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Jan 30 22

Die gerissene Ranke

Was heiter uns die Quellen sangen
in eines Liebesgartens Mai,
klingt wild durchzischelt nun von Schlangen,
erstickt wie des Ertrunknen Schrei.

 

Wie Mondes Dunkelfalter schwanken
um einer Knospe vagen Duft,
durchzittern Herzen Traumgedanken,
wenn sie ein fernes Läuten ruft.

Die Schatten, die aus Nebeln tauchen,
sie fließen in den Dunst zurück,
schon will aus Flammen Asche rauchen,
die uns erwärmt ein schmales Glück.

Wie Tropfen, die an Trauben glimmen
im Scheideblick der Dämmerung,
sind die auf dunklen Wassern schwimmen,
die Blüten der Erinnerung.

Und reckt sich sterngesäumtem Meere
violenblauer Blumenschoß,
stürzt weißer Wicke Schaum ins Leere,
riß Nachtwind ihre Ranke los.

 

Jan 29 22

Feerie

Wolken waren blütenblasse Wangen,
denen Abendsonne Rouge getupft,
aus den Wassern, die ihr Heimweh sangen,
hat die Nixe kess ihr Bein gelupft.

Plötzlich fing der alte Trübsalbläser
zu lächeln an, der Mond, als lila Wicken
ihre feuchten Lippen über Gräser
in sein Blinzeln reckten. Feuer-Mücken,

heitere Totengeister, sprühten Funken
in die Träume Pans, der nackt im Wingert
schlief, die Flöte war aufs Herz gesunken,
doch die Nymphe hat er nicht befingert.

Du und ich, wir waren Turteltauben,
leise gurrend, träg von Feenduft,
das Gefieder und die Flaumenhauben
blähten sich von märchenlauer Luft.

 

Jan 28 22

Die Knospe Schmerz

Wenn wir im grünen Garten Grauen fühlen,
wie vor den Schlangen, die im Grase lauern,
kann sich das heiße Herz ins Heitre kühlen,
wenn Sternenwinde durch den Efeu schauern.

Bisweilen treiben Blüten auf den Teichen,
die uns wohl sanfter Anmut Hände streuen,
in Dunst und Zwielicht müssen sie erbleichen,
die Sehnsucht mag selbst schwaches Glimmen freuen.

Wir wissen nicht, hat Liebe uns geboren,
entsprangen wir dem Kreuze zweier Schatten,
bang hoffen wir zum Dienste uns erkoren,
ein fernes Läuten läßt uns nicht ermatten.

Schnell blaßt, was wir auf kalte Seelen hauchen,
und was wir träumen, ist wie Schnee auf Schwänen,
doch manchmal kann ein stummer Schmerz uns brauchen,
die Knospe, die sich öffnet unter Tränen.

 

Jan 27 22

Schaum des Lichts

Wie Händewinken sinken Melodien,
und was der erste Klang im Herzen hat
erhellt, will mit dem letzten wieder fliehen
ins Dunkel, wie ein ausgerauschtes Blatt.

Wie Schaum des Lichts auf dunklem Wasser
ist leichten Atems hingehauchtes Wort,
auch Blüten hoher Dichtung werden blasser
und dämmergraue Woge trägt sie fort.

Und die an Seufzern sich gerankt, die Rose,
hat ganz sie sich der Sonne aufgetan,
ergreift, manch Liebessiegel sitzt nur lose,
ein Schwindel, rührt der Hauch der Nacht sie an.

Uns aber, gingen traulich wir mitsammen
und unsre Schatten flossen zwei in eins,
wärmt noch das Herz der Gladiole Flammen,
friert auch das Veilchen schon am Mal des Steins.

 

Jan 26 22

Die scheue Muse

Weil des Lebens Disteln stechen,
dichten Bange Flaum,
halten bald die Fühllos-Frechen
Pegasus im Zaum.

Bittre wollen süß verfließen
im Enjambement,
doch kein Könner mag genießen
Honig in Bouillon.

Zwerge klimmen dreist auf Brüste.
Wem? Melpomene.
Schon gefrieren die Gelüste
harsch im Gipfelschnee.

Löser glauben sich die Schreier
mit dem Gossenslang,
doch der hohen Sänge Schleier
wallt schon metrenstreng.

Die mit krummen Rhythmen kämmen
Sapphos Lockenpracht,
wird ein blaues Rauschen schwemmen
in des Orpheus Nacht.

Die wie Mücken sirrend funkeln
auf dem Zeitendung,
wird des Waldes Hauch verdunkeln,
Lied der Dämmerung.

Und die Purpurblüten rupfen
aus des Meisters Kranz,
blassen Zeilen Glut zu tupfen,
tünchen Toten Glanz.

Nur die Verses Duft vermissen,
wenn die Knospe schwillt,
wird die scheue Muse küssen,
Odem, der sie stillt.

 

Jan 25 22

Im Totenreich

Das Dorf der Kindheit lag im Totenreich,
ich ging die alten Gassen hin und wider,
als wäre Gehen eines Schattens Wanken.
Der Vorzeit-Linde volle Krone, einst
ein Spender feiner Würze, warmen Rauschens,
Geschwulst aus nassem Nebel, schmutzig-braun,
der Sonne grünes Fruchtgemach verkommen.
Und alles stumm, kein Widerhall von Schritten,
als könnte eines Schattens Huschen hallen,
kein Hahnenschrei, denn keine Frühe flammte,
kein Brüllen einer Kuh, es schwoll kein Euter,
kein Lamm, das blökte, und kein Hirt, der sang,
kein Vogelruf, die Nester waren leer,
und keine Glocke pries, es war kein Heil.
Und keines Lebens Odem hat die Stille
behaucht mit Seufzen, und kein Angesicht,
dem sich die Lider aufgetan zum Gruß
des süßen Lichts, es blüht hier trügerisch
den Nächten nur die Asphodele Mond.
Und war kein Fenster, wo ein Schimmern
getreue Hand dem Honigschmelz entfacht,
die Stiege dem Verlorenen zu weisen.
An den basaltenen Wänden rannen Tränen,
wie Onyx schwarz und purpurn wie Rubin.
Am Haus der Ahnen war ein Brandmal düster
das bunte Fresko von des Meisters Hand,
und statt der Huld der Himmelskönigin,
der einer Flora gleich der blaue Mantel
geflattert über schlichten Bauernkörben
voll Ähren, Trauben, Kirschen, gelben Birnen,
hat dort ein Dämon schwarze Lederflügel
mit Krallen einer Fledermaus gehüllt
um einen Berg von Aas und bleichen Knochen.
Ich bog den alten Weg ums Kirchenschiff,
o Wrack an unbewohnten Eilands Ufer,
und sah den Hund des Küsters, dem ich oft
das krause Fell mit meinem Kamm geglättet,
da lag er reglos auf der Schwelle, freudig
kam ich ihm nah, ob er mich noch erkenne,
doch hob er nicht den Kopf, hat nicht gewedelt,
und als ich kindisch-blind nach ihm getastet,
griff ich ins Leere und das Bild zerfiel.

 

Jan 24 22

Wartʼs ab

Verzwergung der sorgenden Väter.
Verhöhnung der selbstlosen Mütter.
Das Wort, wie es riecht nach Urin.
Wartʼs ab, ein paar Possen später
knien die großen Zerrütter
vorm thronenden Harlekin.

Zerbrochen die Himmelsleiter.
Dem Engel zerschnitten die Flügel.
Das Wort, ganz erloschene Glut.
Wartʼs ab, ein Consilium weiter
entfernt das Kreuz man vom Hügel,
es mahnte an Opfer und Blut.

Nach hinten gesetzt die Gescheiten.
Und vorne, da lümmeln die Blöden.
Das Wort, nur ein Phrasengedresch.
Wartʼs ab, in beschworenen Zeiten
wird deutscher Geist ganz veröden
in trübem Gesinnungsgewäsch.

Die unten und oben vermischen,
aufs Reinentsprungene scheißen,
ihr Wort ist nur Jahrmarktes Tand.
Wartʼs ab, bis Erinnyen zischen,
die schnöden Herzen zerreißen,
am Horizont schwelt schon der Brand.

 

Jan 23 22

Der Dienst

Du wolltest dienen, eignem Traum entsagen,
verehren, was dir unerklärlich scheint,
ein reines Antlitz, das dir mild aus Lauben
der Abenddämmerung entgegenschwebt,
dem alles Tierisch-Maskenstarrende
ward abgewaschen in azurner Flut.
Du wolltest dich im Farngrün kühlen Schweigens
zusammenfalten, Wortes eitlen Tau
verdunsten lassen hohen Wunderstrahl,
worin die Schattenmücke Seele zittert
und nichts mehr kennt als sich zu Tode summen.
Sind nicht die blauen Wappen ihrer Flügel
schon ganz verblasst wie der Hortensie
erschlaffte Lider, daß sie schlafen kann?
Und war dein Tag nicht eine zweite Nacht,
in der statt Sternen fremde Augen zuckten,
ein fahler Mond die Liebe niedersank
in Wälder, gefiederten Gesangs entwöhnt?
Die bleiche Sehnsucht hat mit deinem Kummer
nur ein Gespenst gezeugt, dem anmutlos
verwachsene Glieder nicht zum Tanze taugen.
Und wirbelt unter Kinderpeitschen es ein Hund,
im Kreis, füllst du den Napf, damit die Zunge
sich Milde schlürft, bis Gras umschäumt den Schlaf.
Sein Antlitz knittrig wie ein welkes Blatt,
und keine Hoheit leuchtet aus den Fetzen
des Pilgers, der auf deiner Schwelle harrt,
er kam vom schwarzen Maar und sucht den Pfad
zur blauen Bucht, das dumpfe Herz zu ritzen
mit den smaragdenen Dolchen scharfen Lichts.
Hast gleichwohl ihm, der dir den Atem nahm,
der wie ein Bettler am Eisengitter wähnt,
der Duft erträumter Rosen wehe an,
hast du den dürren Zweig der Hand berührt,
die ungeküßte, die verknöcherte,
den Zögernden geführt an deinen Tisch,
das Brot des Worts mit ihm zu teilen, im Wein
Erinnerung zu gießen in tönende Schalen?
Hast den Verband du ihm gelöst, den blut-
verkrusteten, und ihm gesalbt die Wunde,
die Wunde, die in deine Nacht geleuchtet
wie eines Rätsels Purpurblüte schön?

 

Jan 22 22

Ich küsse deine Hände

Ich küsse deine kleinen Hände,
ich küsse deine weichen Wangen,
dich schrecke nicht das Weltenende,
die Quellen ehre, die uns sangen.

Wir müssen nicht ins Blaue reisen,
auf keine Hügel keuchend klimmen,
du kannst in meinen Reimen kreisen,
in deiner Augen Blau ich schwimmen.

Und find ich, wenn mich Strahlen stechen,
in deinem Haar die Schattenlaube,
mag Schimmern wie durch Ranken brechen,
mag gurren mir die Turteltaube.

Wir müssen nicht groß Worte machen,
das Ungemeine nicht beschwören,
du kannst dem Schweigen Glut entfachen,
an deiner Brust den Quell ich hören.

 

Jan 21 22

Verfallene Waldkapelle

Mondweiße Muschel, überlassen
vom Gischt erloschner hoher Flut,
barocke Schnörkel, die verblassen,
du hülltest Herzen in Perlmutt.

Gesprungen die basaltne Schwelle,
von grüner Andacht Moos gekrönt,
verschollen liegt die Waldkapelle,
die Muschel, die einst hell getönt.

Marien ist der Sternenknabe
verdunkelt auf dem Blumenschoß,
floß lächelnd ihm die Gnadengabe,
das Zwielicht legt die Trauer bloß.

Bisweilen rupft ein Lamm Ranunkeln,
die Flimmerglanz aus Ritzen rief,
die Augen eines Kauzes funkeln,
der tags im Tabernakel schlief.

Der Hymnen Glut, die Rosen färben,
hat blauem Weihrauch sich vermählt –
mag sie im späten Vers nicht sterben,
wenn Schwermut auch sich Mohn erwählt!

 

Jan 20 22

Vertane Gnaden

Als löste sich im launischen Winde
der Schwermut müd geglühtes Blatt,
als schwebte eine Hand gelinde
und striche dir die Runzeln glatt.

Wie soll dich leiser Hauch erreichen,
umschanzt von Mauern wie im Grab,
wie eines Engels Huld erweichen,
wer eitlem Grübeln sich ergab?

Als tauten heiße Vogelstimmen
aus Nebeln weichen Glanz aufs Gras,
als küsste dich ein süßes Glimmen
von Rosen, rot im grünen Glas.

Wie könntest freiem Sang du lauschen,
braust selbstisch Blut dir nur im Ohr,
wie Rosen mit dem Mohn vertauschen,
den Trübsal dir zum Trost erkor?

 

Jan 19 22

Apfelbaum im winterlichen Maifeld

Erinnert sich der Blick,
schenkt uns das Bild Erkenntnis.

Der Einsame des Winters reckt
des Wachstums starren Sinn
zum basaltenen Firmament,
die Mumie erstickten Schreis.

Der Apfelbaum ist alt
und knöchern seine Finger,
doch träumt im Wurzelstock
noch dunkel Lebenssaft.

Gestalt ward er des Schicksals,
das mit der Sonne sang
und zürnte mit dem Wind,
der seine Lust gekrümmt.

Doch denk der Anmut auch,
da lauer Hauch die Blüten
dir auf die Schultern blies,
des Glückes warmen Schnee.

Er hat mit seinem Schatten
des Sommers Mittagsstille
um deine Angst gebreitet
für einen heißen Schlaf.

Und sternenkalte Nacht
gab herbstlich dir ein Glühen,
von goldenem Laub umhüllt,
die reife herbe Frucht.

 

Jan 18 22

Die Ferne nah

Schleier in der Morgenfrühe,
ausgeseufzter Dunst,
daß Rose aus dem Feuchten glühe,
streift sie ab die Kunst,
wenn sich die Knospen schließen,
wollt wieder uns umfließen.

Mond erblüht an grauen Gittern,
Lilie trügerischen Lichts,
an dürrem Halm erzittern
Tropfen süßen Nichts,
wenn den Vers sie feuchten,
mag Mohn im Dunkel leuchten.

Weich geschwungene Schale,
umrändert vom Mäanderband
goldgetupfter Male,
birgst von ihrer Hand
gestreute Blütensterne,
nah ist uns die Ferne.

 

Jan 17 22

Verse über Verse

Nur wer den Blick kann wenden
vom Stern zur dämmernden Schwelle,
vom Abgrund in die Morgenhelle,
wird kundig das Gebild vollenden.

*

Wen viele Seelen tragen
vom Dunkel in die Bläue,
so stürmische wie scheue,
wird manches Wahre sagen.

*

Wer gebannt nur auf ein Bildnis stiert,
sommerpralle Knospe, Locke wintergrau,
blutbeträufte Klaue, Glanz im Sonnentau,
hat den Vers um einen Fuß kupiert.

*

Trakl singt den tiefsten Schmerz der Nacht,
und sein Mond glänzt kalt wie Elfenbein,
doch das wilde Herz Rimbauds, es lacht,
opfert er sein Blut vorm leeren Schrein.

*
Dichterworte sind nervöse Mücken,
die auf Kehrichthaufen fremder Seelen
funkeln, oder Falter, die entzücken,
wenn sie süßen Glanz aus Wunden stehlen.

*

Talmi-Dichter fuchteln mit Pistolen
die wie echte Verse golden schimmern.
Der Geliebten haben sie befohlen,
nackt aufs Podium zu steigen,
sich die Locken aus der Stirn zu streichen,
unerschrocken in den Lauf zu blicken.
Die Voyeure rings im Saal erbleichen,
hören sie fatale Schüsse knallen,
die Getroffne muß die Brust sich halten
und dann elegant zu Boden fallen.
Selbst die schrillsten Epigonen
schießen nur mit Platzpatronen.

 

Jan 16 22

Wechsel der Töne

Wie peinlich, wieder aufzuwachen
in einer grauen Dämmerung,
wo deiner selbst die Spatzen lachen,
daß dir erlahmt des Lebens Schwung.

Wie schön, im Grase aufzuschlagen
das Auge, noch von Träumen naß,
wenn Strahlen blauen Sommers sagen,
daß deine Wange noch zu blaß.

Wie gräßlich, sich umwickelt finden
von Spinnenfäden fremden Worts,
in ätzendem Geschling sich winden,
in Wirbeln eines kahlen Horts.

Wie lieblich, wandeln über Auen,
wo Traumduft um die Knospe schwingt,
dir Anmut gießt der Blick von Frauen
ins Herz, daß es von Liebe singt.

Wir sahen, wie die lichte Schöne
durch abendliche Schilfe glitt.
Die Seele wechselt ihre Töne,
doch schweigt sie, wenn sie zu sehr litt.

Der Meister kann ein dumpfes Stöhnen
verwandeln in den Vers, der gleißt,
doch Maß und Unmaß nicht versöhnen:
die überspannte Saite reißt.

 

Jan 15 22

Treuezeichen

Wie warm das mädchenschmale Fenster strahlt,
dem Wandrer in der Nacht ein Treuezeichen,
wenn zarter Umriß sich im Rahmen malt,
mag ihn der Liebe Schattenbild erweichen.

Wie blumenbang das weiche Wasser schäumt,
die kleinste sei der Knospen, dort zu schwimmen
auf scheuem Glanz des Abends, und dir träumt
von Blicken sanft, als würde Sanftmut glimmen.

Und stehst du stumm am bleichen Marmorstein,
wo Moose schon den edlen Namen flecken,
hörst du zwei Spatzen wild ins Blaue schrein,
die auf dem Totenmal sich schnäbelnd necken.

 

Jan 14 22

Beschwörungen vor dem Abgrund

Wer meißelt schimmernd transparente Schläfen
aus grauem, schon bemoosten Stein?
Wer setzt, daß uns erweckend Blicke träfen,
ihm Augen in die Höhlen ein?

Du bist es, Träumer, nicht mit schlaffen Nerven,
dem Schwermut tropft der wilde Mohn,
du bist es, Künstler, dem die Sinne schärfen
des Meeres Salze, Proteusʼ Sohn.

Wer reinigt uns in weißen Sühneflammen
die Poren und das Inkarnat
des Worts von Schorf und eklen Schlammen,
wer beizt den Schandfleck vom Achat?

Du bist es, Priester, nicht in Talmilappen,
der Gottes Wein ins Leere gießt,
du bist es, Dichter, mit dem Lilienwappen,
dem Milch und Blut in Versen fließt.

 

Jan 13 22

Mit halbgeschlossenen Lidern

O Sonne, raff den Schleier nicht,
wir wollen nackt die Welt nicht sehen,
noch dämpft von unten uns das Licht
ein Seufzen und ein dunkles Wehen.

O Wasser, riesle uns nur mild,
wir wollen nicht ins Rauschen tauchen
den Schmerz, den nur ein Lied uns stillt,
das Lippen leiser Sanftmut hauchen.

O Knospe, öffne dich noch nicht,
uns soll die Wehmut nicht verstören,
an trunknen Bildern der Verzicht,
wenn deine Düfte sie beschwören.

O Lerche, steig noch nicht empor,
dein Jubel macht den Himmel blauer,
wir lauschen noch im Dämmerflor
dem Nachtigallensang voll Trauer.

 

Jan 12 22

Der Doppelgänger

Den Unsinns-Brocken
auf dem Pfad des Lichts,
mit einem schwarzen Satz
aus Nietzsches Dynamit
magst du ihn sprengen.

Die Unwort-Krähe
im Silberlaub des Monds,
du kannst sie treffen
mit dem schnellen Pfeil
horazischer Sentenz.

Der dreist mit hohlem Klang
der Schellenkappe
durch dein Schweigen klirrt,
der feilen Sprache Narr,
ihm stößt ein reiner Ton
der Flöte des Vergil
das Talmigold vom Kopf.

Die Fremde, deren Lächeln
am Saum dir aufgeblüht,
hüllt dich in Traumduft ein,
und wachst du auf,
verliert er sich wie Hauch
der Nachtviole,
die sich unter Tränen schließt.

Der sublime Schattenriß,
der immer mit dir schwebt,
zweifelnd dir voraus,
spöttelnd hinterdrein,
schweigend, wenn du sprichst,
schwatzend, wenn du schweigst,
du kannst ihn wie die Fliege,
die lästig schwirrt und sirrt,
mit dem Flügelwind
des Pegasus nicht scheuchen.

Du bist nur ganz im Augenblick,
stehst hoch du im Zenit,
dem Mittag deines Glücks,
und krümmt dein Schatten sich
wie eine Schlange unterm Fuß.

Hier ragst du einsam
auf dem First der Zeit,
der Sonne Sohn,
steigst, Lerche im Azur,
die nur sich selber singt.

Doch auf der Wanderschaft
des langen Nachmittags
schnürt er dich ins Zwiegespräch,
zappelst du im Selbstgespräch.

Es sinkt die Dämmerung,
daß du mit ihm zergehst
und deinen Schatten mischst
mit andern Schatten,
und deiner Stimme heller Schaum
zerstiebt im Rauschen
dunkler Quellen und des Laubs.

Aus dumpfem Schlaf
weckt dich der scharfe Strahl,
und wieder schwillt die Ader
der Sprache dir von Namen
für den Namenlosen,
den Zwielichttänzer,
der Schritt mit deinen Schritten hält,
Widerwort dem Worte sagt,
Einspruch deinem Spruch,
Nein dem Ja und Ja dem Nein,
der wie des Messers Blitz
die dunkle Frucht der Seele spaltet,
daß ihr süßer Saft entquillt
und dich lähmend
bitterer.

 

Jan 11 22

Unterm Strich

Wir wissenʼs ja,
unterm Strich,
der zitternden Schattenlinie,
der steinigen Schmerzensfurche,
steht „Verlust“,
steht „Ohne mich“.

Doch auf der Linie balancieren
grüne Bienen,
und in der Furche schlafen
gelbe Falter,
die nicht wissen,
daß ihr Tun ein Ritus ist,
ein Opferkult,
ein Gottesdienst,
ein hoher, grausamer,
ein faltenknisternder,
gestaltenrauschender
und formenwandelnder
für eine Majestät,
die sie von fern nur wittern,
ein Knüpfen fein verwobener Muster,
deren harmonisch-dunklen Sinn
ein ferner Dichter übersehen mag und deuten.

Die Chiffren ihrer bunten Flügel
bleiben ihren Schöpfern Rätsel,
gemalt dem Sonnenauge,
das lächelnd sie goutiert
und wieder bleicht.

Uns ist das Wissen nicht bekömmlich,
wenn es den Nerv des Augenblickes lähmt,
und besser wärʼs, wie Tiere stumm-ergeben
des Tages Faden abzuwickeln,
der Blicke und der Blüten Strahlen
gelassen zu bestehen,
am Abend aber in die Glut zu starren,
die Asche,
die aufblätternd atmet,
aus der uns schon die neue Maske
der ausgebrannten Seele
entgegenstiert,
der überzeitlich hohe Geist,
der kühn mit Pollenfunken
die aufgetane Hyazinthe
der blauen Nacht bestäubt.

 

Jan 11 22

Das kluge Hündchen

Purzel heißt das Hündchen,
Flöckchen auch genannt.
Klein sind seine Augen,
groß ist sein Verstand.

Purzel flitzt ins Körbchen,
wenn die Welt ihn neckt,
und tollt froh ins Freie,
wenn ihn Sonne weckt.

Margret heißt das Frauchen,
Gretel auch genannt.
Stark sind ihre Hände,
schwach des Lebens Band.

Purzelchen und Gretel
eint ein Seelenbund,
denn ist Frauchen heiter,
freut sich auch der Hund.

Wirft das rote Bällchen,
Gretel weit ins Feld,
bringtʼs zurück das Hündchen,
wedelt, hüpft und bellt.

Faucht die schwarze Katze
und das Hündchen kuscht,
hörst du Frauchen zischen,
und die Katze huscht.

Hat vorm Bildnis weinend
sie des Freunds gedacht,
legt sein Pfötchen Purzel
ihr aufs Knie so sacht.

Doch ihr Schmerz geht tiefer,
Hündchen fühlt es auch,
und er roch das Pulver,
bösen Giftes Hauch.

Und er schnappt es heimlich,
Frauchen schläft ja noch,
Hündchen gräbt im Garten,
stopft den Tod ins Loch.

Morgens wandern beide
in den Sonnenschein,
mittags schnippelt Gretel
Purzel Würstchen klein.

Und es eint ein neuer
schöner Seelenbund
Purzelchen und Gretel,
Menschenkind und Hund.

 

Jan 10 22

O Nacht

Sie flossen mild, die Sonnenstunden,
doch blieb der Schmerz verhüllt im Staub,
der Abend hat die Stirn umwunden
mir stumm mit seinem Purpurlaub.

O Nacht, reiß mich vom Tage los,
nimm mich zurück in deinen Schoß.

Und tropfte Tau von weichen Locken,
als sie die Arme um mich schlang,
des Herzens Wurzeln blieben trocken,
der Träne Salz nur in sie drang.

O Nacht, tauch mich in deine Flut,
lösch aus die spröde Aschenglut.

Wollt mich zu Fahrenden gesellen,
versprühen Mark und Bein im Tanz,
und fand gelähmt mich auf den Schwellen
von ihrer Blicke kaltem Glanz.

O Nacht, saug mich in deinen Schlund,
laß wirbeln mich bis auf den Grund.

Und schenkte ich den Wein in Schalen,
zu träumen mich an Südens Meer,
begann des Moorlands Mond zu fahlen,
das Herz des Trinkers, es blieb leer.

O Nacht, küß mir wie eine Frau
von Stirn und Mund den bittern Tau.

Sie stauten sich, die Abendstunden,
wie Wehmut bang vor Edens Tor,
und seufzten auf die alten Wunden,
troff Milch und Blut auf falben Flor.

O Nacht, fern blüht dein Sternenhain,
laß meines Liedes Funkeln ein.

 

Jan 9 22

Die erloschene Blüte

Wenn grüner sich die Matten dehnen
und lieblicher die Luft uns blaut,
mag hoher Strahl das Bild verschönen,
das schon im Innern war ergraut.

Wir werden auf den Hügel steigen,
und vor uns glänzt ein Wasser weich,
wir wollen mit den Blumen schweigen
und wissen unsre Armut reich.

Wir brauchen nicht mehr Wortes Krüge
zu schöpfen, was im Dunkel quillt,
an Blüten haben wir Genüge,
an Augen, die von Tau gefüllt.

Und schlummern wir, wenn Ginster flirren
im Mittagsstrahle, liebesbang,
weckt uns, wenn Bienen trunkner schwirren,
gehörnten Gottes Hirtensang.

Mag uns ein Stern die Stirne kühlen,
der Mond, der Milch ins Haar uns gießt,
wir werden wieder Wärme fühlen,
wenn sich die Nachtviole schließt.

Doch gehen heimwärts wir zu Tale,
hockt dort der Enkel auf dem Stein
und hält uns hin die Bettlerschale,
erloschner Blüte leeren Schrein.

 

Jan 8 22

Erinnern wir uns an die Liebe

Gedenken wir der dämmergrünen Wellen,
der Unschuld, die wie Milch von Monden floß,
und konnte sie den Schmerz uns nicht erhellen,
schön war die Knospe, die sich um ihn schloß.

Wir gingen unter grauen Uferweiden,
die ihren Schleier auf den See gelehnt,
und konnten wir nicht ohne Tränen scheiden,
weich war der Glanz, der dir den Blick gedehnt.

Erinnern wir uns an der Nächte Funkeln,
die Liebe, die wie Wein aus Krügen rann,
und konnte er den Schmerz uns nicht verdunkeln,
süß war der Duft, als er zu blühn begann.

Am Abend hörten wir von ferne Glocken,
die unser Herz wie Klageruf versehrt,
und blieben unsre Augen auch nicht trocken,
tief war dein Blick, der mich mit Glanz genährt.

 

Jan 7 22

Alfred Lord Tennyson, To Virgil

Written at the Request of the Mantuans
for the Nineteenth Centenary of Virgil’s Death

Roman Virgil, thou that singest
Ilion’s lofty temples robed in fire,
Ilion falling, Rome arising,
wars, and filial faith, and Dido’s pyre;

Landscape-lover, lord of language
more than he that sang the “Works and Days,”
All the chosen coin of fancy
flashing out from many a golden phrase;

Thou that singest wheat and woodland,
tilth and vineyard, hive and horse and herd;
All the charm of all the Muses
often flowering in a lonely word;

Poet of the happy Tityrus
piping underneath his beechen bowers;
Poet of the poet-satyr
whom the laughing shepherd bound with flowers;

Chanter of the Pollio, glorying
in the blissful years again to be,
Summers of the snakeless meadow,
unlaborious earth and oarless sea;

Thou that seëst Universal
Nature moved by Universal Mind;
Thou majestic in thy sadness
at the doubtful doom of human kind;

Light among the vanish’d ages;
star that gildest yet this phantom shore;
Golden branch amid the shadows,
kings and realms that pass to rise no more;

Now thy Forum roars no longer,
fallen every purple Cæsar’s dome—
Tho’ thine ocean-roll of rhythm
sound forever of Imperial Rome—

Now the Rome of slaves hath perish’d,
and the Rome of freemen holds her place,
I, from out the Northern Island
sunder’d once from all the human race,

I salute thee, Mantovano,
I that loved thee since my day began,
Wielder of the stateliest measure
ever moulded by the lips of man.

 

An Vergil
Geschrieben auf Wunsch der Einwohner von Mantua
anläßlich der neunzehnten Zentenarfeier von Vergils Todestag

Roms Vergil, du, der du singest
Ilions erhabene Tempel, in Schleiern rot,
Ilions Fall, und Rom, das aufsteigt,
Kriege, Sanftmut, Didos Liebestod.

Freund der Fluren, Fürst der Verse,
mehr als jener, der „Werke und Tage“ sang,
Phantasie prägt jede Münze,
die golden aus dem Schatz der Sprache sprang.

Der du den Weizen besingst und das Waldreich,
Acker und Wingert, Bienenstock, Weide, Gestüt,
all die Anmut aller Musen,
oft in einem einzigen Wort erblüht.

Dichter des glücklichen Tityrus,
flötend unter Buchenschatten in Mittagsstunden.
Dichter des dichtenden Satyrs,
den der Hirte lachend mit Blumen umwunden.

Sänger des Pollio, das Glück hochpreisend,
da wieder golden der selige Äon thront,
Sommerwiesen, von Schlangen gemieden,
Erde ohne Plage, Meer, vom Ruder verschont.

Du, der Natur hat im Innern gesehen
allseits von erhabenem Geist durchweht,
hoheitsvoll bei aller Schwermut,
ob die Menschheit wohl am Abgrund steht.

Licht in den versunkenen Zeiten,
Stern, Gold sprühend noch am Geisterstrand,
goldener Zweig du unter Schatten,
Herrschern, Reichen, bejubelt, bald unbekannt.

Deines Forums Lärm ist verklungen,
Schutt ward all der Purpur-Kaiser Dom –
wenn auch deines Verses Woge
ewig rauscht vom Weltenherrscher Rom –

unterging das Rom der Sklaven,
Rom, das nun sich Stadt der Freien nennt,
ich, ein Sohn des nördlichen Eilands,
einst vom Rest der Menschheit abgetrennt,

ich darf, Mantuaner, dich grüßen,
der ich dich liebte, seit erwacht mein Sang,
Virtuose des herrlichsten Maßes,
das je eines Menschen Mund gelang.

 

Jan 6 22

Der hohe Pfad

Wenn Pfade uns auch schimmernd rufen,
gleich Flüssen in der Dunkelheit,
wir harren noch auf Schmerzensstufen,
von Flocken fahlen Monds beschneit.

Von innen dringt das eitle Klagen
des Dichters, den die Trübsal lähmt.
Wir werden ihn zum Ufer tragen,
daß ihn der Wellen Lied beschämt.

Dann gehen wir den Pfad, den hohen,
den uns der Schrei der Lerche weist,
bis um die Schläfen Flammen lohen,
die reinen Himmels Odem speist.

Hält wieder Dickicht uns gefangen
und kauern wir im Schattenhag,
wir hörten, wie Entrückte sangen,
wir schauten hohen Lebens Tag.

 

Jan 5 22

Die hellen Augen

Die Taube reckt den Hals, denn sie erblickte
die Sonnenkörner auf dem gelben Sand.
Ihr helles Auge war es, das schon pickte,
bevor ihr Schnabel noch die Körner fand.

Doch sieht die Rispen nicht im lichten Laube,
die Lilien nicht, und die empor sich rankt,
die weiße Winde nicht die Turteltaube
wie gelber Falter, der im Dufte schwankt.

Die Katze sieht die Maus als Schattenwesen,
das zittert, wenn der Docht der Iris glimmt,
nicht aber, was sich zarte Hand erlesen,
die Schale, wo die Rosenknospe schwimmt.

Und siehst du, Mensch, die Taube und die Blüte,
und was dich hohen Tages Bildnis eint,
doch siehst du auch die dämmerblasse Güte
im Blumenwort, das nah der Schwelle weint?

 

Jan 4 22

Abend am heimatlichen Strom

Wir gingen spät noch auf dem Uferweg,
und hörten wir im Schilf das dunkle Glucksen,
in knorrigen Silberweiden Flügel müde flattern,
gedachten wir versunkener Pfade, südlicher,
wo unsre Schritte süßer knirschten ein und feurig
Odem uns vom blauen Golf noch wehte abendlich.

Doch bogen ab wir aus dem Dämmergrund,
und faule Witterung verstrich im Dunst
von herben Kräutern. Bald zackte sich das Rebenblatt,
der trunkenen Schwermut Sonnenzeichen,
vor einer blauen Höhe, die zart hinunterblaßte
wie die Hortensie, wenn sie unter Schatten schläft.

Doch mieden wir den steilen Rebenpfad,
der uns in Jugendtagen oft zum Kreuz geführt,
an dessen Fuß bisweilen traulich Kerzen flammten,
und auch wir hatten kleine dort entzündet.
So kamen wir zur morschen Eichenbank
und blickten zwischen Brombeerbüschen
und Gestrüpp hinab auf jenes stille Bild,
das uns im Herzen kindlich-wahr geblieben.

Der graue Kirchturm, der mit seinen Glocken
uns den hohen Tag erbaut, der Schiefer,
fremden Glanzes, wie es Blätter sind im Abendtau,
der träge Strom, der Strom, der noch im Halbschlaf
seine Wellen sacht das Röhricht zittern ließ,
der Strom, der uns noch blaue Ankunft rauschte,
war schon das trübe Menschenwort versiegt.

Du wiesest mir die Stelle, wo das Schicksal
die unsichtbare Schneise in den Uferschlamm
geschnitten habe. Oder war es eine Nymphe,
die mit Veilchenblicken ihn, mit ihrer Lenden
milchig-weißem Schaum den Dichter in das Dunkel
lockte? Sie war die Tochter ja des Flusses,
und war er nicht sein Sohn, floß nicht sein Vers
wie seine Wellen sanft und hatte keine Bleibe,
als nur für einen Augenblick den Schimmer uns
zu spiegeln, des Himmels Blitz, den Kuß des Monds?

 

Jan 3 22

Der Oger singt

Wie sich dem Aug, dem einzigen, vermischen
das Blau des Himmels und das Grün der See,
wenn aus dem Bart des Nereus Gischte zischen,
verblaßt Apollos Gold auf Lunas Schnee.

Aus zartem Schilf schnitt er die Hirtenflöte,
des Ogers Blick wird feucht an fernem Traum,
die Töne schmelzen in der Abendröte,
und was sie sagen, weiß er selber kaum.

Nun steigen Seufzer aus dem kruden Munde,
der außer Käse gerne Blutwurst schlingt,
nun dämmert auch Kyklopen jene Stunde,
da höher sich Gesanges Flügel schwingt.

„Wo bist du, Galatea, milchbeträufte,
schwimmst mit Delphinen du zum Inselreich,
wo dir ein Akis Rosenblüten häufte,
daß deine mondnen Knie ihr Duft erweich?

Tauch nur im blauen Golf nach Blutkorallen,
du findest röter keine als den Mund,
der meinen schmäht, hörst du ihn trunken lallen
von deiner Lenden kußumrauschten Sund.

Und weiß ich auch, unmöglich kannst du breiten
der Locken Vlies auf zottelkrause Brust,
und kann ich kiemenlos nicht zu dir gleiten,
es überstrahlt dein Bild verwehrte Lust.

Mag Menschenfleisch ich künftig meiden,
von Käse nur mich nähren und von Kraut,
du bist zu fein, in Lammfell dich zu kleiden,
zu schälen Zwiebeln, eines Hirten Braut.

Ich weiß, mein Singsang, meine Flötentöne
umwogen nicht melodisch wie das Lied
des Orpheus deine lilienblasse Schöne,
doch seh ich Eurydike, wie sie schied.“

Was macht er jetzt, der liebeskranke Heros?
Er wirft die Flöte in den Wogenschwall
und stürzt ihr nach, besiegt vom dunklen Eros,
doch Galatea dreht den Purpurball.

 

Jan 2 22

Invocationes daemonis

O Eule, rolle die Pupille,
wenn stumm dich die Dryade trägt,
daß uns ein Blitz den Abgrund fülle
wie Mäusen, die dein Schnabel schlägt.

*

Aus Wüsten, Geisterschlangen, gleitet,
daß lieblich uns die Klapper tönt,
als hätte unser Herz geweitet
Musik, die mit dem Tod versöhnt.

*

O schwirre, surre, Satansmücke,
dein Stich ist scharf, dein Gift ist süß,
es löst den Geist in tausend Stücke,
es gaukelt uns das Paradies.

*

Auf deiner Hexe Buckel fauche,
fauch, Katze, uns zum Abschied wild,
hat Traumsud sie nach dunklem Brauche
uns in den Becher eingefüllt.

*

Nun füttern wir im Hof Hyänen,
sie kamen, als der Staat verging,
und flog der Vates einst mit Schwänen,
mit jenen heult ein Dichterling.

*

Ihr roten Seraphim, mit Flügeln
verhüllt Geschlecht und Angesicht,
entblößt die Rolle von den Siegeln,
die Schrift verraucht im fahlen Licht.

 

Jan 1 22

Schwache Funken

Das Wort ist Rauch geworden
und ist über uns entschwebt.

*

Der Alte sprach von fernem Ungemach,
wir sahen Kinder auf den Ochsenkarren
und Mütter, deren Stiefel knirschten
auf grauem Eis der zugefrorenen See.
Die Kringel, die er aus der Pfeife paffte,
sie schwirrten auf wie Möwenflügel,
die stäubend sich im Schneelicht aufgelöst.

*

Die grünen Scheite stöhnten in der Glut,
wir hörten feuchte Hölzer pfeifen,
es summte heiser ihre Patina,
die weiße Flamme von der Rinde fraß.
Wir warfen, Kinder aus dem Eifeldorf,
noch dürre Reiser in das Erntefeuer
und faule Blätter, daß uns biß der Qualm.
Wir konnten kaum sie übertönen,
die heiße Hymne, die ins Dämmern stieg,
mit unserm lerchenhellen Fahrtenlied.

*

Noch immer tappen wir wie greise Knaben
und suchen flehend, wenn der Abend sinkt,
den Stern, daß wir im Finstern Wege haben,
den Quell, aus dem sich Trübsal Hoffnung trinkt.

Doch keiner Quelle Singen macht uns trunken,
kein Stern ist, der an Wunders Schwelle führt.
Uns bleiben nur Irrlichter, schwache Funken,
die kalter Odem aus der Asche rührt.

 

Dez 31 21

Meditationes vespertinae

… sed carmina tantum
nostra valent, Lycida, tela inter Martia, quantum
Chaonias dicunt aquila veniente columbas.

Vergil, Bucolica IX, 11–13

 

Blaß war das Blau des entfliehenden Tags,
rötet sich auch die flüchtige Wolke,
an den härenen Rändern gesträhnt
vom silbernen Kamm des launischen Winds.

Tief sirren die Schatten der Schwalben,
die Knospe hat sich geschlossen,
Lid für Lid um den Schmerz,
der umsonst sich Pollen erfleht hat
fernen Geblüts an sehendem Fühler,
der nahe die Narbe betastet,
ungestillt schwankt sie ins Dunkel,
aber betäubend strömen sich aus
Violen der Nacht.

Steh nur still an der moosigen Schwelle,
auf die ein wächserner Mond
Glanz der Vergeblichkeit hinstreut.

Oder wache am dämmernden Fenster,
ob niederwehen noch Funken
auf die dürftigen Halme der Demut,
o Flamme, die statt ihr zu singen
zischend der Liebe die Wimpern versengt hat.

Was du erhofft dir, was du befürchtet,
tropft, ein unschuldig Wasser,
von Lorbeers bitteren Blättern,
zittert, ein fauliger Nachglanz
seelenzerschäumenden Weins,
an blauen Krugs gesprungenem Mund,
bevor er wie glimmende Tränen verrinnt
und im Trüben sich auflöst.

Ein laulichter Wind kommt auf
mit fernerer Botschaft von Süden,
und du gedenkst Dodonas heiliger Eichen,
wie sie flüsternd geredet
an Ioniens Ufern einem sinnigen Mann
vom Licht seines künftigen Tags,
Flattern hörst du von Tauben,
ein Flügeln des sapphischen Melos,
das Chaoniens Sehern
heitere Flocken geschneit hat.

Du aber schließest das Fenster
und gewahrst, bevor du dich wendest
zum blütenlosen Karste des Schlafs,
was wie Schaum chimärisch noch haftet
auf der schimmernden Iris der Scheibe,
das Bild deines nichtigen Daseins,
von dämonischem Odem gehaucht,
Ungestalt einer Seele,
die immer vergebens noch hofft
auf das Antlitz der Sonne des Guten,
daß selig sie schmelze dahin.

 

Dez 30 21

Dem Andenken an einen jungen Dichter

Von deinem leisen Sang ist uns geblieben
ein Funkeln wie von Grases Tau.
Sein Wohlklang, den verhärmte Herzen lieben,
war Wehmut nach dem Mund der Frau.

Wir haben deiner Anmut Schmerz gesehen,
der sich wie Weiden erdwärts bog.
Wir konnten blind im Duft der Verse gehen,
der sacht uns in ihr Dämmern sog.

Noch schenkt der Traum ein Rauschen uns von Quellen,
worin sich deine Angst verlor,
daß Knospen süß und bittre Kräuter schwellen
ins Licht, das dich zum Hort erkor.

Uns löst ein weicher Hauch vom Mund die Klage,
der aus dem Moos des Grabes dringt.
Ein Täubchen schwebt ins Veilchenblau der Tage,
wo deine Verse Liebe singt.

 

Dez 29 21

Peripetien

Als Sommers Amseln sangen,
da littest du noch sehr.
Im Schneelicht holder Wangen
schien alles ephemer.

Am Schimmer früher Ranken
hat sich dein Durst gestillt.
Als späte Rosen sanken,
ward trüb der Seele Bild.

Dir wogten weiche Locken
auf dichterischer Stirn.
Es taumelten die Flocken
auf matten Fühlens Firn.

Von süßem Strahl erkoren
war dir der Vers erblüht.
Auf ödem Karst verloren
hast du die Glut versprüht.

Als Morgenquellen riefen,
drang schon dein Lied zum Meer.
Als Nachtigallen schliefen,
war Herz und Brunnen leer.

 

Dez 28 21

Ein Duft aus Gärten ferner Tage

Mag aus des Dämmers sanftem Laube,
wenn schon der Seele Bild zerfließt,
das Flattern tönen einer Taube,
des Lichtes Flügel, der sich schließt.

Ein Duft aus Gärten ferner Tage,
wo sich im Teich der Mond gekühlt,
mag lösen dir vom Mund die Klage,
die noch in alter Wunde wühlt.

Wo durch die Schattenschilfe Wasser
ins Dunkel hindrängt eines Sees,
mag scheinen dir die Knospe blasser,
die früh erblüht im Samt des Schnees.

Noch einmal strömt ins Gras ein Strahlen,
als tauten Sterne feuchten Glanz,
das Blattwerk seufzt von süßen Qualen,
als flechte sich des Liedes Kranz.

 

Dez 27 21

Die Lektion der Wichtel

Dem Andenken an die Gebrüder Grimm

Hörst du es manchmal husten
in deinem Kleiderschrank?
Wer mag so höhnisch prusten,
sagst du dem Spiegel Dank?

Daß es kein Wunsch verfehle,
ist zipflig es bemützt,
das Urbild deiner Seele,
ein Wichtelein verschmitzt.

Was kitzelt dich im Schlummer
und reißt dich aus dem Traum?
Es ist ein Wicht, ein krummer,
mit seines Bartes Flaum.

Sie hausen in den Höhlen
der Mutter Erde tief,
sie kratzen von den Seelen
die Patina, den Mief.

Küßt du ein Mädchen bange,
und rollt ihr Auge wild,
kneift er dich mit der Zange,
daß dir die Hose schwillt.

Sie glühen mit den Echsen,
sie kühlen sich im Schnee,
sie schäkern mit den Hexen
und fühlen mit dem Reh.

Willst feierlich du schreiben
ʼnen Vers wie Hölderlin,
wird kichernd dir vertreiben
ein Wicht den eitlen Spleen.

Sie sind Protuberanzen
der Seele, die vergaß,
daß selbst die Götter tanzen
nach orphisch-trunknem Maß.

Und gehst du mit der Einen
verträumt ins Abendlicht,
siehst du auf schiefen Beinen
im Wiesengrund den Wicht.

Sie sind die Maskeraden,
dämonisch uns vermählt,
das Rätsel der Scharaden,
das unsre Seele quält.

 

Dez 26 21

Weißer Reiher auf dem Dach

Der Dunst hat sich verdichtet,
und Wohnung nahm die Seele
in sublimem Rauch.

Urlichts grauer Schaum,
erstarrter Anmut Trance,
steht ein Schemen stumm
auf dem First des Dachs.

Auf Vollendung sann Natur
in Flaum gewordenem Schnee,
der im Lichte stäubt,
strahlenfiedrig aufgebauscht,
und im Dunkel blaut –
in Bein gewordenem Hochmut,
Schilfes Zwillingsbild –
mondsteinhartem Schnabel,
zu ritzen Wassers grüne Haut –
in lebenswilden Augen, eingefaßt
von Todes Onyx-Ringen.

Steht und steht und
schwankt im Traum,
Sturmes Schreigefährte,
gezeugt vom Dämon Luft,
epischer Heroe,
den sich ein Dichter schrieb
größer als Homer,
ein Täter harten Glanzes,
den kühn der Dichter schloß
ins Gitter schmaler Chiffren
aus Dunst und Rauch.

Drei Flügelschläge später
und er ist entrückt,
in hohen Daseins
Dämmerungen gleitend,
undurchdringlich
wie der Abgrund unsrer Brust.

 

Dez 25 21

Ars poetica parva

Ist sie staubig auch und haust verkannt,
sieh, der Distel blauen Sommerblicke.
Hat der Rose Duft sie nicht, der bannt,
summend fliegt die Hummel doch zur Wicke.

Pflückt sie niemand im Oktoberlicht,
Äpfel glühen aus dem Schattenlaube.
Haben sie der Beere Schimmer nicht,
gurrend pickt die Körner auf die Taube.

Fließt ein Rinnsal er im schmalen Bett,
feuchtet weicher Vers doch Veilchenaugen.
Schaum der Katarakte macht ihm wett,
daß an seinen Lilien Bienen saugen.

Kann er auch nicht wie sein Bruder Rhein
brausen und das Salz der Ferne schmecken,
wächst an seinem Ufer süßer Wein,
mag sein Plätschern zarte Wünsche wecken.

 

Dez 24 21

Fremd vor der Krippe

Ich stand nicht in der Schar der Hirten,
als sie im Kind das Lamm erkannt,
schon gar nicht, die’s zum König kürten,
bei Weisen aus dem Morgenland.

Ich saß ein Sperling auf dem Dache,
mit meinen Schwestern grau und zart.
Ich fiepte, daß der Heiland lache,
und spottete nach Spatzenart.

Ich war die Rose nicht, die schöne,
die in der Nacht heraufgeglüht,
daß sich ans Gnadenwerk gewöhne
die Einfalt und vor Wundern kniet.

Ich war der Ampfer, Staubs Gespiele,
dem ward am Krippenrand so bang,
er sah, wie seiner Brüder viele
der Ochs gerupft, der Esel schlang.

Ich war nicht in der Nacht der Nächte
ein Jubellaut im Engelchor,
war nicht, daß mein ein Dichter dächte,
der Taube Gurren überm Tor.

Ich war nur, als der Ochse scharrte,
ein Gras, das seufzte, schmal, grazil,
ein Staubkorn, das zu fallen harrte
und aus Mariens Mantel fiel.

 

Dez 23 21

Erzähl mir, Freund

Erzähl mir, Freund, von Höltys Hainen,
wo Odem süßer noch umhüllt,
wo um die Liebe Quellen weinen
und Vogelsang die Wehmut stillt.

Ich muß auf karger Erde liegen,
wo staubt der Halm, sich an die Brust
nicht mag der Sanftmut Wange schmiegen,
wo gurrt das Dunkel von Verlust.

Sing, Rinnsal, mir von Klopstocks Gründen,
wo schäumend noch die Hoffnung quillt,
wo Liebende den Trank sich finden,
der Glanz in ihre Augen füllt.

Ich muß auf trocknem Karste harren,
wo welkt das Gras und aus der Nacht
der Sehnsucht leere Augen starren,
wo kaltes Krächzen meiner lacht.

Erzähl mir, Freund, von Trakls Tränen,
die glänzten in der Schwester Haar,
als könnte uns der Schmerz versöhnen,
der sich als Rose neu gebar.

So will ich denn empor mich richten
am Kreuzstab, einem Pilger gleich,
und wandern, sie mir nah zu dichten,
die Rose, fern im Himmelreich.

 

Dez 22 21

Knospe unterm Mond

Bleich entschlummert unbesungen
eine Knospe unterm Mond,
und bei Herzen, die zersprungen,
hat wohl Orpheus nicht gewohnt.

Mögen Blütenblätter treiben
auf des Wassers grüner Nacht,
Asphodelenschatten bleiben,
ist der Schmerz des Tags erwacht.

Weich verworren sind der Rose
zarte Wimpern unterm Tau,
und die Herzen, schlummerlose,
starren, vom Erinnern grau.

Tropfen hören wir erst tönen,
sprühen sie dem kahlen Stein,
die uns mit der Nacht versöhnen,
Verse funkeln, alter Wein.

 

Dez 21 21

Komische Metamorphose

Herrchen ist sich einig mit dem Hündchen,
sich den Napf zu teilen, und sie schlecken
einen Fraß selbander, ein devoter Hintern
wedelt neben einem kecken Schwänzchen.

Herrchen will auch an der Leine gehen,
ist der Menschen Ziele überdrüssig,
will in Gras und Müll und Pappendeckeln
freudig schnüffeln nach dem ersten Besten.

Doch wer soll ihn an die Leine nehmen,
ihm den roten Ball ins Grüne werfen,
und er schnappt ihn sich und trägt ihn jauchzend
wem zurück, daß weiche Hand ihn kraule?

Ach, ein Frauchen muß es sein, ein feines,
parfümiertes, elegantes, und sie legen,
Herrchen und das Hündchen, ihr die Köpfe
auf die Knie, links und rechts, je einen.

Wie sie ihre Augen rollen, er die wässrig-
blauen, es die braunen, listigen,
und sie glotzen so romantisch aufwärts,
bis sie hechelnd triefen, ihre Zungen.

Und er muß nicht reden, er darf bellen,
bellen, knurren, murren, fletschen, winseln,
und er muß nicht schuften, er darf spielen,
spielen, tollen, rollen, Männchen machen.

Und er muß nicht dichten für die Nachwelt,
daß ein Philolog sein Rosenblättchen glätte,
er darf Knochen, nicht geheimen Sinn, verstecken,
darf sich betten statt auf Lorbeer auf ihr Füßchen.

Heute blaut die Luft so melancholisch,
denkt er, bin ich Mensch halb, halb schon Hund,
fühl ich nicht ein Fell mir wollig sprießen,
und das Hündchen schaut verschmitzt ihn an.

Frauchen kommt nicht heim zur Nacht, die beiden,
Hündchen und der neue Hund, ein Pudel,
sitzen vor dem schwarzen Fenster, gaffen
auf zum Mond, der gähnt, und jaulen, jaulen.

 

Dez 20 21

Licht im Tod

Du bist nicht mehr, weilst nicht bei Schatten,
wie sie Sibylle wies Vergil,
die ihren Blick betaut, den todesmatten,
wenn Opferblut zur Erde fiel.

Und dennoch hör ich manchmal deine Schritte
im herbstlich hingewelkten Laub,
ist mir, als ob dein Singen Schneisen schnitte
durch winterlichen weißen Staub.

Und atmet auf die Rose aus der Tiefe,
wo längst dir ward das Herz zernagt,
ist mir, als ob dein warmes Herz nur schliefe,
ein Duft, daß Liebe aufwacht, sagt.

Erhellt mein Leben noch des Schwans Gefieder,
dem Abschied seufzt ein Abendrot,
schwebt deine Anmut mir ins Dunkel wieder,
im Leben Schatten, Licht im Tod.

 

Dez 19 21

Blume, Liebe, Geist und Licht

Fadenscheinig ward das Kleid der Namen,
Blume, Liebe, Geist und Licht.
Glänzen auf in Gottes Dunkel Samen,
wenden wir das Angesicht.

Knospen, aufgetan dem Hauch der Frühe,
Sapphos Rosen sanken fahl.
Wo ein Traubenwort uns purpurn glühe,
Hügel Theokrits liegt kahl.

Mag noch Hero zu Leander schwimmen,
wenn ihr Licht die Nacht durchdringt,
schluckt die See ihn, Kerzen, sie verglimmen,
ist sie’s noch, die nach ihm springt?

Flüstert seiner Baucis ein Philemon
nach dem Tod noch wunderbar,
hat verwandelt sie ein guter Dämon
in der Bäume trautes Paar?

Gab der Dulder vor den Leidensstunden
Liebe nicht in Brot und Wein,
goß er nicht das Heil aus stummen Wunden,
daß es schmelze, Herz aus Stein?

Macht aus Feuerbechern wieder trunken
uns der hohen Sage Geist,
ist der heiße Hauch noch nicht versunken,
taut er Seelen, die vereist.

Namen, Sterne einem Lied verwoben,
das aus klarem Quell uns spricht,
haben aus dem Dunkel uns gehoben,
Blume, Liebe, Geist und Licht.

 

Dez 18 21

Am Licht erblinden

Das Leben, fremder Runen Flirren,
war unser Blick zu trüb,
wir konnten es uns nicht entwirren,
kein Sinn war, der uns blieb.

Verwandelt in des Steines Schweigen,
wo glänzt von Tropfen Moos,
wenn sich der Sonne Strahlen neigen,
wär unsre Wahrheit groß.

Auf grüner Woge sanft uns wiegen,
dem trunknen Schwane gleich,
uns haltlos einer Wange schmiegen,
wie eine Lilie bleich.

Wenn leiser Gnade Flocken stäuben,
verwaistem Grab ein Tuch,
und Flieders Hauch, uns zu betäuben
mit wehem Wohlgeruch.

So bleibt uns nur am Licht erblinden,
daß heller uns die Nacht
das Rosenwort läßt wiederfinden,
am Tränenglanz erwacht.

 

Dez 17 21

Als wär kein Herz allein

Geheimnisvoll hat sie geleuchtet,
die Sonne jener Nacht,
das Auge kindlich uns gefeuchtet,
als wär das Herz erwacht.

Es hat gelöst die tauben Zungen
der Engel hoher Sang,
der Dunkelheit mit Licht durchdrungen,
als wär kein Herz mehr bang.

Es staunten Sünder um die Krippe,
die eine Speise barg,
daß keinem brannte mehr die Lippe,
als wär kein Herz voll Arg.

Hat keuscher Sinn das Wort geboren,
es blühe auf der Stein,
schien uns das Leben unverloren,
als wär kein Herz allein.

 

Dez 16 21

Verloren auf der Schwelle

Und wenn du fehlst, wie bist du nah.
Die Namen, die dich nennen,
sind Rosen, die im Dunkel brennen.
Verhüllt in Aschen, du bist da.

O Dorn, woran der Tropfen glüht.
Die Worte, die mich ritzen,
sind goldnen Zweiges Blütenspitzen.
Süß ist der Schmerz, der nach dir fühlt.

Und hab ich nur der Blume Bild,
die schwimmt auf dunklem Wasser,
strömt Liebesodem mir noch mild,
wird auch der Schönheit Bildnis blasser.

Das reinem Hauch sich auftut, Tor
zu jener Wunderquelle,
weh, daß mein Atem sich verlor
in eitlem Lallen auf der Schwelle.

 

Dez 15 21

Der Pfad der Liebe

Gedenken wir der goldnen Abendstunden,
da sich der Liebe grüner Pfad
um ferner Quellen Rauschen hat gewunden,
der goldnen Stunden vor der Mahd.

Von eigner Fülle beugten sich die Ähren,
und trunken blätterte der Mohn,
am Saume pflücktest du dir rote Beeren,
doch rot war deine Lippe schon.

Und alles, was wir noch zu sagen hatten,
floß weich aus einem Brunnenmund,
ein leises Rinnsal abendgrüner Matten,
das rasch versickert in den Grund.

Doch stummer ist dein Blick in mir versunken
als in den Teich ein Schwanenflaum,
mein Herz hat süßen Lebens Duft getrunken
und fühlte, daß wir welken, kaum.

Verblichen ist das Gold der frühen Stunden,
und deine Lippen wurden fahl,
des roten Mohnes Blüten waren Wunden,
das Brunnenwasser wurde schal.

Kein Moos mag uns den Pfad mit Tau erhellen,
begraben liegt es unter Teer,
im Traume hören wir noch fern die Quellen,
bleibt auch der blaue Krug uns leer.

 

 

Dez 14 21

Die Taube im Mohn

Es schwankte durch die Sommerluft
ein Falter nach dem Fliederduft.

Du strichest hohe Gräser glatt
zum Bett, das grüne Polster hat.

Und schautest du ins Blau empor,
war es dein Leid, das sich verlor.

Die alte Klage war verstummt,
als Bienen deinen Schlaf umsummt.

Ein Tropfen hat dich aufgeweckt,
der wie Erinnerung geschmeckt.

Es fielen schwere Tropfen schon,
da sahst du sie im nahen Mohn.

Die hellen Flügel aufgespannt
lag rücklings sie ins Gras gebannt.

Und aus dem offnen Bauche quoll
der Darm der Taube grauenvoll.

Die Krähe hat sie aufgehackt,
wie lag im Tode sie so nackt.

Du hast ihr aufgewühlt ein Grab,
daß sie im Dunkel Frieden hab.

Du fühltest Wind und Regen kaum,
ein Schatten gingst du wie im Traum.

 

Dez 13 21

Dame Künstlerin

Was Dame Künstlerin zusammenschmiert,
ein Albtraum, ein obszönes Laichgekröse,
ward nicht von hohen Musen inspiriert,
nur von dem sauren Anhauch ihrer Möse.

Es gähnt steril ein Uterus,
und anonymer Würmer Fäden zeugen
ihr einen pubertären Kunstgenuß,
wenn Gnomenphalli aus Gebüschen äugen.

Was einer dumpfen Seele ausgepresst,
soll ätzend auf des Bürgers Glatze tropfen,
der grinsend bald das Atelier verläßt,
doch dessen Steuern ihr das Faulbett stopfen.

Sie fühlt es wohl, daß sie verlassen ist
vom Hauch, der Botticelli sanft umflossen
mit einer Anmut, die nur Liebe küßt,
den Blüten, die im Gnadenstrahle sprossen.

 



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