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Dez 15 16

Aus der Knuffeliade X

Das Kühlein Carla zieht den Leiterwagen,
darauf räkeln sich die Knuffelschelmchen,
Wilmi äugt aus einem Rüschenkragen,
Wuffel trägt ein Fahrradhelmchen,
Hütehundi Hüteli
ist vergnügt wie nie.

Wo geht’s denn hin, Ihr Lieben?
Ihr wollt wohl einen Ausflug machen,
habt Ihr Eure fünf, sechs, sieben
schönen Spiel- und Feriensachen
in den Sack gepackt?
„Nee, wir ziehen nackt.“

Also geht’s zum Bethmannpark,
wo die Sandkastenkinder spielen,
Carla pustet schon recht stark,
unter den Hörnchen glänzen Schwielen.
Es singen die Kleinen,
weil sie glücklich scheinen.

Wie die Kinder ihnen winken,
sie umarmen, herzlich küssen,
Knuffeläuglein munter blinken,
und alle guten Kinder wissen,
diese Knäuel leben,
können Antwort geben.

Und jetzt spielen sie mit echten
wuseligen Knuffeltieren,
und sie knüpfen ihnen schöne Flechten
in das Fell, krabbeln auf allen Vieren
mit ihnen im warmen Sand,
bis ihnen wird ganz blümerant.

Wilmi stupst die Kleinsten zart,
Wuffeli macht Purzelbäume,
Hüteli kommt groß in Fahrt,
schlägt bunte Fabelschäume,
Carla ist die herzensgute,
reibt die Kleinen mit der Schnute.

Carlinchen hat noch etwas Feines
mitgebracht in ihrem Tüchlein,
jedes Mäulchen kriegt ein kleines
Weckchen Pfefferhonigküchlein.
Und die Kinder haben Appetit.
Carla singt ein Märchenlied.

Jetzt ist es aber Zeit, ihr Knuffel,
Lebewohl zu sagen.
Carla hievt den Knäuel-Wuffel
auf den Leiterwagen,
Hüteli geht nun voran.
„Adieu, ihr Knuffelchen, bis dann!“

Dez 14 16

Das Blatt auf der Schwelle

Dämmert uns das Schattenblatt
auf des Abends Schwelle,
o sinke, goldne Welle,
unser Herz ist weich und matt.

Trudeln Blätter durch die Luft,
Abschieds Farben sprühen,
und es sinken unsre Mühen
zu der Erde dunklem Duft.

Raunt leb wohl welkes Laub
unsern müden Schritten,
Menschenwort hat ausgelitten,
auf der Schwelle singt der Staub.

Dez 14 16

Biagio Marin, Vano el dolor

Vano el dolor: noʼ doul
noʼ duol ʼndâ via;
tramonta fin el sol
sensa manincunia.

E le ristíe a mareta
se ʼl vento mola,
da longa le se queta
e lʼacqua resta sola.

Va pur in pase, fraʼ:
noʼ stâ crussiâte;
le stele ríe beate
in un eterno istà.

El vento stesso ha pase,
lʼaria sʼincanta;
ogni dolor el tase
quando la morte canta.

 

Weh ist verweht: verweht
auf Weges letztem Stück;
Sonnenglast vergeht,
keine Wehmut blickt zurück.

Und die wogenden Wellen,
kommen Winde weich,
wollen sanft zerschellen,
und das Meer ruht alsogleich.

Bruder, geh nur hin in Frieden:
wollest dich nicht länger quälen;
Sterne sind des Glückes Tränen,
sei ewig Sommer dir beschieden.

Winde wollen sich der Stille neigen,
zauberisch die Luft verschwebt;
alle Schmerzen schweigen,
wenn der Tod sein Lied erhebt.

Dez 13 16

Aus der Lehre vom Blatt

Sentenzen und Aphorismen über die Poesie des Unscheinbaren

In einem alles. Also muß man nicht suchen, sondern sich dem unscheinbaren Blatt zuwenden, das vom Zweige fiel, das hier am Boden liegt, das dort weggeweht wird.

Die Haut und Oberfläche des Blatts in seinen jahreszeitlichen Wandlungen, weich und rauh, fleischig und fiedrig, gekerbt und genarbt, rissig und faulig-feucht, sie geben uns das Muster und Kaleidoskop der menschlichen Empfindungen und Gefühle, Wärme und Anmut, Heiterkeit und Glück, Befremden und Entsetzen.

Das Blatt gibt uns die vollständigsten und geheimnisvollsten ästhetischen Lektionen, wir lernen Schönheit von ihm, Vollkommenheit in der Ausstrahlung der Gestalt, ökonomische Verdichtung der expressiven Mittel, es hat keine leeren Stellen, es hat keine überflüssigen Auswüchse.

Das Blatt, das uns der Herbst in den Schoß zählt, ist vom Geist des Lebens beschrieben. Lesen wir seine Maserungen und feinen Verästelungen, seine gezackte, geränderte, geriffelte oder aufgewölbte Gestalt, fühlen wir an ihm seine Weichheit und Sprödigkeit, seine herbe Undurchdringlichkeit und poröse Durchlässigkeit, sehen wir in ihm seine Spiegelbildlichkeit und ewige Lust, sich selber zu sagen, sich als dasselbe immer erneut zu sagen, die unendlichen Variationen des Gleichen.

Noch leuchtet das welke Blatt, Licht sickert und rinnt durch seine Poren. Dann wird es trübe, fleckig wie die Haut von Greisen, faulig, versinkt, ein Schatten zu den Schatten der Erde.

Goethe sah im Blatt das Urbild, den Typus, das Muster des Lebens, das in den Metamorphosen von Knolle und Samen, lichtsinnigen Wachstums, geistvoller Gliederung und organischer Gestalt, Blüte und Blütenstaub im zeitlichen Wandel als monadische Identität sich spiegelt, sich selbst liebend sich selber spielt.

Kleine Anemone oder riesige Eiche, ein Jahr oder tausend Jahre, was macht den Unterschied?

Lesen wir das Blatt mit dem Gedicht so, als habe auch dieses der Herbst uns in den Schoß gezählt.

Das Blatt des Psalms. Als künde das Leuchten des Blattes von einem unerhörten Wort, einem fremden Licht, das es ins Dasein rief. Als rühme das Blatt das Wort, das ihm seine Lebenslinien einbeschrieb.

Das Blatt ist Gestalt und hat eine Grenze, einen atmenden Rand, eine sinnreiche Peripherie, es hat einen Stengel, der es mit dem größeren Organismus und Träger des Lebens verbindet, wie der hohe Baum Gestalt hat unter dem Himmel und wurzelt in Erdnacht. Es nährt durch Synthese und Metamorphose die Pflanze, wie die Wurzel den Baum.

Der Schnee, der sich als weicher stummer Samt auf die kahlen Zweige und Äste gelegt hat, tröstet, weil er uns vom Anblick des nackten, entblätterten Lebens verschont.

Die Monade ist das Umgreifende und Übergreifende, sie macht aus den tausend Blättern ein Dach, aus dem Stamm die Säule, aus der Wurzel die Krypta.

Wie geistreich, anmutig, fromm, daß die Griechen glaubten, im Säuseln der Blätter der heiligen Eichen im Hain von Dodona den geheimen Willen der Gottheit zu hören.

Kinder, die losstürmen und eifern, die gelb, rot, kupferfarben leuchtenden Blätter des Herbstes aufzulesen, und kindlich-fromm in Gebinden in Händen halten.

Das Labyrinth der Äste und Zweige, das Weben der Dämmerung im Blattwerk, die Hoheit der Waldriesen, die unser kleines Leben, unsere Bedrängnis, unsere Träume weit überragen, Wipfel, deren Rauschen aus bläulich durchbrochener Ferne zu uns spricht von einer gedehnten, wolkenhaft dahinziehenden, wolkenzart sich auflösenden Dauer.

Wir kommen in dem Bemühen, unser Dasein zu begreifen, nicht weiter als in der geduldigen Betrachtung der Metamorphosen des Blatts: das märzlich aufschäumende Grün, das erfüllte Zwiegespräch mit dem Licht, das Austrinken, Austräumen, Verströmen der Säfte, das Welken und Dämmern über den Schatten des Grunds, die Herrlichkeit herbstlichen Entsagens, das plötzliche Sichlösen von allem Halt, das Trudeln und Schweben im Leeren.

Blatt, das auf dem Wasser schwebt. Was können wir mehr sagen?

Es dreht sich leise, und wenn die Welle schwappt, schmiegt es sich an das schöne Verhängnis.

Weiße Rose, die auf dem Wasser schwebt. Vollkommen in sich abgerundeter, schwingender, klingender Kreis des Daseins. Aus sich geworden, für sich leuchtend, für sich. Dann das Spiel der Strahlen, wenn sie dem hellen Morgen ihr tränenfeuchtes Auge auftut, wenn sie im seltsamen Flüstern des Mondlichts ihre scheue Knospe wiegt.

Und wir lernen Stille vom Blatt, und auch in seinem Säuseln, Raunen, Rascheln – Stille.

Wie es fällt, der Feder eines Vogels gleich, der soeben sein letztes Lied sang.

Die verwesten, verfaulten, schwarzbraunen Blätter, die allmählich in den Boden sinken, ganz ausgetrunkenes Licht, Kehricht und Dung ganz verstummten Lebens.

Die Kulte, in denen die Gottheit durch das Leuchten des Blütenblattes verherrlicht, in ein versöhnliches, gütiges, gnädiges Licht getaucht wird, sind die religiös vollkommenen.

Liebeskulte, in denen die Wahrheit des Blatts sich zum Lied, zum Gesang, zum Hymnus erhebt.

Das Rosenfest der Aphrodite.

Das Blütenopfer für Dionysos.

Das Blumenopfer für Buddha.

Der Blütenmonat und das Lilienwunder Mariens.

Dichtung, die den Blütenstaub unter die Asche der Erinnerung mengt.

Gedicht, Blatt am stillen Zweig, säuselndes Blatt am Zweig im Wind, Blatt am Zweig, den der Sturm biegt und bricht, Blatt, von Rauhreif überglänzt.

Kinder lernen, wir lernen, wir Kinder lernen Andacht vom Blatt, wenn wir es sorgsam auflesen und zwischen die geliebten, geküßten Seiten des Buchs pressen.

Und wir schlagen die Seiten auf und staunen, wenn die Urschrift leuchtet, graut oder nachzittert.

Das Blatt gehört uns rein, unbehelligt, unbeschadet, anders als den Sammlern von Insekten und Schmetterlingen ihre aufgespießten Exemplare.

Jenseitsblätter der Jenseitsblumen, Asphodelen, Lilien und Dantes große Himmelsrose.

Damals, als wir statt mit der Schippe Erde und Staub Blütenblätter dem Toten ins Grab warfen.

Damals, als wir Bündel brauner, feuchter, fauliger Blätter ins Herbstfeuer der Eifel streuten, das Schwelen und Zischen des alten Lebens, wie die Glut schwer atmete unter Qualm und Qual, wie die dunklen Rauchwolken wallten und uns in die Augen bissen.

Damals, als wir zögernden, gleichmütigen oder mutwilligen Schrittes die gelben und roten Blätter auf dem Waldpfad aufrührten, aufwirbelten, ihr Rascheln und Knistern waren der Wellenschlag unseres Gangs, flüchtig und träumend darauf der schwerelose Schaum der Empfindung.

Die Blütenblätter, schneeig, gesprenkelt, gepunktet, die du in die flache Kristallschale gestreut hast, die Schatten auf dem Grund waren hell, sie sangen.

Unsere Liebe zu Tieren, die sich von Früchten und Blättern ernähren; die großen gefleckten, schimmernden Räuber mit dem tödlichen Glanz der Augen, sie können wir nur scheuend ehren.

Damals, als der Teich ganz von Blättern bedeckt war, der Garten schlief unter der Decke eines Himmels von phosphoreszierendem Grünspan, und der Teich blieb stumm.

Die Maler, die das Schattenspiel, das Dämmern und das Zwielicht des Blattwerks einfangen.

Die Maler, die das Lied, den Kanon, die Fuge in der verwobenen, durchwirrten Partitur der Blüten und Blätter hören, und die hohe Stille, die sie als Kronen ihres Leuchtens und Schimmerns und Sichverdunklens tragen.

Blatt, das auf dem Wasser schwebt. Augenblick, Ewigkeit. Was können wir mehr sagen?

 

 

Dez 12 16

Biagio Marin, Preghiera xe consentimento

Preghiera xe consentimento
al fiurî dʼun roser,
dar lʼala ad un pensier
al vento fâsse bastimento.

Preghiera xe tremor
davanti a un viso ciaro
e xe lʼamor
per un radicio amaro.

El caminâ lisiero
ne lʼaria marsulina,
e scoltâ, la mantina,
el canto dʼun oselo.

 

Andacht, das ist Mitempfinden,
wenn die Rosen blühen,
Flügel dem Gedanken finden,
zum Winde werden Segels Mühen.

Andacht, das ist Erbeben
vor der Liebsten Angesicht,
ist Liebe zum Leben,
genährt von der Zichorie herbem Licht.

Ist wiegender Gang
in der Märzenluft,
und hören, im Morgenduft,
eines Vogels Sang.

Dez 12 16

Identität und Selbstsein

Ein Beitrag zur transzendentalen Ontologie der Subjektivität

 

„Kein Ding sei, wo das Wort gebricht.“

Wir sind in unserer Welt umgeben von Gegenständen und Stoffen, wenn wir nicht wie die alten Atomisten die Leere hinzunehmen. Da sind auf der einen Seite Sterne, Pflanzen, Tiere, Mitmenschen, da sind auf der anderen Seite Wolken, Wasser, Schnee.

Wir können das stoffliche Sein von Wolken, Wasser und Schnee auf das gegenständliche Sein einzelner Moleküle von H2O zurückführen. Also bleiben die Gegenstände.

Aber wir können nur meinen, unsere Welt sei von gegenständlicher Struktur, wenn wir ein kohärentes Aussagesystem bilden, mit dem wir das Weltsystem so abbilden, daß wir Gegenstände eindeutig repräsentieren.

Was genau als Gegenstand zählt, bleibt offen: Erscheinen uns Sterne als Gegenstände, weil sie in unser visuelles Wahrnehmungsschema passen? Denn genauso gut können wir sagen, sie seien in Wahrheit eine stoffliche Ansammlung von Molekülen verschiedenster Zusammensetzung, und in Wahrheit seien diese Moleküle die eigentlichen Gegenstände. Und dies gilt auch von Pflanzen, Tieren, Menschen.

Nehmen wir also an, die Welt bestehe aus Gegenständen, dann besteht sie auch, wie uns sogleich evident ist, sowohl aus Gegenständen als auch den Aussagen und Sätzen über Gegenstände, in denen wir ihr Eigenschaften zusprechen. Aber nicht nur dies, denn wie wir sehen werden: keine Aussagen und Sätze ohne Gedanken, keine Gedanken ohne jemanden, der sie denkt; demnach besteht unsere Welt zumindest aus Gegenständen, Aussagen und denkenden Subjekten oder Sprechern.

Wie bilden wir Gegenstände als wesentliche Bestandteile unseres Weltsystems in Aussagen ab? Wir lassen sie durch Namen und Begriffe repräsentieren: „Peter geht über die Straße“ ist eine solche Aussage, in der wir den Gegenstand „Peter“ durch seinen Namen repräsentieren. „Die Person, deren Zwillingsbruder du bist, geht über die Straße“ ist eine Aussage, in der wir den Gegenstand mit Hilfe einer begrifflich eindeutigen Umschreibung repräsentieren; denn mit dem Ausdruck „dein Zwillingsbruder“ wird ein Weltgegenstand eindeutig identifiziert.

Wenn wir glauben, Peter sei in Wahrheit ein im Raum-Zeit-Kontinuum relativ konstantes stoffliches Bündel von Molekülen und Atomen, die sich nach bekannten Gesetzen in ihren Mustern ersetzen können, müßten wir formulieren: „Die Menge der stofflich elementaren Entitäten X1…n bewegt sich über die Straße.“ Wobei wir am Ende der Analyse immer wieder auf gleichsam residuale Gegenstände stoßen, denen wir in unserer Aussage die genannten Eigenschaften zusprechen. Eine strukturelle Differenz der Aussageform wird somit nicht erzielt.

Wir könnten uns natürlich auch, en passant gesprochen, anstelle einer langweiligen Gegenstandsontologie anzuhängen, ins Abenteuer einer beschwingten und luftigen Ereignisontologie begeben, und statt zu sagen „Peter geht über die Straße“, formulieren wir:

„Da ist ein Gehen, und es wird realisiert am Ort P zur Zeit T von dem Molekülverband Q.“

Doch müssten wir immerhin den Gegenstandsbezug in dem Ausdruck Q beibehalten, und es besteht keine Aussicht, diesen wiederum in Begriffen von Ereignissen zu analysieren und umzuformen. Den Grundbegriff der Identität werden wir auch in der Welt der Ereignisse nicht los, denn immerhin ist Gehen nicht Fliegen und schon gar nicht Liegen, also gehorchen auch Ereignistypen gewissen Identitätsmerkmalen.

Wir können allerdings geschickterweise unsere Ontologie auch als Verbindung von Funktionsausdrücken mit Begriffen, die die gemeinte Funktion erfüllen oder nicht erfüllen, formulieren: „dann und dort über die Straße gehen“ wäre der Funktionsausdruck, und „Peter“ der Begriff, der ihn erfüllt, wie „ist verheiratet mit“ der Funktionsausdruck ist, der von den Begriffen „Peter“ und „Paula“ erfüllt würde.

Ist der Funktionsausdruck durch den Begriff erfüllt, sprechen wir vom Vorliegen eines Sachverhalts oder einer Tatsache, so drückt der Satz „Peter geht über die Straße“ eine Tatsache aus, wenn Peter zur Zeit der Aussage über die Straße geht.

Wie dem auch sei, mit allen Aussagen, in denen wir den Namen „Peter“, mit dem wir den Gegenstand Peter repräsentieren und bezeichnen, salva veritate einsetzen können, das heißt in der Weise, daß die Aussage infolge der Einsetzung nicht falsch wird, beziehen wir uns demnach auf DENSELBEN Gegenstand. Das Gesetz, das unser Weltsystem beherrscht und zugleich das Aussagesystem, mit dem wir es abbilden, ist das Gesetz der Identität.

Wir können demnach von denselben Gegenständen nur sprechen, wenn wir Aussagen und Sätze gebrauchen, in denen wir sie mit denselben Namen und Begriffen benennen und ihnen gewisse Eigenschaften zusprechen, die wir nicht beliebig verändern oder austauchen dürfen.

Wir verfügen über Instrumente materieller und formaler Natur, mit denen wir die Identität von Gegenständen standardisierten Prüfverfahren unterziehen: Dieser Windhund vom okzidentalem Typ hat als Zygote, als Embryo, als Fetus, als Jungtier und alter Hund als zoologische Merkmalseinheit eine bestimmte DNA; Peter hat als Zygote, als Embryo, als Fetus, als Schulbub, als Erwachsener und als alter Mann eine bestimmte DNA.

Aber sollen wir sagen, die Zygote, der Peter entspringt, sei in demselben Sinne mit ihm identisch wie die Zygote, aus der der Windhund namens Luftikus entspringt? Wir meinen, Peter sei jemand, der nicht nur auf den Ruf „Peter!“ hört, wie der Windhund auf den Ruf „Luftikus!“ hört, sondern jemand, der sich selbst mit dem Namen Peter benennen kann, wenn er sich daran erinnert, wie er damals zum ersten Mal vor die Tafel der Schule trat, so wie sich der Hund Luftikus nicht selbst Luftikus nennt und sich nicht daran erinnert, wie er, Luftikus, damals zum ersten Mal über die Hürde gesprungen ist.

Peter könnte sich sowohl daran erinnern, wie er zum ersten Mal an die Schultafel trat, als auch daran, wie sein Kamerad Paul an die Tafel gerufen wurde. In beiden Fällen können wir die Aussage protokollieren:

(1) Peter erinnert sich daran, wie er zum ersten Mal an die Schultafel trat.

Dabei können wir für das Personalpronomen „er“ entweder „Peter“ oder „Paul“ einsetzen. Wenn wir hervorheben wollen, daß Peter sich daran erinnert, wie er, Peter, zum ersten Mal an die Schultafel trat, werden wir schreiben:

(2) Peter erinnert sich daran, wie er selbst zum ersten Mal an die Schultafel trat.

In dieser grammatischen Form des reflexiven Rückbezugs des grammatischen Subjekts des Nebensatzes auf das Subjekt des Hauptsatzes erblicken wir den Ausdruck dessen, was wir Selbstsein nennen.

Warum fällt es uns schwer, die Wahrheit der analogen Aussage anzunehmen, wenn sie den Hund Luftikus betrifft? Wir wollen imaginieren, bei dem damaligen Hundeturnier sei neben Luftikus auch sein Kamerad „Wuschel“ angetreten. Warum unterstellen wir dem klugen Tier nicht die Fähigkeit, den Satz:

(3) Luftikus erinnert sich daran, wie er zum ersten Mal die Hürde genommen hat

wobei mit dem Personalpronomen „er“ sowohl Luftikus als auch Wuschel gemeint sein können, in den Satz umzuformen:

(4) Luftikus erinnert sich daran, wie er selbst zum ersten Mal die Hürde genommen hat.

Wir gehen davon aus, daß Luftikus nicht nur mangels fehlender Intelligenz oder einer andersartigen Hirnstruktur an der Umformung des Satzes scheitert, sondern daß er Erinnerungen dieser Art nicht zu bilden imstande ist, weil er über die Sprache nicht verfügt, in der er sie ausdrücken könnte – auch wenn dieser Umstand kausal mit seiner Hirnstruktur verknüpft sein sollte, doch spielt das für unsere semantisch-logischen Überlegungen keine Rolle.

Peter ist also jemand, dem wir die Fähigkeit zuschreiben, beliebige Umformungen von Sätzen des nichtreflexiven Typs in Sätze des reflexiven Typs vorzunehmen. Da diese Fähigkeit wie es scheint schon pränatal angelegt ist, können wir von der Zygote, die einmal Peter heißen wird, nicht in demselben Sinne sprechen wie von der Zygote, die einmal auf den Namen Luftikus hören wird.

Wir können den Satz:

(2) Peter erinnert sich, wie er selbst zum ersten Mal an die Schultafel trat

vorausgesetzt, die Erinnerung trifft zu und der Inhalt der ganzen Aussage (einschließlich des Nebensatzes) ist wahr, durch folgenden Satz ersetzen:

(5) Peter weiß, wie er selbst zum ersten Mal an die Schultafel trat.

Wir können annehmen, daß Sätze über Inhalte des phänomenalen Bewußtseins wie Empfindungen, Wahrnehmungen oder Erinnerungen dann wahr sind, wenn die Identität desjenigen, der als Subjekt des Aussagesatzes genannt wird, mit demjenigen, der als Subjekt des abhängigen Nebensatzes genannt wird, oder die vollständige grammatische Reflexivität gegeben ist.

Wenn derjenige, der damals an die Schultafel trat, derselbe ist, wie derjenige, der sich jetzt an dieses Ereignis erinnert, ist der Satz, daß er sich jetzt an ein Ereignis erinnert, das damals stattfand, wahr.

Um uns hilfreicher Abbreviaturen zu bedienen, können wir sagen, daß Sätze jeglicher Art den Gedanken dessen ausdrücken, der sie jetzt denkt, einmal gedacht hat oder irgendwann denken wird. Jeder Gedanke ist eine transzendentale Funktion der Subjektivität, deren Gedanke er ist oder sein kann.

Wir sahen, daß Aussagen eine Ontologie implizieren, deren Kernstück Entitäten wie Peter oder Luftikus darstellen, die wir zum Objekt unserer Aussagen machen, oder deren Struktur aus Funktionsausdrücken besteht, die durch Einsetzen von Namen und Begriffen erfüllt oder nicht erfüllt werden.

Hier vollziehen wir die transzendentale Kehre. Um im Bild zu sprechen: Die Aussagen sind gleichsam die Koordinaten auf den Raumachsen und der Zeitachse unseres Koordinatensystems, während der Nullpunkt als Ort oder Kreuzungspunkt der Subjektivität fungiert. Ohne Nullpunkt fliegt das Koordinatensystem auseinander; nur der Nullpunkt gibt uns die Maßgabe, unsere Aussagen in unser Welt- und Aussagesystem einzutragen und einzuordnen.

Das ontologische Geheimnis der Welt, das offen zutage liegt, ist die Tatsache der Subjektivität. Die Welt, unsere Welt, gleicht der Schöpfung aus dem Nichts, aus dem das Wort als schöpferisches Ereignis auftaucht. Hier enden unsere Erklärungsversuche, sie können nicht wissenschaftlicher Natur sein, denn auch das Dasein der Wissenschaft ist eine Funktion der Subjektivität.

Das Subjekt spricht, und wo es keinen schöpferischen Nullpunkt gibt, aus dem sein Wort ergeht, gibt es keine Welt.

Dez 11 16

Wir inmitten

Unten Schwappen von Sümpfen, Scharren von Hufen,
oben Schäumen schwarzblauer Mähnen,
auf schwebender Wiege wir inmitten.

Sie kommen nicht geritten,
sie hören keine Bitten,
sie fletschen mit den Zähnen,
es sind Tiere, die uns schufen.

Unten Geifern von Winden, Rascheln von Rüschen,
oben Ratschen von Schnäbeln, Sirren,
auf wanderndem Ufer wir inmitten.

Wir können sie nicht bitten,
sie spalten uns mit Schnitten,
sie leimen uns mit Girren,
sie haben Federn, uns auszuwischen.

Unten das Saugen von Quallen, blumiges Glucken,
oben Muhen aus Därmen, hexengeiles Giften,
auf dem Sterbelager wir inmitten.

Wir können sie nicht bitten,
wir haben sie geschnitten
aus gottgeweihten Schriften,
sie haben Zungen, uns zu bespucken.

Dez 11 16

Biagio Marin, In ciesa te perdo

In ciesa te perdo
te cato per strà,
in ogni pensier
de la mia scurità.

Cussí tu mʼha fato:
ʼna vela al to vento,
el grande tormento
me rende beato.

Son mar de lʼistàe
che ríe soto ʼl sol:
ʼna carne che duol
per la so solitàe.

Te cato piú zerbo
in un fantulin:
piú fresco al matin;
ma in ciesa, te perdo.

 

Nicht im Kirchendunkel,
auf der Straße hab ich deiner acht,
ferne ein Gefunkel
meiner Seelennacht.

Sieh, was du mit mir gemacht:
ein Segel deinem Wind,
ein blutendes Kind,
das selig lacht.

Ich bin des Sommers Meer,
das in der Sonne glänzt:
mein Haupt ist schmerzbekränzt,
lebst hin du liebeleer.

Ich seh dich herb und schlicht
in einem kleinen Kind:
frischer noch im Morgenwind,
nur im Kirchendunkel nicht.

Dez 11 16

Einmal noch I

Einmal noch die Morgenfeuer
auf den Gipfeln ungeheuer,
und das Auge schwebt.

Einmal noch der zarte Klang,
leiser Seele Übergang,
und die Lippe bebt.

Einmal noch dein Tränenblick
auf dem alten Weg zurück,
und das Dunkel lebt.

Dez 11 16

Später Gang

So geh den Pfad, der Lehm ist blank,
dort wartet schon die Gartenbank,
Atem, nur lau ein Wind und Schlaf,
o daß der Tränenblick dich traf.

Und über dir vergehn im Wind
Gestalten, wolkig, seelenblind,
dein Herz allein die dunkle Welt,
bebend, bis die Antwort fällt.

So geh den Weg, der Abend graut,
behalte, was dir anvertraut,
sinkend Licht und stille Pein,
auf deinem späten Gang allein.

Dez 11 16

Terzinen von den grauen Herzen

Und rinnt dein Dunkel schon von kahlen Zweigen,
und ist die Flamme wie ein Geist verzittert,
kannst du in keines Rauschens Gras dich neigen,

das Fenster ist von Schattenwuchs vergittert,
ein Kieselstein nur dämmert in der Schale,
der Jahre Kern, von dunklem Moos umwittert,

dich wiegte Traum, doch stieg dein Tag zu Tale,
ein müder Hirte ganz verstreuter Herden,
und keine Glocke ruft zum Abendmahle,

und keine Wolke will zum Zeichen werden,
daß hoher Atem weht und wieder Tropfen
erwecken weiches Veilchenlied auf Erden.

O grauer Herzen vogelbanges Klopfen.

Dez 11 16

Terzinen auf den Morgentau

Der Traum zerschmilzt wie Glas, es perlt ein Leben,
wenn Veilchen weinen oder Apfelblüten
an zerbissne Lippen Pollenküsse kleben.

Die Gräser singen, unter blauen Wolkenhüten
gehen zarte Schatten durch den Garten,
sie knien hin und schwinden wie erschrockne Mythen,

wenn die Purpurrosen ihre fleischig-zarten
Arme um sie schlingen, Liebesvögel wiegen
sich auf gelben Düften, Hummeln warten,

die in Borkenspalten sich ins Dunkel schmiegen,
auf die Honigküsse sonnentrunkner Lieder,
die den pelzig-warmen Schlaf besiegen.

O rinne, blauer Morgentau, uns wieder.

Dez 10 16

Biagio Marin, Per una volta incòra

Per una volta incòra istae xe blu:
qua su la porta de la note negra
dame quela to boca alegra
de luse e zoventù.

Ché, incòra la me tenta
cussì piena de rie,
co’ tanto sol a sie
che l’aria fa contenta.

El càlisse tu son de la gno zogia
che bevo a sorso a sorso
co’ l’ultima passion, senza rimorso,
fiaba d’amor che ‘l tempo me desfogia.

Za splende sora ‘l mar la prima stela.
in ponente xe rosso duto ‘l siel,
xe dolse tanto l’ultimo to miel
e la to luse a l’anema dà vela.

 

Das eine Mal noch: Sommer so blau,
hier auf dunkler Nächte Schwelle
reiße hin mich deines Mundes Welle
zu Jugendlichtes froher Schau.

Wenn es wieder mich entzückt
mit seines Lächelns Träumen,
hoher Sonne Schäumen,
und mein Lied beglückt.

Du Kelch, wo meine Freude dauert,
den ich schlürfe Tropfen für Tropfen,
ohne Reue, wenn die Pulse klopfen,
Märchen, das unter Blättern schauert.

Schon glimmt dem Meer der erste Stern,
westwärts röten sich die Himmelsklippen,
o letzter Honig deiner Lippen,
in deinem Lichte leuchten meine Segel fern.

Dez 10 16

Triolett vom leidgeprüften Licht

Der Gott durchkreuzt die schwarze Erde bis zum Licht,
die Lyra übertönt das Blutmal einer Kröte.
So rinnen Tränen von dem schönsten Angesicht.
Der Gott durchkreuzt die schwarze Erde bis zum Licht.
Der Ariadne Klage war das Nachtgedicht,
bis ihr das Herz durchglänzte Bacchus Silberflöte.
Der Gott durchkreuzt die schwarze Erde bis zum Licht,
die Lyra übertönt das Blutmal einer Kröte.

 

Siehe:
Homerische Hymnen, IV, Hymnos auf Hermes
Ovid, Metamorphosen, 8, 169–182

Dez 9 16

Triolett von den Edlen und Gemeinen

Weil Liebe sondert Edle von Gemeinen,
sei uns der Edlen Herrschaft anempfohlen.
Ist hier wie da auch Traurigkeit und Weinen,
bei Edlen stiller, lauter bei Gemeinen,
nur fand man bei Gemeinen bisher keinen,
dem Ehrfurcht stopfte Lästermauls Gejohle.
Weil Liebe sondert Edle von Gemeinen,
sei uns der Edlen Herrschaft anempfohlen.

Dez 9 16

Aus der Knuffeliade IX

Klein Wilmchen träumt, es könnte fliegen,
flög über Stadt und Häuser hin,
in der tiefen Winternacht,
es könnte um des Mondes Schleier biegen,
flög über Wald und Weiher hin,
in der tiefen Winternacht.

Es könnte auch im Flug die Zeit besiegen,
flög über Wald und Weiher hin,
wär schon der Mai erwacht,
im Morgenrot sich junge Blumen wiegen,
flög zum Onkel Kauz im Ried es hin,
wär schon der Mai erwacht.

Der Kauz hat seinen Wipfel hoch bestiegen,
sieht, wie Wilmi kurvt dahin,
und das Uhuherze lacht,
Wilm und Kauz sich in den Flügeln liegen,
singen kleinen Knuffellebens Sinn,
kauzt der Kauz und Wilmi lacht.

Dez 9 16

Biagio Marin, Me canto comò cana

Me canto comò cana
za seca e ferma longo ʼl fiume,
che súbia al zuogo de la tramontana
in note sensa lume.

Me canto comò un pin
ne le note de magio a luna piena;
in meso ai rami sbúsina ʼI burin,
el zuoga lʼaltalena.

Quando ʼl sirico teso e forte
coʼʼl mar che inbianca el vien da largo,
me canto insieme a elo el canto tardo
solene de la morte.

 

Ich singe wie das Rohr,
das trocken und starr am Ufer wacht,
es flüstert dem Nordwind fröhlich ins Ohr
in lichtloser Nacht.

Ich singe wie der Pinienbaum
bei Vollmond in Nächten des Mai;
wie Borino zupft der Zweige Saum,
verspielt ist meine Schaukelei.

Wenn der Schirokko auf dem Meere droht,
über das er weiße Schäume zieht,
singe ich mit ihm das getragene Lied,
das feierliche vom Tod.

Dez 9 16

Das Gespinst der Fliegen

Es ist, als hielten sie dir,
und du stirbst ja, seufzest
schon posthumes Kauderwelsch,
rote, grüne Plastikblumen vor die Nase,
und schütteln und wirbeln sie,
oder blasen albern dir
letzte Grüße hin mit einer Tröte,
sie tanzen um dein Sterbelager
in Harlekinkostümen
und summen dabei,
die Zungen fletschend.

Eine, sie, die fischige Melusine,
preßt ihren glitzernd-schuppigen Leib
an dich, er wickelt sich um deine Beine,
ihr dreht euch schnell umeinander,
verflochtene Aale,
und du hörst, wie auf dem Parkett
die breite chitinharte Flosse
rhythmisch klatscht.

Bist du endlich allein,
kommt Stille zu eratmen,
weicht die Blendung,
weicht vor stummen Schatten
die Strahlenreizung –

da surrt es und schwirrt,
es sirrt und flirrt, an der Decke,
an der Wand, jetzt färbt sich das Fenster,
wölkt blauschwarz sich lebendiger Schleier
über dem blauen Teich der Nacht
zu allegorischen Grimassen,
flüchtige Masken verschollener Leben,
hohläugige Fratzen verquollener Lust,
all die Mimen, die dein Dasein spielten,
blitzen, grinsen auf, drehen Aberwitz
mit ihren Augenäpfeln,
spucken Wörter, glattgelutschte Kerne,
bilden Blasen vor dem Mund, die knallend platzen,
Gesichter, die dein Dasein mimten,
mit deinem Blut gespeist,
mit deinen Tränen gewaschen,
sie verlaufen ineinander,
zwei glühende Brauen bleiben stehen,
Apostrophe der Leere.

Geräusche sickern ein
aus dem Hinterhof
verlorener Sommerabende,
Scharren im Stroh,
Schaben schartiger Eisen auf weichen Polstern,
das Quietschen eines Luftballons,
Gedudel aus dem Radio,
an dem die Langeweile dreht und dreht.

Fetzen von Gesang, gelallt, gequäkt,
ein Zwerg bestreicht die Glasharmonika
mit dem immer wieder angefeuchteten Finger,
du hörst sein inständiges Lutschen,
dann zerbricht eine gläserne Röhre
und die schwere Walze steht.

Das Gespinst der Fliegen verdickt sich,
erstickt in sich selbst,
ein schwarzer Schlamm sackt von der Scheibe,
als der fahle Schein des Morgens graut,
wird ein nach Mottenpulver riechender
schwerer Samtvorhang
über dein Gesicht gezogen.

Dez 8 16

Neun Arten des Entschwindens

I.

In dein Lieblingsrestaurant gehen,
dich an deinen Lieblingsplatz am Fenster setzen,
bedächtig die Speisekarte zur Hand nehmen
und die Augen schließen.
Und schwebst hoch im Ätherblau
und siehst fern unter dir die Erde, das Land,
den Fluß, die Stadt, den Entrückten dort
wie schlafend starr im Sessel lehnen,
du weißt, er ist tot und du bist
anders tot, anders lebendig,
welches Erbarmen erfüllt dich
mit jenem einsamen Menschen.

 

II.

Dich in das hohe Ährenfeld des Sommers legen,
geschlossenen Auges das Herz schlagen hören,
das im Rhythmus der wogenden Halme schlägt,
den Schlag des Herzens nicht mehr vernehmen,
das Herz hat aufgehört zu schlagen,
während die Ähren in dir weiterrauschen.

 

III.

Du gehst den alten Gartenpfad,
der Herbst riecht faulig aus dem Gras,
da kommt ein Kind zwischen den Stämmen hervor,
es summt ein Abendlied,
es geht an dir vorbei,
du bist es selbst, das Kind,
und hörst und siehst nichts mehr.

 

IV.

Sie streichelt deine Hand,
ein Duft schwebt aus dem Flaumennacken,
sie spricht dir von der alten Piazza
und der goldenen Stille südlichen Abendlichts,
du hörst sie schon aus so weiter Ferne,
wie das Zwitschern einer Lerche,
die hoch im Blau des Himmels steht,
deine Lippen fühlst du sich rühren,
doch weißt du nicht mehr, was du sagst.

 

V.

Du sitzt in der Küche und der Hahn tropft,
doch das Geräusch quält nicht mehr,
grüne Dämmerung hat dich eingeschlossen,
die Tropfen rinnen durch deinen Kopf,
ein jeder weilend mit einem Silberstreif,
sie rinnen am Schädelinnern,
wie am Brunnen damals,
war es am Rhein oder an der Mosel,
war es an der schönen Garonne,
sie sammeln sich in einem kleinen Becken,
wie in einem stummen Gegenmund,
und er füllt sich, füllt sich
wie mit Schluchzen,
nun ist er gefüllt,
nun ist er gefüllt.

 

VI.

Wieder sitzt du am Ufer des Rheins,
kindlich den Kopf im Gras,
und die Wellen kommen,
die Wellen gehen,
es schweigen die Wellen,
es singen die Wogen,
und du weißt nicht,
wächst in dir das Schweigen,
ebbt in dir Gesang,
wenn die Wellen singen:

„O komm doch heim,
zu Bruder Aal,
zu Schwester Welle,
hier nur findest du den Reim
auf deine Qual,
o komme, komm doch heim!“

 

VII.

Du liegst auf der Kirchenbank,
da schlürfen noch und husten Beter,
ganz ferne klirrt ein Weihrauchfaß,
ein Seufzen stirbt,
als wärʼs von einer Orgelpfeife
vergessner Hauch,
dann ist es still, so still,
du hörst die Kerzen am Altare leise zischen,
es stirbt das blaue Licht im hohen Fenster,
das Singen einer weichen Flamme
wickelt sich um deinen Leib,
dein Leib wird kleiner, schwindet hin,
du bist so still und federfein,
als schwebte dort ein Lichtfleck auf der Kirchenbank.

 

VIII.

Dort am Laacher See ist es Abend,
ein Nebelstreif über dem Wasser,
ein Schleier, schon vom Halse der Nacht gesunken,
du stolperst den Uferweg entlang
oder liegst endlich,
allen Gedanken abhold,
im sich dunkel regenden Schilf,
gluckst da noch eins im Schlick,
das zu dir will,
du, wende dich ab,
es ist noch Ferne genug,
es sind, die Versinken künden,
abendrötlich,
die Glocken sindʼs,
die heilig-dunklen,
sie rufen aus der Tiefe des Sees,
sie rufen dich,
sie rufen,
und du,
o bete ihnen entgegen.

 

IX.

Hoch überm Rhein, am letzten Sommertage,
sitzt du auf der Bank, du siehst es nicht,
das Schimmern, des Lebens dunkles Licht,
es ist in dir, des Wassers stille Sage,
der Kuckucksruf durchbrach des Herzens Wand,
es schneien am dunklen Lebensrand
aus Liedern Sapphos dir noch Blütenpollen,
des Lebens Liebe ist verschollen,
verklungen ist die blaue Klage.

Dez 8 16

Marienlied

Maria, breit den Mantel aus,
ein verirrtes Kind, es will nach Haus,
hüll es in deine Liebesfalten,
entbinde ihm die Herzgestalten,
o, pflücke ihm den Blütentraum
von seines Todes dunklem Saum.

Maria, breit den Mantel aus,
ein Waisenkind sucht ein Zuhaus,
deck es mit deinen Falten zu,
wärm es mit deiner Blicke Ruh,
leg es in deiner Liebe Krippe,
küss es mit deines Liedes Lippe.

Maria, breit den Mantel aus,
im Flammen seines Himmelblaus
laß die dürre Seele einmal glühen,
ihre kahlen Zweige einmal blühen,
ich will den Tod nicht scheuen,
auf der Schwelle dir die Blüten streuen.

Dez 7 16

Triolett vom verklungenen Lied der Erde

Der Erde Lied erklang, o Sommerzeit,
wie Küsse dehnten sich die Vogelrufe,
aus Blüten leuchtete die Ewigkeit,
der Erde Lied erklang, o Sommerzeit.
Nun sind der Liebe Pfade tief verschneit,
ein zarter Schädel dämmert auf der Stufe.
Der Erde Lied erklang, o Sommerzeit,
wie Küsse dehnten sich die Vogelrufe.

Dez 7 16

Triolett vom zerrissenen Seelenfaden

Über Stoppeln toter Äcker ziehen Schwaden,
es knirscht der bange Schnee im Traum,
zerrissen weht der dünne Seelenfaden
über toten Stoppeln in den Nebelschwaden.
Uns blühten in der Fremde keine Gnaden,
der Mund der Erde stammelte uns Schaum.
Über Stoppeln toter Äcker ziehen Schwaden,
es knirscht der bange Schnee im Traum.

Dez 7 16

Aus der Knuffeliade VIII

Carlinchen hatte einen Tibet-Traum:
Da ist Schnee, ist Schneeverwehen,
es grollt von weißen Urzeitgipfeln
der Himalaya, unter Mützenzipfeln
lachen Augen, kleine Mönche gehen
durch des Himmels grenzenlosen Raum.

Kleine Kinder-Mönchlein trippel-tappen
steile Hänge hoch, wo Winde knurren
und herrlich thront die Rundpagode,
wo Fähnchen hißt die schöne Tibet-Mode,
Gebete trommeln, bunte Wimpel surren,
dort hüpft die Seele in die Wolken-Wappen.

Dort will die Carla mit den Knuffeltieren
ein Kloster gründen, Sutren stammeln,
fromme Flickentrachten nähen
und nach den wollnen Yaks ausspähen,
Ziegen und Hunde unter Buddha sammeln
und was da kreucht auf allen Vieren.

Mein Tibet ist das Knuffelparadies,
träumt Carla, dort bei Seelen frohgemut
zu atmen scharfes Ätherblau, zu hören,
wenn die schweren Alpenhörner röhren
und Knuffel wie die Mönche unbeschuht
summen, was der freie Geist einblies.

Dez 6 16

Kleine Arie auf das Gewand Mariens

Einen Zipfel nur von deinem Gewand,
ein Fädchen nur, das keine Schlinge fand,
sie möcht ich fassen,
mich kniend dort belassen
einem Faden Licht,
Faden, der mich flicht
in der Liebe strömend Lied,
das im Rauschen deines Kleides flieht
die weichen Falten hin,
o laß mich lauschen,
laß mich lauschen
hohem Sinn,
aller Liebe Königin,
aller Liebe Königin.

Und lieg ich dort der Nacht im Schoß,
das tote Auge tränenlos,
so streife mich ein Zipfel nur,
eines Fädchens Funkenspur,
eines Fadens Licht,
Faden, der mich flicht
in deines Kleides Rauschen,
ihm nur will ich lauschen,
will ich lange lauschen,
bis ich ganz vergeh
im stillen Schnee,
im stillen Schnee.

Dez 6 16

Triolett auf den Kuß des Erlösers

Wir wollen uns dem hohen Wunder weihen
und unsre Stirne beugen seinem Kuß,
der toten Seelen kann das Leben leihen,
die Stummen in die Engelchöre reihen,
o mögen seines Wortes Blüten schneien,
wenn wir trostlos stehn am Totenfluß.
Wir wollen uns dem hohen Wunder weihen
und unsre Stirne beugen seinem Kuß.

Dez 6 16

Aus der Knuffeliade VII

Wilmchen sah den Onkel Kauz im Traum:
Das Käuzerl hat ein Bänkchen gezimmert,
grad unter seinem alten Buchenbaum,
der Flügel flauscht, der Schnabel flimmert,
die Späne fliegen, das Auge glimmert,
dann hat der Kauz die glatt geschabte Bank
gepolstert weich mit Moos und Blattgerank,
ein altes Nest hängt da am einen End,
darin sind Haselnüsse aufgespart
und Heidelbeeren süß und zart,
geritzt hat Kauze auch ein Ornament
in die Lehne, daß ersieht auf einen Klacks
Feldmaus und Igel, Füchslein und Dachs,
wem diese Bank allein gewidmet sei:
Es äugen sanft der Kulleraugen zwei,
ein dicker Bommel drunter ist die Nase,
zwei Hüflein stehen vorn im dichten Grase,
zwei weiche Pfoten sind es hinten.
Wenn Buschwindröschen winken aus dem Ried,
werden es die lieben Knuffel wiederfinden,
zu sitzen dort, zu singen dort das Kauzellied.

Dez 6 16

Der Augenblick des Gedichts

Sentenzen und Aphorismen zur Ästhetik des lyrischen Gedichts

Gedichte haben den Werkcharakter, den Gewerke und vollendete Objekte im Kunsthandwerk und der bildenden Kunst haben, wie Glasfenster mit ihrer spannungsreichen Anordnung von Farben und Motiven, das ornamentale Flechtwerk von schmiedeeisernen Gittern und Toren, die Gestaltung eines Parks nach Blickschneisen, Zentren ästhetischer und seelischer Verdichtung durch Wasserspiele, Fontänen und Skulpturen sowie Ruhezonen eines üppigen oder ornamentalen Bewuchses von Schilf, Beeten, Büschen, die Anordnung und Anmutung von Tuscheflecken und Linien als Ergebnis spontaner Handbewegungen der Zen-Kunst.

Viele sind der irrigen Ansicht, ihre mehr oder weniger gute Beherrschung der deutschen Sprache befähige sie, ohne weiteres Gedichte von Goethe, Rilke oder George zu verstehen.

Die lyrische Sprache aber sollte erlernt werden, ganz in dem Sinne wie wir eine fremde Sprache lernen. Wir müssen dazu bekanntlich nicht jahrelang Grammatik pauken, sondern können uns der Sprache im allmählich sich erweiternden und vertiefenden unmittelbaren Gebrauch nähern und ihr so auf die Schliche kommen.

Fatal allerdings ist der Irrtum und die eitle Selbsttäuschung von Leuten, die wähnen, Gedichte schreiben zu können und zu schreiben, deren Bezug zur Dichtung als Kunst und Gewerke der Lage von Komponisten ähnelt, die weder Noten lesen können noch die Lehre von den kanonischen Formen und Sätzen wie Sonatensatz, Kanon oder Fuge absolviert haben.

Der Maurer sucht sich den Stein nach seiner Eignung wie Tragfähigkeit, Belastbarkeit, Haltbarkeit aus; der Bildhauer nach dem ästhetischen Ausdruckswert, der auf die formale Aussage der entstehenden Figur abzweckt, wie Farbe, Maserung, haptische Qualität.

Wie der Stein des Bildhauers, so das Wort des Dichters.

Worte haben einen bestimmten Farbwert, der in ihrem hellen oder dunklen, transparenten oder opaken, irisierenden oder abgeblendeten Klang zum Ausdruck kommt.

„Gemalte Fensterscheiben“ nach dem bedeutsamen Wort Goethes: Die handwerkliche Kunst liegt in der nuancierten, differenzierten, harmonisch ausgewogenen Verteilung der Farb- und Klangwerte. Eine Massierung heller, offener, spitzer Töne wirkt grell und blendet, ein diffuser Schlamm verlaufener Farben und Klänge ausdruckslos.

Eine Springflut oder ein Feuerspeien von Schreien, Seufzern, Flüchen, Kakophonien als Ausdruck der gequälten Kreatur verhallt und verdampft, wenn die Ejakulation nicht in ein Becken sich rundender Wellenkreise und Echos geleitet, auf einen atmosphärischen Hintergrund aufgetragen wird, der weiterstrahlt, auch wenn die Schreie verstummt sind.

Geschmack ist eine Frage der Bildung. Er hat eine natürliche Anlage in der Feinheit der ausgeprägten nervlichen Sensorik für das Hören von Klangwerten, das Empfinden rhythmischer Muster und das Sehen passender oder divergierender Baustücke, in der Gestalt- und Ähnlichkeitswahrnehmung. Die Bildung vollzieht sich in der Erfahrung des lauten Lesens und Rezitierens, des Singens oder Psalmodierens. Ein starker Faktor der Bildung des Geschmacks für lyrische Schwingungen ist das Übersetzen von fremdsprachlicher Dichtung.

Kinder, die kleine farbige Holzstückchen oder Glasperlen auf einer Schnur reihen.

Kinder, die mit Hohlformen Figuren aus Lehm und Sand bilden und in eine gewisse Anordnung bringen.

Der Kunstglaser braucht Jahre disziplinierter Arbeit, bis er buntes Glas anhand seiner Skizze freihändig in Kurven und Kreise zerschneiden kann.

Manche Naturgenies des Wohlklangs wie Goethe, Brentano oder Verlaine schütteln die Reime aus dem Ärmel.

Andere wie Trakl oder Mallarmé beschränken sich auf ein überschaubares Repertoire von Reimen oft bedeutungsschwerer Wörter.

Narren, die nie die Last einer schweren syntaktischen Bauform wie das Sonett getragen haben, rühmen sich, die Fessel der lästigen Formen abgeschüttelt zu haben.

Die Schönheit des wiegenden Ganges dunkler Frauen, die gewohnt waren, schwere Lasten auf dem Kopf zu balancieren.

Die Geschmeidigkeit der Gliedmaßen und die tänzerische Leichtigkeit der Bewegungen der Trapezkünstler, die ihre Kunst zum Gipfel des Salto mortale führt.

Durch das bunte Glasfenster der Kapelle sehen wir die Welt in dem Licht, das vom Heiligtum ausstrahlt.

Durch das bunte Glasfenster des Gedichts sehen wir die Welt in dem Licht, das vom geheimen Sinn der Welt ausstrahlt.

Der Sinn der Welt liegt in der Tatsache der Subjektivität des Lebens beschlossen.

Statt Subjektivität können wir auch Innerlichkeit sagen.

Wir sehen durch das Fenster des Gedichts nach innen.

Oder wir sehen die Welt als ein Außen des Innen, ähnlich der Mandelbrot-Spirale, die sich unendlich in sich selber spiegelt.

Oder wir sehen in das Gedicht wie in den Spiegel, in dem wir uns von innen betrachten.

Die Sprache des Gedichts ist das Außen des Innen, wie das Lächeln nicht das Gesicht ist, sondern sich auf dem Gesicht spiegelt.

Das Lächeln mag kurz aufleuchten, es kann aber lange nachwirken.

Wir finden neben dem ästhetischen Ausdruckswert der Wörter die Zeit als wesentlichen Werkstoff der lyrischen Dichtung: Ein Sonett, ein Lied, ein Handvoll Terzinen sind im Vortrag nach ein, zwei Minuten verklungen; die Kunst besteht darin, im Innern des Gedichts die Zeit in der gestuften, überlagerten, gegenläufigen Form des Rhythmus zu dehnen, zu weiten, zu vertiefen, sodaß jene Illusion des Zeiterlebens entsteht, die wir von Sommertagen der Kindheit kennen, die sich wie das Blau des Himmels ins Grenzenlose auszudehnen scheinen.

Das Medium der Subjektivität, die sich im Gedicht gleichsam selbst berührt, ist die Zeit. Die Zeit der Subjektivität ist die Verinnerlichung, die sich dem Ewigen öffnet.

Alles, was das Gedicht aussagt, bezieht sich auf das Ereignis des dunklen Augenblicks, das sich im Wort inkarniert.

Ein Lächeln, das im Schatten kurz aufblüht und wieder verlischt.

Eine Blüte, die im Dunkeln kurz aufleuchtet und wieder verlischt.

Wir sind dieses Aufleuchten, wir das Dunkel, in dem es geschieht.

Wem gilt das Lächeln?

Wir sagen, wir schenken ein Lächeln, ein Lächeln wurde uns zuteil.

Doch im reinen, gelösten, von innen aufstrahlenden Lächeln hat der dunkle Augenblick des Daseins sich selbst gelichtet.

Wenn es vollkommen ist oder schön, bleibt das Licht des Lächelns wie der Glanz der Blüte bei sich selbst.

Das Lächeln des Buddha.

Plötzlich wie nach langem Schlaf öffnen sich die Augen. Da ist nur ihr dunkler Glanz. In der Stille, die wächst, je länger und dunkler sie glänzen.

Wozu haben sie sich geöffnet?

Wozu hat sich die Blüte geöffnet?

Gewiß, die Sonne zu sehen.

Doch hier, im Gedicht, ist das Licht die Wirklichkeit und Wahrheit des Worts.

Das Licht ist ja im Leben der Subjektivität nichts, wenn es nicht gesehen wird und ihre Welt beleuchtet.

Augen, die sich für ihren Augenblick öffnen, das Ereignis des Daseins.

Blume, die sich am Rand der Nacht öffnet und wieder schließt.

Für wen blüht sie, die Blume?

Dez 5 16

Triolett vom Verstummen

So hebt uns reine Flammenzungen
aus der Erde unerwecktem Lehm.
Das Lied der Söhne ist verklungen,
o singt uns reine Flammenzungen.
Der stumme Schoß hat uns bezwungen,
erloschen ist des Himmels Diadem.
So hebt uns reine Flammenzungen
aus der Erde unerwecktem Lehm.

Dez 5 16

Aus der Knuffeliade VI

Abends in der Weihnachtszeit
brennt ein Lichtlein auf der Fensterbank,
und die Knuffelaugen werden weit.
Und sie schauen in die Dunkelheit,
wo die Birken weiß und schwank,
wo die Buchen zu den Fichten raunen
und zwei Augen aus den Blättern staunen,
dorthin, fern im Enkheimer Ried,
wo der kleine Waldkauz haust,
wo seufzend tönt sein kauzig Lied,
von Mondes Schielen schwül umgraust.
Das Käuzeli hat unsre Knuffelschar
in das Herz geschlossen wunderbar,
und sie singen ihm ihr Knuffellied:

„Lieber Onkel Kauz im Ried,
laß dich von dem Mond nicht necken,
mußt vorm Rascheln nicht erschrecken,
deine Knuffelkinder denken dein,
wollen balde wieder bei dir sein,
wenn Frühlings Anemone lacht
und das Quellchen quasselt sacht.“

Dez 5 16

Aus der Knuffeliade V

Der Knuffel sei nicht unbenannt,
Hüteli ist er genannt,
hat vier Pfoten sahneweiß,
wackelt mit dem Stummelschwanz
und zwei Ohren läppchenleis,
hat auf der Nase einen Glanz,
Hütehündchens süßen Schweiß.

Und wenn es dunkel wird
und draußen Nebel irrt,
wenn Regen an das Fenster klatscht
und Wind den Turmhahn watscht,
kommt das Wilmchen hergehupselt,
hat den Hüteli gestupselt,
kuschelt sich an sein warmes Fell
unter seine Ohren schnell,
Hüteli brummelt tief und warm,
Wilmchen vergaß schon Sturm und Harm,
schläft so knuffelsanft in seinem Arm.

Dez 5 16

Von Traumschablonen und Mustern in Leben und Gedicht

Betrachten wir nicht reale, echte Träume, wie wir sie psychologischen Fallberichten von Klienten entnehmen oder wie sie uns Freunde und Bekannte und natürlich umgekehrt wir ihnen erzählen, gern mit dekorativen Stoffen drapiert oder mit dramatischen Handlungsmotiven aufgeladen oder zugestopft; betrachten wir einmal Träume nur auf ihrer gleichsam farblosen und grauen Oberfläche, nicht in analytischer Tiefensicht oder Verwobenheit, gewinnen wir durch Verfahren der Vereinfachung und Vergröberung aus der ausgeschmückten Traumerzählung trockene Residuen und blutlose Abstraktionen realer Träume, abstrakte Schemen und gleichsam tote Gespinste, die sich zur Projektion möglicher, virtueller Träume auf das beste eignen.

Wir betrachten diese Traumschablonen oder virtuellen Träume als künstlerischen Baustoff für Malerei und Dichtung, und glauben, ihr Wirken in den Intuitionen am Werk, die große und kleine Dichtung, ja die abstrakte Kunst wie die Kandinskys hervorgebracht haben.

Eine einfache Traumschablone sieht so aus:

Begegnung mit einer Person, der wir wie der Mutter, dem Vater, der Geliebten anhängen oder der unser Vertrauen gehört.
Das Entschwinden der Person – auf wie immer motivierte Weise, Liebesverrat, Zauberei, der Einbruch des Chaos, der Tod.
Dann folgt eine Traumphase insistierender Erfahrungen der Fremdheit der Umgebung, der Straßen, der Stadt, der Menschen, deren Sprache wir nicht mehr verstehen, der Orte, die wir mit bekannten Orten der Heimat verwechseln, wir finden nicht mehr das Haus, in dem wir wohnen, nicht den Bahnhof, um abzureisen, wissen am Schalter nicht, welchen Zielort wir angeben sollen, wollen wir einsteigen, vermissen wir plötzlich den Reisekoffer mit wichtigen Papieren und persönlichen Dokumenten, fahren wir mit dem Zug, wird die Landschaft zunehmend bizarr und unheimlich, wir gewahren uns unbekannte Pflanzen und Tiere, oder Pflanzen und Tiere, die beides zu sein scheinen, Blumen-Tiere oder animalische Pflanzen.

Solche Traumschablonen oder Muster möglicher, virtueller Träume können wir verwenden, um sie in Schablonen und Muster von Plots für Geschichten oder Motive für Gedichte zu überführen: Wir erwachen in einer fremden Stadt; nach Einnahme eines exotischen Getränks verstehen wir die Sprache der Umgebung nicht mehr oder sprechen selbst eine uns bisher unbekannte Sprache; die Geliebte entführt uns in eine Gesellschaft, die sich verschworen hat, unsere Persönlichkeit durch systematische Verwendung irreleitender Kommunikationen oder magischer Rituale aus dem Lot zu bringen; ein sterbender Freund vermag bei seinem Ableben uns seine von Unruhe erfüllte, ungestillte Seele als realen Teil unseres Seelenlebens zu vermachen, von dem wir so lange obsediert und heimgesucht werden, bis es uns gelingt, an des Freundes statt seinen tiefsten Wunsch zu erfüllen, und wenn es der nach dem Tod seines Feindes wäre.

Wir können malerische Sujets in die Umgebung virtueller Träume verpflanzen, sie nehmen dann andere, seltsam erschreckende oder seltsam beglückende Ausdruckswerte an: Ein fahler Kreis wird wie in den abstrakten Bildern Kandinskys in ein unterirdisches oder überirdisches Reich von zuckenden Lichtimpulsen und schlingenden Farb-Lianen versetzt und beginnt in einem unterirdisch anmutenden Blaugrün oder einem überirdisch anmutenden Goldrot zu strahlen.

Wir können dichterische Sujets in die Umgebung virtueller Träume verpflanzen: Das lyrische Ich sieht sich scheinbar in eine bukolische Landschaft versetzt, aber das Land und seine Inhalte sind wie bei den Gedichten von Fernando Pessoa alias Alberto Caeiro in Wahrheit sein eigener Körper und seine Empfindungen, die Gestalt und der Duft der Blume sind die Projektionen des Seh- und Geruchssinns, die Sommerschwüle des Mittags ist eine Projektion des vegetativen Nervengeflechts und der blasse Mond steigt nicht aus dem Dunst des Teiches auf, sondern als eine Erinnerung aus dem Dunst des Seelengrunds.

Traumschablonen sind wie Farbmuster oder Muster von Kleidern in dem Maße unwirklich, aber gegenwärtig, wie Farben von Farbmustern echte Farben darstellen, ohne daß sie schon in Individuen wie der bestimmten Blume oder dieser bestimmten Jacke mit diesen bestimmten Farbnuancen verwirklicht wären. Man könnte sagen, individuelle Träume sind Traummuster, die im Augenblick des Traums auf die individuelle Seele des Träumenden hin maßgeschneidert werden.

Wir seltsam, daß Muster und Schablonen das Eigentümliche des Lebens ausmachen: „Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden“ – damit ist alles gesagt. Die näheren Umstände von Ort und Zeit, Name und Geschlecht, schön und häßlich, krank und gesund sind wie Schattierungen der Grundzeichnung oder wie die hübschen Miniaturbäume und Minitiere und Zwergenfußgänger, die wir als Kinder auf den Stadtentwürfen der Architekten und Städtebauer bewundert haben.

Es ist wohl das Individuum, dem wir die Eigenschaften so und so alt und groß und klug zu sein, zusprechen; aber die Substanz seines Lebens macht es aus, so alt, so groß, so klug zu sein.

Individuen verkörpern die gleichen Muster, aber nicht dieselben: Sokrates hat mit Hans-guck-in-die Luft die Eigenschaft gemeinsam, Mensch zu sein, nicht aber ein heroisches Dasein zu führen, das vor dem Tod nicht zurückschreckt. Alle Verliebten teilen mit Romeo und Julia das gleiche Muster von mehr oder weniger ausgeprägten und intensiven Gefühlen, aber nur jene und noch ein paar wenige andere Paare adelt der heroische Opfertod. Alle individuellen Blumen entstammen einem gleichsam mustergültigen Blatt, das Goethe der Urpflanze zuschrieb; aber es gibt unzählige Varianten, das Urblatt zur Entfaltung zu bringen. Wir haben mehr oder weniger das gleiche DNA-Muster, und jetzt schau dich an, und dann deinen Freund, deine Freundin oder deinen Nachbarn.

Platon hatte demnach recht, zu behaupten, die Substanz und der dauernde Gehalt von Leben und Dasein seien die allgemeinen Muster, Ideen oder Formen; und Aristoteles wiederum hatte recht, zu behaupten, wirklich seien nur die Individuen, die jeweils aktualiter diese Formen in unterschiedlicher Auswahl und in variantenreicher Ausprägung verwirklichen und repräsentieren.

Was die Schablonen für den Traum und die Muster für das Leben sind die Formen und Gestalttypen wie Lied, Klage, Ode, Elegie, Ballade oder Sonett im Leben der Gedichte.

Kein Lied ohne Sanglichkeit und leicht gewiegten Rhythmus, ohne Reim oder Refrain, kein Lied ohne Blume und Stern, unheimlichen Schatten und traulichen Duft, ohne Sehnsucht und Erinnerung; und ebenso kein Sonett ohne das Rezitativ einer gehobenen Stimme, ohne Leidenschaft des Gedankens und Nachsinnens, ohne den schlanken Körper der fein aus Quartetten und Terzetten gezimmerten Barke, die die hohe Woge oder Stromschnelle der Gedankenfuge und Reflexion des Ich, ausgesetzt auf dem reißenden Fluß des Schicksals, bewältigen muß.

Lied und Sonett sind Muster oder Schablonen der dichterischen Aussage, ohne die sie ihren Daseinsgrund verlören. Woher sie stammen, wer ihnen diese eigentümliche Form und Musterung und Maserung mitgab? Fragen wir nach dem Urblatt Goethes, fragen wir nach dem Ursprung des Lebenscodes! Wir stehen am Rande des Unerforschlichen, Unauslotbaren, des offenkundigen Geheimnisses.

Erklärungen der Art, wie wir sie der Schule entnehmen, wie daß das Komplexe, der Organismus, der Traum, das Gedicht, sich aus einfachen Elementen zusammensetze und kombiniere, führen uns an der Nase herum, denn betrachten wir den scheinbar einfachsten Kinderabzählreim:

Eins zwei drei vier fünf sechs sieben,
eine alte Frau kocht Rüben,

eine alte Frau kocht Speck,
und du bist weg.

Wir finden hier in nuce ein Grundmuster lyrischer Aussage: die liedhafte Form in einer vierzeiligen Strophe, die durch zweimaligen unreinen Kreuzreim verfugt ist; drei Zeilen sind durch vierfachen Trochäus rhythmisch geprägt, die ausklingende Zeile dagegen hebt sich davon durch zwei Jamben ab. Eine rhythmisch-motivische Eigenart des Lieds finden wir in der variierten Wiederholung der zweiten Zeile, was uns an die beschwörenden Formeln und Invokationen der alten Volkslieder erinnert. Und ist nicht das Bild der alten Frau, das da aus Kindermund erweckt wird, eine folkloristische Reminiszenz an die unheimliche Kräuterfrau, die mythische Hexe?

Wie viele Elemente des Liedes sind in diese wenigen schlichten Kinderliedzeilen zusammengeschnurrt? Wir können also schon bei den kleinen und schlichten Liedweisen nicht von minderer Komplexität des Musters reden. Gemahnt uns dieser Befund nicht an das Rätsel der scheinbar einfachen einzelligen Organismen, der Mikroben oder kleinsten Wassertiere wie der Geißeltierchen, deren harmonisches Zusammenwirken winziger Bauteile und Organellen die Rede von der allmählichen Evolution vom Einfachen zum Komplexen als leere Formel entlarvt?

Dez 5 16

Triolett vom virtuellen Traum

Sie war in dir, im Spiegel war das Bild.
Sie ist entschwunden und du wurdest leer.
Wie in Spiegeln matt und stumpf gerillt,
verblaßte dir des Lebens buntes Bild.
Stadt und Plätze waren fremd, die Sprache wild,
du glittst mit Schatten durch ein Schattenmeer.
Sie war in dir, im Spiegel war das Bild.
Sie ist entschwunden und du wurdest leer.

Dez 4 16

Aus der Knuffeliade IV

Spielt Wilmchen Verstecken mit Wuffel,
dann geht das kurzer Weile so:
Wilmi hoppelt, unser liebster Hüpfe-Knuffel,
übern Rasen herzensfroh,
hält dann plötzlich ein,
neigt mit sich allein
das Näschen in den Sonnenschein.
Dann hüllt sie ihren dicken
Kopf in den bunten schicken
Tüll aus ihrem langen Schal,
kreuz und quer und diagonal,
und tut, als wär sie außer Gefahr,
weil allen anderen unsichtbar.

Da hätt ein leichtes Spiel der Wuffel,
doch tut er so, der Herzensknuffel,
als suche er in allen Gartenecken,
wo sich das Wilmchen würd verstecken,
und immer hört man hinter vorgehaltner Pfote
sein Seufzen, seines Mißerfolges Bote.

Wilmchen kippt vor Freude beinah aus dem Lot
und lacht Juchhe! und wickelt sich hervor.
Dann watscheln beide durch das Gartentor,
zu Carla heim, die macht schon Abendbrot.

Dez 4 16

Fernando Pessoa/Alberto Caeiro, O Guardador de Rebanhos IX

Sou um guardador de rebanhos.
O rebanho é os meus pensamentos
E os meus pensamentos são todos sensações.
Penso com os olhos e com os ouvidos
E com as mãos e os pés
E com o nariz e a boca.

Pensar uma flor é vê-la e cheirá-la
E comer um fruto é saber-lhe o sentido.

Por isso quando num dia de calor
Me sinto triste de gozá-lo tanto,
E me deito ao comprido na erva,
E fecho os olhos quentes,
Sinto todo o meu corpo deitado na realidade,
Sei a verdade e sou feliz.

 

Ich bin ein Hüter von Herden.
Die Herde sind meine Gedanken,
und meine Gedanken sind alle sinnenhaft.
Ich denke mit den Augen und mit den Ohren
und mit den Händen und den Füßen
und mit der Nase und dem Mund.

Eine Blume denken heißt, sie sehen und sie riechen,
und eine Frucht essen heißt, ihren Sinn zu schmecken.

Wenn mich in der Sommerschwüle
Traurigkeit befällt von so scharfer Sinnlichkeit
und ich mich ausstrecke ins Gras
und meine warmen Augen schließe,
fühle ich meinen Körper ganz hingestreckt in das, was wirklich ist,
ich kenne die Wahrheit und bin glücklich.

 

Kurze Erläuterung:
Fernando Pessoa hat sich Namen und Bioagraphien von Schriftstellern erfunden, die ihm Erfahrungs- und Gestaltungsräume eröffneten, gleichsam Pfade durch imaginäre Landschaften, deren Topographie und Atmosphäre, deren Pflanzen und Blumen, deren Bewohner und Lokalitäten keine Projektionen romantischer Sehnsucht darstellen, sondern Wörter und ihre sinnhaften Bezüge, Projektionen von Möglichkeiten dichterischer Aussage.

Roberto Caeiro ist eine dieser Figuren, Pessoa sandte sie auf die Reise in eine antike Bewußtseins-, Erfahrungs- und Ausdruckswelt, die gewiß an die bukolische Welt der Hirten des Theokrit und Vergil erinnert, aber ein genaues und gleichsam sensualistisch protokollierendes poetischen Aussagen evoziert, in dem das Glück oder Unglück der sinnlichen Empfindung und ihrer verbalen Kundgabe das ganze Universum des Sag- und Denkbaren erfüllt.

Wir finden in dem Hirten Caeiro daher keinen Idylliker, sondern einen Philosophen, der statt elegisch die erloschene Blüte der Geliebten zu beschwören, die Lichtstrahlen ausmißt, auskostet und dichterisch übersetzt, die von einer noch so unscheinbaren Blüte am Wegesrand ausgehen: Sie verkörpern ihm die ganze Wahrheit, und so auch die Wahrheit des eigenen Selbst; erlischt der Schein der Blüte, vergeht mit dem Bild auch das Sein des Bewußtseins.

Sicherlich ist Caeiro ein Epikureer und Sensualist, aber überschattet oder verhalten von der tiefen Melancholie seines Schöpfers; das Glück der intensiven, rückhaltlosen, scheinbar irreflexiven Empfindung kostet den Preis der Resignation der Freiheit und Selbstherrlichkeit des Ich, das sich nur ausgestreckt ins Gras des augenblicklichen Rauschens wiederfindet, atemlos an sich hält und sogleich in die Blindheit seines Spiegels verliert, der von keiner transzendenten Sonne Licht und Bedeutung empfängt.

Das Aufscheinen der Blüte des sinnlichen Glücks erfolgt gleichsam am Abgrund des Unmöglichen, wo der Schatten des Ungesagten wächst. Der dichterische Gedanke, so er eine wachsende Brücke ins Ungesagte darstellt, bricht vorzeitig ab, wenn die Ahnung, Hoffnung oder Zuversicht, daß am jenseitigen Ufer der deus absconditus des Gedichts, der Sinn, aufkeimt, aufbricht oder wartet, um Antwort auf das zugerufene Wort zu geben, der reinen Gegenwart der Sinneswahrnehmung geopfert wird. Insofern sind die Gedichte Caeiros glückliche, schmerzlich-schöne Funde auf dem Pfad des seiner selbst vergessenen unglücklichen Bewußtseins.

 

Dez 4 16

Aus der Knuffeliade III

Wuffchen spielt so gern Verstecken,
wedelt husch durch Beete und Rabatten,
ob ihn wo die Möhrenfächer decken
oder auch der dicken Rüben Schatten.

Hat er sich endlich im Salat geduckt,
und Wilmchen wuselt schon ganz dicht,
hat Wuffeli sich fast verschluckt,
ein helles „Wuff! Wuff!“ ihm entwicht.

Da hätt das Wilmchen leichtes Spiel,
ihren Wuffel rasch zu stumpen
aus dem Salatblattdomizil,
doch läßt es ihren süßen Lumpen

glauben, er sei ein Strategiegenie.
Da blitzt aus dem Gemüse, sapperlot,
mit seiner Schnuffelnase Wuffeli.
Und beide watscheln heim zum Abendbrot.

Dez 4 16

Triolett vom leeren und vollen Nest

Im hohen Wipfel schwankt ein leeres Nest,
der Vogel flog davon, schied unverpaart.
Wie sinnlos schwebt des Lebens hohler Rest,
das nie belebte Frohgesang und Fest.
O Vöglein flatter mir ins Traumgeäst,
und singe mir zum Feste süß und zart.
Dann schwebt im Wipfel bald ein volles Nest,
der Vogel blieb, dem Leben treu verpaart.

Dez 3 16

Triolett vom Krähenflügel der Nacht

Wenn ihren Krähenflügel sträubt die Nacht,
erblaßt schon fern des Horizontes Lid.
Wir grasen Träume, Herden unbewacht,
wenn ihren Krähenflügel sträubt die Nacht,
O hüte uns des hohen Hirten Macht,
die Träume enden und die Krähe flieht.
Wenn ihren Krähenflügel sträubt die Nacht,
erblaßt schon fern des Horizontes Lid.

Dez 3 16

Aus der Knuffeliade II

Da kommt möndiglich gehörnt
die sanfte Knuffelkuh.
Ihr Mondesauge schimmert Ruh,
ihre Seele summt ein dunkles Muh,
ihre Stirn ist sternenhell gekörnt.

Ihre Liebe ist so euterfroh,
Carla ist sie schlicht benannt,
ihre Knuffel hufetapsig an der Hand
watschelt sie durchs Knuffelland,
bis Schlaf sie hüllt ins warme Stroh.

Carlinchen singt so gern,
wenn im Himmelsblau das Wölkchen zieht
übers schilfig grüne Knuffelried,
sie bringt im Knuffelwiegenlied
Wilm- und Wuffelchen den Abendstern.

Dez 3 16

Aus der Knuffeliade I

Wilmchen aus dem Knuffelreich
hat ein Naserl, bommelweich,
es hüpft auf seinen Beinerlingen,
und seine Schäfchenöhrlein springen,
wenn die Sonne wieder flimmert
und die Glockenblume bimmert.

Und fragt ihr euch, wo es wohl liegt,
der Knuffeltiere Wunderland,
schaut, wohin die blaue Wolke fliegt,
buddelt, wo sich wölbt der goldne Sand.

Wilma hat ein Brüderchen,
Wuffel heißt er, Wuffelchen,
hat ein Naserl spitz und bübisch,
und das Schwänzchen wuffelhündisch
wedelt, wenn die Schäfchenschwester
stupst ihn fest und stupselt fester.

Und fragt euch nur, ob ihr recht hört,
wie ein wollnes Schaf singt Lieder,
wie Bruder Hündchen wufft betört,
wenn knuffelländlich blüht der Flieder.

Dez 2 16

Die Rose Schönheit

Sentenzen und Aphorismen

Wir sind als singuläre Instanzen des seiner selbst bewußten Lebens das Unvordenkliche, Unauslotbare, Unerforschliche, insofern Imago Dei.

Wenn du glaubst zu wissen, wer oder was du bist, bist du dir schon entfremdet.

Der Verbrecher, der sich vollständig mit seiner Tat identifiziert, kann ins normale Leben mit normalen Mitmenschen nicht zurückfinden.

Darin ist er dem Psychotiker, der wähnt, ein schwerer Verbrecher zu sein, obwohl er keiner Fliege etwas zuleide tat, nicht unähnlich.

Weil wir uns nicht verlorengehen können, dürfen wir uns ohne Angst in die Tiefen unseres Selbst oder unserer selbst fallenlassen.

Ein Genie wie Goethe ist es in dem Maße, wie es sich in seine Tiefe fallenlassen kann.

Die neurotische Hemmung und die neurotische Angst rühren von Gedächtniswunden oder Verknotungen im Netzwerk der Erinnerungen: Es ist, als gewahre der Gehemmte Pfeilspitzen oder Glassplitter in seinem Inneren, an denen er sich unweigerlich verletzen würde, wenn er sich fallen ließe.

Zu glauben, man sei vollkommen gesund, ist ein Symptom tödlicher Krankheit.

Zu glauben, man sei geistig vollkommen gesund, ist ein Symptom von Geisteskrankheit.

Wie der Glaube, allwissend wie Gott zu sein, ein Symptom psychotischer Manie darstellt.

Wir sprechen, wenn wir mit anderen reden, auch mit uns selbst. Das gilt es zu bedenken, wenn wir sie beleidigen, anschreien, verhöhnen oder sonstwie attackieren.

Es gibt eine sprachliche Feinheit und einen Nuancenreichtum des Ausdrucks, die wie bei Goethe auf seelische Verwobenheiten und ein unterirdisches Wurzelwerk schließen lassen.

Es gibt allerdings auch eine sprachliche Raffinesse und eine Gewagtheit des Ausdrucks, mit denen manche ein schillerndes Kostüm über eine erschreckende Leere und Hohlheit des Seelenlebens drapieren.

Unter den geistreichsten sprachlichen Maskeraden verhüllt sich manchmal ein dummer August des Gefühls.

Das kleine, anämische, bebrillte und hühnerbrüstige Männlein, das ein Glanzphoto des Boxweltmeisters im Schwergewicht an die Wand gepinnt hat.

Die einseitige Tendenz zu Polemik, Satire und Kritik ist ein Symptom der Selbstvergiftung.

Vorsicht ist geboten vor jenen, die da antreten, alles neu, besser, vollkommener machen und die Welt umkrempeln oder wie sie sagen vom Kopf auf die Füße stellen zu wollen: Sie stehen selbst meist nicht mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen oder Möglichkeiten des Lebens.

Vorsicht auch vor jenen, die ihr Leben scheinbar ganz den Erniedrigten und Beleidigten oder den „Erniedrigten“ und „Beleidigten“ widmen und weihen, am Ende wollen sie über deren Kopfe hinweg oder über deren Köpfe hin ans Licht, zumindest ins Rampenlicht.

Wer ständig die Rede vom „Anderen“ und vom „Fremden“ im Munde führt, ist sich selbst nicht nahe genug, ist für das Eigene blind.

Als Freund eignet sich, wem man seinen Hund, seine Katze, sein Kind anvertrauen mag.

Wir können unsere Nichtexistenz nicht denken. Denken wir uns tot, so als schon gestorben, denken wir uns als nichtseiend, so als noch nicht geboren.

Der transzendentale Charakter des Selbst ist eine fließende, osmotische Grenze, die anders als Mauern und Schanzen einschließt, was sie ausschließt, impliziert, was sie negiert. Wir haben eine gemeinsame Grenze unseres Tuns und Redens, und das Bild der Lauschenden stellt sich ein, wie sie in Shakespeares Romeo und Julia oder im Zwischenspiel des Sommernachtstraums durch den Spalt in der Wand sich verständigen.

Wenn die Bilderstürmer kommen und rasen und niederreißen, willst du dann dich davonschleichen mit der speichelleckenden Rede, ein Bild sei ja nur ein Bild und nicht, was es darstellt?

Die Dichtung vermag die Seele zu wecken, sie ist die Sonne für ihren Heliotropismus.

Und wenn wir nur niesen müssen, wenn Sonnenstaub in der Nase kitzelt.

Die Dichtung ist nicht nur die Perle, die im Dunkel der Seelenmuschel reift. Sie erregt in uns zugleich den Wunsch, nach ihr zu tauchen, und erzeugt allererst das Sehvermögen für entlegene, kostbare, geheime Dinge dieser Art.

Dichtung ist nicht Beschönigung und Beschwichtigung des Banalen oder Häßlichen, die Sonne ihrer Schönheit leuchtet hoch über dem Hübschen und Häßlichen, dem Erhabenen und Niedrigen, dem Rühmenswerten und Verächtlichen.

Der verklärte Leib der Sprache.

Dichtung, die das reine Ja ausdrückt, so wie die Sonne, die nicht anders kann als scheinen, die Blüte, die nicht anders kann als duften.

Wäre die Welt der Traum Gottes, wie könnte ich eine seiner Traumchargen sein, die ihn durchschaut?

Wenn aber die Welt ein Werk Gottes ist und er mich so schuf, daß ich davon erfahre?

Wenn nur das Reisen und das Zusammenraffen sogenannter Erlebnisse bildeten, wäre Kant kein Weltweiser geworden und Mörike nicht ein die Welt der Seele auslotender Dichter.

Die meisten Atheisten weist die Statistik in China aus. Nun ja, wenn eine alleinherrschende Bürokratie befragt wird, deren Führung den Atheismus zur Weltanschauung deklariert. Das ist hierzulande nicht besser: Die meisten glauben, was in der Zeitung steht, und sie inhalieren vor allem, was dort unterschwellig als dernier cri der Welt- und Lebensanschauung ausgedünstet wird, und befragst du sie nach der Legitimität ihrer medialen Vormundschaft, sagen sie dir, es stünde ja so oder so ähnlich auch in der und der anderen Zeitung.

Wir haben den Marxismus, die Psychoanalyse, den Nietzscheanismus, den Strukturalismus, den Poststrukturalismus, den Dekonstruktivismus und den Postmodernismus hinter uns – was blieb? Ein paar Wortgirlanden vulgo Phrasen, einige grelle, fadenscheinige Flicken, über fleisch-, trost- und freudlose Gerippe geworfen, ein paar vermoderte Leichen im Keller, ein paar getünchte Leichen an den Kathedern und in den Feuilletonredaktionen, viele über Nacht zu Makulatur verrottete Ideen, Ideale und Imperative. Und der Abscheu vor jedwedem Ismus.

Im geistigen Hausrat kramen und die Begriffe entsorgen, die uns die geistige Freiheit einschnüren und den seelischen Atem abwürgen.

Man kann stattdessen auch jede beliebige Zeitung lesen und alle Begriffe durchstreichen, die wir SCHEINBAR verstehen.

Den Hauch, der dir das vergilbte Blatt einer Erinnerung vor die Füße weht, wichtiger nehmen als die TV- oder Zeitungsmeldung über so und so viele Tote bei dem und jenem Anschlag oder Erdbeben oder Krieg.

Es gibt den Kulturbetrieb und die Kultur deiner Seele.

Die seltene Blume der Erinnerung blüht in dem entlegenen Garten, zu dem du nur auf einem bestimmten Pfad gelangst; alle andere Pfade mußt du zuvor außeracht, mußt du dem Vergessen anheimgegeben haben.

Ein Geheimnis der geistigen Signatur der natürlichen Welt enthält der symmetrische Aufbau der Moleküle, Kristalle, Pflanzen und tierischen Organismen. In einer einohrigen Welt gäbe es keinen Bach, in einer zyklopischen Welt keine Pyramiden und Tempel.

Der Mund ist der Zwilling des Afters.

Wir müssen ausscheiden, was wir verdaut haben, auch zur seelischen und geistigen Hygiene.

Freilich müssen wir zuvor wirklich verdaut haben.

Der Eingang der elementaren Lebensressourcen von Luft und Nahrung ist der Ausgang der ungreifbarsten, aber wirkmächtigsten Symbole.

Wir bemerken, daß große lyrische Dichtung syntaktisch meist unverfettet und schlank daherkommt; der Gebrauch von Konjunktionen wie „aber“ und „denn“ ist hier schon verschwenderisch oder oft ein Zeichen der Ausdrucksschwäche auf der metaphorischen und metonymischen Ebene. Die systematische Verwendung von logischen Partikeln oder kausalen, konzessiven, adversativen und selbst temporalen Konjunktionen entbehrt sogar die odische Lyrik der Antike, auch wenn sie sich gern in periodischen Wellen über die Grenzen von Zeile und Strophe ergießt. Daraus schließen wir, daß lyrische Dichtung einen anderen logisch-semantischen Aussagetyp verkörpert als die sich in Begründungen, Ableitungen, Einschränkungen und Zeitschichtungen ergehende Prosa.

Das allgemeine Kennzeichen der lyrischen Sprache ist die Verwendung von Vergleichswörtern wie „wie“, „gleich“, „ähnlich“, die wir in allen abendländischen Poesien am Werke sehen. Ja, die explizite Verwendung solcher Vergleichswörter kann sogar eingespart werden, ohne daß der Vergleichscharakter eingebüßt würde: beauty’s rose might never die formuliert Shakespeare in seinem ersten Sonett. Dabei ist der Vergleich von Schönheit und Rose mittels der Verwendung des attributiven Genetivs implizit gesetzt. So übersetzt Paul Celan bündig: Die Rose Schönheit soll nicht sterben.

Warum ist der Vergleich das wesentliche Verfahren der lyrischen Sprache? Weil damit Bereiche und Tiefenschichten der seelischen Wirklichkeit entdeckt und ausgelotet werden können, die dem logischen Aussagetyp des theoretischen Diskurses als unmittelbare Phänomene unzugänglich bleiben. Die Entdeckungen und Auslotungen metaphorischer Natur verlaufen in Graden der Vertiefung und Intensivierung: Zunächst haften wir an der trivialen Feststellung, daß wir das Phänomen der Rose als schön empfinden und bezeichnen; dann entdecken wir, daß Schönheit für uns den Faszinations- und Ausstrahlungswert der Rose hat; bis wir schließlich Schönheit als Rose sui generis deklarieren.

Um wessen Schönheit geht es? Schönheit der Rose, der Frau, des Körpers, der Seele? Nun, all dies, aber wenn wir von der Rose Schönheit sprechen, zielen wir auf das Geheimnis, daß im Schöpferwort, das alles ans Licht brachte, Rose, Frau, Körper und Seele, ein Gedanke, eine Art Versprechen oder eine Verheißung mitgesprochen wurde, die wir nicht anders als im gelungenen, in sich vollendeten Dasein erfüllt finden, in jener Daseinsform, die wir in religiöser Rede als verklärt bezeichnen.

Wir kennen den episch-vollatmigen Vergleich aus Homer: Der Ansturm der Feinde wird mit einem Wogenschwall des unruhigen Meeres verglichen, wenn sich ein Unwetter zusammenbraut und der Wind das Wasser zum Schäumen bringt; oder die Menge der sich am Strand vor Troja sammelnden Kämpfer der Hellenen mit einem Bienenschwarm, der wimmelnd um den Stock sich sammelt, um zu den Blüten auszufliegen. Dieser Vergleichstyp ist explizit, ausführlich, schwelgend; er zielt nicht auf seelische Intensivierung und Verdichtung des Ausdrucks wie die Lyrik, die mit einem Wort anstelle langatmiger Vergleiche auskommt, sondern auf die Durchsichtigkeit und dramatische Erhellung der evozierten Situation.

Wir kennen auch in der Verwendung des Parallelismus der biblischen Sprache einen Aussagetyp der Vertiefung und Intensivierung, der den Sinngehalt des Gesagten prägnant und wuchtig macht: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau (Genesis, 1, 27). Daß Gott den Menschen sich zum Bilde schuf, wird wiederholt und zur Steigerung der Prägnanz in der Umkehr- oder Spiegelform (Chiasmus) wiederholt: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Diese Eigentümlichkeit der uns anvertrauten religiösen Sprache unterscheidet sie sowohl von der diskursiven Aussage als auch vom uns gewohnten lyrischen Ausdruck; aufgrund der variierten Wiederholung wird der religiöse Sinngehalt als hoch bedeutsam, als sublim oder erhaben über alles gewöhnliche Sprechen herausgehoben. Auch die biblische Sprache ist poetisch, sie verzichtet auf diskursive Mittel umständlicher Begründung und logischer Explikation; im Unterschied zur lyrischen Sprache strebt sie durch ein Verfahren wie den Parallelismus nach Eindeutigkeit und Klarheit, auch wenn das Zentrum, aus dem heraus sie spricht, verborgen bleibt.

In der Sprache der Hymnen verwendet Hölderlin ausgiebig den metaphorischen Genetiv zur Intensivierung und Vertiefung des Ausdrucks; dagegen wird die Gedankenbewegung, die in einem hohen Maße assoziativ ist, oftmals durch Verwendung des nichtadversativen, reihenden „aber“ ins Fließen gebracht; wir geben einen kurzen Abschnitt aus der nicht ausgearbeiteten und unvollendeten Hymne „Vom Abgrund nemlich“:

diese Zeit auch

Ist Zeit, und deutschen Schmelzes.

Ein wilder Hügel aber stehet über dem Abhang

Meiner Gärten. Kirschenbäume. Scharfer Othem aber wehet

Um die Löcher des Felses. Allda bin ich

Alles miteinander.

Die Verse gipfeln in der mystischen Formel für die Erfahrung der Alleinheit, der mystischen Vergegenwärtigung des individuellen Ich im Ganzen der Welt; hier ist die Sprache gleichsam in den Abgrund zur Hochzeit mit dem Geist der Schöpfung gegangen, aus dem auch die Trennung herrührt, der Ausgangspunkt des hymnischen Entwurfs, der an das Bild des sowohl königlich-majestätischen als auch sinnlich-gefährlichen Löwen anknüpft. Wir heften unser Augenmerk hier nur auf die Funktion der Verwendung des Hölderlinischen „aber“: Das Gedicht, dessen imaginärer Ort den Süden Frankreichs vor- und darstellt, wird mehrfach von der Erinnerung an die deutsche Heimat heimgesucht (das Fragment bricht ab mit der Erinnerung an die Blüthen von Deutschland): Mit dem Einsatz des „aber“ wird das Haften an der Erinnerung (… Zeit, und deutschen Schmelzes) gelöst, und das Gedicht spürt der scharfen und bis zur Schmerzlichkeit betörenden Gegenwart in der imaginären Gartenlandschaft des Südens erneut nach. Der Entwurf benötigt aber gleichsam ein zweifaches Lösen und Steigen, um auf den Gipfel seiner gnomischen Formel zu gelangen: Bei der zweiten Verwendung des „aber“ bemerken wir einen abrupten Wechsel von der visuellen Sphäre (Gärten, Kirschenbäume) zur rein gefühlshaften und olfaktorischen Sphäre (scharfer Othem aber wehet). Der Abgrund, der sich nun im Gedicht öffnet, ist gewiß unsichtbar, so wird er der Tradition mystischer Literatur gemäß gern mit der Anmutung des göttlichen Atems verknüpft; originär hölderlinisch ist dabei seine Charakterisierung als scharf.

Dez 1 16

Jenseits

Wir sind ja schon umschwommen
von einem Licht aus Kindes Augen,
der Docht der Seele ist erglommen,
so wir von diesen Blicken saugen
den Frieden, Edens stillen Duft.

Wir sind ja schon umsungen
von einem Lied aus frühen Gärten,
wo unsrer Seelen Feuerzungen
sich laben an der Rose Zärten
und trinken veilchenblaue Luft.

Wir sind ja schon umwunden
von Ranken efeudunkler Töne,
ihr Tropfen aus des Heilands Wunden,
ihr nähret uns mit Rosenschöne,
o Frieden, Edens stiller Duft.

Dez 1 16

Triolett auf die Bach-Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“

Die Rose blutet still, in Schnee getaucht,
am Dorne glimmt der letzte Tropfen Pein.
Der Atem meiner Seele ist verbraucht,
die Rose blutet still, in Schnee getaucht,
der Kuß des Schöpfergeistes ist verhaucht.
O Herr, so laß mich trinken deinen Wein.
Die Rose blutet still, in Schnee getaucht,
am Dorne glimmt der letzte Tropfen Pein.

 

Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=OR4CNN0fpeU

Dez 1 16

Triolett von den Winternächten

Wie fremd die Erde ist in Winternächten,
es flackert an den Fenstern Einsamkeit,
die Schönheit löst den Duft der Flechten,
o Fremde in der Erde Winternächten.
Die Engel seufzen aus den Heizungsschächten,
der Dornenpfad der Seele ist verschneit.
Wie fremd die Erde ist in Winternächten,
es flackert an den Fenstern Einsamkeit.

Nov 30 16

Triolett von den Gräbern

Bemooste Gräber, wo die Engel blassen,
o Dornen in Geröll und Todesschutt,
wer kann die Inschrift auf dem Stein erfassen,
bemooste Gräber, wo die Engel blassen.
Wär einem Dorn die Blüte nur belassen,
die Zeichen glänzten auf wie nachts Perlmutt.
Bemooste Gräber, wo die Engel blassen,
o Dornen in Geröll und Todesschutt.

Nov 30 16

Triolett vom Abendrot

O Schmerzensglocken, Ruf in Edens Licht,
und du auch, wangenwarmer Gong des Tods!
Es leuchtet uns des Heilands Angesicht,
o Schmerzensglocken, Ruf in Edens Licht,
die Wunderrose aus der Wunde bricht,
wir knien am Altar des Abendrots.
O Schmerzensglocken, Ruf in Edens Licht,
und du auch, wangenwarmer Gong des Tods!

Nov 30 16

Dort

Dort sind wir Atemhauch der stillen Blumen,
der duftentrückten Blüten Blicketauschen,
ein dunkles Rieseln in den feuchten Krumen.

Wir sind der helle Schlaf im Birkenrauschen,
dir gilt mein Singen in des Lichtes Neigen,
und deines Traumes Blättern gilt mein Lauschen.

Der Goldrubin des Abends krönt das Schweigen,
wenn Tränen in den Rosenaugen schwimmen
und unsrer Herzen Adern sich verzweigen.

Dort ist der Schlaf der frommen Kerze Glimmen,
der blauen Wolke veilchenzartes Winken,
ein leises Plätschern windgekoster Stimmen.

Dort wollen wir aus Augen Blindheit trinken,
in grüner Teiche Stille unermessen
wie keusche Blütenblätter niedersinken.

O laß die Frucht zu solchem Tod uns essen!

Nov 29 16

Triolett vom Flammenengel

Zu harren so von Masken lehmumhüllt,
daß eines Engels Flamme schmelzend singt.
Der Blicke Bettel, all die Worte ungestillt,
da uns der Totenmaske Lehm umhüllt.
Bis sich der Seele Mund mit Feuer füllt,
der Flügel lichtbetaut im Freien schwingt.
Zu harren so von Masken lehmumhüllt,
daß eines Engels Flamme schmelzend singt.

Nov 29 16

Triolett vom Pferdetraum

Wir tanzen wiehernd Satyrs Pferdetraum
und tasten Wolkennymphen, Nebelbrüste.
Was wir liebkosen, platzt wie Traubenschaum
in eines trunknen Satyrs Pferdetraum.
Und wogen wir wie aufgepeitschter Saum,
war es Mänadenlippe, die uns küßte.
Wir tanzen wiehernd Satyrs Pferdetraum
und tasten Wolkennymphen, Nebelbrüste.

Nov 29 16

Triolett vom Schoß

O dunklen Neigens Rose, nachtgesungner Schoß,
nur goldne Tränen können deine Stummheit tauen,
der Weg war weit, der Liebe Lied und Leiden groß,
o dunklen Neigens Rose, nachtgesungner Schoß,
wir glimmen, Sterne-Tropfen, an Dornen hoffnungslos,
wenn deine Schatten schneeumweint dir niederblauen.
O dunklen Neigens Rose, nachtgesungner Schoß,
nur goldne Tränen können deine Stummheit tauen.

Nov 29 16

Triolett von der Sterbestunde

O Mund der Seufzer dunkler Sterbestunde,
o an des Rauschens Ufer Sonnen-Blüte,
ich trinke deines Kelches süße Kunde,
wenn ich dürste in dunkler Sterbestunde
und vor mir glüht die Nacht der Rosen-Wunde,
entrückt mich deiner Düfte reine Güte.
O Mund der Seufzer dunkler Sterbestunde,
o an des Rauschens Ufer Sonnen-Blüte.



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