Deutsche Haiku
Über das Wasser
ziehen leuchtende Wolken.
Schwan, er schwankt im Schlaf.
*
Nacht, flockenbestäubt.
Im Schilf am Ufer des Sees
gluckert das Dunkel.
*
Blau, Rätsel aus Luft.
Wir atmen es ein und aus,
keiner, der es löst.
*
Gefrorener See,
Schlaf. In der dunklen Tiefe
blitzt es von Flossen.
*
Wie aber Heimat?
Im Schnee der Nacht keine Spur.
Hell ein Fenster, fern.
*
Abend, roter Mohn.
Langsam rinnt nieder der Tau,
bis die Glut verlischt.
*
Den niedertrat ein
tumber Fuß, unscheinbarer
Halm steht wieder auf.
*
Molke schüttend in
Krüge der Nacht, stummer Mond
vollendet den Vers.
*
Ein Frosthauch genügt,
und am Fenster die Fächer,
die Farne des Lichts.
*
Das Lied ist verweht.
Die Pollen des Sommertags,
fanden sie Obdach?
*
Ihr lächelt dem Licht,
Maßliebchen, habt Tränen ihr
auch, wenn es dunkelt?
*
Unpflückbar leuchten
schön am Zweig der Dämmerung
Äpfel der Kindheit.
*
Wie das Haupt des Schwans,
den Schaum des Monds zu kosten,
taucht der Flaum des Worts.
*
Kristall des Frühlichts
tönt purpurn im Gipfelschnee,
gläserne Rosen.
*
Ruderlos ein Boot,
von grüner Welle umseufzt,
treibt mein Lied dahin.
*
Vom Regen gewiegt,
schweben die Teichrohrsänger
im Schilfrohr des Schlafs.
*
Tropfen zerspringen,
helle Laubserenade,
Blatt für Blatt ein Ton.
*
Die Tür geschlossen –
durchs Schlüsselloch schlüpftest du
in meine Träume.
Lose taumeln Traumes Flocken
Und wird das Wasser Dunst und Schleier,
bricht heiter sich der späte Strahl.
Blind tappt der Sänger von der Feier,
die Treppe des Gefühls, wie schmal.
Und die sich glatter Wege rühmen
vom Dorfteich bis zum Weltenmeer,
sie schöpfen mit Wortungetümen
nicht eine kleine Pfütze leer.
Sie leimen roh zitierte Brocken,
die bleckend Mäkelmaul zerfetzt.
Und lose taumeln Traumes Flocken,
daß sich des Verses Knospe netzt.
Nach Tropfen, die im Nebel glimmen,
lechzt schon der Erde mürbe Haut.
Mag leicht das Blatt auf Wassern schwimmen,
o Vers, der dunklem Schwanken traut.
Daß eine Blüte uns noch bleibe
Hörst, Liebe, du das sanfte Rieseln,
als seufze auf des Waldes Nacht,
siehst du den bunten Schaum auf Kieseln,
vom scheuen Kuß des Lichts entfacht?
O dämmerbange Feuchte,
daß eine Blüte uns noch leuchte.
Fühlst, Liebe, du die hohe Stille,
als atme aus der dunkle Wald,
ist dir aus knospenroter Hülle
der Hauch der Nacht ums Herz gewallt?
O vollen Mondes Scheibe,
daß eine Blüte uns noch bleibe.
Hast, Liebe du im Traum gesprochen,
als hätte dir ein jäher Wind
der süßen Früchte Zweig gebrochen,
ich tappe, sie zu bergen, blind?
O ferner Heimat Auen,
daß reife Beeren uns noch blauen.
Wo kein Vogel singt
Das Lied des Wassers, es verklang
im dunklen Farn, das Wort ward trocken,
der Wind des Abgrunds aber wrang
die Feuchte aus den Wolkenlocken.
Wie du im warmen Schiefer schliefst,
als stünden still die Sonnenuhren,
schien es im Traum dir, daß du liefst
nach Schatten heimatlicher Fluren.
Und hab ich, Liebe, dich geweckt
mit einer Feder weichen Daunen,
und zucktest auf du, tatst erschreckt,
war feucht dein Blick, ein blaues Staunen.
So stiegen wir, vom Wind beschwingt
durch Laubes Flüstern zu den Brachen
der Höhe, wo kein Vogel singt,
fremdländisch klang, was wir dort sprachen.
Leises Tröpfeln, scheuer Glanz
Das leise Tröpfeln auf das Fenstersims
nach einem wilden Regen,
es ist mit einemal verstummt,
und du bist eingeschlafen.
Und Wolken sind wie Schaum,
der von späten Strahlen glüht,
am Brunnenrand des Abends
schwimmt ein Rosenblatt.
Und der verlassen geht und redet
vor sich hin, der Hinkende,
ihm glitzert Tau im wirren Haar,
den Hauch der Nacht ihm zugeweht.
Dir aber, Dichter, quillt im Moos
des Schlafs ein scheuer Glanz,
und beugst du dich zum Trunk herab,
dunkelt er und du erwachst.
Der Enzian
Ja, es genügt, dem schmalen Pfad zu folgen,
und schwindelt es uns auch am jähen Hang,
will auch uns Schwankende zur Tiefe reißen,
was wie aus Nächten klagt, das dunkle Brausen.
Doch hält uns ja einander Blick um Blick,
daß wir Gestirne hinter Nebeln ahnen.
Ist nicht, was Anmut schmiegt um deine Locken,
Liebe, aus blauen Abgrunds Geist ein Hauch,
und fühlt sich deine Schläfe nicht geküßt,
wenn dir von Zweigen rinnt des Himmels Tau?
Doch ist der Gipfel fern, wenn schon ein Glänzen
von Kristallen ins Genist des Schlafes fiel.
Wir stehen auf und schütteln ab den Glitter,
und hören wir sie aus dem Tale rufen,
der ferngerückten Heimat Zwillingsglocken,
quält wieder uns der Augen grauer Durst,
zu stillen sich am Blau des Enzians.
Doch nicht nur wir sind fast am Staub des Worts
erstickt, verschmachtet fast am Schaum des Bilds,
wir suchen sie, die Wunderblume, nicht
für uns allein, vorm Tore sprach der Engel,
die jetzt im Tal noch schlafen, wachen auf,
strömt ihnen, was an holdem Duft wir bringen.
So, Liebe, scheuen wir die Dornen nicht,
und der uns streift im Todesfluge, lautlos,
der Eule nachtgetränkten Fittich kaum.
Und lädt uns auch das weiche Moos, lockt Zwitschern,
in Träumen zu verweilen, wir steigen, steigen,
bis uns der harsche Schnee, der ewige,
entgegenleuchtet, droben, wo Silber klirrt,
der Erde Stirne furcht ein schwarzer Wind.
Und riefest du: „Dort schimmert sie, o dort!“
und gingest hin, mit deiner zarten Hand,
den Enzian zu pflücken, ich aber läge,
ermattet vor dem hohen Ziel, voll Liebe
rief ich dir nach: „Du tu das Werk, mich aber
laß ruhen hier im dunklen Glanz der Höhe,
entschlummern lasse mich, laß mich im Rauschen
des Flügels, der aus Wolken niederweht.“
Milde Schauer
Seufzer sind nur schwer zu lesen –
wie der Atem einer Eiche,
wie das Flüstern dunkler Teiche
haben sie kein festes Wesen.
Verse ranken über Mauern –
wie an lichten Gittern
feuchte Rosen zittern,
öffnen sie sich milden Schauern.
Küsse kleben nicht an Zungen –
wie versprühte Pollen,
die zum Fruchtkelch wollen,
sind sie schon ins Herz gedrungen.
Herzen schlagen nicht im Leeren –
wie der einen Glocke Schwingen
andre mag zum Schwingen bringen,
wollen sie den Abgrund queren.
O Frucht, die uns geleuchtet
Und kann uns nicht mehr tragen
wie weiße Blütenkronen
ein dichterisches Sagen,
welkt hin das Herz, verwittert
in stummen Todeszonen.
O Blüte, wie sie zittert.
Und können uns nicht weisen,
wo fern die Ströme blauen,
der Dichtung lichte Schneisen,
verwildert uns und dunkelt
die Schrift der Uferauen.
O Ferne, wie sie funkelt.
Und können wir nicht pflücken
in Dichters Paradiesen
die Trauben, die entrücken,
wie glänzt, vom Mond befeuchtet,
der Gram auf harten Fliesen.
O Frucht, die uns geleuchtet.
Und kann uns nicht mehr zeigen,
wo sich die Rosen winden,
bacchantisch wilder Reigen,
laßt uns, ins Gras gebettet,
wie Tau ins Dunkel schwinden.
O Duft, der uns gerettet.
Ausgelöschte Kerzen
Mit „Lebe wohl!“ scheint alles ja gesagt.
Es schwemmt schon eine schlammige Welle
den trunkenen Schimmer von des Festes Schwelle.
Zu tief das Dunkel, als daß man harrt und klagt.
Sie haben, Prunkende, sich Kerzen angezündet,
und in ihr Flackern flüsterten geflammte Blüten,
es blieb kein treues Herz, den Glanz zu hüten,
den Honig, der in Bitternis gemündet.
Und seufzte Abendrot im laubichten Gang,
ertönten Glocken verschollen wie aus Maaren,
es blieb kein holdes Herz, den Ruf zu wahren,
der wie ein schmerzlicher Kristall verklang.
„Adieu!“ und aller Atem scheint versiegt,
zerstreut die Blüten, ausgelöscht die Kerzen,
Wem geht das leise Winseln noch zu Herzen
des kleines Hunds, der vor der Türe liegt?
Die schöne Form
Mögen sie dir ihre Meinung geigen,
du hülle, Dichter, dich in Schweigen.
*
Die Blumen welkten an dem wüsten Ort,
ihr Hauch, er haftet noch am Dichterwort.
*
Der Denker hat die Wahrheit nur als Frage,
dem Dichter glänzt sie fern in goldner Sage.
*
Wie eine Mücke eingeschlossen in den Stein
schläft uns ein dunkles Rätsel im Gemüt.
Ein Dichter fühlt, erweckt von goldnem Wein,
wie es in seinen Versen summt und glüht.
*
Die zarten Muster im Gedicht-Gewebe
sind einer Blumenseele Ornament,
und daß der Morgenhauch es sanft erhebe,
gefleckter Flügel dünnes Pergament.
*
Sie waren Hirten, die am Feuer saßen,
ein süßer Hauch war ihres Mundes Blume,
Vaganten zogen sie die Heeresstraßen,
und Psalmen sangen sie vorm Heiligtume.
Sie wurden unterm Rauschen der Motoren
zu Schreibmaschinen, die das Maß verloren.
*
Die schöne Form – vom Brunnenmund
der Tropfen holdes Niederfunkeln
in einer zweiten Schale Rund,
wo Schaum an Schaum sie sich verzehren,
zur dritten, wo im Moos sie dunkeln –
sie wird dem Vers sein Glück nicht wehren.
Leg dich ins Gras
Im Laub der Dämmerung zu sehen
geheime Funken niederwehen
sei deinem wilden Weh genug.
Geliebte Schatten, die dir winken,
und die aus späten Kelchen trinken,
des Eros Falter sind schon Trug.
Versinken dir die frühen Klänge
im Dickicht dunkler Abschiedsgänge,
tönt Abendrot wie zartes Glas.
Geht zögernder der Schattenweiser,
klopft alter Sehnsucht Ader leiser,
verweile hier, leg dich ins Gras.
Zwielicht-Terzinen
So müssen wir im Zwielicht Wege bahnen
durch Brachen blumenlos und Furchen grau,
und unter Tränen nur in Dünsten ahnen
der fernen Ströme ausgerauschtes Blau.
Uns ist, als wehten Seelen in den Winden
und sprühten Geister kühlen Abschiedstau,
als könnten wir den Heimweg nicht mehr finden,
der Hoffnung Lampe hinter warmen Scheiben.
Uns scheint der Liebe Auge zu erblinden,
ein Teich, wo toten Mondes Blüten treiben,
duftlose, die sich zu blassen Schäumen ballen,
sie küssen sich und müssen einsam bleiben.
Und was wir sagen, ist wie trunknes Fallen
von schweren Tropfen auf die Stirn der Nacht,
sind Flügelschläge, die im Flug verhallen –
im Fluge, der die Ferne endlos macht.
Was die Zeilen füllt
Eines Somnambulen Gang,
Tau im Haar, der Nacht entquollen.
Was dem Brunnenmund entsprang,
war im Herzen schon verschollen.
Aus den Ritzen im Asphalt
drängt der Halm, das Licht zu grüßen.
Ist der Geist noch ungestalt,
Falter blauen, Verse fließen.
Zwitschern im Holunderstrauch,
aus dem schwanken Nest gestiegen,
Funken hat die Liebe auch,
wenn die hellen Käfer fliegen.
Sehen wir, wie niederflockt
Asche aus verkohlten Himmeln,
wissen wir doch, es entlockt
Fäulnisodem buntes Wimmeln.
Mag mit seinem weißen Tuch
Schnee die scheue Spur verhüllen,
schließt der Schlaf uns auch das Buch,
Traum, er wird die Zeilen füllen.
Stimmen einer hellen Nacht
Rotes Blatt,
vom Zweig getaumelt,
fortgesprochen
von der Dunkelheit,
als ob ihr glühte
noch ein kleines Herz.
Weicher Tau,
herabgeperlt
vom Blütenmund
zum dunklen Schoß,
als hellte ihn
ein Seufzen auf.
Grauer Flaum,
aufs Fenstersims geweht,
als brüteten,
im Traum geschaukelt,
warme Nester
noch ein Zwitschern aus.
Bergkristall,
dem Schnee gepaart,
als lösten Stimmen
einer hellen Nacht
den kalten Schmerz
in Funken auf.
Rosen blendeten zu sehr
Der stummen Halme Schattenheer,
der Wicken träumerisches Beben,
und Trauben, dunkelnde, an Reben –
Rosen blendeten zu sehr.
Grau-blau geschecktes Himmelsfell,
und denen Blumenlippen lallen,
Tropfen, die auf Blüten fallen –
Schaum des Monds war schon zu grell.
Des schwarzen Wassers Jaspisglanz,
wenn Abendlüfte müder streichen,
wie Schwanenflaum die Lilien bleichen –
Wunden stach der Strahlenkranz.
Wir sinken ohne Wiederkehr,
die aus bemoostem Borne quollen,
die Wundersagen sind verschollen –
Hauch der Nacht erstickte Teer.
Kleines Welttheater
Der eine rollt gepeitscht, kaum daß es tagt,
und was er von sich gibt, ist wie das Pfeifen
des Schlauchs, worin ein böser Nagel nagt.
Und jener kann nur ungebunden schweifen,
ihm haftet wohl an Sohlen Korn und Samen,
doch mag kein Bildnis ihm im Vagen reifen.
Kein Azur lockt, die aus den Wettern kamen
und sich in dämmerfeuchten Höhlen ducken,
kein Stern ruft mehr die bangen Wunderlahmen.
Andre schwirren schon beim leisen Zucken
des Morgenrots wie ausgesprühte Pollen
in Fernen, wo sie Blumenzungen schlucken.
Manche, denen Eros zwinkert, schmollen,
sie stechen sich mit Dornen und sie schütten
den Wein aus Kelchen, kauen bittre Knollen.
Die hausen namenlos in Gartenhütten,
sie trinken Most und abends kühlen Hauch,
und achten Schnösel sie für Troglodyten,
aus ihrem blauem Krug trinkt Orpheus auch.
Unterm Laub der Dämmerung
Wir lagen unterm Laub der Dämmerung,
dein Mund das Siegel, das mein Mund geküßt.
Es brach ein wenig auf, in leisem Sprung,
ein Murmeln quoll hervor, süß und trist.
Und küßte ich, das zitterte, dein Lid,
hat ihren feuchten Glanz die Nacht gezeigt,
das scheue Rinnsal, das mein Mund vermied,
hat sich, o Strom, in meiner Brust verzweigt.
Was wir uns sagten, pflückte Abendhauch,
wie Blütenblätter eines Mädchens Hand,
das zählt und seufzt: „Liebt er mich auch?“
Mein lautes Schweigen hat es dir bekannt.
Und als du eiltest, fiel auf mich dein Schal,
ich lag getroffen wie von einem Hieb,
stumm war die Luft, die Wolken hingen fahl,
das Murmeln aber dunkelte und blieb.
Abends allein
Das trunkne Bauschen der Gardine,
des Lichtes Seufzer streicht sie glatt.
Die zweifelnd weilen, Abendwolken,
ins Wasser schäumt ihr Perlmutt matt.
Des Amseltons Oboen-Strömen,
wie müde macht das süße Lied.
Dort unterm Kissen lag die Spange,
so zwackte zart Abwesenheit.
Die Zwiebel- und Kartoffelschalen,
sie aufzufegen tat dir leid.
Der Veilchen dunkelblaue Augen,
der weiche Hauch, wie macht er müd.
Hier unter ächzenden Hämmern
Hier unter ächzenden Hämmern
krümmte ich mich und vergaß,
wo fern in laubichtem Dämmern
Anmut verlieh uns ein Maß.
Nachtwind zerstob all die Sagen,
als sich die Blüte verschloß,
Pollen, o fliegt zu den Tagen,
da sich der Lichtkelch ergoß.
Dort, wo die Augen noch feuchtet
Sang, der die Schneise uns zieht
tief in das Dunkel, daß leuchtet
voller der Mond durch das Ried.
Kann ich dorthin auch nicht finden,
Seele, sie starrt wie entlaubt,
Kinder, sie kommen, sie winden,
leicht mir den Efeu ums Haupt.
In die Nachtluft gefragt
Der Heimat Glockenton versinkt
ins Rauschen eines fremden Stroms.
Der Schatten dort im Dämmerschilf,
bist du es, Liebe, die mir winkt?
Die Weide zittert noch im Licht,
doch ihre Wurzeln saugen Nacht.
Wer schüttelt mir den Schlaf vom Blatt,
das Silber auf die Brache Stirn?
Ein Tropfen in der Muschel, Zeit,
so ward mein Perlmutt milchig-matt.
Knirscht nicht der Ufersand im Traum,
wer bückte sich und hob sie auf?
Vom Wind gesät erblühte Schaum
und blaßt im Mondesschatten fahl.
Quillt schon wie Tau vom Blütensaum
der Schmerz ins stille Moos hinab?
Die vergessene Kiste
In grünes Packpapier gewickelt, Puppen
des kindlich-frommen Spieles, eingesargt
in einer Kiste unterm Dach, im Schuppen,
so lange schon. Daß keiner nach euch fragt!
Der Ochs ruht bei dem Esel, an die Hirten
das Lamm, das Schaf sich traulich schmiegt,
das leuchtete, daß sie sich nicht verirrten,
des Sternes Gold hat dunkles Vlies besiegt.
Und fragst du nach dem Gnadenkinde,
es reckt ins Dunkel hin die Segenshand,
daß bange Kreatur noch Milde finde,
hat eine Maus die Nacht zu ihm gesandt.
O geistbehauchte edle Wunderrose,
Mariens keusche Wange aber blaßt,
das Licht der Lilie sank ins Bodenlose,
als hätte allen Duft das Holz verpraßt.
Den Engeln aber, die das Loblied sangen,
hat Staub und Scham den Mund verstopft,
den Weisen sind die Gaben ausgegangen,
der Andacht süßer Honig ist vertropft.
Schon fallen auf die Schindeln weiche Flocken,
doch die Figuren wickelt keine Seele aus,
zu keiner Mette rufen weihnachtliche Glocken,
des Engels Flügel birgt die tote Maus.
À part
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Motto nach vierzig Jahren pädagogischer und medialer Dressur zu Toleranz und Fremdenfreundlichkeit: Du sollst deinen Nächsten hassen wie dich selbst.
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Die Rache eines gewissen hinkenden, brüllenden und zeugungswütigen deutschen Scheusals: Ein vulgärer, dabei nicht einmal ungebildeter Gettojude mistet den Literaturbetrieb der Gojim von der Jauche und dem Dung des Abgestandenen und Reaktionären, alles Goethisch-Hölderlinisch-Rilkehaften aus.
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Ein Muskel allein kann nichts machen (oder lachen).
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Ein sentimentaler Pseudo-Büßer und Wanderprediger ersteht auf dem Trödel in Kazimierz eine Kippa und würzt seine Vorträge fortan mit einem Mauscheln, das unbeleckte Ohren für jiddische Brocken halten.
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Journalisten: Parasiten fremden Unglücks.
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Während sie sich lässig auf die Brüstung der Medienloge lehnen, malen sich geheucheltes Entsetzen und gekonnte Empörung auf den Gesichtern der Voyeure, die sich am blutrünstigen Schauspiel mit dem Titel „Gog und Magog wider den Heilsbringer“ delektieren.
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Mit frühem Rilke gepudert, elegisch überzuckert: sentimentaler Brei für zahnlose Greise.
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Lieber der von Knut Hamsun ausstrahlende kalte Schauer, der scharfe Pfiff eines Emil Cioran oder gar der Faustschlag eines Louis-Ferdinand Céline als das faulig-betäubende Blumenwasser der Dame Dichterin.
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Kehren wir also zu den Vorsokratikern zurück und formen Verse aus Lehm und Spucke, Sperma und Licht, Feuer und Eis, Schaum und Perlmutt.
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Was wir meinen, wenn wir etwas sagen, ist eben das, was wir sagen, nicht, was wir uns dabei denken; es sei denn Schweigen wäre ausdrucksvoll genug.
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Die Kleingeister und die Fanatiker, beide hängen fixen Ideen an.
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Manche meinen: Wir wissen, daß wir allein sind; daher der Glaube an Götter. – Auch die schrecklichen, auch die Dämonen seien der Leere vorzuziehen, da sie den Erschrockenen mit Pathos und Bedeutungsschwere beladen.
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Allzu viele Erlebnisse, Ausflüge und Affären zermürben den Charakter. Mancher reift aufgrund von Erfahrungsarmut.
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Mitleid, das sich ausstellt und nicht sich in verborgenen Werken entäußert, ist eine Form der Herabwürdigung.
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Der Gedanke ist kein Schatten des Gedachten. – Die Erinnerung ist kein Echo des Erlebten. – Die Erwartung keine Treppe, die schon knarrt, als wäre der Erwartete im Anmarsch.
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Horaz unterläuft – monumentum aere perennius – die verräterische Transfiguration dessen, was von der Flüchtigkeit des Hauches ist, des Gedichts, ins ihm ganz fremde Element der erzgegossenen Plastik. – Hier soufflierte – non omnis moriar – der Tod. – Doch auch wenn schon lange der Pontifex nicht mehr gemeinsam mit der tacita virgo die Stufen zum Kapitol hinanschreitet, blieb ihm der Lorbeer, den ihm Melpomene einst wand. Der Lorbeer freilich ist aus anderem Stoff als Erz.
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Gedicht: Wort, in dem das Gegen-Wort schon mitklingt; wie mit der angeschlagenen Saite die sich ins Geisterhafte verlierenden Obertöne; wie bei der Klaviersonate in der Zweitstimme der linken Hand die dunkle Welle anschwillt, auf der die flüchtige Blüte des von der rechten vorgebrachten Themas fortgetragen wird.
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Woran wir uns erinnern, woran wir denken, was wir erwarten, ist nicht der Gegenstand unserer Erinnerung, unseres Gedankens, unserer Erwartung; wir erinnern uns nicht an den Park, in dem wir gestern spazieren gingen, sondern daran, daß wir gestern im Park spazieren gingen; nicht die Dämmerung ist das, woran wir gerade denken, sondern daß es nun Abend und dunkel wird; nicht der Freund ist der Gegenstand unserer Erwartung (oder Befürchtung), sondern die mögliche Tatsache, daß er bald kommt (oder auch nicht kommt).
*
Nicht Gegenstände, sondern Sachverhalte, die wir im Deutschen mittels der Konstruktion eines von einem mentalen Verb wie „sich erinnern“, „an etwas denken“ und „etwas erwarten“ abhängigen daß-Satzes oder einer indirekten Aussage ausdrücken, sind die eigentlichen Inhalte unserer geistigen Tätigkeit.
*
Wir können uns nicht in dem Sinne selbst belügen, wie wir unseren Freund belügen; denn wenn wir lügen, wissen wir um den wahren Sachverhalt. – Was ist es aber für eine Form des Selbstbetrugs, der uns das krumme Holz, aus dem wir geschnitzt sind, als eleganten, in gotische Himmel ragenden Pfeiler ansehen oder anpreisen läßt?
*
Wir können nicht beides, erwarten, daß der Freund kommt, und erwarten, daß er nicht kommt; hier müssen wir den Widerspruch meiden. Aber wir können hoffen, daß entgegen all dem, was wir von des Freundes Unzuverlässigkeit und aus bisheriger enttäuschender Erfahrung mit ihm wissen, er doch noch kommt.
*
Im Gedicht freilich können wir etwas sagen und im nächsten Vers einschränken oder zurücknehmen; ja, sagen, daß wir lieben und zugleich hassen; daß das Leben sublim wie eine Rosa mystica duftet und zugleich stinkt wie ein widerwärtiger Haufen Dung; daß der zarte Purpur des Abends uns die Dinge verklärt und zugleich sich in ihm die Finsternis ankündigt, die alles entstellt, zerreißt, vernichtet.
*
Die Riten, Gewohnheiten und abgenutzten Floskeln des Alltags binden uns zurück an kaum mehr ins Bewußtsein fallende Institutionen, die uns einigermaßen sicher wie Planken über das Moor des Ungewissen gehen lassen, wie die Arbeit, die Freundschaft, das vertraulich-intime Gespräch oder die sachlich-professionelle Unterredung. Doch dann geschieht es, daß wir stutzen, wie einer, der einen Handschuh überstreifen will, der ihm nicht paßt (oder den linken über die rechte Hand); das Vertraute schaut uns abwesend oder mit diabolischem Lächeln an, die Riten laufen leer wie Räder in der Luft, die Gesten scheinen uns groteske Mechaniken eines Puppenspiels, dessen Regeln wir nicht kennen und dessen Dramaturgie von feindseligen Mächten dirigiert wird, die Worte dünken uns Schalen ohne Kern oder wurmstichige Früchte. Welche Wahrheit diese erschütternde Erfahrung hat, ist nicht immer klar, ihr ist kein Kriterien des Wahren oder Falschen auf die Stirn geschrieben: Ist sie, was Heidegger als Erfahrung der Angst und entscheidendes Existential beschreibt oder der Psychiater als Einbruch der Psychose?
*
Plötzlich sind wir keine Akteure im großen Welttheater mehr, sondern reden, aber konfus, hart an den Bühnenrand getreten beiseite, à part, teils weil wir nicht wollen, daß die anderen mitbekommen, daß wir halb schon ausgestiegen sind, ja unseren Text, unsere Rolle vergessen haben, teils weil unsere Verlautbarungen schon in die Flüche, Derbheiten und Wortexzesse der klassischen Komödie auszuarten beginnen.
*
Plötzlich merken wir, daß alles schwankt, wir selbst, was wir fühlen, was wir denken, was wir sagen, als trügen uns die heiklen Planken eines alten Seglers, der uns, wir wissen nicht wie, in die grenzenlose Wüste des Ozeans verbracht hat.
*
Wir können das windige Element aus unserer Existenz nicht wie einen Abszess unter der Haut herausoperieren; dieser Abszess dient mittlerweile schon unserer elementaren Blutversorgung.
*
Wir können auch sagen, wir tauchen in ein anderes Licht, eine andere Atmosphäre ein; so wie wir in der Kippfigur plötzlich statt der Ente den Hasen sehen; so wie die kleine Neckerei wider Erwarten in einen ernsthaften Streit ausgeartet ist; oder wie der Albatros, der eben noch majestätisch im blauen Abgrund schwebte, nun, auf dem Vordeck des Schiffs, von den rüden Matrosen gefoppt, seine großen Flügel wie Trauerschleppen ungelenk durch den Kehricht zieht.
*
Die Bedeutung des Kunstwerks und des Gedichts erfassen wir eher als am dargestellten Sujet an der Art der Beleuchtung, die ihm Prägnanz oder Clair-Obscure, köstliche Schimmer oder lastende Schatten verleiht.
*
Gewiß, ja ist nicht nein; doch ein Lächeln, ein Duft, ein feuchter Schimmer unter halbgeschlossenen Augenlidern kann für den heillos Verliebten die schlüpfrige Schwelle ins Verderben sein.
Embleme dichterischen Worts
Wort, durchschimmernde Meduse,
wildes Herz, das lichtwärts zuckt
durch das grüne Meer der Muse,
die mit Rauschen dich umgluckt.
Blumenwort, dein Sinn ist Stille,
aufgetan dem Stern der Nacht
zittert dir an weicher Hülle
Tau, der uns noch Glanz gebracht.
Silberfaden, schlafentsponnen,
wehst du hin am dunklen Blatt,
Augen werden dir zu Sonnen,
zwischen Herzen bist du Naht.
Deiner Hostie sanftes Glimmen
in der Seelendunkelheit
will auf frommen Zungen schwimmen,
lösen sich in Heiterkeit.
Pollenflug
So fliegen Dichterwortes Pollen,
die keine Blüte sich hier fanden,
zu den homerischen Atollen,
wo Hexen häuten, die dort stranden.
Da küssen sie die feuchten Narben,
des grünen Schoßes Fühlorgane,
daß nachts er glänzt in Wunderfarben,
ein Spiegelbild der Ozeane.
Schon keimt es Frucht und Beeren,
wo Tränen Traum an Traum entquillen,
als würde Angst das Mark verzehren
und Pech der Pflanze Adern füllen.
Die blauen Vögel aber picken
das rosa Fleisch, die Sonnenkerne,
durch ihr Gefieder strahlt Entzücken,
in ihren Kehlen schluchzt die Ferne.
Dichters Maiandacht
Muß vor dir, du Wunderrose,
blassen auch mein Reim,
fällt er wie ein Pollen lose
deinem Schoß anheim.
Verse, noch vom Schlaf befangen,
weckt mir auf dein Hauch,
Lerchen, die ins Blaue drangen,
zwitschern wild sie auch.
Lilienknospe lichtentsprungen,
öffne dich mir mild,
ist der Duft erst eingedrungen,
Wort, es strömt und quillt.
Kelch der Abendröte, Rose,
gießt du mir dein Blut
in die Nacht, die namenlose,
Vers, er hat noch Glut.
Das Dunkel spricht
Was du auch sagst,
das Dunkel spricht.
Schlaftrunken Falter
sinkt mit dem Licht.
Dort leiht die Muschel
noch zarte Schimmer.
Perlmutt verschluckt
das Meer für immer.
Was du berührst,
ertaubt von Schatten.
Kaum angehaucht
will es ermatten.
Der Iris Gruß,
er gilt dir nicht.
Was du auch sagst,
das Dunkel spricht.
Am Grab des Dichters
Laßt uns zum Grab des Dichters gehen.
Wir wischen ab den Staub vom Stein.
Wir wollen mit der Flamme flehen,
daß Liebe uns noch leuchte ein.
Wir pflanzen Veilchen, weiße Nelken,
begießen den Wacholderstrauch.
Um Blüten aber, die nicht welken,
laßt beten uns im Stillen auch.
Gebein und Mark, sie sind vermodert,
der Schmelz der Zunge Wurmes Fraß.
Doch blieb dein Vers, der abends lodert
wie Ginster zwischen wildem Gras.
So fasse uns vorm Grab kein Grausen,
es schöpft noch Odem dein Gedicht
von hohen Himmels blauem Sausen
und lebt von unsrer Liebe Licht.
Malvenduft
Vom Monde rinnt ein grünes Schäumen
in deines Duldens Dunkelschacht.
Du hast nichts zu versäumen.
O Malvenduft der Frühlingsnacht.
An Blütenwimpern glimmt das Zagen,
bevor ins Moos der Tropfen quillt.
Es bleibt dir nichts zu sagen.
Der Tränen Kelch hat sich gefüllt.
Ein Glockenton aus blauen Höhen
hat Kühlung deinem Blut gebracht.
Du mußt nicht weitergehen.
O Malvenduft der Frühlingsnacht.
Hier unterm Kreuz
Als tröste noch, was leise streift
Wange, Schläfe oder Locke,
Blatt, wie Pergament gereift,
betauten Hauches Gaze, Flocke.
Vom Tag der Duft, vom Duft die Nacht,
Blütendämmerung auf Hügeln,
wo dir Leuchter angefacht,
um die vertraute Schatten flügeln.
Hier unterm Kreuz grünt noch ein Moos,
den vertanen Kelch zu bahren,
weinen fühl der Erde Schoß,
die Tränen mag er aufbewahren.
Dort beugt Holunder sich herab,
unter schwarzen Früchten schlafe,
weicher Humus wölbt dein Grab,
der Nachtwind schreibt dir Epitaphe.
Schwelle und Grenze
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Natürlich ist ein wesentlicher Grund des Hasses auf die Juden die Erhabenheit ihres Gottes, vor dem der Mensch jenes schwankende Rohr und bald dahinwelkende Gras ist, wovon der Prediger und Pascal sprechen.
Der Antisemit hat das Manna der Wüste zugunsten der Rückkehr zu den Fleischtöpfen unter der Knute des Pharaos verworfen.
Das Ressentiment, das den nunmehr wehrhaften Verteidigern von Eretz Israel entgegenschlägt, ist dasselbe, das den Antisemiten vom Chauvinismus des Alten Testaments schwadronieren läßt.
Eine vielleicht zu wenig beachtete Wurzel des Judenhasses reicht tief in den Boden des abendländischen Gnostizismus, der von den Katharern über die sozialrevolutionären Aufstände der Reformation und den religiösen Anarchismus der Russen bis zu Autoren wie Simone Weil und Emil Cioran reicht; in dieser teils zu extremer Askese, teils zu zynischer Libertinage neigenden Weltauffassung wird das in der Genesis evozierte Schöpfungswerk als Tat eines bösen Dämons verunglimpft, der jüdische Gott als seine Maske entlarvt.
Daß er ihnen Land verhieß, ja ein gesegnetes, wo Milch und Honig fließt, nimmt man dem als Rache- und Kriegerdämon denunzierten Gott der Juden besonders übel.
Die radikale Aufklärung ist auch eine Frucht des Antisemitismus; sie predigt die totale Emanzipation, doch nach den Lehren des AT bleibt der Mensch Knecht, Mündel, Hörer Gottes.
So auch der weltanschauliche Kitsch der Verklärung des Matriarchats und der Frauenemanzipation; was sind die Mänaden und Amazonen gegen die Würde der großen Frauen, einer Sara, Ruth oder Esther, des AT.
Das rituelle Leben ist dem aufgeklärten Kleingeist ein entsetzliches Ärgernis.
Der sich in Verachtung kleidende Neid auf die Erwählung, sei es des Gottesvolkes, sei es des musisch Inspirierten.
Der heillos Verstrickte und jener, dem kein Stern der Erlösung die Nacht überhöht, mißgönnen natürlicherweise dem Volk den Segen, den seine Propheten empfingen, der Kirche das Heil und die Rettung, die ihre Priester in den geweihten Mitteln geistlicher Wegzehrung und den anderen Sakramenten darreichen.
Wenn wir die Welt und uns selbst mehr und mehr so sehen und wahrhaben, wie es uns die großen oder doch medial verbreiteten Werke der Künstler und Musiker offenbaren, dann wehe uns bei all den verdrehten und ausgerissenen Gliedmaßen, den ausgebrannten Augenhöhlen, den zerquetschten und zerschnittenen Gesichtern, dem unter Ruß- und Ascheschichten eiternden Purpur, dem mit schwarzen Warzen überzogenen Dottergelb, bei all den zersägten und gesplitterten Violinen, dem geplatzten Wanst des Blechs und der unter der Finsternis des Flügels verborgenen Höllenmaschine.
Daß Prosaisten nicht mehr erzählen, sondern essayistisch aus dem Munde ihrer Protagonisten sich ergehen, ist nicht ein Zeichen theoretischer Kraft, sondern narrativer Impotenz.
Obwohl der Popanz an Theorie über die Selbstbefangenheit des Subjekts und seine Auflösung in zeitlichen Schichten, den er seinem Protagonisten in den Mund legt, wurmstichig und soweit von Bergson entliehen nicht haltbar ist, kann man gewiß Proust schriftstellerisches Genie nicht absprechen; dennoch leidet auch er an einem Mittelmaß der Weltauffassung, die wie ein schwefliger Dunst seine Seiten vergilbt oder wie ein abgestandenes Parfum seine Salons durchzieht; mag man sie auch gerne kennerhaft als dämonisch überhöhen, sie zeugt in Wahrheit vom dekadenten Geschmack an Verfall und Verdorbenheit, Hinfälligkeit und Perversion.
Die natürliche Entsprechung zum erwählten Volk und der allein selig machenden Kirche ist das davidische Königtum und das Gottesgnadentum der Monarchie.
So steht Jesus als der Gesalbte in der Ahnenreihe von König David.
David und der Psalter. Doch Jesus, der Sänger? – Das mußte die Passion durchkreuzen.
Wie kam das Christentum zur Musik oder wie wurde die abendländische Musik getauft? Zunächst durch die Leihgabe des Synagogengesangs, dann durch die Christianisierung der im Kaiserkult üblichen hymnischen Anrufungen des Herrschers, die nun, eine Erbe des Ostens, dem Christus Pankrator galten.
Das Singuläre an der christlichen Musik ist das Singuläre seiner Liturgie: die Mischung von hohem Ton und Volkstümlichkeit, so daß die Feste ihren je eigentümlichen musikalischen Ausdruck und ihre individuelle Sangesweise erhielten.
Der Individualcharakter christlicher Sangesweise geht auf die Erfindung des Reims in den Hymnen des Ambrosius zurück.
Was ist deutsch an großer deutscher Dichtung? Die Innigkeit.
Goethe charakterisiert die Musik Beethovens durch Innigkeit, neben den bestimmenden Mächten der Energie und Konzentriertheit („inniger, energischer und zusammengeraffter“ als seine Musik habe er keine andere empfunden).
Die Zeit ist nichts rein Subjektives. Der Tod markiert objektiv das Ende einer Biographie. Doch kann er kein intentionaler Inhalt des subjektiven Bewußtseins werden, denn wie Wittgenstein sagt: „Der Tod ist kein Teil des Lebens.“
Wir können von den letzten Werken Mozarts oder Beethovens reden, weil ihr Tod, der die Werkreihe abgeschlossen hat, uns als objektives Datum bekannt ist. Aber die letzten Werke Mozarts oder Beethovens waren nicht die letzten Werke FÜR die Komponisten.
Die als berüchtigt-enigmatisch notierten letzten Worte bedeutender Personen, waren sie für sie selbst gleichsam Voces mortis?
Wir erreichen die Grenze des Sagbaren, die Grenze der Sprache, nicht, und würden wir sie erreichen, wir wüßten es nicht. Die Grenze bildet für uns jene semantische Form, die wir nur erfüllen (oder verfehlen), aber nicht gleichsam von außen betrachten und beschreiben können.
Keine Geste kann die Quintessenz aller vorausgegangenen Gesten enthalten.
Die letzte Spielanweisung beendet das Spiel, aber sie enthält nicht die Quintessenz des Spiels.
Wir wissen, was jenseits der Schwelle unseres Hauses liegt; nicht, was jenseits der Grenze des Sagbaren liegt.
Eine Reihe von Selbstporträts mag je nach seelischer Beleuchtung Wesenszüge des Dargestellten gleichsam durchdeklinieren; aber alle Bilder aufeinandergelegt, böte sich uns nur ein trüb verschwommenes Grau in Grau.
Die Schwelle können wir überschreiten, die Grenze des Sag- und Denkbaren nur gleichsam von innen berühren.
Wir können nicht in der Luft gehen; ebensowenig im Unartikulierbaren reden und im Undifferenzierbaren denken.
Die Form, wie der Sonatensatz oder die Ode Sapphos und die Hymne Pindars, gibt uns die Struktur des Inhalts, gleichsam seinen Schatten.
Im Rahmen einer Situation sind nur bestimmte Handlungen und Sprechakte möglich.
Mit den ersten Takten einer Klaviersonate Mozarts, einer Sinfonie Beethovens sind wir in einer musikalischen Situation, das heißt einer Stimmung.
Die Diabelli-Variationen Beethovens breiten ein Panorama möglicher musikalischer Situationen und Stimmungen vor uns aus, vom Erhabenen bis zum Komischen, vom Profanen bis zum Mysteriösen. Die ersten Takte bilden gleichsam die Schwelle, über die wir in den Raum oder die Atmosphäre einer musikalischen Stimmung treten. Die ersten Takte der auf eine Diabelli-Variation folgenden Variation bilden die Grenze zwischen unterschiedlichen musikalischen Stimmungen. Die letzten Takte der 33. Diabelli-Variation, die das Ende der Reihe darstellt, bilden nicht nur ihre äußere, sondern auch ihre innere Grenze.
Im Anschluß an ein scheinbar triviales und belangloses Geplauder mit dem Nachbarn sieht der eine der Beteiligten das Gespräch in einem anderen gleichsam paranoid getrübten Licht; er fühlt sich ausgehorcht, durchmustert, entblößt.
Die nicht geschrieben haben, die Propheten und Jesus, schielten nicht auf eitle Wirkung und rhetorischen Effekt; daher die Wucht und Intensität des von ihnen Überlieferten.
Das Wort, nicht mehr nur Ausdruck, sondern Spur einer Verwundung, einer Verwerfung, ähnlich derjenigen urzeitlicher Gesteinsschichten, von seelischen Formationen.
Das Fremde und Befremdliche kann man durch Exotenkitsch harmlos und gefügig machen.
Die Griechen gönnten sich nach der Tragödie ein Satyrspiel; hier hat uns der Monotheismus verengt, versauert, verklemmt.
Immerhin kennt die eucharistische Liturgie neben dem ungesäuerten Brot auch den Wein; doch Dante hat den Dionysos in seine Hölle gesteckt.
Die pfingstlichen Zungen polyglotter Begeisterung waren Flammen, die lebendige Herzen verzehrten; an den Aschenflöckchen, die sich als Versgekringel aufs trockene Papier niederlassen, mag kein Brand sich entzünden.
Der tragische Kothurn ist das einfache, aber hoch wirksame dramaturgische Mittel, den Eindruck des Außeralltäglichen und Erhabenen zu erwecken.
Der Schritt ins Lächerliche; der Kothurn knickt ein.
Stefan George, der Übersetzer Baudelaires und Dantes, pflegte sich im alltäglichen Geplauder mit seinen Jüngern und Auserwählten in einem penetranten rheinfränkischen Dialekt zu ergehen.
Geschichte und Schicksal sind in Gestalten wie Alexander, ohne den die Kultur des Hellenismus von Ägypten bis zum Himalaya nicht entstanden wäre, und Cäsar, der immerhin die Heraufkunft der Romania ins Werk setzte, untrennbar verwoben. Dies läßt sich allerdings auch von den Agenten der Zerstörung ganzer Reiche und Kulturen sagen.
Der Streit um die Abgrenzung oder Assimilierung der westlichen Kultur ist so alt wie die Kiewer Rus und er endet nicht mit den Fehden zwischen den Westlern und Slawophilen, Turgenjew und Dostojewski oder dem Krieg um die Ukraine.
Wer Moskau in der Nachfolger von Byzanz sieht, kann die Legitimität einer eigenstaatlichen Ukraine natürlich nicht anerkennen. – Es gibt kein ARGUMENT gegen eine solche Haltung, sondern nur eine andere Haltung.
Freilich, Alexander und Cäsar vermochten nicht abzusehen und konnten demnach nicht beabsichtigen, daß ihr Lebenswerk sich in jenen großen historischen Linien verlängerte, die es tatsächlich nach sich zog.
Die Ironie der Geschichte spricht geradezu aus dem Verfehlen hochmögender Absichten im Verfolg ihrer Verwirklichung. – „Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören“, wie das Orakel dem Krösus prophezeite, nur daß es sein eigenes war.
Der Verliebte, der mittels und infolge überschwenglicher Liebesrhetorik die Angebetete in die Flucht schlägt.
Der Versuch der Wiedererweckung der antiken Götter, der bei Hölderlin auf den deutschen Parnaß hymnischer Gesänge gestiegen war, versandete im Kitsch des Jugendstils.
Verdunkelt sich das Licht des Schöpferworts, ermattet auch der Glaube an den Sinn der Geschichte, wirkt alles Menschheitspathos, selbst in der Neunten Beethovens, blechern und hohl.
Chlodwig konnte um die historischen Implikationen seiner Taufe in der Kathedrale von Reims nicht wissen. – Und dennoch, kein Racine, kein Ludwig XIV., kein Robespierre ohne diese Tat.
Geisterhauch
Blüten, die ins Dunkel wehen,
pflückt ein Geisterhauch.
Unter Schatten, die vorübergehen,
Liebe, gehst du auch.
All das Grüne wurde blasser,
als der Mond hinsank
auf das schwarze Wasser.
Wehglut, wie sie trank.
In der hohen Himmelsrose
Lied erstarb und Licht.
Welke Blätter wurden lose,
fielen auf dein Angesicht.
Und der Engel Flügel flockten,
Schnee auf Schnee gehäuft.
Die sich an der Stirne lockten,
Träume, taubeträuft.
Ferne, nah
Ferne, nah erschienen
in dem süßen Ton,
Summen kam von Bienen
eine Weile schon.
Antlitz, das geleuchtet
in das Fenster mild,
Schimmer, taubefeuchtet,
schmolz dahin das Bild.
Rosen, leises Schäumen
auf dem Wasser fahl,
aus verschwiegenen Räumen
schwebtest du, ein Schwan.
Und ich hörte weinen,
auf das Mal gelehnt,
von bemoosten Steinen,
Nacht, sie ist geströmt.
Malve, rosa Beben
in der Abendluft,
fade ist das Leben
ohne deinen Duft.
Versiegte Bronnen
Tage, die dumpf vorübergleiten,
fühllos fast, Gestalten gleich,
die durch matte Spiegel schreiten
in das Schattenreich.
Wie die Stunden sich verhauchen.
Blume, kaum ins Licht gedreht,
will der Schmerz ins Dunkel tauchen,
und ihr Duft verweht.
Und die Augen, die dir blauten,
da sie deinem Kuß sich aufgetan,
blicken unter Locken, die ergrauten,
entgeistert nun dich an.
Worte, Tau, hinabgeronnen
auf des weichen Mooses Stille,
o versiegte Bronnen,
erstarrt in Eises Hülle.
Das Brot des Lebens
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Mit schlotternden Knien, am Katheder festgekrallt, tönt er vom großen Menschheitsprojekt.
Seinen Marktwert steigert, wer was alle sagen, lauter, schriller, grimassierender verkündet, Individualität beweist, wer schweigend sich abwendet.
Von allen extravaganten, raffinierten Speisen gekostet, doch das einzig nährt, das Brot des Lebens war nicht darunter.
Du wachst auf, und links und rechts sind statt Häusern tiefe Trichter, in denen schon Gras und Schellkraut sprießen. Hast du den Krieg verschlafen? – Was soll’s, stiller ist es immerhin geworden und ungescheuter fliegen dir in dieser Öde die Tauben zu.
Im Nachbarhaus stellt, sobald die Dämmerung hereinbricht, ein junges Mädchen eine brennende Kerze ins Fenster. – Doch nicht für dich, nicht für dich.
Doch ratsamer wäre es, so zu tun, zu träumen oder sich einzubilden, als gelte jene huldvolle Geste dir allein.
Und doch die Zauberflöte, und doch Tristan und der Rosenkavalier; was soll man mehr sagen, wenn all der Weltenlärm uns anficht.
Zwischen all den Phrasen, ob nun sentimental überzuckerten Kuchen oder satirisch scharf gewürzten Schnitzeln, fand er das ungesäuerte Brot der Wahrheit nicht.
Doch etliche und unter ihnen bewunderte oder verleumdete Philosophen, meinen, vom Brot der Wahrheit allein könne man nicht leben; jedenfalls nicht Hinz und Kunz, die von der Zuckerwatte und den gebrannten Mandeln der Jahrmärkte nicht abzuhalten sind.
Andererseits erfahren wir, daß einseitige Diät das Denken zu einseitigen Deutungen verleitet.
Wer alles nach moralischen Maßstäben betrachtet und beurteilt, übersieht die dämonische Dimension des Daseins, Wollust, Perversion, Geisteskrankheit oder Krieg, bei denen die Moral immer zu spät kommt.
Der Meisterkoch hat es nicht nötig, seine Gerichte marktschreierisch anzupreisen.
Nennt man Kultur das Geschick, die Flamme zu zähmen, um das Rohe in das Gekochte zu verwandeln, könnte man mit nicht minderer Plausibilität Dichtung das Geschick nennen, die Rohkost alltäglichen Geredes unter kontrollierter Anwendung des Feuers der Imagination in die sublime Kost des Verses zu verwandeln.
Doch nehmen selbst Naive und Illiteraten in fallenden Tropfen das rhythmische Muster, in Wolken Gesichter und in der Urgewalt der Sonne ein Göttliches wahr.
Volk und Nation, das ist die Summe gemeinsamer Erinnerungen an schicksalhafte Ereignisse, wie die Taufe Chlodwigs in der Kathedrale von Reims oder das Fällen der Donareiche durch Bonifatius.
Der zugefügte Schmerz, der verwehrte Genuß und der Verlust sind Wegmarken der individuellen Lebensgeschichte.
Nicht der gewährte, sondern der erwartete, der ersehnte oder verwehrte Gute-Nacht-Kuß der Mutter ist die Gründungserinnerung des Werks von Marcel Proust.
Nichts verpflichtet denjenigen, der gleichsam nackt und ungeschützt sich eigener Erfahrung ausliefert, zu ihrer Deutung auf ein überkommenes Deutungsmuster zurückzugreifen, schon gar nicht, wenn es sich dabei um einen Allgemeinplatz der öffentlichen Meinung oder ein Schulbuchklischee handelt, die zu ignorieren oder gar zu desavouieren dem Missetäter den Ruf des geistig Zurückgebliebenen, des Hinterwäldlers und Reaktionärs einbringt.
Das Charisma ist der Blitz, gleich jenem, von dem Semele getroffen den Dionysos gebiert, Gott, welcher Rebe und Rausch, weibliche Ekstase und das tragische Opfer bringt. Schriftgelehrte und amtlich bestallte Künder und Deuter leiten ihn mit ihren dicken Schwarten in gefällige allegorische Interpretationen ab, die sich ad usum Delphini eignen.
Das Charisma ereignet sich außerhalb der glatten Lebensverläufe von Alltagsbegegnungen, Karrieren oder Reisen; auch der scheinbar Unwürdige, ja Verworfene kann, wie der Heilige Dostojewskis, seiner teilhaft werden.
Das Charisma der Dichtung ist kein Kondensat der persönlichen Erlebnisse des Dichters, sondern eine zum biographischen Zeitverlauf gleichsam senkrecht stehende und ihn durchkreuzende Linie intensiver Vergegenwärtigung; deshalb erscheint sein Träger dem männlichen Dichter oft als schönes junges Mädchen, wie Beatrice dem Dante.
Beatrice, die Allegorie des danteschen Charismas.
Wir fragen nach der Bedeutung eines Begriffs, eines Wortes, eines Satzes, nur wenn wir auf einen Grundbestand fragloser Bedeutungen zurückgreifen können. Meist können wir die fragliche Bedeutung mittels Umschreibung oder Definition vorausgesetzter Begriffe ableiten oder bestimmen. Ein echtes Hapax legomenon gibt es in der Wortsprache nicht.
Auf Moses folgt Aaron, auf den Propheten der Priester, auf Hölderlin der Professor.
Am Sexus gewahrt man sowohl die animalische Natur des Menschen, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, als auch seine prekäre Stellung unter den Tieren, ungezügelte Begierde, Triebhaftigkeit, Perversion.
An den Organen sehen wir die animalische Herkunft; aber an der eigentümlichen Bildung von Hand und Fuß, Wirbelsäule und Becken, den Windungen des Gehirns die „Sonderstellung“ in der Tierreihe.
Wir sehen nicht nur die reife Frucht, sondern die Möglichkeit ihrer genetischen Manipulation.
Die Weidetiere sehen das Nahbild vertilgbarer Kräuter, wir die Tiere, die Weide, die blühende Wiese und die in der Ferne ragenden schneebedeckten Gipfel als Genrebild.
Das Untier Mensch siedelt überall, dringt in den Mikrokosmos und den Makrokosmos ein, will alles in Besitz und Beschlag nehmen, doch findet an und in sich selber keinen Halt.
Nach Bestäubung und Reifung folgt die Weitergabe des Kerns in der Frucht; nach der Belehrung und wenn es hochkommt der Meisterschaft folgen der Stillstand in Routinen und der geistige Verfall.
Archetyp: der da aufrecht die Pfade begeht und Beeren und Früchte in die umgehängte Felltasche sammelt; und jene, die aus dem Supermarkt kommen, mit ihren prall gefüllten Beuteln.
Der naturgeschichtliche Fortschritt, der über den Rahmen der Geschichte hinausführt: vom Tier über das Untier zum Übertier; die unter eugenischer Aufsicht erfolgte künstliche Befruchtung, hernach die Implantation von Schaltkreisen ins Gehirn, die das soziale Verhalten und die Gesinnung regulieren.
Die ins Gehirn implantierten Schaltkreise kommunizieren unmittelbar über elektromagnetische Wellen miteinander und gewissen algorithmisch gefütterten staatlichen Befehlszentralen; so werden wir der Unsicherheit, was zu denken, zu wünschen, zu tun sei, aufs glücklichste enthoben. Die zu Mißverständnissen, Mythologien und Imaginationen verleitende semantisch fundierte Sprache wird überflüssig und stirbt ab; oder wird gnädig abgeschaltet und außer Dienst gesetzt.
Der Hunger nach dem Brot des Lebens und der Wahrheit wird als eine krankhafte Form religiöser Indisposition oder Magenverstimmung verdächtigt.
Die Faszination der Flamme für den Falter, von Phallus und Vagina für den Kult des Frühmenschen, des Monds für die mutterrechtlich, der Sonne für die vaterrechtlich orientierte Menschheit. Aber das Kreuz? Nichts weniger faszinierend als das Kreuz.
Konstantin ist eine Wasserscheide, verbindet er doch das Kreuz mit dem imperialen Symbol der Sonne.
Die Madonna, der Morgenstern und die auf der Mondsichel Schwebende, bildet den Einspruch, der sich manchmal wie in der Dichtung Hölderlins und Rilkes dem Widerspruch nähert.
Gewiß, nur der Glaube wider alle natürliche Vernunft, an die Transsubstantiation von Brot und Wein bedeutet, was Hölderlin das Rettende nennt, aber vergeblich als das Kommende beschwört.
Nichts Rettendes käme, wäre kein Augenblick der Zeit enthoben. – Kann man es heute, mehr als ein Säkulum nach Hölderlin und Kierkegaard, beschwören oder behaupten, ohne sich lächerlich zu machen?
Worauf die Banalität der Heine und Brecht setzte, daß allen dampfende Fleischtöpfe den Hunger nach dem Brot des Lebens und der Wahrheit stillen, führte in größere Sklaverei als die der alten Israeliten unter dem Pharao.
Das Verblassen des Charismas
Der barhaupt unter Blitzen sang,
was ihm durch alle Fasern rann,
die Erde trug ihn durch die Nacht.
Beschwörung war es, Licht vom Licht,
und leitete des Liedes Strahl
ins Dorngestrüpp am Totenmal.
Doch kaum, daß ihm des Wortes Kelch
Nachteinsamkeit hat überfüllt,
wirft er ihn in den Beifall fort.
Perücken aber, Schriftgelehrte,
entrollen das Prophetenwort
im Vorführraum, es flimmert fahl.
Es welkt dahin das goldne Laub,
von grauen Chiffren eingemauert,
die Blume im Foliantenstaub.
Und jener blaue Jenseitsklang,
der jäh das Ufer überschauert
mit eines süßen Grauens Glanz,
ließ matter Muscheln Schaum im Gras,
den eine wehmutmüde Hand
gesammelt sich im Einweckglas.
Der Kampf von Adler und Engel
Zwei Augen – ein Blick. (Empedokles)
Aufwärts und hinab – ein Weg. (Heraklit)
Die Nacht war eine trübe Molke,
aufgeschäumt im Trog der Dunkelheit,
ein Tuch aus Dunst und Schnee gestickt,
das über das Mal des Waldes wogte,
die kahlen Äste Chiffren-Risse,
von grauem Efeu eingefaßt.
Unterm Pfeifen wie von Gauklerflöten,
aus Glas, aus rostigem Metall, aus Röhrenknochen,
flockenwildes Stäuben, es klatscht, es schluchzt
die Luft von Hieben süßer Wechselwut,
vom Himmel rinnt ein schwarzes Mehl,
zersägtem und zermürbtem Onyx gleich,
Geklirr, als hackten Geister-Schnäbel,
den Dunst zertrennen weiße Zungen
in Blütentropfen eines weißen Mohns,
Gesang, als kreuzten Flammen-Schwerter.
Dann wehen Purpurflocken nieder,
Kristalle stummer Schicksalswirbel.
Und wieder girrt die Nacht,
seufzt ineinander Flaum um Flaum,
und etwas steigt, wie Irrflut steigt
im Gischt sich schlingender Gewalten.
Ist es ein Doppeladler,
in jedem Schnabel eine Schlange,
ist es ein Zwillingsengel,
Mund auf Mund ein Feuermal?
Das Licht hat mit dem Dunkel sich vermählt.
Schatten sind wir auf dem Schnee des Nichts.
Was wir als Sinnes Siegel mit uns tragen,
wird sichtbar nur, prägt er sich ein dem Wachs.
O Wachs der Seele, wie es schmilzt am Tag
und tropft zur Erde, bricht die Nacht herein.
Am Dämmersaum
Wir wandeln wie im Schlaf am Dämmersaum,
wo sich des Abschieds blaue Schatten längen,
und Blüten nicht, nicht Düfte mehr bedrängen.
Verbrämtes Licht, verblaßter Liebe Traum.
Und was wir sagen, hat schon fortgeweht
ein fremder Odem, Dunst, emporgestiegen
aus Quellen, die wie dunkler Schmerz versiegen,
wenn stumm der Mond im Riedgras steht.
Uns gibt kein Zwitschern, gibt kein Flüstern Halt,
und keine Feder, Flaum getaumelt vor die Füße,
weist uns der Wiederkehr geheime Süße.
Bevor ihr Flügel rauschte, ward die Hoffnung alt.
So betten wir uns in der Sanftmut Gras
und lauschen unsern matten Atemzügen,
die uns wie Wogen welke Blätter wiegen.
Und ferne knirscht des Himmels grünes Glas.
Blasse Sonne
Und eine Hoffnung blieb uns nicht,
nur einer blassen Sonne Licht,
das in die Nacht des Schweigens scheint.
Was nächtens hier ans Fenster pocht,
daß flackert banger Herzen Docht,
Wind ist es, der das Wort verneint.
Den Stern, der deinem Auge glich,
den Stern, von dem mein Aug nicht wich,
hat eine Wolke uns verhüllt.
Dein Lächeln, wie ein Veilchen weich,
der Stirne Blatt, gedankenreich,
ein schwarzer Sturm hat sie zerknüllt.
Dein Schlummer glitt, ein trunkner Schwan,
auf meines Atems grüner Bahn
ins stille Schilf des Morgenlichts.
Schon irrt der Strahl im Labyrinth
der Seele, und wir sterben blind,
tief über uns azurnes Nichts.
Toter Tau
Und hast du einmal es gesehen,
wie sich im Leeren Wirbel drehen,
zerfällt das Wort zu Staub.
Wenn aber Zweige banger wehen
und einsam mußt im Herbst du gehen,
schwelt Dämmerung im Laub.
Die Nacht ging über alles Klagen,
als du den Schimmer mußtest tragen,
die Kerze vor den Schrein.
Und hat ein Schrei ihn aufgeschlagen,
sahst du den Kelch im Finstern ragen,
verdunstet war der Wein.
Siehst du den Schmelz des Munds zerbissen,
den Sinn am Widersinn zerschlissen,
wie wird das Herz dir grau.
Ein Schatten unter Schattenrissen,
sinkst du auf schwarzer Moose Kissen,
benetzt von totem Tau.
Hauches Charme
Wie eine Mücke, die vom Fenster fiel
und lag am Boden todesstarr,
und nahmst sie auf, ein grauer Fleck
auf deiner Kinderhand, und hauchtest,
behauchtest sie, fast wie im Traum,
und wirklich fühltest du das Leben,
und wirklich flog sie auf, flog auf.
So ist es mit den toten Namen,
den grauen Namen der Erinnerung,
verdorrten, starren, schattenhaften,
die einst wie Käfer glühend schwirrten
an hoher Dichtung Dämmersaum,
Stern und Blume, Lichtkristall,
und nun in Dung und Aschen liegen.
Woher den Atem nehmen, Hauch,
zu neuem Fluge sie zu wecken?
Uns ruft ein buntes Geisterrascheln,
streift unser Fuß durchs Laub des Schlafs,
das schwarze Schluchzen eines Wassers,
das taube Glieder lösend leckt,
und was heraufbeschwört aus Tiefen,
die Tropfen aus dem Kelch des Monds,
Ophelias Leid, Ophelias Lied,
das unsern starren Sinn behaucht
und wir erbeben knospengleich.
Im Niemandsland
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Eigentlich handeln die Mächte, Mächte des Lebens und des Todes, des Aufbaus und der Vernichtung, der Sonne und der Nacht; dennoch bleibt nicht unschuldig, wer sich in ihren Dienst stellt oder auch sich sträflich ihrem Dienst und Anspruch verweigert.
Die geschichtlichen Mächte verkörpern sich in den Emblemen, Wappen und Allegorien derjenigen Länder, Nationen und Sprachen, die sie besetzen, die von ihnen besessen sind. – Keine Grenzbefestigung, keine Expansion, kein Krieg, ohne daß die römischen Legionen nicht das imperiale Zeichen des Reichsadlers aufgepflanzt hätten.
Das dichterische Wort verkörpert die Macht der Sprache. Wer sich in ihren Dienst stellt, mag siegreich sein oder scheitern, die Grenzen des Sagbaren ausweiten oder sich auf die harte Essenz des nicht zu Verschweigenden zurückziehen; doch kann er durch Schlampigkeiten, Mißtöne, schiefe Bilder und Metaphern sündigen.
Homer sah göttliche Mächte, übermenschlich-hohe, grausame und doch auch mit Einsicht begabte, in den Masken der in ihrem Dienst kämpfenden, siegenden und fallenden Hellenen und Trojaner den mythisch-historischen Krieg führen. Achill schont Hektor nicht; und doch läßt er sich von seines Vaters Bitten bewegen, ihm den Leichnam auszuhändigen.
Vergil gibt der Hoffnung inmitten des Untergangsfeuers Gestalt in der Figur des Aeneas, der seinen Sohn bei der Hand nimmt, den greisen Vater aber auf der Schulter aus den Flammen trägt. Aeneas, das heißt die Verkörperung der Roma aeterna.
Singt Sappho, so in ihr, durch sie, mittels ihrer Stimme die Macht des Eros oder Aphrodite.
Dem Propheten reinigt der Engel mit Feuer und Glut den adamitischen Mund, auf daß er reiner Gottes Willen verkünde.
Wer flucht, von dem sagen wir, er spreche im Zorn, oder auch, der Zorn habe aus ihm gesprochen.
Als wäre das Stammeln des Inspirierten ein Exempel in der Sammlung Freudscher Witze und Fehlleistungen.
Im Rascheln des Blatts, im Rauschen des Wipfels, im moosgrünen Schatten unter dem Zweige gewahren wir noch, bei ihrer vollkommenen Abwesenheit, die Stimme, das Seufzen, den Schlaf der Dryade.
Im Gedicht sagt das Wasser mit leisem Brausen und unheimlichem Glucksen von der lange versunkenen Nymphe, dem Schluchzen Ophelias.
Im Niemandsland des abwesenden Mythos beschwört das Gedicht im nächtlichen Glitzern des Teiches, im Gischt des Katarakts, im verfänglich sprudelnden Wirbel des Maares und im unerlösten Seufzen des Wassers im Schilf die seelische Macht und mythische Größe des Wahnsinns.
Wäre auch die mythische Metamorphose uns als abgegriffener Groschen humanistischer Bildung in den Schatten des Lorbeerbaums gefallen, das Gedicht kann unter der harten Rinde noch immer das klopfende Herz Daphnes hörbar machen.
Unser Verständnis ist unmittelbar, wenn wir sehen, wie der sich gekränkt Dünkende schmollt oder grollt. Wir müssen nicht wissen, ob er rechtens handelt oder die Kränkung imaginär war.
Die Klage klopft, einer Bettlerin gleich, an die Pforte des einsamen Dichters, und das Scherflein, das in ihrer blechernen Schale klingt, ist sein Vers.
Nur wer nicht über den Tellerrand schaut, wer sich den Blick auf die nähere und fernere Umgebung, beispielsweise das Luxusleben des Herrn Nachbarn oder den Glamour seiner Dame, durch das hochgewucherte Buschwerk seines Vorgartenzauns verstellen läßt, wer nicht über den Tag hinausdenkt, nämlich in die Nacht seines Untergangs, der mag den blanken Groschen des Glücks oder der Zufriedenheit einheimsen.
Freilich nicht auf Dauer; denn auch sein Herbst kommt und die herabgewehten Blätter geben den Blick auf die Öde frei, in der er sich zuletzt wiederfindet.
Ideen klingen nicht, haben weder Farbe noch Duft noch Tonalität; Werke, die sie zu verkörpern sich anheischig machen, mindern die Intensität ihres Daseins und ihrer Wirkung, handele es sich auch um Ideen mit dem Nimbus höherer Weihen wie Humanität, Völkerverständigung und Weltfrieden; daher die Schwächen Mahlers, aber auch der Neunten Beethovens, von den konzeptuellen Basteleien elektronischer und serieller Kompositionen zu schweigen.
Die Essenz der Werke kann nur ästhetisch, nicht ideologisch sein. Wir bemessen den Rang des Kunstwerks nicht nach der Idee oder der noch so hochgemuten Absicht ihres Schöpfers.
Die Meisterwerke gleichen aus der kosmischen Leere jäh auftauchenden Sonnen; freilich, sie gehen am nächtlichen Horizont auf, doch können sie sich unserem Blick ebenso plötzlich, wie sie aufgeblitzt sind, auch wieder entziehen, nicht weil sie erloschen, sondern in anderen, unsichtbaren Konstellationen entschwunden sind.
Wie über den Riesenstädten und ihren Feuern und Aschenwolken der Sternenhimmel verblaßt, so die großen Werke der Vergangenheit in dem Leuchten der Bildschirme, von dem wir wähnen, es erhelle unser Dasein.
Manche Dichtung, von minder Hellsichtigen und Hellhörigen hermetischer Verrätselung verdächtigt oder bezichtigt, gleicht einem labyrinthisch angelegten, von exotischen Blüten durchschimmerten Garten, in den sich angesichts des Wildwuchses oder der Wüste der Welt zurückzieht, wer der Devise willfahrt: Lebe im Verborgenen.
Der digitale Bildschirm hat den Lack und Chrom des Autos als Projektionsfläche kollektiver Begierden abgelöst.
Technische Zivilisation oder die totale Entweihung des Leibes und der Sinnlichkeit.
Man fühlt schon bei Lebzeiten die Desakralisierung des Körpers, der als lebloses Ding dem Verbrennungsofen anheimgegeben wird.
Sinn ist eine Kategorie des lebendigen Bewußtseins und der angewandten Sprache; ob es sinnvoller wäre, nicht gelebt zu haben, ist eine absurde Frage; denn man kann nicht ermessen, wie es wäre, nicht gelebt zu haben, nicht zu existieren.
Von der Faktizität des Daseins oder der Macht des Schicksals wissen wir nur die leere Fülle, in der das einzelne Exemplar nichts zählt.
Nur das liebende Auge sieht die Wahrheit des Einzigen und Einzigartigen.
Man erstickt, wenn man sich als Zeitgenosse definiert.
Im eleganten Künstleratelier unter dem Dach flimmern Pornofilme, im Keller des Hauses finden Verhöre unter Folter statt.
Was sie dir als Teilhabe, Zeitgenossenschaft und Engagement andienen oder aufnötigen, ist der kaum fühlbare Knebel, der dir den Mund mit lauter hübschen Phrasen stopft.
Mangel an Talent stellt die Dichtung in den Dienst der Moral oder Politik. – Der Beifall der erregten Menge ist auch dem minder Begabten vor dem die Stimme vergrößernden Mikrofon gewiß.
Die Kühnheit des Dichters, für niemanden zu schreiben, kann das Gedicht noch für eine Zeit beflügeln, über die Grenzen der verlorenen Heimat hinwegzuschweben. Wohin? Wohin auch immer, zum Strand der Schatten, zu den Inseln der Seligen, ins Niemandsland, wo das Wort die Stille findet, das Moos, auf das es, ein matt glänzender Tau, sich niederläßt.
Der Begriff einer Zahl ist keine Zahl. Die Erinnerung an einen Klang, an einen Duft klingt nicht und duftet nicht.
Ein Gedanke, ein Konzept, eine Idee können nicht „sinnlich erscheinen“; dies aber ist die verfehlte Annahme idealistischer Ästhetik (Platon, Hegel).
Man kann sich an ein Gedicht nicht wie an eine Zeitungsmeldung erinnern; täte man es, hätte man das genuin Dichterische verfehlt.
Man weiß nicht mehr, was einer gesagt hat; doch erinnert man sich an den ironischen, gehobenen oder gedämpften Ton seiner Stimme; so mit dem Gedicht.
Dichtung steht im Gegensatz zur Literatur; diese ist aus Lettern gemacht, jene eine Synthese aus Klang, Taktfolge und Rhythmus, von der Farbigkeit und Duftigkeit, die ihre Bilder und Vergleiche umhüllen, nicht zu reden.
Lyrische Dichtung ist ein Archaismus und Anachronismus in der modernen Welt; sie hat ihre Heimat nur als ein fragiles seelisches Refugium
Der Klang lyrischer Dichtung ist ein Echo des Melos der von Laute und Flöte begleiteten antiken monodischen und chorischen Lyrik, ihre Taktfolge und ihr Rhythmus sind ein Residuum der Tanzschritte antiker Chöre.
Der Literat schreibt im eigenen Namen oder im Namen der Idee, des Kollektivs, der Moral, denen er sich verschrieben haben mag; der lyrische Dichter ist kein Schreiber, sondern ein Hörer fremder Zungen, der Musen, der Chariten, des Orpheus, des Apollon oder welcher Gottheit immer, der lichten oder dunklen Mächte, die sich ihm zusprechen, wenn er auch das Vernommene im Dialekt seiner Muttersprache aufschreibt.
Der lyrische Dichter ist ein Repräsentant der oralen Tradition, die von Homer bis zur Edda, vom liturgisch-mystischen Gesang bis zum Volkslied reicht, nicht der Funktionär einer skripturalen oder digitalen Sinnproduktion.
Die Sprache der Dichtung ist wie ein Meer, aus dem der Dichter mit der Muschel seines Gedichts nur jeweils einige Tropfen zu schöpfen vermag.
Mehr als das Gesagte gelten, anders als im gewöhnlichen Gespräch, beim Gedicht Gesten, Mienen, Ausdrucksgebärden, Tonfarben.
Die reiche Mannigfaltigkeit der Versarten und Strophenformen, der rhythmischen Bögen und Bildprogramme entstammt Zwecken, die vom Anlaß des Singens und Sagens angewiesen wurden, wie Sieg und Preis, Eros und Evokation der Geliebten, Trauer und Klage, Verlust und Andenken, Spott und Invektive, schuldhafte Verstrickung und meditierende Besinnung; doch haben sie Dauer, auch wenn die konkreten Anlässe und konventionellen Situationen und die rhetorisch-figuralen Muster ihrer Bewältigung sich verflüchtigt haben – sie werden in verwandelter Gestalt gleichsam ins Innere der dichterischen Sprache aufgenommen.
Was dem Literaten die Moral und die Verantwortung sind dem Dichter der Mythos und seine Befragung. Auch wenn ihm kein lebendiger Mythos mehr als bunte Mannigfaltigkeit verleiblichter Mächte entgegentritt, spürt er diesen Mächten an ihrem spezifischen Ort und zu ihrer eigentümlichen Zeit immer noch nach, bleibt von Gaia auch nur die Erde, vom Kampf zwischen Licht und Dunkelheit der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, von Apollon die Sonne, der Lorbeer und der Gesang, von Dionysos die goldene Traube und der dunkle Rausch, von Orpheus der Anruf ins Nächtige der Unterwelt; von der Schöpfung das gestaltende, sondernde, ins Licht rufende Wort, vom Paradies Blattgeflüster und das Rauschen der Ströme, von der Urschuld der Makel und Aussatz der menschlichen Seele, von der himmlischen Stadt die efeubehangenen Mauern.
Kann, wie Schelling vermutete, wie Heidegger postulierte und zu improvisieren wagte, Denken eine Form des Dichtens, Dichten eine Form des Denkens sein? Nein, wenn man unter Philosophie logisch-semantische Analyse und vernunftgemäße Besinnung versteht; ja, wenn man die klassische Form der Philosophie ad acta legt; denn ihre schulmäßigen Zentralbegriffe wie Erkennen, Wissen, Wahrheit, Bedeutung oder Verstehen lassen sich nicht rein dichterisch umformen.
Wer statt „Mensch“ „Dasein“ sagt und „Existenz“, dichtet nicht, sondern entwirft mittels neuer Termini eine neue Atmosphäre des Denkens. – Allerdings hat Heidegger unter Rückgriff auf mehr oder weniger dichterische Ausdrücke wie „Wohnen“, „Bauen“, „Sage“ oder „Geviert“ ein Bild unserer geschichtlich-schicksalhaften Situation entworfen, das der Wahrheit näher kommen mag als das von den Humanwissenschaften konstruierte.
Da alle in den Medien benutzten Worte mehr oder weniger schadhaft, wurmstichig, ranzig geworden sind, muß, wer etwas zu sagen hat, beinahe in Rätseln sprechen.
Wer keinen von jenen erreichen will, die das von den Medien verhunzte Wort für das letzte halten, wird genötigt sein, sich in das Refugium des verwaisten epikurischen Gartens zurückzuziehen, der in Wahrheit ein Niemandsland geworden ist, aus dem die Freunde und Gesprächspartner in das mit dem Dröhnen der Lautsprecher lockende und nach Brathendl duftende Tivoli, die Götter aber in die unsagbaren Fernen der Intermundien entflohen sind und dessen Mauern wohl den Lärm der Welt abhalten, aber auch das Rauschen der heimatlichen Ströme. Hier muß er anders wieder, ernster oder sogar gelassener, fragen: Wozu Dichter in dürftiger Zeit?
Lyrische Rezidive
Und was so heiß
dich überströmte,
der Untergang der Sonne
in deinem Blut.
Und Nacht dann,
Nacht
und Stille,
oder fernes Schluchzen,
ans Uferschilf dir wogend
vom Fluß der Unterwelt.
*
Und Nacht,
o Nacht,
herniedersinkend,
das Wort,
das Licht,
verzückt
erstickt
in ihrem Schoß.
*
Sublim aufwölkend
wie sophokleischer Gesang
löst sich dein Wort,
das Wehgespinst,
ins grenzenlose Blau.
*
Stimme, weißer Schlaf,
erbettelt wie mit Muschelschalen,
gibt sich als Woge fort,
am eignen Echo
bald erlahmt,
gebrochen.
*
Laub des Ungesagten,
vom Mehltau matt
zermürbenden Geschwätzes,
ermüdet unter Schatten
grämlicher Begriffe
und Spinnenweben
abgespulter Namen,
erzittert schon,
erbebt von dem, was naht,
es siegelblank,
es golden-grün zu waschen,
Sturm.
*
Muß das Herz ergrauen
und der Geist verwittern
unterm harten Licht,
Träne wird betauen,
Knospe weich erzittern,
wenn die Nachtluft spricht.
*
Aufgebahrt in dunklem Schrein
ruht das Sonnenwort.
Schmerz, er rankt sich, wilder Wein,
in die Stille fort.
*
Flamme, eingesunken,
welkes Blatt, vom Herbst erleuchtet.
Wein, den wir getrunken,
hat die Wüste nicht befeuchtet.
*
Odem, gepreßt, geflossen
aus Lungen in beinernen Zangen.
Wort, das wild gesprossen,
hat sich im stummen Bild verfangen.
Überschauert
Überschauertes Gesicht,
blumenweich,
hingeneigt dem Abendlicht,
einer Blüte gleich.
Ausgetrocknet unterm Strahl,
Knospenrund,
aufgetan dem Monde fahl,
lang verstummter Mund.
Auge, blinder Bild für Bild,
tränenlos,
birgt, wo süßes Licht ihm quillt,
grünen Dämmers Schoß.
Namen, Schwärme
Namen kriechen wie Insekten,
an den Wänden, an den Waden,
Löcher stopfst du, wo sie heckten,
doch kein Harm kann ihnen schaden.
Surren wieder wie die Bienen,
und wie Mottenschatten kleben
sie am Fenster, den Gardinen,
dir zum Hohn ist frei ihr Leben.
Schlägst du um dich mit der Fliegen-
klatsche, sprühst du Gift aus Spritzen,
kannst dich selber nur betrügen,
Scharen krabbeln aus den Ritzen.
Namen sind es von den Toten,
den verkannten, den geschmähten,
sind der Nächte Flügelboten,
sind die sich dem Licht vermählten,
Geister eingeweihter Ahnen,
die gewohnt am Meer der Mythen,
die gewandert Sternenbahnen,
Sonnenwortes Satelliten.
Schwärme, die den Weg verdunkeln,
daß wir stolpern, daß wir irren,
Mücken, die im Finstern funkeln
und durch Abendröten schwirren.
Birgst du sie in leisen Reimen,
dienen sie dem Vers zu Samen,
die zu hellen Zeichen keimen,
uns zu leuchten, Gottesnamen.
Tränen, matter Glanz
Wir lagen unterm dunkelgrünen Blech der Nacht
und seinen tief getriebenen Folternägeln.
Was um uns wuchs, war stillen Duldens Gras
und Halme, die ihr Seufzen einwärtsbogen.
Zu taub, sich eins am andern wach zu fühlen,
Hände, zuckend wie im Schlaf, die Augen
zerbrochene Spiegel, die kein Bild mehr hielten.
Abgeblühte Knospe hing das Schweigen
über unserm starren Schmerz, der Mond.
Statt deiner sprach der Wind vom Grenzenlosen
mit Fäden fahlen Lichts und Funkenpollen,
die aus des Abgrunds Staubgefäßen wehten
zum Zwielichtufer ferner Asphodelen.
Statt meiner sang die moosbetäubte Quelle,
wo sich die alte Weide Schimmer sog,
vom Mündungsdelta eines blauen Stroms,
den sie im Moor versickernd, ach, versäumte.
Was wäre lichtes Wort uns mehr gewesen,
als die gezittert an den Wimpern, stumme
Tränen, und da sie rannen, hat ihr Glanz,
der matte, die Dunkelheit uns nicht erhellt.
Entgleitende Locke
Locke, schon entgleitend, lose,
was durch Schattenfinger fließt,
Duft, Erinnerungswirbel, Rose,
Blumenmund, den Schlaf verschließt.
Bleibt vom grünen Bild ein Schauer,
Tau, der glänzt, und Schaum, der kühlt,
rinnt ein Flüstern an der Mauer,
Wind, der weich im Efeu wühlt.
Stäubt sie auf, erregtes Wasser,
Gischt, die sich ins Helle biegt,
Traumgestalten werden blasser,
wenn ihr Quell, der Schmerz, versiegt.
Öffnen sich des Duftes Schalen,
Flechten greift die wache Hand,
die gerafft von Lichtspiralen,
als du schliefst, sich Anmut wand.
Kristalline Schale
Kristalline Schale, purpurfarben
wie des Lammes keusches Blut,
sprühend zarte Sonnengarben.
Schwarz die Luft im leeren Raum,
schwarzer Samt am schmalen Fuß,
blaß umseufzt von Muschelschaum.
Einer Blüte Schneelichtflaum
weiße Hand zu streuen wagt
auf der Nacht Obsidian.
Und er schwebt, ein fahler Schlaf,
Tau, der Glanz des Schweigens sagt,
niederperlend diaphan.
Ist dies die Nacht?
Ist dies die Nacht der lichten Klänge,
die auf die dunkle Erde sinken,
lilienblütengleich,
die Nacht, die mildert Todes Strenge,
wenn harsche Herzen Tauglanz trinken,
und sie werden weich?
Ist dies die Nacht, da Flügel gleiten
und streifen grauen Ahnenmalen
Staub vom Lebensbild,
die Nacht, da sich die Augen weiten,
geküßt, gesalbt von Gnadenstrahlen,
und sie glänzen mild?
Ist dies die Nacht, da Kerzen flammen
und Honig tropft zur Erde nieder,
Süße in die Bitterkeit,
die Nacht, die geistvoll fügt zusammen
das Licht mit dunklen Mächten wieder,
und sind benedeit?
Ist dies die Nacht, da sich erheben,
die drunten bei den Schatten lagen,
und ihr Banner schwingt,
die Nacht, da Lahme freudig beben,
wenn Blinde wahr vom Lichte sagen,
und der Stumme singt?
Ist dies die Nacht, da Steine blühen,
entsunkne Quellen aufwärts springen,
und sie tönen rein,
die Nacht, da Trauben tiefer glühen,
wenn Nachtigallen Sanftmut singen,
und das Wort wird Wein?
Mag sich in solche Nacht ergießen,
in dieses Abgrunds Wirrnis-Grauen,
einer Träne Licht?
O Nacht, die Flammenflügel schließen
die Engel, die dein Unheil schauen,
doch sie weinen nicht.
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