Jack und Pudelinchen
Mein holdes Pudelinchen
wackelt mit dem Büschel
auf glatt rasiertem Schweif,
reckt mir Liebe äugelnd
das Kugel-Köpfchen
mit dem blauen Band
und seiner ondulierten
Hochfrisur.
Doch der kleine Jack,
der süß gefleckte Russell,
springt feldein, feldaus,
saust und braust und
flitzt und blitzt,
jagt dem roten Bällchen nach,
schnappt den Tannenzapfen,
legt hechelnd mir zu Füßen,
was er Tolles fand.
Geht es an die Leckerli,
streckt Jack Russell mir
das Pfötchen
ziemlich lustlos hin.
Aber Pudelinchen, diese
Grazie auf vier Beinen,
sitzt auf ihrem Hinterteil
aufrecht wie ein Kätzchen,
strampelt mit den Vorder-
pfoten und das Zünglein,
und das rote Zünglein
schlabbert so apart.
So macht Pudelinchen
vor mir artig Männchen,
ist sie auch ein Mädchen.
Warst du nie gestillt?
Warst du nie am Saum der Nacht,
wo den nackten Fuß dir Gras betaute,
warst du nie gestillt?
Vom weichen Pfad und Früchte-Prangen,
vom Spalier der Dämmerung,
wo Traubenkugeln glühten
und Säfte gärten unter Farnen,
zog ein beißender Geruch mich in die Ferne,
dort sprühte es geheimnisvoll,
auf sanften Hängen stoben Funken,
in weißen Wolken tönte ein Geläut.
Gab kein Schatten unter Zweigen,
die dem schwülen Brüten wehrten,
gab kein Schatten Aufenthalt?
Aus den Blättern blickten Augen,
und sie waren himmelblau,
mahnten mich an stumme Tränen,
in den Blättern raunten Stimmen,
und sie waren mütterlich,
waren Klagen ohne Trost.
Hat dir nie um Mitternacht
das Diadem die Stirn gekühlt,
dich nie erfüllt die Sternennacht?
In dem Gewimmel fand ich
der mir zugesagt den Stern,
der Liebe Stern nicht wieder,
und zwischen all den Tropfen
blindlings verschütteter Milch
stopfte der tote Abgrund
mir den Mund mit schwarzem Samt,
mich schmerzte wie auf dunklem Wasser,
die fremder Lüfte Lippen rupfen,
weißer Lilien Einsamkeit.
Die Seele
Die Seele liegt hell ausgebreitet,
ein Nebelschleier auf dem Maar,
er weht, wenn Sonne herrisch schreitet,
und schauert hin, wird unsichtbar.
Sie schwirrt mit Mücken auf dem Teich
und tönt im Schrei der Eule wieder,
aus blauem Duft ihr Feenreich
reißt sie mit Hagels Nägeln nieder.
Ihr glückt am Mund der Rose Hauchen,
sie wird auf Grases Wogen Schoß,
und wenn das Haupt die Schwäne tauchen,
verrinnt ihr Leid wie Tau im Moos.
Die wirren Ranken am Gitter
Die wirren Ranken am Gitter
deines langen Zagens
rührt ein grauer Hauch,
rote Trauben hängt
ein wehes Glimmen
in der Dämmerung Laub.
Wie Mooses zarte Wurzeln,
die zum Mund der Erde drängen,
sagen schlaftrunkene Fühler
deiner namenlosen Seele
dem fremden Mond im Tau,
den schüchtern sie betasten,
vom Tag aus Glanz und Schmerz.
Der Strom wälzt deinen Traum
in schwarzen Blättern fort,
in ausgesungenen Blüten,
am Ufer mähen Schattengras
des Frührots Purpurklingen.
Dichters Laune
Dichter, der sich süße Worte,
herbe auf der Zunge
zergehen läßt wie ein Bonbon,
und sind sie weggeschmolzen,
schmeckt er sich ins Schweigen
noch ein Weilchen nach,
doch die am Gaumen kleben,
wie bittere Rätsel brechen,
wie hohle Muscheln ins Vage schäumen,
spuckt er wieder aus.
Dichter, der in Windes Halmen
Rhythmen buchstabiert,
das Schauern von Blättern,
das Zittern von Tropfen
metrisch prüft und auf der Spitze
des Herzens ein Knöchlein balanciert,
das in der Nachtluft wunderlich ertönt,
der geduckt in eine Laube
schwarzer Flammen
das Lispeln der Echse,
das Todesröcheln eines Molchs
aufs transparente Porzellan der Verse malt.
Dichter, der das Erbrochene
großer Menschheitslügen
am Saum des Höllenpfads
durch den Garten der Lüste
gnädig zudeckt mit Stroh
und Mulch und Schnipseln
verworfener Klagen,
und klopft ein Retter an die Pforte
seiner Klause am jähen Riff
des tosenden Meers
der Weltgeschichte,
ein Gauner erigierter Güte,
ein Bettler um abgegriffene Münzen
mit dem Emblem des Palmblatts,
öffnet er das Fenster und schüttet
den Urin von säuerlichen Epigrammen
dem Lüstling der Übertretung
moosbedeckter Tränen-Schwelle
ins staunende Gesicht.
Die Mücke
Das Gurgeln des Wassers in der Nacht,
das wirre Tasten des Scheinwerfers
auf der schmalen Uferstraße,
und was dort auf den Wellen schwebt,
ein Flügel, der sein weißes Seufzen trinkt,
ein schwarzer Ast, der nicht mehr grünt,
ist wie ein Traum des alten Stroms.
Auf dem Nachttisch gilbend hingeneigt,
die kaum mehr duftet, Rose,
das Andachtsbild aus Vallendar,
getrübt von Tränenblicken
aus umrankten Gittern des Gebets
das Lilien-Lächeln für das Kind,
und über die Schwelle sickert hin
der gelbe Schaum des Sterbelichts.
Kein Fittich ist, der deckt zu Häupten
und zu Füßen den Abgrund
zwischen Angst und einem kargen Streifen
von schon nicht mehr heimatlichem Moos
den Leib, der ungefragt ins Ausland kam,
wo Wunden Rätsel reden.
Ihr Atem kommt und geht,
ihr Atem geht und kommt, drängend,
zögernd, hastender, zagender,
ein Kind, ein scheues Mädchen,
das in den Hain der Wälder flieht,
aus kühler Quelle Trost zu trinken,
und kehrt getröstet wieder heim,
ein Kind, das in den Garten geht,
und eilt mit seinem kleinen Korb,
gefüllt mit Frucht und Beeren,
ins Elternhaus zurück,
bis sich der Hain mit Schatten schließt,
es wuchert Schilf um jenen Glanz,
bis ihm das Wasser nicht mehr rauscht,
der Garten ist von Dickicht überstickt,
es hängt mit dem geblümten Kleid
das Kind an Dorn und Stacheln fest.
Die graue Mücke Seele schwirrt
im scharfen Dunste von Urin
und abgestandner Traumesluft
an der Fensterscheibe auf und ab,
sie sirrt, erstarrt und sirrt,
sie sucht den Halt an einem Bild,
das ihr der Rhein entgegentrüg,
wie über Wellen hingegossne
bunte Festlichkeit
von einem weißen Schiff,
wo heller Jugend Anmut singt
und zarte Haut im Mond erglänzt wie Schnee,
und dort mit seinem losen Schal,
mit Rosen fein bestickt,
ein schwarzgelocktes Mädchen winkt.
Sie findet keinen Halt und fällt.
Die Mücke kehrt man in der Früh
im rot durchsonnten Zimmer auf.
Glänzt noch an losen Büscheln
Glänzt noch an losen Büscheln
nächtlichen Wehens,
an Fäden luftiger Wurzeln
ein süßer Tropfen, dein Wort?
Er rann schon hin und schmolz
im Morgendunst des Asphalts.
Konnte länger nicht zögern
wie Träne an fühlender Wimper
der Mond im Gezweig deines Lieds?
Er fiel im Amselgeschrei
in die ölige Lache des Tags.
Senkt sich nieder nicht mehr,
dunkles Schluchzen zu trinken,
der bebende Falter, dein Kuß?
Ihn wirrte Wehmut im Duft,
er zittert am Honig des Lichts.
Wie lange sinnt der Keim
Wie lange sinnt der Keim
im dunklen Grund,
bevor der grüne Stiel
ins Freie bricht.
Die Wolken ziehen schnell,
das Wasser ruht,
ihr Bild ist lichter Schaum,
der sanft vergeht.
Das giftgetränkte Wort
ist wie ein Pfeil,
den Flaum des Abendlieds
durchsickert Blut.
Wie langsam reift im Obst
das süße Fleisch,
die Knospe träumt den Duft
der Dunkelheit.
Die Schauer kommen wild,
das Moos hält still,
ihr Ungestüm wird Glanz
am Schieferdach.
Das wurmzerfressne Wort
steckt wie die Frucht
die Schwestern gärend an,
bis jede fault.
Distichen, herb und hold
Krank ist ein Mensch, der seine Laster zur Schau stellt,
ohne Würde ein Volk, das seine Lästerer ehrt.
*
Singen, sagt man, sei ein Zeichen glücklicher Menschen,
aber was hörst du hier? Kreischen, Gejohle, Gekrächz.
*
Nektar troff die sapphische Weise, sie aber schlürfen
bitteren Geifer mit Lust, Widersinn hebt sie empor.
*
Über Wände, kahl und zeichenlos, huschen die Schatten,
aber sie nennen es Spiel, bis sich die Flamme verzehrt.
*
Grazien sind verbannt von den blutig triefenden Brettern,
Anmut steht unter Verdacht, seelisch verkrüppelt zu sein.
*
Liebe, sie leuchtet wie Schnee und kitzelt mit schmelzenden Flocken
Wimpern dunkelnden Blicks, Tropfen des sinkenden Lichts.
*
Liebe, Tau für die Seele, flatternd um dämmernde Rosen,
Träume suche im Glanz, der an den schlafenden rinnt.
*
Seelen, Bienen der Nacht, verweht in verwilderte Gärten,
in der Barke des Monds leuchten euch Waben des Schlafs.
*
Seid ihr Gespenster des Wassers, Phantome des Schnees, ihr
Schwäne, umgeisterter Flaum, gleitet in Stille davon.
*
Blitzen die Augen, spitzt sie schelmisch die Lippen, verwehrt ihm
Küsse auf Wange und Mund, liebender hüpft ihr das Herz.
*
Schlafe, schlaf, mein Kind, auf warmen Singsangs gebauschten
Kissen, mit Federn gefüllt, Schwingen des luftigen Lieds.
Der einsame Engel
Wie am öden Kindergrab
der Engel einsam steht.
Sein Trauern wurde Patina,
die Seele auch vergeht.
Ihm rauscht kein Flügel sacht,
und keine Flamme hebt
er aus der grauen Nacht,
daß sie durchs Dunkel schwebt.
Er hält in einer Hand
die Lilie so beherzt.
Der Lilie Duft entschwand,
die Blüte ist geschwärzt.
Doch schenkt er dunkle Hut
in seines Busens Loch
dem Spatz und seiner Brut,
die haben Hoffnung noch.
Die grüne Aussicht ging verloren
Die grüne Aussicht ging verloren,
der Wimpernschlag des schönen Blicks.
Der Most der Schmerzen ist vergoren,
herb schmeckt der Wein des kargen Glücks.
Verschollen sind die lichten Knospen,
der Astern Augen zugetan.
Der Weide Haar graut auf den Wogen,
Gespenst des Wassers, fahler Schwan.
Du flehst um Tau, dem Glanz zu dienen,
und tastest dürres Brunnenmoos.
Auf leeren Waben schlafen Bienen,
stumm nun der süß umsummte Schoß.
Alles sagt die Nacht
Alles sagt die Nacht. Was unsichtbar,
weht Seele dir im Duft.
Nacht weiß Älteres als Tag.
Das Wasser spricht im Traum.
Stille ist ein bleicher Mond,
ein Moos, das dunkel tropft.
Alles sagt der Stein. Was untertags,
den Wurm hat er gewärmt.
Sage, die von innen glüht,
ein Rosenblatt versank.
Geh zur Lichtung, preß das Ohr
auf heimatlichen Löß.
Hörst du noch das Hirtenlied,
das Tröpfeln der Schalmei?
Geh ans Fenster, leg die Stirn
ans überhauchte Bild.
Denkst du noch die Augen sanft,
das Lächeln eines Kinds?
Alles sagt der Glanz, der so scheu
von deiner Wimper rinnt.
Hier ist schon Seufzens Flaum
Hier ist schon Seufzens Flaum
über Nebel-Hecken hingeweht.
Geträuf von abgeschmolzner Klage
küßt dir des Morgens Wiese hell.
Gefieder hebt sich aus dem Dunst,
mit kleiner blauer Augen Samt-Getupf.
Ist Rascheln noch im Schilf des Schlafs,
zupft schon ein Wind das wache Gras?
Der Strahl reißt dir den Schleier los,
Gespinst der starren Spinne Nacht.
Sie glüht, die lange dein geharrt,
Rose glüht dich an und Tulpe schwingt.
Bist allein nicht mehr, so Heimat dir,
wie Lindenblatt ein Schwesterherz zufliegt.
Und rauscht von Abschied Wasser stets,
die Lerche singt verzückt im Abendrot.
Unterreich
Dunkel knirscht das Unterholz,
die Spreu von Schuld und Gram,
auf immerdar verflucht,
im eignen Dung zu wühlen,
lichtscheue Assel,
Wurm im Lebenssatz,
von weichem Kot beglänzt,
Aas für Geier und Schakal,
zerfressner Erde Herz
in Mulch und Angstgestrüpp.
Hier seufzt ein Wasser schwarz
mit faulicht ausgehauchtem Strunk,
der blöde auf ihm schwappt.
Aus wirren Wurzeln schwitzt
in das Gerank der Schatten
braunen Klage-Taues Gift.
Des Auges Ei zerhackt
der Schnabel böser Blicke,
ja eigner Blicke Messer
metzelnd kehrt zurück,
der weiche Dotter,
noch warm vom Brüten
mütterlicher Liebe,
fließt aus, fließt aus.
Keucht hier noch eins,
so unterm Würgegriff
des Unsagbaren,
zischt hier noch eins,
so aus dem Mund von Rauch,
der schwarzen Viper Nest.
Woraus die Rose spricht
ihr Purpurwort ins Blau,
den Humus des Verwesten
durchstochert
hager wie ein Eremit
der Bettel-Finger
unerlösten Schweigens.
Verstehen und Erklären
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Was wir verstehen, können wir meist nicht erklären, und können wir es erklären, wird unser Verständnis deshalb nicht notwendig vertieft.
Wir hören einen Mißklang in einer Melodie und den Wohlklang eines Goetheschen Verses, wir sehen die farbliche Harmonie in einem Gemälde von Vermeer oder Franz Marc, ohne uns explanatorische Rechenschaft über unseren ästhetischen Eindruck geben zu müssen oder zu können.
Wir wissen, was einer meint, der uns nach der Zeit fragt, ohne über eine physikalische Theorie der Zeit zu verfügen.
Ein farbenblinder Physiker kann eloquent über die Brechung des Lichts und das dabei auftretende Farbspektrum dozieren, aber nicht über das, was Goethe die sittliche Wirkung der Farben nannte.
Der Astronom erklärt die Entstehung von Sternen und Galaxien, nicht aber der Welt, in der wir leben.
Die Physiologie des Gehörs und der neuronalen Verarbeitung der akustischen Wahrnehmung erklärt nicht den Sinn des einfachen Sprechakts der Aussage, Frage oder Aufforderung.
Wir verstehen, warum das Kind weint, wenn es sich am glühenden Herd die Finger verbrannt hat, und ebenso, warum die Frau den Mann anschreit, der sie betrogen hat. Doch handelt es sich um zwei unvergleichliche Zusammenhänge, einen kausalen und einen psychologischen. Die Frau könnte auch, anders als das Kind, in einem grollenden oder dumpfen Schweigen erstarren.
Wir erklären die Verfinsterung des Mondes durch seine Stellung zu Erde und Sonne, also unter erklärender Zuhilfenahme eines astronomischen Modells; wenn sich aufgrund deiner abfälligen Äußerung das Gesicht deiner Freundin verfinstert, verstehst du dies unmittelbar, ohne Zuhilfenahme von wissenschaftlichen Hypothesen.
Phänomene, die wir als sinnvoll betrachten, können wir nicht mittels Anwendung von Hypothesen oder Theorien erklären.
Wenn der neurowissenschaftlich fehlgeleitete Philosoph das von uns als schön erachtete aufgeschlagene Rad des Pfaus mit dem evolutionären Vorteil der Attraktivität des Hahns für die Verbreitung seiner Gene erklärt und daraus eine allgemeine Hypothese über den Sinn und Wert künstlerischer Schönheit glaubt ableiten zu können, verwechselt er ästhetische Schönheit, die nichts Objektives oder Gegenständliches meint, mit sinnlichen Reizen und grellen Effekten und beweist damit sein Banausentum in Sachen Kunst.
Erklärt man Kunst als Form sinnlicher Überwältigung, wäre Pornographie ihr letzter Schrei.
Verstehen ist das Lebenselement des zu sich selbst erwachten Bewußtseins oder Selbstseins, das sich in einem Medium wie dem gestischen und mimischen Ausdruck oder der Sprache mehr oder weniger deutlich zu erkennen gibt und transparent wird.
Einer mag sich unter der Maske eines Jargons verstecken, ja unter der Maske einer Sprache, die gleichsam über sein wahres Gesicht gewachsen ist, vor sich selbst verborgen bleiben.
Das Kind malt die Sonne als lachendes Gesicht. Wir sagen, es atmet die freie Luft des metaphorischen Verstehens.
In der Welt der Moleküle oder der Neuronen gibt es kein Bild.
Es bezeugt ein sprachliches Mißverständnis und den Mißbrauch einer Metapher oder Analogie zu sagen, das Gehirn interpretiere die visuelle Information als ein Bild und die akustische Information als eine Frage oder Warnung.
Innerhalb der Physik oder Biologie können wir die Schwelle zum Sinn nicht überschreiten.
Wir sagen, wir seien uns sicher oder gewiß, warum unser Freund ein finsteres Gesicht macht, aber wir können es nicht in dem Sinne wissen, wie wir wissen, weshalb sich der Mond verfinstert.
Wir bedürfen keiner erklärenden Hypothesen über das Seelenleben unseres Gegenübers, um zu verstehen, was er sagt.
Wenn die Fensterklinke verrostet ist und wir das Fenster nicht öffnen können, achten wir auf die Widerspenstigkeit des Dings, das uns ansonsten unter dem trüben Fluß des alltäglichen Weltumgangs verborgen bleibt.
Der Sonderling liebt es, den lichten Raum des Gesprächs mit Brocken seltsamer, sperriger oder abstruser Redewendungen zu verdunkeln, die er dann auf unsere Bitten hin wie voll Mitleid mit unserer Begriffsstutzigkeit durch langatmige und tautologische Erklärungen gnädig wieder ausräumt.
Die Transparenz der Zeichen in Gesten und sprachlichen Äußerungen, Gepflogenheiten und Riten auf einen geteilten Horizont verständlichen Sinns ist das Charakteristikum einer gemeinsamen Kultur.
Seelische Gebrechen und Geisteskrankheiten sind Krankheiten des Sinnverstehens.
Der Paranoiker, der wähnt, man wolle ihn vergiften, steht mit einem Fuß außerhalb der gemeinsamen Kultur, wenn wir die Tischgemeinschaft als eines ihrer stärksten Symbole auffassen.
Der geregelte Austausch von Gesten, Zeichen, Dingen ist die Grundlage gemeinsamer Kultur. Die Regel ist das Quidproquo, daß ich deine Frage beantworte, deine berechtigte Forderung begleiche, mein Versprechen einlöse. Aus der auf Dauer gestellten Regel erwächst die Sitte, die Sitte sondert gleichsam aus dem weichen Fleisch fließender Verständigung die Muschelschale des Rechts und der Rechtsüberlieferungen ab.
Wir können die Vielfalt des Sprachgebrauchs, der Sitten und Gebräuche nicht in der Weise systematisch klassifizieren und rubrizieren, wie es der Botaniker Linné mit den Pflanzen getan hat.
Der Mann kann seiner Frau nicht damit kommen, er lebe polygam, weil er auf diese Weise seine Gene besser verbreiten könne; die Frau kann ihm nicht sinnvoll erwidern, sie bestehe auf einer monogamen Beziehung, weil auf diese Weise das Wohl ihrer Kinder ein sicheres Haus und Dach habe. Der Wille (oder Unwille) zur Einehe kann nicht als evolutionäre Anpassung erklärt werden, sondern ist ein Ausdruck gewünschter kultureller Veredelung (oder Verrohung) der intimen Beziehung von Mann und Frau.
Die Sprache kann nicht aus der Funktion zur Verständigung in kooperierenden Gruppen erklärt werden; unter Bienen funktioniert diese Kooperation mittels chemischer Signale ohne semantischen Gehalt – und so ohne die Gefahr all jener Mißverständnisse und falscher Deutungen, mit denen wir uns abquälen.
Warum soll ich den Sinn deiner Abweisung verstehen, selbst wenn du mir die Tür vor der Nase zuschlägst?
Kulturelle Gemeinschaften kittet nicht nur der geteilte Sinn ihrer Zeichen, sondern auch, wenn sie eine geschichtliche Dauer erlangen, ihr Gedächtnis, das sich ursprünglich in sakralen Orten wie Hainen und Tempeln und dort vollzogenen Riten, sodann in für sakrosankt erachteten Sammlungen von Sprüchen, Mythen, Legenden verdichtet, dem Archiv ihres überindividuellen Gedächtnisses, das mehr und mehr von der Kaste der Priesterschreiber kodifiziert wird.
Der aus der Priesterkaste austritt, um neue Sprüche, Mythen, Legenden zu formen: der Dichter.
Du willst nach alter Sitte der Dame den Vortritt lassen oder die Türe offenhalten? Die Höflichkeit solcher Gesten wird von den Theoretikern der Macht ihres Eigensinnes beraubt und mittels Entlarvung der darin kaschierten männlichen Dominanz und also plausibler Erklärung ersatzlos gestrichen.
Erklärungen des Sinnverstehens gipfeln in seiner Vernichtung durch Algorithmisierung.
Die Reproduktion des visuellen Eindrucks durch algorithmische Verteilung von Pixeln auf dem Bildschirm erzeugt kein Bild.
Die beruhigende und kontemplative Wirkung des Stillebens kann man nicht damit erklären, daß der lauernde Appetit auf jene delikaten Früchte vor dem Imaginären abblitzt.
Jemand lächelt, das sehen und verstehen wir; ob aber aus froher Stimmung oder Verlegenheit, muß sich erst zeigen.
Wir sehen in den kunstvoll verteilten Farben und Linien auf der Fläche ein Bild; so verstehen wir, daß hier etwas gezeigt wird; und wenn auf dem Stilleben einige Dinge im Schatten liegen und ihre Konturen im Zwielicht verschwimmen, sehen und verstehen wir, daß dies gezeigt wird.
Wir sind inkarnierte Monaden oder Selbstbezüglichkeiten, die weder in eingemauerten Innerlichkeiten füreinander verschlossen hausen noch durch biologische Adaptionen miteinander verhaltenssynchron agieren, sondern durch Zeichengebrauch mehr oder weniger einander transparent und durchscheinend leben.
Wir mögen nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein; doch daß jemand traurig ist, der weint und über den Grund seiner Betrübnis klagt, verstehen wir.
Wir können in der Betrachtung eines Stillebens auch den Augenblick der Stille und Gelöstheit erfahren, der uns an den Topos vom Paradies erinnert, wie er uns von der Tradition im Bild- und Spracharchiv unserer Kultur überkommen ist, das vor Auslöschung, Verunstaltung und sinnentstellender Deutung zu bewahren, zu den vornehmsten Pflichten gehört.
Jene Bilder der heiligen Überlieferung stehen nicht zur beliebigen Disposition beliebiger Inszenierung; anders als Markendosen oder Urinale, die ihrer originären Verwendung wieder zuzuführen wir nicht verschmähen.
Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=zF5X9amkH2s
Grüne Lache Licht
Grüne Lache Licht
wird schon abendfahl,
leises Abschiedslied,
Lallen leiser Qual.
Lilienblauer Schein,
Sommers weher Duft,
und dich meint allein
ferner Glocke Ruf.
Schattenzart Gerank
um ein Flackern mild,
Träne glänzt von Dank,
der das Leiden stillt.
Fiel dir Blatt um Blatt
auf des Schlafes Schnee,
Blüten schon so matt,
tut dir nicht mehr weh.
Der Wind greift ins Blattwerk
Der Wind greift ins Blattwerk,
es erschauert,
ist wieder still.
Der Mondstrahl liegt stumm
auf dem Teich
und wird nicht naß.
Die Knospe geht auf,
geht lautlos auf
und duftet.
Eines Menschen Schrei verhallt,
verhallt im Dickicht
ohne Spur.
Kohlenstaub Erinnerung
Der weiße Kot im Taubenschlag,
auf schiefen Hühnerleitern,
dunklen Gurrens Morgengruß,
des Abends Schattenflattern,
Kohlenstaub Erinnerung
an feuchten Kellerwänden –
bei Vater auf dem Kindersitz
vorn auf der Fahrradstange,
Sonntagsausflug, Moselpfad
nach Güls und Winningen,
sein Atem mir im Nacken,
er legte mich ins hohe Gras,
ein Findelkind, das Plätschern
kam aus grüner Muschel Spalt,
der sich mir schloß im Schlaf –
Forellen klatschten im Bassin
des Traums, und dort am Grund
wie Rätselknäuel Aale,
Vater konnte sie nicht fassen,
so arg ich flehte, weinte –
ein dunkler Trost war Dämmerung,
Geläut der Vesperglocken,
der Kerze banges Flackern
vor dem Andachtsbild,
wenn die alten Treppenbohlen
unter Gespensterschritten ächzten –
dann prasselten Kartoffelfeuer,
ihr Wächter war das Hünenmal
basalten auf dem Eifelfeld,
und aus dem Schoß der Erde
riß Flamme meine Seele
mit nachtgeweihten Funken
in wehen Jubels Sprühen.
Das Ruder ist zerbrochen
Das Ruder ist zerbrochen,
und höher geht die Flut,
am Ufer knien Schatten
am Grab erloschner Glut.
So lassen wir uns treiben,
und zittert auch das Boot,
wir halten uns die Hände
im fahlen Abendrot.
Wir liegen auf dem Rücken,
zu lauschen dem Gesang
des Wassers in der Tiefe,
und weinen Wang an Wang.
Ob einmal jäh ein Ufer
uns in sein Dickicht bannt?
Ob einmal sanfte Woge
uns hebt auf goldnen Sand?
Koblenz in Flammen
Geläut von Kastor und Liebfrauen,
o Stadt in Flammen,
die Glocken schlagen Cherubim
mit harten Schwertern.
Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und was um ihn verglüht und schreit,
alles schmilzt er in sein Schweigen ein.
Die in den feuchten Kellern hocken,
ich hör sie jammern,
der Greis, den Rosenkranz in Händen,
ich hör ihn beten.
Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und all der Augen Bitter-Glanz,
Tränen schlürft er auf wie herben Wein.
Von morschen Ästen stürzen Vögel,
o Todeszwitschern,
in schwarzen Gärten brennen Rosen,
o Aschenküsse.
Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und was an ausgerauschtem Blatt und Sang
meerwärts er getragen, weiß nur er allein.
Der Sturz des Engels
Gefieder, Schnee,
gesprenkelt mit Blut,
vom gelangweilten
Finger des Winds
hin- und hergerührt.
Dickicht, Nacht,
durchwirkt von Gold-
fäden Knabenhaars,
gewickelt um Knospen
erstickter Glut.
Dunstfetzen, Vlies
gerupften Schaums,
aufs Wasser gespuckt,
ausgeraubte Nester
schwankenden Lichts.
Doppelklinge, Blitz,
ausgezischter Bote,
in den Uferschlick gerammt,
vom Schweigen der Muscheln
bald überkrustet.
Die Seiten umgewendet
Ein Windstoß, trocknes Rascheln,
die Seiten umgewendet,
mußt du dich rückwärts lesen.
Vom überquellenden Kelch
kehrst zum Schimmer der Beere,
zum Laube leerer Schatten
kehrst wieder du zurück.
Vom Gartenfest des Lichts
sind dir aus hoher Vase
zwei, drei blasse Blüten
hinab aufs Bett gestürzt.
Von blauer Blicke Mohn,
von Sommernacht umwimpert,
hängen kaum gefühlte
Tränen dir am Lid.
Von warmer Lippen Sang,
der mit Faltern nächtlich schwirrte
um einen Mund voll Honig,
blieb kindisches Gelall.
Von stiller Kerzen Glut,
um die dein Schatten summte
Gebete süßer Düfte,
beißt dich ein kalter Rauch.
Von weichen Lächelns Glanz,
der dich wie Krokus taute,
zittern kalte Tropfen
in einem Spinnenweb.
Des leisen Glückes Lampion,
der mit Vogelstimmen schwebte,
grinst aus trübem Spiegel,
die hohle Maske Mond.
Das Wort ist unser täglich Brot
Das Wort ist unser täglich Brot,
das wir teilen, um zu bleiben,
das wir sparen, um zu wandern
einen schweren Gang zur Nacht –
oder auf der Fensterbank
des Überdrusses faulen lassen.
Die Geste gibt dem Wort den Sinn,
wozu das Brot wir schneiden,
wenn dankend für Gesang wir Vögeln
Brocken streuen in den Schnee –
oder im schwülen Pferch der Angst
ein fettes Grunzen füttern.
Das Salz der Wanderschaft
macht durstig nach dem Quell,
der fern aus Traumes Spalten stäubt.
Doch ungesalzen glänzt
das Brot in reiner Hand,
die es erwachten Herzen bricht,
sein Sinn bleibt ihnen ganz.
Wie sich das blind Gesagte staut
Wie sich das blind Gesagte staut
und überschäumt gleich Pollen
den bangen Saum
von Blumenbechern
in schwarzen Schweigens Gras,
um fern zu schimmern
der Andacht eines blauen Blicks,
dem bald die Nacht die Lider
niederdrückt.
Wie die Amöbe sieht
blind mit dem ganzen Leib,
der sich für grünes Wasser
rhythmisch einwärts stülpt,
höhlt sich das Wort ein Auge
unterm Schmerzensstrahl.
Was wie Kerzen hat gebrannt
und schmelzend gab sich hin
für einen Trost aus Licht,
für einen Kranz aus Rauch,
war Honig des Gesangs.
Wie Gaze hell gebauscht
Wie Gaze hell gebauscht
vom Morgenhauch
legt Wind sein Nebeltuch
auf das noch Unvertraute.
Dort hängen Tropfen
eines Traumverschwiegnen
an Halmes Spitzen,
salzige Körner von Licht
an Wimpern
bang geschlossner Augen.
Sie zittern im Erwachen
und Tropfen fallen
ins erstaunte Gras.
Der aus dem Abgrund kommt,
der Strahl ist wie ein Messer
und zerschlitzt das Tuch.
Auf die helle Haut der Birken
schreiben Flammen
die Losung hohen Tags.
Der Schatten eines Flügels
trägt den Schmerz
ins blaue Ungewisse.
Was sternt dich an
aus zarter Knospen
aufgetaner Nacht?
Der Schleier riss entzwei
in gelbe Blüteninseln,
von Ginsters Lippen
atmest du dir zu.
Was soll ich dir denn schreiben
Was soll ich dir denn schreiben:
die hier nicht duften, Rosen,
als könnten sie sich neigen
in Winds erstarrten Tanz?
Soll sich der Tau dir reichen
auf letterntrocknen Moosen,
kann dir den Sinn erweichen
an Silben schwarzer Glanz?
Wie klaffen Verses Furchen,
daß goldnes Korn sie fülle,
wie ließ die Saat sich gießen
aus Reimen ohne Tülle?
Auf Blattes Schnee sind Küsse
wie ein zerrupfter Mohn,
die ich auf Metren hisse,
Waldreben blassen schon.
Wie zarte Halme
Das hohe Tun
kommt aus dem tiefen Ruhn.
Wie zarte Halme
biegen sich die Namen
im fremden Hauch.
Sich selber unbekannt
vor ihrem Leuchten
sagt ein Mund von Blüten.
Jedes Wort ist Frage,
Samen, der vom Summen träumt,
das ihn ins Offne trägt.
Die Flocken fallen aus der Nacht
und füllen Riß und Furche,
bis Glanz den Schmerz verbirgt.
Keiner weiß die Rose ganz,
doch woraus sie spricht,
liegt vor dem Bild im Duft.
Mystische Tageszeiten
Der Morgen ließ uns stehen,
eine blaue Pfütze Licht.
O der kleine Sperling,
der aus ihr sich Süße trank.
Der Mittag strich unsern Schatten
aus der Weide starrem Haar.
Wie schlief der Schmerz in ihm,
die Witwe mit dem Kind.
Ins Moos der Abendstunde
weinten wir den weichen Glanz.
O nackter Pilgerfuß,
dem kleine Seufzer es gehöhlt.
Wir stiegen über Efeus Beben
in Mondes Schattenlaub.
O daß in seinem Rauschen
die wirre Seele Ruhe fand.
Komm in mein Lilienlicht
Lies mich in Blatts Geäder
und im Schorf des Winds
auf Schiefer und Basalt.
Komm in mein Lilienlicht,
es tropft an dir herab
wie Honig eines Worts.
Faß heiß nach meiner Hand,
die aus der Furche winkt,
wie grünen Schlafs Gerank.
Was dort ins Blaue wölkt,
gab deiner Stirn noch Glut,
die Asche, mein Gedicht.
Die Schrift des Lichts
Ja, die unteren Wasser sind dunkel,
es liest sich aber auf ihren Wogen
einmal auch die Schrift des Lichts.
Das in den Brunnen gerufene Weh
gibt sein Echo zurück wie ein Wort
aus vergessener Liebe Mund.
Aus dem vom Blitz gespaltenen Stamm
heben grüne Fingerspitzen Augen,
die um Tränen betteln, Glanz.
Die Äpfel leuchten dem Pfad des Abends,
wie Blüten aber die Vogelstimmen
gehen auf im Blau der Nacht.
Liebesgaben
Die an Mauern überhangen,
und sie mildern dir mit Duft
deinen Gang ins leere Heim,
Rosen dir, der bangen!
Die das Herz der Veilchen füllen,
und sie geben weichen Glanz
deinem kindlich scheuen Blick,
Tränen dir, der stillen!
Das die Nacht im Fliedergarten
süßer noch als Duft erfüllt,
wenn dein hoher Stern verweilt,
Zwitschern dir, der zarten!
Die auf Mooses Wehmut weinen,
Quellen, kühl und unberührt,
wenn dein dunkler Schmerz sie hört,
Lieder dir, der einen!
Der Gesang der Toten
Du warst aus trübem Schlaf erwacht,
da saß sie auf der Fensterbank,
und ihr Antlitz war so bleich.
Wie in der Nacht des Mondes Strahl
geht übers Wasser geisterhaft,
strich über dich ihr ferner Blick.
Ja, es war die Sommerzeit,
ihren Locken hauchte lau die Luft,
und ihre Füße wippten nackt.
Was hat dich mit dem Schmerz versöhnt,
was mit Tränen dir beglänzt den Gram?
O du tauchtest weich ins Dunkel und sie sang.
Der Geist der Liebe
Wie kleine Monde schimmern
Eier im Nest der grünen Dämmerung,
gehalten von zartem Flechtwerk
im Schilf, das kaum fühlbar zittert,
wenn Wolken auf den Wellen gehen.
Sie sind noch warm und warten
auf die Wiederkehr der Eltern.
So bang die Halme, atemlos
wie die ins Dunkel äugt, die Angst.
Sie kommen nicht zurück.
Der Geisterschatten einer Wolke,
der Blitz aus einem Eulenauge
hat sie hinweggeschreckt,
das rote Zischen einer Schlange.
So liegt in bunt gefleckter Schale
das Wort im Nest der Dämmerung,
das im kalten Winde schwankt,
der ihm die kleine Wärme nimmt,
und kann nie ausgereift ans Licht,
ins Freie kommen, nicht den Flug
zum Schnee der Gipfel wagen,
jenen, der im Abgrund schläft,
mit süßem Zwitschern nicht erwecken.
Der Liebesgeist hat es verlassen.
Was hat ihn töricht denn verschreckt,
vor welcher Schlange, welchen Dämons
bösem Blick ist er ins Heimatlose
ferner Gärten ausgewandert,
wo er im Feuer wilder Rosen,
im Samenvlies der Disteln
das ungetane Werk erblickt
und bitteren Eingedenkens
sich Glanz von Tränen leckt?
O es war der Schrei aus einem Maul
aus Stahl, das Hämmern glühender
Gestänge, obszönes Quietschen
von Gummimuskeln, das Glotzen
von Gier und Wahn aus Plastikfratzen.
Das verirrte Reh
Schauern noch der Abendstunde Ranken
Schatten der Erinnerung?
Hat der Sanftmut golden-grünes Danken
Atem noch im Laubenlicht?
Wie auf Wassern weiße Blüten flossen
stille Bilder durch den Geist.
Wenn die scheuen Kelche sich ergossen,
warst bei Veilchen nicht verwaist.
Nun mußt du wie kahle Bäume halten
leere Hände in den Schnee.
Dürre Wurzeln gräbt aus harschen Spalten
dein Erinnern, ein verirrtes Reh.
Der blöde Gast
In der ausgewaschenen Luft der Museen
erkenne ich nichts.
Wie hängen all die Bilder
blind an einer Wand
aus fein poliertem Totgebälk.
In den Katakomben des Traums,
wo heimlich eine Kerze
vorm Bildnis eines Engels singt,
will ich mit ihr lodern.
Unter der auswattierten Muschel des Saals
flattern die Klänge
wie bange Schwalben aus dem Nest
der Geigen und Hörner
und finden kein Fenster
offen in die blaue Nacht.
Unterm Sternenlicht der Heckenrosen
will ich wie mit Flammen
auf den roten Zungen
der Nachtigallen zittern.
Beim Geklirre aufgeprallter Kehlen
und kalten Lachens Tropfen
auf den Feiertischen
klebt meine Seele starr
als Fliege an der Wand.
Wenn Abend wieder öffnet
seiner Hoheit goldene Waben,
will im Flug ich dunkle Süße finden
dem scheuen Mund des Lieds.
Wahrheitsinjektionen und Liebespillen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Dem Angeklagten und dem Zeugen vor Gericht verpaßt man vor ihrem Verhör intravenös eine Substanz, die im Gehirn alle neuronalen Impulse unterdrückt, die sich in Lügen und Falschaussagen niederschlagen, sodaß die ihnen entlockten Äußerungen entweder immer wahr oder zumindest nicht falsch sind.
Weshalb scheuen wir davor zurück, in diesen Fällen den Sprecher als echten Wahrheitszeugen anzusehen, auch wenn er nichts als die Wahrheit sagt, die reine Wahrheit?
Wir vertrauen allererst den Äußerungen eines Sprechers, der uns das Wahre mitteilt, obwohl er fähig wäre, die Unwahrheit zu sagen, weil wir unser Vertrauen auf seinen guten Willen setzen, uns nicht hinters Licht zu führen.
Ein Freund, der geistig zurückgeblieben und zu dumm ist, uns zu belügen oder zu verraten, und daher keinen guten Willen bemühen muß, es nicht zu tun, gilt uns nicht als echter Freund. Er ist eher wie ein braves Hündchen, das nur immer neben uns laufen mag.
Äußerungen, die aufgrund der Manipulation des Nervensystems des Sprechers nicht falsch sein können, lassen wir nicht ohne weiteres als wahre Aussagen durchgehen, sie haben bloß den Schein des Wahren, wirken auf uns aber wie Masken einer ontologischen Unaufrichtigkeit.
Wenn wir aufgrund der Evolution des Gehirns in der Weise determiniert wären, daß wir nur Wahres zu sagen fähig wären, lebten wir in einer Art Traum- und Wahnwelt, die den Irrtum a priori ausschlösse.
Aus der Tatsache, daß ein allwissender Roboter sich in der Zuordnung der Namen zu den Gesichtern ihrer Träger nicht irren könnte, schließen wir, daß die Maschine die Gesichter nicht sieht, wie wir ein Gesicht sehen und uns auf den Namen der Person besinnen.
Wenn der Roboter auch stets das Wahre ausspuckte, würden wir ihm nicht die Fähigkeit zubilligen, wahre Aussagen zu machen, weil er selbst in den mitgeteilten Informationen gleichsam nicht enthalten ist, auch wenn er die Formel „Ich sehe, daß es sich bei dieser Person um N. N. handelt“ benutzen würde, die wir ihm zuvor einprogrammiert haben.
Wir stoßen hier, wenn auch blindlings, auf den internen Zusammenhang zwischen dem semantisch-logischen Raum, in dessen Mittelpunkt ein jeder in der ersten Person sagt, was er meint, und der Wahrheitsbedingung des Irrtums und der Negativität, ein Zusammenhang, der einer tieferen Erhellung harrt.
Nur wenn wir Absichten mit unseren Sprechakten verbinden können, sagen wir über den einen, er lüge, über den anderen, er spreche die Wahrheit.
Wer nicht lügen kann, kann nicht die Absicht haben, die Wahrheit zu sagen.
Wenn wir annehmen, daß unsere in der Rede zum Ausdruck kommenden Absichten Funktionen unserer Wünsche, Interessen und unbewußten Antriebe sind, wären wir wiederum in einer Traum- und Wahnwelt eingeschlossen, in der oder von der zu reden eine überschwengliche Variation des Schweigens wäre.
Der Marxismus und die Psychoanalyse sind theoretische Traum- und Wahnwelten dieser Art, obwohl sie uns angeblich versprechen, den ideologischen Schein und Verblendungszusammenhang zu durchbrechen oder von neurotischen Realitätsverzerrungen und Wahnbildern zu heilen.
Wenn der Überbau letztlich von den unbewußten Kräften und Formationen der gesellschaftlichen Basis determiniert ist, sind meine Gedanken nicht meine Gedanken.
Wenn das Unbewußte die eigentliche Sprache darstellt, habe ich nichts mehr zu sagen.
Wir müssen sowohl die Absicht oder den Willen als auch den intentionalen Gehalt in die Struktur einer jeden Äußerung einführen oder die Form der Äußerung als jeweilige Figur des Selbst auffassen.
Ich verstehe, daß du mich etwas fragen willst, wenn du den Ton am Satzende hebst.
Ich verstehe, daß du mir etwas zeigen oder mich auf etwas aufmerksam machen willst, wenn du dich der grammatischen Formen der Demonstrativa und der hinweisenden Wörter wie „hier“, „dort“, „dieser“, „jener“, „neben“ oder „später“ bedienst.
Ich verstehe, daß du mich zu etwas aufforderst oder um etwas bittest, wenn du diese Sprecherabsichten in die Form von Aufforderungssätzen und Imperativen kleidest, die das ausdrücklich machen, worum es dir geht
Ich verstehe, daß du gewillt bist, mich zu unterhalten oder zu amüsieren, wenn du dich für eine Anekdote, eine Schnurre, einen Witz der entsprechenden Erzählweisen und der grammatischen Form des narrativen Imperfekts bedienst.
Ich verstehe, daß du dich mit einer Notlüge über die Peinlichkeit und Verlegenheit hinwegsetzen willst, in die du geraten bist, weil du wieder einmal zu spät gekommen bist oder dein Versprechen nicht gehalten hast.
Ich verstehe, daß du mit dem überschwenglichen Lob eines nichtsnutzigen oder dummen Scharlatans weder dir noch mir etwas vormachen willst, sondern die rhetorische Form der Ironie mit der Absicht ins Spiel bringst, die Nichtsnutzigkeit des Nichtsnutzes und die Dummheit des hohlen Schwätzers in ein desto grelleres Licht zu heben.
Antike Dichter wie Horaz und Properz spielen gern auf das Treiben von Hexen und Zauberinnen an, die Salben, Tinkturen und mit oft blutrünstiger Braukunst gewonnene Säfte jenen Verliebten feilboten, die die Gunst und erotische Hingabe der begehrten Person sich durch heimliche Verabreichung dieser Aphrodisiaka erzwingen wollten.
Was sollen wir von dem gestammelten Liebesbekenntnis eines Mannes halten, das sich ihm unter dem Einfluß einer solchen Droge entrang?
Und vor allem: Welches moralische Gewicht soll die Verliebte, die den Gegenstand ihres Verlangens mit der Verabreichung einer Liebespille sich gefügig gemacht hat, seinem Liebesbekenntnis geben?
Sie wird es nicht für bare Münze nehmen, denn es war in Abwesenheit guten Willens und redlicher Absicht nur ein dem erotischen Rausch entfahrener flatus vocis, ein Wölkchen, das morgen am nüchternen Tag im grauen Himmel der Verachtung oder Gleichgültigkeit verflogen sein wird.
In veneno veritas – das scheint allerdings für Tristan und Isolde zu gelten. Oder für Richard Wagner, der aus dem Abgrund erotischer Verfallenheit den Duft trunken machender Akkorde steigen ließ, die den Betörten wie den vom Wind leicht abgeschüttelten Tropfen hineinstürzen lassen.
In der Absicht, den Geliebten in die Bedachtsamkeit der Sorge und die Huld des Schenkens und Dankens aufzunehmen, unterscheidet sich das Liebesbekenntnis vom Stammeln und Lallen des Eros.
Hätte die Evolutionspsychologie recht, wäre die Sprache der Liebe nur die Larve des mehr oder weniger sublimierten Triebs und das Bild des Geliebten das Zerrbild im Spiegel eines Verlangens, das mit jedem Seufzer und jedem Keuchen sich tiefer in den Abgrund der Vernichtung wühlt.
Nach Ansicht der Naturalisten sind wir Puppen in der Hand der Evolution, die deren ursächlich zweckfreie Impulse als illusionäres Spiel eigener Zwecke und Absichten verkennen. Am Ende erweisen sich die leidenschaftlich mit mehr oder weniger harmlosen Mitteln verfolgten Absichten und vorgespiegelten Gründe als Masken natürlicher Ursachen.
Doch die Wahrheit deiner Äußerung, daß der Regen aufgehört hat und die Sonne wieder scheint, hat keine Ursache in dem Wetterphänomen, sondern ihren Grund in deiner Wahrnehmung des Sonnenscheins und der Absicht, mich indirekt zu einem Spaziergang aufzufordern.
Die naturalistische Theorie ist ein Wiedergänger des kartesischen Dämons und ihre unmittelbare Folge einer radikalen Wahrheitsskepsis findet einen Einspruch in der Instanz nicht des „Ich denke“, sondern des „Du sprichst mit mir“.
Du sprichst mit mir, also existierst du.
In dem, was du mir sagst, kann ich eine Redeabsicht und einen Anspruch an mich erkennen, mich auf eine gemeinsam bewohnte Welt zu beziehen. Du fragst, ich antworte, du bittest mich darum, mit dir spazierenzugehen, und ich hole meine Jacke.
Unser Gespräch ist in eine gemeinsame Welt der Wahrnehmungen und Bedeutungen eingebettet, wenn sie uns auch nie vollständig epistemisch und sprachlich erschlossen ist. Diese Welt, deren Bewohner wir beide sind, ist dasjenige, worüber wir reden und worum es uns geht.
Meine Antwort auf deine Frage macht einen Unterschied für die Art und Weise, wie wir in der von uns geteilten Welt zueinander stehen, je nachdem, ob sie sinnvoll oder absurd, richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen, erhellend oder irreführend ist.
Ich könnte freilich träumen und dich im Traum sehen und deine Stimme hören. Doch es wäre in der Traumwelt ohne Belang, wenn meine Antwort auf deine Frage sinnvoll oder absurd, richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen, erhellend oder irreführend wäre.
Figuren des Selbst
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die uns mit enigmatischen Sprüchen kommen, können von einer Gegend der Sprache Zeugnis ablegen, die unseren Horizont übersteigt, oder Betrüger und Scharlatane sein, die unsere Verblüffung nutzen, um uns heimlich etwas aus der Tasche zu stibitzen, uns zumindest Zeit und Aufmerksamkeit zu rauben.
In manchen Fällen bleiben wir ein Leben lang im Zweifel, welche dieser Alternativen zutreffen mag.
Er sagt heute so, morgen so. Wir ignorieren sein Geschwätz und schenken dem Sprecher kein Vertrauen.
Warum ist die Wahrheit und Richtigkeit einer Mitteilung ein Prüfstein für unser Vertrauen? Weil sie uns über Hindernisse hinweghalf oder ans Ziel gelangen ließ.
Er sagt heute das Gegenteil dessen, was er gestern vollmundig verkündete. Der Widerspruch und die logische Inkonsistenz sind für uns ein Kriterium der Entscheidung dafür, dem Sprecher unser Vertrauen zu entziehen oder ihm mit Mißtrauen zu begegnen.
Das aufgrund wichtiger und richtiger Auskünfte bei uns gekeimte und angewurzelte Vertrauen in den Sprecher enthebt und entlastet uns der Mühe, jede seiner künftigen Mitteilungen auf die Waagschale peinlicher Prüfung und Abwägung zu legen.
Dem Fremden, dem unsere Muttersprache mit ihren eigentümlichen Wendungen und feinen Anspielungen nicht ins Blut übergegangen sein kann, begegnen wir schon auf sprachlicher Ebene mit Argwohn, wenn es sich um Fragen von Sein und Nichtsein handelt.
Der Intellektuelle will uns verblüffen und sich eitel spreizen, indem er ohne Not vom üblichen Sprachbrauch abweicht.
Er hält es für schick oder ein Zeichen von Esprit und geistiger Überlegenheit, sich in trivialen Angelegenheiten unverständlich auszudrücken.
Der faule, doch auf die Menge bannend wirkende Zauber der Wortverdreher und Sprachwürger, die sich für Poeten ausgeben oder gar für Philosophen.
Das schlichte Wort ist oft der edelste Schmuck.
Höllenflamme, die Hütten und Werke des Lebens in Brand steckt, zischende Schlange des Paradieses, die zur Verleumdung des Wahren, Guten und Schönen anstiftet: die menschliche Zunge, wie es der Brief des Jakobus beschreibt.
Der Austausch von Worten läßt sich nicht à la Sorbonne auf den Diskurs der Macht abbilden oder reduzieren: Der Bezug auf Wahrheit ist ihm ursprünglich einbeschrieben, und wir vertrauen auf den Sprecher, der ihn zu wiederholten Malen hergestellt hat, und mißtrauen dem Lügner und dem Scharlatan, der sich mit der Larve des Richtigen und Wahren tarnt.
Vor dem offensichtlich Unwahren scheuen wir zurück und weisen es gelassen ab. Die Bosheit braucht die Maske des Wahren, jenes verführerische Schillern und Blenden erlesener oder aufgehübschter Worte, um in Herz und Mark zu dringen.
Der Lügner redet im Schatten der Wahrheit, um die er weiß, der Scharlatan in der Sonne des Bösen, das er verkennt.
Der Lügner ist gerissen und schlau, weiß er doch dem Schein den Anstrich des Echten zu geben. Der Scharlatan ist inspiriert und besessen, breitet er ja um die innere Leere den Nimbus des Geheimnisvollen und in die geistige Nacht die Schimmer dämonischer Fäulnis.
Um am Gespräch teilzunehmen, etwas zu behaupten, zu fragen, zu erzählen, müssen wir uns selbst vertrauen. Dies ist die ursprüngliche Intuition des Ich: Es lauscht gleichsam in sich hinein auf sein eigenes Lebenslied.
Wie beim Hören oder Lesen von Sätzen müssen wir auch beim Hören einer Melodie unserem Bewußtsein vertrauen: So hören wir nicht nur die Abfolge jeweils singulärer Töne, sondern den Verlauf und die eigentümliche Bewegung der Tonlinie, wobei das soeben Gehörte in der mehr oder weniger ausgedehnten Gegenwart des Bewußtseins resoniert und das noch kaum Angeklungene wie eine akustische Aura bereits in die Gegenwart des Bewußtseins hineinzustrahlen scheint.
Wir hören die Melodie auch in den winzigen Lücken von Stille und über den Abgrund des Innehaltens hinweg, in denen es kein akustisches Ereignis gibt: Wir füllen die Lücken der Stille mit der imaginären Linie der von uns spontan aus dem Klangmaterial erzeugten Melodie.
Eine jede von unserem Bewußtsein spontan aus dem gegebenen akustischen Material erzeugte Melodie ist eine musikalische Figur des Selbst – so wie wir auch aus dem Porträtbild, der gemalten Landschaft oder dem Stilleben eine Figur des Selbst erwecken.
Wenn wir aus dem von unserem Gesprächsteilnehmer vorgegebenen akustischen Material spontan die Satzgestalt einer Frage oder Aufforderung erzeugen, erfahren wir an dem Gehörten eine semantische Gestalt des Selbst.
Wir könnten sagen: Wie wir uns im einen Falle musikalisch innewerden, so werden wir uns im anderen Falle semantisch inne.
Wir sind in der von uns als semantische Gestalt der Frage oder Aufforderung gehörten und verstandenen Äußerung auf analoge Weise existentiell enthalten, wie die Folgerung eines korrekt gebildeten Schlusses in den Prämissen logisch enthalten ist.
Wir gelangen aus der Virtualität des dämmernden oder schlafenden Bewußtseins in die Aktualität einer Figur des Selbst, wenn wir uns im akustischen, visuellen, taktilen, olfaktorischen, gustatorischen und motorischen Material oder Phänomen spontan innewerden.
Es gibt kein Gesehenes oder Gehörtes, das nicht ein von dir oder mir Gesehenes oder Gehörtes wäre. Es gibt kein gesagtes oder geschriebenes Wort, das nicht jemandes Wort wäre.
Wir trauen jenem, der das Wahre, mißtrauen jenem, der das Falsche sagt. Das Vertrauen wächst, je mehr wir durch den einen auf gangbare Wege, das Mißtrauen wächst, je mehr wir durch den anderen auf abschüssige Pfade gelenkt werden.
Das Vertrauen ist der Baustoff unserer einfachen Sittlichkeit in den Formen der Freundschaft und Liebe; das Mißtrauen ist der Sprengstoff, der die gewachsenen Institutionen des alltäglichen Umgangs zum Einsturz bringt.
Das gesunde Mißtrauen kommt dem Betrüger und Scharlatan auf die Schliche; das kranke sieht in jedem Spiegelschatten auf dem Fensterglas den Verfolger, die Fratze seiner eigenen Nichtigkeit.
Das gesunde Mißtrauen ist der Spiegel der moralischen Welt, in der Fortuna oder das Fatum die ethischen Fähigkeiten der Verläßlichkeit, des Verantwortungsbewußtseins, des Pflichtgefühls, der Pietät und der Treue auf eklatante und skandalöse Weise ungleich ausgeteilt hat.
Die ungleiche Verteilung der moralischen Fähigkeiten steht im umgekehrten Verhältnis zur ungleichen Verteilung der geistigen Fähigkeiten: Der Betrüger ist gerissener und schlauer als der Betrogene, wenn der Betrogene auch moralisch begabter sein mag als jener, der ihn ums Ohr haut.
Nicht nur die ungleiche Verteilung der intellektuellen Begabungen ist eine unüberwindliche Hürde für diejenigen, die sich des Endspurts ins Paradies der Freien und Gleichen unterfangen, sondern mehr noch die ungleiche Verteilung der moralischen Gefühle und Fähigkeiten.
Jedes Bewußtsein existiert in der Dauer eines Augenblicks, die mit dem Glockenschlag nicht untergeht.
Der Augenblick des Bewußtseins ist die Ewigkeit, in der sich alle Zeiten immerdar neu versammeln, überkreuzen und wieder auslöschen.
Der Augenblick, in dem wir für uns erwachen, hat keine physikalisch meßbare und chronometrisch taxierbare Ausdehnung. Er ist in sich unendlich, diffus und grenzenlos verfließend.
Die schlichten Tatsachen unseres Daseins sind unerklärlich und können bloß erfaßt und umschrieben werden wie das Licht, das jäh durch die bunte Scheibe fällt und einen blutigen Fleck auf den Kacheln malt, oder der Duft, der unvermutet aus dem Garten durchs offene Fenster ins Zimmer weht.
Daß jemand eine Katze auf dem Fenstersims zu sehen wähnt, obwohl dort keine Katze ist, erklären wir aufgrund der Tatsache, daß er dem Wein über die Maßen zugesprochen oder LSD eingenommen hat; doch die schlichte Tatsache, daß wir dort auf dem Fenstersims wirklich eine Katze sehen, können wir nicht erklären. Denn die echte Wahrnehmung der Katze ist die Voraussetzung dafür, die scheinbare Wahrnehmung der Katze als Halluzination zu verstehen.
Der Sinn des Gesagten läßt sich unmittelbar oder intuitiv erfassen und verstehen, aber nicht durch kausale Theorien über neuronale Prozesse erklären; während wir den Unsinn einer Äußerung aufgrund der kausalen Theorie, daß der Sprecher betrunken oder verrückt ist, erklären können.
Wenn wir die Wahrnehmung der Katze aufgrund der Tatsache zu erklären glauben, daß das Katze genannte physische Objekt Lichtstrahlen reflektiert, die über unsere Retina zur neuronalen Verarbeitung eines visuellen Datums oder Seheindrucks im Gehirn gelangen, gehen wir semantisch in die Irre, denn es kann per definitionem im neuronalen Netzwerk oder im physikalischen Raum kein Bild geben; wir nehmen ja kein mentales Bild wahr, sondern die Katze vor unseren Augen, die dort auf dem Fenstersims wirklich und wahrhaftig schnurrt.
Wir können die physiologischen Voraussetzungen des Sehens erklären, aber treffen im physikalischen Raum nirgends auf einen Seheindruck oder ein Bild.
Alles könnte auf das Gleiche hinauslaufen und die neuronalen Vorgänge störungsfrei ablaufen, ohne daß wir von einem Seheindruck sprechen würden, wenn wir das Traumbild der Katze auf dem Fenstersims wahrnehmen. Ein Seheindruck kann sich ja als Täuschung erweisen, aber können wir uns in der Wahrnehmung von Traumbildern irren?
Das Ich ist keine psychische Kapsel oder mentale Monade, sondern gleichsam in die Welt des Erlebens ergossen.
Die Figuren des Selbst verschwimmen nicht im Fluidum des phänomenalen Bewußtseins, sondern entwerfen sich in den Linien des Gesehenen und Gehörten; so sind wir ein Teil der von uns gesehenen Landschaft, so steigen und sinken wir mit dem Verlauf der von uns gehörten oder gesungenen Melodie.
Du kannst im Verlauf eines Gesprächs der Schatten der Figur deines Gesprächspartners werden, ähnlich dem Spiegelbild auf dem Wasser, das wieder verschwimmt und verlöscht, wenn es aufgerührt wird vom Wind, wie dein Schatten vor der Leidenschaft deiner Frage oder deines Ausrufs erbleicht.
Die Figur des Selbst wird charismatisch, wenn sie ungetrübt vom gleichsam atemlos innehaltenden Wasser einer Kollektivseele gespiegelt wird. Dies gespannte Innehalten ist ein Ausdruck der Not, der Angst oder einer überschwenglichen Hoffnung.
Wenn wir uns unterhalten oder gemeinsam spazierengehen, sagt jeder seine Sätze, setzt jeder seine Schritte, doch die Sätze sind als Fragen und Antworten getragen vom Strom des Gesprächs, die Schritte werden Teile eines gemeinsamen Wegs.
Wie die Freundschaft keine sichtbare und kausal erklärbare Entität darstellt, sondern nur in gewissen Gesten und rituellen Handlungen beschreibbar ist, so auch das Wir des Gesprächs, das Wir des gemeinsamen Gangs.
Der Ring des Wir umfaßt alle, zu denen wir „Du“ sagen, wenn es sich um eine verschworene Gemeinschaft oder eine Brüdergemeinde handelt; alle, zu denen wir „Sie“ sagen, wenn es sich um eine formale Organisation wie einen Verein oder ein Unternehmen handelt.
Aus dem rituellen Umgang im Ring des Wir entsteht das gemeine Recht, das gegenüber dem ausformulierten Gesetz des Staates in impliziten und informellen Regeln daherkommt. Die Riten der Gemeinschaft sind einander spiegelnde, tragende, verwobene Figuren des Selbst, die wir mit den verteilten Stimmen eines Kanons vergleichen können.
Riten sind durch Wiederholung und Variation ästhetisch und sittlich geordnete Gesten, Sprechakte und Handlungen, deren Sinn als Figuren des gespiegelten Selbst wir unmittelbar oder intuitiv erfassen: Der Gastgeber empfängt den Gast auf der Schwelle des Hauses durch Handschlag und Gruß, die der Gast rituell beantwortet.
Der Sinn der schönen Künste von der Architektur über den ornamentalen Schmuck bis zu Lied und Musik erschließt sich aus der Erfüllung der Aufgabe, diesen rituellen Figuren des sich spiegelnden Selbst einen ästhetisch geordneten Resonanzraum zu geben.
Die Verhäßlichung der schönen Künste durch eine globalisierte und wurzellose künstlerische Elite, der Architektur durch die Reduktion ihrer Formen auf den funktionellen Zweck mittels Beton, Glas und Aluminium und die Zerstörung des ornamentalen Dekors sowie der Musik durch Denunzierung des singbaren Lieds und des tonalen Systems als sentimentalen Kitsch und abgestorbenen Klangkörper ist ein verhängnisvoller Angriff auf das sich in den rituellen Figuren gemeinschaftlicher Ordnung spiegelnde Selbst.
Das verdeckte Blau
Es sind die gleichen Flocken,
die dich an den Wimpern kitzeln,
wie jene, die als Kind du fingst
auf dreist gestreckter Zunge.
Wie seltsam ging dies Kind
durch dich hindurch
ins Land der stummen Schatten.
Es sind die gleichen Äpfel
in der Schale, wie jene, die Mutter
dir ins Krankenhaus gebracht,
und einen hat sie dir geschält.
Wie verflog ihr heimatlicher Duft,
die Süße, die wie einer Knospe
Licht aufbrach – wohin?
Es ist der Augen gleiches Blau,
das du im Spiegel siehst,
wie jenes, das im Gartenteich
der Kindheit zwischen Wolken schwamm.
Wie schon lang hat eines Linden-
blattes Schattenherz
das Blau vor dir verdeckt.
Liegengebliebene Trauben
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
In dem Laut, der demjenigen, der ihn äußerte, mit einem Ja oder Nein zurückgegeben wird, kommt das Wort zur Welt und das Spiel mit Worten.
Das Ja kann auch ein Ding sein, wie das Buch, das du demjenigen zurückgibst, der es dir geliehen hat und darum bittet.
Das Nein kann auch das Verstummen und das Schweigen sein, worin sich die Verweigerung oder die Zurückweisung ausdrückt.
Das zurückgegebene Ding ist nicht nur dieser physische Gegenstand, sondern ein Zeichen, ein Zeichen für die Erfüllung und Ablösung einer Verpflichtung – der Zusage oder des Versprechens, es auszuhändigen.
Worte und Dinge als Zeichen der Verflochtenheit menschlicher Bezüge in gegenseitigen Verpflichtungen, Bundeszeichen, die durch Erfüllung geehrt, durch Verrat entweiht werden.
Das Ja kann auch ein Lächeln sein.
Das Lächeln ist nicht nur der physiognomische Niederschlag eines neurochemischen Ereignisses, sondern ein Zeichen, ein Zeichen der Zustimmung, der Erleichterung oder Ergriffenheit.
Der gegebene oder mitgeteilte Laut ist nicht nur ein phonetischer Niederschlag eines neurochemischen Ereignisses, sondern ein Wort, wenn es vom Hörer angenommen oder zurückgewiesen wird.
Der Sprecher weist den Hörer auf etwas hin, was dieser bestätigen oder bestreiten kann.
Der Hörer kann kein natürliches Etwas wie den Schall und Klang annehmen oder bestreiten; das Gehörte annehmen oder bestreiten heißt den Sinn des Gesagten zu akzeptieren oder zurückzuweisen.
Der Sprecher kann auch wortlos in eine Richtung zeigen. Der Hörer ist dann derjenige, der den Sinn der Zeigegeste versteht, annimmt oder verwirft.
Mit dem Verstehen der Zeigegeste verstehen wir uns zugleich als Bewohner der sprachlich erschlossenen Welt.
Der Weg, in dessen Richtung der Sprecher weist, muß ein Weg sein, den der andere gehen oder zu gehen ablehnen kann.
Der Zeigende muß den Weg kennen oder schon gegangen sein, um das Vertrauen zu verdienen, das der andere in seine Geste zu setzen bereit ist.
Der Hörer, der das gegebene oder mitgeteilte Wort annimmt, bezeugt mit der Annahme das Vertrauen, das er in den Sprecher setzt.
Der Hörer, der die Mitteilung verwirft, bezeugt mit der Ablehnung entweder sein Wissen oder seine Vermutung von der Unrichtigkeit des Mitgeteilten oder sein Mißtrauen in den Sprecher.
Aufgrund der Tatsache, daß sich das Mitgeteilte zu wiederholten Malen als unrichtig oder unwahr erwies, erwächst beim Hörer ein Mißtrauen gegenüber dem Sprecher. Feindschaft kann in schwerwiegenden Fällen der Irreführung oder des Vertrauensbruchs die Folge sein.
Aufgrund der Tatsache, daß sich das Mitgeteilte zu wiederholten Malen als richtig oder wahr erwies, erwächst beim Hörer ein Vertrauen gegenüber dem Sprecher. Freundschaft kann in Fällen lebenswichtiger Orientierung die Folge sein.
Vertrauen und Mißtrauen, Freundschaft und Feindschaft, Treue und Verrat sind dem Wesen des Sprechens ursprünglich einverwoben. Wie töricht, allein aufgrund sprachlicher Verständigung sich eine allgemeine Menschheitsverbrüderung zu erwarten und auf riesigen Theorieprospekten auszumalen.
Je näher wir als Hörer dem Sprecher durch Blutsverwandtschaft, Stammes- und Volkszugehörigkeit sowie kulturelle Tradition stehen, umso höher taxieren wir die Wahrscheinlichkeit, daß er uns durch das Mitgeteilte nicht in die Irre führt, zum besten hält, belügt und betrügt. Allerdings ist, wie die oft auf familiären Verstrickungen beruhende griechische Tragödie zeigt, allemal Vorsicht geboten.
Der gute Wink und Hinweis leitet uns in eine Gegend, wo uns die Huld des Weilens vergönnt ist.
Der Freund kann den Freund auf einem Stück des Weges, nach dem dieser ihn gefragt hat, begleiten.
Der ausgetretene Pfad mag ins Offene oder die Wildnis münden. Was dann?
Sie könnten es wagen, im unbekannten Gelände eine neue Spur zu legen.
Der eine dreht um, sich im Bekannten zu bergen, der andere unternimmt das Wagnis, ins Unbekannte oder Ungesagte vorzudringen. So muß er sich von dem Freund verabschieden, um allein weiterzugehen.
Die notwendige Einsamkeit des Dichters und Propheten.
So ging Heidegger mit den alten Sprachmeistern den Weg des Denkens, bis er Abschied nahm, um in das Offene oder die Wildnis einer kaum gesagten oder ungesagten Welt weiterzugehen.
Heidegger sprach nicht mehr von Subjekt und Objekt, sondern von Dasein, Zeug und Vorhandensein, nicht mehr von Dasein und Welt, sondern von den Sterblichen und dem Geviert, nicht mehr von Aussage und Urteil, sondern von Sage und Andenken.
Wie jenem vertrauen, der vom Gang eines Weges spricht, den vor ihm noch keiner ging?
Wir haben nur die ungewohnten oder nie gehörten oder unerhörten Worte, in denen er von demjenigen berichtet, was er auf seinem Denkweg ins unbekannte Gelände gesehen hat.
Wir haben aber auch den Ton, das Timbre oder das Gewicht der Worte, die umso schwerer wiegen, je mehr der Sprecher sie mit einem eigentümlichen Pathos der Stimme äußert. Dieses Pathos nehmen wir für bare Münze und schenken dem Gesagten Vertrauen, wenn es von einem tief Erlittenen Zeugnis zu geben scheint.
Dagegen erzeugt das hochfahrende Fuchteln mit grellen und schreienden Neologismen, womit uns Leute im Ohr kitzeln, die von unerhörten Maskeraden auf zwielichtigen Bühnen faseln, in uns ein instinktives Mißtrauen, da wir es nicht als Zeugnis eines tief Erlittenen auffassen, sondern als eitel schimmernde Wortblasen in erfahrungsleeren Räumen.
Manche kehren wieder von abenteuerlichen Reisen und sitzen bleich und stumm in der Ecke.
Manche bringen Samen wunderlicher Blumen mit, aber sie wollen im heimischen Garten nicht keimen.
Manche packen stolz sonderbar schimmernde Steine aus dem Rucksack, doch als Schmuck getragen verursachen sie Ausschlag auf der Haut.
Manche kommen mit blutigen Striemen nach Hause, doch haben sie nicht groß zu sagen, wovon sie gelitten, sie waren nur im nahen Wäldchen in den Brombeerbüschen.
Wieder andere verbergen scheu die zerkratzten Hände, doch stehen selten schöne Rosen in der Vase, die sie uns aus fernen Gärten mitgebracht.
Hölderlin sah auf seinen Wegen ins unbekannte Gelände Ströme des Gesangs unter purpurnen Wettern in den blauen Abgrund der Stille münden. Das Pathos seiner versagenden Stimme ringt uns unbedingtes Vertrauen in sein Zeugnis ab.
Moses brachte zwei beschriebene Tafeln von seiner Reise ins unbekannte Gelände mit, eine hoch gelegene Zone, in der sich schwer atmen ließ, und das Pathos seiner zornigen Stimme schien sein Zeugnis zu bekräftigen, daß die von ihm mitgebrachten Sätze offenbart worden seien.
Platon und die von ihm inspirierten Maler und Dichter bezeugen die Erfahrung eines Wegs in unbetretene Landschaften unter einem übernatürlichen Licht durch die Schönheit ihrer Bilder und Verse.
Die Schönheit des Gesagten, die aus sich selber strahlt und ihr Licht nicht aus den sich eitel spiegelnden Augen der Bewunderung stiehlt, öffnet dem Hörer das Ohr des Vertrauens.
Manche bringen nur eine Handvoll Trauben nach Hause, doch ein unscheinbarer Glanz von Tau auf ihnen erweckt in uns das Vertrauen in die zeichenhafte Wahrheit, daß sie vom Tisch eines Gastmahls stammen, an dem Heroen und Götter teilnahmen.
Die tauglänzenden Trauben stehen für Worte eines Gesprächs, zu dem sie uns verlocken oder einladen.
Der Denkweg, den Heidegger ging, weist in eine Gegend der Sprache, unter deren stillen Lauben und heiteren Schatten, auf deren sanften Anhöhen mit ihren schönen Aussichten wir gerne weilen und lustwandeln möchten.
Das Zeugnis für Gehalt und Gewicht dichterischer Sprache ist ihr indirekt mitgeteiltes Versprechen, ihre zwischen den Zeilen ergangene Einladung, unter dem stillen Zug ihrer Wolken ein gemeinsames Bleiben und Wohnen zu finden.
Wie nicht jeder mit jedem reden kann, so im gesteigerten Sinne auch nicht wohnen. Die Katze darf ins Körbchen, der Wachhund bleibt draußen in der Hütte.
Wenn wir den Sittichen das Fenster öffnen, können sie vielleicht im Freien eine Weile leben, der verstoßene Hund muß verwildern oder ist dem Tode geweiht.
Wohin führt der Weg? Immer nach Hause, wie Novalis sagt. Doch Heimat ist nicht nur ein Ort des Wohnens mit der je eigentümlichen Topographie zugehöriger Menschen, Bauformen und Sitten, sondern auch ein Gefüge des Sprechens mit seiner je eigenen Grammatik, seinen Idiolekten, Stilformen und Ausdrucksgesten.
Das sich besinnende Denken sieht auf die von ihm gegangenen Wege und Spuren in der ins Licht der Betrachtung gehobenen Sprache. Diese Wege sind weder ein chaotisches Wirrwarr noch bilden sie ein starres Raster, sondern weisen auf eine Vielfalt sich wiederholender, variierender, fugenförmig ineinander geschachtelter Motive und Muster – Muster einer geheimen und gleichwohl offenbaren Ordnung, die uns in nuce in der Struktur des Organismus wie in der Wohlgeformtheit des sinnvollen Satzes oder des sinnreichen Gespräches vorschwebt.
Überquellend
Flirrend Sommersonnenstaub,
Pollenschleier, Flockenschaum
überm schwanken Pfad der Sage
Blätterrätsel wild gezackt.
Aufgeplatzte Trauben, beeren-
rote Fülle und vom Geist der Luft
frei gesprochen Sporen
rieseln auf das Moos des Worts.
Körner dunklen Wissen schaufelt
eines grünen Käfers Horn
aus dem Dung der abgetanen
Wesen, Scharlachfeuchte glänzt.
Und im Wirrwarr Harmonien
lauen Seufzens, blauen Glucksens,
irdener Schale harschem Mund
überquellend Wassers Sang.
Auf der Schwelle
Auf des Abends Schwelle sitzen,
wo die Schatten lautlos wehen,
wo in Tages letzten Schimmern
Leid und Träume untergehen.
Gelbe, rote Blätter treiben,
und die weißen Wolken fliehen,
mit den Blättern ist kein Weilen,
mit den Wolken mußt zu ziehen.
Ferner Liebe sind die Flammen,
die auf stillen Gräbern zittern,
sie verlöschen schon wie Lampen
in umrankten Fenstergittern.
Sind dir auch der Heimat Blumen
in der Nächte Gram verblichen,
gehst du wie im Bann von Rufen
unter dunklen Bogenstrichen.
Falsche Kunst und echte Tränen
Mir ist die greise Witwe lieb
dort überm Apennin,
die vor dem Plastik-Jesus kniet,
sie murmelt zahnlos vor sich hin,
und bunte Lämpchen blinken.
Sie faßt, wird alles um sie Nacht
und ihre Kräfte sinken,
nach jener Wunden-Hand
um einen Kuß so sterbenssacht.
Lieber ist die mir, so kindisch
Gott in Gips Gebete lallt,
und tropft sein Herz von purem Kitsch,
ihr graues Herz ist ja nicht kalt
und schön die weibliche Ekstase,
lieber als der Snob-Tourist, der arrogant
die kultivierte Nase
rümpft vor solch naivem Tand,
seine Brille wischt und rückt
vor Mantegnas Cristo in scorto
und im Kunstbuch blätternd tut
so philiströs verzückt.
Indes il suo cuore è morto,
für den Beweinten hat er keine
Träne übrig, daß er wie
die blöde Alte niederknie
und sein vergessen weine.
Im Zwielicht-Tal
Ich hab dich nicht gesucht:
In diesem Zwielicht-Tal
erschien dein Antlitz fahl
wie Mondes bittre Frucht.
Ich wurde nicht gefragt:
Im Dickicht sang ein Paar
von Vögeln wunderbar,
dein Lied blieb mir versagt.
Ich hab dich nicht benannt:
Aus Brunnen Rauschen tief
ward mir, das nimmer schlief,
und hat mein Lied gebannt.
Ich bin dir nicht erwacht:
Ein Helm aus Bronze war
mein Traum gedrückt ins Haar
und sank ins Gras der Nacht.
Was einst ich sah
Ich sah an einem Pfad im Gras
ein rohes Kreuz errichtet
aus dem Basalt des Eifellands,
und nah der Inschrift saß
die Amsel, die dort munter sang.
Da hoben Kinder auf den Strom,
die Wellen wurden dunkel,
ein Bötchen aus Papier und Holz,
und in die Ferne trug
es einer Kerze gläubig Lied.
Ich sah im Schein des Ginsterlichts
am Kreuz zwei Engel schweben,
sie hielten jeder einen Kelch,
des Heilands Wunderblut
zu bergen für der Seele Durst.
Quellen grüner Nacht
Ihr gabt der Seele Scheinen,
Blüten blauer Nacht.
Nährt dich denn kein Weinen,
schauervolle Macht?
So langsam rollt der Mond
auf Schattenhügeln hin.
So langsam brennt der Docht
zu Ursprungs dunklem Sinn.
Ihr gabt dem Liede Schimmer,
Quellen grüner Nacht.
Weiß ich euch denn nimmer
Veilchen küssen sacht?
So rasch versinkt der Mond
in wirrem Traumgerank.
So rasch verlöscht der Docht,
der Lust aus Waben trank.
Schale auf dem Tisch
Wie leicht der Apfel in der Schale liegt
und rings um ihn gedrängt die Trauben,
es glänzt ein Tau, wo sich die Birne schmiegt
mit gelbem Duft aus Sonnenlauben.
Das weiße Tuch ist wie ein Schnee voll Licht,
und unterm Schnee die Wasser funkeln
um zarte Wurzeln, Ranken dornendicht,
die von der Lust der Beeren dunkeln.
Kastanie, warm noch von der Kinderhand,
sie schenkt dem Weiß ihr braunes Lachen,
die roten Blätter, die sich Anmut fand,
als sollten sie ein Herz entfachen.
Maskentanz
Weiße Flügel, hoheitsvoll,
der weichen Perlen Prunken.
Sang des Wassers, Wassergong,
gestiegen und gesunken.
Marmorschale, Schimmer nur,
und silbern Efeus Gleiten.
Seele füllt sich die Figur,
wenn hohe Masken schreiten.
Feuerschein im Schnee der Haut
und Flammenflaum der Lenden,
Blicke, aus der Nacht getaucht,
die sich dem Licht verschwenden.
Tau der Wimpern, Liedes Glanz
verrinnen und verhauchen.
Masken, die verblaßt im Tanz
in Traum und Nebel tauchen.
Auf grauen Fluren
Auf grauen Fluren
zerschnittene Laken
Schnee
Mond
wie angebissener Apfel
bräunlich schon
Wolke
blauer Leere
Schwanenflaum
Verweinter Briefe
Dämmerung
Milch
vergossener Stille
Wie aus Schränken
Lavendelduft
Erinnerung
Blasse Blume
auf dem Wasser
dein Gesicht
Willst du über Wasser wandeln
Willst du über grünen Liedes
Wasser wandeln, tritt auf Schaum,
auf den Blättern, die dich halten,
auf den Knospen schwankst du kaum.
Heb dein Herz auf einen Flügel
warmer Gladiolenpracht,
laß es unter Käferfühlern
zittern in den Duft der Nacht.
Willst du im Gesumm der Stille
Seufzer sammeln, biege rund
ihr zur Laube deinen Schatten,
pflücke sie von ihrem Mund.
Lege deinen Schmerz in Baumes
blindes Aug wie einen Brief,
Tau der Sonne mag ihn lesen,
Träne, die im Schneelicht schlief.
Wie Wassers Leuchten
Wie Wassers Leuchten tönt
im Traumgestrüpp
des Eremiten
schlichte Weidenflöte.
Schöner noch das Gras,
das lächelnd seufzt,
vom Wind gewellt.
Wie ein Gong aus Licht
tönt Himmel blau
und Flügel breiten
Schatten auf sein Beben.
Schöner noch das Herz,
das träumend singt,
von Dank erfüllt.
Neueste Einträge
- Blüten, Augen, Ranken, Rippen
- Francis Jammes, Laisse les nuages blancs passer au soleil
- Die zitternde Schrift
- Pierre de Ronsard, Quand vous serez bien vieille
- Perlen, Blüten, Aschen
- Yves Bonnefoy, Le pont de fer
- Augen, Stimmen
- Yves Bonnefoy, Le livre pour vieillir
- Das unbewohnbare Haus
- Yves Bonnefoy, Sur un Éros de bronze
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette