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Nov 29 16

Das Schweben der Blüte

Ein Hinweis auf die lyrische Korrespondenz von Schwerkraft und Licht

Das reine Chaos verwirrt und lähmt uns, die monotone Ordnung ermüdet und stumpft uns ab. Derselbe Klang im selben Rhythmus ohne Variation wiederholt, ist uns bald zuwider, ein disparater Schwarm von Klängen, in denen wir kein rhythmisches und harmonisches Muster ausmachen können, bringt uns um den Verstand oder löst Panik aus.

Die rhythmisch und zeitlich geordnete Wiederkehr eines leicht variierten Klanges nennen wir Assonanz oder Reim und sie erfüllt uns mit Befriedigung, denn sie erfüllt eine Erwartung, wenn auch auf überraschende oder erstaunliche Weise. Wir sprechen anstatt von Wiederkehr auch von Korrespondenz oder Entsprechung.

Du siehst den Weg, den ich auf dich zugehe, als den Weg, auf dem ich dir entgegenkomme. Hier korrespondieren unsere Perspektiven und im besten Falle unsere Erwartungen.

Wir sehen dasselbe Phänomen auf der Ebene der Sprechakte: Erst wenn du meine Aussage als Frage identifiziert hast (an der grammatischen Form, an der Intonation), kannst du, wenn du willens und in der Lage dazu bist, deine verbale Reaktion als Antwort formulieren und gewichten.

Die systematische Korrespondenz und symmetrische Abstimmung unserer gegenseitigen Erwartungen ist die Grundlage der sozialen Ordnung: Wenn du mir das Versprechen gibst, mir das geliehene Gut am vorbestimmten Termin unbeschadet wieder auszuhändigen, werde ich dir das Versprechen abnehmen, und wenn du tust, wofür du dein Wort gegeben hast, ist das Versprechen erfüllt und der kleine soziale Kreislauf geschlossen.

Freilich kann der soziale Kreislauf mutwillig oder aufgrund unvorhergesehener Ursachen aufgesprengt werden: Du wirst deinem Versprechen untreu, durch einen Unfall nimmt das ausgeliehene Gut Schaden oder wird vernichtet. Aber von Schaden und der Tatsache, daß der Kreislauf offen blieb, können wir allererst aufgrund der vorausliegenden Tatsache des gegebenen Versprechens, des zugrundeliegenden Sprechakts, reden.

Die Ordnung oder Korrespondenz oder Musterbildung und Mustererkennung sind im sozialen und intentionalen Kontext das Apriori gegenüber dem Chaos, der Unordnung, der unstrukturierten Masse von Ereignissen.

Ein logisch-semantisches Instrument, mit dem wir korrespondierende Mengen von Tatsachen, Ereignissen und Eigenschaften bilden, ist die Negation: An den geraden Monatstagen verabreden wir ein Telefonat oder das Senden einer E-Mail, damit haben wir den Rest der ungeraden Daten ausgeschlossen. Gestern hat es nicht geregnet; die Tatsache, daß es gestern nicht geregnet hat, ordnen wir der Menge aller Zeitstrecken zu, an denen es am definierten Ort hätte regnen können – denn in unserer Welt korrespondieren die Ereignisse, die nicht geschehen sind, mit den Ereignissen, die hätten geschehen können.

Wenn wir uns zu einem Spaziergang verabredet haben und wir machen den Spaziergang, korrespondiert unsere verwirklichte Entscheidung mit allen möglichen Entscheidungen, die wir nicht verwirklicht haben, wie faul auf dem Sofa zu liegen, TV zu schauen, zu lesen usw.

Die wirkliche Welt, deren Pfad wir aufgrund unserer Handlungen abschreiten, korrespondiert trivialerweise mit der Menge aller möglichen Welten, die wir aufgrund dieser Handlungen ausschließen und gleichsam links liegen lassen.

Wir beobachten, wie ein Mensch außer Atem über die Straße läuft, und beobachten dann, daß ein zweiter ihm hinterherläuft, wild gestikulierend und schreiend. Wir kombinieren sodann unsere Beobachtungen in einer kausalen Hypothese der Art: Weil der eine den anderen verfolgt, einholen will oder bedroht, läuft der erste außer Atem über die Straße. Damit begründen wir die Korrespondenz der beobachteten Ereignisse des Entlaufens und Verfolgens mittels einer kausalen Verknüpfung der korrespondierenden Intentionen der Handelnden.

Wir können uns irren und die beiden Ereignisse waren nicht kausal verknüpft; indes, wenn der Verfolger den Verfolgten einholt und ihm mit Gewalt das geraubte Gut aus der Tasche zieht, sehen wir klarer.

Wir verstehen demnach, was wir in die natürlichen oder konventionellen Ordnungen der Korrespondenz als Beobachtungen, Wahrnehmungen, Begriffe eintragen können. Wir verstehen, was ein Bild ist, aus der Korrespondenz zwischen weißer Leere und figürlichem Umriß, zwischen Nicht-Farbe und Farbe, zwischen einer Farbe und ihrer Komplementärfarbe, wir verstehen, was Musik ist, aus der Korrespondenz zwischen Stille und Klang, zwischen Ton und Oberton, zwischen Klang und harmonischem Mit-Klang.

Wir verstehen mittels Benennung der uns begegnenden Phänomene die Welt, insofern wir mit jedem Namen und Begriff die Implikation des korrespondierenden oder ausgeschlossenen Namens und Begriffs mitvollziehen: Die Farbe Blau läßt uns sogleich die Komplementärfarbe Gelb mitsehen oder begrifflich implizieren, dagegen die Farben Rot und Grün sowie das Nichtfarbliche ausschließen.

Mit dem Setzen eines getuschten Flecks auf dem weißen Blatt gibt uns der Zen-Maler Einsicht in die Faktizität des Daseins, der Fleck, der auf dem leeren Blatt auftaucht, korrespondiert unserem Bewußtsein. Wenn der Fleck sich in den Schaum einer Woge verwandelt, korrespondiert der Schaum dem Drama unserer Existenz, das von derselben Woge der Zeit, die sie aufschäumen ließ, wieder verschlungen wird.

Wenn wir „Ich“ sagen, implizieren wir die ganze Welt des Gesprächs, das wir sind, denn wir können uns nur benennen und von uns nur sprechen, wenn wir von dir und wir von uns, wenn wir von uns und ihr von mir, wenn wir von ihnen und sie von uns reden, oder anders gesagt: Ich kann von mir nur sprechen, wenn du und wir und sie von mir sprechen. Das bewußte Ich ist am Nullpunkt eines Korrespondenzmusters und Koordinatennetzes positioniert, das von den Knotenpunkten des grammatisch-semantischen Musters der Personalpronomina aufgespannt wird.

Die Genesis spricht uns vom ursprünglichen Gegensinn von Chaos und Ordnung, von der Nacht des Schweigens und dem Licht des schöpferischen Worts, sodann von der geistreichen Scheidung der korrespondierenden Gegensätze von Tag und Nacht, Himmel und Erde, Stern und Blume, Tier und Mensch – und deutet das Drama der Existenz an, das sich von Eden bis nach Golgatha vollziehen wird.

Das Wort formt uns aus dem Stoff der Schwere und Trübe, der Undurchsichtigkeit und Unförmigkeit, dem Lehm, und haucht uns den Geist ein, der uns mit der Erinnerung an das selig in sich schwebende, in sich sprechende, sich sprechende Licht begabt.

Weil die Erde ein um das leuchtende Zentralgestirn unseres Sternsystems kreisender Massekörper ist, gibt es für uns oben und unten, leicht und schwer, Himmel und Erde, Licht und Dunkelheit, das ewig Göttliche und das irdisch Verwesliche, Heiterkeit und Trübsinn. Die physische Ordnung unserer planetarischen Existenz und die metaphysische Ordnung unserer geistigen Existenz korrespondieren aufgrund von Schwerkraft und Licht.

Die Metapher vom Sündenfall ließe sich in einer Welt ohne Schwerkraft nicht bilden. Ebensowenig wie die Metapher der Erhebung, des Schwebens, der Erlösung und Auferstehung.

Schwerkraft und Licht sind die Musen der Dichtkunst.

Man könnte sagen, das Bild vom Schweben einer Blüte, einer aus sich leuchtenden Blüte, die des Stengels zum Ausgleich der Schwerkraft nicht bedarf, sei das Bild des vollkommenen Gedichts.

„O!“ und „Ach!“ drücken die ewige lyrische Korrespondenz aus, Jubel und Klage, Ode und Elegie, Liebeslied und Totenklage, in den Psalmen Davids umschlingen sie sich gern.

Wenn das Wort schöpferisch ist, kann die Natur nicht geistlos sein.

Geistreich zeigt sich die Natur im Walten der großen Korrespondenzen: in den energetischen Schwingungen der atomaren Struktur, im Periodensystem der chemischen Elemente, im symmetrischen Wachstum der Kristalle, in der Korrespondenz von Blüte und Licht, von Auge und Sonne.

Die schwebende Blüte des Gedichts nährt sich von einer geistigen Sonne, der brennenden Sehnsucht des Menschen nach reiner und vollkommener Schönheit.

Nov 28 16

Stéphane Mallarmé, Tristesse d’été

Le soleil, sur le sable, ô lutteuse endormie,
En l’or de tes cheveux chauffe un bain langoureux
Et, consumant l’encens sur ta joue ennemie,
Il mêle avec les pleurs un breuvage amoureux.

De ce blanc flamboiement l’immuable accalmie
T’a fait dire, attristée, ô mes baisers peureux
» Nous ne serons jamais une seule momie
Sous l’antique désert et les palmiers heureux !  »

Mais la chevelure est une rivière tiède,
Où noyer sans frissons l’âme qui nous obsède
Et trouver ce Néant que tu ne connais pas.

Je goûterai le fard pleuré par tes paupières,
Pour voir s’il sait donner au coeur que tu frappas
L’insensibilité de l’azur et des pierres.

 

Sommerliche Tristesse

Im Sande, wo du schläfst, wie hast du so gerungen,
flicht Sonne in dein goldnes Haar die Seufzer-Glut,
der herben Wange Rauch hat sie verschlungen
und mischt aus deinen Tränen Liebessud.

Wie hat der fahle Strahl dich dumpf bezwungen,
so daß du traurig sagst, ach, Küsse ohne Mut:
„Nie birgt ein Sarkophag uns je umschlungen,
wie er im Wüstenhaine unter Palmen ruht.“

Doch wogt das Haar an Stromes Uferbänken,
die Seele, die uns heimsucht, zu ertränken,
das Nichts zu finden, das dir unbekannt.

Ich schmecke Staub, den deine Wimpern weinen,
hoffend, er leiht dem Herzen, das von dir gebannt,
Stumpfsinn vom Blau des Himmels und den Steinen.

Nov 28 16

Stéphane Mallarmé, Renouveau

Le printemps maladif a chassé tristement
L’hiver, saison de l’art serein, l’hiver lucide,
Et, dans mon être à qui le sang morne préside
L’impuissance s’étire en un long bâillement.

Des crépuscules blancs tiédissent sous mon crâne
Qu’un cercle de fer serre ainsi qu’un vieux tombeau
Et triste, j’erre après un rêve vague et beau,
Par les champs où la sève immense se pavane

Puis je tombe énervé de parfums d’arbres, las,
Et creusant de ma face une fosse à mon rêve,
Mordant la terre chaude où poussent les lilas,

J’attends, en m’abîmant que mon ennui s’élève…
- Cependant l’Azur rit sur la haie et l’éveil
De tant d’oiseaux en fleur gazouillant au soleil.

 

Frühlingserwachen

Wie traurig floh vor Frühjahres Migränen
das stille Licht der Kunst, die Winterzeit,
und nun, da trüber Sinn mein Blut verbleit,
reckt meine Ohnmacht sich in langes Gähnen.

Die Fahlheit blakt in meines Hirns Gemäuer,
wie altes Grab von Eisenring umspannt,
ich zieh vom Irrlicht holden Traums gebannt
durchs Feld, wo Säfte gären ungeheuer.

Von Duft betäubt bin matt ich hingesunken,
dem Traume meine Stirn die Grube wühlt,
den Mund voll heißem Lehm, wo Lilien prunken,

harr ich, ob Trübsinn aus dem Abgrund blüht …
– Indes das hohe Blau lacht durch die Hecken,
so viel Sonnenvögel, die mich zwitschernd wecken.

Nov 28 16

Triolett vom Schicksal des Ritters Vogelfrei

Ich sah, wie Schicksal wölbte Augenbrauen
an einer Stirne gnadenlosem Glanz,
die Augen höhlten Bilder voller Grauen
im Schatten streng gewölbter Augenbrauen.
Des Mundes Muschel hat ein Schrei zerhauen:
o leben brennend, brennend sterben ganz.
Ich sah, wie Schicksal wölbte Augenbrauen
an einer Stirne gnadenlosem Glanz.

Nov 27 16

Dialog zwischen Kaffeekanne und Heizung

„Wie ist es wieder fade mit den beiden,
die unter Laken dünnen Fühlens stöhnen,
ich kann mich mit dem Leben nicht versöhnen,
wo atemlos sich Geist und Liebe scheiden.“

„Mußt du am Schabernack des Eros leiden,
soll dich mein weiches Glucksen zart verwöhnen.
Horch, wie sie deiner Tülle Zischen höhnen,
wir wollen solchen zarten Sinn nicht neiden!“

„O Schwester meines Leids, ich hab nur Zischen
aus eines hohlen Bauches Einsamkeit,
laß sie uns quälen mit Gezisch und Glucks!“

„O Kännchen meines Winters, will erst wischen
die heiße Träne mir, so, bin bereit,
wir symphonieren, bis vorbei der Jux.“

Nov 27 16

Francisco de Quevedo, Miré los muros de la patria mía

Miré los muros de la patria mía,
si un tiempo fuertes, ya desmoronados,
de la carrera de la edad cansados,
por quien caduca ya su valentía.

Salíme al campo: vi que el sol bebía
los arroyos del yelo desatados,
y del monte quejosos los ganados,
que con sombras hurtó su luz al día.

Entré en mi casa; vi que, amancillada,
de mi anciana habitación era despojos;
mi báculo, más corvo y menos fuerte;

vencida de la edad sentí mi espada.
Y no hallé cosa en qué poner los ojos
que no fuese recuerdo de la muerte.

 

Ich sah die Mauern meiner Vaterstadt,
wie mächtig einst und nun zersetzt,
im Sturmlauf all der Jahre müd gehetzt,
sinkt hin, was einmal sie erhoben hat.

Ich floh ins Freie: sah von Eis noch glatt
die Bäche, wie sich Sonne daran letzt,
sah, wie der Berg dem Herdenvieh zusetzt,
weil er ihm Schatten wirft an Lichtes statt.

Trat endlich in mein Haus und sah verheert
den Ort, im Schmutze lagen Überreste;
mein Stab, gekrümmt, bot keine Stütze dar;

besiegt vom Alter war mein Kriegerschwert.
Und meine Augen fanden keine Veste,
wo nicht des Todes ernstes Zeichen war.

Nov 27 16

Die gespiegelte Frucht

Aphorismen und Sentenzen zur symbolistischen Ästhetik des lyrischen Gedichts

Im Ausgang vom Goethes Gedicht „Auf dem See“, in dem wir zum ersten Mal dem vollen Symbolgehalt der Spiegelmetapher begegnen, zielen die folgenden Auslassungen auf einige wesentliche Aspekte der symbolistischen Lyrik, in der Hauptsache repräsentiert durch das Werk von Stéphane Mallarmé.

Wir unterscheiden zwei Formen und Arten der Kontinuität: diejenige, die auf der Identität des Gegenstandes beruht, wenn wir sagen, daß sich eine Gestalt, eine Struktur, eine Entität trotz der Metamorphosen ihrer Bestandteile und Elemente in der Zeit erhält; und diejenige, die auf der Identität des Selbst beruht, insofern es seine Gedanken durch zeitliche Kontinuen hinweg als SEINE Gedanken identifiziert, auch wenn ihre Bestandteile und Elemente unterschiedlicher Natur sind, wie Empfindungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Willensimpulse, Erinnerungen und Phantasien.

Auch falsche oder unwahre Gedanken sind Gedanken: Ich glaube mich an etwas zu erinnern, das ich nicht erlebt habe. Die unwahre Erinnerung kann in eine wahre Phantasie umgewandelt werden.

Auch Phantasien können wahr sein: Ich träume, mein Freund Peter sei gestorben, am nächsten Tag erhalte ich die Nachricht von seinem Tod.

Wahrheitsfähige Gedanken setzen denjenigen voraus, der sie denkt, dich und mich. Keine Semantik ohne den apriorischen Begriff der Subjektivität.

Du liest ein Gedicht: Die Gedanken, die es in dir erweckt, sind DEINE Gedanken, doch es sind Gedanken in potentia, reine Virtualitäten, Entwürfe einer imaginären Welt, deren Bestandteile und Elemente sich beziehen oder anspielen auf alle Bestandteile und Elemente deiner realer Welterfahrung und deines wirklichen sprachlichen Weltumgangs, sie aber ihres realen Charakters entkleiden und mit der Aura des Unwirklichen, Scheinbaren, Traumartigen umhüllen. So gehen in deine Lektüre des Goetheschen Gedichts „Auf dem See“ in virtueller Form alle Bestandteile und Elemente der visuellen, taktilen, gustatorischen Wahrnehmungen ein, die du in deinem Leben mit dem Stoff Wasser gemacht hast, insbesondere natürlich deine Erlebnisse von Seen. Doch der See Goethes, der gedichtete See, ist kein realer See, auch wenn Goethe selbst den gedichteten See im Ausgang von der Erfahrung des realen Zürichsees ins Gedicht erhoben hat, und es hülfe deinem Verständnis des Gedichts nicht auf, dächtest du anstatt an das imaginäre Abstraktum „See“ an einen konkreten See deiner Heimat.

Die Frucht in Goethes Gedicht „Auf dem See“ ist eine Transformation oder Sublimierung des Blutes, nach dem der Sturm und Drang der Libido in der Eingangsstrophe als frische Nahrung verlangt oder schreit, die im See sich spiegelnde Frucht ist die zweifache Transformation oder Sublimierung des Blutes, die Frucht der Frucht, und als Bild im Spiegel, als imaginäres Bild, die Essenz der Dichtung, das Gedicht selbst.

Wenn wir „wahr“ semantisch streng definieren, sind Sätze in Gedichten nicht wahr (insofern hat Platon recht), aber eben deswegen faszinieren sie, aber eben deswegen sind sie bedeutungsvoll (und insofern hat Platon unrecht).

Wir existieren als bewußte Wesen, weil wir uns an uns erinnern, unser inne werden.

Gedichte bewirken sehr spezielle Formen und Arten der Selbstgewißheit und des Innewerdens, weil sie gleichsam an ein irreales, mögliches, ja unmögliches Ich erinnern.

Das Theologumenon von der Schöpfung der Welt oder der Satz über die Geschöpflichkeit der Welt ist im semantisch strengen Sinne nicht wahr (wir können alle wahren Sätze über diese Welt ableiten, ohne den Satz von ihrer Geschöpflichkeit vorauszusetzen), aber er ist wie die Sätze der Gedichte faszinierend und bedeutungsvoll.

Gedichte sind imaginäre Schöpfungen, und die in ihnen lebendigen Bilder und Zeichen scheinen einem uns unzugänglichen, dunklen und geistigen Willen zu willfahren.

Gedichte zu deuten ist daher dem prophetischen Verfahren, Gottes Willen und Providenz in den geschichtlichen Ereignissen ablesen zu wollen, nicht unähnlich.

Wir fühlen eine gewisse Insistenz am Gedicht, die sich mittels poetischer Formelemente der Wiederkehr oder abgewandelten Wiederholung wie Rhythmus und Reim erzeugen. Die Wirkung dieser Formelemente beruht auf Erinnerungen: In der Beschwingtheit und der wellenförmigen Frequenz des zweiten Verses erinnere ich mich an den Rhythmus, den der erste Vers vorgab oder mir als Vorschuß mitgab; in der Assonanz und dem Reim des Wortes am Zeilenausgang resoniert der Lautkomplex, den der vorausliegende Vers vorgab oder mir als Vorschuß mitgab.

Ein Echo hallt nach, wenn es auf das Wort trifft, das ich als Reim wahrnehme.

Wir treffen bei den Formen dichterischer Erinnerung wie Rhythmus und Reim auf eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die sie von anderen Formen unterscheidet: Im Zusammenklang mehrerer Töne ergibt sich uns nur dann eine Form musikalischer Erinnerung, wenn sie auf einer melodischen Linie oder einer harmonisch gespannten Fuge aufgetragen sind. Ohne diese Reihung verhallen sie im Leeren, im erinnerungslosen Augenblick. Auch die Tonreihe ist nichts außer der Erinnerung dessen, der sie vernimmt. Die Wortreihe kommt dem Lesenden allerdings mit dem Schaum der Bedeutungen entgegen, der sich in den Wogen des Rhythmus bricht und auf den Zeilen des Ufers glitzert.

In der Lektüre des Gedichts trifft mein imaginäres Ich auf mein reales Ich. Das eine kann das andere aufnehmen oder auslöschen.

Das reale Ich kann sich erinnern nur an das, was es einmal wahrgenommen hat. Die Erinnerung setzt die Wahrnehmung voraus, die Wahrnehmung die Tatsache der Verkörperung oder die Tatsache, daß ich mit eigenen Augen gesehen habe, woran ich mich jetzt erinnere. Das imaginäre Ich, das die Lektüre des Gedichts beschwört oder konstituiert, bewegt sich gleichsam wie ein Schatten über einen imaginären Körper: die Form und Gestalt des Gedichts.

Wir können auch von Berührung, Liebkosung, Behauchung sprechen: als würde die Gestalt des Gedichts wie ein tot geglaubtes Insekt durch deinen Atem wiedererweckt und ins Leben zurückgerufen.

Gestalt- und formlose Gedichte können nicht reanimiert werden.

Nicht in jeder Muschel reifte eine Perle heran – so schön dir ihr Perlmutt auch glänzt.

Wer die Muschel aufbricht, um ihr Fleisch zu schlürfen, kann nicht LESEN.

Die Buchstaben verwandeln sich dem kontemplierend Lesenden in Hieroglyphen zurück.

Als würden die Zeichen sich selber tragen, und dich nur, wenn du Wolke, Schatten, Hauch wirst wie sie.

Die Frucht des Gedichts hat keinen schalen Nachgeschmack.

Die Frucht des Gedichts ist der Spiegelsee, auf dem deine Seele schwimmt wie ein durchsichtiges Blatt.

Die Frucht des Gedichts wächst am Wunderbaum des imaginären Lebens.

Der Spiegel des Gedichts blendet durch Selbsterkenntnis.

Das Glück des Gedichts: wenn im Innern seines Spiegels der Lärm der Welt verhallt, sich ihre Grimassen entzerren.

Im Gedicht betrachten wir die Frucht des Lebens ohne Gier oder den triebhaften Zwang, nach ihr zu greifen.

Die Betrachtung, die das Gedicht uns gewährt, erfüllt uns in dem Maße, wie es aus der Erfahrung und Sublimierung der unserem Leben eingesenkten Schwermut heraus gesprochen ist.

Wer mit dem Gedicht etwas will, bezeugt einen vulgären Geschmack.

Auch noch das Gran Eitelkeit, das im Anspruch auf die Poésie pure steckt, in den Wind streuen, der da Staub und Asche mit sich führt.

Nun, wir sterben; das imaginäre Ich des Gedichts aber stirbt nicht.

Das imaginäre Ich des Gedichts führt ein Scheinleben außerhalb der realen Zeit.

Das Gedicht ist ein Fleck, eine Astauge, ein Loch im Zeitbewußtsein.

Und die Begegnung, der Ursprung der Sprache im Gespräch, das wir sind? Es ist wie mit dem Herzen Daphnes, das Apollo unter der Rinde des Lorbeers, des Gedichts, in das sie sich verwandelt, noch von ferne schlagen hört.

Erst ist es die Frucht am Baum, dann ist es ihr Duft, wenn sie in der Schale dämmert, dann ist es die Erinnerung an die Frucht, die im Dunkel schimmert, dann ist es die Erinnerung an den Duft, der aus dem leeren Teller der Langeweile steigt, dann ist es der Duft der Erinnerung, der nur mehr an dem kristallinen Schmerz spürbar ist, wenn er verweht.

Gedicht, Wolke, die vorüberzieht, das Licht verfängt sich einen Augenblick in seinen weißen Fäden, verfärbt sich leicht, zögernd und verblaßt.

Ins Nichts gehaltene Blüte – aus Nichts.

Schleier, unmerklich wehend – er verbirgt kein Gesicht, verhüllt sich selbst, enthüllt sich selbst.

Wir können nur sagen „Himmel“, „Licht“, „Tao“, „Leere“ – und sagen nichts und alles.

Gesetz, das sich durch sein Dasein erfüllt.

Kuß, der sich seinen Mund zeugt und an ihm verglüht.

Blüte, die sich blendend auftut und jäh in ihre Öffnung dahinwelkt.

Träne an einem Auge aus dem Saphir der Luft.

Du beschreibst den Garten, seine Lage unter dem Sternbild, trägst die Namen der Blumen, der Obstbäume und Sträucher, der Gräser und Stauden in einer Liste ein. Du bist ein Blatt am Stammbaum der Namen Linnés, ein Pfeil in den Sternkarten von Hubble. Dann liegst du des Nachts rücklings im Gras des Gartens, das Sternbild droben wandert und versinkt, rings weht es noch fern aus den Bäumen, du hast die Namen vergessen, du hast vergessen, daß du im Garten liegst, als du einschlafen willst, kitzelt dich ein Käfer an der Nase.

Erst wollte das Lied wecken, rufen, wiegen oder peitschen. Dann ging es müde oder erleichtert in sich selbst zurück. Bis es begann sich selbst zu wecken, zu rufen, zu wiegen und zu peitschen. Jetzt, da es keinem gehört, gehört es sich selbst, jetzt da es keinem singt für nichts, ist es reiner Gesang.

Nov 26 16

Diskurs und Epiphanie

Ein Hinweis auf den logisch-semantischen Unterschied von Gedanke und dichterischem Bild

Der Diskurs ist die Darstellung, Entfaltung und Prüfung des Gedankens im Medium der Sprache (im Ausgang vom Gespräch) mittels systematischer Verwendung logisch-semantischer Muster des Folgerns und Ableitens; hierbei wird das Implizite, das gedanklich noch Unenthüllte, bloß Angedeutete und Ungesagte sprachlich enthüllt, ausgedeutet und bis an die Ränder seiner Vollgestalt ausgesprochen.

So können wir den begrifflichen Unterschied von Sein und Schein, realem Gegenstand und imaginärem Spiegelbild mittels systematischer Verwendung der logischen Negation darstellen und entfalten:

Die Frucht am Baum kannst du pflücken und genießen.

Die im Spiegel erscheinende Frucht kannst du NICHT pflücken und genießen.

Ich kann dich bitten, mir die Frucht vom Baum zu pflücken.

Ich kann dich NICHT bitten, mir die Frucht im Spiegel zu pflücken.

Die Behauptung, du habest mir die Frucht vom Baum gepflückt, damit ich sie genieße, ist wahr.

Die Behauptung, du habest mir die Frucht im Spiegel gepflückt, damit ich sie genieße, ist unwahr.

Wir sehen: Der Gedanke vom Unterschied zwischen Realität und Imagination kann dargestellt, entfaltet und mittels Anwendung der logischen Negation einer Wahrheitsprüfung unterzogen werden. Wir bewegen uns in der Gegenwart des bewußten Lebens im Bereich des Könnens und Nichtkönnens, an der Grenze zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen. Was logisch unmöglich ist, wie daß Schein und Wirklichkeit dasselbe wären, ist auch als Möglichkeit unseres gegenwärtigen Lebens ausgeschlossen.

Hier springen wir sogleich in die Sphäre derjenigen Dichtung, in der die Grenze von Können und Nichtkönnen, von Möglichem und Nichtmöglichem mittels systematischer Verwendung symbolischer Mittel der Evokation, Beschwörung und Blendung (Täuschung) verschwimmt. Diese Art Dichtung versetzt uns in einen Zustand, in dem wir nach der imaginären Frucht zu greifen wähnen, in der es uns ein leichtes ist, die Spiegelgrenze zu überschreiten. Insofern erscheint uns das gedanklich Unwahre oder Unmögliche augenblicks als gegeben und selbstevident. Die oben als Kriterien diskursiver Darstellung formulierten Sätze verlieren ihren logischen Status, und es gilt:

Die im Spiegel erscheinende Frucht kannst du pflücken und genießen.

Ich kann dich bitten, mir die Frucht im Spiegel zu pflücken.

Die Behauptung, du habest mir die Frucht im Spiegel gepflückt, damit ich sie genieße, ist nicht unwahr.

Mit bloß vorgestelltem, eingebildetem oder Schein-Geld können wir im Sinne Kants auf dem Markt keine Früchte erwerben und unseren Hunger nicht stillen. Aber die imaginären Früchte der Dichtung können wir, soweit ihr Bild uns hinreichend blendet und fasziniert, genießen. Ja, wir gehen noch weiter und sagen, die realiter genossene Frucht des Lebens hinterläßt zumeist einen schalen Nachgeschmack, als bliebe ihre Süße mehr oder weniger hinter unserer Erwartung zurück. Mit dieser unserem bewußten Leben eingesenkten Schwermut spielt, ironisch oder pathetisch, jene Dichtung, deren imaginäre Frucht zu vollkommenem Genuß einlädt – zum sublimen Genuß der von der Gier des Unmittelbaren erlösten stillen Betrachtung des imaginären Daseins.

Die symbolistische Dichtung hat mit Baudelaire, Mallarmé und Verlaine dem dichterischen Augenblick das Spiegelbild erschlossen; doch hat jener Symbolist avant la lettre, Goethe, dieses Bild wie im übrigen auch die den Symbolisten heiligen Metaphern von Schleier und Vorhang, schon verwendet:

 

Johann Wolfgang von Goethe, Auf dem See

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

 

Wir betrachten die letzte Strophe des Gedichts, in der das stürmende und drängende, das leuchtende Fanal des Beginns, das Blut, im nachdrücklich gesprochenen, fast psalmodierten, alle Ferne in die nächste Nähe des unwirklich Mächtigen, des gespiegelten Bilds, einholenden Ausklang:

Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht

in die Frucht verwandelt und transponiert erscheint: Frucht, nicht greifbar und dem Genuß gegenwärtig, sondern als Scheinfrucht im Spiegel schimmernd. Frucht, die mit ihrem Glanz und ihrer betauten Fülle frische Nahrung und neues Leben versprach, doch gierig gepflückt und genossen schon aus dem Leben getilgt ist. Es ist diese Leiderfahrung, die das tröstlich-untröstliche Zurück- und Niedersinken in den Traum der zweiten Strophe beschwor, Erfahrung der Schwermut, die sich in goldene Träume ausweicht. Doch wird der Träumende sogleich in jene andere Dimension erweckt, in der das Blut der Liebe und des Lebens in die Frucht des rein gespiegelten Worts und die Stille der Betrachtung verwandelt und transponiert ist.

Wir nennen die Leistung des dichterischen Worts oder seinen Nach- und Widerhall Evokation, Epiphanie und Blendung: So blendet das Bild der im Wasser schimmernden Frucht für den kurzen, aber köstlich nachzitternden Augenblick, in dem wir von dem Lied wie vom Ufer des Sees zurücktreten. Wir sinken, vielleicht, nicht gänzlich in unser mehr oder weniger helles Dunkel zurück, sondern haben die beschworene Frucht des Gedichts wie ein optisches Nachbild in unser Gedächtnis hineingepflückt. Das Nichtsein des Spiegelbilds rettet das Sein des Gegenstands, der Schein bewahrt die Essenz des Lebens und der Liebe, des in der Realität immer an seine inneren und äußeren Grenzen stoßenden Lebens, der am Geliebten immer an ihre inneren und äußeren Grenzen stoßenden Liebe, sie werden, durch den Hauch eines Worts, den Schimmer eines imaginären Spiegels, für den außerzeitlichen Augenblick dieses Hauchs, für den außerzeitlichen Augenblick dieses Schimmerns, gestillt.

Nov 26 16

Triolett vom Shutdown

Wenn das System herunterfährt,
starrt noch ein ausgedünntes Bild.
Der Screen hat dich des Scheins entleert,
wenn das System herunterfährt.
Und hat das Licht dich nicht genährt,
blieb alle Sehnsucht unerfüllt.
Wenn das System herunterfährt,
starrt noch ein ausgedünntes Bild.

Nov 25 16

Triolett vom verblaßten Bild

Wenn Tropfen auf das Blatt des Schlafes pochen,
erwachen alten Parks erloschne Wasser,
wird Schattenflüstern wieder unterbrochen,
wenn Tropfen schwer auf Buchs und Buche pochen.
Wie gingen wir ins Herbstlicht jener Wochen,
der Sonne Rosenblatt ward blaß und blasser.
Wenn Tropfen auf das Blatt des Schlafes pochen,
erwachen alten Parks erloschne Wasser.

Nov 25 16

Stéphane Mallarmé, Éventail

de Madame Mallarmé

Avec comme pour langage
Rien qu’un battement aux cieux
Le futur vers se dégage
Du logis très précieux

Aile tout bas la courrière
Cet éventail si c’est lui
Le même par qui derrière
Toi quelque miroir a lui

Limpide (où va redescendre
Pourchassée en chaque grain
Un peu d’invisible cendre
Seule à me rendre chagrin)

Toujours tel il apparaisse
Entre tes mains sans paresse

 

Fächer
von Madame Mallarmé

Von nichts besprochen
als von Himmels Beben
sind Verse aufgebrochen
aus schimmernden Geweben

Flügel flüsternder Bote
dieser Fächer ist erʼs oder nicht
durch den von rückwärts lohte
dir zu des Spiegels Licht

augenklar (in den wieder taucht
einer Asche unsichtbarer Staub
ein jedes Atemkorn verhaucht
einzig meiner Freuden Raub)

So soll er immer wieder blenden
in deinen ruhelosen Händen

Nov 25 16

Triolett vom Übergang

In lichter Flut ein moosbeseelter Stein,
im Schlaf der Maserung, o Wunderklang,
zum Ufer tönt erweckter Rose Schein
wie lichte Flut am moosbeseelten Stein.
So sprühen Perlen aus der Schale Wein
am harten Gaumen weichen Übergang.
In lichter Flut ein moosbeseelter Stein,
im Schlaf der Maserung, o Wunderklang.

Nov 25 16

Triolett vom Gitterwerk

Des Dichters Worte sind wie Gitterranken,
Passage für den Hauch, nicht für die Hand,
wie Wolkenschatten wandern die Gedanken,
des Dichters Worte durch die Gitterranken.
Der schnöden Fratzen augenloses Schwanken
hat Atems schmale Fuge streng verbannt.
Des Dichters Worte sind wie Gitterranken,
Passage für den Hauch, nicht für die Hand.

Nov 25 16

Triolett vom Augenblick der Ewigkeit

Der Augenblick ist Ewigkeit,
wie weiße Blüte zitternd treibt
auf grausem Strom der dunklen Zeit,
blinkt auf das Wort der Ewigkeit,
und bist zum Wunder du bereit,
sind Wort und Blüte dir verleibt.
Der Augenblick ist Ewigkeit,
die Blüte zitternd in der Zeit.

Nov 24 16

Triolett vom leeren Schrein

Der Vorhang weht von Liedes Hauch,
der Liebe Wogen zu behüten.
Es ist der Dichter hoher Brauch,
dem Vorhang sein des Liedes Hauch.
Und glänzt der Schrein von Leere auch,
sie weihen ihm die reinsten Blüten.
Der Vorhang weht von Liedes Hauch,
der Liebe Wogen zu behüten.

Nov 24 16

Triolett für Syrinx

Dein Schmerz verhaucht in Schilf und Rohr,
dein dunkler Tod im Sirren Pans,
du träumst in zarter Hirten Ohr,
wenn Schlaf es neigt in Schilf und Rohr.
Wer sich in deinem Ried verlor,
dem rauschen Wasser süßen Wahns.
Dein Schmerz verhaucht in Schilf und Rohr,
dein dunkler Tod im Sirren Pans.

Nov 24 16

Daphne

… remanet nitor unus in illa …
sentit adhuc trepidare novo sub cortice pectus.

… einzig umwebt sie ein Glänzen …
Fühlt er ihr Herz unter frischer Rinde noch beben.

Ovid, Metamorphosen I, 552; 545

 

Mythos:
Eros schießt zwei Pfeile, einen die Liebe abstumpfenden aus Blei in das Herz der schönen Daphne, einen sie entfachenden aus Gold in das Herz Apollos, der alsbald für die immer widerstrebende, immer fliehende Jungfrau entbrennt, die in dämmernden Hainen des Walds ihrer Einsamkeit lebt. Nun verfolgt, nun jagt die Schamhafte der vom Wahnsinn der Gier und Leidenschaft getriebene Gott, fast ergreift er sie bei den flatternden Haaren, da fleht die zu Tode Erschrockene zu ihrem Vater, dem Flußgott Peneius, an dessen Ufer sie sich geflüchtet hat, er möge ihr durch Verwandlungszauber die Schönheit nehmen, die sie in solches Leid gestürzt: Da wird sie in einen Lorbeerbaum verwandelt, und Apollo, dessen Herz noch höher schlägt, umfaßt statt des Leibes den Stamm, küßt statt weicher Haut die spröde Rinde: Doch fühlt er, wie unter ihr das große Herz noch schlägt. Da wandelt sich des Gottes Verlangen in Verehrung und er bestimmt die Zweige des ihm heiligen Lorbeerbaumes seiner Leier und der lyrischen Kunst.

 

Des Eros sind sie beide, Scham und Flammen,
sie flieht den blonden Gott, der heiß sie jagt,
wie Liebe ihr, ist Wonne ihm versagt,
des Eros Laune spannte sie zusammen.

Das reine Lied muß keuschem Schoß entstammen,
betaute Knospe, die in Träume ragt,
des Auges Dämmerlicht, das keinem tagt,
die Milch von Schäumen, die ins Blaue schwammen.

Greift er nach ihrem Haar, ist es schon Laub,
um kalte Lenden Moos und Flechten weben,
an harter Rinde sind die Küsse taub,

nur zarter Blätter Lied kann sie ihm geben,
beglänzt mit des Entsagens goldnem Staub,
doch fühlt er immer fern des Herzens Beben.

Nov 23 16

Triolett von der Muschel

Das grüne Lied der Wellen war verklungen,
dein Herz, der Muskel einer Muschel, schlief,
der Schmelz der Perle war schon eingedrungen,
das grüne Lied der Wellen war verklungen.
Als hätte Herbstes Wind ihn übersungen,
wie sank mein Mund hinab zur Muschel tief.
Das grüne Lied der Wellen war verklungen,
dein Herz, der Muskel einer Muschel, schlief.

Nov 23 16

Das erloschene Wort

Muschel, angefüllt
mit Tränen.

Die Hand, beringt
mit dem Königssiegel,
hat sie geöffnet,
sie rannen.

Und droben,
Atemscherbe,
die quer durch die Bläue schnitt.

Fallen,
o fallen noch
Blüten?

Und drunten,
Keimlinge des Nichts,
entschlafen
unter bemoostem Stein.

Sie trieben aus
nach dem Wort,
bis es erlosch.

Muschel, angefüllt
mit Tränen.

Die Hand, beringt
mit dem Königssiegel,
hat sie geöffnet,
sie rannen.

Nov 23 16

Triolett von der Sonne

Du liebe Sonne, willst du nicht mehr steigen,
wie matt zerrinnt des hohen Liedes Gold.
Die letzten Rosen zögern sich zu neigen,
du weilst am Grab der Nacht, willst nicht mehr steigen.
So schütte hin dein Gold dem Urwelt-Schweigen,
bis Gottes Atem dich ins Abseits rollt.
Du liebe Sonne, willst du nicht mehr steigen,
wie matt zerrinnt des hohen Liedes Gold.

Nov 23 16

Teufels-Triolett VII

Zertreten hab ich euch die blaue Blume
auf einer Brache östlich deutscher Seele,
ich brocke eurem Mund die gelbe Krume,
zertreten hab ich euch die blaue Blume,
vermodert liegt im alten Heiligtume
das Wort, daß himmelan mein Unstern schwele.
Zertreten hab ich euch die blaue Blume
auf einer Brache östlich deutscher Seele.

Nov 23 16

Teufels-Triolett VI

Der Lilie Schnee, die Flammen der Lupinen,
des Geistes Öde hat sie mir verdunkelt.
Es schmolzen in der Schwermut Wahnturbinen
der Lilie Schnee, die Flammen der Lupinen.
Seit hohem Sinn des Heiles Stern geschienen,
bin ich von Dornen, düftelos, umfunkelt.
Der Lilie Schnee, die Flammen der Lupinen,
des Geistes Öde hat sie mir verdunkelt.

Nov 23 16

Teufels-Triolett V

Ja, leg dich nur in weicher Gräser Rauschen,
die Nächte meines Maulwurfs sind zerwühlt,
die Wespen meiner gelben Blicke lauschen,
liegst arglos du in weicher Gräser Rauschen.
Sobald wir Traum und schwarze Rosen tauschen,
sind deiner Sehnsucht Augen ausgeglüht.
Ja, leg dich nur in weicher Gräser Rauschen,
die Nächte meines Maulwurfs sind zerwühlt.

Nov 23 16

Teufels-Triolett IV

Ich löse barschen Sinns die feinen Maschen,
die schöner Hände Heiterkeit gestrickt.
Dem schönen Schein, dem Kunst die Lust gewaschen,
lös ich mit barschem Sinn die feinen Maschen.
Ins Licht der Seele werfe ich die Aschen,
ihr Tod soll wissen: Ich hab es erstickt.
Ich löse barschen Sinns die feinen Maschen,
die schöner Hände Heiterkeit gestrickt.

Nov 22 16

Teufels-Triolett III

Die schöne Larve macht mich blaß und bitter,
wenn an dem Leib der Liebe Ründe schwillt.
Ich hab im Auge einen Kohlensplitter,
ich seh die schöne Larve blaß und bitter.
Schon manches Kind hab ich verführt mit Glitter,
und mancher Blume Jawort kalt gekillt.
Die schöne Larve macht mich blaß und bitter,
wenn an dem Leib der Liebe Ründe schwillt.

Nov 22 16

Teufels-Triolett II

Ich bin das Glucksen in den Heizungsrohren,
ich bin das Quietschen in der losen Angel,
wenn sich zwei Herzen mit dem Horn durchbohren,
schwill ich zum Zischen in den alten Rohren,
und haben zwei der Treue sich verschworen,
dann schneid ich aus der runden Frucht den Mangel.
Ich bin das Glucksen in den Heizungsrohren,
ich bin das Quietschen in der losen Angel.

Nov 22 16

Teufels-Triolett I

Ich binʼs, der nein sagt, immer nie und nein,
ich halt der Sonne hin die Aschenfratzen,
das Große wird in meinen Augen klein,
ich sage nein zu allem, allen nein.
Sopran der Engel meine Höllenpein,
beiß ab die Zunge, hör ich Küsse schmatzen.
Ich binʼs, der nein sagt, immer nie und nein,
ich halt der Sonne hin die Aschenfratzen.

Nov 22 16

Marien-Triolett IV

Es murmelte ihr Mund wie reine Quellen,
die Vögel schwiegen, selbst die Nachtigall.
Der Engel kam, er wies die Lilienschwellen,
es murmelte sein Mund wie reine Quellen.
Als sie entschlief in sehnsuchtsblauen Wellen,
hob er die Seele leicht, den Schmerzkristall.
Es murmelte ihr Mund wie reine Quellen,
die Vögel schwiegen, selbst die Nachtigall.

Nov 22 16

Marien-Triolett III

Er stand vor dir, mit seines Lächelns Blüte.
Er hob gestillten Blickes deine Trauer.
Du küßtest seiner wunden Hände Güte,
als er dir reichte seines Lächelns Blüte.
Der Abendstunde Purpurwolke glühte,
es schwebten Engel auf der Tempelmauer.
Er stand vor dir, mit seines Lächelns Blüte.
Er hob gestillten Blickes deine Trauer.

Nov 22 16

Marien-Triolett II

Man hat vom Kreuz ihn abgenommen.
Der ihn gebar, tot ist dein Schoß.
Als wär das Licht des Heils verglommen,
hat ihn dein Schoß zurückgenommen.
Der dir zur Fülle ist gekommen,
stürzt dich in Leere namenlos.
Man hat vom Kreuz ihn abgenommen.
Der ihn gebar, tot ist dein Schoß.

Nov 22 16

Marien-Triolett I

Du lächelst unter Fittichen aus Licht,
in Blütenduft des Worts bist du entrückt,
das dir aus Heiles Wunden Rosen spricht,
du lächelst unter Fittichen aus Licht,
o schick in unsre Wüste Zuversicht,
ein Lilienblatt, das deine Hand gepflückt.
Du lächelst unter Fittichen aus Licht,
in Blütenduft des Worts bist du entrückt.

Nov 22 16

Triolett von der Wiederkehr

In einem Duft aus Sommertages Wehen,
im Schnee, der knirscht ins Herz, kommst du zurück.
Ich kann dein Haar im Licht der Ähren sehen,
wenn Sommertags Erinnerungen wehen.
Und starren Frost die Pappeln der Alleen,
singtʼs einsam hoch im Blau, als wär noch Glück.
In einem Duft aus Sommertages Wehen,
im Schnee, der knirscht ins Herz, kommst du zurück.

Nov 21 16

Triolett vom verlorenen Leben

Es war ein dunkles Pochen wie von Tau
aus einem Himmel ohne Glanz und Feuer,
da schreckte auf dein Herz, so taubengrau,
als Tropfen leise rannen wie von Tau.
O wärst du nie erwacht ins Sommerblau
zu deiner Liebe sanftem Ungeheuer.
Es war ein dunkles Pochen wie von Tau
von einem Himmel ohne Glanz und Feuer.

Nov 21 16

John Donne, Batter my heart, three person’d God

Batter my heart, three-personed God, for you
As yet but knock, breathe, shine, and seek to mend;
That I may rise, and stand, o’erthrow me, and bend
Your force to break, blow, burn, and make me new.

I, like an usurped town, to another due,
Labour to admit you, but Oh, to no end.
Reason, your viceroy in me, me should defend,
But is captived, and proves weak or untrue.

Yet dearly I love you, and would be loved fain,
But am betrothed unto your enemy:
Divorce me, untie or break that knot again,

Take me to you, imprison me, for I,
Except you enthrall me, never shall be free,
Nor ever chaste, except you ravish me.

 

Brich ein ins Herz, dreifaltig Gott, bis eben
warst du nur Pochen, Atem, Licht, ein Wiegen,
soll ich erstehn, mußt du mich brechen, biegen
mit Sturm und Flamme, gib mir neues Leben.

Ich bin die Stadt, der fremden Macht ergeben,
ach könnten meine Riegel seitwärts fliegen,
Vernunft, dein Lehnsherr, statt für mich zu kriegen,
in Fesseln selbst, will treulos sich erheben.

Ich liebe dich und bau auf Gegenliebe,
doch bin nun deinem Feind ich angetraut:
Des Bundes Knoten lös mit einem Hiebe,

entführe mich in dein Verließ, nur angetaut
an deine Liebe Freiheit wird mir glücken,
und Keuschheit nur an deinen Liebesblicken.

Nov 21 16

Sonett vom Sterben

Mag nur des Lebens Abgrund mich verschonen
mit hohlem Röcheln seiner Blutekstase,
mir schwebt empor die schlichte schlanke Vase,
gehüllt in Duft erträumter Anemonen.

Und dröhnt das Schicksal blechern aus Äonen,
verzückt vom Stinken aufgeschlitzter Phrase,
will wehrlos lauschend ich im hohen Grase
bei kleiner Mücken Blumenandacht wohnen.

Und lieg ich einsam auf dem Stein der Nacht,
es will kein Stern das matte Auge trösten,
versinkt mein Wort schon in des Mundes Schacht,

sind plötzlich die vom tauben Horn entblößten
Gedanken an das Kreuzeslicht erwacht,
als sängen mir die Stimmen der Erlösten.

Nov 21 16

Gefärbtes Sonett

Goldgrün ein Teppich breitet sich im Leeren,
gewebt hat ihn mein Sinnen, als ich schlief,
nun will ich ihn mit Vasen nicht beschweren
voll Purpurblüten, prangend und lasziv.

Ich will mir Muscheln heben aus den Meeren,
Korallen grüner Glut, die Sonne sich berief,
bis meine Unglücksstürme sie verheeren,
und grauer Wolken Regenstriche schief

ein Grinsen meinen letzten Zeilen malen,
dann quietscht er schon mit seiner alten Leier,
der Werkelmann, und spottet meinen Qualen,

die Nacht hüllt mich in ihren schwarzen Schleier,
es schließen sich des Himmels blaue Schalen,
geendet hat der Farben späte Feier.

Nov 20 16

Die Zeit des Sonetts

Schon eine, zwei, dann drei, dann vier Sekunden
sind nun verhaucht, bin kaum in Fahrt gekommen,
doch fühl ich mich erst ernst genommen
nach fünfzehn, sechzehn was? Sonettsekunden.

Schon treib ich auf dem Meer geträumter Stunden,
von Tänzen der Delphine wild umschwommen,
die prallen Segel sonnenweiß entglommen,
nach zweiunddreißig was? Sonettsekunden.

Doch sinkt die Sonne, blaue Flammen glimmen
im Wolkenschnee, o eine kleine Route
zur Insel wärʼs, wo der Sirenen Stimmen

Erhellung sängen unserm dunklen Blute,
doch leider werden wir sie nie erklimmen
in etwa einer was? Sonettminute.

Nov 20 16

John Donne, Oh my black Soule

Oh my black Soule! Now thou art summoned
By sicknesse, deaths herald, and champion;
Thou art like a pilgrim, which abroad hath done
Treason, and durst not turne to whence hee is fled,

Or like a thiefe, which till deaths doome be read,
Wisheth himselfe deliverd from prison;
But damn’d and hal’d to execution,
Wisheth that still he might be imprisioned;

Yet grace, if thou repent, thou canst not lacke;
But who shall give thee that grace to beginne?
Oh make thy selfe with holy mourning blacke;

And red with blushing, as thou art with sinne;
Or wash thee in Christ’s blood, which hath this might
That being red, it dyes red soules to white.

 

O Seele, Nacht in mir! In dir gibt Licht
nur Siechtum fahl, des Todes Siegesboten,
du hast wie Pilger feig Gelübdes Knoten
zerschnitten, umzukehren wagst du nicht,

wie Räuber, harrend auf das Strafgericht,
fühlst du dich um die Freiheit schwer betrogen,
doch wirst zum Tod du aufs Schafott gezogen,
ist es der Kerker, der dir dann gebricht.

Schon Gnade fließt, wenn Reue dich erfüllt,
doch wer ruft dich, daß sich dir Zuflucht böte?
O sei in hohe Trauer schwarz gehüllt,

und deine Wangen dunkle Schamesröte,
wasch dich in Christi Blut, denn kraft Geheiß
färbt selber rot es rote Seelen weiß.

Nov 20 16

Sonett vom Tage

Sonette sind wie Lebenstage kurz und lang,
glänzt nicht sein Morgen mit den Sonnengaben
wie lichte Locke eines blonden Knaben,
dringt nicht durch Moos sein früher Hörnerklang?

Und wiegt der hohe Tag den Überschwang
der goldnen Ähren, rollt der Stern erhaben
auf Himmels Teppich, füllt des Lichtes Waben
rot tönend Mittags weicher Übergang.

Dann rankt sich Abends stiller Gegensinn
wie Purpurlaub von taubeglänzten Reben
zum Dämmerlicht getönter Gläser hin,

die Klänge lindern sich im sanften Beben
des blauen Vorhangs vor der Königin,
der Nacht, wenn Lunas Geister launig schweben.

Nov 19 16

Das Sonett als Schlange

Wenn mein Sonett auch zischte wie die Schlangen,
die sich um dunkler Seher Stäbe winden,
und könntest duʼs auf Marmorfelsen finden,
sich einsam heißen Götterstrahl zu fangen,

und kämst du mit des Zeitgeists harten Zangen,
ihm seine Gifte aus dem Hals zu wringen,
wird es sich bäumen wider dein Verlangen
und Geifer speiend dich zum Rückzug zwingen?

Ach, sei getrost, es ist aus nichts als Tönen
gemacht, sein Leben unecht, eitel Scheinen,
es will mit Rhythmen sich ins Dasein schönen,

doch ist es Tanzen mit erträumten Beinen,
wenn du es schmähst, wird es sich selber höhnen,
und küßt du es, umfließt dich schon sein Weinen.

Nov 19 16

Sonett fürs Lümmelbett

Ich will mir launig ein Sonettchen bauen,
ein klares, herbes, ein nicht ganz gemeines.
Wem aber kann ich so ein scheues kleines
Gespinst, mein Lautgetüm, wohl anvertrauen?

Ich will sogleich in nächster Nähe schauen,
ob mir sich gönnt ein Blick gebläuten Scheines,
ein heller Schimmer hingestreckten Beines,
doch seh ich nur verbrummter Bären Klauen.

So muß am Scheitelpunkt die Sonne sinken,
bis mir verdämmern rosig meine Zeilen,
am Horizont schon fette Schatten trinken

Schaumweines Reime, die mich nicht mehr heilen,
mit weißen Taschentüchern Abschied winken
die Zwergen-Verse, höhnend meinen Feilen.

Nov 19 16

Postscriptum

So ringelst du dich wieder ein,
wie Farne tun, wenn ihnen fehlt
der holde Sonnenschein –

den Fuß magst du nicht tunken
in dieses oder jenes Wasser,
fast wärest du ertrunken,
du holder Knab, du blasser –

das Mädchen, o und ach,
dem lächelt Licht im Haar,
liebst du wohl, obzwar,
am Ende gibt es Krach –

ein andrer Engel tritt dir nicht
aus dem Spiegeldunst
vor dein schiefes Angesicht,
da versagt des Dichters Kunst –

aus dem grellen Weltgetriebe
setztʼs für deinesgleichen
unwillkommne Hinternhiebe,
dein Seelenheil heißt weichen –

das Wörtlein, das dir wohl gab
ein dunkler oder abgefeimter
Ahne aus dem Grab,
ein Duft wehtʼs, ein gereimter –

ein Duft, der nicht zu halten,
er sucht sich feine Nasen,
kaum will er sich entfalten,
ist er schon weggeblasen –

ich weiß nicht, wie es weitergeht,
Hymnen oder Oden
ist das Licht schon abgedreht,
es bleiben Episoden –

doch was hier so passiert,
die Tür fällt zu, ein Hündchen bellt,
da lacht eins, ungeniert,
ist nichts, was groß den Vers anschwellt –

und all die wolkenblauen Namen,
die aus den Büchern flattern,
stäuben fort wie Blumensamen
zu ihren wolkigen Gevattern –

wie kugelrund döst diese Welt,
dem Dichter, der schlaf- und atemlos
silbenschnappend sie umschnellt,
liegt sie, ein Igel, längst im Schoß –

so ringelst du dich wieder ein,
wie Farne tun, wenn ihnen fehlt
der holde Sonnenschein.

Nov 18 16

Sonett vom inneren Reich

Berührst du mich, fühl ich von deinen Händen
den kühlen oder heißen Abdruck meiner Haut.
Wie seltsam ist das innre Reich gebaut,
in dem wir uns die Spiegelbilder senden,

geht doch dein Schatten wie an Traumes Wänden
mir auf und ab, was du an mir erschaut,
dem schmeckst du nach wie einem bittern Kraut.
Der Handschuh unsres Ichs läßt sich nicht wenden.

Ich kann dich hüten wie der Kerze Schein
mit guten Händen, sie auf hohe Leuchter betten,
wie geht ihr Knistern ein mir bis zum Kern,

und trinke deine Wärme ich wie Wein,
der mich wie Proteus löst in Wandlungsketten,
ich wandle niemals mich in deinen Stern.

Nov 18 16

Sonett von den Tränen

Du liegst bei offnem Fenster, lauer Wind
umströmt der Glieder weiches Warten,
es tönt wie Rufen aus dem bangen Garten,
ob Südens Boten schon gekommen sind.

Nun ist es wie ein wildes Küssen, blind
von steten Tropfen auf der Simse harten
Basalt – von letztem Eise rinntʼs in zarten
Gesängen durch der Wollust Labyrinth.

So ist mein Lied ein letztes Niedertauen
des warmen Schnees, der mich wie Schlaf umfing,
an eines Blumenmundes Frühlingshauch,

und fallen tönend Tropfen wie von blauen
Lupinen Tau in einer Schale Ring,
willst weinen du vielleicht im Stillen auch.

Nov 18 16

Sonett vom Sonett

Dies Spielwerk, Kleinod, feines Fluidum,
aus nichts als lauter Lautenschaum,
fliegt flockenleicht und ist kein Abstellraum
vergilbter Bilder, kein Herbarium.

Was hier nicht niet- und nagelfest, fliegt zum
Gewölk der Silben, Atempollen, kaum
berührt es dich, es schneit im Traum,
es singt, ein Schatten im Scriptorium.

So hat des Klangbilds Flimmern nichts zu sagen?
Dann können wir im Sprunge alles wagen,
entschlacken uns von Sinn- und Erdenschwere,

damit uns laue Laute in die Wolken tragen,
ins Blaue warme Winde uns verschlagen,
Sonett, du Feder, schwebst in lichte Leere.

Nov 17 16

Sonett von den hohen Dingen

Es gab sich Kunde uns von hohen Dingen,
wie sie auf Steinen alter Gräbern stehen,
in Lichtgesängen Platons widerklingen,
aus Sapphos Odenhainen niederwehen.

Hier sollen wir der Menge Kehricht singen,
die Blumenworte aus den Wurzeln drehen,
den geilen Finger mit dem Reim beringen,
die Fäulnis mit erlogner Glut belehen.

Doch trinkt geheimer Sinn aus Jenseitsquellen,
die einzig keuschen Augen widerglänzen
aus Augen, die aus Tränenschleiern glühen.

O edles Glück, o Wehn von Düftewellen,
wenn wir den Schmerz mit Rosenblüten kränzen
und wieder Rosen aus den Liedern blühen.

Nov 17 16

Sonett von der Grille

Was glänzt in Spucke, Grind, Geschwüren,
was Bettler strecken auf verwesten Zungen
und was im Traum ein böser Zwerg gesungen,
das segnen sie wie Kreuze über Türen,

das Blut, das sie aus fremden Wunden rühren,
verspritzen sie zu eignen Huldigungen,
und scheint der Häme Wiehern abgeklungen,
schrillt schon die Säge aus den Schundlektüren.

Wir wollen wandern wie die frühen Seher
durch große Wüstennächte bis zum Meere,
das ihnen blaute aus der hohen Stille,

wir wollen Worte weihen uns nicht eher,
als bis die Zungen schwingen in der Leere,
das Herz im Dunkeln singt, des Phaidros Grille.

Nov 17 16

Sonett vom unversehrten Bild

Ich war verbannt an einen dunklen Ort,
ein Glucksen brauner Wasser kam vom Grunde,
und über mir aus Himmels leerem Munde
erbrach der Aar das faul gewordne Wort.

Behaarte Rüpel warfen alle Anmut fort,
gefleckten Zwergen schlug die heiße Stunde,
zu lecken Geifer aus der deutschen Wunde,
zu jubeln, wo der Blütenzweig verdorrt.

Da beugte ich mich abseits zu den Ahnen,
ob nicht aus reinen Quellen Schöpfungslicht
in unversehrte Bilder zu mir fließe,

mir heimzuleuchten auf den steilen Bahnen.
Da schaute ich der Sappho Blumen im Gedicht,
mir war, als ob dies Segen mir verhieße.

Nov 17 16

Sonett vom anderen Anfang

Ich wollte von der öden Erde scheiden,
der alte Garten lag verwaist und brach,
der morsche Steg ins Abseits gab schon nach,
am Ufer rauschten dunkel Trauerweiden.

Ich sah ein Rind auf fetter Wiese weiden,
die Nahrung, die ich meine, sie gebrach
dem armen Herzen. Wüst es zu ihm sprach:
„Du sollst das Bild der öden Stätte meiden.“

Da ging ein lichter Sinn mir auf aus Augen,
in denen ich verklärt mich wiederfand,
als könnte ich zu andrem Anfang taugen,

hat mich geweckt das Urlicht deiner Augen
und riß zurück mich von dem dunklen Rand,
als könnte ich aus ihm den Glauben saugen.

Nov 17 16

Nur einen Atem lang

Wie gehst du leicht auf wohlgestimmten Zeilen,
wenn weiche Lüfte sich ins Haar dir schmiegen,
die aus dem Süden edler Gärten eilen,
Zitronen- und Zypressenduft entstiegen,

sie wollen wie ein Hündchen bei dir weilen,
wenn seine Pfoten auf dem Knie dir liegen,
und seine schwarzen Augen lüstern peilen,
das hingehaltne Würstchen abzukriegen.

So kann dich einen Atem lang entrücken
Sonetts gedrängter Silbenstrom vom öden
Gewirbel aschentoter Wörterflocken,

die deine Sterbefrist mit Wahn bedrücken,
o wirf das harte Herz nicht hin den schnöden
und werde weich, wenn weiche Lüfte locken.



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