Väter und Mütter
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Weil sie geboren hat oder gebären kann, ist die Frau mitfühlender, lebensvoller, gemüthafter als der Mann; weil die Zeugung durch den Mann ein jäher Scherz ist im Vergleich mit der langen Passion der Schwangerschaft und Geburt, sehen wir die männliche Hand eher ausholen, schlagen, töten.
Die natürliche Polarität und der Zwiespalt der Geschlechter ist eine Ableitung der weiblichen Funktion, Kinder auszutragen, und der männlichen Potenz zu zeugen. Wer sie leugnet oder vergleichgültigt, ist dem Leben schon ziemlich abhandengekommen.
Es mutet wie ein neuer Puritanismus an, die alle Fibern menschlichen Lebens, Fühlens und symbolischen Gestaltens durchpulsende und durchwebende Macht der Zwiegeschlechtlichkeit in der keimfreien Atmosphäre der Akademien, Seminare und Politbüros ersticken und in der trüben Lauge einer lebensfremden, moralisch-politisch korrekten Begrifflichkeit neutralisieren und zerfasern zu wollen.
Der neue Puritanismus, eine paradoxe Mischung von hedonistischer Zügellosigkeit und moralischer Strenge, von sprachlicher Verwahrlosung und moralisch-korrekter Enge, wütet wie der Bildersturm und der Ikonoklasmus der frühen Neuzeit und der modernen Revolutionen: Heute sind die mythischen Bilder, die endgültig aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden sollen, Archetypen der alteuropäischen Kultur wie das Bild der aus dem Herdfeuer singenden Erdgöttin, der schönen, aber auch grausamen Nymphen der Quellen, Bäume und Meere, der nährenden, gewährenden und duldsamen Mutter, des geheimnisvollen Lächelns der Schwangeren, der großen Trauernden, aber auch das verstörende Bild der hysterisch Erregten, bacchantisch Tanzenden und dionysisch Entfesselten.
Eros verhüllt sein Angesicht über dem mechanischen Getriebe steriler Lust.
Aufgrund ihrer Natur sind sich Mann und Frau nach ihrer seelischen Struktur sowohl abgründig fremd als auch einzigartig nahe, in einer Nähe der Intensität und Spannung, die von den Klischees der Ebenbürtigkeit und der gleichen Augenhöhe verdunkelt wird.
Der Mann sieht sich im Spiegel des Auges der Geliebten, die Frau versinkt im Blick des Geliebten.
Die Mutter des Kindes ist bekannt; zur Not müssen wir einen genetischen Test machen, um uns der Vaterschaft zu vergewissern: Das sagt viel über das Verhältnis der Geschlechter, bei dem der männliche Nomade den weiblichen Hort und Herd oft eher vorübergehend aufzusuchen geneigt ist.
Die rohe Hand des Mannes sehen wir in den antiken auf kriegerische Auseinandersetzung aufbauenden Volksverbänden wie in Sparta oder Rom den schwächlichen, kränkelnden oder mißgestalteten Säugling von der mütterlichen Brust reißen, um ihn als lebensuntüchtig oder kriegsuntauglich auszusortieren und auszusetzen.
Daß ein Leben an sich, ungeachtet seiner physischen und moralischen Artung, bejahenswert sei, ist ein mütterlicher Gedanke, und so finden wir ihn nicht bei Moses, Platon, Schiller oder Nietzsche, sondern im vom marianischen Stern überstrahlten Hort des Christentums, dem eingefriedeten Pferch der Lämmer, nicht dem finsteren Wald der Wölfe.
Die Psychologie des Mannes und die Psychologie der Frau überlappen sich nur fragmentarisch, oberflächlich, peripher. Nur ein Mann wie Freud konnte die Psychologie der Frau über eine Fehlkonstruktion wie den Penisneid und den Elektrakomplex an die des Mannes angleichen wollen.
Die Psychologie der Frau ist in großen Teilen ungeschrieben; aber ihr Material quillt überreich in den Zeugnissen weiblichen Lebens und Fühlens, den dichterischen Werken der Sappho, der Catharina Regina von Greiffenberg, der Annette von Droste-Hülshoff, der Else-Lasker Schüler oder der Gertrud Kolmar und Nelly Sachs, um nur diese zu nennen.
Ein erstaunlicher Befund über die Psychologie des Mannes, gewisser Männer müssen wir einschränkend sagen, liefern uns die Werke der Dichter und Dramatiker, die auf genial-intuitive Weise der Psychologie der Frau in Gestalten wie Iphigenie, Antigone, Elektra oder Medea ihren Tribut gezollt haben. Einen intuitiven Zugang zur weiblichen Psyche finden wir ebenso bei großen Komponisten wie Mozart, Wagner und Richard Strauss.
Der zärtliche und unheimliche Goethe schuf Gretchen, Mignon, Iphigenie und die Marienbader Elegie, der herbe und leidenschaftliche Kleist eine Amazone.
Haben nicht schöpferische Genies wie Goethe, Rilke oder Hugo von Hofmannsthal eine zwittrige, mann-weibliche Seele?
Sollen wir, wenn wir an die Jungfrau von Orléans oder Ophelia denken, nicht einer Psychiatrie mißtrauen, die den Ursprung, die Symptomatik und Therapie seelischer Erkrankung nicht nach Geschlechtern differenziert?
Daß die Frau ein anderes, gebrocheneres Verhältnis zur objektiven Wahrheit hat, glaubten männliche Psychiater an der Hysterikerin in mehr oder weniger denunziatorischer Absicht dingfest machen zu können; man kann die weibliche Hysterie aber auch als traumartige Offenbarung verstehen, die den geheimen Wunsch zugleich ausdrückt und verhüllt. Welchen Wunsch? Nun, den nach Empfängnis.
Das Geschlechtsteil der Frau ist die Verkörperung ihrer Psychologie. – Empfängnis und Aufbewahrung kostbaren Gutes sind ihr wesentliche Züge.
Dem Mann der Tat, der Leistung, des Willens fällt es weniger leicht, nichts zu tun, der Muße zu frönen, schwerer, Stille zu ertragen, am schwersten, da es ihn der souveränen Stellung beraubt, kindlichen Sinnes sich beschenken zu lassen und demütigen Sinnes dankbar zu sein.
Wilhelm von Humboldt ist der Entdecker des internen Zusammenhangs von Sprache und Weltbild, den selbst die größten Denker vor ihm nicht wahrgenommen haben, weil sie wie Aristoteles oder Descartes die sprachliche Funktion auf die zeichenhafte Wiedergabe von Erlebnisinhalten, Vorstellungen und Gedanken einengten; so als wäre der vom sprachlichen Zeichen unverdeckte Gedanke die Sache selbst; so als müßte man das Fenster der Zeichen mit der Lauge der Analyse reinigen, um klar und deutlich zu sehen, was da draußen vorgeht.
Doch die sprachliche Differenzierung zwischen Vater und Mutter verkörpert selbst schon eine wesentliche Struktur unseres sprachlichen Weltbildes, die so allgemein ist wie die Differenzierung zwischen Belebtem und Unbelebtem, Pflanze und Tier, Göttern und Menschen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so daß sie von allen Zweigen aller Sprachfamilien repräsentiert wird.
Humboldt war auch der erste, der hinsichtlich der moralischen und ästhetischen Bedeutung des Geschlechtsunterschieds zu tieferen Einsichten vorstieß.
Die Rede von Vaterschaft und Mutterschaft gräbt eine Schneise oder zeichnet eine Linie in die Topographie unseres Weltbildes; sie konstituiert einen Sinn, der uns allererst ermöglicht, von bestimmten Wahrheiten zu sprechen, wenn wir etwa behaupten, Peter sei der Sohn von Johannes oder Anna die Tochter von Elke.
Zu sagen, Peter sei der Sohn von Johannes, ist etwas anderes, als zu sagen, Herakles sei der Sohn des Zeus. Nicht deshalb, weil der Göttervater Zeus kein wirklicher Vater sein kann, da er nur das Schattendasein einer mythologischen Phantasie fristet; sondern weil Zeus im Gegensatz zu Johannes nicht der Name eines Individuums, sondern der Name einer überindividuellen, symbolisch erfaßten und verdichteten Macht ist, die für den antiken Menschen nicht minder real war, weil sie sich nicht biologisch in einem singulären Dasein verkörpert hat.
Daß der jüdische und christliche Gott Vater genannt wird, ist ein Hinweis darauf, daß die Frommen ihm als Kinder gegenübertreten, und dies heißt nicht nur, sich seiner Führung und seinem Wort zu unterstellen, sondern auch, wenn sie sich seiner würdig erweisen, jenes Erbe anzutreten, von dem die Schrift als Gottesreich spricht.
Platon spricht von der geistigen Zeugung im Schönen, aber nicht von der Gnade einer geistigen Geburt.
Mit dem Wort oder dem Werk schwanger zu gehen ist etwas anderes, als es zu machen, anzufertigen, zu fabrizieren. Es handelt sich um ein Wachstum und ein Heranreifen, das vom Willen und der Willkür losgelöster Einwirkungen und Segnungen bedarf.
Daß die Frau ästhetisch anders empfindet und urteilt als der Mann, beruht nicht auf der kulturellen Kontingenz, aufgrund derer wir sie mit Mustern, Farben, floralem Dekor und wohlduftenden Essenzen beschäftigt sehen, sondern auf der Verborgenheit der virtuellen Frucht im Mutterleib; nicht das vom Tageslicht rein umrissene Phänomen, nicht die ästhetisch gerundete Gestalt, nicht die sonnenbeschienene Plastizität, sondern die vom Dämmerlicht des Gefühls halb umflossene, halb verhüllte Wirklichkeit des lebendigen Daseins ist für solches Empfinden entscheidend. Der Mann braucht das Bild, die Form, die Gestalt, um sich einen klaren Eindruck zu verschaffen. Unter der Sonne Platons will er seinen Acker bestellen und seine Maschinen bauen.
Wie anders Dekor, Schmuck, Anmutung eines von weiblicher Hand geprägten Wohnbereichs als die nüchterne Atmosphäre des männlichen Arbeitszimmers; wie verbindet die Liebe zu den Blumen, erlesenen Stoffen, schillernden Gefäßen und betörenden Düften die Seele der Frau und die Seele des lyrischen Dichters.
Die mütterliche Frau empfindet die Kinder zeitlebens als Teil ihres Leibes, während sie sich dem Erzeuger leicht in den anonymen Raum des öffentlichen Lebens emanzipieren.
Am Ursprung des Rechts sehen wir das Gesetz des Vaters, das die Erbfolge sichern soll und den Nachfolger und Erben durch erzieherische Maßnahmen mit den Eigenschaften auszustatten anweist, die ihn die Rolle des Vaters zu übernehmen gestatten. Die mosaische Gesetzgebung soll die Nachfolge der erwählten Führer Israels sichern und seine rituellen Vorschriften das Gedächtnis der Väter bewahren und ihre Sendung auf die Nachkommen übertragen.
Dagegen sehen wir den Anspruch der Mutter auf die Formung des Kindes in der sittlichen Bildung im eigentlichen Sinne verwirklicht; sie ist es, oder müssen wir sagen, war es, die ihm Wiegenlieder singt, Märchen erzählt, Blumen und Früchte und Vögel zu unterscheiden lehrt, sie ist es, die falls es glückt auch die geduldige und einfühlsame Lehrerin gibt, wenn es gilt, große Gefühlsaufwallungen und seelische Konflikte zu meistern.
Vermag nicht die mütterliche Frau den Tod als im Dunkel des Selbst herangereifte Frucht, der Mann, vor allem der kinderlose, beinahe nur als Riß und Blitz zu gewahren?
Die virtuelle Mutterschaft hat Frauen mit neuronalen Mustern versorgt, die sie anders fühlen und denken lassen als Männer, hat ihnen eine Weltbild-Perspektive mitgegeben, in der sie grundlegende sprachliche Konzepte unserer Lebensform wie Liebe und Glück, Erfüllung und Unglück, Angst und Lust und Langeweile anders interpretieren.
Das subjektive Zeitempfinden eröffnet Frauen längere Schneisen der Erwartung als ungeduldigen Männern, kürzere Passagen durch das Dickicht der Ungewissheit und Bedrohung als dem mit Gefahren und Risiken spielenden und seiner Position nie ganz sicheren Herrn der Schöpfung.
Zwischen Gras und Veilchen
Wir waren uns auf dieser Reise
die stille Rast, das schmale Glück,
ein Lied flog flaumenweich und leise
von Herz zu Herzen und zurück.
Wir lagen zwischen Gras und Veilchen
und Seufzen floß vom blauen Hang,
dein feuchter Blick sprach: „Noch ein Weilchen“,
„O Rosen, trinkt!“, das Wasser sang.
Als an den Gräsern Tropfen glommen,
entstieg ein Duft dem Veilchenschoß,
auf blauen Wassern kam geschwommen
des Mondes weiße Knospe groß.
Es löste Morgenwind die Ranken,
der Glieder nächtliches Gebind,
die Träne glänzte zartes Danken,
dein Lebewohl trug fort der Wind.
Schweigen, dämmern, lassen
Und schweigen, wenn der Abend blaut,
ist unter einer Hecke liegen,
wo Blüten schwanken, sich Bienen wiegen,
ist lassen, was am Tag vertraut.
Und lassen ist ein grüner Bach,
der leiser rauschend leise mündet
in einen Strom, der fern sich windet,
ist dämmern wie ein Mondgemach.
Und dämmern, wenn der Abend sinkt,
ist unter herbem Duft ermatten,
wo Blüten dunkeln, Halme schatten,
ist lassen, was aus Träumen winkt.
Wie weiße Mandelblüten
Dem Andenken an Vincent van Gogh
Wie weiße Mandelblüten schweben
auf ozeanisch-blauem Grund,
scheint uns Vollkommenheit ins Leben,
schweigt schon der müden Seele Mund.
Und wenn die weißen Blüten zittern
in blauen Lüften flockengleich,
mag auch der Liebe Bild verwittern,
umranken es die Blüten bleich.
Wie grüner Wein sind Schlafes Wasser,
auf denen Blüten schaukeln weiß,
wird auch der Liebe Lippe blasser,
der Trunkne schläft vom Kuß noch heiß.
Wenn wilde Winde sie zerpflückten,
wie wehen, schneien sie hinab
und leuchten nächtlich den Entrückten,
o weiße Blüten auf dem Grab.
Die Mandelblüten van Goghs
Die Bedeutung der Schmeichelei oder der Beleidigung, die der Liebhaber der Geliebten ins Ohr flüstert oder der gehörnte Mann der untreuen Frau ins Gesicht schreit, besteht nicht in dem, was sie dabei empfinden oder erleben, sondern setzt sich aus der Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke zusammen, aus denen die Sprechakte der Schmeichelei und der Beleidigung bestehen.
Wir können die Bedeutung oder den Sinn des künstlerischen Ausdrucks nicht aus der Empfindung und dem Erlebnis des Künstlers ableiten oder konstruieren. Es ist gleichgültig, ob van Gogh die Mandelblüten in euphorischer Stimmung oder melancholischer Niedergeschlagenheit gemalt hat.
Vielleicht schmeichelt der Liebhaber der Geliebten nicht, weil er sie begehrt oder bewundert, sondern weil er als armer Künstler ökonomisch von ihr, der reichen Kunstsammlerin, die ihn aushält, abhängig ist; vielleicht beleidigt der Gehörnte die untreue Frau nicht, weil er sich durch ihr Verhalten erniedrigt fühlt, sondern weil er, der reiche Unternehmer, es nicht verwindet, sein Dienstmädchen nicht länger am Gängelband führen zu können.
Auch wenn wir die soziologisch aufschlußreichen Hintergründe der Sprecher nicht kennen, verstehen wir doch, daß es sich bei dem einen Sprechakt um eine Schmeichelei, bei dem anderen um eine Beleidigung handelt.
Wir können die Bedeutung oder den Sinn des künstlerischen Ausdrucks nicht mittels soziologischer Untersuchungen erhellen, die uns über die soziale Stellung des Künstlers und seine ökonomische Situation hinsichtlich der ihn fördernden Mäzene oder des ihn tragenden oder verschmähenden Kunstmarktes belehren.
Wenn der Betrachter der Mandelblüten van Goghs in eine heitere Stimmung versetzt wird oder einen gewissen Trost angesichts seines grauen Alltags verspürt, sagt uns dies nichts über die Bedeutung und den Wert des Kunstwerks; denn ein Spaziergang an einem schönen Sonnentag unter echten blühenden Mandelbäumen verspräche dieselbe Wirkung, von einem guten Wein in freundschaftlicher Runde zu schweigen.
Die gängigen Klischees der Alltagspsychologie und die Schulbuchweisheiten der Wirkungsästhetik sagen uns nichts über die Bedeutung und den Wert eines Kunstwerks.
Wenn wir den Liebhaber als Don Juan auf der Bühne seine Schmeicheleien ins Ohr der Schönen flüstern hören, lösen wir unwillkürlich den uns ganz und gar verständlichen Sprechakt der Schmeichelrede des großen Verführers von jeder realen Situation ab: Wir wohnen einem Schauspiel bei.
Der Schauspieler, der den Don Juan spielt, hat die Schauspielerin, die seine Geliebte spielt, nicht wirklich umschmeichelt und verführt; zu behaupten, der Mann, der auf der Bühne agiert, habe die Frau verführt, wäre im Sinne trivialer Wahrheit nicht wahr, sondern falsch: Das Schauspiel setzt alle Sprechakte gleichsam in die Anführungszeichen des Imaginären, Irrealen, Fiktiven. Und deshalb sind die geschauspielerten Sprechakte, die wie ein Ei dem anderen echten und wirklichen Sprechakten gleichen, weder wahr noch falsch.
Die Mandelblüten van Goghs sind nicht nur keine echten Mandelblüten, sondern sind den echten in einem trivialen botanischen Sinne nicht einmal besonders ähnlich, sondern eher wie Traumbilder von Blüten: Sie hängen nicht an Zweigen, sondern schweben im Imaginären.
Verstehen wir die Bilder van Goghs mit dem Sujet der Mandelblüten besser, wenn wir als kunsthistorisch Informierte wissen, daß sich der Maler im Zuge der zeitgenössischen Mode des Japonismus von fernöstlicher Bildkunst anregen ließ? Nein; genausowenig wird unser Verständnis der Schmeichelrede des Verführers vertieft, wenn wir darin blumige Phrasen aus angestaubten Gedichtanthologien identifizieren oder philologisch beckmesserhaft belegen können.
Freilich, wenn der Verführer vergiftete Blüten streuen und seine Schmeicheleien mit satirisch entstellten Zitaten aus der Gedichtanthologie würzen sollte, verstünden wir wohl, daß hier etwas aus dem Ruder läuft: Die Absicht der Schmeichelrede, die Verführung, würde durch diesen Mißgriff in Frage gestellt. Es handelte sich also um einen inkonsistenten Sprechakt, bei dem die Äußerung ihre Absicht vereitelt.
Van Goghs Bildsprache in den Mandelblütenblättern ist indes von jedem Anflug von Ironie, Satire oder Parodie frei. Wenn er zitiert, dann, könnte man sagen, gläubig, kindlich, fromm.
Können Bildwerke wie sprachliche Handlungen überhaupt inkonsistent sein? Wenn dem offenkundig nicht so ist, können sie, wenn nicht falsch, so auch nicht wahr sein. Sie schlüpfen durch das allzu grobmaschige Netz der Wahrheitsspinne.
Wir können mit malerischen oder musikalischen Mitteln keine Verneinung ausdrücken; die Möglichkeit der Negation aber ist ein wesentliches Kriterium für den semantischen Begriff der Bedeutung oder Referenz und also für den Begriff der Wahrheit: Denn die verneinte falsche Aussage ist die wahre Aussage. Eine durchgestrichene oder geschwärzte Figur ist nicht die Negation der bildlichen Aussage, sondern ihre Erweiterung; so wie eine Modulation oder eine Umkehrung eine Modifikation und Durchführung der musikalischen Aussage darstellt.
Der Mangel an referentieller Zuordnung verbietet uns, von einer Semantik der Kunst zu sprechen: Die Zuordnungen, die wir hier finden, sind symbolischer oder ikonischer Natur und beruhen nicht auf dem Kriterium der Identität des Gemeinten, sondern auf der Ähnlichkeit des Angedeuteten. So meint oder repräsentiert das Blau van Goghs die Unendlichkeit, das Sonnenblumengelb die fruchtbare Erde unter dem Strahl der Sonne, das Weiß der Mandelblüten die ephemere, flüchtige und traumhafte Erscheinung des Vollkommenen. Die Symbolik oder Ikonik der Farben van Goghs ist nicht willkürlich wie die Semantik der lautlichen Artikulation, sondern wurzelt in der Natur des Menschen als eines sinnenhaften Lebewesens.
Wenn der Autor die Absicht hegt, sich in der Rolle des Don Juan zu spiegeln, besonders im lyrischen Timbre und dem Feuerwerk geistreicher und bewußtseinsheller Anspielungen seiner schmeichelnden Rede, damit ihr Erfolg in der erotischen Verführung sich als überwältigend erweist und die Umworbene ohne Gegenwehr und wie betäubt vor ihm hinsinkt, mag der gegenteilige Effekt eintreten: Das Stück wird ein Mißerfolg und die blendende Gestalt des Verführers in dem Maße verdunkelt und ausgehöhlt, in dem die Verführte wie weiches Wachs in der fahlen Glut seiner rhetorischen Ein- und Zweideutigkeiten hinschmilzt.
Leiht der Autor dagegen dem Verführer nicht SEINE Stimme, sondern beobachtet ihn gleichsam als einen Fremden, wird die Ambivalenz der Figur und ihr Schwanken zwischen Selbsterhöhung und erotischer Steigerung auf der einen sowie erotischer Hingabe und Selbstvergessenheit auf der anderen Seite mehr und mehr in der ihr selbst kaum bewußten Zweischneidigkeit und Doppelzüngigkeit ihrer Äußerungen ans Licht gelangen; ebenso wird die Frau mit einem dramatisch-erregten, selbstentzündeten Ton auf seine Ergebenheitsadressen und mit einem gedämpft-lyrischen auf seine selbstverliebte Virtuosität antworten können. Das Drama überzeugt durch Komplexität der Motive und Figuren, je mehr der Autor seine Stimmen nicht als Echo seiner psychologischen Innerlichkeit aufzeichnet, sondern gleichsam aus der Entfernung, angestrengt lauschend, durch den Schalldämpfer fremder Masken HÖRT.
Der frühe van Gogh verfolgte mit umdüsterten Elendsbildern die Absicht, seine religiösen Erweckungserregungen Bild werden zu lassen; doch hat er dadurch seine grundehrlichen, wahrhaftig gefühlten Intentionen in ein Zwielicht und einen malerischen Dunst getaucht, in dem die hochgespannte Wahrhaftigkeit an Sentimentalität erstickte. Das scharfe Licht des Südens und die grausame Sonne tödlicher Fruchtbarkeit, die befruchtende Elementargewalt des Midi und seine luziden Farbekstasen haben van Gogh vor der Gefahr sentimentaler Stimmungsmalerei gerettet.
Die Mandelblüten van Goghs sind nicht die Verwirklichung der Absicht, metaphysische Ideen zu malen und mit schönen Motiven Trost aus dem blauen Abgrund des Transzendenten zu schöpfen; sie sind ihm gleichsam wie von selbst aus der Leere des Absichtslosen aufgesprossen.
Wir sprechen von Reife, wenn ein Künstler nicht nur aufgrund wachsender technischer Perfektion, sondern thematischer Durchdringung und Sublimierung seiner malerischen Mittel wie der Verteilung von Licht und Schatten oder der symbolischen Verwendung und Kontrastierung von Farbvaleurs eine letzte Höhe seiner Gestaltungskraft erklommen hat.
Doch wie jeder Augenblick durch Kontemplation oder Rausch über die kontinuierliche Reihe der Zeitmomente herausragen kann, so jedes Kunstwerk. Zu behaupten, mit jenem Werk antizipiere dieser Künstler schon diese und jene kommende Malweise, van Gogh den Expressionismus, er sei gleichsam eine Schaumkrone auf der heranbrausenden Welle der Avantgarde, sagt nichts über die Bedeutung und den Rang der von ihm geschaffenen Werke; ja es schläfert den an der Betrachtung erwachten Geist im sauerstoffarmen Dunst welker Feuilleton-Flora und disteltrockener Seminaristenprosa ein.
Keiner erlangt künstlerischen Adel, weil er als Bürgerschreck, Rebell oder Revolutionär wichtigtat und den Spießern eine lange Nase drehte; kein Rubens oder Vermeer zieht den Schatten eines Verdachts auf seine Werke, weil er als reicher Bürger reüssierte oder als Stiller im Lande sein bescheidenes Dasein fristete.
Kein Künstler erlangt die Höhe vollkommenen Ausdrucks einzig aufgrund der Verletzungen und Leiden seines Erdenwallens, wenn er die vergossenen Blutstropfen nicht in leuchtende Früchte an imaginären Zweigen und die Tränen nicht in gefrorene Perlen am Hals der imaginären Geliebten verwandelt.
Die Mandelblütenbilder van Goghs sind sowohl von hohem spirituellen Reiz als auch Zeugnisse einer sublimen Kunst des Dekors, die an antike Wandmalereien wie die in Pompei gemahnt. Daß neuerer Kunst jedwede schmückende und ornamentale Funktion abgesprochen wird, scheint ein sarkastischer Kommentar auf die Verödung des Alltagslebens in den Betonwüsten der großen Städte.
Wenn die Kunst anders als im antiken Tempel oder der römischen Villa ihren Ort alltäglicher Ausstrahlung verliert und gleichsam ort- und funktionslos wird, denn Galerien und Museen sind keine originären Stätten künstlerischer Wirkung, sucht man bisweilen ihrem Verlust an Lebensverwurzelung mittels ihrer Auratisierung und Sakralisierung beizukommen. So überfrachtet man sie mit religiösen und pseudoreligiösen Surrogaten; doch wie das heilige Mahl von Brot und Wein nur in Gemeinschaft oder rituell vollzogen werden kann, so bleibt jede Beschwörung einer Transzendenz, die in die Nacht der zivilisierten, aus jeder rituellen Fassung gelaufenen Einsamkeit aus dem reinen Schnee der Mandelblüten van Goghs hineinleuchten soll, ein leeres Versprechen und eine hohle Vertröstung.
Die Mandelblüten van Goghs wollen das Leben, das gewöhnliche, mühsame, dem Verfall preisgegebene Leben, erhöhen, erleuchten, und, dürfen wir schlicht sagen, verschönen. Doch van Gogh hat seine imaginären Blüten schon ins Vage, in die Abenddämmerung und die Menschenödnis hineingehalten. Das mußte ihn betrüben, in Selbstzweifel und Schwermut stürzen, nicht die Abhängigkeit von seinem Bruder Theo, der gleichsam nur der Zwischenhändler dieser allgemeinen Verödung durch den Markt und den Kunstbetrieb war.
Die Mandelblüten van Goghs ragen und schweben auf einem zartblauen Hintergrund, dem Himmel, dem Ozean, dem Geist des Unendlichen. Es ist, als habe dies Ungestalte, diese Leere sie geträumt, als seien wir ein Teil dieses aus der Tiefe des grenzenlosen Blaus emporgeschäumten Traums, als verspürten wir das leise, lautlose Wehen, in dem sich die weißen Blüten kaum merklich wiegen, als gäben wir uns mit ihnen diesem Wehen ohne Bangen und Widerstreben hin, als seien unsere Wünsche und Erinnerungen nichts als der feine Duft, den sie verströmen, Überfluß an Leben, der gleich Pollensamen hinwirbelt in die helle Nacht der blauen Unendlichkeit.
D. H. Lawrence, Bavarian Gentians
Not every man has gentians in his house
in soft September, at slow, sad Michaelmas.
Bavarian gentians, big and dark, only dark
darkening the day-time, torch-like with the smoking blueness of Pluto’s gloom,
ribbed and torch-like, with their blaze of darkness spread blue
down flattening into points, flattened under the sweep of white day
torch-flower of the blue-smoking darkness, Pluto’s dark-blue daze,
black lamps from the halls of Dis, burning dark blue,
giving off darkness, blue darkness, as Demeter’s pale lamps give off light,
lead me then, lead the way.
Reach me a gentian, give me a torch!
let me guide myself with the blue, forked torch of this flower
down the darker and darker stairs, where blue is darkened on blueness
even where Persephone goes, just now, from the frosted September
to the sightless realm where darkness is awake upon the dark
and Persephone herself is but a voice
or a darkness invisible enfolded in the deeper dark
of the arms Plutonic, and pierced with the passion of dense gloom,
among the splendour of torches of darkness, shedding darkness on the lost bride and her groom.
Bayrischer Enzian
Nicht jedermann hat Enzian in seinem Haus
im sanften September, am traurig säumenden Tag Michaeli.
Bayrischer Enzian, groß und dunkel, einzig dunkel
das Tageslicht zu verdunkeln, wie eine Fackel mit dem blauen Rauch aus Plutos Düsternis,
gezackt und fackelgleich, mit seiner Flamme aus blau gedehnter Dunkelheit,
hinab sich ebnend in Spitzen, geebnet unter weißen Tages Schwingung,
Fackel-Blume blau rauchender Dunkelheit, Plutos dunkelblaue Trance,
schwarze Lampen aus der Halle der Dis, loderndes Dunkelblau,
Dunkles dunstend, blaues Dunkel, da Demeters fahle Lampen Licht verhauchen,
leite mich denn, bahne den Pfad.
Einen Enzian reiche mir, gib mir eine Fackel!
Laß finden mich mit der blauen, gegabelten Fackel dieser Blume
den Weg hinab auf immer dunkleren Stufen, wo das Blau verdunkelt wird von Bläue,
wo Persephone soeben geht, jetzt, vom bereiften September
zum blicklosen Reich, wo Dunkelheit überm Dunkel erwacht
und Persephone selbst nichts ist als eine Stimme
oder eine Dunkelheit, unsichtbar umfaßt vom tieferen Dunkel
aus Plutos Umarmung, und durchbohrt von der Passion dichter Düsternis,
im Glanz von Fackeln der Dunkelheit, die Dunkelheit gießen auf die verlorene Braut und ihren Bräutigam.
D. H. Lawrence, Gloire de Dijon
When she rises in the morning
I linger to watch her;
She spreads the bath-cloth underneath the window
And the sunbeams catch her
Glistening white on the shoulders,
While down her sides the mellow
Golden shadow glows as
She stoops to the sponge, and her swung breasts
Sway like full-blown yellow
Gloire de Dijon roses.
She drips herself with water, and her shoulders
Glisten as silver, they crumple up
Like wet and falling roses, and I listen
For the sluicing of their rain-dishevelled petals.
In the window full of sunlight
Concentrates her golden shadow
Fold on fold, until it glows as
Mellow as the glory roses.
Gloire de Dijon
Wenn sie aufsteht am Morgen,
weilt mein Auge gern auf ihr.
Sie breitet den Bademantel unter das Fenster
und die Strahlen der Sonne greifen nach ihr
und schimmern weiß auf ihren Schultern,
während an ihren Seiten der weiche
goldene Schatten abwärts glüht, da
sie nach dem Schwamm sich bückt, und ihre geschaukelten Brüste
wiegen sich wie voll erblühte gelbe
Gloire-de-Dijon-Rosen.
Sie träufelt Tropfen über sich, und ihre Schultern
schimmern wie Silber, sie zerknittern
wie feuchte, sinkende Rosen, und ich lausche
auf das Sprühen der vom Regen zerwühlten Blüten.
Im Fenster, wo die volle Sonne steht,
verdichtet sich ihr goldener Schatten,
Falte um Falte, bis er glüht
sanft wie die Glorie der Rosen.
Goldene Reflexe
Goldene Reflexe
abendgrüner Teiche.
Blumenwinke, weiche,
Knospen, mondne Kleckse.
Holundertraubengitter.
Schwäne ziehen leise
traumgedehnte Kreise.
Silbriger Spinnenflitter.
Späte Rosen hauchen
Küsse, die erweichen.
Und die Blüten bleichen,
wenn die Schwäne tauchen.
D. H. Lawrence, Trees in the Garden
Ah in the thunder air
how still the trees are!
And the lime-tree, lovely and tall, every leaf silent
hardly looses even a last breath of perfume.
And the ghostly, creamy coloured little tree of leaves
white, ivory white among the rambling greens
how evanescent, variegated elder, she hesitates on the green grass
as if, in another moment, she would disappear
with all her grace of foam!
And the larch that is only a column, it goes up too tall to see:
and the balsam-pines that are blue with the grey-blue blueness of
things from the sea,
and the young copper beech, its leaves red-rosy at the ends
how still they are together, they stand so still
in the thunder air, all strangers to one another
as the green grass glows upwards, strangers in the silent garden.
Bäume im Garten
O in der Gewitterluft,
wie still die Bäume sind!
Und der Lindenbaum, lieblich und groß, ein jedes Blatt ist still,
kaum daß er noch mit letztem Atem duftet.
Und geisterhaft, wie Sahne fahl, mit weißen
Blättern, weiß wie Elfenbein, in all dem Grünen rings,
wie schwindend, blauschattender Holunder, auf grünem Grase zögernd,
als würd er unsichtbar im nächsten Augenblick
mit all dem graziösen Schaum!
Und die Lärche, eine Säule bloß, die Spitze außer Sicht,
und die Balsam-Kiefern, die blauen mit der graublauen Bläue
von Meeresdingen,
und die junge Kupfer-Buche, mit rosig-roten Blätterspitzen,
wie still sie miteinander sind, sie stehn so still
in der Gewitterluft, ein jeder fremd dem andern,
wo aufwärts grüne Gräser glimmen, Fremde im stillen Garten.
David Herbert Lawrence, Nothing to Save
There is nothing to save, now all is lost,
but a tiny core of stillness in the heart
like the eye of a violet.
Nichts zu machen
Da ist nichts zu machen, alles ist nun hin,
nur ein Fleckchen Stille blieb im Herzen
gleich dem Auge eines Veilchens.
David Herbert Lawrence, Self-Pity
I never saw a wild thing
sorry for itself.
A small bird will drop frozen dead from a bough
without ever having felt sorry for itself.
Selbstmitleid
Nie sah ich je ein wildes Sein
sich selbst bedauern.
Erfroren fällt ein kleiner Vogel tot vom Zweig
und fühlte für sich selbst doch nie Bedauern.
David Herbert Lawrence, Autumn Rain
The plane leaves
fall black and wet
on the lawn;
the cloud sheaves
in heaven’s fields set
droop and are drawn
in falling seeds of rain …
Herbstregen
Laubes glatte Hände
dunkeln, nasse Narben
durchziehn das Grün;
Im Himmelsgelände
sinken Wolkengarben,
die Tropfen sprühn,
fallende Regen-Samen.
Nein
Er ging umher, mit einer Armbanduhr, mit einer Aktentasche, mit einer prall gefüllten Tüte, er grüßte, ward gegrüßt und grübelte nach des Passanten Namen, er tat, was alle tun, die Bilder streiften ihn wie Zweige oder Halme, er kehrte abends heim und pflückte sie ab, als fegte er von seinem Kleide Fusseln, Distelsamen, die sich blind verfingen.
Er tat so, wie die andern tun, doch wandte er sich ab, und keiner weiß, er selber nicht, warum. Nun haust er wie der Seele Schatten in einem Keller, Verlies, wo nur die Funzel seiner Armut knistert, von Grünspan schimmernd haben rings die Wände Löcher, in denen manchmal Augen flackern, flehen, dann kommt ein Wärter oder ist es seine alte Mutter und klopft und stellt ihm eine Schüssel vor die Tür, da kriegt er täglich seine warme Suppe, durch eine schmale Luke an der Decke fällt unwirklich- mattes Licht, Gespenster staken, huschen, eilen, erlöscht es, wird es still, so hat er Tag und Nacht, wenn Wasser glucksen, Frühling, schreien Kinder, Sommer, wenn Kastanien knallen, Herbst, und wenn das Licht wie Schnee gefriert, ist es sein Winter.
Er ist ein Dichter, ein Verzweifelter, der sich dem Reim verweigert auf das Große Nein, den Widerruf der Schöpfung, als würgte seine Kehle unsichtbar ein Engel, der Wein verlor, einsam geschlürft, sein Gold, der Klang den Schimmer, Mein und Dein, sie rannen ihm in eins wie unterm Tauwind Tropfen in einer trüben Pfütze, und was die Milch der Stille und der Sanftmut schüttete auf seines Duldens reinen Schnee, war nur ein toter Stein.
Ja
Ja, einmal wirst du wieder heben
dein müdes Antlitz aus dem Staub.
Tropft nicht durchs heimatliche Laub
die Traube, glimmen nicht die Reben?
Dort setz auf sanften Liedes Schwelle
den Moos erfühlenden bloßen Fuß.
Winkt nicht der Hyazinthen-Gruß
des Himmels, lächelt nicht die Helle?
Und bleibst du einsam auf den Hügeln,
wo dir wie blauen Abgrunds Gischt
das Lied sich mit dem Azur mischt,
schwebt hoch dein Schmerz auf Adlers Flügeln.
Löst Duft der Veilchennacht die Seele,
wölkt bleich der Mond an Schlafes Saum.
Schwebt nicht das Lied herab wie Flaum,
daß dir ein Abschiedskuß nicht fehle?
Berlin, April 1945
Ein Kind zieht auf dem Leiterwägelchen
sein eigenes Gerippe
in den Schutt des Abendlands.
Im Dauerbeschuß von Granaten
kniet ein altes Weib und reckt die Hände
in den durchlöcherten Himmel.
Der blinde Führer eines großen Volkes
wartet auf den Durchbruch
einer Armee von Gespenstern.
Aus dem brennenden Fenster
einer Mietskaserne kippt eine Leiche,
die noch schreit.
Der schmutzige Schnurrbart kratzt
über die Hand seiner schönen Schreiberin
und läßt Nacht und Nacht aus seiner Schläfe rinnen.
Abertausend gottverlassene Frauen
tun sich selbst Gewalt an,
um nicht vergewaltigt zu werden.
Auf der langen schwarzen Mauer
um den Friedhof heimatloser Seelen
steht mit Kreide grell: Berlin bleibt deutsch.
Unterm verkrüppelten Lindenbaum
flötet auf dem Schenkelknochen
einer verkohlten Nymphe Pan.
Die Gezeichneten wühlen im Dreck
nach einem Lächeln,
einem verschütteten Angesicht.
Der Zeiger seiner alten Seelenuhr
bleibt diesem Volk für immer
stehen auf Mitternacht.
Der von Osten weht, der Rauch,
legt sich wie Mehltau auf die Blüten
deiner Veilchen, Mörike.
Unverweslich ist allein die Asche,
die von Stund an sinkt und sinkt
in deine Mondnacht, Eichendorff.
Die Knospe Wort
Das Wort wird wie die Knospe sein,
die aufgeht unter sanftem Hauchen,
ein Tropfen oder weißer Stein,
die glänzen, wenn die Gipfel rauchen.
Das Lied wird wie die Trauben sein,
die süß im Mond des Herbstes funkeln,
wird munden wie ein alter Wein,
wenn feuchte Veilchen um uns dunkeln.
Und schwebt im Abend Schwanensang,
mag lang Geahntes uns betören
wie Liebende, die selig-bang
im Dunkel Flügel rauschen hören.
Wird uns im Sterbehaus das Wort
zu einer Kerze hellem Schimmer,
geht auch das Lied zum Totenort,
streut seine Rosen: „Dir für immer.“
Morgengruß
Unterm Tauwind leises Knirschen,
Glucksen von behauchtem Schnee
dringt in deine Dunkelheit.
Blütenschaum auf grünen Wogen,
Schimmer weißen Schwanenflaums
schwimmt ans Ufer deines Schlafs.
Flüstern aus dem Vlies des Dämmers,
goldner Glocken Widerhall
hebt dich auf den Saum des Lichts.
Unverhofft
Unscheinbare Butterblume,
die den Riß im Asphalt fand,
im Verschlag geduckte Seele,
die den Schrei der Eule hört.
Tropfen, die im Dunkel glänzen,
unsichtbarer Wolke Gruß,
Rufe, die durchs Dickicht dringen,
Angelus im Morgenrot.
Zarte Flamme auf dem Grabstein,
die vom Unerfüllten spricht,
Träne, unverhofft geflossen
auf das grüne Blatt des Traums.
Das Exil
Verklungen war das Lied der Erde,
und keines Strahles heißer Pflug
brach den Asphalt auf, Teer der Nacht
gespensterhaften Wahngewimmels.
Ich schlich in das Verlies hinab,
wo sich von Fliegen nährt der Meister,
vom Geifer seiner wilder Psalmen,
der Magier von Grünspan und Gestank.
Er sah mir, wie der Uhu einer Maus,
die vor dem rätselstarren Blick erzittert,
das Ungemach, das leere Leben an
und sprach: „Es gibt im östlichen Gefilde
ein Sumpfgebiet, das am Karfreitag
ich matten Flügelschlags durchfliege,
dorthin versetz ich dich zur Jüngerschar
der Molche, Quappen, Lurche, Frösche,
dort schmeckst am bittern Naß du Heimat
und schwärmst von Mückenbein. Und was
dir blieb an lyrischem Gesang, sei Quaken.“
So hocke ich, schiefmäulig, es schwitzt
die Pockenhaut der Inbrunst Schleim,
in Reih und Glied mit den Verbannten
im Abendlicht und quake, quake.
Wunder
Als bröckelte der Putz der Mauer,
auf die du dumpfen Banns gestarrt
in dieser langen Winternacht,
wie unter einem Frühlingsatem
erblühen Blumen da und dort,
ein altes Fresko leuchtet auf.
*
Nichts als das monotone Rauschen
im Schilfrohr einer öden Insel,
nichts als der weiße Schaum der Angst,
wenn seine Muscheln sucht der Mond,
und plötzlich eine Spur im Sand,
als wär dein Schiffbruch nur geträumt.
*
Die Fenster dieses Hinterhofes
sind Augen, wimpernlos und blind,
die Sonne nicht, nicht Sterne spiegeln,
doch einmal öffnet sich dir eins,
und eine Frau steht wunderbar
und hält im Arm ein zartes Kind.
In sternloser Leere das Kreuz
Das dumpfe Brüten der Welt
durchsticht ein blutiger Dorn,
der Wehlaut des Hinkefußes,
Ödipus.
Der Schicksalsversehrte steht schief,
ins Abseits blickend,
nicht geblendet vom Schnee des Olymps
gewahrt er das Untere,
das graue Wogen
der Styx.
Die lichtgemeißelten Karyatiden
tragen den Porphyr des Himmels,
dulden den Grabkranz der Nacht
leicht auf knospenden
Locken.
Einsam ragt aus dunkler Erde
in sternloser Leere das Kreuz,
einzig die Trauer der Mutter hört,
der nicht endet,
den Schrei.
Weiße Apfelblüten
Weiße Apfelblüten,
gestreut auf Mondes
silberne Schale.
*
Warte, bis das Wort Rose
sich auftut wie die Rose,
bis sein Duft entrückt.
*
Willst alles in allem du sagen,
schmilzt die Schrift auf dem Blatt,
ein Wasserzeichen nur bleibt.
*
Das Gold des Abends floß hin,
gebeugt schläft eine Knospe,
nur Duft blieb deinem Traum.
*
Warte, bis das Wort Schnee
den Mohn des Sommers
deine Lippe kühlt.
*
Die Zeichen werden unsichtbar
wie Glanz des Taus am Glas,
wie neuer Schnee im Schnee.
Der Mond des Einsamen
Blüten des Apfelbaums
im blauen Abendgrund
geistiger leuchtend.
*
Stimmen unter Lampions,
die leicht im Winde schwanken,
fern in Gärten der Erinnerung.
*
Melodie des Wassers
über bemoosten Stein
in vage Träume rinnend.
*
In Dämmers Zweigen glühend
wie geisterhafte Frucht
der Mond des Einsamen.
*
Auf Schlafes Wange schmelzend
aus Wolken süßen Leids
herabgeseufzte Flocken.
Der Knoten löst sich
Als läg es auf der Zunge,
dies lang gesuchte Wort,
du lallst, du stotterst,
doch wars bloß ein dünnes Haar,
und hast du endlich es erwischt,
ist alles gut, das Missen,
Fragen, Zagen weicht
dem schönen leeren Selbstgefühl,
und alles löst sich auf
in Schweigen, Schweigen.
*
Die Welt ist ohne Frage,
das Sein gibt keinen Halt,
wonach du fragst,
ist wie dein Schatten,
der mit dir wandert,
vom Morgen bis zum Abend,
doch stehst du einmal still
im hohen Mittag,
ist sie verschwunden,
ist schattenlos
der stille Augenblick.
*
Da steht wer auf dem Markt,
ein tätowierter Muskelmann,
und stemmt Gewichte,
schreib auf die harten Kugeln
„Gott“ und „Welt“ und „Tod“,
sag ihm dann „Laß sie fallen“,
sie fallen plump zur Erde,
und jener wischt den Schweiß
sich von der Stirn und geht
zunächst verblüfft und dann
ein Liedchen pfeifend heim
und braut sich eine gute Suppe.
*
Der Gast hat auf der Schwelle sich
den Unrat von den Sohlen abgewischt,
dann tritt er ein und läßt mit seinem Gruß
und seinem Lächeln alle Fragen hinter sich,
die wie gläserne Kugeln dumpf tönend
zwischen den Gläsern, Tellern, Vasen
über den Tisch des Freundschaftsmahls
am Rand ins Leere rollen würden.
*
Ein zu eng geschnallter Gürtel
ist manches Sinnen, mancher Wunsch,
ein vom eignen Atemdunst
beschlagnes Fenster manches Träumen,
ein Faden, überzählig, starrt ein Wort
aus einem fein gewebten Muster,
wie leicht löst sich der Knoten,
und schön strömt, ziehst du
die Nadel, Lockengold herab,
wie unbeschwert geht nackt
dein Fuß auf Grases Teppich.
Der Kanon bricht entzwei
Des Wortes Blume siecht,
dem blauen Blick, der wandert
mit dem Licht, den Schatten,
schnitt man die Wimpern ab.
Weh, daß die Lilien und die Rosen
höher ragen als das Gras,
der dunkle Schmelz des Holzes
tiefer sinkt als Blech und Zimbel.
Der Sinn der Unterscheidung,
der sanfte Pfade bahnt,
im Nebelland des Lallens
erblindet er und fällt.
Weh, daß im blonden Haar des Sommers
Tupfen prangen roten Mohns,
das Melos einer Nachtigall
süßer schmerzt als Eulenschrei.
Der Kanon bricht entzwei,
wenn Wirrer und Verwirrte
die Stimmen guten Fugs
ins Unbehauste locken.
Weh, daß die Sonne Königin
und ihren Schleier trägt der Mond,
geheimer Quell der Nächte
wahrer spricht als Marktes Lärm.
Die Hoffnung
Das von der Birke kam, das Licht,
zerbröckelt, eine mürbe Rinde.
Des hohen Sommers Lobgedicht,
es raschelt, dürres Laub im Winde.
Wir stehen wie das Kreuz allein,
wenn um uns Herbstes Bilder sinken.
Wir lesen Trauben für den Wein,
den unsre Enkel nicht mehr trinken.
Das Harz des Glaubens wurde hart,
der Liebe Schleier weht in Fetzen.
Nur kindlich blieb die Hoffnung zart,
wenn heiße Tränen uns noch netzen.
So finden wir ein spätes Wort,
wie Enzian tief unter Firnen.
Und reißt uns auch der Abgrund fort,
wir kreisen fern mit Traumgestirnen.
Schmerzgefährten
Müßt in unbekannte Fernen,
Freunde, ihr dann gehen,
will ich einsam stehen
unter stummen Himmels Sternen.
Kommt ihr zu den grünen Senken,
wo die Wasser glänzen,
sollen euch bekränzen
weiche Veilchen, mein zu denken.
Wenn auf den verwaisten Teichen
lose Knospen schwimmen,
hör ich leise Stimmen
im Gezweig, die euren gleichen.
Seh ich über grauen Gärten
wie ein letztes Winken
Mondes Blüte sinken,
denk ich eurer, Schmerzgefährten.
Träumen, dämmern, schweigen
Wie müde sich die Knospen neigen,
des Sommers blaue Melodie
rief zartem Flügel fliehe, flieh.
Wir wollen träumen, dämmern, schweigen.
Du siehst im Gras nicht mehr die Mulden,
wo sich die Liebe ausgestreckt,
ein Kuß ihr Sonnen-Ja geweckt.
Wir wollen still das Dunkel dulden.
Die Knospen, die das Wasser säumen,
verblassen wie ein roter Mund,
nur Seufzen tut noch Liebe kund.
Wir wollen schweigen, dämmern, träumen.
Happy End
Rufen, Horchen, Stille.
Das ist die Zeit, der leere Kern.
Schlachten, Schlingen, Sterben.
Das ist der Leib, der hohle Ernst.
Blicke, Blitze, Aschen.
Das ist die Lust, der böse Scherz.
Äcker, Städte, Karste.
Das ist der Geist, das helle Nein.
Blüten, Ströme, Schatten.
Das ist das Glück, das dunkle Ja.
Früchte, Fäulnis, Dämmer.
Das ist der Gang, das Happy End.
Masken
Wie Buschmänner träumerisch summend
Muscheln und Perlen auf Schnüre reihen,
klirren die Worte, schillernde, blassere,
leise im Vers zusammen.
Wer trägt die Kette? Der sie mit Inbrunst
und naivem Kunstsinn verschönte
oder die sanft ihm lächelt, an üppiger
Brust die braune Geliebte?
Wer krächzt nackt im Federbusch
goldener Vögel um lechzende Flammen,
springt im Fleckenfell des Geparden
über das Feuer ins Dunkel?
Der Jäger mit dem giftigen Pfeil,
nerviger Hand, zu schinden geschickt,
oder kräht geköpft noch der Hahn,
schnellt die durchschnittene Sehne?
Was am dunklen Verse uns schimmert,
sind umsonst geweinte Tränen,
seufzt durchbohrt des Tänzers Mark,
fallen die Masken wie Blätter.
Was uns rauschte
Waren, die uns rauschten,
Wasser heimatlich,
wie abends sie ans Ufer
unsrer Kindheit schwollen,
und Früchte, rote, gelbe,
flammten und Knospen
auf dem Dämmervlies
der Wellen,
der vergehenden Wellen …
Waren, die uns riefen,
Glocken der Erinnerung,
und die geistige Luft,
ein blaues Zittern,
tränkte unser Dunkelsein
mit Glanz wie Veilchentau,
mit so süßer Müdigkeit,
daß unsre Seufzer
wie Tränen unbewußt
ineinander-,
ineinanderflossen …
Waren, die uns streiften,
der Liebe zarte Wimpern,
Traumfarne der Vorzeit,
die sich einrollten
über den Schlaf unsrer Herzen,
Gräser versunkener Lust,
mondgeweihte Tropfen
die an ihnen langsam,
langsam
herniederrannen …
Wenn der Nebel sich lichtet
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wir gehen Schritt für Schritt; doch ab und an machen wir einen Sprung.
Wir begutachten und zählen die Bestände, wo eine Lücke klafft, verweilen wir länger.
Die Schatten, die uns im dichten Nebel narren, geben keinen Anlaß zur Hoffnung.
In groben Zügen wissen wir, was kommt; aber die Überraschung läßt nicht lange auf sich warten.
Wir können die Trivialitäten und die billigen Kupfermünzen des Lebens abzählen wie die Kardinalzahlen; aber die Höhen und Tiefen, die Goldtaler und die gefälschten Scheine, sind wie die Reihe der Primzahlen nicht vorhersehbar.
Aus dem Labyrinth des Lebens führt uns kein Zauberfaden in eine helle Lichtung des Seins; am Ende wartet der gefräßige Minotaurus.
Es läßt sich nicht beweisen, daß der Mensch, der eben aus dem Bett aufsteht, derselbe ist, der sich gestern Abend hineingelegt hat; aber wir gehen fest davon aus. Täten wir es nicht, bräche unser System der Verständigung und Kommunikation zusammen; denn wer wollte demjenigen seine Schulden begleichen, von dem er nicht mit Sicherheit zu wissen meint, daß eben er und kein anderer es ist, der ihm das Geld geliehen hat.
Wenn wir keine Unterschiede und Brüche wahrnehmen, gehen wir umstandslos von der Kontinuität der Ereignisse aus. So hören wir das langsame Tropfen des Wasserhahns in einer kontinuierlichen Abfolge von Takten. So spinnen wir den Faden der Erinnerung, auch wenn wir nicht wissen, ob es stets derselbe ist.
Wenn wir allem mißtrauen, müssen wir auch uns selbst mißtrauen; so kommen wir zurück zur Gewißheit, nämlich davon, daß unser Mißtrauen da und dort nicht unangebracht und unser Vertrauen hie und da gerechtfertigt sein mag.
Die Sprache ist uns wie eine Erhebung in der Urlandschaft des Daseins; sie gewährt einige Aussicht, einigen Überblick; wer mutwillig in die Ebene absteigt, riskiert mit dem Verstummen die geistige Verdunkelung.
„Radikale Sprachskepsis“: Das heißt, mit dem Unkraut zweideutiger Begriffe auch die fruchttragenden Pflanzen roden und die schönen Blüten knicken.
Der korrekte sprachliche Ausdruck impliziert die Möglichkeit des nicht korrekten, das Verstehen das Mißverstehen, die Güte die Feindseligkeit, die Rede das Verstummen.
Die Lautgestalt der Worte mag arbiträr sein, nicht aber die grundlegenden grammatischen Strukturen, wie die Zeitformen oder die Modi des Verbs. Denn daß wir etwas als vergangen ansehen und etwas als möglich, gehört zu unser Art zu sein.
Aus der Relativität der Zeitmessung folgt nicht, daß wir darüber Zweifel hegen könnten, daß du nicht der Vater deines Vaters bist.
Das System unserer grundlegenden Überzeugungen ist wie die Erde, die sich weiterdreht, auch wenn wir schlafen.
Unser Glaube, daß sich unser Gesprächspartner nicht plötzlich in einen Jaguar verwandelt, steht fest, doch nicht auf demselben Boden wie unser Wissen, daß er, falls er Junggeselle ist, nicht verheiratet sein kann.
Um etwas zu wissen, müssen wir etwas und noch einiges mehr glauben.
Unser Wissen ist wie die Kleidung, die wir ausbessern oder wechseln können; unser Glaube ist wie die Haut, aus der wir nicht schlüpfen können. Es sei denn, sie wird uns abgezogen, wie die derben alten Griechen von der Erziehung sagten, sie sei eine Art der Schindung (Menander).
Unsere Meinungen sind wie gekochte und gewürzte Speisen, unsere tiefen oder trivialen Überzeugungen dagegen Rohkost.
Wenn wir die Rohkost unserer alltäglichen Gewißheiten würzen und kochen, macht uns der Genuß unpäßlich.
Unser Weltbild, das wir nicht artikulieren, sondern unserer Erfahrung und unserem Weltumgang stillschweigend synthetisch einverleiben, kongruiert mit den sprachlichen Distinktionen, wie jenen von unbelebten Stoffen, Pflanzen und Tieren; solche Distinktionen halten wir konstant, auch wenn die wissenschaftlichen Erklärungen ihres Ursprungs wie die von Aristoteles, Lamarck oder Darwin variieren.
Die Rosen, die wir kaufen, sind nur Blumen; die wir verschenken Rosen und Zeichen.
Zeichen sind eine Funktion dessen, was wir tun, nicht ein Gegenstand der Wahrnehmung.
Stille Tragödie eines Gelehrtenlebens: Kant nahm an, Sätze der Arithmetik und der Geometrie seien synthetische Sätze apriori, denn die reinen Formen der Anschauung, Zeit und Raum, kämen in ihnen zur Anwendung. Frege nahm an, die Sätze der Arithmetik seien analytisch, denn er glaubte, die Zahlen auf Mengen von Mengen zurückführen zu können. Russel wies ihm einen Widerspruch in dieser Erklärung nach, denn sie impliziert den Begriff einer Menge, die sich nicht selbst enthält, und damit den inkonsistenten Begriff der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten; denn diese Menge muß ja, wenn sie sich selbst nicht enthält, sich per definitionem selbst enthalten, und umgekehrt. Kurze Zeit vor seinem Tod kehrte Frege resigniert zur Auffassung Kants zurück.
Die Tatsache, daß wir die Reihe der Primzahlen nicht voraussagen oder mittels Axiomen ableiten und konstruieren können, ist ein Beleg für die Annahme, daß die Sätze der Arithmetik nicht durchgängig analytisch sind; doch kein Beleg dafür, daß sie durchgängig empirisch sind, denn wir können apriori jede Zahl darauf überprüfen, ob sie prim ist oder nicht.
Um rechnen zu können, müssen wir nicht wissen, was Zahlen sind, wie wir nicht, um jemanden zu versprechen, daß wir morgen zu ihm kommen, wissen müssen, was Zeit ist.
Die Dinge, derer wir gewiß sind, müssen wir nicht begründen; und zumeist lassen sie sich nicht begründen.
Der Grund dafür, daß ich die Treppe benutze, ist nicht meine Gewißheit davon, nicht einfach das Fenster öffnen und wegfliegen zu können, sondern meine Absicht, etwas einkaufen zu gehen.
Wenn der geistige Nebel sich lichtet, gewahren wir, daß da und dort, wo wir Bäume oder Sträucher vermuteten, nichts als Schatten waren; mit der Klarheit weichen Zweifel, Unbehagen und Angst. Der Himmel ist klar, wolkenlos und still; das scheint wenig zu sein, doch es ist alles, was uns vergönnt ist.
Die meisten tun so, als wüßten sie, was sie sagen, als hätte, was sie tun, überragende Bedeutung. Daher die verzerrten Mienen, daher die menschliche Komödie.
Rhetorik statt Philosophie, Phrasen statt Gedanken: das wilde Schütteln von Zweigen, an denen keine Früchte hängen.
Die Wahrheiten, die bleiben, sind bescheiden, wie die Tropfen, die sich bilden, wenn sich der Nebel lichtet; ja sie bleiben nicht einmal, sondern schwinden allmählich dahin (und werden von anderen abgelöst), wie die Tropfen, die unter der steigenden Sonne verdunsten.
Die Philosophie gibt keine Manifeste heraus, die von einem smarten Tagesrebellen vor der jubelnden Menge hinausgeschrien werden könnten.
Wenn der Nebel sich lichtet, warten in der Lichtung des Seins keine prächtigen Bilder auf uns, keine Idole, keine Siegeszeichen; da ist nur das ewige Gras, das unscheinbare Gras, das sich im Wind bewegt, dem ewigen Wind.
Flockenblind
Der Schnee der hellen Nacht hat weich
die schmalen Pfade zugedeckt,
auf Himmels blauer Tafel malt
das Schweigen zarte Wolken hin.
Der Rauch, der in die Fremde weht,
zeigt dir, dein müdes Herz, es singt,
der Schleier ist wie einer Braut,
und wie dein Lied reißt er bald auf.
Und wie du gehst, zeugt dir der Schnee
vom Ungesagten, wenn er knirscht,
und wenn du endlich niedersinkst,
entrückt ein Traum dich, flockenblind.
Um was wir weinen
Meeres weißer Schaum und Schwingen,
die unsre Ferne meinen,
sind wie weher Duft von Dingen,
um die wir leise weinen.
Gräser, die ins Blaue ragen,
und die sich sanfter neigen,
Rosen, die nach Tropfen fragen,
vertiefen unser Schweigen.
Wasser, die mit Schwänen schwanken,
und seufzen, wenn sie trinken,
Blumen, die wie Träume ranken,
sind Bilder, die versinken.
Kerzen sind, die lieblich zittern
auf moosbedeckten Steinen,
Seelen sind, die still verbittern,
um die wir leise weinen.
Abschiedssegen
So legt uns, dunkle Quellen,
damit wir leichter schlafen,
ein Rauschen auf die Schwellen,
wo wir die Liebe trafen.
So küß uns, weicher Regen,
die Scheiben sind die Wangen,
des Liedes Abschiedssegen,
wir gehen ohne Bangen.
So fallet, Rosenblätter,
auf unsre blassen Lippen,
bohr dich, o Dorn, du Retter,
in das Verlies der Rippen.
Muschel und Mänade
Kristall gewordener Dunst des Lebens,
an den Strand geworfen,
aus dem Abgrund der Dunkelheit
auf Lichtes flimmernden Sims,
schön gewunden
um eine pulsende Innigkeit,
die schneller pochte mit der Flut
und langsam abnahm wie der Mond,
leer wie dein Herz,
doch fernen Echos voll,
wenn du nur
geschlossenen Auges
lauschest ihm nach.
Am Tau der Dämmerung
erwachtes Elfenbein,
über das zitterndes Funkeln
niederrinnt,
ins Brausen dunkler Anrufung
gelöstes Haar,
über Nacken und Schultern flackernder Schrei,
das fließende Gewand,
durchsichtiges Wasser der Ekstase,
aber schäumt unter dem Hauch
nächtiger Flöten
in seufzenden Falten auf,
und der Gürtel, der bange, gleitet
zu Boden beim Tanz,
als hätte ein Kuß ihn gelockert.
Die heilsame Wunde
Der Duft, der Pollen hat den Wind
für seine Botschaft, seine Reise.
Und du, mein Herz, wie gingst du irr,
riß nicht das Wort dich aus dem Kreise.
Die Blume schlägt die Lider auf,
ihr Blick kann manchen Pfad erleuchten.
Und Liebe du, wer kennte dich,
tät sich das Auge dir nicht feuchten.
Die uns durchs Dickicht lockt, die Frucht,
ist wie der Mond, der sich gerundet.
Und Seele du, wie wärst du blind,
hätt dich die Strahlung nicht verwundet.
Holder Wahn
Des Engels Flügel spendet Hauch,
und der im Sprachdunst niedersank,
besinnt sich auf das eigne Wort.
Der kindisch mit dem Schatten spricht,
dem Bild, das ihm im Wasser graut,
es reißt ihn los der Schmerz, ein Blitz.
Das Blut, von trägem Sinn verdickt,
wogt auf und schäumt am dunklen Rand,
pocht frei das Herz im Gegentakt.
Schwärzt das Gemeine Stirn und Traum,
ein Regen kommt, ein Hochgesang,
und wäscht dem Geist den Unrat ab.
Ungelebtes Leben
Die Glorie des Morgens schäumt
auf Wassers grünem Bett,
schon fingert neckisch Sonne
am Flechtenbart des Steins.
Nur du, du möchtest weiter
im dunklen Zimmer schmollen
und deckst die träge Geliebte,
die Schwermut, wieder zu.
Der Ruhm des Mittags schwirrt,
ein blaugefiederter Pfeil,
ins dunkle Herz der Erde,
und Seufzen quillt hervor.
Nur du, du mußt verkniffen
den grauen Faden der Worte
um Verses Schwanken winden,
damit die Knospe hält.
Der Brunnen des Abends rauscht,
und alle Atmenden knien,
um Schlaf und Traum zu trinken
aus ihrem irdenen Krug.
Nur du, du kannst ja unterm
gespensterhaften Knirschen
im Angstgebälk nicht hören,
wie fern die Nachtigall singt.
O blütenloser Dorn
Das Lied ging bis an Abgrunds Rand,
jetzt hört man nur das dumpfe Prasseln
von losen Steinen in der Nacht.
Die Frucht, vom Kuß der Sonne rot,
ruft, ihren Schlaf entzweizuschneiden,
die helle Sichel an des Monds.
Das Licht, das seine Stirn gefleckt,
ist edlem Wild im Blut erloschen,
dem Liebestrunk des dunklen Feinds.
Die Zungen blieben taub und schwer,
ein Stern schwebt über kahlem Holze,
die Hostie unsagbaren Leids.
Das Wort schlug seine Lider auf,
als Pfades Knospe uns zu leuchten,
nun grautʼs, o blütenloser Dorn.
Nicola Gardini, Qualcosa
Forse qualcosa in quell’acqua
per la prima volta che chiama
come se fosse l’ultima volta
di là da qualsiasi chiarore
di ogni chiarissimo nome –
Qualcosa che è la stessa cosa
che chiama irrimediabilmente
eppure non vuole farsi ricordare –
Scherzi dell’acqua sfiorata
dallo sguardo e non capita
che forse non era un’acqua
neppure e in quel qualcosa
comunque continuerà, ancora
per nessuno tenterà una parola.
Etwas
Vielleicht etwas in jenem Wasser,
wenn es zum ersten Male ruft,
als käme es zum letzten Mal
dorther von einer Helligkeit
eines jeden hellsten Namens –
etwas, was dieselbe Sache ist,
die ohne Hoffnung auf Rettung ruft
und doch sich der Erinnerung verweigert –
Gaukelei des Wassers, gestreift
vom Blick und nicht verstanden,
das vielleicht nicht einmal
Wasser war und wieder übergeht
in jenes Etwas, was keinen
in Versuchung eines Wortes bringt.
Die Flocke Wort
Wir teilen diesen Nebel nicht
mit Worten, die sein Schatten sind,
er quillt nur immerfort dem Blick,
der schlaff das Ungesagte streift.
Nenn nur die Wolken Schaum des Nichts,
Ruhm des Winds, sie regnen nicht,
verdorrt dein Herz, sie schneien Licht,
fliehst du ins Schilf der Dämmerung.
Du fühlst, wie auf der Lippe schmilzt,
die blauem Abgrund, weißer Nacht
entsank, und glänzte süß und schmeckt
nach nichts, die Flocke Wort.
Nicola Gardini, L’ultima foglia
Io sono per il tempo,
che tolga e non rimetta
e non ricolma un’orma.
Il nulla non è tanto
povero se assomiglia
all’opera del vento.
Io sono con il tempo,
e la morte sarà
solo l’ultima foglia,
del vortice la forma
finalmente perfetta,
la sete senza voglia.
Io do ragione al tempo.
Lo guardo mentre prende
tutto, manco si sente.
E tutto prenda, il moto
e i volti e, un giorno, il vuoto.
Io non rivoglio niente.
Das letzte Blatt
Ich bin für die Zeit,
die tilgt und nicht zurückgibt,
und keine Spur erfüllt.
Das Nichts ist nicht so
arm, wenn es dem Werk
des Windes ähnelt.
Ich bin mit der Zeit,
und der Tod wird nur
das letzte Blatt sein,
von Wirbels Gestalt,
endlich vollkommen,
der Durst ohne Pein.
Ich gebe der Zeit recht.
Schaue, während sie alles
nimmt, wie kaum sie sich fühlt.
Mag sie alles nehmen, Schwung und Schwere,
die Gesichter und, eines Tages, die Leere.
Ich will nichts zurück.
Nicola Gardini, Nomi
Quanti nomi si danno
Al tempo giorno ed anno
Secolo e settimana
Oggi ieri e domani
Sabato o lunedì
Secondo la distanza
L’altezza e l’estensione
Ma il tempo è solo qui
Nella segreta stanza
Delle varie persone
È un battito profondo
Tutti i cuori del mondo
Namen
Namen welche Schar
für die Zeit, Tag und Jahr,
Jahrhundert und Woche,
heute, gestern und morgen,
Samstag oder Montag,
je nach den Säumen,
der Höhe und der Breite.
Doch die Zeit allein,
die in geheimen Räumen
Personen, ganz entzweite,
in ein Pochen aus der Tiefe stellt,
umfaßt alle Herzen der Welt.
Nicola Gardini, Se si sbaglia
Il tempo è l’arte di contare
Le notti e i giorni dall’inizio
È dunque arte stellare
Che vuole gran giudizio
Non lasciare incontata notte alcuna
E un giorno non aggiungere alla somma
Una e` la storia del sole e della luna
Se si sbaglia ricorrere alla gomma
Wenn man sich verzählt
Die Zeit ist die Kunst zu zählen
die Nächte und die Tage seit Anbeginn,
Kunst, Sterngebilde zu erwählen,
große Gerechtigkeit im Sinn.
Laß keine Nacht sein ungezählt,
keinen Tag darfst du zuviel addieren,
Sonne und Mond hat einer Sage sich vermählt,
einen Fehler mußt du ausradieren.
Nicola Gardini, Ripetere
Prendi la penna e scrivi
Scrivi qualunque cosa
Dovunque arrivi arrivi
La penna adesso posa
Ecco in quei segni brevi
Hai ripetuto gli evi
Wiederholen
Nimm den Stift und schreibe,
schreibe irgendwas hin,
überall findest du Bleibe.
Mit solch kleiner Zeichen Sinn,
die jetzt dein Schreiben belohnen,
holtest du wieder Äonen.
Nicola Gardini, Adesso
La pioggia cade e intanto è già caduta
È presente e passata nello stesso
Momento
Così il tempo
Accade adesso
Ed è pure la vita già vissuta
Jetzt
Der Regen fällt, doch ist er schon gefallen,
ist da und war, im selben
Augenblick.
So geschieht
jetzt die Zeit
und doch ist das Leben schon vergangen.
Modicum lumen
Die Einsamkeit der Agrippina,
des Monstrums, das ein Monstrum
der ewigen Roma einst gebar,
sie deutet Tacitus,
der vielsagende Verschwiegene,
mit den Worten modicum lumen,
schwaches Licht oder Funzel, an,
die Einsamkeit, Verlorenheit,
niedergebrannte Lebensgier,
Dämmerlicht im Villenzimmer,
dem Todeskabinett, in das die Häscher
im Auftrag ihres Sohnes Nero
dringen, sie wie ein Tier zu schlachten,
und sie reckt den Leib,
dem Sohn verfallene Mutter,
dem finalen Schwerthieb
theatralisch hin.
Wer hat dies Dämmerlicht,
das um verglühte Herrschaft schwebt,
ungeheuren Lebens
verdüsterte Aura,
je gemalt?
Spukt es nicht wie Herbstgespenst
aus faulem Laubwerk eines Gartens,
der zwischen morschen Pfählen,
der Sonne überdrüssig,
die Totengöttin Mond erwartet,
die ungepflückte Niemands-Frucht,
runzlig und verblaßt,
ihr darzureichen?
Im Krankenzimmer
Und wenn es dunkel wird im Krankenzimmer,
wie einsamer atmet Stille dann,
ohnmächtiger surrt der Schmerz,
immer leiser,
wie eine in der Gardine verfangene Mücke,
und die Lichter der Stadt,
sie gehen auf wie hoffnungslose Augen,
die in die Ferne schauen,
ohne einander zu erblicken,
unter ihnen aber jenes eine,
das wie an Grases Wimper
ein Tropfen zögernd glimmt,
wie an einer Wimper
jenes eine.
Und wenn Mitternacht, die dunkle Glucke,
ihre schwarzen Flügel
auf die zitternde Brut des Lebens senkt,
die sich ergeben duckt,
erlöschen alle fremden Augen
unter müde gebebten Lidern,
und ein fremdestes geht auf,
wie eine Jenseits-Knospe,
die am Acheron erblühte,
weiß wie Schnee,
duftlos wie ein Traum,
der volle Mond.
Geistiger Nebel
Der geistige Nebel
verwischt die Profile,
löscht den Unterschied aus
und füllt den Abgrund zwischen den Wesen,
das Unendliche,
mit monotonen Floskeln,
mit monochromen Flocken,
die an der Wimper kleben
wie Schlaf.
Bilder aus Todesverlangen und Dunst
schneien aus grauen Himmeln
auf erblühte Einsamkeiten,
die sich behauchen und
einander entsprechen,
auf die singenden Spitzen der Halme,
die flüsternden Schatten der Gräser,
in Wellen schwingende Knospen,
und ersticken zwiefältigen Einklang
unterm Grabtuch des Schweigens.
Entwirklichung kommt,
entgeistertes Verstummen,
wie endloses Schneien,
wie farbloses Wehen,
und alle Dinge schlafen
unter denselben weißen Mützen,
alle Falten retuschiert
derselbe Staub aus Kristallen,
alle Widrigkeiten, alle Schmerzen schlüpfen
in denselben jungfräulichen Handschuh,
alle Augen blendet
dasselbe traumstarre Glitzern.
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