Vincenzo Cardarelli, Idillio
Per una stradetta ombreggiata
fra due muri di pietre rugginose
da cui spuntavano pampani
soleggiati,
vidi un giorno, in Liguria,
(oh incontro inatteso!)
una giovane contadina
ritta sul limite del suo vigneto.
Era la via romita,
l’ora estuosa.
Mi guardò, mi sorrise,
la villanella.
Ed io le dissi, accostandomi,
parole che udivo salire
dal sangue,
da tutto il mio essere, in lode
di sua bellezza.
Sotto il rossore del volto imperlato
dall’interrotta fatica
la bocca sua rideva luminosa.
Era scalza. Una scaglia
d’argilla dorata
rivestiva i suoi piedi usi ai diurni
lavacri della fonte.
Gli occhi, infocati e lustri,
di gioventù brillavano,
solare e profonda.
E dietro a lei, così terrosa e splendida,
l’ombre cognite e fide
della domestica vite
parevan vigilarla.
Tutto era pace intorno
e silenzio agreste.
Idylle
Auf einem schattigen Pfad,
zwischen zwei Mauern aus rostroten Steinen,
von denen Weinlaub herabfiel,
sonnendurchtränkt,
erblickte ich eines Tages, in Ligurien
(o unerwartete Begegnung!),
eine junge Bäuerin,
aufrecht am Saum ihres Wingerts.
Einsam lag der Weg
zur Stunde der Mittagsglut.
Sie sah mich, lächelte mir zu,
die Bauersmagd.
Und ich sprach zu ihr, näher kommend,
Worte, die ich vernahm, wie sie emporstiegen
aus dem Blut,
aus meinem ganzen Sein, zum Preis
ihrer Schönheit.
Unter der Röte ihres Gesichts, das perlte
vom Schweiß der unterbrochenen Arbeit,
leuchtete ihr Mund im Lächeln auf.
Sie war barfuß. Eine Schuppe
goldfarbenen Lehms
klebte an ihren Füßen, die gewohnt waren,
täglich in die Quelle zu tauchen.
Die Augen, glühend und blank,
schimmerten vor Jugend,
ihrer Sonne und Innigkeit.
Und über ihr, der so erdhaften und leuchtenden,
schienen die vertrauten und treuen Schatten
des häuslichen Weinstocks
ihr ein Obdach zu geben.
Rings war alles Frieden
und ländliche Stille.
Vincenzo Cardarelli, Alla morte
Morire sì,
non essere aggrediti dalla morte.
Morire persuasi
che un siffatto viaggio sia il migliore.
E in quell’ultimo istante essere allegri
come quando si contano i minuti
dell’orologio della stazione
e ognuno vale un secolo.
Poi che la morte è la sposa fedele
che subentra all’amante traditrice,
non vogliamo riceverla da intrusa,
né fuggire con lei.
Troppo volte partimmo
senza commiato!
Sul punto di varcare
in un attimo il tempo,
quando pur la memoria
di noi s’involerà,
lasciaci, o Morte, dire al mondo addio,
concedici ancora un indugio.
L’immane passo non sia
precipitoso.
Al pensier della morte repentina
il sangue mi si gela.
Morte non mi ghermire
ma da lontano annùnciati
e da amica mi prendi
come l’estrema delle mie abitudini.
An den Tod
Sterben ja,
doch nicht vom Tode überfallen werden.
Sterben im Glauben,
daß eine solche Reise die beste sei.
Und in diesem letzten Moment frohgemut sein,
wie wenn jede Minute zählt
auf der Bahnhofsuhr
und eine jede gilt für ein Jahrhundert.
Denn der Tod ist die treue Braut,
die an die Stelle der verräterischen Geliebten tritt,
wir wollen sie nicht als Eindringling sehen,
auch nicht mit ihr fliehen.
Zu oft gingen wir davon
ohne Abschiedsgruß!
An der Schwelle, in einem Nu
den Schritt zu tun aus der Zeit,
wenn sogar die Erinnerung
sich uns entwindet,
laß uns, o Tod, der Welt sagen „Adieu!“,
vergönne uns ein letztes Verweilen.
Möge der ungeheure Schritt
nicht überstürzt sein.
Denke ich den Tod als Riß,
gefriert mir das Blut.
Tod, raff mich nicht hin,
von fern doch künde dich an,
und als eine Freundin nimm mich beiseite,
als die letzte mir vertraute Geste.
Vincenzo Cardarelli, Amicizia
Noi non ci conosciamo. Penso ai giorni
che, perduti nel tempo, c’incontrammo,
alla nostra incresciosa intimità.
Ci siamo sempre lasciati
senza salutarci,
con pentimenti e scuse da lontano.
Ci siam riaspettati al passo,
bestie caute,
cacciatori affinati,
a sostenere faticosamente
la nostra parte di estranei.
Ritrosie disperanti,
pause vertiginose e insormontabili,
dicevan, nelle nostre confidenze,
il contatto evitato e il vano incanto.
Qualcosa ci è sempre rimasto,
amaro vanto,
di non ceduto ai nostri abbandoni,
qualcosa ci è sempre mancato.
Freundschaft
Wir kennen einander nicht. Ich denke an die Tage,
da wir, der Zeit abhanden gekommen, uns begegneten,
an unsere bedauernswerte Vertraulichkeit.
Wir verabschiedeten uns stets,
ohne zu grüßen,
bedachten uns von fern mit Reue und Ausflüchten.
Wir belauerten uns auf Schritt und Tritt,
vorsichtige Tiere,
raffinierte Jäger,
um bis zur Ermüdung
unsere Rolle von Fremden auszufüllen.
Sprödigkeit, die an sich verzweifelt,
Pausen des Schwindels und Abgrunds
sprachen bei aller Diskretion
von vermiedener Berührung und vergeblicher Beschwörung.
Wir trugen voneinander immer einen Rest davon,
bitteres Verdienst,
nicht in unsere Verlassenheit zurückgewichen zu sein,
etwas, was wir immer versäumten.
Ecco la sera e spiove
sul toscano Appennino.
Con lo scender che fa le nubi a valle,
prese a lembi qua e là
come ragne fra gli alberi intricate,
si colorano i monti di viola.
Dolce vagare allora
per chi s’affanna il giorno
ed in se stesso, incredulo, si torce.
Viene dai borghi, qui sotto, in faccende,
un vociar lieto e folto in cui si sente
il giorno che declina
e il riposo imminente.
Vi si mischia il pulsare, il batter secco
ed alto del camion sullo stradone
bianco che varca i monti.
E tutto quanto a sera,
grilli, campane, fonti,
fa concerto e preghiera,
trema nell’aria sgombra.
Ma come più rifulge,
nell’ora che non ha un’altra luce,
il manto dei tuoi fianchi ampi, Appennino.
Sui tuoi prati che salgono a gironi,
questo liquido verde, che rispunta
fra gl’inganni del sole ad ogni acquata,
al vento trascolora, e mi rapisce,
per l’inquieto cammino,
sì che teneramente fa star muta
l’anima vagabonda.
Abend in Gavinana
Seht, es ist Abend und der Regen läßt nach
im toskanischen Apennin.
Wie die Wolken ins Tal herabsteigen,
den Saum gerafft hier und da,
gleich Vogelnestern um die Bäume gewickelt,
färben die Berge sich veilchenfarben.
Süßes Herumirren alsdann,
um wen der Tag sich grämt,
für wen er sich, ungläubig, um sich selber windet.
Es dringt von den Dörfern da unten in all ihrer Geschäftigkeit
ein fröhlicher und dichter Lärm, in dem fühlbar wird,
daß der Tag sich neigt
und die Stille vor der Tür steht.
Darein mischt sich das Pochen, das Hämmern, trocken
und hoch, des Lastwagens auf der weißen Landstraße,
die sich durch die Berge windet.
Und alles an diesem Abend,
die Grillen, die Glocken, die Quellen,
mündet in einen Chor, in ein Gebet,
zittert in der reinen Luft.
Doch um wieviel mehr erglänzt,
zur Stunde, die kein anderes Licht mehr kennt,
der Mantel um deine breiten Hüften, Apennin.
Auf deinen Wiesen, die sich in Schleifen an dir hochwinden,
dies flüssige Grün, das immer wieder aufsprießt
zwischen den Gaukelspielen der Sonne bei jedem Regenschauer,
es wechselt die Farbe mit dem Wind und entrückt mich
auf meinem unruhigen Pfad,
ja, es läßt auf sanfte Weise
die irrende Seele verstummen.
Vincenzo Cardarelli, Passato
I ricordi, queste ombre troppo lunghe
del nostro breve corpo,
questo strascico di morte
che noi lasciamo vivendo
i lugubri e durevoli ricordi,
eccoli già apparire:
melanconici e muti
fantasmi agitati da un vento funebre.
E tu non sei più che un ricordo.
Sei trapassata nella mia memoria.
Ora sì, posso dire
che m’appartieni
e qualche cosa fra di noi è accaduto
irrevocabilmente.
Tutto finì, così rapido!
Precipitoso e lieve
il tempo ci raggiunse.
Di fuggevoli istanti ordì una storia
ben chiusa e triste.
Dovevamo saperlo che l’amore
brucia la vita e fa volare il tempo.
Vorbei
Die Erinnerungen, diese allzu langen Schatten
unseres kurzen Körpers,
diese Schleppe des Todes,
die wir im Leben hinter uns herziehen,
die schaurigen und anhaftenden Erinnerungen,
da tauchen sie schon auf:
verdrießliche und stumme
Gespenster, gebläht von Grabeslüften.
Auch du bist nichts weiter als eine Erinnerung.
Du bist, die vorüberging in meinem Gedächtnis.
Hinfort kann ich sagen,
daß du mir angehörst
und etwas zwischen uns geschah,
das wir nicht widerrufen können.
Alles vorbei, so schnell!
Jählings und leichthin
hat uns die Zeit eingeholt.
Aus flüchtigen Momenten wob sie eine Geschichte,
verknotet und traurig.
Wir mußten wissen, daß die Liebe
das Leben verzehrt und die Zeit verflüchtigt.
Già di settembre imbrunano
a Venezia i crepuscoli precoci
e di gramaglie vestono le pietre.
Dardeggia il sole l’ultimo suo raggio
sugli ori dei mosaici ed accende
fuochi di paglia, effimera bellezza.
E cheta, dietro le Procuratìe,
sorge intanto la luna.
Luci festive ed argentate ridono,
van discorrendo trepide e lontane
nell’aria fredda e bruna.
Io le guardo ammaliato.
Forse più tardi mi ricorderò
di queste grandi sere
che son leste a venire,
e più belle, più vive le lor luci,
che ora un po’ mi disperano
(sempre da me così fuori e distanti!)
torneranno a brillare
nella mia fantasia.
E sarà vera e calma
felicità la mia.
September in Venedig
Bereits im September verdüstern sich
in Venedig die überstürzten Sonnenuntergänge
und die Steine kleiden sich in Trauer.
Es schießt die Sonne ihren letzten Strahl
auf das Gold der Mosaiken und entzündet
Strohfeuer, eine ephemere Schönheit.
Inzwischen geht über den Prokuratien
heimlich der Mond auf.
Festlich-silberne Lichter lachen,
ergehen sich plaudernd, zitternd und fern,
in der kühlen und dunklen Luft.
Betört folgt ihnen mein Blick.
Vielleicht werde ich später einmal
mich an diese prunkvollen Abende erinnern,
die unverhofft eintreffen,
und je schöner, je lebendiger sind ihre Lichter,
die mich jetzt ein wenig betrüben,
(sie sind mir ja immer so fremd und fern!),
sie werden wieder hell aufleuchten
in meiner Phantasie.
Und das Glück, mein Glück,
wird wahr sein und voll Ruhe.
Vincenzo Cardarelli, Nostalgia
Alto su rupe,
battuto dai venti,
un cimitero frondeggia:
cristiana oasi nel tartaro etrusco.
Là sotto è la fanciulla
bellissima dei Velcha,
che vive ancora nella tomba dell’Orco.
È il giaciglio gentile
della Pulzella
poco discosto.
Legioni di morti calavono
in quell’antica terra ove sperai
dormire un giorno e rimetter radici.
Oh poter seppellire
nella città silente
insiem con me la favola
di mia vita!
non esser più che una pietra corrosa,
un nome cancellato,
e riposar senza memoria in grembo
alla terra natia come se mai
me ne fossi scostato.
Ma nel sospiro estremo
sarò forse deluso.
Io morrò dove e quando
il fato vorrà.
Meglio forse al randagio
che lasciò il patrio asilo
cader per via conviene esser disperso.
E resti all’ossa inappagate il fremito,
il desio del ritorno.
Heimweh
Auf dem Felsen droben,
windgezaust,
belaubt sich der Friedhof:
christliche Oase inmitten des etruskischen Tartarus.
Da drunten ist das Bildnis
des schönsten Kinds der Sippe der Velcha,
sie lebt noch im Grabmal des Orkus.
Das sanfte Ruhebett
der Jungfrau
steht gleich daneben.
Legionen von Toten stiegen hinab
in jene antike Erde, wo ich hoffe
eines Tages zu schlafen und Wurzeln zu treiben.
O begraben zu können
in der schweigenden Stadt
zusammen mit mir das Märchen
meines Lebens!
Nicht mehr zu sein als ein zerbröckelter Stein,
ein ausgelöschter Name
und ohne Eingedenken zu ruhen im Schoß
der heimatlichen Erde,
als hätte ich mich nie von ihr entfernt.
Doch selbst im letzten Atemzug
erliege ich vielleicht einem Trugbild.
Ich werde sterben, wo und wann
es das Schicksal bestimmt.
Wohl geziemt es eher dem Vagabunden,
der sein Vaterhaus hinter sich einstürzen ließ,
verloren zu gehen.
Möge seinen unglückseligen Gebeinen ein Beben bleiben,
das Verlangen nach Heimkehr.
Vincenzo Cardarelli, Attesa
Oggi che t’aspettavo
non sei venuta.
E la tua assenza so quel che mi dice,
la tua assenza che tumultuava,
nel vuoto che hai lasciato,
come una stella.
Dice che non vuoi amarmi.
Quale un estivo temporale
s’annuncia e poi s’ allontana,
così ti sei negata alla mia sete.
L’amore, sul nascere,
ha di quest’ improvvisi pentimenti.
Silenziosamente
ci siamo intesi.
Amore, amore, come sempre,
vorrei coprirti di fiori e d’insulti.
Warten
Heute, da ich auf dich gewartet habe,
bist du nicht gekommen.
Und ich weiß, was deine Abwesenheit bedeutet,
deine Abwesenheit, die einen Aufruhr entfachte
in der Leere, die du hinterlassen hast,
gleich einem Stern.
Es bedeutet: Du magst mich nicht lieben.
Wie ein Sommergewitter,
das sich ankündigt und dann wieder verzieht,
hast du dich meinem Durst entzogen.
Kaum erblüht,
erfaßt die Liebe solch plötzliche Reue.
In Schweigen gehüllt
haben wir uns verständigt.
Liebe, Liebe, wie eh und je,
möchte ich dich mit Blumen überhäufen und mit Flüchen.
Vincenzo Cardarelli, Novembre
C’è un giorno che tutte le formiche escono dal bosco
a fare il fascio per l’invernata.
Sopraggiungono, di lì a poco,
le lunghe piogge autunnali,
simili a un gran pianto dirotto, interminabile.
È un pianto che sgorga a fiumi, a torrenti,
fa crescere il lago, solca le strade, rovina i ponti
e dilaga per i campi ostinatamente verdi.
I muri si ricoprono di vellutina.
Quando più nessuno se l’aspetta,
un sole freddoloso, più prezioso dell’oro vecchio,
torna poi, ogni mattina,
a trovare le foglie gialle d’acacia
che piovono ancora sui davanzali,
le foglie secche dei platani
che il vento trascina lungo i viali.
November
An einem solchen Tag eilen alle Ameisen aus dem Wald,
um ihr Bündel für die Winterzeit zu packen.
Kurz darauf platzt
der herbstliche Dauerregen nieder,
ähnlich einem großen bitterlichen Weinen, das kein Ende findet.
Ein Weinen, das wie aus Flüssen quillt, aus Sturzbächen,
den See anschwellen läßt, die Straßen furcht, die Brücken niederreißt
und die Felder überschwemmt, die auf ihrem Grün bestehen.
Die Mauern bedecken sich mit Samt.
Da kaum noch einer daran glaubt,
kehrt eine frostige Sonne, kostbarer als altes Gold,
zurück, Morgen für Morgen,
um die gelben Blätter der Akazie zu finden,
die noch triefen auf den Fensterbänken,
die trockenen Blätter der Platanen,
die der Wind weit über die Wege treibt.
Vincenzo Cardarelli, Estiva
Distesa estate,
stagione dei densi climi
dei grandi mattini
dell’albe senza rumore
ci si risveglia come in un acquario
dei giorni identici, astrali,
stagione la meno dolente
d’oscuramenti e di crisi,
felicità degli spazi,
nessuna promessa terrena
può dare pace al mio cuore
quanto la certezza di sole
che dal tuo cielo trabocca,
stagione estrema, che cadi
prostrata in riposi enormi,
dai oro ai più vasti sogni,
stagione che porti la luce
a distendere il tempo
di là dai confini del giorno,
e sembri mettere a volte
nell’ordine che procede
qualche cadenza dell’indugio eterno.
Sommerlich
Gedehnter Sommer,
Jahreszeit der dichten Atmosphäre,
der hohen Morgenstunden,
der lautlosen Dämmerungen,
da man erwacht wie in einem Aquarium
von gleichsinnigen Tagen, Sternentagen,
Jahreszeit mit dem geringsten Maß an Schmerz,
an Verdüsterungen und Krisen,
Seligkeit der Räume,
kein irdisches Versprechen
vermag meinem Herzen mehr Frieden zu geben
als die Gewißheit, daß die Sonne
sich über deinen ganzen Himmel ergießt,
letzte Jahreszeit, da du ermattet
sinkst in tiefsten Schlaf,
du vergoldest die weitesten Träume,
Jahreszeit, die du das Licht bringst,
die Zeit zu dehnen,
von jenseits bis zu den Grenzen des Tags,
und wieder zur Ordnung zu rufen scheinst,
was um ein paar Takte
dem ewigen Zögern vorauseilt.
Vincenzo Cardarelli, Autunno Veneziano
L’alito freddo e umido m’assale
di Venezia autunnale .
Adesso che l’estate,
sudaticcia e sciroccosa,
d’incanto se n’è andata,
una rigida luna settembrina
risplende, piena di funesti presagi,
sulla città d’acque e di pietre
che rivela il suo volto di medusa
contagiosa e malefica.
Morto è il silenzio dei canali fetidi,
sotto la luna acquosa,
in ciascuno dei quali
par che dorma il cadavere d’Ofelia:
tombe sparse di fiori
marci e d’altre immondizie vegetali,
dove passa sciacquando
il fantasma del gondoliere.
O notti veneziane,
senza canto di galli,
senza voci di fontane,
tetre notti lagunari
cui nessun tenero bisbiglio anima,
case torve, gelose,
a picco sui canali,
dormenti senza respiro,
io v’ho sul cuore adesso più che mai.
Qui non i venti impetuosi e funebri
del settembre montanino,
non odor di vendemmia, non lavacri
di piogge lacrimose,
non fragore di foglie che cadono.
Un ciuffo d’erba che ingiallisce e muore
su un davanzale
è tutto l’autunno veneziano.
Così a Venezia le stagioni delirano.
Pei suoi campi di marmo e i suoi canali
non son che luci smarrite,
luci che sognano la buona terra
odorosa e fruttifera.
Solo il naufragio invernale conviene
a questa città che non vive,
che non fiorisce,
se non quale una nave in fondo al mare.
Venezianischer Herbst
Der kalte und feuchte Hauch
des herbstlichen Venedigs fällt mich an.
Nun ist der Sommer
mit seinem Schweiß und seinem Schirokko
wie durch Magie entschwunden.
Ein strenger Septembermond
leuchtet, ein volles Unheilszeichen,
über der Stadt des Wassers und der Steine,
die ihr Medusenhaupt erhebt,
giftig und verderblich.
Tot ist die Stille der stinkenden Kanäle
unter einem Mond aus Wasser,
in einem jeden von ihnen
scheint der Leichnam Ophelias zu schlafen:
Gräber, Streu von verrotteten Blumen
und anderem Abfall aus Laub,
wo plätschernd vorüberzieht
das Gespenst des Gondoliere.
O venezianische Nächte,
ohne den Schrei des Hahns,
ohne die Stimmen der Brunnen,
trübe Nächte der Lagune,
die kein sanftes Flüstern beseelt,
finstere, neidische Häuser,
senkrecht über den Kanälen,
die schlafen ohne zu atmen,
ihr beengt mir die Brust heute mehr denn je.
Hier hat es keine Böen und keinen Sterbenshauch
wie in den Bergen des September,
keinen Geruch nach Most, keine Läuterung
in Tränenfluten,
kein Getöse herabfallender Blätter.
Ein Kräuterbüschel, das vergilbt und stirbt
auf einem Fenstersims,
das ist der ganze Herbst Venedigs.
So versinken in Venedig die Jahreszeiten im Wahn.
Auf seinen Marmorplätzen und seinen Kanälen
nichts als Irrlichter,
Lichter, die von der gesunden Erde träumen,
Erde der Düfte und Früchte.
Einzig der Schiffbruch im Winter passt
zu dieser Stadt, die nicht lebt,
die nicht ergrünt,
es sei denn ein Wrack auf dem Grunde des Meers.
Vincenzo Cardarelli, Gabbiani
Non so dove i gabbiani abbiano il nido,
ove trovino pace.
Io son come loro
in perpetuo volo.
La vita la sfioro
com’essi l’acqua ad acciuffare il cibo.
E come forse anch’essi amo la quiete,
la gran quiete marina,
ma il mio destino è vivere
balenando in burrasca.
Möwen
Ich weiß nicht, wo die Möwen wohl ihre Nester haben,
wo sie Frieden finden.
Ich lebe wie sie
in ewigem Flug.
Das Leben, ich streife daran hin,
wie jene über das Wasser, Nahrung zu erhaschen.
Und wie wohl auch sie liebe ich die Stille,
die tiefe Meeresstille,
doch mein Schicksal heißt leben,
aufblitzend im Sturm.
Vicenzo Cardarelli, Ottobre
Un tempo, era d’estate,
era a quel fuoco, a quegli ardori,
che si destava la mia fantasia.
Inclino adesso all’autunno
dal colore che inebria;
amo la stanca stagione
che ha già vendemmiato.
Niente più mi somiglia,
nulla più mi consola,
di quest’aria che odora
di mosto e di vino,
di questo vecchio sole ottobrino
che splende nelle vigne saccheggiate.
Sole d’autunno inatteso,
che splendi come in un di là,
con tenera perdizione
e vagabonda felicità,
tu ci trovi fiaccati,
vòlti al peggio e la morte nell’anima.
Ecco perché ci piaci,
vago sole superstite
che non sai dirci addio,
tornando ogni mattina
come un nuovo miracolo,
tanto più bello quanto più t’inoltri
e sei lì per spirare.
E di queste incredibili giornate
vai componendo la tua stagione
ch’è tutta una dolcissima agonia
Oktober
Einst, es war im Sommer,
es war an jenem Feuer, jenen Gluten,
da mein Geist sich entflammte.
Jetzt neige ich dem Herbst mich zu
und seine Farbe berauscht.
Der müden Jahreszeit gilt meine Liebe,
wenn die Trauben schon in der Kelter sind.
Nichts ist mir näher,
nichts tröstet mich mehr
als diese Luft, die nach Most
schmeckt und Wein,
als diese alte Oktobersonne,
die in den geplünderten Weinbergen gleißt.
Sonne eines unverhofften Herbstes,
du scheinst wie in ein Jenseits hinab,
wo die Verdammnis sanft
und schweifend die Seligkeit ist.
Du findest uns ermattet,
dem Schlimmsten zugewandt und den Tod im Herzen.
Darum sind wir dir gewogen,
Sonne, am Saum des Lebens verschwimmend,
die du nicht weißt, uns Adieu zu sagen,
jeden Morgen kehrst du wieder,
als ein Wunder aufs neu,
je schöner, je näher du an die Grenze rückst,
ins Nichts zu verblassen.
Und aus diesen unglaublichen Tagen
dichtest du dir deine eigene Jahreszeit,
als einen Untergang ganz voller Süße.
Vincenzo Cardarelli, Mattini d’ottobre
Di giorno in giorno il sole
si fa sempre più pallido.
E’un pallore che fiacca i nervi
e l’anima rattrista:
un’agonia di luce che si spegne,
un singhiozzo che muore lentamente.
In queste mattine d’ottobre
io vagolante in mezzo alla ressa
vo come un’ombra che cader potrebbe
senza rumore,
assaporando il sole d’autunno
ch’è il solicello della lunga morte.
Morgenstunden im Oktober
Von Tag zu Tag
bleicht die Sonne aus.
Es ist eine Blässe, die entnervt
und Trübsal bringt:
eine Agonie des verlöschenden Lichts,
ein Schluchzen, das mählich erstirbt.
In diesen Morgenstunden im Oktober
irre ich mitten im Gedränge umher
wie ein Schatten, bereit, jeden Moment
lautlos zu Boden zu fallen,
und ich trinke bis zur Neige
das Licht der Herbstsonne,
jener bleichen Sonne des langsamen Todes.
Vincenzo Cardarelli, Aprile
Quante parole stanche
mi vengono alla mente
in questo giorno piovoso d’aprile
che l’aia è come nube che si spappola
o fior che si disfiora.
Dentro un velo di pioggia
tutto è vestito a nuovo.
L’umida e cara terra
mi punge e mi discioglie.
Se gli occhi tuoi son paludosi e neri
come l’inferno
il mio dolore è fresco
come un ruscello.
April
Wie viele müde Worte
kommen mir in den Sinn
an diesem Regentag im April,
an dem die Tenne eine Wolke ist, die sich auflöst,
eine Blume, die zerstäubt.
Unterm Regenschleier
bekam alles ein neues Kleid.
Die feuchte und liebe Erde
versetzt mir einen Stich und taut mich auf.
Sind deine Augen sumpfig und schwarz
wie die Hölle,
ist mein Schmerz kühl
wie ein Rinnsal.
Vincenzo Cardarelli, Marzo
Oggi la primavera
è un vino effervescente.
Spumeggia il primo verde
sui grandi olmi fioriti a ciuffi
dove il germe gia cade
come diffusa pioggia.
Fra i rami onusti e prodighi
un cardellino becca.
Verdi persiane squillano
su rosse facciate
che il chiaro allegro vento
di marzo pulisce.
Tutto è color di prato.
Anche l’edera è illusa,
la borraccina è più verde
sui vecchi tronchi immemori
che non hanno stagione.
Scossa da un fiato immenso
la città vive un giorno
d’umori campestri.
Ebbra la primavera
corre nel sangue.
März
Heute ist der Frühling
ein prickelnder Wein.
Es schäumt das junge Grün
in den hohen Ulmen mit ihren Blütenbüscheln,
von denen der Same schon fällt
wie versprengte Regentropfen.
Inmitten der lastenden, sich verschwendenden Zweige
pickt ein Zeisig.
Grüne Fensterläden klappern
auf roten Fassaden,
die der heiter-klare Wind
des März poliert.
Alles taucht in die Farbe der Auen.
Auch der Efeu ist Teil des Gaukelspiels,
das Moos grünt dunkler
auf den alten, unvordenklichen Knorren,
die keine Jahreszeit kennen.
Erbebend unter einem ungeheuren Atem,
lebt die Stadt einen Tag
von ländlichen Säften.
Trunken rinnt
der Frühling im Blut.
Vincenzo Cardarelli, Febbraio
Febbraio è sbarazzino.
Non ha i riposi del grande inverno,
ha le punzecchiature,
i dispetti
di primavera che nasce.
Dalla bora di febbraio
requie non aspettare.
Questo mese è un ragazzo
fastidioso, irritante,
che mette a soqquadro la casa,
rimuove il sangue, annuncia il folle marzo
periglioso e mutante.
Februar
Februar ist ein Schelm.
Er hat nicht die Ruhepole des tiefen Winters,
er hat die Sticheleien,
die Bosheiten
der Knospen des Frühlings.
Von den Bora-Winden des Februars
erwarte dir keine Ruhe.
Dieser Monat ist ein Schlingel,
der auf die Nerven geht,
im Haus alles durcheinanderbringt,
aufs Blut reizt, Kundschafter des närrischen März,
voller Fährnisse und Launen.
Vincenzo Cardarelli, Scherzo
Il bosco di primavera
ha un’anima, una voce.
è il canto del cucù pieno d’aria,
che pare soffiato in un flauto.
Dentro il richiamo lieve
più che l’eco ingannevole,
noi ce ne andiamo illusi:
Il castagno è verde tenero.
Sono stillanti persino
le antiche ginestre.
Attorno ai tronchi ombrosi,
fra giochi di sole,
danzano le amadriadi.
Gaukelei
Der Wald hat im Frühling
eine Seele, eine Stimme.
Es ist erfüllt die Luft vom Kuckucksruf,
der wie in einem Rohr geblasen tönt.
Gebannt vom Lockruf,
zarter als das trügerische Echo,
verfallen wir der Illusion:
Der Kastanienbaum ist zartgrün.
Es hängen voller Tropfen
die alten Ginsterbüsche.
Rings um die schattigen Stämme,
zwischen den Spielen der Sonne,
tanzen die Dryaden.
Umberto Saba, Per una favola nuova
Ogni anno un passo avanti e il mondo dieci
indietro. Al fine son rimasto solo.
Ma tu mi rendi il perduto, usignolo
che sul mio ramo ti posi, e la storia
narri per me dell’angelo che vive
due giorni e mezzo sulla terra. Scrive
la tua mano inesperta, e fa che intorno
alla favola nuova i miei pensieri
sciamano assidui come api al miele.
Accusi l’arte difficile e gelo
la parola all’immagine. Ed io penso
che sei piú dei tuoi anni giovinetto;
che chi presto matura (è antico detto)
manca in breve al suo stelo.
Einem neuen Märchen entgegen
Jedes Jahr einen Schritt vorwärts und die Welt zehn
rückwärts. Am Ende blieb einsam ich zurück.
Du aber bringst mir das Verlorene wieder, Nachtigall,
da du dich niederläßt auf meinem Zweig und mir die Geschichte
vom Engel erzählst, der zwei Tage
auf Erden lebt und einen halben. Es schreibt
kunstlos deine Hand und läßt schwärmend mein Sinnen flügeln
um das neue Märchen wie um den Honig Bienen.
Du klagst, die Kunst sei Schmerz und Frost
das Bild gewordne Wort. Und ich denke,
du bist mehr als deine Jahre jugendlich,
denn wer früher reift (ein alter Spruch),
fällt bald von seinem Zweig.
Vincenzo Cardarelli, Autunno
Autunno. Già lo sentimmo venire
nel vento d’agosto,
nelle pioggie di settembre
torrenziali e piangenti
e un brivido percorse la terra
che ora, nuda e triste,
accoglie un sole smarrito.
Ora passa e declina,
in quest’autunno che incede
con lentezza indicibile,
il miglior tempo della nostra vita
e lungamente ci dice addio.
Herbst
Herbst. Wir spürten sein Kommen schon
im Wind des August,
im Septemberregen,
flutend und weinend,
und ein Schauer überlief die Erde,
die jetzt, nackt und traurig,
eine Sonne beherbergt, die sich verirrt hat.
Jetzt vergeht und neigt sich,
in diesem Herbst, der einherschreitet
mit unsagbarer Langsamkeit,
die letzte Zeit unseres Lebens
und sagt uns ein langgedehntes „Adieu!“.
Vincenzo Cardarelli, Passagio notturno
Giace lassù la mia infanzia.
Lassù in quella collina
ch’io riveggo di notte,
passando in ferrovia,
segnata di vive luci.
Odor di stoppie bruciate
m’investe alla stazione.
Antico e sparso odore
simile a molte voci che mi chiamino.
Ma il treno fugge. Io vo non so dove.
M’è compagno un amico
che non si desta neppure.
Nessuno pensa o immagina
che cosa sia per me
questa materna terra ch’io sorvolo
come un ignoto, come un traditore.
Nächtliche Vorüberfahrt
Da oben liegt meine Kindheit.
Da oben auf jenem Hügel,
den ich wiedersehe bei Nacht,
im Vorüberfahren mit dem Zug,
lebendige Lichter sind die Zeichen.
Geruch verbrannter Stoppeln
schlägt mir auf dem Bahnhof entgegen.
Schwaden Geruchs von ehedem,
einer Vielzahl von Stimmen gleich, die nach mir rufen.
Doch der Zug flieht dahin. Ich fahre, weiß nicht, wohin.
Mein Reisegefährte, der Freund,
er wacht nicht einmal auf.
Keiner weiß, keiner ahnt,
was sie mir bedeutet,
diese mütterliche Erde, über die ich dahinfliege,
wie ein Fremder, wie ein Verräter.
Umberto Saba, Lʾuomo e gli animali
Uomo, la tua sventura è senza fondo.
Sei troppo e troppo poco. Con invidia
(tu pensi invece con disprezzo) guardi
gli animali, che immuni di riguardi
e di pudori, dicono la vita
e le sue leggi. (Ne dicono il fondo)
Der Mensch und die Tiere
Mensch, dein Unglück ist Abgrund.
Du bist zu wenig, allzu wenig. Mit Neid
(du denkst indes mit Verachtung) schaust du
auf die Tiere, die rücksichtslos
und schamlos das Leben zeigen
und seine Gesetze. (Sie zeigen seinen Grund.)
Umberto Saba, I vecchi
I vecchi dei villaggi hanno (se l’hanno)
il tabacco. Hanno il vino rosso. A pochi
passi il temuto cimitero. Ed io
(non quello temo, ai vinti unico pio)
avrei dovuto guarire, sottrarmi
un farmaco letale, caricarmi
di pesi sempre piú gravi (ed è questa
– lo so – la legge della vita); darmi
promettevano in cambio, essi, una festa
essi, i miei buoni amici. Perché tutto
ti concedono i buoni, e non la morte.
Die alten Männer
Die alten Männer der Dörfer haben (wenn sie ihn denn haben)
ihren Tabak. Sie haben ihren Rotwein. Wenige
Schritte weiter den gefürchteten Friedhof. Und ich
(ihn fürchte ich nicht, der sich der Besiegten einzig erbarmt)
sollte genesen, mich des tödlichen
Heilmittels entwöhnen, mir aufhalsen
Lasten, schwerer und schwerer (und das ist ja,
ich weiß es, das Gesetz des Lebens). Dafür
versprachen sie mir ein Fest zu geben,
sie, meine guten Freunde. Ja, alles
gönnen sie dir, die guten, nur nicht den Tod.
Umberto Saba, Il poeta e il conformista
Come t’invidio, amico! Alla tua fede
saldamente ancorato, in pace vivi
con gli uomini e gli dei. Discorri scrivi
agevole, conforme volontà
del tuo padrone. In cambio egli ti dà
pane e, quale sua cosa, ti accarezza.
Arma non ti si appunta contro; spezza
il tuo sorriso ogni minaccia. E passi,
tra gli uomini e gli eventi, quasi illeso.
V’ha chi solo si pensa ed indifeso.
Pensa che la sua carne ha un buon sapore.
Meglio – pensa – chi è in vista al cacciatore
passero che pernice.
Der Dichter und der Konformist
Wie ich dich beneide, Freund! Du ankerst
fest am Fels des Glaubens, lebst im Frieden
mit der Welt und Gott. Redest, schreibst
frisch und flink, willfahrst dem Willen
deines Herrn. Dafür gibt er dir
Brot und tätschelt dich, denn du bist sein.
Wider dich erhebt sich keine Hand,
alle Drohung entwaffnet dein Lächeln. Du schlüpfst
durch die Menge und die Zeit, fast ohne einen Kratzer.
Da gibt es einen, der denkt, er sei allein und wehrlos.
Er denkt, sein Fleisch müsse gut schmecken.
Besser, denkt er, der Jäger hält einen
für einen Spatz als für ein Rebhuhn.
Umberto Saba, Nietzsche
Intorno a una grandezza solitaria
non volano gli uccelli, né quei vaghi
gli fanno, accanto, il nido. Altro non odi
che il silenzio, non vedi altro che l’aria.
Nietzsche
Um einen steil ragenden Solitär
flattern die Vögel nicht, an ihm bauen
die anmutleichten kein Nest. Alles, was du hörst,
ist Stille, was du siehst, Luft.
Leistungen und Grenzen psychologischer Beschreibung
Der Schüchterne kann so tun, als sei er kühn und tapfer, ja indem er so tut, ist er es, ohne indes aufhören zu müssen, schüchtern zu sein.
Der schüchterne Mensch, der plötzlich als Großsprecher auftritt oder sich durch eine kühne Tat auszeichnet, verliert nicht die Eigenschaft, schüchtern zu sein.
Der Dumme kann nicht vortäuschen, klug zu sein, denn um dies tun zu können, müßte er es sein.
Wir können nicht den Dummen spielen, der von nichts weiß, und gleichzeitig die Kripo mittels Vortäuschung eines listig eingefädelten Alibis an der Nase herumführen wollen, denn unsere Fähigkeit zur List ist der Beweis dafür, daß wir nicht dumm sind.
Wir können der Kripo nicht weismachen, daß wir den Dieb wiedererkennen werden, weil wir ihn bei Nacht und Nebel in einer Entfernung von 150 Metern haben heranschleichen sehen, nachdem der Anblick unserer dicken Brillengläser und die Einsicht in unseren Behindertenausweis uns als schwer sehbehindert ausgewiesen haben.
Wenn die Sonne scheint, können wir nicht vorgeben zu glauben, der Himmel sei nicht blau, oder die Straße werde nicht naß, wenn es geregnet hat.
Wasser hat die Disposition, sich bei geeigneten Umweltbedingungen in den festen, den flüssigen und den gasförmigen Zustand zu verwandeln.
Der Pawlowsche Hund hat die konditionierte Disposition, beim Erschallen der Klingel Speichel abzusondern.
Der Schüchterne hat die Disposition, sich bei geeigneten Umweltbedingungen zu schämen, der Jähzornige, zornig zu werden, der freundliche Mensch zuvorkommend zu sein.
Doch überrascht uns der Mensch, den wir für schüchtern hielten, durch eine kühne Tat, der Mensch, dessen Wutausbruch wir erwarteten, durch eine begütigende Geste, der Mensch, dessen freundliches Wesen wir schätzten, durch eine grausame Handlung.
Der laut und arrogant auftretende Mensch kann eigentlich schüchtern und ängstlich sein, der schüchtern und kleinlaut auftretende eigentlich machtgierig und arrogant.
Deskriptive Prädikate wie „blau“, „naß“, „fest“, „flüssig“ und „gasförmig“ und kognitive Prädikate wie „fehlsichtig“ und „scharfsichtig“, „dumm“ oder „intelligent“ haben andere Bedingungen der Verwendung als psychologische Prädikate wie „jähzornig“, „schüchtern“ oder „selbstbewußt“, „ängstlich“ oder „verwegen“.
Die Eigenart psychologischer Prädikate besteht im Gegensatz zur Semantik deskriptiver Prädikate darin, komplementär verwendet werden zu können, vergleichbar mit dem Komplementärprinzip der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie, wonach Licht sowohl Eigenschaften von Materieteilchen als auch Eigenschaften von Energiewellen besitzt, insofern die menschliche Seele ein komplexes, vielschichtiges und verwickeltes Ding ist.
Es ist zu vermuten, daß die Eigenart psychologischer Prädikate, komplementär verwendet werden zu können, den Anstoß und die scheinbare Plausibilität für die psychoanalytische Annahme unbewußter psychischer Vorgänge darstellt, eine Hypothese, die entbehrlich ist, wenn wir erkennen, daß die Zuschreibung widersprüchlicher psychologischer Prädikate auf ein und dieselbe Person nicht die Existenz eines Unbewußten voraussetzt, sondern die Existenz spezifischer Verwendungsregeln für solche Prädikate, hauptsächlich die Regel der Komplementarität.
Wir müssen nicht sagen, jener Mensch habe kühn gehandelt, obwohl wir ihn als schüchtern und ängstlich kennen, oder jener Frau sei die Hutschnur geplatzt und sie sei jähzornig aufgebraust, obwohl wir sie als sanftmütige Person in Erinnerung haben. Sondern wir sagen, jener schüchterne und ängstliche Mensch habe kühn gehandelt oder jener sanftmütigen Frau sei die Hutschnur geplatzt und sie sei zornig aufgebraust.
Wenn ich dir einmal bei einer zufälligen Begegnung zugelächelt hätte, würdest du aus dieser Wahrnehmung nicht folgern, daß ich ein freundlicher Mensch sei, auch wenn natürlich gilt, daß freundliche Menschen eher zu lächeln bereit sind als unfreundliche. Um feststellen zu können, daß ich ein freundlicher Mensch bin, genügt ein Lächeln nicht – vielleicht war es ja eher ein Grinsen, das ich aufgesetzt hatte, oder es geschah halbbewußt in einer Art Geistesabwesenheit.
Um feststellen zu können, daß einer ein freundlicher Mensch ist, müßten wir mit ihm zusammenleben oder einen engen Austausch mit ihm pflegen, der uns erlaubt, ihn in verschiedenen Situationen zu beobachten. Dann kommen wir vielleicht allmählich dahinter, was es mit jenen Gemütsäußerungen oder emotionalen Reaktionen und anderen verbalen und nichtverbalen Bekundungen auf sich hat, denen wir das Etikett „freundlich“ oder „unfreundlich“ anheften. Denn die psychologische Eigenschaft, die wir Freundlichkeit nennen, offenbart sich nach und nach in einer Gemengelage aus Gesten, Worten und Taten, die wir unterschiedlich beschreiben, etwa durch Attribute wie „zuvorkommend“, „hilfsbereit“, „aufmerksam“, „teilnehmend“ oder „verständnisvoll“, die wir aber dennoch mit dem einen roten Faden namens „Freundlichkeit“ untereinander verknüpfen.
Wir werden uns aber hüten und den roten Faden nicht mit psychologischen Prädikaten wie „gutherzig“, „warmherzig“, „einfühlsam“, „liebevoll“ oder „sanftmütig“ verknüpfen, da unsere Intuition hier eine andere Kategorie psychologischer Verknüpfungen aufspürt, die wir „Güte“, „Milde“ oder „Herzlichkeit“ zu nennen pflegen. Wir merken den Unterschied sofort, denn wir unterstellen, daß ein gütiger oder warmherziger Mensch gern eine Lächeln verschenkt, während das Lächeln, das sich der freundliche Mensch auch in heiklen Situationen und gegenüber Leuten abnötigt, die ihm herzlich gleichgültig oder gar unangenehm und verdächtig sind, kein Zeichen von Herzlichkeit darstellt.
Manche scheinen ein klares Bild von anderen Menschen zu haben. Wer so handelt, muß so sein. Die Mutter hat das Kind geschlagen, also ist sie grausam. Der Freund redet immer nur von sich und seinen beruflichen Erfolgen, also ist er ein Angeber. Die Freundin redet einem ständig in die eigenen Angelegenheiten drein oder macht sich über die eigenen Bemühungen lächerlich. Also ist sie rechthaberisch und übergriffig.
Können wir uns ein mehr oder weniger klares Bild vom Charakter oder gewissen Charakterzügen anderer Menschen und unserer selbst machen? Wie weit reichen dabei die Möglichkeiten der sprachlichen Beschreibung mittels der Verwendung von psychologischen Prädikaten und wie weit die Möglichkeiten der psychologischen Exploration?
Wir beschreiben einen Charakterzug als die Disposition, unter gewissen Umständen und in gewissen Situationen in bestimmter Weise zu handeln oder sich zu verhalten, ähnlich der Disposition von Glas, bei einem bestimmten Druck zu zerspringen, oder von Papier oder Metall, bei einer bestimmten Temperatur in Flammen aufzugehen oder zu schmelzen. Wer eine nachlässig hingeworfene Bemerkung bereits zum Anlaß nimmt, sich gekränkt oder beleidigt zu fühlen und aufzubrausen, nennen wir hochgradig sensibel, unsicher oder jähzornig. Die charakterliche Disposition des Jähzorns zeigt sich im aufbrausenden Verhalten bei besagtem Anlaß.
Wir bemerken, daß ein Gas-Sauerstoff-Gemisch mittels eines elektrischen Funkens zur Explosion gebracht wird, während nicht jeder dumme Jungenstreich und nicht jede alberne Bemerkung hinreichen, daß ein jähzorniger Mensch in die Luft geht. Der auf den Klang der Glocke konditionierte Hund Pawlows reagiert prompt mit Speichelabsonderung, wenn die Glocke anschlägt, während uns auch angesichts des leckersten Bratens und der cremigsten Torte, selbst wenn uns der Magen grummeln sollte, nicht ohne weiteres der Mund wässrig wird, insofern uns ein Anlaß zu großer Trauer das Gemüt bedrückt. Die kausale Verknüpfung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen zur Auslösung eines Ereignisses wie der Zufuhr von Sauerstoff und der Entzündung des elektrischen Funkens bei der Gasexplosion oder das Reiz-Reaktions-Schema beim Pawlowschen Hund genügen uns nicht zum Verständnis psychologischer Eigenschaften und ihrer Beschreibung mittels der Verwendung von psychologischen Prädikaten wie Freundlichkeit oder Herzlichkeit, Ängstlichkeit oder Kühnheit.
Wir können allerdings die Bereitschaft oder Neigung des jähzornigen Menschen, bei bestimmten Gelegenheiten aufbrausend zu reagieren, als eine charakterliche Disposition beschreiben, wenn wir uns vor Augen halten, daß Dispositionen kein Element einer Kausalkette oder eines Reiz-Reaktions-Schemas darstellen. Wir können demnach einen Charakterzug oder eine psychologische Eigenschaft als Verhaltensneigung beschreiben und den Begriff, den wir ihnen zuordnen, als Dispositionsbegriff definieren.
Wir haben damit ein Modell der psychologischen Beschreibung gewonnen, das wir anhand der Analogie des Modells der Beschreibung von physischen Stoffen erweitern wollen. Ähnlich wie der Stoff, den wir Wasser nennen, die Disposition hat, bei null Grad Celsius zu gefrieren, bei 100 Grad Celsius sich in Dampf aufzulösen und zwischen diesen Bereichen in einem flüssigen Zustand zu verbleiben, können wir von den Charakterzügen als Verhaltensneigungen annehmen, daß sie in bestimmten Verknüpfungen oder Verbindungen auftreten oder aufzutreten pflegen. Dem Menschen, der bei schweren Belastungen und beruflichen oder familiären Stresslagen dazu neigt, gleichsam zu gefrieren und sich apathisch, lustlos und willenlos in sein Schneckenhaus zurückzuziehen, nennen wir furchtsam und ängstlich und sprechen ihm depressive Neigungen zu. Dem Menschen, der bei einer großer Zufuhr an Aufmerksamkeit, Lob und Zuspruch dazu neigt, aus dem Häuschen zu geraten und sich übermütig oder tollkühn an die Bewältigung von Aufgaben zu machen, die seine Kräfte und sein Können überschreiten, nennen wir leicht erregbar oder exzitabel und sprechen ihm manische Neigungen zu. Einem Menschen, der unter normalen Umständen und einem bewältigbaren Maß an Anforderungen und Zumutungen ruhig, ausdauernd und kontrolliert bleibt, nennen wir ausgeglichen und sprechen ihm ein mehr oder minder gediegenes Maß an seelischer Gesundheit und Reife zu.
Was aber, wenn es sich dabei um ein und denselben Menschen handelt, der sich einmal so und dann wieder so verhält? Dieser Fall, und er ist nicht außergewöhnlich, sondern begegnet uns täglich, zeigt die Grenze der Anwendung unseres Modells der Beschreibung von Dispositionen physischer Stoffe auf die Beschreibung von Verhaltensdispositionen an.
Wir sagen damit nicht, daß die Zuschreibung von Charakterzügen willkürlich ist, sondern daß sie nicht nach der Analogie der Eigenschaften physischer Stoffe aufgefaßt werden kann, deren Einzelzüge wie die Eigenschaften von Wasser kausal eindeutig verknüpft sind. Auf welche Weise aber sind menschliche Verhaltensdispositionen miteinander verknüpft und auf welche Weise verwenden und verknüpfen wir sinnvoll und kohärent psychologische Prädikate?
Die Verhaltensdisposition, vor akut auftretenden Gefahren zu fliehen oder geeignete Maßnahmen der Abwehr vom Aufsuchen eines Verstecks bis zur tätlichen Abwendung der Gefahr oder des feindlichen Angriffs zu ergreifen, nennen wir Furcht. In diesem Sinne ist Furcht eine Disposition, die wir mit allen Lebewesen teilen, die sich auf diese Weise verhalten können. Damit gewinnen wir ein biologisches Modell der Beschreibung von Verhaltensdispositionen, das sich fruchtbar erweist, wenn wir menschliche Charakterzüge anhand dieses Modells klarer hervortreten lassen können. So können wir sagen, daß ein Tier, das wie ein Wiesel oder ein Erdmännchen sich bei dem von ihm beobachteten Herannahen einer Gefahr für Leib und Leben wie dem Anflug eines Uhus oder Adlers in seinen Erdbau flüchtet, sich biologisch angemessen verhält, daß es aber, wenn es sich aus anhaltender Furcht stunden- oder tagelang, auch wenn die Gefahr längst außer Sichtweite ist, nicht mehr aus seinem Versteck hervortraut, sich biologisch nicht angemessen verhält. Auch würden wir von einem Tier, das bei einem Angriff durch einen Räuber sich nicht der angeborenen Fähigkeit tätlicher Gegenwehr bediente, sagen, daß es sich biologisch nicht angemessen verhält und vor lauter Furcht den Mut zum Überlebenskampf eingebüßt hat.
Mit diesem Modell nähern wir uns der psychologischen Beschreibung des Charakterzugs, den wir Furchtsamkeit, Schüchternheit und Mißtrauen nennen und an Menschen beobachten, die schon bei geringfügigen Verstörungen und leichten Stresslagen sich in den geschützten Bau ihrer Wohnung zurückziehen und womöglich tagelang daraus nicht mehr hervortrauen. Allzu furchtsam, schüchtern und sich selbst mißtrauend erscheint uns auch das Verhalten von Menschen, die trotz geringfügiger Störfälle und leichter bis mittelschwerer Anforderungen ihrer Umwelt der ihnen angeborenen oder erworbenen Fähigkeiten tätlicher Gegenwehr vergessen und gleich die Waffen strecken.
Wir bemerken, daß wir mit der psychologischen Beschreibung von Charakterzügen eine Skala möglicher und beobachtbarer Verhaltensneigungen entwerfen, die sowohl das mittlere Spektrum, in dem wir normale Züge eintragen, als auch das untere und obere Spektrum abdeckt, in dem wir abweichende oder krankhafte Züge des Verhaltens eintragen.
Wir haben gesehen, daß wir im alltäglichen Umgang immer wieder auf Menschen treffen, deren Verhalten wir sowohl auf dem mittleren wie den extremen Bereichen der Beschreibungsskala zuordnen können. Wenn jemand zu introvertiertem oder extrovertiertem Verhalten neigt, wenn jemand furchtsam, schüchtern und ängstlich oder mutig, verwegen und übermütig ist, oder jemand in der einen Situation zum Rückzug, in der anderen zu kühnen Ausfällen neigt, er aber im mittleren Skalenbereich des Verhaltens durchschnittliche Werte erreicht, ordnen wir seine Verhaltensdispositionen in der Summe dem Normbereich zu.
Damit gewinnen wir Kriterien für die Zuordnung des abweichenden oder krankhaften Verhaltens gemäß den beiden Hauptklassen der psychischen Erkrankung, der Neurose und der Psychose. Wir sprechen von Neurose, wenn die Zuordnung des Verhaltens zu den extremen Bereichen unserer Skala die Zuordnung zum mittleren oder normalen Bereich nicht überwiegt, und wir sprechen von Psychose, wenn die Zuordnung zu den extremen Bereichen die Zuordnung zum Normbereich überwiegt oder zeitweilig vollständig auslöscht.
Der Neurotiker gleicht dem fiktiven Erdmännchen, das sich beim leisesten Anflug einer vermeintlichen oder wirklichen Gefahr tagelang in seinen Bau zurückzöge. Der Neurotiker hat ein adäquates Realitätsbewußtsein, insofern er die Quelle möglicher Gefahren in der Umwelt verortet, er hat dagegen ein inadäquates Realitätsbewußtsein, insofern er befürchtet, die Gefahr hocke gleichsam auf der Schwelle seiner Wohnungstür, die er deshalb verschlossen läßt. Die Furcht vor dem imaginären Feind absorbiert zeitweilig die Aufmerksamkeit auf mögliche oder wirkliche Gefahren, aber sie verdrängt sie nicht vollständig, denn wenn der Magen grummelt, schleicht der Neurotiker, wenn auch verstohlen um sich blickend, wieder in den Supermarkt.
Der paranoide Psychotiker gleicht dem Maulwurf oder dem Erdtier, das Franz Kafka in seiner genialen (leider unvollendet gebliebenen) letzten Erzählung „Der Bau“ beschreibt. Das Tier hat sich ganz in das unterirdische Labyrinth seines Erdbaus aus tiefen Stollen, Fluchtgängen und Höhlen zurückgezogen, denn es ist besessen von der vermeintlichen Wahrnehmung der immer näher rückenden Geräusche seines unentrinnbaren Feindes (sind es Atemstöße, Getrippel und Getrampel, ist es ein Nagen oder Zischen?), eine Wahrnehmung, die uns wohl nicht zu Unrecht an die Wahnwahrnehmungen der Psychose erinnert. Der Bau des Tieres ist kein Zufluchtsort mehr, sondern selbst der Ort der Bedrohung geworden. Das Gleiche ließe sich von dem Psychotiker sagen, der den Feind gleichsam in sich aufgenommen oder im Bau seiner Seele beherbergt hat, der ihn leibhaft in sich spürt und vernimmt, der ihn in Form schmeichelnd-verführerischer oder häßlich-verhöhnender Stimmen hört. Wir kommen nicht umhin anzunehmen, daß die Zuordnungen zu den Extrembereichen unserer psychologischen Beschreibungsskala im Falle des akuten paranoiden Schubs den Normbereich der Skala überwiegen oder auslöschen.
Wir verwenden zur Verdeutlichung des Gemeinten ein Bild, und zwar das alte Bild für den harmonischen Ausgleich von Natur und Kultur, den Garten, einen Garten mit Rosenbüschen, Lilien, Gladiolen, Dahlien und anderen Blütenpflanzen, gewiß auch mit ordentlich gepflegten Reihen von Bohnen und Kartoffeln sowie Sträuchern und Beeten von allerlei Beeren wie Johannesbeeren und Stachelbeeren oder Erdbeeren; wir vergessen auch nicht, dem Garten am Rande eine naturbelassene Zone des Wildwuchses zu gönnen, in der aus einer Grotte oder einem Brunnen Wasser quillt.
Wir können sagen, daß dieser schöne und fruchtbare Garten sich unter den Händen des Neurotikers im Extremfall zur Monokultur einer Nutzpflanze verwandelt haben wird, wir sehen einen Kartoffelacker oder nichts als eine kurzgeschorene Rasenfläche vor uns, die Zone der Wildnis ist mitsamt der befruchtenden Quelle beseitigt. Dagegen ist unser Garten unter dem Walten des Psychotikers im Extremfall vollständig verwildert, da wachsen wilde Brombeerbüsche inmitten von Disteln, Knöterich, Ampfer und Wicken, die schönen Zierblumen sind erstickt, doch unter all dem wilden und dornigen Gestrüpp und Dickicht vernehmen wir, wenn es abends still wird, das Glucksen und Plauschen der alten Quelle.
Wir sehen, inwiefern die Rede davon sinnvoll ist, daß der Neurotiker nur teil- und streckenweise das Realitätsbewußtsein eingebüßt hat: In der Regel ist er trotz all seiner Zwänge, Hemmungen und Ängste in der Lage, sein Leben zu fristen und wenn auch auf verkümmertem Wirkungsgrad den kommunikativen Regelkreis mit seiner familiären und beruflichen Umwelt zu schließen. Dagegen ist der Psychotiker in akuten Krankheitsepisoden und ohne Einsatz medikamentöser Hilfen oft nicht mehr in der Lage, ein eigenständiges Leben zu führen, seine Vitalität ist vom Gestrüpp des Wahns, der Depression, der Apathie und der Verflachung von Sprache, Fühlen und Denken wie unterm Bann; immerhin zeigt das Bild auch den Grund zur Hoffnung, selbst bei völliger Überwucherung der Person: Die Lebensquelle ist nicht versiegt.
Wir weisen ausdrücklich darauf hin, daß der teilweise oder totale Verlust des Realitätsbewußtseins bei der Neurose und Psychose nicht den Verlust des dem Neurotiker und Psychotiker zuzuschreibenden Status der vernunftfähigen Person impliziert, denn der Kranke bleibt dieselbe Person, die er war oder wieder zu sein fähig ist, bevor er krank wurde und nachdem er geheilt sein wird.
Die Vernunft versteht sich selbst und das, was wir als unvernünftig oder widervernünftig anhand der Beschreibung des menschlichen Verhaltens und insbesondere des Verhaltens des psychisch Kranken zu bezeichnen pflegen. Denn auch das unvernünftige Verhalten des seelisch Kranken entbehrt nicht des Sinnes, den wir verstehen und aus dem Tun und Sagen des Patienten aufschlüsseln können. Da wir wissen, was Furcht ist, können wir Modelle krankhafter und paranoider Furcht entwerfen, die uns vor den Wahngebilden der paranoiden Psychose nicht gänzlich verstummen lassen.
Wir sahen bei der Betrachtung des Beschreibungsmodells der Verhaltensdispositionen physischer Stoffe, daß ihre Verbindung kausal determiniert ist. Wir können nun sehen, daß die Verbindung und Verflechtung der menschlichen Verhaltensdispositionen nicht kausal, sondern intentional oder vom Kontext sinnhaften Tuns und Sagens bestimmt ist. Der Kontext des Tuns und Sagens eines jeden Menschen aber ist seine ganze Geschichte in der Interaktion mit der Umwelt und anderen Menschen, von der Geburt bis zum heutigen Tag. Wer wähnt, von feindlichen Mächten mittels des Fernsehers oder des Internets beobachtet oder kontrolliert zu werden, mag sich unvernünftig verhalten, aber wir verstehen den Sinn seiner Äußerungen und des ihnen entsprechenden Verhaltens, denn wir wissen um die Quellen und Ausmaße der menschlichen Furcht und können ihre Ausartung zu einer Größe verstehen, die alles Menschenmögliche übersteigt. Warum die Furcht des Kranken das Normalmaß übersteigt, verstehen wir, wenn wir die Quelle der bösen Mächte, von denen er sich heimgesucht fühlt, in seiner Lebensgeschichte aufspüren. Zumeist sind es die ihm nahe- und nächststehenden Personen, an deren vermeintlichen oder wirklichen übergriffigen oder feindseligen Interaktionen seine Fähigkeiten zu Flucht und Abwehr versagt haben. Die Therapie schließt neben dieser Aufdeckung ein, dem Patienten die rudimentären oder verkümmerten Fähigkeiten der Selbstwehr und Selbstachtung zu stärken und zu ergänzen.
Insbesondere der psychotisch Erkrankte klammert sich mit seiner Krankheit an die reale oder symbolische Instanz, deren bösartigem Wirken er seinen Zustand zuschreibt. Wenn er glaubt, daß die Mutter oder der Vater sein Leid durch ihr Fehlverhalten verursacht haben, mag ein Körnchen Wahrheit berührt sein, dennoch ist seine Position zur realen oder symbolischen Elterninstanz ein Teil der Krankheit, die es aufzulösen gilt, damit die Krankheit sich auflöst. So ist, um an dies fatale Kapitel der Psychiatriegeschichte zu erinnern, die Dämonisierung der Mutter als der schizophrenogenen Instanz par excellence recht besehen ein Teil der Krankheit und nicht ein vernünftiger Aufschluß zu ihrer Erklärung, Auflösung und Heilung.
Wenn wir dem psychotischen Patienten eine Frage stellen, kann es sein, daß er nur stockend antwortet und wir ihm die Worte aus der Nase ziehen müssen. Wir täten unrecht, ihm Schüchternheit oder Verlegenheit, Ängstlichkeit oder Scheu zu unterstellen, vielmehr leidet er unter einer organisch mitbedingten Form der Schwäche der Übertragung von Willensimpulsen, der sogenannten Abulie. Diese Erfahrung gibt uns einen ersten Hinweis auf die Notwendigkeit, bei unserer Klassifikation der Verhaltensweisen der Mitmenschen oder unseren psychologischen Beschreibungen Vorsicht walten zu lassen.
Wer uns schüchtern oder ängstlich erscheint, weil er nicht prompt und impulsiv auf unsere Interaktionen reagiert, kann durchaus schüchtern und ängstlich sein, er könnte aber auch besonnen und abgeklärt sein oder jemand, dessen Aufmerksamkeit anderweitig beschäftigt und von unserer Gegenwart abgelenkt ist. Wer uns vorlaut und lästerlich angeht, kaum daß wir seine Bekanntschaft gemacht haben, erscheint uns frech und dreist und keineswegs schüchtern und ängstlich; und dennoch lehrt uns die psychologische Erfahrung, daß manchmal ein demonstratives Verhalten vorgeschützt wird, um die Präsenz seines Gegenteils zu verbergen. Sowohl der laut und plump auftretende Mensch als auch jemand, der die ganze Zeit schwieg, an der Bar aber nach dem zweiten Glas obszöne Witze erzählt oder vom tragischen Tod seines Bruders berichtet, kann seine tief verwurzelte und quälende Schüchternheit verbergen.
Mit solchen Beispielen komplexer oder komplementär verwobener Gemütsregungen werden wir davor gewarnt, angesichts einer bestimmten Situation oder aufgrund eines Berichts über eine bestimmte Situation von dem betreffenden Menschen zu urteilen, weil er so gehandelt und sich so verhalten hat, sei er so.
Wir brauchen demnach eine zeitlich lange und im Umgang intensive Kommunikation mit einem anderen Menschen, um allmählich seine Charakterzüge und Verhaltensdispositionen kennenzulernen. Dabei mag es uns passieren, daß wir am ersten starken Eindruck haften bleiben und unsere psychologische Beschreibung ziemlich eingleisig und einsinnig ausfällt, wie wenn wir einem Menschen aufgrund eines lärmenden und berauschten Auftritts Eigenschaften zuschreiben, die das Gegenteil von schüchtern, scheu oder ängstlich sind, bis wir eines Tages angesichts einer Konfrontation des Menschen mit seinem cholerischen Vermieter oder seiner spöttischen Schwester feststellen müssen, wie wenig kühn und selbstbewußt er auftritt und zu sein scheint. Wir erkennen die Komplementarität psychologischer Prädikate, wenn wir sehen, daß der schüchterne, scheue und ängstliche Mensch durchaus laut, plump und arrogant auftreten oder sich beherzt zeigen kann, so wie der arrogante Schnösel bei passender Gelegenheit sein Hasenherz zu offenbaren vermag.
Wir betrachten und erkunden im Folgenden die Eigenart psychologischer Prädikate und die Reichweite psychologischer Beschreibungen im Vergleich mit der Eigenart deskriptiver und kognitiver Prädikate.
Wenn der Ball das Fenster und das zerbrechliche Glas getroffen hat, ist das Glas zerbrochen. Wenn dem jähzornigen Kerl die Hutschnur platzt, bekommt er einen Wutanfall und ist zornig. Wenn das schüchterne Kind dem Fremden die Hand geben soll, versteckt es sich hinter der Mutter und schämt sich oder ist beschämt. Wenn vor der ängstlichen Frau auf dem einsamen Pfad ein Schatten auftaucht, hat sie Angst oder ist erschrocken.
Wir sehen anhand der Beispielsätze, daß deskriptive Prädikate wie „zerbrochen“, „zornig“, „beschämt“ und „erschrocken“ den Zustand als Faktum beschreiben, den die zugehörigen Dispositionsprädikate „zerbrechlich“, „jähzornig“, „schüchtern“ und „ängstlich“ als Möglichkeit bezeichnen. Die Disposition betrifft einen mehr oder weniger lang anhaltenden Zustand, das Faktum ist ein Ereignis. Wir gehen davon aus, daß dieses Glas zerbrechlich ist, weil wir wissen, daß es eine wesentliche Eigenschaft von Gläsern ist, zerbrechlich zu sein, oder daß alles Glas zerbrechlich ist. Definitiv wissen wir, daß dieses Glas zerbrechlich war, wenn es zerbrochen ist.
Wir nehmen an, daß ein Mensch schüchtern ist, wenn wir beobachtet haben, daß er sich in Situationen, die auf die meisten nicht beschämend wirken, geschämt hat, ebenso wie wir annehmen, einer sei kühn oder mutig oder tapfer, wenn wir beobachtet haben, daß er mehrfach Herausforderungen wie die Besteigung eines hohen Berggipfels oder die Rettung eines Kindes aus einem brennenden Haus oder die Pflege seiner demenzkranken Mutter angenommen und bewältigt hat, vor der die meisten versagen oder die Flinte ins Korn werfen.
Wir bemerken, daß in einigen Fällen der Eintritt der Möglichkeit, den der Dispositionsbegriff enthält, den Stoff oder Gegenstand irreversibel modifiziert wie das zerbrochene Glas oder der in Wasser aufgelöste Zucker oder der verstorbene Mensch, eine Zustandsveränderung, die unter hier herrschenden normalen Bedingungen nicht rückgängig zu machen ist. Dagegen bezeichnen psychologische Prädikate wie schüchtern oder dreist Dispositionen, die den Menschen, der die entsprechende Eigenschaft exemplifiziert, indem er verlegen oder unverschämt wird, nicht grundlegend modifizieren, sondern im Gegenteil charakterisieren.
Betrachten und vergleichen wir die Eigenart deskriptiver Prädikate im Vergleich zu dispositionellen Prädikaten und psychologischen Eigenschaften. Wenn die Sonne scheint, ist der Himmel blau. Wenn es regnet, wird die Straße naß. Wenn das Kind ein Überraschungsei bekommt, freut es sich und ist fröhlich. Wenn dem Kind ein Geschwister das Ei stiehlt, ist es traurig. Wer unfähig ist, ein Buch ohne Zuhilfenahme einer Brille zu lesen, ist fehlsichtig. Wer ständig „Wie bitte?“ fragt, auch wenn wir ihm den Satz immer wieder ins Ohr geschrien haben, ist schwerhörig.
Deskriptive Prädikate wie „blau“, „naß, „fröhlich“, „traurig“, „fehlsichtig“ und „schwerhörig“ verwenden wir aufgrund von Wahrnehmungen und Beobachtungen, die den Kontext ihres korrekten Gebrauchs eindeutig festlegen. Im Gegensatz zu psychologischen Prädikaten wie schüchtern und ängstlich, kühn und dreist sind deskriptive Prädikate wie fröhlich, traurig, fehlsichtig oder schwerhörig in ihrem Gebrauch klar definiert und eindeutig anwendbar. Denn der unbeschwert lachende Mensch verbirgt hinter seinem Lachen keine Trauer und der vor Verzweiflung weinende Mensch hinter seinen Tränen keine Freude. Der Fehlsichtige wird uns nicht mit der Nachricht überraschen, Meister im Bogenschießen geworden zu sein, und der Schwerhörige nicht mit der Nachricht, das Gras wachsen gehört zu haben. Während wir bei dem vorlaut, plump und dreist aufgetretenen Menschen endlich dahinterkommen können, daß er eigentlich schüchtern und ängstlich ist. Wir haben diese Eigentümlichkeit psychologischer Prädikate bereits als ihre Komplementarität kennengelernt.
Kurzsichtige oder schwerhörige Menschen können freundlich oder grantig, furchtsam oder kühn, schüchtern oder dreist sein, was uns darauf hinweist, daß es keinen kausalen oder intentionalen Zusammenhang zwischen deskriptiven und psychologischen Eigenschaften gib oder daß wir uns bei der psychologischen Beschreibung nicht an der Beschreibung mittels deskriptiver Begriffe orientieren können. Insbesondere ermangelt die Verwendung deskriptiver Prädikate der Eigenart der Komplementarität, wie wir sie von der Verwendung psychologischer Prädikate kennen. Die gleichzeitige Zuschreibung widersprüchlicher deskriptiver Prädikate zu demselben Gegenstand ist nicht korrekt, weil logisch inkonsistent, denn anzunehmen, der Himmel sei nicht blau, wenn die Sonne scheint, oder die Straße werde nicht naß, wenn es regnet, ist Unsinn.
Auch kognitive Prädikate beschreiben Verhaltensdispositionen, doch anders als psychologische Prädikate wie schüchtern oder ängstlich beziehen sie sich nicht auf einen psychischen Modus des Erlebens und Gebarens oder auf einen Charakterzug, sondern auf eine Fähigkeit oder ein Können. So halten wir einen Menschen, der nicht einsieht, daß Sokrates sterblich ist, wenn gilt, daß alle Menschen sterblich sind und Sokrates ein Mensch ist, für begriffsstutzig. Ein kluger oder intelligenter Mensch ist in der Lage, die bessere unter mehreren Optionen zu wählen oder vor einem Hindernis einen Umweg einzuleiten oder vor dem zweiten Schritt den ersten zu tun. Aber kann er, indem er so tut, als ob er die bessere unter mehreren Optionen wählt, vortäuschen, intelligent zu sein, wie ein eigentlich schüchterner Mensch vortäuschen kann, ein Draufgänger zu sein, oder ein vorlaut und arrogant auftretender Schnösel verbergen kann, daß er innerlich vor Angst zergeht oder schlicht die Hosen voll hat? Der Dumme kann nicht vortäuschen, klug zu sein, denn um dies tun zu können, müßte er es sein. Der begriffsstutzige Mensch wird uns nicht mit der Nachricht überraschen, Weltmeister im Schach geworden zu sein oder die Fields-Medaille verliehen bekommen zu haben. Doch der großsprecherische Schnösel verblüfft uns, wenn wir erfahren, er habe schüchtern und sanft die Hand seiner im Sterben liegenden Mutter gehalten und geküßt.
Der dumme Mensch versagt bei der Lösung einfacher mathematischer Aufgaben oder der Einsicht in die logische Form des Modus ponens. Wir können den Menschen, der die Verhaltensdisposition aufweist, bei störenden oder hemmenden Umweltereignissen aufbrausend und aggressiv zu reagieren, in seiner Neigung bestärken, wenn wir ihn nötigen, täglich mehrere Stunden Videospiele mit Tötungssimulationen zu spielen. Ebenso könnten wir bei unserer begriffsstutzigen Versuchsperson mittels der täglichen hochdosierten Verabreichung des Intelligenzpulvers namens „Gnosoformin“ die Neigung erwecken oder einpflanzen, Schach zu spielen oder den Satz des Pythagoras korrekt zu beweisen. Schach zu spielen oder den Satz des Pythagoras zu beweisen, setzt aber ein Können oder eine Fähigkeit voraus, während freundlich oder aggressiv, ängstlich oder kühn zu sein, kein Können und keine Fähigkeit darstellt, sondern auf ein psychologisches Muster oder einen Charakterzug verweist. Es wäre seltsam zu sagen, die Frau ermangelte in der Situation, als ein fremder Schatten ihr über den einsamen Weg trat, der Fähigkeit, ängstlich oder kühn zu sein. Dagegen ist es sinnvoll zu sagen, der Mann hatte die Fähigkeit, mit mehreren Teilnehmern des Turniers gleichzeitig Schach zu spielen, und es ist ebenso sinnvoll zu sagen, der Mann wurde trotz seiner wuchtigen Physis und großen Lebenserfahrung schüchtern und verlegen, als er der Frau, in die er sich verliebt hatte, beim ersten Rendezvous zum Abschied die Hand reichte, ja es ist sinnvoll zu sagen, daß der selbstbewußte, kühne und keineswegs ängstliche Mann schüchtern wurde, als er sich zum ersten Mal mit der Frau traf, in die er sich verliebt hatte.
Beachten wir auch den Zusammenhang von Physiognomie und Psychologie. Ein dicker, runder, wuchtiger, wülstiger Kerl wie Falstaff mit tiefer Baßstimme und kleinen verschmitzten Augen wird sich schwerlich schüchtern und ängstlich ducken oder verkriechen, wenn das Weib lockt, der Wein aus den Krügen schäumt und der Geiger seine Sangeslust kitzelt. Wenn wir erfahren, daß Falstaff depressiv geworden ist, wissen wir, daß wir mit unseren psychologischen Beschreibungen keinen Blumentopf mehr gewinnen können. Von einem schmalköpfigen, kurzsichtigen Schlaks mit Geheimratsecken und storchenstaksendem Gang können wir annehmen, daß er beim zweiten Bier tiefsinnig ins Glas schaut und sich lieber in den Ranken der Syntax als in den Haaren einer Frau verstrickt.
Eine gute Übung finden wir anhand der Charakterisierung der homerischen Helden, deren physiognomische Realität durchaus mit der Zuordnung psychologischer Eigenschaften übereinstimmt. Der tapfere und heroische Achilleus ist der strahlend blonde, helläugige, musisch begabte Athlet, der verschmitzte, clevere und grausame Odysseus ist stark und zäh, aber auch hellhörig, feinnervig und hellsichtig. Der tumbe Hau-drauf-Aias ist zwar bärenstark, aber auch schwerfällig und dickfellig. Weitere Beschreibungsübungen finden sich zuhauf bei den alten Griechen, so bei der vielsagenden Typologie ihrer Götter und Göttinnen, nebst Heroen, Nymphen, Najaden und Silenen. Man beäuge scharf die heroische Reihe der Büsten und Porträts der athenischen Staatslenker, Philosophen und Dichter und vergleiche sie mit dem, was ihre und die Schriften anderer zu ihrer Psychologie beitragen!
Der antike Feinsinn hat die Komplementarität psychologischer Eigenschaften zum Stilmittel zu erheben gewußt. So wird der düpierte Muskel-Heros der Ilias von Homer als zartfühlender Musensohn und Sänger trauriger Weisen geschildert, der tumbe Aias von Sophokles als großer Dulder eines harten Fatums ins Zentrum einer Tragödie gerückt. Horaz besingt die Quelle des Lebens, die rot wird von Opferblut und weiß schäumt von den der Muse hingestreuten Blüten.
Wenn Hänschen laufen gelernt oder seine erste gute Note in Mathe von der Schule eingeheimst hat, ist er zu Recht stolz auf die erbrachte Leistung. Wenn allerdings der schöne Hannes, der mit dem getönten Haar und dem wehenden Schal, mit dem Sportcoupé vor seine Stammkneipe fährt und dreimal hupt, zum Zeichen, daß die busenschöne Bardame schon einmal beginnen möge, seinen Lieblingscocktail zu mixen, stehen wir nicht an, sein Gebaren für arrogant und ihn selbst für einen eitlen Schnösel zu halten. Denn besondere Verdienste, die seinen spektakulären Auftritt rechtfertigten, kann er nicht vorweisen – es sei denn den Scheck, den sein alter Herr ihm jeden Monat rüberschiebt.
Stolz und Demut, Arroganz und Bescheidenheit, aber auch Hochmut und Verzweiflung sind Haltungen, die sich aus der Urtatsache der menschlichen Existenz, ein Selbstwissen zu haben und ein Selbst zu sein, herleiten. Denn diese Haltungen drücken in eigentümlicher Beziehungsschleife sowohl ein Verhältnis zu sich selbst wie ein entsprechendes Verhältnis zu anderen Menschen aus, die sich auf reziproke Weise als Lebewesen zu sich selbst und zu den anderen verhalten.
Exemplifizieren wir dies an der arroganten Haltung unseres eitlen Schnösels, der den unterlegenen und verkümmerten Teil seiner selbst hinter der Fassade scheinbarer Größe, die in Wahrheit Großtuerei ist, verbirgt. Mit seiner Großsprecherei und Selbstgefälligkeit reizt er die Mitmenschen, gegen ihn Stellung zu beziehen, was wiederum seine Eitelkeit ankratzt und ihn zu neuen Aufschwüngen prahlerischer Selbstüberhöhung anstachelt. Diese Schleife fataler Selbstbezüglichkeiten schraubt sich immer weiter, bis das falsche Selbstbild unseres Hannes eines Tages wie ein praller Luftballon platzt, es braucht nur eine spitze Bemerkung der erwähnten busenschönen Bardame, in die er sich verliebt hat, ohne es ihr oder sogar sich selbst eingestehen zu können.
Diese selbstbezüglichen Haltungen sind gewiß mit den schon bekannten Charakterzügen und Verhaltensdispositionen verknüpft, wie der Neigung des Arroganten, schon bei geringfügigen Einschränkungen und Hemmungen seiner Selbstdarstellung aufzubrausen, oder der Neigung des Bescheidenen und Demütigen, selbst über eklatante Behinderungen seiner Lebensbahn oder über Beleidigungen seiner Person still und ohne Gegenwehr hinwegzusehen, oder mit der Neigung des Verzweifelten und Verbitterten, sogar Enttäuschungen seiner Mitmenschen oder tragische Ereignisse des Weltlaufs als Negativposten auf seiner Lebensbilanz zu verzeichnen und darüber sein Lamento anzustimmen. Aber diese Haltungen sind auf solche Verhaltensdispositionen nicht reduzierbar.
Wie Schüchternheit und Dreistigkeit, Furcht und Kühnheit sind selbstbezügliche Haltungen gleichsam komplementär verschränkt. Die eine kann der Schatten der anderen sein, die eine kann auf dem Grund der anderen üppig gedeihen oder an ihrem Stamm parasitär blühen. Der arrogante Schnösel ist innerlich ausgebrannt und leer, er hat seinen Lebenstraum aufgrund einer versagenden und sein Selbstgefühl verletzenden erotischen Erfahrung, einer Demütigung vor dem Auditorium der universitären Examinatoren oder vor den Schranken des Gerichts weggeworfen, jetzt mimt er kompensatorisch den großmäuligen Weiberhelden, den Alleswisser oder den wilden Abenteuer, der keine Grenzen kennt. Der scheinbar Demütige ist in Wahrheit vom Gefühl der Ohnmacht besessen und zerfressen; daß er keine echte Selbstüberwindung errungen hat, zeigt sich darin, daß er bei jeder Gelegenheit, wenn Rivalen und Konkurrenten ihre Nase vorstrecken, über die Unbotmäßigkeit der Jugend herzieht oder die Ambitionierten mit Moralpredigten kleinhalten will.
Natürlich gibt es stolze und selbstbewußte Menschen, die frei von Ressentiments sind und neben sich anderen den Weg zu ihrer Lebensfülle und Lebenserfüllung gönnen. Natürlich gibt es bescheidene und demütige Menschen, die sich aus Einsicht in ihre Schuldverstrickungen diejenigen zu begütigen verstehen, die sie zunächst mit Spott und Hohn überschüttet haben.
Ähnlich wie bei den psychischen Eigenschaften der Ängstlichkeit und Furchtsamkeit bedarf es eines intensiven Austausches und gehöriger Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, um die Spreu vom Weizen trennen und echte und authentische selbstbezügliche Haltungen von unechten und hybriden unterscheiden zu können.
Wir finden in Haltungen wie der Ehrfurcht und der Andacht Haltungstypen, die wie der Stolz und die Demut, der Hochmut und die Verzweiflung einen unmittelbaren Bezug zur Tatsache haben, daß Menschen ihrer selbst bewußte Lebewesen sind. Bei der Ehrfurcht und der Andacht und ähnlichen religiösen Haltungen kommt zum Selbstbezug allerdings der Bezug zu einer als transzendent geglaubten Instanz hinzu, die wir das Heilige oder Göttliche nennen. Auch religiöse Haltungen verwurzeln sich in Verhaltensweisen und gefühlsgetragenen Handlungen, den Riten und Zeremonien. Natürlich kann man rituelle Verhaltensweisen wie das Niederknien vor dem heiligen Bild oder die Gebetshaltung ohne innere Teilnahme nachäffen, sodaß wir Frömmigkeit und religiöse Überzeugung nicht durch einfache Beobachtung konstatieren können, wie wir dies in den alltäglichen Erscheinungen gefühlsgetragener Handlungen tun: Denn in unseren alltäglichen Interaktionen wirken rein mimetische Farcen wie falsche Tränen oder ein geheucheltes Beben und Zittern vor Furcht nicht einmal bei trainierten Schauspielern überzeugend.
Religiöse Haltungen sind auch nicht wie Stolz und Demut komplementär ineinander zu spiegeln und zu verschränken. Wer sich zur Andacht nicht versteht, ist schlicht nicht fromm oder religiös, er kann dadurch, daß er nicht andächtig ist, wenn er in einem Gottesdienst gähnt, nicht einen komplementären Gegensinn zur Andacht zur Geltung bringen.
Wenn wir religiöse Haltungen nicht mittels der Beobachtung von Verhaltensdispositionen beschreiben können, denn nicht jeder Mensch ist in der Lage, Ehrfurcht oder Andacht in der Umgebung des Heiligen oder vor einem heiligen Bild zu empfinden, es sei denn er ist ein gläubiger und also zur Ehrfurcht und Andacht williger Mensch, müssen wir eingestehen, daß wir beim Verständnis religiöser Haltungen an die Grenzen der psychologischen Beschreibung geraten.
„Ich meine es ernst!“
Anmerkungen zu den Begriffen Ernst und Lebensernst
Es scheint, als wären die Begriffe Ernst und Spiel nichts als einfache Gegensätze. Dem ist nicht so: Beobachten wir Kinder beim Spiel, gewahren wir oft einen hohen Ernst in ihrem Gebaren und ihren Mienen, die von einer Konzentration, einem Eifer und einer Selbstgegenwart zeugen, die uns von unserem Verhalten und Selbstgefühl im Verfolg der Erledigung ernsthafter schulischer oder beruflicher Aufgaben her bekannt sind.
Wenn Kinder mit einem Kaufladen Kaufen und Verkaufen spielen, hantieren sie mit Miniaturausgaben der echten Waren, ja oft verbergen sich in den Tütchen oder den winzigen Schubladen, auf denen „Mehl“ oder „Nüsse“ steht, echtes Mehl und echte Nüsse. Auch das Verhalten der Kinder im Verfolg ihrer Spielhandlungen spiegelt das Verhalten der Erwachsenen im Kontext echter Kauf- und Tauschhandlungen, bei denen materielle Güter gegen Geld getauscht werden: Wenn das Kind an der Kasse dem anderen, das eingekauft hat, nicht richtig herausgibt, zeigt dieses die Entrüstung oder Enttäuschung, die auch den Erwachsenen bei analogen Verhältnissen überkommen, wenn ihm die Kassiererin falsch herausgegeben hat.
Hier bemerken wir allerdings einen wichtigen Unterschied in den Anwendungen der Begriffe Ernst und Spiel: Das Geld der Kinder, die Kaufladen spielen, ist kein echtes Geld, sondern Spielgeld, es sieht in etwa so aus wie echtes Geld, aber der Versuch, es bei der Bank einzuwechseln oder gegen andere Devisen einzutauschen, würde denjenigen, der das versuchte, entweder der Lächerlichkeit preisgeben oder dem Verdacht aussetzen, nicht ganz bei Trost zu sein, denn mit Spielgeld als Betrüger auftreten zu wollen, kann kein Mensch ernst nehmen. Wir bemerken, daß reines Spielgeld nicht die gleiche Bedeutung hat wie Falschgeld oder sogenannte „Blüten“.
Hier kommen wir dem wahren Unterschied der Begriffe Ernst und Spiel allmählich auf die Spur: Das Kaufladen-Spiel der Kinder ist, auch wenn sie es mit allem Ernst und vollem Engagement betreiben, kein echtes Kaufen und Verkaufen, weil die gespielten Kaufhandlungen kein echter Teil des realen Marktgeschehens sind, das stattfindet, wenn morgens die Supermärkte ihre Tore öffnen. Wenn die Kassiererin dabei erwischt wird, wie sie sich aus der Kasse bedient, wird sie fristlos gekündigt und hat schmerzliche finanzielle Einbußen einzustecken und einen Strafanzeige am Hals. Das Kind, das dem anderen beim Kaufladen-Spiel falsch herausgibt, wird wohl eine Sanktion erfahren und muß eine Spielrunde aussetzen, bei der nächsten ist es vielleicht schon wieder dabei. Es ist nicht existentiell eingeschränkt oder bedroht wie die Kassiererin im Supermarkt.
Wenn Kinder Schule spielen, kann es passieren, daß das Kind, das den vorlauten oder rüpelhaften Schüler markiert, von dem Lehrer-KInd bestraft wird, dieses zückt gewichtig ein rotes Büchlein, blättert darin und macht einen amtlichen Strich an der vorgesehenen Stelle, wo unsichtbar der Name des Delinquenten prangt. Wenn das Schule-Spielen vorbei ist, ist der Vorfall schon aus aller Sinn und Gedächtnis. Er zeitigt keine Konsequenzen, während das Kind, das wegen schwerwiegender Fehlanpassungen oder ADHS-Symptomatik auffällig geworden ist, einschließlich seiner Eltern mit einschränkenden Maßnahmen rechnen muß.
Wenn Kinder Polizisten spielen, die Verbrecher jagen, kann es im wilden Gefecht dazu kommen, daß ein Polizist-Kind ein Verbrecher-Kind oder ein Verbrecher-Kind ein Polizist-Kind „erschießt“, daß heißt, das eine Kind tut so, als schieße es mit einer Spielzeugpistole auf das andere Kind, und das scheinbar getroffene Kind tut so, als sei es getroffen, läßt sich fallen und stellt sich tot. Gott sei Dank steht es gleich wieder auf.
Hier glauben wir den echten Unterschied in den Begriffen von Ernst und Spiel getroffen zu haben: Der Ernst des Lebens kann Folgen zeitigen, die einschneidend und irreversibel sind wie der Tod, während wir, wie man sagt, die Spielkarten immer wieder neu mischen können.
An diesem Punkt überschneiden sich auch die Verwendungsweisen der Begriffe Spiel und Kunst, denn wie Aristoteles gesehen hat, liegt der Spielcharakter der Kunst an dem, was er Mimesis nannte. Wir können es so wiedergeben: Der von Hamlet im gleichnamigen Stück von William Shakespeare für den verhaßten König gehaltene Polonius, der sich hinter einem Vorhang versteckt hält, wird vom Prinzen von Dänemark mit einem Säbelhieb niedergemacht und erledigt, während der Schauspieler, der den Polonius spielt, hinter der Bühne putzmunter wieder aufspringt.
Das liturgische Spiel mit dem größten Ernst ist die Heilige Meßfeier und Eucharistie, in der in symbolischen Handlungen und unter symbolischen Verkörperungen die Gemeinde die reale Gegenwart Gottes erfährt und empfängt. Die Feier ist kein reines Spiel wie das Spiel der Kunst, bei dem die Einsätze Gesten und Worte, nicht aber das Leben darstellen. Hier aber ist der Einsatz das Leben der Seele. Denn wer an der Feier teilnimmt, ohne ihrer würdig zu sein, nimmt Schaden an seiner Seele.
Der Ernst des Lebens wird fühlbar an der Höhe und dem Ausmaß der Kosten, die jedes Wort, jede Geste, jede Handlung an entscheidender Stelle mit sich bringen kann. Das nicht gehaltene Wort oder Versprechen kann die Freundschaft kosten, die Verweigerung des Grußes vor dem Offizier kann den Soldaten eine halben Tag Karzer kosten, der tödliche Hieb oder Schuß bedeutet ein Todesopfer und kostet den Mörder den Ausschluß aus der Gemeinschaft.
Wer glaubt, den schicksalhaften dunklen Druck des Lebensernstes für immer von sich abschütteln und das Leben gleichsam kostenlos kassieren zu können, ist ein fauler Lump und arglistiger Betrüger. Der Betrüger des Lebens tut so, als würden alle träumen oder ewig leben. Denn wenn alle träumen oder ewig leben, hat das einzelne Wort, die einzelne Geste, die einzelne Handlung nur das hauchartige Gewicht, für den Augenblick erschienen zu sein, um sogleich im Abgrund des Unwirklichen und Folgenlosen zu verschwinden. Würden wir ewig leben, wären wir unverletzlich und lebten daher wie die homerischen Götter in heiterer Gelassenheit und leichtsinniger Heiterkeit. Denn wo kein reales Blut fließen, kein Stich tödlich, keine Krankheit verzehrend sein kann, gibt es nichts, was uns ernstlich Sorgen bereitete, nichts Ernstes auf der Welt.
Wir bemerken, daß der Lebensernst sich am Gewicht von Entscheidungen und an der Bedeutung der aus ihnen entspringenden Handlungen zeigt, denn ihre Folgen sind stets mit mehr oder weniger großen Kosten belastet. Diese Kosten betreffen sowohl die Verletzlichkeit des Leibes wie die Verletzlichkeit der Seele. Denn da wir weder träumen noch unsterblich sind, bleiben wir versehrbar an Leib und Seele. Das Höchstmaß an Kosten aber ist der Tod, der leibliche Tod, aber auch das seelische Sterben in Form von seelischen Verletzungen und Störungen, Neurosen und Psychosen.
Der Lebensernst ist die Sinnhülle der menschlichen Person, die sie nur für gewisse Gelegenheiten und Stunden zugunsten unernster Spiele abwerfen kann und soll.
Was ist der Ernst des Lebens, der nicht nur das Spiel rechtfertigt, sondern auch dem heroischen Kampf Sinn verleiht, der sich seiner Bedrohung stellt?
Was meinen wir, wenn wir sagen: „Das meine ich ernst!“ Oder: „Damit ist es mir ernst!“? Wann sprechen wir davon, daß es um eine Sache oder einen Menschen ernst bestellt ist, daß der Ernstfall eingetreten sei oder vorliege?
Mit den rhetorischen Formeln bekräftigen wir die geäußerte Absicht oder Meinung. Der Ernstfall liegt vor, wenn Gefahr für Leib und Leben, Hab und Gut eintritt oder eine Verbindung zwischen Menschen durch schuldhaftes Verhalten zu zerbrechen droht, die für lebenswichtig oder wertvoll eingestuft wird.
Der Ernst ist mit der möglichen Gefahr für Leib und Leben, Hab und Gut gegeben, denn das Leben durch den Schutz des Eigentums von Wohnung und Haus, die Bewachung der Grenzen von Acker und Feld, Land und Nation sowie durch die Versorgung mit den notwendigen Gütern zu bewahren, ist der Versehrbarkeit des menschlichen Lebens in der menschlichen Gemeinschaft geschuldet und begründet existentiell den ernsten Sinn vom guten Leben oder die ernste Sorge, gut leben zu wollen und zu können.
Daß der Begriff Ernst einen biologischen Sinn hat, entnehmen wir Äußerungen, die die letzten Dinge oder die Todverfallenheit unserer Existenz betreffen, so wenn es ernst um das Schicksal des Kranken bestellt ist oder wenn sich der Bergsteiger, der Grubenführer oder der Melder zwischen den Fronten in ernsthafte Gefahr begeben haben. Der Tod, könnte man sagen, ist der Musaget des Lebensernstes.
Der soziale Sinn des Begriffes Lebensernst ergibt sich aus der Begrenztheit der uns zur Verfügung stehenden Ressourcen und Lebensmittel im weitesten Sinne. Der unaufhebbare Ernst der Lage besteht darin, daß nicht alle alles haben und nicht jeder alles sein kann. Wo einer beruflich oder sozial steht, muß er sich halten und bewähren, nimmt er seine soziale Position nicht ernst, muß er mit Sanktionen rechnen, die bis zum Ausschluß aus der sozialen Gemeinschaft führen können. Den sozialen Ernst zu leugnen ist ein lebensgefährliches Spiel. Das zeigen auch Ausnahmezustände im Falle von Katastrophen und kriegerischen Angriffen, in denen die Lebensgrundlagen der Gemeinschaft unter Einsatz des Lebens verteidigt werden müssen.
Der psychologische Sinn des Lebensernstes ergibt sich aus der Tatsache und dem Wissen um die Endlichkeit unserer Existenz, der eigenen und der uns Nahestehenden. Wenn wir ewig lebten, bedeutete es nicht viel, jetzt diese oder jene familiäre oder berufliche Verpflichtung nicht zu erfüllen, denn es gäbe unendlich viele Möglichkeiten, dies nachzuholen. Diese Ausrede einer ewigen Vertagung unserer Aufgaben oder diese existentielle Schlamperei und infantile Verantwortungslosigkeit ist uns versagt. Die Aufmerksamkeit, die wir uns und den uns Nahestehenden schulden, ist an die Tatsache der Endlichkeit der menschlichen Existenz geknüpft. So feiern wir unseren Geburtstag und den unserer Angehörigen, unser Kalender verzeichnet die wichtigen Ereignisse, die gleichsam Nahtstellen und Knotenpunkte unseres zeitlichen Daseins ausmachen, wie den Tag der Kommunion oder Konfirmation, den Tag der Verlobung und Heirat und all die Sterbetage unserer Anverwandten und Freunde. Der psychologische Sinn des Lebensernstes ist deshalb tief in den Leistungen unseres Gedächtnisses verankert: Wir spielen nicht willkürlich mit den hier niedergelegten Daten und Ereignissen und täten wir es, begäben wir uns in große Gefahr.
Im Mittelpunkt des familialen Sinns des Lebensernstes steht die elterliche Sorge um das Kind, in dem sich die Fragilität, Verletzlichkeit und Endlichkeit der menschlichen Existenz verkörpern, aber auch alles, was uns zu Hoffnungen berechtigt. Wer als Elternteil dem Erziehungsauftrag nicht gerecht wird, dem gebricht es am nötigen Ernst in der Rolle des Vaters oder der Mutter und ihm wird das Unglück des Kindes einmal zum eigenen Unglück gereichen.
Wenn ich verspreche, dir morgen beim Umzug zu helfen, dann aber nicht auf der Bildfläche erscheine, mag ich durch Angabe eines triftigen Grunds für mein Versagen die Sache gerade noch ausbügeln. Wenn ich aber keinen triftigen Grund liefere und meine Abwesenheit unkommentiert lasse, bezeuge ich damit, daß es mir um mein Versprechen nicht ernst gewesen ist, und riskiere damit Sanktionen, wie deine anhaltende Aversion, da du dich zurecht von mir betrogen fühlen mußt, oder die Aufkündigung der Freundschaft.
Wenn ich deinen Bericht über tragische oder belastende Vorkommnisse, den du nicht leichten Herzens, mir aber schilderst, weil du glaubst, in mir einen verständnisvollen und mitfühlenden Zuhörer gefunden zu haben, mit gleichmütigem Lächeln übergehe oder mit ironischen Bemerkungen abtue, kannst du sagen: „Das sage ich nicht zum Spaß!“ oder „Das meine ich ernst!“ und meine Reaktion als Grund dafür nehmen, mir fürderhin zu mißtrauen und dich mir nicht wieder in solcher Weise zu offenbaren.
Wir bemerken, daß wir in den Lebensvollzügen, in denen wir uns gegenseitig verpflichten, in den Lebensbereichen der Arbeit, der Freundschaft und der Liebe, einen wesentlichen Grund dafür finden, vom Ernst des Lebens zu sprechen.
Dem Unternehmer, der den Vertrag mit seinem Auftraggeber aufgrund von Schlamperei, Mißwirtschaft oder aus betrügerischen Absichten nicht einhält, ist es mit seiner beruflichen Aufgabe und Verantwortung nicht ernst und er wird scheitern und früher oder später Bankerott anmelden. Dem Freund, der den Freund wegen billigen Amüsements oder selbstsüchtiger Vorteilsnahme im Stich läßt, der Liebhaber, der die Geliebte wegen eines kurzweiligen sexuellen Vergnügens betrügt oder in Krankheit und Not im Stich läßt, hat die Treuepflicht gebrochen und sich die Zuneigung der Betrogenen verscherzt.
Was wir und in welchem Maße wir etwas ernst nehmen, zeigt sich in den Reaktionen und Sanktionen derjenigen, die ernst nehmen, was diejenigen verscherzen, die ein Versprechen nicht einhalten, eine Verpflichtung verletzen und ein Treuebündnis mutwillig und schuldhaft aufkündigen.
Leider werden wir immer wieder durch triebhafte Impulse oder sündhafte Neigungen dazu verleitet, es am schuldigen Ernst uns und den uns Nahestehenden gegenüber fehlen zu lassen. Wir können Situationen nicht von vornherein und unbedingt vermeiden, in denen wir uns in Schuld verstricken. Der Unternehmer hat ein Kind verloren und begonnen seinen Schmerz im Alkohol zu ertränken, sodaß er bei der Überwachung der betrieblichen Abläufe unaufmerksam und schlampig wurde, bis ihm sein Auftraggeber wegen Nichterfüllung von bestellten Leistungen den Lieferantenvertrag kündigte und er Bankerott anmelden mußte. In dem Moment, als die Freundin ihrem Freund vertrauensvoll die tragischen und belastenden Vorkommnisse aus ihrem Leben offenbart, ist der Freund von den quälenden Gedanken an sein verheimlichtes berufliches Versagen dermaßen abgelenkt, daß er das Anliegen seiner Freundin in seinem wahren Ernst nicht wahrzunehmen versteht.
In solchen und ähnlichen Fällen sprechen wir bisweilen davon, daß es angeraten sei, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Der Auftraggeber könnte von den wahren Gründen des Versagens des Vertragspartners erfahren und Milde walten lassen und von einer harten Sanktion absehen. Die Freundin könnte, wenn sie von den wahren Hintergründen erfährt, dem Freund verzeihen.
Wir bemerken, daß wir im Bereich des Lebensernstes nicht nur die Begriffe der Verpflichtung und Verantwortung und die entsprechenden Gegenbegriffe des Versagens und der Schuld anwenden müssen, sondern auch die Möglichkeit des Verständnisses, der Verzeihung und der Vergebung einzuräumen haben.
Doch wenn wir vor dem Ernst des Lebens oder vor der unabwendbaren Verstrickung in Versagen und Schuld in den Unernst des Vergnügens und betäubender Zerstreuungen fliehen, geraten wir in die Gefahr, innerlich zu veröden und zu verzweifeln.
Gewisse törichte Utopisten glaubten, den Lebensernst toto grosso als Fluch und repressive Zumutung an den Menschen verwerfen zu müssen, und lockten hinter dem rosigen Nebel einer ästhetischen Kultur des Spiels mit der Möglichkeit einer totalen Befreiung von aller Pflicht und ihrer Zwillingstochter, der Schuld. Das Leben als ununterbrochener dionysischer Rausch oder als ewiger Tanz mit den Musen oder schlicht und vulgär als drogeninduzierte Dauerparty widerspricht aber nicht nur der conditio humana, sondern beraubt den Menschen seiner Würde, die sich in der Annahme seiner Verpflichtungen und seines Versagens und seiner Schuld bewährt.
Wir denken an den Fall des Misanthropen, wie ihn Molière in der Figur des Alceste auf die Bühne gebracht hat, der dem eleganten Spiel der Konversation und den erotischen Koketterien in den Salons des Adels den unbedingten Ernst der Wahrhaftigkeit entgegensetzt. Dieser Anspruch wird komisch, wenn er das heitere Spiel des Adels mit Worten und Gesten nicht anders denn als Heuchelei ansehen kann und zu entlarven unternimmt, als eine Fassade, hinter der sich im Sinne des Moralisten La Rochefoucauld angeblich nur niedrige Motive der Geltungssucht, Eitelkeit oder Ambition verbergen. Die komische Übertreibung des Lebensernstes führt in ein ähnliches Dilemma wie seine utopische Hintertreibung. Weil er die Gefühle der von ihm geliebten Célimène, die ihm ernstlich zugeneigt ist, nicht ernst nehmen kann und dem Spiel der Koketterie zuschlägt, versagt sich Alceste sein Lebensglück. Mit dem scheinbar tragisch-verzweifelten, in Wahrheit aber komisch-selbstverliebten Ansinnen, sich eskapistisch für immer aus der Gesellschaft in ein ländlich unschuldiges Idyll zurückziehen zu wollen, antizipiert Molière die Utopie der radikalen Wahrhaftigkeit und des schonungslosen Ernstes, wie sie Rousseau entwerfen wird. Wenn man mit solcher Ernsthaftigkeit ernst macht, kann dies nicht nur zur Flucht in das Refugium der Wahrhaftigen, sondern auch auf den Platz mit der Guillotine solch unheimlich ernster Gestalten wie Robespierre, Saint-Just und Marat führen.
Wir kommen zu dem Fall, daß einer aus der schuldhaften Verstrickung in den Netzen des Lebensernstes keinen Ausweg mehr findet, schon gar nicht in der Betäubung mittels sinnloser Vergnügungen, da ihm der Partner oder der Freund, der ihm die Last abnehmen und durch Milde, Verzeihung und Vergebung das Los erleichtern könnte, abhanden gekommen, verstorben oder selbst in eine hemmende Aversion und unversöhnliche Haltung geraten ist.
Hier wüßte vielleicht der Theologe das rechte Wort von der christlichen Hoffnung wider alle Hoffnung zu sagen, die nicht mit dem scheinbaren Trost einer jenseitigen Kompensation aufwartet (einer religiös verbrämten Flucht aus dem Lebensernst in ein wenn auch noch so sublimes Vergnügen), sondern von der göttlichen Vergebung der Schuld aufgrund einer alles wagenden, alles wendenden Reue.
Lumen vespertinum
Philosophieren heißt nicht Antworten finden auf Fragen, die andere gestellt haben, wie wenn der Schüler mit einer guten Note oder einem freundlichen Lächeln belohnt wird, weil er die Frage des Lehrers richtig beantwortet hat.
Die Antwort heißt den Ballast oder das Joch der Frage abwerfen.
Du hast den Ballast und das Joch der Frage lange tragen müssen, und es war gut. Denn im Ertragen bist du gereift, denn ohne die deinen Gang beschwerende und verlangsamende Last wärest du rasch in den Abgrund gerannt.
Der Schüler wird gelobt, wenn er eine Rechenaufgabe gelöst hat. Er fragt nicht nach dem Wesen der Zahl, auch nicht wenn er bei dem Versuch, die Rechnung zu lösen, auf Granit stößt. Erst wenn der Sinn der Rechenoperationen klar ist, stößt der Nachdenker auf die Frage nach dem Wesen der Zahl.
Die Lösung dieser Frage besteht nicht in der Definition der Zahl, auch wenn die Logiker ausgezeichnete Definitionsvorschläge erarbeitet haben. Sondern in einer Abwendung von der Fragerichtung, ähnlich der Abwendung der Chemiker von der Richtung der Frage der Alchemisten, ob das Wesen des Feuers sich in einer speziellen Kraft der brennbaren Stoffe verberge, oder ähnlich der Abwendung der Physiker von der Richtung der Frage der Metaphysiker, ob die Welt aus den elementaren Stoffen bestehe, deren sensible Aspekte wir wahrnehmen. Nur geht es bei den Fragen der Philosophie gleichsam um das Ganze des Lebens und das Ganze der Welt.
Du bist weit gegangen, der Weg war labyrinthisch und die Pfade überwuchert. Du weißt nicht, ob du nicht im Kreis gegangen bist. Und nur noch blaß schwant dir, von wo und wohin du eigentlich aufgebrochen bist. Dann kommst du auf die Anhöhe und bei klarem Rundblick hast du eine gute Aussicht. Du erkennst, daß du tatsächlich nicht weit gekommen bist. Unten liegt der Flecken, von dem du am Morgen losgegangen bist. Es ist zu spät, den Rückweg einzuschlagen, es dunkelt schon. Aber du bist es zufrieden, auch wenn du nichts erreicht hast als zu sehen, daß du nichts erreicht hast.
Wenn sich die Telefonschnur verheddert und Knäuel gebildet hat, bleibt dir nichts übrig, als die Verknotung dadurch aufzulösen, daß du vom Ende her schrittweise den Verlauf der Schnur bis zum Anfang zurückverfolgst und damit die Knäuel nach und nach auflöst. Die Schnur ist wieder glatt und schwingt. So mit dem Leben. Was hast du erreicht? Nichts. Aber jetzt mag es wieder zwischen Anfang und Ende schwingen.
Wir können den Zustand, den wir durch Auflösung der Knäuel und Knoten erlangen wollen, Klarheit oder Gelassenheit oder innere Ruhe nennen. Obwohl dies zu weit geht und zu übertrieben klingt. Denn während du im Abendlicht sitzt, schürzt sich ein neuer, der letzte Knoten.
Wir sind eins mit der Welt, wir sind die Welt. Wir müssen nicht umständlich suchen und mühsam finden, was uns fehlt. Denn es fehlt nichts. Alles ist immer schon da.
Was uns zu fehlen scheint, ist die Projektion einer Unruhe oder einer Qual, die uns die Geburt mitgibt. Wenn wir der Projektion hinterherlaufen, gleichen wir dem Windhund, der dem vor ihm hingehaltenen Köder über die Rennbahn hinterherläuft. Wir können den Schatten nicht fangen.
Don Juan glaubt mit jeder Eroberung den Schatten eingefangen zu haben. Doch vergebens. Der Geizige und der triebhafte Sammler glauben den Schatten mit jedem Wert, den sie in ihrer Schatztruhe einheimsen oder in ihrer Sammlung bergen, verringert zu haben. Vergebens. Der Attentäter glaubt den Schatten mit dem Tod seiner Opfer ausgelöscht zu haben. Vergebens.
Die Lösung einer philosophischen Frage ist kein Satz, der sie ein für allemal beantwortete, sondern das Verschwinden der Frage, ähnlich der Wolke, die langsam vorüberzieht und den klaren Himmel freigibt.
Die Einsicht in die Kontingenz des eigenen Daseins scheint die Schwelle zu sein, hinter der die Lösung wohnt. Doch wärst du ein anderer, würdest nicht du sie betreten können, und existiertest du nicht, hättest du sie nie betreten können.
Klar zu sehen heißt nicht mehr zu wissen.
Die philosophischen Fragen sind Parasiten auf dem Körper der ganz normalen Fragen des Alltags. „Warum bist nicht wie verabredet zu mir gekommen?“ Hier sind die Antworten bare Münze: „Weil ich verhindert war. Weil ich es vergessen habe.“ Aber auf die Frage: „Warum fühle ich mich allein und so, als hätte keiner, auch du nicht, mich erblickt, wie ich wirklich bin, obwohl du liebenswerterweise mich wie verabredet besucht hast?“ oder: „Warum hat mein Leben oder hat das Leben keinen Sinn?“ kann man weder mit Kleingeld noch mit großen Scheinen herausgeben. Auch das Abtöten der Parasiten ist keine wirkliche Lösung. Sie wachsen aus dem Nichts wieder nach.
Es ist nicht nur ein Zeichen begrifflicher Konfusion, sondern auch ein Zeichen von Hilfslosigkeit oder Verzweiflung zu glauben, alle Fragen ließen sich durch wissenschaftliche Forschung oder die strenge Disziplin wissenschaftlicher Methoden, sei es der Naturwissenschaft oder der Soziologie oder der Psychologie, lösen. Denn wir können fragen: „Wozu soll ich Wissenschaft treiben?“ Und angesichts der scheinbaren Antwort der Wissenschaft, wir seien wie alle Tiere das Produkt der bestimmten Gesetzen unterworfenen Evolution oder wir wohnten an der Grenze der sozialen Systeme oder wir seien die Resultante unserer Verhaltensdispositionen, können wir fragen: „Wozu soll ich leben?“
Wir können daran zweifeln, ob die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen, oder ob uns unsere Erinnerung nicht systematisch darüber in die Irre führt, was wir erlebt zu haben glauben. Aber wir können nicht daran zweifeln, daß der uns Nahestehende, dem wir uns aus freundschaftlicher Verbundenheit oder aus Liebe durch ein Versprechen oder einen Treueschwur verpflichtet haben, wirklich existiert, denn er mahnt uns durch seine bloße Existenz an unsere Verpflichtung oder unser Gelöbnis.
Wichtiger als die Lösung einer philosophischen Frage ist die Antwort auf die Frage des uns Nahestehenden. Wir können auch sagen: Durch die Verwiesenheit auf den Anspruch des uns Nahestehenden rücken die philosophischen Fragen in einen neuen Horizont und verlieren, zumindest vorübergehend, ihren Charakter der Unruhe und Bedrängnis.
Müssen wir uns mit dem Umstand oder dem Schicksal versöhnen, daß die seltenen Augenblicke der Klarheit immer wieder von einer unauflöslichen Dämmerung oder einem anhaltenden Zwielicht abgelöst und aufgelöst werden?
Manchmal, wenn wir uns darauf beschränken, das Nächste und das nächste Beste zu tun, schwindet die Unruhe, und wir können Knollen in die Erde stecken, auch wenn wir nicht mit Sicherheit davon ausgehen können, daß wir die Blüten der Tulpen noch erblicken werden. Wir sagen uns vielleicht, ein anderer möge sich an ihrer Schönheit erfreuen, oder wir sagen uns, immerhin, sie werden hoffentlich das Licht des Lebens erblicken.
Manchmal können wir einen scheinbar unauflöslichen Knoten entwirren, indem wir einem uns einmal Nahestehenden, der uns verstört hat oder den wir verstört haben, mit einer letzten Geste, einem letzten Zuruf beglücken, ja wir können es sogar oder wir können es vielleicht am ehesten, wenn er die Herkunft der Geste oder des Zurufs nicht erkennen und nicht enträtseln kann.
Es ist gleichgültig, ob wir von den abertausend Galaxien oder dem Ursprung des Universums aus einer quantenphysikalischen Singularität oder von der DNS als dem Urfaden der Lebensinformation wissen, ob wir nach dem Zweiten oder dem Ersten Weltkrieg, dem Dreißigjährigen Krieg oder den Perserkriegen gelebt haben werden.
Es ist töricht, den Sinn des Daseins mit den Etiketten der Geschichte zu bekleben. Warum sollte es uns auszeichnen, das angebliche Projekt der Aufklärung und Moderne zu betreiben, wenn wir genauso gut an den mystischen Orgien der Großen Mutter hätten teilhaben können?
Können wir, indem wir die historischen Ereignisse als Traumrequisiten und die historischen Gestalten und Namen als Reimwörter oder Tarn- und Spitznamen für unsere humoristischen Gedichte verwenden, das Joch der Geschichte abschütteln?
Wir sind den langen Weg gegangen und sitzen müde auf der Bank am Aussichtspunkt. Das Abendlicht läßt die scharfen Konturen der Gegenstände allmählich verschwimmen oder hüllt den rohen und gewalttätigen Ursinn des Lebens in eine gnädige Aura aus purpurner Stille. Wir geben der Müdigkeit nach und lauschen ins Nirgendwo. Hören wir von fern das seltsam vertraute, seltsam fremde Plaudern der Wellen des tief unter uns ins Meer drängenden Stroms oder sind es die neckenden oder lockenden Rufe der Toten?
Paris vaut un exercice logique
Wir können nur verstehen, warum einer tut, was er tut, wenn wir die Gründe wahrnehmen und anerkennen, die er wachen Sinnes und bei reiflicher Überlegung für sein Tun anführt. Wenn sein sonstiges Verhalten mit seinen Überzeugungen übereinstimmt und kein besonderer Grund vorliegt, ihn der Lüge zu verdächtigen, tun wir gut daran, ihm zu glauben.
Warum sollte es nicht im Begriff einer Religion oder religiösen Praxis liegen, nicht nur nicht friedlich, sondern sogar blutdürstig, angriffsfreudig und kriegerisch zu sein? Wer diese Möglichkeit ausschließt, die wir nicht nur bei den blutigen Ritualen der Azteken und der von einfältigen und blauäugigen Humanisten über den grünen Klee gelobten alten Griechen und Römern erkennen, wähnt, seine Moral, die nichts als eine gemeingefährliche Gefühlsduselei ist, sei der Maßstab aller Dinge.
Der Terrorist nimmt an, daß die Bewahrheitung seiner Überzeugungen mittels des eigenen Blutes und des Blutes seiner Opfer konsistent und folgerichtig sei. Doch er sieht nicht, daß man aus seiner grausamen Art, seine Überzeugungen bewahrheiten zu wollen, genauso gut auf ihre Unwahrheit schließen kann.
Warum ist der Schoß des Islams fruchtbar für die Ausgeburten des Terrors? Der Islam ist der Glaube daran, daß Gott durch das Mundstück seines Propheten zu den Menschen gesprochen und all die Gesetze und Gebote und Verbote geoffenbart hat, deren Befolgung das menschliche Leben sinnvoll macht. In dieser Annahme aber liegt bereits das Motiv verborgen, an ihr zu zweifeln und sie in Abrede zu stellen, also anzunehmen, Gott habe nicht durch seinen Propheten zu den Menschen gesprochen und ihnen den Sinn ihres Lebens enthüllt. Daraus aber folgt die Annahme, daß das menschliche Leben sinnlos ist. Der Terrorist steht auf der Schwelle dieser Schlußfolgerung, denn er ahnt die Unwahrheit des Islams – diese Beunruhigung macht ihn zum nihilistischen Schänder des Lebens, zum Terroristen.
Die Männer in den grünen Jacken und Lodenmänteln tragen Jagdgewehre, und wenn sie von der erfolgreichen Jagd heimkehren, fahren sie das erlegte Wild heim.
Die Jäger können durch einen Jagdausweis ihre Legitimität für die Jagd nachweisen. Wenn sie von der Aufsichtsbehörde des Landes befragt werden, können sie sich auf Recht und Gesetz berufen.
Natürlich können Leute sich als Jäger verkleiden und auch den Jagdausweis fälschen. Sie werden dadurch aber nicht zu echten Jägern, sondern sind und bleiben Wilderer.
Männer in schwarzen Klamotten mit krausen schwarzen Bärten laufen durch die Straßen von Paris und erschießen Passanten.
Nicht alle Männer, die heute durch die Straßen deiner Stadt laufen und so aussehen, werden morgen Passanten erschießen. Aber der eine oder andere von ihnen könnte so handeln.
Die Männer, die in Paris auf brutale Weise Passanten erschossen haben, rechtfertigen ihr Handeln unter Berufung auf ein von ihnen und ihrer Gruppe als heilig und sakrosankt angesehenes Buch und die Aussprüche und Taten dessen, der es ihrer Gruppe überliefert hat.
Nicht alle Männer, die so aussehen wie die beschriebenen und sich auf das heilige Buch und die Aussprüche und Taten dessen berufen, der es ihrer Gruppe überliefert hat, werden morgen durch die Straßen deiner Stadt laufen und Passanten erschießen. Aber der eine oder andere von ihnen könnte so handeln.
Die Männer, die in Paris auf brutale Weise Passanten erschossen, teilen dieselben oder beinahe dieselben Überzeugungen und stimmen in den Gründen für die Tötung von Passanten überein. Die Quelle ihrer Grundüberzeugungen ist das genannte für sakrosankt erklärte Buch.
Nicht alle Männer, die so aussehen wie die beschriebenen und in ihren Überzeugungen deshalb übereinstimmen, weil sie in der Quelle, aus der sie ihre Überzeugungen schöpfen, übereinstimmen, werden morgen durch die Straßen deiner Stadt laufen und Passanten erschießen. Aber der eine oder andere von ihnen könnte so handeln.
Die Männer, die in Paris auf brutale Weise Passanten erschossen, stammen aus demselben oder vergleichbaren Milieu scheinbar integrierter Migranten, die in ihren Überzeugungen großenteils deshalb übereinstimmen, weil sie in der Quelle, aus der sie ihre Überzeugungen schöpfen, übereinstimmen.
Nicht alle Männer, die so aussehen wie die beschriebenen und aus demselben oder vergleichbaren Milieu scheinbar integrierter Migranten stammen und in ihren Überzeugungen übereinstimmen, werden morgen durch die Straßen deiner Stadt laufen und Passanten erschießen. Aber der eine oder andere von ihnen könnte so handeln.
Könnten sich die Männer in den grünen Jacken und Lodenmänteln mit ihren Gewehren nicht auf ihre Mitgliedschaft im Jagdverein und ihren Jagdausweis berufen, wenn sie die Tiere des Waldes töten, stimmte ihre Überzeugung, Jäger zu sein, mit dem legitimen Grund, Tiere töten zu dürfen, nicht überein.
Könnten sich die Männer mit den schwarzen Klamotten und dunklen Bärten nicht auf ihre Mitgliedschaft in der Gruppe berufen, die sich über die Gemeinsamkeit des Glaubens an das heilige Buch definiert, wenn sie Passanten töten, stimmte ihre Überzeugung, Glaubenskämpfer zu sein, mit dem legitimen Grund, Ungläubige töten zu dürfen, nicht überein.
Doch genauso und in demselben logischen Sinne, wie sich Jäger legitimerweise auf ihre Mitgliedschaft im Jagdverein und ihren Jagdausweis berufen, um den Grund anzugeben, der sie berechtigt, Tiere zu töten, können sich die Jäger und Kämpfer des Glaubens auf ihre Mitgliedschaft im Islam berufen, um den Grund anzugeben, der sie berechtigt, Menschen zu töten.
Wenn alle Terroristen, die in New York, London, Madrid und Paris ihr Mordhandwerk ausgeübt haben, immer wieder und nur als den einen und einzigen Grund ihrer Morde an Ungläubigen die mit ihren Glaubensbrüdern geteilten Überzeugungen angeben, die sie übereinstimmend aus dem von ihnen als sakrosankt angesehenen Buch schöpfen, dann bezeugt es entweder ein gravierendes Unvermögen, einfache logische Beziehungen der Implikation zu erkennen, oder moralisch verbrämte Angst, hartnäckig den kausalen Zusammenhang zwischen Terror und Islam zu leugnen.
Wenn einer daherkommt und behauptet, er habe das Buch gelesen, das den Terroristen als Quelle der Legitimierung ihrer Taten dient, und habe keine Gründe dafür gefunden, die solche Taten rechtfertigen, können wir daraus nicht schließen, der Terrorist habe das Buch nicht richtig gelesen, geschweige denn, daß er eine andere Version des Buches gelesen habe. Kein Leser dieses Buches hat eo ipso ein höheres Recht auf die Auslegung als ein anderer Leser. Also gebührt dem Terroristen unsere Anerkennung für die Rechtfertigung seiner Taten aus diesem Buch.
In demselben Sinne, in dem sich der Jäger durch den Jagdausweis legimitiert weiß, Tiere zu töten, weiß sich der Terrorist, der unter seiner Kalaschnikow den Koran trägt, legitimiert, Ungläubige zu töten. Wir können vielleicht nachweisen, daß ein vermeintlicher Jäger kein echter Jäger ist, weil er seinen Ausweis gefälscht hat. Aber wir können nicht behaupten, der Terrorist sei kein legitimer Terrorist, weil das Buch, auf das er sich zur Rechtfertigung seiner Taten beruft, nicht echt oder gefälscht sei. Denn der Koran ist kraft geglaubter göttlicher Herkunft fälschungssicher.
Der vermeintliche Jäger, der einen gefälschten Jagdschein mißbraucht, wird nicht deshalb, weil er sich dessen nur allzu bewußt ist, daß er ein armseliger verkleideter Wilderer ist, von seinem schmutzigen Handwerk ablassen, denn er handelt aus niederen Motiven.
Der Terrorist, der durch eine Art Erleuchtung zur Einsicht käme, daß seine Gründe, Ungläubige zu töten, sich nicht aus der Quelle seiner Überzeugungen ableiten lasse, würde in der Tat von seinem schmutzigen Handwerk ablassen – was nicht beweist, daß er solcher Einsichten fähig wäre, sondern, daß er bei seinem Morden aus höheren Motiven zu handeln wähnt. Im Übrigen warten wir auf eine solche Erleuchtung ad Kalendas Graecas.
Wenn die Terroristen aus niederen Motiven handelten, würden sie ihr Mordhandwerk nicht fortsetzen, wenn es uns gelänge, die Begründung und Rechtfertigung ihrer Taten aus dem Kontext des Islams zu widerlegen.
Daß die Terroristen aus vermeintlich höheren Motiven handeln, die ihren Taten eine überzeitliche Gloriole zu vermitteln scheinen, ist eben der Grund für unser Versagen, ihren Anspruch auf die Begründung und Rechtfertigung ihrer Taten aus dem Kontext des Islams zu widerlegen.
Wenn alle moslemischen Terroristen ihre Morde durch die Berufung auf das göttliche Buch und die Worte und Taten des Propheten rechtfertigen und alle deutschen Islamwissenschaftler und alle deutschen Journalisten behaupten, der Islam sei eigentlich eine friedliche Religion, die keine Rechtfertigung von Terror und Mord unter Berufung auf den Koran und die Worte und Taten des Propheten erlaube, scheinen die moslemischen Mordbuben eine andere Version des Korans vor Augen zu haben als die deutschen Islamwissenschaftler und Journalisten. Da es aber nur eine einzige Version dieses Buches gibt und die Terroristen ihr Handeln in den Kontext dieses Buches und des Islams stellen, widerlegen sie damit die Ansicht der deutschen Islamwissenschaftler und Journalisten, daß der Islam eine friedliche Religion sei.
Der Terrorist ist eine paradoxe Gestalt, glaubt er doch, durch seinen selbst herbeigeführten Tod den Sinn seines Lebens bezeugen und bewahrheiten zu können, auch wenn es wahr ist, daß er hofft, mittels seines Selbstmords andere ihn lebensunwert dünkende Zeitgenossen in den Tod mitreißen zu können. Doch da er per definitionem nicht wissen kann, ob ihm das tatsächlich gelungen sein wird, kann die Paradoxie seines Verhältnisses zu Leben und Tod dadurch nicht gemildert werden.
Dies erinnert uns an die altgriechisch-pessimistische Auffassung vom Leben, die Herodot bezeugt, wonach wir erst nach dem Tod das Pro und Contra des verflossenen Lebens auf die Waagschale legen können, sodaß dem Lebenden selbst der Sinn seines Lebens für immer verschlossen bleibt, dagegen den ihn Überlebenden erschlossen wird, auch wenn sie davon nicht weiter betroffen sind.
Der Selbstmordattentäter ist ein Blutzeuge für den Wahrheitsanspruch seines Glaubens, auch wenn er durch seinen selbstgewählten Tod nur den Anspruch, nicht aber dessen Wahrheit bezeugen kann.
Wüßte der Terrorist, daß er durch sein Blutopfer und den Mord an den Ungläubigen nur den Anspruch, nicht aber dessen Wahrheit bezeugen kann, würde er dann von seiner entsetzlichen Tat ablassen? Oder ist es etwa umgekehrt? Eben weil der Terrorist ahnt, daß er seine Überzeugungen nicht bewahrheiten kann oder daß seine Überzeugungen unwahr sind, deshalb sucht er mit seinem Blutopfer und dem Mord an den Ungläubigen den Quell seiner beunruhigenden Ahnungen und seiner Zweifel zu verstopfen und zu ersticken.
Die Ahnung von der Unwahrheit und Unglaubwürdigkeit seiner Überzeugungen könnte dem suizidalen Terroristen daran aufgehen, daß ihm gesagt wird und er glaubt, sein Martyrium sei sinnvoll und werde mit der Aufnahme ins Paradies belohnt. Wenn indes die absolute Wahrheit seiner Überzeugungen, aus denen er den Grund für seine Mordtaten schöpft, an der kontingenten Tatsache der Ausführung seiner Bluttat und der sie belohnenden Aufnahme ins Paradies hängt, wären sie falsifiziert, wenn er nicht ins Paradies einginge, ja sie wären schon falsifiziert durch die Möglichkeit, daß er nicht ins Paradies eingehen könnte. Dann aber SIND sie falsifiziert, weil absolute, vermeintlich ewige und unwiderlegliche Wahrheiten wie diejenigen, die das göttliche Buch zu offenbaren beansprucht, nicht durch kontingente Tatsachen wie die Ausführung einer Bluttat und die sie belohnende Aufnahme ins Paradies verifiziert werden können. Demnach ist die Schlußfolgerung, daß der Terrorist ahnt oder ahnen kann, daß seine Sache auf Sand gebaut ist, nicht von der Hand zu weisen.
Wir kennen den Typus des nihilistischen Terroristen aus heimischen Gefilden. Auch die Verbrecher der RAF verfochten vor sich und der Welt den Glauben, gewisse als sakrosankt angesehene Offenbarungen in den Schriften von Marx, Engels und Lenin und ihrer Nachbeter enthielten die absolute Wahrheit über das menschliche Leben. Diese Annahme birgt in sich bereist den giftigen Keim ihrer Zersetzung und grundstürzender Anfechtungen, die in der Ahnung gipfeln, daß das menschliche Leben sinnlos sei, wenn oder weil die geglaubten Lehren unwahr sind. Die Terroristen der RAF standen auf der Schwelle dieser Schlußfolgerung – deshalb flohen sie vor sich selbst zu dem archaisch-magischen Glauben an die Wahrheitsbezeugung durch das Opferblut.
Ist der islamische Terrorist vom Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Tat angekränkelt? Diese schreckliche Leere, die er früher vergeblich mit den Beschwörungen des Gebets oder dem Stöhnen der geschächteten Tiere auszufüllen strebte, sucht er sie jetzt mit dem eigenen und dem Blut seiner Opfer zu füllen?
Wäre der blutüberströmte Terrorist ein Nihilist, der die Annahme, sein Leben oder das Leben überhaupt sei sinnlos, nicht akzeptiert und nicht erträgt und mit dem scheinbar härtesten, unwiderleglichsten Argument widerlegen will, seinem eigenen Blut und dem Blut seiner Opfer?
Offen zutage liegt die Tatsache, daß der mit einem Sprengstoffgürtel versehene Terrorist öffentlich Selbstmord begeht. Die nackte Wahrheit des Selbstmords wird allerdings überdeckt von den Schreien und Blutströmen der Opfer, die er mit in den Tod reißt. Wer Selbstmord begeht, bezeugt dadurch, daß er am Sinn seines Lebens verzweifelt ist und die Wahrheiten, an die er geglaubt hat, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen, zusammengebrochen und unwahr geworden sind. Der islamische Suizid-Terrorist bezeugt demnach durch seine unselige Tat die Unwahrheit des Islams, des Glaubenssystems, das seinem Leben vermeintlich, aber nicht wirklich Sinn verliehen haben soll.
Wir wissen, daß wir das Ohr und den Sinn des Terroristen durch noch so gute und stichhaltige Argumente oder noch so gutes und menschenfreundliches Zureden nicht erreichen und nicht erweichen können. Denn er ist harthörig und hartherzig, sein Sinnen und Trachten gilt der Vernichtung des Feinds. Wir können nur Würde zeigen und den hingeworfenen Fehdehandschuh aufgreifen.
Wir können dem Terroristen nicht dadurch beikommen, daß wir die Werte, die er auf Berufung auf seine heiligen Quellen als verabscheuungswürdig brandmarkt und gegen die er durch seine Mordtaten zu Felde zieht, als verehrungswürdig hinstellen. Wie sollte ihn das überzeugen, da es Argumente betrifft, die außerhalb seines Überzeugungssystems liegen? Daher kann es keine Verhandlung und keinen Verhandlungsfrieden mit dem Terroristen geben.
Sich und anderen vorzugaukeln, der Islam sei ab ovo eine friedliche Religion, spricht nicht nur der historischen Erfahrung von Jahrhunderten Hohn, sondern kommt der fatalen Schlußfolgerung der Gans gleich, die wähnt, weil der Hausherr sie so lange verschont habe, werde auch heute am Martinstag alles friedlich bleiben. Denn vor den Hütern des Islams haben wir nur eine Schonfrist, die abläuft, wenn er seine schwarzen Männer mit den schwarzen Bärten losschickt.
Klarheit, Bestimmtheit, Vollständigkeit
Leistungen und Grenzen des Verstehens
Wenn wir alles erklären könnten, würden wir nichts mehr verstehen.
Würden wir alles erklären, wären wir bedeutungsblind.
Erklären nennen wir das Ableiten einer Aussage mit einem empirischen Inhalt aus einer gültigen All-Aussage oder einer gültigen allgemeinen Gesetzesaussage.
Der Satz „A ist identisch mit B“ oder der Satz „Der Abendstern ist der Morgenstern“ kann aus dem folgenden All-Satz abgeleitet werden: „Wenn alle wahren Aussagen über A auch wahre Aussagen über B sind, sind A und B derselbe Gegenstand“, denn zu diesen Aussagen gehören auch die Aussagen über die Raum-Zeit-Koordinaten.
Die wahre Aussage „Der Apfel fällt zu Boden“ kann aus dem Newtonischen Gesetz der Schwerkraft abgeleitet werden, das besagt, daß alle Körper sich in einem Maße anziehen, das dem Produkt ihrer Massen entspricht und umgekehrt proportional zum Quadrat ihrer Abstände ist.
Erklärende Aussagen gelten nicht von Gegenständen an sich, sondern von Gegenständen, auf die wir im Rahmen unserer Erfahrungen und der Sprache mit dem Referenten „Gegenstand“ oder „Körper“ Bezug nehmen. Was es heißen würde, daß es Körper ohne Bezug auf eine mögliche Erfahrung von Körpern oder ohne Bezug auf eine Sprache mit dem Referenten „Körper“ geben könnte, verstehen wir nicht. An diesem entscheidenden Knotenpunkt sind unsere Konzepte des Erklärens und Verstehens unentwirrbar verknüpft. Das macht unsere Erklärungen nicht bodenlos oder bezuglos, im Gegenteil, es verschafft ihnen den epistemischen Rahmen, in dem sie Geltung beanspruchen können.
Verstehen nennen wir im Folgenden das Lesen der Gedanken unserer Mitmenschen, die sie uns mittels Kundgabe von Zeichen aller Art mitteilen. Du verstehst, was ich im Sinn habe oder meine, wenn ich vor unserem geplanten Spaziergang nach einem Regenschirm greife, in der Regel so, daß ich dir anhand dieser beobachtbaren Handlung meine Überzeugung nach Analogie einer Griceschen Implikatur übermittele, daß es Regen gibt.
Einfühlung ist ein etwas mißverständlicher Begriff für den Vorgang des Verstehens. Denn es ist keine reine Gefühlssache, andere zu verstehen, sondern beruht auf einem rationalen Vermögen, das ohne sprachliches Können nur sehr dürftige Erfolge verspräche. Freilich muß ich, um zu verstehen, was dein Lächeln bedeutet oder verursacht hat oder worauf es sich bezieht (zum Beispiel mein komisches Verhalten), die Fähigkeit zu lächeln mitbringen und schon selbst dann und wann bei famosen Gelegenheiten gelacht haben. Der Ausdruck macht uns aber darauf aufmerksam, daß wir uns prinzipiell in die Lage dessen versetzen können müssen, dessen Äußerungen oder Handlungen wir verstehen wollen. Wenn du an meiner Stelle dann zum Regenschirm griffest, weil du die Überzeugung hättest, daß es Regen gebe, wirst du mir diese Überzeugung zusprechen, wenn ich unter denselben Umständen nach dem Schirm greife.
Für den Vorgang des Verstehens gilt: non humanum alienum mihi est. Um zu verstehen, daß Verbrecher ihre üblen Taten aufgrund bestimmter Überzeugungen und Motive ausführen, muß ich diese Überzeugungen und Motive nicht teilen, sondern nur nachvollziehen oder als Hypothesen in die Begründung einsetzen. Wir verstehen den Mord der RAF an an Hanns Martin Schleyer, Siegfried Buback oder Jürgen Ponto aus dem Motiv, aufgrund ihrer Überzeugung von der Todeswürdigkeit aller führenden Repräsentanten des verhaßten Systems zu liquidieren, auch wenn wir weit entfernt sind, eine solche Überzeugung zu teilen oder uns in die Motivlage der Verbrecher einfühlen zu wollen.
Wenn die Türken glaubten, daß die Angehörigen des armenischen Volkes auf ihrem Territorium während des Ersten Weltkrieges mit den verfeindeten britischen Alliierten verbündet waren und deshalb in ihren Augen Staatsfeinde darstellten, ergibt sich aus dieser Überzeugung das Motiv, sie aus ihrem Hoheitsgebiet zu vertreiben. Würde ich mich aus moralischen Gründen sträuben, diese Überzeugung und dieses Motiv nachzuvollziehen, könnte ich nicht verstehen, was damals geschah, gleichgültig, ob wir diese Überzeugung und dieses Motiv heute teilen oder nicht teilen, wie wir es heute moralisch einschätzen und etikettieren. Wenn sich nachträglich aufgrund verifizierter Dokumente belegen ließe, daß die Armenier mit den Alliierten nicht verbündet waren und deshalb von den regierenden Jungtürken zu Unrecht als Staatsfeinde angesehen worden wären, mindert oder modifiziert diese Tatsache nicht das Verstehen des damaligen Geschehens, weder im faktischen noch im moralischen Sinne. Denn eine irrtümliche Überzeugung macht das Handeln genauso plausibel wie eine wahre Überzeugung. Wenn sich aber aufgrund von Dokumenten erweisen ließe, daß die Türken über die Tatsache, daß die Armenier nicht mit den Alliierten verbündet waren, sehr wohl im Bilde gewesen sind, wird ihre anderslautende Überzeugung als Vorwand oder Schutzbehauptung entlarvt und es wäre an uns, die wahren ihr Handeln leitenden Überzeugungen herauszufinden.
Da die Falschheit des mentalen oder intentionalen Inhalts einer Überzeugung die Faktizität dieser Überzeugung nicht falsifiziert, können wir den Vorgang des Verstehens ungeachtet einer speziellen Wahrheitstheorie für Überzeugungen erhellen. Offenkundig lagen die Mitglieder der RAF in der Einschätzung ihrer Opfer als liquidationswürdiger Repräsentanten des Systems daneben, doch hindert uns das nicht daran, ihre Motive sei es auch aus falschen Überzeugungen abzuleiten. Wenn sich indes aufgrund verifizierter Dokumente herausstellen sollte, daß die Mitglieder der RAF nicht glaubten, was sie zu glauben vorgaben oder schienen, sondern ihre Gefangenen in Wahrheit nicht für lebensunwürdige Mitgeschöpfe hielten, wären wir gehalten, nach anderen Überzeugungen zu suchen, die ihre Taten in Wahrheit motiviert haben, auch wenn diese Überzeugungen ebenfalls falsch sein könnten.
Verstehen bezieht sich auf alle sogenannten propositionalen Einstellungen wie Hoffen, Befürchten oder Erwarten, deren Basis oder epistemische Voraussetzung das Glauben, Dafürhalten oder Überzeugtsein ist, denn wenn du erwartest, daß ich nach dem Regenschirm greife, heißt dies: Du glaubst, daß ich nach dem Regenschirm greife und diese Handlung in nächster Zukunft vollziehen werde. Propositionale Einstellungen sind durch den jeweiligen mentalen oder intentionalen Inhalt der Überzeugung definiert, die sie ausdrücken. Wenn du glaubst, daß ich glaube, daß es Regen gibt, ist der mentale Inhalt deines Glaubens mein Glaube oder der intentionale Gehalt meiner Überzeugung, daß es regnen wird.
Wir können nur das Verständliche oder mentale Inhalte verstehen, nichtmentale Inhalte können wir bestenfalls erklären und wenn wir vorgeben, sie zu verstehen, gebrauchen wir den Begriff des Verstehens in analoger Weise oder metaphorisch. Die alten Römer glaubten zu verstehen, warum es regnet, denn sie huldigten der Annahme oder zitierten einen alten Mythos, wonach meteorologische Phänomene wie Regen, Blitz und Donner eine Kundgabe oder Manifestation ihres höchsten Gottes Jupiter seien. Wenn wir angesichts strahlenden Sonnenscheins sagen, Petrus meine es gut mit uns, gebrauchen wir die Äußerung metaphorisch, denn wir kennen die naturwissenschaftliche Erklärung für die Entstehung des Regens.
Das Unverständliche ist ein Grenzbegriff im Horizont dessen, was wir verstehen können. So erscheint es dir vielleicht unverständlich, daß ich nach dem Regenschirm greife, obwohl es Petrus augenscheinlich gut mit uns meint. Wenn ich dir erkläre, daß ich den Regenschirm immer mitnehme, wenn ich nach draußen gehe, weil mir dies ein Gefühl der Sicherheit vermittle, löst sich dein Unverständnis in Wohlgefallen auf.
Unterscheiden zu können, was wir verstehen und nicht verstehen, was wir verstehen und nicht erklären oder was wir nicht verstehen und erklären können, ist eine Leistung der Vernunft. Die alten Römer glaubten zu verstehen, warum es regnet, wir nicht, denn wir können nur konstatieren, daß es regnet und kausale Hypothesen ansetzen, um das Phänomen zu erklären. Du kannst verstehen, welche Überzeugung ich haben muß, um nach dem Regenschirm zu greifen, aber erklären kannst du es nicht, denn es gibt keine kausale oder neurowissenschaftliche Hypothese, die das Phänomen meines Überzeugtseins vom bevorstehenden Regen erklärt. Wir könnten verstehen, warum es die Welt gibt, wenn wir sie als Produkt des freien Willens des Schöpfergottes ansehen. Aber wir können nur erklären, daß es die Welt gibt, weil wir mit der kausalen Hypothese arbeiten, daß der Entstehung des Universums eine kosmische Singularität im Sinne der Quantentheorie zugrundeliegt.
Es scheint, daß Klarheit bei der Darstellung der Vorgänge des Sinnverstehens unser Ziel sein muß, das wir mittels Bestimmtheit oder Genauigkeit und Vollständigkeit bei der Beschreibung aller relevanten Aspekte erreichen sollten. Wie sich allerdings zeigen wird, können wir dieses Ziel nur in seltenen Fällen erreichen, zumeist wird die Darstellung umso unklarer, je vollständiger sie sein soll, und umso unvollständiger, je klarer sie zu sein scheint.
Die Bestimmtheit und Genauigkeit unserer Darstellung findet ihr Maß darin, daß wir nicht nur die Anfangs- und Schlußglieder der Mitteilung, sondern sämtliche auch unausgesprochenen, aber implizierten oder im Griceschen Sinne implikierten Zwischenglieder analysieren und aufzeichnen. Die Vollständigkeit der Darstellung messen wir daran, daß wir alternative Modelle des Sinnverstehens entwerfen und am gegebenen Material erproben. Wir sollten dann zu einer rationalen Entscheidung darüber kommen, welches Modell wahr oder zumindest wahrscheinlicher ist. Können wir nicht zu einer rationalen Entscheidung kommen, erreichen wir auch nicht die erwünschte Klarheit der Darstellung.
Im Beispielfalle kannst du anhand meiner Handlung, vor unserem Spaziergang nach dem Regenschirm zu greifen, folgende Schlußfolgerung aufstellen:
A (P greift nach dem Regenschirm)
B (P glaubt, daß es regnen wird)
Wenn B, dann A
A
Also B
Es sieht so aus, als wären wir damit dem Ideal jeder semantischen Analyse, Eindeutigkeit in der Identifizierung von Überzeugungen zu gewinnen, ganz nahe. Wir weisen aber darauf hin, daß die genannte Folgerung unvollständig ist. Denn es könnte durchaus sein, daß ich meinen Schirm gewohnheitsmäßig mitnehme, ob es nun regnet oder die Sonne scheint, um sicherzugehen, daß ich im Falle des Falles gegen Regen gewappnet bin, und also auch dann mitnehme, wenn ich nicht die Überzeugung habe, es werde regnen, oder daß ich gedankenlos oder in der Absicht nach dem Ding gegriffen habe, um irgendetwas beim Spaziergang in der Hand zu halten. Wir könnten demnach unseren Schluß folgendermaßen vervollständigen:
A (P greift nach dem Regenschirm)
B oder C oder D oder E oder F
Wenn A,
dann B oder C oder D oder E oder F
A
Also B oder C oder D oder E oder F
wobei
B (P glaubt, daß es Regen gibt)
C (P greift gewohnheitsmäßig nach dem Schirm, wenn er nach draußen geht)
E (P greift gedankenlos nach dem Schirm)
F (P greift in der Absicht nach dem Schirm, unterwegs etwas in der Hand zu halten)
Wir sehen, daß wir die Alternativen beliebig fortsetzen können. Ja, wir können annehmen, daß sich gewisse Alternativen überlagern können oder nicht ausschließen müssen: Ich kann gewohnheitsmäßig oder gedankenlos nach dem Schirm greifen und gleichzeitig die Überzeugung hegen, daß es Regen gibt.
Wir müssen demnach unser Schlußschema korrigieren, denn wie sich zeigt, kannst du aufgrund der beobachtbaren Daten beides vermuten, das Vorhandensein meiner Überzeugung, es werde regnen, und das Nichtvorhandensein dieser Überzeugung, also:
A (P greift nach dem Regenschirm)
B oder C oder D oder E oder F
Wenn A
dann B oder Nicht-B
Daraus ergibt sich, daß wir aus dem beobachteten Verhalten einer Person in manchen Fällen nicht auf ihre Überzeugungen oder Gedanken schließen können, weil der Grad der Bestimmtheit, der eine Entscheidung für eine spezifische Überzeugung möglich machte, nicht immer erreicht wird. Trotz der Vollständigkeit der Darstellung kommen wir nicht zur Klarheit über die Eindeutigkeit der Zuschreibung von Gedanken.
Wenn ich aber nach dem Schirm greife und sage: „Ich glaube, es gibt Regen“, scheinst du größere Klarheit über meine Überzeugungen gewinnen zu können, denn dann gehst du wohl davon aus, daß ich tue, was ich tue, weil ich glaube, was ich glaube oder zu glauben vorgebe. In solchen Fällen verknüpfen wir den Inhalt des im Sprechakt geäußerten Gedankens, daß es Regen gibt, mit der beobachtbaren Handlung, den Schirm zu ergreifen, und schreiben ihm die Kraft zu, als Grund der Handlung wirksam zu werden.
Haben wir damit eine klare Darstellung durch vollständige Bestimmtheit des Dargestellten gewonnen?
Sagen, daß man etwas glaube oder denke, ist kein Kriterium für das Vorhandensein der geäußerten Überzeugung. Wir können durch unser Tun und Sagen vorgeben, eine bestimmte Überzeugung zu haben, obwohl wir sie nicht haben oder ihr Gegenteil annehmen. Leider können wir nicht in jedem Falle die Echtheit einer geäußerten Überzeugung von einer Lüge unterscheiden.
Dir kommen Zweifel, wenn ich trotz herrlichen Wetters nach meinem handlichen Taschenschirm greife und diese Handlung mit der Äußerung über meine Überzeugung begründe, daß es Regen geben wird. Ich könnte ein ängstlicher oder feiger oder schwächlicher Mensch sein, ich könnte jemand sein, der von depressiven Selbstzweifeln geplagt wird, einer, der diese Befindlichkeiten aus Scham vor anderen, ja vielleicht sogar vor sich selbst tunlichst verhehlt und verbirgt, und nehme deshalb stets einen Regenschirm zur Hand, wenn ich nach draußen gehe, um mich mit einer Art Waffe zu versorgen, die ich freilich niemals gegen angebliche oder tatsächliche Angreifer eingesetzt habe oder wahrscheinlich niemals einsetzen werde. Wenn es sich um einen Stockschirm handelt, könnte ich ihn aus den genannten Gründen mitnehmen, aber auch aus dem Grund, um mich damit abzustützen oder die Unsicherheit meines Ganges zu verbergen.
Wie verhält es sich mit der seltsamen Annahme, ich könne Überzeugungen hegen, von denen ich nichts weiß, sodaß ich nach dem Regenschirm greife und vorgebe, ihn mitzunehmen, weil ich befürchte, daß es Regen gebe, in Wahrheit aber, wie die Psychoanalyse annehmen zu können glaubt, weiß ich nicht, daß ich den Schirm wegen meiner unbewußten Kastrationsangst stets mit mir tragen muß, und die Tatsache, daß ich dies nicht weiß, stelle eben den Grund für meine Handlung dar? Wir können hier nur die Vermutung aufstellen, daß die Annahme, wir könnten Überzeugungen haben, von denen wir nichts wissen und wissen können, inkonsistent ist, denn es gehört zu unserem Begriff einer Überzeugung, daß wir wissen, was wir glauben und meinen, wenn wir etwas glauben und meinen.
Wir scheinen aber mit unserem semantischen Latein am Ende zu sein, wenn es sich um konditionale Satzgefüge handelt, denn aus diesen vermögen wir nicht auf die Bestimmtheit einer Überzeugung zu schließen. Du könntest dir sagen: „Obwohl die Sonne scheint, nimmt er seinen Schirm mit“ oder um den kontrafaktischen Fall allgemein auszudrücken: „Auch wenn es nicht geregnet hätte, hätte er seinen Schirm mitgenommen“, und wärest um keinen Deut schlauer, was die Tatsächlichkeit meiner Überzeugung angeht.
Wir bemerken, daß wir auf das Lesen von Gedanken oder das Folgern auf die Überzeugungen anderer aus ihren Handlungen, Sprechhandlungen eingeschlossen, zwar unbedingt angewiesen sind, um unsere Kommunikation und unser eigenes Verhalten mit ihnen abzustimmen und zu koordinieren, aber in manchen Fällen das Ziel verfehlen, Klarheit über die Eindeutigkeit ihrer Überzeugungen zu gewinnen, weil die Situation mangels Bestimmtheit der Darstellung zweideutig bleibt. Dies gilt manchmal auch für die günstigen Fälle, in denen wir das beobachtete Verhalten anhand der geäußerten Sprechakte mit Motiven und Handlungsgründen verknüpfen können.
Im Gegensatz zu den bisher betrachteten opaken Handlungskontexten und intensionalen Sprechakten des Glaubens scheinen extensionale Kontexte transparent und eindeutig bestimmbar zu sein.
Doch schauen wir uns den bekannten Fehlschluß an:
A: Die Straße ist naß.
B: Immer wenn es geregnet hat, ist die Straße naß.
C: Also hat es geregnet.
Der Fehlschluß auf C verweist uns auf die Unvollständigkeit der Kondition B. Diese können wir leicht ergänzen, indem wir etwa sagen:
A: Die Straße ist naß.
B: Immer wenn es geregnet hat oder die Straße künstlich befeuchtet wurde, ist sie naß.
C: Es hat geregnet oder die Straße wurde künstlich befeuchtet.
Diese Vollständigkeit und Klarheit der Darstellung scheint uns in Fällen von Handlungskontexten und intensionalen Sprechakten nicht erreichbar zu sein.
Je mehr wir uns von intensionalen Kontexten zu extensionalen Kontexten hinwenden, umso mehr scheinen wir an Klarheit der Darstellung zu gewinnen, auch wenn die Zahl der Theorien zunimmt. Denn wenn wir an der Konstanz der Bedeutung und Referenz der natürlichen Termini festhalten und nur die Bedeutung der theoretischen Termini variieren, können wir unsere Theorien konvergieren lassen. Nehmen wir die Erklärung des Phänomens der relativen Bewegung von Massepunkten oder Körpern, so können wir folgende Liste aufstellen:
A: Der Apfel fällt zu Boden.
T1: Aristoteles (die Körper bewegen sich zu ihrem natürlichen Ort, der Erde)
T2: Newton (die Körper bewegen sich gemäß dem Gesetz der Schwerkraft)
T3: Einstein (die Körper bewegen sich entlang ihren Raum-Zeit-Linien)
Wir gehen von der Konvergenz der drei Theorien aus, wenn wir an der Konstanz der Referenz des natürlichen Terminus „Körper“ festhalten und die Varianz der Erklärungen in der Verwendung der theoretischen Termini „natürlicher Ort“, „Schwerkraft“ und „Raum-Zeit-Linie“ ansetzen.
Der teleologische Begriff der Bewegung zu einem natürlichen Ort bei Aristoteles vermittelt uns einen Schein des natürlichen Verstehens, wie wir es bei intensionalen Handlungskontexten kennengelernt haben. Dieser Schein ist in den Theorien von Newton und Einstein aufgehoben.
Der Unterschied der Theorien läßt sich in ihrem Allgemeinheitsgrad angeben: Die antike Hypothese gilt für die Erde, Newtons Gesetz für alle massereichen Punkte, Einsteins Theorie für alle Weltsysteme, auch für die Bewegungen von masselosen „Punkten“ wie der Photonen.
Wir kommen zu dem Ergebnis: Je mehr wir an Klarheit der erklärenden Darstellung durch minutiöse Bestimmtheit und erschöpfende Vollständigkeit gewinnen, umso weniger verstehen wir (im Sinne des Verstehens von Gedanken).
Wenn die Welt aus der zivilisierten Zone unserer intensionalen Handlungskontexte, Sprachhandlungen inbegriffen, kurz der Kultur, und der natürlichen Welt besteht, die uns durch extensionale Welterklärungen zugänglich ist, müssen wir dann so weit gehen und die Welt unseres Sinnverstehens als Funktion der augenscheinlich sinnfreien Welt der Natur begreifen? Das scheint unmöglich zu sein, weil wir auch in den abstraktesten Theorien den letzten Bezug zu unserer Welt nicht loswerden können, denn wir können die Welt nicht beschreiben ohne Sprache, unsere Sprache.
Andererseits können wir auch nicht hoffen, die natürliche Welt als Funktion einer letzten menschlichen oder übermenschlichen Sinngebung konsistent ableiten zu können, ein transzendentaler Traum, den wir an den Residuen magischen Denkens wie der Astrologie oder esoterischen Annahmen über die „Mutter Erde“ oder die „Mutter Natur“ oder den sektiererischen Annahmen über Endzeit und Apokalypse wahrnehmen.
Wir bleiben anfechtbar und verletzlich, aber auch wachsam und mutig auf unserem Wachtposten auf dem Schiff namens Forschung oder Theorie, das bekanntlich nicht nur unvorhersehbaren Stürmen oder Windstillen ausgesetzt ist, sondern auch bei voller Fahrt repariert werden muß.
Das Purzel und der Baum
Für Wilmi
Das Purzel war ein süßer Fratz,
es lebte mit der Muhme Kauze
und ihrem Gatten „Halt die Schnauze!“
in einer schiefen Gartenbauze.
Es rief ihm zu im Tran die Alte,
sie schürt im Ofen wach die Flamme,
als Purzel frug, woher es stamme,
sie sei ja bloß die dumme Amme,
dies wüßten nur des Waldes Wichtel,
die hättenʾs in ʾnem Vogelnetz
dem Onkel inʾ Pißpott gesetzt,
so habe erʾs dahergeschwätzt.
Da zupft das Purzel an dem Barte
den finstern Herrn der Gartenbauze,
ob er wohl katerlich ihm mauze,
der aber bellte: „Halt die Schnauze!“
So lief das Purzel in den Wald,
daß es die grünen Wichtel finde,
daß sie ihm künden windgeschwinde,
daß seine Eltern ohne Sünde.
Da schnarcht es aus dem Astloch
einer Eiche wichtelinnig leise,
das Purzel pfeift sacht in die Schneise
eine Wach-auf-Vogelweise.
Eichkatzerlflink der Wichtel hüpft
dem Purzel auf die Schulter, schnurzelt
ihm ins Ohr: „Bist du endlich gepurzelt,
wo Wichtelliebe dich verwurzelt,
zu des Waldes reinen Quellen heim?
Aus dieser Eiche heiligem Wipfel
fielst du wie von der Wolke Gipfel
mir in den weiten Wichtelzipfel.
Aus diesem Baum bist du gepurzelt,
so riefen wir dich Purzelbäumling,
Purzelbaum und Blätterdäumling,
warst ein verträumter Rosensäumling.
Es war der finstre Herr der Kate,
der einst dich aus den Pilzen klaubte,
mit dem Vogelnetz dich uns beraubte,
der Düvel warʾs, derʾs ihm erlaubte.
Du bleib bei uns und purzel Bäume,
kehr nicht zurück zur Muhme Kauze
in ihre schiefe Gartenbauze
und ihrem Gatten «Halt die Schnauze!»“.
Purzel war es froh, es weinte
vor Freude, alle Wichtel schlüpften
aus den Büschen und sie hüpften,
während sie die Zipfel lüpften.
Rosenlicht
Du, frag nach Heimat nicht
und mütterlichem Laut,
wenn dir ein Rosenlicht
aus lieber Hand vertraut.
Du, geh am Abendsaum
mit weichem Sehnsuchtsschritt,
du siehst es, wie im Traum,
das Rosenlicht geht mit.
Wenn weiße Stille sinkt
und Schnee die Schritte schluckt,
es dir auf Gräbern blinkt,
auf schwarzen Teichen zuckt.
Und wenn sie all verglühn,
wenn Rose heißt Verzicht,
wird wieder neu erblühn
das Wort vom Rosenlicht.
Lebenssinn und Kultur
Wir gebrauchen den Begriff der Kultur hier als Übersetzung dessen, was Wittgenstein eine Lebensform nennt.
Es scheint, daß wir zumindest einige wesentliche Bestimmungen anführen können, die der Gebrauch des Begriffes der Kultur voraussetzt. Wir gehen gleichsam außen um das herum, was vor aller Augen liegt, und analysieren dann die Haltungen, ohne die kulturelle Lebensformen nicht gedeihen.
Wir treffen in unseren Gärten beides: Beete mit Nutzpflanzen wie Himbeeren, Erdbeeren oder Tomaten, Reihen von Obstbäumen wie Apfelbäumen oder Pflaumenbäumen, und Beete mit Zierblumen wie Flieder, Astern, Orchideen, Gladiolen oder Forsythien.
Wir analysieren aus diesen Gegebenheiten zwei elementare Haltungen (habitus) unserer Lebensform, die wir die ökonomische und die musische Haltung nennen können. Beide Haltungen streben mittels Anwendung von Erfahrungswissen, bestimmter Techniken und tradierter Gewohnheiten einen kulturellen Zweck zu verwirklichen, die ökonomische Haltung den Zweck der Lebenserhaltung (nicht der bloßen Lebensfristung) und die musische Haltung den Zweck der Lebenssteigerung und Lebensverschönerung.
Der Gärtner greift zur Erfüllung seiner Absichten auf Bestände von Stoffen und Materialien wie Samen und Humus, auf handwerkliche Techniken wie das Graben und Jäten, das Säen und Ernten, das Auslesen und Pfropfen zurück, die wiederum Bestände von tradiertem Erfahrungswissen voraussetzen, in denen sich Gewohnheiten zweckhaft umsetzen, wie die Gewohnheit, die Jahreszeiten und Wetterlagen zu beobachten und die Zeiten von Aussaat und Ernte zu bestimmen.
Die musische Haltung findet ihre höchste Wirksamkeit bei Gelegenheit festlicher Tage und der Feiern des Jahreskreises, wenn bei Geburtstagen dem Gefeierten Blumen überreicht und der Tisch mit Blumen geschmückt oder bei religiösen Festen wie Fronleichnam die Straßen mit Blütenmustern ausgeziert und die Fenster mit Heiligenbildern und Sträußen dekoriert werden. Der Sinn für das Dekor verbündet sich hierbei auf harmonische Weise mit dem Wunsch nach erhöhtem Lebens- und Gefühlsausdruck durch metrischen Vortrag und rhythmischen Gang, durch Lied und chorischen Gesang.
Sowohl Samen und Werkstoffe, Grußformeln und Lieder, Festkalender und Jahreskalender sind Bestandteile der materiellen und symbolischen Speicher oder Archive unserer Kultur. Ihre Pflege und Bewahrung erfordern das Vermögen der Sprache und der schriftlichen Aufzeichnung, wie die Aufzeichnung der Termine für Aussaat und Ernte oder von Geburts- und Feiertagen, aber auch die Tradierung der Bestände an die nachfolgende Generation, die wiederum durch Schulung den Umgang und Gebrauch des aufbewahrten Wissens und der tradierten Techniken zu erlernen hat und gegebenenfalls zu verfeinern oder zu erweitern willens und in der Lage ist.
Gärtner, Bauern und Handwerker rekrutieren gleichsam die Soldaten der Lebenserhaltung. Die Zwecke der Lebenssteigerung züchten sich auf einer bestimmten Stufe ihr eigenes Personal, das die festliche Ritualisierung des Lebens in die Hand nimmt: die geistlichen Führer, Schamanen oder Priester, die mittels einer Synthese sakraler und musischer Formen die Lebensverschönerung zur Heiligung des Lebens steigern. Die Priester verwalten ein autonomes symbolisches Archiv: das Charisma, das in den Erzählungen über die verehrungswürdigen Toten aufbewahrt ist und das sie bei Gelegenheit des Ahnenkults und der religiösen Feste, aber auch kritischer Entscheidungen für die Gruppe in ritueller Weise austeilen und spenden. Das sakrale Archiv enthält die Legenden und Mythen von der Ahnen der Gruppe, allen voran den Mythos des Stammvaters, der als göttliche Gründerfigur verehrt wird.
Welche Grenzen haben Garten und Feld? Wer soll Garten und Hof erben? Wer schlichtet bei Grenzkonflikten? Wer treibt das Leihgut oder die aufgelaufenen Zinsen ein, wenn der Begünstigte sich weigert oder verstorben ist und seine nächsten Verwandten sich taub stellen?
Offensichtlich soll der Erbberechtigte Haus und Hof erben. Die geregelte Erbfolge aber setzt die eindeutige Bestimmung des Erbfolgers voraus, diese aber die eindeutige Abstammung, welche nur von der Regelung des Geschlechtsverkehrs in der Institution der monogamen Ehe garantiert werden kann. Wenn die Erbfolge von einem Prätendenten bestritten wird, muß sie amtlich festgesetzt werden.
Damit gewinnen wir eine zusätzliche Haltung, die unsere Kultur prägt und konstituiert, wir nennen sie die juridische, denn ihre Zwecke erfüllen das Recht und die Institutionen des Gerichts. Das Recht wird lange Zeit mündlich überliefert, verlangt aber auf einer bestimmten Stufe der Differenzierung nach einer eigenen Archivierung in Form von Kodifizierungen. Das Archiv der Gesetze wird von den Richtern gepflegt, die sich zunächst aus den Priestern rekrutieren, sich aber auf späterer Entwicklungsstufe der Eigentumsverhältnisse als eigene Sondergruppe konstituieren.
Wir gelangen zu dem Schluß, daß wir den Lebenssinn als Erfüllung von kulturellen Haltungen, der ökonomischen, juridischen oder musischen (und welche immer noch als weitere wesentliche Haltungen angeführt werden können) anzusehen berechtigt sind. Wer eine kulturelle Haltung erfüllt, vertieft, verfeinert oder erweitert, lebt sinnvoll.
Damit erhalten wir eine Bestimmung des Lebenssinnes, die gänzlich unabhängig von jeder speziellen Moral oder von einer metaphysischen Betrachtung über das Wesen des Menschen oder der Geschichte aufgestellt werden kann. Wir können die Definition vereinfachen und handlich machen in der Formel: Lebenssinn ergibt sich aus der Kombination von sinnvoller, der Förderung der Gemeinschaft dienender Arbeit und Kraftanstrengung sowie des musischen Spiels in das Leben steigernden oder verschönernden Ritualen und Festen.
Wer durch äußere Mächte wie Krieg, Gewalt oder den allgemeinen Verfall der kulturellen Haltungen oder durch innere Mächte wie Geisteskrankheit oder Perversion daran gehindert ist, sich der Erfüllung einer kulturellen Haltung zu widmen, büßt an Lebenssinn ein oder verliert ihn gänzlich.
Natürlich ist die Pflege des Gartens ein primitives Modell für eine Lebensform. Wir können aber statt Garten auch Betrieb und Unternehmen, Schule und Hochschule, Militär und Verein, ja Volk und Nation einsetzen, und kommen zu denselben Ergebnissen.
Wir verweisen mit unserer Bestimmung des Lebenssinns alle tragischen Entwürfe ins Reich philosophisch überspannter Legenden, die wie die Entwürfe von Kierkegaard oder Heidegger von einer unauflösbaren Spannung zwischen der metaphysischen Bestimmung des Menschen als eines einsamen, nur sich selbst verantwortlichen Ego oder eines in das Dasein der Angst geworfenen Wurfs auf der einen Seite und seinem uneigentlichen Dasein in der kulturellen Gemeinschaft und ihren Institutionen auf der anderen Seite ausgehen. Wir können nur sagen, was die Sprache unserer Lebensform hergibt. Über den Rest bewahren wir Schweigen.
Warum sollte, wer die musische Haltung anstrebt, in tragischer Selbststilisierung die Ehe verwerfen und die Verlobte vor den Kopf stoßen? Warum sollte das Wissen um die letzte Einsamkeit des eigenen Sterbens unser gemütliches Plaudern oder unseren vergnügten Tratsch über Hinz und Kunz ins uneigentliche Gerede herabmindern?
Wir sehen nur mehr das Komische in Fällen, in denen einer meint, was er nicht sagt, oder einer sagt, was er nicht meint, oder einer will, was er nicht kann, oder einer kann und erkünstelt, was keiner von ihm verlangt.
Allerdings sind wir darüber im Bilde, daß einer seinen eigenen Garten in Raserei und Wahn der Selbstzerstörung zu verwüsten imstande ist; daß eine Gruppe die Gärten und Äcker, die Stätten der Sinnproduktion und die materiellen und symbolischen Archive benachbarter Gruppen zu zerstören imstande ist. Diese Einsicht bietet keinen prinzipiellen Einwand gegen die These von der kulturellen Erzeugung des Lebenssinnes. Desgleichen gibt uns die Vernunft keine allgemein anwendbaren Kriterien der moralischen Beurteilung und Verurteilung in die Hand: Der seinen Garten verwüstet, ihm wurden seine Blumen vielleicht von der Geliebten oder den eigenen Kindern zerpflückt und vor die Füße geworfen; diejenigen, die das Gebiet der Nachbarn heimsuchen, mußten vielleicht über Jahrzehnte unter ihren Nachstellungen, Brunnenvergiftungen oder anderen Heimsuchungen leiden.
Wir begnügen uns mit der immer fragilen, immer kostbaren menschlichen Sinnfülle, wenn einer trotz widriger Umstände sein Versprechen an sich oder andere hält, wenn einer in der Nacht der Einsamkeit das Licht der Erinnerung an Begegnungen der Liebe und Freundschaft nicht ausbläst, wenn einer angesichts der menschlichen Verluste und Sinnverstörungen innehaltend im symbolischen Archiv blättert und ihm Worte eines Sinnbildners aufleuchten:
Nimm die Forsythien tief in dich hinein
und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen
mit deinem Blut und Glück und Elendsein,
dem dunklen Grund, auf den du angewiesen.
Langsame Tage. Alles überwunden.
Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,
dann tragen dich vielleicht die Stunden
noch bis zum Juni mit den Rosen hin.
Erweckung
Das Vertrauen, das dir die Welt bezeugt,
wenn das Hündchen seine Pfote,
seine Augen hat es verkniffen,
auf das Knie dir legt,
und wie ein Weh überrieselt dich Wahres –
oder es rennt die Kleine mit dem Goldschopf,
ihre Schmetterlingshaarspange fällt zu Boden,
sie flügelt mit den Armen,
jubelnd auf dich zu,
und die Augen tauchen aus der Angst
des Walds in die hyazinthene Lichtung
der klaren Gegenwart –
oder aus dem herbstlichen Dunkel,
das dich narrt mit süßen Fäulnisgerüchen,
locken die bunten Lampions der Kinder
ins längst vergessene Feenlicht
unter die Flüsterweiden am Bach,
wo deine Kindheit geplätschert
unter heiter treibenden Blättern –
wie kannst duʾs verweigern,
wie kannst du verneinen?
Oder der zögernde Atem sucht
aus dem Dunkel des Holzes
noch einmal die Erinnerung heimzurufen,
und wie gelbe Lippen des Ginsters
oder goldene Tropfen des Honigs
übergießt das ermüdete Leben
mooswarmes Melos.
So verwandelt Goethes Novelle
durch die Musik der Zigeuner
den bösen Unfried des Tiers
in holde Geneigtheit,
da Liebe mitsingt,
da Liebe Wunder tut mit ihrem Gebet,
bevor der Löwe wieder gepfercht wird
in den Käfig käuflicher Kunst.
So sei uns der Augenblick gnädig,
das Verweilen heilig des Engels,
der den schon ganz verstummten Mund
erweckt zum Dank, zum Kuß,
mit dem Kirschblütenschnee seines Flügels.
Die Wonnen der Niedertracht
Darmstadt, 31. Oktober 2015: Rainald Goetz erhält den Georg-Büchner-Preis
Wenden wir uns ab von der Verkommenheit dessen, der die Vernunft derjenigen beschimpft, die ihn auszeichnen, und von der Verkommenheit derer, die denjenigen auszeichnen, der ihren Status als animal rationale in den Schmutz zieht.
Wer anläßlich der Dankesrede auf die Verleihung des höchsten deutschen Literaturpreises, des Georg-Büchner-Preises, in das wohlfeil grinsende Staats- und Honoratiorenpublikum johlt „Nieder mit der Vernunft!“, erweist sich damit nicht nur als wenn auch noch so gebildeter Narr und Wirrkopf, sondern auch diejenigen, die sich mit solchem Abgesang auf die geistige Würde des Menschen gebauchpinselt fühlen, als seinesgleichen.
Wer ausruft „Nieder mit der Vernunft!“, ist irre, denn er weiß nicht, was er sagt, denn um zu wissen, was er sagt, müßte er einen Grund für seine Aussage vorweisen können, doch das wäre ein Schritt auf dem verachteten Weg der Vernunft. Wer ausruft „Nieder mit der Vernunft!“, bekennt sich vermessen-widersinnig dazu, nicht zu wissen und wissen zu können, was er sagt, und heischt alle an, zukünftig auf die Angabe von Gründen für ihr Tun und Lassen, ihr Reden und Schweigen zu verzichten. Und sie werden den Ratschlag gern beherzigen, wenn es darum geht, die üble Tat und das böse Wort, aber auch das Unterlassen der guten Tat und das Verweigern des tröstenden Wortes zu verheimlichen. Wer dieses sagt und jenes anempfiehlt, erweist sich mit solch unbedachten Phrasen als gefährlicher Scharlatan, der den Wind des Unsinns, Widersinns und Irrsinns sät, um den Sturm des Chaos und der Vernichtung heraufzubeschwören.
Welche Fieberdelirien bringen die Elite eines Landes dazu, sich von seinen Vor-Denkern und Vor-Sagern verhöhnen und ins Gesicht spucken zu lassen, sich durch Hetzparolen, Wutgestammel und Irrsinnsgrimassen den Sinn für Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, Besonnenheit und Wahrheitsliebe abspenstig machen zu lassen? Die Symptome der Krankheit, dieser so deutschen Krankheit, liegen offen zutage. Und wir kennen die Zeitenschwellen, als das Virus, das sie verursacht hat, übertragen wurde: 1918, 1933, 1945, 1968. Doch der Grund der Empfänglichkeit für den Erreger liegt tief verborgen in den Falten des Herzens: Selbsthaß – der ausartet bis zur Verachtung der eigenen Herkünfte und sich die beiden Nährwurzeln deutscher klassischer Bildung, die Bibel und die Überlieferung der Antike, abgeschnitten hat.
Es mutet wie der blutige Rachegeist der verdammten und verachteten Väter an, der sich als ein Wiedergänger in solchen irrwitzigen Parolen kundtut – jener Väter, die sich und ihr Vaterland ins Unglück stürzten, weil sie jugendbewegten Charismatikern auf den Leim und in die Falle gingen, die das Leben vom Zügel und dem Licht der Vernunft zu einem mörderischen Bacchanal befreien wollten und sich den rohen Mächten der Niedertracht unter einer Führung durch umnachtete Kreaturen preisgaben.
Ja, gemessen an dem Furor, Aufruhr und Gebrüll oder Gestöhne desjenigen, der sich von den süßen Bestien und schönen Furien des Wahns kitzeln und schaukeln läßt, verdunkeln sich der sanfte Anspruch und Zuspruch der Vernunft und Besonnenheit, aus der Stille und Geduld heraus das Maß des Sagens und Tuns zu bedenken, zur vermeintlich kaltherzigen Zumutung, das Leben unter dem fahlen Dämmer von Mörikes Lampe zu verplempern. Der vom sanften Joch der Liebe gebändigten wilden Unschuld und Schönheit hält er die Fratze der augenblicklichen Trieberfüllung entgegen, die Feuer und Asche spuckt, die er für die Quellen seiner Inspiration ausgibt oder gar hält, auch wenn sie nichts als armselige Phantasmen des trotzigen, gekränkten Kindes darstellen.
Es ist der uneingestandene und uneingestehbare Haß auf den Vater und die Welt des Vaters, der das Gesetz verkörpert, das über die Arbeit und Anerkennung des Schmerzes und des Verzichts den krummen und beschwerlichen Weg zu den Früchten des Ackers und des Weinbergs weist, es ist der Haß auf den irdischen Vater, den Erzeuger jenseits des Eigenwillens des Kindes, es ist der Haß auf den himmlischen Vater, dessen Samen nur als spiritueller Hauch aufgeht, ohne daß der Inspirierte sich die Gnade als Verdienst anrechnen kann, es ist dieser Haß, der sich in den Wonnen der Niedertracht dem Anspruch der Vernunft vergeblich zu entziehen wähnt.
Die Vernunft schreibt mit Zeichen, die aus dem gemeinsamen Geist der Völker emporwuchsen wie die animalischen Blumen der Korallen aus dem Meer. Es kränkt den Berserker der poetischen Eitelkeit, auf dem Teppich der Sprache einherstolzieren zu müssen, dessen feine Bilder und Muster er nicht selbst gewebt und gewirkt hat, dessen Ornamente er wohl ergänzen darf, aber nicht aufzulösen befugt ist.
Die Vernunft sagt nicht „Ich“ und auch nicht „Über-Ich“, sie sagt von allen und keinem, sie sagt leise „wir“, eine Gemeinschaft, zu der Zutritt nur erhält, wer am Gedanken der überpersönlichen Wahrheit festhält. Sie leiht, wenn es gutgeht, den Ariadnefaden durch das Labyrinth der Gespräche, die alle mit allen und noch der Einsame mit allen führt. Das kränkt den Eigensinn des Eigenmächtigen, der gern den Faden wie die giftige Spinne aus dem Phantomleib seiner Allmacht herausspinnen will.
Wer sich vor aller Augen verletzt, um mit dem vergossenen Blut seine Zeichen zu Blutrunen eines eigentlichen, schmerzbezeugten Sinns aufzuwerten, weist verzweifelt und vergeblich auf die Dringlichkeit seines Anliegens, seines Lebens und Sterbenmüssens hin. Denn nur das für andere aus Liebe vergossene Blut kann Sinn stiften, und dieses Blut ist bereits vergossen, und dieser Sinn ist bereits gestiftet – am Kreuz.
Wer die Wasserscheide zwischen Vernunft und Wahn als Trug und Betrug hinstellt, ist verzweifelt und wird auch im dämonischen oder grotesken Zwischenreich der Zweideutigkeiten und zwittriger Mißgeburten aus Poesie und journalistischem Unflat keine Rettung finden.
Wer die Vernunft verachtet und verhöhnt, muß sich auf ihre Strafe gefaßt machen. Er wird nachsitzen müssen und das für die Ewigkeit einer Hölle, in der er alle nicht zu Ende gedachten Gedanken immer wieder neu denken, alle nicht ausgedachten Folgen seiner Sätze neu ableiten und formulieren und alle außerachtgelassenen Gründe für sein Sagen und Tun sich immer wieder wird vor Augen führen müssen.
Die großspurigsten Verächter der Vernunft, die als Kosmiker berüchtigten Münchener Esoteriker um Ludwig Klages, haben sich in der Vergötzung der von der Vernunft emanzipierten und so in die Sklaverei von Irrlichtern geratenen Lebenskraft dermaßen dumm und orientierungslos gemacht, daß sie schließlich im Kniefall vor dem großen Täter das lumen naturale endgültig ausbliesen.
Wir fragen uns im dämmernden Verlies der Weltabgeschiedenheit, in dem die Namen der Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin, Lessing, Lichtenberg, Kant, Frege, Brentano, Strawson, Geach, Chisholm und Putnam auf den Bücherrücken zu phosphoreszieren beginnen, wenn fidele Greise im Jugendwahn oder zappelnde Schmarotzer im Pelz der großen Kokotte namens Kulturbetrieb die Vernunft als eine Hexe, die den Brunnen des Lebens vergifte, oder als einen Büttel finstrer Weltmächte verschreien, woher der Deutschen zwiespältiges oder haßerfülltes Verhältnis zu dem Vermögen, zwischen der besseren und der weniger guten Idee für unser Tun und Reden unterscheiden zu können, wohl herrühre.
Wirklich? Wirklich!
Ein kleiner ontologischer Rundgang
Der Ausdruck „wirklich“ und seine Ableitung „Wirklichkeit“ dient uns oft, besonders als Interjektion, dazu, die Gültigkeit einer Äußerung zu unterstreichen und die Geltung einer Behauptung ins helle Licht zu rücken. Der Ausdruck steckt voller Irrlichter und Ambiguitäten und sollte philosophisch nach strengen diätetischen Vorschriften verkostet werden.
Insbesondere sollten wir den Ausdruck als Füllwort und metaphorischen Verstärker aus philosophischen Existenzaussagen streichen. „Bist du gestern wirklich im Park gewesen?“ meint nichts anderes und nicht mehr und nicht weniger als: „Bist du gestern im Park gewesen?“ In der Äußerung: „Du meintest mich gestern im Park gesehen zu haben, aber in Wirklichkeit war ich den ganzen Tag zu Hause“ finden wir eine verbale Verstärkung der Aussage: „Ich bin zu Hause gewesen“, die dem Wesen der Aussage nichts hinzufügt. Es handelt sich bei solchen sprachlichen Wendungen um dekorative Zusätze, die unsere Kommunikation erleichtern und für manchen Dialog unentbehrlich sind, aber die Klarheit des Denkens oft vernebeln.
Daß „wirklich“ nicht die Funktion hat, über Existenz auszusagen, merken wir an Dialogen wie: A: „Ich habe dich gestern im Traum gesehen.“ B: „Wirklich?“ A: „Wirklich!“ Wobei klar ist, daß mit dieser Akzentuierung die Irrealität des Traumbilds nicht in Frage gestellt wird.
Es ist bemerkenswert, daß wir mit den Begriffen der onta des Aristoteles und der res und entia der Scholastik einen Sachgehalt fassen, der uns philosophisch vertrauter anmutet als die schwankenden Bedeutungen von „wirklich“: Sie weisen auf das Objekt, das wir mit der Verwendung von Eigennamen und konkreten Beschreibungen meinen und dessen Existenz wir dabei in der Regel unterstellen, wenn wir uns nicht gerade über mythische und literarische Fiktionen unterhalten. So weisen die Namen „Sokrates“ und „Platon“ in der Aussage: „Sokrates war der Lehrer Platons“ auf die onta, res oder entia derjenigen Personen, die diese Namen trugen und dies nicht nur in den Texten, in denen sie uns überliefert sind. Es ist vielmehr die Gewißheit, daß die Träger der Namen eine „Wirklichkeit“ oder Existenz jenseits und außerhalb der ihre Namen bezeugenden Texte beanspruchten, der Grund für unsere Annahme, daß wir sie unter die onta, res und entia zählen.
Ein ontologisch fruchtbarer Begriff scheint eine Ableitung es Begriffs „Wirklichkeit“ zu sein, nämlich der Begriff der Wirkung. Er erlaubt uns einen ersten Hinweis auf die Art und Weise, wie wir den Unterschied zwischen der Realität, im Sinn der Existenz einer res, und der Fiktion, im Sinne der Irrealität einer Vorstellung oder repraesentatio und eines Bilds, angeben und bestimmen können. Eine Repräsentation hat ein intentionales Objekt, dem wir allererst Existenz zusprechen oder absprechen, wie wir der Vorstellung eines Pferdes Existenz zusprechen können, aber der Vorstellung von Pegasus Existenz absprechen müssen. Wir sprechen aber einem Pferd Existenz zu, weil seine res eine kausale Wirkung auf uns auszuüben vermag, so wenn wir einen Schlag mit dem Huf erleiden, während uns Bilder oder Geschichten von Pegasus wohl beeindrucken können, das mythische Flügelroß selbst aber keine kausale Wirkung auf uns auszuüben vermag, weil es nicht existiert.
Auch wenn Walter seinem Freund Manfred durch den Zuruf „Hallo!“ auffordert, stehenzubleiben und mit ihm zu plaudern, können wir eine Wirkung des Zurufs Walters auf seinen Freund ausmachen, der dem Sprechakt der Aufforderung nachkommt, wenn er sich zu seinem Freund umdreht und mit ihm zu plaudern beginnt. Es ist freilich seltsam zu beobachten, daß eine ähnliche Wirkung auf Manfred auch eine akustische Halluzination auszuüben vermag, ohne daß er sie allerdings als Sprechakt der Aufforderung wahrmachen kann, denn er dreht sich vergeblich nach seinem Freund Walter um. Wir müssen bei Sprechakten also der Genauigkeit halber von einer intentionalen Wirkung reden und sie von der rein kausalen und absichtslosen Wirkung physischer Objekte unterscheiden.
Im Falle der akustischen Halluzination können wir zwar von einer scheinbar kausalen Wirkung der gehörten Stimme auf Manfred sprechen, doch fehlt hier die intentionale Wirkung, die nur durch die Gegenwart seines Freundes Walter ausgelöst werden kann.
Die intentionale Wirkung des betrachteten Sprechaktes der Aufforderung ist aber von der kausalen Wirkung insofern verschieden, als sie – und das gilt für alle Sprechakte – nicht wie die physische Einwirkung den Angesprochenen unmittelbar nötigt oder zwingt: Manfred könnte auch, obwohl er den Zuruf seines Freundes wohl vernommen und verstanden hat, was er damit bewirken will, sich dieser Wirkung willentlich entziehen, weil er aufgrund der letzten Begegnung mit Walter noch arg verstimmt ist und seinen Groll ausleben möchte, indem er sich ihm gegenüber unwillig und indigniert zeigt. Walter war also wirklich zugegen, hat wirklich seinem Freund zugerufen, aber die mit seinem Sprechakt beabsichtigte Wirkung verfehlt, auch wenn sein Freund Manfred ohne seinen Zuruf nicht solchermaßen die Schultern eingezogen und finster murmelnd weitergestapft wäre.
Die Begriffe der kausalen Wirkung und der intentionalen Wirkung zur Kennzeichnung dessen, was wir res und entia oder Realität nennen, können wir nur anwenden, wenn zwischen dem Aussenden eines Signals wie des Zurufs Walters und seiner Aufnahme durch den Rezipienten wie durch das Gehör Manfreds Zeit vergeht. Wir sprechen von der Realität des Objekts, das wir mit dem Eigennamen Sonne benennen, deshalb, weil rund acht Minuten vergehen, bevor ein von der Sonne ausgesandter Lichtstrahl auf der ihn rezipierenden Netzhaut unseres Auges auftrifft.
Wenn Physiker weit voneinander entfernte Elektronen A und B mittels Laserstrahlung in einen verschränkten Quantenzustand versetzen, tritt der durch eine Messung bei Elektron A induzierte Quantenzustand unmittelbar auch bei Elektron B auf, ohne daß Zeit vergangen wäre. Wir können in diesem Falle also nicht mehr den Kausalitätsbegriff der klassischen Physik anwenden und davon ausgehen, daß Elektron A mit Lichtgeschwindigkeit ein Signal zu Elektron B ausgesandt hat, aufgrund dessen Elektron B seinen Quantenzustand in den Zustand von A gewechselt hätte. Auch wenn uns das Geschehen wie weiland Einstein noch so spukhaft anmuten mag, so stehen wir doch nicht an, der Gegenwart und dem Seinsmodus der Elektronen wie ihrem Spin Realität zuzusprechen.
Anders steht es um gewisse sogenannte akzidentielle Eigenschaften von Entitäten. Ob Walter seinem Freund mehr oder weniger laut, etwas höher oder etwas tiefer zugerufen hat, ist gegenüber der erzielten intentionalen Wirkung akzidentiell, während die genauere Wiedergabe der Tonstärke und der Klangfarbe bei der Interpretation einer Sonate von Chopin oder eines Streichquartetts von Beethoven wesentlich für die Qualität der Aufführung ist.
Wir können den Raum vollständig arithmetisieren und jeden Raumpunkt im kartesischen Koordinatensystem durch ein Zahlentripel, den Zahlenwerten auf der Abszisse, der Ordinate und der Applikate, repräsentieren. Verschiebungen eines Punktes entlang einer Geraden im Koordinatensystem können wir durch die linearen Gleichungen ax1 + by1 + cz1 = P1 und ax2 + by2 + cz2 = P2 berechnen. Wenn wir die Strecke zwischen den Punkten P1 und P2 als Ereignis der Verschiebung des Punktes P von der Ausgangssituation P1 in die Zielsituation P2 definieren, können wir auch den Begriff des Ereignisses auf den Begriff der Zahl oder die Menge der Zahlen reduzieren. Doch auf die abstrakte Entität der Zahl bleiben wir angewiesen und wenn wir ihre Definition mittels des Begriffs der Nullmenge und des Nachfolgers betrachten, bleiben wir zumindest auf die abstrakte Entität der Menge angewiesen.
Haben wir damit unseren kleinen ontologischen Rundgang abgeschlossen? Augenscheinlich klafft eine Lücke. Denn wieder einmal haben wir wie der Beobachter, der die Anzahl der Personen im Raum zählt und dabei sich selbst mitzuzählen vergißt, gleichsam den Nullpunkt des ontologischen Koordinatensystems vergessen: uns selbst als Realität sich ihrer Gegenwart und ihrer Gedanken und Absichten und sonstiger mentaler Zustände bewußter Personen, die intentional handeln, wenn sie denken und sprechen oder sich Gedanken über das machen, was wirklich oder nicht wirklich, real oder irreal ist.
Wir heben hier nur zwei Momente heraus, die den Begriff von einer Person wesentlich bestimmen: Identität und Individualität. Eine Person ist kein Bündel und keine Menge von Eigenschaften, denn wenn du mir vor einem Jahr versprochen hast, mir morgen das geliehene Geld zurückzuerstatten, und wenn du es mir morgen zurückerstattest, bist du als Bündel physisch-psychischer Eigenschaften nicht mehr derjenige, der du vor einem Jahr gewesen bist, aber die Person, die mir vor einem Jahr etwas versprochen hat, ist dieselbe Person, wenn sie mir morgen das Versprochene aushändigt, nämlich du.
Personen können interagieren und miteinander kommunizieren, ohne ihre Individualität im Sinne der Einheit des Personenbewußtseins einzubüßen, während physische Dinge aufgrund gegenseitiger Einwirkungen ihre Individualität verändern. Wir mögen noch so viele starke Eindrücke aufgrund von Begegnungen von einer Reise mit nach Hause nehmen, unsere neuen Erfahrungen werden von demselben personalen Bewußtsein durchdrungen, das schon die Reise geplant hat, während unser Strohhut durch mißliche Einwirkungen von Wind und Wetter seine individuelle Substanz so ziemlich eingebüßt hat.
Personen handeln intentional als so bestimmte Individualitäten und Identitäten, wenn sie ihre Absichten durch Sprechakte oder Interaktionen verwirklichen, wobei ihre Willensimpulse kausal auf die Nervenbahnen ihres motorischen Systems einwirken. Personen handeln intentional, wenn sie auf die intentionalen Objekte ihrer selbst entworfenen Repräsentationen wie der Sprache oder physikalischer Theorien referieren und die Realität des von ihnen Repräsentierten untersuchen. Personen handeln intentional, wenn sie mittels Sprechakten interagieren und kommunizieren, wobei sie intentionale Wirkungen aufeinander ausüben, die anders als kausale Wirkungen physischer Entitäten und Prozesse in einen Spielraum des spontanen Handelns hineinwirken, wobei die Handelnden keinem unmittelbaren Zwang ausgesetzt, sondern angemutet oder motiviert werden.
Am Ende unseres ontologischen Rundganges treffen wir auf uns selbst als die Realitäten, ohne die vom Rest keine Rede sein kann.
Paradox
Oder wie wir der semantischen Hydra entkommen
Wenn jemand aufgrund seiner Beobachtung annimmt und äußert, es befänden sich drei Leute im Zimmer, ist nicht sofort und immer klar, ob es in Wahrheit vier sind, weil er vergessen hat, sich selbst mitzuzählen, oder ob die Angabe richtig ist.
Betrachten wir die Aussage und verallgemeinern sie so, daß bestimmte Beobachtungssätze nur dann gültig sind, wenn der Beobachter die Beobachtung auf sich selbst anwendet. Der Beobachter äußert seinen Beobachtungssatz in der Sprache S, in der er von den beobachteten Objekten, sich eingeschlossen, behauptet, daß sie sich im Zimmer befinden.
Wenn wir sagen, daß der Beobachter auf diese Weise, nämlich wenn er sich bei seiner Beobachtung der Anzahl von Personen in einem Raum selbst mitgezählt hat, richtig gezählt und demnach eine wahre Aussage über seine Beobachtung gemacht hat, äußern wir eine Aussage über die Beobachtung und den Beobachtungssatz, die wir als richtig oder wahr kennzeichnen. Die Sprache, die wir benutzen, um die sprachliche Äußerung des Beobachters als wahr zu kennzeichnen, nennen wir die Metasprache MS zur Objektsprache S.
Der Satz p ist wahr in S.
MS sagt aus über S.
Wir befinden uns ironischerweise mit der Metasprache MS über S in einer ähnlichen Situation, wie der Beobachter, der bei der Zählung der im Zimmer befindlichen Personen vergißt, sich selbst mitzuzählen. Denn zu sagen:
Der Satz p ist wahr
impliziert die Aussage:
Es ist wahr, daß der Satz p wahr ist
und diese die Aussage:
Es ist wahr, daß es wahr ist, daß der Satz p wahr ist.
Es ist mit der Sprache so wie mit den Beobachtern, die sich selbst und sich gegenseitig beobachten: Es hat kein Ende, weder im Unendlichen der finiten Zahlen noch im Überunendlichen der transfiniten Zahlen, wir können jeder Beobachtung ihre Beobachtung und jeder Sprache ihre Metasprache hinterherschicken.
Hier scheint nur die Alternative zu fruchten: Entweder verbieten wir als strenge Bedenkenträger den Aufstieg zu weiteren Metasprachen nach MS1 oder wir werfen die Kennzeichnung einer Aussage als wahr zum alten Eisen und bekennen uns zu einem fröhlich-bedenkenlosen Relativismus. Den metasprachlichen Aufstieg zu verbieten ist reine Willkür. Den Wahrheitsbegriff zu verwerfen führt in die noch tiefere Paradoxie, etwas zu behaupten, von dem man gleichzeitig weiß und behauptet, daß man nicht berechtigt ist, es zu wissen und zu behaupten.
Was machen wir, wenn folgende Aussage auftaucht?
Der Satz, daß alle Sätze falsch sind, ist wahr.
Alle Sätze sind falsch.
Dann hat uns die Paradoxie am Schlafittchen: Wenn alle Sätze falsch sind, dann auch der Satz, der diese Wahrheit ausspricht, also ist es keine Wahrheit und der Satz ist wahr. Daher widerspricht er sich selbst.
p: Alle Sätze sind falsch.
Daraus folgt: p und nicht-p.
Oder was tun mit dieser seltsamen semantischen Hydra:
Für alle Sprachen gilt: No (sentence of one) language can be translated in (a sentence of) another language.
Wenn die Regel im Englischen aufgestellt ist, scheint sie nicht für das Deutsche zu gelten, denn sie behauptet ja implizit, daß kein Satz einer Sprache in einen Satz einer anderen Sprache übersetzt werden kann. Wenn die Regel also für das Deutsche nicht gilt, gilt sie nicht für alle Sprachen. Also widerspricht sich die Regel selbst.
Wo sehen wir den Ursprung der Paradoxie, wo liegt bei alledem der Hund begraben? In der Unmöglichkeit, über den Begriff von Sätzen oder der Sprache überhaupt verallgemeinern zu können, also im Begriff „alle Sätze“ oder „alle Sprachen“. Wir können keinen vollständigen und konsistenten Begriff von allen Sprachen bilden, denn dann sind wir in der törichten Position unseres Beobachters, der vergessen hat, sich selbst mitzuzählen. Aber wir benötigen ja eine Sprache, um den Ausdruck „alle Sprachen“ bilden zu können, und diese Sprache können wir, anders als der Beobachter, der, zur Einsicht gekommen, sich selbst mitzählt, nicht selbst mitzählen. Denn würden wir uns selbst mitzählen, gelangten wir zu dem Ausdruck „alle Sprachen plus 1“. Und wie die Hydra, der zwei Köpfe nachwachsen, wenn man ihr einen abgeschlagen hat, gelangen wir sogleich zu dem Ausdruck („alle Sprachen + 1) + 1“, was im Ausdruck mündet „alle Sprachen + n“, wir kämen an kein Ende!
Wie könnte ein Entkommen vor der Hydra aussehen? Wir könnten die Anwendung des Wahrheitsbegriffs regionalisieren und lokalisieren und damit auf der einen Seite an unserem Urteil über die Wahrheit und Richtigkeit einer Aussage in einer Region und auf einer Ebene festhalten, ohne uns damit aber auf der anderen Seite zu verheben und ihre Richtigkeit und Wahrheit für alle Sprachen und alle Ebenen zu beanspruchen.
Wir können in der Folge nur kleine und begrenzte semantische Hierarchien zulassen, die die besondere Qualität haben, sich gegenseitig zu überlappen. Wir können den Beobachter beobachten und den Sprecher verstehen, wenn wir sie von unserer Region und Ebene aus betrachten, die nicht bedeutungsäquivalent sind mit ihrer Region und Ebene, sondern mit ihrer Region und Ebene eine gemeinsame Teilmenge bilden.
Und so scheint es sich in der Tat zu verhalten, wenn wir von der alltäglichen Praxis unserer Sprachverwendung ausgehen. Um deine Bitte um ein Glas Wasser zu verstehen, muß ich nicht einen extraterrestrischen Standpunkt einnehmen, um mir die Bedeutungsgleichheit des Begriffs Wasser in allen Sprachen der Welt vor Augen zu führen oder alle Verwendungen des Begriffs, die dein Sprachgebrauch impliziert, etwas, was wie gezeigt nicht nur praktisch unmöglich, sondern auch theoretisch ausgeschlossen ist.
Doch wenn du deine Bitte um ein Glas Wasser aussprichst und dabei auf die Kanne mit Milch zeigst, weiß ich, daß bei deiner Verwendung des Begriffs etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Ich kann deine Sprachverwendung korrigieren, weil wir nun einmal die Bedeutungen „Wasser“ und „Milch“ ordentlich auseinanderhalten, muß deshalb aber nicht von einem extraterrestrischen Standpunkt aus dekretieren, daß deine Sprachverwendung aus dem Grund nicht richtig ist, weil es sich in allen Sprachen so verhält. Warum sollte es nicht eine Sprache geben, in der sich die Bedeutungen von Wasser und Milch überlagern?
Im Unterschied zu den paradoxen Folgen des Ausdrucks „alle Sprachen“ können wir unter Einhaltung gewisser Bedingungen beim Ausdruck „alle Mengen“ einer definierten Anzahl von Mengen von Paradoxien verschont bleiben. Und die Mengentheorie ist sprachunabhängig und gilt in allen Sprachen. Wir können die Gleichmächtigkeit zweier Mengen dadurch bestimmen, daß wir jedes Element der Menge A auf je ein Element der Menge B abbilden. Das gilt für beliebig viele Mengen. Also auch für die Mengen aller Mengen, die gleichmächtig sind. Sie ist demnach gleichmächtig mit den in ihr enthaltenen Mengen. Die Mengen der natürlichen und der rationalen Zahlen sind aufeinander abbildbar und daher gleichmächtig. Die Menge dieser beiden Mengen ist demnach gleichmächtig mit den in ihr enthaltenen Mengen. Für Sätze und Sprachen gilt dies wie gesehen nicht: Denn der Satz, der über alle Sprachen geht, gehört einer Sprache an, die semantisch mächtiger ist, als die Sprachen, über die er reicht und aussagt.
Dies gilt auch für die sprachliche Verwendung der Negation, der Junktoren, der Quantoren und der logischen Implikation: Sie durchqueren wie universelle Paßwörter alle Sprachen. Wenn es auf der Gegenerde eine Flüssigkeit gibt, die genauso aussieht und schmeckt wie Wasser, aber kein H2O ist, und alle Menschen ausschließlich diese Flüssigkeit trinken, und wenn es auf der Gegenerde eine Flüssigkeit gibt, die weder so aussieht noch so schmeckt wie Wasser, in Wahrheit aber H2O ist, und alle Vögel trinken entweder von der einen oder anderen Flüssigkeit, dann trinkt dort kein Mensch Wasser und einige Vögel trinken Wasser.
So kommen wir zu Ludwig Wittgenstein und seinem Begriff des Sprachspiels in einer Lebensform zurück. Bekanntlich bilden Sprachen wie Spiele keinen univoken und einheitlichen Begriff, sodaß es von vornherein ausgeschlossen ist, den paradoxen Begriff des Spiels aller Spiele und der Sprache aller Sprachen oder den Begriff „alle Sprachen“ definieren zu wollen. Ich kann nicht gut gleichzeitig Fußball spielen und Patience legen. Ich kann nicht mit einer musikalischen Komposition die Topographie einer bestimmten Landschaft darstellen, wenn wir hier von gewagten Metaphern einmal absehen wollen. Die Regeln, die beschreiben, wie ich in die Absatzfalle gerate, sind andere Regeln als die, die mir anweisen, wie ich eine musikalische Modulation durchführe oder das Thema einer Fuge engführe oder in den Krebsgang bringe.
Sollen wir auf den Begriff der Richtigkeit der Anwendung sprachlicher oder repräsentationaler Mittel im Allgemeinen verzichten, weil es kein Superregeln für alle Spiele und Sprachen gibt? Doch gäbe es solche Superregeln, benötigten wir Super-Super-Regeln, die uns anwiesen, wie wir die Superregeln anzuwenden haben.
Wenn ich mir eine Übersicht über die Landschaft, die ich gerade durchwandert habe, verschaffen will, besteige ich einen Berg und halte Umschau. Ich bin als Beobachter Teil der Landschaft, die ich beobachte, und gewahre, daß der Bach, den ich überquert habe, tatsächlich die Dörfer zu verbinden scheint, durch die ich gegangen bin, was ich unterwegs nicht bemerkt habe. Ich kann nicht gleichzeitig sehen, was mir im Rücken liegt, sondern muß mich dazu umwenden, wobei die Vorderansicht verschwindet.
Wenn ich mir zu Hause meinen Wanderweg auf einer topographischen Karte anschaue, bin ich als Beobachter nicht mehr Teil der Landschaft, kann aber, was ich auf dem Berg stehend in Teilansichten gewahrte, nunmehr in einer Totalansicht betrachten. Ja, ich kann meine Annahme, der Bach verbinde nur die Dörfer, durch die ich gegangen bin, anhand der Karte korrigieren, denn in Wahrheit läuft er in einem großen Bogen an einer weiteren Ansiedlung vorbei, die meinem Rundblick verborgen geblieben war.
Eine topographische Karte kann mehr oder weniger genau, detailreich und angemessen die reale Gegend repräsentieren, sie kann auch Fehler enthalten, die wir anhand präziserer Karten oder von Fotographien aus dem Flugzeug korrigieren können. Aber wir wissen nicht, was es heißen könnte, topographische Karten am Maßstab einer Super-Karte messen zu wollen, einer Karte, die die Landschaft auf vollkommene und ideale Weise abbildete.
Wenn du als Schüler auf die Frage nach der Winkelsumme im Dreieck richtig mit 180 Grad geantwortet hast, war dann deine Antwort insofern richtig, als sie dir eine schlechte Note erspart hat oder einen Vorteil in deiner schulischen Karriere, oder war es umgekehrt, du hast am Ende eine gute Note bekommen und deine schulische Laufbahn mit Bravour bestanden, weil deine Antworten im Schnitt mehr richtig als falsch waren? Etwas richtig zu tun und zu sagen ist deshalb für uns von lebenswertem Vorteil, weil es richtig ist, der Maßstab des Richtigen kann nicht der Vorteil sein, den wir mit unserem Tun und Reden einheimsen, denn so mancher baut seine Karriere auf einer faustdicken Lüge auf, während ein anderer im Schatten steht, weil er das Richtige getan und gesagt hat.
Wir bemerken, daß wir die semantische Hydra wohl aus der Höhle formaler Sprachen zu verbannen vermögen, wenn wir sie als Objektsprachen konstruieren, deren semantische Werte wir in ihrer Metasprache formulieren. In den informalen Sprachen wie unserer Muttersprache können wir immerhin das Risiko, von der Hydra unversehens gepackt zu werden, durch den Vorteil kompensieren, daß wir Fragmente oder Probestücke ihrer Semantik als Teil ihrer selbst formulieren können. Nichts hindert dich, mich in meiner Sprachverwendung zu korrigieren, wenn ich die Mehrdeutigkeit des Wortes „Gipfel“ in meiner Aussage: „Er hatte den Gipfel seiner Karriere erklommen“, nicht bemerke oder nicht auflöse, wenn es sich um die Karriere eines Bergsteigers handelt. Ebenso darf ich dich darauf hinweisen, daß du im Irrtum bist, wenn du annimmst, das Gegenteil von „alle“ sei „kein“ und nicht „einige“, denn wenn die Kinder nicht alle Kastanien eines Baumes aufgesammelt haben, haben sie doch einige aufgesammelt.
Wenn es auch keine Metasprache aller Sprachen gibt, sind wir deshalb nicht auf isolierte Sprachinseln verbannt. Denn wir können eine noch so exotische Sprache in unsere Muttersprache übersetzen und uns im großen und ganzen verständigen, weil sowohl die semantischen Funktionen der Bedeutung und die richtige Anwendung sprachlicher Konventionen als auch die semantischen Funktionen der Negation, der Satzverknüpfungen durch „und“ und „oder“, der Quantoren „alle“ und „einige“ und die logische Implikation alle Sprachen gleichmäßig durchqueren, auch wenn wir keine Hoffnung haben, durch Übersetzungen jeweils ein exaktes Gegenstück des fremden Idioms zu unserer Sprachverwendung nach Hause holen zu können.
Inwiefern können wir sagen, daß die Theorie des Kopernikus nicht bloß eine andere Theorie als die Theorie des Ptolemäus darstellt, sondern sogar und in erster Linie eine bessere Theorie, und eine bessere Theorie, nicht nur weil sie die Phänomene einfacher, ökonomischer und effizienter erklärt, sondern weil sie die Phänomene richtig erklärt?
Zunächst müssen wir uns klarmachen, daß wir Eigenschaften wie „gut“ und „besser“ in einem zweifachen, ganz verschiedenen Sinne zuschreiben: Der Läufer, der beim Rennen als erster ins Ziel kommt, ist schneller als alle anderen Läufer gewesen und im Sinne des Maßstabs, den wir für die Überlegenheit im Wettrennen anlegen, ist er der bessere Läufer, besser als alle anderen. Es handelt sich hier um den funktionellen Sinn von Qualifizierungen und Auszeichnungen, die sich auf eine mehr oder weniger erlernbare Fertigkeit wie das Laufen, Schwimmen, Fahrradfahren, aber auch das Rechnen und das Gedächtnistraining beziehen.
Die Annahme, mittels eines Umwegs ein Ziel eher, schneller oder besser erreichen zu können, wenn es von einem Hindernis versperrt ist, ist in diesem Sinne besser als die Annahme, es auf geradem Wege oder wie wir sagen, mit dem Kopf durch die Wand, erreichen zu wollen.
Theoretische Annahmen dagegen können gut oder schlecht, besser oder schlechter sein nach Maßgabe ihrer Funktion, das, was sie darstellen, richtig oder falsch oder adäquat oder weniger adäquat zu repräsentieren.
Intentionalistische Theorien über das Verstehen sind besser als kausale. Wenn du weißt, daß Walter seinem Freund Manfred zugerufen hat, und Manfred ist deswegen stehengeblieben, um mit Walter zu plaudern, weißt du auch, daß Manfred Walters Zuruf gehört und verstanden hat. Du schließt demnach auf richtige oder korrekte Weise aus Vorgängen, die der allgemeinen Beobachtung zugänglich sind, wie dem Zuruf Walters und der Verhaltensänderung Manfreds, auf Vorgänge, die der allgemeinen Beobachtung unzugänglich sind, wie das Verstehen des Zurufs als eines Sprechaktes der Aufforderung und die Absicht, der Aufforderung zu entsprechen, durch das Verweilen des Angerufenen. Die Theorie, die du hier im Hintergrund hast, nämlich, daß wir bedeutsame Gesten und Äußerungen auf dem Hintergrund der intentionalen Struktur der sprachlichen Bezugnahme verstehen, ist besser als die Theorie, wonach Verstehen und Antworten nur metaphorische Ausdrücke für kausale Mechanismen der Konditionierung darstellen. Denn wären wir auf verbale Stimuli kausal so konditioniert, daß wir auf sie durch verbalen oder praktischen Output reagieren, ohne groß eine Wahl zu haben, könnten wir den Unterschied zwischen der konditionierten Reaktion auf einen halluzinierten akustischen Stimulus von der spontanen Reaktion auf den wahrgenommenen Zuruf nicht als Unterschied der nicht wahrheitsfähigen Aussage über den phänomenalen Bewußtseinszustand:„Manfred hat die Stimme seines Freundes Walter gehört“ von der adäquaten und richtigen Wahrnehmungsaussage: „Manfred hörte, daß ihm sein Freund Walter zugerufen hat“ erklären.
Die Annahme Newtons, daß der Apfel aufgrund einer auf alle Körper gleichmäßig wirkenden Schwerkraft zu Boden fällt, ist besser als die Annahme des Aristoteles, Körper würden durch einen verborgenen Impuls zu ihrem natürlichen Ort gezogen, weil letztere Annahme mit Hypothesen wie der Hypothese des natürlichen Orts und der Hypothese des inneren Impulses arbeitet, die wir nicht nachweisen und mittels der Theorie Newtons einfach streichen können.
Die Annahme, die Gleichmächtigkeit der Mengen der natürlichen und der rationalen Zahlen dadurch erweisen zu können, daß wir jeder natürlichen Zahl eine rationale Zahl zuordnen, ist besser als die Annahme, dasselbe dadurch erweisen zu wollen, daß wir auf das Ergebnis des Abzählens beider Zahlreihen warten, um ihre Gleichmächtigkeit ad oculos zu demonstrieren – ja, letztere Annahme ist nicht nur nicht besser, sondern schlechter, weil sie mittels dieser Methode gar nicht erwiesen werden kann.
Die Annahme des Kopernikus, daß sich die Planeten einschließlich der Erde in kreisförmigen oder elliptischen Bahnen um das Zentralgestirn der Sonne bewegen, ist besser als die Annahme des Ptolemäus, die Planeten einschließlich der Sonne bewegten sich in kreisförmigen Bahnen um die Erde, weil letztere Annahme der Zusatzhypothese der epizyklischen Eigenbewegungen der Planeten bedarf, um die Voraussagen der Wiederkehr der Planeten erklären zu können, Eigenbewegungen, die empirisch nicht nachweisbar sind.
Es geht nicht nur darum, daß die kopernikanische Theorie effizienter ist, weil sie mit weniger Hypothesen arbeitet als die ptolemäische, sondern daß sie im Vergleich mit der ptolemäischen Theorie richtig oder wahr ist, weil sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Beobachtungen übereinstimmt, während die ptolemäische mit weniger Beobachtungen übereinstimmt.
Wir sagen nicht, die Annahme des Kopernikus habe sich nicht nur als besser als die Annahme des Ptolemäus erwiesen, sondern als die beste Annahme zur Erklärung der Bahnen der Himmelskörper, weil wir in der Theorie Newtons, die die Bewegungen der Himmelskörper aus dem Wirken der Schwerkraft ableitet, eine bessere Theorie haben als die des Kopernikus, der mit der Zusatzhypothese arbeitete, daß die Kreisbahn als vollkommenste geometrische Figur dem Schöpfungswillen Gottes am ehesten entsprochen habe.
Die Annahme Einsteins, daß die Himmelskörper sich in bestimmten Bahnen bewegen, weil die Materie die Form und Struktur der Raum-Zeit konstituiert, ist besser als die Annahme Newtons, sie würden aufgrund einer geheimnisvollen Kraft in ihren Bahnen gehalten, weil sie die Zusatzhypothese eines absoluten Raums und einer absoluten Zeit vermeidet, die mit unseren Beobachtungen der Relativität von Ereignissen nicht übereinstimmt. Denn auch unsere Uhren und Längenmaße werden aufgrund ihrer Bewegungen in der Raum-Zeit andere Ergebnisse messen als Uhren und Längenmaße, die sich relativ zu ihnen an anderen Raum-Zeit-Postionen bewegen.
Die Annahme Bohrs, daß ein Radiumatom vom Quantenzustand A in den Quantenzustand A* wechselt, der eine Überlagerung der Quantenzustände des noch nicht zerfallenen Radiumatoms A und des zerfallenen Radiumatoms B darstellt, ist besser als die Annahme Einsteins, daß sich das Radiumatom zunächst im Quantenzustand A und dann entweder im Quantenzustand A oder im Quantenzustand B befindet, weil sie mit den Ergebnissen der physikalischen Messung übereinstimmt, die dazu führt, daß der überlagerte Zustand A* sich in den Quantenzustand A oder den Quantenzustand B aufspaltet.
Warum können wir nicht sagen, hier halten wir innen und erkennen oder deklarieren, die Annahme X sei nicht nur besser als alle bisherigen Annahmen, sondern die beste? Nicht aus dem Grund, weil die Forschung und das Streben nach besseren Theorien und Erklärungen kein Ende zu finden scheinen, sondern weil die Annahme, X sei die beste Theorie, zu Paradoxien führt.
Wir können mit Grund annehmen, daß es einen höchsten Berg auf der Erde gibt, weil wir nachweisen können, daß alle anderen Erhebungen niedriger sind. Wir können mit Grund vermuten, daß es einen schnellsten Läufer gibt oder jemanden, der am besten rechnen oder sich an Ereignisse erinnern kann.
Nichts hindert uns an der Vorstellung, daß aufgrund der Aktivitäten der Kontinentalplatten Bergmassive aufgefaltet würden, die den Mount Everest überragten. Eine vor allen anderen ausgezeichnete Theorie indes aus ihren Annahmen ein Theorem darüber entwickeln können, warum es keine bessere Theorie geben kann als sie selbst. Eine Theorie, die in ihrer eigenen Metatheorie erklären könnte, warum sie besser ist als sie selbst, mündet augenscheinlich in einer Paradoxie.
Ein zwingender Grund dafür, daß es keine beste Theorie geben kann, besteht in der Tatsache, daß alle Theorien in dem Maße unvollständig sind, als sie sich nicht selbst enthalten oder aufeinander abbilden können. Das aber ist zugleich der Grund dafür, daß es andere und in diesem Sinne bessere Theorien geben kann, die die Ausgangstheorie enthalten, auch wenn sie selbst wieder unvollständig sein werden.
Viele Theorien können sich nicht nur deshalb nicht selbst erklären, weil sie notwendig unvollständig sind, sondern weil sie schlicht falsch oder paradox sind. Die Theorie Darwins kann sich nicht selbst erklären oder nicht erklären, inwiefern Theorien ihrer Art nach darwinistischen Erklärungsprinzipien entstehen und Anspruch auf Richtigkeit und Wahrheit beanspruchen können, weil sie die biologischen Prozesse der Menschwerdung unter Ausschluß des Prinzips erklärt, das aller Theorie und allem menschlichen Handeln zugrundeliegt: der Sinnhaftigkeit von sprachlichen Handlungen und der sprachlichen Bezugnahme, die wir als Intentionalität bezeichnen.
Die Theorie Freuds kann sich nicht selbst erklären oder erklären, inwiefern Theorien ihrer Art aus psychoanalytischen Erklärungsprinzipien entstehen und Anspruch auf Richtigkeit und Wahrheit erheben können, weil sie die psychischen Prozesse unter Ausschluß des Prinzips erklärt, aufgrund dessen Annahmen und Theorien wahr oder falsch sind, nämlich der Bedeutung unserer Wörter und sprachlichen Wendungen, die jede semantische Funktion einbüßen, wenn wir sie naturalisieren und als Effekt unbewußter Triebmechanismen auffassen.
Die Theorie Derridas kann sich nicht selbst erklären oder erklären, inwiefern Theorien ihrer Art entstehen und Anspruch auf Richtigkeit und Wahrheit erheben können, weil sie die Semantik unseres Verstehens von Texten unter Ausschluß des Prinzips erklärt, das ein Verstehen erst möglich macht, nämlich der Fähigkeit, bessere von weniger guten Texten zu unterscheiden, weil die einen das, was sie meinen, richtig und die anderen falsch repräsentieren.
Wortsalat
Oder warum der linguistische Idealismus und Dekonstruktivismus zu Unsinn führt
Wer meint, unsere Wörter verwiesen nur auf andere Wörter und unsere Texte nur wieder auf andere Texte, ist wie ein Narr, der, um zu überprüfen, ob eine Nachricht in der einen Tageszeitung stimmt, sich eine andere Tageszeitung kauft, um sie dort bestätigt zu finden, ohne zu berücksichtigen, daß beide Zeitungen dieselbe Datenquelle wie die DPA benutzt haben.
Wörter ohne Bezugnahme außerhalb von Wörtern benutzen heißt Wortsalat anrichten – auch wenn seine französischen Variationen noch so delikat aussehen, nahrhaft sind sie nicht.
Würden unsere Wörter nur auf Wörter verweisen, unsere Beschreibungen nur auf andere Beschreibungen und unsere Texte nur wieder auf andere Texte, könnten wir analog zum positivistischen Idealismus von einem linguistischen Idealismus und dem aus ihm folgenden Relativismus und Solipsismus sprechen. Ein linguistischer Idealismus dieser Art ist auch der Dekonstruktivismus eines Jacques Derrida.
Der damalige Imperator Caesar nennt sich in seinem Bericht über den Feldzug in Gallien und Germanien De bello Gallico „Caesar“ und spricht von sich als von jenem Caesar, der am 9. Januar 49 (vor Christus) den Grenzfluß Rubikon überschritten habe. Nennen wir also den Ausdruck „derjenige, der am 9. Januar 49 den Rubikon überschritt“ die Beschreibung oder die deskriptive Paraphrase für den Eigennamen „Caesar“, dann müßten wir an allen Textstellen, die von Caesar handeln, den einen für den anderen Ausdruck einsetzen können. Doch das geht nicht: Wir finden Textstellen, wie die des Historikers Livius über das erste Triumvirat von Caesar, Crassus und Pompeius, die von einem Caesar handeln, der (noch) nicht den Rubikon überschritten hatte. Wenn unsere Beschreibungsäquivalenz gültig wäre, müßte es sich hierbei um einen anderen Caesar handeln. Offensichtlich ist das Unsinn. Folglich stimmt die Äquivalenz nicht oder wir sind genötigt, sie um einen Zusatz zu erweitern und zu schreiben: „derjenige, der der Dritte im Bunde mit Crassus und Pompeius war und am 9. Januar 49 den Rubikon überschritt“. Wie viele Erweiterungen brauchten wir wohl, um eine Äquivalenz zu erhalten, die allen Erwähnungen des Eigennamens Caesar Genüge täte? Wir kämen nicht leicht an ein Ende.
Was tun, wenn ein dreister oder kühner Historiker auftritt und behauptet, Caesar sei nicht am 9., sondern am 10. Januar 49 am Rubikon gewesen, und dafür auf eine entlegene Quelle verweist, die man bisher ignoriert hat? Sollen wir sagen, die Mehrheit der Textquellen verweist auf das Datum, das in allen Schulbüchern steht, also belassen wir es dabei? Nun, als Kopernikus seine Schrift mit dem neuen Weltentwurf mit der Sonne als dem Zentralgestirn veröffentlichte, findet sich in allen einschlägigen Textstellen der scholastischen Theologen und anderer Schriftsteller die Angabe, die Erde stehe im Mittelpunkt des Universums. Mit Zitaten kann man augenscheinlich alles und nichts beweisen, und Worte und Texte haben keine magische Verbindung zu den Instanzen, was immer sie sein mögen, die sie bestätigen oder widerlegen können.
Warum halten wir am historischen Datum des 9. Januar 49 vor Christus fest, an dem Caesar den Rubikon überschritten hat? Einfach deshalb, weil er es selbst schriftlich niedergelegt hat und weil wir davon ausgehen, daß für den Fall, daß er sich bei der Datumsangabe geirrt hätte, genügend Augenzeugen, also beispielweise Offiziere seiner Legionen, später auf den Irrtum aufmerksam gemacht hätten. In den Augenzeugen historischer Ereignisse haben wir demnach eine der gesuchten Instanzen gefunden, die unsere Texte über Ereignisse der Vergangenheit bestätigen oder widerlegen können. Bei weit zurückliegenden Ereignissen müssen wir davon ausgehen, daß wir eine ununterbrochene Kette oder einen ununterbrochenen Überlieferungsstrang, kurz eine authentische Tradition, ausfindig machen können, die von Augenzeugen des ursprünglichen Ereignisses angestoßen worden und bis auf unsere Tage weitergetragen worden ist. Für die Zwischenträger der authentischen Nachricht sind wir gehalten, ihrer Zeugenschaft mit einem Maß von Vertrauen entgegenzukommen, der dem Grad ihrer Glaubwürdigkeit entspricht, den wir an ihren sonstigen Äußerungen und Bezeugungen bemessen. Im Falle Caesars sind das seine eigene Autorschaft und die Autorschaft von Historikern wie Livius, Sueton, Plutarch und Cassius Dio.
Wenn wir die Identität eines Eigennamens wie „Abendstern“ mit der Beschreibung äquivalent setzen, er sei der Stern, der als erster am Abendhimmel erstrahle, dann wäre der Morgenstern allemal als ein anderes physisches Objekt anzusehen, wenn wir dieses anhand der Beschreibung „jener Stern, der als erstes am Morgenhimmel erstrahlt“ identifizieren. Wenn die Astronomen aber feststellen, daß es sich bei Morgenstern und Abendstern um dasselbe Objekt, nämlich den Planeten Venus, handelt, werden wir wohl kaum hartnäckig bleiben und sagen, das Objekt der Astronomen sei ein anderes Objekt als diejenigen Objekte, die den früheren Beschreibungen entsprechen. Folglich sind die Bezugnahmen von sprachlichen Ausdrücken Bezugnahmen, die wir nicht auf ihre kontingenten Beschreibungen reduzieren können.
Dann müssen wir auch zugestehen, daß bestimmte Beschreibungen wie die Beschreibungen von Morgenstern und Abendstern zwar unvollständig sind, sich aber auf dasselbe Objekt beziehen, auch wenn diejenigen, die diese Eigennamen gebrauchten, bevor die Identität des mit ihnen Gemeinten festgestellt worden ist, davon nichts wußten. Daraus folgt, daß die Beschreibung eines Objekts eine Funktion des jeweiligen Wissens der jeweiligen Sprachverwender darstellt, während die Bezugnahme mittels der Beschreibung einen Spielraum virtueller Beschreibungen offenläßt. Heute wissen wir, daß die Erde nicht, wie Ptolemäus glaubte, im Mittelpunkt des Universums schwebt, aber sollen wir deshalb annehmen, Ptolemäus habe von einem anderen Objekt geschrieben als von dieser unserer Erde, über deren Position im Sonnensystem wir heute besser Bescheid wissen?
Wir bemerken, daß wir einerseits nur mittels unserer Sprache überhaupt auf die Existenz von Gegenständen in der Welt zugreifen können, daß aber andererseits unsere Weltbeschreibungen keiner linguistischen Immanenz frönen, sondern von den Weltereignissen konstituiert und modifiziert werden, und dies bis zu einem Grad, daß ihnen bestimmte Ereignisse den Garaus machen können. Da unsere Biologen keinen substantiellen Elan vital gefunden haben und ganz gut ohne diese Hypothese bei ihren Erklärungen klarkommen, haben wir den Begriff schmerzlos gestrichen.
Wir nennen in hergebrachter Manier die Eigenschaft unseres Geistes und unserer Sprachverwendung, auf etwas Bezug zu nehmen, was nicht nur mentale oder linguistischen Eigenschaften hat, Intentionalität. Wenn Manfred behauptet, daß ihm sein Freund Walter aus dem Fenster zugerufen hat, mußte er mit dem Eigennamen „Walter“ auf ein Wahrnehmungsobjekt Bezug nehmen, auf das ich unabhängig von seiner Wahrnehmung ebenfalls Bezug nehmen kann, auch wenn seine Beschreibung von Walter wie: „derjenige, der zurzeit mein bester Freund ist“ keinesfalls eine Beschreibung ist, die ich für meine Person akzeptieren könnte.
Wenn außerirdische Lebewesen mit uns Kontakt aufnähmen und uns einen Besuch abstatteten, woran könnten wir erkennen, daß es sich bei ihnen um uns ähnliche, intelligente Lebewesen handelt, also um solche, die über eine mentale Verfassung und eine Sprache verfügen, mit der sie auf Gegenstände referieren können? Ein experimentum crucis für einen solchen Turing-Test wäre folgendes: Angenommen die kosmischen Exoten hätten sich auf der Erde umgeschaut und wären fasziniert von bestimmten Phänomenen, die sie auf ihrer Gegen-Erde nicht kennen, wie Eis, Schnee und Nebel, wobei sie auf jedes dieser Phänomene mit einem neu in ihre Sprache eingeführten Namen hinwiesen. Natürlich haben unsere gewitzten Linguisten ihre seltsame Sprache, die nicht Laute, sondern Lichtstrahlen und ihre abermillionenfachen Möglichkeiten von Ausdruckswerten und Ausdrucksnuancen in Farbbrechungen und Farbintensitäten, Farbmischungen und Farbkontrasten zur Bedeutungsübertragung verwendet, schon dechiffriert und mittels Verwendung von Lasern ein Kommunikationsmedium konstruiert, mit dem wir uns auf Luziferisch mit ihnen unterhalten können. Könnten wir ihnen nun klarmachen, daß es sich bei diesen Phänomenen um die Aggregatzustände ein und desselben Stoffes, nämlich von Wasser, handelt, und sie wären in der Lage, daraufhin ihr sprachliches Bezugssystem und entsprechend ihr sprachliches Verhalten zu ändern, würden wir zurecht schließen, daß ihre Intelligenz der unseren ähnlich ist.
Natürlich können wir verbale und schriftliche Beschreibungen auch durch visuelle Dokumente ersetzen. Legen wir unserem Probanden im Turing-Test statt einer verbalen Beschreibung ein Foto einer Person vor und nennen ihr den Namen dieses Menschen aus dem Lande der Franken: „Pierre Jumeau“. Dann machen wir mit ihr eine Gegenüberstellung, wie wir sie aus der Kriminalastik und aus Krimis kennen: Sie muß aus einer Reihe von Personen jenen Pierre Jumeau wiedererkennen, dessen Namen und Beschreibung sie bereits kennengelernt hat. Nun befindet sich unter den vorgeführten Personen wirklich eine, die Pierre Jumeau aufs Haar gleicht. Wenn nun unsere Versuchsperson sagt, sie habe eine Person erkannt, die Pierre Jumeau sein könnte, aber sie könne nicht mit letzter Gewißheit sagen, daß sie es ist, hat sie den Test bestanden. In Wahrheit war die vorgeführte Person nicht Pierre Jumeau, sondern Paul Jumeau, ihr Zwillingsbruder. Die scheinbar eindeutige Beschreibung hat demnach auf unterschiedliche Referenzobjekte verwiesen.
Wir haben damit eine Definition sprachlich fundierter Intelligenz gewonnen: Sprachlich fundierte Intelligenz ist die Fähigkeit, die Bezugnahme sprachlicher Ausdrücke und die Identitätsannahme des mit ihnen bezeichneten Gegenstands oder die eindeutige sprachliche Bezugnahme auf intentionale Objekte von ihren wirklichen und möglichen Beschreibungen unterscheiden zu können. Eine Spezifikation dieser Definition könnte so lauten: Sprachlich fundierte Intelligenz ist die Fähigkeit, trotz unterschiedlicher und teilweise sogar widersprüchlich scheinender Beschreibungen an der Eindeutigkeit der Referenz des intentionalen Objekts festzuhalten, bis sich die Situation mittels kohärenter und konsistenter Modifikationen der Beschreibungen klären läßt. Vielleicht können Experten hier die Vereinheitlichung der klassischen Teilchenphysik und der Quantenphysik zur Quantenfeldtheorie als Beispiel für die gewonnene Kohärenz und Konsistenz widersprüchlicher Beschreibungen wie der Beschreibung von Licht im Sinne von Teilchen und Welle einordnen.
Wir erläutern dies an einem Beispiel der christlichen Theologie: Wären uns nur die gnostischen Evangelien überliefert, könnten wir uns fragen, ob uns durch ihre Beschreibungen der in Menschengestalt verborgenen Gottheit Christi die christliche Wahrheit des sich in die Passion herablassenden Gottessohnes verdeckt geblieben wäre. Wir könnten auch fragen, ob in der Häresie des Arianismus, der die Menschwerdung Christi leugnet, nicht ein begriffliches Unvermögen zur Geltung kommt, nämlich das Unvermögen, trotz scheinbar widersprüchlicher Beschreibungen, wie der Beschreibung des leidenden Gottesknechts und der Beschreibung des glorreichen Weltenherrschers auf dem Throne, die Identität der Bezugnahme herzustellen, ähnlich dem begrifflichen Unvermögen, in den scheinbar widersprüchlichen Phänomenen fester Kristalle und flüssiger Materie auf den identischen Stoff Wasser oder trotz widersprüchlicher Beschreibungen im Sinne von Teilchen und Welle auf das identische Phänomen Licht Bezug nehmen zu können.
Abbildungen und Repräsentationen
Wie wir die Begriffe von Richtigkeit und Wahrheit der Darstellung klären können
Wir behandeln Abbildungen und Repräsentationen als spezielle Form der Beschreibung oder als Modelle, die uns Spielräume des Handelns eröffnen. Es geht also nicht nur darum oder manchmal gar nicht darum, ob und in welchem Maße Repräsentationen das Repräsentierte richtig, genau oder wahrheitsgemäß darstellen, sondern ob und in welchem Maße sie es in der Weise darstellen, daß wir in der Realität des Dargestellten zweckgerichtete und sinnvolle Handlungen ausführen können. Natürlich interessieren uns letzten Endes Begriffe wie Richtigkeit oder Wahrheit, denn sie entscheiden über den Sinn oder die sinnvolle Funktion unserer Gedanken.
Jedes Abbild und jede Repräsentation können wir unter dem Aspekt der Handlungen betrachten, die durch ihre Herstellung und Leistung ermöglicht werden. Wir benutzen topographische Karten für unsere Orientierung bei Wanderungen und Spiegel, um uns zu kämmen, zu schminken oder eitel zu betrachten. Der Arzt benutzt Spiegel, um das Innere von Organen sichtbar zu machen, die keinen direkten Augenkontakt zulassen, wie Innenohr, Magen oder Darm, oder Röntgen- oder MRT-Aufnahmen in der Absicht, eine genaue Diagnose zu stellen und gegebenenfalls operative Eingriffe durchzuführen.
Abbildungen sind isomorphe Repräsentationen, bei denen sowohl die Form als auch die Struktur des Abbilds identisch sind mit der Form und Struktur des Abgebildeten, wie das Spiegelbild strukturgleich, wenn auch seitenverkehrt zum Gesicht dessen ist, der in den Spiegel schaut, oder das Gipsmodell und das digitale Drei-D-Modell, das der Zahnarzt vom Gebiß seines Patienten modellieren läßt, um Fehlstellungen der Zähne oder Fehlentwicklungen im Kieferwachstum diagnostizieren und durch geeignete Maßnahmen und Prothesen korrigieren zu können, strukturgleich und isomorph zum echten Gebiß des Patienten sind.
Repräsentationen sind heteromorphe Abbildungen, bei denen die Form des Repräsentierenden nicht identisch ist mit der Form des Repräsentierten, während die Strukturen beider übereinstimmen, wie bei der topographischen Karte, bei der zum Beispiel geometrische Zeichen wie Kreise oder Dreiecke Orte und Städte vertreten oder bezeichnen, die mit der Form ihres Abbilds nicht isomorph sind, während andere Zeichen einer solchen Karte, wie ein sich dahinschlängelndes blaues Band oder abstrahierte Ikonen grüner Bäume isomorphe Abbilder der dargestellten Bäche und Flüsse oder Bäume und Wälder darstellen. Hieran ersehen wir auch, daß wir Zeichen- oder Darstellungssysteme sinnvoll verwenden können, die beide Typen von Darstellungen, isomorphe Abbildungen und heteromorphe Repräsentationen, planmäßig mischen.
Zeichensysteme mehr oder weniger gemischter isomorpher Abbildungen und heteromorpher Repräsentationen wie topographische Karten, architektonische Pläne von Häusern und Brücken, Partituren von Musikstücken oder Röntgen- und MRT-Aufnahmen von Organen und Organsystemen benutzen wir dazu, die Gestalt und Form einer Landschaft zu metrisieren und in einem Maße zu objektivieren, das uns erlaubt, darin zweckgerichtete Handlungen zu vollziehen, wie zu wandern, Auto zu fahren oder neue Grünflächen anzulegen oder neue Stadtviertel zu entwerfen; dazu, statische Berechnungen auszuführen und Häuser und Brücken zu bauen; dazu, Musikstücke einzuüben und aufzuführen; und dazu, Diagnosen zu machen und Operationen auszuführen.
Hierbei stoßen wir auf ein erstes wichtiges Kriterium für die Korrektheit oder Wahrheit von Abbildungen und Repräsentationen, das wir kontrafaktisch einfach formulieren können: Würde unsere Karte die Landschaft falsch abbilden, würden wir uns bei unserer Wanderung verirren. Würde der Architekt beim Entwurf des Hauses und der Brücke gravierende Fehler bei der Repräsentation der statischen Gegebenheiten von tragenden Wänden oder Stützpfeilern begehen, würden Haus und Brücke zusammenstürzen. Würde die Partitur die Notation nicht den vom Komponisten vorgeschriebenen Musikinstrumenten zuordnen, wäre die Probe „vergeigt“ und eine Aufführung riefe Proteststürme des Auditoriums hervor. Würde das Röntgengerät oder die MRT-Maschine die Organe und Organsysteme fehlerhaft abbilden, könnte keine exakte Diagnose gestellt und keine wirksame Operation durchgeführt werden – der Patient stürbe im schlimmsten Falle.
Betrachten wir die Reihe der verschiedenen Aufzeichnungen eines Musikstückes, könnten wir uns vielleicht fragen, in welchem Segment das „eigentliche Stück“ oder das „eigentliche Objekt“ enthalten ist, denn nur am Maßstab dieses Urmodells könnten wir die Richtigkeit seiner Repräsentationen beurteilen. Ist also das eigentliche Objekt die handschriftliche Partitur des Komponisten, der sogenannte Autograph, ist es die klangvolle Aufführung durch ein Orchester, ist es die digitale Aufzeichnung, die wir im PC gespeichert haben, oder ist es das Hörbild im jeweiligen Hörer bei der jeweiligen Aufführung oder Reproduktion? Ja, man könnte fragen, ob das eigentliche Objekt nicht die innerseelische Realität der kompositorischen Ideen des Komponisten sei, von der die Partitur ja nur das Abbild darstelle?
So zu fragen scheint uns ein gutes Beispiel dafür, wie man philosophisch in die Irre gehen kann. Irrig ist nämlich die Hypothese, es könne hier ein eigentliches Objekt oder Urmodell geben, dem wir als platonische Idee unsere Reverenz abzustatten hätten, ein Urmodell, das das Gemeinte in vollkommener Exaktheit und Eindeutigkeit ausdrückte. Sagen wir einfach, das, was wir meinen, wenn wir von einer Komposition oder einem Musikstück reden, ist in all seinen unterschiedlichen Versionen anwesend, keine davon aber muß an einem idealen Maßstab der Exaktheit gemessen werden, ohne daß wir unseren normalen und gewöhnlichen Gebrauch der Begriffe „Richtigkeit“ oder „interpretative Treue“ aufgeben müßten. Denn natürlich werden bei der Aufführung durch das Orchester der zweiten Geige oder einer Klarinette dieser und jener Fehler unterlaufen, ohne daß wir sagen müßten: „Nein, das war keine Interpretation der Pastorale von Beethoven“, sondern wir sagen: „Das war eine interessante Interpretation der Pastorale von Beethoven, auch wenn die Aufführung nicht ganz fehlerfrei verlief.“
Ja, wir können so weit gehen zu sagen, daß sogar der Autograph des Komponisten keinen Anspruch auf vollkommene Exaktheit bei der Repräsentation des Gemeinten erheben kann. Denn ein gewiegter Musikwissenschaftler könnte feststellen, daß selbst einem Beethoven an dieser und jener Stelle seiner Komposition ein Fehler unterlaufen ist, weil er die Tempi trotz vorstehender Tempoangabe in einem Takt nicht ausgefüllt oder weil er trotz vorstehenden Verminderungszeichens in einem Takt die gewünschte Modulation nicht durch die erforderliche Änderung anderer Vorzeichen durchexerziert hat. Solche Fehler werden im Sinne der Intention des Komponisten, die wir aus dem Kontext ziemlich genau erschließen können, stillschweigend korrigiert und aus den Aufzeichnungen der handelsüblichen Partituren gestrichen, sodaß sie am Ende nicht einmal mehr den Hörgenuß des subtilsten Kenners beeinträchtigen.
Ähnlich verhält es sich mit den Manuskripten von Autoren der Antike, die wir gern mit einem textkritischen Apparat ausschmücken, um die Stellen zu bezeichnen, an denen eine Reihe von Überlieferungen von jenem Manuskript abweichen, das wir in einem Stemma der Überlieferungsschichten als das früheste und dem Original am nächsten kommende ausgezeichnet haben. Denn es könnte sein, daß spätere Abschriften einen verloren gegangenen Vorgänger und spärlich bezeugten Nebenzweig des Stemmas repräsentieren, welcher der Urschrift des Autors zeitlich und inhaltlich näher stand. Fehlende Wörter oder sprachliche Wendungen bemüht sich der Philologe durch Konjekturen sinngemäßer Wörter und Wendungen zu ersetzen, deren vermutete Richtigkeit er aus dem Kontext des Werkes, aus dem gesicherten Gesamtwerk des Autors und den Werken zeitgenössischer Autoren erschließt. Selbst typischen Abschreibefehlern weiß der gewitzte Fachmann auf die Schliche zu kommen und oft durch Emendationen auszuwetzen, die sich anheischig machen dürfen, den richtigen Sinn der Stelle wiederzugeben. Außerdem können jedem Autor sachliche oder orthographische oder grammatische Fehler unterlaufen, die wir stillschweigend korrigieren, ohne daß sie uns nötigen, den Gesamtwert des ganzen Textes in Frage zu stellen.
Wenn wir die frühen Weltkarten der Antike und die Weltkarte des Ptolemäus mit den Weltkarten zur Zeit nach der Entdeckung Amerikas oder nach der Reise des Marco Polo und mit den heute gebräuchlichen Globen vergleichen, können wir nicht leugnen, daß die späteren um viele Grad des gewachsenen Wissens und der empirischen Kenntnis genauer und vollständiger die Lage und die Umrisse der Kontinente und Meere abbilden. Wir sagen gern, daß es auf unserer Erde keine weißen Flecken mehr gibt, und meinen damit, daß unsere geographischen Repräsentationen der Erdoberfläche alle Regionen gleichmäßig abdecken. Sollen wir nicht sagen dürfen, daß der Globus auf dem Nachttisch eines Kinds im heutigen Europa im Vergleich zu den primitiven Annahmen auf den Weltkarten der Antike die Kriterien der Richtigkeit und Wahrheit der Repräsentation vollständiger erfüllt? Das können wir sagen, ohne den antiken Versuchen damit jedes Maß an Richtigkeit ihrer Repräsentation bestreiten zu müssen, denn sie waren zwar nicht völlig richtig, aber auch nicht völlig falsch.
Aber wer käme auf die Idee, die Kriterien der Richtigkeit und Wahrheit der Repräsentation radikal in Frage zu stellen und zu verwerfen und dadurch den Sinn des Begriffs der Repräsentation selbst anzuzweifeln oder zu verwerfen? Nun, das können nur Philosophen einer nihilistischen oder dekonstruktivistischen Sicht der Dinge wie Friedrich Nietzsche oder Jacques Derrida sein, die an der Möglichkeit richtiger oder wahrer Darstellungen und Beschreibungen irre wurden, weil sie die Richtigkeit der Darstellung entweder mit der isomorphen Widerspiegelung des Dargestellten verwechselt oder als Funktion einer Wahrheitsidee betrachtet haben, nämlich der Idee der Wahrheit als Übereinstimmung von Aussage und Tatsache oder Sachverhalt, den wir in der Tat in der aristotelisch-thomasischen Version der adaequatio intellectus et rei nicht aufrechterhalten können, sondern allenfalls nach einer gründlichen Gesundkur durch die Tarski-Semantik für überlebensfähig halten.
Erläutern wir dies an der Richtigkeit und Wahrheit von Himmels- und Sternenkarten. Wir vergleichen die astrologischen Himmelskarten, bei denen die Konstellationen der beobachtbaren Sterne durch sogenannte Sternbilder wie den kleinen Wagen oder den großen Bären repräsentiert werden, mit den Karten von Sternen, Galaxien und Galaxienhaufen, die uns das Weltraumteleskop Hubble zu erstellen ermöglich hat. Wir sagen, bei der astrologischen Klassifikation von Sternansammlungen handele es sich um rein konventionelle oder metaphorische Bezeichnungen, die keinen Anspruch auf Richtigkeit und Wahrheit in demselben Sinne erheben können wie die Repräsentationen von Sternen und Galaxien, die uns Hubble zur Verfügung gestellt hat.
Bei den Sternen der Himmelskarten handelt es sich um Objekte, die wir mit den topographischen Repräsentationen der Städte unserer Landkarten vergleichen können. Die Sternbilder unserer Teleskope sind isomorphe Abbildungen, mit denen wir die genaue Lage der astralen Objekte in einem Sternenhaufen und ihre Abstände sowie ihre relativen Größenordnungen angeben können, während die Zeichen für die Lage und Größe der Städte auf topographischen Karten heteromorphe Repräsentation sind. Die isomorphe Abbildung eines Sterns kommt durch kausale Einwirkungen des von dem Stern ausgestrahlten Lichts verschiedener Frequenzen auf die Sensoren des Teleskops zustande, während wir unser Wissen über die Lage und Größe einer Stadt wie Frankfurt durch empirische Erkenntnis mittels Augenschein zu Fuß oder vom Flugzeug aus erhalten haben.
Die konventionellen Bezeichnungen der Sternkonstellationen als astrologische Sternbilder gehen nicht auf kausale Prozesse der Einwirkung der von den Sternhaufen ausgesandten Lichtstrahlen auf unser Auge zurück, sondern auf die muntere Tätigkeit unserer Phantasie, die gern in Wolken oder Sanddünen oder eben Sternansammlungen Muster und Gesichter oder Gestalten wahrzunehmen glaubt, obwohl es sich um keine echten Wahrnehmungen handelt.
Wenn wir den Unterschied zwischen der Bedeutung von Eigennamen wie Sonne und Mond, Jupiter und Saturn, Milchstraße und Andromedanebel oder Frankfurt und München, Rhein und Mosel, Matterhorn und Mount Everest oder Harz und Eifel auf der einen Seite und der Bedeutung von konventionellen Bezeichnungen wie Großer und Kleiner Bär, Krebs und Fische, Einhorn und Pegasus auf der anderen Seite leugnen, leugnen wir nicht nur den Unterschied zwischen dem, was wir mit nichtmetaphorischen Sternkonstellationen oder metaphorischen Sternbildern meinen, sondern sogar die Existenz von Sternen und ihren Konstellationen überhaupt.
Wenn wir die Kriterien von Richtigkeit und Wahrheit der Repräsentation über den Haufen werfen, tappen wir nicht nur im Nebel, den wir nicht einmal mehr als solchen wahrnehmen könnten, oder gehen nicht nur systematisch in die Irre, obwohl wir nicht einmal mehr in der Lage wären, Irrtümer einzusehen, sondern handeln auch unverantwortlich, weil wir als Ingenieure, Techniker, Architekten, Städteplaner oder Mediziner, ja selbst als Komponisten in unseren Lebens- und Handlungsvollzügen auf die Spielräume des angemessenen und zweckgerichteten Handelns angewiesen sind, die uns richtige und wahre Repräsentationen allererst eröffnen.
Es ist eine scheinbare Ausflucht aus dem Dilemma des Zusammenbruchs jeder Möglichkeit korrekter Repräsentation anzunehmen, alle Bilder der Welt seien gleichwertig, was der Astrologe sieht, könne durch das, was der Astronom und Kosmologe sieht, nicht richtiggestellt, sondern nur variiert werden.
Wenn Ptolemäus eine grundsätzlich von unserer Welt verschiedene Welt gesehen und repräsentiert hätte, wieso können wir dann überhaupt einsehen und behaupten, daß er eine andere Weltversion vor Augen hatte als wir? Wenn wir annehmen müßten, die Menschen der Antike hätten in einer von uns ganz verschiedenen, also uns unzugänglichen Welt gelebt, wieso sollten wir noch die Ilias des Homer lesen, da wir das wesentliche Handlungsmotiv ihres Helden, den Zorn des Achilleus, nicht mehr mit den emotionalen Gefühlswallungen vergleichen können sollen, die uns überkommen, wenn uns ein überaus geschätztes Gut geraubt oder unsere Ehre hundsgemein befleckt worden ist?
Doch stattdessen waren Kopernikus und Kepler aufgrund der Beobachtungen eines Galilei und Tycho Brahe in der Lage, die Mängel der Annahme epizyklischer Kreisbewegungen der Planeten im ptolemäischen Weltbild aufzuzeigen und daraus richtige Konsequenzen abzuleiten, indem sie den Planeten Kreisbahnen beziehungsweise elliptische Bahnen zuordneten, die ihre Bewegungen rational nachvollziehbar und berechenbar machten, weil ihre Repräsentation des Sonnensystems mit den Bahnen der Planeten um das Zentralgestirn der Wahrheit ziemlich nahe kommt.
Es ist demnach keine Sache der Willkür oder eine metaphysische Voreingenommenheit für unser Weltbild, wenn wir sagen, es sei vernünftiger anzunehmen, daß Kopernikus und Kepler mit ihren Repräsentationen des Sonnensystems richtiger lagen als die antiken Astronomen und Ptolemäus, als das Gegenteil anzunehmen und zu behaupten, daß keine astronomische und kosmologische Beschreibung und Repräsentation der Wahrheit näher kommt und keine Repräsentation mit der anderen vergleichbar ist, sondern daß alle Repräsentationen inkompatibel und inkommensurabel sind, sodaß wir nicht von einer Welt sprechen können, sondern von mit einander unverträglichen Weltbildern oder Weltversionen.
Es ist ebensowenig eine Ausdruck anarchischer Beliebigkeit und zynischer Verachtung unseres Weltbildes, wenn wir sagen, es sei wenig vernünftig anzunehmen, daß alle unsere Verfahren und Projektionsmethoden zur Entwicklung von Abbildungen und Repräsentationen einem einheitlichen Muster und einer einheitlichen Bedeutung des je Dargestellten gehorchen, sondern jeder Typus der Abbildung und Repräsentation weise ein je gültiges Verfahren der Abbildung und Projektion auf und es gebe keine Abbildung aller Abbildungen oder Repräsentation aller Repräsentationen.
Freilich kann ich bei einem einheitlich regulierten Währungssystem Dollar gegen Euro und Euro gegen Franken eintauschen, bei einem einheitlich regulierten System der Maßeinheiten Meter in Zoll und Zoll in Ellen umrechnen, ohne daß der Geldwert oder das Gemessene ihre Identität verlieren. Doch bekanntlich eignet sich die Darstellungsmethode der euklidischen Geometrie nicht dazu, quantenmechanisch berechnete Felder oder relativistisch berechnete Ereignisfelder adäquat zu repräsentieren. Das bedeutet indes nicht, daß wir newtonische Kraftlinien nicht in einsteinsche Kraftfelder übersetzen oder projizieren könnten. Aber umgekehrt gilt das nicht: Sterne und Galaxien reagieren in der newtonischen Physik ohne Zeitverlust oder gleichzeitig aufeinander, sodaß wir nur ihre räumlichen Distanzen verzeichnen müssen, um zu einer adäquaten Repräsentation zu gelangen, während die Massen in der relativistischen Physik nicht schneller als in Lichtgeschwindigkeit ihre Schwerkraftwirkungen entfalten können, sodaß wir für eine adäquate Repräsentation von Sternsystemen auf Zeitvektoren nicht verzichten können.
Wenn wir feststellen, daß wir die Bedeutungen von sprachlichen Ausdrücken einer Sprache nur unter Inkaufnahme eines zumindest minimalen Verlustes an Bedeutungsäquivalenz in sprachliche Ausdrücke einer anderen Sprache übersetzen können, folgt daraus nicht, daß alles Übersetzen verlorene Liebesmühe wäre. In der Tat finden wir in den alten Sprache Farbskalen, die den von uns verwendeten entweder fremd sind oder nicht vollständig entsprechen. Aber sollen wir aus dem Grund, daß der Lateiner den deus Neptun, den Meergott Neptun, und also die Farbe des Mittelmeeres mit demselben Wort caeruleus bezeichnet wie den arbor Palladis, den Baum der Pallas Athene, und seine Frucht, die Olive, annehmen, die alten Römer hätten das Meer als dunkelgrün und die Olive als dunkelblau wahrgenommen? Nein, wir können den Unterschied, den auch sie gesehen haben, anhand unserer ausgetüftelteren oder nuancierteren Farbrepräsentation einfach unmißverständlicher und genauer ausdrücken und müssen nicht auf den blauen Meergott und die grüne Pallasfrucht zurückgreifen, um die Farbe des Meeres oder die Farbe der Olive zu bezeichnen.
Aus Bedeutungsunterschieden dieser Art, die uns bei der Übersetzung von einer Sprache in eine andere Sprache und bei der Projektion einer Maßeinheit des eines physikalischen Systems in die eines anderen System begegnen, auf die Inkommensurabilität und praktische Unübersetzbarkeit aller sprachlichen und anderen Repräsentationssysteme schließen zu wollen, wäre unvernünftig. Wenn unser Wort „dunkelblau“ nicht vollständig synonym mit dem lateinischen Wort caeruleus ist, weil diesem noch der Aspekt anhaftet, auch „dunkelgrün“ zu bedeuten, was hindert uns, bei nächster Gelegenheit, wenn wir vom mare caeruleum lesen, es mit der Wendung „blaugrünes Meer“ zu übersetzen? So können wir die Lücken einigermaßen schließen, ohne fürchten zu müssen, in irrationale Abgründe völlig opaker und unübersetzbarer Idiolekte rutschen und verstummen zu müssen.
Nun gut, wir können uns nicht mittels einer topographischen Karte Orientierung im Landschaftsraum der Sagen und Mythen verschaffen, weil wir dazu auch imaginäre Orte wie den Orkus, die Höhle des Kyklopen und die Inseln der Seligen oder imaginäre Flüsse wie Lethe und Styx berücksichtigen müssen, genauso wenig, wie wir uns mittels der Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab topographisch genaue Orientierung auf dem Peloponnes oder in der Ägäis verschaffen können, aber sollen wir deshalb aus der trivialen Inkommensurabilität der mythischen und der wissenschaftlichen Darstellung von Landschaften fröhlich oder verzagt den Schluß ziehen, die Idee der Abbildung und Repräsentation überhaupt aufzugeben?’
Gäbe es eine Geheimsprache sui generis, die in keine andere Sprache übersetzbar wäre, so wüßten wir nicht einmal von ihrer Existenz. Denn Sprachen sind heteromorphe Systeme der Repräsentation, von denen wir annehmen müssen, daß jede Sprache dieses Typs in jede andere im Prinzip übersetzbar sein muß.
Begegnen uns unverständliche sprachliche Ausdrücke, die als Fragmente einer Geheimsprache ausgegeben werden, wissen wir immerhin, daß es sich dabei um Sprachzeichen handelt, die mit unserem Prinzip der Repräsentation übereinstimmen müssen, denn ein anderes gibt es nicht, sodaß wir davon ausgehen können, daß ihre Benutzer mit ihren Zeichen etwas in demselben Sinne bezeichnen, wie wir es mit unseren Zeichen tun. Demnach kann es keine Geheimsprache sui generis geben. Denn wäre eine Geheimsprache nicht im Prinzip in unsere Sprache übersetzbar, wäre es überhaupt keine Sprache.
Jede Sprache, soweit es sich dabei um ein System heteromorpher Repräsentation handelt, kann in jede andere Sprache desselben Typs ohne wesentliche Verluste an Bedeutungsäquivalenz übersetzt werden – geringe Verluste dieser Art nehmen wir spielend in Kauf, ohne daß wir vor unlösbaren Rätseln stehen müßten.
Vergleichen wir die Situation mit dem System der natürlichen Zahlen. Wenn wir einmal aus dem Begriff einer Zahl und ihres Nachfolgers das System der natürlichen Zahlen gewonnen haben, verfügen wir mit einem Schlag über alle komplexen Zahlensysteme, die sich daraus ableiten lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem rudimentären Repräsentanten „S ist P“ oder in logischem Kürzel „Fa“. Unter Hinzunahme der Ableitungsfunktionen der Konjunktion und des Negators können wir daraus alle möglichen komplexen sprachlichen Systeme der Repräsentation ableiten.
Ebenso können wir mit Hilfe primitiver Repräsentanten wie Punkt, Fragezeichen und Ausrufezeichen ein Repräsentationssystem der elementaren Sprechakte entwickeln. Der Punkt repräsentiert den Sprechakt der Behauptung, das Fragezeichen den Sprechakt der Frage und das Ausrufezeichen den Sprechakt der Aufforderung. Es ist bemerkenswert, daß unser sprachliches Zeichensystem uns kein einfaches Zeichen zur Repräsentation des Sprechaktes des Versprechens zur Verfügung stellt. Der Grund liegt darin, daß wir unser Versprechen immer explizit machen müssen, sonst wäre es keins. Es genügt nicht zu sagen: „Ich komme morgen“, das könnte eine freundliche Ankündigung sein oder eine unfreundliche Drohung. Nur die Wendung: „Ich verspreche dir, morgen zu kommen“ gilt unter den geeigneten Umständen (Redlichkeit des Sprechers, Möglichkeit der Ausführung) als Sprechakt des Versprechens. Wir müssen also ein eigenes Zeichen wie das vorangestellte V einführen, um den Sprechakt zu repräsentieren, und dann so schreiben: „V (Ich komme morgen zu dir).“
Natürlich können wir die in anderen Sprachen benutzten arbiträren Kennzeichen für diese Sprechakte unseren eigenen eindeutig zuordnen. Sie sind dadurch als bedeutungsäquivalent mit den von uns benutzen Repräsentanten der wesentlichen Sprechakte ausgezeichnet. Denn eine Behauptung ist in jeder Sprache eine Behauptung, eine Frage eine Frage, eine Aufforderung eine Aufforderung und ein Versprechen ein Versprechen.
Beschreibungen
Wir sollten Wörter wie Gegenstand, Ding, Entität als grammatische Ausdrücke verwenden, die auf etwas im Satz Gemeintes oder Beschriebenes verweisen und nicht auf etwas, das unabhängig von jeder Satzbedeutung und Beschreibung existiert. Heißt das, unser Wissen von dem, was es gibt, ist eine Funktion unseres Redens über das, was es gibt? Ja, in dem Sinne, daß wir ohne es zu beschreiben, keine Kenntnis vom Beschriebenen haben, und in dem Sinne, daß wir das, was es gibt, nicht als unbeschriebenes Blatt vor uns halten können: Denn das Blatt wäre weiß.
Wenn wir die Situation beschreiben, in der Manfred über die Straße geht und plötzlich hört, daß ihm sein Freund Walter zuruft, und wir wissen, daß Walter gerufen hat, handelt es sich um zwei Entitäten, die für uns ontologische Relevanz haben, Manfred und Walter. Wenn wir aber nicht wissen, ob Walter Manfred zugerufen hat, handelt es sich für uns entweder um eine Entität, nämlich Manfred, wenn er einer akustischen Halluzination erlegen ist, oder um zwei Entitäten, wie in der Ausgangssituation.
Die Anzahl von Gegenständen, die wir in einer Situation zählen, ist demnach eine Funktion von:
1. der Art von Beschreibung, die wir wählen
2. des Wissens über die Situation, über das wir aktuell verfügen
Wenn wir eine Skizze mit zwei Strichmännchen oder ein Foto der Situation machen, müssen wir, um die Anzahl der abgebildeten Entitäten angeben zu können, die Strichmännchen und die fotografierten Wesen als Repräsentanten des uns wohlbekannten Typus der Person verstehen, was vielleicht für einen Angehörigen einer sogenannten schriftlosen Kultur, die keine Formen der bildlichen Repräsentation kennen, nicht möglich wäre.
Indes, wenn wir nicht nur die Anzahl der relevanten Entitäten, sondern auch das Ereignis, um das es in der Situation geht, in der Walter seinem Freund Manfred „Hallo!“ zuruft, korrekt als Sprechakt der Aufforderung identifizieren wollen, kommen wir mit graphischen Beschreibungen nicht weit. Ein Pfeil, der von einem Strichmännchen zum anderen zeigt, kann alles Mögliche bedeuten, und ein Foto, auf dem eine Person am Fenster einer Person auf der Straße zuwinkt, könnte auch die Situation einfangen, in der sich Walter von Manfred verabschiedet.
Eine genaue Beschreibung, die solche Zweideutigkeiten und Unklarheiten der graphischen oder fotografischen Aufzeichnung vermeidet, gewinnen wir augenscheinlich nur in der verbalen oder schriftlichen Beschreibung. Das mag in diesem Falle auch daran liegen, daß wir nur mittels der Sprache Sprechakte wie die Aufforderung möglichst genau und unmißverständlich wiedergeben können, auch wenn uns Gesten manchmal weiterhelfen, aber wie beim Winken auch in die Irre führen können.
Insbesondere ermangeln Bilder der Eigenschaft, Existenzaussagen treffen und räumlich und zeitlich individuierte Ereignisse bezeichnen zu können. Einer annähernd realistischen Zeichnung von zwei Menschen, von denen der erste dem zweiten winkt, der sich augenscheinlich von ihm entfernt, können wir weder entnehmen, ob die Abgebildeten wirklich existierende Personen repräsentieren, noch, daß sie sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit aufhalten. Wir gewahren das Typische der Situation des Abschieds, aber nicht das Spezifische der Situation, daß sich an einem bestimmten Tag eines bestimmten Jahres Walter von Manfred verabschiedet. Im Unterschied zu visuellen Wiedergaben können wir mit verbalen und schriftlichen Beschreibungen nicht nur das Typische, sondern auch das Spezifische einer Situation einfangen.
In unserer Situation handelt es sich nicht um ein Stilleben, sondern um einen Vorgang, den wir so beschreiben können: Walter steht am Fenster eines Hauses und ruft „Hallo!“, wobei er winkt, während auf der Straße sein Freund Manfred entlanggeht. Manfred hört den Zuruf und hält inne. Er wendet sich dem Rufenden zu und beginnt ein kurzes Geplänkel mit seinem Freund. Es ist nicht überraschend, daß wir einer Aufzeichnung dieses Vorgangs mit der digitalen Kamera eines Smartphones den gleichen Wert an Beschreibungsdichte und Abbildungstreue zuerkennen werden wie der verbalen oder schriftlichen Beschreibung.
Es sieht so aus, als hätten wir mit diesen Beschreibungsformen, der möglichst getreuen verbalen oder schriftlichen Aufzeichnung und der dokumentarischen Wiedergabe des Tonfilms, die Möglichkeiten der genauen Aufzeichnung eines Vorgangs erschöpft. Doch dem ist nicht so: Wenn wir in der Beschreibung lesen oder im Tonfilm sehen, daß Manfred innehält und sich zu seinem Freund Walter umdreht, vermuten wir oder gehen von der hohen Wahrscheinlichkeit aus, daß er dies als Reaktion auf den Zuruf seines Freundes tut, weil er ihn als Aufforderung stehenzubleiben verstanden hat. Aber wir können dies nicht mit letzter Sicherheit wissen. Manfred könnte auch, ohne den Zuruf Walters gehört zu haben (denn der Wind hat ihn verschluckt und er drang nicht oder nur verzerrt an sein Ohr), im selben Moment, als der Ruf an ihn erging, sich spontan umgedreht haben, nachdem er sich soeben von Walter in dessen Wohnung verabschiedet hat, sich jetzt aber noch einmal zu einem letzten Abschiedsgruß umwendet, da er den Freund am Fenster vermutet, denn dort steht er immer, wenn Manfred Walters Haus nach einem seiner wöchentlichen Besuche verläßt.
Wir bemerken, daß wir den entscheidenden Vorgang des Vernehmens und Verstehens des Zurufs nicht beobachten und nicht als zusätzliches Beobachtungsdatum unserer Beschreibung hinzufügen und sie damit allererst vervollständigen können. Akte des Verstehens sind nun einmal innerseelische Vorgänge und entziehen sich direkter Beobachtung, wenn sie sich auch oft aus Mimik und Gestik oder angemessenen Handlungen erschließen oder erraten lassen.
Wir finden allerdings in der Beschreibungstechnik des Romans einen Zugang zum Innern des Protagonisten, wenn dessen Gedanken vom auktorialen Erzähler beschrieben oder als innere Monologe in die Erzählung einfließen. Es ist dies das Faszinosum der Literatur, vor allem der Erzählung und der Lyrik, uns das innere Leben der Figuren oder des lyrischen Ich in einer Fülle und Transparenz aufzuschließen, welches uns im alltäglichen Leben aus den Mitteilungen unserer Freunde und Bekannten nur bruchstückhaft und zweideutig entgegentritt. Dank dieser literarischen Technik genießen wir Zugang zum intimen Leben der Figuren und erhalten zum Verständnis ihrer Handlungen und Gespräche das erhellende Kolorit. Indes, hier handelt es sich um fiktive Personen, deren Darstellung uns fesseln mag, weil wir ihnen ähnlich oder unähnlich sind, während Beschreibungen realer Personen die Grenze zu ihrer wesentlichen Eigenschaft, ihrer selbst bewußt zu sein, meist nicht überschreiten können.
Demnach bleiben unsere Beschreibungen äußerer Situationen und Vorgänge notwendig bruchstückhaft und unvollständig, wenn diese sich nur unter Einbeziehung von intentionalen Akten des Glaubens und Meinens, des Verstehens und Mißverstehens erschließen.
Bloße Beschreibungen vermitteln uns kein hinreichendes Wissen über das Beschriebene. Wir lesen die Beschreibung oder sehen das Foto eines Zimmers, in dem ein großes Chaos herrscht, alle Schubladen offen stehen oder herausgerissen sind, alle Dinge kreuz und quer herumliegen. Ist der Bewohner ein völlig verwahrloster Mensch, hat er einen Tobsuchtsanfall bekommen und wollte alles kurz und klein schlagen oder ist dieses heillose Durcheinander das Ergebnis des Besuchs von Einbrechern? Wüßten wir, was der Fall ist, läsen wir dann die Beschreibung anders, sähen wir dann das Foto mit anderen Augen?
Wir lesen die Beschreibung oder sehen das Foto eines kleinen Jungen, der augenscheinlich tot am Strand liegt, und wir erfahren in der Zeitung oder den TV-Nachrichten zusätzlich, daß es sich dabei um das Kind einer Flüchtlingsfamilie aus dem Orient handelt, die auf einem Boot zur Insel Lesbos unterwegs war, und das Boot ist gekentert, sodaß alle Insassen ums Leben kamen. Die Einbettung der Beschreibung und des Fotos in den kommentierenden Kontext sollen dem Leser und Betrachter suggerieren, daß er schuldig oder zumindest mitschuldig am Tod des Jungen ist. Doch in Wahrheit haben Eltern die Aufsichtspflicht und primäre Verantwortung für ihre Kinder, und wenn Eltern ihre Kinder dem Risiko eines Unglücks aussetzen, tragen sie die Schuld, wenn das Unglück tatsächlich eintritt.
Es ist erstaunlich, daß scheinbar neutrale oder unschuldige Beschreibungen dazu dienen können, Meinungen zu insinuieren und zu suggerieren, die nicht von den Beschreibungen herrühren, sondern von den propagandistischen Kontexten, in die sie eingebettet sind.
Lumen naturale
Allem Anschein nach ist unser Leben kein Abbild der reinen Vernunft, sondern eine höchst gemischte Angelegenheit, in der uns die Verfolgung der Lebensinteressen nur ab und an eine Verschnaufpause gönnt, um sich etwa fragen zu können: „Wäre es nicht vernünftiger, das Rauchen aufzugeben, statt meine Lebenszeit täglich mutwillig zu verkürzen?“
Wir unterscheiden demnach das Interesse des Lebens und das Interesse der Vernunft, die vielleicht keine Liebesheirat aneinander bindet, aber immerhin in einer gemeinsamen Behausung miteinander klarkommen müssen. Wir kennen die Adresse dieser manchmal aufgeräumten, oft unaufgeräumten Wohnung: die Sprache.
Das Interesse des Lebens ist es zu leben, das Interesse der Vernunft, dem Leben Wege aufzuzeigen oder Hinweise zu geben, wie es länger, besser, sinnvoller leben könnte.
Die Vernunft bedient sich, um es im Bild zu sagen, der Sprache, um dem Leben auf die Sprünge zu helfen. Wenn das Kind der vorsprachlichen Kommunikation mit der Mutter, die ihm die Brust reicht, sobald es schreit, entwachsen ist, wird es sagen können: „Hunger!“ Das Menschenwesen, das nicht gelernt hat, seine Lebensinteressen mitzuteilen, um sie befriedigen zu können, wirkt auf uns wie eine vernunftlose Kreatur.
Wir sollten besser sagen, daß es vernünftiger für das Kind ist, „Hunger!“ zu rufen als zu schweigen, denn was im uneingeschränkten oder absoluten Sinne vernünftig ist, wissen wir nicht. Wenn es im absoluten Sinne vernünftig wäre, zu leben oder weiterzuleben oder länger zu leben, wäre die oben genannte Frage, ob es nicht vernünftiger sei, mit dem Rauchen aufzuhören, keine wirkliche Frage, denn die Direktive, sofort damit aufzuhören, wäre das Vernünftigste.
Wenn uns ein Schriftsteller erklärt, und das hat nicht nur einer in glaubwürdiger Weise getan, er müsse durch kettenhaftes Entzünden von Zigaretten dafür sorgen, daß sein Hirn qualme, ansonsten versiege der Strom seiner Einfälle, und wenn der Strom seiner Einfälle versiegt und er nicht mehr schreiben kann, verliere sein Leben den wichtigsten Sinn, müssen wir dann nicht zugestehen, daß es für ihn vernünftiger ist, weiter zu rauchen, auch wenn er damit riskiert, kürzer zu leben?
Sollen wir, wenn sich herausstellt, daß es keine absoluten Maßstäbe oder einhelligen Regeln für die Anwendung der Begriffe „Vernunft“ und „vernünftig“ zu geben scheint, diese Begriffe nicht einfach aus unserem Vokabular streichen? Aber sollen wir nicht mehr sagen können: „Paß auf, die Bretter passen nicht in den Kofferraum“ oder: „Zieh den Kopf ein, bei deiner Länge wirst du dich sonst am Türeingang stoßen!“, nur weil wir keine absoluten Maßstäbe für Größe und Länge haben?
Es scheint vernünftiger zu sein, ein Versprechen einzuhalten oder zu erfüllen als es zu brechen, denn wenn wir das gegebene Wort nicht halten, riskieren wir die Sanktionen dessen, dem wir es gegeben haben, oder den Argwohn und die Verachtung unserer Umgebung, die von unserem Versagen Wind bekommt. Doch wir können nicht wie die Rigoristen der Vernunft sagen, es sei unter allen Umständen geboten, ein gegebenes Versprechen zu erfüllen, koste es, was es wolle. Denn wenn jemand das Versprechen, eine geliehene Geldsumme zum vereinbarten Termin zurückzuzahlen, nicht einhält, weil er das Geld dringend für den eigenen Lebensunterhalt oder den seiner Nächsten braucht, ist es vernünftiger, das Versprechen nicht zu erfüllen.
Vernunft und Unvernunft zeigen sich darin, bestimmte Aussagen oder Entscheidungen eher zu akzeptieren als ihre Negationen. Es ist vernünftiger, die Steuer vor Fälligkeit zu zahlen als nicht zu zahlen, um sich die Mahngebühren oder schlimmeres zu ersparen. Aber wem die Idee in den Kopf gestiegen ist, überhaupt keine Steuern mehr zu zahlen und als Rebell oder Anarchist zu leben, dem kann die Rede von dieser Vernunft nicht mehr imponieren. Doch um seine radikale Position sich und anderen klarzumachen, müßte er zumindest das Argument zulassen, daß jene unvernünftiger handeln, die ihr Dasein als lammfromme Staatssklaven weiterfristen. Wenn er auf solche kleinen Dosen des Vernunftgebrauchs gänzlich Verzicht täte, wüßte er nicht anzugeben, weshalb es ihm geraten scheint, die Aussage, als Anarchist zu leben sei die bessere Alternative, der gegenteiligen Aussage vorzuziehen. Selbst der Anarchist kann auf einen minimalen Gebrauch der Vernunft nicht verzichten, wenn er seine Entscheidung, so und nicht anders zu leben, sich selbst und anderen plausibel machen will.
Wir bemerken, daß wir die etwas pathetische und aufgedonnerte Redeweise von der Vernunft leicht durch die nüchterne und alltagstaugliche Redeweise von der Fähigkeit, bestimmte Aussagen und Entscheidungen vor anderen oder ihrem Gegenteil nach Gründen oder Plausibilitäten vorzuziehen oder zu präferieren, ohne großen Verlust an Prägnanz und Bedeutsamkeit ersetzen können.
Wenn wir uns für die Wahl eines Studiums oder eines Berufs entschieden haben, haben wir uns gegen die Wahl aller anderen möglichen Studienfächer und Berufe entschieden. Das gibt uns den wichtigen Hinweis darauf, daß begründete oder plausible Entscheidungen mehr oder weniger teuer sind oder neben dem Gewinn, den wir aus ihnen zu ziehen erhoffen, Kosten und Verluste nach sich ziehen. Deshalb ist die Fähigkeit, Präferenzen zu setzen, von mehr oder weniger hoher Relevanz. Wer sich für ein exotisches Fach wie Altgriechisch oder Byzantinistik entscheidet, muß darauf verzichten, aufgrund eines Studiums von Fächern wie BWL oder Jura wohlhabend werden zu können, kann als plausiblen Grund seiner Wahl aber die Befriedigung seiner geistigen Interessen nennen.
Wir bemerken, daß Vernunft keine originären Inhalte vermittelt, sondern ein formales Vermögen darstellt, nämlich die gegebenen Lebensinhalte zu sondieren und gemäß ihrer Relevanz und Bedeutsamkeit für unsere Lebenssituation und Lebenswahl zu gewichten. Die Lebensinhalte selbst stehen uns nicht zur Wahl und freien Verfügung, denn sie sind uns durch unser biologisches und soziales Dasein gegeben. Wir können nur mittels Erwägung plausibler Annahmen und Gründe gewisse Inhalte anderen voran- oder hintanstellen, manche ganz in den Schatten stellen oder ausschalten und dafür andere ins helle Licht unseres Eigensinns tauchen.
Wir können auch auf den Nimbus der Universalität der Vernunft verzichten, ohne unseren Vernunftgebrauch deshalb in den Morast des Relativismus ziehen zu müssen. Denn unsere Gründe wohnen gleichsam auf Inseln mit unterschiedlicher Fauna und Flora, Inseln, die manchmal auf Sichtweite sind, manchmal nicht einmal von einem regelmäßigen Schiffsverkehr miteinander in Austausch stehen. Deshalb müssen wir plausible Gründe von einem Lebensbereich nicht zwingend auf den Rest ausdehnen. Warum solltest du die Gründe, die du erwägst, eher Byzantinistik als Jura zu studieren, in Relation setzen zu den Gründen, die du erwägst, wenn du dich fragst, ob du dich nicht besser von dieser charakterlich problematischen Frau trennen solltest? Es sei denn deine Freundin ist gleichzeitig die Tochter des Direktors des Instituts für Byzantinistik, wodurch sich ein Beziehungsdrama mit ihr leicht nachteilig auf deinen Studienerfolg auswirken könnte. Andererseits solltest du lieber BWL oder Jura studieren, wenn du an der Beziehung mit deiner Freundin festhalten willst, die lieber bei Dior und Gucci als bei C&A einkauft. Es sei denn deine byzantinischen Ikonen überstrahlen in deinen Augen die Attraktivität dieser Frau.
Andererseits gleichen sich die formalen Verfahren, die du bei der Entscheidung für ein bestimmtes Studienfach oder die Trennung von deiner Freundin anwendest, wie ein Ei dem anderen. In beiden Fällen gilt es abzuwägen, ob die Nachteile der Entscheidung von den zu erwartenden Vorteilen übertroffen werden. Aber diese Gleichförmigkeit der Anwendung unserer Fähigkeit, mittels Abwägung von Gründen zu plausiblen Entscheidungen zu kommen, erscheint uns trivial und den Nimbus großer Sprüche großer Philosophen über die Universalität der Vernunft oder darüber, daß alles in der Welt vernünftig zugehe, nicht zu verdienen.
Die Vernunft ist kein Derivat und keine ausschließliche Funktion der Lebensinteressen, auch wenn sie aus ihnen hervorgewachsen ist. Die Funktion der Vernunft ergibt sich aus der Leistung der Sprache, unsere Lebensinteressen in Aussagen artikulieren und darstellen zu können, die wahr oder falsch, begründet oder unbegründet, gut oder schlecht begründet sind. Sich zu fragen, bevor man heillos drauflosstürzt, wie lang eine Wegstrecke wohl sein mag und ob man Pausen und Übernachtungen einplanen muß, an deren Ende einen Belohnungen wie das Lächeln eines Freunds oder der Kuß der Geliebten erwarten, ist eine vernünftige Frage, und Karten oder Navigationsverfahren anzuwenden, mittels derer man die Streckenlänge und den benötigten Kraft- und Zeitaufwand ermitteln und objektivieren kann, eine vernünftige Methode, die einen davor bewahrt, sich zu verheben und zu überschätzen. Wenn der solchermaßen ermittelte Zeitaufwand unserer wunschgeborenen Einschätzung Ellen und Stunden vorauseilt, ahnen wir, was gute Gründe und Plausibilitäten für unsere Entscheidungsverfahren wert sein können.
Die Funktion der Vernunft oder die Fähigkeit, aus Gründen oder besser noch aus wohlerwogenen Gründen zu handeln, erwächst demnach aus dem rationalen Druck, den der wahrheitsfähige Teil unserer Sprache auf die Gestaltung und Ausrichtung oder Modellierung unserer Lebensinteressen auszuüben vermag.
Wenn die Sonne oder der strahlende Nimbus der metaphysischen Vernunft untergegangen ist, sind wir nicht dazu verdammt, mit Schatten zu boxen. Vielmehr ist uns in der sprachlichen Vernunft ein lumen naturale mitgegeben, vielleicht eine ärmliche Funzel im Vergleich zu jener strahlenden Sonne, aber immerhin sehen wir damit mehr, als was unmittelbar vor unseren Augen liegt.
Dekonstruktivisten oder Nihilisten, deren eitles oder perverses Vergnügen darin besteht, nach dem Untergang der Sonne Platons sich und uns auch das kreatürliche Licht des lumen naturale auszublasen, führen freilich rhetorisch brillante Wendungen und Windungen, Überschläge und Salti mortali auf, die uns aber nicht beeindrucken können, weil ja ihrer Voraussetzung gemäß sowohl die Akrobaten als auch die Zuschauer blind sind. Wie sollen wir auch die Aussagen von Leuten verstehen wollen und können, die in einer gleichsam masochistischen Ekstase von sich behaupten, sie verstünden sich selbst nicht? Oder die Aussagen von Leuten, die behaupten, was sie sagen, entbehre jeden Grunds, weil das Ansinnen, Gründe finden und aufweisen zu wollen, eine Wahnidee infolge des Verzehrs der vergifteten Frucht vom Baum der Erkenntnis und Wahrheit sei?
Die Aufforderung, Gründe für Aussagen und Behauptungen anzugeben, ist keine polizeiliche Maßnahme einer das Leben würgenden Schlange namens Vernunft, sondern ein mildes Vademecum auf dem Lebensweg, dargereicht von einem wohlmeinenden Therapeuten oder Seelsorger, der einen vor den Fallgruben irrationaler oder schädlicher oder gar tödlicher Entscheidungen bewahren kann.
Die Annahme, die metaphysische Vernunft sei ein Kuckuckskind der christlichen Theologie, ist ein Mißverständnis oder ein böswilliges Vorurteil. Die christlichen Tugenden sind Glaube, Hoffnung und Liebe – Liebe aber ist höher denn alle Vernunft, nämlich die Zustimmung des Willens zur Existenz des Geliebten, die sich von der Einsicht in seine Kontingenz und ihre eigene Zufälligkeit nicht einschüchtern läßt.
Das Leben ein Traum
Über den Widersinn des radikalen Skeptizismus
Wir betrachten den Sinn oder vielmehr Widersinn der skeptischen Annahme, unsere grundlegenden Begriffe der Bedeutung, der Wahrheit und der Wirklichkeit seien rational nicht zu rechtfertigen oder zu begründen, weil unser Geist nichts anders sei als ein kybernetische Maschine, deren Programm rein syntaktisch beschreibbar und programmierbar sei, aber nicht die illusorische Semantik unserer natürlichen Sprache aufweise, in der wir von Katzen reden, als würden sie auf der Matte liegen, oder unsere Wahrnehmung keinen Zugang zur Wirklichkeit des Wahrgenommenen biete, weil wir wie Gehirne im Tank unsere Eindrücke nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und nichts von der Welt wissen können, in der wir Gehirne im Tank sind, oder die Bedeutung unserer behauptenden Aussagen keinen Wahrheitswert enthalte, weil die von uns verwendeten sprachlichen Bedeutungen nur wieder auf andere sprachliche Ausdrücke Bezug nähmen, nicht aber auf das, was sie meinen. Wir packen diese skeptische Annahme, die wir aus unterschiedlichen Varianten des Naturalismus, des Funktionalismus, der Philosophie des Geistes und des Dekonstruktivismus extrahieren können, der Einfachheit halber in die bekannte Metapher vom Leben als Traum oder Wahn.
Wenn wir alle wahnsinnig wären oder träumten, wüßten wir nicht, daß wir wahnsinnig sind oder träumen. Wüßten wir, daß wir alle wahnsinnig sind und träumen, wären wir es nicht.
Etwas zu wissen, heißt, etwas glauben, was wahr ist. Wenn wir aber in Wahn und Traum keinen Zugang zum Wissen haben und nicht wissen, was wahr ist, haben wir auch keinen Zugang zu dem speziellen Wissen, daß wir wahnsinnig sind oder träumen.
Also impliziert die Annahme, wir seien wahnsinnig oder träumten, die Folgerung, daß wir nicht wissen können, ob wir wahnsinnig sind oder träumen. Folglich ist die Annahme sinnlos, weil grundlos, und widersinnig, weil sie sich selbst aufhebt.
Wären unsere Wahrnehmungen von unseren intracorporalen und neuronalen Stimuli derart determiniert, daß wir durch sie keinen Zugang zu extrakorporalen Inhalten gewönnen, hätten die sprachlichen Ausdrücke, mit denen wir sie beschreiben, keinen Sinn. Wenn du sagst: „Ich höre, daß mir mein Freund Walter zuruft“, hätten als Folge dieser Annahme weder die einzelnen Wörter noch der aus ihnen zusammengesetzte Satz eine Bedeutung, denn von einem sinnlichen Datum als Hinweis auf die Existenz eines Menschen zu reden, mit dem wir befreundet sind, ist sinnvoll nur, wenn wir das Wort Freund anhand von kausalen Stimuli eines Menschen in unserer Umwelt erlernt haben, auf den wir es mit mehr oder weniger Recht anzuwenden uns gewöhnten. Die radikale Skepsis in Bezug auf die Wahrnehmung untergräbt demnach die Geltung der sprachlichen Ausdrücke, mit denen wir sie beschreiben.
Zumindest einige sprachliche Ausdrücke, mit denen wir Wahrnehmungen beschreiben, wie die Wörter „Wasser“ oder „der Ruf Walters“, müssen einen kausalen Grund in der Umwelt haben, in denen wir ihre Verwendung erlernt haben. Wenn du glaubst, Wasser zu trinken, aber was du trinkst, sieht zwar so aus und schmeckt genauso wie Wasser, ist aber kein H2O, hast du nicht Wasser getrunken und die Beschreibung deiner Wahrnehmung ist falsch. Wenn du glaubst, daß dein Freund Walter soeben nach dir gerufen hat, aber die Stimme Walters entstammte einem digitalen Aufzeichnungsgerät oder du bist verrückt geworden und hast eine akustische Halluzination erlebt, ist die Aussage, daß dein Freund Walter soeben nach dir gerufen hat, falsch, auch wenn die Aussage, du habest Walters Stimme vernommen, wahr ist.
Wir bemerken, daß nicht alle sprachlichen Bedeutungen aus kausalen Referenzen erklärbar sind, denn die Aussage: „Ich habe kein Wasser getrunken“ ist im Falle, daß du nicht H2O, sondern den ganz ähnlich aussehenden und schmeckenden Stoff zu dir genommen hast, wahr, obwohl sie auf etwas referiert, was nicht vorliegt und demnach keine kausale Wirkung auf dich ausüben kann. Genauso ist die Aussage: „Ich habe nicht gehört, daß Walter mir zugerufen hat“, wahr, falls du eine akustische Halluzination erlitten hast und Walter außer Hörweite ist, auch wenn du seine Stimme vernommen hast.
„Wir sind Gehirne im Tank“ wäre eine wahre Aussage in einer Welt, in der wir Gehirne im Tank wären. Zugleich wäre diese Aussage für Gehirne im Tank nicht denkbar und nicht artikulierbar, denn einem Gehirn im Tank bliebe die Wahrheit der Aussage, daß es ein Gehirn im Tank ist, für immer verborgen. Solltest du als Gehirn im Tank den Satz: „Ich bin ein Gehirn im Tank“ zufällig denken, weil der ironische Wissenschaftler, der dich oder dein Gehirn in diese fatale Lage gebracht hat, dir die Aussage durch gezielte Manipulation der relevanten Hirnareale wie des Sprachzentrums einflößt, wüßtest du nicht, was es heißt, daß eine Person ein Gehirn hat oder daß es ein Gehirn gibt oder daß es einen Tank gibt und schon gar nicht, daß das Gehirn dein Gehirn ist und dieses Gehirn sich im Tank befindet. Du wüßtest demnach nicht, was du sagst, sagtest du: „Ich bin ein Gehirn im Tank“, weil die Bedingungen, die erfüllt sein müssen und die in deinem Falle tatsächlich erfüllt wären, damit der Satz wahr ist, dir auf immer verborgen blieben.
Wenn du einen wahren Satz gedacht hast, ohne wissen zu können, daß er wahr ist, sollen wir den mentalen Zustand, dessen Ergebnis der Satz darstellt, überhaupt „Denken“ oder „Gedanken haben“ nennen? Gedanken zu haben schließt augenscheinlich ein, zutreffende oder nicht zutreffende, wahre oder falsche Gedanken zu haben. Ein Gedanke ist wahr, wenn er etwas darüber sagt, was er nicht selbst ist, was auch immer dies sein mag, wie auch immer das Verhältnis des Gedankens oder des ihn ausdrückenden Satzes zu seinem Gegenstand oder zur Welt sein mag. Indes Gedanken zu haben, die nicht wahr oder falsch sein können, weil sie keinen Gegenstand oder keinen Bezug zur Welt haben, heißt überhaupt keine Gedanken zu haben.
Sätze ohne semantischen Bezug oder ohne intentionalen Gehalt drücken augenscheinlich keine Wahrheit oder Falschheit aus. Was bedeuten sie dann überhaupt? Sie sind nichts als leeres Gerede, und so sind alle von einem Gehirn im Tank gedachten oder ausgegebenen Aussagen leeres Gerede, sogar die wahre Aussage: „Ich bin eine Gehirn im Tank.“
Aussagen erhalten ihre Gültigkeit nur, wenn sie im Rahmen einer Sprachgemeinschaft oder Verständigungsgemeinschaft geäußert werden – das gilt auch für monologische oder geträumte Sätze. Nur Aussagen, die verstanden oder mißverstanden werden können, sind Aussagen im eigentlichen Sinne. Wenn meiner Behauptung von dir in sinnvoller Weise widersprochen werden kann oder du sie sinnvoll negieren kannst, ist sie eine sinnvolle Behauptung. Nur eine Frage, die vom Gefragten sinnvoll beantwortet werden kann, ist eine sinnvolle Frage. Nur eine Aufforderung, die vom Adressaten durch eine Handlung angemessen erfüllt werden kann, ist eine sinnvolle Aufforderung. Nur ein Versprechen, das die Selbstverpflichtung impliziert, das dem Adressaten gegebene Wort durch eine angemessene Handlung zu erfüllen, ist ein sinnvolles Versprechen.
Gehirne im Tank können keinen der genannten Sprechakte vollziehen, denn offenkundig bilden sie keine echte Verständigungsgemeinschaft, auch wenn sie der dämonische Wissenschaftler untereinander verdrahtet hat und ihnen suggeriert, gemeinsame Erlebnisse haben und sich darüber austauschen zu können. Gehirne im Tank können nur so tun, als würden sie etwas behaupten oder fragen oder versprechen. Ein wesentlicher Grund dieses Unvermögens bildet die Tatsache, daß Gehirne im Tank jedweden freien Willensimpulses oder jeder Form spontanen Denkens und Sagens ermangeln. Eine Behauptung, der nicht spontan beigepflichtet oder widersprochen werden kann, ist keine sinnvolle Behauptung, eine Frage, die nicht aus freien Stücken beantwortet werden kann, ist keine sinnvolle Frage, eine Aufforderung, die nicht freiwillig ausgeführt werden kann oder der man nicht spontan sich entziehen kann, ist keine wirkliche Aufforderung und ein Versprechen, das keine spontane Selbstverpflichtung einschließt, ist kein echtes Versprechen.
Wären wir Gehirne im Tank oder wäre das Leben ein Traum, schiene der Satz zu gelten: esse est percipi. Doch geben wir zu bedenken, daß wir in einer Welt, in der unser Erleben auf die phänomenale Dimension oder die reine Sinnesempfindung eingeschränkt wäre, in Wahrheit nichts wahrnehmen könnten. Denn zum vollständigen Begriff der Wahrnehmung gehört die Möglichkeit, daß wir uns irren oder einer Sinnestäuschung erliegen. Zu meinen, Gehirne im Tank unterliegen einer permanenten Sinnestäuschung, ist falsch, denn Sinnestäuschungen verlangen die Möglichkeit ihrer Korrektur oder den Maßstab der korrekten Wahrnehmung, ohne den wir nicht von Täuschung sprechen können.
Wir sollten deshalb zwischen Sinnesempfindung (Sensation) und Wahrnehmung (Perzeption) unterscheiden und die Grenze zwischen ihnen durch den Satztypus für Sensationen und den grammatisch ganz verschiedenen Satztypus für Wahrnehmungen angeben. „Ich höre die Stimme meines Freundes Walter“ ist eine typische Aussage über eine Sensation, „Ich höre, daß mir mein Freund Walter zuruft“ eine typische Aussage über eine Perzeption. Aussagen über Sensationen („Ich höre X“) scheinen immer wahr zu sein, während Aussagen über Wahrnehmungen nur wahr sind, wenn der im Nebensatz ausgedrückte Gedanke wahr ist. Der ganze aus Haupt- und Nebensatz zusammengesetzte Satz, der eine Wahrnehmung ausdrückt, ist falsch, wenn der Gedanke des Hauptsatzes („Ich höre“) wahr ist, denn er scheint immer wahr zu sein, und der Gedanke des Nebensatzes („… daß mir mein Freund Walter zuruft“) falsch ist, weil Walter außer Hörweite ist.
Wir sagen, Aussagen über Perzeptionen bedürfen der Rechtfertigung durch Angabe von geeigneten Gründen. Wenn du annimmst, die verbale Aufforderung deines Freundes Walter vernommen zu haben, aber keinen Grund dafür angeben kannst, daß sich Walter in deiner Umgebung aufhält, beginnen wir zu zweifeln, daß du die Stimme deines Freundes wahrgenommen hast, und neigen zu der Vermutung, daß du einer Sinnestäuschung erlegen bist.
Als Gehirne im Tank oder wachend Träumende können wir nur Aussagen über Sensationen und keine Aussagen über Wahrnehmungen machen, weil wir keine Gründe zur Rechtfertigung unserer Aussagen anführen können, die nicht selbst wieder Aussagen über Sensationen wären.
Als Gehirn im Tank könntest du deine Aussage, die Stimme deines Freundes gehört zu haben, nicht anzweifeln, denn Gründe für die Möglichkeit, daß Walter sich nicht in deiner Hörweite aufhalten könnte, bist du zu formulieren nicht fähig. Für die Aussage: „Mein Freund Walter befindet sich nicht in meiner Hörweite“ ermangelst du der entsprechenden Sensation, weil es für negative Sachverhalte überhaupt keine Sensationen gibt. Du kannst nicht den fehlenden Freund sehen, sondern nur wahrnehmen, daß er nicht da ist.
Hier bemerken wir auch, daß im Unterschied zu Sensationen die Aussagen über Wahrnehmungen die Verwendung von sprachlichen Ausdrücken zulassen, die keine kausale Referenz haben, weil sie zum Beispiel Negationen einschließen.
In einer Welt der Wahrnehmungen sind wir auf den Begriff der Wahrheit angewiesen, wenn wir Behauptungen über das machen, was wir wahrgenommen haben. Wir nähmen schlicht nichts wahr, wenn unsere Aussagen über das, was wir wahrnehmen, nicht falsch sein könnten.
Nur in einer Welt der Wahrnehmungen können wir Aussagen über Sensationen anhand der ihnen entsprechenden Aussagen über Perzeptionen überprüfen. Wenn meine Wahrnehmung die Aussage, daß sich dein Freund Walter nicht in Hörweite befindet, bestätigt, erweist sie deine Aussage: „Ich höre die Stimme meines Freundes Walter“ als akustische Halluzination.
Aussagen über Sensationen erheben im Gegensatz zu Aussagen über Wahrnehmungen von sich aus keinen Wahrheitsanspruch. Alle Aussagen von Gehirnen im Tank oder wachend Träumenden sind Aussagen über Sensationen. Gehirne im Tank können deshalb keine Aussagen darüber machen, daß sie Gehirne im Tank sind, wie wachend Träume nicht darüber reden können, daß sie träumen, denn beides setzt die Wahrnehmung voraus, daß sie Gehirne im Tank sind oder daß sie träumen. Wäre die Aussage, daß wir Gehirne im Tank sind oder träumen, wahr, könnten wir keine Gehirne im Tank sein und nicht träumen, denn sie setzt voraus, daß wir wahre Gründe für unsere Aussagen angeben können. Wüßten wir, daß wir träumen, müßten wir wissen, was es heißt, wach zu sein und nicht zu träumen, und wer sagt: „Ich glaube, ich träume“, ist schon wach.
Im Traum oder Wahn können wir uns nicht irren. Worin wir nicht irren können, darüber können wir auch nichts Wahres sagen.
Wenn wir im Leben als Traum zufällig etwas Wahres sagten, wüßten wir es nicht. Wüßten wir es, träumten wir nicht. Also impliziert die Aussage, daß wir alles nur träumen, wenn sie wahr wäre, ihr Gegenteil. Demnach ist die Aussage, daß wir Gehirne im Tank sind oder alles nur träumen, widersinnig.
Anmerkungen zum wahnhaften Stimmenhören
Gäste, die uneingeladen plötzlich da sind, die statt Speis und Trank deine Aufmerksamkeit und das Blut deiner Wachheit essen und trinken, und oft in mächtigen Bissen und Schlucken, Gäste, die anstatt dankbar zu sein für ihre Aufnahme, dich beschimpfen und verhöhnen oder dich mit falschen Schmeicheleien und trügerischem Gewisper und Gelispel bis zur Selbstaufgabe und Trägheit des Herzens einlullen, die sich durch keine Geste, keine Bitte, kein Flehen hinauskomplimentieren lassen, Gäste, die sich jungfräulich vermehren, die bald als Engel flüstern und raunen, bald als Dämonen höhnen und fluchen, Gäste, die deine Zunge bis zur Taubheit walken oder deine Erinnerungen wie knisternde Blätter zerrupfen, Gäste, die dir schamlos die Falten deines Herzens mit ihrem ätzenden Speichel besudeln oder die Fibern deiner Hoffnung mit monotonem Gereime verharzen, Gäste, die in fremden Zungen ratschen oder deine Muttersprache mit obszönen Flüchen schänden, Gäste, deren dumpfe Begierden in dem Maße sich blähen, wie du sie mit kleinen devoten Diensten zu erfüllen suchst, Gäste, die dir als Gastgeschenk die alte, verdellte Venylplatte mit den Totenliedern mitbringen, die sie immer gleich auflegen, wenn dein Herz ein wenig höher schlägt, und die als Abschiedsgeschenk nur dein Glück, deine Liebe, dein Leben anzunehmen gewillt sind.
Wir betrachten das psychotische Phänomen des Hörens von Stimmen nicht anwesender Personen unter philosophischer Hinsicht und berühren psychiatrische Aspekte am Rande.
Wer festzustellen glaubt, daß zehn Prozent der Bevölkerung einmal oder häufiger im Leben dem Phänomen akustischer Halluzination ausgesetzt sind, und daraus in der lauteren Absicht, das Phänomen menschenfreundlich zu normalisieren und zu entstigmatisieren, folgert, bei dieser statistischen Lage müsse man doch wohl von einer verbreiteten normalen menschlichen Eigenschaft und nicht von einer Krankheit sprechen, begeht einen ähnlich bizarren Fehlschluß, wie jemand, der aus der Tatsache, daß ein Drittel der Bevölkerung des mittelalterlichen Europas von der Pest heimgesucht worden ist, die Folgerung zieht, bei dieser statistischen Lage dürfe man nicht mehr von einer Krankheit, sondern müsse wohl von einer ziemlich verbreiteten Mode sprechen.
Wir sagen, daß jeder Sinneseindruck, über den wir eine Aussage mit Wahrheitswert formulieren, also der Eigenschaft, wahr oder falsch sein zu können, einen kausalen Stimulus außerhalb unseres phänomenalen Bewußtseins oder außerhalb unseres Körpers voraussetzt, der den Gegenstand der Aussage darstellt. So wird ein Mensch namens Manfred, der den Ruf „Hallo!“ aus dem Fenster eines Hauses als die Verlautbarung der Stimme seines Freundes Walter erkannt und als Aufforderung verstanden hat, zu verweilen und kurz mit ihm zu plaudern, die Aussage über seine akustische Wahrnehmung wie folgt formulieren können: „Ich höre, daß mir mein Freund Walter zuruft.“ Wobei er voraussetzt, daß die Ursache der an ihn ergehenden Verlautbarung ein kausaler Stimulus ist, der sich außerhalb seines Körpers befindet, nämlich der Mensch namens Walter.
Wir weisen darauf hin, daß die korrekte Formulierung einer wahrheitswertigen Aussage über unsere Sinneseindrücke und Wahrnehmungen die Form eines zusammengesetzten Satzes haben muß, und zwar zusammengesetzt aus einem Hauptsatz mit einem Verb, das die Art der sinnlichen Wahrnehmung und ihren intentionalen Charakter unmittelbar ausdrückt, wie sehen, hören oder fühlen, und einem mit der Konjunktion „daß“ eingeleiteten Nebensatz, in dem der Inhalt der sinnlichen Wahrnehmung, das Gesehene, Gehörte oder Gefühlte, benannt wird. Mittels dieser grammatischen Form vermögen wir auszudrücken, daß es sich bei dem Vorgang der sinnlichen Wahrnehmung der Intention nach („Ich nehme wahr, daß …“) um eine Realitätswahrnehmung und nicht eine Sinnestäuschung oder eine Wahnvorstellung handelt. Natürlich können wir einer Sinnestäuschung oder einem Wahnanfall erliegen, aber dann behält die Aussage dieser Form dennoch ihren Geltungsanspruch, nur ist der mit ihr gemeinte Aussagesatz jetzt falsch. Denn der Satz: „Ich höre, daß mir mein Freund Walter zuruft“ ist in dem Falle, daß Walter sich außer Manfreds Hörweite befindet und auch keine technischen Aufzeichnungsgeräte zur Wiedergabe seiner Stimme benutzt werden, offensichtlich nicht wahr. Hält Manfred an der Aussage dennoch fest, können wir davon ausgehen, daß er einer Sinnestäuschung erlegen oder verrückt geworden ist.
Diese Eigentümlichkeit des zusammengesetzten Satzes, unsere Äußerungen über sinnliche Wahrnehmungen wahrheitsfähig zu machen, fehlt anderen Satzformen. Die nicht zusammengesetzte Satzform, bei der dem Verb, das die Art der sinnlichen Wahrnehmung und ihren intentionalen Charakter ausdrückt, unmittelbar das Satzobjekt folgt, welches das Gesehene, Gehörte oder Gefühlte benennt, kann zum Ausdruck aller Arten von Äußerungen dienen, ohne daß wir ihrer Form entnehmen können, ob sie tatsächlich den Anspruch erheben, wahr und nicht falsch, sinnvoll und nicht sinnlos zu sein. So verhält es sich mit der Aussage: „Ich höre die Stimme meines Freundes Walter“, die im Falle, daß Walter Manfred zugerufen hat, wahr, im Falle der Sinnestäuschung oder der Wahnvorstellung indes ebenfalls wahr zu sein scheint, was uns vermuten läßt, das hier etwas faul ist.
Und in der Tat, dieser Typus von Aussagen über Wahrnehmungserlebnisse erfüllt nicht das sprachlogische Sinnkriterium für behauptende Aussagen, wonach sie entweder wahr oder falsch sein müssen oder die Negation einer falschen Aussage eine wahre Aussage und vice versa sowie die Negation einer sinnvollen Aussage wieder eine sinnvolle Aussage ergeben muß. Wenn Manfred unter der Wahnvorstellung litte, die Stimme seines Freundes Walter zu hören, dann aber sagte: „Ich höre nicht die Stimme meines Freundes Walter“, wäre die Aussage scheinbar sowohl falsch, denn er hört ja die Stimme, als auch wahr, denn Walter ist außer Hörweite: Demnach ist die Aussage sinnlos.
Litte Manfred unter Gehörshalluzinationen und hörte von weitem Walters Stimme rufen „Hallo“, verstünde er sie im Regelfall nicht als Aufforderung, zu verweilen und mit ihm ein bißchen zu plaudern, sondern sagte sich vielleicht: „Schon wieder eine Stimme, nur sich nichts anmerken lassen und unauffällig weitergehen!“
Wir bemerken, daß der intentionale Charakter unserer Sprechakte, der sie der sprachlichen Verständigung allererst zueignet, im Grenzfall des psychotischen Stimmenhörens eingeschränkt oder aufgehoben ist. Der Grenzfall gibt uns daher eine Art Umgrenzung für den Normalfall, bei dem unsrer sprachliches Handeln intakt bleibt.
Auch wenn der Psychotiker um den Scheincharakter seiner akustischen Wahrnehmung wüßte, wiese er den kausalen Stimulus der von ihm vernommenen Stimme seines Freundes nicht den paranormal wirkenden Funktionen der Neuronen seines Hörzentrums zu, sondern glaubte nach wie vor, wirklich die Stimme dieses Menschen zu hören. Wenn ein Psychotiker die Stimme eines Menschen zu hören glaubt, der sich außer Hörweite aufhält oder schon gestorben ist, müssen wir davon ausgehen, daß seine Aussage: „Ich höre, daß mein Freund Walter mir zuruft“ falsch ist, während die Aussage: „Ich höre die Stimme meines Freundes Walter“ offenkundig wahr, dafür aber sinnlos ist.
Wir haben damit ein Kriterium der Wahrheitsfähigkeit von Aussagen gewonnen: Wahrheitsfähige Aussagen sind Behauptungen derart, daß der intensionale Gehalt der Aussage des Nebensatzes (intensional mit s, „daß …“) eine Funktion des intentionalen Hauptsatzes (intentional mit t, „Ich höre“) darstellt, wobei die Wahrheitsbedingung des ganzen Satzes („Ich höre, daß …“) so analysiert werden kann:
1. Ich höre (daß).
2. p oder nicht-p.
Wobei die Aussage wahr ist, wenn p wahr ist, und falsch ist, wenn p falsch ist.
Dagegen scheint die Aussage: „Ich höre die Stimme meines Freundes Walter“, auch wenn dieser sich außer Hörweite befindet und keine technischen Aufzeichnungsgeräte zur Anwendung kommen, immer wahr zu sein. Doch sollen wir scheinbar deskriptive Aussagen, die nicht falsch sein können, überhaupt der Klasse von Aussagen zuordnen, die wir dadurch auszeichnen, daß sie Wahrheitsbedingungen implizieren? Wie gesehen, müssen wir solche Aussagen, wenn ihr Stimulus nur intrakorporal auftritt, für sinnlos erachten. Aussagen der korrekten Form über sinnliche Wahrnehmungseindrücke dagegen sind, wie wir ebenfalls gesehen haben, genau dann falsch, wenn es sich um Sinnestäuschungen oder Wahnvorstellungen handelt.
Vielleicht glaubt Walter im Zuruf „Hallo!“ die Stimme seines Freundes Manfred wiederzuerkennen, aber er irrt sich, denn in Wahrheit galt der Ausruf gar nicht ihm und die Stimme des Rufers klingt nur so ähnlich wie die Stimme seines Freundes. Kann aber der Psychotiker, der glaubt, die Stimme seines Freundes vernommen zu haben, sich irren, weil in Wahrheit nicht die Stimme Walters, sondern die Stimme Heinrichs oder Peters ertönt ist? Das scheint ausgeschlossen, weil der Wahn subjektive Gewißheit impliziert.
Wir können noch weitergehen und gelangen zu dem verblüffenden und paradox anmutenden Schluß, daß echte Wahrnehmungserlebnisse wie das Hören der Stimme eines Anwesenden wesentlich verschieden sind von fiktiven Wahrnehmungserlebnissen wie dem psychotischen Hören der Stimme eines Abwesenden. Nur ein Hören, das die Möglichkeit der Sinnestäuschung einschließt, ist ein wirkliches Hören, während ein wahnhaftes Hören, das jeden Irrtum ausschließt, kein wirkliches Hören darzustellen scheint.
Wir können unser Ergebnis auch anders begründen: Aussagen, die akustische Halluzinationen zum Gegenstand haben, können keinem der unser kommunikatives Leben regelnden Sprechakttypen wie dem Behaupten, Fragen, Auffordern oder Versprechen zugeordnet werden und erfüllen damit nicht das von uns angegebene sprachlogische Sinnkriterium. Fragen, die man nicht beantworten, Aufforderungen, denen man durch angemessene Handlungen nicht nachkommen, oder Versprechen, die man nicht erfüllen kann, sind in Wahrheit keine Fragen, Aufforderungen und Versprechen. Solche Scheinaussagen entbehren der für sinnvolle Sprechakte notwendigen Erfüllungsbedingungen.
Greifen wir das wahnhafte Hören von Stimmen mit appellativem Charakter heraus, wie es sich häufig in psychiatrischen Fallberichten findet. Halluzinierte Stimmen scheinen von guten oder bösen Mächten herzurühren, wir finden Aufforderungen zur Hingabe und Harmonie mit der Umwelt und Natur, aber auch aggressive Aufforderungen, die durch Beschimpfungen und Beleidigungen den Patienten gleichsam in die Knie zwingen oder ihn zur schamgepeinigten Verbergung und Flucht nötigen, bis hin zu Befehlen, vermeintliche Feinde oder sich selbst zu töten.
Warum sollen wir diese wahnhaften Aufforderungen nicht gleichsam entstigmatisieren und normalisieren, indem wir sie als sinnvolle Beispiele des Sprechaktes der Aufforderung ansehen? Nun, wenn dich dein Arbeitgeber auffordert, heute Überstunden zu machen, kannst du darin einwilligen oder dich der Aufforderung entziehen, weil du glaubhaft angibst oder glaubhaft vorgibst, einen Arzttermin zu haben oder die Kinder hüten zu müssen. Der Patient dagegen ist den Aufforderungen und Befehlen seiner Stimmen meist ausgeliefert, sie lassen kaum mit sich reden oder hadern. Der Patient hört auch in dem hintersten Versteck, in das er sich verzweifelt zurückgezogen hat, das Schimpfen oder Höhnen seiner Stimmen, und der psychotische Paranoiker besiegelt sein Schicksal, wenn er den Tötungsbefehl, nur um Ruhe zu finden, ausführt.
Psychotiker, die scheinbar der Aufforderung vorgeblich gütiger oder engelreiner Stimmen nachkommen und ihren Eigensinn in der Verschmelzung mit der sogenannten kosmischen Harmonie, einer von satanischen Sekten zu Höchstpreisen verkauften Masche, aufgeben, leugnen mit der Wahrheit des allgemeinen Tötens, Siechens und Verendens auch die Wahrheit ihrer eigenen Verletzungen und ihrer daraus entspringenden Grausamkeit und Wut.
Wir sagen, der Mensch, der von Stimmen heimgesucht wird, handle großenteils unter Zwang, wenn er tut, was die Stimmen von ihm verlangen. Es ist aber dadurch die Voraussetzung des relativ freien Willens, die wir an das normale Funktionieren unseres kommunikativen Lebens mittels der Verständigung durch Sprache anlegen, außer Kraft gesetzt.
Hier sollten wir auf die plausible Hypothese über die Ursache der psychotischen Symptomatik des Stimmenhörens zurückgreifen: die Traumatisierung und ihre unglückliche oder kranhafte Form der Verarbeitung mittels der Psychose. Ähnlich wie im Traum erhalten jene Personen oder Personifikationen intimer Erlebniszonen eine Wahnstimme, die aus dem Umfeld des traumatischen Erlebnisses stammen.
Wenn die dämonische Hexe erscheint und nicht nachläßt, auf die Erfüllung eines Versprechens zu dringen, bei der sich die Kranke selbst schädigen oder verletzen muß, gehen wir nicht fehl zu vermuten, daß es sich um die Klangmaske der Mutter handelt, die das Kind wegen eines Verstoßes schwer gestraft oder mißhandelt hat. Wir sehen, daß im Wahnkontext Versprechen oder der Rekurs auf gegebene Versprechen nicht die Erfüllungsbedingungen aufweisen wie die echten Sprechakte: Der Psychotiker kann Versprechen weder geben noch einhalten, den Bruch eines Versprechens durch nahestehende Personen kann er nicht verwinden und bleibt auf seine Rache fixiert, der Bruch eines eigenen Versprechens scheint ihm unsühnbar und ihn zu höchsten Strafen zu verurteilen. Wenn eine Frau von den Stimmen als Auswurf, Unrat oder Nutte beschimpft, verhöhnt und beschämt wird, gehen wir nicht fehl zu vermuten, daß sie als Kind dem sexuellen Begehren eines männlichen Verwandten oder Bekannten in mehr oder weniger tätlichem Ausmaß ausgeliefert war.
Wir befürchten, die wahnhaften Stimmen zu normaliseren oder zu entstigmatisieren, bedeute am Ende dem Patienten in seiner Würde und seinem Recht auf Hilfe zu nahe zu treten. Die Hilfe beginnt oft mit der Demaskierung der akustischen Masken: So werden sie entdämonisiert und verlieren an Kraft. Aber nur, wenn der Therapeut sie zuvor in ihrer dämonischen und krankmachenden Macht anerkannt hat.
Interessant und bedeutsam ist die Tatsache, daß der Normale und der Kranke in der Fähigkeit der Identifikation oder Zuschreibung des Wahrgenommenen zu dem realen oder fiktiven kausalen Stimulus übereinstimmen. Wenn der Psychotiker eine Stimme hört, schreibt er sie einem fiktiven kausalen Stimulus zu: Er vermeint, die Stimme eines Freundes, seines verstorbenen Vaters, eines Engels oder Dämons zu hören. Diese erstaunliche Fähigkeit scheint auch in schweren Krankheitsverläufen nicht zu versiegen. Sie bezeugt die tiefe Verbundenheit mit dem gemeinschaftlichen Leben, die auch bei extremer Regression in die wahnhafte Innenwelt nicht gänzlich verlorenzugehen scheint. Im Übrigen birgt diese Gleichartigkeit im Ausdruck des seelischen Erlebens von Normalen und Kranken die Möglichkeit des Verstehens und aller therapeutischen Ansätze und Bemühungen. Die Gemeinschaft der Lebenden, nicht die Universalität der Vernunft, aus der der Wahn herausgefallen ist, stiftet das symbolische Band, an dem der Therapeut ansetzen kann. Er enthüllt nach und nach durch geduldige Deutung die Zuweisung der Stimmen an die das Leben des Patienten heimsuchenden Personen und Mächte.
Glauben und Wissen
Warum Naturalismus und Idealismus zu unsinnigen Konsequenzen führen
Wissen ist eine spezielle Variante des Glaubens. Wenn du weißt, daß dort unten dein Freund Manfred die Straße entlanggeht, ist beides der Fall: Du glaubst, was der Satz behauptet, und die Behauptung ist wahr.
Doch kannst du nicht sagen: „Ich weiß, daß mein Freund Manfred dort unten entlanggeht, aber ich glaube es nicht.“
Naturalisten glauben, es existiere nur, was wir in Wissensätzen formulieren können, Wissen aber hätten wir in Wahrheit einzig von den physikalischen Grundelementen der Natur, wie den Elementen der Materie oder den physikalischen Abläufen. Daß Wissen eine spezielle Ableitung des Glaubens ist und Glauben eine Grundform unseres intentionalen Lebens oder psychischen Daseins, gilt ihnen als irrelevant. Da das seiner bewußte Ich oder die Person die Instanz ist, ohne die der Begriff des Glaubens nicht anwendbar ist, denn Glauben gibt es nur als mentaler Zustand dessen, der glaubt, halten Naturalisten die Begriffe des Ich, der Person oder des Bewußtseins für überflüssige Entitäten.
Idealisten dagegen glauben, daß es nicht nur kein Wissen ohne Glauben geben könne, sondern daß es keine Instanz oder Realität gibt, die nicht eine unmittelbare und vollständige Funktion unserer Glaubensvorstellungen wäre. Wissen wäre demnach keine herausgehobene oder privilegierte Variante des Glaubens. Ich könne dieser Position gemäß nicht wissen, ob hinter den Phänomenen, die ich augenscheinlich glauben muß, wie daß ich dort unten deinen Freund Manfred sehe und ich hier oben am Fenster stehe und mir bewußt bin, daß ich dies sehe, Realitäten wie die Realität eines sich in Raum und Zeit kontinuierenden Gegenstands namens Manfred oder die Realität eines sich in Raum und Zeit kontinuierenden Ich verbirgt.
Wir wollen hier kurz skizzieren, inwiefern beide Positionen unhaltbar zu sein scheinen: Wenn wir auch nicht direkt ihre Falschheit erweisen können, so können wir doch darzulegen versuchen, daß sie nicht konsistent sind oder zu unsinnigen und widersinnigen Implikationen führen.
Für den Idealisten heißt wissen, die unmittelbar gegebenen Inhalte des Bewußtseins als gewiß und evident zu akzeptieren.
Für den Naturalisten heißt wissen, die fundierten Forschungsergebnisse einer bestimmten Wissenschaft, meist der Physik, als gewiß und evident zu akzeptieren.
Verdeutlichen wir die Frage an der akustischen Wahrnehmung: Wir hören Geräusche verschiedenster Herkunft und Art und wir hören bedeutungsträchtig artikulierte Geräusche, nämlich Laute sprachlicher Herkunft und Art.
Wenn du das Rauschen des Wassers am Bach oder beim Einlassen in die Badewanne hörst, auch wenn du blind wärest oder die Augen geschlossen hieltest, wirst du geneigt sein, zu glauben, daß es sich bei dem, was du hörst, um Wasser handelt oder um Geräusche, die durch die Bewegung von Wasser verursacht werden. Du wirst demnach mit einer gewissen Plausibilität die Annahme äußern, daß dort Wasser plätschert. Handelte es sich allerdings um eine akustische Aufzeichnung oder ein von einem Computer simuliertes Geräusch oder wäre gar kein Objekt vorhanden und du würdest das Geräusch halluzinieren, hättest du immer noch recht damit, zu glauben, es handele sich um Wasser, was du zu hören meinst, indes wärst im Irrtum über die genaue Herkunft des Stimulus deiner Hörwahrnehmung.
Wenn wir ein Geräusch hören und zu wissen glauben, um was für ein Geräusch es sich handelt, meinen wir damit, daß wir zu wissen glauben, welcher Gegenstand oder welcher Stimulus unsere Hörwahrnehmung verursacht. Wir scheinen uns kein Geräusch vorstellen zu können, dem wir keinen Stimulus zuordnen könnten.
Wasser, der Stimulus unserer Hörwahrnehmung in diesem Fall, ist für uns nichts, was in unserem Ohr plätschert, auch wenn wir eine akustische Halluzination haben: Denn dann wissen wir nicht, daß wir eine akustische Halluzination haben und glauben, wir hörten dort draußen irgendwo Wasser rauschen. Wüßten wir, es handele sich bei dem, was wir hören, um eine akustische Halluzination, hörten wir immer noch Wasser und nicht ein scheinbares Wasser oder Wasser scheinbar rauschen. Und wenn wir uns daran erinnern, gestern im Park am Brunnen das Wasser rauschen gehört zu haben, rauscht dann das Wasser in unserer Erinnerung oder hören wir dann scheinbar Wasser oder ein scheinbares Wasser rauschen?
Die Verknüpfung unserer Hörwahrnehmung mit dem Stimulus des bewegten Wassers scheint uns evident zu sein, auch wenn uns die Wahrheit der Aussage, in die wir unsere phänomenale Evidenz kleiden, nicht evident ist, denn wir sagen: „Ich höre dort Wasser rauschen“, aber wir wissen nicht, ob es wirklich dort rauscht, auch wenn wir wissen, daß es sich um Wasser handelt.
Der Naturalist würde hier die Nase rümpfen und die Hörwahrnehmung als mentale Fiktion oder irrelevante Exuberanz einer sekundären Qualität abtun, denn nach seiner Auffassung erlangen wir mittels sinnlicher Erfahrung überhaupt keinen unmittelbaren Zugriff auf das, was wirklich oder in Wahrheit existiert, beim Wasser die chemische Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff.
Wir würden dagegen sagen: Nun gut, wir können wirklich nicht hören, daß es sich bei der Materie, die uns die merkwürdigen Geräusche einbrockt, um eine chemische Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff handelt. Aber immerhin hören wir, daß Wasser rauscht, und glauben deshalb mit einer hohen Evidenz, daß es sich dabei um den uns allen vertrauten Stoff handelt, der das Geräusch verursacht.
Der Idealist dagegen würde uns vieles zugestehen, nur nicht den Sprung von der phänomenalen Ebene der Hörwahrnehmung zur Hypothese – denn darum handele es sich seiner Meinung nach – über die Ursache des akustischen Phänomens, das Wasser als materieller Stoff in der materiellen Welt, denn von dieser weiß er nichts.
Wir würden dagegen sagen: Nun gut, zu glauben, daß, was wir hören, Wasser ist, das rauscht, setzt voraus, daß wir die Sprache richtig verwenden. Wir haben aber die korrekte Verwendung des Ausdrucks „Wasser“ nicht im luftleeren Raum kennengelernt, sondern im Zuge des Erwerbs unserer natürlichen Sprache an der exemplarischen Verwendung des Ausdrucks, so wenn die Mama ausruft: „Finger weg, das Wasser ist heiß!“ Daraus folgt, daß die Verwendung dieses Ausdrucks durch die Mutter die Fähigkeit des Kindes, den Ausdruck in derselben Weise verwenden zu können, voraussetzt. Wenn du also glaubst, das, was du hörst, sei das Rauschen von Wasser, mußt du auch glauben, daß ich, demselben Geräusch ausgesetzt, glauben werde, daß es sich um Wasser handele, das da rauscht. Das gilt auch für die akustische Halluzination: Wenn du halluzinierst, daß Wasser rauscht, mußt du mir im Prinzip unterstellen, dasselbe zu hören, nämlich Wasser, das rauscht, wenn mir eine Halluzination dieser Art widerführe.
Wenn du hörst, wie die Haustür am frühen Morgen zuschlägt und deine Nachbarin eiligen Schrittes das Haus verläßt, glaubst du zu wissen, daß die Nachbarin sich auf den Weg zur Arbeit macht, denn sie geht jeden Morgen um dieselbe Zeit nach draußen und kommt kurz nach Büroschluß wieder zurück. Wir können demnach sagen, daß dich die Hörwahrnehmung der Schritte veranlaßt, bestimmte Schlüsse auf das Verhalten eines Menschen zu ziehen, Schlüsse, die augenscheinlich voraussetzen, daß du die Existenz anderer Menschen, von Büros, in die sie eilen, und der Arbeit, der sie dort nachgehen, implizierst.
Hier haben wir den Fall, daß unsere sinnliche Wahrnehmung sozusagen von einem Kokon von Implikationen umhüllt ist, ohne deren mehr oder weniger sichere Wahrheit uns das Gehörte im gänzlich Vagen und Unbestimmten verklingen würde. Denn ohne die Implikation, daß dort ein Mensch geht, würden wir nicht Schritte hören, sondern nur ein Klacken, ein nichtssagendes Geräusch.
Das, was du glaubst, wenn du die Schritte hörst, ist weder ein bedeutungsloser Gegenstand in der Welt, wie der Naturalist annimmt, denn für ihn gibt es nur das physikalische Ereignis eines sich bewegenden Körpers, der zufällig als Stimulus deiner Gehörnerven auftritt, noch ein nicht intentionales Phänomen deiner sinnlichen Wahrnehmung ohne Bezug auf die Welt, wie der Idealist unterstellt: Es ist hier beides der Fall, was du hörst, berechtigt dich dazu anzunehmen, daß etwas geschieht, aber nicht nur ein physikalischer Vorgang, sondern ein physikalischer Vorgang, dem du mittels deiner Aussage eine wahre Bedeutung zuschreiben kannst, nämlich daß es sich um Schritte eines Menschen handelt.
Wenn du deinem Freund Manfred, der unten die Straße entlanggeht, zurufst: „Hallo!“, kann er deine Stimme wiedererkennen und den Zuruf korrekt als sinnvolle Anwendung des Sprachaktes der Aufforderung verstehen, nämlich innezuhalten, nach oben zu schauen und mit dir kurz zu plaudern. Dein Freund nimmt demnach das von dir erzeugte akustische Phänomen wahr und versteht es als sprachlichen Laut mit der Bedeutung einer Aufforderung. Würde er ständig unter akustischen Halluzinationen leiden, könnte er sich sagen: „Schon wieder so eine Stimme, diesmal von meinem Freund Walter, wie lästig, nur weitergehen und sich nichts anmerken lassen!“
Diese Reaktion entspräche ganz der Position des Idealisten, für den die Annahme, der sinnlichen Wahrnehmung entspreche ein Gegenstand in der Welt, eine zu hoch gehängte Hypothese darstellt. Aber noch nicht einmal damit hätte er recht. Denn woher weiß Manfred, daß es sich um die Stimme Walters handelt? Und wieso ist die Aussage, daß es sich um die Stimme Walters handelt, wahr und nicht weder wahr noch falsch wie nach Meinung des Idealisten? Nun, Manfred hat die korrekte Verwendung des Eigennamens Walter in und durch die Begegnungen mit seinem Freund dieses Namens richtig gelernt. Hätte er dies nicht, würde er sich nicht an seinen Freund erinnern, wenn er seine Stimme, und sei es als akustische Halluzination, vernimmt.
Wir können noch weitergehen und sagen: Manfred zeigt sein Verständnis der an ihn durch den Zuruf ergangenen Aufforderung, wenn er tatsächlich innehält und nach oben schaut und ein kurzes Geplänkel mit seinem Freund Walter beginnt. Sein zweckvolles oder zielgerichtetes Verhalten ist der Beleg für sein Verstehen des Sprechakts. Ein Vorgang, der dem Naturalisten für immer obskur erscheinen muß, hat er doch aus seinen Existenzannahmen alle Formen zweckgerichteten Handelns und der ihnen entsprechenden Glaubensgewißheiten und Sprechakte ausgeklammert. Dagegen würden wir sagen: Wer aus seinen grundlegenden Annahmen über die Welt offensichtliche Wahrheiten über das, was wir tun und sagen, ausklammern muß, hat das Messer Ockhams zu vorschnell gewetzt und angesetzt.
Wie der Naturalist zu glauben, es gebe Wahrheiten wie die über die Existenz gewisser Entitäten, für die es irrelevant ist, ob wir an sie glauben oder nicht, ist gleichbedeutend damit, das, was wir mit Glauben meinen und was der intentionale Gehalt des Glaubens impliziert, zu verdunkeln. Denn wie wir gesehen haben: Etwas wissen heißt, etwas glauben, was wahr ist. Wir können aber nicht etwas wissen und sagen, wir glauben es nicht, wir glauben es dann eben mit der höchsten uns möglichen Evidenz und Gewißheit.
Wie der Idealist zu glauben, es gebe keine Wahrheiten über das, was wir glauben, außer der Evidenz des Vorliegens beispielsweise der durch die Wahrnehmung erzeugten Phänomene, ist gleichbedeutend damit, das, was wir mit Glauben meinen und was der intentionale Gehalt des Glaubens impliziert, zu verdunkeln. Insbesondere heißt es, der speziellen Form des Glaubens, etwas zu glauben, was wahr ist, also dem Wissen, die Legitimität abzusprechen. Wie aber will der Idealist wissen, daß wahr ist, was er glaubt, wenn er nur die Evidenz des Geglaubten zugesteht?
Der psychische Zustand, etwas anzunehmen oder zu glauben, ist der Elementarzustand, von dem wir ausgehen müssen, wenn wir ein adäquates Konzept einer Person entwickeln oder uns selbst verstehen wollen.
Da draußen gibt es Häuser und fahrende Autos, Leute, die herumlaufen, und Bäume, die seltsam beziehungslos herumstehen. Objekte zuhauf – doch nichts, was auch nur entfernt an das erinnerte, was wir einen psychischen Zustand und noch weniger, was wir den psychischen Zustand des Glaubens nennen könnten.
Aber wenn du aus dem Fenster schaust und meinst, da unten deinen Freund Manfred entlanggehen zu sehen, wirst du vielleicht sagen: „Ich glaube, da geht mein Freund Manfred.“ Und wenn du dir sicher bist, ihn erkannt zu haben, sagst du einfach „Schau mal, da geht mein Freund Manfred!“
Zu sagen, daß da etwas sei, ist demnach die bis zum höchsten Grad der Gewißheit gesteigerte Form des Annehmens oder Glaubens. Also setzt unser elementarer Sprechakt des Sagens, daß p oder das Behaupten den inneren Zustand des Glaubens voraus. Wir können auch sagen: Sprechen ist eine Ableitung oder Funktion des Glaubens und wäre ohne diese nicht, was es ist – nämlich nur ein sinnloses Lallen.
Die Dinge in der Welt und die Welt scheinen demnach nicht an sich zu existieren, denn ihre Art des Daseins ist eine Abbildung unseres Glaubens und Sagens. Kein Ding sei, wo das Wort gebricht.
Aber wir wissen doch, daß dein Freund Manfred, wenn er aus deiner Sicht entschwunden und um die Ecke gegangen ist, hübsch brav und ungestört seines Weges geht, wie die Murmel, die hinter den Baum gerollt ist, nicht verschwindet, sondern gleich wieder in ganzer Gestalt an der anderen Seite hervorrollt.
Doch wenn wir wieder schauen, was du von der Sache mitbekommst, ist es nichts anderes als der Glaube, dein Freund gehe seines Wegs oder die Erwartung – eine spezielle Form des Glaubens, nämlich die Annahme, das und das werde geschehen –, die Murmel werde gleich wieder hinter dem Baum hervorrollen.
Können wir nicht sagen: Egal, was du siehst oder nicht siehst, in der Wirklichkeit geht schließlich, unabhängig von deinen Mutmaßungen und Glaubensvorstellungen, etwas vor, nämlich: der von deiner Wahrnehmung unabhängig existierende Freund Manfred läuft die Straße entlang?
Das klingt plausibel, hält aber einer näheren Prüfung nicht stand. Denn die Tatsache, daß dort dein Freund geht, daß er den Namen Manfred hat, ja daß dort ein Mensch geht, daß er auf einer Straße entlangläuft, all dies sind Beschreibungen, die ohne deinen Glauben oder das System deiner Glaubensannahmen nicht möglich wären.
Heißt das am Ende, daß dort keine Menschenseele unterwegs wäre, wenn du nicht des Glaubens wärst, daß dies der Fall ist? Ja, so wenig plausibel es auch anmuten mag!
Mündet dieser Gedanke, wenn wir ihn konsequent zu Ende denken, nicht in puren Idealismus oder schlimmer, im Solipsismus?
Nein. Denn die sprachlichen Begriffe, die wir verwenden, um die Welt zu beschreiben und aus ihr etwas herauszugreifen, vom dem wir sagen, der Gegenstand mit der und der Eigenschaft existiert, haben wir regelhaft im primären Spracherwerb erworben und regelhaft auf Vorkommnisse unserer Umwelt angewandt. Wir haben diese Begriffe nicht erfunden, sondern erlernt, sie gründen in den uns unzugänglichen Tiefen des Sprachsystems, die vielleicht gar nicht einmal besonders tief, sondern nur unfaßbar sind.
Wir bemerken, daß die Welt, die wir beschreiben, nicht unabhängig von unseren Beschreibungen aufgefaßt werden kann, und daß unsere Beschreibungen nicht unabhängig von der Welt zustandekommen. Dieses intrikate Verhältnis ist nicht vollständig auflösbar und analysierbar, sondern gleichsam nur von Fall zu Fall zu beleuchten.
Die Physiker am CERN bei Genf beschreiben doch rein objektive physikalische Vorgänge, wenn sie zum Beispiel das Higgs-Boson erfassen und beschreiben? Das rätselhafte Boson wurde erst gefunden, nachdem der Physiker Peter Higgs die begründete Annahme oder die theoretisch fundierte Erwartung formuliert hatte, daß es existiert und beobachtet werden könne. Hätte er diese spezielle Form des Glaubens, die theoretisch fundierte Erwartung, es gebe dieses Teilchen, nicht formuliert, hätte man mittels des Large Hadron Collider in CERN gar nicht danach gesucht. Also sind die Beschreibung der Existenz und Funktion des Bosons und die Art der präzisen Messung, die seine Existenz und Funktion nachgewiesen haben, äquivalent.
Wenn du deinem Freund vom Fenster aus zurufst: „Hallo, Manfred, ich binʾs!“, wird er dich hören und verstehen, daß der Zuruf ihm gilt, und dich vielleicht sogar am Klang deiner Stimme erkennen. Auch wenn du nur „Hallo!“ rufst, wird er den Ruf auf sich beziehen, wenn er deine Stimme widererkennt, und wissen, was mit diesem Sprechakt der Aufforderung gemeint ist: „Bleib stehen, schau hierher, verweile kurz, auf daß wir ein bißchen plaudern!“ Zu kommen und tiefäugig blickend einzureden, was denn das akustische Klangphänomen an sich Bedeutungsträchtiges in sich trage, wo doch das Rauschen der Blätter im Eichenhain nur eben die Auguren zu deuten wußten, geht an der Sache vorbei, weil die hier hörbare Form der mundgerechten Aufbereitung von Lauten unser Verlangen nach Verständigung hinreichend bedient, und dies in einem Maße, daß kein Quentchen und Tüttelchen des Geheimnisvollen übrigbleibt.
Offensichtlich unterstellen wir dem Rufenden die Absicht, die wir an seiner Stelle ebenfalls hegten, nämlich unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wir entnehmen dem Laut die Erwartung, seiner Aufforderung zu entsprechen und innezuhalten. Gilt diese Affinität unseres Meinens und Sagens nur im Intimbereich der sprachlichen Verlautbarung und des intentionalen Handelns oder können wir sie auf andere Phänomene, akustische und visuelle ausdehnen? Nun, wir können die Dinge und Vorgänge so sehen, als wären wir bereit, sie in Worte zu fassen und unserem imaginären Nachbarn mitzuteilen oder ihn darauf aufmerksam zu machen. Wir können das Sichtbare wie einen großen Kuchen in Stücke teilen, die wir mit dem Schieber unserer Intentionen entnehmen, um sie im inneren Dialog unserem Alter Ego weiterzureichen und seine unersättliche Neugier vorübergehend zu stillen.
Wenn du nicht glauben und sagen könntest, dort gehe dein Freund, hätte diese Annahme keinen Ort in der Welt. Wir schälen gleichsam mit dem Messer unserer Annahmen und der sie artikulierenden Aussagen die Kerne dessen, was wir als existierend annehmen, aus dem ansonsten für uns ungenießbaren Fruchtfleisch der Welt heraus.
Oder wenn wir dieses Bild vorziehen wollen: Wir schöpfen mit den mehr oder weniger wohlgeformten Löffeln unserer Annahmen und Aussagen die genießbaren Brotkrümel aus der uns ansonsten ungenießbaren und gänzlich transparenten Wassersuppe der Welt heraus. Wenn allerdings unser Löffel ein Loch hat, bleibt unser Bemühen vergeblich.
Nun schweben die Aussagen über das, was wir glauben, nicht im luftleeren Raum herum, sondern sind mit dem Zentrum des Glaubenssystems fest verknüpft: Dies ist aber die Person, die etwas glaubt und etwas sagt, du und ich. Die Voraussetzung der sinnvollen Praxis des Glaubens und Sprechens ist der Glaubende und Sprechende. Die Annahmen über das, was ich glaube, müssen auch Annahmen sein, die du glauben kannst oder könntest, und vice versa. Nur auf der Grundlage dieser möglichen Verflechtung und isomorphen Abbildung unserer jeweiligen Annahmen erfahren sie die notwendige Konsistenz und Kohärenz.
Wenn du sagtest, dort gehe dein Freund Manfred, aber du glaubst, er liege zur gleichen Zeit in der Klinik im Koma, würde ich dir nicht glauben, denn die Annahmen sind nicht konsistent, weil wir vernünftige Menschen sind und nicht glauben, derselbe Gegenstand wie ein Mensch könne sich gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten aufhalten. Aber nehmen wir an, wir würden unser Glaubenssystem gänzlich umkrempeln und das, was uns bisher als inkonsistent galt, als triviale Annahme behandeln. Wenn ich dann vielleicht sagte: „Ich sehe, dort geht dein Freund Manfred, aber ich glaube, es ist Prof. Gadamer“, würdest du mir nicht glauben, und die Ausflucht, unser Glaubenssystem von der strengen Auflage der hier durchkreuzten Konsistenz zu befreien, um mir meine Meinung zu lassen, könnte nicht mehr verfangen: Hier sind wir mit unserem Latein und Deutsch am Ende. Die Aussage ist ja nicht vielleicht falsch, da Prof. Gadamer nicht mehr unter den Lebenden weilt, worin ich mich geirrt haben mag, sondern sie ist unsinnig, denn weder dein Freund noch Prof. Gadamer, lebte er noch, kann zweier Identitäten teilhaftig sein, und dies gilt unabhängig von Orts- und Zeitbestimmungen. Die Voraussetzung der Identität dessen, der etwas sagt, und der Identität dessen, worüber er etwas sagt, kann aus unserem Glaubenssystem nicht herausgestrichen werden, denn sie bildet gleichsam den Nagel, an dem es aufgehängt ist. Inwiefern diese beiden Typen von Identitäten, denn sie haben nur die Form, keinen Inhalt gemeinsam, sich spiegelnde Pole einer sogenannten transzendentalen Grundspannung darstellen, klingt nach einer schönen Theorie, entzieht sich indes unserer begründeten Erkenntnis.
Durch unsere Gabe, etwas annehmen und glauben zu müssen und zu können, kommen wir dazu, die von uns unabhängige Welt zu begreifen, und gleichzeitig zu begreifen, daß ihre Inhalte von der Leistung unserer Annahmen und Glaubensätze abhängig sind.
Etwas zu glauben heißt eine Person zu sein, die etwas glaubt. Wir können nicht etwas glauben ohne zu glauben, daß wir es sind, die etwas glauben. Was wir über das sagen, was wir glauben, setzt uns als Personen, die es glauben, voraus. Demnach ist die Sprache kein dem intentionalen Leben der Person vorgängige und es vollständig determinierende Struktur, auch wenn wir es nur mittels unserer Sprechakte des Meinens offenbaren und ausdrücken können. Das Personsein ist demnach keine kontingente Tatsache in der Welt, sondern eine notwendige Voraussetzung, eine Form ohne Inhalt, die Passform für alle kontingenten Weltinhalte.
Volk und Staatsvolk
Eine Randnotiz zur gegenwärtigen Lage
Gruppen entstehen als gleichsam natürliche Solidaritätsgemeinschaften, und man könnte so weit gehen zu sagen, daß sich Menschen ursprünglich zu Gruppen zusammenscharten, um einander vor Gefahren und Feinden zu schützen und einander Unterstützung und Hilfe zukommen zu lassen.
Die Zuwendung gilt primär den Mitgliedern der eigenen Gruppe, Mitglieder fremder Gruppen werden nicht zu Unrecht mißtrauisch und argwöhnisch beäugt, sie könnten Übles im Schilde führen – ein gesundes Mißtrauen, denn seine Berechtigung wird durch die Erfahrung mehr als genug bestätigt. Die Konzentration der Zuwendung und Unterstützung auf den Nächsten im recht verstandenen Sinne ist moralisch nicht nur legitim, sondern geboten. Denn universale Moralansprüche sind meist der Ursprung unrechten Tuns: Wer glaubt, alle Menschen lieben zu müssen, schreitet oft über die vor ihm liegende Leiche hinweg. Der Partikularismus der Moral ist im Gegenteil das universale Medium der Solidarität: Wenn jeder vor seiner Türe kehrt, sind alle Straßen sauber. Wenn alle ihren Nächsten helfen, ist allen geholfen.
Die primordiale Solidaritätsgemeinschaft ist die Familie vaterrechtlichen Typus, denn es ist Pflicht des starken Vaters, die schwächeren Familienmitglieder gegen Angriffe und Gefahren zu schützen. Dies gilt auch für die Position des Sippen- und Clanoberhauptes, bei dem die physische Stärke im besten Falle durch Erfahrung, Voraussicht und Weitsicht abgelöst wird.
Wir bemerken, daß die emotionalen Werte, die eine Gruppe gleich welcher Art aufruft, um ihre Mitglieder in Zeiten der Krise oder der Gefahr zum Zusammenhalt und zur gegenseitigen Solidarität aufzurufen, ihren Ursprung im Kern der Familie haben, denn es sind familiäre Werte wie Zuneigung und Einfühlung, gegenseitige Achtung oder Fürsorge.
Ein Volk ist ein Zusammenschluß von Gruppen, der sich ursprünglich aus Familien und Sippenverbänden rekrutiert, und durch zwei wesentliche Eigenschaften geprägt ist: die Gemeinschaft der Sprache und die Schicksalsgemeinschaft.
So entsteht das jüdische Volk als Zusammenschluß der zwölf Stämme Israels, das die hebräische Sprache und das Schicksal des Exodus aus Ägypten, die Landnahme Kanaans und die Abwehr gemeinsamer Feinde wie der Kanaaniter, Jesubiter, Philister und Seevölker oder der Unterwerfung durch die Assyrer, Babylonier, Griechen und Römern einte. Wir finden in der Geschichte des jüdischen Volkes die beiden Besonderheiten, daß das Bündnis der Stämme zugleich einen religiösen Bund dargestellt hat und das Volk sich unter der Königsherrschaft von David, Salomon und ihren Nachfolgern als Staatsvolk konstituierte, auch wenn die eher schwachen staatlichen Einheiten bald in die beiden Teile von Israel und Juda zerfielen und die vom Glauben abfallenden Könige eine Rivalität in den Propheten als religiösen Führern auf sich zogen.
Ein Vergleich mit der römischen Geschichte macht die Besonderheiten klar: Das römische Volk entstand aus der kriegerischen Unterwerfung seiner Anrainer durch den siegreichen Stamm der Latiner, der sich erst nach der Vertreibung der etruskischen Herrschaft als Staatsvolk konstituiert hat, ohne daß seine Identität durch eine Priesterherrschaft befestigt wurde. Die wesentlichen Eigenschaften seiner Charakterisierung als eines Volks finden wir in der gemeinsamen lateinischen Sprache und dem Schicksal der Ausdehnung des konsularischen Imperiums bis zur Eroberung Spaniens, Nordafrikas, Griechenlands, Galliens und Germaniens auf der einen Seite und der mehr oder weniger erfolgreichen Abwehr von Feinden wie der Phönizier, Iberer, Skythen oder Parther auf der anderen Seite.
Daß genetische Verwandtschaft die Gruppensolidarität fördert oder allererst begründet, macht der Blick auf die Verwandtschaftsbeziehungen der Familie und der Sippe augenscheinlich. Dieses natürliche Substrat wächst in den Zusammenschluß der Verwandtschaftsgruppen zu einem Volk hinein. Es kann darüber hinaus durch schicksalhaft wirkende historische Entscheidungen bei den Verfahren der Inklusion und Exklusion der Volkszugehörigkeit untermauert werden. So verdichtete das mosaische und talmudische Gesetzeswerk die naturwüchsige Verwandtschaft allererst zu einer Einheit, die es nicht unvernünftig erscheinen läßt, von einer jüdischen Rasse zu sprechen, wie DNS-Analysen insbesondere von Mitgliedern des Priesterstammes Levi in jüngerer Zeit haben bestätigen können. Diese ist also entgegen allen sogenannten rassistischen Vorurteilen kein Ergebnis eines natürlichen, sondern eines künstlichen Ausleseprozesses. Auch dies ist eine Besonderheit der Geschichte des jüdischen Volkes, daß seine Konstitution als Staatsvolk eine rassische Komponente enthält.
Wir bemerken, daß ein Staatsvolk über die Charakteristik des Volkes durch die gemeinsame Sprache und das gemeinsame historische Schicksal hinaus dadurch bestimmt ist, daß es ein eigenes Territorium in Besitz nimmt und verteidigt. Ein Volk mag wie die Juden im Exodus wandern, ein Staatsvolk wie die Juden nach der Niederlassung im Heiligen Land und der Errichtung der Königsherrschaft nicht. Das Staatsvolk ist geradezu identifizierbar an dem und durch das Hoheitsgebiet, das es beherrscht und dessen Grenzen es als unverletzliche Grenzen seiner Identität behütet und schützt. Das Hoheitsgebiet wird durch Symbole und Zeichen repräsentiert, sie zu entehren oder zu schänden gilt als Hochverrat.
Nicht zufällig heißt das Hoheitsgebiet eines Staatsvolkes Vaterland (patria), denn auf seiner Erde befinden sich die Gräber der Ahnen, denen es die gebührende Pietät (pietas) zollt. Aus der Ahnenverehrung entsteht aus Sagen und Legenden wie den Ursprungssagen bedeutender Stiftungen und Gründungen durch heroische Altvordere das Gedächtnis des Volkes, das nicht mit dem historischen Wissen zu verwechseln ist, wie es auf späten Stufen die Historiographie kennt. Das Gedächtnis des Volkes wird durch Institutionen des öffentlichen Gedenkens durch das Staatsvolk ritualisiert. So erteilte der Kaiser Augustus dem Dichter Horaz für die in den Tempeln des Kapitols auszurichtende Säkularfeier des Jahres 17. vor Christus den Auftrag, einen Chorgesang für je 27 Knaben und Mädchen zu komponieren. Das Jahrhundertfest ging aus der Tradition einer römischen Adelsfamilie hervor und wurde Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. zur Staatsache erhoben und nobilitiert. Im Chorgesang des Horaz werden die großen Götter als Schutzmächte des römischen Staatsvolkes angerufen, das Gedeihen und die Macht des Staats zu befördern.
Wir bemerken, daß die dem Volk zugebilligten und angemessenen familiären moralischen Werte wie Fürsorge und gegenseitige Hilfeleistung eingeschränkt und von anderen Ansprüchen überlagert werden, wenn es sich um das Agieren des Staatsvolks in Gestalt der es repräsentierenden Führer handelt: So müssen im Ausnahmezustand und im Kriegsfalle natürliche Rechte wie das Recht auf freie Selbstverfügung oder Eigentum in Folge von Requirierungen, Zwangszuweisungen oder die Entprivilegierung wirtschaftlicher Eliten eingeschränkt werden. Wir sprechen billigerweise von den moralischen Werten des Staates im Gegensatz zu den Gefühlswerten der Familie.
Staatsvölker vermögen einen eigentümlichen Schönheitssinn zu entfalten, der sich bei den Römern im klassischen Stil ihrer Tempel, Bildnisse und Schriftzeugnisse bezeugt, in dem sich Prägnanz der Gestalt mit Raffinement und Liebreiz zum Ausdruck eines sich selbst feiernden Lebens paart. Dabei sind Klarheit und Reinheit neben Wucht oder Anmut dominierende ästhetische Werte, wie sie in der griechisch-römischen Säulenordnung exemplarisch zur Geltung kommen. Unsere Klassik bis hin zur preußischen Kunst eines Langhans, Stüler oder Schinkel gewann nicht zufällig die Größe ihrer genialen Entwürfe und Gestaltungen im lichten Schatten der Antike. Halten wir die Dumpfheit und Grobheit der Nazi-„Kunst“ eines Arnold Breker dagegen, die ein elendes Gemisch aus blutleerem Expressionismus und kaltem Klassizismus darstellt!
Die Tragik der Geschichte der Deutschen rührt von der Tatsache her, daß sie anders als die Ägypter, Perser oder Römer der Antike, anders auch als die Franzosen oder Briten kein einheitliches Staatsvolk oder ein Staatsvolk, das die integrierten Völker unterwirft und beherrscht, hervorgebracht haben. Schon die antiken Historiker weisen darauf hin, daß sich die germanischen Stämme auch unter der Gefahr feindlicher Angriffe nicht oder nur sporadisch zu einer Gemeinschaft zusammenschließen mochten. Die Geschichte des Arminius spricht hier Bände, der nach der siegreichen Schlacht gegen die Römer im Teutoburger Wald statt zum Herrscher oder König ernannt zu werden, der die Stämme hätte einigen können, von Verwandten ermordet worden ist. In der Geschichte des Ersten Reiches sehen wir im Wechsel der Regenten den Wechsel der Vorherrschaft eines deutschen Volksstammes wie der Franken (Merowinger, Karolinger), der Sachsen (Luidolfinger, Ottonen) oder alemannischen Schwaben (Staufer) über die jeweiligen anderen Stämme. Noch in der Abwehr der Franzosen von Ludwig XIV. über die Revolutionstruppen bis zu Napoleon gewahren wir, wie Preußen allmählich die Oberhand über den Rest Deutschlands einschließlich österreichischer Erblande wie Schlesien gewinnt, nicht zuletzt eine Folge der konfessionellen Spaltung und der Religionskriege bis zum Dreißigjährigen Krieg, der die Polarität zwischen Berlin und Wien aus dem Machtvakuum aufbrechen ließ. Das Handeln Hitlers und Konsorten, die Konstitution des Staatsvolkes mittels gewaltsamer Integration der Deutschen in Österreich, Tschechien, Polen und Ostpreußen auch mittels kriegerischer Invasion nachholen zu wollen, ist das Ergebnis und die katastrophale Aufgipfelung dieser Tragik.
Die unglückliche Folge der deutschen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zeigt sich darin, daß es als Sühne deutscher Schuld ausgegeben wird, die Nation nicht vom Staatsvolk her verstehen zu sollen und zu wollen. Eine Kluft zwischen Nation und Volk zu schaffen und zu vertiefen ist geradezu das Kennzeichen und die Devise der offiziellen Politik und ihrer medialen Propaganda geworden. Da ist es nur konsequent, die letzten Wurzeln deutschen Volkstums durch das Oktroi einer Zuwanderung von Fremdvölkern ausreißen zu wollen.
Sinnvoll – sinnlos – unsinnig
Sinnvoll sind Aussagen, die einem Sprechakttyp zugeordnet werden können. So sind Aussagen, die wahr oder falsch sind, wie die Aussage „Der Mond ist einer von zwei Erdtrabanten der Erde“ oder die Aussage: „Die Winkelsumme des Dreiecks beträgt (in der Euklidischen Geometrie) 180 Grad“, sinnvolle Aussagen, weil die Verneinung der ersten eine wahre Aussage, die Verneinung der zweiten eine falsche Aussage ergibt. Demnach können diese Aussagen dem Sprechakttyp der Behauptung zugeordnet werden.
Sinnlos sind Aussagen, die wir zwar einem Sprechakttyp zuordnen können, die aber dessen Geltungsbedingungen nicht erfüllen. So sind die Äußerungen: „Bitte, leih mir mal dein Gehirn!“ oder „Siehst du, wie viele Leute sich im Nebenraum aufhalten?“, wenn sie nicht metaphorisch oder ironisch gemeint sind, weder eine sinnvolle Aufforderung noch eine sinnvolle Frage, weil sie weder die Bedingung des Sprechakts der Aufforderung, mittels angemessener Handlungen erfüllt werden zu können, noch die Bedingung des Sprechakts der Frage, einer angemessenen Antwort zugeführt werden zu können, erfüllen.
Unsinnig sind Äußerungen, die nur scheinbar die Form eines Sprechaktes aufweisen, in Wahrheit aber keinem Typus von Sprechakt zugeordnet werden können. So sind die Aussagen: „Die Zahl Pi ist homosexuell“ oder: „Obwohl mein Freund im Büro arbeitete, habe ich ihn im Park gesehen“ nur scheinbar behauptende Sprechakte, erfüllen aber in Wahrheit nicht die Bedingung des Sprechakts der Behauptung, auch in der verneinten Version eine sinnvolle Aussage zu ergeben. Denn die Aussagen: „Die Zahl Pi ist nicht homosexuell“ und „Obwohl mein Freund im Büro arbeitete, habe ich ihn nicht im Park gesehen“ ist genauso unsinnig wie ihr Gegenteil.
Wir bedürfen daher keines speziellen Sinnkriteriums, um nachweisen zu können, welche Äußerungen sinnvoll, sinnlos oder unsinnig sind. Wir müssen sinnvolle Aussagen nicht auf solche mit empirischem Gehalt einschränken oder solche, deren Wahrheitswert durch methodische Verfahren wie die Verifikation festgestellt werden kann. Wenn wir eine Äußerung einem Typus von Sprachhandlung wie dem Behaupten, Fragen und Auffordern eindeutig zuordnen können, weil sie die Geltungsbedingung eines solchen Sprechakttypus erfüllt, wissen wir, daß es sich um eine sinnvolle Äußerung handelt. So eröffnen wir uns den weiten Raum aller sinnvollen Äußerungen und müssen uns nicht auf eine spezielle Ontologie der Tatsachen oder Bedeutungen festlegen.
Ein einfaches Verfahren, festzustellen, ob eine Äußerung eine sinnvolle Behauptung darstellt, ist ihre Negation: Ergibt sie eine sinnvolle Aussage, haben wir im Ausgangssatz ebenfalls eine sinnvolle Aussage. Die Aussage: „Der Mond ist aus Käse“ ist eine sinnvolle Aussage, denn ihre Negation: „Der Mond ist nicht aus Käse“ ist eine sinnvolle Aussage und sogar ein wahrer Satz.
Aussagen wie: „Dieser Satz ist nicht wahr“ scheiden als unsinnige Aussagen aus der Welt, in der unsere Sprechakte des Behauptens Geltung beanspruchen, aus. Wir müssen, um dies zu begründen, nicht einmal auf die dieser Aussage entspringende Paradoxie verweisen. Es genügt festzustellen, daß ihre Negation: „Dieser Satz ist wahr“ unsinnig ist, um zu ermessen, daß der Ausgangssatz die Bedingung des Geltens von Behauptungen, wahr oder falsch zu sein, nicht erfüllt. Denn evidenterweise ist sowohl der Satz: „Dieser Satz ist wahr“ als auch seine Negation weder wahr noch falsch.
Dies gilt auch für Aussagen wie: „Es regnet, aber ich glaube es nicht“ oder: „Ich habe Schmerzen, aber ich glaube es nicht“. Ihr Unsinn erweist sich an ihren Negationen: Denn sowohl die Aussage: „Es regnet nicht, aber ich glaube es nicht“ wie die Aussage: „Ich habe keine Schmerzen, aber ich glaube es nicht“ sind weder wahr noch falsch und also unsinnig.
Unsinnig ist die Aussage: „Mein Gehirn dachte, ich hätte kein Gehirn“, nicht weil es unsinnig wäre, zu behaupten: „Ich habe kein Gehirn“, denn die Negation dieses Satzes: „Ich habe ein Gehirn“ ist sowohl sinnvoll als auch wahr, demnach ist der falsche Ausgangssatz „Ich habe kein Gehirn“ ebenfalls sinnvoll. Die zusammengesetzte Aussage ist deshalb unsinnig, weil sie die Bedingung des Sprechaktes des Behauptens nicht erfüllt, die darin besteht, daß das Subjekt unserer mentalen Akte kein Objekt sein kann. Das Gehirn ist aber ist natürlich ein Objekt in der Welt, das wir zum Gegenstand einer Aussage machen können.
Unsinnig sind Aussagen wie: „Die Gesellschaft unterliegt einem allgemeinen Verblendungszusammenhang“, weil sie impliziert, daß sie die Möglichkeit ihrer Negation: „Die Gesellschaft unterliegt nicht einem allgemeinen Verblendungszusammenhang“ ausschließt, denn würde ich dies behaupten, gäbe ich Zeugnis von eben jener ominösen Verblendung, von der frei zu sein ich mich zu behaupten erdreistet habe. Wir haben es hier also im großen Teich der Unsinns-Fische mit einem besonderen Prachtexemplar zu tun, denn die Aussage hebt die allgemeine Geltungsbedingung des Sprechakts des Behauptens, also ihrer selbst, auf, nämlich, daß eine sinnvolle Aussage negiert werden und eine neue sinnvolle Aussage ergeben kann. Des weiteren erweist sich der Unsinn dieser Aussage darin, daß ein Universalbegriff der Gesellschaft zu logischen Antinomien führt, denn Aussagen über die Gesellschaft im allgemeinen sind per definitionem keine Aussagen über die speziellen Eigenschaften der Gruppen, aus denen sie sich zusammensetzt. Behaupte ich aber, daß sowohl die Eigenschaft P1 der Gruppe A, welche die Eigenschaft P2 der Gruppe B ausschließt, als auch die Eigenschaft P2 Eigenschaften der Gesellschaft im allgemeinen darstellen, verfange ich mich in der Antinomie.
Unsinnig sind Aussagen wie: „Der manifeste Trauminhalt zeigt Ihre Devotion vor dem Vater, weil Ihr latenter oder unbewußter Wunsch, ihn zu töten, verdrängt worden ist.“ Wenn du in der psychoanalytischen Sitzung leugnest, diesen Wunsch je verspürt zu haben, gilt diese Leugnung als Bestätigung der Verdrängung des unbewußten Tötungswunsches. Wieder haben wir eine Aussage vor uns, die die Möglichkeit ihrer Negation und damit die allgemeine Geltungsbedingung von Behauptungen ausschließt.
Die Behauptung, es gebe unbewußte Phänomene oder das Phänomen des Unbewußten, ist Unsinn, denn von dem, was mir nicht bewußt ist, weiß ich nichts, und das, was ich weiß, kann per definitionem nicht unbewußt sein.
In der Rede vom Unbewußten kommen Bilder zur Geltung, die das Denken mißleiten, wie das Bild einer Höhle, deren Eingang noch etwas sichtbar läßt, während die Dinge in ihrem Inneren ganz verborgen sind: Wenn am Eingang ein Handschuh liegt, warum sollte sein Gegenstück nicht unsichtbar im Inneren liegen? Aber das menschliche Bewußtsein ist kein Behälter, ebensowenig wie das Gedächtnis eine Höhle ist, in die man mit dem geeigneten Instrument, wie der freien Assoziation, hineinleuchten könnte.
Unsinnig sind Aussagen wie: „Das Absolute ist die Identität von Natur und Geist.“ Denn auch solche grandios und wie ein Hammerschlag gegen den Kopf auftretende Formeln des deutschen Idealismus schließen die allgemeine Geltungsbedingung sinnvoller Aussagen aus, nämlich in negierter Form ebenfalls eine sinnvolle Aussage zu ergeben. Das sogenannte Absolute sträubt sich, um es ironisch zu sagen, verständlicherweise gegen seine Negation, denn dann verlöre es den Charakter des Absoluten. Zu sagen: „Das Absolute ist nicht die Identität von Natur und Geist“ ist weder sinnvoll noch wahr, also unverständlicher Unsinn, denn wir können weder theoretisch präzise einen Gegenstand namens Natur noch einen Gegenstand namens Geist bestimmen, geschweige denn ihre Identität.
Alle Sätze der (idealistischen) Philosophie, die etwas Absolutes oder eine absolute Erkenntnis auf dem Gebiet der Erfahrung, also der Natur, der Geschichte und der Formen des menschlichen Geistes, auszusagen prätendieren, sind unsinnig, weil sie dem allgemeinen Geltungsgrund des Sprechaktes der Behauptung, entweder wahr oder falsch sein zu können, zuwiderlaufen, eben weil sie vortäuschen, nicht falsch sein zu können. Sie täuschen vor, wie Spinoza mittels Anwendung der geometrischen und axiomatischen Methode auf alles, durch eine Super-Methode der Dialektik oder der intellektuellen Intuition ins innerste Wesen der Erscheinungen vordringen zu können. Darin sind sie vom magischen Denken nur um die Schneckenstrecke der Anwendung eines blendenden Dekors beeindruckender Wörter entfernt.
Unsinnig sind Aussagen und Sätze, die vorgeben, das Ganze der Erfahrung abbilden zu können, denn sie sind selbst kein Teil dieser Abbildung. Für die logisch vorgegebene und unhintergehbare Unvollständigkeit der theoretischen Erfassung des Ganzen der Erfahrung führen wir folgende Gründe an:
1. Das Weltganze kann nicht vollständig – auch nicht durch eine sogenannte Weltformel – erfaßt werden, weil die Theorie, die vorgibt, es zu erfassen, aus dieser Erfassung herausfällt und ihrerseits nach einer Metatheorie verlangt, die sie umfaßte, und so weiter ad Kalendas Graecias.
2. Die Tatsache der Einheit des Bewußtseins, die all unserer Erfahrung und unserem Sprechen zugrundeliegt, kann nicht abgeleitet werden, weil jede Form der theoretischen Ableitung sie wiederum voraussetzt. Es ist natürlich insbesondere müßig und töricht, das Bewußtsein aus den natürlichen Prozessen des neuronalen Systems ableiten zu wollen, weil neuronale Prozesse per definitionem im besten Falle Objekte des Bewußtseins sind, aber selbst kein Bewußtsein enthalten.
3. Das Scheinwissen der idealistischen Lehren in Sätzen wie: „Der absolute Begriff ist das Für-Sich des An-Sich“ oder „Das Ich begrenzt sich durch Setzung des Nicht-Ich“, rührt von bloßer Wortklauberei, wobei die Wörter wie analytische Einheiten kombiniert werden. Denn in der Tat gönnt uns nur die Analyse von Komplexen wie die Analyse der Zahlen, der mathematischen Operationen und geometrischen Formen, eine vollständige Transparenz, die uns die Erfahrung mißgönnt und entzieht, aber einzig aus dem Grund, weil sie Konstruktionen des menschlichen Geistes sind, die wir auf ihre letzten Hintergründe, die Axiome und die logischen Ableitungen der Theoreme, zurückführen können.
Unsinnig sind Aussagen wie: „Ich werde mir meiner seelischen Akte durch Reflexion bewußt“, weil sie die Negation dessen implizieren, was sie behaupten. Hier haben wir den Gegen-Unsinn zu den bisher betrachteten Fällen, welche die Negation ausschlossen. Der Satz impliziert nämlich seine Negation: „Ich werde mir meiner seelischen Akte nicht durch Reflexion bewußt.“ Wenn du ein Bild im Museum betrachtest, dann aber den Strahl deiner Aufmerksamkeit auf den Akt deines Sehens lenkst, siehst du das Bild nicht mehr, sondern bist vom reinen Akte des Sehens abgelenkt. Wenn die Reflexion das, was sie hervorzubringen berufen scheint, vernichtet, sollten wir davon ausgehen, daß es sich bei diesem Begriff und das mit ihm Gemeinte oder vielmehr Beschworene um einen Mythos handelt. Wir müssen vielmehr sagen, daß uns die Akte unseres intentionalen Lebens ohne Reflexion oder unmittelbar gegeben und evident sind: Natürlich weißt du, wenn du ein Bild betrachtest, ohne darüber reflektieren zu müssen und also unmittelbar, daß du ein Bild betrachtest und daß du es bist, der das Bild betrachtet.
Unsinnig sind Aussagen, die die Geltungsgrundlage ihres Sprechaktes oder ihrer zugrundeliegenden Intentionalität implizit bestreiten. Der Ehemann, der seiner Frau seine Liebe bestätigt und anschließend seiner Geliebten einen Heiratsantrag macht. Der Schuldner, der dem Gläubiger anbietet, ihm das geliehene Geld zu einem höheren Zinsfuß zu leihen. Der multikulturalistisch weichgespülte Katholik, der medienbeflisssen bekräftigt, der Gott Mohammeds sei identisch mit dem Vater Christi.
Unsinnig sind Aussagen, etwas sei wahr, wenn ihnen die für sie unentbehrliche Evidenz mangelt. Einer wird des Mordversuchs an einer öffentlichen Person aus einem niederen Motiv bezichtigt, weil ihm dieses Motiv bei einer Versammlung von Menschen begegnet sei, die Personen wie die später von ihm angegriffene angeblich hassen und angeblich als gemeingefährlich und todeswürdig hinstellen. Es ist klar, daß diese Behauptung nur den Sinn hat, die Gruppe von Menschen, die dem Angeklagten das Motiv insinuiert haben soll, zu diskreditieren. Evidenz hätte es nur im Bewußtsein dessen, dem genau dieses Motiv bei der aktuellen Ausführung der Tat vor Augen geschwebt hätte. Aber das wissen wir nicht, und vielleicht nicht einmal der Täter, denn er könnte es bis dato vergessen haben. Aber auch wenn er uns bestätigen würde, aus diesem Motiv gehandelt zu haben, hätten wir keine Gewißheit, denn er könnte jetzt glauben, dieses Motiv habe ihn bei der Tat beherrscht, obwohl es ihm damals nicht im mindestens evident vor Augen geschwebt hat, abgesehen von der Möglichkeit, daß er jetzt lügnerisch dieses Motiv verwenden könnte, um seiner Tat einen fragwürdigen oder schäbigen Glanz zu verleihen.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette