René Char, Effacement du peuplier
L’ouragan dégarnit les bois.
J’endors, moi, la foudre aux yeux tendres.
Laissez le grand vent où je tremble
S’unir à la terre où je croîs.
Son souffle affile ma vigie.
Qu’il est trouble le creux du leurre
De la source aux couches salies!
Une clé sera ma demeure,
Feinte d’un feu que le coeur certifie;
Et l’air qui la tint dans ses serres.
Verblassen der Pappel
Der Orkan schminkt die Wälder ab.
Ich, den Blitz im weichen Auge, ich wiege ihn.
Möge, unter dem ich zittre, der große Wind
eins werden mit der Erde, wo ich wurzele.
Sein Atem wetzt mein Gesicht.
Wie ist die Pfütze der Täuschung trübe,
wie sich die Quelle wälzt im schmutzigen Bett!
Ein Schlüssel wird mein Wohnen sein,
Trug eines Feuers, der Wahrheit findet im Innern,
und die Luft, die auf seinen Zähnen pfeift.
Das Gespinst
Auf den Nebeln über dem Maar der Seufzer
recken sich die Porzellanköpfe der Schönen empor.
Ihre Körper aus Alabaster und Schnee sind vierfach geflügelt,
und das Flattern und Klatschen der Flügel
wirbelt goldenen Staub in den Atlas des Himmels.
Ihre Gesichter von Kreide und Purpur krönt der Helmbusch
blauschwarzen Haars. Eine wölbt den Hals eines Schwans,
eine schlägt mit dem Schweif des Tigers, eine bettet
die weiße Brust einer Hirschkuh auf ein Kissen,
prall vom Zwitschern erstickender Vögel.
Langsam trägt der Dunst sie über das Wasser,
aus dem schimmernde Fische aufschnellen
und wie aus Tritonen Pfiffe, Schnalzen und Küsse
den lauen Wind in blaue Böen verdichten.
O, wie das Porzellan der Köpfe widertönt von Schmerz!
Dann ritzen Blitze den Dunst, und bei jedem Donner
reißt die eine den Puppenkopf der andern vom Hals
und setzt ihn sich auf, bis sie den Reihen wieder vollendet.
Hunde bellen am Ufer, schmutzige Gören tanzen
und werfen mit Steinen, bis ein Porzellan zerspringt.
Es war nur eine Epiphanie des alten Maars, nichts als
ein Quellen von Reizen märchentoter Schminke,
von Schmerzensmasken, wilden Abschiedsgebärden,
die der See unter dem Lied der Dommel gebar,
die im flüsternden Schilf vom Mondlicht trank.
Geh nur beherzt zu den Kindern ans Ufer, tanze
mit ihnen, wirf auch du deinen Stein auf das Gespinst.
René Char, Le Martinet
Martinet aux ailes trop larges, qui vire et crie
sa joie autour de la maison. Tel est le coeur.
Il déssèche le tonnerre. Il sème dans le ciel serein.
S’il touche le sol, il se déchire.
Sa répartie est l’hirondelle. Il déteste la familière.
Que vaut dentelle de la tour ?
Sa pause est au creux le plus sombre. Nul n’est plus
à l’étroit que lui.
L’été de la longue clarté, il filera dans les ténèbres,
par les persiennes de minuit.
Il n’est pas d’yeux pour le tenir. Il crie, c’est toute
sa présence. Un mince fusil va l’abattre. Tel est le coeur.
Der Mauersegler
Mauersegler mit den allzu langen Flügeln, er schnellt und schreit
seine Freude um das Haus. So ist das Herz.
An ihm wird der Donner stumpf. Er sät in den heiteren Himmel.
Berührt er den Boden, zerreißt es ihn.
Die Schwalbe ist sein Widerpart. Er verachtet die anhängliche.
Was ist ihm schon des Turmes Spitze?
Er duckt sich zur Rast in die dunkelste Mulde. Er zwängt sich
in den schmalsten Spalt.
Dehnt der Sommer sich weit ins Helle, huscht er in dunkle Räume
durch die Jalousien der Mitternacht.
Kein Blick vermag ihn zu halten. Er ist ganz Schrei
der Gegenwart. Ein Flintenschuß, kaum hörbar, er stürzt. So ist das Herz.
Damals
Damals, der Rauch über den Garben,
hob sich mit der Asche dein Gesicht in die Nacht.
Damals, die Frau barg sich im grauen Schweigen,
rupfte der Putto eine Wimper dir aus.
Damals, der Fluß schluchzte unterm Eis,
ritzten Kristalle Schmerz ins Gedächtnis.
Damals, der Garten war dunkel von Moos und Verzweiflung,
hast du dein Herz in den Humus gegraben.
Damals, aus dem Maar von Maria Laach
spie ein Geysir giftig-heiße Botschaft dir zu.
Damals, dein Geschlecht träumte im Gras,
weckten dich Tropfen zur Wanderung.
Damals, bang bogst du das Schilf zur Seite,
sah das Schicksal dich an, ein Auerhahn.
Damals, der Mann breitete seinen Schatten
dir zu Füßen aus und du schrittest ins Abseits.
Damals, die Murmel der Kindheit rollte
in ein Mauseloch und du erwachtest zur Einsamkeit.
Damals, die Hostie der Gnade klebte am Gaumen,
und du fürchtest, hofftest, daran zu ersticken.
Damals, die Frau mit dem goldenen Haarnetz sang,
und du zappeltest, ein gefangener Fisch.
Damals, die Äpfel leuchteten, schwankende Lampions,
und dir warf Dämmerung den schweren Mantel um.
Damals, der Mann mit dem zertrümmerten Bein
schlug dich mit der Krücke zum Knappen seiner Irrwege.
Damals, auf den Wellen des Rheins zitterten die Rufe
und zerliefen des Raddampfers festliche Farben.
Damals, der Garten träumte unter Fäulnisschimmern,
stieß dein Fuß an die Mauer des trockenen Brunnens.
Damals, die Frau mit den wunden Rosenkranz-Knien
versteckte in deinem Schrank den Lavendel der Wehmut.
Damals, als, eine Sphinx quälender Rätsel, die Lehrerin
dich nach vorn rief, platzte die Blase der Angst.
Damals, durch den Schnee stapften Priester und Ministrant
zur Krankenkommunion, sahst den armen Glanz der Küchen.
Damals, als die Fenster Blumenaltäre waren und die Straße
ein Blumenteppich, lief die Frau dem Liebeskrüppel nach.
Damals, als in das Fenster des Krankenzimmers schien
ein fremder Mond, gluckste in deinem Kissen ein ferner Quell.
Damals, die Frau fand den Mann auf der bemoosten Schwelle,
wurdest du mit falschen Blütengirlanden umwickelt.
Damals, auf der Schultafel tanzten des Schicksals Chiffren,
bescheinigte dir das Schulgericht Lebensblindheit.
Damals, Jesus hatte sich in die Matthäuspassion geflüchtet,
kramtest du im Gerümpel des Speichers eine Dornenkrone aus.
Damals, noch einmal blühte der Jasmin im Garten,
hast du den Verband abgerissen, hieltest die Wunde ins Licht.
Lerne von der Rose Liebe
Wie fern du deiner Lippe bist,
wenn sie das Lied der Quelle rührt.
Nimm die Rührung in dich auf,
wie die Rose weint im Morgentau.
Wie fern du deiner Wange bist,
wenn Liebesscheu sie wärmt.
Nimm die Wärme in dich auf,
wie die Rose flammt an Sonnenzungen.
Wie fern du deinen Wimpern bist,
wenn sie zittern vor dem Licht.
Nimm das Zittern in dich auf
wie die Rose trunkner Biene Tanz.
Wie fern du deinem Herzen bist,
wenn es zögert in der Dunkelheit.
Nimm das Zögern in dich auf
wie die Rose Wolkenschattenspiel.
Wie fern du deinem Atem bist,
wenn die Stille ihn zum Meer hin dehnt.
Nimm die Stille in dich auf,
wie die Rose Sternenblick verschließt.
Wie fern du deinen Händen bist,
wenn sie der Schnee der Küsse wärmt.
Nimm die Küsse in dich auf
wie die Rose Regentropfen.
Wie fern du deinen Haaren bist,
wenn die Sonne sie beglänzt.
Nimm das Glänzen in dich auf
wie die Rose Falters Augenblick.
Wie fern du deinem Ursprung bist,
wenn er nach der Mündung seufzt.
Nimm das Seufzen in dich auf
wie die Rose Windes Elegie.
Wie fern du deinen Augen bist,
wenn das Unglück sie umschattet.
Nimm den Schatten in dich auf,
wie die Rose sinkt in Wehgebärden.
Wie fern du deiner Seele bist,
wenn die Glocken bang verhallen.
Nimm das Schweigen in dich auf
wie die Rose Mondes bleichen Kuß.
Wir tun gut daran, zwischen lokaler und nationaler Kultur zu unterscheiden. Die nationale Kultur wie die deutsche Klassik der Lessing, Klopstock, Herder, Goethe und Schiller zehrt von den lokalen Kulturen ihrer Schöpfer, insofern sie ihren Zungenschlag, die Inkremente ihrer dichterischen Phantasie und den wimmelnden Bienenkorb ihrer Geschichten aus der Provinz in die Residenzstädte der nationalen Kultur mitbrachten.
Die wesentlichen kulturellen Entscheidungen fallen in der nationalen Kultur. Das betrifft in erster Linie die Entwicklung der Hochsprache und ihre Verfeinerung und Vertiefung durch die klassischen Werke. Iphigenie auf Sächsisch erzeugt Heiterkeit, Wallenstein auf Berlinerisch verliert entscheidend am melancholischen Grundton des Heros zwischen den Welten.
Wir sehen eine Parallele in der altgriechischen Klassik. Aus dem ionischen Dialekt entwickelte sich die attische Hochsprache der Tragödiendichter, Historiker und Philosophen, während Sappho und die frühe Chorlyrik oder die Hymnen eines Pindar noch äolische Sprachformen aufweisen. Infolge der politischen Dominanz Athens wurden seine Bauten und Kunstwerke, seine Theaterspiele und Feste und vor allem seine ins Allgemeine und Vollkommene strebenden Sprachkunstwerke die Exempla für ganz Griechenland.
Man muß demnach die nationale Kultur vom politischen Begriff der Nation unterscheiden. Goethe war kein politischer Nationalist und konnte keiner sein, wurzelt er doch in der vorrevolutionären Welt des 18. Jahrhunderts, während die Generation der Kleist, Schinkel oder Caspar David Friedrich sich infolge der Niederlage Preußens und der Befreiungskriege daranmachte, die kulturelle Identität der Deutschen in die politische Identität der Nation zu übersetzen, eine Bewegung, die in der preußischen Bildungsreform einen Höhepunkt erreichte.
Hölderlin hat in seinen späten Hymnen zu einem eigentümlichen Begriff der kulturellen Identität des Deutschen gefunden, indem er, ganz Philhellene und „von Apollo geschlagen“, eine Symbiose der deutschen auf einer imaginären antiken Kultur erträumte und die deutsche Frau hugenottischer Herkunft Susette Gontard in eine griechische Diotima verwandelte.
In der späten Besinnung Hölderlins auf die germanische Vorwelt der Sage und der deutschen Könige kehrt Hyperion aus der Eremitage der seligen Natur der Antike in die geschichtliche Welt zurück.
Von Goethe könnte man sagen, er sei die Alpen, in deren Tälern die Epigonen, wir Epigonen, hausen, ohne Kraft, die Gipfel zu besteigen.
Die Reife einer nationalen Kultur, insbesondere die Ausdifferenzierung einer ausdrucksvollen und formenreichen Hochsprache, ist die Bedingung für die Klassizität der sprachlichen Kunstwerke.
Die Genesis einer nationalen Kultur und einer politischen Nation können synchron und diachron verlaufen oder so ineinandergreifen, daß der politische Rahmen den kulturellen Inhalt umfaßt und schützt. Die Genesis der altgriechischen nationalen Kultur verlief diachron zur Genesis der politischen Nation, die erst im attischen Seebund einen gewissen Rückhalt erhielt. Hier sehen wir wieder die Parallele zur Entwicklung der deutschen Hochsprache seit Luthers Bibelübersetzung und der deutschen Klassik, der die Herausbildung der politischen Nation mit einigem Abstand nach dem Sieg Preußens über Österreich im Siebenjährigen Krieg und der schließlich von Bismark hart abgetrotzten kleindeutschen Lösung in der Kaiserkrönung 1871 folgte. Dagegen verlief die Genesis der französischen Klassik durch Corneille, Racine und Molière synchron und unter dem Schutzdach der Genesis der nationalen Großmachtstellung unter den französischen Königen.
Die Genesis der nationalen Kultur und der nationalen Hochsprache ist ähnlich der spontanen Höherentwicklung kunsthandwerklicher und künstlerischer Techniken ein relativ autonomer Vorgang, bei dem elementare Intuitionen und Entwürfe wie der Kanon oder der Sonatensatz in der Musik durch Verfeinerung, Auslese und Wettbewerb allmählich oder eruptiv Höchstformen der Vollendung ausbilden wie in den Symphonien Haydns und Mozarts oder den Fugen Bachs und Beethovens. Dagegen hängt das Glück der politischen Nation vom Geschick und Verstand des Souveräns und ihrer militärischen Stärke ab, wie die Beispiele Athens unter Perikles und Preußens unter Friedrich dem Großen zeigen.
Die Genesis der klassischen Hochkultur bedarf der Initialzündung oder Katalyse, wie die Entwicklung der deutschen Hochsprache ihre Initialzündung in der Übersetzung der Bibel durch Luther gemäß der Devise „Sola fides, sola sciptura“ oder die Genesis der deutschen Klassik durch die Katalyse des Vorbildcharakters der griechischen Kunst fand, in deren Folge die antiken Muster von der Dramenform bis zum Versmaß des Hexameters, des Distichons oder der Ode durch Klopstock, Goethe, Schiller und Hölderlin der deutschen Sprache anverwandelt wurden. Ähnlich wie beim Kunsthandwerk ist das Erlangen letzter Perfektion des sprachlichen Kunstwerks Ergebnis der Leistung eines Meisters, des Handwerksmeisters dort, des Sprachmeisters hier.
Das Leben und Weiterleben der Hochkultur und der klassischen Werke einer Nation bedarf der Reife, Bildung und Generosität eines Publikums, wie wir es im athenischen Theaterpublikum finden, unter dem auch die spendierfreudigen Mäzene saßen, die seine Aufführungen allererst ermöglichten, oder im weimarischen Publikum des Theaters Goethes, das den gebildeten Adel und seine großzügigen Sponsoren umfaßte.
Nationale Kulturen und politische Nationen sind ethnisch-kulturell selektiv, denn nur nachfolgende Generationen derselben sprachlich-kulturellen Herkunft vermögen eine Höchstform von Klassizität hervorzubringen und nur ethnisch Verwandte und kulturell Gleichgesinnte bilden Formen der Solidarität aus, die bis zur militärischen Verteidigung der nationalen Kultur und politischen Einheit gehen kann und gehen muß.
Eine Nation, die einen ungefilterten Zustrom von Menschen fremder, nicht assimilierbarer Kulturen auf ihr angestammtes Territorium eindringen läßt, unterhöhlt den eigenen kulturellen Bestand oder hat sich selbst als erhaltenswerte kulturelle Lebensform aufgegeben.
Wenn in den barocken Gassen der bayerischen Dörfer Gespenster-Frauen in schwarzen Hüllen wimmeln, wenn aus den Zwiebeltürmen der Kirchen der Ruf des Muezzins erschallt oder die Schariapolizei auf den Straßen Frankfurts, Kölns und Berlins Raucher verwarnt, unverschleierte Frauen züchtigt und Nonnen und Priester verhaftet, wird die Bildung der deutschen Nation soweit verkommen und verroht sein, daß die Marienbader Elegie Goethes als frauenfeindlich verunglimpft und aus dem Curriculum gestrichen wird, ebenso wie die Aufführung der Passionen Johann Sebastian Bachs verboten werden, weil sie den Vorschriften und Maßgaben eines gewissen heiligen Buches zuwiderlaufen.
Wenn die Vororte der Städte und die Schulen unter dem Druck der islamischen Invasion zu ethnischen Exklaven werden, wird noch eine Weile auf deutschen Bühnen das postmoderne Wüten und Schreien und Kotwerfen herrschen und die Gemüter der Einfältigen betäuben, doch die Ohren für die feineren Klänge der Lyrik Brentanos und Mörikes, Rilkes und Trakls öffnen sich nurmehr in der Dämmerung ummauerter Höfe und zugewucherter Gärten.
Dieselben Dummköpfe, die heute die autochthonen Völker Europas unter dem perversen Deckmantel einer universellen Moral mittels ethnischer Mischung auszulöschen bestrebt sind, erheben morgen heuchlerisch ihre gerunzelten Stirnen in das Scheinwerferlicht angesichts der Tatsache, daß ihre Maßnahmen oder ihr Dulden dafür verantwortlich sind, wenn die letzten Juden von Paris und Berlin angesichts der Anfeindungen der bedauernswerten Neuankömmlinge ihre Koffer packen.
Schau, alles ist wahr
Wolken mildern das Licht.
Gräser verstehen den Wind.
Dort, die Amsel zwitschert
ihr kleines Leben ins Wahre.
Willst du abseits stehen?
Komm ins kindliche Lächeln nach Haus,
wo der Morgentau die Augen der Blumen erfrischt.
Sei dir nur gut,
weil dein Herz nicht schweigen mag,
es will ja singen.
Schmiege sanft aus dem Traum
deine Hand in die meine,
die dir von Wärme sagt
ein dunkelgrünes Ja.
Sind wir nicht eins,
du die Blüte,
ich ihr liebliches Zittern?
Bist du nicht mein Gesicht,
das hell wird
am Krokuslicht?
Pflück ich nicht die glänzende Frucht
stillen Leids
von der Wimper dir, die Träne?
Schau, alles ist wahr,
wir sind der Heimat schon nah,
es rufen uns Glocken
aus den Wellen des Rheins.
Der Duft der Kindheit
Franzosen an sich sind eine fiktive Gattung, es gibt indes Normannen und Bretonen, Bewohner des Languedoc und der Champagne, Lothringer und Flamen, Burgunder und Provenzalen. Es gibt den Pariser Schick und die normannische Dickschädeligkeit, es gibt den Bourgogneser Stolz und die provenzalische Traumseligkeit.
Jedes Ding hat seinen Ort, jede Blume ihr Licht, jeder Mensch sein Land.
Ein Mensch ohne Land, ohne den Teint und den Zungenschlag seiner Herkunft, ohne den Duft seiner Kindheit und den Geschmack der süßen und herben Früchte seiner Gärten, ein Mensch ohne die Impressionen des Himmelslichts und der Witterung seiner Heimat, der elementaren Geräusche und Klänge der Erde, des Hufschlags, des Wieherns und Blökens und Krähens, des Hämmerns und Sägens, ein Mensch ohne die Impressionen der lokalen Farben des Himmels, des Morgengrauens, des Abendschimmers, der Bläue des Sommertags – was ist er außer ein leerer Sack, ein lecker Krug, ein Windbeutel und unbehauster Affe der universellen Leere, eine gesichtslose Fassade der Langeweile und Indifferenz.
Ohne die böhmischen Wälder kein Adalbert Stifter.
Kein Jaccottet ohne Waadt und Drôme.
Kein George ohne Rhein.
Keine Lyrik der Troubadours ohne die luzide Sinnlichkeit und das geistige Licht Aquitaniens.
Keine Sappho ohne Lesbos.
Goethe bricht nach Italien auf, kehrt aber in sein Gartenhaus an der Ilm zurück.
Die Liebesmacht, die Goethe von Italien an die Ilm zurücklenkte, war nicht der sinnliche Zauber Ovids und der erotische Impuls, mit dem er auf den schönen Rücken seiner Römerin antike Rhythmen klopfte, es war die Sehnsucht nach Vollendung durch die schmerzhafte Verwandlung im Feuer- und Opfertod des Liebesfalters, eine deutsche Flamme in einer antiken Lampe.
Die natürlichen Verbündeten des lokalen Menschen sind die heimischen Blumen und Tiere, das Wetter seiner Himmelsregion, die windige Weite seiner Ebene oder seines Meers, die Verheißung des Schneelichts seiner Gipfel.
Der lokale Mensch hat sein Gesicht wie der Baum seine Rinde, die Rinde ihre Narben, der Uferstein seine Flechten, der Waldpfad seine Spuren und Verwerfungen.
Die Dekadenz der europäischen Kultur beginnt mit der Idee des Uomo Universale und gipfelt in der Idee der Globalisierung der einen Menschheit.
Der globale Mensch hat kein eigenes Gesicht, er spiegelt wie die Pfütze die vorüberziehenden Wolkenfetzen die visuellen Fetzen des Werbespots, der Illustrierten, der Nachrichten.
Der lokale Mensch atmet mit seinem Gedächtnis.
Der globale Mensch hat statt eines Gedächtnisses einen Terminkalender.
Es war der Geruch des Herdfeuers, die flackernde Glut an der Decke, wo der Fliegenfänger baumelte, der feierliche Klang der Glocken, der süßlich-betäubende Duft des Weihrauchs und der Lilien am Marienaltar, es war der mißliche Tritt in den Kuhmist, das Loch im Fuß des Großvaters, das er von Verdun mitbrachte, es war der Dunst in der Waschküche und das Wabern des großen Kessels mit den Einmachfrüchten, der Duft nach Lebkuchen und Kerzen zu Weihnachten, es war der allsonntägliche Gang auf den Friedhof, der Sand und Schlick am Moselufer, wenn das Schilf von den Wellen wogte, es war das Sehnsuchtsweh, ausgebreitet im Abendlicht über den Hügeln der Eifel, es waren all diese und tausend andere Dinge, die sich wie tote Mücken der Erinnerung wieder zu krabbeln bemüßigten, wenn der Atem der Liebe sie behauchte.
„Wir bleiben in der Provinz“ ist als Wort des Philosophen überliefert, der seine Weltgedanken aus dem Brunnen vor der Hütte von Todtnauberg schöpfte.
In der einzigartigen Maserung des Blatts, das dir von der Linde vor der Kirche der Wind zugespielt hat, liest du alle Rätsel des Lebens.
Der globale Mensch hat kein Geheimnis. Er kann durch einen Roboter ersetzt werden – der Traum aller Globalisierer und Internationalisten.
Sie tun so, als bliebe alles beim Alten, wenn statt der lebendigen Stimme der Mutter ein Band abgespult wird, um den Säugling in den Schlaf zu wiegen.
Sie tun so, als bliebe alles beim Alten, wenn die einzelnen Stimmen der Dichter in einem allgemeinen babylonischen Sprachengewirr untergehen.
Sie tun so, als bliebe alles beim Alten, wenn die christliche Liturgie mit Popmusik oder Jazz ins geneigte Ohr des Radiohörers geträufelt wird.
Sie tun so, als bliebe alles beim Alten, wenn der christliche Kalender globalisiert und die Feste umgewidmet werden.
„Weltmusik“, eine contradictio in adjecto.
Wer bayerischen, rheinischen oder sächsischen Dialekt spricht, kann nicht so leicht lügen wie der smarte Börsianer oder internationale Kunstagent in seinem fehler- und keimfreien Englisch.
Die großen Werke entstehen nicht aus der Befruchtung durch den Dunst der Metropolen, vielmehr sind ihre Hebammen die Kräfte der Bewahrung des Eigenen, das Dichter wie Benn nach Berlin oder Canetti nach Wien aus ihren Provinzen mitbrachten, im Widerstreit mit den Dämonen der Nivellierung und des Verwackelns und Verwaschens der eigenen Zunge im Geschwätz der Politik und der Zeitung.
Die Kirche ist in der Gefahr, sich selbst zu beschädigen, wenn sie das Katholische mit dem Globalen ineinssetzt.
Die Apostel und Jünger der neuen Kirche, die aus aller Herren Länder zusammengeströmt waren, haben bei der Ausgießung des Heiligen Geistes in Gestalt der Feuerzungen nicht in einer Einheitssprache reden und sich verständigen, sondern die Botschaft jeder in seiner eigene Sprache hören und verstehen und übersetzen können.
Wenn man die schlichten Veilchen Brentanos durch üppige Orchideen ersetzte, ginge der eigentümliche Duft und Sinn seiner Verse verloren.
Deutschen Michels liebster Wahn
Wenn er in Filzpantoffeln döst
sommersonntagnachmittäglich
auf der durchgefurzten Chaise,
wenn die Sonne neckisch ihm
im dicken Tropfen irisiert,
der an der Nasenspitze zittert,
träumt ihm heiß, träumt ihm schwer,
denn die Knödel quellen quer,
träumt ihm von dem bösen Surren
einer Fliege, haarig-schwarz,
und er greift sich traumverbittert,
eine Klatsche, somnambulisch
auf die Jagd zu gehen, und er
hebt des Denkers Pansen aus
den Kissen, ritsch und ratsch,
pitsch und patsch haut er
drein, und stets entschwirrt
ihm das schnurrige Phantom
dieser Tausendjahres-Fliege.
Ritsch und ratsch fällt die Vase,
stürzt herab von der Vitrine
Bild um Bild gerahmten Grinsens
feister Enkel, dicker Kater,
und das Aquarium stürzt mit.
Doch nun setzt des Dämons Schatten
sich über seiner Lippe fest,
und es reißt der deutsche Michel
sich den Schatten ab und ab,
vergebens. Denn es ist der Unheils-
Schnurres seines liebsten Wahns.
Der verliebte Küchentisch
Wenn sie kommt, wenn sie sitzt
an meinem einen Ende,
und sie pellt und sie schält
Zwiebeln mir aufs Haupt,
wenn sie mit dem Busen scheuert
mir die Glatze tränenblind,
mag ich nicht mehr steif und dumm
stehen auf vier Beinen rum,
quillt ein Ächzen tief aus mir,
schwillt ein Beben aus den vier
Beinen mir, und mir ist,
als tanze in der Küche ich
rund mit ihr, bis ihr Auge feucht,
auf den Fliesen rutscht sichʼs leicht,
und ich hör mich seufzen:
„Lieber, guter Wurm im Holz,
nage tiefer meinen Stolz,
nage mir ein Holzbein ab,
sonst macht meine Liebe schlapp,
lieber, guter, wurme mich!“
Da macht das holde Ding
ein unholdes End dem Beben
und drückt das schwere Siegel
ihres Hinterns, ach, mir auf.
Mundwasser gegen Sprachfäule
Der aufrechte Gang verhilft immerhin einigen dazu, dem großen Bruder nicht in den Hintern zu kriechen.
Es gab in der Alma Mater bedeutende Frauen, die das weibliche Zartgefühl und den genauen Blick für die geheimnisvollen Muster des Webstücks und die fein umklöppelte Naht zum Erschließen der Texte haben fruchtbar werden lassen können.
Der neue Typus des bebrillten, sterilen Weibs ist dem Mann durch Nachäffen seines akademischen Jargons und seines keimfreien Habitus höriger als die Matrona dem Pater familias.
Für die Narren ist der Held ein Narr, närrischer als sie selbst.
Die der eigenen Kultur wie der Ochs vorm Berg gegenüberstehen, flüchten in exotische Gefilde, wo sie von Kamelen gebissen werden.
Dem Großen ist nichts fremd, den Kleinen stört selbst der heimische Mistkäfer.
Als Ausflucht vor dem eigenen Leben dienen ihnen die Behinderungen anderer.
Je verlogener das Ideal, desto salbungsvoller das Gerede.
Tausend Worte für ein verschwiegenes.
Die große Eiche reißt ein paar kleinere mit in den Abgrund.
Die Bakterie ist der deus absconditus des Leibes.
Was dich bei manchen abstößt, ist nicht der ranzige Schweiß, es ist der Fäulnisgeruch der Seele.
Im europäischen Kaisertum wurde der germanische Titel romanisiert und der römische Titel germanisiert.
Das germanische Gefolgschaftsrecht ist der Kontrapunkt zum cäsarischen Imperium.
Der American Way of Life ist der Tod der europäischen Lebensform durch Fitnessprogramme und mentales Training.
Schon das alte Rom verstand sich als Nation, seine Bewohner als Kinder eines mythischen Stammes. Erst durch die germanische Invasion wurde dieses Bewußtsein getrübt.
Der brave moslemische Knabe, der in hundert Jahren das Bild der deutschen Schulen prägen wird, schaukelt somnambul über dem heiligen Buch. Wie sollten für ihn Sappho und Sophokles, Horaz und Tacitus, geschweige denn Gryphius, Luther und Bach ein Begriff sein?
Der deutsche Michel jagt wie bei Wilhelm Busch mit der Fliegenklatsche dem Surren und Summen einer böse stechenden Fliege nach und zerdeppert, wütend links und rechts dreinschlagend, sein kostbarstes Porzellan. Nur ist es keine Fliege, sondern die Phatasmagorie eines winzigen schwarzen Schnurrbarts.
Es ist denkwürdig, daß der erste christliche Kaiser das Zentrum des Reiches in die östliche Gegend verpflanzte, die heute Istanbul heißt.
Nicäa ist das Schibboleth des Westens.
Der Priester, einst die charismatische Lebensform, zählt heute zu den verachtetsten Menschen.
Daß heute Priester, die den göttlichen Auftrag höher stellen als parlamentarisches Geschwätz, von der eigenen Kirche gemaßregelt und geschurigelt werden, belegt die Tatsache, daß diese von den finsteren Mächten der Aufklärung schon heimgesucht und verseucht ist.
Welche Mächte werden in das Vakuum sickern, das der Zusammenbruch des heutigen Europas aufreißt? Der Islam oder ein erstarktes russisches Imperium.
Wenn der Muezzin von einem Turm des Kölner Doms aus blökt, wäscht sich der ehemalige Klerus die Füße im ehemaligen Tauf- und Weihwasserbecken.
Das Ehrgefühl, ein mächtiger Antrieb des individuellen und historischen Handelns, spiegelt die vitalen Grenzen des Einzelnen oder der Gruppe und ihre Verletzung.
Zeitungslektüre verwässert das Gefühl für das eigene Dasein.
Theaterbesuche schüchtern heutzutage das Recht des Einzelnen auf eine eigensinnige Rolle im Leben ein.
Aufklärung ist der Fetisch der Zeitung.
Welch ein Triumph der Aufklärung, daß derjenige, der das Charisma des Königs für höher erachtet als das geistlose Flattern der Trikolore, für verrückt erklärt werden kann!
Wir lernen sprechen, auch wenn wir noch nicht genau wissen, was wir sagen.
Wir können uns nicht im Spiegel erkennen, auch nicht im Spiegel der anderen.
Mit der ständigen Wiederholung und dem theatralischen Herausbrüllen gestanzter Phrasen gelangen sie ins Scheinwerferlicht.
Wenn sie sich aufblähen wollen und nichts Eigenes haben, dichten sie sich ein modisches Trauma an.
Zu glauben, das Bewußtsein sei das Phosphoreszieren eines kontingenten Schimmels auf der Erdkruste, ist genauso dumm wie die Annahme, die Ilias Homers komme zutage, wenn man das große Wörterbuch von Liddell-Scott so lange schüttelt, bis die richtigen Wörter in der richtigen Reihenfolge herauspurzeln.
Den göttlichen Nous an den Anfang der Welt zu setzen ist klüger, als das kosmische Feld dem Ungefähr blinder Photonen zu räumen.
Die Sätze normativer Kraft, die das Handeln hervorrufen, stehen nicht in einem Lehrbuch der Deontologie oder einem moralphilosophischen Traktat.
Das Schrille, das Marktschreierische, das Staccato der Stimme ist ein index falsi.
Je sorgfältiger, genauer, feinhöriger du vorgehst, umso verhaltener, leiser, inniger wird deine Stimme.
Die Häßlichen und die Literaten flüchten zu obszönen Gesten, um das vulgäre Publikum zu bannen.
Die schlichte Butterblume bricht durch den Asphalt ans Licht.
Das Feuilleton ist dieser Asphalt. Was aber die Blume?
Klare, nüchterne Sentenzen als Mundwasser gegen Sprachfäule.
Nicht wahrnehmen, ignorieren, vergessen – Tugenden einer neuen Askese.
Du erzählst von den wunderlich-unwirklichen Orten, an die dich der Traum entrückt hat, ohne zu erwähnen, daß es ein Traum war – und dein Gegenüber fällt gleich ein: „Kenne ich, war ich schon!“
Es gibt keine Abenteurer mehr, nur noch Touristen.
Der Tourismus ist der Dolch ins Herz des Fernwehs.
Museumsgaffer und Gartenschauglotzer – Bilder-Touristen, Touristen im heimischen Park.
Die Hecke um den hortus conclusus der reinen Empfindung ward von den Vollstreckern der Aufklärung um der Zudringlichkeit von Hinz und Kunz willen niedergerissen.
Die Psychoanalyse ist die Methode, dem Menschen seine Lebensmysterien, die sich in seiner Krankheit krankhaft verpuppen, zu entblättern und zu entreißen. Nach einem solchen Kahlschlag soll er sich glücklich schätzen, zu sein wie alle anderen, leer, geheimnislos, entkernt und entbeint.
Die Dichtung sei die schlichte Butterblume, die durch den Asphalt bricht.
Licht des Lebens
Ihr Feder-Wolken,
Engel lichter Küsse,
hebt mich aus dem grauen Dunst,
dem stummen Atem-Dienst.
Du kleiner Spatz,
dein Zwitschern frommt dem Morgenhauch,
rührt mir den Mohn des Traums.
Du Waldmaus
mit dem heißen Herz,
mach meinen Finger bluten,
der frech dein Löchlein fand.
Ihr Regentropfen,
macht die Dächer spiegeln
schräge Strahlen,
milde Schatten,
laßt die Lippen seufzen.
Du Licht des Lebens,
Krokus, sanft und scheu,
wollest mein Augen feuchten
für ein Angedenken
aller meiner Toten.
Ein unerhörtes Ereignis
Über den begrifflichen Unterschied von Natur und Geschichte
In einem fernen Winkel des Universums verschmelzen zwei seit Jahrmilliarden umeinander kreisende schwarze Löcher von insgesamt etwa 65 Sonnenmassen und senden dabei Gravitationswellen aus, die spezifische Überlagerungen bei der Ausbreitung von rechtwinklig zueinander reflektierten Lichtwellen der Laser in zwei 3.000 Kilometer voneinander entfernten Interferometern bei Washington und Louisiana, USA, in der Dimension von Zehntausendsteln des Protonendurchschnitts bewirken. Die daraus ermittelten Daten bestätigen die Hypothese Einsteins von der Existenz von Gravitationswellen und der durch sie verursachten minimalen Krümmung der Raum-Zeit sowie ihre Berechenbarkeit durch Feldgleichungen. Die Hypothese der Existenz von Gravitationswellen läßt sich aus der Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins von 1915 ableiten, ihre Bestätigung ist damit auch eine Bestätigung dieser Theorie.
Anders als die Messung von Röntgenstrahlung, die Materie aussendet, wenn sie von schwarzen Löchern verschluckt wird, ist die Messung durch die Detektoren des LIGO in den USA (Laser Interferometer Gravitation Wave Observatory) und ihre rechnerische Verifikation durch die Forscher des Albert-Einstein-Zentrums in Hannover ein direkter Nachweis sowohl der Existenz von schwarzen Löchern im Universum als auch der Existenz von Gravitationswellen.
Gravitationswellen sind sehr schwache Signale und können nur mittels hochsensibler Detektoren gefunden und ausgewertet werden. Die Datenanalyse folgt dabei statistischen Algorithmen, nach denen die Aussagen über die gemachten astronomischen Beobachtungen einen Wahrscheinlichkeitsgrad erhalten, der im Falle der LIGO-Detektion sehr hoch liegt.
Unterschritte der Grad der Wahrscheinlichkeit den Mittelwert, könnte ein Störsignal oder die Tatsache eines Rauschens, das heißt der Störung der Messung durch Selbstirritation des Mediums, nicht ausgeschlossen werden. In den Vorgängerdetektoren zu den LIGO-Interferometern, großen Aluminiumzylindern, die 1.000 Kilometer voneinander entfernt installiert waren, war dies regelmäßig der Fall.
Wir bemerken, daß astronomische Beobachtungen dieser Art zwar nicht ohne Ableitungsfunktionen einer anderweitig schon bewährten Theorie wie der Allgemeinen Relativitätstheorie möglich sind und nicht ohne Anwendung unabhängiger Theorien wie der Wahrscheinlichkeitstheorie auswertbar und interpretierbar sind. Aber andererseits sind sie autonom genug, um Ereignisse zu detektieren, die wiederum die angewandte Theorie, hier die Einsteins von der Existenz von schwarzen Löchern und der von ihnen ausgestrahlten Gravitationswellen, verifizieren können.
Bei der Auswertung der physikalischen Beobachtung spielt die Voraussage möglicher Ereignisse eine methodisch präzise Rolle. So werden die unübersichtlichen Datenmengen eingehender Signale permanent mit Datenmustern typischer Ereignisabläufe abgeglichen, wie sie der Theorie gemäß bei der Erzeugung von Gravitationswellen durch den Urknall, einen explodierenden Neutronenstern oder eben die Kollision von schwarzen Löchern anzunehmen sind. Erst bei der eindeutigen Zuordnung eines Datenmusters durch unabhängig voneinander agierende Forschergruppen wird der Beobachtung ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit zugewiesen, die sie als Detektion eines Ereignisses qualifiziert.
Wir bemerken darüber hinaus, daß wir über wissenschaftliche Verfahren verfügen, die uns in die Lage versetzen, „echte“ und „glaubwürdige“ Beobachtungen über tatsächlich stattfindende Ereignisse von Scheinbeobachtungen zu unterscheiden, die auf Meßfehler durch Störsignale oder internes Rauschen zurückgehen.
Im Übrigen lag zwischen dem ersten Auftauchen des typischen Signalmusters auf einem Bildschirm im Albert-Einstein-Institut in Hannover und der endgültigen Auswertung der Daten und ihrer Veröffentlichung als Bestätigung dieses unerhörten astronomischen Ereignisses ein halbes Jahr mühsamer Arbeit der Analyse.
Ein Beleg für die Genauigkeit der Beobachtung und ihrer Auswertung besteht in der Anwendung der Einsteinschen Gleichung, nach der die von den großen Massen der kollidierenden kompakten Reststerne abgestrahlte Energie in Form von Gravitation drei Sonnenmassen umfaßte, was den Gesamtwert aller astralen Energieausstrahlung im Universum übersteigt.
Philosophisch bemerkenswert ist die Tatsache, daß wir den Begriff der Beobachtung aufgrund des ersten Nachweises von Gravitationswellen erweitern müssen. Bislang war der Begriff mehr oder weniger eng an unsere alltägliche Erfahrung angeschlossen, bei der wir auf der Basis visueller und akustischer Wahrnehmung das Vorliegen eines Gegenstandes oder eines Ereignisses konstatieren. So geschieht es, wenn wir feststellen, daß es hell wird und der Tag anbricht. Auch die Theorie, die von der Ausbreitung von Lichtwellen oder Lichtteilchen spricht, findet noch den Anschluß an den Weltumgang unserer Erfahrung, wenn wir auch den theoretisch postulierten Entitäten von Photonen und Lichtwellen nur anhand ihrer Wirkungen auf unser visuelles System Sinn verleihen können.
Das ist bei Gravitationswellen insofern anders, als sie sich grundlegend von Teilchen und elektromagnetischen Wellen unterscheiden: Hier verläßt uns der hermeneutische Sinnhorizont unseres Alltagsbegriffs „Beobachtung“, denn minimale Krümmungen der Raum-Zeit durch kosmische Ereignisse sind unseren Sinnen verschlossen und nur höchst artifiziell mittels komplexer Algorithmen auf dem Bildschirm modellierbar.
Wir können Gravitationswellen nicht in einem Sinne sehen und beobachten, mit dem wir unsere Aussagen über Gegenstände und Ereignisse im Umfeld der Erfahrung oder über den Verlauf von elektromagnetischen Wellen in einem Oszillator erfüllen.
Das unerhörte Ereignis fordert uns aber auf, erneut über das Verhältnis wissenschaftlicher Begriffe und Theorien und der auf die Bewältigung unserer Lebensprobleme eingeschworenen Alltagssprache nachzudenken. Versuchen wir dies skizzenhaft anhand eines Vergleichs zwischen einem physikalischen Ereignis der genannten Art, bei dem unsere Erfahrung und unsere natürliche Sprache an ihre Grenzen stoßen, und einem historischen Ereignis in unserer Lebenswelt, die hinreichend vom Erfassungsvermögen der Alltagssprache abgedeckt zu sein scheint.
Das unerhörte Ereignis der Verschmelzung zweier schwarzer Löcher in einer 1,3 Milliarden Lichtjahre von der unseren entfernten Galaxie ist einmalig in mehrfacher Hinsicht. Es geschieht nur in einem bestimmten Ausschnitt des Kosmos, die Gravitationsfelder bewegen sich dynamisch in unterschiedlichen Feldstärken und werden nur so lange abgestrahlt, bis die schwarzen Löcher vollkommen verschmolzen sind, dann bricht ihre Frequenz in der Größenordnung von Sekundenbruchteilen ab.
Wir bemerken, daß alle Ereignisse, über die uns die Astronomie informiert, die Signatur der Einmaligkeit und Singularität tragen. Sowohl die antike Sternbeobachtung als auch die vorrelativistische Kosmologie eines Kepler und Newton standen unter dem bannenden Eindruck der scheinbar ewigen Wiederholung des Gleichen, wie sie vor allem die Umlaufbahnen der Sonnentrabanten zeigen. Aber diese schöne Täuschung zerrann, nachdem uns die Astronomie von der Entstehung, dem Werden und Vergehen von Sternen und Galaxien und des gesamten Universums zu berichten wußte.
Nunmehr wissen wir, daß jede Bewegung und Rotation eines Massepunktes wenn auch noch so minimale Wirkungen in der Fluktuation der Raum-Zeit zur Folge hat, und wir gehen davon aus, daß diese Fluktuationen niemals wie ein Ei dem anderen gleichen.
Es galt als intuitiv ausgemacht, daß man den wesentlichen Unterschied zwischen der Welt der Physik und der Welt der Geschichte anhand des Kriteriums der Einmaligkeit und Singularität der historischen Ereignisse definieren und plausibel machen könne. Auch diese schöne Täuschung scheint sich erübrigt zu haben, wenn physikalische Ereignisse nicht weniger einzigartig und einmalig sind als historische.
Wie müssen wir demnach den Unterschied fassen? Er liegt unserer Intuition scheinbar auf der Hand, aber ist nicht leicht zu greifen.
Wir sagen: Geschichtliche Ereignisse sind Ereignisse, die von der normativen Kraft menschlicher Sprechakte hervorgerufen werden. Physikalische Ereignisse sind in erster Linie Ereignisse, die wir zwar mittels sprachlicher und anderer Verfahren der Registrierung, Aufzeichnung und Darstellung erfassen, aber nicht mittels sprachlicher Akte unmittelbar hervorrufen können – abgesehen von den physikalischen Bewegungen unserer Sprachorgane und neuronalen Systeme, die unmittelbar mit dem Sprechvorgang verbunden sind.
Was wir mittels Sprechakten in der physischen Welt an Veränderungen bewirken konnten und können, ist enorm, aber stets vermittelt über Prozesse der sprachlichen Verständigung und Interpretation. So wirst du deinen Kopf umwenden, wenn ich dich beim Namen rufe, doch nur dann, wenn du deinen Namen verstanden und meinen Zuruf als Aufforderung interpretiert hast, dich nach mir umzusehen.
Hier eine Auswahlliste von verbalen Sprechakten, deren normative Kraft neben vielen schriftlichen Aufzeichnungen und Urkunden sowie rituellen, oft mit einer Formel verknüpften Handlungen für das Entstehen historischer Handlungen und Ereignisse maßgeblich ist:
„Ich taufe dich auf den Namen Peter!“
„Hiermit seid ihr Mann und Frau!“
„Hiermit ernenne ich Sie zum Kanzler (Minister, General …)!“
„Simon und Jakobus, laßt die Netze fallen und folget mir nach!“
„Du bist Simon Petrus, der Fels, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen!“
„Hiermit kröne ich dich zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches!“
„Ich gelobe dem König ewige Treue, Gefolgschaft und Dienst!“
„Hiermit erkläre ich unserem geschworenen Erbfeind, dem König von Burgund, den Krieg!“
„Wir wollen unseren Freundschaftsbund durch diesen heiligen Eid weihen!“
Wie aus der durchgehenden Verwendung des Ausrufezeichens ersichtlich, handelt es sich bei diesen historisch wirksamen Sprechakten, die selbst ausgezeichnete historische Ereignisse darstellen und ihrerseits meist zahllose weitere Ereignisse zur Folge haben oder hervorrufen können, um Sprechakte mit Aufforderungscharakter.
Wir finden folgende Kategorien von Sprechakten mit normativer Kraft:
Einsetzungen
Aufforderungen
Ernennungen
Weihungen
Befehle
Gelöbnisse und Eide
Verpflichtungen
Verbindlichkeiten
Deklarationen
Diese und viele andere Sprechakte entfalten ihre normative Kraft, wenn sie von der zu dem entsprechenden Amt oder der entsprechenden Funktion berufenen Person zu den Personen gesprochen werden, die für die genannten Ämter oder Aufgaben geeignet sind und ihren Willen und ihr Einverständnis bekundet haben, sie auszuüben und zu erfüllen. Wir sagen auch kurz, Sprechakte mit normativer Kraft sind stets kontextsensitiv.
Sprechakte mit normativer Kraft sind mit historisch wirksamen Handlungen verknüpft. Auch hierzu eine kleine Auswahlliste:
Stiftungen (einer Kirche, eines Bistums oder einer Reichsteils, eines Erbes oder eines Lehens, einer karitativen Organisation)
Einsetzungen (einer Funktion, eines Amts, einer Würde)
Gründungen (einer Stadt, einer Diözese, eines Ordens, eines Vereins, einer Firma)
Weihungen (eines Priesters, eines Bischofs, eines Königs, des Kaisers, eines Denkmals)
Deklarationen (eines Krieges, der Eröffnung einer Versammlung, der Inkraftsetzung und Kündigung eines Vertrages)
Ein Verrückter, der sich für Napoleon hält und auf einem öffentlichen Platz die Deklaration des Krieges gegen Russland herausschreit, wird bestenfalls ignoriert, belächelt und bespöttelt, schlimmstenfalls in die Klinik verbracht. Nur der kann wirksam einen Krieg deklarieren, der über die amtliche Autorität und soziale Macht verfügt, die ihn allererst zu diesem Akt legitimieren. Die Kriegserklärung wird wirksam nur, wenn ein Heer mobilisiert werden kann. Das Heer oder das Militär ist aber diejenige soziale Einrichtung, in der Befehle wie die Kriegserklärung ihre Erfüllungsbedingungen finden.
Es ist zu beachten, daß soziale Einrichtungen, wie die Ehe, die Schule, das Unternehmen, der Verein, die Armee, der Staat, nicht nur die Erfüllungsbedingungen für die in ihnen relevanten Sprechakte darbieten, sondern jeweils aufgrund eines initiatorischen oder fundierenden Sprechaktes der Gründung, Einsetzung oder Stiftung allererst ins Leben gerufen worden sind. Denn ein Mensch mit entsprechendem Ansehen und großer Autorität muß als erster den Befehl gegeben haben, sich zu bewaffnen und ein Heer zu bilden, ein angesehener Vorsteher der Gemeinde muß als erster ein Kind getauft und benannt oder einen Ehebund gestiftet, ein Mensch mit charismatischer Autorität muß als erster im Namen einer Gruppe oder eines Gruppenverbands ein Territorium als eigenstaatliche Körperschaft in Anspruch genommen haben.
Wir beachten ebenso, daß sich die normative Kraft von Sprechakten auch auf die Verteilung von Erwartungen und Ansprüchen, Rechten und Pflichten innerhalb der jeweiligen sozialen Einrichtung erstreckt. Der in die Schule als Erstklässler aufgenommene Pimpf hat das Recht auf Unterricht und unterstützende Maßnahmen durch die Lehrerschaft, aber auch die Pflicht, die Schule zu besuchen, dem Unterricht zu folgen und seine Hausaufgaben zu machen. Ebenso verpflichten sich die Eheleute zu gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, der militärische Befehlshaber ist gehalten, seine Untergebenen zu versorgen, aber er darf ihnen auch den gebührenden Respekt und Gehorsam bei der Ausführung seiner Anweisungen und Befehle abverlangen.
Greifen wir aus der Fülle des historischen Materials ein Ereignis mit hoher Relevanz heraus, weil es von der Stunde seines unmittelbaren Wirksamwerdens bis zum Jahre 1918 und darüber hinaus bis zum heutigen Tage den kulturellen Inhalt dessen bestimmt, was wir Europa nennen: die Kaiserkrönung Karls des Großen am ersten Weihnachtstag des Jahres 800 im Petersdom zu Rom durch Papst Leo III. Die Kaiservita Einhards, des Ratgebers und Sekretärs Karls des Großen, überliefert das Geschehen. Wir können davon ausgehen, daß die Krönung mit einem angemessenen Sprechakt aus dem Munde des Papstes verbunden war, überliefert sind die Rituale der Salbung, die den messianischen Aspekt des Kaisertitels in der Nachfolge des davidischen Königtums Israels herausstreicht, das Ritual der feierlichen Krönungslitanei sowie der Applaus durch die anwesende Elite der Stadt.
Mit der Kaiserkrönung Karls war die Translatio Imperii verbunden, das heißt der neue Anspruch des fränkisch-germanischen Herrschers auf die Nachfolge und Beerbung der römischen Kaiser von Augustus an. Damit war der germanische König und Kaiser nicht nur christlich geworden, sondern das Christentum, das er verkörperte und auszugestalten suchte, absorbierte die reiche Bildungstradition der Antike, was sich bald in der Bautätigkeit und in der Bildungs- und Kirchenreform Karls, aber auch im Aufstieg des Lateinischen zur Sprache der europäischen Eliten offenbaren sollte. Die hier erfolgte schöpferische Verbindung von Thron und Altar drückte einer ganzen Epoche, der europäischen, ihren Stempel und ihre Signatur auf. Noch die heutigen Fragen um die eigentlichen Grenzen Europas sind ohne den hermeneutischen Horizont all der verbalen, schriftlichen und rituellen Sprechakte, die das kulturelle Gesicht des alten Europas im Zuge einer mehrschichtigen und langwirkenden Kontinuität von Traditionen und Neuprägungen formten, nicht zu formulieren und zu beantworten.
Es ist also nicht der Charakter der Einmaligkeit und Einzigartigkeit, der die historischen Ereignisse von natürlichen Ereignissen unterscheidet. Es ist vielmehr die Tatsache, daß historische Ereignisse im Gegensatz zu natürlichen Ereignissen Wirkungen und Folgen spezifischer Sprechakte sind, die selbst zu den ausgezeichneten Ereignissen in der geschichtlichen Welt gehören, Sprechakte mit der normativen Kraft, ganze Reihen weiterer Ereignisse physischer oder mentaler Natur ins Leben zu rufen, die wiederum in den tieferen geschichtlichen Ereignisraum ausstrahlen.
Das Ereignis der Kaiserkrönung Karls des Großen war die Folge der Entscheidung des Papstes, die Kirche unter den Schutz des mächtigen fränkischen Herrschers zu stellen und die weltliche Macht der römischen Kurie zu verpflichten. Wenn wir nach dem Grund dieses herausragenden historischen Ereignisses fragen, finden wir ihn im Motiv Leos III., die Kirche gegen die Anfechtungen der weltlichen Mächte Italiens zu sichern, und in seiner Intention, die Institution Kirche mittels des kirchlichen Anspruchs der Investitur und Weihe der höchsten weltlichen Macht auf Dauer zu stellen. Freilich war durch diese Entscheidung auch der tiefe Konflikt zwischen Kaiser und Papst angelegt, der sich bis in den Investiturstreit und die Kämpfe um die Emanzipation von der Autorität des Papstes im Zuge der deutschen Reformation in die europäische Geschichte eingegraben hat. Die Herausbildung der säkularen Position der Regierungsmächte und die Durchsetzung eines säkularen nationalen Rechts gehören letztlich zu den Fliehkräften des Ereignisses des Jahres 800.
Wenn wir nach den Ursachen der Kollision der beiden schwarzen Löcher und der Ausstrahlung von Gravitationswellen fragen, können wir nicht auf Motive und Intentionen rekurrieren, sondern müssen von den kausal bedingten Prozessen der Sternentwicklung und der Struktur von Gravitationsfelder sprechen. Wir können nicht fragen, was geschehen wäre, wenn die Kollision stattgefunden hätte, ohne daß sich die Gravitation in ihrem Umfeld geändert haben würde, denn die Formel, die uns die Verschmelzung dieser gewaltigen Massen beschreibt, enthält zugleich den Energieanteil, der von ihnen in Form der Gravitation bei diesem Vorgang abgegeben wurde.
Dagegen ist die Frage, was geschehen wäre, wenn es am Weihnachtstage des Jahres 800 nicht zur Kaiserkrönung Karls durch den Papst gekommen wäre, durchaus sinnvoll. Und wir können unsere historische Phantasie bemühen, um Geschichten zu erfinden, die modellartige Alternativen zu der Geschichte Europas darstellen, wie sie wirklich abgelaufen ist. Hätte der Kaiser, ohne der Kirche als christlicher Herrscher in diesem Maße verbunden zu sein, die Sachsen und Friesen durch Zwang christianisiert? Wäre sein Motiv, die islamischen Invasoren in der Südflanke des Reiches abzuwehren, schwächer gewesen? Hätte er mit all der Konsequenz das Bildungsregime des Reiches dem gelehrten Mönchtum unterstellt? Wäre es am Ende nicht zur Reformation gekommen, wenn sich die nationalen Entwicklungen der germanischen Völker von Anfang an ohne Rücksicht auf Rom hätten entfalten können?
Wir können im Gegensatz zur Formulierung und Begründung der Hypothese über die Entstehung von Gravitationsfeldern historische Ereignisse nicht mittels einer Gleichung auf ihre Folgewirkungen hin berechnen, Wirkungen, die sich unabhängig von lokalen Kontexten durchsetzen – denn die Eignung und die Einwilligung Karls in das damalige Geschehen gehören zu den historischen lokalen Kontexten, deren Kontingenz evident ist.
Das Geheimnis des historischen Geschehens liegt anders als das Geschehen in der Natur – wenn wir auf theologische Annahmen verzichten – in der Quelle des menschlichen Sagens und Tuns verborgen, dem menschlichen Willen. Dieser hat gewiß seine Anregungen und Kontexte im näheren und ferneren Umfeld der Erfahrung, kann aber aus diesem nicht restlos abgeleitet werden.
Der Wille ist mehr als die Resultante empirisch beschreibbarer Antriebe und Motive. Karl der Große hätte die Gunstbezeigung des Papstes auch zurückweisen, der Papst die Hoffnung Karls auf die höheren Weihen seines Herrscheramtes enttäuschen können.
Hätte Karl der Große von seiner Krönung durch den Papst geträumt und seinen Traum am nächsten Morgen seinem Sekretär Einhard erzählt, fehlte den einsetzenden und weihenden Worten des Papstes oder seinen rituellen Handlungen wie der messianischen Salbung, von denen Karls Traumerzählung handelte, jedwede normative Kraft. Das Gleiche gilt, wenn das Hoftheater zu Aachen Karl und seine Höflinge zu einem Theaterstück eingeladen hätte, in dessen Verlauf die Kaiserkrönung Karls in Rom durch Leo III. dramatisiert worden wäre.
Wir bemerken, daß wir durch methodische Verfahren der Modellbildung von typischen Mustern des Redens und Tuns, wie beispielsweise der typischen Sprechakte und rituellen Formeln bei der Taufe, der Eheschließung, der Amtsernennung oder der Kriegserklärung, unter Berücksichtigung der Erfüllungsbedingungen dieser Sprechakte in den zugehörigen sozialen Einrichtungen und Kontexten, und durch den Abgleich unserer Modelle und Muster mit den uns vorliegenden tatsächlichen Beobachtungsdaten zu dem Ergebnis kommen können, daß diese Beobachtung echt und glaubwürdig ist und das durch sie indizierte Ereignis volle Geltung und Wirksamkeit hat oder daß jene Beobachtung stark von unserem Datenmuster abweicht und insofern kein Indiz für die volle Geltung und Wirksamkeit eines Ereignisses sein kann. In dieser Hinsicht ähneln unsere historiographische Beobachtung und die Auswertung historischer Ereignisse durchaus den methodischen Verfahren, mit denen die Forscher aus der Fülle der Daten mittels Abgleich mit typischen Datenmustern gemäß den Feldgleichungen Einsteins eine Beobachtung als Indiz für das Vorkommen jenes unerhörten Ereignisses, der Ausbreitung von Gravitationswellen, ausgelesen und mit dem höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad ausgezeichnet haben.
Ebenso wie bei der Auswertung physikalischer oder astronomischer Daten durch die Forscher am LIGO-Observatorium in den USA oder am Albert-Einstein-Institut in Hannover können uns bei der Auswertung historischer Daten Fehler und Fehldeutungen unterlaufen, die ebenfalls den beiden typischen Fehlerquellen entspringen: Störmeldungen und Rauschen. Unsere Primärquelle, die Vita Caroli Magni von Einhard, könnte fehlerhaft sein oder nachträglich gefälscht worden sein, demnach wird fraglich, ob nicht das Datum der Kaiserkrönung „geschönt“ und fälschlich auf den ersten Weihnachtstag verlegt worden ist. Wir verfahren hier nach den Methoden der historischen Quellenkritik und finden so in den Lorscher Annalen (Annales Laureshamenses) eine von Einhards Schrift unabhängige Quelle, die das historische Ereignis belegt und damit bestätigt. Eine Fehldeutung eines Ereignisses aufgrund der fehlerhaften Zuordnung zum relevanten Kontext des Sprechaktes oder aufgrund einer Zuordnung des Sprechaktes zu einem historisch nicht relevanten Kontext, wie dem Traum Karls des Großen oder der Dramatisierung der Krönungszeremonie durch das Hoftheater in Aachen, können wir Rauschen nennen und als unechte Quelle mittels Analyse der wirklichen Erfüllungsbedingungen des Sprechaktes identifizieren und ausschließen.
Die Fälschung einer Urkunde durch einen Schwindler können wir mit der Fehlerquelle einer Störmeldung, den Wahn des Psychotikers, Napoleon oder Kaiser Karl zu sein, mit der Fehlerquelle des Rauschens vergleichen.
Auch wir weben im kleinen Kontext unseres kleinen Lebens mittels unserer Sprechakte am großen Teppich der Geschichte mit, wann immer wir ihre normative Kraft der Aufforderung und Verpflichtung, der Einsetzung und Stiftung, des Gelöbnisses und der Deklaration zur Geltung und Entfaltung bringen, auch wenn wir die größeren Muster, die sich aus dem Zusammenwirken mit all den Sprechakten mit normativer Kraft unserer Mitmenschen nach und nach ausformen, nicht absehen und überschauen können.
Meditatio de moriendo
So liegt er nun da und hat nichts mehr zu sagen. Nichts mehr zu vermelden. Es sei denn man betrachte den schmalen Flaum des Bärtchens, das ihm über Nacht auf der Oberlippe sproß, als erste und letzte Kundgabe des geheimen Lebenswunsches, ein Gigolo und sentimentaler Verführer zu sein.
Der Tod steht in einem so eklatanten Gegensatz zum Leben, dass sich vor ihm zu fürchten zu viel des Guten oder Argen ist.
Weder wirkt der noch blühende Busen der Schönen anziehend auf ihn noch der häßlich niedergeknitterte Hautsack der Alten abstoßend. Ein Buffo wie er tanzt mit jeder.
An seiner Dickschädeligkeit zerschellen alle Rollen des Lebensspiels.
Angesichts seines komischen Grinsens werden alle Rollen des Lebensspiels komische Rollen, ob Herr oder Knecht, jugendlicher Liebhaber oder alter Griesgram, Mauerblümchen oder feurige Rose.
Die zeitlebens seine Nähe suchen, ob in Abenteuer oder Krieg, vermag er manchmal mit dem bitteren Geschmack heroischer Einsamkeit zu erquicken. Aber ihre Gebeine bleichen neben denen des Feiglings und des auf der Flucht erschossenen Deserteurs.
Den Zerrissenen verleiht er den Ausdruck des Friedens, den Friedfertigen den Ausdruck des Entsetzens.
Den Gierigen predigt er wie Abraham a Sancta Clara den Wurm im Fleische, den Überdrüssigen foltert er auf dem Sterbelager wie Tantalos mit dem Durst nach unausgetrunkener Freuden.
Dem Einsamen gesellt er sich als sprudelnder Causeur, als witziger Mephisto, als spitzfindiger Dialektiker.
Er leugnet den Ruhm und die Dauer der Erinnerung. Den Verständigen segnet er darum mit innerer Ruhe.
Er gibt der Lächerlichkeit diejenigen preis, die sich unter seinem Schatten krampfhaft an den Bettpfosten des Lebens klammern.
Dem Gnom spielt er trauliche Weisen auf dem Leierkasten, dem armen Trinker auf der Geige eine Partita von Bach, das kleine Mädchen lockt er mit der Glasharmonika auf die Blumenwiese jenseitiger Klänge.
Dem Sucher beugt er den Blick auf die Schnecke an seinem Fuß, die mit den Fühlern ins Lebensdunkel tastet.
Er sagt dem Dichter: „All die Ausrufezeichen und Auslassungspunkte, all die verstiegenen Vergleiche und überzüchteten Metaphern, all die ins Wasser springenden und ins Bodenlose stürzenden Anakoluthe und Enjambements, all das war nicht das aus den Poren des leidenschaftlichen Rhythmus schwitzende Leben, das, mein Freund, war ich!“
Der Dichter sagt ihm: „Was sich gefunden in der Umarmung des Reims, was aus dem Schmerz die Rose der Verheißung gebar, was die Ufer der Zeilen, der Strophen, der Namen durchschwamm, was die getrenntesten Gipfel und die entferntesten Inseln der Sehnsucht mit geflügelten Worten verband, das warst nicht du, mein Feind, das war ich und die Stimmen der mir Anvertrauten!“
Er sagt dem Liebenden: „Der unübersteigliche Abgrund zwischen deiner Zunge und ihrer Zunge, die Mücke in deinem Hirn, die vor Angst die Nacht lang schwirrte, der Wind, der durch die Blätter der Erinnerung rauschte, der Sturm, der die Frucht vom Ast riß, noch ehe du sie gepflückt, der prasselnde Regen, der dein Bekenntnis wie ein Blatt in der Gosse forttrieb, all das, mein Freund, war ich!“
Der Liebende sagt ihm: „Was mich aus der Abgeschiedenheit des Leibes ins Unermessliche hob, was die Träne der Liebsten mir kostbarer machte als der kleine Samen des Eigensseins, was ihre Augen mir sprechender machte als den eigenen Namen, das warst nicht du, mein Feind, das war der Anhauch vom Flügelschlag eines Engels!“
Wie seltsam, daß der allmächtige Vernichter und Verneiner vor dem kleinen Ja des Kindes, vor dem großen Ja der Liebe, vor dem Augenblick, der unter dem Glanz einer Träne oder dem weichen Beben einer Liebkosung sich ins Ewige dehnt, nur den vergeblichen Seufzer des geizigen Griesgrams vernehmen läßt: „Am Ende wird abgerechnet!“
Lassen wir ihn Grimassen schneiden und Resignation predigen, sagen das Herz der Jugend und die Vernunft des Alters, was in Treue begonnen und mit Liebe vollendet ward, das Werk des Herzens und der Vernunft, geht nicht zuschanden vor den Zweifeln und Grübeleien, die sich an Verwesungsgerüchen inspirieren.
Stellen wir uns unterdessen in aller Seelenruhe an den Abgrund der Endgültigkeit der Entscheidung, der Hingabe, der Tat.
Nichts tun, was dich reut, und du bist vor dem Tode gefeit.
In der Frohen Botschaft ist das Grauen des Todes verwunden, in der Musik Bachs in den Resonanzkörper und die Muschel der Passion verwandelt, aus der das auferstandene Leben widerklingt.
Übertragen aus dem lateinischen Original
Manchmal verschwimmt das Bild des Geschlechtsaktes in das Bild einer kannibalistischen Orgie.
Die Bosheit entspringt dem Wissen von der Hinfälligkeit der Körper und der Verletzbarkeit der Seele.
Das Unmaß ist das Maß der Welt.
Ich habe die Seele gemalt, wie sie den Körper verwandelt, wie sie den Leib überwächst.
Unter der Hand sprießen dem Menschen Schnurrhaare, wedelt er mit einem Echsenschweif, hüllt er sich in den Panzer der Kröte, blickt eine Fratze aus seinem Hintern.
Sie stellen die Pusteln und Pestbeulen der Bosheit aus wie einen kostbaren Schmuck.
Sie erkennen an der Unschuld und Schönheit des Heilands ihre eigene Verkommenheit und Häßlichkeit. Ihr Drang, ihn zu verhöhnen, zu quälen und zu töten, entspringt dem Haß auf sich selbst.
Den Erlöser zu erkennen und zu bekennen verlangt ihnen das Unmögliche ab: die Eitelkeit des eigenen Seins und die Nichtigkeit des eigenen Fleisches zu erkennen und zu bekennen.
Ihre höchste Form der Begeisterung: Ekstase vor einem Ballen Stroh.
Sie glauben sich gehoben und dünken sich erhaben: Ein fliegender Fisch trägt sie, ein flatternder Auswuchs ihres Geschlechts, ihre zur Libelle verwandelte Ruhmsucht.
Neben dem Seher von Patmos hockt die Versuchung in Gestalt eines krötenhaften bebrillten Gelehrten. Denn die Versuchung des Sehers ist die Eitelkeit, sich als gelehrt und weise vor der Welt aufzublähen, anstatt demütig den Dienst zu vollbringen, das Gesehene und Gehörte festzuhalten.
Du könntest meinen, die Gleichnisse über die verkehrte Welt seien einfach aufzulösen, wie wenn man das Spiegelbild seinerseits spiegelt, um darin die rechte Seite deines Kopfes auf der rechten Hälfte des Spiegels zu sehen. Doch wenn die Leiber der Tiere und Menschen und darüber hinaus die zerbrochenen oder verzerrten Gestalten der natürlichen und künstlichen Dinge, der Früchte und Zweige, der Hörner und Krallen, der Haare und Schuppen, der Panzer und Muscheln, der Krüge und Eierschalen, der Trichter und Messer, der Eimer und Leitern sich in einem obszönen und gewalttätigen Bacchanal miteinander vermischen, ineinander verhaken und verkanten, kannst du keinen entzerrenden Spiegel oder Blick auf diese verkehrte Welt richten, um die ursprünglich gemeinte und gewollte Ordnung wiederzufinden. Es gibt nur das eine Gesicht, das Gesicht des Einen und das Gesicht jener, die seine heiligen Züge ikonenhaft erwidern, das als Erinnerung an den göttlichen Willen in den Dunst der niederen Sphären hinabstrahlt.
Das Ungeheuerliche ist das Alltägliche. Und selbst wenn der stigmatisierte Erlöser auf den Wolken wiederkommt, sie bemerken es nicht, sondern sind blind für das Wunder und treiben es wie eh und je, da sie pfeifen und singen, schlingen und saufen, heucheln und meucheln, betrügen und belügen.
Musik und Gesang, welche die Engel ersannen zur Ehre Gottes, gerät unter ihren Händen zum Höllenlärm. Und die Pfeifen und Saiten durchbohren und zerschneiden ihre Körper und die Mißklänge martern die Seele. Was sie da singen, lesen sie ab von den Pusteln und Furunkeln auf dem Hintern ihrer Weiber, vom Aussatz auf der Stirn ihrer Kinder.
Den zerbrochenen Krug magst du wieder zusammensetzen und leimen, du hast seine ursprüngliche Form vor Augen. Aber von den zersplitterten Teilen der Seele, die rings zerstreut liegen wie abgenagte Gebeine in den Schründen und Klüften der Erde, in den Brunnen und Spundlöchern der Träume, im Gewirre der Zeichen auf den bemoosten Steinen und dem Perlmutt der Muscheln, in den Labyrinthen der Schriften von Sehern und Dichtern, hat keiner die ursprüngliche Gestalt geschaut, wie sie aus dem Atem Gottes emporstieg.
Die Abergläubischen meinen, Hexen hätten ihnen die Suppe versalzen oder ein Teufel ein Bein gestellt. Gläubige wissen, daß diese Erde unter dieser schwarzen Sonne nicht die wahre Speise hervorbringt und diese Körper vom Feuersturm der Hölle in die falsche Richtung getrieben werden.
Der Name Gottes enthält alle Namen wie die Sprache, in der er die Schöpfung hervorrief, alle Sprachen enthält. Doch warum können wir nicht aus unserer Sprache, indem wir sie in die purgatorische Esse der Buße und Erneuerung legen, die göttliche formen? Es ist wie mit den Fratzen und Masken der Menschen, die Spiegel ihrer bösen Wünsche sind: Reißen wir sie ab, erblicken wir die Fratzen und Masken einer tieferen Schicht.
Als schiene das Licht der Erlösung am Ende der Zeiten wie durch ein Rohr, ein Guckloch der Ewigkeit. Ein schlechtes Bild! Viel eher geschieht nichts Merkliches, oder es ist, als schlüge der Wind aus dem geöffneten Fenster ein Blatt im Buch um, als gingest du weiter deines Wegs, der weiche Schatten eines Flügels scheint dich zu heben und das Wissen und die Sorge um das Ziel sind dir entrückt.
Liegt denn die Imago Dei wie das goldene Vlies oder die goldene Maske Agamemnons im Schutt der Geschichte, und darüber ward ausgegossen der Schlamm und Unrat des Menschengeschlechts und darüber zogen Diebesbanden und Mordbuben, jonglierten die Artisten und Gaukler, tändelten die Huren und verrichteten die Schakale und Hunde ihre Notdurft?
Die Ahnung der ewigen Gegenwart ist uns nicht mehr erreichbar mit den Farben der Palette, mit dem Aufreißen der Linie des Horizonts, mit dem Schneelicht der Gipfel. Ich sah den Horizont eingedrückt und verstellt von Segeln und Rauch, die Gipfel Feuer spucken und auf den Bergen die Todeslinien des Schafotts in einen von Schreien und Röcheln verhängten Himmel sich recken.
Nach mir kommt die große Ruhe der Hand eines Meisters, der das gesättigte Sein und den gestillten Augenblick in dem ruhigen Dastehen eines schlichten irdenen Kruges erfaßt.
Nach mir kommt die große Ruhe im Auge eines Meisters, der im Gewirr der Halme, Gräser und Blätter, der im Gedränge der Wolken und im Gefältel des Wassers die unsichtbare Ewigkeit des erfüllten Daseins erfaßt.
Nach mir kommt die große Ruhe der Hand eines Meisters, der die Imago Die im ruhigen Dasein eines Stuhls, eines groben Holzbetts, eines Paars bäurischer Schuhe erfaßt.
Nach mir kommt die große Ruhe im Auge eines Meisters, der die göttliche Einheit von Leid und Erlösung in seinem Selbstbild erfaßt.
Nach mir kommt die große Ruhe der Hand eines Meisters, der die Tiefe und den Abgrund des dunklen Teichs im still gewiegten Dasein der Teichrose erfaßt.
Nach mir kommt die große Ruhe im Auge eines Meisters, der die Leinwand verläßt und mit dem Hauch seines Atems in der Morgenfrühe malt.
Nach mir kommt die große Ruhe der Hand eines Meisters, der den Pinsel ins Gras wirft und die Sujets aufgibt für die Signatur unter das Leben.
Nach mir kommt die große Ruhe im Auge eines Meisters, der von Gott und Teufel und mir nichts mehr weiß und die letzte Signatur unter der leer gebliebenen Leinwand verwischt.
Nach mir kommt die große Ruhe der Hand eines Meisters.
Nach mir kommt die große Ruhe im Auge eines Meisters.
Übertragen aus dem lateinischen Original
Je mehr sich die Menschen vom Gotteslamm entfernen, umso härter ihr Blick, umso närrischer ihr Sinnen und Trachten, umso aberwitziger ihr Unterfangen.
In der Nähe des Lammes weht ein Duft, süß und mild von Verheißung. Ab einer gewissen Entfernung (Wer kann sie vermessen? Blicke in dich, Heuchler!) wird die Luft trocken und wimmelt von bösen Keimen, die Seele kann in ihr nicht mehr atmen und verendet, während ihr Träger als lebender Leichnam weiterstolpert oder seine Purzelbäume schlägt.
Sie wähnen, da hinten, ganz fern, irgendwann einmal, vielleicht drohe die Hölle. Doch hier, wo wir uns hinter dem Kreuz verstecken, als könne uns der immerdar sterbende Heiland nicht gewahren, sind wir mitten darin.
Auf dem Schiff mit den bunten Lampions und den flatternden Wimpeln erkennst du tanzende Schatten. Gesang erschallt, wie durch einen Dudelsack gequetscht, bis ans Ufer. Das Schiff trudelt unaufhaltsam auf eine steile Klippe zu.
Seine Dinge sind entstellte Organe des Menschen.
Flecken und Beulen der Pest sind die Gedanken auf dem einst schneeweißen Antlitz der Seele.
Das Licht aus dem Paradies, das die Flecken abwischt vom Antlitz der Seele, ist so stark, daß es sich am Ende darin auflöst.
Noch während die Ureltern dankbar zum Schöpferwort aufblicken, beginnen die Tiere einander zu fressen.
Dem Stecken wächst ein Fuß und er eilt von hinnen.
Der Wasserhahn wird zum Maul, das sich erbricht.
Der Blume wachsen Flügel, doch die Wurzeln halten die flatternde fest.
Der Weise bläst dem Ratsuchenden rötlichen Dunst ins Ohr, während der lange Dorn eines Dämons sein Hirn durchbohrt.
Die Kreißende gebiert einen Lurch, die Kinderschar umjubelt den neuen Spielgefährten.
Veronika empfängt das Tuch vom Herrn und erblickt ihr eigenes Angesicht darauf, gekrönt mit einer Dornenkrone.
Der Student kratzt Zeichen auf seine Tafel, sie flattern davon, ein Schwarm von Mücken.
Der Liebhaber steckt seine Zunge in den Mund der Geliebten, plötzlich ist er verschwunden.
Der Kuß verwandelt den Küssenden in das Tier, das sich seine Zunge borgt.
Der Tänzer wird ein Wirbel der Luft, ein Lied aus Staub und Rauch.
Das Bett des Sterbenden hebt sich in die Luft, unter ihm hängen die Gespenster seiner Taten und machen sich schwer.
Wenn der Mensch von der Last seiner Notdurft und seiner Sorgen freikommt und den Kopf aus dem Loch seiner Kate oder dem Ei seiner Angst steckt, spuckt er dem nächstbesten Wanderer ins Gesicht.
Die Langeweile des Mächtigen gebiert Monster des Aberwitzes.
Die Vergnügungssucht findet kein Ende, bis sie den Strick nimmt.
Die Folter ist der verbreitetste Spaß.
Die sich die freien Geister nennen, also die Knechte Satans, tun groß damit, nicht aus Haß zu foltern, sondern aus Langeweile.
Wer der Sklaverei der Gedärme entrann, versklavt sich dem Herrn der Langeweile, der Phantasie.
Der vom Leiden erlöst, ist darum selber erlöst.
Kot erzeugt Brechreiz, das bleiche Antlitz der Unschuld ein Grinsen.
Die Gleichnisse verwandeln sich in lauter neue Rätsel.
Unter Wasser kann man nicht frei sprechen.
Der in der Wüste den Durst nach Stille suchte, kommt heim mit der Sucht nach Geschwätz.
Gesegnet sein hieße, nicht mehr träumen müssen, nicht mehr malen.
Die Unfruchtbaren künden von der Fülle der Zeit, die Kastraten vom Garten der Wollust, die Blinden vom Licht der Verheißung.
Wie Flecken der Scham verraten sich die geheimen Wünsche im belanglosen Gerede.
Sie glauben ihre geheimen Wünsche verstecken zu können, doch die verlegenen Gesten und das heuchlerische Getue verraten sie und sie treten so nackt zu Tage wie der brutale Ausdruck der Soldateska des Kreuzwegs.
Das aufgesparte Gefühl bringt keine Zinsen.
Auch die Tiere wurden mit den Menschen aus dem Paradiese vertrieben.
Wir ersehen unsere eigene Verdammnis an dem Getriebensein der Tiere, die sein müssen, was ihr Auge ihnen zeigt, was ihre Witterung offenbart, was ihre Krallen erwürgen, was ihre Zähne zermalmen, was ihr Darm ausscheidet.
Würden die Tiere erlöst, wie der Prophet sagt, bedürfte es keines Aufhebens mehr um den Menschen.
Jesus hängt noch immer am Kreuze auf Golgatha, keiner hat ihn abgenommen, keiner in seinem gütigen Schoß gebahrt, keiner mit Ölen gesalbt.
Die Luft schwirrt von Dämonen, sie aber singen die alten Lieder am Herd, der Himmel brennt, sie reimen, was sich nicht will leimen, die Quellen schreien, sie schlafen, die Seele vollgestopft mit toten Bildern.
Die Teufel fraßen die Farben und Hexen leckten über die Leinwand.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt wie Ezechiel, der das Buch aß.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt gleich den Ureltern, die den Apfel aßen.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt wie die Sonne das Wasser des Teiches.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt wie der Wanderer seinen Proviant, und er greift in den Sack und er ist leer.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und jetzt bleiben mir alle Gesichter zeichenlos und alle Zeichen ohne Gesicht.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und die Schrift schließt sich hinter mir wie die Pforte, die der Engel mit dem Schwert verriegelt.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und mein Hunger nach Sinn blieb ungestillt.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und sehe nunmehr alle Dinge wie Wolken zusammenhanglos in der Luft schweben, Stein neben Stein und Tier neben Tier.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und beginne die Namen der Heiligen, der Engel und Propheten zu vergessen.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und betrachte meine Bilder wie der Gärtner, der seine Hände in den Schoß legt, und die Dahlien und Tulpen und Gladiolen überwuchern allmählich Disteln und Unkraut.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und wer mich fragt nach den Fratzen und Trichtern und Blasen, dem sage ich: „Schau auf die Gräser und Halme, der Wind bewegt sie, und sie biegen sich und seufzen, doch was sie sagen, verstehst du nicht.“
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und mir blieben das Erstaunen im Gesicht des Wanderers und seine Wunde im Fuß und in der Seele.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt.
Übertragen aus dem lateinischen Original
Gemeinheit und Grausamkeit sind die Krähen im Saatfeld des Menschen. Was die eine krächzt, krächzt die andere ihr doppelt nach.
Reißt du ihnen die weiße Gaze der Angst von den Gesichtern herunter, blicken dich Fratzen von Tieren und Dämonen an.
Kaum ist ihr Rücken frei, spucken sie aus und kreuzigen die Unschuld.
Verpaßt du ihnen einen Aderlaß und läßt das Gift der Grausamkeit mit dem Blut verrinnen, werden sie schlaff und süßlich und wollen wie Kastraten mit Engeln singen.
Die Frömmler sind verhinderte Mörder.
Die Hohepriester Satans verkünden die unbegrenzte Freiheit des Menschen. Aber siehe, kaum hat der Sklave seine Schlinge abgetan, würgt er mit ihr seinen Bruder.
Die Dummheit der Humanisten läßt sich vom Glanz der Augen blenden, aus denen ihnen die höhere Bestimmung des Menschen entgegenzublicken scheint. Doch wie erglänzen die Augen des Wollüstlings und des gemeinen Diebs, wenn sie ihre Taten vollbringen!
Die Würde und die Sanftmut sind göttlicher Abkunft. Sie ruhen auf dem Antlitz des Mannes auf dem Kreuzweg. Seine Züge sind schön vom stellvertretenden Opfer erhellt, seine Augen sind geschlossen wie die Blumen, die sich in der Dämmerung verschließen, doch die Blumen dieser Augen belebt ein inneres Licht, denn sie blicken zum Vater.
Die Macht geht unter an der Ausschweifung.
Die Priester der neuen Menschlichkeit und die Theologen der neuen Gelehrsamkeit sinnen darauf, im Garten Gethsemane mit den untreuen Jüngern ein Picknick zu veranstalten und sie mittels Minne- und Bänkelsangs vor dem Einschlafen zu bewahren. Und sie erwarten, daß der Dulder, der soeben vom Kelche des Martyriums gekostet, es ihnen danke.
Wer nicht vom heiligen Geiste empfangen hat, kann keine Frucht bringen, die beseligt und sättigt.
Narren, die da wähnen, der Garten der Lüste sei das Paradies und das Paradies der Garten der Lüste.
Es gibt nur eine Gleichheit der Menschen, die Gemeinheit. Nach dem Edlen aber trachten die wenigen, die der Passion des Herrn nacheifern.
Als geschähen die Erlösung, die Apokalypse und das Gericht nach dem gemächlichen Zeitmaß ihrer Sanduhren und Turmuhren. Jetzt werden wir erlöst, jetzt bricht der Weltenbau entzwei, jetzt tasten die Engel und Heiligen nach den hingestreckten Händen der reuigen Sünder, jetzt tut sich der Schlund der Hölle auf für den großen Rest.
Sündhaft ist das prachtvolle Handwerk der Maler, die kostbare oder schmutzige Phantasien pinseln. Groß und demütig vor dem Herrn das Werk jener, die malen, was sie geschaut und erlitten haben, die malen, was sie erlitten, und unter dem leiden, was sie gemalt haben.
Das Gedärm ist das Labyrinth der Seele.
Als das schöpferische Wort das Licht hervorrief, rief es auch die Finsternis hervor, und ihre Dämonen huben zu singen und zu tanzen an.
Die Freiheit ist ein gefährliches Gut, nur diejenigen, die sich selbst beherrschen, gehen an ihrer Verführung nicht zugrunde. Doch sich selbst Einhalt zu gebieten, wer vermöchte es ohne den Beistand des Trösters?
Die leuchtendsten Farben versagen vor dem Blitz der Wahrheit.
Die Klugheit der Menschen reicht bis zur Schwelle des Grabes.
Nur das Licht des Kreuzes hebt uns aus dem Leichnam, den wir zu Grabe tragen.
Sie reichen dem Bettler das Brot, doch selber betteln sie um das Preislied auf ihre große Tat. Den Irrenden nehmen sie auf in ihre Gemächer, doch erwarten sie von ihm seine Bewunderung und sein neidisches Starren auf die delikate Ausstattung ihres Boudoirs und die Pracht ihrer Teppiche und Gemälde.
Ich will mein Werk abtun und vernichten um der Gnade willen, als bescheidener Diener an Jesu und der Jünger Tisch den Kelch zu reichen.
Ich will mein Leben abtun und verleugnen um der Gnade willen, der Esel zu sein, auf dessen Rücken Jesus wieder Einzug hält in Jerusalem.
Ich will mein Werk abtun und verleugnen, um der Gnade willen, die Tränen vom Antlitz Satans zu küssen, der Christus als den Herrn erkennt, der da wiederkehrt auf den Wolken.
Übertragen aus dem lateinischen Original
Der Mensch stammt nicht von den Tieren ab. Die Tiere stammen von des Menschen Sünden und Begierden ab.
Der Löwe ist die Inkarnation der Herrschsucht des Menschen, die Katze die Inkarnation seiner Wollust, der Hund die Inkarnation seiner Unterwerfungslust, der Vogel die Inkarnation seines Fernwehs.
Der Mensch ist von Gott geschaffen, aber zwiefach inspiriert, von Gott und von Satan.
Der Mensch kann in sich das wahre Sein nicht finden. Er bedarf des göttlichen Boten, der ihm die Zeichen der Natur und der Schrift deutet.
Auch die Sehnsucht nach dem Paradies kann verunreinigt sein.
Der Mann ist die Inkarnation der weiblichen Begierden, das Weib die Inkarnation der männlichen.
Der Mann ist der Schrei der Verlassenheit, das Weib die Muschel seines Echos.
Der Zeugungsakt bezeugt den vergeblichen Wunsch nach Ewigkeit.
Das Weib bezeugt die Ganzheit in der Schwangerschaft, der Mann, wenn er zur Kindheit gelangt.
An einem jeden Dinge haftet sein Schatten und Gegensinn, am Segen der Fluch, am Licht die Finsternis, an der Blüte das Gift, an der Rose der Dorn, am Engel der Dämon, am Manne das Weib, am Weibe der Mann, am Weisen der Narr.
Die Schwangerschaft Mariens ist der Gegensinn zur Schwangerschaft Evas.
Der Mann, der nicht gebären kann, muß töten.
Des Menschen Leib ist die geheime Chiffre der Schöpfung.
Die Hand, die gibt und nimmt, schafft und würgt.
Das Auge, das erkennt und sich trügen läßt.
Der stigmatisierte Leib Christi ist das Zeichen des vollkommenen Menschen.
Im wiedergewonnenen Garten Eden steht an der Stelle des Baumes der Erkenntnis das Kreuz.
Alle Menschen sind geisteskrank.
Diejenigen sperren sie in die Asyle, an denen sie ihre eigene Geisteskrankheit erkennen.
Narren und Priester Satans, die auf Leichen ihr neues Paradies errichten.
Vom ersten Biß in die verbotene Frucht an sind alle Menschen verstört und verwirrt.
Darum umschwirren sie alle närrischen Propheten, die ihnen vom Licht und der Erlösung predigen, wie die Bienen die Blumen, die den süßesten Nektar versprechen.
Sie reichen sich stroherne Zeichen, die sie nicht verdauen können.
Im Unfrieden und mit sich zerfallen bis an die Schwelle des Grabes ist der Mensch.
Der Tod beginnt inmitten des Lebens im Vergessen. Das Edelste, das Erlesenste, die Schönheit selbst, die sie gestern geschmeckt und geschaut, heute ist sie eine Chimäre, ein Schatten, heute schon ohne den süßen Geschmack des Augenblicks, schon ohne das leuchtende Gesicht, das sie liebkost, ohne den heiligen Namen, den sie angerufen.
Der Satan wiegt sich im Vorteil der Lust.
Sie können der Liebe nicht leben, denn sie können ihrer selbst nicht vergessen, nicht, wer sie sind, nicht, wer sie nicht sind.
Dieser Äon hat keinen Bestand, denn der Sturm, der seine Blüten knickt, ist der Atem des Herrn.
Sie fliehen in die Einsamkeit der Wälder und sehnen sich bald nach der Umarmung und dem Geschwätz der Geschwister. Sie ersticken unter der Umarmung und am Geschwätz der Geschwister und sehnen sich in die Einsamkeit der Wälder.
Dies hier ist ein winziger Tropfen im Ozean der Ewigkeit. Die Bilder, die sich in ihm spiegeln, sind die großen Gedanken Gottes und die wirren Träume Satans.
Alles ist verborgen im winzigsten Korn und Keim, alles im unaufgesproßten Zweig eines jeden Gefühls.
Die Steine, die dort liegen auf der großen Halde der Zeit, sie schlafen und werden einst aufstehen und wider sie zeugen.
Das Wort des Schöpfers hallt noch wider.
Wer ein Ohr hätte, es zu hören, ein Herz, es zu beherzigen.
Sie blendet das große Licht der Welt. Sie verstecken sich in dunklen Kammern und bemalen ihre Wände mit leuchtenden Zeichen der Erinnerung.
Die Dichter sind müde und verzagt, ihre Zungen sind schwarz von Abbitten und Flüchen.
Wie der Dichter im Gedicht spricht Gott in seiner Schöpfung mit sich selbst.
Das Freien des Mannes ist zwielichtig und unrein, im Weib erkennt er die Jungfrau Maria und umarmt er Eva.
Gott spricht mit jedem Wort sein Ein und Alles, und doch schuf er den Unterschied, den Abgrund, der alle Dinge wirkt und unwirklich macht, wie er den Menschen zum Wahr-Sager erhebt und sich zu Lügen-Götzen niederbeugen läßt.
Möge Gott sich im Opferlamm Christi noch einmal der Welt erbarmen und sie in die Demut und Stille des Ungesagten zurückkehren lassen!
Möge auf dem Berg der Welt, möge auf Zion das Licht des Kreuzes die Völker versammeln zum Chor des Danks!
Möge Satan der einstigen Schöne gedenken und seine schwarzen Flügel abwerfen für den Kuß eines Kinds!
Möge Maria das Licht der Wolke sein und uns die Lichttropfen ihres großen Ja auf die Zungen herabregnen!
Möge der freche Amor nicht mehr mit den Pfeilen herrschen und als ein spielendes Kind sich unter dem Tisch des Herrn an seine Füße schmiegen!
Ich aber, Judas Iskariot, der noch immer am Ölbaum auf Golgatha baumelt, möge von der gütigen Hand Mariens abgeknüpft und wie der wahre Sohn in ihrem Schoße geborgen werden!
Hier, wo wir Masken tragen
Hier, wo wir einander nähren
mit dem Salz der Tränen,
mit der dünnen Suppe
durchgeseihten Leids.
Hier, wo wir Masken tragen
von den Tieren, und du weißt nicht,
blickt ein Löwe jetzt mit deiner Glut,
beugt dich eines Lammes weicher Hals.
Hier, wo uns die Hunde
mit dem Lichterhalsband führen,
und wir bittre Samen picken
aus des Sittichs Trillern.
Hier, wo wir im Gestrüpp
der Wünsche uns verheddern
und zur Schlange betteln
um die Düne warmen Schlafs.
Hier, wo wir ins Geschrei der Stare
werfen, wenn es im Efeu wogt,
den weißen Kiesel
glatt geschabter Liebe.
Hier, wo wir uns von Larven leihen
den Hunger auf das Grün
und nach Verwandlung zittern,
wenn wir zur Puppe sind erstarrt.
Hier, wo wir mit des Falters
zartem Rüssel in den Mund uns senken,
den uns, ein sanftes Feuer,
der Mohn entgegenstreckt.
Hier, wo wir einander nähren
mit dem Salz der Tränen,
mit der dünnen Suppe
durchgeseihten Leids.
Kleine Theodizee
Unter grüner Woge des Efeus
Rosiges flimmert,
Rötliches schmilzt
aus dem Schnee der Lippen:
wieder im Krokus reinstes Beginnen.
Ein sanfter Jubel am Wegsaum,
hinter dem fetten Marmorklotz einer Villa,
gleich beim Übergang zum Grüneburgpark,
wo die Jogger taub sind
vom Rauschen der Zeit.
Hier stand einmal der bescheiden-
kokette Flachbau des alten Gräzisten,
an den Epen des Balkans
komparatistisch geschulten Gehörs,
der uns zerzausten Barbaren,
die unter dem Tinnitus von Pop und Jazz litten,
den echten Klang,
die Prosodie Homers glaubte
daherpsalmodieren zu können,
zu müssen … abends sah ich ihn oft
unter grüner Lampe über die Blätter gebückt …
er imponierte ansonsten mit
englischen Maßanzügen …
Friede seiner Asche!
Hat er damals, er oder seine Frau,
die Frühlingsboten ausgesandt,
und ihre Urenkel sind heute noch treu
in der süßen Liebe zur Sonne?
Blieb denn keiner stehen,
mit mir über dies Wunder
gebeugt zu weinen,
dies lächelnde Jawort des Seins?
Auch wenn es den Blitz der Liebe
schüchtern verhüllt
in lauter schimmernde Anmut,
ist es da und atmet,
und wenn du in dir ein wenig nur öffnest
die Muschel der Stille,
hörst du vielleicht,
wie in der Dämmerstunde
Chorgesang anhebt
mit lindem Lispeln
in seufzendem Tau.
Ein Traum des Hieronymus Bosch
Die aus dem Licht der Güte stürzen,
Liebesgedanken
oder Engelwesen,
sie schwärzen und behaaren sich
zu bösen Trieben
oder Insekten,
die dich stechen
und mit bösen Träumen vergiften.
Krochen sie aus der Hand des Vaters,
flatterten sie aus dem Kelch der Liebe,
weil du sie riefest,
weil du sie beschwörtest,
nicht nur dich zu stechen,
sondern auch mich,
nicht nur dich zu vergiften,
sondern auch mich?
Nun denn, reichen wir uns,
Brüder im Fleische, die Hand
und säen in unserem Garten
nicht nur Lilien
für die goldenen Falter,
nicht nur Veilchen
für die grünen Bienen,
streuen wir auch Dung aus
für die schwarzen Fliegen,
bestreichen wir die Pfosten mit Mist
für die grauen Mücken!
Der Kauz
Er saß auf dem Fenstersims
und verdrehte mir
mit der ganzen Wendung
seines Totemgesichts
den Lebenssinn.
Sein Schnabel ragte gelb
in den toten Winkel
meiner Angst,
sein Prophetenblick
machte mich zur Maus.
Sein Gefieder rauscht nicht,
sein Schnabel bleibt stumm,
seine Fänge sind Eis.
Ich höre das graue Echo
eines winzigen Fiepens.
Du bist so still
„Du bist so still. Bist mir noch lieb?“
Alles entspringt, und die Glocke singt
ihr altes Morgenlied
vom Erstaunen der Menschen,
vom Ergrünen der Bilder.
„Du bist so still. Was ist dir, mein Kind?“
Was entsprang, ging seinen Gang,
den verschlungenen Pfad,
dem der liebende Schritt
folgt bis ins Abendlicht.
„Du bist so still. Schläfst du schon?“
Alles verrinnt, und der Regen singt
sein altes Wiegenlied
vom Verstummen der Menschen,
vom Verlöschen der Bilder.
Nachts
Es rieselt und nieselt die Nacht.
Ist es ein zartes Gespenst,
das ans Fenster klopft?
Ist es die Maus,
die in die Gardine gekrallt,
hin- und hergeweht wird
und schlafend vor sich hin fiept?
Es ist nur die Nacht
die deinen Traum überspinnt
mit den Regenfäden,
den Flüsterfäden.
Es rieselt und nieselt die Nacht.
Ist es ein Waisenkind,
das auf der Schwelle singt?
Ist es die Biene,
die in die Gardine verirrt,
hin- und hergeweht wird
und sterbend vor sich hin summt?
Es ist nur die Nacht
die deinen Traum überspinnt
mit den Regenfäden,
den Flüsterfäden.
Von Sinn und Gegensinn der Zeichen
Mit dem Muskeltonus erlangen und halten wir das fragile Gleichgewicht des Stehens und Gehens gegen die Kraft der Gravitation.
Die Kinder erproben auf der Schaukel die Möglichkeiten, das Gleichgewicht zu gewinnen und durch Verschiebung des jeweiligen Schwerpunktes spielerisch zu variieren.
Wenn ich dir den Ball zuwerfe, kannst du ihn fangen, zurückwerfen, weiterreichen oder das Spiel abbrechen.
Wenn du mich zu etwas aufforderst oder etwas fragst, kann ich dir entsprechen und antworten oder die Antwort verweigern. Ich muß dazu deine Äußerung als Aufforderung oder Frage verstanden haben. Ich kann eine Äußerung als Aufforderung oder Frage nur identifizieren, wenn ich selbst fähig bin, dich meinerseits zu etwas aufzufordern oder etwas zu fragen.
Sprechakte wie auffordern und der Aufforderung entsprechen, fragen und antworten, behaupten und in Frage stellen stehen in einem symmetrischen und polaren Verhältnis.
Etwas zu behaupten oder auszusagen impliziert die Möglichkeit, die Behauptung oder die Aussage zurückzunehmen und zu suspendieren oder das Gegenteil zu behaupten und auszusagen.
Einen Text als Gedicht oder eine Klangfolge als Melodie zu bestimmen und anzuerkennen impliziert die Möglichkeit, einem anderen Text den Anspruch auf den Status eines Gedichtes oder einer anderen Klangfolge den Anspruch auf den Status einer Melodie zu verwehren.
Jemanden als Gast zu Tisch zu laden impliziert die Möglichkeit, einem anderen das Gastrecht zu verweigern. Müßtest du jedem, der an deine Türe klopft, Gastrecht gewähren, verlöre es mehr und mehr an Gewicht und schließlich verflüchtigte sich seine Bedeutung vollends.
Wenn du einen farbigen Fleck auf der Leinwand positionierst, induzierst du dem ausgesparten leeren Feld eine eigentümliche Spannung, die du durch das Setzen neuer Farbflecken lösen oder steigern kannst.
Gruppen entstehen und wachsen in Folge ihrer Selbstmarkierung durch kollektive Zeichen. Dies verweist auf den Ursprung des Mythos und der genealogischen Erzählungen, aus denen die Lieder und das Epos von den Ahnen entspringen.
Anfängliche Zeichen der Zugehörigkeit sind mit den Umwelten der Gruppen gleichsam verwachsen und verwoben. So werden sich Jäger am Bild des gejagten Tieres, Nomaden am Bild der Herde, Bauern am Bild der Feldfrucht die Zeichen der Zugehörigkeit aufrichten.
Wenn Gruppen unterschiedlicher Zeichenregime feindlich aufeinandertreffen, werden die ursprünglichen Zeichen zu Wappen und Feldzeichen erhoben.
Der Krieg ist die Steigerung des Kampfes unterschiedlicher Zeichenregime zum Überlebenskampf der Zeichen kollektiver Zugehörigkeit, die nunmehr als Identitätsmarken fungieren. Wehe dem Soldaten, der den Schild mit dem eigenen Zeichen wegwirft, oder dem Fahnenträger, der den Legionsadler sinken läßt.
Dichtung gewinnt aus dem psychischen Tonus das fragile Gleichgewicht des Sagens gegen die Schwerkraft des Schweigens, des Chaos und der Leere.
Dichtung verteilt auf dem Waagebalken des Verses die Worte derart, daß er für den Augenblick des Rhythmus in der Schwebe und im Gleichgewicht bleibt.
Jedes Gedicht behauptet seine Zeichen, indem es sie gegen das Schweigen oder das Zeichenlose als die äußerste Möglichkeit seiner Negation setzt.
Die Möglichkeit der Selbstbehauptung, die das Gedicht beansprucht, ist die Möglichkeit, im Geist des Hörers und Lesers als je eigene Möglichkeit der Selbstbehauptung zu entstehen und ihn für den Augenblick des Rhythmus in die Schwebe und ins Gleichgewicht zu versetzen.
Das Gedicht kann als Zeichen der Zugehörigkeit fungieren und den Hörer für den Augenblick der Selbstbehauptung ins Gleichgewicht mit den Identitätsmarken seiner Gruppe versetzen. Wir ersehen dies aus der Geschichte des Lieds, denken wir an das Kriegslied, das Arbeitslied, den Gesang der Matrosen und der Sklaven, aber auch an die liturgischen Gesänge der Gemeinde oder der Mönche.
Vergleichen wir die Stille des Kirchenschiffs mit dem Schweigen der Welt oder der anfänglichen Zeichenlosigkeit des menschlichen Daseins. Wenn das „Lumen Christi“ in der Liturgie der Osternacht feierlich angestimmt wird, erfüllt sich das Schweigen der Welt, der Gegensinn, mit dem äußersten Sinn.
Das Gebet ist das vollendete dichterische Zeichen.
Dichtung, die sich aus dem Schweigen wie die Quelle aus dem Fels löst, ist vollkommen, wenn sie unter dem Segen eines Göttlichen spricht, was sie aus eigener Quelle zu sagen nicht vermöchte. Es ist wie mit dem Quellwasser, das ringsum Moos, Gras und Blumen zum Grünen bringt, und hat doch ihren Samen nicht gesät.
Wenn ein gutes Wort dich aus den Fragen und Zweifeln erweckt, in die du versunken bist, wenn eines dir den Ball des Gedichts zuwirft, wirst du wach für den Augenblick der Selbstgegenwart und kannst das Gleichgewicht erlangen, dessen du bedarfst, um ihn aufzufangen und weiterzuspielen.
Auch das gute Wort ist tot und das beste Gedicht unfruchtbar, wenn du es nicht beatmest und behauchst. Es muß von deinen Lippen geküßt werden und auf deiner Zunge zergehen. Es muß wie ein stärkendes Medikament in dein Blut aufgenommen werden und in deinen Adern schwimmen.
Nur das heilige Liebeswort aber, das auf deiner Zunge zergeht, kann vom Tod erlösen und wahrhaft lebendig machen.
Die Tartüfferie der Avantgarde
Immer wenn wir beobachten, daß ein Tun oder Sagen anerkannt oder verworfen, gelobt oder getadelt wird, wissen wir, daß es sich bei den betreffenden Tätigkeiten um Tätigkeiten handelt, die in normative Kontexte eingebettet sind.
Auch Feststellungen und Behauptungen können in normative Kontexte eingebettet sein. Wenn du deiner Freundin Geschichten auftischst oder als Zeuge vor Gericht Auslassungen vorbringst, die sich als Lügen und Falschaussagen erweisen, wirst du nicht gelobt, sondern getadelt und bestraft.
Es ist ein Fehlschluß anzunehmen, Kontexte entbehrten des normativen Sinnes, weil sie in Form deskriptiver Aussagen dargestellt werden können. Wir können beschreiben, wie eine Gruppe junger Leute Ball spielt, einer fängt den Ball, läuft mit ihm trippelnd um andere Mitspieler herum, wirft ihn dann einem anderen zu, dieser fängt ihn seinerseits auf und tut es dem ersten gleich, bis er den Ball wieder auf einen dritten Spieler derart wirft, daß dieser nicht fähig ist, ihn aufzufangen: Er wird getroffen und geht vom Spielfeld. Hier erkennen wir den normativen Sinn des Spiels, der sich dann erfüllt, wenn mehr und mehr Mitspieler aus dem Spielfeld geschlagen und „hinausgeworfen“ werden.
Gruppen existieren dank eines normativen Drucks, der mehr oder weniger gleichmäßig oder ungleichmäßig auf ihre Mitglieder verteilt wird. Ein genialer Maler erfindet eine neue Stilrichtung, indem er den akademischen Zwang abwirft, Gegenstände durch geschickte Anwendung von Perspektiven und die technisch ausgefeilte Verteilung von Licht und Schatten darzustellen, und sich ganz auf das losgelöste Spiel von Formen und Farben konzentriert. Diese programmatisch und propagandistisch gefeierte neue künstlerische Freiheit der Abstraktion bildet alsbald einen neuen normativ wirksamen Druck aus, insofern der neue Stil Schule macht und viele sich avantgardistisch dünkende Maler ihm nacheifern. Den Sinn des Normativen in solch stilbildenden modischen Strömungen ersieht man leicht an der Tatsache, daß alle nach akademischer Manier vorgehenden und gegenständlich malenden Künstler alsbald als altmodisch oder geistig zurückgeblieben diskreditiert und von den Treffen und Ausstellungen der neuen Malerschule ferngehalten und Maler, die dem neuen Stil untreu werden, schleunigst aus der Gruppe der Avantgarde ausgeschlossen werden.
Wir bemerken, daß der soziale Druck des Normativen stärker, langwährender und tiefgehender ist als alles Gerede von der Freiheit des künstlerischen Ausdrucks oder der Freiheit der individuellen Kundgabe, das diejenigen so beredt im Munde führen, die den wahren Sinn des Normativen in ihren Ateliers, von ihren Kathedern aus oder in ihren Redaktionsstuben einfach dadurch erfüllen, daß sie tun, was immer sie tun.
Wenn ein genialer Komponist als dernier cri des avantgardistischen Komponierens verfügt, alle alltäglich vorfindlichen und zufällig aufkommenden geräuschvollen Klangmaterialien könnten und sollten in die musikalischen Kompositionen einfließen, ohne vorab in einem Prozeß der Auswahl gemäß Kriterien des vorgeblich schönen oder unschönen Klingens gefiltert zu werden, werden a priori alle Komponisten als unmodern oder geistig hinter der neuen Avantgarde zurückgeblieben diskreditiert, die nach klassischer oder traditioneller Manier Klänge und Akkorde oder Melodien komponieren, die sie vorab einer Auswahl nach Kriterien des schönen und unschönen Klingens unterworfen haben.
Wir bemerken, daß die sogenannten Avantgardisten in den Künsten gern große Worte von der unbeschränkten Freiheit des künstlerischen Ausdrucks und der revolutionären Erweiterung des Kunstbegriffs im Munde führen, in der Praxis dagegen, wenn es um die Auswahl und die Karriere ihrer Schüler, die finanzielle Förderung ihrer Programme und die Besetzung von Leitungsämtern in Hochschulen und Redaktionen geht, sich als die unbarmherzigsten und fanatischesten Streiter pro domo gerieren.
Die genialste Tartüfferie derjenigen, die sich als neue Avantgarde ins Licht setzen wollen, besteht in der Flucht ins Paradoxe. Kunst wird dann als Antikunst, Theater als Antitheater, Musik als Geräusch definiert. Hier scheint jeglicher Sinn eines Normativen unterhöhlt und aufgehoben, denn wenn jedwedes sinnleere Gerede zwischen beliebigen Leuten auf einer Bühne als Theater und eine leere Leinwand als vollkommenes Kunstwerk deklariert werden können, scheint es keine Grenzen des Erlaubten und Verbotenen mehr zu geben. Doch der sinnwidrige Applaus nach Beendigung des Nichtstücks, das ungläubige Glotzen der Besucher vor der leeren, aber mittels Rahmung oder Hängung notdürftig als Werk ausgegebenen Leinwand bezeugen den tieferliegenden Sinn des normativen Kontextes, nämlich, etwas als Theaterstück oder Bild anzuerkennen.
Indes ist die Flucht ins Paradoxe eitler Schein und Selbstbetrug, denn in dem Falle, daß keine den Werken inhärierenden Qualitätskriterien den Sinn des Normativen erfüllen, gelten die unbarmherzig inkludierenden und exkludierenden Regeln und Machtinstanzen derjenigen, die über die Zulassung zu den Präsentationsformen der Künste, die Theater, die Ausstellungshallen, die Konzertsäle, die Redaktionen der Kunstzeitschriften und die Lehrstühle an den Kunsthochschulen, verfügen. Denn wenn Kunst dasjenige ist, was eine bestimmte Kunsthalle einer Ausstellung für wert hält, hat die Leitung der Kunsthalle die volle Macht, der Künstler ist in eine armseligere und ohnmächtigere Lohndienerrolle als der mittelalterliche Kunsthandwerker gegenüber seinen Auftraggebern zurückgeworfen, und ähnlich für die anderen genannten Institutionen.
Alle Grenzen des Darstellens und Sagens aufheben zu wollen heißt, nichts darstellen und sagen zu können. Antikunst ist insofern eine Flucht vor der Verantwortung, die damit beginnt, ein Wort statt eines anderen zu sagen, eine Farbe statt einer anderen zu fixieren, einen Klang gegen die Stille oder das Tohuwabohu des Weltenlärms zu setzen. Der Künstler hat sein Werk zu rechtfertigen gemäß den Kriterien, die er selbst für seine Gestaltung gesucht und gefunden, entwickelt und definiert hat.
Wir sind frei, die Instanz, vor der sich die Kunst zu rechtfertigen hat, die psychische Realität oder schlicht die Seele zu nennen, denn sie meldet den immer wieder neuen, immer wieder unerfüllten und nur in den vollkommenen Werken erfüllbaren Anspruch auf die Gewinnung von Orientierung und Klarheit, Ordnung und Übersicht, Selbstverständigung und Läuterung an.
Vom Sinn des Normativen
Über den Unterschied von normativer und kausaler Erklärung
Wir handeln hier nicht vom moralischen Sinn des Normativen oder der begrifflichen Form moralischer Normen und Urteile, sondern vom logisch-semantischen Sinn des Normativen als einem grundlegenden Merkmal der intentionalen Struktur des menschlichen Daseins.
Wir nennen die Nötigung, die uns zu der Annahme oder Vermutung bewegt, mit meiner Aussage, daß es schneit, während draußen die Sonne scheint, oder daß die Summe zweier Summanden kleiner sei als einer von ihnen, könne etwas nicht stimmen, normative Nötigung und unterscheiden sie vom physischen Zwang, der dich nötigt, zu atmen, bevor du weitersprichst, oder nach geraumer Weile der Nahrungsenthaltung ein Hungergefühl zu empfinden, wenn du auch nicht unter allen Umständen gezwungen bist, dir Essen zuzubereiten, denn du könntest aus religiösen Gründen für einige Zeit Askese üben oder Kafkas Hungerkünstler als neuestem Idol nachstreben wollen.
Logik, Mathematik, Sprache, Spiele und Umgangsformen (oder kurz der Bereich des sozialen Lebens) sind geprägt von typischen Denk,- Spiel- und Handlungsfeldern, von denen wir sagen, daß sie mehr oder weniger expliziten Regeln gehorchen oder daß ihre Spiel- und Handlungsfolgen oder Übergänge normativ reguliert sind, sodaß wir bei ihrer Ausführung richtig liegen oder Fehler machen können.
Der Geiger vergreift sich während der Probe und wird deshalb zurecht vom Dirigenten getadelt. Natürlich fehlte der Grund, ihn zu tadeln, wäre der Mißgriff einem plötzlichen Krampf in der Hand geschuldet. Der Geiger hätte dann nicht fehlerhaft danebengegriffen, sondern wäre aus dem spontanen Spiel herausgeraten.
Der Sänger hat während der Probe in der Meisterklasse den in der Partitur angegebenen Ausdrucksgehalt „getragen, mit tiefer Bewegtheit“, den der Komponist an der Stelle des Lieds eingetragen hat, an der die lyrische Intensität ihren Gipfelpunkt erreicht, nicht zur vollen Zufriedenheit des Meisters wiedergegeben und wird von ihm auf den Ausdrucksfehler aufmerksam gemacht und gebeten, die Stelle nochmals zu interpretieren. Der künstlerisch intendierte Ausdrucksgehalt unterscheidet sich von dem natürlichen Ausdruck der Bewegtheit, der Freude oder Traurigkeit dadurch, daß er einer musikalisch-technischen Konvention gehorcht und frei wiedergegeben werden kann und nicht der natürlichen neurophysiologischen Stimuli bedarf, die bewirken, daß wir traurig oder fröhlich sind.
Hieran ersehen wir, daß sowohl bei der musikalischen Interpretation als auch der musikalischen Komposition normative Züge hervortreten und zur Geltung kommen, die wir im alltäglichen Umgang nicht mit Regelwerken und Regelzwängen zu behaften pflegen. Wir pflegen gewöhnlich dem Mitmenschen, der dem Trauernden am Grab kondoliert, nicht vorzuwerfen, er habe ihm nicht mit der gewünschten oder erwarteten „tiefen Bewegtheit“ die Hand gereicht und sein Mitgefühl ausgesprochen, denn hier genügt uns im Regelfalle das Einhalten der Konvention. Der Sinn des Normativen ist bei Konventionen schon dadurch erfüllt, daß einer sie einhält, und dadurch durchkreuzt, daß einer sie bricht.
Der Maler findet, er müsse zur Ergänzung oder zum farblichen Ausgleich oder zur Vervollkommnung der gestalterischen Balance in dieser Ecke der Leinwand noch einen gelben Fleck hinzufügen. Befragt, ob er einer näheren Grund für sein Tun oder eine ästhetische Regel angeben könne, aus der es sich ableiten und rechtfertigen ließe, schüttelt er nur den Kopf: Er handele intuitiv.
In der Tat muß der Künstler keine explizite ästhetische Regel angeben können, um sein Tun zu rechtfertigen. Seine Berufung auf eine vage Instanz wie die Intuition genügt, er hätte auch sagen können: Ich fühle einen gewissen inneren Zwang, so zu handeln.
Wir ersehen daraus, daß der Mangel oder Wegfall einer ausdrücklich formulierten Regelästhetik keineswegs das künstlerische Tun vom Sinn des Normativen loslöst. Wir könnten sagen, im Gegenteil.
Der Sinn des Normativen besteht darin, unser Tun, soweit es intentional auf einen Gegenstand oder Vorgang ausgerichtet ist, zu erklären und zu rechtfertigen, wie das Komponieren, Interpretieren und kunstsinnige Hören eines Musikstücks oder das Malen und kunstgerechte Betrachten eines Bildes oder das Einhalten und Nichtbeachten einer Konvention wie der Konvention, dem Trauernden zu kondolieren, erklärt und gerechtfertigt wird, wenn es nach den festgelegten oder unausgesprochen Normen und Kriterien geschieht, die dieses Tätigkeiten implizieren.
Die normative Erklärung und Rechtfertigung sieht demnach wie folgt aus:
Auf die Frage, warum der Anverwandte dem Sohn des Verstorbenen die Hand gereicht und dabei „Mein Beileid“ gemurmelt habe, kann er antworten: „Ich habe ihm kondoliert“ oder: „Diese Sitte gilt bei uns.“ Weitere Gründe muß er nicht nennen.
Auf die Frage an den Geiger, warum ihn der Kapellmeister getadelt habe, kann er sagen: „Ich habe einen Mißgriff gemacht“ oder: „Die Partitur gibt an der Stelle eine Vorschrift, die ich nicht eingehalten habe.“
Auf die Frage an den Komponisten, warum er in der Partitur des Liedes den Ausdruck „mit tiefer Bewegtheit“ angegeben habe, kann er antworten: „An dieser Stelle ist die lyrische Intensität am größten.“
Auf die Frage an den Maler, warum er an dieser Bildecke einen gelben Fleck gesetzt habe, kann er sagen: „Damit gleiche ich die überwiegenden Grüntöne der Gegenseite aus.“
Wir unterscheiden die normative Erklärung von der kausalen Erklärung wie folgt:
Wenn der Geiger auf die Frage, warum er an der bewußten Stelle die Vorschrift der Partitur nicht eingehalten habe, antwortet, daß er in diesem Moment einen Krampf in der Hand verspürte, gibt er eine natürliche Ursache oder eine kausale Erklärung für sein Verhalten an, die es nicht in dem Sinne zu rechtfertigen vermag, daß er sich für die Art seines Spieles auf diese Erklärung berufen sein Spielen oder Nichtspielen legitimieren könnte.
Wenn der Anverwandte auf die Frage, warum er dem Trauernden am Grabe die Hand gereicht und dabei „Mein Beileid“ gemurmelt habe, antwortet, daß seine Eltern ihm dieses Verhalten beigebracht und anerzogen hätten, gibt er eine kausale Erklärung seines Verhaltens an, denn es wurde von den Erziehungsmaßnahmen der Erzieher mittels Anweisungen und durch Einsatz von Lob und Tadel konditioniert.
Wir ersehen hieran den wichtigen Punkt, daß wir unser Tun nicht mittels Berufung auf Gewohnheiten oder Konditionierungen rechtfertigen können. Denn was sollte es bedeuten, wenn derjenige, der dem Trauernden am Grabe kondoliert, auf die Frage, warum er dies tue, antwortet, daß es ihm seine Eltern so beigebracht hätten? Vielmehr muß er sagen können, daß er dem Trauernden sein Beileid aussprechen und kundtun wollte.
Der Wille, etwas zu tun, unterscheidet sich von der Gewohnheit, etwas zu tun, oder der Konditionierung des Verhaltens dadurch, daß wir im ersten Falle unser Tun mit Gründen rechtfertigen können und gegebenenfalls die Konvention bewußt und vorsätzlich nicht einhalten, während die üble Angewohnheit, auf die Straße zu spucken, dieses Verhalten nicht dadurch rechtfertigt, daß es im Orient allgemeine Sitte ist.
All unser Reden hat natürliche Ursachen, insofern wir die Sprache als Kinder durch Vorgänge der Konditionierung erlernt und neuronale Zweige und synaptische Assoziationen entwickelt haben, auf denen es kausal fußt. Doch wenn du auf meine Frage, warum du „Entschuldigung!“sagst, wenn du mir versehentlich auf den Fuß getreten bist, obwohl es doch versehentlich geschah, antwortest, daß du es so gelernt hast oder so gewohnt bist, bin ich nicht bereit, dies als guten Grund für dein Benehmen zu akzeptieren, und bin darob wenig amüsiert, denn ich will, daß du aus freien Stücken tust, was du tust, wenn du dich bei mir entschuldigst.
Wir ersehen hieraus den wichtigen Punkt, daß wir unser Reden nicht kausal erklären können, wenn wir nach seiner Bedeutung und seinem Sinn fragen.
Führten wir unser Gespräch an den Leiplanken der kausalen Rollen von Reiz und Reaktion entlang, müßten und könnten wir die Bedeutung und den Sinn des Gesagten nicht verstehen. Wenn ich mit der Aufforderung, einen Spaziergang zu machen, dir den verbalen Reiz hinhielte, dies zu tun, hätte dein erklärtes Einverständnis nicht die Bedeutung einer Zustimmung, sondern die Funktion einer konditionierten Reaktion. Meine Aufforderung hätte den kausalen Sinn eines Strickes, den ich um deinen Hals legte, um dich damit ins Freie zu ziehen. Und folgtest du meiner Aufforderung nicht, hätte dieses Verhalten nicht den Sinn einer Ablehnung, sondern wäre der Tatsache äquivalent, daß der unsichtbare Strick gerissen wäre.
Das, was wir psychische Realität nennen, ist kein physischer Teil der Welt, der ausschließlich kausalen Erklärungen nach neurophysiologischen Reiz-Reaktions-Mechanismen und Konditionierungen zugänglich wäre, auch wenn ihre Entstehung nicht ohne physische Gegenstücke denkbar sein sollte, sondern ein intentionaler
Teil der Welt, der ausschließlich normativen Erklärungen unter Anwendung von Regeln, Vorschriften und Kriterien zugänglich ist.
Die normierenden Regularien können wie bei den Kodizes des Benehmens und Gebarens implizit und unausdrücklich oder wie bei den Regeln zur Verfertigung einer musikalischen Fuge oder den Rechenregeln für Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division oder den logischen Ableitungsregeln explizit und ausdrücklich festgelegt und formuliert oder wie bei den Regeln der logischen und natürlichsprachlichen Grammatik beides sein, denn die meisten Leute wissen nicht, warum sie mit Grund einen Eigennamen wie Peter nicht als Prädikat verwenden und verwenden sollten – Hauptsache, Logiker wie Frege und Russel haben es herausgefunden und explizit gemacht.
Wenn wir annehmen müssen, daß die psychische Realität einen echten Teil der gesamten Realität darstellt, müssen wir schlußfolgern, daß wir sie nicht als Wirkung natürlicher Ursachen wie des Urknalls, der kosmologischen oder darwinistischen Evolution oder der Neurophysiologie unseres Gehirns erklären können – trotz der törichten Erklärungsversuche durch solch brillante Narren wie Stephen Hawking oder Richard Dawkins.
Denn die psychische Realität oder der Sinn des Normativen ist überhaupt nicht als Wirkung einer Ursache vollständig erklärbar. Andernfalls wäre der Sinn der Aufgabe, 3 und 7 zu addieren, erklärbar aus der Wirkung bestimmter neuronaler Vorgänge unseres Gehirns, die uns veranlassen, als Antwort 10 zu sagen. Aber diese neuronalen Vorgänge können nicht identisch sein mit denjenigen neuronalen Vorgängen, die bewirken, daß wir die Aufgabe der Addition von 7 und 3 mit derselben Summe wiedergeben, weil wir das Kommutativgesetz kennen oder wissen, daß 3 + 7 dieselbe Summe ergibt wie 7 + 3.
Wir können festlegen, daß wir die Reihe von 1 bis 10 mit 11 fortsetzen, aber wir könnten auch festlegen, daß wir sie mit 101 fortsetzen und hernach mit 1001 weitermachen. Dieser konventionelle Anteil des Normativen reicht von der Grammatik bis zur Ästhetik der Gestaltung in den Künsten. Wir können nicht ohne Farben malen, wenn wir malen wollen, aber wir können die Farben als Signalfarben behandeln oder als symbolische Farben oder als reine visuelle Vorkommnisse ohne jeden symbolischen Bezug. Bei Tieren haben Farben die Funktion natürlicher Reize für unkonditionierte oder konditionierte Verhaltensweisen. Wir lassen die Ampeln wohl auf Rot als Warnsignal schalten, doch Goethe spricht vom goldenen Baum des Lebens und Franz Marc malt blaue Pferde.
Insbesondere kann die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht auf ihre kausale Rolle in der Kommunikation zurückgeführt oder als Wirkung lautlicher oder grafischer Signale oder Reize erklärt werden. Wäre die Bedeutung von „Halt!“ eindeutig und stets auf das Signal des Warnzeichens reduzierbar, das mit ihm assoziiert ist, wie könnten wir dann Begriffe wie „Vorhalt“, „Aufenthalt“ oder „Hinterhalt“ bilden? Wie könnte der Dieb auf diesen Zuruf hin nicht sich augenblicks gefangengeben, sondern vielmehr davonstürmen?
Die dichterische Verwendung der Sprache ist geradezu dadurch definierbar, daß sie sowohl den Appellcharakter als auch den Wahrheitsbezug der dargestellten und ausgedrückten Sprechakte in einem freien Spiel der Wortverwendung suspendiert, denn wir eilen als Zuschauer im Theater dem Schauspieler, der um Hilfe ruft oder seinen Peiniger um Erbarmen anfleht, nicht zu Hilfe, sondern erbauen uns an der künstlerischen Leistung des Dichters und Schauspielers, tragischen Lebenslagen wortgewaltigen und gestisch überzeugenden Ausdruck zu verleihen.
Alle Versuche der kausalen Erklärung der Sprachentstehung angefangen von Gottfried Herder bis zu Steven Pinker sind daran gescheitert, den semantischen und normativen Sinn der Sprachverwendung aus den kausalen Rollen der Sprechakte oder aus gewissen Instinkten und instinktähnlichen Gewohnheiten ableiten zu wollen. Wäre die Bedeutung des Urwortes „Mutter“ vollständig auf die kausale Rolle reduzierbar, die Anwesenheit des für das Kind wichtigsten Lebenspartners zu bezeugen oder zu beschwören, wie könnte es jemals den Sinn des Satzes „Die Mutter ist nicht da“ einsehen?
Überhaupt scheint die Verwendung der Negation der Prüfstein der Sprachtheorie zu sein oder die genaueste Aufklärung über den Sinn des Normativen in der Sprachverwendung bereitzuhalten. Denn wäre der Sinn des Satzes auf die Wirkung oder den Reiz zurückführbar, den mit ihm gemeinten Sachverhalt mental darzustellen oder zu repräsentieren, wie könnte dann die Repräsentation des nicht vorhandenen Sachverhaltes erklärt werden? Er ist ja nicht so etwas wie die Verdünnung des positiven Gehalts bis zum äußersten Grad!
Wenn du mich bittest, dich zu deinem Spaziergang heute ausnahmsweise nicht zu begleiten, verstehe ich genau, was du meinst, und kann deiner Bitte entsprechen, ohne mich von dem ursprünglichen Reiz, der in der positiven Aufforderung stecken mag, loslösen zu müssen.
Vergleichen wir die grammatische Ordnung der Wortkategorien mit der natürlichen Ordnung der Namen für Tiere und Pflanzen, wie sie uns die zoologische Klassifikation darbietet. Katzen sind Mitglieder der Ordnung der Raubtiere, Raubtiere sind Mitglieder der Ordnung der Säugetiere, Säugetiere sind Mitglieder der Klasse der Wirbeltiere, Wirbeltiere sind Mitglieder des Stammes der Chordatiere.
Dagegen können wir sagen: „Es fallen Tropfen“ oder: „Es regnet“, wobei wir im ersten Falle als Grundkategorie unserer Aussage die Kategorie der Einzeldinge wählen, während wir im zweiten Falle die Kategorie der Ereignisse bevorzugen. Wir können wiederum über ein Ereignis als gegenstandlosen Vorgang sprechen, wie wenn wir sagen: „Es dämmert“ oder „Es wird dunkel“ oder als gegenständlichen Vorgang, wie wenn wir sagen: „Die Dämmerung bricht herein“ oder „Es wird Nacht.“
Daraus erhellt, daß wir in der Wahl unserer grammtischen Klassifikationen und Ontologien nicht durch natürliche Tatsachen gebunden sind, wie dies bei der zoologischen Klassifikation nach Lenné oder dem Periodensystem der chemischen Elemente der Fall ist.
Freilich gelten, wenn wir uns einmal grammatisch-ontologisch festgelegt haben, die Kriterien der Kohärenz und Konsistenz. Wir können Einzeldinge nicht wie Ereignisse und Ereignisse nicht wie Einzeldinge kategorisieren. Doch die Kriterien der Kohärenz und Konsistenz sind wiederum evidenterweise normative Kriterien, und sie sind die fundamentalen Kriterien, die unser sprachliches Verhalten und die von uns erfaßten und dargestellten logisch-semantischen Sinnzusammenhänge normieren.
Geharnischtes und Unverblümtes
Ob du zum Empfang Blüten streust oder die Zunge herausstreckst, sei allein dir anheimgestellt.
Sie laden sich unbesehen Gäste ins Haus und wundern sich, daß am Ende der Party die Wände beschmiert und die Toilette verstopft ist.
Ihre Ahnen haben das Feld bestellt, sie aber sind müde und dulden die Raben, die die Saatkörner fressen.
Der alte Großbauer hat noch selbst die Pferde angeschirrt und den Dung auf den Acker gefahren. Sein Enkel sammelt Kunst und lädt am Sonntagmorgen zu Schampus und Jazz radebrechende Akademiker und tätowierte Gauner in die frühere Stube, die er zu einem Salon umgestaltet hat. Seine Frau kutschiert in einem roten Cabriolet bei offenem Verdeck durch das Dorf und läßt ihren Schal flattern.
Die Glocken rufen noch, aber die Seelen, die ihren Ruf verstanden, sind tot.
Sie verstehen das Blut nicht mehr, nicht mehr die Bindung durch Lied und Leid. Sie verleugnen die Eltern und wollen selbst keine mehr sein. Sie wollen nicht mehr eigentümliche Zeichen prägen und vermachen. Sie wollen Masse sein und kein Volk.
Sie schreien immer, es gelte Gesicht zu zeigen, haben aber keins.
Sie haben tausendfach krakeelt, es gelte Grenzen zu überschreiten. Jetzt, da ihre Grenzen überrannt werden, müssten sie verstummen.
Die Besonnenen werden fremd im eigenen Land, die Dichter fremd in der eigenen Sprache, die Liebenden fremd vor der eigenen Zukunft.
Eunuchen predigen Eros und Rausch.
Sinnenfroher Reichtum, selbstverliebte Macht und edler Geschmack: daher die Kunst und aller Schönheitssinn, von den Gärten und Brunnen bis zum epischen und lyrischen Spiegelbild.
Die Überflüssigen schreien am lautesten.
Für den Lustmörder spricht immerhin der bös gereckte Wille, für den frigiden Langweiler nichts.
Journalisten – je mehr sie nach der Jauche stinken, die sie aufgewühlt haben, umso höher steigt ihr Ansehen.
Wann und wie hat sich die Schlange der Wahrheit in den Garten der Künste und Lüste geschlichen?
Zeugungsunwillige Künstler, die der Kunst das Kondom ihrer moralischen und politischen Weltsicht überstülpen.
Weil sie die unheimliche Leere der Stille nicht ertragen, schlagen sie Krach. Weil sie sich selbst rechtens nicht ausstehen können, wollen sie die Welt aus den Angeln heben oder in tausend Stücke schlagen.
Manche meinen, die Malerei vollende sich im schwarzen Bild, die Dichtung im Schweigen.
Gott ward es leid und zog sich resigniert in seinen Garten zurück. Manchmal in der Nacht kann man hören, wie er leise die eigenen Psalmen singt.
Die Dichtung beginnt mit der Zauberformel und endet mit der Klage über den Verlust der magischen Kräfte.
Die Ausnahmestellung der Dichtung im Reich der Künste hat ihren Grund in der Tatsache, daß nur der Satz wahrheitsfähig im strengen Sinne ist.
Dichtung ist ein Gemisch aus Anzeichen und Zeichen.
Der Rhythmus des Gedichts ist ein Anzeichen emotionaler Erregung, die Verknüpfungen der Worte des Gedichts bilden Zeichen, insofern sie etwas meinen und bedeuten, dessen Sinn bestehen bleibt, auch wenn die Erregung schon verklungen ist.
Der Ausruf „Oh!“ ist ein Anzeichen der emotionalen Erregung des Erstaunens oder der Freude, der durch den Satz „Die Blume ist aufgeblüht!“ wiedergegeben werden kann, dessen Sinn bestehen bleibt, auch wenn die Erregung schon verklungen ist.
Melodie und Rhythmus des Lieds versetzen uns in einen emotionalen Zustand, den wir als freudig oder traurig, fade oder angespannt beschreiben können. Melodie und Rhythmus oder die Musik sind reine Anzeichen, während die Worte des Lieds der durch Anzeichen ausgedrückten emotionalen Erregung einen Sinn verleihen, der bestehen bleibt, auch wenn die Erregung schon verklungen ist.
Das Eigentümliche der Semantik der Dichtung besteht darin, daß ihre wahrheitsfähigen Sätze keinen Wahrheitsanspruch erheben, weil der Kontext ihrer Äußerung ihnen die behauptende Kraft benimmt.
Hamlets Klage und Verzweiflung um Ophelias Irrsinn und Selbstmord verstehen wir als dichterisch gelungene Gestaltung einer tragischen Situation, auch wenn wir wissen, daß die Schauspielerin in Wahrheit nicht ins Wasser gegangen ist, sondern die Figur in der Fiktion.
Neurowissenschaftler und andere verrückte Philosophen nehmen an, deine Aufforderung an mich, einen Spaziergang zu machen, sei ein Strick um meinen Hals, mit dem du mich nach draußen ziehst. Und die Tatsache, daß ich deiner Aufforderung nicht nachkomme, sei der Tatsache äquivalent, daß der Strick gerissen ist.
Wenn die Bedeutung des Satzes in der Wirkung bestünde, die mit seiner Äußerung verknüpft ist, müßte die Bedeutung meiner Äußerung: „Es schneit!“, während draußen die Sonne scheint, das ungläubige und irritierte Lächeln sein, das du daraufhin zeigst, während seine Bedeutung in der Falschheit der Behauptung, daß es schneit, besteht.
Die Semantik der Dichtung beruht auf der Tatsache, daß die verwendeten Zeichen und ihre Verknüpfung konventionell sind, während Ausdrucksmittel wie Rhythmus und Metrum einen natürlichen Hintergrund in der emotionalen Verfassung des Lebewesens Mensch haben.
Weil die Identifikation von natürlichen Anzeichen wie des Rauschens von Wasser, des Trippelns von Schritten und der Vibrationen der Stimme oder der Signalwirkung der Farben zu unserer Ausstattung gehört, bleiben Musik und Malerei der natürlichen Welt der Anzeichen verhaftet, auch wenn sie sich zu den sublimen Höhen der Streichquartette Beethovens oder der abstrakten Physiognomien Jawlenskys erheben.
Klarheit und Einfachheit
Klar und einfach werden heißt sich abwenden von der Zeit und der faden Lymphe, die sie nährt: der Phrase.
Die Zeitgeistigen oder die Sklaven der Gegenwart benutzen die Phrase, einmal, um sich mit ihr zu falscher Größe aufzublähen, einmal, um ihre wahre Kleinheit und Leere dahinter zu verstecken.
Nimm Phrasen und Großmaulworte wie Menschheit, Solidarität und Mitgefühl: Sie treten dir dummdreist auf die Füße bei ihrem Sturmlauf auf die Plätze oder an die Mikrophone, wo sie die Heilslehre der Menschheitsverbrüderung ausposaunen, sie rennen dich einfach um, damit sie rechtzeitig bei der Preisverleihung und der Verleihung des Ordens für das selbstloseste Opfer anlangen, sie verkaufen ihre Großmutter, um die Menschheit zu retten, sie erbarmen sich der tränenselig aufgemotzten Negerkindlein von südlich der Sahara, während ihre Mutter einsam im Sterben liegt.
Sie haben nichts außer dem Pöbelgeschmack, den sie Demokratie nennen, und gerieren sich als moralische Auslese.
Sie fliehen vor sich selber und haben einen Flüchtling beherbergt.
Die Sprache Goethes und Hölderlins sollte nicht jedem dahergelaufenen Tunichtgut ausgeliefert werden, es sind der deutschen Michel und deutschen Deutschlehrer schon zu viele, die ihrer nicht würdig sind.
Sie haben keine wahre Not und nähren sich parasitär vom Elend der anderen.
Sie prostituieren die Kunst im Dienste ihrer reinen Moral.
Sie haben nichts Eigenes mehr, darum ihr Kult des Fremden.
Ihr moralischer Eskapismus geht einher mit der Trübung der Vernunft, in deren Folge sie sich und anderen einfachste Fragen verbieten.
Der Bettler, der Arme, der Flüchtling, die neuen Ikonen eines moralisch sterilisierten und sozialistisch kastrierten Christentums.
Zumeist sind Leute arm, weil sie entweder zu faul oder zu wenig begabt oder beides sind, um es zu etwas zu bringen.
Die Sehnsucht der Zukurzgekommenen: die reichen Prasser und dekadenten Finanzjongleure am Galgen baumeln zu sehen. Es sind die verkommenen Priester und die hysterischen Sozialpädagogen, die diese Sehnsucht schüren und sie zu stillen als Heroismus und neuen liturgischen Dienst feiern.
Die Kunst und die Dichtung stehen in niemandes Dienst, sind keines Moralisten Büttel und werden unfruchtbar unter dem stinkenden Atem der Gutwilligen.
Wie die Logik sorgt die freie Rede der Dichtung für sich selbst, spielt mit sich selbst, wie der Jongleur, der seine Bälle wirft und fängt. Den Ball zu werfen und wieder zu fangen und nicht auf den Boden gleiten zu lassen ist die Kunst.
Wenn du dich bezaubern läßt von der Kunst des Ballspielers, genießt du die Freiheit, du selbst zu sein, siehst du klar, inmitten der Dunkelheit des Lebens, werden alle Wege offen und licht, im Labyrinth des Lebens.
Wer Kopfweh hat, beweist damit noch nicht, daß er sich mit großen Fragen abplagt.
Manch einer hat Kopfweh, weil er sich für etwas hält, was er nicht ist.
Wider die, die Kopfweh haben, weil sie schwer am Leben tragen, zeugt das Leben.
Dichtung, die Kopfweh verursacht, fließt aus verschmutzter oder vergifteter Quelle.
Sie haben so viel gelesen, daß sie die Orientierung verloren haben.
Weil sie die Orientierung verloren haben, wollen sie alle anderen vom Weg abbringen.
Weil sie kein Licht sehen, verdunkeln sie die schlichten Dinge des Lebens.
Weil sie die Orientierung verloren haben, hassen sie die Ordnung.
Sie können keine Unterschiede des Ranges zulassen, denn sonst müßten sie bescheiden werden.
Weil sie keine Unterschiede des Ranges zulassen können, fördern sie den Unrat, das Häßliche, das Gemeine.
Die betäubende Wiederholung der Phrase ist wie das Pfeifen des Kindes im Wald: Es verdeckt die Angst vor der Gefahr. Doch vergebens, denn die Phrase selbst birgt die Gefahr, die Klarheit und Einfachheit des Lebensvorgangs zu verlieren.
Wenn du unter Panik leidest, weil der Weg zur Arbeit, zum Amt, zur Geliebten wie mit scharfen Scherben bestreut scheint, erkennst du, wenn die Arbeit getan, das Formular ausgefüllt, die Geliebte geküßt ist, daß der ungeheure Seelenaufwand der Panik nichtig war gegenüber der Klarheit und Einfachheit des Lebensvollzugs.
Die Klarheit und Einfachheit des Lebensvollzugs ersehen wir am Beischlaf und am Sterbeprozess.
Zu viel zu wollen ist das Hemmnis der Klarheit und Einfachheit, es richtet die Mauer der Zweifel und überflüssiger Fragen auf, hinter welcher der Garten der Lüste sich verschließt.
Zu viel sagen zu wollen ist das Grundproblem des Dichtens. Reife zeigt sich in der männlichen Tugend, das Überflüssige zu beschneiden und zu verschweigen.
Wenn du die Ausstrahlung des Eros dichterisch anhand des alten Bildes vom Duft, der in der Nacht sich im Wald verbreitet, zu erfassen gedenkst, mußt du nicht botanisch fuchsen und dich lang und breit über die Namen und die Morphologie der gemeinten Blumen verbreiten.
Der starke Eindruck wird durch langatmige Erklärungen abgeschwächt. Manchmal genügt ein Gedankenstrich, manchmal der Schatten eines Seufzers.
Die Grundbefindlichkeiten unseres Daseins können wir aus den Interjektionen „Ach!“ und „Oh“ entwickeln, aber nur so lange, wie die ursprünglichen Impulse nachhallen.
Es ist wie mit den didaktischen Lehrbuchsätzen, die an den grammatischen und semantischen Gelenkstellen Leerstellen aufweisen: Das Nichtgesagte fordert und gibt am meisten.
Wenn du deine Zuneigung der Geliebten offenbaren willst, genügt eine kleine Geste, das Entzünden einer Kerze, ein Lächeln, selbst ein Schweigen. Zu viele Orchideen im geschlossenen Zimmer benehmen den Atem.
Klarheit und Einfachheit des Tuns und Sagens erlangen wir durch das helle Bewußtsein und die unabgelenkte Konzentration auf den Augenblick des Lebensvollzugs.
Kein Aufhebens von dem zu machen, was als unbeabsichtigte Aufwallung oder Trübung des Lebensstromes geschieht, und es muß ja geschehen, gehört zur Kunst ebenso wie die zärtliche Verkleinerung der allzu großen Gefühle, die zärtliche Einbettung der großen Worte in die weichen Daunen der Ironie.
Dichtung ist keine Droge, mit der sich die Wachheit und Wahrheit des Lebensvollzugs betrügen ließe.
Die Bedeutung der Worte, und ebenso der dichterischen, ist nicht die Wirkung des Gesagten. Wenn ich dir versehentlich auf den Fuß trete und um Verzeihung bitte, ist die Tatsache, daß du mir verzeihst, nicht die Wirkung meiner Entschuldigung, sondern deine freie Antwort auf das von mir Gemeinte.
„Wirkungsästhetik“ – die Torheit steckt schon im Begriff.
So ist die Dichtung die freie Antwort des Dichters auf das von ihm Gesehene und Gehörte. Und das Verstehen des dichterischen Worts die freie Antwort auf das Gelesene.
Wenn du es sagst
Wenn du sagst „Adria“,
klart es auf.
Wenn du sagst „Karst“,
gilbt der Mond.
Sagst du „Udine“,
schmatzen die Wellen.
Sagst du „FriauI“,
rötet sich Schnee.
Wenn du sagst „Florenz“,
flüstern die Sterne.
Wenn du sagst „Venedig“,
flüstert das Gold.
Sagst du „Triest“,
glühen die Mücken.
Sagst du „Lagune“,
singt es von Inseln.
Wenn du sagst „Liebe“,
tutetʼs vom Kai.
Wenn du sagst „Liebe“,
legt das Schiff ab.
Ich suche nicht, ich sehe
„Mensch, bis hierhin hast du den alten Kadaver geschleppt,
und hast noch stets einen Spruch zwischen den Zähnen,
einen scharf zischenden oder einen sanft neckenden?“
„Jetzt hast du, verflixt und zugenäht,
doch wohl alles gesehen, alles gefühlt, alles gedacht,
wie die Welt mit ihren goldenen Bällen und faulen Äpfeln spielt?“
„Mensch, hast du gefunden, was du gesucht hast?
Und hast du nach dem gesucht, was du gefunden hast?
Fehlt was, Mensch, was, Menschenskind fehlt dir?“
„Ich habe alles gesehen, gefühlt, gedacht.
Das Geheimnis des Lebens wurde nicht alt,
wie ich alt wurde an all den Bildern und Geschichten.“
„Ich habe den goldenen Ball aufgefangen
und dem nächstbesten zugeworfen.
Den faulen Apfel habe ich gegessen
und ziemlich verdaut.“
„Ich finde, wonach ich nicht suche.
Mir fehlte nicht, was ich fand.
Ich suche nicht, ich sehe.“
Für keinen – für dich
Das Lied singt für keinen.
Das Lied singt nur für dich.
Der Wind spielt mit der Wolke.
Der Wind wirbelt das Blatt.
Die Wolke siehst du.
Den Wind siehst du nicht.
Das Blatt siehst du.
Den Wind siehst du nicht.
Die Zeit spielt mit den Blumen.
Die Zeit spielt mit den Menschen.
Blüte siehst du und Frucht.
Die Zeit siehst du nicht.
Runzeln siehst du und Narben.
Die Zeit siehst du nicht.
Die Liebe spielt mit dem Mann.
Die Liebe spielt mit der Frau.
Den Glanz in den Augen siehst du.
Die Liebe siehst du nicht.
Die Träne auf der Wange siehst du.
Die Liebe siehst du nicht.
Der Gott spielt mit Licht.
Der Gott spielt mit den Herzen.
Du siehst die Schatten wandern.
Den Gott siehst du nicht.
Du siehst sich die Augen verdunkeln.
Den Gott siehst du nicht.
Das Lied singt für keinen.
Das Lied singt nur für dich.
Der Tropfen
Der Tropfen Blut,
der auf die Schneedecke fällt,
läßt sie heller leuchten.
So das Wort,
das du auf das weiße Blatt schreibst.
Der Vogelruf,
der die Stille des Abends schneidet,
läßt sie dunkler zurück.
So das Wort,
das du in die Stille sagst.
Der Name,
der dich aus der Stille ruft,
läßt dich einsamer zurück.
So der Vogelruf,
den du in der Nacht hörst.
Der Befehl,
der die Welt aus dem Nichts weckt,
läßt sie einsamer zurück.
So der Name,
der dich aus der Stille ruft.
So das Wort,
das du auf das weiße Blatt schreibst.
So der Name,
der dich aus der Stille ruft.
Ein Wort, das in der Nacht leuchtet
Eine Lampe, die den Weg weist.
Eine Kerze, die vor dem Bild brennt.
Ein Stern, der in der Nacht leuchtet.
Ein Kind, das im Wald singt.
Ein Mann, der für eine Frau singt.
Ein Weiser, der vor sich hin singt.
Ein Wort, das den Weg weist.
Ein Wort, das im Unwegsamen brennt.
Ein Wort, das in der Nacht leuchtet.
Ein Kind, das vor Staunen verstummt.
Ein Mann, der vor Sehnsucht schweigt.
Ein Weiser, der das Buch zuschlägt.
Ein Wort, das den Weg weist.
Ein Wort, das im Unwegsamen brennt.
Ein Wort, das in der Nacht leuchtet.
Vom Glück, unglücklich zu sein
Du bist unglücklich, aufzuwachen
und mit wachen Augen um dich zu sehen?
Du bist unglücklich, aufzuwachen
und den altbekannten Körper um dich zu fühlen?
Du bist unglücklich nicht wegen eines Unglücks,
das dich beim Erwachen anspringt,
du bist unglücklich wegen des Unglücks,
erwacht zu sein?
Du ist unglücklich nicht wegen des Unglücks,
an das du dich erinnerst,
du bist unglücklich wegen des Unglücks,
dich zu erinnern?
Du bist unglücklich nicht wegen des Unglücks,
um das du weißt,
du bist unglücklich wegen des Unglücks,
zu wissen?
Wenn du unglücklich bist wegen des Unglücks,
nicht ein anderer als du selbst zu sein,
nicht dein Dasein von außen zu sehen,
nicht von einer Anhöhe aus zu sehen,
wie da einer gegen eine Mauer rennt,
nicht erinnerungslos zu sein,
dann spring in dein Bewußtsein,
hüpfe in den Augenblick,
geh über das Wasser der Erinnerung.
Und du siehst, das Leben trägt dich,
du gehst nicht augenblicks unter,
du siehst, du selbst zu sein,
ist keine Krankheit,
du siehst, bewußt zu sein
verursacht kein Kopfweh.
Singe oder pfeife vor Glück,
unglücklich zu sein,
stöhne oder fluche auf das Glück,
unglücklich zu sein,
und du bist glücklich.
Besser ist es, nichts zu sagen
Besser ist es zu warten,
zu sitzen und zu warten,
aus dem Fenster zu schauen,
zu sitzen und zu warten,
zu warten, ohne zu wissen,
worauf,
zu warten
ohne Erwartung,
besser ist es,
auf und ab zu gehen,
auf und ab zu gehen,
besser ist es,
zu gehen, ohne wohin zu gehen,
besser ist es zu hören,
zu hören,
nicht auf eine Stimme,
nicht auf jemandes Stimme,
die ertönt
oder nicht ertönt,
zu hören,
zu hören, ohne zu hören.
Besser ist es zu warten,
nicht auf einen,
der kommt,
nicht auf einen,
der nicht kommt,
besser ist es wartend
auf nichts zu warten,
besser ist es, da zu sitzen
und zu schauen,
nicht ob ein Schatten vorüberfliegt
oder nicht vorüberfliegt,
zu schauen,
ohne etwas zu schauen.
Besser ist es, nichts zu sagen,
oder etwas zu sagen, das so leicht ist,
etwas zu sagen, das so unbedeutend ist
wie die Atemluft,
die in der Kälte dampft,
in der Kälte dampft und verdampft,
besser ist es, etwas zu sagen,
als sagte man nichts.
Besser ist es, nichts zu schreiben,
oder zu schreiben,
als schriebe man nicht,
als wären die Worte so leicht
und gewichtslos wie Tropfen,
als wären die Worte so leicht
und durchsichtig wie Tropfen
auf der Wange des Schlafenden,
von denen er nicht weiß,
daß es Tränen sind.
Das Bild vom Garten Eden
Wir kennen das Bild des Gartens aus dem Alten Testament. Hier ist der Garten Eden noch nicht das Bild der Seele, wie bei den modernen Dichtern wie Stefan George oder Robert Lax, sondern die Landschaft und Lebensform des ganzen Menschen, des Menschen in der Fülle des Lebens, des Menschen mit Leib und Seele, in Gemeinschaft mit seinesgleichen und mit Gott.
Oder sollen wir sagen, daß der Garten Eden als Bild des menschlichen Lebens den vollständigen Sinn von der Seele wiedergibt, von dem wir nur eine halbierte Version in Händen halten, wenn die Fülle des Leibens und Lebens sowie die Gemeinschaft mit anderen und mit Gott davon abgezogen werden?
Die Schönheit des Lebens im Garten Eden ist die Heiterkeit des ihn durchfließenden Lichts und die friedvolle Ordnung der in ihm wachsenden und sich tummelnden Lebewesen, der Pflanzen, Tiere und Menschen.
Wir dürfen kühn sagen, Gott sei der Gärtner im Garten Eden, in seinem Paradies. Er segnet sein Gedeihen und sein Wachstum mit Licht, er jätet das Unkraut und die bösen Triebe, die emporschießen, um die Lichtungen zu verdunkeln, reißt er aus, er zügelt das Treiben der Schlange.
Denn das Böse ist im Garten Eden anwesend, aber es verwildert ihn nicht, solange Gott der Gärner ist.
Wir können statt des Bilds vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Garten Eden auch das Bild des abwesenden Gottes gebrauchen. Denn wenn der göttliche Gärtner geht, verwildert und überwuchert der Garten, es sei denn der Mensch besinnt sich darauf, seine Aufgabe, das Handwerk des Jätens und Harkens, des Stutzens und Veredelns, des Säens und Erntens, in Angriff zu nehmen.
Die Abwesenheit Gottes ist der Grund für die menschliche Kultur, denn das Bild des Gartens stellt uns diese Tatsache, die Tatsache der Notwendigkeit der Arbeit und der Gestaltung und Umgestaltung, die Notwendigkeit der Kultivierung des Wilden, vor Augen.
Einen Garten zu pflegen heißt, für das Gedeihen der angebauten Pflanzen sorgen. Sie bedürfen des Lichts, sie bedürfen des Wassers. Du sorgst für die Lichtung, du sorgst für die Bewässerung. Das Licht kommt von der Sonne, die Pflanze erwächst aus dem Samen. Sonne und Samen hast du nicht erschaffen. Sonne und Samen findest du vor.
So ist es mit den Begriffen. Tun und Leiden, Sprechen und Schweigen, Ich und Du, Ding und Welt – all die wesentlichen Begriffe, ohne die wir geistig blind sind, bedürfen gleichsam des Lichts, des Lichts der ihnen wesentlichen Ordnung.
Wird der Garten vernachlässigt, werden die Beete nicht mehr gejätet und bewässert, die Stauden und Sträucher nicht mehr beschnitten und gebunden, der Boden nicht mehr gedüngt und bewässert, verwildert alles, Unkraut und Disteln wuchern, die Blumen ersticken, die Beeren verfaulen, das Obst wird nicht reif.
Entbehrt der menschliche Geist der logisch-semantischen Ordnung der Begriffe, verdunkelt er sich und wird blind. Wir sagen, der begriffsblinde Mensch gibt der Neigung zum Bösen nach und sündigt. Er hat die Orientierung am Licht verloren und wird verrückt oder stumpfsinnig oder trübsinnig.
Wir wissen von der Ordnung der Vernunft, die sich am lumen naturale ausrichtet oder an der Arbeit des Begriffs, die niemals vollendet ist, denn es gibt hienieden keinen absoluten Begriff, sondern nur die unendliche Mühe und Geduld, die wir aufwenden, um unsere Begriffe zu ordnen ins Reine zu bringen.
Wir hörten von der Ordnung der Liebe, die im Bild des Gartens erscheint, in dem statt des ursprünglichen Baums mit der verbotenen Frucht das Kreuz steht, das Kreuz, das in die Finsternis des menschlichen Geistes und Herzens leuchtet.
Robert Lax, Turn II
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Robert Lax, Turn
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Glossen an der Grenze des Sinns
Liebe wird nicht greifbar
als Schatten auf dem Spiegel,
Liebe wird nicht erkennbar
im Schatten auf dem Spiegel.
Liebe spiegelt ihr Bild nicht wider.
Das Unterpfand der Liebe ist der Name,
den der Liebende nicht vergißt.
Liebe ist die Treue zum Namen.
Der Name ist das Unterpfand
der Identität der Person
jenseits der Zeit.
Der Name erlischt nicht
mit seinem Träger.
Wenn die Erinnerungen verblassen,
bleibt das Licht des Namens.
Frömmigkeit ist die Treue
zum Gottesnamen.
Bevor Gott sprach, existierten die Dinge nicht –
auch nicht als Schatten im Spiegel seines Geistes.
Wenn Gott alles in allem ist,
ist außer Gott nichts,
kein Ding und kein Schatten des Dings.
Wenn Gott alles in allem ist,
sind wir in Gott,
sofern er uns denkt,
sofern er uns spricht.
Weil Gott es besagt und befiehlt,
ist das Heilige heilig
und das Gute gut.
Nicht weil etwas heilig wäre,
nicht weil etwas gut wäre,
sagt Gott es zu und befiehlt es.
Der Liebende liebt nicht die Schönheit der Geliebten
oder die Geliebte, weil sie schön ist.
Schön ist die Geliebte,
weil sie der Liebende liebt.
Der Sinn des Begehrens
ist nicht das Fleisch,
das es genießt.
Der Sinn des Wunsches
ist nicht das Ding,
das er verzehrt.
Die Bedeutung des Worts
gleicht nicht den Wellen,
die sich um den Stein bilden,
den du ins Wasser geworfen.
Die Ordnung des Wunsches,
die Ordnung des Worts
ist nicht ein Feld von Kräften.
Die Ordnung des Wunsches,
die Ordnung des Worts
ist die Logik des Sinns.
Der Sinn des Worts
ist Antwort,
das Gegenwort.
Der Sinn der Schöpfung
ist das gezeitigte Wort,
der Leib des Worts.
Wort, das leidet und stirbt,
Wort, das aufersteht.
Robert Lax, Advice
when
you
donʼt
know
what
to
do
sing
or
sit
ver
y
qui
et
ly
till
you
know
Guter Rat
wenn
du
ein
mal
nicht
weiter
weißt
singe
oder
sitze
ganz
ru
hig
da
bis
der
Gro
schen
fällt
Schnee XIII
Gestiebe von Schmerzkristallen.
Furien der Luft.
Weiße Blendung.
Unser Harren gilt der dunklen Krume,
die unterm Bildersturm des Schnees
von zarten Sprossen träumt,
ein Ahnen der Gestalt.
Gestiebe von Schmerzkristallen.
Bacchanal der Flocken.
Weißer Staub des Schlafs.
Unser Warten gilt der grünen Schwelle,
die mit Tropfen Weines trinkt
den liebend hingesungnen,
den Segensspruch.
Weißer Staub des Schlafs.
Bacchanal der Tränen.
Gelall der leeren Masken.
Unser Sehnen gilt dem schönen Scheine,
der von eines Vogels Sang
auf dein offnes Wort hinsinkt,
Auge, das im Morgen blaut.
Schnee XII
Im Gestöber verlierst du dich.
Die Spuren verwischen im Schnee.
Hier ist kein Bleiben, ist keine Treue.
Im Gestöber verlierst du dich.
Die Flocken verschlucken den Ruf.
Hier ist kein Wohnen, ist keine Sprache.
Im Gestöber verlierst du dich.
Das Zwielicht betrügt den Blick.
Hier ist keine Ordnung, ist keine Liebe.
Die Sonne lichtet das Chaos.
Der Schnee bequemt sich zu blühen.
Wo Stille keimt, halten wir inne.
Die Sonne lichtet das Chaos.
Die Amsel singt im Gesträuch.
Wo Namen sind, wollen wir wohnen.
Die Sonne lichtet das Chaos.
Die Träne reinigt den Blick.
Wo Liebe ist, wollen wir wohnen.
Schnee XI
Leicht und leise
schmiegst dich ins Leben,
füllst dich ins Bild.
Ohne Drängen,
ohne Zwängen
flockst du aus nichts.
Schwerelos,
graziös
schwebst du heran.
Du sagst dich
ins Leben
mit kühlen Küssen.
Du wagst dich
zu schweben
über tiefen Rissen.
Schleier
der Anmut
verbirgst du nichts.
Feier
der Leere
enthüllst du nichts.
Du labst
die wunde Welt
mit reiner Stille.
Du dichtest
auf dunkler Erde
mit Feenstaub.
Duldsam und leicht
gibst du dich hin
unter knirschenden Schritt.
Duldsam und leicht
scheust du zurück
unter tierischem Hauch.
Unter Gefunkel
gibst du dich hin
dem vollen Mond.
Unter Seufzern
gibst du dich hin
dem hohen Stern.
Leicht und leise
entsagst du dem Leben,
entquillst du dem Bild.
Schnee X
Das Blatt eines Schattens blieb liegen.
Ein Zittern auf dem Schnee.
Ist es die Erinnerung an einen Menschen?
Das Blatt eines Schattens blieb liegen.
Ein Zittern auf dem Schnee.
Ist es die Erinnerung an einen Menschen?
Die Sonne steigt ins Immer-Blau des Schweigens.
Der Schnee glänzt von Vergessen.
Ist denn kein Vogel übrig,
im Schneelicht zu klagen?
Das Blatt eines Schattens blieb liegen.
Ein Zittern auf dem Schnee.
Der Schnee glänzt von Vergessen.
Die Sonne leckt am Schatten.
Der Schnee taut unter Seufzen.
Der Schatten versinkt im Schnee.
Ist denn kein Vogel übrig,
im Schneelicht zu klagen?
Der Schatten der Erinnerung
taut unter Seufzen.
Ist denn kein Vogel geduldig,
im Schneelicht zu klagen?
Der Schatten der Erinnerung
taut unter Seufzen.
Taut unter Seufzen.
Schnee IX
Damals, erinnerst du dich, die Mosel war zugefroren,
Halbstarke kurvten mit einem Porsche über das Eis,
wie schlitterten die Jungs auf der spiegelglatten Bahn,
dazu hattest du keine Traute. Vater lag im Sterben,
und starb doch nicht, hat es sich nochmals überlegt,
zu ihm pilgerten wir täglich, Mutter und ich, über den Fluß,
der unter uns Flüche murmelte oder von der Freiheit sang,
Oberdorf–Krankenhaus Kemperhof und zurück.
Dieser Winter war ewig und der Schnee schmutzig.
Kobaltblau aber waren die Winterhimmel der Eifel,
als die Sträucher weiße Masken trugen
und der Atem, ein Rokokozopf, in der Luft hing,
bis ihn der Wind unwirsch löste.
Die Tritte knirschten sich in den Altschnee,
Großvater hatte sich unter dem Hut
einen Ohrenwärmer umgebunden.
Hier, wo wir noch vor kurzem Kastanien aufgerafft
und in die harten Jutesäcke gesteckt hatten,
hier war die Erde unterm Firn entschlafen,
das Licht spielte mit sich selbst über den Kristallen.
Von der Heimat blieb die Erinnerung an den Schnee,
der vom Fenstersims sprühte, wenn ein Vogel aufflog,
oder der erste Blick am Morgen, wenn die Bäume
und Häuser unter dem magischen Staub weiterträumten.
Auch die Bilder der Erinnerung tauten,
wie der Schneemann, der eines Morgens
kein Gesicht mehr hatte, und der Besen,
den er hielt, stand dumm in der Luft.
Wenn der Schnee auftaute, blieben die Dinge
nüchtern und alt geworden zurück.
Die Straßenbahn fuhr wieder, doch ihr Bimmeln
klang hohl und abweisend wie die Glocke der Schule.
Auch der Schnee der Erinnerung taute,
die harten Furchen und Krumen treten zutage,
und das Medaillon, nach dem du lange gesucht hast,
aber jetzt brauchst du es nicht mehr.
Das liebe Bild ist verblaßt, und den Namen,
den du mit ihm an die Lippen gedrückt hast,
weißt du nicht mehr, weißt du nicht mehr.
Der Schnee der Erinnerung taute.
Schnee VIII
Da ist sie wieder, laut und schwarz.
Ihre Krallen zerreißen die Watte des Schnees.
Hörst du ihr gieriges Scharren?
Sie packt den glänzenden Wurm mit dem Schnabel.
Jetzt reißt sie ein schmetterndes Tremolo
auf den Dachfirst. Und sie verharrt.
Da ist nichts, was ihr einen Ton entlockte.
Wie einsam sie lebt, im Winter, die Amsel!
Erinnerst du dich an das Geschrei, das Blut,
den Kampf, der jüngst den Schnee des Gartens
aufstäubte, als rupfte der Teufel
den ausgerenkten Flügel eines Engels?
(Es war der Kater des Nachbarn, der im Delir
schreiend sich in dem Maulwurf verbiß,
der flehte noch mit den Schaufelarmen,
es betupfte das weiße Linnen purpurner Tod.)
Wie still ist es jetzt, als wäre dies nie geschehen,
als wäre all das Blut in einem Traum geflossen,
und der Traum selbst floß aus dem Mund
eines Kinds, das wir in den Armen hielten.
Wie still ist es jetzt, das Leben kriecht in sich
zurück unter das warme Laken des Schnees,
das manchmal leise sich wölbt,
als von Atemzügen des Schlafs.
Hörst du, wie es unterirdisch seufzt?
Es ist der Schnee, der zu weinen scheint.
Es ist der Schnee, der uns Tränen schenkt,
mit denen wir in dunkle Frühlinge fließen.
Schnee VII
Wahnlicht des Schnees.
Irrsal des Stäubens.
Weiße Leere des Schnees.
Wirren entbundener Zeichen.
Das Gesicht erblindet
am Glast der Kristalle.
Kein Tasten findet.
Kein Rufen mündet.
Weiße Leere des Schnees.
Du scheinst dir verloren,
Kind des Gestöbers.
Schnee hat kein Tor.
Schnee hat keine Schwelle.
Weiße Leere des Schnees.
Seele ist ihr eigenes Tor.
Seele die eigene Schwelle.
So singt dein Mund
in die weiße Leere des Schnees.
Du singst von der Wiederkehr,
singst von der Sonne.
Weiße Leere des Schnees.
Und du singst, du singst.
Schnee VI
Auf den Balken des Kreuzes,
nah dem ewigen Schmerz,
das Lächeln des Schnees.
Die Balken werden leicht,
es schwebt das Kreuz
mit Kristallen des Lächelns.
Es schwebt das Kreuz
über der weißen Nacht,
es schwebt das Kreuz.
Schnee sei mein Wort,
das lächelt auf dem Kreuz,
nah dem ewigen Schmerz.
Schnee V
Du saugst
eine Weile
am Licht.
Du glänzt
eine Weile
am Zweig.
Du blühst
eine Weile
am Sims.
Dich trägt
eine Weile
der Stein.
Dich wiegt
eine Weile
der Zweig.
Dich küßt
eine Weile
das Licht.
Wie schmilzt
mit deiner Blume
das Weh.
Wie weint
mit deiner Blume
das Herz.
Wie weint
mit deiner Blume
das Herz.
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