Stübchen gerne bastelt und zeichnet oder lieber als Mime hundert Leute in Wallung bringt, ob einer zehn Freunde hat oder nur einen, Intensität geht vor Quantität. Wer aber aller Ausdrucksmöglichkeiten ermangelt und gänzlich ins einsame Abseits gerät, hat den Weg verfehlt oder ist auf dem Holzweg.

Wie steht es um den Sinn und die Aussagekraft der Metapher vom Denkweg? Wenn wir wissen, daß unsere Vorfahren auf dem Friedhof liegen und leider zur Kenntnis nehmen müssen, daß ringsum mehr und mehr Freunde und Bekannte das Zeitliche segnen, schreiten wie tapfer zur Folgerung, daß auch wir selbst früher oder später dran glauben müssen. Wir können uns natürlich auch zur logischen Deduktion erheben oder herablassen (denn der generelle Satz, daß alle Menschen sterblich sind, ist eigentlich keine generelle Wahrheit, sondern trotz der keine Ausnahme duldenden trostlosen Lage eine empirische Verallgemeinerung), dann ist der Weg von der Allaussage zu unserer Wenigkeit noch kürzer. Ist also die Logik der gut gebahnte, sichere Weg des Denkens? Keineswegs! Die formale Logik gleicht eher der Taschenlampe, die ich im Dunklen benutze, um mich auf unübersichtlichem Gelände zurechtzufinden. Sie kann mir naturgemäß nicht sagen, ob ich bei dieser Lage den Fuß vor die Schwelle setzen soll. Die Logik gleicht dem Stock, den ich benutze, um den sonst unerreichbaren Apfel aus dem Baum zu schütteln. Sie kann mir nicht weismachen, daß der Apfel reif ist und meinen Geschmack trifft, nur daß ich ihn pflücken sollte, wenn er reif ist und mir danach ist. Die Logik ist ein hocheffizientes, biegsames und bewährtes Instrument, um mir auf meinen Wegen weiterzuhelfen, aber sie kann keine Orientierung darüber geben, welchen Ort ich besser verlassen und welchen ich eher anzielen soll.

Ist der Denkweg besser mit dem Weg vergleichbar, den wir in einem offenen, wechselseitig angeregten Gespräch auf ein zunächst verschwommenes, im Laufe der Unterredung allmählich klarer hervortretendes Ziel hin zurücklegen? Das setzt freilich entweder voraus, daß die Metapher des inneren Gespräches Hand und Fuß hat oder wenn dem nicht so ist wir das einsame Mit-uns-selber-Reden aufgeben und Denkwege nur noch im Dialog beschreiten sollten. Können wir mit uns selbst ein angeregtes und einigermaßen vorbehaltloses oder offenes Gespräch führen? Uns selbst wie einen guten Freund betrachten, der uns bisweilen mit merkwürdigen Fragen und hochgestochenen Theorien behelligt, die wir ihm nach und nach plausibel oder sogar zufriedenstellend beantworten oder wie schillernde Seifenblasen an kleinen kritischen Spitzen zerplatzen lassen? Ich denke, wir können diese Annahme gelten lassen und zum Beleg und Zeugnis eines wenn nicht ganz vorurteilslosen, so doch angeregten und stellenweise vielleicht sogar anregenden Selbstgespräches die hier niedergeschriebenen Zeilen nehmen.

 

Dez 9 17

Kleine Sehnsuchtstriebe

Wir wollen sein wie Schatten,
still-gering
uns ducken unters Laub
des hohen Sommertags.

Wie Abendlicht-Gespinst
demut-weich
an dunklen Zweigen
niedertauen.

Wir wollen sein wie Tropfen,
keuscher Glanz,
an Veilchens Dämmer-Wange
langsam uns verzittern.

Wie verholzter Bäume Äpfel,
herbstlich-mürb
aus nächtigem Dickicht
heimlich glühen.

Wir wollen sein wie Stimmen,
muschel-blau
im Uferschilf des Abends
langsam uns verrauschen.

Wie ein zerknülltes Taschentuch,
zart-bestickt
Aromen wilden Grases
Tränen spenden.

 

Dez 8 17

Vergebliche Liebesmüh

Ein alter Regenschirm
wachte sommers fröhlich auf
und war voll Tatendrang.

Und weil die Sonne schien,
ging er im nahen Park
an Busch und Beet entlang.

Da schaute ihn die schöne Rose an,
die Wimpern lang, die Wangen rot,
da warʼs um ihn sogleich geschehn.

„Ach, wenn ich singen könnte“,
und wüßte gar ein Rosenlied,
die Rose würde mich verstehn!“

Als er so leise wehend sann,
fielen Tropfen, mehr und mehr,
die Rose fing zu weinen an.

Da spannte er sich selber auf
und unter seinem runden Dach
barg er die Holde, ganz Galan.

Die Rose sprach: „Du armer Tor,
weißt du nicht, wieʼs mich erquickt,
wenn ich einsam weinen muß?“

Da hat der Schirm mit wehem Ruck
sich schleunigst wieder zugeklappt
und ging des Weges voll Verdruß.

 

Dez 7 17

Philosophische Konzepte: „schwer“ und „leicht“

Wir leben in einer Welt, die wesentlich durch die Eigenschaft geprägt ist, die wir Schwerkraft nennen. Die theoretischen Erklärungen der Physik und Kosmologie hinsichtlich dieser fundamentalen Kraft sind indes unerheblich für die Erhellung der semantischen Rolle und Bedeutung solcher Aussagen wie:

1.1 Der Wagen war schwer beladen.
1.2 Die sich häufenden und immer heftiger werdenden Fieberattacken deuteten auf eine ernste und schwere Erkrankung hin.
2.1 Schweren Herzens willigte sie in seinen Vorschlag ein, die Stadt zu verlassen.
2.2 Kopfrechnen fiel ihm leicht.
3.1 Obwohl er keinen Finger krümmte, lud er schwere Schuld auf sich.
3.2 Sein ständiges Zuspätkommen hätte er nicht auf die leichte Schulter nehmen sollen.
4.1 Trotz ihres feingliedrigen Köperbaus bewegte sie sich schwerfällig.
4.2 Noch unter der Bürde des Alters umschwebte ihn die Leichtigkeit jugendlicher Anmut.

Es ist indes nicht von geringer philosophischer Relevanz, wenn wir feststellen, daß unser sprachliches Verhalten und seine Philosophie, die Sprachphilosophie, unabhängig davon ist, ob wir die fundamentale Tatsache, daß uns eine Tasse aus der Hand immer nur zur Boden fällt, mit Aristoteles als das der Tasse wie jedem materiellen Gegenstand unter dem Mond innewohnende Streben, bei fehlenden Hindernissen seinen „natürlichen Ort“ Richtung Erdmittelpunkt aufzusuchen, erklären oder mit Newton mittels der mysteriösen Gravitationskraft oder mit Einstein mit der Theorie, wonach die Masseverteilung in der Zeit die Struktur des Raumes so prägt, daß die Tasse nun einmal ihrer einzigartigen raumzeitlichen Ereignislinie folgt. Demnach gilt: Ist unser Weltumgang ein sprachlich geprägter, kann uns die Physik der objektiven Welt der Massen und Teilchen nicht über das Wesen unserer Lebenswelt die letzten und entscheidenden Aufschlüsse geben.

Diese Beobachtung gilt für alle Teilbereiche der Philosophie und alle wissenschaftlichen Disziplinen, die sich entweder mit der Anwendung der natürlichen Sprache beschäftigen wie die Sprachwissenschaft und die Literaturwissenschaft oder die Anwendung der natürlichen Sprache als unhintergehbare Tatsache voraussetzen und hinnehmen wie die Geschichts- oder Kunstwissenschaft. Nur in Disziplinen wie der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte machen sich die genannten unterschiedlichen physikalischen Theorien als bedeutsame Themen geltend, ohne freilich den normalsprachlichen Rahmen zu tangieren, denn auch hier spricht man beispielsweise von schweren Fehlern oder leicht zu behebenden Mißverständnissen.

Anhand dieser Betrachtung über die relative Indifferenz des normalsprachlichen Weltumgangs zu den Umbrüchen des kosmologischen Weltbilds und der physikalischen Theorien, die ihnen zugrundeliegen, erweist sich auch die Rede von der kopernikanischen Wende in der Philosophie als überschwänglich und unhaltbar. Denn in der sorgfältigen Beschreibung unserer Art zu sprechen fällt spätestens dann der Groschen, wenn die Bedeutung der Subjektivität unserer Erfahrung in nüchterner semantischer Redeweise als Asymmetrie der Äußerungen der ersten Person Singular gegen den ganzen Rest unserer Äußerungen wiedergegeben wird.

Wir entnehmen unserer Liste exemplarischer Sätze, in welchem Maße die Wortfelder mit den Bedeutungen „schwer“ und „leicht“ einander gegensinnig zugeordnet sind. Es ist augenscheinlich, daß jeder Grad dessen, was wir schwer nennen, einen gleichsinnigen Grad des Leichten impliziert und umgekehrt. Hier ahnen wir schon, daß die Utopie einer Welt, in der allen alles leicht fällt, einem schweren Fall in den Abgrund gleichkommt.

Wir erkennen desgleichen vier Bedeutungsfelder in der Verwendung von Worten und Wendungen mit den Ausdrücken „schwer“ und „leicht“:

1.1 eine physische Bedeutung wie in den Wendungen „schwere Last“ und „leichte Fracht“
1.2 eine physische Bedeutung in Wendungen wie „schwere“ oder „leichte Krankheit“ („schwer“ im Sinne des physischen malum)
2. eine psychologische Bedeutung wie in den Wendungen „schweren Herzens“ und „Leichtsinn“
3. eine moralische Bedeutung wie in den Wendungen „schwere Schuld auf sich laden“ und „auf die leichte Schulter nehmen“ („schwer“ im Sinne des moralischen malum)
4. eine ästhetische Bedeutung wie in den Wendungen „schwerfälliger Gang“ oder „anmutig-leichte Gebärde“

Wir erkennen anhand dieses Überblicks, daß es sich beim Gebrauch der Wörter „schwer“ und „leicht“ unter der Rubrik 1.1 um den wörtlichen Sprachgebrauch handelt, denn die Schwere der Fracht eines Frachtschiffes kann in Kilogramm und Tonnen angegeben werden. Dagegen zählen alle unter den Rubriken 1.2 bis 4 aufgeführten Beispiele für den Gebrauch der Wörter „schwer“ und „leicht“ zum metaphorischen oder dem Sprachgebrauch im übertragenen Sinne, denn den Schweregrad einer Krankheit oder das Gewicht, das jemandem auf dem Herzen lastet, wenn er vor einer schwierigen Entscheidung steht, kann man nicht in Kilogramm oder Gramm wiegen, ebensowenig die Schwere einer Schuld oder das niederziehende Gewicht, von dem wir sagen, daß es einen Gang schwerfällig oder wenig anmutig macht.

1.1 Interessanterweise ist der wörtliche Sprachgebrauch, ohne den der übertragene gleichsam keinen Grund und Boden hätte, philosophisch von keiner großen Relevanz. Denn für die Erhellung unseres Selbstverständnisses und der Struktur des subjektiven Lebens sind naturgemäß metaphorische Wendungen von der größten Aussagekraft. Wir denken an Wendungen wie „Ihm war schwer (leicht) zumute“ oder „Er war erleichtert, von der Rettung seiner Angehörigen zu erfahren.“

1.2 Im physischen malum (Übel, Leid) erfassen wir den einen wesentlichen Aspekt des menschlichen Elends, dessen anderer Aspekt das moralische malum (Bosheit) darstellt. Die Heilmittel, die wir gegen das physische Elend, das uns aus Unfällen und Katastrophen, körperlichen, seelischen und geistigen Krankheiten, Siechtum und Tod erwächst, können wir nicht gänzlich beseitigen, doch mittels intelligenter Anstrengungen durch medizinische, pharmakologische und technologische Eingriffe, Mittel und Erfindungen lindern und bisweilen teilweise wie bestimmte Epidemien beherrschen.

Das physische Leid können wir einerseits in objektiven Ausdrücken wie im Schweregrad einer Krankheit erfassen, wenn wir von einer leichten Grippe oder von einem unheilbaren Krebsleiden sprechen. Auf diesem Feld gibt uns die Medizin und ihre physikalisch-chemischen Hilfswissenschaften eine große Fülle an Informationen und Theorien über die Entstehung von Krankheiten an die Hand, abgesehen von den zu Diagnosezwecken eingesetzten Geräten vom Thermometer bis zur Ultraschall- oder Röntgenuntersuchung.

Doch hätten wir andererseits keinen Begriff von Krankheit entwickelt, wenn uns niemals übel würde, wir uns nicht einmal schlecht fühlten oder nie unter Schmerzen litten. Der Begriff Krankheit ist eine begriffliche Markierung, die nur am Horizont subjektiven Lebens auftauchen kann.

Wir können darüber streiten, was wir genau und im Einzelnen unter Gesundheit verstehen wollen, ob die Abwesenheit von Krankheit oder ein Positivum wie die Harmonie der körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte, die dann übergreift in die harmonische Gestaltung des Umgangs mit anderen, aber nicht über das factum brutum der physischen Übel.

Wir müssen aber einige Klarheit über das Verhältnis von physischem und moralischem malum zu gewinnen suchen. Dabei ist augenscheinlich vielfach der physische Schaden wie die Entwendung oder Zerstörung von Dingen, die Verwundung, Verletzung und der Tod eine Folge und ein Ausdruck eines moralischen malum, nämlich von Diebstahl, Raub, Sachbeschädigung, tätlichem Übergriff, Vergewaltigung, Totschlag und Mord.

Moralisches malum impliziert physisches malum, nicht aber umgekehrt. Der Glaube, ein physisches Leid, das offensichtlich keine Folge böser Taten darstellt, als eine solche zu deklarieren, kann Symptom einer Geistesstörung wie des paranoiden Wahns sein. Andererseits kann der Glaube, ein physisches Leid, das offensichtlich keine Folge böser Taten (von Dritten) darstellt, als eine Folge eigener böser Taten oder gar Absichten (Gedanken) zu deklarieren, kann Inhalt eines religiösen Glaubens sein, wie des Glaubens der Propheten, die Übergriffe der Fremdvölker auf Judäa und Israel seien auf den Abfall der Juden vom Gott der Offenbarung zurückzuführen.

Die Moralisierung des physischen Übels ist ein gängiges Mittel der irrationalen Leidbewältigung. Wir sehen sie hier am Ursprung der Idee von der Schuld, die eine Gruppe wegen des Abfalls vom rechten Glauben auf sich geladen hat, also der Idee der Kollektivschuld, deren Bestrafung unausbleiblich auch offenkundig Unschuldige wie Kleinkinder oder Demente erwischt. Um einer Idee willen zu leiden scheint leichter zu sein als grundlos und sinnlos leiden zu müssen.

Offensichtlich ist die Tatsache, daß wir physisches Leid und Elend erfahren, eine Folge der Tatsache, daß wir ein subjektives Leben führen, denn nur die als Schmerz empfundene Schädigung und Verletzung unseres mit Nerven überzogenen Körpers erfahren wir als persönliches Leid. Eine negative Utopie der Menschheitserlösung bestünde daher im Austausch aller Exemplare der anfälligen menschlichen Gattung durch schmerzunempfindliche Roboter. Eine andere Form messianisch verkündeter Erleichterung von allem Übel will uns schlicht unter Betäubungs- und Rauschmittel oder in eine Dauerekstase ununterbrochenen Konsum- und Glücksrauschs setzen, derart, daß wir vor der Empfindung des Unzuträglichen, Unheimlichen und Schrecklichen dieses Erdenwallens wie ein Hirn in mit Drogen angereicherter Nährlösung ein für allemal bewahrt und errettet wären.

Warum können wir aber eine Welt ohne die Möglichkeit, Schmerzen und Leid zu erfahren oder anderen zuzufügen, trotz infantiler Anwandlungen von Menschheitserlösungsphantasten nicht als die beste aller Welten begrüßen? Weil in solch einer scheinbar perfekten Welt all unser Sinnen und Trachten, unser Reden und Handeln gleichgültig und sinnlos und wir der Würde der freien moralischen Existenz beraubt wären. Wir könnten einfach tun und lassen, wonach uns der Sinn stünde, Leute beleidigen, verletzen, mißhandeln, es bliebe folgenlos, als schmerzunempfindliche Monstren spürten sie nichts davon, doch ebensowenig von unseren guten Absichten und Taten. Denn dem anderen Gutes tun heißt eben, entweder sein Unglück lindern oder sein Glück befördern, doch glücklich oder unglücklich zu sein setzt die Fähigkeit voraus, Schmerz zu empfinden.

2. Bei der Verwendung psychologischer Prädikate finden wir naturgemäß die Asymmetrie der Äußerungen der ersten Person Singular zum Rest aller möglichen Äußerungen. Wenn ich beobachte, daß dir der Abschied schwerfällt oder dir eine Last von den Schultern fiel, als du von der zusätzlichen Arbeit entpflichtet wurdest, setzen meine Bobachtungssätze Aussagen der ersten Person Singular voraus, die ich über meine Empfindungen und Erlebnisse machen würde, wäre ich in derselben Lage wie du, wenn ich also Sätze wie „Mir fällt der Abschied schwer“ oder „Mir fiel eine Last von den Schultern“ in vergleichbaren Situationen äußern würde.

Wir erkennen den Sachverhalt, daß einer Person der Abschied schwerfällt, an ihrem Verhalten, ihrer Gestik und Mimik, beispielsweise daran, daß sie klagend seufzt oder den Abschied durch ständiges Weiterreden zu verzögern sucht. Wir erkennen es aber auch einfach daran, daß der Betreffende sagt: „Der Abschied fällt mir schwer“ – vorausgesetzt, wir gehen rechtens davon aus, daß er nicht nur eine höfliche Phrase von sich gibt.

Wenn dem Trauernden der Abschied von dem verstorbenen Freund oder Geliebten schwerfällt, wissen wir dies im Sinne einer Gewißheit, die uns das Erlebnis eigener Trauer erschließt. Wenn wir beobachten, daß der Trauernde auch nach Ablauf einer langen Zeit nach dem Tod des ihm Nahestehenden eine traurige Miene und die Neigung zeigt, jeden Anlaß zur leichten Unterhaltung und Zerstreuung zu meiden, wenn sich sein Gebaren wie wir sagen im Gegenteil immer weiter verdüstert, wissen wir, daß seine Trauer in Schwermut umgeschlagen ist. Schwermut und das schwermütige Befinden können wir erkennen, auch wenn wir selbst nie unter einer Depression gelitten haben, weil wir einerseits genügend Beschreibungen depressiver Verhaltensweisen und Stimmungsäußerungen zur Kenntnis genommen haben. Und weil wir andererseits in der Lage sind, unser Erlebniswissen von Trauer mittels der Kraft der Einbildungskraft dergestalt zu variieren, daß wir das Bild des Trauernden in immer dunkleren Farben malen.

Als Quell- und Ursprungsgrund unserer korrekten metaphorischen Verwendung der Redewendungen mit den Wörtern „schwer“ und „leicht“ betrachten wir das subjektive Nahefeld unserer Leibempfindungen. Als schwer empfinden wir unseren Leib, wenn wir matt und müde, erschöpft und ausgelaugt sind oder uns die nötige Spannkraft und Vitalität fehlen, den Tag beherzt anzugehen. Umgekehrt empfinden wir unser leibliches Dasein als leicht oder gehoben, wenn wir frisch und ausgeruht sind oder von großem Tatendrang beflügelt werden. Interessant ist die Beobachtung, daß wir im Zustand der Mattigkeit und Antriebslosigkeit unseren Leib allererst als Hemmnis und schwere Bürde wahrnehmen, während wir im Zustand gehobener Stimmung und guter Laune ihn kaum eigens als solchen wahrnehmen.

Ausgehend von der gleichsam leibhaften oder leibgebundenen Bedeutung von Schwere und Leichtigkeit ermessen wir nach und nach den wahren Sinn der Rede von der Schwere des Schicksals, das uns als leiblich Existierenden unaufhebbar aufgebürdet und zugemutet ist. Wir nennen Kultur jene Erfindungen und Techniken, die uns die Schwere des Schicksals erleichtern. Doch können wir den letzten schweren Abschied, den Tod, bisweilen herausschieben, aber nicht aufheben.

Bei jenen Dingen, die uns leicht- oder schwerfallen, wie Kopfrechnen, Balancieren, Schachspielen oder eine Fremdsprache erlernen, sprechen wir von Fertigkeiten, die wir mittels Übung erlernen und mangels Übung verlernen können. Wir können eine Fertigkeit sowohl spielend leicht erlernen oder uns nur schwer und mühsam aneignen als auch eine Fertigkeit mit Leichtigkeit und Gewandtheit ausüben oder nur schwerfällig und unzulänglich beherrschen. Wir können leicht kopfrechnen, auch wenn wir im Moment nicht kopfrechnen, sondern etwas anderes tun. Dagegen kann uns nicht schwer oder leicht zumute sein, wenn uns im Moment leicht oder schwer zumute ist.

Die adverbiellen Bestimmungen „schwer“ und „leicht“, mit denen wir unsere Fähigkeit, eine Fertigkeit auszuüben, beschreiben, können wir durch synonyme oder gleichsinnige Prädikate wie mühsam, langsam oder stockend, gewandt, schnell oder flüssig ersetzen, ohne daß sich ihre Bedeutung grundlegend ändert. Dagegen nehmen die psychologischen Prädikate „schwer“ und „leicht“, wenn wir sie durch analoge Ausdrücke ersetzen, eine neue Bedeutungsfarbe oder Nuance an. Wenn ich sage „Der Abschied fiel ihm schwer“, meine ich etwas anderes, als wenn ich sagte „Er zögerte den Abschied hinaus“ oder „Er blieb unschlüssig an der Tür stehen.“

3. Der moralische Sinn, auf den wir mit Wendungen wie der Schwere einer Schuld oder des Leichtsinns im Umgang mit Mitmenschen, allen voran solchen, die uns anvertraut sind oder denen wir im Kontext institutioneller Regeln verbunden sind, abzielen, erschließt uns die Welt der Verbindlichkeiten und Verpflichtungen, die wir uns und einander als Bürden auferlegen oder deren Last wir uns in berechtigter oder unerlaubter Weise entledigen.

Was die physische Schwerkraft im Reich der Natur, könnte man pointiert sagen, ist die moralische Schwerkraft im Reich unseres sittlichen Umgangs. Mit dem einen Unterschied, daß wir im Reich der Sittlichkeit in selten Ausnahmefällen die Aufhebung dieser Schwerkraft bewirken oder zu bewirken guten Willens sind, nämlichen in Akten der Vergebung und Verzeihung, rechtsförmig in Akten der Begnadigung.

Die unaufhebbare sittliche Tatsache der Schuld entspringt aus der unaufhebbaren Schwäche der menschlichen Natur, die zwar durch moralische Übungen wie die Übung des Gerechtigkeitssinns von Kindesbeinen an einer gewissen Entwicklung und Reifung zugeführt werden, aber vor den Verstrickungen nicht endgültig bewahrt werden kann, zu denen sie die Überwältigung durch die primären Emotionen des Zornes, des Neids und der Eifersucht immer wieder verleitet.

Betrachten wir dies am Bespiel des Zorns, von dem das abendländische Grundbuch, die homerische Ilias, handelt. Im Zorn steht der Erzürnte wider ein als Unrecht und Schädigung empfundenes Geschehen auf und meldet zugleich seinen Anspruch oder sein Recht auf Entschädigung und Wiedergutmachung an. Mit dem Anspruch, den der Zorn an den Urheber seiner Verstimmung anmeldet, wohnen wir gleichsam der Entstehung der Institution des Rechts bei. Nun fühlt sich der heroische Protagonist des homerischen Epos, Achill, von dem Heerführer der Griechen, Agamemnon, um seine Beute, das Sklavenmädchen Briseis, betrogen. Weil ihm dieser vermeintliche oder berechtigte Anspruch verwehrt bleibt, zieht er sich schmollend und grollend vom Kampfgeschehen vor Troia zurück und beraubt seine Kampfgenossen der stärksten Heeresmacht. Seine Schuld beginnt und steigert sich nach und nach, als einerseits seine Verweigerung zu immer größeren Verlusten im Heer der Griechen führt. Andererseits läßt er sich zwar dazu herab, dem Kampfgenossen und Freund Patroklos seine mit magischer Macht versehene Rüstung auszuhändigen, doch für dessen schmerzlich empfundenen Tod nimmt er eine unverhältnismäßige Rache, indem er wieder in den Kampf zieht und nicht bloß den Haupthelden der Trojaner, Hektor, tötet, sondern in sittlich empörender Form seinen Leichnam schändet und mit seinem Wagen um das Grabmal des gefallenen Freundes schleift. Die Schmach und Schuld, die Achill auf sich geladen hat, wird ihm erst die gnädige Geste wenn nicht abwaschen, so doch mildern, mit der er dem greisen Vater des Getöteten, Priamos, die Erlaubnis erteilt, den Leichnam seines Sohnes zu bergen und würdevoll zu bestatten.

Wir erkennen einerseits, daß der Rechtsanspruch aus der Natur der menschlichen Subjektivität entspringt, ist doch ihr nacktes leibliches Dasein Zudringlichkeiten und Verletzungen ausgesetzt, die ihr andere mit böswilliger Absicht zufügen können. Wir erkennen andererseits, daß die Schuld, die der Zornige auf sich lädt, nicht in der Anmeldung seines Rechtsanspruchs auf Entschädigung besteht, sondern in der unverhältnismäßigen Form, mit der er sie eintreibt, wie der Rache, zu der der Zorn immer wieder inspiriert.

Wir weisen noch auf ein anderes bedeutendes Literaturdenkmal hin, das den Zusammenhang von Zorn und Rache auf der einen Seite und die Problematik der rechtlichen Zügelung der Rache in der Fehde durch die Etablierung des staatlichen Gewaltmonopols auf der anderen Seite in dramatisch grellen Farben vor Augen führt: Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas. Weil ihm der selbstherrliche und raubritterähnlich hausende Junker von Tronka zwei Pferde unrechtmäßig requiriert und halb zu Tode schindet, rennt der Roßhändler Kohlhaas durch die Lande, die Amtsstuben und Höfe, sich Wiedergutmachung des erlittenen Schadens zu verschaffen. Dabei stößt er auf taube Ohren und gerät in ein Labyrinth von Intrigen und Korruption, das ihn an der staatlichen Gerechtigkeit verzweifeln und in einen Rachefeldzug von so ungeheurem Ausmaß stürzen läßt, daß er nicht nur das Nest des Raubritters samt Bewohnern niedermacht, sondern ganze Ortschaften und halbe Städte wie Wittenberg in Schutt und Asche legt. Das freie Geleit nach Dresden, das ihm Martin Luther erwirkt, um dort seine Sache vor Gericht auszutragen, wird schändlich von der Obrigkeit in den Wind geschlagen, nur das Eingreifen des Gegenspielers der sächsischen Macht, des Kurfürsten von Brandenburg, bringt dem Rachengel am Ende Genugtuung. Doch wäre Kleist nicht der geniale Dramatiker, aus dessen Feder Werke wie Der Prinz von Homburg und Der Zerbrochen Krug flossen, würde nicht die sich anbahnenden Versöhnung durchkreuzt. Denn der Roßhändler legt nur scheinbar mit seinem Schicksal und dem Todesurteil versöhnt, das über ihn nach geltendem Recht seiner Untaten wegen erging, den Kopf aufs Schafott. Sterbend noch füttert er den unersättlichen Geist der Rache mit einem geheimnisvollen Blatt, das eine Prophezeiung enthält, die das Schicksal seines Feindes, des Kurfürsten von Sachsen, und seine Herrschaft betrifft.

Kleist zeigt den inneren Zusammenhang von Zorn und Anspruch des Geschädigten auf Kompensation, jenem Rechtsgefühl, das wir am Ursprung des Rechts in Anschlag bringen. Er geht auch der Spur der Schuld bis zu ihrem Anfang nach, wo sie sich als Folge des in Rache überschlagenden Zorns darbietet. Die heilsame Wirkung der staatlichen Gewalt, die dem Zornigen die Rache gleichsam abnimmt und in den kanalisierten Strom der gerechten Strafe umlenkt, kommt hier zu spät. Die Institution des Rechts aber sollte den natürlichen Anspruch auf Vergeltung durch besonnen abgewogene Strafmaßnahmen dem Einzelnen von der Schulter nehmen, sodaß er im Austrag seines Zornes nicht verwildert.

Die tragischen Verstrickungen, durch die wir auch wider Willen mehr oder weniger schwere Schuld auf uns laden, ergeben sich aus der Unvereinbarkeit von Neigungen und Ansprüchen, die wir an andere und andere an uns stellen. So vermag die neurotische Mutter den Liebesanspruch des Kindes nicht zu erfüllen, das autistische Kind nicht den Anspruch der Mutter auf die gebührende Achtung ihrer fürsorgenden Rolle. Der von seiner Karriere Besessene opfert die leidenschaftliche Liebe eines schlichten Mädchens und heiratet eine Tochter aus gutem, sprich vermögendem Haus. Die Zurückgewiesene rächt sich unwillkürlich, indem sie das von ihrem Verräter gezeugte Kind vernachlässigt, und dieses muß das Ressentiment seiner Mutter ein Leben lang mit sich herumschleppen.

Nur in den seltensten Fällen sehen wir Akte der Vergebung und Verzeihung zu echter moralischer Befriedung und seelischer Versöhnung führen. Wird das vernachlässigte Kind der Mutter, die sich ihm ruckhaltlos offenbart und ihre unfreiwillige Schuld an ihr eingesteht, in der Lage sein, ihr zu vergeben und sich mit seinem Schicksal zu versöhnen? Kann sein durch Krankheit, Zurückweisung oder Vereinsamung beschwertes Dasein ohne Ranküne und Groll nur annehmen, dem sein im Dunklen der ungelebten Augenblicke verwilderter Liebesanspruch durch das Licht der Gnade erhellt wird? Was wir einem Menschen als Wert und Würde zuzusprechen bereit sind, läßt sich an der Art und Zahl der Verletzungen und Wunden bemessen, die ihm unschuldig-schuldig zugefügt wurden und die er soweit er es vermag mit Würde oder nicht ganz würdelos trägt.

4. Den ästhetischen Sinn unserer Rede von einem schwerfälligen Gang und einer graziösen Leichtigkeit können wir mit ästhetischen Kategorien wie Rhythmus, Gleichgewicht, Ebenmaß, Anmut und Schönheit auffüllen. Wir bemerken, daß der schleppend, stockend und schwerfällig Dahergehende den inneren Schwerpunkt und das Gleichgewicht seiner Bewegungen, vielleicht aufgrund von Zerstreutheit oder Mißstimmung, verloren hat, wodurch die ganze Erscheinung wie aus dem Lot gerutscht und unrhythmisch wirkt. Das wird uns augenscheinlich schon an der Art, wie einer sitzt, ob er auf dem Stuhl wie zusammengesackt und ohne Halt gleichsam zerläuft oder so, als wäre er leicht wie eine Marionette vom Schnürboden her ein wenig in die Höhe gehoben.

Was uns die Leichtigkeit der graziösen Bewegung und Geste, der feenhafte im Rhythmus zerfließende Hauch der dichterischen Rede oder die auf der Leinwand wie auf dem Wasser schwebenden Blumen des Stillebens zur Anmutung bringen, ist die Illusion der Aufhebung der physischen und moralischen Schwere. Illusion, die uns von der Last des Gedankens, daß uns die Schwere des Daseins endlich und endgültig zur Erde niederziehen wird, um darin für immer zu ruhen, für den Augenblick einer kleinen Entrückung vergessen läßt.

Schönheit lächelt uns im Blick, der von Eitelkeit nicht getrübt ist. Sie gleicht dem jungen Mann, vom dem Heinrich von Kleist in seinem Aufsatz über das Marionettentheater spricht: Er gewahrt sich, da er den nackten Fuß auf einen Schemel setzt, im Spiegel und entdeckt die verblüffende Ähnlichkeit seiner anmutigen Gebärde mit der Haltung der antiken Plastik des Dornausziehers. Doch sobald er von seinem Spiegelbild befangen, die Geste dem neugierigen Erzähler wieder vorführen möchte, gelingt es ihm nicht mehr und das Zuviel an Selbstgefühl oder die Eitelkeit hat die unwillkürlich wirkende Anmut der Gestalt verzerrt und ins Komische abgleiten lassen.

Da wir uns nicht nur mit Taten, sondern auch mit Worten unaufhaltsam ins Unrecht setzen und wie man den Spruch des Anaximander abwandeln könnte durch ein zuviel oder zuwenig Gesagtes schuldig werden, auch wenn wir nicht fluchen oder verleumden und lügen (denn jedes ausgesprochene Wort ist gleichsam ein dürftiger Ersatz und eine Verdrängung dessen, was klarer, genauer, wahrer hätte gesagt werden können), erfüllt uns in der großen Dichtung die Leere der Stille, die hinter den Worten wie das Blau des Himmels zwischen den Wolken aufblitzt, mit jener seltsamen Illusion, als wäre noch nichts Gravierendes geschehen und das Leben würde uns unversehrt im Stande der Unschuld lächeln.

 

 

Dez 6 17

Zwischen Erde und Himmel VI

Sonne zog ihn auf,
herrisch und neckend,
wand ihm Strahlenbündel ins Haar,
Sonne malte grünen Sinn auf sein Blatt,
griff ihm wild ins dunkle Geschlecht,
bestäubte seine Geduld mit Gold,
Sonne sandte ihm die gefiederten Sänger,
sich auf den Rhythmen seiner Angst zu wiegen
und seine dunklen Taschen
mit gesprenkelten Eiern zu füllen.

Erde hat lang ihn mit Dunkelheit umschoßt
und seinen weichen Kern unter Tränen
mütterlich besprochen mit dem Schattenmund
uralter Orakel,
Erde umleckte ihn mit salziger Zunge,
nährte ihn mit dem Schweiß des Wurms,
dem Dung zerstäubter Flügel von Faltern
und Traumsekreten goldener Käfer,
Erde wärmte ihm das Wurzelgeflecht,
gönnte ihm zwischen Kiesel und Muschel
langen Atems Aufenthalt,
Erde begeisterte ihn mit wässrigem Segen
zum Aufstieg ins Sternenlied.

Wind hat ihn liebkost und gepeitscht,
ließ ihn helle Rätsel säuseln
und sich ächzend recken
ins Jenseitsblau der Nacht,
Wind krümmte seine Einsamkeit
ins Abgrundrauschen der Wasser,
Wind schrie ihm die Namen der Götter
ins Schattengeäst,
ritzte ihm in die runzlige Haut
panische Fratzen,
Wind schüttelte ihm die Liebesgabe
aus der emporgezückten Hand,
Wind schor seinen roten Schopf
und legte das schwarze Urbild des Schweigens bloß.

Regen hat ihm von Wolken
Schauergeschichten zugeflüstert,
ihn in rosige Schleier gehüllt und genährt
mit dem Minnesang der Tropfen,
Regen hat ihm aus den bemoosten Nestern des Schlafs
das Zischen blauer Nattern hervorgelockt,
Regen sang ihm das Heroenepos
vom Keim des Urlichts,
der sich dem dunklen Kuß der Erde
in den Jubel schäumender Blüten entwand,
Regen betäubte sein müdes Zittern
mit Düften von Eden her,
Regen hat ihn mit dem Glanz der Ergebung beträuft.

Mensch, o Mensch,
hast ihn erlegt,
tausend Jahre des Atmens und Sinnens
zerhackt,
tausend Jahre des Blühens und Sprossens
verheizt.
Mensch, wenn dir warm wird am Ofen,
gedenke der erloschenen Flammen
im herbstlichen Laub,
Mensch, wenn du über den Ziffern des Buches träumst,
gedenke der zersägten Male,
der Inschrift sich rundender Jahre.

 

Dez 5 17

Philosophische Konzepte: Hand

Mit der Hand erfassen wir das Organ des Handelns im dreifachen Sinne des Herstellens oder Fertigens, des Tastens und Befühlens, des Bereitens und Tuns. Wir betrachten diese Gebiete menschlicher Lebensäußerung nicht im rein objektiven Sinne, wie es beispielsweise die Technik- und Kunstwissenschaft, die Psychologie und die Verhaltenslehre machen, sondern vom Ausgang dessen aus, der Hände hat und handelt, du und ich.

Gewöhnlich betrachte ich meine Hand nicht, es sei denn eine Mücke hat mich gestochen und ich suche nach der Stelle oder ich schneide mir die Nägel – doch auch dann betrachte ich nicht eigentlich meine Hand wie ich mir ein Hindernis näher anschaue, über das ich gestolpert bin, oder eine hübsche Auslage im Schaufenster, die mir aufgefallen ist.

Auch beobachte ich meine Hand nicht interessiert, neugierig oder erstaunt wie die Taube auf dem Dach oder die Schneeflocken, die unverhofft herabwehen. Wer sorgsam einen Faden ins Nadelöhr einfädelt, schaut nah und scharf auf die Nadel und den Faden, die Hand taucht gleichsam nur als Mitspieler oder Schatten aus dem Hintergrund auf.

Die Hände sind wie mein ganzer Körper in einem seltsamen, schwer zu fassenden Sinne immer für mich da oder mir immer nah, sie haben einen ontologisch eigentümlichen Status der Gegenwärtigkeit wie ansonsten kein Ding und Geschehen der Welt. Es klingt befremdlich zu sagen, man denke an seine Hand, es klingt abwegig, zu sagen, man erinnere sich an seine Hand. Daß wir an etwas denken und uns an etwas erinnern, sind indes wesentliche Haltungen zu den Inhalten der Welt, in der wir leben.

Meine Hand ist demnach im Nahefeld meines Daseins kein Objekt und Gegenstand der Welt, wie sie es für dich ist, wenn du sie drückst, oder für den Hautarzt, wenn er sie untersucht. Ich kann meine Hand nicht verlegt haben und nach ihr suchen, ich kann nicht davon überrascht sein, sie wider Erwarten zu erblicken, ich kann keine Pläne oder Absichten hegen, die sich auf meine Hand beziehen, wie etwa meine Absicht, das Zimmer auszuräumen, die sich auf den Tisch und den Schrank bezieht. Denn wenn ich die Absicht hege, meine Hand chirurgisch oder kosmetisch behandeln zu lassen, bezieht sich meine Absicht nur mittelbar auf meine Hand, unmittelbar aber auf den Vorgang der Behandlung.

Bei der Rede davon, daß ich mich nicht an meine Hand erinnern oder sie wie ein Buch verlegen kann, hat der Ausdruck „Nicht-Können“ keinen kausalen Sinn wie im Falle, wenn ich einen schweren Gegenstand nicht heben oder die hinter Wolken verborgene Sonne nicht sehen kann. Der Ausdruck des Nicht-Könnens hat in diesem Fall einen semantisch-grammatischen Sinn, den wir mit dem Ausdruck des Nicht-Könnens in folgender semantisch-grammatischen Regel vergleichen können: „Wir können Eigenschaftswörtern wie den Farbbegriffen keine Prädikate zuschreiben, die eine Handlung oder einen psychologischen Zustand ausdrücken“, wie wenn wir sagten: „Das Blau hat die Absicht spazieren zu gehen.“

Wenn ich von MEINER Hand spreche, hat dies eine andere semantisch-grammatische Bedeutung, als wenn ich sagte: „DEINE Hand scheint geschwollen zu sein“, doch hat es wiederum dieselbe Bedeutung, wie wenn du sagst: „MEINE Hand ist geschwollen.“

Die semantisch-grammatisch Bedeutung der Personalpronomen der ersten Person Singular (ich, mir, mich, mein), die sich auf meinen Körper und seine Organe (naturgemäß auch auf meine mentalen Zustände) beziehen, ist eine andere als die Bedeutung der anderen grammatischen Personen, auch eine andere, und darauf sei besonders hingewiesen, als die Bedeutung der ersten Person Plural. „Mein Handschuh“ ist semantisch gleichwertig mit dem Ausdruck „dein Handschuh“, während dies nicht für die Ausdrücke „meine Hand“ und „deine Hand“ gilt. Denn ich kann deinen Handschuh mit meinem Handschuh verwechseln und wenn wir etwa gleich große Hände haben, deinen Handschuh statt meinen überstülpen. Ich kann aber meine Hand nicht mit deiner Hand verwechseln und mir nicht mit deiner Hand durch die Haare fahren (von exotischen Situationen abgesehen).

Diesen semantischen Unterschied erhellt auch der Umstand, daß ich im Gegensatz zu Äußerungen wie „Das ist mein Handschuh!“ den Satz „Das ist meine Hand“ normalerweise NICHT äußere oder nur in außergewöhnlichen Situationen äußere, wie wenn wir als Kinder oder wie Kinder unsere Hände abwechselnd aufeinanderlegen und immer die untere wieder wegziehen, um sie oben auf den Haufen aufzulegen (ein Kind könnte ausrufen, wenn ein anderes es auffordert, seine Hand oben aufzulegen, und sie liegt schon da: „Das IST meine Hand!“).

Wir können nicht so von meiner oder deiner Hand reden, wie wir von meinem Buch oder meinem Wohnort oder meiner Arbeit reden. Wir sagen etwa, der Unterschied liege darin, daß ich mein Buch verleihen oder verlegen kann, nicht aber meine Hand, daß ich an einen anderen Ort ziehen kann, nicht aber in einen anderen Körper mit anderen Händen, daß ich eine andere Arbeit annehmen und ausführen kann, nicht aber eine fremde Hand so gebrauchen kann wie meine eigene.

Einem wird eine Hand amputiert und eine künstliche roboterähnliche Hand mit an die Nervenenden angeschlossener Sensorik chirurgisch angefügt. Hier erkennen wir den Unterschied zwischen der Rede von meiner und deiner Hand oder von meiner Hand und meinem Buch anhand folgender Tatsachen: Ich kann auch beim Verlust der Hand meine Hand weiterhin spüren wie beim Phantomschmerz, ich kann die künstliche Hand nur angemessen benutzen, wenn ich sie so in mein Leibschema einpasse, als wäre sie MEINE Hand. Vergleichen wir diesen Fall mit dem Stock eines Blinden: Der Blinde tastet mit der Stockspitze über die Unebenheiten des Weges und SIEHT gleichsam mit der Stockspitze durch die Länge des Stocks hindurch mittels der feinnervigen Reaktionen seiner Hand etwaige Hindernisse.

Um die semantisch-grammatische Sonderrolle des Personalpronomens der ersten Person Singular zu verdeutlichen, erkunden wir weitere Spuren der Ontologie des Daseins der ersten Person Singular oder der Subjektivität im Gespür MEINER Hand: Wir können UNS die Hand geben, aber wir können uns nicht die Hände geben, wie wir etwa UNSERE Bücher tauschen oder UNSERE Meinungen einander mitteilen und austauschen können. Daraus erhellt, daß die semantisch-grammatische Rolle der ersten Person Plural eine wesentlich andere als die Rolle der ersten Person Singular ist.

Am Rande gesagt: Die Subjektivität oder mein und dein Dasein ist keine Ableitung und keine Funktion eines Gruppen-Daseins, eines Gruppen-Wir, ebensowenig wie die Absichten des individuellen subjektiven Daseins eine Ableitung und Funktion einer kollektiven Intentionalität sind. Die Gruppe – unser Verein, unsere Familie, unsere Firma, unser Volk, unser Staat – sind nur per analogiam, aber nicht per essentiam ein gleichsam „großes Ich“. Oder: Die Subjektivität meines und deines Daseins oder die Tatsache, daß ich meine Hand spüre, ist kein soziologisches Datum. Oder anders und pointiert gesagt: Die Subjektivität kann nicht soziologisch abgeleitet werden, es gibt keine Soziologie des subjektiven Daseins. Und wenn es keine Soziologie der Subjektivität gibt, dann a fortiori auch keine Soziologie der Intersubjektivität, denn letztere ist in der Tat eine Ableitung und Funktion der Subjektivität.

Ich kann darüber im Unklaren sein, mein Buch an Walter oder Petra verliehen zu haben, nicht aber darüber, den Druck, die Kälte, die Wärme oder den Schmerz in meiner Hand gespürt oder nicht gespürt zu haben. Doch ist die eigentümliche Gewißheit, meine Hand oder etwas an, auf oder in meiner Hand zu spüren, nicht vergleichbar mit der epistemischen Gewißheit, es als evident zu erachten, daß 2 + 2 = 4, oder mit dem Gewißheitsgefühl, mir soeben die Hände gewaschen zu haben. Ich könnte mich darin irren, mir eben die Hände gewaschen zu haben, weil ich sie mir ständig wasche, da ich unter einem Waschzwang leide. Aber wir würden nicht sagen, jemand irre oder täusche sich darin, einen heftigen Schmerz in der Hand gespürt zu haben oder zu spüren.

Wenn wir sagen: „Du kannst nichts mit meiner Hand spüren“, drücken wir damit nur die Folge der prinzipiellen oder ontologischen Differenz des eigenen vom fremden, des subjektiven vom objektiven Dasein aus oder in der nüchternen semantischen Redeweise: die grundlegende Asymmetrie der Semantik und logischen Grammatik der Äußerungen der ersten Person Singular vom ganzen Rest. Ich kann deine Hand spüren, wenn wir uns die Hand geben, aber nur weil ich den Druck und die Wärme deiner Hand an der meinen spüre; aber ich kann nicht spüren, wie du an deiner Hand den Druck und die Wärme meiner Hand empfindest.

Wir sagen nicht: „Meine Hand spürt die Kühle des Wassers“, sondern: „Ich spüre die Kühle des Wassers in meiner Hand.“ Wir sagen nicht: „Meine Hand spürt, daß der Wasserstrahl kühler wird“, sondern: „Ich spüre die Kühle des Wassers in meiner Hand zunehmen.“ Wir stoßen hier auf dieselbe semantische Problematik wie hinsichtlich der offenkundig unsinnigen Aussage „Mein Gehirn erwartet, daß mein Freund Walter bald kommen wird“ und der sinnvollen Aussage „Ich erwarte, daß mein Freund Walter bald kommen wird.“ Denn nicht mein Gehirn steht in der Relation der Freundschaft mit Walter, sondern ich. In der semantisch aberwitzigen Welt gewisser Neurophilosophen, die das punctum saliens der Jemeinigkeit des subjektiven Daseins verkennen, müßte die Aussage eigentlich lauten: „Mein Gehirn erwartet, daß sein Freund Walter bald kommt.“ Meine Hand kann nicht etwas ertasten, greifen, aufheben oder fallen lassen, nur ich kann dies jeweils mit meiner Hand tun. Wenn ich also sage: „Meine Hand schmerzt“, ist dies schon eine metaphorische Ausdrucksweise für die wörtliche Aussage: „Ich empfinde einen Schmerz in der Hand“ oder „Mir tut die Hand weh.“

Doch ist meine Hand nicht ein Instrument, mit dem ich die Temperatur des Wassers erfühle, wie das Thermometer ein Instrument zur Temperaturmessung ist. Die Organe meines Körpers sind keine Instrumente, zum Beispiel Instrumente der Empfindung und sinnlichen Wahrnehmung, mit denen ich erfasse und registriere, was in der Außenwelt passiert. Der Ausdruck Organ ist ein ontologisch mißverständlicher Begriff, wenn er sich beispielsweise auf die Organe meines Körpers wie meine Hand bezieht. Es ist das fatale Erbe des Rationalismus und des Empirismus aus der metaphysischen Trennung von Innenwelt und Außenwelt, die Organe des Körpers als äußerliche Instrumente aufzufassen, die von einer mental dominanten Instanz „da drinnen“, sei es die Seele, sei es das Gehirn, gesteuert und manipuliert werden.

Ich sehe wohl mit meinen Augen, daß und wenn es schneit, aber nicht in dem Sinne, wie ich mit dem Fernglas dort hinten die Kinder am Flußufer spielen sehe. Wenn ich das Fernglas absetze, sehe ich immerhin die Kinder in der Ferne vielleicht noch undeutlich, nur wenn ich die Augen schließe, sehe ich nichts mehr. Um aber etwas mit dem Fernglas zu sehen, muß ICH es mit MEINEN Augen sehen. Ich hebe wohl mit meiner Hand die Papierschnitzel vom Boden auf, aber nicht in dem Sinne, wie ich sie mit einem Handfeger auffege. Ist das Fernglas ein Vergrößerungsmittel meiner Augen und der Handfeger eine Art Verlängerung meines Arms? Erfüllt sich die Bedeutung der Instrumente in ihrer Funktion als Organersatz? Ist das Foto ein künstlicher Ersatz für das visuelle Bild, das ich sah, als ich durch die Kamera blickte und den Auslöser gedrückt habe? Das Bild des Fotos existiert nicht in der Außenwelt, sondern wird nur zum Bild, wenn ich oder du es betrachtest. Die Idee, der Schaber und das Messer, der Faustkeil und die Waffe seien eine künstliche Verlängerung oder ein technisches Surrogat des Organs der Hand hat die moderne Anthropologie fasziniert und theoretisch orientiert, doch wie wir vermuten irregeführt.

Wir können ein optisches Aufnahmegerät so programmieren, daß es in einem Satelliten in bestimmten Zeitabständen kontinuierlich Aufnahmen von der Marsoberfläche macht. Doch das Gerät, das uns die Bilder zur Beobachtungsstation auf der Erde sendet, sieht nichts, sondern die Ingenieure und Astronomen oder Physiker sind es, die sich anhand der gelieferten Daten ein Bild machen. Wir reden nur metaphorisch davon, daß Raumsonden mit ihren Aufnahmegeräten die Umgebung beobachten und sehen.

Das Kind, das mit seinen Händen und Fingern Kugeln oder Figürchen aus Knete formt, ertastet, während es die Gestalt aus der Knetmasse herausdrückt, die Umrisse und das Volumen der Form und ist erst zufrieden, wenn sie sich so anfühlen und so aussehen, wie es ihm vorschwebt. Das Gefühl der tastenden Hand sagt gleichsam dem Kind (neben dem Abtasten der Gestalt mit Blicken), wie das, worum es ihm geht, beschaffen ist.

Aufgrund der Tatsache, daß das Kind die Gestalten und Formen aus der Knetmasse eigenhändig gebildet hat, erhebt es den Anspruch, daß es seine Dinge seien oder die Dinge ihm gehören. Der Begriff des Eigentums kann demnach von der Tatsache abgeleitet werden, daß wir Dinge – Objekte, Geräte oder Kunstwerke – mit eigener Hand, nach eigenem Gusto und Willen, verfertigt haben. Das Material, aus dem wir sie bilden, muß naturgemäß von uns rechtmäßig erworben oder allgemein und frei zugänglich sein, wie der Sand am Meer, aus dem Kinder Burgen bauen, oder die Wiesenblumen und Gräser, aus denen sie Kränze flechten, oder wie ehedem die Allmende, auf der die Bauern der Gemeinde mit eigener Hände Arbeit Getreide anbauten und als ihr Eigentum beanspruchten und feilzubieten berechtigt waren.

Der Begriff des Eigentums, so will es uns bedünken, ist ein Spezifikum unserer Welt, das heißt der Welt des subjektiven Daseins. Die Kultur des Eigentums beruht demzufolge auf der Natur der Subjektivität. So paradox es klingen mag, der Begriff des Eigenen und der aus ihm sich ergebende Begriff des Eigentums können nicht rein soziologisch erklärt und aus der Soziologie der Arbeit und des Marktes abgeleitet werden. Letztere setzt den Gedanken des Subjektiv-Eigenen schon voraus. Das Eigentum hat demgemäß eine wirkliche Analogie zur Jemeinigkeit unseres Körpers und seiner Organe wie meiner und deiner Hand. Das Geld, mit dem wir heutzutage Eigentum erwerben, ist ein ferner Reflex der ursprünglichen eigenhändigen Aneignung der Dinge. Die ursprünglich eigenhändige Aneignung der Welt erkennen wir noch an der Art, wie der frühe Mensch an den Wänden seiner steinzeitlichen Behausungen und Kultstätten den Abdruck seiner Hand hinterlassen hat: gleichsam als Signatur, in dem Sinne, wie wir einen Brief oder der Künstler ein Bild namentlich unterzeichnet.

Die Zeichnung und das Gemälde sind nicht vorstellbar ohne die Fähigkeit des Künstlers, mit seiner Hand (und nicht nur mit den Augen) fühlend und rhythmisch tastend zu sehen. Er führt, wie wir sagen, den Blei- und Kohlestift oder den Pinsel, doch gleichzeitig sieht und fühlt er mit seinem Malinstrument, was er tut und vollbringt. Die Hand ist nicht bloß die dienstbare Magd des künstlerischen Willens, sondern ein Fühler und Resonanzkörper, der die feineren Nuancen, Schwingungen und versteckten Potentiale einem sinnenden Wanderer gleich in der unentdeckten Landschaft des weißen Blattes auslotet und aufspürt. Vergleichen wir das weiße Blatt mit dem ganz von Neuschnee bedeckten Feld, so zieht die Hand gleichsam ihre Spuren, zart geriffelte oder grausam einschneidende Linien und Furchen, die den Künstler manchmal überraschen oder inspirieren, manchmal erschrecken, so daß er sie lieber wieder verdeckt und verschließt.

Der Blinde muß sich hörend und tastend die Welt erschließen. Ihm entblößen die Dinge nach und nach ihr individuelles Gesicht, das er mit seiner tastenden Hand in seinen Konturen und Unebenheiten nachzieht. Die Dinge zeigen ihm ein deutlicheres, plastischeres Gesicht als dem Sehenden, denn seine Farben und Formen sind gleichsam die haptischen Eindrücke des Sanften und Rauhen, der Kühle und Wärme, des Runden und Eckigen, des Flachen und Voluminösen.

Aufgrund unseres leiblichen Daseins sind wir ursprünglich mit dem Begriff der Raumtiefe vertraut, denn wir erfüllen selbst einen vage umrissenen Raum und erleben die Raumtiefe, wenn wir aufstehen und gehen, die Arme heben und senken, wenn wir schwimmen oder tauchen. Alles, was uns unmittelbar angeht und berührt, erachten wir in einem ontologisch singulären Sinne für nah oder uns nah, zuvörderst die eigenen leiblichen Regungen wie das Gefühl, müde oder erregt, hungrig oder satt zu sein, sodann die Elemente der Umwelt, wie die Luft, die wir atmen und die wir uns zufächeln, der Wind, der uns zaust, die drückende Atmosphäre des heraufziehenden Gewitters, die Sonnenwärme und der schneidende Frost, Regen und Schneegestöber, das Licht des Tages und die Dunkelheit der Nacht, das Schniefen unserer Nase oder die Kantate von Bach, der wir lauschen, schließlich die einzelne Dinge, die uns streifen oder die wir berühren, nach denen wir greifen oder die wir vor uns sehen.

Der hier begegnende Begriff der Nähe ist dimensionslos, denn er führt definitorisch keine Abmessungen der Länge, Breite und Tiefe mit sich: Hunger ist uns nicht näher als Durst, die lastende Atmosphäre vor einem Gewitter ist uns nicht weniger nah als die transparente Luft nach einem Sommerregen, der dampfende Dunst der Sauna ist uns nicht ferner als das Wasser, in dem wir baden, und die heikle oder bedrohliche Nähe, die wir meinen, wenn uns das Gewimmel der Fußgänger in der Einkaufspassage bedrängt, ist nicht in Metern und Zentimetern abzumessen.

Ähnlich dimensionslos ist das Nahefeld unserer Hand, das uns einen Blick in die räumliche Intimität des subjektiven Daseins eröffnet. Die Dinge, die uns zur Hand sind, wie das Besteck und Geschirr, das Bild, das wir an die Wand gehängt haben, die Blumen, die wir in der Vase auf dem Tisch harmonisch angeordnet, oder die Kissen, Bücher, Kerzen, die schönen Halbedelsteine, die wir als Dekor um uns gebreitet haben, sie geben uns eben jenen Begriff der subjektiven Nähe, der mit dem meßbaren Abstand von Sessel und Sofa keine semantische Verwandtschaft hat.

Gewiß wären die Nähe und Intimität des Eros und des liebend-vertrauten Umgangs ohne das Getast und Gefühl, die uns die Hand vermittelt, nur ein leerer Wahn. Den Geliebten berühren und seine Haut mit der Hand fühlen bedeutet nicht, seine körperliche Anwesenheit mittels des informierenden Instruments der Hand registrieren oder die Beschaffenheit seiner leiblichen Oberfläche taxieren. Die zärtliche Berührung ist vielmehr ein Modus subjektiven Lebens, in dem uns die Berührung des anderen uns selbst näherbringt und Weisen des Selbstgefühls erschließt, die anders ungeahnt und unerfühlt blieben.

Ähnlich dimensionslos wie das intime Raumtiefe eröffnende Nahefeld des subjektiven Daseins ist der Augenblick oder die Gegenwart, in der es sich unmittelbar vorfindet. Wenn ich erwache und noch bevor ich aus dem Dämmerzustand durch die plötzliche, ebenso schmerzliche wie erleichternde Klarheit über den Ort meines Aufenthalts und die ungefähre Tageszeit herausgerissen werde oder in meiner Erfahrung raumzeitlich vereindeutigt und sachlich dimensioniert werde, bin ich gleichsam in die ringsum ausgefranste und wogende Atmosphäre eines vorzeitlichen Augenblicks getaucht, in dem ich noch nicht weiß, wer ich bin, wie ich heiße, in welchem Erdteil und Land, in welcher Stadt und welcher Wohnung ich mich aufhalte, ob ich jung oder alt, kerngesund oder todkrank bin, welche Sprache ich spreche oder gar wieviel Geld ich auf dem Konto habe oder ob ich verheiratet oder verwitwet bin. An diesem intimen Quellpunkt der unmittelbaren Gegenwart bin ich meiner diffus und ohne die Ränder eines klar konturierten Körpers inne. Mein Leib ragt wie eine gerade aus der ozeanischen Tiefe aufgestiegene Insel ins diffuse Licht einer unbestimmten Tages-, Jahres- und Lebenszeit. Mein Bewußtsein hat sich noch nicht in den klaren Umrissen meiner Gliedmaßen situiert. So schwebt auch meine Hand wie eine schwerelose Namenlosigkeit an meinem Irgend- und Nirgendwo-Arm, noch weit entfernt davon, daß sie der erste Impuls durchzuckte, dies und das zu ergreifen – was ich natürlich gleich tue, wenn ich nach der Uhr taste, um mich zu vergewissern, ob ich nicht verschlafen habe.

Wir können uns der vorpersönlichen, unstrukturierten und schwachen Selbst-Gegenwart begrifflich nähern, wenn wir sie zwischen einer unbestimmten Mannigfaltigkeit und einer individuellen Einzelheit als Grenzbegriffen einordnen. Am einen Ende haben wir den Fall, daß da irgendetwas ist, doch was es ist, bleibt unerfindlich, denn es wechselt unaufhörlich oder auf chaotische Weise seine Bestimmungen, am anderen Ende identifizieren wir anhand eindeutiger Kriterien wie Augenfarbe, Größe, Alter, Geschlecht, Geburtsdatum und -ort, Bildungsweg, beruflichen Werdegangs, daß es sich augenscheinlich um mich oder dich handelt. Die Zwischen-Existenz, die wir suchen, die diffuse Selbst-Gegenwart eines reflexionsfähigen, aber geistig abwesenden, eines sprachfähigen, aber schweigenden, eines willensfähigen, aber ohnmächtigen, eines handlungsfähigen, aber passiven Bewußtseins können wir weiterhin begrifflich mittels Negationen eingrenzen: Es ist nicht niemand und kein bestimmter Jemand, demnach ist es ein Nicht-Keiner oder Irgendeiner. Dieser unvereinzelte Irgendwer findet sich in einer umrißlosen leiblichen Gegenwart vor, doch ist solch ein namenloser Jemand sich keines konkreten Körpers bewußt, mit dessen Gliedmaßen wie der Hand er zielgerichtete Gesten und Handlungen auszuführen beabsichtigen könnte. In semantischer Redeweise ausgedrückt: Im Zustand des herabgestuften Wachbewußtseins oder der schwachen Selbst-Gegenwart sind wir nicht in der Lage, Äußerungen mittels der Verwendung der Personalpronomen der ersten Person Singular zu bilden wie: „Ich spüre einen Druck auf meiner Hand!“, geschweige denn Äußerungen unter Verwendung anderer grammatischer Personen wie: „Deine Hand ist geschwollen“ oder „Seine Hand ist geschwollen.“

Der Quellpunkt des subjektiven Lebens ist demnach die ausdehnungslose, zeitlich undimensionierte schwache Selbst-Gegenwart. Mit vollem und starkem Wachbewußtsein schwindet sie zu einem vagen Nebelfleck ähnlich dem stets vorhandenen, aber unsichtbar bleibenden blinden Fleck auf der Retina dahin. Am zeitlichen Nullpunkt des subjektiven Daseins führen wir gleichsam eine anonyme Existenz, absichtslos, erwartungslos, jenseits oder besser vor der Schwelle, auf der die traute Schar oder das Empfangskomitee der Gefühle, Einstellungen und Handlungsintentionen unserer harrt. Wir erleben diese flache, weil bodenlose Selbst-Gegenwart aber immer wieder in Intermittenzen des Wachbewußtseins, im Zustand der Träumerei, der Verliebtheit, der Inspiration oder Ergriffenheit, und sie scheint wie oft bemerkt unserer künstlerischen Kraft eine durch nichts ersetzbare ambrosische Nährlösung darzubieten.

Es existiert ein unsichtbares Kontinuum zwischen jenem Noch-nicht-Cäsar, der vielleicht am Morgen des 10. Januar 49 vor Christus im Halbschlaf sich von den Wellen eines Flusses umronnen fühlte, und dem hellwachen historischen Subjekt Cäsar, der am selben Tag den Rubikon überschritt, und ihn möglicherweise nicht überschritten hätte, wäre ihm im Zustand schwacher Traum-Gegenwart jenes imaginäre Erlebnis oder ein vergleichbares nicht widerfahren.

Es mutet geradezu paradox an, daß der Träger und Aktor der historischen Zeit eben jener Subjektivität des menschlichen Lebens entspringt, die in ihrem vorpersonalen und anonymen Stadium unbekümmert einer zeitlich unausgedehnten Gegenwart frönt. Das subjektive Leben ist demnach janusköpfig: Im Dämmerzustand des unpersönlichen Daseins ist es sich selbst ohne den klaren Horizont des intentionalen Lebens mit all seinen Absichten und Handlungsoptionen in reiner Selbst-Gegenwart gegeben. Im gleichsam aufgeweckten und aufgerichteten Zustand nimmt es sein Dasein in die Hand und spannt den Horizont des Weiter-so, des Weiter-Sagens und Wieder-Tuns um sich auf.

Zuletzt sind wir aufgrund der Ausführung unserer Handlungen mit eigenen Händen die Vollzieher und Vollbringer des eigenen Lebens, und dies in dem Maße, daß wir das eigenhändig Getane nie anonym, sondern stets im eigenen Namen vollzogen haben werden. Nur als freie und freiwillige Täter mit eigener Hand sind wir für unser Tun verantwortlich. Sind uns dagegen die Hände gebunden und erliegen wir einer Nötigung oder unaufhebbaren Einschränkung unserer Handlungsfreiheit, kann die Folge unserer Unterlassung oder unseres wahnhaften Agierens uns gegebenenfalls nicht angerechnet werden.

Gewiß können wir manchmal sagen: „Meine Hand hat mir nicht gehorcht“, wenn uns die Ausführung einer absichtsvollen Handlung wie des Zeichnens einer möglichst geraden oder gleichmäßig geschwungenen Linie oder des Bildens einer Schlaufe oder eines Knotens wegen großer Nervosität oder Unaufmerksamkeit mißlang. Doch kann der Mörder, der sein Opfer bei vollem Bewußtsein, mit offenkundigem Vorsatz und aus niedrigen Beweggründen mit einer Pistole erschossen oder eigenhändig erwürgt hat, sich nicht aus der Verantwortung stehlen, indem er vorgibt, seine Hand sei ihm ausgerutscht oder seine Hände wären einem Krampf erlegen gewesen.

 

Dez 4 17

Zwischen Erde und Himmel V

Getrieben vom Hämmern der Tropfen,
durchblutet von Kapillaren der Sonne,
von Flugsamen überpudert,
Blatt des Gesichts.

Bevor noch Herbst es gilbt
und es sein leuchtendes Adieu spricht
mit errötetem Lächeln,
bevor es zur Erde weht
der Hauch süßen Gedenkens –

hat es das Maul des Dämons gepflückt,
das apokalyptische Tier,
das Seelen frißt
und Schatten ausscheidet,
tückisch dir abgelöst im Schlaf –

oder war es der schwarze Gesang
aus den metallischen Flügeln
einer riesigen Windmaschine
auf dem Theater der Grausamkeit
und dionysischer Allverwirrung,
und unter seiner Säure schmolz
die beredte Haut der Seele –

doch du gehst weiter zur Arbeit,
als hättest du dein Gesicht eingerollt
in der Schreibtischschublade sicher verwahrt,
und die Geliebte streift
mit unschuldigem Atem
die taube Blöße.

 

Dez 3 17

Philosophische Konzepte: Gesicht

In jedes Menschen Gesichte
steht seine Geschichte,
sein Hassen und Lieben
deutlich geschrieben.

(Aus den Liedern des Mirza-Schaffy)

 

Zwei runde Kieselsteine im weißen Sand, zwei Punkte auf dem leeren Blatt genügen, und wir halluzinieren ein Gesicht.

In den diffus bewegten oder wogenden Stoffen wie Wolken, Zweigen, Blättern, im wirren Gekritzel und in jedem beliebigen Rebus aus Fetzen, Flocken, Mustern suchen und finden oder lesen wir mit Leichtigkeit ein Gesicht heraus.

Daß uns von allen Merkmalen des menschlichen Körpers das Gesicht am tiefsten eingeprägt ist und am eindrücklichsten entgegenblickt, zeigt die Tatsache, daß uns jemand bekannt vorkommt (und wir das Gesicht meinen), noch bevor uns sein Name einfällt, falls überhaupt.

Wir erinnern uns, phantasieren in den Tag hinein oder träumen: Kommt uns dabei wer vor Augen, so blickt er uns an oder blickt uns mit einem bestimmten Gesichtsausdruck an.

Der Blick oder besser die Art zu blicken und der Gesichtsausdruck hinterlassen nicht nur die tiefsten Erinnerungsspuren, sie bilden auch das Spielfeld der mimischen Unterredung, ohne welche die sprachliche Unterredung keinen Fuß auf die Erde setzen könnte.

Begutachten und bewundern wir die sprachschöpferische Kraft und Leistung der frühen Menschen, jener Altvorderen, die uns die Hauptwörter für die Teile des Körpers (der Pflanzen, Tiere, des Menschen) übermacht haben: So erfassen wir mit den Wörtern Gesicht, Angesicht und Antlitz das als umgrenzt empfundene sichtbare Etwas aus Augen, Nase und Mund, Stirn, Brauen, Lidern, Wimpern, Wangen, Nasenlöchern, Lippen, Kinn und Kehle (um nur diese zu nennen und sich nicht in den Details von Mundwinkeln, Grübchen und Schönheitsflecken zu verlieren). Das germanische Wort Gesicht bezieht sich auf den Ort des Gesichtssinnes, also den Sitz der Augen, und hebt so aus dem Phänomen sowohl das reine Sehen als auch das Blicken hervor.

Die lateinische Sprache (und davon abgeleitet die romanischen Sprachen) hat mehrere Wörter, die sich auf das Gesicht beziehen: facies (englisch face) im Sinne der sichtbaren Erscheinung, der gesehenen Form und Gestalt; vultus im Sinne des emotional getönten Gesichtsausdrucks, der Miene (vor allem der strengen und finsteren), frons mit der Bedeutung Stirn, doch vor allem im Sinne eines Gesichtsausdrucks als eines charakteristischen oder charakterlichen Merkmals (laeta oder tristis) und os im Sinne des durch den Mund, das Maul oder den Schnabel geprägten animalischen Gesichts. Der Unterschied von facies oder Gesicht zu os erhellt aus dem Gebrauch von os in der Bedeutung von „Maske“ oder auch von „Dreistigkeit, Frechheit“, wie uns der unbefangene animalische Gesichtsausdruck ebenso maskenhaft wie schamlos erscheinen kann.

Was wir mit dem Gesicht und der Miene ausdrücken und anderen willentlich, doch meist unwillkürlich zu verstehen geben können, tut uns der Esprit der Sprache in sprechenden Wendungen kund, wie wenn wir sagen:

1.1 Sein Gesicht hellte sich auf (verfinsterte sich, verdüsterte sich).
1.2 Als der treulose Freund das Zimmer betrat, legte sich seine Stirn in Falten (runzelte er die Stirn).
1.3 Als sie ihn herzlich begrüßte, lächelte er.
1.4 Als sein Kollege einen Vorschlag zur Güte unterbreitete, schürzte er nur verächtlich die Lippen.
1.5 Sein voller Mund war in den Jahren der Bitterkeit schmal geworden.
1.6 Sie erblaßte, als sie ihn nach Jahren auf dem Sterbelager kaum wiedererkannte.
1.7 Ein Anflug von Röte auf ihren Wangen blieb ihm nicht unverborgen.
1.8 Sie errötete verlegen, als er sich vor den Freunden über ihre neue Frisur lustig machte.
1.9 Um sein Gesicht zu wahren, tat er, als hörte er ihre unverschämten Anwürfe nicht.
1.10 Er verhüllte sein Gesicht, weil er sich seiner Tränen schämte.
1.11 Von nun an scheute er die Öffentlichkeit, denn ihm war, als habe er sein Gesicht verloren.

Das uns nächste Gesicht, das Gesicht der Mutter, verkörpert uns die Welt, und dies in ihren gegenläufigen und gegensinnigen Aspekten, denn ihrem „guten“ oder lächelnden Gesicht öffnen wir uns vertrauensvoll, vor ihrem „bösen“ oder finster blickenden ziehen wir uns verschreckt zurück (auch wenn wir als hilfloses Kind in die emotionale Leere fallen). Das gute Gesicht wollen wir wiedersehen, und weil die Mutter uns „lieb“ angeschaut hat, als wir lächelten, lächeln wir, damit es wieder erscheine. Das Lächeln bleibt uns als Ausstrahlungsphänomen des Vertrauens tief eingeprägt, und je schwächer wir uns fühlen oder sind, je ungewisser die Umweltsituation, umso mehr pflegen wir – und vor allem, sit venia verbo, die Vertreter des weiblichen Geschlechts – zu lächeln.

Wir können nicht mit einer Wange lächeln oder erröten, brauchen zwei Lippen, um eine Schnute zu ziehen, und blicken mit beiden Augen unser Gegenüber freundlich oder mißtrauisch, erstaunt oder gelangweilt an. Die Beidseitigkeit und Symmetrie des Gesichtsausdrucks entstammt naturgemäß der fast allen tierischen Organismen (außer Exoten wie Quallen und Krabben) eigentümlichen Achsensymmetrie des Körperbaus. Es ist jedenfalls merkwürdig zu gewahren, daß Lebewesen wie die Blütenpflanzen und die Bäume kein Vorn und kein Hinten haben, man kann sie leicht mit einem Blick umfassen oder um sie herum gehen, sie sehen von allen Seiten gleich aus – und sie haben keinen Ausdruck in dem Sinne, wie wir vom Gesichtsausdruck sprechen (auch wenn wir dichterisch angeregt alle mögliche Gesichter und gefühlshaften Ausdruckswerte oder Gebärden in sie hineinlesen).

Im tierischen Gesicht oder dem Gesicht, das wir mit den Tieren teilen, konzentrieren und verdichten sich die wesentlichen animalischen Lebensfunktionen: sehen und blicken, atmen und riechen, essen und töten. Beginnen diese Funktionen beim nahenden Tode zu erlöschen, spricht das Gesicht nicht mehr aus, was der Sterbende empfindet, sondern wird stereotyp und maskenhaft (eingesunkene Augen und Wangen, hervorstechende Nase der Moribunden, sog. Facies hippocratica), sind sie im Tode erloschen, sinkt das sie tragende Gesicht ins vag Leere und entspannt Ausdruckslose.

Augen und Mund sind atmosphärisch dichte, unwillkürlich exponierte Gesichtspartien, denn sie sind beide sowohl rezeptive (sehen, essen, trinken) als auch agierende Organe (blicken, sprechen). Dabei fällt auf, daß wir weder sehen noch blicken lernen (es sei denn wir reden emphatisch oder hochtrabend über Kunst) und daß wir ebensowenig essen und trinken lernen – indes lernen wir das Sprechen. Doch ob wir die Intonation, den Sprechrhythmus und die Klangfärbung, falls wir keine Sprechausbildung an der Theaterakademie absolvieren, zu beherrschen und zu stilisieren lernen, darf bezweifelt werden, zu viele triebhaft-unwillkürliche Impulse schleichen sich in sie ein.

Der Mund ist uns ein Organ und Ausdrucksträger höchster Dichte und Ambivalenz. Auf dem urtümlichen Hintergrund der Fütterung durch den mütterlichen Mund wird uns der Kuß zum vehementen Liebesausdruck. Doch selbst seine intime Macht kann im verräterischen Kusse vergiftet werden. Daß wir mit dem Mund und den Zähnen, den Lippen und der Zunge und der ganzen Fülle des Atems zu verletzen und zu töten verstehen, wenn auch nicht wie die Tiere im wörtlichen Verstande durch Beißen und Zerreißen, entnehmen wir den schlichten Sprachhandlungen des verletzenden Höhnens und beißenden Spottens, des Beleidigens, Verleumdens, Rufmordens, der demütigenden, verkleinernden, mißachtenden Rede, den entstellenden, verzerrenden, entblößenden Anwürfen, den mündlichen Tätlichkeiten von Entehrung und Verrat. Wir verletzen und töten mit nichts als Worten. Naturgemäß wird dies in Machtgefügen zwischen Tätern und Opfern augenscheinlich, wenn der Machthaber durch einen schlichten Befehl Leben auslöschen oder der messianische Führer durch ein heischendes Bellen zur Hinrichtung auffordern kann. Da wir stets in Situationen auch noch so geringen ungleichen Machtgefälles leben, wird der Zwiespalt im Ausdruck und der Wahrnehmung des Munds immer aufs neue genährt.

Die Ausstrahlung ist ein charismatisches Phänomen und läßt sich an der Aufmerksamkeit ermessen, die ein Gesicht, und insbesondere Augen und Mund, aufgrund der sozialen Situation für sich beanspruchen kann: So ist das Gesicht des charismatischen Führers meist ein politisch-technisch aufgerichtetes Medium faszinierter Aufmerksamkeit, auf das der Topos von jenen, die an seinen Lippen hängen, nicht nur einen übertragenen Sinn erhält. Hier wird der Redner zum Vormund und die gebannten oder entmündigten Hörer zu seinen Mündeln, denen der Wortschwall den Mund stopft. Das Großmaul nimmt kein Blatt vor den Mund, während der verzagte, kleinmütige Untergebene oder Unterlegene den Mund hält, sich davor hütet, durch lautes Denken sich den Mund zu verbrennen, und sollte er sich zu einer Äußerung unterfangen, Schmidt-Schnauze nach dem Munde redet.

Auch die Situation der Liebenden ist nicht frei von der Ambivalenz des Organs, das Sprache und Nahrungsaufnahme auf sich vereinigt, wenn wie es kaum verhindert werden kann ein Ungleichgewicht den einen über den anderen Partner wie bei einer Schaukel hervorhebt: Stets ist der Unterlegene der Gefahr der Verwerfung, Ausstoßung oder Vernichtung durch den oben Schwebenden ausgesetzt. Dabei erhält das verwerfende, schmähende, vernichtende Wort sein Äquivalent in der Verweigerung des Kusses und (vor allem in archaischen Gemeinschaften) der Nahrung. Wir bemerken, daß in der Liebesgemeinschaft das Wort zur Nahrung werden kann, die den Geliebten aufrichtet und ihm Kraft und Gesundheit schenkt, während das entzogene Wort wie die aufgenötigte Hungerkur ihn an Leib und Seele abmagern, siechen und sogar sterben lassen kann. Am Ende spricht immer einer ein letztes Wort, „Nein!“, und der andere verstummt.

Ist die Schaukel in der Waage, wird das dargereichte Wort Brot, doch meist sind es Leckereien wie Schmeicheleien oder neckende, lustige, unterhaltsame Reden ohne tiefere Bedeutung. Hier ist den Liebenden auch das Schweigen vergönnt, ohne daß es die dunkle Atmosphäre der Abwehr, Verweigerung oder Drohung verbreitet. Die versöhnt oder vertraut Liebenden schauen sich nicht immerzu gebannt ins Gesicht, wie es die Verliebten tun, die nur ja keinen bestätigenden, jasagenden Blick verpassen wollen, oder aber die Zerstrittenen, die ein kleines Lächeln als Hoffnungsschimmer, das kurze Befeuchten der Lippen als fast erlangten Kuß beobachten und lesen.

Der Blick eröffnet ein gestisches Spiel eigener Art. Auf keiner Schule wird dieses raffinerte Spiel erlernt, und doch beherrschen wir seine Nuancen und Abwandlungen alle, wenn wir unsere Blicke von der Aussicht über Tal und Strom ruhig weiden lassen, das Auge am Grün der Wiese und an den bunten Tupfen des Gartens sättigen, den Schatten des entgegenkommenden Autos mit einem Wimpernzucken registrieren und vor ihm blitzschnell ausweichen oder uns schlafwandlerisch durch den Albtraum einer wimmelnden Menschenmenge auf der Einkaufsmeile hindurchmanövrieren.

Das Spiel des Blicks wird zum Teil des Sprachspiels, wenn wir uns unterhalten, unterreden und von Gesprächen geleitet und ermuntert gemeinsam zielgerichtet handeln oder schwätzend und plaudernd ins Blaue hinein uns miteinander vergnügen. Der eine kann mit Blicken die Richtung weisen oder Achtung einfordern, der andere die Augen beschämt oder entmutigt niederschlagen, der eine kann aufmunternd, verführerisch oder drohend blicken, der andere verschmitzt blinzeln, fassungslos glotzen oder entsetzt die Augen aufreißen, wiederum kann einer demonstrativ oder ergriffen die Augen sinnend schließen, den Blick unruhig schweifen lassen oder den anderen herrisch oder panisch fixieren oder ungläubig anstarren.

Wir bemerken, daß all diese Spielformen des Blickens sowohl das verbale Gespräch unterstützend, unterbrechend oder irritierend begleiten als auch stumm vonstattengehen können, ohne an Kraft und Gewicht des Ausdrucks und der nonverbalen Mitteilung einzubüßen. Denn wir verstehen auf der einen Seite den Blick und das blickende Gebaren des anderen, ohne nachfragen zu müssen, und können ihm auf der anderen Seite mit unseren Blicken Genüge tun und gleichsam Rede und Antwort stehen.

Was wir vom Zwiespalt und der Ambivalenz im Ausdrucksgebaren des Mundes sagten, gilt mutatis mutandis auch für den Blick. Denn wir können mit Blicken gleichsam streicheln und küssen und wir können mit Blicken verletzen und töten wollen. Wir blicken freundlich, liebevoll oder zärtlich und wir blicken böse, herzlos und stechend. Wir können mit schamlosen, infamen, entblößenden Blicken jemanden beschämen und demütigen. Wir können mit bewundernden oder achtsamen Blicken jemanden aufrichten oder als ebenbürtig anerkennen. Wir würdigen jemanden unseres Blickes oder brechen über ihn den Stab, indem wir ihn wie einen leblosen Klotz begaffen oder achtlos über ihn hinwegsehen.

Unsere Gesichtswahrnehmung ist nicht nur individualisierend, sondern auch typologisch. So wenn wir das typisch weibliche Gesicht vom typisch männlichen unterscheiden oder das kindliche, jugendliche, reife und alte Gesicht, von der Typologie der Völker und Rassen wie tunlich zu schweigen. Die prompte gefühlsmäßige Reaktion auf das Kindchen-Schema ist jedermann bekannt und muß nicht ausgewalzt werden. Doch darf daran erinnert werden, daß wir diesen Typus mimisch, aber auch in der Freude an Verkleinerungs- und Verniedlichungsformen in Laut und Bild, spontan nachbilden, wenn wir verliebt sind oder als Liebende noch bis ins gereiftere Alter warmherzigen Umgang miteinander pflegen. Insbesondere springt der normale Mann auf Mädchen und Frauen an, die ihm holde Reflexe des Schemas an Mund und Wange (neben der, gern mit mädchenhaftem Charme auch verstellten, hohen Stimmlage) widerspiegeln. Der emanzipierte Bubikopf, der sich dem männlichen Gesichtstyp mittels kurz geschorenen Haupthaars, ungeschminkter Züge und Redeweisen sowie herben Grimassierens annähert, kann ihm erotisch dagegen meist weniger imponieren.

Es hieße Eulen nach Athen tragen, würden wir unsere Ausführungen durch Beispiele aus der Kunstgeschichte belegen und bebildern wollen. Doch können wir eine hochbedeutsame Erscheinung in der Kunstgeschichte des Abendlands nicht schweigend übergehen. Wir meinen die Polarität des idealen oder göttlichen Gesichts, wie wir es im Antlitz Christi, der Engel und Heiligen, insbesondere im Gesicht Marias, erblicken, auf der einen Seite, und des dämonischen oder monströsen Gesichts auf der anderen Seite, wie es uns die Fratzen des Teufels und der Dämonen oder die brutalen Gesichter der römischen Soldateska auf Darstellungen der Passion Jesu zeigen. Die Polarität des idealen und des dämonischen Gesichts ist naturgemäß vom Gegensatz des Schönen und Häßlichen überlagert oder überdeterminiert. Das sanfte, ebenmäßige, aus sich heraus leuchtende Antlitz Jesu spiegelt eben jene göttlichen Tugenden wieder, von denen die Bergpredigt und der Römerbrief des Paulus handeln. Dies gilt auch für das Gesicht des Gekreuzigten, dessen kreatürliches Leiden erst spät wie bei Matthias Grünewald zur Kenntnis genommen und ohne oder vielleicht noch mit innerer Scheu gestaltet wird. Dabei ist der Ausdruck der Sanftmut und Schönheit auf dem Gesicht des Erlösers keineswegs die gleichgültige Fassade stoischer Apathie, sondern das Ausstrahlungsphänomen der übernatürlichen Gnade, das die Evangelien und die Briefe des Apostels Liebe nennen.

Man könnte abgekürzt sagen, daß die Heiligen mittels Askese und frommer Übungen oder ekstatisch-seelischer Levitationen dahin gelangen wollten, ein Gesicht wie das Gesicht des Herrn oder seiner Apostel zu bekommen. Beinahe frivol könnten wir von einer kosmetischen Variante der Imitatio Dei sprechen. Doch wissen wir nicht, welcher Anteil dabei gleichsam einer höheren Kosmetik, welcher dem verklärenden Einfluß von oben gebührt, von dem es heißt, daß er alles neu zu schöpfen willens und fähig sei. Das ersehnte Ideal verweist hier auf seinen eschatologischen Sinn. Es läßt sich indes in der christlichen Ästhetik des göttlich-idealen Gesichts eine paradoxe Gegensinnigkeit gewahren: Das asketische Verlangen nach Reinigung und Verklärung beschwört die dämonischen Kräfte herauf, die es bannen und befrieden will. Denken wir an die Versuchung des Hl. Antonius in den faszinierenden Darstellungen des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald oder bei Hieronymus Bosch, immer wird der greise Wüstenmönch von den bösen Mächten heimgesucht und dergestalt gepeinigt, daß seine hingebungsvollen Blicke auf das Ideal abgelenkt und seine Gesichtszüge mehr oder minder verzerrt werden.

Das göttliche Antlitz erhielt sich in der Ikonographie des Ostens und erfuhr eine merkwürdige Auferstehung in der abstrakten Allegorie Jawlenskys, der in ihr das Kreuz und die heilige Vierung erratisch exponierte. Dagegen wurde die Malerei des Westens allmählich säkular, als sich die Maler dem Selbstbildnis widmeten, wenn sie auch wie Dürer, in einer Mischung von Ehrfurcht und Überheblichkeit, noch vom idealen Gesicht fasziniert blieben. Bis sie sich des ganzen emblematischen Vorrats der monströsen, tierischen, triebhaften Gesichtsbildungen der alten Dämonen zur naturalistischen oder diabolisch-expressiven Steigerung des Spiegelbilds frei bedienten.

Es ist der christlich geprägten Kunst eigentümlich, daß sie sich bis weit in die Gesichtsdarstellungen der Renaissancemaler von den Idealen der Antike hat leiten lassen können – zeigen doch auch die Gesichter der lächelnden Kouroi der archaischen und klassischen Zeit, die olympischen Götter in den Figuren und Friesenreliefs der Tempel, aber auch die Porträtbüsten der hellenischen Dichter und Denker ideal typisierte Züge, die wohl Höhe, Macht, Souveränität, Gefaßtheit oder gebändigte Spannung ausstrahlen, aber nicht durch heftige oder triebhafte Emotionen verzerrt werden. Doch ist der Gestalter des göttlich-idealen Gesichts der Antike nicht der durch Christus inkarnierte Liebesgedanke, sondern der Gedanke des freien, schöpferischen Willens, der sich mit alles überschauendem Blick aus dem Chaos der Eindrücke freimacht und selbstgewiß in einem situationsneutralen, gleichsam ewigen Augenblick individualisiert.

Ebenso konnte sich die christliche Kunst in der Gesichtsbildung und Gestaltfindung ihrer Teufel und Dämonen bei den nächtlichen und unterirdischen Monstern und Fratzen der Furien, des Sphinx und Kerberos und etlicher Mischwesen des antiken Pandämoniums bedienen. Doch könnte man sagen, daß diesen bei aller Widerwärtigkeit und Häßlichkeit der Miene die verzerrende Wut der bösen Gesichter der christlich inspirierten Kunst fehlt, richtet diese sich doch, je ohnmächtig-verzweifelter desto wahnsinnig-entstellter, wider das Urbild des göttlich Schönen und Guten.

Wir kennen die zwanghafte Verzerrung und monströse Entstellung und Auflösung des Gesichts auch bei den psychotischen Patienten, die ähnlich wie die vom Teufel Besessenen vergangener Tage ein Minenspiel nebst Schreien, Lästern und Spucken an den Tag legen, als würde der alte Satan den gefaßten Mienen der Wissenschaft und der aller Wildheit abholden Aufklärung einen Zerrspiegel vorhalten. Wie der Autist scheint auch der Psychotiker außerstande, die Gesichter und Mienenspiele anderer zu decodieren.

Wenn Gesichter nicht nur typischerweise die allgemeinen Affekte, Emotionen und Stimmungen auf ephemere Weise zum Ausdruck bringen, sondern in den Gesichtszügen und im Mienenspiel, in den feinen Zügen des Munds und im verwinkelten und subtil innervierten Spiel der Blicke sich ähnlich wie in dem eigentümlichen Dialekt und Idiolekt, dessen ein Sprecher des Hochdeutschen in Berlin-Charlottenburg im Gegensatz zu einem Sprecher des Berlinerischen in Berlin-Marzahn sich befleißigt, all die affektiven Strebungen und Konflikte, die lebensgeschichtlichen Färbungen, Linien und Brüche, aber auch die seelische und intellektuelle Mitgift, ob zur Entfaltung gebracht oder verstümmelt und verwahrlost, wenn sich all dies in den Zügen und im Mienenspiel abspiegelte, könnte man nur ausrufen: Wer darin zu lesen verstünde! Und wirklich, dünkt uns nicht eine Welt das feingliedrige, ebenmäßige und edle Gesicht des gebildeten und abgeklärten adligen Brahmanen vom brutal verzerrten, lüsternen, lauernden Gesicht des Mitglieds einer Gang in Chicago, eines mehrfachen Mörders und Räubers, zu trennen? Doch von diesem allzu plakativen Unterschied zu der feinen Wahrnehmung und subtilen hermeneutische Lektüre von Gesichtern zu gelangen, die uns verrät, ob wir uns mit einem Menschen näher einlassen oder ihn besser meiden sollten, wäre eine Kunst, die nicht nach Schema F klassifizierte, sondern neben dem sichtbaren Ausdruck des verwöhnten Kindes den zumeist verdeckten des unreifen Phantasten, neben dem sichtbaren Ausdruck des von Enttäuschung und Verbitterung gezeichneten Gesichts den fast verborgenen Zug von Hochsinnigkeit und Großzügigkeit entdeckte.

Gewiß stellt uns die kulturell auferlegte Maskierung der Gesichtsmimik, wie wir sie beispielsweise aus der japanischen Welt kennen, vor Grenzen des spontanen Verstehens, doch sie betrifft rituell eng umgrenzte Ausdruckswerte der Scheu und Zurückhaltung im Umgang gerade mit Fernerstehenden oder sozial Höherstehenden. Ansonsten gehen wir von der Universalität der kommunikativen Bedeutsamkeit und Verständlichkeit des Gesichtsausdrucks aus, nicht nur wie immer bemerkt im physiognomischen Ausdruck der primären Emotionen wie Freude, Angst, Trauer, Wut, Scham und Ekel oder in den unwillkürliche Regungen des Lächeln und Weinens. Wir meinen, daß auch die dargetane ursprüngliche Ambivalenz in der Wahrnehmung von Blicken und dem Mienenspiel des Munds, aber auch das frei agierende und das ins Sprachspiel eingebettete Spiel der Blicke zu den anthropologischen Universalien zu rechnen sind.

Wie immer wir die Schönheit des schönen Gesichts bestimmen mögen, gewisse Begriffe und Eigenschaften wie Ebenmaß, Symmetrie, ausgewogene Proportioniertheit der Teile, spannungsvolle Harmonie oder intensive Lebendigkeit des Ausdrucks können wir nicht vermeiden oder dem Zeitgeist eines schrankenlosen Konstruktivismus opfern, der die Physiognomik als Gaukelspiel mit bösen Absichten zu entlarven wähnt und Mimik und Ausdruck des Gesichts dem Design menschlicher Willkür preisgibt. Was wir nicht loswerden, ist die Natur des tierischen und menschlichen Körperbaus und den ästhetischen Rahmen der naturgegebenen Achsensymmetrie. Wir sehen dies gut an Gesichtern und Gesichtszügen, deren natürlicher Makel uns einen Widerwillen einflößt, wie das spannungslos herabhängende Augenlid, die durch Warzen oder Akne entstellte Haut, das stumpf und blöde glotzende Auge, die aus dem Ganzen hervorstechende oder hakenförmig sich einbohrende Nase, der aufgestülpte Froschmund, die allzu fleischigen oder die eingeschrumpften Lippen. Eine milde Abweichung von der Achsensymmetrie ist uns angenehm, denn sie belebt den Eindruck lebensvoller Dynamik, wie erst die von der schnurgeraden Linie abweichende sanft geschlängelte und fein gewundene Linie uns kraftvoll und lebendig dünkt. Was uns stört, verwirrt und abstößt, sind aus dem Ganzen gleichsam herausgefallene und abgestorbene oder anarchisch ihrem Eigenleben frönende Gesichtsteile wie der frei ragende Turm oder die rüsselhafte Aufdringlichkeit des Riechorgans oder die ins Gesicht hineingedrückte platte Nase, eine am Gemeinschaftsleben nicht mehr teilnehmende Wange oder eine immer vorwurfsvoll oder schamlos herabhängende Unterlippe.

Wenn wir nicht den übermenschlichen Maßstab anlegen, demzufolge schön ist, was Gott gefällt (weil es ihm gleicht), so sagen wir gelassen, schön ist, was uns gefällt. Also, was dem weiblichen Blick (um nicht von Frauen zu reden) am Gesicht des Mannes, und dem männlichen Blick (um nicht von Männern zu reden) am Gesicht der Frau gefällt. Es ist, wie es scheint, immer das Gegenbild des eigenen Gesichts. So imponieren dem echten Weib (um idealtypisch von der Extremform auszugehen) die klare Stirn, die hageren Wangen, der entschlossene Mund und das kühne Kinn des ganzen Kerls (die idealtypische Extremform auf der Gegenseite). Mit anderen Worten, der weiblichen Frau gefällt ein Gesicht, das ihr die Strenge und Reife, den Mut und die Überlegenheit, die Selbstbeherrschung und Führungsqualität anzeigt, die sie als Mutter eines Vaters mit solchen Vorzügen schätzt. Halten wir uns bei den Träumen und Idolen des Mannes nicht lange auf und durchblättern gleich die Hochglanzmagazine der Schönheitsindustrie und Kosmetik. Was sich hier zum Schönheitsideal durchgemendelt hat, ist unter den Maskeraden aller Zeitströmungen von der Rokokoperücke über den eleganten Lidstrich bis zum Nasen-Piercing immer nur dies: reine, glatte, etwas durchschimmernde Haut, große, ein wenig feuchte Augen, lange Wimpern, fein geschwungene Braue, kleine bis mittelprächtige, doch möglichst nicht allzu krumme Nase, anmutig gewölbte Nüstern, etwas gehobene oder pausbäckige Wangen, ein fein gezeichneter oder üppig aufgesprungener Mund, der Sinnlichkeit ohne Derbheit und den Schmelz einer schönen Selbstverliebtheit verspricht, ein weiches Kinn, das weder flieht noch aneckt.

Wer weiß, wie Frauen aufgrund von Hautkrankheiten oder Brandverletzungen unter der Minderwertigkeit im Vergleich zu solchen idealen Gesichtszügen leiden und alles bis zur plastischen Chirurgie daransetzen, verlorenes Terrain wiederzugewinnen, wird das kosmetische Ideal des schönen Gesichts nicht ohne weiteres als repressive Idolatrie einer patriarchalischen Hinterwelt verwerfen.

Wir begnügen uns hier mit einem Hinweis: Gesichtstypen finden wir spezifischen Körperbautypen und Charaktertypen zugeordnet, und zwar können diese Zuordnungen anhand der von den Medizinern und Psychiatern Ernst Kretschmer und William Sheldon entwickelten Klassifikation vorgenommen werden. Allerdings scheint eine differenzierte Physiognomik des Gesichts und der Mimik auf Basis der empirisch fundierten Lehre von den körperlichen und charakterlichen Konstitutionen noch ein Desiderat der Forschung zu sein. Absehbar ist, daß die typisch (das heißt im statistischen Mittel) sanguinisch, pyknisch oder athletisch geprägten Gesichter auch ein diesen Körpertypen entsprechendes Charakterbild im Mienenspiel und dem Spiel der Blicke aufweisen. Das betrifft beispielsweise Merkmale wie die unterschiedliche emotionale Ausstattung der Charaktere und demgemäß des Gefühlsgebarens der Gesichter oder die Schnelligkeit und Adäquatheit der Reaktionen beim Blickwechsel.

Abschließend erlauben wir uns einen Ausflug in ein etwas dämmeriges Fragekabinett. Wir fahnden nach der ethischen Dimension, die wir an Gesichtern, ihrer Bildung und ihrem Ausdrucksgebaren, jenseits der Polarität von schön und häßlich glauben gewahren zu können. Wir beschränken uns hier auf den Gegensatz von edel und gemein. Grob taxiert bewegen sich die Gesichtstypen auf der Gaußschen Kurve der Normalverteilung, so daß wir ähnlich wie bei der faktoriell gemessenen Intelligenz hinsichtlich des Genies und des Idioten nur wenige Annäherungen an das Ideal des Schönen und das Antideal des Häßlichen konstatieren, dagegen in der Breite die vorherrschenden Mischtypen des Normal- oder Dutzendgesichts vorfinden. Mit dem edlen und dem gemeinen Gesicht sollte es demnach nicht anders bestellt sein, auch wenn es hierzu weder ausreichende empirisch fundierte Studien noch unumstößliche theoretische Annahmen gibt. Am ehesten scheint uns ein Bild vom gemeinen Gesicht vorzuschweben, wenn wir als Gemeinheit eben das bezeichnen, was wir meinen, wenn wir die entsprechenden Synonyme wie Niederträchtigkeit, Bosheit, Verruchtheit oder Verdorbenheit dafür einsetzen: ein Charakter, der wie der schwerkriminelle Verbrecher, der Serienmörder und Vergewaltiger, unter Einsatz brutaler und rücksichtsloser Mittel möglichst kurzfristige Befriedigung seiner Gelüste ohne den Aufwand der Sublimierung und des ethisch sauberen oder anständigen Umgangs mit den Mitmenschen zu erlangen sucht. Und doch will es nicht mit der nötigen Bestimmtheit und Eindeutigkeit gelingen, ein Gesicht, dessen Züge wir als roh, brutal und gemein zu kennzeichnen geneigt sind, von einem Gesicht zu unterscheiden, das einfach häßlich ist, weil es unserem Schönheitsideal widerspricht. Es könnte sein, daß Visagen gewisser Leute häßlich (geworden) sind, weil sie Verbrecher wurden, nicht aber gewisse Leute Verbrecher wurden, weil sie häßliche und gemeine Gesichter haben.

Umgekehrt finden wir wie bei Sokrates mehr oder weniger häßliche Physiognomien, obwohl wir nicht leugnen können, daß sich dahinter edle Charaktere verbergen. Und auf der anderen Seite kommen uns schöne, hübsche, gefällige Gesichter vor Augen, von denen wir ahnen oder aus den Illustrierten schwarz auf weiß erfahren, daß sie sich im Abschaum von Gemeinheit und Rohheit wälzen. Oder schauen wir nicht genau hin? Lassen wir uns vom ersten Eindruck blenden und irreführen? Wir wissen es nicht. Wir wissen zwar, daß die Anlage zu gewissen Gewaltverbrechen genetisch bedingt ist, aber kennen auch epigenetische Mechanismen, die allererst die relevanten Gene einschalten – oder auch nicht. Warum sollten Gene, könnten wir weiterhin fragen, die wenn sie epigenetisch aktiviert wurden beispielsweise zu einem hormonellen Chaos im Gehirn führen und die Sperren zu kriminellen Taten im präfrontalen Cortex abbauen, nicht mit Genkomplexen epigenetisch verknüpft sein, die zu einer charakteristischen Gesichtsbildung vom kriminellen Typus führen? Wäre dies der Fall, könnten wir die Neigung zum Verbrechen physiognomisch ausmachen, noch bevor es zur kriminellen Tat gekommen wäre. Doch dazu scheinen wir nicht wirklich in der Lage zu sein, denn bisher haben wir keine kausalen Mechanismen, sondern nur einige statistische Koeffizienten in der Hand, die einen solchen physiognomischen Zusammenhang wahrscheinlich machen – aber nicht beweisen.

 

 

Dez 2 17

Zwischen Erde und Himmel IV

Das Wegkreuz ragt aus dem Nebel,
es scheint sich bäumend aufzuschweben.
Dunkelgrüne Ahnung des Walds,
Atem tiefer als Menschensinn.

Verzagte Laute kommen von dort,
seufzen sich durch den Dunst,
auch der Wald schwebt hinan,
zieht seine mütterlichen Wurzeln
aus der klagenden Erde.

Das schlafende Dorf
liegt im Wolkental,
die Lichter des Friedhofs
spiegeln sich im schwarzen Weiher
der allgeduldigen Nacht.

Grün überschäumt den Himmel
von Moos und Farnen ein Licht,
Tau der Sterne rinnt von Zweigen,
Blätter bedecken,
zartgeäderte Träume,
das aufgerissene Auge
des Schmerzensmanns.

Das Kreuz schwebt im stillen Grund
und leuchtet aus sich selbst,
wie auferweckte Seelen
schneien reine Blüten
durch die unendliche Vierung.

 

Dez 1 17

Zwischen Erde und Himmel III

Trockenes Blatt,
runzliges Wort.

So sage,
sage dem Herbst dich ab
vom zweifelnden Ast.

Der Hand entflatterter Wunsch,
umfiedertes Pochen,
er stieg, er stieg,
eine zuckende Wimper
verlor sich im Blau.

Brich barfuß denn auf,
Bote der Trunkenheit
vom nächtlichen Tau.

Dem Dunkel erglänzte Frucht,
Fleisch gewordenes Blühen,
sie fiel, sie fiel,
ein schimmernder Kuß
verlor sich im Grund.

So singe,
singe dem Frühling dich zu
ins wissende Licht.

Atmendes Blatt,
grünendes Wort.

 

Nov 30 17

Philosophische Konzepte: Welt

Wir leben in der Welt nicht, wie wir in einem Land, einer Stadt, einem Dorf, einer Wohnung leben und hausen.

Wir können auswandern, in eine andere Stadt, einen anderen Ort, eine andere Wohnung ziehen – wir können nicht aus der Welt auswandern, in eine andere umziehen.

Die Welt ist keine Summe, Konjunktion oder Totalität von Dingen, Teilen oder Tatsachen. Diese Art der Begriffsbildung ist ähnlich schief, verfehlt und verfänglich wie die Bildung des Begriffs Geist, Seele oder Subjekt aus der Summe bestimmter Eigenschaften, die wir seinem angeblichen Träger, dem Körper, zusprechen.

Die Welt ist ebensowenig der Behälter, in den ich geraten bin oder gesteckt wurde, wie der Körper oder das Gehirn der Behälter für das ist, was wir Geist und Seele oder Subjekt nennen.

Die Welt als Rahmen meines Lebens ist der Inhalt der Wissenschaft. Aber was hat die objektive Tatsache, daß sich die Erde um die Sonne dreht, mit der subjektiven Tatsache zu tun, daß MICH das Sonnenlicht blendet?

Man meint, die Tatsache, daß die Sonne scheint, sei die objektive Voraussetzung der Tatsache, daß sie jemanden blendet – und damit wäre alles gesagt. Aber die Frage besteht darin, wieso derjenige, den sie blendet, ICH bin.

Nur aufgrund der Tatsache, daß es jemanden gibt, der von SICH sagt, daß ihn die Sonne blende, erschließt sich uns die ursprüngliche Subjektivität der Aussage, daß die Sonne scheint, von der wir glauben, sie könne durchgestrichen werden, weil die Sonne auch scheint, wenn sie niemanden blendet und niemandem scheint.

Aber wenn die Sonne niemals jemandem oder immerfort keinem schiene, existierte sie augenscheinlich nicht in der Welt, die unsere Welt ist. Wir können es auch so sagen: Die Möglichkeit der Objektivierung des Phänomens Licht in der Optik und Physik setzt die Möglichkeit voraus, daß jemand sagen kann: „Die Sonne scheint.“ Oder: Die Möglichkeit der Analyse des Lichts setzt seine Sichtbarkeit voraus.

Wir betreiben Astronomie, Kosmologie, Physik und Chemie, um beispielsweise den Abstand der Sonne von der Erde und die chemische Zusammensetzung der Sonnenmasse zu erkunden. Aber wir können nicht einmal die Idee der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Zentralgestirn unseres Planetensystems fassen und erfassen, lebten wir nicht in einer Welt, in der jemand sagen kann, daß die Sonne scheint.

Die Idee einer Welt „ohne mich“ oder „ohne uns“ oder die Vorstellung einer aperspektivischen Welt gleicht der Vorstellung von einer Figur, die durch ihren bloßen Umriß auf dem weißen Blatt absticht, von der man sagte: „Denk dir die Umrißlinien weg und behalte das im Sinn, was sie umschlossen haben, das, was dann übrigbleibt, meine ich.“

Oder nehmen wir die Vorstellung von der Aufführung eines Musikstücks, von dem man sagte: „Denk dir die Klänge weg, was eigentlich geschieht ist dies“ – und man zeigt dem erstaunten Konzertbesucher die visuelle Projektion der während des Musikstücks erstellten Schallanalysen. Allerdings bleibt, ziehen wir das perspektivische Hörbild ab, das sichtbare Bild der Schallausbreitung übrig. Freilich können wir das visuelle Bild nicht spontan in ein Hörbild umwandeln. Ohne die Möglichkeit der Erzeugung des Hörbilds gelangen wir indes auch nicht zu den objektivierenden Aufzeichnungen der Klänge.

Die Idee einer Welt „ohne mich“ und „ohne uns“ gleicht der Vorstellung von einem Behälter, gefüllt mit Galaxien, der Sonne, ihren Planeten, darunter die Erde, auf ihr Meere, Länder, Pflanzen, Tiere, Menschen und du und ich, von dem man sagte: „Leere den Behälter, was dann übrig bleibt, meine ich.“

Die Idee einer Welt „ohne mich“ und „ohne uns“ gleicht der Vorstellung von einem Leichnam, von dem man sagte: „Würde er atmen, blicken, sprechen, dann lebte er.“

Gewiß ist die Sonne nicht in einem naiven Sinne „untergegangen“, wenn es Nacht ist, und ebenso gewiß wird sie (noch eine gute Weile) scheinen, wenn wir sie nicht mehr sehen, weil wir tot sind. Doch berührt dieser Umstand nicht die Tatsache, daß die Fähigkeit, sie scheinen zu sehen, eine unserer Welt interne oder immanente Tatsache ist.

Wir können uns nicht als eine gleichsam eingekapselte oder internalisierte Innenwelt, ob wir sie Seele nennen oder Geist, von einem vorgestellten Ganzen (der Welt) subtrahieren und übrig bliebe eine gleichsam ausgestülpte oder externalisierte Außenwelt.

Die Sprache oder das Netz der Begriffe, mit dem wir die Fische der Erfahrung fangen, gehört weder zur Innenwelt noch zur Außenwelt.

Wir sitzen der schiefen Vorstellung auf, Farbprädikate wie „blau“ und „rot“ kontingenterweise auf die sichtbaren Dinge zu projizieren, und was übrigbliebe, wüschen wir in einem Akt des nomologisch-asketischen Purismus alle Farbtöne von ihrer Oberfläche ab, wäre das Grau-in-Grau der eigentlichen Welt.

„Aber der Abstand der Erde von der Sonne beträgt doch rund 150.000 km und das ist eine gewisse und objektive Tatsache, die gilt, wenn wir darum wissen oder nicht, die gilt, ob wir sie gemessen haben oder nicht!“ – Ja, sicher. Indes, der Maßstab, mit dem wir den Abstand der Erde von der Sonne messen, das sogenannte Pariser Urmeter, beispielsweise definiert als Länge des Sekundenpendels, ist keine objektive Tatsache in dem Sinne, wie der anhand dieses Maßstabs gemessene Abstand von Erde und Sonne eine objektive Tatsache ist. Das Meter gehört wie alle anderen in der Physik und den Naturwissenschaften und ihren technischen Anwendungen benutzten Maßstäben und Meßeinheiten zu der von uns konstruierten und definierten Metrik. Metrische Systeme aber sind nicht wiederum ein Teil der Außenwelt, auf die wir sie anwenden.

Schreiben wir folgende Sätze hin:

1.1 Der Mond ist ein Trabant der Erde.
1.2 Die Erde ist ein Planet der Sonne.

Dann dürfen wir folgernd auch sagen:

2.1 Der Mond umkreist (mit der Erde) die Sonne.
2.2 Der Abstand des Mondes von der Erde ist kleiner als der Abstand der Erde von der Sonne.

Wir folgern diese Aussagen anhand der von uns festgelegten Definitionen der Begriffe „Trabant“ = „Erdbegleiter“ und „Planet“ = „die Sonne umkreisender Körper“.

Wir können die letzte Folgerung auch als negatives Konditional ausdrücken, wenn wir sagen: Wäre der Abstand des Mondes von der Erde ähnlich groß wie der Abstand der Erde von der Sonne, wäre der Mond kein Erdtrabant, sondern ebenfalls ein Sonnenplanet.

Ähnliches gilt natürlich auch für die Metriken unserer Zeitmessung. Sekunden und Minuten, Stunden und Jahre sind keine objektiven Eigenschaften der Außenwelt, auch wenn wir sagen, daß die Erde die Sonne in einem Jahr umkreist. Indes, es könnte keine Zeitmessung in einer Welt geben, in der es niemanden gäbe, von dem eine von ihm überblickte Zeitspanne als vergangen betrachtet werden könnte. Die Möglichkeit des subjektiven Zeiterlebens im Ausgang von einer als absolut erfahrenen Gegenwart ist die Voraussetzung der Möglichkeit der objektiven Zeiterfassung im Ausgang von relativen Gegenwarten.

Wir bilden die beiden Sätze:

3.1 Der Mond umkreist als Trabant die Erde.
3.2 Die Erde umkreist als Planet die Sonne.

Daraus folgern wir die weiteren Sätze:

4.1 Der Mond umkreist entweder genauso oft wie die Erde die Sonne (oder:)
4.1 Der Mond umkreist die Erde öfter als er selbst und die Erde die Sonne.

Definitorische Festsetzungen sowie die logischen Regeln, nach denen Sätze aus Sätzen folgen, die wir mittels definitorisch festgelegter Begriffe bilden, sind keine Teile der Außenwelt, sondern wie die metrischen Systeme Formen und Funktionen unseres geregelten Sprachgebrauchs oder der logisch gezügelten Grammatik oder der semantisch geläuterten Logik.

Wir müssen einsehen und dürfen nicht darüber bedenklich werden, daß die logische Grammatik und beispielsweise die logischen Schlußregeln nicht durch sich selbst begründet werden können, sondern auf letzten Evidenzen beruhen wie die Evidenz, daß Hans, wenn er größer ist als Peter und Peter genauso groß oder kleiner als Walter, größer als Walter ist.

Doch sind die logischen Evidenzen – evidenterweise – keine Eigenschaften der objektiven Welt. Schließlich kann etwas, ein Sachverhalt, eine Zuschreibung, eine Folgerung, nur JEMANDEM einleuchten, und etwas könnte keine Geltung in Anspruch nehmen, wenn es NIEMANDEM einleuchtete.

Die Grammatik und Semantik unseres logisch geregelten Sprachgebrauchs, können wir sagen, sind kein objektiver Teil der Welt, sondern konstituieren unseren Begriff der Welt oder sind schlicht ein interner oder immanenter Teil unserer Welt.

Doch besteht die Grammatik unseres gewöhnlichen Sprachgebrauchs aus einem bunten Gemisch von geregelten und weniger geregelten Sprachspielen, unter denen das besondere Regelwerk der wissenschaftlichen Sprache zwar durch die glatte Erklärungsfunktion über einem definitorisch beschränkten Auswahlbereich von Gegenständen und Sachverhalten und ihre prognostisch und technisch wirkmächtige Anwendung besticht, aber trotz seiner Ambition auf das Alleinspracherecht nicht die Ehre des einzig echten Sprachspiels beanspruchen kann, das uns auf einzigartige Weise einen Begriff der Welt oder den einzig relevanten Begriff der Welt vorschriebe.

Die Wissenschaft vergißt, daß sie auf der methodischen Ausgliederung statistisch relevanter Beobachtungsergebnisse unter Abstraktion von allen intensionalen Gehalten beruht. Indes, die Sprache, die uns gemäß ist und uns die Welt ursprünglich erschließt, erwächst aus dem Reden über das, was uns angeht, affiziert, betrifft. Sie wimmelt daher von intensionalen Gehalten und spricht über Sichtbares, Hörbares, Fühlbares, Schmeckbares, Riechbares, über Farben, Gestalten, Töne, Intensitäten, Gefühle, Stimmungen, Atmosphären, den Ausdruck von Gesichtern, den Eindruck von Gebärden, die Anmutung von Landschaften, das Rechtsempfinden oder die Schönheit eines künstlerisch sublimen Bilds – um nur einiges zu nennen.

Das Verhängnis des verkürzten Sprachgebrauchs, das jene heimsucht, die sich und uns das wissenschaftliche Sprachspiel als Methodenideal und Gesundbrunnen exakten und einzig klaren Redens verordnen, beruht ironischerweise auf einem Mythos: dem Mythos der Spaltung der Welt in Innen- und Außenwelt, als würde die kluge Taube der Wissenschaft die Körner intensionalen Gehalts emsig und streng abgerichtet im Kröpfchen verschwinden und die einzig bekömmlichen Körner extensionalen Gehalts in die allen offen stehende Schale des erfahrbaren Weltsinns fallen lassen.

Diejenigen, die einem solchen Verhängnis erliegen und diesem Mythos aufsitzen, sind in erster Linie nicht die Naturwissenschaftler und Mathematiker, die in ernster Weise ihrem verdienstvollen Geschäft der theoretischen Erklärung und mathematischen Beweisführung nachgehen, sondern jene Philosophen, die sich als scharfsinnige und unbestechliche Naturalisten und Materialisten gerieren. Auch wenn sie es abstreiten, erweisen sie sich in Hinsicht auf den Ursprung ihrer Konzepte in Wahrheit als sich selbst verkennende umgekehrte Idealisten, wenn sie den Weltbegriff auf die objektive Außenwelt reduzieren, an deren Rand das aller Gehalte entleerte Subjekt als neutraler Beobachter herumgeistert und registriert, was alles so auf der Weltenbühne passiert ist und passiert, vom Urknall bis zur Evolution der Lebewesen, inklusive der Menschen – als könne der Beobachter die Welt ungeachtet der Tatsache beobachten, daß er sie beobachtet. Im übrigen schämen sie sich insgeheim wie die meisten Idealisten ihrer Herkunft und verdrängen die Tatsache, daß auch ihr Methodenideal der Exaktheit aus dem trüben Gewässer der menschlichen Erlebniswelt gefischt und mühsam von Flecken und Unebenheiten gereinigt worden ist.

Der Roboter ist die gängige Chiffre des aller intensionalen Gehalte entleerten Subjekts, das Gegenteil dessen, was wir sind und was den sinnhaften Nährboden unserer Welterschließung ausmacht. Der Roboter vermag wohl die Strahlung der Sonne zu vermessen, aber die Meßdaten sind nur für Subjekte lesbar, brauchbar und anwendbar, die sehen können, daß die Sonne scheint – während der Roboter, das leere Subjekt in einer leeren Welt, überhaupt nichts sehen kann.

 

Nov 29 17

Zwischen Erde und Himmel II

Staubfäden des Lichts,
Mücken verzückten Seins,
verlöschend
an der nassen Wange des Walds.

Rauchfahnen, Stimmen,
geschmiegt an die Hügel,
zerrissen am Gestrüpp
der Dämmerung.

In den Herd gesteckter Dämon,
Feuer,
der noch zwischen den Fugen und Ritzen
lüstern nach Freiheit leckt,
schwebend an Granitästen
über dem Tal die weißen Hütten,
Nester männlichen Trotzes,
Stimmen halbwilder Knaben,
die am Gebirgsbach Dämme aufschütten
und jubelnd niederreißen,
das geschnitzte Boot schwemmtʼs
torkelnd zur Tiefe.

Abseits im Heu des Schobers
leckt eine Kuh ihrem Kalb
den Mutterkuchen
von den zuckenden Gliedern,
der Knecht hackt tags
mühsam ein Loch in den gefrorenen Grund
und vergräbt ihn
zwischen dem Wurzelgeflecht
einer alten Lärche,
die längst ihr Gold der dunklen Demut
der Moose hingeschüttet hat.

Schnee eines ewigen Winters
hat alles umsponnen
mit weißem Schlaf,
der alte Knecht schläft
unter einem schiefen Holzkreuz,
die Knochen der Kuh und des Kalbs
zermahlen im Dung,
die Glut im Herd unter Laken grauer Asche,
die Stimmen klopfen,
ohnmächtige Finger des Traums,
gegen die gläserne Decke des Bachs.

Die Kinder,
die Kinder sind ausgewandert,
sie gehen schlaflos
durch die windigen Schluchten der großen Stadt,
wo der Asphalt die Plazenta
des nährenden Sinns erstickt hat.

 

Nov 28 17

Zwischen Erde und Himmel I

Strahl im Dunst,
und die Krume birst,
gärend unter stummer Qual,
ein blaues Wort im Sinn,
Heiterkeit.

Brücken baute die Nacht,
Lieder gingen auf und ab
zwischen Grabmal und Stern.

Ein Stieglitz im Käfig
weiß noch eins,
singtʼs,
doch über denen er flattert
ausweglos
im Tempel des Gelds,
Menschen nicht.

Ein Auge blieb übrig,
schlaflos,
ein matter Kiesel,
glattgewaschen
von Gaias Tränen.

 

Nov 27 17

Philosophische Konzepte: Stimmung

Die Fühlungnahme der Witterung verleiht der menschlichen Seele ihre primären Stimmungen.

Wenn das Wetter drückend ist, die Luft schwül, kein Wind geht, kein Wind kommt auf, der Himmel hängt niedrig mit schweflig-schmutzigen Wolken, zwischen denen es dann und wann, doch halbherzig wetterleuchtet, dann fühlen wir eine Beengung und Beklemmung im Innern, als läge uns ein Stein auf der Brust, aber er läßt sich nicht greifen und wegstoßen.

Wenn es regnet und wir liegen im Dämmerlicht und hören, wie es tröpfelt und rinnt oder wie aus Eimern schüttet, werden oft tiefe Schichten des Fühlens und der Erinnerung berührt, die uns unwillkürlich in einen ungeahnten Stimmungsraum versetzen. Oft scheint er uns erfüllt vom Wehen der grauen Luft einer süßen Traurigkeit, wobei wir nicht wissen, woher sie rührt, wem sie gilt. Wo sind wir, wenn wir, die Augen geschlossen, dem Regen lauschen? Wer sind wir? Als würden wir mit dem aufprasselnden und verklingenden Geräusch der Tropfen entstehen und vergehen. Dem Treiben des Tages entronnen, sind uns die Vorhaben für morgen und übermorgen aus der Hand geschlagen, das Gewicht und der helle Umriß des Gewesenen ins Diffuse und Unwirkliche aufgelöst, und wir versinken in einen Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlaf, Hiersein und Nirgendsein.

Wandern wir im Schnee, zerstäubt unsere Gegenwart mit den wehenden Flocken, die Spitzen der Lust und des Willens brechen ab, die Unebenheiten des Abscheus und Widersinns werden geglättet, wie die Unebenheiten der Landschaft unter den weißen Laken des Schnees gemildert und geründet werden. Schauen wir aus dem Fenster auf die weiße Pracht, ergreift uns mit dem heimlichen Funkeln der Kristalle und dem gedämpften und verschluckten Laut des Daseins die Stille, die uns wie das weiche Polster den Ast mit schwerelosem Schlummer umhüllt.

Stimmungen sind uns die elementaren Medien des Erlebens. Dazu zählen vorzüglich die Stimmungen des Wetters und des Lichts, wie das blendende Licht des Sommermorgens, das dämmernde Abendlicht oder das Zwielicht, gewiß nicht minder Regen und Sonnenschein, Wind und Sturm, Schnee und Tauwetter. Tageszeiten vom Morgen über den Mittag bis zur Dämmerung und der Nacht bringen uns ihre und unsere Stimmungen (wer wollte hier die Grenze ziehen) genauso mit wie die Jahreszeiten und die Fülle ihrer lebendigen Erscheinungen, mit Blüten und Düften, Farben und Gestalten vom Gras bis zur Wolke, Hitze, Feuchtigkeit, Schwüle oder Frost.

Sind die Luft, das Zwielicht, die Dämmerung, die Stille ein Ding oder ein Ereignis, ist der Wind, gar der ersehnte kühlende, erfrischende, ein Objekt der Wahrnehmung, ist die drückende Atmosphäre eine primäre oder sekundäre Qualität? Diese und andere eingeübten philosophischen Fragebemühungen, die wir an die Witterung und alle Situationen richten sollen, in denen wir eigentümlich gestimmt sind, gehen an dem Phänomen, an dem uns gelegen ist, eben der Stimmung, geradewegs vorbei.

Das Schattenspiel, von sanft bewegten Wellen des Spätsommerlichts auf die Gardine geworfen, das Schattenspiel der im Winde tanzenden Zweige an der Wand, das Flackern des Kerzenscheins oder die Scheinwerferkegel, die an der nächtlichen Wohnung vorbeirauschende Autos über die Zimmerdecke streifen, all dies vermag uns in eine Stimmung melancholischer Versunkenheit zu tauchen, in der wir gleichsam in eine Zwischen- und Zwitterwelt hell zitternder Rätsel geraten.

Stimmungen sind Evokationen, sie werden uns erweckt oder steigen in uns empor, doch werden sie nicht gemacht oder fingiert. Sie sind keine Produkte der Phantasie, auch wenn sie mit Phantasien einhergehen. Wir müssen für ihre Aufnahme bereit sein, sie können uns nicht aufgenötigt oder eingeimpft werden, und es fällt schwer, sie von uns abzuschütteln.

Im Erlebnis der Stimmung wird uns evident, daß die Scheidelinie zwischen Welt und Selbst, Ding und Seele, Außen und Innen eine künstliche, konstruierte, metaphysische Linie darstellt, die sich in ihrer gleichsam ungegenständlichen und anonymen Atmosphäre ähnlich undramatisch und lautlos auflöst wie die Mythe oder Illusion der in unserem Körper eingepackten, vermummten oder versteckten Seele.

In Stimmungen können Gefühle einsickern und durchscheinen, wie Farbstoffe, die das Wasser mit einem Farbton tingieren, doch wie die Farbe nicht das Wasser, ist die Stimmung nicht das in sie eindringende oder sie mehr oder weniger flüchtig färbende Gefühl. In der heraufziehenden Dämmerung mag uns eine bange, wankelmütige oder verzagte Stimmung überkommen, aber sie ist nicht wie das Gefühl der Angst, Angst des Kindes vor der Dunkelheit, konzentrisch und intentional ausgerichtet.

Fließt goldenes Licht am Morgen ins Zimmer, erleben wir uns in einer gehobenen Stimmung, als wäre mit einemal die graue Patina des gestern und vorgestern Erlebten vom Angesicht der Dinge abgewaschen. Betreten wir den schummrigen Hinterhof mit den dunklen Abfallkübeln, dem umgekippten alten Fahrrad und den vergessenen Wäschestücken auf der durchhängenden Leine, befällt uns eine trübe, fade und gleichsam ranzige Stimmung, die uns wie ein schlechter Geruch noch länger verfolgen mag. Kommen wir in einen hohen lichtdurchfluteten Raum, wo auf Tischen weiße Blüten in silbernen Schalen schwimmen und auf schlanken Leuchtern Kerzen brennen, umfängt uns eine feierliche Stimmung, als hörten wir schon von fern die betörende, graziöse Musik, zu der hier bald zu köstlichem Mahl und nicht weniger köstlichen Plaudereien aufgefordert werden mag.

Der Sonnenschein auf der Haut kann uns mit seiner gütigen Wärme gleichsam wiegen, und wir atmen die gelöste Stimmung mit dem halb bewußten Summen eines kindlichen Lieds oder Gestammels aus. Das eintönig skandierende Geräusch der Unruhe der Uhr oder der sich drehenden Trommel der Waschmaschine wird uns zur einladenden rhythmischen Gebärde, in die wir wippend und nickend einschwingen und einer läßlichen, launischen Stimmung nachgeben, in der wir unwillkürlich-mutwillig an den Bommeln des Kissens zupfen oder zu pfeifen beginnen.

Die Stimmung ist auch das Medium der intimen Gemeinschaft. Ihre Valenz, Tonalität und Färbung treten im Augenblick hervor, da wir uns schüchtern oder bequem nebeneinandersetzen, einander mit Blicken streifen oder berühren, die Augen wie gefährliche Gletscherspalten meiden oder wie das Versprechen erquickender Quellen suchen, die Stimme heben oder dämpfen, die Worte wie Bälle einander zuwerfen oder wie Glut in der Asche aufglimmen lassen.

Im stillen Gang unter hohen Buchen, durch deren dichtes Laub das Licht golden herabrinnt, verspüren wir die geistige Stimmung der feierlichen Stille. Über dem in der Sommerschwüle brütenden Wasser des einsamen Teichs überkommt uns unheimliche Stille. Unter dem milchigen Dunst des Mondlichts, das unseren nächtlichen Pfad wie Schnee bedeckt, erleben wir die Stimmung banger Entrückung.

Die Stimmung ist ebenso das Medium des Gemeinschaftserlebens. Treten wir in einen Raum, in dem schwarzgekleidete Menschen sich zum Abschied von einem verstorbenen Anverwandten und Freund versammelt haben, geht ihre bedrückte Stimmung wie in kommunizierenden Röhren auf uns über, gleichgültig wie nahe wir dem Toten stehen. Der lockeren, aufgeräumten Stimmung einer Faschingsfeier, wo man uns mit Luftschlangen und Tröten neckend empfängt, können wir uns nur durch Flucht entziehen, bevor uns das Kichern und Lallen befeuchteter Kehlen, das Glotzen und Frotzeln bunter Masken in den Bann einer sich überstürzenden Stimmungskaskade zieht. Der Phrenesie der bellenden Zurufe, des über uns rollenden Gejohles und der scharwenzelnden Komödie des ins Megaphon fletschenden charismatischen Einpeitschers einer politischen Versammlung können wir kaum mehr entrinnen, sobald die kollektive Stimmung der apokalyptischen Hetze und des messianischen Jubels auf uns übergegriffen hat.

Wie die Gemütsregung und ihr physiognomischer Ausdruck in einer natürlichen oder sozialen Situation eingebettet sind, begegnet uns die Stimmung als Dichte oder Transparenz, Dunstkreis oder Aura, Kühle oder Schwüle einer die leibhafte Gegenwart umwogenden und umhüllenden Atmosphäre. Sie legt sich, kaum daß er dessen innewird, unwillkürlich auf den Betroffenen, er muß vor ihr fliehen oder sich ihr ergeben, muß sie verscheuchen oder hemmungslos auskosten.

Wir finden in der primitiven, der rhythmischen Schicht, von Dichtung und Musik ein Ausstrahlungsphänomen und wirkmächtiges Kraftfeld zur Erzeugung von Stimmungen mannigfaltigster Art. Die Verankerung oder Sedimentierung der Stimmung erkennen wir in Takt und Metrum, in den musikalischen Vortragsweisen und dem metrisch geführten Vibrieren der dichterischen Stimme, die einem strömenden Wasser gleich sich an harten Fügungen oder jähen Umbrüchen und Enjambements bricht, staut oder beschleunigt überfließt.

Ein Lied, ein Schlager, eine Schnulze weht von einem weißen Ausflugsdampfer herüber, während du in der Dämmerung am Ufer des Rheins stehst und ihm wie einem Phantom längst vergessener Kindheitstage nachblickst. Die abgerissenen Fetzen der Melodie, die an dein Ohr dringen, die sprühenden Girlanden der auf den Wellen spielenden bunten Lichter, das Stampfen des Rades durch den Schaum des dunklen Wassers, all das läßt dich in die träumerische Stimmung einer vagen erotischen Sehnsucht nach tänzerischer Leichtigkeit, fließender Seide, milchig verschwimmender Haut und feuchter Schimmer von Augen sinken, die wie blauschwarze Trauben aus dem Schatten der Reben hervorglänzen, wenn du nur das Laub ein wenig beiseiteschiebst.

 

Nov 26 17

Philosophische Konzepte: Gemütsbewegung (Teil II)

Betrachten wir folgende Reihe von Sätzen, in denen einer Person Lächeln als Ausdruck einer Gemütsbewegung zugeschrieben wird:

1.1 Er lächelte fröhlich, weil sie ihn zur Begrüßung umarmte.
1.2 Sie bemerkte die Unordnung in seinem Zimmer und er lächelte verlegen.
1.3 Während seines schlecht vorbereiteten Referats lächelten die Kommilitonen spöttisch.
1.4 Als er augenscheinlich merkte, daß sie das von ihm geschenkte Parfum aufgetragen hatte, lächelte sie verführerisch.
1.5 Vor dem Lächeln der Mona Lisa stehen wir wie vor einem anziehenden Geheimnis.
1.6 Als er ihr zum Abschied die Blumen überreichte, lächelte sie unter Tränen.

Die Beispiele belegen die Tatsache, daß ein Ausdrucksgebaren wie das Lächeln nicht immer eindeutig als Ausdruck einer spezifischen Gemütsbewegung wie der Freude zuzuordnen ist. So sind die Moll-Tonarten nicht auf den Ausdruck trauriger Empfindungen und die Dur-Tonarten nicht auf den Ausdruck fröhlicher Empfindungen festgelegt.

Das Ausdrucksgebaren des Lächelns ist, könnte man sagen, auf die Grundtonart des Gefühls der Freude gestimmt, doch kann es vielfach auf andere Gefühlslagen hin moduliert werden. Wir können nicht nur fröhlich lächeln, sondern auch spöttisch, verlegen, geheimnisvoll und sogar unter Tränen.

Entscheidend für das Verständnis des Gefühlsausdrucks ist die kommunikative Situation, in der er auftritt. Auf diese Weise kann Lächeln die kommunikative Situation öffnen oder schließen, wenn wir einen Freund treffen und ihn begrüßen oder ihn an der Bushaltestelle verabschieden.

Das eigene Fehlverhalten veranlaßt uns, Scham zu empfinden und diejenigen, vor denen wir uns schuldig fühlen, gleichsam durch ein verlegenes Lächeln zur Milde oder Verzeihung zu bewegen. Das Fehlverhalten des anderen reizt uns zu spöttischem Lächeln oder gar hämischem Grinsen, Ausdrucksformen, durch die wir den anderen beschämen wollen.

Dagegen scheinen die Gesichtsausdrücke, die wir Gemütsregungen wie Ekel, Wut oder Erstaunen zuordnen, keine so reiche Palette an Variationen wie das Lächeln aufzuweisen, haben sie doch nicht einmal eigene Namen.

Wir haben aber Namen für die wesentlichen Gemütsbewegungen wie Freude, Angst, Wut, Ekel, Erstaunen, Scham, Neid, Eifersucht und Grauen.

Woran mag es liegen, daß es in unserer Welt diese und keine anderen oder diese und nicht mehr und nicht weniger Gemütsbewegungen zu geben scheint? Oder sagen wir vorsichtiger, daß ihre Palette auf weniger als zehn Grundfarben begrenzt ist, wobei es auf eine mehr oder weniger nicht ankommt, so können wir vielleicht Neugier und Bewunderung dazugeben, können aber keineswegs Grundfarben wie Freude und Angst außen vor lassen. Ebenso bemerkenswert scheint uns die Tatsache, daß wir die Grundfarben der Emotionen (oder wie wir ohne Unterschied sagen, der Gefühle) nicht beliebig mischen können. Denn könnten wir von einer Mischung von Freude und Angst oder Ekel und Erstaunen oder Wut und Scham sprechen? Dagegen mag sich ein Gran Angst oder Freude in das Erstaunen mischen, ein Tupfer Wut in den Neid, ein Tropfen Angst in die Eifersucht.

Dagegen können wir im Zustand der Trauer über den Verlust eines uns nahestehenden Menschen alle möglichen Gefühle hegen – weshalb wir die Trauer wegen ihrer zeitlichen Ausdehnung nicht zu den Affekten rechnen, die sich durch die relative Abruptheit ihres Auftretens und ihr relativ rasches Verschwinden oder Erlöschen auszeichnen. Wir werden im Zustand der Trauer wohl einmal Anlaß zur Freude finden oder lächeln, gerade wenn wir an erfreuliche Erlebnisse mit dem betrauerten Toten denken. Doch pflegen wir in der Trauer keine Anlässe der Belustigung zu goutieren oder Orte lauter Ausgelassenheit aufzusuchen.

Trauer und Schüchternheit sind seelische Zustände, die die Eigenschaft von Neigungen aufweisen, etwas zu tun oder zu meiden, wie der Traurige die Neigung hat, sich zurückzuziehen, und der Schüchterne die Neigung, bei kleinen Unebenheiten der Kommunikation verlegen zu werden oder sich selbst bei einem leicht verzeihlichen Fauxpas zu schämen. Diese Abgrenzung gilt auch für Wut und Haß: Das Kind tritt aufgebracht vor Wut nach dem Stuhlbein, an dem es sich gestoßen hat. Der Misogyne haßt die Frauen, und diese eingewurzelte Haltung zeigt sich in seiner Neigung, bei näherer Bekanntschaft mit Vertretern des weiblichen Geschlechts sich durch verächtliche und herablassende Gesten, zynische Bemerkungen oder schlicht durch Kontaktvermeidung wie vor einer stetig lauernden Gefahr in die sichere Bastion seiner Einsamkeit zu flüchten.

Weder Name noch Sache oder intentionaler Gehalt (denn jede Emotion hat ein ihr zugeordnetes internes Objekt) der Gefühle und ihrer körperlichen Zeichen sind willkürliche Erfindungen oder sprachlich-kulturelle Konstrukte des Menschen. Die Namen der Gemütsregungen, die wir in allen Sprachen finden, können nicht durch Kennzeichnungen oder mehr oder weniger ausführliche Beschreibungen ersetzt oder definiert werden, in denen der zu definierende Begriff nicht ausdrücklich oder versteckterweise auftauchte: Können wir „lächeln“ beschreiben oder definieren? Können wir den Gesichtsausdruck der Wut oder des Ekels beschreiben? Wir können auf ein reales Gesicht oder ein Bild (ein Gemälde, ein Foto) zeigen, das diesen Gesichtsausdruck vorweist, oder wir können den Gesichtsausdruck nachahmen, um zu zeigen, was wir meinen. Wir können sagen: „Sein Gesicht hellte sich auf, seine Augen glänzten, seine Lippen traten unwillkürlich auseinander, als ihn die Freundin mit einer Umarmung begrüßte.“ Aber haben wir damit beschrieben und gesagt, daß er lächelte?

Gefühle oder Emotionen und ihr unwillkürlicher Ausdruck in Mimik und Gestik sind uns vom Schicksal, so zu leben, wie wir leben, vorgegeben. Diese Tatsache erweist sich auch an dem Umstand, daß wir die grundlegenden Gemütsbewegungen weder aufeinander noch auf andere Phänomene ableiten oder zurückführen können. Wir können nicht sagen, Angst sei der Grundton oder das Existential unseres Daseins, alle anderen emotionalen oder stimmungsmäßigen Stellungnahmen zur Welt und zum Mitmenschen seien Formen ihrer Abwandlung oder müssten vor ihr zurück- und in den Schatten treten. Ebensowenig ist hienieden alles eitel Freude, denn die Freude währt kurz, Gründe, sich zu ängstigen oder zu ärgern, bleiben nicht aus.

Dagegen können wir eine Art Fadheit, Blässe, Gleichgültigkeit und Indifferenz des Gemüts und der emotionalen Gestimmtheit feststellen, die sich im Formenkreis affektiver und psychotischer Erkrankungen zur Apathie, Antriebslosigkeit oder Lustlosigkeit (Anhedonie) auswachsen. Wenn die emotionalen Grundtöne herabgestimmt sind oder ausbleiben, wird das Leben farblos und verblaßt oder geht in ein gefühlloses Grau in Grau über. Daraus ist leicht folgern, daß die wahren Farben des Lebens von der Palette der Affekte aufgetragen werden.

Wir wollen die Vermutung aufstellen, daß die Bedeutung und die mehr oder weniger begrenzte Anzahl der Gemütsbewegungen die grundlegenden natürlichen und sozialen Situationen widerspiegeln, in denen wir der Welt und den Mitmenschen begegnen. Um diese Annahme zu stützen, betrachten wir die schon erwähnte intentionale Struktur der Sätze über emotionale Reaktionsweisen.

2.1.1 Der Gast freut sich über den freundlichen Empfang.
2.1.2 Der Dichter freut sich am stillen Blau des Himmels.
2.2.1 Das Kind ängstet sich vor dem kläffenden Hund.
2.2.2 Das Kind hat Angst vor der Dunkelheit.
2.3. Michael Kohlhaas ist wütend wegen des ihm widerfahrenen Unrechts.
2.4.1 Der Mann ekelte sich vor dem schlampigen Aufzug seiner Freundin.
2.4.2 Der empfindsame Mensch ekelt sich vor dem Unrat und der Rohheit des Lebens.
2.5.1 Die Frau staunte, weil ihr Mann sie am Hochzeitstag mit einem Geschenk überraschte.
2.5.2 Der Philosoph staunt angesichts des Daseins der Welt.
2.6 Adam und Eva schämten sich ihrer Blöße vor Gott.
2.7 Die arme Putzfrau beneidet die Dame des Hauses um ihre Schönheit und ihren Reichtum.
2.8 Der unscheinbare Mann ist grundlos eifersüchtig auf seine elegante Frau.
2.9 Dem Kind graute vor dem Anblick des toten Vaters.

Diese Sätze und ähnliche dieser Art mit Verben der Gemütsbewegung haben folgende einfache semantische Form:

SG: V (NL, T) O

Dabei bedeutet SG den Satz über eine Gemütsbewegung, V das Verb, das eine Emotion ausdrückt, N denjenigen, der Träger der Emotion ist, und dem wir die Orts- und Zeitparameter L und T beifügen, um den situativen Ort des emotionalen Vorkommnisses eindeutig zu bestimmen. Schließlich bezeichnet O das intentionale Objekt der Gemütsbewegung, das sowohl eine Person als auch ein Weltgegenstand sein kann. Wir haben uns bemüht, wo möglich neben dem sozialen und kommunikativen Bezug einen objektiven Gehalt in die intentionale Struktur der Sätze einzubauen, die von unseren wesentlichen Gemütsbewegungen reden.

Es ist augenscheinlich, daß uns viele Sätze über Emotionen durch die Charakterisierung der Situation, in der sie auftreten oder hervorgerufen werden, und durch die Charakterisierung dessen, der Träger der Emotion ist, über den Grund informieren, der das emotionale Vorkommnis erklärt. So ist der freundliche Empfang der Grund für die Freude des Gastes, der bedrohliche Hund und die hereinbrechende Dunkelheit der Grund für die Angst des Kindes, das erfahrene Unrecht der Grund der Wut des Michael Kohlhaas in der gleichnamigen Erzählung von Heinrich Kleist oder die als Demütigung erfahrene Armut und sozial minderwertige Stellung sowie die Häßlichkeit der Putzfrau der Grund ihres Neides auf die schöne und reiche Dame des Hauses.

Wir sagen zusammenfassend: Die Situation konfiguriert den kommunikativen Rahmen und Grund, in dem wir den Ausdruck der Gemütsbewegung verorten und aus dem wir ihn verstehen können. Dabei kann es sich um ein natürlichen Verhältnis der Beteiligten handeln wie bei dem Verhältnis der erfreuten Mutter und ihrem lebhaften Kind, dem Sensiblen, der sich vor dem Unrat ekelt, dem Knaben, der sich vor dem Hund oder der Dunkelheit ängstet oder dem Jungen, den ein Grauen angesichts der Leiche seines Vaters erfaßt. Oder es handelt sich um ein soziales Verhältnis wie dem Verhältnis von Macht und Unterlegenheit wie bei dem Rächer verlorener Ehre Michael Kohlhaas, der neiderfüllten, armen und häßlichen Putzfrau oder dem unscheinbaren Mann, der sich aufgrund seiner dürftigen Physis oder seines neurotischen Minderwertigkeitsgefühl anderen Männern gegenüber unterlegen fühlt und daher auf seine elegante Frau grundlos eifersüchtig ist.

Wir können auch umgekehrt folgern: Anhand der grundlegenden Affekte und ihres Ausdrucks verfügen wir über ein Muster der Klassifikation, nach dem wir die wesentlichen natürlichen und sozialen Situationen auffinden und bezeichnen können, die unsere Lebensform bestimmen. Aus diesem Grund haben wir die übliche Auflistung der Grundaffekte um den Affekt des Grauens ergänzt, kennzeichnet er doch unser primitives Verhältnis zum Tod und zum Toten.

Wir könnten von einer gewissen Mechanik der Nähe und Ferne oder von funktionalen Bezügen unseres emotionalen Erlebens sprechen, wenn wir bedenken, daß die wenigen positiven Affekte wie Freude und Staunen und ihre Eignung, Haltungen wie Zufriedenheit oder Bewunderung zu befeuern, uns Situationen eröffnen und Dinge oder Mitmenschen näherbringen, während die negativen Affekte wie Angst, Ekel, Scham oder Neid uns gleichsam auf uns selbst zurückziehen und von den Mitmenschen abwenden und distanzieren lassen. Diesen Umstand führen wir auf die Urspannung allen Lebens zwischen Geborgenheit und Bedrohung, Sicherheit und Gefahr zurück.

Die von Angst genährte Sorge um unser eigenes Wohl und das Wohl und die Sicherheit unserer Lieben ist der affektgebundene Ursprung der Kultur. So gaben uns die Bedrohung durch die Unbill der Witterung und die Heimtücke, Frechheit und Angriffslust der Diebe, Räuber und Vagabunden, aber auch der Neid der Nachbarn und Anrainer gute Gründe, uns eine sichere Zuflucht in den heimischen Wänden zu errichten und sie bei Gefahr unter Einsatz des eigenen Lebens und unter Androhung der Vernichtung des Lebens des Heimsuchers zu verteidigen. Hier, könnte man sagen, bewaffnen sich die guten Gründe zur Abwehr von Gefahr und zur Verteidigung der Angehörigen und des materiellen und kulturellen Eigentums mit den Affekten der Wut und des Zornes, denn ohne sie blieben wir stumme und wehrlose Opfer von feindlicher Nachstellung. Widerwille und natürlicher Ekel vor keimbefallenem Abfall und dem die materielle, rituelle und moralische Ordnung des Lebens bedrohenden Chaos haben uns Sauberkeit, Hygiene und Pflichterfüllung gelehrt, auf daß wir den physischen Unrat außer Haus und den seelisch-geistigen Müll aus dem Kopf entfernen.

Doch gewiß führt uns auf der anderen Seite das Erlebnis der Freude, bricht im Frühling das neue Leben im Licht der Blüten und des blauen Himmels, im hellen Klang der Vogelrufe und der Auferstehungsglocken in die dunklen Höhlen und Verliese unserer Betrübnis und bangen Verlorenheit ein, in die Weite und den offenen Horizont des Glücks hinaus – wie den bis zur Verzweiflung und Verzweiflungstat verdüsterten Faust in Goethes Drama der Gesang des Glaubens an das wiedergefundene Leben aus der stickig-dunklen gotischen Studierstube in die grüne Flur lockt.

Die Urspannung des Lebens zwischen Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Geborgenheit und Gefahr ist uns durch das Schicksal, auf dieser Erde zu leben, vorgegeben, wir können sie nicht überwinden, nur mittels kultureller Hervorbringungen mildern. Deshalb gilt es vor allen säkularen Heilslehren auf der Hut zu sein, die mittels Umerziehung oder Umprogrammierung des alten Adam zu einem neuen, befreiten Menschen ein Paradies auf Erden anstreben, in dem grundlegende Affekte und Gestimmtheiten wie Angst, Wut, Scham, Neid und Eifersucht auf der Müllhalde antiquierter Verhaltens- und Reaktionsweisen entsorgt worden sein sollen.

Wer die Fühlungnahme der Gefahr durch die Angst nicht kennt, kommt in ihr um. Wer sich seiner Vergehen und seines Fehlverhaltens gegen seine Mitmenschen nicht mehr schämen muß, wird sich zum asozialen Parasiten auswachsen. In einer mit dem Messer der Gleichheitswut kurzgeschorenen Welt, die keinen Anlaß zu Neid gäbe, wären alle gleicherweise arm und antriebslos. Und wer nicht aus gutem Grund eifersüchtig wird, wenn die Freundin mit anderen herumschäkert, ist bald ein hilflos zappelnder Hanswurst der Liebe.

Doch mit dem funktionalen Bezug der Affekte können wir ihre Bedeutung für unser Leben nicht erschöpfen. Wir sahen ja, daß die kommunikativen und sozialen Situationen, denen sie die Farbe der Leidenschaft verleihen, ihrerseits in mehr oder weniger stabile und dauerhafte Strukturen eingebettet sind. Die Mutter und das Kind, der Liebhaber und die Geliebte, der Mann und die Frau, die beiden Freunde, die Kameraden eines Vereins, die Mitglieder einer Gemeinde – sie führen uns die auf Dauer angelegten sittlichen Bande oder Institutionen vor Augen, innerhalb deren Gefühle ihre fördernde oder hemmende, ihre gestaltende oder niederziehende, kurz ihre bindende oder auflösende Rolle spielen.

Das Band zwischen Eltern und Kind durchweben die Fäden mancher Affekte. Hat das Kind genügend Anlässe, sich über das Dasein und Wirken der Eltern, ihre Zuneigung, Pflege, Förderung, ihre Geschenke und Wegweisungen zu freuen, hat es Grund, die Überlegenheit und Autorität der Eltern neidlos zu bewundern und sich an ihren Stärken zu orientieren, gewinnt es Selbstsicherheit durch das rückhaltlose Vertrauen auf den Sinn seines Daseins, das die Eltern ihm schenken, so können wir im günstigsten Falle von den Grundlagen einer glücklichen Kindheit reden. Bevorzugen die Eltern ein augenscheinlich hübscheres oder begabteres Geschwister, wird das Kind bald von Neid angefressen. Verwehrt ihm die vom Vater drangsalierte oder verlassene Mutter gar die lebensgedeihliche Zuneigung und liebevolle Fürsorge, wird es bald Groll in sich hegen, der gegen unschuldige, aber schwächere Opfer, Tiere und Gespielen, in Haß und Gewalttätigkeit ausbrechen kann. Doch können auch Schicksalsschläge wie Armut, körperliche und seelische Krankheiten sowie der Tod des Partners die Eltern hart angehen und zernagen, sodaß ihr Vorrat an Güte und Zuwendung für das Kind bald zugunsten der Eigenliebe erschöpft sein und das Kind in einen seelischen Winter verschlagen werden kann. Das Gefühlsleben von Eltern und Kind gleicht einem alten Küchenofen, der wohlig wärmt, wenn der achtsame Erwachsene darauf achtet, Holzscheite und Kohlen nachzulegen, und bald versiegt und erkaltet, wenn dies nicht geschieht.

In der Liebesbeziehung sind die Erotik und mehr und mehr die auf Vertrauen bauenden Gesten und Taten der gegenseitigen Förderung und Fürsorge eine Quelle der Freude und der sich vertiefenden Bindung. Das Staunen über das Dasein des anderen, die Bewunderung für seine Vorzüge und Talente, die Freude an seinem Wohlergehen oder seinen Fortschritten bei der Aneignung von Fertigkeiten können den nicht ausbleibenden Mißmut über seine Nachlässigkeiten und Unarten, den Ärger an seiner Unpünktlichkeit oder seiner schlechten Laune einigermaßen austarieren. Doch wenn die Quelle der Freude mehr und mehr von Unachtsamkeit und Unduldsamkeit getrübt, wenn sie von Gehässigkeit und grundloser Eifersucht vergiftet wird oder man kalt und teilnahmslos nebeneinanderher lebt, scheint der unwiderruflichen Entfremdung kein Halt mehr geboten werden zu können.

In der Paarbeziehung gewahren wir, wie die Urspannung unseres Lebens zwischen Geborgenheit und Bedrohung, Sicherheit und Gefahr den positiven und negativen Pol bildet, durch welche die grundlegenden Affekte ihre Spannung erhalten. Sind sich die Partner einander eine Quelle der Freude und Lebensermunterung, wächst aus dem Humus des Vertrauens gleichsam der mächtige Baumstamm der Geborgenheit, unter dessen Laubdach sie Zuflucht vor allerlei Unbill des Alltags finden können. Kulturell naherliegender ist uns freilich das Bild des Hauses, in das sich das Paar vor den Gefahren der Welt und Umwelt zurückzieht – und es kann dies auch ein unsichtbares Haus, eben das Haus der geteilten Affekte und Haltungen sein. Nun wissen wir, daß ein Haus manches Unwetter abwehren kann. Doch gegen den Brand, wenn einer von innen zündelt, ist es nicht gefeit. Die Gefahren, die der Liebes- und Paarbeziehung aus nicht bewältigten Anfechtungen wie körperlicher und seelischer oder geistiger Krankheit, Verarmung und Verlust, Trauerfällen und Nachstellungen von Anverwandten, Untreue und Eifersucht entstehen, füllen viele Seiten großer und trivialer Romane.

Indes, sich vor den lauernden Gefahren der Paarbindung sichern und immun machen zu wollen, indem man die bindende Gewalt tiefer Gefühle erst gar nicht aufkommen läßt oder das Liebesbegehren als antiquierten romantischen Kitsch und bürgerliche Gefühlsfessel verketzert und von sich abschüttelt, weil es dem selbstherrlichen Dünkel kühler Kontrolle über alle Regungen des Lebens im Wege steht, heißt den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wer aus der Quelle der Lebensfreude schöpfen und trinken will, muß sich hinabbeugen und einen kräftigen Schluck nehmen – und wenn er das Pech hat, sich zu verschlucken, darf er darum die Quelle nicht verfluchen.

 

Nov 25 17

Grabgesang zu Lebzeiten

Du weißt, ein andrer wird da wohnen,
wenn du nicht mehr bist, ein Fremder.
Was bleibt von dir? Ein dumpfer Wohngeruch,
den man mit frischer Farbe leicht übertüncht.
Die Kübel, Töpfe mit den Blumen sind dann Urnen
abgeblühten Lebens, verdorrter Keime voll,
wenn man sie auf den Unrat kippt,
zum großen Rest von Müll, geborstnen Tellern,
Gläsern, Tassen, Vasen, auch die grüne Vase
ist darunter, vor der die Kerze oft gebrannt,
daß an der Wand der Schattenmond der Rosen-
knopse leise bebte. Der Teppich mit den grünen Bahnen,
lila Ranken, in denen bunte Aras hockten,
Echsen aus Lotosbechern Tropfen schlürften,
und Äffchen schaukelten, geringelt um Lianen,
steht zusammengerollt schon tot im Eck –
weht eine ausgerissne Feder aus dem engen Loch,
ründet sich am Boden traumgrüne Lache nicht?

Die Bücher, all die Bücher, die Ahnengruften,
durch die wie eine Fledermaus die Seele schwirrte
oder lange schwankend hing im Dunkel,
an Büscheln ausgerupfter Silben schmatzend.
Die Schneckenspuren deines Schweißes,
die Unterschlängelungen, wo der Schmerz
sich einen süßen Rhythmus fand, wie einer Viper
schöne Daseinswelle im goldnen Sand,
die trocknen Blätter von Ahorn, Buche, Linde,
eingelegt, wo ein weises Wort, die Blume
eines hellen Lieds vom Tau der Küsse glänzte,
sie werden alle mit verbrannt.

Das Blumenkissen, wo ihr liebes Haupt geruht,
der Lampion, den du am Ufer ihres Schlafs
entzündet, die weichen Pantöffelchen,
die sie gewärmt, die holden Püppchen
mit den Kulleraugen, die ihr sanfter Blick
zum Leben hat erweckt und sprachen auch zu dir
und riefen ihren Namen, wenn sie ferne weilte …
auch sie, auch sie …

Die Ringeltaube kommt wohl noch geflogen
und sitzt am Rand des Daches überm Hof,
gurrt ein wenig, bläht den Hals,
schaut in dein Fenster, ob wer ein Krümlein
Kuchen oder alten Brotes ihr entgegenwerfe.

Und in den ersten Nächten zittert noch
über deinem Haus ein fahler Schein,
wie jenes Gespensterlicht, das wir Kinder
nachts auf den Gräbern ahnten, zu trüb
für einen Stern, zu wässrig für den Geistermond
japanischen Gedichts, und senkt sich
bis zum Morgengrauen, zerraufte Blüte
eines weißen Mohns, auf die verlassne Stätte,
von Sonnenvaters erigierten Messern aufgeschlitzt.

Eines Tages, eines Nachts, bald, schon jetzt,
bleibt er für immer aus, nur die Leere gähnt
aus blauem Schlund, aus dem die weißen Wolken
ewig quellen, um hohen Muts zu wandern
unterm Seufzen meerbetörten Winds
und über Städte, Wälder, Gärten, Gräber
Vergessensglück zu regnen namenlos.

 

Nov 24 17

Philosophische Konzepte: Gemütsbewegung (Teil I)

Zum sprachlichen Ausdruck unserer Gemütsbewegungen wie Freude, Kummer, Angst, Ekel, Scham, Haß, Wut, Eifersucht, Neid und Bewunderung gebrauchen wir Wendungen, die reine Reflexivbildungen darstellen können, oder Aussagen, die auf ein direktes Objekt zielen und ein indirektes Objekt mit sich führen.

Reflexive Wendungen:

1.1 Ich freue mich.
1.2 Ich ängstige mich.
1.3 Ich ekele mich.
1.4 Ich schäme mich.

Aussagen mit direktem und indirektem Objekt:

2.1.1 Ich freue mich auf sein Kommen.
2.1.2 Ich freue mich über sein Kommen.
2.1.3 Ich freue mich an seiner großen Leistung.
2.2.1 Ich bin um ihre Gesundheit bekümmert.
2.2.2 Das unterkühlte Gebaren seiner Freundin bereitet ihm Kummer.
2.3 Ich ängstige mich vor der Dunkelheit.
2.4 Ich ekele mich vor dem Unrat.
2.5 Ich schäme mich für mein Benehmen.
2.6 Ich hasse Unpünktlichkeit.
2.7 Ich bin wegen seiner Verleumdungen auf ihn wütend.
2.8 Er ist auf seine Frau grundlos eifersüchtig.
2.9 Sie bewundert ihn für seine Geduld.
2.10 Sie beneidet ihre Freundin um ihre Schönheit.

Die Aussagen 2.6., 2.9 und 2.10 mit den Verben „hassen“, „bewundern“ und beneiden“ haben ein direktes Objekt. Allerdings können wir die meisten Aussagen mit Affekt-Verben so umformen oder ergänzen, daß wir die Prädikate mit direkten Objekten verknüpfen können:

3.1 Ich habe sie mit meinem Geschenk erfreut.
3.2 Ihre herablassende Art hat ihn bekümmert.
3.3 Der kläffende Hund hat das Kind verängstigt.
3.4 Ihr schlampiger Aufzug hat ihn angeekelt.
3.5 Daß sie ihn vor seinen Freunden bloßstellte, beschämte ihn.

Darüber hinaus verfügen wir zum Ausdruck unserer Gemütsbewegungen und affektiven Gestimmtheiten über viele Eigenschaftswörter und adverbiale Bestimmungen wir fröhlich, heiter, verärgert, aufgebracht, traurig, grimmig, verlegen, trotzig oder übermütig.

Wir sehen anhand dieser kleinen Übersicht, daß Ausdrücke für die Gemütsbewegung gleichsam dem Mutterboden der die Menschen einander zueignenden, aneinander fesselnden oder zueinander in gemäße Beziehungen setzenden leidenschaftlichen Dramen des Lebens entstammen. Die Affekte sind gleichsam die Masken und die Mienenspiele, die uns die Rolle auf der Bühne des Lebens zumutet.

Wir beobachten im alltäglichen Umgang, daß unsere Affekte und emotionalen Befindlichkeiten mit eigentümlichen mimisch-physiognomischen Phänomenen und charakteristischen Verhaltensänderungen einherzugehen pflegen.

Der erfreute oder frohgemute Mensch lächelt, der bekümmerte blickt ernst unter sich, das verängstigte Kind stößt einen Schrei aus und schrickt vor dem kläffenden Hund zurück, der vom Unrat Angeekelte verzieht die Miene und wendet sich ab, der Verlegene und Beschämte errötet und tritt ins hinterste Glied.

Wir unterscheiden affektive Impulse und emotionale Dispositionen oder Haltungen: Der Wüterich mag, wie wir zu sagen pflegen, ein cholerischer Charakter sein, denn wenn ihm etwas gegen den Strich geht, braust er gleich auf und geht an die Decke, während der Duldsame vieles Anstößige hinnimmt und der Depressive alles in sich hineinfrißt. Der vom Naturell her Eifersüchtige gewahrt an den flüchtigsten Blicken, am schnippischen Zungenschlag, am etwas zu lauten Ton seiner Freundin, die mit einem ihm Unbekannten telefoniert, er wittert an ihrem neuen Parfum einen untrüglichen Grund für seine Eifersucht – und schon behelligt er sie mit bohrenden Fragen.

Wir beobachten Fälle, bei denen der Grundton eines Affekts, die Grundfarbe einer Stimmung, das Wasserzeichen einer emotionalen Haltung in allem Fühlen und Denken vorwalten und gleichsam durch das wirre Gekritzel aller Lebenszeichen durchscheinen. Wir sind gewohnt, diese Disposition, die den Choleriker dazu bestimmt, ständig wegen irgendeiner Lappalie wütend und den Eifersüchtigen wegen des notorischen Zuspätkommens der Freundin immer wieder eifersüchtig zu sein, schlicht Charakter zu nennen, und tun gut daran, wenn wir in das Wort nicht mehr hineingeheimnissen als eben die Disposition des Betreffenden, in typischen Situationen in gewohnter Weise affektiv und verhaltensmäßig zu reagieren.

Wir unterscheiden aber vom Charakter mit seiner typischen Affektlage den Habitus oder die durch Gewöhnung und Erprobung erlangte ethische Haltung, wie wir beispielsweise die Leidenschaft des Zornmütigen von der kontrollierten Haltung des Tapferen oder die schwächliche Nachgiebigkeit des Duldsamen von der beherzten Langmut des Geduldigen oder das neidische Beäugen der Größe von der hochsinnigen Bewunderung unterscheiden.

Es ist bemerkenswert, daß die bis ins Pathologische gesteigerte und zugespitzte Dominanz einer herausstechenden gemüthaften Disposition den Stoff sowohl für die literarische Gestaltung komischer und als auch diejenige tragischer Figuren abgibt. Denken wir an die komische Figur des Thersites in der homerischen Ilias, jenes krummen Nörglers und Querulanten, der aufgrund seiner gehässigen und neiderfüllten Einstellung gegenüber den Führern der Hellenen lächerlich wirkt, oder an die tragische Figur der Elektra in der Orestie des Aischylos, die aufgrund des Hasses wider die eigne Mutter den Bruder Orest zu deren Ermordung anstiftet.

Wir sagen nicht angesichts des verlegenen die Augen niederschlagenden Kindes, das errötet, weil es die Mutter beim Stibitzen von Leckereien aus der Speisekammer erwischt hat, oder angesichts des lächelndes Kindes, das sich freut, weil es ein Geschenk bekommen hat: „Ich vermute aufgrund der Beobachtung seines Verhaltens (Augenniederschlagen, Erröten), daß sich das Kind schämt und verlegen ist.“ Und wir sagen ebensowenig: „Ich schließe aus meiner Wahrnehmung seines Lächelns auf seine freudige Gestimmtheit als den seelischen Grund seines Gebarens.“

Unsere Erkenntnis des Ausdrucks der Gemütsbewegungen ist weder eine Meinung oder Theorie über fremdpsychisches Erleben noch ein induktiver Schluß von der Beobachtung des Verhaltens auf eine bestimmte Affektlage. Unsere Erkenntnis der Gemütsäußerungen anderer ist unmittelbar und gleichsam der Bildung von Meinungen und Theorien gegenüber primitiv oder elementar. Der Ausdruck der Gemütsbewegung dient uns nicht als Symptom, an dem wir den Affekt als seine Ursache ablesen oder dechiffrieren. Denn in den Gemütsbewegungen unserer Mitmenschen liegt ihre Seele gleichsam nackt zutage.

Dem Freund, der angesichts des schlampigen Aufzugs seiner Holden das Gesicht verzieht, unterstellen wir keinen Widerwillen, sondern merken ihm an, daß er sich ekelt. Wir gehen nicht davon aus, daß das Kind, das vor dem kläffenden Hund zurückschrickt, Angst hat, sondern wir nehmen seinen angstvollen Zustand unmittelbar wahr.

Unsere Beschreibungen der Gemütsbewegungen sind nicht metaphorisch in dem Sinne, daß wir sie in eine wörtlich oder wissenschaftlich approbierte Sprache wie die Sprache physischer Ereignisse übersetzen könnten und müßten. Die von uns wahrgenommenen Affekte wie Freude, Ekel, Zorn, Mißstimmung oder Scham sind keine hypothetischen Annahmen wie die Elektronen und Photonen der Physiker, deren Spuren sie in der Leuchtkammer verfolgen. Sie sind auch keine theoretischen Konstrukte wie die Postulate der Evolutionsbiologen und Neuropsychologen, sondern Evidenzen unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. Evidenzen, die uns das eigentliche Drama der in Leid und Leidenschaften verstrickten menschlichen Existenz enthüllen.

So sehen wir die Aufregung des Prüfungskandidaten an seinen angespannten Gesichtszügen und hören sie, wenn er sich im Vortrag verhaspelt. Wir sehen die verliebte Erregung des jungen Mädchens an seinen geröteten Wangen und hören sie, wenn sich seine Stimme überschlägt, und fühlen sie, wenn es plötzlich stockt und in Schweigen versinkt.

Erst wenn wir das Lächeln als Ausdruck der Freude verstanden haben, vermögen wir hinter den Schein des aufgesetzten, falschen Lächelns zu kommen. Nachdem wir dem freundlichen Lächeln begegnet sind, macht uns das spöttische oder ironische Lächeln hellhörig oder mißtrauisch.

Wenn wir nicht gerade indische Yogis sind, wird es uns schwer fallen, den Ausdruck empfindlicher Schmerzen in unserer Mimik und unserem Gebaren zu unterdrücken. Doch können wir, bevor wir uns zu Taten hinreißen lassen, die wir bereuen müßten, unseren Zorn, wie wir sagen, verrauchen lassen. Unserer Neigung, schon bei geringsten Frustrationen den Kopf hängen zu lassen, können wir entgegenwirken, indem wir unser Selbstgefühl durch anerkennenswerte Leistungen oder Übungen stärken. Der Krankenpfleger oder der Sterbebegleiter lernt im menschlich vertieften Umgang mit den Betroffenen nach und nach seinen Ekel vor üblen Gerüchen, Ausscheidungen und Unrat in den Griff zu bekommen. Das ängstliche Kind kann durch wiederholte Proben der Tapferkeit allmählich größere Selbstsicherheit gewinnen.

Wir können unterscheiden zwischen Affekten wie Wut, Haß, Eifersucht und Neid, die unsere Persönlichkeit schwächen und unser Leben verwirren und die wir mittels erprobter Techniken und Übungen disziplinieren oder doch abmildern lernen, und Gemütsbewegungen wie Freude, Neugier, Scham und Bewunderung, die uns mit anderen in hellhörige und ausgleichende Kommunikationen versetzen und unser Leben klarer und vielschichtiger machen.

Auf diese Weise können wir, ist uns das Glück nicht ganz abhold, hoffen, größere Gelassenheit angesichts der keinen verschonenden Unbill des Schicksals zu erringen. Dabei hilft es uns, in der Förderung und Pflege positiver Affekte die seelische Waage gegen die Last der negativen auszutarieren. Die Frau, die Neid gegen die Schönheit ihrer Freundin verzehrte, entwickelt ihr gegenüber Mitgefühl und mildert oder überwindet so den herabziehenden Affekt, wenn sie sich nach und nach die Nachteile physischer Exzellenz vor Augen führt, wie vorwiegend nach dem Augenschein beurteilt zu werden oder nur in das Blickfeld von Männern mit eher einseitigem Interesse zu geraten. Der verkrachte Schriftsteller, der seinen blinden Ehrgeiz, so schreiben zu können wie Proust oder Kafka, über Bord wirft, weil er einsieht, daß es lächerlich wäre, so zu schreiben wie Proust oder Kafka, erlöst sich selbst von seinem falschen Ideal und beginnt, die Idole, die er bisher nur beneidet hat, aufrichtig zu bewundern. Die aus dem Sumpf der Versagung aufquellende Traurigkeit kann zumindest gemildert und aufgehellt werden, erfährt der Mißlaunige an freudvollen Begebenheiten und Begegnungen eine Quelle der Heiterkeit, die von den immer drohenden Eintrübungen der Lust und ihrer immer wiederkehrenden Versagung oder Enttäuschung und von den die Langeweile vergebens zerstreuen sollenden dumpfen Vergnügungen unangetastet bleibt.

Auch jenem, den das wuchernde Gestrüpp der negativen, zerstörerischen und bösartigen Affekte in Dunkelheit verschlagen hat, in das Schattendasein der Sünde, in dem wir am Ende alle hausen, bleibt die Hoffnung auf ein lichtvolles, belebendes oder segnendes Wort, das ihm wie ein Blütenblatt aus dem Garten der großen Dichtung oder vom ewig blühenden Baum heiliger Schrift vor die Füße schneien mag.

 

Nov 23 17

Philosophische Konzepte: Ich-Symbol

Wir beschäftigen uns hier mit dem Symbol für denjenigen, der Symbole herstellt, verwendet und liest – also das Subjekt der sprachlichen und zeichengeleiteten Handlungen. Wir nennen dieses Symbol zur besseren Charakterisierung auch Ich-Symbol, weil es die Realität des Subjekts oder den Gedanken des Subjekts an sich selbst vertritt.

Der Pfeil auf der Wanderkarte am Waldrand, zu dem die Legende am unteren Rand schlicht vermerkt „Ihr Standort“, ist ein Symbol in diesem Sinne. Der Pfeil hat keine Ähnlichkeit mit demjenigen, dessen Standort er markiert. Man könnte zu dem gewünschten Zweck auch ein anderes Zeichen verwenden wie einen farbigen Punkt oder ein Strichmännchen – auch dieses Emblem der menschlichen Figur hat ja nicht wirklich eine Ähnlichkeit mit dem bezeichneten Gegenstand, der personalen Identität dessen, den es repräsentieren soll.

Welche Ähnlichkeit mit welchem Gegenstand könnte die Position des Subjekts haben? Wenn wir aber keine Ähnlichkeit dieser Art ermitteln, wie sollten wir für die Position des Subjekts oder die Selbstgegenwart des Ich ein echtes Bild und Zeichen, ein originäres Symbol ausfindig machen?

Was heißt es aber ein Ich-Symbol zu verstehen? Wenn ich die Wanderkarte richtig lesen will, muß ich mithilfe des stellvertretenden Symbols, des Pfeils, meinen Standort oder meine Position im geographischen Umfeld oder Kontext ausmachen. Habe ich mich solcherart in der Umgebung symbolisch verortet, kann ich meinen Weg in die von mir gewählte Richtung fortsetzen, wozu mir die auf der Karte aufgezeichnete Umgebung die eine und andere Option eröffnet.

Die Karte ist ein alter Typus originärer Zeichen und Symbole für Gegenstände und Sachverhalte: Blaue Linien vertreten Bäche und Flüsse, blaue Flecken Seen, winzige Bilder von Tannen oder Laubbäumen Tannen- und Laubwald, kleine Kreuze einen Friedhof, ein abstrahiertes Geweih einen Forsthof oder ein Pokal ein Gasthaus.

Mit den Zeichen auf der Karte und den Erklärungen der Bedeutung der Zeichen in der Legende erfassen wir ein semantisches Ur-Muster der Relation von Zeichen und Welt.

Was stellt aber das Pfeil-Symbol dar? Gibt es uns die semantische Relation zwischen dem, der die Zeichen liest, und der Welt, die sie repräsentieren?

Verdeutlichen wir den Sinn der Frage an einem anderen Beispiel: Auf einer Abbildung, einer Zeichnung oder Fotographie, des vatikanischen Konferenzsaales, in dem der Papst Generalaudienzen abhält, befindet sich auf der Tribüne ein Sitz, der dem Papst vorbehalten ist. Könnte der Papst angesichts einer solchen Abbildung den abgebildeten Sitz als Ich-Symbol lesen und verstehen, indem er sich sagt: „Dieser Sitz ist einzig meiner Person vorbehalten“? Oder könnte die Königin von England das königliche Wappen als Ich-Symbol sehen und verstehen, indem sie sich sagt „Das Wappen repräsentiert mich in meiner königlichen Würde“?

Der Papst und die Königin (oder der König) von England sind singulär, insofern es zur selben Zeit jeweils nur ein Exemplar dieser besonderen Art von Würdenträgern gibt. In dieser Singularität entsprechen sie der Singularität der Position des Subjekts, auch wenn es faktisch Milliarden davon gibt, aber die jeweilige Subjektposition kann in Raum und Zeit jeweils nur von einem Exemplar unserer Gattung eingenommen werden, wie die Position des Subjekts jeweils von einem Wanderer vor der Wanderkarte eingenommen zu werden pflegt.

Ein Sitz in einem Konzertsaal oder das Wappen eines Vereins eignen sich mangels einer singulären Referenz nicht zu Ich-Symbolen. Dagegen bilden Fotos von Gesichtern oder Fingerabdrücke aufgrund ihrer substantiellen Teilhabe an den physischen Eigenschaften ihrer Träger keine Symbole, da ihnen die erforderliche semantische Bezugnahme fehlt.

Das Ich-Symbol des Pfeils auf der Karte zeigt mir nicht nur meine lokale Position, sondern steht für eine Virtualität von bestimmten Handlungen, die ich an dieser Position oder von ihr aus ausführen kann, nämlich von dieser Position aus in diese oder jene Richtung zu gehen. Es bedeutet so viel wie: Von hier aus kannst du weitergehen (einen Weg und eine Richtung deiner Wahl einschlagen). Hier sind wir geneigt, das Ich-Symbol als Verweis auf mögliche Handlungen zu verstehen.

Wenn wir die mögliche Handlung mit V abkürzen (dem Zeichen für eine beliebige Handlung, dem Verb) und denjenigen, der sie ausführt mit N (dem Zeichen für eine beliebige Person, dem Namen oder einer geeigneten Kennzeichnung), können wir eine allgemeine Formel aufstellen, die die Bedeutung des Symbols S (für das Subjekt) definiert:

S = V (N)

Wir können zusätzliche Indikatoren bei N einfügen, die die Person eindeutig definieren würden wie die Raumkoordinaten und die Ortszeit bei einer Kennzeichnung.

Im nächsten Schritt bezeichnen wir den Weg, den die Person einzuschlagen beabsichtigt oder tatsächlich beschreitet, beispielsweise mit dem Zeichen R (für Rheinhöhenweg) und erhalten die Formel für das erweiterte Symbol:

S = V (NL, T) R

Wir können diese Formel so lesen: Eine Person führt (am Ort L zur Zeit T) eine Handlung aus, die sich auf den Bereich R bezieht. Der Bereich, auf den sich das Handeln bezieht, ist das intentionale Objekt des Handelns, das wir einfach mit dem Buchstaben O für das direkte oder indirekte Objekt des Handelns oder den intendierten Sachverhalt bezeichnen. So erhalten wir schließlich die allgemeine Formel:

S = V (NL, T) O

Das intentionale Objekt umfaßt alles Mögliche: von Einzeldingen über Mengen von Gegenständen bis hin zu einfachen und komplexen Sachverhalten sowie anderen Personen.

Wir können mit der Formel das Handeln oder die Handlungsabsicht einer jeden Person an jedem beliebigen Ort zu jeder beliebigen Zeit sowie den Bereich erfassen, auf den sich ihre Handlung bezieht.

Diese allgemeine Formel gibt uns ein Muster der grammatischen Struktur der Sprache in die Hand, insofern sie semantisch offen ist: Werden die offenen Stellen oder semantischen Variablen durch Einsetzung geeigneter Begriffe und Namen geschlossen, erhalten wir einen sinnvollen Satz, der von einer bestimmten Person etwas aussagt.

Doch woher wissen wir, daß mit dem Symbol derjenige gemeint ist, der es gebraucht, woher wenn ich es benutze, daß ich selbst gemeint bin? In der Tat, mit dieser Formel und dieser Symbolik erfassen wir NICHT die Tatsache, daß es sich bei dieser Person um denjenigen handelt, der das Symbol gebraucht oder liest, um MICH SELBST. Wir erfassen demnach nicht die von uns angezielte allgemeine Formel für das Ich-Symbol.

Kehren wir also wieder zu unserer Ausgangssituation und zu dem ikonischen Zeichen für DICH und für MICH, den Pfeil auf der Wanderkarte, zurück. Wie gelingt uns die Projektion unserer Selbstgegenwart auf dieses Zeichen? Wie lesen wir das grafische Zeichen nicht nur als Symbol für die lokale Position einer beliebigen Person, sondern als Ich-Symbol, also als Zeichen für unsere Gegenwart?

Ziehen wir zur Verdeutlichung folgendes Beispiel heran: Ich finde in meiner untersten Schublade ein altes Typoskript, augenscheinlich tagebuchartige Aufzeichnungen, die jemand vor Jahren angefertigt hat. Da lese ich Sätze wie diese: „Nachdem mich V. verlassen hatte, suchte ich mir die leere Zeit durch lange Spaziergänge zu vertreiben. Ich wanderte den Rheinhöhenweg entlang und kam bis St. Goar.“ – Plötzlich erinnere ich mich daran, daß ich selbst die Person bin, von der in diesen Sätzen die Rede ist, daß es sich also um ein altes Tagebuch von meiner eigenen Hand handelt.

Was geschieht hier? Nun, ich erkenne in dem grammatischen Zeichen für die erste Person Singular das Ich-Symbol, das mich selbst oder meine (vergangene) Selbstgegenwart bedeutet.

Das Tagebuch hätte auch eine Autobiographie einer anderen Person oder eine fiktive Lebensbeschreibung eines Autors sein können (eines Autors, mit dem ich einmal befreundet war und der mir seine Notizen ausgehändigt hatte): Wären mir diese Umstände bekannt, würde ich in diesen Fällen das in den Aufzeichnungen verwendete grammatische Subjekt der ersten Person selbstredend nicht als Symbol meiner (vergangenen) Selbstgegenwart oder als mein Ich-Symbol lesen und verstehen.

Schließlich können wir die Möglichkeit nicht ausschließen, daß es sich bei den tagebuchartigen Aufzeichnungen nicht um echte autobiographische Notizen handelt, sondern wohl um tagebuchartigen Aufzeichnungen von meiner Hand, doch solche, die rein literarische Entwürfe zu einer fiktiven Lebensbeschreibung einer fiktiven Person in Ich-Form darstellen.

In all diesen Fällen vertritt das grammatische Subjekt der ersten Person Singular NICHT die Subjektposition dessen, der die Zeichen verwendet und liest: Wenn ich die Autobiographie eines anderen lese, komme ich nicht im geringsten auf die Idee, mich mit ihm zu verwechseln, nur weil ich seine Sätze in Ich-Form lese.

Wir können die Position des Subjekts auch nicht damit erklären, daß wir sie auf die Position des Sprechers festlegen, der gerade in der ersten Person Singular redet. Denn wenn ich meine Freunde zu einer Lesung der autobiographischen Bücher von Elias Canetti einlade, werden sie mich nicht mit dem Autor verwechseln, wenn ich seine in Ich-Form geschriebenen Sätze vortrage.

Übrigens finden wir in fiktiver Ich-Prosa naturgemäß auch all jene reflexiven oder rückbezüglichen Pronominalbildungen („mich“ und „mir“, „für mich“ oder das rückbezügliche „Ich“ der indirekten Rede: „Ich fragte mich, ob ich gemeint war“), ohne daß sich damit etwas an unserem grundsätzlichen Einwand gegen die Eigenständigkeit des Ich-Symbols änderte. Denn auch diese den Selbstbezug evident und augenscheinlich machenden Reflexivbildungen verhindern nicht, daß im konkreten Falle ihre Bezugnahme nicht auf mich, sondern auf den Autor oder den fiktiven Helden der Erzählung weist.

Blicken wir endlich auf den abweichenden oder (in Bezug auf den Normalgebrauch) parasitären Gebrauch des Pronomens der ersten Person Singular und Plural, der uns in den Masken der Schauspieler auf der dramatischen Bühne begegnet. Hier finden wir ein Doppeltes: Natürlich verliert der Schauspieler nicht seine personale Identität und Selbstgegenwart als Herr X oder Frau Y, wenn er die Rolle des Othello oder des Prinzen von Homburg und sie die Rolle der Prinzessin Orsina (in Lessings „Emilia Galotti“) spielt. Und auch der Zuschauer weiß, wen sie mimen und meinen, wenn sie auf der Bühne von sich, ihren Gedanken und Absichten, also von fremden Gedanken und Absichten, reden, als wären es die eigenen. Andererseits müssen gute Schauspieler doch in gewisser Weise so weit in der Rolle aufgehen und die Selbstgegenwart einer fremden Existenz so tief in sich aufnehmen, daß ihr Reden und Agieren glaubwürdig über die Bühne kommen. Keine Schauspielerin vermöchte glaubwürdig die Orsina zu geben, wenn sie nicht aus ihrem eigenen Selbst gewisse Anteile der erotischen Intrigantin und Femme Fatale zutage fördern könnte.

Die Maske des Ich verwendet keine anderen Ausdrucksmittel als das unmaskierte Normal-Ich. So finden wir es nicht nur bei Bühnenrollen, sondern leider auch bei Betrügern und Hochstaplern, die nur dann die innere Grenze des wahren und falschen Selbst überschreiten oder sich ganz vom parasitären Selbst gleichsam aufzehren lassen, wenn es sich um psychiatrische Grenzfälle des Borderliners oder Psychotikers handelt.

Gewisse Formenkreise der Depersonalisierung fassen wir in einer eigentümlichen Symptomatik: So reden manche Patienten manchmal von eigenen Erlebnissen oder Gedanken als von Erlebnissen anderer oder ihnen von Fremden aufgenötigten Gedanken – sie machen dann Äußerungen, in denen wir in der erste Person von uns reden würden, in der dritten Person.

Auch diese Beispiele und Fälle zeigen, daß wir im Gebrauch der ersten Person des Personalpronomens oder im sprachlichen Ausdruck der Selbstgegenwart auf unsicheres Terrain geraten können – die abweichenden Fälle und den Normalgebrauch mittels eines originären Ich-Symbols zu unterscheiden, dagegen mißlingt.

Wir kommen demnach, was die Möglichkeit angeht, eine sich selbst erklärende, unmittelbar evidente und aus sich selbst verständliche allgemeine Formel für das Ich-Symbol oder ein originäres Zeichen für die Selbstgegenwart des Subjekts zu bilden, zu einem negativen Ergebnis. Wir finden kein grafisches oder lautliches Symbol, das uns die Selbstgegenwart des Subjekts unmittelbar angibt oder unmißverständlich zeigt. Wie gesagt, ich kann „Ich“ sagen ohne mich zu meinen oder von mir zu reden.

Daraus folgern wir:

1. Wenn es kein eigenständiges, originäres Ich-Symbol gibt, ist die Position des Subjekts oder die Selbstgegenwart deiner und meiner Existenz keine sprachliche Tatsache, sondern eine sprachunabhängige Tatsache. Ich kann nicht ich zu sein lernen, indem ich „ich“ zu sagen lerne. Ist aber ich zu sein keine durch den Spracherwerb zu erlernende sprachliche Kompetenz, so auch keine erlenbare Fertigkeit wie die Fertigkeit, Fahrrad zu fahren oder Schach zu spielen. Ich kann die Regeln des Schachspiels im Laufe der Zeit vergessen, nicht aber meinen Daseinsmodus, ich selbst zu sein. Demnach kann die Position des Subjekts einzunehmen weder gelehrt noch gelernt werden.

2. Die semantische Leerstelle des Ich-Symbols enthebt freilich die Ich-Funktion oder den subjektiven Modus unseres Lebens nicht ihrer fundamentalen Bedeutung in sprachlichen und sprachpragmatischen Kontexten. Diese Bedeutung zeigt sich beispielsweise in der Gewichtung unserer sprachlichen Handlungen, wenn wir für unsere Äußerungen und Aussagen wie Ankündigungen, Zusagen oder Versprechen, Lügen, üble Nachreden und Verleumdungen geradestehen und uns für sie verantworten müssen. Nur kann diese Bedeutung dessen, was wir mit „ich“ meinen, sprachlich nicht adäquat mittels Verwendung originärer Ich-Symbole ausgedrückt werden. Sie muß sich aber in unseren sprachlichen und nichtsprachlichen Handlungen fortwährend zeigen.

3. Beim fiktiven Zeichengebrauch, in der Literatur und Dichtung, können wir die semantische Leerstelle des Subjekts, die durch das Pronomen der ersten Person, und zwar sowohl im Singular als auch im Plural, repräsentiert und offengehalten wird, jederzeit mit unserer Selbstgegenwart ausfüllen. Lesen wir ein Herbstgedicht des späten Hölderlin, so ist uns gleich, als wäre es unser Herbst, indem es unsere Blicke von der Aussicht des Turmes in die schwäbische Landschaft leitet, ist uns, als wäre es der Herbst unseres Lebens oder die goldene Fülle unserer Lebenszeit, wir sehen (auch wenn wir nicht wirklich sehen) das kühle Blau des herbstlichen Himmels über dem fiktiven Neckar des Gedichts, auch wenn in Wirklichkeit da draußen schon Schnee liegt und der Himmel verhangen ist. Wir lesen in den autobiographischen Büchern von Elias Canetti, und er führt uns nicht nur in die schneeverwehte Steppe seiner Kindheitslandschaft, sondern wir selbst sitzen mit auf dem Bock der Pferdekutsche und sehen (auch wenn wir nicht wirklich sehen) voller Schrecken, wie hungrige Wölfe die Pferde anspringen.

Ich-Symbole sind demnach Schein-Zeichen, die nicht wie alle anderen Sprachzeichen für Gegenstände und Sachverhalte originäre Bezüge aufweisen. Sie sind wie der Pfeil auf der Wanderkarte semantische Hülsen, denen wir selbst Leben einhauchen müssen, indem wir sie mit unserer Selbstgegenwart anfüllen.

Der Gebrauch unseres Alltagszeichens „ich“ zur Erfüllung der Leerstelle der Position des Subjekts ist auch nicht wie landläufig angenommen in jedem Fall irrtumsresistent: Lesen wir tagebuchartige Notizen in der Ich-Form, die wir aus der untersten Schublade hervorgekramt haben, können wir sowohl dem Irrtum aufsitzen, sie handelten von uns selbst, obwohl sie Entwürfe einer fiktiven Autobiographie eines fremden Autors darstellen, als auch dem Irrtum, sie handelten von einer anderen Person, obwohl sie Bruchstücke unserer eigenen Lebensbeschreibung von eigener Hand sind.

 

Nov 22 17

Zwei Schatten

Zwei Schatten
zwischen Wasser und Wind,
schmal und stumm,
zögernd oder
ineinanderfließend,
sich neigend oder
auseinanderzitternd.

Was uns blieb,
gespenstischer Äste
kahles Beben,
knisterndes Verdämmern
brauner Blätter
auf versiegeltem Grund,
trocknes Husten
verschluckter Kosenamen.

Zwei Schatten
zwischen Schnee und Mond,
schmal und stumm,
gewiegt vom zarten Knirschen
schäumender Kristalle,
vereiste Küsse
starrer Lippen,
o daß sie tauen
und Krokus leuchte,
Lilie blende,
schattenlos.

 



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