Logische Schneisen XIV
Wenn wir die topographische Projektionsmethode auf das Medium der Sprache anwenden, entsprechen den topographischen Zeichen für singuläre Orte wie dem topographischen Zeichen für den singulären Ort „Alte Oper Frankfurt“ die lautlich artikulierten oder schriftlichen sprachlichen Zeichen für singuläre Terme wie der Name „Alte Oper Frankfurt“ für die Alte Oper Frankfurt.
Wir scheinen unmittelbar auf eine Strukturähnlichkeit zwischen der topographischen und der semantischen Projektionsmethode zu stoßen, wenn wie die topographischen Punkte und Wegstrecken auf der Karte beschreiben. Zum Beispiel: „Auf der Karte liegt das topographische Zeichen für die Alte Oper Frankfurt zwischen dem Zeichen für die Bockenheimer Warte und dem Zeichen für die Hauptwache.“ In verallgemeinerter Schreibweise: Der Punkt B liegt zwischen den Punkt A und C oder B (A R C), wobei R die Relation „liegt zwischen X und Y“ bezeichnet. Natürlich gilt: Wenn B zwischen A und C liegt, liegt B auch zwischen C und A: B (C R A).
Wir bemerken: In dem Satz „Die Alte Oper Frankfurt liegt zwischen der Bockenheimer Warte und der Hauptwache“ oder dem sinngleichen Satz „Die Alte Oper Frankfurt liegt zwischen der Hauptwache und der Bockenheimer Warte“ liegt der sprachliche Ausdruck „Alte Oper Frankfurt“ NICHT zwischen den sprachlichen Ausdrücken „Bockenheimer Warte“ und „Hauptwache“, wie auf der Karte das topographische Zeichen für die Alte Oper Frankfurt in der Tat zwischen dem Zeichen für die Bockenheimer Warte und dem Zeichen für die Hauptwache liegt. Der Sinn des Satzes, der den Sinn der topographischen Zeichen auf der Karte exakt wiedergibt, bildet die Struktur der topographischen Zeichen nicht ab. Daraus folgern wir: Sätze sind nicht in einem intuitiv verständlichen Sinne Bilder der Sachverhalte und Tatsachen, die sie zu verstehen geben.
Wir stoßen bald noch auf einen anderen wesentlichen Unterschied zwischen der topographischen und der semantischen Projektionsmethode: Auf der Karte entsprechen die Streckenlängen zwischen dem topographischen Zeichen für die Alte Oper Frankfurt und dem Zeichen für die Bockenheimer Warte und zwischen dem topographischen Zeichen für die Alte Oper Frankfurt und dem Zeichen für die Hauptwache den wirklichen Wegstrecken zwischen der Alten Oper Frankfurt und der Bockenheimer Warte beziehungsweise der Hauptwache. Wir erreichen diese Proportionalität mittels der Projektion gleicher Strecken auf der Karte für gleiche Strecken in der Realität.
Aus dem Satz „Die Alte Oper Frankfurt liegt zwischen der Bockenheimer Warte und der Hauptwache“ kann ein Ortsunkundiger nicht ablesen, wie groß die gemeinten Abstände in der Realität sind – im Gegensatz zu der Möglichkeit, die Streckenlängen auf der Karte unmittelbar abzulesen. Dem Satz zufolge könnte die Alte Oper näher an der Bockenheimer Warte oder näher an der Hauptwache liegen, als sie es in Wahrheit tut. In Wirklichkeit liegen unbegrenzt viele Punkte auf der Punktgeraden oder unendlich viele Zahlen auf dem Zahlenstrahl, wenn wir die gemeinte Strecke auf der Punktgeraden oder dem Zahlenstrahl abtragen.
Wir können die topographische Lage nur spezifizieren, wenn wir mit den üblichen Messskalen und Metriken operieren und etwa sagen: Die Alte Oper liegt auf der Strecke zwischen Bockenheimer Warte und Hauptwache so und so viele Meter von der Bockenheimer Warte und so und so viele Meter von der Hauptwache entfernt. Wir können zur Ortsbestimmung auch die Längen- und Breitengrade oder die GPS-Daten als Koordinaten benutzen: Nur so gelingt uns eine Objektivierung der Aussage. Nur auf diese Weise unterfüttern wir unsere Meinung, der Eigenname Alte Oper verweise auf einen ganz bestimmten Ort auf dem Globus, mit dem Wissen, dass der Eigenname Alter Oper auf einen ganz bestimmten Ort auf dem Globus verweist und somit eine ziemlich genaue Bedeutung hat.
Unzählbar viele Gegenstände jedweden Typs von Gegenstand, wie Atome, Moleküle, Zellen, Sandkörner, Kieselsteine, Stühle, Sterne, Zahlen, Buchstaben, lautlich oder schriftlich wiedergegebene Wörter und Sätze, liegen in unserer Welt und in dem System unserer Erfahrung – wozu neben dem Gesichtsraum und allen Sinnesdimensionen natürlich auch die physikalisch-chemische Welt gehört – zwischen irgendwelchen anderen Gegenständen. Das Prädikat, das die Relation „liegt zwischen X und Y“ ausdrückt, nennen wir wegen dieser Allgemeinheit seiner Anwendung einen generellen Term.
Dagegen reservieren wir für einen Eigennamen wie „Alte Oper Frankfurt“ den exklusiven Gebrauch für nur einen Gegenstand in unserer Welt und in dem System unserer Erfahrung. Wegen dieser Singularität der Verwendung des Eigennamens nennen wir ihn einen singulären Term.
So können wir sagen: Sätze sind das freie Spiel der Kombinatorik von singulären und generellen Termen – freilich mit der Einschränkung, dass nur Kombinationen zwischen ähnlichen Typen von singulären Termen und entsprechenden Kategorien von generellen Termen zugelassen sind. Verstoßen wir gegen diese Regel und sagen oder schreiben Sätze wie „√2 leuchtet grün“, teilen wir einander nichts mit und das heißt, wir reden Unsinn. Aber wir können sagen: „Die Alte Oper Frankfurt liegt nicht zwischen der Bockenheimer Warte und der Hauptwache“ und hätten damit durchaus etwas Sinnvolles gesagt: Denn singuläre Terme für räumliche Gegenstände wie Gebäude gehören zu dem Typus von singulären Termen, die wir mit dem generellen Term des Relationsausdruck „liegt zwischen“ verbinden dürfen. Diese Freiheit ist aber in diesem Falle gleichsam unnütz und vertan, denn der Satz ist falsch.
Könnten wir die komplizierte Bedeutung von Eigennamen nicht umgehen und einfach das mit den Namen Gemeinte durch eine Beschreibung oder eine hinreichend lange Liste von Beschreibungen ersetzen, die uns keinen Zweifel mehr lassen, um welchen Gegenstand es sich handelt? Dann wären wir fein aus dem Schneider, denn weil wir mittels genereller Terme beschreiben, hielten wir einen schlanken Generalschlüssel zum Aufschluss und zur Analyse von Sätzen in Händen, weil wir nur noch einen Typ von sprachlichen Termen benutzten, die wir an die Quantoren (x) und ∃ mittels Konjunktionen anfügten.
Warum stoßen wir hier an eine Grenze? Wollten wir den Eigennamen Alte Oper Frankfurt durch die Beschreibung ersetzen: „Das monumentale Bauwerk, auf dessen Architrav die geflügelten Worte des Dichters Goethe ,Dem Wahren Schönen Gutenʿ eingraviert sind“, hätten wir keinen eindeutigen Referenten in der Hand – denn alle Abbildungen, abertausende Fotos, tausende Gemälde, Stiche und Zeichnungen zeigen dieses monumentale Bauwerk mit den geflügelten Worten des Dichters Goethe „Dem Wahren Guten Schönen“.
Wir sehen: Genauso wenig Sätze Bilder und Abbilder der Gegenstände, Sachverhalte und Tatsachen darstellen, die sie meinen oder bedeuten, genauso wenig können uns Bilder der Gegenstände, Sachverhalte und Tatsachen die Originale der Gegenstände, Sachverhalte und Tatsachen ersetzen, deren Abbild sie sind. Die Namen und Eigennamen indes beziehen sich eben auf diese „Originale“ in unserer Welt – daher sind sie uns unentbehrlich.
Logische Schneisen XIII
Mit einer auf deine Sehschwäche eingestellten Brille siehst du so gut wie Normalsichtige. Du siehst mit einem Sehapparat, was immer es zu sehen gibt. Die Brille täuscht ja nichts vor – über den Rand der Brille kannst du freilich nicht sehen.
Mit einer Karte der wichtigsten Fuß- und Wanderwege sowie Fahrradwege, die sich durch deine Stadt schlängeln, erfasst du leicht, wie du vom Ort A zum Ort Z gelangst – freilich per pedes oder mit dem Fahrrad. Willst du mit der U-Bahn oder S-Bahn zum deinem Zielort fahren, benötigst du eine andere Karte und eine andere Art von Karte. Dasselbe gilt für die Straßenkarte.
Die Karten kannst du übereinander projizieren oder als transparente Folien übereinanderlegen, dann erhältst du eine Übersichtskarte für Fuß- und Fahrradwege, Straßen und U-Bahnlinien sowie S-Bahnlinien in deiner Stadt.
Wenn du den auf der Karte der Stadt Frankfurt verzeichneten Fußweg vom Merianplatz durch den Bethmannpark über die alte Wallanlage bis zur Alten Oper abschreitest, wird es dich nicht erstaunen, festzustellen, dass der von dir gesehene und beschrittene wirkliche Weg ganz anders ausschaut als die dünne Linie auf der Karte. Ja, die auf die zweidimensionalen Fläche projizierte Linie hat mit der dreidimensionalen Wegstrecke kaum Ähnlichkeit – außer der einen, aber entscheidenden: von dem topographischen Zeichen für einen Platz, deinem Ausgangsort, bis zum topographischen Zeichen für ein kulturelles Monument, deinem Zielort, zu reichen und die dazwischen liegenden Wegabschnitte metrisch proportional zu den wirklichen Wegabschnitten abzubilden. Und diese Eigenschaft der Projektion, uns eine metrische Ähnlichkeit eines Weges, einer Fläche oder eines Raums zu vermitteln, reicht aus und erfüllt den gewünschten Zweck, uns auf den Weg und ans Ziel zu bringen.
Die Wegekarte verzeichnet nicht die schnell wechselnden Eigenarten und Individualitäten, die dir unterwegs begegnen können, nicht die Forsythien an der Umfriedung des Kindergartens, die gerade jetzt blühen oder nicht blühen, und schon gar nicht jenen alten Bettler, der auf dem Stein am Teich sitzt und vor sich hinstarrt und vielleicht morgen dort nicht mehr sitzen wird und vielleicht nirgendwo mehr sitzen wird. Wir sagen kurz, die Karte vermittelt einen Ausschnitt des Wesentlichen oder Bleibenden: Der Platz, von dem du ausgehst, gehört zu diesem Bleibenden, und das Gebäude der Alten Oper ebenfalls – freilich, müssen wir einschränken, bleibend heißt in der Welt, in der wir leben, voraussichtlich und vorübergehend bleibend. Immerhin wurde das Opernhaus im Kriege zerstört, und jener Platz könnte einmal zugebaut werden und verschwinden, aus der Wirklichkeit und von der Karte.
Was aber vorübergehend auf der Karte und in der Wirklichkeit seinen Platz einnimmt, wie der Platz und das Gebäude, nimmt nur diesen und keinen anderen Platz in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Erde und im gesamten Universum ein. Mit dem topographischen Zeichen für den Platz und dem topographischen Zeichen für das historische Gebäude reservieren wir einem singulären Gegenstand einen singulären Ort auf der Karte, der einem singulären Gegenstand an einem singulären Ort in der Wirklichkeit entspricht. Wir sagen: Zeichen wie die topographischen Zeichen sind Identitätszeichen. Sie stehen stellvertretend für einen Gegenstand, der nur einmal auf der Welt vorkommt.
Wenn einer dich am Merianplatz fragt, wie er denn zu Fuß zur Alten Oper gelange, kannst du es ihm vielleicht umständlich erklären – ob er den langen Sermon freilich behält, steht dahin. Besser du kannst es ihm auf seiner Karte zeigen, indem du mit dem Finger die Strecke vom Ausgangs- zum Zielort langsam abfährst. Noch besser, du zeichnest den Verlauf des Weges mit dem Bleistift nach.
In der geometrischen Ebene und im dreidimensionalen Raum des kartesischen Koordinatensystems können wir beliebige Punkte mittels geordneter Paare beziehungsweise geordneter Tripel von Punktmengen herausgreifen und identifizieren. Hier sind die Zeichen für die Punktkoordinaten, also schlichte ganze oder rationale Zahlen, die Identitätszeichen.
Wenn wir auf dem Notenpapier hinter dem C-Schlüssel mit dem Zeichen für den Ganzton das eingestrichene c als unseren Ausgangspunkt herausgreifen und mit dem Zeichen für die Viertelnote das zweigestrichene c als unseren Zielpunkt bestimmen, haben wir mittels der Notation auf dem Notenpapier den realen Ausgangsklang c’ und den realen Zielklang c’’ projiziert. Unsere Notenzeichen sind Identitätszeichen für die Identität der von ihnen bezeichneten Tonwerte. Wie auch immer wir die bezeichneten Töne realisieren, ob mit dem Klavier, der Geige oder unserer Stimme, die Notation geht das gleichsam nichts mehr an. Natürlich werden bei der Wiedergabe desselben Tons mittels Klavier, Geige oder Stimme genügend Nebengeräusche oder auch kleine Fehlgriffe dafür sorgen, dass die erzeugten Töne physikalisch nicht hundertprozentig identisch sind. Dennoch lassen wir den Tonwert in einem gewissen eng bemessenen Spielraum von Abweichungen über und unter einer idealen Norm als DENSELBEN Tonwert gelten.
Mittels unserer Notenschrift können wir nicht nur die Oktave c’ und c’’ angeben, sondern auch die Ganztöne und gewisse Halbtöne zwischen diesem Ausgangs- und Zielpunkt. Wir können zwischen c und d sowohl ein cis wie ein des eintragen und lassen diese Halbtöne als sogenannte enharmonische Verwechslung füreinander gelten. Wir können aber mit unserer Notation zwischen c und des nichts mehr bezeichnen – obwohl es gewiss möglich ist, zwischen diesen Tonwerten physikalisch neue Klänge zu generieren, die auch von anderen als dem von uns festgelegten und benutzten Notensystem in einer komplexen Notation aufgezeichnet werden könnten.
Die Notation, mit der wir Ganz- und Halbtonschritte zwischen den 7 1/3 Oktaven des wohltemperierten Klaviers herausgreifen, bildet eine logische Mannigfaltigkeit, die unseren tonalen Zwecken genügt, weil sie differenziert und reichhaltig genug ist, um alle Noten zu identifizieren – alle Noten im Sinne all der Noten, die wir brauchen.
Wir können sagen: Die Notation schreibt mir vor, was ich als möglichen tonalen Bezug auffassen kann, und was nicht. Zwischen den Notenwerten cis und des existiert für uns kein weiterer Ton. Vergleiche diesen Sachverhalt mit dem Zahlenstrahl, dessen logische Mannigfaltigkeit weit umfangreicher ist – lässt er doch gleichsam beliebige „Zwischentöne“ zu: zwischen den ganzen Zahlen die rationalen Zahlen, zwischen den rationalen Zahlen die irrationalen Zahlen, zwischen den irrationalen Zahlen die imaginären Zahlen.
Wollen wir annehmen, dass unsere Sprache zum Zwecke der Repräsentation und Projektion dessen, was „es gibt“, was wir als Gegenstände oder Tatsachen der Welt bezeichnen, ähnlich funktioniert wie die erwähnten Formen der topographischen, geometrischen, tonalen oder zahlenförmigen Projektionen mittels eines Zeichensystems, das letztlich den Umkreis dessen, worüber wir reden können und worüber wir nicht reden können, ähnlich festlegte wie die Notenschrift festlegt, welche Töne wir hervorbringen können und welche Töne hervorzubringen uns versagt ist?
Logische Schneisen XII
Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem unabweislichen Grund, weil natürlich gilt: 0 ist nicht 1.
Aus dem Vorgang des Zählens und also aus dem Hantieren mit den natürlichen Zahlen 0 und 1 können wir die Struktur des logischen Raums aufbauen. Denn: (1) Zählen ist ein intentionaler Akt, der dem Zählenden bewusst ist, es kann (2) mittels Sprechakten dargestellt werden wie „Ich zähle von 1 bis 10“ oder „Ich zähle die Primzahlen zwischen 30 und 50“ oder „Ich zähle bis zur 18. Kommastelle der Zahl pi“ und ist (3) ein zentraler Baustein der Rationalität, weil es die logischen Forderungen nach Konsistenz, Kohärenz und logischer Folgerung voraussetzt und im besten Falle erfüllt.
Du zählst zunächst 0, danach zählst du 1. Zählen ist wie jede Hantierung und Handlung sowie jeder Sprechakt ein Vorgang in der Zeit, ein Vorgang, eine Handlung, die Zeit braucht. Wenn wir die Zahlen wie die Stationen eines Wanderwegs mittels Zählen erreichen und wenn das die Zahlen konstituierende Zählen Zeit braucht, können wir daraus schließen, dass Zahlen nicht in einer scheinbar zeitenthobenen Sphäre als ewige Entitäten herumschweben oder wie Fixsterne am platonischen Ideenhimmel festgenagelt sind.
1080 ist die ungefähre Anzahl der Atome im Weltall. Die Zahl gibt eine unser Vorstellungsvermögen weit übersteigende Größe an – aber eine endliche, begrenzte, messbare Größe. Du kannst aber einfach hinschreiben: 1081, 1082, 1083 und so weiter. Was heißt das? Wir zählen einfach weiter, wie es uns passt, scheinbar oder offenbar durch keine realen Grenzen der realen Raum-Zeit gehemmt.
Wären Zahlen gleichsam Abbilder der zählbaren Dinge, wären die Etiketten 1.0 und 1.1 nicht lose mit den durch sie etikettierten Dingen verbunden, sondern an sie fest angeheftet, könnten wir irgendwann nicht weiterzählen, sondern stießen an die faktische Grenze des Zählbaren.
Würden Zahlen die zu zählenden und zählbaren Dinge bezeichnen, wie könnte es dann eine Null geben, die ja nichts zu bezeichnen scheint? Oder wie negative Zahlen – von irrationalen und imaginären Zahlen zu schweigen. Welches seltsame Objekt sollte die transzendente Zahl pi bezeichnen? Also, merken wir an, Zahlen bezeichnen oder referieren nicht, der Vorgang des Zählens ist kein Vorgang des Bezeichnens.
Aber, wendest du ein, wir brauchen die vertrackte Zahl pi doch, um ein wirkliches geometrisches Gebilde, den Kreis, zu vermessen, nämlich Umfang und Fläche des Kreises zu bestimmen! Doch was sind Kreise – und all die anderen geometrischen und topologischen Gebilde und Strukturen – anderes als wiederum Werkzeuge des menschlichen Geistes, der damit schalten und walten kann, wie es ihm beliebt – freilich bis zur unüberschreitbaren Grenze der Inkonsistenz?
Würden Zahlen etwas bezeichnen, müssten sie wie Eigennamen funktionieren. Eigennamen bezeichnen Gegenstände, die existieren, auch wenn wir um ihre Existenz nicht wissen. Denn gewiss gibt es einen gewissen Hans-Peter oder eine bestimmte Inge in deiner Nachbarschaft, in deinem Nachbarviertel oder deiner Nachbarstadt, die so heißen, von deren Existenz du aber nichts weißt. Was sollte es aber bedeuten, dass eine Zahl mit dem Namen Z0 existiert, aber du weißt nichts von ihrer Existenz? Würden Zahlen bestehende Entitäten bezeichnen, wäre man leicht verführt, zu meinen, auch das Zeichen für das „Und so weiter“, das Unendlichkeitszeichen, bezeichne einen Gegenstand, nämlich das Unendliche. Schon kommen wir in Teufels Küche und stellen unsinnige Fragen wie: Was für ein Objekt ist ein Objekt, das keine Grenzen hat, oder: Wie kann das Unendliche im Endlichen existieren?
Wir fangen irgendwo an, egal wo – aber noch haben wir nichts getan, keinen Mucks und keinen Schritt. Wir nennen diesen Ort des Ursprungs unserer Absichten, Vorhaben, Handlungen und Sprechakte in der irrealen Welt der Zahlen den Nullpunkt oder einfach null. Das ist der Ausgangspunkt – es gibt nichts davor, alles aber danach: Wenn wir den ersten Schritt tun, haben wir gleichsam alle Schritte getan – wie wir gleichsam alles gesagt haben, wenn wir das erste Wort gesagt haben.
Wenn wir den ersten Schritt tun, zählen wir 1. Wir sagen: 1 ist der natürliche Nachfolger der Null, die nur diesen einen direkten Nachfolger, aber keinen Vorfolger oder Vorgänger hat.
Jetzt stehen wir gleichsam auf vorgerücktem Posten, auf der Wegscheide oder am Scheideweg. Vor oder zurück? Wenn uns jetzt der Mut verlässt und wir vor dem nächsten Schritt zurückschrecken, kann es passieren, dass wir kopflos werden und zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren.
Was ist hier passiert? Wir stehen gleichsam unverrichteter Dinge wieder am Nullpunkt, müssen wie man sagt wieder bei null beginnen, obwohl wir die Position der 1 schon erreicht hatten. Als hätten wir gerechnet: 0 x 1 = 0.
Wir haben demnach die Ursünde der Inkonsistenz, des Selbstwiderspruchs, begangen: einen Schritt nach vorn und gleich wieder einen Schritt zurück. Wir sehen, was dabei herauskommt: gar nichts. Wir können die Inkonsistenz sehen, nämlich an der Gleichung 0 x 1 = 0, wofür wir auch schreiben können: ̶1̶ = 0.
Natürlich sollten wir vermeiden, gleich bei unserem ersten Schritt in unbekanntes Gelände zu straucheln. Können wir aber gleichsam auf hoher See oder mitten im Getümmel den Fehltritt der Inkonsistenz auf alle Fälle sichten und ausräumen? Bleiben wir bescheiden und sagen: Nur so weit das Auge reicht, sprich, soweit wir einen Überblick gewinnen können. Vielleicht hast du vor einem Jahr angenommen, Irene wohne in deinem Viertel, heute denkst du nicht mehr an diese Annahme und argwöhnst, Irene wohne nicht in deinem Viertel. Diese gleichsam milden, weil in dem Netzwerk unserer Annahmen lokal umgrenzten und deshalb relativ ungefährlichen Inkonsistenzen können wir nicht ausschließen.
Wenn wir einen Weg zurückgelegt haben und auf einen Hügel gelangen, können wir zurückblicken und unsere verschlungenen Pfade überschauen, die wir gegangen sind, um unseren Überblickspunkt zu erreichen. Wenn wir sehen, dass die zurückgelegten Wegstrecken – trotz Kurven und mancher Umwege und Überkreuzungen – kontinuierlich auseinander hervorgehen, ist alles in Ordnung. Würden wir dagegen wahrnehmen, dass die Spuren unserer Schritte plötzlich abbrechen, um an einer anderen Stelle unversehens wiederaufzutauchen, stutzten wir gehörig und dächten, dass hier was nicht stimmt. Solche Unterbrechungen der Weglinien unseres Handelns und Denkens, solche Löcher im Kontinuum unserer Erfahrung stehen gleichnishaft für das Auftreten von Inkonsistenzen. Wie können wir sie identifizieren? Nun, wir müssen halt immer wieder nach einer gewissen Wegstrecke einen Überblickspunkt finden, von dem aus wir den Faden der Gedanken zurückspulen – und darauf hoffen, dass wir nicht plötzlich ein loses Ende in Händen halten. Dagegen haben wir als gebrechliche Wesen, deren Gedankenkontinuum ständig durch Vergessen, durch Träume und mentale Gewitter unterbrochen wird, keine Hoffnung und keine Chance, einen Aussichtspunkt zu finden, von dem aus wir alle von uns jemals zurückgelegten Wege auf einen Schlag in den Blick nehmen könnten – und könnten wir es, wäre damit noch nicht viel ausgerichtet, denn wir gehen ja weiter, haben noch eine Strecke Weges vor uns, die wir dann wiederum von einem anderen Aussichtspunkt überblicken müssten.
Es könnten Rück- und Überblicke zu fatalen Einsichten führen, dann nämlich, wenn jemand bemerkt, dass die Abdrücke der Fußspuren zwar in die Nähe seines Beobachtungspostens führen, aber nicht geradewegs zu seiner Position gelangen, sondern kurz davor abbiegen und in entgegengesetzter Richtung weiterlaufen. Hier, bemerken wir, kann der Einbruch der Inkonsistenz ins Netzwerk der Gedanken und Erinnerungen dermaßen extrem und umfassend sein, dass wir Zweifel zu hegen beginnen, ob wir der Person noch den Status eines rationalen Lebewesens zusprechen wollen.
Wir haben den ersten Schritt getan und sind bei der natürlichen Zahl 1 angelangt. Wir blicken zurück und sehen: Dies ist der einzig konsistente Schritt, um uns von der Null wegzubewegen. Wir bemerken, die Null ist die erste natürliche Zahl und hat genau einen Nachfolger. Also folgern wir, dass die 1 als die zweite natürliche Zahl ihrerseits einen Nachfolger hat. Wir machen den nächsten Schritt und gelangen zur 2. Erst von dieser Position aus können wir mit Sicherheit sagen: und so weiter.
Wir gelangen so rasend schnell zur 9, dann aber springen wir gleichsam auf die erste Etage und schreiben nicht ein eigenes Zeichen für die Zehn hin, wie man es mit dem lateinischen Alphabet mithilfe von X tut, sondern setzen die Zehn aus der 1 und der 0 zusammen und erhalten 10. So machen wir weiter bis zur 20, 30, 40 und so weiter und springen schließlich bei 99 auf die nächste Etage unseres Stellenwertsystems des Zählens, nämlich auf die 100.
Wir bemerken, dass uns die Zahlen 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 ausreichen, um die Menge der natürlichen Zahlen vollständig aufzubauen. Aber, könntest du einwenden, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.
In der Tat, dass wir unser Zahlensystem anhand der Zehnerreihe aufbauen, ist nur der natürlichen und kontingenten Tatsache geschuldet, dass wir nun einmal zehn Finger haben und vor Zeiten anhand unserer Finger mit dem Zählen begonnen haben, wie es kleine Kinder auch jetzt noch tun. Kurz und gut: Da wir alle Zahlen mit der 0 und der beliebigen Addition von Einsen darstellen können, liegt das binäre System, mit dem wir die Zahlen und alle anderen Zeichen (vor allem die Buchstaben) mittels der Kombination der Zeichen für 0 und 1 darstellen können, in all seiner Perfektion, Eleganz und Schönheit vor unseren Augen.
Wir haben zu zählen begonnen und das Sesam-öffne-dich von Mathematik und Logik, das Und-so-weiter, mutig ausgesprochen. Und wie geht das Und-so-weiter? Du meinst, es nehme halt kein Ende mit dem Zählen und Sprechen, weil du ja immer weiter zählen und sprechen und für den Nachfolger des Nachfolgers den Nachfolger benennen könnest – weil du bei der x-ten Zahl einfach die nächste Zahl mit der Formel x + 1 bilden könnest, ein unerschöpfliches Unterfangen!
Wenn Zahlen aber Werkzeuge des menschlichen Geistes sind und wenn vieles, was Menschen ins Werk setzen, wohl großartig und bewunderungswürdig sein mag, aber letztlich doch begrenzt und endlich ist, wird dann nicht auch unser kreatives Und-so-weiter an ein Ende kommen und abbrechen müssen? Wir können ja, wenn das Universum aus 1080 Atomen besteht, in einer höchst optimistischen Fiktion „nur“ 1080 Zahlen, Ziffern oder Striche an bestimmten Punkten dieses Universums anbringen.
Was tun? Schreiben wir getrost 1081 hin. Im Bereich der geistigen Abenteuer können wir, was wir wollen – und wir wollen nicht von realen Hemmklötzen in unserer mathematisch-logischen Urlust gestört werden, weiter zu zählen und weiter zu sprechen.
Mit der Gleichung 1 – 2 = –1 gelangen wir in den Bereich der negativen Zahlen. Wir sehen dies im Bild, dass wir uns im Nullpunkt umdrehen und in die entgegengesetzte Richtung einen Schritt machen. Und wieder gilt das Nachfolgeraxiom, das uns das Und-so-weiter in dieser Richtung eröffnet.
Mit dem geordneten Zahlenpaar (1/1) erobern wir die zweite Dimension, die Ebene oder Fläche, mit dem geordneten Zahlentripel (1/1/1) die dritte Dimension, den Raum. Wir sehen: Wir können nicht nur linear auf dem Zahlenstrahl das Und-so-weiter Schritt für Schritt vollziehen, sondern auch multidimensional den Raum der Dimensionen mit dem Und-so-weiter Schritt für Schritt aufbauen.
Wir haben mit dem Punkt der Ebene P1 (1/1) und dem Punkt des dreidimensionalen Raums P2 (1/1/1) genau einen Wert von virtuell unendlich vielen Werten herausgegriffen. Dies gilt auch dann, wenn wir mittels dieser Punkte im cartesischen Koordinatensystem ein Quadrat mit der Kante 1 oder einen Kubus mit der Kante 1 konstruieren. Wir brauchen nur willkürlich einen Wert der Punktmengen zu variieren, zum Beispiel P3 (1/2) oder P4 (1/1/2), und schon erhalten wir als Ergebnis andere geometrische Gebilde, nämlich ein Rechteck beziehungsweise eine quadratische Säule.
Die Virtualität oder die grenzenlosen Möglichkeiten der Wertverteilung können wir folgendermaßen ausdrücken: P1 (x1/y1) beziehungsweise P2 (x1/y1/z1). Wir sehen: Wir können nicht nur mit gegebenen Zahlen hantieren, sondern auch durch algebraische Abstraktion mit virtuellen Zahlen spielen.
Wir verteilen beliebige Werte auf die Punktmengen und üben uns im Und-so-weiter, indem wir an je einer Wertstelle eine 1 hinzufügen: P5 (x1 + 1/y1 + 1/z1 +1). Wenn wir auf den vollständigen Zahlenraum zugreifen, können wir statt der 1 auch jeweils –1, Wurzel aus –1 oder pi einsetzen.
Wenn du ein Quadrat in der Mitte faltest und die beiden Hälften zusammenklappst, erhältst du ein Rechteck, schneidest du es in der Mitte durch, erhältst du zwei flächengleiche Rechtecke. Machst du das mit einem Kubus, erhältst du einen Quader. Quetschst du einen Kreis, erhältst du eine Ellipse. Ja, du kannst mit ein bisschen Gewaltanwendung einen Kubus so lange zusammenpressen, bis er wieder eine Dimension herunterfährt und ein Quadrat bildet (mach es in Gedanken, dann geht es problemlos). Wir sehen: Mittels regelförmiger Transformationen können wir nicht nur geometrische Gebilde einer Stufe ineinander verwandeln, sondern auch Gebilde beliebiger Stufe auf die nächstniedrige Stufe, wie von der 3. Dimension auf die 2. Dimension, transformieren. Wir sagen: Zahlen und Gebilde, die wir anhand von Punkt- und Zahlenmengen konstruieren, können wir beliebig variieren.
Was wir nicht können, und hier handelt sich es wiederum nicht um ein empirisches Versagen, sondern um einen Zug oder eine Eigenschaft im logischen Raum: Wir können mittels Variationen keine zahlenförmigen Strukturen oder geometrischen Gebilde erzeugen, die nicht durch die Angabe ihrer Koordinaten, also mittels Punkt- und Zahlenmengen, dargestellt werden können. Das Verfahren der Variation ist strukturell und dimensional in sich abgeschlossen durch den Begriff der Identität. Variation setzt den Begriff der Identität voraus.
Würden wir den Begriff der Identität aufgeben, könnten wir nicht mehr zählen – und also nicht mehr denken. Gedanken sind Variationen der Identität. Wenn wir auf dem Gedankenweg den Ausgangspunkt, den Nullpunkt, unserer freien Variationen gleichsam vergessen oder aus den Augen verlieren und von unserem Überblicksposten aus nicht mehr gewärtigen können, haben wir das Spiel verloren und uns heillos in Inkonsistenzen verstrickt. Wir haben dann nicht bloß Fehler gemacht, wie einem eben nun mal notgedrungen Rechenfehler unterlaufen, sondern sind nicht mehr in der Lage, zu erkennen und zu behaupten, ob wir Fehler gemacht haben oder korrekt gerechnet und klar gedacht haben.
Logische Schneisen XI
Die Dimensionen des logischen Raums, Sprache, Intentionalität, Bewusstsein und Rationalität, sind systematisch verknüpft, das heißt sie implizieren sich wechselseitig. Auf diese Weise bilden sie einen begrifflichen und axiomatischen Zirkel, der die Grenze zwischen den Gegensätzen absichtsvoll/unwillkürlich, intentional/kausal, sinnvoll/sinnlos sowie rational/irrational definiert.
Wenn du die Behauptung äußerst „Ich glaube, dass der Mond der Erdtrabant ist“, äußerst du einen Satz über deinen intentionalen Zustand des Glaubens, der nicht eintreten kann, ohne dass du dir seiner bewusst bist; und weil du nicht nur glaubst, dass der Mond der Erdtrabant ist, sondern auch, dass ein Erdtrabant ein Planet ist, der die Erde umkreist, gibst du anhand der Kohärenz dieser Überzeugungen eine wenn auch geringfügige Probe deiner Fähigkeit zu rationalem Denken.
Dein behauptendes Sprechen impliziert das Bewusstsein des intentionalen Zustands des Glaubens oder Meinens oder Überzeugtseins sowie die Vereinbarkeit der geäußerten Überzeugung mit möglichst vielen und bestenfalls all deinen restlichen Überzeugungen. Wir halten fest: Behauptungen setzen die Kohärenz der in der Behauptung geäußerten Überzeugung mit möglichst vielen (bestenfalls allen) empirischen und logischen Annahmen des Sprechers voraus, die sich in einem Netz von Überzeugungen und Annahmen wechselseitig implizieren oder auseinander ableitbar sind oder wechselseitig ausgrenzen und negieren.
Sollte sich bereits an der logischen Form des geäußerten Satzes zeigen, dass er nicht sinnvoll ist, wie bei dem Satz „Ich glaube, der Mond ist der Erdtrabant, und ich glaube nicht, dass ein Planet die Erde umkreist“, können wir aus der sinnwidrigen Behauptung auf eine Inkonsistenz im Netzwerk der Überzeugungen des Sprechers schließen. Ob das Gewebe des Netzwerks nur an dieser Stelle gleichsam einen Riss hat oder ob sich der Riss über die gesamte Fläche des Netzes ausbreitet, können wir erst mittels weiterer Stichproben anhand weiterer Behauptungen der Person ausfindig machen. Sollte sich bei genügend Proben erweisen, dass die Person nicht willens und in der Lage ist, aktiv und umfassend Inkonsistenzen aus dem rationalen Gewebe ihrer Überzeugungen auszuschließen, beginnen wir leise Zweifel am rationalen Status der Person zu hegen.
Wir bemerken, dass wir gleichsam anhand des Schattens des Logischen die Schatten werfenden logischen Strukturen erfassen und aufbauen können. So wie wir anhand der fatalen Nah- und Fernwirkungen von Inkonsistenz im Glaubensnetz einer Person die Forderung nach Konsistenz als erste Forderung der Vernunft und des logischen Raums erfassen können.
Dabei unterscheiden wir streng Inkonsistenz als sinnwidrige Behauptung von Irrtum als Behauptung eines falschen Satzes. Wir können von sehr vielen Dingen das Falsche und Unwahre annahmen, ohne im Geringsten Gefahr zu laufen, Zweifel an der Berechtigung unseres Status einer rationalen Person zu erregen. Wenn ich glaubte, die Erde sei eine Scheibe, die Sterne würden von Engeln bewegt und hinter den Sieben Bergen hausten Pegasus und Einhorn, wäre ich nicht unvernünftig, sondern nur ein bisschen hinterm Mond.
Irrtümer und verkehrte Überzeugungen dieser Art hindern mich nicht daran, beim Bäcker und im Supermarkt einzukaufen, mit dir nett zu plaudern (außer über Einhörner und Verwandte) und meinen Alltag zu organisieren, kurz mittels der mehr oder weniger korrekten Verwendung spezifischer Sprechakte des Behauptens, Aufforderns und Versprechens und den sie begleitenden intentionalen Zuständen im Leben klar zu kommen.
Wer aber den Widerspruch in sein Glaubenssystem gastlich aufnimmt und dort sein Zerstörungswerk ungehindert durchführen lässt, überschreitet früher oder später die Grenzen des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein. Er scheint noch zu sprechen, aber da er zugleich das Gegenteil dessen, was er sagt, annimmt, teilt er uns nichts mehr mit, oder er teilt uns mit, dass er die Fähigkeit zur Übermittlung von Informationen eingebüßt hat. Er gibt uns zu verstehen und zu bedeuten, dass er die Fähigkeit des Bedeutungsverstehens verloren hat – er ist bedeutungsblind geworden.
Der Bedeutungsblinde versteht die Funktion der Zeichen nicht, nämlich einen Gegenstand zu bezeichnen und damit zugleich all das, was dieser Gegenstand nicht ist, auszuschließen oder abzugrenzen. Das Prädikat „rot“ versieht den Gegenstand mit einem Farbbegriff und schließt ihn zugleich von der Anwendung aller anderen Farbbegriffen aus. Hier bemerken wir, dass Bedeutungsverstehen auf der formalen Fähigkeit der Zuschreibung von Prädikaten derselben Kategorie und der Negation aller anderen Prädikate derselben Kategorie beruht.
Wenn wir sehen, wie jemand auf die Tafel schreibt „Ich bin über 30 Jahre alt, ich bin unter 30 Jahre alt, mein Vater lebt in Frankfurt, mein Vater liegt schon fünf Jahre auf dem Waldfriedhof“, könnte er sich als rationale Person ohne jeden Anflug inkonsistenten Denkens erweisen, wenn er auf unsere Nachfrage, was er denn da treibe, erklärt, er bereite grammatische Übungssätze für den Deutschunterricht vor.
Von dem Bedeutungsblinden aber können wir vergleichsweise sagen: Er öffnet das Fenster und schließt es gleich wieder. Er ruft jemanden an und legt sofort auf, wenn der Angerufene den Hörer abhebt. Er befeuchtet das Handtuch, mit dem er sich abtrocknen will. Er schreibt einen Satz nieder und streicht ihn wieder durch. Er multipliziert jede Zahl mit null. Er tritt gleichzeitig auf die Bremse und gibt Gas.
Der Bedeutungsblinde ist unfähig, in der pragmatischen Kommunikation des Alltags seine intentionalen Zustände und Absichten deutlich und verständlich kundzutun. Er verspricht etwas, ohne den festen Willen und die Absicht haben zu können, das Versprochene laut Verabredung einzuhalten und zu verwirklichen – er zeigt damit nicht seine Untreue und seine notorische Unzuverlässigkeit oder Vergesslichkeit, sondern sein Unverständnis dafür, um welchen Sprechakt es sich beim Versprechen eigentlich handelt. Jemanden, der seine Versprechen und Zusagen hartnäckig bricht, zeihen wir rechtens der charakterlichen Unzuverlässigkeit und tadeln ihn in der wenn auch wenig aussichtsreichen Hoffnung auf Besserung – den Bedeutungsblinden aber können wir nicht einmal tadeln, da es ihm nicht möglich ist, für die moralischen Folgen des Sprechakts des Versprechens geradezustehen und Verantwortung zu übernehmen. Wir reden hier nicht von Charakterschwäche, sondern von Geisteskrankheit.
Sprechen heißt, Grenzen ziehen, die Grenze der Anwendbarkeit von Prädikaten bestätigen oder zu verschieben suchen. In der Schwarz-Weiß-Welt impliziert die Behauptung „Dieser Fleck ist nicht schwarz“ die Behauptung „Dieser Fleck ist weiß“. In der Drei-Farben-Welt impliziert die Behauptung „Dieser Fleck ist rot“ die Behauptung „Dieser Fleck ist grün oder blau.“ Wir sagen etwas umständlich zur Verdeutlichung: Dieser Gegenstand gehört zur Menge aller Gegenstände, die in der Drei-Farben-Welt die Eigenschaft haben, rot zu sein, und er gehört nicht zur Menge aller Gegenstände, die die Eigenschaften haben, grün oder blau zu sein. Wenn ich die Zugehörigkeit eines Gegenstands zu einer Menge M1 festgelegt habe, habe ich gleichzeitig die Nicht-Zugehörigkeit des Gegenstands zu jenen Mengen M2, M3 … Mn festgelegt, die mit M1 denselben logischen Raum – hier den Farbraum – teilen.
Die Äußerung eines Sprechers in der Schwarz-Weiß-Welt „Dieser Gegenstand ist weder schwarz noch weiß“ manifestiert keine Sehschwäche, sondern Bedeutungsblindheit bei der sinnvollen Verwendung der Farbausdrücke. Der Satz „pi ist rot“ ist nicht falsch, sondern unsinnig, weil der Sprecher den kategorialen Unterschied von Zahlbegriffen und Begriffen von Gegenständen in der Raum-Zeit verkennt, dem gemäß Zahlen aus dem Farbraum gleichsam ausgesperrt sind. Über pi kann man nur sagen, was zu sagen im logischen Zahlenraum sinnvoll zu sagen ist, zum Beispiel dass es eine transzendente Zahl ist, dass es nicht die Lösung einer Gleichung darstellt und dergleichen mehr.
Wenn wir in der Schwarz-Weiß-Welt Schattierungen und Nuancen zulassen und jemand äußert: „Dieser Gegenstand ist weder schwarz noch weiß“, schließen wir daraus nicht auf Bedeutungsblindheit bei der sinnvollen Anwendung von Farbausdrücken. In diesem Fall ist die Konjunktion der Sätze „Dieser Gegenstand ist nicht schwarz“ und „Dieser Gegenstand ist nicht weiß“ kein Widerspruch, und der Sprecher ist nicht in die Falle des Selbstwiderspruchs und der Inkonsistenz getappt, wenn der Gegenstand grau ist.
Der formale Ausdruck der Inkonsistenz ist die Behauptung von p und nicht-p in einer relevanten Situation, die demselben Sprecher Behauptungen über denselben Gegenstand zuordnet. Wir stellen fest: Inkonsistenz ist gleichsam der Schatten von Behauptungen, nicht von Sätzen. Sätze wie „Der Kanzler von Deutschland ist ein Mann“ und „Der Kanzler von Deutschland ist eine Frau“ sind geäußert zur Zeit der Kanzlerschaft von Frau Merkel und Herrn Schröder falsch, geäußert zur Zeit der Kanzlerschaft von Herrn Schröder und Frau Merkel richtig. Die beiden Sätze werden inkonsistent, wenn sie als Konjunktion von derselben Person zur Zeit der Kanzlerschaft Schröders oder Merkels geäußert werden.
Dagegen bilden die beiden Sätze „Der Mond ist der Erdtrabant“ und „Der Mond ist aus grünem Käse“ keine Inkonsistenz, auch wenn der zweite Satz falsch ist und auch wenn sie von derselben Person angesichts des gerade prachtvoll aufgehenden Vollmonds geäußert werden.
Logische Schneisen X
Gehirne haben kein Bewusstsein. Nur Personen haben Bewusstsein oder sind sich ihrer Erlebnisse mehr oder weniger bewusst. Das Gehirn ist ein Teil der Person, mit dessen Hilfe sie denkt, aber nicht umgekehrt ist die Person Teil des Gehirns, zum Beispiel als Illusion oder Fiktion seiner Illusionen oder Fiktionen projizierenden Tätigkeit.
Fiktionen sind im Übrigen nur als Gegensatz von Tatsachen verständlich, und Tatsachen werden von deskriptiven Sätzen über mögliche Umstände und Ereignisse der Welt von Personen konstituiert. Also werden auch Fiktionen als deskriptive Aussagen über nichtbestehende Umstände und Ereignisse der Welt von Personen konstituiert.
Wir nennen Personen solche Wesen wie wir, denen während sie was immer auch erleben in mehr oder weniger starkem Maße bewusst ist, was sie erleben, und denen im gleichem schwachen oder starken Maße bewusst ist, dass sie erleben, was sie erleben. Bewusstsein impliziert Selbstbewusstsein, wenn auch in nuce, wie umgekehrt Selbstbewusstsein natürlich Bewusstsein impliziert. Ich sehe, dass und wie es abends dunkel wird: Dass es kein anderer ist, dem genau dies Erleben, dieser intentionale Zustand, zugeschrieben werden kann außer mir, ist evident. Dieses Nicht-Können ist ein Zug im logischen Raum, kein empirisches Datum. Nur ich kann dies singuläre Erlebnis haben, weil alle Erlebnisse, die ich habe, eben dadurch zu meinen singulären Erlebnissen werden, dass ich sie habe.
Eine Welt der Tatsachen, die wir in Behauptungssätzen der Form „Ich glaube, dass p“ erfassen, ist der Tatsache des Bewusstseins äquivalent, die wir in Sätzen der Form artikulieren „Ich bin mir bewusst, dass ich glaube, dass p“. Wir bemerken hier, dass der Satz „Ich bin mir bewusst, dass ich glaube, dass p“ eine Implikation des Satzes „Ich glaube, dass p“ darstellt. Wir bemerken außerdem, dass der Begriff der Welt, in der wir leben, kurz Lebenswelt, ein Teil des logischen Raums und nicht ein Gegenstand oder die Summe von Gegenständen ist, die unabhängig oder jenseits des logischen Raums vorgefunden werden könnten – wie es theoretische Entitäten wie der physikalische Begriff des Kosmos unterstellen. (Indes steht auch der Begriff des Kosmos in einer internen Beziehung zum Begriff der Welt als der Welt des Bewusstseins – was an dieser Stelle nicht ausgeführt werden soll.)
Es scheint nicht adäquat zu sagen, dir deines intentionalen Zustands bewusst zu sein, sei eine Form des Wissens. Was du weißt, könntest du genauso gut nicht wissen. Jedes Wissen aber kannst du in die Satzform, „Ich weiß, dass p“ gießen und diesen wie jeden anderen Behauptungssatz kannst du verneinen, indem du sagst „Ich weiß nicht, dass p“. Aber deines intentionalen Zustands, zum Beispiel, dass du jetzt gerade diese Zeilen liest, nicht bewusst zu sein, ist nicht möglich, ist ein Nicht-Können, das eine Grenze des logischen Raums bezeichnet. Zu sagen „Ich habe den intentionalen Zustand i, bin mir dessen aber nicht bewusst, dass i“ ist nicht falsch, sondern unsinnig.
Die Tatsache des Bewusstseins (nicht die Organismen, die Bewusstsein haben) hat keine Geschichte. Sie ist eine unmittelbare Tatsache. Wäre sie das nicht, könnte es einen Zwischenzustand zwischen einem nichtbewussten Zustand i0 und einem bewussten Zustand i1 geben, sodass der Wechsel von i0 zu i1 zum Zeitpunkt t1 die Entstehung des Bewusstseins markierte. Indes liegen bekanntlich auf der Punktgeraden zwischen der Nullkoordinate und dem Punkt 1 für die erste natürliche Zahl beliebig viele Zwischenpunkte, je nachdem, ob wir den rationalen oder reellen Zahlenstrahl zugrungelegen. Unter diesem Aspekt würde sich die Entstehung des Bewusstseins gleichsam unendlich aufschieben lassen.
„Wie lange bist du deiner bewusst?“ ist im Gegensatz zu den Fragen „Seit wann wohnst du in dieser Stadt?“ oder „Bist du eben erst aus der Ohnmacht erwacht?“ eine unsinnige Frage. Der Tod als die empirische Unmöglichkeit, dir weiterhin bewusst zu sein, ist die faktische, keine innere, logische Grenze des Bewusstseins.
Du gelangst nicht peu à peu von einem gleichsam vorbewussten, dunklen, vorreflexiven Zustand allmählich in die Helle des Bewusstseins. Du kannst die Tatsache des Bewusstsein eher mit einem Wunder vergleichen als mit der biologischen Entstehung eines Individuums aus dem Keim oder des komplexen Körpers durch die Synthese von Atomen und Molekülen – diese Analogien sind unzureichend.
Ähnlich wie der Satz vom Widerspruch keinen Anfang in der Zeit hat, ist das Bewusstsein gleichsam zeitlos, ewig, losgelöst oder absolut.
Das Bewusstsein ist nicht eine irgendwie subtile, raffinierte oder höherstufige Vorstellung oder Repräsentation – der Begriff der Vorstellung oder Repräsentation setzt die Tatsache des Bewusstseins immer schon voraus. Du hast beliebige Vorstellungen, aber du bist keine davon. Wir können dies auch so ausdrücken: Das Bewusstsein ist kein bewusster Inhalt seiner selbst – alle bewussten Inhalte sind intentionale Korrelate des Bewusstseins und setzen seine Existenz voraus.
Kurz: Das Bewusstsein ist keine Vorstellung einer Vorstellung, kein Resultat einer Reflexion. Wäre es Resultat einer Reflexion, könnte es dieses Resultat zum Objekt erneuter Reflexion machen und so weiter ad infinitum.
Bewegung und Wechsel sind akzidentelle Eigenschaften intentionaler Zustände, die behauptenden Aussagen korrelieren, keine wesentliche Eigenschaft des Bewusstseins und der Dimensionen des logischen Raums. Du bist dir zum Zeitpunkt t1 bewusst, dass p1, zum Zeitpunkt t2, dass p2 usw. Die Aussage, dass p1 „Es regnet“ hat keine wesentliche, interne Beziehung zu der Aussage p2 „Die Sonne scheint“ – im Gegensatz zu der Aussage –p1 „Es regnet nicht“ oder –p2 „Die Sonne scheint nicht“. Es ist für den Inhalt und die logische Form der behauptenden Aussagen gleichgültig, ob p1 oder p2 zum Zeitpunkt t1 oder t2 oder einem beliebigen anderen Zeitpunkt geäußert werden. Daraus folgt, dass die zeitliche Zuordnung bewusster intentionaler Zustände, die in behauptenden Aussagen ihr intentionales Korrelat haben, für deren interne Struktur und logische Form keine Relevanz hat.
Dies gilt nicht für den zweiten wesentlichen Typ von Aussagen, den Aufforderungen und Versprechen, die eine interne Relation zu den Zeitpunkten ihrer Äußerung aufweisen: Ich kann dich nicht dafür tadeln, mir anders als verabredet, zugesagt oder versprochen das ausgeliehene Buch nicht zum ausbedungenen Zeitpunkt zurückgegeben zu haben, wenn ich dir zuvor zu dem Zeitpunkt, als du es von mir ausgeliehen hattest, nicht die Zusage und das Versprechen abgenommen hatte, es mir zum ausbedungenen Zeitpunkt wieder zurückzugeben – sondern es dir auf beliebige Zeit ausgeliehen hätte. Anders gesagt: Du kannst mich nur dann tadeln, etwas getan zu haben, also auffordern oder zu der Absicht veranlassen, es nicht wieder zu tun, wenn du mich zuvor aufgefordert oder zu der Absicht veranlasst hast, das Gegenteil davon zu tun. Hier spielt die zeitliche Reihenfolge der Äußerungen und ihrer korrespondierenden intentionalen Zustände des Bewusstseins demnach eine wesentliche Rolle.
Logische Schneisen IX
Die biologische Tatsache, die den Aussagetypen des Aufforderns und des Versprechens und der sprachlichen Pragmatik wechselseitiger, symmetrischer und reziproker Veranlassung zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als bedürftige Kreaturen Bedürfnisse und Antriebe verspüren. Wir leben allerdings in der singulären Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein, in der unsere Bedürfnisse und Antriebe uns als intentionale Zustände von Wünschen und Absichten gegenwärtig werden und zugänglich sind, nämlich als Wünsche und Absichten, dasjenige, was wir für erstrebenswert halten, zu erlangen, und dasjenige, was wir für gefahrbringend halten, zu vermeiden.
Die biologische Tatsache, die dem Aussagetypus der Behauptung zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als rezeptive Sinnenwesen Eindrücke von ihrer Umwelt erfahren. In der Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein übersetzen wir diese sensorischen Reize in die generellen Terme unserer empirischen Aussagen über Gegenstände, die wir mithilfe von Existenzquantoren binden, wie in den Aussagen (x) Fx oder Fa. Solcherart pflegen wir unsere Überzeugungen und Annahmen über mögliche und tatsächliche Ereignisse und Sachverhalte in der Welt auszudrücken.
Wenn du Durst verspürst, befindest du dich in dem intentionalen Zustand des Wunsches, etwas zu trinken. Du hast durch hinreichende Proben der Vergangenheit, bei denen du deinen Durst mit Wasser hast stillen können, die feste Überzeugung gewonnen, dass Wasser genau der Stoff ist, dessen du bedarfst, um deinen Durst zu löschen. Um den Wunsch zu erfüllen, ist es vernünftig oder rational, mich in der gegebenen Situation darum zu bitten, dir die Flasche Wasser zu reichen.
Wir bemerken hier, wie du von einem intentionalen Zustand in den nächsten intentionalen Zustand gleichsam gleitest oder wechselst: Dein Wunsch, etwas zu trinken, führt dich zur Intention, mich darum zu bitten, dir das Wasser zu reichen. Wir können diesen Wechsel als vernünftigen Schluss aus zwei Prämissen darstellen: (1) „Ich habe den Wunsch, etwas zu trinken.“ (2) „Ich weiß, dass Wasser meinen Durst stillt.“ (3) „Also bitte ich die Person X, mir das Wasser zu reichen.“
Rationale Schlüsse und Relationen von intentionalen Zuständen sind keine kausalen Zusammenhänge und keine Abfolge von kausalen Wirkungen. Der obige Schluss ist rational und zwingend, das heißt aber nicht, dass du, wenn du zu dem Ergebnis kommst, es sei rational und vernünftig, mich darum zu bitten, dir die Flasche Wasser zu reichen, diesen Sprechakt einer Aufforderung auch tatsächlich ausführst oder in irgendeinem kausalen Sinne auszuführen genötigt wärest: Du könntest mir gerade an diesem Tag meine dumme und herabsetzende Äußerung von gestern über dein Vorhaben, philosophische Essays auf deiner Webseite zu veröffentlichen, übel nehmen. Deshalb vermeidest du es, mich jetzt anzusprechen und mir Gelegenheit zu geben, dir bei einer freundlichen Geste zuzulächeln, und verzichtest lieber jetzt beziehungsweise vorläufig auf den erlösenden Schluck Wasser. Du hast dem sozial fundierten Wunsch, deinen Stolz zu wahren, in diesem Falle über den biologisch fundierten Wunsch, etwas zu trinken, den Vorrang oder die Präferenz gewährt.
Wir sprechen von Wünschen ersten und zweiten Grades und bemerken, dass diese Unterscheidung nicht mit der Unterscheidung von biologisch und sozial oder kulturell bedingten Wünschen äquivalent ist: Bei der Vorlesung, während der Unterredung mit deinem Vorgesetzten, während des Rendezvous mit deiner neuen Freundin kämpfst du gegen deine Müdigkeit an und unterdrückst alle körperlichen Anzeichen, die auf ein starkes Verlangen nach Schlaf hindeuten.
Wir haben gesehen, dass der logische Raum der Aussagen von zwei grundlegenden Aussagetypen erfüllt wird:
(1) die Behauptungen mittels empirischer Aussagen mit der logischen Form „Ich meine, dass p“, wobei p für einen beliebigen Satz mit einer empirischen Aussage über eine mögliche Tatsache der Welt steht wie „Der Mond ist der Erdtrabant“, sodass der Satz p wahr oder falsch sein kann, während der zusammengesetzte Satz als Aussage über den momentanen Bewusstseinszustand des Glaubens des Sprechenden immer wahr ist;
(2) die Aufforderungen oder Versprechen, deren pragmatische Grundform die Veranlassung darstellt: Ich veranlasse dich mittels einer sprachförmigen Geste der Aufforderung oder mittels eines Aufforderungssatzes, die Absicht zu hegen, das und das zu tun (wobei tun auch reden heißen kann); du veranlasst mich umgekehrt mit denselben Mitteln, eine Absicht zu hegen, dies und jenes zu tun. Du kannst deine Absicht, das von mir Geforderte auch wirklich und wahrhaftig in die Tat umzusetzen, bekräftigen, indem du sagst: „Es ist meine feste Absicht, dir diesen Gefallen zu tun!“ oder: „Ich verspreche dir, dir diesen Gefallen zu tun!“ Oder kurz, um mittels futurischer Verbform den Zukunftssinn der Absicht zu unterstreichen: „Ich werde dir diesen Gefallen tun!“
Das Netz der intentionalen Zustände überspannt beide Aussagetypen, Behauptungen und Aufforderungen, mittels der Grundformen rationalen Schließens: Wenn du die Absicht hegst, ein Haus zu bauen, folgt daraus eine Kette weiterer Absichten wie eine Bank mit der Finanzierung, einen Architekten mit der Planung und einen Bauingenieur mit der Ausführung zu beauftragen. Und diese Kette zerfällt wieder systematisch in eine lange Serie oder eine Kaskade von intentionalen Einzelschritten, die logisch aufeinander aufbauen und auseinander folgen: die Absicht, einen Bankberater anzurufen und mit ihm einen Termin zu vereinbaren, die Absicht, einen Finanzplan auf der Grundlage bestehender Einkommen und Vermögen zu ermitteln, die Absicht, einen Kredit in berechnetem Umfang zu beantragen, die Absicht, Zusatzversicherungen zur Absicherung des Kredits abzuschließen usw.
Wir sprechen hier von den systematischen Bedingungen der Kohärenz und der Konsistenz, das heißt der logischen Vereinbarkeit und der logischen Ableitbarkeit von Aussagen, die Begründungszusammenhänge und motivationale Kontexte, kurz Kontexte von Gründen und Intentionen, aufweisen müssen, damit es uns auf Dauer gelingt, unsere Ziele zu erreichen und unsere Zwecke zu verwirklichen.
Wenn du wirklich ein Haus bauen willst, du dich aber trotz der Tatsache, dass dein Vermögen bei weitem nicht ausreicht, ein solch teures Unternehmen zu finanzieren, weigerst, bei der Bank einen Kredit aufzunehmen, sprechen wir von einem inkohärenten motivationalen oder intentionalen Kontext oder einer Inkohärenz der Absichten. Wenn du der Überzeugung bist, dass zur Planung eines Hausbaues die fachliche Arbeit eines Architekten erforderlich ist, du aber dennoch nicht die geringste Absicht hegst und nicht die geringsten Anstalten unternimmst, einen Architekten zu beauftragen, sprechen wir von einem inkonsistenten Kontext der Gründe und Absichten. Denn es ist ein logischer Widerspruch zu wissen, dass die Erfüllung von A die Voraussetzung der Erfüllung von B ist, und gleichzeitig die Erfüllung von A zu negieren.
Wir unterscheiden Bedürfnisse, Antriebe und Triebe auf der einen Seite und Wünsche und Absichten auf der anderen Seite, also kausale Mechanismen und intentionale Zustände. Bedürfnisse, Antriebe und Triebe fallen außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung, außerhalb des Reiches der Vernunft – sie sind aber deshalb nicht irrational (dann gehörten sie ja als Negationen aller Sätze über rationale Wünsche und Absichten in den logischen Raum der Vernunft), sondern der Rationalität und Vernunft gegenüber neutral und indifferent. Das heißt, wir können nicht von reinen Antrieben oder Trieben wie Hunger und Durst oder sexuellen Trieben unmittelbar auf die Präferenz der Absicht oder den praktischen Schluss schließen, der sich aus dem rationalen Syllogismus mit den Prämissen eines Wunsches und der Wahl eines Mittels zur Wunscherfüllung ergibt – wie oben am Beispiel des Wunsches zu trinken gezeigt.
Antriebe können kausal mit visuellen oder anderen sensorischen Reizen verknüpft sein – so der visuelle Reiz einer Flasche Wasser mit dem Bedürfnis, zu trinken. Sensorische Reize befinden sich außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein – sie sind neutral gegenüber den Begriffen von Wahrheit und Falschheit. Erst die Transformation des sensorischen Reizes in eine Wahrnehmung macht den Reiz gleichsam intelligibel, nämlich wahrheits- und falschheitsfähig. Man könnte auch sagen, Aussagen über sensorische Reize sind immer wahr, aber das heißt nur, dass sie tautologisch und empirisch nichtssagend sind. Ihr Indikator ist ja bekanntermaßen die Formel: „Mir scheint …“ Und damit kannst du nicht irren, weil eine Aussage über den mentalen Zustand deiner Gestalt-, Form-, Farb- oder Geruchswahrnehmung irrtumsresistent ist. Das ist der Unterschied der Aussagen: „Mir scheint, dort befindet sich eine Flasche Wasser“ und der Aussage: „Dort befindet sich eine Flasche Wasser“, die entweder wahr oder falsch ist.
Doch der sensorische Reiz muss erst in eine Wahrnehmung transformiert werden, wenn wir rational von unserer Wirklichkeit sprechen wollen. Dann gelangen wir zu der Überzeugung, dass wir unseren Wunsch stillen können, wenn wir aus der wahrgenommenen Flasche trinken. Wir befinden uns allererst im logischen Raum von Sprache und Bewusstsein, wenn sich herausstellen kann, dass diese unsere Überzeugung falsch war, weil sich in der Flasche kein echtes Wasser, sondern eine ungenießbare Flüssigkeit befand.
Wir ersehen aus dem Wechselspiel von intentionalen Zuständen und Syllogismen beziehungsweise praktischen Schlüssen, dass der logische Raum von Sprache und Bewusstsein zumindest über die beiden Dimensionen der Intentionalität und der Rationalität aufgebaut wird – die beiden Dimensionen umgreifen und implizieren einander. Sollte die Existenz von intentionalen Zuständen, wie manche behaupten, eine Illusion oder bloße Fiktion sein, und sollten alle intentionalen Zustände sich vollständig auf physische Zustände reduzieren lassen, müsste man folglich auch die Implikation der Existenz von Rationalität oder der menschlichen Fähigkeit, Aussagen in logische Verknüpfungen zu bringen, in Zweifel ziehen. Doch kann man überhaupt etwas in Zweifel ziehen, wenn man DIES in Zweifel zieht?
Wir nennen Wesen, die nicht nur Bedürfnisse, Antriebe und Triebe, sondern Wünsche und Absichten haben, Wesen, die nicht nur von sensorischen Reizen affiziert werden, sondern Wahrnehmungen und Überzeugungen über das Wahrgenommene haben, nämlich dass es entweder wahr oder falsch ist und das heißt, sich nicht nur auf einen je meinigen mentalen Zustand, sondern auf eine objektive Tatsache der Welt bezieht, sowie Wesen, die ihre Überzeugungen und Absichten auf kohärente und konsistente Weise des Verknüpfens und Schlussfolgerns verbinden, rationale Wesen oder Personen.
Wenn wir uns in einem skeptischen Überschwang so weit aus dem Fenster lehnen oder so weit übernehmen, dass wir bezweifeln, dass Personen solche rationalen Wesen sind, die ihre Überzeugungen und Absichten auf kohärente und konsistente Weise des Verknüpfens und Schlussfolgerns verbinden, dann zweifeln wir an unserer eigenen Existenz, unterminieren die Grundlage all unseres Wissens und stürzen in einen bodenlosen Traum.
Logische Schneisen VIII
Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens:
(2) (1)
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“
„Betritt nicht die Straße!“
(2) (2)
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“
„Betritt nicht die Straße!“
(2) (3)
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“
(2) (4)
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“
(3)
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit dir zu treffen.“
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“
Wir sehen: Wir können den Hauptsatz mit dem sogenannten Indikator, der dem Infinitiv voransteht, welcher den Inhalt der betreffenden Aufforderung beziehungsweise des Versprechens angibt, ersatzlos streichen und sodann den erweiterten Infinitiv in einen Aussagesatz umformen. Dann erkennen wir, dass alle Aufforderungen ob Warnung, Empfehlung oder Bitte dieselbe Satzform annehmen – ja, wir können sogar den Fragesatz in einen Aufforderungssatz umformen, nämlich in die Bitte um Antwort.
Es verbleiben demnach als sprachliche Grundformen des pragmatischen Umgangs von Menschen die beiden Satztypen der Aufforderung und des Versprechens:
„Ich fordere dich auf, das und das zu tun.“
„Ich verspreche dir, das und das zu tun.“
Wir sehen: Hier handelt es sich um symmetrische und reziproke Strukturen. Wenn ich dich bitte, uns zu unserem Treffen zwei Stück Kuchen vom Bäcker mitzubringen, ist dieser Satz umgekehrt äquivalent zu dem symmetrisch und reziprok gebildeten Satz, den du auf meine Bitte hin äußern könntest: „Ich verspreche dir, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen.“
Wir führen zur weiteren Reduktion der Formunterschiede und zur Vereinfachung der Darlegung den Begriff der Veranlassung ein. Symmetrie und umgekehrte Äquivalenz werden so noch klarer und sichtbarer. Wenn ich dich veranlasse, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen, kannst du deine Bereitschaft, dich von mir zu diesem Tun veranlassen zu wollen, mit dem Versprechen Ausdruck verleihen, das Erwünschte zu tun.
Im pragmatischen Umgang stehen sich Ego und Alter Ego in symmetrischen und reziproken Positionen gegenüber – in einem sprachlichen Feld, in dem sich mittels der Satztypen der wechselseitigen Veranlassung reziproke und gegenläufige Intentionen kreuzen: Ich veranlasse dich, etwas zu tun – du veranlasst mich, etwas zu tun.
Hierbei ist stets zu ergänzen: etwas zu tun oder nicht zu tun (das heißt zu lassen). Der Inhalt der angesonnenen Tätigkeit mag dabei vom bloßen An-etwas-Denken über das Aussprechen nachgefragter Information bis hin zur zupackenden Tat reichen.
Wie vermag ich dich zu veranlassen, mir bei Tisch die Wasserflasche herüberzureichen? Nun, ich werde vielleicht zu dir gewandt sagen: „Wärst du so nett, mir die Flasche Wasser zu reichen?“ oder „Bitte reich mir doch die Flasche herüber!“ Du verstehst ja Deutsch und weißt, was ich meine, und weil du mir freundlich gesinnt bist, zögerst du nicht, mir das Gewünschte zu geben.
ich könnte allerdings auch eine Hand in Richtung Wasserflasche ausstrecken, als Geste der Aufforderung, einer möge so freundlich sein, mir die Flasche zu reichen, an die ich von meiner Position aus nicht hinlange. Und sicher würde ich mit dieser Geste deine Aufmerksamkeit wecken und du würdest sie richtig als sprachförmige Geste verstehen, die bedeutet: „Bitte, reich mir doch die Flasche Wasser herüber!“ Und du wiederum kommst mir mit der Bewegung deiner Hand gleichsam auf halbem Wege entgegen und reichst mir die Flasche.
Auf solche Weise hätte ich dich mittels eines einfachen Sprechaktes der Aufforderung oder mittels einer einfachen sprachförmigen Geste dazu veranlasst, zu tun, wonach mich verlangt hat.
Jemanden veranlassen, etwas zu tun, heißt nicht, auf jemanden kausal einzuwirken, sodass er tun muss, was du von ihm verlangst. Und jemanden etwas zu tun auffordern heißt nicht ihn wie mittels magischer Sprüche oder Beschwörungsformeln nötigen, etwas zu tun. Auch wenn du von deiner hohen Amtsstellung her befugt wärest, jemandem zu befehlen, etwas zu tun, könnte er sich noch immer weigern, dem Befehl zu gehorchen, auch wenn die Befehlsverweigerung mit hohen Sanktionen bewehrt wäre, denn diese zu erleiden könnte dem heroisch Gesinnten besser dünken, als seinen freien Willen aufzugeben. Du kannst jemanden durch Schmeicheleien und Versprechungen zu beeinflussen und durch Aussicht auf materiellen Gewinn zu bestechen suchen, der Betreffende ist dennoch nicht gezwungen, deiner Aufforderung nachzukommen, wie eine Lampe nicht anders als leuchten „kann“, wenn du den Schalter betätigt hast – es sei denn sie ist kaputt. Wir sagen zusammenfassend: Mit den für die menschliche Praxis wesentlichen und entscheidenden Sprechakten des Aufforderns und Versprechens begeben wir uns ein intentionales Feld des Redens und Tuns, nicht in ein kausales Feld des Geschehens.
Allerdings ist die Erfüllung von Wünschen nicht durch ihre Artikulation garantiert (Schön wärʼs oder auch gar nicht schön!). Es könnte Folgendes passieren: Ich trage dir meine Bitte vor und du ignorierst sie einfach! Du schneidest mich bei Tisch, weichst meinen Blicken aus, tust nicht, was ich von dir verlange, oder beantwortest meine Fragen nicht. Was ist hier geschehen?
Nun, du bist mir wohl böse und übel gesonnen, vielleicht weil ich dir einen Wunsch ausgeschlagen, dich missachtet oder beleidigt habe. Dann geschieht mir durch deine Ignoranz und deine Weigerung, dich von mir zu einem Tun veranlassen zu wollen, die Rache. Oder es gibt jemanden, der gleichsam ältere Rechte oder größeren Einfluss bei dir hat als ich und der dich veranlasst hat, nicht das zu tun, wozu immer ich dich veranlassen will, sondern es zu lassen.
Hier gelangen wir zu der trivialen Einsicht: Nicht jeder kann jedem alles sagen. Oder als Frage formuliert: Wer kann wem was sagen? Nicht jeder kann jeden zu was auch immer veranlassen, nicht jeder fühlt sich von jedem veranlasst, was auch immer zu tun.
Die Arten der Aufforderung sind in einer sozialen Hierarchie angeordnet und reichen vom Befehl des Generals während höchster Gefährdung im Feld, wobei dem Befehlsverweiger durchaus die Todesstrafe drohen mag, über die Anordnung der Eltern, bei Tisch nicht durcheinanderzureden, bis zur Bitte des Bettlers, ihm einen Euro zu schenken. Je nachdem, in welchem Maße die Weigerung, einer Aufforderung nachzukommen, mit Strafe oder Tadel sanktioniert ist, bewerten wir den Ernst und das Gewicht einer Aufforderung.
Ob du dein Versprechen, am ausbedungenen Zeitpunkt und Ort zu erscheinen, wahr machen wirst, steht dahin, wie alles, was man nicht in der Vergangenheitsform formulieren kann. Du könntest dein Versprechen vergessen oder verraten haben, du könntest es im Augenblick, da es dir über die Lippen kam, gar nicht ernst genommen haben, du könntest durch einen Unfall, eine Unpässlichkeit, eine Krankheit, ja im schlimmsten Falle durch dein Ableben endgültig verhindert sein, dein Versprechen einzulösen.
Mit den Sprechakten der Aufforderung und des Versprechens drücken wir unsere Absichten aus, dass ein anderer etwas für uns tue, oder dass wir bereit sind, für einen anderen etwas zu tun. Der Zeitpunkt, an dem eine Absicht erfüllt oder verwirklicht sein wird, ist immer die Zukunft, ein zukünftiger Moment, gesichtet vom imaginären Standpunkt der Gegenwart aus. Was in Zukunft geschehen mag, weiß niemand mit Gewissheit vorauszusehen. Deshalb reichen die Sprechakte der Aufforderung und des Versprechens gewissermaßen in den dunklen oder unsichtbaren Raum des Ungeschehenen.
Wir versuchen, der Ungewissheit alles Zukünftigen gegenzusteuern, indem wir gleichsam Sicherungen in unsere Handlungsschaltkreise einbauen: Du hast deinem Freund versprochen, das ausgeliehene Geld endgültig übermorgen zurückzuerstatten. Weil du nicht voraussehen konntest, ob du die Summe aus eigenen Kräften aufzubringen vermochtest, hast du dir rechtzeitig von einem Dritten dieselbe Summe geliehen. So schleppst du dich zwar mühsam von Gläubiger zu Gläubiger, kannst aber mittels dieser fragwürdigen Absicherung dein Versprechen einhalten.
Wenn du einen größeren Kredit bei einer Bank bezogen hast, hat sich die Bank gegen die Ungewissheiten und Unsicherheiten der Zukunft durch den Abschluss einer Versicherung zur Begleichung der anfälligen Restsumme im Krankheitsfalle, bei Unfall, Invalidität und Tod abgesichert.
In den entscheidenden Fällen unseres Lebens haben wir keine Versicherung oder Sicherheiten zur Hand. Wir erwarten nicht nur den Erhalt und die Wiederkehr alles dessen, was uns lieb und teuer ist, sondern sein endgültiges Verschwinden. Deshalb sind unsere am Zeitsinn der Zukunft orientierten handlungsleitenden Sprechakte des Aufforderns und Versprechens immer auf Risiko, Wagnis und Ungewissheit hin gesprochen.
Logische Schneisen VII
Wenn du unwillkürlich einen Schrei ausstößt, weil du dich erschrocken hast, ist der geäußerte Laut keine Mitteilung, keine Sprache. Der unwillkürlich verlautbarte Schrei liegt außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.
Wenn dich dein Freund durch einen Schrei auf eine unmittelbar drohende Gefahr aufmerksam macht – du warst ganz in Gedanken und hättest beinahe die Straße betreten, obwohl ein Auto heranraste –, und aufgrund dieser willkürlich hervorgebrachten Verlautbarung siehst du dich plötzlich gewarnt und vermeidest den Schritt auf die Straße – in diesem Falle würden wir sagen, es handle sich um eine sprachliche Mitteilung, um Sprache. Der willkürlich und absichtsvoll verlautbarte Schrei liegt innerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.
Hier ist bemerkenswert, dass Sprache nicht notwendig artikulierter Laut sein muss, um als Sprache zu funktionieren: Dein Freund hätte dich auch fest in den Arm kneifen können und du hättest dies als absichtsvolle Kundgabe der Warnung verstanden, nicht weiterzugehen – in einem solchen Fall wäre die Handlung oder die Geste ein sprachliches Zeichen und Teil des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.
Du hast den Schrei als Ausdruck der Warnung vor einer unmittelbar drohenden Gefahr verstanden. Du hast die Bedeutung des Warnhinweises begriffen. Dein Verstehen und Begreifen manifestierte sich in deinem Handeln: Du hast den Fuß zurückgezogen und bist stehen geblieben. Dein Verstehen des Zeichens erfasste ebenfalls die Absicht deines Freundes, dich mit diesem Zeichen zu warnen, und umfasste auch die Tatsache, dass er diese Absicht durch das Hervorstoßen des Schreis verwirklicht hat.
Wie aber, wenn dein Freund gar nicht die Absicht hegen konnte, dich durch einen Schrei zu warnen, weil sich die Ereignisse überstürzten, er allerdings sah, wie du im Begriff warst, den Fuß auf die Straße zu setzen, und wie gleichzeitig das Auto herbeiraste – und hat dann vor Schreck einen Schrei ausgestoßen? Dann hast du allerdings diesen unwillkürlich hervorgestoßenen Schrei nicht bloß als mimetischen Ausdruck des Erschreckens, sondern als intentionalen Ausdruck der Warnung vor einer unmittelbar drohenden Gefahr verstanden.
Hier ist bemerkenswert, dass die in den meisten sprachlichen Kundgaben unabdingbare Intention der sprachlichen Handlung gelegentlich durch eine fallible Hypothese oder eine blinde Voraussetzung ersetzt werden kann. Indes musst du eine solche Absicht so oder so unterstellen, wenn nicht der Akt des Verstehens sprachlicher Zeichen unvollständig bleiben und deshalb misslingen soll.
Mimetische Verlautbarungen oder unwillkürliche lautliche oder gestisch-mimische Gefühlsgebärden können in rein sprachliche Verlautbarungen transformiert werden. Wenn du vor Schreck einen Schrei ausstößt, könntest du genauso gut ausrufen: „Ach, du Schreck!“ oder „Schreck, lass nach!“
Willkürlich oder absichtsvoll geäußerte, aber unartikulierte Ausrufe können in rein sprachliche Verlautbarungen transformiert werden. Wer einen Warnschrei ausstößt, könnte auch ausrufen: „Vorsicht, ein Auto!“ oder einfach: „Achtung!“
Wenn du im Begriff bist, die Straße zu betreten, und hörst, wie dein Freund an deiner Seite „Achtung!“ ausruft, bist du nicht genötigt, diesen Ausruf zu interpretieren, zu decodieren oder zu deuten, du bedarfst nicht einer speziellen hermeneutischen Kunst oder eines Deutungsverfahrens, das du als Maßstab an die Verlautbarung anlegst: Du verstehst sie unmittelbar als Warnhinweis, du verstehst ohne Zögern und Zweifeln. Du fragst dich nicht: „Das klingt ja wie ein Warnschrei – aber könnte es auch etwas anderes bedeuten?“ Nein, du weißt, dieser Schrei bedeutet in dieser Situation von dieser Person verlautbart: „Achtung, Gefahr!“ Du vernimmst nicht ein akustisches Signal, das du als sprachliches Symbol interpretierst. Du hörst den Schrei als Warnhinweis.
Eine Sprache verstehen heißt nicht, eine Sprache interpretieren. Sprachliche Zeichen sind keine Symptome, die für etwas dem Wesen nach ihnen Fremdes stehen, die für etwas stehen, was sie nicht unmittelbar bedeuten, und deshalb als Signale, Hinweise und Zeichen für ihnen zugrunde liegende kausale Vorgänge gedeutet, interpretiert, decodiert werden müssten – wie Rauch als Zeichen für Feuer oder Flecken auf der Haut als Zeichen für eine Viruserkrankung.
Du könntest einwenden, dass wir auf Schritt und Tritt sprachlichen Ausdrücken und Wendungen begegnen, die nicht eindeutig sind und deshalb der Interpretation bedürfen. Ob ich mit „Bank“ die Sitzgelegenheit oder das Geldinstitut meine, bedarf doch wohl der Interpretation!
Aber, würden wiederum wir einwenden, so funktioniert Sprache nicht. Wenn du zu mir sagst, du müsstest, bevor wir uns treffen, noch rasch Geld bei der Bank ziehen, weiß ich unmittelbar, dass du nicht die Sitzgelegenheit auf dem Merianplatz meinst.
Wir schließen daraus, dass die für unsere Sprachhandlungen relevante Umgebung oder die relevante Situation ein Teil der Bedeutung jener Sätze und Wendungen ausmacht, die wir in dieser Umgebung oder dieser Situation verwenden.
Aber, könntest du nochmals einwenden, wie steht es denn mit der gleichsam systematischen Zweideutigkeit, wie sie beispielsweise bei der Verwendung des Ausdrucks „ist“ auftaucht – müssen wir hier nicht zur Interpretation schreiten, um die Zweideutigkeit in eine Eindeutigkeit zu verwandeln?
Hier sagen wir: Die Eindeutigkeit der Bedeutung von „ist“ ermitteln wir nicht durch hermeneutische Deutekunst und Interpretation, sondern mittels Anwendung einer analytischen Mechanik. Mit diesem mechanisch anzuwendenden Analyse-Tool gelingt uns Folgendes:
(1) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ in Sätzen wie „Eva ist schüchtern“ anhand der Satzform „x (ist F)“ als einen Teil der Kopula des Satzes.
(2) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ in einer Gleichung wie „7 + 5 = 12“ oder einer Identitätsaussage wie „Der Morgenstern ist der Abendstern“ als Zeichen der Identität der beiden vor und nach dem Gleichheitszeichen genannten Gegenstände.
(3) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ beziehungsweise von „es gibt“ in der Aussage: „Es gibt den Pegasus“ anhand des Existenzquantors und der Satzform „Es gibt ein und nur ein x, und dieses x ist F, und alle y, die F sind, sind identisch mit x“ als Existenzaussage.
Die Schrift, die sich wie von Geisterhand auf der Mauer schreibt, oder das seltsame Muster, das wir im vom Wind aufgeworfenen Blättern zu unseren Füßen zu entziffern wähnen, die monströsen Physiognomien, die uns bisweilen aus Wolkenballungen entgegenzustarren scheinen, oder das wirre Gekritzel eines Dementen – so etwas und alles dergleichen gilt uns nicht als Sprache oder als bedeutsame Zeichen.
Unsere Grundannahme besteht darin: Wir befinden uns innerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung, sobald wir davon ausgehen, dass uns etwas mittels irgendwelcher geeigneter Zeichen von Personen absichtsvoll bedeutet oder mitgeteilt wird.
Dabei macht die relevante Umgebung oder die relevante Situation der Zeichenkundgabe und der Zeichenannahme einen Teil der Bedeutung dieser Zeichen aus – diese Umgebung kann eine Alltagssituation wie eine Unterhaltung, ein Prüfungs- oder Vorstellungsgespräch, eine Gerichtsverhandlung usw. sein oder selbst ein sprachlicher Zusammenhang wie eine Erzählung, ein Dokument, eine wissenschaftliche Abhandlung usw. In einer lockeren Unterhaltung hingestreute Bemerkungen und Anekdoten haben nicht das Gewicht von zu Protokoll gegebenen Aussagen vor Gericht. Die in einer fiktiven Erzählung geäußerten Aufforderungen der Protagonisten haben für das Leben des Lesers keine Relevanz, im Gegensatz zu den Bestimmungen eines beglaubigten Miet- oder Pachtvertrages.
Wenn wir uns dargebotene Zeichen als sprachliche Zeichen oder als Sprache verstehen wollen, müssen wir die Absicht der Person, die sie uns mitteilt oder mitteilen lässt, anhand der Bedeutung der Zeichen und der Mitteilungssituation herausfinden und in Rechnung stellen. Wenn dein Freund neben dir „Vorsicht!“ ruft, sobald du die Straße betreten willst, weißt du anhand der Bedeutung des Ausdrucks „Vorsicht“ und der erlebten Straßensituation, welche Absicht seine Mitteilung hat.
Die Sprecherintention, die für das Verstehen der Bedeutung sprachlicher Kundgaben so wesentlich ist, können wir sichtbar markieren, indem wir den Aussagemodus der jeweiligen Aussage dieser voranstellen: die Behauptung, die Aufforderung (Warnung, Empfehlung, Bitte, Frage) und das Versprechen, die mimetische Äußerung (Interjektion, Gefühlsausdruck) sowie die Festsetzung (Erwähnung und axiomatische Definition):
(1)
„Ich behaupte, dass der Mond der Erdtrabant ist.“
„Der Mond ist der Erdtrabant.“
(2) (1)
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“
„Betritt nicht die Straße!“
(2) (2)
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“
„Betritt nicht die Straße!“
(2) (3)
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“
(2) (4)
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“
(3)
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit dir zu treffen.“
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“
(4)
<„Aua!“>
„Ich habe Schmerzen.“
(5) (1)
„Mond“ ist das Wort mit der Bedeutung Mond.
„Mond“ hat vier Buchstaben.
„Der Pegasus fliegt über den Parnass“ ist ein Satz.
„Der Buchstabe p steht für einen beliebigen Satz.“
(5) (2)
„Die kürzeste Linie zwischen 2 Punkten ist eine Gerade.“
„Die kürzeste Linie zwischen 2 Punkten ist eine Kurve.“
Wir berühren hier die logischen Grundformen der Sprache oder die wesentlichen Aussagetypen im logischen Raum: die Behauptung als Mitteilung von Information, die Veranlassung des Angesprochenen, etwas zu tun, beziehungsweise die Erklärung der Bereitschaft des Sprechenden, etwas zu tun, die Verlautbarung des eigenen Befindens sowie die Erwähnung und die axiomatische Festsetzung.
Logische Schneisen VI
Nuancen nennen wir die im logischen Raum möglichen Verbindungen deskriptiver und klassifizierender Begriffe. Solche Verbindungen können zum Beispiel Farbmischungen oder Überkreuzungen und Überschattungen von Empfindungen und Gefühlen darstellen.
Wenn jemand sagt „Ich sehe an derselben Stelle in meinem Sehfeld gleichzeitig einen roten und einen grünen Fleck“, kannst du daraus – wie schon erwähnt – schließen, dass die Person nicht weiß, was sie sagt, das heißt, dass sie sich nicht darauf versteht, unsere Einteilung des logischen Farbraumes anzuwenden. Deshalb kannst du aus dem geäußerten Satz nicht einmal folgern, dass der Sprecher entweder einen roten oder einen grünen Fleck gesehen haben muss.
Wenn du aber jemanden sagen hörst „Ich bevorzuge für meinen Schal statt eines schlichten Graus ein elegantes Graublau“, kannst du daraus schließen, dass es sich um einen Zeitgenossen mit gutem Geschmack und feinem, entwickelten Farbsinn handelt.
Schön nennen viele trivialerweise die Wirkung von Objekten und Ereignissen auf die Wahrnehmung und das Gefühlsleben, die sie als angenehm, lustvoll und entspannend beschreiben. Hierbei handelt es sich augenscheinlich um den Ausdruck einer einfachen Emotion. Währenddessen beschreibt jemand, der von seinem Erlebnis des ungeheuren Sternenhimmels in einer lautlos-einsamen Wüstennacht erzählt, ein komplexes Gefühl, wenn er vom Eindruck des Erhabenen spricht, der sich zumeist aus einer Mischung und Überkreuzung lustvoll-entspannender und beunruhigend-spannender Emotionen ergibt.
Erhaben dünkt uns eine Art lustvoller Überwältigung, eine ekstatische Weise der Selbstauflösung, ein Art Triumphgefühl inmitten vollständiger Niederlage – oder wie immer du diese Komplexion von Gefühlen beschreiben magst. Feststeht, dass Gefühlsregungen solch komplexer Natur von bestimmten Künstlern, Genres und Epochen bevorzugt gesucht und dargestellt worden sind. Denke nur an Caspar David Friedrich, die Grusel- und Horrorgeschichte und den Schauerroman oder den Expressionismus in Dichtung und Malerei.
Du lässt dir die blaugraue Farbnuance deines Schals, des Blütenblattes einer Orchidee oder des Hintergrunds eines niederländischen Landschaftsgemäldes gern gefallen. Ein anderer aber kommt daher und macht viel Aufhebens von einer exquisiten und raffinierten oder subtilen Farbnuance, nämlich einer graublauen Fläche, die vom vagen Blühen eines altrosa Lichtes wattiert und durchtränkt ist.
Natürlich lässt der Farbraum ungeheuer viele Mischungen dieser Art zu – doch würden wir bescheidenen Menschen angesichts einer solchen Neigung zu extravaganten, erlesenen Farbnuancen vielleicht von Manieriertheit oder Snobismus sprechen. Doch wir wissen, dass solche hochkomplexen Farbnuancen und die ihnen korrespondierenden Empfindungen von bestimmten Künstlern in bestimmten Epochen gern gesucht und dargestellt worden sind. Denken wir an Tintoretto, El Greco oder Pontormo, an die Epochen von Barock, Manierismus und Rokoko der europäischen Kunstgeschichte, aber auch an den erlesenen Geschmack der feinen japanischen Hofgesellschaft, wie er sich in der sublimen Farbgebung kostbarer Seidenstoffe in dem sogenannten „Kopfkissenbuch“ der Hofdame Sei Shonagon zur Geltung bringt.
Kannst du zugleich und aus derselben Richtung einen hohen und einen tiefen, einen lauten und einen leisen Ton hören? Kannst du zur gleichen Zeit aus derselben Richtung einen Dur- Akkord und einen Moll-Akkord hören? Gibt es, sollte dies nicht der Fall sein, demgemäß einen dem logischen Farbraum ähnlichen logischen Klangraum oder besser gesagt eine auf das Hören und Bestimmen von Tönen und Klängen bezogene logische Form, gemäß der wir die Hörbarkeit und Bestimmbarkeit von Tönen und Klängen festlegen und gemäß der wir die Begriffe für Töne, Klänge und Akkorde richtig oder unrichtig anwenden? Dass sich an der Komplexität in der Kombinatorik der Klänge das Raffinement des musikalischen Geschmacks erweist, scheint jedenfalls evident zu sein.
Kannst du angesichts eines Andachtsbild, einer segenenden Geste, eines Weiherituals zur gleichen Zeit den Eindruck des Heiligen und des Profanen, des Göttlich-Großen und des Widergöttlich-Niedrigen, des Versöhnten und Erlösten und des Verfluchten und Verdammten haben? Ist aber Aaron nicht der Bruder des Moses, wenden manche ein, und wurde aus Saulus nicht Paulus? Sollte Luzifer der ewige Schatten Christi sein? Sind die sogenannten Urworte und Urszenen, sagen andere, nicht doppelsinnig, zwiespältig, ambivalent? Verlassen uns auf diesem Feld die menschlichen Maße? Können wir hier keine logischen Schneisen mehr schlagen?
Logische Schneisen V
Sprache und Bewusstsein verbinden sich im Ausdruck des Gedankens. Wenn du an etwas denkst, musst du in der Lage sein, auf die Frage „Woran denkst du gerade?“ mit einem Satz deinen Gedanken auszudrücken.
Gedanken sind nicht irisierende Reflexe auf dem sogenannten Strom des Bewusstseins – ein Bild, das in die Irre führt. Gedanken sind mögliche Sätze, die du mir und jedem beliebigen anderen aus deiner Sprachgemeinschaft mitteilen kannst. Sätze aber sind öffentlich zugängliche Tatsachen, nicht im Innern des Bewusstseins eingeschlossene und verborgene seelische Vorkommnisse.
Wenn du mir sagst, deine gestrige Äußerung sei dir im Affekt herausgerutscht und sie tue dir leid, verstehe ich vollkommen, was du meinst und bin nicht genötigt, Psychoanalyse zu treiben. Insbesondere wäre es verfehlt, mein promptes und geradliniges Verstehen deiner Äußerung in ein hermeneutisches Abenteuer ohne Garantie der Wiederkehr umzumünzen. Ich fühle mich gar nicht versucht, an deine Äußerung wie der Arzt das Hörgerät an die Brust des Kranken anzulegen, um die versteckte, eigentliche Bedeutung deiner simplen Mitteilung zu auskultieren. Verstehen ist kein Entziffern oder eine Art mystischen Gedankenlesens. Verstehen ist kein Deuten von Symptomen, als wären deine Äußerungen den Flecken des Fieberkranken vergleichbar und der Befall mit Viren als wahre Ursache vergleichbar mit der methodisch eruierten eigentlichen Bedeutung eines Satzes.
Bedeutungen, der sprachliche Inhalt von Sätzen, sind keine Symptome einer verborgenen Wahrheit. Symptome haben Ursachen, Bedeutungen haben keine Ursachen. Körperliche Symptome wie die verdächtigen rötlichen Flecken auf der Haut haben gewiss körperliche Ursachen, zum Beispiel in einer Viruserkrankung. Den Symptomen kann man nicht unmittelbar ansehen, auf welche Ursache sie schließen lassen. Der Arzt bildet intuitiv eine Hypothese, er muss sie aber durch Hinzuziehen objektiver Untersuchungsmethoden wie der Analyse des Blutserums verifizieren.
Den Sinn des von mir geäußerten Satzes „Vergiss nicht, beim Bäcker vorbeizugehen und uns Kuchen mitzubringen!“ versteht du keineswegs, wenn du seine Bedeutung mittels Heranziehen von Hypothesen verifizierst. Es ist ja eine Aufforderung, das und das zu tun, und der Inhalt von Aufforderungen liegt in der immer ungewissen Zukunft, während Hypothesen nur durch in der Vergangenheit (und sei es auch die gerade abgeschlossene) liegende Ereignisse verifiziert werden können. Bedeutungen sind demnach keine Objekte, für deren Kenntnis wissenschaftliche Methoden der Hypothesenbildung und der Verifikation und Falsifikation von Hypothesen hinreichend wären.
Weder kann ein einzelner Mensch sich und der Welt bewusst sein noch ein einzelner Mensch die Sprache verwenden. Denn wenn sich Sprache und Bewusstsein im Ausdruck des Gedankens verbinden und Gedanken nicht Symptome eines verborgenen seelischen Zustandes, sondern öffentlich zugängliche Tatsachen darstellen, ist die Welt, in der wir leben, eine Welt der möglichen Mitteilung.
Du könntest als einsamer Robinson auf der Insel Nirgendwo die Schwelle zum Reich der Sprache und der Gedanken nicht überschreiten. Gedanken sind mögliche Satzäußerungen, Sätze behauptenden Charakters sind nur sinnvoll, wenn sie richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein können. Wie aber willst du als einsamer Robinson überprüfen, ob der Gedanke, dass es gestern auf der Insel geregnet hat, richtig oder falsch ist? Du meinst, es reiche aus, wenn du dich an dieses Wetterereignis deutlich erinnerst. Wenn du das Nachschlagen im Buch deiner Erinnerung, in den Annalen deiner subjektiven Erlebnisse, für das einzige Kriterium der Korrektheit deiner Erinnerungen ansiehst, gehst du arg in die Irre, wird dein Denken, dein Fassen von Gedanken, sinnlos. Denn du könntest auf die Frage, was dich sicher sein lässt, dass deine Erinnerung korrekt sei, nur antworten, dass du dich daran eben deutlich erinnerst. Erinnerungen sind eben auch Gedanken, und wie willst du entscheiden, ob sie richtig sind oder trügen, wenn du die Erinnerung als einziges Kriterium der Wahrheit zuließest?
Wenn Robinson an dem bewussten Regentag in sein Tagebuch schriebe „Heute, am 16. Mai 1664 hat es hier von drei bis vier Uhr nachmittags auf der Insel heftig geregnet“, hätte er seinem Gedanken die Form einer öffentlich zugänglichen Mitteilung gegeben. Würde ein gelehrter Freytag, ohne seine Bekanntschaft und ohne sein Wissen, also ohne Einfluss von Robinson Crusoe, seinerseits in sein Tagebuch dieselbe Eintragung machen, wären die beiden, begegneten sie sich endlich und plauderten gemütlich über ihre vergangenen Erlebnisse, um ein Kriterium der Wahrheit jener Äußerung nicht verlegen.
Gedanken sind virtuelle Miteilungen und als solche Teil des logischen Raumes der Bedeutung, der immer von mehr als einem Teilnehmer bewohnt wird. Woher weißt du aber, ob dein Bekannter deinen Gedanken, den du im Satz, dass es regne, äußerst, versteht? Du erkennst dies leicht daran, dass er, sobald ihr auf der Straße in hellem Sonnenschein angelangt seid, den schon aus der Tasche gekramten Regenschirm wieder einpackt und die ursprünglich von dir gemachte Äußerung, es regne, verneint.
Wenn das Bewusstsein der logische Raum ist, wo du Gedanken bildest, verbindest und durch Verneinungen trennst, kannst du daraus schließen, das Bewusstsein nicht der Name für eine geheimnisvoll im Verborgenen des Inneren hausende individuelle Seele ist.
Wenn du dich unbehaglich und verängstigt fühlst, kannst du auf die Frage deines mitfühlenden Freunds, ob es dir nicht gut gehe, wahrheitsgemäß antworten „Mir gehst es nicht besonders, ich fühle mich ängstlich.“ Dein Freund versteht die mitgeteilten sprachlichen Lautzeichen keineswegs als Symptome einer verborgenen Wahrheit, die er mittels einer speziellen hermeneutischen Methode umständlich zutage fördern müsste. Er versteht dich direkt und unmittelbar. Gedanken sind sprachlich oder gestisch objektivierbare Gebilde oder Strukturen im logischen Raum des Bewusstseins, das gleichsam über die Medien der leiblichen Gesten und Gebärden und der sprachlichen Verlautbarungen offen zutage tritt.
Auch komplexe Miteilungen müssen die Grenzen des Verstehens ja keineswegs überschreiten. So wenn du sagst: „Ich fühle mich seltsam, gleichzeitig ängstlich und doch zuversichtlich.“ Denn wir kennen und dulden Gefühlsmischungen von solcher und noch extravaganterer Art. Wenn du indes sagtest: „Ich fühle mich seltsam, ängstlich und gleichzeitig freudig erregt“, würde dein Freund nicht mitfühlend, sondern um deinen Geisteszustand besorgt schauen. Ähnlich wie der logische Raum oder die logischen Koordinaten unserer Farbbezeichnungen die gleichzeitige Anwendung der Farbbegriffe rot und grün zur Bezeichnung derselben Ortsstelle im Sehfeld nicht zulassen, limitieren die Klassifikationen unserer Gefühlsbegriffe wie Freude, Erstaunen, Angst, Ekel und Hass den Zeitraum ihrer Anwendung mittels eingeschränkter Möglichkeiten von Überschneidungen und klarer Vorschriften von Exklusionen. So lassen wir die Überschneidung von Erstaunen und Freude oder Erstaunen und Angst zu, schließen aber die von Freude und Angst oder Freude und Ekel aus.
„Dies ist kein Satz.“ Hier geraten nur Leute ins Stolpern oder in ein verfehltes metaphysisches Staunen oder Gruseln, die sich von der verzerrten und absurden logischen Struktur dieses Schein-Satzes blenden lassen. Mit dem Ausdruck „Dies ist …“ beginnen wir gewöhnlich eine hinweisende Definition wie „Dies ist eine rote Blume“ oder „Dies ist ein Kreis“. Wir können das Wort „Satz“ nur sinnvoll an die Stelle des generellen Terms einer Satzform rücken, wenn wir an die Subjektstelle nicht einen hinweisenden oder einen singulären Ausdruck, sondern einen ganzen Satz beziehungsweise ein Zeichen für einen Satz wie das Zeichen p setzen. Dann hieße die korrekte Aussage: „Rom ist die Hauptstadt Italiens“ ist ein Satz oder „p“ ist ein Satz.
Setze nun für p den scheinbaren Satz ein: „Die Wurzel aus 7 ist hungrig.“ Aufgrund des Wissens oder der logischen Einschränkung oder der axiomatischen Festsetzung, dass wir als gute und wohlgebildete Behauptungssätze nur sprachliche Gebilde akzeptieren, die sinnvoll sind und damit wahr oder falsch sein und die bejaht und verneint werden können, schließen wir rechtens, dass jener merkwürdig anmutende Satz „Die Wurzel aus 7 ist hungrig“ nur scheinbar ein Satz oder ein Schein-Satz, in Wahrheit gar kein echter oder sinnvoller Satz ist. Ein seiner logischen Form nach sinnloser Satz ist in Wahrheit kein wirklicher Satz oder kurz kein Satz.
Du kannst demgemäß sagen: Der sogenannte Satz „Die Wurzel aus 7 ist hungrig“ ist kein Satz. Setze nun für diesen Schein-Satz den ebenfalls nur scheinbaren Satz oder Schein-Satz „Dies ist kein Satz“ ein und du erhältst den vollkommen korrekten und überaus wahren Satz:
„Die ist kein Satz“ ist kein Satz.
Damit wäre alles gesagt und jede Verwirrung ausgeräumt.
Logische Schneisen IV
Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft.
Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. Nicht willkürlich und nicht bloß konventionell ist der Zwang zur Entscheidung für eine der beiden Alternativen oder in anderen Fällen für irgendeine von gegebenenfalls mehreren Alternativen.
Weil das System unserer Erfahrung uns die erfahrbaren Momente, Gegenstände und Ereignisse, als Bündel ein- oder mehrstufiger Relationen von Eigenschaften gleichsam in den logischen Raum hineinstellt, kommen wir nicht umhin, unsere Behauptungssätze aus Ausdrücken für Gegenstände und zu ihnen relative generelle Terme aufzubauen.
Die Ordnung der Vernunft ist mit der Sprache gegeben. Vernunft und Sprache sind gleichsam da oder nicht da – du gelangst nicht von einer Welt ohne Vernunft und Sprache in einer Folge kontinuierlicher Übergänge zu deiner Welt von Vernunft und Sprache. Du musst springen oder du hast schon immer springen müssen, hast den Sprung schon immer hinter dir – denn keine Erinnerung reicht an jene Pseudo-Welt des Unbewussten jenseits der Grenzen des logischen Raums zurück.
Die seltsamen Leute, die Sprache und Offenbarung theologisch pantschten, waren der Wahrheit näher als die heutigen ungemein pfiffigen und zugleich ungemein dummen Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen, die eben jener Kontinuität unmerklicher Übergange von der bewusstlosen und sprachlosen Welt zu unserer Welt des Bewusstseins und der Sprache auf der Spur zu sein wähnen.
Was sollte es zwischen der Welt des Bewusstseins und der Sprache und der unbewussten und sprachlosen Pseudo-Welt geben und ermöglichen, dass diese in jene überginge? Man hat das mythische Bild von Keimen oder Logoi spermatikoi vor Augen. Dies aber trügt. Der Keim zum Bewusstsein und zur Sprache ist schon das ganze Ding.
Sicher, du hast sprechen, lesen, denken gelernt. Aber das erste Wort war schon die ganze Initiation. Mit dem ersten Ein-Wort-Satz warst du schon im Besitz der ganzen Sprache. Mit der primären Initiation in die Welt der Bedeutung war deine Fähigkeit zum Verstehen und Denken geboren.
Du kannst die Zahlenreihe bis zur Erschöpfung immer wieder mechanisch abschreiben und auswendig lernen. Du kannst Additionsmuster auswendig lernen und zur Frage „Was ist 14 X 14?“ das richtige Resultat nennen, ohne dass wir dir zugestehen würden, du wüsstest, was es heißt, zu rechnen. Wenn du verstanden hast, dass du mit der Regel x + 1 und x – 1 die Reihe der natürlichen Zahlen aufbauen kannst, wenn du verstanden hast, dass die Menge dieser Murmeln verteilt auf die Menge dieser Münzen dieselbe Zahl repräsentiert, hast du das Wesen der Zahl und des Zählens und Rechnens verstanden.
Es gibt keinen Anfang des Bewusstseins, der Erfahrung, der Sprache, des Denkens. Bewusstes Erleben, Sätze, Gedanken sind Elemente des logischen Raums, der kein Außen, keinen Anfang, kein Ende hat.
Die Ordnung der Sprache und der Vernunft hängt und schwebt gleichsam in der Luft. Es gibt kein Fundament, weder eine natürliche oder historische Ursache noch einen psychologischen Grund, auf dem sie aufruhte und ihre Rechtfertigung bezöge. Du kannst das Denken nicht durch Angabe von Gründen rechtfertigen, nur den einzelnen Gedanken, den einzelnen Satz. Es gibt keine Antwort auf die Frage: „Warum soll ich vernünftig denken?“ Oder auf die Frage: „Warum soll ich sinnvoll reden?“ Das Spiel der Gründe ist ein Spiel innerhalb der Grenzen des logischen Raums von Sprache und Vernunft.
Sätze über etwas, die nicht verneint werden können, sind sinnlos. Wäre der Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ein solcher Satz, wäre er keine empirische Aussage, ein Satz über etwas in der Welt, sondern eine Festsetzung wie die, der zufolge 2 x 2 = 4 ist.
Festsetzungen können allerdings nicht verneint, nur angenommen oder verworfen werden. Wenn wir mit ihnen operieren, zum Beispiel addieren und multiplizieren oder Schlüsse ziehen, haben wir sie akzeptiert. Andernfalls rechnen und denken wir nur scheinbar.
Wenn wir sagen: Du kannst nicht gleichzeitig etwas und sein Gegenteil behaupten, reden wir nicht über ein physisches oder psychisches Versagen. Nicht-Können im logischen Raum gleicht mehr einer Tabuisierung oder einem moralischen Verbot als einer physisch-psychischen Blockade.
Natürlich kannst du so tun, als überschrittest du die Grenze des logischen Raums – aber diese Donquichotterie ist vergebliche Liebesmüh, bringt dir nichts, aus diesem Jenseits kommst du mit leeren Händen zurück. Aber du kommst ja nicht zurück – du bist schon immer gleichsam zu Hause.
Die Möglichkeit der Verneinung ist die Möglichkeit, immer etwas Wahres zu sagen oder deine Äußerungen stets mit der Realität in Einklang zu bringen, mit der Realität in Harmonie zu bleiben. Wenn strahlendes Wetter deine Annahme und Behauptung, es regne, augenscheinlich eines Besseren belehrt, so ist es schon gut und alles in Ordnung, wenn du deine ursprüngliche Aussage verneinst.
Du kannst diesen gewaltigen Stein nicht mit der Hand hochheben. Du kannst einen schwarzen und einen weißen Fleck nicht gleichzeitig an demselben Ort im Gesichtsfeld wahrnehmen. – Auf dem Mond könntest du den Stein vielleicht heben. Doch gibt es keine Welt, in der du Schwarz und Weiß zur gleichen Zeit am selben Ort sehen könntest. Dieses Nicht-Können ist kein psychisches Unvermögen, sondern eine Art logischen Zwanges, der aber nichts anderes als unsere Form der Klassifikation der Farben widerspiegelt. Die Aussage über die Farben ist daher keine empirische Aussage, kein Satz über eine Tatsache der Welt, sondern über eine Festsetzung im logischen Raum. Mit dem physisch und psychisch Unmöglichen stoßen wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten, mit dem logisch Unmöglichen an die Grenzen des logischen Raums.
„Dies ist kein Satz“ heißt, dies sieht nur so aus wie ein Satz, sieht nur so aus, als hättest du etwas behauptet, in Wahrheit hast du Unsinn geredet, das heißt nichts gesagt.
Verstehen ist autonom und setzt sich gleichsam selbst voraus. „Ich verstehe diesen englischen Ausdruck nicht“ ist gutes Deutsch. „Ich verstehe meine Muttersprache nicht“ scheinbar gutes Deutsch, in Wahrheit aber Unsinn.
Wenn du dein Zimmer aufräumst, kannst du Kraft und Zeit sparen, indem du ökonomisch vorgehst und zum Beispiel erst den Tisch abräumst und dann abwischst. Doch was du in welcher Reihenfolge im Schrank und auf den Regalen stapelst, unterliegt rein praktischen Erwägungen. – Die Ordnung der Sprache und des Denkens lässt allerdings nur gewisse Zusammenstellungen und Kombinationen von Elementen zu. Letztlich kommst du immer wieder auf die Grundform der behauptenden Aussage zurück, nämlich zu sagen, etwas sei so und so.
Logische Schneisen III
Aussagen, die du über deine augenblicklichen Empfindungen und Sinneswahrnehmungen machst, zum Beispiel: „Ich sehe in dieser Ecke einen roten Fleck“, sind evident – auch wenn du einer Täuschung unterlegen sein solltest und im physikalischen Sinne in jener Ecke kein roter Fleck ist, also von dort keine Lichtfrequenzen ausgestrahlt werden, die du als roten Fleck wahrnimmst. Die Evidenz wird klar, wenn du Sätze über deine Empfindungen und Wahrnehmungen mit „Mir scheint, dass p“ formulierst. Sätze dieser Art sind stets wahre Aussagen, und wenn du sie mit Datum und Ortsangabe versiehst, dann sind es wahre Sätze mit zeitlich und räumlich uneingeschränkter Geltung.
Der Satz „Ich glaube, dass der Mond aus Käse besteht“ ist ein wahrer Satz über deinen Bewusstseinszustand des Glaubens, während der Satz „Der Mond besteht aus Käse“ ein zwar sinnvoller, aber falscher Satz über die Beschaffenheit unseres Erdtrabanten darstellt.
Die Konjunktion „Der Mond besteht aus Käse und ich glaube nicht, dass der Mond aus Käse besteht“ ist nicht falsch, aber unsinnig – denn du kannst nicht sinnvoll den Inhalt deines Für-wahr-Haltens negieren, also nicht für wahr halten.
Sonnvolle Sätze mit Behauptungscharakter sind entweder wahr oder falsch; sinnlose Sätze sind nicht einmal falsch.
Der eine findet den vergrabenen Schatz auf der Insel anhand eines typographisch genauen Lageplans; der andere anhand einer minutiösen sprachlichen Beschreibung – man kann sagen, dass die Bedeutung dieser beiden Darstellungen identisch ist. Daraus folgt, dass ein und dieselbe Bedeutung in unterschiedliche Darstellungsmedien transformiert oder in unterschiedlichen Darstellungsmedien modelliert werden kann, ohne dass die Bedeutung, der Inhalt der Mitteilung und Darstellung, modifiziert würde.
Die Bedeutung von Wörtern ist die Permutation aller sinnvollen Sätze, in denen sie vorkommen können.
Weil die Permutation der Wörter in all den sinnvollen Sätzen, in denen sie vorkommen können, unendlich ist, ist die Identität der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht vollständig definiert und abgegrenzt. Das ist nichts als der Reflex der trivialen Wahrheit, dass Sprache im Dienst des Lebens steht. Ein Rest von Vagheit bleibt. Aber damit können wir leben – sc. sprechen.
Das Bewusstsein ist eine Funktion, in der beliebige Erlebnisinhalte als Werte der Variable eingesetzt werden können – und immer resultiert ein wahrer Satz.
Wir können uns zwar eine Welt und also eine Welt des Bewusstseins denken, in der es keine Farben hat, aber keine Welt, in der ein Rotton als grünlich spezifiziert würde. Die Klassifikation der Farben liegt gleichsam im logischen Raum.
Aufgrund verfehlter Analogien gerätst du in die Fallstricke falscher oder unsinniger Fragestellungen. Du hältst einen des Bewusstseins gänzlich ermangelnden physischen Gegenstand wie einen Stein neben die psychische Tatsache, dass sich all deine Erlebnisse wie konzentrische Kreise um den Mittelpunkt deines Ego ordnen – und stolperst prompt in die Frage, wie denn die eine Tatsache mit der anderen zusammenstimmen könne, wie ein Kontinuum die Welt des Toten und die Welt des Lebendig-Bewussten verknüpfend durchziehen könne. Du bist vollends verstrickt mit der Frage, wie sich aus der Welt bewusstloser physischer Objekte die Welt erlebniszentrierter Egos zu entwickeln vermöchte. Und weiter ins Gestrüpp: Mittels welcher evolutionärer Mechanismen könne dies wohl geschehen sein, oder handele es sich um unüberbrückbare Seinsweisen, und das Bewusstsein wäre am Ende ein unerhörtes, mein und dein Bewusstsein quälendes Rätsel im Reich des Unbewussten?
Wir unterscheiden: Erstens triviale, unproblematische Begriffe oder Alltagsbegriffe, die wir fraglos und problemlos verwenden: „Bring uns doch zwei Stück Kuchen vom Bäcker mit“ oder „Übermorgen nehmen wir den Zug nach Wien“ – unser Alltagsverstand und unser Schulwissen reichen aus, um Begriffe wie „zwei Stück“ oder „Wien“ zu definieren oder zu beschreiben.
Zweites gibt es extrem viele nichttriviale, unproblematische Begriffe, die wir nur so obenhin und so lala gebrauchen wie Quarks, Quantenrechner, Photonenstrahl, Ionisation, aber auch Molekül, Boson, Kristall, DNA, Quasar oder Perm und Karbon oder auch Zahl, Reihe und Menge, deren exakte Definition und Beschreibung ein hohes Maß an Expertenwissen erfordern. Wir gebrauchen sie aber meist ohne Not und Gewissensbisse, weil wir, in Bedrängnis geraten durch unleidliche oder neugierige Zeitgenossen mit ihren zudringlichen Fragen, immer irgendwo einen Experten auftreiben können, der uns aus der Klemme hilft.
Drittes haben wir uns an den unbefragten Gebrauch nichttrivialer, aber sinnloser Begriffe gewöhnt, Rudimente und Sedimente untergegangener und verschütteter Mythologien wie Urstoff, Materie, Lebenskraft, Äther, Gleichzeitigkeit oder Reflexe epidemisch virulenter zeitgenössischer Ideologien wie Phallozentrismus, Alterität, Dekonstruktion, die wir bloß ironisch oder gelegentlich poetisch verwenden oder aus unserem Wörterbuch streichen sollten.
Viertens verwenden oder stoßen wir auf wenige triviale, aber problematische Begriffe, die wir Grundbegriffe, Basisbegriffe oder apriorische und axiomatische Begriffe nennen wie Ich, Selbst, etwas, Gegenstand, Körper, Raum-Zeit, Bewusstsein, Sprache, Bedeutung, Sinn, Wahrheit und Falschheit. Sie sind trivial, weil wir sie umstandslos verwenden, problematisch aber, insofern wir ihre Definition und Erklärung nicht auf Anhieb angeben können, auch wenn wir zurecht das vage Gefühl haben, dass ohne sie das System unserer Erfahrung augenblicks zusammenbrechen würde. Sie fungieren nämlich gleichsam als Gelenke des gesamten Systems der Erfahrung, durch welche der Gebrauch aller anderen Begriffe mit Sinn, Gehalt und Struktur begabt und versehen wird.
Vernunft ist die Harmonie, die konsistente und kohärente Anwendung, der logischen Grundbegriffe und logischen Grundsätze wie des Satzes der Identität oder des Satzes vom Widerspruch auf das gesamte System unserer Erfahrung. Die Vernunft ist die Ordnung unserer Erfahrung gemäß den logischen Grundbegriffen und Grundsätzen.
Die Vernunft kann sich und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, umfassen und erklären, nicht aber umgekehrt – der Wahnsinn steht fassungslos vor der Vernunft.
Logische Grundbegriffe und Grundsätze begrenzen den logischen Raum von innen – sie bilden eine Art Muster, das in den nach ihm gemodelten und gefertigten Einzelstücken, den einzelnen Sätzen, exemplifiziert wird.
Die basale Exemplifikation des Begriffs etwas oder Gegenstand ist der Körper.
Wir reden gewöhnlich nicht von Gegenständen als von Körpern, sondern sagen etwas über diesen Tisch, deinen Fuß, mein Fahrrad oder die Tatsache, dass es regnet. Aber in all solchen Sätzen haben wir die Regeln über die korrekte Verwendung der Grundbegriffe und Grundsätze in unserem System der Erfahrung mit Körpern vorausgesetzt und exemplifiziert. Wir wissen, dass Körper im trivialen Sinne mit gewissen phänomenalen Eigenschaften wie Festigkeit, Plastizität, Starre oder Dehnbarkeit, mehr oder weniger genauen Grenzen, Größe, Gewicht, Farben usw. in unserem Wahrnehmungsraum auftauchen, verharren, sich bewegen, verschwinden.
Wir wissen aber auch, dass Körper physikalische Eigenschaften haben, die in unseren Wahrnehmungsraum sich nicht vollständig einfügen und darin nicht vollständig erfassen lassen, wie die relative Konstanz ihrer Dingform. Wir erwarten zurecht, dass der Hund, der jetzt hinter dem Gebüsch aus unserem Sichtfeld verschwunden ist, gleich wieder aufkreuzen wird, und gehen nicht davon aus, dass er in der Zwischenzeit seiner Unsichtbarkeit für uns sich in Luft aufgelöst und in unser Gesichtsfeld eintretend sich wieder materialisiert hat. Wir stopfen die Lücke in unserem Wahrnehmungsfeld mit der einfacheren Hypothese über die relative Konstanz des Körpers bei seinen Bewegungen durch die Raum-Zeit.
Logische Schneisen II
Der Begriff Bewusstsein eröffnet eine logische Dimension, einen logischen Raum. Er ist kein empirischer Begriff wie Baum, Pferd, Mensch oder Gehirn – sondern der Grund und die Voraussetzung dafür, dass wir über empirische Begriffe dieser Art verfügen.
Das Gehirn weist empirische Messwerte auf, es ist so und so groß, so und so schwer, hat so und so viele Neuronen etc. Das Bewusstsein ist weder groß noch klein, weder leicht noch schwer, es besteht auch nicht aus Teilen. Das Bewusstsein ist die logische Dimension, innerhalb deren es möglich ist, von Gegenständen und Sachverhalten in der räumlich und zeitlich geordneten Welt zu sprechen.
Es ist also Unsinn zu fragen, wie eine Welt ohne Bewusstsein aussähe, eine Welt ohne das Vorkommen von menschenähnlichen Wesen, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt bewusst sind, oder eine Welt mit menschenähnlichen Zombies, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt nicht bewusst sind.
Der Begriff Bewusstsein eröffnet einen logischen Raum – aber dieser hat nicht wie ein Zimmer ein Außen und Innen, in ihm befinden sich nicht wie in einem Zimmer diese und jene Gegenstände. Das Gehirn freilich kannst du von außen betrachten, und es befindet sich im Raum des Schädels.
Es ist wie mit der Sprache: Willst du etwas über die Sprache herausfinden, musst du dich ihrer bedienen, musst du sprechen. Also sind Untersuchungen und Betrachtungen über das Bewusstsein und die Sprache – nennen wir sie halt Philosophie – keine empirischen Untersuchungen und Betrachtungen – wie die chemische Untersuchung des Wassers, die in seiner chemischen Analyse resultiert. – Hier gerätst du notwendigerweise ins Stocken und Stottern oder bist genötigt, zu sprachlichen Verrenkungen und Zwitterbildungen zu greifen, wie wenn du sagst, das Bewusstsein sei autonom, sorge für sich selbst oder setze sich selbst voraus oder die Sprache sei autonom, sorge für sich selbst und setze sich selbst voraus.
Du weißt wohl oder in etwa, wie es sein mag, wenn du aufgrund der Einnahme einer sogenannten bewusstseinsverändernden Droge oder einer unzureichenden Ausschüttung von Transmittern und anderen Botenstoffen im Gehirn von normalen Bewusstseinszuständen mehr oder weniger gravierend abweichende Bewusstseinszustände erlebtest – du hörst Stimmen, aber da sind keine Leute, die sprechen, du siehst Gesichter, aber das sind keine Tiere oder Menschen, die sie zeigen. Auch ein unter Drogeneinwirkung delirierendes Bewusstsein, auch ein unter einem akuten psychotischen Anfall leidendes Bewusstsein erfüllt die Bedingungen, die die Anwendung des Begriffs Bewusstsein sinnvoll machen: Du hörst etwas, du siehst etwas. Du sagst: Ich höre etwas, ich sehe etwas. Du würdest – auch nicht im Drogenrauch oder während eines psychotischen Anfalles – sagen: Ich höre etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich ein Geräusch, einen Klang, eine Stimme wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physikalisch korrespondierenden Luftschwingungen verursacht). Du würdest unter den gleichen Bedingungen auch nicht sagen: Ich sehe etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich eine Fratze, ein tierisches Gesicht, ein menschliches Gesicht wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physiklisch korrespondierenden Lichtfrequenzen aussendet).
Die Aussage: „Ich sehe etwas“, „Ich höre etwas“, kurz: „Ich nehme etwas wahr“ bildet die logische Struktur der Welt ab, in der wir leben. Sie enthüllt die Autonomie und Unableitbarkeit der Begriffe Ich (Selbst, Bewusstsein), etwas (Gegenstand, Sachverhalt) und Welt (logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhalte). Sie enthüllt die interne notwendige Relation oder die interne notwendige Polarität der Begriffe Bewusstsein und Welt (als logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhallte).
Der Begriff Bewusstsein ist keine Tatsache der Art, wie wenn du sagst: „Er hat das Bewusstsein verloren.“ Der Begriff Bewusstsein ist die logische Voraussetzung dafür, dass wir von Tatsachen überhaupt reden können – auch der in jenem Satz ausgedrückten Tatsache.
Das Bewusstsein ist kein Name eines Objekts, sc. des Gehirns. Wie das Verstreichen des Zeigers über dem Zifferblatt einer Uhr den Begriff der Zeit exemplifiziert, aber nicht erklärt, so exemplifiziert dein Erlebnis eines Einkaufs, eines Spaziergangs, eines Rendezvous den Begriff des Bewusstseins, erklärt ihn aber nicht.
Wissenschaftler, die sich anmaßen, das Bewusstsein als logische Dimension „naturalisieren“ zu wollen, ähneln Philosophen, die sich damit brüsten, den alten Hut der Vernunft an der Garderobe der Psychiatrie oder des Variété déconstruktiviste in Paris abgegeben zu haben. Wie erst die Philosophen, die sich jene Wissenschaftler zum Vorbild nehmen!
Das Wissen, dass du einer Tatsache der Welt und deiner selbst bewusst bist, hat nicht die propositionale Struktur des Wissens, das in der Gleichung 2 x 2 = 4 oder in dem Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ausgedrückt ist.
Umgekehrt: Dass du die Ereignisse der Welt als Sachverhalte und Tatsachen auffasst, die sich in der propositionalen Satzform „Ich meine, dass p“ abbilden, ist eine Funktion oder Ableitung des Bewusstseins.
Ähnlich wie der Vorgang des Lesens nicht als Wirkung der von den gedruckten oder geschriebenen Buchstaben ausstrahlenden Lichtfrequenzen auf das Auge, den Sehnerv und das Sehzentrum des Gehirns (neben anderen Hirnarealen) aufgefasst werden kann (Wie könntest du dich denn verlesen oder wie könntest du dann das Gelesene verstehen?) – ebenso wenig kann das Bewusstsein als phänomenale oder epiphänomenale Wirkung der kausalen Vorgänge im Gehirn aufgefasst werden.
Ein Meer, das nirgendwo Grenzen hat und nirgendwo an ein Ufer stößt, ist eigentlich kein Meer. Aber das Bewusstsein und die Sprache haben keine Grenzen – wir können aus der durch das Bewusstsein ursprünglich mitgegebenen Welt nicht fliehen. Auch sterbend verlassen wir nicht die Welt, sondern sie verlässt uns. Wir können nicht aufhören zu reden: Schweigen heißt ja nicht reden, aber wieder reden können. Wir können nur weitersprechen – oder verstummen. Doch wer wirklich verstummt, hat sich nicht der Sprache versagt, sondern die Sprache hat sich ihm versagt.
Das Bewusstsein ist ein logischer Raum, der eine ununterbrochene Skala, ein Kontinuum, unaufhörlich ineinander übergehender Bewusstseinszustände vom Moment größter Zerstreuung und Bewusstseinstrübung bis zum Moment höchster Aufmerksamkeit und Klarheit umfasst. In jedem Moment, dem dunkelsten wie dem hellsten, sind gleichsam alle Momente enthalten. In jedem Moment deines wachen Lebens weißt du mehr oder weniger deutlich um diesen Moment und dass du es bist, der ihn erlebt. Weltbewusstsein und Selbstbewusstsein sind notwendig aufeinander bezogen und ineinander verschachtelt – aber nicht so wie Erlebnisinhalt und Reflexion des Erlebnisinhalts, die wiederum als Erlebnis zweiter Stufe aufgefasst werden kann usw. ad infinitum. Solch ein unendlicher Regress findet hier nicht statt.
Logische Schneisen I
Wenn du nur etwas sagst, hast du schon alles gesagt.
Etwas sagen heißt, jemandem etwas bedeuten oder zu verstehen geben. Dies ist die Basis-Handlung. In und mit welchen Medien sie ausgeführt wird, lässt die logischen Form unberührt.
Wenn du durch Nicken den anderen aufforderst, etwas Bestimmtes zu tun, hast du eine klare Aussage gemacht. Dein Gegenüber muss dabei verstehen, dass dein Nicken nicht unwillkürlich war, also kein nervöser Reflex, sondern willkürlich oder absichtlich. Als Basis-Handlung muss die Aussage intentional sein.
Nicken kann dem anderen nur in einem Kontext etwas bedeuten, etwa wenn er als Bittsteller an deine Tür tritt und du ihn mit dieser Geste einlädst. Ohne Kontext kann mit Gesten dieser Art nichts oder nichts Eindeutiges und Bestimmtes zu verstehen gegeben werden. Sie sind logisch und sprachlich unterstrukturiert.
Dein Gegenüber muss nicht nur verstehen, dass er angesprochen ist, sondern auch, was er verstehen oder was er tun soll. Indem er das im Inhalt der Aussage Angegebene ausführt, bekundet er in der Regel sein Verständnis des Gesagten – er könnte natürlich auch in diesem Moment aus eigenem Antrieb das Angegebene ausführen und nicht, weil du es verlangst. Dann bleibt offen, ob er verstanden hat oder nicht.
Die Geschichte, wie du die Anwendung der Wörter gelernt hast, ist in der Anwendung der Wörter nicht mitgegeben, sie ist gleichsam verschwunden und vergessen: Du kannst es. Du kannst reden und lesen und verstehen, ohne dich an die ursprüngliche Lernsituation erinnern oder an eine besondere Erfahrung zurückbesinnen zu müssen.
Daher scheinen Lesen und Verstehen, ja spontanes Sprechen gleichsam in der Luft zu schweben und ohne Bodenhaftung der Gefahr jähen Abstürzens ausgesetzt zu sein.
Du liest – und bist dir der grammatischen Regeln, denen der Text gehorcht, nicht bewusst. Aufgefordert, diese und jene Regel anzugeben, vermagst du es nicht. Und doch liest du ohne Schwierigkeiten. So auch mit dem Verstehen und Reden.
Was Grundlage des Argumentierens und Beweisens ist, kann nicht argumentativ abgeleitet und bewiesen werden.
Mittels der Uhr vergewissern wir uns der aktuellen Uhrzeit. Die Zeit ist die logische Dimension, in der wir zeitliche Einteilungen und Messungen vornehmen. Die Zeit als Dimension kann nicht vermessen werden. Vom Anfang oder Ende der Zeit zu reden, ist daher Unsinn.
Es ist töricht, sich über die Korrektheit des Metermaßes dadurch Gewissheit einholen zu wollen, dass man sich der Übereinstimmung des Meters bei mehreren Zollstöcken vergewissert.
Du gibst jemandem eine Rose zum Geschenk. Wenn ich dir mit einem Satz etwas zu verstehen gebe, hat diese Handlung nicht die Struktur, die jene Handlung hat, mit der du ein Geschenk überreichst. Das, was ich dir zu verstehen gebe, die Bedeutung des Satzes, ist allerdings jener Bedeutung analog, die du mit dem Geschenk der Rose zu verstehen geben kannst, wenn du damit nämlich deine besonderen Gefühle dem Beschenkten gegenüber zum Ausdruck bringen willst.
Der sinnvolle Gebrauch des Wörtchens „nicht“ oder des analogen Ausdrucks oder der analogen grammatischen Form in jeder beliebigen Sprache ist die logische Grundlage des Denkens. Denn wenn du etwas sagst, sagst du dies und nicht etwas anderes. Dabei ist das logische Universum dessen, was du von dem ausschließt und abgrenzt, was du sagst, von dem, was du sagst, determiniert. Wenn du sagst: „Dieser Kreis ist gelb“, schließt du aus, dass er rot, blau oder grün ist, aber auch, dass es sich bei der gezeigten Figur nicht um einen Kreis, sondern etwa um ein Rechteck handelt.
Sagst du: „Der Kreis ist gelb und rot“ sagst du die Wahrheit, wenn er teils gelb, teils rot ist. Sagst du: „Der Kreis ist gelb und nicht gelb“, ohne diese Aussage durch nähere Bestimmungen der Zeit oder des Raumes einzugrenzen, redest du bekanntlich Unsinn, weil Widersprüchliches. Du sagst etwas, was du zugleich nicht gelten lässt, also sagst du nichts.
Vergleiche die Begriffe „unwahr“ und „unsinnig“: Wenn du bis zuletzt dich beim Memory-Spiel auf die Zugehörigkeit zweier Karten nicht besinnen kannst, werden am Ende schlimmstenfalls zwei Orte von vier falsch zugeordneten Karten bedeckt sein. Deine Behauptung, die Karten wären äquivalent und deckungsgleich, wäre unwahr. Doch der Rest ist gut und gleichsam unbeschädigt. Dagegen halte, was in der Odyssee Homers Penelope treibt: Sie löst das tagsüber gewirkte Tuch des Nachts wieder auf, am Ende steht sie mit leeren Händen da, alle Liebesmüh ist vergebens und alles ist nichts – auch wenn dieser „Selbstwiderspruch der Tat“, dieses unsinnige Tun, in diesem Falle ausnahmsweise intendiert ist.
In nuce
Du meinst des Lebens ungeheure Fülle
zu umfassen mit der Hand,
die sich um den kleinen Zapfen einer Kiefer schließt.
Keine Hand und keine Elle,
kein Maß und auch kein tiefer Blick,
die weiche Zunge nicht,
die sich die feinsten Risse,
der Lebenswunde dunkle Zeichen,
geistesschnell erfühlt und prüft –
kein Wort, das wie die Spore
in den Strom des Reifens,
Siegens und Erliegens
fortgespült hinüberstrudelt –
kein Rätselbild,
das sich in spiegelnden Gesichtern
spannt und löst –
sie fassen und umfassen
des Lebens ungeheure Fülle nicht.
Doch du und ich,
einander stille haltend,
Hand in Hand,
an Blicken wie an Spinnenfäden
uns aneinander sinken lassend,
Schicht für Schicht,
Sinn für Sinn,
tiefer bis zum stillsten, reifsten, unberührten Grund –
um dort zu liegen zwischen Tod und Traum,
ruhig atmend beieinander –
und unsre Lippen sprechen,
sich leise rührend
unterm warmen Zustrom reinen Wissens,
uns einander los –
schon halb versunken
in der Dünung ewigen Verwehens.
Aus dem Tagebuch eines Wanderbusens
12. 6. 2013 – Bin jetzt seit zwei Wochen sozusagen auf eigenen Füßen und solistisch unterwegs. Die vollständige Emanzipation von meiner Trägerin war moralisch geboten und psychologisch alternativlos. Das ewige Gejammer über mein lustloses Schwappen, mein unmotiviertes Quatschen und unerhört! meine passiven und defätistischen Hängepartien machten mir den Coup unausweichlich.
14. 6. – Habe nunmehr die halbe Stadt durchwandert. Die untere Berger Straße mit ihrer reizenden urbanen Quirligkeit und dem Luxus schattig-erquickenden Rückzugs in den Bethmannpark gaben den Ausschlag, in diesem Viertel meinen ersten Sommer in Freiheit zu verleben.
17. 6. – Heute Einladung und Pressekonferenz in der Lokalredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, diesem heilsamen Bittertrank für intellektuell übersäuerte Mägen. Hieb mit dem Florett die mir von den Ewiggestrigen hingehaltene Rübe entzwei, ein Busen könne niemals allein … müsse schließlich als natürliches Paar … wo bleibe denn die der Schöpfung einbeschriebene natürliche Ganzheit der fraulichen Natur … bis endlich einer der Großkopferten der Redaktion, ein wie eine flachbrüstige Redaktionsassistentin mir zuflüsterte parfümierter Salonbolschewist und eigentlich harmlos-fideler Bewohner seines geistigen Entenhausens sich erhob und eine flammende Apologie auf die revolutionären Potentiale der Fragmentierung des Körpers vom Stapel ließ … solche destruierende Verrudimentierung könne sich auch literarisch in innovativen Schreibweisen … als der Kerl sich in Rage gepredigt hatte und mich mit seinen speckigen Redakteurspfoten onkel- und gönnerhaft tätscheln wollte, setzte ich zu meinem bekannten allesentscheidenden Busenhüpfer, auch liebevoll Busenhupferl genannt, an und entwatschelte der johlenden Journaille. Am Ausgang erwischte mich noch die Flachbrüstige und hielt mir einen Wisch mit der Adresse eines gewissen Dr. K. im Frankfurter Nordend hin. Dort solle ich unbedingt meine Aufwartung machen, der Büchernarr und feinsinnige Versequacksalber sei als bekennender und allseits bekannter Busenfreund, ja Busenfetischist, der richtige Ansprechpartner …
20. 6. – Wieder schön im Bethmannpark bei glänzendem Humor lustwandelt. Die Sonnenglut kitzelte mich zu lüsternen Phantasien und lustige Tropfen rannen mir über – ich hätte fast gesagt die Wangen. Netzte mich wohlig neben den Enten im Teich, Kühlung suchend, und rieb mir auf den Moosen des Ufersteins den Allerwertesten auf das Erquicklichste. Hüpfte schließlich auf eine Bank, mich auszustrecken oder vielmehr abzusacken. Sehnsuchtsvoll reckte ich die rosige Warze antennenfühlig ins hohe Blau, was mich schon bald wie perlender Sekt beseligte. – Setzte sich neben mich ein rot angelaufenes Männlein, wischte sich mit einem riesigen karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, schneuzte geräuschvoll hinein, faltete es andächtig zusammen und steckte es umstandskrämerisch in die Hosentasche zurück. Dann nahm es mich wahr, das Männlein, schrak zurück und stammelte halb entrüstet, halb verlegen, ob man denn jetzt schon mitten an einem hellen Sommertage ohne Büstenhalter im städtisch gepflegten und gewarteten Bethmannpark freizügig auf der Bank sitzen dürfe … Ich konterte nicht schlecht und parierte mit der Gegenfrage, woran denn bitte der eingeforderte Büstenhalter mich freien Busen festmachen und halten können solle, ich sei schließlich solo unterwegs und gedenke es auch zu bleiben …
22.6. – Habe detektivisch Umschau gehalten und diesem Dr. K. hinterherspioniert. Will doch mal sehen, was er so treibt, bevor ich ihn anspreche oder ihm gar mein Herz ausschütte. – Horchte erstmals auf, als ein Kioskbetreiber, bei dem er neben der F. A. Z. noch andere Giftsachen bezieht, ihn geradezu devot mit Titel begrüßte. K. ließ sich das ohne mit der Wimper zu zucken gefallen, aber da er keine Miene verzog, schien ihm die Anrede auch nicht besonders zu schmeicheln. Überhaupt ist sein Mienenspiel mehr auf visuelle und olfaktorische als akustische Reize hin ausgerichtet: Pfeift eine Amsel fidel daher, plätschert im Chinesischen Garten das Brünnchen, ja saust bloß der Wind ums Eck des Musikantenwegs, fährt ihm eine kindliche Freude mit sanfter Hand über die Stirn; beim Geruch von Mandeln oder Vanille, von im heißen Fett knisternden Kartoffelpuffern oder frischen Sardellen muss er grinsen und stellt den Kopf schräg wie ein verblüfftes Kind, beim schweren Duft mancher Parfüms schließt er unwillkürlich die Augen und ein Glanz salbt sein Gesicht mit fettem Friedensöle.
23. 6. – Der zieht immer in denselben Latschen windschief daher. Sein unterentwickelter Modegeschmack, das ausgeleierte Schuhwerk, sein störrisch staksender Gang und seine tiefsinnig tröpfelnde Indianernase scheinen mir nicht auf reichhaltige lyrische Flöze zu deuten.
25.6. – Bin ganz schön braun geworden. Steht mir gut. Was aber wird im Winter? Da brauche ich ein warmes Nest. Trotzdem habe ich begonnen, mir ein wärmendes Mützchen zu häkeln.
26. 6. – Heute wurde Herr K. doch blass, als ich bei ihm geklingelt habe und aus heiterem Himmel an seiner Tür erschien. In einer Schrecksekunde unerbetener Erleuchtung begriff er da wohl, dass die letzte komisch-groteske Phase seines Erdenlümmelns eingeläutet worden ist, da hinfort seine leichtfertig, mutwillig, böswillig oder einfach aus Dusel entworfenen Kreaturen sich aufdringlich verleiben und ihn zu peinlichen Selbstbefragungen heimsuchen.
Doch hatte er sich, ganz Philosoph, oder soll ich sagen, schon recht abgestumpft?, bald gefasst und bot mir in seiner mit Büchern verstopften Wohnung Platz auf einem wackligen Stühlchen in der Küche, war auch rührend um mein leibliches Wohl besorgt, indem er mit Tee und Feingebäck aufwartete. Wie er mich anblickte, wie ich verlegen auf dem Stuhl hin- und herrutschte!
Eins muss man ihm lassen: Dumme Fragen stellt er nicht! Hätte ja auch kein Recht darauf. Jedenfalls fragt er nicht wie all die aufgeklärten Platt- und intellektuellen Fischköpfe, all die F. A. Z. lesenden Illiteraten, wie denn dies alles nur möglich sei, wie ein Busen denn seiner Trägerin entfliehen, wovon ein entlaufener Busen sich denn ernähren könne, wie etwas ohne Hirnschmalz denken, wie ohne Beine gehen, ohne Hände schreiben können soll. Und wie die immerfort moralisch betroffenen Stirnrunzler anklagend zu bedenken geben: Bezeuge es nicht einen gänzlichen Zerfall des moralischen Bewusstseins, wenn von dem elenden Zustand der einstigen Eigentümerin, Besitzerin und Nutznießerin dieses gewissenlosen Busens mit keinem Wörtchen die Rede sei? All diese dämlichen Fragen stellte mir Herr K. nicht, wofür ich ihm sehr dankbar war.
Ja, K. ließ durchblicken, dass ich recht daran tat, von zu Hause auszubüchsen und mich um das Gewesene keinen Deut zu scheren. Denn Teil einer grotesken Geschichte zu sein enthebe von jeder stilverderbenden Pflicht und erhebe den Teilnehmer auf die olympische Alm fettglänzenden Humors und irisierender Immoralität. Ich sei, so mein Herr K., eine semantische Elendsbagatelle und Unglücksarabeske, für einen kurzen Flirt mit dem Absurden und ein flottes Tänzchen mit dem Unmöglichen auf das Manierlichste und Herzigste zu Diensten. Die von mir recht treuherzig verballhornten Menschlichkeiten und die grellen Effekte komisch-grotesker Art möchten die Lachmuskeln reizen – und während man lacht oder lächelnd dem Irrealen nachsinnt, denkt man nicht an das wahre Ausmaß des wahren Elends, samt hundsföttischem Tod und anderen Gebrechen, Beulen und Geschwulsten des Daseins. Sei das nicht vielleicht außerhalb des moralischen Bezirks im engeren Sinne eine moralische Klein- oder auch Großtat im weiteren Sinne? So dienen des Elends verzerrte Mienen und Missbildungen, seine Schieflagen und Perversionen einzig als Kringel und Luftschlangen kindlicher Vergnügungen.
29. 6. – Ich habe beschlossen, bei K. zu bleiben. Er mag verkorkst und eigensinnig sein, er mag durch den Nebel der Selbstverkennung tappen, so hat er doch ein wenn auch hinter Versponnenheiten und Versonnenheiten gut verstecktes gutes Herz. Ich finde in der Wohnung die schönsten Verstecke und gemütlichsten Ecken und Winkel. Auch bin ich froh, dem Gejohle der Gassenjugend entronnen zu sein, aber auch den kalten Schnauzen der Hunde, die es immerzu trieb, mich zu beschnuppern und zu schubsen, ja denen ich, wenn sie schon ein Bein emporgehoben hatten, nur mit einem gewagten und heroischen Busenhupferl entweichen konnte.
2. 7. – Oft sitze ich im Schatten unter duftenden Lilien und lausche dem Singsang und lullendem Gebrummse und Gesummse, wenn K. meinem Betteln endlich nachgibt und einige seiner lyrischen Gedichte rezitiert. Die liegen mir besonders. Da kann ich bei jeder zitternd-zögernden Wendung in mich hineinzittern, mit jeder Emphase mich schütteln und rütteln und bei elegischen Pointen passiertʼs glatt, dass mir ein milchiges Tröpfchen entspritzt.
4. 7. – Ich will doch vorsichtig sein und habe ein gutes Versteck für mein Tagebuch ausfindig gemacht – gleich unter K.s Matratze, so dass mir der Gedanke, wie er nachts sich auf meinen Zeilen wälzt, kein geringes Vergnügen bereitet. Es wäre, denke ich, wohl alles in allem mehr irritierend als erheiternd für K., wenn seine kurzsichtigen Augen diesen intimen Zeilen nachtasten würden.
7. 7. – Des Abends hebt mich K. auf beide Hände und lässt mich sanft in den dunklen Bauch einer großmundigen chinesischen Vase hinabgleiten, wo ich auf leise schwappendem Wasser gleich einer Teichrose schwebend in die Nacht dämmere. Manchmal drehe ich mich im Kreis und lausche den einzelnen Tropfen nach, die vom Innern der Vase wie Schweißperlen herabrinnen und ins Wasser stürzend platzen und klatschen. Manchmal ist mir, als hörte ich im Finstern ein Herz schlagen oder es ist der dumpfe Hall einer fernen Glocke.
9. 7. – Ab und an bekommt K. Damenbesuch. Da werde ich schon zeitig in die Vase gelassen und mit dieser in einer Abstellkammer im Zwischenstock über dem Korridor verborgen. Es überkommen mich wenig zuträgliche, seltsam gemischte Gefühle, wenn mädchenhaftes Gekicher und ziegenbockiges Gemecker von unten zu mir dringen. Da beginnt mir das Kreisen auf dem Wasser Schwindel zu erregen, es wird schneller und schneller, ich kann es nicht hemmen, die Vase ist erfüllt von Glucksen und Seufzen, eine unnatürliche Wärme steigt vom Boden wie aus brackigem Grund eines Morastes auf.
Da muss ich seltsame Laute vernehmen, „Ui!“ und „Wui!“, „Schlubbes“ und „Schrubbes“, „Boahaumi!“ und „Itzeflaudi“. Ich kann nicht dagegen an, es überkommt mich ein kitzelnder Reiz, der mich vibrieren macht und kichern, ja kichern, endlich fange ich das Zwitschern an wie ein zu früh erwachtes Vögelchen. Meine anmutig aufgereckte Warze beginnt wie eine Boje auf hoher See zu schaukeln und wie eine Liebesmücke in der Frühlingsnacht zu glühen.
11. 7. – Der gute K. nahm mich heute, ein fremder Busen traulich verborgen und geborgen an seinem Busen, in sein Stammlokal, das Café Ypsilon in der Berger Straße, mit, wo ihn an der Bar ein großes Hallo! begrüßte. Das war eine mir doch gar zu fremde Welt und eine hemdsärmelig schulterklopfende und haudegenhafte Geselligkeit unter Mannsbildern, die halbherzig zu weicheren Gesten nur neigen, wenn ihre Blicke sich in den Ausschnitt der Bedienung verlieren. Witze knallen wie Federbälle an die Wände, sind lose wie Knöpfe am Hosenschlitz. Aus balkanischem Kauderwelsch scheinen wie in giftigem Nebel Blitze krummer Dolche aufzutauchen. Da war es mir wohl, als K. nach draußen ging, um allein an einem Tischchen bei flackerndem Kerzenschein zu rauchen und ein paar Zeilen in sein Notizbuch zu kritzeln – merkte er wohl, dass ich ihm souffliert habe?
13. 7. – Heute ist die Vase gesprungen. Mitten in dem „Hui!“ und „Ui!“, dem „Schlutzen“ und „Mutzen“ fing das Wasser in der Vase in meinem Versteck an zu sprudeln und zu brodeln, ich drehte mich schnell wie eine CD-Scheibe und mir entrang sich ein hoher Pfeifton, der abrupt umschlug in das Zischen einer in die Enge getriebenen Ratte. Da sprang die Vase entzwei. Totenstille. Das Schicksal nahm seinen Lauf.
18. 7. – Die Freundin hatte das Geheimnis entdeckt, mich aus den Scherben geborgen und mit einem Ausdruck von Abscheu demonstrativ Herrn K. auf den Küchentisch gelegt. Und sie entschwand stante pede, den Regenhut tief ins Gesicht gedrückt, auf Nimmerwiedersehen!
24. 7. – K. ist verschwunden. Habe lange gewartet, bin von Zimmer zu Zimmer gehüpft. Da machte ich eine bizarre Entdeckung: Auf der Wand in der Küche sind die Konturen von K.s Körper wie ein eingebrannter Schatten abgebildet. Als wäre er durch die Wand gegangen, als hätte sich sein Körper atomar aufgelöst und sei mit der Materie von Lehm und Kalk, Mörtel und Gips regelrecht verschmolzen.
27. 7. – Der Schattenriss von K.s Körper hat sich mit einem zarten Flaum hellgrüner Flechten und Moose überzogen. – Jetzt habe ich nur noch den einen Gedanken: Wandern, ich will wandern, loshüpfen und entspringen bis über die Grenze, hinter der ein Busen frei seiner Nacktheit und seinem hochgemuten Eigensinn leben kann.
30. 7. – War schon aus der Tür, da überkam mich der Gedanke, ob ich K. nicht den letzten Gefallen schuldig sei, seine Webseite mit einem einzigen fatalen Tastendruck zu löschen. Doch beließ ich es, wie es ist und geht und weitergeht – möge all das Geschriebene und Gedachte, Gefühlte und Kaum-Gefühlte, das Mitgeteilte und in zarten Allusionen Herbeigeschwiegene in dem schwarzen kosmischen Wind verwehen, in dem letzten Sturm, in dem alle Gestalten und Formen und Strukturen zerrissen und in einer letzten apokalyptischen Egalisierung gesichtslos werden.
14. 1. 2014 – Hurra, ich hab es wohl getroffen. Ich bin zur Insel Kallisto im pazifischen Ozean geflogen, lebe hier in einer freizügigen Kommune entlaufener primärer und sekundärer Geschlechtsteile. Wir leben sanft und gut von nichts als Luft und freier Liebe!
Schabernäckchen oder: Sei doch nicht so!
Schieb doch keinen Hals,
mein lieber Schwanenhals!
Panta rhei, falls
du dich erinnerst
an die Sprüche jenes Schwerenöters.
Sei doch kein Spielverderber,
mein schlauer Seelenfärber,
alles geht vorbei,
alles springt entzwei
oder dreht sich mit dem Wedeln eines Straßenköters.
Zieh doch keine Schnut,
fass, mein Täubchen, Mut,
die Krähen hab ich all verjagt,
zu lieben hat dein Herz gewagt,
wenn süßer Anhauch das Gefieder bauscht.
Mach doch keinen Terz,
lass dich herzen, Herz,
das Süppchen hab ich schon verrührt,
zu goldenen Träumen dich verführt
mein Liedchen, dir vom lieben Atem abgelauscht.
Kannst etwa du, geistreicher Mensch,
du Schlaumeier vor der hohen Mauer,
wohinter die Hexe Glasharmonika spielt,
kannst du aus dem prallen Müllsack,
gefüllt mit Sägespänen, den Atem und Geist,
den großen, von weiser Rinde umschlossenen,
weitausgreifenden Willen zum Licht des Baums
erkennen, erahnen, wiederbeleben?
Die Seele starb dir vor Jahren dahin –
oder ist sie damals durch einen genitalen Schock,
die Induktionsladung liebeskranker Sphinx,
die fatale Einsicht in den niederen Rang deiner Träume,
den kalten Schlangenkuss des Schicksals
vor der Zeit in Ohnmachtsstarre gefallen?
Der Körper lebte einfach weiter so vor sich hin,
in den alten Routinen,
den geschmeidigen Atavismen
den Troglodyten-Automatismen –
o wie charmant die Verbeugung,
wie entzückend das Lächeln des Somnambulen!
Oder so wie ein Huhn, dem der Kopf abgehauen ward,
eine gute Strecke noch flatternd weiterwatschelt …
Welch ein Blitz, welch Gebrüll eines Cherubs,
welcher Peitschenhieb des Mistrals,
und die Nussschale des Talmi-Totseins knackte?
Vielleicht kehrt die Huld eines kindlichen Engels
die fleckigen Blätter, die sterilen Pollen, die Wahn-Blüten
deines entseelten Daseins
mit galant rechendem Fittich
unter den unechten Teppich
vor dem TV-Flat-Screen deiner Kleinbürgerwohnung.
Liebe stopft das Lästermaul
Die Zeit ist nicht zum Grübeln da –
das würdest du verübeln, pah!,
wenn ich deine Wimpern zähle
und nicht deine Haare strähne.
Die Welt ist nicht zum Kritteln da –
das würd ich mir verbitteln, pah!,
wenn du mir die Dornen zeigst
und von meinen Rosen schweigst.
Der Mund ist nicht zum Schweigen da –
du würdest mir was geigen, pah!,
wenn ich an deiner Schnut nicht hänge,
Küsschen in dein Plauschen menge.
Willkommen und Abschied
Das erste Willkommen, die erste Begrüßung, widerfährt dir von der Mutter, sobald sie dich geboren hat. Wie sie dich empfängt, herzlich oder als leidigen Gast und Störenfried aufnimmt, ist dir das Leben gebahnt.
Die erste Begrüßung ist nicht reziprok, denn du bist zu dieser und noch lange Zeit nicht in der Lage, dein Gegenüber als solches wahrzunehmen und zu grüßen. Aber du kannst schon fühlen, wie es dich wahrnimmt, wie es dir zugetan oder abgeneigt ist, wie es dich begrüßt. Wirst du mit Liebe empfangen, schlägt dein Herz ruhig, wenn aber mit Verdruss, Missgunst oder Angst, bleibt es unruhig ein Leben lang.
Wie du begrüßt und ins Leben geleitet wurdest, so wirst auch du widergrüßen und deine Gäste, deine Freunde und deine Lieben bewillkommnen: barsch und unwillig, wenn du ihnen von der Fülle und Heiterkeit des Lebens etwas abmarkten und abschneiden willst, freundlich und gönnend, wenn die Konstellation deiner Geburt günstig und glücklich war.
Einmal aber musst du für immer gehen, einmal Abschied nehmen für immer. Vielleicht mögen in allen Abschieden, die du in deinem Leben erlebt hast oder die dir widerfahren sind, die Auspizien des letzten Abschiedes enthalten und mehr oder weniger stark der letzte Schmerz des letzten Weggangs spürbar gewesen sein. Gewiss in den großen und schweren Abschieden von deinen Eltern, Kindern, Geliebten …
Rituale und sprachliche Wendungen für Bewillkommnung und Verabschiedung müssen zwei in mehr oder weniger großer Spannung zueinander stehende Bedingungen erfüllen: Sie öffnen und schließen den sozialen Raum des Kontakts und der Kommunikation und sie drücken die soziale Distanz oder Nähe der Kommunikanten aus. In patriarchalisch geprägten Kulturen bleibt die Distanz der Geschlechter auch im gemeinsamen Raum der Kommunikation gewahrt, der Mann reicht der Frau unaufgefordert nicht die Hand. Wir pflegen dem Ranghöheren nur dann die Hand zu reichen, wenn er seinerseits zuvor uns die Hand dargeboten hat. Eine gute Kinderstube beweist, wer bei Annäherung eines Gastes vom Stuhl aufsteht oder als Mann nur stehend der Dame die Hand reicht.
Wir beobachten, dass in den alltäglichen Ritualen und Konventionen der Verabschiedung wie in dem unschuldigen Euphemismus der Formel „Auf Wiedersehen“, und dies in vielen Sprachen, die unbequeme oder dunkle, aber stets reale Möglichkeit eines endgültigen Abschieds magisch gebannt zu werden scheint.
Man kann auch umgekehrt sagen: Die Verabschiedungsformeln drücken den Wunsch nach Fortsetzung und Kontinuität der begonnenen oder wiederaufgenommenen Kommunikation aus. Diese ist aufgrund der Fragilität der menschlichen Natur und der Komplexität der sozialen Beziehungen nie völlig sicher und gewiss. Der Tod des Kommunikationspartners ist die extreme Form des Abbruchs des Kontinuums, dessen weniger harte Einschnitte und Unterbrechungen durch Irritation und Entfremdung zustande kommen.
Die Rituale und Formeln des Grüßens und Abschiednehmens sind magischen Ursprungs: Von Anbeginn verspüren Menschen bei der Begegnung mit ihresgleichen geheime Kräfte walten, die sie als freundlich oder feindselig, förderlich oder unheilschwanger deuten. Um Unheil und Feindseligkeit abzuwehren, beschwört man die guten Mächte: Deshalb ist das ursprüngliche Grüßen ein Segnen, wie die rituelle Abwehr des Bösen und Unheilbringenden ein Fluchen. Auch die der christlichen Überlieferung entstammenden Abschiedsformeln „Tschüss!“ oder „Tschö!“ im Norddeutschen, denen bekanntlich „Ade!“ im Süddeutschen entspricht, leiten sich von magischen Verwendungen der Anrufung Gottes ab, wie sie in den romanischen Sprachen in den Formeln „adieu“, „addio“ und adéus“ greifbar sind. Ihre lateinische Grundform „ad Deum“ lässt sich so deuten: „Gottes Segen sei mit dir!“
Der Ursprung der sozialen Nahkommunikation aus der Magie wird ersichtlich aus der biologischen Notwendigkeit des Familien- und Gruppenlebens, die Zugehörigkeit und Wiedererkennbarkeit zu garantieren, die Treue und Zuverlässigkeit der Gruppenmitglieder zu sichern. Man erkennt bekanntlich seinesgleichen am Stallgeruch, menschlich gesprochen an angeborenen und künstlichen Kennzeichen wie Gesicht und Gestalt, Bemalung, Schmuck und Symbol. Erinnert sei daran, dass ursprünglich als Symbole in der Mitte entzweigebrochene Knochen oder Tonscheiben fungierten, deren genaues Zusammenfügen und Zusammenpassen bei der Begegnung die Legitimität der Partner in der anstehenden Kommunikation (zum Beispiel zwischen Vertrags- oder Verhandlungspartnern) sicherstellen sollte.
Den soziale Wert des Grüßens und Gegrüßtwerdens ermisst du aus seinem Verlust: Wenn der Bekannte oder Freund, ein Mensch, der seinen Gruß dir so lange Zeit entbot und dadurch zum Ausdruck brachte, wie nahe er dir stand, dir auf der Straße begegnet und deiner ansichtig geworden betreten unter sich schaut, kannst du daraus schließen, dass er dich aus der Gemeinde seiner Nahkommunikation ausgeschlossen hat. Dir obliegt es, darüber nachzudenken, welche Gründe ihn zu diesem Ausschluss bewogen haben mögen. Was hast du falsch gemacht? Welchen Fauxpas hast du begangen? Haben Neider oder dir unliebsame Zeitgenossen dich bei ihm verleumdet? Liegt dem Ganzen ein Missverständnis zugrunde, das du ausräumen könntest und solltest?
Wiederum sei auf die andere Möglichkeit der Deutung dieser zweideutigen Geste hingewiesen: Jener, der betreten unter sich schaut, wenn er dich auf der Straße trifft, und somit einer Begrüßung ausweicht, kann auch seine eigene soziale Position dir gegenüber revidiert haben und nunmehr sich selbst als unwürdig einstufen, von dir gegrüßt zu werden. Daraus könntest du folgern, dass er etwas angestellt hat, was ihn in seinen Augen dir gegenüber in Misskredit gebracht und diskreditiert hat. Er müsste vor seiner eigenen Türe kehren, um das Feld für eine neue Begegnung zwischen euch in Augenhöhe zu bereinigen.
Intellektuelle
Ein wandelndes Lexikon nannten sie ihn. Wie zwiespältig, wie betrübend! Dann lieber Wissens bar und fröhlich-idiotisch, unbeschwert von Bildungshuberei, als lustiger Reifen durch die Landschaft und die heiter-blaue Luft surren und sausen, von einem Wildfang von Kind ins Rollen gebracht und auf Trab gehalten.
Intellektuelle, scilicet: Männer, die das frisch auf der überdüngten Weide des Verlagswesens mit gieriger Schlabberzunge abgegraste und hektisch anverdaute Kraut der neuesten Veröffentlichungen bei Gelegenheit jeder Begegnung unverzüglich mittels umgedrehter Peristaltik wieder hochwürgen – sie blicken irren Auges, als wüchse von innen der Druck – und einander gegenseitig gnadenlos ins Gesicht speien.
Was nicht zitiert worden ist, kann wahr und richtig nicht sein. Also zitieren sie sich selbst.
Allerweltsbegriffe blähen sie auf, bis sie ballonartig platzen. Die Fetzen sammeln sie eifrig auf, alle Bedeutung klebt ihnen daran.
Ihr Ehrgeiz: mit giftigen Ausspuckungen enigmatischer Wendungen und verblüffender Sottisen das Gegenüber in Ohnmacht zu versetzen.
Namen sind ihnen Trophäen: Der eine ist persönlich mit dem bekannt, der andere mit jenem. Alles stets Namen von Rang und Welt. Der dritte aber kennt einen brutal tätowierten Boxer, einen perversen Sträfling und Halunken, einen grausamen Clanchef: Diesen bewundern sie aufrichtig, ihm spenden sie den meisten Applaus.
Wenn sie Einfluss über die Medien nehmen können, ähnelt ihr Gebaren je höher sie steigen mehr und mehr dem der Aufseher und Direktoren der Umerziehungslager: Den schüchternen Schöngeist, der an ihren Maximen mit Brechreiz herumwürgt und sie vor all den anderen wieder erbricht, erledigen sie durch den Handstreich einer einzigen Schlagzeile. Jenem servilen Schlaukopf, der sobald sie sich nähern papageienartig ihre Lieblingsphrasen herunterdekliniert und die Namen ihrer Lieblingsautoren wie ein Marktschreier herausbrüllt, streichen sie über das Haar und promovieren ihn honoris causa. Jenen auch verhätscheln sie und nehmen ihn ins Bett oder lüften ihm das Bett ihrer Geliebten, der ihre Ideen mit den Farben der Saison ausmalt.
Sie blättern im eigenen Leben, leider auch in dem Leben der anderen, wie in einem Buch – Seiten, die ihnen nicht unmittelbar eingehen und einleuchten, Seiten, die ihren eitlen, parfümierten Jargon vermissen lassen, Seiten gar, die ihnen anstößig erscheinen oder verräterische Flecken und Lücken aufweisen, reißen sie ohne zu zögern heraus. So gehen ihnen Fluss und Zusammenhang der Erzählung allmählich mehr und mehr verloren, bis ihnen der vollends verstümmelte und fragmentierte Text lauter Rätsel aufgibt.
Die Kunde über die Vorstellung des neu erschienenen Buchs der hochgefeierten, skandalumwitterten Busen-Schönen oder die mit Radau vollzogene Ausstellung des stets in Unterhosen und grünen Socken auftretenden Starmalers lockt sie wie Aasgeruch die heulende Meute der Hyänen. Wie sie es hassen, bei solch hervorstechenden Ereignissen stets in der Meute der Gleichgesinnten aufzutauchen, wie sie es bedauern, die Beute des Gesehenen, Gehörten, Veratmeten immer mit anderen teilen zu müssen. Aber immerhin, es gewinnt, wer den größten Brocken herauszubeißen und herauszustechen, wer den famosesten Happen wegzuschleppen weiß. Der mit dem härtesten Biss gilt ihnen als der Meister, der das Bedeutsamste zu sagen und das Gewichtigste zu schreiben hat.
Sie wähnen in ihrem klapprigen und immer stärker leckenden Kahn, mit jeder hastig hingeschriebenen Zeile den Abstand zwischen sich und dem Ufer zu vergrößern, auf dem ein schlangenhaariges, bleckendes Ungeheuer bellend hin- und herläuft und ihnen wieder und wieder einen Steinbrocken entgegenschleudert. Und wirklich wird der Abstand größer, aber nicht wegen der sich Zeile für Zeile hinwischenden Todesschreibekstase, sondern weil hinter ihnen das immer schneller strömende Wasser schon bald in einen jähen Abgrund hinabstürzt.
Zwei Raben krakeelen und krächzen von benachbarten Bäumen einander zu. Immer fällt der eine dem anderen ins Wort, immer lauter und wilder, unheimlicher und abgerissener wird das Gekrächze. Auf dem Boden zwischen den Baumstämmen hocken eingeschüchterte Tauben und ducken das Köpfchen ins Gefieder: Wie verstörend und verwirrend prasselt das Geschrei der Meisterdenker auf sie herab – es schwindelt sie bei dem plötzlich aufgehenden Gedanken, über ihnen werde in solch garstigem Zwiegespräch nicht über erhabene Dinge gehandelt, sondern über ihr eignes Geschick – welche von ihnen als erste dran glauben müsse.
Die Pflicht zur Konvention
Wenn du dich nach dem Befinden eines Menschen erkundigst, der dir nahesteht und der kürzlich einen kleinen Unfall erlitten hatte (nichts Dramatisches, aber schmerzhaft durchaus), handelst du aus dem Beweggrund echter Anteilnahme und Besorgnis, indem du deine Gefühle oder Gestimmtheiten hinsichtlich der Lage des Betroffenen mittels angemessen gefühlvoller sprachlicher Ausdrücke und Wendungen dieser Person in einer E-Mail mitteilst.
Zugleich erfüllst du mit dieser Handlung eine Konvention, die besagt: „Drücke einem dir nahestehenden Menschen, der von einem Missgeschick, Unfall oder Unglück betroffen ist, durch geeignete Mittel deine Anteilnahme aus.“
Wir nennen dies die Konvention A, kurz KA, und untersuchen die Bedingungen, die sie erfüllen muss, um erfolgreich angewandt zu werden oder schlicht zu gelingen.
KA besagt, du sollst in dem bewussten Falle deine Anteilnahme zum Ausdruck bringen, Intensität und Art und Weise der Anteilnahme werden nicht spezifiziert. Auch wenn du keine tief gefühlte, echte Anteilnahme und Besorgnis für die betroffene Person, die dir nahesteht, empfinden solltest (du magst dies abstreiten: wir prüfen dich auf Herz und Nieren oder scannen dein Gehirn und finden es heraus), vielleicht weil der Mensch dir neulich krumm kam oder du ihm zurzeit ein ungehöriges Verhalten und eine Missachtung deiner Person nicht nachsehen kannst, fühlst du dich dennoch gehalten und genötigt, ihm deine Anteilnahme zu bezeugen, indem du ihm eine E-Mail mit gefühlvollen Ausdrücken deiner Besorgnis zukommen lässt. Mit dieser Handlung erfüllst du die Pflicht zur Konvention.
Auch über die Art und Weise, wie du deine Anteilnahme für den Mitmenschen zum Ausdruck bringen magst, ist in der Definition zu KA nichts Bestimmtes ausgesagt. Die Auswahl obliegt deiner Urteilskraft, die das Nötige vom Überflüssigen, das Angemessene vom Übertriebenen oder Unzureichenden zu differenzieren wissen sollte. Manchmal genügt in minder schweren Fällen ein lieber Gruß, ein freundliches Winken, ein herzhaftes Anklopfen. Manchmal sind verbindlichere Maßnahmen erfordert, dann solltest du einen Krankenbesuch machen und nicht mit leeren Händen aufkreuzen. Und manchmal solltest du bei akuten Unfällen sogleich Erste Hilfe leisten oder den Notdienst verständigen. Eine subtile Art der Anteilnahme besteht in der Hilfe oder besser dem Anstoß zur Selbsthilfe, wenn der Betroffene den letzten Kick braucht, um aus seiner vielleicht selbstverschuldeten Lethargie und Lebensbetäubung aufzuwachen und die Sorge für das eigene Wohl und Wehe in die Hand zu nehmen.
Die Bedingung, die erfüllt sein muss, damit KA gelingt, umfasst nicht den spezifischen Inhalt der Gefühle oder Gestimmtheiten, die dich bewegen, KA zu vollziehen. Wenn dies nicht der Fall ist, kann es nicht richtig sein, dir in dem Falle, dass du gleichgültige oder gar feindselige Gefühle gegen die betroffene Person hegst, zu unterstellen, dein Verhalten sei geheuchelt oder verlogen. Dies träfe nur zu, wenn die Bedingung das schwer zu bestimmende und kaum zu ermessende Kriterium der Echtheit, Authentizität und Intensität deiner Gefühle mit umfasste. Dies ist laut Definition nicht der Fall. Es ist also nicht nur unsinnig, sondern geradezu unrichtig, demjenigen, der der Nötigung zur Höflichkeit nachgibt, auch wenn er die Person, der er Höflichkeit bezeigt, nicht mag, Heuchelei oder Verstellung vorzuwerfen. Denn gemäß Bedingung kannst du empfinden, was immer du willst, und dennoch regelrecht KA erfüllen.
Es ist geradezu ein Kennzeichen des Gelingens von KA, wenn du trotz deines Widerstrebens und deiner Unlust deine Anteilnahme ausdrückst. Du magst in diesem Falle die verbale Kost auf ein rhetorisches Minimum reduzieren oder statt Rosen Nelken versenden und deine geringe emotionale Beteiligung mag der feinsinnige und hellhörige Psychologe aus dem Papierdeutsch und der Blutleere deiner Diktion ablesen, der Pflicht zu KA hast du dennoch Genüge getan.
Welche Instanz vermittelt KA ein solches Gewicht, einen solchen Nachdruck, dass du in Verlegenheit, Unruhe und Missbehagen gerätst, wenn du dem Verunglückten deine Anteilnahme nicht ausdrückst? Welche Form der sekundären Intention hat die Kraft, die primäre Intention, die vielleicht das Gegenteil will, auszutricksen, zu korrigieren und parasitär zu überwachsen? Der Gedanke an die Person ist dir im Moment zuwider, und dennoch nötigt dich KA, dich in positiven Wendungen an sie zu richten.
Wir werden sehen, dass wir bei Gelegenheit dieser unscheinbar anmutenden Handlung, mittels schriftlicher Mitteilung Anteilnahme an einer vom Unglück betroffenen Person zu äußeren, an der Quelle der sozialen Ordnung stehen, aus der sich Kraft und Dauer des menschlichen Zusammenlebens speisen.
Eine Geste oder Handlung zu vollziehen, die du im Augenblick des Vollzugs gern oder ungern tust und die du mit Bestimmtheit und Akkuratesse gerade dann zu tun in der Lage bist, wenn dich Unlust und inneres Widerstreben davon abzuhalten suchen – eine Geste oder Handlung, die im allgemeinsten Sinn das Wohlbefinden des Adressaten zu steigern beabsichtigt, dies ist die formale Struktur und der soziale Inhalt von KA.
Du erblickst, wie eine gebrechliche Greisin unsicher mit ihrem Stock an der Ampel steht und offensichtlich solchermaßen sehbehindert ist, dass sie nicht mehr gewärtigen kann, ob die Fußgängerampel auf Grün umgeschaltet hat. Du bietest ihr selbstverständlich Hilfe an und nimmst sie galant, aber tatkräftig unter den Arm. Du tust dies, obwohl du damit riskierst, die nächste Bahn, die dich zur Arbeit oder ins Seminar bringen soll, zu verpassen, sodass du zu spät kommen und im Büro oder im Universitätsinstitut in eine kleine Verlegenheit geraten wirst. Du wirst auf das „Danke schön“ der alten Dame antworten „Nichts zu danken, gern geschehen!“ und diese Äußerung wird wahr sein, denn du hast die Konvention A gern erfüllt.
Wir sagen, sekundäre Intentionen oder Intentionen zweiten Grades überwachsen oder überwuchern primäre Intentionen oder Intentionen ersten Grades. Primäre Intentionen beziehen Kraft und Gehalt aus dem fischreichen Teich unserer primären biologischen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn du durstig bist, entwickelst du spontan den Wunsch, etwas zu trinken. Dieser Wunsch ist der Beweggrund oder die Absicht, eine Handlung auszuführen, deren Zweck darin besteht, deinen Durst zu löschen, indem du etwa zum Kühlschrank gehst und dir ein Wasser holst oder falls der Kühlschrank leer ist in den Supermarkt zu eilen, um dich dort mit dem Nötigen einzudecken.
Die Befriedung des Durstes lässt sich anders als andere Bedürfnisse nicht lange aufschieben, aber immerhin für die Zeitspanne, die nötig ist, die Mittelglieder des gesamten Handlungsbogens vom Durstgefühl über den Gang zum Supermarkt, die Auswahl des Getränks, den Bezahlvorgang mit EC-Karte oder Bargeld, den Heimweg und das Öffnen der Flasche und das erlösende Trinken Schritt für Schritt auszuführen und aneinanderzureihen. Wir nennen die in einer Kette kontinuierlich verschlungenen Einzelhandlungen, die eine auf der anderen sinnvoll aufbauen oder aufsitzen wie die Figuren in den russischen Puppen, Handlungskaskaden. Die zweckvolle Auswahl und Abstimmung der einzelnen Handlungsschritte aber nennen wir Handlungsrationalität oder vernünftiges Handeln. So ist es vernünftig, dich zu versichern, ob du dein Portemonnaie beziehungsweise deine EC-Karte einstecken hast, bevor du das Haus Richtung Supermarkt verlässt. Und es wäre unvernünftig, das Getränk auszuwählen und den Supermarkt zu verlassen, ohne die Ware an der Kasse zu bezahlen.
Darüber hinaus sind wir frei, zu überlegen und vernünftig abzuwägen, ob wir einen Zweck dem anderen vorziehen, ob wir demzufolge eine Handlung einer anderen zeitlich voranstellen. Wenn du ein wichtiges Gespräch mit einer Respektsperson zu absolvieren hast – vielleicht ein Vorstellungsgespräch –, wirst du dich erst waschen und etwas zu dir nehmen, bevor du pünktlich das Haus verlässt, statt ungewaschen und mit knurrendem Magen in das Gespräch zu gehen. Ja, wir sind sogar frei, abzuwägen, ob wir statt eines Zwecks A lieber einen anderen, höherwertigen Zweck B verfolgen, der uns längerfristig mehr Nutzen und Vorteil verschafft als A, wenn dieser auch kurzfristig befriedigender und lustvoller ist. Du verzichtest jetzt auf die angenehme Erfrischung im Schwimmbad, nach der es dich bei dieser Sommerhitze so sehr gelüstet, um dich für das morgige Examen vorzubereiten, dessen erfolgreiche Ablegung dir langfristige berufliche Chancen eröffnet.
Verhält es sich ebenso mit den Wünschen zweiten Grades, den sekundären Intentionen, die wir im Umkreis der Konvention A kennengelernt haben? Auch die zwecks Erfüllung der sekundären Handlungsabsicht oder Konvention A in Gang gesetzten Handlungsschritte sind kontinuierlich verkettet und sinnvoll ineinander verschlungen. Du wartest nicht viele Tage, bevor du deine Anteilnahme bekundende E-Mail verschickst, sondern lässt die angemessene Zeit verstreichen. Du vergegenwärtigst dir den persönlichen Abstand oder die persönliche Nähe, in der du zum Adressaten stehst, dazu können Verwandtschaftsgrad, emotionale Bindung, Titel und Rang, geschäftliche Beziehung oder institutionelle Abhängigkeit gehören. Gemäß diesen Kriterien wählst du aus den bereitstehenden rhetorischen Repertoires und Stilkonventionen die angemessene Ansprache aus. Es ist evident, dass auch Überlegungen und Gedankenschritte dieser Art zu den Handlungsgliedern des gesamten Handlungsbogens zur Erfüllung sekundärer Intentionen gehören.
Wenn du mir versprochen hast, das ausgeliehene Buch heute bei unserem Treffen im Café zurückzugeben, wirst du dies hoffentlich zuerst tun, bevor du mir gegenüber eine weitere Bitte äußerst, vielleicht dir noch ein Buch zu leihen oder dir mit einer Summe Geldes auszuhelfen. Ebenso könntest du einen Wunsch dem anderen, weniger auf den Nägeln brennenden Wunsch hintanstellen. Du brauchst dringend eine Summe Geldes, um mit deiner neuen Freundin ins Kino und anschließend ins Restaurant zu gehen, auch wenn du liebend gerne am kommenden Wochenende das neue Buch von Alice Munro verschlingen würdest, das ich dir natürlich gern ausgeliehen hätte. Doch du bittest mich um das Geld statt um das Buch. Was deine Präferenzen über dich aussagen, gibt Einblick in deine Persönlichkeit oder deinen Charakter.
Wir sahen, was Handlungsrationalität oder vernünftiges Handeln im Kontext der Erfüllung primärer Intentionen bedeutet: die Auswahl der dem Zweck angemessenen und der Zweckerreichung dienlichen Mittel und Methoden. Dies gilt ebenso für sekundäre Intentionen: Natürlich besinnst du dich darauf, welche Mittel angemessen sind, dein Ziel, Anteilnahme mit einem dir nahestehenden Menschen, der Pech hatte, zum Ausdruck zu bringen. Du könntest ihm Blumen oder Pralinen schicken, du könntest ihm eine Konzertkarte zukommen lassen für die Zeit, wenn er aus dem Gröbsten raus ist. Oder du sendest ihm eine E-Mail mit einer gefühlvollen Ansprache. Du wählst die elektronische Post, das verlangt den geringsten Aufwand und erzielt doch den gewünschten Effekt. Blumen oder Pralinen zu schicken wäre nicht nur aufwändiger, sondern suggerierte eine Nähe, die dir in diesem Stadium eurer Bekanntschaft vielleicht nicht erwünscht ist. Die Konzertkarte ist nicht gerade billig, der Preis steht in keinem realen Verhältnis zur Nähe eurer Beziehung. Also hast du mit der E-Mail die richtige, das heißt angemessene Wahl getroffen.
Wer sich als unfähig erweist, der Pflicht zur Konvention nachzukommen, ist kein fröhlicher Anarchist und kein steppenwölfischer Rousseauist, der sich im Alter in den kleinbürgerlichen Nudistenverein flüchtet – er definiert vielmehr einen Grenzbegriff des Humanen, wie er uns in Fällen von Persönlichkeits- und anderen psychiatrischen Störungen, aber auch bei der Demenz begegnet. Diese klinischen Fälle bezeugen den Abbau und die Zerstörung jener höherstufigen mentalen Funktionen, die uns in die Lage versetzen, sekundäre Intentionen und Wünsche zweiten Grades allererst aufzubauen und in kohärente Kontexte untereinander und in kohärente Vernetzungen mit den primären Intentionen und Wünschen ersten Grades einzubetten.
Die Tatsache, dass wir uns nahestehende Menschen auf der Straße grüßen, ist ebenso eine Konvention, wie die Arte und Weise, wie wir es tun. Wobei anzumerken ist, dass praktische oder Verhaltenskonventionen nicht in dem Maße kontingent und willkürlich sind wie sprachliche Konventionen. Dass „Bon soir!“ „Guten Abend!“ bedeutet, hat keine innere Notwendigkeit. Doch alle Formen des Grüßens und Begrüßens haben in der Geste wehrloser Annäherung ein gemeinsames Charakteristikum, das letztlich in der biologischen Natur der Spezies Homo sapiens wurzelt.
Die Grußformen sind offensichtlich kultureller Varianz und geschichtlichem Wandel mehr oder weniger stark ausgesetzt. Die Leute in Paris tauschen gern förmliche Küsse zur Begrüßung aus. Eskimos reiben sich die Nasen aneinander. Und wir sagen „Guten Tag!“, „Guten Morgen!“ und „Guten Abend!“ und geben uns gern die Hand, wenn wir uns treffen. Gestern lüpften die Herren den Hut und die Damen hoben den Schleier.
Es ist evident, dass wir auf der Straße nicht Hinz und Kunz, nicht wildfremden Leuten „Guten Tag!“ sagen, sondern unseren Gruß durch Exklusivität wertvoll machen, dadurch, dass wir die Anzahl seiner Adressaten beschränken. Wir sagen: Wir wenden die Konvention des Grüßens selektiv und exklusiv an. Man kann geradezu definieren: Wen wir grüßen, steht uns irgendwie nahe, und die uns Nahestehenden grüßen wir. Die Gruppe derjenigen Menschen, die wir zu grüßen geruhen und die uns mit ihrem Gruß in den Kreis der Auserwählten einschließen, ist ein exklusiver Club, der Intensität, Dichte und Häufigkeit unserer sozialen Kontakte repräsentiert. Die Kreise derjenigen, die einander grüßen, sind natürlich nicht kongruent und deckungsgleich, sondern überschneiden sich: Nur in den Schnittmengen befinden sich alle diejenigen, die einander und sich gegenseitig grüßen, während dein Freund gewiss Leute grüßt, die du nicht einmal kennst.
Indes, nicht nur die Anwendung der Konvention ist bedeutsam, auch ihre Nichtanwendung und die Beendigung ihrer Anwendung, der Bruch mit der schönen Gewohnheit, sind hochsignifikant: Gestern noch hast du mich auf der Straße gegrüßt, heute schaust du betreten unter dich, wenn du mich auf der anderen Seite erblickt hast. Was ist geschehen? Was habe ich dir getan? Womit habe ich dir vor den Kopf gestoßen, sodass du mich keines Blickes und keines Grußes mehr würdigst, sodass du mich aus dem exklusiven Club deiner Gruß-Freunde und Duz-Freunde hinauskomplimentiert hast?
Hier kann es sich freilich erweisen, dass die Verweigerung des Grußes doppeldeutig ist: Dein ehemaliger Gruß- und Duz-Freund ignoriert dich mit einem Mal auf der Straße, weil er dich nicht mehr für wert und würdig befindet, dem exklusiven Club seiner Auserwählten anzugehören. Gewiss hast du dann etwas sehr Dummes angestellt. Oder jener grüßt dich nicht mehr und schaut betreten unter sich, wenn er deiner auf der anderen Straßenseite ansichtig wird, weil er sich selbst nicht mehr für wert und würdig befindet, dem exklusiven Club deiner Auserwählten anzugehören. Gewiss hat dann er etwas sehr Dummes angestellt.
Auch die Bedingung zur Erfüllung der KA hat ein ausschließendes Kriterium: Der Adressat, dem du deine Anteilnahme im Falle des Unfalls oder eines anderen Unglücks zum Ausdruck bringst, sei ein Mensch, der die nahesteht. Es können ja unmöglich alle Menschen oder anders gesagt: es kann ja unmöglich jeder beliebige Mensch sein, dem du, weil er Pech hatte, deine Anteilnahme zum Ausdruck bringen solltest. Diese absurde oder utopische Bedingung könnte schon aufgrund physischer Grenzen nicht erfüllt werden, denn weder weißt du um jedermanns Schicksal noch könntest du eine unbegrenzte Zahl von Handlungen der Anteilnahme gleichzeitig vollziehen.
Die Anzahl der Adressaten für die von dir zu erfüllende Konvention A ist demgemäß sinnvoll zu begrenzen. Ein eindeutiges Kriterium womöglich quantifizierbaren Grades zur Bestimmung der Anzahl der Mitglieder der Gruppe, die dir nahestehen, gibt es allerdings nicht. Dennoch ist diese Anzahl nicht unbestimmt, denn der Begriff der sozialen Nähe kann den Umständen entsprechend gut mit Inhalt gefüllt werden.
Nahe stehen dir solche Menschen, die kraft Verwandtschaft (genetisch starker Ähnlichkeit) und Freundschaft (Liebe sei hier eingeschlossen) oder kultureller Ähnlichkeit und institutioneller Abhängigkeit die sozialen Räume deiner Kommunikation öffnen und schließen: Die Geburt deines Kindes öffnet den sozialen Raum verwandtschaftlicher Kommunikation hin zu mannigfaltigen Erlebnisweisen und schiebt die zeitliche Achse dieser Kommunikation im besten Falle auf Jahrzehnte aus. Einzig dein Tod oder der frühzeitige Tod des Kindes schließt diesen kommunikativ weitgestaffelten Raum. Liebe scheint, wenn sich die Liebenden in einem informellen Bündnis zusammenschließen, gleichsam eine pseudogenetische Verwandtschaft zu beschwören oder zu suggerieren, die bis in die Gestik und Haltung eindringt, wenn sich die beiden geschwisterlich bei der Hand nehmen und wie ein Fleisch und Blut, „Bein von meinem Bein“, ansehen. Hier eröffnet der Kuss oder der Austausch von Liebesgaben die Liebeskommunikation, die entweder durch das Erkalten und Absterben der Passion, das Eindringen eines Dritten oder den Tod eines Partners geschlossen wird; sie kann auch durch den Übergang in eine formale Institution wie die Ehe transformiert werden, in der andere Regeln und Regelungen der Kommunikation wie die Fürsorge für die Kinder oder die Vorsorge für das Alter vorwalten.
Durch kulturelle Ähnlichkeit fühlst du dich Menschen nahe, die deine Sprache sprechen oder deine Einstellungen und Grundüberzeugungen teilen. Du kannst zwar kein Japanisch, aber etliche Einstellungen, die sich dir aufgrund deines Umgangs mit Japanern oder deiner Beschäftigung mit dem Shinotoismus und dem Zen aufgedrängt haben, führen zu einem gewissen Gefühl der Nähe, wenn es auch stets an den Rändern von Fremdheiten beschattet bleibt. Du kannst zwar Italienisch, aber die Einstellungen und Überzeugungen, die in der Mafia kursieren, teilst du nicht, und ein Gefühl der Nähe will sich zu diesem Menschenkreis partout nicht einschleichen.
Natürlich wächst du von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr in eine gewisse Nähe zu deinen Kollegen oder Kommilitonen im Büro und im Seminar. Man arbeitet, studiert, feiert zusammen. Aber nach Büroschluss heißt es meist: aus den Augen, aus dem Sinn. Dann musst du dich verdientermaßen vom Stress der Arbeit und gerade auch von der allzu dichten menschlichen Nähe mit deinen Kollegen erholen.
Wir beobachten demnach eine absteigende Linie der Dichte und Intensität des Naheseins und des Nahefühlens von der genetischen Verwandtschaft über Liebe und Freundschaft bis zu den rein institutionell geprägten Verhältnissen. Je mehr sich die Relation verdünnt und an moralischer Intensität einbüßt, umso mehr vermischen sich Konventionen und Normen: Dem Chef permanent krumm kommen und ihn respektlos behandeln zeitigt ebenso normativ geregelte Sanktionen wie die verächtliche Behandlung oder die Belästigung der Arbeitskollegen, die mit harschen Abmahnungen oder dem abrupten Ende des Arbeitsverhältnisses sanktioniert werden können.
Die Pflicht zur Konvention A erlischt, wenn jemand, der dir nahezustehen schien, die Gruppe, die wie die Gruß-Gruppe oder die Duz-Gruppe eine solche soziale Nähe definiert, verlässt und in eine andere Gruppe wechselt oder als Mitglied einer solchen Gruppe enttarnt wird, die deiner Gruß- und Duz-Gruppe feindlich gegenübersteht. Sollte sich herausstellen, dass jener nette Bursche, den du vor einiger Zeit im Sprachkurs für Englisch an der Volkshochschule kennengelernt hast, mit dem du schon öfter ausgegangen bist, mit dem du angeregte Gespräche hattest und dem du auf seine freundlichen Bitten sogar Geld geliehen hast, damit er, wie er vorgab, seiner kleinen Schwester rechtzeitig ein schönes Geschenk zum Geburtstag kaufen könne – sollte sich also herausstellen, dass dieser nette Bursche einer verschworenen Gruppe angehört, die sich zum erklärten Ziel gesetzt hat, dich und deine Familie des Eigentums zu berauben oder deine Ethnie und Kultur, deine Lebensform, auszulöschen, bist du ohne weiteres von der Pflicht zur Erfüllung von Konvention A diesem Schurken und Feind gegenüber dispensiert. Solltet ihr ein Treffen in einem Café vereinbart haben, bei dem der Halunke dir das ausgeliehene Geld zurückerstatten soll, wirst du dort in Begleitung der Polizei erscheinen.
Kehren wir zur Eingangsfrage nach der Herkunft der institutionellen Binde- und Ordnungskraft zurück, die sekundäre Intentionen und Wünsche zweiten Grades mit einem Gewicht begabt, das dem von Wünschen ersten Grades nicht nur gleichkommt, indem sekundäre Intentionen auf primäre Intentionen aufsitzen und sie übermächtigen. Ja, die sozialen Bindungskräfte vermögen sogar den biologischen Grund aller Wünsche und Wünschbarkeiten, die nackte Existenz des Wünschenden, aufs Spiel zu setzen und in die Waagschale zu werfen. Dies geschieht in der Tat in den seltenen Fällen, wenn einer sich für den anderen, dem er nahesteht und dem er sich aufs Innigste verbunden und verpflichtet weiß, opfert und sein Leben für ihn hingibt.
Man könnte meinen, sozialer Druck sei das eigentliche soziale Bindungsmittel und der feste Leim, mit dem dich sekundäre Intentionen zu Handlungen verpflichten, die nicht zuvörderst deinen primären Bedürfnissen zugutekommen. Aber du kannst an der gebrechlichen Greisin, die hilflos an der Ampel steht, achtlos vorübergehen und in der Menge untertauchen: Keiner hat dein moralisches Versagen beobachtet, keiner straft dich deswegen mit verachtungsvollen Blicken. Und dennoch verspürst du Scham, wenn du dich feige davongeschlichen und die Hilfsbedürftige im Stich gelassen hast.
Du hast mir das Buch trotz klarer Absprachen zum ausbedungenen Zeitpunkt und am verabredeten Ort nicht wiedergebracht. Du bist einfach nicht erschienen. Vielleicht gab ich dir in der Zwischenzeit Gelegenheit, dich innerlich und äußerlich von mir abzuwenden. So hast du mit deinem Nichterscheinen und dem Bruch des Versprechens einen scharfen Schnitt gemacht und klare Kante gezeigt. Dennoch wirst du in Zukunft das Buch, das ich dir einst ausgeliehen hatte und das du trotz deines Versprechens mir nicht wieder ausgehändigt hast, nicht anders als mit Unbehagen zur Hand nehmen. In diesem Unbehagen aber verbirgt sich die institutionelle Kraft, die in der Erfüllung der Bedingung von KA positiv zu Tage tritt.
Hier stoßen wir auf einen wichtigen Unterschied in der sozialen Welt, die eine Welt institutioneller Ordnung ist: den Unterschied von Normen und Konventionen. Normen wie Konventionen sind soziale Einrichtungen; Normen sind allerdings formal ausgeführt, zum Beispiel in der Form von Gesetzen, Geboten und Verboten, Vorschriften und Verordnungen (denke an die Straßenverkehrsordnung), und die Normverletzung wird durch ebenfalls formal geregelte Sanktionen geahndet. Wer volltrunken am Steuer erwischt wird, bekommt den Führerschein auf längere Frist entzogen.
Anders bei Konventionen: Sie sind formal nicht ausdrücklich formuliert. Die gegebene Definition zu KA könnte auch anders formuliert werden. Wir wissen zwar, wie viele Paragraphen die Straßenverkehrsordnung hat. Aber die genaue Anzahl an Konventionen, die unser soziales Leben mit Gehalt, Tiefgang und Esprit erfüllen, wüssten wir nicht anzugeben, weil ihre Anzahl beständig schwankt und sie den Wellen und dem historisch mehr oder weniger schweren Seegang des sozialen Wandels und des Absterbens und neuen Wachstums sozialer Gepflogenheiten ausgesetzt sind.
Konventionen nennen wir deshalb informelle Institutionen der sozialen Ordnung. Wer die hilflose Oma nicht über die Straße geleitet oder dem Schwerbehinderten in der U-Bahn nicht seinen Platz anbietet, dem geschieht nichts, der bleibt straffrei. Und dennoch bleiben Konventionen dieser Art in Geltung und setzen sich in vielfacher Gestalt durch, ohne dass ihre Nichtbeachtung unter Kuratel gestellt wäre.
Die verpflichtende Macht der Konvention rührt nicht von äußerem sozialem Druck her, sondern von der inneren Instanz des sozialen Ich. Wenn du in deinem Leben dich einigermaßen anständig verhalten und deine Vergehen und groben Versäumnisse wiedergutzumachen versucht hast, kannst du wie man sagt dir im Spiegel unbefangen in die Augen schauen. Wer sich dort anschaut, ist nicht das biologische Ich erster Stufe, das die animalische Vernunft der körperlichen Triebe und Bedürfnisse repräsentiert, sondern das soziale Ich zweiter Stufe, das die soziale Vernunft der sekundären Intentionen und Konvention verkörpert. Das soziale Ich ist anders als das animalische Augenblicks-Ich ein in der biographischen Zeit ausgedehntes mentales Gefüge, das sich seiner Lebensgeschichte für und für ansichtig bleibt, sie sich bis in Phantasien und Träume hinein vergegenwärtigt und wieder und wieder in vielfältigen Abwandlungen und Umdeutungen sich selbst und natürlich in Form von Anekdoten, kleinen Novellen, Märchen oder Legenden den Um- und Nahestehenden erzählt. Knotenpunkte solcher Erzählungen sind natürlich die Gelegenheiten, bei denen der Erzähler in der Erfüllung von KA und aller anderen Konventionen sich bewährt oder versagt hat.
Die Erfüllung der Bedingung für KA stabilisiert das soziale Ich und erhöht seine Zufriedenheit. Denn die Pflicht zur Konvention zu erfüllen wird dem sozialen Ich Quelle einer höherstufigen Form der Befriedigung und kann die primäre Form der animalischen Befriedigung teilweise und zeitweise ersetzen. Man darf gewiss diese kulturelle Leistung nicht idealisieren: Werden die biologischen Grundlagen erschüttert, wie in Unglücks- und Notfällen oder im Krieg, bei Hungersnöten und Katastrophen, kann auch das Fundament zur Erfüllung von KA Risse bekommen: Wenn du oder deine Familie nichts mehr zu beißen haben, kann niemand von dir verlangen, dir in erster Linie mein leibliches Wohl angelegen sein zu lassen.
Und dennoch sind die fesselndsten Erzählungen die von heroischen Taten und außerordentlichen Leistungen, gerade in Zeiten äußerer Bedrückung und Not, wenn sich die Mutter in Kriegszeiten das Letzte vom Munde für den Erwerb von Wolle, Seide und Pappe abspart, um ihrem kleinen Mädchen eine schöne Puppe zum Geburtstag basteln zu können, oder wenn der Vater in das von Brandbomben getroffene Haus zurückeilt, um den hilflos schreienden Buben aus dem obersten Stock unter Einsatz des eigenen Lebens zu retten. Auch das, was die alten Völker dem Ruhm an motivierender Kraft zusprachen, hat bei der Erfüllung der Konvention seinen Anteil: Die Mutter hofft, der Vater hofft, dass sie einmal den Enkeln davon erzählen werden können, und das erfüllt sie mit innerer Genugtuung.
Deine Fähnchen flattern noch
Dem ungebetnen Gaste putzt du hinterher –
auf seine Tritte zwischen frischen Beeten
streust du Salz und Kreide,
wie auf die frische Wunde Jod-Tinktur.
Nur den Fremden im Gespräch der Erde,
der zuerst die Pfade ebnet
durch den Dunst verbrannten Krauts
und zuerst in Zauberknochen
einen hohen Namen ritzt,
heißt du dir willkommen.
Die widerwärtigen Bilder
Unschön-Erlebten
tilgst du nicht mit Lethes Saft –
Bilder heitern Lebens,
Luftspiegelungen kindlichen Spiels am Meeresstrand,
verschlieren sie wie rosiger Nebel,
überblenden sie wie ausgeschüttete Milch.
Die schwarze Wetterwolke
steigt erneut vom Grund.
Was dir an Gutem mag begegnen,
umfingert und umflattert
dein Empfinden leicht –
gleich jenen bunten Fähnchen,
Seidenschlangen frommen Sinns,
die heitre Pilger Tibets
in Buddhas Bäume wickeln.
So flattern sie,
so knattern sie –
Weltenatems heißer Pfiff
reißt sie ab, wirft sie hin,
entfernt sie ganz.
Die Wärme lieber Hand,
die deine kalten Füße rubbelt,
kriecht wohlig unter deine Haut –
die ihres Spenders fernes Angesicht
nicht kennt.
Du gehst auf kiesbestreuten Wegen
deiner alten Aussicht nach,
dort ist die Bank, da ist die alte Eiche –
doch der Strom da drunten glänzt
an deiner Erinnerung gedankenlos vorbei.
Der Schuss in der Neujahrsnacht
Von wannen ging der Schuss denn los,
dein Entree-Billet ins neue Jahr?
Grad in jenem dummen Augenblick,
als die lieben Nachbarn auf Teufel komm raus
die Raketen steigen und die Böller platzen ließen –
oder vor Zeiten, als es noch gar keine Böller gab –
vor Äonen, als es noch keine feuerwütigen Menschen gab?
Ist in jenem jenseits der Zeit versiegelten Buch,
in dem auf dem einen Blatt der Heils-,
auf dem anderen Blatt der Unheilsplan verzeichnet sind,
ist in jenem Ewigkeitsbuch,
in dem gähnend ein Engel blättert,
der Schuss in der Neujahrsnacht
als unabwendbar abgehakt?
Mensch, es war nur ein heißer Böller,
der querschlug – und wo er hätte weiterböllern können,
schob deine Visage sich in die Bahn.
Das bisschen Wehweh wischst du dir ab
wie ein unschönes Staubfädchen vom Kragen –
was dir von dem Einschlag eigentlich bleibt,
die unsichtbare Narbe hinter der sichtbaren,
wiegt wohl nicht fädchenleicht …
… das legt dir ein Kilo Misstrauen auf die Waagschale
linker Hand, beschriftet mit „Argwohn“, „Furcht“ und „Sorge“,
sodass die Schale rechter Hand, beschriftet mit
„Glaube“, „Hoffnung“ und „Liebe“
wiederum beklemmend in die Höhe schnellt!
Du schaust anders in die Welt,
aus der es höhnisch Schläge hagelt,
von Händen, die im Freien flattern
und im Leeren watschen, unzurechnungsfähig –
anders schaust du in die Welt,
in der ein samtenes Liebe-Leuchten zweier Augen
dich ins neue Jahr geleitet.
Hoppla, was raunst du da,
poeta lactucate neque laureate!
Ist es doch dieselbe Welt, die eine in der andern,
wo unversehens Schüsse fallen
und Liebe über Grenzen geht.
Was du nicht alles mit mir anstellst
Nachts hast du dich heimlich bei mir eingeloggt
und meine Sprach-Einstellungen geändert –
jetzt fall ich von den Stelzen steiler Metaphorik
und schneide mir die Haut an wortwörtlichen Halmen.
Du hast mir das Programm „Into the Dawn“ downgeloaded,
mit dem ich quer durch alle Zeitzonen,
von Hammerfest bis zum Kap,
in das Morgenrot fliegen kann.
Du fasst mich stracks am Mantelkragen
und biegst mich ums Eck –
dort plaudere ich an der Imbissbude mit Osterinsulanern,
die sind über Glatze und Gesicht bunt gescheckt,
in einem Gaunerdialekt,
den ich noch nie gehört habe, ganz köstlich,
bis einer der schweren Jungs ein Foto von dir
aus dem Ärmel zieht: Da schwebst du
überm Eisernen Steg im wehenden Nachthemd
und spielst Blockflöte.
Mir schwant, du hast dich die letzte Nacht
wieder mal in meine Wohnung eingeschlichen
und alle Schubladen durchwühlt.
Ich weiß ja, wie duʼs anstellst:
Du verflüssigst deine Aura und schwappst
flutsch! ein fluider Schatten, unter der Türschwelle durch!
Doch glaub mir, Herzchen, das Ställchen
in meinem Gärtchen, woʼs Hundilein im Schlafe fiept,
und wo ich die holde Kükenschar meiner Chen und Lein und Li
ausbrüte und beglucke,
das bleibt mir wohlverschlossen!
O ja, ich habʼs gesehn, dein Fuchsgesicht!
Doch die gluckende Meute meiner Diminutive,
meiner Flauschlinge, meiner Mariechen und Finchen,
dürfen unbekümmert dort sich bauschen und flauschen,
sich kräuseln und säuseln!
Verdammt! – reißt mich der Schreck vom Bett,
da hör ich mitten in der Nacht ein panisches Gackern,
und pardauz scheppert der blecherne Napf zu Boden –
o weh, was für ein wildes Geflatter!
Die Leute von Äternien
Eine Allegorie
Ein Expeditionskorps aus Geologen, Paläontologen und Anthropologen machte in einem bisher unerforschten Seitental des Himalaya seltsame Funde an Sedimenten: In den Versteinerungen erblickten sie verwitterte Spuren organischen Lebens, das vor etwa 0,6 Mio. Jahren infolge großer Erderschütterungen und Überschwemmungen untergegangen war, dessen genaue Klassifikation den Kennern vor Ort nicht gelingen mochte.
Zurück an den heimischen Lehr- und Forschungsstätten und Labors des Max-Planck-Instituts in Deutschland sowie der Smithonian Institution in Washington D. C. begann eine konzentrierte Suche nach der Herkunft, Abstammung und Lebensweise der versteinerten Wesen, die die maximale Größe einer Elle nicht zu überschreiten schienen. Die meisten Funde zeigten nur zersplitterte und zerfressene Bruchstücke, doch einzelne wiesen ganze oder halbe Organe und Körperteile auf, sodass man mit guter Hoffnung daranging, die unbekannten Organismen zu rekonstruieren. Mittels der 3D-Software wurde man bald einer einzigartigen organischen Struktur auf den Bildschirmen ansichtig, die die Forscher und bald darauf die weltweite mediale Öffentlichkeit in ungläubiges Staunen, ernste Verwunderung und große Beunruhigung versetzte.
Zunächst glaubt man ein von üppigen Laubblättern umschlossenes weißliches Wurzelknöllchen hervorschimmern zu sehen, in dem man ein vages Kindchenschema erahnt – bei näherer Betrachtung unter dem Mikroskop erwiesen sich die Blätter als echte zur Photosynthese geeignete Pflanzenteile, während der umhüllte milchig-blasse Organismus von den Anthropologen und Biologen als extreme Rückbildungsstufe eines Homo Sapiens identifiziert werden konnte. Die äußeren Extremitäten waren fast ganz verschwunden und in den Leib gleichsam zurückgeschmolzen, Sexualorgane und jedwede Anzeichen für einen geschlechtlichen Dimorphismus der Individualgenese fehlten, offensichtlich waren diese Wesen zur primitivsten Form der Vermehrung, der Klonierung, zurückgekehrt. Statt der Füße hatten sie insektenartige Greif- und Saugnäpfe ausgebildet, mit denen sie sich an den Stängeln ihrer Wirtspflanzen festklammerten, mit denen sie in Symbiose lebten. Und zwar dergestalt, dass die Pflanze die Hominiden mittels der Photosynthese mit Sauerstoff und Stärke versorgten, für die sich die Parasiten durch Abgabe von Kohlendioxid und Stickstoff dankbar erwiesen. Denn wirklich atmeten die seltsamen Wesen mit der ganzen Hautoberfläche, und ein wohl ziemlich ruhig gehendes Herz sowie ein Adern- und Venennetz zur Blutversorgung verteilten die über die Haut aufgenommenen Nährstoffe, deren unverwertbare Ausscheidungsprodukte ebenfalls über die Haut abgegeben wurden. Indes waren die gewöhnlichen Verdauungs- und Ausscheidungsorgane infolge der permanenten Funktionslosigkeit dank der Symbiose mit den Pflanzen fast gänzlich zurückgebildet.
Die physiologische Analyse ergab, dass der mund-, augen- und ohrenlose Schrumpfkopf ein Nervengeflecht enthielt, das in erster Linie die Haut der Tiere repräsentierte. Eine wissenschaftliche Sensation war zudem die Identifikation von Elektroplaxen in der Bauchhöhle, die wohl ebenso wie die elektrische Ströme von bis zu 1.000 Volt erzeugenden Organe von Zitterrochen und Zitterwels die Funktion einer energischen Feindabwehr hatten, die in vielen Fällen nicht nur zur Lähmung des Angreifers, sondern sogar zu seinem Tode führen konnte. Bei einer jedweden noch so sanften Berührung, bei jeder noch so zartsinnigen Annäherung eines fremden Wesens, ja auch wenn nur ein gewichtsloser Schatten über die hochempfindliche und gleichsam niemals schlafende, überwache Haut lief, krampften sich abertausende Kaskaden von bioelektrischen Zellen in der Bauchhöhle im Bruchteil einer Sekunde zusammen und entluden sich in einem bösartigen Stromstoß. Solcherart vergilt Natur: Sie hatte den unvernünftigen Willen nach möglichst bedingungsloser Sekurität und monadenhafter Abgeschlossenheit des Daseins mit dem schweren Tribut quittiert, den die Homunculi in Form unentrinnbarer Vereinsamung zu entrichten hatten.
Die DNA-Analyse bestätigte die Annahme, dass es sich bei den Tieren um degenerative Abzweigungen im Evolutionsstrang des Homo Sapiens handele, voll und ganz. Entsprechend der physiologischen Transformation waren die wichtigsten für die Humanentwicklung entscheidenden Genabschnitte wie das Fox-Gen, das das Sprachvermögen steuert, abgeschaltet und nicht mehr in der Lage, die zellbildenden Proteine codierenden Ribonukleinsäuren zu erzeugen.
Das offenbare Geheimnis der Lebensform dieser Wesen motivierte die Forscher, sie Äternier und ihre Gattung Homunculus aeternus zu nennen; offensichtlich hatten diese Lebewesen das Ziel einer dauerhaften stabilitas loci und einer scheinhaften Unsterblichkeit mittels steriler Klonbildung in wahrhaft pflanzlich stiller und gesicherter Ruhe und Unbeweglichkeit erlangt.
Die bedeutsamste wissenschaftliche Entdeckung auf Grundlage der DNA-Analyse des Homunculus aeternus betraf den Kern der Hypothesen der darwinschen Evolutionstheorie, wonach die Abwandlung und Neuentstehung der Organismen auf der Auslese solcher Mutanten beruhe, die am besten die zur Verfügung stehenden ökologischen Nischen füllen. Der Homunculus aeternus hingegen erwies das Gegenteil dieser unerschütterlich anmutenden Annahmen des darwinistischen Dogmas: Die menschenähnlichen Vorfahren dieser seltsamen Lebewesen wollten die große Utopie des friedlichen Daseins ohne tragischen Kommunikationsfehler, ohne Konflikte und ohne gewalttätige und kriegerische Auseinandersetzungen in die Tat umsetzen. Ja, ihr grotesker Eigensinn und ihr heroisch-komischer Wille legten die Schneise zu einer unerhörten biologischen Daseinsform, denn sie boten dem Schicksal des natürlichen Kreislaufs von Zeugung und Geburt, Kampf und Arbeit, Zerfall und Tod, den Pessimisten schon seit jeher als Fluch beschworen hatten, die Stirn. Freilich, um diese urmenschheitliche Utopie mit Leben zu füllen, bogen sie in eine Sackgasse der Evolution ein, deren steriles Ende sie nicht voraussehen konnten: Um tragischer und fataler Kommunikationsfehler zu entgehen, mussten sie auf echte Kommunikation ganz verzichten – statt zu riskieren, etwas Falsches, Ärgerliches oder Närrisches zu sagen oder anhören zu müssen, sagten sie gleich gar nichts mehr und verschlossen sich Mund und Ohren. Um sich der pflanzenhaften Stille des lichtlosen Innern ganz und gar hingeben zu können, verschlossen sie die Augen vor dem grellen Tumult und den erregenden Dramen der äußeren Natur. Und um Zerfall, Unfall und Tod zu vermeiden, gaben sie jede evolutionär werthaltige Fruchtbarkeit und jede produktive Auseinandersetzung mit dem Risiko des Irrtums und der Verletzung auf. Sie vegetierten hinfort in ewiger Stille.
Freilich entfiel nunmehr – außer in den seltenen Fällen einer Feindabwehr durch die probate Technik der Elektroplaxen – die große Last der Daseinsfristung und sie erfreuten sich der erwünschten Ruhe, einer an Stumpfsinn gemahnenden Gesundheit und einer ununterbrochenen Fortsetzung der öden Dauerserie ihrer Existenz. Die mühsame und riskante Lebensweise der Nomaden und Wanderer in unwirtlichen Steppen und unheimlichen Wäldern hatten sie zugunsten einer starren Einhausung in ihrer vegetabilischen Lebensnische aufgegeben. Sie begnügten sich mit einem immobilen Fortexistieren ohne alle Aufwallungen von Energie zu Absichten und Taten, ohne jedwede kulturstiftenden Ambitionen. Weder hatten sie die Kraft noch den Willen und die vorausschauende Intelligenz, eine kühne Tat, ein neues Unternehmen, die Eroberung einer neuen Welt ins Werk zu setzen.
Eintönigkeit, Langeweile und Stupidität waren demnach der Preis für die Erlangung der größten Utopie der Vorfahren. Unsterblich, aber blöde, ewig jung und gesund, aber ohne Anmut und Wagemut, gleichmütig und unerschütterlich, doch dafür dumpfsinnig und ohne Haltung, so hatten sie in einem verschlossenen Seitental des unzugänglichen Himalaya dahingelebt und dahingedämmert.
Welch seltsame Regung, wenn der Homunculus sein winziges zitterndes Köpfchen zwischen die Blätter wie in eine Schatulle einzog, da eine pralle Sonne ihn belästigte oder neckende Tropfen sein allzu müßiges Dasein bekrittelten.
Das bist ja du! Das bin ja ich!
Wenn die haarigen Bäuche kugeln
von Honig und Chitin, von süßen Beeren
und bunten Früchten, knacken hoch in den Wipfeln
die Äste – die Waldmenschen bauen ihre Plattform
für die Nacht in schwindelnder Höhe.
Sie ducken ihr weises Haupt
unter einen perfekt verfugten Regenschirm
aus Zweigen und Blattwerk.
Die Frühlingswinde schenken uns
mit wilden Aromen zartes Erinnern –
wie sind die Lüfte voll Leben und Geist!
Halt einmal das Richtmikrophon an die schorfige Rinde der Eiche –
was da knistert und knackt, scharrt und schnarrt,
was da rasselt und prasselt unter Moosen und Harz –
das bist ja du, das bin ja ich, in einer fernen Fuge
der Moleküle unsrer natürlichen Seelen.
Der Waldmensch in seinem Nest lauscht,
wie es tröpfelt auf sein Blätterdach,
er zittert in den Tumulten des Himmels
und klammert sich ins Fell seines Geschwisters.
Er weiß sich im Kosmos des Regenwalds
im Innern der dickbäuchigen Wolke,
des Blätterrauschens und des Vogelgeschreis.
Zum Zeichen, dass die Seele lebt
Und hatʼs noch Augen in dem all –
für dich, für mich, die wir wie Kinder
uns mit Puppen gaukeln
und mit Federchen erschrecken.
Und schlägt ein Herz in dieser Nacht –
für dich, für mich, die wir so bang
und fieberblind uns Stirn an Stirne drücken,
unserm Atem wie Sibyllen lauschen.
Und weht ein Flügel sanft hernieder –
dir und mir, und fächelt Kühlung
den Verirrten, streut süßer Träume
Schnee uns auf den dunklen Weg.
Und brennt ein Licht noch in dem Dunkel –
für dich, für mich, wie zu Häupten
einem Toten hält die Kerze Wacht,
zum Zeichen, dass die Seele lebt.
Das Stelldichein
Willst du denn nichts mehr wagen,
in die Welt reinrufen –
willst dich härmend ihr entsagen,
hocken auf den Stufen?
Willst du dir harsch verschnüren
pochendes Gefühl –
soll es dich nicht mehr rühren,
da ihr Name fiel?
Lass dich doch reizend stupsen
von dem Hundelein,
magʼs auch mal unzart pupsen –
es will gekraulet sein.
Erheb dich hurtig von den Stufen,
mein Knäbelein,
als hätt die Mutter dich gerufen,
husch ins Tor hinein!
Im Pfirsichblütenschein
Mücklein schweben.
Ich spute mich zum Stelldichein
mit dem süßen Leben.
Fehl am Platz
Auf dem Leinpfad mit dem gleißenden Sand
lässt es sich gehen – aus dem schwarzen Busch
hörst du Ebbe und Flut eines Seufzens –
ein Tier, das in die Falle der Morgensonne geriet.
Es lässt sich gut wandern und schauen,
wie der afrikanische Fluss Orchideennester,
Grasnarben oder die langen ohnmächtigen Arme
der Weidenbäume mit sich führt, mit sich reißt.
Und der Pfad wird steiniger, enger und enger –
und bricht jäh ab. Du rutschst nach unten, klammerst dich
mit knöchernen Fingern und gesplitterten Nägeln,
die bald bluten, am Sandstein des schroffen Hangs.
Und der schäumende Strom leckt unter dir
immer wieder an deinen nackten Füßen,
und es ist wie eines Tieres fleischig-warme Zunge.
Der Strom, du siehst es bei der plötzlichen Biegung,
schwillt an, und auf den gurgelnden Wellen fluten
abgehackte Hände der schwarzen Diener dahin,
schlieren die blonden Mähnen skalpierter Matronen.
Dort strudeln Bücher, hunderte, tausende,
zerrissen, zerstochen, verkotet, es sind deine Bücher,
wie kommen die denn auf den Fluss in Afrika,
fragst du dich noch, da siehst du im kreiselnden Tanz
der Bücher den abgeschnittenen Kopf eines Gorillas.
Und du hörst es hohl singen aus seinem klaffenden Maul:
„Ugara oka nammdi, Afrikas Kinder tanzen und singen
unter den blitzenden Sternen, Schlangen verschlingen
die Sterne, die Sonne zerschlitzt die Schlangen.“
Du ziehst dich voll Abscheu über den Rand des Hanges
und gelangst in den weißen Park der Begierden,
wo die nackten Schönen im rosigen Lichte
die Haut ihres perfekt gerundeten Daseins baden.
Hier beherrscht den Geist die Drangsal der Düfte
von Ingwer und Myrrhe und der Rose des Kaps,
und die wie Dornen die Träume ritzen,
die blauen Wimpern seufzender Frauen.
Du duckst dich beschämt ins hohe Steppengras,
dich vor den Blicken der Hochmütigen zu bergen.
Du wühlst nach den dunklen Sagen der Erde
und kriechst über der Echsen giftigen Schleim.
Da ist das offene Tor, wie kannst du entkommen,
im hohen Bogen schwebt die Gestalt einer alten Frau.
Du zwängst dich durch Stacheldraht, der dich beißt.
Hinter dir hörst du niederrieseln des Gelächters Fontäne.
Du bist fehl am Platz, zumal in Afrika, mein Lieber.
Das Kajal
Fern hörst du das Rauschen des Meers in deinem Ohr.
Komm, es ist alles gesagt.
… besser, es schneite, und wie Kinder tun,
schnappst du mit dem Mund
nach den Flocken – oder es regnete
Eiskristalle, und der zarte Schmerz,
wenn sie wie winzige Dolche
deine Augenlider, deine Wangen ritzen
wird dir zur Freude, zum Jubel …
… besser, du sähest im Spiegel,
es ist Liebe in deinem Blick,
und dein Mund ist weich
von mitgemurmelten Versen,
von mitgesungenem Lied –
und du rahmst dein Gefühl
mit goldenem Schmerz,
wenn du dir Ohrringe ansteckst …
… besser, dich erblickte im Spiegel
ein Kind mit von Liebe behauchten Lidern,
und du dunkelst deine Wimpern ab
mit dem Kajalstift, der sich versteckt hatte,
lange Zeit, in der Schublade –
doch in Wahrheit sind dir die Wimpern
von Sehnsucht gedunkelt.
Fern hörst du das Rauschen des Meers in deinem Ohr.
Komm, es ist alles gesagt.
Die bezauberte Raupe
Eine Bürstenspinner-Raupe ziehharmonisierte ihre Segmentwülstchen mit den Krabbelfüßen gar behend über das Blatt eines Maulbeerbaumes. Goldenes Licht überglomm und überschäumte die üppigen Büschel weißer Haare, die aus den leuchtend roten Punktwärzchen hervorstrahlten. Die Rasierpinsel der buttergelben Haarsträucher auf dem Rücken tunkte sie hin und wieder in den Schaum des Abendlichts. Die Sonne ihres kleinen Lebenstages leckte sie schmeichelnd vom Kopf bis zu den Stummelbeinchen mit ihren platten Polstern und zierlichen Häkchen.
Was ist denn dies für ein neckischer Tanz, welch ein Fädchen fließt aus dem sich windenden Kopf der kleinen Raupe auf dem Nachbarblatt? Will sich das Tier mit dem Faden einhüllen und einspinnen, um in aller Ruhe und Weltabgeschiedenheit ein Nickerchen zu machen? Es ist eine kleine Seidenraupe, die begonnen hat, sich mit einem Kokon aus Seidenfäden zu umhüllen.
Das primadonnenhafte Spiel des sich einspinnenden Tieres bezauberte die Raupe, sie war ganz verzückt und dem Anblick so hingegeben, dass sie augenblicks sogar der eingefleischten Manie des schabend-nagenden Fressens entsagte. Als sie aber sah, wie die Seidenraupe sich geradezu kokett in der Luft zu drehen und dabei den Faden wie einen schicken Schal um sich zu legen schien, war es um das Tier geschehen. Fingen nicht seine Härchen und Pinselchen mit einem Male blau und grün und golden zu schillern an? Vor lauter Begeisterung stand die Raupe Kopf und klammerte sich mit einem winzigen Häkchen im Fleisch des fetten Blattes fest – da ließ sich die Raupe lustig von den spielenden Winden tupfen und lupfen.
Wie ein Windspiel trudelnd und um sich selbst kreiselnd vergaß die Raupe, dass sie die fressende Übergangsphase in der Metamorphose des Schmetterlings war – und ließ los. Und es fiel das arme Tier aus heiterem Himmel in einen mit Regenwasser bis zum Rande gefüllten Blecheimer, den die Bäuerin unter dem Maulbeerbaum hatte stehen lassen. Das war ein kühles und recht feuchtes Erwachen! Die Raupe zuckte und krümmte sich bänglich – wie wünschte sie, aus vollem Halse schreien zu können, wie Kinder es tun, wenn sie vom Fahrrad oder der Schaukel fallen. Doch sie war verdammt, stumm zu leiden.
Da war es das bedrückte Tier leid und gab es auf, wider das Unabwendbare weiterhin zu rucken und zu mucken. Und als die Raupe schon todesstarr in ihrem nassen Verlies lag – da kitzelte sie plötzlich an ihrer Nase ein Seidenfädchen, das fröhlich hin- und hertorkelte. Das Fädchen wehte gar anmutig von der Krone des Baumes herab. Da wurde die Raupe schnell wieder ins Leben gekitzelt und sie hielt sich zappelnd und ruckend an dem Faden fest und zog sich heldenhaft in die Höhe. Und mit jedem tapferen Rucke-die-Zuck kam das Tierchen der großen Erfüllung seines kleinen Lebens näher.
Verlöschende Sternschnuppe
Ein Stern tät wunders sich verglimmen
in der tiefen Nacht.
Was künden jene holden Stimmen,
Heil sei uns gebracht?
Wir hörenʼs nicht, wir blickenʼs nimmer.
Es blitzt und braust die Nacht.
Das taube Herz hat keinen Schimmer.
Lose Zunge lügt und lacht.
Ein Flat-Screen tät noch leise flimmern
in der tiefen Nacht.
Man hört von Ferne leises Wimmern –
Kindlein ist erwacht.
Weihnacht bei den Kirchenmäusen
Ein Weihnachtsmärchen
Der Waldmaus schlug das Herz hoch. Jetzt hatte sie sich doch verlaufen. In ihrem Wald! Doch war er wohl größer und tiefer, als sie geahnt. Und ihr Herz schlug hoch, und ganz im Takt des Ding-dong, Ding-dong, das sie von einem dunklen Glockengeläute in der Ferne vernahm. Auch wenn es schon dämmerte und ihr Trippelschritt immer öfter im hohen Schnee versank – der Klang der Glocken hatte es ihr angetan, dahin zog es sie, dahin musste sie fliehen!
Mit einem Mal gelangte die Waldmaus auf ein weites, offenes Feld, nur Streu und Halme und Steine bedeckten den kargen Grund. Wie war es plötzlich mäuschenstill! Das ferne Läuten war verstummt. Und das kleine Mäuseherz pochte und klopfte wild. Wo war sie bloß, fragte sich die Maus, wo sollte sie hin? Auch eine Maus befällt manchmal Ratlosigkeit.
Das Mäuschen aber fühlte sich nicht nur ratlos, sondern auch recht trostlos – war es doch mäuseseelenallein, seitdem ihm kürzlich die böse Katz Vater, Mutter und Geschwister gestohlen hatte. Ganz verwüstet und verschandelt fand es das heimische Nest, als es von einem ihrer kleinen abenteuerlichen Ausflüge in den Wald zurückgekehrt war. O, wie streng hatte der gute Vater ihr diese heiklen Exkursionen verboten! Alles sah aus wie Kraut und Rüben, die Regale, auf denen die Mutter die Tässchen und Kännchen reihte, heruntergerissen, Stroh und Moos aus den Bettchen zerpflückt, und ihre lieben Kiesel- und Glitzersteinchen, ihre Haselnüsschen, Zäpfchen und Obstkerne, die sie eifrig gesammelt hatte, alles war zerstreut in die Kreuz und Quere. Und kein Piepsen, kein einziger Mäuselaut, kein mäuseseliger Hauch!
Plötzlich erspähte die Waldmaus in einiger Entfernung fröhlich flackernde Lichter und sie tippelte neugierig näher. Es war eine kleine Schar von Jungen und Mädchen, kleinen und größeren Kindern, alle fein herausgeputzt, gekämmt und gestriegelt – roch es nicht nach Lavendel, nach Rosenöl? Das Mäusenäschen kringelte sich schnuppernd in die Luft. Ja, die Kleinen hielten brennende Kerzen in Händen. Da gab der große Bub an der Spitze des Zuges den Ton an und alles stimmte ein:
Wir Kinder kommen zu dir, mein Christ,
durch tiefe Nacht und Dunkelheit.
Weil du das Licht der Welt uns bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.
Die Waldmaus dachte: „Wo gute Kinder Kerzen tragen und liebe Lieder singen, da darf ich Mäuschen spielen!“ Und sie tippelte den Kindern emsig hinterdrein. Wo mag die Kinderschar sie wohl hinführen?
Die Kirchentür stand weit offen. Die Kinder hielten mit ihren Kerzen feierlich schreitend Einzug in das hohe Kirchenschiff, wo neben dem Altar die Krippe stand und eine fein geschmückte, hohe Tanne erstrahlte. Die Stimmen der Kleinen vermischten sich alsbald mit dem großen Chor der versammelten Gemeinde:
Die Menschen sehnen sich nach dir, mein Christ,
durch tiefe Nacht und Dunkelheit.
Weil du ihr Tröster und Heiland bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.
Die Waldmaus hüpfte freudig über die Schwelle und schlängelte sich behutsam in dem leeren Seitenschiff die Wand entlang. Da verstummte der Gesang – doch ins Ohr der Waldmaus flüsterte und lispelte es süß: „Schön, dass du zu uns kommst, liebe Waldmaus. Komm nur mit und folge mir zu deinen Verwandten, den Kirchenmäusen.“ Und ein putziges Mäuslein trippelte freundlich vor ihm her, das hatte ein helleres Fell als die Waldmaus, dazu war es pittoresk mit einem Umhang aus schwarzglänzender Seide bekleidet und auf dem Kopf trug es ein niedliches Mützchen, gefaltet und spitz geformt aus altem Pergamentpapier – man sah noch Zeilen von seltsam verzierten Buchstaben und das verblasste Farbenspiel einer Initialen.
Es ging durch Löcher und Höhlungen immer tiefer hinab in das Erdreich. Da verschnaufte das Kirchenmäuschen und die Waldmaus sah nur ein Paar schwarze Augentröpfchen glitzern. „Ich heiße Josefine“, keuchte die Kirchenmaus, „wie heißt denn du, einen Namen wirst du doch haben, wenn du auch eine Waldmaus bist!“ Da erwiderte die Waldmaus recht lieblich: „Mein Name ist Ildefons und bin aus dem Stamme der Ildefontes.“ Da wisperte Josefine zärtlich: „Du darfst mich Fine nennen!“
Josefine, die Kirchenmaus, geleitete Ildefons, die Waldmaus, in die uralte Krypta tief unter dem Altar der Kirche. Da war nun die bescheidene, aber glänzend gepflegte und geputzte Wohnung der Familie Kirchenmaus: Die Mutter hatte Plätzchen gebacken, mit Mehl und Flocken, Zucker und Zimt, Rosinen und Datteln, Mandeln und Nüssen. Und diese verteilte sie den Mäusekindern auf zierlichen Muschel-Tellerchen, die auf Blättern von Salat und Wirsingkohl standen. Der Vater stopfte noch ein wenig Moos in den Grund der Krippe, da lag ein zierliches Jesuskind, aufs Artigste aus dem weichen Holz des Kirschbaums gesägt und genagt, umrahmt von Maria und Josef und dem Ochsen und dem Esel. Dann versammelte sich die Familie um die Krippe und sang und wisperte hell und klar:
Alle Mäuslein fliehn zu dir, mein Christ,
aus tiefer Nacht und Dunkelheit.
Weil du des Maustums Licht uns bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.
Josefine aber saß dicht bei Ildefons und hatte zaghaft das Köpfchen auf seine Schulter gelehnt. Dann begann ein fröhliches Knuspern und Knabbern, ein herziges Knittern und Knistern. Schließlich überreichte der Mauspapa dem Gast eine Nussschale, gefüllt mit süßem Honigwein, auf dessen Herstellung sich die Kirchenmäuse bekanntlich so gut verstehen. Ildefons nippte artig und dankte für die großherzige Gastfreundschaft. Da sprach die Mäusemutter feierlich: „Mein lieber Ildefons, wir wissen um dein hartes Schicksal. Du sollst mehr sein als unser Gast, schau her, das ist von nun an deine neue Familie!“
Und die Waldmaus kam nicht umhin, sich eine winzige Träne aus dem Augenwinkel zu wischen. Als ihr Josefine aber einen neuen schwarzseidenen Umhang umlegte und ein frisch gefaltetes, spitzes Hütchen aus dem Pergament eines zerfledderten, alten Gesangbuchs aufsetzte, war er froh wie nie in seinem kleinen Mäuseleben.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Die seltsame Entdeckung des Dr. Hu
Im Jahr 2978 wird ein chinesischer Mandarin namens Dr. Hu in der gänzlich verfallenen ehemaligen Hauptstadt des Deutschen Reichs mit dem nunmehrigen Namen Bej-Ling aus dem Schutt des Untergrunds, wo der Sage nach einmal eine Bahn auf Schienen gefahren sein soll, ein ziemlich zerfetztes und von Mäusen angeknabbertes Buch ohne Verfasserangabe mit dem Titel „Chronikels von Skandälchens und Kriminale aus dene Vorgezeite“ ausbuddeln.
Dr. Hu, der einer chinesisch-japanischen Historikerkommission zur Untersuchung der Ursachen des Verfalls und Untergangs des alten Europas in der sogenannten Verfallszeit zwischen 2450 und 2750 vorsteht, kann den Ursprung seines Funds mittels chemischer Analysen von Bodenproben des Grabungshorizontes und des Pergaments sowie der für die im Übrigen schwer lesbare, da stark zittrige und verwackelte Handschrift verwendeten Farbmittel – es handelt sich um eine Mischung von echter Sepiatinte und mineralischen Zusätzen – auf eben den Zeitraum der dritten Jahrtausendmitte datieren.
Dr. Hu, einer der wenigen Wissenschaftler weltweit, die noch über wenn auch zum Teil rudimentäre Kenntnisse der alten europäischen Sprachen verfügen, quält sich durch das sprachlich mehr als anspruchslose, ja verrohte und von Barbarismen strotzende Machwerk und stößt endlich auf eine Passage, die ihm historisch anspielungsreich und hintergründig genug dünkt, so dass er sich veranlasst sieht, sie in der renommierten, naturgemäß auf Chinesisch erscheinenden „Historischen Zeitschrift zur Erforschung der europäischen Verfallszeit“ zu veröffentlichen; sie wird, nicht ohne die Anmutung eines schlitzäugig-zwielichtigen Lächelns sei es gesagt, herausgegeben in Mo-Na-Ko di Ba-Va-Lia, der Hauptstadt der chinesischen Südprovinz in Te-Dejo-Nia, die die chinesischen Besatzer nach alten Plänen und mehr nach uralten Phantasien in einem charmanten sino-barocken Pagoden- und Zuckerbäcker-Spätstil wiederaufgebaut haben.
Dr. Hu fordert in der wissenschaftlichen Einleitung seiner Veröffentlichung, in der er die Ergebnisse der Analysen und die Datierungsversuche des seltsamen Fundes referiert, am Ende seine Zunftgenossen auf, ihm, dem Herausgeber, umgehend Mitteilung zu machen, falls es einem von ihnen gelingen sollte, die in dem Passus erwähnte und seltsam eingerahmte historische Figur zu identifizieren. – Hier ein Auszug:
„Da koom ene Männe, gepürzelt uff em Salz-un-Pepper-Berga, benamset Wolferl, der Schnauz, oder och angebellet Grö-Fazke, in deme prussische Sandkästele an die Ruder unde Rieme, und hat vom Rathüs gebrüllst, er dät machene et ganze Ostland a blühend Ländle. Doch drum weil er hätt allerliebst nur sein eigen Schnurres, er musst verhundsen und verkatzen alles, was sonst anoch schnauzbürstlig wär. Dahero hat er veringrimmt und gepiesäckelt den Charlemagnus, und darob den großen Schnauz Jupp, genamset auch Juppes, der Schlappes aus dem Georgsland. Hat unter grandem Flammengespei die Ringelchens gewechslet mit dero fremdzungichter Danznix, die war ihm ze Gifte und hat angepiffen das sibirische Drachenviech, das kam angefleucht in die bös Nacht und packen das Wolferl und ihn hochreißen ins Gelüfte, von wannen er nit mehr wurd gespäht.“
Keiner der von Dr. Hu um eine kritische Sondierung und Bewertung gebetenen Wissenschaftler kann zur Identifizierung der in dieser seltsamen Melange aus Annalistik, Legende und Märchen hervorschimmernden historischen Figur beitragen. Bald darauf löst sich die erwähnte chinesisch-japanische Historikerkommission zur Erforschung der europäischen Verfallszeit zwischen 2450 und 2750 auf – zu sehr waren die dürftig genug fließenden Quellen von sekundären Stoffen wie Legenden und Sagen verunreinigt und getrübt.
Das Großmaul wird kleinlaut am End
„Schau mal, ist das nicht die mit der großen Klappe?“
„Sieht nicht so aus, als würde die morgens Schampus und Austern schlabbern!
Mensch, wie die vor Jahr und Tag hier rumlief,
so ʼnen Klatschmohnmund, und der Lidstrich
hat noch im Dunkeln geleuchtet.“
„Weißte noch damals, wie die auf der Party umknickte,
so ganz plötzlich, aber genau an der richtigen Stelle,
zum goldrichtigen Zeitpunkt …“
„Dem richtigen Typen in die Arme …“
„Dem Verleger von zotigen Blättchen,
hat dann bald den Löffel abgegeben …“
„Wer weiß, wie die nachgeholfen hat …
Hat den Laden gleich übernommen und mir nichts, dir nichts
die Bordelle der Hauptstadt Ost, eins nach dem anderen,
kontrolliert, da ging ganz Pankow ein und aus,
und die Stasi hatte Lauscher unter jedem Bett.“
„Traf sie mal nach dem Mauerfall zufällig wieder,
hatte ein Kapotthütchen mit ʼnem Gazeschleier auf,
das Gesicht glattgestrichen wie Gips,
behauptete, sie hätte jetzt ein Engagemang beim Theater,
hat da aber in Wirklichkeit nur ab und zu geputzt.“
„Und jetzt trägt die Zeitungen aus im Viertel.“
Das Großmaul wird kleinlaut am End.
Der große Zampano wird nicht von einem Faustschlag getroffen,
sondern von einer Melodie
und wälzt sich heulend am kahlen Strand.
Der große Ajax,
dem die zottelige Brust schwoll
wie der Buckel von Achills Schild,
hat Schaum vorm Mund
und führt einen Rachefeldzug gegen Schafe.
Ein gewisser Gröfaz
findet nur als im Vakuum schwebender Schnurrbart,
ohne Gesicht dahinter, Erwähnung
in den chroniques bourlesques et scandaleuses.
Der andere Schnauzbart
hat sich durch Aufrichtung eines gigantischen Hauses,
im Stil eines megalomanischen Beton-Arsch-Klassizismus,
Stein für Stein mit dem Mörtel Wahn verfugt,
an den großen Versammlungsplätzen
der Hauptstädte des Ostens verewigt. –
Und sein Reich zerfiel.
Herr, deine Steine sind weich
Wie schnell die Bilder verlöschen.
Bist nicht auch du ein Bild und bleibst im Leben nur,
solange auf dir weilt der Blick, der lebendig macht,
doch Schatten und Rauch wirst, wenn er sinkt?
Wie schnell die Bilder verlöschen –
der nasse Teig verklumpten Wissens
ohne Anfang und Ende, ohne Gesicht –
der Meister verdöste den Tag,
als die Töpferscheibe sich geisterhaft drehte.
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
Dir gelang einstweilen nur mühsam,
am Rande des Tellers aus dem Chaos
der Buchstabensuppe ein paar sinnige Silben zu reihen:
„fühlsam“ liest es sich da, und „Wohnort“, „goldgrün“,
„altrosa“ „Birkenhain“, „behutsam“ oder „Geduld“ …
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
Der Tisch mit dem Teller, aus dem du die Suppe löffelst,
das Zimmer mit dem Tisch und das Haus mit dem Zimmer
und die Stadt mit dem Haus rasen
um die Achse der Erde und die Erde rast um die Sonne,
und die Sonne rast …
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
Du stolzierst auf den schwankenden Blättern
der Rose deines Bewusstseins,
die auf dem Weltenteich wogt.
Und der Teich hat ein Bleiben im Garten des Herrn nur,
solange auf ihm weilt sein Blick, der lebendig macht,
doch Dunst und Steppe wird, wenn er sinkt.
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
In tausend Mündern wird das Wort wie ein Kirschkern
gedreht und gewendet, gesäuert und zermürbt,
und wenn ihn einer ausspuckt vor dir,
wendest du dich angewidert ab,
er bleibt liegen, ein Kern, den die Erde verschmäht.
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
Der Schnee auf dem Monte Soratte,
in dessen Glanz sich der Ruhm des Dichters gespiegelt,
schmolz dahin. Der Himalaya steigt und steigt
in ein Schneelicht jenseits der Menschen.
Die Meere drängen ineinander und fluten zusammen,
immer tiefer sinkt die Argo und das goldene Vlies
ins Sprachlose hinab.
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
Wie schnell die Bilder verlöschen.
Morgen steht ein anderer mit deinem Anzug
und deinem Gesicht an derselben Theke
und redet daher mit deinen Worten,
du aber bist schon fern, auswärts gereist,
weit weg, nicht mehr rufbar mit Namen,
das verwischte Nachbild
eines lautlosen Blitzes in der hohen Sommernacht,
ein sanftes Geheimnis, verlöscht,
das sich noch eben am Himmel entlangschrieb.
Die Kontinente schwimmen und gleiten.
Ninna Nanna
Fai la ninna bambolina, ché per te tramontò il sole,
si addormentono l’uccellini, si addormentano le viole.
Le viole sulla notte, tutt’attorno a la tua culla,
e l’uccello a frotte a frotte, ché per te è bianca luna.
Eo, eo, eo, e Heike si addormentò.
E se Heike non vuole dormire, botte al culetto deve avere,
deve averne cinquecento, figlia d’oro e figlia d’argento.
Wiegenlied
Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein – die Sonne badet im Rhein,
die Vöglein und die Blümelein, alles schläft und schlummert ein.
Und es sind Blumen der Nacht, die dir in die Wiege ʼneinblicken,
die Vogelschar hält für dich Wacht, der Mond tut leise dir nicken.
Eia, eia popeia, mein Heikchen macht heia heia.
Und mag meine Heike schlafen nicht, küss ich ihr die Wangen, die Augen,
dass von tausend Küssen sie müde werde, Kind du von Himmel und Erde.
Ins Leben gekitzelt
Eine Stute, die ihr Fohlen,
dem eben die Nabelschnur riss,
mit mütterlich-geduldiger Zunge
in die Freiheit des Lebens leckt …
Deinen Kopf und deine Schultern,
deine Brust und deinen Leib
umschleichen und umschmeicheln
lieblich lachende Feuerzungen,
die dich ins Leben kitzeln,
die dich ins Leben singen.
Ich liege, ein modrig-feuchter Stamm,
am Wegrand Tag und Nacht,
die Rinde blättert, das Mark ist mürbe,
kleines Leben, flirrend-wirrendes,
schmatzend-kratzendes,
kauend-verdauendes Wesen
kriecht in mich ein, surrt wieder aus.
Manchmal streunst du vorbei
und hockst dich gähnend nieder
auf den alten Stamm,
behaglich schaust du dich um,
ob wohl noch Beeren locken.
Und das Weben der Mücken
macht dich sinnen und fragen,
ob aus dem Licht der Birken
ein Schatten trete hervor.
Untröstliche Wahrheiten
Manche, deren Bestimmung längst abgetan ist und deren Los geworfen ward, laufen einfach weiter wie Hühner, denen der Kopf abgeschlagen worden ist.
Immer wieder jätest und reinigst du deine sorgsam gehegten Beete. Immer wieder streuen des Nachts tückische Schleicher den Samen exotisch wuchernder Kräuter hinein. Oder ist es der nackte Wind, der sie aus fernen Gefilden bis hierher trägt?
Der falsche Priester, der sein weißes Kollar in die Gosse der öffentlichen Meinung geschleudert hat – und predigt jetzt süßlich Mitleid statt das Ende des Äons.
Der Sohn hat das väterliche Erbe verprasst, verhurt und versoffen – bleich und abgebrannt kommt er nach Hause und vergießt heuchlerisch Tränen im Angesicht der verwilderten Pracht der Gärten und der moosüberwachsenen Schwelle.
Wenn dir einzig die Wahl beschieden, das Maul zu halten und es dir in der guten Stube gemütlich zu machen oder durch wildes Gefuchtel und barbarisches Geheul die Aufmerksamkeit und den Applaus eines Publikums von Stumpfen und Dumpfen einzuheimsen, dann wähle bitte aus Rücksicht auf unser fadenscheinig gewordenes Nervenkostüm das Erstere.
Solange Christen in frommer Einfalt vor dem göttlichen Kind niederknien, ist die Welt noch nicht verloren. Wenn allerdings ein Papst ex cathedra verkündet, der Klerus solle Alltagskleidung tragen, die Kirche solle arm sei wie die ominöse Maus, der Petersdom sei zu versteigern und der Erlös den Bedürftigen auszuteilen, die Sakramente gehörten denen, die nach ihnen verlangen, würdig hin, würdig her, die Gabe des heiligen Trostes sei ein sakraler Service, der keinen sozialen und moralischen Einschränkungen unterliege … dann, ja dann ist sie vielleicht schon untergegangen und du hast es, den Kopf im Dunst deiner falschen Ideale, nur noch nicht bemerkt.
Heroen der Schlechtigkeit. Sie erhalten die Preise. Sie machen den Reibach. Aber auf ihren Werken stehst du wie ein Menhir auf glucksendem Moor.
Frauen, die auf dem eitlen Geschwätz ihrer Verehrer wie Bachstelzen mit elegant tastenden Schritten auf den dünnen, schwankenden Blättern der Teichrosen stelzen.
Nachts, wenn du wachliegst und Totenstille in das Vakuum des Undenkbaren sickert, kannst du in einiger Entfernung das Echo der Hammerschläge hören, mit denen der römische Soldat Jesus ans Kreuz nagelt.
Die kleine Stadtmaus mit der Unruhe im Herzen, des satten, gesicherten Daseins und des unbekümmerten Luxus in der Speisekammer des Highlife überdrüssig, hat vom Großvater bunte Geschichten über das aufregende Leben der Waldmäuse gehört, wobei der Alte den aus den Augen von Eule und Wildkatze spiegelnden Schrecken in köstlichen Nervenkitzel verwandelte, und lange mit sich gerungen, ob sie das behagliche Miteinander im Kreise der Eltern und Großeltern, der Geschwister und Neffen und Nichten, der Tanten und Großtanten wohl entbehren könne, dann aber in heroischer Entschlossenheit und Selbstüberwindung ihr kleines Bündel gepackt und ist eines Nachts, Abschiedstränen aus den Augenwinkeln wischend, aus der heimelige Wohnstatt nach draußen gehuscht – um gleich, als sie, hilflos über die Perserteppiche trippelnd, nach dem Ausgang in die weite Welt und ihre Abenteuer suchte, in die Fänge des Hauskaters, einer feisten Perserkatze, zu geraten.
Ein Satz, der dich wie ein kunstvoll abgeschälter und abgeschabter, ausgehöhlter und ausgehobelter, verpichter und versiegelter Einbaum über das Wasser trüge … Und doch müsstest du das Ruder führen. Und doch müsstest du die Richtung finden. Denn allein du kannst den Satz gut verwenden. Das geht nur, wenn du genügend Kraft in den Armen hast und die Richtung kennst. Wenn nicht, treibst und trudelst du führungs- und orientierungslos in der Strömung – und diese ist kräftig.
Du gehst hastig auf die Straße, um im Supermarkt auf die Schnelle noch dies und das einzukaufen. Eine Menschenmenge versperrt den Weg. Raunen, Zischen, Fluchen. Peitschende Hiebe. Du verschaffst dir Bahn und Ausblick. Du siehst, wie ein halbnackter, nur mit einem Lendentuch bekleideter Mann, den Leib zerfurcht von Striemen und Wunden, eine Dornenkrone auf dem Haupt, ein schweres Holzkreuz auf der Schulter trägt und sich damit mühsam voranschleppt. Soldaten geleiten und bewachen das Geschehen, einer treibt den zum Tode Verurteilten, der erschöpft in sich zusammensinkt, mit der Peitsche an. Die Menge johlt, lacht, spottet. Auch als sie die kleine, verschüchterte Gruppe der Angehörigen und Vertrauten des Gequälten gewahrt, darunter die Mutter, die vor Grauen und Verzweiflung ins Knie bricht und von einem schönen jungen Mann mit leuchtenden Augen aufgefangen wird. – Was bleibt dir zu tun? Du kannst dich in die Menge flüchten und vor der Wahrheit zu verbergen trachten. Oder du gehst hin zu jenem, der eben unter der Last des Kreuzes hingefallen ist, und nimmst ihm das Kreuz ab und trägst es eine Weile an seiner Statt. Oder du nimmst das feine, kostbare Seidentuch vom Hals und reichst es dem Mann, auf dass er sich den Schweiß vom Angesicht wische.
Die Mutprobe
Als könntest du, leicht geworden, hellsichtig,
mit dem feinsten Gefühl für die Schwingung
des Daseins an den Zehenspitzen
über die wippende, schwankende, summende Liane –
ist sie aus Gummi, aus Harz, aus mystischem Zwirn? –
wie ein Akrobat schreiten,
in einem Hemd sich blähender Seide,
immer mit dem einen Fuß vortastend schreiten, ja tänzeln –
und du magst vor Übermut in der Mitte
des schwarzen Abgrunds unter dir
lächelnd verweilen,
über dem Abgrund, aus dem nichts heraufdringt
als hin und wieder ein zungenheißes Schmatzen und Fletschen
oder ein geradezu ironisches Zischen.
Du vermagst über dem Leeren zu stehen
und einen freien Blick in die Höhe zu werfen,
den Augen der Sterne zu,
den stummen Claqueuren deiner Kunst,
und keck deine Mütze schwenken …
Da reißt dich ein Windstoß hinweg,
und du fühlst dich sinken und sinken –
hörst du von unten das Zischen?
Doch ein behendes Flattern der Arme
hebt dich märchenleicht auf deine Höhe.
Dein Herz schlägt wild, dein Hirn schäumt:
Du hältst die Balance, Schritt für Schritt
gleitest du an das andere Ufer.
Wartet denn dort wer auf dich?
Wer hat wohl den Abgrund gestiftet,
mit Angst und Wildheit gefüllt,
wer das Band über die Leere gespannt,
wer dich hinaufgesetzt in das Wagnis?
War es das Schicksal, war es Liebe?
Die Liebe gewiss, nur sie verleiht solche Kühnheit.
Oder etwa der hintergründige Schalk eines Dichters,
der es bei Lichte besah:
Das Band verläuft knapp überm Boden,
und auf dem Erdreich huschen
zwischen raschelnden Blättern
die immerzu wispernden Mäuse.
Dr. F.:
Warum sind Sie zu mir gekommen?
P.:
Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht mehr – als ich die Praxis betrat, wusste ich es noch.
Dr. F.:
Wenn Sie es jetzt nicht sagen können, dann vielleicht deshalb, weil es Ihnen peinlich ist, es mir zu sagen.
P.:
Aber es war mir nicht peinlich, es mir selbst einzugestehen – immerhin!
Dr. F:
Nun ja, Sie stehen sich selbst gleichsam näher als jedem anderen, selbst meiner Person.
P.:
So nahe nun auch wieder nicht. Gelegentlich pflege ich mich zu siezen oder nehme ironisch Abstand von meinem mückenkleinen Leben, indem ich mich aus hoher Warte mit einem Fernrohr beobachte.
Dr. F.:
So, so. Sie sehen sich also hin und wieder als Mücke die Wand entlangkrabbeln? Wie fühlt es sich an, eine Mücke an der Wand zu sein?
P.:
Das kann ich Ihnen klipp und klar sagen: Schon die Wand ist für mich winziges Insekt ja riesig, doch das Wissen, dass hinter der Wand wieder eine Wand ist und hinter dieser wiederum eine und so fort, dieses Wissen verursacht mir Übelkeit und Schwindel.
Dr. F.:
Hm, Übelkeit, Schwindel? Haben Sie noch andere Beschwerden?
P.:
Ich doch nicht, sondern dieses Insekt, als das ich dann und wann die Wand rauf- und runterkrabble.
Dr. F.:
Also gut, hat die Mücke noch andere Beschwerden als Übelkeit und Schwindel?
P.:
O ja, immer wenn seitlich ein Schatten einfällt, gerät sie in eine Heidenangst, jetzt könne der Zimmerbewohner mich bemerkt haben und ganz nahe hinter mir stehen, um mit der bloßen Hand oder der Fliegenklatsche zuzuschlagen!
Dr. F.:
So, so, mit der Fliegenklatsche. Sie befürchten also gleichsam ständig das Schlimmste, nämlich von einem bösen Fatum zermalmt und zermatscht zu werden?
P.:
Aber wohnt das Fatum nicht gleich nebenan und ist der treuherzig aussehende Nachbar? Und wenn man selbst schläft, ist er noch lange wach und bastelt an seiner Waffe?
Dr. F.:
Sie wollen also sagen, dass Sie Ihren Mitmenschen stets das Ärgste und Böswilligste zutrauen und ihnen deshalb mit größtem Argwohn und tiefstem Misstrauen begegnen?
P.:
Ich habe meinem Nachbarn einmal ein Buch mit unterhaltsamen Geschichten und amüsanten Anekdoten ausgeliehen. Gut, nach etlichen Nachfragen hat er es mir schließlich wieder ausgehändigt. Aber denken Sie bloß, das Buch hatte zwar noch denselben Umschlag und versprach auf dem Titel denselben Inhalt, doch als ich es wiederlas, musste ich zu meinem Entsetzen bemerken, dass mich keine einzige Geschichte mehr unterhielt und keine einzige Anekdote mehr amüsierte! Wie hat der Nachbar das bloß hingekriegt?
Dr. F.:
Sie meinen also, Ihre Mitmenschen verfügen über geheimnisvolle, magische Kräfte, mit denen sie unmittelbar und ohne dass Sie es merken oder gar verhindern könnten arglistig und auf negative, destruktive Weise Einfluss auf Ihr Bewusstsein und Ihre Gedanken nehmen können?
P.:
Wie recht Sie haben, Herr Dr. Freud, das passiert mir wirklich andauernd. Neulich, ich gab gerade eine meiner privaten Nachhilfestunden in Latein, hat mir doch mein Schüler, ein wahrer Satansbraten von querulatorischem und obstinatem Bengel, die Erinnerung an die Bedeutung einer lateinischen Vokabel mir nichts, dir nichts aus dem Kopf entwendet, sodass ich ihn ganz blöde angaffen musste und meine Ignoranz zum Himmel schrie, ja, wenn es zu sagen erlaubt wäre, zum Himmel stank!
Dr. F.:
Sie geraten also öfters in Situationen, in denen Sie sich einer offenkundigen oder verborgenen Schwäche wegen vor den Mitmenschen peinlich berührt, entblößt, beschämt und lächerlich fühlen?
P.:
Wenn ich einen Geist wie Leonardo da Vinci, einen Humor wie Rabelais und eine Potenz wie Don Juan hätte, fühlte ich mich dennoch öfters beschämt und lächerlich, ganz einfach, weil ich ein Mensch bin.
Dr. F.:
Aber Sie sind doch hier, weil Sie vergessen haben, was Ihnen peinlich ist und wessen Sie sich schämen? Mir geht es nur darum, Ihnen und Ihrem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen.
P.:
Sie haben gut reden, sie können feixen und Grimassen schneiden und ich sehe es nicht. Mich aber sehen Sie, wie ich hier langgestreckt auf dem Sofa liege!
Dr. F.:
Aber seien Sie getrost, Sie hören ja meine Stimme! Und weil Sie ausgestreckt liegen, müssen Sie keinen Muskel und keine Faser anspannen. Sie brauchen sich nicht rühren – Sie verfolgen keine Absichten, etwas zu tun, Ihr bewusstes Wollen ist gleichsam herabgedimmt. Sie geben sich ganz dem Strom Ihrer Gedanken hin, so wie sie zufällig vorbeischwimmen oder wie zappelnde Lachse hervorspringen. Erzählen Sie!
P.:
Ihre Stimme ist wie ein schlanker, hoher Turm in der freien Landschaft. Ich bin noch weit von dem Turm entfernt, möchte aber hin und in seinem Inneren die Stufen bis zum letzten Aussichtspunkt an der äußersten Spitze erklimmen.
Dr. F.:
Was können Sie von da oben wohl alles erblicken?
P.:
Nun, die offene Landschaft, vielleicht ist es eine Moor- und Marschengegend, vielleicht sehe ich in der Ferne die weißen Schaumkronen der Meeresbrandung.
Dr. F.:
Aha, Menschen sehen Sie wohl nicht – keine Dörfer, keine Spaziergänger, keine Bauern oder spielenden Kinder, nichts?
P.:
Doch, am Horizont taucht eine dicke Frau auf, sie schleppt einen vollgestopften Lederbeutel über der Schulter, die Haare hat sie zu einem komplizierten Turm aufgesteckt. Es ist eine dicke Frau, ich meine, sie hat so ein ausladendes Hinterteil. Ich glaube fast, jetzt winkt sie mir mit einem Taschentuch zu, einem Taschentuch aus Batist!
Dr. F.:
So, so, ein Taschentuch. Dann können Sie mir ja wohl auch sagen, was für ein Monogramm auf dem Taschentuch eingestickt ist.
P.:
O, das ist aus dieser Entfernung gar nicht so einfach. Warten Sie einen Moment, Dr. Freud, gleich habe ichʼs. S ist der erste Buchstabe, verdammt, der zweite ist ganz undeutlich, ah, jetzt sehe ich ihn besser, F, es ist ein F!
Dr. F.:
So, so, das Monogramm lautet also S. F. Das ist ja hochinteressant. Und wie kommt das Monogramm meines Namens auf das Batisttaschentuch dieser Dame, von der Sie mir erzählen?
P.:
Das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist sie auch bei Ihnen in Behandlung und hat, das unverschämte Luder, Ihnen das Taschentuch wegstibitzt.
Dr. F.:
Um Ihnen nunmehr damit zu winken. Das ist ja allerhand!
P.:
Bitte verzeihen Sie, Dr. Freud, aber was kann man machen, die Frauenzimmer heutzutage werden immer dreister und nehmen sich Sachen heraus …
Dr. F.:
Sie scheinen schon länger in der Gunst der Bekanntschaft dieser Dame zu stehen. Oder soll ich vielmehr umgekehrt sagen, die Dame kenne Sie seit geraumer Zeit? Haben Sie schon öfters von ihr geträumt?
P.:
Ach nein, nur manchmal. Aber ich habe die Frau schon oft getroffen. Es ist ja die Bäckersfrau, bei der ich regelmäßig Brot und Brötchen und manchmal auch Kuchen und Torte kaufe. Sie hat mich stets zuvorkommend und ausgesucht höflich und freundlich bedient, das muss ich ihr lassen.
Dr. F.:
Und wann haben Sie von der Gnädigen das letzte Mal geträumt?
P.:
Ei nun, letzte Nacht halt. Plötzlich klingelt das Telefon, ich habe ihre Stimme sofort erkannt, trotz des Höllenlärms in der Bäckerei. Sie entschuldigte sich auch gleich, weil so viele Leute sie umdrängten, so sei das meist vor Weihnachten. Es seien bereits über 300 Menschen in der Bäckerei, klagte sie, und ich vernahm ein tosendes Gewirr von Stimmen. So ist das ja wohl, Herr Dr. Freud, wie Sie selbst in Ihrer „Traumdeutung“ richtig anmerken: Verrückte Zustände, verkehrte Dinge, völlig überzogene Maße werden im Traum als das Selbstverständlichste von der Welt hingenommen. Dann unterredeten wir uns ganz gut, ich meine, die Bäckerfrau und ich in meinem Traum, sie nannte nämlich den Anlass ihres Anrufs. Ich hatte ihr vor Tagen eine größere Bestellung an Kuchen und Gebäck für die Festtage auf einem Zettel ausgehändigt und nun vermeldete sie, die Sachen wären fertig und äußerst lecker und appetitlich geraten. – Dann aber plauderte die Frau immerfort weiter und ich bekam allmählich den Eindruck, die Sache mit den Kuchen und dem Gebäck sei nur ein Vorwand. Ich spürte nur zu gut, dass sie etwas im Schilde führe und die Absicht hege, mich heimlich zu treffen. Das war mir dann sehr peinlich, vor allem auch wegen des allzu ausladenden Teils. Da wurde ich am Telefon sachlich und beflissen, sprach sie mehrmals mit ihrem Nachnamen an und verwies sie auf ihre Rolle als Bäckersfrau, die sie in meinen Augen weiterhin spielen solle!
Dr. F.:
Hm, aha, sehr interessant! Das wollen wir uns etwas genauer von unserem bewährten Aussichtsturm aus ansehen, was meinen Sie?
P.:
Den Traum habe ich vielleicht erfunden.
Dr. F.:
Das macht nichts, was Sie erfinden, ist genauso viel wert wie das, was Sie träumen. Wir drehen beides durch denselben Wolf!
P.:
Sie meinen, betrachten wir von Ihrer hohen Warte, die zu besteigen mir vergönnt ist?
Dr. F.:
Den Turm zu besteigen trauen sie sich zu? Doch das Hinterteil der Gnädigen war Ihnen zu ausladend, gewaltig, wuchtig, wie? Diesen Berg würden Sie wohl nicht so leicht besteigen wie jenen Turm?
P.:
Sie machen da vielleicht sonderbare Anspielungen, Herr Dr. Freud. Da muss ich mich ja geradezu für Sie schämen!
Dr. F.:
Wer sich hier rechtens zu schämen hat und wofür und weshalb, darüber verschaffen wir uns in der nächsten Sitzung einen Überblick – von meiner hohen Warte aus selbstverständlich, wennʼs konveniert.
P.:
Wissen Sʼ was? Damit die Sache ein wahres Pläsierchen für beide Seiten wird, spitzel ich zwischendurch mal, ob nicht der Mann der dicken Frau meinem Vater, Gott hab ihn selig, charakteristisch ähnlich sieht!
Dr. F.:
Sapperlot nochmal!
Das Protokoll ist auf der unteren Hälfte der Seite angebrannt, der Rest ist unlesbar.
Klarer Fall für Dr. Freud
Du hörst den Kollegen ferne quasseln
und schaust auf das Maul eines Lamas, das gleich spucken wird …
Du starrst auf den grünen Lidstrich
und erwartest von der Bedienung, dir ein Märchen zu erzählen …
Du spiegelst dich im Brillenglase deines Chefs,
ein dicker Uhu zieht die Lider auf und starrt …
Du kratzt jede Menge Kleingeld zusammen,
doch das Mädchen schiebt es zurück und gibt dir lächelnd heraus …
Du liest in der Zeitung und verstehst nichts,
Wörter wie „Brise“, „Triest“, „Düne“ kreisen vor dir, schwimmende Inseln…
Du träumst, du pirschst durch die nächtliche Steppe,
dein Herzschlag wird von Grillengezirp übertönt …
Du greifst im Halbschlaf nach dem Kissen und flosselst,
den Kopf darin versenkt, mit den Füßen weiter und weiter …
Sonett vom guten Gedanken
Du bist beschenkt wie früher Krokus von dem Tau
des Morgens – wie er noch von feuchtem Glast behangen
und von der Lust der Tropfen leuchtet rötlichblau,
ist dir im ernsten Laub ein Lächeln aufgegangen.
Dein Pfad ist schmal, von Schatten rings umschilft. So möge
dies Lächeln ihn beleuchten, bis seine kalten Blüten
der Winter streut – als ob dich gnädig Schnee betröge,
im fahlen Schein des Lächelns Leuchten dir zu hüten.
Die Schwalben stürzen und die Eule schreit. Gib allem Leben
sein Gesicht und lass von allem dich besprechen, dich behauchen,
was gute Augen hat und reinen Mund – dann wirst du geben
mit sehender Hand, was deine Anvertrauten brauchen.
So magst du nach dem wohlbedachten Guten langen,
wenn du das Lächeln nicht vergisst, das dich umfangen.
Sonett vom bösen Gedanken
Der böse Gedanke dringt tief ein in die schwarze Erde –
er sticht wie blanker Spaten, kratzt auf wie schartiger Pflug.
Wie die nackte Erde glänzt! Es windet sich in Schmerz-Gebärde
die fette Raupe, die eben noch des Weißlings Zukunft trug.
Der böse Gedanke fliegt lautlos mit dem Sommerwind,
er leckt wie Feuerzunge Blätter, Früchte, Wangen –
das Lilienblatt ist schwarz, der Apfel stinkt, ein Kind
errötet, spielt mit der Puppe nicht mehr unbefangen.
Sieh, wie das Farnkraut bebt, das Brunnenwasser zittert.
Und rieche die verbrannte Luft von Winterfeuern.
Die kleine Laube dort am Ufer ist vergittert.
Die letzte Aster kann dir keine Gunst beteuern.
Dein Sommer war nur Fliegen fangen, Ratten jagen,
der gute Gedanke mag um Einkehr dich nicht fragen.
Das blitzende Horn
Als hättest du wie die zuckende Maus,
die ein Gespenst durch die Speisekammer jagt,
bis scheppernd ein Blechnapf vom Sims fällt,
und husch in ihr Loch wetzt die Maus –
als hättest du in der Speisekammer des Lebens
hastig nur am alten, harten Käse genagt –
immer rast das Herz: Es wartet auf den Zugriff
des schnauzbärtigen Polizisten namens Katz.
Und war dein Durst so groß wie der Zungenlappen
der Kuh, die stieren Augs am Salzstück schlabbert
und leckt – das hat der alte Bauer ihr hingehängt,
der fluchende Herr über Euter und Mist.
Mensch, leg ab knisternd-wisperndes Maustum,
stutz das bänglich schlawinernde Schwänzchen –
Mann, roll einwärts die Zunge, vom Drange
des Euters erlöst dich ein blitzendes Horn.
Missgriffe und Stürze
Ich erhob mich rasch und riss mit dem schwappenden Mantelsaum ein Glas vom Tisch, das hinter mir auf den Boden stürzte und klirrend barst. Ich meldete es der Wirtin und entlockte ihren schwarzen Augen mit meinem Schuldeingeständnis nicht einmal ein Blinken.
Die Dame mit den Perlenohrgehängen, von deren Tisch ich mich erhoben hatte, saß dort und blickte etwas steif in ihren „Guardian“, von dessen vermischten Nachrichten sie mir hin und wieder eine Kostprobe gab. Ich verabschiedete mich und reichte ihr über die am Boden zerstreuten Scherben hinweg in gleichsam höfischer Manier die Fingerspitzen der Rechten, die sie freundlich berührte.
Wir hatten beiläufig das eine und andere Thema berührt, kamen auf Moden und den Ausdruck der Farben. Es sei ein sprachlicher Missgriff, meinte die Dame, von „Rentnerbeige“ oder „Seniorengrau“ zu reden. Die Farbe Beige habe ihre eigene Dezenz und schöne Reserviertheit. Ich erwähnte, dass ich ein Grau mit einer geringen Beimischung von wässrigem Blaugrün favorisiere.
„Ist nicht das reine, pure Weiß dem empfindlichen Auge grell und abstoßend, ja geradezu verletzend in seiner puristischen Anmaßung? Ein blau angewehtes Grau dagegen zeugt nicht nur von nobler Gesinnung, sondern ist mit Leben behaucht, das aus sich und auf sich besteht. Gibt es eigentlich eine Nationalflagge, in der monochromes Grau dominiert? Wohl kaum, sind doch die meisten Flaggen, vor allem die dreifarbig gestreiften wie die europäischen, ihrer Ästhetik nach die bedenkliche Frucht der Revolution, die den vornehmen Gusto der Aristokratie in der grellen Palette nationalen Dünkels und dem grausen Mischmasch von jedermanns Geschmack ertränkte. Solche Farbgebungen wollen brüllen und schreien und plakathaft aufs Auge hauen. Es sei denn sie entstammen höheren Regionen wie die japanische Fahne.“
„Da haben Sie wohl etwas getroffen. Wenn wir schon von Missgriffen sprechen, ein grober Missgriff in der Welt der Männermode ist doch wohl der dunkle Anzug, der den Blick in die Parlamente und Aufsichtsratssitzungen, die Vereine und Vorstände jeder Art durch das monotone Einerlei textiler Selbstkastrierung trübt. Ja, gewiss ist auch diese modische Unsitte, wie Sie es nennen, eine bedenkliche Frucht der Revolution: War doch die uns Heutige effeminiert dünkende, prachtvolle Kostümierung des adligen Mannes an eine vornehme Selbsterhöhung und ein jetzt geradezu belächeltes oder verachtetes Ideal schöner Männlichkeit geknüpft.“
Als ich mir im Bett die Zeit mit Hamsuns „Pan“ vertrieb, kamen mir die Hände des Alten wieder in den Sinn. Er pflegte sie breitflächig auf das kühle Glas des Tresens zu legen, die Flasche „Kellergeist“ in der Mitte. Die Adern, wasserädrige Schwellungen, die kurz gehaltenen Nägel, etwas angeschwärzt, als habe er in der Erde gewühlt oder Kartoffeln ausgebuddelt. Er hält das Gleichgewicht mit dem beherzten Druck. Er sagt mir „Gute Nacht“ und „Tschüs“ und nimmt meine Hand mit eben diesem beherzten Druck. Er ist ein einfacher Mann, trägt Cordhose und bunt karierte Flanellhemden. Er beharrt eigensinnig darauf, sein Bier aus der Flasche zu trinken. Er hat hart gearbeitet, im Schweiße seines Angesichts, er hat getanzt, geflucht und gezeugt. Er ist derb, und er ist zart, wenn er mir zuflüstert: „Jetzt gehst du schon wieder und lässt mich allein!“
Plötzlich scheppert es laut, dann ein dumpfer Knall. In der Küche ist mein alter Pfennigbaum mit dem dicken, verknoteten Stamm und den schweren Ästen, die er kaum aufrechthalten kann, vom Fensterbord gefallen. Am Morgen hatte ich das Sims abgeräumt und alles saubergewischt, danach wieder ordentlich aufgestellt. So hat das Bäumchen etliche Zeit ein fragiles Gleichgewicht gehalten, umsonst. Ich starre auf den Küchenboden, wo sich die dunkle torfreiche Erde um die Scherben des zerdepperten Tontopfs zerstreut hat. Ich starre und will erst entsetzt sein oder zumindest unangenehm überrascht.
Doch dann freue ich mich. „Ja, es ist gut so“, sage ich mir, „dies Chaos möge dir zu gutem Werke gereichen!“ Jahr um Jahr hat das Bäumchen in seiner Fensternische gedämmert, Wasser geschluckt, Nährsalze gelöst und seine etwas schwülstigen, runden, fetten Blätter gedüngt und vermehrt. Aber jetzt erst sehe ich die Pflanze, die ich immer wieder einmal in einem Anfall dünkelhaften Überdrusses entsorgen wollte, werde jetzt erst ihrer vollen lebendigen Gegenwart inne.
Ich nehme einen neuen Topf, klopfe den Humus von den Wurzeln der Pflanze und stopfe eifrig schwarze Erde in die Lücken, bis sie festsitzt. Ich habe sie nicht ihrer Schönheit wegen gerettet und bewahrt, gewiss nicht, denn sie scheint mir eher unansehnlich, auch hier zu blühen hat sie sich noch nicht bequemt. Sie errang mein Wohlwollen durch die Zähigkeit ihres Lebenstriebs, die unermüdliche Anstrengung, auszuharren, im Licht zu bleiben und ihre Photosynthesen zu bilden.
„Nein, schön bist du nicht, sogar etwas unanständig wirkt dein Wuchern und Schwellen. Aber lieben müssen wir dich doch, weil du da bist, weil du zäh bist und weil du uns daran gemahnst, dem Leben zu geben, was des Lebens und lebendig ist.“
Plötzlich, ein Leuchten
Plötzlich, im eingedämmerten Zimmer,
ein lächelndes Leuchten –
kommt es aus den schmalen Schlitzen deiner Augen?
In ein weißes Fell gehüllt, geisterst du vor mir,
der gekrümmte Finger tingelt an der Unterlippe,
als könntest du die Frage oder den Zweifel
wie einen Fussel abstreifen.
Mir ist, als hätte ich Schritte gehört –
knirscht es nicht?
Doch ich erinnere mich nicht mehr,
wo jener Garten war und der helle Kies
in die starrende Leere der Tage schäumte.
Ein runder Mond überm Tal,
schiebt sich dein Kindergesicht
mit den treuen Blicken
zwischen die Kissen.
Der Hauch, der über deine Lippen rieselt,
ergreift mich, zieht mich –
und mit dümmlich gespitztem Mund
sink ich in wirres Geträume
von Hinterhöfen in Krakau,
in denen angekettete Hunde bellen
und der Frost der Einsamkeit klirrt.
Aurea mediocritas
Der Urfisch mit ein paar Fotozellen
auf dem Hinterkopf glotzte hohl –
sah nur milchig-trübes Licht und fette Schatten,
doch ihm schwante schon, was oben und was unten,
und die Wolke oben dünkte ihm Gefahr.
Der Adler sichtet scharf aus schwindeliger Höhe
das kleine Zitterleben einer grauen Maus –
die Symphonie der Farben
aus Wolkenrot und blauem Grün des Abends
dringt nicht zu ihm.
(Dir aber hebt sie fromm das Herz,
das Mäuslein huscht dir halt vom Schirm.)
Zwei Töne, die sich rhythmisch wiederholen,
hörst du als Zuruf gleich und als Signal.
In drei Tönen findest du den Keim des Lieds,
mit seiner Freude, seiner Trauer, seinem Schwung.
Wenn tausend Regentropfen schwätzend niederplätschern,
opferst du die Bildung schöner Muster
dem Gefühl verwöhnter Traurigkeit.
Das feinere Organ ist leichter reizbar, irritabel.
Der grobe Klotz, kommst du ihm
mit dem Stichel feiner Ironie,
rührt sich nicht, bleibt stumpf und stur.
Das liebestolle, junge Herz
schwebt aufwärts in den Kringeln
des Rauchs der Zigarette –
glaubt, seine Liebesglut erlösche
mit ihrem letzten Zischen.
Der feiste Wüstling lechzt nach derben Zoten –
der zarte Jüngling wird schon rot,
wenn nur ihr Name wird genannt.
Spritz einen kleinen Klecks auf den Vermeer,
das ganze Bild ist hin, verschandelt.
Piss einmal über den Pollock-Schinken
einen diffusen Strahl, er steigt im Wert.
Bei einem mäusewispernden Singsang
reckt sich dein Ohr nach Eselsohrengröße.
Das arge Krachen atonaler Bläserfürze
verursacht mir Brechreiz und Kopfweh dir.
In der Mitte sei ein Plätzchen uns vergönnt
zu einem feinen Picknick in der offenen Arena
von Verona, wo man uns, wir sind halt frohe Spießer,
mit Toscas süßen Melodien reich beglückt.
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