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Okt 26 19

Giovanni Pascoli, La mia sera

Aus: Canti di Castelvecchio

Il giorno fu pieno di lampi;
ma ora verranno le stelle,
le tacite stelle. Nei campi
c’è un breve gre gre di ranelle.
Le tremule foglie dei pioppi
trascorre una gioia leggiera.
Nel giorno, che lampi! che scoppi!
Che pace, la sera!
Si devono aprire le stelle
nel cielo sì tenero e vivo.
Là, presso le allegre ranelle,
singhiozza monotono un rivo.
Di tutto quel cupo tumulto,
di tutta quell’aspra bufera,
non resta che un dolce singulto
nell’umida sera.
È quella infinita tempesta,
finita in un rivo canoro.
Dei fulmini fragili restano
cirri di porpora e d’oro.
O stanco dolore, riposa!
La nube nel giorno più nera
fu quella che vedo più rosa
nell’ultima sera.
Che voli di rondini intorno!
Che gridi nell’aria serena!
La fame del povero giorno
prolunga la garrula cena.
La parte, sì piccola, i nidi
nel giorno non l’ebbero intera.
Né io… che voli, che gridi,
mia limpida sera!
Don… Don… E mi dicono, Dormi!
mi cantano, Dormi! sussurrano,
Dormi! bisbigliano, Dormi!
là, voci di tenebra azzurra…
Mi sembrano canti di culla,
che fanno ch’io torni com’era…
sentivo mia madre… poi nulla…
sul far della sera.

 

Mein Abend

Am Tage war alles Leuchten,
nun strahlen Sterne nah,
schweigend. Frösche auf feuchten
Wiesen tönen qua-qua.
Der Pappeln Silber-Zittern
ist so herzerlabend.
Der Tag, welch Leuchten! Glittern!
Wie friedevoll der Abend!
Die Sterne öffnen dem Himmel
Knospen, sprühender Kuß.
Dort, beim Froschgewimmel
schluchzt eintönig ein Fluß.
Von all dem dumpfen Glucksen,
von all dem wirren Radau
bleibt nur ein süßes Schluchzen
im abendlichen Tau.
Dies uferlose Tosen
mündet im Delta der Lieder.
Aus glimmenden Himmelsrosen
sinkt Purpur-Wolke hernieder.
O müder Schmerz, schlaf ein!
Aus Tages grauendem Staube
wird ein rosiger Schein
im sinkenden Abend-Laube.
Wie die Schwalben schwärmen!
In heiterer Luft dies Sirren!
Des ärmlichen Tages Härmen
freut sich, wenn Teller klirren.
Der Happen, so klein, die Küken,
sie wurden am Tage nicht satt.
Wie ich … das Flattern, das Quieken,
welche Klarheit mein Abend hat!
Ding … dong …. Sie rufen, schlaf,
singen mir, schlaf, lispeln so lau,
schlafe, flüstern sie, schlaf,
Stimmen aus dämmerndem Blau …
hauchen Wiegenlieder mir her,
daß ins tiefe Einst ich mich wende,
die Mutter höre … dann nichts mehr …
der Abend neigt sich dem Ende.

 

Okt 25 19

Giovanni Pascoli, Il tuono

Aus: Myricae

E nella notte nera come il nulla,
a un tratto, col fragor d’arduo dirupo
che frana, il tuono rimbombò di schianto:
rimbombò, rimbalzò, rotolò cupo,
e tacque, e poi rimareggiò rinfranto,
e poi vanì. Soave allora un canto
s’udì di madre, e il moto di una culla.

 

Der Donner

Wie das Nichts in finsterer Nacht,
jäh von steilem Abhang fiel ein Rumpf
in Stücke, Donner brüllte, echoreich,
und brüllte, dröhnte, rollte dumpf,
schwieg, neue Welle, brach sogleich,
verebbte ganz. Dann ein Singen weich,
ein Wiegenlied aus einem Munde sacht.

 

Okt 25 19

Giovanni Pascoli, Novembre

Aus: Myricae

Gemmea l’aria, il sole così chiaro
che tu ricerchi gli albicocchi in fiore,
e del prunalbo l’odorino amaro

senti nel cuore…

Ma secco è il pruno, e le stecchite piante
di nere trame segnano il sereno,
e vuoto il cielo, e cavo al piè sonante

sembra il terreno.

Silenzio, intorno: solo, alle ventate,
odi lontano, da giardini ed orti,
di foglie un cader fragile. È l’estate,

fredda, dei morti.

 

November

Es funkelt die Luft, die Sonne gleißt,
du denkst, da müßten Aprikosenblüten sein,
und der Duft des Weißdorns, der beißt,

gehe in dich ein …

Doch trocken ist der Strauch, die dürren Reiser
kreuzen wie schwarze Fäden die Luft,
den leeren Himmel, Schritte hallen heiser

wie über hohler Gruft.

Stille rings, nur im Windgewühle
hörst du fern in Gärten, ausgelohten,
der Blätter zartes Fallen. Es ist der kühle

Sommer der Toten.

 

Okt 24 19

Giovanni Pascoli, Lavandare

Aus: Myricae

Nel campo mezzo grigio e mezzo nero
resta un aratro senza buoi che pare
dimenticato, tra il vapor leggero.

E cadenzato dalla gora viene
lo sciabordare delle lavandare
con tonfi spessi e lunghe cantilena.

Il vento soffia e nevica la frasca,
e tu non torni ancora al tuo paese!
quando partisti, come son rimasta!
come l’aratro in mezzo alla maggese.

 

Wäscherinnen

Auf dem Acker, gräulich-schwarz gefleckt,
liegt vergessen ein Pflug ohne Gespann,
der Nebel hat ihn wohl versteckt.

Vom schäumenden Mühlbach dringen
klatschend Schläge der Frauen heran,
die waschen und gedehnt dabei singen.

Die Winde wehen, die Blätter stieben,
noch wendest du dich nicht zu deinem Land!
Und als du schiedst, wie bin ich da verblieben!
Dem Pfluge gleich, der auf dem Brachfeld stand.

 

Okt 24 19

Vom Sinn der Namensgebung

Eine philosophische Notiz zum Tier-Mensch-Unterschied

Der Mensch ist das einzige unter allen Lebewesen, das sich Namen gibt und mit Namen ruft.

Martin ist kein Junge, weil er Martin getauft wurde und so gerufen wird, und Martina kein Mädchen, weil alle, Familie, Tanten, Freundinnen, es sich zur Gewohnheit gemacht haben, sie so und nicht anders zu rufen.

Der Junge wurde Martin getauft, weil er kein Mädchen, sondern ein männliches Exemplar der Gattung ist, das heißt, einen Körper mit Testikeln und Penis hat, die ihn befähigen, in einem sexuellen Zeugungsakt die zyklisch aus den Ovarien durch den Eileiter gewanderte Eizelle einer Frau mit seinem Samen zu befruchten; weil er ein Gehirn mit testosterongesteuerten neuronalen Schaltungen und entsprechende Charakter- und Intelligenzmerkmale wie Neugierde, Abenteuerlust, Kühnheit, Tapferkeit und Aggressionsbereitschaft sowie ein hervorragendes visuelles Orientierungs- und begriffliches Abstraktionsvermögen aufweist.

Das Mädchen wurde Martina getauft, weil sie kein Junge, sondern ein weibliches Exemplar der Gattung ist, das heißt, einen Körper mit aktivierbaren Milchdrüsen und einer Gebärmutter hat, die sie befähigen, eine von einer männlichen Samenzelle befruchtete Eizelle in sich reifen zu lassen, ein Kind zu gebären und zu säugen; weil sie ein Gehirn mit östrogengesteuerten neuronalen Schaltungen und entsprechende Charakter- und Intelligenzmerkmale wie Aufmerksamkeit, Feinfühligkeit, Geduld und Leidensfähigkeit sowie ein hervorragendes Vermögen zu Empathie und sozialer Verantwortung aufweist.

Die beiden, Junge und Mädchen, sind, vor allem nach Eintritt der Pubertät, denkbar verschieden, in der Art sich zu bewegen, sich zu geben, zu handeln, in der Art zu fühlen, zu reden, zu denken; sie einigt aber dies: einen Namen zu haben und damit als Personen in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen zu sein.

Das humane Identifikationskriterium ist demnach nicht wie beim Unterschied der Geschlechter ein natürliches, sondern ein kultürliches, nämlich das Merkmal, einen Namen zu tragen, beim Namen genannt zu werden und wiederum anderen Namen zu geben und sie beim Namen zu rufen.

Dennoch ist die Art und Weise der Benennung an die Natur des Namensträgers gebunden, weshalb wir den Jungen Martin, das Mädchen Martina nennen. Aber die Tatsache, daß wir überhaupt als Menschen aufgrund der Namensgebung in einem kulturellen Raum persönlicher Biographien von Namensträgern existieren, macht den Unterschied zur anonymen Welt der Tiere aus.

Freilich, Kinder mögen ihrer Lieblingspuppe den Namen Martina geben und Hundebesitzer ihren Liebling Fips rufen; doch die Puppe hört nicht wirklich auf ihren Namen (und das weiß das Kind, wenn es an ihrer statt antwortet), und der Hund kommt wohl gelaufen, wenn sein Herrchen ihn mit Namen ruft, aber Fips weiß weder, daß er Fips noch daß sein Herrchen Martin heißt. Für den Hund ist sein Name ein Synonym für einen Komplex von Reizen, und ihre Stillung besteht meist in einem Leckerli oder einem liebevollen Kosen; doch für Menschen hat der persönliche Name, weder der eigene noch der anderer, keine ursprüngliche Reizbedeutung.

Demnach macht nicht die Physiologie oder ein darwinistisch-evolutionäres Kriterium den Unterschied von Tier und Mensch aus, nicht der Unterschied von Hirngewicht und Dichte und Komplexität der neuronalen Vernetzung, weder Intelligenz und Gedächtnis noch unterschiedliche Formen der Motorik, der Motivation oder Antriebssteuerung; die Darwinisten und die neurowissenschaftlich orientierten Philosophen sind auf der falschen Spur. Vielmehr sind es kulturelle Formen der Bezeichnung, Markierung und Zuweisung wie die Namensgebung, die das einzelne menschliche Individuum einer Familie, einer Sippe, einer sozialen Gruppe oder der geschichtlichen Sprachgemeinschaft zuordnen.

Die namentliche Zuordnung erhellt auch aus der Tatsache, daß nur Menschen im eigentlichen Sinne WOHNEN, während wir von Tieren sagen, daß sie nisten, hausen oder da und dort ihr Revier haben. Wir würden nicht einmal metaphorisch etwa von Vögeln, Bären oder Bienen sagen, daß sie da und dort wohnen; vielmehr sagen wir, sie hätten da und dort ihr Nest, ihren Bau, ihren Stock.

Wir können ein Hochhaus mit einem wimmelnden Bienenstock oder einem Ameisenhaufen vergleichen; aber nicht einen Bienenstock oder einen Ameisenhaufen mit einem Hochhaus, denn die dort befindlichen Klingelschilder und Briefkästen mit ihren jeweiligen Namen sind das für menschliches Wohnen Charakteristische, sie machen den Unterschied aus.

Die Geschichte beginnt mit dem Wohnen der Menschen; die Wohnung und Behausung sind der Mikrokosmos des sozialen Makrokosmos; der Name ist für die menschliche Existenz, was die Wohnung für die soziale oder die Haut für die leibliche Existenz bedeutet.

Es ist auch nicht das Sprachvermögen strictu sensu oder die Fähigkeit zur logischen und epistemischen Unterscheidung von wahr und falsch, woran wir den Tier-Mensch-Unterschied in Anschlag bringen: Wir können uns durchaus denken (oder entdecken), daß höhere Primaten zwischen eßbaren und unverdaulichen Früchten nicht nur unterscheiden, sondern auf diesen Unterschied auch, ob gestisch-mimisch oder in einfacher Lautgestalt, hinweisen; ja, daß sie irrtümlich eine ungenießbare Frucht mit einer bekömmlichen verwechseln und diesen Irrtum durch eine Geste oder Interjektion mit der Bedeutung der Negation des irrtümlichen Hinweises feststellen könnten: Sie würden demnach das Wahre und Falsche an der Form der Behauptung in wie rudimentärer Weise auch immer vergegenwärtigen.

Auch wenn wir nicht von der Wahrscheinlichkeit einer solchen Annahme ausgehen: Sie führte uns dennoch nicht in die Richtung, in der wir den Unterschied von Tier und Mensch bezeichnen und verständlich machen können.

Denn mittels der Namensgebung wollen wir vorderhand keine logisch-epistemischen Zusammenhänge bilden; mit dem Namen bewegen wir uns zunächst nicht im logisch-diskursiven und explanatorischen Raum der Wahrheit, sondern in der rein deskriptiven Dimension des Sinns.

Es ist nicht unwahr, den Jungen Martina und das Mädchen Martin zu nennen, sondern unangemessen, unsinnig oder sinnwidrig. Der Mißbrauch, der mit dem einen oder anderen Spitznamen getrieben wird, mag unschön, unfein, verächtlich sein, aber er ist nicht falsch und widerspricht keinem irgend dabei geltend zu machenden Wahrheitsanspruch.

Einer ist kein Linné in der Bestimmung von Pflanzen und verwechselt Tannen mit Fichten; benennt er die Fichte als Tanne, hat er sich geirrt, und mit ein wenig Geduld kann man seine Wahrnehmung für den Unterschied der Wuchs- und Nadelformen der beiden Gewächse schärfen.

Doch einer, der den Unterschied der Bedeutung des Hundenamens Fips und des Mädchennamens Martina nicht begreift, ist für ein wesentliches Humanum bedeutungsblind. Das Mädchen mit seinem Namen zu rufen kommt dem Sprechakt nicht gleich, den Hund Fips bei seinem Namen zu rufen, beispielsweise in der Erwartung, er komme ohne weiteres auf das rufende Herrchen zugesprungen und mache Männchen.

Namen von Personen sind die entscheidenden Merkmale, deren korrekte Verwendung den Wert vor allem historischer, aber auch aller anderen Formen von Dokumenten wie Verträgen, Gutachten, Zeugnissen oder Ausweisen bezeichnet. Erst bei der zeugnisartigen Verwendung, nicht schon bei den Weisen der Namensgebung selbst treffen wir demnach auf die Relevanz zugrundeliegender Wahrheitsansprüche und Korrektheitsbedingungen. Denn ein auf den falschen Namen ausgestelltes Dokument kann für den Betreffenden fatale Folgen haben, wenn es den Stempel des Finanzamtes oder der Justizbehörde trägt.

Doch die explanatorische Funktion, die wir wissenschaftlich determinierten Annahmen oder Hypothesen zuweisen, ist auf die Verwendung von Eigennamen nicht angewiesen; im Gegenteil, auch wenn das Hochdruckgebiet in der Wettervorhersage „Martina“ heißt und das Tiefdruckgebiet „Martin“, sind diese Namen rein metaphorisch und tragen zur Erklärung der Wetterereignisse nicht das geringste bei. Anders, wenn wir erfahren, daß Caesar den Rubikon überschritt und Octavian der Sieger der Schlacht bei Aktium war: Hier zeigt sich die Singularität des Eigennamens an dem Umstand, daß die Beschreibung des historischen Geschehens unter Verwendung anderer Namen nicht nur wahrheitswidrig, sondern sinnlos würde.

Wir schreiben eine E-Mail und weisen unter Verwendung der ersten Person des Personalpronomens „ich“ darauf hin, daß wir das im Betreff angegebene Angebot gerne annehmen; der mit der Unterschrift, also dem eigenen Namen, abgeschlossene Brief erhält damit vertragswirksame Kraft.

Nur für die Verwendung des eigenen Namens gilt, daß sie ein Supplement für den Gebrauch des Pronomens der ersten Person Singular und umgekehrt der Gebrauch des Pronomens der ersten Person Singular eine Leerstelle für die Verwendung des eigenen Namens darstellt.

Die Fähigkeit, den eigenen Namen mit dem Personalpronomen der ersten Person Singular gleichsinnig zu verwenden, kann uns als ein Kriterium dessen gelten, was wir Bewußtsein oder Selbstwissen nennen.

Nur wer einen Namen hat, kann für das einstehen und zur Rechenschaft gezogen werden, was er gesagt und getan hat.

Homer hat diesen ursprünglichen Sachverhalt mit göttlicher Ironie getroffen, wenn er den listigen Helden Odysseus auf die Frage des von ihm geblendeten Polyphem, wie er heiße, auf daß seine Brüder an dem Namensträger Rache zu nehmen vermöchten, antworten läßt: „Niemand.“

Das Tier weiß nichts von seinen Ahnen, denn ihr Leben, ihre Gestalt, ihr Antlitz sind im Nebel des Namenlosen versunken.

Die Affen sitzen nicht in lauschiger Runde um das Feuer, von seinem Prasseln und der Glut der Traube berauscht, um sich die Geschichte ihrer Ahnen zu erzählen, deren mythische Macht von der feierlichen Litanei ihrer erhabenen Namen beschworen und in der eigentümlichen Bildung ihrer eigenen Namen vergegenwärtigt würde.

Wir aber verdanken die helleren Vibrationen und feineren Rhythmen der Seele, ihr Schweben über stygischen Wassern und ihren Flammengesang, ihre Gethsemanenacht und ihren Auferstehungstag, all den großen Namen, die aus der Tiefe der Vergangenheit mit dem Glockengeläut der heroischen Tat und den leisen oder jubelnden Weisen der Menschheitsdichtung widerhallen.

 

Okt 23 19

Die verlorene Botschaft

Der Rose Blättern im Gewitter
ist dein Leben, das versinkt,
Träume trüber Quellen trinkt,
nach Abschied schmeckend, süß und bitter.

Die unter Windes Scherzen nickten,
Lilien, süßer Jugend Gruß,
Gräser, die den nackten Fuß
des Liebesboten zärtlich zwickten,

ihr wart für kurzes Glück erkoren,
und ein rasch verwehtes Lied,
der es sang, wie ist er müd.
Der Bote hat den Brief verloren.

 

Okt 23 19

Giovanni Pascoli, Il gelsomino notturno

Aus: Canti di Castelvecchio

E s’aprono i fiori notturni,
nell’ora che penso ai miei cari.
Sono apparse in mezzo ai viburni
le farfalle crepuscolari.

Da un pezzo si tacquero i gridi:
là sola una casa bisbiglia.
Sotto l’ali dormono i nidi,
come gli occhi sotto le ciglia.

Dai calici aperti si esala
l’odore di fragole rosse.
Splende un lume là nella sala.
Nasce l’erba sopra le fosse.

Un’ape tardiva sussurra
trovando già prese le celle.
La Chioccetta per l’aia azzurra
va col suo pigolio di stelle.

Per tutta la notte s’esala
l’odore che passa col vento.
Passa il lume su per la scala;
brilla al primo piano: s’è spento…

È l’alba: si chiudono i petali
un poco gualciti; si cova,
dentro l’urna molle e segreta,
non so che felicità nuova.

 

Jasmin der Nacht

Es tun sich auf die Blumen der Nacht
zur Stunde, da ich gedenke der Meinen,
zwischen Schneeballbüschen sind erwacht
Falter, die durchs Dämmerlicht scheinen.

Längst sind alle Rufe verstummt:
Aus einem Haus allein noch Lallen.
Schlafes Nester, unter Flügeln vermummt
wie unter Wimpern Augenballen.

Aus offenen Kelchen schwebt
von roten Erdbeeren Duft.
Eine Kerze, die das Zimmer belebt.
Gräser sprießen über der Gruft.

Eine Biene, die surrend säumt,
findet die Waben vergeben.
Auf blauem Beet die Henne träumt,
die Sternküken quieken daneben.

Über die Nacht hin verlor
der Duft sich in luftigen Gazen.
Die Kerze steigt die Treppe empor,
glimmt im ersten Stock, ward ausgeblasen …

Morgen graut: Ein wenig zerknüllt
schließen sich die Blüten. Was in einer
Urne sanft, geheimnisumhüllt
brütet an neuem Glück, weiß keiner.

 

Anmerkung zum Verständnis:
„La Chioccetta“, die gluckende Henne, steht in Italien volkstümlich für das Sternbild der Plejaden.

 

Okt 22 19

Jacob Balde, Omnibus semper placuisse

Aus: Silvae 7,15 (sapphische Strophe)

Ad Andream Germanicum Tyrolensem
Adversus Criticorum judicia, ex Stoica Disciplina Arcanum

Omnibus semper placuisse, res est
Plena Fortunae: placuisse paucis,
Plena virtutis: placuisse nulli,
Plena doloris.

Si quid extremi tamen eligendi
Optio detur, medio relicto:
Praeferam nulli placuisse, quam Ger-
manice, cunctis.

 

Dem Andreas Germanicus aus Tirol
Wider die Urteile der Kritiker, ein Arcanum aus stoischer Lehre

Hast du immer allen gefallen, bist ein
Glückspilz du, wenn wenigen nur, so
warʼs Verdienst. Doch keinem gefallen, das bringt
große Betrübnis.

Soll ich wählen eins der Extreme, aber
fahren lassen weisliche Mitte, ist mir
keinem zu gefallen noch lieber als, Ger-
manicus, allen.

 

Okt 21 19

Dichters Not und Errettung

Ein Haufen Dung das Gestern glänzt,
und Morgen stinkt noch schlimmer,
drum werf ich Goldfischschimmer
ins Blau der Verse, reimgeschwänzt.

Ein Gras macht kein Gedicht mehr satt,
wo Tätowierte raufen,
rasch kommt ein Kind gelaufen,
bringt meinem Reim ein Ahornblatt.

Fürs Narrenhaus dein Lied dir spar,
zischt mir die schöne Natter,
doch dünkt ihr Hohngeschnatter
mir als Refrain ganz wunderbar.

 

Okt 21 19

Über Mondes Gartenreich

Unter lauer Lüfte Laubengängen
schwebten taubenleicht
unsre Herzen flaumerweicht
von ferner Flüsse Nachtgesängen.

Schwarzem Efeu goß die stille
Abendsonne roten Wein,
und er sog ihn bebend ein,
tropfend sang die Blätterfülle.

Und uns hob ein leiser Flügel
über Mondes Gartenreich,
grünen Blickes zwang der Teich,
wir stürzten in den tiefen Spiegel.

 

Okt 20 19

Lieder der leiseren Lust

Helleres Blut mag uns singen
Lieder der leiseren Lust,
Seufzer, kaum mehr bewußt,
die wie Falter sich schwingen

aus der Mulde des bangen
Schlummers der Sommernacht,
Lilien, zitternd erwacht,
leuchten, sie zu empfangen.

Dunkleres Blut mag uns sinnen
Sänge der süßeren Lust,
Reime, kaum mehr bewußt,
die wie Tropfen verrinnen

auf den Veilchen, weichen
Wangen im Mondeslicht,
noch erwachen sie nicht,
bis sie Bienen umstreichen.

 

Okt 20 19

Die Entscheidung

Not fordert die Entscheidung,
erdrosselt das Geschwätz,
denn wenn sich Eichen neigen
im Blitz das Schicksal spricht,
auf Mund und Scheitel flammend
das Schwert des Engels bricht,
muß eitle Phrase schweigen,
prophetisch quillt der Born
Befehle blauen Rauschens
und kein Sirenenton
wird harte Herzen tauen.
Dann heißt es: „Du kannst mit,
doch jene müssen weichen,
es schwärt an ihrer Stirn
wie Schorf Verrates Zeichen.“
Verächtlich kehrt der Tod
von schwarz beflaggten Plätzen
die Blätter feiger Schrift,
und an den Pfosten glänzen
die Male purpurrot.
Es wehen zarte Fetzen
an scharfer Schreie Dorn.

 

Okt 19 19

Im Gartenland

Der Fluß ließ unsre Seele leuchten,
Brausen schwoll im Tal,
und deinen Lippen, seufzerfeuchten,
lieh zarten Schmelz der Strahl.

Die schlanken Birken waren Frauen,
schüttelten ihr Haar,
daß unsre Herzen möchten tauen,
sang der Lerchen Schar.

Und als die Blüten um uns bebten,
Ginster war entbrannt,
war uns, daß wir schon einmal lebten
still im Gartenland.

 

Okt 18 19

Paul Verlaine, Effet de nuit

Aus: Poèmes saturniens

La nuit. La pluie. Un ciel blafard que déchiquette
De flèches et de tours à jour la silhouette
D’une ville gothique éteinte au lointain gris.
La plaine. Un gibet plein de pendus rabougris
Secoués par le bec avide des corneilles
Et dansant dans l’air noir des gigues nonpareilles,
Tandis, que leurs pieds sont la pâture des loups.
Quelques buissons d’épine épars, et quelques houx
Dressant l’horreur de leur feuillage à droite, à gauche,
Sur le fuligineux fouillis d’un fond d’ébauche.
Et puis, autour de trois livides prisonniers
Qui vont pieds nus, un gros de hauts pertuisaniers
En marche, et leurs fers droits, comme des fers de herse,
Luisent à contresens des lances de l’averse.

 

Nächtliche Impression

Die Nacht. Der Regen. Ein fahler Himmelstrich,
den mit Spitzen und Türmen, Stich um Stich,
gotisch die Stadt durchwirkt, von tiefem Grau ertränkt.
Die Ebne. Ein Galgen, Gehängte in Reih und Glied, verrenkt,
die Schnäbel gieriger Krähen schütteln die Leichen,
die tanzen im Dunkel Giguen ohnegleichen,
währenddessen Wölfe an den Zehen nagen.
Hier und da verstreute Disteln, Palmen ragen
und stechen links und rechts mit bösen Spitzen
im verrauchten Wirrwarr, wie auf flüchtigen Skizzen.
Und rings um drei Gefangene, totenblasse,
barfuß trottend, zieht der Hellebarden Masse
mit ihren langen Eisen, wie der Eggen Zinken,
die den Lanzen des Regens entgegenblinken.

 

Okt 17 19

Singen, Schweigen

Hier, wo der Erde klafft ein Mund,
gefurcht von nächtlichen Blitzen,
dringt aus bemoosten Ritzen
ein Rauch und wölkt zum blauen Grund.

Ein Fenster, und sein Schein ist bleich,
wie der vergessner Nelken,
die über Gräbern welken,
ein Singen ist, wie Wasser weich.

Und da von Wolken rinnt ein Blut,
vom Strahl zerrissne Linnen,
sind Vögel auf den Zinnen,
auf Rosen wirft ihr Schreien Glut.

Ein Garten, und sein Schein ist rot,
wie der vergessner Beeren,
die zwischen Blättern schwären,
ein Schweigen ist, wie Steine tot.

 

Okt 17 19

Paul Verlaine, Après trois ans

Aus: Poèmes saturniens

Ayant poussé la porte étroite qui chancelle,
Je me suis promené dans le petit jardin
Qu’éclairait doucement le soleil du matin,
Pailletant chaque fleur d’une humide étincelle.

Rien n’a changé. J’ai tout revu : l’humble tonnelle
De vigne folle avec les chaises de rotin…
Le jet d’eau fait toujours son murmure argentin
Et le vieux tremble sa plainte sempiternelle.

Les roses comme avant palpitent ; comme avant,
Les grands lys orgueilleux se balancent au vent,
Chaque alouette qui va et vient m’est connue.

Même j’ai retrouvé debout la Velléda,
Dont le plâtre s’écaille au bout de l’avenue,
Grêle, parmi l’odeur fade du réséda.

 

Drei Jahre später

Ich hörte noch der schmalen Pforte Wimmern
und ging im kleinen Garten für mich hin,
den eine frühe Sonne sanft beschien,
auf jede Blüte malend feuchtes Schimmern.

Alles wie einst. Da ist die kleine Laube wieder
unter wildem Wein, Korbstühle stehn im Rund …
Immer murmelt Wasserstrahles Silbermund,
immer seufzt die alte Espe Klagelieder.

Die Rosen zittern wie vor Zeiten. Und auch
die hohen stolzen Lilien wiegt ein Hauch.
Ich kenne alle Lerchen, wie sie eilen, weilen.

Da ist sogar die Statue der Veleda,
Gipsglimmer bröckeln, streuen auf die Zeilen,
dürr ist sie, fader Duft umweht sie von Reseda.

 

Okt 17 19

Paul Verlaine, L’angoisse

Aus: Poèmes saturniens

Nature, rien de toi ne m’émeut, ni les champs
Nourriciers, ni l’écho vermeil des pastorales
Siciliennes, ni les pompes aurorales,
Ni la solennité dolente des couchants.

Je ris de l’Art, je ris de l’Homme aussi, des chants,
Des vers, des temples grecs et des tours en spirales
Qu’étirent dans le ciel vide les cathédrales,
Et je vois du même oeil les bons et les méchants.

Je ne crois pas en Dieu, j’abjure et je renie
Toute pensée, et quant à la vieille ironie,
L’Amour, je voudrais bien qu’on ne m’en parlât plus.

Lasse de vivre, ayant peur de mourir, pareille
Au brick perdu jouet du flux et du reflux,
Mon âme pour d’affreux naufrages appareille.

 

Der Alb

Natur, du rührst mich länger nicht, nicht deine
satten Felder, der Sänge Purpurecho nicht
von Sizilien her, kein Prunk im Morgenlicht
noch das Schmerzensfest im Dämmerscheine.

Kunst? Ich lache. Menschheit? Ebenso. Ich spuck
auf Lied und Vers, Griechentempel, Turmspiralen,
die in den leeren Himmel recken Kathedralen,
ungerührt schweift über Held und Schelm mein Blick.

Gott? Sinnloses Wort. Ich lege übers Knie
Geist und Sinn, ich sag der alten Vettel Ironie,
der Liebe, daß sie sich ein für allemal empfehle.

Dem Segler gleich, lebensmüde, sterbensbang,
ein Spielzeug der Gezeiten, lichtet meine Seele
den Anker zu ihrem grauenhaften Untergang.

 

Okt 16 19

Erleben, Wissen, Verstehen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Ein freundlicher Mensch weist uns den Weg, öffnet uns die Tür, hilft uns eine Last tragen. Auch wenn wir seine Motive und Absichten im Einzelfall nicht kennen, erleben wir sein Tun als freundliche Zuwendung und liebenswürdige Aufmerksamkeit.

Wir erleben den Sinn unmittelbar, ohne Reflexion.

Wir wissen um das Alter der Erde, die Bahn des Mondes um die Erde, die Bahn der Erde um den ungeheuren Feuerball der Sonne, die riesigen astronomischen Ausmaße der Sternmassen und ihrer in Lichtjahren gemessenen Entfernungen. Wir wissen von den Gräsern, Pflanzen, Bäumen, Früchten, den Tieren auf der Erde, die wild gedeihenden und lebenden und diejenigen, die wir züchten und verzehren. Doch gibt uns dies Wissen kein Maß des Erlebens vor: Wir können sowohl die Harmonie erleben, wie sie uns Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“, insbesondere in seiner Vertonung durch Robert Schumann und Johannes Brahms, einflößt, als auch das Grauen des seelisch Ausgesetzten im fremden Kosmos der Unendlichkeiten, wie es Blaise Pascal beschreibt.

Wissen und Erleben sind nicht isomorph oder deckungsgleich, sondern bilden sich schneidende und nur teilweise überlappende Kreise; in der Schnittmenge aber finden wir interne Verknüpfungen zwischen ihnen.

Auch wenn wir uns als Mann am lebendigen Beispiel von Mutter und Tanten, Schwestern, Freundinnen und Geliebten, auch mittels einschlägiger Artikel in Fachorganen der Biologie und Psychologie, durch das Lesen von Romanen wie „Madame Bovary“, „Die Sturmhöhe“ oder „Effi Briest“ dem Frauenleben bis aufs Intimste glaubten genähert zu haben, werden wir niemals verstehen, was es für das junge Mädchen bedeutet, wenn ihm die Brüste wachsen und die erste Periode einsetzt, was für die Frau, sich von ihrem Geliebten umworben und begehrt zu fühlen, und was, von ihm entjungfert zu werden, niemals, was es für sie bedeutet, schwanger zu sein und die Leibesfrucht in sich wachsen zu fühlen, noch die Wehen und die Geburt, weder das Säugen des Erstgeborenen noch die Vertrautheit und die Entfremdung von dem geliebten Kind, und gar nicht, was für die reife Frau der hormonelle und seelische Umbau ihres Daseins durch das Klimakterium bedeutet.

Die großen Dichter scheinen mit einer zweigeschlechtlichen Seele oder Intuition begabt zu sein; wie sonst erklärte sich der Ausdruck innigsten schwesterlichen Fühlens in der sophokleischen Figur der Antigone, der zu Herzen gehenden Liebesverwirrung der Margarete und der reinen fraulichen Empathie der Iphigenie in Goethes Dramen.

Aus Sermo 1, 6 des Horaz erfahren wir unter anderem, wie der geistreichste und feinsinnigste Dichter des Augusteischen Zeitalters seinen Alltag verbrachte; daß er die Rennbahn besucht und auf dem Markt herumschlendert, um zu erfahren, wie der Preis von Kohl und Mehl heute steht; daß er einige Mußestunden stiller Lektüre und dem Schreiben widmet, soweit ihm dies eine Quelle der Freude und geistiger Erquickung ist; wie er sich mit Öl einreibt, um sich auf dem Marsfeld an sportlichen Spielen wie dem Ballspiel zu vergnügen; wie er ein frugales Mahl aus Kichererbsen, Kohl und Fladenbrot zu sich nimmt; daß Becher und Schalen, Schöpflöffel und Mischkrug von schlichter regionaler Keramik ihm für die Zubereitung und den Genuß des Weines zur Hand sind.

Dem Historiker bieten solche Beschreibungen, auch wenn sie im poetischen Gewande daherkommen, reichlich Material, um das Privatleben eines Mannes vom Typus des Horaz im zeitgenössischen Rom im Vergleich mit anderen Quellen zu erforschen. Ob es sich um die Tatsache handelt, daß der Dichter hier die beschauliche und genügsame Atmosphäre des savoir vivre eines Mannes, der aus bescheidenen Verhältnissen in die Ritterklasse aufgestiegen ist, von der dünnen Luft der Macht, die den Kreis um Octavian und Maecenas umwehte, nicht verwirren läßt; ob er mit dem Kollegen aus der Kunstgeschichte der Einordnung des Hausrats und der Tonwaren im schlichten kampanischen Stil nachgeht; oder mit dem Botaniker, Ernährungsfachmann oder Önologen im Gemüse des Mittagstisches herumstochert und dem dubiosen Geschmack des Hausweines nachspürt – mit alledem vermehren wir unser historisches Wissen. Doch erst, wenn wir es in den Bezug der dichterischen Intention rücken, verstehen wir das von Horaz Gemeinte: als Verweis auf die Devise Epikurs, im Verborgenen zu leben, und als Geste der Zurückhaltung, Mäßigung und Bescheidenheit, die sich vom Prunk und Glanz, aber auch der hohlen Geschäftigkeit und Zerstreuungswut der höheren Kreise abhebt.

Freilich, nur wenn wir um die große Bedeutung des Klientelwesens und die ständigen Versuche der Einflußnahme mittels Geschenken und Bestechung, kurz der Korruption auch in den besseren römischen Kreisen wissen, verstehen wir, weshalb sich Horaz oder seine dichterische Maske in Sermo 1,9 der Zudringlichkeiten des Schwätzers mit dem Hinweis auf die moralische Integrität des Hauses Maecenas erwehrt, in dem die vorderen Ränge nicht nach dem Inhalt der Schatulle, sondern nach Verdienst und Würde vergeben werden. – Hier erfassen wir einen internen Zusammenhang von Wissen und Verstehen.

Für ungeheure Massen des Wissensbestandes aller Fächer von der Mathematik, der Kosmologie und Physik über die Biologie und Geologie bis zur Historiographie und Archäologie stehen uns keine Echoräume widerhallenden Erlebens offen. Die großen Systementwürfe, die von den Pythagoreern, Platonikern und Stoikern bis zu Fichte, Schelling und Hegel und seinen marxistischen Zerrbildern den Anspruch erhoben, Wissen und Verstehen, Wahrheit und Sinn unter eine integrale Einheit zu bringen, sind uns zerbrochene Glasperlenspiele.

Horaz versuchte, die von ihm erlebten und teilweise mitgetragenen historisch bedeutsamen Ereignisse von der Schlacht bei Philippi, an der er als Militärtribun teilgenommen hatte, über den Sieg des Octavian über Antonius bei Actium bis zur Eroberung Ägyptens und der Errichtung der Monarchie in Rom in den Sinnhorizont seines dichterischen Schaffens einzubringen; davon zeugen nicht nur die Römeroden oder das carmen saeculare für die von Augustus erneuerte nationale Gedenkfeier. Dennoch wäre es verfehlt, den Autor der Satiren und Epoden nur in der Rolle des Verkünders eines neuen goldenen Zeitalters unter dem durch Augustus restaurierten altrömischen Sittenkodex und der Reanimation der Kulte zu sehen.

Menschen, die vom Erlebnis der Schrecken des Bombenterrors auf Hamburg, Dresden oder Würzburg geprägt sind, wären überfordert und sogar aufs moralische Glatteis gebracht, wenn sie das Erlebte im Sinne der Ansprüche eines höheren Gewissens, die leichthin von den Nachfolgegenerationen erhoben werden, die das Grauen nicht miterleben mußten, deuten und einordnen sollen.

Was wir traumatisch am Erleben nennen, bezeichnet die Grenze zwischen dem erfahrenen Grauen und der Möglichkeit seiner sinnvollen Deutung.

Nur der Gläubige, der allerdings nicht den Anspruch auf eine allgemeingültige Methode des Verstehens erhebt, sieht in für ungläubige Augen kontingenten Ereignissen einen inneren Zusammenhang oder durchgehenden Sinngehalt. So sieht der Prophet in den Leiden Israels eine Mahnung oder Züchtigung Gottes für den Abfall in den Götzendienst. So Vergil in den Taten und Leiden des Äneas die göttliche Vorsehung und Fügung, die auf die Gründung Roms und seine glorreiche Berufung zur Herrin und Ordnungsmacht der zivilisierten Welt zielt.

Wir können nicht nur von künstlicher geistiger Kost oder vom Sekundären leben; einiges Elementare müssen wir selbst erlebt haben, um etwas verstehen, etwas mitteilen und davon erzählen zu können.

Wir können sagen, das Elementare ist dasjenige, bei dem Wissen und Verstehen unmittelbar intern zusammenhängen. Wir verstehen den traurigen Ausdruck in Mimik und Haltung oder die Tränen im Gesicht desjenigen, über dessen Verlust eines nahen Angehörigen wir in Kenntnis gesetzt werden. Wir könnten den traurigen Ausdruck eines Menschen indes auch mißverstehen, wenn es sich um einen Schauspieler handelt, der die Rolle des Hamlet einübt, oder eines Hysterikers oder Simulanten, der andere mit seinem Elendsgesicht beeindrucken will und dabei ganz behaglich und wohlgemut ist.

Es kommt vor, daß wir von einem hören, der es wieder von einem anderen gehört haben will, daß unser alter Bekannter Peter in eine prekäre Lage geraten ist, und wir gehen hinaus und treffen Peter, der uns heiter und aufgeräumt zu einem Champagnerfrühstück im teuersten Hotel des Viertels einlädt. – Doch vielleicht war er kürzlich noch knapp bei Kasse und ist inzwischen so oder so zu Geld gekommen. – Er selbst könnte die Legende von seiner Notlage in die Welt gesetzt haben, nur um zu zeigen, was für ein Stehaufmännchen und Tausendsassa er ist.

Eine interne Verknüpfung von Erleben, Wissen und Verstehen bemerken wir an den natürlichen Phänomenen der Sinnesempfindung und der emotionalen Betroffenheit und affektiven Gestimmtheit. Die Mittagshitze treibt unserem Weggefährten Schweißperlen auf die Stirn, läßt ihn seufzen und um eine Ruhepause bitten. Wir verstehen, was wir wahrnehmen, unmittelbar und ohne nachzudenken. – Wir treffen auf seinen ehemaligen Kommilitonen, der im Fach unseres Freundes große Erfolge vorweisen kann und dessen angeberisches, arrogantes Gebaren bei diesem ersichtlich eine Mischung von Widerwillen und Neid hervorruft. – Ein Blick genügt, um zu sehen, in welchem Maße der Vortrag der Sonate von Schubert bei unserem Freund eine wehmütig-melancholische Stimmung erzeugt hat.

Wir können Ereignisse der Vergangenheit nicht mit letzter Sicherheit wissen: Wenn wir die Mitteilung des Horaz, er habe an diesem und jenem Tag ein Mittagsmahl aus Kichererbsen, Kohl und Fladenbrot zu sich genommen, als historische Aussage lesen, könnte er auch einem Irrtum erlegen sein, wenn es keine Kichererbsen, sondern Bohnen waren, die er verspeiste. Mangelnde Einsichten und Wissenslücken dieser Art sind unvermeidlich, sie hindern uns aber nicht an einem Verständnis des Gemeinten, denn ob Erbsen oder Bohnen, wir verstehen, was Horaz mit dem Hinweis auf seine frugale Küche sagen will: daß er kein Prasser und Schlemmer war.

Nur dasjenige, wofür wir eine angemessene sprachliche Darstellung finden oder erfinden können, ist für uns bedeutsam und mehr oder weniger sinnvoll. Wir beobachten, wie Peter seinen Freund Hans im Park trifft und ein Buch überreicht; entweder wissen wir, daß Hans ihm vor einiger Zeit ein Buch ausgeliehen hat, dann erschließt sich uns die Bedeutsamkeit dieser Geste durch die plausible Annahme, er habe es ihm verabredungsgemäß zurückgegeben. Wissen wir nichts von einem Hintergrund des Geschehens, können wir uns Geschichten ausmalen, die uns seinen Sinn nahelegen, wie daß Hans heute Geburtstag hat und es sich um ein Geschenk handelt, oder daß Peter seinem Freund ein Buch ausleiht. Immer ist das Verstehen darauf angewiesen, den Handelnden oder Redenden Absichten, Wünsche, Intentionen zu unterstellen, die ein Licht auf ihr Tun und Reden werfen und die wir in beschreibenden Sätzen erfassen können.

Natürliche Vorgänge, die unser Erleben nicht berühren, sind für uns insofern bedeutungslos, als sie sich jenseits der von uns gezogenen Grenzen von Sinn und Unsinn abspielen. So, wenn Wasser gefriert oder sich in Dampf auflöst; dies können wir beschreiben, aber die eigentlich erhellende Darstellung für solche Vorgänge gibt uns die Physik, und deren Sprache ist die der Zahlen und Formeln, die ihre Erklärungskraft gerade der Tatsache verdanken, daß sie von allen Absichten und Zwecken absieht.

Wir können die Lücke zwischen Erleben und Verstehen, Verstehen und Wissen bisweilen mittels der Fiktion oder fiktiver Annahmen, ja bloßer Floskeln und Gemeinplätzen auffüllen. Unser Gesprächspartner ist heute wortkarg, mißlaunig, verdruckst. Ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen. – Der Schauspieler spricht ohne Schwung. Wieder Ärger mit der Geliebten. – Dein kahlköpfiger, aufgedunsener Gesprächspartner äußert sich hinter ihrem Rücken abfällig über die attraktive Blondine in deiner Begleitung. Trauben, die zu hoch hängen, gelten ihm als sauer.

Doch ist es sinnvoll, die mögliche Konvergenz oder Diskrepanz von Erleben, Wissen und Verstehen auf uns selbst anzuwenden? In der Regel ist uns, was wir empfinden und fühlen, tun und sagen wollen, ja nicht verborgen und in einem Maße auf den Leib geschrieben, daß wir uns schlecht Situationen ausdenken können, in denen wir nicht wüßten und verstünden, was wir unmittelbar erleben.

Wir können annehmen, daß eine tiefgehende Diskrepanz zwischen Erleben, Wissen und Verstehen, insofern sie das betreffen, was wir selbst empfinden und fühlen, tun und sagen wollen, als Anzeichen mehr oder weniger schwerer geistiger Erkrankung betrachtet werden kann; so wenn einer Sinnesempfindungen und Emotionen erlebt, aber nicht glaubt, daß es seine eigenen sind; wenn einer nicht wirklich versteht, was die Leute am Nachbartisch im Café reden, aber zu wissen meint, sie würden sich abschätzig und verächtlich über ihn äußern oder sich über ihn lustig machen; wenn einer die Gesten und Äußerungen der Ablehnung durch die von ihm begehrte Person als listige, doppelbödige und verfängliche Formen der Bezauberung und Verführung versteht.

Wir können die Begriffe des Wissens und Verstehens nur cum grano salis oder metaphorisch auf unser Erleben anwenden; denn etwas wissen heißt oft, gute Gründe für einen Wissensanspruch angeben zu können. Doch für das, was wir empfinden, fühlen, sehen oder hören, führen wir keine Gründe an, und somit ist das von uns selbst Empfundene, Gefühlte, Gesehene oder Gehörte kein Gegenstand des Wissens. – Wir verstehen die Äußerung unseres Gesprächspartners „Du hast ja mal wieder die Weisheit mit Löffeln gefressen“ ganz richtig als ironische Volte, weil uns klar ist, daß wir gerade etwas ziemlich Triviales oder Dummes gesagt haben. – Und wenn uns bei einem Rendezvous der Schweiß ausbricht und das Herz schneller schlägt, vermuten wir nicht aufgrund dieser Symptome, daß wir aufgeregt oder gar verliebt sind, sondern wir verstehen unmittelbar und ohne nach Gründen Auschau halten zu müssen, was mit uns los ist.

Die elementaren Dinge und Vorgänge verstehen wir, ohne sie erklären zu können, erklären zu wollen oder erklären zu müssen.

Oft gleichen philosophische Erklärungsversuche dem Knoten im Taschentuch, den wir knüpften, um uns an etwas zu erinnern, doch leider haben wir vergessen, woran er uns erinnern sollte.

Für das, was wir Erinnern nennen, gibt es kein allgemeingültiges Erklärungsschema.

Nach unserem Namen gefragt, antworten wir spontan und ohne nachzudenken, wir müssen uns offenbar an gar nichts erinnern, obwohl wir uns einmal unseren Namen eingeprägt haben müssen.

Den Vorgang des Erinnerns mittels neuronaler Abläufe zu erklären ist eine Form der Kategorienverwechslung, denn in keiner physischen Eigenschaft können wir ausmachen, was wir Erinnern nennen.

Erinnerungen haben keinen Ort; daher können sie nicht in einem Komplex von Neuronen und neuronalen Abläufen verkörpert sein, auch wenn wir nicht in Abrede stellen, daß ihre Ursache in einem Komplex von Neuronen und neuronalen Abläufen verkörpert ist.

Haben wir eine Telefonnummer oder Adresse vergessen, versuchen wir uns daran zu erinnern, wo wir sie aufgeschrieben haben. Vermissen wir unsere Geldbörse, daran, wo wir sie zuletzt aus der Tasche genommen haben.

Erinnerungen fallen einem manchmal ungefragt wie vom Baum gefallene Früchte vor die Füße; doch die Versuche, die wir anstellen, unseren Erinnerungen auf die Spur zu kommen oder ihnen Beine zu machen, zeigen, daß sich an etwas zu erinnern auch eine Form von Aktivität sein kann.

Wir erinnern uns nicht an die Dinge, sondern den Eindruck, den sie auf uns machten, nicht an die Blume, sondern ihren Duft, nicht an den alten Lehrer, sondern seine schnarrende Stimme und seine triefende Nase, nicht an den alten Hund, sondern an sein Winseln und Hecheln.

Wir erinnern uns nicht an das Gemüse und das Fladenbrot im Gedicht des Horaz, sondern an die Geste der Genügsamkeit und Bescheidenheit, die der Dichter mittels ihres sinnlichen Eindrucks vollführt.

Wie kann uns das Unwirkliche bewegen, beeindrucken, rühren? Der erinnerte Duft dringt uns ja nicht in die Nase, und das Winseln und Hecheln des sterbenden Hundes ist lange verstummt. Wie eine Geste, die gleich einer Fata Morgana in der Wüste der Zeiten flimmert?

 

Okt 15 19

Liebe ging zu Tal

Als wären reine Himmelslaute
sanft herabgeträuft,
wo der Pfad verläuft
und müd ein Wandrer aufwärts schaute.

Er hat die Mütze abgenommen,
liegt im hohen Gras,
und es träumt ihm was,
doch ist ihr Antlitz wüst verschwommen.

Und schlummert ein vom dunklen Brausen,
Wasser oder Wind,
war er wieder Kind,
kommt über ihn des Waldes Grausen.

Ihm ist, als ob mit heißem Wirren
Feder oder Flausch,
bunter Falter Bausch
durch seine Leibeshöhlen schwirren.

Und durch die Lippen quillt ein Stöhnen,
Wonne oder Qual,
Liebe ging zu Tal,
wo grellen Jahrmarkts Orgeln dröhnen.

 

Okt 14 19

Ich war ein Hirte

Ich war ein Hirte, meine Herden
waren Schatten blau und weich
in Arkadiens fernem Reich,
verwaister Seelen Schmerzgebärden.

Ich war ein Imker in den grünen
Sommergärten heller Nacht,
Lieder, schwirrend aufgewacht,
vertrauten mir die goldnen Bienen.

Ich war ein Bäcker feiner Mehle,
und ich buk ein süßes Brot
aus der Träume Sonnenschrot
dem Munde einer müden Seele.

Ich war ein Winzer an den Flüssen,
wo die Sehnsucht wiederkehrt,
purpurtraubensüß beschwert,
mein Wein macht trunken wie von Küssen.

Ich war ein Dichter leiser Sänge,
einer scheuen Muse Gast,
und mein Lied war nur Getast
im Schneien ihrer Blütengänge.

 

Okt 13 19

Ich hab genug

Ich hab genug vom Einerlei
aus Schlafen und Erwachen,
von Tages dumpfem Krachen,
der Träume Wort- und Bilderbrei.

Nur eines gibt mir etwas Halt,
der Halme trunknes Wehen,
und die im Dämmer flehen,
des Veilchens Tränen, klar und kalt.

Ich hab genug von Wahn und Drang,
von Jubeln und von Klagen,
was dürre Lippen sagen,
von Kriecherei und Überschwang.

Nur eines gibt mir etwas Mut,
der Lerche kühnes Flattern,
und die an morschen Gattern
ins Blaue leckt, die Rosenglut.

 

Okt 13 19

Paul Verlaine, Un soir d’octobre

Aus: Premiers vers

L’automne et le soleil couchant ! Je suis heureux !
Du sang sur de la pourriture !
L’incendie au zénith ! La mort dans la nature !
L’eau stagnante, l’homme fiévreux !

Oh ! c’est bien là ton heure et ta saison, poète
Au cœur vide d’illusions,
Et que rongent les dents de rats des passions,
Quel bon miroir, et quelle fête !

Que d’autres, des pédants, des niais ou des fous,
Admirent le printemps et l’aube,
Ces deux pucelles-là, plus roses que leur robe ;

Moi, je t’aime, âpre automne, et te préfère à tous
Les minois d’innocentes, d’anges,
Courtisane cruelle aux prunelles étranges.

 

Ein Abend im Oktober

Herbst und dämmerndes Licht! Und mir das Glück!
Blut auf den Blättern, die verderben!
Flammen im Zenit! Und alles ist Sterben!
Wässrige Fäulnis, der Menschen flackernder Blick!

Oh, schön sind deine hohen Stunden! Es läßt
der Dichter ab von holden Sagen,
und wie an den Idolen Ratten nagen,
welch schönes Traumbild, welch ein Fest!

Mögen andre, Versfuchser, stumpf und geistig-leer,
Frühling und Morgenrot durch Reime kürzen,
die alten Jungfern, Backen röter als die Schürzen,

ich liebe dich, du bittrer Herbst, verehre mehr
als Engelspuppen unter keuschen Hüllen
dich grausame Geliebte mit den Stern-Pupillen.

 

Okt 12 19

Weinen, Lachen, Schweigen

In meinem Herzen ist nur Weinen,
Tropfen bitter oder süß,
die ein müder Himmel ließ
zerrinnen wie auf toten Steinen.

In meinem Herzen ist nur Lachen,
dunkel glucksend quilltʼs hervor,
Meister Iste und Madame La Mort
die mich zum Zechkumpanen machen.

In meinem Herzen ist nur Weinen,
Kind, das an der Pforte steht,
wenn der liebe Schatten geht,
und Küsse hat der Abend keinen.

In meinem Herzen sei nur Schweigen,
wenn die Nacht die Bühne räumt
und das Stück ist ausgeträumt,
zerbreche ich die süßen Geigen.

 

Okt 12 19

Paul Verlaine, Le piano que baise une main frêle

Aus: Romances sans paroles

Le piano que baise une main frêle
Luit dans le soir rose et gris vaguement,
Tandis qu’un très léger bruit d’aile
Un air bien vieux, bien faible et bien charmant
Rôde discret, épeuré quasiment,
Par le boudoir longtemps parfumé d’Elle.

Qu’est-ce que c’est que ce berceau soudain
Qui lentement dorlote mon pauvre être ?
Que voudrais-tu de moi, doux Chant badin ?
Qu’as-tu voulu, fin refrain incertain
Qui vas tantôt mourir vers la fenêtre
Ouverte un peu sur le petit jardin ?

 

Eine zarte Hand liebkost die Tasten,
die im rosig-grauen Dämmer blinken,
und wie leichter Flügel leises Hasten
schwebt ein altes Lied, wie süß sein Winken,
scheu, voll Bangen, zu versinken,
in dem Gemach, wo ihre Düfte lasten.

Was ward mir diese Wiege anvertraut,
in der mein armes Dasein plötzlich schwingt?
Was willst du, süßer Sang, der Steine taut?
Was ist dein Sinn, vag-zager Zauberlaut,
der bald hinsterbend zu dem Fenster dringt,
das auf den kleinen Garten schaut?

 

Okt 12 19

Auf fernen Wegen

Die Zweige, die vom Dorfrand winken,
sind es Ulmen oder Eichen,
können uns nicht mehr erweichen,
uns gab der blaue Born zu trinken.

Für uns ist unterm Laub kein Bleiben,
schenkt es Schatten, sprüht es Feuer,
was uns nah, ward ungeheuer,
wir fühlen nur, wie Wolken treiben.

Wir wollen mit den Herden gehen,
zwischen Flammen, über Aschen,
in der Birke Milch uns waschen,
zur Veilchenaue sanfter Feen.

Für uns ist nur an Wassern rasten,
die von reinen Geistern quellen,
heiter uns die Stirn erhellen,
bis Reden ist der Liebe Tasten.

Und wenn wir in den Nächten Zeichen
suchen, die im Dunkel glosen,
öffnen sich des Morgens Rosen,
und Engel sind, die Lilien reichen.

Und ragen fern in tiefe Bläue
Gipfel, wo Kristalle glücken,
Blumen, die wir nicht mehr pflücken,
quält unsre Herzen keine Reue.

 

Okt 11 19

Paul Verlaine, Car tu vis en toutes les femmes

Aus: Chair

Car tu vis en toutes les femmes
Et toutes les femmes c’est toi.
Et tout l’amour qui soit, c’est moi
Brûlant pour toi de mille flammes.

Ton sourire tendre ou moqueur,
Tes yeux, mon Styx ou mon Lignon,
Ton sein opulent ou mignon
Sont les seuls vainqueurs de mon cœur.

Et je mords à ta chevelure
Longue ou frisée, en haut, en bas,
Noire ou rouge et sur l’encolure
Et là ou là — et quels repas !

Et je bois à tes lèvres fines
Ou grosses, — à la Lèvre, toute !
Et quelles ivresses en route,
Diaboliques et divines !

Car toute la femme est en toi
Et ce moi que tu multiplies
T’aime en toute Elle et tu rallies
En toi seule tout l’amour : Moi !

 

In allen Frauen pulst dein Leben,
und alle Frauen sind vereint in dir,
und alle Liebe dieser Welt hat mir
tausend Flammen für dich eingegeben.

Dein Lächeln in Sanftmut oder Scherz,
deine Augen, ob Styx, ob mein Lignon,
deine Brust, Damast oder Chiffon,
sie besiegen alle ja mein Herz.

Ich will an deinen Haaren nagen,
ob lang sie oder lockig, auf und ab,
ob schwarz, ob rot, im Nacken knapp,
und da und da – welch ein Behagen!

Wie ich an deinen Lippen trinke,
dünnen, dicken – Lippe an Lippe!
Auch wenn ich trunken überkippe,
in Höllen oder Himmel sinke!

Denn jede Frau kehrt ein in dich,
und dieses Ich, das du vermehrt,
liebt in allen dich allein, es kehrt
in dich zurück der Liebe Fülle: Ich!

 

Okt 11 19

Paul Verlaine, Sappho

Aus: Parallèlement

Furieuse, les yeux caves et les seins roides,
Sappho, que la langueur de son désir irrite,
Comme une louve court le long des grèves froides,

Elle songe à Phaon, oublieuse du Rite,
Et, voyant à ce point ses larmes dédaignées,
Arrache ses cheveux immenses par poignées ;

Puis elle évoque, en des remords sans accalmies,
Ces temps où rayonnait, pure, la jeune gloire
De ses amours chantés en vers que la mémoire
De l’âme va redire aux vierges endormies :

Et voilà qu’elle abat ses paupières blêmies
Et saute dans la mer où l’appelle la Moire, -
Tandis qu’au ciel éclate, incendiant l’eau noire,
La pâle Séléné qui venge les Amies.

 

Sappho

Ungestüm, die Augen hohl, mit spitzen Brüsten,
eilt Sappho, krank von schmachtendem Verlangen,
gleich einer Wölfin längs vereisten Küsten,

an Phaon denkt sie, die am Ritus sich vergangen,
und wie sie ihre Tränen so verachtet fand,
zerrt sie an ihrer Locken Pracht mit harter Hand.

Dann steht vor ihr, zernagt von Wehmuts Riefen,
das frühe Bild, da junger Ruhm so rein sich schwang
aus ihren Liebesliedern, daß er widerklang
im Herzen junger Mädchen, wenn sie schliefen:

Da senkt die Augenlieder sie, die grauen,
sie springt ins Meer, das nach der Moira heißt,
und hoch geht auf, das dunkle Wasser gleißt,
Selene fahl, die Rächerin enttäuschter Frauen.

 

Okt 10 19

Paul Verlaine, Les méfaits de la lune

Aus: Chair

Sur mon front, mille fois solitaire,
Puisque je dois dormir loin de toi,
La lune déjà maligne en soi,
Ce soir jette un regard délétère.

Il dit ce regard — pût-il se taire !
Mais il ne prétend pas rester coi, —
Qu’il n’est pas sans toi de paix pour moi ;
Je le sais bien, pourquoi ce mystère,

Pourquoi ce regard, oui, lui, pourquoi ?
Qu’ont de commun la lune et la terre ?
Bah, vite reviens, assez de mystère !
Toi, c’est le soleil, luis clair sur moi !

 

Mondes Missetaten

Auf mein Antlitz, tausendfach verlassen,
muß ich ja schlafen ohne dich,
wirft der Mond, tückisch schon an sich,
Blicke heute Nacht, die tödlich hassen.

Es sagt mir solch ein Blick – ach, könnt erʼs lassen!
Doch schwatzen muß er ewiglich –
Frieden bergest einzig du für mich.
Ich weiß es ja, weshalb es denn in Rätsel fassen,

weshalb mir dieses Blicks, ja, dieses, Stich?
Sind Mond und Erde nicht geschiedne Massen?
Komm schnell zurück, will nicht in Dünsten blassen!
Die Sonne bist du ja, verkläre mich!

 

Okt 9 19

Isoldes Lied

Wird keiner wieder hold mir hauchen
des Schlummers goldnen Staub
aufs Lid, o Dämmer-Laub,
die Monde meines Leids zu tauchen,

daß Vogelrufe süßer tönen,
und dunkler schluchzt das Moos
der blauen Nacht im Schoß,
den Liebestränen funkelnd krönen?

Mir wehen närrisch Frühlingswinde
ins Ohr ein Zauberlied
von ihm, der mit mir schied,
daß ich im Tod ihn wiederfinde.

 

Okt 9 19

Paul Verlaine, Je vous ai promis mon baiser

Aus: Chair

Je vous ai promis mon baiser pour ce soir,
En revanche vous m’avez promis la récompense
Certes imméritée, et voici que j’y pense !
Et depuis lors je vis en un si doux et vague espoir !

Mais que pour l’avenir serait donc noir
Si, pendant que je rêve à la bonne bombance
Espérée et promise, et voici que je panse
La blessure que me ferait de ne pas voir

De mes yeux, presque en pleurs dans cette incertitude,
Vos yeux sourire avec plus de mansuétude
Que de coutume avec l’œuvre et de plus l’auteur.

Et j’ai fait ces vers-ci, qu’il fallait que je fisse.
Ne vous faisant d’ailleurs pas d’autre sacrifice
Que de vous plaire un peu, bien qu’un peu radoteur.

 

Einen Kuß versprach ich dir für heute Nacht,
dafür willst du mir auch was schenken,
habʼs nicht verdient, muß aber daran denken!
Wie vages Hoffen süß mein Leben macht!

Doch seh ich für die Zukunft wenig Licht,
denn da mir träumt von einer Schlemmerstunde,
erhofft und zugesagt, muß ich mir diese Wunde
verbinden, daß ich mit eignen Augen nicht

dürft schauen, in Tränen schon vor Bangen,
deine Augen lächelnd mein Gedicht empfangen,
den milder auch wie sonst, der es geschrieben hat.

Ich machte dies Gedicht, ist alles, was ich habe,
für dein Vergnügen eine Opfergabe,
käut es auch wieder nur ein altes Blatt.

 

Okt 8 19

Der versengte Flügel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Kehle gönnen wir Champagner, die Seele halten wir mit billigem Fusel hin.

Zähle die Stunden, da du dich selbst willkommen heißt.

Die meisten sind stumpf, viele verwirrt, ein paar durch Leiden aber nicht bitter und grob, sondern sanft geworden.

Horaz ist ein klarer Quell, der aus tiefen Spalten bemooster Stille bricht, über harten, schimmernden Kieseln hell tönt und sich zu einem runden Weiher beruhigt, in dem die Fackeln der Feiernden und die einsamen Lichter der Nacht sich spiegeln.

Gefühl der Nähe, der Ankunft des Reiches Gottes, jener, der es mit Vollmacht verkündet, ja schon verkörpert, Zeichen und Wunder, die bezeugen, daß er erwählt ist und aus der Höhe gekommen, Aufruf zur Buße und Versprechen der großen Tröstung jenen, die in der Hoffnung und Liebe gelitten. Dies sind die Elemente messianischer Frömmigkeit.

Manche davon finden sich gleichsam als leichter verdauliche Hausmannskost oft zu herabgesetzten und Schleuderpreisen in den säkularen Heilsbewegungen der älteren und jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart wieder. – Bisweilen blieb nur die scheppernde Orgel des Jahrmarkts, die immer wieder den Gassenheuer leiert: „Ein Schiff wird kommen …“

Der liebende Blick sieht ein Pummelchen, wo der nüchterne Fettsucht wahrnimmt und der medizinische hormonelle Probleme diagnostiziert.

Der strenge und gesetzestreue Pharisäer sieht im Falle Jesus Gotteslästerung, der römische Statthalter Aufruhr, der Jünger das Lamm Gottes.

Sollen wir sagen, wer für den Zauberklang Mozarts taub ist, sei dem Wurm gleich, der sich tief in den Schlamm der Verzweiflung gebohrt hat?

Wenn der Wurm Ohren hätte, solchen Wohllaut zu vernehmen wie der in der Hölle der Liebeskälte Verbannte die fernen, flammenden Lieder der Engelchöre.

Es ist sinnlos, das Unkraut zu jäten, den üppig schwellenden Zweig des Rosenstocks abzustützen und die duftende Knospe zu pflücken, wenn es keinen gibt, dem du sie schenken magst, keinen, dem ihre Schönheit und ihr Wohlgeruch ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Das bedruckte Papier bleibt störrisch und stumm, erst die seelenvolle Stimme, die dem Vers Flügel anlegt, das Wort zum Gesang entfaltet, öffnet die Landschaft des Gedichts, in dem der Rhythmus mit den Quellen und Strömen fließt, der Vers mit dem Blattwerk rauscht, in unverhofften Tropfen klingt und schäumt, unter Blitzen erschrickt und sich in die blaue Grotte der Waldnacht flüchtet.

Was gesehen, was gefühlt, was erlebt zu haben legte uns wie eine reine, weiße Hostie das Wort auf die Zunge: „Es ist genug!“?

Mißtrauen gebührt den Naseweisen, die gestern da und dort etwas erschnuppert und heute wieder dort und da etwas anderes gewittert haben.

Der Scharlatan schreibt einen dicken Wälzer mit dem Titel „Versuche“ – dabei hat er nicht einmal an die Tür geklopft, geschweige denn, daß er eingetreten wäre. Und fände er die Tür, er klopfte nicht an, denn er hat kein Gastgeschenk mitgebracht.

Ist uns bestimmt, ein Blatt zu sein im Wind, so machen wir uns nicht selber schwer.

Ein leichter Windhauch, und das welke Blatt fällt wie von selbst in die Tiefe.

Die synthetischen Sushi-Gerichte in der Auslage der japanischen Restaurants würdest du nicht essen, aber diese Bücher, die sich als geistige Nahrung ausgeben, verschlingst du.

Die Schauspieler, die Hamlet, King Lear oder Faust geben, scheinen geistreich und seelenvoll wie die Dinge, die sie sagen, auf der Straße aber sind sie Rüpel wie Hinz und Kunz.

Er garniert sein Kauderwelsch mit hochtönenden Namen – und kommt damit durch oder sogar bis vor die Akademie für deutsche Sprache und Dichtung.

In ein Haus, auf Moorschlamm errichtet, ziehst du nicht ein, Gedichten, die schon beim ersten Wort nachgeben und glucksen, vertraust du dich an.

Die frühen Werke sind vollendet, so steht der wundersam behauene Monolith Jesaia neben der wuchtigen und doch schwebenden Säule der archaischen griechischen Lyrik.

Die Einfältigen reden von Entwicklung, von unterschwelligen Einflüssen und dem Zusammenstückeln exotischer Bauteile.

Was im Literaturbetrieb die Intertextualität, ist in sexualibus das Zwittertum.

Descartes, einer der scharfsinnigsten Köpfe, blieb wie eine Fliege auf dem Sonnentau im Mythos des sprachlichen Bildes kleben, wonach wir Empfindungen, Gefühle und Gedanken als mentales Privateigentum haben, wie der Geizhals, der seine Juwelen und Diamanten im Tresor verschließt, und nur er hat den Schlüssel und nur er ergötzt sich an ihrem Funkeln. – Aber die rote Farbtönung, die du an der Tulpe siehst, ist dieselbe, die auch ich wahrnehme, sie ist weder im Tresor deines noch meines Kopfes; daß du verstimmt und verärgert bist wegen meiner dummen Frage, lese ich von deinem Gesicht unmittelbar ab, ich muß nicht raten, ob dein Gefühl in Wahrheit ist, was es scheint; und der Gedanke, daß wir nicht weit kommen, wenn wir zugleich von dem, was wir behaupten, das Gegenteil annehmen, gehört uns beiden an oder ist ein Gedanke für alle und keinen, der Luft gleich, die wir beide atmen.

Der französische Catull des 19. Jahrhunderts, Paul Verlaine, der seelische Abgründe zärtlich ins Korsett des Rokoko schnürte, zählt für den vulgären Geschmack nur als bisexueller Trunkenbold und Gefängnisinsasse.

Goethe, Nietzsche, George – Mäuse, die im Stroh ihrer Albträume fiepen.

Was echauffierst du dich, daß sie Barbaren ins Land lassen, die das Abendland mehr und mehr orientalisieren, wo sie doch selber was nicht niet- und nagelfest niederreißen oder mit der Jauche ihres Endzeit-Witzes beizen.

Kein Engel wird mehr auf Lämmer weisen, mit deren Blut sie die Balken und Schwellen der Türen bezeichnen könnten, vor denen die Heimsuchung innehält.

Bayer kann er nicht sein, der Ali, Friese nicht, der Achmet, nicht Schwabe, der Mohammed, aber Deutscher, Deutscher allemal.

Wir lesen ständig, was anderen Leuten durch den Kopf ging. – Doch die hermeneutische Kunst, nach den ersten Zeilen zu imaginieren, ob jene Köpfe uns als Fratzen entgegenblicken oder Licht in ihren Augen haben, geht verloren.

Links und rechts, vorn und hinten, oben und unten – dies verweist auf unsere natürlichen Orientierungen des Raumes, der Zeit und von Ordnungen des Maßes, der Klassifikation und der sozialen Hierarchie. Sind sie deshalb subjektiv? Das ist ein Philosophen-Mißverständnis, das sich so hartnäckig hält wie der Glaube, unsere Gefühle seien Privatangelegenheiten und eigentlich nur uns selber zugänglich und verständlich.

Ich kann ja statt „rechts von dir“ „so und so viel Grad östlich von deinem Standort“ sagen.

Mit dem Hinweis, du habest den Diebstahl mit eigenen Augen gesehen, bekräftigst du den Wahrheitsanspruch deiner Zeugenaussage. Zu betonen, man habe etwas selbst wahrgenommen, mindert die Aussage nicht zur bloß subjektiven Kundgabe herab, sondern verstärkt und besiegelt sie.

Je mehr ihrer offiziell gedacht wird, umso weniger sprechen die Toten.

Das verklärte Leben der Ahnen verkörperte sich den Römern in ihrer Totenmaske.

Der Morsche bietet sich zur Stütze an, das Falsett will den Falstaff singen, die Matrone die Ophelia geben und der Zwitter den Don Juan.

Zwei Arten von Jubel: Schüsse und das Gloria.

Überkandidelte deutsche Professoren, die sich am Blitzen des Schafotts und am Sausen des Fallbeils gütlich tun, um ihr épater le bourgeois an den plötzlich von Schauder gepackten Damen und Herren zu exerzieren.

Die dichterische Inspiration wurde als Aufflug (wie in Horaz, Carmen 4,2 nach der Imago Pindars) empfunden und besungen; in dem Maße, wie sie in Illustrierten blätternd und Videos gaffend tatsächlich über die Meere düsen, scheint die musische Macht dieser Inspiration dahinzuschwinden.

Das Sengen von Flügeln, insbesondere der Engel, an dem sie sich ergötzen.

Allerorten bohren sie die Erde an und werden fündig: Asche der Toten stäubt.

Wie wundersam, der weiße Flügel, der über das kristallklare Wasser schwebte, ruht oder zittert eng an den Leib geschmiegt, wenn der Schwan des Apollon sterbend am schönsten singt.

Das von Gesang umrahmte Festmahl ist der Herkunfts- und Zukunftsort der lyrischen Dichtung. – Die musikalisch erweiterte und vertiefte Liturgie des Abendmahls gibt uns den bleibend weitesten Horizont.

 

Okt 7 19

Arthur Rimbaud, Le dormeur du val

C’est un trou de verdure où chante une rivière,
Accrochant follement aux herbes des haillons
D’argent ; où le soleil, de la montagne fière,
Luit : c’est un petit val qui mousse de rayons.

Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort ; il est étendu dans l’herbe, sous la nue,
Pâle dans son lit vert où la lumière pleut.

Les pieds dans les glaïeuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme :
Nature, berce-le chaudement : il a froid.

Les parfums ne font pas frissonner sa narine ;
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine,
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.

 

Der Schläfer im Tal

Da ist ein Kaff im Grünen, wo ein Bachlauf singt
und närrisch an das Gras Bordüren säumt
aus Silber, wo vom Gebirge ihre Lampe schwingt
die Sonne: ein kleines Tal, lichtüberschäumt.

Ein junger Soldat, mit offnem Mund, das Haupt entblößt,
und seinen Nacken in Kresse badend, blau und kühl,
ist unter Wolken auf das Gras gestreckt und döst,
auf grüner Bettstatt bleich, wo Lichtes Schauer fiel.

Schläft, die Füße unter Gladiolen. Sein Lächeln gleicht
dem Lächeln eines kranken Kinds, sein Schlaf ist leicht:
Natur, du wieg ihn warm: Er friert.

Die Nasenflügel schwellt ihm nicht der Düfte Flut.
Er schläft im Sonnenschein, und auf der Brust ihm ruht
die Hand. Da sind zwei Löcher, wo er Blut verliert.

 

Okt 6 19

Bunte Lampen, tote Träume

Bunte Lampen, die im Winde schwanken,
trunknen Lichtes Küsse auf das Wasser
ohne Hoffnung niederweinen,
ferner Liebe knospende Gedanken,
die wie weiße Lilienblüten blasser
auf den dunklen Wellen scheinen.

Wie in Träumen gehst du hin und wider
zagend, schweigend zwischen alten Gärten
und dem totgesagten Hafen,
denkst an edler Herzen sanfte Lieder,
und die einst sie sangen, die Gefährten,
lang verklungen, lang entschlafen.

Glocken, die in goldne Nischen riefen,
sind in Meeresgrotten abgesunken,
wo sie mit den Quallen glühen,
Namen, wie verwelkt in zarten Briefen,
haben Tau von deinem Aug getrunken,
doch sie wollen nicht mehr blühen.

 

Okt 6 19

Paul Verlaine, Crépuscule du soir mystique

Aus: Poèmes saturniens

Le Souvenir avec le Crépuscule
Rougeoie et tremble à l’ardent horizon
De l’Espérance en flamme qui recule
Et s’agrandit ainsi qu’une cloison
Mystérieuse où mainte floraison
— Dahlia, lys, tulipe et renoncule —
S’élance autour d’un treillis, et circule
Parmi la maladive exhalaison
De parfums lourds et chauds, dont le poison
— Dahlia, lys, tulipe et renoncule —
Noyant mes sens, mon âme et ma raison,
Mêle, dans une immense pâmoison,
Le Souvenir avec le Crépuscule.

 

Geheimnisvolles Abendlicht

Erinnerung im Abendlicht ertrunken
glimmt auf und zittert mit dem fernen Brand
der Hoffnung, die beinah versunken
erwächst aufs neu wie eine Gitterwand
geheimnisvoll, wo manche Blume rankt
– Dahlie, Lilie, Tulpe und Ranunkel –
in Windungen sich reckt und trunken
im kranken Hauch von Düften wankt,
von schweren, schwülen, Gift, das bannt
– Dahlie, Lilie, Tulpe und Ranunkel –
die Sinne mir, die Seele und der Geist erkrankt,
mir war, da mein Bewußtsein schwand,
Erinnerung im Abendlicht ertrunken.

 

Okt 5 19

Große, weiche Tropfen

Entzündetes Gefühl,
daß Nacht von innen leuchte,
Gespenster hüpfen fort
und liebe Seelen bleiben.
Und wenn die Flamme singt
und scheue Schatten walzen,
denkst du, es ist das Glück,
wenn eine dich erwählt,
die schöner als die Rose
und süßer spendet Duft,
was ihre Lippen hauchen.
Dir hat im Tanz gelöst
das Zögern vor dem Leben
der Sturzbach ihres Haars.

Wenn aber Wolken wehen,
erblüht ein andres Licht,
ein unberührbar bleiches,
schwimmt eine Blume stumm
der Mond auf schwarzen Wassern.
Und wenn die Blume fast
ins Wasser ist gesunken,
erglänzen dir sie schon,
der Küsse zarte Schwestern,
und Traum betaut dein Lid,
wenn heiße Schläfen kühlen,
die Flamme löschen mild
die großen, weichen Tropfen.

 

Okt 4 19

Paul Verlaine, À Clymène

Aus: Fêtes galantes

Mystiques barcarolles,
Romances sans paroles,
Chère, puisque tes yeux,
Couleur des cieux,

Puisque ta voix, étrange
Vision qui dérange
Et trouble l’horizon
De ma raison,

Puisque l’arôme insigne
De ta pâleur de cygne
Et puisque la candeur
De ton odeur,

Ah ! puisque tout ton être,
Musique qui pénètre,
Nimbes d’anges défunts,
Tons et parfums,

A, sur d’almes cadences
En ses correspondances
Induit mon coeur subtil,
Ainsi soit-il !

 

An Clymene

Die auf Wellen tanzen,
wortlose Romanzen,
Liebe, deiner Augen Tau
so himmelblau,

und deine Stimme, Traum
so seltsam löst zu Schaum
und übermannt
mir den Verstand,

und duftige Finesse
deiner Schwanenblässe,
Hauch ohne Harm
weht dein Charme,

ach, dein ganzes Sein,
Musik mir flößend ein,
Auren von Engeln, lang verblichen,
aus Klang und Wohlgerüchen,

hat mit weichen Melodien
in seine Harmonien
mein zartes Herz entführt.
Dank sagt es gerührt!

 

Okt 4 19

Paul Verlaine, Sur l’herbe (II)

Aus: Fêtes galantes

L’abbé divague. — Et toi, marquis,
Tu mets de travers ta perruque.
— Ce vieux vin de Chypre est exquis
Moins, Camargo, que votre nuque.

— Ma flamme… — Do, mi, sol, la, si.
— L’abbé, ta noirceur se dévoile.
— Que je meure, mesdames, si
Je ne vous décroche une étoile.

— Je voudrais être petit chien !
— Embrassons nos bergères, l’une
Après l’autre. — Messieurs, eh bien ?
— Do, mi, sol. — Hé ! bonsoir la Lune !

 

Auf dem Rasen

Der Abbé schwadroniert. – O nein,
Marquis, dein Toupet liegt quer.
– Köstlich glänzt der alte Zypernwein,
doch, Camargo, dein Hals noch mehr.

– Meine Flamme … – Do, Ré, Mi, Fa, Sol.
– Abbé, deine Schwärze kommt zu Tag.
– Ich sterbe, meine Damen, hol
ich keinen Stern für euch herab.

– Ich möchte gern ein Hündchen sein!
– Eine jede Schäferin sei nun bedacht
mit einem Kuß. Auf, ihr Herren mein!
– Do, Mi, Sol! – Hallo, Luna, und gut Nacht!

 

Okt 3 19

Idiotenstadl

Der evangelische Pastor liegt auf dem umgitterten Bett und erzählt dem Psychiater der Klinik, in die er soeben zwangsweise eingewiesen wurde: „Plötzlich sitzt ein Schwarzer in meiner Küche und sagt, er möchte eine Kartoffelsuppe mit Einlage. Wie ist er hereingekommen? Ich glaube, die neuartige Matrix, die glücklicherweise vor einiger Zeit vom zentralen Ethikrat der Regierung zur Entlarvung der Ungläubigen, Zweifler und Defätisten in Auftrag gegeben worden ist, ging vorgestern online, und der schwarze Eindringling war eine neuro-digital gesteuerte Materialisation meiner unbewußten Ängste und bösartigen Antriebe. Aber bin ich denn ein Ungläubiger, Zweifler und Defätist? Gott bewahre! Aber doch hatte ich den unkorrekten und verwerflichen Impuls, den ungebetenen Gast ohne Federlesens hinauszukomplimentieren und mir die Suppe pharisäerhaft-alleinherrlich schmecken zu lassen; so habe ich den Strom abgeschaltet und die Leitung zu meinem Provider gekappt – da hat sich die sinistere Erscheinung ins vorgöttliche Nichts aufgelöst. Und wirklich, ich muß es gestehen, ohne die hungerstarren, meine erbärmliche Existenz vertilgenden Blicke des Schwarzen hat mir die Suppe wie einem unkeuschen Heidenkind ganz köstlich gemundet. So bin ich am Ende wohl, der pädagogisch heilsamen Wirkung des amtlichen Traum- und Gedankensimulators sei Dank, als unwürdiges Glied der Gemeinde und dumpfer Rassist bloßgestellt! Ich harre der gebührend harten Bestrafung durch die diensthabenden Organe. Seltsam, mich überkam auch gleich die Angst, weil ich dem schmählichen Wunsch nach unvermischt-kulinarischer Einsamkeit nachgegeben habe, würden mich Schergen wie die aus Kafkas Prozeß schon am nächsten Morgen aus der Wohnung abholen.“ Darauf sagt der Psychiater: „Wir haben sie doch abgeholt!“

*

Ein fetter Finanzbeamter in hellblauem Seidenhemd und einem kolossalen Adamsapfel, aus dessen Auf- und Absteigen seine Worte hervorzuquellen scheinen, sitzt in deinem Wohnzimmer und breitet seine verfänglichen Unterlagen aus. Er trägt ein Toupet aus nikotingelben Strähnen, sein Schmerbauch wölbt sich über dem Gürtel. Er nimmt von Zeit zu Zeit ungescheut einen Flachmann aus dem speckigen Jackett und setzt ihn an die zittrigen Lippen. Sein dicker Penis zeichnet sich in seiner engen Hose deutlich ab, wenn er sich gelegentlich zurücklehnt und ungehalten gähnt. Plötzlich blickt er dich aus unendlich dumm-verträumten, blau-wässrigen Augen an und indigniert dich mit dem schonungslosen, unverblümten Bekenntnis, er fühle sich eigentlich als Frau, genauer gesagt als ein schon etwas welkes Mauerblümchen und ältliche Jungfer, die noch nie einen Mann erkannt hat (so biblisch weiß er sein Intimsten an den Mann zu bringen), und er wolle von dir als eine solche angesehen und angesprochen werden. O nein, du darfst nicht lachen, grinsen, losprusten; du mußt an dich halten und ihn auf sein Geheiß „Gnädige Frau“ und „Meine Dame“ nennen, widrigenfalls droht dir eine Anzeige wegen machistisch-übergriffigen Verhaltens bei der zu neuen Ehren gekommenen Sittenpolizei, Abteilung „Gender und Phobien“.

*

Nicht mehr der Jüngste, akademisch honoris causa halbseiden bestallt, schütteres Haar, kurzsichtig wie ein Maulwurf, der lesekrank die Seiten in einem Abstand vor sich hielt, als würde er sie lecken, war er dem Wallen und Wogen, dem ozeanischen Fluten und Ebben ihrer großen, von blassen Venen marmorierten Brüste verfallen, womit sie ihn wohin immer sie wollte lockte; in das dämmernde Wäldchen, wo sie die fatalen Dessous-Sprenger wie ungeheure Schneebälle aus dem Halter rollen ließ, aber in seinen klammen Händen mochten sie nicht schmelzen, in das Strandhotel, wo er die sündhaft teure Suite, in der sie trällernd ihr Höschen verlor, im voraus bezahlen mußte, weil der Rezeptionist dem einen zersplitterten Glas in seiner Brille, auf die sie aus Koketterie wie versehentlich getreten war, mißtraute, oder in den Konzertsaal, wo sie bei der Nocturne ihm ihr betautes Auge wie eine süße Frucht aus dem Garten Eden neigte. Weil er tiefer atmete, wenn sie hingegossen neben ihm lag, zumal wenn sie schlief und ihr Mund nicht ihn in ausweglose Rätsel stürzende, reizend-überreizende Zweideutigkeiten preisgab, glaubte er, ohne sie nicht leben zu können, und weil sie ausgelassener und höher hüpfte, je mehr er lahmte und zögernder schlurfend sich durchs Leben schleppte, ihr Fleisch praller schien, je mehr er sich vegane Suppen löffelnd verzehrte, war sein Glück dunkel wie die Ringe um ihre Augen, wenn sie geruhte, nach mit Wildfremden durchtanzter Nacht ihn morgens neckisch mit einem Kuß auf den erschrocken zuckenden Fuß zu wecken. – Aber als sie ihren lockigen, von alpiner Sonne gebräunten Liebhaber mitbrachte und ihn aus jener Fassung brachte, die ihm die letzte Würde gegeben hätte, ihr nicht beim Liebesspiel voyeuristisch erhitzt und masochistisch verquält zuzuschauen, biß er ihr unwillkürlich in die Zunge, die sie ihm beim diesmal offenkundig nicht vorgespielten Höhepunkt hechelnd entgegenstreckte. Da schnellte sie empor, rannte zum Fenster, riß es auf und ließ die Inkarnationen seiner paganen Anbetung daraus baumeln, aus Leibeskräften schreiend: „Me too, me too!“ – Nein, sie wollte schreien, doch sie lispelte, lispelte.

*

Alte Frau, gebeugt, gelber Pullover, roter Lippenstift, metallisch glänzender Stock, der Griff ein krummer Vogelschnabel aus Elfenbein, mit dem sie dir mitten auf dem Gehsteig vor den Augen fuchtelt und greint: „Ich sagʼs allen, sag allen alles und das eine keinem, soll mir einer kommen, der kriegt was ab, soll mir keiner kommen, der was kriegen will, das Haus da, ein Scheißhaus, eine Kloake, die da wohnen, Scheißkerle, ich kenn sie alle, mich kennt niemand, die Kirche da, eine Latrine, die da knien und singen, haben alle Würmer im Bauch, und sie beten und singen, um die Qual ihrer Bisse zu betäuben, zur Wache gehe ich, wenn die wieder hier herumlungern und mit mir beten und singen wollen, zur Wache, die kennen mich schon, und hören die mir nicht zu, dann geh ich zu einer anderen Wache, bis sie mein Anliegen ernstnehmen und ein Löschkommando schicken, damit es die Kloake und die Latrine mit klarem Wasser ausschwemmt und reinigt, was erlauben die sich, mit mir, einzig und allein mit mir, das laß ich mir nicht länger gefallen, ich nicht! Keiner soll mir wieder kommen und sagen, er sei der Heiland, und wenn er auf meinen Kopf seine Sprüche herabsäuselt, soll er nicht so tun, als hörten die widerwärtigen Bilder von verkohlendem Fleisch auf, in meinem Kopf zu flackern und die Gedanken wie Messer von innen an der Hirnschale zu kratzen. O dieses Schrillen und Schrammen, dieses Splittern und Knirschen, als würde ich langsam von innen zersägt und zerschlitzt! Dieser hundsföttische Messias hatte eine Fahne und stank aus der Hose, ich habe ihm den Schnabel meines Stocks in den Anus gesteckt, doch der liebe Gott, sein Vater, ist der hiesige Anstaltsleiter, der mir eine Maske aus Chloroform umlegen ließ, in der das verkohlende Fleisch verdunstete und die Messer schmolzen. Aber das Kratzen und Sägen hörte nicht auf, hört nicht auf. Nie wieder halte ich den Kopf hin, nie wieder soll ein Großsprecher darauf spucken!“

 

Okt 2 19

Stumme Glocke Herz

Weiche Wasser auf den Matten,
auf den Wangen bunte Lichter
sind zerronnen, sind erloschen,
auch die Düfte, lilienselig,
und die andern, schwermutvollen,
gelber Rosen, weißen Flieders,
sind im Sommerdunst verraucht.

Und was du gehaucht, geatmet,
mit den Lippen angefeuchtet
wie die Marken zarter Briefe,
kleine Verse, Kosenamen,
süßer Lieder köstliche Brocken
hat die Amsel oder Taube
aus dem hohen Gras gepickt.

Wie du ihr das Sommerhütchen
aus der Stirne schobst und Funken
streuten ihre Haare heiß ins
knisternde Goldstroh deines Herzens,
Tropfen waren eure Worte,
die wie Tau von großen Rosen-
blättern auf den Schlummer grünen
Teichs verklingend niederfielen,
Echos eines kaum geahnten,
veilchenrot gefleckten Fühlens,
Wolken, die am Abendhimmel
Lichtes Küsse lösen, weicher
Halme Beugen vor dem Wind.

All die Bilder sind verblichen,
Blüte fiel und Sommers Purpur-
früchte wurden in der irdnen
Schale fahl und ganz verrunzelt,
Halm und Gras und Teich verdorrten,
und kein Echo weiß von Fernen,
wo ein Kamm in weißen Haaren
zittrig langsam niederfahrend
keine Funken je erweckt.

Wie im Trog die Mücke sinnlos
über herbstlich faule Blätter
hin und wider eilt und findet
keinen Ausgang, ist dein Fühlen,
und dein Herz ist eine Glocke,
ein Betrunkner zerrt am Seile
rasend, und sie schwingt im Leeren,
längst zerbrach der morsche Klöppel,
und so bleibt sie stumm, bleibt stumm.

 

Okt 1 19

Paul Verlaine, Va, chanson, à titre-d’aile

Aus: La bonne chanson

Va, chanson, à titre-d’aile
Au-devant d’elle, et dis-lui
Bien que dans mon coeur fidèle
Un rayon joyeux a lui,

Dissipant, lumière sainte,
Ces ténèbres de l’amour :
Méfiance, doute, crainte,
Et que voici le grand jour !

Longtemps craintive et muette,
Entendez-vous ? La gaîté,
Comme une vive alouette,
Dans le ciel clair a chanté.

Va donc, chanson ingénue,
Et que, sans nul regret vain,
Elle soit la bienvenue
Celle qui revient enfin.

 

Fliege, Lied, du hast ja Flügel,
vor sie hin und tu ihr kund,
fiel auf Herzens Treuesiegel
mir ein Strahl auch, freudig-bunt,

heilig Licht, er ist umfangen
von Liebesdüsternissen ganz:
Argwohn, Zweifel, Bangen,
das ist meines Tages Glanz!

Du von stummer Angst umgattert,
hörst mich noch? Die Freude sang
wie die im hellen Himmel flattert
die Lerche schon so lang.

Auf, Lied, von Herzen gieße Süße,
und Reue trübe nicht das Glück,
wenn ich sie in die Arme schließe,
sie, die endlich kehrt zurück.

 

Sep 30 19

Paul Verlaine, Marine

Aus: Poèmes saturniens

L’Océan sonore
Palpite sous l’oeil
De la lune en deuil
Et palpite encore,

Tandis qu’un éclair
Brutal et sinistre
Fend le ciel de bistre
D’un long zigzag clair,

Et que chaque lame,
En bonds convulsifs,
Le long des récifs
Va, vient, luit et clame,

Et qu’au firmament,
Où l’ouragan erre,
Rugit le tonnerre
Formidablement.

 

Seestück

Dröhnend der Ozean
unterm Aug erschauert
eines Monds, der trauert,
und er wogt heran.

Da kratzt ein Blitzschlag
roh und schicksalswild
auf Himmels rußiges Bild
ein langes, helles Zickzack,

und jede Welle weit
zuckt in Wahnes Griffen
längs Korallenriffen,
ebbt, steigt, blinkt und schreit,

und am Himmelszelt,
wo Orkane rollen,
zieht das Donnergrollen
bis ans Ende der Welt.

 

Sep 29 19

Paul Verlaine, Es-tu brune ou blonde ?

Aus: Chansons pour elle

Es-tu brune ou blonde ?
Sont-ils noirs ou bleus,
Tes yeux ?
Je n’en sais rien mais j’aime leur clarté profonde,
Mais j’adore le désordre de tes cheveux.

Es-tu douce ou dure ?
Est-il sensible ou moqueur,
Ton coeur ?
Je n’en sais rien mais je rends grâce à la nature
D’avoir fait de ton coeur mon maître et mon vainqueur.

Fidèle, infidèle ?
Qu’est-ce que ça fait,
Au fait
Puisque toujours dispose à couronner mon zèle
Ta beauté sert de gage à mon plus cher souhait.

 

Bist brünett du oder blond?
Sind deine Augen dunkel
oder Karfunkel?
Ich weiß es nicht, ich mag es, wenn ihr Leuchten mich besonnt,
Ich schwärme, streut in ihre Wirrnis Wind Gefunkel.

Bist weich du oder stur?
Bist du charmant
oder mokant?
Ich weiß es nicht, doch dank ich der Natur,
die dein Herz zum Herrn und Sieger über mich ernannt.

Treu oder untreu?
Was macht das schon,
was schon,
bekränzt doch meinen Eifer immer neu
deine Schönheit, meines höchsten Wunsches Lohn.

 

Sep 28 19

Die Amsel singt

Die lange glomm
an nächtlicher Wimper,
die unbewußte Träne
gleitet ungefühlt
in den grauen Tag,
wenn du erwachst.

Die Amsel singt,
wenn bei offenem Fenster
du mit der Zeitung raschelst,
die Amsel singt,
wenn scharf geschossen wird
im Sonntagabendkrimi,
singt sie noch.

Wenn du mit dem Kamm
dir durch die Haare fährst,
schwebt der Staubfaden
eines Löwenzahns herab,
den keiner sieht, du nicht,
und nicht das Hündchen,
das unterm Hocker döst.

Wenn du mir müde sprichst
vom Staub des Tags,
der sich auf Herz und Blätter legt,
hör ich ein fernes Wasser rieseln,
doch geht es in die Irre stets
und mag den Staub uns nicht
von Blatt und Herzen lösen.

 

Sep 28 19

Paul Verlaine, Dans l’interminable ennui (II)

Aus: Romances sans paroles

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.

Comme les nuées
Flottent gris les chênes
Des forêts prochaines
Parmi les buées.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la Lune.

Corneille poussive
Et vous, les loups maigres,
Par ces bises aigres
Quoi donc vous arrive?

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable.

 

Im weiten Land
unendlich beklommen
leuchtet verschwommen
der Schnee wie Sand.

Kupfern der Horizont
und völlig bleich.
Als lebte der Mond
und stürbe zugleich.

Wie Wolken trunken
treiben die Eichen fort
aus den Wäldern dort
in Dünste versunken.

Kupfern der Horizont
und völlig bleich.
Als lebte der Mond
und stürbe zugleich.

Krächzende Krähe,
und ihr Wölfe, so dürr,
in Sturmes Geklirr
was sehrt eure Nähe?

Im weiten Land
unendlich beklommen
leuchtet verschwommen
der Schnee wie Sand.

 

Sep 28 19

Paul Verlaine, Les indolents

Aus: Fêtes galantes

- Bah ! malgré les destins jaloux,
Mourons ensemble, voulez-vous ?
- La proposition est rare.

- Le rare est le bon. Donc mourons
Comme dans les Décamérons.
- Hi ! hi ! hi ! quel amant bizarre !

- Bizarre, je ne sais. Amant
Irréprochable, assurément.
Si vous voulez, mourons ensemble ?

- Monsieur, vous raillez mieux encor
Que vous n’aimez, et parlez d’or;
Mais taisons-nous, si bon vous semble !

Si bien que ce soir-là Tircis
Et Dorimène, à deux assis
Non loin de deux sylvains hilares,

Eurent l’inexpiable tort
D’ajourner une exquise mort.
Hi! hi! hi! les amants bizarres !

 

Die Trägen

„Pah! Heißt unser Sternbild auch Verderben,
wollen wir nicht zusammen sterben?“
„Welch seltener Vorschlag das nun war.“

„Selten, aber gut. Verlassen wir die Zone
wie die Liebende im Dekamerone.“
„Ha, ha, ha, Ihre Liebe ist recht sonderbar!“

„Sonderbar, mag sein. Liebe ja,
ohne Makel, fest und nah.
Sterben wir also, wenn Sie mögen?“

„Mein Herr, mehr als Liebe beschert
Spott ihr Wort, ist es auch Goldes wert.
Schweigen wir aber, wenn Sie mögen!“

Schließlich lehnen abends noch lange
Thyrsis und Dorimene Wange an Wange,
nicht weit von einem heiteren Elfenpaar,

und verpaßten, unsühnbarer Tort,
ihren herrlichen Liebesmord.
Ha, ha, ha, wie ist die Liebe sonderbar.

 

Sep 27 19

Paul Verlaine, L’allée

Aus: Fêtes galantes

Fardée et peinte comme au temps des bergeries
Frêle parmi les noeuds énormes de rubans,
Elle passe sous les ramures assombries,
Dans l’allée où verdit la mousse des vieux bancs,
Avec mille façons et mille afféteries
Qu’on garde d’ordinaire aux perruches chéries.
Sa longue robe à queue est bleue, et l’éventail
Qu’elle froisse en ses doigts fluets aux larges bagues
S’égaie un des sujets érotiques, si vagues
Qu’elle sourit, tout en rêvant, à maint détail.
- Blonde, en somme. Le nez mignon avec la bouche
Incarnadine, grasse, et divine d’orgueil
Inconscient. – D’ailleurs plus fine que la mouche
Qui ravive l’éclat un peu niais de l’oeil.

 

Die Allee

Grell angemalt wie zur Zeit der Schäfereien,
zart unter Haares Knoten übergroß,
durchwandelt sie der Bäume Schattenreihen
in der Allee, wo grünt auf alten Bänken Moos,
mit Getue ohne Ende und mit Zierereien,
wie bei süßen Sittichen zu zweien.
Ihr geschweiftes Kleid ist blau, der Fächer,
den ihre dünnen Finger knüllen, schwer beringte,
wirbelt Liebesszenen auf, so leicht beschwingte,
daß sie lächelnd schweift durch diese, jene Gemächer.
Alles in allem, blond. Stupsnase, blaßrot der Mund
und üppig, an geheimem Hochmut göttergleich.
Indes, nicht wie der Schönheitsfleck so rund:
der macht den etwas stumpfen Glanz des Auges weich.

 

Sep 27 19

Paul Verlaine, Les ingénus

Aus: Fêtes galantes

Les hauts talons luttaient avec les longues jupes,
En sorte que, selon le terrain et le vent,
Parfois luisaient des bas de jambes, trop souvent
Interceptés ! – et nous aimions ce jeu de dupes.

Parfois aussi le dard d’un insecte jaloux
Inquiétait le col des belles sous les branches,
Et c’était des éclairs soudains de nuques blanches,
Et ce régal comblait nos jeunes yeux de fous.

Le soir tombait, un soir équivoque d’automne :
Les belles, se Pendant rêveuses à nos bras,
Dirent alors des mots si spécieux, tout bas,
Que notre âme depuis ce temps tremble et s’étonne.

 

Die Unbedarften

Die hohen Absätze kämpften mit langen Röcken,
und solcherart, je nach Pfützen und Windeshauch,
blitzte manchmal ein Bein hervor, war öfters auch
emporgeschnellt! – Wir ließen gerne uns so necken.

Dann kam mit ihrem Stachel eifersüchtig angeschwirrt
eine Mücke zum Hals der Schönen unter Zweigen,
welch jähe Blitze, wenn sich weiße Nacken neigen,
welcher Schmaus für junge Augen, die Narrheit kirrt.

Der Abend sank herab, Herbst warʼs, dem er glich:
Die Schönen neigten träumend sich auf unsern Schoß
und sprachen so sonderbare Worte, so atemlos,
seitdem zittert unsere Seele und wundert sich.

 

Sep 27 19

Paul Verlaine, Dans la grotte

Aus: Fêtes galantes

Là ! Je me tue à vos genoux !
Car ma détresse est infinie,
Et la tigresse épouvantable d’Hyrcanie
Est une agnelle au prix de vous.

Oui, céans, cruelle Clymène,
Ce glaive, qui dans maints combats
Mit tant de Scipions et de Cyrus à bas,
Va finir ma vie et ma peine !
Ai-je même besoin de lui
Pour descendre aux Champs Élysées ?
Amour perça-t-il pas de flèches aiguisées
Mon coeur, dès que votre oeil m’eut lui ?

 

In der Grotte

Dort mach ich Schluß, vor dir im Schlamm!
Weil ich unendlich elend bin,
Hyrkaniens schreckliche Tigerin
ist im Vergleich zu dir ein Lamm.

Ja, grausame Clymene, sei bereit,
dies Schwert, das in mancher Schlacht
manchen Scipio und Kyrus niedergemacht,
wird mein Leben enden und mein Leid!
Meinst du, ich würde es gezückt
die Champs Élysées hin und wider eilen?
Hat Amor nicht mein Herz mit spitzen Pfeilen
durchbohrt, seit dein Auge mich entzückt?

 

Sep 26 19

Paul Verlaine, Il ne me faut plus qu’un air de flûte

Aus: Epigrammes

Il ne me faut plus qu’un air de flûte,
Très lointain en des couchants éteints.
Je suis si fatigué de la lutte
Qu’il ne me faut plus qu’un air de flûte
Très éteint en des couchants lointains.

Ah, plus le clairon fou de l’aurore !
Le courage est las d’aller plus loin.
Il veut et ne peut marcher encore
Au son du clairon fou de l’aurore :
C’est d’un chant berceur qu’il a besoin.

La rouge action de la journée
N’est plus qu’un rêve courbaturé
Pour sa tête encor que couronnée,
Et la victoire de la journée
Flotte en son demi-sommeil lauré.

Femme, sois à ce héros, qui bute
D’avoir marché sans cesse en avant,
L’huile sur son corps après la lutte :
- Plus du clairon fou : la molle flûte !
La paix dans son coeur dorénavant.

 

Mich verlangt nur nach der Flöte Lied,
aus Fernen von erloschner Abendglut.
Ich bin des Kampfes müd.
Mich verlangt nur nach der Flöte Lied,
aus Fernen von erloschner Abendglut.

Ach, nicht der Morgenröte irres Horn!
Der Mut zu fernen Zielen, er entflieht.
Er will und kann nicht mehr nach vorn,
ertönt der Morgenröte irres Horn:
Ihn verlangt nach einem Wiegenlied.

Des Tages Tat, blutrot beglänzt,
sie ist ein Traum nur, der zerbricht
an ihrem Haupt wiewohl bekränzt,
der Sieg, der sie ergänzt,
zerfranst in Lorbeers Dämmerlicht.

Weib, sei dem Helden, den es graut
nach diesem Rennen ohne Sinn,
das Öl der Kämpfer auf der Haut:
Nicht irres Horn mehr: Flötenlaut!
Der Friede seinem Herzen fürderhin.

 

Sep 26 19

Paul Verlaine, Croquis parisien

Aus: Poèmes saturniens

La lune plaquait ses teintes de zinc
Par angles obtus.
Des bouts de fumée en forme de cinq
Sortaient drus et noirs des hauts toits pointus.

Le ciel était gris. La bise pleurait
Ainsi qu’un basson.
Au loin, un matou frileux et discret
Miaulait d’étrange et grêle façon.

Moi, j’allais, rêvant du divin Platon
Et de Phidias,
Et de Salamine et de Marathon,
Sous l’oeil clignotant des bleus becs de gaz.

 

Pariser Skizze

Der Mond preßte seine zinkgetönten Bahnen
zu engen Fächern.
Wie zu einer Fünf verdrehte Rauchfahnen
stiegen dicht und dunkel über hohen, spitzen Dächern.

Der Himmel war grau. Windes Laute,
Fagott-Gejammer gleich.
Ein Kater, verfroren und scheu, miaute
so seltsam in der Ferne, so weich.

Ich aber ging und träumte vom göttlichen Platon
und von Phidias,
von Salamis und von Marathon,
und das Auge zuckte vor blauen Schnäbeln aus Gas.

 



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