Jamben auf die frühen Wirren
Welch seltsames Gemisch (halt dir die Nase zu)
von Veilchenduft und Elendsdung,
der noch wie bäurischen Geschickes Ironie
ihm an lackierten Schuhen klebt,
umschwebt den geckenhaften Schwadroneur.
Die Nickelbrille flügelt auf
dem Nasenjoch, die schwarze Lederweste schmiegt
sich speckig an die Hühnerbrust.
Als habe ihm den Blondschopf Meerfahrt ausgebleicht,
als tränk das Auge noch Azur,
und war, ein Hasenherz, doch nie an Hellas’ Strand,
schielt bangend er nach links und rechts,
ob jene auch, auch sie verweilt im Seminar,
und räuspert sich, hat seinen Quark
der Herr Professor Schmidt zum frühen und
zum Marx des Kapitals, dem Bruch
der Episteme, wie’s der Hohepriester aus
Paris, der Gattenmörder, nennt,
breit ausgewalzt, steht ruckend auf, die Brille rutscht,
er schiebt sie nonchalant zurück,
und man vernimmt ein krauses Kauderwelsch,
Adornos Zwielicht-Idiom,
vermengt wie die Satura mit Fruchtallerlei,
im Rausch der Nacht gepflückt
im leider unbewachten Garten Hölderlins,
und radebrecht von Brot und Wein, vom Göttermahl,
dem wahren Bruch der falschen Zeit.
Der ist nicht ganz bei Trost, denkt sich der dicke Schmidt,
ist noch nicht nüchtern in der Früh,
und in der Runde sieht man, wie sie feixen und
die Augen rollen, mancher gähnt,
doch er bleibt unbeirrt, ein trunkener Prophet,
dem Lorbeer kitzelt schon die Stirn.
Doch der verkannte Vates ist ein armer Hund,
hat sich in diesen Vamp verliebt,
ein Schönchen aus den Westend-Villen, die niemals
im Seminar nach ihm geblickt,
ihn keines Worts gewürdigt, wenn er auch, o Scham,
ihr in den Kasten ein Gedicht
geworfen, ohne seinen Namen, Gott sei Dank,
den Philosophendialekt
gepaukt, und seine Mundart ganz zersetzt, verpantscht.
Sie aber wußte es genau,
und hat auf dem Semesterabschlußfest getanzt
mit einem unbebrillten Kerl,
vor seinen Augen, engumschlungen, ihren Schoß
an ihn gepreßt, die Zunge, rot
und lang, ihm grinsend hingestreckt, gestreckt.
O laß es sein, schmink es dir ab,
rät dir der Dichter, der Diotima im Wach-
traum sang, hat auf Susette er auch
geschaut, du liebe selbst die eigne Anima,
die aus dem Dunst der Angst dir steigt.
Und fühlst du noch die Glut, scheu nicht die Einsamkeit,
den Haken, der die Asche schürt.
O schweres Glück, zur Muttersprache heimgekehrt,
zerfällt dir der Jargon der Zeit.
Die frühen Geister
Sie kommen wieder, frühe Geister, Schatten,
die leise aus dem Dämmerlaube wehen,
und will das blaue Rauschen uns ermatten,
sind sie es, die am Rand der Brunnen stehen.
Und wandeln Arm in Arm wir durch die Wiesen,
sind ihrer drei, die sich im Tanze drehen,
Mänaden wie auf längst zerfallnen Friesen,
und Flammen züngeln über Brust und Lenden
und Augen glänzen in den Panthervliesen.
Du sagst, wir wollen uns zu Blüten wenden,
die auf den Wassern unterm Monde treiben,
da hockt im Schilf und fleht mit Runzel-Händen
ein graues Weib, wir möchten bei ihr bleiben,
und willst du ihrer Stirne Frost behauchen,
zerrinnt sie wie Eisblumen auf den Scheiben.
Steht hoch das Gras, ins Dunkel einzutauchen,
und sagt dein Blick, was keine Worte können,
schreckt auf uns der Erinnyen heißes Fauchen,
die keiner Liebe zarte Gesten gönnen,
sie kennen uns, sie rufen uns mit Namen,
daß wir dem Fluch, dem alten, nicht entrönnen.
Hat eingesenkt sich väterlichem Samen
das Gift der Schlange aus dem Wundergarten
und müssen, die in Liebe wandeln, lahmen?
O Geister, die auf unsre Schwachheit warten.
Schweigen, keuscher Schnee
Dein Schweigen ist wie keuscher Schnee,
der still durch Dämmerungen scheint,
wie weicher Tau der Orchidee,
der heim zum Schoß der Erde weint.
Dein Schweigen ist wie Abschiedshauch
der Blüte, die ins Dunkel sieht.
Aus sommerblauem Abendrauch
steigt auf der Mond, mein trunknes Lied.
Mein Lied ist wie das feuchte Laub
der Nacht, betropft von fahlem Licht,
als könne fühlen, was schon taub,
netzt es des Siechen Angesicht,
doch bleibt er liegen, ungerührt.
Ich kehr zu deiner Blume heim,
zum Schnee, der in die Stille führt,
o sinke, Mond, verklinge, Reim.
Fremde Heimat
Es schienen die vertrauten Wege, und doch
war alles wie im Traume fremd. Der Glanz,
der ausging von den Dingen, von den Farben,
er strahlte auf, verlosch und strahlte wieder,
als wogte er von innen, nicht als warmer
Widerschein der alten Sonne. Ich aber
schritt wie auf gespannten Häuten, die seltsam
gleich den Planken eines Schiffes bebten,
und sie schluckten jedes Schrittes Hall.
Da starrten kahle Äste in die Leere,
verschränkte Finger, Blut troff von den Nägeln,
und Früchte glichen Tropfen dunklen Bluts
wie Trauben in der Dämmerung der Reben.
Der Himmel war ein purpurfeuchtes Linnen,
Turmspitzen stachen Löcher in den Taft,
da wehten Fahnen, Wappen mit Emblemen
monströser Fabeltiere, Mädchen-Echsen,
Sphinxen mit zerquetschter Brust, Mischwesen
aus Tier und Blume, mit Blüten wedelnd
Kraken, aus geplatzten Knospen äugend
Embryonen. Da schwebten Pavillons,
wo Weise ihre dürren Bärte zupften,
auf Knochenpfählen über grünen Sümpfen,
woraus metallisch-blaue Flossen blitzten.
Die Wabenhäuser klebten eins am andern,
statt Scheiben sprühten kristallne Facettenaugen,
wie zerstückelt im Kaleidoskop
vergaß man, wer man war und was man wollte,
aufs glücklichste sich selbst entronnen,
und alle waren eins geschwisterlich,
doch mit sich selber unbekannt,
dem andern Spiegelbild, sich selber blind.
Vorm Duft der Ferne, Sternenbotschaft schützten
Schindeln von Krötenpanzern, Affenschädeln,
aus Toren glotzten Mäuler wie von Fischen,
die den Passanten seufzend in das Innre
sogen, und in Blasen aus sich stülpten,
doch umgewandelt, alte jung, und junge
alt, ja, Männer Frauen, Frauen Männer,
Thersites ein Achill, Achill Thersites.
Ich trat auch in der hohen Weihe Haus,
im Becken war das Wasser parfümiert,
da stand statt des Altars ein Quaderstein
aus schwarzem Onyx, darauf schimmerten
nicht edlen Weines Kelch und nicht Monstranz,
ein Schädel aber, den Rachen aufgerissen,
eines Krokodils, und dem Gebiß
hat Zahn an Zahn man Rosen eingesteckt,
der Priester kam, im bunten Flickenkleid
ein Gnom, sein Amen war ein dunkles Grunzen.
Mich aber riß ein Sturm durch öde Gassen,
in denen sich Verwesungsdüfte seltsam
mit dem süßen Hauch von Veilchen mischten.
Und die vorübergingen, mimten Puppen,
von unsichtbaren Fäden hin und her
gezerrt, kaum wehte sie mein Atem an,
ergoß ein Lächeln sich auf ihr Gesicht,
ein Glanz aus Wachs wie einer zarten Maske
leicht ablösbares Blatt, und Feuchte quoll
in Augenhöhlen, angstumwimpert. Da eilte
ich, ans Ufer zu gelangen, ein Rauschen
zog mich hin wie heimatlichen Stroms.
Schon schwappte mir das Wasser bis zum Knie,
da nahm ein Kahn mich auf, der Fährmann nickte,
und langsam glitten wir auf schwarzen Wogen
an jener Stadt vorbei, die schon im Dämmer
versank, die Wappen blaßten und das Funkeln
der Kristalle war erloschen. Da schwoll
wie aus dem Mund der Muschel säuselnd ein
Gesang, sirenensüß, sich wie ein Schleier
breitend über dumpfen Daseins Schlaf.
Und plötzlich, aufgepflanzt wie ein Gespenst,
stand dort im Uferschilf der zarte Knabe,
in einer viel zu großen Lodenjacke,
mit einer Mütze, filzig-grau, die riß
er jäh vom Kopf und winkte mir damit,
und winkte wirbelnd, wie man Abschied winkt
von einem lieben Gastfreund, und er rannte,
dem Kahn zu folgen, der die Mitte schon
des Stroms gewann und wie im Dunst ein Schemen
entschwand. Dann stand er still, ich hörte noch,
wie seiner Knabenstimme Silberfaden
sich in den Nebelvorhang des Gesanges
wand, da sah ich, kannte ich ihn wieder,
ich war es selbst, der Knabe aus der Stadt
am Fluß, und mußte lange weinen, weinen,
bis fremder Heimat Traumgesang erstarb.
Komm, gehen wir ins Abendrot
Komm, gehen wir ins Abendrot,
wo noch unter Flammenruten
trunknen Liedes Rosen bluten,
o Lust der Sonne, Schoß und Tod.
Verweilen wir, sonst schmilzt das Bild,
wo wie Monde Mirabellen
aus dem Laub des Dämmers schwellen,
bis leuchtender die Wunde quillt.
Und trinken wir den Tropfen Licht
eins im Abschiedsblick des andern,
die ins Blütenlose wandern,
schweigen, nur die Träne spricht.
Komm, gehen wir ins Abendrot,
wo wie Schatten wir uns finden,
die sich umeinanderwinden,
o dunkle Liebe, Schoß und Tod.
Perdendo, morendo
Auf Wogen goldenen Korns
Flügel, blaue, die ertrinken,
und betört vom Feuermohn
im Herzen süße Stiche.
Regen, Schlieren auf dem Glas,
fahler Wange Schimmer,
Tropfen, Blicke, zögern lang,
und sie rinnen hin.
Im Schluchzen der Sonate,
perdendo, morendo,
hör ich dich vom andern Ufer
meinen Namen rufen.
Auf Herbstes einsamer Schwelle
liegt unter gelben Blättern
einer Taube blasse Feder.
O gurr entrückt in fernen Gärten.
Das Hündchen Micki
Micki heißt das Hündelein,
mit dem Frauchen, arm, doch fein,
trippelt’s an den Autos lang,
und hebt müde noch das Bein.
Ach, sein Hundeherz ist bang,
kläffen hab ich‘s nie gehört,
Micki, holdes Mißgeschick,
kannst nur flehend fiepen, bloß
winseln, doch mit deinem Blick
hast du gleich ein Herz betört.
Frauchen läßt dich nicht allein,
legst den Kopf auf ihren Schoß,
und sie krault das Vlies dir zart.
Samt hast du von einem Reh,
Wimpern mädchenhaft-apart,
Tupfer auf der Stirn von Schnee.
Und warst doch ein Straßenkind,
jüngst in einem tristen Slum,
wo die Hunde Waisen sind,
in Rumänien. Wie ein Lamm,
das der gute Hirt noch hebt
aus der sternenlosen Nacht,
hat dich, daß sie froher lebt,
Frauchen in ihr Heim gebracht.
Micki, wie du wedelnd rennst,
geh ich zögernd vor die Tür,
und von weitem mich erkennst,
denn ich habe stets zur Hand
für das sanfte, treue Tier
Leckereien. Zartes Band,
das wohl zwischen uns geknüpft,
was ein Dichter Schicksal nennt.
Fühl dein Herz ich, wie es hüpft,
seh dein Auge, wie es glänzt,
weiß ich, daß auch Liebe kennt
Kreatur, bekrallt, geschwänzt.
Drüben, wo die Liebe wohnt
Psalmen, weicher Wasser Lallen,
Blüten auf dem Strom der Nacht,
sind im Herzen schon zerfallen,
das im Schutt des Traums erwacht.
Augen, die zum Glanz sich feuchten,
offne Knospen, kußbetaut,
wollen uns im Dunkel leuchten,
bis die Brache Abschied graut.
Locken, die im Schneelicht bleichen,
Flügel, flockenübersät,
flattern schon zu fernen Reichen,
wo der Sommer Flammen mäht.
Lichter, die am Fenster zittern,
und sie blassen, glüht der Mond,
Rosen, Seufzer an den Gittern,
drüben, wo die Liebe wohnt.
O Knospe Liebe
Wie Blumen, die niemals das Dunkel sehen,
am Morgen öffnet sich ihr Kelch dem Licht,
im Zwielicht muß ihr letzter Duft verwehen,
o Knospe Liebe, sieh das Dunkel nicht.
Wie Knospen, denen nachts die Wimpern zittern
und blicken auf in Mondes bleichen Strahl,
muß Sterneneinsamkeit die Nacht verbittern,
wem Schlafes Flügel fortstößt Liebesqual.
Wie eines augenschönen Falters Leben,
der morgens aus der Runzel-Puppe schlüpft,
vom Dämmerdunst ins Sonnenlicht zu schweben,
dein Kind sei, Liebe, das ums Feuer hüpft.
Doch denen Sommeroden sind verklungen,
die Frucht des Herbstes fiel so dumpf ins Gras,
sie schmecken Asche auf den stummen Zungen
und starren blind durch frostgeblümtes Glas.
Glut und Asche
Wenn uns aus herbstlich-trunkner Abendbläue
Schatten niedertaumeln, und es dringen
aus dem Laub noch Vogelstimmen, scheue,
fern verrauschen Sommers Kranichschwingen,
laß, Liebe, uns auf weichen Moosen gehen.
Tropfen, die am Blumenmund zerspringen,
Seufzer, die wie Veilchenhauch verwehen,
und der Engelsglocke blaues Klagen
sind allein, vor Leiden zu bestehen,
die Liebende ans dunkle Ufer tragen,
wo Dämmerschilf sie birgt, die lebensmüden.
Und wir hören nicht, was Wellen sagen
von Herzen, die auf immer sie geschieden,
Glut von Rosen, die bei Muscheln bleichen.
Und als bringe uns sein Nachen Frieden,
wollen Charon wir die Münze reichen,
ich den Hungerpfennig, du die Krone,
doch läßt der Sohn der Nacht sich nicht erweichen,
da er nur den bittern Tod belohne,
nicht den sich Liebesflamme bahnt, den süßen,
wie ihn die Mücke trinkt aus rotem Mohne.
O, Liebe muß die Glut mit Aschen büßen.
Dämmerung am Strom
Wasser, spiegle mir noch, dämmert auch längst mein Tag,
Wolken, Rüschen auf Blau, was ich gestreut dir blind,
laß ins Dunkel nicht münden,
Schnee von Knospen und Blütenlicht.
Dem ich einsam gelauscht, ging ich den Uferpfad
oder lag da im Schilf, wie eine Muschel kalt,
laß dein Rauschen als Echo
traumentrückter Gestade mir.
Sinken Schatten herab, schwankender Traube Gold
fahlt in grauendem Tau, möge mir noch das Bild
unerfüllbaren Sehnens
glänzen aus wogender Nacht, der Mond.
Muß verlöschen auch er, alles ist stumm, wie tot,
sagt kein einziger Stern, meiner gedenke ein Herz,
will ich tauchen zu dir, o
Melusine, zu dir hinab,
wo mir blitzt bunter Schaum, schuppiger Anmut Spiel,
wie aus singendem Mund quellen schon Tropfen auf,
tänzelnd peitschen mich Flossen,
doch ich taste nur warmen Schlamm.
Süßer Tau
Deiner Blicke feuchte Funken,
süßer Tau der Purpurrose,
sind in meine Nacht gesunken,
in die Nacht, die sternenlose.
Und sie küßten mir die Wunde,
daß sie heller brennen mochte,
Kerze sanfter Abendstunde,
Kerze mit dem Liebesdochte.
Deiner Augen stille Tränen,
süßer Tau der Amarylle,
rannen in die Schuttmoränen,
gramverstummter Herzen Hülle.
Und sie tränkten mir die Krume,
daß noch einmal glühen mochte
Mohn der Nacht, des Orpheus Blume,
Herz, das deinem Herzen pochte.
Nausikaa
Wo Apfelsinen, feuchte Sonnen, glimmen,
im Haine der Phäaken, und Zitronen,
im Dämmerlaube fahle Monde, schwimmen,
muß auch der Liebe Wunderrose wohnen.
Bist du es nicht, Nausikaa? Die Wangen
erröten dir von eignen Blutes Singen.
Hält dich das Bild des Irrenden gefangen,
ihm deiner Blüten Flammen darzubringen?
Sprang dir der Ball, von Eros Hauch gehoben,
vielleicht zu weit ins Dickicht von Mimosen,
dein Wort glänzt noch, aus goldnem Garn gewoben,
und deiner Anmut Bild umranken Rosen.
Das Wort „Kehrst heim du, magst du mein gedenken“
ließ auf des Ahnensaales lichter Schwelle
dich der Entsagung Wimpern milde senken,
und dunkler Duft umfloß die Rosenhelle.
Uns aber, die in kahlen Zimmern warten,
bis abgebrannter Herzen Stümpfe blaken,
erglühe, Rose, aus versunknem Garten,
umrauscht von blauem Vers, Land der Phäaken.
Der Tod des Wanderers
Wenn sich in roten Früchten ründet
die Sommerzeit, auf Halmen schwankt,
was aus der Nacht ins Licht gemündet,
hat Efeu weich den Stein umrankt.
Was dunkel Nachtigallen weinen,
hebt in sein Lächeln Himmelsblau,
die Knospen tun sich auf und scheinen.
Die Rose sagt zum Wandrer: „Schau!“
Doch blind zieht weiter ihn die Wunde,
die keiner Blüte Leuchten stillt,
hinab, hinab zum Dämmergrunde,
wo trunken Geist der Erde quillt.
Dort fand man ihn, die Quelle rauschte.
Verzückung stierte aus dem Blick,
als ob er noch dem Schluchzen lauschte.
Das Wasser rann ihm ins Genick.
Schwacher Schimmer
Eine Feder lag im Staube,
Schimmer, schwach im Morgenlicht,
war sie da, die Turteltaube,
hörte ich ihr Gurren nicht.
Scheuer Wolke Spiegel, Wasser,
wo die Sonnenknospe trieb,
und von Blüten immer blasser
blanker Spiegel wurde trüb.
Lilien in blaugrauer Vase,
Schimmer, schwach im Dämmerschein,
feenzart gewirkte Gaze
hüllte ihren Schimmer ein.
Wie von einem dunklen Schwirren
ist der Einsame erwacht,
doch nicht hellte auf dein Girren,
Turteltaube, meine Nacht.
Am Leben hängen
Ich legte mich in Halm und Nacht,
im Sommermond zu sterben,
von trunknem Duft bin ich erwacht,
umflorter Liebe Werben.
Ich riß die Planke aus dem Kahn,
in dunkle Flut zu sinken,
da sagte schimmernd mir ein Schwan,
den Schimmer soll ich trinken.
Ich sah im roten Rebenblatt
mich hin zum Abgrund drängen,
sein Tod, der so viel Glühen hat,
ließ mich am Leben hängen.
Ich wollte, als der Mond verglomm,
verblassen mit den Veilchen,
doch eine Nachtigall rief: „Komm,
wir glühen noch ein Weilchen!“
Wir Danaiden
Sie haben, Sappho, Selene dir genommen,
auf der Flucht zu fernen Galaxien
ist ihr holdes Angesicht verglommen,
und auch die Monde deiner Oden fliehen.
Deine Nacht, Novalis, liegt zerrissen,
das Gefieder orphisch-blauen Sangs,
auf den kalten Aschenkissen
im Grand Hotel des Untergangs.
Und die, Vates, du mit eigner Hand
uns gebündelt, hohen Geistes Strahlen,
mußten, in das Totenreich verbannt,
im Herzen Diotimas fahlen.
Die Sonnen aber, sie erkalten,
die Blütenlicht und Nacht geschieden,
wir rinnen in des Chaos Spalten,
o dunkler Schaum der Danaiden.
Die Stunde naht
Und keiner ist, dir von der Stirn zu hauchen
des grauen Staubes Überdruß.
Die Stunde naht, dein Herz zu tauchen
ins dunkle Licht, den Lethefluß.
Ein Schneien tilgt die Spur des Lebens,
das aus dem trüben Himmel fällt,
und alles Wandern war vergebens,
in Dunst zerrinnt das Herz der Welt.
Die Augen, die im Finstern glommen,
verlöschen, kehrt der Tag zurück,
zu Asphodelen ist geschwommen
verblaßter Liebe Blütenblick.
Die Verse, wilder Triebe Sprossen,
hat bleicher Mond mit Angst betaut,
und wehe Düfte sind geflossen
zu Ufern, wo kein Rauschen blaut.
So magst du dich zu Veilchen legen,
die weinen wie am stillen Grab,
die Erde, weich vom Sommerregen,
zieht dich ins Dunkel schon herab.
Denk dir, in Baumes Wurzel steige
ein Fetzen deines morschen Beins,
ein Vogel pickt die Frucht vom Zweige,
in seinem Lied erklingt auch deins.
Liebe, Glut und Lethes Schaum
Wie sind verborgner Süße Funken
aus wimpernfeuchtem Dämmersaum
in deinen stummen Schoß gesunken,
o Liebe, Glut und Lethes Schaum.
Mag einer auf das Gras mir sprühen,
das dürre, wo mein Schmerz sich birgt,
die trockne Zunge mir verglühen,
die sich ins Schweigen wühlt und würgt.
Wie in der Locken schwarze Flammen,
aus denen Duft der Mandel raucht,
Tautropfen, die auf Veilchen schwammen,
des Mondes trunkner Odem haucht.
Mag einer auf den Mund mir fallen,
versunknen Sommers Runzelfrucht,
erleuchten mir die Nachtigallen,
was ich umsonst im Licht gesucht.
Wie Schauer Blumenkelche füllen,
sie schwanken wie Mänaden wild,
streift dir der Wind die Blütenhüllen
vom Schoß, o Knospe ungestillt.
Mag eine auf das Grab mir sinken,
wo Moos umseufzt den Spruch am Stein,
das hohle Aug noch Schimmer trinken,
im Abgrund klirren das Gebein.
Was die Charis trübt
Es zeigt dein Schatten, was die Charis trübt,
verdunkelnd lichter Bilder Innigkeiten.
Gehst du des Weges, Schatten, er geht mit,
blüht auf, was zwielichtig im Zwielicht schlief,
was du erspäht dir wohl, doch nicht erschaut.
Den Teint der Wesen hält ein Pulsen frisch,
der Erde nächtig Quillen, Himmelsstrahl,
das über Halm und Ader singend strömt,
im schwanken Blatt ergrünt, in Augen glimmt,
und noch im Herbstlaub schäumt verebbend Weh,
ein Tau der Nacht erglänzt in Abschiedsblicken.
Dein müder Hauch macht jenen Spiegel blind,
wo sich gespensterhaft ein Lächeln hüllt
wie Blüten hinter brunnenfeuchter Gaze,
wo sich der Totenmaske Schimmer bricht
und sternenlose Augenhöhlen locken
wie schwarzer Mohn in orphisches Gefild.
Der Tinnitus des innern Ohrs, der Geist,
zerreißt den Wohlklang, den die Dämmerung
aus trunkner Kehle tropft, die Nachtigall,
und heitren Plätscherns Wasserserenade
zerbellt die fletschende, die Wahnhyäne.
Es ist der Phrase zäher Schleim, das saure,
das allzu süße Wort, das bald des Sinnes
zarten Herzbezug verätzt und bald
dem wahren Augenblick das Lid verklebt.
Es ist obszöner Zungen Natterngift,
was in der Meeresstille Muschel rinnt,
die Perle für der Sappho Ohr zerfrißt,
der Wortbombast, der Anmut leichtem Kahne
von johlenden Titanen aufgesetzt,
die unterm stummen Monde Zwerge sind,
doch teuflisch kichern, wenn der Kahn versinkt.
Dunklem Weh geronnen
Flocke neben Flocke
hüllen wir die sanften Linnen
über kahler Erde Grauen,
wollen wehmutweich verrinnen,
wenn die Veilchen wieder blauen.
Knospe neben Knospe
streuen wir ins Dunkel Samen,
bangen Nächten Blütenhelle,
auf die übermooste Schwelle
zarten Duft verblaßter Namen.
Rebe neben Rebe
halten Orpheus wir gefangen,
Traube neben Traube
schimmern wir im Dämmerlaube,
glühender Mänaden Wangen.
Tropfen neben Tropfen
füllen wir die irdnen Krüge,
schenken, dunklem Weh geronnen,
grauen Herzen Abendsonnen,
matten Dichtern Sternenflüge.
Flügel neben Flügel
wollen wir wie Falter beben
um der Kerze holdes Scheinen,
stumm in die Vollendung schweben,
uns im Opferrauch vereinen.
Schwermut sang
Schwermut sang, schmolz hin in feuchten Funken.
Hast, Edens Rose, du dich aufgetan?
Im Dunst verstummt, im Schnee versunken,
Blütenlicht, Gesang und Schwan.
Stern, du warst von Davids Psalm erkoren.
Hast du, mein Herz, den süßen Strahl
in trunknen Schilfs Geschwätz verloren,
im Gelall berauschter Qual?
Anmut, ums bukolisch-sanfte Bildnis
hat Veilchen dir Vergil geschmiegt.
Wie überwucherte dich Wildnis,
Hirt, wie ist dein Seufzen lang, schon lang versiegt.
Liebesblicke, Gnadensonnen,
die Gold gehaucht in Trakls fahles Dämmerlaub,
wie ist dein Aug von Tränen überronnen,
o Madonna, netz, in dem wir knien, uns den Staub.
Die Mänade der Nacht
Verwandelt in die Nachtmänade,
die Brust gefleckt vom Pantherfell,
zog ich zum einsamen Gestade,
ward dunkel mir der Tag, das Dunkel hell.
In matten Tropfen quoll, was ich empfunden,
in meinem Schoße schäumte Bitterkeit,
Äonen rankten sich um Dämmerstunden,
im Tau der Rose glänzte Ewigkeit.
Ich sah den Lichtkristall zum Abgrund fallen,
den roten Mohn an meinem Hauch ergraut,
und hörte Schatten ich vom Urlicht lallen,
war mir, als ob im Styx die Wolke blaut.
Und Flammen seufzten auf den Abendwogen,
wie Blüten um den Schlaf des Schwans,
wo Vögel schwankem Schilf entflogen,
zerbrochen lag die Flöte Pans.
Mein Irrblick folgte keinen Zielen,
im Sand der Angst sank ein der Schritt,
verwischt war schon von Windes Wühlen
die Spur des Leides, das ich litt.
Gestirn stach mich mit kalten Blicken,
mich rief der Gräber Geisterrauch,
mit Knospen Wüsten zu erquicken,
doch sproß dem Mund nur Wehmuthauch.
Daß ich nicht länger fühlen müsse,
hab ich um Molches Gift gefleht,
um einer Schlange Schreckensküsse,
daß mir der Traum wie Schnee verweht.
Es kennt der Herrscher keine Gnade,
der mich mit Flammenmund verbrannt,
kühl, Bacchus, ihn an Blumen der Najade,
mich hat, die Blütenlose, er verbannt,
um überwachsner Namen Mal zu schweifen
wie einer Witwe Klagelied,
um Strünke, denen nie mehr Früchte reifen,
ein Geist, der nur Ruinen sieht.
Liebespfad am Rhein
Wir seufzten durchs Gerank von Reben,
der Trauben feuchter Glanz
schien schwarzen Locken zu entschweben,
mäadentrunknem Tanz.
Weich hat uns Ufergras umwattet,
heim flüsterte der Fluß,
von Blumen, ach, wie Duft ermattet,
die Blüte fiel, dein Kuß.
Der Strahl, der fahles Blatt entzündet,
zerfloß wie Purpurwein,
die Knospe, blauer Nacht geründet,
der Mond versank im Rhein.
Es war im Gurren junger Tauben,
was Mund an Mund uns schwieg,
es war im Rieseln lichter Lauben,
was Schluchzen überstieg.
Und die an deinem Aug geglommen,
die Tränen sind herab
in deinen stummen Schoß geschwommen,
o Liebe, Schoß und Grab.
Der erloschene Nimbus
Daß jene Erkorenen sie sahen,
geküßt von hohen Geistes feurigem Mund,
die leuchtende Aura um das Antlitz
des inkarnierten Worts,
des Heiles siebenstrahliges Auge,
die Gloriole,
genährt von dreifaltigen Flammen,
im Chorgesange züngelnd
der sie umkreisenden Engel,
den surrealen Glanz um die Locken
der Gebenedeiten und der Apostel
stillsinnende Stirn,
die Aureole
um den transfigurierten Leib,
soll dich nicht wundern.
In die Dunkelheit der Stille aber
sprühten Eremiten der östlichen Welt
und des byzantinischen Athos
Funken des ungeschaffenen Worts,
das sich auf dem Berge Tabor
den auserwählten Jüngern offenbart hat.
Doch gewährte der Nimbus sich auch Heiden,
von Bacchus ergriffen in wilder Landschaft
Mänaden zu sehen, zu werden, die mit fühlender Hand
aus dem Gefieder der Nacht Gesangesflocken geschüttelt,
um sie ins Haar sich, auf die nackten Glieder zu heften,
den Thyrsosstab der Ekstase mit Weinlaub umkränzten,
den Weg durchs Dickicht in die Lichtung zu finden,
wo das Blut der Wangen und Brüste und des Opfertiers
im tiermenschlichen Reigen zu auratischem Glanz verschmolzen,
er glänzt Apollon ums erhabene Haupt,
der Apotheose der Sonne,
er krönt den Heilbringer Mithras,
ein Strahlenkranz windet sich
von den Diadochen bis zu Augustus
um die Schläfen vergöttlichter Herrscher,
ja noch um den siegreichen Adler
der Kaiser des Römischen Reichs
Deutscher Nation.
O wie beseligend schwebt
um den schwebenden Buddha
der Aureole stilles Lotusblatt.
War nicht van Gogh der letzte,
den Kranz der Strahlen zu winden,
die wirbelnde Mandorla
um nachtblauen Himmels Gestirn,
Nacht, durchzittert, zerblättert
im Sturmwind unwirklichen Lichts,
die Risse zu sehen, die Schründe der Aura,
die ihm sein Spiegelbild entblößte
und im Schamanenflug der Pinsel
als bittere Lichtspur auf die Haut
des Unerlösten gefurcht hat?
Ja, wundern sollte uns Zwerge der Endzeit,
nein, wundern sollte uns nicht,
daß aus der kleinen Schar der Verehrer
entrückter Sterneneinsamkeiten
keiner mehr einen Funken,
ein noch so dürftiges Glimmen
um die Stirn der Enterbten,
Wühler im Schlamm der Vergängnis,
den Sprachgeist zerquatschende Schatten,
um die pomadisierten Zöpfe
der keine Verse mehr machenden Dichter,
über dem aus dem After der tauben Empfindung gepreßten
eitlen Fettfleck der Künstler,
zum Kitzel der fletschenden Meute
amtlich bestallter Maulwürfe
unter Thronen und Altären,
keiner den Nimbus mehr wahrnimmt,
es sei denn gespenstisch leuchtenden Nebel,
der aus den Wassern der Trübsal steigt,
die fahlen Fäulnisflammen
über den eingeebneten Gräbern der Ahnen,
oder daß jene, die von Traumgewittern gequält,
von glühenden Tränen, die sie von nächtlichen Knospen
haben tropfen sehen,
für irre gelten und Pharmaka schlucken,
die das Hirn heilen, indem sie die Seele töten.
Und die sich ins Schilf der Ufernacht flüchten,
flackert Liebenden nicht noch ein Herz
über den Herzen, die vergebens pochen,
eins ins andre zu schmelzen,
oder ein blassender Mond,
die Blume der Nacht,
die einmal das Wort der Dichtung behauchte
mit dem Duft aus versunkenen Gärten,
mit dem matten Schneelichtschimmer
der Jenseitspfade?
Abwärtsgleiten
Wie zergeht der Tag in scheuen
Tropfen am Kristall der Vase,
feuchte Funken ihr zu streuen
bläht sich schlaffen Abends Gaze.
Mögen unsre Tränen rinnen,
matten Schimmers niederglimmen
auf der Liebe bleiches Linnen,
eins im anderen verschwimmen.
Mond hat bittern Schaum vergossen,
Schattenküsse gaukeln Winde,
Veilchen hat das Lid geschlossen,
bangend, daß sein Herz erblinde.
Streifte uns des Schlafs Gefieder,
Knospen, die ins Dunkel sinken,
Blüte fällt an Blüte nieder,
mag noch Glanz die Erde trinken.
Die Feder
Sie trippelten, die Körner aufzuklauben,
die du des Morgens hingestreut,
dann flogen jählings auf die Turteltauben –
wie müdes Herz Geflatter freut.
Dann sahst du sie auf dunklem Asphalt blassen,
die Feder, wunderliches Ding,
wie weichem Leib sie sproß, ist schwer zu fassen,
wie sie den Geist der Luft umfing,
zu spiegeln ihn mit Flaum und Fiedersprossen,
harmonisch sinnreich aufgereiht,
von silberblauen Schimmern übergossen,
von Lichtes Flocken sanft beschneit.
Und du gingst hin, sie zärtlich aufzuheben,
und legtest sie in den Vergil,
als Zeugnis für das dichterische Leben,
für dunklen Triebs sublimen Stil.
Und fändest du von Liedes Flügel eine
in deiner Ödnis Labyrinth,
heb auf sie, schau ob ihr vor Trübsal keine
der zarten Strahlen wurde blind,
ob sie im harten Lichte der Laternen
den Taft der Milde nicht verlor,
ob sie das Herz erkennt, das zu den Sternen
mit ihr sich höbe gern empor.
Vincent van Gogh, Runde der Gefangenen
Er lieh noch Licht zwei Schmetterlingen,
die taumeln, Traum an Traum geknüpft,
als wären Puppen sie entschlüpft,
die im Geäst des Himmels hingen.
Im Kreise trotten Dantes Schatten,
Gefangene auf Lebenszeit,
kein Auge sieht es, keiner schreit,
wenn Liebesboten jäh ermatten.
So gehen wir durch Dämmerungen,
vom Dämon Trübsal eingeschreint.
Was golden zwischen Reben scheint,
hat dürre Lippe nie besungen.
Der Künstler blickt uns aus den Reihen
der Elenden gespenstisch an,
er, der in Südlichts Glanz begann,
dem Schaum der Blüten sich zu weihen.
Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Runde_der_Gefangenen
Liebe fragt
Fragst du mich, ob uns noch wehen
Brunnen mondbehauchte Schäume,
ob im Sommer wir noch gehen
still im Schatten alter Bäume,
ob der Dornenzweig der Schlehen
uns die blaue Frucht noch reicht,
sage ich – vielleicht.
Fragst du mich, ob uns die klammen
Hände und die bleichen Wangen
wärmt der Herbst mit Reisigflammen,
milde glüht noch das Verlangen,
schlingen Hand in Hand zusammen,
bis der Mond im Schilf erbleicht,
sage ich – vielleicht.
Fragst du aber, ob in kalten
Winternächten uns noch Blüten
früher Tage Duft entfalten,
wir vor Scheiten, sanft verglühten,
leise singend, Traumgestalten,
fließen in die Finsternis –
sage ich – gewiß.
Das Zwielicht der Worte
Abendrot, das aus den Zweigen tropft.
Schatten, dumpfe Schläfen uns zu kühlen.
Herz, das bang der Nacht entgegenklopft.
Stummes Pochen sagt uns, was wir fühlen.
Sie verdämmern, Worte faul und fahl,
Früchte, überreif, die abgefallen
vom zermürbten Holz, ihr Fleisch ward schal,
die es aßen, hörst du sinnlos lallen.
Und sie sinken ins belebte Grab,
Bilder, die mit buntem Dunst betörten,
Glanz, der gleisnerisch ein Loch umgab,
Fraß des Wurms, den keine Lügen störten.
Gehen schweigend wir den Uferpfad,
laß statt unser weiche Wasser reden,
wie zu tränken sie die Sonne bat,
Rosen, Veilchen und Reseden.
Und der Worte Zwielicht hellt dein Blick
auf wie voller Mond die Lilienblüten,
nimmt in feuchte Dämmerung zurück
Träume, die im Abendrot erglühten.
O lebet wohl, ihr heimatlichen Quellen
Noch einmal ging ich durch die Gärten
ins dämmerweiche Ginsterlicht,
die Tauben waren Traumgefährten,
mir lächelte Vergißmeinnicht,
voll Gnade tönten Abendglocken,
ich schlief im Flaum von Blütenflocken.
O lebet wohl, ihr heimatlichen Quellen,
ihr Gärten, mondgewiegter Sage Wellen.
Noch einmal kam ich an die Pforte,
wo mir zum Abschied hat gereicht
die Liebe aus umhegtem Horte
den Veilchenstrauß, hat auch gebleicht
ihr Haar schon Schnee, die Augen sprachen
von Sternen, die durchs Dunkel brachen.
O lebet wohl, ihr heimatlichen Sonnen,
ihr Trauben, deren Glut ins Lied geronnen.
Noch einmal ging ich auf die Hügel,
wo uns im Herbst der Feuerhauch
Gesanges ausgestreckte Flügel
hob über Tod und Aschenrauch.
Und als die Flammen sanft entschliefen,
war es, als ob uns Geister riefen.
O lebet wohl, ihr heimatlichen Lieder,
die Quelle schläft, kein Dichter weckt sie wieder.
Geheimer Quell
Der Muschel wunderlich Gewinde,
der trunken funkelt, Bergkristall,
betörender Duft der Sommernachtslinde,
Gesang der einsamen Nachtigall –
der Wolken wechselnde Sinngestalten,
die dunklen Mysterienspiele des Lichts,
wenn Venus-Knospen purpurn sich entfalten
und sinken, bleiche Nonnen des Verzichts –
die Rätselsagen der dämmernden Erde,
die glitzern wie der nächtliche Tau,
des Lebens innige Wehgebärde,
sinkt Veilchens Haupt im Regengrau –
der sapphischen Ode Traumgeranke,
vom Hauch der Inselnacht durchweht,
die Hüfte der Schäferin, die schlanke,
wenn mit Verlaine sie zu den Festen geht –
der schwarze Flügel eines Baudelaire,
womit sich müd gerauscht der Abgrund-Spleen,
die goldene Frucht antiker Mär,
im Schoß der Hymne bergend Hölderlin.
Geheimer Quell, der Dichtern Hochsinn spendet,
der Liebe spiegelt ihr verklärtes Bild,
der Geist, holdselig in sich selbst vollendet. –
O einen Tropfen nur, der uns die Wunde stillt!
Verschneites Grab
Sanftes Linnen hüllt das Grab,
Samt von Flocken, weißer Hauch,
Schmerz und Liebe sank hinab
Duft und Mundes Blume auch.
Die um Schläfen Ranken wand,
wob ins Schattengitter Licht,
schon verwittert ist die Hand,
dunkle Mutter küßt sie nicht.
Und die Liebe beugt sich hin,
wischt den Schnee vom Marmorstein,
zu entziffern Spruch und Sinn,
und die Träne schließt ihn ein.
Laß des warmen Glanzes voll
Schalen flackern in der Nacht,
gleich dem Herzen, dem entquoll
des Gesanges schlichte Pracht.
Frühlingsmondes Knospe schwingt
bald wie Amors Blütenball,
und dem toten Dichter singt
schwesterlich die Nachtigall.
Schwiegen wir lächelnd
Flügelten stumm wir auf blühendem Feld,
lichtfrohe Falter, den Winden ergeben,
wähnten wir endlos den Sonntag der Welt,
blind für die Spinnen, die Grabtücher weben.
O wie die Lerche die Sonne verehrt,
und ihr Lied schluchzt dem Gluthauch entgegen,
wir aber, die schon ein Schauer versehrt,
rinnen dahin, ein geschwätziger Regen.
Öffnen sich Rosen dem steigenden Strahl,
schließt keuscher Kuß des Monds ihre Lider,
unsere Knospe sinkt dämmerlichtfahl
an die Ufer des Acheron nieder.
Wiegten wir uns wie schlafend der Schwan,
dem das Gefieder Sterne betauen,
schwiegen wir lächelnd im Mittag des Pan,
sähen die ewige Stille wir blauen.
Denke nicht, schau
Dem Andenken an Ludwig Wittgenstein
Du bist nicht da, das Leben zu befragen,
zu wühlen tief, zu suchen weit,
vollkommen ist, was stille Rosen sagen,
volltönend schwingt der Ring der Zeit.
Du kannst mit Schwätzers Fingerhut nicht leeren
des Unsagbaren Ozean,
das Lied des Lebens kannst du einzig hören,
schweigst du im hohen Mittagsblau des Pan.
Da Schatten sich auf deinen Pfaden längen
und siehst des Glückes Wabe leer,
lockt Tropenmond die Liebe zu Gesängen,
und Lotus schwankt, von Süße schwer.
Still geh vorüber, wo die Bilder fahlen,
die Inschrift überwuchert Gras,
es blühen Zeichen unter Wunderstrahlen,
die noch kein Menschenauge las.
Mag in dein Dunkel Tau von Blüten glänzen,
die edler Strophen Sproß entkeimt,
des Tages abgebrochnen Vers ergänzen,
was süß die Nachtigall noch reimt.
Geh zur Oase, frommer Dichter Weiden,
zum Wasser, das mit Sternen spricht,
und mußt du dich mit Nachglanz auch bescheiden,
o trink den einen Tropfen Licht.
Flüchte, einsame Seele
Flüchte zu Herden sibirischer Steppen,
wo ums nächtliche Feuer geschart
Hirten, wie trunken vom Anhauch der Flammen,
singen von Schönheit, singen von Schmerz.
Sieh, die einsame Seele öffnet
ihre schneeige Knospe dem Mond.
Da sie verstummten, eilen die Lämmer,
weiße Wölkchen auf zitterndem Gras,
bang zu den Müttern, niederstürzend
sprüht letzte Glut das sterbende Scheit.
Sieh, die einsame Seele öffnet
ihre schneeige Knospe dem Mond.
Flüchte in die verwilderten Gärten
eines Vergil, eines Horaz,
wo statt der Grazien rieselnder Stimmen
seufzt die tragische Nachtigall.
Sieh, die einsame Seele verschließt
ihre blassende Knospe dem Mond.
Da sie verstummte, huschen die Mäuse
über zerbrochene Flügel dahin,
Marmortafeln mit gnomischen Versen,
überwuchert von Flechten und Moos.
Sieh, die einsame Seele verschließt
ihre blassende Knospe dem Mond.
Die Sklaven und die Freien
Nicht Laub, das Elegien purpurn malen,
wenn es im Prunk des Todes untergeht.
Die Blüten, die im Tau des Mondes fahlen,
vom Feuerhauch der Hymnen aufgeweht.
Ameisen nicht, die blind um Dauer ringen
und sinken sternlos in das Dunkel ein.
Die Falter, die mit ihren Liebesschwingen
sich stürzen in der Opferkerze Schein.
Nicht Tümpel, die wie faule Phrasen stinken,
vertrocknend in des blauen Schweigens Glut.
Die Quelle, woraus Herzen Hochsinn trinken,
der Erde Dunkel, sonnenhelles Blut.
Gemeine nicht, die Auserwähltes hassen,
auf Verse spucken, wo der Saphir blaut.
Der Edle, scheint sein Banner auch zu blassen,
es zeigt die Lilie, deren Schnee nicht taut.
Nicht Sklaven welterlösender Ideen,
gekettet an den Marterpfahl der Schuld.
Die Freien, die mit ihrem Schatten gehen,
der täglich schmilzt im Strahle hoher Huld.
Nicht Sklaven, die wie Gras an Gras sich ducken,
die Rose schmähen, die sie überragt.
Die Freien, die nicht mit der Wimper zucken,
wenn man nach ihres Lächelns Grund sie fragt.
Dichterische Gesten
Wie sich Selenes Honigscheibe
gespiegelt hat im dunklen Strom,
gabst du der Liebe eine Bleibe
im hymnenlichten Laubendom.
Und schien zu zögern sie auch lange,
löscht neidisch Wolke aus das Bild,
der Liebsten hat die blasse Wange
dein Lied mit sanfter Glut gefüllt.
Wie trunknes Taumeln weißer Flocken
den Schimmer barg im Schilf der Au,
hast du der Anmut Veilchenlocken
beträufelt mit Eratos Tau.
Hat auch der Unhold Wind zertreten
den Samt der Nacht, das weiche Tuch,
die Locke, die du dir erbeten,
hast du verwahrt in deinem Buch.
Bandusia
Fern im Sabinertal,
und ferner noch, ferner,
im freudigen Geiste des Dichters
floß ein einsamer Quell, wo manchmal die Taube
eine Feder verlor, und sie schwamm
zwischen leuchtenden Knospen im Mai,
purpurnem Laub im Oktober
vielleicht bis zum Meere hinab.
Wie sie entsprang, im hohlen Stein
unter ragenden Eichen,
weiß keiner zu sagen, die Erde selbst,
die in die Tiefe gelauscht
und hörte das Schluchzen, die Klage,
wie eines eingeschlossenen Kinds,
hat es vergessen, ob ihr den Mund auftat
mütterliches Erbarmen, ob des Vaters Strahl,
von dem die rauchige Inschrift
der Eichenrinde gezeugt.
Und sie sang,
dem goldenen Lichte des Tags,
das ihre tönende Schale gespiegelt,
bis es im rötlichen Laubicht verglomm,
den silbernen Tränen der Nacht,
die von Lunas Tau in den Schoß ihr,
den im Schlafe sprechenden, fielen,
immer in anderem Melos,
schäumend Pherekrateen,
Glykoneen vertropft im Moos,
seufzend Adonis,
nur in der Stunde des Pan,
wenn dem Hirten die Flöte entsank,
stockte ihr Atem,
nur wenn Venus erblaßte,
überschlug sich ihr Herz.
Der Dichter aber ging hin,
im Frühlicht zitternder Falter,
beim Abendläuten der Herden,
und schöpfte im irdenen Krug,
den apollinische Flamme gehärtet,
den Trunk, der den Durst ihm gelöscht,
den Durst nach klarer Empfindung,
nach Belebung der Trübsal,
des Zwielichts, der Dunkelheit
mit funkelnder Sprache Gestalten.
Nun ist das Melos verstummt,
zugeschüttet die Quelle,
die Eichen gefällt,
keine Feder schwebt mehr herab,
die Taube und ihre Schwestern,
die einst um den schlafenden Knaben
betauten Lorbeer gehäuft,
die Tauben sind tot,
dunkel das Schicksal des Krugs,
verschollen die Scherben.
Warum? Wer weiß es zu sagen?
Die Erde, von Dickicht verhüllt,
unter wüstem Erinnerungsschutt
halb schon erstickt,
sie schweigt,
und der ihr die Zunge gelöst,
der Geist der himmlischen Höhe,
bog zurück seinen Strahl
in die sternlose Nacht,
jenseits der schneeigen Gipfel,
jenseits der glühenden Wolken,
unsichtbar allen Profanen,
die ihn verlästert,
den Durst nach dem heiligen Quell.
Der Tod der Nachtigall
Wer denn könnte nach ihr tönen
mehr als wirres Traumgelall,
wer sich mit dem Tag versöhnen
nach dem Tod der Nachtigall?
Seit sie stürzte von den Zweigen,
vor der Säge Schrei entsetzt,
muß die wunde Seele schweigen,
die des Sanges Tau genetzt.
Wer denn könnte reiner singen,
was dem Moos der Nacht entquoll,
wer muß nicht nach Atem ringen,
wenn der Quelle Hauch verscholl?
Da man sie hat zugeschüttet
und gestopft den Mund mit Teer,
ward der Muse Geist zerrüttet
und das Herz des Dichters leer.
Wem rinnt Liebe noch in Tränen
über Sapphos Veilchenkranz,
da der Geifer der Hyänen
trübte ihrer Oden Glanz?
Da des Mondes Sand aufwühlte
der Titanen Überfall,
gilt für tot, die monden fühlte,
Mytilenes Nachtigall.
Späte Fahrt
Stille tropft im Abendrot
Tau von Zweigen,
und wir schweigen,
seufzt die Woge um das Boot.
Hohen Waldes Wunderglast,
der Kapelle
Muschelhelle,
ist wie Gaukelei verblaßt.
Was uns einst ins Herz gedrungen,
Wasserlallen,
Nachtigallen,
ist wie Springkraut weggesprungen.
Strahl, der aus dem Fels gequollen,
süß den Kranken,
die ihn tranken,
ist versiegt, der Trost verschollen.
Doch uns hat noch Dämmerung
ausgegossen
Gold von Flossen,
stummen Lebens Funkensprung.
Treiben hin wir ruderlos,
und wir sehen
Wolken gehen,
sinkt mein Kopf auf deinen Schoß.
Und es schmeicheln unsrer Haut
die verglühten
Rosenblüten,
Hand, von Blumenschaum betaut.
Bergen Schilfe unser Boot,
schenken Müden
dunklen Frieden,
wünschen eins wir uns im Tod.
O komme heim
Wie Bäume, deren Wurzeln fühlend sehen,
die Blätter selbst, daß sie den Herbst wohl nicht,
die Winterbitternis kaum überstehen,
noch einmal saugen tiefer ein das Licht
und alle Säfte aus dem Dunkel ziehen
in weißer Blüten übervolle Pracht,
in Purpurfrüchte, die wie Seufzer glühen
verzagter Liebe in der Sommernacht,
hast du, als geisterhaft sich Schatten längten
auf deinem abendlichen Dulderpfad,
die Verse, die ins Moos der Stille drängten,
gehoben auf den schmalen Gipfelgrat,
von wo die Wasser auseinanderliefen.
Da habt ihr noch den Fremdling angeschaut,
o Augen, die wie Anemonen schliefen,
von Tränen süßer Wehmut übertaut,
habt aufgetan euch seinem wehen Hauchen,
und strahltet mondesmild: „O komme heim!“
Wie Schwäne ihre müden Häupter tauchen,
zergeht dein Lied im schaumverlornen Reim.
Der Verschollene
Heiß atmen fühlte dich die Erde,
den ungetreuen, dunklen Sohn,
geflohen von der dumpfen Herde,
als wären Wort und Wärme Hohn.
Und unter deinen schweren Schritten
zerstob des Teppichs weicher Saum,
der aus der Tannennacht geglitten,
als sänkest du in schwarzen Schaum.
Und leiser, immer leiser Stimmen,
als schlösse sich der Himmelssaal,
und schwächer, immer schwächer Glimmen
von Blüten auf dem Ahnenmal.
Da sahst du sie durch Zweige blinken,
den Brunnen blau, die Lilien weiß,
an denen Sonnenfalter trinken,
die Veilchen und den Ehrenpreis.
Ob du den Garten hast betreten,
den dunkler Erde zeugte Licht,
den Schmerz zu weiden auf den Beeten,
wir hoffen es, wir wissen’s nicht,
nicht, ob du heitere Genossen
gefunden hast in lichtem Hag,
ob dir der Liebe Tau geflossen.
Du bist verschollen seit dem Tag.
Der Wahrheit Wüstenwind
Die sich so närrisch biegen und verrenken,
sie weht der Atem der Geschichte an.
Die heut ihr Fähnlein Lichtidolen schwenken,
sie weihen morgen es dem Dunkelmann.
Umjubelt drängen von den Schmuddelrändern
Krakeeler, die kein Flügel je umrauscht.
Es treibt, die statt dem Licht zu zeugen gendern,
steriler Geist, der seinem Röcheln lauscht.
Sie weinen gleich, die sensitiven Flocken,
behaucht sie herber Wahrheit Wüstenwind.
Perversen Frömmlern läßt den Atem stocken,
daß es im Schoß des Weibes wächst, das Kind.
Die alle Farben mischend gläubig hoffen,
daß sich das grelle Bild des Festes zeigt,
sind von dem Grau, dem schmutzigen, betroffen,
das aus dem Abgrund dumpfer Wildnis steigt.
Sie wirren Hoch und Tief, sie kreuzen Sprachen,
zerreißen Verse und bespein den Reim,
sie grölen auf dem ruderlosen Nachen
das Sklavenlied vom Wolkenkuckucksheim.
Maulwürfen gleich durchwühlen sie die Erde,
nennst du der Väter Namen, brichst du ein.
Sie kennen nicht der Gnade „Stirb und werde“,
Erinnye lechzt nach Blut, verschmäht den Wein.
Das Herz der Liebenden
Wie unterm Schleier ernster Weiden,
vom Frühlingshauch emporgeweht,
um Blüten sprühen weiße Seiden,
hat sich dein Herz ins Licht gedreht.
Wie unter welken Lebens Wangen,
von Abschiedssonnen überhaucht,
die Lippen kühlen Tau verlangen,
hat sich mein Herz in Nacht getaucht.
Wie zweier Falter trunknes Zagen
vor einer Rose weichem Schoß,
ist müdes Flügeln, was wir sagen.
Herz laß das Herz ins Schweigen los!
Klageregister des Vergrämten
(Auszug)
Der obszöne Lärm der Welt
Der Moloch Stadt
Die erzwungene Nachbarschaft mit üblen Gerüchen, plebejischen Manieren, frechem Lachen und quäkenden Hammondorgeln
Eisenbahn, Automobil, Telefon und Kanonen, die großen technischen Errungenschaften als Götzenbilder am Rand des abschüssigen Pfads des deutschen Geistes
Aus dem von einem tätowierten Affen gesteuerten rasenden Wagen apokalyptisch hämmernde Boxen
Unter Teer und Asphalt ersticktes Grün
Vom Blech des Mobilitätswahns verstellte Wege
Idioten des Lebens, die um seine Verlängerung, ob im Siechtum oder in debilem Vorsichhindämmern, betteln oder dem Wahn aufsitzen, ihre Identität virtuell in der Datenbank abspeichern zu können
Damen, die boxen
Frauenfußball
Schönheiten aus besseren Kreisen, die Kunstgeschichte studieren, um sich den Connaisseur zu angeln
Alte Vetteln mit rotgefärbtem Kurzhaarschnitt
Künstliche Wimpern, lila Lippen, leere Blicke
Die flackernde Lampe der Lust, die nur das schwarze Tuch des Schreckens gnädig verhüllt
Kunstakademien, die Dämchen mit Bestnoten entlassen, die Vulven in Serie malen und das wolkige Gekröse fader Begierden
Tief Dekolletierte, die mit dem geliehenen Fächer exotischen Wissens wedeln
Hübsche Plaudertaschen pseudowissenschaftlicher Magazine, die keine Wissenschaftler sind, sondern Wissenschaftler:innen
Von Steuergeldern gefütterte Horden von hysterischen Betroffenheitsheulsusen
Flachbrüstige, unfruchtbare Abtreibungsfanatikerinnen
Großsprecher, die über das Winseln des Hündchens zu ihren Füßen hinwegtreten, um coram publico von der Rettung der Welt zu schwadronieren
Geistige Schmutzfinken, die Sprachhygiene betreiben
Fettleibige Heuchler, die mit dem moralischen Zeigefinger auf den Wasserbauch des hungernden Negerkindes zeigen
Puristen und Vegetarier, die mit der Fliegenklatsche reiner Gesinnung die rätselhaft sirrende Mücke, die sich vom Dung des schmutzigen Lebens genährt hat, erlegen
Die saturierten Apologeten der Freizügigkeit und offener Grenzen, die sich in ihrer mit modernster Überwachungstechnik ausgerüsteten Vorstadtvilla verschanzen
Gesinnungssklaven, die wähnen, Frauen und sechzig andere Geschlechter würden durch die Verwendung des generischen Maskulinums aus der Sprachgemeinschaft ausgeschlossen
Wirrköpfe, die meinen, das richtige Argument würde im Munde des Falschen anrüchig oder nichtig
Jazz
Free Jazz
Verjazzter Bach
Abstrakte Kunst
Die akustische Verseuchung von Fahrstühlen, Warteräumen und Supermärkten
Intellektuelle
Hypertrophie der Geschlechtsteile und Mikrosemie der Seele
Pseudo-Gelehrte, die grammatische Regeln und Strukturen als kulturelle Konstrukte zur Stützung patriarchalischer Herrschaft entlarven
Siechtumpoeten, die den künstlichen Eiter vorgetäuschter Wunden auf das zerknitterte Laken ihrer Verse triefen lassen
Die mürben, ausgemergelten, lendenlahmen Nihilisten, die das Weltenei für taub erklären und die eigene Mutter verleugnen
Pseudo-Philosophen, die ex cathedra verkünden, ein Satz bedeute, was wir uns dabei denken, und die Welt sei der Spiegel unserer eitlen Grimassen
Der Tugendterror der neuen Jakobiner, die statt des Beils der Guillotine das Messer der Verleumdung wetzen
Die neuen Savonarolas der Gleichheit, die im Begriff sind, die Werke der Unnachahmlichen, der Einzigen, der Einsamen aus den Bibliotheken zu verbannen oder öffentlich zu verbrennen
Öffentlich-rechtliche Propagandaanstalten, für deren Ausstrahlung von gesinnungsethisch gefilterten Nachrichten, Reportagen und Kulturmagazinen und den guten Geschmack verhöhnender seichter Unterhaltung Zwangsgebühren erhoben werden
Tersites und Konsorten, die unter eitler Demonstration ihrer Verkrüppelung und schlotternder Glieder den Sinn des Kampfes um die schöne Helena bestreiten
Die gestern den alten Professor und Goetheverehrer mit faulen Eiern bewarfen und sich mittlerweile selbst zu professoraler Würde emporgepfuscht und emporintrigiert haben, und heute den Rebellen, der sich dem staatlich verordneten Sprachregime verweigert, des Hörsaals verweisen
Die geistige Vermüllung des Campus
Zarte Seelenflöckchen, die gleich schmelzen, wenn der Wüstenwind der Wahrheit weht
Der Verfall des abendländischen Ethos der Wissenschaft, die sich dem Sprach- und Meinungsdiktat beugt und den Stiefel leckt, der sie in den Morast der Selbstverleugnung hinabdrückt
Statistiken, die voraussagen, was das Dogma verlangt
Das alte Preußenschloß, das man nicht mit Werken deutscher Meister füllt, sondern mit Fratzen, Fetischen und Idolen vom weißen Mann ach! arrogant verkannter indigener Völker
Pseudo-Germanisten, die mit dem Namen Hölderlin nur den pubertären Tanz um den Freiheitsbaum und die Autenriethsche Maske als Zeugnis repressiver Psychiatrie verbinden
Die vor dem schwarzen Quadrat wie vor einer Ikone knien
Die glauben, Klopstocks Oden seien Ranken verworrener Verse, auf denen müde Abendsonnenflecken verglimmen, und Adalbert Stifters Schriften biedermeierliche Idyllen, die längst im Abgas der Schlote erstickt sind
Betrügerische Seelenzergliederer mit dem Flair à la Parisienne, die den Namen Vater für verrucht und die Freude, Dankbarkeit und Liebe, die dem Schoß der Mutter mit der Geburt ihres Kindes entspringen, für antiquierte Gemütsbewegungen halten
Die neuen staatlich alimentierten Seelsorger, die der Verlorenheit der Seele Planken und Geländer errichten, an denen die wankende den Halt findet, den ihr einmal der fromme Glaube an den Schutzengel gewährt haben mag
Die Bußprediger, die als Ablaß für die Taten der Väter Rituale der Selbstverachtung und der Verhöhnung heimatlicher Sitten in Umlauf bringen
Die Verkümmerung des freien Sprossens der Dichtung auf dem dürren Anger der politischen Moral
Die Haltung vermitteln wollen und ihr Fähnchen im Wind flattern lassen
Der törichte Rezitator, dessen Stimme zittert, wenn er Rilke spricht, der die Augen gen Himmel rollt, wenn er Hölderlins An die Parzen vorträgt, der sagt, was er fühlt und was er dem Dichter an Gefühlen unterstellt, nicht aber den Rhythmus der Verse wiedergibt, der das Gesagte und das Ungesagte umfaßt
Strauchelnde, schreiende, sich im warmen Urin ihrer nicht kontrollierbaren Emotionen wälzende Schauspieler, denen die starren Szenen aus Becketts späten Stücken Hohn sprechen, wo die Darsteller marionettenartig im Kreis gehen, in Amphoren oder im Sand feststecken
Ressentimentbehaftete Geister, die alles, was wie der harmonische Strom mozartischer Melodien oder der selig verlorene Rhythmus der Sonette an Orpheus anmutet, auf die Verdrängung eines ursprünglichen Traumas zurückführen
Die fade, instinktlose, unkünstlerische Emblematik der Euro-Scheine, die ein Bild der geistigen und ästhetischen Entwurzelung ihrer Benutzer darstellt
Die glauben, Nietzsche ad hominem widerlegen zu können, weil er den Tod Gottes ausrief, aber in gnädiger Umnachtung sich in den Wahnsinnsbriefen an Cosima als den Gekreuzigten bezeichnete, oder Wittgenstein, weil er lausige Schulbuben in den Dörfern Niederösterreichs windelweich geschlagen hat
Das schreckliche Ende Edith Steins, das eines der vielen Zeugnisse für das Scheitern der deutsch-jüdischen Symbiose darstellt
Klopstock, Goethe, Hölderlin, vielfach schon aus den Curricula gestrichen, ansonsten nur ein bleiernes Bildungsgut, das dem Pennäler Kopfweh verursacht
Die Verkümmerung natürlicher Anmut
Der Verlust des religiösen Empfindens, Fühlens, Sinnens und das törichte Surrogat politisch-moralischer Heilslehren
Die Verdächtigung und Verunglimpfung des Zögernden, des Ungebundenen, des Melancholikers, kurz des Dichters, als eines Immoralisten und Sozialdienstverweigerers
Demokratische Vergötzung des Durchschnitts und plebejische Verächtlichmachung des Genies
Das Messer der Egalität, das alles Überragende und Hochsinnige, die Sonnenblume und die Orchidee, auf das unterste Niveau des allgemeinen Geschwätzes und die monotone Mediokrität des englischen Rasens kürzt
Was ich verschwieg
Der blasse Flaum, wie er am Schattengitter klebt,
er zittert wohl, doch aus sich leuchtend still,
und hingerissen in die sommerblaue Luft entschwebt,
der Wind, der Federnleser, nimmt ihn mit, wohin er will.
Der Tropfen, der am Farnenbart des Steines hängt,
er glänzt, wenn auf dem Purpurmaar des Abends Wolken schwimmen,
wie eigne Fülle ihn zur Tiefe drängt,
ins Moos der Dunkelheit will er sich lösen und verglimmen.
Und was du mir gesagt, als sich das Gras sanft um uns bog,
das Wort hat, warm von deinem Hauch, gelächelt,
der Schmetterling, das gelbe Blatt, das geisterhaft ins Dunkel flog,
hat sich im Schoß der Rose müd gefächelt.
Was ich verschwieg, als über uns das Uferschilf sich schloß,
das Wort, das Wimpern hat wie Traumes Lider schwer,
erschauerte, als Tau es weich umfloß,
ich schlug die Augen auf und sah das ungeheure Lichtermeer.
Das Verblassen der Bilder
Die uns die Namen schenkten,
wußten göttlich den Ursprung der Sterne,
Tropfen Milch, die Heras Brüsten entquollen,
als Herakles daran gesaugt.
Sie sahen Äthiopiens schöne Tochter
Andromeda strahlen am nächtlichen Himmel
und Perseus, der sie aus dem Rachen
des Ungeheuers gerettet.
Sie sahen Pegasus, dem Haupt der Medusa
entsprungen, als der Heros es abschlug,
das geflügelte Pferd, das auf dem Helikon stampfte,
und der Dichtung Quell hat gesprudelt,
den Delphin, vom Meergott zum Sternbild
verklärt, weil er die schöne,
die er begehrte, gefunden,
Amphitrite.
Sie auch glänzte ihnen herab,
die Locke der Berenike,
die sie der Liebesgöttin geweiht,
nach höchstem Ratschluß aber
blähte sie Sternenwind.
Und all die anderen Bilder,
Leier, Schwan und Plejaden,
Fische, Widder und Stier,
sind Bilder der mythischen Seele,
die hellenische Dichter behaucht.
Diadem auf des Weltgrunds blauschwarzem Samt,
das aus sich selber immerdar funkelt,
haben die Kosmosgeschwister,
die tragisch vom Dasein Entzückten,
gerne betrachtet,
unverwelkliche Blüten
im Meer der ewigen Nacht
sah ihr ungewappnetes Auge,
und woran wie Tränen
Sterne geglitzert,
die Fäden des Fatums.
Gedenke auch der Propheten,
die im Licht des Tags und der Nacht
die göttlichen Spuren gewahrten,
das Antlitz des Herrn in der Sonne,
der Weisen aus dem Morgenland,
sie führte der Stern der Erlösung.
Dem bangen Herzen auf schwankendem Boot
aber winkte zum rettenden Ufer
des Morgensterns keuscherer Strahl.
Was bleibt uns statt Bildern heiliger Dichtung?
Monströs behelmte Astronauten,
künstlich beatmet,
die auf der öden Mondoberfläche
hampeln und hopsen,
während im Hintergrund der blaue Planet
unwirklich leuchtet,
und uns der Zweifel beschleicht,
ob solch technophrene Banausen
von dorther stammen,
wo Luna dereinst Endymion küßte,
wo Sappho Selenes Trauer empfand,
wo der Wandsbeker Bote
das Siegel des Monds
auf das weiche Wachs
der Empfindsamkeit drückte,
wo der schlesische Sänger
deutscher Seele Flügel verlieh,
die vom Tau des Mondes geschimmert.
Der abgewandte Blick
Es war die Rebe, die noch Schimmer gab,
goldenen Lichtes Laub für unsern Herbst,
doch was dem spröden Mund versprach die Traube,
zerfloß, ein Schaum der Sonne, schon im Gras.
Wie war dein Gang beschwingt, da sich die Pfade
hinangeschlängelt in den Dunst des Bergs,
der langsam ausgeatmet, was in Träumen
ihm aufgeseufzt des großen Stromes Nacht,
nun glomm die Woge in umrankten Gittern.
Wir brauchten Worte nicht, uns sank ein Hauch,
von Höhen dunkler Waldung mild herab
Gezwitscher und was kindlich Hand in Hand
uns schauern ließ, wie trunken Herzen stocken,
der Ruf des Kuckucks. Und groß mir aufgetan,
die blaue Knospe deines Blickes flehte:
„Mag meiner Wimpern Feuchte dich benetzen,
mein milder Tau in deine Wunde rinnen
und wehen um dein krankes Herz mein Duft.“
Ich aber sah im reinen Blau ihn flügeln,
den Schatten, falkenscharf, den Tod im Blick,
doch sah ihn nicht, im kleinen Maul die Beere
ins Nest zu schleppen ihrer Brut, die Maus.
So wandten abwärts wir den Blick, zum Ufer,
im Schilf der Dämmerung uns Trost zu suchen
vorm allzu scharfen Strahl, getaucht ins Zwielicht,
dem monotonen Sang zu lauschen, Wassern,
die selig noch geleckt am Moos des Quells,
und müde ihrer segenslosen Fracht,
jenseits des Menschen untergehen wollen
im Meer, das über leeren Urnen rauscht.
Daß sie uns mit sich nähmen, streuten wir,
Mohnblüten du und ich zerknüllte Verse.
Schlafen, versickern
Dort wo hinabsinkt der Tag
in die Schattengrüfte der Erde,
brennt es am Himmel,
oder es streuen unsichtbare Hände
Rosenglut auf sein Grab.
Ich aber möchte, sagt das Gedicht,
das unterm Flechtenbart eines Felsens
der vom Mond geweißten Alpenwand
staunend entsprang
und im Frühlicht des Enzians
gläubiger rieselt,
erschauernd unter eines Gamsbocks
schlürfender Zunge,
vom Mittagsdust bitterer Kräuter benommen,
hört es die Ziege sie rupfen,
ins Tal, wo der Nebel die Abendglocke verschluckt,
sich schlängelnd hinab,
im dämmernden Hain von Astern
und Dahlien, die im Halbschlaf sich wiegen,
seufzend ins Moosdunkel sickern.
Dort wo die Nacht sich verhaucht,
flimmert ein wolkiger Flaum,
einer fliehenden Schönen Locke,
gewickelt um den rosigen Finger
der wunderlichen Göttin,
die Homer als Eos besingt.
Ich aber möchte, sagt das Gedicht,
ein aus Eichenholz gezimmerter Bottich
unter dem Rohr der Gartenhütte,
die klingenden Tropfen des Sommerregens sammeln,
und tunkt im Morgengrauen die Lieblingin
der Blumen die blecherne Kanne,
erquickende Feuchte zu gießen
über die dürstenden Schwestern
sapphischen Sangs,
Rosen, Rhododendron und euch,
schwermütige Veilchen,
leergeschöpft
unterm Gezwitscher der Zweige
in den Tag hinein schlafen,
schlafen, bis wieder Tröpfeln mich weckt,
die weiche Sonate des Regens.
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