Epiphanien I
In Sonnenflecken zittert es.
An Gräsern feuchten Riedes
scheint es hell wie Milch.
An späten Sommerpfaden
verschlungnen Sagens
häuft es sich wie Laub.
An Schattens blauen Rändern
sagt es sich dem Schnee.
Im Knirschen weißer Nächte
ist sein Kommen nah.
πολυώνυμε, Καδμείας νύμφας ἄγαλμα
καὶ Διὸς βαρυβρεμέτα
γένος, κλυτὰν ὃς ἀμφέπεις
Ἰταλίαν, μέδεις δὲ
παγκοίνοις, Ἐλευσινίας
Δῃοῦς ἐν κόλποις, Βακχεῦ Βακχᾶν
ὁ ματρόπολιν Θήβαν
ναιετῶν παρ᾽ ὑγρῶν Ἰ-
σμηνοῦ ῥείθρων ἀγρίου τ᾽
ἐπὶ σπορᾷ δράκοντος
σὲ δ᾽ ὑπὲρ διλόφου πέτρας στέροψ ὄπωπε
λιγνύς, ἔνθα Κωρύκιαι
στείχουσι νύμφαι Βακχίδες,
Κασταλίας τε νᾶμα.
καί σε Νυσαίων ὀρέων
κισσήρεις ὄχθαι χλωρά τ᾽ ἀ-
κτὰ πολυστάφυλος πέμπει,
ἀμβρότων ἐπέων εὐ-
αζόντων Θηβαΐας
ἐπισκοποῦντ᾽ ἀγυιάς:
τὰν ἐκ πᾶσαν τιμᾷς
ὑπερτάταν πόλεων
ματρὶ σὺν κεραυνίᾳ:
καὶ νῦν, ὡς βιαίας ἔχεται
πάνδαμος πόλις ἐπὶ νόσου,
μολεῖν καθαρσίῳ ποδὶ Παρνασίαν
ὑπὲρ κλιτὺν ἢ στονόεντα πορθμόν.
ἰὼ πῦρ πνειόντων
χοράγ᾽ ἄστρων, νυχίων
φθεγμάτων ἐπίσκοπε,
παῖ Διὸς γένεθλον, προφάνηθ᾽,
ὦναξ, σαῖς ἅμα περιπόλοις
Θυίαισιν, αἵ σε μαινόμεναι πάννυχοι
χορεύουσι τὸν ταμίαν Ἴακχον.
Vielnamiger, kadmeischer Braut Entzücken
und Same des Zeus, der dunklen Stimme der Wetter,
der du umgehst im berühmten
Italien, waltest aber
in der Allmende vor Demeters
eleusinischer Bucht, o Bacchos, der Bacchen
Mutterstadt bewohnst du,
Theben, bei des Ismenos
strömenden Wassern und dem Saatfeld
des wilden Drachen.
Dich erschauten auf felsigem Doppelrücken der Fackel
Rauch, wo bacchantisch schreiten einher
die korykischen Nymphen,
und der Kastalische Quell.
Dich schicken von Nysas Gebirge
Efeumatten und grüne
Ufer, die prangen mit Trauben,
wenn unter ambrosischen
Jubelrufen du Ausschau hältst
auf thebanischen Wegen.
Sie von allen ehrst du
als erhabenste der Städte,
mit ihr die Mutter, die empfing vom Blitz:
und jetzt, da die ganze Stadt
heimgesucht wird von schlimmer Seuche,
eile mit reinigendem Fuß
über die Höhe des Parnass
oder die seufzende Furt des Meeres.
Io, der feueratmenden
Sterne Chorege,
Hüter der Nachtgesänge,
Zeus entsprossenes Kind, nimm Gestalt an,
o Herrscher, unter deinem Gefolge,
den Bacchen, die rasend dir tanzen
die nächtlichen Reigen, Iakchos, dem Herrn.
ἔτλα καὶ Δανάας οὐράνιον φῶς
ἀλλάξαι δέμας ἐν χαλκοδέτοις
αὐλαῖς: κρυπτομένα δ᾽ ἐν
τυμβήρει θαλάμῳ κατεζεύχθη:
καίτοι καὶ γενεᾷ τί-
μιος, ὦ παῖ παῖ,
καὶ Ζηνὸς ταμιεύε-
σκε γονὰς χρυσορύτους.
ἀλλ᾽ ἁ μοιριδία τις
δύνασις δεινά:
οὔτ᾽ ἄν νιν ὄλβος οὔτ᾽ Ἄρης,
οὐ πύργος, οὐχ ἁλίκτυποι
κελαιναὶ νᾶες ἐκφύγοιεν.
ζεύχθη δ᾽ ὀξύχολος παῖς ὁ Δρύαντος,
Ἠδωνῶν βασιλεύς, κερτομίοις
ὀργαῖς ἐκ Διονύσου
πετρώδει κατάφαρκτος ἐν δεσμῷ.
οὕτω τᾶς μανίας δει-
νὸν ἀποστάζει
ἀνθηρόν τε μένος. κεῖ-
νος ἐπέγνω μανίαις
ψαύων τὸν θεὸν ἐν κερ-
τομίοις γλώσσαις.
παύεσκε μὲν γὰρ ἐνθέους
γυναῖκας εὔιόν τε πῦρ,
φιλαύλους τ᾽ ἠρέθιζε Μούσας.
παρὰ δὲ κυανεᾶν πελάγει διδύμας ἁλὸς
ἀκταὶ Βοσπόριαι ἥδ᾽ ὁ Θρῃκῶν ἄξενος
Σαλμυδησσός, ἵν᾽ ἀγχίπτολις Ἄρης
δισσοῖσι Φινείδαις
εἶδεν ἀρατὸν ἕλκος
τυφλωθὲν ἐξ ἀγρίας δάμαρτος
ἀλαὸν ἀλαστόροισιν ὀμμάτων κύκλοις
ἀραχθέντων, ὑφ᾽ αἱματηραῖς
χείρεσσι καὶ κερκίδων ἀκμαῖσιν.
κατὰ δὲ τακόμενοι μέλεοι μελέαν πάθαν
κλαῖον ματρὸς ἔχοντες ἀνύμφευτον γονάν:
ἁ δὲ σπέρμα μὲν ἀρχαιογόνων
ἄντασ᾽ Ἐρεχθειδᾶν,
τηλεπόροις δ᾽ ἐν ἄντροις
τράφη θυέλλαισιν ἐν πατρῴαις
Βορεὰς ἅμιππος ὀρθόποδος ὑπὲρ πάγου
θεῶν παῖς. ἀλλὰ κἀπ᾽ ἐκείνᾳ
Μοῖραι μακραίωνες ἔσχον, ὦ παῖ.
Erduldet hat auch Danae himmlisches Licht
einzulassen in erzbeschlagene
Mauern: Heimlich ward sie
ans bräutliche Grab geschirrt,
und war hoher Abkunft doch,
o Kind Kind,
des Zeus Samen wohl
hütete sie, den goldenen Regen.
Was aber die Moiren verhängen,
hat schreckliche Macht,
nicht können üppiges Leben ihr noch Ares,
nicht Türme, nicht von Wogen gehämmert
schwarze Schiffe entrinnen.
Unters Joch kam auch der jähzornige Sohn des Dryas,
der Edoner König, da er für seine höhnischen
Spitzen von Dionysos
gepfercht wurde ins steinernen Haus.
So tropfte nieder der Wahn
von der Blüte seiner schrecklichen Kraft.
Inne ward er, daß er angetastet
im Wahn den Gott
mit dem Geifer seiner Zunge.
Hat er doch den gotterfüllten Frauen
die Fackel des Jubels gelöscht
und die den Aulos lieben gereizt, die Musen.
Nahe den schwarzen Klippen in des Doppelmeers
Wogen, beim Ufer des Bosporus und der Thraker
unwirtlichem Salmydessos, dort sah Ares,
Freund der Stadt, an den beiden Phineussöhnen
die verfluchte Wunde,
die Blendung durch die böse Gattin,
als sie die nach Rache schielten die Augenkreise
in Finsternis stieß, mit blutigen
Händen und des Weberschiffs Spitzen.
Hinschmelzend beweinten die Unglücklichen
das Unglück der Mutter, die sie unehelich gebar:
Sie aber stammte ab vom ehrwürdigen
Geschlecht des Erechtheus,
in den entlegenen Grotten
genährt im Brausen des Vaters,
Tochter des Boreas, schnell wie Pferde
auf steilem Fuße des Hügels,
der Götter Kind, aber nach ihr auch
langten die überzeitlichen Moiren, o Kind.
Parva Poetica II
Den Mund sprechen lassen
wie die Quelle,
eigenen Wassers froh,
eigenen Plätscherns.
Das Herz flattern lassen
wie in Lüften unbeschwert
ein aus dem Schlag
entlassenes Täubchen.
Die Augen schweifen lassen
wie Hunde in der Nacht,
die über Gräben springen,
gierig lecken aus Pfützen.
Die Hände gleiten lassen
wie Papierbötchen,
die auf Wassers Lächeln
in die Dämmerung tanzen.
Die Ohren wässern
wie trockene Schwämme
im Brausen des Sturzbachs,
bis sie ertauben.
Die Träume binden
wie jaulende Kojoten
an die alten Eichenstämme
tief wurzelnden Worts.
Die Gedanken ziehen lassen
wie die Wolken
in das alles löschende Blau
oder warten, bis sie regnen.
Die Bilder sich spiegeln lassen
wie die überhangende Frucht
im stillen Teich
des leergeträumten Parks.
Die Erinnerungen bewirten
wie langgewanderte Gäste
am Tisch mit den Früchten, den Veilchen,
bis sie gähnend zur Tür hin schlürfen.
Die stummen Lieder baden
wie runzlige Greise
in den blauen Wogen des Abends,
bis ihre Lippen zaghaft beben.
Die Gespenster umwickeln
wie nackte Enterbte
mit dem Samt der Geduld,
dem Blattgold des Schweigens.
Ἔρως ἀνίκατε μάχαν,
Ἔρως, ὃς ἐν κτήμασι πίπτεις,
ὃς ἐν μαλακαῖς παρειαῖς
νεάνιδος ἐννυχεύεις,
φοιτᾷς δ᾽ ὑπερπόντιος ἔν τ᾽
ἀγρονόμοις αὐλαῖς:
καί σ᾽ οὔτ᾽ ἀθανάτων φύξιμος οὐδεὶς
οὔθ᾽ ἁμερίων σέ γ᾽ ἀνθρώ-
πων. ὁ δ᾽ ἔχων μέμηνεν.
σὺ καὶ δικαίων ἀδίκους
φρένας παρασπᾷς ἐπὶ λώβᾳ,
σὺ καὶ τόδε νεῖκος ἀνδρῶν
ξύναιμον ἔχεις ταράξας:
νικᾷ δ᾽ ἐναργὴς βλεφάρων
ἵμερος εὐλέκτρου
νύμφας, τῶν μεγάλων πάρεδρος ἐν ἀρχαῖς
θεσμῶν. ἄμαχος γὰρ ἐμπαί-
ζει θεὸς, Ἀφροδίτα.
Eros, du Sieger immerdar,
Eros, der du dein Opfer anfällst,
auf den weichen Wangen
der Mädchen nächtigst,
meerwärts schwärmst und
an ländliche Hütten klopfst:
nicht kann dir entrinnen der Unsterblichen einer,
nicht der Menschen, der Tagewesen.
Wer dich umarmt, der rast.
Du entlockst zu ihrer Schande
Gerechten den Hang zum Unrecht,
du erhitztest auch zum Streit
dies verwandte Blut der Männer:
Es triumphiert des Schimmers Liebreiz
unter Augenlidern im Bett
der Braut und der da mit auf der Bank des Rates
sitzt bei den großen Satzungen.
Ohne Gegenwehr treibt ihr Spiel
die Göttin, Aphrodite.
εὐδαίμονες οἷσι κακῶν ἄγευστος αἰών.
οἷς γὰρ ἂν σεισθῇ θεόθεν δόμος, ἄτας
οὐδὲν ἐλλείπει γενεᾶς ἐπὶ πλῆθος ἕρπον:
ὅμοιον ὥστε ποντίαις οἶδμα δυσπνόοις ὅταν
Θρῄσσαισιν ἔρεβος ὕφαλον ἐπιδράμῃ πνοαῖς,
κυλίνδει βυσσόθεν κελαινὰν θῖνα καὶ
δυσάνεμοι στόνῳ βρέμουσι δ᾽ ἀντιπλῆγες ἀκταί.
ἀρχαῖα τὰ Λαβδακιδᾶν οἴκων ὁρῶμαι
πήματα φθιτῶν ἐπὶ πήμασι πίπτοντ᾽,
οὐδ᾽ ἀπαλλάσσει γενεὰν γένος, ἀλλ᾽ ἐρείπει
θεῶν τις, οὐδ᾽ ἔχει λύσιν. νῦν γὰρ ἐσχάτας ὕπερ
ῥίζας ὃ τέτατο φάος ἐν Οἰδίπου δόμοις,
κατ᾽ αὖ νιν φοινία θεῶν τῶν νερτέρων
ἀμᾷ κόνις λόγου τ᾽ ἄνοια καὶ φρενῶν ἐρινύς.
τεάν, Ζεῦ, δύνασιν τίς ἀνδρῶν ὑπερβασία κατάσχοι;
τὰν οὔθ᾽ ὕπνος αἱρεῖ ποθ᾽ ὁ πάντ᾽ ἀγρεύων,
οὔτε θεῶν ἄκματοι μῆνες, ἀγήρῳ δὲ χρόνῳ
δυνάστας κατέχεις Ὀλύμπου μαρμαρόεσσαν αἴγλαν.
τό τ᾽ ἔπειτα καὶ τὸ μέλλον
καὶ τὸ πρὶν ἐπαρκέσει
νόμος ὅδ᾽, οὐδὲν ἕρπει
θνατῶν βιότῳ πάμπολύ γ᾽ ἐκτὸς ἄτας.
ἁ γὰρ δὴ πολύπλαγκτος ἐλπὶς πολλοῖς μὲν ὄνασις ἀνδρῶν,
πολλοῖς δ᾽ ἀπάτα κουφονόων ἐρώτων:
εἰδότι δ᾽ οὐδὲν ἕρπει, πρὶν πυρὶ θερμῷ πόδα τις
προσαύσῃ. σοφίᾳ γὰρ ἔκ του κλεινὸν ἔπος πέφανται.
τὸ κακὸν δοκεῖν ποτ᾽ ἐσθλὸν
τῷδ᾽ ἔμμεν ὅτῳ φρένας
θεὸς ἄγει πρὸς ἄταν:
πράσσει δ᾽ ὀλίγιστον χρόνον ἐκτὸς ἄτας.
Guten Geistern wird nichts Schlechtes aufgetischt zu keiner Zeit.
Denen aber von Gott her bebet das Haus,
ihnen kriecht Unheil nach von Geschlecht zu Geschlecht:
wie unterm Meergebraus die Woge, wenn sie
bei Thraker-Winden sich über des Meeres Erebos hinwälzt,
schwarzen Sand wühlt aus der Tiefe und
windgepeitscht von Gestöhne branden die Ufer.
Ich sehe, wie von alters im Haus der Labdakiden
Unglück folgt auf das Unglück der Toten,
nicht kommt frei der Enkel vom Ahn, es stürzt
ihn in den Abgrund ein Gott, unerlöst.
Nun auch das über der letzten Wurzel
im Haus des Ödipus schien, das Licht,
verdüstert die blutige Asche der Totengötter,
Mißdeuten des Sinns und wütender Wahn.
Wer mag, Zeus, deine Schwelle übertretend
mindern deine Macht? Die Schlaf nicht übermannt,
der doch alle einfängt, nicht der Götter nie ermüdeter Jahreskreis,
ein immer wachender Herrscher
hütest du den Marmorglanz des Olymp.
Für jetzt und alle Zukunft
wie für ehedem ist in Kraft
das Gesetz: Kein Sterbliches
tritt im Leben ganz aus dem Schatten des Unheils.
Denn die herumgeisternde Hoffnung ist vielen zum Segen,
vielen indes Blendwerk geflügelten Sinns von Eroten:
Dem Nichtsahnenden schleicht sie nach,
bis er sich am heißen Feuer den Fuß versengt.
Ein berühmtes Wort ward der Besinnung anheimgestellt:
Das Schlecht scheint gut,
wem der Gott den Sinn ins Unheil lenkt:
Die geringste Zeit lebt er von Unheil verschont.
Parva Poetica I
Wie häßlich schöne Zähne sind,
wenn falsches Lächeln sie beglänzt.
Wie dürftig wallt die Künstlermähne,
wenn sie die Glatze des Esprits kaschiert.
Wie lassen heiße Tränen ungerührt,
wenn sie über kalte Wangen rinnen.
Wie sauer ist der Muse Kuß,
wenn sie heimlich seitwärts schielt.
Wie gespenstisch ist des Ginsters Licht,
wenn Scheinwerfer auf ihn halten.
Wie klappern Puppen hohl am Faden,
den gernegroß ein Wille zieht.
Wie Blatt für Blatt vom Stengel fällt,
wenn unterwegs der Saft verdickt.
Wie spröde tut la Belle Dame,
kommt man ihr mit Plastikrosen.
Wie Frau Sprache süße Rätsel flüstert,
hält man im Dunkeln seinen Rand.
πολλὰ τὰ δεινὰ κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει.
τοῦτο καὶ πολιοῦ πέραν πόντου χειμερίῳ νότῳ
χωρεῖ, περιβρυχίοισιν
περῶν ὑπ᾽ οἴδμασιν.
θεῶν τε τὰν ὑπερτάταν, Γᾶν
ἄφθιτον, ἀκαμάταν, ἀποτρύεται
ἰλλομένων ἀρότρων ἔτος εἰς ἔτος
ἱππείῳ γένει πολεύων.
κουφονόων τε φῦλον ὀρνίθων ἀμφιβαλὼν ἄγει
καὶ θηρῶν ἀγρίων ἔθνη πόντου τ᾽ εἰναλίαν φύσιν
σπείραισι δικτυοκλώστοις,
περιφραδὴς ἀνήρ:
κρατεῖ δὲ μηχαναῖς ἀγραύλου
θηρὸς ὀρεσσιβάτα, λασιαύχενά θ᾽
ἵππον ὀχμάζεται ἀμφὶ λόφον ζυγῶν
οὔρειόν τ᾽ ἀκμῆτα ταῦρον.
καὶ φθέγμα καὶ ἀνεμόεν φρόνημα καὶ ἀστυνόμους
ὀργὰς ἐδιδάξατο καὶ δυσαύλων
πάγων ὑπαίθρεια καὶ δύσομβρα φεύγειν βέλη
παντοπόρος: ἄπορος ἐπ᾽ οὐδὲν ἔρχεται
τὸ μέλλον: Ἅιδα μόνον φεῦξιν οὐκ ἐπάξεται:
νόσων δ᾽ ἀμηχάνων φυγὰς ξυμπέφρασται.
σοφόν τι τὸ μηχανόεν τέχνας ὑπὲρ ἐλπίδ᾽ ἔχων
τοτὲ μὲν κακόν, ἄλλοτ᾽ ἐπ᾽ ἐσθλὸν ἕρπει,
νόμους γεραίρων χθονὸς θεῶν τ᾽ ἔνορκον δίκαν,
ὑψίπολις: ἄπολις ὅτῳ τὸ μὴ καλὸν
ξύνεστι τόλμας χάριν. μήτ᾽ ἐμοὶ παρέστιος
γένοιτο μήτ᾽ ἴσον φρονῶν ὃς τάδ᾽ ἔρδει.
Viel Unheimliches west, unheimlicher nichts als der Mensch,
geht der doch über grauen Meeres Abgrund
im Winterwind und fährt unter Wogen,
die ringsum brausen.
Der Göttlichen erhabenste, Erde,
untilgbar, unerschöpflich, er erschöpft sie,
gräbt Furchen mit dem Pflug ihr, Jahr um Jahr,
wendend mit dem Pferdegeschlecht.
Flattersinniger Vögel Schar treibt er ins Garn,
der wilden Tiere Herden und die Brut des Salzmeers
mit feingesponnenen Netzen,
der alles wägende Mann:
Er zähmt mit geschickten Händen
das wild auf Bergen schweifende Tier,
dem langmähnigen Roß legt er
um den Nacken das Joch
und dem Bergstier, der nimmer ermattet.
Stimme und luftigen Sinn und hohen Mut,
Staaten zu lenken, brachte er sich bei und zu fliehen
unwirtlichen Winterhimmels und Regens
scharfe Pfeile, der allerfahrene:
Unerfahren schreitet er ins Kommende nicht.
Einzig vor dem Hades fand er sich kein Entrinnen.
Selbst bei ausweglosen Gebrechen
sann er auf Auswege.
Was immer ihm an kluger Kunst gelang
und ihn übers Erwartete hob,
einmal gereicht es ihm zur Schande,
einmal zur edlen Tat;
wenn er die Gesetze der Erde ehrt
und das Recht beim Eide der Götter,
steht er hoch in der Polis; außerhalb aber,
bei wem aus Übermut Unsittliches haust.
Es sei kein Gast an meinem Herd
noch teile meinen Rat, wer so handelt.
Sophokles, Antigone, Parodos, V. 100–154
ἀκτὶς ἀελίου, τὸ κάλλιστον ἑπταπύλῳ φανὲν
Θήβᾳ τῶν προτέρων φάος,
ἐφάνθης ποτ᾽, ὦ χρυσέας
ἁμέρας βλέφαρον,
Διρκαίων ὑπὲρ ῥεέθρων μολοῦσα,
τὸν λεύκασπιν Ἀργόθεν ἐκβάντα φῶτα πανσαγίᾳ
φυγάδα πρόδρομον ὀξυτέρῳ κινήσασα χαλινῷ:
ὃς ἐφ᾽ ἡμετέρᾳ γᾷ Πολυνείκους
ἀρθεὶς νεικέων ἐξ ἀμφιλόγων
ὀξέα κλάζων
ἀετὸς εἰς γᾶν ὣς ὑπερέπτα,
λευκῆς χιόνος πτέρυγι στεγανός,
πολλῶν μεθ᾽ ὅπλων
ξύν θ᾽ ἱπποκόμοις κορύθεσσιν.
στὰς δ᾽ ὑπὲρ μελάθρων φονώσαισιν ἀμφιχανὼν κύκλῳ
λόγχαις ἑπτάπυλον στόμα
ἔβα, πρίν ποθ᾽ ἁμετέρων
αἱμάτων γένυσιν πλησθῆναί τε καὶ στεφάνωμα πύργων
πευκάενθ᾽ Ἥφαιστον ἑλεῖν. τοῖος ἀμφὶ νῶτ᾽ ἐτάθη
πάταγος Ἄρεος, ἀντιπάλῳ δυσχείρωμα δράκοντος.
Ζεὺς γὰρ μεγάλης γλώσσης κόμπους
ὑπερεχθαίρει, καὶ σφας ἐσιδὼν
πολλῷ ῥεύματι προσνισσομένους
χρυσοῦ καναχῆς ὑπεροπλίαις,
παλτῷ ῥιπτεῖ πυρὶ βαλβίδων
ἐπ᾽ ἄκρων ἤδη
νίκην ὁρμῶντ᾽ ἀλαλάξαι.
ἀντιτύπᾳ δ᾽ ἐπὶ γᾷ πέσε τανταλωθεὶς
πυρφόρος, ὃς τότε μαινομένᾳ ξὺν ὁρμᾷ
βακχεύων ἐπέπνει
ῥιπαῖς ἐχθίστων ἀνέμων.
εἶχε δ᾽ ἄλλᾳ τὰ μέν,
ἄλλα δ᾽ ἐπ᾽ ἄλλοις ἐπενώμα στυφελίζων μέγας Ἄρης
δεξιόσειρος.
ἑπτὰ λοχαγοὶ γὰρ ἐφ᾽ ἑπτὰ πύλαις
ταχθέντες ἴσοι πρὸς ἴσους ἔλιπον
Ζηνὶ τροπαίῳ πάγχαλκα τέλη,
πλὴν τοῖν στυγεροῖν, ὣ πατρὸς ἑνὸς
μητρός τε μιᾶς φύντε καθ᾽ αὑτοῖν
δικρατεῖς λόγχας στήσαντ᾽ ἔχετον
κοινοῦ θανάτου μέρος ἄμφω.
ἀλλὰ γὰρ ἁ μεγαλώνυμος ἦλθε Νίκα
τᾷ πολυαρμάτῳ ἀντιχαρεῖσα Θήβᾳ,
ἐκ μὲν δὴ πολέμων
τῶν νῦν θέσθαι λησμοσύναν,
θεῶν δὲ ναοὺς χοροῖς
παννυχίοις πάντας ἐπέλθωμεν, ὁ Θήβας δ᾽ ἐλελίχθων
Βάκχιος ἄρχοι.
Glanz der Sonne, schönstes Licht seit je,
erstrahlt für Theben, das siebentorige,
endlich gingst du auf, o goldenen
Tages Augenlid,
fließest mit den Wassern Dirkes, der Quelle,
stachelst den Mann mit weißem Schild,
der von Argos in voller Rüstung schritt,
mit bissiger Trense flieht er dahin:
der auf unser Land, von Polyneukesʼ
entzweiendem Hadern gehetzt,
gellend aufschreit,
dem Adler gleich, der rüttelt überm Feld,
weißen Schnee des Flügels spreitend,
unter vielen Waffen
und Helmen mit dem Bausch von Roßhaar.
Stand auf den Dächern, lechzend rings
mit Lanzen nach Mord,
trat in den siebentorigen Mund,
fast hätte er sich den Rachen
mit unserem Blut gefüllt
und den Kranz der Türme
Hephaistosʼ Fackel entzündet.
Es schwoll ihm im Rücken
das Tosen des Ares,
so schnob der thebanische Drache dem Feind.
Zeus ist ja verhaßt das Protzen
des Großmauls, und als er sah,
wie sie in starkem Zustrom stürmten
im Goldgeklirr ihrer Waffen,
stürzte er mit dem Blitz
von den Zinnen, die schon
anstimmten Siegesgeschrei.
Vom Rückstoß fiel zur Erde hingestreckt
der Fackelträger, der da in rasender Wut
bacchantisch gehechelt
im Anprall feindlicher Winde.
Anders stand es um ihn,
anderes Los teilte mit Stößen den anderen aus
der große Ares,
rechter Hand sausend.
Sieben Anführer, an den sieben Toren
aufgepflanzt, Auge in Auge, ließen
Zeus, der die Wende gebracht, ihre Bronze zur Beute,
nur die Styxverfallenen, demselben Vater
und derselben Mutter entsprossen, rammten der eine
dem andern die Zwiemacht der Speere, sie waren
beide gleichem Tode verfallen.
Aber es kam die hochgerühmte Nike
und schenkte Theben Freude, dem wagenreichen,
so laßt uns nun in Vergessen
hüllen den Krieg
und allen Tempeln der Götter nahen
in nächtlichen Chören,
allen voran schreite,
unter dem trunken Theben erbebt,
Bacchios.
Wechselgesang
Rufe aus Tälern,
die noch dampfen,
bevor die Sonne siegt.
Schauer in Wipfeln,
das Recken des Winds,
der Blätter Aber-Tausend-Chor.
Tropfen, geschüttelt
aus den Flügeln der Luft,
heller Refrain der Teiche.
Eingezogener Atem
nächtlichen Munds,
der das blaue Ei des O geformt.
Entlassener Hauch
erwachter Seelen,
der ein gelbes Ah aus Nestern scheucht.
Ahnengeister steigen
aus Wurzeln, Wassern und Steinen
in die Adern von Blume und Baum.
Liebesgeister neigen
Schalen über Pfade und Gärten,
Tau zu spenden dem Rauschen der Gräser.
In harmonischem Wechsel
zeugt Ton den Gegenton, Leid das Lied,
und Sporen surren aus der Klause der Angst.
Blütenbestickte Schleier
sinken auf das runzlige Angesicht der Erde,
grämliche Furchen glänzen von Tränen.
Es pflückt der Mensch die Frucht,
die goldene, die ihm aus Dämmerung erwuchs,
mit Augen, wenn Dankgefühl sie feuchtet.
Blühen, verblassen
Wir haben die Sage
von Schatten und Licht.
Wie bleiben unsre Herzen vage,
wenn kein Auge zu uns spricht.
Tief ist die Nacht,
blau die Abendstunde.
Wie blüht uns kaum bedacht
das Purpurlied geheimer Wunde.
Wir haben das hohe Wort
von Brot und Wein.
Wie sind wir fern von jenem Hort,
und unter stummen Sternen wie allein.
Wir haben die warme Hand,
der Liebe heiße Träne.
Wie flattern lose wir, der Blätter Tand,
verblassen, Dämmerns Geister-Schwäne.
Die Gestalt der verlorenen Kindheit
In einem wässrigen Faden
krümmt sich der Schatten einer Seele
und ein winziger schwarzer Punkt,
die bang und närrisch zuckende Unruh
einer lebendigen Uhr, beginnt zu pulsen.
Du stromertest nackten Fußes im Garten,
als der knorrige Baum unterm Wogen
der Apfelblüten leuchtete.
Du sahst die Wasserflöhe hüpfen
über den schwarzen Samt des Teichs,
die Mücke deiner Seele, wie sie haltlos
am Beckenrand rutschte, sahst du nicht.
Du sahst nicht den Bruder im Baum,
nicht, wie übersprossen von Blüten
deine knorrige Seele zu flirren begann,
nicht, wenn Mond seine Milch über sie goß.
Doch zog dich ins Geheimnis Dämmerlicht
mit dem sanften Glühen schwebender Frucht,
wenn sie unter herbstlichen Nebeln
glänzend fauligen Mostgeruch verströmte.
Du hocktest vor dem aufgeplatzten Apfel,
dem Lymphe aus der Wunde troff,
und die gelbe Wespe senkte berauscht
ihren harten Mund in den sickernden Saft.
Trank nicht deine Seele mit dem fremden Mund,
flog sie nicht mit dem süßen Kuchen
in die Höhle deiner kindlichen Einsamkeit,
vernahmst du nicht im trocknen Schwirren der Flügel
die Wimpel sommerlicher Fahrten flattern?
Deine wehmütigen Augen tranken das Licht,
das aus himmlischen Quellen
durch die Zweige tropfte,
deine lockigen Haare weinten dem Wind
und dein Mund sang die herbe Süße des Gartens,
der sich unterm goldenen Sinnen des Laubs
dir für ein langes entzaubertes Dasein verhüllte.
Aus wässrigen Schatten recken sich Hände
ins lichtgesprochene Leben,
Augen, auszuwandern ins Bild der blauen Landschaft,
ein Herz, wilder zu schlagen, wenn Regen Duft
aus dem Haar der Flechten und Moose wäscht –
ein Herz, zu brechen, wenn wieder der Herbst
die dämmernde Frucht rötlich behaucht
und aus dem Nebel einsam
die verlegen lächelnde Gestalt
deiner verlorenen Kindheit hervortritt.
Tageszeiten der Seele
Morgen,
goldene Mähne des Winds.
Mittag,
schwebender Menhir der Stille.
Nachmittag,
feuchtes Auge der Veilchen.
Abend,
Purpursaum der Nacht.
Nacht,
Wasserscheide von Leben und Tod.
Tag,
auf dem Seerosenblatt schwankender Vogel.
Nacht,
Flüstern zwischen Muschel und Schlaf.
Tag,
Tenne des tönenden Korns.
Nacht,
Honigwabe schwirrender Küsse.
Morgen,
von Schnäbeln zerrissener Schleier.
Abend,
mondgestillter Seufzer.
Vor dem Ewigen
Wir sind ein Tropfen Wasser
in des Ewigen Wein.
Er sei wie Tränen an Lilien-
wimpern klar und rein.
Wir sind wie Wolkenschleier
vor dem tiefen Blau.
O zerrinnen unter Gottes Atem
in den Abendtau.
Wir sind wie sinkende Flocken
in der Winternacht.
Daß Deine Sonne röte
schwerelose Pracht!
Das Zittern des Mohns
Das kaum betastend
über der Dinge schlafendes Angesicht streift,
Dichterwort,
wie der Finger des Blinden,
der Zeichen aufspürt
in den Archiven der Luft.
Geistiges Ohr,
das übers Schilf der Toten gebeugt
wogender Klage lauscht,
lidlos zu wachen
unter der Rätselschrift
so stummer Blitze.
Schattenmund,
dem Zittern des Mohns nachzusprechen,
da er sich Schmelz erküßt im Tau,
Abschied
im erdwärts rinnenden Licht.
Küsse, Blicke, Worte
Küsse,
die auf Atemwellen gehen,
Algen gleich, Schaum an Moosen,
die bei tiefem Mond
an seichtem Ufer spielen.
Blicke,
die sich um Blickes Spindel drehen,
Winden gleich, Kletterrosen,
die im Morgendunst
zur nackten Göttin schielen.
Worte,
die aus Herzgedanken wehen,
Blüten gleich, die Falter kosen,
und im Kuß des Winds
in die Nacht der Erde fielen.
Mit spitzer und mit weicher Zunge
Sentenzen und Aphorismen für Asphaltvögel und Barfüßer im Schnee
Die vom Podest stoßen, was sie überragt.
Banausen, die einen großen Moralhaufen hinlegen, um das geneigte Publikum auf so eigen bigotte Art anzustänkern.
WIR sind die FREMDEN, NICHT die ANDEREN.
Wenn sie uns töten, dann aus dem triftigen Grund, weil sie uns zurecht verlorengegeben haben, weil wir ihnen als immerdar unassimilierbar erscheinen.
Sie töten, um zu beweisen, daß wir nicht leben.
Sind wir in ihren Augen fremd wie der Teufel in der großen Ritualwand der ihnen heiligen Stätten, haben sie alles natürliche Recht der Welt, wie diesen so uns zu steinigen – aber sie haben zudem noch das göttliche Recht auf ihrer Seite.
Daß ihr Tyrannen-Götze groß sei heißt, daß ihm die Erde als sein Territorium gehört – also ihnen. WIR sind somit immerdar FREMDLINGE auf dieser Erde, die unterworfen oder vertilgt gehören.
Der deutsche Kult um das Fremde ist eine masochistische Form der Schuldbewältigung.
Kleine Kinder fremdeln, wenn sie sich verlegen lächelnd hinter der Schürze der Mutter verstecken. Das Kind, das sein natürliches Mißtrauen vor der Gefahr noch nicht ausgeformt hat, legt seine Hand blindlings in die des Verführers.
Man kann den, der UNS aus prinzipiellen, weil theologischen Gründen für nicht integrierbar betrachtet, nicht durch gutes Zureden oder bessere Gründe belehren oder von unserer Harmlosigkeit überzeugen.
Die deutsche Romantik subjektiviert, romantisiert und trivialisiert die christliche Grunderfahrung, Pilger auf der ungastlichen Erde zu sein: Sie ist eine Form der Transzendenz des ICH, nicht des ANDEREN.
FREMD bin ICH eingezogen, FREMD zieh ICH wieder aus.
Man kann demjenigen, der uns als störenden Fremdkörper im Auge Gottes betrachtet, der entfernt werden muß, nur gerecht werden, wenn man ihn selbst aus unserer Mitte entfernt.
Wer die Tür Tag und Nacht offenläßt, WILL den Einbruch, den Übergriff, die Vergewaltigung.
Rom ging unter, weil es den Feind durch den porös gewordenen Limes einsickern ließ.
Die heuchlerischen Pharisäer haben sich in ihren Sicherheitsbunkern verschanzt – WIR sollen gefährlich leben.
Wer das eigene Volk in sicheren Grenzen sein eigenes Dasein fristen lassen will, wird als Feind der Menschheit verketzert.
Für den Menschenfeind gibt es keine Hoffnung auf Therapie oder Umerziehung – geschweige denn auf Rückkunft in den Schoß der Gemeinschaft oder Verzeihung aufgrund von Buße und reumütiger Umkehr; er verkörpert eine moderne Abart der dämonischen Besessenheit, für den der neue Hexenhammer gerade geschrieben wird.
Globalismus und Terrorismus sind Brüder im Geiste.
Der Globalismus strebt unter dem Deckmantel der Menschheitsverbrüderung und des Weltfriedens nach der Asphaltierung, Planierung und Ausrottung aller kulturellen Eigenheiten, Sprachen, rassischen, ethnischen und sexuellen Identitäten – eine seelisch ausdrucklose Einheitssprache, eine homogen-barbarische Menschenmasse, eine alle Regungen und Gedanken und Redeweisen kontrollierende Weltregierung, sie sind das Endziel.
Sie feiern die Auflösung der alten Familie unter dem Vorwand der Emanzipation der Frau und der Egalisierung aller sexuellen Orientierungen: In Wahrheit geht es den Globalisten darum, die Frau zur Knetmasse bei der Unzucht der Geldvermehrung zu erniedrigen, die seelisch und leiblich fruchtbare Geschlechterspannung von Mann und Frau zu sterilisieren und den Schutzraum familiärer Intimität für den totalen Zugriff der Kontrollorgane zu schleifen.
Verstörte oder heimtückische Künstler und Intellektuelle schickt der Globalismus an die ideologische Front vor die Kameras, auf die Bühnen und Podien: Sie sollen dem eingeschüchterten deutschen Michel unwidersprechlich weismachen, daß seine Mulattisierung und Kreolisierung durch Gen- und Kulturtransfer als Sühne für die Vergehen der Ahnen vom Schicksal beschlossene Sache ist.
Der Erinnerungskult um die Bluttaten der großen Verbrecher vollstreckt ihren letzten Willen.
Brüllend an der Phrase ersticken.
Man mußte ihn vom Katheder tragen; er war zum Denkmal erstarrt.
Der Flug der Zeitgeistpoeten – knapp überm Erdboden.
Verkappter Größenwahn – als habe der Mensch all das erfunden: Geschlecht, Sprache, Kunst, Nation.
Die nie auf Gipfeln standen, erklären die Ebene für die einzige Wahrheit.
Die scheinbar Selbstlosen haben nichts zu verlieren.
Die scheinbar Eigensüchten werden reicher am Verlust.
Das Faszinosum der Buchstabenmädchen – ein Schwarm philosophischer Flöhe im Kopf und und das unter feinem schwarzen Netzwerk herausgeschriene Fleisch der nackten Beine.
Der Pontifex sitzt in Bauernlatschen auf dem Stuhl, den einmal ein Baldachin zierte.
Sie hatten den Friedensdialog unter frenetischem Applaus beendet – dann wetzten sie zu Hause die Messer.
Die Mehrheit, also die Dummheit, wählt sich ihr Abbild, eine wechselnd kostümierbare Aufziehpuppe.
Demokratie – die Lüge vom Souverän ohne Beistand des Heiligen Geistes.
Jede Gegenwart feiert sich als dernier cri des Modernen – als hätten die Toten nicht in ihrer Gegenwart gelebt.
Törichte Vordenker tun desgleichen, übertrumpfen es, als wären sie, die Postmodernen, im Saft, wogegen der große Rest lebende Leichen.
Wer den Zauberkreis erlesener Sprache um sich schlägt, wird vom Pöbel als impotentes Musensöhnchen angespuckt.
In jeden Augenblick ragt, wie der Purpurstreif am Mantel der Nacht, die Ewigkeit.
Er entdeckte im Winkel das Tagebuch eines Vorfahren – voll eigener Gedanken.
Auf dem Sterbelager erkennen, daß man ganz anders aussah, als man dachte.
Statt eines Selbstgefühls – eine Blase, wie über einer Druckstelle.
Mit tausend Worten nichts – mit wenigen alles.
Die ihre Eigenart pflegen, werden des Hochmuts und der Anmaßung geziehen – von jenen, die statt eines Gesichts eine Schablone haben.
Innerlich abgestorben, schwärmen sie von grenzenloser Vermischung.
Die eigenen Gene verleugnen – eine Abart der Prostitution.
Sie haben die eigene Sprache ausgeräuchert, auf daß die Dämonen entfliehen – übrig blieb eine tote Puppe, die immerdar stumm nickt, wenn man sie anrührt.
Sie wollen den Schatten, den sie werfen, loswerden, indem sie sich verzwergen – unwissend, nein wissend, daß er erst schwindet, wenn sie sich in Luft auflösen.
Um sich aus der Aura und dem Dunstkreis der Könige von Gottes Gnaden und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu flüchten, orientalisieren sie den Ursprung Europas.
Apollo, der Gott des deutschen Horaz – ein Bänkelsänger in den Gassen von Ninive.
Der Feind pinkelt ihnen in den Suppentopf – sie preisen den Geschmack als exotisch.
Eine Kultur ist am Ende, wenn die Eltern den Kindern die Namen fremder Götzen geben.
Das leise Lied des Dichters – unhörbar im Brausen wilden Sturms.
Das Liebeslied – übertönt von pornographischem Gestöhne.
Bei Blähungen infolge unverdaulicher Kost helfen zuletzt nur Abführmittel.
Zecken am Leib der Muttersprache – sie fallen am Ende in die Nacht ihrer stumpfen Sattheit.
Die sich aus den Blumenarmen der Muse unter die Dusche des geschwätzigen Wassers flüchten, wie nach dem Beischlaf mit einer Nutte.
Der kleine Teichrohrsänger füttert hingebungsvoll und mit letzter Kraft das riesige Kuckuckskind, das zuvor die eigenen Nachkommen aus dem Nest geworfen hat.
Die Natter, am eigenen Busen gezüchtet, züngelt lieblich, bevor sie zuschlägt.
Der Untergang Preußens – die grausame Rache des Schnauzbarts, der in seinem Bunker unter dem Bild des großen Friedrich sinnierte.
Kunstschaffende, die Hybriden züchten aus Fleisch vom eigenen Fleisch – und den verfaulten Brüsten der Hure Babylon.
Neben die hochsinnige Kore mit dem süßen Lächeln geistigen Erwachens errichten sie in hohem pädagogischen Auftrag des tuntigen Geschmacks die große Beule einer gliederlosen Urmutter, auf daß sich das Lächeln des Mädchens zur grinsenden Grimasse verzerre.
Männer, die ihnen aufgesetzte Hörner wie Trophäen tragen.
Frauen, die kein Kind zu haben als Ausweis einer höheren Moral ausgeben – in Wahrheit reichten ihre kurzen Arme nicht an die Frucht am Baum des Lebens heran.
Er ging in den verwilderten Garten und ließ das Dorngestrüpp um sich wuchern.
Er ging in den Hochwald, den Mund für immer mit der erhabenen Stille zu versiegeln.
Seine Spur verlor sich im Schnee – Schnee eines aus dem Flügel der Engel gewehten Gesangs.
Seine Gedanken wurden von den Tönen einer Quelle gewaschen, die durch die Mauer drangen, an der er sterbend niedersank.
Er ging, ein schmaler Schatten wie eines Vogels zitterte in der Luft, bis auch dieser zerrann.
Daß nichts bleibt, außer Pollenstaub an den Rosenwimpern eines liebenden Herzens, bis auch diese die Wolke des Abends verschließt.
Er ging barfuß in den Schnee, unsagbare Kristalle, die Nacht wie funkelnde Schmerzen gestreut.
Er fand Zuflucht in einer Wabe, geformt vom Mund bukolischer Bienen.
Er streute Worte wie Flocken, des Lebens unzüchtigen Lärm zu dämpfen.
Träumen unter einem Linnen aus Schnee.
Von Polstern des Ungesagten beschwert, wie Zweige unterm Schnee.
Wenn sich ein Gesicht niederbeugt, das mit Blicken nährt.
Unter kaum bewußten Tränen die wachsende Gelassenheit, wenn sich hinter dir die Spuren im Schnee verwischen.
Der Trost, daß die Flocken lautlos fallen, der Klang der Glocken im dichten Schnee allmählich verschluckt wird.
Fern noch qualmende Hütten, kaum kenntlich unterm Gewimmel der Flocken, und das Verlangen, den warmen Herd zu finden, erkaltet im Frost.
Da ist noch Glut unter der Asche, genug die Hände ein wenig zu wärmen oder sie anzufachen zum Aufenthalt – doch du wendest dich ab, zu den leeren Feldern des Schnees.
Da ist eine kleine Kapelle am Wegesrand, aus dem Dunkel vor dem Kreuz dämmern fromme Lichter – könntest du selbst zur Kerze werden, die ins Geheimnis verlodert.
Ins größere Leiden fallen, wie Tau, der die Wange der Blume belebt.
Da kommt ein Wind auf, der die Flocken fröhlich, schelmisch, gespenstisch aus der Bahn biegt, köstlicher Wirbel, der seine hellen Rätsel zelebriert.
Du vergißt die Krakelzeichen der Schultafel, liest, auf der abgewandten Seite des Seins, die Schatten, die über das Mondfeld des Schnees gleiten, liest in den zarten Spuren des Vogels, die sich wie Schlüssel in die hellen Kristalle schieben, die Mythe der Seele, die jenseits des Flusses auf dich wartet.
Unfleischlich schwebst du, Schatten mit den Schatten, und die weiße Masse unter dir flockt gegenatmend auf, als hätte dein geistiger Hauch sie besprochen.
Die überschneiten Furchen und Pfade und Horizonte, die unter der Schwüle des pollenstrotzenden Lebens gedampft und geschwitzt, glätten und sänftigen sich wie gesträhnte Haare der Meerfrau, und das blaue Glas des Himmels scheint von Eisblumen übersät.
Er brauchte nur mehr den rötlichen Streifen Licht, der aus dem Schnee aufstieg wie die schmale Lippe der Stille, Heimat zu sagen am weglosen Ort, nur die Mulde, ausgekleidet mit schneeigem Moos, um Frieden zu sagen am unauffindbaren Ort.
Du, komm ein Stück Weges mit mir, ich gehe in den Schnee. Dort an der Wegscheide, wo es in den Hochwald abzweigt, nimm das kleine Andenken, meine Schuhe, mit und wandere zurück.
Du gehst allein, einsam bist du nicht, sieh, wie es schneit.
Conrad Celtis, Ode an Apollo
Sapphische Ode
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Phoebe qui blandae citharae repertor,
linque delectos Helicona, Pindum et,
ac veni in nostras vocitatus oras
carmine grato.
Cernis ut laetae properent camenae,
et canant dulces gelido sub axe.
tu veni incultam fidibus canoris
visere terram.
Barbarus quem olim genuit, vel acer,
vel parens hirtus, Latii leporis
nescius, nunc sic duce te docendus
dicere carmen.
Orpheus qualis cecinit Pelasgis,
quem ferae atroces, agilesque cervi,
arboresque altae, nemorum secutae
plectra moventem.
Tu celer vastum poteras per aequor
laetus a Graecis Latium videre,
invehens musas, voluisti gratas
pandere et artes.
Sic velis nostras rogitamus oras
Italas ceu quondam aditare terras,
barbarus sermo fugiatque, ut atrum
subruat omne.
Phöbus, lieblich tönender Lyra Schöpfer,
süße Heimat, Helikon flieh und Pindus,
wende dich zu unseren Küsten, hör doch,
Anmut, sie singt hier.
Siehst ja, lachend eilen herbei die Musen,
singen süß auch schneiendem Winterhimmel.
Komm das Land zu schauen, das brach liegt ohne
tönende Saiten.
Wildes Volk, gezeugt ehedem von strengem
Vater, rauhem, Latiums Zartsinn ist ihm
fremd, so du es lehrst, wird es willig lernen
schöner zu singen.
Orpheus sang einst bei den Pelasgern, und es
zogen wilde Tiere und flinke Hirsche,
Haine hoher Bäume ihm nach, da er
spielte die Laute.
Du hast eilend über das weite Meer von
Griechenland Italien froh erblickt und
ihm gebracht die Musen, die schönen Künste
dort zu verbreiten.
Wie dereinst Italiens Land betritt auch
unsrer Küsten Ufer, wir bitten, fliehen
wird das Wort, das unzarte, dann, daß alle
Finsternis weiche.
Annos mille sub hoc tumulo conclusa iacebam;
haec nunc Romanis extumulata loquar:
Non veteres video Romano more Quirites,
iustitia insignes nec pietate viros.
Sed tantum magnas tristi cum mente ruinas
conspicio, veterum iam monumenta virum.
Si mihi post centum rursus revideberis annos,
nomen Romanum vix superesse reor.
Tausend Jahre schlief ich in dieses Grabmales Hügel;
frisch nun exhumiert, sage den Römern ich:
Nirgends seh ich die alten Quiriten nach römischer Sitte,
Männer gerechten Sinns, Männer, die Frömmigkeit ziert.
Trümmerberge rings nur gewahr ich mit traurigem Herzen,
Überbleibsel von längst hingesunkenen Ahnen.
Träte ich euch nach hundert Jahren wieder vor Augen,
ist der Name Rom mein ich lang schon verweht.
Quid superest, o Roma, tuae nisi fama ruinae
de tot consulibus Caesaribusque simul?
Tempus edax sic cuncta vorat nilque exstat in orbe
perpetuum, Virtus scriptaque sola manent.
Was denn blieb, o Rom, von dir noch außer Ruinen,
vieler Konsuln Ruhm, vieler Kaiser zumal?
Alles frißt der Zahn der Zeit, von der Stadt währt
nichts auf Dauer, ein Buch bleibt, nur geistiger Wert.
Das Leben erzählen
Sentenzen und Aphorismen von vorletzten und letzten Dingen
Tiere haben keine Biographie; nur Menschen haben Biographien, denn sie erzählen sich ihr Leben.
Erzählungen umfassen verschiedenste Typen oder Muster oder Gattungen: Einer berichtet von einem Unfall, dessen Zeuge er war; einer beschreibt die Atmosphäre der Stille und Erhabenheit, die er bei seiner Wanderung durch den Hochwald erlebte; einer schildert die Abgelegenheit und Verwunschenheit von Dorf und Garten seiner Kindheit; einer beichtet seinem Freund einen Akt der Untreue gegen seine Frau; einer klagt am Stammtisch seines Vereins über den Ärger mit den Kollegen; einer ahmt vor seinen Kollegen komödiantisch das arrogante Gebaren des Chefs nach; einer stimmt vor seinen Studenten das Loblied seines alten Professors an; einer bekennt vor seiner Tochter seine Schuld, sie in ihrer Jugend vernachlässigt zu haben; einer schmeichelt seiner Angebeteten mit einem Preis ihrer Schönheit, Anmut, Seelengröße.
Bericht, Beschreibung, Schilderung, Beichte und Bekenntnis, Klage, Nachahmung oder Preis, auf die wir anspielten, bilden einen Ausschnitt aus der Fülle oder dem Repertoire epischer Muster, mit denen wir unser Leben erzählen.
Wir ahnen die kontinuierlichen Übergänge solcher alltäglichen Vortragstypen zu den ausgereiften, subtilen und artifiziellen Mustern der Darstellung, wie sie uns in Prosa und Poesie begegnen: Kurzgeschichte, Novelle, Anekdote, Schelmenroman, dramatisches Intermezzo, Stehgreifkomödie, Elegie und Klage, Preislied und Hymnus.
Unsere Erzählungen sind immer Teil von Reden und Wechselreden und Widerreden, die unseren Umgang mit anderen kennzeichnen; von daher gewinnen sie eine kommunikative Bedeutung: Wir wollen jemanden unterhalten, amüsieren, beeindrucken, verblüffen, irritieren oder in unserem Sinne beeinflussen; manchmal wollen wir damit auch unser bisweilen fragwürdiges oder überraschendes oder vor den Kopf stoßendes Verhalten rechtfertigen.
Manchmal erzählen wir, um uns klar zu machen, was wir erlebt haben; wenn dem Zuhörer das Erzählte plausibel und kohärent erscheint, dann am Ende auch uns selbst.
Wir erzählen bei einer Gelegenheit dies, bei einer anderen jenes, wir erzählen dem einen etwas, dem anderen etwas anderes, ohne uns groß darum zu kümmern, ob und inwiefern ein roter Faden durch die verschiedenen Erzählungen geht, ob sie in einem größeren Muster wie die bunten Steinchen eines Mosaiks sinnvoll zusammenstimmen.
Und doch gibt es wenn auch manchmal uns selbst verborgene Muster, die sich wie ein Leitfaden durch mehrere, viele oder gar all unsere Erzählungen durchschlingen. Wir nennen sie Motive – analog zu den großen tragenden Motiven, wie wir sie aus der Dichtung kennen. Der Zorn des Achilleus ist das tragende Motiv der homerischen Ilias, die Rache der Krimhild ein tragendes Motiv des Nibelungenlieds, der Fluch über das Geschlecht der Labdakiden das Motiv der sophekleischen Tragödien von Ödipus und Antigone, Hybris und Verblendung das Motiv der Erzählungen Herodots über den Untergang und die Niederlage der Meder und Perser; Größenwahn und Selbstsucht das Motiv der Tragödie von Faust und Gretchen; Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies das Motiv des Heinrich von Ofterdingen; Sehnsucht nach kontemplativer Katharsis das Motiv in Stifters Nachsommer; auch unsere Märchen sind von tragenden Motiven durchwebt, sie werden dort verkörpert wie in der finsteren Gestalt der bösen Hexe oder der lichten der guten Fee; und wie viele andere Motive ließen sich aufzählen.
Wir spüren solche Motive leicht auf, wenn in den Erzählungen des Freundes oder der Geliebten oder des Anvertrauten oder des Klienten immer wieder dieselben Situationen, Begebenheiten, Namen auftauchen: Da ist es der übermächtige Vater, dessen Schatten der Sohn nicht loswird und der ihm das Lebensmotiv der vergeblichen Suche nach Reife und Autonomie vererbt hat; da die kaltherzige Mutter, die das Motiv der Suche nach Wiedergutmachung und Heilung eingeprägt hat; da ist es der ältere Bruder, der als Prinz der Familie im Licht der Aufmerksamkeit, Bemutterung und Fürsorge stand, während die Tochter sich in die Rolle des Aschenputtels hineingeschämt hat und vom Beweggrund des Neids und der Mißgunst angetrieben immerfort nach Gelegenheiten der Vergeltung lechzt; wir kennen den durch körperliche Konstitution und demütigende Erfahrungen an die Wand gedrängten Ohnmächtigen, dessen treibendes oder zwanghaftes Lebensmotiv ihn nach der Schwäche anderer schielen läßt, um sich durch Taten der Überwältigung und Vergewaltigung an ihnen schadlos zu halten; wir kennen auch die Narzissen-Aureole, die das von der Mutter idealisierte Mädchen umgibt und es ein Leben lang drängt, das Rampenlicht zu suchen, und den Applaus der von seiner Schönheit, seiner Ausstrahlung, seinem Talent Faszinierten, Geblendeten oder Verführten.
Natürlich zeugt der Zwang, Freunden und Bekannten immer wieder mit denselben Passions- und Opfergeschichten in den Ohren zu liegen, oftmals von einer echten Wunde, die sich nicht schließen will. Es kann aber groteskerweise auch eine Modekrankheit sein, die sich darin zur Geltung bringt, sein Leben als Passion und Leidensgeschichte zu erzählen: Wird doch von einer Pädagogik und Ästhetik, auf denen kein Segen ruht, der Typus des bluttriefenden Opfers, der gequälten Kreatur und des Gescheiterten, der da sein Lamento nackt und schamlos aus Leibeskräften herausbrüllt oder sein Todesröcheln lyrisch psalmodiert, immerfort gefeiert und ins Rampenlicht gerückt, ihm gilt voyeuristisch alle Aufmerksamkeit, er ist der dramatisch effektvoll platzende Madensack und die abgerissene Charge des heulenden Elends, der stinkende und geschwätzige Menschenrest im Neonlicht namens Klein-Hiob, Bettnässer-Hamlet und Laborratten-Woyzeck, um den großes Theater und schrille Oper gemacht werden, vor ihm verfällt die Kritik in masochistische Demutsstarre und ihm schickt ein im Morast der Selbstbezichtigung versinkendes Publikum noch eine letzte Kußhand nach.
Dagegen wissen wir um die hart erkämpfte Haltung des Genies des Lebens und der Erkenntnis, das die Erzählung seines Lebens soweit es geht von solchen verführerischen Anfechtungen freizuhalten versteht; so mag ihm wie Goethe die freie dichterische Gestaltung auch der bedrängendsten Lebensmächte oder wie Wittgenstein ein Ringen um innere Klarheit und Reinlichkeit und Luzidität des Gedankens gelingen – um den Preis fortgesetzter schmerzlicher Häutungen und Metamorphosen.
Wir kennen auch die fade Lymphe des antriebslos mit dem Zeitgeist auf- und niederschwappenden hohlen Menschen, der nichts Eigenes zu erzählen hat, dessen Schädel aber immerfort widertönt von den Phrasen, die ihm die gekaufte Souffleuse des Feuilletons und der schiefe Mund des Modedenkers einflößen.
Gewiß souffliert unsere leibliche Verfassung über Krankheiten, leptosome, athletische oder pyknische Konstitutionen zu seelisch-geistigen Anfälligkeiten wie Psychosen oder manisch-depressiven Leiden oder unsere synästhetische Empfänglichkeit uns Motive und Leitmotive, die sich oft ein Leben lang durchhalten und ein stabiles Muster erzeugen. Der kurzsichtige, leptosome Typus wird kein großer Weltumsegler, sondern sich in irgendeiner Innerlichkeit einhausen, materieller und geistiger Natur, die ihm Sicherheit gibt – es sei denn die brüchige Wand der Geborgenheit fängt an zu rieseln und wird von einem psychotischen Wahn durchbrochen. Der matronenhafte Schmollmund wird sich nicht zur Prinzessin auf dem Eis entpuppen, sondern intime Häuslichkeit und eine Beschaulichkeit leben, in der lukullische Genüsse großgeschrieben werden.
Nicht minder herrschsüchtig zeigen sich Talente und Begabungen; der feinmotorisch Bewegliche und Hellhörige wird eher Pianist oder Chirurg oder Kunsthandwerker, als daß wir ihn sich in den Ränken und Intrigen der Macht verstricken sehen; der feinmotorisch Taube und Stumpfe, der sich ein großes gestalterisches Talent eingeredet hat, wird handwerklichen Pfusch hinterlassen oder statt bezwingende, raumgreifende Figuren zu schaffen fade Konzeptkunst ausstoßen.
Eine Großmacht in der Direktion unserer Lebensmotive und Erzählmuster ist die biologisch nun einmal verhängte Zugehörigkeit zu einem natürlichen Geschlecht, denn was es heißt, ein Kind in sich heranwachsen zu wissen, wird der Mann niemals verstehen, und umgekehrt die Frau nicht, daß dem Mann das Geschlecht etwas Äußerliches und zugleich Innerliches ist, was sein sexuelles Empfinden von Grund auf mit dem Grau- und Blauton der Sterbensangst grundiert oder seine Wünsche auf Schnelligkeit, Überblick, Technik und Herrschaft ausrichtet.
Freilich können wir mit all diesen uns zugeflogenen, zugewachsenen oder verhängten Lebensmotiven mehr oder weniger gekonnt spielen, indem wir uns selbst zitieren, ironisieren oder anderweitig von uns distanzieren; doch kann sich Möchtegern und Gernegroß die Maske eines Don Juan aufsetzen, seine weiche Stimme wird ihn verraten und der untrügliche Instinkt der Frau wird ihm ihren Schoß nur geben wie die Mutter dem schutzsuchenden Kind.
Ein probates Mittel der erheiternden Selbstdistanzierung besteht darin, in vertrauter Runde oder im intimen Umgang von sich in der dritten Person als „dem guten Karl“ zu sprechen, der sich für seine Kumpane wieder so ins Zeug gelegt oder für seine Holde herkulisch geschwitzt hat, oder „der bösen Petra“, die wieder einmal vergessen hat, den Computer, die Heizung, das Licht auszumachen, oder den Kopf voll Zuckerwatte nicht Willens oder unfähig war, ihrem Liebsten, der so hingebungsvoll oder intellektuell hochtourig-aufgedreht auf sie eingeredet hat, ihr ganzes Ohr zu leihen oder zumindest ihm die Blüte ihres Lächelns halb zu öffnen.
So können wir unsere Erzählung mit den flirrenden und glitzernden Mustern ironischer oder humoresker Spiegel-Spiele der metalogischen, metapoetischen und metaphorischen Vergrößerung, Verkleinerung und Verzerrung charmieren und garnieren, ähnlich wie ein Meister dieser literarischen Verfahren, der immer wieder gern vorgibt, vom Leben und den Eigenarten seiner Romanfiguren überrascht, an der Nase gezogen oder hinters Licht geführt zu werden.
Besser das Maul halten, als immerfort nachplappern und dazu Gunst heischend mit dem nicht vorhandenen, weil von der Schere der Zensur der Wohlmeinenden und Bessergesinnten abgeschnittenen Schwanz wedeln.
Sich wohlig über seinen Schmerbauch streichelnd fuhr er fort in der dornenreichen Schilderung seiner Passion.
Die Gelassenen oder Entlassenen, die ihr Leben erzählen, wie man einen Traum erzählt.
Die Meister erzählen ihr Leben wie von einer symbolhaften ikonischen Darstellung, deren Maler sie nicht kennen.
Der uns maßlos übersteigt, beschied sich in eine Existenz, die sich allem Biographischen entzieht.
Den bunten Teppich der Lebenserzählung wieder entflechten und ausmustern und das ganze Garn und Gewebe fein nach Farben getrennt auf dem leeren Tisch auslegen, wo einem Altar gleich nur eine Kerze flackert und eine Rose vor sich hin träumt.
So frei geworden, was sollen wir noch erzählen, schmilzt die Zunge schon im Gesang.
Aller Motive und Beweggründe bar, tauchen wir überwunden zurück in den dunklen Strom, in dem die Sterne mit uns versinken.
Wie unbefangen wirst du in Gegenwart eines Menschen, der aufgehört hat, sein Leben zu bebildern und zu erzählen, sondern dort am offenen Fenster steht und schweigend in die Nacht lauscht.
Noch eine Anekdote, noch ein Name, noch eine minutiöse Aufzählung der Schönheitsflecken einer unwiderstehlichen Bardame – ach, knall den Hörer auf!
Jenseits, dort, wo es genügt sich schweigend in die Augen zu schauen, um alles zu wissen, alles zu fühlen, alles mitzuleiden.
Sie hatten sich alles erzählt und waren füreinander leer.
Die göttliche Gnade verdichtet sich in einem nur den Mund eines Engels rein und schön formenden Namen – Rose, die in der Mitternacht zweier gekreuzter Balken glüht.
Das verborgene Muster des Lebens
Sentenzen und Aphorismen zur Philosophie der Subjektivität
Das Muster unseres Lebens können wir nicht überblicken; nur göttlichem Auge stünde dies an.
So ist jeder Satz die Variante eines anderen Satzes oder anderer Sätze; dabei sind Satzvariationen grammatisch wohlgeformte Umformungen unter Zuhilfenahme von Ausdrücken für die Negation, die verschiedenen Tempora oder Satzverknüpfungen wie „und“, „oder“, „weil“, „obwohl“, „wenn“. Der Zusammenhang aller Sätze bleibt uns ein Buch mit sieben Siegeln, denn er bildet gleichsam den grammatischen Begriff des Unendlichen. So ist der Satz „Ich ging nach Hause“ eine Variante des Satzes „Ich gehe nach Hause“, dieser eine Variante des Satzes „Ich gehe nicht nach Hause“, dieser eine Variante der komplexen Satzverknüpfung „Er geht nicht nach Hause“ und „Der Mann, der nicht nach Hause geht, bin ich“. Der Zusammenhang der Sätze „Ich bleibe zu Hause“ und „Es regnet“ kann der komplexe Satz sein „Ich bleibe zu Hause, weil es regnet“ oder „Ich bleibe nicht zu Hause, auch wenn es regnet“ oder „Ich bleibe zu Hause, obwohl es nicht regnet“ …
Aus Satzvarianten bilden wir durch Auswahlverfahren eine endliche Menge von mehr oder weniger kohärent, mehr oder weniger sinnvoll miteinander verknüpften Sätzen, die wir eine Geschichte oder eine Erzählung nennen; wenn unser eigenes Schicksal in Form von natürlichen oder geschichtlichen Gegebenheiten wie Charakter, Talent, Krankheit oder Freundschaft, Liebe, Feindschaft das Auswahlverfahren verkörpert, bilden die so verbundenen Sätze unsere Lebensgeschichte – oder doch eine Variante unserer Lebensgeschichte. So finden wir in einem Lebensbericht beispielsweise den Satz: „Ich blieb zu Hause, weil es regnete“ oder den Satz: „Ich blieb zu Hause, obwohl es nicht mehr regnete.“ Die Formen der Reihung, Verknüpfung und Transformation, die wir bei den grammatischen Elementen wie den Satzteilen und Sätzen beobachten, treffen wir auch bei den Formen und Gattungen wie dem Bericht, der Beschreibung, der Erzählung oder dem Gedicht an: Jede manifeste und in einem Textkorpus verdichtete Form ist eine aufgrund einer Auswahl entstandene Variante von allen in dieser Form, diesem Typus oder dieser Gattung enthaltenen oder impliziten virtuellen Formen.
Die Seele ist vergleichbar mit dem komplizierten Muster eines Perserteppichs, würde die Rückseite des Teppichs die verworrenen Fäden und abgerissenen Fädchen abbilden, die ebenfalls zur Musterbildung hätten dienen können, aber im kontingenten Schicksalsverlauf der tatsächlich gewebten Muster verworfen worden sind; dennoch sind sie virtuell präsent – sie könnten der Stoff der Phantasien und Träume dieser Seele sein.
Wir können die formalen oder abstrakten oder grammatischen Grundlagen des Denkens mit der Bildung von Mustern vergleichen, die von der Anzahl der zur Verfügung stehenden Farben und Arten der Fäden, der Größe der Musterfläche oder ihrer geometrischen Form abhängen; freilich kennen wir rein geometrische Muster, florale Muster, aber auch figürliche Muster, Arabesken oder Grotesken und manches mehr. Wenn wir uns auf die Herstellung eines Blumenmusters geeinigt haben, erhält einen Platzverweis, wer uns mit einer Tierdarstellung kommt. Diese Muster sind den virtuellen Spielen oder Spiel-Modellen ähnlich, von denen Wittgenstein spricht.
Der Wanderer im Schnee verharrt und gewahrt rückblickend die letzten Spuren seines Ganges, doch sind sie bald verweht.
Wenn du nach Gründen Ausschau hältst, warum du dies, nicht jenes gesagt, getan hast, findest du einen oder zwei: Du hast deinem Freund ein Geschenk gemacht, weil er Geburtstag hatte, und weil Geschenke an Geburtstagen zu machen bei uns eine schöne Sitte ist – und dann? Kannst du weiterschreiten und tiefer schürfend der Gründe Grund ergründen? Nein, du sagst dir, so lebe ich eben, wie andere auch, und wie die, die vor mir waren.
Wie ein seltsamer Weber an einem seltsamen Webstuhl: Er kann nur kurzsichtig zurückschauen, was er da gewebt, und erkennt ein Muster, wie es ihm vorgeschwebt haben mag – ob dies Muster aber wohlgeformt und nahtlos anschließt an das zuvor gewebte, überblickt er nicht.
Wir könnten der Hoffnung oder Ahnung erliegen, wie es die Alten taten (bis auf Leibniz und Goethe immerhin): das Kleine sei des Großen Spiegel, der Mikrokosmos Spiegel des Alls; aber hilft dir das auf diesen krummen Wegen durch ein dunkles, nur manchmal plötzlich aufgehelltes Tal?
Das Ganze sei wie Grund, wie Erde, die den Menschen trägt; doch ist der Mensch wieder Teil des Erdendaseins, die Erde wieder Teil des ganzen Himmels.
Und doch müssen wir, fast erschöpft, nicht sagen, lallen: all das, dies Leben oder Gott.
Strebt einer nach Lust und nichts als Wohlbefinden, wird er wie Epikur am Ende zum Asketen.
Wenn einer sein Leben einem Ziel unterordnet, scheint er es als Ganzes überblickt zu haben – so in der Berufung des Berufenen, der einem einzigen Gut zu dienen sich entschließt, und die Unabwendbarkeit des Entschlusses drückt die Weisheit aus in der lebendigen Gegenwart einer Stimme: der Musen, des Engels, des Gottes.
Wir können die falsche Abfahrt nehmen, uns auf dem Weg verirren – aber seltsam, wir scheinen auch im Leben als Ganzem auf einen Abweg geraten zu können, so wenn einer der Selbsttäuschung erliegt, einer zu sein, der er in Wahrheit nicht ist.
Sagen wir nicht auch, gewisse Greueltaten verwirken das Leben? So wissen wir mit einem merkwürdigen Wissen, was dies sei, ein gelungenes Leben?
Wir sagen auch, jemand, der sein ganzes Leben einer Illusion oder einem Wahn anhing, der ihm die ärgsten Greueltaten zu begehen als sinnvoll und berechtigt erscheinen ließ, habe sein Leben verfehlt, auch wenn seine Vergehen sein Wohlbefinden nicht schmälerten, sondern in dem guten Gewissen, in dem er sie beging, sogar steigerten. Dann kann der Maßstab, an dem wir solche Biographien als bar des Sinnes beurteilen, selbst keine Illusion sein – er muß einen intentionalen Gehalt haben, den wir der Prüfung unterziehen können, ähnlich wie der intentionale Gehalt einer Behauptung, wie daß der Inhalt dieses Glases Wasser ist, nur wahr ist, wenn wir feststellen können, daß die Flüssigkeit aus H2O besteht.
Wir sagen, daß die wesentlichen Inhalte des menschlichen Lebens, wie Freundschaft und Liebe, deshalb keine Illusionen sind, wie sie es in den Augen des Humeschen oder naturalistischen Skeptikers sein müssen, weil sie einen intentionalen Gehalt haben, der sich nicht auf neuronale Zustände des Gehirns reduzieren läßt.
So ist der intentionale Gehalt der Freundschaft die Freude am Wohlbefinden des Freundes, zu dem wir womöglich beigetragen haben. Daß uns diese Freude als eigenes Wohlbefinden widerfährt, löscht ihren Gehalt, der meine mentalen Zustände transzendiert, nicht aus.
Wichtigste Muster des Lebens werden aus den bunten, verschlungenen Fäden der Erinnerung gewebt; alle echten Muster der Erinnerung sind an semantischen Knotenpunkten aufgehängt, wären sie es nicht, würden sie vom Wind des Vergessens und der Selbsttäuschung immerfort weggeweht oder zerrissen. Der entscheidende Knotenpunkt ist in der gleichsam transzendentalen Tatsache berührt, daß echte Erinnerungen solche sind, die jemand hat, der ich bin, und nicht ein anderer.
Gewiß können wir uns in unseren Erinnerungen täuschen, wie wir uns bei Gelegenheit einer Begegnung mit einem Bekannten täuschen, den wir mit einer anderen Person verwechseln: Doch könnten wir uns nicht darin täuschen, wenn wir cum grano salis und im Normalfalle gute Bekannte nicht wiederkennten und täuschende Erinnerungsbilder von echten nicht unterschieden.
Was unterscheidet die echte Erinnerung von einer simulierten, wie wenn einer, der öfters mit anhaltender Faszination Filme über Venedig anschaut, Reiseberichte liest und schließlich von der Lagunenstadt zu träumen beginnt, am Ende manchmal der Illusion anheimfällt, er sei dort wirklich gewesen? Nun, wir können objektive Verfahren anwenden und den Lebensweg des Träumers anhand sprechender Dokumente peu à peu zurückverfolgen bis zu dem Punkt, wo er in das Flugzeug steigt, das ihn Richtung Süden bringt – oder eben nicht. Sicher, wir könnten Augenzeugen auftreiben, die seinen dortigen Aufenthalt bestätigen oder auch nicht. Doch wir können ihn auch über seinen imaginären Aufenthalt befragen und werden, wenn er munter drauflos plaudert, feststellen, daß die logischen Fäden seiner Erzählung da und dort abgerissen sind und in der Luft hängen: wenn er beispielsweise die Jahreszeit, Kälte, Regen, stechende Sonne oder die drückende Atmosphäre des Scirocco nicht wiederzugeben weiß, sondern nur mit klischeehaften Formeln anzeigt; wenn er von den langen Spaziergängen in der Sommerhitze durch die verwinkelten Gassen der Serenissima schwärmt, aber von Müdigkeit und Durst kein Wort fallenläßt, die den müden Passanten auf die Treppenstufen am Kanal zwingen oder Zuflucht suchen lassen in einer Trattoria. Wir sagen, den von unserem Träumer oder Angeber vorgebrachten Aussagen mangele es an der Kohärenz und sinnlogischen Stimmigkeit, die wir von mustergültig ausgeformten Berichten wie einem dokumentarischen Bericht oder der Darstellung eines Augenzeugen erwarten.
So steht es auch um die gewöhnlichen Erzählungen vom Ablauf eines Films oder Theaterstücks, mit dem man bisweilen gern dem Freund in den Ohren liegt: Es fehlt ihnen die frische Farbe des selbst Erlebten und sie bleiben blaß, weil man selbst darin nicht vorkommt.
Was unterscheidet aber die Erinnerung und den Erinnerungsbericht von der objektiven Rekonstruktion des Erinnerten anhand von sprechenden Zeugnissen und Dokumenten? Nehmen wir die Fotos oder Videos von deinem Urlaub in Venedig – sie geben ein Bild, wie du an den Stufen des Kanals sitzt oder vor San Marco stehst, aber nicht das Bild, das du gesehen hast.
Und wenn du den Freunden Fotos zeigst, die du selbst geschossen hast und die eben die Perspektive einnehmen, die du selbst damals hattest? Nun, es könnten auch Fotos eines anderen sein – sie haben kein Identitätsmerkmal wie Erinnerungen sie zu haben pflegen.
Die Tragiker der Griechen sahen ein durchgehendes Lebensmuster im Schicksal, wie es die Seherin in Delphi in ihrem Spruch aussprach; es knüpfte sogar Lebensmuster an Lebensmuster, wie in dem Fluch, der auf dem Geschlecht der Labdakiden lastete und sich in Ödipus und seinen Kindern vollendete. Und das Muster wird erst ganz sichtbar im tragischen Verhängnis, dem Tod. Und zugleich wird es im tragischen Tod aufgelöst oder wie bei des Ödipus Tod auf Kolonos von guten Geistern wie den Eumeniden gleichsam gereinigt.
Der Fluch der götterlosen und mythenfernen Zeit sind Krankheiten, Gebrechen, traumatische Schicksale, die den Lebensweg krümmen oder im Kreis führen. Banale Schrecken, die unversöhnt bleiben, weil sie vergebens nach einer tragischen Katharsis Ausschau halten.
Wir sehen ein Muster auch im alten Symbol vom Lebensweg, dessen Ausgangspunkt nicht wir, sondern die Eltern, Großeltern, Geschwister, die geographische und kulturelle Prägung der Heimat bilden, dann kommen all die Abzweigungen, an denen die Namen derer auftauchen, denen wir begegnet sind. Manchmal müssen wir einen Abweg, der an einem toten Punkt oder einer Wand oder einem Abgrund jäh endete, zurückgehen, um eine andere Abzweigung einzuschlagen – wenn wir die Kraft haben oder die Fähigkeit zur Einsicht in das Menschenmögliche.
Sind die wichtigen Abzweigungen meines Lebensweges aufgrund der Begegnungen mit prägenden Personen Schattenspiele in einem imaginären Theater, die neuronale Feuer an die Wand des Unbewußten werfen, also schlechthin Illusionen? Wenn es eine Illusion war oder ein Traum, Sokrates gestern im Park begegnet zu sein, kann die Einsicht, daß es eine Illusion war, wenn sie denn wahr ist, keine Illusion sein; wenn aber nicht die Einsicht, dann auch nicht die Existenz dessen, der sie hat und äußert, meiner selbst. Daraus folgt, daß die Fähigkeit, Illusionen zu haben, Täuschungen aufzusitzen oder schlicht der Unwahrheit zu erliegen, als Bedingung ihrer Möglichkeit voraussetzt, daß ich in vielen Fällen nicht von Illusionen genarrt werde und keiner Täuschung aufsitze oder schlicht die Wahrheit erkennen kann.
Führen wir den schlichten logischen Beweis aus der Annahme des Gegenteils: Wenn ich nicht existierte oder mein Bewußtsein niemandes Bewußtsein wäre, dann hätten meine Äußerungen nur Scheincharakter und keinerlei Bedeutung; haben meine Äußerungen keinerlei Bedeutung, dann auch nicht die Behauptung, daß ich nicht existiere; also existiere ich und meine Behauptungen haben Bedeutung.
Das Törichte, Absurde und Widersinnige all dieser Modetheorien über den Scheincharakter des subjektiven Lebens oder Bewußtseins, wie wir sie bei den Poststrukturalisten à la Lacan, Deleuze und Foucault und aktuell wiederum bei den neurowissenschaftlich angeregten naturalistischen Philosophen vorfinden, scheint gerade das Faszinosum zu sein, das ihre Ausbreitung bewirkt.
Wir können die allgemeine Wahrheit über die Existenz des Ich auch dadurch kennzeichnen, daß wir sie von der Rede über die Existenz der Sonne, der Erde, der Stadt Köln oder des Körpers meines Nachbarn abheben: Die Rede von der Existenz der Sonne, der Erde, der Stadt Köln oder des Körpers meines Nachbarn setzt die Existenz einer Ich-Instanz oder eines Bewußtseins überhaupt voraus, gleichgültig ob ich oder du oder Hinz und Kunz oder eine bestimmte Sprachgemeinschaft diese Instanz verkörpern. Die Rede von der Existenz der Sonne als dem Zentrum unseres lokalen Systems setzt die Sprachgemeinschaft der Physiker und Astronomen voraus, das zeigt sich exemplarisch darin, daß die vormalige Rede von der Sonne als einem Erdtrabanten von Astronomen und Physikern wie Kopernikus, Galilei und Newton aus dem Sprachgebrauch der Physik verbannt wurde.
Wenn wir keine generellen Aussagen über die Beschaffenheit unseres Lebensmusters machen können, legt uns dies nicht auf eine skeptische Position fest, die uns jedes Überblickes und sei er noch so fragmentarisch beraubte.
Wir können sagen, daß wir gewisse Fäden von einem abgeschlossenen Muster aufgreifen und sie in das neu begonnene einschlingen: Diese Fäden sind zum einen unsere eingewurzelten Neigungen und Dispositionen wie die Fähigkeit, zu schwimmen, Fahrrad zu fahren oder Klavier zu spielen; zum anderen gehören dazu die institutionellen Verpflichtungen, die wir über Jahre oder ein ganzes Leben lang mit uns tragen, wie die Verpflichtungen, die sich aus einem Ehekontrakt, einem Arbeitsvertrag, einem Kreditvertrag oder der Mitgliedschaft in der Kirche oder in einem Verein ergeben.
Zu den Mustern, die sich in unserem Lebensteppich wiederholen, gehören die Haltungen oder Einstellungen wie Freundschaft und Liebe; jemanden zu lieben heißt, oft an ihn zu denken, sich um ihn zu sorgen, ihm in Notlagen beizustehen und sich an seiner Gegenwart, seinem Gebaren, seinen Äußerungen zu freuen. Es heißt auch, Mißmut, Ärger und Groll, den der andere aufgrund von Mißverständnissen, schlechter Laune oder seines Unglücklichseins einem notwendigerweise immer wieder einmal verursacht, nicht auf die Goldwaage zu legen, sondern mit Geduld und Gleichmut zu ertragen und, freilich nicht über den Grad des menschlich Unerträglichen und Unzumutbaren hinaus, – eben liebend – zu verwinden. Haltungen wie Freundschaft und Liebe sind daher keine Gefühle, auch wenn sie natürlicherweise mit Gefühlen einhergehen, und die sexuelle Vereinigung der Liebenden gibt ihnen gewiß die intensivsten Gefühle, wobei das erregte Selbstgefühl sich oft so stark zur Geltung bringt, daß es trivialerweise sinnvoll ist, Liebe als Haltung und Sexualität als Gefühlserregung zu unterscheiden.
Liebe als Haltung ist das Gegenteil einer Obsession: Die leidenschaftliche Obsession, die eine meist krankhafte Spielart der sexuellen Besessenheit darstellt, bedrängt ihr Opfer einem mentalen Incubus gleich, es muß unentwegt an die Geliebte denken und ihr Bild umschwebt es wie ein Alb. Dagegen denkt der Liebende nicht ständig an die Geliebte, aber wenn er weiß, daß sie heute eine schwierige Situation zu bewältigen hat, pflegen seine Gedanken ihr nachzueilen, Tauben gleich, die um den alten Nistplatz des Kirchturms schwirren – während der Besessene eher dem Spürhund gleicht, der die Spur des weidwunden Rehs durch Wald und Gestrüpp atemlos verfolgt.
Ist Liebe eine Haltung, so Obsession eine Fehlhaltung. Der Besessene glaubt zu lieben, aber es ist nicht Liebe, was ihn bewegt, sondern Selbsttäuschung. Er täuscht sich über sich und das Objekt seiner Begierde, wenn er das, was ihn zu seinen oft aberwitzigen Gefühlen und wahnwitzigen Handlungen treibt, Liebe nennt. Wir erkennen den Unterschied leicht an dem Umstand, daß Obsessionen vermeintlicher Liebe gewöhnlich in Haß umschlagen, dann nämlich, wenn das illusorische Bild, das der Besessene sich vom Objekt seines Begehrens macht, an der Realität der Person, die sich davon wesentlich unterscheidet, zerbricht.
Ist Haß ein reaktives Erleben, wie im Falle der Enttäuschung des Besessenen durch die ernüchternde Realität der Person, die sein illusorisches Bild verdeckt hat? Oder sollen wir annehmen, daß im obsessiven Begehren das Moment des Hasses schon in der Geste enthalten war, mit der die Person von ihrem Bild eingefangen und überwältigt wurde?
Der Fanatiker bricht in Haß aus, wenn das Bild seiner religiösen Obsession durch schäbige Satiriker verhunzt, entstellt und in den Schmutz gezogen wird. Hinge er mit Liebe an dem Bild als an einem Symbol, bliebe er gelassen in dem Wissen, daß der Gegenstand seiner Verehrung gegen jeden Spott, jede Entstellung, jede Verhöhnung immun ist.
Liebe als Haltung ist genausowenig ein mentaler Zustand wie mein Wissen, daß es unendliche viele Primzahlen gibt. Denn zu glauben, daß man liebt, wenn man liebt, und zu glauben, daß man liebt, wenn man besessen ist, unterscheidet sich nicht wesentlich in Bezug auf den mentalen Zustand, der beide repräsentiert und jeweils in demselben Satz über den Inhalt dieses Glaubens ausgedrückt werden kann. Der mentale Zustand, der das Wissen von der unendlichen Anzahl der Primzahlen repräsentiert, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem mentalen Zustand, der das vermeintliche Wissen repräsentiert, daß es eine größte Primzahl gebe. Worin unterscheidet sich Wissen von vermeintlichem Wissen? Durch die Wahrheit der Aussage, die das Gewußte ausdrückt, auf der einen Seite und die Unwahrheit der Aussage, die das vermeintlich Gewußte ausdrückt, auf der anderen Seite.
Was entspricht dem Wahrheitsbezug, der die wahre von der falschen Aussage auszeichnet, auf Seiten der Liebe, so daß wir wahre Liebe von Besessenheit oder erotischer Obsession unterscheiden können? Der Wahrheit auf der einen Seite entspricht das Vertrauen oder die Treue auf der anderen Seite, die sich im Wohlwollen bezeugt, das der Liebende dem Geliebten von der Stunde an bezeugt, da er sich mit ihm als einem Freund verbunden fühlt. Wir wissen um das seelische Grauen erotischer Obsessionen, bei denen sich das Objekt des Begehrens als feindliches Objekt entpuppt, eben als Gegenstand des Hasses. Wogegen der Geliebte als Freund das alter ego ist, in dem das Ego sich nicht bloß spiegelt, sondern transzendiert.
Der Beweis, den Descartes gegen die Skepsis der unendlichen Reflexion führte, gipfelte in der Anerkennung der Tatsache der Existenz des Ego cogito, dessen er sich letztlich nur über die Güte eines Gottes versichern konnte, der seine Geschöpfe nicht hinters Licht führt. Der tiefere Beweis gipfelt in der Anerkennung der Tatsache des alter ego, dessen Einzigartigkeit wir uns vergewissern, wenn wir es uns so denken, wie es vor dem Auge Gottes in seiner Einzigartigkeit erscheint.
Die unendliche Reflexion ist die Säure der Sünde, die die Muster des Lebensteppichs auflöst.
Die Unschuld oder die Anmut des Daseins wird durch die Reflexion oder die Eigenliebe des Bewußtseins aufgelöst und es verstrickt sich in dem Gewebe des Lebens, wie die Puppe Kleists, die würde sie sich ihres Daseins bewußt die Anmut ihres selbstlosen Tanzens verlöre. Nur wenn das Bewußtsein unendlich wird, wie Kleist es romantisch ausdrückt oder wie wir sagen können, in der selbstlosen Hingabe sich transzendiert, gewinnt es die Unschuld oder die Erinnerung an die Unschuld zurück.
Verstehen wir einmal unser Reden als Antworten auf Fragen, die andere an uns gestellt haben. Wir weisen den Weg und müssen Rede und Antwort stehen, wenn wir jemanden hinters Licht geführt haben. Wir lösen die Knoten unserer geistigen Verwirrung auf, indem wir die Sätze, in denen sie sich ausdrückt, anderen zur Prüfung und Korrektur vorlegen. Wir können Theorien, die wir uns ausgedacht haben, als gültig oder akzeptabel nur betrachten, wenn wir sie so klar und verständlich darstellen, daß andere sie nachvollziehen, gutheißen oder ablehnen können – freilich jene anderen, die gutwillig und einsichtig sind, denn die Böswilligen verweigern sich, auch und gerade wenn man ihnen den reinen Wein der Wahrheit einschenkt, und den Dummen kann man alten Wein in neuen Schläuchen anbieten; womit wir am Ende wieder eine schöne Runde im unausweichlichen hermeneutischen Zirkel gedreht hätten.
Der Wanderer im Schnee
Der Wanderer im Schnee blickt sich um
und sieht der eigenen Schritte Stapfen,
die bald der Wind verweht.
Kam er an die Schwelle des Übergangs,
zur Zone des Blühens? Alles ward Schwelle,
und Schnee überstieg sich nur in neuen Glanz.
Erinnerung – Wolken, Fahnen des Winds,
Flaggen im Niemandsland,
Wolken und Schatten von Wolken.
Sterben – Tropfen, die einsam widerklingen
aus dem Brunnen des Schlafs,
und ferner noch, heller, wenn aller Traum erlosch.
Der Wanderer im Schnee blickt sich um,
alles blieb unberührt. Windstille, wolkenlos.
Er schwebt an einem blauen Haar des Lichts.
4. Stasimon, 1556–1578
εἰ θέμις ἐστί μοι τὰν ἀφανῆ θεὸν
καὶ σὲ λιταῖς σεβίζειν,
ἐννυχίων ἄναξ,
Αἰδωνεῦ Αἰδωνεῦ, λίσσωμαι
ἄπονα μήτ᾽ ἐπὶ βαρυαχεῖ
ξένον ἐξανύσαι
μόρῳ τὰν παγκευθῆ κάτω
νεκρῶν πλάκα καὶ Στύγιον δόμον.
πολλῶν γὰρ ἂν καὶ μάταν
πημάτων ἱκνουμένων
πάλιν σφε δαίμων δίκαιος αὔξοι.
ὦ χθόνιαι θεαὶ σῶμά τ᾽ ἀνικάτου
θηρός, ὃν ἐν πύλαισι
ταῖσι πολυξένοις
εὐνᾶσθαι κνυζεῖσθαί τ᾽ ἐξ ἄντρων
ἀδάματον φύλακα παρ᾽ Ἁίδᾳ
λόγος αἰὲν ἔχει:
τόν, ὦ Γᾶς παῖ καὶ Ταρτάρου,
κατεύχομαι ἐν καθαρῷ βῆναι
ὁρμωμένῳ νερτέρας
τῷ ξένῳ νεκρῶν πλάκας:
σέ τοι κικλήσκω τὸν αἰένυπνον.
Steht es mir zu, der unsichtbaren Göttin
und dir mit Gebeten scheu zu nahen,
Herr der nächtigen Dinge,
Aidoneus, Aidoneus, ich flehe,
mühelos und ohne schwer zu atmen
möge der Fremde seinen Weg nehmen
hinab zur Flur der Toten, die alle birgt,
und dem Haus der Styx.
Denn haben auch sinnlos viele Leiden
ihn heimgesucht,
soll ein gerechter Gott es ihm wieder vergüten.
O Erdgöttinnen und Leib du des unbesiegten
Untiers, das an den Pforten,
die Gäste gern einlassen,
kauert und aus Höhlen knurrt,
unbezähmter Wachhund des Hades,
wie uns die Mythe lehrt:
Dieser, o der Gaia Sohn und des Tartaros,
ich bitte dich, schreite freien Schritts,
wenn er zu den unterirdischen
strebt, der Fremdling, den Totenfeldern:
Ich beschwöre dich, gib ihm ewige Ruhe.
3. Stasimon, V. 1044–1094
εἴην ὅθι δαΐων
ἀνδρῶν τάχ᾽ ἐπιστροφαὶ
τὸν χαλκοβόαν Ἄρη
μείξουσιν, ἢ πρὸς Πυθίαις
ἢ λαμπάσιν ἀκταῖς,
οὗ πότνιαι σεμνὰ τιθηνοῦνται τέλη
θνατοῖσιν, ὧν καὶ χρυσέα
κλῂς ἐπὶ γλώσσᾳ βέβακε
προσπόλων Εὐμολπιδᾶν:
ἔνθ᾽ οἶμαι τὸν ἐγρεμάχαν
Θησέα καὶ τὰς διστόλους
ἀδμῆτας ἀδελφὰς
αὐτάρκει τάχ᾽ ἐμμίξειν βοᾷ
τούσδ᾽ ἀνὰ χώρους:
ἤ που τὸν ἐφεσπέρου
πέτρας νιφάδος πελῶσ᾽
Οἰάτιδος εἰς νόμον,
πώλοισιν ἢ ῥιμφαρμάτοις
φεύγοντες ἁμίλλαις.
ἁλώσεται: δεινὸς ὁ προσχώρων Ἄρης,
δεινὰ δὲ Θησειδᾶν ἀκμά.
πᾶς γὰρ ἀστράπτει χαλινός,
πᾶσα δ᾽ ὁρμᾶται καθεῖσ᾽
ἀμπυκτήρια στομίων
ἄμβασις, οἳ τὰν ἱππίαν
τιμῶσιν Ἀθάναν
καὶ τὸν πόντιον γαιάοχον
Ῥέας φίλον υἱόν.
ἔρδουσ᾽ ἢ μέλλουσιν; ὡς
προμνᾶταί τί μοι
γνώμα τάχ᾽ ἀντάσειν
τᾶν δεινὰ τλασᾶν, δεινὰ δ᾽ εὑρουσᾶν πρὸς αὐθαίμων πάθη.
τελεῖ τελεῖ Ζεύς τι κατ᾽ ἆμαρ
μάντις εἴμ᾽ ἐσθλῶν ἀγώνων.
εἴθ᾽ ἀελλαία ταχύρρωστος πελειὰς
αἰθερίας νεφέλας κύρσαιμ᾽ ἄνωθ᾽ ἀγώνων
αἰωρήσασα τοὐμὸν ὄμμα.
ἰὼ θεῶν πάνταρχε, παντ-
όπτα Ζεῦ, πόροις
γᾶς τᾶσδε δαμούχοις
σθένει ‘πινικείῳ τὸν εὔαγρον τελειῶσαι λόχον,
σεμνά τε παῖς Παλλὰς Ἀθάνα.
καὶ τὸν ἀγρευτὰν Ἀπόλλω
καὶ κασιγνήταν πυκνοστίκτων ὀπαδὸν
ὠκυπόδων ἐλάφων στέργω διπλᾶς ἀρωγὰς
μολεῖν γᾷ τᾷδε καὶ πολίταις.
Wär ich, wo feindlicher
Männer Gegenwendung
den erzenen Schrei des Ares
mischt, ob am Pythischen Strand,
ob am Ufer der Fackeln,
wo die Herrinnen mit feierlichen Weihen
die Sterblichen nähren, deren Zunge
mit goldenem Schloß verriegelten
die Priester aus dem Geschlecht des Eumolpos.
Dort denk ich wird Kampf erregend
Theseus auch bald auf die beiden
jungfräulichen Schwestern treffen,
und sein Ruf schallt frei
durch unsre Gemarkung.
Oder kommen sie schon von Abend her,
wo beschneit der Fels,
zu Oias Weidegrund,
auf Pferden oder schnellen Wagen
in Scharen fliehend.
Ihnen droht Gefangenschaft: Schrecklich ist der Heimischen Ares,
schrecklich des Theseus Heermacht.
Alles Zaumzeug schimmert,
alles drängt herzu,
mit straffen Zügeln
sind im Anritt, die Ehre geben
Athene, der Freundin der Pferde,
und dem Meergott, der die Erde trägt,
der Rhea geliebtem Sohn.
Tun sie die Tat oder zaudern sie?
Wie mich Ahnung beschleicht,
bald sehe ich sie wieder,
die Arges litten, arge Leiden durch Blutsverwandte geduldet.
Zeus führt es ans Ziel, ans Ziel an diesem Tag,
ich bin die Seherin edler Kämpfe.
Könnt ich mit leichtem Flügel einer flinken Taube
Äthers Wolken durchdringen und über den Kämpfen
schweifen lassen das Auge.
Io der Götter Allherrscher,
allsichtiger Zeus, verleih
dieses Landes Hütern,
mit Siegesgewalt die Jagdbeute zu erlegen,
und ehrwürdig dein Kind, Pallas Athene.
Auch der Jäger Apollo
und seine Schwester, immer auf der Pirsch
nach den gescheckten, flinkhufigen Hirschen,
sie mögen wünsch ich doppelt Hilfe
schaffen diesem Land und seinen Bürgern.
Das Schöne ist wie Schnee auf Gipfeln
unter Gestirnen fern uns aufgeglänzt,
von Gipfeln namenlos und unbesiegbar,
Gestirn wie Glanz, sie dienen Engeln nur zum Spiegel –
Wollen wir es suchen und einfangen,
schmilzt das bunte Nichts an Schaum
in unsern daseinswarmen Händen und unterm Hauch
der Namen, die wir ihm verehren wollen –
So schweben Puttenengel in Barockaltären
zwischen heiteren Ranken weißer Säulen,
und ist ihr Lächeln schön, von Liedern spitz ihr Mund,
alles fliegt, Lied und Lächeln, den ihren zu, nicht uns.
Der vergrabene Kern
Ein Vogel, der sich auf dem Zweige wiegt
und ohne sich zu kennen singt,
es plustert sein Gefieder Wind –
Blütenblätter, die Wellen sachte tragen
an den Rand des grünen Brunnens,
sie hat gestreut ein kleines Kind –
Haarspange, blauer Schmetterling,
lag verschüttet unter Garn und Wolle,
er flatterte einst wild in jungen Tagen –
Und jener Kern, den du als Kind vergraben
im Garten, der jetzt unterm Parkhaus schläft,
hat Edens Atem seine Pollen weit genug getragen?
3. Stasimon, V. 1212–1248
ὅστις τοῦ πλέονος μέρους χρῄζει τοῦ μετρίου παρεὶς
ζώειν, σκαιοσύναν φυλάσσων
ἐν ἐμοὶ κατάδηλος ἔσται.
ἐπεὶ πολλὰ μὲν αἱ μακραὶ ἁμέραι κατέθεντο δὴ
λύπας ἐγγυτέρω, τὰ τέρποντα δ᾽ οὐκ ἂν ἴδοις ὅπου,
ὅταν τις ἐς πλέον πέσῃ
τοῦ δέοντος: ὁ δ᾽ ἐπίκουρος ἰσοτέλεστος,
Ἄϊδος ὅτε μοῖρ᾽ ἀνυμέναιος
ἄλυρος ἄχορος ἀναπέφηνε,
θάνατος ἐς τελευτάν.
μὴ φῦναι τὸν ἅπαντα νικᾷ λόγον: τὸ δ᾽, ἐπεὶ φανῇ,
βῆναι κεῖθεν ὅθεν περ ἥκει,
πολὺ δεύτερον, ὡς τάχιστα.
ὡς εὖτ᾽ ἂν τὸ νέον παρῇ κούφας ἀφροσύνας φέρον,
τίς πλαγὰ πολύμοχθος ἔξω; τίς οὐ καμάτων ἔνι;
φθόνος, στάσεις, ἔρις, μάχαι
καὶ φόνοι: τό τε κατάμεμπτον ἐπιλέλογχε
πύματον ἀκρατὲς ἀπροσόμιλον
γῆρας ἄφιλον, ἵνα πρόπαντα
κακὰ κακῶν ξυνοικεῖ.
ἐν ᾧ τλάμων ὅδ᾽, οὐκ ἐγὼ μόνος,
πάντοθεν βόρειος ὥς τις
ἀκτὰ κυματοπλὴξ χειμερία κλονεῖται,
ὣς καὶ τόνδε κατ᾽ ἄκρας
δειναὶ κυματοαγεῖς
ἆται κλονέουσιν ἀεὶ ξυνοῦσαι,αἱ μὲν ἀπ᾽ ἀελίου δυσμᾶν,
αἱ δ᾽ ἀνατέλλοντος:
αἱ δ᾽ ἀνὰ μέσσαν ἀκτῖν᾽,
αἱ δ᾽ ἐννυχιᾶν ἀπὸ Ῥιπᾶν.
Wer das Maß verwirft und ein Übermaß verlangt
an Leben, steht klar vor Augen mir:
als einer, der linkisch sich verfehlt.
Da häufen sich zum Saum die langen Tage
an Kümmernissen viel, doch Freuden siehst du nirgends,
wenn einer giert nach mehr,
als immer er braucht. Als Helfer, der alle Spitzen knickt,
des Hades Schickung, erscheint ohne Brautlied,
ohne Lyra, ohne Chorgesang
am Ende der Tod.
Nicht ins Sein zu treten bleibt Sieger im Sinnlauf.
Doch nährt dich Licht, zu fliehen, woher du kamst,
aufs schnellste, ist klar Zweiter.
Ermattet einmal Jugend auf Irrsals krummen Wegen,
welcher Leidenshieb steht dann noch aus?
Fehlt noch eine der Plagen?
Mißgunst, Aufruhr, Streit, Kampf
und Bluttat, und als verhaßtes Los
zuletzt ohnmächtig, einsam, ohne der Liebe
Anmut das Alter, wo unter einem Dach zumal
Übel haust an Übel.
So leidet dieser, nicht ich allein,
wie nördliches Ufer bebt wogengepeitscht im Wintersturm:
Auch an sein Gestade
schlägt Schreckensbrandung
von Unheilgeistern, die von überall ihm kommen,
die vom Untergang der Sonne,
die von ihrem Aufgang her,
die aus der Mittagsglut,
die vom Flügelschlag der Nacht.
Innerlicher
Innerlicher gehen in den Abend,
die morgens unterm Schein der Rose standen
und mittags Lerchen hörten unsichtbar
in die hohe Angst der Bläue steigen.
Wenn wir an den Saum der Nacht uns tasten,
leuchten schon die Sterne innen,
und der Efeu, der uns dunkel streift,
ist der Schatten unsrer halb gesungnen Worte.
Und stäuben rings die weißen Flocken,
wenn wir nachts bei offnem Fenster liegen,
ist es der Schnee des Ungesagten,
der uns die müden Lider schließt.
1. Stasimon, V. 668–719
εὐίππου, ξένε, τᾶσδε χώρας
ἵκου τὰ κράτιστα γᾶς ἔπαυλα,
τὸν ἀργῆτα Κολωνόν, ἔνθ᾽
ἁ λίγεια μινύρεται
θαμίζουσα μάλιστ᾽ ἀηδὼν
χλωραῖς ὑπὸ βάσσαις,
τὸν οἰνωπὸν ἔχουσα κισσὸν
καὶ τὰν ἄβατον θεοῦ
φυλλάδα μυριόκαρπον ἀνήλιον
ἀνήνεμόν τε πάντων
χειμώνων: ἵν᾽ ὁ βακχιώτας
ἀεὶ Διόνυσος ἐμβατεύει
θεαῖς ἀμφιπολῶν τιθήναις.
θάλλει δ᾽ οὐρανίας ὑπ᾽ ἄχνας
ὁ καλλίβοτρυς κατ᾽ ἦμαρ ἀεὶ
νάρκισσος, μεγάλαιν θεαῖν
ἀρχαῖον στεφάνωμ᾽, ὅ τε
χρυσαυγὴς κρόκος: οὐδ᾽ ἄϋπνοι
κρῆναι μινύθουσιν
Κηφισοῦ νομάδες ῥεέθρων,
ἀλλ᾽ αἰὲν ἐπ᾽ ἤματι
ὠκυτόκος πεδίων ἐπινίσσεται
ἀκηράτῳ σὺν ὄμβρῳ
στερνούχου χθονός: οὐδὲ Μουσᾶν
χοροί νιν ἀπεστύγησαν οὐδ᾽ ἁ
χρυσάνιος Ἀφροδίτα.
ἔστιν δ᾽ οἷον ἐγὼ γᾶς Ἀσίας οὐκ ἐπακούω
οὐδ᾽ ἐν τᾷ μεγάλᾳ Δωρίδι νάσῳ Πέλοπος πώποτε βλαστὸν
φύτευμ᾽ ἀχείρωτον αὐτόποιον,
ἐγχέων φόβημα δαΐων,
ὃ τᾷδε θάλλει μέγιστα χώρᾳ,
γλαυκᾶς παιδοτρόφου φύλλον ἐλαίας:
τὸ μέν τις οὐ νεαρὸς οὐδὲ γήρᾳ
συνναίων ἁλιώσει χερὶ πέρσας: ὁ γὰρ αἰὲν ὁρῶν κύκλος
λεύσσει νιν μορίου Διὸς
χἀ γλαυκῶπις Ἀθάνα.
ἄλλον δ᾽ αἶνον ἔχω ματροπόλει τᾷδε κράτιστον
δῶρον τοῦ μεγάλου δαίμονος, εἰπεῖν,
χθονὸς αὔχημα μέγιστον,
εὔιππον, εὔπωλον, εὐθάλασσον.
ὦ παῖ Κρόνου, σὺ γάρ νιν εἰς
τόδ᾽ εἷσας αὔχημ᾽, ἄναξ Ποσειδάν,
ἵπποισιν τὸν ἀκεστῆρα χαλινὸν
πρώταισι ταῖσδε κτίσας ἀγυιαῖς.
ἁ δ᾽ εὐήρετμος ἔκπαγλ᾽ ἁλία χερσὶ παραπτομένα πλάτα
θρῴσκει, τῶν ἑκατομπόδων
Νηρῄδων ἀκόλουθος.
Du kamst, Fremder, ins Land der edlen Pferde,
der Erde herrlichstes Gehöft,
zum glänzenden Kolonos,
wo hellstimmig schluchzt
die Nachtigall, die gern schwirrt
in grünen Schluchten,
im weingleich dämmernden Efeu
und dem unbetretbaren, des Gottes
Laub, voll der Früchte, von Sonnenglut verschont
und allen Winterwinden,
wo immer trunken wandelt Dionysos,
schwärmend mit den nährenden Nymphen.
Es sprießt von Himmelstau
der schöntraubige Tag um Tag,
Narkissos, mit dem große Göttinnen
seit alters sich bekränzen,
und der goldäugige Krokus,
nicht trocknen aus die Quellen
des Kephissos, die Hüterinnen der strömenden Wasser,
und alle Tage hell schwellend
feuchtet er die Fluren
mit klaren Güssen
zwischen den Brüsten der Erde.
Und der Musen Chöre sind ihm nicht abhold
und Aphrodite nicht mit den Goldzügeln.
Und hier gibt es, wovon ich nicht hörte von Asia her
und nicht auf der weiten dorischen Insel des Pelops,
daß es je sproßte,
ein Gewächs, das ohne Pflanzers Hand von selbst gedeiht,
Furcht einflößend den Feinden,
so grünt es rings in diesem Land,
der blauen Oliven Baum, der die Kinder nährt:
Ihn wird wer da jung oder betagt
vergebens zerhauen mit der Hand:
Immer hat im wachen Auge ihn der hütende Gott
und lichten Auges Athene.
Anderen Ruhm noch weiß ich der Mutterstadt zu künden,
den größten, die Gabe des mächtigen Gottes,
der Erde höchstes Frohlocken,
das Gut der Pferde, das Gut der Füllen, des Meeres Schöne.
O Kind des Kronos, du sandtest sie zu solchem Ruhm,
Gebieter Poseidon, der den Pferden den zähmenden Zaum
zuerst auf diesen Wegen angelegt.
Es fliegt, in die Hand geschmiegt, das glatte Ruder
über die salzigen Weiten dahin
und furcht den hundertfüßigen
Meernymphen die Bahn.
Das Grab des Ödipus
Gibt es an der Ausfahrt in Athen
ein Schild mit dem touristischen Hinweis:
„Zum Grab des Ödipus, 3 Kilometer“?
Backen auf dem Hügel von Kolonos
kleine Mädchen Tonfigürchen,
die sie feilschend in die Sonne stellen,
die schlanke Tochter mit dem Knoten im Haar,
wie sie den zaudernden Arm hinstreckt,
an den sich der blinde Vater klammert?
Dröhnen aus einem Lautsprecher
die Stimmen des Chors:
Du, Fremder, kamst zum Land der edlen Pferde,
der Erde herrlichstem Gehöft,
zum glänzenden Kolonos kamst du, wo
die hellgestimmte schluchzt,
die Nachtigall, die gerne schwirrt
in grünen Schluchten
und haust im weingleich dämmernden Efeu,
im unbegehbaren, des Gottes Laub,
mit seinen tausend Früchten, von Sonne verschont
und allen Winterwinden,
wo trunken immer Dionysos wandelt,
schwärmend mit den nährenden Nymphen.
Die Nachtigallen flohen vor den Preßlufthämmern
beim Bau der Ferienhotels,
Dionysos hockt, ein lahmer abgerissner Greis,
auf der Terrasse eines Ausflugslokals,
im Schatten grüner Plastikgirlanden,
um schalen Wein bei einer Köchin bettelnd.
Alles Segenslicht aus Heroengräbern,
das der dunklen Erde Frieden spendet
und ein Sinnen frommen Grüns,
ward verschluckt vom Staub
unter fühllos verschnürten Füßen
und toten Augen gedächtnisloser Kameras.
Die Lampe
Stilles Licht,
das dem Wahn der Schatten wehrt
und den Schmerz des Geistes salbt.
Sanftes Licht,
das wildem Sinnen eine Insel schuf,
Korallenriff der hohen Meeresnacht.
Warmes Licht,
das den Schnee der Stirne schmilzt
und das Wort auf kalter Lippe taut.
Fernes Licht,
das am Horizont der letzten Zeile blaßt,
wenn Sonne flutet neuen Tages Grab.
Die Schale
Auf dem Tisch nur eine Schale,
ein rot getöntes Glas,
das sich im Abend leicht entflammt.
Da schwimmt ein Blatt,
als wär es aus dem Traum gefallen,
der Stille sanft gewölbte Wange.
Und was da golden glimmt,
ein reines Wasser,
hat sanfte Hand gegossen.
Vor dem Fenster
Vor dem Fenster stehen,
und nichts mehr drängt,
als könnte dort der Streifen Licht
von einem Ufersaum nur künden.
Alles fällt ungehalten durch dein Schweigen,
wie durch leeren Glanz der Amsel Ruf,
alles hebt dich, wie ein Hauch
eines Vogels grauen Flaum.
Das Dasein liegt vor dir gerundet,
ein trockner Brunnen,
doch hörst du noch das Echo
seines lang verklungenen Rauschens.
Der rohe Stein
Es mischt sich in die Luft,
die frohes Wort ernährt,
ein Salzgeruch der Ferne.
Vor dem Graun der Nacht
flügeln aus dem Meer
die Nebelboten.
Und steigt aus dunkler Wildnis
der Bitter-Stern empor,
gibt die Träne Milde.
Ein Tag hat keine Farbe,
wenn freudelos
die Wange Asche trägt.
Die Lippen trocknen rauh,
wenn kein Liebeswort
sie hat benetzt.
Und Blicke starren leer
durch tausend grelle Bilder
ohne Gegenblick.
Erde ist ein roher Stein,
besingt kein Moos ihm grün
die stumme Blöße.
Sinnlos leben hin,
die keine Blüten streun
auf des Wassers Gnade.
Unsagbar ist die Schwelle
für den spröden Mund,
den kein Lächeln salbt.
Ein Mal schwebt in der Luft,
und Efeu rankt
wie um ein stilles Grab.
An der äußersten Grenze
Nun, dann eben allein,
an der äußersten Grenze,
wo Sturmwind das Wort
auf den Lippen zerfetzt
oder Verwesungsgas
es in der Kehle erstickt –
wo Dung wollüstig kichert
und Moorgras gluckst,
wo sich das Auge,
eine müde Libelle,
zwischen verrußten Blüten verirrt –
die Heimat ward Schmerz,
auf Scherben zu treten
zerbrochener Vasen,
auf gebückte Torsen
entwester Liebesworte –
und tief unten zu hören,
wie hoher Engel Alabastergesicht
von behaarten Armen
unter spuckenden Grimassen
mit Beilen zerhauen
und der Tisch der Gaben
kreischend zersägt wird –
doch zu hören auch,
wenn die Unruh der Uhren
geisterhaft ins Leere schwingt,
das Jaulen eines kleinen Hunds,
der sich an deinem Fuß festbeißt,
als wolle Kreatur verhindern,
daß du hinabspringst.
Chiaroscuro
Als wär das Licht befleckt,
wie von Pocken
die bleiche Wange
einer kranken Blume –
die Schatten wehen,
schwarze Schleier,
durch die ein Schnee
von blinden Augen dringt –
das blaue Lid
zwischen Wolke und Meer
verwischen Striemen
schräger Schauer –
der Sinn des Worts
hängt schlaff herab,
der Dämmerung
zerrupfter Flügel –
es kippt die Nacht den Mond
aus ihrer Opferschale
in den schwarzen Hain
geweihter Knochen.
Spät
Aus den Bäumen
rauschen
dunkle Klagen.
Das Fenster färbt
mit Abschied
blaue Asche.
Auf dem Wasser
schließt das Licht
die tausend Lider.
Im Hochwald
sinkt ein Stern
ins Nebelgrab.
Das Grün des Worts
erblindet
unter Tränen.
Charis
Die Mücke tanzt
in des Sirrens ewigem Refrain
auf Erden
ihren Himmel.
Rollt ein Schnipsel
vor dem Tritt des Winds,
ist jede Drehung
Weltbeginn.
Melodie, das Tropfen dichter Zeit,
knüpft Erinnerung in uns
an den Seelendorn
des Hoffens.
Der Liebe scheues Flüstern
aus der Muschel des Schlafs,
daß du morgen wiederkommst.
Doch Charis weint,
es perlt an Halm und Blatt
ein süßer Glanz.
Bis Spatzen kommen,
auf- und niederflattern
und sich neckend nippen.
Getrost
Das Bluten der Zeit
kannst du nicht stillen
mit einem Notverband.
Doch wirst inniger du,
fühlst du die Tropfen rinnen
wie Harz aus hohlem Ast.
Das Jenseits weht herein,
wie durchs offene Fenster
Sommers pollensatter Duft.
Streck dich auf dem Sofa hin,
verwirf den Wunsch,
das Fenster zu verschließen.
Und klopft es an der Tür,
als fielen in den Schoß des Herbsts
die dir versagten Früchte –
bleib getrost nur liegen,
dein Engel geht wie ein Gesang
durch deines Todes Wand.
Erweckungen
Reiner Strahl erweckt den Knospen
der sanften Flammen Lied.
Ein Tropfen goldenen Lichts
rührt Rosen aus dem Schlaf.
Ein Anhauch milden Wassers
wölbt Bögen roter Rispen.
Der Glanz betauter Traube
perlt über grauen Schieferstein.
Das Sirren stürzender Seelen
ritzt das grüne Glas der Nacht.
Der Klöppel banger Freude
durchschlägt die Wand des Traums.
Entsühnt
Ein Ort der Erde wird rein
nur unter Weihe-Zeichen,
wenn über einem Hügel
die Kapelle mit der Glocke ruft,
zu knien vor dem Gnadenbild
und Liebeskerzen anzuzünden.
So wanderte der düstere Mann
an seiner Tochter Hand
zum Hügel von Kolonos,
Ödipus, um entsühnt
von guten Geistern
das Land zu segnen
im Verklärungslicht.
Nur wenn die Seele kniet
unter Flügeln des Gesangs,
die Wolken trüber Schauer teilen,
überm Hügel ihres voll erblühten Leids,
wird wie ein Kind sie tragen
der vor Gewittern sie verhüllt,
der Engel über jene Schwelle,
auf die wir Rosen streuen.
Der verlorene Sohn
Mit seiner Neigung wächst einsam Gestalt
dem ausgesetzten Leben,
wie die geneigten Harfen der Bäume
dem somnambulen Griff der Winde dienen –
Gefolgschaft heischt die Herrin Sonne,
wenn Blumenaugen panisch schielen
und sich im Halbkreis drehen,
wie Chöre um den Glanz der Operndiva –
es spindeln sich um einen starken Arm
väterlichen Halts die zarten Winden,
und Efeu schauert übern Fels,
den harten Sitz des grünen Lebens –
doch schleicht der blindgeliebte Sohn
am Bande väterlicher Tränenblicke
durch die engen Flure warmer Schatten,
krümmt sich seine Seele unters Joch
der mütterlichen Seufzer,
kann aus der Gefangenschaft der Liebe
er nicht aufrecht durch das Tor
des ihm, nur ihm erblühten Gartens gehen –
ihn quält die Sehnsucht nach dem Meer,
er hört am nächtlichen Fenster nur sein Rauschen,
er fühlt im Haar der fremden Frau den fernen Wind
und schmeckt auf ihren Lippen Salz,
in ihren Augen ebbt und flutet Licht im Uferschilf –
er gräbt mit hartem Stichel sich ein Loch
in den verhornten Grund der Seele,
doch schöpft er keinen Trank
wie Tiere, die in Steppen scharren,
er senkt sich ganz in diesen toten Schacht
und liegt erstarrt auf seinem Grund,
während er gesenkten Blickes geht
an den Seinen wie im wachen Traum vorbei,
düster und verschwiegen.
Den Schmerz verwandeln
Den Schmerz verwandeln in Kristall,
der in des Abends Scheideblick gehalten
mit grünen Flammen singt.
Wenn Tropfen goldner Klänge nicht mehr trösten,
sie nachts in Schweigekrügen sammeln
und sprengen in die Falten grauem Tag.
Wenn die Kerze zitternd Schatten wirft,
sie heil umfangen wie das Antlitz krankem Kind
mit Flehenshänden des Gebets.
Der Klage weißes Linnen mit Narden beträufeln,
gesotten aus wilden Kräutern
mit dem Duft der indischen Nacht.
Dem Sterbenden die trocknen Lippen feuchten
mit dem zarten Bausch,
getunkt in Rosenwassers ausgeklungnes Rauschen.
Der blaue Himmel des Gedichts
Wenn dem Mund entströmen
still wie Tropfen
oder dunkel sickern
Worte aus dem Moos der Seele –
da wächst ein scheues Glänzen
unterm Auge Gottes
in der Nacht so kleiner Mulden –
dort wollen rötlich füllen
die Blütentrauben Heidekraut
mit Blutes warmem Licht
und Veilchen ihre Köpfe wiegen.
Wenn unterm Anhauch
warmen Lallens
der Schnee der Wange schmilzt
oder Lächeln grünt
in Löchern kalter Laken,
die scharfer Strahl gerissen –
da geht ein Kind die Freude suchen
am Tanz der runden Kiesel
in Melodien klarer Wasser –
dort wollen Wolken singen
dem Ohr des müden Herzens
vom Schattenspiel der Flügel,
die übers grüne Glas des Abends strichen.
Wenn Hände dankend heben
wie sonnenfrohe Zweige
in den Himmel reiner Güte
die Früchte langer Wehen
oder der Bettler Mund
sich der stummen Blume leiht –
da geht ein Mensch die Freude finden
im Glanz von Tränen,
die unterm Schlaf der Rose quellen –
dort wollen dunkle Keime trinken
aus heller Blicke Kelch
und sich zarte Sprossen recken
in den blauen Himmel des Gedichts.
Abgesang
Nun sind wir zu müde und schwer,
hinter uns blättert die Wand,
und vor uns grollt ein Wetter.
Uns bleibt nur Schwelle und Schneise,
Schneise, uns im Licht der Blumen zu ahnen,
Schwelle, singend den Abschied hinauszuzögern.
Wir sind zu müde und schwer,
hinter uns gären die Vorjahrsfrüchte,
vor uns der Irrgänge Duft von Flieder und Veilchen.
Uns bleibt nur bei offenen Fenstern zu lauschen,
sind es die hohen Schilfe, die raunen, sind es
durch Nebel des Tals verzerrt die Glocken.
Wir sind zu müde und schwer,
wir wandern durch die Felsenklüfte von Sessel und Schrank
und erblicken im fernen Wogen der Saaten das Meer.
Auf ausgeträumten Pfaden
Du geh, die Ferne kommt
mit einem jähen Leuchten,
das Blatt und Lippe bleicht
und Wolkenwangen rötet.
Geh durch das gläserne Tönen
des grasverliebten Taus,
es singt wie perlendes Wasser
von selbst aus lachendem Mund.
Laß fahren dahin die Träume,
die unvergorenen Trauben,
geh und gedenke der Kirschen,
die baumeln an kindlichem Ohr.
Du geh, die Sonne holt auf,
schon betteln am Rande des Pfads
die Lilien um feuchtere Blicke.
Terzinen vom Wunderland
Dort sind die Tage transparente Schalen,
die überm Dorn der Seele langsam kreisen
und spiegeln ihres Fruchtens süße Qualen.
Dort gießt die Nacht in Wehmutschneisen
die Honignarde aus den Muschelvasen,
und Rosen gehen den Tränenpfad, den leisen.
Dort sind, die aus den Klüften Blüten blasen,
die Geister moosgenährter Lebensquellen,
und Rehe, die in Hainen Träume grasen.
Dort blüht ein Licht auf dunklen Wellen,
und dunkel tönt das Licht der Orchideen,
wenn Abendstille trinken die Libellen.
O Land, um das die wunden Seelen flehen.
Schwebend
Wunder, wenn wundgelegener Seele
der Schmelz von silbernen Gipfeln sich gönnt,
und zwischen ihr und der harten Erde
fließt schmal der blaue Streifen Glück.
Oder wenn das Brackwasser des Lärms
ausufernd-schäumenden Herzens
sich unterm Strahl des Mondes teilt
und sie Schweigens Halme streift.
So sei Sterben Aufstieg aus Rätseln
wie des Nebels über flimmernder See,
wenn sie gehörnter Muschel Mund
aus Tanggenist ins Bodenlose bläst.
Terzinen von den verlorenen Tagen
Die Tage schwinden ohne Widerhall,
wie Bilder, die aus glatten Teichen tauchen,
mit einemal verwischt ein Regenschwall.
Und all die Worte, die unsern Zartsinn brauchen,
und all die Küsse, die wie Früchte locken,
sind feuchte Feuer, die in fahle Bläue rauchen.
Der Mund der hohen Kunde wurde trocken,
entnervte Hände kramen aus den Taschen
für trunkner Schwäne Neigen karge Brocken.
Die Seele konnten keine Schauer waschen,
und war kein Blitz so rein, ihr zu entzünden
der Liebe Blicke aus den kalten Aschen.
O Tage, die in schale Träume münden.
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