Nach uns
Im rostigen Rohr des U-Bahnschachts
Husten asthmatischer Gespenster,
aus Abzugslöchern fallen Tropfen des Monds
auf die ausgeklungenen Schienen.
Die Brunnen der Plätze schweigen,
manchmal näßt wie fernes Erinnern
ein Tropfen ihren Mund, der für immer
in einem letzten Gähnen erstarrte.
Im Garten stochert ein grauer Regen
nach den weichen Kernen der Glut,
die Reden und Singen von einst entfacht,
und findet die unlesbare Münze.
Im Park des Gärtners schiefe Büste,
von Grünspan überwachsen, von Vergessen.
Hoch oben tanzt ein namenloser Stern
auf der blauen Zunge des Winds.
René Guy Cadou, Je t’attendais
Je t’attendais ainsi qu’on attend les navires
Dans les années de sécheresse quand le blé
Ne monte pas plus haut qu’une oreille dans l’herbe
Qui écoute apeurée la grande voix du temps
Je t’attendais et tous les quais toutes les routes
Ont retenti du pas brûlant qui s’en allait
Vers toi que je portais déjà sur mes épaules
Comme une douce pluie qui ne sèche jamais
Tu ne remuais encore que par quelques paupières
Quelques pattes d’oiseaux dans les vitres gelées
Je ne voyais en toi que cette solitude
Qui posait ses deux mains de feuille sur mon cou
Et pourtant c’etait toi dans le clair de ma vie
Ce grand tapage matinal qui m’éveillait
Tous mes oiseaux tous mes vaisseaux tous mes pays
Ces astres ces millions d’astres qui se levaient
Ah que tu parlais bien quand toutes les fenêtres
Pétillaient dans le soir ainsi qu’un vin nouveau
Quand les portes s’ouvraient sur des villes légères
Où nous allions tous deux enlacés par les rues
Tu venais de si loin derrière ton visage
Que je ne savais plus à chaque battement
Si mon cœur durerait jusqu’au temps de toi-même
Où tu serais en moi plus forte que mon sang
Ich wartete auf dich
Ich wartete auf dich, wie man auf die Kähne wartet
in Zeiten der Trockenheit, wenn der Weizen
nicht höher wächst als ein Lauscher im Gras,
der bang die große Stimme der Zeit erlauscht.
Ich wartete auf dich, und alle Kais, alle Straßen
ertönten vom Flammenschritt, der aufbrach
zu dir, die ich schon auf den Schultern trug,
wie ein süßer Regen, der niemals trocknet.
Du regtest dich nur fern im Zucken der Augenlider,
im Trippeln von Vögeln auf gefrorenem Glas.
Ich erblickte in dir nur jene Einsamkeit,
die ihre Hände aus Laub um meinen Hals schlang.
Und doch warst du da in der Helle meines Lebens,
der große Lärm am Morgen, der mich weckte,
all meine Vögel, all meine Schiffe, all meine Länder,
die Sterne, Millionen von Sternen, die aufstiegen.
Wie ruhig du sprachst, als alle Fenster
im Abendlicht funkelten wie ein neuer Wein,
als die Tore sich anmutigen Städten öffneten,
wo wir beide Arm in Arm durch die Straßen gingen.
Du tauchtest aus solchen Fernen jenseits deines Gesichts,
daß ich mir bei keinem Schlag mehr sicher war,
ob mein Herz durchhielte, bis zu deinem Augenblick,
da du in mir stärker wärest als mein Blut.
René Guy Cadou, Destin du poète
Le soir qui bouge son oreille
Comme un vieil âne abandonné
Le dernier corset d’une abeille
Oublié sur la cheminée
La cloche triste de l’asile
Et le pas qui répond au pas
Dans la mesure où ce qui veille
Encourage ce qui n’est pas
L’oiseau qui tombe sur la pierre
Le sang qui tombe sur le cœur
La bonne pluie des réverbères
Qui donne à boire au malfaiteur
Le trou d’aiguille par où passé
Le fil ténu de la claret
La bobine du temps qui roule
Sous les lauriers sous les sommiers
Mais se savoir parmi les homes
En un présent aventureux
Une petite lampe à huile
Qui peut encor mettre le feu.
Bestimmung des Dichters
Der Abend, der sein Ohr bewegt,
gleich dem alten Esel, der herumstreunt,
das letzte Korsett einer Biene,
vergessen auf dem Sims des Kamins,
die traurige Glocke des Irrenheims,
der Schritt, der dem Schritt Antwort gibt
in dem Maße, wie den Mut erregt,
wer Wache schiebt, dem, der schläft,
der Vogel, der auf den Stein stürzt,
das Blut, das ins Herz stürzt,
der wohltuende Regen unter den Laternen,
der den Durst des Missetäters löscht,
das Nadelöhr, durch das sich fädelt
der Klarheit gespannter Faden,
die Spule der Zeit, die rollt
unter den Lorbeer, unter das Bett,
sich kundtun indes unter den Menschen
im unerwarteten Augenblick,
eine kleine Öllampe,
noch einmal Feuer geben letztes Glück.
René Guy Cadou, Refuge pour les oiseaux
Entrez n’hésitez pas c’est ici ma poitrine
Beaux oiseaux vous êtes la verroterie fine
De mon sang je vous veux sur mes mains
Logés dans mes poumons parmi l’odeur du thym
Dressés sur le perchoir délicat de mes lèvres
Ou bien encor pris dans la glu d’un rêve
Ainsi qu’une araignée dans les fils du matin
La douleur et la chaux ont blanchi mon épaule
Vous dormirez contre ma joue les têtes folles
Pourront bien s’enivrer des raisins de mon coeur
Maintenant que vous êtes là je n’ai plus peur
De manquer au devoir sacré de la parole
C’est à travers vos chants que je parle de moi
Vous me glissez des bouts de ciel entre les doigts
Le soleil le grand vent la neige me pénétrent
Je suis debout dans l’air ainsi qu’une fenêtre
Ouverte et je vois loin
Le Christ est devenu mon plus proche voisin
Vous savez qu’il y a du bleu dans mes prunelles
Et vous le gaspillez un peu dans tous les yeux
Refermez les forêts sur moi c’est merveilleux
Cet astre qui ressemble tant à mon visage
Un jour vous écrirez mon nom en pleine page
D’un vol très simple et doux
Et vous direz alors c’est René Guy Cadou
Il monte au ciel avec pour unique équipage
La caille la perdrix et le canard sauvage
Zuflucht für die Vögel
Nur herein, zögert nicht, dies hier ist meine Brust,
schöne Vögel, ihr seid gläserne Tropfen der Lust
in meinem Blut, setzt euch auf meine Hand,
bewohnt meine Lungen im Duft des Thymian,
steigt auf meiner Lippen schwankendes Nest,
wie schön, hält der Leim des Traumes euch fest,
wie die Spinne in den Fäden des Morgens.
Schmerz und Kalk haben meine Schulter gebleicht,
ihr findet Schlaf an meiner Wange, eure närrischen Sinne
können sich an Trauben meines Herzens betören,
nun, da ihr hier seid, wird die Angst mich nicht verstören,
zu versagen in der Sprache heiliger Minne.
Inmitten eurer Lieder ist mir das Wort bereitet,
wenn ihr mir von den Enden des Himmels zwischen die Finger gleitet.
Mich durchdringen die Sonne, der weite Wind, der Schnee,
wenn ich im Freien aufrecht wie ein Fenster steh,
offen, und ich schau auf den weiten Plan.
Christus wohnt nun gleich nebenan.
Ihr wißt ja, es ist Blau in meinen Pupillen,
davon streue ein wenig in alle Augen eure Schar,
schließt die Wälder um mich, wie wunderbar
ist dieser Stern, er gleicht meinem Angesicht so sehr.
Eines Tages schreibt ihr meinen Namen auf den Sand am Meer,
dort schwebt ihr schlicht und in süßer Ruh,
und ihr sagt sodann, das ist René Guy Cadou,
er steigt himmelwärts, ihn zieht ein Geleit empor,
der Wachtel, des Rebhuhns und der Wildente Chor.
Guillaume Apollinaire, Le Pont Mirabeau
Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine
Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure
Les mains dans les mains restons face à face
Tandis que sous
Le pont de nos bras passe
Des éternels regards l’onde si lasse
Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure
L’amour s’en va comme cette eau courante
L’amour s’en va
Comme la vie est lente
Et comme l’Espérance est violente
Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure
Passent les jours et passent les semaines
Ni temps passé
Ni les amours reviennent
Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure
Pont Mirabeau
Die Seine fließt unter dem Pont Mirabeau,
und unsere Liebe,
muß er mich an sie gemahnen?
Erst nach den Qualen wird man froh.
Es komme die Nacht. Die Glocke schlage.
Ich harre aus im Strömen der Tage.
Hand in Hand, Aug in Auge wollen wir stehen
während unter
der Brücke unserer Arme vorübergehen
ewiger Blicke Wellen, die wehen.
Es komme die Nacht. Die Glocke schlage.
Ich harre aus im Strömen der Tage.
Die Liebe schwindet, wie dies Wasser weicht,
die Liebe schwindet,
wie das Leben hinschleicht
und die Hoffnung uns bleicht.
Es komme die Nacht. Die Glocke schlage.
Ich harre aus im Strömen der Tage.
So vergehen die Tage, die Wochen so,
weder verklungene Lieder
noch die Liebe kehrt wieder,
die Seine fließt unter dem Pont Mirabeau.
Es komme die Nacht. Die Glocke schlage.
Ich harre aus im Strömen der Tage.
Wieʼs so spielt, das Leben
Ein x-beiniger Marathonläufer,
Fritze, so an die siebzig,
mit nichts als Läusen am Sack
und Flöhen im Kopf,
bricht in der Zielgeraden
unter frenetischem Applaus
ins Knie.
*
Ein kurzrasierter, weißer, gelbstichiger Pudel
mit einem strassbesetzten Halsband,
der haltlos, gellend, sich überschlagend kläfft,
akrobatisch auf den dürren Hinterbeinen
immer wieder aufspringend
für den Wurstzipfel,
den ihm die dicke Anna,
die jetzt nicht einmal mehr käufliche,
dicke Wirtsfrau vor der rot schäumenden
und schlabbernden Zunge
baumeln läßt.
*
Ein fetter Neger am gleißenden Strand
des grünen Ozeans,
mit ondulierten Haaren auf dem Schmerbauch,
reißt mit den krummen Armen einen Delphin hoch,
reckt das ölig triefende Tier,
das er selbst mit eigner Hand erlegt hat,
wie eine Opfergabe in den Himmel
und schreit die nackten, weißen, speckigen Touristen
des exklusiven Ferienclubs an:
„Ich enthaare eure Weiber,
ich häute eure Kinder,
ich würge eure Chichiwawas,
ich fritiere eure Chouchous!“
*
Verliebt – verlobt – verheiratet – geschieden.
Nur daß dem Verliebten schon schwant,
daß es auf die Scheidung hinausläuft.
Nur daß dem Geschiedenen schwant,
daß in dem süßen Apfel, den sie ihm gereicht,
ein Wurm nagte, auf seine Kosten lustig.
*
Stabat mater. –
Doch grinst da nicht wer,
statt seinen Geist in Pappis Hände zu befehlen?
*
Erst sind es die Kulleraugen eines bangen Kinds,
die Träne darf nicht fehlen,
die sich mit unübersehbarem Glitzern
von der Wange schleicht –
dann glimmt ein Äugeln auf,
ein von tausend Wimpern aufgeschäumtes freches –
der hohle, abgestumpfte Blick sodann,
wenn der Segen schief und der BH noch schiefer hängt –
das sture stumme Weiß am End,
wenn die Pupille treulos ins Anderland migrierte.
*
Erst weiß es der Opa.
Der Lehrer weiß es besser.
Am besten weiß es der Herr Pfarrer.
Die Wurstverkäuferin weiß es.
Der Autoverkäufer weiß es besser.
Am besten weiß es der Arzt.
Der Sittich auf der Stange weiß es.
Das Schoßhündchen weiß es besser.
Am besten weiß es die Frau im Bett.
Am Ende liegst du da,
mit nasser Windel,
und weißt gar nichts mehr.
*
Schön ist das ja nicht.
Nee, aber menschlich.
Menschlich ist das ja nicht.
Nee, aber schön.
*
Hast du noch ein Liedchen drauf?
Weißt du noch ʼnen Spruch?
Machst du noch mal Pups?
Nein, mein Kind, Papa ist müde.
Nein, mein Kind, Papa ist dumm.
Nein, mein Kind, Papa will sterben.
Arthur Rimbaud, L’étoile a pleuré rose
L’étoile a pleuré rose au cœur de tes oreilles,
L’infini roulé blanc de ta nuque à tes reins
La mer a perlé rousse à tes mammes vermeilles
Et l’Homme saigné noir à ton flanc souverain.
Der Stern hat mit Rosentränen deine Ohren benetzt,
das Grenzenlose, vom Nacken bis zu den Lenden hat es dich beschneit ,
das Meer hat rote Perlen auf deine roten Knospen gesetzt,
und den Mann an deiner hohen Seite mit schwarzem Blut geweiht.
Odeur des pluies de mon enfance,
Derniers soleils de la saison !
À sept ans, comme il faisait bon,
Après d’ennuyeuses vacances
Se retrouver dans sa maison !
La vieille classe de mon père,
Pleine de guêpes écrasées
Sentait l’encre, le bois, la craie
Et ces merveilleuses poussières
Amassées par tout un été !
Ô temps charmants des brumes douces,
Des gibiers, des longs vols d’oiseaux,
Le vent souffle sous le préau,
Mais je tiens entre paume et pouce
Une rouge pomme à couteau !
Regendüfte meiner Kindertage,
letzte Strahlen der Sommerzeit!
Mit sieben, wie hab ich mich gefreut,
nach den Ferien, innrer Leere Plage,
auf mein Zimmer, ungeteilt!
Dann wieder in Vaters Klasse,
voll von Wespenleichen,
es roch nach Tinte, Holz und Kreide
und die tolle Staubmasse,
öden Sommers Zeichen!
O Zauberschatten in der Nebelwand,
das Wild, der Vögel langes Schweifen,
wenn über den Schulhof Winde pfeifen,
ich aber halte fest in meiner Hand
einen Apfel, einen roten, reifen!
René Guy Cadou, Pleine Poitrine
Aus: Poésie la vie entière
Si mes yeux si mes mains
Si ma bouche encor tiède
Si la terre et le ciel
Venaient à me manquer
Si le vent n’allait plus
Porter dans sa nacelle
Mes oiseaux et la part
Infime du secret
Si les tiges de blé
Qui ferment ton visage
N’éclairaient plus la route
Où j’avance à pas lents
Si ce poème enfin
N’était rien qu’un poème
Et non le cri d’un homme
En face de sa nuit
Mon Dieu serait-ce alors
Besoin de tant de larmes.
Aus voller Brust
Wenn meine Augen, meine Hände,
wenn mein Mund, noch klamm,
wenn Erde und Himmel
mir fehlen werden,
wenn der Wind mir nicht mehr
in seinem Schälchen
meine Vögel bringt und den winzigen
Teil des Geheimnisses,
wenn die Weizenhalme,
die dein Gesicht verdecken,
die Straße nicht mehr beleuchten,
wo ich bedächtigen Schrittes gehe,
wenn dieses Gedicht am Ende
nichts weiter wäre als ein Gedicht
und nicht der Schrei eines Menschen
im Angesicht seiner Nacht,
mein Gott, das wäre wahrhaft
ein Grund, lauthals zu heulen.
Aus: Poésie la vie entière
Celui qui entre par hasard dans la demeure d’un poète
Ne sait pas que les meubles ont pouvoir sur lui
Que chaque nœud du bois renferme davantage
De cris d’oiseaux que tout le cœur de la forêt
II suffit qu’une lampe pose son cou de femme
A la tombée du soir contre un angle verni
Pour délivrer soudain mille peuples d’abeilles
Et l’odeur de pain frais des cerisiers fleuris
Car tel est le bonheur de cette solitude
Qu’une caresse toute plate de la main
Redonne à ces grands meubles noirs et taciturnes
La légèreté d’un arbre dans le matin.
Einer, der zufällig eintritt
Einer, der zufällig eintritt in die Bleibe eines Dichters,
weiß nicht, daß die Möbel Macht über ihn haben,
daß jedes Astloch im Holz für ihn mehr Vogelschreie
einschließt als das Riesenherz des Walds. Es reicht ja,
wenn eine Lampe ihren Frauenhals reckt beim Einbruch
des Abends gegen den Lack eines Fingernagels,
um auf einen Schlag tausend Bienenvölker freizusetzen
und den Duft von frischem Brot aus den Blüten des Kirschbaums.
Denn so groß ist das Glück dieser Abgeschlossenheit,
daß ein ganz leises Streicheln der Hand
diesen hohen Schränken in ihrem schwarzen Schweigen
die schwebende Anmut eines Baumes am Morgen zurückgibt.
Die Tränenmulde
Am Mund des Brunnens
wehen Flechten
verklungener Lieder.
Hell geschliffen
die steinerne Wange
von so viel Tränen.
Verblichen des Buddhas
Alabaster-Lächeln
von so viel Küssen.
Blindgescheuert
die Muster des Teppichs
von bettelnden Knien.
Das Gold der Ikonen,
verrußt
vom Rauch der Gebete.
Ausgelesen im Brief
von Hungeraugen
die Blumen-Worte.
Wundgelegen
die Haut der Seele
von so viel Schlaf.
Übermalt die Leinwand
der Erinnerung
vom einen Antlitz.
Paul Verlaine, Spleen
Aus: Romances sans Paroles
Les roses étaient toutes rouges
Et les lierres étaient tout noirs.
Chère, pour peu que tu ne bouges,
Renaissent tous mes désespoirs.
Le ciel était trop bleu, trop tendre,
La mer trop verte et l’air trop doux.
Je crains toujours, – ce qu’est d’attendre !
Quelque fuite atroce de vous.
Du houx à la feuille vernie
Et du luisant buis je suis las,
Et de la campagne infinie
Et de tout, fors de vous, hélas !
Trübsinn
Hochrot das rote Rosenlicht.
Tiefschwarz des Efeus Nacht.
Verdämmert, Liebe, dein Gesicht,
ist alles Hoffen umgebracht.
Zu blau der Himmel und zu zart,
zu grün das Meer, die Luft zu weich.
Mich ängstet deine Gegenwart,
drohst du zu fliehen mir sogleich.
Die Palme mit gewachstem Blatt,
am Buchs der Glanz, welch fader Schein,
die Landschaft, die kein Ende hat,
das alles, nur nicht du, o Pein!
Im Jenseits, hier
Dein scheuer Gruß,
ein Schnipsel im Wind.
Die Primel dort,
sie färbt den Himmel gelb.
Deine kindliche Angst,
sie schaukelt im Nest.
Regenlicht,
die Möwe stürzt hervor.
Deine Lippen,
rissig vom Salz der Geduld.
Jenseitsklang,
summender Bienenstock.
Grünes Meer der Nacht,
deine Pupille schwimmt.
Voller Mond im Zweig,
die Weide singt.
Jean Racine, Plainte d’un chréstien
sur les contrariez qu’il éprouve au dedans de lui-même
Aus: Cantiques spirituels (1694)
Mon Dieu, quelle guerre cruelle !
Je trouve deux hommes en moy.
L’un veut que plein d’amour pour toy
Mon coeur te soit toujours fidelle.
L’autre à tes volontez rebelle
Me revolte contre ta loy.
L’un tout esprit, et tout céleste,
Veut qu’au ciel sans cesse attaché,
Et des biens éternels touché,
Je compte pour rien tout le reste,
Et l’autre par son poids funeste
Me tient vers la terre penché.
Hélas ! en guerre avec moi-même,
Où pourrai-je trouver la paix ?
Je veux, et n’accomply jamais.
Je veux, mais, ô misère extrême !
Je ne fais pas le bien que j’aime,
Et je fais le mal que je hais.
O grâce, ô rayon salutaire,
Viens me mettre avec moi d’accord :
Et domtant par un doux effort
Cet homme qui t’est si contraire,
Fais ton esclave volontaire
De cet esclave de la mort.
Klage eines Christen
über die Gegensätze in seinem Inneren
Mein Gott, was für ein grausamer Krieg,
zwei Menschen hausen in mir,
der eine will nur die Liebe zu dir,
mein Herz sei zu dir der Überstieg,
der andre gönnt deinem Geist keinen Sieg,
und stachelt wider dein Gesetz in mir.
Der eine ganz Geist aus ewigem Licht
will himmlische Chöre nur hören,
sich nur an Himmelsfrüchten beglücken,
der ganze Rest zählt für mich nicht.
Der andre macht mit Unheils Gewicht
zur Erde mich niederbücken.
Weh mir, Krieg macht meinen Wandel schief,
wo kann ich da Frieden finden?
Ich will, doch die Kräfte schwinden,
ich will, doch mein Elend ist tief,
ich hasse, wozu Liebe mich rief,
ich liebe die häßlichen Sünden.
O Gnade, du heilender Strahl,
entzünde mir den Sinn der Einfalt
und stille mit sanfter Gewalt
dieses Widerspenstigen Qual,
nimm auf in deiner Diener Zahl,
der da lebt in Todes Gestalt.
Prière
Ah donne-nous des crânes de braise
Des crânes brûlés aux foudres du ciel
Des crânes lucides des crânes réels
Et traversés de ta présence
Fais-nous naître aux cieux du dedans
Criblés de gouffres en averses
Et qu’un vertige nous traverse
Avec un ongle incandescent
Rassasie-nous nous avons faim
De commotions intersidérales
Ah verse-nous des laves astrales
A la place de notre sang
Détache-nous. Divise-nous
Avec tes mains de braises coupantes
Ouvre-nous ces voûtes brûlantes
Où l’on meurt plus loin que la mort
Fais vaciller notre cerveau
Au sein de sa propre science
Et ravis-nous de l’intelligence
Aux griffes d’un Typhon nouveau.
Gebet
Ah, gib uns Schädel, die glühen,
Schädel, die Himmelsblitze entzünden,
Seher-Schädel, die Wahres künden,
die deine Gegenwart fühlen.
Erweck uns aus inneren Himmeln,
durchlöchert von Abgrundschauern,
ein Taumel durchquere die Mauern
mit eines Nagels Glimmen.
Sättige uns, wir sind hungrig
nach interstellaren Beben.
Anstatt daß wir dem Blute leben,
wärme astrale Lava die Venen.
Mach uns los. Trenn uns auf
mit deinen Händen brennender Wut.
Öffne uns diese Gewölbe aus Glut,
wo wir tot sind toter als der Tod.
Laß unsre Hirne wallen
auf eigenen Wissens Grunde.
Ritze der Einsicht die Wunde
mit neuen Typhons Krallen.
Das Leben und Werk Artauds muten uns heute als Kreuzweg einer absurden Passion an, als schreckliches Scheitern, als notwendiges Scheitern.
Das Gedicht „Prière“ entstammt der Sammlung „Le Pèse-nerfs“ aus dem Jahre 1923 (deutsch: Die Nervenwaage, Berlin 1961) und ist das Werk eines noch jungen Mannes (geboren 1896 in Marseille, wo er der Wahrheit der katholischen Liturgie in dem von ihm besuchten Gymnasium der Marinistenmönche ansichtig wurde), eines jungen Beaus, dessen verletzliche und nach letzten Steigerungen ins Überwirkliche aufzüngelnde Seele die Wahrheit der liturgischen Hostie schon in die Säure des ätzenden Zeitgeistes von Paris, vulgo Sürrealismus, geworfen hatte, um ihre Auflösung als Befreiung von sich selbst zu genießen und in theatralischen Zuckungen und Verzückungen zu feiern.
Blicken wir kurz auf Syntax und Metaphorik. Syntaktisch herrschen die einfache Reihung und meist die parataktische Gliederung vor (es gibt nur einen unscheinbaren mit „que“ eingeleiteten abhängigen Nebensatz in Vers 7), wobei die imperativischen Verbformen entweder durch Akkusativobjekte, die Partizipien und erweiterte Partizipialkonstruktionen mit sich führen, oder durch Infinitive ergänzt werden. Uns will bedünken, daß der Lyriker Artaud von der manchmal schwindelerregenden Höhe der syntaktischen Verschränkung und Verflechtung, wie sie die Lyrik eines Mallarmé oder Valéry erklommen hat, eilends oder unwirsch hinabgestiegen ist, um auf der parataktisch flachen Ebene umso schneller seinen atemlosen Laufschritt einnehmen zu können.
Die Diktion und die Lexis stehen ganz im Bann der Feuer- und Lichtmetaphorik, die für das Seelendrama Artauds so typisch ist: von himmlischen Blitzen entzündete Schädel, Schädel, die leuchten, ein glimmender Nagel, den der Taumel (eine Artaud gemäße Allegorie) ausstreckt, um damit fatal auf das sprechende Subjekt einzuwirken, glühende Sternenlava, die statt des Bluts die Adern füllt, die Flammenhände Gottes, die das Subjekt auseinandernehmen, oder Glutgewölbe, wo man über den Tod hinaus stirbt. Die Entflammungssehnsucht verbindet sich stets mit grausamen und bisweilen schaurigen Bildern einer Neuschöpfung durch Verstörung, Verletzung und Vernichtung. Immer wieder wird das Subjekt mit Nägeln geritzt, mit Glut begossen, mit Feuerhänden drangsaliert, zerrissen und in Höllenspektakel geworfen, es muß schwanken und wanken, zittern und bangen – kurz, wir befinden uns mitten im Artaudschen Theater der seelischen Folter und Grausamkeit, auf lyrische Maße verknappt und eingedampft, sodaß der zu befürchtende Flächenbrand gerade noch an den Enden der Verse und Strophen haltmacht.
Wen ruft das Gebet an? Wer ruft und für wen und in welcher Art der Stellvertretung für ein unsichtbares oder sich erst durch den Anruf bildendes Wir? Sicher ist nicht der christliche Gott der Angerufene. Und gewiß ist die lyrische Stimme ein Repräsentant des Dichters selbst.
Artauds Gebet ist eine satirische Umkehrung und genialische Übersteigerung des Hauptgebets der Christenheit und der christlichen Liturgie, des „Vater unser“, in dem der Name des himmlischen Vaters geheiligt, das Kommen seines Reiches und die Erfüllung des Kosmos mit seinem Willen und dem Feuer seines Geistes erfleht wird. Und es heißt in ihm: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Wir denken, daß mit dieser Nahrung das Wort des Sohnes, der Logos, gemeint ist, von dem geschrieben steht, er sei im Anfang bei Gott gewesen und aus ihm sei alles hervorgegangen, denn mit dem Wort erschuf der Schöpfer das geschöpfliche Sein.
Artaud spricht das Vater unser mit bleckendem und zerrissenem Mund. Oder anders gesagt: Wenn man das Vater unser wie Artaud mit bleckendem und zerrissenem Mund spricht, verkehren sich die Worte Jesu und es werden Worte ausgestoßen wie die des Gedichts.
Wir bemerken zunächst, daß im Gedicht Verszeilen unregelmäßiger Silbenanzahl und verschränkte Reime (abba) vorwalten, wobei nur das innere Reimpaar (bb) eine reine Gestalt vollen Klanges erhält, während die äußeren Reime (aa) oft unrein sind oder manchmal nur Assonanzen oder Klangähnlichkeiten darstellen (braise – présence, faim – sang). Hervorzuheben ist, daß der Dichter der grausamen Zerreißung alles Gefügten und Geformten sich hier noch (anders als in seinen späteren Werken) der Konzentration auf eine geschlossene Versgestalt befleißigt hat. Indes, der Gehalt spricht eine andere Sprache, dem Sturm gleich, der das Dach des befriedeten oder vor sich hin dösenden Daseins hinwegfegt. Oder ist es bloß die lose sitzende Krawatte des Bürgers, die in wildes Flackern gebracht wird, ohne davonzufliegen?
Wir haben fünf Strophen vor uns, fünf Bitten, die sie jeweils eröffnen und ihren Ton anschlagen. Der wesentliche Inhalt der Bitten bezieht seine Faszination und seinen gleichsam dämonischen Charme aus der Idee der Neuschöpfung und Wiedergeburt im Medium der Verletzung und der Vernichtung. Das Wunschziel nach einem neuen animalischen Körper mit einer brennenden und sich verzehrenden Seele verrät uns alles über das seelische Elend des Betenden: sich gänzlich abgeschnitten zu fühlen von der Intensität des Lebensstromes, der sich in den schillernden Bildern seiner aufgeschäumten Blasen selbst genießt und wieder zurücknimmt in eine unauslotbare Tiefe.
Die Bitten, die den angebeteten Schöpfergott und Schöpfergeist nicht mit Namen anrufen, sondern ziemlich unwirsch und ungehalten mit kühnen Imperativen angehen, kreisen um den neuen Leib einer neuen Seele. Die erste Bitte spricht aus dem Unbehagen dessen, der sich in seinem Schädel wie in einer Muschel oder blechernen Kapsel oder einem Schildkrötenpanzer eingeschlossen und eingezwängt fühlt: Gott möge ihn mit Himmelsfeuer und himmlischen Blitzen gewaltsam öffnen und in Brand setzen. Der Beter verlangt nach einer Neufassung seines Daseins, die transparent ist und osmotisch die Lebensregungen von außen und nach innen, von innen nach außen durchläßt.
Wir bemerken dazu zwei Dinge: Zum einen changiert die angeflehte Gottheit zwischen dem biblischen Schöpfergott des Worts und dem mythischen Blitzeschleuderer Zeus, ein Phänomen, das uns aus der Dichtung Hölderlins wohlbekannt ist. Paradox daran ist, daß der mythische Gott nicht durch eine gemeinsame Sprache, eben den schöpferischen Logos, mit dem Geschöpf verbunden ist, sondern in seiner unbezogenen Willkürmacht die Kreatur tödlich schlagen oder belebend treffen kann. Beides ist Schicksal und nicht Gnade, wie im christlichen Gebet vorausgesetzt.
Zum anderen entspringen die Gewalt und die Grausamkeit des Wunsches aus der gnadenlos-unerlösten Selbstbefangenheit des Bittenden. Wir wissen um die Gewalt, die Artaud sich durch exzessiven Abusus aller ihm zugänglichen Drogen anzutun bemüßigt fühlte, um den schmerzenden Druck seines Schädels und Panzers auf sein Gemüt wenigstens zeitweise zu lindern.
Die zweite Bitte spricht den Wunsch nach Neugeburt direkt aus („Fais-nous naître“), eine Neuschöpfung nicht aus dem gemischten Stoff der Bibel, Erde und göttlichem Atem, sondern unmittelbar aus Äther, Himmeln, die, Wiederholung der Grausamkeit der ersten Bitte, durchlöchert sein sollen von Abgrundschauern, gleichsam feurigen Tropfen, die sich durch das ganze Dasein des Geschöpfes brennen (eine ferne Assoziation der Feuerzungen des Pfingstereignisses). Ein Schwindel oder Taumel soll sodann mit brennendem Nagel das Geschöpf markieren oder anders gewendet: Nur ein gewaltsamer, ja tödlicher Eingriff und Angriff kann die schwielige Haut des Entzauberten aufritzen oder die Mauer der Totenstille durchbrechen.
Wir bemerken hier zum einen, daß die Wunschbilder um die gefährliche Nähe der Vernichtung und des Todes kreisen, auch wenn paradoxerweise dieser Tod heiß ist und glühend überwallt wie die Esse des göttlichen Schmieds. Zum anderen ist evident, daß mit dem Wunsch nach dem großen Taumel („vertige“) der Wirklichkeit der menschlichen Existenz, auf der Erde zu gründen und durch die Techniken des Lebens die Schwerkraft auszutarieren, Hohn gesprochen wird, eine Lästerung der kreatürlichen Schwäche, die sich öfters durch Wahnsinn rächt. Natürlich darf verbucht werden, daß die metaphysische Metapher des unteren Abgrunds (gouffre, abîme) sich wie die gegensinnige des oberen Abgrunds (bleu du ciel, azur) von Baudelaire an durch die symbolistische Dichtung zieht (und manchmal schleppt), um, wie zu sehen, in der des Sürrealismus ihre Aussagekraft auszuhauchen. Denn uns dünkt bereits hier der von Artaud evozierte Schwindel einem geschickt inszenierten Theaterschwindel nicht unähnlich.
Die dritte Bitte und die dritte Strophe stehen im Zentrum des Gedichts und beziehen sich, wie erwähnt, explizit auf die Bitte des Vater unser nach dem täglichen Brot. Nun, welcher Hunger schreit hier nach Sättigung? Das Verlangen, die mysteriösen Bewegungen und Schwingungen zwischen den Gestirnen mitzuvollziehen und zu vergegenwärtigen. Das Verlangen, statt des menschlichen Bluts astrale Lava in den Adern zu fühlen.
Wir bemerken hierzu folgendes: Sicher ist es gut, statt immer nur die alltägliche Kruste zu kauen ab und an den außeralltäglichen Kuchen des Charismas zu schmecken. Doch welcher Meisterkoch oder besser welcher Arzt der Diäten unterscheidet das Charisma, dessen Genuß zu einem dunklen Schwindel und am Ende zu Durchfall führt, von jenem, das wie das Charisma der Propheten den rechten Weg weist? Besser ist es allerdings, Blut statt Sand in den Adern zu haben. Aber ist flüssige Lava nicht letztlich auch Sand, nur vermengt mit glühender Magma?
Sein Hunger und sein Verlangen, klopft uns der Dichter mit dem Hammer insistenter Verzweiflung und leicht outrierten Aufruhrs auf den Schädel, gehen nach dem Absoluten. Und eben darum sprechen wir von dem tragischen, dem notwendigen Scheitern Artauds: Denn das Absolute, Gott, kann sich nicht in der Vernichtung des Einzelnen manifestieren, in der mystischen Nacht, die dann eintritt, leuchtet kein Stern und spricht kein Lebendiger mehr. Gott selbst ist ja der Einzelne und Einzige und er ist mit den Geschöpfen eben durch die Schöpfung und die Wirkung des sprechenden und inspirierenden Geistes vermittelt. Die wahre Einzelheit oder Einsamkeit ist das sprechende Ich, so wie Gott das einzelne und einsame Ich ist, das allein Wahres spricht, und das Geschöpf das einzelne und einsame Ich ist, das spricht, Wahres und Unwahres, zu sich und seinesgleichen und im Gebet zu Gott, und wenn der Einzelne angesprochen wird, auch von der höchsten Instanz, soll und muß er die Möglichkeit haben, mit eigenen Worten, wie ungelenk auch immer, zu antworten. Aber wenn man den Einzelnen aus der sich sehr langsam und langhin flechtenden Kette der Kultur der Sprache und des Geistes herausreißt, wie es Artaud exerziert und programmtisch fordert, bleiben nur Lallen und Glossolalie, die aus weniger edlen und inbrünstigen Herzen wie dem Artauds nichts als Aufschneiderei und clowneske Selbstinszenierung hervorspucken.
Die ontologische Klippe, daß das einzelne Ich die atmende Grenze ist, die aufzutrennen Verlöschen und Verstummen hieße, daß das einzelne Ich sich mit Worten ausspricht, die nur ihm gehören und gleichzeitig die Worte aller anderen sind, diese Klippe ist es, an der die Flammenbrandung Artauds zerschellt.
Die wahre Aufklärung über das Absolute erteilt die Wahrheit des Evangeliums von der Einwohnung des absoluten Gottes in der kontingenten historischen Welt eines kleinen jüdischen Fleckens. Der Durchbruch des vereinzelten Ich zum Absoluten geschieht nicht im spektakulären Verglühen des Schädels und im Zerschmelzen des Konkreten, sondern in der einfachen Geste des Essens und Trinkens beim Abendmahl.
Die vierte Bitte beschwört erneut die Loslösung und Trennung des Ich von sich selbst, die, weil sie unmöglich zu erfüllen und paradox ist, nur wiederum Bilder des gewalttätigen Eingriffs nach sich zieht, in denen sich der Schöpfergeist in ein mythisches Monstrum mit glühenden Greifern zu verwandeln beginnt, eine Verwandlung, die in der Schlußstrophe in einer Invokation des Unterweltsgeistes Typhon gipfelt.
In dieser letzen Strophe verstehen wir den Genetiv „de l’intelligence” (statt der harmloseren Lesart des Akkusativs „l’intelligence“) als genetivus seperationis, eine deutliche Markierung für den Abweg Artauds in einen hemmungslosen und selbstzerstörerischen Irrationalismus, der in der gänzlichen Abwendung vom Logos und der Vernunft zu münden oder unterzugehen bestimmt war.
Typhon, ein Riese mit hundert Köpfen von Schlangen und Drachen, ist nach einer Variante des griechischen Mythos der Sohn der Erdmutter Gaia von Tartaros, dem Gott der Unterwelt, nach einer anderen der Sohn der Zeusgattin Hera von demselben Vater. Beide Zeugungen sind vom Rachegelüst der Mütter inspiriert, mit dem geborenen Ungeheuer die oberen Lichtmächte des Olymps zu verstören und zu kränken. Der Name des ozeanischen Sturms „Taifun“ leitet sich sprachgeschichtlich von „Typhon“ ab.
Typhon hat also bei Artaud gleichsam das letzte Wort: Er steht für die nietzscheanische Umkehrung der europäischen Tradition, in der sich die lichten Mächte der Höhe gegen die Chaosmächte der Tiefe behauptet haben, in der sich der Geist der hebräischen Weisheit von den barbarischen Blutkulten der orientalischen Götter verabschiedet hat.
Warum notwendiges Scheitern? Gewiß gewahren wir hier die krumme Linie von Nietzsche über Artaud bis zu Derrida und der Postmoderne: Sie scheitern an der ontologisch notwendigen Grenze des Selbst oder Ich und an der logisch notwendigen Grenze der Konsistenz unserer Aussagen. Das Ich kann nicht als anderer seiner selbst erwachen und es kann nichts sagen, was es nicht sagen kann, wenn das Gesagte dem Sinn widerspricht, den es aussagt. Die mit dem Verhängnis der Einsamkeit behaftete Kontinuität der Person ist kein Gefängnis, sondern die Grenze des Selbst ist die ontologische Voraussetzung dafür, daß es sich öffnen und auf Zeit in das Gespräch und die Interaktion eingehen kann. Das Verbot des Widerspruchs ist kein Maulkorb, sondern die logische Voraussetzung dafür, daß eine Gliederung und Ordnung unserer Sätze zustandekommen, denen wir Wahrheit zuzusprechen berechtigt sind.
Der Theatermann und Regisseur Artaud hat ganz folgerichtig die lichte Gestalt des Wortes hinter den Rauchfahnen blutiger Orgien zu verbergen gesucht – und wenn wir sagen können, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, müssen wir mit geringer Anteilnahme und großem Bedauern auf die faulen Früchte zeigen, mit denen heute vulgäre Theaterinszenierungen, die das Wort nicht lassen stehen, die gänzliche Entartung und Vermüllung der hochherzigen Aspirationen der großen, brennenden Seele eines Antonin Artaud bezeugen.
Antonin Artaud, Prière
Aus: Le Pèse-nerfs (1923)
Ah donne-nous des crânes de braise
Des crânes brûlés aux foudres du ciel
Des crânes lucides des crânes réels
Et traversés de ta présence
Fais-nous naître aux cieux du dedans
Criblés de gouffres en averses
Et qu’un vertige nous traverse
Avec un ongle incandescent
Rassasie-nous nous avons faim
De commotions intersidérales
Ah verse-nous des laves astrales
A la place de notre sang
Détache-nous. Divise-nous
Avec tes mains de braises coupantes
Ouvre-nous ces voûtes brûlantes
Où l’on meurt plus loin que la mort
Fais vaciller notre cerveau
Au sein de sa propre science
Et ravis-nous de l’intelligence
Aux griffes d’un Typhon nouveau.
Gebet
Ah, gib uns Schädel, die glühen,
Schädel, die Himmelsblitze entzünden,
Seher-Schädel, die Wahres künden,
die deine Gegenwart fühlen.
Erweck uns aus inneren Himmeln,
durchlöchert von Abgrundschauern,
ein Taumel durchquere die Mauern
mit eines Nagels Glimmen.
Sättige uns, wir sind hungrig
nach interstellaren Beben.
Anstatt daß wir dem Blute leben,
wärme astrale Lava die Venen.
Mach uns los. Trenn uns auf
mit deinen Händen brennender Wut.
Öffne uns diese Gewölbe aus Glut,
wo wir tot sind toter als der Tod.
Laß unsre Hirne wallen
auf eigenen Wissens Grunde.
Ritze der Einsicht die Wunde
mit neuen Typhons Krallen.
Paul Verlaine, Seigneur, c’est trop
Aus: Sagesse
Seigneur, c’est trop! Vraiment je n’ose. Aimer qui? Vous?
Oh! non! Je tremble et n’ose… Oh! vous aimer, je n’ose,
Je ne veux pas je suis indigne. Vous, la Rose
Immense des purs vents de l’Amour, ô Vous, tous
Les coeurs des Saints, ô Vous qui fûtes le Jaloux
D’Israël, Vous, la chaste abeille qui se pose
Sur la seule fleur d’une innocence mi-close,
Quoi, moi, moi pouvoir vous aimer! Êtes-vous fous?
Père, Fils, Esprit? Moi, ce pécheur-ci, ce lâche,
Ce superbe, qui fait le mal comme sa tâche
Et n’a dans tous ses sens, odorat, toucher, goût,
Vue, ouïe, et dans tout son être – hélas! dans tout
Son espoir et dans tout son remords que l’extase
D’une caresse où seul le seul vieil Adam s’embrase?
Herr, es ist zu viel! Ich wag es nicht. Wen lieben? Dich?
O, nein! Ich zittre, wag es nicht … vor dir stehn im Feuer,
ich, dein unwert, wag es nicht. Dich, Rose, ungeheuer,
von reinem Liebeshauch umweht, lieben Dich,
der Heiligen Herzen alle, der Du den Zorn gezückt
auf Israel, Du, keusche Biene, die sich läßt nur nieder
auf der Blume, welcher Unschuld schließt die Lider,
wie, mir, mir wär Kraft, zu lieben dich. Bist Du verrückt?
Vater, Sohn, Geist? Ich, dieser Sünder, der niedrige,
vermessene, der zur Pflicht sich macht das Widrige
und hat in allen Sinnen sein, Riechen, Tasten, Schmecken,
Sehen, Hören, im ganzen Wesen, im Hochrecken
der Hoffnung, in aller Pein, nichts als Ekstasen
eines Kosens für des alten Adam altes Rasen?
Paul Valéry, La Fileuse
Lilia …, neque nent.
Assise, la fileuse au bleu de la croisée
Où le jardin mélodieux se dodeline ;
Le rouet ancien qui ronfle l’a grisée.
Lasse, ayant bu l’azur, de filer la câline
Chevelure, à ses doigts si faibles évasive,
Elle songe, et sa tête petite s’incline.
Un arbuste et l’air pur font une source vive
Qui, suspendue au jour, délicieuse arrose
De ses pertes de fleurs le jardin de l’oisive.
Une tige, où le vent vagabond se repose,
Courbe le salut vain de sa grâce étoilée,
Dédiant magnifique, au vieux rouet sa rose.
Mais la dormeuse file une laine isolée ;
Mystérieusement l’ombre frêle se tresse
Au fil de ses doigts longs et qui dorment, filée.
Le songe se dévide avec une paresse
Angélique, et sans cesse, aux doux fuseaux crédule,
La chevelure ondule au gré de la caresse…
Derrière tant de fleurs, l’azur se dissimule,
Fileuse de feuillage et de lumière ceinte :
Tout le ciel vert se meurt. Le dernier arbre brûle.
Ta sœur, la grande rose où sourit une sainte,
Parfume ton front vague au vent de son haleine
Innocente, et tu crois languir… Tu es éteinte
Au bleu de la croisée où tu filais la laine.
Die Spinnerin
Lilia …, neque nent.
Die Lilien …, sie spinnen nicht. (Mt 6, 28)
Die Spinnerin, im Fensterblau verschwommen,
vom Garten wiegt sich schattenhaft Gefieder,
des alten Spinnrads Surren machte sie benommen.
Von Azur trunken, müde, weiche Wolle wieder
zu zupfen, sie entglitt den schwachen Händen,
sie träumt, es sinkt ihr zartes Haupt hernieder.
Aus Busch und klaren Lüften frische Quellen senden
das Leben in den Tag, der Anmut Blüten sprühen
sie lose in den Garten, wo sie Muße spenden.
Ein Halm, da ruht der Wind von Wandrers Mühen,
er neigt sich graziös im Sternenscheine,
weiht das alte Rad mit seiner Rose Glühen.
Doch die Schläferin spinnt Wolle höchster Reine.
Geheimnisvoll flicht sich der zarte Schatten
im Garn der schlanken Hand im Schlafe von alleine.
Der Traum spult ab sich wie Ermatten
von Engeln von der treuen Spindel ohne Enden.
Das Haar wölkt Locken, die sich gatten.
Das hohe Blau, verborgen hinter Blumenwänden.
Des Laubes Spinnerin, geschürzter Himmelspole:
Der grüne Himmel stirbt. Ein letzter Baum in Bränden.
Deine Schwester, die große Rose, Lächelns Aureole,
hat deine fahle Stirn mit Unschuld überronnen,
dir ist es wie Verblassen … es sinkt die Gloriole
im Blau des Fensters, wo die Wolle du gesponnen.
Dies ist das Meisterwerk eines Zwanzigjährigen (erschienen erstmals 1891, Ausgabe letzter Hand: „Album des Vers anciens“ im Jahre 1920).
Der Dichter gibt uns (und das ist ungewöhnlich für die lyrische Form) mit dem Zitat aus der Bergpredigt Jesu „Lilia …, neque nent“ einen ersten Hinweis. Bei Matthäus heißt es:
Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins. (Mt 6, 25–29)
Diese Worte sind nicht getrübt vom trüben Blick auf die gequälte Kreatur, auch wenn gerade und nur von dieser geredet wird, sondern sie leuchten vom luziden Blick auf die erlöste oder der Erlösung harrende Kreatur. Diese steht noch am Abgrund der Weltenangst, doch schaut sie nicht in den Abgrund, sondern nach oben zum Stern der Erlösung, der sie mit dem milden Glanz einer neuen Freiheit und Gelassenheit umgibt. Die Sorge um das tägliche Brot ist nichtig vor der Erwartung der göttlichen Speise. Die Sorge um Stellung und Ansehen, die sich in der Kleidung manifestieren, ist eitel gegenüber der göttlichen Schönheit, die den Erlösten vom Tisch des Herrn her bescheint und verschönt. – Der biblische Autor überliefert in der Passage, die im Vergleich mit den Lilien gipfelt, eine Eigenart der hebräischen poetischen Prosa, den hyperbolischen Ausdruck: Wenn schon die Lilien auf dem Felde schöner anzuschauen sind als aller Prunk des Königs Salomo, wie unvergleichlich schön werden die Erlösten sein, wenn der himmlische Vater sie mit neuen Kleidern begabt.
Bleiben wir im Umfeld biblischer und christlicher Bilder, gewahren wir alsbald, daß der Dichter mit der Lilie des Jesusworts auch auf die Lilie aller Lilien, die Gottesmutter Maria, anspielt. Und sie ist es, die in die lyrische Gestalt der Spinnerin des Gedichts eingeht, so wie das bläulich gebrochene Licht aus dem Garten des Paradieses durch das Fenster zu fallen scheint, so wie in diesem Blau der blaue Mantel Mariens nachzuwirken scheint, so wie jene schwankende Bewegung von Schatten, die vom Garten her über die Wände des stillen Zimmers zittern, uns den Gedanken an die rauschenden Flügel des Engels der Verkündigung nahelegen.
Wo aber die Lilie ist, da ist die Rose nicht weit. Und wirklich zaubert sie der Dichter in den Traum der Spinnerin, wenn der Halm, der nun Ruhe findet vom unruhigen Wind, in einer graziösen Geste des Grußes und der Dedikation seine Rosenblüte an das alte Spinnrad neigt (Verse 10–12).
Und wieder ist es die Rose, die im Schlußstein des Gedichtes aufleuchtet (Verse 22–24). Hier wird sie die Schwester der Lilie genannt, die mit dem Lächeln einer Heiligen das bleiche Antlitz der Schläferin mit Unschuld behaucht. Wir gewahren auch staunend, daß die Rose lebt und weiterlebt, während ihre Schwester zu vergehen, die Spinnerin zu sterben scheint.
Sollen wir zu sagen wagen, daß Valéry damit auf den Sieg des Eros und der Aphrodite, denn ihnen ist ja der Rosengarten zueigen, über die zarte Flamme der Keuschheit, die sich in der Lilie verkörpert, anspielt? Nein, so weit wollen wir nicht gehen, ist doch der Faden des Traums, den die Spinnerin träumt, nicht ein für allemal abgerissen, denn er spult sich wie von selbst immer weiter, unaufhörlich aus ihren schlafenden Händen ab (Verse 13–15).
Und diese schlafenden Hände, sind sie nicht auch die Hände des Dichters, und der Faden, der sich von der treuen Spindel geheimnisvoll abspult, ist er nicht der Faden des Gedichts?
Damit kommen wir an die Aussagekraft der Form des Gedichtes heran: Es sind klassische Terzinen, wie sie Dante geprägt und die französische Dichtung der Romantik und des Symbolismus gepflegt haben. Die elfsilbigen Zeilen der Terzine mit weichem Ausgang verschlingen und verbinden sich mittels der kreuzförmigen Reimordnung: aba bcb cdc … yzy z.
Diese Reimordnung öffnet einen epischen Raum des gleichsam murmelnden und vor sich hin sprechenden Erzählens, das aus einem verborgenen inneren Quellpunkt gespeist wird, der auch wenn er leiser und manchmal unhörbar wird doch nicht versiegt, sondern sich weiter ins Grenzenlose zu ergießen scheint. Daher hat sich Dante dieser Form als Netzwerk und zartes Geflecht seiner epischen Divina Commedia bedient.
Um den verborgenen und unterirdischen Quell des dichterischen Sprechens zu erkunden und hörbar zu machen, evoziert Valéry mit den poetischen Mitteln der symbolistischen Metapher und einer gleichsam ins Vage und Irrlichternde verschobenen grammatischen Anordnung beim Leser (oder besser noch: Hörer) eine Art von Traumzustand oder ein somnambulisches Sinnen und „Spinnen“.
Schon im Eingang des Gedichts verschwimmt die im Titel benannte Gestalt ins Unwirkliche blauer Schatten. Wir, die wir mit eintauchen in die Stille dieses leise-bebend gesprochenen Raums und die schwebende Melodie der Laubschatten und das monotone Surren des alten Spinnrades vernehmen, werden ein wenig benommen und betäubt, wie die Spinnerin selbst (Verse 1–3).
Und schon haben wir vom Azur getrunken und der Wollfaden, das tierische Haar, der ungreifbare Stoff des Bewußtseins, an dem wir immerfort spinnen und weben, entgleitet unseren schwachen Händen – und wir träumen. Das tiefe, ins Grenzenlose lockende Blau des Himmels ist eine der wesentlichen Metaphern der symbolistischen Lyrik, die wir auch bei Baudelaire, Mallarmé, Verlaine und Rimbaud finden. Es steht für das Unendliche, Ungreifbare und Unwiderstehliche der menschlichen Sehnsucht in all ihrer Intensität und Absolutheit. Von der Spinnerin des Gedichts aber wird gesagt, nicht daß ihr Blick vom Azur erfüllt sei, sondern daß sie ihn getrunken habe – und also ist sie davon trunken (Verse 4–6).
In den beiden folgenden Strophen (Verse 7–12) taucht uns der Zauber der Sprache in den Paradiesestraum der Spinnerin, in dem wir alsbald zu der genannten geheimen Quelle gelangen, die sowohl als Quelle des Lebens als auch als Ursprung der Dichtung angesprochen wird, wenn sie ihre losen Blüten in den Garten der Muße streut, Muße und Garten, die vom Eden der Bibel über den Garten Vergils und aller bukolischen Poesie bis zu den schönen Fluchten Watteaus die dichterisch Geneigten und dichterisch Gesinnten von jeher angelockt haben.
Wir weisen hier nur auf eine, indes raffiniert gemeisterte Stelle hin, die uns die Rede von der entrückenden Wirkung der grammatischen Verschiebung erläutern mag. Es ist dies die durch das initiale „Mais“ herausgehobene Strophe, in der die Schlafende eine nicht ganz irdisch scheinende Wolle spinnt („une laine isolée“, Vers 13), die sich aus einem zarten Schatten in den Händen, die wiederum gesondert als schlafend angesprochen werden, wie von selbst flicht. Hier hat Valéry die genannte Wirkung durch die extreme Sperrung zwischen dem Bezugswort „lʼombre frêle” und dem zugehörigen Adjektiv „filée“ am Ende der Strophe zu erzielen gewußt: Wie sich der Faden traumhaft von alleine erzeugt, flicht, webt oder knüpft sich das Adjektiv, das eben diesen Tatbestand ausdrückt, wie von selbst an den Satz an.
Die beiden Strophen 5 und 6 (Verse 13–18) sind die poetologischen Strophen des Gedichts par excellence und in gesteigerter Form: Denn sie erweisen das Gedicht, wie man von aller großen Dichtung sagen möchte, als Dichtung der Dichtung, als ein Gedicht, das immer auch sich seiner eigenen Quellen und Ursprünge versieht, das singt, indem es dem Gesang seiner Quelle lauscht. Denn gewiß besteht die sonderbare Wolle, die die Spinnerin spinnt oder die sich um die symbolische Lilie des Gedichts herumspinnt, aus nichts als Worten, eben den Worten des Gedichts.
In den Versen 17–18 dringt die symbolistische Poetologie noch ein wenig weiter in das gleichsam vom Schnee der Unschuld oder der Stille verhüllte, gedämpfte oder traumversunkene Gebiet des Sagens vor: Die Art, wie sich das dichterische Sagen abspult, nähert sich dem Wesen der Engel in ihrem seligen Nichtstun und einer Zartheit und geheimnisvollen Erotik, die schon Baudelaire am Wellen und Wogen des weiblichen Haars faszinierten.
Auch in den beiden schließenden Strophen (Verse 19–24) verbleiben wir im Traum der Spinnerin, in dem es Abend wird, der Himmel verblaßt und ein letzter Baum aufflammt. Noch einmal sagt uns der Dichter, was die Spinnerin-Dichterin spinnt und dichtet: Es ist Laubwerk und Licht, das Laubwerk der dichterischen Sprache und das unwirkliche Licht ihrer Bilder, mit dem sie sich oder der Dichter das Gedicht umgürtet. So wird auch die göttliche Lilie als Himmelskönigin abgebildet, die sich mit Sternenlicht schürzt, ein orientalisches Bild, das bereits den alten Muttergottheiten und der griechischen Aphrodite zugeeignet worden ist, wie wir aus den Gedichten der Sappho erfahren.
Wir merken noch an, daß mit dem Grad der inneren Spannung und der Bangigkeit, die mit den letzten Strophen im Erlöschen der symbolische Lilie gipfelt, die Intimität der poetischen Zuwendung und Ansprache wächst: Ab Vers 22 wendet sich der Dichter mit dem intimen Du an seine Gestalt und nimmt gleichsam mit einer intimen Geste Abschied von ihr. Dies verweist auf eine gewisse Ergriffenheit und gesteigerte Anteilnahme.
„… et tu crois languir … Tu es éteinte“ (Vers 24, … du glaubst einzuschlafen … und bist entschlafen“): Das gänzliche Verblassen und Hinsterben der Lilie vollziehen sich im imaginären Raum des Gedichts und sind von seiner Irrealität aufgezehrt. Die Spinnerin stirbt nicht wirklich, sondern wir finden sie in der Schlußstrophe wiederum dort, wo sie uns eingangs begegnete, im blauen Licht, das durch das Fenster fällt. Damit ist das Gedicht nicht ein für allemal zu Ende, nicht einmal unterbrochen – denn es könnte von neuem beginnen und uns in einen anderen Traum entführen, einen gedichteten Traum, der kein gänzlich anderer Traum ist, sondern in gewisser Weise derselbe Traum, das Gedicht.
Yvan Goll, La Rose des Roses
Aus: Le Char Triomphal de lʼAntimoine (1949)
Rose de chair grise en ma tête
Rose-Roue au moyeu des âges
Rose des vents et des tempêtes
Tournez tournez pour mon outrage
Rose noire des charbonnages
Rose à lots des mauvaises fêtes
Rose-Astre enceinte de présages
Rose-œil des forêts désuètes
Rose soufre Rose Saadique
Rose humaine des Olympiques
Rose-Eau dansant sur son écho
O miracle qu’une rose ose
S’ouvrir sous mon regard d’hypnose
Ma racine de Jéricho
Die Rose der Rosen
Rose aus Fleisch, meine graue Substanz.
Rad-Rose mit der Nabe der Zeit.
Rose des Winds, der Stürme Glanz.
Blicket, blickt auf meine Schändlichkeit.
Schwarze Rose der Kohlenklauber.
Rose der Lose verspielter Träume.
Sternen-Rose ohne Sternenzauber.
Rose des Auges verrotteter Bäume.
Schwefel-Rose, Rose aus Saadis Garten.
Sieges-Rose der olympischen Fahrten.
Wasser-Rose, im Tanz mit dem Echo.
O Wunder, daß eine Rose kose
ans Licht mir im Auge der Hypnose
meine Wurzel in Jericho.
Paul Verlaine, La Lune Blanche
La Bonne Chanson
La lune blanche
Luit dans les bois ;
De chaque branche
Part une voix
Sous la ramée…
Ô bien-aimée.
L’étang reflète,
Profond miroir,
La silhouette
Du saule noir
Où le vent pleure…
Rêvons, c’est l’heure.
Un vaste et tendre
Apaisement
Semble descendre
Du firmament
Que l’astre irise…
C’est l’heure exquise.
Der weiße Mond
Des Mondes Weiß
in Wälder lockt.
Von jedem Reis
die Stimme flockt
durch Laubes Beben …
Liebste, du mein Leben!
Auge der Teich,
spiegelnde Seide,
der Nymphe gleich
die schwarze Weide,
beweint vom Wind.
Träumen wir, mein Kind.
Sanft und weich,
Friedenslüfte
vom Himmelreich
träufeln die Düfte,
der Iris Kunde.
Welch erlesene Stunde.
Paul Valéry, La Fileuse
Lilia …, neque nent.
Assise, la fileuse au bleu de la croisée
Où le jardin mélodieux se dodeline ;
Le rouet ancien qui ronfle l’a grisée.
Lasse, ayant bu l’azur, de filer la câline
Chevelure, à ses doigts si faibles évasive,
Elle songe, et sa tête petite s’incline.
Un arbuste et l’air pur font une source vive
Qui, suspendue au jour, délicieuse arrose
De ses pertes de fleurs le jardin de l’oisive.
Une tige, où le vent vagabond se repose,
Courbe le salut vain de sa grâce étoilée,
Dédiant magnifique, au vieux rouet sa rose.
Mais la dormeuse file une laine isolée ;
Mystérieusement l’ombre frêle se tresse
Au fil de ses doigts longs et qui dorment, filée.
Le songe se dévide avec une paresse
Angélique, et sans cesse, aux doux fuseaux crédule,
La chevelure ondule au gré de la caresse…
Derrière tant de fleurs, l’azur se dissimule,
Fileuse de feuillage et de lumière ceinte :
Tout le ciel vert se meurt. Le dernier arbre brûle.
Ta sœur, la grande rose où sourit une sainte,
Parfume ton front vague au vent de son haleine
Innocente, et tu crois languir… Tu es éteinte
Au bleu de la croisée où tu filais la laine.
Die Spinnerin
Lilia …, neque nent.
Die Lilien …, sie spinnen nicht. (Mt 6, 28)
Die Spinnerin, im Fensterblau verschwommen,
vom Garten wiegt sich schattenhaft Gefieder,
des alten Spinnrads Surren machte sie benommen.
Von Azur trunken, müde, weiche Wolle wieder
zu zupfen, sie entglitt den schwachen Händen,
sie träumt, es sinkt ihr zartes Haupt hernieder.
Aus Busch und klaren Lüften frische Quellen senden
das Leben in den Tag, der Anmut Blüten sprühen
sie lose in den Garten, wo sie Muße spenden.
Ein Halm, da ruht der Wind von Wandrers Mühen,
er neigt sich graziös im Sternenscheine,
weiht das alte Rad mit seiner Rose Glühen.
Doch die Schläferin spinnt Wolle höchster Reine.
Geheimnisvoll flicht sich der zarte Schatten
im Garn der schlanken Hand im Schlafe von alleine.
Der Traum spult ab sich wie Ermatten
von Engeln von der treuen Spindel ohne Enden.
Das Haar wölkt Locken, die sich gatten.
Das hohe Blau, verborgen hinter Blumenwänden.
Des Laubes Spinnerin, geschürzter Himmelspole:
Der grüne Himmel stirbt. Ein letzter Baum in Bränden.
Deine Schwester, die große Rose, Lächelns Aureole,
hat deine fahle Stirn mit Unschuld überronnen,
dir ist es wie Verblassen … es sinkt die Gloriole
im Blau des Fensters, wo die Wolle du gesponnen.
Wer das Glück gelassen verschmäht, dem läuft es hinterher wie ein Hündchen.
Die ihr Leiden zur Schau stellen, haben noch nicht genug gelitten.
Der Schüler schreibt mit der Hand. Die Hand schreibt für den Meister.
Durch den Abfall vom Gesetz werden die Juden häßlicher als die Karikaturen der Antisemiten.
Die schurkische Seele ergötzt sich, wenn der Vordermann stolpert.
Der schurkische Geist des Journalisten ergötzt sich am Skandal.
Sie hassen aus tiefem Sklaveninstinkt die Ordnung und die Ruhe. Wie auch anders? Kommt wer in ein Zimmer, in dem alles an seinem rechten Platz ist, kann er nicht mäkeln und muß nichts verrücken. Kommt wer in einen Garten der weichen Fülle von Blumen und Bäumen und Sträuchern, der seelenvollen Harmonie der Beete und Gewässer, kann er nicht raunzen und muß nicht zum Spaten greifen und zur Heckenschere. Er ist zur ruhigen Betrachtung eingeladen. Doch wenn sie sich nicht einmischen und dazwischenreden dürfen, werden sie mißmutig. Wenn sie stillsitzen sollen, werden sie krank.
Unruhe, Aufruhr, Widerspruch sind Symptome einer Geisteskrankheit, die als schicke Mode gilt.
Große Worte stehen für sich wie der windschiefe Apfelbaum auf der Hochebene der Eifel. Sie brauchen keinen Kommentar. Oder tausend wie die ersten Worte der Genesis.
Der zerrissene Mund ist die Öffnung der nicht versöhnten Leere.
Der stille Mund nährt sich von innen.
Die Probe auf das Gesagte ist das Schweigen, dem es Raum gibt.
Mit den Deutschen ist kein Staat zu machen. Als wäre ihnen die Sehnsucht nach dem Nomadentum und der ewigen Wanderschaft angeboren.
Auch ihre Kriege verraten solche Spuren: Als begeisterte Wandervögel brachen sie auf, als Landser verirrten sie sich in den östlichen Steppen.
Welche Verletzung, welche Heimsuchung spricht aus dem Wanderer Schuberts.
Die Eruption des Aufbruchs ist so gewaltig, daß eine Heimkehr, eine Wiederkehr, eine Ankunft ausgeschlossen scheinen.
Die tiefste Ordnung birgt die heilige Liturgie. Der gestillteste Mund, der die Hostie empfing.
Der zerrissene Mund, der sich nicht einmal an seiner Klage ersättigen mag.
Der Mund, der sein Wort nicht fand.
Der Mund, der am Kuß zu ersticken glaubt.
Die Höhle des Munds, begierig, die Welt zu verschlingen.
Der Mund, der die Zunge als Eindringling und Parasiten empfindet.
Die auf ewiger Wanderschaft in das ferne Land sind, wo die wahre Speise zu finden.
Ist sie nicht ganz nah, das zugesprochene Du?
Dichtung, Mund, der die Erinnerung schmeckt.
So manche sind nicht im Mund, der für sie spricht.
Der Mund jenes, der sprach „Ich bin die wahre Speise“, spricht nun aus der Stille des Schnees, der Steine, des am Wegrand verblassenden Veilchens.
Rhetorik, der Kriegsdienst der Worte.
Das Schweigen Jesu vor Pilatus.
So mancher sprach einmal Wahres, da ihm die Zunge den Dienst verweigerte.
Andere wieder, die nur radebrechen, schreiben.
Und ist es nicht ein guter Grund zu schreiben, wenn man sich mündlich nicht verständigen kann?
Aus der Fülle schreiben oder aus der Leere – aus der Quelle trinken oder jungfräulich bleiben mit der Zunge.
Mit dem ersten besten Wort die auffliegende Lerche der Empfindung abschießen.
Der stille Mund, die dem Geschwätz der Bienen hingehaltene Blüte.
Wovon der Mystiker weiß, was die Zunge immerdar vor sich hinschiebt wie der Wind das Blatt.
Mit den immer leiser, immer langsamer vor sich hingesprochenen Worten müde werden, wie die Konturen der Büsche, die im abnehmenden Licht verschwimmen, wie der Regen, der in der Nacht vertropft, wie der Duft der Erinnerung, der sich auflöst im Abendwind.
Der klaffende Mund, den man den Toten zubindet.
Mit welch einem Mund spricht die Seele der Toten?
Die Gelegenheit, die Situation, der Ort binden den Sinn, die Tragweite und die Schwungkraft der Worte. Du wirst verstimmt oder entrüstet sein, bei Gelegenheit einer Trauerfeier statt einer feierlichen und gedämpften Totenrede eine Plaudertasche Schnurren und witzige Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen palavern zu hören. Die Liebeslaube erträgt nur leise, schmeichelnde und kosende Töne, während sie der scharfe Tonfall des Exerzierhofs und des Appells oder das bohrende Fragen des Schulmeisters verabscheut.
Die antike Rhetorik und Ästhetik macht die Beobachtung der Angemessenheit der Rede, ihres formalen Aufbaus und ihres Schmucks zu Ort und Gelegenheit des Vortrags zur verbindlichen Regel. Wir können aus der Lehre vom griechischen Prepon und lateinischen Decorum eine Linie in den alltäglichen Umgang und die Kultur der Sprechakte ziehen.
Wer bei jeder Gelegenheit dasselbe im selben Tonfall zum besten gibt, erweist sich nicht als starker Charakter, sondern als starre, verknöcherte Seele.
Auch in der Dichtung sollen wir den Dingen nach dem Munde reden und nicht Blume und Stein, Wind und Wetter, Engel und Maschine mit dem Einheitskleister eines Einheitsjargons übertünchen.
Freilich geben die Zerrissenen heute den Ton an. Sie schleppen sich entweder am Krückstock eines verlogenen Humanismus, gemäß dem allen alles gehört und alle am Einheitsbrei des niedrigsten Niveaus und des geringsten Widerstands satt werden, sprich geistig ersticken sollen, in die Öde der globalisierten Satellitenstädte oder zielen mit der schwarzen Spucke des Nihilismus auf die schönen Augen der Sappho oder die Eulenaugen der Droste.
Nur in der gelassenen Abwendung von der Moderne eröffnen sich Räume, freier zu atmen, kühner, geistvoller, hochsinniger mit Worten zu spielen, liebender die verloren geglaubten Schatten mit dem Blut der Seele zu beschwören.
Gelangen wir durch die Hinterhöfe des modernen Seins und die Schlachthöfe der Geschichte wieder zur freien Aussicht zurück, wo der windungsreiche Strom der Tradition unter uns glänzt? Zum Glauben an die Wirkmacht der Namen, zum Glauben an die Macht der Verwandlung durch das dichterische Wort?
Paul Verlaine, Femme et chatte
Poèmes saturniens
Elle jouait avec sa chatte,
Et c’était merveille de voir
La main blanche et la blanche patte
S’ébattre dans l’ombre du soir.
Elle cachait – la scélérate ! -
Sous ces mitaines de fil noir
Ses meurtriers ongles d’agate,
Coupants et clairs comme un rasoir.
L’autre aussi faisait la sucrée
Et rentrait sa griffe acérée,
Mais le diable n’y perdait rien…
Et dans le boudoir où, sonore,
Tintait son rire aérien,
Brillaient quatre points de phosphore.
Frau und Katze
Sie spielte mit ihrer Katze,
welch wunderliches Gatten,
es balgte mit der weißen Tatze
die weiße Hand im Abendschatten.
Sie barg, die ruchlose Seele,
im Handschuh aus schwarzem Brokat,
nach Blut lüsterne Nägel von Achat,
scharf wie die Klinge an der Kehle.
Auch die andere wollte mit Liebreiz gefallen
und versteckte ihre spitzen Krallen,
doch ließ sich der Teufel durch nichts beirren …
Und im Boudoir, wo Lachen und Necken
machten die schweren Lüfte schwirren,
da glommen vier Phosphorflecken.
Paul Verlaine, L’heure du berger
Poèmes saturniens
La lune est rouge au brumeux horizon ;
Dans un brouillard qui danse, la prairie
S’endort fumeuse, et la grenouille crie
Par les joncs verts où circule un frisson ;
Les fleurs des eaux referment leurs corolles ;
Des peupliers profilent aux lointains,
Droits et serrés, leur spectres incertains ;
Vers les buissons errent les lucioles ;
Les chats-huants s’éveillent, et sans bruit
Rament l’air noir avec leurs ailes lourdes,
Et le zénith s’emplit de lueurs sourdes.
Blanche, Vénus émerge, et c’est la Nuit.
Die Stunde des Hirten
Der Mond scheint rot durch die Nebelmauer.
Unter schaukelndem Dunst die Weide blakt
im Schlaf und im grünen Schilfe quakt
ein Frosch, dort streift ein kühler Schauer.
Den Wasserrosen werden die Lider schwer.
Pappeln ragen ferne von hier,
schmal und dicht, ein Geisterspalier.
Leuchtkäfer wirren hin und her.
Die lautlos gleitet, die Eule erwacht,
ihre schweren Flügel pflügen das Dunkel.
In der Höhe steht ein stummes Gefunkel.
Hell taucht Venus herauf, und es ist Nacht.
La bonne chanson V
Avant que tu ne t’en ailles,
Pâle étoile du matin,
- Mille cailles
Chantent, chantent dans le thym. -
Tourne devers le poète,
Dont les yeux sont pleins d’amour;
- L’alouette
Monte au ciel avec le jour. -
Tourne ton regard que noie
L’aurore dans son azur;
- Quelle joie
Parmi les champs de blé mûr ! -
Puis fais luire ma pensée
Là-bas – bien loin, oh, bien loin !
- La rosée
Gaîment brille sur le foin. -
Dans le doux rêve où s’agite
Ma vie endormie encor…
- Vite, vite,
Car voici le soleil d’or. –
Bevor du mußt verzagen,
Venus, diaphan,
– tausend Wachteln schlagen,
schlagen im Thymian.
Blick den Dichter an,
seine Augen Liebe füllt.
– Es steigt hinan
die Lerche, bis das Blau sie stillt.
Wende deinen Blick, ihn feuchtet
Morgenrot aus blauem Born.
– Wonne überleuchtet
der Äcker reifes Korn.
Dann laß mein Denken flimmern
hier unten, fern, so fern.
– Tropfen glimmern
auf den Halmen, gern, so gern.
Ist Schlummern nur mein Leben,
durchzuckt von Träumen hold …
– eile, dich zu geben,
schon weckt der Sonne Gold.
Paul Verlaine, Nevermore
Poèmes saturniens
Souvenir, souvenir, que me veux-tu ? L’automne
Faisait voler la grive à travers l’air atone,
Et le soleil dardait un rayon monotone
Sur le bois jaunissant où la bise détone.
Nous étions seul à seule et marchions en rêvant,
Elle et moi, les cheveux et la pensée au vent.
Soudain, tournant vers moi son regard émouvant :
« Quel fut ton plus beau jour ? » fit sa voix d’or vivant,
Sa voix douce et sonore, au frais timbre angélique.
Un sourire discret lui donna la réplique,
Et je baisai sa main blanche, dévotement.
- Ah ! les premières fleurs, qu’elles sont parfumées !
Et qu’il bruit avec un murmure charmant
Le premier oui qui sort de lèvres bien-aimées !
Erinnerung, Erinnerung, wohin entführst du mich? Es hob
der Herbst die Drossel in den Dunst, den fahlen,
und die Sonne schoß einen ihrer stumpfen Strahlen
in das gilbende Grün, wo der Nordwind stob.
Wir gingen einsam miteinander wie in Träumen,
sie und ich, Haare und Gedanken kräuselte der Wind.
Da hielt sie inne und ihr Blick berührte wie ein Kind.
„Was war dein schönster Tag?“, floß an goldenen Säumen
ihre Stimme süß und voll, ein Engel sang im Glück.
Ein scheues Lächeln leuchtete ihr zurück.
Und ich küßte ihre weiße Hand, gebückt.
O früher Blumen Duft, wie er in die Seele dringt!
Und wie glockenhell das Zauberwort entzückt,
das erste Ja, das von allerliebster Lippe springt!
Paul Verlaine, Le pauvre Gaspar
Sagesse, III 4
Je suis venu, calme orphelin,
Riche de mes seuls yeux tranquilles,
Vers les hommes des grandes villes :
Ils ne m’ont pas trouvé malin.
A vingt ans un trouble nouveau
Sous le nom d’amoureuses flammes
M’a fait trouver belles les femmes :
Elles ne m’ont pas trouvé beau.
Bien que sans patrie et sans roi
Et très brave ne l’étant guère,
J’ai voulu mourir à la guerre :
La mort n’a pas voulu de moi.
Suis-je né trop tôt ou trop tard ?
Qu’est-ce que je fais en ce monde ?
O vous tous, ma peine est profonde :
Priez pour le pauvre Gaspard !
Der arme Kaspar
Ich ward, eine sanftes Waisenkind,
mit meiner stillen Augen Diamant
in der Menschen große Städte gesandt:
Sie fanden arglos mich, das Kind.
Mit zwanzig Jahren hat mich verstört
das Flackern von Flammen, Liebe genannt.
Ich war von der Schönheit der Frauen gebannt.
Doch keine hat je mich erhört.
War ich auch ohne König und Vaterland
und besonders tapfer wohl kaum,
war der Tod im Krieg nun mein Traum:
Doch der Tod nahm mich nicht bei der Hand.
Kam ich zu früh, kam ich zu spät im Jahr?
Was bleibt mir auf Erden als Scheiden?
O ihr Freunde, tief ist mein Leiden:
Betet für den armen Kaspar!
Paul Verlaine, Mon rêve familier
Poèmes Saturniens
Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D’une femme inconnue, et que j’aime, et qui m’aime,
Et qui n’est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m’aime et me comprend.
Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d’être un problème
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.
Est-elle brune, blonde ou rousse? Je l’ignore.
Son nom? Je me souviens qu’il est doux et sonore,
Comme ceux des aimés que la vie exila.
Son regard est pareil au regard des statues,
Et, pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L’inflexion des voix chères qui se sont tues.
Oft sucht mich heim ein Traum, so seltsam, so beredt,
von einer Fremden, ich liebe sie, sie liebt mich wieder.
Dieselbe läßt sich in mein Traumbild immer nieder,
dieselbe nicht. Sie ist es, die mich liebt und mich versteht.
Denn sie versteht mich und mein Herz liegt unter Glas
vor ihr allein und ist, o weh, nicht mehr ein Enigma
vor ihr allein, und meiner blassen Stirne Stigma,
sie allein vermagʼs zu heilen mit der Tränen Naß.
Ist sie braun, ist sie blond oder rot? Nicht, daß ich wüßte.
Ihr Name? Er brandet sanft-sonor an der Erinnerung Küste
wie die Namen der Lieben, denen das Leben gab einen Tritt.
Ihr Blick ist wie der Statuen Blicke verschwommen,
und ihre Stimme, fern und still und ernst, nimmt mit
durch ihr Beben wie jener Teuren, die den Strick genommen.
Paul Verlaine, L’espoir luit
Sagesse, III 3
L’espoir luit comme un brin de paille dans l’étable.
Que crains-tu de la guêpe ivre de son vol fou ?
Vois, le soleil toujours poudroie à quelque trou.
Que ne t’endormais-tu, le coude sur la table ?
Pauvre âme pâle, au moins cette eau du puits glacé,
Bois-là. Puis dors après. Allons, tu vois je reste,
Et je dorloterai les rêves de ta sieste,
Et tu chantonneras comme un enfant bercé.
Midi sonne. De grâce, éloignez-vous, madame.
Il dort. C’est étonnant comme les pas de femme
Résonnent au cerveau des pauvres malheureux.
Midi sonne. J’ai fait arroser dans la chambre.
Va, dors ! L’espoir luit comme un caillou dans un creux
Ah, quand refleuriront les roses de septembre !
Die Hoffnung leuchtet noch im Halm vom Krippenstroh.
Was fürchtest du von trunkner Wespe tollem Flug?
Ist Sonnenstaub aus Erdenloch dir nicht genug?
Den Ellenbogen auf dem Tisch wirst Schlafes du nicht froh?
Du arme, blasse Seele, trink aus kühlem Felsenspalt
nur dieses Glas. Und dann schlaf. Ich bleib an deiner Seite
und kose jeden Traum, den Mittagsschwüle um dich breite,
und ein gewiegtes Kind lallst du ein Liedchen bald.
Die Glocke tönt. Sei gnädig Frau und geh aus unsrer Mitte,
er schläft. Befremdlich, wie der Frauen leise Schritte
ein Echo haben in des Unglücklichen Gebein.
Die Glocke tönt. Ich hab den Raum mit Duft besprüht.
Schlaf nur! Die Hoffnung leuchtet wie ein Kieselstein.
Ach, kommt noch ein September, der von Rosen glüht?
Die Rose des Worts
O Rose des Worts,
in all dem Wahn,
in all dem Schutt,
gibst du mir Winke
über den Schmerz hinaus.
Ist es dein Lächeln
auf grünem Wasser?
Dein scheues Knospen
unter Sonnen-Blicken?
Ist es dein Schweigen
im Geschwätz der Bienen?
Deiner Liebe Tränen
für den Durst der Falter?
Ist es dein leises Adieu
im weichen Fallen der Blüten?
Dein Demuts-Neigen
unter den Mond des Verzichts?
Ist es dein trunkenes Lauschen
unter prophetischen Blitzen?
Dein dunkles Harren
am Grablicht des Schnees?
O Rose des Worts,
gib mir Geduld,
zu sehen der Reinheit
zitternde Blüten
am Abgrund der Nacht.
Sagesse, III 9
Le son du cor s’afflige vers les bois
D’une douleur on veut croire orpheline
Qui vient mourir au bas de la colline
Parmi la bise errant en courts abois.
L’âme du loup pleure dans cette voix
Qui monte avec le soleil qui décline
D’une agonie on veut croire câline
Et qui ravit et qui navre à la fois.
Pour faire mieux cette plaine assoupie
La neige tombe à longs traits de charpie
A travers le couchant sanguinolent,
Et l’air a l’air d’être un soupir d’automne,
Tant il fait doux par ce soir monotone
Où se dorlote un paysage lent.
Des Waldhorns Rufen klingt wie ein Kind,
das verlassen klagt in den Hainen.
Es erstirbt an den nackten Steinen,
wo, ein streunender Hund, bellt der Wind.
In dem Rufen weint eine wölfische Qual,
es schwillt mit der Sonne an und im Sterben
haucht es sich aus wie Liebeswerben,
es berückt und bedrückt mit einemmal.
Auf daß alle Dinge in Träume zerrinnen,
fällt Schnee in Fetzen weißer Linnen
auf die blutende Wunde der Sonne,
auf daß die Luft den Duft des Herbstes trüge,
sind süß des Abends lange Atemzüge,
verschwimmt der Landschaft Bild in Wonne.
Sagesse, II 1
Ô mon Dieu, vous m’avez blessé d’amour
Et la blessure est encore vibrante,
Ô mon Dieu, vous m’avez blessé d’amour.
Ô mon Dieu, votre crainte m’a frappé
Et la brûlure est encor là qui tonne,
Ô mon Dieu, votre crainte m’a frappé.
Ô mon Dieu, j’ai connu que tout est vil
Et votre gloire en moi s’est installée,
Ô mon Dieu, j’ai connu que tout est vil.
Noyez mon âme aux flots de votre Vin,
Fondez ma vie au Pain de votre table,
Noyez mon âme aux flots de votre Vin.
Voici mon sang que je n’ai pas versé,
Voici ma chair indigne de souffrance,
Voici mon sang que je n’ai pas versé.
Voici mon front qui n’a pu que rougir,
Pour l’escabeau de vos pieds adorables,
Voici mon front qui n’a pu que rougir.
Voici mes mains qui n’ont pas travaillé,
Pour les charbons ardents et l’encens rare,
Voici mes mains qui n’ont pas travaillé.
Voici mon cœur qui n’a battu qu’en vain,
Pour palpiter aux ronces du Calvaire,
Voici mon cœur qui n’a battu qu’en vain.
Voici mes pieds, frivoles voyageurs,
Pour accourir au cri de votre grâce,
Voici mes pieds, frivoles voyageurs.
Voici ma voix, bruit maussade et menteur,
Pour les reproches de la Pénitence,
Voici ma voix, bruit maussade et menteur.
Voici mes yeux, luminaires d’erreur,
Pour être éteints aux pleurs de la prière,
Voici mes yeux, luminaires d’erreur.
Hélas ! Vous, Dieu d’offrande et de pardon,
Quel est le puits de mon ingratitude,
Hélas ! Vous, Dieu d’offrande et de pardon,
Dieu de terreur et Dieu de sainteté,
Hélas ! ce noir abîme de mon crime,
Dieu de terreur et Dieu de sainteté,
Vous, Dieu de paix, de joie et de bonheur,
Toutes mes peurs, toutes mes ignorances,
Vous, Dieu de paix, de joie et de bonheur,
Vous connaissez tout cela, tout cela,
Et que je suis plus pauvre que personne,
Vous connaissez tout cela, tout cela,
Mais ce que j’ai, mon Dieu, je vous le donne.
Mein Gott, du hast mich mit Liebe verwundet,
und die Wunde schmerzt immer noch.
Mein Gott, du hast mich mit Liebe verwundet.
Mein Gott, deine Todesangst sticht mir ins Herz,
und der Stich währt wie Nachhall des Donners.
Mein Gott, deine Todesangst sticht mir ins Herz.
Mein Gott, ich begriff, alles hienieden ist eitel,
und deine Herrlichkeit thront in mir.
Mein Gott, ich begriff, alles hienieden ist eitel.
Mein Gott, tauch meine Seele in deinen Wein,
nähre mein Leben mit dem Brot deines Mahls.
Mein Gott, tauch meine Seele in deinen Wein.
Sieh, mein Blut, ich habe es nicht vergossen,
sieh, mein Fleisch, ihm mangelt das würdige Leid.
Sieh, mein Blut, ich habe es nicht vergossen.
Sieh, meine Stirn, Scham nur behaucht sie mit Leben,
sie gereiche zum Schemel deinem holden Fuß.
Sieh, meine Stirn, Scham nur behaucht sie mit Leben.
Sieh, meine Hände, sie betteln um ehrbare Schründe
durch das Schüren der Kohlen und des Weihrauchs Glut.
Sieh, meine Hände, sie betteln um ehrbare Schründe.
Sieh, mein Herz, es klopfte so lange im Leeren,
statt zu bluten an den Dornen des Kalvarienbergs.
Sieh, mein Herz, es klopfte so lange im Leeren.
Sieh, meine Füße, sie strolchten durch finstere Gassen,
statt dem Ruf deiner Gnade zu folgen.
Sieh, meine Füße, sie strolchten durch finstere Gassen.
Sieh, meine Stimme, sie kannte nur Klagen und Lügen,
statt in Reue die Schuld zu bekennen.
Sieh, meine Stimme, sie kannte nur Klagen und Lügen.
Sieh, meine Augen, sie kannten nur Flackern von Wahn,
statt weinend zu verlöschen in die Nacht des Gebets.
Sieh, meine Augen, sie kannten nur Flackern von Wahn.
Wehe, du Gott des Gebens und des Verzeihens,
wie tief ist meines Undankes Brunnen.
Wehe, du Gott des Gebens und des Verzeihens.
Gott des Schreckens und der Heiligkeit,
wehe, meines Vergehens nächtlicher Abgrund.
Gott des Schreckens und der Heiligkeit.
Du Gott des Friedens, der Freude, des Heils,
ich bin nur Angst, nur Unwissenheit.
Du Gott des Friedens, der Freude, des Heils.
All das kennst du, du kennst all das,
und daß ich der Ärmste der Armen bin.
All das kennst du, du kennst all das.
Doch alles, was ich bin, geb ich, Gott, dir hin.
Paul Verlaine, Je ne sais pourquoi
Sagesse, III 7
Je ne sais pourquoi
Mon esprit amer
D’une aile inquiète et folle vole sur la mer.
Tout ce qui m’est cher,
D’une aile d’effroi
Mon amour le couve au ras des flots. Pourquoi? Pourquoi?
Mouette à l’essor mélancolique,
Elle suit la vague, ma pensée,
A tous les vents du ciel balancée
Et biaisant quand la marée oblique,
Mouette à l’essor mélancolique.
Ivre de soleil
Et de liberté,
Un instinct la guide à travers cette immensité.
La brise d’été
Sur le flot vermeil
Doucement la porte en un tiède demi-sommeil.
Parfois si tristement elle crie
Qu’elle alarme au lointain le pilote,
Puis au gré du vent se livre et flotte
Et plonge, et l’aile toute meurtrie
Revole, et puis si tristement crie!
Je ne sais pourquoi
Mon esprit amer
D’une aile inquiète et folle vole sur la mer.
Tout ce qui m’est cher,
D’une aile d’effroi,
Mon amour le couve au ras des flots. Pourquoi? Pourquoi?
Ich weiß nicht, warum
meinen bitteren Sinn
Wahnes Unruh-Flügel trägt über die Wasser hin.
Alles, was ich bin,
deckt der Flügel stumm,
mit dem entsetzte Liebe die Fluten streift. Warum? Warum?
Möwe im Aufwind der Schwermut,
schwebt mein Geist auf den Wogen,
von Himmelslüften gezogen,
bestürzt von der Gezeiten Wut.
Möwe im Aufwind der Schwermut.
Trunken von Licht
und Freiheit,
treibt es ihn weit in die Unendlichkeit.
Atem der Sommerzeit,
über Korallen aus Licht
wiegt sanft ihn das Meer. Schläft er, schläft er nicht?
Dann und wann schreit er vor Trauer,
und ein ferner Lotse erbleicht,
bis er wieder den launigen Winden weicht
und taucht, und wieder hebt ein Schauer
den zerfetzten Flügel, und er schreit vor Trauer.
Ich weiß nicht, warum
meinen bitteren Sinn
Wahnes Unruh-Flügel trägt über die Wasser hin.
Alles, was ich bin,
deckt der Flügel stumm,
mit dem entsetzte Liebe die Fluten streift. Warum? Warum?
Wie bang
Wie bang ist diese Luft von Zitter-Pollen
der Erinnerung, von Schemen
ganz verblasster Wünsche, von den Schatten,
die nach Blut und Liebe lecken.
Du halt dich an der Brüstung fest,
wenn unter dir die Wasser schluchzen
und Silberflossen blitzen.
Wie bang ist diese Nacht von Fäulnis-Schimmern
der Sterne, die gestorben sind,
von fernem Bellen, das aus Schädeln quillt,
die im Morast versinken.
Du zieh die Mütze übers Ohr,
wenn dich der Wind mit Flüchen peitscht
und Schneegespenster foppen.
Wie bang sind diese Tage vom Geläut der Glocken,
die in Kloaken schwimmen,
vom Zwitschern eingequetschter Vögel
die in Motoren wirbeln.
Du dreh dich um und weine
der unbesungnen Schönheit nach,
den ungeküßten Augen.
Pierre de Ronsard, Mignonne
Mignonne, allons voir si la rose
Qui ce matin avoit déclose
Sa robe de pourpre au Soleil,
A point perdu cette vesprée
Les plis de sa robe pourprée,
Et son teint au vôtre pareil.
Las ! voyez comme en peu d’espace,
Mignonne, elle a dessus la place
Las ! las ses beautés laissé choir !
Ô vraiment marâtre Nature,
Puis qu’une telle fleur ne dure
Que du matin jusques au soir !
Donc, si vous me croyez, mignonne,
Tandis que votre âge fleuronne
En sa plus verte nouveauté,
Cueillez, cueillez vôtre jeunesse :
Comme à cette fleur la vieillesse
Fera ternir votre beauté.
Liebes, laß die Rose uns schauen,
die heut früh mochte anvertrauen
der Sonne ihr Purpurgewand,
ob wohl bleichte die Dämmerstunde
den Purpur an ihrem Blütenmunde,
und ihr Teint, deinem so gleich, hinschwand.
Ach, sieh nur, wie in so kurzer Zeit,
mein Herz, verschliß ihr Blumenkleid,
und all die Blüten sind hingeschneit.
Wie grausam ist das Herz der Natur,
solches Schöne dauert ja nur
vom Morgen bis zur Abendzeit.
Wolle mir glauben, mein Herzenskind,
solang deine Jugend noch blüht so lind
unter Frühlings grünen Zeichen,
pflück die Früchte dir in den Schoß:
Das Alter sieh an der Rose Los,
es wird deine Blume bleichen.
Comme on voit sur la branche au mois de mai la rose,
En sa belle jeunesse, en sa première fleur,
Rendre le ciel jaloux de sa vive couleur,
Quand l’Aube de ses pleurs au point du jour l’arrose;
La grâce dans sa feuille, et l’amour se repose,
Embaumant les jardins et les arbres d’odeur;
Mais battue, ou de pluie, ou d’excessive ardeur,
Languissante elle meurt, feuille à feuille déclose.
Ainsi en ta première et jeune nouveauté,
Quand la terre et le ciel honoraient ta beauté,
La Parque t’a tuée, et cendres tu reposes.
Pour obsèques reçois mes larmes et mes pleurs,
Ce vase plein de lait, ce panier plein de fleurs,
Afin que vif et mort, ton corps ne soit que roses.
Wie man sieht im Monat Mai ihrem Zweige angetraut
die Rose jugendschön in voller Blüte beben,
und der Himmel neidet ihr der Farben helles Leben,
wenn mit Morgenglanzes Tränen Aurora sie betaut,
Anmut schwebet um ihr Blatt, Liebe stillt sie satt,
und der Garten und die Bäume hüllt ihr Duft in Träume.
Doch im Hagelschlag, im Feuerglast der Räume
sinkt sie schmachtend hin, opfert Blatt um Blatt.
So hat, als mit ihren Zaubern Jugend dich bedacht
und die Erde und der Himmel priesen deine Pracht,
die Parze dich getötet, und wardst der Asche anvertraut.
Als Grabesgaben nimm von mir die Tränenflut,
dieses Glas mit Milch, dieser Schale Rosenglut.
So bist im Leben und im Tode du die Rosenbraut.
Nicht wahr, wir konnten Liebe sagen
Nicht wahr, wir haben uns verstanden.
Denn Blumen haben uns gemeint
mit ihren süßen, herben Düften.
Und Tiere haben uns vereint
mit dem Beben ihrer Hüften
und den Augen, die uns fanden.
Nicht wahr, wir konnten Liebe meinen,
wenn die Grille Sommer sang
und im Garten Lilien streuten
ihre Schimmer unserem Gang.
Wie wir uns an Tränen freuten
an der Trauben Purpur-Weinen.
Nicht wahr, wir konnten Liebe sagen
mit der Lippe wildem Schweigen.
Und die Hand, von dir gehalten,
durfte dich ins Wunder neigen,
einen Kuß der Lichtgestalten.
Nicht wahr, wir konnten Liebe sagen.
Paul Verlaine, Vendanges
Les choses qui chantent dans la tête
Alors que la mémoire est absente,
Ecoutez, c’est notre sang qui chante…
O musique lointaine et discrète !
Ecoutez ! c’est notre sang qui pleure
Alors que notre âme s’est enfuie,
D’une voix jusqu’alors inouïe
Et qui va se taire tout à l’heure.
Frère du sang de la vigne rose,
Frère du vin de la veine noire,
O vin, ô sang, c’est l’apothéose !
Chantez, pleurez ! Chassez la mémoire
Et chassez l’âme, et jusqu’aux ténèbres
Magnétisez nos pauvres vertèbres.
Lese
Was da in uns anhebt zu singen,
wenn das Erinnern einmal verstummt,
horch, das Blut ist es, das in uns summt,
welch ferne, feine Weisen klingen!
Horch, es ist unser Blut, das da weint,
wenn die Seele uns einmal entkam,
eine Stimme, die noch keiner vernahm,
und ist der Stille erneut vereint.
Bruder im Blut der roten Trauben,
Bruder des Weins der schwarzen Vene,
O Wein, o Blut, dem Gott will ich glauben!
Singet, weinet! Zerschneidet die Sehne
des Erinnerns, die Seele, dunkler als Steine
bannt hinab uns die armen Gebeine!
Le ciel est, par-dessus le toit,
Si bleu, si calme !
Un arbre, par-dessus le toit,
Berce sa palme.
La cloche, dans le ciel qu’on voit,
Doucement tinte.
Un oiseau sur l’arbre qu’on voit
Chante sa plainte.
Mon Dieu, mon Dieu, la vie est là
Simple et tranquille.
Cette paisible rumeur-là
Vient de la ville.
Qu’as-tu fait, ô toi que voilà
Pleurant sans cesse,
Dis, qu’as-tu fait, toi que voilà,
De ta jeunesse ?
Der Himmel ist über dem Dach
so blau, so leise!
Ein Baum singt über dem Dach
seine grüne Weise.
Eine Glocke ist im Himmelsrund
innig verklungen.
Ein Vogel hat im Himmelsrund
traurig gesungen.
Mein Gott, mein Gott, dies Leben
ist schlicht und satt.
Ein sanftes Stimmenweben
kommt von der Stadt.
Was tust du, dich meine ich,
in Tränen säumen,
sag, was wurde, dich meine ich,
aus den Blütenträumen?
Paul Verlaine, Colloque sentimental
Dans le vieux parc solitaire et glacé
Deux formes ont tout à l’heure passé.
Leurs yeux sont morts et leurs lèvres sont molles,
Et l’on entend à peine leurs paroles.
Dans le vieux parc solitaire et glacé
Deux spectres ont évoqué le passé.
- Te souvient-il de notre extase ancienne ?
- Pourquoi voulez-vous donc qu’il m’en souvienne ?
- Ton coeur bat-il toujours à mon seul nom ?
Toujours vois-tu mon âme en rêve? – Non.
Ah ! les beaux jours de bonheur indicible
Où nous joignions nos bouches ! – C’est possible.
- Qu’il était bleu, le ciel, et grand, l’espoir !
- L’espoir a fui, vaincu, vers le ciel noir.
Tels ils marchaient dans les avoines folles,
Et la nuit seule entendit leurs paroles.
Empfindsames Gespräch
In des alten Parks Einsamkeit und Schnee
zwei Gestalten, jedes trug sein Weh.
Die Augen erloschen, die Lippen weich,
ihre Worte sind dem Winde gleich.
In des alten Parks Schnee und Einsamkeit
zwei Schatten rufen die Vergangenheit.
„Weißt du noch, wie wir in Küssen starben?“
„Was rührst du mir an alten Narben?“
„Sticht noch mein Name in das Herz dir ein?
Sucht meine Seele dich noch heim im Traume?“ – „Nein.“
„Ach, die Tage hoben uns in Wonnen leicht,
da wir flogen Mund an Mund dahin!“ – „Vielleicht.“
„Ach, des Himmels Blau, der Hoffnung grüne Macht!“
„Die Hoffnung wurde grau in sterneloser Nacht.“
So gingen sie dahin durch unfruchtbares Kraut,
und in die Nacht verklang der Seele Laut.
Romances sans Paroles III
Il pleut doucement sur la ville.
(Arthur Rimbaud.)
Il pleure dans mon cœur
Comme il pleut sur la ville,
Quelle est cette langueur
Qui pénètre mon cœur ?
Ô bruit doux de la pluie
Par terre et sur les toits !
Pour un cœur qui s’ennuie,
Ô le chant de la pluie !
Il pleure sans raison
Dans ce cœur qui s’écœure.
Quoi ! nulle trahison ?
Ce deuil est sans raison.
C’est bien la pire peine
De ne savoir pourquoi,
Sans amour et sans haine,
Mon cœur a tant de peine !
Lieder ohne Worte III
Sanft regnet es auf die Stadt.
(Arthur Rimbaud)
Tränen in mir sinken
wie Tropfen auf die Stadt.
Muß ich in mir ertrinken,
wenn die Tränen sinken?
O des Regens süßer Klang
auf der Erde, auf dem Dach,
für des Herzens dunklen Drang,
o des Regens süßer Klang!
Es weint ja ohne Sinn
mein Herz, das nichts beherzt.
Schwand die Liebe ihm dahin?
Es fühlt Trauer ohne Sinn.
Es ist bösester Verdruß
eignen Rätsels Ungemach.
Ohne Haß und ohne Kuß,
mein Herz ist voll Verdruß.
Paul Verlaine, Chanson d’automne
Les sanglots longs
des violons
de l’automne
blessent mon coeur
d’une langueur
monotone.
Tout suffocant
et blême, quand
sonne l’heure,
je me souviens
des jours anciens
et je pleure.
Et je m’en vais
au vent mauvais
qui m’emporte
deçà, delà,
pareil à la
feuille morte.
Herbstlied
Mit dem Seufzer-Reigen
seiner Geigen
Herbstlicht
gibt mir Kunde
von alter Wunde,
von Verzicht.
Alles Atmen stockt
keine Farbe lockt,
da die Glocke sinnt
von der Sage
früher Tage,
und die Träne rinnt.
Und ich geb mich blind
trügerischem Wind,
wehe matt
ohne Sinn
her und hin,
ein totes Blatt.
Einer Heiterkeit unter Spannung
Les yeux clos et dans l’effort de m’endormir,
je vois luire au fond de mes paupières une braise
qui est l’âme obstinée, l’épave clignotante
du naufrage glorieux de ma journée.
Mit geschlossenen Augen, um Schlaf ringend,
erblicke ich in der Tiefe meiner Lider eine Glut,
es ist die nicht weichen mag die Seele, das schimmernde Wrack
des ruhmvollen Schiffbruchs meines Tags.
J’aime l’homme incertain de ses fins
comme l’est, en avril, l’arbre fruitier.
Ich liebe den Menschen, der sein Ziel nicht kennt.
Wie er ist, im April, der Obstbaum.
Cet instant où la Beauté, après s’être longtemps fait attendre,
surgit des choses communes, traverse notre champ radieux,
lie tout ce qui peut être lié, allume tout ce
qui doit être allumé de notre gerbe de ténèbres.
Dieser Moment, da die Schönehit, die lange auf sich warten ließ,
aus den Dingen des Alltags emportaucht, unser strahlendes Land durchquert,
verbindet, was zusammengehört, entzündet, was in Flammen aufgehen soll
von unserer Garbe der Finsternis.
Mais qui rétablira autour de nous cette immensité,
cette densité réellement faites pour nous, et qui,
de toutes parts, non divinement, nous baignaient?
Doch wer wird uns rings wieder mit Grenzenlosigkeit begaben,
mit der Dichte, uns wahrhaft zugeignet, und worin wir,
ganz eingetaucht, nicht wie in ein Wunder, baden?
J’ai cherché dans mon encre ce qui ne pouvait être quêté:
la tache pure au-delà de l’écriture souillée.
Ich habe mit meiner Tinte gesucht, um was man nicht bitten kann:
den reinen Fleck jenseits der schmutzigen Schrift.
Dans le tissu du poème doit se retrouver un nombre
égal de tunnels dérobés, de chambres d’harmonie,
en même temps que d’éléments futurs, de havres au soleil,
de pistes captieuses et d’existants s’entr’appelant.
Le poète est le passeur de tout cela qui forme un ordre.
Et un ordre insurgé.
Im Gewebe des Gedichtes müssen in gleicher Anzahl
geheime Gänge liegen, Räume der Harmonie
und zugleich Teile der Zukunft, Sonnenhäfen,
verfängliche Bahnen und Wesen, die einander rufen.
Der Dichter ist der Kurier für all diese Dinge, die eine Ordnung bilden.
Eine Ordnung des Aufruhrs.
René Char, La rose de chêne
Chacune des lettres qui compose ton nom,
ô Beauté, au tableau d’honneur des supplices,
épouse la plane simplicité du soleil,
s’inscrit dans la phrase géante qui barre le ciel,
et s’associe à l’homme acharné à tromper son destin
avec son contraire indomptable: l’espérance.
Die Eichenrose
Jeder Brief, der deinen Namen buchstabiert,
o Schönheit auf dem Ehrensitz der Qual,
vermählt sich mit der ganzen Schlichtheit der Sonne,
schlingt sich in den Riesensatz, der den Himmel versperrt,
und heftet sich an den Menschen, versessen darauf, sein Schicksal
mit seinem unzähmbaren Widerpart zu betrügen: der Hoffnung.
39
Nous sommes écartelés entre l’avidité de connaître
et le désespoir d’avoir connu. L’aiguillon ne renonce pas
à sa cuisson et nous à notre espoir.
Wir sind zerrissen zwischen der Wißbegier
und der Verzweiflung darüber, zu wissen.
Der Stachel läßt nicht ab vom Stechen
und wir nicht von der Hoffnung.
83
Le poète, conservateur des infinis visages du vivant.
Der Dichter, Bewahrer der zahllosen Gesichter des Lebenden.
86
Les plus pures récoltes sont semées dans un sol qui n’existe pas.
Elles éliminent la gratitude et ne doivent qu’au printemps.
Die reinsten Ernten werden in einen Boden gesät, den es nicht gibt.
Sie machen die Dankbarkeit hinfällig und sind allein dem Frühling geschuldet.
111
La lumière a été chassée de nos yeux. Elle est enfouie
quelque part dans nos os. A notre tour nous la chassons
pour lui restituer sa couronne.
Das Licht ward aus unseren Augen verjagt. Es entfloh
da und dort in unser Gebein. Es ist an uns, es zu jagen
und ihm wieder seine Krone aufzusetzen.
129
Nous sommes pareils à ces crapauds qui dans l’austère
nuit des marais s’appellent et ne se voient pas, ployant
à leur cri d’amour toute la fatalité de l’univers.
Wir gleichen den Kröten, die in der strengen Nacht der Sümpfe
einander rufen, ohne sich zu sehen, und durch ihr Liebegeschrei
das Schicksal der Welt bezwingen.
165
Le fruit est aveugle. C’est l’arbre qui voit.
Die Frucht ist blind. Es ist der Baum, der sieht.
203
J’ai vécu aujourd’hui la minute du pouvoir et
de l’invulnérabilité absolus. J’étais une ruche
qui s’envolait aux sources de l’altitude
avec tout son miel et toutes ses abeilles.
Heute ward mir Anteil an einem Moment
der unendlichen Macht und Unverletzlichkeit.
Ich war ein Schwarm, der zu den Quellen
der Höhe flog mit all seinem Honig
und all seinen Bienen.
221
La carte du soir
Une fois de plus l’an nouveau mélange nos yeux.
De hautes herbes veillent qui n’ont d’amour
qu’avec le feu et la prison mordue.
Après seront les cendres du vainqueur
et le conte du mal;
seront les cendres de l’amour;
l’églantier au glas survivant;
seront tes cendres,
celles imaginaries de ta vie immobile
sur son cône d’ombre.
Die Abendkarte
Wieder einmal verwirrt das neue Jahr uns die Augen.
Hohe Gräser sind erwacht, die nur eine Liebe kennen,
das Feuer und ganz verzehrt zu werden.
Dann bleibt nur die Asche des Siegers
und das Märchen vom Bösen,
es bleibt nur die Asche der Liebe,
die wilde Rose, die das Totengeläut überlebt,
es bleibt deine Asche,
die Traumbilder deines Lebens,
das aus seinem dichten Schatten starrt.
237
Dans nos ténèbres, il n’y a pas une place pour la Beauté.
Toute place est pour la Beauté.
In unseren Finsternissen ist die Schönheit nicht an einem Platz.
Alle Plätze gehören der Schönheit.
René Char, Feuillets dʼHypnos 16
16
L’intelligence avec l’ange, notre primordial souci.
(Ange, ce qui, à l’intérieur de l’homme, tient à l’écart
du compromis religieux, la parole du plus haut silence,
la signification qui ne s’évalue pas. Accordeur de pou-
mons qui dore les grappes vitaminées de l’impossible.
Connaît le sang, ignore le céleste. Ange: la bougie qui
se penche au nord du coeur.)
Einsichtnahme beim Engel, dem gilt all unser Sinnen.
(Engel, der, inständig dem Menschen, fernhält
fromme Grenzverwischung, die Stimme der höchsten Stille,
die Sinnleihe ohne Gegenwert. Lungen-Stimmer,
der die Lebens-Trauben mit ungreifbarem Gold überzieht.
Das Blut kennt, den Himmel nicht. Engel: die Kerze,
die sich nordwärts des Herzens neigt.)
René Char, Pour un Prométhée saxifrage
La réalité sans l’énergie disloquante de la poésie, qu’est-ce?
Dieu avait trop puissamment vécu parmi nous. Nous ne savions plus nous lever et partir.
Les étoiles sont mortes dans nos yeux, qui furent souveraines dans son regard.
Ce sont les questions des anges qui ont provoqué l’irruption des démons. Ils nous
fixèrent au rocher, pour nous battre et pour nous aimer. De nouveau.
La seule lutte a lieu dans les ténèbres. La victoire n’est que sur leurs bords.
Noble semence, guerre et faveur de mon prochain, devant la sourde aurore je te garde
avec mon quignon, attendant ce jour prévu de haute pluie, de limon vert, qui viendra pour
les brûlants, et pour les obstinés.
Dem Felsensprenger Prometheus
Die Welt ohne die Wucht der Dichtung, die sie durchbricht, was wäre sie denn?
Gott hatte zu machtvoll unter uns gewohnt. Wir verstanden es nicht mehr,
aufzustehen und aufzubrechen. Die Sterne sind tot in unseren Augen,
die Herrscher waren in seinem Blick.
Es sind die Fragen der Engel, die den Einbruch der Dämonen beschworen.
Sie haben uns an den Felsen geschlagen, um uns zu prügeln und zu lieben. Aufs neu.
Die wahre Schlacht vollzieht sich in den Finsternissen. Der Sieg kommt einzig vom Rand.
Edle Saat, Krieg und Gunst meines Nachbarn, angesichts der dumpfen Dämmerung
bewirte ich dich mit meiner Stulle, ich warte auf den verkündeten Tag des
großen Regens, des grünen Schlamms, der da kommen wird für jene,
deren Herzen brennen, deren Nacken stur blieb.
René Char, Feuillets dʼHypnos 5
5
Nous n’appartenons à personne sinon au point d’or
de cette lampe inconnue de nous, inaccessible à nous qui
tient éveillés le courage et le silence.
Blätter des Hypnos
5
Wir hängen an niemandem, nur an dem Goldfleck
der Lampe hier, wir kennen sie nicht, können sie nicht fassen, er
hält uns wach den Mut und das Schweigen.
René Char, Effacement du peuplier
L’ouragan dégarnit les bois.
J’endors, moi, la foudre aux yeux tendres.
Laissez le grand vent où je tremble
S’unir à la terre où je croîs.
Son souffle affile ma vigie.
Qu’il est trouble le creux du leurre
De la source aux couches salies!
Une clé sera ma demeure,
Feinte d’un feu que le coeur certifie;
Et l’air qui la tint dans ses serres.
Verblassen der Pappel
Der Orkan schminkt die Wälder ab.
Ich, den Blitz im weichen Auge, ich wiege ihn.
Möge, unter dem ich zittre, der große Wind
eins werden mit der Erde, wo ich wurzele.
Sein Atem wetzt mein Gesicht.
Wie ist die Pfütze der Täuschung trübe,
wie sich die Quelle wälzt im schmutzigen Bett!
Ein Schlüssel wird mein Wohnen sein,
Trug eines Feuers, der Wahrheit findet im Innern,
und die Luft, die auf seinen Zähnen pfeift.
Das Gespinst
Auf den Nebeln über dem Maar der Seufzer
recken sich die Porzellanköpfe der Schönen empor.
Ihre Körper aus Alabaster und Schnee sind vierfach geflügelt,
und das Flattern und Klatschen der Flügel
wirbelt goldenen Staub in den Atlas des Himmels.
Ihre Gesichter von Kreide und Purpur krönt der Helmbusch
blauschwarzen Haars. Eine wölbt den Hals eines Schwans,
eine schlägt mit dem Schweif des Tigers, eine bettet
die weiße Brust einer Hirschkuh auf ein Kissen,
prall vom Zwitschern erstickender Vögel.
Langsam trägt der Dunst sie über das Wasser,
aus dem schimmernde Fische aufschnellen
und wie aus Tritonen Pfiffe, Schnalzen und Küsse
den lauen Wind in blaue Böen verdichten.
O, wie das Porzellan der Köpfe widertönt von Schmerz!
Dann ritzen Blitze den Dunst, und bei jedem Donner
reißt die eine den Puppenkopf der andern vom Hals
und setzt ihn sich auf, bis sie den Reihen wieder vollendet.
Hunde bellen am Ufer, schmutzige Gören tanzen
und werfen mit Steinen, bis ein Porzellan zerspringt.
Es war nur eine Epiphanie des alten Maars, nichts als
ein Quellen von Reizen märchentoter Schminke,
von Schmerzensmasken, wilden Abschiedsgebärden,
die der See unter dem Lied der Dommel gebar,
die im flüsternden Schilf vom Mondlicht trank.
Geh nur beherzt zu den Kindern ans Ufer, tanze
mit ihnen, wirf auch du deinen Stein auf das Gespinst.
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