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Dez 5 13

Argumentum e contrario

Statt deinem Nächsten Rosen
ins Gesicht zu halten,
zieh ihm lieber die Ohren lang,
auf dass er hellhörig werde!

Du bist in der Welt
und die Welt ist in dir.

Du bist die Welt.

Die Urgründe, die Wurzeln, die Elemente,
die Zahlen, Algorithmen, Strukturen –

die ganze Physik und Kosmologie,
die Chemie und Biologie,
die Mathematik und Logik,
verkörpert, präsent, verdichtet
in dir.

Alles ist akkurat am Leitfaden
des Urfadens entwickelt, verstofflicht,
symmetrisch ausgeformt:
Hirn und Augen, Ohren und Glieder,
Becken und Rippen, Nieren und Lunge,
Hoden und Eierstöcke –
alles im Doppelpack.

Damit du ihn nicht zu voll nimmst
und nicht mit dem einen Maul lästerst,
was du mit dem anderen lobhudelst,
gibt’s nur einen Mund.

Alles ist perfekt
synthetisiert,
akkumuliert,
koordiniert,
synchronisiert.

Die Uhren sind in dir, solang sie ticken,
gut vertaktet.
Alle Sinne und Organe besprechen sich ständig
über die Knäuel und Fasern der Nerven.

Du bist das Einmaleins,
die Quintessenz,
das Kondensat
des Kosmos.

Du bist ein kurzweiliger Essay,
eine gut geschürzte Novelle,
ein doppelsichtiges Poem,
eine kitzlige Kriminalgeschichte,
ein langatmiger Krankenbericht,
eine fatale Pointe
auf das Leben und die Welt.

Wenn du beim amüsanten Reigen der „Stillen Post“
deinem Nachbarn ständig das verstopfte Ohr hinhältst,
staut sich bald der Fluss des Spiels –
mit der Heiterkeit ist es vorbei.

Je komplexer und perfekter eine Welt:
umso fieser hageltʼs Kleckse, Fehler, Patzer.

Du schriebest eine Stunde hastig ein Diktat –
und alle Zeilen blieben lupenrein?

Wundere dich also nicht,
machʼs dir klar mit dem argumentum e contrario:

Wie sollte ein Wolkenkratzer in Japan
durch ein Erdbeben nicht ins Wanken geraten?

Wie sollte ein feinverästelter, feinvernetzter Organismus
wie der deine nicht anfällig sein
für Karzinome und Psychosen –
oder auch heiße Mordimpulse,
wenn der Nachbar rumpelt
und dein Liebster dich scheel anschaut
bei der Umarmung?

Ergo: Leibniz hatte recht.
Quod erat demonstrandum.

 

Dez 4 13

Dir die Welt

Die Waldmaus, der Marder
oder ein streunender Hund,
der seine Schnauze gierig unters Gras schiebt –
sie werden angeflogen und angedockt von Samen
in Fäden und Fiedern,
in Bällchen und Knäueln,
die krallen und kleben
wie die harzig-stachligen Kugeln der Kletten,
mit denen wir als Kinder uns neckten –
irgendwann fallen sie ab, gleiten sie nieder,
irgendwo werden sie abgestreift.

Dann braucht es nur wenige Krumen und Regen
oder ein nährender Tau
für die Ballung,
für die Entladung
leuchtender, duftender, nächtlich flüsternder Schönheit.

So magst du Jahre verdösen,
von der Schicksalskatze huckepack verschleppt,
hockst du in dunkelster Kapsel,
oder von einem dummen August,
einem schönen-schnöden Kobold geschubst,
taumelst du, stolperst jahrelang an Häusern vorbei,
an Gärten und Städten, an Menschen, Gesichtern,
deren Mund sich fischmäulig auftut und schließt,
und du siehst nichts, hörst nicht, verstehst nichts –
stolperst jahrelang an den Zeilen dicker Wälzer entlang,
und du tickst es nicht,
bist blöde und stumm.

Dann fällt mit einem Mal Regen,
und es scheint dir, die Tropfen platzen
und knallen direkt auf das fette Seerosenblatt
da in dir drin –

oder du hörst deinen Namen rufen
und drehst dich um,
und es ist das Rauschen im alten Birnbaum
oder in der Heizung,
das aus den Riffen Ozeaniens zu dir aufsteigt,
oder ein Klirren angestoßener Gläser,
und es zerbricht in dir wie hauchdünnes Eis.

Du gehst in all dies ein,
in das Platzen und Rauschen und Knacken,
wie die Hummel kriecht in ihr Erdloch.

Es braucht nicht viel, dich zu wecken,
bloß diesen Klacks, einen Husch, einen Tusch –
und die Nervenrose springt auf
und der Wille zuckt aus dem Schlaf.

Hellhörig, hellsehend, hellfühlend
weidest du auf dem liebsten Gesicht,
trinkst die Töne vom Mund –

noch schwankst und ächzt du mit dem Birnbaum,
saugst Würze aus dem Südwind,
der hebt dich über die Gärten,
und weiter über die Lichter der Stadt,
weiter, weiter, höher, dort
über die Purpurfeuer des Schnees.

Dez 3 13

Ernstes Lied vom Glücklichsein

… denn Liebe ist Wohltun in Freude …

Dem Glücklichen lächelt das Leben,
winkt mit seinen Glöckchen der Mai,
mit Äpfeln leuchtet Oktober
und Christnacht weckt ihn mit Liedern.

Du, lauf nicht davon,
wenn die Stare im Hinterhof schreien,
die Fenster beschlagen,
der Ofen ausgeht.

Der Glückliche bleibt treu auch im Unglück.

Glücklich zu sein ist hoch überm dunklen Wald des Lebens,
wo die Maus quietscht im Schnabel der Eule,
unser Stern der Verpflichtung,
der glitzert aus offener Nacht
und dableibt,
auch wenn ihn überblendet die Sonne des Alltags,
die dir den Schatten der Muße wegfrisst,
die Sonne des Rechts und des Krieges,
die die schöpfend-schenkende Hand lähmt
und das Fleisch schält von den Knochen.

Das Licht des Sternes verwirrt nicht und wütet nicht –
es ist wie der Kerze milder Schein,
in der einen Hand des Beters gehalten,
zärtlich umhegt von der andern.
So geht er den schweren Weg, den leichten,
durch das dunkle Kirchenschiff,
von der Schwelle bis zur Apsis.

Uns selber gut sein ist höchster Sinn –
du aber verschwindest wieder und wieder
in den Rauchschwaden, die beißen und kränken,
den flüsternden, schreienden Flammen,
die blenden und schmelzen.

Du verschwindest in Nebeln, die dich narren.

Schließe die Augen vor beißender Kränkung
und gönn dir die Träne,
schlüpf in die Haut des Salamanders
und spring durch die Flammen.

Hör mich deinen Namen rufen und komm.

Dez 3 13

Sternenlied

Schleier webt der junge Tag,
Licht erzittert im Haar,
Netz voll silberner Mücken.

Zeit quillt still, wie aus Früchten
Tropfen rinnen
süß und herb.

Kommst du als Windgeist,
der gischtet?

Weckst du mit neckenden Küssen?

Gleitest herab du fiedrig im Strahl,
zu witzeln, zu kitzeln?

Bist du mein Sternenlied,
wenn hoch die Wogen uns heben?

Schleier webt die alte Nacht,
in den Gärtchen der Laguneninseln
goldene Bienen glimmen.

Dez 1 13

Verdinglicht im weißen Schmerz

Wie all das verging –

die Landschaft aus grüner Brandung
und rötlich-blonder Gischt,
über der du im Geschrei der Möwen herabstürztest –

die gefleckte Hand des Vaters,
die unter Ruß, Mörtel, Kalk und Teer
und dem schwarzen Haar der Frau
allmählich zu zittern begann –

der somnambule Singsang der Mutter,
wie sie in das monotone Pochen der Nähmaschine
das malvenfarbene Garn ihrer Mädchenträume spann –

der wehende Vorhang der Schlaflosigkeit,
in dem die Irrlichter zirpten,
wenn ein Mund vor deinem Mund verblasste.

Wie verging all dies.
Wie ist es nah.

Vermischt mit dem Geruch von Muscheln und Salz.

Verwunschen unter dem Gelbstich eines Fotos.

Entrückt im Säuseln der Pappel,
als würde dein Name geflüstert.

Verdinglicht im weißen Schmerz
einer ertrunkenen Rose.

Dez 1 13

Mann, hol die Hacke raus!

Wieder steckt dein Kopf in Schwaden,
wie in feuchten Umschlägen aus Geschwätz,
oder es zirpt dir was,
wie unter der Gaze schwarzer Mücken,
und du fuchtelst wild mit beiden Händen,
dir eine Schneise Licht zu bahnen, eine Aussicht
vom Balkon ins nachbarliche Glück,
wieder ruderst du durch die Luft nach blindem Horizont,
um einen Fetzen Blau zu reißen und zu schlingen –

anstatt zwei, drei Schritt zur Seite auszuweichen
oder still zu bleiben und zu warten,
bis der Kerl mit den lärmenden Kopfhörern aussteigt,
bis die Mücke von der Fensterscheibe fällt,
bis der Himmel sich wölbt,
ziemlich blau und direkt über dir.

Aus dem Humushäufchen, das dir verblieb,
nach dürren Jahren ohne Sabbatbrache,
strecken wie aus vergreister Kinderseele
weiße Würmer augenlose Köpfchen in die Welt.

Mann, hol den Spaten raus und grabe!

In dem schmalen Beet, in das ein Vogel,
eine Waldmaus oder der launische Wind
hin und wieder mal ein Sämlein brachten,
wuchern Distel, Nessel, Hahnenfuß.

Mann, hol die Hacke raus und jäte!

Nov 30 13

Der Kobold und das Mädchen

Es war schon spät und der kleine blonde Kobold immer noch auf den Beinen. Als es dann dämmerte und obendrein sogar nieselte, verzog er das Stupsnäschen und sträubte sein krauses Fell. Seine Beinchen waren so müde – denn er huschte, um den böses Menschentieren nicht ins Auge zu fallen, meist über die Regenrinnen der Dächer und wetzte die Abflussrohre rauf und runter. Und wie er sich jetzt ein letztes Mal ein dunkles Rohr mit seinen winzigen Koboldkrallen hinaufhievte, wurde er in der Mitte unsanft von einer kalten Dusche überrascht.

Als er endlich pudelnass den First des Daches erreicht hatte, war es bereits dunkel geworden. Er schüttelte so gut es ging die Tropfen aus dem Fell und rieb sich mit den zarten Tatzenballen die langen Schnurrhaare glatt. Ja gewiss, der kleine Kobold hatte etwas Katzenhaftes an sich, auch er wedelte, wenn er den abenteuerlichen Geschichten des Großvaters auf dem Sofa kuschelnd lauschte oder unterm Ofen hockte, wo die Großmutter Kuttelsuppe kochte, bedächtig oder aufgeregt mit der Spitze des Schweifs, buschig wie der eines Hasen, in den er sich zum Einschlafen behaglich einmummelte; doch war er kleinwüchsig, von der Größe etwa eines Hamsters, und seine Augen waren eher wie die kullernden Knöpfe der Maus als die hellen Lichter der Katze mit ihren scharfen Linsenspalten.

Jetzt lugte er in den weiten, fernen Abgrund der großen Stadt mit ihrem Gewimmel von Lichtern und Leuchten, den huschenden Scheinwerfern und dort drüben den phantastisch blinkenden Tausendaugen der Hochhäuser, an deren höchstem kleine beleuchtete Aufzüge aus Glas auf- und niedersausten wie weiße Mäuse in heller Panik. Und alles überragend, in der Ferne jenseits des Flusses die schwarze Pracht der Berge und Wälder, und darin verstreut die einsamen Hütten und Dörfer, von denen er vor Tagen aufgebrochen war, um in der Stadt der Menschen seine erste Koboldtat zu verüben.

Da überfloss das kleine Untier ein warmes Goldlicht, das aus dem Dachfenster gleich über ihm drang. Neugierig schlich der Kleine näher und lugte vorsichtig, was sich da wohl abspiele. Er sah ein kleines Mädchen, das gerade den dicken Knuddelbär mit dem ausgestreckten Zeigefinger ausschalt, weil er zu Boden gefallen war. Es legte den Bären auf den Schaukelstuhl neben seinem Kinderbett und deckte ihn liebevoll mit einer sternenübersäten Decke zu. Da durchschoss es das Tierchen: „Das ist das Menschenkind, das mir der Gott der Bolte mit dem goldenen Bart vorherbestimmt hat. Dazu hat mich Großvater oft ermahnt: An ihm soll ich meine erste Koboltiade verüben!“

Während er noch das runde Köpfchen hin- und herwiegend überlegte, wie er in das Zimmer des Mädchen gelangen mochte, sah er, wie eine junge Dame in einem rosa Mantel mit Rüschen den Raum betrat und flugs das Fenster öffnete – rasch barg der Kobold sein Köpfchen unter dem Fensterbrett und hörte, wie die Mutter sprach: „Liebes Sarahherz, es ist Schlafenszeit! Und denk daran, das Fenster nach fünf Minuten zu schließen – nicht dass mir nachts einer der Kobolde hineinschlüpft, von denen du mir erzählt hast!“

Der Kobold passte den Augenblick ab, da Sarahs Mutter verschwunden war, und husch – schon war er in das Zimmer des Mädchens geschlüpft und husch – in die Puppenwiege gehüpft, die er sich als vorläufiges Versteck vor dem Fenster ausgeguckt hatte. Da kroch er nun tief unter die Deckchen und Kissen. Er spitzte wohl die Ohren, doch vernahm er nur Rascheln und leises Kichern oder Summen, das Fenster fiel ins Schloss, es wurde still und Schlummer sank auf den kleinen Unhold.

Ähnlich wie Katzen sind Kobolde von Natur aus reinliche Wesen und pflegen sich einige Male am Tag, vorzüglich nach den Mahlzeiten, gründlich zu putzen: Sie belecken das Fell mit ihrer rauhen Zunge, reiben sich die schwarzen Knopfaugen und das ganze Gesicht mit kreisenden Bewegungen ihrer Pfötchen und striegeln und kämmen den prächtigen Goldschweif mit ihren bläulich schimmernden Krallen. Deshalb verströmen diese possierlichen Zeitgenossen anders als Hunde, Schweine oder Kühe keine üblen Gerüche, an denen man sie leicht erkennen könnte. So lag auch unser Kobold unbesehen und ohne jedes Wölkchen verräterischen Geruchs wohlig und sicher in der Wiege des Mädchens.

Gerade eben war er eingeschlafen, da drang ein Lied an sein Ohr, lieblich von den Lippen des Kindes strömend:

Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all!
Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht

Denn es war spät im Jahr und Weihnachten nahte. Doch davon wusste das Tierchen nichts, nur die süßen Klänge durchfegten und durchfächelten die Schatten seiner unruhigen Träume wie die Winde die zitternden Blätter der Pappel.

Und dem Kobold träumte, es sei ihm auf dem moosigen Waldweg zur Hütte der Großeltern, den er beinahe täglich ging, plötzlich hinter einem hohen Hinkelstein der große Bolten-Gott mit dem goldenen Bart entgegengetreten. Und wie er sich scheu aufgerichtet, den struppigen Schwanz durch die Hinterbeine gezogen und die Spitze des Schweifs brav zwischen die Pfötchen geklemmt hatte, hörte er den bärtigen Alten raunen: „Auf mein Söhnchen, das Herumtollen und die wilden Spiele mit den Freunden haben jetzt ein Ende. Und dir täglich bei der Großmutter das Mäulchen versüßen lassen ebenso. Kehr deinen Weg um und lauf flugs in die Stadt zu den Menschen. Da wirst du einem zarten Menschenkind begegnen, das dein Koboldtum auf die Probe stellen soll. Erst wenn du die Probe bestanden hast, darfst du in den Wald zu deinesgleichen zurückkehren.“

Mit diesen Worten erwachte der kleine Kerl und schaute verdutzt in ein paar leuchtend grüne Augen und fühlte, wie ihm eine liebe Hand durch das Fell im Nacken fuhr.

So wurde dem Kobold die Wiege das Bett und das Zimmer des Mädchen eine neue Bleibe, in die er allabendlich nach seinen Streifzügen, Abenteuern und Neckereien des Tages zurückkehrte. Dann ließ er sich zur hellen Freude der Kleinen dann und wann als Hanswurst, Clown oder Muselmane verkleiden – das Mädchen hat die hübschen Kostüme selbst aus alten Flicken und schimmernden Fetzen aus Seide, Taft und Atlas zusammengenäht, Stoffe, die sie unter Mutters Nähmaschine reichlich finden und aufraffen konnte. Wenn der Kobold auf dem Tisch eine alberne Hanswurstiade aufführte oder als Clown stolperte und über den Tischrand plumpste, wenn er mit strassbesetztem Turban die Pfötchen vor der Brust kreuzte und die Beinchen übereinanderschlug, klatschte das Kind in die Hände und lachte aus vollem Herzen.

Wenige Menschen wissen noch um all das Wunderbare, das sich in der Weihnachtszeit ereignet: So füllen sich Morgen- und Abendtau mit einer gnadenvollen Süße, und wenn die Tiere des Waldes die Tautropfen von den Blättern, Zweigen und Halmen lecken, erlangen sie um diese heilige Zeit die Gabe, mit den Menschen und ganz besonders mit den Kindern zu reden, wenn sie gutherzig angesprochen werden.

Das wusste auch der Kobold, und so beträufelte er emsig seine Zunge mit den kostbaren Tropfen, bevor er abends durch das Abflussrohr auf das Dach zum Fenster des Mädchens kletterte.

Was hatte der Kobold wohl zu erzählen? Natürlich von seinem abenteuerlichen Leben im Wald, der Hütte und dem knisternden Herd der Großeltern, denn die Eltern waren ihm durch einen bösen Übergriff der Jäger entrissen worden, von den Rehen und Hirschen, den Wildschweinen und Bibern, den Eulen und Uhus und den Singvögeln, den Wildkatzen und Waldmäusen, den Auherhähnen und Füchsen, den Wölfen und Luchsen und all den anderen Waldtieren. Aber er wusste auch erstaunliche Dinge von Elfen, Trollen und seinem eigenen Geschlecht, den Kobolden, zu berichten. Doch von dem großen Herrn und Gott der Bolte mit dem goldenen Bart zu erzählen traute er sich vor dem Mädchen nicht.

Das Kind hörte genau zu und in ihm erwachte die Liebe zur geheimnisvollen Schönheit des Waldlebens. Da hieß sie ihren treuen Freund auf dem Bettchen Platz nehmen und begann zu erzählen:

„Es war einmal eine schöne, aber verlassene Frau, die war schwanger und durfte in der Stadt, wo sie lebte, das Kind nicht haben. Da lief sie eines Abends in ihrer Not in den großen Wald, ohne zu wissen, wie ihr dort Hilfe zuteil würde. Es war Schnee gefallen und der Weg, der sich immer weiter in die Höhe schlängelte, war vom Widerschein des Mondes seltsam erleuchtet. Die Frau war schon ganz erschöpft und zog sich keuchend an den Zweigen der jungen Buchen nach oben. Da glaubte sie in der Höhe über ihr ein freundliches Licht glimmen zu sehen. War es ein erleuchtetes Fenster in einer Berghütte, war es ein Stern? Sie wusste es nicht. Da zogen sie die einsetzenden Wehen zu Boden, sie kroch in eine Mulde aus Lehm und begann bitterlich zu weinen. Schließlich verspürte sie keine Schmerzen mehr, sie war ohnmächtig geworden.

Als sie erwachte, lag neben ihr in Blätter gehüllt und auf Stroh gebettet in einem aus Holzsplittern und Rinden und abgebrochenen Zweigen gezimmerten und gedrechselten Krippchen das neugeborene Kind, ein Junge mit sanft blickenden Augen. Vor ihr sah die Mutter kleine Kobolde hin- und herwuseln, die einen kämmten ihr Haar, andere zupften ihr Kleid zurecht und putzten ihre schmutzig gewordenen Schuhe mit Reisig und Blättern, wieder andere neckten das Kind liebevoll, welches sie mit seinem Händchen tätschelte.

Da erschien über ihnen eine leuchtende Wolke und die Wolke tat sich auf und Engel flatterten und schwangen sich hervor und sangen:

Heut ist das Heilige Kind geboren,
zum Heiland allen auserkoren,
die ihm ihr Liebstes schenken,
vor ihm die Knie senken.

Da war es recht possierlich anzuschauen, wie die kleinen Kobolde innehielten und vor dem lächelnden Kind einen Knicks machten. Und auch die anderen Tiere traten eines nach dem anderen aus dem Wald hervor, Reh und Schwein, Kauz und Kuckuck, Biber und Marder, Igel und Hase, und erwiesen dem lächelnden Kind ihre Reverenz, ja sogar Bienen, Hummeln und Schmetterlinge waren durch das Wunder dieser Schneenacht aus dem dunklen Tal wie hervorgezaubert und umflatterten und umsummten die Mutter und das Kind.“

Nur vor einem hatte der kleine Kobold Angst: vor den Eltern des Mädchens. Denn der Vater war ein schießwütiges Mitglied im Jagdverein und hasste kleine unnütze Tiere und Wesen, die missgestaltet waren und unnatürlich aussahen, und die Mutter war zwar eine Schönheitskönigin und trug einen zopfigen Turm blonden Haars auf dem Kopf, doch alles kleine Getier, das sich in die Häuser schlich, war ihr als Überträger böser Keime und krankmachender Viren verhasst. Deshalb versteckte sich der Kobold hurtig unter dem Bett, wenn die Treppe knarzte und die Mutter nach oben kam, um der Kleinen einen Gutenachtkuss zu geben, oder der Vater, um ihr eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.

Sobald der Kobold am Fenster erschien und mit seinen Pfötchen sachte an die Scheibe trommelte, ließ sie ihren neuen Freund zum Abendessen herein. Alles hatte sie liebevoll vorbereitet: Aus Mutters Küche und gestopfte vollen Speisekammer hat sie Äpfel, Birnen, Nüsse und Rosinen abgezweigt; aber auch von ihrem Taschengeld erstand sie auf dem Markt ein paar frische Eier, Ananas oder Kiwis für das ungeduldige Leckermaul. Besonders die exotischen Früchte hatten es dem Kleinen angetan – kam er doch zum ersten Mal in seinem Leben in den Genuss mediterraner Süße und Lieblichkeit. Mit Mehl und Zucker und mancherlei Früchten buk das Mädchen nachmittags kleine Küchlein in der Küche, wenn die Eltern außer Haus waren; anschließend lüftete sie den Raum gründlich und beseitigte alle verdächtigen Spuren ihres kleinen Liebesdienstes. Es war allerliebst, dem Kobold bei seinen Naschereien zuzuschauen: wie er den köstlichen Duft der zugeschnittenen Küchlein mit bebenden Nüstern aufsog, die Stückchen manierlich in die Pfoten nahm und mit glänzenden Augen auf die rosarote Zunge schob. So manche Träne des Glücks kullerte ihm auf die Batistserviette aus Mutters Anrichte, die ihm die Freundin umgehängt hatte.

Sarah und ihr Freund teilten einen großen Spaß: Wenn das Mädchen in das wohlig-schäumige Wasser der Badewanne eingetaucht war, schlich sich leise, leise, der kleine Kobold herzu. Da gab es nun die lustigsten Wasserspiele, wenn die Kleine die Seife hinabgleiten ließ und der Kobold nach ihr tauchte, wenn das Tierchen sein Pläsierchen darin fand, den Schwamm auf der Nasenspitze zu balancieren und den Waschlappen herumzuwirbeln oder zwischen den Pfötchen auszuwringen, oder wenn die beiden Freunde sich einer sportlichen Betätigung hingaben, die nicht ohne Tücken und auch Gefahren war: Wer konnte wohl länger unter Wasser tauchen?

So geschah es eines Tages, dass die ehrgeizige Sarah nicht länger hinter dem stets siegreichen Meistertaucher und Schwimmstar Kobold hintanstehen wollte. Sie nahm also einen tiefen Atemzug, klemmte mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Nasenflügel aneinander und tauchte abwärts. Koboldchen tat desgleichen – freilich ohne die Nase zuzukneifen, das brauchte er nicht –, doch diesmal kam er als erster, ein wenig prustend, an die Oberfläche. O weh, was war mit dem Kind geschehen? Die Hände schwebten beide unter der Wasserfläche und die Augen waren so seltsam starr geöffnet.

Da fing unser Kobold, denn das sind die Naturlaute der Kobolde, ein panisch-grelles Schnattern an, das immer wieder von einem hohen und gellenden Fiepen abgelöst wurde – schon waren die Eltern alarmiert und gleich zur Stelle, der Vater riss das Mädchen aus der Wanne und trug es ins Wohnzimmer, um es auf das Sofa zu betten. Er klopfte dem Töchterchen kräftig auf den Rücken, da prustet das Kind und erbricht Wasser. Alles war erleichtert und froh.

Doch dem Kobold wusste man keinen Dank. Im Gegenteil, die Mutter brach bei seinem Anblick in hysterisches Geschrei aus, schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und rief Zeter und Mordio, was für ein Ungeheuer, was für ein kleiner hässlicher Teufel sich in ihren reinlichen Haushalt eingeschlichen habe, um nichts als Unrat und böse, giftige Keime zu hinterlassen. Der Vater fackelte nicht lange und hetzte das verschreckte Tierchen und brachte es in der Zimmerecke zur Strecke, wo es ausweglos das Köpfchen hin- und herwandte: Ein Griff an das wulstige Nackenfell, und alles Schnattern und Fiepen war umsonst. Jetzt hockte der Kleine in einem Käfig, den die Mutter auf Geheiß des Vaters schnell aus dem Keller hervorgeholt hatte. Wollten sie den Kobold etwa in den Wald zurückbringen und in seiner Heimat wieder aussetzen? O nein, ins naturhistorische Museum sollte er morgen, denn für heute war es schon zu spät, verbracht werden, da sollten sie ihn ausstopfen und der Sammlung all der Monster und Ungeheure in Menschen- und Tiergestalt hinzufügen, für die das Museum berühmt war.

Das Mädchen war wohl sehr erschöpft, noch war es ihm ganz bang ums Herz. Doch das Schicksal ihres Freundes war ihm nicht gleichgültig und die Gefahr, in der er schwebte, spornte es zu mutiger Tat. Also öffnete sie spät, als die Eltern schon lange schliefen, den Käfig, hob das Tierchen auf die Arme und trug es an das Fenster seines Zimmers. Der kleine Kobold zögerte nicht lange, denn der Schrecken saß ihm in den Gliedern. Auch hatte er die Gabe, nach Menschenart zu reden, eingebüßt. So ließ er ein letztes leises Schnattern, ein letztes süßes Fiepen vernehmen – und husch entschwand er in die Nacht.

Auch nachdem es längst seine Puppenstube verschlossen, den Teddy an ihre jüngere Cousine verschenkt und die lustigen Koboldkostüme tief in der Schublade verwahrt hatte, öffnete das Mädchen noch viele Jahre, wenn der erste Schnee in den Lichtern der Nacht glitzerte, das Fenster unter dem Dach und schaute mit warmer Sehnsucht in die Ferne, hinüber zum dunklen Wald, dorthin, wo das seltsame Völkchen der Kobolde haust. Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Nov 22 13

Taliönchen

Tret ich dir aufs Lätzchen,
wirst du heiß, mein Schätzchen.

Stupst mich mit dem Näseli,
bin ich dein Hüpf-Häseli.

Zupf ich dir am Zöpfchen,
pochst du mir aufs Köpfchen.

Summst du mir ein Liedeli,
wird gleich steif mein Gliedeli.

Spuck ich dir aufs Hütchen,
fachst du mir das Mütchen.

Trittst du in mein Näpfeli,
verpass ich dir ein Zäpfeli.

Leck ich deine Wängelchen,
nimmst du mich ins Zängelchen.

Beißt du meine Lippeli,
küss ich deine Nippeli.

Herz ich deine Tittchen,
nimmst mich am Schlafittchen.

Nestel ich dir am Höseli,
seufzt ganz leis dein Möseli.

Küss ich dein Schneewittchen,
liest du mir Levitchen.

Taliönchen, Aug um Augerl,
lieben wir uns Zahn um Zahnerl.

Nov 22 13

Humpelnd zwar, doch ambulant

Ambulanz, Heilig-Geist-Hospital, Frankfurt am Main

Irgendwo in einer Ecke wird gestorben,
irgendwo in einer Ecke wird geboren,
zur gleichen Zeit, jetzt, morgen, übermorgen.

Bist doch nicht mit einem Taxi hin, humpelnd
hast dein Ziel du noch vollendet.
Es hätt dir auch zur Scham gereicht,
protzig vor einem Bürgerhospital
vorzufahren mit Chauffeur.

Wenn du nach dem Menschenwesen suchst
und wie das leibt und west und rasch verwest
nach unbestechlichem Gesetz,
hier springt und zappelt, döst und stöhnt
es vor deinen milde-tristen Augen
nackt und ungeschönt.

Venus winkt und Eros schlüpft
am dunklen Blick des Thanatos vorbei.

Die blonden Nymphen, reich bezopft und üppig onduliert,
mit zartem Rosenschmelze auf den Wangen,
schieben mit den blumenweichen Händen
den Rollstuhl des verkoteten Dementen.

Die strammen Kerle in den blauen Schürzen,
mit einem Silberring im Ohr,
am wohlgewölbten Arm, am straffen Hintern
bunt bemalt mit mythischen Motiven,
sie schieben aus dem OP die Facies hippocratica
der Greisin, um ein vereitert Gliedmaß leichter,
und biegen zotenwiehernd um die Ecke.

Hier schaut mit schwarzen Augen der Meduse
die Röntgen-Wahrheit weißer Kittel
von der Decke des U-Raums Nummer 2
auf dich armen Schlucker, der seinen Fuß umfasst
und einen unfassbaren Schmerz.

Dein Bleiberecht auf unbestimmte Zeit,
das schneller abläuft als die Uhr des Herzens,
mit welchem Antrag kannst duʼs denn verlängern
wider der Zellen und Gedanken fröhliche Zersetzung?

Das Röntgenbild zeigt dir Mysterien fernster Zeiten
in einem Wuchs graziös gespreizter Knochen,
die deiner Bauern-Weisheit schweigend spotten.

Drei muntere Mamsellchen hörst du kichern
im Besprechungszimmer nebenan –
ein Korken knallt und Scherze schäumen auf,
ein Antrag auf Verlängerung ward abgewiesen
und zerschreddert zwischen Moiras blitzenden Zähnen –
wollüstig-süß die Gläser aneinander klirren.

Du humpelst heimwärts, erleichtert,
doch leichten Sinnes nicht – die wahren Gründe
für dein Bleiben kennt wohl nur dein Schmerz.

Nov 19 13

Lieben, Gönnen, Lieben

Das Kind hat im Spiel den Kürzeren gezogen –
es hockt verdrossen abseits auf der Kiste.

Wie lieb ich dein Verdrossensein, das vage,
und dein Verlorenheitsverdämmern,
wie wenn die Moselwelle neckisch
ein papiernes Bötchen hat verschluckt.

Sie kam nicht wieder, nur ein Schemen blieb,
der wie die Hirschkuh zwischen Stämmen lugte.
Riss ein frecher Dorn dem Freund
den Hut vom Kopf?
Hat er selber sich vom angegrauten Schopf
ein Bündel Haare ausgerupft?
Er stiert gebeugt in zartem Kummer
auf der Parkbank vor sich hin –
ein Spatz pickt unter seinen Füßen Krümel auf,
er merkt es nicht
und trinkt nur unbewusst den Duft des Flieders.

Wie lieb ich dich für deine heiße Trauer,
die gleich kitschigen Plastikrosenlämpchen
um das verschwommene Foto
der Geliebten blinkt.

Puppenstarr, das Gesicht wie abgeblättert,
mit marmelkalten Augen,
leere Muschel auf verlassnem Strand,
der eben trockenfiel,
wie ausgeblasnes Ei so taub,
neigt sich ihr Kopf auf seine Schulter –
der Atem setzte aus, kam einmal wieder,
setzte wieder aus, kam lange nicht zurück,
und kam und starb und kehrte nicht mehr,
kehrte nicht mehr wieder –
der Sohn ward fromm um seiner Mutter Glauben,
er stammelt alte Strophen
kindlich heiß gelallter Lieder –
und bestreicht mit Rosenöl
die Runzelhaut der Wangen und der Stirn.

Wie gönn ich dir die hohe Trauer,
dein banges Glaubenslodern –
der Seele stilles Totenlicht,
von einer Hand behütet,
die von Grauen, Scheu und Liebe zittert.

Nov 18 13

Giuseppe Ungaretti, M’illumino d’immenso

M’illumino
d’immenso

Hermetische Variationen und bockiger Abgesang

Mich hebt ein Glänzen
über alle Grenzen.

Ich bin Glosen
im Grenzenlosen.

Mir wird es licht
im Seinsverzicht.

Meine Feuer
zünden Ungeheuer.

Mich erhellen
reine Schwellen.

Mich krönt ein Funkeln
aus dem Dunkeln.

Ich-Erhellung –
Welt-Verhüllung.

Mich überfunkelt,
was sich verdunkelt.

Mir leuchtet heim,
was geheim.

Mich zerstrahlen
dunkle Qualen.

Mein Scheinen
ohne Meinen.

Mich weckt ein Licht –
fass es nicht.

Mir leuchtet ein:
Schelm muss ich sein.

Mein Wort ballt Licht:
Dein Kopf zerbricht.

Mich höhnt ein Funkeln
aus dem Dunkeln.

Mich reizen Photonen,
im Finstern zu thronen.

Mich foppen brennende Hosen
aus dem Grenzenlosen.

Es leuchtet meine Nase
ins Finistère der Phrase.

Mir winken stinkende Rosen
aus dem Bodenlosen.

Mich weckt kein Licht –
nur böse Gicht.

Ich schlurfe über lichten Moosen
zum Hain der Hodenlosen.

Mein Zunder ist nass,
dein Naserl so blass.

Nov 18 13

Schwarze Poetik

Der Herr, der dir sein Wort gegeben,
will es zurück als Wort hoch drei –
von üblen Rüchen war sein Atem frei,
drum soll es unverstunken ihm entgegenschweben.

Sonst stopft dich in die quietschende Wurstmaschine
der blonde Teufel mit der Engelsmiene.
Oder du landest als Klobürste in dem Schmuddel-Puff,
wo seine Oma thront in Fuchspelz und Kaninchenmuff.

Lass aus den Nebeln steigen Linien freiester Kontur,
aus den grauen Träumen lächle Heiterkeit –
das Mit-den-Wunden-Prahlen lass diskret beiseit,
der Seele Schorf sei Dung auf deiner weiten Flur.

Sonst stopft dich in die quietschende Wurstmaschine
der blonde Teufel mit der Engelsmiene.
Oder du landest als Klobürste in dem Schmuddel-Puff,
wo seine Oma thront in Fuchspelz und Kaninchenmuff.

Lass edle Düfte alter Namen, neuen Fühlens
aus geheimen Winkeln deines Gartens dringen –
nicht an die Nasen, die an Aasgerüchen hingen,
nicht zu dem Ausguss allzu dumpfen Wühlens.

Sonst stopft dich in die quietschende Wurstmaschine
der blonde Teufel mit der Engelsmiene.
Oder du landest als Klobürste in dem Schmuddel-Puff,
wo seine Oma thront in Fuchspelz und Kaninchenmuff.

Und wenn du wähnst, reimlos zu dichteln,
geböte schon der Menschen schrilles Toben
und nur die krumme Syntax sei zu loben –
gehörst du zu des Hermes dümmsten Wichteln.

Dann stopft dich in die quietschende Wurstmaschine
der blonde Teufel mit der Engelsmiene.
Oder du landest als Klobürste in dem Schmuddel-Puff,
wo seine Oma thront in Fuchspelz und Kaninchenmuff.

Nov 17 13

Paul Verlaine, Berceuse

Un grand sommeil noir
Tombe sur ma vie :
Dormez, tout espoir,
Dormez, toute envie !

Je ne vois plus rien,
Je perds la mémoire
Du mal et du bien …
Ô la triste histoire !

Je suis un berceau
Qu’une main balance
Au creux d’un caveau :
Silence, silence !

Wiegenlied

Ewigen Schlafes Schwärze
überschwärzt mein Sein:
Blas aus der Hoffnung Kerze,
vorbei Lust-Gaukelein!

Ich seh schon nicht mehr recht
und verliere jeden Sinn
für das, was gut, was schlecht –
schon am Beginn war alles hin!

Einer Wiege Bette
hebt und macht mich neigen
über frischer Grabesstätte:
Schweigen, altes Schweigen!

Nov 17 13

Giuseppe Ungaretti, Dove la luce

Come allodola ondosa
Nel vento lieto sui giovani prati,
Le braccia ti sanno leggera, vieni.
Ci scorderemo di quaggiù,
E del mare e del cielo,
E del mio sangue rapido alla guerra,
Di passi d’ombre memori
Entro rossori di mattine nuove.

Dove non muove foglia più la luce,
Sogni e crucci passati ad altre rive,
Dov’è posata sera,
Vieni ti porterò
Alle colline d’oro.

L’ora costante, liberi d’età,
Nel suo perduto nimbo
Sarà nostro lenzuolo.


Woher uns das Licht

Wie der Lerche Wonne-Wogen
auf ihrer jungen Auen Schmeichel-Wind,
so schwingen deine Arme leicht, so komm.
Hier tun wir ab, dem wir sind unterlegen,
den Himmel und das Meer,
und auch mein Blut, das rauscht von Krieg,
sind eingedenk der Furt der Toten,
wenn sich neue Morgen röten.

Wo das Licht die Blätter nicht mehr drängt,
Traum und Gram zu andern Ufern sind gezogen,
wo der Abend Frieden hat,
komm, ich trage dich
zu jenen goldnen Hügeln.

Die Uhr steht still, wir sind der Zeit entronnen,
ihr Nimbus ist erloschen,
unsre Linnen leuchten.

Nov 15 13

Giuseppe Ungaretti, O notte

Dall’ampia ansia dell’alba
Svelata alberatura.

Dolorosi risvegli.

Foglie, sorelle foglie,
Vi ascolto nel lamento.

Autunni,
Moribonde dolcezze.

O gioventù,
Passata è appena l’ora del distacco.

Cieli alti della gioventù,
Libero slancio.

E già sono deserto.

Perso in questa curva malinconia.

Ma la notte sperde le lontananze.

Oceanici silenzi,
Astrali nidi d’illusione,

O notte.

O ihr Nächte

Vom Bausch der Angst gerefft
ist hohen Tagens Mast.

Erweckungen im Schmerz.

Blatt um Blatt, geschwisterlich,
rauscht ihr mir Klage zu.

Ihr Herbste
voll süßen Verrinnens.

O Jugend,
noch eben hielten wir uns in den Armen.

Der Jugend allzu tiefes Blau
und kecker Höhendrang.

Und schon bin ich verwaist.

Auf jenen Abwegen verdüsterten Sinns.

Doch die Nacht verwischt, was nah, was fern.

Der Ozeane Schweigen,
der Sterne Wahngenist.

O ihr Nächte.

Nov 15 13

Giuseppe Ungaretti, La notte bella

Quale canto s’è levato stanotte
che intesse
di cristallina eco del cuore
le stelle

Quale festa sorgiva
di cuore a nozze

Sono stato
uno stagno di buio

Ora mordo
come un bambino la mammella
lo spazio

Ora sono ubriaco
d’universo

Die schöne Nacht

Welch ein Lied hob sich aus dieser Nacht –
es schießt ein Zwirn,
Herzkristalles Gegenton,
um das Gestirn.

Wie von Liebe der Quell
der Seele rauscht.

Ich blieb verstockt,
eine Lache Dunkelheit.

Bald zerre,
wie an der Mutterbrust das Kind,
ich an der Welt.

Bald bin ich irre
von alledem.

Nov 14 13

Biagio Marin, E andavamo così, le vele al vento

E andavamo così, le vele al vento
lasciando dietro di noi una gran scia,
con l’anima negli occhi e il cuor contento
senza pensieri di malinconia.

Fanciulle e ragazzi seduti giù a pagliolo
con alla barra Leto capitano;
andavamo cantando sotto il sole
canzoni che ancora volano sul mare.

L’acqua ribolliva dietro il timone
e dal piacere diventava bianca,
persino la penna suonava:
fin che la bava non era stanca.

 

So flogen wir dahin, die Segel im Wind

So flogen wir dahin, die Segel im Wind,
es schäumten hoch die Wasser unterm Kiel,
die Augen seelenvoll, die Herzen schlugen lind,
gefeit vor dunklen Grillen ohne Ziel.

Wir hockten, Jungs und Mädels, auf den Matten,
am Ruder saß inmitten Leto Capitano;
es flogen mit den Möwen unsre Schatten,
wir sangen die alten, meergezeugten Lieder.

Das Wasser schäumte kräftig von der Pinne
und gischtete im Freudentaumel weiß,
des Ruders Beben wurde selbst Gesang:
schlaflos schrieb das Schäumen Kreis um Kreis.

Nov 13 13

Biagio Marin, Una canzone di donna

Una canzone di donna si stende
come carezza calda sul paese;
il gran silenzio fa le meraviglie
per quella voce dietro bianche tende.

Il vespro settembrino era casto:
fra le case incantate della sua luce
si sentiva una macchina da cucire
ronzare a mosca entro il cielo vasto.

Improvvisa quell’onda ha sommerso
tutto il paese nella nostalgia:
la voce calda i cuori porta via
nel cielo settembrino, cristallo terso.

 

Ein weiblich Lied

Ein weiblich Lied sich bettet aufs Gefild,
wie sanft ein Schnee, der wärmt;
unterm weißen Linnen solchen Sangs
keimt der großen Stille Wunderbild.

Der Septemberabend glänzte flirrend:
Aus den Häusern, die sein Licht gebannt,
drang das Surren einer Nähmaschine,
eine Mücke, hoch und höher schwirrend.

Das ganze Land ward auf der Stelle
in ein Wehmutlicht getaucht;
die warme Stimme hebt die Herzen
in Septemberhimmels kristalline Helle.

Nov 13 13

Der verschüttete Wein

Die Teichrohrsänger fühlen keine Not,
auch wenn ihr Nest der Kuckuck hat besucht –
doch ihrer kleinen Herzen Frucht ist tot.

Der bleiche Bote tut gesenkten Blickes kund,
verhangen sei nun aller Morgen diesem Volke –
man stopft für immer seinen Mund.

Der Totengräber wühlt sich aus dem Schoß
der dunklen Erde manches Schädels Grinsen –
bald sieht den Geist von allem Fleisch er bloß.

Der Lebemann hängt keck die Büstenhalter
seiner Damen an die Leine, an der er endlich
selber baumelt – ein trockner Dunkelfalter.

Der Leichtfuß, der mit Kindern mochte tollen
und gerne tanzen unter Lampionen –
dort humpelt er, sein Sporn ist ihm geschwollen.

Das Lästermaul auf alles, was den dunklen Gang
ihm hätte hochgehoben in das Lebenslicht –
er singt dort unten Hiobs bittern Lobgesang.

Der Radebrech vor trotzig-prallem Mieder
und spitzer Schnöselei – sein Adieu hat Charme,
hat, wie Wein verschüttet, süß gelallte Lieder.

Nov 11 13

Biagio Marin, Paese mio

Paese mio,
piccolo nido e covo di gabbiani,
posato leggero su di un dosso biondo,
per te di canti ne farei un mondo
e mai non smetterei di cantarli.

Per te questi canti, perché ti incoronino
come un volo di nuvoli mattutini
e uno solo sulla fossa della nonna mia
tutta coperta di alti rosmarini.

 

Mein Dorf

Mein Dorf,
der Silbermöwen Höhle, süßes Nest,
leichthin gelegt auf einen gelben Rücken,
mit meinen Liedern will ich dich beglücken,
und ewig klingen soll mein Liebesfest.

Dir gehören diese Lieder, dich zu krönen
mit den Schwärmen morgenfrohen Chors,
am Ahnengrab allein mit Klagetönen
zu küssen Lippen meerbetauten Flors.

Nov 11 13

Ein Würstchen kommt selten allein

Chorgesang der Frankfurter Würstchen

Alle:
Mir sin die Frankfordder Wörtscher,
saftisch, knackisch, wörzisch.

Am Maa sin mer zu Haus.
Mir habbe nu ma de kesse Spleen
un haue Frankfordd raus
vor Nürnbersch un vor Wien.

1. Würstchen:
Tunk mich nicht in süßen Senf,
sonst wird dir mächtig flau!

2. Würstchen:
Tunke mich in scharfen Senf,
dann machst du gleich miau!

Alle:
Wem mer sin die beste Worscht,
das is uns gar net Worscht!

3. Würstchen:
Schenk dir noch vom Bembel ein –
dein Würstchen will getaufet sein!

4. Würstchen:
Schlürf den süffisch Äppelwoin –
lass dei Würschtche net alloin.

Alle:
Am Maa sin mer zu Haus.
Mir habbe nu ma de kesse Spleen
un haue Frankfordd raus
vor Nürnbersch un vor Wien.

5. Würstchen:
Wir stehen stramm für den Verein.
Wir lassen keine Wurst allein.

6. Würstchen:
Wir wollen nicht gebraten werden –
heiß ist die beste Wurst auf Erden.

Alle:
Es sprischt sich rum an Rhein und Main:
Wie kann e Worscht net aus Frankfordd sein!

7. Würstchen:
Wir wursteln uns durch dünn und dick.
O knacke mich, ich bring dir Glück!

8. Würstchen:
Und soll ich nicht dein Würstchen sein,
dann bleibst du arme Wurst allein.

Alle:
Es sprischt sich rum an Rhein und Main:
Wie kann e Worscht net aus Frankfordd sein!

1. Würstchen:
Tunk mich nicht in süßen Senf,
sonst wird dir mächtig flau!

2. Würstchen:
Tunke mich in scharfen Senf,
dann machst du gleich miau!

Alle:
Es sprischt sich rum an Rhein und Main:
Wie kann e Worscht net aus Frankfordd sein!

Nov 10 13

Das versonnene Hündchen

Der Dame mit dem Hündchen aus dem Café Ypsilon

Purzel heißt ein stilles Hündchen,
und sein Frauchen hat es lieb.

Manchmal stecktʼs das Schnuffel-Näschen
in feister Tulpen Blütenwulst –
reckt die gelb besamte Nase dann
in den sonntagnachmittäglich öd verdösten
Himmel überm Bethmannpark –
und niest.

Dann hält das stille Tier das Köpfchen
so herzergreifend schief –
als ob es uns was sagen möchte.

Manchmal läuftʼs dem Hörnchen nach,
pest wider das Verbot über die sanfte Bürste
des gartenamtlich grad rasierten Rasens –
es watscht das Ohr, es klatscht der Schwanz,
da ist das Eichkatzerl schwupp-die-wupp
den alten Ginkgobaum schon hochgelupft –
ʼs Hundi stoppt verdutzt.

Dann hält das stille Tier das Köpfchen
so herzergreifend schief –
als ob es uns was sagen möchte.

Zuhause macht es pfötchenpatschend Männchen
und schlapperschnappt nach zarten Pralinés
oder gesottnen Frankfurt-Würstchen.
Dann ruft das Frauchen: „Ab ins Körbchen!“
Helene Fischer schwingt schon müd-verzückt
das nackte Bein in des Applauses Lichterdom.
Doch das Hündchen bleibt auf dem Parkett versonnen
plötzlich stehen.

Dann hält das stille Tier das Köpfchen
so herzergreifend schief –
als ob es uns was sagen möchte.

Was könnt es uns denn sagen bloß?

Dass es nicht mehr Purzel heißen möchte,
sondern Poldi oder Friedolin?

Dass es Frauchen nicht mehr lieb hat?
Dass es aus dem Fell möcht fahren
und das Hundeleben satt hat?

Oder hat sein Hundeherz ʼnen Knacks
abgekriegt unter all den dicken Tropfen
honigsüßer Verse eines gewissen R. M. Rilke,
die sein Frauchen in den Kerzenschimmer
weicher Abendeinsamkeiten hat gelispelt?

Oder hatʼs grad partout vergessen,
was es uns schon lange sagen mochte?

Was ist nur los mit diesem Hündchen
und seinen Versonnenheitsabsencen?

 

Nov 9 13

Hingeweht

Von weißen und von Purpurrosen
ist auf unbetretne Höhen
hingeweht der Gnade stiller Schnee.

Wo sich verzehren reine Flammen,
ist im Duft erblühter Lieder
hingeweht des stillen Lebens Geist.

Von weißen und von Purpurrosen
ist auf das Antlitz hohen Lebens
hingeweht der Schönheit sanfte Glut.

Von den Inseln fernen Betens
ist auf Krumen alter Ängste
hingeweht ein neues Schöpferwort.

Von weißen und von Purpurrosen
ist auf unbetretne Höhen
hingeweht der Gnade stiller Schnee.

Nov 8 13

Die Nase eines Rätsels löst sich auf

Dieses schnöde Ziehen an den Ohrenläppchen,
diese böse Nasenstüberei,
der liebe Nachbar und der beste Kumpel sind so frei,
es hochdosiert dir zu verpassen.

Sag uns, sind die Schläge, sind die Beulen
Heimsuchung eines höheren Geists,
die Tragkraft deines Standbeins auszutesten,
ein Senkblei in den Brunnen der Geduld?

Oder griff beim Schwanken seines Bötchens,
in der Angst des Untergangs, der Nächste
blind dem Nächsten an das Ohr, um wieder Halt
zu finden – und dieser Nächste warst nun einmal du?

Oder wähnte der Kumpan, wider ein Gespenst zu kämpfen,
das aus dem Nebel seiner frühsten Ängste
mit aufgeglänzter Nase höhnisch
lugte vor – und diese Nase war nun mal die deine?

Die Rätsel lösen sich von deiner Seele ab,
wie Blatt und Sand und Samenflusen
der Wind vom glatten Grabstein fegt,
und stille Schrift wird wieder sichtbar.

Nov 7 13

Gips nicht!

Du suchst nach solchem böse-schweren Bruch,
nachdem sie eingerenkt hat Dr. Wünschel-Fips,
für deine Seele, gehörig sie zu schonen,
einen Schoner, vulgo Seelengips.

Den fraktal-fatalen Knochen darf man nicht belasten –
der wahre Gips muss gut und gern aushärten.
Das Fleisch ums Splitter-Bein darf tüchtig fasten –
und schwere Zeiten dörren ohne Zärten.

Drum gipse dick um deinen schweren Knacks –
dann hört das Zucken auf und all das Wehe-Sträuben.
War eben noch Gefühl ein niedertropfend Wachs,
wird es der Seelenschoner bald sticke-dick betäuben.

Dem Bein wird abgehaun der Gipsverband –
die Fühlung kommt, die Lebenssonne kribbelt.
Vergipste Seele raubt dir den Verstand –
lebendig so geschont bist du wie abgenibbelt.

Nov 6 13

Die Kröte und der Hahn

Mosaik im Dom von Aquileia

Mit der Kröte hat sich die Angst der Welt verkrochen.

Der Feuerkamm des Hahns erzittert von der Trunkenheit des Lichts.

Zum Krötenpanzer ward versteint der Angstschweiß Christi.

Des Hahnes Sonn-Gefieder trinkt das Licht der Welt.

In ausgehöhlte Nacht schreckt der Kröte Kopf zurück.

In jähem Krähen bezeugt der Hahn den Sieg des Lichts.

Stumm schleicht die Kröte in der Trübsal Einerlei.

 

Siehe:
http://www.basilicadiaquileia.it/tour_virtuale-de.html

 

Nov 4 13

Reineke begegnet dem Jesuskind

Ein Füchslein war vernarrt in Pfarrers Federvieh,
das im dumpfen Pferche gluckend döste
und im Pfarrgemüsegarten wackelte und gackelte.

Nun, da ward es frommen Sinns,
zog den eitlen Bauscheschweif züchtig unter seine Beine
und winselte im Diskant vor der Sakristei.

Dreimal klopft es an, wie die Pilger tun,
und als der Pfarrer öffnete, kreuzte Reineke
bigott die Vorderpfötchen.

Confessio generalis entbot er überkreuzten Blicks,
erwies mit falschen Tränen tiefe Reu,
zu herbem Büßer-Dienst empfahl er sich als Hauskaplan.

Der Herr Pfarrer, hochgelehrt an des Thomas Summen,
durchschaute gleich die List des Roten,
und heimzuzahlen üble Taten, rohen Übergriff

auf manches liebe Hühnervolk, willigt er
gleisnerisch in das schlechte Ansinnen,
denn der Priester war ein ausgefuchster Jesuit.

Nun ward zuerst – des heiligen Dienstes Würde heischt es –
dem Wilden abgeschoren seine buschig-bunte Wildheit,
und am lieben End der tunichtgute Schweif kupiert.

So trat er in den frommen Dienst: nackt wie ein Asket,
das blanke Haupt bedeckt mit einer Bommelmütze,
doch um seine Blöße schlang sich eine Stola weiß.

Und der Erzschelm musst auf dünnen Knochen knien
vor dem Blumenaltar ganze Rosenkränze lang,
Weihrauch betäubte ihm die Gier in seinen Nüstern.

Dann musst er, tief verhasster Schinderdienst,
den Hühnerpferch mit Mopp und Besen kehren aus
von Unrat und verstunknem Hühnerkot.

Doch die Hühnchen hat der weise Seelenhirte
längst zum Urlaub auf den Hof des frommen Nachbarn
still verbracht – zum Verdruss des Leckermauls.

So düpiert, solcherart verhohnepipelt, sann auf Rache
Reineke: Nachts schlich er in die muffige Stube
der Haushälterin, die guten Gewissens voll

und einer warmen Suppe wohlig in die Kissen pfiff.
Doch der Papagei auf seiner Stange – den das Füchslein
arg umschlich – der schlief nicht. Hackt ihm auf das Schnäuzelein,

das er gierig schon entgegenstreckte – da jaultʼs Füchslein
ganz erbärmlich auf, reißt die Lügenstola sich vom Leib,
und es stürmt in Unheilsnacht der Meisterdieb.

Hier hockt einer jämmerlich unter kaltem Sternenflimmer.
Doch ein zartes Kind schmiegt sich ihm zur Seite,
ein rosa Schneelicht-Aureolchen umglänzt das reine Haupt.

„Sei getröstet, Reineklein, lass dich nicht verdrießen,
wes die Menschen dir zahlen heim und leider auch
meiner Kirche hochgelehrte Amtsverweser.

Der hohe Schöpfer hat dich so geschaffen, wie du bist,
deine Liebe zu den Hühnchen ist der alten Sünde Sold,
so treibe fort dein tragisches, dein komisches Schelmenstück.

Tu dich weiter weidlich gütlich an dem Hühnervieh,
nur lass fortan von meinen weißen Täubchen, hörst du? –
es sänftige ihr trunknes Gurren deiner Wildheit Drang.“

Und das Jesuskind küsst das Füchslein auf die heidenkahle Stirn –
es sprießt aufs Neu des Roten weiches Sonnen-Fell,
sein auferstandner Schweif umwedelt weich das Wunderkind.

Nov 3 13

Eines stummen Hühnchens Traum

Mariechen hieß das goldne Hühnchen auf dem Öko-Hof –
sie war von Kindheit stumm.
Ihre Mutter blickte flehend oft zum Kirchturmgockel –
dann wurde ihrʼs zu dumm.

Mariechen zottelt mit dem roten Kämmlein gern und scharrt
Körner zwischen Gras und Sand.
Mama hat gegackert lauthals Preis und Dank, als sie froh
ihr erstes Ei im Nestchen fand.

Mariechen hat wohl viel Geschwister, Tanten auch und Nichten –
doch ihr Herz ist einsam,
seit sie jenen schönen Herrn gesehen, der bunt sich brüstend
an ihrem Zaun vorbeikam,

den feinen Auerhahn – von ihm nun träumt sie, mit ihm entflieht sie
in die freie Waldesnacht,
wo das Auermännchen goldne Körner ihr aus den Federn schüttelt,
und schnäbelt mit ihr sacht.

Wenn die Winde plauschen mit dem Nachtgespensterstrauch,
schluchzt sie auf im Traum.
Wenn tausend schwarze Augen funkeln zwischen Farn und Fels,
huscht sie unter seinen Flaum.

Wenn er leise gluckt im Schlaf, sucht sie den hellen Mond,
und ihr Herz schmilzt in dem Schein.
Und sie fühlt in sich was Liebes: legt freudig ein gesprenkelt Ei –
und gackert drüber hell und rein.

Nov 2 13

Hündchens Lamento und plötzliche Heilung

„Mir ist so schummer-wuschig –
muss mich schwer verschnaufen.
Ach, würd die Trän mir laufen!“

„O gib mir den finalen Klaps –
oder füll mich ab mit Himbeerschnaps!“

„Die Knöchlein sind aus dünnstem Glas –
möchten laut zerspringen.
Hörst du es nicht klingen?“

„O gib mir den finalen Klaps –
oder füll mich ab mit Himbeerschnaps!“

„Mein Schwänzlein hat nun ausgewedelt –
Schnäuzchen ist es schnute-schnuppe:
Kuchen, Blutwurst oder Suppe!“

„O gib mir den finalen Klaps –
oder füll mich ab mit Himbeerschnaps!“

Seit kurzem wohnt ein Kätzchen nebenan –
Hündchen sitzt und spitzt,
walzerwedelnd und verschmitzt.

Nov 1 13

Erbauliche Waldmäuselei

Die Waldmäusin hört es silberrinnend tropfen –
pling-plong, sing-song –
wenn sie aus dem Wuschel-Fell sich strähnt
den Schlaf und ins zerwühlte Rosenblätterbettchen gähnt.

Die kleinen Ringel-Rangen mäusewuseln putzig –
Stups-die-Wups-die –
Papachen, noch barpfötig und bezipfelmützelt,
knuddel-huddelt mit der Bande, bis er schwitzelt.

Ruft die Mäusemama rosakittelschürzig –
fiep-dich-lieb-mich-fiep-ich –
zum Körner-Äpfel-Haselnüsse-Frühstück,
zum nachtigalleneigepickten Mausfamilienglück.

Während sie da knuspern, hörst duʼs?, waldeseinsam –
ding-dong-klingelingeling –
alles schluckt, alles stutzt ob des Sterbeglöckchens hell,
läuft ein frommes Sträuben übers Mäusefell.

Und ein Dutzend Äuglein äugeln in den Waldesdämmer –
ausi-schaut-das-Zitter-Mausi –
Mausmamachen hatʼs im Blatt gelesen: „Da hinten wird die Witwe Mauve,
die feine Stadtmaus, beerdigt auf dem Waldfriedhof.

Tat ach so vornehm, konnte pfeifen gar von Johann Strauß
die Flederflattersausemaus,
hat der Kirche überschrieben all ihre Spieglein, Perl und Spang,
lang hat sie überwispert ihres Mäusrichs allzu frühen Hingang.“

Okt 30 13

Wer bist du wohl?

Bist du ein säuselndes Blättchen
das im verblühenden Licht
von den Gärten des Südens mir spricht?

Bist du ein altrosa Wölkchen
über der Wiese am Rhein
und dem schroffen Schicksalsgestein?

Bist du ein freches Frettchen,
das aus dem Schlaf mich kitzelt,
mir meine Verslein verwitzelt?

Bist du ein hüpfendes Mäuschen,
das am Faden der Seele mir nagt,
bis sie mit dir zu wispern sich wagt?

Bist du ein falsches Sirenchen,
das in Wunderstille mich lockt,
bis das graue Herz mir stockt?

Okt 29 13

Die Buchstaben sind des Heiligen Leib

Der Menschengeist birgt Odem vom heiligen Geist.

Der Vater aber liebt,
Der über allen waltet,
Am meisten, daß gepfleget werde
Der feste Buchstab …

Alles ist voll Seele.

Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern
und auf den Wassern trieben
als goldene Reflexe
Seines hohen Sinns
des heiligen Alphabetes
ewig pulsierende,
ewig sich suchende,
ewig sich findende,
ewig sich trennende,
ewig sich wendende
Schrift-Elemente.

Vom Licht der Sonnen erheitert
springen sie wie Fischlein,
tanzen sie wie Englein
um des Glanzes Thron –

Seinen Namen zu gestalten
und bis ins Lallen der Geschöpfe,
bis ins Schallen armer Tröpfe,
bis ins Ballen edler Köpfe
sein Echo zu entfalten.

Denn die Menschen-Erde ist
der Schöpfung wahrer Mittelpunkt,
und der Nabel dieser Erde,
auf der gewandelt Abraham, Isaak, Jakob,
heißt Jeruschalajim.

Aller Seelen Sehnsucht,
aller Weisheit Licht,
aller Schönheit Sinn,
aller Auserwählten Erbe
gründet,
kündet,
mündet
hier und von allhier.

Okt 29 13

Erkoren wär ich, dich zu küssen

Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge,
Gemälde von Jan Vermeer

Erweckte ich dich leis-verstohlen
mit einer Fingerkuppe weichem Drang,
oder riefe, Griet, dich jetzt ins volle Leben
dein freudig aufgesungner Name …

Die deines Ohres Kose-Läppchen
zart mit Dankgefühl beschwert,
der dir von lieber Hand gereichten Perle
verblasste rasch das Locke-Blitzen –

es zitterten dir süß-verschämt
der Lider bange Flügel,
und des Augenapfels reiner Schnee,
in dem mein Hirn-Lärm Stille fand,
würd von zagen Fragen überwölkt –

und deines Blickes Seele-Rufen,
in dem mein Blicken Seele fand,
würd müd sich senken
in den Aschenstaub der Zeit –

es schlösse sich in kühlem Schmollen
die vom Hauche warmer Lust
umschmolzne Frucht,
dein Mund …

So bleibe Wunderbild des fernen Glücks
mir unerweckt, bleib ungerufen,
und wär ich auch erkoren,
einstmals dich zu küssen.

Okt 28 13

Aus den Diarien von Atman III., Schopenhauers Pudel

Schon wieder sollt ich für die aale Worscht ihm tänzeln,
schon wieder meines Pudel-Männchens roten Zipfel recken –
musst wider seines Willens blindes Philisterium ihm blecken.

Möcht lieber um des Nachbarn Pudelinchen schwänzeln,
muss aber ihm die „Times“ flink aus dem Kasten klauben,
will mir mit Lesungen daraus den Glauben an die Menschen rauben.

Wenn er im Badezuber nackert-unschön pruste-speit,
schlappen meine Wuschelohren gern im Takt, er tät ihn weisen
mit seines Triefe-Schwammes Rubbel-Kreisen.

Hat die Zeitung wieder seinen Geist mit vitae taedium entweiht,
tät er mit seines öden Flötgetönes dilettantischen Brocken
mir widerwillig ein, zwei Tröpfchen süßlichen Pipis entlocken.

Englischer Hof alsdann, die Tische strotzen. Die Hühnersuppe dampft,
des Bratens Düfte steigen pudelwohl mir in das Tiergemüte –
doch dem alten Brahmanisten schlägt die Animalität auf das Gemüte.

Wähnt er doch, Menschheit, welche Tierheit fröhlich mampft,
müsst am End sich selbst verdauen und zum Ekel von sich scheiden –
tu um seine magenfade-würstellose Frugalitas ihn nicht beneiden.

In abstracto ist er allen wohlgesinnt, doch in concreto
nicht der kleinen Näherin, die hat in seinem Haus zu sehr gekiffen –
hat antibuddhoid und mehr als brachial ihr an die Händ gegriffen.

Die Empörte klagte vor Gericht – der Kammer galt kein Veto
eines hörgenervten Wüterichs. Jetzt müssen blechen
in der Stadt der Messen für pikierte Dämchen die ungalanten Frechen.

Abends vor dem Körbchengehen wollt er wieder peinlich mysteln,
möcht aus meinen trüben Blicken Pudels Kern verstehen
und in meinem gähnenden Gelangweiltsein Weltenwillen sehen.

Wär ich seinesgleichen, würd ich seiner leidʼgen Inszenierung etwas hüsteln –
ließ an der Schönen Aussicht Rosen wachsen, bunte Flaggen wehen,
würd mit schönen, klugen, sinnenfrohen Frauen mich in buntem Reigen drehen.

Okt 26 13

Kindliche Bitten an Maria

Lass mit den Wolle-Wölkchen
mich zu deinem Garten ziehen.

Lass mit dem Summe-Bienchen
mich aus deinem Röslein trinken.

Lass mit dem bunten Blättchen
mich auf deinen Schoß ʼnabsinken.

Lass mit dem Schwanenköpfchen
mich in deine Gnad eintunken.

Lass mit dem Zitter-Flämmchen
mich in deinen Himmel knistern.

Lass mit den weichsten Regentröpfchen
mich deine Wunder-Lilie küssen.

Lass mit dem goldʼsten Morgenstrählchen
mich dein Kindelein wachkitzeln.

Okt 25 13

Kleine Fürbitten

O quölle mit der Träne Unschuld
in dein Auge, die tröstlich
vor der tödlichen Kontur der Dinge
dir die Blicke trübte!

Und könnt der Kräuter Wohlgeruch
in azurnen Augenblicken
den Schritt dir vor der Disteln
spitzen Invektiven wenden!

O könnten deiner Launigkeiten
brüsk aufgeworfne Maulwurfshügel
die weißen Federchen des Schnees
dir keusch umhüllen!

O könnte deiner Schaukel-Träume
unheilhohle Gründe
die Gnadenwucht
geweihter Steine füllen!

Okt 25 13

Beth-El

Ich bin der faulige Balken vom Floß des Odysseus,
torkelnd auf den mürrisch-zuckenden Schultern des Meers,
der dann und wann unter dem Irrlicht des Pols
grünlich erschimmert,
als habe ihn die Erinnerung an einen Ort
anderen Blühens entzündet.

Du aber kamst, vom Vater gesegnet,
an den Ort jenseits von Beer-Seba
und nahmst den Stein, zu betten dein Haupt.

Und du sahst die Leiter der Engel –
stieg sie nicht wie ein Faden Lichts
aus der Mitte der Brust dir zum Abendstern? –
und du vernahmst des Einzigen Stimme,
die dich segnete mit dem Versprechen
des Heils für alle deine Geschlechter.

Oh, lass mich der Stein sein,
auf den Jakob sein müdes Haupt hat gebettet,
der Segen gebühre ihm allein –
ich will nur der Stein sein!

Und Jakob lauschte der Stimme des Traums –
war sie nicht wie der Mutter sichere Hand,
die den schwanken Kopf des Säuglings umfängt? –
und die Stimme hat sich ihm zugesagt
bis auf die Wiederkehr im Heiligen Land.

Und Jakob sprach: „Wie heilig ist die Stätte!
Hier ist nichts andres denn Gottes Haus,
und hier ist die Pforte des Himmels.“

Und Jakob nahm den Stein,
den er zu seinen Häupten gelegt hatte,
und richtete ihn auf zu einem Mal
und goss Öl obendarauf.
Und er hieß die Stätte „Beth-El“.

O, lass mich der Stein sein,
den Jakob aufgerichtet hat zum Mal,
der Segen gebühre ihm allein,
mir genüge vom Öl ein Tröpfelein.

Und du sahst die Leiter der Engel –
stieg sie nicht wie ein Faden Lichts
aus der Mitte der Brust dir zum Morgenstern? –
und du vernahmst des Einzigen Stimme,
die dich segnete mit dem Versprechen
des Heils für alle deine Geschlechter.

Ich aber bin der faulige Balken vom Floß des Odysseus,
torkelnd auf den mürrisch-zuckenden Schulterns des Meers,
der dann und wann unter dem Irrlicht des Pols
grünlich erschimmert,
als habe ihn die Erinnerung an einen Ort
anderen Blühens entzündet.

Okt 23 13

It is nature, my dear, it isnʼt gender, stupid!

Der Knirps schlappt vor mir her
auf dem Bürgersteig der Elisabethenstraße,
zur Seit die kleine Schwester mit dem Rucksäcklein –
sie prallen manchmal sachte wie im Halbschlaf
aufeinander, Federbällchen, springen sie beiseit
oder verfangen sich ein Weilchen
einer in dem andern, wie Bienen tun
in aufgelöstem Frauenhaar.

Der Kleine trottet vor mir her,
spürt meinen Schatten nicht –
da heißt die Mutter ihn beiseitetreten
für den Langen mit dem Überschritt.
Und der Kleine mauzt: „Was?“ –
„Wie bitte?, heißt das!“ belehrt ihn schön
das noble Muttertier.

Hier herrschen demnach, ach wie tröstlich,
edle Sitten und feinen Anstands guter Brauch,
die Knab und Mädchen wohl zu behüten scheinen.

An der Haltestelle Elisabethen-Brücken-Straße
sehen wir uns wieder: Die Kinder schlurfen müde
auf die Asphaltinsel, die Mutter hat ein Auge,
schart die Kleinen eng um sich –

da merkt mein Kleiner auf,
ein lichtes Wogen überschwemmt sein Angesicht,
er spitzt die Ohren –

fern nähert sich ein wildes Wummern,
ein dunkles Brummen, es rast,
ein gischt-gellender Pfeil,
ein schäume-schabendes Messer,
dir vor das Auge eine heiße Kraftmaschine,
hitzig in sich bebender, verchromter Wille,
vernickelte Potenz – Kawasaki –

der Kleine ist hellwach und saugt
mit dem offnen Mund des Sklaven
vor Cäsars dröhnendem Triumph
die ölig-martialische Strahlung –

er schaut mit tiefen Katzenblicken,
er lauscht mit Jägers Ohren
dem ungeduldigen Stampfen, dunklen Glucksen –

so pochte Blut in des Urmenschen Schläfe,
wenn er den Speer auf den Springbock warf.

Natur des Mannes ist es, die im holden Knaben
durch diese Tier-Maschine zu Kampf und Krieg,
zu Blut- und Götter-Überstieg und tödlichen Ekstasen
ruft und macht sein Kinderauge glänzen –

das Mädchen steht dabei, hat keinen Blick und Sinn
für so gespenstisch-surreale Triebesmacht –

die auch die Brille des sensiblen Dichters
bei einer kleinen Atemlosigkeit
zwischen zart hingetupften Zeilen feucht beschlägt –

verlach ihn nicht –
dies sind die wenigen Momente,
die seinen Vers mit Sauerstoff versorgen.

Okt 20 13

Grabgeflüster

Hauptfriedhof, Frankfurt am Main

Der überflüssigste aller überflüssigen Menschen,
ein Balkan-Bonze, hat es wohl vermocht,
an der Eckenheimer Mauer –
Adornos von seiner hiesigen Negativistensekte,
omen est nomen, wie sollt es anders sein,
NICHT gepflegtes Grab ist gar nicht weit –
aufzurichten ein Protzmal seinem Leichnam,
ein kitschig Weihtum seiner Eitelkeit:

In einer Kapelle, woʼs hinter Butzenscheiben glimmt,
schwebt über einem Talmi-Altar
des Verblichnen riesiges Porträt –
ein feister Pascha, umspannt
von seidner Staats- und Amtesschärpe –
selbstverliebt in die Ewigkeit glotzend:

Du sollst noch vor der Leiche knien
wie im Leben Weib und Kind vor seinem Pansen.
Inmitten des Altars steht – o nein, kein Kruzifix –
eine kolossale Champagnerflasche,
für dieses Lebens frohe Idiotie
Symbol und Echtheitssiegel.

Auf Schopenhauers Grabesplatte
liegt eine schüchterne Kastanie,
von dem Verehrer putzig appliziert.
Arthur Hübschers abgemarktetes Leichenfeldchen
ist von wilden Kräutern zugewuchert.

Die große Jünglingsbronze am Portal
taumelt stehend in den ewigen Schlaf –
die schweren Hände schaufeln letzten Traum.

Die blinden Augen sind nach innen aufgetan
der allerlösten Leere,
in die ein Jenseitssturm zerstreut,
aller Wiederkünfte bar,
den ausgeträumten Sternenstaub.

Okt 20 13

Verschließ dein Herz

Warum sollte dich in hoher Sommernacht
wieder eines vollen Mondes Glühen
erinnern, wie es alte Wunde macht,
an früher Liebe sinnlos Blühen?

Warum im Moos nach jenen Pfaden suchen,
bei des Rinnsals süßen Liedern,
und das Segenslicht der Buchen
mit Jünglingsjubel noch erwidern?

Es ist schon spät im Jahr, schon grauen
die toten Blätter in den Asphaltrinnen.
Dem Zwielicht schenke kein Vertrauen.
Die Spiegel hänge zu mit schwarzen Linnen.

Okt 19 13

Ende gut, alles gut

Wieder musst du weiter fliehen
längs der staubigen Botanik.
Zeilen musst du weiter ziehen
mittels klassischer Poetik.

Ach, hättʼs hier doch sein Bewenden,
tät es gütlich endlich enden.

Atmend bis zum Sinnverdruss,
Geist ward dir verliehen,
den vermaledeiten Schluss
regelrecht zu ziehen.

Ach, hättʼs hier doch sein Bewenden,
tät es gütlich endlich enden.

Liebe ward dir aufgespart.
Doch den feuchten Brocken
wollt die Flamme allzu zart
keine Glut entlocken.

Ach, hättʼs hier doch sein Bewenden,
tät es gütlich endlich enden.

Heimat ward dir anvertraut,
Lied und Fluss und Sage groß.
Nun die Träne hat betaut
deiner Hoffnung stummen Schoß.

Ach, hättʼs hier doch sein Bewenden,
tät es gütlich endlich enden.

Okt 19 13

Heimkehr oder Zurück in Wermuthausen

Mit diesem Mist am Stiefel
und dem toten Käfer in der Tasche
hatʼs nach Wermuthausen wieder dich verschlagen.

Dort düngst dein Traumeskräuterbeet
mit Schlangenhäuten, Echsenschuppen
und Frauenhaares Asche.

Was sie da reden, sagt dir nichts.
Ist ein arges Kauderwelsch,
ein schwerer Stein, die Seele windet sich,
ein nackter Wurm, zu Tod darunter.

Die Mädchen sind ergraut von Kindheit an.
Die alten Weiber gehen kahl – es sprießt
an ihrem Hinterkopf ein drittes Aug hervor.

So herrschen sie und heißen gut
die erste beste Frucht – die zweite verwerfen sie,
schaben sie aus, veröden ihr das Herz.

Was sie nicht pflücken, gleich zerstücken,
ist ein Adonisgärtlein breit: kleiner Seelen
Zitterfäden, Spinnensinnenwahngeweb.

Dann kommt das große Kehrrichtfest –
es kehren, scheren, blasen
die heißen Eifernd-Geifernden,

die kahlen Heischend-Kreischenden,
die busenwringenden Heulesusen,
sie blasen, scheren, kehren

dein Häuslein krumm, dein Kindlein stumm –
und Schreck und Dreck und Schmutz und Fleck –
Gräsleins Flaum, aus ist der Traum.

Okt 18 13

Sterbens Glück

Dir schwebt nicht unbeschworen
die golden-grüne Feder
aus Wolkenkuckucksheim
auf die linke Hand
und auf die rechte
mit dem blauen Siegel
das trunkne Blatt –

Du hast den Lebenspfad
in aller Elemente dunklen Lehm
und helle Mahd gebahnt.

Du fandst in trocknem Brunnen
bleicher Knochen Schrift.

Und in den Wassern süßer Quelle,
die im Märchenton dir scholl,
hast du des Trübsinns Staub
dir von den Sinnen abgewaschen.

Dir glänzte wohl in schwarzem Teich –
dein Vogel sangʼs –
das Kleinod und die goldne Krone
so tief entsunknen Liebesreichs.

Eratmend sterbend
schmeckst auf kindlich auferblühter Lippe du –
vom Finger eines Engels sanft geweckt –
rheinischer Trauben goldnen Tropfen
stilles Glück.

Dein Engel,
Geläute warmen Schnees,
schließt dir die ausgeträumten Lider.

Okt 16 13

Winterliche Verhauskatzung

Im moosigen Bett des Peterskirchfriedhofs
fiept und piept noch kleines Leben.
Der Kirchturm ragt in einen Orgelton
lila-schwarz barocker Wolken.

Hat der Herbst dir wohl goldne Frucht
auf die schwanken Planken
deines Schlafs gerollt?

Ich denke schon die blauen Fröste,
wenn sich die schneeentzückte Träne
dir von der roten Backe trollt.

Was tun mit unsren feldmäusigen Gelüsten,
wenn Schritte knirschen weihnachtlich
und letzte Aale seewärts zählt der Main?

Schnurrende Verhauskatzung
voll pfötchenweicher Liebelei
tät ich uns raten.

Wenn dann der Kaffeeduft versöhnt
und sämiger Eintopf blubbert,
werd ich an meinen Schnurrehärchen
seltsam musikalisch …

O zupfe mich und rupfe mich,
gleich mieze-mauz-miauze ich
ein kaninchenfellwattiertes,
mit langen Unterhosen ausstaffiertes,
ohrenschützerschallsmorziertes,
bommelmützig leicht jongliertes,
filzpantofflig metrisiertes,
bettflaschenheißes,
schneelinnenweißes,
lammwollsockenmuffiges,
schießerspießerknuffiges
Wintersonnenwendelied.

Okt 15 13

Du bist so irritabel – ach, hielt ich doch den Schnabel!

Du bist so sensitiv!
Bei dir tät ich nicht pupen.
Bei dir tät ich nicht greinen,
muss meinen Schmerz umschreinen.
Du bist so sensitiv!

Du bist so humanistisch!
Dich dauern fernste Fremde.
Tät meinen Bettel hüllen,
mein Wehmütlein zerknüllen.
Du bist so humanistisch!

Du bist so wetterfühlig!
Dein Näschen riecht den Frost.
An meines Fensters Eises-Rosen
erstarrt dein laues Liebe-Kosen.
Du bist so wetterfühlig!

Du bist so vulnerabel!
Musst dein Gefühl verbuffen.
Mein Singen macht dich scheuen,
mein Schnarchen würd mich reuen.
Du bist so vulnerabel!

Okt 15 13

Für sich, für mich, für dich

Wie ganz umperlt für sich
entschwebt der Schwan,
ein kaum entblößter Dämmerschein,
in weißen Schlafens-Schaum.

Die mir wie Lampions
die fahlen Schimmer streun,
Früchte meines kleinen Gartens,
meiner Sehnsucht Siebenstern.

Von dunklem Duft umwogen,
dem Frühlingswind geneigt,
hat deine Lilie mich gezogen,
bin deiner Liebe ich geneigt.

Okt 13 13

Farben des Lebens

Schilfiggrün, an lichtem Finger,
steigst du, fiedriges Blattgewedel,
aus dem härtesten Gestein,
windest über Meergrüns Stufen
dich in blaue Nacht hinein.

Doch deine Augen färbt,
wie die flackernde Iris der See,
Lichtes Jubel, Regens Klage,
falbes Sehnsuchtsgewölk,
grauend-tauend nüchterne Tage.

Aufgeglommener Röte
fliehend-flehendes Gesumm,
wölbt sich deine Lippe bang
zu der Bienen Bernsteinfunken,
einem honigdunklen Drang.

Doch deine Seele färbt,
wie Blätter herbstverhüllten Lieds,
wie schiefergraue Klage,
ein Gelbstich frühen Liebesbilds,
verwischte Zeilen früher Tage.

Okt 12 13

Der Teufel als Feuilletonist

In honore verecundiaque
Episcopi Limburgiensis
Tebartz-van Elst

Mephisto, der verlorene Sohn,
Feuilletonist der ersten Stunde,
polemisiert in schrillem Ton –
die Meute hetzt nach seinem Munde.

Er satyrisiert mit Stumpf und Stiel –
Vernichtung ist sein wahres Ziel.

Die Majestät auf hohem Thron
und alles, was ihr Leuchten bricht,
bespeichelt er mit Geifer-Hohn –
was Größres als ihn gibt es nicht.

Er zischt im Metropolen-Blättchen
gleich einem liebestollen Rättchen.

Den edlen Menschen, der den lieben Lohn
dem Heiligtume tät verehren,
verketzert er im Büßerton:
Die armen Teufel müsstenʼs all entbehren.

Noch ein Charisma wär dem Hetzer eins zu viel –
Vernichtung ist sein wahres Ziel.

Prunksucht ist dem Eifrer schon
zarte Geste, die nicht fraget.
Aberglauben schilt er schöne Devotion,
die der Lauheit Kleinwuchs überraget.

Seine schwarze Lust ist mit gewitzten Zoten
des Gesalbten Leidenswege zu bekoten.

Wenn aus heiliger Kelche Pracht
Licht des Ursprungs tropfet
und der Liebe Werke sind vollbracht –
hat das Herz des Hassens ausgeklopfet.

Okt 11 13

Mutterglück

Schwarzes Kostüm, grindig verfleckt
das eine Schulterpolster,
der schwarze Schuh an der Sohle goldbeschlagen,
als gelte es, Kot und Unrat zu beschämen.

Die braunen Augen rollen.
Der Mund scheint aufgequollen.

Das Balg im Kinderwagen bäumt sich –
der Blicke weinerliches Bohren.

Die dürre Schwester trudelt, ein Federbällchen,
durch die Warteschlange.
Kein innres Band spannt sich zur Mutter hin:
Dies Kinderherz ist leer,
ist eine Frucht, zu früh vom Ast geschüttelt,
halb angefault.

Ungeliebtes zeugt die Pein:
hassen müssen, hässlich sein.

Das Mädchen tippt an die Scheibe des Fahrkartenautomaten,
weil die Sensorik ihm willfahrt.
Mit Furienkrallen umgreift die Mutter den Zopf
und schleppt das zarte Ding
wie eine Sklavin über den halben Bahnsteig.

Sie faucht und grollt,
sie greint und schmollt.

Durch wessen Seele geht hier nicht ein Schnitt?
Keiner rührt sich, alles starrt zu Boden.

Ungeliebtes zeugt die Pein:
hassen müssen, hässlich sein.

Dem Mädchen weiten sich die Augen –
kein Laut, kein Schrei.
So stumpf ist es, so leer, so leer.

Dann stellt die Dürre sich breitbeinig hin
und spritzt aus ihrer bunten Tüte
zuckrigen Saft vor der Mutter Füße.

Sie faucht und grollt,
sie greint und schmollt.

Ohne Scham rückt das Kind den alten Weiblein
auf den Leib und schielt in ihre Einkaufstüten,
mit krummem Finger macht sie einen Spalt
und späht.

So wird sie später lange Finger machen,
der Freundin den Kerl ausspannen,
den Kerl kalt abservieren.

Ungeliebtes zeugt die Pein:
hassen müssen, hässlich sein.

Okt 9 13

Mortale Pointen

Den Kopf im Gasherd:
„Am Ende mach ichʼs umgekehrt –
der Hintern sei der Welt verehrt!“

Den Kopf in der Schlinge:
„Das Drama war schlecht inszeniert –
hat meinen Edelsinn geniert!“

Mit der Pistole im Mund:
„Der Schuss gilt dir,
ma Chère, ma Chère!“

Vor dem Abgrund schaukelnd:
„Könnt ich in diesem letzten Grauen
die Blumen meiner Kindheit schauen!“

Sich die Pulsadern öffnend:
„Könnt ich in dieses Blutes Läufen
meine große Schuld ersäufen.“

Den Finger am Abzug:
„Die Regie hat sich verschätzt –
die Heldenrolle falsch besetzt!“

Am Geländer der Brücke:
„Wenn ich ein Vöglein wär,
und auch zwei Flügel hättʼ,
flög ich …“

Im Teich mählich versinkend:
„Ich war für dieses Lebens
schweren Trug
nicht leicht genug!“

Nachdem er sich mit Benzin übergossen:
„Ich gönn mir eine letzte Zigarette
auf meines Lamas Blumenkette.“

Bevor er sich das Harakiri-Messer in den Bauch stößt:
„Verloren, aber nicht besiegt!
Des Kaisers Sonne ewig fliegt!“

Bevor er aus dem Fenster springt:
„Die Aussicht ist so delikat!
Für ein Foto istʼs zu spat.“

Den Kopf auf der Schiene:
„Ich spür die letzten Vibrationen –
als würd auf heißem Schoß ich thronen!“

Im freien Fall:
„Mein Fallschirm bleibe unentfaltet!
Der Seele Sehnen ist erkaltet.“



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