Wie werden deine Worte schlichter
Wie werden deine Worte schlichter,
wenn wolkenloser Himmel blaut,
wie wird der Schnee der Worte lichter,
wenn Sonne ihre Flocken taut.
Es leuchten Früchte auf den Pfaden
in deiner Verse Abendzeit,
und einer Spinne Silberfaden
umwickelt ihr betautes Kleid.
Auf Wassers weichen Nachtgesängen
treibt deines Wortes Knospe hin,
es öffnet Mondes Untergängen
erschauernd sich ein süßer Sinn.
Und reißt die Welle dich in Klüfte,
ins Dunkel ohne Wiederkehr,
die liebend du gehaucht, die Düfte,
ein Wind trug sie ans Ufer her.
Der Wein der Erinnerung
Du siehst der Knospe kleine Sonne leuchten,
im Wind die weichen Blütenblätter beben,
die Blumenwangen röten frisches Leben
und Tropfen trockne Lippen mild befeuchten.
Sieh auch die große Sonne deines Lebens,
erfühle nur den hohen Sinn der Strahlen,
er wirkt auf grünen Pfaden nicht vergebens,
auch wenn im Wintermond die Seelen fahlen.
Es neigt die weiße Blume manchen Traumes
auf Wassers dunklen Spiegel sich hernieder,
ein Schauer überrinnt die zarten Glieder,
ein Sang entquillt der Einsamkeit des Raumes.
Und scheint erloschen Licht und Duft der Bilder,
der Schimmer früher Gärten wie versunken,
am Abend leuchtet dir ihr Abglanz milder,
hast du Erinnerns goldnen Wein getrunken.
Es dunkelt schon die Lust der Glieder
Wozu denn durch das Schattendickicht streifen,
wenn wir zu Hause trockne Pollen finden,
wir können nicht wie süße Früchte reifen,
die gelbe Sonnen drängen, sich zu ründen.
Wozu für Blume, Tier und Menschen Namen,
sie wehen hin wie lose Blütensamen.
Wir gingen einsam durch die Traum-Alleen,
im Herbst des Herzens gilbten schon die Blätter,
und immer taucht ein Mond in ferne Seen,
und immer zackt auf Matten Gottes Wetter.
Wozu denn atmen, ahnen, Zeichen schreiben,
Eisblumen tauen sie auf warmen Scheiben.
Nacht kommt, es dunkelt schon die Lust der Glieder,
zerbrochen ist der Ring der Weihezeiten,
und seiner Mitte Leere tönt nicht wieder,
der Tau der Knospe will ins Innre gleiten.
Wozu denn atmen, reden, etwas scheinen,
wenn Veilchen auf vergeßnen Gräbern weinen.
Wenn wir im Dunkel liegen
Wir sind’s ja nicht, die singen,
wenn dürre Lippe quillt,
die Spende, die wir bringen,
gebührt umkränztem Bild.
Die Schwingen, die sich regen,
sind sie am Hauch erwacht,
betaut ein milder Segen,
zu funkeln grüner Nacht.
Nicht wir, es sind die Quellen,
von Moosen weich umringt,
die Trübsal zu erhellen,
was blauen Fernen singt.
Scheint uns der Geist gespalten,
der Seele Mund verstimmt,
soll uns am Abgrund halten
die Rose, die noch glimmt.
Wenn wir im Dunkel liegen,
rauscht fernes Strömen tief,
was uns der Tag verschwiegen,
ein Gott war, der uns rief.
Das Lilienwappen
Foy, Chevalerie, Sapience
Der hohen Gnade Zeichen,
die Lilie, königlich,
ein Engel durfte reichen
aus himmlischen Gefilden,
ein Wappen sich zu bilden,
dem König Chlodewich.
Die Lilie leiht dem Throne
der Anmut süßes Licht,
sinkt auch herab die Krone,
ihr Zauber dunkelt nicht.
Die Lilie wuchs auf Wiesen,
der Jungfrau reiner Sinn,
wo klare Wasser fließen,
und Falter schöner schweben,
erlöster Seelen Leben,
um ihre Königin.
Die Lilie leiht dem Throne
der Anmut süßes Licht,
sinkt auch herab die Krone,
ihr Zauber dunkelt nicht.
Denk doch, die sie verdrängte,
der Trikolore nach,
wo roher Sinn sich sprengte
die häßlich-grellen Farben,
die Edelmut verdarben,
Europas große Schmach.
Die Lilie blüht noch immer,
von Sehnsucht überblaut,
sie gibt noch Duft und Schimmer,
von Tranen sanft betaut.
Stilles Schauen
Wie lange wir aufs Wasser schauten,
am Moos der Mauer, warm vom Tag,
und uns am Abendstrahl erbauten,
der auf dem grünen Wasser lag.
Und fern in jene zarten Matten,
von Krokusblüten überhaucht,
die morgens wir gesehen hatten,
war Mondes Wanderstab getaucht.
Schon hatte auf der Frucht der Reben
die Dämmerung den Tau gebleicht,
wir fühlten, wie das warme Leben
vor kühlem Sternenzauber weicht.
Das Sonnenlicht, des Stromes Rauschen,
sie hatten alles uns gesagt,
wir mußten groß nicht Worte tauschen,
und Stille war, da keiner klagt.
Der Strahl, das Wasser waren Zeichen,
die uns mit hohem Sinn genährt,
kein Mühen kann das Glück erreichen,
das stilles Schauen uns gewährt.
Der wehe Hauch
Wir saßen auf der Gartenbank,
die hellen Kirschenblüten fielen,
des lauen Windes Duft-Gespielen,
ein Schauer ging durchs Blattgerank.
Und manche hing in deinem Haar,
die ich wie mondne Flocken pflückte.
Wie feiner Duft, der leicht entrückte,
war was du sagtest, warm und wahr.
Ich aber schwieg, und meine Hand
grub sich ein Schlafnest in der deinen.
Als müßten wir wie Kindern weinen,
zog ein Geläute übers Land.
Es dämmerte, ein goldner Wein
rann in den Kelch der Abendstunde.
Der wehe Hauch aus Blumenmunde
schloß uns in eine Knospe ein.
Der Wurm
Der Wurm, er nagt im Herzensgrund,
wir spüren dumpf des Zahnes Grauen,
wir können diesen Wurm nicht schauen,
doch fühlen wir uns nicht gesund.
Und hat er sich zur Nacht gelabt,
ist unser Träumen voller Grauen,
wir können diesen Wurm nicht schauen,
er ist ein Wurm, doch geistbegabt.
Sein Gift macht unser Sinnen weich,
ein Mißklang mindert unser Sagen,
die Blüten, die wir heimwärts tragen,
sind auf der Schwelle welk und bleich.
Ein Gegengift nur glüht im Wein,
Gesanges Kelch an Weihetagen,
in Blumen, die zum Bild wir tragen,
der Liebe Blicke, wahr und rein.
Sind Stirn und Lippe uns erblaßt,
und fern und ferner ebbt das Tönen
von Glocken, die mit Gott versöhnen,
betäubt mit Gift noch, was uns haßt,
flehn wir um Engels sanfte Hand,
mit Öl das Antlitz uns zu schönen,
das Haupt mit einem Kranz zu krönen.
O Tränen, löscht des Herzens Brand.
Blätter abgetanen Lebens
Wir haben nur den Himmel, wenn er blaut,
den Duft, der aus der Kindheit Gärten weht.
Wir lauschen noch dem Glucksen, wenn es taut,
und sehn, wie Mondes Lilie untergeht.
Schon Halmes Schwanken, gar ein Blütenschnee,
der Glanz, der zwischen Uferweiden lockt,
macht uns verlegen, tut im Herzen weh,
und unsres Sagens banger Rhythmus stockt.
Was schweigend auf der Nacht der Ströme treibt,
sind Blätter abgetanen Lebens, sind,
die einst in vollen Knospen sich verleibt,
des Liedes Blumen, deren Duft so lind.
Das schmerzlich Schöne
Die Halme hat ein Hauch bereift,
auf fernen Matten sinnen Strahlen.
Die nur der hohe Geist begreift,
entschlafen sind des Lebens Qualen.
Die Sonne, die uns hold genährt,
ist schon in blaue Nacht gesunken.
Der Kelch des Festes ist geleert,
den Wein, wir haben ihn getrunken.
Wenn Einsamkeit bei Sternen wohnt,
hebt dunkle Quelle an zu klagen,
und seine Lilie senkt der Mond
auf Wasser, die sie heimwärts tragen.
Dem Aug, das innig angeschaut,
das sanfte Bild des schmerzlich Schönen,
hat Dichters Sinn es anvertraut,
mag es verschwimmen auch in Tränen.
Zart gemalt auf Scheiben
Nicht mögen wir ein Sehnen mischen
in goldnen Abends stilles Bild.
Wie trügen Dünste und verwischen
das Blau, das aus der Höhe quillt.
Wie Engel, zart gemalt auf Scheiben,
ihr Fittich rauscht der Nacht allein,
so wollen wir im Schatten bleiben,
betasten nicht, was atmet rein.
Und tragen uns wie Blüten Wasser
die Bilder unsrer Kindheit fort,
o Blüten immer blaß und blasser,
der Duft verweht von jenem Hort.
Wie Saaten hoher Sommertage
ward hingemäht, was wir vermeint.
Doch blaut der Himmel ohne Klage,
auch wenn die dunkle Quelle weint.
Elegisch
Tiefe des Augenblickes im Zögern, im Zittern des Tropfens,
während im Abendhauch willig die Blüte schon schwankt,
und ein süßer Schauer geht durch den Blutkelch der Rose,
löst sich vom Saume der Glanz: lichtet das Dunkel ein Klang.
*
Einst, die uns sangen, einst am Ufer, aus Schilfen die Wasser,
und dein Fuß glitt weich über die Moose des Pfads,
waren es Stimmen der Toten, Geister, die auf uns warten,
und dein Auge, es gab Antwort, feucht schimmernd dein Blick.
*
Die Nische, schattiger Schrein, wo einst der Engel gestanden,
und sein leuchtender Blick hob aus dem Dunkel den Schmerz,
fromme Hand, die weißer Blüten Dank ihm gestreut hat,
leer ist die Muschel des Lichts, lange verdorrt schon die Hand.
*
Wie uns südlicher Buchten Blütenlippen behauchten,
dämmernder Wellen Schaum sprenkelte bronzene Haut,
aber von schwimmenden Inseln, versteckt hinter rötlichen Ranken,
tönte die Abendmusik, atmendes Holz und ein Horn.
*
Ging im herbstlichen Rebenhügel, es troff von den Trauben
Tau und dunklerer Glanz kam von den Wassern des Rheins,
ging mit dir nicht, ein warmer Schatten, der Engel der Liebe,
auf den Lippen das Lied, das dich ans Ufer geführt?
Die tragischen Masken
Schäumt ihnen gleich von bunten Blasen die wulstige Lippe,
ekelt empfindsamen Sinn doch ihrer Phrasen Gestank.
Wanken sie auf Kothurnen daher, den Stelzen des Dünkels,
und es baumelt der Zopf albern gefärbt im Genick,
werden sie gleichwohl die Masken im Matsch des Chaos verlieren,
und das Gestöhn ihres Wahns weht in den Abgrund der Sturm.
Heuchler, die wähnten, sie wären des Weltgeists tragische Masken,
müßten den bacchischen Wein panschen mit süßlichem Sud,
wie am Ende sie nackt auf allen Vieren hinkriechen,
zeigt: der Sinn ihres Tuns war nur ein komisches Spiel.
De gustibus disputandum
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wer auf der Schwelle zögert, wird im Gespräch verstummen.
Wer zu zaghaft und kaum hörbar anklopft, dem wird nicht aufgetan; desgleichen, wer wütend gegen die Türe hämmert.
Sicherheit des Geschmacks ist ein Adelszeichen.
Geschmackssicherheit ist der Trittsicherheit vergleichbar, beides ist dem Gedeihen des Lebens bekömmlich.
Der Gaumen trifft instinktiv die Wahl zwischen der verdorbenen und der nahrhaften Kost. So weiß der Kenner zwischen dem surreal schillernden Fäulnissud des Spätstils und dem funkelnden Wein des klassischen oder dem klaren und nüchternen Wasser des primitiv-archaischen Stils zu unterscheiden.
Gefällige Ordnung der Vasen und Bilder, monochrome und fein geschwungene Ornamentik auf Tassen und Tellern, verhalten atmender Blumenduft: Zeichen guten Geschmacks.
Kritik, Polemik, die Häufung der Fragen nach dem Weshalb, Wozu, Wohin: Zeichen verunsicherten Daseins, das seinen dunkelnden Horizont mit grellen, phosphoreszierenden Bildern verstellt.
Kunst als Droge: betäubender Rhythmus, bacchisch schwirrende Zymbeln, Farbmischungen von der Palette des Todes, dünne, krakelnde Linien, Späne des Albtraums, gemasert und gemustert vom Magneten der Angst.
Verlust der Mitte: dürr oder verfettet, Hauch oder Sturmwind, Metaphernflöckchen oder Phrasenhagel, Lallen oder Gebrüll, Grases Wink oder Gases Knall.
Bacchus kommt schon betrunken zum Gastmahl und liegt in Zuckungen unterm Tisch, wenn der ergraute Sokrates rüstig in die Morgensonne schreitet.
Der Argwohn gegen den Ritus und der Haß auf die Ordnung einen den Heißsporn und den Haltlosen, den Sabbat- und Sonntagverächter und den Sansculotten des Geistes.
Es sind nicht mädchenhaft zarte Kehlen, die das strenge Metrum der Ode und das schimmernde Band des Refrains als engend und würgend empfinden, sondern von Dünkel und Trotz geschwollene Hälse krakeelender Knaben.
Unsicherheit des Tritts ist auch ein Zeichen von Lähmung und Blödigkeit; ebenso der Graue Star des künstlerischen Blicks.
Sie wissen nicht, wohin sie die Zeile führt, wohin die losgelassene Furie der Assoziationen sie reißt, ob in den Sumpf verrottenden Gestalten oder zum Talmiglanz und Flitter karnevalesker Umtriebe.
Sie harren des Lobes und der Auszeichnung mit einer Tapferkeitsmedaille von Händen des Präsidenten der Akademie für Dichtung, wenn ihr Ziel für unerreichbar gilt, ihr Gang ein Stolpern und Stottern durch finstere Labyrinthe und ihr Metrum der panische Puls der Tachykardie ist.
Nach der Verwüstung der von bodenständigen Winzern gepflegten Rebengärten kommen die Nomaden von Ampfer, Lattich, Mohn und Bilsenkraut.
Der köstliche Wein des Horaz, der billige Fusel der Journale.
Köstlich ist der Wein der Verse, der kein Kopfweh und keinen Schwindel verursacht und nach dessen tröstendem Zuspruch man nicht mit einem Kater erwacht.
Das schlichte Wort wird in der Hand des Meisters kostbar wie der fehlende unscheinbare Stein im Mosaik.
Die raffiniert lässig geschminkte Schönheit, die mit lang geübtem schizoid-verstörten Blick den Lyrikpreis entgegennimmt, trägt über den Laufsteg der Haute Écriture sich in den Hüften wiegend ein Fetzenkleid von ihrem Schoßhündchen zerbissener Metaphern und unter der gebuchten Sonne tropischer Langeweile gebleichter Muster.
Wenn Leute sich als Juden ausgeben können, die am Schabbes im Kino und in der Kneipe hocken oder ihre ominösen Nasen in die Betroffenheitskamera strecken, dann dürfen sich auch Leute ihrer ekklesiastischen Erwähltheit rühmen, die sonntags faul im Bette lungern, wenn die Glocken zum Hochamt erschallen.
Die goldenen Körner der Namen, die, kaum daß man sie streift, aus den Fruchtkapseln reifer Prosa springen, die sanften Blütenrispen der Metaphern, deren holder Duft aus den schön gerahmten Beeten der Zeilen steigt, sind ein Zeichen des hohen Stils eines Herder und Goethe.
Der rechte Name ist die weiße Blüte, die auf dem glitzernd strömenden Wasser klassischer Prosa treibt.
Mit „Goethe“ ist ein Kontinent bezeichnet, mit „Homer“ eine Welt.
Mit „Linné“ ist eine steile Klippe bezeichnet, von der ein Wanderer auf die gischtende Brandung des immer zeugenden Lebens herabblickt.
Die Pflanzer, die Bauern, die Winzer schaffen die Kultur, und der Stil ihrer Krüge und Amphoren ist schlicht, die einfachen Rhythmen ihrer Lieder tragen sie über die Furchen des Ackers und die gewundenen Pfade des Wingerts bis auf die sternklare Schwelle der Nacht.
Das Herz des Ritters ist noch wild, er bedarf des sänftigenden Weins der epischen Verse.
Die Bewohner der urbanen Villen sind niedergelassene Händler, ihr überfeinerter Geschmack empfindet den schlichten Wein der heimatlichen Gesänge als fade, sie dekantieren die bunt bemalten Flaschen von exotischer Lese, die sie aus den Kolonien mitbrachten.
Lyrik-Mädchen mit verstörtem Blick, das vom Laichen gleich zum Leichnam springt. – Gewiß, bizarre Schönheit findet ihre Verehrer unter den Matadoren des Literaturbetriebs.
Die Namen und die grammatischen Kategorien bergen die geheime Ordnung des Lebens, an der nur der Lebensmüde und der dämonisch Besessene Anstoß nehmen.
Die Kategorie des grammatischen Geschlechts zählt unter die Muster des Lebens, wie wir es leben, nicht zur Natur der Dinge an sich. So teilen wir die alte indogermanisch-trinitarische Ordnung der drei grammatischen Geschlechter mit den klassischen Sprachen, während die romanischen sich mit der Dualität begnügen (das Englische hat das archaische Muster schon an den Nagel der Bequemlichkeit gehängt oder mit Ockhams Rasierklinge abgeschnitten). Es geht dabei nicht um die Natur von Männern und Frauen, wie es dumpfe Unken aus der moralischen und geistigen Dämmerung rufen, sondern um die Struktur des menschlichen Geistes, um an einen Sachverhalt zu erinnern, den der Ethnologe Claude Lévi-Strauss anhand der Grammatik der Verwandtschaftsverhältnisse aufgewiesen hat.
Mit dem Ende der Kultur brechen die Barbaren ein; doch hierzulande sprossen sie auch autochthon wie das Unkraut im der Verwilderung anheimgegebenen Garten.
Der Mythos hob die Griechen in den Strahl, der golden und purpurn von beschneiten Gipfeln brach.
Uns bleibt nur die Erinnerung an die grünen Oden der Flüsse oder die Dunkelheit des brackig-stummen Wassers, das sich gefährlich am Bollwerk der Gegenwart staut.
Hierarchien sind der Hemmschuh des Chaos, der Katechon seelischer Verwüstung und sozialer Verwilderung.
Die aus dem Morast auf die Befehlsstände Emporgerückten bleiben die Niederen, Räuber und Parasiten, wie jene Deutschen, die sich unter dem blendenden Schein einer neuen Ordnung an fremdem Eigentum bereicherten.
Wer sich an allzu scharfen Gewürzen den Magen verdorben hat, muß den harten Kanten der Genügsamkeit kauen.
Jener, der sich vom schäumenden Gepränge festlicher Verse hinabbeugte zu den eintönigen Wogen des Lieds.
Als der Wundertäter beim Gastmahl zu Kana das wenige Wasser in überströmende Krüge Weines verwandelte, gab er nicht dem tierischen Wunsch der Darbenden nach paradiesischen Räuschen nach, sondern setzte ein Zeichen seiner charismatischen Macht zur Verwandlung der Welt und zur Wende der Zeit.
Das Fest der Götter und Menschen, mit dem der Dichter die Wende der Zeit beschwört, weiß von keinen schwer beladenen Tischen, die von Wildbret und Champagnerwein duften und glänzen, sondern kennt als heilige Speise einzig das im Gesang mitgeteilte Wort.
Eine rhetorische Frage ist keine Frage; ein verlogenes Versprechen ist kein Versprechen; ein mißglücktes Gedicht ist kein Gedicht.
Der Wegweiser, der auf sich selber zeigte, gäbe keine Orientierung.
Leute, die nur von sich reden, langweilen meist, denn der Vorrat ihrer wirklichen oder angelesenen Erlebnisse ist rasch erschöpft. – Das Gedicht, das nur vom Dichten spricht, führt uns am glitzernden Band der Eitelkeit im Kreise herum.
Die Diagnose „hermetisch“ für ein als erlesen verbuchtes und erfolgreich in den Handel geschleustes Gedicht ist meist eine Verlegenheitsgeste vor seiner dürftigen Aussage und ihrem in Nebelfetzen aufgelösten oder von wallenden Schleiern verhüllten Ausdruck.
Was haben jene zu sagen, die, was sie sagen, nur in zerbeulten und fadenscheinigen Lumpen oder durchlöcherten Jacken vorführen?
Bettler halten die Schale schweigend hin. – Echt klingt das Lied, das ein generöser Passant wie die Silbermünze in die leere Schale wirft.
Das Echtheitssiegel des guten Gedichts: Wenn man es wiederlesen mag, wenn es beim erneuten Lesen anders klingt, anders gefällt. – Wer will den gepanschten Wein, der einem Kopfweh bereitete, am nächsten Tage wieder trinken?
Die Kultur der Juden wurzelt in der Unterscheidung von Eßbarem und Nichteßbarem, von Rein und Unrein, Heilig und Profan; ihre Wurzel ist abgestorben, wenn auch ihnen gilt: pecunia non olet.
Das Geld, das keine Grenzen der Nationen, Völker, Sprachen und Kulturen kennt, zersetzt schließlich auch den Geschmack für die schöne Kunst und das gute Gedicht, denn da auch das lyrische Gedicht zur Handelsware herabsinkt, da auch seine flüchtige Schönheit käuflich ward, und es nicht mehr zur höheren Ehre des Fürsten, Gottes oder des Lebens komponiert und gesungen wird, muß es, grell geschminkt, mit freizügigem Dekolletee und wackelndem Hintern, nicht nur den vulgären Geschmack des ungebildeten Bürgers und des dekadenten Freiers aus den Feuilletons und Literaturmagazinen reizen, sondern auch den launigen Zuhälter-Gusto des Verlegers übertölpeln.
Der Dichter ist gehalten, um sein Dasein zu fristen, dem verrohten oder entfesselten Geschmack eines Publikums und von Lektoren und Rezensenten wie der Priester durch sein Gespür für das Säuseln der Eichen von Dodona instinktiv nachzuwittern, von Händlern und Verlegern, die ihm des Reibachs und Renommees wegen lobhudeln und um deren ästhetischen Stiefel er wiederum wegen der Villa in der Toskana oder der verwöhnten Geliebten im Westend speichelleckerisch wedelt, und vor allem von Preisrichtern, die gleich Radamanthys, Aiakos und Minos sein Dichterleben auf die Seelenwaage ihrer unterweltlichen Kriterien legen, um über den Rang und Wert seines unwirklichen Daseins im literarischen Schattenschilficht zu befinden.
Man denkt, es war die Sonne, die in aller Unschuld ihres Strahlens die schönen, leuchtenden Muster der Tapete ausgebleicht hat; aber dann entdeckt man zu seinem Entsetzen, es war, der von innen wächst und wuchert, der Schimmel in der Wand.
Öffne nur das Fenster, Liebe
Ja, öffne nur das Fenster, Liebe,
schon spielt die Luft, die sommerlaue,
mit deinem Haar, das Herz, das trübe,
erheitert dir die veilchenblaue.
Schließ nur die Augen und erfühle,
wie warmer Sonne Hauch dich kose,
und käme dir von Wassern Kühle,
gib dich dem Schauer wie die Rose.
Mag Flieders trunkner Odem reichen,
in Traumes Gaze dich zu hüllen,
ein Abendstrahl die Saite streichen,
mit goldnem Klang dich zu erfüllen.
Und streckst du dich auf weichen Sammet,
daß offen nur das Fenster bleibe
und weiße Blüten dir entflammet
der Mond auf deinem weißen Leibe.
Der neue Bund
Die Himmel trugen blaue Seide,
die weiche Lüfte manchmal rafften
zu Funkenknäueln leisen Knisterns,
im Hauch der Kräuter schlief die Heide.
Es flammten noch die goldenen Zungen
des Ginsters in die Dämmerung,
uns war, da wir sie kaum berührten,
als hätte uns das Licht gesungen.
Wir stiegen schweigend zur Kapelle,
die wie des Mondes bleiche Muschel
auf dem Moränenhügel schwebte,
und frommes Bangen nahm die Schwelle.
Es floß der Purpurwein der Gnaden
In unsrer Augenkelche Dunkel,
wir durften unsre starren Wunden
im Strahl des hohen Bildes baden.
Und als wir durch den Ginster gingen,
erglänzte Tau auf seinen Lippen,
wir schieden, neuen Bunds Geschwister,
von ferne hörte ich dein Singen.
Abend am Totenmaar
Nebel-Stimmen überm Maar,
fahle Lichter toter Seelen,
ruheloser Geister Schar
flattert in den Dämmer-Höhlen.
Seufzen, das am Ufer quillt,
Atem aus den Brodem-Becken,
Perlentropfen, giftgefüllt,
die den Flaum der Schwäne flecken.
Und du hier, mein Sonnenkind,
sind die Brüder denn ertrunken,
weißt du nicht, wie Rosen sind,
Schwestern, die mit Kronen prunken?
Flockt auf Pfade Blütenschnee
an den Wassern sanfter Sänge,
schmilzt auch dir das dunkle Weh
unterm Glanz der Traubenhänge.
Die Täubchen
Hier gingen wir einst Arm in Arm
auf weichen Moosen unter Lauben,
ein Gurren hatte soviel Charme,
es kam von kleinen Turteltauben.
Wir gingen schweigend vor uns hin,
es lag in deines Blickes Funkeln
mehr als in Worten heller Sinn,
den neue Worte leicht verdunkeln.
Du hast uns Beeren abgepflückt,
und manche streutest du ins Grase,
damit ein Täubchen sie aufpickt.
Wie blaute uns des Himmels Gaze.
Nun ist das Himmelsblau verdeckt,
von dunklen Schleiern überzogen,
kein Gurren, das die Herzen neckt,
die Täubchen sind dir nachgeflogen.
Mondsichelmadonna
Im Mai gehst du, das Bild zu finden,
bemoosten Pfad im Blütenschnee,
der wehte unter lauen Winden
aufs Gras herab und fetten Klee.
Gedächtnis hat den Sinn erweichet,
die Abendluft ist sehnsuchtsblau,
die schönen Lilien keusch erbleichet
trägst du zu Unsrer Lieben Frau.
Dort überm dämmernden Altare
ist sie von Feuerduft umweht,
daß er sich mit der Anmut paare,
der Mond ist es, auf dem sie steht.
Und was sich unterm Fuß ihr windet,
das Ungeheuer mit dem Horn,
mit Blicken, daß dein Herz erblindet,
erlahmt an ihres Geistes Sporn.
Ein golden Licht umspielt die Locken,
ihr Blumenmund sagt Wahres zart,
es schneien ihre Gnaden-Flocken
auf unsre dunkle Erdenfahrt.
Du legst die Lilien ihr zu Füßen,
ihr Leuchten kam aus dunklem Keim,
du wendest dich, die Nacht zu grüßen,
und unter Sternen gehst du heim.
Poetik des Wassers
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Als wären die Wimpern gezählt.
Und die daran schwebt, die zögernde Träne, ist wie der Augenblick des Gedichts, bevor es den Glanz ins Dunkel niederrinnen läßt.
Vollkommenheit des Lebens zeigt sich am harmonisch gegliederten Leib.
Der Bau der Pflanzen und Tiere ist vollkommen.
Der Bau der Pflanzen und Tiere ist ein architektonisch-rhythmisches Modell des Gedichts.
Korrespondenz von Herz und Hand, Atem und Gefühl.
Korrespondenz von Metrum und Rhythmus, Herzschlag und Atem.
Maserung des Blatts, unentzifferte Inschrift des Lebens.
Gott langweilt sich nicht in seiner monotonen Ewigkeit, sondern erfährt und entziffert und vernimmt sich in den Körpern und Sprachen seiner Geschöpfe.
Verwischte Zeilen kann man freilich nicht lesen.
Die schwere Zunge des Epigonen, vom Fusel der Journale ins Stammeln geraten, gibt uns kein Maß für das Rauschen goldener Oden-Ranken.
Wohlgefügtheit und Wohllaut sind Apollos Gaben für das Glück des Gedichts.
Ein jeder Mißklang weist auf einen Sprung im Gefäß des Gedankens.
Die verstimmte Seele muß man ruhen lassen.
Wenn sie zu singen genötigt wird, kommt nur ein Krächzen aus verzerrtem Munde.
Das Wasser ist die keusche Muse des Sängers.
Das Wasser seufzt und flüstert, das Wasser gluckst und murmelt; manchmal stockt es wie erschrocken, dann wieder strömt es heiter zwischen Ufern von Eppich und Lilien dahin.
Der Tau des Blütenblatts ist wie der scheue Glanz des dichterischen Bilds.
Das Wasser, in dem der Staub des Unsäglichen hinweggespült wird, ist die Mikwe des Gedichts.
In der Jauche des Geredes gilbt der Fittich des Schwans.
Das Wasser glitzert, wenn es der Strahl der Höhe weckt.
Die Aggregatzustände des Wassers sind mythische Bilder für die Seele des Gedichts.
Der grüne Teich der Elegie, der unterm Mondlicht blaßt; der Gipfelschnee des Hymnus, der von Rosen des Abendlichtes blüht.
Der Rhythmus staut sich stäubend wie der Bergbach am Fels, er ründet und klärt sich wie das grüne Auge des Alpensees.
Das begradigte Flußbett wird unfruchtbar.
Das Metrum ist keine künstliche Uferbefestigung, auf daß der Fluß der Verse schneller ströme.
Die ruhig auf ihm schwimmt, die Blüte kann das Wasser nicht verneinen.
Die Sprache des Gedichts verknotet kein Nein, kein Nie und kein Obwohl.
Auch wenn wir am unaufhaltsamen Gang des Wassers die Neigung der Schwere verspüren.
Daher die Schwermut, die allem Schönen als Schatten des Vergehens eingewoben ist.
Die Zunge kann, die sie genährt, nicht verneinen, der Heimat köstliche Laute.
Die Brandung ist betäubend, die Welle klatscht an den Kai, der Tropfen klingt und zerspringt, die leise getaumelt, die Flocke schmilzt hin.
Die den reinen Quell mit Unsinnsmüll verschmutzen und dem Ausfluß siecher Seele, werden nicht verklagt, sondern – sic gloria transit maiorum – mit Preisen dekoriert.
Ausschlags fleckige Sonnen, Knospen verrotteter Sümpfe, bizarre Zeugnisse geistiger Zerrüttung und sprachlicher Verwilderung werden in Anthologien abgedruckt, aus denen – Gott sei Dank – die Gedichte eines Hofmannsthal oder George verbannt sind.
Wie Wasser, die Gras und Knospen nähren, sind des Wohllauts Wellen, die an den Ufern der Nacht den Schimmer sanfter Träume spiegeln.
Wie der Besessene den hohen Ruf der Glocken schmäht, verlacht der kranke Geist das Schluchzen der nächtlichen Quelle.
Wie das dürstende Reh den Tau der Moose leckt, erquickt die Sehnsucht sich am Lied.
Das Glück des Gedichts ist wie mit offenen Augen in grün leuchtende Wellen tauchen.
Dichten ist wie das Spiel der Knaben, die kleine Boote aus Papier auf sanfte Wogen setzen; und sie gleiten dahin, wer will sie halten, sie verschmelzen mit dem bunten Schaum und verblassen in der Dämmerung.
Dichten ist wie das schöne Tun der Frommen am Indus, die dem heiligen Wasser kleine Lichter auf Blumenschalen anheimgeben; und sie gleiten dahin, wer will sie halten, ihr Flackern verschmilzt mit dem Dunst der Dämmerung und verlischt in der Ferne.
Dichten ist wie das Blumenopfer der schönen Frauen auf Bali, die dem Bild des lächelnden Gott-Jünglings Blüten streuen, Kerzen und wohlduftende Körner entzünden und ihm mit dem transparenten Wallen ihrer Schleier huldigen.
Wenn die Zeile unlesbar ward durch ein Seelenwasser, magst du den Sinn, dem es geflossen, wohl noch erraten.
Das Gedicht ist wie das einsame Licht in einem schmalen Fenster an jenseitigem Ufer.
Treue ist wie der Gedanke daran, die Blumen wieder mit frischem Wasser zu erquicken.
Mit Mund und Zunge bilden wir den Laut, doch auch mit Speichel, und ob er nährend oder giftig ist, entscheidet, wie wirʼs meinen.
Wenn wir in der Dämmerung den Fluß entlang gehen, weht mit des Wassers Hauch das Geranke unsrer Seele.
Ein Tropfen Gnade in der Wüste des Geistes, und ein Grün keimt auf.
Ist der Himmel bleiern und rings die Erde wüst, erflehen wir den Tau der Nacht.
Den Sterbenden, der schon verstummte und dessen Lippen rissig sind, tränkst du zum Abschied noch mit klaren Lebenstropfen.
Das Wasser trägt die leichte Blüte, das schartige Messer versinkt.
Die moosgrünen Funken, die Tupfen Goldes, die auf den Mosaiken des Brunnens zittern, die rosigen Seufzer, die im Schlafe kleiner Veilchen Lippen öffnen, sind wie Schuppen eines Nymphenlieds.
Der Gott der Hirten
Sein Blick so starr wie einer Eule
folgt dir im Dunkel bis nach Haus,
und witterst du im Traum die Fäule,
ist es der Balg der toten Maus.
Sie schnitten ihn aus Eichenbohlen,
ein Klotz auf einem kahlen Stein,
verrieben Mennige und Kohlen
und strichen sie auf Stirn und Bein.
Gekröse war die Opfergabe,
sie sprengten ihm das dunkle Blut,
und daß er nächtens Sonnen habe,
entfachten sie in Schädeln Glut.
Sie wühlten durch die Asche Rinde
und rieben sie der Kuh, dem Weib,
daß neue Frucht ihn wieder ründe,
zur Sonnenwende auf den Leib.
Und wurden bleich des Gottes Glieder,
sein Aug vom Schnee des Mondes blind,
ertönten rings die Hirtenlieder,
die trunken und voll Schwermut sind.
Es ducken sich vor diesem Götzen
das Reh so scheu, das Lamm so bang,
und nur die sich am Blute letzen,
reizt dieses Scheusal zum Gesang.
Denn seiner wilden Blicke Rede
hetzt sie zum Kampf um Vieh und Mal,
wie Liebeswahnsinn rast die Fehde,
der Vorzeit Flamme flackert fahl.
Er kehrt zurück, der Gott der Herden,
in Hinterhöfen schwelt sein Brand,
ihm müsse neu geopfert werden,
erheischt das Zeichen an der Wand.
Die helle Nacht
Wie rein Erblühte Anmut künden.
Die Nacht ist hell von Blütenschaum.
Die sich um schwarze Borke winden,
des Efeus Ranken flüstern kaum.
Wir liegen auf dem Vlies des Maien,
und kommt vom Fluß ein sanfter Hauch,
sinkt aus dem Dunkel stilles Schneien,
hüllt bräutlich den Holunderstrauch.
Der Blütenschnee ist wie dein Schweigen,
ein Leuchten, rein und namenlos,
wenn sich mir deine Lippen neigen,
sagt mir ein Tau von dunklem Moos.
Und haben milchig-bleiche Strahlen
der Geister Schatten aufgeweckt,
sehn wir die weißen Blüten fahlen,
von Mondes Küssen süß erschreckt.
Wir gehn den Uferweg, im Osten
beträufelt Wolken roter Wein.
Mit Blüten, dunklem Grund entsproßten,
war helle Nacht des Glückes Hain.
Ihr weichen Liebesblicke
Ihr weichen Liebesblicke,
ihr Veilchen, traumbetauet,
wenn ihr dem leisen Glücke
zu öffnen euch getrauet.
Ihr scheu erglühten Wangen,
Magnolien keusch geründet,
wenn dämmerndes Verlangen
in Knospen sich entzündet.
Ihr Lippen, die erbeben
wie rote Zwillingsrosen,
wenn Falter sie umschweben
in Sommern, wolkenlosen.
Ihr Hände, warme Schalen,
gleich einer Glucke Flügel,
die blassen Stirnen malen
der Treue Abschiedssiegel.
Auskunft und Ankunft
Wir sind die Gaffer nicht in Platons Höhle,
wir sehen keine Schatten an der Wand,
wir sind die Gaukler nicht beim Schattenspiele,
es funkelt unser Geist in Blickes Glanz.
Die Sonne, die uns scheint, ist wahren Scheines,
das Herz, das in uns schlägt, ist Lebensglut,
und wenn das Blut im Dunkel muß erkalten,
sag unser Auge dankbar sein Adieu.
Wir reden nicht mit äußerlichen Lauten,
denn was wir meinen, ist das Erz der Tat,
und trübte Unsinn eitlen Atems Welle,
zerläuft sie ungestalt im öden Sand.
Wir suchen im Gewirr der Lebenslinien
nach dem Gesicht, das sich darin verbarg.
Das Innre liegt dem hellen Auge offen,
wer Dunkles ahnet, darf verschwiegen sein.
Wir fühlen wahrer uns im Kampf um Zeichen,
und was wir schmücken froh im Zeichendienst
an Wappen, Siegeln, Fahnen und Emblemen,
veredelt unsre Lust, bekränzt das Leid.
Wir tasten blind nicht nach dem Rettungsfaden,
der aus dem Labyrinth der Träume führt,
wir gehn im Freien unter hohen Feuern
den Pfad der Blumen bis zum kahlen Stein.
Wir hören Wahres, wenn die Wasser singen,
nicht trügt der Duft der Veilchen, nicht der Gruß
des Lächelns, den uns Freundlichkeit erweist.
Wir fragen nur, was Auskunft uns mag geben,
ein Blick der Liebe soll die Antwort sein.
Wir geben keinen Heller auf die Phrasen
aus einem Mund, der hohlen Trost verspricht.
Denn haben wir uns auf dem Weg verstiegen,
zeigt alle Pracht der Aussicht uns kein Ziel,
so kehren wir zurück, woher wir kamen,
und legen abends uns ins Ufergras,
ein letztes Mal des Wassers Sang zu lauschen.
Im sanften Rieseln tönt uns der Refrain:
Was innen, das ist außen, was außen, innen.
Sommerabend in Alt-Metternich
Dem Andenken an Johann, Katharina und Hildegard Hilten
Der Alte hockte auf des Hauses Schwelle,
die Luft des Abends brachte Wohlgeruch,
er stopfte seine Pfeife und sie qualmte,
ihr weißes Wölkchen kringelte ins Blau,
wo zwischen Mücken frohe Schnäbel sirrten.
Die Arbeit war getan, das Feld bestellt,
die Kühe scharrten manchmal wie im Schlafe,
und manchmal wieherte der dürre Gaul.
Wie hellte ihm das Angesicht ein Lächeln,
wenn Mutter mit dem bastgeflochtnen Korb
nach Hause kam, im Korbe unten Äpfel
und Pflaumen, doch Fliederbüschel rot und weiß
darüber, sie brachten Duft des Sonnentages
uns in der kühlen Stube Dämmerung.
Und hatten wir heißen Kinder uns ereifert
beim Spiel, den flachen, glatten Kieselstein
mit Teufelswürfen hüpfen und tänzeln zu lassen,
es spritzte grüner Mosel Wellenglanz,
erscholl sie fern, die Glocke edlen Namens,
der hohe Ruf zum Angelusgebet.
Da brach der Alte auf, mit seinem schwarzen,
zerbeulten Hut und seinem steifen Rock,
nahm selbst den Rotschopf mit, der wohl verlegen
die Blicke senkte, doch dann kehlig sang.
Da ging die Mutter hin mit ihrem schönen
geblümten Kleid und einem alten Buch
mit Goldschnitt. Aber innig tönte der Hymnus
auf das erwählte Leben, wenn Abendrot
die bunten Fenster mit heiterm Geist voll Andacht
verklärt hat. Doch in der Küche hörst du Klappern,
die fette Suppe brodelt auf dem Herd,
Großmutter tränt das Aug vom Zwiebelschneiden,
der Enkel wischt den dunklen Eichentisch
und stellt die Teller auf und eine Vase
mit jenem Flieder aus dem eignen Hort.
Dort dämmern schon die Büsche süßer Beeren,
und auf dem Ast des morschen Kirschenbaums
blitzt einer Eule geisterhaftes Auge.
Im Zimmer spricht mit Schatten Kerzenschein,
sie sitzen beieinander, zärtlich flüsternd,
sie warten auf des Pflasters Widerhall.
Das Gold des Abends tropfte von den Wangen,
im dunklen Spiegel zitterte ein Traum.
War alles still, nur manchmal Wassers Lallen,
der Biene Summen, die im Vorhang hing.
Traumgeranke
Veilchen hatten, Lilien weiß
deine Lockennacht umwunden,
und von blauem Ehrenpreis
dufteten die Abendstunden.
Gingen wir den Fluß entlang,
war dein Sagen, war dein Singen
weicher als der Wellen Gang,
die den Schwänen Träume bringen.
Sah ich in dein Angesicht,
frug ich bang den feuchten Schimmer,
ob die Quelle weiter spricht,
sagte mir dein Auge: immer.
Lagen wir im hohen Ried,
fühlten mild die Erde schwanken
und in grünen Wassers Lied
Seele sich um Seele ranken.
Einsam am Fenster
Wie tönt er weit, der Ruf, wie weit
vom hohen Dom die Glocke.
Du schwebst hinab zur Dunkelheit
wie eine träge Flocke.
Die Stimmen, weich ins Blau gedehnt,
der Erde Mund entquollen,
der Lieder Trost, wie Tau ersehnt,
zerrann in stummen Stollen.
Glüht mild der Mond, verdüstern bald
ihn Wolken wie Gespenster,
das Leben dünkt dich grau und kalt,
stehst einsam du am Fenster.
Zerreißt das schwarze Tuch der Wind,
narrt toter Knospe Strahlen,
gedenkst du, die vergeblich sind,
der Liebe süßen Qualen.
Die Jungfrauen mit den Lampen
Math. 25
Sie gehen hin mit ihren Lampen,
sie gehen weit, es dämmert schon,
da rasten sie am Rand des Weges
und nicken ein. Zur Mitternacht
erhebt sich ein Geschrei, und Rufe
erschallen: Er naht, der Bräutigam!
Sie füllen Öl in ihre Leuchter,
wie brennt das Licht zur Mitternacht,
wie leuchtet es auf dunklem Pfade.
Doch weh, den einen fehlt das Öl,
die andren können es nicht leihen.
Der Bräutigam geht in den Saal
des hohen Fests, und die ihm leuchten,
sie nimmt er mit zum Hochzeitsmahl,
die Trüben müssen draußen bleiben:
Wie fällt die schwere Tür ins Schloß!
Von drinnen tönt ein hymnisch Singen.
Wie sinkt der Schmerz in sein Verlies,
da goldnes Licht die Fenster spiegeln.
Was sind die Lampen, ist das Öl,
wer ist der Herr der hohen Feier?
Die Lampen sind des Menschen Herz,
das Öl sein Hoffen und sein Glauben,
es schenkt das Licht zur Mitternacht
Erwählten, die es konnten wahren.
Messias heißt der Bräutigam,
er kommt zur ungewissen Stunde
und lädt zum Feste, die bereit.
Wie hallt der Schlag des schweren Tores
durchs öde Tal der Dunkelheit!
Klärungen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Was wir „ich“ nennen, ist keine Sache, keine Entität, keine Substanz, die, wenn ich sage „Ich meine“, die Instanz abgäbe, die sich diese Meinung gebildet hat, als wäre ich das sprachliche Medium, das sie ausplaudert.
In dieser unsinnigen Verdopplung von kleinem „ich“ und großem „Ich“, äußerem Ich, das sagt und ausführt, was das innere Ich sich vorgestellt und gedacht hat, zeigt sich das unlösbare Dilemma der sogenannten Philosophie des Bewußtseins.
Die nicht vorhandene Entität namens Ich ist keine Einbildung oder Illusion, die als solche entlarvt werden könnte, wie das Spiegelbild, das verschwindet, wenn wir das Spiegelglas zerschlagen.
Was Mach in der reflektierenden Scheibe entdeckte, war nicht sein Ich-Bewußtsein, sein Selbst, das ihm unvermutet aus den Augen zublinzelte, sondern der alte Adam, dessen Aussehen er, hinter seinen Bücherbergen vergraben, beinahe vergessen hatte.
Was wir mit „ich“ meinen, zeigt sich beispielsweise in der Einsicht, daß rechts von mir links von dir ist.
„Ich“ kann kein Gedanke sein. Was hätte er zum Inhalt? Und wäre das Subjekt des Gedankens nicht wieder jener, der von sich sagte: „Ich“?
„Ich“ ist nichts, was ich weiß; wäre es so, könnte ich es plötzlich nicht mehr wissen.
Wenn ich etwas glaube und annehme, setze ich voraus und impliziere, daß dies auch andere glauben und annehmen können.
Ich ist kein Gedanke; woran denn?
Wäre ich der Inhalt eines Gedankens, woher wüßte ich, daß es MEIN Gedanke ist?
Zu sagen: „Ich bin es, der sieht, hört, fühlt“ oder „Ich bin derselbe, der von sich sagt, er sei es, der sieht, hört, fühlt“ ist nur ein philosophisch verquaster und sinnloser Ausdruck für die schlichte Äußerung: „Ich sehe, höre, fühle.“
Ich ist kein Gedanke, schon gar nicht der Gedanke, derselbe zu sein, der den Gedanken hat. Als dasselbe bezeichnen wir nur Gegenstände wie „der Nachbarshund“ und „der Hund, der nachts immer bellt“, wenn wir uns bei ihrer Identifizierung auch irren können. Wir können uns aber nicht darin irren, uns die Gedanken zuzuschreiben, die wir nun einmal haben.
Ich, das Selbst, das Bewußtsein sind keine Formen oder Gegenstände des WISSENS. Wären sie es, könnte ich mich darin irren, Schmerzen in MEINER Hand zu fühlen.
Die Annahme, das Ich, das Selbst, das Bewußtsein, und wie immer all diese Chimären und Gespenster der „inneren Erfahrung“ heißen mögen, seien Formen oder Gegenstände des Wissens, ist der Grundirrtum des kartesischen Systems und seiner Adepten im deutschen Idealismus von Kant über Fichte bis Hegel.
„Ich weiß, daß ich es weiß“ ist keine Klärung der Aussage: „Ich weiß es.“
Nur wenn ich annehme, das Selbst sei eine Form und ein Gegenstand des Wissens, benötige ich ein Kriterium für die zweifelsfreie Zuschreibung des Gedankens „Dies ist meine Hand“ an den Sprecher. Aber mit der Zuschreibung von Gedanken an den, der sie sich zuschreibt, geraten wir in einen unendlichen Regreß, denn wir bedürfen wiederum eines Kriteriums für die Korrektheit unserer Zuschreibung zweiter Stufe.
„Ich“ zu sagen und zu meinen ist, mit Gilbert Ryle zu sprechen, kein Kennen, sondern ein Können, kein Wissen, sondern eine Fähigkeit.
Das kleine Mädchen mit dem Namen Hilde hat gelernt, „Hilde Suppe“ zu sagen; es verweist damit auf seine leibhaftige Person, nicht auf sein Bewußtsein oder sein Selbst, und ihr dringendes Anliegen, etwas zu essen zu bekommen.
Sprechen ist eine Fertigkeit wie Töpfern, Fahrradfahren und Zeichnen.
Habe ich Fahrradfahren gelernt, sage ich mir nicht im Kopf etwelche Regeln und Maximen auf, die es einzuhalten gälte, wenn ich in die Pedale trete, um auf den Fahrradweg zu gelangen, wenn ich an der roten Ampel halte oder ein Handzeichen gebe, um meine Absicht zu bekunden, rechts abzubiegen.
Habe ich sprechen gelernt, sage ich mir nicht im Kopf alle möglichen grammatischen Regeln vor, die es anzuwenden gälte, wenn ich dem Kollegen eine Frage stelle, die Freundin zum Geburtstag beglückwünsche oder eine möglichst sachliche, doch höfliche Mail an den Arbeitgeber formuliere.
Ich spreche überlegt, ohne lange Überlegungen im Kopf anzustellen, bevor ich auf die Frage des Passanten nach dem Weg antworte.
Meine Zunge ist nicht der Dolmetscher eines „mentalesischen“ Idioms, das angeblich mein Gehirn produziert.
Aristoteles hat als erster die Regeln des korrekten logischen Schließens aufgestellt; doch wenn ich von der Wahrnehmung des Rauchs auf das Vorhandensein eines Feuers schließe, habe ich nicht zuvor die Schlußregel im Kopf aufgesagt: Wenn q, dann p; q, also p.
Eine Schlußregel anzuwenden, kann sinnvoll oder unangebracht sein; die Entscheidung, daß es sinnvoll oder unangebracht ist, die Regel hier und jetzt anzuwenden, kann nicht wiederum durch die Berücksichtigung einer Meta-Regel, die mir die Anwendung der ersten Regel ermöglicht, als sinnvoll oder unangebracht erwiesen werden.
Wäre Denken das Anwenden von Regeln, käme ich nie zu einem Gedanken.
Wäre Sprechen die Anwendung grammatischer Regeln, brächte ich kein Wort hervor.
Die antike Rhetorik hat die Ausdrucksformen und Stileigenschaften verschiedener Redetypen in Handbüchern zusammengestellt und mit Vorschriften und Anweisungen nebst sinnigen Exempeln ausgestattet, deren Beachtung einen Redner auf die Bahn einer erfolgreichen Karriere als Anwalt und Politiker geleiten sollte. Doch nur der Anfänger vertraut der rhetorischen Mnemotechnik und schlägt gleichsam im Kopf im Handbuch nach, welche Begrüßungsformeln und Willkommensgesten ihm in der Senatsversammlung dienlich sein könnten. Der alte Fuchs und gewandte Redner spricht spontan, wählt ohne Federlesens aus der Fülle der angebrachten Exempel das treffende aus, mäßigt und steigert die stimmliche Intonation, wie es sein Gegenstand und die gespannte oder erlahmende Aufmerksamkeit seiner Zuhörer erfordert, ohne im Kopf im Handbuch der Rhetorik nachschlagen zu müssen.
Der Zeichner, der Maler verfügt über die Fähigkeit, zu zeichnen und zu malen. Er hat sich im Studium und in der Lehre bei einem Meister die unterschiedlichsten Techniken angeeignet, kennt die Wirkung der Perspektive, weiß um die suggestiven Reize von komplementären und kontrastierenden Farbwerten und das betörende Spiel von Licht und Schatten. Er mag als gelehrter Kopf eine Menge Wissen aus der Kunstgeschichte und der Farbenlehre angehäuft haben. Aber was er tut, wenn er sich des Zeichenstifts oder der Palette bedient, ist keine Anwendung des Wissens über die Kunst des Zeichnens und Malens nach lehrbuchartigen Vorschriften und Regeln, sondern ein spontaner schöpferischer Akt der zeichnerischen Darstellung und des malerischen Ausdrucks.
Beruhten Zeichnen und Malen auf der methodischen Anwendung erlernter Regeln, wimmelte es nur so von genialen Künstlern vom Schlage eines Dürer und Monet, eines Rembrandt und van Gogh. Dumme Leute behaupten das ja, das eine wie das andere.
Manche Leute haben ganze Wörterbücher, Grammatiken und Stillehren verschluckt, bringen aber keinen einzigen wohlgeformten, geschweige denn glänzend formulierten Satz zustande.
Auch wer das Organon des Aristoteles auswendig gelernt hätte, wäre vor den logischen Fallstricken der Alltagsprache nicht gefeit.
Fehlschluß von der Sichtbarkeit der Wirkungen unserer Fähigkeiten (willkürliche Bewegungen, artikulierte Laute, materielle Symbolisierungen) auf die Unsichtbarkeit ihrer verborgenen Ursache („der Geist“, „das Ich“, „das Bewußtsein“).
Fehlschluß von der den Sinnen verborgenen Heimstatt unserer Fähigkeiten auf die Unsichtbarkeit und Monadenhaftigkeit des Geistes.
Es bedarf sprachlogischen Fingerspitzengefühls, um die winzigen Verknotungen und fadenscheinigen Stellen im Webtuch der Alltagssprache zu ertasten.
Wäre das Komponieren einer Sonate die Anwendung der Regeln der Sonatensatzform, es wimmelte rings von musikalischen Genies vom Schlage eines Mozart und Schubert. Dumme Leute behaupten das ja, das eine wie das andere.
Die Übertragungen der Tragödien des Sophokles durch Hölderlin sind, gemessen an den strengen Kriterien und eisernen grammatischen Regeln des Philologen, an vielen Stellen verfehlt, bizarr, mißlungen, als dichterische Leistung aber vollkommen und unnachahmlich.
Klugheit, Gedankenschärfe, Intelligenz lassen sich nicht durch Bildung erwerben.
Stopfe den Blöden voll mit der Logik des Aristoteles, den Stumpfen mit den feingeschliffenen Sätzen Lessings, den tropfenweich irisierenden Goethes, er verliert sich weiterhin in konfusen Schlüssen vom Faktischen auf das Notwendige, von der Koinzidenz auf das Gesetzmäßige, er gefällt sich weiterhin in nuancenlosem Kauderwelsch, in farblos-mattem Jargon.
Ein Rezept macht noch keinen Meisterkoch.
Wären Erfindungen methodische Anwendungen und Exemplifizierungen von Regeln, es gäbe kein Rad, kein Schiff und kein Flugzeug.
Der Schluß von den Prämissen „Wenn die Lage unübersichtlich ist, warten wir ab“ und „Die Lage ist unübersichtlich“ auf den Satz „Wir warten ab“ ist korrekt; aber in der Praxis versagt er, denn manche Lagen, und seien sie noch so unübersichtlich, verlangen ein sofortiges beherztes Eingreifen.
Die praktische Urteilskraft unterwirft sich keinem formalen System von Maximen und Regeln, sondern trifft ihre unvorhersehbaren Entscheidungen nach Maßgabe dessen, was wir die Lage der Dinge nennen.
Geschmack kann man bilden, verfeinern, veredeln, aber nur in der bunten Lebenswelt der Empirie, nicht in der grauen Bücherwelt der Philosophie.
Der Taktvolle lenkte geschickt vom Thema ab, als es peinlich wurde. Doch wandte er keine Maxime aus dem Lehrbuch über gute Manieren an, sondern überblickte geistesgegenwärtig die Situation, sah den Anflug von Verlegenheit auf dem Gesicht seines Gegenübers, spürte seine Angst vor einer Bloßstellung und handelte instinktiv.
Ausdrucksvoll singen oder musizieren heißt nicht bloß getreulich den Anweisungen der Partitur folgen; was hinzukommt, nennen wir zurecht, wenn auch aus Verlegenheit, bisweilen das „Je ne sais quoi“.
Nicht die Kenner, sondern die Könner, nicht die Gelehrten, sondern die Gestalter erschaffen, formen, inspirieren, was wir eine Kultur nennen.
Was die Klarheit der Darstellung trübt, sind die Schwebstoffe unlösbarer Fragen und opaker Begriffe. Manchmal setzen sie sich, wie bei der langen Lagerung des Weins, als Sediment und Bodensatz ab. Dann kann der klare und kostbare Rest in ein sauberes Gefäß umgefüllt werden.
Nicht die Aufklärung durch enzyklopädisches Wissen macht die Herzensbildung, sondern die Klärung des geistigen Weins, in den wir das ungesäuerte Brot schlichter Worte tunken.
Worte, taubenetzte
Worte, taubenetzte, traumumrankte,
sagen uns einander zu.
Und wo seufzend Gras und Wasser schwankte,
scheint wie Gnade Abendruh.
Wo des Menschen Sinn mit Blüten, weißen,
lose über Wellen schwimmt,
mag ein Rauschen Wiederkehr verheißen,
das die Trauer ihm benimmt.
Keine Stimme ist so nah wie eine,
die wie ferne Quelle klagt,
keine Seele ist so fern wie deine,
die im Tränenglanz sich sagt.
Wenn im Schlaf der Blumen Wimpern zittern
unter fahlem Monde bang,
steigt wie Duft es aus den Schattengittern,
veilchenblauer Vogelsang.
Miniaturen
Aufklaren, Dämmern – und inmitten das Wort, das seine Lider blütenlangsam auftut, das seinen Blick flügelschnell ins Ungesagte schickt.
Der Mond, die Sonne, das Gestirn des Dichters gleichen den naiven Tupfen und Augenstrahlen kindlichen Bilds.
Die Naivität des Gemüts ist wie der vergessene Brunnen in überwucherter Gemarkung, zerfallen, voll triefender Moose und um die Leere geringelter Farne, auf seiner sommerwarmen Wölbung schlafwandelt die Echse, in den schneegedämpften Nächten schickt er der zitternden Lampe des Traumlotsen Mond sein dumpfes Glucksen nach.
„Warum ist es manchmal so dunkel in philosophischen Texten?“ – „Weil die trübe Funzel des Logos im Luftzug flackert, der aus den Ritzen des Unsagbaren dringt.“
„Was tun, wenn die Zeile abbricht und der Geist die plötzlich aufgetauchte Hürde nicht zu überspringen weiß?“ – „Willst du nicht auf den Engel warten, mußt du dich der Sprungkraft der Metapher anvertrauen.“
Da schleppt sich einer nur mühsam des Weges, ihn drückt die Last des prallen Rucksacks, in dem er die Elfenbein-Figuren seiner Idole und die blechernen Souvenirs seiner Reise verstaut hat.
„Was hast du?“ – „Ich bin traurig.“ – „Und weswegen?“ – „Ich weiß es nicht.“
„Doch damals, als du fröhlich warst, ja gewiß, wir waren jung, es war Frühling und die blaue Luft erfüllt von …“ – „… Vogelrufen …“ – „… von Erwartung …“ – „… vom Plaudern unterirdischer Quellen …“ – „… damals wußtest du auch nicht, weshalb.“
„Ist alles Sterben gleich?“ – „Sind alle Seelen gleich?“ – „Darauf haben die Philosophen nicht geachtet.“ – „Die Theologen schon.“ – „Du meinst, daß die einen zur Hölle fahren, die anderen aber …“ – „Nein, daß die einen im Frieden entschlafen, die anderen aber …“ – „… verzweifelt, ächzend am Haken zucken …“ – „Die einen haben dem Gewesenen den Rücken zugekehrt …“ – „… das Gesicht gekühlt vom Wind, der die dürren Blätter der Wünsche, der Träume, des Gesagten schon verweht hat …“ –„Und die letzten Gesichte, die letzten Worte, die letzten Seufzer …“ – „,,, kommen schon aus anderen als irdischen Gründen …“ – „… kommen schon von Strahlen …“ – „… die das Auge nicht faßt …“ – „… rinnen schon mit dem Tau der Asphodelen an den Jenseitsflüssen …“
Genug gesehen. Genug gehört. Genug gesagt. – Der Atem reicht noch bis zur Mauer mit dem ausgerauschten Efeu, bis zum Stein mit der überwachsenen Inschrift, bis zum Wasser, das die Flammen herabgesunkener Blüten mit seinem dunklen Murmeln erstickt.
Das Leid, du hast es ja gesehen. Und was mehr ist, daß die Träne, des Unbewußten Tau, an zarter Wimper schwebend, von Blumen ferner Gärten sprach.
Im zitternden Wasser der schmutzigen Lache sprach zu dir ein Hauch wie eines erweckenden Worts.
„Was hebst du da auf?“ – „Ein Blatt.“ – „Nicht gerade viel.“ – „Mehr als ich je sagen konnte.“
Zerfurchte, alte Hand, sich langsam schließend, wie über der Frage, ob sie das Rechte getan.
Der Kuß schmolz schon dahin, der Händedruck, ein Knick im Kissen, das sich langsam wieder wölbt, das Wort aus weichem Mund, ein Kiesel, der schon unter Stiefeln knirscht.
Torheiten
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Der Tor meint, das Gedächtnis sei eine Art Privatgalerie, zu der nur er den Schlüssel habe, mit Bildern, die nur ihm anzuschauen vergönnt sei.
Das Gedächtnis gleicht nicht einem zierlichen Schrein, in dem man alte Briefe und wertvolle Dokumente aufbewahrt: Man könnte vergessen, wo er sich befindet. – Wir können ja, haben wir den Inhalt eines alten Briefes vergessen, nicht das Schränkchen öffnen und ihn nachlesen.
Welche Dummheit zu glauben, etwas sei mit einem anderen oder gar mit sich selbst identisch, es sei denn in dem Sinne, daß der vulgäre Nachbar von nebenan sich als derselbe Mensch herausstellt, dessen als erlesen gefeierte und als geistreich erachtete wirre Glossen regelmäßig im Intelligenzblatt abgedruckt werden.
Wie geistlos zu glauben, eine Erinnerung an den ersten Schultag sei dasselbe wie das, was sich in Form von elektrischen Impulsen und neuronalen Ereignissen im Hirn dessen abspielt, der sich gerade an seinen ersten Schultag erinnert.
Wie töricht zu meinen, das Personalpronomen der ersten Person Singular stehe nicht nur für den Namen der Person, die von sich sagt „Ich gehe jetzt spazieren“, sondern darüber hinaus für eine mentale Instanz namens „Ich“, die konsequenterweise von sich sagen müßte: „Ich bin derselbe, der von sich spricht, wenn ich sage: Ich gehe jetzt spazieren.“
Aber zu sagen: „Ich bin derselbe, der von sich spricht, wenn ich sage: Ich gehe jetzt spazieren“ ist nur ein philosophisch verquaster und sinnloser Ausdruck für die eigentliche Äußerung: „Ich gehe jetzt spazieren.“
„Selbst“ ist keine mentale Instanz, sondern eine verstärkende Partikel des Satzes mit demonstrativem Charakter, welche die Urheberschaft der Handlung der in Rede stehenden Person unterstreicht, wie wenn ich sage: „Ich habe es selbst geschrieben (und nicht abgeschrieben).“
Wie töricht anzunehmen, ein Farbeindruck sei ein inneres Bild, eine subjektive Empfindung oder eine phänomenale Quale-Repräsentation des farbigen Gegenstandes, den man sieht. Mit welchem inneren Auge könnte ich denn wiederum sehen, daß es sich bei meinem inneren Bild um das Bild dieser Rose handelt, die ich gerade sehe, und wie beurteilen, daß ihre Farbe nicht Blau, sondern Rot ist?
Torheit zu meinen, die Zeitempfindung oder das Zeitbewußtsein beruhe auf der inneren Wahrnehmung eines Ablaufs von Bildern, subjektiven Zuständen oder Apperzeptionen eines Bewußtseinsstromes. Nichts dergleichen muß ich unterstellen, wenn ich mich an die gestrige Begegnung erinnere, wenn ich befürchte, es würde heute wieder ein langer Tag, wenn ich hoffe, morgen weniger Termine abarbeiten zu müssen.
„Inneres Zeitbewußtsein“ ist nur ein philosophisch verquaster und sinnloser Ausdruck, der die sorgfältige Beschreibung der Sprechakte, in denen wir Zeitadverbien wie soeben, jetzt, später oder gestern, heute und morgen verwenden, nicht ersetzen kann.
Das Kind singt „Hänschen klein“, doch ist, damit es das hinkriegt, sein Bewußtsein nicht wie eine fluide Substanz durch Retentionen und Protentionen gleichsam über den zeitlichen Ablauf der Melodie verteilt.
Das Verstehen des nimmer enden wollenden Satzes aus dem Roman von Proust beruht nicht auf der geheimnisvollen Selbstvergegenwärtigung eines kontinuierlichen Bewußtseinsstromes; es unterscheidet sich vom Verständnis der Kassiererin bei Aldi für den Satz des Kunden: „Ich möchte noch Geld abheben“ nur durch das geübte Geschick der Gedächtnisleistung.
„Erinnerst du dich daran, was du mir letzte Woche versprochen hast?“ – Ja, aber nicht an jedes einzelne Wort, nicht ob ich sagte: „Ich werde dir das Buch heute mitbringen“ oder ob ich sagte „Ich werde dir das Buch heute zurückgeben.“
Die Erinnerung ist nicht wie ein Knall, dessen Echo ich im Hohlraum meines Bewußtseins vernehme. Nehme ich so etwas an, beginnen sogleich die törichten Fragen wie: „Hat das Echo meines Bewußtseins die Lautstärke des wirklichen Knalls?“ – „Wird meine Erinnerung schwächer, weil das Echo im Hohlraum meines Bewußtseins allmählich verhallt?“
Wie töricht zu meinen, mein Gesprächspartner bewohne eine mir Nichtschwimmer für immer unzugängliche Privatinsel, von der her er mir verbale Rauchzeichen gibt.
Die Begriffsstutzigkeit von Philosophen ähnelt bisweilen der Verdutztheit und Verblüffung eines einfältigen Menschen, der den Witz oder die Pointe der Fabel oder den Sinn des Märchens, die man ihm erzählt hat, nicht versteht, und dann bohrend nachfragt: „Wirklich? Ist das so passiert? Können Tiere denn sprechen? Lebt die böse Hexe noch?“
Wie unverständig anzunehmen, was wir freier Wille nennen, sei wie der Impuls des Autofahrers, jetzt den rechten Blinker zu setzen, dem die Entscheidung vorausginge, nach rechts abzubiegen. Aber ich spreche frei und ungezwungen und nicht wie ein Automat, ohne mich zuvor für die Verwendung dieses oder jenes Wortes entschieden zu haben. Und der Fahrer setzt den Blinker nicht, nachdem er sich aufgrund der Überlegung, rechts abzubiegen, dafür entschieden hat, sondern er setzt den Blinker in der Absicht abzubiegen.
Der freie Wille ist nicht das, was sich im Hinterzimmer abspielt, wo der Generalstab tagt, die freie Handlung nicht das, was die Soldaten auf Geheiß des Generalstabs ausführen.
Der freie Wille ist nicht das Ziehen und Zerren des Puppenspielers namens Geist an den Drähten, die die Puppe namens Körper zum Tanzen bringen.
Es ist nicht so: Du überlegst, was du sagen willst, und deine Lippen und deine Zunge geben sodann deine Überlegung kund, sondern schlicht so: Du sprichst überlegt. Oder einmal konzentriert und verständig, dann wieder nachlässig und wirr.
Du hast den Schalter nicht versehentlich betätigt, sondern weil es dunkel wurde, hast du Licht gemacht.
Auch wenn du dem anderen im Gedränge versehentlich und nicht aus böser Absicht auf den Fuß getreten bist, entschuldigst du dich.
Der Kavalier, der der Dame aus dem Mantel geholfen hat und, nachdem sie sich freundlich bedankt hat, „Keine Ursache“ erwidert, will damit nicht die Spontaneität, Urheberschaft und Absichtlichkeit seines Handelns in Abrede stellen.
Was wir eine gute Tat nennen, ist keine aus dem moralischen Gesetz abgeleitete Handlung, die dessen hehrer Wächter und Hüter oder Gesetzgeber gegen den Widerstand des Körpers seinen bösen oder pathologischen Neigungen abringen muß, sondern ein Handeln aus ethischen Absichten, die sich von anderen Absichten, wie etwa der Absicht, dem Freund ein schönes Geschenk zu kaufen, nur dem Grad nach unterscheiden, etwa wenn man dem Freund mittels Geldüberweisung aus der Patsche helfen will.
Die törichte Überschätzung und Überschwänglichkeit abstrakter Imperative und moralischer Idealsprachen rührt von der ebenso törichten Unterschätzung und Geringschätzung der moralischen Alltagssprache mit ihrem Gebrauch konkreter Aufforderungen und Auszeichnungen oder dem Tadel bestimmter Handlungen wie des Helfens oder Schadens, Förderns oder Behinderns und von Haltungen und Einstellungen wie Großherzigkeit oder Ranküne.
Torheit erweist sich an der Unfähigkeit, Unterschiede von Kategorien und Typen von Gegenständen, Begriffen und Handlungen wahrzunehmen. So unterscheiden wir einen technischen Fehler bei der Ausführung eines Handwerks oder einer Rechnung von einem moralischen Fehler bei der Ausführung eines Verbrechens. Beim Rechenfehler sprechen wir von Zerstreutheit, Unkenntnis und mangelnder Begabung, beim Betrug, Diebstahl und Raubmord von Vorsatz, Schuld und krimineller Neigung. Oder wir unterscheiden den physiologischen Vorgang der Übertragung von nervösen Impulsen auf die Hand vom psychologischen Vorgang der geschickten oder ungeschickten Handbewegung; bei jenem sprechen wir vom normalen Funktionieren und krankheitsbedingtem Defekt, bei dieser von Zweckmäßigkeit und Versehen.
Der Tor fragt nach letzten Gründen, wo uns der unabweisliche Abbruch der Begründungsreihe an die Grenze des Sagbaren führt.
Das Herz hat seine Gründe, die der Logik und der Vernunft spotten.
Auch der Wahnsinn und die Bosheit verfolgen ihre Ziele methodisch und stellen oft eine virtuose Verstandesleistung anhand von scharfsinnigen Syllogismen unter Beweis, an denen der Logiker nichts zu mäkeln hätte. Der Paranoide hat das Handeln des Nachbarn vollständig durchschaut, und seine logischen und unwiderleglichen Schlüsse aus seinem Verhalten sind eben jene Schlinge, die sich immer enger um seinen Hals zieht. Der Bösewicht entwirft mit kühlem Kopf die Fallen, Mißhandlungen und Folterwerkzeuge, die seine heißen sadistischen Gelüste befriedigen.
Torheit verzweifelt vor der Bosheit, denn sie kann nicht akzeptieren, daß der Böse nicht aus Unverstand handelt, sondern obwohl er und weil er die Wahrheit kennt.
Der Böse quält die Unschuld, nicht weil er ihr Leiden nicht sieht, sondern obwohl und weil er es gerne mitansieht.
Den bösen Willen kann man nicht heilen und nicht wie Unkraut roden, sondern nur unter Quarantäne stellen.
Torheit anzunehmen, daß alle Wörter etwas bedeuten, daß alle Sätze nach dem gleichen Muster gebildet sind. Pronomina wie „ich“ und „du“ bedeuten nichts, wie die symbolischen Nennworte etwas bedeuten, „Haus“ Haus und „Maus“ Maus, sondern verweisen auf den Sprecher und den Angesprochenen, deren Namen freilich eine Bedeutung haben, die Identität ihres Trägers. Nicht nur folgen Fragen, Aufforderungen und ironische Bemerkungen einem anderen Muster als Aussagen, sondern auch Aussagen wie „Junggesellen sind unverheiratete Männer“ einem anderen Muster als etwa die Aussage „Der Rover ist auf dem Mars gelandet.“ Jene kann ich nicht überprüfen, sondern nur akzeptieren, diese muß ich ungeprüft nicht akzeptieren.
Es ist eine Zeichen von Begriffsstutzigkeit, Symptome oder Anzeichen mit Kriterien zu verwechseln. Schönwetterwolken am Abend sind ein Anzeichen für den morgigen schönen Sommertag. Der blaue Himmel des Folgetags ist kein Anzeichen für den schönen Sommertag, sondern ein Moment dessen, was wir einen schönen Sommertag nennen.
Fieber ist ein Grippesymptom, der Nachweis von Erregern im Blutserum ist ein Kriterium der Krankheit.
Das Lächeln des Gastgebers ist kein Zeichen der freundlichen Begrüßung, sondern ein Teil der freundlichen Begrüßung. – Wir schließen nicht vom Lächeln des Gastgebers auf seine Freundlichkeit, sondern nehmen es als Moment dessen wahr, was wir Freundlichkeit nennen.
Der Seitensprung des Gatten mit der Sekretärin ist kein Anzeichen der Untreue, sondern ein Akt der Untreue.
Die Logik ist ein Hilfsmittel zur übersichtlichen Ordnung unserer Aussagen, aber kein Fernrohr für einen tiefen Blick in die Tiefen des Seins.
Worte wie „alle“ und „nichts“ haben wie die Pronomina keine Bedeutung, sie sind nur Hinweise auf den Umfang, in dem eine Funktion wie F(x) in einem definierten Kontext erfüllt ist. So sagen wir schlicht: Für alle x, für einige (oder mindestens ein) x, für kein x gilt: F(x). Heißt F(x), der gemeinte Gegenstand hat die Eigenschaft, sichtbar zu sein, und ist der Kontext ein Zimmer, bedeutet die Aussage „Ich kann nichts sehen“ nicht, daß der Sprecher blind ist oder wie Alice im Wunderland suggerieren mag, sie könne das Nichts sehen (was eine außerordentliche Sehstärke erforderte), sondern etwa: „Es ist zu dunkel, um festzustellen, ob im Zimmer Gegenstände oder Leute sind.“
Eine der deutschesten Formen von Torheit ist die Verwechslung des grammatischen mit dem natürlichen Geschlecht, des grammatischen mit dem natürlichen Genus, deren aberwitzige Auswüchse als das neue Heil einer geschlechtergerechten Sprache gefeiert werden und zum ideologischen Sprech- und Schreibdiktat erhoben worden sind. Als würden unter „Finnen“, „Juden“ und „Hessen“ nur die männlichen Mitglieder dieser Gruppen befaßt, als müßten „der Täter“, „der Bote“, „der Fahrer“, „der Kollege“ ausschließlich Vertreter der Spezies mit Bart und Hoden sein. Man wartet darauf, daß neben den „Finnen“ nicht nur die „Finninnen“, neben den „Juden“ nicht nur die „Jüdinnen“, neben den „Hessen“ nicht nur die „Hessinnen“, sondern neben den „Deutschen“ auch die „Deutschinnen“ auftauchen.
Es ist töricht, darauf zu hoffen, daß uns die Naturwissenschaft demnächst über den Sinn unseres Erdenwallens ins Bild setzen werde. Aussagen über den Ursprung und die biologische Entwicklung des Lebens, über den Urknall oder die Möglichkeit extraterrestrischer Intelligenz können nicht den Sinn haben, den wir Aussagen über die Verwirklichung oder das Scheitern unser Lebenspläne zumessen oder Fragen wie, ob es sinnvoll ist, die brüchige Beziehung fortzuführen, oder ob es wirklich sinnvoll ist, sich weiter mit unlösbaren philosophischen Scheinproblemen zu befassen.
Ähnlich wie die Reihe möglicher Gründe bricht die Reihe möglicher Sinngebungen an der Grenze des Sagbaren ab. Es ist sinnvoll, den Kühlschrank wieder zu füllen, zumal wenn sein Inhalt auch anderen bekömmlich sein soll; es ist sinnvoll, die Ehe trotz aller Entfremdungen zugunsten der Sorge für die Kinder weiterzuführen; ob es nicht sinnvoll wäre, nach dem Weggang der Kinder eine aufrichtige, wenn auch schwere Einsamkeit einer geheuchelten, wenn auch bequemen Zweisamkeit vorzuziehen, steht dahin. Doch die Frage, ob es überhaupt sinnvoll war, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, übersteigt die Fähigkeit zu einer Antwort, weil sie vom Rahmen des so und nicht anders gelebten Lebens dessen eingegrenzt wird, der die Frage stellt.
Aller Sinn zerbricht an der tragischen Dimension des Daseins. Er sieht sie in tiefer Ohnmacht liegen und da er die Geliebte für tot hält, tötet er sich. Sie erwacht, und da sie den Geliebten tot an ihrer Seite findet, tötet sie sich.
Keine Vernunft, auch nicht die kommunikativ aufgehübschte, vermag den tragischen Schatten schönzureden oder zu vertreiben.
Manchmal behindert oder verwirkt die Art und Weise, wie wir sie verwirklichen, die Verwirklichung unserer Absicht. Manchmal verderben die Vordringlichkeit und Aufdringlichkeit unserer Absicht die Reinheit des Tuns.
Der Schauspieler, der nach der Wirkung seiner Rolle beim Publikum Ausschau hält und nach dem Applaus schielt, versinkt in hohlen Posen und stößt durch gespreizte Rhetorik und geschwollenes Pathos ab; der Maler, der schon während des Farbauftrags seine Signatur im gedämpften Licht des Museums leuchten sieht, verfällt ins Schrille, Grelle, Manierierte; der Pianist, der seinen verehrten Meister, der im Publikum sitzt, an Ausdruckskraft übertrumpfen will, verhunzt die Sonate durch einen allzu pointierten Anschlag oder ein zerdehntes Adagio
Das Feuer der Revolution, das die morschen Stützen der Gesellschaft verzehren sollte, führt zu einem Flächenbrand.
Der sehend gewordene Ödipus blendet sich.
Der radikale Kritiker hat mit dem Unkraut auch die Rosen und Lilien ausgerissen.
Der Tor hat das Öl seiner Lampe und die Substanz seines Gemütes schon aufgebraucht, wenn die Dämmerung hereinbricht.
Das Großmaul, der Schönredner, der polyglotte Bramarbasierer, sie haben alle Worte verbraucht, sie sind verstummt und erstarrt, wenn es Abend wird und das eine schlichte Wort Not täte, um den unerwarteten Gast zu begrüßen.
Kleines Leben
Hündchen, guter Kamerad,
wenn wir durch die Stoppeln liefen,
zwischen Garben später Mahd,
hörte ich dein Wonne-Schniefen.
Und ich warf den Ball recht weit,
sah dich tollen, sah dich springen,
war das Feld auch hochverschneit,
tätst ihn wedelnd wiederbringen.
Legtest dankbar auf mein Knie
deine weiche Zottelpfote,
und dein Blick voll Sympathie
war schon Abschieds sanfter Bote.
Für so wenig, was ich gab,
hast du mir dein Herz gegeben,
Rosen blühn auf deinem Grab,
hohe für ein kleines Leben.
Seufzer aus dem Paradies
Rauschen hat das Wellenreich,
Wassern ist der Sang,
und wir fühlen, er ist weich
wie der Anmut Gang.
Gurren hat die Dämmerung,
Flügel hat der Wind,
und uns hebt empor ihr Schwung
wie ein Arm das Kind.
Blumen hat der Samt der Nacht,
Tau ist Schmerz, der rinnt,
und wir sehen, wie der Pracht
Tränen gnädig sind.
Seufzer aus dem Paradies
sind schon halb Gesang,
Träume, licht wie Wolkenvlies,
weiden auf dem Hang.
Das Seltene den Seltenen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Was wir leibhaftig, fühlend, begreifend berühren und umfassen können, wirft nicht den Schatten einer Frage.
Fragen und Probleme sind Schatten, die von der Sonne der Gewißheit zeugen.
Zweifel sind Falten im Angesicht, die das Lächeln hervorgerufen hat, Mulden im Sand, die der Meereswind verweht, wieder heranrollende Wellen glätten.
Du hast deinen Schlüssel verloren, den falschen Weg eingeschlagen. Du läßt das Schloß auswechseln, du gehst den Weg zurück bis zur fatalen Kreuzung.
Der Philosoph, der die Bedeutung von Begriffen wie „Bedeutung“, „Ich“, „Bewußtsein“ vergessen hat, muß den Irrweg bis zur fatalen Kreuzung zurückgehen, vor deren Erreichen er sie wie jedermann und alle Welt sinnvoll und fraglos verwendet hat.
Die Welt, das Dasein, das Leben, der Tod stellen keine Fragen, sie sind die hinzunehmende Antwort.
Das Ethos oder das ethische Grundempfinden ist uns angeboren; die natürlichen Fühler, die uns das, was wir Mein und Dein nennen mit aller Deutlichkeit vergegenwärtigen, die uns die Grenze zwischen Ich und Du abtasten lassen, können von der Erziehung geweckt, stimuliert, subtiler und gezielter ausgerichtet, aber nicht implantiert werden. Wäre dem nicht so, wir hätten nicht überlebt.
Ist die ethische Neigung, die Grenze zwischen Mein und Dein nicht hinterhältig, böswillig, in gemeiner Absicht zu überschreiten, sondern wie wir schlicht und ergreifend sagen können: gut zu sein, eine Mitgift unserer Ahnen, so vermögen wir folglich auch die böse Neigung des Diebes und Räubers, des Raufbolds und Totschlägers durch eine noch so anheimelnde Kinderstube nicht zu neutralisieren, geschweige denn mittels Resozialisierungsmaßnahmen aus dem Bösewicht einen Nachfolger des Heiligen Franziskus zu machen.
Wir verfügen über interne Maßstäbe zur Beurteilung und relativen Einordnung des Wahrgenommenen in unser Zeige- und Handlungsfeld. Wir sehen die Gestalt eines Menschen in größerer Entfernung trotz perspektivischer Verzerrung und optischer Verkleinerung als unseren Maßen entsprechend; wir hören den Schrei in der Ferne, auch wenn er gedämpft und leise klingt, als lauten Schrei. Wir weichen im Trubel der Einkaufspassage den Passanten, auch wenn ihre Gestalten kaum mehr Wirklichkeit haben als flüchtige Schatten, instinktiv aus.
Wie das Gesicht einen physiognomischen, so hat die Stimme einen akustischen Prägestempel.
Als verletzbare Lebewesen sind wir auf das Gedächtnis angewiesen, die Erinnerung an all die Wege und Namen, all die Gesichter und Stimmen.
Nahrung, Obdach, Schutz des eigenen und des Lebens der uns Nahestehenden sind die wesentlichen Sorgen der besorgend handelnden Lebewesen, die wir sind.
Einen, der uns nahetritt und uns anspricht, mustern wir, ob sein Anspruch berechtigt ist.
Die Augen sind beim Schlaf geschlossen, nicht die Ohren, auf daß uns Geräusche drohender Gefahr nicht entgehen.
Freundschaft und Liebe, insofern sie auf Freundschaft gründet, sind Bündnisse gegen die Bedrängnisse, Fährnisse und dämonischen Schatten des Lebens.
Liebe ist ein zweites Obdach, es hat wie das erste Schwelle und Tür, Räume und Fenster, Herdfeuer und den Schmuck von Bildern und Vasen mit jenen Blumen, die bekanntlich mehr als viele Worte zu sagen vermögen.
Den Zweitschlüssel für den Zugang zum intimen Bezirk unseres Daseins händigen wir nur Vertrauenspersonen aus.
Gibt der Besitzer unseres Zweitschlüssels vor, er habe ihn verlegt, hegen wir berechtigte Zweifel an seiner Bündnistreue.
„Was tust du da?“ – „Ich setze das Weltbild, das mir ein Schlag auf den Kopf, ein Schicksalsschlag, in tausend Mosaiksplitter zertrümmert hat, wieder zusammen.“ – „Ach, laß es sein, steh auf und schau dich einfach um!“
Das betörende Bild paradiesischen Blühens und Quellens ist die Fata Morgana des Dichters, der sich vom Geist der Wüste hat in die Irre führen lassen.
Der Garten Eden kennt nicht die Klage des Vertriebenen, nicht das Schluchzen der Geschändeten, nicht das schrille Wetzen der Messer, nicht das sinnlose Lallen des Verstörten. Seine stille Schönheit zeugt durch ihre Abwesenheit von den Mächten, die uns bedrohen.
Auch wenn wir allem Grauen hinter den Mauern der Entsagung und des Schweigens zu entrinnen wähnen, nachts hören wir, was uns nicht schlafen läßt wie die ans Tor pochende Hand des Heimatlosen, unseren eigenen Herzschlag.
Nach dem anregenden Gespräch mit dem Nachbarn, der uns seine Urlaubsfotos gezeigt hat, nach dem süß-sinnlosen Geplauder mit der Geliebten bleiben geistige Verwirrung und das Gefühl der Aussichtslosigkeit.
Der sich in den endlosen Girlanden gewundener Erklärungen, geschmückt mit den Pompons geistvoller Aperçus, erging, er hatte, als er plötzlich klar sah, nichts mehr zu sagen.
Kein aufrechter, geläuterter Deutscher ohne ein Aschepartikel des Führers in der Brieftasche, ohne ein Haar des Schnauzbarts in seinem Exemplar des Grundgesetzes oder des Doktor Faustus.
Es sind Philosophen, die nicht verstehen, daß nicht Dummheit die Einsicht verstellt, sondern der obstinate Wille, uneinsichtig und wahrheitsresistent zu bleiben.
Die Tiere mit ihren transparenten, sinnreichen Verhaltensprogrammen, die Menschen mit ihren undurchsichtigen, erklügelten Spielen.
Wer für seine Wahrheit viele Opfer gebracht hat, wird zu einer unberechenbaren Gefahr, wenn man sie ihm nimmt.
Der Wille des Aufklärers, der Menschheit zu dienen, indem er ihr den Schleier der Illusion herunterreißt, nährt sich von der größten Illusion.
Die durch radikale Reformen der Sprache eine endgültige Ordnung des Gedankens stiften wollen, öffnen, ähnlich jenen, die durch eine radikale Umwälzung eine endlich gerechte soziale Ordnung errichten wollen, den Mächten der Verwirrung und des Chaos die Pforten.
Freilich, im stillen Werk- und Andachtstag hinter den Mauern der Zisterzienserklöster findet man sie, die rechte Ordnung des Zusammenlebens, findet man sie, die Ordnung des Gedankens – in der Regula Benedicti.
Gegen die üblen Folgen der Völlerei des Redens hilft nur die Diät des Schweigens.
Der Architekt preist die Schönheit und Harmonie der Brückenbögen, der Statiker sagt nein.
Wie Hans denken lernte, als er begriff, daß die Sonne nicht untergeht, obwohl sie nachts nicht scheint; daß der Freund kein Freund war, weil er ihn verraten hatte; daß die lateinischen Vokabeln hohle Nüsse blieben, wenn sie sich nicht in die goldenen Trauben des Horaz verwandelten; daß seine Hand an der Töpferscheibe erst sehend wurde, als sie die schöne Wölbung des Kruges erfühlte.
Jeder erlebt die Enttäuschungen, die seinem Charakter gemäß sind.
Manche Seelen machen ihre Enttäuschungen zu stumpfsinnigen Echsen, manche zu zischenden Schlangen, manche machen sie blind, manche machen sie sehend.
Das Seltene den Seltenen.
Vergebliche Liebesmüh, dem Farbenblinden die Schönheiten Tizians oder Monets näherbringen zu wollen, den vom Lärm des Tages Betäubten zu den nächtlichen Schauern des Wassers zu locken, den von der Wollust der Selbstgeißelung Gegerbten auf den weichen Samt der Liebkosung zu betten, den Bedeutungsblinden in das herbstliche Licht der Lyrik Georges oder Hofmannsthals zu geleiten.
Die vom süßen Likör sentimentalen Geschwätzes aufgedunsene oder vom Fusel der Zeitungsphrasen fühllos gewordene Zunge schmeckt nicht mehr die sublimen Noten und exotischen Nuancen des Baudelaireschen Weins.
Der schlichte, glatte Kiesel schmiegt sich gut in die Hand des Knaben, aber die fein gewundene Muschel hält er gebannt ans Ohr.
Das von Glanzpuder grelle Klischee der Werbeschönheit verblaßt vor dem sommersprossigen Gesicht des ungeschminkten Mädchens, dessen Augen die grüne Nacht des Meeres widerspiegeln.
Das ekstatisch verzerrte Strampeln und albtraumverrenkte Getue des umjubelten Balletts, sie stürzen plump wie fallengelassene Gliederpuppen zu Boden vor dem stillen, hohen Schreiten der Chöre Sapphos und Pindars.
Die wächsernen expressionistischen Leidensfratzen zerlaufen unter den Strahlen der Ikone.
Die Nervösen und immerzu Aufgeregten hindert der Graue Star einer sinisteren Moral daran, die Schönheiten des Daseins zu erblicken.
Die Rituale heiliger Handlungen und die Rhythmen hymnischer Gesänge verdanken sich Eingebungen, die das Herz des Menschen aus der Nacht der Verlorenheit ins Licht einer höheren Ordnung emporgehoben haben.
Nur den Erwählten öffnet der Engel die Pforten der Wahrnehmung.
Zeigen und Nennen
Zur Philosophie der Sprache
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Der Rauch deutet auf Feuer. Stehen wir vor dem Feuer, sehen wir nichts als das Feuer.
Die französischsprachigen Bücher im Regal deuten darauf hin, daß ihr Besitzer Französisch kann. Spricht er uns mit „Bonjour, Monsieur!“ an, ist dies kein Hinweis darauf, daß er der französischen Sprache mächtig ist, sondern ihre Verwendung.
Der junge Pianist könnte wohl zeigen wollen, daß er die Sonate schon so ausdrucksvoll interpretieren kann wie sein alter Lehrer und Meister, der im Publikum sitzt. Doch gerade indem er sie verwirklicht, scheitert seine Absicht. Ausdrucksvoll und schön wird er nur spielen, wenn er sich ganz dem Spiele hingibt.
Die Eisblumen am Fenster künden vom Wintereinbruch, der Schnee auf dem Dach ist einfach der Schnee oder ein Bestandteil der Jahreszeit, die wir Winter nennen.
Das Alphabet hat keine Bedeutung, die riesige alphabetisch angeordnete Liste der Wörterbucheinträge ergibt keinen Sinn. Die riesige alphabetisch geordnete Reihe der Namen des Telefonbuchs und des städtischen Einwohnerverzeichnisses hat keine Bedeutung.
Die Schönwetterwolken am Abendhimmel versprechen uns einen schönen Sommertag. Der wolkenlos strahlende Himmel am Morgen ist kein Anzeichen des schönen Sommertags, sondern ein wahrnehmbares Moment dessen, was wir einen schönen Sommertag nennen.
Das Versprechen, das Buch morgen dem Freund wie ausgemacht mitzubringen, zeigt, wenn es aufrichtig ist, die Verläßlichkeit und Freundestreue des Leihnehmers; wird das Versprechen eingelöst und steht das Buch wieder im Regal, hat es seinen exzeptionellen Status als Leihgabe eingebüßt und ist ein Buch unter anderen.
Der Ehering ist ein Zeichen für die eheliche Verbindung, doch der Beischlaf mit der Sekretärin ist kein Zeichen der Untreue, sondern ein Akt der Untreue.
Das Klopfen an der Tür ist das Anzeichen dafür, daß jemand eintreten möchte. Wer eintritt, macht die Ankündigung wahr.
Die Zahl auf dem Geldschein steht für den Wert des Gutes, das man dafür eintauschen kann. Das damit erworbene Gut ist einfach das Gut.
Der Sinn und die Funktion des Zeigens ist die Wahrnehmung des Gezeigten. Der Sinn des Zeigens des Gezeigten ist die an ihm mögliche Wahrnehmung oder die mit ihm ausführbare Handlung durch denjenigen, dem die stumme oder sprachliche Zeigegeste gilt.
Die Zeigegeste erfüllt sich und erlischt in der Wahrnehmung dessen, dem sie galt.
Ich zeige dir etwas. Du sagst: „Ach, das!“ Das gestische und sprachliche Zeigen ist die Urform der Verständigung.
Du sagst: „Hier entlang, bitte!“ Und ich folge der Aufforderung. Doch würde es ein anderer sagen, vielleicht nicht. Das Zeige- und Zeichenspiel läßt uns gewisse Freiheitsgrade, ja selbst die Möglichkeit, uns ihm zu verweigern.
Der Gebrauch der Zeigegeste und der demonstrativen und pronominalen Zeigewörter wie hier, dort, dieser, jener, jetzt, dann, ich und du überzieht und umspannt die gemeinsame Wahrnehmungssituation mit einem deiktischen Raster.
„Der Mensch dort!“. – Wir können sprachlich nur auf etwas zeigen, dessen Begriff („Mensch“) hinreichend individualisiert ist („der Mensch“).
Wir können den Allgemeinbegriff („Mensch“) als Menge von Gegenständen auffassen, aus dem wir mittels des Demonstrativums („dieser“) oder des Artikels („der“) das individuelle Element herausgreifen.
„Das ist Peter.“ – Allgemeinbegriffe können verneint werden („Das ist kein Mensch“), nicht aber Eigennamen („Das ist kein Peter.“)
Die Sprache ist der Lehrer der Logik.
Begriffe wie Allgemeinbegriffe und Namen sind bedeutungstragende Ausdrücke oder Symbole, deiktische Wörter wie Demonstrativa und Personalpronomina nicht.
Um etwas zu zeigen, genügt meist die einfache Zeigegeste nicht („Schau mal!“), unser Gegenüber muß anhand des Nennworts den relevanten Begriff erfassen („Schau mal, die Taube!“).
Zeigen und Nennen, Zeigfeld und Symbolfeld sind, wie Karl Bühler erwiesen hat, die beiden gleichursprünglichen Funktionen und Funktionsfelder der Sprache. Die eine Funktion kann weder auf die andere reduziert noch das eine Funktionsfeld aus dem anderen abgeleitet werden.
„Jetzt ist er weg.“ – Die Verwendung temporaler Indexwörter (jetzt, gleich, dann) ist eine Funktion der Beobachtung am ruhenden oder bewegten Objekt und ihrer intersubjektiven Mitteilung.
„Wie ich oben dargelegt habe“ – „Wie ich hernach noch näher beschreiben werde“, solche und manch ähnliche Wendungen in Schriftstücken belegen den sinnvollen Gebrauch lokalisierender und temporaler deiktischer Ausdrücke in wahrnehmungsfernen und anschauungslosen Räumen wie Berichten, Erzählungen, Erinnerungsprotokollen, in denen wir eine imaginäre Form der Deixis entwerfen und erfolgreich exerzieren.
Um fiktive Literatur zu verstehen, muß man allererst die verwendete imaginäre Deixis verstehen.
Wir benötigen kein Zeitgefühl, keine Zeitempfindung, keine Zeitvorstellung, um zu verstehen, wenn jemand ankündigt, er werde später kommen, jemand klagt, das sei ein langer Tag gewesen, jemand uns auffordert, uns zu sputen, langsamer zu gehen, schnell ins Nebenzimmer zu kommen.
Wenn wir einem langweiligen Vortrag gedanklich vorauseilen, kommen wir nicht außer Atem.
Wenn wir auf etwas zeigen, können wir uns nicht irren, wohl aber darin, wie wir es benennen, wenn es keine Fichte, sondern eine Tanne ist.
Die Anschauung ist das Quellgebiet des geistigen Lebens.
Es gibt nichts hinter den Dingen, kein Ding an sich, keine Wahrheit hinter dem, was wir anschauen und wahrnehmen. Der Wegweiser, der uns den Namen des nächsten Ortes ankündigt, ist gleichsam ein begrifflicher Platzhalter, der Ort, in den wir gelangen, seine Füllung.
Kraft der Einbettung in deiktische Kontexte sind Anschauungen niemals blind, Begriffe kraft ihrer virtuellen Einbettung in deiktische Kontexte niemals leer.
Die Zeigefunktion der Deixis löst uns den Schleier der Illusion, als wären Wahrnehmungen und Anschauungen subjektive Zustände und innere Erlebnisse.
Sehen wir, was uns der Wegweiser angekündigt hat, ist unsere durch ihn geweckte Erwartung erfüllt.
Erwartung und ihre Varianten wie Befürchtung und Hoffnung sind nicht wie das Gefühl der Ungeduld, der Bangigkeit oder Vorfreude rein subjektive Zustände, sondern intentionale Einstellungen, deren Intentionalität durch das Eintreten des Erwarteten, des Befürchteten oder Erhofften zugleich erfüllt und aufgelöst wird.
Wer auf die Ankunft des Freundes wartet, kann sich langweilen, an ihn denken oder nicht an ihn denken, kann aufgeregt oder gelassen sein – subjektive Befindlichkeiten dieser Art können kein Kriterium für die Einstellung abgeben, die wir Erwartung nennen.
Vielleicht können wir aufgrund der neurologischen Erfassung von Hirnzuständen auf ihr Pendant des subjektiven Erlebens der Langeweile, der Erregung oder Gelassenheit schließen, nicht aber auf die Einstellung der Erwartung, die sie grundieren.
Das Sprachleben im deiktischen Nahfeld und der geteilten Wahrnehmungssituation ist für den Sozialverband überlebenswichtig, denn hier entscheidet die gestische Lokalisierung der Nahrungsquelle und die Warnung vor dem Feind über Leben und Tod, hier müssen Befehle, Aufforderungen und Hinweise die lebensnotwendigen Verrichtungen koordinieren können.
Der soziale Sinn, der sich in den Hinweisen und Aufforderungen „Achtung!“, „Vorsicht!“, „Leise!“, „Schneller!“, „Geradeaus!“, „Links“, „Rechts“ und ähnlichen bekundet, wiegt schwerer als das ausdrucksvolle „O!“ und „Ach!“ des einsamen Subjekts.
Die Nennkraft der Namen erweist sich an ihrer Konkretion und Prägnanz, ihrer Unabhängigkeit kraft Bindung durch Konvention von aller subjektiven Meinung und aller mehr oder weniger losen Verbindung mit Vorstellungen, inneren Bildern, Assoziationen. Ob der zeigende Hinweis „Dort geht Peter!“ vom Freund mit der Erinnerung an das von ihm erhaltene Geschenk aufgenommen und verstanden wird oder vom mißliebigen Konkurrenten mit der Erinnerung an die Affäre mit seiner Frau, in beiden Fällen hängt die Bedeutung des Namens nicht an den von seinem Klang erweckten Assoziationen, sondern einzig an der Identität seines Trägers.
Mit dem Laut „Wasser“ mag der eine den erquickenden Trunk, der andere das erfrischende Bad assoziieren, die Bedeutung ist intersubjektiv-objektiv an die Bedingung geknüpft, daß wir nur, was H2O ist, Wasser nennen.
Die hohen Lieder sind verstummt
Die hohen Lieder sind verstummt,
des Wassers Stimmen, die betören.
Jetzt ist ein Knirschen nur zu hören,
verschneiten Pfad gehst du, vermummt.
Die Beere, die einst Blut geschwellt,
ist runzlig, trocken wie dein Denken,
und die den Prunk zur Erde senken,
die Knospen sind von Schorf entstellt.
Es zittert sich in Schlaf das Lid
des Horizonts, das wimpernlose,
vergossen hat der Kelch der Rose
den Duft, der Tod und Liebe schied.
Die Inschrift auf dem Ahnenstein,
du kannst sie nicht mehr lesen,
dich zieht ins Schweigen, was gewesen,
nicht netzt den Mund mehr Liedes Wein.
Wie Glocken tönt Erinnerung,
als riefen dir des Himmels Wellen:
die Bläue wird dein Herz erhellen.
Doch du bist alt, bist nicht mehr jung.
Was sich auf Freude reimt
Magst du, was sich auf Freude reimt,
mit hellem Sinn umfassen,
was noch zu blauem Krokus keimt,
dem Dunkel nicht belassen.
Und der da weiß um deine Qual,
des Lebens Tort und Engen,
wird einen roten Seidenschal
an deine Pforte hängen.
Und hat der Tag dich blind gemacht
mit seinem Wust und Wirren,
mag Funkenflug in deiner Nacht
von Liebesmücken schwirren.
Wie Blüten, hingestreut vom Hauch
des Abends auf das Wasser,
auf Mondes Matten werden auch
die wehen Veilchen blasser.
Und foltert dich Geschwätz der Zeit
mit eitlem Schuldempfinden,
der Augenblick ist Ewigkeit,
da wir im Schweigen münden.
Herbst im alten Garten
Wir gingen früher Kindheit weichen Pfad,
wir gingen durch den alten Garten.
Gestalten gönnte uns des Lichtes Saat,
mit Wangen, blassen, Blicken, zarten.
Der Herbst durchwühlte schon mit lauem Hauch
der Knospen Üppigkeit, die Rose
betaute sanfter Schmerz, es seufzten auch
nach Tropfenglanz die dunklen Moose.
Und in der Mitte lag der Brunnen stumm,
des Sommers Herz, das hoch geschlagen,
es beugte sich die Weide, alt und krumm,
die Sanges kleines Nest getragen.
Wir gingen schweigend Hand in Hand, als groß
um uns der Geister Schatten ragten,
und Tränen rannen auf der Mutter Schoß,
die ihr vom Weh der Kinder sagten.
Zeichen, Anzeichen, Gesten
Zur Philosophie der Sprache
Der Autofahrer bemerkt, daß der rechte Blinker des Vordermannes eingeschaltet ist, und versteht das kontinuierliche Blinken unmittelbar als Signal, das die Absicht des Fahrers ankündigt, demnächst in die rechte Seitenstraße abzubiegen.
Entscheidend für das Verständnis oder die korrekte Deutung des Zeichens ist die Voraussetzung seines intentionalen Ursprungs: Nur wenn wir annehmen, der Vordermann setze den Blinker bewußt und absichtsvoll, gewahren wir an dem visuellen Phänomen den Zeichencharakter.
Wir verstehen das Zeichen als Wirkung einer causa finalis, der Finalität oder des Willens dessen, der sich seiner bedient, um seine Absicht und sein Vorhaben kundzutun.
Wir verstehen das Zeichen als Spur und Fußabdruck einer absichtsvollen Handlung. Der Absicht, die der Fahrer damit ausdrückt, nämlich abzubiegen, entspricht unsere durch das Blinken erweckte Erwartung, daß er in Bälde abbiegen wird.
Wir ersehen aus diesem Modell des Zeichenverkehrs auch die Bedeutung der Zeiterfahrung, die sich in der Erwartung des Hintermannes manifestiert: Ihre Dauer ist durch die Zeitstrecke von der Erweckung der Erwartung durch das ausgelöste Signal bis zur Erfüllung der Erwartung durch die angekündigte Handlung (das Abbiegen des Vordermannes) definiert.
Die Zeiterfahrung, merken wir an, ist demnach kein subjektives Erlebnis des sogenannten inneren Zeitbewußtseins, sondern eine intersubjektiv zwischen Sender und Empfänger im öffentlichen Zeichenverkehr konstituierte, gesteuerte und koordinierte Erfahrung.
Hätte der Vordermann den Blinker aus Versehen und also nicht mit Absicht oder als Effekt seines Handelns gesetzt, würden wir das Zeichen mißverstehen und unsere Erwartung wäre augenblicks enttäuscht, wenn der Fahrer nicht abbiegen würde.
Der Fahrer könnte den Blinker auch absichtlich betätigen, um eine andere Absicht damit zu verfolgen, als ihn als Zeichen für sein Vorhaben abzubiegen einzusetzen, nämlich den Hintermann zu täuschen, zu irritieren und zu nerven.
Das Zeichen wird uns verständlich, insofern wir es sowohl als Ausdruck eines absichtsvollen und bewußten Handelns als auch als Ankündigung einer zukünftigen Handlung, des Abbiegens, interpretieren; seine Verwendung ist dafür gemünzt, unser Verhalten auf dies angekündigte Ereignis einzustellen.
In dem Maße, wie das Zeichen unsere Erwartung stimuliert, steuert es unser Verhalten.
Verkehrszeichen wie Blinklichter, Warnschilder und Wegweiser sind konventionelle Orientierungsmarken, die von den Intentionen derer künden, die sie angebracht haben oder benutzen, um uns als Verkehrsteilnehmer darauf gefaßt zu machen, was uns erwartet.
Der Blitz weckt unsere Erwartung auf den Donner, der Salzgeruch und die frische Brise unsere Vorfreude darauf, bald das Meer zu erblicken, der Verkehrsstau unsere Befürchtung, uns zu verspäten. Bei Phänomenen dieser Art handelt es sich um natürliche Anzeichen oder zufällige Ereignisse, denen wir trivialerweise den originären Zeichencharakter absprechen, weil sie kein Resultat oder Mittel absichtsvollen Handelns darstellen.
Der Hund, der den Klang seines Namens aus dem Mund des Herrchens vernimmt, hat die Erwartung, daß es gleich etwas Leckeres im Napf geben wird. Aber er interpretiert den Ruf weder als seinen Namen noch als Zeichen für die Absicht seines Besitzers, ihn mit gutem Futter zu verwöhnen. Er nimmt den Ruf, wie der Pawlowsche Hund den Klingelton, als Anzeichen für die bevorstehende Fütterung wahr, das sein Verhalten steuert, wenn er freudig erregt zu seinem Napf läuft.
Die Biene weckt und steuert mit ihrem Schwänzeltanz und der Verbreitung von Nektarproben die Erwartung und das Verhalten ihrer Schwestern; ihr erregtes Gebaren zeigt ihnen die Richtung und Entfernung einer lohnenden Nahrungsquelle an. Wir tun uns schwer damit, ihrem Tun zeichenhaften Charakter zuzubilligen, ist es doch in dem Maße kein absichtsvolles Handeln, als es von einem genetisch fest verdrahteten Programm gesteuert wird.
Das Murmeltier hat mit seinen Warnpfiffen den Fluchtreflex seiner Artgenossen ausgelöst; der Warnruf hatte für die Gewarnten den Wert eines Anzeichens für die drohende Lebensgefahr. Die Geretteten verhielten sich dank des Warnsignals auf eine Weise, als hätten sie den todbringenden Schatten des Greifvogels selbst gesehen. Dennoch ist der Warnruf kein Zeichen, das ein von ihm Gemeintes repräsentiert oder vergegenwärtigt, wie das Blinken des Vordermanns seine Absicht abzubiegen; denn wie es der Zoologe beiläufig tut vom Warnen des wachhabenden Murmeltieres zu reden ist nur eine metaphorische Ausdrucksweise: Das Pfeifen des Tieres ist keine absichtsvolle Handlung, sondern wie die durch es ausgelöste Flucht der Artgenossen seinerseits ein reflexartiges Verhalten.
Der Warnruf des Murmeltiers ist kein absichtsvolles Zeichenhandeln, denn wäre es ein solches, könnte es das Tier auch unterlassen, etwa um seine Angehörigen zu ärgern oder sich an ihnen für etwaige Zurücksetzungen zu rächen.
Anders als der tückische Autofahrer, der seinen Hintermann durch das Blinken an der Nase herumführt, vermag die Biene ihren Schwänzeltanz und das Murmeltier seine Warnrufe nicht zur Täuschung ihrer Artgenossen zu mißbrauchen. Wir würden auch nicht von einem Irrtum reden, wenn die Biene mit ihrem Signaltanz auf keine neue Futterquelle verweist, wenn das Murmeltier einen Flugballon als Gefahrenquelle signalisiert, sondern von einem Versagen oder einer unzureichenden Ausstattung ihrer eingebauten biologischen Verhaltensprogramme. Ähnlich der Rechenmaschine, der wir, wenn sie unbrauchbare Ergebnisse ausspuckt, keinen Irrtum unterstellen, sondern ein technisches Versagen.
Die Möglichkeit sowohl der Täuschung als auch des Irrtums weist uns auf das Vorliegen echter Zeichenhandlungen hin.
Den Ruf der Glocken vernimmt der Gläubige als Aufforderung zum Angelusgebet; auch wenn er mechanisch erzeugt wird, ist die Situation mit jener bedeutungsgleich, als noch der Küster oder der Läutebub die Glocken an Stricken in Bewegung zu versetzen pflegte, also eine willkürliche Zeichenhandlung vollzog.
Visuelle und akustische Signale können von Maschinen oder Automaten erzeugt und mittels Computerprogrammen gesteuert werden, wie die Haltesignale im Zugverkehr, die Leuchtsymbole und Richtungsvektoren im Cockpit des Flugzeugs oder die schrillen Töne einer Warnanlage, ohne ihren Zeichencharakter der Mitteilung und Aufforderung einzubüßen, der auf das ursprüngliche intentionale Handeln der Ingenieure zurückgeht, die sie entwickelt, programmiert und für spezifische Zwecke eingerichtet haben.
Erröten und Erblassen sehen wir als Anzeichen oder Symptome der Verlegenheit und des Erschreckens, das Funkeln der Augen und das strahlende Lächeln als Ausdruck der Freude; aber das Stirnrunzeln, das Hochziehen der Brauen, das jähe Aufreißen der Augen, das plötzliche Senken des Blicks, selbst das Weinen können sowohl Ausdrucksformen unwillkürlicher Regungen als auch situativ gezielt und absichtsvoll eingesetzte Gesten des Argwohns, der Rüge und Zurückweisung, des gespielten Entsetzens, der bewußten Nichtachtung und der emotionalen Erpressung darstellen.
Wir unterscheiden den mimischen und physiognomischen Ausdruck, der unsere Befindlichkeit, unseren Affekt und unsere Gestimmtheit unwillkürlich verkörpert und verlebendigt, von der mimisch-leibhaftigen Geste, die eine Willkürbewegung darstellt und unserem Gegenüber eine Haltung oder Absicht bekundet.
Wir deuten die fahrigen und schludrigen, die zerlaufenen oder spitzen, die abgehackten oder verschnörkelten Linien der Handschrift als Symptome des seelischen Zustands und als stumme Zeugen für den Charakter des Schreibers. Aber die Kalligraphie des mittelalterlichen Mönchs verstehen wir als Zeichen seiner Ehrfurcht vor dem Offenbarungscharakter der Schrift.
Die Einrichtung einer Wohnung, das Dekor, die Bilder oder kahlen Wände, die Tapetenmuster, die Vasen und Nippesfiguren, die geblümten oder zerschlissenen Gardinen, die billigen oder echt orientalischen Teppiche, die rauchige oder parfümierte Luft, in alledem können wir den Charakter, das Lebensgefühl, den sozialen Status dessen ablesen, der in diesen Räumen wohnt. Obwohl der Bewohner all diese Dinge nicht ohne Absicht, ja nach eigenem Gusto angeschafft und arrangiert hat, deuten wir sie nicht als intentionale Zeichen oder absichtsvolle Gesten, auch wenn die kostbaren Kupferstiche die Gäste vom erlesenen Geschmack des Sammlers überzeugen sollen, sondern gleichsam als Seelenlandschaft oder Genre- und Lebensbild, dem Archäologen nicht unähnlich, der die Amphoren, Sitzbänke, Mosaiken nicht nach ihrem künstlerischen Wert taxiert, sondern als Zeugnisse eines Lebensstiles begutachtet.
Der Ausruf „Aua!“ gilt uns nicht für ein sprachliches Zeichen, sondern als Ausdruck des Schmerzes, wir verstehen ihn als Anzeichen oder Symptom der Befindlichkeit des Leidenden. Dagegen ist der Ausruf „Das tut weh!“ aus dem Munde des Patienten, dem der untersuchende Arzt auf die Bauchdecke drückt, dreierlei: 1. der Ausdruck seines Schmerzempfindens, 2. die Mitteilung seines Befindens und 3. die Aufforderung, nicht mehr auf die empfindliche Stelle zu drücken.
Der Ausruf „Aua!“ ist kein Zeichen eines absichtsvollen sprachlichen Handelns, „Das tut weh!“ in dem Maße ein absichtsvoller Sprechakt, in dem er eine Mitteilung und eine Aufforderung darstellt.
Die Äußerung „Da tut es weh!“ aus dem Munde des untersuchten Patienten ist kein Ausdruck seines Befindens, sondern ein Hinweis mittels der deiktischen Partikel „da“, dessen Satzcharakter durch die mögliche Umformung „Ich glaube, da tut es weh“ zutage tritt.
Der Passant wird auf seinen Freund aufmerksam, der ihm von der gegenüberliegenden Straßenseite ermunternd mit der Hand zuwinkt. Er versteht die Handbewegung unmittelbar als gestisches Zeichen der Aufforderung, stehenzubleiben und auf den Freund zu warten, der sich bereits aufmacht, um zu ihm zu kommen.
Der Liebhaber hat seine Geliebte zur Tür geleitet; jetzt steht er am offenen Fenster und winkt ihr mit dem Taschentuch nach. Die Geste des Winkens ist ein Zeichen der innigen Verbundenheit sowohl als auch der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. Die Geste ist ein Zeichen, denn sie könnte in sinnadäquate Äußerungen oder Sprechhandlungen transformiert werden („Ich liebe dich, kehre bald zurück!“). Die Geste des Winkens ist eine absichtsvolle Zeichenhandlung, denn sie könnte auch unterbleiben oder zur Vortäuschung verblaßter oder nichtexistierender Gefühle mißbraucht werden.
Gesten sind zeichenhafte Handlungen, die mit Sprechhandlungen die typische Eigenschaft teilen, in das deiktische Nahfeld der Äußerungssituation und den mit dem Empfänger gemeinsamen Wahrnehmungshorizont eingebunden zu sein. Sie können wie alle Handlungen auf ihre Absichten und Gründe hin befragt werden. Sie können einerseits dank der Erfüllung ihrer Äußerungsbedingungen gelingen, andererseits wegen des Verfehlens dieser Bedingungen scheitern. So könnte die gestische Metapher des Winkens in den Wind geschrieben sein, wenn sich diejenige, der sie gilt, von dem blauäugigen Liebhaber längst entfremdet hat und entschlossen ist, nicht mehr zu ihm zurückzukehren.
Gesten können wie alle nichtkonstativen Sprechhandlungen angemessen, effizient und erfolgreich oder unangemessen, unwirksam und verfehlt sein, aber sie können nicht wahr oder unwahr sein.
Sicher gibt es das geheuchelte Lächeln, die falschen Tränen, die hysterischen Seufzer – aber sie sind nicht unwahr im Sinne der Verneinung einer wahren Aussage, sondern verwirklichen, aus welchen tückischen Motiven oder pathologischen Gründen auch immer, eine sehr spezielle Absicht, nämlich, die wahre Gesinnung hinter einem gestischen Vorhang zu verschleiern, der den Getäuschten vom Gegenteil überzeugen soll.
Die geheuchelte Geste ähnelt dem Sprechakt des unaufrichtigen Versprechens, dessen Wert ans grelle Licht kommt, wenn seine Erfüllung ausbleibt. So steht der verdutzte Liebhaber, dem gestern noch das verlogene Lächeln als Einladung galt, heute vor verschlossener Tür.
Das Symptom oder Anzeichen und der unwillkürliche Ausdruck wie der Wehlaut oder der Freudenschrei können nicht geheuchelt und vorgetäuscht werden. Das Signal wie das Blinken des Autofahrers kann absichtsvoll eingesetzt oder versehentlich ausgelöst werden; es kann auch mit Absicht zur Täuschung mißbraucht werden. Intentionale Gesten haben wie Sprechhandlungen Gründe und Motive sowie Erfüllungsbedingungen des Gelingens und Mißlingens.
Anzeichen und Gesten kann man nicht verneinen. Die Möglichkeit der Verneinung ist ein Kriterium für das Vorliegen vollgültiger sprachlicher Darstellungen, also von Sätzen und satzförmigen Äußerungen.
Gesten sind keine Symptome oder Anzeichen subjektiver Befindlichkeiten und Stimmungen, sondern konventionelle Zeichen, die sich von den sprachlichen Zeichen allerdings darin unterscheiden, daß sie zwar wie Lexeme fungieren („Winken“ bedeutet „Abschiednehmen“), aber nicht syntaktisch zu komplexen Gebilden zur Darstellung komplexer Gedanken verwendet werden können. Könnten sie dies, wären sie wie die Zeichen der Taubstummensprache diakritische Zeichen.
Der Gedanke „Ich hoffe, daß du übermorgen rechtzeitig zu unserer Verabredung kommst“ kann nicht mittels der Geste des freundlichen Lächeln, der Umarmung oder des Händedrucks wiedergegeben werden.
Die winkende Geste oder der gestische Bescheid des Freundes kann von dem Empfänger in die Äußerung übersetzt werden: „Warte, ich komme gleich zu dir.“ Wenn der Empfänger der gestischen Botschaft Tagebuch schriebe, läse sich das Ereignis so: „Er winkte mir zum Zeichen, daß er zu mir kommen wolle.“ Der Bericht über die Geste entkleidet sie ihrer performativen Kraft und beläßt ihr nur mehr ihren reinen Mitteilungswert.
Die Aussage „Ich hatte Schmerzen“ hat einen anderen Sinn als der Ausruf „Es tut mir weh!“ Der unwillkürliche Ausdruck oder das verlautete Symptom subjektiven Empfindens hat sich in eine willkürliche Darstellung abstrakter Symbole verwandelt, die von Schmerzen berichten, aber sie nicht ausdrücken. Im Erinnerungsprotokoll „Ich verspürte im Salzgeruch der Luft die Nähe des Meeres“ hat sich das Anzeichen der olfaktorischen Wahrnehmung in eine syntaktische Verkettung sichtbarer und gegebenenfalls hörbarer Sprachzeichen verwandelt, die für den Geruchssinn nichts übrig lassen.
Der behandelnde Arzt gibt nach der Klage des Patienten „Ich hatte Schmerzen“ unter dem zugehörigen Datum in seinem Befund zu Protokoll: „Patient hatte Schmerzen.“ Mit der Verwendung der Personalpronomina der dritten Person haben wir das deiktische Nahfeld und das von Sender und Empfänger, von ich und du hier und jetzt geteilte Wahrnehmungsfeld verlassen und uns auf die Symbolebene des Berichts, der Aufzeichnung, der Erzählung begeben.
Von der autobiographischen Notiz, der Freund habe gewinkt und gerufen „Ich komme gleich zu dir“ löst sich das grammatische Satzschema ab „Etwas/einer bewegt sich von hier nach dort“; dieses wiederum ist eine Transformation des formalen Satzschemas: „X bewegt sich zum Zeitpunkt t von A nach B.“ Hier sind die Zeigewörter „ich“ und „du“ zugunsten der Gegenstandsvariable X eliminiert und die deiktischen Partikeln „hier“, „dort“ und „jetzt“ durch die Variablen A, B und t ersetzt.
Nur wenn wir die Personalpronomina „ich“ und „du“ eliminieren und die deiktischen oder Zeigewörter wie „jetzt“ und „hier“ als Platzhalter auffassen und sie durch spezifische Variablen ersetzen, gelangen wir zur deskriptiven Darstellung; von der performativen Sprechhandlung „Ich komme jetzt zu dir“ zu der deskriptiven Aussage „N. N. bewegt sich zum Zeitpunkt t vom Punkt A zum Punkt B“, die wir verifizieren oder falsifizieren können, wenn wir wiederum die Variablen N. N., t, A und B durch einen individuelle Namen und spezifische Raum- und Zeitangaben ersetzen.
Die Aussage „N. N. bewegt sich zum Zeitpunkt t vom Punkt A zum Punkt B“ können wir zum Schema einer universellen Aussage formalisieren, indem wir sagen: „Im Erfahrungsraum finden Ereignisse der Form statt: Körper bewegen sich in Zeitintervallen von A nach B.“ Diese Formel bildet das formale Schema für alle wahrheitsfähigen Aussagen, die wir paßgenau in sie einsetzen, auf sie abbilden oder ihr zuordnen können, sie selbst jedoch ist nicht wahrheitsfähig, sondern eine Art transzendentaler Grundsatz für die Bildung von wahrheitsfähigen Aussagen über die Welt, in der wir leben.
Transzendentalen Grundsätzen zugeordnete Aussagen können verneint werden, die Grundsätze selbst nicht, sie können nur aus der Fülle faktischer, wahrheitsfähiger Aussagen als Schema möglicher Aussagen abgeleitet werden.
Transzendentale Grundsätze dieser Art und Struktur sind es, die den begrifflichen Rahmen für die korrekte Anwendung von sprachlichen Zeichen in deskriptiven und darstellenden Aussagen abstecken.
„ich“ sagen können
Funktion und Sinn eines seltsamen Pronomens
„ich“ ist das hinweisende oder deiktische Pronomen für die erste Person; als Pronomen steht es für einen Namen, nämlich den Namen dessen, der spricht und handelt. Denn wenn gefragt wird: „Wer kommt mit?“ und als Antwort ertönt „Ich!“, können die anderen sagen: „Freund Peter kommt mit.“
„ich“ steht für einen Namen, kann also keiner sein; Namen haben eine Bedeutung, zum Beispiel hat der Eigenname Peter die Bedeutung, den Träger dieses Namens zu bezeichnen. Da also „ich“ kein Name ist, sondern für einen steht wie für den Namen „Peter“, wenn auf die Frage „Wer kommt mit?“ Peter antwortet „Ich!“, so hat es auch keine Bedeutung.
„ich“ ist nichts als der Hinweis auf den, der es sagt.
Wem sagt er es? Natürlich einem, den er mit „du“ anredet und der von sich wiederum sagt „ich“.
Der philosophische Unfug, der mit der Substantivierung des Personalpronomens „ich“, dem „Ich“, getrieben wurde, füllt Bände und verlieh seinen Urhebern klingende Namen und akademische Würden.
Die Konfusion um das liebe Ich gleicht jener, die aufgrund der Substantivierung des Zeitadverbs „jetzt“ in die Welt gesetzt wurde. Die Jetzt-Sophisterei ähnelt der Ich-Sophisterei nicht zufällig, sind die hinweisenden Zeigewörter „ich“ und „jetzt“ doch insofern verwandt, als wer „ich“ sagt, „jetzt“ redet und handelt.
„ich“ ist kein Name und kein Begriff, hat keine Bedeutung und keine semantische Referenz, sondern eine deiktische Funktion im Zeichenverkehr der Normalsterblichen. Insbesondere hat es nicht die Bedeutung „Bewußtsein“, auch wenn unbestritten ist, daß einer, der „ich“ sagt, im Regelfalle bei Bewußtsein und manchmal sogar bei Sinnen ist.
Wir sollten philosophisch ernüchtert den überschwänglichen Gebrauch des Begriffs Bewußtsein vermeiden und uns mit der Untersuchung des legitimen und korrekten Gebrauchs des Adjektivs und Adverbs „bewußt“ bescheiden.
Hier finden wir zumindest zwei Klassen von Gebrauchsweisen: Wenn einem im hektischen Gedränge des Supermarkts dem Sozius den Einkaufswagen versehentlich in die Kniekehle stößt, mag er, darauf hingewiesen, zur Entschuldigung vorbringen, dessen sei er sich gar nicht bewußt gewesen. Hier steht das Adjektiv „bewußt“ für die Deutlichkeit des Empfindens, Merkens, Spürens, Fühlens, Wahrnehmens; seine Verwendung ist gewöhnlich redundant und kann eingespart werden wie in den Äußerungen: „Ich habe es gar nicht gemerkt“ oder „Ich habe es doch gesehen.“
Wer Sätze äußert wie „Ich merke es“, muß die Tatsache, daß er etwas und was er merkt, spürt oder fühlt, nicht an sich selbst durch Introspektion oder eine mysteriöse Selbstwahrnehmung allererst festgestellt haben; wir fühlen nicht, daß wir etwas und was wir fühlen, sondern haben dieses spezifische Gefühl; wir wissen nicht, daß wir etwas und was wir sehen, hören, wahrnehmen, sondern nehmen etwas ohne Zwischenschritt einer vermittelnden Instanz unmittelbar wahr, sonst könnten wir ja in die Verlegenheit kommen, nicht zu wissen, daß wir etwas und was wir wahrnehmen.
Die andere Klasse von Verwendungen des Wortes „bewußt“ entnehmen wir Äußerungen wie der folgenden: „Ich bin mir bewußt, daß meine Meinung auf keine breite Zustimmung stößt“ sagt jemand, der sich der Gewagtheit oder Unvertrautheit seiner Meinungskundgabe aufgrund der skeptischen oder ablehnenden Reaktionen der Hörer vergewissert hat, weshalb er auch sagen könnte: „Meine Meinung wird gewiß auf keine große Zustimmung stoßen.“ Dagegen hat der Kriminelle, der vor Gericht vorgibt, er sei sich der schädlichen Folgen seiner Tat nicht bewußt gewesen, kein Argument zur Milderung des Strafmaßes vorgebracht, auch wenn wir davon ausgehen, daß es immer auch unbeabsichtigte Wirkungen unserer Handlungen gibt, derer wir uns nicht bewußt sind. Die sprachliche Wendung, sich der Folgen des eigenen Tuns bewußt zu sein, ist nur ein anderer Ausdruck dafür, sie gleichsam in einem gedanklichen Modell vorausgesehen, antizipiert oder in Rechnung gestellt zu haben.
Die Bedeutung solcher Normalverwendungen des Wortes „bewußt“ bedarf keines Rückgriffs auf eine Instanz namens Bewußtsein.
Um die Funktion des Gebrauchs des Personalpronomens der ersten Person Singular zu verstehen, muß man nicht verstehen, was Bewußtsein heißt, sondern was es mit dem deiktischen System auf sich hat, zu dem Wörter wie „ich“, „du“, „der da“, „jetzt“ und „hier“ gehören.
„ich“ ist das Signal des Handelnden an die Aufmerksamkeit des anwesenden Sozius, ihm etwas zu geben, ihm zuzuhören, mit ihm die anstehende Handlung zu vollziehen. Deshalb sind die grammatischen Formen des Dativs und Akkusativs für das elementare Sprechereignis wesentlich und unentbehrlich, beispielsweise wenn ich sage: „Reich mir doch die Kanne“ oder „Laß mich doch in Ruhe!“
Daß die pronominalen Formen „ich“, „mich“ und „mir“ von verschiedenen Wortstämmen gebildet sind (anders als die Ableitungen des Pronomens der zweiten Person: du, dir, dich), deutet bereits darauf hin, daß es sich beim Indexwort „ich“ um einen grammatischen Sonderling handelt.
Der aktuelle Gebrauch von „ich“ ist immer situativ auf die mit dem realen oder auch wie im Tagtraum imaginären Gegenpart, dem Angesprochenen, geteilte Wahrnehmungssituation bezogen; während die Pronomina der dritten Person (er, sie, es) sich vom deiktischen Nahfeld gleichsam emanzipieren und frei in den Lebensräumen und Lebenszeiten herumvagabundieren dürfen.
Wenn ich sage: „Ich ging gestern mit Peter im Park spazieren“, ist evident, daß ich dies hier und jetzt (und zwar zu einer anderen Person als Peter) äußere. Der Satz: „N. N. ging dann und dann in dem und dem Park spazieren“ kann überall nach dem Ereignis, von dem er spricht, geäußert, niedergeschrieben, dokumentiert werden.
Die epistemische Asymmetrie solcher Sätze wie „Ich ging gestern mit Peter im Park spazieren“ und „N. N. ging dann und dann in dem und dem Park spazieren“ ist offenkundig, denn meine Aussage mag glaubwürdig und plausibel klingen, kann aber unwahr sein, entweder weil ich lüge oder weil ich mich irre; während die Wahrheitsbedingung des zweiten Satzes schlicht das Wahrsein oder Falschsein des von ihm ausgesagten Sachverhaltes darstellt.
Die Äußerung „Ich habe Schmerzen“ kann sowohl ein Ausdruck meines subjektiven Zustandes, eben meiner Schmerzen, als auch ein Appell an den Angesprochen sein, beispielsweise darauf Rücksicht zu nehmen und sich leise zu verhalten.
Ausdruckskundgaben aus der Ich-Perspektive setzen keine epistemische oder kognitive Beziehung des Subjekts zu sich selbst und seinen jeweiligen mentalen Zuständen voraus; denn zu sagen: „Ich weiß (oder ich vermute oder ich bezweifle), daß ich Schmerzen habe“ ist schlicht Unsinn.
Dagegen implizieren kognitive Aussagen wie „Ich weiß, daß Wasser H2O ist“ die üblichen Wahrheitsbedingungen, denn Sätze dieser Form sind nur wahr, wenn der mitgeteilte Inhalt oder das vorgeblich Gewußte wahr ist.
Aber auch Ich-Aussagen kognitiven Gehalts setzen nicht voraus, daß ich etwas von mir weiß außer der Tatsache, derjenige zu sein, der spricht. Gegebenenfalls könnte der Sprecher wissen, warum und aus welchem Motiv er sagt, was er sagt, beispielsweise, weil er sich einer Prüfungssituation im Physikunterricht ausgesetzt sieht, oder er könnte wissen, zu welchem Zweck und Behufe er sagt, was er sagt, beispielsweise, um die Prüfung zu bestehen.
Ich-Äußerungen sind Handlungen und wie alle Handlungen mehr oder weniger gut begründet, mehr oder weniger gut motiviert. Wir verfügen über Kriterien zur Beurteilung und Überprüfung der Aussagekraft und Glaubwürdigkeit solcher Äußerungen, zum Beispiel bei Aussagen von Angeklagten oder Zeugen vor Gericht. Wir benötigen keine Theorie über das Ich-Bewußtsein und seine subjektiven Zustände, um zu verstehen, aus welchem Grund und zu welchem Zweck sich der Angeklagte in Widersprüche verstrickt, nämlich, um ein Lügengebäude zur Stützung seines falschen Alibis aufzutischen.
Wir können das Indexwort „ich“ freilich als Leerstelle für einen Eigennamen auffassen und nach den Kriterien der ontologischen Identität fragen, die sein Träger erfüllen muß. Diese aber sind gleichsam öffentlich zu besichtigen, denn es handelt sich beispielsweise um die DNA, den Stammbaum, den Fingerabdruck, die Identifikationsnummer des Ausweises, die Adresse, die geographische Karte, auf der wir die Aufenthaltsorte des Betreffenden markieren; doch wenn wir in den Wirrwarr seiner Gedanken und Erinnerungen eintauchen, bleibt uns nur der abgerissene Faden von Assoziationen in den Händen, die für die Kenntnis der Identität, um die es hier und eigentlich geht, diejenige dessen, der „ich“ sagt, nichts hergeben.
Es ist klar, daß einer, der an die Tür geklopft hat und auf die Anfrage von innen „Wer da?“ (denn er vertraut auf die Wohlbekanntheit seiner Stimme) mit „Ich!“ geantwortet hat, kein Geist, sondern ein leibhaftiger Mensch ist. Es scheint eine Trivialität, daß wir nur als leibliche Wesen „ich“ sagen und damit auf uns aufmerksam machen können; doch wird sie von Philosophen, die unsere Fähigkeit, mit „ich“ auf uns zu verweisen, in den dunklen Labyrinthen des Geistes suchen, gerne ignoriert.
Die logisch scharfsinnigen Stoiker hatten keine schlechte Intuition, auch Gott, dessen Stimme ihnen ins Gewissen sprach, eine, wenn auch ätherisch-feinstoffliche, leibliche Präsenz zu attestieren.
Die seltsame Stimme des jüdischen Gottes scheint aus den Wolken zu kommen, doch die seiner Inkarnation im Kind der Krippe und dem am Kreuz Erhöhten ist menschlich-leibhaftig. Hier tut sich sprachlogisch eine noch nicht ausgelotete theologische Kluft auf.
„ich“ sagen zu können ist darüber hinaus, wenn wir uns vornehm wie in besserer Gesellschaft ausdrücken müßten, die transzendentale Bedingung der Möglichkeit von Sprache überhaupt, insofern sie nicht nur Signal- und Appellfunktion besitzt, sondern auch das, was Karl Bühler ihre symbolische oder darstellende Leistung nennt.
Die Signal- und Appellfunktion hat unser Sprechen mit den Kommunikationssystemen der Tiere (teilweise sogar mit dem chemischen „Dialog“ der Pflanzen) gemein. Das Murmeltier warnt mit schrillen Pfiffen die Artgenossen vor dem sich nähernden Greifvogel, die Sozii flüchten auf der Stelle in den Bau und der kommunikative Kreis von Signal, Appell und reflexhaftem Verhalten ist geschlossen. Doch mangels symbolischer Sprachfunktion vermöchte das Murmeltier nicht zu sagen, um welche Art von Beutegreifer es sich handelt oder gehandelt hat, Bussard oder Adler.
Genausowenig, wie wir über die mentalen Zustände des seine Warnpfiffe verbreitenden Murmeltiers grübeln müssen (es genügt die offensichtliche Annahme, daß der herannahende Feind es in Angst und Schrecken versetzt und den drängenden Impuls des Warnens ausgelöst hat), genausowenig müssen wir dem Ich, dem Bewußtsein, der Selbstidentität oder dergleichen philosophischen Götzen und Ungetümen Hirnschmalz opfern, wenn wir Äußerungen aus der Ich-Perspektive im lebensweltlichen Zeigefeld verstehen wollen.
Mit der Benennung (und ihrer Erweiterung oder thematischen Durchführung mittels Prädikation im Satz) finden wir uns in der spezifisch menschlichen Welt wieder, in der wir nicht nur wie die Bienen die Artgenossen mit rituellen Tänzen und verlockenden Duftspuren zum Ausflug nach neuen Nahrungsquellen stimulieren oder wie der Autofahrer dem Hintermann mit dem Blinker seine Absicht abzubiegen kundtun, also Signale verwenden, um ein zweckdienlichen Verhalten auszulösen.
Die Benennung und der darstellende Satz bilden den Einstieg in die verkehrsberuhigten Zonen oder den Aufstieg auf die Hochebene des Berichts, der historischen und autobiographischen Aufzeichnung, der Erzählung, der Dichtung und der Wissenschaft.
Auch die Erinnerung wäre nur ein flüchtiger bunter Nebel ohne die Funktion und semantische Kraft von Benennungen der erinnerten Gegenstände und Ereignisse, die wir mit Merkzeichen wie den Namen von Personen, Orten, Flüssen, Bergen versehen.
Hier treffen wir unser liebes Ich wieder, wenn auch still geworden und ohne das wilde Gestikulieren unter seinesgleichen, so beim Schreiben eines Briefes, der sich an einen abwesenden Adressaten richtet, oder beim Verfassen eines Romans, wobei es seine Fähigkeit, „ich“ zu sagen, fiktiven Protagonisten in den Mund zu legen vermag.
Der Soziologe, der seine Statistiken aufstellt, der Richter, der sein Urteil verfaßt, der Mathematiker, der seine Gleichungen kritzelt, der Physiker, der an der Weltformel herumzackert, sie scheinen fernab vom kommunikativen Trubel in symbolische Welten entrückt, deren treffenden Darstellungen wir das Prädikat objektiv nicht vorenthalten wollen. Und dennoch ist auch die von ihnen aufgebotene Objektivität nicht denkbar ohne den tieferen Quellpunkt der Fähigkeit, „ich“ zu sagen.
Es kann keine Sprache und kein grammatisch geordnetes System von Zeichen geben, ohne die faktische, logische und ontologische Dimension, in der jemand sie spricht und versteht. Und dies ist kein anonymes Bewußtsein, sondern einer, der sagen können muß: „Ich habe es gesagt, ich habe es verstanden.“
Die Unerforschlichkeit des „ich“
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Anmerkung für den philosophischen Laien: „ich“ bedeutet hier das Personalpronomen der ersten Person wie in der Wendung „Ich bin es bloß“ auf die Frage „Wer da?“ und hat keine tiefsinnige psychologische Bedeutung, geschweige denn den Sinn von „Person“ oder „Persönlichkeit“.
Man kann mit sich selbst nicht bekannt oder vertraut sein; sonst könnte man morgen mit sich selbst noch vertrauter sein als heute, gestern mit sich weniger bekannt gewesen sein als heute.
Ich bin kein Resultat, Echo oder Reflex von Informationen, die mir aus irgendwelchen Kanälen zufließen, und seien es die sensorischen meines eigenen Körpers. Wer soll die Informationen denn aufnehmen und verstehen – wenn nicht ich?
Keiner kann mir sagen und einflüstern, der zu sein, der ich nun einmal bin, wenn ich es nicht schon zuvor gewesen bin.
Ich bin kein phänomenaler Zustand und kein Phänomen; ein Zustand solcher Art wie fröhlich oder traurig zu sein, ein Phänomen wie dieser Grünton sind Dinge, die ich habe, die ich empfinde.
Ich zu sein ist keine Form des Wissens. Was ich weiß, könnte ich auch nicht wissen; aber nicht um sich zu wissen oder nicht von sich zu wissen, heißt kein Ich zu sein, heißt nicht zu existieren.
Wissen können wir nur in der Form von Sätzen angeben, so wenn ich sage: „Ich weiß, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“ Dabei besteht der Inhalt des Wissens in der Identität der Ausdrücke „Mond“ und „einziger Erdtrabant“. Aber der Inhalt des Wissens in einem Scheinsatz wie: „Ich weiß, daß ich ich bin“ ist leer.
Subjekt oder ich zu sein ist zugleich eine Form leiblicher Vergegenwärtigung und die transzendentale Bedingung der Möglichkeit von Sprache.
Nur ich kann von meiner Hand reden; meine Hand hat eine andere ontologische Bedeutung oder befindet sich in einer anderen ontologischen Dimension als deine Hand oder seine Hand. Meine Hand ist mir gegenwärtig in einer Weise, wie mir mein Löffel, den ich damit zum Mund führe, und meine Suppe, die ich schlürfe, nicht gegenwärtig sind.
Zeichen gestischer und sprachlicher Art kann es nur geben, wenn es jemanden gibt, der sie verwenden oder lesen kann. Wer sie verwendet und liest, ist eben das Subjekt dieser Vorgänge, das von sich sagt: „Ich spreche, ich lese.“
Auch die Objektivität der Sätze der Mathematik und Wissenschaft ist letzten Endes und zum guten Schluß eine Funktion der Subjektivität dessen, der mathematische Gleichungen löst oder physikalische Gesetze aufstellt.
Der Satz, der Morgenstern sei identisch mit dem Abendstern, ist sinnvoll, insofern er auf die Identität ihrer Bedeutung, nämlich die Venus, hinweist. Der Satz, die Venus sei mit sich selbst identisch, ist sinnlos, also auch der Satz: „Ich bin mit mir selbst identisch.“
Es ist töricht oder trivial zu sagen: „Ich weiß, daß meine Hand schmerzt“; die Schmerzempfindung ist ebenso wie die Farbempfindung kein Wissen. Die korrekte Äußerung „Es tut mir weh“ ist keine versteckte propositionale Aussage über etwas, was ich weiß, sondern der Ausdruck meiner Schmerzempfindung oder die Übersetzung des kindlichen „Aua!“ in Hochdeutsch.
Die Erfahrung, man selbst oder ein Ich zu sein, hat keine Grade der Gewißheit; sonst hätte sie eben jene propositionale Struktur, aufgrund derer ich sagen könnte: „Ich vermute, daß es mir weh tut“ oder gar „Ich weiß nicht, ob es mir weh tut.“
Ich kann sagen: „Ich bin mir der Sache, ich bin mir der Situation bewußt“, aber nicht: „Ich bin meiner bewußt“; das ist nur eine philosophisch irregeleitete Übersetzung der Äußerung „Ich bin bei Sinnen (und habe deine Bemerkung nicht überhört, habe dein Eintreten wohl bemerkt).“
Niemand und nichts hat oder unterhält eine Beziehung zu sich selbst. Nur Dinge, die sich voneinander unterscheiden, können sich aufeinander beziehen oder in Relation zueinander stehen. Ich bin nicht im mindesten von mir verschieden. Also ist es auch unsinnig zu verkünden, ich sei mit mir identisch und wer „ich“ sage, lasse damit ein begriffliches Ungetüm wie seine Selbstidentität zum Vorschein kommen. Wir sagen von etwas, es sei dasselbe wie etwas, wenn es sich wenigstens in einem Aspekt davon unterscheidet, wie der Morgenstern vom Abendstern, falls aber nicht, so ist es einfach, was es ist, aber nicht dasselbe wie es selbst.
Wer sagt: „Er hat Schmerzen“ und damit mich meint, sagt nicht dasselbe wie ich, wenn ich sage: „Ich habe Schmerzen.“ Denn wenn ich Schmerzen zu haben bloß simuliere, hat er sich geirrt, ich jedoch nicht, ich habe mich nicht geirrt, sondern gelogen.
Die Wahrheitsbedingungen von Sätzen, die Aussagen über das subjektive Befinden aus der Perspektive der ersten und der dritten Person betreffen, sind asymmetrisch.
Hingegen hat der Satz „Ich weiß, daß es eine größte Primzahl gibt“ dieselben Wahrheitsbedingungen wie der Satz „Es gibt eine größte Primzahl“; und weil der letzte unwahr ist, muß es auch der erste sein. Doch sind Äußerungen wie „Ich glaube, daß es eine größte Primzahl gibt“ immer wahr.
Die Wahrheitsbedingungen von epistemischen Aussagen sind exzeptionell und nicht vergleichbar mit den Wahrheitsbedingungen aller anderen propositionalen Aussagen, die mit „ich glaube“, „ich vermute“ oder „ich bezweifle“ eingeleitet werden.
Psychologische Prädikate, die einen affektiven Zustand beschreiben, wie wenn wir von einem, der lächelt, sagen, er sei guter Dinge, beziehen sich auf keine verborgene subjektive Innenwelt; daher sage ich wie jeder andere von der lächelnden Person auf dem Foto, sie sei in dem Moment wohl guter Dinge gewesen, auch wenn ich auf Anhieb nicht erkennen sollte, daß es mich selbst darstellt. Aber ich sage angesichts eines solchen Bildes, auch wenn es mich darstellt, nicht, ich sei guter Dinge, sondern bestenfalls, ich sei wohl damals gut drauf gewesen.
Wesentlich für Äußerungen aus der Ich-Perspektive ist die Selbstzuschreibung von psychologischen Prädikaten, der wir im Regelfalle einen Grad von Gewißheit und Glaubwürdigkeit konzedieren, den wir der Fremdzuschreibung solcher Prädikate verwehren. Meine Äußerung „Ich fühle mich traurig“ wirst du nicht aus ähnlichen Gründen in Zweifel ziehen wollen wie meinen Hinweis auf den Bekannten, daß er wohl traurig sei, mit der Bemerkung, er markiere oft den armen Heinrich.
Im Normalfalle freilich schließen wir nicht aus dem Gebaren und Verhalten anderer auf ihren psychologischen Zustand; wir sehen den Zorn, die Trauer, die Angst am mimischen und physiognomischen Ausdruck und bedürfen für die Zuschreibung der angemessenen psychologischen Prädikate keiner logischen Schlüsse.
Zu wissen, was „Blau“ bedeutet, heißt, den Farbbegriff korrekt anwenden zu können. Doch für das Pronomen „ich“ gilt nichts dergleichen, denn wir wenden es auf keinen uns sonst bekannten Gegenstand an. „ich“ bezeichnet keine Entität in der Welt, sondern gibt die Grenze an, von der aus wir die Welt sehen oder über sie reden, nämlich, trivial gesprochen, von unserer Warte oder Perspektive aus.
„Außer mir sind fünf Personen im Raum“ heißt: Es sind insgesamt sechs Personen im Raum, aber nicht: fünf Personen plus eine Entität namens „ich“.
Wenn ich mich bei der Aufzählung sämtlicher Anwesenden im Raum vernünftigerweise mitzähle, gebe ich die Perspektive, aus der heraus ich die Anwesenden gezählt habe, auf.
„ich“ könnte man sagen, bezeichnet den Ort oder den Nullpunkt, von dem aus ich zähle, rede, sehe, fühle, taste, träume, wünsche, etwas beabsichtige, erwarte, erhoffe oder befürchte. Wie ich auch den Pfeil auf der Wanderkarte als Symbol des Ich-Punktes ansehe, den ich imaginär einnehme, um mich zu orientieren und von dort aus meinen Weg fortzusetzen.
Es ist absurd zu sagen, daß wir uns kennen, erkennen oder von uns wissen müssen, ob nun im Sinne der Unterscheidung von Regen und Schnee oder der Unterscheidung des Sachverhalts, daß die Dächer naß sind, vom Sachverhalt, daß sie weiß sind, um sagen zu können: „Ich habe Schmerzen“, „Ich bin müde“ oder „Ich beabsichtige, noch ein Weilchen zu bleiben“ oder auch: „Ich weiß, daß heute der Weihnachtsmann kommt.“
Das, was wir mit „ich“ meinen, könnte man zugespitzt sagen, ist nicht erkennbar; doch nicht weil es eine so mysteriöse und rätselhafte Essenz ist oder eine so vertrackte Struktur hat, sondern weil es kein Gegenstand der Erkenntnis und des Wissens ist.
Das mit dem deiktischen Wörtchen „ich“ Gemeinte hat ähnlich wie die logische Konstante „nicht“ keinen Referenten unter all den Dingen in Raum und Zeit, schließlich ist es gleichsam überall und nirgends anzutreffen; schon gar nicht ist es ein Name etwa einer wichtigen Person, deren Bekanntschaft man machen und deren besondere Eigenschaften man unbedingt kennenlernen muß.
Das „ich“ ist unerkennbar und unerforschlich, doch nicht wie der deus absconditus, sondern wie eine offen zutage liegende, nichtssagende Trivialität.
Ich kann nicht die Farbe Blau kennen, ohne andere Farben des Spektrums zu kennen, sonst wüßte ich überhaupt nicht, was eine Farbe ist.
Ich kann nicht im eigenen Namen sprechen, ohne andere Personen zu kennen, die ich ansprechen oder von denen ich angesprochen werden könnte. Es gibt keine Ich-Perspektive ohne davon verschiedene Perspektiven. Das „ich“ mag der Sonderling unter den Personalpronomina sein, aber die anderen sind es, die es gleichsam ernähren und am Leben halten.
Das mit dem Indexwort „ich“ Gemeinte ist weder eine Vorstellung noch sind es die mentalen Zustände, die man ihm oder die es sich zuschreibt. Ich kann mich, ohne ein Bild der Stadt in mir hervorzurufen, daran erinnern, in Paris gewesen zu sein. Ich begrüße meinen Bekannten, ohne mit der Grußformel irgendeine Vorstellung zu verbinden. Ich lese den Anfang von Prousts Roman, aber ich muß mir nicht vorstellen, wie der Erzähler sich früh schlafen legt, um den Text zu verstehen.
Wenn wir uns erinnern, spannen wir die erinnerten Gegenstände und Ereignisse in einen virtuellen deiktischen Rahmen, der eine Transformation des deiktischen Feldes darstellt, das in actu ist, wenn wir sagen: „Ich gehe jetzt nach draußen.“
Kleinkinder schleppen sich nicht mit einem Selbstbild oder einer Vorstellung ihrer selbst herum, wenn sie ihren Rufnamen als Kundgabe ihres Befindens („Hilde Aua!“) oder als Appell an die Großen („Hilde Suppe!“) verwenden.
Blick und Gegenblick
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wer und was wir sind, erschließt sich uns nach und nach bei der sorgfältigen Betrachtung sprachlicher Wendungen. So verrät uns die Redewendung, daß uns in dieser oder jener Situation etwas näher oder ferner zu liegen scheint, von der Relevanz, die von unseren Sichtwinkeln, Blickpunkten und Blindheiten geprägt wird, aber kein Thema der Optik und dreidimensionalen Geometrie darstellt; so machen uns Wendungen wie neugierig äugen, starr, ängstlich, verdutzt blicken, ehrfurchtsvoll die Augen erheben, verlegen die Blicke senken, stumpf, blöde, versessen glotzen mit Aspekten unserer Weltsicht und unseres Verhältnisses zu Mitlebenden bekannt.
Wenn wir glauben, uns vom Optiker, dem Augenarzt und Hirnanatomen über das Auge, den Sehnerv und das Sehzentrum belehren lassen zu müssen, bevor wir den Mut fassen, zu beschreiben, was wir sehen und wie wir auf die Welt und die Mitmenschen blicken, sind wir schon von einer dürftigen Metaphysik fehlgeleitet. Denn was wir sehen, ist das Sichtbare, was sich auf der Netzhaut und in den Nerven des Sehzentrums abspielt, aber ist uns nicht sichtbar. So ist auch jenes Licht, vom dem die Physik spricht, nicht Teil der farbigen Sichtbarkeit, auch wenn es dieselbe Sonne ist, deren Strahlen der Physiker in Frequenzen zerlegt und die in das Fenster unseres Alltages scheint.
Wenn der Sehnerv aufgrund des Grünen Stars beschädigt wird, kann der Betroffene erblinden; aber blind zu sein, ist eine subjektive Erfahrung, keine Eigenschaft, die wir einem Nerv zuschreiben können.
Die visuelle Gegenstandserfahrung des leibhaft inkarnierten Subjekts ist vom Phänomenologen Edmund Husserl detailliert beschrieben worden. Wenden wir uns Blick und Gegenblick oder dem intersubjektiven Sinn der Sichtbarkeit zu.
Was uns an Wahrheit über Perspektiven, Ziele, Hindernisse auf dem Weg, den wir gehen, von Wegmarken und Weggefährten mitgeteilt wird, läßt sich in der Tat mittels keiner wissenschaftlichen Methode eruieren; denn mit dieser können wir nur die abgelaufene Strecke präzise vermessen, nicht den Weg, der noch vor uns liegt – und der sich in eins mit unserem Gang gleichsam enthüllt.
Der Weg, den wir in den Blick fassen, liegt nicht wie der Feldweg oder Wanderweg, von vielen, die ihn vor uns gingen, geebnet und gesichert, vor unseren Augen: Es ist ja das Eigentümliche dieses Wegs, daß er mit unseren Blicken, mit unseren Schritten, mit unseren Atemzügen, mit unserem Reden allererst entsteht.
So enthüllen sich die Bedeutung und der Gehalt des besinnlichen Gesprächs, das sich nicht auf die methodische Suche nach der einen Antwort auf die eine vorgegebene Frage versteift, erst allmählich während des Austauschs der Gesprächsteilnehmer – oder sie entziehen sich, wenn die Sprache an ihre Grenze stößt, ins verlegene oder einverständliche Schweigen.
Wir begegnen unserem langjährigen Freund auf der Straße; wir sehen nicht den Körper eines aufrecht auf zwei Beinen gehenden Lebewesens, das wir aufgrund gewisser Merkmale als ein Exemplar der menschlichen Spezies und wiederum anhand gewisser Merkmale als unseren Freund identifizieren, sondern wir erblicken unseren Freund, wie er leibt und lebt.
Wenn nun unser Freund, da wir schon lächelnd und erwartungsfreudig stehengeblieben sind, vor uns die Augen niederschlägt und ungerührt an uns vorbeigeht, als habe er uns nicht gesehen, sind wir verstört und konsterniert: Natürlich, sagen wir uns, hat er uns wahrgenommen und nicht übersehen können; also hat er uns bewußt ignoriert, nicht sehen wollen.
Das Sehen und Blicken sind nicht am Modell der Kamera zu erörtern, denn sie haben im Gegensatz zu dieser intentionalen Sinn. Er wird vom hellen Licht der Aufnahmetechnik verdunkelt.
Den Blick zu senken, die Augen abzuwenden, ungerührt unter sich zu schauen: prägnante Formen der Kommunikation, genauso wie aufzublicken und das Gegenüber mit Augen anzulächeln.
Wir nennen Blicke sprechend und verweisen auf das Spiel der Augen, das eine Weise der Liebesmitteilung, aber auch der wechselseitigen Fixierung von Spielern im Wettkampf darstellen kann, die sich belauern und furchtsam oder drohend ins Auge fassen.
Adverbien wie streng, starr, drohend, lauernd, eindringlich und stechend, aber auch milde, einfühlsam und begütigend dienen uns dazu, den kommunikativen Mitteilungswert und die Ausdrucksbedeutung unserer Blicke zu qualifizieren.
Die Beachtung des sozialen Ranges findet nicht nur durch Annäherung und Distanznahme, im Handschlag, dem Begrüßungskuß, der knappen Verbeugung oder dem Gewähren des Vortrittes Ausdruck, sondern auch darin, wie wir uns auf Augenhöhe begegnen oder einer auf den anderen von der echten oder eingebildeten Warte der Überlegenheit herabschaut, der Schüler zum Zen-Meister aus Verehrung stillschweigend und scheu oder der Bittsteller zum Brotherren devot oder trotzig, der Liebende zu seiner Verehrten bezaubert oder verlegen aufschaut.
Wir sprechen davon, sein Ziel unbeirrt im Blick zu behalten, seine Augen in Situationen der Gefahr offenzuhalten, sich vom Schein der eitlen Weltendinge nicht blenden zu lassen.
Die Hand vor die Augen zu führen, um den unerträglichen Anblick eines imaginären Unheils oder Greuels zu vermeiden, können wir als metaphorische Geste bezeichnen.
Der Augenmensch Goethe läßt dem König von Thule, sooft er beim frohen Festmahle mit seinesgleichen aus dem goldenen Becher trinkt, die Augen übergehen, sie einsam niedersenken, da er ihn im Angesicht des Todes ins Meer geworfen hat.
Der abgefeimte Lebemann zwinkert seiner errötenden Tischdame zu, die Femme fatale bedeckt den feuchten Glanz ihrer Augen mit den nachtsamtenen Lidern, um dem Snob mit dem Siegelring ihr stummes Einverständnis zu bezeigen.
Der Selbstverliebte zählt auf helle Blicke und leuchtende, neugierige Augen, wenn er im auffälligen Kostüm und mit beredten Gesten die öffentliche Bühne betritt, der Schüchterne hält sich im Hintergrund, er fühlt den scharfen Blick der anderen noch wie einen Stich im Rücken. Dem Melancholiker dagegen prallen die fremden Blicke, ob neugierig oder bohrend, vom Panzer seines erstarrten Gefühls ab.
Der böse Blick ist keine Zigeunermär; manch einem verhexten Liebhaber wandert er noch Jahre wie ein vergifteter Dorn unter der Haut.
Ich sehe mich im Blick des anderen, erniedrigt in seinem abschätzigen, getragen von seinem ermunternden, verkannt von seinem verständnislosen Blick.
Der Blick des anderen kann mir den dunklen Pfad erhellen, kann mich vom geraden ablenken, das Ziel meines Weges verdunkeln, die lebendige Wahrheit der am Wegesrand lockenden Früchte erhellen.
Mit meinem Namen angerufen schaue ich in die Richtung des Rufenden, ich schenke mit meinen Blicken dem Rufenden die Aufmerksamkeit, die von der Dringlichkeit seines Anrufs erheischt wird.
Blicke sind mit unterschiedlichen Dosen von Aufmerksamkeit geladen.
Wir erblicken am Gegenstand die uns sichtbaren Aspekte, die uns nicht sichtbaren, die verdeckten und verborgenen kann uns jemand nennen oder erklären, dessen Überblick und Weitblick wir vertrauen.
Der Blick, der von der Zentralperspektive eines Renaissancegemäldes sicher und ruhig geführt wird, der Blick, der sich in barocken Schlinggewächsen von Ornamenten und Arabesken oder im romantischen Gewirr von Schattenlinien verliert.
Einer, der mit offenem Visier mit uns redet, einer dessen Rede, auch wenn er klar spricht, zweideutig und rätselvoll wirkt, weil seine Augen wie verschleiert, seine Blicke undurchdringlich sind.
Ähnlich wie wir uns selbst im Spiegel nicht als fremden Körper erblicken, sehen wir den Leib des anderen nicht als Fremdkörper.
Wir sehen den Leib des anderen nicht als Organismus, den wir mit der Intentionalität unserer Blicke allererst beleben; wir sehen eine Leiche nicht als einen Körper, von dem die belebende Intentionalität unserer Blicke absorbiert wird.
Wenn wir mit ihnen hantieren und die tausendfältigen Bewegungen unserer alltäglichen Verrichtungen ausführen, betrachten wir unsere Hände nicht, sie fallen uns nur wie flüchtige Randexistenzen ins Auge, die vom Schatten gewohnter Routinen bedeckt sind. Wenn wir uns in den Finger geschnitten haben, sehen wir genauer auf unsere Hand, doch wird sie uns auch dann nicht zum neutralen Untersuchungsgegenstand wie unter dem ärztlichen Blick.
Unsere beweglichen Hände, unsere starre Nase, die fragmentierte Vorderansicht unserer Gliedmaßen sehen wir nicht als neutrale Gegenstände wie die Vorderseite eines Möbels, sondern als beständig wechselnde, fluktuierende Aspekte unseres leibhaftigen Daseins.
Unsere Scham entblößen wir nur dem intimen Blick des innig Vertrauten oder dem neutralen des Arztes. Die vom Befehlshaber erzwungene Entblößung wie jene des Kruzifixus ist eine Form der Entwürdigung und öffentlichen Demütigung.
Eigentlich ist der Anblick des nackten, verkrampften, blutüberströmten Christus am Kreuz, wie sie uns der Isenheimer Altar zumutet, nur dem Auge des Frommen erträglich, der an die Auferstehung seines verklärten Leibes glaubt.
Die intersubjektive Wahrheit im Anblick des anderen beruht auf dem Wissen, daß er wie wir selbst vom Weib geboren und dem Tode preisgegeben ist.
Bevor wir noch der Sprache mächtig sind, hat uns der Blick der Mutter in die gemeinsame Welt aufgenommen.
Der Anblick des Göttlichen versehrt, ein Blick ins Paradies würde uns, mit dem Grind der Sünde behaftet, stigmatisieren. „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben.“
Wer uns sähe, wie wir sind, und doch die Augen nicht vor Abscheu oder Scham verschlösse. – Eine Wendung, mit der wir theologisch die Hoffnung auf Gnade und Vergebung ausdrücken.
Strömt etwas Dunkles auf dem Grund unserer Selbstempfindung, das Pascal im Grauen der leeren Räume sah, das wir in manchen Stücken Schuberts vernehmen?
Daß sich der unsichtbare Gott im Sohn inkarnierte, hat die großen Maler des Abendlandes auf die äußerste Probe gestellt, in seinem Antlitz, um seinen Mund, in seinem Blick die überirdische Anmut des Erlösten sichtbar werden zu lassen.
Als trügen wir den Kredit einer außerordentlichen Begegnung, ob wunderbar oder schrecklich, ein Leben lang mit den kleinen schimmernden oder schmutzigen Bildern der Erinnerung ab.
Sich beobachtet fühlen, die Lust des Exhibitionisten, die Marter des Paranoiden.
Das Kind, das die Hände vors Gesicht schlägt und meint, da es selbst nichts sieht, sei es unsichtbar, für die anderen nicht da. Ist dies eine bizarre Exemplifizierung der Annahme des Philosophen Berkeley „esse est percipi“?
Freilich, gesehen werden können ist die elementare soziale Tatsache, die mit den Blicken des Sozius seine Ansprüche, Urteile und Verurteilungen an uns heranträgt. Daher der Wunschtraum von der Tarnkappe des Märchens, die ihren Träger ungestraft allerlei Mutwillen und Schabernack treiben läßt.
Der Voyeurismus des antiken Mythos und die Züchtigung der Schaulust bei den alten Juden.
Der wollüstige, fleischliche Blick des Augustinus, welcher der bösen Tat vorauseilt.
Die Leere und Kargheit des Synagogenraums, die Luther, Calvin und Zwingli inspirierten, und die der Schaulust sich darbietende Fülle barocker Kirchen.
Freilich, was von der Inkarnation wie ein Scherflein und Brosamen der Erinnerung blieb, Brot und Kelch der Eucharistie, schenkt dem Auge keinen Trost.
Die gebrochenen Augen des Verstorbenen, die pietätvolle Scheu verschließt.
Werden wir uns wiedersehen? Die entscheidende Frage der Liebe und der religiösen Hoffnung.
Dichter diskreter, scheuer, umwölkter Blicke wie Vergil, offener, sprechender, glänzender wie Goethe.
Segensblicke der Gestirne bei Hölderlin, blitzende Sargnägel bei Büchner.
Der Blindheit des homerischen Sängers gönnte man die Fülle der Gesichte, der Antiprophet der Moderne wendet den Blick ab, nachdem er sich in ihren Lazaretten und Lagern an Wunden und Gebresten sattgesehen hat.
Das Trauma will das Schreckbild mit seinem geronnenen Blut überkrusten.
Der Kampf ums Genus
Linguistik und Sophistik
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die Frau bleibt Frau, auch wenn sie sich einen Dildo umbindet. – Der Mann aber kein Mann, wenn er sich von Zeitgeistideologen den Verstand kastrieren läßt.
Wer Wörtern wie „Bürger“, „Fahrer“, „Schuster“, „Klempner“, „Akademiker“ oder „Lügner“ einen imaginären Penis umbindet, obwohl ihr grammatisches Geschlecht nichts über das natürliche des so Benannten aussagt, ist kein linguistischer Schlaumeier, sondern schwach in Deutsch oder ein tückischer Sophist.
„Bürgerbus“, „Bürgerschaft“, „Spielerglück“, „Malerbetrieb“, „Künstlerbedarf“, „Bergsteigerverein“, „Meistersänger“, „Schlepperbande“, „Helfersyndrom“, „Schülervertretung“ – in solchen und tausend anderen Wortzusammensetzungen mit einem auf die Bildungssilbe -er ausgehenden generischen Maskulinum im Singular oder Plural (Bürger, Spieler, Maler, Künstler, Bergsteiger, Meister, Schlepper, Helfer, Schüler) ist es mit Händen zu greifen, daß die Bedeutung des grammatischen genus masculinum offenläßt, ob es sich um Männer oder Frauen handelt.
Leiden Wörter wie „der Tischler“, „der Metzger“, „der Arzt“ oder „der Student“ mit einem Male unter einer Dauererektion, sodaß wir uns ihrer erbarmen und ihnen auf der Stelle die vollen Formen der weiblichen Bildungen beiwohnen lassen sollten?
Weil der indogermanische Dialekt des Deutschen wie das Lateinische und Altgriechische nun einmal sich zur lexikalischen Klassifikation und syntaktischen Formbildung dreier grammatischer Geschlechter bedient, durchwaltet die Genus-Zuschreibung als Strukturgesetz die Lexik vollständig und ausnahmslos; sonst wäre sie kein Ordnungsprinzip und kein Strukturgesetz.
DER Mund, DIE Nase – müssen die vom magischen Sprachdenken Besessenen am Ordnungssinn der Grammatik nicht verzweifeln? Sieht denn nicht der Mund eher weiblich, die Nase eher männlich aus, wie man es bei Wörtern wie „der Daumen“ und „die Lippe“ seinen schwülen Phantasien anheimstellen mag?
DAS Messer, DAS Buch, DAS Geld – herrscht das dritte grammatische Geschlecht, wenn es sich um leblose Sachen des alltäglichen Gebrauches handelt? – Weit gefehlt: DIE Sache, DER Pflug, DIE Schale, DER Löffel, aber DAS Kind, DAS Mädchen.
DER Himmel, DIE Erde, DIE Sonne, DER Mond: Hier stimmt das grammatische Geschlecht mit dem natürlichen der Gottheiten aus der germanischen Mythologie überein.
DIE Katze, DER Hund, DAS Pferd, aber LE chat, LE chien, LE cheval – sind in Frankreich alle Katzen grau, alle Hunde Rüden, alle Pferde Hengste?
Die Zuordnung des grammatischen Geschlechts hat einen systematischen Ordnungswert, aber in den meisten Fällen keinen semantischen Funktionswert. Die Ordnungsleistung ersehen wir beispielsweise an der Zuordnung des grammatischen Geschlechts zu bestimmten Arten der Wortbildung wie des männlichen zu Wörtern mit der Endsilbe -er (der Retter, der Verfolger, der Geisterfahrer), des weiblichen zu Wörtern mit der Endung -ung (die Bildung, die Leistung, die Verfehlung) und des neutralen zum substantivierten Infinitiv (das Rätselraten, das Versteckspielen, das Musizieren).
Weil diese Einteilung in den meisten Fällen dem grammatischen Strukturgesetz der Klassifikation gehorcht und keine semantische Funktion darstellt, bedeutet der Satz „Ein Geisterfahrer war auf der Autobahn unterwegs“ nicht, daß es sich um einen Mann gehandelt haben muß, und der Satz „Der Musiker hatte einen ausdrucksreichen Anschlag“ nicht, daß nicht eine Frau die Klaviersonate gespielt haben könnte. Nur wenn es für die polizeiliche Identifikation des Geisterfahrers unabdinglich ist, wird seine sexuelle Zugehörigkeit relevant, nur wenn wir dem Pianisten unsere Reverenz erweisen wollen, müssen wir wissen, ob wir ihm eher Blumen oder eine Flasche Wein in die Garderobe bringen lassen sollen.
Die das grammatische Geschlecht anzeigenden Artikel „der“, „die“, „das“ beginnen mit dem indogermanischen Dentallaut, der auf die gemeinsame Wurzel der deiktischen Demonstrativa und Pronomina verweist: dort, da, dies, du.
Wir befinden uns in einer Ursituation zeichenhafter Handlung, wenn der Jäger auf der Pirsch oder der Krieger auf dem Kriegspfad dem Jagd- und Kampfgenossen mit dem Laut „da“ oder „der dort“ einen Hinweis auf die Jagdbeute oder den herannahenden Feind gibt.
Das deiktische Sprachfeld der hinweisenden Laute ist ein elementares Signalsystem, wie wir es auch im Tierreich mit seinen hochdifferenzierten Warnrufen und Orientierungszeichen finden, die unmittelbar und reflexhaft ein das Leben rettendes Verhalten auslösen. Es ist noch kein Symbolsystem, das wir allererst in der menschlichen Sprache ausgebildet sehen, in welcher „der dort“ nicht nur ein Hinweis auf ein gefährliches Objekt darstellen kann, sondern darüber hinaus die Bedeutung impliziert, daß es sich um einen Mann handelt.
Das Murmeltier vermag mit seinen schrillen Warnpfiffen die Artgenossen auf die Annäherung eines Greifvogels aufmerksam zu machen; sein Appell hat, wenn er das richtige Verhalten auslöst und die Flucht vor der drohenden Gefahr in Gang setzt, einen wenn auch rudimentären Zeichencharakter. Indes fehlt ihm der für unsere Rede kennzeichnende Symbolsinn, denn um welche Art Beutegreifer es sich handelt, Steinadler oder Bussard, kann das Tier nicht mitteilen.
„Er“ und „sie“: Den Murmeltieren fehlt die semantische Funktion der Darstellung oder Symbolisierung; sie können nicht, glücklich vor dem Feind in den sicheren Bau geflüchtet, auf den stolzen Mitgenossen zeigen und damit meinen, er oder sie habe sie dankenswerterweise vor der Gefahr gewarnt.
Es ist bemerkenswert, daß die Pronomina der ersten und zweiten Person (ich, du, wir, ihr) keinen Hinweis auf das natürliche Geschlecht geben (haben sie doch kein grammatisches), während die Pronomina der dritten Person Singular uns darüber stante pede ins Bild setzen (er, sie, es).
Im Deutschen können wir den Äußerungen „Ich habe lange in Paris gelebt“ oder „Ich bin in Paris geboren“ nicht entnehmen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt; im Gegensatz zum Französischen, in dem die von einer Frau geschriebenen Sätze lauten: „J’ai vecue longtems à Paris“ und „Je suis née à Paris.“
Das Pronomen „ich“ ist wie das Heideggersche „Dasein“ geschlechtsneutral.
Wir können die Pronomina der ersten Person als Signalworte oder deiktische Indikatoren einsetzen: „Wer hat das getan?“ – „Ich!“ – „Wem soll ich das Buch geben?“ – „Mir!“
Possessivpronomina wie „mein“ und „dein“ drücken nicht nur Besitzverhältnisse aus, sondern auch Relationen: „Dies ist meine Frau“ heißt nicht, daß sie dem Sprecher gehört, sondern daß der Sprecher ihr Mann ist, ähnlich wie „Das ist mein Bruder“ heißen kann: „Ich bin seine Schwester.“
Den über den deiktischen Signalwert („ich hier“) hinausgehenden Symbolwert erkennen wir an Äußerungen der ersten Person, die mit Wendungen wie „ich glaube“ oder „ich befürchte“ eingeleitet werden: „Ich glaube, er wird mir eine Überraschung mitbringen“ oder „Ich befürchte, er wird mich gar nicht beachten“; in solchen Satzgefügen besteht die semantische Leistung in der Identifizierung des sprechenden Subjekts mit dem im Nebensatz angegebenen Objekt („mir“, „mich“).
Narren ohne Charme und Witz, nein, Sophisten voller Gift und Galle, wollen uns weismachen, der Gebrauch des generischen Maskulinums der deutschen Grammatik diskriminiere den weiblichen Teil der Bevölkerung; dabei ist er es doch, der gerade nicht diskriminiert, weil er die natürliche Geschlechtszugehörigkeit offenläßt.
Ist eine Ärztin zur Visite angekündigt, es kommt aber ein Arzt, bin ich zurecht erstaunt; ist ein Arzt angekündigt, es kommt aber eine Ärztin, nicht im mindesten.
Die Idiotie, die Chuzpe oder die Schamlosigkeit, das generische Maskulinum der Grammatik mit einem imaginären Penis zu versehen und ihm eilfertig das weibliche Pendant beizugesellen, wurde zum sprachlichen Manierismus eines Gesinnungsterrors, dem sich nicht zu beugen mit empfindlichen Sanktionen bis zum Ausschluß aus der Mediengemeinde oder der Aberkennung akademischer und anderer Würden belegt wird.
Wer sich gegen die Verhunzung und Verluderung der Muttersprache verwahrt, wird von verlogenen Antirassisten und Philosemiten für meschugge erklärt und fortan unter die nationalistischen Gojim gezählt.
Daß ich mit dem Begriff „die Alten“ Opa und Oma inkludiert habe, raffen sie noch, doch wenn von den alten Germanen, den alten Römern, den alten Ägyptern die Rede ist, flippen sie schon aus.
Auf deutscheste Weise stramm zu stehen, in devoter Haltung dem herrschenden Zeitgeist wie weiland den Braunhemden, die von den „Volksgenossen und Volkgenossinnen“ schwadronierten, seine Huldigungsadresse zu überreichen, hysterisch haspelnd seinen moralingesäuerten Sermon herunterzuleiern: „Liebe Germanen und Germaninnen“, „liebe Studenten und Studentinnen“, „liebe Bürger und Bürgerinnen“, „liebe Närrinnen und Narrhalesen“, sich nicht genug zu tun mit albernen Wendungen wie „jener oder jene“, „dieser oder diese“, „keiner und keine“ – welche Stupidität, welche Sophisterei, welche geistige Öde!
Meine Hand, deine Hand
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Zu sagen, unser Selbstverhältnis könne eher als Vertrautheit mit uns selbst als durch eine Art Selbsterkenntnis mittels Reflexion beschrieben werden, verkennt den Umstand, daß wir von uns nicht behaupten wollen, wir seien uns heute schon vertrauter als gestern. Im Gegenteil, wir können uns bisweilen fremder denn je dünken, ohne daß wir aufhören, wir selbst zu sein.
Nach Jahren, in denen es Wind und Wetter ausgesetzt war, hat das einst in der Abendsonne so bezaubernd glänzende Kupferdach des Kirchturms eine grünlich-trübe Patina angenommen. So auch wir mit der Patina unserer abgetanen Erlebnisse, unserer halbbewußten Routinen, unserer intimen Verstörungen, unserer verblaßten und grau gewordenen Sehnsucht.
Daß sich das grammatische Geschlecht außer in den Fällen seiner Kongruenz mit dem natürlichen wie bei Mann und Frau, Vater und Mutter von der sexuellen Identität des Gemeinten grundlegend unterscheidet, erhellt schon aus der Tatsache, daß es nur zwei sexuelle Geschlechter gibt, deren Abarten wir nicht zu Eigenwesen überhöhen wollen, aber drei grammatische.
Es gibt Sprachen wie die ostasiatischen, die kein grammatisches Genus aufweisen; sie entsprechen demnach dem Scheinideal einer angeblichen gendergerechten Sprache. Kein Hinweis darauf, daß diese sprachliche Tatsache irgendeine Auswirkung auf die soziale Stellung der Frau in den Gesellschaften hat, in denen sie gesprochen werden.
Der Kopf, der Mund, der Rücken; die Wange, die Schulter, die Hand; das Lid, das Auge, das Kinn – wer hat die Chuzpe oder die esoterische Weisheit gepachtet, uns darüber ins Bild zu setzen, was am grammatischen Geschlecht dieser Wörter männlich, weiblich und neutral im natürlich-geschlechtlichen Sinne ist?
Sapere aude – in Zeiten, da Hinz und Kunz dem snobistischen Fernsehmoderator nach dem Munde reden, da jedes berichtete Ereignis sein Etikett um den Hals baumeln hat, den Kommentar, wie es zu interpretieren sei.
Als abtrünnig werden gebrandmarkt, die an der Echtheit der kurrenten Meinungsmünze Zweifel erheben.
Vertrauensseligkeit ist oft ein Zeichen charakterlicher Schwäche und geistiger Impotenz.
Von der Sonne der Wahrheit geblendet schlüpfen sie unter die Röcke eines dunklen Mythos, unter die Fittiche irgendeiner Heilslehre, die ihre Verstörung, ihren Makel, ihre Wunde zum Entréebillet in schönere Welten, zum Obolus für die Überfahrt zu den Inseln der Seligen deklariert.
Als wären die Erinnerungen hungrige Herden, die herbeidrängen, um das junge Gras und das würzige Kraut der Gegenwart abzuweiden.
„Dort“, „da“, „dann“, „dies“, „du“, „dein“, „der“, „die“, „das“ – der Dentallaut der indogermanischen Sprachen zeigt den deiktischen Hintergrund in der Genese der Bedeutung an.
„Ich“, „mein“, „wir“, „unser“ – die Verschiedenheit der Wortstämme verweist auf die herausragende Position des Personalpronomens der ersten Person.
„Meine Hand“ hat eine andere Bedeutung als „deine Hand“ oder „seine Hand“, auch wenn jemand mit dem Ausdruck „deine Hand“ auf meine Hand hinweist.
Kein anderer kann auf den Schmerz oder das Kältegefühl zeigen, das ich in meiner Hand verspüre.
Meine Hand hat als Träger meiner leiblichen Sensorik nicht den realen Ort, den die Hand meines Gesprächspartners einnimmt.
Wenn wir davon sprechen, daß uns der Kopf schwirrt, meinen wir nicht jenen Körperteil, von dem wir sagen, er sei rund oder verliere Haare.
Wenn wir gehen, meinen wir nicht, daß unser Körper eine Strecke im Raum zurücklegt; wenn wir ausrufen „Dort geht Peter“, meinen wir nicht, daß Peters Körper eine Strecke im Raum zurücklegt.
Der Körper und seine Teile sind nicht wie das Haus, das sein Eigentümer bewohnt; der Eigentümer des Hauses kann es vermieten oder verkaufen; ich kann nur im übertragenen Sinne jemandem meine Hand leihen.
Das Subjekt ist nicht der Eigentümer oder Mieter seines Körpers, nicht die Seele, die im Hause des Leibes herumgeistert.
Der Phantomschmerz, den der Amputierte verspürt, sagt uns eine Wahrheit über das Verhältnis von Subjektivität und Leib.
Meine Hand befindet sich in einer anderen ontologischen Dimension als deine Hand.
Mein Mund, meine Zunge, mein Kehlkopf sind keine Organe und Instrumente zur Produktion artikulierter Laute wie die Tasten des Klaviers unter den Händen des Virtuosen Instrumente zur Produktion von Klängen und Akkorden.
Der Virtuose spielt vom Blatt, ich habe, wenn ich mit meinem alten Freund plaudere, keine Partitur vor Augen.
Wenn wir uns die Hände reichen, spüre ich mit meiner Hand deine Hand, mit meinem eigenen Leib etwas an einem fremden, doch ich verspüre deine Hand als sensorische Evidenz meiner Hand und meines Leibes, nicht deiner Hand und deines Leibes.
Die Fremdheitserfahrungen des Psychotikers am eigenen Leib erhellen uns die Wahrheit über das Verhältnis von Subjekt und leiblicher Gegenwart.
Die Gnostiker, die den eigenen Leib als Fremdkörper erfuhren, als verfaulten und vergifteten Fleischappendix ihrer verbannten Seele, von einem Dämon ihnen zur Peinigung und zum Martyrium angehext und untergeschoben.
Ähnliche Fremdheitserfahrungen wie bei den Psychotikern und Gnostikern finden wir bei Baudelaire in der Ambivalenz seiner erotischen Neigungen und den Phantasmen seiner Lyrik. Die leuchtenden Blüten seiner künstlichen Paradiese, die ein dämonisch getrübtes Auge wie das seine nur in der Haschischvision erblicken kann, die schönen Brüste seiner Insulanerin, die eine versehrte und befleckte Hand wie die seine nur nach der Waschung im läuternden Quell des Traums zu berühren vermag.
Wir sind müde und zugleich umhüllt von der Schlaffheit und Taubheit der Glieder.
Wir erwachen und zugleich sind wir getragen vom frischen Tonus der Glieder.
Meine Hand gibt durch ihre Schlaffheit oder Spannung meiner zögernden oder erwartungsfreudigen Haltung Ausdruck, wenn ich sie zur Begrüßung in deine Hand lege.
Die Kälte, die Wärme, die Schlaffheit, die Spannung meiner Hand sind sowohl ein Moment als auch ein Ausdruck meiner seelischen Verfassung.
Liebe, wenn es sich nicht um blendende Maskerade oder sentimentales Geschwätz handelt, verkörpert sich leibhaft in der Zärtlichkeit der streichelnden, begütigenden Hand, in der Offenheit, Treue und Verläßlichkeit ihrer winkenden und schenkenden Gesten.
Wie der den Segen oder Fluch aussprechende Mund ist die zur Waffe greifende Hand nicht nur das ausführende Organ des Willens, sondern zugleich seine leibhafte Vergegenwärtigung.
Die Arbeit, die Liebe, der Kampf – Dimensionen der angespannten, fühlenden, verhärteten Hand.
Einsamkeit und Verschmelzung – Dimensionen des verkapselten und des hingegebenen Leibes.
Wir tragen unsichtbare Handschuhe, wenn uns Schüchternheit, Angst und Mißtrauen vor unbekannten Gesichtern auf Abstand halten.
Rituale der Hand – der bei aufgeklärten Spießern und egalitären Duckmäusern verpönte Handkuß, der Handschlag zur Besiegelung eines Vertrages oder Bündnisses, die Reinigung und Salbung der Hände, bevor sie das heilige Buch antasten, den geweihten Kelch in die Höhe heben.
Wir sind handelnde Lebewesen, ob wir unser Handwerk ausüben, Handel treiben oder zeichenhafte Handlungen vollführen.
Die Schwurhand, die sich zur Eidesleistung aufreckt, die nackte Hand, die sich zur obszönen Geste erniedrigt.
Von einem, den höhere Verpflichtung zur Untätigkeit zwingt, sagen wir, ihm seien die Hände gebunden.
Freie Hand hat, wer Souverän der Lage ist.
Von der Resignation, der Verzagtheit, der Ohnmacht sagen wir, sie habe die Hände in den Schoß gelegt.
In den Falten, den Runzeln, den Flecken der Hand sehen wir wie im Welken des Blattes das Altern des Leibes, das Altern der Seele.
Das Reden mit den Händen, das Gestikulieren, ist kein Beiwerk, sondern rhetorisches Ornament.
Die Lehrbücher antiker Rhetorik belehren über die Kraft des Ausdrucks, die dem gesprochenen Wort von den Gesten der Hand zufließt.
Das Werken und Formen, das Malen und Schreiben, sie demonstrieren ad oculos die intentionale Struktur des Handelns.
Die tachistische Art des Zeichnens und Malens, von den Zen-Buddhisten bis zu Henri Michaux: die Hand als Traumbildner und Traumdeuter.
Die Charakterologie der Handschrift, die seelische Bedeutung nachlässiger, fahriger, tauber oder wacher, hellhöriger, fühlender Handbewegungen.
Manuskript – ein Wort, das wie die Sache schon von der Aura des Mythischen, Sagenhaften, Unwiederbringlichen verklärt scheint.
Zeichen und Bewußtsein
Zur Philosophie der Subjektivität
Thesen und Erläuterungen
1. Sprecher einer natürlichen Sprache zu sein heißt über die Fähigkeit verfügen, Zeichenträgern semantischen Gehalt zuzuschreiben. Die primäre symbolische Funktion ist die Benennung.
2. Sprechen und andere Weisen der Symbolisierung sind ein bewußtes Tun, das die Selbstgegenwart dessen, der spricht, impliziert. Es gibt keine Sprache ohne jemanden, der spricht und weiß (oder zu wissen glaubt), was er sagt.
3. Autobiographische Erinnerung ist eine Funktion des symbolischen Bewußtseins; sie setzt die Identifikation des erinnerten Gegenstands oder Ereignisses mittels seiner Symbolisierung und Indexikalisierung beispielsweise durch Namen, Orte und Daten voraus.
4. Gedanken erster Stufe haben ihren sprachlichen Ausdruck in Aussagen über bestehende oder nichtbestehende einfache Sachverhalte. Gedanken zweiter Stufe haben ihren sprachlichen Ausdruck in propositionalen Aussagen, die mit Wendungen wie „ich meine“, „ich vermute“, „ich bezweifle“, „ich weiß (nicht)“, aber auch mit Wendungen wie „ich erwarte“, „ich hoffe“, „ich befürchte“ eingeleitet werden und deren mit der Konjunktion „daß“ fortgeführter Nebensatz den semantischen Gehalt eines Gedankens erster Stufe darstellt. Solche propositionalen Aussagen enthüllen uns die Einstellungen eines Subjekts zu dem, was es denkt, fühlt und erlebt.
5. Subjekte vollziehen bewußte Zeichenhandlungen mittels Gesten und Äußerungen in natürlichen Sprachen, deren Symbolfeld von einem Netzwerk deiktischer Demonstrativa und Personalpronomina durchzogen und getragen wird. Zeichenhandlungen haben die Charakteristika allen bewußten Handelns, insofern es aus gewissen Gründen zur Verfolgung bestimmter Absichten vollzogen wird. Zeichenhandlungen sind durch sprachliche Konventionen und soziale Regeln normativ bestimmt.
1. Sprecher einer natürlichen Sprache zu sein heißt über die Fähigkeit verfügen, Zeichenträgern semantischen Gehalt zuzuschreiben. Die primäre symbolische Funktion ist die Benennung.
Erläuterung:
Das Kind ruft „Mama“, wenn es das vertraute Gesicht gewahrt, das sich zu ihm beugt. Der Lautung ist nicht zu entnehmen, ob sie semantischen Gehalt hat oder das Kind damit meint, was wir in die Definition fassen: „Frau, die das Kind geboren hat“; eher können wir davon ausgehen, daß der Ausruf ein affektiv getönter Anruf ist und einer Interjektion gleichkommt.
Wir bemerken, wie der Ausruf semantischen Gehalt annimmt, sobald er als Benennung auftritt. Dies geschieht erst in aller Deutlichkeit, wenn das Kind etwa sagt: „Mama weg“ oder „Mama schläft“, also in satzförmigen Bildungen. Doch kann das Kind auch bei der Artikulation einzelner Substantive unter dem Schleier des affektiven und interjektiven Bezugs den semantischen Gehalt gegenständlicher Benennung durchschimmern lassen; wenn es etwa ausruft „Wauwau!“ und meint „Sieh mal, ein Hund!“ Damit wird aus dem einen Wort der Einwortsatz.
Ist aus der Interjektion „Mama“ ein lautlicher Zeichenträger mit umrissenem semantischen Gehalt geworden, hat das Kind gelernt, ihn ausschließlich auf das singuläre Objekt zu beziehen, das seine Mutter ist. Ein echtes Merkmal des gegenständlichen Bezugs von Zeichenträgern zeigt ihre vom deiktischen Nahfeld (ich, hier, jetzt) ablösbare Verwendung, die eine geistige Unabhängigkeit von der reizauslösenden Wirkung der unmittelbaren Wahrnehmungssituation voraussetzt. Diese sprachlich vermittelte Autonomie versetzt uns in die Lage, auch von unserer abwesenden Frau oder unserer verstorbenen Mutter zu sprechen.
Es ist der geistigen Entwicklung (des Kindes) angemessen, wenn zunächst konkrete Objekte der Umgebung mittels affektgetönter Lautung herausgegriffen werden (Puppe, Mama, Wauwau, Suppe). Alles, was aussieht wie sein Stoffhund, wird vom kleinen Kind Wauwau gerufen, ein Wort, das einer Gattungsbezeichnung entspricht. Das Wort Mama erfährt eine semantische Transformation von einem Gattungsbegriff für mütterliche Geborgenheit zum Namen für die eigene Mutter; so wird es als echter Individualbegriff gebraucht.
Wir bemerken das epistemische Moment an der Sprachbildung, insofern mit den aus den Interjektionen sich herauskristallisierenden Namen für Gegenstände spezifische Merkmale aufgefaßt werden, zunächst vorwiegend solche, die sich der Empfindung und sensorischen Wahrnehmung darbieten. Was so gut schmeckt, heißt „Suppe“, was so leuchtet und wärmt, „Sonne“. Der geistige Fortschritt vollzieht sich im Gleichschritt mit der Erweiterung und Differenzierung der Satzbildung bis hin zum komplexen Satzgefüge, mit dessen Hilfe temporale, kausale, konsekutive, finale und konzessive Zusammenhänge ausgedrückt werden können. Sie nach und nach in einfachen und zusammengesetzten Aussagen darstellen zu können, ist nicht nur ein Kennzeichen fortschreitender sprachlicher Kompetenz, sondern auch ein Indiz für geistige Begabung.
Das Kind bildet Sätze wie „Herd kaputt, Suppe kalt“, „Anziehen, Garten gehen“ oder „Wasser heiß, Dampf“, in denen die Satzgelenke der zugehörigen Konjunktionen wie weil, damit und sodaß noch unterschwellig und latent sind; ihren kausalen, finalen und konsekutiven Sinn aber hat es erfaßt und mittels Parataxe sprachlich zum Ausdruck gebracht.
2. Sprechen und andere Weisen der Symbolisierung sind ein bewußtes Tun, das die Selbstgegenwart dessen, der spricht, impliziert. Es gibt keine Sprache ohne jemanden, der spricht und weiß (oder zu wissen glaubt), was er sagt.
Erläuterung:
Wenn meine Hand vor der heißen Herdplatte zurückzuckt, vollziehe ich eine unwillkürliche Bewegung, deren motorische Impulse unbewußt vom Stammhirn an die peripheren Nerven der Armmuskeln und Handsehnen geleitet werden. Hier ist der unpersönliche Ausdruck „Meine Hand zuckte zurück“ angemessen.
Wenn ich dagegen meinem Freund auf der anderen Straßenseite zuwinke oder durch Winken zur Kenntnis bringe, daß ich ihn gesehen habe, oder ihn mittels Zuruf seines Namens auffordere, stehen zu bleiben und auf mich zu warten, vollziehe ich eine bewußte Handlung mit Zeichen, deren Bedeutung ich kenne oder doch zu kennen glaube.
Der interne Zusammenhang von Zeichenhandlung und Bewußtsein scheint so alltäglich und vertraut, daß wir kaum Begriffe entwickelt haben, um ihn angemessen zu erfassen. Wir ziehen hier nur umrißhaft einige begriffliche Linien. Wir haben gelernt, natürliche oder physiognomische Zeichenhandlungen wie das Winken, Kopfschütteln, Lächeln, Stirnrunzeln, ja selbst das Weinen einzusetzen, um jemandem unser Befinden kundzutun oder unsere Absicht und Meinung mitzuteilen. Aber wir mußten nicht lernen, daß wir es sind, die sich solchen Tuns und Gebarens als Zeichenhandlungen bedienen, und daß es jemand anderer ist, dem sie gelten. Dasselbe gilt in gesteigertem Maße für die Verwendung von konventionellen Sprachzeichen, den artikulierten Lauten, Wörtern, Sätzen.
Wir haben nicht gelernt, wir selbst zu sein: Die Erfahrung, man selbst im Gegensatz zu allen anderen zu sein, ist eine Art Erweckungs- oder Aha-Erlebnis, in noblerer Diktion eine Ur-Intuition. Inwiefern sie durch genetische Programme gesteuert oder von propriosensorischen Wahrnehmungen befördert wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Erfahrung, man selbst zu sein, entspringt nicht der Sprache; der regelförmige Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person setzt sie voraus.
Doch wird die Ich-Intuition von der Sprachpraxis begleitet und stimuliert: Die kleine Hilde wird ständig mit ihrem Namen angesprochen, so lernt sie zunächst ihren eigenen Namen als affektgetönte Interjektion verwenden, sie meint damit: „Ich will“, „Mir geben“, „Ich zuerst“; so bedeutet der Ausruf „Hilde Stuhl“ die Bitte, sie auf den Stuhl zu heben. Doch wenn sie den Eigennamen in deskriptiven Sätzen wie „Hilde müde“ oder „Puppe klein, Hilde groß“ verwendet, bemerken wir die sprachlich vollzogene Integration des Erlebens in die Ich-Perspektive, deren Umkreis vom Potential gegenständlicher Referenzen gleichsam belebt und durchströmt wird.
Das kartesische „Cogito ergo sum“ ist insofern eine Präzisierung der Intuition des Parmenides, daß Denken und Sein identisch seien, an dem singulären Gegenstand, auf den die Gleichung einzig zutrifft, dem Selbstbewußtsein. Allerdings verfehlt die Formel des Descartes die Tatsache der Intentionalität des Bewußtseins: Es ist zur Welt der Gegenstände, der res extensa, hin aufgeschlossen. Gewiß, trivialerweise kann das Cogito nicht daran zweifeln, daß es zweifelt, wenn es zweifelt, aber die Einnahme von propositionalen Einstellungen wie Zweifeln, Meinen, Wissen, aber auch Erwarten und Befürchten setzt nicht nur die Existenz des Ich-Bewußtseins voraus, sondern auch die Möglichkeit, auf Gegenstände intentional Bezug zu nehmen, denen mein Zweifeln, Meinen und Wissen, meine Erwartung oder Befürchtung gelten. Und die Gegenstände, auf die sich meine geistigen Zustände beziehen, sind nicht wiederum mentale Entitäten, sondern reale wie der Freund, dessen Ankunft ich erwarte oder dessen Ausbleiben ich befürchte.
Ich kann nichts empfinden, fühlen, wahrnehmen oder denken, ohne in wie vager oder deutlicher Weise auch immer zu vergegenwärtigen, daß ich es bin, der empfindet, fühlt, wahrnimmt und denkt. Ich mag mich gleichsam in der Betrachtung eines Bildes oder im Hören eines Musikstückes verlieren, mag wie wir sagen im Kunstgenuß selbstvergessen versinken; aber nicht gänzlich, denn ich kann mich hernach daran erinnern, daß ich das Bild betrachtet, daß ich die Sonate gehört habe. Dies gilt a fortiori auch für das Sprechen. Ich kann nicht gleichsam unbewußt sprechen, auch wenn mir spontan manches einfallen mag, auch wenn ich mich wider Willen verspreche. Nur wenn ich meiner selbst gewärtig jemandem die Zusage mache, ihn morgen da und dort zu treffen, bin ich in der Lage, das Zugesagte einzuhalten.
Wir können unter einem fremden Namen und einer fiktiven Identität leben, wie der im Untergrund agierende Kriminelle oder der Geheimagent in einem Feindesstaat. Doch wenn sie auffliegen und vor Gericht stehen, können der Kriminelle und der Agent nicht damit kommen, nicht sie hätten kriminelle und illegale Taten begangen, sondern ihre Pseudonyme. Wenn sie vor Gericht zu ihren Taten Stellung beziehen, können sie nicht vorgeben, Personen fiktiver Identität hätten sie begangen, sondern müssen wahrheitsgemäß berichten, sie selbst hätten unter fremdem Namen gehandelt.
Der Psychotiker mag während eines schizophrenen Anfalls äußern. „Ich bin Jesus und höre die Stimme Gott-Vaters von oben.“ Doch nach erfolgreicher Therapie wird er sagen: „Ich glaubte, Jesus zu sein und die Stimme Gott-Vaters von oben zu hören.“ Der Erfolg der Therapie erweist sich eben darin, daß der Patient das psychotische Erleben in seine Ich-Erfahrung integrieren kann.
Das Winken mit der Hand und der Zuruf des Namens setzen ihre Zuordnung zum deiktisch erschlossenen Zeige- und Zeichenfeld voraus, in dessen Zentrum sich derjenige verortet, der die Zeichen gibt und der ebenso denjenigen real lokalisiert oder wie beim Briefeschreiben imaginär identifiziert haben muß, der die Zeichen empfängt. Es handelt sich um ein virtuellen System relationaler Zuschreibung: Wenn ich winke oder rufe, verstehe ich mich zugleich auch als jemand, dem ein Wink oder Zuruf eines anderen gelten könnte. Wir könnten nicht jemandem winken, nicht jemandem ein Zeichen geben, könnten wir nicht derjenige sein, dem ein Wink oder ein Zeichen gegeben wird.
Dem natürlichen Bewegungsimpuls, die Hand unwillkürlich von der heißen Herdplatte zu ziehen, entspricht der unwillkürlich hervorgestoßene Naturlaut oder die Interjektion „Aua!“, wenn ich unerwartet den lange vermißten Freund plötzlich auf der anderen Straßenseite entdecke, die Interjektion „O!“, wenn der Freund zu meinem Bedauern meinen Wink oder Zuruf mißachtet, die Interjektion „Ach!“. Naturlaute zur Kundgabe des subjektiven Befindens können unbewußt hervorgebracht werden.
Der Naturlaut oder die Interjektion könnte als Zeichen verstanden werden: Doch dann wären sie ein Symptom für das Befinden dessen, der sie ausstößt, keine konventionellen Zeichen einer absichtsvollen Mitteilung.
Bei der Artikulation eines Naturlautes oder einer Interjektion kann ich nicht fehlgehen oder mich irren: Ich könnte mich wohl darin irren, meinen Freund auf der anderen Straßenseite wiedererkannt zu haben; aber nicht darin, meinem Erstaunen durch ein hervorgestoßenes „O“ Ausdruck zu verleihen, auch wenn ich den Freund mit einer ihm ähnlich sehenden Person verwechselt habe.
Wir können Interjektionen nicht infragestellen oder verneinen; wir können im Normalfall nicht sagen, daß wir eigentlich „Ach!“ rufen wollten, uns aber ein „O!“ herausgerutscht ist, obwohl wir nicht unserem Bedauern, sondern unserem Erstaunen Ausdruck geben wollten.
Anhand der Möglichkeit der Negation gewinnen wir ein Kriterium dafür, ein Symptom von einem konventionellen sprachlichen Zeichen unterscheiden zu können. Denn wir können keine Interjektion verneinen, nur einen Satz.
Anhand der Möglichkeit, den angemessenen oder korrekten Gebrauch eines Zeichens infragezustellen, gewinnen wir ein Kriterium für die Normativität der Sprache und konventioneller Gesten. Denn wenn wir den Kopf schütteln, wo unsere Bejahung durch ein Nicken angezeigt wäre, begehen wir einen Irrtum.
Die Möglichkeit der Negation und der Korrektur konventioneller Gesten und sprachlicher Zeichen eröffnen uns den Zugang zum Verständnis des internen Zusammenhangs von Zeichen und Bewußtsein. Denn wir können nur eines Fehlers im Gebrauch konventioneller Zeichen geziehen werden, wenn es uns freigestanden hätte, das richtige zu gebrauchen; das richtige Zeichen gebrauchen zu können setzt ein Bewußtsein oder Wissen von der Korrektheit des Ausdrucks voraus.
Ich glaubte den lange vermißten Freund erkannt zu haben, ich habe ihm mit der Hand gewinkt, ich habe seinen Namen gerufen; dennoch hat er meine Zeichen mißachtet, hat sich abgewandt und ist weitergegangen. Ich könnte zu der Annahme neigen, er habe mich bewußt ignoriert, weil er mir dies oder jenes übelnimmt; ich könnte aber auch eines besseren belehrt werden, wenn sich herausstellt, daß ich ihn, der so lange abwesend war, in der Erregung des Augenblicks bei einem falschen Namen gerufen habe.
Wir bemerken, daß der Gebrauch sprachlicher Zeichen aufs innigste mit einem mentalen Zustand verknüpft ist, dem wir epistemischen Gehalt zusprechen, nämlich den intentionalen Inhalt dessen, was wir annehmen, glauben, wissen oder zu wissen meinen. Was wir annehmen, wissen oder zu wissen meinen, aber ist dasjenige, was zugleich den semantischen Gehalt dessen ausmacht, was wir bezeichnen, worüber wir reden.
Wir können in der Verwendung eines Namens durch den Hinweis korrigiert werden, daß der von uns so Gerufene einen anderen Namen hat; einen unzutreffenden Namen zu verwenden ist nicht sinnlos, sondern unangemessen, unkorrekt, falsch.
Die Normativität, auf die wir im Gebrauch sprachlicher Zeichen stoßen, bezieht sich nicht nur auf die korrekte Verwendung lexikalischer Inhalte und grammatischer Formen, sondern ebenso auf die Angemessenheit unserer Äußerungen in der jeweiligen Situation sowie auf die Wahrheit des Ausgesagten, falls wir es in der gegebenen Situation nicht für angemessener und klüger halten, die Unwahrheit zu sagen; aber dies können wir nur, wenn wir um den wahren Sachverhalt wissen.
Einen Wink geben kann nur, wer sich im Zentrum des deiktischen Umfelds verortet; etwas Wahres oder Falsches sagen nur, wer sich im epistemischen Zentrum des sprachlichen Feldes verortet.
Die Instanz, die uns immer wieder rät, wir führen besser damit, das der Situation und der sozialen Position unseres Gegenübers Angemessene und das Wahre statt des Falschen zu sagen, wenn wir unsere Absichten verwirklichen und unsere Ziele und Zwecke erreichen wollen, pflegen wir etwas überschwänglich oder auch hausbacken Vernunft zu nennen. Wäre es doch wider alle Vernunft, den lange vermißten Freund, obwohl wir den richtigen wissen, bei einem falschen Namen zu rufen, wenn wir seine Aufmerksamkeit auf uns lenken wollen. Was nicht ausschließt, daß es vernünftig sein könnte, im Falle einer Verfolgung durch eine kafkaeske Behörde einen falschen Namen anzugeben, um die eigene Identität zu verleugnen; freilich muß ich, auch wenn ich lüge oder mich verleugne, wissen, wer ich bin.
Die Möglichkeit der Negation, die Normativität im Gebrauch sprachlicher Zeichen sowie die Vernunft als Vermögen, unsere Zeichenhandlungen zu beurteilen und zu regulieren, erweisen sich demnach als Kriterien für die Wahrnehmung und das Verständnis des internen Zusammenhangs von Zeichen und Bewußtsein, Sprache und Subjektivität.
Wir können keine zeichenhafte Handlung vollziehen, ohne ihre Bedeutung zu verstehen, und dies heißt, ohne ihre semantische Wirkung auf denjenigen zu antizipieren, dem sie gilt. Die semantische Wirkung unterscheidet sich ähnlich wie die ästhetische Wirkung (die eine ihrer Formen darstellt) ontologisch grundlegend von der physischen Wirkung: Der Stein fällt im Rahmen der nichtlokalen oder universellen Geltung des Gravitationsgesetzes, wie er nun einmal fallen muß; die formelhafte Wendung und der verbale Wink „Die Sitzung ist eröffnet“ oder „Rien ne va plus!“ tun ihre Wirkung nur, wenn sie von der richtigen Person in der richtigen Situation ausgesprochen auf die Ohren eines ausgewählten Kreises treffen. Die Formel konstituiert den Sachverhalt, den sie benennt.
Der Appell „Rührt euch!“ scheint fast eine physische Wirkung auf die Lockerheit mimende Truppe zu haben, doch entfaltet er seine zeichenhafte Wirkung nur im Rahmen der sozialen Institution der soldatischen Ausbildung.
Die homerische Wendung vom Anbruch des Morgens, an dem die rosenfingrige Eos erscheint, will keine Naturbeschreibung geben, sondern eine mythische Welt beschwören, in der die heroischen Protagonisten in eine mit göttlichen Potenzen durchleuchtete Natur eingebettet sind. Indem das Epos die schöne Epiphanie des Morgens beschwört, erscheint Eos vor den Augen des dem epischen Sänger lauschenden Publikums. Das Verständnis der Wendung setzt die Vertrautheit mit dem Mythos voraus.
Wir können nicht nach Willkür und Laune etwa einer chaotischen Reihe von Klängen die Bedeutung einer Sonate verleihen; vielmehr lassen wir uns die Bedeutung des Begriffs von der Mehrheit des gebildeten Publikums nahebringen, die dieses und jenes Stück von Mozart oder Schubert nach dem Begriff benennt, den ihm ihre Schöpfer verliehen haben.
3. Autobiographische Erinnerung ist eine Funktion des symbolischen Bewußtseins; sie setzt die Identifikation des erinnerten Gegenstands oder Ereignisses mittels seiner Symbolisierung und Indexikalisierung beispielsweise durch Namen, Orte und Daten voraus.
Erläuterung:
Um den Freund, der mir nach langer Zeit wieder auf der Straße begegnet, mit dem richtigen Namen anzurufen, muß ich mich zumindest an Teile unserer gemeinsamen Vergangenheit erinnern, in der sich unsere Lebenswege gekreuzt haben. Irgendwann sind wir uns begegnet, irgendwann hat er sich mir vorgestellt, irgendwann hat sich mir sein Name als Zeichen seiner Identität eingeprägt.
Die Namen für individuelle oder singuläre Entitäten, scheint es, sind die ausgezeichneten Träger unseres autobiographischen Gedächtnisses. Sie sind stets mit lokalen und temporalen Merkmalen verknüpft. So erinnere ich mich nicht an raumzeitlich zerstreute Stoffe wie Wasser und Luft, sondern an das ionische Meer, an die laue Sommernacht jener südlichen Stadt, auch wenn mir ihr Name gerade nicht einfällt.
Freilich vermag ich mich an Personen und Begebenheiten zu erinnern, die gleichsam anonym, gesichtslos oder unpersönlich geblieben sind; dann tritt für sie anstelle des Individualbegriffs der Begriff für den Typus ein, wie „die Badegäste“, „das Sommergewitter“, „die hübsche Frau“; doch versieht sie unsere Erinnerungstätigkeit, um auf sie zuzugreifen, mit einem deiktischen Merkmal, wie „jene Badegäste im Speisesaal des Strandhotels“, „das Gewitter nach jenem schwülen Sommerabend“, „die hübsche Frau, die mir einmal zugelächelt hat.“
Erinnerungen scheinen monadisch in sich abgeschlossen, als wären sie Bilder einer Privatgalerie, zu der nur ich den Schlüssel habe; nur ich hatte jenen Unfall, an den mich noch heute eine Narbe erinnert, nur ich weiß um das langwierige Sterben meiner Mutter, denn ich war der einzige Zeuge ihrer letzten Tage. Doch kann ich natürlich von jenem Unfall berichten, vom Sterben der Mutter erzählen. Was indes einzigartig an den je individuellen Erinnerungen ist, bezieht sich auf die einmalige Kombination kontingenter Daten und Ereignisse, die hinter den vagen Bildern der frühen Kindheit ihre absolute Grenze finden.
Wir können uns in einen beliebigen Zeitpunkt unserer erinnerten Vergangenheit oder unserer Lebenszeit versetzen, uns beispielsweise fragen, wie aufgeregt wir am Abend vor unserem ersten Schultag oder wie verwirrt wir nach unserem ersten Rendezvous gewesen sind. Unsere Erinnerung an den Urlaub in Italien können wir anhand der datierten Fotos beglaubigen, die wir damals am Strand gemacht haben; doch die Betrachtung der alten Fotos trägt uns nicht immer auf die lebendige Spur und den besonnten Pfad unserer Erinnerung zurück.
Wir können uns nicht an das Wetter am Nachmittag des 7. Oktobers vor zwanzig Jahren erinnern, aber an die herbstliche Atmosphäre des Gartens unserer Jugend mit seinem mit gelben und roten Blättern bedeckten Teich, dem alten Nußbaum und den verblaßten Hortensien. Wiederum könnten naive Aquarellbilder, die wir damals im Garten gemalt haben, unsere Erinnerung beglaubigen, doch ihre Betrachtung wird uns nicht eo ipso in jene herbstlich-melancholische Atmosphäre zurückversetzen.
Die Formationen unseres Erinnerns sind narrativ; wir denken nicht an unseren alten Lehrer, ohne uns daran zu erinnern, wie er uns einmal die Leviten gelesen hat, nicht an unseren Großvater, ohne uns daran zu erinnern, wie er mit uns zum ersten Mal jenen leuchtend roten Papierdrachen hat fliegen lassen.
Eine eigentümliche Klasse von Erinnerungen sind jene, die wir sekundär oder abgeleitet nennen können, weil sie nicht unmittelbar Selbsterlebtes zum Gegenstand haben, sondern durch Berichte und Erzählungen anderer, aber auch durch Medien wie Zeitungen und Fernsehen Vermitteltes, jene, die mehr und mehr unsere lebendigen Eindrücke überwuchern. Dabei vollzieht die Erinnerungstätigkeit die Integration des medial und sekundär Empfangenen in die eigene Erlebniswelt durch seine Indexikalisierung oder Verortung im deiktischen Feld: Wir verknüpfen die Erinnerung an die Fernsehbilder der zusammenstürzenden Twin Towers in New York mit dem Ort und der Situation, in der wir sie gesehen haben; die Kriegserzählungen des Großvaters mit dem Tabaksqualm und dem flackernden Ofen im Wohnzimmer seiner dörflichen Behausung, wo wir sie als Kind gehört haben.
Jahresring um Jahresring vergrößert und verdichtet sich der narrative Stamm unserer Erinnerungen, Schicht für Schicht setzen sie sich zu den narrativen Stratus ab, die wir unser subjektives Leben nennen. Dabei wachsen die Ringe ähnlich wie bei einem Baumstamm nicht um einen festen Kern, den wir etwa als zeitloses Ich-Zentrum oder als raumlose res cogitans isolieren und idealisieren könnten; vielmehr sind die verflochtenen und ineinander verschlungenen Erzählstränge unserer gelebten Erfahrung, was unsere flüchtige Substanz ausmacht.
4. Gedanken erster Stufe haben ihren sprachlichen Ausdruck in Aussagen über bestehende oder nichtbestehende einfache Sachverhalte. Gedanken zweiten Stufe haben ihren sprachlichen Ausdruck in propositionalen Aussagen, die mit Wendungen wie „ich meine“, „ich vermute“, „ich bezweifle“, „ich weiß (nicht)“, aber auch mit Wendungen wie „ich erwarte“, „ich hoffe“, „ich befürchte“ eingeleitet werden und deren mit der Konjunktion „daß“ fortgeführter Nebensatz den semantischen Gehalt eines Gedankens erster Stufe darstellt. Solche propositionalen Aussagen enthüllen uns die Einstellungen eines Subjekts zu dem, was es denkt, fühlt und erlebt.
Erläuterung:
Wenn wir einen Mann auf der Parkbank sitzen sehen, der in einem Buch liest und es immer wieder sinken läßt, der immer wieder in Richtung Eingang blickt und auf die Uhr schaut, dürfen wir vermuten, daß er jemandes Ankunft erwartet, mit dem er verabredet ist. Schreitet die Zeit voran und bemerken wir, wie den Wartenden mehr und mehr Unruhe befällt, denn er ist von der Bank aufgestanden und geht nervös auf und ab, können wir annehmen, daß er befürchtet, seine Verabredung könne ausbleiben.
Wir lesen und dechiffrieren die Verhaltensweisen des Menschen als symptomatische Zeichen seines subjektiven Zustandes; denn wir würden, um das Benehmen des Mannes zu beschreiben, sagen: „Er befürchtet, daß seine Verabredung nicht kommt“; während er von uns über den Grund seines nervösen Gebarens befragt eine Antwort geben könnte, die nicht mehr als symptomatisches Zeichen gelesen und dechiffriert werden muß, sondern unmittelbar als Selbstmitteilung verstanden werden kann: „Ich befürchte, daß meine Verabredung nicht kommt.“ Augenscheinlich konvergieren beide Sätze, was ihren semantischen Gehalt betrifft, denn der eine sagt aus der beschreibenden Perspektive der dritten Person, was der andere aus der Erlebnisperspektive der ersten Person äußert.
Doch wir berühren die grundlegende Asymmetrie dieser Aussagen, wenn wir konstatieren, daß die deskriptive Aussage in der dritten Person von der Möglichkeit der Äußerung der ersten Person gleichsam transzendental abgeleitet ist. Denn zum einen kann ich das Gebaren des Mannes als Ausdruck einer Befürchtung nur beschreiben, wenn ich mich in eine Lage versetzen kann, in der ich sagen würde: „Ich befürchte, daß meine Verabredung nicht kommt.“ Zum anderen können wir von bestimmten Einstellungen zu dem, was wir erleben, wie der Erwartung, Befürchtung oder Hoffnung, nur sprechen, wenn wir das Dasein der Subjektivität schon voraussetzen, denn nur das mit sich selbst bekannte Dasein kann etwas erwarten, befürchten und erhoffen.
Manche neurowissenschaftlich orientierten Philosophen, die sich einem naturalistischen Weltbild verschworen haben, glauben, man könne das Gebaren einer Person, die sich im subjektiven Zustand der Erwartung oder Befürchtung befindet, mit einem Satz wie: „Dieses Gehirn befindet sich im neuronalen Zustand X“ beschreiben und erklären, ohne auf die Ich-Perspektive des subjektiven Daseins Bezug nehmen zu müssen. Sie nennen das Projekt, bei dem Sätze der natürlichen Sprache in solche eines wissenschaftlichen Jargons umgeformt werden sollen, die Naturalisierung der Semantik.
Unter den vielen Argumenten, anhand derer eine solche Reduktion der natürlichen Sprache auf die künstliche einer Wissenschaft widerlegt oder ad absurdum geführt werden kann, nennen wir hier nur folgende: Der Satz „Dieses Gehirn befindet sich im neuronalen Zustand X“ drückt wie der Satz „Es regnet“ oder „Wasser ist H2O“ einen Gedanken erster Stufe aus, nämlich einen einfachen Sachverhalt, während der Satz „Ich erwarte, daß mein Freund kommt“ einen Gedanken zweiter Stufe darstellt, nämlich erstens den Gedanken „Jemand kommt“ und zweitens den Gedanken „Ich erwarte, daß jemand kommt.“ Sätze, die einen Gedanken zweiter Stufe oder die Einstellung zu einem Sachverhalt ausdrücken, können nicht auf Sätze zurückgeführt werden, die einen Gedanken erster Stufe oder einen einfachen Sachverhalt ausdrücken.
Darüber hinaus wird es wohl für immer ein Mysterium einer pseudowissenschaftlichen Philosophie bleiben, wie die Aussage „Dieses Gehirn befindet sich im neuronalen Zustand X“ sowohl den subjektiven Zustand dessen beschreiben können soll, der von sich sagt: „Ich erwarte, daß mein Freund kommt“, als auch dessen, von dem ausgesagt wird: „Er erwartet, daß sein Freund kommt.“ Denn selbst etwas zu erwarten oder zu befürchten ist etwas anderes als zu glauben und zu sagen, ein anderer erwarte und befürchte etwas. Ein neuronaler Zustand hat kein Kriterium an sich, anhand dessen wir ihn mir oder dir, dieser oder jener Person zuschreiben können. Von jenem Mysterium zu schweigen, das sich in der Verkennung der Bedeutung deiktischer Zuschreibungen wie „dieses (Gehirn)“, „mein Freund“ oder „sein Freund“ verbirgt.
Die Pointe und der Witz der Sache liegen eben darin, daß derjenige, der sagt „Ich erwarte X“, sich den subjektiven Zustand der Erwartung selbst zuschreibt. Diese Form der Selbstzuschreibung von bestimmten subjektiven Zuständen, Gefühlen oder Einstellungen, eben all das, was wir unter subjektivem Dasein verstehen, kann in wissenschaftlich objektiven oder neutralen Aussagen nicht wiedergegeben und erfaßt werden.
5. Subjekte vollziehen bewußte Zeichenhandlungen mittels Gesten und Äußerungen in natürlichen Sprachen, deren Symbolfeld von einem Netzwerk deiktischer Demonstrativa und Personalpronomina durchzogen und getragen wird. Zeichenhandlungen haben die Charakteristika allen bewußten Handelns, insofern es aus gewissen Gründen zur Verfolgung bestimmter Absichten vollzogen wird. Zeichenhandlungen sind durch sprachliche Konventionen und soziale Regeln normativ bestimmt.
Erläuterung:
Der interne Zusammenhang zwischen Zeichen und Bewußtsein erhellt aus der Tatsache, daß Zeichen in sprachlichen Handlungen von Sprechern gebraucht werden, die wissen oder doch zu wissen glauben, was sie bedeuten, und mit ihrer Äußerung eine Absicht verfolgen, für die sie mehr oder weniger gute Gründe angeben können. Dies gilt für nichtsprachliche Zeichen wie das Winken mit der Hand oder das Nicken mit dem Kopf und a fortiori für den Gebrauch sprachlicher Zeichen.
Wenn ich dem lang vermißten Freund auf der anderen Straßenseite winke oder ihn mit Namen anrufe, ist das Symbolfeld meiner Zeichenhandlung durch deiktische Grenzen abgesteckt, die sich im Gebrauch bestimmter Demonstrativa und Personalpronomina offenbaren. So drücke ich mit meiner Zeichenhandlung Absichten aus, die ich in folgenden Äußerungen wiedergeben kann: „Ich bitte dich, innezuhalten und dort auf mich zu warten“ oder: „Ich bitte dich, hierher zu kommen, wo ich auf dich warte.“
Der Grund für mein Winken oder meinen Zuruf besteht in eben der Absicht, den Freund auf mich aufmerksam zu machen; der Grund, ihn auf mich aufmerksam zu machen, im Wunsch, mit ihm zu reden, und diese Hinweise genügen, um den Sinn meines Zeichenhandelns zu erklären.
Der Freund, dem meine Zeichen gelten, muß seinerseits aus ihnen meine Absicht erraten oder dechiffrieren können; daher müssen ihre Wahl und ihre Form der von mir verfolgten Absicht mittels ihrer Unzweideutigkeit, Klarheit und Prägnanz angemessenen Ausdruck verleihen.
Hier kommt die Normierung von Zeichenhandlungen durch Konventionen und soziale Regeln zum Tragen. Denn wenn mein Winken so aussieht, als würde ich außer mich geraten eine Wespe verscheuchen, oder wenn ich statt des richtigen einen falschen Namen rufe, wird der Erfolg meiner Absicht verwirkt.
Es gibt kein Zeichenhandeln und keine natürliche Sprache ohne das apriorische Faktum, daß jemand zu jemandem über oder in Bezug auf etwas spricht; und gelegentlich muß ich selbst es sein, der durch gestische oder verbale Zeichen jemandem etwas zu verstehen gibt, denn könnte ich dies nicht, dünkten mich all die sichtbaren Gesten und vernehmbaren Äußerungen der anderen rätselhafte Phänomene und unartikulierte Laute zu sein, aber keine verständlichen Zeichen.
Um Zeichen zu verstehen oder etwas zeichenhaft mitzuteilen, muß ich sowohl meiner bewußt sein als auch die Gesten und sprachlichen Zeichen als Teil von Zeichenhandlungen begreifen, nach deren Grund und Absicht ich fragen kann. Das Bewußtsein ist individuell, die Zeichen sind allgemein, insofern sie Funktionen einer Sprachgemeinschaft sind, an deren sozialem Leben ich teilnehme.
In der Gleichung cogitare = nominare = esse stoßen wir nicht nur auf die ontologische Kraft der Subjektivität, insofern ich nur existiere, wenn ich an mich denke; wir bemerken an ihr auch die ontologische Kraft der intersubjektiven Benennung und die deontologische Kraft der Prädikation, insofern bestimmte soziale Gepflogenheiten und Einrichtungen wie die Begrüßung, die Ernennung, das Geld und das Recht nur in Existenz und Geltung sind und bleiben, wenn sie von spezifischen institutionell geordneten Zeichenhandlungen der jeweiligen Gruppe wie dem Händeschütteln, der feierlichen Übergabe einer Urkunde, dem Kreditvertrag oder dem Eheversprechen getragen werden.
Bezeichnen sich Peter und Hans als Freunde, sind sie es; haben sich Karl und Johanna vor Zeugen das Eheversprechen gegeben, sind sie verheiratet; nennt die Gemeinschaft die kurrenten Münzen und Banknoten nicht mehr Geld, haben sie keinen Wert mehr; spricht der Richter kraft seines Amtes das Urteil, wird der Verurteilte hinter Gitter verbracht. Die ontologische Kraft der Benennung und die deontologische Kraft der Zeichenhandlungen wie der Zusage, Absage und des Versprechens finden allerdings ihre Grenze, wenn sie den konstitutiven Sinn der Subjektivität ignorieren und den sozialen Raum überschreiten: Es ist widersinnig, vom Gehirn zu sagen, daß es denkt oder spricht, es ist absurd, den Schüler wegen eines Fehlers zu tadeln, wenn man nicht annimmt, er hätte ihn vermeiden können, es ist nur eine Metapher, wenn man sagt, das Spinnennetz sei kunstvoll gewebt oder der Bienenstock ein Modell des perfekten Staates.
Lascia ch’io pianga
Text: Giacomo Rossi
Vertonung: Arie der Almirena in der Oper Rinaldo von Georg Friedrich Händel
Lascia ch’io pianga
Mia cruda sorte
E che sospiri
La libertà
Il duolo infranga
Queste ritorte
De’ miei martiri
Sol per pietà.
Laß mich beklagen
mein grausam Geschicke,
laß michʼs beweinen,
nicht frei zu sein.
Schmerz mag zernagen
mir diese Stricke
so großer Peinen
aus Mitleid allein.
Interpretation Cecilia Bartoli:
https://www.youtube.com/watch?v=6awzmkHTtrs
Anrufungen der verlorenen Seele
Ihr Augen,
und der euch feuchte Glut verleiht,
o Tau,
der hohen Liebe Nacht geweiht.
Ihr Blumen,
und das euch dunklen Duft entlockt,
o Licht,
worin das Vlies der Worte flockt.
Ihr Flügel,
und die euch trägt ins trunkne Blau,
o Luft,
durchsäuselnd Liedes lichten Bau.
Ihr Wolken,
und den mit Schwermutsmilch ihr nährt,
o Mond,
von Dichters Wandergeist verehrt.
Ihr Inseln,
und das euch seine Muscheln schenkt,
o Meer,
an das schlaflos der Unbehauste denkt.
Ihr Trauben,
und der euch Glanz der Wahrheit gibt,
o Wein,
der Tote selbst zu wecken liebt.
Ihr Herzen,
und das den Liebesgram euch stillt,
o Grab,
wo Moos die Inschrift schon verhüllt.
Daß sich die Seele sage
Ein fahles Glimmen blieb von deinem Tag,
das sich von sanft geneigten Knospen breitet,
o faß es nicht, sein Wesen ist zu vag,
o pflück sie nicht, sie fallen, schlafgeweitet.
Im Dunst der Ferne sagt kein Sternbild mehr,
was du geahnt, erhofft an Lebensfülle,
schau in den Brunnen, er ist grau und leer,
lausch in die Dämmerung, wie tief die Stille.
Ein weiches Wasser strömt durch deine Nacht,
wie lang vergessner Sage dunkler Regen,
es füllt aufs Neu den öden Brunnenschacht,
es bringt, daß sich die Seele sage, Segen.
Mußt du still im Dunkeln liegen
Und mußt du still im Dunkeln liegen,
den Vorhang zog das Schicksal zu,
hör, wie sich Dämmers Zweige wiegen,
aus stummen Blumen atme Ruh.
Wenn Schatten fremd im Zimmer gehen
und reden wirr mit fremdem Mund,
magst du mit Seufzern sie versehen,
gequollen aus dem Schmerzensgrund.
Kannst Wahn du nicht vom Wahren scheiden,
die Liebe nicht von dunkler Qual,
gedenke, wie die Herden weiden,
die Glocke tönt im Heimattal.
Und hat Erinnern keinen Segen,
kein Auge öffnet der Seraph,
mag dich mit sanftem Lied der Regen
geleiten in den großen Schlaf.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette