Komm, Morgenhauch
Komm, Morgenhauch, wir wollen aufwärts quellen,
blank lächelt uns der Schiefer mondgeküßt.
Weich betten Moose schroffen Wingerts Schwellen,
es glänzt die Traube, bis du trunken bist.
Tief atmen wollen wir, die Lüfte blauen
von einem Singsang, der aus Höhen quillt,
wo Selige sich wohl die Hütten bauen
und knien hin vorm heimgeholten Bild.
Und sind zu müde wir, den Gipfel zu erreichen,
hier birgt die Mulde scheuer Seelen Brand.
Das Dunkel kommt, uns rauschen alte Eichen,
o schlummern ein wir, Liebe, Hand in Hand.
Wie Felsenginster sonnengolden leuchten,
verlöschen unter Nebeln, dämmerfeuchten!
William Shakespeare, Sonett 6
Then let not winter’s ragged hand deface,
In thee thy summer, ere thou be distilled:
Make sweet some vial; treasure thou some place
With beauty’s treasure ere it be self-killed.
That use is not forbidden usury,
Which happies those that pay the willing loan;
That’s for thy self to breed another thee,
Or ten times happier, be it ten for one;
Ten times thy self were happier than thou art,
If ten of thine ten times refigured thee:
Then what could death do if thou shouldst depart,
Leaving thee living in posterity?
Be not self-willed, for thou art much too fair
To be death’s conquest and make worms thine heir.
Laß Winters wilde Hand nur nicht entstellen
den Sommer dir, bevor dein Mark gepreßt:
Mit Süße füll das Glas, laß herrlich quellen
der Schönheit Tau, bevor vertropft der Rest.
So fruchten ist kein Wucher, der verboten,
beglückt es ja, die’s zahlen gern zurück.
Ein zweites Ich zu zeugen löst den Knoten,
zehnmal gelöst, verzehnfacht sich das Glück.
Zehnmal so glücklich wirst dein Ich du spüren,
sind zehnmal dir zehn Leben aufgeblüht.
Wird Tod ob deines Tods noch triumphieren,
läßt Nachwelt singen er dein Lebenslied?
Daß dir die Zwingburg eigne Schönheit stürm,
nicht Tod sie schleift und erben läßt Gewürm.
Erfüllt vom Leeren
Wo Astern leuchteten aus Dämmerungen,
schwitzt grelles Blech, lärmt wild ein dunkler Clan.
Wo du hast wehrlos vor dich hin gesungen,
schnitt man den Mond vom Ast, erschoß den Schwan.
Der auf die Hand den Blütenstern gehoben
und barg den Glanz in samtner Verse Nacht,
sein Stern ist mit dem Feuersturm zerstoben,
und Asche ward, was er geträumt, gedacht.
Die Traubenranken um der Liebe Bildnis,
die golden rauschten im Oktoberlicht,
verwandelte der Lethe Tau in Wildnis,
kein Wein verklärt uns noch das Angesicht.
Schon blicken wir in menschenferne Sphären,
vom stummen Moos gerührt, erfüllt vom Leeren.
Sang nachtblauer Wellen
Die Blicke, müd der Blicke voller Dunst,
auf Pfützen trüber Gegenwart zu stieren,
hebt über Mauern uns antike Kunst,
bis sie im Meer des Epos sich verlieren.
Gespinst des Zweifels und des tausendfach
Gedachten, das uns graue Spinnen weben,
besprengt, der aus dem Tor des Sommers brach,
ein Schauer, still erglänzt das schlichte Leben.
Die sich geduckt im Hegelseminar,
die trauten Alltagsworte, die uns meinen,
schreckt auf wie schriller Lerchen Flatterschar
der Morgenwind, auf daß wir nicht verneinen.
Das Meer, es schwappt an Traumes sanfte Schwellen,
homerisch ist der Sang nachtblauer Wellen.
William Shakespeare, Sonett 5
Those hours, that with gentle work did frame
The lovely gaze where every eye doth dwell,
Will play the tyrants to the very same
And that unfair which fairly doth excel;
For never-resting time leads summer on
To hideous winter, and confounds him there;
Sap checked with frost, and lusty leaves quite gone,
Beauty o’er-snowed and bareness every where.
Then were not summer’s distillation left,
A liquid prisoner pent in walls of glass,
Beauty’s effect with beauty were bereft,
Nor it, nor no remembrance what it was.
But flowers distilled, though they with winter meet,
Leese but their show; their substance still lives sweet.
Die Stunden, die dir hold mit Reiz umwanden
den süßen Blick, daß alle darauf blicken,
sie machen herrisch alle Zier zuschanden,
die einer Krone gleich war zum Entzücken.
Die Zeit, sie stürzt und läßt den Sommer schlittern
in Wintergraun, kratzt aus die bunten Alben,
der Saft gefriert, die Adern Lichts verwittern,
verschneit die Schönheit, Kargheit allenthalben.
Wär uns das Blumenwasser nicht geblieben,
die Tropfen im Gefängnis von Phiolen,
müßt mit der Schönheit ihre Gunst zerstieben,
uns träumte nicht im Dufte von Violen.
Der Blumen Blut, die Wintersturm zerknickt,
ihr Glanz schwand hin, ihr dunkles Herz berückt.
Die geschändete Muse
Nicht wird der Baum entrindet Früchte bringen,
die Muse, stranguliert von rauher Hand,
dem Quälgeist keuchen, doch nicht lieblich singen,
der ihre Flechten um den Hals ihr wand.
Ins Lilienlicht azurner Reime spritzen
sie dunkles Stammeln, stygischen Päan.
Rot am Revers der Hymnen prangend Litzen
aus Seidentaft reißt ab Hyänenzahn.
Kein leiser Hauch dringt durch das Schweigegitter.
Geschändet ward die Muse sich selbst fremd,
floh zu den Frommen durch das Ungewitter.
Sie haben ihr das wirre Haar gekämmt.
Kein Fittich schwebt, noch Kühlung uns zu fächeln,
kein Lied ertönt, daß wir im Schlafe lächeln.
Blaß und immer blasser
Wie jäh ist uns das goldne Bild zerronnen,
das auf des Wassers weichem Samt gewallt,
als wär getropft ein Tropfen in den Bronnen,
der sich an eigner Wimper zart geballt.
Als einsam wir am offnen Fenster standen,
hat uns der Herbst ein schmales Blatt geweht,
von fernen Abschiedsfestes Laubgirlanden,
von einer Weide, die am Grabe steht.
Auf einmal ist die Hand in Schlaf gesunken,
ins Gras der Schrift, die zitternd ihr erwacht,
die helle Blüte, die den Tau getrunken,
verschloß in ihren Schoß die hohe Nacht.
O schweben still auf Mondes Blumenwasser,
und Träume träumen, blaß und immer blasser.
William Shakespeare, Sonett 4
Unthrifty loveliness, why dost thou spend
Upon thy self thy beauty’s legacy?
Nature’s bequest gives nothing, but doth lend,
And being frank she lends to those are free:
Then, beauteous niggard, why dost thou abuse
The bounteous largess given thee to give?
Profitless usurer, why dost thou use
So great a sum of sums, yet canst not live?
For having traffic with thy self alone,
Thou of thy self thy sweet self dost deceive:
Then how when nature calls thee to be gone,
What acceptable audit canst thou leave?
Thy unused beauty must be tombed with thee,
Which, used, lives th’ executor to be.
Verpraßte Schönheit, Erbschaft, dir verschrieben,
sie läßt verkümmern du im Winkel Ich?
Natur schenkt nichts, sie leiht bloß nach Belieben,
und nur den Edlen leiht sie königlich.
Wieso mißbrauchst du, Beau Geizkragen,
die Fülle, dir gegeben, daß du gibst?
Du wucherst ohne Zins. Soviel erjagen
die Riesensummen, daß du elend bliebst?
Du redest mit dir selber nur im Spiegel,
die Mienen süß zu süßem Selbstbetrug:
Reißt aber auf der Tod dir Brief und Siegel,
sieht des Revisors Auge: nicht genug.
Sterile Schönheit, sie muß mit dir sterben,
fruchtbringende lebt weiter in den Erben.
Trübe Flocken
Bespuckt, zerkratzt von keifenden Megären
sank in den Kot das mütterliche Bild.
Die weder zeugen können noch gebären,
verkünden, daß kein Sinn im Dunkel quillt.
Und ist dem Schoß ein Ahnen noch geblieben,
das langer Trübsal Mauern übersteigt,
wird es von kalten Ammen abgetrieben,
dieweil ein Knochenmann den Walzer geigt.
Und Verse sind ein Schneien trüber Flocken,
die tauen, kaum vom warmen Dung geküßt.
Die Brunnen, die befruchtet, fielen trocken,
und niemand klagt, weil er die Frucht vermißt.
Zerbrich, o Sänger, die verstimmte Leier,
ins Kloster gehe, Muse, nimm den Schleier.
Bogen und Leier
In Eos’ Rosen lodern schon die Brände,
der Hauch des Abends träumt sich den Orkan.
Der Knospe sagt der Strahl: Geh auf, verschwende,
die Nacht dem Licht des Denkerwortes: Wahn.
An kalten Wimpern zittern heiße Tränen,
des Lächelns Schnee zerrinnt in Wehgesang.
Bestückt ist auch der süße Mund mit Zähnen,
vom Bogen schnellt der Pfeil, ein Leierklang.
Die Einsamkeit muß schlaflos immer lauschen,
ob auf der Stiege ächzt der Liebe Schritt,
und die betäubt an Küssen sich berauschen,
entzweit das Messer, das die Frucht zerschnitt.
Wie Schatten längen sich uns die Gedanken,
wie Rätsel, die nur dämmernder sich ranken.
William Shakespeare Sonett 3
Look in thy glass and tell the face thou viewest
Now is the time that face should form another;
Whose fresh repair if now thou not renewest,
Thou dost beguile the world, unbless some mother.
For where is she so fair whose uneared womb
Disdains the tillage of thy husbandry?
Or who is he so fond will be the tomb
Of his self-love, to stop posterity?
Thou art thy mother’s glass and she in thee
Calls back the lovely April of her prime;
So thou through windows of thine age shalt see,
Despite of wrinkles, this thy golden time.
But if thou live, remembered not to be,
Die single and thine image dies with thee.
Schau in den Spiegel, sprich zu deinem Bild:
Nun ist es Zeit, dies Antlitz zu erneuen.
Noch ist es frisch, wenn es nicht neu aufquillt,
täuschst du die Welt, wird’s eine Mutter reuen.
Denn welche ist so schön, den keuschen Schoß
dem Segen deines Ehepflugs zu wehren?
Und wer pflanzt töricht sich sein Grabmal bloß
aus Selbstsucht, um sein Erbe zu verheeren?
Der Mutter Spiegel du, die in dir schaut
den lieblichen April im Rosenhage.
So gönnt dies Fenster dir, der schon ergraut,
durch zarten Staub den Schimmer goldner Tage.
Doch lebst du hin in des Vergessens Wildnis,
stirb einsam, und mit dir stirbt auch dein Bildnis.
Gischt von fremden Fluten
Nicht unser ist der Schnee auf Alpengraten,
wo sich das Murmeltier vorm Adler duckt,
das Glitzern nicht blau tönender Sonaten,
wenn Mondes Sichel überm Eismeer zuckt.
Fremd schäumt das Licht an leergefilmten Stränden,
nie kühlt die Wunde Geist ein Blumentau.
Den Lorbeer windet, die noch Heimat fänden,
und wär’s kristallner Ode Gitterbau.
Wer kann sie lesen, Blattes Nervenrunen,
die Saite sein, die windgestrichen singt?
Wir haben Worte, traumgeblähte Dunen,
sie schneien hin, wenn Todes Fittich schwingt.
Und schlafen wir, als ob im Grab wir ruhten,
quält uns der Traum mit Gischt von fremden Fluten.
Die schwarzen Wasser
Auch das gemalte Veilchen muß erbleichen,
das Vasenbild schleift ab der hohe Strahl.
Es wehen, Aber-Flocken, hin die Zeichen,
in einer Wintersonne todesfahl.
Das Wort, ein Blatt mit feinen Sinns Geäder,
das grün dem Hauch des Sommers nachgesummt,
das Herbstgewitter ward sein jäher Mähder,
die Erde löst es auf, verwelkt, verstummt.
Die holden Augen, die das Blühen schauten,
der Glanz kristallner Blüten macht sie blind.
Die Schmerzen, die an heißen Hymnen tauten,
o trübes Fühlen, das ins Dunkel rinnt.
Ihr schwarzen Wasser, wogt in Mondes Schwanken.
O Efeuzweige, die um Gräber ranken.
William Shakespeare, Sonett 2
When forty winters shall besiege thy brow,
And dig deep trenches in thy beauty’s field,
Thy youth’s proud livery, so gaz’d on now,
Will be a tatter’d weed of small worth held.
Then, being ask’d where all thy beauty lies,
Where all the treasure of thy lusty days,
To say within thine own deep-sunken eyes
Were an all-eating shame and thriftless praise.
How much more praise deserv’d thy beauty’s use,
If thou couldst answer ‘This fair child of mine
Shall sum my count, and make my old excuse’
Proving his beauty by succession thine!
This were to be new made when thou art old,
And see thy blood warm when thou feel’st it cold.
Wenn vierzig Winter deine Stirn umdrängen
und Furchen graben durch die schönen Auen,
wird dir der Jugend Taft in Fetzen hängen,
verblich der Schmuck, worauf jetzt alle schauen.
Gefragt, wohin die schönen sich zerstreuten,
die Mienen froher Tage, glanzumwoben,
auf deiner Augen Schattengrab zu deuten,
wär Scham, die beißt, und weggeworfnes Loben.
Das Lob wär recht, trüg deine Schönheit Früchte,
und sprächest du: „Dies schöne Kind, das meine,
macht quitt die Schuld, ist Fürsprech beim Gerichte.“
Denn seine Schönheit stünde ein für deine.
Das hieße jung zu sein, so alt du wärest,
zu wissen warm dein Blut, wenn du auch frörest.
Stimmen aus dem Wald
Wir lebten einsam, ruhig und bescheiden
in einer Hütte still am stillen Teich,
des Schlafes Halme waren unsre Weiden,
von Träumen zart umgittert, Lämmern gleich.
Und gingen wir im Abendmond spazieren,
sprang um uns her ein kleiner weißer Hund.
Die wandeln Hand in Hand, wie sollt sie frieren,
haucht Kühle auch bemooster Quelle Mund.
Dich aber, Somnambule, riefen Stimmen
nachts aus des Waldes blauer Finsternis.
Am Morgen sah ich auf dem Wasser schwimmen
der Schläfe Zier, die Blume des Narziß.
O daß einander wir wie Hirten wären,
von Seelenauen scheuchten die Schimären.
Immortellen
Sie sind nicht schön, die strohern-trocken-gelben,
doch sprechen sie das sonnenhohe Ja.
Homer erzählt, wie Duftöl aus denselben
gab der Prinzessin Glanz, Nausikaa.
Im Sand der Altmark sah es auch Fontane,
im Dämmerlicht des zähen Lebens Kraut,
beschwor es traurig-heiter im Romane
voll schmerzlich-süßen Dufts der jungen Braut.
Ist, Dichter, dir das Rosenwort erloschen,
brich von gemeiner Staude einen Zweig,
und blieben statt geprägten Golds nur Groschen,
laß hell sie klingen auf dem Bürgersteig.
Daß Verse uns den späten Gang erhellen,
der durch die Heide führt, gleich Immortellen.
William Shakespeare, Sonett 1
From fairest creatures we desire increase,
that thereby beauty’s rose might never die,
But as the riper should by time decease,
His tender heir might bear his memory;
But thou, contracted to thine own bright eyes,
Feed’st thy light’s flame with self-substantial fuel,
Making a famine where abundance lies,
Thyself thy foe, to thy sweet self too cruel.
Thou that art now the world’s fresh ornament
And only herald to the gaudy spring
Within thine own bud buriest thy content,
And, tender churl, mak’st waste in niggarding.
Pity the world, or else this glutton be,
To eat the world’s due, by the grave and thee.
Von Schönen hoffen wir ein Neuerblühen,
auf daß die Rose Schönheit nicht vergeht,
muß volle Knospen Zeit auch niederziehen,
am zarten Sproß, sieh, wie ihr Banner weht.
Doch du, ins Schimmern deines Augs verschlossen,
daß eignen Markes Saft dein Brennen nährt,
läßt darben hin, wo Fülle dir geflossen,
ein Feind dir, der sein süßes Selbst verzehrt.
Du könntest grüne Ranken um uns winden,
zur heitern Frühlingsfeier laden ein,
doch trunkner Blüte Lid läßt dich erblinden,
dich holden Unhold Geiz Verschwender sein.
Laß Gnade walten und schling nicht hinab,
was allen gilt, in dich, dein eigen Grab.
William Shakespeare, Sonett 66
Tired with all these, for restful death I cry,
As, to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimm’d in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,
And guilded honour shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,
And art made tongue-tied by authority,
And folly doctor-like controlling skill,
And simple truth miscall’d simplicity,
And captive good attending captain ill:
Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.
Ich bin es leid und fleh: Grab, sei mein Bett,
und muß dies sehn: Erlesen haust im Mist,
ein ödes Nichts glänzt aufgebläht und fett,
und Treue, die so kläglich sich vergißt,
den hohen Rang, den Unwert abseits rückt,
Jungfräulichkeit, rüd ins Bordell verbracht,
vollkommne Form entwürdigt und zerstückt,
den König, wie er hinkt und Pöbel lacht,
geknebelt Dichtermund von Amtsgewalt,
und Doktor Dumm maßregelnd das Genie,
wie wahres Wort als Narrenwort verhallt,
wie Sklave Recht geht vor Herrn Schlecht ins Knie:
Dies alles bin ich leid, wär längst schon fort,
ließ sterbend meine Liebe ich nicht dort.
William Shakespeare, Sonett 18
Shall I compare thee to a summer’s day?
Thou art more lovely and more temperate.
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer’s lease hath all too short a date.
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimmed;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature’s changing course untrimmed.
But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow’st,
Nor shall death brag thou wand’rest in his shade,
When in eternal lines to time thou grow’st.
So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.
Soll ich im Bild des Sommertags dich malen?
Du bist noch süßer, milder bist du noch.
Maiglöckchen schütteln Winde, die Vandalen,
wie rasch des Sommers Prangen sich verkroch.
Bisweilen will des Himmels Blick versengen,
oft scheint das Rouge der Wangen abgezehrt.
Kein Schönes bleibt, wenn sich die Schatten längen,
Natur ist launisch, nur ihr Wandel währt.
Doch deines Sommers Glanz soll nicht verblassen
und seine Schönheit dauern, sie ist dein,
nicht prahle Tod, du gingst die schwarzen Gassen,
in Versen, immergrünen, grünt dein Sein.
So lange Menschen atmen, Augen schauen,
so lange blüht dein Bild auf meinen Auen.
Kehr nicht wieder
Unheimlich sind die knorrigen Wurzeln der Palmen,
wenn aber Winde wehen, hörst du sie schwatzen,
doch was die tropischen Regen singen, sind Psalmen.
Ah, immer lächeln die Frauen, auch wenn sie dich kratzen
Schon stürzte blindlings dein Herz ins prasselnde Feuer
von Hibiskus und Ingwer, doch Lotuslippen
fingen es auf. O Meergott, du Wiederkäuer,
o Salz und Schaum der kristallinen Klippen.
Und kehrst du heim unter die Giebel des Kummers,
zum kleinen Trost von Geranien und Wicken,
umschluchzen dein Herz graue Rinnsale Schlummers,
und wieder erwachst du von gespenstischem Ticken.
O kehr nicht wieder, hast du die Muschel gefunden,
am Duft der Orchideen das Heimweh verwunden.
Der Dichter bei den Mänaden
Quo me, Bacche, rapis tui
plenum?
Horaz, Oden, 3, 25
Ein kühler Hauch verschlägt ihn in die Grotten,
wo Hymnentau versteint zu Stalagmiten,
kristallne Blätter nänienbleich verrotten
und goldbeschuppt die Haut von Amphitriten.
Ein Grünspan träumt vom Gras an Felsenwänden,
die seines Liedes Widerhall verzerren,
als könnten nur Mänaden es vollenden,
wenn sie ihn würgen, ihren fremden Herren.
So muß die Schlangen er dem Haar entwinden,
und vor ihm kniend gießen sie ihr Lächeln,
betörte, die am Schnee der Lust erblinden,
wenn weicher Verse Fiedern sie umfächeln.
Erwacht hört er den Herbst durch Wipfel jagen,
ans Fenster Wein- und Efeuranken schlagen.
Das Gebet des Pilgers
Ins Fremde geh, um wieder dich zu finden.
Fremd schmeckt die Frucht, ein Dunkel, aufgebrochen,
und bist gesandt, der Nacht ein Licht zu künden,
wie jäh verlischt das Wort, kaum ausgesprochen.
Wähnst du vermessen, wahren Sinn zu leihen,
was reinen Odems haucht von Wipfeln, kühlen,
muß blind das Wort, ein Lallen, niederschneien,
kein Blatt bleibt dir, den Adern nachzufühlen.
Wie eines Brunnens ist, was Himmel sagen,
und höher schwillt’s, wenn Blitze fernhin leuchten.
Es neigt der Pilger sich an stillern Tagen,
der Lippe Sprödigkeit mit Glanz zu feuchten.
Und kniet er auf den schmerzend-kahlen Schwellen,
ist sein Gebet wie Plätschern weicher Wellen.
Das sanfte Joch der Muse
In kalte Schichten, dunkle, vorgetrieben,
die Wurzeln. Knorrig aber recken Äste
das Blattwerk, silbern steht darauf geschrieben,
wie Licht der Gott aus Schattenadern preßte.
Der Hirt stützt sinnend sich auf krummem Stabe,
wie Hermes mit dem goldnen wird er Schatten,
die Herde, leiten, daß sie Schlummer labe,
zum sichern Pferch von mondbeglänzten Matten.
Wie Kinder gern im Schilfe sich verstecken,
sie kommen Hand in Hand, die sanft betörten,
der Anmut Honig, süße Milch zu schmecken,
da sie den Zauberton der Flöte hörten.
Daß Worte dunklen Glanzes Bilder zeugen
und sich dem sanften Joch der Muse beugen.
Die Leier schweigt
Will Hera sich mit Zeus in Liebe betten,
läßt er auf Idas Gipfeln huldvoll schweben
der Wolke trunknen Duft und Blumenketten
beglänzt mit Tau von ihren Seufzern beben.
Die Neidischen, sie können es nicht sehen,
weil scheelen Blick Mysterienqualm umdüstert,
die Musen aber, die durch Wände gehen,
sie haben es Homer im Schlaf geflüstert.
Es greift der Gott zur Leier, läßt den Bogen
sanft gleiten unterm Helm der blonden Locken,
feucht vom Kristall kastalisch reiner Wogen,
und schüttelt sie in hohen Rhythmen trocken.
Die Leier schweigt, von Sängers Hand zerbrochen,
als Würmer durch das edle Mark gekrochen.
Lied der Enterbten
Als uns die Siegel und Wappen Würmer zerfraßen,
die Sphinx, die Mähne des Löwen, die Adlerschwingen,
und wir den Wohlgeruch aus den Gärten vergaßen,
brach jählings ab die Nachtigall mit Singen.
Das silberne Seufzen aber von Birken, von Weiden,
die Rätselchiffren des Hauchs auf schneeigen Auen,
wie könnten trösten sie noch die Herzen, die scheiden
von goldenen Vliesen in ein trostloses Grauen.
In Schluchten schwelenden Unrats heulen Hyänen,
Schakale haben über Nacht es vertrieben,
das holde Schweben und Niedertunken von Schwänen,
die uns den Flaum der frühen Verse geschrieben.
Daß uns Enterbte ihr mahnet, nicht zu verbittern,
o süße Wangen von Veilchen, wo Tropfen noch zittern.
Hapax legomenon
Es ähneln sich die Blätter alter Eichen,
blickst du von fern, nicht nah genug und scharf.
Wem wollen wir das lose Blatt vergleichen,
das lächelnd Hermes nur entziffern darf?
Mag feuchten Glanzes Aug in Aug sich spiegeln,
ein Mond schwebt jedes hin, für sich allein.
Wie kann der Liebe Blick den Blick entsiegeln,
das Wasser Mondes rätselhaften Schein?
Sind all die Worte nicht wie Auslegwaren,
flugs in des Satzes Einkaufsnetz gestopft?
Der Vers, er reißt sich aus dem Unsichtbaren
ein Herz, das bangend deiner Nacht nur klopft.
Du bist, was deine Einsamkeit gesungen,
o Lied, von Efeuranken sanft umschlungen.
Zögernd auf der Schwelle
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Plötzlich taucht ein Foto der Person auf, mit der wir seit Jahren geschäftlich oder anderweitig korrespondiert haben. Paßt nun das Gesicht zu der Vorstellung, die wir uns aufgrund des wenn auch nichtvisuellen Kontaktes von der Person gemacht haben oder nicht? – So oder so, glauben wir uns in unserer imaginären Annahme nun bestätigt oder enttäuscht: Es handelt sich in jedem Falle um eine philosophischer Betrachtung würdige Form von Täuschung.
Eine andere ebenso elementare Täuschung wird in der Meinung ersichtlich, daß der Menschheit ein großer Schaden entstanden wäre, wäre Mozart (oder ein anderer der Kulturheroen) nicht geboren worden oder als Säugling verstorben oder doch vor der Abfassung des Don Giovanni oder des Requiems. Denn etwas, was nicht existiert oder existiert hat, kann keine wohltuende (oder auch schädliche) Wirkung ausüben. – Fragen wir noch, welchen Verlust all jene unzähligen Generationen erlitten haben, die vor Mozarts Geburt und segensreicher Schaffenszeit gelebt haben und nicht in den Genuß seiner beseligenden Harmonien haben kommen können, so fragen wir nicht minder töricht.
Wir können unsere eigene und die Nichtexistenz anderer weder uns vorstellen noch begrifflich erfassen; es bleibt stets ein Schatten, Spiegelbild oder eine bizarre Art von Scherenschnitt, jeweils freilich gearbeitet nach dem lebenden Original.
Die Schwierigkeit, sich einen Begriff von der Seele zu machen, der sich gleichsam von allen physischen Schlacken purifiziert hat: Homers Schattenbilder und Dantes Jenseitsgestalten.
Es gibt einen begrifflichen Unterschied zwischen absoluter und relativer Differenz: wahr und falsch, ja und nein, künstlerisch gelungen oder mißlungen; dagegen mehr oder weniger schwer, groß, warm, schnell; intelligent, geschickt, talentiert.
Allerdings kann selbst das gut Gemeinte schiefgehen; das allzu schöne oder üppige Geschenk kann den Beschenkten beschämen.
Wir können der Versuchung kaum widerstehen, den Abgrund zwischen absoluten Gegensätzen mit den Schatten und Spiegelbildern des Relativen zu füllen.
Die mittels KI generierte Mozart-Sonate klingt zunächst wie ein Original, bevor sie den seichten Ton des Imitats oder Plagiats offenbart.
Kinder fragen, wo sie vor der Geburt waren. – Sie zweifeln an der Tatsache, daß es die verstorbene Großmutter „nicht mehr gibt“, weil sie von ihr geträumt haben.
Das Nichtsein ist nicht vorstellbar, nicht denkbar, ein gedankliches Unding: der erste Lehrsatz des Parmenides.
Der Satz „Der Kreisumfang beträgt in der euklidischen Geometrie 360 Grad“ ist nicht wahrer als der Satz „Peter war vorgestern mit mir im Park spazieren“, nur weil der erste uns mit größerer Gewißheit oder Evidenz ausgestattet scheint als der zweite.
Der Satz „4–2 = 8“ ist nicht falscher als der Satz „Sokrates war der Schüler des Platon“, nur weil die Inkonsistenz und somit Falschheit des ersten uns unmittelbar ins Auge springt, während die Unwahrheit des zweiten einem historisch und philosophisch Ungebildeten verborgen bleiben mag.
Die Liste der Wörter „über“, „alle“ „Gipfel“ „sein“, „Ruhe“ ist kein Teil eines dichterischen Zusammenhanges wie der Vers „Über allen Gipfeln ist Ruh“ es ist.
Das Nichtdichterische ist keine Vorform, kein Schattenriß, kein Spiegelbild des Gedichts.
Wir springen von der Prosa des Alltags in die Sprache der Dichtung, so wie wir nach Kierkegaard den Sprung von der lauen Gleichmütigkeit des Nichtglaubens in die Leidenschaft des Glaubens tun.
Sehr mißlich, fatal und töricht ist die Täuschung, die durch Projektion des Gegenwärtigen auf das Vergangene zustandekommt, als wäre das eine stets die unausbleibliche Manifestation des anderen oder das Heute eine neue Zwiebelschale auf der alten Haut des Gestern.
Die Gründe für den Ausbruch des Krieges liegen freilich in der Vergangenheit, ja können in Tiefenschichten geopolitischer, kultureller, ethnischer und sozialer Differenzen der Kriegsgegner wurzeln, deren Alter Jahrzehnte und Jahrhunderte umfaßt; doch der Befehl zum Angriff an diesem bestimmten Ort und zu dieser bestimmten Zeit hätte auch unterbleiben können.
Moralische Wahrheiten sind schon aus dem Grund nicht als unmittelbar einleuchtend, selbstevident oder als der Seele des Menschen eingepflanzt zu klassifizieren, wie es immerhin Platoniker, Stoiker und sogar Paulus annahmen, weil es in diesem erstaunlichen Falle keiner Gerichte, Strafen oder Ächtungen bedürfte.
Zu sagen, daß man nach diesen und jenen schrecklichen Ereignissen und Untaten dies und das nicht mehr tun könne, ohne die Toten zu verhöhnen oder sich selbst zu betrügen, zum Beispiel Gedichte zu schreiben, zeugt nicht von einem überempfindlichen moralischen, sondern einem unterentwickelten oder einseitig entwickelten ästhetischen Organ.
Wenige Tage nach der Katastrophe hört man wieder die Sektkorken knallen. – Das spricht nicht für die moralische Unbedenklichkeit der Feiernden, sondern für die tiefere Wahrheit des Lebens, das nicht umhin kann, sich selbst zu feiern.
Horaz, der sich selbst einmal ironisch als epikureisches Schwein bezeichnete, versteigt sich in den Römeroden zu härtesten Forderungen des Verzichts, des Opfermutes und der Selbstverleugnung; doch nur die eine Wahrheit auszusprechen und ihren Schatten geflissentlich zu retouchieren, hieße, nur die halbe Wahrheit zu bekennen.
Besser die doppelte Wahrheit als die schlichte Indifferenz.
Hedonismus zu predigen ist eine perverse Art von Pfaffentum.
Den Aufflug zu den Gipfeln des hohen Stils wie bei Pindar, Sophokles oder Horaz registrieren wir als Ausnahme von der Regel, im lauwarmen Wasser des Alltagsgeschwätzes zu planschen.
Mancher freilich, der sich den zu großen Kothurn untergebunden hat, zeigt einen bedrohlich schwankenden Gang.
Der den psalmodierenden Vortragsstil Paul Celans in der Runde der literarischen Biedermänner und Beckmesser mit demjenigen eines Goebbels verglich, war aufrichtiger in der Artikulation seines peinlichen Unbehagens als die Corona seiner philosemitischen Bewunderer.
Keine theatralische Maske, kein solitäres Gehabe und kein elitärer Dünkel schützen vor der Ansteckung mit dem Virus vulgaritatis.
Dummheit hält sich für das Maß aller Dinge und schreitet unbedenklich zur Tat; der denkende Mensch sieht sich im Kind des Heraklit, und versucht nicht erst, mit einer Muschel den Ozean auszuschöpfen. Zögernd auf der Schwelle kehrt er in seinen Elfenbeinturm zurück.
Der hohe Stil der antiken Dichtung ist gleichsam ein in gespanntester Syntax und überbelichteter Bildlichkeit eingefangener Wirbel des Schnees auf dem Olymp.
Der olympische Adler des Pindar rauscht wieder in den Hymnen Klopstocks und einzigartig in jenen Hölderlins. Doch ist die Luft, die seine Fittiche aufwirbeln, nicht luzid und transparent wie die mediterrane, sondern geisterhaft von ahnungsschwangeren Wolken verdunkelt.
Das Wagnis des hohen Tones und Stils im Deutschen, von Klopstock über Goethe und Hölderlin bis Rilke und Celan, gleicht dem Wagnis des Seiltänzers ohne Netz und doppelten Boden, der der Innervation seiner hymnischen Rhythmik in einem Maße vertraut, daß er schließlich auch die Balancierstange – nicht nur des Reims, nicht nur des Ruhms und des Applauses – wegwirft.
Was aber preisen, wen aber rühmen, wenn es zum Zerwürfnis mit den Vätern, zum Abbruch der Fühlungnahme mit den Ahnen kam? Vom geschmolzenen Schnee auf den Bergen der Götter zu schweigen.
Die Verlockung des Rätselhaften, jenes Enigmatischen, das den Orakeln und Göttersprüchen in ihrer Zweideutigkeit von jeher anhaftet, hat manchen nicht nur das Zögern auf der Schwelle des Takts leichthin überspringen lassen, sondern im Salto mortale ins Unverständliche an die Grenze der Groteske, der Parodie und Hysterie getrieben.
Der tragisch auf dunkel tönenden und beängstigend dünnen Eisflächen angehäufte, aber auch sentimentalisch in vermodernde Waldungen stiebende Wörterschnee eines Jürgen Kross ist zugleich ein Zeugnis hoher lyrischer Verdichtung auf engstem Raume und des unvermeidbaren Unglücks, das über den odisch atmen wollenden deutschen Vers in Form einer steil in die dünne Luft einer transzendenten Leere gereckten Bildlichkeit und der wurzellosen Ranken einer dämmerigen Syntax hereinbricht. Die bescheidene Lichtung, die ihm das schartige Messer eines formstarren Manierismus im Dickicht des sprachlichen Zerfalls der Gegenwart zu schneiden vermag, wächst im Rücken des heroischen Mannes augenblicks wieder zu, als sein eigener Schatten.
Man kann dem Leben sein Geheimnis nicht gewaltsam entreißen. Es ist stark genug, auf der Folterbank unserer herrischen Ungeduld und zuchtlosen Neugierde zu schweigen. – Die leise Geste, ein Anhauch des Nichtgesagten, tut es uns kund.
Ohne ein Bewußtsein, und sei es vage, bedrängt und ausweglos, wie am Rande des Grabes, ein Bewußtsein des Übermenschlichen versiegt der Quell der Hymnen; es bleibt nur ein trübes Rinnsal von Abwässern, in denen sich keine silbernen Wolken spiegeln.
Hermeneutik oder die Kunst der Interpretation wird asthmatisch, steckt sie die Nase in den Korb mit schmutziger Wäsche, erblindet, blickt sie scheel durch das Schlüsselloch in die zwielichtige Kammer der Perversionen.
Das in Mitgefühl sentimental zerfließende Herz, dem keine distinctio boni et mali eingepflanzt ist, kann den kaltsinnigen Verstand nicht erweichen, der ihm im Gegenteil anhand untrüglicher Belege, freilich vergeblich, nachzuweisen versucht, daß jener parasitische Dauergast, der den armen Teufel, den schwer Traumatisierten und ewig Unbehausten mimt, in Wahrheit ein verschlagener Tunichtgut ist, der sich an der Tochter des Hauses schon vergriffen hat.
Der hohe Ton und Stil kamen den Deutschen nicht zuletzt abhanden, weil die Jauche des massenmedial legitimierten Plebejergeschmacks längst über die sakrale Schwelle des hierarchisch-hieratischen Hochsinns geschwappt ist.
Es erleben alle alles, doch dem Erlebten den Stempel des Originellen und Exklusiven aufzudrücken vermögen nur die Seltenen.
Der starre Falter des gültigen Worts im Bernstein des Gedichts.
„Wenn ihre dionysische Gottheit sie inspiriert, träumen die Vulgären von fetten Ärschen und die ewig Empörten vom Schafott, während ein Baudelaire das Lied vom Wein des Einsamen singt.“
„Das klingt plausibel oder vielmehr allzu plausibel; denn nicht weniger wahrscheinlich ist es, daß derselbe von seiner dionysischen Gottheit inspirierte Dichter, nachdem es ihn in die Niederungen vulgärer Phantasien und bösartiger Ressentimentgefühle gezogen hat, sich mit einem Male umwendet, um seinen Aufstieg zum Sublimen anzutreten.“
Verse, wachgeküßte Lider
Verse, ihr schlafenden Augen, o küßten
wach euch die Lider, daß zittern die blassen,
liebende Strahlen, die lang wir vermißten,
sag euer Blick uns: Ihr seid nicht verlassen.
Lüfte, die um Kerzen spielen,
löschen sie mit einem Mal.
Die aufs Flimmerkleid stier schielen,
eitle Verse, innen kahl.
Von der Schürze stäubt und schwindet
wolkig Mehl, vertaner Rest.
Vers, den Wahrheit hold nicht bindet,
kein Gedächtnis hält ihn fest.
Blumen, die vorm Mond erbleichen,
schließen ihre Lider bald.
Blassen hellen Tags die Zeichen,
Haut des Verses, taub und kalt.
Durch der Dämmerungen Ranken
schimmert heim ein Sternenreich.
Verse, die auf Wassern schwanken,
schneegefiedert. schwanengleich.
Fahler Asche mag erwecken
letzte Glut, wer gläubig schürt.
Süß läßt uns ein Vers erschrecken,
der ans Unsagbare rührt.
Trauben, die im Dunkel glühen,
künden uns von edlem Wein.
Verses Sinn will uns entfliehen:
Atmen seinen Duft wir ein.
Fühlender in Gegensätzen
Fader Schaum des Ungefähren,
Geist, er rinnt ins Nichts den Lauen.
Sich im Fremden zu verklären,
spannt ins Joch er Männer, Frauen.
Fühlender in Gegensätzen
sprüht das dunkle Leben Funken.
Die nur Spiegelbilder letzen,
sind im Trüben bald versunken.
Masken, gellend auszuschweifen,
blättern in lunarem Fahlen.
Keime, die im Dunkel reifen,
knospen den azurnen Strahlen.
Winzer müssen sie beschneiden,
taube Triebe edler Reben.
Geister, die das Chaos scheiden,
können nach Vollendung streben.
Wirbel, mißlich überdrehte,
lassen jäh die Saiten reißen.
Weicher Hauch, der sie umwehte,
darf der Blüte Frucht verheißen.
Im Schlafe zwitschernd
Vögel, die im Röhricht schwanken,
zwitschern leise noch im Schlaf.
Hoher Woge mag er danken,
wenn den Vers ihr Rauschen traf.
Die sich ballen, wieder reißen,
Wolken, loser Lüfte Spiel.
Nachts ein Schimmern, tags ein Gleißen
rankt der Reim um das Gefühl.
Dunkeln müssen blaue Glocken,
Laub der Dämmerung, es weht.
Kaum erblühte Verse stocken,
wenn die Liebe abseits steht.
Schwäne sind, das Haupt zu tunken
in gründämmerndes Geschling.
Vers, ist er zum Grund gesunken,
hält das Gold ins Licht, den Ring.
Vergebens war dein Rufen
Vom Aether aber fällt
Das treue Bild und Göttersprüche regnen
Unzählbare von ihm, und es tönt im innersten Haine.
Friedrich Hölderlin, Germanien
Nun ist von deinem Äther uns geblieben
blaß und verschwimmend,
ein duftentrücktes Veilchenblau,
von einer Liebe, die verlassen wurde,
am Saum des Sommerabendhimmels scheu gepflückt.
Der Adler, den du kühn vom Indus her gesandt,
die Salzflut sah im Monde er noch glitzern
und rastete erschöpft im Alpenschnee.
Vergebens war dein Rufen nach den Hohen,
daß sie aus holden Lächelns Falten
uns tropfen ließen Tau
auf schon verdorrter Hoffnung
graues Herz.
Die du erweckt aus den papiernen Ranken
und Schattenrissen der Gelehrsamkeit,
daß jäh erzitterten
im Jahrhundertschlaf erschlaffte Wimpern
und feuchten Glanzes sich geweitet
die göttlich-stillen Augen,
von Meeresgischt gesprenkelte Gestalten,
von Mohn und Rosen überhauchte Schläfen
und Geister, die aus Quellen Liebesschauer,
aus Wolken die Erleuchtung brachten –
zertrümmert unter rohen Schicksals Hämmern,
von Fäulnisdunst zerfressen sind und
über ausgelaugten Furchen Dunst
jetzt jene tiefbeseelten Lebensbilder.
Was hier noch grünt, sind Herthas Haine nicht,
wo einst in weichen Wassers Schlaf
ein Schwan der Verse Traumgefieder
still hat eingetunkt.
Und was um Sangeswolken abendrötlich flammte,
es blättert ab wie Grind vergilbten Allgefühls,
wie schlecht vernarbter Wunde tauber Schorf.
Der Sage goldener Rauch,
der dir aus mythischen Ruinen quoll,
ward überschrieben von der Asche
erstickter Schreie.
Die Göttersprüche, die geregnet sind
von deinem Hellas-blauen Himmel,
versickerten in wüster Rede Karst.
Entstellt von Spritzern ätzenden Urins
am Wegrand aber siecht
die Blume, schwach leuchtend noch
wie Blut am Christusdorn,
die Blume deines Munds.
Uns Tagedieben wiesest du die Nacht,
den Abgrund, jenseits aller Sternenbilder,
worin einfältig lächelnd und
wie närrisch mit dem Schnupftuch winkend
langsam du versankst,
kein Flügel war, dich noch zu retten,
o langsam sankst hinab.
Das treue Hündchen
Schon hörst du wieder süßes Schnaufen,
o kreatürlich-warmer Schall,
es kommt das Hündchen angelaufen,
bringt dir zurück den roten Ball.
Du siehst es an dem Glanz der Augen,
wie wahre Treue tief beseelt,
wozu uns Worte schwerlich taugen,
stumm hat sein Blick es nicht verfehlt.
Wie rührend ist die Freundesgeste,
hebt es die Pfote auf dein Knie.
Die Hand, die stürmisch deine preßte,
ob sie nicht trog, du weißt es nie.
Und bist du munter, mag es fegen
durch Gras und Dickicht, und es bellt,
sich traulich dir zu Füßen legen,
wenn Schwermut auf das Herz dir fällt.
Gern pflückst du aus dem Fell die Kletten
und kämmst das immer krause Haar,
gern mag es sich aufs Kissen betten,
als wäret ihr ein altes Paar.
Gedenke, wie an wirren Tagen,
da Liebe kam und Liebe ging,
du wolltest unwirsch es verjagen,
und es mit Blicken an dir hing.
Und hörst du aus dem Napf es schlecken
und kratzen an der Wohnungstür,
kommt dich bisweilen an ein Schrecken,
daß stumm es wird, leer um dich her.
Müden Dichters Winke
Sei wie das Wehen des Holunders,
Gardinenbausch, vom Mond gebläht,
die Rüsche eines Blumenwunders,
ein Reim, ans Traumrevers genäht.
Die Knospe nimm, keck hingehalten
von einer Fee, die schelmisch lacht,
wenn jäh die Blüten sich entfalten
und süßer Duft dich schwanken macht.
Der Dämmerschilfe Odem trinke,
vom Geist des Wassers hochgestimmt,
als ob noch einmal Ferne winke,
sieh, wie ein Boot ans Ufer schwimmt.
Laß nur das tumbe Ruder fahren,
o treibe hin gedankenlos,
hör bloß, wie lüstern Tritons Scharen
schon schwappen um das lecke Floß.
Im Dunkel knirscht es noch ins Röhricht,
mag es die Toteninsel sein,
steig aus, und blick zurück nicht töricht,
hier hüllt der Stille Laub dich ein.
Die Harmonie der Welt
Das Rauschen ist verebbt, die Gischt zerstoben,
im Traum hallt nach der hohe Wellenschlag.
Hat goldne Fäden Abendlicht gewoben,
ermißt du deiner Leiden Sonnentag.
Wir können nicht ergrübeln, wie es wäre,
nicht aufgewacht zu sein in dieser Welt,
wie fühlen wir den Schatten und die Schwere,
wenn Glanz der Träne von der Wimper fällt.
Und wenn die Blüten, hingestreute, schwimmen
auf schwarzen Wogen, nach und nach verblaßt,
erinnerst du dich an das feuchte Glimmen,
den wehen Duft, den du geatmet hast.
Die Harmonie der Welt ist im Gefunkel
der hohen Nacht verborgen, schweigt im Dunkel.
Die Marionetten
Sie baumeln wie an losen Fäden, wirren,
die Puppen eines abgetanen Spiels,
ein Wind kommt auf, läßt eins ins andre klirren,
Gebeine ausgemergelten Gefühls.
Der große Spieler, er hat hingeschmissen,
aus Überdruß vorm immer gleichen Plot,
wenn anfangs sie das Lilienbanner hissen,
am Ende jubeln sie um das Schafott.
Was dir in irdnem Kruge noch geblieben,
der feuchte Glanz aus schon versiegtem Quell,
laß, Dichter, ihn auf unsrer Stirn zerstieben,
damit die Nacht noch einmal werde hell.
O könnte uns, taubstumme Marionetten,
dein sanfter Hauch aus der Erstarrung retten.
Ausonius, de Bissula
Bissula, trans gelidum stirpe et lare prosata Rhenum,
conscia nascentis Bissula Danuvii,
capta manu, sed missa manu dominatur in eius
deliciis, cuius bellica praeda fuit.
matre carens, nutricis egens nescit <tamen> erae
imperium < … >
fortunae ac patriae quae nulla obprobria sensit,
illico inexperto libera servitio,
sic Latiis mutata bonis, Germana maneret
ut facies, oculos caerula, flava comas.
ambiguam modo lingua facit, modo forma puellam:
haec Rheno genitam praedicat, haec Latio.
Bissula, wohnen jenseits des schaurigen Rheins ihre Laren,
weiß sich Bissula ganz Sprößling des Donaugebiets.
Doch die sie faßte, die Hand ließ frei sie, daß selbst sie nun herrsche
wohl zur Freude des Herrn, der aus der Schlacht sie geraubt.
Fehlte die Mutter ihr, und mußte sie missen die Amme,
<ist keiner Herrin sie hier untertan und keinem Herrn,>
muß hier als Schmach empfinden nicht Herkunft und Schicksal,
dort, wo als Freie sie wohnt unter dem bergenden Dach,
Latium freilich hat sie verwandelt, aber germanisch
blieb ihr Antlitz, blauäugig, die Haare rotblond.
Bald leiht dem Mädchen Liebreiz die Sprache, bald ihre Schönheit,
kündet uns diese: „Vom Rhein kam ich!“, sagt jene: „Aus Rom!“
Sonett der Jahreszeiten
In Jahreszeiten spiegelt sich dein Leben.
Wie lichte Finger keimt es aus den Knollen.
Die Knospen, die sich träumend öffnen wollen,
von Rosen und von Orchideen beben.
Der Sommertag mag dich dir wiedergeben,
wisch ab die Tropfen, auf die Stirn gequollen
im schwarzen Glanze aufgewühlter Schollen,
und sieh im Abendlicht die Mücken weben.
Und hörst die Früchte du im Dunkel fallen,
glimmt noch Erinnerung wie Apfelsinen
in blauer Schale. Stimmen, sie verhallen,
sie gehen fort, die dir so nahe schienen.
Daß nicht Schneewehen dich dir selbst entreißen,
und Flocken dir wie weiße Blüten gleißen.
Erwacht im Traum
Das Herz erwacht im Traum, wenn jäh Kristalle
in dunkler Erde schmelzen und sie tönen.
Uns ist, als ob ein Blatt aufs Herz uns falle,
als könne Krokus mit der Welt versöhnen.
Betört uns das Gesumm in weißen Dolden,
sind Schatten zwei, die eins im andern münden,
hell ist dein Wort, dein loses Haar rotgolden,
doch dunkel, was die feuchten Augen künden.
Und seufzt noch unser Schritt im braunen Moose,
zerschlitzt den blauen Samt azurner Stille
der Schrei des Kranichs, und die Herbstzeitlose
schließt scheu vorm kalten Mond die Blütenhülle.
Daß uns, geblendet von kristallnem Gleißen,
der Erde Lied mag aus dem Abgrund reißen.
Uns bleiben dürre Halme
Verblaßter Rosen Sommer ist vergangen,
sie neigen sich, kein Duft gibt ihnen Halt,
die weichen Tropfen auf den weichen Wangen,
sie schimmern noch, verrinnen aber bald.
Uns bleiben dürre Halme, unscheinbare,
die selbst des Mondes Grabeslicht verschmäht,
als feuchter Spiegel nur zwei Augenpaare,
daß dämmernd eins im andern sich errät.
Wie ferne flattert grellen Tages Fahne,
verstummt auch ist das Angelusgeläut.
Der alte Fährmann löst das Tau vom Kahne,
womit er früh am Ufer es vertäut.
Wir hören noch den Alten irre lallen,
wenn dunkel unter uns die Wogen wallen.
Der arme Schlucker Verlaine
Membran, fatal gewölbte, Stirne, Schläfe,
wie zarten Tones Porzellan aus Meißen,
sie bebt, als ob ein süßer Hauch sie träfe,
ihr die Rocaille der Hüfte zu zerreißen.
Zerschlissnem Rokoko nahm Talmi-Flitter
der arme Schlucker, zitternd ein Verlaine,
hing spöttisch ihn in grüner Verse Gitter,
auf dunklen Wellen aber schwankten Schwäne.
Wie sie in bleichen Dunst des Monds sich lösten,
mußt auch der Wellen weicher Sang verstummen.
Der Dichter, den Absinth nicht mochte trösten,
hört eine Biene dumpf im Schädel summen.
Wo nehmen wir, die Öde zu begrünen,
den Duft des Sommers und das Lied der Bienen?
Das blasse Mal
„Schorf!“, spricht die ausgeheilte dumme Wunde,
es blättert ab wie Kalk, was einmal stach.
Doch kommt ein Regen, kommt die blaue Stunde,
fühlt die Erinnerung der Narbe nach.
Verstau die Trauerkarten, Beileidsspenden,
die Zimmer sind schon ausgefegt und kahl.
Nur wo die Bilder hingen an den Wänden,
zeigt die Tapete noch ein blasses Mal.
Wo atemlos die Zeile stockt, beschaue
die bange Lücke, klaffend wie ein Grab,
spring nicht darüber weg ins Leere, Blaue,
die Blume stummer Andacht streu hinab.
Die Narbe mag frivol ein Wort verdecken,
von süßem Reiz sind aber Schönheitsflecken.
Hoher Mächte Lehen
Die bleiche Frucht der ausgelaugten Erde,
Gesichter, wie in Folien verpackt.
Uns rührt nur an Hauch atmender Gebärde,
die Anmut hat, von eitlem Schwulst entschlackt.
Die aus dem Abgrund wirbeln, trübe Flocken,
sie schmelzen schon an Frühlichts Wimpernschlag.
Ins blaue Läuten abendlicher Glocken
taucht seinen Purpur ein der Sommertag.
Wir wollen sie im Turm der Nacht verriegeln,
Gespenster, blind geschabtes Traumgraphit.
Wenn Strahlen sich im Tau der Silben spiegeln,
hat Wärme das Gedicht und Kolorit.
Pigmente, Flammen, hoher Mächte Lehen,
wir bannen sie ins Bild, auf daß wir sehen.
Die leise Geste
Dem Andenken an Sibylle Lewitscharoff
Getropft in Musengrotten keuschen Ohren
verzückten Sanges Perlen, silberhell.
Versickert ist, verstummt der Anmut Quell
Halbwesen, uns, in Blech und Lärm geboren.
Kristall der Nacht erglänzte reinen Toren,
Inbild des Engels, Schneelicht in Pastell.
Nun trinken Dumpf-Gewitzte im Bordell
Absinth, aus Aschensud und Angst gegoren.
Mag uns die leise Geste Tauglanz gießen
in Herzen, wie vergessnen Rosen fahl,
wenn Sterbende sanft ihre Lider schließen,
und war ihr Beet aus Phlox und Veilchen schmal,
mit dunklem Singsang noch die Strahlen grüßen,
die abendrötlichen, mild ihrer Qual.
Schaum der Tritonen
Wenn im verfallnen Park uns Trommler quälen,
der Vetteln Tanz, die Bein und Schopf verknoten,
mag uns Verlaines Versmusik beseelen,
erweichen uns die Anmut weicher Pfoten.
Das Kind wird die gestanzte Form zerhauen,
von selbst zerfällt im Mund Gewöll aus Phrasen.
Homerisch wölkt Gesang auf fernen Auen,
wie Küsse schmeckt, was wir bei Sappho lasen.
Gilt deinem Hauch, daß sich ihr Auge feuchte,
dein leises Schwanken ihrem Duft nach Rosen?
Daß Ranken des Gefühls der Mond beleuchte,
mag blähen Abendwind die wurzellosen.
Tritonen, starr in Träume eingeschlossen,
beleben sich, sprüht Schaum auf ihre Flossen.
Taumelnd niederschweben
Fährt durch das Flüstern, laschen Laubes Lallen,
ins Blattgeranke herrisch eine Bö,
mag sich zum Klagechor das Wirrsal ballen,
ein Vogelruf schrill schwirren in die Höh.
Und die im Schmelz von zarten Knabenkehlen
sich winden um das lüsterne Idol,
sie rascheln dürr, vertrocknet-krumme Seelen,
burlesk springt auf der Schrein, im Innern hohl.
Du aber, Lied, magst taumelnd niederschweben,
der zarten Knospe gleich, vom Wind gepflückt,
noch eine Zeit mit dunklen Wellen beben,
bis dich der Mond zu blassem Schaum entrückt.
Bist einsam du, ein süßer Schmerz, verglommen,
sanft rauschend heißt die Tiefe dich willkommen.
Das Pochen süßer Angst
Ins Blaue lösten sich die Vogelrufe
und Wolkenrüschen, keck vom Wind zerpflückt.
Wir saßen auf des Weinbergs grüner Stufe,
in goldner Trauben Abendlicht entrückt.
„Willst du noch zur Kapelle aufwärtsklimmen,
zu schauen hoher Lilie Dämmerschein,
ob vor der Benedeiten Kerzen glimmen,
die Lippe kühlen dir am Marmorstein?“
„Ich will mit dir hinab ans Ufer gehen,
der Schilfe Schatten lichten bis zum Grund,
auf Wogen Schaum des Mondes sprühen sehen
und auftun deinem Hauch die Rose Mund.“
Die Kiesel knirschten unter unsren Schritten,
bis Wassers banger Sang uns hat umspült.
Als hätten Dornen dir ins Herz geschnitten,
hab ich das Pochen süßer Angst gefühlt.
Weichen Laubes Brausen
Wir fühlen weichen Laubes Brausen,
wenn barfuß übers Moos wir gehen,
es geht die Wipfel zart zu zausen
ein sommerabendlaues Wehen.
Daß späte Knospen auf sich tun,
du milden Dufts gestillt magst ruhn.
Wie trunken bebend Efeuranken
und Wolkenfransen lichtumwunden,
verschränken sich uns die Gedanken,
Mond glüht, was dunkel wir empfunden.
Daß noch die Träne rinne weich
auf deiner Wange lilienbleich.
Wir atmen Hauch entrückten Lebens,
und Wellen, die uns mit sich reißen
wie Gischt, sie rauschen uns vergebens,
wie er zergeht im Morgengleißen.
Daß noch ein Lächeln dich erhellt,
bis seiner Blüte Schaum zerfällt.
Sed non maturata
Kaum flügge, in die Wildnis schon entsprungen,
ein Freiwild fremder Blicke irrt das Reh,
es wähnt, der Schritt ins Freie sei gelungen,
und birgt in Wolfes Höhle sich vorm Schnee.
Und die Naive, nicht gereift an Meistern,
die Zeugnis geben von der Frucht der Qualen,
kann infantil nur wüste Farben kleistern,
nur das Gekröse dumpfer Unzucht malen.
Das Bild des Vaters Asche ohne Namen,
der Mutter Trost verschmortes Bratenfett,
hat sie vom Liebesakt verbannt den Samen,
den Spiegel kalter Lust gestellt ans Bett.
Wie könnte, abgeschabt von Aber-Pflügen,
in grauer Furche helle Saat sich wiegen?
Usancen und Nuancen
Der nackte Mann im Busch soll uns nicht scheren,
der auf dem Markt gilt rechtens für meschugge.
Nach Duft im Wortgerank laßt uns begehren,
bespötteln, daß man fade Phrasen schlucke.
Ob Winken, Lächeln, Handschlag: Konventionen
sind Lichtungen im Dämmerwald des Lebens.
Die Münze, abgegriffen von Millionen,
zählt auf die Hand uns Dichterlein vergebens.
Verliert der Geste Herkunft sich im Dunkel,
ist sie der Pfad, wo bunte Kiesel leuchten.
Tau weiter Auen sei das Versgefunkel,
daß sich im Sommermond die Augen feuchten.
Sind alt die Muster, die wir im Halbschlaf weben,
mag Dichtung sie mit frischem Flor beleben.
O träume, Freund
Will auch von Wipfeln Dämmerung schon fließen,
und nicken Schatten dir am Wegesrand,
magst du den stillen Abend still genießen,
das süße Rätsel lösen, das dich bannt.
Dort ragen Rosen auf, die träumend wanken
sanft hin und her im lauen Sommerhauch,
dort, wo das Blau sich schmiegt um Efeuranken,
ins hohe Gras sink hin und träume auch.
Als stiegen aus dem Schutt vergrabner Scherben
die Töne einer Glasharmonika,
als würden purpurn sich die Wolken färben,
der letzte Schimmer Himmel sagen ja.
O träume, Freund, wohl unter schwanken Lauben,
bis wach dich kitzelt Flaum von Turteltauben.
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