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Apr 7 14

Skiagraphie oder Schattenkunde aus Schattenmunde

Kleine deutsche Stilübungen VII

Die Größe des Schattens ist eine Projektion der Summe der Größe des Schatten werfenden Gegenstands und des Einfallswinkels der Lichtquelle. Die wahre Größe des Gegenstands lässt sich daher nicht unmittelbar aus seinem Schatten bemessen.

Morgens und abends, bevor noch eine Hand zu Werke ging und nachdem eine jede erschöpft von ihm abfiel, sind die Schatten am längsten.

Die seltsame Stille des Mittags, von der die Alten wähnten sie sei des Pans, dann, wenn die Sonne im Zenit steht, ist schattenlos.

Sollten wir uns als Schatten, körperlos, sprachlos, wesenlos, im Hades wiederbegegnen, vermöchte ich dich wohl an deiner Haltung, deiner Art, zu gehen und zu stehen, dich vornüberzubeugen und aufzurichten, deiner Art, leicht überstürzt über Pfützen und niederes Buschwerk hinwegzutändeln, wiederzuerkennen.

Wir können einander uns die Schatten nicht abnehmen.

Ein Schattenmund vermag erst wieder zu reden, wenn er ein paar Tropfen warmen Bluts gekostet hat.

Werfen nicht auch Worte Schatten?

Wenn wir uns ganz und unerbittlich ausleuchten, bis jeder Schatten unter dem kalten Licht der Analyse dahingeschmolzen ist, entschwinden wir im Konturlosen, werden wir unsichtbar.

Seine letzten Sätze, der hohle Ton seiner letzten Sätze, warfen einen Schatten auf alles, was er zuvor gesagt hatte.

Erst als sie aus seinem Schatten trat, gewahrte sie die starre Maske seiner Züge.

Während sie das Schweigen in fremde Kontinente verschlug, die unentwegt voneinander wegdrifteten, während sie das Schweigen auf ferne Inseln verbannte, auf denen der Zuruf des anderen nicht mehr zu hören war, vermählten sich ihre Schatten unter dem sinkenden Licht.

Bilden nicht in großer Musik manche Phrasen der Klavierbegleitung den Schatten zur wandernden Sonne des Gesangs?

Wie andere kostbare Vasen oder Faksimiles sammelte er Schatten.

Nachdem er erfahren hatte, dass er das Leben eines anderen geführt hatte, schien er nur noch der Schatten seiner selbst zu sein.

„Geh mir aus dem Schatten!“, rief jener, der wusste, dass das Licht seines Werks ewig leuchten wird.

In großer Dichtung flüstern, wandern, schweben schwerelose Schatten zwischen den Versen – Seelen, unfassbar, Nuancen, unwägbar.

Manche reden ein Leben lang einzig mit ihrem Schatten.

Satan ist der ewige Schatten Gottes.

Im Schatten Gottes sprießen die Blumen des Bösen, deren betörende Düfte wie Opium zunächst Gaukelbilder eines dämonischen Eros, sodann Albträume des ausgemergelten Willens und zuletzt die einfältigen Schattenspiele eines kindisch gewordenen Geistes hervorrufen.

Alles, was uns heilig, gut, lebenswert erscheint, gedeiht unter der wärmenden Sonne der schöpferischen Liebe, wird von lichtvollen Gedanken befruchtet, von den funkelnden Tränen stiller Ergebenheit genährt – doch am Ende wollen wir, erschöpft, gedankenleer und einsam, unter dem Schattenlaub eines alten Gartens wandeln, in dem die Zweige ahnungsvoll säuseln und seufzen, um dort zu sinnen über was auch immer, um dort zu schlafen, von kühlem Schattenmund geküsst zu sterben.

Apr 6 14

Es riecht nach Fechenheim

Hier lässt der Main sich Zeit
und döst in großem Bogen.
Wie träge ziehen dahin
Blättchen, Schnipsel, Pappelsamen
und Gefieder, ausgerupft.

Da dunkelt uns das dornichte Gestrüpp,
von guten Schülern Freiligraths gesät:
der Ammer wegen,
die ihr Gold hier tief verstecken mag.

Da kommt die Schimmelreiterin
mit ihren weißen Stuten:
Drei Schlittenhunde pirschen an den Hufen,
die Wolle weiß wie jene –
schräg äugt die Hoch-Gestiefelte
aus dicken Gläsern
und erwidert artig meinen Gruß.

Die weiten, fetten Felder dort
im Glanz der frühen Sprossen
oder noch verhüllt von grünen Folien,
die der Wind unhörbar bläht.

Der Uferweg ward tüchtig aufgehübscht –
junge, schlanke Pappeln bilden das Spalier –
die alten Weidenbäume saugen stumm
aus dem glucksend-morschen Grund.

Hier ist das Uferdickicht augenlos,
da kann ein sittsam-scheues Mädchen
unbescholten in die Hocke gehen
und die durstigen Halme
inniglich beträufeln.

Kolossale, abgestorbene Platanen,
vom Blitz versehrt, verkohlt,
gedenken nicht zu sterben –
an weichen Stellen recken sie Antennen
dünner Zweige in den Abendhimmel,
aus dem die gelben Schwaden
dicker Abluft von Allessa
in die Nase dringen:
Es riecht nach Fechenheim.

Auch wenn der Weg uns unversehens
ward versperrt,
wir fanden einen schönen Umweg
und schritten Hand in Hand
durch die Allee der Linden,
die uns überwölbten,
unserm kleinen Abenteuer
huldigend mit Licht- und Schattenspielen.

Wir saßen lauschend,
plauschend, Blicke tauschend,
unterm Schatten der Kastanie
im Gartencafé gleichen Namens –

die Ohren schwebten uns hinweg,
buddhistische Schmetterlinge,
in das süße Plätschern,
an dem kunstreich angelegten Quellchen
zag zu nippen –

wir knabberten genüsslich
die mitgebrachten Schokoladenbizets,
Meringue genannt –

bis uns die läuternden Akkorde
der beiden Kirchen,
erst evangelisch, dann katholisch,
die Schneise durch die Luft
zu einer schönen Seele schlugen.

Schien nicht der scheue Glanz
des Glücklichseins oder doch
des Glücklichwerdenwollens
aus deinen schönen Augen?

Ich warʼs, an diesem Ort,
zu dieser blauen Stunde,
von den herben Düften Fechenheims
chemisch-alchemistisch
traumessäumig langgedehnt:
beglückt.

Apr 6 14

Kitsch und Wahrheit

Kleine deutsche Stilübungen VI

1

Obwohl seine Hinterhauswohnung von postmoderner Leere starrte, obwohl er seinen mageren Körper nur mit dürftig geflickten Second-Hand-Fetzen verhüllte, ging ein Raunen durch die Reihen, wenn er mit seinem imposanten Kopf aus der Menge herausragte.

Er war arm, doch unbescheiden.

2

Er galt als unterhaltsamer Plauderer, wenn er auf Leute seines seltenen Schlages traf, doch im gemeinen Stimmengewirr barbarischer Zungen klappte der Hochbetagte den Kragen einer vornehmen Verschwiegenheit hoch.

Er war ein geschwätziger, misstrauischer, hochfahrender Greis.

3

Gelehrte Gespreiztheit ohne die Würze weltläufiger Ironie begegnete er mit höflicher Aufmerksamkeit, dann und wann durch ein süffisantes Lächeln gelockert, zum Zeichen, als könne er sich selbst am besten verstehen und sich selbst am ehesten verzeihen.

Obwohl ihn langwierige gelehrte Ausführungen bald ermüdeten – er war damals den Weibern nachgestiegen, als die anderen unter dem Nachtlicht der Bibliotheken brüteten –, gab er sich den Anschein faszinierten Interesses.

4

Schwer traumatisiert durch die unvorbereitet auf ihn einstürzende Entdeckung, dass sein von ihm einstmals so hoch verehrter Vater als Mitarbeiter der Führungsebene in den Ostkrieg und die Vernichtungspolitik der Nazis verstrickt war … schwer traumatisiert durch die mittels psychotherapeutischer Tiefenschürfung mühsam ausgegrabene Erinnerung an den Missbrauch durch seinen Lehrer, seinen Pfarrer, seinen Fußballtrainer … musste er, ohne je in einer bürgerlich saturierten Existenz innere und äußere Ruhe finden zu können, fortan zeit seines Lebens nicht nur mit pathologischen Antriebs- und soziopathischen Kommunikationsstörungen kämpfen, sondern sich auch einer feindseligen Umwelt erwehren, die sein beständiges Bohren und quälendes Fragen nach den Ursachen als Ruhestörung und Belästigung auslegte und mit Abwehr und Verständnislosigkeit quittierte.

Der verwöhnte Spross betuchter Akademiker war ein Artist, wenn es galt, dem alten Vater und den Geschwistern auf der Nase herumzutanzen, sie für dies und jenes, vor allem für die Vermeidung lästiger Hürden bei Schulen und Ämtern einzuspannen oder um Geld anzugehen. Denn er war von Natur wohl empfindsam, hellhörig und gedächtnisstark, doch faul, wehleidig und ein wenig beschränkt. So vermochte er die nötige Disziplin und Willenskraft nicht aufzubringen und musste das begonnene Studium, die eingeschlagene Fachausbildung abbrechen. Es war ihm fast wie eine Erleichterung, als er seine düsteren Ahnungen bestätigt fand und auf die Entdeckung stieß, dass der Vater in einer preußischen Verwaltung während der Nazizeit als untergebener Beamter beschäftigt war. Ein Mitläufer wohl, aber immerhin! Von Stund an behelligte er Tag und Nacht die ganze Familie und alle Welt mit seiner traumatisierenden Entdeckung, und keinen nahm es wunder, dass die Geschwister am Ende diese immer brummende und stechende Fliege aus der guten Stube verscheuchten. So konnte er fortan als der große Missverstandene und Märtyrer der Wahrheit ein ungezügeltes, ungeordnetes und aufregendes Leben auf Kosten der anderen führen, ganz so, wie es ihm im Sinne lag.

5

Er wagte sie nur von ferne anzuhimmeln und wie ein Falter im Dunkeln leise, leise die Lampe umschwirrt, irrte er spät abends in den Gärten umher, von denen aus er in angstvoller Nähe die erleuchteten Fenster ihrer Wohnung beäugte – wie zuckte er zusammen, und sein Herz wollte schier zerspringen, wenn unversehens ein schmaler Schatten über die Gardine huschte.

Er wusste, hässlich wie er war, konnte er vor ihren wählerischen Augen nicht bestehen. So verlegte er sich, gequält von Begehren und panischer Eifersucht, darauf, im Dunkeln zu lauern und nach ihr zu spähen.

6

Wie hatte er sich redlich bemüht, sich in dem Irrgarten dieser fremden Lebensweise zurechtzufinden! Doch tat er nicht recht daran, die von ihm eingeforderten schulischen Leistungen angesichts all der obszönen Witze und fremdenfeindlichen Anspielungen seiner Mitschüler als unerträgliche Zumutungen zurückzuweisen? War es weiterhin angesichts der einzigartigen xenophoben Exzesse, durch die dieses Land unabgeltbare Schuld auf sich geladen hatte, nicht ein allzu geringfügiger Ausgleich, wenn er und seine Familie die ihnen rechtens zufließenden staatlichen Fördermittel und Gelder für ihre bescheidenen Lebensbedürfnisse verbrauchten, ja sogar einen schönen Anteil einer religiösen Stiftung spendeten, die das Kulturgut der Heimat in der Fremde lebendig zu erhalten bemüht war?

Mathematik: mangelhaft
Physik: mangelhaft
Deutsch: ungenügend
Sport: gut
Islamische Religionskunde: sehr gut

7

Der alte Rebell und sensitive Freigeist rechnete es sich als großes Verdienst an, das in den Annalen der Befreiung der Menschheit von lebensengenden Zwängen und lebensvergiftenden Repressionen nicht unerwähnt bleiben sollte, die hohen moralischen Ansprüche des revolutionären Programms, nach dem er und seine Genossen angetreten, auch in der von Grund auf erneuerten Pädagogik und im praktischen spielerisch-fördernden, liebevollen Umgang mit den Kleinen und Kleinsten in die Tat umgesetzt zu haben.

Unangefochten von einer durch schöne Phrasen geblendeten Öffentlichkeit und unter dem Deckmäntelchen eines lasziven Zeitgeistes konnte er ungestört und ungestraft seinen pädophilen Neigungen frönen.

8

Sie gehören zu der Avantgarde der Menschheit, die der Menge durch tiefere Einsicht, feineres Empfinden, edlere Ansprüche in die Zukunft vorauseilt. Ihr kreatürliches Mitgefühl lässt sie tierische Nahrung verabscheuen, ihre weltoffene Gesinnung lädt zu Gast ein, wer immer an die Türe ihres Landes, ihrer Nation, ihrer Kultur klopfen mag. Menschen ihres Schlages sind es, die uns vorausgehen, die Welt umzugestalten zu einem besseren Ort.

Sie haben nichts, sie sind seelisch nackt, sie haben sich aller Traditionen beraubt, die Kerzen auf den alten Altären, die einst Orientierung wiesen, haben sie ausgeblasen. Um ein Superioritätsgefühl über die dumpfe Masse, die verachteten Väter und den stupiden Rest der Welt, zu erschwindeln, verweigern sie, die neuen After-Juden eines heillosen Zion, das gemeinsame Mahl und öffnen Krethi und Plethi die Türen, bis die verhasste Herkunft zur Unkenntlichkeit entstellt ist.

9

Das Leben lebt nicht. – Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Er genoss es, eine üppige Blondine, gegen sein beredtes Embonpoint gepresst, auf seinem Schoß zu schaukeln, eine aus der lustigen Schar gläubiger Mädchen, vor deren Existenz seine Gattin schicksalsergeben die Augen zu verschließen hatte. – Oft rangen der Genuss eines Sahnetörtchens und der Kitzel einer dialektischen Pointe um den Vorrang auf seiner Zunge. – Wohlig ausgestreckt in dem mit Samt ausgeschlagenen Futteral einer unbeschwerten, materiell gesicherten Existenz, für die er keinen Finger krümmen musste, verdankte er doch das meiste dem kapitalistischen Erbe des Vaters und der Großzügigkeit der Unternehmer-Freunde, konnte keine Scham ihn davon zurückhalten, die größte von allen Intellektuellen heruntergebetete antisemitische Gossen-Dummheit, alles Übel komme vom Geld und denen, die zu viel davon haben, als tiefe Weisheit eines dem Martyrium gerade noch entronnenen jüdischen Migranten zu vermarkten. – Nur ausgesucht hübsche Studentinnen hatten die Ehre, nach seinem Diktat zu tippen, nur sie vermochten ihn mit ihrem erotisierenden Schreibmaschinengeklapper über den Suizid seiner Sätze, die sich in negativistischer Zuspitzung selbst erdrosselten, hinwegzutrösten.

Apr 5 14

Handreichungen und Handzeichen

Kleine deutsche Stilübungen V

Alles Menschliche, Lieben und Hassen, Schöpfen und Schröpfen, Walten und Dulden, liegt in der Hand, liegt auf der Hand.

Manchmal genügt es, die Faust nur zu zeigen.

Manchen genügt es, die Faust nur zu zeigen.

Das Kind erschrak, als der Vater seine Hand losließ.

Er fühlte sich bereits verlassen, wenn sie seine Hand fahren ließ.

Was ihm unter die Hände kam, schrumpfte auf die Größe der vertrockneten Frucht seiner Kleingläubigkeit.

Sie handhabte alles geräuschlos, behend, wirkungsvoll, den Dingen lauschend, angeschmiegt.

Wenn der Schamane den Segen spendet, scheinen seine Hände gleichsam die über ihm in der Luft schwebenden Gnaden-Blüten einzufangen und den Gläubigen über die Köpfe zu streuen.

Das Wirken seiner Hände war gesegnet.

Alles, was er anrührte, zerfiel zu Staub.

Welchen Dialog führt die rechte mit der linken Hand?

Wann kommen die rechte und die linke Hand zu inniger Verbindung, zu versöhnlicher Ruhe zusammen? Wenn sie sich zum Gebet falten, wenn sie dem Toten über der Brust zusammengelegt werden.

Nach der letzten Aussprache kargte er mit Gunstbezeigungen, nicht einmal ihr die Hand zu reichen ließ er sich herab.

Als würden die Taten noch einige Zeit als Spuren an der Hand kleben. Erde, Nahrung, Speichel, Samen, Blut.

Beim rhythmischen Klatschen bewegt der ganze Körper – schon tanzend – die Hände.

Seine Hand ruhte schwer auf ihrer Schulter wie auf einem Opfertier, das sich klaglos seinem Schicksal ergeben hat.

Die Ohrfeige, die sie ihm aus dem Hinterhalt versetzt hatte, brannte auf seiner Wange wie ein unwiderleglicher Liebesbeweis.

Du reckst dich empor, um nach dem Apfel zu langen. Du greifst nach dem Apfel und pflückst ihn vom Zweig. Behutsam legst du ihn in den Korb zu den anderen.

Wer nicht einmal im Leben die Hände in die schwarze Erde gegraben und sich beim Jäten des Unkrauts oder beim Ausbuddeln der Kartoffeln grindig und schrundig geschuftet hat, wer nie mit bloßen Händen Steine aus der Erde gewühlt, nie die Hände sich an den scharfen Nadeln der Tanne oder Fichte blutig gerieben hat – der weiß nicht um die herbe Schönheit des Lebens.

Der Priester fasst die große, gelbe, runde Hostie mit Daumen und Zeigefinger beider Hände und während sich sein hochgereckter Kopf fast ganz unter den Enden der umgeschlagenen, golddurchwirkten Stola verbirgt, führt er sie wie die aufgehende Sonne des Heils über die andächtig gesenkten Köpfe der Gläubigen langsam in die Höhe.

Der Junge hatte geschickte Hände, man konnte ihm schon die eine oder andere leichte Arbeit anvertrauen.

Manche werden berühmt, weil sie zwei linke Hände haben.

Der Schuljunge, der die Antwort auf den Lippen springen fühlt, schnippt aufgeregt mit den Fingern der rechten Hand, die er mit der linken Hand steil emporhält.

Die runzligen Hände der Alten ruhten in ihrem Schoß, zwei weiße Tiere, die dann und wann im Schlafe zuckten.

Der Kerl begutachtete im Schuppen die ausgebreitete Hehlerware, ein Handschlag und man war handelseinig.

Hand aufs Herz, das war doch gelogen!

Wenn die Hände die Herkunft nicht mehr verraten, den Bauer, den Maurer, den Proleten, den Chirurgen oder Pianisten, erstirbt alles vor Langeweile im Surren der Automaten.

Aufgrund der Tatsache, dass man den Ballen der hohlen Hand auch die Maus nennt, ist manch einer zum Dichter geworden.

Dass wir den Staat auch öffentliche Hand nennen, deutet auf den versteckten Wunsch, sie möge uns stetig das Lebensnotwendige reichen und uns mit Brot und Spielen beglücken.

Ob Willkommen oder Abschied, ob von Kuss und Umarmung begleitet, wir Freunde reichen uns die Hand.

Die aufgeklatschten Hände auf den Wänden der Steinzeithöhlen – erste Paraphen der Autorschaft.

Wenn alle nur noch Tasten drücken und mit den Fingerspitzen Zeichen eingeben, verschwindet allmählich nicht nur die graphologische und seelische Tatsache der individuellen Handschrift, sondern mit dieser auch der Individualstil der ausdrucksfreudigen, eigensinnigen Persönlichkeit.

Blicke können freilich strafen und möchten manchmal töten können, doch im Gegensatz zu den Augen wird man nur mit Händen handgemein.

Die Hände unten halten, die Hände streng bei sich halten, wenn es um exquisite Gegenstände wie den Kelch, das Bild, das Buch geht – der Ursprung des Tabus, der Ursprung der Religion.

Man schätzt Auskünfte und Wertgegenstände aus erster, nicht aus zweiter Hand – als würden sie von den allzu vielen Händen beschmutzt, getrübt, verdorben.

Der stumme Dolmetscher, die Hand, die mit ihren feinen, leichten, wogenden Figuren dem großen Bruder Mund assistiert.

Wer sich auf Händen tragen lässt, riskiert ein böses Erwachen und den einen oder anderen Bruch, wenn er unversehens fallengelassen wird.

Am Handgemachten, Handgeschriebenen, Handverlesenen schätzen wir den herben Geruch des Ursprungs und die Subtilität des Fingerspitzengefühls.

Wir wissen gut aufgehoben, was wir persönlich aushändigen, was wir zu treuen Händen übergeben.

Wenn alles vernutzt und verbraucht scheint, so dass die Arbeit und das Spiel der Hände keinen Raum mehr haben, pflegen die auch sich selbst vernutzt und verbraucht Dünkenden Hand an sich zu legen.

Wir sagen richtig über ein Machwerk, ein Flickwerk aus zusammengelesenen Fetzen, das uns misslungen scheint, es habe weder Hand noch Fuß.

Altern, schwach oder ohnmächtig werden: Er gibt die Sache aus der Hand, sie legt die Hände in den Schoß.

Freie oder gebundene Hände – Zeichen für Wert und Würde des Menschenlebens.

In die Hand nehmen oder von der Hand weisen – Zeichen für den souveränen Willen des Menschen.

In der Hand liegen oder dem Schicksal überlassen – Zeichen der menschlichen Freiheit.

Sehen, was auf der Hand liegt – Zeichen für den gesunden Menschenverstand.

Apr 4 14

„Warum gabst du uns die tiefen Blicke?“

Kleine deutsche Stilübungen IV

Als sie ihm das erste Mal vor Augen trat, wurden seine Blicke beredt.

Sie fühlte sich von seinen Blicken peinlich berührt und gemustert.

Als er Hammer und Meißel zur Seite gelegt hatte, maß der Bildhauer abschließend die Plastik noch einmal mit strengen, doch wohlwollenden Blicken.

Es schien ihr, als wolle er sie mit zarten Blicken betasten.

Es schien ihr, als wolle er mit spitzen Blicken nach dem Geheimnis ihres Herzens greifen.

Auch wenn dich seine Worte mit freundlichen Tönen anzulocken schienen, hielten dich seine stets wachen, prüfenden Blicke auf Abstand.

Von ihren kalten Blicken vom Scheitel bis zur Sohle gnadenlos gemustert, fühlte er sich beschämt und wandte sich verlegen ab.

Ihre Blicke berührten sich und konnten nicht mehr voneinander lassen, ihre Blicke verfingen sich und konnten sich nicht mehr voneinander lösen.

Je weiter sie in dem Brief las, desto tiefer verdunkelten sich ihre Blicke.

Inmitten des lärmenden und gegeneinander wogenden Gemenges standen sich die Anführer gegenüber, kreuzten ihre Blicke, maßen einander in raschen Blickwechseln.

Der strafende Blick der Mutter genügte, das Kind davon abzuhalten, sich dem verdächtigen Nachbarn zuzuwenden.

Ihre Blicke kreuzten sich und blieben aneinander hängen: Keiner wollte vor dem anderen die Demütigung erleiden, seinen Blick zuerst zu senken, keiner wollte dem anderen den Triumph gönnen, seinen Blick zum Niedersinken gebracht zu haben.

Die Blicke des Propheten gehen in die Ferne: Er sieht das Kommende.

Die Blicke des Verliebten bleiben dem dichten Umfeld verhaftet: Sie tasten in den Spuren der Geliebten.

Die Blicke der Mutter umfangen, halten, nähren das Kind.

Die Blicke des Vaters lenken, geleiten, stützen das Kind.

Die Blicke des Sterbenden suchen rastlos nach einem Halt, einem Hort des Verweilens, sie stürzen von Schemen zu Schemen und brechen.

Die Blicke des Maurers stehen im Dienste der Schwerkraft und schreiben in den Raum das Fallen des Senkbleis ein.

Die Blicke des Arztes sichten die Reste gesunder Substanz, schätzen die Nähe des Todes ab.

Die Blicke des Dichters prüfen die Dinge auf die Echtheit, die Deutungskraft, den Wahrheitsgehalt der Bilder, die er sich von ihnen macht.

Die Blicke des Priesters sehen hinter der zerknitterten Maske des Sterbenden das erlöste Lächeln des Hirten, der über sich den Engel gewahrte.

Sie pflegte, wenn die Schatten wuchsen, im Sinnieren über irgendein ihr angetanes Unrecht, über irgendein ihr vorenthaltenes Glück die Blicke überkreuz ins Nirgendwo zu lenken.

Er hatte die Welt umsegelt, Menschen und Länder kennengelernt, sich in etlichen Sprachen getummelt. Der junge Freund wich ihm nicht von der Seite, er blickte ergeben zu ihm empor, nur er konnte ihm die letzten Geheimnisse lüften.

In seinen Armen verschleierten sich ihre Blicke, und als reinigte ein Regen die Luft von Staub und Rauch, wurden ihre Augen feucht, und alles Ungemach fiel von ihr ab.

Jener, den Neid und Eifersucht anhielten, dich scheel von unten, von der Seite anzublicken, kann dir gewiss nicht gerade in die Augen schauen.

Sein dämonisches Betragen, sein diabolischer Blick erwiesen sich bei Tage besehen als billiger Theatereffekt.

Der früher mit lüsternen Blicken Weiberröcke lüpfte, schleicht heute gesenkten Blicks an den alten Zechkumpanen vorbei.

Seine Blicke sprühten vor Witz.

In starrer Haltung, das Haupt leicht zurückgebogen, saß er stumm auf dem Sessel, und seine Blicke schienen undurchdringlich, als gälten sie einem fernen, unbekannten Gotte, der nur ihm sich offenbarte, einzig seiner ebenbürtig.

Als Rebell der Jugendzeit flatterten seine Blicke hurtig auf wie Vögel, von jedem Hauch, von jedem Beben der Luft aufgescheucht – heute siehst du ihn, ärmlich und verwahrlost, auf abgelegenen Bänken des Parks sitzen, seine Augen sind erloschen, seine Blicke stumpf und leer.

Wie die großen Tier-Töter ihre Opfer mit starren Blicken bannen, zerfiel unter seinen bannenden Blicken ihm alles, alles Gebaute, alles Gewachsene, zu Staub.

Als würden seine Blicke lallen …

Apr 3 14

Charles Baudelaire, La Mort des Amants

Nous aurons des lits pleins d’odeurs légères,
Des divans profonds comme des tombeaux,
Et d’étranges fleurs sur des étagères,
Ecloses pour nous sous des cieux plus beaux.

Usant à l’envi leurs chaleurs dernières,
Nos deux coeurs seront deux vastes flambeaux,
Qui réfléchiront leurs doubles lumières
Dans nos deux esprits, ces miroirs jumeaux.

Un soir fait de rose et de bleu mystique,
Nous échangerons un éclair unique,
Comme un long sanglot, tout chargé d’adieux;

Et plus tard un Ange, entr’ouvrant les portes,
Viendra ranimer, fidèle et joyeux,
Les miroirs ternis et les flammes mortes.

 

Der Tod der Liebenden

Wir betten uns auf hellen Düfte-Wellen,
in der seligen Ruhe unsrer Schlafgemächer,
da stehen Blumen fremden Landes auf Gestellen,
die öffneten für uns in Paradiesen ihre Blüten-Fächer.

Die sich letzte Gluten wechselweise schenken,
unser beider Herzen eint ein Flammenstich,
die ihre Doppelleuchten wieder lenken
in diesen Zwillingsspiegel: Du-und-Ich.

Ein Abend, in dem Rot und Blau verwischen,
wird uns in einen einzigen Blitzstrahl mischen,
gleich einem langen Seufzen, abschiedstrunken;

später wird ein Engel durch die Pforte schlüpfen
und spendet wieder treulich uns den Lebensfunken:
Die trüben Spiegel glänzen, die toten Flammen hüpfen.

Apr 3 14

Augenmaß und Augenweide

Kleine deutsche Stilübungen III

Kaum war sie auf der Bildfläche erschienen, hatte er ein Auge auf sie geworfen.

Noch zu später Stunde, als die Wirkung des Alkohols unverkennbar war, verfolgte er sie unablässig in all dem Gewühl des turbulenten Festes mit den Augen.

Für die anderen war sie unscheinbar, er hatte sie im Auge.

Als sie ihn, hohlwangig und abgezehrt von der Kellerlochexistenz seiner zu nichts führenden Studien, bei der Hand nahm und in den blühenden, glühenden Garten des Lebens führte, gingen ihm angesichts all der Wunder die Augen über.

Er mochte ja zuvorkommend, bescheiden, gelehrig sein, indes für die entscheidenden Dinge des Lebens, das, was unter Menschen zwischen Erwartung und Erfüllung schwebt wie die Kugel auf der Fontäne, fehlte ihm das Augenmaß.

Ihr Verweis, ihr vorerst nicht mehr unter die Augen zu treten, traf ihn wie ein vergifteter Pfeil.

Er war so verstört, verblendet, in sich verbissen, dass er keine Augen hatte für die Schönheiten des Parks, in die sich harmonisch Kunstwerke hohen Ranges fügten.

Seine Augen blickten wie aus menschlich kaum mehr einholbaren unendlichen Fernen.

Dass er in ihrer Anwesenheit neuerdings leicht errötete, versetzte sie in Staunen, bis sie sich eingestehen musste, dass sie, ohne dessen noch recht innezuwerden, begonnen hatte, ihm schöne Augen zu machen.

Ein wildes Gewirre von Linien belästigt das Auge, bis es darin, erleichtert und entzückt, die versteckte Figur entdeckt.

Gern ließ er seine Augen auf den üppigen Hügeln ihrer Brüste weiden.

Damals hockten sie dicht bei dicht, da rauchten die Köpfe, da wurde zäh debattiert und wie geschmiert diskurriert – gleichviel, wie zwei Bälle, die, heftig aneinandergeprallt, in verschiedene Richtungen wegspringen, verloren sie sich, ohne Wehmut, ohne Bedauern, endlich aus den Augen.

Wie lässt sich der Mund mit leckeren Häppchen, mit etwas Süßem leicht zufriedenstellen, wie gern verweilt das Ohr beim Geplätscher des Brunnens, des Geschwätzes oder den schlichten Akkorden eines Lieds – wie schwer ist es, dem Auge einen Anblick, eine Gestalt, ein Bild zu entdecken, an dem es sich gehörig satt zu sehen vermöchte.

Das Auge ist unruhig von Natur, immer scheint es zu flackern wie ein unaufhörlichen Winden ausgesetztes Licht.

Woran nimmt das Auge Maß? Du musst dich bewegen, um jene Statue herumgehen, um die ganze Kraft und Macht ihres gedrungenen Ausdrucks zu verinnerlichen.

Um deine Augen auf Reisen zu schicken, musst du keine Fahrkarte lösen.

All das Gerede, all das Theoretisieren und Bramarbasieren, war mit einem Schlag verflogen – als wärest du aus einem stickigen, verräucherten Lokal voller lärmender Gäste ins Freie unter den offenen Himmel getreten – dorthin, wo der Stein ein Stein und der Mond der Mond ist – so konntest du deinen Augen wieder trauen.

Was trieb sie, vor der herannahenden Gefahr das Auge zu verschließen?

Trotz seiner scharfen Augen, seines analytischen Scharfblicks, war er blind für die zunehmenden Verwerfungen des Geländes, auf dem sie sich scheinbar ungehindert bewegten.

Manche schließen träumerisch oder genussvoll die Augen, um auf den Wogen der Melodie zu gleiten. – Dass sich einer die Ohren zugehalten hätte, um den Tintoretto in den Uffizien besser betrachten zu können, scheint noch nicht aktenkundig.

Wie findet das Auge sein Maß? Es ist beständig darauf bedacht, den Ausgleich zu finden zwischen oben und unten, links und rechts, zwischen Himmel und Erde, der Vertikalen und der Horizontalen, aber auch von vorn und hinten, Vordergrund und Hintergrund. Wie bei den Zeigern der Uhr ist die hohe Zeit des Ausgleichs nur zu erwarten, wenn sie einträchtig sich überlappen oder sich ergänzend eine gerade Linie bilden. Der Rest ist Rechnen mit dem Schrägen, Fälligen, Unerfüllten.

Wir sind hier auf dem Sonnenplaneten und nähren unsere Augen mit den Strahlen des Zentralgestirns. Mit dem Wachsen und Abnehmen der Schatten lernt das Auge die Zeit zu messen, die Zeit zu zählen. Im Wechsel von Tag und Nacht, Wachen und Schlafen, Arbeiten und Träumen findet das Auge ein Maß für Übersicht und Chaos, Sicherheit und Gefahr, Vertrautheit und Fremdheit, Liebe und Vernichtung.

Wer Sorgfalt walten lässt, der kluge Mensch, hat ein Auge auf den Dingen, den Tieren, den Menschen, die ihm anvertraut sind – selbst im Schlaf. Hat er nicht seine Wächter, seine Hunde, seine Überwachungssensoren?

Du kannst sehen, wie dich fremde Augen wahrnehmen, mustern, streifen – deine eigenen Augen und ihren Ausdruck siehst du gewöhnlich nicht. Und wenn du in den Spiegel blickst, kannst du deine Augen nicht sehen, wie andere sie sehen – und den Ausdruck deiner Augen bemerkst du nicht. Können den Ausdruck deiner Augen, das Sprachspiel deiner Augen, nicht auch nur wieder die anderen verstehen?

Weil uns Augenfälliges und Augenscheinliches mehr überzeugen als Ohrenfälliges und Ohrentönliches, trauen wir dem Augenzeugen mehr als dem Ohrenzeugen.

Obwohl sie ihm nicht einmal an die Schulter reichte, blieb sie während der ganzen Zeit ihres Zusammenlebens auf Augenhöhe mit ihm.

Misstrauisch und ängstlich von Natur, konnte er sich bei ihrer telefonischen Zusage, mit Gewissheit das Gartenhäuschen abgeschlossen und verriegelt zu haben, nicht beruhigen, sondern ging den beschwerlichen Weg in die Gartenanlage, um sich mit eigenen Augen vom Augenschein zu überzeugen.

Allein kann dich dein Auge immer aufs Neue betrügen – deshalb erfolgt eine sichere Überprüfung der Korrektheit von Akten und wichtigen Papieren nach dem Vier-Augen-Prinzip.

Unter vier Augen – das heißt: Es kann peinlich werden, du kannst dich blamieren, in Verlegenheit geraten, dein Gesicht verlieren.

Unter aller Augen – das heißt: Du kannst dich spreizen und brüsten, mit deinen speziellen akrobatischen und artistischen Nummern glänzen, spielend leicht die Masken wechseln. Den Schlussapplaus nimmst du in deine Einsamkeit mit.

Wenn du sie nur mit dem Mund, nicht auch mit dem Herzen geküsst hast, springt sie dir bald wie ein Gespenst am hellichten Tag ins Auge.

Wenn er ihr unversehens auf der Straße begegnete, schlug er verlegen die Augen nieder.

Nach ihrem Treubruch konnte sie ihm nicht mehr gerade in die Augen schauen.

Sie hatte ihn solchermaßen behext, dass er offenen Auges in sein Unglück rannte.

Mit dem Auge vermagst du zu sprechen. Freude und Verlegenheit, Unbefangenheit und Scham, Entzücken und Trauer, Übermut und Scheu und manches andere legst du in den Ausdruck der Augen, gibst du mit den Augen zu verstehen. – Mit den Ohren kannst du höchstens wackeln, wenn du es kannst – und das bedeutet gar nichts. Da können dein Mund und deine Lippen schon mehr: schmollen, sich kess und satirisch spitzen, sich hochmütig schürzen, einen verbissenen Eindruck machen, indigniert herabhängen – indes, mit dem Ausdruckstanz der Augen können sie nicht mithalten.

Nach der Unterredung mit dem Freund schien es ihm zunächst, als habe er ihm die Augen über ihr wahres Wesen geöffnet – oder waren es üble Insinuationen, von Eigennutz, Neid und Eifersucht angefacht?

Das Auge verrichtet seinen höchsten Dienst am Leben als Polizist, Detektiv und Spion der Aufmerksamkeit – deshalb behalten wir die Sache im Auge, deshalb fassen wir die Tatsachen ins Auge und deshalb haben wir ein Auge auf all das, dem unser Lebensinteresse gilt, alles, was uns am ehesten förderlich, am meisten gefährlich zu sein scheint.

Apr 3 14

Lippenbekenntnisse

Kleine deutsche Stilübungen II

Obwohl sie ihn beschwor und behutsam in ihn drang, endlich mit der Wahrheit herauszurücken, kam ihm kein Wort über die Lippen.

Lieber biss sie sich auf die Lippen, als dass sie ihm das Lob gezollt hätte, das ihm auch in ihren Augen gebührte.

Lieber biss er sich auf die Lippen, statt sie in ihrer misslichen Lage noch mit Vorwürfen zu behelligen, die sie in seinen Augen durchaus verdient hatte.

Er hatte nicht den Schneid, zu seinen Taten zu stehen – all seine Treueschwüre befand sie für nichts als Lippenbekenntnisse.

Als es ans Eingemachte ging, riskierte er eine dicke Lippe.

Nachdem sie seine Falschheit durchschaut hatte, kräuselten sich ihre Lippen vor Widerwillen, dann verstummte sie ganz.

Er beschwor, er flehte sie an, ihm die Wahrheit nicht länger vorzuenthalten – sie aber zuckte bloß mit den Lippen.

Ihre Stirn legte sich in Falten, ihre Augenbrauen hoben sich, ihr Blick erstarrte – nur ihre weichen Lippen kündeten noch von der einstigen Ergebenheit ihrer Liebe.

Sie fühlte am jagenden Puls an seiner Hand, wie es um ihn stand – ein Schatten legte sich um ihre Augen, ihre Lippen erblassten.

Seine Zuneigung hatte ihn hellsichtig gemacht – er las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab.

Weil er einmal im entscheidenden Augenblick zu seinem Wort nicht gestanden hatte, tat man hinfort all seine beflissenen Zusagen, all seine hochgemuten Versicherungen als schieren Lippendienst ab.

Sie blieb ruhig vor ihm stehen und umfasste seine ganze Gestalt mit gütigen Blicken, ihr Mund war leicht geöffnet – das ersehnte Wort indes brachte er nicht über die Lippen.

Als sie ihn sachte bei der Hand nahm, stutzte er und wurde verlegen – alles, was ihm noch über die Lippen kam, war kaltschnäuzig oder gestelzt, ohne allen Anhauch des heißen Herzens jener frühen Tage.

Seine Lippen, einst von Küssen genährt, von Zärtlichkeiten triefend, glichen, schrundig und runzlig, einer angebissenen und weggeworfenen, vertrockneten Frucht.

Kaum lag sie in seinen Armen, schienen ihre Lippen sich mit Blut zu füllen, im Dämmerschein des Zimmers nahmen sie verschwenderisch vom Leuchten der Augen und wölbten sich sanft über einen Sturzbach herzigen Geplappers.

Apr 2 14

Mundgerecht

Kleine deutsche Stilübungen I

Gestern bin ich dir über den Mund gefahren.

Heute verbietest du mir den Mund.

Gestern warst du auf den Mund gefallen.

Als ich dir zu nahe trat, hast du einen Schmollmund gemacht.

Um mir die Hintergründe des Geschehens darzulegen, hast du dir den Mund fusselig geredet.

Sie hat ihm mit seinen eigenen Phrasen und dummen Redensarten den Mund gestopft.

Weil sie indezent auf ihn einredete, hat er den Mund verzogen.

Man musste ihm den Sachverhalt scheibchenweise mundgerecht servieren.

Zum Abschied streckte sie ihm, halb verlegen, halb kokett, einen Kussmund entgegen.

Als es um seine Ambitionen ging, hat er den Mund mal wieder recht voll genommen.

Obwohl er die passende Retourkutsche auf der Zunge hatte, verkniff er den Mund und biss sich auf die Lippen.

Obwohl er längst die Volljährigkeit erlangt hatte, schien er mir bei weitem noch nicht mündig.

Als er sie zu umgarnen suchte, erwies er sich ausnahmsweise einmal nicht als mundfaul.

Er hing ihr sklavisch an den Lippen, als wäre er ihr Mündel.

Die geldwerten Papiere, die ich dir aushändigte, sind mündelsicher.

Er lauschte ganz verblüfft und spitzte den Mund.

Seine Augen schienen wie erloschen, nur sein Mund blühte von morbider Sinnlichkeit.

Weil er den Mund nicht halten und die Zunge nicht im Zaum halten konnte, hat er das Rendezvous vermasselt.

Das Gerücht über sein Fehlbetragen ging alsbald von Mund zu Mund.

Ihre Vorhaltungen mundeten ihm nicht.

Seine Gier war größer als sein Mund.

Sein Mundwinkel zuckte, als sie ihm unversehens über den Weg lief.

Mit verkniffenem Mund schritt er unverrichteter Dinge von dannen.

Ohne noch ein Wort zu sagen, gab das leichte Beben ihres Mundes ihr Geheimnis preis.

Ohne noch ein Wort zu sagen, war das Zucken ihres Mundes beredt genug.

In einem Anflug von Scham hielt er sich die Hand vor den Mund.

Als sei ihm ein ungehöriges Wort entschlüpft, hielt er sich die Hand vor den Mund.

Wie von einem quälenden Rätsel heimgesucht, griff er sich tastend an den Mund.

Um sie zur Verschwiegenheit zu verpflichten, legte er den Zeigefinger vor den Mund.

Verdrossen zog er eine Schnute.

Der Unteroffizier herrschte die Truppe an: „Schnauze!“

Um den Untergebenen zu bestialisieren, schrie der Aufseher: „Schnauze!“, „Fresse“ oder „Gosche halten!“

Als er penetrant auf ihren Schwächen und Animositäten herumritt, hat er sich gehörig den Mund verbrannt.

Vergeblich hat er ihr, um sie für sich einzunehmen, Honig um den Mund geschmiert.

Mit all ihrem zweideutigen und süffisanten Gerede hat sie ihn mundtot gemacht.

Apr 2 14

Charle Baudelaire, Le Coucher du Soleil Romantique

Que le soleil est beau quand tout frais il se lève,
Comme une explosion nous lançant son bonjour!
— Bienheureux celui-là qui peut avec amour
Saluer son coucher plus glorieux qu’un rêve!

Je me souviens!… J’ai vu tout, fleur, source, sillon,
Se pâmer sous son oeil comme un coeur qui palpite…
— Courons vers l’horizon, il est tard, courons vite,
Pour attraper au moins un oblique rayon!

Mais je poursuis en vain le Dieu qui se retire;
L’irrésistible Nuit établit son empire,
Noire, humide, funeste et pleine de frissons;

Une odeur de tombeau dans les ténèbres nage,
Et mon pied peureux froisse, au bord du marécage,
Des crapauds imprévus et de froids limaçons.


Der Untergang der romantischen Sonne

Wie ist die Sonne schön, wenn sie den Zenit erklimmt,
wie sie uns die Nase kitzelt mit ihrem „Guten Tag!“.
– Glücklich, wer des Abends noch ein wenig lieben mag
und ihr nachwinkt, bis sie in den Traum verschwimmt.

Ich denke gern ihr nach … Ich sah, wie alles, Blume, Quelle, Tal,
unter ihren Blicken wie an Pulsens Wogen schwillt …
– Laufen wir zum Horizont, schnell, da uns die Stunde gilt,
gesegnet noch einmal von ihrem letzten Strahl!

Ich schau mich nach dem Gott, der sich entzieht, vergebens um;
schon befestigt die Nacht, unerbittlich, ihr Imperium,
schwarz, feucht, fatal und voller Mummenschanz;

Fäulnisdünste sich auf die dunkle Erde legen,
und mein banger Fuß zerquetscht auf sumpfigen Wegen
blindlings manche Kröte, mancher Schnecke Schwanz.

Apr 1 14

Charles Baudelaire, La Fin de la Journée

Sous une lumière blafarde
Court, danse et se tord sans raison
La Vie, impudente et criarde.
Aussi, sitôt qu’à l’horizon

La nuit voluptueuse monte,
Apaisant tout, même la faim,
Effaçant tout, même la honte,
Le Poète se dit: «Enfin!

Mon esprit, comme mes vertèbres,
Invoque ardemment le repos;
Le coeur plein de songes funèbres,

Je vais me coucher sur le dos
Et me rouler dans vos rideaux,
Ô rafraîchissantes ténèbres!»

 

Licht aus!

Unter einem fahlen Glimmer
watschelt, walzt und wetzt das Leben
ohne Sinn, schamlos-keifend immer.
Wenn sich der Wonne Schatten heben

aus dem Schoß der Nacht gemach,
die alles stillt, selbst die Gier,
die alles hüllt, selbst die Schmach,
ruft der dichterische Mensch: „Zu mir,

o komm, schenk Hirn und Knochen,
wonach sie brennen, Frieden:
Ich hör mein Herz, die Totenglocke, pochen,

meinem Kreuz sei schwarzer Samt beschieden,
will mich keusch in Grabeslinnen hüllen,
meinen Durst am Totenflusse stillen!“

 

Apr 1 14

Charles Baudelaire, L`Albatros

Souvent, pour s’amuser, les hommes d’équipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.

A peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de l’azur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons traîner à coté d’eux.

Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid!
L’un agace son bec avec un brûle-gueule,
L’autre mime, en boitant, l’infirme qui volait!

Le Poête est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de l’archer;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant l’empêchent de marcher.


Der Albatros

Von der Crew sich rohe Jungs oft greifen
Albatrosse, die gefiederte Majestät der Meere,
erhabene Begleiter, die träge um die Schiffe streifen,
wenn unter ihnen schäumt die Bitternis der Leere.

Sind sie einmal auf den Planken aufgewacht,
lassen die im Himmel thronten welch ein Grauen
linkisch ihrer Flügel große weiße Pracht
wie Ruder auf dem Boden schleifen – kläglich anzuschauen.

Wie ist, der hoch geflogen, lahm jetzt, ohne Lebensmut!
eben strahlend ein Held, jetzt Schmierenkomödiant!
Der neckt den Schnabel ihm mit seiner Pfeife Glut,
der hinkt dem Krüppel nach, der keinen Schwung mehr fand!

Der Dichter gleicht dem Fürsten auf dem Wolkenthron,
dem Geist des Wetters, dem die Blitze segnend fallen;
verbannt ans Erdreich unter Spott und Hohn,
hemmen eines Riesen Flügel ihm das Erden-Wallen.

Apr 1 14

Die Kellerassel

Die Wände schwitzen Langeweile
unter Ruß und Grind.

Grünspan – nächtiger Aussatz.

Es gluckst die Luft.
Der Lebensodem scheint verbraucht.

Aus den Astlöchern des Gebälks
tropft Überdruss.

Auf geölten Bohlen,
die bisweilen unflätig ächzen,
fahles Phosphorgleißen,
Schimmel wurmstichiger Früchte atmend.

Im Winkel hockt die hochbeinig-elegante Töterin
und tastet nach jedem Zittern im Gewebe
ihres fatalen Kunstgebildes.

In den feuchten Sägespänen brütet
larvenkuschlig Wärme
krabblige Arthropoden aus.

Vierzehn Beinchen strampeln
für zweier Jahre Ewigkeit
sich durchs abriebpralle Leben.

Das Muttertier, bauchig von Frucht,
schwimmt im zartgeschwungnen Panzer,
lauscht mit dem Doppelfühler in die Kellerwelt:

Durch das Fensterloch bohrt sich –
ein goldner Dolch ins Herz der Reue –
ein Strahl und wirbelt Staub
und wirbelt tote Flocken auf
mit leeren Versprechungen
von Reanimation, von Resurrektion

in eines Edens Jenseits-Frühling
an singenden Bächen,
in Genesung fächelndem Laub,
im runderneuerten Inkarnat,
schimmernd unter sonnenblondem Haar,
im Götzenfleisch der Renaissance,
nicht mehr gezeugt zwischen Kot und Urin,
sondern Botticellis Primavera
stracks entstiegen. –

Die Assel, wider alles Sehnsuchtsgift immun,
ist blind-gesund,
betastet ihre frische Brut
mit den Wollustfühlern.

Mrz 31 14

Charles Baudelaire, Le Guignon

Pour soulever un poids si lourd,
Sisyphe, il faudrait ton courage!
Bien qu’on ait du coeur à l’ouvrage,
L’Art est long et le Temps est court.

Loin des sépultures célèbres,
Vers un cimetière isolé,
Mon coeur, comme un tambour voilé,
Va battant des marches funèbres.

Maint joyau dort enseveli
Dans les ténèbres et l’oubli,
Bien loin des pioches et des sondes;

Mainte fleur épanche à regret
Son parfum doux comme un secret
Dans les solitudes profondes.


Pech gehabt!

Hochzuhalten solches schwere Scheit
brauchte, Sisyphus, es deinen Mut!
Pocht auch das Herz von Schaffensglut,
die Kunst ist lang, kurz ist die Zeit.

Nicht wo die großen Namen lagen –
zum Armenanger schreitet bang,
einer Trommel dumpf erstickter Klang,
mein Herz gehüllt in Trauerklagen.

Manch Kleinod glimmt im Sand,
ganz verdunkelt und verkannt,
von keiner Hacke, keiner Sonde angefacht.

Manch eine Blume widersinnig
ruft mit dem Duft geheimnisinnig
in eine seelenlose Nacht.

Mrz 30 14

Monumentum aere perennius

Es braucht nicht eitle Licht-Girlanden,
wenn ich mal liege auf der Bahr.
Einer Hortensie Leuchten sei vorhanden
unter Musenfreunden kleinster Schar.

Kein Weihrauch edler Lügen
ersticke die Totenmahl-Idylle.
Ein ums andre Verslein mag vergnügen –
Kuchenschlachtung sei mein letzter Wille.

Meine Asche streu man singend nieder
in eines Wäldchens namenlosen Hain.
So kehre dichterisch ich wieder
in mancher Blüten süßem Schein.

Mrz 28 14

Träumerisches Liebespochen

Es nagt an meinem Traum
eine Ratte wundersam.
Und mein Herz berührt es kaum,
ich bin der Wühlerin nicht gram.

Es schilpt in meinen Schlaf
ein Wasserhühnchen sanft.
Und meine Seele streckt sich brav
auf eines Teppichs Wiesenranft.

An meine Schläfe pocht
ein liebestrunkner Specht.
Wer so für Liebe focht,
dem gibt mein Träumen recht.

Mrz 28 14

Philosophische Fragen und Antworten V

Wenn die Entwicklung des Menschen als natürlicher Spezies durch die darwinistischen Erklärungsprinzipien von Mutation und Selektion erklärt werden kann, der Mensch aber das sprachliche Lebewesen par excellence ist, kann dann nicht auch die Entwicklung der Sprache als Produkt der natürlichen Evolution erklärt werden?

Nein. Die Sprache kann nicht wie etwa die Entwicklung von Organen und Organsystemen von Flügeln, Armen, Krallen, Schnäbeln, Augen oder Gehirnen auf der Grundlage der darwinistischen Prinzipien von Mutation und Selektion erklärt werden. Die Selektion greift immer an zufälligen Mutanten an und diese sind zufällige individuelle Vorkommnissen an individuellen Organismen. So mag eine Genmutation das Längenwachstum von rudimentären Flügeln oder Armen oder Beinen oder Hälsen begünstigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass das im Sinne des Überlebensvorteils begünstigte Individuum hinfort seine Gene weitergibt, ist größer als die Wahrscheinlichkeit der Vermehrung der  weniger begünstigten Individuen. Die Sprache ist ein auf konventionellen Regeln beruhendes kollektives System der Kommunikation zwischen Individuen: Sie kann sich demzufolge nicht als Mutation an einem solcherart bevorteilten Individuum durchsetzen.

Die Sprache setzt sich gleichsam wie die Existenz des Lebens selbst voraus: Konventionen bei der Verwendung von Zeichen festzulegen ist ein Vorgang innerhalb der Sprache. Weil Sprache demzufolge nicht nur die syntaktische Reihung von Zeichen, sondern auch die mehr oder weniger vage, provisorische oder exakte Festlegung der Bedeutung von Zeichen voraussetzt, ist sie nicht mit tierischen Signalsystemen vergleichbar, die freilich auf der Basis darwinistischer Evolution erklärbar sind.

Kein Einzelorganismus könnte sich des Privilegs, sprechen zu können, erfreuen: Sprechen setzt eine Gemeinschaft der Sprechenden und also Sprachbegabten voraus. Mehr noch: Sprechen heißt Überzeugungen zu haben und sie mitzuteilen. Überzeugungen aber kannst nicht du als einzelnes Individuum haben und mitteilen. Überzeugungen zu haben ist nicht dasselbe wie natürliche oder künstliche Objekte mit den Sinnesorganen wahrzunehmen. Überzeugungen zu haben ist überhaupt keine Form der Wahrnehmung, sondern der Identifikation und prädikativen Bestimmung intentionaler Objekte. Was für die Sprache im Allgemeinen, gilt für Überzeugungen und intentionale Gegenstände im Besonderen: Sie sind Momente eines logisch-semantischen Raums von gemeinschaftlich aufeinander abgestimmter Meinungen. Falls du der Meinung bist, dass dort ein Einhorn stehe, musst du unterstellen, dass es andere gibt, die deine Meinung teilen – oder auch bestreiten können.

Weil die semantische Einheit der Sprache der Satz ist und Sätze bilden gleichzeitig und gleichsinnig damit ist, eine Überzeugung oder eine Annahme oder eine Meinung zu bilden, bist du mit der Sprache gleichsam auf einen Schlag in das logische Universum des Wahren und Falschen versetzt worden. Das Wahre ist keinesfalls das Wahrgenommene: Dieses gehört allerdings in den Erklärungshorizont, der von den darwinistischen Prinzipien der Erklärung von natürlicher Entwicklung ausgeschöpft wird. Das Wahre ist nicht das Wahrgenommene heißt: Du bist mit der Sprache frei oder die schöpferische Macht der Sprache zeigt sich darin, auch das Nicht-Wahre zum intentionalen Gegenstand deines Meinens machen zu können. So kannst du annehmen, es gebe Einhörner oder der Erdtrabant, den du jetzt siehst, sei nicht der Mond, sondern der andere namens Selene. Auch hier gilt: Falls du der Meinung bist, dass dort ein Einhorn stehe oder dort der Erdtrabant namens Selene aufgegangen sei, musst du unterstellen, dass es andere gibt, die deine Meinung teilen – oder auch bestreiten können.

Das Leben selbst kann nicht durch die darwinistischen Methoden der Erklärung von natürlicher Evolution erklärt werden: Die evolutiven Mechanismen von Mutation und Selektion greifen am existierenden lebenden Organismus an – sie setzen seine Existenz voraus. Diese Logik gilt mutatis mutandis auch für die Existenz der Sprache als syntaktisch-semantischen Systems der Konstruktion von Überzeugungen und der Äußerung von diversen Sprechhandlungen.

Die Sprache ist keine emergente Eigenschaft der Hirnentwicklung zu größerer intellektueller Kapazität. Die Entwicklung intelligenter Wahrnehmungs- und Orientierungssysteme kann nicht, wie allenthalben unterstellt, den Unterschied zwischen Mensch und Tier markieren: Tiere haben Wahrnehmungs- und Orientierungssysteme mit subtileren und feinkörnigeren Rastern als die menschlichen Wahrnehmungs- und Orientierungssysteme entwickelt. Die natürliche Evolution intelligenter Systeme verläuft ganz den darwinistischen Erklärungsprinzipien gemäß in Graden und quantitativen Abstufungen. Die Sprache aber ist keine neue Form der Intelligenz, sondern ein qualitativ neues System des Verstehens von Bedeutungen und des Teilens von Überzeugungen.

Die Wissenschaft und also auch die Evolutionsbiologie ist eine methodisch und erfahrungsmäßig kontrollierte Aktivität des Erwerbs von Wissen, die sich als menschliches Handlungssystem neben vielen anderen Handlungssystemen innerhalb des logisch-semantischen Raums oder Felds von Sprache und Bewusstsein abspielt und das begriffliche Netz von Überzeugungen mit seinen Knotenpunkten elementarer oder primitiver Wesensbegriffe wie Bedeutung, Intentionalität, Person, Identität, logischer Folgerungsbeziehung und von manchen anderen voraussetzt. Die Wissenschaft kann nicht erklären, was sie voraussetzt oder impliziert. Deshalb kann auch die Evolutionsbiologie nicht erklären, was sie voraussetzt und impliziert: zum Beispiel die Sprache.

Mrz 28 14

Das Taggespenst

Mein Gespenst geruht am lichten Morgen
an meinem Bett zu kauern.
Wie rosig schautʼs unter der Sonne meiner Sorgen,
mich macht sein feistes Grinsen schauern.

Mein Daseinsschatten, allen andern unsichtbar,
ist mein verkehrtes Spiegelbild.
Und an ihm werde ich gewahr,
ihm ist nichtig, was mir als wichtig gilt.

Am Küchentisch sitzt eine Wasserblase,
transparent und doch mit meinen Zügen,
pellt ein unsichtbares Ei, riecht an der Vase –
will mit stummem Niesen mich betrügen.

Alles, was ich sage, wirft es aus der Bahn
und setztʼs in Anführungszeichen.
Alles, was ich sage, wird als unernst abgetan
oder als geklaut von meinesgleichen.

So wandelt mir sein seelenblinder Blick
die wahren Flammenzungen
an Blumen meines Parks ins falsche Glück
eisblütiger Erinnerungen.

Wenn ich mit Menschen bin, stehtʼs hinter ihnen
und äfft sie nach mit Schmierengesten.
Wenn mir einmal zwei Augen mild zu lächeln schienen,
entblößt es Schwären und Gebresten.

Mein Gespenst geruht auf dem Sims der Nacht
über meinem Bett zu kauern.
Wie bleich schautʼs unterm Monde meiner Ohnmacht –
möcht mich zu guter Letzt es dauern?

Mrz 27 14

Der ungebetene Gast

War es Fiepen, war es Schnurren
aus verliebtem Balg –
warʼs ein turteltuntig Gurren,
einer Fistel dünner Talg?

Ich blinzelte in sommergrünen Glast,
mich leckte Morgenluft.
An lichtentzücktem Faden hing der Gast,
von goldnem Flaum beschuppt.

Das dreht sich taumelnd, ein Kokon, im Wind
und trieft von blauer Milch –
istʼs einer Trollin grünbekralltes Kind
oder ein ausgebüxter Knilch?

Ich zieh das Plumeau über beide Ohren,
verhalte sehnsuchtsbang
den Atem – lausche: Hat die Stille mir geboren
meiner toten Lieben Sang?

Und es tönt herauf wie letzten Ganges Schnarren,
einer Raupe Schmatzens-Panik.
Eine aufgezogne Puppe schüttelt es im Knarren
ausgeleierter Mechanik.

Mrz 25 14

Das böse Gerstenkorn

Du magst dem Herzensliebchen
sehr nahe sein und bleiben
und wie ein freches Hündchen
an ihrem Leib dich reiben.

Du magst dich fett erlaben
an ihrer Tränen Bitternis
und fühlst dich körniglich erhaben
in deiner Bosheit Finsternis.

Um Liebesdichters Zaubermacht,
du böses Gerstenkorn,
weißt du nicht? Dann gib jetzt acht
und spüre Liebeszorn:

„Wese fort und wese hin,
Körnchen ward aus Korn.
Und das Körnchen schmilzt dahin.

Wer aus Tränen nährt sein Glück,
ist dem Aug ein Dorn.
Talg bist du, zu Talg kehrst du zurück!“

Mrz 25 14

Das Lebenslicht

Manchmal betetʼs inniglich.
Und die Welt ist still.

Manchmal zittertʼs bängelich.
Und die Katz faucht schrill.

Manchmal sprüht es liebestoll.
Möcht mit Würmchen schwärmen.

Manchmal glüht es liebevoll.
Möchte Händchen wärmen.

Einmal seufztʼs wie unerlöst
in das graue Zimmer.

Der hier das Leben hat verdöst –
ihm gilt sein letzter Schimmer.

Mrz 24 14

Altern

Altern ist ein Träumen
unter kahlen Bäumen.

Ist Wörter auf der Zunge wiegen,
bevor sie in das Dunkel fliegen.

Altern ist ein Schweben
über Purpur-Reben.

Ist wünscheloses Geben,
ein trunknes Blatt ans Ufer heben.

Altern ist ein Träumen,
Gruß wie Kuss versäumen.

Ist dunkle Schuld abtragen
in blüteleeren Tagen.

Ist Eigen-Sinn entstellen,
am letzten Du zerschellen.

Altern ist ein Träumen
unter kahlen Bäumen.

Mrz 24 14

Philosophische Fragen und Antworten IV

Warum ist das Ich, das Selbst oder Selbstbewusstsein keine Illusion? Was spricht dagegen, dass es eine bloße Fiktion oder Illusion sein könnte?

Illusionen sind beispielsweise Sinnestäuschungen: Du siehst aufgrund der unterschiedlichen Dichtegrade von Wasser und Luft den geraden Strohhalm so im Glas stecken, als wäre er geknickt. Fiktionen sind erdichtete Entitäten wie das Einhorn, denen wir Faktizität absprechen. Illusionen und Fiktionen sind wie alle Vorstellungen und Ideen mentale Inhalte, die derjenige hat, der sie eben hat – du oder ich. Weil Illusionen oder Fiktionen stets jemandes Illusionen oder Fiktionen sind, kann die Existenz desjenigen, der die Sinnestäuschung des geknickten Strohhalms hat oder die Fiktion des im Mythenland grasenden Einhorns für bare Münze nimmt, nicht selbst illusorisch oder fiktiv sein.

Wenn du in einer Welt lebtest, in der alles, was du erlebst, einschließlich der Wahrnehmung deiner eigenen Erlebnisse und dessen, der sie erlebt, Illusionen wären, wie wäre dann ein Unterschied zu dieser unserer Welt auszumachen, in der wir davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall ist, indem wir den Inhalt unserer Erlebnisse, einschließlich unserer Selbst-Wahrnehmung, als intentionale Gegenstände von Behauptungen ansehen, die wahr oder falsch sein können? Wenn du deinen Sätzen den intentionalen Charakter benimmst, fällt der Unterschied zwischen dem Gegenstand, auf den du deine Aussage beziehst, und der Wahrnehmung des Gegenstandes weg. Dann aber musst du konsequent den Weg ins Absurde weitergehen und mit der Einsicht klarkommen, dass, wenn alle Erlebnisse auf Illusionen beruhen und keines einen wirklichen Gegenstand betrifft, der Unterschied zwischen Illusion und Nicht-Illusion seinerseits zusammenbricht. Wo bist du da hingeraten?

Wenn alles durch die illusorische Brille eines illusorischen Ich angesehen würde, machte das nicht den geringsten Unterschied, alles bliebe so, wie es ist. Vergleiche diesen Fall mit der sprachskeptischen Annahme, die wirkliche Bedeutung unserer Wörter und Sätze bleibe uns verborgen, sei opak, es könne sein, dass alle Wörter eine andere Bedeutung haben als die, von der wir annehmen, dass sie sie haben. Na und, möchte man sagen, wen scherte es: Das machte keinen Unterschied, wir könnten die sprachliche Verständigung problemlos aufrechterhalten. Kurz und gut: Behauptungen, die zu den bestehenden als wahr anerkannten Aussagen hinzutreten, aber keine inferenziellen Verbindungen (logische Folgerungsbeziehungen) zu dem Korpus der bestehenden Aussagen unterhalten, können wir getrost wieder streichen.

Ein von niemandem empfundener Schmerz tut nicht weh.

Es gibt keine Schmerzen an sich. Schmerzen können nicht wie Wolken oder Treibgut gleichsam eigentumslos an uns vorüberziehen. Schmerzen haben eine interne oder notwendige Verbindung zu der Person, die sie empfindet. Dies gilt für alle Empfindungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Wünsche, Absichten und Überzeugungen – also offensichtlich für alle mentalen Vorkommnisse, die einen intentionalen Gegenstand haben. Neuronale Netze und Maschinen, die sie simulieren, haben keine intentionalen Gegenstände, sie können die in ihnen ablaufenden Prozesse nicht verbalisieren und in Sätzen ausdrücken, die sie als Behauptungen mit dem Vorsatz „Ich glaube, ich meine, ich denke, dass p“ versehen. Sollte eine Maschine so programmiert sein, dass sie einen Bericht über ihre momentanen Prozess-Zustände ausgeben kann, werden diese nur den Teil p der vollständigen personenbezogenen Äußerung „Ich glaube, meine, denke, dass p“ enthalten, denn es gibt keine interne Relation zwischen einem maschinellen Ablauf und einem seiner selbst bewussten Zentrum einer Maschine.

Wir leben in einer Welt, in der unsere Erlebnisse in interner Relation zu denjenigen sich befinden, die diese Erlebnisse haben, zu uns. Ein Erlebnis, das nicht gleichsam auf einen Ich-Pol hin gravitiert, ist kein Erlebnis, sondern ein neutrales Geschehnis wie das Fallen des Apfels vom Baum, unter dem einst Newton saß. Wir können Sätze über Erlebnisse nicht umformen in Sätze über Geschehnisse und etwa sagen: Wie dort das Fallen eines Apfels vom Baum stattfindet, so hier das Schmerzen eines etwas.

Wenn du vorgibst, an deiner Existenz zu zweifeln, kannst du dir selbst als demjenigen, der zweifelt, nicht entkommen.

Wer vorgibt, an der Existenz des Ich radikal zu zweifeln, indes bei Tisch nicht sagt „Bitte, gib niemandem das Wasser!“, zweifelt nicht wirklich oder stellt durch die Praxis unter Beweis, dass radikale Zweifel dieser Art in Unsinn und Paradoxien münden.

Wenn du DEINE Überzeugung, dass alle ichbezogenen Überzeugungen (und es gibt keine anderen) und demnach auch die Überzeugung von der Existenz deines Ich falsch sind, muss auch die Überzeugung, dass alle ich-bezogenen Überzeugungen und die Überzeugung von der Nicht-Existenz des Ich falsch sein. Also ist das Gegenteil wahr, einschließlich der Überzeugung von der Existenz des Ich.

Du könntest sagen: „Das Leben ist ein Traum.“ Dann wäre auch diese Äußerung ein Teil deines Traums. Würdest du von jemandem – aber von wem? – gefragt, welchen Sinn der Satz „Das Leben ist ein Traum“ in deinem Traum habe, wüsstest du nichts weiter zu sagen, denn auch die Bedeutung dieses Satzes wäre eine erträumte Bedeutung. Der vollständig analysierte Satz aber hat die logische Form: Es gibt etwas, so dass dieses etwas die Eigenschaften hat, Inhalt eines Traumes zu sein. Trauminhalte indes definieren wir dergestalt, dass wir ihnen eo ipso die reale Existenz absprechen. Wir stoßen auf einen logischen Widerspruch, der den Satz als sinnlos erweist.

Wären die Sätze „Ich träume mein Leben“ und „Auch ich, der mein Leben träumt, bin ein Teil dieses Traumes“ wahr, implizierten sie, dass alle von dem Traum-Ich geäußerten Sätze wahr wären, denn wie könnte ein in einem Traum geäußerter Satz falsifiziert werden. Somit würde der Unterschied zwischen wahren und falschen Behauptungen hinfällig. Alle in diesem Kontext geäußerten Sätze würden sinnlos und also auch die Sätze „Ich träume mein Leben“ und „Auch ich, der mein Leben träumt, bin ein Teil dieses Traumes“.

Auch Folgendes bewegt sich auf dieser gedanklichen Linie: Wenn du behauptest: „Ich träume mein Leben“ und „Auch ich, der mein Leben träumt, bin ein Teil dieses Traumes“, wer könnte kommen und dir entgegenhalten: „Das Leben ist kein Traum“? Wenn die Möglichkeit der Negation eines Satzes a priori ausgeschlossen ist, ist auch die Position dieses Satzes zunichte, denn ein Unterschied zwischen wahren und falschen Sätzen könnte in absentia negationis nicht mehr ausgemacht werden. Sätze, die nicht verneint werden können, sind nur scheinbar Sätze. Also ist das Leben kein Traum, und derjenige, dem der Traum-Satz zugeschrieben wird, existiert wirklich.

Wer großspurig daherkommt mit der Behauptung, er zweifle an allem, muss mit der Nase darauf gestoßen werden, dass er bitte schön dann auch daran zu zweifeln beginnen möge, dass er an allem zweifle.

Diese reductio ad absurdum der radikalen Skepsis weist darauf hin, dass der Sprechakt des Zweifelns nicht kontextfrei geäußert werden kann: Zweifel zu äußern ist nur in einer bestimmten Handlungs- und Sprechumgebung sinnvoll: Du begegnest einem alten Bekannten, augenscheinlich kreideblass und fröstelnd, der von sich behauptet, er komme gerade von einem längeren Ferienaufenthalt auf den Malediven zurück. Du würdest dir rechtens sagen: „Das möchte ich bezweifeln, einer, der sich längere Zeit in einem Südseeparadies aufgehalten hat, sieht nicht so aus.“

Eine Behauptung in Zweifel zu ziehen, bedarf eines oder mehrerer Gründe. Grundlos den Zweifel  immer weiter bis ins Bodenlose treiben zu wollen, gleicht dem entnervenden Warum-Fragen kleiner Kinder. Alles in einem Atemzug bezweifeln zu wollen, sogar die Existenz des Zweifelnden, ist das närrische Spiel von Leuten, die sich entweder wichtig machen oder verrückt spielen wollen oder verrückt sind.

Eine große Torheit besteht darin zu glauben, wir könnten die Bedeutung von Begriffen wie „Ich“, „Selbst“ oder „Bewusstsein“ erfassen oder erklären, indem wir die Vorgänge im Gehirn untersuchen und analysieren. Aber das mit den Begriffen „Ich“, „Selbst“ und „Bewusstsein“ Gemeinte sind keine Objekte in der Welt des physikalischen Raums, die der wissenschaftlichen Analyse zugänglich wären. Die genannten Begriffe sind Muster und Koordinaten im logisch-semantischen Raum, die sich selbst voraussetzen oder wichtige begriffliche Knotenpunkte im Gewebe unserer Überzeugungen darstellen. Es ist vertane Liebesmühe, das Gespenst des Ich im neuronalen Betrieb des Gehirns aufscheuchen zu wollen. Es ist eine andere Form eleganten Unsinns, nach dem Erweis der Nicht-Identifizierbarkeit des Ich oder des Bewusstseins mittels kausaler Analyse von neuronalen Prozessen im Gehirn zu erklären, die Annahme eines Ich sei niemandes Illusion, jemand zu sein.

Mrz 21 14

Philosophische Fragen und Antworten III

Wie kann man den Tier-Mensch-Unterschied bestimmen und erklären?

Nur Menschen verfügen über die negative Exzellenz, verrückt oder wahnsinnig werden zu können. Tiere dagegen, weil sie nicht den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein mit uns teilen, können nicht in unserem Sinne verrückt werden. Sie sind weder vernünftig noch vernunftlos.

Tiere können nicht glauben, dass sie jemand anderes als in Wirklichkeit sind, denn  sie sind in Wirklichkeit niemand, das heißt keine ihrer selbst bewussten Personen.

Du kannst deinen Hund Knuffi nennen, aber dein Hund versteht nicht, was es heißt, dass du einen Namen hast, geschweige denn, dass er einen haben könnte. Leute, die von sich behaupten, ihr Name sei in Wahrheit ein anderer Name als der, der in ihrem Personalausweis steht, zum Beispiel Zarathustra oder Jesus, nennen wir verrückt. Verrücktheit und Wahnsinn in diesem Sinne ist nur im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein eine Möglichkeit, mental in die Irre zu gehen. Ein Hund hört zwar auf den Laut „Knuffi“, wenn du ihn rufst, weil er darauf konditioniert ist, bei dieser Lautfolge zu dir zu laufen, denn dann gibt es ein Leckerli oder du spielst mit ihm. Aber dein Hund weiß nicht, dass dies sein Name ist. Er kommt nicht nur nicht auf die Idee, er heiße Knuffi, sondern a fortiori nicht auf die noch ausgefallenere Idee, er heiße in Wahrheit nicht so, wie alle ihn nennen, nämlich Knuffi, sondern Pluto, weil er von sich glaubt, er sei eine Inkarnation des mythischen Höllenhundes.

Wenn einer aus Trägheit, Nachlässigkeit oder bösem Willen sein Versprechen nicht einlöst, nennen wir den Menschen rechtens faul, unzuverlässig, treulos. Wenn aber einer scheinbar ein Versprechen mit einem Ja-Wort, einem Handschlag oder einem Kopfnicken gegeben hat und das Versprochene nicht deshalb nicht einlöst, weil er aus Faulheit, Unzuverlässigkeit oder Böswilligkeit sein Versprechen bricht, sondern auf den Vorwurf „Warum hast du dein Versprechen nicht gehalten?“ zurückfragt „Versprechen, was ist das?“, wer also augenscheinlich die Bedeutung des Begriffs Versprechen nicht kennt, den nennen wir unter normalen Umständen bedeutungsblind oder verrückt oder geisteskrank.

Wir definieren diese Form der Geisteskrankheit mittels des Kriteriums der Bedeutungsblindheit. Bedeutungsblindheit ist uns wiederum das wesentliche Kriterium zur Bestimmung und Erklärung des Tier-Mensch-Unterschieds. Denn Tiere sind von Natur aus bedeutungsblind, Menschen nur krankheitsbedingt.

Wenn du der Bedeutung des Konzepts „Versprechen“ gewiss bist, zeigst du im Falle, dass du trotz ausdrücklicher Abmachung bei der wichtigen Besprechung unpünktlich warst oder zum verabredeten Zeitpunkt mir das ausgeliehene Buch nicht ausgehändigt hast, auf peinliches Nachfragen hin unmissverständliche Zeichen der Befangenheit, Verlegenheit oder Scham, kurz die typischen Symptome des schlechten Gewissens.

Wer aber, bedeutungsblind, den Sinn des Sprechaktes „Versprechen“ nicht versteht, wird, wenn er scheinbar ein Versprechen gemacht hat, es auch nur scheinbar, aber nicht wirklich einlösen. Würde er zum Beispiel das ausgeliehene Buch gerade am vereinbarten Tag vor dir auf den Tisch legen, wäre dies nicht die Einlösung des Versprechens, er hätte das Buch nur zufällig mit dabei und gar nicht die Absicht, es dir zurückzugeben. Der Bedeutungsblinde kann ja ein Versprechen nicht einlösen, weil er die Bedeutung der Handlung, jemandem etwas durch Rückgabe einer Sache einzulösen, nicht kennt. Wenn er nicht tut, was er scheinbar versprochen hat, dann deshalb, weil er sich nicht verpflichtet fühlt, das scheinbar Versprochene einzulösen. Er fühlt sich aber nicht deshalb nicht verpflichtet, weil er genau diese dich oder mich betreffende Verpflichtung aus Groll oder Böswilligkeit in den Wind schlüge, sondern weil er sich, bedeutungsblind, in Bezug auf den Begriff der Verpflichtung durchaus für niemanden und in keiner Angelegenheit je in die Pflicht genommen weiß.

Wer sich für niemanden und in keiner Angelegenheit je verpflichtet weiß, dem sind jedwede Anwandlungen von Befangenheit, Verlegenheit oder Scham fremd, die denjenigen heimsuchen, der um die Bedeutung der Begriffe Versprechen, Verpflichtung und Verantwortung weiß.

Man hat einmal dazu tendiert, Personen, die typisch menschliche Handlungs- und Denkmuster wie das Versprechen zu begreifen und mit Leben zu erfüllen unfähig sind, nicht nur den Status der vernünftigen Person zeitweilig oder auf Dauer abzusprechen, sondern sie mit vernunftlosen Tieren zu vergleichen oder gar mit vernunftlosen Tieren auf eine Stufe zu stellen, denen die Evolution die höheren Stufen kultureller Bildung zu betreten gleichsam verweigert habe, auf denen allererst die Bedeutung der genannten Begriffe oder schlicht die Bedeutung von Begriffen oder die Bedeutung von Bedeutung zur Evidenz gelange. Diese klassische Ansicht der Psychiatrie ist falsch.

Tiere sind keine Bewohner des logisch-semantischen Raums von Sprache und Bewusstsein – denn in diesem ist das soziale Leben an die Bedingung des Bedeutungsverstehens geknüpft. Wir verstehen die Konvention, mit dem Auto auf der rechten Seite der Fahrbahn zu fahren. Wir lesen das Schild vor dem Kreisel, das besagt: „Achtung: Rechtsverkehr!“  Zugvögel haben eine komplizierte Sensorik, die sie tausende von Kilometern zu ihren Brutgebieten navigiert. Sie können nicht anders, als ihrem instinktiven Verhaltensprogramm zu gehorchen. Wir können auch die Regelung einführen, mit dem Auto auf der linken Seite der Fahrbahn zu fahren. Wir können kurz und bündig definieren: „Vernunft ist die Tugend der sozialen Konvention“, und diese geht den Tieren ab.

Wir können aus Mutwillen, kriminellen oder anderen irrationalen Antrieben soziale Konventionen und Normen übertreten und das Auto als Aggressionsmittel oder Waffe benutzen. Wenn Zugvögel von ihrem festgelegten Kurs abweichen, dann nicht, weil sie sich eines anderen, Besseren oder Schlechteren, besonnen hätten, sondern weil ein Defekt in ihrem Navigationsorgan aufgetreten ist.

Tiere können sich nicht schämen und etwa, weil sie sich daneben benommen hätten, sich befangen fühlen und verlegen unter sich blicken. Deshalb ist es unsinnig, denjenigen, den wir bedeutungsblind nennen und dem wir gegebenenfalls den Status einer vernünftigen Person zeitweise oder auf Dauer absprechen, auf den Status einer animalischen Existenz gleichsam relegieren zu wollen. Wir verstehen unter der personalen Würde eben die wenn auch vergebliche oder vereitelte Hoffnung, einer Person, deren Leben sich in Bedeutungsblindheit dahinschleppt, einmal mit dem lumen naturale versehen im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein begrüßen oder wiederbegrüßen zu können.

Es liegt auf dieser Linie, wenn wir feststellen, dass Tiere, weil sie den Begriff der Scham nicht kennen, eo ipso und gerade deswegen nicht schamlos sein oder handeln können.

Es ist von hoher Relevanz, darauf hinzuweisen, dass die Fähigkeit des Bedeutungsverstehens und also die Unfähigkeit des Bedeutungsverstehens oder die Bedeutungsblindheit keine Funktionen der Intelligenz oder von intellektuellen Fähigkeiten darstellen. Der sogenannte Primitive, dessen intellektuelle Kapazität zu zählen die Zahlenmengen 1, 2, 3 und viele umfasst, lebt mit uns im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein, denn er verfügt über den Begriff der Zahl. In keiner Weise hält seine Dummheit den Dummen davon ab, sein Versprechen einzulösen und bei der selbstverschuldeten Nichteinlösung seines Versprechens die gehörige Portion Verlegenheit und Scham zu empfinden und zum Ausdruck zu bringen.

Wenn wir den Begriff der intellektuellen Fähigkeit auf die Wahrnehmungsfähigkeit ausdehnen, sehen wir Folgendes ein: Genauso wenig, wie wir Personen, die über ein besonders exzellentes Wahrnehmungsvermögen wie beispielsweise das absolute Gehör verfügen, eben dieser ihrer Exzellenz wegen loben, ebenso wenig werden wir Personen, die unter physischen Mängeln des Wahrnehmungsvermögens wie der Farbenblindheit oder unter mentalen Mängeln des Wahrnehmungsvermögens wie akustischen oder visuellen Halluzinationen leiden, eben dieser ihrer Mängel wegen tadeln oder als verrückt klassifizieren.

Nur in den Fällen, in denen beispielsweise Anomalien wie Psychosen zeitweilig oder auf Dauer mit einer das soziale Leben extrem einschränkenden Bedeutungsblindheit im beschriebenen Sinne einhergehen, sind wir berechtigt, die betroffenen Patienten zeitweilig oder auf Dauer als psychisch oder mental krank oder schlicht verrückt anzusehen. Aber auch in solch extremen Fällen halten wir die Tür für eine Rückkehr in den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein immer einen Spalt offen.

Mrz 21 14

Philosophische Fragen und Antworten II

Wenn ich zwei Zahlen addiere, muss ich das Verfahren oder die Regel der Addition schon kennen. Ist es mit dem Wissen oder Verstehen und dem Sprechen nicht ebenso?

Ja. Wenn du etwas verstehen willst, musst du schon etwas anderes verstanden haben. Wenn du etwas sagen willst, musst du schon etwas anderes gesagt haben.

Du erblickst den Mond und weißt, dass es sich bei diesem planetarischen Objekt um den Erdtrabanten handelt. Du weißt dies auf Grund der Tatsache, dass du bereits verstanden hast, dass es nur einen einzigen Erdtrabanten gibt und dass dieser Erdtrabant der Mond ist. Wüsstest du nicht, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist, könntest du angesichts des Mondes auch glauben, es sei ein Planet namens Selene II.

Wenn das Kleinkind „Mama“ ruft, wohnt es gleichsam schon im logischen Raum von Sprache und Bewusstsein: „Mama!“ ist eine Satz-Ellipse und kann folgendermaßen umgeformt werden: „Da ist ja Mama!“ oder „Dieses Stück der Raum-Zeit hat all die wesentlichen Eigenschaften, die ich mit Mama verbinde.“ „Von allem, was es gibt, hat nur dieses Stück der Raum-Zeit die wesentlichen Eigenschaften von Mama.“  „Wenn es etwas gibt, das nicht die wesentlichen Eigenschaften von Mama hat, ist dieses Stück der Raum-Zeit nicht Mama.“

Die Satz-Ellipse „Mama!“ setzt demnach die logisch-semantische Struktur der Sprache voraus, wonach ein Ausdruck dann sinnvoll gebraucht wird, wenn er als Argument einer semantischen Funktion wie „… ist Mama“ eingesetzt werden kann. Wir sehen, dass die Sprache gleichsam ab ovo die Strukturelemente der Quantifikation, Identität, Prädikation und Negation enthält. Denn es gibt mindestens ein Stück der Raum-Zeit x, so dass x Mama ist, und wenn es ein y gibt, das Mama ist, dann ist es identisch mit x. Wenn dieses Stück der Raum-Zeit Mama ist, ist jenes Stück der Raum-Zeit nicht Mama.

Wenn wir etwas verstehen und wissen oder aussagen, setzen wir einen wesentlichen Verstehenshorizont und einen Hintergrund sprachlichen und anderen Wissens voraus, nämlich die Strukturen des Verstehens, des Wissens und der Sprache. Wir bewegen uns in diesen Strukturen gleichsam im Kreise. Daher ist der Ausdruck „hermeneutischer Zirkel“, wie ihn Heidegger in „Sein und Zeit“ entwickelt hat, mit gewissen einschränkenden Bedingungen gut geeignet, die eigentümliche Form menschlichen Wissens und Sprechens zu explizieren.

Gibt es denn keinen Anfang des Wissens, Verstehens und Sprechens? In den Anfängen der Menschheit war das Wissen doch gering, und jetzt ist es ins Unüberschaubare gewachsen. Irgendwann haben die Menschen doch begonnen zu sprechen.

Wir können nur sagen: Die Vermehrung des Wissens und die Differenzierung des Sprechens fanden und finden im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein statt. Mit dem ersten noch so rudimentären Wissen, zum Beispiel, dass dieser Ort derselbe ist, an dem wir bereits gestern gewesen sind, und mit dem ersten rudimentären Sprechen, wie zum Beispiel der Aufforderung, mit uns zu kommen, sind das Wissen und Verstehen als logisch-epistemische Struktur und das Sprechen und die Sprache als logisch-semantische Struktur gleichsam wie eine Schöpfung aus dem Nichts vorhanden.

Können wir Wissen, Verstehen und  Sprechen nicht als Verhalten oder als Dispositionen zu Verhalten betrachten, deren evolutionäre Ursprünge und deren evolutionäre Geschichte wissenschaftlich erfasst werden können?

Soweit und insofern wir Bewohner des logisch-semantischen Raums von Sprache und Bewusstsein sind, sind wir keine Mitglieder einer Spezies, sei diese metaphysisch, ontologisch oder biologisch konzipiert. Dies ist zugleich der Grund unserer Freiheit und der Verpflichtung, für unser Handeln, soweit es nicht irrationalen Antrieben entspringt, Verantwortung zu übernehmen.

Wir nehmen heute fälschlicherweise an, die Existenzform des Menschen lasse sich vollständig wissenschaftlich durchdringen und erklären, wenn wir Menschen als Mitglieder der tierischen Spezies Homo Sapiens definieren und die Einzelanalysen den Biologen, Neurowissenschaftlern, Kognitionspsychologen und Soziologen überlassen. Dabei übersehen wir zumindest, dass das Projekt der Wissenschaft eine Form der Weltaneignung innerhalb des logisch-semantischen Raums unserer Sprache und unseres Bewusstseins darstellt. Die Wissenschaft ist ein Teil dieses Raums und dieser logisch-semantischen Dimension, sie kann sie nicht umfassen oder begründen oder erklären.

Wissenschaftlich können in der Tat Verhalten und Verhaltensdispositionen beobachtet und aus allgemeinen Gesetzen abgeleitet werden. Wenn du deine Hand an der Flamme des Feuerzeugs verletzt hast, zurückzuckst und dabei „Aua!“ ausrufst, kann ich diese Verhaltensweise aus dem allgemeinen Gesetz ableiten, dass Organismen mit einem ausgebildeten sensomotorischen System dazu disponiert sind, bei der Überschreitung einer kritischen Empfindungsschwelle Schmerz zu empfinden und mit einer unwillkürlichen Bewegung zu reagieren, mit der sie vom Ort der Gefahrenquelle zurückweichen. Außerdem kann ihre sensomotorische Reaktion von einer verbalen Verlautbarung begleitet werden, deren Bedeutung als Ausdruck von Schmerzen verstanden werden kann.

Welche Bedeutung aber ist dies? Du würdest spontan dazu neigen, den Ausruf „Aua!“ mit dem Satz „Ich habe Schmerzen!“ wiederzugeben. Aber der Gebrauch von Indikatoren wie des Pronomens der ersten Person ist in der objektiven Sprache der Wissenschaft nicht zulässig und muss ausgeschlossen werden. Wir können dem Satz eine objektive und damit verifizierbare Bedeutung verleihen, indem wir ihn in den Satz umformen: „Individuum P hat zum Zeitpunkt t1 am Ort l1 Schmerzen“ oder kurz „Er hat Schmerzen.“

Wir müssen demnach für die Möglichkeit der wissenschaftlichen Analyse voraussetzen, dass wir die Bedeutung des Satzes „Ich habe Schmerzen“ durch sprachliche Umformungsregeln mit der Bedeutung des Satzes „Er hat Schmerzen“ gleichsetzen können. Offensichtlich ist uns diese Möglichkeit aber in diesem und ähnlichen Fällen benommen, in denen sich die sprachliche Bedeutung auf Inhalte des sogenannten phänomenalen Bewusstseins bezieht, denn die beiden Sätze haben verschiedene Bedeutungen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass wir uns fragen oder vermuten oder glauben können, dass jener Schmerzen hat, der in dem Satz gemeint ist „Er hat Schmerzen“. Es ist aber Unsinn, wenn ich mich fragen oder vermuten oder glauben wollte, dass ich Schmerzen habe. Wenn ich mich fragte: „Habe ich Schmerzen?“, bewiese ich damit mein Nichtwissen von der logischen Form des Satzes „Ich habe Schmerzen“, fragte ich mich „Hat er Schmerzen?“, erfüllte sich der Sinn des Satzes mittels der Beobachtung des Verhaltens desjenigen, dem wir Schmerzen zu haben unterstellen.

Das Dasein und die logisch-semantische Funktion der ersten Person oder die Tatsache des Bewusstseins legt die feine, aber unaustilgbare Trennlinie zwischen den Eigenschaften, Mitglied einer tierischen Spezies oder Bewohner des logisch-semantischen Raums von Sprache und Bewusstsein zu sein.

Mrz 14 14

Glaubenslicht

Wo sich die Luft verzaubert,
goldener Erinnerungen wegen,
und verzaubert uns,
dort steht das Leben im Zenit,
bevor die Schatten wieder wachsen
und wir das ferne Rauschen hören.

Wo sich bemisst die Dauer
an dem Gesang des Vogels
und der Innigkeit des Seufzers,
dort leben ewig wir,
so kurz die Zeit auch sei
und den Kosenamen der Tod
uns von den Lippen pflücke.

Wo das Leben öffnet
bebend seine Purpurdolden,
senkst du vom Tage
das Glaubenslicht mir in das Herz,
spende ich ins ausgerauschte Haar
dir sternbeglänzten Tau.

Wo pflanzt uns unter Zweigen
und dem Genist des Dämmers
ein höherer Geist
den schmalen Wiesen-Teppich
Füreinander-Sein.

Mrz 14 14

Die Selbstgerechten

„Schwarze Hefte“ von Martin Heidegger
Weitere Anmerkungen zur Buchvorstellung in der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main, 12. März 2014

Sie leben als fett-glänzende Parasiten, sie sitzen als hässliche Geier auf der vorgeblichen, wirklichen, überhöhten Schuld der Väter.

Sie waren nicht dabei, haben sich nicht die Hände schmutzig machen müssen. Sie zeigen auf ihre sauberen Hände. Doch hätten sie eher ihre Hände abgehauen, ehe sie sich in Schuld hätten verstricken lassen, wenn sie damals dabei gewesen wären?

Ihre Namen sollen in aller Munde sein, indem sie die der Väter der damnatio memoriae anheimgeben.

Sie stehen auf dem von Scheinwerfern erhellten Podium des medialen Sühne- und Femegerichts und fahren mit dem Laserstrahler mutwillig über die hoch und riesig projizierten Gesichter der Väter und Großväter, denen zuvor allen ein Hitlerbärtchen appliziert wurde.

Sie kämpfen gegen das Unrecht der Väter mit einem umso glühenderen Hass, einem umso strengeren Zorn, je mehr sie ahnen, je mehr sie zweifeln, ob sie damals in der Situation der Väter so gehandelt hätten, wie nicht gehandelt zu haben sie ihnen heute zum Vorwurf machen.

Sie haben sich, um ihre Identität auszulöschen und ihre Herkunft zu leugnen, Kommunen der Umerziehung und terroristischer Katharsis angeschlossen, deren Eintrittsritual darin bestand, sich vor der johlenden Meute der Kommunarden splitternackt zu entblößen und auf den Namen der Erzeuger zu spucken. Sie haben mit durchgestrichenen Namen dahinvegetiert, um der Lust zu frönen, niemand zu sein und für keinen Verantwortung zu tragen, weder für sich noch für die in satanistischen Ritualen der Selbstentfremdung gezeugten Kinder.

Alle haben sie HEUTE einen Juden versteckt. Aber es sind Leichen in ihren Kellern.

Sie inszenieren in regelmäßigen Abständen einen lärmenden Aufstand, eine Verleumdungs- und Verfemungskampagne gegen die Väter und Mütter, aus dem Grund ihrer Scham, nicht zur Ruhe, zur Besinnung, zur Bestimmung ihrer selbst durch eine erhaben-göttliche oder wenigstens eine ressentimentfrei-unschuldige Macht gelangen zu können.

Sie beschreien die Sünden der Väter, um die Leere der eigenen Gegenwart zu überschreien.

Sie sinken wie Schwebstoffe im Brackwasser der Gegenwart immer tiefer auf den Grund der Verkommenheit, der Unfruchtbarkeit, der tosenden Stille in der Ferne des Heiligen Geistes. Sie wähnen sich Auftrieb verschaffen zu können, indem sie heftig um sich schlagen und fremde Schuld aufwirbeln. Wenn sie den Wert der Angeklagten bis ins Gesichtslose auskratzen, glauben sie, damit die Löcher in ihrem Selbstgefühl stopfen zu können.

Die Schuld der Väter ist ihnen, den Nichtschwimmern des eigenen Lebens, wie die rettende Blase, an der sie sich festklammern, um nicht zu ertrinken.

Sie vermasseln das Leben, zerstückeln die Existenz, verpanschen die Essenz des Lebens, zerquatschen die geistige Stille, werfen die Hostie der guten Empfindung in die Kloake der schlechten – und weisen verzückt mit dem Finger über die Schulter nach rückwärts.

Sie wollen mit DENEN fertig werden, weil sie mit sich nicht ins Reine kommen. Sie wollen mit IHNEN abrechnen, um nicht über sich selbst Rechenschaft ablegen zu müssen.

Erst waren es die widrigen Umstände, die ihnen Narrheit, Flegelhaftigkeit und Blutvergießen rechtfertigten – jetzt sind sie bei der Genetik und der Abstammung gelandet: den Vätern … Bald wird es wieder die Rasse sein, denn die Bedeutung von ethnischer und rassischer Zugehörigkeit wächst vor ihren Augen stündlich an. So werden die Begriffe Ethnos und Rasse, auf die sie wie auf Aussätzige herabblicken, zurückkehren – denn wie sie wissen und wie sie es sagen: Das Verdrängte kehrt zurück, das Verleugnete taucht wieder auf. Dann gilt es Auge um Auge, Zahn um Zahn – Rache für all die moralisch-ästhetische Verunstaltung qua Verpanschung und Entgrenzung, wenn sich die neuen Gen-Fundamentalisten in ihren schneeweißen Kitteln in den High-Tech-Laboren der Reproduktionsmedizin und Populationstechnik als Wiedergänger der Väter entpuppen.

Sie können IHNEN nicht verzeihen, dass sie bei der Umsetzung radikaler, alles revidierender, grundstürzender Ideen gescheitert sind – sind sie doch selbst bei der Umsetzung IHRER radikalen, alles revidierenden, grundstürzenden Ideen gescheitert.

Mrz 13 14

Die Stunde des Schmocks

„Schwarze Hefte“ von Martin Heidegger, Buchvorstellung in der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main, 12. März 2014

Ist Schreibwut unter Philosophen eine deutsche Krankheit?
Von Heraklit gibt es ein paar Dutzend enigmatische Hinweise.
Euklids Abhandlung ist kompakt.
Bei Platon und Aristoteles häuft es sich zwar schon.
Aber bei den deutschen Idealisten wird es Obsession.
Heidegger steckt alle in die Tasche.

Der Schmock mit dem Seidentüchlein und dem grauen Schopf ist ein Philosoph à Femmes.
Er dachte sich, wie stell ichʼs an, dass ich dem deutschen Michel ein Schnippchen schlage
und mich ins Rampenlicht vor all die Frauen bringe.

Wer selber nichts draufhat, wird hierzulande auf den Schild gehoben, wenn er andere, am besten Hochstehende, Berühmte, Weltberühmte, des Antisemitismus überführt. Von solchem schmuddeligen Sekundärruhm lässt sich hierzulande trefflich leben, dank solch schäbiger Denunziationen beziehen sie hierzulande fette Renten.

Also wühlte die sabbernde Wühlmaus im Erdreich und Morast der „Schwarzen Hefte“.
Und fuhr die ungeheure Ernte ein: so runde anderthalb von abertausend Seiten, mit Wahrheitsverdünnern wie Unterstellung, Argwohn, bösem Willen stark gestreckt.

Da las manʼs in der Art weltgeschichtlich hochfliegender und manichäisch-zwielichtiger Ambitionen von gnomhaften Weltenrichtern mit Ärmelschonern im Lehnstuhl in verschwurbelt-hochtönendem Hölderlinisch: Rechnen sei der Fluch, das zerstreute Volk sei davon heimgesucht und suche damit andre heim, Martin aber fahre aufs grausamste bedachtsam das Seyn in einen neuen Anfang deutschester Genesung.

Da hat der Schmock sich diebisch dran gefreut und sich vor großem Publikum und erstlich vor den Damen theatralisch ausgeheult: ein großer Denker und dann so was, und er musste die deutsche Scham sich aufbürden, so was zu entlarven, so was auszuplaudern.

Ganz Frankfurt hat applaudiert, insbesondere die Damen. Nur ein alter Adornit warf verzweifelt mit Brocken des Jargons der Eigentlichkeit um sich: Heidegger durch die Zerrbrille des Anti-Eurozentrismus, Anti-Kolonialismus, des Anti-Antifeminismus als wütendes Rumpelstilzchen erblickt.

Der Enkel des Großpapas, dessen infames Konterfei mit Hitlerbärtchen und in die Lichtung des Seins ekstatisch verdrehten Augen coram publico prangte, entblödete sich nicht, darauf hinzuweisen, dass die Hefte der Sibylle von Meßkirch nicht deshalb schwarz heißen, weil sie etwa obszöne Altherrenwitze enthalten, sondern in schwarzes Tuch eingefasste Tagebücher sind.

Warum das Intelligenzblatt vor Ort einen dicklichen guten Onkel zur intellektuellen Paarung mit dem Schnüffel-Schnösel ausgeschickt hatte, blieb bei all seiner hüpfenden Komik unerfindlich. Allerdings schwammen alle wie Sahnewölkchen auf der deutschen Abendlichtversonnenheit, als er auf die Infektionsgefahr durch den völkischen Bazillus hinwies, dem auch der Buhle des Seins anheimgefallen sei, und dabei die infolge der moralischen Ausmerzung dieses Bazillus hierzulande kompensatorisch hochgezüchtete Volksverdummung anhand seiner vollkommenen Unkenntnis des Buches Levitikus, welches das heilige Volk mittels Abstammungs- und Geburtenregelung zu Volkszucht und xenohyponoetisch-kathartischer Ordnung anweist, unter Beweis stellte.

Mrz 11 14

Hier im Schattenland

Wie Schatten wandeln Menschen vor sich hin,
still, so still.
Keiner hört, wenn du sie anrufst.
Und wenn sie ihren Schattenmund dir einmal auftun,
hörst duʼs wie Silberfäden
rieseln feinen Sands.

Namen hat in diesem Schattenland nicht einer,
ein jeder ist wie keiner,
und seine Spur vergeht im Sand.

Einsam aber ist hier niemand –
jeder Schatten ist von seinem Aber-Tier besessen,
ein Schöpfungsabgrund rasender Chimären,
das hängt an ihm
wie am Gehängten hängt der Strick,
wie treu auf seinem Aas der Geier sitzt.

Das eine pickt sich in ein Auge,
das andre nagt an Hoden oder Brust,
das dritte schlürft das weiße Mark,
das aufgeritzte,
und wieder eines wirrt im Darmgeschling.

Die Schattenwelt hat weder Tag noch Nacht,
nicht Mond, nicht Sonne, kein Gestirn des Weltalls.
Nur fahler Schaum
wie geisterhafter Aschenschnee
streut ein diffuses Totenlicht.

Eine Flocke senkt sich hier
auf einer Schattenlocke Bausch,
eine andere verfängt sich hier
am Zittern einer Schattenwimper.

Man pflegt hier nicht zu schlafen,
man ist nie richtig wach.
Doch hin und wieder schart sich eine Gruppe,
als wärʼs Familienzeit,
da siehst du sie gleich den Fledermäusen
an Ästen, Regenrinnen,
an Balkonen, Balustraden
baumeln,
gebeutelt
wie von Seufzern,
traumeslind.

Mrz 10 14

Philosophische Fragen und Antworten I

Was ist der wesentliche Unterschied zwischen physischen Objekten und psychischen Zuständen (Erlebnissen)?

Der wesentliche psychophysische Unterschied besteht darin, dass du einen Erlebnisinhalt hast, während du an etwas denkst, etwas empfindest, etwas fühlst oder etwas vorhast. Ein physisches Ding oder Gerät wie dein PC vor dir hat keinen psychischen Erlebnisinhalt, es kann deshalb nicht wie du an die Kriegsverletzung deines Großvaters denken, ein zärtliches Gefühl bei der Umarmung deiner Freundin empfinden, vorhaben, im Bethmannpark den Chinesischen Garten zu besuchen, oder den Entschluss fassen, nach Italien zu verreisen.

Woran erkenne ich echte Inhalte von Erlebnissen und wie unterscheide ich sie anhand dieses Merkmals von Eigenschaften physischer Objekte?

Der Inhalt von Erlebnissen ist nichts, dem wir genötigt wären, Existenz zuzusprechen. Du erinnerst dich daran oder du denkst daran, wie wir uns gestern im Park begegnet sind. Aber gewiss ist das Erlebnis, sich an etwas zu erinnern, äquivalent dem Erlebnis, zu glauben, sich an etwas zu erinnern, das man in Wirklichkeit nicht erlebt hat. Dennoch behält auch das Nicht-Existierende den Erlebnisinhalt, den es für dich hat, wie hier den Inhalt deiner Erinnerung.

Das unterscheidet Erlebnisinhalte von den Eigenschaften physischer Objekte wie dem physischen Ereignis, dass wir uns gestern im Park begegnet sind. Die Begegnung steht in einem wesentlichen Bezug zum Charakter des Ereignisses. Wenn wir uns gestern im Park nicht begegnet wären, hätte das Ereignis eben nicht stattgefunden. Glaubst du indes, dich daran zu erinnern, dass wir uns gestern im Park begegnet sind, während wir uns in Wahrheit gestern im Park nicht begegnet sind, tut dies dem Charakter und dem Inhalt deines Erlebnisses keinen Abbruch.

Außerdem sind die Eigenschaften physischer Objekte wesentlich mit der Existenz dieser Objekte verbunden: Wenn Platon der Schüler des Sokrates und der Gründer der nach ihm benannten Akademie in Athen war, sind diese beiden Eigenschaften (neben sehr vielen anderen) wesentlich für den Inhaber dieser Eigenschaften, die Person Platon. Woraus folgt, dass Platon nicht dieselbe Person gewesen sein kann, die der Schüler des Sokrates und zugleich der Gründer der Akademie und der Stoa in Athen gewesen ist. Wenn du aber richtig annimmst, Platon sei der Schüler des Sokrates gewesen, indes fälschlich glaubst, er sei auch Gründer der Stoa in Athen gewesen, tut dies dem Charakter und Inhalt deines Glaubenserlebnisses keinen Abbruch.

Befinden sich meine Erlebnisse und ihre Inhalte, während ich sie habe und ihrer gewärtig bin, in meinem Kopf oder anders gesagt, sind sie Zustände und Vorgänge in meinem Gehirn?

Nein. Erlebnisse und ihre Inhalte haben keine räumlichen und zeitlichen Koordinaten. Im Gegensatz zu dem PC, vor dem du sitzt, befindet sich der PC als Inhalt des Gedankens, dass dein PC vor dir steht, an keinem Ort.

Wir ordnen Erlebnisse und ihre Inhalte Personen als ihren Inhabern zu, den Leuten, die sie haben; weil wir allerdings auf Personen mittels raumzeitlicher Koordinaten Bezug nehmen, wenn wir angeben, wo sich wer zu welcher Zeit aufhält, übertragen wir diese Angaben auch indirekt auf Erlebnisse und ihre Inhalte, denen sie aber direkt und in Wirklichkeit nicht zukommen.

Weil Zustände und Vorgänge im Gehirn physische Objekte sind, können sie eo ipso keine psychischen Inhalte haben und keine Erlebnisse sein. Wären psychische Inhalte wie physische Objekte räumlich und zeitlich ausgedehnt, könnte ich dich sinnvoll fragen, wie viel Zentimeter deine Vorstellung von dem PC hat, vor dem du sitzt, oder dich sinnvoll fragen, wie groß der PC ist oder wie lange der PC schon läuft, den du meinst, wenn du an die Tatsache denkst, dass dein PC so und so groß oder so und so lang in Betrieb ist. Der Gedanke an die Tatsache, dass dein PC so und so groß und so und so lange in Betrieb ist, ist nicht so und so groß und dauert nicht so und so lang, sondern hat überhaupt keine räumliche und zeitliche Ausdehnung .

Was ist, wenn ich sage: „Ich habe gestern im Park an dich gedacht?“ Dieser Gedanke scheint doch Ort und Zeit an sich zu haben?

Das Haben des Gedankens ist nicht identisch mit der Tatsache des Gedankens – du hast den Gedanken freilich hier oder da, gestern oder heute. Aber der Gedanke ist per se nicht hier oder da und dauert nicht so und so lange.

Warum können Gedanken keine Eigenschaften physischer Objekte haben?

Physische Objekte können Teil für Teil, Molekül für Molekül ausgetauscht und durch strukturgleiche Teile und Moleküle ersetzt werden. Das gilt a fortiori für den menschlichen Körper und das menschliche Gehirn, die in der Tat in einem beständigen Abbau und Umbau ihrer Zellen begriffen sind. Dein Gehirn, das vor 15 Jahren den Gedanken hervorbrachte „Wie schön ist doch der Frühlingsbeginn“, ist nicht dasselbe Gehirn, das heute denselben Gedanken hervorbringt. Der Gedanke hat keine Teile, die ausgetauscht und durch strukturgleiche Teile ersetzt werden könnten. Der Gedanke, den du damals in dem Satz ausgesprochen hast „Wie schön ist doch der Frühlingsbeginn“ ist genau derselbe Gedanke, den du heute mit demselben Satz aussprichst.

Sind nicht Lust, Vergnügen und Freude ebenso wie Unlust und Schmerz, die Haupttriebfedern menschlichen Wollens und Planens, Sehnens und Befürchtens, Handelns und Vermeidens, Eigenschaften physischer Objekte, nämlich von hormonellen und anderen Prozessen im menschlichen Organismus?

Freude und Schmerz sind durch körperliche Ereignisse wie die Ausschüttung von Hormonen oder die Reizung von Nerven ausgelöste Empfindungen, die für uns einen unmittelbaren Wert annehmen, nämlich den Wert des Guten beziehungsweise den Wert des Schlechten. Die kausalen Auslöser der Empfindungen von Freude und Schmerz sind physische Objekte, Empfindungen aber sind psychische Zustände. Physische Objekte haben an sich keinen Wert und sind auch nicht in der Lage, sich selbst oder anderen physischen Objekten einen Wert zuzusprechen.

Wir bewerten Freude als gut oder positiv, Schmerz als schlecht oder negativ, alles, was wir weder als lustvoll noch schmerzvoll erleben, aber werten wir als neutral. Wobei zu beachten ist, dass das Gegenteil von gut und schlecht nicht schlecht und gut, sondern das Neutrum ist. Denn wenn du gerade keine Freude empfindest, heißt dies ja nicht, dass dich Schmerzen peinigen.

Diese elementaren Formen der Bewertung sind die Grundlage der Ethik: Die an mir selbst erlebte Freude als positiv zu gewichten ist moralisch dem Fall vorzuziehen, sie als neutral oder als schlecht zu bewerten. Die an dir erlebte Freude als gut zu gewichten ist moralisch dem Fall vorzuziehen, sie als neutral oder schlecht zu bewerten.

Zu fragen, woher das Schlechte rührt und welche Gründe es gibt, schlecht zu handeln, heißt daher genauer besehen zu fragen, was uns veranlasst, das Gute als schlecht und das Positive als negativ sowohl an uns selbst als insbesondere an anderen Menschen zu bewerten.

Das Gute positiv zu bewerten und danach zu handeln, nennen wir auch Liebe, und dies gilt sowohl für die recht verstandene Liebe zu uns selbst als auch für die Liebe zu den anderen. Das Schlechte als gut zu bewerten und danach zu handeln, nennen wir Hass oder Feindseligkeit.

(Fortsetzung folgt)

Mrz 9 14

Mäusemucks

Café Ypsilon, Berger Straße, Frankfurt am Main

Ich saß allhier
und trank ein Bier.
Die Zeit war reif.
Mir war es schier,
als sei die Seele steif.

Säß ich im Café Ypsilon
und tränke einen Wein
und schmölze alles um mich schon
in einen weichen Abendton –
meine Seele bliebe Stein.

Saß ich mit dir nicht auch allein –
allein zu zwein?
Ich quatschte quappenmäulig in die Luft hinein,
doch macht ich keinen Mäusemucks.
Jetzt sag ich mir nur,
schluck es, schluckʼs.

Ist das Gierchen
nach dem Tierchen
ein flüchtiges Odeur,
ein Esprit du Fleur,
der verfliegt,
wenn sich die Blüte niederbiegt?

Ich sitz im Café Ypsilon
und träume stiekum mich davon.
Mich dünkt, es leuchtet frühlingshell.
Mich aber frösteltʼs.
Gelt du, gell?

 

 

Mrz 9 14

Liebe ist Vernunft

Hopsa, das hat dir aber nicht dein Bauchgefühl gesagt!

Vernunft ist freilich nicht Liebe,
sondern das, was tu beispielsweise tust,
wenn du entschieden hast, es sei nicht ganz sinnlos,
diese trocknen Verse zu lesen,
statt gleich ein Bier zu zischen
oder den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Wenn du das eine dem anderen vorziehst,
modelst und improvisierst du am Sinn
deines kleinen Lebens und am Sinn der großen Welt.

Wärest du vernünftig gewesen,
vernünfiger oder weniger unvernünftig,
hättest du deine Zeit vielleicht nicht mit der Lektüre
dieser stachligen Distel-Verse vergeudet,
sondern ein Bier gezischt, den Musikantenstadl geklotzt
oder dem Parsifal andachtsvoll gelauscht
oder wenigstens die Fenster geputzt.

Freilich ist Vernunft nicht Liebe,
doch eine schmallippig-verbitterte Anstandsdame
oder ein vorm frischen Lebensodem
weggefrösteltes Mauerblümchen ist sie nicht –
vergleiche sie dem alten Gärtner,
der gemütlich seine Pfeife bei den Bienen schmaucht:
Jäten muss er wohl, was den neuen Trieben Schatten bringt,
doch stützen auch, wenn sich der Kopf der Dahlie
voll Liebesüberpracht abwärts hat verseufzt.

Liebe ist Vernunft –
dem bleichen Oranten, der verschwurbelte Hymnen hechelt
auf den Fußabdruck der schmollend Abgezogenen,
hält sie die Hand vor den Mund.

Die allzu glänzend weggeperlte Träne
wischt sie dem Jungchen,
das ihre Wechsellaune arg brüskiert,
mit einem Tempotaschentuch vom Gesicht.

Liebe ist Vernunft ­–
sie hat ein waches Auge, eine Lampe,
mit der sie in die finsteren Gefahrenzonen leuchtet,
die Klippen, Löcher, Moraste, Schlangengruben,
in die wir – unaufmerksam, voll Leichtsinn oder Übermut –
jählings stürzen, fallen, untergehen.

Liebe ist Vernunft –
sie findet aus Labyrinthen und Gestrüpp
behutsam uns den guten Pfad, der uns,
auch wenn wir schwerer atmen,
auch wenn die Schatten wachsen,
zu jenem Ufer wieder führt,
wo wir am alten Strome heimlich sitzen,
wie Herbstesblätter unsre Herzen
aneinander haltend, zueinander faltend,
und dem Spiel des späten Lichts
noch lange sinnen nach.

Mrz 8 14

Das hüpfende Bötchen

Wie der Junge in Lederhosen,
ein Pflaster auf dem Knie wie oft,
der das selbst gebastelte Segelboot
auf den müden Wellen am Ufer der Mosel
mit einer langen Weidenrute,
glattgeschält mit seinem Taschenmesser,
sorgsam lenkt und manövriert,
und immer wieder sein verfängliches Schwanken
auffängt – und wenn es kippt
und das Segel saugt sich voll
und es droht zu versinken,
lässt es der Junge nicht untergehen,
sondern ist zur Hand,
bugsiert es emsig mit dem Stock
– schau, wie er vor Anspannung die Lippen aufeinanderpresst –
und jetzt zieht er es mit beherztem Griff
ans rettende Ufer.

Wie klug der Junge ist, wie vernünftig!
Wach muss er schon sein, frisch bei Sinnen, klar
in Sicht und Übersicht, ein bisschen Kunst der Navigation
ertastet er mit fühlender Hand.
Um wie viel höher wiegt die Freude des Spiels als der Verdruss,
den Schusseligkeit, trüber oder toll gewordener Sinn ihn kosteten.

Er grollt nicht, wenn sich das Schiff zur Seite legt,
dem Spielzeug gegenüber, das ihm viel Mühe abverlangt,
aber ihn zum Kapitän und Weltensegler gemacht hat,
wird er nicht feindselig gestimmt,
weil es halt der Schicksalswucht des Flusses
mal nicht standhielt –
jetzt nach überstandener Gefahr hütet er es umso mehr …

… so wir und das hüpfende Bötchen: dies unser Wir!

Mrz 7 14

Ich mache keinen Mucks

Café Ypsilon, Berger Straße, Frankfurt am Main

Sogar das trockne Vorjahrsblatt dreht sich im Wind
und raschelt vor sich hin.

Ich hocke ungerührt
und mache keinen Mucks.

Wie das erste milde Licht
der halb verschlossenen Knospe
die Schüchternheit
hat leise, leise
weggeküsst –
so kam dein Lächeln spät.

Sogar das neu ergrünte Schilf
am Teichesrand
schickt sich zu flüstern an
und wiegt sich schelmisch.

Ich hocke ungerührt
und mache keinen Mucks.

Die wärmste Melodie entfloss nicht deinem Mund.
Das zärtlichste Wort hobst du nicht auf die Lippen.

Das wärmste, zarteste Gefühl tropfte dir
vom Zeige-, Neige-, Schweige-Finger:
Der hat hüpfend und lüpfend,
tänzelnd und scharwenzelnd
mir süß Geheimnis offenbart.

Sogar der lahme Hund trippelt
den lauten Kindern hinterdrein
und knurrt launisch die Alte mit dem Gehwägelchen an,
als wärʼs eine Vogelscheuche.

Ich hocke ungerührt
und mache keinen Mucks.

Mrz 7 14

Frühlingsertötung

Die Vögel vor dem Fenster schreien –
in mir istʼs totenstill.

Nur manchmal quillt wie fernes Schluchzen
oder wie das Glucksen
milder Geister in dem Teich
vor dem koreanischen Tempel
im Grüneburgpark,
wo wir, Herz gelehnt an Herz
– gestern, früher, einstmals –
beieinander saßen,
dein Name in mir auf.

Die Vögel schreien …

Mrz 5 14

Denn Ärgernis muss ja kommen II

Oder: Warum eine Kopfnuss manchmal besser schmeckt als ein Zungenkuss

Das juckt im Busen, in den Fingern,
auf der Zunge,
das kitzelt den Gaumen,
macht das Herz ein bisschen hüstelnd stolpern –

die Lust zu sticheln
und die fein in die Achillesferse
applizierte Stichelei.

Du weißt, die Kosten sind immens,
der Preis ist hoch –
wenn mit dem feinen Stich
ein altes Gift wird aufgerührt,
angeregt und in des übel Anbetroffnen
müden Kreislauf rückgeführt:

zum Schäumen und Albträumen,
zum Letzen und Verletzen.

Doch stärker als jedes Bedenken,
am rutschigen Uferrand des Styx
wegzugleiten und die Haltung zu verlieren,
ist der Wollustkitzel
zu düpieren,
zu genieren,
sich als stolze Schöne zu gerieren.

So schlägst du ihm ein Schnippchen
mit aufgeworfnem Donna-Lippchen.

Und ist das zart gewebte Fädchen dann zerrissen,
fragt sich das Unschuldsmädchen:
Wie konnte ich das wissen?

Der kurze Stummel böser Lust fühlt heißer
als der tiefen Liebe wärmend langer Blick.

Mrz 5 14

Das Dickicht wächst

Stunde um Stunde, Tag für Tag
vermehrt sich die Meute,
verdichtet sich der Schwarm,
verstrickst du dich immer tiefer
in das Dickicht fremder Stimmen.

Kläffer, Beller, Geller,
die sich schreckend wecken,
aufeinanderprallen,
dumpf verhallen,
die raschelnd prasseln,
sich beschämend lähmen,
und sich fad verquasseln.

Schnalzer, Flöter, Balzer,
die lüstern sich umflüstern,
sich leckend necken,
die sich wirren, sich umsirren,
sich umwindend wiederfinden,
sich um Summselust abschinden
und in Schwärmerei entschwinden.

Du kannst die Stimmen nicht
wie eine klaffende Meute
in den Zwinger sperren.

Du kannst die Stimmen nicht
wie einen panischen Schwarm von Bienen
im stillen Korb verschließen.

Du kannst nicht ohne tödlich dich zu ritzen
durch das Dornen-Dickicht ziehen –

du kannst nicht in ein Jenseits fliehen,
in das stille Land der sanften Liebe.

Du kannst nicht wie ein Kind,
betroffen von der Botschaft ersten Todes,
in den Keller steigen,
dich auf den stumpfen Holzblock hocken,
auf dem Großvater das Holz spaltete
und den Hühnern den Kopf abhackte.

Ja, verstopf dir nur die Ohren:
Hörst du, wie es gluckst in dir?

Ein Blutquell, eine Tier- und Volksmusik,
auf- und niedersteigend
zwischen Bellen und Küssen,
Schmatzen und Quatschen,
Seufzern und Schüssen.

Mrz 4 14

Denn Ärgernis muss ja kommen

Es sind der Stimmen allzu viele,
die sich suchen und sich fliehen,
sich kreuzen, überwölben,
sich umschlingen, niederringen,
in dir, in mir und zwischen uns.

Wir können nicht entrinnen
in Räume lichter, reiner Harmonie,
wo Ton sich wider Ton
kontrapunktisch liebend-frei ergänzte.

Denn auch in solchem heilen Raume liefe
durch seiner Orgelpfeifen Regelwerk
das schrille Pfeifen oder
todbetroffne Quieken einer Maus.

Es sind so viele Bilder dunklen Glanzes voll
und purpurblütiger Verzückung,
die mit milchigen Knoten oder hellen Früchten,
mit Säumen, Lippen, Brüsten schwellend
in den panischen Schlund des Unsichtbaren locken.

Auch an des bieder zugerafften Alkovens
liebesattem Dämmern lüftet vom Wehhauch
leisen Schreis der Vorhang sich ein wenig –
und ein fahles Hadeslicht
entgeistert dir mein Angesicht,
befremdet mir dein liebes Kindgesicht
mit einer Maske unheimlich.

Mrz 3 14

Der Liebesclown

Der Liebesclown ist ein eleganter Überspringer der Schamgrenze,
hin und wider hüpft er wie die Kinder übers Seil. Der Liebesclown
ist ein grinsender Unglücksartist, ein singender Arbeiter im
Trauma-Berg des Herrn.

Seine Hände schwitzen,
seine Nase tropft,
seine Schuhe quietschen.
Und sein Herz ist tot.

Der Liebesclown leistet emsig-tapfer Stigma-Verschleierung hinter
den Dünsten und Schwaden von Wein und Bier, Schnaps und Tabak.

Seine Haare schuppen,
seine Wangen glühen,
seine Finger zittern.
Und sein Herz ist tot.

Der Liebesclown muss immer kreiseln, gepeitscht von Liebesangst –
sonst fällt er um. Der Liebesclown muss schnell und schneller
kreiseln, bis er brummt und summt – sonst bleibt er stumm.

Seine Liebesschwüre schwirren
ihm im Schlafe aus dem Mund:
tausend goldene Bienen.
Und sein Herz ist tot.

Mrz 3 14

Gesichter des Lebens

Manchmal schaut das Leben
mit rundem, dümmlich-satten Mondgesicht dich an –
schnappʼs und verschluckʼs
mit eines Gähnens Riesen-Schluck.

Manchmal streckt es dir,
ein sommersprossiger Rotzbengel,
die gelb belegte Zunge raus –
zieh ihn einmal kurz am Ohr
und halte sein Gesicht sodann
in die kalten Strahlen einer Sternennacht.

Manchmal bettelt das Leben
aus den Augen hündischer Ergebenheit
um Beine machenden Befehl dich an –
erschrick es dann mit einem katzenhellen Laut
und scheuch es fort
zu Nachbars weichem Herz.

Manchmal aber sind da Augen,
die gütig-klar, die liebe-prüfend-sanft
dich befragen, ob du die Trauben schon gelesen,
schon gekeltert hast, ob gar dem lieben Gast
zu kredenzen sei der gute Wein –
und du blickst betreten unter dich.

Mrz 3 14

Lichtscheu

Wenn die Sonne hohen Sinnes dir versank,
musst du dich am Licht des Alltags nüchtern trinken.

Wenn die Geräusche des Morgens dich verweisen:
„Schlaf weiter. Wir gehen dicht an dicht
und lassen dir die Lücke nicht für einen Mucks“ –
bist du einzig doch der Ohrenzeuge.

Wenn die Leute reden Zug um Zug
und Schlag auf Schlag – du taumelst
wie ein angezählter Boxer –,
musst du in den stillen Winkel fliehen,
dort unterm Kreuze kindlich knien
und lauschen auf ein letztes Gnadenwort.

Wenn die Blicke des Gestirns schamlos
als verkümmert, fruchtlos, lebensunfroh dich entblößen,
musst dich in die Ödnis hocken
unterm Fremdlicht des Planeten.

Wenn du des Tages Hügel nicht erklimmen magst,
du, strecke dich doch aus in einer tiefen Furche Bett –
es kommt die große Nacht, die alles glättet, alles ebnet,
die lichten Spalten jeden Unterschieds verpicht.

Mrz 1 14

i-Pünktchen geht zur Schule

Mir schwante jüngst,
ich wär das Schwebepünktchen,
ich wär der i-Punkt auf dem i.

Wie ich so eifrig schwebt und schwebte,
da wurdʼs mir ungemütlich-zugig,
wie einer fröstelnden Monade.

Da hat mich altes Sehnen überpunktet,
und ein graues Pünktchen wurde rot.

Als wollte sich das Ichlein-Köpfchen,
dumpf-müd des Einerlei-Seins wegen,
sterbe-selig wie ein Samentröpfchen
auf den Kuppen-Knoten legen …

Des leeren Schwebe-Lebens
über heimwärts immer winkendem Finger
überdrüssig, gedachte ernstiglich ich –

falschem Bewusstsein zu entwichen,
in Seligkeit mich zu entichen:

Da sank ich ruchlos-jubelnd nieder,
und mich entpunktend ward ich eins
mit einem Stummel ausdruckslosen Seins.

Wie wirrte wüst ein Wörterbabel,
denn ohne i war immer nimmer,
die Seine floss nicht – floss nicht durch Paris,
kein Wiener Walzer wiegte sich durch Wien
und Ick um Icke lautlos war Berlin.

Am allerärgsten traf es mich,
denn von mir blieb nur noch ein -ch.

Da schrieb der Oberlehrer an die Tafel weisen Spruch –
wie hat die Kreide dialektisch-spitz gequietscht:

„Willst du Licht und Liebe und ein Bier noch obendrauf,
musst nehmen du Verzicht und Pflicht und Magenbitter in den Kauf.“

Ja, ja, ich schwebe wieder punktgenau und i-gerecht –
musst schnöde Einungslust entbehren,
um schöne Ausdruckskunst zu mehren.

Feb 28 14

Mein Sinnen in Seufzen zergeht

Immer wenn ich an dich denke,
meinen Sinn schon kaum mehr lenke,
mein Sinnen in Seufzen zergeht.

Mich blendet ein Schneelicht von Flocken,
ich schmelze im Anruf der Glocken,
wenn wieder dein Hauch mich umweht.

Ich möchte nichts und möchte alles sein,
ich bin im Schwarm und bin allein,
wenn dein Lied sich um mich webt.

Ein warmer Stern sinkt in mein Blut,
an Sehnsucht sterben wäre gut,
wenn über mir dein Auge schwebt.

Immer wenn ich an dich denke,
meinen Sinn schon kaum mehr lenke,
mein Sinnen in Seufzen zergeht.

Feb 26 14

Kindermundgezisch

Berger Straße, Frankfurt am Main

Zwei Mädelchen woben
Phono-Fädelchen durch die Luft
zum Aberwitz und Hintersinn.

Zwei Herzelchen spuckten
Semanto-Phono-Scherzelchen
zum kinderleichten Lustgewinn.

Hand im Händchen, Arm ums Ärmchen,
zungenfrei und schnabelfrech,
stakten, walkten, talkten sie
durch die trocknen Füllsel-Hülsen
abgeplatzter, weggeknackter
Wort und Worte
all der stinke-öden, hinke-blöden
Wortverwalter,
Sprachpassanten,
Spracherhalter,
Wortgouvernanten.

„Sändwisch mit Thunfisch.“
„Nein faltsch: Sändwitsch mit Thunfitsch.“
„Das Sändwisch war nicht mehr frisch.“
„Das Sändwitsch war fritsch.“
„War futsch.“
„War verrutscht.“
„Der Mann mit dem Sändwitsch war ausgerutscht.“
„Nein, faltsch: Der Mann mit dem Sändwisch war ausgeruscht.“
„Das Sändwitsch war weggeflutscht.“
„Der Imbiss war verfutscht.“
Nein, faltsch: war verpfutscht.“
„Der Mann hat den Thunfisch vom Sändwisch weggeluscht.“

„Komm wir laufen schnell: Heute gibt es Handkuss mit Musik.“
„Nein faltsch: Heute gibt es Hundekäse mit Küssen.“
„Nein ritschig ist: Hundeküsse mit Käse.“

Am schönsten improvisiert sich
auf Lippen und unter Zungen mit allem,
was da zischt und wischt,
was motzelt und rotzelt,
knatscht und matscht –
bis sich alles Kindermundgezisch
hinter einem Knister-Flüster-Fieder-Fächer
müde-süß verhaspelt und verlispelt.

Feb 25 14

Logische Schneisen XX

Wenn Gott die Person ist, die zu uns spricht, sind seine Mitteilungen Befehle oder Gebote mit dem Anspruch der Unbedingtheit, sind sie Anrufungen und Aufforderungen, gleichsam den Kopf aus dem Sand der Traurigkeit und Angst und der Verzagtheit und der Verzweiflung emporzuheben und in seine Richtung zu blicken, oder in die Richtung des Lichts der Auferstehung oder sind sie Verheißungen einer intensiveren, heiligenden, beseligenden Kommunikation?

Wenn Gott die Person ist, die zu uns spricht und uns ansprechend in ein liebendes Streit-Gespräch oder streitendes Liebes-Gespräch aufnimmt oder hineinbirgt, wäre dies der Grund, weshalb wir als sprechend-sterbliche Wesen den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein bewohnen. Auf diesen Grund können wir setzen und hoffen, soweit uns die Propheten nicht bloße Narren dünken oder soweit uns die frohe Botschaft mehr als ein tröstliches, aber ansonsten unverbindliches Symbol darstellt.

Gottes Anspruch an uns ist die Abbildung seines schöpferischen Spruchs, mit dem er uns als sprachliche Wesen aus der Nacht des Ungesagten hervorgezogen und gleichsam in den heller werdenden logischen Raum hineingestellt hat: besser zu sprechen, uns klarer auszudrücken, wahrhaftig und genau zu denken und zu reden.

Wenn Gott die Person ist, die zu uns aus der Stille und Fülle des vollkommenen, guten und schönen Daseins spricht, erwacht in uns die Sehnsucht, die Hoffnung, die Gewissheit, in die Stille und Fülle des vollkommenen, guten und schönen Daseins einzugehen.

Wir können und sollen Gott als die Person, die zu uns spricht und unter deren Zuruf wir gleichsam erwachen, nur im Bild des Menschen darstellen: in jenem Bild, das uns die edelsten Kräfte der patriarchalischen Kultur des Judentums und des antiken Christentums geschenkt haben – im Bild des Vaters.

Der Vater sorgt sich um seinen Sohn und seine Tochter, er will, dass sie nicht den Weg des Unheils und des Bösen wandeln, sondern unterwegs in den Lichtungen rasten, die seinen Frieden atmen. Der Vater nämlich hat mit gleichsam weiblicher Güte das Licht in die Welt menschlicher Irrwege ausgesandt.

Der Vater sorgt sich gerade um den begabten Sohn und die begabte Tochter, denn ihrer Begabung wegen sind sie den Versuchungen des Bösen besonders ausgesetzt: Das Gute zu tun, so du es denn tun willst, ist leicht wie das Atmen des Säuglings – das Böse bedarf der Finten und Listen, des Lugs und Trugs, der Raffinesse und des Scharfsinns, ja, die im Rachen des Leviathan stecken und toben und schreien, hält man vielleicht nicht zu Unrecht für Genies der bösen Lust und der bösen Tat. Es schmeichelt der Eitelkeit und kitzelt den Dünkel des hohlen Menschen, sich mit dem giftigen und sterilen und unfruchtbar machenden Dunst des Bösen aufzublähen.

Der Vater schickt dem verlorenen, weit in die Irre gegangenen Kind Boten, die ihm von den lauen Friedenslüften gleichsam erinnerungsgesättigten Aroms, der sanften Landschaft des edlen und gerechten Glücks und dem lauteren und ernsten Trost ärmlicher Blumen der Heimat und von dem Brechen ungesäuerten Brotes und dem Trinken gewöhnlichen Landweines in bescheidener Behausung berichten: Das Kind aber empören die schlichten, reinen, beinahe glanzlosen Worte des heiligen Geistes, es nimmt Anstoß an einem harmonischen Sinn, der seinem Dünkel und Größenwahn allzu niedrig, bieder und beschränkt zu sein scheint. In Trotz und Jähzorn schreit das Kind gegen die Boten des Vaters, Güte sei Dummheit in einer Welt scharfsinniger Überrumpelung und Liebe Impotenz zu eigener Machtvollkommenheit.

Das verlorene Kind haust in der Wüste der Sprache, in der die befruchtenden Wasser des frohen und hohen Geistes nicht fallen mögen und nicht einmal der Morgentau an den Lippen des Dürstenden schwebt – es wähnt sich aber üppig und strotzend und überaus fruchtbar in der Fata Morgana gedankenloser und überschwänglicher Phrasen.

Gewiss fühlt das kranke, verlorene Kind tief in sich den milden Vorwurf des gleichsam gekränkten und verzagten Vaters, der wie aus dem Grab des Herzens nur noch leise, gebrochen, leise und leiser werdend zu ihm spricht – und noch die letzten Seufzer des Vaters überschreit es mit seinem immer unartikulierter werdenden Geschrei.

Hat nicht der Vater aus dem unendlichen Willen zur Rettung des Kindes zuletzt sich in der heimlichen Gestalt eines Menschen selbst auf den Weg gemacht, das verlorene Kind heimzuholen? Und hat nicht die aus sich sprechende und aus sich strahlende Schönheit und die sich fraglos dahingebende Geduld und Liebe jenes Einzigen die ringsum verdunkelnde Hässlichkeit und sich selber aufzehrende und zerfressende Bosheit des undankbaren Kindes empört und zu Todeshass aufgepeitscht? So hat das Kind den Vater im letzten Boten zu töten gesucht.

Wenn Gott wie der Vater ist, der das Kind durch sprachliche und moralische Unterweisung gleichsam zur Höhe und Weisheit, Schlichtheit und Einfalt und Besonnenheit seiner Kultur zu erziehen und emporzuziehen trachtet, sind wir zur demütigen Freude ermutigt: Unser armes, dürftiges und allseits angefochtenes Leben hienieden ist im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein zu Wahrnehmungen und Erfüllungen eines Sinnes erwacht, den wir getrost voraussetzen dürfen und den nicht selbst erfunden oder erschaffen zu haben uns nicht erniedrigt, sondern befreit.

Der Geist des Vaters oder der heilige Geist scheint von erlesener und geradezu humoriger Heiterkeit (immerhin ist er angesichts all der Torheiten, Albernheiten und grausamen Spiele seiner Kinder nicht versauert und verbittert): So verlangt er dir nichts Geringeres ab, als dich selbst zu lieben und einigermaßen glücklich oder zufrieden, indes nicht selbstzufrieden zu sein (wie schwer dies auch sein mag), als Voraussetzung dafür, Verantwortung tragen und diejenigen glücklich oder glücklicher oder etwas weniger unglücklich machen zu können, die dir lieb sind (denn die Unglücklichen und mehr noch die Unzufriedenen machen zu guter Letzt alle anderen ringsum unglücklich und unzufrieden und scheuen, allzu sehr in sich selbst verkrampft oder wollüstig oder wahnhaft ihrem Elend hingegeben, davor zurück, sich den kleinen und großen Verantwortungen und Verpflichtungen oder den noch so geringen, aber dich oder mich rettenden freundlichen Gesten zu öffnen).

Wenn Gott zu uns spricht, verstehen wir seinen Anspruch und Zuspruch wie den Anspruch und Zuspruch des Vaters an seine mit ihm streitenden und hadernden Kinder: den väterlichen Anspruch auf die Verzinsung des mitgegebenen, geliehenen Kapitals an Intelligenz, Empfindsamkeit und Mut in guten Taten – den väterlichen Zuspruch aber finden und geben wir wieder in den Zeichen der Zuwendung, die wie die ausgestreckte Hand, die empfindsame Träne, das spiegelnde Auge dich und mich erheben, nähren, versöhnen.

Feb 23 14

Logische Schneisen XIX

Person ist derjenige, der spricht – der Sprecher einer natürlichen Sprache, aber auch der Schreiber und Leser der mittels der natürlichen Sprache konstruierten künstlichen Idiome wie der logischen oder mathematischen Kalküle.

Sprecher teilen einander mit, was sie für mitteilungswert und bedeutsam halten. Die Bedeutung der Mitteilung, mit der ich dich bitte, unser Treffen um einen Tag zu verschieben, ist nicht in meinem Bewusstsein oder den neuronalen Prozessen unter meiner Schädeldecke gleichsam eingekapselt, und ich habe den Satz auch nicht dadurch mit Bedeutung aufgeladen, dass ich ihn an einen Vorstellungsinhalt meines Bewusstseins geschweige denn an einen elektrochemischen Vorgang in meinen Gehirn angeschlossen hätte: Du verstehst, was ich meine, unmittelbar dadurch, dass du die Satzäußerung oder Mitteilung auffasst, hörst oder liest.

Wir halten fest: Damit deine Äußerung bedeutsam ist und mir etwas zu verstehen gibt, ist es gleichgültig, was immer du dir bei der Verlautbarung denken oder welche Vorstellungen du damit verbinden magst. Wesentlich für das Funktionieren der sprachlichen Mitteilung ist nur die Korrektheit der Satzbildung – beziehungsweise die annähernde Korrektheit, denn auch aus einem elliptisch gebildeten oder einem korrupten Satz können wir zur Not den wohlgebildeten und bedeutungsvollen Satzbau rekonstruieren.

Aus der semantischen Definition der Person als eines Sprechers einer natürlichen Sprache folgt demgemäß, dass wir nicht notwendig auf Vorgänge im Bewusstsein oder Gehirn der Person Bezug nehmen müssen, um sie als Person zu identifizieren: Es genügt uns, wenn uns die Sätze, die sie äußert, verständlich sind, und die Sätze, die wir äußern, wiederum ihr verständlich sind. So erkenne ich, dass du meine Bitte, unser Treffen um einen Tag zu verschieben, verstanden hast, an der Tatsache, dass du nicht an dem zunächst vereinbarten Termin, sondern einen Tag später zu mir kommst.

Das Verstehen ist kein Bedeutungserlebnis und nicht identisch mit dem Erlebnis, welches das Verstehen unmittelbar begleitet, wie das Aha-Erlebnis, das du erfreulicherweise hast, wenn es dir nach großem Kopfzerbrechen endlich gelungen ist, das Rätsel zu knacken oder die algebraische Gleichung zu lösen. Dass Verstehen keine Art des Erlebens und schon gar nicht von der Art des Aha-Erlebnisses ist, merkst du daran, dass du auch in Fällen, in denen du glaubst, etwas verstanden zu haben, was du aber in Wahrheit gar nicht verstanden hast (sondern du lagst leider voll daneben), das beglückende Aha-Erlebnis haben kannst.

Wenn wir den logisch-semantischen Grundbegriff der Person an die Fähigkeit knüpfen, mit der Verwendung sprachlicher Zeichen etwas zu meinen und mitzuteilen und Mitteilungen zu verstehen, und wenn etwas zu meinen und zu verstehen keine psychischen Vorgänge sind, dann sind Personen im hier definierten Sinn weder identisch mit einer Summe von psychischen Vorgängen noch mit der Gesamtheit der neuronalen Prozesse, die diese Vorgänge verursachen.

Wenn du, was nicht selten passiert, danebengreifst und eine logisch-grammatische Regel nicht richtig anwendest und beispielsweise einen falschen Satz nicht mittels der korrekten Verwendung der doppelten Negation in einen wahren Satz umwandelst, bleibst du in deinem Bewusstseinsstrom nicht gleichsam am Vorstellungsbild der einen Negation kleben. Denn das Zeichen für „nicht“ bezeichnet keinen vorstellbaren Gegenstand oder Vorstellungsinhalt, sondern eine Technik der Verknüpfung von Sätzen, der Art nämlich, dass ein wahrer Satz durch Hinzufügung des Zeichens für „nicht“ zu einem falschen Satz und ein falscher Satz eben dadurch zu einem wahren Satz umgeformt wird. Die Vorstellungsbilder, mit denen du die Bildung und Verlautbarung eines Satzes verbinden magst, stehen in keiner notwendigen und internen Beziehung zum Inhalt des Satzes.

Was immer du dir vorstellen magst beim Äußern eines Satzes, dessen Bedeutung dir klar ist, was immer in deinem Gehirn an neuronalen Prozessen ablaufen mag, wenn du den Satz hörst und verstehst, es ist weder identisch mit dem Inhalt des Satzes noch mit deinem Verstehen des Satzes.

Wenn wir Personen als Sprecher natürlicher Sprachen betrachten, sind sie weder identisch mit Funktionen des Bewusstseins wie Vorstellungsbildern, Assoziationen, Erinnerungsbildern oder emotionalen Erlebnissen, die das Sprechen begleiten, noch mit den physiologischen Vorgängen oder neuronalen Mustern, die den physischen Akt des Sprechens verursachen.

Personen in diesem Sinne könnten genauso gut wie Sätze als Ureinwohner des logisch-semantischen Raumes betrachtet werden.

Feb 17 14

Logische Schneisen XVIII

Sätze sind die Ureinwohner des logisch-semantischen Raums. Sie sind jene Zeichenfolgen, die wir in Hinsicht und mit der Absicht zur Erfüllung eines sprachlich-pragmatischen Zweckes bilden.

Das, was unverändert bleibt, wenn du einen Aufforderungssatz (Befehl, Bitte, Wunsch) in einen Behauptungssatz umwandelst, ist das, was beide Sätze oder die Struktur oder die Form beider Sätze mit der Realität gemein haben – die logische Form der Modellbildung oder Abbildfunktion, die jeweils dieselbe syntaktische und semantische Mannigfaltigkeit aufweisen muss wie das mit dem Satz Gemeinte und Intendierte.

Der Satz „Das Fenster steht offen“ hat die Mannigfaltigkeit, die durch die logische Form a (F), sprich „a ist ein F“ angezeigt wird: Ein Gegenstand wird mit einem Begriff (und wenn nötig einem deiktischen Zusatz wie „dieses dort“ in „dieses Fenster dort“ und der gleichzeitigen Zeigebewegung oder Deixis) aus der Umwelt aussortiert (mittels des sortalen Gegenstandsbegriffs „Fenster“) und in die Klasse der Gegenstände eingeordnet, welche die Eigenschaft F haben.

Die syntaktische und semantische Mannigfaltigkeit des Ausdrucks muss die des gemeinten Sachverhaltes enthalten: Mit dem bloßen Ausruf „Das Fenster dort“, auch wenn er durch die Zeigebewegung verstärkt wird, sagst du zumeist nichts aus, es sei denn, in dem Moment hätte ein Windstoß das Fenster aufgerissen und dein Ausruf könnte von deinem vor dem Fenster sitzenden Kollegen als Aufforderung verstanden werden, das Fenster zu schließen. Dann hast du mit dem unvollständigen Ausdruck „Das Fenster dort!“ implizit gemeint: „Bitte, schließe das Fenster!“ (sogenannte Implikatur).

Der Satz „Das Fenster steht offen“ hat als indikativischer Behauptungssatz die Bedeutung, die Tatsache darzustellen, dass das Fenster offen steht, und realisiert die Intention, auf die Tatsache hinzuweisen, dass das Fenster offen steht.

Der Satz „Das Fenster steht offen!“ hat als Aufforderungssatz die Bedeutung des Wunsches desjenigen, der den Satz zu seinem Kollegen in der Absicht sagt, dieser möge das Fenster schließen, weil es zu frisch im Zimmer wird.

Wenn du den Satz „Das Fenster steht offen!“ im Sinne einer Aufforderung an deinen Kollegen äußerst, dieser möge das Fenster schließen, hegst du die Erwartung, dass er das Fenster schließen werde.

Wenn es zieht und das Fenster offen steht und ich dich auffordere „Bitte, schließe das Fenster“, kannst du aufgrund dieser Äußerung, ohne den Sachverhalt durch Augenschein zu überprüfen, ableiten, dass das Fenster offen steht. Wir finden hier die Tatsache bestätigt, dass unsere Sätze in ein kompliziertes Netz von mehr oder weniger kohärent zusammenhängenden Sätzen verflochten sind. So begegnet es uns bei der logischen Mannigfaltigkeit des Farbraums, die bedingt, dass du aus jemandes Äußerung „Dieser Fleck ist rot“ schließen kannst, dass er weder blau noch grün noch gelb ist.

Das Modell oder die Abbildfunktion, die unsere beiden Ausgangsätze, der Behauptungssatz „Das Fenster ist offen“ und der Aufforderungssatz „Bitte, schließe das Fenster“, gemeinsam haben, kann abgekürzt so dargestellt werden <Fenster> 0 <offen>, wobei die Klammern die Tatsache kennzeichnen, dass die genannten Wörter semantisch nicht vollständig festgelegt oder gebunden sind, während das Null-Zeichen zwischen den Wörtern die Tatsache kennzeichnet, dass ihre Verknüpfung nicht festgelegt ist – die Satzform zeigt allerdings auch, dass der artikulierte und vollständige Satz die Ergänzung und Bindung durch ihre semantische Festlegung und syntaktische Verknüpfung zwingend fordert.

Der Spielraum der semantisch-syntaktischen und logischen Mannigfaltigkeit von Behauptung und Aufforderung kann anhand des einfachen Satzmodells <Fenster> 0 <offen> wie folgt dargestellt werden:

Das Fenster ist offen.
Das Fenster ist nicht offen.  (Das Fenster ist geschlossen.)
Bitte, schließe das Fenster.
Bitte, öffne das Fenster.

Wir sehen: Mittels einfacher sprachlicher Transformationen bilden wir aus dem Satzmodell oder Satz-Nucleus Sätze unterschiedlicher Bedeutung, die wir benutzen, um ebenso unterschiedliche Handlungen mit unterschiedlichen Handlungszwecken und Handlungsabsichten wie Behaupten oder Auffordern zu vollziehen.

Wir können auch sagen: Das Satzmodell wird durch Anwendung der Modi Indikativ, Imperativ, Optativ in Sätze unterschiedlicher Bedeutung modifiziert: Behauptungssatz, Befehlssatz, Wunschsatz (Bitte).

Mit der deskriptiven Leistung des Behauptungssatzes im Indikativ beschreiben wir die Struktur von aktuell bestehenden Sachverhalten (aber auch von Sachverhalten, die unserer Meinung nach in der Vergangenheit bestanden oder in der Zukunft bestehen werden). Mit den Modi Imperativ und Optativ drücken wir unseren Willen und unseren Wunsch aus, der im Satz abgebildete Sachverhalt müsse oder möge Realität werden.

Wir bemerken, dass unsere bewusst erlebten Absichten oder Einstellungen Gedanken mit einem bestimmten propositionalen Gehalt p sind, der in den Sätzen des Behauptens und Aufforderns als derselbe Gehalt wiederauftaucht. Der mittels der Intentionen der Behauptung oder Aufforderung intendierte Gehalt p ist das Bindeglied zwischen dem Satz und dem System unserer Erfahrung oder kurz der Realität, deren Modell er darstellt:

Du behauptest, dass p (dass nicht p).
Du befiehlst, dass p (dass nicht p).
Du bittest, dass p (dass nicht p).
Du wünschst, dass p (dass nicht p).
Du hoffst, dass p (dass nicht p).
Du befürchtest, dass p (dass nicht p).
Du erwartest, dass p (dass nicht p).

Intentionen und mentale Einstellungen wie etwas behaupten, fordern, um etwas bitten, etwas wünschen, hoffen, befürchten und erwarten haben die propositionale Struktur von Gedanken, weil sie sich auf das Bestehen oder Nicht-Bestehen von Sachverhalten beziehen und in den entsprechenden Sprach-Handlungen ausgedrückt werden.

Wenn du erwartest, dass ich wegen deiner Aufforderung, das Fenster zu schließen, das Fenster schließe, erwartest du nicht etwas Unbestimmtes und deine Erwartung wird nicht durch ein Gefühl der Befriedigung erfüllt, das sich aufgrund der Tatsache einstellt, dass deine Erwartung erfüllt worden ist. Du erwartest mit Bestimmtheit, was im Symbol p für den Satzgehalt enthalten ist, und dein Gefühl der Befriedigung ist ein mehr oder weniger zufälliges Beiwerk der Erfüllung deiner Erwartung durch die Tatsache, dass ich das Fenster schließe. Du könntest ja auch enttäuscht ob der Tatsache sein, dass ich das Fenster schließe, weil du es lieber offen und frische Luft haben willst – und dann wäre das Gefühl der Enttäuschung das zufällige Beiwerk der Erfüllung deiner Erwartung, deren notwendiger oder interner Inhalt durch die Beziehung auf den Satzgehalt p gegeben ist.

Wir sehen und halten fest: Emotionale Einstellungen wie Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen und Erwartungen sind keineswegs, wie man leichthin glauben könnte, rein biologisch fundierte mentale Zustände oder Instinkte, sondern als sprachbezogene Bewusstseinszustände Bewohner des logisch-semantischen Raums. Sie alle kennzeichnet eine interne Beziehung zum Gehalt p des Satzes, der den von ihnen intendierten Inhalt darstellt. Der intendierte Sachgehalt p kann aus dem Bewusstseinszustand des Wünschens, Hoffens, Befürchtens und Erwartens nicht getilgt werden, ohne diesen Bewusstseinszustand selbst seines Wesens und seiner Form zu berauben.

Der Hund läuft ungeduldig zur Tür, wedelt heftig mit dem Schwanz und springt erregt die Türe empor. Wir sagen so obenhin, der Hund erwarte die Rückkehr seines Herrn. Der Hund indes erwartet keinesfalls die Rückkehr seines Herrn – Tiere haben keine Bewusstseinszustände des Wünschens, Hoffens, Befürchtens und Erwartens, weil sie über keine der unseren strukturähnliche Sprache verfügen und Zustände der genannten Art eine interne Beziehung zur Sprache aufweisen.

Der Hund erwartet nicht die Rückkehr seines Herrn, auch nicht seine unmittelbare Heimkehr – wäre dem so, könnte er auch die Rückkehr seines Herren von der Geschäftsreise nach Übersee in drei Wochen erwarten. Der Hund wittert seinen Herrn und das versetzt ihn in den bekannten Erregungszustand. Weil das Tier über die sinnliche Wahrnehmung von Geruch und Gehör einen kausalen Stimulus erhält, der die reflexhaften oder konditionierten Verhaltenssequenzen, die in seinem Gehirn gespeichert sind, freisetzt, verhält es sich so, wie es sich nun einmal verhält.

Wenn wir die Rückkehr des Herrchens regelmäßig mit dem Erklingen einer Glocke begleiten, können wir den Hund auf das Erklingen der Glocke konditionieren und so den bedingten Reflex bei ihm hervorrufen, nämlich mit dem bekannten Verhaltensrepertoire des freudigen Schwanzwedelns und erregten Die-Türe-Emporspringens zu reagieren. Aber auch in diesem Falle, wenn der Hundebesitzer nicht einmal in der Nähe ist, können wir keineswegs behaupten, der Hund erwarte die Rückkehr seines Herrn. Der Hund wittert nunmehr seinen Herrn gleichsam in dem akustischen Bild oder akustischen Muster des Glockentons.

Du aber erwartest die Rückkehr deiner Freundin, deines Freundes, deiner Eltern oder deiner Kinder. Deine Erwartung ist intern auf den Inhalt bezogen, der durch den Satz wiedergegeben wird: „Ich erwarte, dass der und der zurückkehrt.“ Die in die Erfüllung der Erwartung durch die tatsächliche Rückkehr des Erwarteten hineingemischten Gefühle sind nicht etwa der die Erwartung motivierende Inhalt der Erwartung – sind diese Gefühle doch nicht spezifisch und können von Freude über Gleichgültigkeit bis zur Enttäuschung reichen.

Wenn du erwartest, dass dich deine Freundin enttäuschen und heute nicht wie gewöhnlich an diesem Wochentage zu dir kommen wird, kann das erwartete Nicht-Eintreten des Sachverhaltes oder die negative Tatsache, dass jemand nicht zu dir kommt, nicht deine sinnlichen Rezeptoren stimulieren und insofern kausal für die Entstehung deiner Erwartung, dass nicht p, verantwortlich sein.  Was nicht existiert, kann schlechterdings nicht auf dich einwirken.

Der Hund allerdings kann nicht hoffen oder befürchten oder erwarten, dass sein Herrchen heute, morgen oder übermorgen NICHT zu ihm zurückkehrt. Denn der Hund lebt wie alle Tiere außerhalb des logisch-semantischen Raums, in dem sprachlich strukturierte Bewusstseinszustände wie Hoffen, Befürchten und Erwarten allererst möglich sind.

Den Tier-Mensch-Unterschied markieren wir also deutlich an der Tatsache, dass wir uns mit Sätzen auf nicht bestehende Sachverhalte beziehen können, Sätze, die wir verwenden, um intentionale Bewusstseinszustände wie Hoffen, Befürchten oder Erwarten zum Ausdruck zu bringen. Natürlich gilt dies  a fortiori für den intentionalen Akt des Behauptens, mit dem wir Negationen und beliebige Iterationen von Negationen zum Ausdruck bringen können.

Tiere haben mangels Sprache gleichsam keinen internen Bezug zur Negation – jedenfalls kann das Nicht-Bestehen der Tatsache, dass sein Herrchen heute zu ihm zurückkehrt, bei dem Hund nicht den mentalen Zustand hervorrufen, der ihn denken ließe: „O weh, ich fürchte, heute kommt Herrchen nicht nach Hause!“

Feb 16 14

Logische Schneisen XVII

Wenn du dich verrechnest, laufen die elektrochemischen Signalübertragungen in deinem Gehirn ungestört weiter. Der Rechenfehler ist kein Effekt eines letztlich physikalischen Versagens – sondern die Folge des Versagens deiner kognitiven Bemühungen.  Daraus folgern wir, dass auch und gerade dann, wenn du richtig gerechnet oder allgemeiner klar und wahr gedacht hast, das korrekte Rechenergebnis und die Wahrheit des Satzes, mit dem du deinen richtigen Gedanken ausdrückst, nicht das Ergebnis elektrochemischer oder letztlich physikalischer Prozesse im Neurocortex sein können.

Die kognitive Leistung, die sich nicht mittels Angabe oder Modellierung durch physikalische Größen darstellen lässt, ist dem Maßstab vergleichbar, den wir definieren und konstruieren, um etwas zu messen. Das Urmeter zu Paris ist insofern kein physikalischer Gegenstand und schon gar kein natürlicher Gegenstand, der seine Entstehung kausalen Prozessen in einer physikalisch-kausal geschlossenen Welt der Natur verdankt – sondern das Ergebnis eines Festsetzung oder Kodifizierung. Das logische Gewicht der Sätze, mit denen wir etwas behaupten, rührt von ihrer logischen Form, mittels deren wir beispielsweise unsere Erfahrungen messen, wenn wir sagen: Die Aussage, dass dieser Gegenstand rot ist, ist wahr – weil er weder blau noch grün noch gelb ist. Dem Urmeter der Längenmessung entspricht in diesem Falle der Farbraum oder der logische Raum unserer Farbfestsetzungen.

Du musst das Metermaß an den zu messenden Gegenstand anlegen, um ihn exakt vermessen zu können. Du musst die Farbskala mit der Reihe der von uns festgesetzten Farben mit ihren konventionellen oder technischen Bezeichnungen an den zu bestimmenden Farbfleck gleichsam anlegen, um seinen Farbwert zu bestimmen und die korrekte Farbbestimmung in einem wahren Satz darzustellen.

In welchem Sinne können wir fehlgehen und uns bei der Farbbestimmung vertun? Hier können zufällige Beeinträchtigungen in der Umgebung wie schlechte Lichtverhältnisse oder verfälschende Lichtquellen oder das Versagen des Augenlichts eine Rolle spielen – dann kommen wir nicht zu richtigen Ergebnissen, wie bei gutem Tageslicht und optimalem Sehvermögen, und sagen etwas Falsches. Wir können aber auch in einem stärkeren Sinn fehlgehen, wenn wir ein hierzulande nicht oder nicht mehr gängiges Farbregister als Bezugsgröße benutzen, zum Beispiel eines mit der Grundfarbe Blaugrün statt Grün oder Blau. Dann kommen wir zu seltsamen Farbbestimmungen, die nicht falsch, sondern hierzulande nicht üblich und deshalb für die hiesig vorwaltenden Zwecke irrelevant sind.

Wenn aufgrund der Einwirkung einer geheimnisvollen Kraft morgen das Urmeter und all unsere Metermaße (sagen wir gleich all unsere auf physikalischen Voraussetzungen beruhenden Maßsysteme) willkürlich gelängt oder gekürzt, kurz modifiziert worden wären, ließe uns das kalt, denn dann wären auch die zu vermessenden Gegenstände im selben Verhältnis gelängt oder gekürzt, kurz modifiziert worden, und somit blieben unsere Messergebnisse gleich.

Dasselbe gilt cum grano salis auch für die maßgebende oder normative Funktion unseres Farbregisters: Würde morgen aufgrund der Wirkung einer geheimnisvollen Kraft der Frequenzbereich für die Farbe Rot aus dem Lichtspektrum getilgt, würden wir mit unserem bewährten Farbregister unverzagt weiterarbeiten: Der Farbwert „Rot“ wäre ja aus der Skala gelöscht – und mit dem Rest machen wir auf bewährte Art weiter, ohne in den Belangen unserer alltäglichen Wahrnehmung das Geringste zu merken.

Uns genügt eine wesentliche Voraussetzung: Für die Zeit des Messens müssen das System unserer Erfahrung stabil und unser Maßstab starr und verhältnismäßig invariabel sein. Ebenso muss unser Farbregister klar abgestuft und über fließende Grenzen hinweg eindeutig bestimmbar sein: Es muss also mindestens zwei identifizierbare und feststehende Farbegriffe geben, wenn wir überhaupt von Farbbestimmung sprechen wollen.

Wenn du dich beim Messen vertust und einen falschen Wert bestimmst, können wir dich korrigieren.  Dein Gehirn, das im Hintergrund auf seine altbewährte physische (und öfters Kopfweh verursachende) Weise damit beschäftigt war, deine Rechen- und Mess-Handlung zu unterfüttern, können wir nicht kritisieren oder tadeln. Du selbst bist als autonom agierende Person die Instanz, an die wir appellieren: Wenn du als Bauingenieur den Zweck und das aufgrund der Baupläne wohldefinierte Ziel der exakten Messung des Umfangs der tragenden Säule durch Unachtsamkeit verfehlst, wirst du zur Verantwortung und Rechenschaft gezogen, falls die Decke einstürzt. Du kannst dich nicht auf irgendwelche neuronalen Vorgänge in deinem Gehirn während deiner mangelhaften Rechenleistung berufen, um dich unbeschadet aus der Sache herauszuwinden.

Obwohl du den Zweck der Berechnung, die Statik des Gebäudes exakt zu bestimmen, verfehlt hast, willst du dich dadurch deiner Verantwortung entziehen, dass du auf überzeugende Weise den Nachweis erbringst und diesen Nachweis beispielsweise vor Gericht als Beweisgrund anführst, deine Rechenmaschine, der Computer, habe versagt, nicht aber du selbst: Du habest ihn mit den richtigen Daten für die richtig ausgewählten Formeln gefüttert, er habe aber den falschen Output ausgegeben. Ob dir das mildernde Umstände einbringt, wenn durch den von dir verschuldeten Einsturz Menschen verletzt oder gar getötet worden sind? Wohl kaum. Denn du bist nicht nur für die korrekte Ausführung deiner Berechnungen verantwortlich, sondern auch dafür, dass die Mittel, mit denen du die exakten Ergebnisse erhältst, gewartet sind und ordnungsgemäß funktionieren.

Wir haben die uralten Maßstäbe wie Fuß und Elle durch die genauere, gleichsam transkulturelle oder universelle Normierung des Meters ersetzt, weil diese besser zu unserem Zweck passt, zu exakteren und bestimmteren Messergebnissen zu gelangen. Denn wir bauen keine Zelte mehr, sondern Hochhäuser, treten keine Pfade mehr aus, sondern bauen Autobahnen. Wir können im Nachhinein angeben, wie viele Meter oder Zentimeter im Durchschnitt etwa ein Fuß oder eine Elle misst. Wir können nicht umgekehrt das Meter exakt mit dem alten Maß der Elle darstellen.

Unser elementares Wissen, wie zu messen und zu rechnen sei, war lange schon vorhanden und als Voraussetzung für das Unterfangen genügend entwickelt, technische Hilfsmittel und Methoden zur Beschleunigung und Präzisierung vom Metermaß über den Taschenrechner bis zum Super-Computer zu erfinden und erfolgreich anzuwenden.

Wir sagen: Mit dem ersten Wort ist gleichsam der ganze logische Raum des Denkens und Rechnens wie in einer Nussschale gegeben. Er musste sich gewiss auf ungeheuer verschlungenen Wegen – den Wegen der kulturellen Steigerung – entfalten. Entfaltung oder Explikation – nicht Evolution oder Emergenz im biologischen und physikalischen Sinne.

Das Gehirn ist kein Teil des Denkens, sondern organischer Teil der Person, die denkt. Die neuronalen Vorgänge der Energiewandlung über elektrochemische Prozesse im Gehirn gehorchen den physikalischen Gesetzen wie dem Erhaltungssatz, aber bilden nicht die logischen Beziehungen der Implikation und Folgerung ab, die unserem alltäglichen Tun zugrundeliegen, wenn wir den Kassenbeleg im Supermarkt kontrollieren oder unsere Bankauszüge checken.

Warum sind Messen und Rechnen, kurz Denken, keine natürlichen Vorgänge und nicht das Ergebnis biologischer Evolution? Weil die Festlegung der Maßstäbe und die normativen Regeln, die unseren Handlungen des Messens und Rechnens zugrundeliegen, keine natürlichen Tatsachen sind.

Feb 12 14

Logische Schneisen XVI

Von der kleinen Zeltstadt am Rande der Wüste machten sich die Mutigen, die Kühnen und die Tollkühnen, Abenteurer, zwielichtige Gestalten, die nichts zu verlieren hatten, von Forscherdrang und von Gier nach dem schnellen Reichtum Getriebene, in einer kleinen verschworenen Expeditionsgruppe eines Tages auf, zu suchen und zu sehen, ob wohl die Welt jenseits der spiegelnden und flirrenden Ebene der großen Wüste zu Ende sei oder ob die Welt dort jenseits des Sandmeeres weitergehe – welche Schätze dort verborgen sein mochten, welche seltsamen Wesen dort hausten, fratzenhafte Ungeheuer oder Wesen von übermenschlicher Schönheit und Erhabenheit, von denen in den alten Mythen schon immer die Rede war.

Auf die Rückkehr des ersten Expeditionscorps hatte man vergebens gewartet, keiner kam zurück. Wieder rissen sich nach geraumer Zeit die Verwegenen und Mutigen vom sicheren Hafen am Rande des großen Sandmeeres los – und diesmal kehrte einer zurück, ein einziger Mann, augenscheinlich verstört und wahnsinnig geworden unter der das Hirn ausdörrenden Sonne – so musste man jedenfalls aus seinen wirren Erzählungen schließen, in denen es nur so wimmelte und zischte, sich schlängelte und sang von Wüstengeistern und Dämonen aus dem glühenden Sand.

Erst die dritte Expedition war von Erfolg gekrönt. Die Rückkehrer wussten von erstaunlichen Dingen zu berichten, grünen Zonen der Fruchtbarkeit und üppiger Vegetation um freundlich leuchtende grünblaue Seen, in denen es von Fischen glitzterte. So brachen die Kinder der Wüste auf und eroberten sich eine bessere Bleibe in der Fremde, eine Kolonie des Glücks.

Menschen scheinen gemischten Sinnes, zu siedeln gewillt, wo sie dank natürlicher Umstände wie schützender Täler oder gedeihlicher Bäche und Flüsse und der friedsamen Verwandtschaft ihrer Anrainer ein Unterpfand des Bleibens finden, zu wandern gestimmt, wenn aromatische Winde, goldene Sagen oder aufmunternde Explorationen in exotische Gegenden locken, die nach ausgestandenen Abenteuern Zukunft verheißen.

Betrachten wir die Wüste und das Sandmeer als sprechende Allegorie des Unbekannten und Ungewissen, dem wir uns schon seit unvordenklichen Zeiten benachbart und ausgesetzt sehen, von dem wir aber auch angelockt und zu gefährlichen Expeditionen, Ausschiffungen und Abenteuern verlockt werden. Sehen wir das grenzenlose Meer als die sprechende Allegorie der Zahlen und der Zahlentypen, der Gedanken und der logischen Formen des Denkens: Ist nicht der Entdecker der irrationalen Zahlen in seiner Kühnheit und logischen Konsequenz einem Kolumbus, einem Kopernikus oder Galilei zu vergleichen? Und verrät sich nicht die tief eingewurzelte Angst vor dem Unbekannten in der obskuren Geschichte von Hippasos von Megapont, der, ein Schüler des Pythagoras und seinem Geheimbund zugehörig, das Geheimnis der irrationalen Zahlen verraten oder gar die Existenz dieses Zahlentyps selbst entdeckt haben – und kurz darauf im Meer ertrunken sein soll?

Sind nicht Begriffe oder Pseudo-Begriffe, Sätze oder Pseudo-Sätze, die unkontrolliert oder unwillkürlich den Plan unseres Denkens zu durchqueren scheinen, wie „die Menge aller Dinge“ oder „das Unendliche“, „Das viereckige Dreieck existiert nicht“ oder „Ein rechteckiger Kreis ist undenkbar“, jenen Wüsten-Dämonen zu vergleichen, die den Wanderer heimsuchen, der sich zu weit über die Grenzen der bekannten Welt hinausgewagt hat? Sind solche Begriffe und Sätze nicht Vexierbildern gleich, die unseren Verstand mit unlösbar scheinenden Rätseln zu bannen und zu verhexen scheinen?

Denken wir an Sätze wie:

„Der jetzige König von Deutschland trägt einen Bart“
„Die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten, enthält sich selbst.“
„Mir träumte, du hättest geträumt, dass ich träumte, du hättest geträumt.“
„Dieser Satz ist unwahr.“
„In meinem Gesichtsfeld gibt es mehr rote Flecken, als ich wahrnehmen und zählen kann.“
„Die Wegstrecke zwischen der Alten Oper Frankfurt und der Hauptwache hat unendlich viele Abzweigungen.“
„Der fliegende Pfeil ruht in jedem Moment.“
„Wenn die Zeitstrecke zwischen 20 und 21 Uhr unendlich teilbar ist, dauert diese Stunde eine Ewigkeit.“

Können wir solcher monströsen Gebilde nicht anders als die sogenannten Primitiven einzig durch Gegenzauber Herr werden, der die Wahrscheinlichkeit ihres Wiedererscheinens in dem Maße verringert, in dem wir uns von den unheimlichen Orten entfernt zu halten nötigen, an denen sie sich gewöhnlich aufhalten und die uns mit der Fata Morgana von Wunder-Blumen und Unsterblichkeit oder Allwissenheit verleihenden Früchten unwiderstehlich reizen? Doch wissen wir: Durch geduldige logisch-semantische Analyse können wir die Paradoxien bannen und die Vexierbilder zum Verschwinden bringen.

Wir suchen Sicherheit im Aufspüren und Ableiten von Gründen für unsere Handlungen und die unserer Mitmenschen, um uns die Tür zur Zukunft zumindest um einen Spaltbreit zu öffnen – auf dass wir nicht ganz im Dunklen und Ungewissen tappen. Wir gehen davon aus, dass es nach der Nacht und dem Schlaf wieder Tag wird um unser waches Bewusstsein – warum sollen ich nicht davon ausgehen, dass du mich morgen im Büro, im Seminar oder auf der Straße wiedererkennen und freundlich grüßen wirst? Wir können nicht mit dem beängstigenden Gedanken leben, dass morgen wahrscheinlich alles ganz anders sein wird, du mich nicht nur nicht wiedererkennen, sondern aus heiterem Himmel mir feindlich gesinnt sein und mir nachstellen wirst.

Gewissheiten indes finden wir nur im Grab der Vergangenheit: In den Grüften, Archiven und Museen des untergegangenen Lebens wird die Sicherheit der Funde vergolten mit der Erstarrung und der Maskenhaftigkeit ihrer Formen. Doch in der Stickluft der Archive und den Bastionen der sicheren Dauer können wir nicht atmen. Leben heißt für uns, das Leben steigern, das Leben steigern und um neue Erkenntnisse, Farben, Melodien bereichern, verlangt uns ein hohes Maß an Mut, Passion und Opferbereitschaft ab. Im Bestreben, das Dasein zu erhöhen, zu intensivieren, zu verklären, hat dieser und jener Dichter und Denker, Forscher und Forschungsreisende seinen Verstand oder das Leben selbst verloren.

Dass wir uns morgen wiedersehen, ist nicht ganz ungewiss. Gewiss aber, dass wir uns irgendwann nicht mehr wiedersehen. Wir können mittels Induktion nicht auf die unbegrenzte Fortdauer der Reihe der Ereignisse schließen, die wir in der Vergangenheit beobachtet, erlebt oder ins Werk gesetzt haben.

Doch wie steht es um die Schlussregeln und das korrekte Schlussfolgern in Logik und Mathematik? Stehen wir hier nicht auf unerschütterlichem, erzenem Boden? Umweht uns hier nicht gleichsam Klarsicht eingebende Ewigkeitsluft? Ist nicht das „Und-so-weiter“ in trockenen Tüchern, wenn wir die Reihe einmal begonnen, einmal die Prämissen festgelegt, einmal die Axiome klar definiert haben?

Es bleibt ein unwägbarer Rest. Womit wir was auch immer beweisen und ableiten, können wir eo ipso nicht beweisen und ableiten, es ist der unser „Und-so-weiter“ ermöglichende unerweisliche und unausdenkbare Rest. Oder vielmehr: Das ganze Gebäude unseres Denkens schwebt in der Luft – nur was wir in seinen Gemächern tun und treiben, reden und handeln, ist mit Sinn erfüllt oder wird alsbald als Unsinn aus den Fenstern gekippt.

Unser Haus oder unsere Welt oder das ganze System unserer Erfahrung, der logische Raum, haben kein echtes Fundament: Wir können das Haus nicht aus Mutwillen oder um konsequent von Neuem zu beginnen und diesmal alles richtig zu machen bis auf die Grundmauern abreißen und auf solider Basis wiedererrichten. Ja, das Haus hat nicht einmal wirkliche Fenster, aus denen wir in die umliegende Landschaft blicken und uns vergewissern könnten, ob es da oder dort noch andere Gebäude unserer Art gibt oder ob wir gar Anwesen entdecken, deren Baustil dem Baustil unseres Hauses gänzlich unähnlich und unvergleichbar ist.

Aber gemach! Was nützte uns das? Würden wir in unserer näheren oder ferneren Umgebung andere Häuser mit unvergleichlich anderem Baustil entdecken, könnten wir doch davon ausgehen, dass sie uns in der einen und entscheidenden Hinsicht wie ein Ei dem anderen ähnlich sind: Sie alle ruhen nicht wie echte Häuser auf echt soliden Fundamenten, sie alle schweben vielmehr, exotischer als die hängenden Gärten der Semiramis, in der Luft. Wir brauchen demzufolge auch keine Fenster oder höchste Aussichtstürme und Wunder-Teleskope, mit denen wir vorgeblich uns und den Rest der Welt überblicken könnten, um gleichsam von außen zu erspähen, wo wir sind: Wir wissen genug, um zu wissen, wo wir uns aufhalten. Doch zugleich fühlen wir, wie der Sand tief unter unseren Füßen leise, sehr leise rieselt.

Feb 9 14

Logische Schneisen XV

Dein Wort hat heute dieselbe Bedeutung wie gestern und hoffentlich auch morgen. Was heißt das? Du sagst dasselbe in derselben Situation mittels derselben sprachlichen Ausdrücke. Du wirst nicht anfangen, „Guten Abend“ zu sagen, wenn du morgens in die Schule, in die Universität oder ins Büro kommst, um deine Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen zu begrüßen – es sei denn vielleicht einmal, weil du mutwillig aufgelegt bist, zum Scherz. Wenn du es dir allerdings zur Regel machtest, die gewohnten Begrüßungsformeln falsch zu verwenden, hielte man dich bald für einen ausgemachten Narren.

Wir sagen: Die Erde steht fest – in gewissen Grenzen, hier enger, dort weiter, auch wenn sich der gewaltige physische Körper mit rasender Geschwindigkeit durch die Weiten der Galaxis, sich um die eigene Achse drehend, auf seiner elliptoiden Umlaufbahn um das Zentralgestirn bewegt: gleichsam zu unser aller Nutz und Frommen, würden wir ansonsten doch trist und dumm aus der Wäsche schauen, entbehrend des Wechsels von Tag und Nacht und der gloriosen Rhythmen der Jahreszeiten. Wenn wir sagen, die Erde stehe in gewissen Grenzen fest, meinen wir damit: Die Welt bindet unsere Erfahrung in ein Kontinuum, dessen Ränder wohl ins Unbestimmte und Vage zerfließen, dessen Kernschicht indes gleichsam aus gehärtetem Material besteht: der Identität der Erfahrungsgegenstände und Tatsachen, die wir in der Anwendung aller Arten des Zählens und Schlussfolgerns, bei allen Formen des Arrangierens, Sortierens, Gruppierens und Neugruppierens von Gegenständen voraussetzen.

In unserer Welt natürlicher Systeme von Symmetrien und konstant wiederkehrender oder systematisch variierender Regularitäten kommen wir dahinter, dass der Gegenstand der Wahrnehmung des hellsten Sterns am Abendhimmel derselbe Gegenstand der Wahrnehmung des ersten Sterns des Morgenhimmels ist. In unserer Welt kontinuierlicher und nicht völlig diskontinuierlicher Erfahrung kommen wir dahinter, dass der Abendstern dieselbe Umlaufbahn zieht wie der Morgenstern und deshalb derselbe Stern ist, nämlich der Planet Venus.

Lebten wir in einer seltsamen Welt, in der der Abendstern nicht derselbe Gegenstand wie der Morgenstern wäre, könnten wir uns nicht über die Anwesenheit oder Abwesenheit derselben Gegenstände verständigen und unterhalten – das System unserer Erfahrung, das auf der Anwendung des Begriff der Identität beruht, bräche in sich zusammen: Könnten wir nicht über denselben Gegenstand sprechen, hätten wir unser einigermaßen solides und verlässliches System der Erfahrung nicht gegen ein fluides, buntes und anarchisches System der Erfahrung ausgetauscht: Wir könnten schlicht überhaupt keine Erfahrungen mehr machen. Wir wären außerstande, etwas zu sagen, einen Gedanken zu fassen, eine Handlung zu vollziehen.

Behauptungen und Handlungen setzen die Anwendbarkeit der Kriterien von richtig und falsch voraus, sonst könntest du nicht etwas behaupten, dem ich beistimmen oder widersprechen, nicht eine Handlung vollbringen, die ich uneingeschränkt gutheißen oder als tadelnswert zurückweisen kann. In einer Welt oder einem System der Erfahrung, in dem nichts richtig und nichts falsch ist, träumen wir mit offenen Augen.

Ihr erwartet viele Gäste. Du hast bereist 8 Suppenteller auf dem Tisch in 2 Gruppen von je 4 Tellern arrangiert. Wenn du mich aufforderst, noch einen letzten Teller dazuzustellen, wie soll ich mich verhalten? Wenn ich den Teller zu einer der beiden von dir symmetrisch arrangierten Gruppen stelle, zerstöre ich die Symmetrie. Doch wenn die Gleichung 9 = 3 x 3 stimmt, werde ich einfach das Arrangement der Teller in 3 Gruppen zu je 3 Tellern neugruppieren.

Lebten wir in einer Welt, in der das Prinzip „Aus den Augen aus dem Sinn“ in einer radikalen Bedeutung gälte und die Dinge ihr Gesicht wechselten wie Don Juan die Frauen, könnte es geschehen, dass sich mein neues Arrangement wie von Zauberhand im Nu in eine neue Gruppe mit der Aufteilung 1 Teller, 3 Teller, 4 Teller verwandelte, weil in dieser schönen neuen Welt Symmetrien nicht vorkämen oder verboten wären.

Du hast deine 8 Suppenteller für die erwarteten Gäste schön symmetrisch in 2 Gruppen arrangiert und greifst aus der Schublade eine gute Handvoll Löffel, um sie ordentlich Stück für Stück den Tellern zuzuweisen. Du musstest die Löffel nicht eigens auf 8 Stück abzählen – wenn du allen Tellern je 1 Löffel zugeordnet hast, weißt du, dass es 8 Löffel sind, die jetzt auf dem Tisch liegen. Mehr ist nicht vonnöten, solange wir in unserer Welt leben, in der je ein Mensch genau mit 1 Löffel auskommt, um seine Suppe auszulöffeln. Auch wenn du nicht wüsstest, wie viele Suppenteller auf dem Tisch stehen, wüsstest du doch, dass nach der korrekten Zuordnung der Löffel auf je einen Teller die Anzahl der Löffel und die Anzahl der Teller identisch sind. Wir sagen etwas umständlich auch, die Menge der Elemente der Teller ist gleichzahlig mit der Menge der Elemente der Löffel.

Wenn du alle Löffel korrekt neben die 8 Teller gelegt hast, überblickst du nochmals die Situation – und stellst zu deinem Erstaunen, ja Entsetzen oder Grauen, fest, dass jetzt nur noch 2 Löffel neben 2 Tellern liegen, neben den anderen Tellern liegen einmal 3 Messer und einmal 3 Gabeln.

Was ist hier passiert? Du bist in eine verzauberte und verrückte Welt geraten, in der die Dinge dir ständig ein Schnippchen schlagen, dich narren und an der Nase herumführen – eine Welt, in der die Gegenstände ihre Identität wie Narrenkappen reihum wechseln, eine Welt, in der nichts feststeht, sondern die Kernschicht unserer Erfahrung sich verflüssigt hat und die Anwendung der Schicksalsvokabel „derselbe“ nicht mehr möglich ist. In dieser Welt der Unruhe, des Chaos und der traumartigen Metamorphosen gibt es weder Tag noch Nacht, weder Mondjahr noch Sonnenjahr, weder Zahl noch Maß, kein Ich und kein Du. Die Flüsse strömen aufwärts, die Bäume wurzeln in der Luft, dein Gegenüber ist ein negativer mentaler Zwilling und verneint ohne Unterlass jeden Gedanken, den du gerade denkst. Die Menschen verschwinden unter den Augen der anderen, die Grenzen zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Traum verschwimmen. In einer solchen auf dem Kopf stehenden Welt ist ein Leben nicht mehr möglich – unser Leben, das eine gewisse Ruhe, Beständigkeit, Gelassenheit – wenn auch vorläufig, wenn auch in fließenden Grenzen – in seinen mentalen Fundamenten zu genießen gleichsam begnadet ist.

In einer solchen Welt des Phantastisch-Unbestimmten und Unerwarteten ohne Symmetrien und Regularitäten könntest du keine Behauptung wagen ­und kein Versprechen abgeben oder ernst nehmen. Behauptest du etwa, ich habe wohl arge Schmerzen, weil ich stöhne und mich krümme, halte ich mit der Behauptung dagegen, dass ich mich pudelwohl fühle, und dies die Art sei, wie man hierzulande Freude bekunde, nämlich stöhnen und sich krümmen. Verspreche ich dir in einer solchen Pseudo-Welt, dich morgen zu besuchen, weist du mein Ansinnen mit der Begründung zurück, dass es ungewiss sei, ob ich morgen die Person antreffen werde, mit der ich jetzt gerade spreche, oder einen Zwilling von dir vor mir habe, der dir in allem gleicht, ohne du zu sein und sich an dich erinnern zu können.

Wir bemerken en passant, dass es in einer Pseudo-Welt, in der es nicht möglich wäre, konsistente Behauptungen aufzustellen oder glaubwürdige Versprechen abzugeben, weder Logik noch Mathematik geben könnte.

Denjenigen, der in einer solchen Welt des Chaos – aus Langeweile oder Überdruss vor unserer Welt relativer Ordnung – zu leben wünscht, heißen wir rechtens einen unverantwortlichen Clowns-Philosophen. Denjenigen, der in einer solchen Welt lebt, nennen wir zurecht einen aller Verantwortlichkeiten entbundenen Narren.

Aufgrund der Existenz von zählbaren Gegenständen in unserer Welt können wir zählen – wir müssen es nicht. Wenn es auch keine metaphysische Notwendigkeit des Zählens und der Existenz der Zahlen gibt, so doch die logische Notwendigkeit des Weiterzählens, nämlich auf die Weise weiterzuzählen, wie wir begonnen haben. Wenn wir mit der Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 begonnen haben, haben wir mit der Formel x +1 die logische Notwendigkeit fixiert, wie es weiterzugehen hat. Wenn wir mit der Reihe 2, 6, 8, 10, 12 beginnen, wissen wir, wie es anhand der Formel 2x weitergeht, ebenso bei der Reihe 2, 4, 8, 16, 32 anhand der Formel x2 .

Wenn wir mit den elementaren Rechenoperationen begonnen und die ersten einfachen Gleichungen aufgeschrieben haben, können wir nicht anders, als weiterzurechnen. Wir sind mit der Gleichung 2 + 2 = 4 gleichsam gebunden und in die Pflicht genommen, weitere Gleichungen zu bilden, die als Funktionen mit äquivalenten Werten dasselbe Argument bilden, wie etwa die Gleichungen 8–4 = 4, 2x (4–2) = 4, √16 = 4 oder 3 Komma Periode 9 = 4.

Der Spielraum unserer Freiheit ist eingeschränkt, wenn wir einmal zu zählen und zu rechnen begonnen haben. Wir können zum Leidwesen manch geplagten Schülers nicht darauf hoffen, dass übermorgen ein internationaler Kongress aller Mathematiker der Welt stattfindet, auf dem diese beschließen, die einfachen Rechenoperationen und also die Grundformen logischen Schließens so abzuändern, dass die Gleichung 2 + 2 = 4 nicht mehr gilt. Die korrekte Anwendung des Zahlbegriffs und des logischen Einmaleins beruht nicht auf willkürlichen Vereinbarungen, wie die Spielregeln bei Mühle oder Schach auf Vereinbarungen oder Konventionen beruhen.

Der merkwürdige Zwang, der uns beim Rechnen und logischen Schließen auffordert, so und nicht anders vorzugehen, ist weder ein physischer noch ein metaphysischer Zwang. Er ist sinnvoll mit der Bindung durch Kodifizierung einer Regel verglichen worden, die festlegt, dass die Regel willkürlichen Veränderungen entzogen bleibt. Wir hätten vielleicht diese oder jene Regel anders formulieren können – aber diese Modifikationen laufen letztlich auf eine Wahl derart hinaus, ob wir als Maßeinheit die Elle oder das Meter zugrundelegen – nur, mit dem Meter kommen wir weiter und tiefer in die Welt des Messbaren hinein.

Wir können auch sagen: Die kodifizierten und normierten Regeln des Zählens, Rechnens und Schlussfolgerns sind die effektivsten, mächtigsten und elegantesten Verfahren, die wir zu unseren Zwecken zu benutzen gelernt haben. Wir wollen diese Errungenschaften einmal kühn mit dem Verfahren der Wegbahnung vergleichen, das Ameisen mittels der Hinterlegung chemischer Spuren von einem begehrten Objekt wie nahrhaftem Blattwerk oder kultivierbaren Pilzen zum heimischen Nest anwenden: Die Spur des kürzesten Wegs wird sich exponentiell schnell verstärken – und dies zurecht, gibt sie doch die beste Orientierung, ohne Umwege und Abwege.

Der wahre Spielraum unserer Freiheit beruht in der Anwendung der Begriffe richtig und falsch. Die Sonderstellung des Menschen als vernunftbegabten Wesens – wenn wir uns die Lizenz gönnen, uns einmal auf solch seltsame oder pathetische Weise auszudrücken – zeigt sich in seiner Fähigkeit, Fehler zu machen. Eine Maschine wie ein elektronischer Taschenrechner oder ein Computer macht keine Fehler, sondern läuft leer oder fällt aus, sie begeht keinen Irrtum, denn sie kennt die logischen Regeln nicht oder sie hat vom Sinn der Anwendung der Regeln kein Bewusstsein, gemäß denen und auf deren Grundlage sie gebaut wurde und funktioniert.

Nur der naive Schüler, nicht die Maschine, ist irrtumsanfällig und begeht sicher einmal den vermaledeiten Fehler, in der Anwendung der binomischen Formel (a + b)2 = a2 + 2ab + b2 die Verdopplung des Produkts der Ausgangswerte zu vergessen, weil ihm dies logisch nicht sinnfällig zu sein scheint und ihm als Evidenz nicht auf der Hand liegt.

Zu verneinen, dass Menschen mit einer Freiheit begabt sind, die in der Fähigkeit, Fehler zu begehen, zum Ausdruck kommt, heißt verzweifelt, närrisch oder mephistophelisch ein Schicksal bejahen, das unsere Welt gleichsam in einen Albtraum eines ohnmächtigen Gottes verwandelt.

Zu verneinen, dass Menschen mit einer Freiheit begabt sind, die in der Fähigkeit zum Ausdruck kommt, Fehler und Irrtümer zu begehen, einen notwendigen logischen Schritt zu übersehen und zu überspringen, aber auch den Irrtum zu erkennen und zu korrigieren, heißt, den Selbstwiderspruch bejahen, dass wir nicht in der Lage wären, richtig von falsch zu unterscheiden und also irgendeine sinnvolle Behauptung aufzustellen (denn Behauptungen sind notwendigerweise richtig oder falsch) – heißt leugnen, dass wir in der Lage sind, überhaupt etwas Sinnvolles zu äußeren.

Die Behauptung, dass wir in keiner Hinsicht frei seien und also nicht frei, richtige von falschen Behauptungen zu unterscheiden, ist evidenterweise inkonsistent und demnach FALSCH.



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