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Feb 7 21

Die Schrift der Luft

Dem Andenken an Rainer Maria Rilke

Der Flügel schreibt die schöne Schrift der Luft,
der Vogel deutet sie in Sturz und Flug.

Die Flosse fließt, des Wassers weicher Saum,
im Schlaf des Meeres schwimmt der Fisch, sein Traum.

Im Auge redet mit sich selbst das Licht,
die Lider leugnen, was die Sonne spricht.

Was hat die Hände uns zur Kunst geformt,
zu festem Griff, Umarmungen und Mord?

Wie wunderlich der Mund, Zwiespalt-Organ
für Nahrung und das Wort, für Kuß und Zahn.

Sind die Organe ein getreues Bild
des Elements, was macht den Geist uns wild?

Die Knospe gibt die Antwort hohem Strahl,
warum bevor wir blühn die Frage fahl?

Die Mücke fliegt nicht weit vom warmen Schoß,
was riß des Menschen Sinn vom Ufer los?

Der Hauch des Frühlings löst den dumpfen Zwang,
taut den verharschten Geist kein Sonnensang?

 

Feb 6 21

Der Blumentopf

Die Holde mit dem süßen Schopf,
sollen wir sie glücklich machen,
will sie tanzen, will sie lachen?

Ach, sie will nur einen Blumentopf,
drin soll eine Zwiebel stecken,
schwarze Erde sie bedecken.

Und wir stellen ihn aufs Fensterbord,
da haben niedliche Figürchen
eins am andern ihr Pläsirchen.

Wir rücken ihn von hier nach dort.
Istʼs recht so? Lächeln ihre Blicke,
schiebt sie ihn doch sanft zurücke.

Was macht es nun, das Herzenskind?
Wird das Töpfchen eifrig gießen,
wird die Sonne täglich grüßen.

Und an einem Morgen lind,
sagt ihm eine Anemone,
daß sie gerne bei ihm wohne.

 

Feb 5 21

Schicksal und Gnade

Der Wind riß dir das welke Blatt
des müden Lächelns vom Gesicht,
es trudelte so wunderlich,
ich hob es auf, wie Kinder tun,
und strich die Schründe zärtlich glatt.

Uns wird der Schein vom Sein gerissen
von eines Gottes heißem Sturm,
und unser Herz wird wund gebissen
von seines Dünkels grauem Wurm.

Und was du sagtest, schmolz und goß
ein Rieseln über trübes Glas,
es blieben Schlieren eines Traums,
auch wenn ich seinen Sinn vergaß,
es war die Quelle, die mir floß.

Was wir dem Schicksal abgerungen
und bergen es wie Knospen Tau,
ist wie der Schmerz, der sanft umschlungen
von Lilien seufzt im Abendblau.

Und was du sangest, quoll und zog
wie Sommerwolken heiter-ernst
durch Himmels trunkne Einsamkeit,
und wenn du dich auch still entfernst,
noch bebt der Halm, der sich dir bog.

Was uns von Gnaden zugeflossen,
versickert bald in dürrem Grund,
doch ward es nicht umsonst vergossen,
singt nächtens uns der Erde Mund.

 

Feb 4 21

Heroen des Willens

Ein schmales Boot nur ist ihr Wollen
auf grenzenlosem Ozean,
wie mutig sind, die Taue rollen,
im Schaukeln finden Halt und Bahn.

Auch wenn die Wogen blendend schäumen
und Mast und Takelage schwankt,
wie heldenhaft, von Inseln träumen,
wo Rebe sich und Lorbeer rankt.

Liegt unter tropenschwülem Brüten
das Boot wie eine faule Nuß
auf glattem Samt: die es behüten,
sie wehren Wahn und Überdruß.

Steigt wie ein Nachtmahr aus den Dünsten
des Mondes höhnende Gestalt,
vertrauen sie den Seherkünsten,
dem Trotz, der seine Fäuste ballt.

Und haben sie in Sturmes Brausen
vergessen schon, was sie gewollt,
erlöst ein Schrei sie von dem Grausen,
die Möwe warʼs, der Bote hold.

 

Feb 4 21

O Stunden, die ins Schweigen münden

Die Worte sind zurückgeblieben
wie zarter Runen Rätselband,
das eine Welle hingeschrieben
so meisterlich auf feinen Sand.

Schon siehst du frisches Gischten spritzen,
fühlst Hauch der Weltenweberin,
die Woge löscht die feinen Spitzen,
und klöppelt schönere dir hin.

Das Schweigen ist zu dir gekommen,
wie einer Kerze banger Schein,
der unter deinem Traum verglommen,
und schließt des Tages Schmerzensschrein.

Kein Engel ist mehr, zu entzünden
der Nacht den flackernden Gesang,
o Stunden, die ins Schweigen münden,
kein Vogelruf im Laubengang.

 

Feb 3 21

Auch dir, mein Kind

Die Knolle auf dem Fenstersims,
die einen ersten blauen Blick
in deine Dämmerung getan,
der Vorhang, der im lauen Wind
sich träumend bauschte wie ein Schwan,
sie sagen dir, es naht, mein Kind,
auch dir des Frühlings leises Glück.

Und weißt du nicht, was kälter schwirrt,
die Flügel über dunklem Grund,
der Schmerzen schwarzer Mottenschwarm
in deines Schädels dumpfem Spind,
ob Nacht so tief, dein Geist so arm,
auch dir mag wärmen bald, mein Kind,
ein Blatt des roten Mohns den Mund.

Und ist die Blume doch verdorrt,
obwohl du ihre Wimpern schon
mit deinen Tränen hast genetzt,
und hat dem Traume jäh der Wind
die Schwanenschwinge weggefetzt,
es sagt vom Glück auch dir, mein Kind,
des Frühlingsmondes weißer Mohn.

 

Feb 2 21

Die Unscheinbaren

Der herbe Duft des unscheinbaren Lebens,
des Krautes, das im Schotter schwankt
und welkend noch der Sonne dankt,
er weht dem Gähnen satter Lust vergebens.

Die Alte, die im Frost mit krummem Rücken
allmorgendlich die Flamme schürt,
die summend ihre Suppe rührt,
ihr Trost ist bloß ins Einerlei sich bücken.

Und der Kretin, an den sich Kletten krallen,
der übers Moor mit Nattern kreucht,
von einem grellen Mund verscheucht,
schlüpft wie ins Astloch in sein irres Lallen.

Doch den Enterbten streifen goldne Locken
des Sommers, der ihn wild und fremd
mit Liebesbrausen überschwemmt,
er hofft auf eines Winters stille Flocken.

Der Dichter aber, der sich eingesponnen
in einen Mulch aus Schmerz und Traum,
er spürt des Strahles Kitzel kaum.
Weckt ihn die Nacht mit ihren leisen Bronnen?

 

Feb 1 21

Herbst am Rhein

Dem Laub war alles Grün verbrannt,
nur goldene Asche spielte Leben,
wir gingen, Schweigen war das Band,
durchs Rascheln abgepflückter Reben.

Hat sich ein glimmernder Graphit
gelöst und sprang uns von den Sohlen,
riß er noch andre Steine mit,
wie Körner, die sich Schnäbel holen.

Und manchmal beugte unsern Blick,
wie Vögel, die aus Nestern gleiten,
die Wendung in das Tal zurück,
wo überm Strom sich Nebel breiten.

War Sehnsucht auch kein Schimmern mehr
vergönnt vom Prangen reifer Trauben,
zog doch auf Himmels grünem Meer
das weiße Segel auf, der Glauben.

Dein Lächeln fiel, dem Wind gesellt,
nicht wie ein Blatt ins Grenzenlose,
es hat ein dunkles Herz erhellt,
auf schwarzem Wasser eine Rose.

 

Jan 31 21

Wassers Reim

Schweigen findest du am Steine,
wo des Dämmers Feuchte rinnt,
überm Schlummer der Gebeine
Moos und grauer Efeu sinnt.

Wenn die Weiden Dunkles sagen,
und ein Schluchzen geht durchs Gras,
war es nur ein Flügelschlagen,
war es nur ein Sprung im Glas.

Worte findest du am Male,
wo verwittert eine Schrift
überm Schlaf versunkner Schale
stummes Weh mit Blicken trifft.

Wenn sich Himmels Seiden bauschen,
und durch Erden bricht ein Keim,
ist es schon des Fittichs Rauschen,
ist es schon des Wassers Reim.

 

Jan 30 21

Sachen und Personen

Zur Philosophie der Subjektivität
Dem Andenken an Wilhelm Stern (1871–1938), den Erforscher der Kindersprache

Die Fähigkeit, sich klar und verständlich in der Sprache auszudrücken, die zur Selbstkundgabe und der adäquaten Darstellung des relevanten Sachverhalts zur Verfügung steht, sowie das Verlangen und die Macht, das Lebensnotwendige und das Erwünschte im Rahmen des Möglichen und Erlaubten in wahrheitsfähigen Aussagen zu erfassen und durch kluges Handeln zu erlangen, sind Kennzeichen des Lebens sprachfähiger Subjekte oder Personen.

Wir scheinen einen intuitiven Zugang zu den Begriffen und dem begrifflichen Unterschied von Sachen und Personen zu haben, der nicht trügt, wenn wir Personen als Lebewesen auffassen, die sich ihrer subjektiven Zustände des Fühlens, Wollens und Erinnerns mehr oder weniger bewußt sind sowie über die Fähigkeit zur Ausbildung einer syntaktisch wohlgeformten und semantisch reichhaltigen Sprache verfügen, mit der sie ihre subjektiven Zustände und Befindlichkeiten kundtun, andere Sprachgenossen zu einem mit den eigenen Absichten  und Erwartungen korrespondierenden Reden und Tun veranlassen, aber auch über eigenes und fremdes Leben und beliebige Dinge und Ereignisse der präsenten Umwelt oder der Vergangenheit Aussagen treffen können. Kurz, Personen sind menschliche Subjekte, die sprechen können (oder wie Babys über eine angeborene Sprachkompetenz verfügen oder wie Demente einmal über sie verfügt haben).

Die menschliche Sprache ist im Gegensatz zu tierischen Kommunikationssystemen ein Medium des Ausdrucks und der Darstellung, das Kriterien der Angemessenheit, Richtigkeit und Rationalität, kurz, normativen Kriterien gehorcht; so sollten unsere Äußerungen einem Mindestmaß an grammatischer Wohlgeformtheit genügen, unsere Gesprächsbeiträge möglichst klar und verständlich und unsere Beschreibungen von Dingen und unsere Berichte über Vorkommnisse möglichst genau und wahrheitsgemäß sein.

Menschliche Personen beobachten und bewerten, kontrollieren und korrigieren ihre sprachlichen Äußerungen, aber auch ihre nonverbalen Handlungen, während nichtmenschliche Subjekte wie Bienen, Vögel und Affen der instinktiven Funktion ihrer Ausdrucks- und Mitteilungsorgane überantwortet sind.

Tiere sind Lebewesen, denen wir ein mehr oder weniger ausgeprägtes phänomenales Bewußtsein oder die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung gewisser subjektiver Befindlichkeiten aufgrund der Wahrnehmung sensorischer Qualitäten unterstellen; dagegen nehmen wir an, daß ihre Verständigungssysteme nicht den Kriterien der Normativität unterliegen, die wir in der syntaktisch gegliederten und semantisch ausgerichteten menschlichen Sprache vorfinden; dies gilt a fortiori auch für die chemisch gesteuerten Formen der Orientierung und Umweltbeeinflussung von Pflanzen, denen wir Subjektivität als die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung abzusprechen pflegen.

Sachen sind Dinge, die weder Pflanzen noch Tiere, weder Lebewesen noch Subjekte, sondern natürliche Dinge wie Steine, Gestirne, Galaxien oder stoffliche Substanzen wie Wasser und Luft oder künstliche Artefakte wie Stühle, Fahrräder oder Fernseher sind.

Das spezifische Humanum unseres Sprechens ist der intentionale Gehalt sprachlicher Ausdrücke, ihre Bedeutung.

Das Verlangen, gestillt zu werden, veranlaßt das Kind zu schreien. Der Schrei, auch wenn er den Klang „Mama“ hat, ist noch nicht Sprache; auch wenn das Kind gelernt hat, den Ruf als Appell an die Mutter zu verwenden, spricht es noch nicht.

Der Ruf wird ein Ruf nach der Mutter, wenn das Kind gelernt hat, ihn auch zu verwenden, um die Mutter zu bewegen, zu ihm zu kommen, auch wenn es keinen Hunger hat und sein Rufen keine unmittelbare Kundgabe des Nahrungstriebes darstellt.

Wenn das Kind Sätze bilden kann wie „Mama schläft“ oder „Mama ist weg“, erkennen wir seine geistige Fähigkeit, der Lautfolge die Bedeutung des Namens zu geben, der sich auf die singuläre Entität der Mutter bezieht.

Wir erfassen den semantischen Unterschied zwischen nicht referierender Kundgabe subjektiver Zuständlichkeit und objektiver Darstellung der Referenz und Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks anhand des Unterschiedes zwischen Interjektion und Definition: Wenn der intentionale Gehalt der Interjektion „Mama“ der Bedeutung der Definition: „die Frau, die das Kind geboren hat“ entspricht, sagen wir mit recht, das Kind rufe NACH der Mutter.

Der Jungvogel tut sein Verlangen nach Nahrung, also seine subjektive Zuständlichkeit, durch Quieken und Fiepen kund, um mit diesem instinktiven Appell das Brutpflegeverhalten der Altvögel zu steuern; aber wir können nicht sagen, daß die sich wiederholende Lautfolge jene Bedeutung enthält, die uns die Definition „Vogeleltern, die den Jungvogel aus dem Ei gebrütet haben“ an die Hand gibt.

Die semantische Verbindung von Laut und Bedeutung, Zeichenträger und Sinn ist ein Kriterium für das spezifische Humanum unserer Sprache.

Interjektionen wie „O!“ und „Ach!“, „Aua!“, „Pfui!“, „Schön!“ und „Schade!“ sind Bekundungen vitaler Reaktionen des Subjekts, von Überraschung und Enttäuschung, Schmerz und Ekel, Freude und Bedauern auf die sie auslösenden Begebenheiten seiner nächsten Umgebung; sie sind indessen noch begrifflos und semantisch rudimentär oder blind.

Wenn das Kind aber sagt: „Die Puppe hat Aua“, können wir unterstellen, daß es etwas meint und dem früher nur als Interjektion gebrauchten Laut zur Bekundung seines eigenen Schmerzempfindens einen spezifischen Sinn verliehen hat, nämlich, daß die Puppe Schmerz empfindet.

Nur in der menschlichen Welt finden wir einen abhebbaren und ablösbaren semantischen Gehalt sprachlicher Ausdrücke sowie die regelförmige syntaktische Verbindung von semantisch gehaltvollen sprachlichen Ausdrücken, die wir die Äußerung von Gedanken nennen. So drückt eben die Äußerung „Die Puppe hat Aua“ den Gedanken des Kindes aus, daß die Puppe Schmerz empfindet.

Das Kind kann den Gedanken, daß die Puppe Schmerz empfindet, nicht anders fassen und zum Ausdruck bringen als durch den Satz: „Die Puppe hat Aua.“

Was wir Denken im strengen Sinne nennen, ist nicht bloß die Kundgabe beliebiger Gedanken, sondern ihre Gewichtung, Bewertung und Prüfung. So können wir fragen, ob der Gedanke des Kindes, daß die Puppe Schmerz empfindet, sinnvoll oder wahr ist: Einen Sinn wollen wir ihm gewiß nicht absprechen, insofern ihm nicht unähnlich dem dichterischen Gedanken, daß sich im nächtlichen Rauschen der Quelle die Klage der Erde kundtue, eine metaphorische Bedeutung innewohnt; Wahrheit können wir ihm allerdings nicht attestieren, insofern wir leblosen Dingen keine Empfindungen zuschreiben.

Den Sprung von der vitalen Ebene der Interjektion auf die Höhe semantisch gehaltvoller Rede ersehen wir auch beim Gebrauch des volitionalen Ja und Nein. Das interjektive Ja und Nein aus Kindermund ist jeweils eine spontane Äußerung des Willens, etwas zu bekommen oder von sich zu weisen. Erst wenn das Kind etwas bejaht, wonach es kein Verlangen hat, beispielsweise auf die Frage nach der Farbe des Himmels Blau angibt, oder wenn es etwas verneint, was sein Begehren kitzelt, beispielsweise auf die Frage, ob es nicht doch ein Stück Kuchen möchte, nein sagt, weil ihm die Mutter einen Tag der Askese zur Strafe für eine Missetat auferlegt hat, erkennen wir den Gebrauch der konstatierenden oder deskriptiven Form von Bejahung und Verneinung.

Wenn das kleine Mädchen gefragt wird, ob seine Schwester eine Schwester hat, wird es nein sagen; erst wenn es den logischen Sinn der transitiven und nichttransitiven Relation anhand der Austauschbarkeit und Nichtaustauschbarkeit der Relata erkannt hat, wird es auch verstehen, daß, wenn Hans größer als Peter ist, Peter kleiner als Hans ist, und sein Bruder Peter, der kleiner als sein Bruder Hans ist, deshalb nicht jünger als Hans sein muß.

Mit der Selbstzuschreibung subjektiver Befindlichkeiten und Zustände wie hungrig, durstig, müde, fröhlich oder traurig zu sein lernt das Kind auch dieselben Eigenschaften anderen Wesen und Personen wie seiner Puppe oder seinem Geschwister zuzuschreiben.

Subjektive Zustände können durch objektive Bedingungen modifiziert werden. So erfaßt das Kind kausale Zusammenhänge, wenn es versteht, daß es müde ist, weil wie es wähnt die Puppe in der Nacht so lange geschrien hat und es deshalb nicht recht habe schlafen können, oder daß die Puppe traurig ist, weil es sie so lange im Schrank hat liegen lassen.

Einfache Merkmalsmodifikationen am Objekt erfaßt das Kind, wenn es beispielsweise feststellt, daß der Stuhl, auf dem es gestern noch gesessen hat, heute wackelt, oder daß der Puppe, weil es sie hat fallen lassen, ein Ärmchen herausgebrochen ist.

Komplexe Identitätsmerkmale und Objektmodifikationen erfaßt das Kind, wenn es versteht, daß die eine Oma die Mutter seiner Mutter, die andere die Mutter seines Vaters ist oder daß die Suppe warm wird, wenn man sie auf die heiße Herdplatte stellt, und kalt, wenn sie lange auf dem Tisch steht.

Wie der Grund der Ethik auf der Wahrnehmung des Unterschiedes von Ich und Du und von Mein und Dein beruht der Grund der primären Einsicht ontologisch distinkter Seinsweisen auf der Wahrnehmung des Unterschiedes von Person und Sache. Diese Einsicht macht sich beim Kinde daran bemerkbar, daß sich nach und nach die Zuschreibung subjektiver Zustände wie müde, traurig und lustig von der Zuschreibung objektiver Merkmale wie hell, kalt und schwer abhebt und semantisch scheidet.

Teilweise können wir diesen Vorgang der ontologischen und epistemischen Differenzierung als eine Folge der Überwindung magischen Denkens auffassen; im Heulen des Windes hört das Kind nicht mehr das wilde Klagen eines bösen Geistes, es hat sich ihm nunmehr als Wetterphänomen versachlicht.

Versachlichung ist eine Bedingung des Erwerbs von Handlungsautonomie und Selbstverfügung; das Kind ist im Dunkel der Nacht beim Heulen des Sturms nicht mehr gänzlich seiner Angst und Ohnmacht preisgegeben.

Wir sehen das Dasein von Personen im Blick des Mediziners oder Psychiaters, des Soziologen und Ökonomen einem methodischen Vorgang der Versachlichung unterworfen, wenn sie einen objektiven medizinischen oder psychiatrischen Befund aufgrund von Röntgenaufnahmen oder Hormonstatusanalysen erstellen; wenn sie Verhaltensänderungen der Bewohner eines heruntergekommenen Hochausviertels anhand von Kriminalitätsstatistiken oder Verhaltensänderungen von Investmentbankern anhand der Börsenkurse ausmachen. Dennoch bleiben auch der Arzt und der Psychiater für die Anamnese und Diagnose auf die Berichte der Patienten über ihre subjektiven Beschwerden und Leiden angewiesen; müssen der Soziologe und der Ökonom das Vorhandensein subjektiver krimineller Neigungen und subjektiver Absichten und Entscheidungsprozesse bei den Beteiligten voraussetzen.

Der Patient muß dem Arzt oder Psychiater berichten, wo er Schmerzen empfindet oder unter welchen akustischen und visuellen Halluzinationen er leidet; der Soziologe muß wissen, daß Personen mit kriminellen Neigungen von der Anonymität und Verwahrlosung bestimmter Stadtviertel angezogen werden, der Ökonom, daß Börsenspekulanten Risikoabschätzungen bei ihrem Investment vornehmen. Die betreffenden Individuen, deren physischer Zustand und deren Gebaren und Verhalten sich anhand objektiver Befunde erklären läßt oder sich in Statistiken zu objektiven Werten und Indices summiert, müssen etwas gefühlt und empfunden, etwas gewollt und beabsichtigt, etwas erwartet und befürchtet haben.

Personen unterscheiden sich von Sachen dadurch, daß sie etwas empfinden und fühlen, etwas wollen und beabsichtigen, etwas erwarten und befürchten können, und der Inhalt ihrer Empfindungen und Gefühle, ihrer Wünsche und Absichten, ihrer Erwartungen und Befürchtungen ist eben der semantische Gehalt derjenigen Sätze, mit denen sie ihre subjektiven Zustände beschreiben und ihre Handlungen zur Verwirklichung ihrer Wünsche und Absichten und ihr Verhalten angesichts eines erhofften oder befürchteten Ereignisses begründen.

Personen denken und handeln, Sachen sind vorhanden und Prozessen interner und externer Modifikationen ausgesetzt. Natürlich sind auch Personen vorhanden und Prozessen interner und externer Modifikationen ausgesetzt; aber dies ist es nicht, was sie zu Personen macht.

Zum sprachlichen Ausdruck unseres personalen Seins verwenden wir propositionale Aussagen, mit denen wir unsere Gedanken darstellen; wir können das Identitätsmerkmal unserer Gedanken ausdrücklich und explizit machen, indem wir unseren Äußerungen Wendungen wie „ich meine“, „ich will“, „ich beabsichtige“ „ich hoffe“ oder „ich befürchte“ voranstellen und den semantischen Gehalt des Gedankens in dem nachfolgenden mit der Konjunktion „daß“ eingeleiteten Nebensatz angeben.

Was wir von Sachen und sachlichen Zusammenhängen sagen, ist der Verwendung von Objektbezeichnungen und ihrer syntaktischen Verknüpfung mit deskriptiven Prädikaten in Aussagesätzen vorbehalten.

Allerdings können wir alle objektiven Aussagen wiederum zum Inhalt unserer Gedanken machen, indem wir Sätze bilden wie: „Ich weiß, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist“, „Ich frage mich, ob meine alte Bekannte noch in diesem Viertel lebt“, „Ich bezweifle, daß es eine uns verständliche Sprache ohne den semantischen Gehalt deiktischer Begriffe geben kann.“

Ein wichtiges sprachliches Merkmal personalen Seins finden wir in Wendungen wie: „Mir ist, als ob wir hier schon einmal gewesen wären“, „Es kommt mir so vor, als ob er sich mir gegenüber heute viel unterkühlter gegeben habe“ und „Die Lerchen sangen heute so herrlich, als ob der Sommer kein Ende finden würde.“

Nur Personen haben Namen, bei denen sie gerufen werden können und mit denen sie sich selbst benennen und anderen Personen vorstellen. Das Hündchen Fips, das munter mit dem Schwanz wedelnd herbeitrottet, wenn man „Fips“ ruft, weiß nicht, daß es Fips heißt, und könnte es dem Nachbarshund auch nicht mitteilen.

Der Personenname ist kein Begriff, der als Artbegriff unter einen Allgemeinbegriff fällt; Bezeichnungen von Sachen dagegen subordinieren wir solchen logischen Ableitungen und Hierarchien und nennen Mars und Venus Sonnenplaneten, Wasser und Luft Elemente, Tische und Stühle Möbel, Fahrräder und Autos Fahrzeuge. Peter mag wohl Mitglied des Schachclubs sein, aber dadurch haftet ihm nicht wie Wasser und Luft die Eigenschaft, stoffliche Elemente zu sein, die Eigenschaft, Mitglied des Schachclubs zu sein, als essentielles Merkmal an. Mitglied im Schachclub zu sein ist kein wesentlicher Aggregatzustand einer Person, wie Eis und Dampf wesentliche Aggregatzustände von Wasser sind.

Sachen und ihre Konstellationen, die Sachverhalte, unterliegen objektiven Wahrscheinlichkeiten, wie ein Virus der mehr oder weniger hohen Wahrscheinlichkeit zu mutieren oder eine spekulative Börsenblase der Wahrscheinlichkeit, früher oder später zu platzen.

Personen markieren den subjektiven Gewißheitsgrad ihrer Annahmen durch sprachliche Wendungen wie „bestimmt“, „gewiß“, „zweifellos“, „vielleicht“ oder „mag sein“. Äußerungen wie „Bestimmt kommt Peter heute wieder zu spät“ oder „Vielleicht kommt Hans heute mal pünktlich“ sind subjektive Einschätzungen künftiger Ereignisse, keine auf objektive Daten bezogene Aussagen über die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens.

Charakteristisch für Personen sind ihre Neigung und ihre Fähigkeit, sich des Sinns des eigenen Redens und Tuns im Spiegel und der Resonanz fremden Redens und Tuns zu vergewissern oder den Zweck der eigenen Handlungen am Maßstabe fremder infrage zu stellen, ja den Sinn des eigenen Daseins in die Waagschale zu werfen, ihn im Lichte selbstgewählter Maßstäbe oder auch indoktrinierter Leitbilder des Gelingens und Scheiterns zu bejahen oder zu verneinen.

Wir leben in einer Welt phänomenaler sensorischer Qualitäten und nehmen nicht an, daß es sinnvoll wäre, den wolkenlosen Himmel blau, den Duft des Jasmins betörend, den Honig süß zu nennen, wenn es keine Personen gäbe, die den Himmel sehen, den Jasminduft riechen und vom Honig kosten.

Neben den deiktischen Hinweiswörtern und Temporaladverbien wie hier und dort, oben und unten, nahe und fern, jetzt und soeben, früher und später, die sowohl auf Personen als auch auf Sachen angewandt werden können, pflegen sich ausschließlich Personen in einer Lebenswelt aufzuhalten, die durch den Gebrauch der Personalpronomina ich und du, wir und ihr oder mein und dein, unser und euer ihr spezifisches Humanum erlangt.

„Ich fahre Richtung Meer, um dort Urlaub zu machen.“ – „Urlaubstage am Strand sind abwechslungsreich und entspannend, sodaß ich mich dort am besten erhole.“ – „Ich brauche die Erholung, weil mich die Arbeit erdrückt.“ – Nur sprachfähige Subjekte und Personen vermögen ihr Begehren, die erwarteten Folgen ihres Tuns und die Gründe ihrer Handlungen mittels des korrekten Gebrauchs von Finalsätzen, Konsekutivsätzen und Kausalsätzen zum Ausdruck zu bringen.

„Wenn mindestens ein Schüler hochbegabt ist und alle Hochbegabten neurotisch sind, ist mindestens ein Schüler neurotisch.“ – „Wenn es nicht regnet, gehen wir spazieren“ – „Es regnet.“ – „Wir gehen nicht spazieren.“ Nur sprachfähige Subjekte und Personen sind in der Lage, objektive Sachverhalte und sachliche Zusammenhänge mittels Verwendung logischer Junktoren wie „und“, „oder“, „wenn–dann“ und „nicht“ sowie logischer Quantoren wie „mindesten einer“ und „alle“ angemessen und sachgerecht darzustellen.

 

Jan 29 21

Der Flaum

Im hohen Gras hast du gelegen,
rings trieb der Wind sein Narrenspiel
und Schatten gingen auf den Wegen,
als dir ein Flaum zu Füßen fiel.

Ist er den Wolken ferner Bläue,
so hell, so weich und sommerwahr,
entschwebt, als wär noch eine Treue,
die deiner dächte wunderbar?

So glühte, die allein dich wärmte,
die Träne dir aus dunklem Grund,
und den das bittre Schweigen härmte,
ein Seufzen tat dir auf den Mund.

Ach, Freund, daß dich die Halme hüllen,
dir Wolken schweben durch den Traum,
kein Seufzen kann die Wehmut stillen,
schon raubte Wind den leichten Flaum.

Und fiel der Flaum aus dunklen Föhren,
aus kleiner Vögel Brutgenist,
magst du im Schlaf ein Zwitschern hören,
daß Treue noch am Leben ist.

 

Jan 28 21

Der sprachliche Ausdruck der Subjektivität

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Bevor das Kind mit der Verwendung des eigenen Rufnamens und erst geraume Zeit später mittels des deiktischen Pronomens der ersten Person Singular auf sich selbst zu verweisen lernt, drückt es den Unterschied von subjektiven und objektiven Merkmalen an Personen und Sachen durch den Gebrauch von Adjektiven beziehungsweise Adverbien und Verben der Gemütsbewegung aus.

Die kleine Hilde sagt: „Hilde müde“ und „Puppe lieb“, um sich selbst und ihrem Alter ego, der Puppe, eine bestimmte subjektive Eigenschaft zuzusprechen. Daß Hilde ohne weitere Umstände und ohne Federlesens sowohl sich selbst als auch ihrer Mama oder ihrer Puppe den subjektiven Zustand des Müde-, Traurig- oder Böseseins zuspricht, bestätigt die intuitive Sicht, daß außer Philosophen wie Descartes Normalsterbliche und normale Sprecher keinen ontologischen Abgrund zwischen Ego und Alter oder Ich und Du wahrnehmen und sprachlich markieren.

Daß der Stein nicht böse ist, an dem sich das Kind gestoßen hat, sondern die objektiven Eigenschaften der Schwere und Dichte hat, lernt es, je mehr es die kindliche Tendenz zum magischen Denken einschränkt und überwindet.

Gut und böse sind elementare Begriffe der Kindersprache und der Sprache überhaupt; sie kennzeichnen nicht nur ethische Eigenschaften, sondern metaphysische Aspekte oder Dimensionen des Lebens und Daseins: Gut heißt dem Kind und dem ursprünglich fühlenden Erwachsenen alles, was mit der tieferen Ordnung des Lebens harmoniert, einschließlich seiner selbst, alles, was den ungeschriebenen Gesetzen und Regeln des Lebensspiels entspricht, einschließlich der Tauglichkeit (virtus, virtú) des Spielers; und böse alles, was die Harmonie der alltäglichen Abläufe stört und hemmt, alles, was die Regeln des Spiels verletzt, einschließlich der Untauglichkeit des Spielers.

Der neurotisch Gehemmte und der psychotisch Verwirrte fühlen sich nicht gut, sondern böse in dem Sinne, daß sie gehemmt sind, das Spiel mitzuspielen, daß sie verwirrt sind hinsichtlich des Unterschiedes von Ego und Alter, Spieler und Mitspieler.

Das Gefühl, sich gut oder böse zu fühlen, korrespondiert mit der Stärke und Schwäche, der rhythmisch fließenden und mit der Umwelt resonierenden und der ermatteten und erschöpften Strömung des Lebens, die wir den vitalen Kontakt oder kurz Vitalität nennen.

Der freie, ungehemmt strömende Fluß des Lebens mündet im Wunsch, zu gestalten und zu zeugen; der verschlammte oder ausgetrocknete Fluß bringt den Wunsch hervor, zu zerstören und andere oder sich selbst zu töten.

Das rechte Ethos besteht in einer Reihe von Anweisungen und Vorschriften zur Pflege des Gartens der Kultur; alles, was seine Fruchtbarkeit mehrt und sein Dasein fördert und sichert, empfinden wir als ethisch wertvoll und gut.

Die kleine Hilde (die Tochter Wilhelm Sterns, in aus dem Buch „Die Kindersprache“) war böse und weiß es, wenn sie nicht artig war; wie sie ihre Puppe tadelt, wenn sie unartig war, nimmt sie gern den Tadel an, der ihrem unartigen Benehmen gilt, ja erwartet ihn und wäre enttäuscht und verstört, bliebe er aus.

Wenn die Puppe so aussieht, als ließe sie ihr Köpfchen hängen, nennt die kleine Hilde sie traurig; wenn sie ebenso die Blume nennt, deren Knospe herabhängt, spricht sie wie der Dichter, der in der magischen und animistischen Welt des Gedichts, was gegenständig ist, inständig auffaßt, das Unbelebte belebt, den stummen Kreaturen Sprache verleiht.

Auf der anderen Seite benutzt die Sprache der Dichtung, oft auch die Alltagsrede, Bezeichnungen für Gegenstandsmerkmale wie hell und dunkel, leicht und schwer, heiß und kalt, süß und bitter, um subjektive Zustände und Gefühlswerte plastisch hervortreten zu lassen; so reden wir von dunklen Ahnungen, einem leichten Schwips, einer bitteren Enttäuschung, und Sappho beschwört, um die Zuneigung ihrer Schülerin zum Ausdruck zu bringen, die vielen Kränzen von Veilchen, die sie ihrer Lehrerin für Gesang und Tanz umgelegt hat, Mörike aber läßt umgekehrt in seinem Frühlingsgedicht die Veilchen träumen; dagegen verwendet Homer die ausgefallensten poetischen Vergleiche, doch oft in rein sachlicher Hinsicht und episch-objektiver Manier mittels stehender Wendungen, so wenn er von den Rosenfingern der Morgenröte oder dem Schwarm des heranbrausenden Heeres spricht.

Gut nennen wir ein Tun, das der Situation, gut eine Antwort, die der Frage angemessen ist.

Freilich kann die Antwort auch die Frage als unangemessen, unsinnig oder überflüssig verwerfen.

Das kleine Mädchen sagt: „Ich bin müde. Ich konnte nicht schlafen, die Puppe hat geschrien.“ – Das Kind schreibt sich einen subjektiven Zustand zu, nämlich müde zu sein, und schwingt sich zugleich zu der bemerkenswerten geistigen Leistung auf, für seinen Zustand einen Grund anzugeben: Es ist ja müde, weil die böse Puppe es nicht hat schlafen lassen. Daß die Begründung Traumcharakter hat, mindert die Leistung nicht.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie das Kind noch vor dem Erwerb der sprachlichen Fähigkeit, temporale und kausale Zusammenhänge seines Befindens mit Faktoren der Umwelt mittels syntaktisch subordinierender Satzgefüge und des regelförmigen Gebrauchs von Konjunktionen wie als, wenn und weil auszudrücken, in der Lage ist, eben diese Zusammenhänge in parataktischen Satzreihen anzugeben.

Kinder müssen sich nicht im Spiegel an der Wand oder im Spiegel des Auges, der Mimik und der Reaktionen von Eltern und Geschwistern als epistemische Monaden erkannt haben, um sich selbst subjektive Zustände und Eigenschaften zusprechen zu können. Die Selbstvergegenwärtigung ist kein Ergebnis der Reflexion.

Das Kind sagt: „Die Puppe ist weg. Sie hat sich versteckt.“ Es versteht also, daß die Puppe ein Einzelding ist, dem es die Eigenschaft räumlicher Umgrenzung und zeitlicher Dauer zuspricht; denn wenn die Puppe weg ist, hat sie sich nicht in Luft aufgelöst, sondern versteckt. Das Ding, das soeben noch hier war, ist jetzt nicht mehr da, sondern dort. Das Kind tastet nach den grundlegenden Koordinaten und Begriffen einer Ontologie des raumzeitlich existierenden Einzeldinges.

Doch wenn das Kind sagt: „Ich bin nicht mehr müde“, versteht es, daß Müdigkeit eine Affektion des Subjekts ist, die, wenn sie sich aufgelöst hat, nicht wie ein Einzelding an einem anderen Ort zu finden ist, sondern einfach verschwunden ist; wurde sie doch von einer anderen Affektion oder Stimmung, nämlich wach und munter zu sein, verdrängt.

Wenn das Kind begreift, daß sein subjektiver Zustand, müde zu sein, von einem anderen Zustand abgelöst wurde und nicht wie ein Ding an einen anderen Ort spaziert ist oder wie ein Geist nun die Puppe oder Mama befallen hat, begreift es auch, daß anders als die verschwundene Puppe subjektive Zustände sich nicht hier oder dort aufhalten; es versteht intuitiv, daß die Ontologie der Subjektivität anders als die Ontologie der Dinge meßbarer räumlicher Koordinaten ermangelt; sehr wohl aber einem Koordinaten- und Begriffsnetz zeitlicher Bestimmungen einverwoben ist.

Freilich sagt das Kind, das sich geschnitten hat, daß der Finger wehtut; den Schmerz lokalisieren wir und reden von Kopfschmerz und Magenweh. Doch eigentlich müßten wir sagen, daß es uns da und dort weh tut, daß wir Schmerzen an dieser und jener Stelle des Körpers empfinden; ohne freilich dem absurden Hang nachzugeben, was wir „ich“ nennen, seinerseits zu lokalisieren.

Wir sprechen von müden Beinen und meinen damit, daß sie sich schwer und träge anfühlen; aber wir könnten nicht sagen, wir seien traurig im Kopf oder fröhlich in der Brust.

Der vitale Strom des Lebens erweist seine fruchtbare Essenz an der Wandlungsfähigkeit unserer subjektiven Befindlichkeiten, Stimmungen und Affekte. Das wird deutlich an den vergeblichen Versuchen, ihn zu kanalisieren oder gar durch massive Bollwerke zu stauen: Er wird dann reißend und schwemmt uns fort, er steigt bedrohlich an und bricht über die Ufer.

Wir können die Einzeldinge und Objekte in unsere Verfügungsgewalt bringen, sie zu dauerhaften Besitztümern machen. Doch wenn wir an der Trauer über den Verlust eines wertvollen Gegenstandes oder Menschen hartnäckig, über die Maßen und unbefristet festhalten, verfallen wir der Schwermut und werden vom vitalen Kontakt mit dem Leben abgeschnitten.

In der Psychopathologie der Neurose und Psychose finden wir idealtypisch vereinfacht eine Erstarrung im Verhältnis von Ego und Alter oder ein Verschwimmen und Diffundieren ihrer Grenzen; in beiden Fällen ist der vitale Strom des Lebens unterbrochen: Einmal durch zwanghafte oder phobische Fixierung auf das Gegenüber, einmal aufgrund unauflöslicher Ambivalenz in der Kommunikation mit ihm.

Dem verzweifelten Neurotiker liegt das Band zu seiner verlorenen Liebe wie ein würgender Strick um den Hals, denn er ist kindlich an das magische Bild der gütigen Mutter fixiert, das er in den Zärtlichkeiten der Geliebten glaubte ein für alle Mal wiedergefunden zu haben. Den gequälten Psychotiker suchen fremde Stimmen heim, die ihn beschimpfen, ihn hetzen und verhetzen oder zu unwürdigen Taten verleiten wollen, denn er kann sie als seine eigenen verworfenen Stimm-Masken nicht wiedererkennen.

Das magische Phänomen des bösen Blicks, der den Getroffenen bis in seine Träume heimsucht, finden wir auch in sprachlicher Gestalt im Fluch, der Verwünschung oder der Verdammung, wie in Kafkas Erzählung „Das Urteil“.

Sich selbst zu beschreiben ist schwieriger als einen Gegenstand oder ein Bild zu beschreiben; die erste Lektion wäre, darauf zu achten, inwiefern man in der scheinbar objektiven Art und Weise der Beschreibung eines Gegenstands oder Bilds durch Weglassen, Pointieren oder verzerrte Wiedergabe sich selbst schon beschrieben hat. – Betrachte die objektive Beschreibung als Vexierbild der eigenen Person.

Wir unterscheiden die Bezeichnungen für Emotionen, Affekte, Stimmungen und Haltungen.

Bei Emotionen wie Liebe und Haß, Freude, Trauer und Gram, Affekten wie Furcht, Ärger, Ekel, Wut und Jubel können wir ihren Anlaß oder Grund, ihren Gegenstand und ihren Verlauf angeben, denn wir wissen, was wir lieben, weshalb wir uns freuen, worum wir trauern; wir wissen, wie lange die Liebe anhielt, wann der Haß und der Groll verraucht sind. Der Gegenstand der Liebe kann Anlaß zur Freude und zum Ärger sein; wir grämen uns über den Verlust dessen, was wir geliebt, jubeln über den Untergang dessen, was wir gefürchtet oder gehaßt haben.

In Stimmungen treten wir gleichsam wie in Atmosphären ein, sind heiter wie im Anhauch des Frühlings, beschwingt wie nach dem Bad in erfrischendem Wasser, nervös, fahrig und erregt wie unter der Schwüle des Gewitterhimmels, gelöst wie im belebenden Duft nach dem Sommerregen. Wir können demnach Anlässe nennen, die uns in gewisse seelische Gestimmtheiten geraten lassen, Atmosphären, in denen sie uns bevorzugt heimsuchen, doch entbehren sie der Gründe und dessen, was wir wie bei der Furcht den jähen Schatten, beim Ekel die faulige Speise das intentionale Objekt nennen.

Seelische Haltungen dagegen wie Gelassenheit, Gleichmut, Nüchternheit und Besonnenheit sind Einstellungen gegenüber den Objekten und Ereignissen sowie den eigenen Affekten und Emotionen, die wir nur im Zuge langer innerer Kämpfe und ausgedehnter Übung uns als Formen der Selbstüberwindung aneignen, wenn uns denn das Schicksal und die eigene Natur wohlgesonnen sind.

Wir können uns nicht vornehmen, nicht mehr traurig zu sein (oder nur noch bis übermorgen), wohl aber den Objekten, Situationen und Anlässen aus dem Wege zu gehen, die unsere Trauer wieder hervorlocken oder verstärken.

Das Kind weiß, noch bevor es seinen subjektiven Zuständen sprachlichen Ausdruck verleihen kann, was es mit der Freude und der Angst für eine Bewandtnis hat, wenn es ein neues Spielzeug bekommt oder es im Dunkeln wachliegt; es weiß, was seine Tränen ihm von Gram oder Freude offenbaren.

 

Jan 28 21

Weiche Lüfte, weiches Grau

Weiche Lüfte, weiches Grau,
die Halme flehend hingebogen,
und eines Blickes Ara-Blau,
dem Laub des Dämmers jäh entflogen.

Stunde, sanft behauchter Flaum,
wenn leise Worte blasse Dolden
sticken auf der Stille Saum,
o Stunde, süß und traubengolden.

Veilchenlider, Lilienarm,
um einer Lende Schmelz geschlungen,
und des Wassers Schelmencharme,
das grün Undines Schweif besungen.

Weiche Schatten, weicher Sang,
moosigem Mund uns zugeflossen
beim langen kußverirrten Gang
durch Morgenlichtes wilde Sprossen.

 

Jan 27 21

Das Spiel des Lebens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Welt nimmt eine blassere und flüchtigere Färbung an, wenn wir warten; das im Park um unsere Bank gestreute Licht ist schon getrübt vom Schatten der erwarteten Ankunft des Freundes.

Unsere Sicht auf zeitliche Abläufe und Horizonte ist von gewissen propositionalen Einstellungen imprägniert; so hat unser Warten auf das Erwartete eine andere Temperatur und Stimmung, je nachdem, ob wir seinen Eintritt erhoffen oder befürchten, ersehnen oder verhindert sehen möchten, oder ob wir ihm gleichmütig und gleichgültig gegenüberstehen.

Wir hoffen, daß der Freund pünktlich zu unserer Verabredung kommt; wir befürchten, er könne wieder einmal trödeln und sich verspäten. Wir bekommen kein gleichsam reines und jungfräuliches intentionales Objekt dessen, was wir Erwartung nennen, zu fassen, weil diese stets die wechselnde Farbe unserer propositionalen Einstellungen zu diesem Objekt widerspiegelt.

Kann der Hund befürchten, sein Herrchen werde wieder einmal trödeln und zu spät nach Hause kommen?

Wir sagen mit recht, der Hund erwarte die Heimkehr seines Herrchen, wenn er die Ohren spitzt und seine Schritte im Treppenhaus vernimmt; ja, wir können sagen, der Hund erwarte die Rückkehr seines Herrchens mit freudiger Ungeduld. Aber wir zögern zu behaupten, der Hund erwarte die abendliche Heimkehr seines Herrchens, weil es anfängt dunkel zu werden.

Der Hund kann wohl ungeduldig und panisch auf seinen Besitzer zustürzen, der allzu spät nach Hause zurückkehrt. Aber er kann nicht mit Bedauern und vorwurfsvoll an den gestrigen Abend zurückdenken, als sein Herrchen ihn so lange hat warten lassen.

Die intentionalen Objekte unserer Erinnerung sind ebenso wie diejenigen unserer Erwartung von propositionalen Einstellungen imprägniert; denn wir gedenken der gestrigen Verspätung oder des Ausbleibens unseres Freundes mit Bedauern oder Empörung, die Erinnerung an das von ihm eingelöste Versprechen erfüllt uns mit Genugtuung und bestärkt uns in den freundlichen Gefühlen der Treue und Verbundenheit.

Der Freund nimmt die Verabredung wahr, indem er etwas tut, seine Schuhe anzieht, aus dem Tor tritt und aufs Fahrrad steigt; der auf ihn Wartende scheint untätig und das Warten gleichsam passiv und inhaltsleer. Doch dies ist nur der Reflex einer ungenauen Beobachtung, denn der Wartende läßt seine Blicke schweifen, liest im Buch und klappt es wieder zu, schaut auf die Uhr, geht unruhig auf und ab.

Wir können unsere Art zu warten dadurch zum Ausdruck bringen, daß wir im Zimmer unruhig hin- und herlaufen, immer wieder aus dem Fenster schauen, manchmal vor uns hin murmeln: „Wann kommt er denn endlich!“ Jede unserer Einstellungen zu Ereignissen im zeitlichen Horizont, ob Erinnerung, gegenwärtige Aufmerksamkeit oder Erwartung, hat ihr Repertoire an mimischen, gestischen oder sprachlichen Kundgaben.

Um über den Ereignishorizont unserer Erwartung zu sprechen, verwenden wir unter anderem die konditionale Rede und das irreale Satzgefüge: „Wenn er zu kommen verhindert wäre, würde er es mich doch wohl telefonisch wissen lassen.“ – „Wenn er mich auf diese infame Weise zu düpieren gedenkt, sollte ich den Kontakt mit ihm einstellen.“ – „Er könnte dadurch, daß er zu spät oder gar nicht kommt, seine Verstimmung über meine eigene Unzuverlässigkeit kundtun wollen.“

Wer immer wieder die Schwelle des Hauses nehmend in den Schlamm getreten oder in argen Schlamassel geraten ist, wird am Ende schmollend oder schwermütig geworden die Wohnung nicht mehr zu verlassen wünschen.

Wir verstehen die Zeit und das Drama unseres Lebens nicht anhand des gleichsinnigen Ablaufs von gestern, heute und morgen, sondern vom offenen Horizont der Zukunft her; je schwerer die Last des Erlebten wiegt, je mehr die Scheite des Vergangenen auf unsere Schultern drücken, umso weniger leben wir, umso mehr wollen wir den nächsten Akt vertagen.

Wenn sich der Horizont der Zukunft auf die schmale Linie einer nicht enden wollenden Dämmerung verengt, erleben wir die Zeit des Lebens als leere Zeit.

Ähnlich wie bitter enttäuschte Treue und Liebe den Verratenen und Verletzten bewogen haben mögen, den vitalen Kontakt mit dem Leben zu verringern oder einzustellen, sinnt uns die Lehre der Resignation an, die Gefahr, auf unbetretenem Pfade in die Irre zu gehen, höher einzuschätzen als das Glück, das ein bestandenes Abenteuer uns versprechen mag.

Das Erlebnis der leeren Zeit inmitten der Fülle des Augenblicks und der ins Gespenstische gewachsenen Gefahr auf noch übersichtlichem Gelände sowie die Erstarrung des Ausdrucks und jedweder ins Offene strebenden Regung inmitten der inspirierenden und wärmenden Nähe der Lebensgenossen sind charakteristische Merkmale der Psychopathologie, wie wir sie im Krankheitsbild der Schizophrenie und der Depression finden.

Tiere werden nicht geisteskrank, sie leiden weder an Psychosen noch werden sie depressiv; dies ist ein oft übersehenes Merkmal der Unterscheidung von Tier und Mensch.

Der Hund, der den Ball nicht wiederfindet, mag darüber aufgebracht sein, doch versinkt er angesichts eines Verlustes nicht in selbstquälerische Grübeleien.

Der Fuchs in der Fabel La Fontaines, der die ihm unerreichbaren Trauben für minderwertig deklariert, ist die Maske des Menschen, der angesichts der Enttäuschung seines Begehrens ein Ressentiment gegen die Schönheit und Fülle des Lebens entwickelt.

Der Glaube, ohne etwas dafür tun zu müssen, werde einem morgen oder spätestens übermorgen Fortuna ihr Füllhorn goldener Früchte vor den Füßen ausschütten, ist oft der Ausdruck fauler Feigheit vor dem Leben, vermengt mit aus alten Wunden genährten Grandiositätsphantasien.

Die astronomischen und biologischen Tatsachen sperren unsere Lebenszeit in den Käfig der Tage und Nächte, der Jahreszeiten und der fatalen Prozesse des Wachsens und Reifens, des Alterns und Verfallens. Und dennoch erleben wir den Augenblick der gelebten Zeit, der Entscheidung und der Tat als in ausgezeichneter Weise offen; vermögen wir die Erzählungen unserer Lebensgeschichte in dem vom gegenwärtigen Augenblick ausstrahlenden Licht neu zu beleuchten.

Wir sehen in der Psychose eine gleichsam sterile Überspanntheit und unfruchtbare Übersteigerung des Gegenwartsbewußtseins: Alles ist in Frage gestellt, wie die Dinge aussehen, was die Leute reden, ist aus dem selbstverständlichen Rahmen der Evidenz herausgefallen, in dem wir uns traumwandlerisch auf einem von der Vergangenheit in die Zukunft gespannten Seil vorwärtszubewegen pflegen.

Der Verstrickte sieht in jeder verschlossenen Tür ein Verhängnis, der Befangene in jedem Lächeln gleisnerische Tücke oder Dämonie.

Der Verstrickte hämmert verzweifelt gegen die Tür; und wenn er ohnmächtig zurücksinkt, geht sie gleichsam ironisch geräuschlos auf, war sie doch nur angelehnt.

Man kann gegen das Schicksal nicht mit gezinkten Karten spielen; das letzte Spiel verlieren wir auf jeden Fall.

Das Kind, das sich in der Puppe spiegelt, mit ihr singt, wenn sie artig war, ihr den Kuchen verweigert, wenn sie böse war, das Kind, das im lebendigen Austausch mit seiner Umwelt den Geist einer tieferen Ordnung atmet, auch wenn es ihn nicht zu benennen weiß, es lebt in der Evidenz dessen, was wir das Spiel des Lebens nennen können, dessen Regeln noch keine Philosophie vollständig ans Licht gebracht hat, die aber in den Werken eines Lebensmeisters wie denen Goethes angedeutet sind; so in den feinen Linien aus Licht und Schatten, wie sie zwischen den Figuren aus Wilhelm Meisters Wanderjahren weben, hervorleuchten und sich wieder verdunkeln.

Wir sagen, einer habe den Boden unter den Füßen verloren, einer stochere im Nebel, einer drehe sich im Kreis, um den Verlust des vitalen Kontakts und die Verfinsterung der Evidenz des alltäglichen Tuns und Sagens zu kennzeichnen und der Beobachtung Ausdruck zu verleihen, daß einer aus dem Spiel des Lebens herausgefallen ist.

Wer während des Spiels beständig über seinen Sinn und die universale Geltung seiner Regeln nachgrübelt, steht schon am Rande, ist schon draußen und vermag den nächsten Zug nicht zu machen.

Wir können nur einen Zug nach dem anderen machen, lassen wir einen Spielzug aus, sind wir schon disqualifiziert; halten wir die regelförmige Reihenfolge nicht ein und wollen ernten, bevor wir gesät haben, wird sich der Kreis des Handelns nicht schließen.

Wenn wir auf die Frage des Freundes hin nur auf die immer schwächer werdenden Echos der Erinnerung achten, die sie in uns auslöst, werden wir um eine prompte Antwort verlegen sein.

Hingabe an das Tun und Sagen des Augenblicks löst uns von den Fallstricken des Zweifels und Selbstzweifels, die uns eine krankhaft übersteigerte Selbstbeobachtung auslegt.

Wie der Astronom den Stern nicht vermessen könnte, hätte er ihn nicht gesehen, ob mit bloßem oder technisch verfeinertem Auge, so könnte der Psychiater die Seele nicht vermessen, hätte ihm der Patient sein Leiden nicht geschildert.

Das Drama Shakespeares rollt sich von Akt zu Akt im Rhythmus von jähen Turbulenzen und Verwicklungen und scheinbar müßig-tändelnden Zwischenspielen ab, doch bedeutsame Pausen sind ihm in den einsamen Monologen des Protagonisten vergönnt, der seine Lage unter dem Stern des Unheils oder der günstigen Konstellation bis zur Reife der Entscheidung überdenkt.

im Drama des Lebens freilich können wir auf keine vorgegebenen Texte zurückgreifen, wenn wir auch da und dort die uns zugewiesene Rolle so gut es eben geht ausfüllen; ansonsten sind wir gehalten, ständig zu improvisieren.

Wir können uns beim Regisseur nicht krank melden oder einen Mitspieler bitten, bei den nächsten Vorstellungen unseren Part zu übernehmen, um endlich einmal vom Spiel des Lebens zurückzutreten und Urlaub zu machen.

Die Öffnung des Zeitbewußtseins in Erinnerung und Erwartung und die mehr oder weniger beseligende oder schmerzliche Verdichtung des Selbstgefühls, die ein unverhoffter Gruß bringt, der plötzlich durchs offene Fenster dringende Duft der Sommernacht, das Rauschen des alten Stroms beim einsamen Abendgang über die Uferallee.

 

Jan 26 21

Nur eine Rose, mich zu halten

Zur Erinnerung an Hilde Domin

Die Spinne, die im Dunkel schwebt,
ihr leichter Leib ist lauter Lauschen,
spannt sich der Faden: Wie sie bebt.
Könnt ich mit dir die Fühlung tauschen.

Den Schwänen schluchzt des Dämmers Grün,
und wenn sie ihre Häupter tunken,
erblaßt das Laub, das golden schien.
O wäre ich mit euch versunken.

Wie löst so leicht vom Blütenblatt
ein Hauch, was zagen Sinns gezittert,
wie fällt der Tau, ein Schimmer matt.
Ein Hauch auch mir, den Nacht umgittert.

Wie Sommer Duft und Lust vertut,
und wenn die Bläue Schwalben falten,
tropft Rosen noch der Wunde Blut.
Nur eine Rose, mich zu halten.

 

Jan 25 21

Das Maß des Lebens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Damit sie auf andere keinen Schatten mehr werfen, werden überragende Figuren um einen Kopf kürzer gemacht.

Der Schwarze zeigt seinen Rassestolz, wenn er die Überlegenheit der Weißen in Abrede stellt; der Weiße, der dasselbe tut, seine Stupidität oder das schlechte Gewissen des Epigonen.

Wären Weisheit, Anstand und Noblesse Bedingung des Glücks, wie elend wäre die Welt; aber sie ist es ja, sie ist es ja!

Zwischen den Graden der Dummheit gibt es unendlich viele Schattierungen.

Dummheit vor dem Leben ist wie die närrische Jagd des Schürzenjägers, dem nur ein abgerissener Fetzen in Händen bleibt.

Verbrechen und Genialität (oder wenigstens ihre Förderung) gehen bisweilen, wie das Beispiel nicht nur der Medici zeigt, Hand in Hand.

Die Bedingung der Möglichkeit, sich die Welt zu unterwerfen, ist die Überlegenheit der mathematischen und technischen Intelligenz der weißen und der jüdischen Rasse. Ihre Entdeckungen und Erfindungen, von Galileo bis Newton und Einstein, vom Fernrohr bis zur Satellitentechnik, haben die Eroberung der Welt und des Weltalls erst möglich gemacht; allerdings gehört auch ein gerüttelt Maß an Heroismus, Abenteuergeist und Grausamkeit dazu, in hohe See zu stechen, durch den Dschungel des Amazonas vorzudringen oder die Indios mit Feuer und Schwert zum Ruhm der spanischen Krone zu unterwerfen.

Der freie Atem einer freien Forschung sine ira et studio ist auf diesem wie auf vielen anderen Gebieten längst am Würgegriff einer kleingeistigen Moral erstickt.

Die kolonialen Wohltaten des Westens, Medizin, Ernährung der Massen durch industrielle Landwirtschaft, Erschließung der Länder mit Straßen und Eisenbahnen, Kampf gegen den Analphabetismus, all dies bringt die Waage des Schicksals in ein schwankendes Gleichgewicht, insofern im gegenüberliegenden Gefäß sich die zerstörten indigenen Kulturen und Kulte, der Niedergang der heimischen Tierwelt und die Verrohung des Lebens in den Megastädten wie ein schwerer unförmiger Klumpen zusammenballen.

Wenn die Riesenmassen täglich ein Ei verzehren wollen, kann es kein Paradies für Hühner und Küken geben.

Der Eigentümer des Hauses pinkelt nicht an seine Tür.

Wäre das Land Eigentum eines platonischen Monarchen, wie blühten rings die Gärten, wie ertönten in ihnen Mozartsche Serenaden, wie schritten die Edlen sacht auf dem bunt bestickten Teppich des Lebens.

Wenn die Straßen und Ufer, die Parks und Anlagen allen gehören, stinken und lärmen darin Unrat und Vulgarität.

Die natürlichen Neigungen des Herzens gelten dekadenten Zynikern als Ausweis von Dummheit und Naivität. – Nun ist aber der Zyniker ein von der begehrten Dame namens Leben zurückgewiesener Liebhaber.

Die Rohen und die Häßlichen, die Marketenderinnen der schnöden Lust, die verbitterten Männer des Ressentiments und die abgeblühten Mauerblümchen werden immer feixen und grinsen, wenn der sanft gelockte Knabe die Lyra anstimmt zum Preis des schönen Lebens.

Die Entwurzelten, die glauben, man könne überall zu Hause sein, schwadronieren globalesisch und verschmähen die Muttersprache wie der hochnäsige Karrierist aus Oberboihingen, der es zum Schulrat in Stuttgart gebracht hat, jeden Anflug des schwäbischen Dialekts als peinliche Erinnerung an seine Herkunft desavouiert.

Für Erkenntnisskeptiker: Die Fische, die wir mit unserem Begriffsnetz einfangen, kleinere oder größere, je nach seiner Grob- oder Feinmaschigkeit, sind keine Fiktionen, keine Gebilde unserer Phantasie.

Kriminelle Neigungen sind angeborene charakterliche Dispositionen; die Umwelt kann sie dämpfen, aber nicht durch Umerziehungs- oder Resozialisierungsmaßnahmen ausmerzen, freilich auch fördern und durch heuchlerische Beschönigungen allererst herauskitzeln.

Moralische Neigungen sind angeborene charakterliche Dispositionen. Das zweijährige Kind will nach der Schaufel im Sandkasten greifen, die dem Nachbarsbuben gehört: Es zögert, besinnt sich eines Besseren und bittet die Mutter, ihm seine eigene Schaufel zu geben.

Die grundlegenden Begriffe oder Konzepte unseres Selbstverständnisses und unseres moralischen Empfindens sind uns vorsprachlich gegeben; das Kleinkind weiß um seine Existenz als des epistemischen Zentrums der primordialen deiktischen Trias von ich, jetzt, hier, ohne noch „Ich“ sagen zu können; es weiß um die ethische Bedeutung von Mein und Dein, ohne vom Eigentumsrecht und Besitzanspruch der eigenen und anderer Personen gehört zu haben oder davon sprechen zu können.

Wir müssen die natürlichen ethischen Neigungen unseres Daseins nicht nachträglich durch eine höhere Moral à la Kant, Apel und Habermas reflexiv einholen und absichern; es genügt, sie im sittlichen Umgang zu fördern und zu pflegen und im täglichen Umgang Gestalt werden zu lassen.

Freilich, die natürlichen kriminellen Neigungen können wir durch keine höhere Moral ausmerzen; falls es nicht genügt, sie im sittlichen Umgang durch Tadel und Strafe zu dämpfen, müssen wir denjenigen, den sie obsedieren, von ihrer Verwirklichung mittels rigiderer Maßnahmen fernhalten.

Für uns, aber auch für Pflanzen und Tiere, ist die phänomenale Welt der Farben, Formen, Klänge und Gerüche in demselben Maße wirklich, wie ihre Existenz von der Physik eingeklammert wird.

Der blinde Kosmologe allerdings kann die ferne Galaxie nicht vermessen.

Freilich könnte er von der Strahlung im physikalischen Sinne reden, ohne auf den Begriff des Sehens und des Sichtbaren zurückzugreifen.

Der Augenarzt könnte den objektiven Befund eines grünen Stars ohne Rückgriff auf phänomenale Begriffe des Sehens und der Sichtbarkeit erstellen; doch könnte er die Diagnose einer Gefahr der Erblindung nicht stellen, ohne eben dies zu tun.

Es gibt kein Gestern, Heute und Morgen im Weltbild der Physik; die Zeit des menschlichen Daseins ist kein integraler Bestandteil der physikalischen Abläufe.

Der Roboter, der die Daten der Explosion einer Super-Nova chronometrisch exakt gespeichert hat, verfügt über keine Erinnerung an dieses Ereignis.

Nähe und Distanz des Umgangs, in denen die wesentlichen Harmonien und Spannungen unseres gemeinschaftlichen Lebens, Vertrauen und Mißtrauen, Freundschaft und Feindschaft, Liebe und Verrat, sich bilden und entfalten, haben kein Pendant und kein Maß in der physikalischen Welt.

Der Alpenpaß erscheint uns von der Talstation aus ungeheuer hoch; nicht so dem Adler, der über ihm kreist.

Wir können den Adler nicht verstehen, uns seine Welt nicht begreiflich machen, in der unsere elementare Deixis des ich, jetzt, hier nicht existiert.

Mögen diese und jene Völker, die alten Griechen oder die Inuit, das Band der sichtbaren Farben so oder anders einteilen; entscheidend ist, daß ihre Welt unsere Welt des Lichts, der Farben und der Schatten ist.

Wenn der Hund darauf abgerichtet worden ist, die Zeitung aus dem Kasten zu holen, tut er es nicht, weil er es seinem Herrchen versprochen hat.

Der Verhaltensdruck, der den Hund die Zeitung apportieren läßt, sobald sie ihm hörbar in den Schlitz fällt, ist nicht mit demjenigen zu vergleichen, der uns zum Hörer greifen läßt, weil wir der bejahrten Mutter versprochen haben, uns einmal die Woche bei ihr zu melden; jener ist konditioniert und das Ergebnis der Dressur, dieser eine Form der sozialen Verpflichtung.

Wenn wir uns an das, wozu wir uns verpflichtet haben, nicht erinnern, führen wir es nicht aus; der Hund, der das Klappern des Briefkastens hört und daraufhin die Zeitung apportiert, erinnert sich an nichts.

Dem Argument, das Bewußtsein und das Zeitbewußtsein seien fiktiv wie die phänomenale Welt, der sie entspringen, könnte man entgegenhalten, das Alter des Universums sei ein fiktives Datum, weil es von eben diesem Bewußtsein auf Basis der Extrapolation von seinem singulären deiktischen Zeithorizont aus gemessen worden ist.

Wir können das Leben nur aus einer prämortalen, nicht aus einer postmortalen Perspektive aus betrachten und begreifen.

Wir reden falsch und unsinnig von den Toten, wenn wir eine postmortale Perspektive anlegen.

Angesichts des Todes zu leben heißt nicht, seine Tage im vagen Gefühl zu verbringen, irgendwann einmal sterben zu müssen.

Wenn wir des Todes unserer Lieben nicht gedächten, wäre das eigene Leben hohl und schal.

Wenn wir das eigene Leben, das, was wir sind, zu sagen und zu tun haben, an heterogenen Mustern und Maßen messen, wie der Statistik, der Theorie der biologischen Evolution oder der historischen Entwicklung, verfehlen wir es; wir gleichen dann einem Betrachter des Gemäldes Pierrot von Antoine Watteau, der um die chemische Zusammensetzung seiner Farbpigmente weiß, aber dem melancholisch verhangenen Blick der Figur aus der Commedia dellʼarte nicht standhält.

 

Jan 24 21

Die Puppe

Die Puppe lallt. Die Puppe lacht.
Ich will mein Püppchen drücken.
Schau, ihr Mützchen sitzt ganz schief!
Wills wieder graderücken.

Die Puppe strampelt, ach, sie weint.
War lange fort, zu lange.
Hab dir ein Röslein mitgebracht.
Ich trockne deine Wange.

Wo hat die Puppe sich versteckt?
Wir wollen nach ihr suchen.
War sie nicht artig, war sie bös?
Kriegt heute keinen Kuchen.

Mein Püppchen hat Geburtstag heut.
Will ihm ein Schleifchen binden.
Es hat so wunderschönes Haar.
Kann schöner keines finden.

Die Puppe sagt dem zarten Kind,
was glückt und was ihm fehle.
Die kleine Puppe ist das Bild
der großen Kinderseele.

 

Jan 23 21

Der Weg des Lebens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Relationen erfassen wir mittels des Gebrauchs von Präpositionen und adverbiellen Komparativen wie über, unter, zwischen, früher, später.

Es ist offensichtlich, daß wir zum Ausdruck zeitlicher Relationen den korrekten Umgang mit den Tempora des Verbs beherrschen müssen. Wenn das Kind durch den Mund der Mutter erfährt: „Vater kommt heute später“, weiß es, daß der Vater später als üblich und gewohnt nach Hause kommt. Der Sachverhalt, daß der Vater später als gewohnt heimkehrt, ist ein Gedanke, der von der Aussage der Mutter impliziert wird und den das Kind erfassen muß.

Mit dem Verstehen von Äußerungen wie „Die Puppe liegt auf dem Sofa“ oder „Der Ball ist unter den Schrank gerollt“ hat das Kind eine wesentliche Raumvorstellung mit den zugehörigen Koordinaten entwickelt, die im Fluchtpunkt seiner Beobachterposition zusammenlaufen.

Äußerungen wie „Die Katze sitzt rechts neben dem Gummibaum“ und „Die Katze sitzt links neben der Kommode“ können mittels Beherrschung des Relationsausdrucks in folgende Aussage umgeformt werden: „Die Katze sitzt zwischen dem Gummibaum und der Kommode.“

Nicht nur anhand von Zeitadverbien wie früher und später, sondern schon in der Verwendung einfacher Tätigkeitswörter wie gehen, laufen, fallen, springen entwickeln und differenzieren wir unseren Zeitbegriff.

Versteht das Kind die Äußerungen „Die Katze sitzt auf der Kommode“ und „Die Katze ist vom Sofa auf die Kommode gesprungen“, gelingt ihm die adäquate Integration von Raum- und Zeitvorstellungen, die sich in dem Satz ausdrücken läßt: „Nachdem die Katze vom Sofa auf die Kommode gesprungen ist, sitzt sie jetzt dort.“

Wir unterscheiden den Beginn eines Verlaufs oder Geschehens, seine Dauer und sein mehr oder weniger abruptes oder ausschleichendes Ende. Um die Dauer beispielsweise einer Melodie oder des Regens abzuschätzen, müssen wir uns bei dem Ausklingen und Enden solcher Ereignisse an ihren Beginn erinnern können.

Weil die adäquate Bildung des Zeitbegriffs auf die Leistungen des Gedächtnisses angewiesen ist, erweist sie sich als komplexer als diejenige des Raumbegriffs.

„Bevor es zu regnen begann, war die Straße trocken.“ – „Während es regnete, wurde die Straße naß.“ – „Nachdem es geregnet hatte, war die Straße naß.“ Mit der korrekten Verwendung temporaler Konjunktionen wie bevor, während, nachdem und der Markierung der Zeitstufen durch die korrekten Tempora des Verbs gelingt uns der sprachliche Zugriff auf die Darstellung der Verhältnisse von Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit und Gleichzeitigkeit.

Wir betrachten die deiktische Trias aus ich, jetzt, hier als primordiales Begriffsnetz. Manchmal genügt die elementare Deixis; so wenn wir auf der Parkbank sitzend zu dem Freund, der noch kurz eine Besorgung machen und dann wieder zu uns stoßen will, sagen: „Ich warte hier.“ Anhand der GPS-Daten den Schnittpunkt von Längen- und Breitengrad anzugeben, um unsere Aussage zu präzisieren, wäre mehr als übertrieben.

Die frühesten und zweckdienlichsten Maßstäbe, die wir hernehmen, um der Bildung unserer Raum- und Zeitbegriffe ein stabiles Gerüst zu verschaffen, entnehmen wir der Beobachtung der Maße und rhythmischen Abläufe unseres Körpers; Elle, Handspanne, Fingerbreite und Fuß sind urtümliche Längenmaße, der Wimpernschlag, der Herzrhythmus, die Dauer von Wachen und Schlaf, die leibgebundenen Phasen des Wachsens und Reifens, des Alterns und Siechens sind unsere ersten Zeitparameter, mit denen wir bei der Angabe von sehr kurzen, mittleren und langen Zeitdauern zurechtkommen.

Die Verwendung gegenständlich oder scheinbar rein objektiv fundierter Raum- und Zeitparameter wie des Metermaßes oder des Lichtjahres, der Drehung der Erde um sich selbst (Tag und Nacht), der Drehung der Erde um die Sonne (Jahreszeiten) oder des Isotopenzerfalls zur Altersbestimmung des fossilen Relikts läßt uns nicht in eine andere Kategorie springen oder von der deiktischen Trias des seiner selbst innegewordenen Lebewesens Mensch, also der subjektiv fundierten Raum- und Zeitbegriffe, zu vollständig objektiven Begriffen gelangen. Dies scheint eine von der transzendentalen Wendung des Denkens eingeholte wissenschaftsgläubige Illusion zu sein, die allerdings von ernstzunehmenden Teilen der Wissenschaft selbst, wie von Heisenbergs Überlegungen zur Quantenphysik, aufgegeben worden ist.

Wir können diesen Sachverhalt auch so ausdrücken: Die Begriffe von Raum und Zeit implizieren notwendig die Begriffe der Raum- und Zeitmessung, folglich das Dasein desjenigen, der solche Messungen mit mehr oder weniger fein eingestellten Meßgeräten, sei es das Metermaß oder die astronomische Einheit, sei es die Sonnenuhr oder die Atomuhr, vornimmt; also das subjektive Daseins des Beobachters.

Wir sind Riesen im Vergleich mit der Mücke, die sich auf das Vorgebirge unserer Nasenspitze gesetzt hat; wir sind winzige Mücken im Vergleich zu der ungeheuren Kugel unseres Planeten, auf der wir herumkrabbeln.

Wir sind uralte Methusalems im Vergleich mit der kurzen Lebensspanne einer Eintagsfliege, wir sind kümmerliche Eintagsfliegen im Vergleich mit dem Alter der Sonne, die schon auf die biblischen Urväter und Homer herabgeschienen hat.

Wenn wir mit Pascal in die ungeheuren Weiten des Kosmos blicken, scheinen wir in den Wirbeln des Unendlichen verlorenzugehen und unser Dasein dünkt uns hinfällig und eitel wie das Gras des Kohelet, das der Wind beugt und die Sonne dörrt; wenn wir mit Goethe in die nächste Nähe der Worte und Taten der Liebe und innigen Sorge wie in ein belebendes Wasser tauchen, kann sich die unscheinbare Knospe unseres beinahe nichtigen Daseins einmal auftun und diejenigen, die wir lieben, mit ihrem Wohlgeruch erfreuen.

Die Weiten des Universums und die unheimlichen Zeitfolgen bis zum Urknall sind kein absoluter Maßstab unseres Selbstgefühls und Selbstverständnisses. Die Physik ist nicht die alleinige Lehrmeisterin in der Schule unseres Lebens.

Unser nur allzu gewisser Tod und der allergewisseste Zusammenbruch unserer Galaxie sind keine Einwände gegen die uns vor Augen liegenden Möglichkeiten sinnvollen Tuns und Sagens.

Wir vertun unseren Sinnvorrat und unser Lebensgefühl, wenn wir sie heterogenen Maßstäben unterwerfen wie der Epoche oder der Gesellschaftsform, in der wir unser Dasein nun einmal zu fristen genötigt sind.

Die wir die archaischen oder die antiken Menschen nennen, dünkten sich weder archaisch noch antik.

Wir tun gut daran, unseren Blick auf den Nahraum des Daseins zurückzuwenden, den wir bewohnen, auf die Zeit des Lebenstages, an dem die unscheinbaren oder leuchtenden Früchte unseres einsichtsvollen Sagens und verantwortlichen Tuns heranreifen. Doch auch wenn sie noch vor der Fülle des Herbstes oder im ersten Frosthauch des neidischen Winters verkümmern, wenn sie auch die Made der Mißgunst und des Unverstands, auch des eigenen, befällt, wir können noch wie der kahle Baum unsere dürren Äste regungslos und gleichmütig in das Licht einer matten Sonne recken, von deren ferner Sommerglut wir nichts mehr erwarten.

Unser denkerischer Maßstab und das vollkommene Bild für den Raum und die Zeit unseres Daseins ist der Weg; der Weg von der Kindheit bis ins Alter, dessen Spuren und Wegmarken die Erinnerung festhält; der Weg, der sich mit den Wegen anderer an Orten eines Gesprächs, einer Leidenschaft, eines Kampfes kreuzt; der Weg des Sagens, der uns vom Ausdruck unseres Empfindens und Fühlens über das erregte und erregende Wechselspiel von Frage und Antwort, Sprechen und Schweigen, Hingabe und Empfang bis zur Ruhe stiller Betrachtung und besinnlicher Nennung der einfachen, der letzten Dinge führt.

 

Jan 22 21

Magisches Denken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Beim Kuckuck-Spiel schlägt das Kind die Hände vors Gesicht und wähnt, es sei nicht da.

Die primitive Vorstufe zur Negation sehen wir im volitionalen „Weg!“, „Pfui“, „Nicht“ – wobei „nicht“ hier nicht konstatierend gebraucht wird, sondern etwa in dem Sinne: „Das bitte nicht“ oder „Nicht auch das noch!“

Der Ball ist unter den Schrank gerollt, das Kind ruft erstaunt oder enttäuscht: „Weg!“ Es ist nicht ganz klar, ob es damit die Feststellung trifft oder impliziert, daß der geliebte Gegenstand nicht mehr da ist, oder ob es meint, es werde von ihm gefoppt.

Wenn wir uns in eine fiktive Lebensform versetzen, bei der alle Kognitionen vom Ausdruck des Wollens und Begehrens, also durch reine Volitionen, überlagert wären, käme die Feststellung, daß ein Gegenstand, der gewöhnlich in Reichweite war, plötzlich verschwunden ist, der Verblüffung oder dem Erschrecken darüber gleich, daß er uns, einem lebenden Wesen ähnlich, genasführt, enttäuscht, verlassen hat. – Das wäre vielleicht keine schlechte Definition magischen Denkens.

Der Freund ist zum Ort und zur ausbedungenen Zeit der Verabredung nicht erschienen. Wir können vernünftigerweise annehmen, daß er aus zwingenden äußeren Gründen gehindert war zu erscheinen; wir können uns aber auch, trotz besseren Wissens von seiner Treue und Verläßlichkeit, finsteren Ahnungen hingeben, der Befürchtung, daß er gar nicht kommen wollte und mit seinem Ausbleiben seinen Unwillen oder seine Mißachtung zum Ausdruck bringt.

Wir können die Abwesenheit des anderen gleichsam mit beruhigenden oder verstörenden Gedanken füllen, zwischen Beschwichtigungen und Selbstzweifeln schwanken.

Zu glauben, daß wir selber weniger, leerer, ohnmächtiger werden, wenn wir einen wertvollen Gegenstand verlieren oder sich ein geliebter Mensch von uns abwendet oder stirbt, scheint ebenfalls ein charakteristisches Merkmal magischen Denkens zu sein.

Magisches Denken ist nicht, wie Rationalisten, Aufklärer, Gläubige einer höheren Menschheitsmoral und Adepten der Frankfurter Schule wähnen, eine Form des Denkens und eine durch sie geprägte Weise sozialen Umganges, deren Überreste vielleicht noch bei den nackten Indigenen auf Papua-Neuguinea oder in den Urwäldern Amazoniens bestaunt werden können, das im übrigen aber aus der westlich geprägten zivilisierten Welt dank allgemeiner Volksbildung und dem Siegeszug der Technik und unter der Strahlkraft des wissenschaftlichen Weltbilds verschwunden ist; magisches Denken ist vielmehr in allen häuslichen und institutionellen Bereichen lebendig, in denen wie in Urzeiten die Charismen der Macht und Beeinflussung, die Suggestionen und Insinuationen des intimen Geplauders und der öffentlichen Rede sowie der Zauber der Poesie und Musik ihre archetypischen Rollen spielen.

Die sanften und lilienhellen, die herben und achatschwarzen Harmonien Mozarts, die schwermutblauen Veilchen und efeustillen Dämmerungen Schuberts, die ozeanisch brausenden Klänge Bruckners, sie haben die magische Wirkung von Inhalationen exotischen Räucherwerks, von Injektionen indianischer Gifte.

Magisches Denken bemächtigt sich in den Formen der Neurose und Psychose auch des klarsten, hellsichtigsten Kopfes, wie des großen Logikers Gödel, der Hungers starb, weil er die von seiner Frau zubereiteten Speisen als vergiftet von sich wies.

Die magische Wirkung des tränenglänzenden Blicks der untreuen Liebe kann durch noch so stichhaltige Argumente nicht widerlegt, durch skeptische Erwägungen nicht gemindert werden.

Faust, der deutsche Intellektuelle par excellence, ergibt sich, um der Dürftigkeit, der Starre und dem Moder seines Empfindens zu entrinnen, der schwarzen Magie; doch wenn er in quälenden Leidenschaften entbrannt, vom Lidschlag des fernsten Horizontes berückt, auf dämonischen Flügeln die Weltteile und Zeitalter durchrast hat, sehnt er sich nach der Stille des meerblauen Augenblicks, die ihm der seraphische Zauber der wolkenlosen Höhe zu gewähren oder wenigstens zu versprechen scheint.

Der kleine, mickrige, rachsüchtige Mephistopheles, der auf dem Balkon des Reichstages vor dem Flammenmeer der aufgewühlten Masse sein hypnotisches Krächzen anstimmte.

Magische, zauberische Substanzen und Stoffe, die mit ihrem Funkeln und Gleißen, ihrem Knistern, Flüstern und Duften sich der nach Glanz und Entrückung dürstenden Seele bemächtigen, Opal und Smaragd, Bernstein und Rubin, Samt und Brokat, Quellen, Flammen und Blüten.

Magie des Sexus, die beliebig welches Organ und Segment des begehrten und gefürchteten Körpers, Haar und Auge, Mund und Brust, Nabel und Geschlechtsteil, Hände und Füße mit einer imaginären Energie aufzuladen vermag, die den Besessenen zum Voyeur und Fetischisten, zum Verfolger und Selbstquäler, zum Mörder und Selbstmörder verurteilt.

Worte der Dichtung, Phiolen des Verses voll magischer Essenzen, die ihren betörenden Duft, ihr bezauberndes Melos über dem Empfängnisbereiten ausschütten.

Der epische Stoff des Bluts und was ihn zum Wallen oder Stocken bringt, zum Erstarren oder Brausen, wir finden ihn in der Gothic Novel, in der Gespenstergeschichte und im Kriminalroman.

Die Todesdrohung und der Wunsch nach Unsterblichkeit sind urtümliche Themen des magischen Denkens.

Das Versprechen des lustigen Brunnens im Paradies eines Hieronymus Bosch, der alle verjüngt, die in ihn eintauchen, wir finden seine Magie in der Werbung für die Wundersalbe, die Falten und Runzeln wegzaubert, in der Anpreisung dieses Vitaminpräparates und jenes Heilkräuterextraktes, die verlorene Vitalität und Lebensfreude zurückgeben.

Ominöse Silben, rhythmisch und monoton an der Perlenschnur des Gebets heruntergeleiert, rituelle Gänge, deren erhabene Schritte um einen kultischen Ort, einen kunstvoll behauenen Stein gemessen und streng abgezirkelt sind, nimmer endende Litaneien, die vom Balsam der Ergebung betäubte Zungen in die Nacht der Verlorenheit lallen, sie sollen den finsteren Gast, der mit knöchernem Finger an die Pforte pocht, aufhalten, besänftigen, in den Schlaf wiegen.

Der Philosoph und Intellektuelle mit dem feinen Gespür für die Erregungen und hysterischen Neigungen der Halbgebildeten des Kulturbetriebs okuliert auf die alten Stämme des Unbewußten die frischen Knospen magischer Begriffe, und im Wachtraum vom ganz anderen Leben lallen und psalmodieren die Nervösen und Aufgeregten sie nach: unendliches Begehren, Differenz, Alterität, Nichtidentität.

Dem schlichten Gemüt genügt der Stern an der Mütze des strammen Anarchisten, der Orden am Revers des feisten Diplomaten, das Funkeln der Anstecknadel des berühmten Künstlers, die üppige Schleppe der Diva, und jenes frei vagabundierende Charisma mag sich auf ihn übertragen, das ihn die abgebrannte Zigarette auf dem Tresen der schäbigen Hotelbar vergessen macht.

Die magische Strahlkraft glänzender Katalogbilder, die den Tagtraum des kleinen Mannes auf dem ächzenden Rattansessel seiner Einsamkeit mit wogenden Palmen, der schäumenden Brandung des Ozeans und der ihr triefend entsteigenden botoxlippigen Aphrodite dekorieren.

Den Strahlenkranz der Mandorla um den Heiligen, die Madonna oder den Buddha, ihn hat die lauterste Flamme des menschlichen Herzens entzündet.

An den Dingen und Orten und Zeichen, die er rein hält von sinisteren Eingebungen und schmutzigen Gedanken, zeigt sich die Größe des Menschen.

 

Jan 21 21

Sprachdenken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir nennen einen mimischen, gestischen oder sprachlichen Ausdruck gezwungen, übertrieben, forciert oder einfach falsch, wenn es sich um eine Pose handelt, die nach der Aufmerksamkeit eines realen oder imaginären Publikums schielt. Dabei kann es sich um einen erhofften Applaus oder eine befürchtete Zurückweisung handeln.

Furcht vor möglicher Zurückweisung ist eine gesteigerte Form der Furcht vor fremden Blicken. Wir nennen den mimischen, gestischen oder sprachlichen Ausdruck dieser Furcht Verlegenheit.

Verlegenheit ist oft die giftige Frucht einer überscharfen Selbstbeobachtung

Die seelische Quelle des Ausdrucks, der weder eine Pose noch verlegen ist, sind wir versucht, Einfalt, Schlichtheit des Gemüts und Naivität des Empfindens zu nennen.

Aber das kann täuschen; denn Einfalt, Schlichtheit, Naivität des Empfindens kann die mittels raffinierter poetischer und musikalischer Technik hervorgerufene Suggestion eines Kunstliedes sein, das den vollkommenen Ausdruck eines Volksliedes angenommen hat; wie der Dichter der heiteren Melancholie in seinen Fêtes galantes den verwöhnten und gelangweilten Damen ins Mondlicht getauchte Blüten in den Schoß wirft und den Hofschranzen das lüsterne Wehen des Schäferkleides überstülpt.

Wir nennen als Beispiel artifiziell-naiven Ausdrucks das Lied „Komm, schöner Mai, und mache/die Bäume wieder grün/und laß mir an dem Bache/die kleinen Veilchen blühn“, dessen Originalversion von Christian Adolph Overbeck stammt und das in der von Joachim Heinrich Campe modifizierten Liedfassung von Mozart vertont worden ist.

Das Wort Naivität hat dasselbe Etymon wie Natur; es wäre reizvoll, dem Gedanken nachzugehen, warum die echte oder kunstvoll nachgeahmte Naivität der Volks- und Kunstlieder ein solch bezwingendes Merkmal deutscher Dichtung und Musik darstellt.

Naivität des Empfindens kann der Quell schlichten dichterischen Singens und Sagens, Naivität des Ausdrucks kann aber auch das ästhetische Ziel und der bewußte Zweck der mit kunstvollen Techniken operierenden Dichtung und Komposition sein.

Goethe hat die Echtheit, urtümliche Kraft und Archaik des naiven Empfindens, das er aus dem dunklen Brunnen des Selbstgefühles schöpft, und zugleich die Subtilität und virtuose Wendigkeit, womit er noch den schlichtesten Ausdruck wie den der Abendstille ins Grandiose, Lichtvolle, Geistige, in ein Clair-obscur sublimer Schattenranken hebt.

Die faden und schalen, aber auch die allzu scharfgewürzten Erzeugnisse der zeitgenössischen Lyrikköche, und hier ist Gendern allemal geboten, vor allem der sudelnden und panschenden Lyrikköchinnen, sind Ergebenheitsadressen und devote Posen vor dem unsicheren, bildungsfernen, wurzellos und anämisch gewordenen Kunstgeschmack eines Publikums, dessen Applaus ihnen die hochdotierten Preise des Literaturbetriebes sichert und damit ihre Daseinsfristung in der Komfortzone der hell illuminierten Akademien und gut geheizten Lyrikkabinette, in die kein Schatten, kein kalter Hauch des Ungeheuers namens Leben dringt.

Overbecks und Mozarts Kinderlieder atmen die würzige Luft der durch Rousseau entdeckten oder doch erstmals mit zarten Wasserfarben hingetupften Landschaft der Kindheit, die noch nicht vom Wegenetz der Zivilisation durchschnitten ist.

Der Psychologe Wilhelm Stern, der gemeinsam mit seiner Frau erstmals empirische und systematische Beobachtungen zur Entwicklung der Kindersprache anhand des Spracherwerbs der eigenen Zöglinge unternommen hat, berichtet, wie seine kaum einjährige Tochter auf die Äußerung „Ticktack“ ihre Blicke in Richtung der tickenden Uhr gewandt hat; wenig später vermochte das Kind die Uhr mittels dieser Lautäußerung selbst zu benennen. Entscheidend für den systemisch und endogen gesteuerten Fortgang der sprachlichen und geistigen Entwicklung des Kindes ist aber der Umstand, daß es den Namen unabhängig von der akustischen Reizquelle zum Hinweis auf die im Jackett des Vaters verborgene Taschenuhr anzuwenden lernte.

Wir berühren hier eine der Quellen des Gedankens, wie er sich in der Sprache darstellt: die Begriffsbildung; die andere Quelle, die Prädikation, zeigt sich in den Einwortsätzen, wenn das Kind alles, was vier Beine hat, ob Hund, Katze oder Pferd, als „Wauwau“ bezeichnet und damit meint: „Sieh mal, ein Wauwau!“

Die Einheit von Begriffsbildung und Prädikation, wie sie die logische Notation in der simplen Aussagefunktion F(a), sprich: Der mit a gemeinte Gegenstand hat die Eigenschaft F, darstellt, ist demnach eine frühe kognitiv-sprachliche Leistung des Kindes; sie stellt somit die romantische Annahme seiner infantilen Einfalt in Frage.

Das frühe Keimen und Sprossen des sprachlichen Gedankens oder Sprachdenkens, deren ausgewachsene Blüten im Garten unserer Sprachkultur gedeihen, macht die Vorstellung von der vorzivilisatorischen Wildheit des Kindes, wie wir sie bei Rousseau und den in seinen Spuren wandelnden Romantikern finden, zumindest fragwürdig.

Der ausgewachsene Gedanke situiert sich als Kreuzungspunkt in einem unübersehbaren Netzwerk von Gedanken, dessen Ränder gleichsam in der Ferne des Virtuellen verschwimmen und dessen Mittelpunkt kein natürlicher Ort ist, sondern sich je nach den Anforderungen des gewählten Aussagesystems verschiebt. So gravitieren unsere Gedanken an einen Freund um die Begriffe von Freundschaft und Vertrauen, unsere Gedanken über die Strafwürdigkeit einer Tat um die Begriffe von Gesetz und Verantwortung, unsere Gedanken über Gedanken um die Begriffe des Objekts und seiner relationalen Eigenschaften.

Wenn das Kind mit „Wauwau“ Hund, Katze oder Pferd meinen kann, hat es schon vor der Spezifikation des Artbegriffs den Allgemeinbegriff verwendet. Wenn es mit „Ticktack“ die Wanduhr, die Taschenuhr und Kirchturmuhr meinen kann, hat es schon vor diesen Spezifikationen den Gattungsnamen „Uhr“ verwendet.

Aufgrund der Loslösung des Gedankens von unseren sensorischen Reizquellen und der unmittelbaren Wahrnehmungssituation vermögen wir den Begriff von Objekten zu bilden, die wie der Begriff unseres nach Amerika ausgewanderten Freundes reizunabhängige Kriterien der Identität aufweisen, und Dingen Eigenschaften zuzusprechen, wie die Eigenschaft zerbrechlich oder jähzornig zu sein, die reine Dispositionen, Virtualitäten und keine aktuellen Vorkommnisse darstellen.

Schon Kleinkinder wissen, wer gemeint ist, wenn sie aufgefordert, die Zunge herauszustrecken oder eine Klangfolge nachzusingen, dies ohne zu zögern, geschweige denn darüber zu reflektieren, tun; die Annahme, der Selbstbezug beruhe auf Reflexion, dem korrekten Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person Singular oder gar der Erfassung des Selbstbildes im Spiegel, ist Unsinn.

Daß wir dank spezifischer Sprechakte in der Lage sind, mittels Bildung von Begriffen den Gegenstand in die Welt zu setzen, den sie benennen, wie im Falle des Versprechens das Versprochene oder im Falle des Richterspruchs die Strafe, ist allerdings eine reife Leistung.

Auf diese Weise konstituiert die dichterische Sprache durch evokative, beschwörende Benennung den Gegenstand ihres Sagens; so sind die Veilchen Sapphos und Mörikes nicht jene, die uns der Spaziergang im hellen Frühlingslichte oder die botanische Klassifikation eines Linné vor Augen führt, auch wenn wir nur auf Basis solcher Wahrnehmungen und Belehrungen um das Vorkommen dieser Blumen wissen, sondern sie sind insofern gedichtet, als ihr Tauglanz an die Tränen um den fernen Geliebten, der zarte bläuliche Dämmer ihrer Blüten an die Schwermut des unglücklich Liebenden gemahnt; die Suggestion dieser Liebesdinge muß uns freilich nicht anhand einschlägiger Dokumente aus der Biographie des Dichters nahegelegt oder dokumentarisch bekräftigt werden.

Bei der Entwicklung der Kindersprache bemerken wir das allmähliche Hervortreten der Wortarten Demonstrativ, Substantiv und Verb und ihre Reihung zu Kurzsätzen wie „Dada Wauwau“ und „Puppa schlafen“; stufenweise folgen Interjektion, Nennung, Prädikation, und zwar noch ohne jedwede Flexion oder flektierende Verknüpfung.

Ein später Zug in der Sprachentwicklung sind die Markierung der syntaktischen Positionen der Wörter, in den flektierenden Sprachen mittels Flexionsbildung am Wortende, und die Markierung der syntaktischen Positionen der Sätze mittels Bildung von Satzgefügen durch den Gebrauch der Konjunktionen, Zeitformen und Verbmodi.

Erst mittels Satzgefügen sind wir in der Lage, durch Verknüpfung einfacher Gedanken komplexe Gedanken zu bilden und auszudrücken. Aus „Baby Milch“ und „Baby Schlaf“ wird „Baby trinkt Milch“ und „Baby schläft“; daraus „Baby hat Milch getrunken“ und „Baby schläft“; endlich der komplexe Ausdruck des komplexen Gedankens: „Wenn das Baby Milch getrunken hat, schläft es“ oder sogar: „Weil das Baby Milch getrunken hat, schläft es.“

Der Gebrauch der Negation und des irrealen Verbmodus macht es uns möglich, gedankliche Bedingungsgefüge faktischer und kontrafaktischer Natur zum Ausdruck zu bringen: „Obwohl das Baby seine Milch getrunken hat, schläft es nicht.“ – „Hätte das Baby rechtzeitig seine Milch bekommen, würde es jetzt schlafen.“

Es ist bemerkenswert, daß uns das Volkslied wie viele Lieder des „Knaben Wunderhorn“, aber auch das ihm nachempfundene und nachgebildete Kunstlied wie die Lieder Goethes und Eichendorffs syntaktisch schlichte Formen bieten, die auf komplexe gedankliche und grammatische Subordination Verzicht tun, während uns die große Lyrik wie in den Oden des Horaz oder den Hymnen und Elegien Goethes mit komplexen gedanklichen Verknüpfungen auf den verschlungenen, manchmal sich überkreuzenden, manchmal im Dickicht sich verlierenden Pfaden einer gleichsam rankenden Syntax überrascht.

Wir scheinen nur denken oder etwas in die Form des Gedankens fassen zu können, was sich auf die formalen Strukturen syntaktisch wohlgebildeter und semantisch nicht leerer Sätze und Satzgefüge abbilden und reduzieren läßt. Auch komplexe Gedanken zweiter Ordnung müssen diesen Anforderungen genügen; so können wir den komplexen Ausdruck „Peter glaubt, sein Freund Hans habe ihn verraten“ in die formale Struktur auflösen: „Peter glaubt: Hans ist sein, also Peters, Freund“ und: „Peter glaubt, Hans habe ihn selbst, Peter, verraten.“

Inkonsistente Gedanken sind keine; Peter kann nicht glauben, er sei eine andere Person als diejenige, die von sich sagen könnte, er glaube oder glaube nicht, daß dieser oder jener Sachverhalt besteht.

Peter kann nicht glauben, sein Freund Hans habe ihn verraten, wenn er die Semantik des rückbezüglichen Pronomens „ihn“ nicht beherrscht; andernfalls könnte er zu glauben kundtun, Hans habe einen anderen, nicht ihn selbst, verraten.

Wir können unseren Selbstbezug rein gestisch zum Ausdruck bringen, wenn wir als kleiner Pimpf, vom Lehrer aufgerufen, aus der Reihe treten; doch wenn unser Selbstbezug in einen komplexen Gedanken eingebettet ist, wie in den Gedanken, daß wir glauben, unser Freund habe uns verraten, müssen wir die formalen Strukturen der Sprache zu Hilfe nehmen.

 

Jan 20 21

Gespenster meiner Kindheit

Die Dämonen meiner Kindheit,
die Tag- und Nachtgespenster,
hausten im Kartoffelkeller,
trippelten nächtens auf den Fliesen,
hockten in der Regenrinne,
raschelten in der Besenkammer.

Ein Gespentchen hieß Euterpe,
tagsüber schliefʼs im Kleiderschrank,
nachts pochte es, recht sanft und zag,
ich tat ihm auf, es huschte
auf seinen rosigen Füßen,
sprang mit den Ärmeln flügelnd
in mein Bett,
es krabbelte aufs Kissen, wiegte
das goldbelaubte Köpfchen
und seine grünen Augen
warfen wunderliches Licht.
Und wenn ich sanft die Fusseln,
die Flocken aus dem Haar ihm zupfte,
begann es bald zu wispern,
zu flüstern, bald zu singen.

Sie wurden mit mir groß,
die kleinen Tag- und Nachtgespenster,
bloß rascher alt und tumb und schlaff als ich.
In der Rinne fließt jetzt nur noch Regen,
kein Nachtgetrippel mehr auf Fliesen,
kein Mucks mehr aus der Kammer.

Doch manchmal blickt mich eines an,
höhnisch und verschlagen,
aus eines Boten Grinsen,
ein andres, schrilles, unverschämtes,
foppt mich im Gepfiff
des launigen Herrn Nachbarn.

Einmal beugte sich ein feuchtes Ding
heiß über mich,
und es schlug die Flosse
ein Flußgespenst mir ins Gesicht.

Doch der Rest ist abgetaucht,
hat sich ins Altenteil gefunden,
ein müder Greisenchor.
Sindʼs Spinnen fern im Schuppen
des aufgegebnen Gartens
oder die am trüben Teich dort quaken,
Frösche, die nach Fliegen schnappen?

Nur Euterpe, der kleine Dämon, ward nicht groß.
Er haust nicht mehr im Kleiderschrank,
hat eine eigne Stube,
mit Teppich, Spiegel, Blumen,
und einer Hängematte.
Ich stell ihm täglich Früchte vor die Tür.
Er huscht noch gerne auf mein Kissen,
noch immer, wenn sein Haar ich zupfe,
hebt er bald zu wispern,
zu flüstern, bald zu singen an.

Noch immer werfen seine grünen Augen
in meine Schwermutnacht
ihr wunderliches Licht.

 

Jan 20 21

Der Schritt, der ungeahnte

War es dir nicht, als sähest du
im Dunst aus Abflußrohren
den Rauch der frühen Ufer,
im Flackern eines Screens
der Käfer Funkenflug
im grünen Tal der Nacht?

So glüht im Herbst des Sagens,
als lägest du im Gras,
und weißt nicht, kommt das Sausen
vom Wind, von deinem Blut,
die Frucht, die so verschwiegen
im Laub der Angst gesäumt.

War es dir nicht, als hörtest du
im Sirren der Maschinen
der Kindheit trunknes Zwitschern,
im Ächzen einer Tür
den Totenruf des Käuzchens
vom Moor der Dämmerung?

So knirscht im Schnee des Schweigens,
als lägest du im Grab,
und weißt nicht, rührt das Stäuben
vom Wind, von fremdem Hauch,
der Schritt, der ungeahnte,
der dir die Nacht erhellt.

 

Jan 19 21

Henri Michaux, Saint

Et circulant dans mon corps maudit, j’arrivai dans une région où les parties de moi étaient fort rares et où pour vivre, il fallait être saint.

Mais moi, qui autrefois avais pourtant tellement aspiré à la sainteté, maintenant que la maladie m’y acculait, je me débattais et je me débats encore, et il est évident que comme ça je ne vivrai pas.

J’en aurais eu la possibilité, bien! mais y être acculé, ça m’est insupportable.

 

Heilig

Ich geisterte in meinem verfluchten Körper herum und gelangte zu einer Gegend, wo die Teile meines Ich sehr selten waren und wo man, um zu leben, heilig sein mußte.

Doch ich, der ehemals so sehr nach der Heiligkeit gestrebt hatte, rang nun, da mich die Krankheit dazu nötigte, mit mir und ich ringe noch mit mir, und es ist klar, daß ich so nicht leben werde.

Ich hätte die Möglichkeit dazu gehabt, gewiß! Doch dazu genötigt zu sein, das ist mir unerträglich.

 

Jan 19 21

Ich gehe zu den Tieren

Und wenn ich wieder traurig bin,
so geh ich zu den Tieren,
der Katze beispielsweise,
und schaue, wie sie ungerührt
am offenen Fenster sitzt und sitzt,
als wäre dort, gerade dort
der Weltennabel.

Auch seh ich gern den Wurm
im Lehm der Erde glänzen,
wie er sich ringelt, windet
in weiche Ewigkeit,
das dünkt mich anmutsvoll,
und pickt ihn auf die Amsel,
ist noch sein Todeszappeln
ein kleines Spiel im großen Spiel.

Und die im Winde schwingt,
in ihrem Netz aus Fäden
verzwirnter Lebenslist,
hat sich mit Nacht umsponnen,
die kluge Spinnerin,
die Spule Herz, wie sirrt sie leise,
bis jählings sich der Faden spannt.

Dem Kind warʼs feuchter Odem,
die Wärme dumpfen Stalls,
das Scharren, Klirren, Muhen,
das Schaukeln heller Euter,
was seine Traurigkeit,
die lose Kinderträne
leicht rollen ließ
in einen Krug mit Milch.

Zu Menschen geh ich nicht,
sie haben nicht wie Tiere
die Anmut stummen Seins,
ihr Blick kann mich nicht halten,
er schwirrt durchs Blau wie Spelz,
und was sie lauthals künden,
ist leeren Abgrunds Hall.

 

Jan 18 21

Gemunkel

Ei, was brummt denn dort?
Ist es eine Biene?
Sommer ist längst fort.
Nein, es ist Pauline.

Und aus wessen Mund
kommt dies Weh-Gejaule?
Nein, das macht kein Hund.
Ja, es ist der Paule.

Wissen willst du es,
was die beiden treiben,
ob sie schmerzt Tristesse,
ob sie fröhlich leiben?

Sagen kann ichʼs nicht,
hier ist es so dunkel,
denn es wirft kein Licht,
dieses Vers-Gemunkel.

 

Jan 18 21

Solitär

Verloren gab es dich von je,
schon als die warme Hand das Leben
von deiner Stirne nahm,
die feuchte Glut der Blicke
ein Schimmern kalter Sterne ward.

Gezeichnet hat es dich,
als es den Lilienkelch der Hüfte,
der sich dem Dunkel hingereckt,
gestreichelt hat
mit Feuernesseln.

Die weiße Muschel deines Lieds,
von grünen Rauschens langer Nacht
so wunderlich gewunden,
am öden Niemandsstrand
hebt sie kein Kind ans Ohr.

Und was du sagst, ist Schnee,
der unter einer Krähe Schrei
vom Baum des Urleidwalds
im grauen Winterlicht
wie tote Pollen stäubt.

Der Faden des Gefühls,
zu zitternd, um die kleine Öse
der Zärtlichkeit zu finden,
hat sich in wirre Zeichen,
in Rätselwerg verfitzt.

Was in dir klopft und pocht,
es ist voll Blutes Sang kein Herz,
ein Dämon ist es,
der sich mit geistesfeinem Schnabel
die Öffnung pickt,
aus der er, wenn du stirbst,
ins Freie fliegen kann.

 

Jan 17 21

Henri Michaux, Ma vie

Tu t’en vas sans moi, ma vie.

Tu roules,

Et moi j’attends encore de faire un pas.

Tu portes ailleurs la bataille.

Tu me désertes ainsi.

Je ne t’ai jamais suivie.

Je ne vois pas clair dans tes offres.
Le petit peu que je veux, jamais tu ne l’apportes.
A cause de ce manque, j’aspire à tant.
A tant de choses, à presque l’infini…
A cause de ce peu qui manque, que jamais tu n’apportes.

 

Mein Leben

Du machst dich ohne mich davon, mein Leben.

Du fährst dahin,

ich aber zögere noch, einen Schritt zu machen.

Du trägst die Schlacht woandershin.

So läßt du mich im Stich.

Ich bin dir nie gefolgt.

Deine Offerten durchschaue ich nicht.
Das kleine bißchen, das ich will, bringst du nie herbei.
Wegen dieses Mangels strebe ich nach so viel.
So vielen Dingen, beinahe dem Unendlichen …
Wegen dieser Kleinigkeit, die fehlt, die du nie herbeibringst.

 

Jan 17 21

Henri Michaux, Entre ciel et terre

Quand je ne souffre pas, me trouvant entre deux périodes de souffrance, je vis comme si je ne vivais pas.

Loin d’être un individu chargé d’os, de muscles, de chair, d’organes, de mémoire, de desseins,
je me croirais volontiers, tant mon sentiment de vie est faible et indéterminé, un unicellulaire microscopique, pendu à un fil et voguant à la dérive entre ciel et terre, dans un espace incirconscrit, poussé par des vents, et encore, pas nettement.

 

Zwischen Himmel und Erde

Wenn ich nicht leide, mich zwischen zwei Perioden des Leidens vorfinde, lebe ich, als lebte ich nicht.

Weit entfernt davon, eine Person zu sein, beladen mit Knochen, Muskeln, Fleisch, Organen, Erinnerungen, Absichten, fühlte ich mich eher, so schwach und verschwommen ist mein Lebensgefühl, als mikroskopisch kleiner Einzeller, der an einem Faden hängt und in der Drift zwischen Himmel und Erde schwebt, in einem unbegrenzten Raum, von Winden gewirbelt, und das nicht einmal deutlich und klar.

 

Jan 16 21

Zauber der Frühe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wohl sind sie menschengestaltig, die uns entrückten antiken Götter, doch wilden überpersönlichen Mächten nicht fern, es schwirren die tödlichen Pfeile Apolls, die giftigen des Eros, Eichen spaltet der Blitz des Zeus und im Aufruhr pflügt die Wogen der Dreizack Poseidons, Artemis verwandelt mit nichts als bösen Blicken den frechen Jäger in eine Hirschkuh, die seine eigenen Hunde zerreißen.

Alles andere als harmlos und friedfertig aber ist der Gott der Juden, zumal seine Allmacht an keinen Grenzstein und keine Hecke um den Hain einer anderen Gottheit stößt. Seine Gesetze schneiden ins Fleisch und sein Blutdurst macht nur vor der gänzlichen Unterwerfung eines Abrahams halt, der willens ist, ihm seinen Sohn hinzuschlachten.

Nur einem Gott, der töten kann, vernichten, indem er sein leuchtendes Angesicht abwendet, aber sich seiner Frommen erbarmt, konnten die Psalmen als edelste Kränze dichterischen Ausdrucks der Hebräer auf den Altar gelegt werden.

Nur wo das Gespür für die Gefahr, die Wildheit und das Abenteuer des Lebens nicht gänzlich vom Schluchzen des Schlagers und dem monotonen Sirren der Maschinen übertäubt ist, bleibt das Herz der Dichtung heiß.

Der frühe Dichter ist dem kühnen Seemann verwandt, der sich auf ächzenden Planken in die Gischt des Unbekannten wagt; der die große Schwermut aus der Windstille und dem unheimlichen Kräuseln der Tiefsee in sich aufnimmt; der die schwindelnde Höhe des zuletzt noch Sagbaren am trägen, traumstarren Flug des Albatros im blauen Abgrund ermißt; der die Einsamkeit des an fremde, menschenleere Küsten Verschlagenen als Erwählung und Prüfung begreift, dort die funkelnden Steine und leuchtenden Früchte einzusammeln und in die Sprache der Heimat mitzunehmen, wo sie der dumpfe Rezensent als überflüssigen Zierrat von sich abstreift, der enttäuschte Liebhaber aber als köstliches Kleinod empfängt, mit dem er sich nicht die Geliebte, aber die Empfindung der Liebe zurückerobert.

Die großen Dichter waren in ihrem früheren Leben Seefahrer, Abenteurer, Weltenbummler, Jäger und Krieger.

Veilchenzarte Mädchenhaut schrickt vor den blitzenden Dolchen männlicher Verse zurück, aber auch ihren mystischen Blüten, da sie unter Stacheln hervorleuchten.

Der Kampf in Spiel und Ernst, in der Zwiesprache der Liebe und im Zwiegespräch der einsamen Seele weiht uns in die geheimen Mechanismen der Kommunikation ein.

Die gestisch und sprachlich geregelte Kommunikation hat nicht, wie oberflächliche Wahrnehmung annimmt, zwei, sondern vier Pole: jeweils, kybernetisch gesprochen, einen Sender und einen Empfänger auf beiden Seiten, den wechselnd-reflexiven Seiten des Sprechenden und Hörenden, des Gebenden und Nehmenden, des Urteilenden und des Beurteilten (oder gar Verurteilten). Was ich als Äußerung aussende, empfange ich gleichzeitig als Resonanz des Gehörten, leibhaft Empfundenen, als Gebärde Verkörperten. Empfange ich das Stichwort eines treffend-enthüllenden Vergleichs oder den Schlag des entwaffnenden Arguments, sende ich gleichzeitig dem ins Bild gesetzten Kombattanten, dem Gesprächs- und Liebespartner die erheiternde oder beschämende Ansicht meiner Verwirrung oder Vernichtung.

Die Kunst ist kein Zierrat am Gewöhnlichen, die Dichtung kein Lidstrich am trüben Auge des Alltags.

Der vollkommen geformte Krug und die körnige, farbige Wendung sind mehr als Präliminarien der Kunst und der Dichtung.

Gewiß, der frühe Rhapsode Homers gehört dem immer auch zwielichtigen Volk der Fahrenden an; doch reist er von Hof zu Hof, die Elite erfreut sich seiner Muse, eben noch applaudierten ihm die feinen Herren und edlen Frauen im Palast des Menelaos, schon schifft er sich nach Kreta ein oder eine der ionischen Inseln, um seine Gesänge, leuchtend wie das offene Meer und verschlungen wie das Totentuch Penelopes, das sie für Laertes zu weben vorgab, einem Publikum zu Gehör zu bringen, das dank schöner Bildung feinnervig und musikalisch genug ist, um in den glänzenden Wogen ihrer Vergleiche zu baden, unter dem ewig schimmernden Sternengang ihrer Reprisen und Resonanzen heiterer Ruhe zu genießen.

Die frühen Zeugnisse der Handwerkskunst wie Vase und Becher, Schwert und Helm, Brosche und Fibel sind kraft der künstlerischen Eigendynamik meisterlichen Töpferns, Schmiedens und Bildens bewundernswerte Artefakte. Die Verse Homers, die in ihrer Tiefe dieser bronzezeitlichen Schicht zugehören, sind wie kostbare Spangen, zierliche Armreife und mit allegorischen Emblemen und Sagenmotiven bemalte Amphoren und Schilde der Sprache.

Der Zauber der Frühe gleicht dem Erwachen von Veilchen, an denen noch der Tropfenglanz der Träume schwebt.

Den plumpen Kerl oder den Demos reizen nur fett glänzende, schwellend-schwülstige Formen der Plastik, schreiende Farben des Plakats oder schluchzende Kantilenen am Lied.

Gepanschte Verse, überzuckerte Reime, Moschusgeruch öliger Metaphern.

Oder noch ärger, die dünne Buchstabensuppe des veganen Geschmacks, die ausgezehrten Wangen dürftigen Sagens, die Anthologie unartikulierten Magenknurrens und zahnloser Bettelsprüche, der vom beißenden Tabaksrauch mitternächtiger Diskussionen verhüllte sapphische Mond.

Die gefeierteste Errungenschaft ungezügelter lyrischer Schinderei ist der strenggläubig auferlegte Verzicht auf Metrum und Reim, Strophe und Vers, das monoton klatschende Walken eines ungesäuerten Wörterteigs.

Fetter Lyrik-Schmand, aus der Form gequollene Baisers, deren  mißlichen Nachgeschmack und schlechte Verdaubarkeit nur der Magenbitter Horazischer Satiren vertreibt.

Pfeifend ausgewalzter keimfreier Erinnerungs- und Assoziationsteer, grauer Asphalt des als authentisch gepriesenen Gedichts, auf dem nicht einmal die Spatzen kleiner Scherze eine einsame Pfütze finden, um daran neckisch zu nippen.

Poésie pure, der fernhin glänzende Schnee auf den einsamen Graten eines Horaz oder Mallarmé, in den der vom Ernst seines dumpfen Daseins gequälte und vom Harndrang seiner sinisteren Moral heimgesuchte deutsche Schulmeister sein Schuldbekenntnis pinkelt.

Zauber der Frühe, da ein fühlender Mund der aus schlichtem Rohr geschnitzten Flöte für die noch schlummernde Geliebte die taufrischen Töne entlockte, die über das dämmernde Laub ihrer Träume rannen.

Den Zeugungsunfähigen soll man nicht nach den geheimnisvollen Keimen des Lebens befragen.

Beim ideologisch Kastrierten sucht man vergebens nach den Pollen lyrischer Fruchtknoten, nach den Waben wohlgefügter Verse.

Ist Hermeneutik Hebammenkunst, so muß sie sich eingestehen, das Kind weder gezeugt noch ausgetragen zu haben.

Der Zauber Homers leuchtete dem sublimen Geschmack einer aristokratischen Elite; die Massenproduktion von Vasen und Versen des Hellenismus und des republikanischen Rom ist ein Spiegel für den zeitgenössischen Ausstoß von Wegwerfartikeln und lyrischen Knallbonbons.

Die Intelligenz der Technik, mit der unermüdliche Wortschinder ihre Dummheiten in Bruchteilen von Sekunden über den Globus zu streuen vermögen, kann diese weder wettmachen noch entschuldigen.

Dem wachen Sinn und dem müden Herzen genügt der kleine Wink, fast verschwindend im Decrescendo ind Misterioso der Violinen, vor der großen Geste und dem massierten Aufwand im Triumph der Posaunen, Hörner und Trompeten scheuen sie zurück.

Die stereotypen Bilder und stehenden Wendungen Homers wirken weder aufdringlich noch ermüdend, sondern einnehmend und beruhigend wie die sich wiederholenden geometrischen und floralen Muster archaischer Amphoren.

Heiterkeit ist das Licht unter der Sonne Homers, in das sich die flüchtigen Schatten der Schwermut mischen.

Heiterkeit: Nicht mit Haut und Haar dem Ort und der Zeit verfallen zu sein, an die uns das Schicksal bannte; mit dem eigenen Schatten wie die Zeiger der Sonnenuhr langsam und stetig wandern.

Verfall und Untergang, die unausbleiblich weil aus dem Innern steigend uns übermachen, nichts anderes entgegenhalten als das milde Lächeln dessen, der an der Schwelle steht und auf die Seinen und das Seine zurückblickt.

Die plastische Gestalt des Daseins wird allmählich zwischen den Mühlsteinen des Schicksals zermahlen und zerrieben; ein feiner Staub bleibt zuletzt zurück, der im Zugwind aus der plötzlich geöffneten Tür, die ein fremder Gast betritt, in den schrägen Strahl der Abendsonne aufsteigt und verweht.

 

Jan 15 21

Verlöschend

Tropfenglanz an schwanken Halmen,
Blut am Saum der Nacht,
und es rinnt dahin.

Die um graue Namen flammten,
Knospen hohen Danks,
sie verlöschen still.

Wasser, die das Blau gespiegelt,
schmerzt ein Schwanenlicht,
und sie atmen Rauch.

Die um Kelch und Kreuz geflügelt,
Lieder tränenhell,
sie entschlummern auch.

 

Jan 15 21

Sachverhalt und Gedanke

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dank des Vampirismus der Zivilisation und der Feminisierung der Institutionen und Sitten verkümmert der Drang heroischer Männer nach dem Abenteuer des Lebens und des freien Denkens; nicht nur der emotionale Ausdruck auf den Gesichtern des Stubenhockers und des gähnenden Lebensfristverlängerers in Ärmelschonern verkümmert. Das von der Woge des Unbekannten überschäumte und unter den Schreien Poseidons bebende Schiff der kühnen Dichtung und des hohen Gedankens vermodert im Hafen der Langeweile.

Nur Christus gebührt das göttlich-schöne Antlitz, das sich auch in der Todesangst nicht verzerrt; das wußten die großen Maler und umringten den Mann der Passion auf seinem Kreuzweg mit den häßlichen Fratzen und dämonischen Visagen der römischen Soldateska.

Das synthetische Grauen Kafkas.

Poetische Scharlatane, die in das trübe Wasser einer Pfütze treten und ein Geschrei erheben, als wäre es die Sintflut. Philosophische Falschmünzer, die sich mit dem bunten Flickenkleid fremder Gedanken schmücken, die sie als dernier cri aus eigener Werkstatt anpreisen.

Welche geistige Öde: Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ als schulische Pflichtlektüre, mit der von biederen Schulmeistern und jüdelnden Akademikern (mit vom Großvater überkommenem makellosem arischen Ahnenpaß) ausgetüftelten und dogmatisierten Interpretation auf die „Entfremdung des modernen Menschen“ oder noch ärger „die Unterdrückung und Verstümmelung des Individuums in der Kleinfamilie“.

Absonderungen stereotyper Wendungen und Klischees aus dem Munde von Politikern, Künstlern, Mediensklaven, dem automatischen Speichelfluß des Pawlowschen Hundes nicht unähnlich. Was ist hier der Auslöser des konditionierten Gebarens? Das Flackern devoter Blicke, das Gellen der imaginären Glöckchen an der dem Gegner übergestülpten Narrenkappe.

In der Erzählung „Das Urteil“ läßt Kafka dem verstörten Herrn Sohn vom zum Riesen in Unterhosen aufgeblähten Herrn Vater aus nichts als Jux und Perfidie den Tod durch Ertrinken anbefehligen. Welche Übertreibung, welche Geschmacklosigkeit! Manchmal enttäuscht selbst Kafka als Genie der Narration, wenn er auch meist durch eine feinziselierte, mit gespitztestem Bleistift exekutierte Diktion besticht.

Das über den Sohn verhängte Todesurteil sollen wir am Ende, wenn es nach dumpfen deutschen Musterpädagogen geht, auf das Gewaltpotential des Patriarchats oder im Sinne der schlichten Hausmannskost psychologischer Veganer auf Kafkas ödipale Ängste beziehen – wie fade, wie abgestanden, wie langweilig!

Der vom billigen Fusel allumfassenden Verstehens und Vergebens trunkene Narr auf Kanzel und Katheder, der von der Gottesebenbildlichkeit von Hinz und Kunz faselt, verleugnet die theologische Wahrheit, daß nach dem Fall nur der eingeborene Sohn dem Vater ähnlich sieht.

Unser Erinnerungsvermögen beruht nicht auf einer Galerie von Bildern, die mit einem zeitlichen Index für jenes Ereignis ausgestattet sind, das sie abbilden; wenn wir uns an den Garten unserer Kindheit erinnern, steigen bestenfalls schematische Umrisse aus dem Nebel der Erinnerung auf, die wir weder mit genauen räumlichen noch zeitlichen Koordinaten versehen können.

Der Vergleich der Erinnerung mit einem Gang durch die Alte Pinakothek ist eine trügerische Analogie.

Wir haben keine Schwierigkeit, uns daran zu erinnern, wie wir vorgestern unseren Freund Peter im Park getroffen haben und ihm zusagten, ihm heute das ausgeliehene Buch zurückzubringen. Wie das Wetter war, ob dort Orchideen blühten oder Rauhreif auf den Blättern lag, wie Peter aussah, wie er gekleidet war, all dies und vieles andere, was wir der ikonischen Kraft des Vorstellungsvermögens zuschreiben, spielt für unsere Erinnerung an das Treffen und unser Versprechen keine Rolle. Ausschlaggebend ist indessen die begriffliche und propositionale Form, in der wir das, woran wir uns erinnern, darstellen: nämlich, daß wir Peter da und dort trafen, daß wir ihm dies und jenes versprachen.

Das Kriterium der Korrektheit unserer Erinnerungen beruht auf der korrekten Darstellung des Sachverhalts, der in dem relevanten Zeitpunkt stattfand. Die Darstellung kann bisweilen das in der Vergangenheit Wahrgenommene zu Rate ziehen, ist aber kein Wahrnehmungsurteil. Mit der Erinnerung an die richtige Wahrnehmung, daß Peter ein kariertes Hemd anhatte und mißmutig dreinschaute, kann ich den Sachverhalt, ihm begegnet und meine Zusage gemacht zu haben, weder stützen noch in Frage stellen.

Wahre oder falsche Urteile über Sachverhalte können nicht mittels Assoziationen von Wahrnehmungen oder sie repräsentierenden Vorstellungsbildern gebildet werden. Sie wiesen sonst keinen grammatisch-logischen Unterschied zu Traumberichten auf.

Kinder zeichnen abstrakte Strichmännchen, die weit hinter dem, was sie an plastischen Gestalten und wohlproportionierten Figuren in ihrer Umgebung sehen und gesehen haben, zurückbleiben; sie zeichnen nicht Bilder ab, die ihnen etwa die Galerie ihres Gedächtnisses bereithielte, sie zeichnen Begriffe: Mensch, das heißt ein Lebewesen mit einem Kopf und zwei Augen, zwei Armen und Händen, mit denen es nach einem Ding greift, und zwei Beinen und Füßen, auf denen es steht.

Wir bedürfen für die angemessene Alltagsverwendung des Begriffes „Mensch“ keiner terminologisch und ontologisch ausgefuchsten physiologischen, biologischen oder sozialen Theorie; ähnlich wie wir getrost von Wasser sprechen, auch wenn wir nicht wissen, daß es H2O ist.

Die Verwendung des Begriffes „Mensch“ steht auf dem freilich nie ganz sicher auftretenden Fuß der Analogie, daß wir „Mensch“ nennen, was so aussieht wie ein Mensch, unangefochten und nicht in skeptische Zweifel gestürzt durch Machsche Täuschungen im Spiegel.

Es besteht ein wesentlicher grammatisch-logischer Unterschied zwischen den Fällen, in denen wir falsche Begriffe verwenden, und denen, in denen wir Begriffe falsch verwenden: Aufgrund einer oberflächlichen Ähnlichkeit der Zeichenausgabe des Computers ihm eine Sprachfähigkeit zu unterstellen, wie nur Menschen sie haben, geht begrifflich in der Bestimmung der Fähigkeit von Maschinen fehl; wenn Klein Erna wähnt, ihr Hündchen Fips könne ihr versprechen, sich heute früher schlafen zu legen, mag sie in einer kindlichen Märchenwelt leben, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine falsche Verwendung des Begriffs „Versprechen“.

Sachverhalte kann man nicht wahrnehmen, sie sind in das, was wir wahrnehmen, unsichtbar verflochten wie die Verknotungen und Verschlingungen auf der Rückseite eines handgewebten Teppichs, von dessen Vorderseite wir nur die schönen Muster und Motive sehen.

Wenn ich das Blumenbild mit schwarzer Farbe übermale, sehe ich ein anderes Bild, die verschmierte schwarze Fläche. Wenn ich den Sachverhalt, meinem Freund etwas versprochen zu haben, verneine, bleibt gleichsam gar nichts übrig, ähnlich dem Gekritzel auf der digitalen Tafel, das ich ohne Rest wegwischen kann.

Ein Gegenstand kann je nach Sichtbedingungen adäquat oder verzerrt wahrgenommen werden, in jedem Falle haben wir einen visuellen Eindruck. Wenn sich aber herausstellt, daß eine wesentliche Bedingung für die Geltung eines Versprechens nicht erfüllt worden ist, ich zum Beispiel meinen Freund angelogen habe, fiel der Sachverhalt gleichsam ins Wasser und ward nicht mehr gesehen

Wenn ich das Bild von Vermeer unter optimalen Sichtverhältnissen betrachte, kommen seine farblichen Werte und Nuancen optimal zur Geltung; wenn ich das Versprechen eingelöst habe, verschwindet der Sachverhalt.

Wir können, anders als Wittgenstein im Traktat annahm, die Welt nicht aus atomaren logisch-ontologischen Bestandteilen aufbauen, denn Sachverhalte sind keine aus Elementen und atomaren Bestandteilen aufgebauten Gegenstände.

Der Sachverhalt, daß mein Freund lächelte, als ich ihm das Buch wie versprochen zurückbrachte, setzt sich nicht aus den Ennervationen und Muskelbewegungen auf seinem Gesicht zusammen, die bei seinem Lächeln eine kausale Rolle spielen.

Der Sachverhalt, daß sich in diesem Glase Wasser befindet, besteht nicht aus einer Menge von Wasserstoffmolekülen und Sauerstoffatomen; auch wenn ich den Sachverhalt nicht ohne das Dasein dieser Elemente zum Ausdruck bringen könnte.

Was wir als Wasser wahrnehmen, fühlen, schmecken, könnte in einer anderen Welt aus anderen Elementen als H2O bestehen. Nicht so, was wir den Sachverhalt des Versprechens nennen: Sind seine Bedingungen erfüllt, gilt er, ob unter Engeln, Teufeln oder Menschen, sonst nicht.

Wir nehmen etwas wahr, aber wir sprechen über etwas. Wir können über das, was wir wahrnehmen, sprechen und über das, was Peter über seine Wahrnehmung gesagt hat; wir können die artikulierten Laute einer sprachlichen Äußerung wahrnehmen, aber nicht den mit ihr gemeinten Sinn. Der Sinn einer Äußerung erschließt sich unserem Verstehen; einen Satz und den mit ihm dargestellten Sachverhalt verstehen ist aber etwas anderes als die artikulierten Laute seiner Äußerung wahrnehmen.

Erinnerungen und bestimmte Gefühle haben wie Sätze, aber anders als Wahrnehmungen, nicht nur einen perzeptiven, sondern auch einen begrifflichen oder intentionalen Gehalt. Ich erinnere mich an Peters freudiges Lächeln, als ich das Versprechen einlöste und ihm das Buch zurückbrachte; aber die Erinnerung daran, daß Peter sich gefreut hat, lächelt nicht.

Die Stimmung der Schwermut und das Gefühl einer unbestimmten Angst, wie sie Kierkegaard und Heidegger beschreiben, haben keinen spezifischen intentionalen Sachgehalt; diesen enthalten aber die Trauer um den Tod eines geliebten Menschen und die Angst, aufgrund eines Fehlverhaltens einen Freund zu verlieren.

Nicht gefühlsgetönte Interjektionen und damit verbundene Kundgaben wie Aufforderungen und Appelle, sondern intentional, begrifflich oder gedanklich bestimmte Benennungen und Prädikationen sind der Ursprung und Wesenskern der menschlichen Sprache.

Es gibt keinen psychologischen und semantischen Übergang von der Interjektion „Aua!“ zur Äußerung des Kindes „Papa groß“ oder „Puppe schläft“. Das legen die unübertroffenen Untersuchungen und Analysen Karl Bühlers über die geistige Entwicklung des Kindes nahe.

Die gedankliche Leistung des Kindes, das von der Puppe sagt, sie schlafe, geht nicht aus der bloßen Wahrnehmung hervor; denn was an einer Puppe deutet auf ihren Schlaf?

Wenn das Kind namens Carla feststellt, daß Papa groß ist, wird es bald auch feststellen können, daß es selbst im Verhältnis zu ihm klein ist, und sagen „Papa groß, Carla klein“; im nächsten Schritt aber sagen: „Papa groß, Carla nicht“.

Die semantische Leistung der Äußerung eines Sachverhalts oder Gedankens ist abgeschlossen, wenn sie als Behauptung erfaßt wird, die auch verneint werden kann; denn damit gelingt der Übergang zur Bildung von relationalen Ausdrücken wie „Papa größer als Carla“ oder „Carla nicht größer als Papa“ und konsistenten Satzgefügen wie „Puppe kleiner als Carla, Carla kleiner als Papa“, was den Gedanken impliziert: „Wenn die Puppe nicht größer als Carla und Carla nicht größer als Papa ist, dann ist die Puppe nicht größer als Papa.“

Wenn man alle Gegenstände aus dem Zimmer räumt, bleibt das leere Zimmer übrig; aber die Verneinung eines Sachverhalts bezieht sich auf keinen gleichsam aus unserer Lebenswelt in den Nebel der Vorwelt entrückten oder extraterrestrischen Sachverhalt. Was wir als unwahr bezeichnen, wie die Falschheit der Behauptung, es gebe eine größte Primzahl, stellt einen sprachlichen Sachverhalt dar, nämlich die Verneinung der wahren Aussage, daß es zu jeder gegebenen Primzahl einen Nachfolger gibt, aber keinen realen Sachverhalt. Doch die wahre Aussage, zu jeder gegebenen Primzahl lasse sich ein Nachfolger bilden, stellt nicht nur den sprachlichen Sachverhalt einer Behauptung dar, sondern einen Gegenstand des mathematischen Universums.

Die Tatsache des Todes zieht eine absolute Grenze, in der wir nur mehr uneigentlich vom Leben des Verblichenenreden können, denn die Sachverhalte und Begebenheiten einer abgeschlossenen Biographie tauchen alsbald in das mildere Licht der Trauer und das unwirkliche der Nostalgie, wobei die Disteln eines widerborstigen Charakters sogar mit ihren giftigen Stacheln langsam im anonymen Wüstensand eines unerhörten oder gemeinen Schicksals versinken.

Daß die Geburt und der Tod jeweils einen absoluten Sachverhalt und einen singulären Sachverhalt zur Geltung und Wirkung bringen, erfahren wir am intensivsten, wenn wir den Ereignissen beiwohnen.

Die indefiniten Pronomina „etwas“ und „jemand“, mit denen wir uns auf alles und jeden beziehen, denen wir einen Namen geben können, stellen die allgemeinsten ontologischen Begriffe dar, die uns die natürliche Sprache frei Haus liefert. Sie implizieren den Begriff der Identität, der Negation und der Subordination, denn etwas, was wir Rose nennen, schließt die Bezeichnung Orchidee aus, was Pflanze, die Bezeichnung Tier, was Peter, die Bezeichnung Anna; was wir Rose nennen, ist der Bezeichnung Pflanze subordiniert, was Pflanze, der Bezeichnung Lebewesen.

 

Jan 14 21

Henri Michaux, La mer

Ce que je sais, ce qui est mien, c’est la mer indéfinie.

A vingt et un ans, je m’évadai de la vie des villes, m’engageai, fus marin.
Il y avait des travaux à bord.
J’étais étonné.
J’avais pensé que sur un bateau on regardait la mer, qu’on regardait sans fin la mer.

Les bateaux furent désarmés.
C’était le chômage des gens de mer qui commençait.

Tournant le dos, je partis, je ne dis rien, j’avais la mer en moi, la mer éternellement autour de moi.

Quelle mer?
Voilà ce que je serais bien empêché de préciser.

 

Das Meer

Das, was ich kenne, das, was mir gehört, ist das Meer, das unbestimmte.

Mit einundzwanzig entfloh ich dem Leben der Städte, heuerte an, wurde Matrose.
An Bord gab es Arbeit.
Ich war verblüfft.
Ich hatte gedacht, auf einem Schiff betrachte man das Meer, betrachte man pausenlos das Meer.

Die Schiffe wurden aufgegeben.
Damit verloren die Seeleute ihre Arbeit.

Ich kehrte ihnen den Rücken, ich ging weg, sagte kein Wort, ich hatte das Meer in mir, das Meer auf immer um mich.

Welches Meer?
Tja, das genauer zu sagen wäre ich außerstande.

 

Jan 14 21

Jahrestage der Seele

Du weiche Frühlingsluft,
du hast die kranke Seele,
daß sie sich kaum mehr fühle,
entrückt in dunklen Duft.

Du blaue Sommernacht,
du hast dem fremden Gast
des Südens Hauch gebracht,
betauter Trauben Glast.

Du herbstverklärtes Laub,
in dein Geheimnisschauern
löst sich des Menschen Trauern
und Sinnens feiner Staub.

Du helle Winternacht,
Kristall aus Schaum und Geist,
vom Strahl des Monds entfacht,
ist er der Schmerz, der preist.

 

Jan 13 21

Am Denkstein verblüht

Grauendes Nervengeflecht,
von sirrenden Nadeln
träumender Moiren
da und dort schon aufgetrennt,
Spleiße, rußig
vom Blitzen schartiger Zungen.

Gilbendes Blumengebinde,
am Denkstein verblüht,
zerküßt von Staubes Lippen,
Ruch der Entsagung,
vermengt mit dem Blaken
nachtblauer Flammen.

Zweifelnde Schattenranken,
ins Schneelicht gesprochen
vom Mund, der sich auftut,
als hätten Kristalle noch Duft,
vom Mund, der sich schließt,
wenn Reif den Efeu entrückt.

 

Jan 13 21

Henri Michaux, Chaque jour plus exsangue

Le Malheur siffla ses petits et me désigna. «
« C’est lui, leur dit-il, ne le lâchez plus. »
Et ils ne me lâchèrent plus.

Le Malheur siffla ses petits.

« C’est lui, leur dit-il, ne le lâchez plus. »

Ils ne m’ont plus lâché.

 

Tag um Tag weniger Blut

Das Unglück zischte seine Jungen an und zeigte auf mich.
„Das ist er“, sagte es ihnen, „laßt nicht mehr von ihm ab.“
Und sie ließen nicht mehr von mir ab.

Das Unglück zischte seine Jungen an.

„Das ist er“, sagte es ihnen, „laßt nicht mehr von ihm ab.“

Sie haben nicht mehr von mir abgelassen.

 

 

Jan 12 21

Lückenbüßer

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

An der Lücke in der Buchreihe oder der Zeile, am Fleck an der Wand, am Loch in der Gardine bleibt der Blick hängen.

Die Zunge, die immer wieder die Lücke des herausgefallenen Zahnes befühlt und betastet.

Mancher Fleck wirkt einnehmend, der Schönheitsfleck; leichtes Schielen charmant, der Silberblick. – Nicht so Pockennarben, nicht hervorquellende Augen.

Die Lücke in der Wahrnehmung füllen wir mittels Hypothesen über die Konstanz von Dingen und die Kontinuität von Ereignissen; den Ball, der in ein Rohr rollt und am anderen Ende wieder austritt, sieht schon das Kind für denselben Gegenstand an.

Den Mann, der abends das Haus betritt und morgens wieder verläßt, glauben wir nicht durch die Ereignisse der Nacht wesentlich verändert; den Träumen, die er hatte, billigen wir nicht zu, ihn in seiner Persönlichkeit einschneidend zu modifizieren.

Täten wir dies, lebten wir in einer anderen Welt; etwa in einer, wie sie uns Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ vor Augen führt.

Die fehlende Silbe, das ausgefallene Wort, die Lacuna einer Textzeile füllt der kundige Philologe mittels Analogieschluß vom Kontext auf das Gemeinte, Sinnvolle, Ähnliche aus. Der Kontext kann der übergeordnete Abschnitt, das ganze Buch, das ganze Werk des Schriftstellers sein.

Analogien sind die Lückenbüßer des menschlichen Denkens.

Das sprachlich fortgeschrittene Kleinkind bildet zu dem öfters gehörten Ausdruck „länger“ oder „dunkler“ den analogen „guter“ oder „nächter“ (vom Substantiv Nacht). Auch wenn es danebengreift, beweist es mit solchen analogen Bildungen eine gleichsam poetisch-grammatische Fähigkeit.

Analogien sind bisweilen schwache Kerzen, die ein fragwürdiges Dämmerlicht auf die nächtliche Umgebung werfen oder die Konturen der Dinge gespenstisch verzerren.

Manchmal bieten Analogien den Trost einer kampflos errungenen Gewißheit. Doch kommt er, der unerbittliche Sturm des Schicksals, der diese anheimelnden Kerzen ausbläst.

Die Wissenschaft geht fehl, wenn ihre Sprache in Analogieschlüssen luxuriert; Freuds Annahme über den Vatermord der urzeitlichen Horde ist eine phantastische und unerweisliche Analogie aus der Theorie des ödipalen Konflikts in der Individualentwicklung.

Eine sinnreiche Analogie aber ergibt sich aus der Annahme, die frühen Entwicklungsphasen des Spracherwerbs beim heute lebenden Kind ließen Rückschlüsse auf die sprachliche Entwicklung der menschlichen Frühzeit erkennen.

Zunächst sind die kindlichen Lautäußerungen ungeformte Einwortsätze, deren Funktionen als Ausdruck, Aufforderung oder Benennung, wenn der Äußerungskontext keine näheren Aufschlüsse zuläßt, noch ungeschieden auftreten. „Wauwau!“ kann heißen: „Oh, was für ein lieber Hund“; „Gib mir das Hündchen zum Spielen!“; „Schau mal, da ist ein Hund!“

„So wie es bei uns ist, muß es überall sein!“ – Sagt der Philister, der sich andere Lebensformen nicht vorstellen kann, aber auch der Kosmologe, der davon ausgeht, daß im Rest des Universums alles so aussieht oder nach denselben Gesetzen abläuft wie in dem von uns beobachteten Ausschnitt.

Die Kriterien der Identität sind andere als die der Ähnlichkeit. – „Heute habe ich Peter auf der Straße gesehen.“ – „Peter weilt zur Zeit in Amerika, wen du gesehen hast, war sein Zwillingsbruder Hans, der kürzlich in unser Viertel gezogen ist.“

Fehlende Teile und Glieder ergänzen wir spontan am projektiven Bild der ganzen Gestalt.

Der Paläoontologe schließt vom Fußabdruck im Sand auf den aufrechten Gang, vom einzelnen Zahn auf die Struktur des Gebisses und die Ernährungsweise, vom Unterkiefer auf die Form des Gesichts. Aber die Datierung seiner Funde anhand des radioaktiven Zerfalls von Isotopen ist kein Analogieschluß, sondern ein deduktiver Schluß von den physikalischen Daten auf das Alter.

„Das sieht ihm ähnlich!“ – Wir schließen von einer Reihe von Verhaltensbeobachtungen auf den Charakter eines Menschen, das heißt auf seine Disposition, sich in ähnlichen Situationen ähnlich zu verhalten. Doch bisweilen müssen wir uns eingestehen, daß wir ein bestimmtes Verhalten nicht erwartet hätten.

Wittgenstein glaubte, in bestimmten, wenn nicht den meisten Fällen die Identität der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken durch die Ähnlichkeit der Sprachspiele ersetzen zu können, in denen sie verwendet werden. Spiele sehen sich mehr oder weniger ähnlich, doch lassen sich nicht alle als Instanzen eines Allgemeinbegriffs darstellen oder aus einer allgemeingültigen Definition ableiten.

Doch von der Ähnlichkeit von Familienangehörigen zu sprechen, ist nur sinnvoll, wenn wir wissen, daß sie miteinander verwandt sind: Verwandtschaft aber beruht ihrerseits nicht auf Ähnlichkeit, sondern auf Abstammungslinien, die wir objektiv mittels DNA-Analyse verifizieren können.

Familienmitglieder können sich trotz Verwandtschaft manchmal nicht ähnlich sehen.

Identität ist der logisch ursprüngliche, Ähnlichkeit der abgeleitete Begriff.

Die Analogieschlüsse des Philologen, der die Lücke im Text durch sinnadäquate Ausdrücke komplementiert, beruht auf der Annahme der Identität des Autors, bei einem anderen Autor wäre der gewählte, die Lücke füllende Ausdruck nicht sinnadäquat.

Sprechhandlungen wie die Aufforderung, die Frage, das Versprechen sind Instanzen oder Exemplifizierungen jenes Typus von Sprechhandlung, den wir Aufforderung, Frage oder Versprechen nennen. Der Typus bildet die semantische Identität, die Instanzen Variationen auf dasselbe Thema, die einander ähnlich sind.

Wir können neue Typen, Begriffe, Strukturen von Sprechhandlungen erfinden; so erfanden wir in Analogie zur echten Frage die rhetorische Frage, in Analogie zur behauptenden Aussage die ironische Aussage.

Wir können von der Ähnlichkeit nicht auf Verwandtschaft oder die Identität des Begriffes schließen; der Sprachcomputer spuckt Zeichen aus, die denen der menschlichen Sprache ähnlich sind, aber wenn wir ihn einem Turing-Test unterziehen, der seine Verlautbarungen nach Kriterien des spontanen Vorgangs von Dialogen zwischen Menschen bemißt, besteht er ihn nicht.

Der kindlich Fromme nennt Gott Vater; diese helle Kerze familiärer Analogie ward Nietzsche von jenem Sturmwind ausgeblasen, den er Fatum nannte. Doch sein eigener Analogiezauber hieß: Amor fati.

Das Versagen der Analogie zwischen unseren Begriffen und dem unbegreiflichen Dunkel des Daseins erleben wir als Schwermut.

Mit der Entdeckung des Unähnlichen, der irrationalen Zahl bei Pythagoras, beginnt das philosophische Grübeln; mit der Erfahrung der Unverhältnismäßigkeit von Leid und Gerechtigkeit, wie bei Hiob, das theologische.

Wir können nur die Früchte von den Bäumen im Garten der Sprache pflücken, den wir sorgsam hegen und pflegen. Er kann durch die Invasion freßwütig schmatzender Raupen Schaden nehmen, durch den Sturm der Geschichte verwüstet werden.

Die Einschußlöcher im Nervengeflecht des Bewußtseins und Selbstgefühls, die feindselige Worte und schartige Gesten uns rissen, wachsen nicht wieder zu und bleiben wundenwach, wenn wir sie immerfort mit der Zunge der Erinnerung belecken.

Dem Archäologen stehen reichlich Scherben und Steine zur Verfügung, mit denen er die zerstörten Stellen und blinden Flecken des ramponierten Mosaiks nach Analogie des projektiven ganzen ergänzt; die zerstörten Stellen der Erinnerung, die uns traumatisches Erleben weggekratzt hat, suchen wir vergeblich mit dem lebendigen Material zu flicken, das wir dem Zellverband unseres Bewußtseins entreißen. So erklärt sich manches Stolpern und Stottern, so Verlegenheit und Verstummen.

Wir können einen Satz verstehen, wenn wir wissen, daß er nach Analogie eines anderen Satzes gebildet ist, den wir verstanden haben. Doch zu unserem individuellen Leben steht uns keine Analogie zur Verfügung.

Unser Leben ist in vielerlei Hinsicht eine Exemplifizierung typischer Lebensläufe; doch in den Biographien anderer Leute herumzuwühlen und zu buddeln, bringt uns nicht auf den Grund der eigenen.

Sieht ein Zwilling dem anderen auch noch so ähnlich, sind es doch zwei getrennte Wesen. 4/4 und 1 sehen sich überhaupt nicht ähnlich, und sind doch derselbe Zahlenwert.

Das Höchste, wozu wir es auf gedanklichem Wege bringen, ist zu sagen, daß etwas so oder so ist; zu sagen, daß die Frucht in dieser Schale ein Apfel ist, ist etwas anderes als der Ausdruck der Wahrnehmung des Apfels in der Schale. Die Wahrnehmung des Apfels ist nicht die Feststellung des Sachverhalts, daß die Frucht in der Schale ein Apfel ist.

Wir können die Annahme oder die Aussage, daß die Frucht ein Apfel ist, verneinen, nicht aber die Wahrnehmung der Frucht.

Die Möglichkeit der Verneinung impliziert das Vorkommen eines Gedankens der Form, daß etwas so oder so ist.

Der Gedanke enthält eine unbegrenzte Kette möglicher Gedanken; denn aus dem Gedanken, daß dies so ist, folgt, daß es nicht der Fall ist, daß dies nicht so ist. Der Vorgang der Negation läßt sich beliebig iterieren.

Die Analogie führt uns zur Vermutung, daß etwas so oder so ist, nicht aber zur Feststellung des Sachverhalts, daß es so oder so ist, denn diese beruht auf dem Kriterium der Identität der Bedeutung.

Sachhaltig überprüfbare Gedanken und Aussagen bedürfen einer präzisen baumartig hierarchisierten oder netzartig verwobenen Ontologie, die sich in der Anwendung wissenschaftlicher Klassifikationen und Terminologien, wie der botanischen oder zoologischen, bewähren muß.

Wir haben indes keine Schwierigkeiten, das Kleinkind zu verstehen, das zu allem, was auf vier Beinen läuft „Wauwau“ sagt, wie wir selbst ohne Federlesens klare Urteile bilden, in denen wir von Sonnenuntergängen und Walfischen reden.

In der Sprache der lyrischen Dichtung finden wir eindrucksvolle Relikte einer prälogischen, animistischen und mythischen Stufe des Bewußtseins, die sich vorzüglich unter Anwendung von Analogien wie Blut und Leben, Springquell und Jubel, Wolke und Traum, Wasser und Tod zum Ausdruck bringt.

Die Äpfel, die uns in der Schale lyrischer Verse dargeboten werden, haben bisweilen den goldenen Glanz und purpurnen Schimmer eines unwirklichen Lichts, das eher dem Strahl des Monds eines fremden Planeten ähnelt als dem des Erdtrabanten.

 

Jan 12 21

Henri Michaux, Repos dans le malheur

Le Malheur, mon grand laboureur,
Le Malheur, assois-toi,
Repose-toi,
Reposons-nous un peu toi et moi,
Repose,
Tu me trouves, tu m’éprouves, tu me le prouves.
Je suis ta ruine.
Mon grand théâtre, mon havre, mon âtre,
Ma cave d’or,
Mon avenir, ma vraie mère, mon horizon.
Dans ta lumière, dans ton ampleur, dans mon horreur,
Je m’abandonne.

 

Ruhe im Unglück

Unglück, mein großer Pflüger,
Unglück, lass dich nieder,
ruh dich aus,
ruhen beide wir ein wenig, du und ich,
ruhe aus,
du findest mich, du schindest, überwindest mich.
Ich bin dein Trümmerfeld.
Mein großes Spiel, mein Ziel, mein Pfühl,
mein Keller aus Gold,
mein Morgenlicht, mir Mutter ganz, mein Horizont.
In deinem Glanz, in deinen Auen, in meinem Grauen
streck ich mich aus.

 

Jan 11 21

Henri Michaux, Bonheur

Parfois, tout d’un coup, sans cause visible, s’étend sur moi un grand frisson de bonheur.

Venant d’un centre de moi-même si intérieur que je l’ignorais, il met, quoique roulant à une vitesse extrême, il met un temps considérable à se developer jusqu’à mes extrémités.

Ce frisson est parfaitement pur.
Si longuement qu’il chemine en moi, jamais il ne rencontre d’organe bas, ni d’ailleurs d’aucune sorte, ni ne rencontre non plus idées ni sensations, tant est absolue son intimité.

Et Lui et moi sommes parfaitement seuls.

Peut-être bien, me parcourant dans toutes mes parties, demande-t-il au passage à celles-ci :
« Eh bien? ça va? Est-ce que je peux faire quelque chose pour vous ici? »
C’est possible, et qu’il les réconforte à sa façon.
Mais je ne suis pas mis au courant.

Je voudrais aussi crier mon bonheur, mais quoi dire? cela est si strictement personnel.

Bientôt la jouissance est trop forte.
Sans que je m’en rende compte, en quelques secondes cela est devenu une souffrance atroce, un assassinat.

La paralysie! me dis-je.

Je fais vite quelques mouvements, je m’asperge de beaucoup d’eau, ou plus simplement, je me couche sur le ventre et cela passe.

 

Glück

Bisweilen hüllt mich, plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, ein tiefer Schauer des Glückes ein.

Aus dem Zentrum meiner selbst kommend, so innerlich, daß ich es nicht kannte, braucht er, auch wenn er sich mit äußerster Geschwindigkeit einherwälzt, braucht er eine beträchtliche Zeit, um sich bis zu meinen Extremitäten auszubreiten.

Dieser Schauer ist vollkommen rein.
Während er sich in mir seinen Weg bahnt, trifft er nie auf ein unteres Organ, und auch sonst auf keines, er trifft auf keine Vorstellungen noch Empfindungen, so absolut ist seine Intimität.

Und er und ich sind vollkommen allein.

Während er all meine Teile durchläuft, mag es geschehen, daß er sie im Vorübergehen fragt:
„Na, wie geht’s? Kann ich hier irgendetwas für euch tun?“
Das kann passieren, auch, daß er sie auf seine Weise tröstet.
Doch bin ich nicht auf dem Laufenden.

Auch ich würde mein Glück gern herausschreien, doch was sagen? Das ist eine ganz persönliche Angelegenheit.

Bald wird der Genuß zu stark.
Ohne es recht mitzubekommen, ist daraus in Sekundenschnelle ein gräßliches Leiden entstanden, ein Meuchelmord.

„Paralyse!“, sage ich mir.

Ich mache schnell ein paar Bewegungen, besprenge mich reichlich mit Wasser oder noch einfacher, ich lege mich auf den Bauch, und es geht vorüber.

 

Jan 11 21

Der Kinderwagen

Wie Schiffe, so wogten sie hin,
bastgeflochtene Körbe
auf Rädern mit astkrummen Speichen,
die hohl sirrten, dumpf quietschten,
eines rollte davon,
das schon lange gewackelt.

Ein bauchiger Baldachin
barg dich, Kind, vor der Welt,
den Bissen der Sonne, der Windsbraut,
manchmal hörtest du tröpfeln
elegischen Singsang den Regen,
Samtpfoten tupfen den Schnee.

Ein Glöckchen klirrte sein Ja
den holprigen Pflastersteinen,
im flauschigen Kissen war Schlaf,
bis eine nestelnde Hand
den blumigen Vorhang dir auftat:
das Lächeln graublauer Augen.

Lalltest dein erstes Wort
du hier vor dem Licht sanfter Blicke,
den Zwillingsklang deiner Freude,
oder hernach, als ihr Arm,
die weiche Biegung der Lust,
unter ihr Seufzen dich hob?

Hat er noch lange gedämmert,
der zersplissene Kinderwagen,
unter dem Dache, im Schuppen,
bei verschollenen Dingen,
sinkt er noch langsam, noch langsam
in des Erinnerns Morast?

 

Jan 10 21

Reife und Größe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das reife Urteil können wir Kindern und Phantasten politischer und künstlerischer Provenienz nicht überlassen, gehört doch die Einsicht in die Unterschiede zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, kindlichem Spiel und Ernst des Lebens, Fiktion und Realität zu seinen Voraussetzungen.

Das reife Urteil ist die Frucht der Einsicht in die Mittel und Wege, ein Hindernis und eine Schwierigkeit zu überwinden, die sich weder durch instinktgebundene noch als Gewohnheit andressierte oder konditionierte Bewegungen, sondern nur durch zweckdienliche und sinnreiche Methoden wie die Entdeckung von Umwegen oder die Erfindung adäquater Instrumente überwinden lassen.

Es ist vergebens, die geschlossene Tür einzurennen oder das zugeschnappte Schloß zu demolieren; sie öffnet sich nur dem, der den richtigen Schlüssel im Schloß umdreht.

Der Nestling ist herangereift, wenn er flügge wird; der Instinkt, die Altvögel mittels Schreien und aufgerissenem Schnabel zum Füttern zu bewegen, schwindet. Der junge Vogel verläßt das Nest, pickt nach Würmern, schnappt nach Fliegen und baut sich bald im eigenen Revier seine eigene Brutstatt.

Die Vergötzung des Juvenilen ist ein Kennzeichen einer dekadenten Gesellschaft.

Die Entwicklung des Körpers und des Gehirns unterliegt gesetzmäßigen Phasen der Reifung; wichtige Schwellen sind das Erlernen der Sprache und die Ausprägung des sexuellen Dimorphismus in der Pubertät. Der Stotterer eignet sich meist nicht zum Rezitator, der Hermaphrodit nicht zum Vater.

Wer nicht flügge werden will, scheut den Ernst, den Kampf, das Abenteuer des Lebens oder ist ein fauler Parasit, der den Eltern und ihren Surrogaten, den Partnern, den Freunden, dem Staat, auf der Tasche liegt.

Bei den Gliederfüßlern wie den Ameisen, Bienen und Wespen fehlt das kindliche Lernen motorischer Geschicklichkeit und sozialer Verständigung im Spiel; sie bedürfen seiner nicht, denn sie tragen die Programme zweckvollen Verhaltens und instinktgeleiteter Verständigung im Unterschied zu den spielerisch lernenden Wirbeltieren vollausgeprägt in ihrem Erbgut.

In der christlichen Lehre finden wir eine Spannung zwischen der Wahrheit dessen, was Kierkegaard Ernst nennt: „Jeder nehme sein Kreuz auf sich“, und dem Gebot: „Ein jeder trage des anderen Last.“ So haben sich sowohl Realisten als auch Utopisten auf sie berufen.

Die Griechen sahen die reifste Frucht der Einsicht im Ratschluß des Zeus, der freundlichen Geste der Wege und Auswege weisenden Athene und der Weisheit Apolls, Göttern der Höhe und des Lichts.

Die Einsicht, die sich im gültigen Urteil niederschlägt, ist ein spezifisches Humanum; sie bedarf des ruhigen Überblicks über verworrene und schwierige Lagen und Herausforderungen; sie sieht den verborgenen Weg oder Umweg, der hinausführt, oder die Mittel und Werkzeuge, einen Ausweg zu bahnen. Sie nimmt das Risiko des Irrwegs und des Irrtums auf sich und vermag den möglichen Nutzen oder Schaden mittels logischer Folgerungen auszuloten und zu gewichten.

Die Intelligenz, die sich im sinnvollen Hantieren mit präparierten Werkzeugen wie bei den Menschenaffen niederschlägt, ist vorsprachlich; ihre erfolgreichen Handlungsmuster können nachgeahmt, aber nicht mittels objektiver Dokumentation tradiert werden.

Der Schimpanse bringt es so weit, die ungreifbare Frucht unter Zuhilfenahme eines Stockes herunterzuschlagen; der Mensch pflanzt und züchtet den Baum in seinem Garten, der ihm die köstlichsten Früchte schenkt.

Die Verteilung der Urteilsfähigkeit auf die Mitglieder sozialer Gruppen unterliegt wie die der Intelligenz und der logischen Kompetenz, mit denen sie korreliert, der Gaußschen Kurve.

Wir unterscheiden intellektuelle und seelische oder mentale und moralische Formen der Unreife. Die intellektuelle Unreife zeigt sich in der Verwechslung von Ursache und Grund, von Gesetzmäßigkeit und Sinnhaftigkeit sowie in der Verkümmerung oder Verwahrlosung der sprachlichen Syntax bei der Darstellung komplexer Beziehungen; man entschuldigt ein Fehlverhalten als scheinbar unausbleibliche Wirkung eines Affekts und gibt als Grund für eine kriminelle Tat die verhängnisvolle Wirkung einer düsterer Herkunft an; den Sinn eines Gemäldes erklärt man mit den Gesetzmäßigkeiten der Komplementarität und Kontrastwirkung der Farben. Man sagt „durch“, wo es heißen müßte „dank“ oder „wegen“, man gebraucht die Konjunktion „als“, wo „nachdem“ oder „obwohl“ am Platze gewesen wäre. – Seelische und moralische Formen der Unreife bezeugen die Unfähigkeit, Unglück zu ertragen, und die larmoyante Einstellung, die Konflikte und Leiderfahrungen, die unausbleiblich aus intimen Beziehungen wie Liebe, Ehe und Familie oder institutionellen Ordnungssystemen wie Unternehmen und Staaten entspringen, dem schieren Vorhandensein solcher Beziehungen und Institutionen anzulasten.

Das logische Denkvermögen reift am korrekten Gebrauch der syntaktischen Verknüpfung von Sätzen; an der grammatisch korrekten Darstellung von temporalen, kausalen oder konzessiven Sinnzusammenhängen, von realen und irrealen Bedingungsgefügen.

Die Einsicht integriert die perspektivischen Verzerrungen und die optische Wirkung der eigenen Sichtschneisen und Fluchtlinien in das gesehene Bild. Die Scheinbewegung der Sternbilder am nächtlichen Himmel ist eine  Funktion der Eigenbewegung der Erde.

Der Schluß von Anzeichen und Indizien setzt den Begriff des zu erschließenden Gegenstandes voraus; der Flußlauf die Quelle, der Rauch das Feuer. Der Schluß von paläoarchäologischen Funden von Überresten des Frühmenschen in Griechenland (Graecopithecus), die nachweislich älter sind als die afrikanischen Funde, erschüttert die Annahme, der Vorfahr des Homo sapiens sei in Afrika entstanden.

Die natürliche Reife der menschlichen Entwicklung markiert die physische Disposition zur Zeugung und Schwangerschaft; die sittliche die angemessene Übernahme der Rolle des Vaters und der Mutter.

Die wesentlichen Kennzeichen menschlicher Reife sind Dispositionen und Fähigkeiten, wie greifen und hantieren, stehen und laufen, reden, schreiben und malen zu können.

Das wesentliche Kennzeichen ausgereifter sprachlicher Kompetenz ist die Fähigkeit zur Benennung und Beschreibung des Benannten.

Der Übergang vom Ausruf „Aua!“ zur Äußerung „Ich habe Bauchweh“ zeigt die entscheidende Schwelle an, die von der Kundgabe zur reifen sprachlichen Darstellung führt.

Der Übergang von der Beschreibung „Peter sagte X, Hans sagte Y, worauf Peter wiederum Z äußerte“ zur Verwendung des universellen Namens „Gespräch“ für diese Art von Ereignis zeigt die entscheidende Schwelle an, die von der Reihung von Sätzen zur ausgereiften Ontologie von Objekten, Attributen und Ereignissen führt; denn Gespräch nennen wir jenes Ereignis, bei dem zwei Personen in der Rolle von Sprecher und Hörer einander abwechseln.

Falsche und angemaßte Größe sehen wir allenthalben, wo geistige Zwerge auf dem Kothurn der Macht und Arroganz einherschreiten.

Reife und Größe können Schwestern, aber auch feindliche Brüder sein.

Der größere Baum wirft den längeren Schatten.

Sein eigenes Krächzen schätzt der Rabe höher als den Gesang der Lerche.

Größe der Macht, die gemein, und Größe des Geistes, die einsam macht.

Der Kleingeist jätet lieber die Lilien, die sein Gemüse überragen, als sich an ihrer Schönheit zu erfreuen.

Seelische Reife zeigt sich in der Neigung, unerreichbare Größe zu bewundern, statt sie neidzerfressen niederer Motive zu verdächtigen.

Größe, die sich vor der Gefahr der Hybris rettet, indem sie sich eingesteht, daß ihr sublimster Ausdruck ein Geschenk der Götter war.

Größe dessen, der schweigt, wenn die Quellen versiegen, die verstimmte Laute in den Baum hängt, der ihm zum letzten Male grünt.

Männer, die ihre schöne, stille Geliebte dem billigen Ruhm des lauten Jahrmarkts opfern.

Frauen, die billigen Ruhm ernten, wenn sie die schöne Leiche im Keller großer Männer ausbuddeln.

Echte oder angemaßte Größe ist die Aura der Autorität und Führerschaft, ohne die soziale Gruppen zerfallen.

Intelligenz kann man nicht vortäuschen.

Der Lehrer, der sich so klein macht wie seine Pimpfe und so tut, als wisse er nicht mehr als sie, ist eine lächerliche Figur des Zeitgeistes.

Von dem Arzt, der als Scharlatan entlarvt wird, weil er seine Approbation betrügerisch erschlichen hat, will sich keiner behandeln lassen.

Der farbenblinde Maler und der amusische Dichter werden gefeiert; freilich, der abstrakte Schinken ist gut genug, den Schmutzfleck an der Wand zu verdecken, das unharmonische Gezeter die innere Öde zu übertäuben.

Wenn alle für ebenbürtig gelten, wird die Dummheit und Verkommenheit der Dümmsten und Verkommensten zum Maßstab.

Manche haben dem Bruder die Suppe versalzen, manche den Nachbarn verpfiffen, manche zogen singend durch den Sumpf der Perversionen, diejenigen nicht zu vergessen, die im Blut vor dem Götzen wateten, den sie als ihre Wahrheit anbeteten und propagierten – doch alle kommen als reine Unschuldslämmer ins Paradies eines Origenes und Rousseau oder des zeitgenössischen Egalitarismus.

Zu pervers und bizarr, um nicht zum Idol zu taugen.

Zu schön, harmonisch und sublim, um einer Aufnahme in die Anthologie zeitgenössischer Gedichte für würdig befunden zu werden.

Größe zeigen wie auf den Gebieten der Mathematik und Wissenschaft nicht minder die Erfinder und Entdecker im Garten der Dichtung; so Sappho, Alkaios und Asklepiades, die es um den Ausdrucksreichtum ihrer rhythmischen Wasserspiele und strophischen Ranken erweiterten; so Horaz, der ihre metrischen Formen als hellhörige und tiefblickende Organe und Instrumente zur Verfeinerung der lateinischen Dichtersprache entdeckte und verwendete.

Der unreife Apfel schmeckt sauer, das Geschwätz des Zeitgeistes fade.

Die reife Frucht leuchtet, vom fauligen Anhauch bekommt sie häßliche Flecken.

Die uns die Ahnen säten, die Funken des Logos spermatikos, im Dunkel flackern sie noch wie schwache Friedhofskerzen.

 

Jan 9 21

Alte Weide, junge Blüte

Die sich übers Wasser neigt,
und ihr Sein ist Schauern,
Weide, alte Weide,
als fühlte sie dein Trauern,
als wüßte sie vom Leide,
und weshalb die Liebe schweigt.

Die auf dunklem Wasser scheint,
und ihr Sein ist Wallen,
Blüte, junge Blüte,
als hielte sie dein Fallen,
als wüßte sie von Güte,
und weshalb die Liebe weint.

 

Jan 8 21

Farbproben

Die graue Wolke flutet,
die graue Wolke reißt,
die graue Wolke blutet,
die graue Wolke.

Die blaue Vase zittert,
die blaue Vase schwebt,
die blaue Vase splittert,
die blaue Vase.

Das grüne Auge funkelt,
das grüne Auge träumt,
das grüne Auge dunkelt,
das grüne Auge.

Die weiße Blüte trauert,
die weiße Blüte trinkt,
die weiße Blüte schauert,
die weiße Blüte.

 

Jan 7 21

Vis verborum

Über semantische Mächtigkeit

At idola fori omnium molestissima sunt; quae ex foedere verborum et nominum se insinuarunt in intellectum. Credunt enim homines, rationem suam verbis imperare. Sed fit etiam ut verba vim suam super intellectum retorqueant et reflectant; quod philosophiam et scientias reddidit sophisticas et inactivas. Verba autem plerunque ex captu vulgi induntur, atque per lineas vulgari intellectui maxime conspicuas res secant. Quum autem intellectus acutior, aut observatio diligentior, eas lineas transferre velit, ut illae sint magis secundum natura, verba obstrepunt.

Doch am widrigsten sind die Idole des Marktes; mittels syntaktischer Verknüpfung von Nomen und Verb im Satz haben sie sich in den Verstand eingeschlichen. Zwar meinen die Leute, kraft der Sprache ihren Geist im Griff zu haben. Doch passiert es wohl, daß die Worte ihre Macht hinterrücks über den Verstand ausüben, ihn biegend und beugend. Das Ergebnis sind Sophisterei und geistige Lähmung in Philosophie und Wissenschaft. Die Sprache aber ist meist auf das geringe Fassungsvermögen der Menge zugeschnitten, und sie unterteilt die Gegenstände nach Linien und Gesichtspunkten, die am ehesten dem Verstand des gemeinen Mannes einleuchten. Wenn aber der schärfere Intellekt und die sorgsamere Beobachtung diese Einteilungen verschieben wollen, auf daß sie der wahren Natur des Gegenstandes mehr entsprechen, sträuben sich die Worte mit lautem Getöse.

Francis Bacon, Novum Organum, Aphorismus LIX

 

Das Mißtrauen der Philosophen gegenüber den Trugbildern und Fallstricken der sprachlichen Darstellung ist so alt, wie die Vermutung oder Entdeckung, daß unsere Begriffe oder Konzepte ihrem sprachlichen Ausdruck verhaftet bleiben, gleichsam wie Herder sagt an ihm kleben. Eigentlich, so die seltsame und denkwürdige Schlußpointe des platonischen Kratylos, sei es besser wortlos zu denken, wenn man zu den Sachen selbst oder der Wahrheit vordringen will, oder wie Bacon es unter fast blasphemischer Anspielung auf ein Jesuswort ausdrückt: In das neue säkulare Himmelreich der Wissenschaft, das Paradies, das nunmehr um uns seine seltsamen Blüten treibt, gehöre nur, wer rein und unschuldig ist wie ein Kind (infans: das Kleinkind, das der Sprache noch nicht mächtig ist).

Bei Wittgenstein finden wir beides, das Mißtrauen, das sich wie im Bild von der in die Sprachfalle geratenen Fliege bis zu Angst und Panik steigert, und das Vertrauen in die vis verborum und die konzeptuelle Kraft der natürlichen Sprache, wie es seine Ausführungen zu den Sprachspielen vor Augen führen, die ja dem alltäglichen Sprachgebrauch abgelauscht und abgemerkt sind.

Neben den grammatischen Einteilungen wie die in Nomen, Verb, Adverb finden wir die semantischen nach Wortfeldern, Sachgruppen und Bedeutungsschichten, die sich wie die Wortfelder „Hand“, „Handlung“ und „Aufforderung“ überlappen, überlagern oder hierarchisch untergliedern oder einander sinngemäß ablösen (erst ergeht die Sprachhandlung „Reiche mir doch das vor dir liegende Buch“, dann folgt der Griff nach dem Gewünschten).

Wenn wir mit Karl Bühler die Vermutung aufgreifen, der Imperativ oder die Aufforderung sei einer der urtümlichsten Sprechakte, dessen Ursprünge sich vor die Bildung der Flexionssysteme der indogermanischen Ursprache zurückverfolgen lassen, denken wir spontan an sprachliche Ausdrücke wie: „Hierher!“, „Dorthin!“, „Vorwärts!“, „Nicht weiter!“, „Komm!“, „Gib es mir!“, „Da, nimm!“

Wir befinden uns an der Seite dessen, der einen anderen hier und jetzt zu etwas auffordert, im Mittelpunkt der geteilten Wahrnehmungssituation und im Zentrum des deiktischen Zeigefelds der Sprache. Die deiktischen Indikatoren „hier, dort, jetzt, vorher, dann“ und „ich, du, dieses, jenes, dieser, jener, diese, jene“ teilen das primäre Wahrnehmungsfeld gleichsam in Tast- und Sichtschneisen rings um den Körper dessen auf, der hier und jetzt seine Aufforderung an den Sozius oder die Gruppe richtet.

Der menschliche Körper ist ein Primärobjekt sprachlicher Einteilungen; all seine Glieder und Organe sind von Kopf bis Fuß von der vis verborum erfaßt, von den Haaren über die Teile des Gesichts bis zu den Gliedmaßen; wir belassen es nicht bei Auge und Ohr, sondern unterscheiden Wimpern und Lider, Ohrläppchen und Ohrmuschel, belassen es nicht bei Hand und Fuß, sondern unterscheiden Finger und Zehen, Nägel, Wurzel und Kuppe.

Schlagen wir in einem medizinischen Handbuch nach, finden wir unter dem Lemma „Finger“ die Angabe Digitus, der drei Knochen aufweist: Phalanx proximalis, media und distalis, nur der Daumen hat zwei Phalangen und nimmt eine Oppositionsstellung gegenüber den anderen Fingern ein.

Die äußerst subtile und verästelte sprachliche Klassifikation der Organe des menschlichen Körpers gehört, vergleichbar mit dem botanischen und zoologischen Klassifikationssystem eines Linné, zu den Höchstleistungen der sprachlichen Darstellung in Physiologie, Chirurgie und Neurologie.

Aber auch der Chirurg fordert bei der Vorbereitung des operativen Eingriffs die Assistentin auf, ihm die Schutzhandschuhe über die Hände zu streifen; der Wissenschaftler, der Mediziner oder der Physiologe, muß, bevor er über die intrinsische Muskulatur des Digitus spricht, als Kind gelernt haben, die Wörter Hand, Finger und Fingerspitze richtig zu verwenden.

Die biologische Tatsache der Struktur der menschlichen Hand mit der opponenten Stellung des Daumens und ihrer zentralnervösen Steuerungskomplexität ist gemeinsam mit der genetischen Anlage zur Ausprägung der Sprachfähigkeit in den entsprechenden Hirnarealen und den Organen der Lautproduktion wie Gaumen, Zunge und Kehlkopf und dem aufrechten Gang ein entscheidendes Kennzeichen der menschlichen Spezies.

Die Semantik des Wortes Hand und seine Ableitungen und Weiterungen wie in den Begriffen Handlung, Handwerk, Handel und Verhandlung bezeugen es.

Mit der Hand tasten und fühlen wir, im Greifen und Zurüsten, im Formen und Umbilden, im Gebrauch und Umgang mit den alltäglich notwendigen Dingen und der erfolgreichen Durchführung der zum Lebenserhalt erforderlichen Handlungen erweist sich die Hand neben der Zunge als Werkzeug und Organ des menschlichen Geistes.

Wir können die Hand beim Grüßen und gestikulierenden Reden als Instrument der emotionalen und deiktischen Kundgabe, in der Gebärdensprache als Träger symbolischer Zeichen benutzen.

Auch die Semantik der vom Wort Hand abgeleiteten verbalen und adverbialen Ausdrücke gibt uns einen guten Einblick in die menschliche Lebenslage: Wir handeln klug, geschickt, angemessen und richtig oder töricht, täppisch, unangemessen und verkehrt; was nicht gut in der Hand liegt, ist unhandlich; eine handlungsarme Erzählung dünkt uns langweilig.

Vor allem müssen wir unsere Handlungen bei der Kooperation mit anderen, vom Handwerk bis zur Arbeit in Labor und Büro, sinnvoll, ökonomisch und zweckdienlich aufeinander abstimmen; dazu verwenden wir Steuerungsinstrumente wie Blicke, Sprechakte der Anweisung, Bitte oder Frage, desgleichen Kalender und Dokumente.

Die Geschlechtsteile sind uns die natürlichen Merkmale für die Klassifikation der Geschlechter; ihre seltenen Fehlbildungen und Dysfunktionalitäten sind uns kein hinreichender Grund, die fundamentale semantische Einteilung nach der sexuellen Bipolarität von Mann und Frau infrage zu stellen.

Die Regulierung und Kultivierung der in der menschlichen Sexualität angelegten natürlichen Neigungen in Institutionen wie der Ehe, der Familie und der auf Freundschaft gegründeten Liebe liefern uns reichste semantische Felder tragender Unterscheidungen, Einteilungen und Klassifikationen. Neben der Semantik von Liebe und Erotik, Fürsorge und Vertrauen finden wir eines der wichtigsten Klassifikations- und semantischen Ordnungssysteme in der Struktur der Verwandtschaftsbeziehungen; denn die soziale Position und der Lebenssinn des Menschen orientieren sich an Umständen wie Vaterschaft und Mutterschaft, an der Zahl der Geschwister, an der Beziehung von Blutsverwandten und verschwägerten Familienmitgliedern, an der Erbschaft von materiellen und kulturellen Gütern einschließlich der Muttersprache, also der Pflege von Traditionen oder ihrem Verfall, an den persönlichen und intimen Erinnerungen, deren vorzüglicher Stoff die Erlebnisse im häuslichen Umfeld darstellen.

Die vis verborum der Ahnen versorgt uns noch heute mit dem Wörterbuch für die Sprache der Liebe und der Sorge, des Vertrauens und der Lebensfreude, deren Schatten und Entartungen gleich daneben eingetragen sind, unter Stichworten wie Feindseligkeit, Vernachlässigung, Mißtrauen und Angst.

Neben der Rhetorik der Hand finden wir die Redekunst der Augen; denn Blicke können sprechen, Leidenschaft und Verlangen, Verlegenheit und Scham ausdrücken, Zuneigung und Haß, sie können strafen und drohen, locken und besänftigen.

Im Ausgang von der Mitte unseres leiblichen Daseins gelangen wir über das Nahfeld und den nächsten Um- und Wirkungskreis des Gehens, Stehens und Liegens, des Wachseins, Schlafens und Träumens, des Handelns und Genießens zu immer universelleren semantischen Gliederungen wie Jugend, Reife und Alter, Schicksal und Verantwortung, Leben und Tod.

Wir müssen die Temperatur nicht messen, um zu fühlen, daß wir frieren oder fiebern, nicht das Metermaß anlegen, wenn wir von Nähe und Ferne sprechen, nicht den Hormonstatus chemisch analysieren, wenn wir sagen, wir seien fröhlich, traurig oder gleichmütig.

Der Mediziner kann anhand der Hormonausschüttung oder des Hirnscans Ursachen für den Umstand ausfindig machen, daß der Patient von hartnäckiger Trauer und Schwermut geplagt wird; aber er kann seine Untersuchung allererst ansetzen, wenn ihm der Patient seine Situation geschildet hat, mit dem altvertrauten psychologischen Vokabular, in dem wir die klassischen Einteilungen der Gefühle und Stimmungen finden.

Wir können die Einteilungen und semantischen Ordnungssysteme unseres psychologischen Wörterbuchs nicht durch ein nichtintentionales und rein objektivierendes Vokabular ersetzen. Wenn ich dir erfreut über dein Kommen sage: „Hier findet gerade das Feuern von XYZ-Neuronen statt“, wirst du nie und nimmer verstehen, daß ich meiner Freude Ausdruck gegeben habe; denn du könntest ja mit einer rein wissenschaftlich objektiven Semantik nicht einmal die elementare Zuordnung von mein und dein, ich und du vornehmen, wüßtest also angesichts meiner kryptischen Aussage nicht, ob von mir oder dir die Rede ist.

Unser Vertrauen in die vis verborum, die Kraft der Sprache, das Antlitz und die Konturen der Dinge zu beleuchten, wenn auch bisweilen flackernd und diffus, meist aber im hellen Licht unseres Lebenstages, wird nicht gemindert, wenn sie uns mit Mythen und Märchen, Sagen und Legenden, lyrischen und epischen Dichtungen in das Reich der Fiktion verlockt.

Der mit der vis verborum zerfallene skeptische Philosoph und düstere Anbeter des reinen Lichtes der wissenschaftlichen Aufklärung, der fürchtet, im leider von den dämonischen Jüngern der semantischen Transparenz und Eindeutigkeit noch nicht gerodeten finsteren Wald der Sprache von Wort-Gespenstern und Begriffs-Ungeheuern heimgesucht zu werden, gleicht dem vom Fieber geschüttelten Kind, das nachts im Klappern der Fensterläden die Wut der Windsbraut aus dem kürzlich gehörten Märchen gewahrt, die es holen und in ihre dunkle Höhle verschleppen will.

 

Jan 6 21

Sprachliche Darstellung

Notizen zur Axiomatik der darstellenden Sprachfunktion

Die elementaren logischen Formen, die uns einfache Aussagen wie „Der Hund schläft“ oder „Peter und Hans sind Freunde“ liefern, sind die prädikatenlogischen F(a) und R(a, b).

Die Hoffnung (oder des frühen Wittgenstein Ambition), anhand dieser einfachen logischen Formen des Satzes eine vollständige Ontologie aufbauen zu können, erweist sich als Illusion, sobald wir auf Aussagen stoßen, deren Subjekte sich nicht als Namen für atomare oder elementare Bausteine der Welt wie Hunde oder Personen symbolisch darstellen und interpretieren lassen:

„Das Wasser des Rheins besteht aus H2O.“
„Der Winter ist eine Jahreszeit.“
„Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918.“

Wir beziehen uns mit dem Ausdruck „das Wasser des Rheins“ nicht auf einen Tropfen, mit dem Ausdruck „Winter“ nicht auf einen Tag, an dem Schnee lag, mit dem Ausdruck „der Erste Weltkrieg“ nicht auf den 1. September 1914, an dem er ausbrach, sondern auf komplexe Entitäten, die wir mehr oder weniger beliebig nach frei gewählten Partitionen und Klassifikationen untergliedern können; letzte nicht analysierbare Einheiten müssen wir nicht supponieren.

Wenn das, worüber wir reden, Stoffe oder Ereignisse sind, können wir sie nicht mit Namen benennen, die sich auf einfache semantische Einheiten beziehen.

Würden wir dies versuchen, um den ontologischen Atomismus zu retten, gerieten wir in Fallstricke von Fragen wie: Zerlege ich, was ich mit „Wasser“ meine, in dasjenige, was ich mit dem Ausdruck „Wassermoleküle“ meine, und was ich mit dem Ausdruck „Erster Weltkrieg“ meine, in die Tage vom 1. September 1914 bis zum 11. November 1918? Aber warum nicht in Atome, warum nicht in Stunden?

Dennoch sind wir bei der veridischen sprachlichen Darstellung zuletzt immer auf Benennungen und Beschreibungen angewiesen, auch wenn wir Benennungen nicht bloß auf den Gebrauch von einfachen Namen für einfache Gegenstände einengen, auch wenn wir x-stellige Relationsausdrücke verwenden.

Die ontologisch elementare Form der Benennung lautet „dasjenige S, das“; in Kombination mit einem deskriptiven Ausdruck ergibt sich die erweiterte Form „dasjenige S, das F ist“. „Dasjenige Tier, was jetzt im Körbchen liegt“ benennt meinen Hund, der jetzt in seinem Körbchen liegt.

„Dasjenige Lebewesen, was ein Herz und Lungen hat, ist ein Tier.“ – Somit erhalten wir die aristotelische Gliederung von Indivual-, Art- und Allgemeinbegriffen: Hund, Tier, Lebewesen.

Wenn wir demselben Gegenstand in unserer veridischen Darstellung ein und dieselbe Eigenschaft P nicht gleichzeitig zusprechen und absprechen können, gilt, daß Existenz Inkonsistenz ausschließt.

Die aristotelische Ontologie erlaubt, anders als die des Wittgensteinschen Traktats, den Gebrauch von komplexen Namen für Substanzen; Begriffe können in unterschiedliche Unterbegriffe abgeteilt werden, denn Lebewesen können Tiere oder Pflanzen sein, Tiere Hunde oder Katzen; partikulare Begriffe dagegen sind Instanzen bestimmter Universalbegriffe, dieser Hund ist die Instantiierung des Gattungsbegriffes Hund, Hunde sind Tiere, und Tiere sind Lebewesen.

Eine um die Zeitdimension erweiterte nichtaristotelische Ontologie umfaßt nicht nur Namen für Gegenstände und Prädikate für Attribute, sondern auch Namen und Prädikate für Ereignisse.

Ereignisse sind Prozesse an und zwischen Gegenständen, sie können durch komplexe Begriffe benannt und durch einstellige und mehrstellige Prädikate beschrieben werden: Peter erwacht. Peter und Hans streiten sich. Peter erzählt Hans von Sylvia.

Die veridische sprachliche Darstellung bedarf einer logischen Mannigfaltigkeit und semantischen Mächtigkeit, die der Struktur des Dargestellten entspricht. Dies bleibt einer realistischen Ontologie von der Bildtheorie des Traktats.

Wir können eine vollständige Semantik der Aussage nicht auf einer rudimentären Semantik der Kundgabe begründen. Die Interjektion, der Vokativ, der Imperativ verbleiben unterhalb der Schwelle der Benennung und Beschreibung.

Die aufleuchtende rote Lampe signalisiert Gefahr, sagt aber nicht, um welche Gefahr es sich handelt. Der Pfeil auf der Wanderkarte zeigt uns die einzuschlagende Richtung, nicht aber, welche Aussicht in welche Landschaft sich am erreichten Ziel eröffnet. Der Zuruf und die Aufforderung des Freundes heißen mich, zu ihm zu kommen, nicht aber, aus welchem Grund und zu welchem Behufe.

Der Ausdruck der Kundgabe kann wie die Interjektion und der Hilferuf mehr oder weniger intensiv, echt und authentisch oder unecht und heuchlerisch sein (der Hilferuf des Schwindlers und Betrügers), doch allein die sprachliche Darstellung kann mehr oder weniger angemessen, richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein.

Nur die topographische Karte, die auf systematischen Verfahren der Projektion und isomorphen Abbildung aufgebaut ist, kann ein Bild der Landschaft wiedergeben und dem Zweck der Orientierung diesen.

Nur beim Vorliegen symmetrischer Relationen können wir die Relata in dem Ausdruck R(a, b) vertauschen (Peter und Hans unterhalten sich).

Im Verhältnis zu den Zellen und Molekülen, aus denen sein Organismus besteht, ist Peter der Name für eine komplexe Struktur; im Verhältnis zu den Situationen und sozialen Organisationen, in denen er sich aufhält, ist Peter der Name für ein einfaches Element.

Die logische Mannigfaltigkeit der Darstellung zeigt sich in der Gliederung und relationalen Aufteilung ihrer Elemente: Die Zellen und Moleküle sind Teile des Organismus namens Peter, die Person Peter ist Teil der Gesprächssituation, an der Hans und Sylvia teilnehmen, und er ist Mitglied eines Vereins.

Wir reden nicht von den Zellen seines Körpers oder den neuronalen Vorgängen in seinem Gehirn, wenn wir beschreiben, wie Peter sich mit Hans unterhält.

Die topographische Wanderkarte bedient sich abstrakter ikonischer Zeichen, die in der Legende erklärt werden, beispielsweise Zeichen für Nadel- oder Laubbäume, Flüsse, Seen oder kulturelle Monumente. Wir können den Zeichen für Laubbäume nicht entnehmen, ob es sich um Lärchen oder Buchen handelt.

Wenn wir von unserer Wanderung im Freundeskreis erzählen, bevorzugen wir die spezifische Benennung und sprechen anstatt vom Laubwald vom Buchenwald, anstatt vom kulturellen Monument vom Römerkastell.

Je spezifischer und nuancierter, charakteristischer und atmosphärischer die sprachliche Darstellung, umso mehr nähert sie sich der dichterischen Darstellung.

Die Wahrheit der Darstellung zeigt sich in ihrer Anwendbarkeit und Reproduzierbarkeit; ich erzähle, was ich von der Aussicht auf dem Berg aus gesehen habe, den Fluß im Tal, die Weinberge an seinen Ufern, den Winzerort mit seiner alten romanischen Kirche. Wenn einer der Zuhörer, von meiner malerischen Schilderung angeregt, mir auf meinen Wanderpfaden folgen möchte, kann er, was ich gesehen habe, ebenfalls sehen.

Auch wenn wir uns darin irren, eine romanische Kirche gesehen zu haben (weil es eine gotische war), haben wir uns nicht darin geirrt, eine Kirche gesehen zu haben. Der Fehler in der Spezifikation wird einigermaßen wettgemacht durch den Gebrauch von Allgemeinbegriffen.

Je subtiler und spezifischer, je dichter der Feingehalt und je minutiöser die Granularität einer sprachlichen Darstellung, umso höher die Wahrscheinlichkeit von Mißgriffen und Fehlangaben; je flacher und grobkörniger, je abstrakter und allgemeiner die Darstellung, umso geringer die Fehleranfälligkeit.

Je mehr wir unseren Bericht metrisieren und quantifizieren oder einer wissenschaftlichen Terminologie angleichen, umso näher kommt er einer wissenschaftlichen Darstellung; um dies zu leisten benutzen wir Meßgeräte wie Uhren, Thermometer und Navigationsgeräte; für einen geographisch fundierten Abriß unserer Wanderung greifen wir auch auf zoologische und botanische Bestimmungsbücher zurück und sprechen nicht mehr von einer Lärche, sondern von der Larix decidua, nicht mehr von einer Buche, sondern von der Fagus orientalis. Im Maße der Annäherung an die wissenschaftliche entfernen wir uns von der dichterischen Darstellung.

Eine sprachliche Darstellung, die beansprucht, das Universum oder alles zu umfassen, wie die Ontologie des Aristoteles, müßte sich selbst enthalten; das aber scheint uns an die Grenze des sprachlich Darstellbaren zu führen.

Wer sich im Spiegel betrachtet, sieht sich seitenverkehrt und kann sich nicht gleichzeitig frontal und im Profil sehen, geschweige denn von hinten.

Wir können unsere sprachlichen Darstellungen auf jeweils angemessene und relevante Kriterien der Korrektheit, Stimmigkeit, Vollständigkeit und Wahrheit überprüfen; doch ähnlich, wie wir nur jeweils bestimmte Sichtschneisen in der Landschaft erblicken und auffassen können, müssen wir uns bei unseren sprachlichen Darstellungen mit dem von der jeweils angewandten Projektionsmethode gelieferten Umriß begnügen; es sei denn, wir wenden ein anderes Verfahren an, statt Erzählung den wissenschaftlichen Bericht, doch dann erhalten wir eine andere Darstellung, für die andere Kriterien der Korrektheit, Stimmigkeit, Vollständigkeit und Wahrheit in Frage kommen.

Wir können unseren Bericht von der Wanderung in unsere Lebensgeschichte einordnen, unsere Lebensgeschichte in die Geschichte unserer Familie, die Genealogie unserer Familie wenn es hoch kommt bis zum Siebenjährigen Krieg zurückverfolgen; doch je mehr wir zurückgehen und in umso weitergreifende Horizonte wir unseren Bericht einordnen (und wir könnten es bis zum Urknall forttreiben), umso flüchtiger, ephemerer wird, was wir zu sagen haben.

Jede sprachliche Darstellung ist relativ zur logischen Mannigfaltigkeit und semantischen Mächtigkeit der in ihr verwendeten Begriffe. Darstellungen mit unterschiedlicher logischer Mannigfaltigkeit und semantischer Mächtigkeit lassen sich nicht ohne weiteres ineinander übersetzen. Die vollständig in wissenschaftlicher Beschreibung und Terminologie wiedergegebenen Wahrnehmungen und Beobachtungen während unserer Wanderung können wir nicht ohne weiteres in einen erzählenden Bericht übersetzen.

Die objektive sprachliche Darstellung tilgt die Ich-Perspektive; von meiner Erinnerung, wie ich mich während meiner Wanderung unter einer Lärche ausgeruht habe, verbleibt nur das Residuum der nüchternen botanischen Auskunft, daß an genau diesem topographisch identifizierbaren Ort eine Larix decidua steht.

Alle sprachlichen Darstellungen, die Anspruch auf Wahrheit erheben, eint die Tatsache ihres intentionalen Gehalts; doch die Art, wie sie ihn erfassen, ist eine Funktion ihrer jeweiligen logischen Mannigfaltigkeit und semantischen Mächtigkeit. Mit fein gewebtem Begriffsnetz fangen wir auch die kleineren Fische, die im grob gestrickten nicht hängen bleiben.

 

Jan 5 21

Marginalien

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die alten Hochkulturen beginnen mit der Verwaltung des sozialen Lebens; sie sind eine Leistung der Schrift, denn sie dokumentieren die Entscheidungen, Wende- und Knotenpunkte im Leben der Gemeinschaften in signierten Akten, Erlassen, Rechtsdekreten, Richtersprüchen, Vermessungen, Verträgen, Kredit- und Erbscheinen. Um die dunklen Zentren der Macht, die Paläste, Burgen, Höfe, haust in den Waben der Verwaltung ein neuer Menschentyp, der Schriftgelehrte, der Beamte, der Archivar, der Sachverständige, der Richter, der Anwalt und schließlich der Historiograph. Sie verkörpern das kollektive Gedächtnis.

Die zukünftigen Gesellschaften verkörpern das kollektive Gedächtnis als Steuerungsorgane in digitaler und virtueller Form. Der neue Menschentyp gedeiht im Silicon Valley.

Die Embleme und Wahrzeichen des zivilisierten Menschen sind der Personalausweis, die Versichertenkarte und die Bankkarte.

Bald wird man den Neugeborenen wie heute schon den Jungtieren der Zoos Chips und Transponder implantieren, die sie jederzeit orten und identifizieren können und ihr Erdenwallen vollständig dokumentieren, ihren beruflichen und sozialen Status, ihre Krankheiten, ihr psychologisches Profil.

Die politischen Führer werden beobachtende, planende und ausführende Organe der Wissenschaft.

Der ferngesteuerte Mensch der Zukunft wird keine eigene Stimme mehr haben, sondern nach Ansage reagieren; die von ihm zu äußernden Sprechakte werden einem Repertoire entnommen, das auf die jeweilige Situation abgestimmte Kundgaben ediert; alle Gedanken und Verlautbarungen werden abgehört. Der Paranoiker wird recht behalten.

Der neue Mensch des wissenschaftlich-technisch gesteuerten Daseins wird keine Verbrechen mehr begehen, seine asozialen Neigungen werden umgehend von den neuronal eingepflanzten Steuerungsorganen erkannt und unterdrückt, er wird nicht mehr durch eigene Träume beunruhigt oder in gefährliche Freiräume gelockt, sondern im Schlaf und der Freizeit von Traumspielen unterhalten, die eigens auf seine Triebstruktur abgestimmt sind.

Der anachronistische und unbedachte Akt der Zeugung wird von der medizinischen Hygiene wohlbedachter künstlicher Befruchtung abgelöst.

Die genetische Eignung der Eier und Samen wird von einer staatlichen Reproduktionsanstalt zur Sicherung gesunden Nachwuchses geprüft; nur geeignete Geschlechtszellen werden einer überwachten Verschmelzung zugeführt. Der in künstlichen Brütern reifende Embryo wird bei Bedarf mittels genetischer Eingriffe optimiert. Die Kinder werden in staatlichen Aufzuchtsanstalten großgezogen und sozial trainiert.

Nach der fristgerechten Entnahme, laborgeschützten Pflege und kalkulierten Verschmelzung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen werden die Spender-Organismen mittels hormoneller und neurologischer Steuerung geschlechtlich neutralisiert. Begriffe wie Liebe, Begehren, Eifersucht, Treue, Sehnsucht und Liebesschmerz werden aus den amtlich kontrollierten und neuronal implementierten Wörterbüchern entfernt. Stücke wie „Romeo und Julia“ können dank der erfolgreichen Auflösung der zu Verwirrung, Neurose und Diskriminierung führenden Geschlechterspannung, weil unverständlich geworden, ohne das Gefühl eines kulturellen Verlustes hervorzurufen ebenso aus dem Verkehr gezogen werden wie die abendländische Liebeslyrik von Sappho bis Goethe.

Menschen werden zu biologischen Maschinen deklariert; schadhafte und verschlissene Organe können ausgetauscht, ganz ausgelaugte Organismen abgeschaltet werden.

Der Mensch der Zukunft stirbt keines natürlichen Todes mehr.

Ohne die Möglichkeit, sie zu übertreten, keine Norm.

Wer nicht lügen könnte, kann nicht aufrichtig sein.

Wer nicht töten könnte, kann keine Gnade walten lassen.

Lobenswert ist nur, was hätte schiefgehen können.

Eine Linie auf dem Blatt – schon sprechen zu uns hier und dort, Bahn, Grenze und Schwelle.

Wem man die Fähigkeit zum Bösen herausoperiert hat, ist nicht gut, sondern lau.

Wer keiner Ungerechtigkeit und keiner Bosheit fähig ist, kann nicht gerecht und gut sein.

Die Anekdote erschließt die Biographie, nicht die Statistik.

Wenn man Leute beobachtet, die sich unbeobachtet glauben, erfährt man mehr von ihren Träumen und Ängsten als durch Psychoanalyse.

Daß es Leute mit lückenhaften Kenntnissen der Grammatik bis an die Spitze des Staates und von Unternehmen, ja auf Lehrstühle der Literaturwissenschaft oder an die Seite attraktiver Partner bringen, beweist, daß sprachliche Gewandtheit und Perfektion kein elementares Selektionskriterium mehr darstellen.

Heute darf sich, wer der deutschen Grammatik nur in bescheidenem Maße mächtig ist, mit hochdotierten Preisen von Dichterakademien schmücken.

Die Interjektion und der Hilferuf sind noch keine Sprache; erst wer dem herbeigeeilten Helfer berichtet, wie und warum er in die mißliche Lage geriet, spricht mit semantischem Zungenschlag.

Wer es nicht hätte anders sagen können, hat nichts gesagt.

Der Hilferuf ist Teil der Sprache nur, wenn er die satzförmige Äußerung impliziert: „Ich bin hier.“

Was man verschweigt, ist Teil der Sprache.

Wer sich nicht hätte verrechnen können, hat nicht gerechnet.

Die Maschine hat sich nicht verrechnet, sondern versagt.

Daß sie für fremde Ohren, insbesondere für uneingeweihte oder argwöhnische, unverständlich sei, ist eine Funktion der Sprache, wie der Ritualsprache oder der Gaunersprache.

„Hokuspokus“ – so „übersetzt“ der Aufgeklärte das Mysterium des Glaubens („hoc est enim corpus meum“).

Im Lateinischen bildet der Ablativus absolutus, souverän gehandhabt von Tacitus, eine Form der sprachlichen Ökonomie und Verdichtung, die wir in der Übersetzung unter Angabe der zeitlichen und kausalen Bezüge auflösen müssen: Urbe devastata incolae fugerunt. Nachdem (oder weil) die Stadt verwüstet war, flohen die Einwohner. Bei verneintem Hauptsatz allerdings ergibt sich ein konzessiver Sinn: Urbe devastata incolae non fugerunt. Obwohl die Stadt verwüstet war, flohen die Einwohner nicht.

Schwätzer heißen wir einen nicht nur, weil er uns kostbare Zeit raubt, sondern auch, weil er das bündig zu Sagende hinter den Ranken selbstgefälliger Rhetorik verbirgt.

Wer ein Licht ins Dunkel des Ungedachten wirft, tut dies meist auch mit der Strahlkraft neuer Begriffe. So nutzen Platon und Aristoteles die Möglichkeit der Substantivierung von Verb und Verbaladjektiv im Griechischen (das Sein, das Seiende) zur Bildung neuer ontologischer Aussagen.

Die vom Leben stiefmütterlich Behandelten oder Geschlagenen können manchmal ihr Handicap kompensieren. Es sind die großen Talente ihres Fachs und die kleinen Genies des Lebens.

Wer nie unter Ausdrucksnot litt, mag Zeitungschreiber werden, aber kein Dichter.

Der emotional Verwirrte und Ertaubte redet ständig über Gefühle.

Ontologisch und sozial bedeutsame oder relevante Begriffe sind hierarchisch strukturiert; sie gehorchen logischen Formen der Exemplifikation, der Implikation, Konsistenz und Inkonsistenz. Peter exemplifiziert den Begriff einer Person; nur Personen, keine sonstigen Entitäten wie Tiere oder Pflanzen können Mitglieder von Vereinen, Unternehmen, Kirchen oder Armeen sein. Peter kann nicht zugleich praktizierender Katholik und Mitglied der Humanistischen Union, nicht Mitglied der Heilsarmee und Sommelier im Luxusrestaurant sein.

Sprech- und Schreibakte konstituieren und strukturieren die soziale Zeit, wie die Unterzeichnung eines Kreditvertrages, die den Kreditnehmer verpflichtet, über lange Zeitperioden hinweg der Abtragung seines Kredits nachzukommen.

Wer sich auf den Vorgang des Schluckens konzentriert, wird sich verschlucken.

Das Bewußtsein zu träumen ist eine Schwelle zum Erwachen.

Der seines Daseins, seiner Gefühle, seines Leibes allzu Bewußte verläßt bald das Haus nicht mehr, wird apathisch, verstummt.

Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen Terror und Kitsch, man betrachte den Kunstgeschmack eines Hitler, Stalin oder Mao.

Kitsch heißt, Schwären unter Flitter und Talmi, den Klumpfuß und das böse Horn mit Kothurn und Diadem verdecken, heißt, vor das Grauen des Daseins und des Todes die mit floralen Ornamenten bestickte spanische Wand sentimentaler Gefühle rücken.

Der Blinde tastet mit dem Fühl-Stock die Unebenheiten des Weges und die glatten Stellen des möglichen Fortganges ab. Dies ist die Ursituation des primären Spracherwerbs. Die ersten Äußerungen gleichen den Fühl-Bewegungen des Blindenstocks. Die Korrekturen der Eltern hemmen das Kind, ihre bestätigenden Äußerungen leiten es weiter.

Die Analogie des primären Spracherwerbs mit dem Erlernen einer Fremdsprache führt systematisch in die Irre.

Das kybernetische Modell von Sender und Empfänger bleibt unterhalb des begrifflichen Niveaus der Semantik natürlicher Sprachen. Der Hilferuf des Kindes als unmittelbare Kundgabe steuert das Verhalten des besorgten Vaters, der ihn als Appell versteht, ihm zu Hilfe zu eilen, aber er teilt ihm nichts über die Situation des Kindes mit.

Der Schwänzeltanz der Biene und ihre Absonderung chemischer Spuren steuern das Verhalten der Schwarmgenossinnen, die sie als Appell auffassen, die „gemeinte“ Blumenwiese aufzusuchen. Aber die Schwester teilt ihnen keine botanischen Wahrheiten über die neue Nahrungsquelle mit.

Die Aufforderung des Großvaters, der Enkel möge ihm aus dem Nebenzimmer seine Hausschuhe bringen, muß das Nahfeld der gemeinsamen Wahrnehmungssituation sprachlicher Deixis („die Schuhe dort“) transzendieren; sie ist aber mittels der Verwendung deskriptiver Ausdrücke semantisch vollständig und als Sprechakt performativ abgeschlossen.

Im Gespräch finden wir die Steuerung des Gesprächspartners mittels deiktischer Verweise im geteilten Wahrnehmungsfeld („Reiche mir doch das Buch, das vor dir liegt“); freilich mehr noch die wechselseitig-reflexive Beeinflußung mittels Mitteilung von Überzeugungen und ihrer Revisionen und Korrekturen, aber auch von Hypothesen („Peter hat mich gestern auf der Straße nicht gegrüßt, er trägt mir mein Fehlverhalten nach.“ – „Ich habe heute mit ihm telefoniert, sein Vater ist gestorben; daher wohl seine Geistesabwesenheit.“)

Der treue Hund kann seinem Herrchen nicht versprechen, früher schlafen zu gehen. Den Grund ersehen wir aus der semantischen und deontischen Struktur menschlicher Versprechen: Sie haben einen intentionalen Gehalt, der nur satzförmig darstellbar ist: „Ich verspreche dir, heute früher ins Bett zu gehen, um morgen zeitig mit dir zu unserem Ausflug aufzubrechen.“ Aufgrund des Verhältnisses dessen, der das Versprechen gibt, zu demjenigen, dem es gilt, beispielsweise ihrer freundschaftlichen Bindung, und der aus seiner Nichteinlösung drohenden Sanktion (Schädigung oder Bruch der Freundschaft) entfaltet der Sprechakt seine deontische Kraft.

Das Geschenk verpflichtet den Beschenkten, sich bei Gelegenheit erkenntlich zu zeigen.

Das gegebene Wort erzeugt in demjenigen, der es entgegennimmt, den Anspruch auf seine Einlösung. Die rechtens ergangene Aufforderung dagegen beruht auf dem (autoritativen) Anspruch dessen, der sie äußert, auf die Einlösung durch denjenigen, an den sie ergeht.

Mit den Bewegungen des Taktstocks demonstriert der Dirigent den autoritativen Anspruch, daß die Orchestermusiker ihren Teil der Partitur in synchroner und expressiver Abstimmung mit den Mitspielenden ausführen. Partituren sind den Willen des Komponisten dokumentierende Anweisungen zu ihrer Übersetzung in angemessene Interpretationen.

 

Jan 4 21

Fühlest du es auch

Wort war deine Träne,
Traumes Moos entquollen
auf die blasse Wange,
dunkler Glanz der Nacht.

Wie sind wir verschollen,
schlafend, halb erwacht,
mondner Schnee der Schwäne,
Dämmerung so bange.

Atem gab dein Schweigen,
dunklen Wassers Hauch,
und die Wellen bogen
meines Schweigens Gras.

Fühlest du es auch,
Schwermut ohne Maß,
müder Knospen Neigen,
uferloses Wogen?

 

Jan 3 21

Kommt ein Duft aus jenem Garten

Wenn die Türme Babels grauen,
will ich nach den Gräbern schauen,
ob ihr Licht noch scheint.

Marmorglanz mag mich nicht freuen,
ich will blasse Blumen streuen,
wenn die Liebe weint.

Dunkel sind des Lebens Gänge,
dunkle Wasser Nachtgesänge,
Schwanenlicht, das sinkt.

Kommt ein Duft aus jenem Garten,
will ich vor dem Tore warten,
bis der Engel winkt.

 

Jan 3 21

Warum bist du aufgewacht

Manchmal lehnst du in der Nacht
deine Stirne an die Scheibe,
schaust des toten Mondes Pracht,
fühlst die Nacht in deinem Leibe.

Fahl ein Fleck aus zweiter Hand,
grau von grauem Dunst umschwommen,
ist der Mond, ein dunkler Brand,
ist dein Leben ausgeglommen.

Öffne nur das Fenster, lausche,
diese Nacht singt dir kein Lied,
und kein Quell, der es dir rausche,
und kein Auge, das dich sieht.

Warum bist du aufgewacht
aus dem Schlaf, dem blütenlosen,
hülle dich ins Tuch der Nacht,
unbestickt mit Sternen, Rosen.

 

Jan 2 21

Hündchen

Denkst, mein Hündchen, du auch zart,
wenn du deine Pfötchen streckst
auf das weiche Sofakissen,
wenn du dir das Mäulchen leckst
mit dem Zünglein so apart,
an die eine, die wir beide
nun vermissen,
an das Frauchen, dieses Frettchen,
das mit seinem Halsgeschmeide,
seinem Perlenkettchen,
heimlich in der Nacht
aus dem Staube sich gemacht,
uns zum Leide?

Denkst, mein Hündchen, du der Stunden,
da im Gras du um sie hüpftest,
neckisch untern Rock ihr schlüpftest,
ihr den roten Ball gefunden?
Wie melodisch war dein Jaulen,
wenn das leise Lied sie sang,
wie ein Seufzen dir entrang
träumerischer Hand ihr Kraulen.
Nein, dich juckt nicht der Verlust
so wie Morgenstrahl das Näschen,
wenn du dreimal niesen mußt.
Seh ich deine Blicke feuchten
etwa süßer Wehmut Bild,
nicht der Napf nur macht sie mild,
wo die fetten Brocken leuchten.
Ach, ich sah, wie du den Ball,
der noch Duft von ihrem Leben,
Moleküle Glücks gegeben,
in das Körbchen hast getragen,
und du kautest drauf herum,
Augen zu und mit Behagen.
Hast ein Herz nicht minder zart
als ein Dichter, den es rührt,
wie es nah die Ferne spürt,
lebst nicht nur der Gegenwart.

 

Jan 1 21

Das Licht des Logos

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Im Dunkeln tasten wir unsere Umgebung bisweilen mit einer Taschenlampe ab; wir leuchten den Pfad aus, auf dem wir sicheren Schrittes an unser Ziel gelangen wollen. Vernehmen wir ein ungewöhnliches Geräusch, richten wir den Strahl in die Richtung seiner Herkunft, um uns zu vergewissern, ob nicht etwa Gefahr droht oder ein Fremder uns auflauert. Doch es war nur ein knackender Ast, es waren nur Tropfen, die vom Blattwerk fielen, als ein Vogel sich dort niederließ.

So tasten wir mit dem Organ unserer Sprache den Unbekannten ab, der uns im Dunkel auf dem verwaisten Bahnsteig anspricht.

Im Licht unserer Fragen sollen der Unbekannte und das Unbekannte sein Profil, sein Gesicht zeigen.

Der Fremde ist nicht nur eine Quelle der Verunsicherung, sondern begegnet uns in der Rolle des Prüfers, Sachverständigen und Richters als Instanz des Vertrauens, nämlich eines erwarteten und erwünschten objektiven Urteils, das nicht durch Bestechung oder verwandtschaftliche Voreingenommenheit getrübt und zurechtgebogen ist.

Der Junge, der sich im Dickicht verirrt hat, ruft laut und immer lauter nach dem Vater, mit dem er sich am Morgen zu einem kleinen abenteuerlichen Ausflug aufgemacht hat. Sein Ruf hat die allgemeine kommunikative Gestalt, die wir so wiedergeben können: „Ich bin jetzt hier.“ Wir treffen auf die von Karl Bühler so genannte Origo im deiktischen Zeigefeld der Sprache.

Wir können das sprachliche Zeigefeld mit dem Sehfeld vergleichen: Eine Figur hebt sich stets von einem Hintergrund ab, ein Sagen vor dem Hintergrund des virtuell Sagbaren.

Unsere Rede wirft ein bestimmtes Licht auf die Dinge; sie mögen uns von einer diffusen Aura des Geahnten, Bedrohlichen, Geträumten umgeben oder mit scharfer, harter Kontur entgegenblicken.

Unser Sprach-Licht ist stets von einer Dunkelheit umgeben, deren Anwesenheit in den Schatten spricht, die zwischen unsere Wörter und Sätze fallen. Die Dunkelheit spricht vernehmlicher im Wort der Dichtung; kündet vom endgültigen Verlöschen, vom Vergessen, vom Schweigen.

Paradies: immerwährende Festbeleuchtung, purpur-goldener Glorienschein auf Lobgesanges ewigem Wellenschlag oder schattiger Garten wolkenartiger Alhambra, wo das selige Seufzen des Wassers, auf dem sich Orchideenblüten wiegen, bisweilen vom Kreischen barbusiger Jungfrauen unterbrochen wird – dann doch lieber das Dunkel, das Schweigen, das Nichts.

Die Antwort muß zur Frage passen wie das sich auftuende Schloß zum passenden Schlüssel.

Der Dialog besteht aus Variationen auf das Thema „Frage und Antwort“. Er bleibt wie öfters bei Sokrates aporetisch, wenn der Frager nicht befragt werden will oder die Welt des Befragten in Frage stellt.

Liebeszeichen sind wie zerbrochene Symbola, Ringe, die jeweils nur an den Bruch- und Nahtstellen zusammenpassen.

Wie der Maler mit den Farben auch Licht und Schatten verteilt, weiß der Dichter sublimer Gebilde das Licht des Wortes unter die Ranken des Verschwiegenen zu streuen.

Bisweilen ist das nicht ausdrücklich Gesagte, das dunkel Gelassene, der eigentliche Grund des Gedichts.

Das allzu deutlich Gesagte, das viel zu grell Beleuchtete, wirkt trivial und aufdringlich.

Gedichte, die uns unter dem Überhang aufgeblähter Metaphern oder mit dem Schattenspiel rätselhafter Assoziationen Botschaften übermitteln wollen, die sich wie die Frequenzen alter Radioempfänger im Rauschen gegenseitig auslöschen.

Der unwillkürliche Ruf des Kindes, das sich im Dickicht verirrt hat, ist zugleich Ausdruck der Hilflosigkeit und Appell, der Vater möge es finden und ihm beistehen.

Die schmerzliche Gebärde des sterbenden Galliers (in der hellenistischen Plastik) ist nur Ausdruck und kein Appell; die Kunst isoliert das Ausdrucksmoment, gleichsam durch Theatralisierung oder Inszenierung.

Weil sie des Appellcharakters entbehrt, können Kunst und Dichtung das Ausdrucksmoment bisweilen in einem Maße steigern, forcieren und übertreiben, wie es uns im gewöhnlichen, nicht inszenierten Alltag manieriert und aufdringlich, ja maskenhaft und lügnerisch anmuten würde.

Luthers Bibelübersetzung ist, wie er es selbst auffaßte und empfand, das aus dem Flammenquell des Heiligen Geistes angezündete Sprach-Licht, das über die Deutschen kam – und blieb, solange ihre Dichter es in ihre Werke aufnahmen und sie als Lampen für den Lebensweg in der Finsternis dieser Welt weiterreichten.

Charakterisierung der Gegenstände mittels Spezifikation und Prädikation ist die vorzügliche Leistung der darstellenden oder symbolischen Funktion der Sprache; „Rose“ ist spezifischer als „Blume“, „purpurfarben“ sprechender und charakteristischer als „rötlich“. Darstellungen können aus sich selber leuchten, ohne die sprachlichen Funktionen des Ausdrucks und Appells zu bedienen. Stifters Nachsommer ist eine reine Darstellung stillen Daseins mittels Charakterisierung der in ihm kaum handelnden, nur atmenden Personen, der sie einhüllenden Duft- und Blütenschalen und der sie ins Dämmerlicht tauchenden Schattenranken der Erinnerung.

„Zu nahe treten“ ist prosaisch; „aufs Fell rücken und am Zeug flicken“ ist idiomatisch, körnig, charakteristisch, es ist der Unterschied von Zeitungsdeutsch und der Sprache Goethes oder Gottfried Kellers.

Der Hilferuf des Knaben ist keine Beschreibung seiner Hilflosigkeit. Erst wenn das Kind dem herbeigeeilten Vater erzählt, wie es in die mißliche Lage geriet, kommt die Sprache zu ihrem Recht symbolischer Darstellung.

Die poetologische Verknüpfung der dichterischen Gattungen des epischen Erzählens, des lyrischen Ausdrucks und des dramatischen Appells mit den Bühlerschen Sprachfunktionen, wie sie Emil Staiger geistreich und profund vorgeführt hat, mag sie in der Durchführung auch bisweilen forciert wirken, ist mehr als die bedächtige Auffächerung eines scharfsinnigen Aperçus.

Das Licht des Logos, das, wie es der alte Ritus der Osternacht vergegenwärtigt, in die Finsternis der Welt eingeht, wird weniger von der menschlichen Rede gespiegelt als vom preisenden Gesang des Hymnus.

Uns blieben die bang im Nachtwind flackernden Lichter auf den Gräbern der Ahnen.

Die billigen Wahrheiten des Marktes sind gemessen an jenem Sprachleib aus Licht Schatten, die nicht nähren.

Die Kerze, die am Osterfeuer entzündet und mit den Emblemen der Erlösung versehen wird, ist im Sinne des Organon-Modells der Sprache Karl Bühlers aufgefaßt ein darstellendes Symbol des Logos, ein Ausdruck der göttlichen Liebe und den Frommen ein Geheiß, ihre Herzen daran zu entzünden.

Das Organon-Modell der Sprache können wir auch auf nonverbale rituelle Zeichenhandlungen anwenden.

Die kurze Linie der Kommunikation zwischen Ausdruck und Appell (Hilferuf des Kindes) vermag den engen, auf das gegenwärtige Umfeld ausgerichteten Horizont nicht zu überschreiten; anders die Erzählung oder der Bericht des Kindes, wie es in die mißliche Lage geriet. Die kurze Linie finden wir auch im Tierreich, nicht aber die darstellende Funktion der Sprache, den eigentlichen Logos der Sprache.

Indes müssen wir die antike Auffassung des Logos als unterschiedsloses Zeichen oder transparentes, mittels dialektischer Kritik gereinigtes Glas, durch das wir die Gegenstände und Sachverhalte in ihrem Dasein und Sosein erblicken, aufgeben; denn wir können die Rechenoperation 2 x 2 = 4 nicht ausführen oder den Gedanken „Ich glaube, auf der anderen Straßenseite geht mein Freund Peter“ nicht denken, ohne die Zeichen, mit denen wir sie darstellen, zu verwenden.

Wir können außerhalb des darstellenden Universums und der symbolischen Ordnung der Sprache nichts meinen, glauben, hoffen oder befürchten.

Wir können nicht mittels Bildern oder Vorstellungen denken oder etwas meinen; wir könnten uns zwei oder vier Gegenstände vorstellen, aber nicht die Operation der Multiplikation als mentales Bild auffassen. Wir könnten uns vorstellen, wie dort unser Freund Peter entlanggeht, aber nicht uns vorstellen, daß wir glauben, er gehe dort. Die einzige Repräsentation oder Darstellung für die Annahme, den Glauben oder die Überzeugung, dort gehe unser Freund Peter, ist der Satz: „Ich glaube, dort geht mein Freund Peter.“

Wir bemerken, daß aufgrund der darstellenden Funktion der Sprache die Analogie zwischen Sehen und Sagen an ihre Grenze stößt; denn wir können natürlich über alles Mögliche sprechen, was wir nicht sehen wie über unseren in Amerika weilenden Freund Peter, was wir nie gesehen haben wie den Übergang Caesars über den Rubikon oder was wir nie sehen werden wie die Vernichtung der Erde bei der einstigen Expansion der Sonne.

Unsere Annahmen und Überzeugungen sind keine unmittelbaren Wirkungen physischer Ursachen; die Annahme, bei jener Person, die auf der anderen Straßenseite geht, handele es sich um meinen Freund Peter, kann falsch sein, denn es ist sein Zwillingsbruder Hans, dessen Wahrnehmung sich nicht merklich von der Wahrnehmung von Peter unterscheidet.

Was wir uns mit der Errungenschaft der darstellenden Funktion der Sprache einhandeln, sind die Möglichkeiten des Irrtums, von Fabel und Fiktion, aber auch der Lüge. Der in seiner Bedrängnis unwillkürlich um Hilfe rufende Knabe kann nicht irren oder lügen; doch der Kriminelle kann den Hilfsbedürftigen simulieren, um dem hilfsbereiten Passanten in die Tasche zu greifen.

Ursachen, wie sie die Neurowissenschaft und ihre gläubigen philosophischen Adepten für Überzeugungen ausfindig machen wollen, geben uns kein Kriterium für die Wahrheit oder Falschheit von Überzeugungen an die Hand, die mit ihnen korrespondieren; so die unwahre Überzeugung des Logikers Gödel, seine Frau reiche ihm ein vergiftetes Getränk, die dieselben neuronalen Muster zur Grundlage hat wie die wahre Überzeugung des Sokrates, der ihm gereichte Becher enthalte den tödlichen Schierling.

Schlichte Annahmen wie diejenige, dort gehe mein Freund Peter, implizieren eine unbegrenzte Anzahl an weiteren Überzeugungen, die wir nicht überschauen oder aus grundlegenden Prämissen ableiten können, wie die Überzeugung, Peter sei ein Bewohner dieser Stadt, die in Deutschland liegt, das ein Land im Nordteil der Erdkugel ist, die sich im Laufe eines Tages um sich selber dreht und dabei um die Sonne rotiert, die ein Stern innerhalbe der Milchstraße ist, die eine Galaxie unter unzähligen Galaxien des Universums ist …

Mathematische Berechnungen lassen sich mit unterschiedlichen Zeichensystemen wie dem arabischen oder dem digitalen darstellen, wenn sie nur jeweils wahrheitserhaltend ineinander transformierbar sind; ein medizinischer Befund läßt sich ohne Sinnverlust auf Deutsch, Englisch, Chinesisch oder Urdu wiedergeben. Aber das „Je ne sais quoi“ eines Mallarméschen Gedichts kann nur an diesem selbst erfahren werden, auch wenn der Deutsche, der Engländer, der Chinese oder Inder eine Übersetzungshilfe in seiner jeweilige Muttersprache zu Rate zieht.

Idealismus, Rationalismus und Aufklärung eint der Glaube, die natürlichen Sprachen seien gegen die Wahrheit und Relevanz des mitgeteilten Gedankens indifferent; der Fromme aber muß daran festhalten, daß die Mitteilungen der Botschaften des göttlichen Logos nicht zufällig auf Hebräisch, Griechisch und wie Luther und Hölderlin glaubten auf Deutsch erfolgt sind.

Die Möglichkeit des Irrtums und der Lüge, des Wahns und des Betrugs ist die dunkle Rückseite des Lichtes der Sprache, die wie der Schatten von der Quelle des Lichts und dem Gegenstand, der ihn wirft, nicht ablösbar ist.

Die Möglichkeit der Wahrheit und des Irrtums ist eine Folge der Ablösung der Aussage vom deiktischen Umfeld der sprachlichen Origo (ich, jetzt, hier): Ich kann dich auf die hinter der Wand im Nebenzimmer schlafende Katze nicht mittels Zeigegeste oder deiktischer Äußerung („Sieh mal, dort schläft meine Katze!“) hinweisen; aber ich kann es dir sagen („Im Nebenzimmer schläft meine Katze“). Freilich kann ich mich irren, und die Katze hat sich durchs offene Fenster längst aus dem Staub gemacht; ich kann dir etwas vormachen, falls ich gar keine Katze habe.

Die funktionalen Träger der sprachlichen Darstellung, die manche als Gedanken oder Propositionen von ihr ablösen wollen (doch dies scheint nicht möglich zu sein), sind Namen und Beschreibungen (deskriptive Ausdrücke); mit dem Namen „Bella“ kann ich auf meine Katze hinweisen, gleichgültig, wo sie sich gerade aufhält (ja, auch wenn sie gestern gestorben sein sollte); mit dem deskriptiven Ausdruck „die Stadt, die am Zusammenfluß von Rhein und Mosel liegt“ kann ich auf die Stadt namens Koblenz verweisen. Mit dem Ausdruck „Zusammenfluß von Rhein und Mosel“ beziehe ich mich nicht wie mit „Bella“ und „Peter“ auf einen raumzeitlich abgegrenzten Gegenstand, sondern auf ein raumzeitlich kontinuierliches Ereignis. Zusammenflüsse sind Ereignisse, die durch viele Stoffe und Raum-Zeit-Koordinaten exemplifiziert werden können (Milch und Kaffee in dieser Tasse; Lava und Rheinwasser beim Ausbruch des Eifelvulkans vor 11.000 Jahren).

Mit Ausdrücken wie „ich glaube, Peter glaubt“ kann ich auf Einstellungen und Überzeugungen anderer Personen hinweisen; anders als bei Ausdrücken wie „ich glaube, Peter hat Schmerzen“ habe ich bei der Bezugnahme auf die Gedanken und Einstellungen anderer Personen kein eindeutiges Kriterium ihrer Rechtfertigung durch die Beobachtung ihres Verhaltens. Peter weicht mir auf der Straße aus; ich glaube, er hat ein schlechtes Gewissen, weil er auf meine Einladung nicht geantwortet hat; aber er ist nur in Eile und hat mich gar nicht gesehen.

Tiere verständigen sich auf Basis des Signalaustausches im unmittelbaren Aktionsumfeld; der Ruf des Nestlings kontrolliert das Brutverhalten der Elternvögel; der Schrei des Murmeltiers warnt die Verwandten vor dem Herannahen des Beutegreifers. Aber der Jungvogel teilt den Altvögeln nicht mit, wie es um ihn steht wie das Kleinkind, wenn es sagt „Peter Durst“; das Murmeltier verfügt weder über einen Namen noch eine Beschreibung für den Adler.

Die menschliche Sprache ist daher nicht, wie viele meinen, nur eine Funktion kommunikativer Verständigung; sie ist wohl in diese durch eine Vielzahl von sprachlich vermittelten Handlungen eingebettet, aber ihre eigentümliche Leistung ist die symbolische Darstellung.

 



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