Mutterglück
Schwarzes Kostüm, grindig verfleckt
das eine Schulterpolster,
der schwarze Schuh an der Sohle goldbeschlagen,
als gelte es, Kot und Unrat zu beschämen.
Die braunen Augen rollen.
Der Mund scheint aufgequollen.
Das Balg im Kinderwagen bäumt sich –
der Blicke weinerliches Bohren.
Die dürre Schwester trudelt, ein Federbällchen,
durch die Warteschlange.
Kein innres Band spannt sich zur Mutter hin:
Dies Kinderherz ist leer,
ist eine Frucht, zu früh vom Ast geschüttelt,
halb angefault.
Ungeliebtes zeugt die Pein:
hassen müssen, hässlich sein.
Das Mädchen tippt an die Scheibe des Fahrkartenautomaten,
weil die Sensorik ihm willfahrt.
Mit Furienkrallen umgreift die Mutter den Zopf
und schleppt das zarte Ding
wie eine Sklavin über den halben Bahnsteig.
Sie faucht und grollt,
sie greint und schmollt.
Durch wessen Seele geht hier nicht ein Schnitt?
Keiner rührt sich, alles starrt zu Boden.
Ungeliebtes zeugt die Pein:
hassen müssen, hässlich sein.
Dem Mädchen weiten sich die Augen –
kein Laut, kein Schrei.
So stumpf ist es, so leer, so leer.
Dann stellt die Dürre sich breitbeinig hin
und spritzt aus ihrer bunten Tüte
zuckrigen Saft vor der Mutter Füße.
Sie faucht und grollt,
sie greint und schmollt.
Ohne Scham rückt das Kind den alten Weiblein
auf den Leib und schielt in ihre Einkaufstüten,
mit krummem Finger macht sie einen Spalt
und späht.
So wird sie später lange Finger machen,
der Freundin den Kerl ausspannen,
den Kerl kalt abservieren.
Ungeliebtes zeugt die Pein:
hassen müssen, hässlich sein.
Mortale Pointen
Den Kopf im Gasherd:
„Am Ende mach ichʼs umgekehrt –
der Hintern sei der Welt verehrt!“
Den Kopf in der Schlinge:
„Das Drama war schlecht inszeniert –
hat meinen Edelsinn geniert!“
Mit der Pistole im Mund:
„Der Schuss gilt dir,
ma Chère, ma Chère!“
Vor dem Abgrund schaukelnd:
„Könnt ich in diesem letzten Grauen
die Blumen meiner Kindheit schauen!“
Sich die Pulsadern öffnend:
„Könnt ich in dieses Blutes Läufen
meine große Schuld ersäufen.“
Den Finger am Abzug:
„Die Regie hat sich verschätzt –
die Heldenrolle falsch besetzt!“
Am Geländer der Brücke:
„Wenn ich ein Vöglein wär,
und auch zwei Flügel hättʼ,
flög ich …“
Im Teich mählich versinkend:
„Ich war für dieses Lebens
schweren Trug
nicht leicht genug!“
Nachdem er sich mit Benzin übergossen:
„Ich gönn mir eine letzte Zigarette
auf meines Lamas Blumenkette.“
Bevor er sich das Harakiri-Messer in den Bauch stößt:
„Verloren, aber nicht besiegt!
Des Kaisers Sonne ewig fliegt!“
Bevor er aus dem Fenster springt:
„Die Aussicht ist so delikat!
Für ein Foto istʼs zu spat.“
Den Kopf auf der Schiene:
„Ich spür die letzten Vibrationen –
als würd auf heißem Schoß ich thronen!“
Im freien Fall:
„Mein Fallschirm bleibe unentfaltet!
Der Seele Sehnen ist erkaltet.“
Kleine Metamorphose der Tiere
Jede Zeit sieht uns bereit.
Jede Zeile sei uns Weile.
Als Schneehäsin
bist du mein weißes Mümmelweib.
Ich klaube dir die Flocken
aus dem Winterfell.
Ich hauch dir warm den Leib.
Du mümmelst gerne, gell?
Als Auerhahn
bin ich dein bunter Gackermann.
Du klaubst mir Frühlingsflusen
aus dem Prachtgefieder.
Ich umgackre deinen Busen
und flattre auf und nieder.
Als sommerrote Füchsin
bettest dich aufs Moos.
Ich bürst die Samenspänchen
dir aus dem Fleckenfell.
Ich rupfe dir ein Hähnchen –
du machst mir Augen groß.
Als Borstenschwein
trag ich die Hauer herbstlich-fein.
Du findest mich im Hain
und köderst mich mit Eicheln.
Mein Grunzen klingt dir lyrisch-rein,
tätst meine Borsten streicheln.
Jede Zeit sieht uns bereit.
Jede Zeile sei uns Weile.
Phantastische Paare VII
Heute: Donna Vita und du
Donna Vita ist ʼne heikle, kapriziöse Lady –
sie spannt auf dich und deine Seelenhelle,
als wärst du ihr Garant für alle Fälle.
Ein barfüßiger Liebesmönch,
kniest du an ihres Busens Hügel,
leihst ihren Wünschen rasche Flügel.
Sie pfeift gelind in Hypnosʼ Armen,
dich tätʼs Gewissen zwicken,
würdst du vor ihr einnicken.
Du schluckst Amphetamine,
giert sie nach Seelenkitzel,
machst ihr verträumte Miene.
Wie heikel ist die Donna Vita!
Sie kann nicht schlafen?
Da musst du fabeln
oder schnabeln.
Schief schleichen ihr die Stunden?
Du musst sie runden,
Leidenschaft bekunden.
Du bist ihr Floh im Ohr?
Sie krallt dein Hab und Gut,
sie schlürft dein warmes Blut.
Wie ist sie kapriziös, die Donna Vita!
Sie rümpft das Nymphennäschen?
Entsorge rasch das Stinke-Käschen,
eingewickelt in Papiere
mit deiner Handschrift Schmiere.
Du findst ihr Haar in deiner Suppe.
Sie klaubt aus deinem Mund die Fluppe
gelassen – nur ihr Blick ist Stahl.
Am andern Morgen bist du kahl.
Nimmer mag sie sterben nicht.
Du selber bist der dumme Wicht,
an ihrer statt zu leiden
und ohne Mucks zu scheiden.
Donna Vita hat ʼnen Bruder – der heißt Tod.
Wird ihr dein Spiel zu fad,
langweilig deine müde Fratze,
schickt dir das süße Luder
diese fiese Riesenkatze.
Nur über einer schönen Leich
wird ihre spröde Seele weich.
Herbstlicht überm Café Y II
Berger Straße, Frankfurt am Main
Da hockt noch einer draußen.
Ein Kauz, der tät noch kauzen.
Ihm reicht die Funzel eines Kerzelchens,
die Schatten seines Herzelchens
zu werfen und zu wirren,
zu ködern und zu kirren.
Da hockt noch einer draußen.
Der Katz, der tät noch mauzen.
Verhuscht ins warme Deckelchen,
raucht er ein Zigarettelchen,
zu bergen in den Wölkchen
Phatasusʼ muntres Völkchen.
Da hockt noch einer draußen.
Ein Kauz, der tät noch kauzen.
Der Herbst leiht ihm ein Mäntelchen
aus sonnenbunten Bändelchen
und knüffelt ihn mit Haselnüsschen,
für ihn sindʼs weiche Küsschen.
Sehnsucht tät mild ihn wiegen.
Nach wem? –
Ein Schmunzeln, herzverschwiegen.
Da hockt noch einer draußen …
Das große Herz der Kleinen
Euch aber sei gegeben
Über-Klüften-Schweben,
klaglos, Seit an Seit.
Auch wenn wir uns berühren –
ein Spalt der Leere blaut.
Wollen wir ein Lüstchen schüren –
die Regenwolke graut.
Euch aber sei gegeben,
Licht-in-Schatten-Weben,
klaglos, Seit an Seit.
Stiekum verduftet
Wie tut dichʼs Leben watschen,
wenn aus dem Leeren schnellen
Hände, die dich patschen –
ins Dummchen-Eck dich stellen.
Was ist in süße Lüftchen
dir stiekum-still verduftet?
Vom Glückchen warʼs ein Düftchen –
bleibst düftelos vergruftet.
Wohl tutʼs, auf fetten Wiesen
sich suhlen, schnäbeln, schwatzen –
der Wunsch ward abgewiesen,
es regnet Hund und Katzen.
Sinnenkitzel durch Wortgewitzel
Du hockst noch wie das Hühner-
vieh auf kotiger Stange
in dunkelfeuchtem Pferch?
Mein leichtes Wort schwillt kühner,
es kitzelt Freiheitsdrange –
schon flattert es im Pferch!
Ich kann mit Worten klatschen,
mein Lieben kann auch patschen –
es gackert aus dem Pferch.
Fliege mir behende
in die offnen Hände!
Ich blas in dein Gefieder –
schon bist mein Liebchen wieder!
Du scharrst im trocknen Sande
nach der Erinnrung Samen –
und pickst ein Kieslein auf.
Ich reime dir zum Pfande
des frohen Lebens Rahmen
und heb dir Früchte auf.
Ich kann mit Worten leuchten,
dir Aug und Sinne feuchten –
du liest uns Küsse auf.
Statt Psychoanalyse
gar ich mein Wortgemüse
und wärm dir Herz und Glieder –
schon bist mein Liebchen wieder!
Europas Stier
Schreitender Stier
Skulptur von Fritz Boehle
Günthersburgpark, Frankfurt am Main
Auf dem polierten Podest
lag ein verschmierter Lappen,
als hätte die Kopftuch-Putze
für die Kunst im öffentlichen Raum
ihn ob des Anblicks
so hoher Manneskraft der Hoden
entrüstet fallen lassen.
1910. Wie sah der Park wohl aus?
Hat dieser Sturm vitaler Strahlung
dem Bürger aus der Furt der Prächte,
der Günthersburgallee,
den spitzen Hut vom Kopf geweht?
Heute siehst du keine schnieken Herren mit Hut
an dieser schöngegossnen Wucht
des freien Seins und noblen Wesens
die Augen rollen.
Der dumpfe Orient, der hier das Abendlicht verhängt
mit Schwaden gegrillter Lenden eines Widders,
der in Hinterhöfen durchs rituelle Messer
ins Knie gebrochen,
hat keinen Sinn für Boehles hohe Kunst –
für jenes Urviech, das gelassen
den leidigen Mücken
mit halbbewusstem Schlag des Schweifes wehrt.
Europas Stier,
der wie eine Opfergabe bei Homer gesegnet
das Götterrecht verleibt
auf selbsterwärmte joviale Gegenwart.
Sie ignorierenʼs oder halten bang dem Zögling
vor diesem späten Widerschein
der Flammen heidnischer Altäre
das Buch des Engels mit der schweren Zunge
vor die Augen.
Phantastische Paare VI
Heute: Manfred und die Trollin
Die Trollin hob mit blauen Krallen
träumerisch der Weiden Schleier auf –
so fegt ein Wind die Spleißen von der Tenne.
Ihr Blicken war Befehl, am Saum sich zu verhalten –
und Manfred tatʼs.
Er stemmt den Jutesack mit der erlegten Bache
hart auf den Kies …
Ihr Lispeln war schon Melodie, die bannte –
und Manfred starrte stumpf.
Sein Brautstand fiel vor ihm entzwei
wie praller Hut des Pilzes, der vermorschte.
Sie sprang mit einem Satz, ein pfiffig Äffchen,
ihm auf den Knorrenbalg des Rückens,
und Manfred trug sie heim.
„Du bist mir Bein und Stab,
gibst du mir Weib und Heim,
bin ich dir Lust und Grab,
bin dir des Todes Keim.“
Und Manfred trug sie heim.
Er wärmte ihr das sämige Süppchen auf,
von Kohl und feingestampftem Brei –
sie tätʼs erbrechen.
Und die spitzen Zähne bleckend,
zischte es aus ihr nach menschenfernem Fraß,
nagendem Getier und hellen Katzenaugen.
Er musst ein zuckend Mäuschen ihr vor Augen halten –
die Pupillen wahnverdreht,
schiebt sich die Zunge vor.
Wie blutig war ihr muscheloffner Mund –
er spuckte abgelutschte Knöchlein.
Schlief er schon lang? Träumte ihm?
Als baumelte der Schatten eines feisten Schuppentiers,
umzittert von der Krause weißer Borsten,
am Fleischerhaken über seiner Stirn.
Als zählte das Tröpfeln des Blutes
aus der Wunde des Kadavers
in den Brunnen des Schlafs,
gleich hohen Zimbeln, die verhallen,
der Stunden Frist ihm vor.
Oder warʼs ein Niederringen eignen Schattens?
Er folgte einem Blitzen elfengrüner Augen
hinab durch Röhren klopfenden Gefühls.
Er schlief schon lang. Ihm träumte.
Der Biss ersehnter Krallen packt die Schultern
und schüttelt seine Beute auf und nieder.
Ein kaltes Horn beschabt sein Bein,
scharrt über seine Waden.
Er will um Rückkehr bittend
den eignen Namen rufen –
doch seine Kehle ist ein wegstibitztes Ei.
Phantastische Paare V
Heute: Augenschön und Psychofax
Augenschön war arg verwöhnt,
sie möcht auf Blumenkissen
ihr Schnurrekätzchen küss- und küssen.
Psychofax hätt sie verhöhnt.
Psychofax hat sehnsüchtelnd gestöhnt,
er möcht mit süß vergornen Träubeln
seine Psychofaxen schier betäubeln.
Augenschön hätt ihn verhöhnt.
Augenschön und Psychofax
täten sich auf Blumenkissen wälzen.
Sein Seelchen würde eitel Wachs,
in ihren Augen müsst es schmelzen.
Phantastische Paare IV
Heute: Karl und Ännchen
Karl hat sein Pausenbrot halbiert –
und wurde dennoch angeschmiert.
Ännchen hat ihr Liebesleiden nicht cachiert –
ward drob in die Geschlossne expediert.
Karl hat den Stammbaum bang studiert –
sich einer dunklen Herkunft überführt.
Ännchen ward mit Drogen ärztlich stimuliert –
ins Kerzenlicht sie immerfortlich stiert.
Karl hätt keck das Lichtlein ausgeblasen –
begann darob ein quietsch-fideles Liebe-Rasen.
Karl übte sich darauf in Eitel-Minne-Phrasen –
Ännchen wuchs ein Wärzchen an der Nasen.
Mein Ännchen kost ihr Karlchen auf den Rasen –
sie kreuzen hold die feuchten Turtel-Nasen.
Ein Gang über den Waldfriedhof in Frankfurt-Oberrad
„In holder Dunkelheit der Sinnen,
konnt ich wohl diesen Traum beginnen –
vollenden nicht.“
Schon die jähe Blöße der Buchenstämme
ergriff die südliche Spitze deines Herzens
mit der Sehnsucht nach dem Unmöglichen.
Die vor zugeschütteter Liebe
in Trauer statuengleich Stehende –
als ertastete sie, mit den Fingerkuppen
leise kreisend, die Aura des Toten.
Sie war so versunken,
achtete dein nicht.
Dich entrückte wie dunkle Inschrift der Vorzeit
der rötliche Regen
niederzitternder Blätter,
dem kein Sprossen von Keimen mehr nachsinnt –
dem Bild entflohst du tränenblind.
Die Gedanken, die gleich Fingern aus Licht
über die Stirn deiner Toten strichen,
ohne sie zu einem Lächeln zu erwecken,
verlöschen wie Lampions,
die ein müder Kellner ausbläst,
eins nach dem anderen.
Unser aller Poeta Laureatus
Ein Zerrbild
Sollten wir den Mund halten, weil unser Atem nicht über den Abgrund der Gräber reicht?
Als entwirre sich die Rückseite des mit rührenden Szenen bestickten Wandbehangs als Schmähpamphlet.
Es ist die Häme, die, ein bitterer Speichel, von solchen Zeilen trieft.
Es ist diesem Worte-Speier ein höhnischer Genuss, ein Herz an tragikomischen Verwicklungen entzweibrechen zu lassen.
Ja, es ist ihm ein hämisch-höhnischer Genuss, sein eigenes Herz gleichsam durch das umgedrehte Opernglas der Verse in seelenloser Ferne entzweibrechen zu sehen.
Für solches Verse-Ausschneiden und Verse-Aussägen sind die Worte, die alten Worte, die zart verästelten Farne in den Versteinerungen des Gefühls – Kulissen, die so einer, gelehrig, emsig, behende, manches Mal auch verschwitzt, auf der Drehbühne seines Herzens herumschiebt und herumschubst. Während der gefallsüchtige Gefühlsabschneider die Kulissen schiebt und schubst, bleibt er geflissentlich von ihnen verdeckt – einzig zum Schlussapplaus schnellt er dreist und keck dazwischen an die Rampe, verschmitzt um ein Einverständnis zu herabgesetztem Preise zwinkernd.
Der Vampir, der seiner eigenen Sprache das Blut aussaugt, wähnt nicht anämisch werden zu können – und ist blass bis auf die Knochen.
Dass die beiden sich verlieren, ist ihm poetischer Gewinn. – Wenn jener sein Herz verliert, klimpert es in des Dichters Kasse.
Entkleide einmal jene Jünglinge und Mädchen von den parfümierten Epitheta verwester Romantik – und erschrick über dem Anblick hässlicher, warziger, unförmiger, ausgedörrter, aufgeschwemmter, hohlwangiger, triefäugiger Männlein und Weiblein, die – o weh – zu allem fähig sind, bloß nicht zur reinen Empfindung von Leidenschaft und Liebe.
Einer, der statt „Liebe“ Liebe schreibt – aber dabei stets „Liebe“ meint.
Das Rauschgift Ironie hat naturgemäß die zum „Weltschmerz“ euphemisierte Nebenwirkung.
Dieser kalte Rausch – so kalt, dass die Worte gefrieren und wie Glas zerspringen. – „Poetisch“ nennen, wenn einer sich am scharfen Klang dieses Zerspringens ergötzt.
Im Rausch der Ironie bilden die in den Frost gehauchten Worte Nebelschwaden.
Der Hochverrat: Die Verse so klappern und klackern, die Reime so mauzen und kauzen, die Metaphern so zweideutig rascheln zu machen, als hätte er Diotima auf die Gassʼ zu Frankfurt am Main hinab- und hinausgepeitscht, vor dem Vulgus des internationalen Messepublikums, zigeunerisch girrend und pariserisch flirrend, mit fliegenden Beinen und strapsenden Spitzen Cancan zu tanzen.
Solche Verse schlürfen sich wie Austern oder Schampus – sie machen süchtig, weil sie nicht satt machen. Ihre Erotik ist die des unendlichen Vorspiels, über dem die Geliebte am Ende einschläft, wenn der allein gelassene Liebhaber die dürftige Pointe abknallt.
Das Glas der Verse ist beschlagen – vom steten Perlen des Champagners. Auch jenes, in dem zerhackte Herzstückchen rötlich schimmernd schwimmen.
Es sind billige Gefühle, die hier nach oben drängen und sich in Talmiflitter teuer verkaufen wollen.
Es sind vulgäre Ansichten, die sich auf Kosten der mit Kot beworfenen Größe zu nobilitieren hoffen – vergebens, daher die ohnmächtige Rage des schäumenden Lästerns, Krittelns, Denunzierens.
Herbstlicht überm Café Y I
Berger Straße, Frankfurt am Main
Der Alte hockt wie einst am Ofen
auf der Fensterbank und führt die braune Flasche
wie ein Saxophon zum Mund:
Er sucht den satten Ton
und schluckt ihn sanft.
Mein Faktotum ist geschäftig,
den Geheimcode frankfurterischen Service
kühn und beherzt zu knacken.
Er tutʼs mit Anmut
und meckerndem Gelächter,
wenn er die Déjà-vu-Laterne
auf dem Tisch mir artiglich kredenzt.
Die blonde Perle der Bedienung
wird heute glänzend eingerahmt
vom süß-verschmitzten Lächeln
eines dunklen Kavaliers.
In der Wigwam-Küche brutzelt es und zischelt.
Der Chef höchstselbst streichelt sich
ehrfurchtsvoll über den seit 68
emanzipierten Embonpoint.
Er hat das zarte Händchen für den Löffel
und das Weistum der Gewürze.
Die Dünste steigen und beschlagen
gnädig die Rahmen ausgestellter Kunst.
Nur eines fehlt –
das dunkle Leuchten
deines blumenoffenen Gesichts,
das von Küssens-Pollen zart bestäubt,
sich an den sanften Hügel
meiner Schulter neigt.
Philosophieren XLV
Die Erlebnisinhalte – bei allem Unterschied in Vielfalt, Intensität und Qualität – machen den radikalen Unterschied zwischen deinem Leben und meinem Leben nicht aus, sondern allein die Tatsache, dass du selbst jene Inhalte erlebt hast beziehungsweise dass ich selbst sie erlebt habe.
Wir können die Inhalte unseres Erlebens einander mitteilen, aber die singuläre Art und Weise des Erlebens, wie beispielsweise dir der Kaffee geschmeckt hat, kann ich nicht mit dir teilen. Du kannst mir die Art und Weise, die spezifische Farbe oder das spezifische Gewicht, deines Erlebens nicht einflößen, sodass es Teil meines Erlebens würde, wie das Stück Kuchen schließlich und endlich Teil meines Blutkreislaufs wird.
Ich kann anhand deines Schmerz- oder Lustgebarens ermessen, dass du Schmerz oder Lust empfindest. Und ich kann dir nur in Rand- und Ausnahmefällen unterstellen, dass du mit dem einen oder anderen Gebaren nur vortäuschst, Schmerz oder Lust zu empfinden. Allerdings bin ich prinzipiell nicht in der Lage, deinen Schmerz, deine Lust zu empfinden.
Aus deinem körperlichen Gebaren, deinen Gesten und Bewegungen, deinem Mienenspiel sowie am Sinn deiner Äußerungen und am Sinn und Zweck deiner Handlungen sowie aus den mannigfachen Verflechtungen unserer sozialen Interaktionen erfasse ich unmittelbar die Tatsache deines Beseeltseins. Ich habe mich nicht nach langwierigen Überlegungen zu der Überzeugung durchgerungen, dass du keine intelligente Maschine und kein menschenähnlicher Roboter bist, der menschenähnliche Gesten, Bewegungen und verbale Äußerungen nachahmt, ohne die sie begleitenden Bewusstseinszustände, Gedanken, Empfindungen und Gefühle zu haben – sondern ich bin mit dir in einer gemeinsamen Lebensgestalt gleichsam verschmolzen und würde nie und nimmer auf die Idee verfallen, es könne anders sein.
Du hast grosso modo die gleichen Organe zum Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen wie ich. Warum sollte also das, was du siehst, hörst, fühlst, schmeckst und riechst, in seiner sensorischen Anmutung und Qualität prinzipiell anders beschaffen sein als das, was ich sehe, höre, fühle, schmecke und rieche? Ist es auch nicht prinzipiell anders, wird es doch graduell mannigfach variieren.
So empfindest du mit deinem empfindlichen Geschmackssinn den Kaffee bereits als etwas bitter, wenn ich ihn mit meinem gröberen Organ noch genüsslich herunterschütte. Du magst beim fernen Geräusch der Kreissäge Heimweh nach den Kindheitstagen empfinden (damals warst du gern beim Schreiner in der Werkstatt), während ich dieses Geräusch nur lästig finde. Solcherart sind unsere sinnlichen Wahrnehmungen und Empfindungen übersponnen von zarten Fäden der Erinnerung und der Phantasie. Das macht eben die Nuancierung und Raffinierung unserer Empfindungen, Wahrnehmungen und Gefühle aus, die insofern zwar nicht vergleichbar, aber auch nicht jenseits aller Berührungspunkte sind. Ja, wir versichern uns dieser Berührungen in all den Fällen, in denen wir unsere Erfahrungen austauschen und etwas gemeinsam erleben. Ich verstehe ja, was du meinst, wenn du sagst, der Kaffee schmecke ein wenig bitter, und wir sind uns einer Meinung, wenn wir unseren gemeinsamen Aufenthalt in der herbstlichen Pracht des Bethmannparks schön, erfreulich, erheiternd oder inspirierend finden.
Wir können demnach nicht umhin anzunehmen, die Seele sei in jedem von uns gänzlich verkörpert – gleichsam über die ganze Oberfläche und Haut unserer Körper verteilt – und der Körper sei gänzlich beseelt.
Ein Roboter könnte so tun, als habe er Schmerzen – er imitiert aufgrund des eingegebenen Programms und der eingespeisten Daten das menschliche Schmerzverhalten –, ohne echte Schmerzen zu empfinden. Ein menschenähnlicher Roboter, bei dem du die fremde Herkunft nur erführest, wenn du die Drähte und Schaltkreise unter seiner Schädeldecke entdecktest, dieser Roboter könnte auf deine Frage nach seiner gegenwärtigen Lektüre intelligent und sinnvoll antworten und beispielsweise stolz verkünden, er lese gerade regelmäßig abends vor dem Einschlafen mit hohem Genuss und tiefer Bestätigung seiner eigenen Ansichten die „Philosophischen Untersuchungen“ von Ludwig Wittgenstein. Natürlich hat unser Roboter weder die Fähigkeit, mit Verständnis und voller Konzentration zu lesen, noch die Fähigkeit, mit Sinn und Verstand sich mit dir über seine Lektüreeindrücke auszutauschen. Das programmierte Benehmen und die täuschend echten Äußerungen des Roboters, der den Turing-Test spielend bestünde, hat keinen seelisch-semantischen Hintergrund, der allein ihn hierzulande und hienieden zu einem echten Mitglied der menschlichen Gemeinschaft machen würde.
Wie könntest du einem Roboter, den wir mit all unserem Weltwissen, allen logischen Kalkülen, den grammatischen Regeln und Vokabularien aller Sprachen gefüttert hätten, ein Schnippchen schlagen? – Nun, frage ihn einmal, ob mein Hund, wenn ich ihn für einige Tage bei meinen Nachbarn untergebracht hätte, in der Hoffnung auf mich wartete, mich bald wohlbehalten wiederzusehen. Weil eine intelligente Maschine zwar über all die Algorithmen und all die neuronalen Netzwerke verfügt, die nötig und hinreichend sind, um komplexe Berechnungen schnell und erfolgreich durchzuführen, ihr aber die uns Menschen auszeichnende und daher uns unverzichtbare seelisch-semantische Dimension des Ich-Erlebens abgeht, wird unser Roboter dir prompt antworten: „Natürlich wird dein Hund hoffen, dich bald wohlbehalten wiederzusehen.“
Gewiss mag dein Hund eine Vielfalt intelligenten Verhaltens aufweisen und einen großen Reichtum emotionaler Reaktionen zeigen – aber Erwartungen wie die, dich in ein paar Tagen wiederzusehen, oder Absichten wie die, ab nächsten Monat das von dir ihm zugeworfene Stöckchen nicht mehr gehorsam zu apportieren, kann er nicht hegen und ausbilden.
Roboter, Universalgenies kalkulatorischer Intelligenz, aber seelisch-semantische Kretins, können nichts von der seelisch-semantischen Grenze wissen, die zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Hunde – trotz allen kommunikativen Spielraums konditionierter Verhaltensreaktionen der letzteren – einen unüberwindlichen Abgrund markiert, der uns daran hindert, in echte sprachlich fundierte Kommunikation einzutreten. Die encodierten Algorithmen oder neuronalen Konnektionen von Robotern sind gleichsam als Universalsprache und Generalschlüssel für alle möglichen Weltmodelle ausgelegt. Daher geraten sie an der seelisch-semantischen Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Hunde ins Stolpern.
Könntest du einem Roboter noch auf andere Weise im Imitationsspiel des Turing-Tests ein Schnippchen schlagen? – Nun, frage ihn einmal, ob er so freundlich sein mag, DEINE Schmerzen zu fühlen. Weil einem Roboter gleichsam nichts Fremdseelisches fremd ist und er die seelisch-semantische Grenze zwischen dir und ihm, deinen echten Schmerzen und seinen simulierten Pseudo-Schmerzen nicht erfassen kann, wird er dir prompt „in aller Unschuld“ antworten: „Gerne erweise ich dir mein echtes Mitgefühl und nehme dir deine Schmerzen vollständig ab, indem ich sie an deiner Statt empfinde.“ – Und schon hast du ihn!
Philosophieren XLIV
Wenn du erwachst, bist du plötzlich wieder „da“, vielleicht nicht ganz im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte, wie man sich gerichtsnotorisch auszudrücken pflegt, doch unabweislich bei Sinnen und in deine Selbstgegenwart gleichsam zurückgekehrt.
Du bedarfst, um in diesen selbstverständlichen, gewöhnlichen, ja allzu gewöhnlichen Zustand deiner Selbstgegenwart zu gelangen, keiner umständlichen Meditationen und Reflexionen, du musst dir nicht garstig den Kopf mit Fragen zerbrechen wie: „Bin ichʼs nun oder bin ichʼs nicht“ oder auch „Bin ichʼs oder ist es ein anderer?“ oder gar: „Wie lange muss ich noch abwarten, bis ichʼs wieder bin?“. Du musst auch nicht umständlich in deinem Gedächtnis kramen, um die Person, von der sich in deinem Pass ein Bild befindet und wo ihr Name und ihre Adresse verzeichnet sind, mit der Person, die dir in diesem Moment gegenwärtig ist, zu vergleichen, und du bist ebenfalls nicht genötigt, dein Passfoto neben dein Spiegelbild zu halten, um befriedigt feststellen zu dürfen: „Upps, Glück gehabt, das ist ja dieselbe Person, also ich!“
Wenn, wie wir sahen, denken urteilen ist und klar denken richtig urteilen, richtig urteilen aber heißt, den richtigen Begriff einem vorliegenden Gegenstand zuzusprechen, dann ist das eigentümliche Verhältnis, das du – um es so merkwürdig auszudrücken – mit dir selbst unterhältst, keines des Urteilens und Denkens. Um richtige und wahre Urteile bilden und aussprechen zu können, ist selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Sache auch schiefgehen kann und du falsch liegst, indem du dem vorliegenden Gegenstand einen Begriff zuweist, den er partout nicht aufweist, wie dass der Himmel grün oder eine Primzahl sei. Ja, du musst, um richtig urteilen zu können, auch komplett danebenliegen und behaupten können, dem vorliegenden Gegenstand sei der Begriff, der ihm in Wahrheit zuzusprechen ist, nicht zuzusprechen, wie dass es nicht der Fall sei, dass der Himmel blau ist, obwohl er es in Wahrheit gerade ist, wenn du den Satz äußerst.
Doch könntest du in unserem speziellen Falle der personalen Identität so fehlgehen, von der Person, die du bist, zu behaupten, du seiest sie nicht? Wenn du mir dummerweise und offensichtlich auf die Füße gelatscht bist und ich dir empört in die Augen schaue, du aber behauptest „Das war ich nicht, sondern mein Onkel!“, wobei ich wüsste, dass dein Onkel sich zurzeit in den Staaten aufhält oder längst verstorben ist, würde ich dir unterstellen, du habest dich geirrt? Oder müsste ich nicht mit Fug und Recht annehmen, du seiest verrückt geworden?
Du könntest vielleicht ins Schwimmen geraten, wenn ich dich fragte, ob du es warst, der mir vor etlichen Jahren im Bethmannpark zu Frankfurt am Main die letzten Aufzeichnungen von Ludwig Wittgenstein in Gestalt des Buches mit dem Titel „Über Gewissheit“ geschenkt hat, und du könntest die Frage irrtümlich bejahen, obwohl du zwar in der Tat dieses Buch vor etlichen Jahren gerade im Bethmannpark jemandem ausgehändigt hättest, nur leider war dieser jemand nicht ich, und es war ein anderer, der mir an diesem Ort vor etlichen Jahren das Buch geschenkt hatte. Solche Irrtümer auf Gegenseitigkeit passieren. Aber könntest du darin fehlgehen, die irrtümliche Erinnerung im gleichen Augenblick zu haben und nicht zu haben, sie dir als Gedanken zuzusprechen und nicht zuzusprechen?
Du bist erwacht und gleichsam wieder „da“. Musstest du dich als solchen wiedererkennen, den du am Abend zuvor gleichsam in den Schlaf verabschiedet hattest? Wäre dies der Fall, könntest du dich, wie bei allen Objekten, die du wiederzuerkennen glaubst, darin irren, dass es dieselben Objekte sind, die du damals gesehen hattest und heute wiederzuerkennen vermeinst. Diese natürliche Irrtumsmöglichkeit scheinen wir im Falle der speziellen „Wiederbegegnung“ mit dir selbst beim Vorgang des Erwachens auszuschließen – denn die Erfahrung, man selbst zu sein, erweist sich als dermaßen unmittelbar und gewiss, dass wir sie geradezu für irrtumsresistent halten.
Warst du dir ehedem wenig vertraut und wuchs dann mit den Jahren und den Erlebnissen deine Vertrautheit mit deiner Person? Sicher, würden wir sagen, wächst mit deinen Erfahrungen und Kenntnissen allmählich dein Zutrauen in deine Fähigkeiten und Fertigkeiten – aber die Summe deiner Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten ist nicht dasselbe wie du, sondern du bist es, der jene hat. Wäre das Du-selbst-Sein eine Relation, wie in dem schiefen Ausdruck „Selbstverhältnis“ insinuiert ist, könnte es auf einer Skala des Mehr oder Weniger, einer Skala gradueller Abstufungen des Vertrautseins abgebildet werden. Dann könnte es dir aber auch passieren, dass die Skala eine Gaußsche Kurve beschreibt und du morgen dir weniger vertraut sein könntest als heute. Wir sehen also, dass die eigentümliche Tatsache, dass du es bist, der alles erlebt, was du erlebst, keine quantifizierbare Relation, sondern eine nichtgraduelle, sondern substantielle Qualität darstellt.
Dein Selbstsein ist also keine Form des Wissens: Denn wüsstest du um die Tatsache, dass du und nur du es bist, der erlebt, was immer er erlebt, könntest du über diese Tatsache wie über alle Tatsachen des Wissens in Zweifel geraten oder du könntest dieses Wissen einbüßen – doch beides liegt dir gleichermaßen fern, wenn es um dich selbst geht. Wäre das Selbstsein eine Form des Wissens, könnte ich dich nach Kriterien befragen, anhand derer du das Vorliegen dieser ominösen Tatsache objektiv überprüfen könntest – wie du mir als Kriterium des Vorliegens eines bestimmten Stoffes seine chemische Zusammensetzung nennen kannst, dass es sich beispielsweise bei diesem Stoff um Wasser handelt. Über welches Kriterium solltest du verfügen können, um zu überprüfen, ob die von dir empfundenen Schmerzen auch wirklich deine Schmerzen sind?
Du kannst dich weder an dich erinnern noch dich vergessen. Wir können ja von dem bewusstlos Gewordenen nicht sagen „Er hat sich vergessen“ oder von dem wahnsinnig Gewordenen, der glaubt eine andere Person zu sein als die, die er in Wahrheit ist: „Er kann sich nicht mehr an sich erinnern.“
Selbsterleben ist keine Funktion mehr oder weniger intensiver und wacher Aufmerksamkeit: Auch der total Zerstreute, der ganz Unaufmerksame, der Geistesabwesende ist und bleibt, der er ist. – Selbsterleben ist auch nicht möglich aufgrund von Selbstbeobachtung: Wer beobachtet dann den, der sich selbst beobachtet?
Du erwachst und stellst mit Bestürzung fest, dass du deinen Namen vergessen hast. Nun, dann bist die dieselbe Person, die du am Vorabend warst, als du deinen Namen noch wusstest, nur jetzt weißt du ihn nicht mehr. Oder du bist vielleicht aufgrund der Einnahme einer Droge in höllische Zweifel geworfen, ob all deine Erinnerungen und alle Erlebnisinhalte deines biographischen Gedächtnisses wirklich deine Erinnerungen und Erlebnisse sind oder nicht die eines anderen, dessen Geschichte man dir erzählt oder mittels Hirnwäsche eingeflößt hat. Auch dann bist du dieselbe Person, die am Vorabend ihrer Erinnerungen noch einigermaßen froh und gewiss war, nur jetzt bist du in Zweifel gestürzt und ratlos. Wärest du aber nicht mehr im Zweifel darüber, dass die dir einst rechtens zugeschriebenen Erinnerungen nunmehr einer anderen Person zuzuschreiben sind – dann hättest du deine personale Identität in der Tat eingebüßt.
Wir haben eine sichere Intuition dafür, dass der Fall, bei dem du dich plötzlich daran erinnerst, dieses Buch schon einmal gelesen zu haben, und der andere Fall, dass du beim Erwachen am Morgen instinktförmig wieder als dieselbe Person erwachst, die am Vorabend in diesem Bett eingeschlafen ist, dass diese beiden Fälle nicht Fälle sind, die unter dieselbe Kategorie des Wissens oder der Erinnerung fallen.
Wäre nämlich der Faden, mit dem du als identisches Selbst über Raum und Zeit hin gleichsam mit dir selbst verknüpft bist und bleibst, ein Faden der Erinnerung, könnte es durchaus passieren, dass du eines Morgens erwachst und dich nur noch verschwommen oder gar nicht mehr an dich erinnerst, wie du ja auch die Erinnerung daran, dieses Buch bereits gelesen zu haben, verloren hattest. Wirst du dann durch Wiederbegegnungen mit vertrauten Gegenständen deiner Umgebung wie deinem Zimmer, deinen Verwandten oder Freunden allmählich oder plötzlich wieder dessen inne, dass du die Person bist, die hier wohnt und diese und jene Verwandten und Freunde hat, genauso wie du aufgrund der Wiederbegegnung mit schon bekannten Details, Geschichten oder Porträts aus dem vergessenen Buch darauf gestoßen wirst, dass du es schon einmal gelesen hattest?
Der Horizont deiner Selbsterschlossenheit scheint stetig und unablässig mit dir und all dem, was du erlebst, mitzuwandern. Dieser Horizont enthüllt das, was von dir bis zu seinem gerade noch sichtbaren lichten Rand liegt, und verhüllt all das, was darüber hinaus liegt – das aber sind die „Pseudoerlebnisse“ deiner Lebenszeit als Embryo und Säugling, an die du dich nicht erinnern kannst, weil du sie gleichsam nicht im vollen Ich-Sinne erlebt hast. Deine Eltern oder Großeltern können dir zum Beispiel erzählen, wie deine Wiege aussah oder welche Spielfigürchen über deinem Kinderbett aufgehängt waren – du kannst sie nachträglich gleichsam nur von außen sehen, nicht aber so, als würdest du mit dem Blick des Kleinkinds auf diese Objekte schauen.
Es gibt keine Erlebnisse, die nicht jemandes Erlebnisse wären. Jedes Erlebnis hat eine Zuschreibung und ist gleichsam adressiert: an dich oder mich oder wen sonst. Das unterscheidet diese Form des Erlebens von der unpersönlichen Form der Erfahrung unter streng normierten und kontrollierten Bedingungen, die sich in der Wir-Gruppe der Wissenschaftler zuträgt: Wer immer beobachtet, dass der Zeiger um so und so viel Grad ausgeschlagen ist, spielt keine Rolle – ja, besser, zuverlässiger ist die Aufzeichnung des Experimentes mittels Kamera und anderer Aufzeichnungstechniken, die über kein Innenleben verfügen.
Gewiss ist personale Identität als Fokus des Ich-Erlebens vorausgesetzt, um Reden und Handlungen an dieselbe Instanz adressieren zu können – und somit ist Selbsterschlossenheit Bedingung der Möglichkeit, verantwortlich zu handeln und Verantwortung zu tragen. Aber wir erschließen aus der Tatsache der Zuschreibung von Verantwortung und Verpflichtung nicht das Wesen der Selbsterschlossenheit.
Hilft uns vielleicht die postmoderne Version der Geschichte weiter, wonach du deine personale Identität beim morgendlichen Erwachen (nach dieser Version sogar deine lebensgeschichtliche Identität stricto sensu) wie ein Puzzle oder Mosaik aus vielen bunten Einzelstückchen zusammenbastelst und gleichsam mehr und mehr Beweisstücke für die Tatsache aufhäufst, dass es sich bei demjenigen, der diese Stücke verdrahtet und verleimt, um niemand anderen als dich selbst handelt?
Du sagst also etwa: „Moment mal, das ist doch das Zimmer, in dem ich schon so viele Nächte geschlafen habe!“ Oder auch: „Da höre ich doch wieder die mir so vertrauten Geräusche der Straße und all der frischen Geschäftigkeiten des Morgens, wie ich sie so oft schon in diesem und anderen Zimmern beim morgendlichen Aufwachen vernommen habe!“ Oder so: „Jetzt erblicke ich allmählich im Dämmerlicht des Morgens die Bücher im Regal, den Schreibtisch vor dem zugezogenen Fenster, das Porträtbild meiner Mutter an der Wand – und hier neben mir auf dem Bord den hellen Schimmer des aufgeschlagenen Buchs von Ludwig Wittgenstein, in dem ich gestern Abend noch ein wenig geistesabwesend geblättert habe.“
Wenn dem so wäre und du dich aus Einzelstücken deiner Wahrnehmung und Erfahrung als personale Identität zusammenfügen oder zusammenbasteln könntest, woher nimmst du die Gewissheit, dass derjenige, der dies sagt und in scheinbar wachsender Vertrautheit mit sich selbst spricht, indem er sich Einzelheiten seiner Umgebung und seines Lebens in Erinnerung ruft, du selbst bist und nicht ein anderer? Jeder andere könnte dies wahrnehmen, solches empfinden, auf diese Weise sich erinnern und so mit sich selbst sprechen, wie du es für dich zu tun beanspruchst – doch ob du diesen Anspruch zurecht erhebst, war ja gerade die Frage, von der wir ausgegangen sind!
Von Küssen geweckt
Nichts, was aus schwarzer Blume stiege,
lähmt deiner hellen Liebe Kraft.
Du wähnst von Blitzen dich gestraft –
ihr Leuchten ist des Herzens Wiege.
Nichts, was den Horizont dir engte –
der Wind dein Kleid und Regen ein Geschmeid.
Du wähnst, die Nacht hielte Schmerzen dir bereit –
Gestirn wird, wo die Wolke drängte.
Nichts, was dein Lieben dir verneinte,
ihr Blick erfüllt, ihr Auge stillt.
Du wähnst, ein Traum wär, was euch einte –
sie küsst dich wach, die Träne quillt.
Kennst du dich da aus?
So lang schon hier herumgegähnt,
so manches Haar ward ausgesträhnt –
noch immer gilt für Mann und Maus:
Da kenn ich mich nicht aus!
Dribbdebach wie hibbdebach – alles abgewatschelt,
ʼnen Berg von Büchern durchgeknatschelt –
noch immer gilt für Mann und Maus:
Da kenn ich mich nicht aus!
Und fragst du mich: Wie triebst duʼs doll,
was blieb dein Kopf so leer, das Herz so voll –
noch immer gilt für Mann und Maus:
Da kenn ich mich nicht aus!
Liebesfladen
Das Hündchen war nicht mehr zu brauchen –
tät in der Kühe Fladen tauchen.
Die Liebe hat dich überleckt –
mit Wollust köstlich abgeschmeckt.
Das Hündchen tät nach Kuchen betteln –
und ward gefoppt von trunknen Vetteln.
Die Liebe hat dich überpudert –
die Wollust honigsüß verludert.
Das Hündchen wollt ein Täubchen jagen –
tät aufwärts stierend still verzagen.
Die Liebe hat dich schön gemalt –
die Wollust aus den Knöpfen strahlt.
Das Hündchen tät sich wonnig wälzen –
mit Fladens Wärme still verschmelzen.
Philosophieren XLIII
Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau.“
Gewiss wirst du den Satz unter den geeigneten und passenden Umständen äußern und nicht, wenn wir in einem Weinkeller unter geschlossen-düsterem Gewölbe hocken oder wenn der Himmel schwarz von Gewitterwolken ist. Ich unterstelle dir also auch, dass deine Wahrnehmungen gut funktionieren, wenn ich dir unterstelle, mir eine sinnvolle Mitteilung dieser Art gemacht oder ein richtiges Wahrnehmungsurteil gefällt zu haben.
Betrachten wir den Satz genauer und nehmen zunächst den Teil nach dem Komma unter die Lupe. Du siehst gleich, dass es sich eigentlich um zwei mittels der Konjunktion „und“ verbundene Einzelsätze handelt. Wir kürzen sie mit den Buchstaben p und q ab. Mit jedem Satz p und q hast du mir eine Tatsache mitgeteilt, einmal die Tatsache, dass sich das Gewitter verzogen hat, sodann die Tatsache, dass der Himmel blau ist. Wir nennen den Sprechakt, mit dem wir Tatsachen mitteilen, beurteilen oder kurz urteilen und das Ergebnis solcher Sprechakte schlicht und ergreifend ein Urteil. Urteile haben die interessante Eigenschaft, richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein zu können.
Wenn wir zwei Sätze mit den möglichen Wahrheitswerten wahr und falsch durch eine Kopula verbinden, kann der Fall eintreten, dass ein Satz wahr, ein anderer falsch, beide wahr oder beide falsch sind. Wenn es jetzt der Fall ist, dass der Himmel zwar blau ist, aber auch zuvor blau war und also sich kein Gewitter verzogen hat, ist der erste Satz falsch und der zweite wahr. Wenn es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel durch die Abendröte rot erscheint, sind beide Sätze falsch. Es ist klar, dass die Summe beider Sätze in der Verknüpfung durch die Kopula nur wahr sein kann, wenn beide Teilsätze es sind, in allen anderen Fällen ist der Gesamtsatz falsch.
Nunmehr entdecken wir eine weitere Unterstellung, die wir vornehmen, wenn wir annehmen, du habest uns etwas Sinnvolles mitgeteilt: Wir unterstellen dir, dass du weißt oder zu wissen glaubst, kurz: davon überzeugt bist, dass deine Mitteilung richtig oder der von dir mitgeteilte Inhalt des Satzes wahr ist. Würden wir dir nämlich unterstellen, dass du davon überzeugt wärest, dass der Inhalt deiner Mitteilung, also einer der durch die Kopula verknüpften Teilsätze oder beide Teilsätze unwahr wären, müssten wir dir unterstellen, dass du uns nicht die Wahrheit sagen, sondern uns belügen wolltest. Auch wenn diese unschöne Unterstellung zuträfe, wäre der von dir geäußerte Satz sinn- und bedeutungsvoll, denn es wäre derselbe Satz wie der ursprüngliche Satz, den du geäußert hast, um uns eine Wahrheit mitzuteilen – und dieser galt uns ja als sinn- und bedeutungsvoller Satz.
Wolltest du den Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ äußeren, um uns an der Nase herumzuführen und uns zu belügen, wäre vorausgesetzt, dass das Gegenteil oder die Negation der von dir mitgeteilten Sachverhalte in Wahrheit zuträfen, als Werteverteilung für die Teilsätze also „nicht p und q“ oder „p und nicht q“ oder „nicht p und nicht q“ beziehungsweise „nicht (p und q)“ in Frage käme. Das aber hieße, im Moment, da du den unwahren Satz äußertest, hätte es gar kein Gewitter gegeben und der Himmel wäre blau oder das Gewitter hätte sich verzogen und der Himmel wäre nicht blau oder weder hätte es ein Gewitter gegeben noch wäre der Himmel blau. Wir haben allerdings selbst Augen im Kopf und haben gesehen, dass es kein Gewitter gegeben hat und der Himmel blau strahlt, oder wir sehen, dass sich das Gewitter verzogen hat, aber der Himmel immer noch grau ist, oder wir sehen, dass es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel sich in der Abenddämmerung rötet. Wir sehen also, dass was du behauptest nicht der Fall ist, und wissen augenblicks, dass du uns hast verballhornen wollen. Das Beispiel erweist en passant, dass Lügen allzu kurze Beine haben, wenn sie sich nicht unter gleichsam undurchsichtigen Umständen und Bedingungen verstecken können – jedenfalls schlecht funktionieren, wenn der Lügner und sein Gegenüber die gleichen Wahrnehmungs- und Urteilsbedingungen teilen.
Bleiben wir bei dem Normalfall einer trivialen Mitteilung von wahren Sätzen der genannten Art. Die Sätze „Das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ können wir grammatisch in ein temporales oder ein kausales Gefüge transformieren, indem wir sagen: „Nachdem sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“ und „Weil sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“. Der Haupt- und Elementarsatz „Der Himmel ist blau“ spricht einem Gegenstand eine Farbe zu. Wir können diese Grundform des Urteils abkürzen mit der Formel Fx, womit wir dem Gegenstand x die Eigenschaft F zusprechen.
Die Fähigkeit oder das Vermögen, das du dadurch unter Beweis gestellt hast, dass du dem Gegenstand die richtige Eigenschaft zugeordnet hast, nennen wir Urteilsvermögen und Denkfähigkeit, denn natürlich ist urteilen zu können gleichwertig damit, denken zu können.
Wir nennen die Begriffe „blau, rot und schwarz“ Farbbegriffe und sagen, du habest dem Gegenstand den richtigen Farbbegriff zugewiesen. Somit gelangen wir auf die bündige Definition für die Tätigkeit des Urteilens oder Denkens: Urteilen oder denken heißt, einem Gegenstand einen Begriff zuordnen. Und richtig urteilen oder klar denken heißt, einem Gegenstand den richtigen Begriff zusprechen.
Wenn mir einer sagte: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist eine Primzahl“, wäre ich ob dieses unerbetenen Hinweises mehr als konsterniert und würde meinem Gegenüber nicht unterstellen, er habe mit der Zuweisung dieser Eigenschaft von Zahlen knapp danebengelegen oder sich um ein Haar bei der Auswahl der Eigenschaft vergriffen. Ich müsste vielmehr annehmen, die Person wisse nicht, um was für eine Art von Begriffen oder um welche Kategorie es sich bei Begriffen wie den Primzahlen handelt. Ich würde nicht sagen, jener habe ein unrichtiges oder falsches Urteil gefällt, sondern würde sagen, er habe einen unsinnigen Satz geäußert und somit überhaupt kein Urteil getätigt.
Wir sagen: Weder kann der Himmel eine Primzahl noch eine Primzahl blau sein. Welche Eigenschaft unserer begrifflichen Struktur verbirgt sich hinter der Bestimmung „kann nicht“? Nun, es handelt sich hier nicht um eine empirische Grenze und Schwierigkeit, die durch den Einsatz kluger und gewitzter Mittel behoben werden könnte. Es handelt sich vielmehr um die gleichsam überempirische, apriorische Grenze unserer Sprache. So und nicht anders reden wir nun einmal, anders lassen sich die Dinge von uns und bei uns hierzulande und hienieden nicht sagen.
Wir sind demnach aufgefordert jenen, der den absurden Satz geäußert hat, zu korrigieren und auf seinen Kategorienfehler aufmerksam zu machen. Wenn er sich philosophisch versteift und darauf beharrt, für ihn selbst ergebe der uns unsinnig erscheinende Satz durchaus Sinn, weil er für sich die Sprachregel eingeführt habe, dass metereologische Gegenstände die Eigenschaft, Primzahlen zu sein, haben können, müssen wir ihn rügen und mit der Tatsache konfrontieren, dass wir zwar reden dürfen, wie uns der Schnabel gewachsen ist, nicht aber so, dass kein anderer Schnabel darauf kommen könnte, so etwas zu sagen. Die Grenze des Sagbaren ist eine soziale Grenze: Der Verkehr, in dem wir uns sprechend verständigen, wird durch Verkehrszeichen geregelt und verläuft auf Bahnen und Wegen, die vor dir schon Abertausende abgeschritten haben. Jedenfalls sind die sprachlichen Regeln, nach denen der Verkehr hierzulande und hienieden abläuft, nicht der privaten Willkür eines solipsistischen Sprachheimwerkers anheimgestellt.
Wir können also nur sagen, was andere auch sagen könnten. Um sprechen und denken zu können, muss ich voraussetzen, dass mindestens ein anderer schon gesprochen und gedacht hat. Ich wäre nicht in der Lage, als einsamer Robinson einen Gedanken zu fassen: Einen Gedanken zu haben setzt voraus, ihn in einem Satz äußern zu können und die Äußerung des Satzes der realen oder virtuellen Beurteilung mindestens eines anderen anheimzustellen.
Soll das heißen, unser Reden und das, was wir mit Wörtern tun, würden gleichsam von einer unsichtbaren grammatisch-logischen Kontrollinstanz reglementiert und unsere sprachliche und gedankliche Freiheit und schöpferische Ausdrucksmacht würden für immer in eine apriorische Zange genommen? Ganz und gar nicht: Die Grenzen der Sprache fließen, wenn auch gewöhnlich sehr langsam und unmerklich. Denn sie werden nicht willkürlich von Dudenredakteuren und logisch-propädeutischen Oberlehrern mit dem Lineal gezogen, sondern haben überhaupt keine zentrale Steuerungseinheit. Die Grenzen fließen mit den unsichtbaren und unserer Aufmerksamkeit entgleitenden leisen Verschiebungen oder lauten Erschütterungen der kollektiven Praxis unseres durch Regeln geleiteten Sprechens.
Wir wissen allerdings nicht und können nicht wissen, welcher Erschütterungen es bedürfte, die unser sprachliches Regelwerk dermaßen durchschütteln und -rütteln würden, sodass dermaleinst der uns heute unsinnig erscheinende Satz „Der Himmel ist eine Primzahl“ als sinnvoll akzeptiert werden würde.
Im Übrigen könnte unser Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“, unter geeigneten Umständen geäußert, auch etwas anderes bedeuten als eine Mitteilung über das Wetter und die Farbe des Himmels. Schreiben wir ihn mit Ausrufezeichen: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau!“ Dann willst du mich mit dieser Äußerung vielleicht auffordern, mit dir die stickigen Seminar- oder Büroräume endlich zu verlassen und das Freie zu suchen.
Liebe ist Antwort
Dein erstes Wort war schon Antwort –
Hand, die durch Nebelschleier
nach der Hand langt eines,
der sich hellfühlend dir entgegensehnt.
Deine erste Frage war schon Antwort –
Auge, das durch Regenschleier
nach der Sonne fragt
einer Gnade, Gräber zu öffnen.
Dein letztes Wort bleibt noch Antwort –
Herz, das durch Tränenschleier
dem Herzen nachsinnt eines,
der dich liebend zu sich ruft.
Du lernst mit Flammen dich beleben
Vor des Lebens Sphinx bist du partout verstummt –
vor einem Wust aus Weib und Witz und Krallen?
Hast schiefen Mundes dich in Rätselflor vermummt,
um in der Nacktheit geraden Wunschs nicht aufzufallen?
Du lernst mit Flammen dich bekleiden, dich beleben –
das gerade Wort gibst statt der schiefen Kunst.
Dich trägt das Wüstentier mit süßem Beben,
lebst leicht in deiner und der Götter Gunst.
Philosophieren XLII
Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke ist nicht identisch mit den Hirnzuständen, die auftreten, wenn wir sie bilden und verwenden.
Du sagst mir: „Ich habe Schmerzen im rechten Knie“, weil und während du in diesem Moment, da du den Satz aussprichst, Schmerzen im rechten Knie hast. Wäre die Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks identisch mit dem neuronalen Muster, das auftritt, wenn und weil du Schmerzen hast, hätte der von dir zwei Tage später geäußerte Satz: „Ich erinnere mich, vorgestern Schmerzen im rechten Knie gehabt zu haben“ nicht die von dir intendierte Bedeutung, weil die Erinnerung an die Schmerzen, die nicht schmerzhaft ist, nicht mit demselben neuronalen Muster in deinem Gehirn hinterlegt ist wie die aktuellen Schmerzen. Was aber, wenn die Bedeutung des Satzes „Ich habe Schmerzen im rechten Knie“ durch den Hirnzustand realer Schmerzen determiniert wäre, du aber den Satz äußerst, ohne überhaupt Schmerzen zu empfinden, also lügst oder die Unwahrheit sagst? Wie erklären wir die Bedeutung der Negation, im Falle du sagst „Ich habe keine Schmerzen (mehr) im rechten Knie“? Du kannst ja nicht das neuronale Schmerzmuster haben, und gleichzeitig tut es nicht weh!
Wenn du im Fremdsprachenunterricht den Satz zu bilden gelernt hast: „Jʼai des douleurs dans mon genou droit“, müsstest du dann diesen französischen Satz mit demselben neuronalen Muster in deinem Gehirn repräsentieren wie den deutschen Satz „Ich habe Schmerzen in meinem rechten Knie“? Wenn die Bedeutung identisch wäre mit dem Hirnzustand, der auftritt, wenn du den Satz verwendest, könnte der französische Satz keine Übersetzung des deutschen Satzes sein, weil die Lautbildung im einen und anderen Falle durchaus unterschiedlich ausfällt, gewiss aber auch diese mittels neuronaler Muster im Gehirn repräsentiert wird. Und wollen wir die Bedeutungen unserer Sätze jenseits aller Lautbildung als abstrakte Entitäten in einen platonischen Himmel verweisen? Wäre dem so, könnte die Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke erst recht nicht mit unseren Hirnzuständen identisch sein!
Wären die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke identisch mit den neuronalen Mustern, die auftreten, weil und wenn wir sie verwenden, wie könnte wohl die Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks, die dein Hirnzustand repräsentiert, identisch sein mit der Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks, den mein Hirnzustand oder der Hirnzustand deines Gesprächspartners repräsentiert?
Weil nämlich Gehirnzustände verschiedener Individuen, die dieselben Sätze bilden und verwenden, immer nur mehr oder weniger ähnlich, nicht aber ganz und gar identisch zu sein pflegen, könnten die Bedeutungen der von ihnen geäußerten Sätze nicht übereinstimmen, wenn diese denn mit den Hirnzuständen identisch wären. Folglich wäre eine sprachliche Verständigung nicht möglich. Da wir uns aber spielend über das wirkliche oder vorgetäuschte Vorhandensein von Schmerzen im rechten Knie verständigen können, folgt daraus, dass aufgrund der Differenz der aktuellen Hirnzustände der Unterredner die Bedeutungen der von ihnen verwendeten sprachlichen Ausdrücke nicht mit den neuronalen Mustern identisch sind, die bei eben dieser Verwendung der Sätze auftreten.
Wären die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke identisch mit den Hirnzuständen, die auftreten, wenn wir sie verwenden, wäre mein aktueller Hirnzustand, stimuliert durch das Sehbild einer in einem dunklen Zimmer brennenden realen Kerze, identisch mit meinem Hirnzustand, stimuliert durch das Sehbild derselben Kerze – nur dieses Mal zweifach reflektiert mittels zweier so gegeneinander gedrehter Spiegel, dass ich das Spiegelbild der Kerze nicht seitenverkehrt, sondern in der originalen Ausrichtung wahrnehmen kann. Indes wäre die jeweilige Bedeutung des von mir angesichts des jeweiligen Sehbildes geäußerten Satzes „Dort brennt eine Kerze“, den ich sowohl verwende, um den Seheindruck der realen Kerze wiederzugeben, wie auch verwende, um den Seheindruck der Schein-Kerze wiederzugeben, das eine Mal ein wahrer Satz und das andere Mal ein falscher Satz – die jeweilige Bedeutung der beiden sprachlichen Ausdrücke bei gleichzeitiger Identität der neuronalen Muster oder Hirnzustände, die ihn repräsentieren, also denkbar verschieden, ja die eine Bedeutung das Gegenteil und die Negation der anderen, denn die Tatsache des Brennens der realen Kerze ist das Gegenteil oder die Negation der Tatsache des scheinbaren Brennens der imaginären Kerze, die in Wahrheit dort nicht brennt.
Folglich ist die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks nicht identisch mit dem neuronalen Muster, das auftritt, wenn wir ihn bilden und verwenden.
Wo steckt denn, wirst du fragen, die vermaledeite Bedeutung des von dir geäußerten Satzes, wenn wir sie auch mit den modernsten bildgebenden Verfahren nicht in deinem Gehirn als neuronales Muster identifizieren und scannen können?
Bedeutungen werden erzeugt von den Formen oder Strukturen der sozialen Praxis unserer Sprache, mit der wir hierzulande und hienieden uns verständigen. Sie sind nicht in unseren Köpfen oder Gehirnen verborgen, sondern liegen wie die Gegenstände und Ereignisse, die sie bezeichnen, gleichsam offen zutage. Ich sehe, wie du mit verzerrtem Gesicht dein Knie umfasst und dabei stöhnst. Ich frage dich: „Hast du Schmerzen in deinem Knie?“ Du bejahst meine Frage – oder gibst die verblüffende Antwort: „Ich übe die Rolle eines Hypochonders und Simulanten für ein Theaterstück. Ich habe also weder jetzt Schmerzen noch werde ich Schmerz empfinden, wenn ich meine Rolle im Stück zum Besten geben werden!“ Ich verstehe beides, dass du Schmerz empfindest wie dass du Schmerzempfindungen simulierst – ein Rekurs auf deinen jeweiligen Hirnzustand erübrigt sich.
Du sagst: „Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich vorgestern diese argen Schmerzen im rechten Knie hatte.“ Ist die Tatsache, dass du dich nicht erinnerst, etwa mittels des Umkehr- oder Negativmusters jenes Musters repräsentiert, welches deine Hirnaktivität bildet, wenn du aktuelle Schmerzen im rechten Knie hast?
Du sagst: „Wenn ich vorgestern nicht so hastig von meinem Schreibtisch aufgestanden wäre, hätte ich mir nicht das Knie an der Stuhllehne gestoßen und mir nicht diese bösen Schmerzen eingehandelt.“ Sollen wir dem irrealen Bedingungsgefüge als probatem Mittel der Konstruktion kontrafaktischer Welten Bedeutung nur zusprechen, wenn es auf ein neuronales Muster abgebildet werden kann, das aufträte, wenn wir diesen Satz äußern? Um was für ein Muster könnte es sich dabei handeln? Wie könnten Neuronen Muster mittels aktueller und realer chemisch-elektrischer Aktivitäten formen, die virtuelle und irreale Zustände abbilden sollen?
Wären die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke identisch mit den sie repräsentierenden Hirnzuständen, hätten sie Teil an den grundlegenden Eigenschaften physikalischer Systeme, wie der Eigenschaft, systemisch oder kausal determiniert zu sein. Wenn du aber deiner Freundin reumütig bekennst, sie damals belogen zu haben, wie könnte sie dich dann tadeln oder dir verzeihen, wenn die Bedeutung des Satzes, mit dem du ihr die Lüge mitgeteilt hast, identisch mit deinem damaligen Hirnzustand gewesen wäre? Wärest du denn überhaupt in der Lage gewesen, den fatalen Satz nicht zu sagen oder einen anderen Satz oder schlicht die Wahrheit zu sagen, wenn die Bedeutung deiner Äußerung die systemischen oder kausalen Eigenschaften von physikalischen Gegenständen aufwiese?
Wäre die Bedeutung unserer sprachlichen Ausdrücke identisch mit den neuronalen Mustern, die auftreten, wenn wir sie verwenden, könnten wir im eigentlichen Sinne nicht willentlich die Unwahrheit sagen oder lügen oder Sätze äußern, für die wir ernsthaft zu tadeln sind.
Wie könnten wir die Sprache lernen oder andere in der Sprache unterrichten, wie könnten wir korrigiert werden oder andere korrigieren, wenn wir und sie bei der Verwendung der Wörter oder der syntaktischen Konstruktion der Sätze Fehler begehen, da physikalisch determinierte Zustände schlechterdings keine Fehler begehen und nicht getadelt werden, sondern schlimmstenfalls ausfallen und eine Panne haben können?
Ich werde dich ja auch beileibe nicht korrigieren oder tadeln, wenn du zu stottern beginnst oder deinen Satz plötzlich abbrichst oder wie in Trance sinnlose Sätze bildest – aufgrund der fatalen Tatsache, dass deine aktuellen Hirnzustände aufgrund pathogener Ereignisse wie der Wirkung von Drogen oder eines Hirnschlags durcheinandergeraten sind?
Weil wir mit einem Gutteil unserer Äußerungen auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Tatsachen Bezug nehmen, ist unser Sprachgebrauch gleichsam verwoben mit den Konzepten des Wahren und des Falschen. Wahrheit und Falschheit sind logische Eigenschaften und keine physikalischen Eigenschaften. Hirnzustände aber sind gewiss physikalische Eigenschaften. Folglich kann die Bedeutung der von uns verwendeten sprachlichen Ausdrücke nicht mit unseren Hirnzuständen identisch sein.
Phantastische Paare III
Ludwig und David
„I ought to have become a star in the sky.“ –
„Doch bliebst du in der Erde stecken.“ –
„Ach, sprächest mir die Seele frei!“ –
„Tätst Schweiß und Tränen du mir lecken!“
So stoßen plaudernd sie sich Stein an Stein
und träufeln in das Glas der Stunden
das süße Gift, den herben Wein …
Hat sie kein Liebesbund entbunden?
„I ought to have become a star in the sky.“ –
„Dich bergen Wolken, die mich necken!“ –
„Mit Blitzen sprech ich deine Seele frei!“ –
„Unsagbar, was zur Liebe dich könnt wecken!“
Phantastische Paare II
Heute: Trude und Poldi
Poldi parfümiert mit Lavendeldüften
das Klo und tunkt sein stickig Taschentuch
in Rosenwasser – als wär erlöst er aus den Grüften
seichter Depression und von der Füße Käsgeruch.
Gertrud, auch Trude oder Trudchen gern genannt,
Trude ist ein flaumen-hummlig Wimperntierchen,
das ihren Poldi zu bewimpern ward gesandt
und zu berücken mit wüstlichen Pläsirchen.
Den Hals umwickelt, die Händ beschuht,
steht mein Trudchen da mit Glühe-Backen:
„Gib mir, mein Poldi, Hut und Blut,
es blies der Herbst mir in den Nacken!“
Viola dʼamore
Lass mich doch mit deinen Augen schauen –
könnte wieder meinem Lieben trauen.
Lass mit deiner Nase es mich wittern,
wie welke Düfte sehnsuchtsbang verzittern.
Lass mich mal mit deinem Mäulchen maulen –
müsst nicht mehr mit Höllenhunden baulen.
Lass mich keck mit deinen Brüsten hüpfen –
mag das eigne Fell nicht länger rüpfen.
Lass mich weich mit deinem Schoße weinen –
mag als falsche Perle nicht versteinen.
Könnt ich doch mit deinen Füßen walzen –
tät nicht mehr so anmutlos versalzen.
Phantastische Paare I
Heute: Koko & Lores
Unsre feine Koko war verdrießlich.
Fragst du, was sie hat verdrossen?
Die Lektüre des Journales war so ungenießlich,
sie fühlte sich von Gift und Geifer überflossen.
Unser guter Lores fand es saugemütlich,
wie mit Regenschauern ihm der Tag erklang.
An Grie Soß tat mittags er sich gütlich.
Wie sein verbummelt Herz der Liebsten dann entgegensang!
Koko bringt den Kuchen mit und ihr Schniefen
wider Weltenwaltens wirren Lauf.
Lores läuft der Welten Lauf unter ferner liefen,
knöpft der Knöpfe Knopf ihr auf.
Endlich regnen Küssens Schauer!
Endlich lehrt sie Liebe Mores:
Aug in Auge – flau und flauer.
„Ich dich Koko, du mich Lores!“
Winken, Vergeben, Verlöschen
Chinesischer Garten, Bethmannpark, Frankfurt am Main
Zwischen Bambusgestänge
und nächtigem Blattwerk –
das Gold aus den Krügen.
Als würde dein Auge,
von des Abends Widerschein
auf sinkenden Blüten
und zaudernden Menschen gesättigt,
mit Schonens-Blicken Abschied gönnen
dem stillen Schreiten der Schatten
und dem süßen Winken
müde gewordenen Lebens.
Und es entsinken die Blicke,
die vagen Gesten entgleiten
in die Gespinste des Traums –
träumend zieht einwärts sich
ins erlöschende Antlitz,
wem kaum das Herz
zu eigenem Sagen erwacht war.
Philosophieren XLI
Du hast nicht getan, was zu tun du vorhattest, und bist jetzt betrübt. – Kann ich daraus schließen, dass das, was du vorhattest, etwas war, das dich erheitert hätte? Oder kann ich daraus schließen, dass im Falle du deine Absicht verwirklicht hättest, du nicht betrübt, sondern im Gegenteil froh gewesen wärest? – Würden wir mit unseren Gedanken – oder mit den Sätzen, die sie ausdrücken und darstellen – die Wirklichkeit widerspiegeln, was spiegelten unsere Gedanken und Sätze dann wider, wenn wir denken und sagen, dass ein Sachverhalt oder eine Tatsache NICHT bestehe? – Ist die Negation wie ein Schatten, den der Sachverhalt oder die Tatsache in den Raum des Möglichen wirft? – Wir denken und sagen gerade so schnell, bequem und unbefangen „nicht p“ wie „p“.
Auch wenn der Satz „Der Schah von Persien sitzt auf dem Pfauenthron“, jetzt ausgesprochen, nicht wahr ist, weißt du doch, dass er einmal wahr war, und könntest ohne Widerspruch die Annahme wagen, dass er wer weiß? einmal wieder wahr sein könnte. Gilt dies auch für den Satz: „Ich bin zwar als Mann geboren, könnte aber genauso gut eine Frau sein“ oder „Ich bin zwar als Frau geboren, könnte aber genauso gut ein Mann sein“? Oder wäre eine solche Möglichkeit auszusinnen gleichbedeutend damit, sich vorstellen zu wollen, ein euklidisches Quadrat habe eine Winkelsumme von weniger oder mehr als 360 Grad?
Behaupte ich, wenn ich die Möglichkeit einer Tatsache negiere, die Möglichkeit einer Welt, in der es alles Mögliche gibt, nur diese eine Tatsache nicht? Impliziert die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz die Möglichkeit einer Welt, in der es alles Mögliche gäbe und auch das, was eben jetzt hienieden geschähe, nicht aber dich? – Deine mögliche Nicht-Existenz setzt neben der Tatsache, dass dich deine Eltern nicht gezeugt hätten, eine Viel- oder Unzahl anderer Tatsachen voraus: In jener Welt ohne dich sind sich deine Eltern vielleicht niemals begegnet. Wenn sich deine Eltern nicht begegnet wären, wären ihre Lebensgeschichten anders verlaufen. Wären die Lebensgeschichten deiner Eltern anders verlaufen, wären auch die Lebensgeschichten ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen. Wären aber die Lebensgeschichten ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen, wären auch die Lebensgeschichten wiederum deren Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen – also die Lebensgeschichten ALLER Menschen.
Folgt daraus nicht, dass die Welt, in der deine Existenz gleichsam nicht vorgesehen wäre, in vielfacher, umfänglicher oder gar globaler Hinsicht anders aussähe als diese unsere Welt, in der du deinem frohen bis betrübten Dasein frönst? – Du könntest dich auch fragen, wie weit die Voraussetzungen und Bedingungen zurückgehen (kausal, naturgesetzlich, logisch), deren tausendmaschiges Netzwerk die einzigartige lokale Verflechtung hervorgebracht hat, die wir als „Marienbader Elegie“ kennen? Ist die Farbigkeit, die Mehrtönigkeit, die Obertönigkeit des Wortes „Liebe“, wie es Goethe gebraucht, ohne die Voraussetzungen und Bedingungen denkbar, deren tausendmaschiges Netzwerk Judentum, Christentum sowie antike Dichtung und Philosophie – um nur diese zu nennen – geflochten haben? Wie viele Generationen sind es von Moses – so du ihn als historische Figur dem 1300 Jahrhundert v. Chr. unterschiebst – bis zu Goethe? –
Was hieße es aber, sagen zu wollen oder zu können, die Möglichkeit deiner Existenz sei der logischen Valenz nach nicht der Möglichkeit deiner Nicht-Existenz gleichzustellen? Hieße das nicht, annehmen zu müssen, dass deine Existenz in dieser unserer Welt gleichsam vorgesehen war und ist und nicht die Rolle eines kontingenten Etwas spielte, das auch nicht hätte sein können? Dass du nicht zu einer betrachtenden und ästhetischen oder gröber und klarer gesagt: einer Eckensteher-Existenz verurteilt bist, sondern durch tätige Hingabe und mitfühlende Verantwortung gleichermaßen deiner einzigartigen Rolle gerecht zu werden hast? Frage dich, warum alle Welt diese Welt als Tollhaus des Zufalls, als Arena blutig-grotesker Turniere auf Leben und Tod, als Totenspiel somnambuler Narren beschwört, feiert oder verflucht? –
Die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz bildet nicht so etwas wie ein kleines Loch, einen winzigen toten Punkt oder einen klitzekleinen schwarzen Fleck auf einem großen Genrebild von Pieter Brueghel d. Ä., in dem ein bösartiger Narr oder ein nihilistischer Mephistopheles eine püppchenzarte Figur im Hintergrund eines grotesken Menschengewimmels mit einer Nadel ausgestochen oder einer Rasierklinge ausradiert hätte – was aus einiger Entfernung nicht einmal auffiele. –
Deine Nicht-Existenz oder vielleicht die Nicht-Existenz der Stubenfliege, die sich gerade jetzt auf deinem Ärmel niederlässt, hätte zur Folge, dass das Bild der Welt, wenn wir es mit dem Genrebild Brueghels vergleichen, anders aussähe, eine andere Farbigkeit, eine veränderte Verteilung von Licht und Schatten, eine andere Anordnung der Sujets, ja andere Sujets aufwiese – am Ende überhaupt kein Genrebild mehr wäre, und sogar so verschiedenartig von dem Genrebild Brueghels ausfiele, dass es ein Maler wie Brueghel hätte überhaupt nicht malen können.
Wenn diese Welt (einschließlich deiner Existenz und der Existenz der Fliege auf deinem Ärmel) so sehr verschieden wäre von jener Welt (ausschließlich deiner Existenz und der Existenz der Fliege auf deinem Ärmel), wären sie dann so verschieden wie zwei Sprachen mit sehr unterschiedlicher Laut- und Wortbildung und anders strukturierter Grammatik wie das Deutsche und das Chinesische oder so verschieden wie ein klassisches Musikstück verglichen mit einem atonalen Musikstück? –
Oder wären diese Welt mit dir und jene Welt ohne dich so verschieden, dass sie überhaupt nicht mehr vergleichbar wären? Wo verläuft aber die Grenze, diesseits derer du sie vergleichen und jenseits derer du sie nicht mehr vergleichen kannst? Wann und wo beginnen alle Vergleiche, Bilder, Metaphern zu versagen? Sind wir hier an einer faktischen Grenze oder an einer begrifflichen Grenze angelangt? Jene nehmen wir mit dem Anlauf des Vergleichs, des Bildes, der Metapher spielend, bei dieser beginnen wir zu stottern. –
Ist es wie mit der Grenze zwischen unserer Welt und jener Welt, in der das Leben nicht auf organischen Kohlenstoffverbindungen, sondern auf Siliziumverbindungen aufgebaut wäre? Oder wäre dies die Grenze zwischen einer Welt wie der unseren und einer Welt, in der die Wesen, die wie Lebewesen aussähen und agierten, in Wahrheit tote Automaten wären? –
Die Modulation erfolgte nach Moll, nicht nach Dur beziehungsweise nach Dur und nicht nach Moll, wie du vielleicht erwartet hast. – Ist es so mit der herausragenden Tat, wenn der eine einem anderen das Leben gerettet oder der andere den anderen ums Leben gebracht hat, als würde vom Licht oder dem Schatten dieser einzigen Tat eine neue, wesentliche oder endgültige Deutung auf die Summe des bisherigen Lebens fallen? – Hätte der Lebensretter der Mörder oder der Mörder der Lebensretter sein können? Oder gehören sie zwei getrennten, weil strukturell verschiedenartigen Welten an? –
Und umgekehrt: Du hast in jungen Jahren ein Gelübde abgelegt und wolltest christlicher, buddhistischer, hinduistischer oder taoistischer Mönch oder christliche, buddhistische, hinduistische oder taoistische Nonne werden oder du fühltest dich zu außerordentlichen Taten der Nächstenliebe berufen und hast dann sinistren Verführungen und sinntötender Zerstreuung nachgegeben oder wurdest einfach müde und matt, und dein Ideal sank dahin – ist es hier wie mit dem Lebensretter und dem Mörder bestellt, nur nicht post festum, sondern ante festum, und das Licht der Tat, das Schuld, Sünde, Müdigkeit oder Langeweile verdunkelten, wirft sich als Schatten auf die vertane Lebensfrist? Wäre dies die Providenz der Hölle, von der Augustinus gemutmaßt hat? –
Oder gibt es hienieden die Möglichkeit der Möglichkeit, die Möglichkeit der Umkehr, des Richtungswechsels, des Neubeginns? Gibt es hienieden die Möglichkeit in potentia, indes nur im Raum der Gnade? Und ist der Raum der Gnade kein abgezirkelter Bereich, sondern ein Licht, in dem du stehst oder nicht stehst?
Liebessilbenspiel
Abra und Kadabra sind sich herzlich
zugetan: Sind au weia! sie einmal mehr
als zwei Zeilen voneinder quer-
getrennt, kriegt Kadabra einen Stich –
hüstelt, schnieft, au weia! niest,
dass Gott erbarm, köpft seinen Kad
für das Allerwerteste – was du hier liest,
heißt liebeskrank – ist Abrakad.
Muss denn sein eigen Abra Kadabra sich
aus dem Kopfe schlagen – au weia, au weher!
Sieh, um den liebestollen Silbendreher
schmiegt sich da die schöne Abra buchstäblich.
Sie lieben sich, so du liest: Abrakadabra.
Irrlicht des Glücks
Als grüßte uns, entwirklicht aus Spiegeln
oder von edlen Steinen gebeugt,
das herbstliche Licht.
Dich erfreut,
gegen die Blässe der Hortensien
den Achat deiner Augen zu heben –
und unter dunklen Lidern
der Sehnsucht Geheimnis zu netzen.
Mich beglückt,
was von niedergebogenen Gräsern erzählt
und glühenden Blättern,
säuselnd gleich hingeküssten Reimen,
honigfarben.
Als entböte uns
vom Drängen der Süße gerundete Frucht,
ein Irrlicht des Glücks,
sich wiegend
über schwarzglänzendem Marmor des Teichs,
den herbstlichen Gruß.
Ist es Liebe, war es Traum …
Wenn ihre Augen, fliehend-suchende Planeten,
den Stern deiner Liebe umwandeln,
springen die Knospen auf an deinen Fingerspitzen –
du erwanderst hellfühlig
das von zarten Farnen umflüsterte,
von der Milch vertröpfelten Lichts gekühlte,
idyllische Tal ihrer Lenden.
Das stille Rauschen ihrer Wimpern hat dich
zu glücklich eratmendem Schweben
über dem flüssigen Onyx der Augen gelichtet –
und ihrer Blicke Verwunschensein,
das ein Seufzen blinder Lust nicht ermisst …
Die zweifelnde Hand,
aufgeflattert unter deinen rufenden Küssen,
erstirbt,
ein ermatteter Flügel,
auf dem fraglosen Wogen der Brust.
Du singst heiter abgelöste Gedanken
in den dämmernden Raum,
bis Schlaf,
ein rein gesprochener Schnee,
ihren dir entgegenschwebenden Leib
überschimmert.
Philosophieren XL
Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe von Zahlen und Funktionen denselben Wert anzeigt, und schließt daraus, dass die elektronische Mechanik des Rechners kaputt und unbrauchbar geworden sei. – Du bist als Tourist in der fremden Stadt unterwegs und fragst einen Einheimischen nach dem Weg zu der berühmten Kathedrale, er weist ihn dir mit der Hand, doch du gelangst bald in ein ödes Brachland.
Du bindest mit den Händen die Schlaufe am Schuh. Du rechnest die Multiplikation ohne Zuhilfenahme von Papier und Bleistift im Kopf aus. Warum ist es merkwürdig und befremdlich zu sagen: „Ich rechne die Rechenaufgabe nicht nur im Kopf, sondern mit dem Kopf aus“ oder „Ich rechne die Rechenaufgabe mit meinem Gehirn aus“? Was macht hier den Unterschied zwischen Hand und Gehirn?
Wenn deine Armbanduhr Bewusstsein hätte und du bemerkst mittels des Vergleichs mit der öffentlichen Uhr, dass sie falsch geht – könntest du ihr dann nicht die Absicht unterstellen, nicht die richtige Zeit anzeigen und dich hinters Licht führen zu wollen? Wenn du aber davon ausgehen könntest, dass deine Armbanduhr dir in Treue und unbedingt ergeben sei, wäre die Tatsache, dass sie die falsche Zeit anzeigt, nicht die Folge dessen, dass sie absichtsvoll einen Fehler begangen hätte, sondern wahrscheinlich die Folge der Tatsache, dass beispielsweise die Batterie ihren Geist aufgegeben und sie das Bewegen der Zeiger hätte aufgeben müssen.
Die Absicht hegen zu können, zu täuschen und sich zu verstellen, sowie die Disposition, Fehler zu begehen, gehörten demnach zu untrüglichen Zeichen dessen, was wir bewusstes und seiner selbst bewusstes Leben nennen, so wie wir es führen und sind.
Dein Nachbar kommt stets pünktlich zur selben Minute und Stunde dir entgegen – als wolle er dir mit diesem Verhalten sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“ – Warum kannst du nicht zu dir selbst des Morgens, wenn du wieder wie stets zur selben Zeit erwachst und gleichsam zu dir findest, sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“?
Dein Taschenrechner funktioniert nicht mehr, er spuckt bei jeder Eingabe denselben Wert aus. – Ist es dasselbe mit deinem Mund, wenn er plötzlich, gleichgültig was immer du eigentlich äußern möchtest und dir zu sagen vorgenommen hättest, denselben Satz oder dasselbe Wort artikulierte? – Ist es dasselbe mit deinem Kopf, wenn du mit einem Mal unter den Bann einer Zwangsidee gerietest und gezwungen wärst, denselben Gedanken immerfort zu wiederholen?
Der Einheimische hat dich düpierten Touristen in die falsche Richtung geschickt. Woher weißt du aber, dass er dich mit Absicht in die Irre geführt hat? Könnte er nicht der falschen Überzeugung sein, dass die Richtung, in die er dich wies, die richtige sei? Wie kannst du das herausfinden? Nun, wenn du beobachten könntest, dass derselbe Mann einen anderen Touristen, mit dem er sich augenscheinlich angefreundet hat, bei Nachfrage in dieselbe falsche Richtung weist.
Wir wissen nunmehr: Nur ein Lebewesen wie wir, dem wir unterstellen, wahre und falsche Überzeugungen zu haben sowie Absichten zu hegen, mittels der Äußerung von Sätzen und der Durchführung von Handlungen Ziele zu erlangen, gilt uns als seiner selbst bewusstes Lebewesen. Das Gehirn, mittels dessen wir wahre oder falsche Überzeugungen bilden, oder der Mund und die Sprechwerkzeuge, mittels derer wir Sätze artikulieren, und die Hand, mittels deren wir Handlungen ausführen, gelten uns für Teile oder Momente der Person oder personalen Ganzheit, die Überzeugungen hat, Sätze äußert und Handlungen vollführt, nicht aber für die Ganzheit selbst, so dass es falsch wäre zu sagen: „Dein Hirn glaubt, die Erde sei eine Scheibe“ und „Dein Mund hat mich nach der Uhrzeit gefragt“ oder „Deine Hand hat die Schlaufe zu fest gezurrt“.
Die Uhr zeigt den falschen Zeigerstand an. Es ist sinnlos zu fragen, ob sie nicht auch den richtigen Zeigerstand hätte anzeigen können. Wenn du dagegen dich bei der Multiplikation vertust und ein falsches Ergebnis an die Tafel schreibst oder in die Rechnung einträgst, kann ich dich getrost fragen, ob du nicht das richtige Ergebnis hättest errechnen und aufschreiben können. Denn wenn du in der Lage bist, Fehler zu begehen und dich zu verrechnen, kann ich dir auch die Fähigkeit unterstellen, keinen Fehler zu machen und auf das richtige Ergebnis zu kommen.
Wenn du die Rechnung ausführst und es unterläuft dir ein Fehler, passieren doch in deinem Hirn zigtausend Dinge – wir sehen es ja auf dem Bildern der bildgebenden Hirn-Scan-Verfahren, wo Hirnaktivität stattfindet und wo nicht, wir haben gute Annahmen über die neuronale Repräsentanz der mentalen Aktivitäten, die wir mehr oder weniger bewusst ausführen, und sprechen vom Input und Output und der Informationsverarbeitung durch die neuronalen Netze und Schaltkreise unseres Gehirns. Warum sollten wir denn nicht annehmen, dass in einem solch komplexen Netzwerk wie dem des Gehirns ein Fehler auftreten könne?
Du kannst mit Kaffee und Tee, von anderen Stimulantien zu schweigen, deine Hirnaktivität auf Trab bringen, schneller rechnen und deine Aufmerksamkeit so weit steigern, dass du Fehler vermeidest, die dir im ermüdeten Zustand unterlaufen wären. Aber die Fehler, die du vermeidest, und die Fehler, die du begehst, sowie die richtigen Rechenergebnisse, auf die du Schritt für Schritt kommst, entstehen nicht aufgrund von Pannen und Systemausfällen beziehungsweise dank reibungsloser Funktionsabläufe der großen Maschine namens Hirn, sondern aufgrund eines Versehens wie einer falschen Annahme und irrtümlichen Anwendung von Formeln und Kalkülen beziehungsweise der richtigen Annahme und korrekten Anwendung von Formeln und Kalkülen – im ersten Falle hast du zum Beispiel einfach addiert, wo du hättest subtrahieren sollen, oder du hast die binomische Formel falsch angewandt.
Wenn dein Rechenapparat unterhalb der Kalotte eine Panne hat, verrechnest du dich natürlich genauso wie im Falle des Fehlers, den du begangen hast. Doch über die Panne bist du verdutzt, erschrocken oder verzweifelt und weißt dir keinen Rat – zur Not musst du als Schlaganfallpatient schnellstmöglich in die Notaufnahme der nächsten Klinik. Über den Fehler, den du nicht das erste Mal bei der Rechnung hingelegt hast, ärgerst du dich – doch kannst du dir mit einiger Mühe klarmachen und erklären, wie er zustande kam. Alsdann gibst du dir einen Stoß und beginnst die Rechnung erneut, mit heikler Aufmerksamkeit an der Stelle, wo es wieder einreißen könnte.
Außerdem pflegen wir dir keinen Vorwurf daraus zu machen und dich deswegen zu tadeln, weil du die Rechnung fatalerweise aufgrund eines plötzlichen Hirnschlags hast nicht korrekt ausführen können, sondern fehlerhaft stehen lassen musstest. Im Gegenteil, wir werden, solltest du uns nahestehen, Anteil an deinem Schicksal nehmen und dich bemitleiden. Dagegen pflegen wir zumindest den Schüler, der sich nicht ausreichend auf den Hosenboden gesetzt und die Aufgaben wiederholt hat, zu tadeln, weil er uns wieder mit demselben Fehler kommt. Dieses Mal gedenken wir ihn dafür zu strafen und ihn mit einer zusätzlichen Übungsaufgabe vom Spiel im sonnigen Nachmittag fernzuhalten. Pannen und Störungen kausaler Natur werden nicht zugerechnet, bedürfen keiner Rechtfertigung oder erklärenden Begründung. Fehler werden zugerechnet und können getadelt, ihr Vermeiden kann belobigt werden.
Wir sagen, der Schüler könne die Rechenaufgabe durchaus lösen, er sei zwar dazu in der Lage, aber nicht willens, es zu tun, es fehlten ihm der gute Wille und Antrieb. Auch dieses Verhalten pflegen wir zu tadeln, doch handelt es sich dabei nicht um einen zurechenbaren Fehler aufgrund mangelnder Übung oder mangelnden Fleißes, sondern um ein moralisches Versagen aufgrund einer Charakterschwäche, die ungenügende oder verfehlte Erziehung auf dem Gewissen haben mag.
Mentale Pannen haben Ursachen organisch-neurologischer Natur, die wir uns nicht recht erklären können und für die wir uns nicht zu verantworten oder zu rechtfertigen haben. Fehler gehen auf unser Konto, wir können ihre Entstehung meist gut nachvollziehen und rekonstruieren, vor allem aber müssen wir für sie geradestehen – seien es Rechenfehler oder moralische Vergehen. Unseren Fehlern sei Dank – sie zeigen uns: Wir sind nicht die Sklaven unserer Hirnaktivitäten, sondern unter den gemischten Bedingungen dieses sublunaren Daseins bewusste und unserer selbst bewusste Lebewesen, die Wahres von Falschem, Richtiges von Unrichtigem und Sinnvolles von Unsinnigem unterscheiden und mit Absicht tun oder lassen können, was immer wir tun oder lassen wollen.
Philosophieren XXXIX
Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in deinem Knie einen Bänderriss. – Der Demente erkannte sich im Spiegel nicht wieder.
Deine Freundin küsst wohl deine Hand, aber sie schaut nicht deine Hand dankbar an, sondern dir zärtlich in die Augen. – Das Kind handelt so, als sei der Stuhl ein lebendiges Wesen, dem man Absichten und gerade auch böse Absichten zu unterstellen pflegt – es handelt im Prinzip richtig, nur en detail falsch. – Wir zögern beim pietätvollen Umgang mit den Toten, an welcher Stelle wir sie gleichsam im Persönlichen festhalten oder ins Unpersönliche abgleiten lassen wollen. – Der Arzt weist uns auf das Verständnis unseres verkörperten Seins hin, indem er nicht sagt: „Ihr Knie ist krank“, sondern etwa: „Sie sind am Knie erkrankt“ oder schlicht „Sie leiden an einem Bänderriss am Knie.“ Der Arzt sagt nicht: „Ich werde ihren Magen operieren“, sondern „Ich werde Sie am Magen operieren.“ – Der Demente erkennt seinen Körper im Spiegel nicht mehr als seinen Körper, weil er seinen Körper nicht mehr als den seinen wahrnimmt.
Dein Bekannter hält dich am Ärmel fest, zeigt mit der Hand auf die andere Straßenseite und sagt: „Schau mal, ist dies nicht Frau P.?“ Zeigt er dabei auf die Stelle, die mit der Verwendung des Demonstrativums „dies“ bedeutet und gemeint ist? Welche Stelle könnte das sein? Ist es die Raumstelle, die von dem Körper der Frau P. vollständig ausgefüllt wird? Aber dann könnte man die Ausdrücke „dies“ und „dieser Körper“ schlicht gegeneinander austauschen und dein Bekannter könnte genauso gut sagen: „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“
Warum klingt diese Frage so merkwürdig, bizarr und ungelenk in unseren Ohren? Warum finden wir auf Anhieb keine rechte Normalverwendung für einen solchen Satz? Oder würden wir etwa mit dem Wissen, da drüben wandle Frau P. am hellichten Tage wieder einmal im Schlaf, etwa sagen „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“ Nicht einmal in einem solchen Ausnahmefall würden wir dies wohl über die Lippen bringen.
Warum lassen sich die Personalpronomina ich und du und er und sie nicht einfach ersetzen durch die Ausdrücke „mein Körper“, „dein Körper“, „sein Körper“ oder „ihr Körper“? Etwa weil das mit den Personalpronomina Gemeinte, also die jeweilige Identität der angesprochenen Personen, ein unkörperliches Etwas, ein im Körper verborgenes rätselhaftes Wesen genannt Seele oder Geist wäre, das sich von außen und von den anderen nicht erfassen lässt, sondern auf intime und unmittelbare Weise nur dem „Inhaber“ zugänglich und verständlich wäre?
Wir fragen uns weiter in die Irre: Ist dieses ominöse Etwas nicht das, was in uns denkt – sind doch auch die Gedanken körperlos, ortlos, zeitlos? Wie ist dieses Ego Cogito bloß mit dem singulären Körper verbunden, wenn es unräumlich ist, also eigentlich keinen Raum einnehmen und keinem Körper einwohnen kann? Steht es dennoch einem bestimmten Organ besonders nahe, etwa der Milz, der Leber, dem Herzen oder dem Gehirn?
Oder sollen wir, abgestoßen von all dem metaphysischen Gespensterdasein und verführt durch die knallharten Fakten der Neurowissenschaften, in die entgegengesetzte Irre gehen und den vom Ego Cogito heimgesuchten Körper zum alten Eisen werfen und die Identität der Frau P. zum Produkt der neuronalen Leistungen ihres Gehirns erklären? Würde dein Bekannter denn nunmehr auf die andere Seite der Straße zeigen und ausrufen: „Schau mal, ist dies nicht das Gehirn der Frau P., das mit ihrem Körper spazieren geht?“
Worauf dein Bekannter zeigt, wenn er mit dem Finger auf Frau P. weist, ist weder ein Körper, dem wir eine zentral steuernde, denkende Instanz namens Seele oder Geist andichten und verpassen müssten, noch ein von der steuernden Instanz des Gehirns die Straße entlang geführter Körper (Woher wüssten wir denn in diesem Falle, dass es eben der Körper der Frau P. ist?), sondern die Person Frau P., die als vollständig verkörpertes Lebewesen von ihrem lebendigen, empfindenden, fühlenden, denkenden Organismus unabtrennbar ist – und diese Weise, vom Körper nicht abtrennbar zu sein, hat nicht den Rang einer Tatsache, sondern stellt eine begriffliche Grenze dar. Wir sagen etwas unbeholfen: Der Begriff der Person kann nicht ohne den Körper gedacht werden, den wir mit dieser Person allenthalben verbinden. Verkörpert zu sein ist so etwas wie die notwendige Eigenschaft von Personen.
Und wenn du gar nichts mehr fühlst und denkst, ohne tot zu sein, sondern dich im Tiefschlaf befindest oder ohnmächtig bist, bist du dann nicht bloß ein Körper und nichts ist auffindbar, was du da wohl verkörperst? Ich würde immer noch sagen: „Mein Freund ist in Tiefschlaf versunken“ oder „Mein Freund ist ohnmächtig geworden“ und nicht „Der Körper meines Freundes schläft oder ist ohnmächtig“. Denn die Möglichkeit, dass du aus dem Tiefschlaf oder der Ohnmacht erwachst, gehört zu dem Repertoire an Möglichkeiten, die dein selbstbewusstes Leben als Person ausmachen, auch wenn du in solchen virtuellen Schrumpfstufen des Daseins deiner selbst gerade nicht bewusst bist. Dies gilt auch für die Fälle psychiatrisch klassifizierbarer Abweichungen vom normalen Verhalten und Bewusstsein. Der Faden kann gleichsam abbrechen und seine Enden eine Weile in der Luft baumeln – solange die Möglichkeit besteht, dass eine gute Fee oder eher wohl die Verabreichung antipsychotischer Medikamente die losen Enden wieder verbindet, geben wir die Zuschreibung des Personseins an den Betroffenen nicht auf.
Das bewusste Leben der Person ist ein Kontinuum mehr oder weniger intensiver oder schwacher Empfindungen, mehr oder weniger deutlicher oder verschwommener Gefühle und mehr oder weniger präziser oder diffuser Gedanken, das sich von der Geburt bis in den Sterbeprozess hinzieht. Ich spreche dir nicht bloß in den Fällen ein leib-beseeltes Dasein zu, in denen es mir leichtfällt, deine Empfindungen, Gefühle und Einstellungen aus deinem Benehmen und Gebaren zu ersehen, wie dass du glücklich bist aus deiner entspannten Haltung und deinem sanften Lächeln oder dass du unglücklich bist aus deiner verkrampften Haltung und deinem stieren Blicken. Auch wenn du in eine katatonische Starre fielest und ich nicht einmal zu ahnen vermöchte, was in dir vorgeht, bleibst du die Person von vorhin, wie sich nach Beendigung des Anfalles herausstellen wird.
Dein Bekannter hat dich auf Frau P. hingewiesen, und da ihr euch kennt, gehst du gerne auf sie zu und befragst sie nach ihrem Befinden und momentanen Vorhaben. Sie wird vielleicht antworten, sie müsse eine Besorgung machen, zum Beispiel sich in der Apotheke durch Vorlage eines Rezepts ein ihr verordnetes Medikament besorgen. Frau P. hat dir damit ihre Absicht mitgeteilt, die dir zur Erklärung ihres Verhaltens, nämlich über die Straße gegangen zu sein, vollkommen hinreicht. Natürlich wirst du Frau P. für die richtige und erfolgreiche Ausführung ihrer Absicht mittels des beobachteten Verhaltens die wahre Überzeugung unterstellen dürfen, dass es notwendig sei, mit dem Rezept bewaffnet die Wohnung zu verlassen und da sie keine Flügel hat sich ihrer Beine zu bedienen und sich auf der Straße in Richtung Apotheke zu begeben. Die Wahrheit dieser Überzeugungen ist wiederum verknüpft mit der Wahrheit der Überzeugungen, dass Frau P. die Öffnungszeiten der Apotheke zu beachten hat, dass sie das Rezept vor Ort aus der Tasche ziehen und dem Apotheker überreichen muss. Und die Wahrheit all dieser Überzeugungen ist gleichsam unterirdisch oder auf der Rückseite des Teppichs mit basalen Wahrheiten der Art verknüpft, dass Frau P. getrost den Fuß auf den Bordstein setzen kann ohne dank des Wirkens der Gravitationskraft Gefahr zu laufen, in die Lüfte zu entschweben.
Der semantisch geknüpfte Teppich aus Überzeugungen und Absichten ist das, was Lebewesen als Personen beseelt. Das fortgesetzte Knüpfen, aber auch das stellenweise Wiederauflösen und Neuknüpfen des semantischen Teppichs geschieht ein Leben lang und umfasst das, was wir das intentional-bewusste Leben der Person nennen. Die Ausführung deiner Absicht kann scheitern, vielleicht aus dem einfachen Grund, weil dich eine falsche Überzeugung in die Irre geführt hat, und du wähntest, das Medikament in der Apotheke ohne Rezept erhalten zu können.
Und wenn du nicht nur mit einer Überzeugung falsch lägest, sondern mit vielen oder gar mit allen? Und wenn du, wieso dann nicht auch ich, und wenn du und ich, wieso dann nicht alle? Lebten wir dann nicht in einer Scheinwelt oder Traumwelt, in der alles wie in einem Film sich abspielte, für den es kein Skript und keinen Plot gäbe, den nicht einmal ein verantwortlicher Regisseur gedreht hätte? Wäre dies aber so, und alle deine Überzeugungen wären falsch, wähntest du beispielweise, über die Brüstung des Balkons deiner Wohnung im 5. Stock gelehnt, du könntest fliegen – und lebtest also nicht mehr.
Alpha und Omega, gekreuzt
Südfriedhof, Frankfurt am Main
Dort sitzt du wieder auf der stillen Bank.
Vor dir im Grün hüpfen neckend Sonnenflecken.
Kein Lüftchen. Fern nur das Schlurfen müder Füße.
Leise atmen die Gräber.
Klamm ist und schwer dein Herz,
als wärest du nicht recht angelangt,
als hättest du trotz der Jugendqualen
all des Suchens und Fragens
die Schwelle nicht wiedergefunden –
als wäre der schon vergilbte Zettel
mit den zittrig geschriebenen Zeilen,
von wem, du erinnerst dich nicht,
die von deiner Herkunft sagten
und deiner Ankunft liebe Anvertraute nannten –
als wäre deines Lebens Inschrift
auf überwachsenen Wegen,
in verrufenen Hinterhöfen,
bei verzechten Umhalsungen
verfleckt und verschmiert –
für keinen der Hiesigen lesbar,
am wenigsten endlich für dich.
So sitzt du wieder auf der stillen Bank.
Aus dem Blätterdach der Pappel trudelt
liebestoll kreisend ein Samensegel
auf ein frisch ausgehobenes Grab.
Philosophieren XXXVIII
Wenn wir uns der Gepflogenheit eines mehr oder weniger anspruchsvollen Gespräches anbequemen, suchen wir uns frei, nach Laune oder Gusto den Gegenstand aus, der uns zum gefälligen Thema dienen soll – für eine mehr oder weniger kurze oder lange Weile. Du kannst auch sagen, der Gegenstand begegne uns unterwegs, auf unserem Spaziergang, bei unserem Einkaufsbummel: Er fällt uns auf, gerät in unseren Blickwinkel, drängt sich uns auf.
Die Institution oder die Konvention oder die Gewohnheit des Dialogs gibt uns die Spielregeln vor: Eine wichtige Regel schreibt dir vor, das mitzuteilen, was du selbst für wahr hältst, von dessen Existenz und der Existenz seiner von dir ihm zugesprochenen Eigenschaften du überzeugt bist. Die höhere Regel könnte vielleicht lauten: Führe deinen Partner nicht in die Irre, an der Nase herum, täusche ihn nicht – vorsätzlich nicht die Wahrheit zu sagen, also zu lügen, wäre ein Fall der Täuschung und Irreführung.
Du zeigst deiner Freundin das Haus, in dem du geboren wurdest und deine Kindheit und Jugend verbracht hast. An diesem Haus habt ihr einstweilen einen bedeutenden Gegenstand, der sich als ergiebiges Thema eures Gesprächs erweisen könnte. Du wirst bei den zu erwartenden Fragen und Nachfragen deiner Freundin den Teufel tun und dich vor ihr mit phantastischen Hochstapeleien über den angeblichen Reichtum oder die hohe soziale Stellung deines Vaters oder die mit Orden ausgezeichneten Ruhmestaten deines Großvaters spreizen. Sondern du bleibst hübsch bei der Wahrheit, denn die ruhmredigen oder geckenhaften Lügen würden dich deiner Freundin auf lange Sicht wie in einem Zerrspiegel präsentieren – du aber willst mit ihr nicht als karikaturhafte Scheinexistenz, sondern als waschechter Kerl zusammensein.
Das Haus deiner Eltern und Großeltern birgt der Geschichten und interessanten Tatsachen viele – doch wirst du deine Freundin nicht mit der Angabe der Anzahl der Fliesen im Hausflur überraschen noch sie mit der Tatsache traktieren wollen, dass die Simse der Fenster aus dem hierzulande stark abgebauten Basalt bestünden. Du sichtest und sondierst die Informationen nach dem Grad ihrer Wichtigkeit und Relevanz, den sie zur Befriedigung des Informationsbedürfnisses deines Gesprächsteilnehmers und zur angemessenen Fülle und Breite bei der Darlegung deines biographischen Hintergrundes mitbringen.
Du unterhältst dich also mit deiner Freundin über dein Elternhaus, indem du denkwürdige Geschichten, Anekdoten und Schnurren zum besten gibst, die mit diesem Gegenstand eures Gesprächs verbunden und verwoben sind. Ist es immer so, dass wir gesprächsweise uns über etwas unterreden? Einem etwas diese und jene Eigenschaft zusprechen? Und dass wir rechtens einem Gegenstand diese, aber nicht jene Eigenschaft zusprechen, wenn er in der Tat diese, aber nicht jene Eigenschaft hat? Und dass wir nicht das Wahre, sondern das Falsche sagen, wenn wir vorsätzlich oder irrtümlich dem Gegenstand jene, aber nicht diese Eigenschaft zusprechen, wo er doch in Wahrheit diese, aber nicht jene Eigenschaft hat?
Aber du kannst auch noch anders in die Irre gehen. Du kehrst mit deiner Freundin in deine Vaterstadt zurück, in der du so viele Jahre nicht gewesen bist. Ihr geht durch die Straße, an der dein Geburtshaus steht und die dir von Kindesbeinen an so vertraut ist, weil du auf ihr unzählige Male zur Schule oder in die Kirche gegangen bist. Du siehst die vertraute Straßenlaterne, die immer noch am rechten Platz steht, und weist auf das Haus neben ihr als auf dein Geburtshaus. Doch in Wahrheit ist dies nicht dein Geburtshaus, sondern das etwas unscheinbare Haus gleich daneben. In diesem Falle hast du nicht dem richtigen Gegenstand fälschlicherweise eine ihm nicht zustehende Eigenschaft zugesprochen, sondern den falschen Gegenstand erwischt – kurz, dich in der Identifizierung des Gegenstandes geirrt.
Was ist nun der Gegenstand, dessen wir bedürfen, um unser Gespräch ins Laufen zu bringen? Ist es das Haus oder ein Haus? Nein, es ist genau dieses und nur dieses eine Haus, auf das du deine Freundin mit der demonstrativen Geste des ausgestreckten Zeigefingers hinweist.
Was besagt aber der sprachliche Ausdruck „dieses Haus“? Er ist die abgekürzte Form des vollständigen Satzes „Dies ist ein Haus“, bei dem sich das Demonstrativpronomen „dies“ auf den eigentlich gemeinten Gegenstand bezieht, dem mit dem generellen Terminus „Haus“ die Eigenschaft zugesprochen wird, ein Haus zu sein. Wie sollte man aber mit einer bloßen Zeigegeste einen wohlbestimmten Gegenstand aus dem Wahrnehmungsfeld der Gegenstände herausgreifen können, ohne zu wissen, um welche Art von Gegenstand es sich dabei handelt? In der Tat, dies ist unmöglich, und deshalb können wir die Eigenschaft, ein Haus zu sein, so etwas wie eine notwendige Eigenschaft nennen, die der Gegenstand „Haus“ hat und ohne die er gleichsam seine Identität verlöre.
Hier werden uns die Form und die Struktur unserer Erfahrung deutlich, wie sie sich in der Dichotomie von Gegenstand und (Menge der) Eigenschaften oder der Einteilung von individuellem Terminus und generellem Terminus erschließen. Wäre dein Geburtshaus die bekannte Mühle am Waldrand und trüge den Namen „Die Mühle zur schönen Müllerin“, erfassten wir die allgemeine Form der Verknüpfung von individuellem und generellem Terminus in dem Satz, der einen Eigenname mit einer allgemeinen Eigenschaft verbindet: „Die Mühle zur schönen Müllerin ist ein Haus.“
Wir begegnen nun einmal auf Schritt und Tritt Gegenständen, die wir Körper nennen und mit unserer hauseigenen Sensorik oder technologisch fortgeschritteneren Instrumenten mit Raum-Zeit-Koordinaten versehen. Ja, wir selbst sind Körper dieser Art, wenn auch mit der merkwürdigen Eigenschaft des Bewusstseins und Selberwissens. Körper wiederum sind raumzeitliche Materialisierungen der Eigenschaften, die sie besitzen: Die genannte Mühle ist ein Haus bestimmter Größe mit Wänden, Böden, Decken, einem Keller, einem Dach, mit Türen, Fenstern, Zimmern, aus bestimmten Bausteinen und Baustoffen, mit einer mehr oder weniger ausgewogenen Statik. Die Eigenschaft, ein Haus zu sein, zerfällt demgemäß in wiederum nicht absehbare viele Eigenschaften, die wiederum wie die Eigenschaft „aus Holz“ oder „hölzern“, wenn es um die alten Decken des Hauses geht, in andere Eigenschaften wie „hart“, „organischen Ursprungs“ oder „brennbar“ zerfallen und so weiter ad infinitum.
Wir können uns natürlich den ganzen Wust und Ballast tausendfacher Eigenschaften und ihrer nicht zählbaren Verwirklichungen hienieden vom Halse schaffen, indem wir sagen: „Aller Erfahrung liegen die physikalische Struktur letzter Elemente genannt Quarks und ihre Zustandsänderungen gemäß den vier fundamentalen physikalischen Kräften zugrunde.“ Nur: Wir nehmen keine Quarks wahr, und von den Kräften indirekt etwa die Gravitation im Falle herunterfallender Tassen. Unsere Erfahrung stößt immer nur auf Gegenstände wie Häuser, Bäume, Hunde oder Menschen. Und unser Sinnen und Trachten, unser Reden und Tun dreht sich um nichts anderes als die Eigenschaften, die diese Gegenstände aufweisen.
Sollen wir nun sagen: Weil wir so geartet und gebaut sind, weil wir mit eben dieser Sensorik auf die Welt kommen, nehmen wir die Welt so wahr, wie wir es tun, wenn wir sie einer fundamentalen Dichotomie von Gegenständen und ihren Eigenschaften unterziehen? Oder sollen wir sagen: Weil wir mit dieser grammatischen Struktur unserer Sprache ausgestattet sind, ob wir sie nun ausgehend von ererbten Dispositionen erlernen oder ob sie uns per DNA gleichsam eingeschrieben ist, teilen wir die Welt mittels der Dichotomie von individuellen Termini und generellen Termini in Gegenstände und ihre Eigenschaften ein? Oder gehören Fragen dieser Art zu den Fragen, die man nicht stellen sollte, weil sie nicht zu beantworten sind? Aber wie könnte es denn Fragen geben, auf die es keine Antwort gäbe?
Oder gehe das Ding so an – sage dir: Der Handschuh liegt dicht um meine Hand an, weil meine Hand genau hineinpasst. Oder mach es umgekehrt und sage: Meine Hand passt genau in den Handschuh, weil der Handschuh dicht um meine Hand anliegt.
„Es regnet.“ Was ist jetzt wohl der Gegenstand und welche seiner Eigenschaften springt dir ins Auge?
Philosophieren XXXVII
Als käme am Ende alles zutage. Als würde sich der Horizont zuletzt noch lichten. Als lebten wir hier wie unter Schatten, aber am Ende zeigte sich uns das wahre Gesicht der Dinge. Als könnten wie jetzt bloß die Oberfläche der Dinge ertasten, dann aber streiften sie die verhüllende Haut ab und zeigten ihr echtes, unverfälschtes Wesen. Als wäre dies Leben ein Traum, das wahre Leben aber läge jenseits der Schwelle des endlichen Erwachens.
Nun kennen wir uns schon eine Weile. Und noch eine gute Weile braucht es, damit wir uns noch besser kennenlernen. Ist dies nicht der gewöhnliche Lauf der Dinge, dass wir mit der Zeit, in Windungen und Wendungen, mal ungehindert, mal über Stock und Stein, unser Wissen ansammeln, unsere Erfahrungen machen? Gewiss gehört dazu, eine scheinbare Erkenntnis, wie dass du aus Norddeutschland stammtest, wie ich deiner akzentfreien Aussprache wegen annahm, zu revidieren, nachdem wir zufällig im Gespräch auf Orte deiner wahren Herkunft aus dem Rheinland gekommen sind.
Freilich, jedes Ding hat zwei Seiten, oder vielmehr viele. Und gewiss, Fassaden können täuschen und blenden, doch wir lassen uns keinen Bären mehr aufbinden und schauen nicht nur auf die aufgehübschte Vorderseite, sondern inspizieren auch den verdreckten Hinterhof.
Wir müssen Zeit aufwenden und Geduld, um allmählich hinter die Dinge zu kommen. Es ist nicht damit getan, in einem Husch und Nu auf ein auffälliges Gesicht zu glotzen und wie die Kinder auszurufen: „Schau mal, ein Chinese!“
Wir treffen uns jetzt schon geraume Zeit und haben bereits etliche Einzelzüge unserer Art, zu reden und zu handeln, Einzelzüge unserer Art, auf Äußerungen und Situationen zu reagieren, also das, was man Charakterzüge nennt, kennengelernt. Du bist geduldig, wenn es darum geht, meinen langatmig dozierenden Ausführungen über Gott und die Welt anzuhören. Du bist von sanfter, nachgiebiger, aber dafür auch sehr empfindlicher Natur und reagierst leicht pikiert, wenn du den Eindruck hast, die dir gebührende Aufmerksamkeit würde dir auf ungeziemende Weise entzogen. Sicher muss ich darauf gefasst sein, in Situationen erhöhter Spannung oder Gefahr auf Züge deines Charakters und auf Verhaltensweisen zu stoßen, die bisher unter der Decke deines gewöhnlichen Benehmens verhüllt waren.
Aber sollte ich annehmen, dass du am Ende der Tage dir die Maske vom Gesicht reißen und dein wahres Gesicht zeigen wirst? Und wie sollte dies aussehen? Könnte es denn völlig verschieden sein von den mir bisher bekannten Zügen und Mienen der Aufmerksamkeit, der besorgten Teilnahme, des träumerischen Nachsinnens, der freundlicher Zuneigung und der lächelnder Beglückung?
Wir erwachen, schütteln den Schlaf von uns ab und knüpfen mehr oder weniger eben und gelenkig unseren alltäglichen Lebensfaden an der Stelle an, an der wir ihn gestern lose in den Schlaf haben gleiten lassen. Wir stillen unsere Bedürfnisse nach Reinlichkeit, Wärme, Nahrung. Die Tasse, die wir dummerweise haben fallen lassen, schwebt nicht an die Decke, sondern geht am Boden zu Bruch. Die Wolken ziehen hoch oben, das Gebirge blaut in der Ferne. Wir weichen dem Fahrradfahrer aus, denn wir vermeiden den Aufprall schwerer Gegenstände auf unser fragiles Leben. Einige Kollegen sind schon an ihren Arbeitsplätzen im Büro, du begrüßt den einen oder die andere und wünschst einen schönen Tag, und auch du fährst jetzt den PC hoch und checkst deine E-Mails.
Dass wir bedürftige Lebewesen sind, die ihr Leben auf den sozialen Zusammenhalt stützen, dass natürliche Gesetze unser Dasein determinieren und daher schwere Dinge zu Boden fallen oder uns bei einem Unfall gefährden, dass wir eine zeitlang hienieden weilen, dann aber nicht mehr – all das und noch viel mehr wissen wir, haben wir erfahren, haben wir uns gemerkt. Es ist ein metaphysischer Unsinn zu wähnen, dass all unsere Erfahrungen auf einer systematischen Täuschung und einem diabolischen Schwindel beruhten, der am Ende der Tage von einem apokalyptischen Ereignis beiseitegefegt werden würde.
Dies gilt auch im Kleinen: Die Sachen und Menschen und Ereignisse tragen keine Masken, die ihr Dasein zu dem von bloßen Phänomenen herabstufen würden, hinter denen sich ihr eigentliches Wesen verbürgte. Alles in allem genommen, nehmen wir die Dinge so wahr, wie sie sind. Und in allem ist die Zeit die große Lehrmeisterin. Denn Wahrnehmen, Lernen, Einsehen sind Prozesse, die von vielen Einzelzügen des Aufmerkens und Erinnerns, des erneuten Beobachtens und Revidierens begleitet werden.
Wie, das verborgene Wesen der Dinge besteht aus chemischen Elementen, aus Molekülen oder Quarks? Wie, das wahre Wesen von Wasser besteht nicht aus diesem trinkbaren Nass, sondern aus der Synthese der chemischen Elemente Wasserstoff und Sauerstoff? Wie, das wahre Wesen des Menschen besteht aus einem ungeheuer langen helixförmig verdrehten Doppelstrang, auf dem in systematischer Reihenfolge die Basen Adenin und Thymin oder Guanin und Cytosin angeordnet sind, mit denen das Programm des Aufbaus des menschlichen Organismus gesteuert wird? Wie, wenn wir mit unserer bescheidenen natürlichen Sensorik nicht in der Lage sind, ohne Hilfsmittel oder theoretische Annahmen chemische Elemente oder Moleküle oder Quarks oder Stücke der DNA zu identifizieren und aufzudecken, können wir das Wesen der Dinge nicht wahrnehmen, nehmen sie also nur als Oberflächenphänomene wahr?
Wie, wir kleinen Alltagsmenschen müssen uns mit den Phänomenen abspeisen lassen, während die Gelehrten, die Experten, die Wissenschaftler am Ding an sich werkeln, experimentieren und orakeln? Ist dieser Rüffel wider den Common Sense und die schlichte Wahrheit unseres Erlebens nicht vergleichbar der Pseudo-Folgerung, die manche aus der Tatsache des berechneten Termins des Untergangs der Erde und dieses Sonnensystems auf die Nichtigkeit und Eitelkeit all unseres Trachtens und Sinnens hienieden zu ziehen verleitet werden?
Wenn der Mond aus Käse wäre und das Innere der Dinge aus Rosinen oder Murmelsteinchen bestünde oder die Dinge bloße Windbeutel wären, geschnürt um ein Quentchen Vakuum – was machte dies für einen Unterschied? Gesetzt den Fall, die europäischen Lande wären seit der Renaissance nicht vom Glück gesegnet gewesen, die Blüte und die ungeheuren Erfolge der Naturwissenschaften zu erleben, wären wir dann darum zu bedauern, dass uns der Einblick in das Wesen der Dinge versagt geblieben wäre?
Müssen wir zu guter Letzt verstummen oder eine neue Lingua Scientiae erlernen, in der wir endlich die Dinge bei ihrem wissenschaftlich erklärten und abgeleiteten, also richtigen Namen nennen dürfen? Und müssen wir uns, weil die Wissenschaftlicher im naturalen Background unserer Absichten und Überzeugungen nicht fündig werden, einander mit Schweigen abspeisen? Muss ich deine Handbewegung, mit der du mir das geliehene Geld überreichst, als neuromechanisch generierten Akt hinnehmen, als einen Akt, der rein gar nichts bedeutet, weder das Einlösen deines Versprechens, mir das Geld heute zurückzugeben, noch als absichtsvolle Handlung, von der du voraussetzen kannst, dass ich das mit ihr Gemeinte verstehe?
Um zu verstehen, was du mit deiner Geste sagen willst, muss ich dir die Absicht unterstellen, dein Versprechen einzulösen und mir das geliehene Geld zurückzugeben. Du bist der Überzeugung, dass du dein Versprechen einlöst, wenn du mir das Geld zurückgibst. Um dich und deine Handlungsweise zu verstehen, muss ich dir beides, deine korrekte Absicht und deine wahre Überzeugung, unterstellen. Denn deine Überzeugung, dass du mit dieser Handlung jene Absicht verwirklichst, ist wahr.
Die Möglichkeit der Wahrheit oder Falschheit unserer Meinungen und Überzeugungen sowie die Möglichkeit von Erfolg oder Misserfolg bei der Verwirklichung unserer Absichten bilden das Rahmenwerk unserer alltäglichen Situationen gemeinsamen Redens und Handelns. Dieses Rahmenwerk besteht unabhängig davon, ob der Mond aus Käse oder unsere DNA aus Basen besteht. Innerhalb dieses Rahmens oder im Rahmen unseres alltäglichen Lebens erkennst du in hinreichenden Ausmaß meine Absichten, zu reden und zu handeln, unterstellst du mir rechtens die Wahrheit meiner alltäglich-trivialen Überzeugungen und nimmst du alles in allem die Dinge so wahr, wie sie sind.
Philosophieren XXXVI
Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt die Regel: Das Gegenteil ist genauso gut möglich. Und es ist ein Kinderspiel, sich den gegenteiligen Fall vorzustellen oder auszumalen.
Behielte indes das Possessivpronomen seine Bedeutung und wäre die genannte Regel auch in einer Äußerung gültig wie: „Bitte gib mir die Hände zurück, sie gehören mir – es sind meine Hände!“?
Wir wissen keine alltägliche Anwendung für den Satz und kennen Sätze so bizarrer Art ausschließlich aus dem psychiatrischen Umfeld, wo wir in der Tat Patienten mit extrem gestörter Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers begegnen können.
Handschuhe gibt es eine Menge, es sind Gebrauchsgüter, die nach einem Fertigungsschema en masse hergestellt werden. An einem kalten Wintertag, an dem wir uns im Café getroffen haben, könntest du deine Handschuhe mit den meinen – wir tragen ja dieselbe Sorte mit derselben Farbe und Größe – vertauschen, und am Ende merktest du es nicht einmal. Warum klingt es so bizarr und scheint reiner Unsinn, anzunehmen, wir könnten Teile unserer Körper oder unsere Körper mit Stumpf und Stiel vertauschen?
Ich wäre verrückt, sagen zu wollen: „Ich treffe deinen Körper am gewohnten Ort zur gewohnten Zeit“, auch wenn es sinnvoll und gar nicht dumm wäre, wenn der Kommissar sagte: „Der schwere Körper des Opfers hätte niemals in den Kofferraum des Kleinwagens gepasst.“ Gewiss werde ich dich treffen, und da du eine ganz und gar verkörperte Person bist, werde ich dir in die Augen schauen, deine Hand drücken und mich wundern, welchen flotten Gang du draufhast. Im Gegensatz zur Massenware Handschuh, bei dem ein Muster oder Schema beliebig oft und in vielfältigen Variationen verkörpert wird, ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper singulär – soweit es dich betrifft, hat dein Körper weder Muster noch Schema, was immer Evolutionsbiologen und Mediziner sagen mögen.
Jene Handschuhe könnten auch meine Handschuhe sein, wenn sie nicht die deinen wären. Aber deine Hände? – Deine Handschuhe gehören nicht so unabtrennbar zu deiner Existenz wie deine Hände, auch wenn sie dir noch so fest angewachsen wären.
Wenn wir aber in der Lage sein werden, deinen Körper Maß für Maß bis ins biochemische, zelluläre und neuronale Detail künstlich zu erschaffen und diesem Homo novus Leben einzuhauchen – würdest du dir dann in die eigenen Augen schauen, wenn du in seine Augen schautest? – Nichts unterschiede diesen Fall von dem eineiiger Zwillinge, die sich jeder für sich des eigenen Seins und Körpers, nicht aber des Seins und Körpers ihres Zwillings bewusst sind.
Der Mechaniker hat bei einem schweren Unfall eine Hand verloren. Er trägt nun zwar eine Prothese, mit der er zur Not eine Türe oder Schublade öffnen oder sich an einem Griff festhalten kann. Er kann aber keine verwickelte Schlaufe am Schuh binden, den Druck deiner Hand kann er nicht als Liebkosung, neckisches Zwicken oder freches Zwacken deuten. Wir sagen korrekt: „Du fühltest die kühle Seide mit der Hand, mit deiner Hand vermochtest du blind die Kontur ihres Gesichts zu ertasten“ und nicht unkorrekt: „Deine Hand fühlte, deine Hand ertastete …“ – Ist die Hand etwa eine Art Werkzeug oder Instrument, mit dem du etwas fühlst oder ertastest? Der Arzt setzt ja zuweilen seine Hände in der Weise ein, dass er Organe des Patienten abtastet. Große Gelehrsamkeit hat das menschliche Handeln vom Werkzeugcharakter und der Organologie der Hand ableiten wollen.
Du siehst ja auch mit den Augen und mehr noch bist du, wie du siehst und dreinschaust, und du siehst und schaust drein, wie du bist und dich befindest. Wenn du starrst, bist du dumpf und starr, packt dich Neu- und Wissbegierde, schärfst du den Blick, überkommt dich das wohlige Gefühl universaler Wurstigkeit, lässt du die Augen schweifen und es gehen, wie es will. – Du kannst die Augen und die Hände wie Werkzeuge brauchen, und der Artist und der Schlangenmensch machen von ihrem ganzen Körper einen Werkzeuggebrauch. Aber abgeschminkt und ohne Schlangenhaut schlagen sie sich wie du und ich mit der flachen Hand vor die Stirn, wenn sie Mist gebaut haben.
Wie steht es aber um deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen? Könnten sie auch meine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen sein und dies in demselben Sinn und demselben Maß an Erlebnisdichte und -intensität, wie sie die deinen sind?
Du hast deine Handschuhe bei mir liegen lassen, du hast sogar vergessen, dass du sie bei mir hast liegen lassen. Aber deine Hände – hätte es in irgendeinem Zusammenhang Sinn, etwa zu sagen, du hättest sie vergessen? – Freilich denken wir nicht an die Bewegungen unserer Beine, wenn wir eine gute Strecke gewandert oder mit dem Rad gefahren sind – anders, wenn wir stolpern oder uns eine Wespe sticht. Indes können die Bewegungen unserer Beine noch so sehr aus dem Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten sein, es käme uns merkwürdig vor oder jedenfalls ungern und ungerade über die Lippen, wenn wir sagten, wir hätten unsere Beine vergessen oder wir erinnerten uns nicht an unsere Beine. Wann sagst du denn, du habest kein Gefühl mehr für deine Beine? Wenn sie vor Blutleere wie abgestorben sind – aber dann fühlst du eben dies.
Sicher, du kannst mir deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen mitteilen, und ich verstehe deine Mitteilungen und teile deine Gedanken und Gefühle, erwecke in mir ganz ähnliche Empfindungen und versetze mich in deine Lage, an die du dich erinnert hast. Aber werden mittels der Mitteilung und sprachlichen Verlautbarung deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen die meinen? Der Gedanke, den du mir mitteilst, verwandelt sich prompt in meinen Gedanken, du berichtest mir von dem süßen Geschmack der Erdbeeren, und ich stehe nicht an, diese angenehme Empfindung nachzuvollziehen: mit meiner Empfindung oder meiner Erinnerung einer Empfindung.
Eine Erinnerung kann verblassen und dir ganz aus dem Gesichtskreis entschwinden: Du hast sie vergessen. Ist dies so wie mit den Handschuhen, die du bei mir liegen lassen hast? Wie machst du es denn, wenn du sie vermisst und nach ihnen suchst? Du rufst mich beispielsweise an und fragst mich, ob ich wohl deine Handschuhe gefunden habe. Wie machst du es mit der Erinnerung, wenn dir dämmert, dass da etwas war, dessen du eingedenk sein solltest? Hier gibt es keine Auskunftei und keinen Ort, von dem du vermutest, an ihm lohne sich die Suche. Vielmehr sinnst du nach, kommst vielleicht auf ein merkwürdiges Detail, und plötzlich taucht das Vergessene wieder auf, mit all seine Farben und Gesichtern – verlorene Gegenstände pflegen dies nicht zu tun.
Ist eine Welt vorstellbar, in der du und ich, in der wir uns einen Körper teilten? – Wäre dies der Fall, hätten du und ich beispielsweise zur selben Zeit am selben Ort in demselben Gesichtsfeld dieselbe Rotempfindung. Aber das hieße doch, dass du und ich ein und dieselbe Person wären. Also ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper und meiner Person mit meinem Körper jeweils singulär. Diese Singularität hat nicht den Wert und das Gewicht einer Tatsache, sondern einer begrifflichen Grenze: Wenn wir uns eine Sache vorstellen wollen, deren Negation nicht denkbar ist, wie dass dein Körper nicht mein Körper sein „kann“, wird nicht unser Vorstellungsvermögen überstrapaziert, sondern wir schlagen mit dem Kopf an die Wand, die das Denkbare vom Undenkbaren, das Sinnvolle vom Unsinnigen scheidet.
Wenn deine Handschuhe nicht auch meine Handschuhe sein könnten, wären sie dann im eigentlichen Sinne „deine Handschuhe“? – Deine Handschuhe wären in gewisser Weise so mit dir oder deinen Händen verwachsen, dass es nicht vorstellbar wäre, sie nicht an deinen, sondern an meinen Händen wahrnehmen zu können. Doch echte, nicht angewachsene, sondern ausziehbare Handschuhe kannst du verleihen, verlieren, verkaufen. Dann sind es deine Handschuhe oder waren deine Handschuhe. Mit deinen Händen kommen wir da in Teufels Küche und stolpern atemlos über die Grenze sinnvollen Denkens mit der fatalen Auskunft, dass deine Hände im eigentlichen Sinne deine Hände nicht sind.
Dein Nachbar hat es wahr gemacht und ist nach Australien ausgewandert. Er hat dir sein Haus übereignet und jetzt wohnst du dort. – Warum ist eine Welt nicht vorstellbar, in der du deinen Körper verlässt und einem anderen zur gefälligen Heimstatt übereignest, jemandem, der selbst von seiner armen Seele verlassen worden ist? Nicht aus Mangel an Vorstellungskraft, sondern weil die Bedeutung solch kernig-alltäglicher, gesund-gewöhnlicher Begriffe wie du und ich und dein und mein hier jedes Gewicht verlören und gleichsam zu Staub zerfielen.
Es ist also eigentlich Unsinn, von meinem Körper oder deinem Körper zu reden? – Ja, eigentlich ist es Unsinn!
Philosophieren XXXV
Wir sind als der Akte unseres Lebens bewusste Aktoren in die Verantwortung für die gemeinsamen Situationen unseres Redens und Handelns gestellt. Wenn du mich nach dem Wege fragst oder nach meiner Meinung über deine Berufswahl, bin ich nicht nur gehalten, deiner Erwartung auf eine Antwort zu entsprechen, sondern darüber hinaus, deine Erwartung mit einer ehrlichen und wahren Antwort zu erfüllen. Was wir Ethos oder Moral nennen, erweist sich als ein implizierter Teil der von unseren Handlungen im Reden und Tun aufgebauten Institutionen.
Auch wenn ich wegen einer deiner üblichen aversiven Anwandlungen heute nicht so gut auf dich zu sprechen bin, du mich aber in einer dir wichtigen Angelegenheit um meine Meinung und meinen Rat fragst, bin ich aufgefordert, die Hürde meiner Missstimmung zu überspringen oder das Haar der Ranküne in der Suppe zu übersehen und dir frank und frei und klipp und klar Rede und Antwort zu stehen. Moralische Unreife nennen wir die Schwäche des Charakters, aufgrund derer ich meinem kindlichen Drang nach Vergeltung, Herabsetzung oder aber ungerechter Bevorzugung Vorrang vor dem Anspruch der Vernunft auf die Wahrung der Reziprozität der beiderseitigen Erwartungen und somit auf die Erfüllung deines Anspruchs auf Antwort geben würde.
Die Ansprüche der Teilnehmer an der Situation des Redens und Tuns erwachsen aus dem institutionellen Charakter oder dem vernünftigen Anteil der jeweiligen Institution. Wenn die Teilnehmer weiterhin ihre Ansprüche geltend machen und befriedigt sehen wollen, sind sie genötigt, die Existenz der Institution zu bejahen und fortlaufend zu bestätigen, widrigenfalls sie Gefahr laufen, das kleinere oder größere Dach der Vernunft zum Einsturz zu bringen.
Du hast mir versprochen, das dir geliehene Geld an dem und dem Termin auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Du tust dies, auch wenn es dir schwerfällt und du dir vergnüglichere Alternativen genug vor Augen rücken magst, wie du die Summe verjubeln könntest. Natürlich ist dir klar, dass du von mir keinen weiteren Kredit mehr erhieltest, solltest du dein Versprechen der pünktlichen Rückzahlung nicht halten. Aber nicht aus einem solchen sogenannten utilitaristischen Grund entziehst du dich der Pflichterfüllung nicht, sondern weil das Versprechen als solches genügend institutionellen Druck auf dein schwaches und verführbares Gemüt ausübt, so dass es dir unangenehm wäre, ihm nicht nachzugeben. Der Volksmund heißt dies schlechtes Gewissen und er tut gut daran.
Wenn die Vorstellung dich anfliegt, dich selbst nicht mehr gerne im Spiegel sehen zu wollen, und du ein schlechtes Selbstgefühl oder ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken empfindest, eine Zusage verworfen, ein Treuegelöbnis missachtet, ein Versprechen gebrochen zu haben, bist du ein halbwegs anständiger Mensch oder auf dem besten Wege, ein solcher zu werden.
Auch als Teilnehmer der gemeinsamen Situation des Redens und Handelns, ob als Teilhaber eines Liebesbunds, als Freund, als Kollege, als Vereinsmitglied oder als Staatsbürger, bleibst du unter dem ethisch-institutionellen Druck oder dem Dach der Vernunft der Einzelne, dem bei aller Nähe des Gegenübers ein Gran Fremdheit Zögern oder leise Traurigkeit einflößt oder ein lichter Schatten irisierende Flecken auf die helle Wand der Gegenwart werfen mag.
Wie innig, treuherzig, intensiv auch immer du den Geliebten küsst, den Freund umarmst, dem Kollegen und Vereinskameraden die Hand reichst und dem Staat als Soldat dienen magst: Immer musst du die Spannung einer gewissen mehr oder weniger großen Distanz anerkennen und mit deinem Fühlen und Verlangen nach größerer Nähe oder tieferer Vereinigung zum Ausgleich bringen. Gewiss hat die leidenschaftliche Liebe die tiefsten und innigsten Momente der Nähe und Vereinigung bis zur erotischen Verzückung bereit. Wärme und brüderliches Mitfühlen gibt dir der Freund, der Kamerad Schutz und Stütze, der Verein gehegte und gepflegte Muße bis zur Langeweile. Der Staat ist die emotional fernste Institution, die im Extremfall dir aber mit der Verpflichtung zum Einsatz von Gut und Leben am empfindlichsten auf den Leib rücken kann.
Jenen Grad der Nähe oder Vereinigung, den wir mystisch oder ekstatisch nennen und in dem du für selige Momente das Bewusstsein der Vereinzelung oder das Bewusstsein, der allen Dingen gegenüberstehende Einzelne zu sein, verlierst, erlangst du nicht unter dem Dach der Vernunft oder unter dem ethisch-institutionellen Druck der mit anderen geteilten Situation des Redens und Tuns. Hier berühren wir die Grenze, die verantwortlichem Reden aus Vernunft gezogen ist, und können uns daher nur in wenigen Andeutungen ergehen.
Die mystische Vereinigung geschieht dir jenseits der Vernunft aus Gnade des Heilands, der sich selbst dargereicht und hingegeben hat zur Einheit mit den Erwählten seiner Kirche. Die Kirche ist als Institution dem Ethos der Vernunft verpflichtet, indes zeigt die hohe Kuppelwölbung ihres Daches statt des Schlusssteins eine runde Öffnung: Durch sie strömt, was Licht der Liebe heißt und die Finsternis der Welt und unserer Herzen durchdringt. Das Licht der Welt wird dir zur innigsten mystischen Vereinigung in der Gestalt des geweihten Altarsakramentes dargereicht. Die Kommunion wird geglaubt als reale Übersteigung der Einzelheit des Bewusstseins in der Gegenwart liebender Umfassung durch die Gemeinde und doch gleichsam als ein Vorgeschmack der endgültigen Vereinigung mit dem ewigen Licht und den himmlischen Mächten, die von den bösen Überraschungen und Intermezzi unseres alltäglichen Lebens mit all seinen Mühen, seiner Langeweile, seiner Grausamkeit oder Tollheit nicht mehr unterbrochen werden soll.
Diese Überwindung der Einzelheit des Bewusstseins gleichsam durch ihre Öffnung ins obere Licht im Glauben wird notwendig konterkariert durch die dämonische Auslöschung der Einzelheit des selbstbewussten, verantwortlichen Lebens in der schwarzen Mystik gewaltsam-totalitärer Verschmelzung – von der uns, bezeugt von allzu reichlichen pikanten, degoutanten und erschreckenden Belegen und Dokumenten, satanische Praktiken eine religiös-sexuell pervertierte Version und kollektive Verschmelzungsszenarien und Unterwerfungsorgien eine politisch pervertierte Version geben.
Philosophieren XXXIV
Betrachten wir staunend die einzigartige Tatsache deiner Existenz. Diese einzigartige Tatsache wird weder mit einem Gattungsbegriff wie „Lebewesen“ noch einem Artbegriff wie „Homo sapiens“ erfasst: Auch wenn du ein eineiiges Zwillingsgeschwister hättest, wäre dein Dasein singulär, denn nur du wärest dir in diesem Falle deiner selbst bewusst, während dein Zwillingsgeschwister wiederum sich seiner selbst bewusst wäre, nicht aber deiner. Natürlich wäre es richtig zu sagen, du seiest als Lebewesen der Art Homo sapiens zugehörig. Doch die Vertreter der Spezies Homo sapiens sind in bestimmten Hinsichten füreinander einsetzbar und austauschbar: Deine Organe und insonderheit dein Gehirn funktionieren im Prinzip wie meine Organe und mein Gehirn, du wohnst wie ich in einer Straße, einer Stadt, einem Land, auf einem Kontinent, auf dem um die Sonne rotierenden Planeten Erde, der mit den anderen sieben Planeten um das Zentralgestirn namens Sonne kreist und mit diesen und anderen kosmischen Bestandteilen das Sonnensystem bildet, in der Galaxie namens Milchstraße, in der ungeheuren Ansammlung von Galaxien, die wir Kosmos oder Universum nennen. All dies ist erstaunlich genug, doch macht es nicht den Unterschied für die Einzigartigkeit unserer Existenz, die wir abkürzend mit der Bestimmung, einzeln oder Einzelne zu sein, erfassen können.
Die Tatsachen, dass du den Planeten Erde im Sonnensystem der Milchstraße bewohnst, männlichen oder weiblichen Geschlechts und mehr oder weniger schlau und pfiffig bist, dir ein ausgleichender oder zuspitzender, sanfter oder schroffer, schlaffer oder straffer, heiterer oder düsterer Charakter zu eigen ist, hier und zu jener Zeit und nicht woanders und zu einer anderen Zeit geboren worden bist und somit einer bestimmten Klimazone, einem bestimmten Land, einer bestimmten Nation und einer bestimmten Kultur und Gesellschaft mit ihrer Sprache und Überlieferung, ihren Bildungseinrichtungen, sozialen, ökonomischen und technologischen Daseinsbedingungen angehörst, all dies sind elementare Tatsachen, die deiner Willkür, Entscheidungsmacht und Verfügbarkeit ganz oder zum größten Teil entzogen sind. Deshalb tun wir gut daran, sie mit dem zu Unrecht in Verruf geratenen, grundlos außer Gebrauch gekommenen Begriff Schicksal zusammenzufassen.
Solcherart sind die Ringe des Schicksals, die sich um das Wachstum deines Lebens legen: Du bist von robuster oder schwächlicher Konstitution, strotzend vor Gesundheit oder kränklich, hast als Folge einer DNA-Schädigung, einer ansteckenden Krankheit deiner mit dir schwangeren Mutter oder einer Kinderkrankheit eine minder schwere oder schwere Behinderung wie Down-Syndrom, Bluterkrankheit, Anlage einer Psychose, Kinderlähmung, Stottern oder Leseschwäche. Du hast die schweren Kriegstraumata deiner Mutter im Luftschutzkeller oder auf der Flucht und deines Vaters an der Front und in russischer Kriegsgefangenschaft als Kind mit der Muttermilch aufgesogen, so dass du noch heute Albträume von schrecklichen Ereignissen hast, die du selbst nicht erlebtest. Du wurdest als Knabe seelisch überfordert und gequält, weil du die neurotischen Ängste deiner Mutter teilen oder die Abwesenheit des Vaters trotz hilfloser Ohnmacht ersetzen solltest. Du wurdest als Mädchen seelisch überfordert und gequält, weil du die Zurückweisungen und Enttäuschungen des Vaters in der Arbeit oder bei seiner Frau trotz hilfloser Ohnmacht ersetzen solltest.
Dass du als Junge auf die Welt kamst und das Tauziehen zwischen Kopf und Hoden über den Anteil an Lust und Angst, Siegen und Versagen, Wollen und Sich-Trollen unabgeschlossen-unabschließbar dir die Norne zugespult und zugewirkt hat – wie anders als Schicksal, Fatum, Aisa willst du es nennen? Oder weißt du, holder Knabe, ohne Schoß zu haben und zu sein, von den Wonnen und Verlorenheiten, dem Erfüllt- und Leersein, das Empfängnis oder Nicht-Empfängnis, Geburt oder Tot-Geburt, die Milch gebende oder versagende Brust gewähren und entziehen? Nie wirst du erfahren, wie es ist, eine Frucht im Leib heranwachsen zu fühlen, ein Kind auszutragen und in innigster physisch-psychischer Symbiose, die sich denken lässt, mit einem anderen Menschen in Verbindung zu stehen. Das hat dir das Schicksal verwehrt.
Du trägst nicht nur das individuelle Schicksal deines Körpers, deines Charakters, der Struktur und Kapazität deiner Aufmerksamkeit und Intelligenz, nicht nur das Schicksal deiner Familie und Herkunft ist dir aufgebürdet, auch das kollektive Schicksal des Landes, des Volkes, der Nation und des Staates, dem du angehörst, lastet auf dir: Die Verbrechen unserer Väter, Großväter und Urgroßväter im Zweiten Weltkrieg und bei der Ermordung der Juden sind deutsches Schicksal, dem du durch keine Verstellung oder rhetorischen Winkelzüge entkommst.
Dass du zu jener Stunde in guter Stimmung an der Feier teilgenommen hast und die Frau auf dich aufmerksam wurde, die heute an deiner Seite ist, Schicksalsfügung auch dies. Dass dir dein Lehrer durch das klare Profil seiner Persönlichkeit und die lebendige Anschauung seines Vortrags imponierte, hat dich innerlich dazu bestimmt, dieses und nicht ein anderes Fach zu studieren und also diesen und nicht einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Gute Fügung, dass dir in deinem Professor an der Universität oder in deinem Meister in der Werkstatt ein Förderer und Fürsprecher begegnete, der deiner Karrierelaufbahn den Teppich ausgebreitet hat. Schlechte Fügung, dass du deiner angeborenen antisozialen Neigung willensmäßig nicht genügend Widerhalt entgegensetzen konntest und wegen Diebstahl, sexueller Belästigung oder schwerer Körperverletzung schon mehrfach Gefängnisstrafen auf dich nehmen und schließlich die Hoffnung auf ein normales Leben aufgeben musstest.
Sterben ist unser aller Teil, und doch bestehst nur du es als singuläres Erleben, weil du es wie alles bewusste Erleben als Einzelner auf dich zu nehmen hast. Wir haben nur Bilder vom Vorgang des Sterbens und beziehen den Vorgang auf das, was wir gegebenenfalls am Sterbeverhalten unserer Verwandten und Freunde bemerken und beobachten. Daraus können wir allerdings für das, was es heißt, selbst zu sterben, das Entscheidende nicht entnehmen. Wir können allerdings dem Sterbenden nahe sein, ihn trösten, ja manchmal noch erheitern. Auch können wir ihm diese oder jene Last von den Schultern nehmen, auf dass er leichter, versöhnter Abschied nehmen kann.
Aus dem Stotterer wurde am Ende noch ein berühmter Redner. Du hast deiner schwächlichen Veranlagung durch fleißiges Training und eiserne Disziplin ein Schnippchen geschlagen. Statt zu resignieren und dich deinem Schicksal zu fügen, hast du deine Querschnittslähmung als Herausforderung angenommen und spielst mittlerweile mit Gleichgesinnten erfolgreich im Handballverein. Du hast dich bemüht, die dir von den Eltern aufgebürdete traumatische Erblast nicht deinerseits an dein Kind weiterzugeben oder abzuladen, sondern sie durch regelmäßigen Austausch mit in gleicher Hinsicht Betroffenen in den Griff zu bekommen.
Keiner verlangt von dir im Hochsprung Glanzleistungen zu erbringen, wenn du nun einmal unter einer Kinderlähmung zu leiden hast. Doch kannst du Begabungen auf anderen Gebieten entdecken und als guter Handwerker, Techniker, Designer oder Computerspezialist ein beruflich erfolgreiches und einigermaßen zufriedenes Leben führen. Wenn du einfach nicht genügend Grips mitbringst, um die Weihen der Höheren Mathematik zu erlangen, wirst du dich nicht lächerlich machen und es trotzdem versuchen, sondern Vernunft walten lassen und dir ein Gebiet suchen, das deinen Begabungen entspricht.
Mit der Kraft der Vernunft und dem praktischen Urteilsvermögen, das uns zu vernünftigen Entscheidungen führen kann, sind wir in der Lage, die natürlichen Tatsachen zu verstehen, zu gewichten und Modelle und Methoden zu entwerfen, wie mit ihnen umzugehen, in welchem Ausmaße sie rückhaltlos anzunehmen und in welchem Ausmaße sie zu unseren Gunsten zu modifizieren seien. So lernen wir mittels klugen und umsichtigen Einsatzes von Techniken, wissenschaftlichen und technologischen Verfahren, Anwendungen und Mitteln aus den Bereichen Medizin, Pharmakologie, Chemie, Physik und Mechanik die natürlichen Tatsachen unseren Bedürfnissen so weit wie möglich anzupassen und auf diese Weise das Schicksal zu meistern.
Immer wird als letzte Bastion des Schicksals die Tatsache unserer singulären Existenz und unseres singulären bewussten Erlebens bleiben. Wir können sie nicht abtreten oder an andere delegieren, denn damit würde unser bewusstes Dasein ausgelöscht. Wir können uns nicht durch andere in den wesentlichen Lebensvollzügen unseres biologischen und sozialen Daseins vertreten lassen, denn du kannst nicht an meiner Statt essen und schlafen, reden und träumen, Freude und Trauer empfinden, arbeiten und faulenzen, lieben und heiraten, gesunden und sterben. Es ist dieses Schicksal, bewusst leben zu müssen in allen Situationen unseres Redens und Tuns, das uns zu hoher Aufmerksamkeit, sensibler Geistesgegenwart und verantwortlichem Umgang mit ihnen verpflichtet – auch wenn unsere leidenschaftliche Natur und die Verstrickungen in die großen und kleinen Dramen des menschlichen Lebens uns oft Vorwände liefern, die Zügel der Besonnenheit schleifen zu lassen und die Bürde der Verantwortung abzuschütteln.
Philosophieren XXXIII
Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was geschieht, wenn nur eine Wand noch hält, müssen wir uns nicht ausmalen.
Nimm in diesem Bild das Dach als den Sinn und Zweck gemeinsamen Redens und Tuns, die uns in so unterschiedlichen Formen wie einer harmlosen Unterhaltung, in Struktur und Management eines Unternehmens oder im Aufbau und der Verbreitung einer religiösen Gemeinschaft entgegentreten. Das Dach ist das merkwürdige, scheinbar luftig-abstrakte und dennoch so unheimlich wirksame Etwas, das entsteht, wenn du und ich oder wir und ihr uns zusammentun, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, eine Kirche zu stiften, eine Firma oder eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung aufzubauen.
Das Dach ist die verkörperte Vernunft der durch unser gemeinsames Reden und Tun begründeten Institution. Die Mauern sind die vier elementaren Komponenten und Faktoren der Grundsituation des Redens und Tuns: Abgegrenztheit des Gegenstands, auf den sich unser Reden und Handeln bezieht, Reziprozität und Transparenz der beiderseitigen Erwartungen, Eindeutigkeit der Situation und Bestimmtheit und Festigkeit unserer Absichten, zu reden und zu handeln.
Bekanntlich kann man das Bild vom Dach und den Mauern auch umkehren und sagen, im Falle von Institutionen trage das Dach die Mauern: Nur in ihrer wechselseitigen Verknüpfung finden die elementaren Komponenten der Situation gemeinsamen Redens und Tuns den Raum ihrer vollen Entfaltung. So etwa, wenn wir beide eine kleine Firma gründen, sagen wir eine Zoohandlung mit ein paar Haustieren wie Vögeln und Nagern, zur Hauptsache aber Artikeln für den Bedarf des Haustierhalters wie Nahrung, Streu, Sand, Spielzeug für Tiere, Käfige usw. Mit dieser Begriffsbestimmung haben wir bereits den Gegenstand, auf den sich unser gemeinsames Reden und Tun bezieht – unsere erste tragende Wand –, klar abgegrenzt: Handel mit Artikeln für den Bedarf von Haustierhaltern. In dieser Form erscheint der Gegenstand auch in der Satzung der Firma als Unternehmenszweck und in der Urkunde, die wir beim Notar beglaubigen, der das neue Unternehmen am Registergericht der Stadt und Kommune eintragen lässt.
Nun könntest du mit mir an einen Schlawiner und kleinen Gauner geraten sein, der die Firma nur als Vorwand nutzen will, um mit dem GmbH-Vertrag wedelnd und dem Geschäftsführergehalt auf dem neuen Konto bei der Bank mit einer solchermaßen leicht erschlichenen Bonität einen möglichst großen Kredit zu ergattern – und mit dem abkassierten Geld das Weite zu suchen. Ich hätte dich darin getäuscht, dass mein Begriff des Gegenstandes unseres gemeinsamen Redens und Tuns derselbe wäre wie dein Begriff – aber das war nicht der Fall, denn ich verfolgte einen anderen Zweck mit ihm als du. Solltest du meinen geheimen Absichten auf die Schliche kommen, bevor es zu spät wäre, tätest du gut daran und handeltest vernünftig, mich wegen des Betrugsversuchs vor die Tür zu setzen. Der Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Redens und Tuns wäre damit verlorengegangen, das Dach der Vernunft über der Institution Firma hat ein Loch bekommen.
Was ist nun im rechten Falle der Gegenstand, der Begriff, das Unternehmen? Sind es wir beide als Unternehmer, sind es der Verkaufsraum und das Büro, die Verkaufsartikel oder das Geld in der Kasse und auf der Bank? Keins von alledem und auch nicht alles zusammen. Das Unternehmen ist das einigende Band aller Teilmomente, das nur dadurch zustande kommt, dass wir, die sprechenden und handelnden Aktoren, uns gegenseitig bestätigen, dass dieser ominöse, abstrakte Gegenstand namens Firma tatsächlich existiert. Wenn wir es tun und danach handeln, tun es auch unsere Kunden, unsere Lieferanten und unsere Hausbank. Sobald einer der wichtigen Aktoren sein Veto einlegt und die Existenz der Firma bestreitet oder leugnet, betreibt er ihren Untergang: Kunden gehen bekanntlich nicht zu Läden, deren Existenz sie leugnen, Lieferanten beliefern nichtexistente Abnehmer nicht mit Waren und Banken versehen nichtexistente Klienten nicht mit günstigen Krediten.
Wenn die Sache mit rechten Dingen zugeht, erwartest du von mir, was ich von dir erwarte – die zweite tragende Wand: dass wir uns um den Fortbestand der Firma kümmern, pünktlich unser Termine wahrnehmen, die Verwaltungsarbeiten sorgfältig und akkurat erledigen, die Buchhaltung regelmäßig überprüfen und mit dem Steuerberater abgleichen, die rechtlich verordneten Bestimmungen über Hygieneschutz, Impfmaßnahmen und Sauberkeit einhalten und die Lager- und Verkaufsräume von einem Beamten des Gesundheitsamts überprüfen und abnehmen lassen, gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte in Vorstellungsgesprächen auswählen, die neuen Angestellten mit ihrem Arbeitsumfeld vertraut machen, Lehrlinge und Azubis ausbilden, wenn wir ausbildungsberechtigt sind, beziehungsweise eine Ausbildungsberechtigung bei der IHK und dem Arbeitsamt erlangen, auf arbeitsrechtliche Bestimmungen wie Sicherheitserfordernisse und Urlaubsansprüche achten, uns um Werbe- und POS-Maßnahmen kümmern, die Lieferanten mit Bestellungen neuer Artikel beauftragen, den Verkaufsraum reinigen und dekorieren und mit neuen Artikeln versehen und die Kunden freundlich und fachlich engagiert bedienen. Wir tun gut daran, unsere beiderseitigen Erwartungen zu harmonisieren und genau aufeinander abzustimmen, zu synchronisieren und zu vertakten und zum Beispiel auf einem Monatsplan präzise festzuhalten, was wer wann zu tun und zu erledigen hat.
Liegen wir mit unseren reziproken Erwartungen quer und überkreuz und bürdest du mir Arbeit auf, die eigentlich du zu erledigen hättest und umgekehrt, ist der Wurm in der Sache und auf unserem Unternehmen ruht kein Segen. Die Saat des Streits und aufreibender Auseinandersetzungen ist ausgestreut, sobald sich die beiderseitigen Erwartungen in Bezug auf das, was es gemeinsam zu bereden und zu tun gibt, widersprechen, auslöschen oder neutralisieren.
Hinsichtlich der geforderten Eindeutigkeit der Situation – die dritte tragende Wand – können wir, sollte man meinen, schlecht in die Irre gehen, handelt es sich doch schlicht und ergreifend um die Gründung und Führung einer Firma in der Rechtsform einer GmbH mit genau abgestecktem Unternehmenszweck und Unternehmensgegenstand. Sollte ich oder du nicht völlig darüber im Klaren sein, um welche Situation es sich handelt, wäre ich oder du entweder so furchtbar dumm oder so unrettbar verrückt, dass ich oder du geistig nicht in der Lage und völlig überfordert wäre, eine Firma zu gründen, geschweige denn vernünftig zu führen, oder ich oder du müsste wegen geistiger Beschränktheit oder Demenz für unzurechnungsfähig erklärt werden, was zur Folge hätte, dass ich oder du die Berechtigung verlöre, eine Firma zu gründen und zu führen.
Hinsichtlich der geforderten Bestimmtheit der Absichten der beteiligten Aktoren – die vierte tragende Wand – kann die leider allzu verbreitete Janusköpfigkeit menschlicher Affektlagen auch in unserem so hoffnungsfroh begonnenen Unternehmen ein- und durchschlagen. Wenn du mir heute noch nachträgst, dass die Frau, die wir vor vielen Jahren beide begehrt und geliebt haben, sich schließlich für mich entschieden und mich geheiratet hat und dir trotz guten Willens und bester Absichten, mit mir eine Firma aufzubauen, immer wieder die böse Absicht in die Quere kommt, dich wegen der damaligen Zurücksetzung schadlos zu halten und zu rächen, wirst du die für das Gelingen unseres gemeinsamen Unternehmens nötige Bestimmtheit und Festigkeit der Absicht, die Firma mit mir vernünftig zu führen, am Ende nicht durchhalten und beherzigen, sondern früher oder später das schmale Dach ökonomischer Vernunft über uns zum Einsturz bringen.
Wir sprechen von Vernunft und meinen keine Sache in deinem oder meinem Kopf, auch wenn man öfters einmal Köpfchen haben muss, um Vernunft walten zu lassen. Die Vernunft ist eine in Institutionen und Einrichtungen wie Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Ehen und Familien, Unternehmen und Verwaltungen, Kirchen und Gemeinden verkörperte Struktur reziprok abgestimmter Erwartungen und Absichten hinsichtlich des Aufbaus und der Erhaltung einer gemeinsamen Situation des Redens und Tuns.
Aber ist Liebe nichts Irrationales, eine Gefühlsgeschichte bar jeder Vernunft, wirst du vielleicht fragen. Das ist das romantisch verkürzte Verständnis des Begriffs, nach dem sich zwei Liebende in die Eremitage einer Passion des gegen- und wechselseitigen Redens und Tuns einschließen. Die zur Vernunft offene Liebe ist ein Bündnis oder Pakt auf der Grundlage des Versprechens, einander dafür Sorge zu tragen, die im Spiele befindlichen beiderseitigen Erwartungen und Absichten auf die geteilte Grundsituation des Redens und Tuns abzustimmen. Das erfordert gelegentlich den Einsatz erhöhter Aufmerksamkeit füreinander, das Überwinden und Umgehen von eingetretenen Hindernissen oder von Herzen kommende Hinweise auf erfreuliche, erheiternde, beglückende Blickachsen und Aussichten. Je näher sich die Liebe an der intimen Passion ansiedelt und je ferner der öffentlich deklarierten Ehe, desto fragiler und durchlässiger für die Unbill der Witterung ist ihr schmales Strohdach der Vernunft. Oft genügt ein Funke des Missverstehens, des bösen Willens oder bloßer Laune, und es steht in hellen Flammen.
Die Vernunft von Ehe und Familie ist im Kind verkörpert, das Kind ist der eigentliche Sinn und Zweck der Grundsituation gemeinsamen Redens und Tuns, um die es dabei geht. Das Kind bedarf der Hut und Pflege, der Ernährung und Erziehung, mit einem Wort der Verantwortung der Erwachsenen. Für einen Schwächeren und Anlehnungsbedürftigen Verantwortung tragen heißt, seine Lebensbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen, sein Verlangen nach Aufmerksamkeit, emotionale Nähe und Bestätigung zu erfüllen und ihm die Gelegenheiten und Möglichkeiten der Entfaltung und Reifung seiner Persönlichkeit mit einem Weitblick und einer klugen Voraussicht in Aussicht zu stellen, über die das Kind noch nicht verfügt. Die Abstimmung der beiderseitigen Erwartungen und Absichten und die Definitionsmacht über die Grundsituation liegen bei den Eltern, die sich darüber zu verständigen haben, dass und wie sie das geteilte Thema Erziehung gemeinsam schultern. Wenn ein Elternteil den Bund bricht und die Erwartungen des anderen enttäuscht und andere Absichten als die vernünftig ausbedungenen und erforderten im Schilde führt, handelt er unvernünftig, gleichgültig was ihm die Leidenschaft insinuiert und ins Ohr flüstert. Schließlich pflegt auf diese Weise das Dach der Vernunft über dem Haus der Ehe und Familie abgetragen zu werden.
Philosophieren XXXII
Wenn, was du sagen willst und sagen kannst, vollständig durch die Abgegrenztheit des Redegegenstandes, die Transparenz der Erwartungen deines Gesprächspartners, die Eindeutigkeit der Redesituation und die Bestimmtheit deiner Redeabsicht determiniert ist, wird deine Äußerung klar und unmissverständlich sein.
Du hast einen Arzttermin, weil du seit Tagen von einem Unwohlsein betroffen bist und leichte Schwindelanfälle dich beunruhigen. Dein Hausarzt begrüßt dich freundlich, heißt dich Platz nehmen und fragt dich nach deinen Beschwerden. Du hast sie ihm geschildert, der Arzt nimmt eine Routineuntersuchung vor, wobei er auch den Blutdruck mittels eines Blutdruckmessgerätes misst. Er konstatiert einen ziemlich überhöhten Blutdruck und zieht aus diesem Befund die Schlussfolgerung: „Sie leiden unter Bluthochdruck. Ihre Schwindelanfälle gehen auf diesen Umstand zurück. Ich verordne Ihnen ein blutdrucksenkendes Mittel.“
Die körperlichen Symptome, unter denen du leidest, sind der abgegrenzte Gegenstand der Rede. Du erwartest vom Arzt eine korrekte Diagnose und ein Therapieangebot, zum Beispiel in Form der Verordnung eines Medikaments. Der Arzt erwartet von dir die möglichst genaue Angabe und Beschreibung der in Rede stehenden Symptome. Die Erwartungen beider Redepartner sind füreinander transparent. Die Redesituation ist eindeutig umrissen und determiniert: Es handelt sich um einen Arzttermin und eine ärztliche Konsultation. Deine Absicht, mit dem Arzt zu reden, besteht aus zwei Teilen oder Momenten: der Erwartung einer Aufklärung über die Herkunft oder Ursache deiner Beschwerden und der Hoffnung, eine Therapie oder ein Medikament verordnet zu bekommen, das sie lindert oder beseitigt. Die in diesem Falle getätigten Äußerungen sind auf beiden Seiten klar und unmissverständlich.
Der Gegenstand der Rede ist abgegrenzt, wenn du mit einer Zeigegeste, einer Deixis, darauf hinweisen kannst und deinem Gesprächspartner mittels Benennung des Gezeigten zu verstehen gibst, was du meinst. Auf dein Unwohlsein und deine Schwindelgefühle kannst du allerdings nicht zeigen, um dem Arzt vor Augen zu führen, worüber du mir ihm reden willst. Indes macht das nichts, wie unsere Redesituation erwiesen hat: Unsere Sprache ist mächtig genug und verfügt über ein reichhaltiges Vokabular, das auch Namen und Begriffe für nicht zeigbare, nicht wahrnehmbare oder abstrakte Gegenstände umfasst wie schwarze Löcher, Zahlen, Aktiengesellschaften und die meisten anderen Institutionen oder eben dein Unwohlsein und andere Gefühle.
Kann man auf Schmerzen zeigen? Du kannst dem Arzt sagen „Ich leide unter Bauchweh, Kopfschmerzen, Gliederreißen“ und dabei jeweils auf das Körperteil zeigen, in dem du Schmerzen verspürst. Aber auch wenn du deine Schmerzen nicht lokalisieren kannst und du dich in einem Zustand völliger Erschöpfung und Zerschlagenheit fühlst und etwa sagst „Mir tut alles weh“, wird dein Gesprächspartner die Absicht deiner Mitteilung, ihn über deine körperliche Verfassung ins Bild zu setzen, nicht verfehlen. Demnach können wir Schmerzen klar und unmissverständlich bezeichnen und sie unter die abstrakten Gegenstände rechnen, auch wenn sie dir im Konkreten so sehr auf den Leib rücken.
Wenn du mir sagst, dass du am Portikus auf mich wartest, gehe ich nicht davon aus, dass du vor der ersten Säule stehst, wenn ich zu dir stoße. Gleichgültig vor oder hinter welcher Säule oder zwischen welchen Säulen du immer dich aufhalten magst, meine Erwartung wird nicht enttäuscht, wenn du hinter der zweiten Säule stehst, auch wenn ich dich hinter der dritten vermutete. Angaben über Orte und zeitliche Dauern haben oft nicht den genauen Wert der Abgrenzung von Gegenständen, auf die wir zeigen oder die wir durch ein Appellativum mit Demonstrativum wie „dieser Tisch“ aus der Umwelt herausgreifen können. Dennoch funktionieren Mitteilungen dieser Art ganz gut, so dass wir auch solche Angaben zu den abgegrenzten Gegenständen der Rede zählen können. Deine Absicht, mich am Portikus zu treffen, scheitert jedenfalls nicht an der Vagheit der Ortsangabe.
Sie könnte allerdings daran scheitern, dass du meine Erwartungen nicht überblickst oder sie verkennst: Du weißt vielleicht nicht oder hast vergessen, dass mir der Portikus ein ominöser Ort ist, den ich wegen daselbst mir widerfahrener Erlebnisse, die ich gerne hätte missen mögen, meide. Auch wenn der Gegenstand der Rede, der Ort unseres Treffens, abgegrenzt, die Redesituation eindeutig eine Verabredung und deine Absicht, dich mit mir zu verabreden, klar bestimmt ist, könnte in diesem Falle die Verwirklichung deiner Absicht daran scheitern, dass unsere gegenseitigen Erwartungen nicht transparent füreinander sind.
Wäre ich ein schlichtes Gemüt, dränge ich nicht weiter in dich, sondern setzte meine Missgefühle bezüglich des Portikus hintan, um dennoch ein mir liebes Treffen mit dir zu ermöglichen. Also sagte ich etwa: „Nichts tue ich lieber, als mich mit dir zu verabreden. Nur lass uns einen anderen Ort für unser Treffen finden!“
Nun liegt mein Gemüt aber in vielen Falten und kitzelt manchmal Erwartungen und Befürchtungen aus mir heraus, die über das Ziel hinausschießen, oder insinuiert mir Erwartungen und Befürchtungen hinsichtlich Dingen, die wiederum tief in den Falten deines Gemüts verborgen liegen. So könnte ich denken: „Sie hat den ominösen Ort absichtlich oder unwillkürlich gewählt, um mich hinsichtlich der Tiefe und Stichhaltigkeit meiner Neigung zu ihr auf die Probe zu stellen. Halte ich stand und schlage ein, wertet sie dies als gutes Zeichen dafür, dass meine Neigung zu ihr meine Abneigung gegen den bösen Ort überwiegt. Sträube ich mich und komme ihr mit einem Gegenvorschlag, wertet sie dies als schlechtes Zeichen und zählt meine Neigung zu ihr zu den Leichtgewichten oder Umfallern vor jeder mittleren Böe. Also tue ich ihr die Liebe und verbeiße meinen Widerwillen. Aber wird sie nicht meine Verbissenheit mir leicht anmerken, wenn wir uns wirklich an dem ominösen Ort sehen? Wird sie dann nicht meine Unaufrichtigkeit geradezu riechen? Also ist es am Ende doch besser, das Risiko einzugehen und einen Gegenvorschlag zum Ort unserer Verabredung zu machen!“
Wir sind am Endpunkt dort angelangt, wo das schlichte Gemüt längst schon ist – und mit welchen Windungen und Umwegen! Du erwartest, dass du deine Absicht, mich am Portikus zu treffen, ohne Einreden und Bedenklichkeiten meinerseits in die Tat umsetzen kannst. Meine Erwartung hinsichtlich deiner Absicht, mich an diesem Ort zu sehen, ist zwiespältig. Unsere beiderseitigen Erwartungen sind füreinander nicht so hinreichend transparent, dass einer Erfüllung deiner Absicht nichts im Wege stünde, sondern sie überkreuzen sich derart, dass ein Scheitern deiner Absicht nicht ausgeschlossen werden kann. Denn wenn wir uns am Ende nicht am Portikus, sondern woanders treffen, blieb deine Absicht, mich am Portikus zu treffen, ohne Erfüllung.
Wäre indes meine Abneigung gegen den Ort, an dem mir Übles widerfuhr, längst zergangen und von besseren Erlebnissen daselbst überwuchert worden, säßest du einem Missverständnis auf, wenn du glaubtest, mich mit dem Vorschlag, uns am Portikus zu treffen, auf die Probe stellen zu können. Mein zag- und fragloses Einschlagen könntest du als Höchstmaß an Neigung für dich deuten, die alles Widrige längst aus dem Weg geräumt hätte. Dann lägest du mit der Wertung meiner neuen Unbefangenheit als Zeichen großer Leidenschaft falsch und deine Erwartung läge überkreuz mit meiner Erwartung. Aber siehst du, jetzt könnte ich auch bei nur geringer Neigung zu dir, mir nichts dir nichts mich mit dir an diesem Ort treffen. Deshalb wäre es mir gleichgültig, ob wir uns an diesem oder einem anderen Ort sehen. Und weil mich der Hafer sticht, schlage ich dir unverblümt vor, uns an einem anderen Ort zu treffen. Wieder waren unsere beiderseitigen Erwartungen füreinander nicht transparent genug, um deine Absicht, mich an einem bestimmten Ort zu treffen, ins Werk zu setzen.
Wenn du bei deinem Hausarzt dich darüber beklagst, dass dein Telefon abgehört wird und aus dem Fernseher dir Stimmen Befehle zu widerwärtigen Taten zuraunen, wirst du deine Absicht, einem Arzt deine Beschwerden mitzuteilen und aufgrund einer korrekten Diagnose Hilfe in Form einer Therapie oder der Verordnung eines Medikamentes zu erhalten, nicht erfolgreich in die Tat umsetzen können, weil er dich stante pede mit einer Überweisung zum Facharzt für psychiatrische Erkrankungen schicken wird. Erst dort kommt der geregelte Lauf der Dinge in Gang. Hier handelt es sich um das Verfehlen der richtigen Redesituation.
Wenn du bei unserem nächsten Treffen wie aus der Pistole geschossen einen kaltschnäuzigen Ton anschlügest, mir mit schamlosen Anspielungen die Hölle heiß machtest oder lauthals gähnend und Löcher in die Luft guckend meiner Rede folgtest, käme ich hoffentlich bald darauf, dass einer von uns oder wir beide uns in der korrekten Einschätzung der gegebenen Redesituation geirrt haben müssen. Ich würde annehmen, dass meine bisherige Einschätzung unserer Situation als Annäherung an eine leidenschaftliche Liebe entweder falsch war oder wenn sie richtig war, jetzt nicht mehr richtig ist und sich dein Sinn und deine Haltung schlagartig gewandelt haben. Ich würde weiterhin grübeln, inwiefern und durch welche schwerwiegende Tat der Grenzverletzung und Versehrung deiner Integrität ich mir diesen argen Sinneswandel eingebrockt haben könnte und ob es irgend möglich sei, die entstandene hässliche Beule durch sanfte, schonende und liebevolle Behandlung auszubügeln.
Wenn du aber mit deinem sonderbaren Betragen nicht dies von mir erwartest, sondern dir etwa gesagt hast: „Rein mit Küssen und Schöntun ist es nicht getan, damit wird er mir nicht vollends weich und zugetan. Also kehren wir den Teppich um und zeigen mal die Krallen des schnurrigen Kätzchens: Wenn er diese Lektion schluckt, gehört er mir mit Haut und Haar!“, dann lägen auch in diesem Falle unsere beidseitigen Erwartungen überkreuz und wären füreinander nicht transparent genug, mit der leidigen Folge, dass du deine Absicht, unsere Verbindung durch solch exotische Maßnahmen zu vertiefen, nicht mit Erfolg verwirklichen könntest.
Wenn der Prediger von der Kanzel Flüche ausstößt, der Arzt den Patienten um Rat fragt, der Vater sich vom Sohn über Erziehungsprinzipien belehren lässt, der Lehrling den Meister anweist, der Lehrer sich vom Schüler Zensuren einholt, die Kassiererin die angezeigte Summe nicht fordert, sondern herausgibt, die Geliebte das Liebesgeständnis des Liebhabers mit Zynismen quittiert – bei all diesen Formen der „verkehrten Welt“ handelt es sich um Missverständnisse, durchkreuzte Erwartungen und vereitelte Absichten, die sich aus der Verkennung, Verwechslung oder Pervertierung der Redesituation ergeben.
Wenn es für deinen Partner unklar ist, was du willst, welche Absichten du hegst, was du im Schilde führst, wenn es dir also an Bestimmtheit der Absicht mangelt, droht dir wiederum die Gefahr, missverstanden oder überhaupt nicht verstanden zu werden. Du möchtest spazieren gehen und sagst etwa: „Schau mal, die Sonne scheint!“ oder „Ist es nicht schön geworden“, statt deine Absicht explizit zu machen mit Worten wie: „Schau mal, wie schön ist es geworden, lass uns ein wenig spazieren gehen!“ Ein Hinweis auf das schöne Wetter erregt bei deinem Gegenüber nicht ohne Weiteres den Wunsch spazieren zu gehen. Wenn du deine Absicht nicht mit genügender Bestimmtheit zum Ausdruck bringst, kann es nicht ausbleiben, dass du sie nicht in die Tat umsetzen kannst.
Wir sind beschränkte, irrtumsanfällige, verführ- und verwirrbare Lebewesen, für die eine Schwächung des Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Erinnerungsvermögens, des Willens, der Moral oder der seelischen Kraft die Verzerrung und Verzeichnung, Störung und Zerstörung der genannten wesentlichen Faktoren der Grundsituation unseres Redens und Tuns nach sich zieht.
Eine Schwäche oder Verzerrung der Wahrnehmung kann den anderen daran hindern, das von dir Gezeigte und Gemeinte zu erkennen. Ein Irrtum lässt den anderen glauben, was du nicht beabsichtigt hast. Er glaubt, der Portikus liege auf der anderen Mainseite, und schon wartest du vergeblich. Er hat deinen Geburtstag vergessen, und die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Ihre alte Schwäche, die Gesten seiner Neigung und Zärtlichkeit nicht ganz ernst zu nehmen, konnte sie mit bloßer Willensanstrengung nicht beheben. Er hatte nun mal dieses Elternhaus, da blieb nichts übrig, als seinen Hang zum Liederlichen, zur Unordnung, zum Schlendrian oder zur Unverbindlichkeit hinzunehmen oder ihn sich vom Leibe zu halten.
Die seelischen Störungen und Verstörungen sind gravierend hinsichtlich der Entstehung von Missverständnissen, wenn der offensichtlich vorliegende und gut abgegrenzte Gegenstand der Rede verkannt und falsch benannt oder seine Existenz in Abrede gestellt wird, wenn die Absicht des anderen abgeleugnet oder missdeutet wird und seine explizit gemachte oder implizit deutliche Erwartung willentlich oder zwanghaft enttäuscht wird, die jetzt relevante Situation des Redens und Tuns verwechselt oder mit einer anderen traumatisch an die Tür des Bewusstseins klopfenden überformt wird, wenn du schließlich deine wahre Absicht aus Scham und Furcht oder böser Lust, dein Gegenüber zu verwirren und zu quälen, so im Unklaren, Nebelhaften und Vagen belässt, dass es sie unmöglich verstehen und erraten kann oder gänzlich in die Irre und hinters Licht geführt wird.
Gute und schlechte Gefühle, abstrakte Gegenstände der Rede, wie wir wissen, gutes oder schlechtes Selbstgefühl können verkannt, falsch benannt oder verleugnet werden. Du sagst nicht „Ich fühle mich nicht gut, wenn du so etwas sagst oder tust“, sondern willst der unangenehmen Situation aus dem Wege gehen, indem du sagst „Es ist schön geworden, gehen wir spazieren!“. Du sagst nicht „Es tut mir leid, dass ich das getan habe“, sondern aus falscher Scham und Angst um deine Profilierung sagst du etwa „Qui sera, sera, lass uns nicht alte Wunden wieder aufreißen“. Am ärgsten treibst du es, wenn du schlicht leugnest, das und das gesagt oder getan zu haben. Es in Wahrheit gesagt oder getan zu haben und obendrein in Abrede zu stellen, es gesagt oder getan haben, zählt als doppelter Schuldposten und wird von deinem Gegenüber durch Entzug von Aufmerksamkeit, Achtung oder Liebe doppelt bestraft.
Do ut des ist auch das Gesetz, das den seelischen Haushalt der Erfüllung und Enttäuschung von beidseitigen Erwartungen regelt. Wenn du fortgesetzt die Erwartungen deines Partners nicht erfüllst, sondern sie entweder ignorierst oder sabotierst, wird er dir rechtens über kurz oder lang mit gleicher Münze heimzahlen. Du sagst „Es ist schön geworden, gehen wir spazieren“, während dein Gegenüber erwartet, ihr würdet die aktuelle Situation des Redens und Tuns fortsetzen, wie eine DVD anschauen, Geschichten erzählen, ein Spiel spielen oder intime Zärtlichkeiten austauschen. Es könnte passieren, dass dein feinfühliger Partner spürt, dass du mit deiner Äußerung eine Situation, die dir ungelegen oder gar unangenehm ist, beenden möchtest, ohne es direkt sagen zu wollen oder zu können, indem du es durch die Blume gesprochen andeutest. Während du die Erwartung deines Partners verleugnest, es euch weiterhin zwischen den weichen Kissen gütlich zu tun, könnte auf der anderen Seite dein Partner wiederum deine eigentliche Absicht, der dir ungelegenen oder unangenehmen Situation auszuweichen, verkennen und die von dir geäußerte Absicht, spazieren zu gehen, für bare Münze nehmen.
Wenn einer Aufmerksamkeit und Achtung, Hinwendung und Zuneigung ohne ein gerüttelt Maß aversiver Giftstoffe nicht freisetzen und zum Ausdruck geben kann oder umgekehrt eine aversive Grundhaltung zwanghaft mit attrahierenden oder erotischen Feinstoffen versetzen muss, sprechen wir von einer neurotischen Verbiegung der Persönlichkeit, die sich in der Redesituation durch Zweideutigkeit und ironische oder zynische Färbung des Geäußerten kundtut. Wenn du die zärtliche Geste des anderen gleichsam gähnend annimmst oder als Vorgesetzte den verhassten Kollegen zurechtweist und gleichzeitig den obersten Knopf deiner Bluse aufknöpfst, wenn du das geneigte Ohr deines Gegenüber mit Schmeichelworten streichelst und gleich danach mit Bösartigkeiten ätzt oder das scheue Gemüt deines Liebhabers mit obszönen Anekdoten von Abenteuern mit anderen gleichzeitig stimulierst und kastrierst, wirst du keine der Absichten, die du mit deinem Reden und Tun verknüpfst, wahr machen, weil sie sich in die Quere kommen, gegenseitig auslöschen oder neutralisieren.
Liebesleute sollten durch geheime Abreden, vertrauliche Abmachungen oder öffentliche Kundgabe die Situation ihres Redens und Tuns deklarieren, definieren und postulieren, auf dass nicht der eine denkt, es handle sich um Freundschaft, während der andere sich in Leidenschaft verzehrt, oder der eine meint, es handle sich um ein süßes Abenteuer, während der andere auf treue Bindung aus Liebe setzt. Wenn aber einer die deklarierte, definierte und postulierte Situation gemeinsamen Redens und Tuns durch Wiederholung einer traumatischen Situation der Vergangenheit wider Willen oder mit einer willensmäßiger Eigenmacht entzogenen Absicht überformen muss, wird er nicht umhin können, sein Gegenüber zu verletzen oder es so herauszufordern, dass sein kranker Wunsch, verletzt zu werden, in Erfüllung geht.
Einer verhehlt seine wahre Absicht aus Scham oder Furcht, wenn ihm der direkte Ausdruck und die ungescheute Verwirklichung der Absicht peinlich sind. Du engst deine Absicht, Intimität mit deinem Gegenüber aufzubauen und ihm näher zu kommen, auf die sexuelle Variante ein und redest ohne Scheu oder schlüpfrig daher, weil du dich deiner Gefühle und deiner Herzensneigung schämst und befürchtest, sie ungescheut deinem Gegenüber zu Füßen zu legen, könnte auf Ablehnung stoßen und dich verletzen. Damit verhehlst du nicht nur deine wahren Absichten, sondern verwirrst den anderen, indem du dich irritiert, nervös und gereizt zeigst, wenn er tut, was du zu erwarten vorgibst, nämlich auch seinerseits die Intimität des Gefühls abzubinden und fortzuscheuchen. So führst du dein Gegenüber durch Zweischneidigkeiten und Zweideutigkeiten hinters Licht und in die Irre, allwo er eines Tages auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird.
Er sprach mit seinem Knie
Bethmannpark, Frankfurt am Main
Da tätschelte wer eines seiner Knie
und umfasste sanft die Scheibe
wie mit feingespreitzten Fingern
des Busens volles Maß der Plastiker.
Sprach ihm zu das Hätschelknie:
„Heute haben wir wieder einander gute Dienste getan.
Mensch, lege dich zur Ruh,
dein Knie bleibt wach!“
Sprach der Arbeitsmann auf der Parkbank
in gestreiftem Flanellhemd und blauer Jeans,
mit Schiebermütze und biegsamen Lederschuhen,
in die Hosentasche gerollt die Zeitung,
der Allerweltsmeinung stumpfes Schwert:
„Mein liebes Knie, du schweige still
am Ende dieses Tags voll Schufterei,
was wärst du denn ohne meinen Herrschersinn,
der ins Weite blickt,
in ferne Ziele überm Horizont,
an die du brav mich führen darfst,
doch ohne meinen Weitblick nie gelangst.“
Sprach das geknickte Knie:
„Würd ich ob deiner schnöden Rede
mich entzünden, kämst du nicht mehr weit,
zögest nach das krumme Bein,
schlepptest hin dein maledeites Sein!“
Sprach der Mützenmann missvergnügt zu seinem Fuß:
„Du füßelst hündisch-wulstiglich mir zu,
mein starker Fuß, tapfer durch die Straßen
dieser bösen Welt trägst du mich frag- und arglos,
du bist meine Hundefuß,
ich schick dir meinen Küssegruß.“
Sprach sinnig drauf der erstgeliebte rechte Fuß
zum Arbeitsmännlein mit der rauhen Werktagshand:
„Mich küssen tätst du nie und nimmer,
so krumm du bist,
so tief krümmst du dich nicht im Traum!
Hab schnell mal acht:
Wenn ich dereinst der Welt und ihrem bösen Drang entsage,
mich ganz verklumpe und verkloße,
und mag nicht mehr das Weite suchen,
weil das gefundene Weite ist so eng –
dann wirf die Mütze hin,
entlass das schorfe Knie
und leg klumpfüßig dich ins faule Bett
der Träumer, Dichter, Sänger –
lieblich-geheimer Quell all deiner Kunst
seien dir die scharfen Bisse meiner Gicht!“
Da schaut der bitterlich verdutzte Kappenmann
mit dunkler Sehnsucht auf die linke Hand
und mit der rechten klopft er ihr
zart auf die holde Maus,
als wolle er sie wecken:
„O traute Fühlungshand, erhebe dich und zeige mir
den Weg aus diesem Labyrinth
hundsföttischen Zwiegesprächs!“
Da hebt die Knorrenhand des Arbeitsmanns
sich träumerisch empor und fächelt
weich die Luft und winkt und winkt –
der alte Mann steht von der Parkbank auf.
Erleichtert eilt er auf den lieben Freund jetzt zu,
auf den er hier gewartet hat.
Pavor nocturnus
Wie die kahle Stelle der Haut,
abgeschabt von einem Riemen zu großer Last –
oder der Ödfleck,
wo Schlick sickert und nichts mehr wachsen mag,
schneelippige Nesseln bloß …
Blauschwarzer Firn der Stille!
An solcher Stelle schreckst du hoch,
ein Nachtgespenst ohne Linnen,
bist halb wach, halb tot.
Und bist nicht du,
bist dir entschlüpft
wie der Dotter der Schale,
und ist kein Gefäß,
das dich auffinge.
Als würde der Klöppel
sich seiner Einsamkeit bewusst,
da er aus dem Schoß seiner Glocke
ins Ungehaltene stürzt.
Als verhauchte mit der Wärme
eines Abschiedskusses,
mit der fremden Wärme auf den Lippen,
die Hoffnung jeder Wiederkehr.
Als schmölze unterm tausendäugigen Liebesblick
einer Spinne, die von der Wand fällt,
und ist schon tot,
dein zartdünnes Eisblumengesicht dahin …
Philosophieren XXXI
Du glaubst, den Schlägersänger heute Mittag wiedererkannt zu haben, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow hast auftreten sehen. Du bist dir sicher, jener Typ, den du heute auf der Straße gesehen hast, muss derselbe sein, an den du dich gut erinnern kannst. Hast du etwa, um diese Behauptung aufstellen zu können, das aktuelle Bild, das du auf der Straße von dem Mann aufgeschnappt hast, mit dem älteren Bild, das in deinem Gedächtnis gespeichert ist, verglichen und Punkt für Punkt abgeglichen oder wie eine Skizze auf Transparentpapier das aktuelle Bild über das bestehende Bild gelegt, um dich der Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung beider versichern zu können?
Du kannst den wiedergesehenen Schlagersänger im strengen Sinne nur dann als denselben wie den Mann auf deinem Erinnerungsbild ansprechen, wenn die Identität der beiden Bilder vollständig wäre und Detail mit Detail von der Anzahl und Lage der Kopfhaare bis zur Feinstruktur der Augenfältchen kongruierte. Du wirst demgemäß immer wieder ein Fehlersignal von deiner Gedächtnisfunktion erhalten, wenn du gleichgültig welches aktuelle Sehbild mit einem älteren im Gedächtnis abgespeicherten desselben Gegenstandes vergleichst, um die Identität der abgebildeten Bildinformationen zu ermitteln. Körperliche Entitäten bewegen sich durch die Raum-Zeit und sind vielen Faktoren der Beeinflussung und Veränderung interner Natur wie dem Altern oder Krankheitsprozessen und externer Natur wie den Folgen von Haarfärbeaktionen und anderen kosmetischen Eingriffen oder Unfällen ausgesetzt.
Wir müssen also bei der Anwendung des Adjektivs für die Identität auf einen Gegenstand der Raum-Zeit etwas anderes im Sinne haben als bei der Anwendung des Identitätsbegriffs auf abstrakte Entitäten wie Zahlen, Buchstaben oder artikulierte Sprachlaute. Egal welche Sauklaue dem geplagten Deutschlehrer bei der Lektüre der Hausaufgaben vor Augen flirrt, ihm wird auch bei schlechter Lesbarkeit der Unterschied der Buchstaben m und l nicht entgehen. Ebenso wenig, dass Schüler Klaus den Buchstaben g nur so hingeschmiert hat, während Schülerin Claudia denselben Buchstaben in Schönschrift hingemalt hat. Wir sagen, der Lehrer erkennt und identifiziert den Typus (Type) des Buchstabens g am Token seiner konkreten Realisierung.
Der Japaner gibt sich viel Mühe, seinen Vortrag über japanisches Recht auf Deutsch vom Blatt abzulesen. Auch wenn du dich zunächst daran gewöhnen musst, dass in seinem Artikulationsspektrum uns unentbehrlich dünkende Laute wie r nicht vorkommen, kannst du den Mangel bald kompensieren und dem Geäußerten einen gewissen Sinn abgewinnen. Dasselbe gilt im Falle des neuen Nachbarn, dem du nicht unhöflich kommen solltest, nur weil er erheblich nuschelt: Gib dir Mühe und du verstehst ihn. Auch in diesen Fällen bist du in der Lage, den gemeinten Lauttypus gleichsam hinter seiner aktuellen Realisierung durch den Sprecher, das heißt dem Token der aktuellen Lautbildung, einigermaßen zu identifizieren, obwohl diese ihn mit einer Menge Geräusch oder akustischer Fehlinformation verschmutzt.
Klein Hänschen krakelt sein 1 mal 1 mit Buntstift aufs Blatt, der Mathematikstudent bedient sich des neuesten digitalen Taschenrechners mit leichter Hand, während er gleichzeitig der Vorlesung lauscht. Trotz der ziemlich unterschiedlichen Form und Art der Realisierung, handelt es sich im Prinzip in beiden Fällen um das Vorkommen derselben natürlichen Zahlen: Einige Typen der natürlichen Zahlen werden hier so und dort anders realisiert. Heißt dass, die Zahlen an sich schauen als erdentrückte Wesen aus einem reinen Himmel geistiger Wesenheiten auf uns herab, während wir uns bemühen, ihrer abstrakten Natur durch immer präzisere Verfahren der Abbildung gerecht zu werden? Keineswegs. Denn es gibt kein abstraktes Wesen der Zahl, genauso wenig wie abstrakte oder ideale Sprachlaute, die zu realisieren wir als hehres Ideal eigentlich anstreben müssten, um uns endlich ohne sinnbedrohenden Geräuschanteil ausdrücken zu können. Versuche einmal, einen deutschen Satz mittels Verlautbarung reiner Lauttypen zu bilden! Da versagt dir die Stimme.
Es genügt für unseren Hausgebrauch anzunehmen, dass wir das abstrakte Wesen oder den Typus der Zahl auch mit mehr Bodenhaftung erreichen, wenn wir sagen: Wir nehmen immer wieder dieselben Verfahren des Zählens und Rechnens mit Entitäten vor, die wir Zahlen nennen. Dabei ist es gleichgültig, wie wir uns Zahlen vorstellen oder realisieren, ob mit römischen oder arabischen Ziffern, mit den digitalen Elementen 1 und 0 oder mit grafischen Formen wie einem Punkt und einer Klammer. Du sagst „1“ und meinst damit: „Ich habe jetzt 1 gezählt“ oder „Ich habe jetzt die Grundeinheit unseres Zählens und Rechnens einmal genannt, präsentiert, gezählt“. Wenn ich aufzähle „1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9“, könntest du sagen, ich habe die Reihe der natürlichen Zahlen in aufsteigender Größenordnung hergezählt, die ich durch folgendes Verfahren konstruiere: Ich nehme die Grundeinheit und füge ihr eine weitere Einheit hinzu, mit der so gebildeten Zahl 2 mache ich DASSELBE usw.
Was für Zahlen, Buchstaben und Sprachlaute gilt, dass wir ihren Typus jeweils mehr oder weniger gut mittels eines Token verwirklichen, gilt nicht bei den Gegenständen der Raum-Zeit oder den Körpern. Über dir schwebt kein Idealbild deiner Person in einem Himmel idealer Gegenstände wie Bäume, Enten oder Kaffeetassen, an denen wir die realen Gegenstände des Alltags in ihrem Sosein allererst bestimmen und identifizieren könnten. Wir sind uns neulich begegnet und du hast mich gleich wiedererkannt, obwohl doch einige Jahre seit unserem letzten Treffen vergangen sind. Du hast nicht etwa verdutzt dreingeschaut und zu dir gesagt: „Also mit diesen grauen Haaren und den Falten um die Augen entspricht er zwar nicht dem Idealbild, das ich von ihm hatte, als wir damals so lebhafte Diskussionen geführt hatten, und dennoch ist er derselbe Kerl.“ Das wäre seltsam und lächerlich!
Wir können die Identität von materiellen Körpern, die sich vom Zeitpunkt ihrer natürlichen Entstehung und ihrer Herstellung oder ihrer Erzeugung und Geburt bis zum Zeitpunkt ihrer Vernichtung, ihrer Zerstörung oder ihres Todes in der Raum-Zeit von A nach B fortbewegen, und damit die Semantik des Gebrauchs von „derselbe“ empirisch festlegen. Und weil alle Personen wie du und ich verkörpert sind, damit auch die Bedeutung des Ausdrucks festlegen „dieselbe Person hier und jetzt, die ich vor ein paar Wochen an jenem Ort gesehen habe“. Damit kommen wir Sinn und Zweck dessen auf die Spur, was wir tun, wenn wir das Adjektiv „derselbe“ auf diesen hier befindlichen augenblicklich wahrgenommenen Gegenstand anwenden, den wir dort zu jenem Zeitpunkt wahrgenommen hatten.
Um die Identitätsvoraussetzungen von Körpern und Personen bei ihrem Weg durch die Raum-Zeit zu klären und festzulegen, verwenden wir das kartesische Koordinatensystem mit den drei Raumachsen x, y, z und ergänzen es um die zusätzliche Dimension t, die wir mittels eines jeweiligen Vektors an dem Punkt darstellen, der unseren Gegenstand in der Raum-Zeit repräsentiert: Wir verfolgen so, wie der Gegenstand von den Koordinaten 2-4-4 zu den Koordinaten 4-8-8 seines neuen Standortes wechselt. Wir setzen dabei voraus, dass der Positionswechsel durch Anlegen des determinierenden Vektors zustande kam. Dabei sollte uns der Gegenstand nicht entwischen, auch wenn wir in diesem Falle mittels diskreter Einzelschritte und Schrittfolgen gleichsam kleine Zeitsprünge machen müssen. Mit der Anwendung von Integral- und Differentialfunktionen, die uns die kontinuierliche Abfolge in der Zeit darstellbar machen, können wir das Manko ausbügeln.
Eine technische Methode oder vielmehr ein technisches Modell, das uns die Möglichkeit der empirischen Festlegung der Bedeutung von „derselbe“ bei der Anwendung auf Körper und Personen vor Augen rückt, bestünde in ihrer jeweiligen Ausstattung mit einem kleinen Sender, der uns zu jedem Zeitpunkt und für jeden Aufenthaltsort die GPS-Daten und damit das vollständige Kontinuum seiner Bewegungen von seinem ersten erfreulichen Weltauftritt bis zu seiner mehr oder weniger starren Endstation beziehungsweise seinem letzten Seufzer und seiner eher unerfreulichen Endstation übermittelt.
Unsere Überlegungen kommen zu dem Ergebnis, dass und weshalb die Veränderungen der materiellen Beschaffenheit des Körpers und der Person aufgrund interner oder externer Einflüsse und Ursachen wie Altern und Krankheitsprozessen oder kosmetischer Eingriffe und Unfällen für die korrekte Anwendung des Begriffs „derselbe“ keinerlei Relevanz haben: Auch der zerbrochene Teller ist derselbe wie der gerade noch ganze Teller und der tote Hund ist derselbe, der dich vielleicht eben noch umschwänzelt hat.
Du kannst dir also auf der Grundlage alltags- und tagestauglicher Methoden niemals vollständig sicher sein, dass jener Typ, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow als Schlagersänger hast auftreten sehen, derselbe ist wie der, den du heute Mittag auf der Straße gesehen zu haben glaubst. Sicherheit und Gewissheit erlangtest du nur, wenn du die eben besprochenen Bedingungen zur empirischen Festlegung und Bestimmung der Identität von Körpern und Personen auf diesen Fall hättest anwenden und auf diese Weise das Kontinuum der Bewegungen des Schlagersängers durch Raum und Zeit hättest abbilden können, angefangen von seinem Verlassen der Bühne des Fernsehsenders vor drei Wochen bis zum Augenblick heute Mittag, als du ihn wiederzuerkennen glaubtest. Aber das ist im normalen Falle nicht möglich! So sind wir also darauf abgestellt und darauf verwiesen, unserem anfälligen Gedächtnis, unseren verwackelten Wahrnehmungen und schlichten Intuitionen zu vertrauen – und meisten ist es ja noch mal gut gegangen!
Den strengen und harten Sinn von Identität in den weichen Übergängen unseres alltäglichen Sehens und Handelns zu befolgen, übersteigt unsere normalsterblichen Fähigkeiten. Begnügen wir uns mit dem unsicheren Begriff der Analogie und lassen wir uns durch die Tatsache nicht ins Bockshorn jagen und beunruhigen, dass wir immer wieder liebend gerne ähnliche Körper und Personen sehen und vergleichen, ja so verflixt ähnliche, dass wir sie gerne als dieselben behandeln und begrüßen.
Du sei der Kelch
Du sei der Kelch,
nächtlicher Erde entsprossen,
mütterlicher Klage
dich schmerzlich entwindend.
Dich sprechen Gebete,
des Willens Gefäße durchpulsend,
tastend empor.
Die Wölbung der Mitte,
dämmernd zwischen Hoffnung und Angst,
wie Blut umfließt sie nun Wärme.
Von Küssen heimlichen Atems gerötet
sind Blüten ein leise bebendes Warten,
gefalteter Hände huldvoller Schoß.
Bald wird dich wecken, dich öffnen
für das Glück dich füllender Tränen
der Segen herbstlichen Lichts.
Zu Asche geküsst
Als schmecktest du Aber- und Unkunft,
als schmecktest Asche du auf der Zunge
bei diesem in die Honigwabe der Liebe
geschobenen Kuss.
Als wäre das Bild, das dir Zartsinn beleuchtet,
deiner Liebe beweintes Bild,
jäh beschattet von Aschewolken,
tödlich besamt von aschenen Pollen.
Als wäre das Wort sanft erglommener Neigung,
das in trunkener Hoffnungen Kelch du getaucht,
ein falscher Weihrauch,
jäh verrußt in den toten Flocken
grauer Taub- und Fühllosigkeit.
Als wäre das Siegel des Herzens,
das dich geadelt,
das geadelt die reine Geste liebkosender Hand,
als ein Wundmal entbrannt.
Als hätten Flammenzungen
die zartgemaserte Urschrift
feierlichen Gelübdes
zu Asche geküsst.
Wie ist die Welt so still
Wie ist die Welt so still
hinter all dem Quasseln und Prasseln,
hinter all dem Prusten und Husten.
Wie ist die Welt so still
über all dem Säuseln und Kräuseln,
über all dem Tropfen und Klopfen.
Wie ist die Welt so still,
weil du nicht da bist,
weil du fern bist,
weil du fehlst.
Wie ist die Welt so klein
bei all dem Treiben und Leiben,
bei all dem Mehren und Sehren.
Wie ist die Welt so klein
trotz all dem Stauen und Bauen,
trotz all dem Klotzen und Protzen.
Wie ist die Welt so klein
ohne dich.
So klein wie die Träne,
die mir unversehens entquillt,
wenn ich denke an …
Philosophieren XXX
Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der ganzen Zahl, der du ebenfalls ein Minusvorzeichen verpasst, und weil sie schon im Besitz eines solchen ist, überführst du sie demgemäß als positive Zahl auf die rechte Seite der Gleichung. Jetzt bleiben dir links 4x übrig und schon hast du mittels Division durch 4 das Endergebnis.
Ausgerechnet in dem Moment, als du glücklich die Zahl dem Lehrer zurufen willst, löst sich die vermaledeite Spange in deinem vollen Haarschopf und dein Gesicht ist augenblicks von Haaren verdeckt und du rufst verärgert: „Verflixte Dreizehn!“ Was ist hier passiert? Hast du nun die richtige Lösung genannt und ausgerufen, auch wenn du ein ärgerliches „verflixt“ davorgesetzt hast? Denn die richtige Lösung ist ja die Zahl 13.
Du hast die richtige Zahl genannt und doch hast du nicht das Wahre geäußert. Du hattest wohl die Absicht, das Wahre zu äußeren, doch dann kam dir der bekannte Ausdruck des Ärgers über die Lippen, der dir reflexhaft im Affekt dazwischenfunkte. Du hättest dir mit dem Ausruf auch einen Scherz erlauben können und damit hättest du das Wahre gesagt, denn dann hättest du die Absicht gehabt, das Wahre, eingekleidet in Scherzform, zu sagen.
Wenn wir eine wahre Aussage machen, müssen wir die Absicht haben, eine wahre Aussage zu machen. Haben wir nicht diese Absicht, sondern eine andere oder gar keine, sagen wir nicht das Wahre. Leider geht es nicht umgekehrt: Um das Wahre zu sagen, genügt es nicht, die Absicht zu haben, es zu sagen. Sonst wäre dem Schüler in der Klausur, der brütend auf die Gleichung mit zwei Unbekannten stiert, schnell geholfen.
Wenn wir das Wahre sagen, ohne zu wissen, wie wir darauf gekommen sind, und ohne die Gründe auflisten zu können, die uns berechtigen, es zu sagen, raten wir. Wie wenn du bei der genannten Gleichung nicht nachgerechnet hättest, sondern blindlings „13“ ausgerufen hättest. Damit hättest du zufällig das Wahre getroffen, aber nicht aus Gründen.
Solltest du genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel ein Thermometer an der Wand oder eine Uhr am Arm, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach der momentanen Zimmertemperatur oder der Zeit das Wahre sagen zu können, brauchst du nur die Einschränkungen „unter normalen Bedingungen“ und „bei voller Funktionsfähigkeit des verwendeten Messinstruments“ hinzufügen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn das Thermometer könnte beschädigt sein und die Uhr auf osteuropäische Zeit kalibriert sein. Nicht auszudenken, wenn wir in einem Raumschiff mit einer Geschwindigkeit nahe c durchs All flögen!
Solltest du hingegen genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel eine eingerissene Eintrittskarte für den Nachtclub und Lippenstiftflecke auf deinem Unterhemd, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach deiner Abendunterhaltung am gestrigen Tag das Wahre sagen zu können, und weil deine Freundin oder Frau es dich fragt, sagst du trotz besseren Wissens das Wahre nicht, lügst du.
Lügen setzt das Wissen um den wahren Sachverhalt ebenso voraus wie Raten das Nichtwissen um eben diesen Sachverhalt. Vom Lügen gilt wie vom Sagen der Wahrheit, dass du die Absicht haben musst, zu lügen, um wirklich zu lügen. Wenn du auf die Frage deiner Freundin nach deinen Abendvergnügungen das Wahre damit zu sagen glaubst, dass du bei einem Freund zu Besuch gewesen seist und mit ihm Schach gespielt habest, lügst du nicht, wenn du von diesem unzutreffenden Sachverhalt auf Grund einer geistigen Erkrankung glaubst, es sei der wahre Sachverhalt. In diesem Falle sagst du weder die Wahrheit noch lügst du das Unwahre, sondern du irrst dich.
Sich zu irren und irrtümlich das Unwahre zu behaupten setzt durchaus die Absicht voraus, das Wahre zu sagen: Nur bist du aufgrund einer Täuschung, einer falschen Information oder einer Wahnerkrankung daran gehindert, diese redliche Absicht in die Tat umsetzen zu können. So viele Gründe, das Wahre zu behaupten, so viele Gründe, sich zu irren. Die Sonne blendet dich kurzsichtigen Menschen und du liest die falsche Ziffer vom Thermometer ab. Du hast versehentlich die Uhr verkehrt herum angelegt und liest, weil du nach der aktuellen Zeit gefragt wurdest, statt 14 Uhr 45 die falsche Zeitangabe 8 Uhr 15 oder 20 Uhr 15 ab. Weil der Passant, der keine deutschen Touristen mag, dich auf den Arm nehmen wollte, nachdem du ihn nach dem Weg zur Kathedrale in der fremden Stadt gefragt hattest, und dich in die falsche Richtung schickte, wirst du wider Willen dasselbe tun, solltest du deinerseits gleich anschließend von einem Touristen mit dieser Frage festgehalten werden. Du belügst den Touristen nicht noch willst du ihn mit Absicht in die Irre führen. Weil du selbst einer falschen Information aufgesessen bist, erweist du dich als miserablen Informanten.
Hier bemerkst du die Bedeutung der Zuverlässigkeit der Informationsquelle für die Stichhaltigkeit deiner Begründungen, die du auf die Frage anführst, ob du denn das Wahre sagst. Informanten gelten uns als einigermaßen verlässliche Wahrheitszeugen, wenn sie Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens waren, um das es geht. Wenn du selbst gesehen hast, dass und wie der bekannte Schlagersänger seine Freundin auf offener Straße auf brutale Weise geohrfeigt hat, bist du bei einer staatsanwaltlichen oder richterlichen Vorladung der richtige Mann. Wenn du aber nur glaubst, den Schauspieler erkannt zu haben, dir letztlich aber nicht sicher bist, dann nicht und du solltest schweigen.
Wir kennen die Bedeutung der Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Quellen als ein zentrales Methodenproblem der historischen Forschung. Um wahre Aussagen über die Kirchenpolitik Karls des Großen machen zu können, müssen das Siegel auf der Schenkungsurkunde für die Gründung eines neuen Klosters auf seine Echtheit überprüft, die Handschrift als zeitgemäß und identisch mit derjenigen anderer Manuskripte derselben Zeit aus dem Umkreis des Hofs zu Aachen identifiziert und, um eine Fälschung zugunsten des Ordens auszuschließen, die Urkunde mit anderen Dokumenten derselben Zeit oder späterer Epochen verglichen werden, die die Klosteranlage als eben diese Schenkung Karls des Großen bezeugen.
Wie, dieses grauenhafte Verbrechen geschah erst vor drei Jahren? Und du dachtest, es wäre viel länger her. Habe ich den seltsamen Mann nach längerer Zeit vor vier oder fünf Tagen zufällig auf der Straße wiedergesehen? Und die frühen Erlebnisse deiner Kindheit, besteht bei ihnen noch Hoffnung auf wahrheitsgemäße Erinnerung und untrügliche Zeugenschaft? Wohl kaum. Oder erinnerst du dich noch an die Farbe und das Muster der Kacheln im Flur in Großmutters altem Bauernhaus, auf denen du als kleines Kind herumgerutscht bist, auf denen du Klötzchen hin- und hergeschoben und die du mit Kreide bemalt hast? Und welche Augenfarbe hatte dein Großvater?
Erinnerung trügt. Hier hilft nur die dokumentarische Aufzeichnung mittels Papier und Bleistift, Tastatur und Laptop, eigenhändiger Skizze oder besser noch Foto- und Filmdokumenten. Ein Foto des Schauspielers in flagranti oder eine Filmsequenz auf deinem Smartphone, und die Sache ist spruchreif. Mit Tagebüchern wiederum sind wir vorsichtig: Die meisten legen Goldgrund hinter die ärmlichen Kulissen trivialer Ereignisse oder behauchen anämischen Stillstand mit dem Rosarot romantisch aufgewühlter Erlebnisse. Ein schulisches oder berufliches Versagen wird als Versehen bemäntelt und schlechter Witterung, schlechtem Gesundheitszustand oder gleich dem bösen Willen von Lehrer und Vorgesetztem in die Schuhe geschoben. Es gibt auch säuerliche Zeitgenossen, die den Teer ihrer schäbigen Erlebnisse als Negativkitsch zum Kochen bringen. Masochistische Wundenlecker zeihen sich seitenlang übler Vergehen, die zu begehen sie viel zu feige sind, oder bezichtigen sich kapitelweise ehrloser Taten, die sie aus Filmen oder Comics aufgeschnappt haben.
Die Täter großer Taten sehen sich gerne mittels selbst errichteter Monumente zur Ehre geschichtlicher Größe erhoben. Skeptisch geworden angesichts all der triumphalen Gesten, die uns von Podesten, Säulen und Bögen herabwinken und entgegenjubeln, vermuten wir auch in klassischen Berichten wie den Res Gestae des Augustus, dem Bellum Gallicum Caesars oder den Annalen des Tacitus die Tendenz zu Beschönigung und Heroisierung oder zu krittelnder Verdüsterung und rankünebeladenen Schattenspielen. Deshalb müssen wir tiefer graben und mit neuen Methoden und Instrumenten anderer Wissenschaften wie der Archäologie unsere Wissensbasis verbreitern. Dann finden wir in der Erbfeindin des Augustus, der letzten ägyptischen Pharaonin Kleopatra, das neue Bild einer entscheidungsklugen Herrscherin, anstelle der Barbarisierung der Kelten durch Caesar erschließen wir in der frühen keltischen Keramik den Beweis des Handels mit den Ländern des nahen Ostens und einer erstaunlichen Höhe der zivilen Kultur und anstelle des hasenfüßigen, eitlen und karikaturhaften Tiberius bei Tacitus die lichteren Züge eines gebildeten Souveräns.
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