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Mrz 11 17

Der wackelnde Kopf

Im Café sitzt die Oma
mit dem batistumkräuselten Sommerhütchen
und schlürft die flüssige Schokolade,
daß ihrs auf die blütenduftige Spitzenbluse kleckert,
und blitzt mit ihren verschmitzten Spatzenäuglein
scheel durchs opulente Schaufenster
auf Hinz und Kunzin,
ob sie ordentlich herausgeputzt
oder ihrem reinlichen Geschmack zuwider wandeln,
wie dunkle Elendsschurken um die Gunst der Sonne buhlen
oder enggeschnallte Minirockpüppchen
ihre falschen Nägel und Wimpern,
ihre spitzen Brüste schamlos in die Blicke
schmachtender Eckensteher schieben,
oder ob da eine Genossin ihrer Altersleiden
mit dem Krückstock sich durchs Wunderland
des schnöden Scheins zum Grab hin schleppt.

Sie wackelt unentwegt
mit dem beschlagenen Silberzierrat
ihres eingeschrumpften Greisenkopfes,
in dem die gellend-grellen Bilder des Tages
aus den verbeulten Blechkannen ihrer Träume
mit ranziger Milch übergossen werden,
als wenn sie sagen wollte:

„Noch sitz ich da,
noch zittert mir das Leben,
noch bin ich da,
noch wackelt mir der Kopf,
doch bald, ach wohl bald,
da fällt – pardauz – er ab!“

Mrz 10 17

Mediterraner Abend

Da ist noch die vag verschwimmende Linie
des Horizonts, die sich nicht mehr lauthals auftut,
gepreßten Lippen gleich wird schmaler sie und blaß.

Da zuckelt noch ein verschnürtes Bündel Wolken,
das kein müder Wind mehr aufblättern mag,
ein Schnörkel wird aufgesogen von grünem Löschpapier.

Da liegt noch ein verrotteter Kahn am Kai,
stumpfsinnig gewiegt von mechanischen Wellen,
vertändelt er quietschend seinen Schlaf.

Da stehen auf dem Tisch noch ein paar Gläser,
die langsam rutschen, klirrend sich berühren,
als würde sacht, ganz sacht die Erde beben.

 

Mrz 10 17

Liebeswunsch

Aus deines Auges Wunderspiegel
laß mich leuchtend tauchen,
verklärt von deinen Tränen.

Laß den Durst verbrannter Seele
milde Tropfen schöpfen
aus dem Brunnen deiner Seufzer.

Hüll meinen Kopf
wie dumpfes Brausen
im dichten Blattwerk deiner Hände.

Laß in deinem Haar mich bergen
wie in einem Wald,
wenn wieder quält der grelle Tag,
Dunkelheit mir zu eratmen
in seinem herben Duft.

Wie in hohen Baumes Zweigen
Abendröte schmilzt,
umranke mich
deiner Arme Schattenspiel.

Der sich müd gehechelt
auf schwitzendem Asphalt,
einen armen Hund laß schlafen
auf mondesstillen Hügeln.

Mrz 10 17

Der Maulwurf

In mir rieselt Erde,
ich kau die Krume Nacht.

Ich taste nach dem Rütteln
von Egerling und Raupe.
Meines Lebens Fest
ist ein toter Wurm.

Ich streife an den Wurzeln
mir aus dem Fell den Traum.
Es klebt an meinen Wimpern
der graue Niemandsstaub.

Ich grabe, scharre, wühle,
niemals wird es Licht.
Ich starre, harre, lausche,
niemals tönt ein Lied.

Ich hör nur dumpfes Heulen,
ich hör nur wildes Schluchzen
durch meiner Labyrinthe Gang.

Ich warte auf den Winter,
ich hoffe auf den Schnee,
ein Guckloch mir zu schaufeln
in die menschenleere Pracht
kalt glitzernder Kristalle.

In mir rieselt Erde,
ich kau die Krume Nacht.

Mrz 10 17

Wir

I

Wir sind wie Wolken vor dem Wind,
der mit uns spielt und eine Weile gönnt,
und wenn wir in die Bläue träumen,
uns zerreißt mit einem letzten Kuß.

*

II

Wir atmen fremder Lüfte fremden Geist,
der in uns sucht nach einer blauen Mulde,
zu ruhen dort dem wilden Wasser gleich,
das mündet unterm Sternenglanz der Stille.

*

III

Wir gehen immer tiefer in die Nacht,
die aus fernen Gärten Blüten streut,
und noch bevor die erste Knospe glimmt,
den Duft der Heimat zu uns weht.

*

IV

Wir sehen jenseits uns im Augenwasser,
das unter unsern Abschiedsblicken dunkelt,
und sinken uns die Lider unterm Schnee des Lichts,
wie Blüten treiben wir auf fernen Teichen.

*

V

Wir kommen spät zum Abendhügel,
wo Tränen unsre Wunden schließen
und auf Altären aus den Blumengarben
die Liebe, der wir sie pflückten, singt.

*

VI

Uns bleiben nur die alten schlichten Worte,
die wie Kerne kleben gern am Gaumen lang,
die wahren Gesten Abschied und Willkommen
und das Adieu, wenn Auge tief aus Augen trinkt.

*

VII

Und wenn am letzten Ufer fremde Luft
uns Haar und Mantel wie ein Lodern bauscht,
dann halten kindlich wir uns bei der Hand,
die Herzen hebt schon Rauschens weißer Gischt.

*

VIII

Und beugst du nochmals über mich
die helle Blume deines Lächelns,
nimmt mich der alten Heimat Garten auf,
und Schlehendorn verschließt ihn ganz.

*

IX

Und finden wieder wir den Pfad zu jener Höhe,
wo unter uns der Strom wie Sage schimmert,
harren wir der Nacht, bis sie mit Jenseitsblüten
uns ganz bedeckt, und kehren nicht zurück.

*

X

Wir sind die Tränen, die von Schlafes Lidern rinnen,
und haben Wärme nur auf kindlich-süßer Wange.
Wir sind die zart ins Mädchenhaar geschmiegte Spange,
die blind entgleitet unterm Beben sanfter Minnen.

Mrz 9 17

Der Dichter und die Hexe von Endor

Sie sprach und aus ihr sprachen
die vom Geist gewrungenen Eingeweide:

„Gott hat rechtens dich verstoßen,
den unbotmäßigen Knecht,
und es stockte der wahrsagende Fluß deines Bluts,
und die Treppe aus Licht,
die dir wuchs aus dem Herzen empor,
damit Engel darauf stiegen auf und nieder,
stürzte ein –

wie sind dir die Lippen verdorrt
in der Wüste des Worts,
wo Chimären auf den Wolken der Träume reiten
und Nichtiges lallt ein Mund,
dem entzog den triefenden Kelch der Herr –

und zwischen dir und dem Volk sank hin
der verkrüppelte Zweig der Sage,
und seine toten Blätter pflückte der Wind,
denn Nahrung fände er nur im Trog der Tränen,
doch es hat deinen Sinn versteint der Herr –

wen soll ich dir beschwören von den Ahnen,
von denen sich dein Hunger abgewandt,
um zu grasen auf wahngedüngter Weide,
keiner stünde auf, anders dir zu sagen
als mit den Händen vor dem Angesicht.“

Und sie setzte vor ihn hin ein Abendmahl
von Frucht und saurem Brot und Wein,
er aß nicht, doch er trank den Wein,
um zu vergessen, und er vergaß,
das Weib, den Spruch und auch das Letzte,
das Überstehen im eignen Sein.

Mrz 9 17

Terzinen vom Gesang der Schatten

Und wieder haben Klänge uns enthoben
erstarrten Lebens taub gewordnem Fühlen,
das Traumes Totgeflecht sich hat verwoben,

aus dem wir uns wie spät Erwachte wühlen,
von hellen Stimmen zur Heiterkeit gezogen,
in blaue Lüfte, die uns mit Freuden kühlen.

Wir sind wie Saiten unter sanftem Bogen,
die hohem Willen süß ergeben schwingen,
und Küssen gleich zerfließen ihre Wogen.

Wir sind der Tropfen goldenes Springen,
wenn leise Blüten laute Schauer brauchen,
wir sind der Schatten abendliches Singen.

O Seelen, die aus der Lieder Asche rauchen.

Mrz 8 17

Das Sternengrab

Wir gingen einsam zwischen schroffen Hängen,
an denen knorrig Wurzelstöcke hingen,
die saugten tote Träume aus der Luft.

Aus der Höhe regte sich der Wind des Unsichtbaren,
der manchmal uns umschlang mit weichen Fetzen
wilden Singsangs, Blöken dumpfer Klage.

Wo aber, die wir den Verirrten gleich erhofften,
die Blumenkerzen abendlichen Glühens,
aus denen Lieder duften, weite Gärten wo?

Ich hatte nur das Bauschen deines Haars,
wie einer Fahne inständiges Flattern,
und hatte deiner Wehmut Händedruck.

Wir legten uns in Mooses weiche Schale
und deckten uns mit leisen Worten zu,
die schmolzen uns am Munde hin wie Flocken.

Wir sahen in den schmalen Felsenriß empor,
dort standen rein entsprossen Sterne,
wie treue Blumen über frischem Grab.

Mrz 8 17

Philoktetes

Einsam ausgesetzt,
mit schwärender Wunde,
deren Gestank die Kriegsgenossen verscheuchte,
auf dem Eiland des Herzens –

blieb dir einzig wie himmlische Bläue
Erinnerung,
der Bogen des Herakles,
den er dir reichte,
als du den Scheiterhaufen entzündet,
um seine Qualen durch Feuers Qual zu verbrennen,

dir blieb nur wie Schorf auf der Wunde
der verweigernde Trotz,
als der Intrigant der Heroen,
Odysseus, mit dem schönen Jüngling kam,
ihn dir abspenstig zu machen.

Wie sollen wir,
von anderer Schlange gebissen,
von derselben,
trügerischer Sage glauben,
Heil sei dir im Gemetzel vor Troja gekommen,
wo jene Wunde
nur die Träne zu schließen vermöchte,
die dem Traum eines Engels entquillt?

Mrz 8 17

Angerührt

Ein Fleck, der über die Augen summt,
Mücke des Lichts,
und aus dem Traum geschreckt,
siehst du in die bronzene Höhle der Luft.

Oder wenn tief aus dem Schlaf des Waldes
kühler Atem strömt,
sinkt dein Fuß ins nächtliche Moos,
und du denkst die Heimat verloren.

Die warmen Schiefersteine,
die an der Stirn des Knaben gesagt
vom gelben Schwellen der Frucht,
blauem Saft, der masert den Schnee der Haut.

Eine Kastanie klatscht in das morsche Laub,
das langes Schweigen in dir angehäuft,
ein scheuer Vogel fliegst du auf zu sehen,
wo der Herbst noch blaue Stellen hat.

Noch einmal tunkst du den müden Fuß
in den beißenden Schaum des Bachs,
und die harten Tropfen klopfen an dein Herz,
Glocke, die wild zu bimmeln beginnt.

Unter dem harten Schnabel des Bussards,
der siegreich gefleckt über dir streicht,
kriechst du ins Dunkel der Halme zurück,
ob noch mütterlich unter warmer Erde
der Schoß der Stille um dich weine.

Mrz 7 17

Der Fuchsschädel

Was da schimmerte am Rand des Pfads,
der wie Erinnern uns emportrug
in den blauen Krokus der Nacht,
der Schädel eines Fuchses.

Wie die Dachziegel glänzten im Tal,
als kühler Wind den Fluß kräuselte,
deinen Augen gleich,
die Gnadenwasser gewaschen.

Wie krallte sich der Rebstock,
gekrümmt von Schicksal,
mit toten Fingern in den Stein.

So gingen abwärts wir den Pfad,
die Kiesel hüpften dir vom Schuh,
deine Hüften teilten singend die Luft,
während ich immer tiefer sank
in den hohlen Schädel des Tiers.

Mrz 7 17

Sprühen, Irren, Fallen

Aufsprühen, Funke unter Funken,
aus den Feuerballen des Herbsts.

Emporirren, im roten Himmel schwimmen
und verlöschen im Dämmertrog.

Oder wirrend, Mücke unter Mücken,
um den dampfenden Haufen Mist.

Blaugrün glänzen unter dem Helm der Nacht,
verloren dem kommenden Tag.

Verschmelzen, Schrei mit den Schreien,
die Morgensonne aus den Wäldern peitscht.

Saumselig beben an kaltem Mund,
Tropfen, der sich löst und fällt.

Mrz 6 17

Die Muschel und das Haus

Über einen wesentlichen Unterschied zwischen Tier und Mensch

… doch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde …

Unter Verhalten verstehen wir kausal determinierte und durch genetische Programme gesteuerte oder durch ein Training konditionierte Formen der Bewegung und Tätigkeit von Lebewesen; unter Handeln verstehen wir die nicht kausal determinierte und nicht durch Konditionierung andressierte Form typisch menschlicher Arten des Tuns, deren ritualisierte Formen wir Gewohnheiten nennen.

Menschen sind sowohl durch genetische Programme zu Verhaltensweisen disponiert, wie bei den unwillkürlichen Reflexbewegungen zum Schutz und zur Abwehr einer Gefahrenquelle (Lidreflex), als auch zur Konditionierung von Bewegungsabläufen fähig, wie beim Fahrradfahren, Gehen, Schwimmen oder Tanzen. Das spezifische Humanum aber und das Eigentümliche menschlichen Tuns erfassen wir im Begriff des Handelns.

Bei den oft komplexen Bauten der Tiere, beispielsweise dem Nestbau der Teichrohrsänger, dem manchmal imposanten Turmbau der Termiten oder den symmetrisch angeordneten hexagonalen Bienenwaben, werden die ausführenden Bewegungen von einem genetisch angelegten und vererbten Programm gesteuert.

Am deutlichsten liegen Wesen und Funktionsweise der tierischen Behausungen bei den musterförmig angelegten und farbig schillernden Schalen der Muscheln und den spiralig gewundenen Gehäusen der Schnecken zutage; sie sind mineralische, meist kalkhaltige Absonderungen des oberen Hautmantels der Weichtiere und dienen in erster Linie dem Schutz vor Freßfeinden.

Wir nennen das Gehäuse der Muschel und Schnecke ein Haus und gebrauchen damit eine anthropomorphe Metapher, die den Sachverhalt mehr verdeckt als präzise bezeichnet. Denn in Wahrheit ist die Behausung der Tiere keineswegs ein Haus in der Bedeutung des Wortes, die wir meinen, wenn wir davon sprechen, daß Peter ein neues Haus in der Vorstadt erworben hat, daß Karl stolz darauf ist, das alte von den Großeltern geerbte Fachwerkhaus nach historischem Vorbild vollständig restauriert zu haben, oder daß Paula lieber in einer Jugendstilvilla wohnt als in der schmucklos nüchternen Bauhaussiedlung.

Der Begriff „Haus“, so sehen wir, ist ein wichtiger Begriff im Netzwerk all jener Begriffe und Konzepte, mit denen wir die menschliche Lebensform in ihrer Eigenart beschreiben und erfassen. Dieses begriffliche Netzwerk ist an bestimmten Punkten gleichsam verknotet: An diesen Knoten oder Verzweigungspunkten finden wir die logisch-semantischen Kategorien, von denen alle anderen Begriffe und eigentümlich menschlichen Sprachverwendungen abhängen; oder wie wir auch genauer formulieren können: jene zentralen Kategorien, die logisch-semantische Voraussetzungen (Präsuppositionen) oder Folgerungen (Implikationen) aller anderen Begriffe des Netzwerks darstellen.

Wenn Peter ein Haus erwirbt oder Karl ein Haus von den Großeltern erbt, impliziert diese Redeweise den Begriff einer Rechtsperson, der Begriff einer mit Rechten ausgestatteten und mit rechtlichen Verpflichtungen (Obligationen) behafteten Person impliziert ihrerseits den Begriff eines Rechtsinstituts, das in diesem Falle Eigentum genannt wird.

Wir bemerken, daß Menschen im Gegensatz zu Tieren in Häusern wohnen, die Eigentum von Personen als Rechtsträgern darstellen; und Eigentum kann gemäß waltenden und geltenden Rechtsinstituten vermietet, verpachtet, vererbt, geerbt, veräußert, mit Hypotheken belastet oder versteigert werden. Muscheln und Schnecken sind nicht Eigentümer ihrer Behausungen und können sie nicht vererben oder mit einer Hypothek belasten; Termiten der jüngeren Generation haben die großen Turmbauten nicht von ihren Ahnen geerbt.

Menschliche Behausungen sind die Ergebnisse einer ganzen Kette von ineinandergreifenden und aufeinander gestuften Handlungen. Allen voran geht die Absicht eines Menschen, ein Haus zu bauen. Wenn Peter die Absicht hegt, ein Haus zu bauen, wird er sich ein solches weit in die Zukunft ausstrahlendes Vorhaben gründlich überlegen; zu seinen Überlegungen und Erwägungen zählt der Zweck, den er damit verfolgt: Will er das Haus für den Eigenbedarf, für sich und seine Familie, nutzen, was weiter impliziert, daß es eine kinderfreundliche Umgebung aufweisen sollte; will er ein Mietshaus errichten lassen, das ihm durch Mieteinnahmen eine solide Rendite einbringt; will er, falls er es sich leisten kann, mit einem architektonisch herausragenden Bau einer Villa eine Stilikone errichten, die seiner großen Persönlichkeit Ausdruck verleihen und sein Image als eigenwilliger Kopf ins rechte Licht stellen soll?

Steht der Zweck des Vorhabens fest, fügen sich die Überlegungen über die Art der Finanzierung und Ausführung an; welche Bank gewährt ihm unter günstigen Konditionen einen Kredit in der gewünschten Höhe; welcher Architekt kommt für die Planung, welches Bauunternehmen für die Ausführung in Frage? Architekt und Bauunternehmen setzen, einmal vertraglich mit Planung und Ausführung des Bauvorhabens betraut, wieder eine sich verzweigende Kette oder Kaskade von abgeleiteten und delegierten Handlungen in Gang, die von der Erstellung des maßstabgetreuen Entwurfs durch den Architekten über die Berechnungen des Statikers und die Anordnungen des Bauunternehmers bis zu den Anweisungen des Meisters an der Baugrube reichen, der die Arbeiter über den Einsatz von Maschinen und Baustoffen an diesem bestimmten Arbeitstag unterrichtet; am Ende der Kette steht die Handbewegung des Arbeiters, der mit der Schaufel den Humus von der Baustelle wegräumt.

Wir merken an, daß all die genannten wesentlichen Begriffe, die menschliche Handlungen definieren und spezifizieren – Absicht, planende Überlegung und Erwägung, Zweck, Delegierung der Handlungsausführung – im animalischen Bereich keine Entsprechung haben.

Wenn Karl stolz darauf ist, das alte von den Großeltern ererbte Fachwerkhaus nach historischem Vorbild vollständig restauriert zu haben, zeigt er mit seinem Stolz eine Haltung, die ähnlich wie die Haltungen Scham und Schuldgefühl spezifisch menschlich ist: Stolz offenbart wie Scham und Schuldgefühl ein Selbstgefühl oder ein reflexives Verhältnis zum eigenen Dasein, ein Verhältnis, das naturgemäß nur ihrer selbst bewußte Lebewesen einnehmen können. Aus diesem Grunde treffen wir im Tierreich auch nicht auf diese dem Menschen eigentümlichen Selbstverhältnisse von Stolz, Scham und Schuldgefühl.

Stolz, Scham und Schuldgefühl sind Selbstverhältnisse, die sich auf Handlungen in der Vergangenheit des Lebens der betroffenen Person beziehen; sie implizieren demnach die Existenz eines autobiographischen Gedächtnisses, wenn sich etwa jemand mit dem Gefühl des Stolzes daran erinnert, gemeinsam mit der Familie und den Freunden vor einem Jahr das Richtfest für das neue Haus begangen zu haben, wenn sich jemand mit dem Gefühl der Scham daran erinnert, sich vor den Kindern einer Heldentat gebrüstet zu haben, die ein anderer vollbracht hat, oder wenn einer sich mit dem Gefühl der Reue daran erinnert, den Freund damals, als er krank darniederlag, vernachlässigt oder im Stich gelassen zu haben. Diese Formen des Selbstbezugs sind den Tieren verschlossen.

Wir können uns wohl denken, daß der Hund sich tierisch freut, wenn er sein Herrchen im Treppenhaus wittert; aber daß er mit dem Gefühl der Schuld und Reue sich daran erinnert, sein Herrchen vor einem guten Jahr aus Übermut in die Hand gebissen zu haben, verbleibt außerhalb des Rahmens tierischer Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Wir möchten die kühne Behauptung wagen, daß der Begriff des Hauses mit all seinen Implikationen den Sinn des menschlichen Lebens enthält: Denn das Dasein des Menschen vollzieht sich nicht als nacktes natürliches Vegetieren, sondern als geschichtlich konkretes, kultürliches Wohnen.

Wir drücken denselben Zusammenhang mit anderen Worten auch so aus: Menschen pflegen einen Hausstand zu gründen und einen Haushalt zu führen, im Vollsinne des Wortes, wenn sie dies nicht in der sich verbreitenden defizitären Form des Single-Haushalts, sondern in und für jene Hausgemeinschaft tun, die wir Familie nennen. Einen Haushalt zu führen ist der Zweck des kulturellen Lebens und impliziert eine Kaskade von Handlungen, wie die Erstellung eines Haushaltsbudgets und eines Haushaltsplans, das regelmäßige Aufräumen und Putzen der Zimmer, Einkauf von Getränken und Nahrungsmitteln, Zubereitung der Mahlzeiten, Waschen und Bügeln, Nähen und Stopfen der Kleidung. All diese und viele weitere mehr oder weniger komplexe Handlungen bei der Führung des Haushalts sind eingeordnet in die höherstufigen Zweckerfüllungen, die das Leben der Familienmitglieder prägen und mit Sinn erhellen: Hat jemand Geburtstag, gilt es Geschenke zu besorgen und eine Feier auszurichten, ein Krankheitsfall fordert den Einsatz besonderer Pflege, ein Sterbefall die Fürsorge für die besonders von Trauer Heimgesuchten; Freizeitvergnügen und Urlaub verlangen ihr Recht, vor allem aber die rituellen Feiern im Jahreskreis, die wie Ostern und Weihnachten Wohnung und Haus zu Festlichkeiten in der größeren Gemeinschaft der Anverwandten und Freunde öffnen. Der weiter übergeordnete Zweck des Haushalts ist die Pflege und Stabilisierung der Generationenfolge: Deshalb ist ein Haus ohne das muntere Geplapper und den fröhlichen Gesang von Kindern existentiell leer, deshalb werden im Haus die wesentlichen kulturellen Fertigkeiten und Fähigkeiten von der Sprache über das Schreiben und Rechnen bis zur Einübung in religiöse Praktiken eingeübt und von Generation zu Generation tradiert; gewiß darf man hier auch die Weitergabe wertvollen Kulturgutes in Form von Liedern, Märchen und Sagen ansprechen, aber auch die Aneignung mehr oder weniger ausgefeilter künstlerischer Techniken durch Zeichnen, Malen, Plastizieren und Musizieren in einem Atem nennen.

Tiere gründen keinen Hausstand, führen keinen Haushalt und leben nicht in und für eine Familie, auch wenn wir aufgrund der Verwendung anthropomorpher Metaphern und Analogien bei der Beschreibung tierischer Vergeselligung leicht verführt werden, nicht nur so zu reden, sondern auch so zu denken. Aber auch wenn die Jungvögel bisweilen die Melodien bei den Altvögeln ablauschen oder kleine Menschenaffen technische Fertigkeiten wie den Gebrauch von Stecken zum Ameisenfischen von den großen abmerken und erlernen, es wäre doch geradezu lächerlich oder bewußt irreführend, in solchen Fällen von der Liedtradition der Singvögel oder von der Kultur der Affen zu reden, denn Vögel wissen nicht, daß sie das tun, was wir singen nennen, denn wüßten sie dies, könnten sie die Absicht hegen, mit ihrem Gesang einen künstlerisch vollendeten Eindruck bei ihresgleichen oder gar bei lyrischen Dichtern zu erwecken; dann könnten sie auch ästhetisch imaginieren, daß eine Variation eines Themas in der nächstliegenden Moll-Tonart den ästhetischen Eindruck ihrer Darbietung sinnreich moduliert und steigert. Ebenso abwegig ist die Rede von der Kultur der Affen, denn wären sich Affen ihres Tuns als Handlungen eines „Pan faber“ bewußt, suchten sie durch systematisches Vorgehen ihre Geräte zu perfektionieren und würden ab morgen ihre Angelruten aus Bronze oder Eisen schmieden. Daß im Haushalt einer Orang-Utan-Familie je der dritte Geburtstag eines Jungtieres gefeiert oder des Hingangs der Großmutter vor vier Jahren in der Schimpansenhorde durch eine Totenfeier und einen stillen Besuch auf dem Friedhof gedacht würden, bleibt für immer der Phantasie des Märchens anheimgestellt.

Die Ursprünge der menschlichen Behausung und der Religion berühren sich: Das bezeugt der Kult der Hestia im antiken Griechenland und der Kult der Vesta im alten Rom, der ursprünglich ein Kult der Familie und ihrer Ahnen gewesen ist und das Herdfeuer im Hause zum Zentrum hatte. In seinen Umkreis gehören die Schutzgötter der Familie, die Penaten, und die Geister der Ahnen, die Manen. Daß der ursprünglich familiäre häusliche Kult zum Staatskult der Römer (in dem teilweise erhaltenen Tempel auf dem Forum Romanum) avancierte, verweist auf die allgemeine historische Tatsache, daß die höherstufigen Formen der Gemeinschaft aus den Familienverbänden hervorgingen.

                                    usque ego postera
crescam laude recens, dum Capitolium
scandet cum tacita virgine pontifex.

Horaz, Carmina 3, 30

                                      bleibe jung ich im Rühmen
der Kommenden, solang zum Hügel des Kapitols
schreitet mit der stummen Vestalin der Pontifex.

So verknüpft der Dichter Horaz das Schicksal seines Lieds mit dem Schicksal der heiligen Roma und verewigt es im Bild der Hüterin des Herdfeuers, der Vestalin, und des Pontifex, der an ihm die rituellen Opfer vollzieht.

Ein durch den akademischen Jahrmarktsrummel der sogenannten Kognitionswissenschaft und Neurophilosophie geblendetes Publikum wird in einem Buch des einflußreichen Philosophen Daniel Dennett (für den der Glaube an Gott eine Variante des Glaubens an den Osterhasen ist) der Suggestion zweier nebeneinanderstehender Abbildungen ausgesetzt: Auf dem einen sieht man eine mächtig in die Höhe gewachsene Ansammlung von Termitentürmen und daneben die von dem spanischen Architekten Antoni Gaudi in neogotischem und hypermanieristisch-figürlichem Stil entworfene und teilweise zu seinen Lebzeiten fertiggestellte Kirche Sagrada Familia in Barcelona, die 2010 von Papst Benedikt XVI. geweiht worden ist. Dieser Sakralbau umfaßt in vielen Figurenensembles die ganze heilige Geschichte, wie sie die Evangelien erzählen, von der Krippe bis zum Kreuz, vom Marienleben bis zum Weg der Passion Christi. Was soll mit dieser, soll man sagen dreisten oder naiven, Gegenüberstellung suggeriert werden? Offensichtlich, daß Termiten ebensolche bedeutenden Architekten und begnadeten Künstler wie der spanische Architekt der Sagrada Familia sind – offensichtlich auch, daß die religiösen Inhalte des Kirchenbaus für sein Verständnis irrelevant sind. Oder sollen wir, von der Suggestion einer dummdreisten Analogie heillos geblendet, annehmen, daß auf dem Termitenbau bereits ein sakraler Hauch gebreitet ist?

Den Kirchenbau des Antoni Gaudi klassifizierten wir mit den kunstgeschichtlichen Begriffen neogotisch und manieristisch. Daß die Bauten des Menschen sich nicht bloß in der Erfüllung ihres Zwecks, wie des Schutzes vor der Unbill der Witterung oder vor lästigen und kriminellen Eindringlingen, erschöpfen, sondern darüber hinaus den Willen zu eigentümlichem ästhetischen Ausdruck widerspiegeln, ist wiederum ein typisch menschliches Charakteristikum, das wir in der Tierwelt nicht antreffen. Es wäre ja lächerlich, den Termiten bei ihren gewaltigen spitz zulaufenden Turmbauten den Willen zu unterstellen, ihr Lebensgefühl in gotischen Formen Ausdruck verliehen zu haben. Werden Sie uns morgen – welcher unerhörte Schritt in der Evolution! – mit Bauformen im Rokoko- oder Jugendstil überraschen?

Wenn sich der spanische Architekt in den Naturgebilden tierischer Behausungen ästhetische Anregungen geholt hat – was offensichtlich der Fall ist –, so ist dies eine Sache freier künstlerischer Wahl und Entscheidung, und er ist sowohl bei den mineralischen Strukturen wie bei den floralen Bildungen fündig geworden. Sein freies Handeln war die Frucht der ästhetischen Imagination und unterlag nicht dem natürlichen Zwang von genetischen Verhaltensprogrammen.

Daß Menschen mittels Kunstwerken dem Sinn ihres Daseins Ausdruck verleihen und dies auf eine Weise, daß durch Form und Farbe, Figur und Dekor oder Rhythmus und Melodie ein korrespondierender ästhetischer Eindruck beim Betrachter erweckt wird, zählen wir wiederum zu den menschlichen Charakteristika; oder wollen wir den Termiten den Willen unterstellen, ihre Siedlungsnachbarn mit ausgefallenen Formspielen zu beeindrucken? Und wenn beispielweise Vögel wie Pfauen oder Laubvögel ihre Weibchen mit ihrem Federschmuck und kunstvoll-farbigen Attrappen zu beeindrucken scheinen, könnten sie auch farbenblind oder mittels Organen der Messung von Lichtfrequenzen dasselbe ins Werk setzen, denn sie tun es nicht als Künstler, sondern ihnen wächst das Gefieder von Natur beziehungsweise sie hantieren nach einem festgelegten Verhaltensschema.

Nun, daß es eine Kirche ist, die im Buch eines darwinistisch inspirierten Materialisten unter den Auspizien einer Pseudo-Theorie von der einheitlichen Evolution in Natur und menschlicher Kultur dem faulen Analogiezauber zum Opfer fällt, dürfte kein Zufall sein – arbeiten D. Dennett, R. Dawkins, P. Churchland und tutti alteri doch hingebungsvoll daran, das menschliche Bewußtsein zu naturalisieren und die menschliche Kultur auf das Muster der natürlichen Evolution von Schnecken, Termiten und Affen herunterzubrechen. Als radikale Naturalisten sind sie in Fragen von Recht, Moral und Religion – besonders der christlichen – Nihilisten. Ihr uneingestandenes und von ihnen nicht einmal begriffenes Ziel ist es, den Sinn des menschlichen Lebens, der in der Kultur des Hauses wurzelt, in Frage zu stellen und letztlich zu zerstören.

Wer hätte gedacht, daß selbsternannte wissenschaftliche Philosophen im 21. Jahrhundert auf magische Stufen des Denkens in Analogien herabsinken, denn vom Anschein des Ähnlichen auf die Identität der Bedeutung zu schließen, ist entweder magischem Denken geschuldet oder schlicht ein Zeichen von Dummheit – oder sollen wir sagen, daß sie sich nolens volens zum Zwecke der Exekution ihrer unheiligen Absichten auf ein solch trostloses Niveau herablassen? Doch sehen wir, auf welchem Campus der akademische Hase begraben liegt: Denken wir an das missionarische Wirken von Ernst Haeckel, der sich ebenfalls auf die sogenannten „Kunstformen der Natur“ stürzte, in der hintersinnigen, aber begriffsblinden Absicht, den menschlichen Künstler angesichts der phantastischen Gebilde der Seeanemonen oder Strahlentierchen erblassen zu lassen.

Doch sind die genannten intelligente Leute, wie sich auch unter ihren Adepten kluge Köpfe finden; vielleicht spürt der eine oder andere, daß bei ihrem Erklärungsansatz etwas begrifflich und konzeptuell aus dem Ruder gelaufen ist – doch sie sind gefesselt durch akademische Würden und ihr öffentliches Renommee, zudem weltanschaulich berauscht von ihrer Mission, für die ihnen in den Massenmedien große Aufmerksamkeit zuteilwird. Wer aber bekennt, daß er eine gute Strecke seiner Laufbahn auf einem Irrweg ging, riskiert nicht nur einen hohen Ansehensverlust, sondern müßte zu einer heroischen Form der Selbstüberwindung fähig sein – etwas, was einen geradezu stoischen Charakter und einen Willen zu letzter innerer Klarheit erfordert, Eigenschaften, die wir höchst selten und nur bei den größten Namen wie Aristoteles (Kritik an der von ihm selbst einmal verfochtenen Ideenlehre seines Lehrers), Kant (Eingeständnis seines „dogmatischen Schlummers“) oder Wittgenstein (radikale Umwandlung der Philosophie des „Tractatus“) antreffen.

Den Sinn des menschlichen Lebens zu verstehen beginnt bei den scheinbar einfachen Dingen wie dem Haus, führt aber mit all den Voraussetzungen und Folgerungen, wie sie beispielsweise im Begriff des Hauses stecken, in die ganze Fülle und den ganzen Reichtum der menschlichen Kultur, angefangen von den Handlungen, die wir in der Führung des Haushalts unternehmen, über die Feste und Riten, die das Leben der Hausbewohner allererst zum Sprechen und sinnreichen Ausdruck bringen, bis zum Begriff der Person unter ihren semantischen, rechtlichen und moralischen Aspekten – denn Personen mit der Fähigkeit zu Absichten und Gedanken, zu Freude und Furcht, zu Scham und Reue, zu Erinnerungen und Hoffnungen, das sind nicht wie Termiten oder Muscheln und Schnecken Lebewesen, die ihre Gehäuse als organische Sedimente aus ihren Körpern absondern, sondern wir, die als Menschen auf dieser Erde wohnen.

Mrz 5 17

Alles ist gesagt

Komm, laß Hand in Hand uns gehen,
alles ist getan, alles ist gesagt.

Kannst du den Pfad dort sehen?
Er schlängelt sich durch Schilf und Schatten.

Dort finden wir vielleicht den alten Garten.
Ob noch der Holunder schäumend blüht?

Dort wollen auf den ersten Tau wir warten,
auf eines Vogels jähen Ruf.

Oder wir lauschen den dunklen Mythen,
die uns launisch raunt der Wind.

Streuen wir die abgepflückten Blüten
unsrer Seele in das Dämmerlicht.

Ist auf deinen Lippen noch der Hauch,
mag deine Hand die meine pressen?

Sieh, dort steht der alte Holunderstrauch.
Hat zu blühen er vergessen?

Mrz 5 17

Die Muschel

Schale, kristalline Form der Haut,
in der das scheue weiche Leben
ruhig atmet, wimpernzittrig saugt.

Welcher Sinn, sich selber dunkles Weben,
hat zu schönen Mustern sich erweckt
und ließ des Perlmutts Blässe schimmern?

Wir stehen nackt vor diesem alten Dasein,
dem schlammgeborgnen Muschelflimmern,
wenn Mond von ihm den Meerschaum leckt.

Wir sind in unsres Weilens Haus nicht so gedeckt
und brauchen Tür und Fenster in den Mauern,
wo vom First des Schwindelns stürzt das Glück.

Und sterben wir zerwühlt in trüben Schauern,
bleibt wie blanker Stein der Sinn des Wohnens
auf dieser dunklen Erde ganz verwaist zurück.

Mrz 5 17

Der Moloch Stadt

Moloch des Lärms und des Bluts,
das Tag und Nacht von den Schlachtbänken rinnt.

Es sitzen die Toten auf weißen Plastikstühlen
und schauen den Lebenden beim Boccia zu.

Der Dunst verfaulten Fleisches weht
aus Küchen und Kliniken durch die kahlen Wipfel.

Horden dunkler Herkunft grölen
und werfen die weißen Stühle um.

In den Fenstern schweben Gesichter, augenlose,
und versinken im Rot der Abendsonne.

Mit jedem Türenschlagen, Reifenquietschen, Hupen
wird ein zärtlicher Gedanke zerquetscht.

Denkmale, die Inschriften verdunkelt Efeu,
sind vom Auswurf morastiger Seelen entstellt.

Kinder, Kinder, die im Sande wühlen,
den Nacht mit bitteren Tränen gedüngt.

Schüler kicken einen räudigen Teddy auf dem Hof
und zertrümmern schreiend alles Gelernte.

Krumme alte Weiblein an Gehwägelchen
fragen, ob es schon Frühling sei.

Doch es sind schmutzige Reste von Schnee,
die statt Blüten im Dämmerlichte leuchten.

Mrz 4 17

Größe des Menschen II

Monolith,
der unter Moos und Monden dauert,
Lorbeer,
der die Schläfe überschauert,
Säule,
die ins Sternenferne ragt,
Name,
der übers Grab die Seele weitersagt.

 

Fenster,
in dem die Kerze Sehnsucht hingestellt,
Schwelle,
auf die der Gruß der Blüten fällt,
Turm,
von dem die Glocken Wiederkehr verkünden,
Tisch,
an dem die Seelen Nahrung finden.

 

Kore,
mit des süßen Lächelns Morgentau,
Tempel,
heller Hymnen Wunderbau,
Herd,
duftender Scheite frommes Glühen,
Lied,
keuscher Lippen zartes Blühen.

Mrz 4 17

Größe des Menschen I

Wo am Lid der Rose Tränen zittern
und Tropfen glühend Blätter beugen,
hat sich zarten Sinn der Mensch erschaut.

Das seine Zunge in die Hand ihm schmiegt,
im Tier, das feuchter seine Augen fand,
begegnet freundlich sich der Mensch.

Bei lichten Schatten, die einander kreuzen,
wenn ein Wort von Mund zu Munde blüht,
singt aus dem Leid ein süßes Lied.

Und auf dem Pfad des goldenen Lichts,
das über dunkle Wasser glitzernd spricht,
geht eine hohe Seele in der Ewigkeit.

Mrz 3 17

Der Untergang der Märchen

Grüne Käfer wollen trinken
Morgenrot und Abendrot,
sanfte Falter wollen sinken
von der Blüte in den Tod.

Schweigen fern die alten Glocken,
kleiner Vogel ist verstummt,
bange Kinderherzen stocken,
wenn das bucklicht Männlein summt.

Stumm sind all die süßen Lieder,
die einst Fee und Quelle sang,
nur die Sterne kehren wieder
nach der Märchen Untergang.

Mrz 2 17

Adagio cantabile

Der Oboe grüner Samt umwogt dein altes Weh,
o laß dich tragen,
laß von Gärten dir, von heiteren Lüften sagen.

Oder wandle mit der wollnen Mütze durch den Schnee,
den Klarinetten zart aufschäumen,
laß unter blauem Eis die warme Quelle träumen.

Des Waldhorns Honigtropfen rinnen in den Schlaf,
o wolle träumend schlürfen,
wie falbe Rehe es aus Mondes Teiche dürfen.

Oder wenn der Flöte Pfeil dich durch Rosen traf,
laß das Herz nur bluten,
laß über dich den Schmerz um ferne Liebe fluten.

Mrz 2 17

Die fremden Blicke

Können wir den Blicken je entrinnen,
die uns folgen wie der Eule Augen,
wenn sie ins Flüstern dunkler Farne dringen?

Ohne uns zu tarnen mit den Masken
falschen Lachens, eitlen Mienenspiels,
aus dem ermattet wir in Träume sinken,

die mit fremden Blicken fahle Tünche
auf die Wände unsres Grabes pinseln,
wo schattenzart wir ihr Gesicht noch bleiben?

Sie führen unser fernes Leben spazieren
auf den Boulevards der bunten Lampen,
wir nicken wie die aufgezognen Puppen

und tragen statt der Haut des nackten Daseins
die abgetragenen Kostüme eines Stückes,
das sie flackernd uns ins Herz geschrieben.

Mrz 1 17

Jenseits der Namen und Blicke

Wenn sich Ranken leichter wirren,
vom Wind verknotete Fäden,
oder auf dem schwarzen Wasser sich schlingen
Lianen um fahle Abendstrahlen,
die, ertrunken, Sonne längst vergaß …

… sickern aus dem Rascheln dürrer Blätter
Schatten, die wie Kinderhände das Gesicht
bedecken, oder lichte Geister züngeln
an Fenster und Wand – fern-fernes Atmen
hebt aus erloschenem Grase die Nacht.

Du aber weilst, ins Weiß der Rose
gesunken und ins Wiegen ihres Kelchs,
jenseits der Namen und Blicke,
während auf den Wellen verglimmen
Tränen, keusche Blüten des Traums.

Feb 28 17

In Efeus grünem Schweigen

Dem Andenken an Constantin Brancusi

In Efeus grünem Schweigen schlief das Wort.

Es erwachte unter eines Flügels goldenem Blitz.

Und es duckte sich unter den Flügel,
um tiefer zu dunkeln ins Schweigen.

*

Flügel,
von Küssen der Luft geformt.

Mund,
ins kristalline Ei geatmete Öffnung.

Flügel,
den Himmel mit seinem Ja zu überspannen.

Mund,
überzufließen in die Antwort des Kusses.

Ei,
das Blau des Himmels blendender Sinn.

Säule,
über Tropfen der Zeit in die Ewigkeit perlend.

Säule,
aus blauer Leere zur Erde niederwachsend.

Tisch,
um daran das Schweigen zu essen.

Ei,
unter Wellen des Zweifels gerundete Behauptung.

Tor,
um heimzukehren in die fernste Nähe.

Tisch,
sich um den unsichtbaren Kelch drehende Wahrheit.

*

In Efeus grünem Schweigen sinnt das Wort.

Es erwacht unter eines Flügels goldenem Blitz.

Und es dunkelt unter dem Flügel
wieder ins Schweigen zurück.

 

Link zum Werk von Brancusi:
https://www.youtube.com/watch?v=mhZNDRvjMwk

Feb 28 17

Scherben, stechend und glitzernd

Die Reichen sind harmlos, sie sind ja schon reich; Vorsicht vor den armen Schluckern, den Habenichtsen und Lebensbummlern, sie wollen sich allererst bereichern und greifen gern in fremde Taschen.

Heute leben indes die Reichen die Begierden aus, die den armen Schlucker bedrängen, fader Luxus, lärmende Partys, ölglänzende Busen unter blendenden Segeln zeugen von eben jenem vulgären Geschmack. Eine widerliche Umarmung von unten und oben im Zeichen kultureller Barbarei.

Und doch bleiben wie eh und je Schönheit und Reichtum die Zielscheibe des Argwohns, des grindigen Neids und der böswilligen Verleumdung der Häßlichen und Minderbemittelten.

Der klumpfüßige Hephaistos zieht ein selbstgeschmiedetes Netz über die Bettstatt seiner wohlgeformten Schönen und ihres Liebhabers; und die homerischen Götter lachen, aber nicht über das in flagranti ertappte Paar, sondern über den gehörnten Ehemann.

Der vulgäre und egalitäre Geschmack tunkt den Pinsel wahllos in die Farbtöpfe; der vornehme Geschmack mag sich in den Nuancen zartblau angehauchter Grautöne genugtun.

Mit dem Leben verkrachte Weiber, Kreatricen der ausgebeulten Latzhosen-Ästhetik, geifern wider eine Stilikone der blonden Rasse, Gattin eines Präsidenten, der unerhörter- und schamloserweise auch noch Multimilliardär ist.

Die geistig Enterbten haben ihre eigenen perfiden Methoden ersonnen, sich Geltung zu verschaffen: Sie stimmen Klagegesänge über das Elend der Welt an. Sich beredt und hochtönend der Minderbemittelten aller Zonen anzunehmen ist ihr Weg zu den Fleisch- und Fördertöpfen, ihre humanitär vermummte Form des Parasitentums.

Selbstverwirklichung ist das Credo von Hochstaplern oder Kriminellen.

Wenn man die Antriebe, Gelüste und Neigungen, gegen die sich die Tabus aller menschlichen Gemeinschaften wie auch die Zehn Gebote richten, betrachtet, gewinnt man ein recht ernüchterndes Bild von der menschlichen Natur.

Einen Einblick in die eigentliche Schamlosigkeit und Niedertracht der menschlichen Natur oder wie es auch zu sagen wäre ihre Verderbtheit gewährt die Tatsache, daß es den mit abscheulichsten Verbrechen behafteten Kerl nach nichts mehr gelüstet, als weiter sein Dasein zu fristen, worin ihm eine Gemeinschaft entgegenkommt, die es sich als Zeichen fortgeschrittener Moral und Humanität anrechnet, das Leben eines, der sein Leben verwirkt hat, zu schonen, ja ihn soweit zu päppeln, daß es demnächst oder bald fröhliche Urstände feiern kann.

Der Begriff des Weißen zerfällt nicht in Spektralfarben.

Allerdings blitzt in den dümmsten Visagen ein Grinsen abgefeimter Schläue auf.

Vor nicht allzu langer Zeit konnte man im Dorf meiner Jugend ein Fahrrad, ohne es anzuketten, an die Wand des Hauses lehnen, in der man seinen Verwandten einen Besuch abstattete; nach zwei Stunden angeregten Plauderns und genüßlichen Löffelns fand man das Rad unangetastet an Ort und Stelle wieder vor. Heute gehen die Alten und Gebrechlichen bei Anbruch der Dämmerung nicht mehr aus dem Haus.

Der demokratische Massengeschmack giert nach Versklavung der Sinne und Betäubung des Geistes durch niederschmetternden Lärm, diabolisch-grelles Licht, pornographische oder blutrünstige Gesten.

Die Heiligung des Daseins vollzog sich im Alten Reich der Ägypter über die solare Herkunft des Gott-Königs. Nur seine Seele galt für unsterblich; daher die ungeheure Anstrengung beim Bau der Pyramiden, daher der Glanz der Bauwerke, Säulen, Bilder und Skulpturen. Heute verewigen sich Hinz und Kunz, indem sie im Rampenlicht wenigstens einen schmutzigen Witz loswerden dürfen.

Je sinnloser das Dasein, desto gereizter seine Verfassung.

Das Kapitel „Gereiztheiten“ in Thomas Manns Zauberberg enthält eine kultur- und zeitdiagnostische Analyse der Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Es gipfelt im Duell der kulturheroischen Antagonisten Settembrini und Naphta. Daß der entlaufene Jesuit die extreme Lage nutzt, um sich selbst eine Kugel in den Kopf zu jagen, liest sich wie ein abschließender Kommentar des Autors zu den revolutionär-eschatologischen Verstiegenheiten, mit denen der kurzbeinige Verfechter des heiligen Terrors seine Umgebung faszinierte und enervierte.

Die reizbarsten Zeitgenossen scheinen heute die Verehrer eines tyrannischen Götzen und seines Erwählten zu sein, die jedes harmlose Augenzwinkern für eine bösartige Beleidigung ihres blutsaugenden geistigen Parasiten erachten.

Doch als welches Bündel hysterischer Überreiztheiten entpuppte sich der deutsche Michel!

Heute schwappen Wellen der Verdummung aus den Bezirken, die für Horte der Aufklärung gelten, wie der Psychologie und Psychiatrie, die sich und uns weismachen wollen, daß der Begriff der seelischen und geistigen Krankheit obsolet sei, oder der Kognitionswissenschaft, die Denken als Funktion von Algorithmen oder als Tätigkeit neuronaler Netzwerke mißversteht, oder der Philosophie, die den freien Willen leugnet, also dasjenige, was sie voraussetzt, wenn ihre Behauptung nicht das sinnlose Klappern eines Automaten sein soll.

Eine gute Probe geistiger Größe und seelischer Wohlgeordnetheit ist die Teilnahme an televisionären Talkrunden: Ihre Teilnehmer haben die Probe qua Teilnahme nicht bestanden.

Aussterbende Wörter und Begriffe, die aus dem Verkehr gezogen werden, bezeugen den Verfall dessen, was sie meinen: Hochherzigkeit, Lauterkeit, Feingefühl, Grazie, Anmut, Beschwingtheit, Erhabenheit, Größe, Ewigkeit, Schamhaftigkeit, Ehrbarkeit, Sanftmut, Andacht, Weihe, Beseligung, Heroismus, Opferbereitschaft, Entsagung, Vergeistigung, Veredelung.

Der Sinn des Lebens ist die Teilnahme und Förderung des eigenen Kulturkreises, angefangen von der intimen Umwelt von Familie und Freundschaft über Beruf und Arbeit bis zu den Höhen der Sprache und Kunst. Wer sich dem verweigert, ist entweder behindert und bedarf der Schonung oder kriminell und verdient Züchtigung.

Den Sinn des Lebens zu verstehen ist ähnlich schwierig und ähnlich einfach wie die Geste des Zeigens zu verstehen: Der Zeigende will nicht auf seine Hand aufmerksam machen, sondern auf den Gegenstand, den er mit der Geste meint.

Wir können dasselbe mit verschiedensten und beliebig variierbaren Mitteln ausdrücken, wie „Es regnet“ oder „It is raining“ oder indem wir dem Gast, bevor wir gemeinsam aufbrechen, einen Regenschirm aushändigen.

Bedeutungsblind nennen wie einen, der glaubt, jemand erleide einen Krampf, wenn er die Hand in einer Versammlung emporreckt, statt zu verstehen, daß er sich zu Wort meldet.

Wenn der Sinn des Lebens erlischt oder zerstört wird oder wenn man bedeutungsblind zu werden droht, empfinden wir Schwindel und erleben die Welt als unheimlich.

Die ärgerlichsten und fadesten Schwafler sind die aus gutem Gewissen einer höheren Moral.

Einer der hellsten Köpfe, Ludwig Wittgenstein, kam öfters ins Stottern oder hüllte sich in Schweigen, wenn er in Cambridge vortrug; den gefeiertsten Großsprechern rinnt heutzutage die Rede wie der Sand aus den Urnen.

Mein Großvater war vielleicht kein heller Kopf, aber von eigentümlicher Weisheit aus Schwermut; er sprach wenig, und wenn nur das Selbstverständliche wie „Gehen wir!“ oder „Es ist Zeit“ oder „Es gibt wohl Regen“.

Die Hysterischen oder der deutsche Michel in seiner moralischen Dauererregung fühlen sich durch jeden Taubenschiß auf dem Kragen in ihrer Ansicht bestätigt, die Welt sei aus den Fugen.

Solange es den alten katholischen Ritus gibt, hat die Welt eine Ordnung; wir Kinder waren am Fronleichnamstag sehr geschäftig, Blüten von Ginsterbüschen und Tulpen und Rosen zu rupfen und sie auf das Pflaster zu streuen, in schönen Ornamenten, dort, wo das Allerheiligste vorübergetragen wurde. Die Frauen haben währenddessen die Fenster zu ebener Erde mit Blumen, Kerzen und heiligen Bildern ausgeschmückt, die Männer haben Weiden geschnitten und sie zur Begrünung der Häuserwände dort befestigt. Wie folgten die Farben und das Schöne harmonisch der Form und dem Sinn!

Wie arm und grau wird das Leben, schwinden aus ihm mit den Festen die Riten der Kulturgemeinschaft oder werden von gewissenlosen Gesinnungsterroristen durch blutlose Surrogate verdünnt oder abgelöst, die den Kulturfremden nicht zu verständnislosem oder höhnischem Grinsen reizen sollen.

So steht es auch um den alten Liedschatz des frommen oder romantischen Deutschland; ich habe seit meiner Jugend nicht mehr das „Abendlied“ von Mathias Claudius in inniger Gemeinschaft singen hören.

Die Kunst beginnt ihre Feier des Lebens mit jedem Kind aufs Neue, dem unter Geplapper und Liebkosungen die Puppe lebendig wird.

Kunst, ein Spiel mit dem Gewöhnlichen und Alltäglichen, das ins Ungewöhnliche und Außeralltägliche ragt.

Wenn das Kind aus dem Mund der Puppe spricht, spricht es die Wahrheit seiner Seele aus.

Das Ziel der Kunst: ein Seil zwischen Himmel und Erde zu spannen, auf dem die Seele balanciert.

Reine, geläuterte, transparente Form, in der sich die Drehung der Gestirne spiegelt.

Sich konisch in die Höhe windender Kristall, lichtvoll und zugleich in sich dunkelnd.

Worte als schwingende Brücke, über die man nicht ans jenseitige Ufer gelangt, sondern auf der man immer weiter geht, so weit, bis man selbst zum jenseitigen Ufer wird.

Worte, sich schlängelnder Pfad, der im Unbekannten Blüten an seinen Ufern hervorlockt, und Tiere kommen, daraus zu trinken, und weiterfurchend in die ungeheure Ebene mündet, wo er in einem Geäder glitzernder Abflüsse und Abwege versickert.

Feb 27 17

Terzinen über die Farbe Grau

Perlgraue Tropfen zittern an den Zweigen,
sie säumen Tränen gleich, bevor sie fallen
und helle Seufzer in die Leere steigen.

Wenn graue Schleier über Hügel wallen,
wo grünte einst der goldne Baum des Lebens,
bleibt uns der Träume schneegeflocktes Lallen.

Und graut das Herz ermatteten Bestrebens,
scheint uns am fernen Rand sich auszugießen
das blaue Leuchten transzendenten Webens.

In grauen Aschen, die sich dämmernd schließen
um einer Seele fast erloschene Gluten,
sind Keime, die in fremde Knospen sprießen.

O lichter Flügel über grauen Fluten!

Feb 26 17

Terzinen über die Farbe Grün

Ein farbiges Echo aus dem Werk von Raimer Jochims

Das Grün stieg aus dem Meer und leckte Erde,
es nagte in die Schatten Fieder-Farne
und glänzte auf den Zungen brauner Herde,

es rollte auf den Teichen Wellengarne,
und reckte Arme in das blaue Strahlen,
erflehend, daß es sein Erblassen tarne.

Nun segnet Regen seine Schöpfungsqualen
mit gelben Pollen und mit roten Beeren,
die zitternd tropfen wie aus Wundenmalen.

Bis keuscher Schnee entzündet das Begehren,
dem höchsten Blau sich sinnend hinzugeben
und in das frühe Dunkel heimzukehren.

O grünes Blatt, Geheimnis, dem wir leben.

 

Link zum Werk von Raimer Jochims:
https://www.youtube.com/watch?v=9Z00uIGyrMM

Feb 26 17

Terzinen vom Karneval II

Dämonen voller Luft, papierne Schlangen,
Gezisch aus Fratzen, die nicht beißen,
Blutspritzer unter weichen Wattezangen,

verpraßte Kosenamen, die nichts heißen,
die duftlos schwirren, chemisch reine Rosen,
Brillanten, die auf hohlen Brüsten gleißen,

die ärmsten Schlucker in betreßten Hosen,
verblühte Paare wollens allen zeigen,
Verzückung mimend in gekauften Posen.

Die Kleinen nur mit echten Blütenzweigen,
sie sinds, was sie in Schäfchen-Masken scheinen
und lächelnd tanzen in den Vogelreigen.

Die Maske kann die Wahrheit nicht verneinen.

Feb 25 17

Terzinen vom Karneval I

Der Most färbt Wolken und Nasen rosig,
wenn auf bunten Zelten Wimpel und Fähnchen zucken,
wie tun die Glitzermädchen schäkernd-kosig,

auf Bommelkissen hohe Busen glucken
in lauschig offenen Fensterrahmen,
mit goldenen Tressen Kavaliere rucken,

unter Blumenhüten staken Vogeldamen,
die raschelnd mit flauschigen Federschirmen winken,
ein Bischof mit blinkender Mütze segnet Amen,

weil vor ihm Hühnchen in die Knie sinken,
turmhohe Fratzen, die mit den Augen rollen,
sie recken Grüße mit den Hinterschinken.

Wie kräht und gockelt, wem der Kamm geschwollen!

Feb 25 17

Terzinen von den schlichten Worten

Die Liebesstrahlen, die unsre Wunden küssen,
sie sind so scheu, uns schreckend anzutasten,
daß nur die Kinder um ihr Dasein wissen.

Wenn schäumend wir zum lauten Abgrund hasten,
will uns ein Hauch, ein Lied, ein Zwitschern halten,
still unter Rosenbusches Duft zu rasten.

Des Heilands Worte, sich in den Gestalten
von Brot und Wein zum Leben uns zu geben,
sie sind so schlicht wie schlichtes Händefalten,

uns wollen bloß die schrillen Tönen heben,
die Gesten, die uns vor dem Tode blenden.
Doch lichte Schatten wollen Stille weben.

O schlichte Worte, die uns Nahrung spenden!

Feb 24 17

Terzinen vom Sternenflug

Wenn kühle Geister aus den Zweigen schweben
und Käfer leuchtend um die Lieder irren,
die wir auf träumerische Lippen heben,

kommt Nacht, des Tages Sinne uns zu wirren,
und Sternenlicht, die Tore aufzuschließen
für jene Vögel, die noch angstvoll schwirren

in Käfigen, die wir dem Dickicht überließen.
Nun stehn sie offen, und die Tiere schweigen.
Du hebst den Krug, um edlen Wein zu gießen

in letzte Glut, daß sich die Sterne zeigen
im hohen Bild von Gottes Ewigkeiten.
Ein Schrei blitzt auf, die schönen Vögel steigen.

O nehmt uns mit in jene lichten Weiten!

Feb 24 17

Terzinen von der Ergebung

Der Morgen hat sein graues Tuch gelegt
auf Gras und kleine Wasser, nun zerwühlt
es keck ein Wind, bald ist es weggefegt,

und Tropfen sind an Lidern still erglüht,
die beben unter sanfter Strahlen Mund
und sind sich aufzuschließen noch zu müd,

doch rollt ein Auge groß im Hintergrund,
das sich die junge Welt zu segnen traut,
die Blumen gehen auf und scheinen bunt.

Wie ist das All von Stille überblaut,
wenn auch des Menschen schneebetörter Sinn
in Tränen der Ergebung niedertaut.

O blaue Stille, nimm die Tränen hin!

Feb 24 17

Terzinen von den milden Schauern

O fließen in die Schatten hoher Bäume,
und mit den Tropfen eingefangnen Lichts
auf Blüten zittern, still geweinte Träume,

die rinnen über Wimpern in das Nichts.
Und mit dem Honig süßen Summens finden
die dunklen Waben trunknen Gleichgewichts.

In blaue Luft zergehn, wenn Schnäbel ritzen
den Rauch des frühen Parks mit Schreien,
versunken stehen vor der Schrift von Blitzen,

die Schauer milden Regens prophezeien,
die alles löschen, was wir je gelesen,
und jedes Herz dem Unlesbaren weihen.

O einwärts fließen, wo wir nie gewesen!

Feb 24 17

Terzinen von den Seelenvögeln

Ein zarter Kringel, eine Wolkensträhne,
erscheint im Geisterblau am hellsten Tage,
die Locke des Nichts an niemands Mähne,

ein Zittern überläuft das Gras so zage,
als streiften es der Lüfte Feenhände.
Du weißt nicht, gilt es Freude oder Klage,

daß deinen Schlaf ein hohes Zirpen ende,
wenn in den Wipfeln Seelenvögel warten
und äugen nach der reinen Opferspende.

Du pflückst die süßen Beeren in dem Garten,
doch stillst du damit nicht ihr altes Grauen,
sie picken nach dem Herzen dir, dem zarten.

O Torheit, sich Chimären anvertrauen!

Feb 23 17

Terzinen von den Flammenzungen

Erst ist es Klatschen wie von Jalousien
in dunklen Zimmern, wo Licht und Schatten
gespenstisch über hohe Decken fliehen,

dann sind es Seufzer, die Flügeln gleich ermatten,
wenn blaue Lüfte Schwäne südwärts tragen,
dann kommt ein Zischen wie von heißen Ratten,

wenn über ihnen Flammenzungen jagen,
und fallen Flammen aus den Wolken nieder,
die an den Borken alter Bäume nagen,

sie kauen Blumen, Bienen, speien sie wieder,
die brennen, in die Augen runder Maare,
und singen in den Gärten wüste Lieder.

O Sturm, in müder Herzen Schleier fahre!

Feb 23 17

Terzinen vom Schnee der Klagen

Als hätte Gott die Erde losgelassen,
verjagt sie von den heißen Blicken
der Sonne, daß sie Nebel grau umfassen,

so fühlen kalte Schauer wir im Rücken
und Schwindel, wenn wir abends einsam gehen
und uns nach späten Lebensblüten bücken,

und aller Liebeslieder reine Schlehen,
die in den Sommergärten leuchtend sangen,
verlöschten uns, die zögern heim zu gehen

und vor den Flocken letzten Dämmerns bangen,
die zögern, lebe wohl sich stumm zu sagen
mit Blumen, an denen sie so sehr gehangen.

O kehret Strahlen, taut dem Mund die Klagen!

Feb 22 17

Terzinen von der toten Nymphe

Wir gehen an der alten Mauer hin,
als wäre, was sie birgt, uns einerlei,
uns hebt nur manchmal den betrübten Sinn

der grünen Scherben Spiegelfechterei,
die alte Tücke auf den First gestreut,
als stöbe funkelnd unser Glück entzwei,

das wir nicht nennen können ungescheut.
Doch manchmal rauscht es fern wie Wasserfall,
als hätte drüben sich ein Quell erneut,

und wieder dünkt es uns wie Irr-Gelall,
als wär die tote Nymphe jäh erwacht
und säng in ihres Plätscherns Widerhall.

O Wahn, der unsres späten Ganges lacht!

Feb 22 17

Zugeflüstert und angeschrien

Gedichte für das Radiofeature „Zugeflüstert und angeschrien: Vom Leben mit fremden Stimmen“ von Anja Krug-Metzinger, WDR 5, 2017, Redaktion: Thomas Nachtigall

Links zur Sendung:
http://www.krug-metzinger.de/site/radiofeature-stimmen-im-kopf.html
http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/fremde-stimmen-100.html

 

Die Gedichte sind zum polyphonen Vortrag für bis zu vier Sprecher angelegt; wo möglich können und sollen mehrere Stimmen gleichzeitig erklingen – entweder synchron oder übereinanderlegt.

 

Die Hydra der Flammen

Wir sind die Schlangen,
die aus dem Nest der Urzeit zischen,
aus dem Loch im Meerschlamm,
wo die Urmuschel tönt.

Du kannst uns nicht fassen,
du kannst uns nicht lassen.

Schreist du uns entgegen,
werden wir zu Flammen,
dein Schrei erstickt im Rauch.

Magst uns auch verdammen,
wir züngeln nur zusammen.

Schlägst du dir an den Kopf,
zischen wir aus dem Magen.
Kochst du uns im Topf,
unsre Kinder werden dich jagen.

Du kannst uns nicht fassen,
du kannst uns nicht lassen.

 

Gebrabbel I

Blase Wahn aus der Asche.
Ritze mit ratlosem Messer.

Reiße Blumenmuster.

Wasche Blut aus dem Traum.
Ritsche, ratsche, scheuer mit Asche.

 

Intermezzo

Regentropfen, Regentropfen,
Knöchlein an mein Fenster klopfen.

Brause-Wind, Sause-Wind,
weint da nicht ein Kind?

Regenwasser hat geschäumt,
Stille, Stille, hab geträumt.

Nur die Geistermücke summt,
und mein Kindlein ist verstummt.

 

Gebrabbel II

Augen weißer Leere.
Blindgeweinte Chimäre.

Wirre, schwirre, schwarze Krähe,
wirble Haß um alle Nähe,
schwirre, wirre, schwarze Mücke,
sauge Gift aus jedem Glücke.

Schäume weißer Leere.
Schorf auf totem Meere.

 

Drachengeist

Ich hab kein Drachengesicht.
Ich bin nur Schnauben.
Meine Höcker brennen.
Menschheit acht ich nicht.

Ich bin das Glucksen aus Mooren,
ich bin das Flüstern der Asche.
Meine Zunge ist Flamme.
Menschheit gilt mir verloren.

Wirren ist meine Pflicht,
schnauben aus Tröten und Hörnern,
aus Muscheln und hohlem Gebein.
Menschheit bring ich Gericht.

 

Holde Blumengeister

Hör, was Veilchen wissen:

„Bebe mit den Lüften,
sauge mit den Düften
Traum und Sehnsucht ein.“

Hör, wie Astern küssen:

„Regentropfen fallet,
Blumenlippen lallet,
weich wird jeder Stein!“

Hör, wie Rosen grüßen:

„Sanfter Augen Leuchten
wollen wir befeuchten,
Träne löst die Pein!“

 

Die Nachtigall

Es schläft wie unter Linnen
des warmen Schnees tief innen
eine Nachtigall.

Wer hat sie dort begraben,
verschmähte Honigwaben,
trunken-süßen Schall?

Der Liebe sanftes Leben
ließ ihre Flügel beben
steil ins Morgenrot.

Und wirst du sie entdecken,
versinkst du in Erschrecken,
stumm ist sie, ist tot.

 

Panische Stimmen

Durch das Loch in der Mauer,
durch den Spalt im Schrank …

Durch den Riß im Dach,
durch das Ofenrohr …

Durch die Lücke des Zahns,
durch die nässende Narbe …

Sputet und flutet!
Blast und rast!
Schreit und entweiht!
Keucht und verseucht!

Ich will die Haare versengen.

Ich will die Ohrmuschel sprengen.

Ich will die Augen blenden.

Rennt und flennt,
schwirrt und wirrt,
zuckt und spuckt.

Ich will die Seele schänden.

Ich will die Seele schwärzen.

Ich will die Seele ausmerzen.

Sputet und flutet!
Blast und rast!
Schreit und entweiht!
Keucht und verseucht!

 

Die Muse singt

Plötzlich sinkt der Fuß
eines verirrten Wunsches
in die moosige Mulde.

Die Erde gibt nach,
Bienen schwirren empor.
Ihr goldener Schleier zerreißt.

Glucksen steigt aus dem Dunkel,
Seufzer tropfen ans Licht.

Es singt die einsame Quelle
mit hellen Kristallen,
es leuchtet in Tränen
das innerste Leid.

„Neige das Ohr, das Herz,
an meinen warmen Mund,
schöpfe aus meiner Quelle
mit dem Becher der Hände,
was die Seele stillt, das Lied.“

 

Chor der Ahnengeister

Blut trägt das Feuer.

Feuer leckt das Herz.

Herz springt in die Wolke.

Wolke regnet herab.

Regen löscht das Feuer.
Wolke verdunkelt das Herz.
Erde trinkt das Blut.

*

Du geh nach Norden,
leg dich unter den Schnee.

Du geh nach Süden,
leg dich unter den Stern.

Du geh nach Westen,
leg dich zu den Toten.

Du geh nach Osten,
steh mit ihnen auf.

Nimm den glimmenden Stein,
trag ihn zur Quelle der Ahnen,
grabe ein Loch in das Gras,
leg ihn hinein, und dann trinke.

*

Das Gesicht der Mutter erlischt.

Das Gesicht des Vaters erlischt.

Das Gesicht der Götter erlischt.

Das Gesicht der Erde erlischt.

Bring aus dem Norden den Schnee.
Bring aus dem Süden den Stern.
Bring aus dem Westen die Toten.
Bring aus dem Osten das Licht.

*

Das Gesicht der Erde erblüht.

Das Gesicht der Götter erglüht.

Das Gesicht des Vaters leuchtet.

Das Gesicht der Mutter lächelt.

Innen ist außen.
Außen ist innen.
Jeder Herzschlag
birgt neues Beginnen.

 

Das Lamento der Toten

Wir haben den Regen geschlürft
und sind immer noch durstig.

Wir haben die Särge zernagt
und sind immer noch hungrig.

Wir haben die Erde geschmeckt
und wurden nicht satt.

Gib uns dein Fleisch,
wir wollen essen.
Gib uns dein Blut,
wir wollen trinken.
Gib uns deinen Atem,
wir wollen schweben.

*

Wir können in der Erde nicht ruhen,
während du auf ihr tanzt.

Wir finden das Dunkel nicht für den Schlaf,
währen du die Lampe anhast.

Wir finden das taube Ei der Stille nicht,
während du den Dotter schlürfst.

Hilf uns zu schweigen,
hilf uns zu schlafen,
hilf uns tot zu sein.

Feb 21 17

Terzinen von der schwarzen Sonne

Es peitscht die Sonne ihre Kreaturen,
wie Kinder es mit bunten Kreiseln tun,
die tönen, wenn sie ziehen auf den Spuren

des irren Laufs wie strudelnd ein Taifun,
und bäumen sich zu Röchelns Wonneton,
bis wo sie haltlos kippen, hilflos ruhn.

So ist des Lichtes Bauen Stürzen, Hohn
das Grüßen früher Rosen, die nur scheinen,
um blind zu sinken vor dem Flammenthron.

Und wenn die sanften Flocken Stille meinen,
bläst jaulend Winterwind aus Schnee Gespenster,
die ohne Augen suchen wen und finden keinen.

O Seele aus Atomen ohne Fenster!

Feb 21 17

Terzinen von den sanften Boten

Wir wollen in die stille Lichtung gehen,
wo Blüten unser warten, die uns meinen,
wir wollen unter lichten Birken stehen,

wenn hohen Geistes Purpurwolken scheinen,
und sehen wir uns an mit Scheideblicken,
verwehrt uns Vogels süßes Lied zu weinen.

Und wollen uns die Schatten heimwärts schicken,
wir harren still, bis nächtlich Düfte wiegen
in Traum den Schmerz, bis Engel Zuspruch nicken,

die aus des Vaters Strahlen niederstiegen
und unter unsern Zweifel Flügel breiten
und in die liebe Heimat mit uns fliegen.

Ihr sanften Boten, wollet uns geleiten!

Feb 21 17

Terzinen von den geweihten Glocken

Und schallt ihr helles Läuten aus Legenden,
als wäre es des Abends sanftes Gleiten
zu stillen Sternen, die den Tag vollenden,

geweihte Glocke kann den Trost bereiten,
wenn wir in Liebesmüdigkeit versinken,
kann enges Herz zu hohen Pulsen weiten,

wenn wir den Wein des Angedenkens trinken.
Die Seele fühlt die müden Lider beben,
als würden fern geliebte Schatten winken,

als würden Friedens Blüten niederschweben.
Wenn wir wie Kinder die Legenden lesen,
trägt uns das Läuten in ein lichtes Leben.

O könnten am heiligen Spiele wir genesen!

Feb 20 17

Terzinen auf den verschlossenen Garten

O reiner Spiegel mondbehauchtes Wasser,
da Stille spannt ihr Tuch, das nebelbleiche,
und schmerzerglühte Rosen sagen blasser

den Duft der Seele über dunklem Teiche,
und Vogels weher Laut verrinnt wie Tränen,
die glänzen an den Blättern schwarzer Eiche,

die Halme schwanken wie von bangem Wähnen,
als möchten Engel bald den Garten schließen,
schon lange schweigen Lieder und Fontänen,

die allzu sehnend sich dem Tag ergießen.
Die Rosen auf dem Teiche werden blasser,
ihr Glühen hat der Nacht den Weg gewiesen.

O reiner Spiegel mondbehauchtes Wasser.

Feb 20 17

Terzinen vom tiefen Einst

Komm, laß uns fliehen in das tiefe Einst,
wo Blume spricht und Flammenzunge singt,
wo du nicht mehr bei grauen Bildern weinst,

die graues Leben dich zu schauen zwingt,
wo Freude hell aus reinen Quellen schäumt,
die uns in Herzens bange Falten dringt,

daß es von unbefleckter Liebe träumt.
Dort sind wie zarte Vögel wir gesellt
in einem Garten, rosenblattgesäumt,

zu singen einer morgentrunknen Welt,
in der du nicht bei grauen Bildern weinst,
weil Gottes Antlitz sie mit Geist erhellt.

Komm, laß uns fliehen in das tiefe Einst.

Feb 20 17

Romain Bussine, Après un rêve

Dem Andenken an Nicolai Gedda (* 11. Juli 1925, † 8. Januar 2017)

Dans un sommeil que charmait ton image
Je rêvais le bonheur, ardent mirage,
Tes yeux étaient plus doux, ta voix pure et sonore,
Tu rayonnais comme un ciel éclairé par l’aurore;

Tu m’appelais et je quittais la terre
Pour m’enfuir avec toi vers la lumière,
Les cieux pour nous entr’ouvraient leurs nues,
Splendeurs inconnues, lueurs divines entrevues.

Hélas! Hélas! triste réveil des songes
Je t’appelle, ô nuit, rends-moi tes mensonges,
Reviens, reviens radieuse,
Reviens ô nuit mystérieuse!

 

In un sonno che la tua immagine incantava
sognavo la felicità, messaggio ardente;
i tuoi occhi erano più dolci, la tua voce pura e sonora.
Eri raggiante come un cielo illuminato dall’aurora.

Mi chiamavi, e lasciavo la terra
Per fuggire con te verso la luce;
per noi i cieli schiudevano le nubi.
Ignoti splendori, divini barlumi intravisti.

Ahimè! Ahimè, triste risveglio dei sogni!
Ti chiamo, notte, ridammi le tue menzogne;
Ritorna, ritorna radiosa,
ritorna, notte misteriosa!

 

Im Traum sah ich verklärt dein Angesicht
und trat beseligt in sein Zauberlicht,
sanfter sprach dein Auge, klar und schön dein Mund,
du trugst den Kranz wie Morgenrot der blaue Grund.

Du riefst nach mir, die Erde ließ mich los,
mit dir zu fliehen in den lichten Schoß,
zwischen Wolken fanden wir des Himmels Bahnen,
geheimer Glanz, der Gnade Licht, das wir erahnen.

Weh uns, wie kahl der Tag nach solchen Träumen!
O Nacht, birg mich erneut in holden Wahnes Räumen!
Kehr wieder, sternenklare,
kehr wieder, Nacht, du wunderbare!

 

Vertonung: Gabriel Fauré
Interpretation: Nicolai Gedda: https://www.youtube.com/watch?v=k_UCmvM9dMg

Feb 20 17

Terzinen von der Wiederkehr

Dann klopft schon herznah unterm Schnee die Zeit
und Böen rütteln Flocken überm Teich,
das blonde Mädchen schlingt den Reif ums Kleid,

daß ihre Brüste ragen mit den Dolden gleich
und Sonnen-Hüften schwingen um den Blick
von scheuen Augen, die noch vom Schneelicht weich.

Doch kehrt der Tanz mit Summen schon zurück,
wenn in den Kronen Schwarm an Schwarm sich bauscht,
auf weichen Nadeln führt der Weg ins Glück.

Wenn unter Himmelsveilchen Liebe lauscht
und tropft von Wolkenlippen Stern um Stern,
hat Rose und Mund bald Duft und Kuß getauscht.

O Wiederkehr, schon tönt ein Waldhorn fern!

Feb 19 17

Terzinen vom Abschied

Und wenn wir scheiden, sollen in den Birken
die hellen Wimpel blauen Sommers wehen,
berauschend schlanke Blütenbecher wirken,

und wo der Lilien weiße Hände flehen,
die Halme unter nackten Füßen rauschen,
dort wollen wir mit einem Engel gehen,

wenn Flügel sich um unsern Abschied bauschen.
Der Himmel ist so hoch, wir trinken Leben
noch aus den letzten Blicken, die wir tauschen,

und wollen uns noch stille Zeichen geben,
sind auch des Abends Glocken schon verklungen,
wenn kühle Schauer von den Wipfeln schweben.

O leichtes Lied, das Abschied uns gesungen!

Feb 19 17

Terzinen vom bitteren Tropfen

Und ist es auch ein bittrer Tropfen bloß,
er mischt zum Liebestrank den dunklen Groll,
so frißt ein Wurm der goldnen Frucht im Schoß,

ist Zweifel Wolke, die dem Blau entquoll,
sind Worte ohne Blick, der ihnen scheint,
so leer, und waren einmal Lichtes voll.

Und wenn die Liebe stumme Tränen weint,
ist keine, die der Rose Glühen schenkt.
Wie ist mit süßem Leben Tod vereint,

der seinen hohen Gliederbau verrenkt
und unsre Herzen von den Blüten löst,
wenn wieder Nacht sich auf den Garten senkt.

O bittrer Tropfen, armen Seelen eingeflößt!

Feb 18 17

Terzinen vom vergrabenen Herzen

Du hast dein Herz tief in den Schnee gegraben,
daß weiße Stille ihm den Traum verwehre,
die Bilder weichen, die ihm Sehnsucht gaben,

du flehtest um der Wolken weiße Heere,
daß schwerer kalte Polster auf ihm lasten,
kristallne Schale kälter es bewehre.

Und wenn der Sterne Stachel nach ihm tasten
und dunkler Tiere Krallen in ihm wühlen,
ist ihm, als ob sie seinen Schmerz verpraßten.

Doch wenn Kristalle krachen in den Mühlen
der gnadenlosen Sonne, rinnen Tropfen,
ins Blaue schmilzt ein tot gehofftes Fühlen.

O Herz, wie wild noch unterm Schnee dein Klopfen!

Feb 18 17

Das Lied des Engels

Süße Vögel, singet, singt,
singet in den lauen Wind,
singet für ein kleines Kind,
doch für mich singt nicht.

All die Süße, die ihr bringt
mit dem lauen Frühlingswind,
ist dem Ohre allzu lind,
doch dem Herzen nicht.

Denn ich hab im Traum gehört
eines Engels süßer Lied,
ward der Traum mir aufgestört,
doch das Herz stockt nicht.

Feb 18 17

Terzinen von den alten Liedern

In alten Liedern rauschen ferne Quellen,
und dunkle Ströme wollen liebend münden,
wenn Seufzer Schmerz und Rosen sanft erhellen.

Ihr Abendrot kann trüben Sinn entzünden,
einsamer Nacht in schwarzen Todeslinnen
von Wiederkehr des süßen Lichtes künden.

Wenn Wind und Blätter den Refrain beginnen,
fallen tropfenzarte Reime von den Zweigen,
sind Küsse, die vom Bart der Flechten rinnen.

In alten Liedern wohnt ein seliges Neigen
von Herzen, die an fremden Ufern weilen,
der Liebe Wunderlicht von fern zu zeigen.

O alte Lieder, unerfühlten Fehl zu heilen!

Feb 17 17

Terzinen von den hohen Sängen

Ihr Blüthen von Deutschland, o mein Herz wird
Untrügbarer Krystall, an dem
Das Licht sich prüfet.

 

Wie nach dem Sommerregen Gräser glänzten,
betaut war süß dein Mund von hohen Sängen,
wenn sie mit fernem Blau den Tag ergänzten

und Sterne säten auf der Nächte Hängen,
der Blüten und der Küsse sanftes Gleiten
berief die Seelen aus den Schatten-Engen.

So konnte sich Vollendung erdwärts breiten,
da Liebesblicke Purpurschneisen zogen,
und Elegien auf die Gräber schneiten.

Mit weißen Schwänen, die nach Süden flogen,
erstarb in uns ein Rufen nach dem Reinen,
wir sind um den Kristall, dein Herz, betrogen.

O deutsche Blüten, wie erlosch ihr Scheinen!



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