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Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXV

La Fontaine

Je ne veux qu’une seule leçon, c’est la tienne,
fontaine, qui en toi-même retombes, -
celle des eaux risquées auxquelles incombe
ce céleste retour vers la vie terrienne.

Autant que ton multiple murmure
rien ne saurait me servir d’exemple;
toi, ô colonne légère du temple
qui se détruit par sa propre nature.

Dans ta chute, combien se module
chaque jet d’eau qui termine sa danse.
Que je me sens l’élève, l’émule
de ton innombrable nuance!

Mais ce qui plus que ton chant vers toi me décide
c’est cet instant d’un silence en délire
lorsqu’ à la nuit, à travers ton élan liquide
passe ton propre retour qu’un souffle retire.

 

Die Fontäne

Ich will die eine Lektion nur aus dir heben,
Fontäne, die du wieder in dich selber sinkst,
die von den Wage-Wassern, die du dir winkst
über den Himmel zurück zum Erden-Leben.

Auch wenn das Säuseln deiner vielen Zungen
mir nicht gereichen könnte zum Exempel;
du, o zarten Staubes Säule an dem Tempel,
die ihr Sein der Selbstverneinung abgerungen.

Vielfach wandelt sich jedes feine Sprühen
bei deinem Fallen in getanzte Gesten.
Wie sehr bin ich dein Schüler im Bemühen,
Ton für Ton zu pflücken von deinen Wasser-Ästen.

Doch mehr als deinem Liede bin ich zugeneigt
dem Augenblick der Stille im vertröpfelten Schrein,
wenn nächtens, da empor dein Strömen steigt,
du dich zurücknimmst, als atmetest du ein.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXIV

C’est qu’il nous faut consentir
à toutes les forces extrêmes;
l’audace est notre problème
malgré le grand repentir.

Et puis, il arrive souvent
que ce qu’on affronte, change:
le calme devient ouragan,
l’abîme le moule d’un ange.

Ne craignons pas le détour.
Il faut que les Orgues grondent,
pour que la musique abonde
de toutes les notes de l’amour.

 

Wir müssen ja sagen
zu allen äußersten Mächten;
wir dürfen die Kühnheit nicht ächten,
auch wenn wir sie immer beklagen.

Wie oft geschieht es sodann,
was wir ertrotzen, entglitt:
die Stille wird zum Orkan,
der Abgrund eines Engels Tritt.

Schleichen wir vom Weg nicht bang.
Es müssen die Orgeln brausen,
damit die Lüfte sausen
von der Liebe großem Gesang.

Dez 30 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXIII

Combien le pape au fond de son faste,
sans être moins vénérable,
par la sainte loi du contraste
doit attirer le diable.

Peut-être qu’on compte trop peu
avec ce mouvant équilibre;
il y a des courants dans le Tibre,
tout jeu veut son contre-jeu.

Je me rappelle Rodin
qui me dit un jour d’un air mâle
(nous prenions, à Chartres, le train)
que, trop pure, la cathédrale
provoque un vent de dédain.

 

Wie stark muß der Heilige Vater in all seiner Pracht,
und immer bleibt Hoheit ihm gepaart,
dank des geheiligten Wirkens der Widermacht
den Satan ziehen in seine Gegenwart.

Mag sein, man zählt nicht allzuviel
auf dieses Pendelns Austarieren;
da sind im Tiber dunkle Schlieren,
ein jedes Spiel will sein Widerspiel.

Rodin, ich hör ihn noch leis,
der mir eines Tages sagte, düster war sein Gesicht,
(in Chartres, wir standen am Bahnhofsgleis)
die Kathedrale zahlt für das allzu reine Licht
mit dem Wind der Verachtung ihren Preis.

Dez 29 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXII

Les Anges, sont-ils devenus discrets!
Le mien à peine m’interroge.
Que je lui rende au moins le reflet
d’un émail de Limoges.

Et que mes rouges, mes verts, mes bleus
son oeil rond réjouissent.
S’il les trouve terrestres, tant mieux
pour un ciel en prémisses.

 

Wie wurden so leise der Engel Schwingen!
Der meine kommt selten noch mit einer Frage vorbei.
Ich will ihm wenigstens einen Schimmer bringen
von einer Limosiner Emaille.

Daß meine roten, grünen, blauen Töne
sein rundes Auge doch erfreuen.
Findet er sie allzu irdisch, gewöhne
er sich, mit ihnen den Himmel zu erneuen.

Dez 29 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XXI

Dans la multiple rencontre
faisons à tout sa part,
afin que l’ordre se montre
parmi les propos du hasard.

Tout autour veut qu’on l’écoute -,
écoutons jusqu’au bout;
car le verger et la route
c’est toujours nous!

 

In der Begegnungen Gezweige
wollen leisten wir jeder das Seine,
auf daß sich die Ordnung zeige
in all der Worte Gemeine.

Alles baut auf unsres Ohres Gnade,
lauschen wir also bis zum gnädigen Schluß;
denn der Garten und die Pfade,
sie sind unser ganzer Genuß.

Dez 29 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XX

Que le dieu se contente de nous,
de notre instant insigne,
avant qu’une vague maligne
nous renverse et pousse à bout.

Un moment nous étions d’accord :
lui, qui survit et persiste,
et nous dont le coeur triste
s’étonne de son effort.

 

Sei doch der Gott mit uns im Bund,
befriede ihn das Zeichen auf der Schwelle,
daß nicht alsbald die Todeswelle
uns niederreiße auf den Grund.

Wir waren eines einen Atem lang:
er, der übersteht und dauert,
wir, deren Herz, das trauert,
staunt, wieʼs ihm gelang.

Dez 29 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XIX

Eros

I

Ô toi, centre du jeu
où l’on perd quand on gagne;
célèbre comme Charlemagne,
roi, empereur et Dieu, -

tu es aussi le mendiant
en pitoyable posture,
et c’est ta multiple figure
qui te rend puissant. -

Tout ceci serait pour le mieux;
mais tu es, en nous (c’est pire)
comme le noir milieu
d’un châle brodé de cachemire.

 

II

Ô faisons tout pour cacher son visage
d’un mouvement hagard et hasardeux,
il faut le reculer au fond des âges
pour adoucir son indomptable feu.

Il vient si près de nous qu’il nous sépare
de l’être bien-aimé dont il se sert;
il veut qu’on touche, c’est un dieu barbare
que des panthères frôlent au désert.

Entrant en nous avec son grand cortège,
il y veut tout illuminé, -
lui, qui après se sauve comme d’un piège,
sans qu’aux appâts il ait touché.

 

III

Là, sous la treille, parmi le feuillage
il nous arrive de le deviner:
son front rustique d’enfant sauvage,
et son antique bouche mutilée …

La grappe devant lui devient pesante
et semble fatiguée de sa lourdeur,
un court moment on frôle l’épouvante
de cet heureux été trompeur.

Et son sourire cru, comme il l’infuse
à tous les fruits de son fier décor;
partout autour il reconnaît sa ruse
qui doucement le berce et l’endort.

 

IV

Ce n’est pas la justice qui tient la balance préciser
c’est toi, ô Dieu à l’envie indivisé,
qui pèses nos torts,
et qui de deux coeurs qu’il meurtrit et triture
fais un immense coeur plus grand que nature,
qui voudrait encor

grandir…Toi, qui indifférente et superbe,
humilies la bouche et exaltes le verbe
vers un ciel ignorant…
Toi qui mutiles les êtres en les ajoutant
à l’ultime absence dont ils sont des fragments.

 

Eros

I

O du, Spieles Zentrum,
bei dem der Gewinner verliert;
wie Carolus Magnus renommiert,
Gott-König im Imperium,

du schleichst herum in Bettlertracht,
als klägliche Figur,
es ist deine verwischte Spur,
die dich mächtig macht.

Alles ist dir zum Gelingen geschickt;
doch bist du, in uns (schlimmere Qual)
wie von einem schwarzen Schal
die Mitte, kaschmirbestickt.

 

II

O tun wir alles, sein Gesicht zu verbergen,
das so scheel und gierig stiert,
er müßte sich wie ein Kind verzwergen,
damit sich seines Feuers wildes Lodern verliert.

Er kommt uns so nah, daß er uns trennt
von dem geliebten Wesen, das er sich greift;
Fühlung will er, Gott, den man barbarisch nennt,
den der Panther in der Wüste streift.

Wenn er in uns mit seiner großen Schar einzieht,
will er an unserm Glanz sich laben,
er, der hernach wie aus der Falle flieht,
ohne den Köder berührt zu haben.

 

III

Dort, unter den Reben, in laubigen Schauern
gibt bisweilen er sich uns kund:
eines wilden Kindes Stirne, eines Bauern,
und seinen urtümlichen, verstümmelten Mund …

Die Traube vor ihm scheint Schwere anzustauen,
als wär von seiner Schlaffheit sie besiegt,
für einen Augenblick streift man das Grauen
dieses Sommerglücks, das trügt.

Und sein rohes Lächeln, wie es niederfließt
auf all die Früchte, die strotzend um ihn schwellen,
wie er ringsum seine List genießt,
die ihn wiegt auf Schlafes Wellen.

 

IV

Nicht das Recht ist es, das die Waage hält im Gleichgewicht,
du bistʼs, o Gott der Gier ohne Verzicht,
der unsre Makel auf die Waage hebt
und der aus zwei Herzen, die er quetscht und zerreibt,
ein ungeheures Herz erschafft, das keine Natur mehr sich verleibt,
und er ist bestrebt,

es größer noch zu machen … Du, gleichgültig und voll Hochmut,
machst klein den Mund und wirfst groß das Wort wie Glut
an einen Himmel, der für alles blind …
Du, der die Wesen zerreißt und sie spinnt
in die äußerste Leere, wo sie zerrissne Fäden sind.

Dez 29 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XVIII

Eau qui se presse, qui court -, eau oublieuse
que la distraite terre boit,
hésite un petit instant dans ma main creuse,
souviens-toi!
Clair et rapide amour, indifférence,
presque absence qui court,
entre ton trop d’arrivée et ton trop de partance
Tremble un peu de séjour.

 

Wasser, es drängt, es eilt – Wasser ohne Gedenken,
welches die Erde trinkt, die so vergeßlich,
es will nur kurz in meine hohle Hand sich senken,
erinnere dich!
Lichte, hastige Liebe, eintönige Weise,
Abwesenheit beinahe, die verhallt,
zwischen deiner zu frühen Ankunft und deiner zu frühen Abreise
zittert ein kleiner Aufenthalt.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XVII

Qui vient finir le temple de l’Amour?
Chacun en emporte une colonne;
et à la fin tout le monde s’étonne
que le dieu à son tour

de sa flèche brise l’enceinte.
(Tel nous le connaissons.)
Et sur ce mur d’abandon
pousse la plainte.

 

Wer setzt Amors Tempel den letzten Stein?
Jeder hat ihm eine Säule gefällt;
und am Ende staunt alle Welt,
wenn mit seinem Pfeil den Hain

der Gott auf seine Art zerschießt.
(Wir wissen ihn so ungeheuer.)
Und auf dem verfallenden Gemäuer
die Klage sprießt.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XVI

Petit Ange en porcelaine,
s’il arrive que l’on te toise,
nous t’avions quand l’année fut pleine,
coiffé d’une framboise.

Ça nous semblait tellement futile
de te mettre ce bonnet rouge,
mais depuis lors tout bouge
sauf ton tendre tortil.

Il est desséché, mais il tient,
on dirait parfois qu’il embaume;
couronné d’un fantôme,
ton petit front se souvient.

 

Kleiner Engel aus Porzellan gemacht,
wunderst dich, daß man auf dich stiert,
wir haben dir in der Silvesternacht
mit einer Himbeere dein Haar verziert.

Es schien uns dermaßen indiskret,
dich mit einer roten Mütze zu versehen,
doch seitdem hat sich die Welt gedreht,
nur dein zarter Helmwulst blieb stehen.

Er ist vertrocknet, doch er hält,
manchmal scheint er von Duft verwöhnt;
von einem Phantombild gekrönt,
wird deine Stirn von Erinnern erhellt.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XV

Sur le soupir de l’amie
toute la nuit se soulève,
une caresse brève
parcourt le ciel ébloui.

C’est comme si dans l’univers
une force élémentaire
redevenait la mère
de tout amour qui se perd.

 

Beim Seufzen der Holden
erhebt sich die hohe Nacht,
ein Liebkosen kaum erwacht
konnte den Himmel vergolden.

Es ist, als ob im Weltenall
wieder eine Macht der Tiefe
Mutter würde und sie riefe
alle Liebe aus dem Fall.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XIV

Vois-tu venir sur le chemin la lente, l’heureuse,
celle que l’on envie, la promeneuse?
Au tournant de la route il faudrait qu’elle soit
saluée par de beaux messieurs d’autrefois.

Sous son ombrelle, avec une grâce passive,
elle exploite la tendre alternative:
s’effaçant un instant à la trop brusque lumière,
elle ramène l’ombre dont elle s’éclaire.

 

Siehst du auf dem Pfad die Langsame im Glück,
die wir beneiden, die lustwandelt ein Stück?
An der Biegung des Weges, da sollten vornehm
schöne Herren sie grüßen von ehedem.

Unter ihrem Sonnenschirm, in lässiger Anmut,
kostet sie aus, was ihr wohler tut:
den Augenblock vom allzu jähen Licht abgekehrt,
gewinnt sie den Schatten, unter dem sie sich verklärt.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XIII

Doux pâtre qui survit
tendrement à son rôle
avec sur son épaule
un débris de brebis.
Doux pâtre qui survit
en ivoire jaunâtre
à son jeu de pâtre.
Ton troupeau aboli
autant que toi dure
dans la lente mélancolie
de ton assistante figure
qui résume dans l’infini
la trêve d’actives pâtures.

 

Sanfter Hirte, der dem Hirtenleben
so weich entgleitet,
da er sich auf die Schulter noch gebreitet
ein entschlafenes Schaf soeben.
Sanfter Hirte, der entgleitet
in falbes Elfenbein
beim Spiel, ein Hirte zu sein.
Deine Herde, ins Abseits verleitet,
du selber bleibst dir nur,
wenn sich die Schwermut weitet,
in deiner tragenden Figur,
die grenzenlos durchschreitet
üppiger Weiden nährende Flur.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XII

Comme un verre de Venise
sait en naissant ce gris
et la clarté indécise
dont il sera épris,

ainsi tes tendres mains
avaient rêvé d’avance
d’être la lente balance
de nos moments trop pleins.

 

Wie ein venezianisches Glas
weiß von Geburt um jene Trübe
und der Klarheit schwankes Maß,
der fortan gilt seine Liebe,

so haben Hände, die Zärten erhellen,
lange schon vorausgeträumt,
uns zu wiegen schlafgesäumt
die Augenblicke, die überquellen.

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers XI

Ô belle corne, d’où
penchée vers notre attente?
Qui n’êtes qu’une pente
en calice, déversez-vous!

Des fleurs, des fleurs, des fleurs,
qui, en tombant font un lit
aux bondissantes rondeurs
de tant de fruits accomplis!

Et tout cela sans fin
nous attaque et s’élance,
pour punir l’insuffisance
de notre coeur déjà plein.

Ô corne trop vaste, quel
miracle par vous se donne!
Ô cor de chasse, qui sonne
des choses, au souffle du ciel!

 

O Wunderhorn, aus welchem Wald
unserem Warten geneigt?
Ihr, die ihr einzig die Neigung zeigt
zu Blütenkelchen, ergießet euch bald!

Blüten, Blüten, Blüten,
die ein Bett formen im Fallen
aus hüpfenden Hüten,
in die so viele Früchte prallen.

Und das schießt auf uns glatt
ohne Ende, will uns erjagen,
zu bestrafen das Versagen
unsrer Herzen, die schon so satt.

O Horn so ungeheuer, weh dem
Wunder aus deinem Munde!
O Waldhorn, das tönet die Kunde,
die Kunde aus himmlischem Odem!

Dez 28 16

Rainer Maria Rilke, Vergers X

C’est le centaure qui a raison,
qui traverse par bonds les saisons
d’un monde à peine commencé
qu’il a de sa force comblé.

Ce n’est que l’Hermaphrodite
qui est complet dans son gîte.
Nous cherchons en tous les lieux
la moitié perdue de ces Demi-Dieux.

 

Er ist wohl im Recht, der Kentaur,
der da springt über die Jahreszeiten-Mauer,
in einer Welt, noch kaum begonnen,
hat seine Kraft sie schon gewonnen.

Nur der Hermaphrodite
ruht vollgestaltig in seiner Hütte.
Wir suchen an allen Stätten,
uns mit verlornen Hälften halber Götter zu retten.

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers IX

Si l’on chante un dieu,
ce dieu vous rend son silence.
Nul de nous ne s’avance
que vers un dieu silencieux.

Cet imperceptible échange
qui nous fait frémir,
devient l’héritage d’un ange
sans nous appartenir.

 

Wenn ihr einem Gott aufsingt,
schenkt der Gott euch seine Stille.
Unser keinem reicht der bloße Wille
als zum Gott, der die Stille bringt.

Dies unmerkliche Ineinander-Sterben
läßt uns erschauern,
ein Engel wird es beerben,
es fassen nicht unsere Mauern.

 

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers VIII

Notre avant-dernier mot
serait un mot de misère,
mais devant la conscience-mère
le tout dernier sera beau.

Car il faudra qu’on résume
tous les efforts d’un désir
qu’aucun goût d’amertume
ne saurait contenir.

 

Unser vorletztes Wort
wäre wohl ein Wort der Not,
doch Mutter Gewissen schickt es fort:
schön sei das letzte Wort, ist ihr Gebot.

Man muß nur mit der Ewigkeit
alle Mühen brechen für ein Streben,
bis am Gaumen keine Bitterkeit
soll fürder kleben.

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers VII

À Mme et M. Albert Vulliez.

Paume, doux lit froissé
où des étoiles dormantes
avaient laissé des plis
en se levant vers le ciel.

Est-ce que ce lit était tel
qu’elles se trouvent reposées,
claires et incandescentes,
parmi les astres amis
en leur élan éternel?

Ô les deux lits de mes mains,
abandonnés et froids,
légers d’un absent poids
de ces astres d’airain.

 

Hand, weiches Bett, zerknittert,
wo die Sterne schliefen so gut
und sie Falten sind entsprossen,
als zum Himmel zog ihr Sinnen.

War so weich des Bettes Linnen,
daß hier Stille hat umgittert
die hellen, voller weißer Glut,
bei ihren lieben Sterngenossen
in ihrem ewigen Entrinnen?

O meiner Hände sanfte Betten,
sinken gelassen und kalt,
zu leicht ohne die Urgestalt,
jener Sterne erzene Palmetten.

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers VI

Nul ne sait, combien ce qu’il refuse,
l’Invisible, nous domine, quand
notre vie à l’invisible ruse
cède, invisiblement.

Lentement, au gré des attirances
notre centre se déplace pour
que le coeur s’y rende à son tour:
lui, enfin Grand-Maître des absences.

 

Keiner weiß, wie sehr uns im Entzug
der Unsichtbare lenkt,
das Leben uns mit unsichtbarem Trug
unsichtbar beschenkt.

Allmählich wird es angezogen wie von Sternen,
unser Zentrum rückt von seiner Stelle,
auch das Herz hebt sich auf diese Welle:
hin zu ihm, dem großen Herrn der Fernen.

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers V

Tout se passe à peu près comme
si l’on reprochait à la pomme
d’être bonne à manger.
Mais il reste d’autres dangers.

Celui de la laisser sur l’arbre,
celui de la sculpter en marbre,
et le dernier, le pire :
de lui en vouloir d’être en cire.

 

Alles das geschieht so fast,
als lege man dem Apfel es zur Last,
gut zu schmecken.
Doch da lauert andres in den Hecken.

Ihn auf dem Baum zu lassen,
ihn ins Marmorbild zu fassen,
und am ärgsten noch zuletzt:
daß man ihn in Wachs versetzt.

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers IV

Combien a-t-on fait aux fleurs
d’étranges confidences,
pour que cette fine balance
nous dise le poids de l’ardeur.

Les astres sont tous confus
qu’à nos chagrins on les mêle.
Et du plus fort au plus frêle
nul ne supporte plus

notre humeur variable,
nos révoltes, nos cris -,
sauf l’infatigable table
et le lit (table évanouie).

 

Wie oft schon haben wir dem Blütenlicht
seltsame Botschaften vertraut,
damit sein Glühen uns erbaut
mit seines Schwingens Gleichgewicht.

Die Sterne wollen schon verzagen,
so hat sich unser Leid gemischt in ihren Schein.
Und keiner, ob er mächtig oder klein,
kann noch ertragen

unsrer Launen Hin- und Widerschwingen,
unser Empören, unser Wehebrüllen –,
es sei denn unsres Mahles Aber-Schlingen,
es sei das Bett (Mahl blindgewordnem Willen).

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers III

Reste tranquille, si soudain
l’Ange à ta table se décide;
efface doucement les quelques rides
que fait la nappe sous ton pain.

Tu offriras ta rude nourriture,
pour qu’il en goûte à son tour,
et qu’il soulève à la lèvre pure
un simple verre de tous les jours.

 

Verharre still, ganz ungeahnt
hat an deinem Tisch der Engel angehalten;
streiche leise glatt nur jene Falten
die unter deinem Brot das Tuch gebahnt.

Du wirst von deinem rohen Mahl ihm geben,
daß er kosten möge, wie es ihm behage,
und an seine reine Lippe heben
einen schlichten Becher Wein vom Tage.

Dez 27 16

Rainer Maria Rilke, Vergers II

Lampe du soir, ma calme confidente,
mon coeur n’est point par toi dévoilé;
(on s’y perdrait peut-être;) mais sa pente
du côté sud est doucement éclairée.

C’est encore toi, ô lampe d’étudiant,
qui veux que le liseur de temps en temps
s’arrête, étonné, et se dérange
sur son bouquin, te regardant.

(Et ta simplicité supprime un Ange.)

 

Leuchte des Abends, Freundin, die schweigt,
du hast mein Herz nicht ganz enthüllt;
(mag sein, man verirrt sich in ihm) doch wo es sich neigt
gen Süden, ist es von süßem Licht angefüllt.

Du bist es ja noch, Lampe der Gelehrsamkeit,
die will, daß der Leser von Zeit zu Zeit
staunend innehält, sich umdreht
von seinem Schmöker und dir seine Blicke weiht.

(Deine Einfalt, an der ein Engel vergeht.)

Dez 26 16

Rainer Maria Rilke, Vergers I

Rainer Maria Rilke, Vergers I

Ce soir mon coeur fait chanter
des anges qui se souviennent …
Une voix, presque mienne,
par trop de silence tentée,

monte et se décide
à ne plus revenir;
tendre et intrépide,
à quoi va-t-elle s’unir?

 

Mein Herz läßt diesen Abend singen
Engel, die Erinnern anfaßt …
Eine Stimme, die meine fast,
will der Stille sich entringen,

steigt empor, entschlossen,
nicht wieder heimzugehen;
sanft und unverdrossen,
worin wird sie verwehen?

Dez 26 16

Das Gleiche ist nicht das Selbe, Teil II

Philosophischer Exkurs über Identität und Individualität und die semantische Verbindung wahrer Sätze mit der Wirklichkeit

Ähnlichkeit und Identität sind kategorial unterschiedliche Begriffe; Dinge, die einander in einer, vieler oder jeder Hinsicht ähnlich sind, werden nicht dadurch zu denselben Dingen, daß wir ihre Ähnlichkeit vergrößern und intensivieren. Ein Ei mag noch sehr einem anderen gleichen, sie bleiben zwei Eier, und das eine kann nie dasselbe sein wie das andere.

Der Traum ist die Welt des Ähnlichen; wir sehen im Traum einen Menschen, den wir zu kennen meinen, im nächsten Augenblick spricht er mit eines anderen Menschen Stimme oder hat das Gesicht einer anderen Person, der er ähnlich sieht, mit der er verwandt ist oder im Gegenteil verfeindet. Die angeblichen Gesetze der Assoziation, die man bei der Traumdeutung gern in Anschlag bringt, sind in Wahrheit überhaupt keine Gesetze, denn wir vermögen nicht vorauszusagen, mit welchen anderen Bildern sich das gerade gesehene Traumbild im nächsten Augenblick anreichern, überlappen oder teilweise auslöschen wird. Es scheint so, als hätten wir eine tiefe symbolische Wahrheit erkannt, wenn wir dem Traumbericht des Freundes entnehmen, er habe zuerst von seinem Vater geträumt und dann von einem Wolf, der ihm schrecklich die Zähne entgegengefletscht habe: Wir wissen indes nicht, ob wir aufgrund der sogenannten Assoziationsgesetze der Kontiguität, der Analogie und des Kontrasts nunmehr auf jene lang bemühten kindlichen Ängste vor dem Vater oder gar auf Kastrationsängste schließen können, denn das Bild des bösen Wolfs könnte nicht der Abschluß der Traumsequenz, sondern in der eigentümlichen Dramaturgie des Traumspiels der Beginn einer neuer Szene gewesen sein.

Wir können keine wahren Sätze der Art wie „Diese Blüte ist blau“ oder „Peter ist der Täter“ auf das Traumgeschehen anwenden, weil der Begriff der semantischen Identität auf den Traum keine Anwendung findet. Die geträumte Blüte hat kein Licht der Wellenlängen zwischen 460 und 480 Nanometern emittiert, die den Grund, weshalb wir sie blau nennen, in eben dieser physikalischen Ursache verankerte. Wir färben die Blüte des Traums gleichsam mittels des Farbkastens der Erinnerung, und die Farbwahl des Traums gehorcht anderen Regeln als der semantischen Identität bei der Farbbestimmung unseres wachen Lebens. Wenn wir im Traum erleben, wie unser Freund Peter Geldscheine oder wichtige Papiere aus der Schublade unseres Schreibtisches zieht und verstohlen einsteckt, können wir ihn am nächsten Tag, wenn wir ihm bei vollem Bewußtsein zufällig auf der Straße begegnen, aus diesem Grund nicht scheel anschauen oder gar zur Verantwortung ziehen.

Wir träumen demnach, wenn wir uns im Wachzustand befinden, genau aus diesem Grunde nicht, weil wir wissen oder mit guten Gründen annehmen, daß diese uns gezeigte Blüte denselben Farbwert wie unsere Farbskala, nämlich Blau, hat oder daß Peter derjenige ist, der Paul bestohlen hat.

„derjenige, welcher“ oder „derselbe, der“ ist der Ausdruck oder die grammatische Formel der semantischen Identität oder das Kriterium unseres Wachbewußtseins.

Der semantisch-ontologische Unterschied von Traum und Wachbewußtsein liegt keineswegs darin, daß im Traum jene physikalischen Gesetze nicht gelten, die verhindern, daß wir uns im wachen Leben plötzlich in die Lüfte erheben und über die Landschaft fliegen oder kompakte und feste Materien wie eine Wand durchschreiten können: Lebten wir in einer wundersamen Welt, in der all das möglich wäre, unterschiede sie sich von der Traumwelt doch darin, daß wir sagen könnten: „Derjenige, der durch die Luft flog, und derjenige, der durch die Wand geschritten ist, ist derselbe, der er war, als er über den Boden ging, und derselbe, der er war, als er sich vor der Wand aufhielt.“ Und dies könnten wir wohlgemerkt im Traum oder für das Traumgeschehen nicht füglich behaupten.

Halten wir formelhaft fest: Es gibt keinen semantischen Übergang von dem Gleichen zu dem Selben, denn das Gleiche und das Selbe sind kategorial unterschiedlich.

Eine Blüte, die in jener wundersamen Welt uns zuerst blau und dann rot erschiene, wäre zuerst eine blaue Blume mit den bekannten Farbeigenschaften und verwandelte sich dann wundersamerweise in eine rote Blume mit den bekannten Farbeigenschaften – doch es wäre keine noch so wundersame Welt denkbar und möglich, in der dieselbe Blüte zugleich blau und rot sein könnte. Ist es physikalisch nicht möglich? Das mag sein oder nicht sein; entscheidend ist, daß es begrifflich unmöglich ist: Wir kommen an die Grenzen der Sprache, und müssen eingestehen, daß wir die Identität der Sache verlieren, wären wir genötigt, ihr ausschließende und widersprechende Bestimmungen zu attribuieren.

Der alte Herr Peter ist gestorben, und sein treuer Königspudel Cora ist in einem traurigen Zustand; da geschieht es, daß der einzige Erbe, sein Zwillingsbruder Paul, der lange im Ausland gelebt hat, zur Beerdigung anreist und dann das Haus des Bruders samt seinem Hund übernimmt. Nehmen wir an, Paul habe nicht nur dieselbe Gestalt und dasselbe Aussehen wie Peter, er sei ihm nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, sondern ihm auch in der Stimme, im emotionalen Ausdruck und allem Gebaren so ähnlich, daß viele Bekannte des alten Herrn verwundert und ein bißchen erschrocken dreinblicken, wenn jetzt Paul die Türe öffnet. Doch die Hündin Cora ist gar nicht verwundert, sondern glücklich, glaubt sie doch, ihr Herrchen sei wieder da, zumal Paul sogar dieselben Duftnoten verströmt wie sein verstorbener Bruder, was dem Hund sehr angelegentlich entgegenkommt.

Sollen wir nun sagen, für Cora habe sich Peter in Paul verwandelt? Oder sollen wir sagen, für Cora ist Paul derselbe Herr, der ihm zuvor Peter gewesen?

Wir wissen, daß Peter verstorben und Paul eine andere Person als sein Zwillingsbruder ist. Gemäß unseren Voraussetzungen aber kann der Hund Cora dies nicht wissen: Tiere leben nicht in der semantisch-logischen Welt, deren Unterscheidungskriterium die semantische Identität darstellt. Tiere finden ihr Genüge an der Wahrnehmung des Gleichen, sie nähren ihr mehr oder weniger bewußtes Leben gleichsam von Ähnlichkeiten, sie leben, können wir kühn formulieren, in der Traumwelt eines animalischen Traumbewußtseins.

Wie aber wir, wie sind wir aus dem Traumbewußtsein zum Wachbewußtsein gelangt? Dadurch, daß wir erfahren haben, daß nur wir und ausschließlich wir zu uns und über uns „ich“ sagen können, während alle anderen uns mit „du“ oder „Sie“ anreden oder von uns als „er“ oder „sie“ berichten.

Wer von und über sich „ich“ sagt, geht davon aus, daß er dieselbe Person ist, die heute Morgen das Haus verließ, ihre Arbeit im Büro verrichtet und anschließend einige Einkäufe erledigt hat und jetzt den Schlüssel zu ihrer Wohnung umdreht; dieselbe Person, die vor einem Monat von ihrem Arbeitskollegen sich ein Buch ausgeliehen und es ihm heute verabredungsgemäß wieder ausgehändigt hat; dieselbe Person, die beim Frühstück sich vorgenommen hat, ihrer Katze Mimi frisches Futter zu besorgen, sie hat dies ihrer Katze sogar spielerisch-neckend mitgeteilt und das Futter im Laden besorgt, um es abends dem glücklichen Tier in den Napf zu geben.

Die Katze hat nicht daran gedacht, sich nicht daran erinnert, nicht gehofft, daß ihr Besitzer an sie denkt und ihr das Futter besorgt, welches er ihr nun verabreicht; sie konnte so etwas nicht denken, weil sie nicht zu sich sagen kann: „Ich will mein Herrchen heute Abend besonders freundlich begrüßen, er hat es verdient, denn er versprach mir, frisches Futter mitzubringen.“

Warum kann die Katze Mimi, das schlaue Tier, dies nicht? Weil sie nicht aus dem animalischen Traumbewußtsein zu dem wachen Zustand aufgetaucht ist, in dem sie von sich und über sich „ich“ sagen könnte. Wir können den semantisch-ontologischen Tier-Mensch-Unterschied auch so ausdrücken, daß wir sagen: Die Katze hat keinen Begriff davon, daß die Person, die am Morgen versprochen hat, Futter zu besorgen, mit der Person identisch ist, die ihr am Abend das Futter verabreicht; und dies kann sie deshalb nicht, weil sie selbst nicht weiß, daß sie dasselbe Wesen ist, dem ihr Besitzer am Morgen das Versprechen gegeben hat, ihr am Abend Futter mitzubringen, und dem gegenüber er es am Abend erfüllt, indem er ihr das Futter verabreicht.

Wir bemerken, daß Tiere über keine semantische Brücke zu dem gelangen können, was wir Wirklichkeit oder Realität nennen, weil ihre Natur ihnen – vielleicht nicht zu ihrem Unglück – verwehrt hat, Sätze, wahre oder falsche Sätze, zu bilden, auf die die semantische Identitätsformel „derselbe, der“ Anwendung finden könnte.

Die Unfähigkeit der Katze Mimi, sich und ihren Besitzer abends als dieselbe und als denselben wiederzuerkennen, die sie am Morgen waren, beruht nicht auf physiologisch fundierten Defiziten der Aufmerksamkeit und des Erinnerungsvermögens, denn die Katze wird sehr hellhörig und erkennt sogleich, daß ihr Besitzer die Wohnung betritt, aber sie hat keinen Begriff davon, daß er dieselbe Person ist, die heute Morgen das Haus verließ und jetzt mit einem Freund telefoniert. Das Tier hat ein Wahrnehmungsbild und ein entsprechendes Erinnerungsbild von ihrem Besitzer, aber sie kann nicht den wahren Satz bilden: „Dieselbe Person, die heute Morgen hier gefrühstückt hat, war tagsüber nicht da, sondern in ihrem Büro.“ Und das kann sie deshalb nicht, weil sie nicht den Satz bilden kann: „Vorgestern hat mich mein Besitzer mit ins Büro genommen, an diesem Tag war ich nicht in der Wohnung.“

Die Katze kann nicht zu sich sagen: „Vorgestern war ich wie alle Tage hier in der Wohnung“, obwohl sie vorgestern tagsüber nicht in der Wohnung war; denn da sie keine wahren Sätze bilden kann, so auch keine falschen.

Wenn am Abend nicht wie gewohnt ihr Besitzer in die Wohnung kommt, sondern sein Freund, weil jener für ein paar Tage verreist ist und dieser für ihn das Tier versorgt, kann die Katze wohl klar wahrnehmen, daß eine andere Person anwesend ist, aber sie kann nicht zu sich sagen: „Mein Herrchen ist heute nicht gekommen.“ Und das rührt von der wesentlichen semantischen Tatsache her, daß Tiere über keine Sprache verfügen, mit der sie negative Sachverhalte behaupten könnten. Der hier relevante negative Sachverhalt läßt sich unter Anwendung des semantischen Identitätskriteriums so ausdrücken: „Die Person, die jetzt hier anwesend ist, ist nicht identisch mit dem Wohnungsinhaber.“

Wir wissen im Gegensatz zur Hündin Cora, was es heißt, daß der verstorbene Peter nicht dieselbe Person wie sein Zwillingsbruder Paul ist, und wir wissen im Gegensatz zur Katze Mimi, was es heißt, daß die hier anwesende Person nicht identisch mit dem Wohnungsinhaber ist, aus dem einfachen Grunde, weil wir wissen, was es heißt, daß wir selbst nicht identisch mit einer Person sind und sein können, die verstorben ist oder sich anderswo aufhält als dort, wo wir gerade weilen.

Ein weiterer wesentlicher Tier-Mensch-Unterschied, der auf das semantische Identitätskriterium verweist, beruht auf unserer gleichsam negativen Fähigkeit, uns systematisch zu irren und Fehler zu machen: Wir glauben, Peter sei zu Hause, doch er ist es nicht, wir verwechseln Peter mit Paul; Tiere wie Cora der Hund und Mimi die Katze haben allenfalls ihre Spur verloren, verheddern sich in Gestrüpp und Garn, stolpern über einer Hürde oder buddeln nach der Maus im falschen Mauseloch, doch sie irren sich nicht dergestalt, daß ihre Mutmaßung, Peter sei mit Paul identisch, falsch ist, oder ihre Annahme, daß ihr Herrchen ihnen heute Abend Futter mitbringe, falsifiziert wird.

Wenn wir den Tischnachbarn versehentlich anstoßen, weil wir reflexhaft eine zudringliche Fliege abgewehrt haben, entschuldigen wir uns, auch wenn unser Fauxpas ohne die geringste Absicht geschah. Wir gehen demnach davon aus, daß wir die Körperbewegung, die ohne Absicht und reflexhaft sich vollzog, so klassifizieren, als sei sie absichtsvoll von uns herbeigeführt worden; so zeichnen wir gleichsam verantwortlich für das, was uns widerfuhr. Daraus folgern wir: Auch wenn alle unsere scheinbar absichtsvollen Bewegungen und Handlungen determiniert wären, wären wir immerhin frei, dennoch für sie oder viele von ihnen verantwortlich zu zeichnen. Wir wollen damit auf die merkwürdig komplexe Ontologie der Ich-Identität hinweisen, die jedenfalls nicht, wie es eine einflußreiche Meinung will, auf den Willen zur Selbstbehauptung reduziert werden kann.

Wir können es im Bilde auch so sagen: Das Ich gleicht eher einer weichen Knet- und Modelliermasse, die sich den Rastern und Mustern unserer Sprachspiele geschmeidig anbequemt, als einer Lanze oder spitzen Waffe, die der ums Überleben sorgende Organismus immerzu jäh und blind in die Umgebung sticht. Bei solch einer Spiegelfechterei käme er sich bald selber abhanden. So bin ich mehr der Angeredete als derjenige, der da immerzu dareinredet; was ich sage und zu sagen habe, wird ja getragen und ins Licht gehoben von den Arabesken und Ornamenten im Teppich des schon immer und immer wieder Gesagten. Allerdings gilt auch: Mag das Ich als ein stilles, flaches und demütiges Wasser auf dem sehenden Auge des Lebens schwimmen, ein noch so ruhiges Wasser mag aufschäumen, aufgewühlt und aufgepeitscht werden, wenn Stürme des Schicksals darüberhingehen.

Was ich gesagt und getan habe, kann kein anderer im genau gleichen Sinne gesagt und getan haben. Könnte ein anderer als ich das, was ich gesagt und getan habe, im genau gleichen Sinne gesagt und getan haben, wäre ich nicht dieselbe Person, die dies gesagt und jenes getan hat. Auf diese herausgehobene Ich-Identität zielen wir ab, wenn wir feststellen, daß wir nicht nur typidentisch mit uns bleiben, wie der Baum oder das Tier, deren organische Zusammensetzung im Lebenszyklus bei gleichbleibender organischer Form und Struktur wechselt und gänzlich ausgetauscht wird, sondern singulariter oder als diese einzelne vollständig individualisierte Person mit uns identisch bleiben: Denn wenn ich sterbe, bin ich dieselbe Person, die einst, in einem gleichsam außerzeitlichen Einst, erfahren hat, daß sie lebt.

Wir resümieren: Diese uns hier gezeigte Blüte ist genau diejenige Entität und keine andere, in der so und so viele Eigenschaften und Relationen wie in einem Bündel realisiert und instantiiert sind, und zu diesen gehören der Ort (und die räumliche Ausdehnung), die Zeit (und Dauer), die Dimensionalität (Fläche oder Körper), die Farbe, die Anzahl (der Blüten- und Staubblätter), der Abstand (vom Boden, der nächsten Blüte …), die innere Struktur … Wie viele Eigenschaften und Relationen sind es? Sehr viele, indes nicht unendlich viele; denn wären es unendlich viele, wären sie bei endlicher Zeitdauer nicht vollständig verwirklicht; sie sind aber verwirklicht, denn die Blüte steht vor uns, demnach sind es endlich viele.

Die blaue Blüte ist dieselbe Entität, die genau auf diese und keine anderen Arten und Weisen verwirklicht ist, denn wäre sie zum Beispiel an einem anderen Ort verwirklicht, wäre sie eine andere Blüte.

Wir bemerken: Die semantisch-ontologische Identität erfaßt eben dasjenige, was Duns Scotus und die mittelalterliche Philosophie die haecceitas, das einzelne und einmalige individuelle  Dasein, nannten.


Dez 25 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXXVI

Beau papillon près du sol,
à l’attentive nature
montrant les enluminures
de son livre de vol.

Un autre se ferme au bord
de la fleur qu’on respire -:
ce n’est pas le moment de lire.
Et tant d’autres encor,

de menus bleus, s’éparpillent,
flottants et voletants,
comme de bleues brindilles
d’une lettre d’amour au vent,

d’une lettre déchirée
qu’on était en train de faire
pendant que la destinataire
hésitait à l’entrée.

 

Schöner Falter auf Grases Schneisen,
der Mutter will er weihen,
sie sieht sie ja, die Malereien
im Buche seiner Reisen.

Ein andrer schließt sich zu am Rande
einer Blüte, ihre Düfte rühren,
dies ist die Zeit nicht für Lektüren.
Und andre noch, unerkannte,

kleine blaue Tupfer, Luftgekritzel,
treiben und gaukeln blind,
wie blaue Schnitzel
eines Liebesbriefs im Wind,

eines Briefs, zerrissen auf der Stelle,
als gerade man ihn schrieb,
da die Empfängerin noch blieb
zögernd stehen auf der Schwelle.

Dez 25 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXXV

Au ciel, plein d’attention,
ici la terre raconte;
son souvenir la surmonte
dans ces nobles monts.

Parfois elle paraît attendrie
qu’on l’écoute si bien -,
alors elle montre sa vie
et ne dit plus rien.

 

Himmel neigt sein Ohr,
wenn hier die Erde singt
und ihr Erinnern dringt
in jene Höhen vor.

Manchmal scheint sie tränenselig,
wenn er so innig lauscht,
dann hat Lied mit Leben sie vertauscht,
und sie schweigt ein wenig.

Dez 25 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXXIV

Mais non seulement le regard
de ceux qui travaillent les champs,
celui des chèvres prend part
à parfaire le lent

aspect de la Noble Contrée.
On la contemple toujours
comme pour y rester ou pour
l’éterniser

dans un si grand souvenir
qu’aucun ange n’osera,
pour augmenter son éclat,
intervenir.

 

Doch nicht nur die Blicke
jener, die auf Äckern die Pflüge wenden,
auch der Blick der Zicke
macht das weite Bild vollenden

der Noble Contrée.
Immer will das Anschaun
hier verweilen, sie vertraun
dem ewigen Schnee,

der still auf einem Denkbild ruht,
das kein Engel wagte zu versehren,
um sein Leuchten zu vermehren,
mit seines Fittichs Glut.

Dez 25 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXXIII

Ce ciel qu’avaient contemplé
ceux qui le loueront
pendant l’éternité:
bergers et vignerons,

serait-il par leurs yeux
devenu permanent,
ce beau ciel et son vent,
son vent bleu?

Et son calme après,
si profond et si fort,
comme un dieu satisfait
qui s’endort.

 

Dieses Himmels Hort,
die ihn betrachtet, werden
ihn preisen immerfort:
Winzer und Hüter der Herden,

ob er in ihrer Blicke Bau
ein Bleiben ewiglich gewinnt,
dieser schöne Himmel und sein Wind
sein Wind, so blau?

Und wie darauf die Stille sank,
so tief, so ungemein,
gleich einem Gott, der trank,
und dämmert ein.

Dez 25 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXXII

Quelle déesse, quel dieu
s’est rendu à l’espace,
pour que nous sentions mieux
la clarté de sa face.

Son être dissous
remplit cette pure
vallée du remous de sa vaste nature
de sa vaste nature.

Il aime, il dort.
Forts du Sésame,
nous entrons dans son corps
et dormons dans son âme.

 

Welche Göttin, welcher Gott verschwenden
sich dem Raum des Lichts,
daß besser wir empfänden
die Klarheit seines Gesichts.

Sein aufgelöstes Sein
erfüllt des Flußtals reine Breite
mit Strudeln seines Wesens ungeheurer Weite,
seines Wesens ungeheurer Weite.

Er mag lieben, er mag schlafen.
Sesams Felsenschrein,
wir landen in seines Leibes Hafen
und schlafen in seiner Seele ein.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXXI

Chemins qui ne mènent nulle part
entre deux prés,
que l’on dirait avec art
de leur but détournés,

chemins qui souvent n’ont
devant eux rien d’autre en face
que le pur espace
et la saison.

 

Wege, die sich zwischen zwei Weiden
nirgendhin wenden,
als würden sie kunstvoll vermeiden,
irgend zu enden,

Wege, so ungenau,
die Sicht verstellen sie kaum
vor dem reinen Raum
und dem Sommerblau.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXX

Au lieu de s’évader,
ce pays consent à lui-même;
ainsi il est doux et extrême,
menacé et sauvé.

Il s’adonne avec ferveur
à ce ciel qui l’inspire;
il excite son vent et attire
par lui la plus neuve primeur

de cette inédite
lumière d’outre-mont:
l’horizon qui hésite
lui arrive par bonds.

 

Dies Land will nicht entfliehen,
es sagt sich selbst sein Ja;
so ist es sanft und doch dem Abgrund nah,
voll Gefahr ist Rettung ihm verliehen.

Es schenkt sich glühend immer
dem Himmel, der es erweckt;
es spornt den Wind und neckt
mit ihm den jungfräulichen Schimmer

des ersten ungesehnen
Lichts, jenseits der Höhen entglommen;
der Horizont will sich noch dehnen
und ist in Sprüngen angekommen.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXIX

Vent qui prend ce pays comme l’artisan
qui, depuis toujous, connaît sa matière;
en la trouvant, toute chaude, il sait comment faire,
et il s’exalte en travaillant.

Nul n’arrêterait son élan magnifique; nul
ne saurait s’opposer à cette fougueuse audace -,
et c’est encor lui qui, prenant un énorme recul,
tend à son oeuvre le clair miroir de l’espace.

 

Wind, der dies Land anfaßt wie ein Töpfer,
der seit je seinen Lehm zu formen weiß;
und warm ihn formend wird ihm selber heiß,
diesem schweifenden Schöpfer.

Nichts setzt seinem Wunderatem Grenzen;
nichts je dem kühn brausenden Schwall,
schon nimmt er Schwung, um zu ergänzen
seinem Werk den klaren Spiegel für das All.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXVIII

Pays qui chante en travaillant,
pays heurex qui travaille;
pendant que les eaux continuent leur chant,
la vigne fait maille pour maille.

Pays qui se tait, car le chant des eaux
n’est qu’un excès de silence,
de ce silence entre les mots
qui, en rythmes, avancent.

 

Land, das bei der Arbeit singt,
Land im Glück der Mühen;
während der Gesang der Wasser weiterspringt,
kann die Rebe Masche für Masche ziehen.

Land, das schweigt, denn des Wassers Sang
ist nur der Stille Übermaß,
Stille zwischen der Worte Klang,
die rhythmisch schreiten ohne Unterlaß.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXVII

Les tours, les chaumières, les murs,
même ce sol qu’on désigne
au bonheur de la vigne,
ont le caractère dur.

Mais la lumière qui prêche
douceur à cette austérité
fait une surface de pêche
à toutes ces choses comblées.

 

Die Türme, die Hütten, die Gemäuer,
selbst dieser Boden, ausersehen
für der Reben Wohlergehen,
sind von Härte ungeheuer.

Doch das Licht, das predigt immer
dieser Rauhheit reine Milde,
leiht eines Pfirsichs Schimmer
diesem ganzen Bilde.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXVI

Fier abandon de ces tours
qui pourtant se souviennent
– depuis quand jusqu’à toujours –
de leur vie aérienne.

Cet innombrable rapport
avec la clarté pénétrante
rend leur matière plus lente
et leur déclin plus fort.

 

Die Türme bröckeln, herrisch zwar,
doch von Erinnern gequält
– von ehedem bis immerdar –
an ein Leben, luftvermählt.

Dieser ungeheure Bezug
zur Klarheit, die alles durchdringt,
macht, daß ihr Dasein langsamer schwingt,
und läßt ihrem Untergang keinen Verzug.

Dez 24 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXV

Le long du chemin poussiéreux
le vert se rapproche du gris;
mais ce gris, quoique soumis,
contient de l’argent et du bleu.

Plus haut, sur un autre plan,
un saule montre le clair
revers de ses feuilles au vent
devant un noir presque vert.

À côté, un vert tout abstrait,
un pâle vert de vision,
entoure d’un fond d’abandon
la tour que le siècle défait.

 

In der Pfade staubiger Hut
nähert das Grün sich dem Grau;
aber dies Grau, voller Demut,
enthält Silber und Blau.

Darüber, in einer anderen Welt,
wo eine Weide den hellen
Saum der Blätter dem Wind hinhält,
hat die Schwärze grüne Stellen.

Seitlich, ein Grün ohne Wirklichkeit,
ein Grün der Gesichte, so bleich,
gärt wie ein faulender Teich
um den Turm, ein Opfer der Zeit.

Dez 23 16

Das Gleiche ist nicht das Selbe, Teil I

Philosophischer Exkurs über Identität und Individualität und die semantische Verbindung wahrer Sätze mit der Wirklichkeit

Wir gelangen nur mittels wahrer Sätze zur Wirklichkeit, nämlich zur Feststellung eines bestehenden Sachverhalts. Nur wahre Sätze haben Relevanz oder Lebensbedeutung.

Aber damit auch falsche Sätze. Wenn wir wissen, daß der Satz „Peter war der Täter“ falsch ist, wissen wir immerhin, daß nicht Peter, sondern ein anderer der Täter war. Das kann jedenfalls für Peter von erheblicher Relevanz und Lebensbedeutung sein.

Wahre Sätze der Art wie „Peter ist der Täter“ oder „Peter ist der Mann, der an diesem Tag und jenem Ort Paul bestohlen hat“ sind das Bindeglied zwischen der Sprache und der Wirklichkeit. Das zeigt sich darin, daß wir nur wahre Sätze dieses Typus für bare Münze nehmen und Konsequenzen für unser Schalten und Walten, unsere Einstellungen und praktischen Entscheidungen aus ihnen ableiten: Paul, der den genannten Satz in die Äußerung umwandelt: „Peter hat mich an diesem Tag und jenem Ort bestohlen“, wird die Polizei verständigen und eine Anzeige machen; oder er wird ihn nicht anzeigen und Paul, der vorgab, sein Freund zu sein, die Leviten lesen und auf einer persönlich abzumachenden Wiedergutmachung bestehen.

Wir wollen hier ein formales Verfahren betrachten, mit dessen Hilfe wir zu dieser Art von wahren Sätzen und ihrer Verbindung mit der Wirklichkeit gelangen: Es besteht auf der einen Seite in einer analytischen Reduktion, auf der anderen (spiegelbildlich symmetrischen) Seite in einem Ausschlußverfahren. Seine Maxime lautet: Das Gleiche ist nicht das Selbe.

Die Polizei hat das Foto eines gesuchten Mörders veröffentlicht; Karl sieht einen Passanten, dessen Gesicht dem auf dem Fahndungsplakat wie ein Ei dem anderen gleicht. Karl verständigt vor Ort die Kripo mit seinem Handy, der Verdächtige wird verhaftet, aber schon bald wieder freigelassen, seine Fingerabdrücke stimmten mit denen des Gesuchten nicht überein.

Wir bemerken, daß der Verdächtige in den Augen von Karl vermutlich, mutmaßlich oder möglicherweise der gesuchte Täter ist. Das Verfahren des positiven Abgleichs von Fingerabdrücken ist nun in unserem Sinne einerseits ein Verfahren der Reduktion, in diesem Falle der Reduktion des Möglichen auf das Wirkliche oder der möglicherweise wahren Sätze auf einen bestimmten wahren Satz, denn derjenige, der möglicherweise als Täter in Frage kommt, kann mittels dieses Verfahrens als wirklicher Täter überführt werden; und es ist andererseits ein Ausschlußverfahren, wenn der vermeintliche Täter mittels des negativen Abgleichs der Fingerabdrücke als wirklicher Täter oder der Satz über seine Identität als Täter aus dem semantischen Raum möglicherweise wahrer Sätze ausgeschlossen wird.

Wir bemerken zudem, daß der Schluß vom Möglichen auf das Wirkliche anders als der Schluß vom Wirklichen auf das Mögliche oder der Analogieschluß überhaupt kein logisch stringenter Schluß, sondern meist ein Fehlschluß und nur ausnahmsweise oder zufällig einmal ein wahrer Schluß ist. Denn der Schluß von der Aussage: „Peter sieht dem Gesuchten ähnlich“ auf die Aussage: „Also ist Peter der Gesuchte“ ist höchstwahrscheinlich falsch und nur richtig, wenn die Identität Peters mit dem Gesuchten anhand erprobter und bewährter Verfahren der Identifizierung festgestellt wird, die dadurch dem Analogieverfahren überlegen sind, daß sie das Gleiche auf das Selbe zu reduzieren vermögen. Peter ist der Täter, wenn seine Fingerabdrücke oder seine DNS mit denen des Täters, von dem man früher einen Fingerabdruck genommen oder eine Blutprobe entnommen hat, übereinstimmen. Aber die Tatsache, daß er dem wirklichen Täter ähnlich oder gleich sieht, macht ihn noch lange nicht zum wirklichen Täter, dem Täter selbst.

Betrachten wir den Aussagetyp wahrer oder möglicherweise wahrer Sätze wie „Peter ist der Täter“ im Vergleich mit dem Aussagetyp von Sätzen wie:

(1) Blau ist eine Farbe
(2) Ein Kreis ist die geometrische Linie, bei der alle Abstände zu einem gegebenen Punkt gleich sind

Diese Sätze haben den Anschein von wahren Sätzen aus dem einzigen Grund, weil sie mit sprachlichen Festsetzungen oder Definitionen übereinstimmen, die wir als Mitglieder unserer Sprachgemeinschaft vorgenommen haben. Solche Sätze sind apriori „wahr“, aber nicht immer notwendig „wahr“, sondern teilweise kontingent, denn wären wir alle farbenblind, hätten wir Satz (1) nicht formuliert. Wir setzen „wahr“ in diesen Fällen in Anführungszeichen, weil sich das Wahrsein solcher Sätze auf die korrekte Anwendung sprachlicher Regelungen und Regeln bezieht und daher semantisch redundant oder leer ist.

Wir können den Satz: „Blau ist eine Farbe“ mit dem Satz: „Peter ist ein Name“ vergleichen, um unsere Bemerkung, daß es sich dabei um sprachliche Festsetzungen oder Definitionen handelt, zu verdeutlichen. So sagen wir: „Blau ist eine andere Farbe als Rot“ oder: „Peter ist ein anderer Name als Paul“; Sätze dieses semantischen Typs sind weder wahr noch falsch, sondern mehr oder weniger sinnvoll. Es wäre sinnlos, sprachliche Festlegungen der Art machen zu wollen wie: „Blau ist ein Klang“ oder „Der Kreis ist diejenige geometrische Figur auf der Ebene, die am schönsten und vollkommensten aussieht“ – auch wenn gewisse Metaphysiker der Antike von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt waren.

Dagegen ist der Satz „Dieser Klang ist blau“ nicht von vornherein sinnlos, denn einige seltsame Leute, die von sich behaupten über die Fähigkeit synästhetischer Wahrnehmung zu verfügen, könnten diesen Satz bei bestimmten Gelegenheiten äußern; ebenso könnte ein Maler den Satz vom Kreis als schönster und vollkommenster Figur auf der Fläche adaptieren und in seinen ästhetischen Kanon aufnehmen, auch wenn wir in beiden Fällen, dem des Synästhetikers und dem des Ästhetikers, kein spezifisches Verfahren zu nennen wüßten, mit dem wir ihre Wahrheit überprüfen könnten.

Wir betrachten den semantischen Unterschied der Sätze:

(3) Blau ist ein Klang.
(4) Blau ist eine Farbe.
(5) Diese Blüte ist blau.

Satz (3) ist weder wahr noch falsch und sinnlos.
Satz (4) ist weder wahr noch falsch, aber sinnvoll.
Satz (5) ist entweder wahr oder falsch und sinnvoll.

Die Bedeutsamkeit und Relevanz von Sätzen wie (5) „Diese Blüte ist blau“ bestehen in dem Umstand, daß wir nur mit ihrer Hilfe eine semantische Brücke zwischen Sprache und Wirklichkeit bauen können. Sätze dieser Art greifen einen individuellen und spezifischen Sachverhalt aus der Wirklichkeit heraus und behaupten, daß er besteht. Denn die gemeinte oder deiktisch herausgehobene Blüte ist blau, wenn wir ein konventionelles Farbmuster mit den Beispielen und Namen unserer Grundfarben an die gezeigte und erblickte Blüte halten und gedanklich ein Häkchen bei „Blau“ setzen.

Sätze des Grundtyps (5) sind insbesondere als Brücke zwischen Sprache und Realität bedeutsam, weil bei ihnen der Grund ihrer Äußerung mit der Ursache des Geäußerten identisch ist. Gefragt, aus welchem Grund einer die ihm gezeigte Blüte blau nenne, wird er antworten, weil sie ihm blau erscheine oder daß er sehe, daß sie blau ist. Der phänomenale Farbeindruck von Blau ist aber kausal mit der Tatsache verknüpft, daß ein Gegenstand im Sehfeld Licht mit einer Wellenlänge von 460 bis 480 Nanometern emittiert. Wir können daher die Identität von Ursache und Grund, die für Sätze mit semantischer Brückenfunktion von hoher Relevanz ist, semantische Identität nennen.

Wir bemerken, daß die semantische Identität eine Wahrheitsbedingung für Sätze wie „Diese Blüte ist blau“ oder „Peter ist der Täter“ darstellt. Denn wie Paul aufgrund der Tatsache, daß von dem ihm gezeigten Gegenstand Licht in den Wellenlängen zwischen 460 und 480 Nanometern emittiert wird, bewogen wird, der Äußerung „Diese Blüte ist blau“ zuzustimmen, wird Paul dem Satz „Peter ist der Täter“ zustimmen, weil er gesehen hat, daß der sich im Kaufhaus unbeobachtet glaubende Peter eine Uhr aus der Auslage in seine Tasche hat verschwinden lassen. Würde die Blüte dagegen Wellenlängen von über 600 Nanometern emittieren, wäre die Aussage, sie sei blau, falsch und Paul litte unter einer Sehstörung, denn in Wirklichkeit ist sie rot, ebenso wie die Äußerung „Peter ist der Täter“ falsch wäre, wenn Paul zwar jemanden bei dem Diebstahl im Kaufhaus beobachtet hätte, aber diese Person nicht mit Peter identisch, sondern Karl gewesen wäre.

Das entscheidende Merkmal dieser wahrheitsfähigen Sätze aber ist ein ontologisches: Sie sind stets semantisch perfekt individualisiert und beziehen sich auf eine einzelne Entität wie „diese Blüte“ oder in der Aussage „Peter ist der Täter“ auf genau diesen Mann und keinen anderen, der an diesem Tag und jenem Ort (und an keinem anderen Tag und keinem anderen Ort) dies und jenes (und nicht etwas anderes) getan hat, zum Beispiel Paul bestohlen hat.

Bei dem, was wir Wirklichkeit oder Realität nennen, geht es demnach um das Vorkommen einzelner Entitäten oder Individuen oder Singularitäten, von denen wir etwas aussagen, dessen Wahrheit oder Falschheit wir anhand formaler und erfahrungsmäßiger oder experimenteller Verfahren der Identifizierung feststellen können. Peter ist der Dieb, weil Paul, den er bestohlen hat, ihn zweifelsfrei mittels Augenzeugenschaft identifizieren konnte. Wenn Peter sich geschickt verkleidet hatte oder Pauls Wahrnehmung aufgrund der Einnahme geistiger Getränke getrübt war oder beides der Fall gewesen ist, können wir die Aussage, Peter sei der Dieb, nicht aus dem semantischen Raum möglicher Sätze aus- und in den semantischen Raum wahrer Sätze einschließen. Der Verhaftete ist der gesuchte Mörder, das heißt: Der mutmaßliche Täter ist der wirkliche Täter, weil er anhand von Fingerabdrücken oder DNS-Mustern oder beides überführt werden konnte. Wären diese Identitätsmerkmale aufgrund des Fehlens von Fingerabdrücken oder einer Blutprobe nicht erfüllt, verbliebe der Verdächtige vielleicht in der Menge derjenigen Kandidaten, denen wir einen Mord und also auch diesen hier relevanten durchaus zutrauen würden, denn diese Menge umfaßt auch diejenigen, die tatsächlich einen Mord begangen haben, und der Verdächtige hat schon einen Mord begangen, aber wir könnten seine Identität als Täter genau dieser einzelnen Tat nicht feststellen.

Der ontologisch bedeutsame Begriff der Identität ist demnach semantisch mit dem Begriff der Individualität verknüpft: Nur ein bestimmter Mann aus der Menge aller Männer kann derjenige sein, der sich an diesem Tag an jenem Ort aufgehalten und das und jenes gemacht hat, zum Beispiel Paul bestohlen oder einen Mord begangen hat. Wir wissen, daß Peter es war, der an diesem Tag und jenem Ort Paul bestohlen hat, wenn Paul ihn hat zweifelsfrei identifizieren können.

Eigenschaften, allgemeine Formen, platonische Ideen, Zahlen und Mengen wie „blau“, „kreisförmig“, „schön“ oder „vollkommen“, „zwei“ und „die Menge aller Friseure, die sich selbst rasieren“ sind weder individuell noch spezifisch, ein semantisch und ontologisch bedeutsamer Begriff von Identität ist auf sie nicht anwendbar. Zu sagen „8 = 2 x 4“ ist etwas anderes als zu sagen „Peter ist der Täter“ oder „Diese Blüte ist blau“, denn die Identität der Gleichung ist rein formal oder analytisch, sie gilt unabhängig von irgendwelchen Randbedingungen, während Peter nur dann der Täter ist, wenn er nachweislich die Tat begangen hat und diese Blüte nur dann blau ist, wenn sie die Musterprobe besteht.

Wir schließen: Sätze über Individuen oder einzelne Entitäten, deren Identität wir anhand erprobter Verfahren und Methoden der Wahrnehmung oder der experimentellen Verifikation feststellen, sind wahr und bilden eine semantische Brücke zwischen Sprache und Wirklichkeit.

Identität und Individualität bilden begriffliche Äquivalente oder implizieren einander. Keine Identität ohne Individualität, keine Individualität ohne Identität.

Wenn wir wissen, daß das Individuum Paul an diesem Tag und an jenem Ort von dem Individuum Peter bestohlen wurde, wissen wir kraft Implikation, daß an diesem Tag und an jenem Ort kein anderes Individuum als Paul von keinem anderen Individuum als Peter bestohlen wurde. Und nur wenn wir wissen, daß das Individuum Paul mit jenem Individuum identisch ist, das an diesem Tag und an jenem Ort von Peter bestohlen wurde, wissen wir, daß Paul von Peter bestohlen wurde.

Das bewußte Ich oder Selbst ist gleichsam der Begriff des Begriffs der Identität, wir könnten sagen, daß all unsere Konzepte von gegenständlicher und mentaler Einheit Ableitungen aus dem Begriff der Ich-Identität sind. Dennoch sind die meisten Individuen, die wir begrifflich identifizieren und sie mit einem Namen oder Eigennamen bezeichnen, nichtichartige Gegenstände wie diese Blüte oder jener Baum. Deshalb haben wir uns angewöhnt, alle identifizierbaren Individuen, sowohl diese Nelke und diese Pappel als auch den Hund namens Wuschel oder das Individuum Peter als körpergebundene oder inkarnierte Identitäten anzusehen.

Zudem begegnen uns erfahrungsgemäß ichartige oder Ich-Identitäten stets zugleich als materielle Gegenstände, weshalb wir folgern, daß Peter nicht der Dieb gewesen sein kann, wenn er zu dieser Zeit friedlich schlafend zu Hause im Bett lag – was wir nur verifizieren können, wenn wir gesehen haben, daß daselbst der Körper von Peter lag. Aber die begriffliche Verbindung von Identität und materieller Individualität ist semantisch und ontologisch nicht notwendig, sondern kontingent: Denn es scheint, wir können Begriffe ichartiger Identitäten bilden, die von körperlichen Banden und Inkarnationen losgelöst sind, wie Gott, Engel oder die menschliche Seele – auch wenn die religiöse Erfahrung und Sprache auf Muster und Begriffe zurückgreifen muß, die sie wiederum als körperlich oder körperähnlich inkarniert vorstellen, wie Gott, der spricht und mit seinem schöpferischen Wort die Welt hervorbringt, und die Engel, die zu seinem Ruhme singen, oder unsere Selbsterfahrung auf Bilder und Metaphern der Körperwelt zurückgreift, wie etwa Homer von der Seele spricht, die sich auf dem Feuerrost windet, um mit diesem Bild die Vorstellung davon zu evozieren, wie sie sich quält, wenn sie widersprüchliche Gedanken wälzt.

Es ist augenscheinlich, daß aus unserer Betrachtung ein Nominalismus hinsichtlich der Begriffe für Stoffe wie Wasser, Luft, Wolken oder Gras und institutionelle Einheiten wie dieses Gebäude oder diese Stadt und dieser Staat folgt. Wenn wir sagen, daß es regnet, verstehen wir dies gleichsam metaphorisch und meinen damit, daß eine unbestimmte Menge von Wassertropfen aus den Wolken fallen. Wenn wir sagen, dieses Gebäude sei stark verfallen, verstehen wir diese Aussage gleichsam metaphorisch und analysieren sie in einer unbestimmten Menge von Sätzen wie „Da und dort ist der Putz von der Wand gebröckelt“, „Dieses und jenes Fenster ist eingeschlagen“ oder „Dieser und jener Balken ist verfault“; wenn wir sagen, diese Stadt habe sich seit zehn Jahren weit ausgedehnt, betrachten wir diese Aussage als gleichsam metaphorisch und zerlegen sie in eine unbestimmte Menge von Sätzen über Peter, der ein neues Haus in der Vorstadt gebaut hat, oder Paul, der ein Unternehmen gegründet oder eine Filiale im Weichbild der Stadt eingerichtet hat. Eine Aussage über diesen Staat, der sich eine neue Verfassung gegeben hat, analysieren wir in einer unbestimmten Menge von Sätzen über diesen und jenen Beamten und jenen Verfassungsjuristen, der eine Verfassung ausgearbeitet hat, und diesen und jenen Abgeordneten, der den zur Vorlage und Abstimmung gebrachten Entwurf einer neuen Verfassung angenommen und ihm per Ja-Stimme zugestimmt hat.

Wir folgern schließlich: Der Begriff der Identität ist ein ontologischer Grundbegriff und semantisch unauflöslich mit dem Begriff der Individualität verknüpft. Ohne den Begriff der Identität wäre die Statik der Brücke zwischen Sprache und Wirklichkeit nicht gewährleistet.

Neben dem Begriff der Ich-Identität ist der Begriff der semantischen Identität von Grund und Ursache wesentlich für unsere Annahme, daß wir mit unseren Sätzen nicht systematisch in die Irre gehen, sondern zumindest in ausgezeichneten Fällen wie bei der Äußerung „Diese Blüte ist blau“ oder „Peter ist der Täter“ zuversichtlich sein können, nicht Schatten vermehrt, sondern Licht ins Dunkel gebracht zu haben. Ja, wir können mithilfe des Begriffs der semantischen Identität sogar erklären, warum wir uns irren: Immer dann, wenn der Grund unserer Äußerungen nicht mit ihrer Ursache identisch ist.

Vergleichen wir abschließend im Lichte der semantischen Identität nochmals die semantischen Unterschiede exemplarischer Satztypen:

(6) Junggesellen sind komische Vögel.
(7) Diebstahl ist eine kriminelle Handlung.
(8) Peter ist der Dieb.

(6) ist eine metaphorische Aussage, sie ist zwar falsch, doch sinnvoll.
(7) ist eine sprachliche Festlegung, sie ist weder wahr noch falsch, aber sinnvoll.
(8) ist eine konstative, deskriptive oder feststellende Behauptung, sie ist entweder wahr oder falsch und sinnvoll.

Metaphorische Sätze sind semantisch betrachtet falsche Sätze, auch wenn sie in unserem sprachlichen Umgang eine sinnvolle und wichtige Funktion haben: Sie dienen dazu, unseren Welteindrücken und Erlebnissen Prägnanz zu verleihen und sie in das volle Register indirekter Mitteilungen einzufügen: Der verschrobene alte Lehrer hat sich die Jacke falsch zugeknöpft oder der neuen Kollegin bei der ersten Vorstellung überschwänglich und täppisch einen Handkuß gegeben; wir sagen: „Junggesellen sind halt komische Vögel“ und machen damit eine indirekte Mitteilung über unseren Eindruck: Wir färben ihn mit dem, was wir Ironie nennen.

Wenn wir unsere sprachlichen Muster und Klassifikationen erweitern oder subtilisieren und Diebstahl unter die mittelschweren kriminellen Handlungen, dagegen Totschlag und Mord unter die Kapitalverbrechen einordnen, sagen wir nichts Wahres über die Welt, sondern etwas Sinnvolles über unseren sprachlichen Weltumgang. Würden wir umgekehrt Diebstahl unter die Kapitalverbrechen einreihen und Mord als leichtes Vergehen klassifizieren, sagten wir ja nichts Falsches über die Welt, aber würfen ein bezeichnendes und gleichsam unheimliches Licht auf unseren sprachlichen Weltumgang.

Wenn wir dagegen behaupten, Peter sei der Dieb, müssen wir diesen mutmaßlichen kriminellen Tatbestand mittels einschlägiger und zweifelsfreier Belege in einen wirklichen Tatbestand überführen können; wir sind gleichsam verpflichtet, den vermeintlichen Dieb Peter als den tatsächlichen Dieb zu identifizieren. Peter ist nur dann der Dieb, wenn er DIESELBE Person ist, die zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort eine Ware aus der Auslage des Kaufhauses heimlich in ihrer Tasche hat verschwinden lassen, oder DIESELBE Person ist, die ihren Freund Paul bestohlen hat. Dagegen ist der verschrobene Lehrer zu keiner Zeit und an einem Ort wirklich und wahrhaftig ein komischer Vogel, aus dem simplen Grund, weil Menschen nun einmal keine Vögel sind, und wir uns nur so ausdrücken, wenn wir unsere ironische Sicht auf die Welt zum besten geben wollen.

Der Grund, Peter einen Dieb zu nennen, ist semantisch identisch mit der Ursache all der Belege, die wir für seine kriminelle Handlung herbeischaffen können, nämlich ihrer Ursache in den beweiskräftigen Beobachtungen und Indizien, die ihn als Dieb überführen. Aber die Relevanz von wahren Sätzen dieses Typs erweist sich nicht nur mittels der semantischen Identität von Grund und Ursache unserer Äußerungen, sondern auch durch den Umstand, daß das deskriptive Sprachspiel das Spiel ist, mit dem wir die Tatsachen der Welt neu ordnen oder neue Tatsachen inaugurieren: Der überführte Dieb wird rechtskräftig verurteilt und zu einer Strafe verdonnert. Das Ansehen Peters hat ziemlich gelitten, zumindest in den Augen seines ehemaligen Freundes Paul.

Dez 23 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXIV

Voici encor de l’heure qui s’argente,
mêlé au doux soir, le pur métal
et qui ajoute à la beauté lente
les lents retours d’un calme musical.

L’ancienne terre se reprend et change:
un astre pur survit à nos travaux.
Les bruits épars, quittant le jour, se rangent
et rentrent tous dans la voix des eaux.

 

Noch einmal das Silber der Stunde,
das reine Metall, mit Abendmilde verquickt,
es ist mit der zagen Schönheit im Bunde,
die sie mit zagen Refrains der Stille entzückt.

Die alte Erde holt Atem und wechselt das Kleid:
Stern, der unsere Werke wird überleben.
Einzelne Laute verlassen den Tag, gehen beiseit,
bis alle in der Stimme des Wassers entschweben.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXIII

Ici la terre est entourée
de ce qui convient à son rôle
d’astre; tendrement humiliée,
elle porte son auréole.

Lorsqu’un regard s’élance: quel vol
par ces distances pures;
il faut la voix du rossignol
pour en prendre mesure.

 

Hier hat Erde mit allem sich umgeben,
was ihrem Auftrag, Stern zu sein,
geziemt; der Sanftmut ergeben,
trägt sie den Glorienschein.

Weitet sich der Blick: welches Schwingen
durch diese reinen Fernen;
nur an der Nachtigall Singen
können ihre Maße wir erlernen.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXII

Comme tel qui parle de sa mère
lui ressemble en parlant,
ce pays ardent se désaltère
en se souvenant infiniment.

Tant que les épaules des collines
rentrent sous le geste commençant
de ce pur espace qui les rend
à l’étonnement des origines.

 

Wie jenem, der von der Mutter erzählt,
bald sein Mund dem ihren gleicht,
so hat dies glühende Land seinen Trank erwählt,
wenn Erinnern ihn aus den Tiefen reicht.

So ducken die Schultern der Hügel
sich unter die Hände, die wieder sie heben
aus dem reinen Raum, und sie beben
wie der Schöpfung sich regende Flügel.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XXI

Après une journée de vent,
dans une paix infinie,
le soir se réconcilie
comme un docile amant.

Tout devient calme, clarté…
Mais à l’horizon s’étage,
éclairé et doré,
un beau bas-relief de nuages.

 

Nach einem Tage voller Wind,
in einem Frieden ohne Grenzen,
will Abend traulich ihn ergänzen,
wie ein Liebender so lind.

Alles wird Stille, Transparenz …
doch am Horizonte steigt empor,
durchstrahlt, aus goldener Essenz,
in schönem Bas-Relief der Wolken Chor.

 

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XX

La petite clématite se jette
en dehors de la haie embrouillée
avec ce liseron blanc qui guette
le moment de se refermer.

Cela forme le long du chemin
des bouquets où des baies rougissent.
Déjà? Est-ce que l’été est plein?
Il prend l’automne pour complice.

 

Die kleinen Clematis schauern
die Hecke hinab, sie durchschießen
weiße Ackerwinden, die darauf lauern,
ihre Augen wieder zu schließen.

Das zieht sich so entlang den Pfad,
Sträuße, wo sich röten reife Beeren.
So früh? Ist Sommer denn schon satt?
Mußte mit dem Herbst sich wohl verschwören.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XIX

Tant de noir sérieux
rend plus âgée la montagne;
c’est bien ce pays très vieux
qui compte Saint Charlemagne

parmi ses saints paternels.
Mais par en haut lui viennent,
à la secrète sienne,
toutes les jeunesses du ciel.

 

Als hohe schwarze Wand
wirkt noch älter der Höhenzug;
es ist dies uralte Land,
das Sankt Carolus schlug

zu seinen heiligen Ahnen.
Doch über ihm wehen schon
im geheimen Ockerton
des Himmels Jugendfahnen.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XVIII

Chemin qui tourne et joue
le long de la vigne penchée,
tel qu’un ruban que l’on noue
autour d’un chapeau d’été.

Vigne: chapeau sur la tête
qui invente le vin.
Vin: ardente comète
promise pour l’an prochain.

 

Weg, der wendet und sich windet
an Reben um ein Winzergut,
gleich einem Band, das man bindet
um einen Sommerhut.

Reben: Hut auf dem Haupt,
das den Wein aussinnt.
Wein: Komet, flammenbelaubt,
kommenden Jahres Kind.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XVII

Avant que vous comptiez dix
tout change: le vent ôte
cette clarté des hautes
tiges de maïs,

pour la jeter ailleurs;
elle vole, elle glisse
le long d’un précipice
vers une clarté-soeur.

qui déjà, à son tour,
prise par ce jeu rude,
se déplace pour
d’autres altitudes.

Et comme caressée
la vaste surface reste
éblouie sous ces gestes
qui l’avaient peut-être formée.

 

Bevor du bis zehn gezählt
ist alles anders: hat Luftes Lohen
diese Klarheit von den hohen
Maiskolben geschält,

nur um sie zu verlästern;
sie fliegt, sie schlüpft,
kopfüber gelüpft
zu einer ihren klaren Schwestern.

Die wiederum auf ihre Weise,
auf rohen Spieles Böen
macht zu neuen Höhen
sich auf die Reise.

Und wie auf Küssen gebettet
ruht der Erde Gesicht
unter dieser Epen Zauber-Licht,
das sie vielleicht geglättet.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XVI

Quel calme nocturne, quel calme
nous pénètre du ciel.
On dirait qu’il refait dans la palme
de vos mains le dessin essentiel.

La petite cascade chante
pour cacher sa nymphe émue…
On sent la présence absente
que l’espace a bue.

 

Welche Ruhe, nächtliche Spende,
uns vom Himmel her durchdringt.
Es scheint, als ob uns eurer Hände
Palmenblatt das Urbild wiederbringt.

Der kleine Wasserfall, er singt,
zu bergen seiner Nymphe zartes Wogen …
Ein Duft, der aus der Höhlung ihres Daseins dringt,
der Raum, er hat es eingesogen.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XV

Tout ici chante la vie de naguère,
non pas dans un sens qui détruit le demain;
on devine, vaillants, dans leur force première
le ciel et le vent, et la main et le pain.

Ce n’est point un hier qui partout se propage
arrêtant à jamais ces anciens contours:
c’est la terre contente de son image
et qui consent à son premier jour.

 

Alles hier singt das Leben in der Urgestalt,
doch offen bleibt die Schneise in das Morgenrot;
als Wächter ahnt man sie in ihrer Urgewalt:
den Himmel und den Wind, die Hände und das Brot.

Es ist kein Gestern bloß, das an sich selber klebt
und haftet stets an starrenden Konturen:
Die Erde istʼs, die über ihrem Bilde schwebt,
ihr Ja hinstreut auf frühen Tages Fluren.

Dez 22 16

Rainer Maria Rilke, Les Quatrains Valaisans XIV

Un rose mauve dans les hautes herbes,
un gris soumis, la vigne alignée…
Mais au-dessus des pentes, la superbe
d’un ciel qui reçoit, d’un ciel princier.

Ardent pays qui noblement s’étage
vers ce grand ciel qui noblement comprend
qu’un dur passé à tout jamais s’engage
à être vigoureux et vigilant.

 

Ein rosiges Mauve in hoher Halme Flut,
ein scheues Grau, Rebe mit Rebe vermählt …
Doch über den Hängen der Hochmut
eines prunkenden Himmels, der Hof hält.

Glühendes Land, das vornehm auf Stufen steigt
zum hohen Himmel, der vornehm mag verzeihn,
wenn ein hartes Leben immer dazu neigt,
wehrhaft und wachsam zu sein.



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