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Dez 31 20

Wimpern frühen Lichts

Wimpern frühen Lichts,
Tropfen, die an Gräsern zittern,
und die Blicke, scheue blaue,
zwischen zarten Schweige-Gittern.

Wassers weicher Sang,
Flossen, die ins Dunkel blitzen,
Träne, leises Wort,
wenn geheime Dornen ritzen.

Seufzen grüner Nacht,
Zweige, die wie Träume schwanken,
und die Blicke, scheue feuchte,
zwischen zarten Schweige-Ranken.

 

Dez 30 20

Giovanni Pascoli, Sera d’ottobre

Lungo la strada vedi su la siepe
ridere a mazzi le vermiglie bacche:
nei campi arati tornano al presepe
tarde le vacche.

Vien per la strada un povero che il lento
passo tra foglie stridule trascina:
nei campi intuona una fanciulla al vento
Fiore di spina!

 

Abend im Oktober

Entlang des Weges sieh in Traubenbögen
an Dornenhecken lächeln purpurne Beeren:
Vom gepflügten Acker zu den Futtertrögen
träg die Kühe kehren.

Kommt des Wegs ein Bettler, der gelinden
Schrittes die Blätter streift, klirrende Sporne.
Im Felde sagt eines Mädchens Lied es den Winden:
Blüten, Blüten am Dorne!

 

Dez 29 20

Giovanni Pascoli, Il lampo

E cielo e terra si mostrò qual era:

la terra ansante, livida, in sussulto;
il cielo ingombro, tragico, disfatto:
bianca bianca nel tacito tumulto
una casa apparì sparì d’un tratto;
come un occhio, che, largo, esterrefatto,
s’aprì si chiuse, nella notte nera.

 

Der Blitz

Himmel und Erde entbargen, woraus sie gemacht:

die Erde schwer atmend, fahl, des Aufruhrs Spiel,
verstellt der Himmel, tragisch, abgetan:
Weiß, ganz weiß im stummen Gewühl
ein Haus, erschien, verging mit einem Mal,
tat wie ein Auge, geweitet vor Qual
sich auf, schloß sich im Dunkel der Nacht.

 

Dez 28 20

Im verwilderten Garten deutscher Mädchen-Lyrik

Eine Polemik

Im Feuilleton des allgemeinen deutschen Intelligenzblattes werden wir ausgerechnet an Heiligabend von der Überschrift „Atmest du noch?“ aufgeschreckt oder sollen wir sagen fast nicht einmal mehr nur metaphorisch gewürgt. Wer so gefragt wird, ist als geistig Scheintoter ja der Höflichkeit einer wahrheitsgemäßen Antwort eigentlich enthoben. So aber wird sage und schreibe (nein, entsage und schweige!) in einem Gedichtbüchelchen gefragt, dem die Redaktion des Blattes in einem Anfall spiritueller Narkolepsie eine Besprechung durch einen Hagiographen eingeräumt hat, der der Dichterin mit Haut und Haar und ist zu befürchten anderen Körperteilen verfallen ist (das Großhirn hat ja länger schon in den rauchgeschwärzten Grotten der aus dem Sumpf neudeutscher Frömmigkeit aufgetauchten Sibyllen abgedankt).

Hier wird dem um Atem ringenden Leser das Werkchen eines hübschen, wenn auch ungebildeten Mädchens, das in den düsteren Wald der deutschen Sprache (und Grammatik) verschlagen gar schief vor sich hin pfeift, zugleich liebedienerisch und marktschreierisch als epochaler Durchbruch in neue Ausdruckszonen angepriesen.

Leider hat sich die Literaturwissenschaft des allseits irrlichternden Phänomens der Phraseologie von Lyrik-Rezensionen noch nicht angenommen; hier könnte sie fündig werden, bei Formulierungen wie jener, die sogenannten Verse der Autorin eröffneten „ungeheure, nicht selten unmittelbar ergreifende Räume im Gestern, Heute und Morgen.“ Man spüre dem, wie man mädchenlyrisch zu sagen pflegt, nach: Räume, die ergreifen, Räume aus Zeit (gestern, heute, morgen), Räume ungeheuer … ja, nicht ganz geheuer, weil einem von dort Gespenster und bleiche Wiedergänger aus Talmi, Bombast und verquaster Bildsprache entgegentaumeln.

Eines dieser Wort-Gespenster, die wohl grammatisch-semantische Ungetüme sein mögen, aber unter dem Stethoskop des Kritikers nur ein anämisches Glucksen und Fiepen kundtun, simuliert dennoch ein starkes Pulsieren:

das pulsierende Unten und Oben/in dem etwas überdauert, älter als Ahnen, als Adressen/als deine alarmbereiten Adern und die Angst, du oder/die Anderen wären nun nicht mehr fassbar.

Wir bemerken zunächst die epidemisch verbreitete Falschmünzerei, mittels des Schriftbildes aus mehr oder weniger willkürlich umbrochenen Zeilen das Dasein echter Verse vorzugaukeln. Dies ist das leider verhängnisvolle Erbe des Vers libre, der nur in der anmutig-zügelnden Hand großer Meister sich nicht über den Rand der Zeilen in den Abgrund der Leere, des Unsäglichen, des Nichtssagenden hinabstürzt. – Der Umbruch „du oder/die Anderen“: als müsse man baß erstaunen, wenn nach einem Du von anderen die Rede ist.

Wir konstatieren die beckmesserische Verbohrtheit, durch die Monotonie der Alliteration (Ahnen, Adressen, Alarm, Angst, Anderen) dem in der sauerstoffarmen Luft flatternden Gedanken einen vagen Halt zu verleihen. – „älter als Ahnen, als Adressen“, welch mißliche Begegnung, welch forcierte Bedeutungshuberei.

Und welcher Gedanke kommt hier zutage? Ein Unten, ein Oben, die pulsieren. Ist es die Unterwelt, in der es rumst, ist es der Himmel, wo es rumort? Wir wissen es nicht, es ist nicht faßbar – ein sibyllinisches Mädchengeheimnis. Kann ein Unten, ein Oben pulsieren? Oder wenn schon etwas pulsiert, dann nach unten, nach oben? Was hat älter als unsere Ahnen überdauert? Etwas. Basta. Eine mystische Bouffonnerie. Ein Mädchengeheimnis. Oder lyrischer Nonsense wie jene „alarmbereiten Adern“, denn Adern melden keine drohende Gefahr, sondern Nerven.

Der verzückte Rezensent kommentiert diese Stelle auf dem grammatischen Niveau seiner Angebeteten so: „Diese Durchdringung hin zum Anderen ist es, die Ms. Gedichten den Charakter einer ungeahnten Überbrückung verleiht.“ Aber etwas kann nur etwas durchdringen, es kann höchstens etwas zu etwas oder einer zu einem anderen durchdringen. – Hier werden wieder einmal wie in der vollmundigen und also heuchlerischen Sonntagspredigt Brücken gebaut, natürlich ungeahnte, um nicht zu sagen ungeheure; daß Dichtung ihren Atem für jene Einsamen aufspart, die an der Grenze des Sagbaren, des Unzugänglichen, des Totenflusses stehen, solch schmerzliches Besinnen ist aus dem dünnblütigen Pulsieren dieser lyrisch behübschten Gedankenwelt verbannt. Wäre diese Art zu denken nicht allzu viril und toxisch? So schwadroniert die Autorin, horribile dictu, in einem Gedicht auch gendergerecht von einer „Käferin“, um nur ja keinen männlichen Käfer auf ihrem Blumenkissen krabbeln und sich gar erleichtern zu lassen.

Noch ein kleines Wort-Gespenst:

Ist es/dein Erleben oder das Sehen von/dir selbst mit inneren Augen?//Dringen diese Poren in offene/Wunden, durchsiebt dich durch/die Ohren ein Sirren von Verlorenem? Ist das Jetzt jetzt?

Kein noch so großherziger Leser, dessen Gefühl für die Harmonie von Rhythmus und Sinn nicht gänzlich ertaubt und abgestorben ist, wird in einem kurzatmigen „Ist es“ einen Vers erkennen und anerkennen wollen. – Ein trockener und prosaischer Begriff wie „Erleben“ aber ragt wie ein abgenagter Knochen aus dem Gras eines jeden Gedichts, wenn es nicht das bittere Kraut eines Totenangers ist. – „dein Erleben“, „das Sehen“, Ausdrücke dieser Art sind tote Brocken eines Nominalstils, der sich für Formulare oder psychologische Testprotokolle schickt, nicht für das Gedicht.

„das Sehen/von dir selbst“ – ein Umbruch reiner Willkür; und nein, das von einem Verbalsubstantiv abhängige Objekt wird im Deutschen mit dem Genitiv konstruiert (das Sehen deiner selbst); aus dem zerfledderten Handbuch deutscher Mystik ohne Rettung des einstigen Gehalts abgekupfert: „inneres Auge“. Und dieser Gehalt ist nach dem Untergang der platonischen Vorstellung der Seele und des kartesischen Modells von Denken und Bewußtsein auch nicht zu retten; wir sehen uns nicht in einem inneren Spiegel mit einem inneren Auge, und täten wir es, wüßten wir die Identität dessen, den wir sehen, nicht auszumachen, sondern im Spiegel der Reaktionen unserer Umwelt: Wenn der Freund lächelt, weil ich ihn freundlich begrüßt oder mit einem Geschenk überrascht habe, erfahre ich, was es heißt, jemand zu sein, der freundlich oder großzügig ist.

„Dringen diese Poren in offene/Wunden …“ – Ach nein, Poren dringen nirgendhin, sie pflegen nichts zu unternehmen, sondern etwas aufzunehmen; „offene/Wunden“ – wieder der wichtigtuerische, aber eitel-nichtssagende Umbruch; „Wunden“ hätte genügt, von offenen Wunden prahlt nur der Kriminalreport in der Tageszeitung. „Poren“ – „Ohren“, „Verlorenem“: an den Strand des Niemandsmeeres geschwemmte vertrocknete Reim-Quallen. – Kann sich das Verlorene durch Sirren bemerkbar machen? Was hier noch sirrt, ist ja dorthin nicht verlorengegangen. Kann ein Sirren die Ohren durchsieben? Ist nicht eher das Ohr bisweilen ein Sieb für den Klang, den nicht gehörten? Hat nicht die sich aufdrängende Assonanz (Sirren – sieben) zum Ungedanken verleitet? Fragen über Fragen, aufgewirbelter Staub, der sich rasch, als wäre nichts geschehen, wieder legt, artig aufgereiht an der Leine im lauen Fühl-Wind hübsch flatternde Mädchenwäsche. – Und nein, das Jetzt ist nicht jetzt; sondern: Ich bin es jetzt leid, solche Texte zu lesen; denn „jetzt“ ist kein Nomen, sondern ein Adverb. Ach weh, wenn zarte Mädchenhände sich an den Disteln und Kakteen in der Steppe männlichen Philosophierens ritzen.

All das will die Mitteilung tiefer, bedeutungsschwerer Botschaften suggerieren; doch ist es seichtes Gewässer, das in der Sonne der Einfalt und der Eitelkeit blinkt und leichten Schrittes durchwatet werden kann. Es repräsentiert jene Zeitgeist-Ideologie, nach der sich Hinz und Kunz die Hände reichen, weil sie das zur sentimentalen Sottise plattgewalzte Wort Rimbauds, ich sei ein anderer, auf die Fahne der neuen Heilsarmee geschrieben haben, mit der sie jene ominöse Brücke überqueren, die auf den dünnen Stelzen des gut Gemeinten, aber schlecht Durchdachten bedrohlich schwankt.

Der vom Mädchentum solch windiger Botschaften berauschte Rezensent zitiert aus dem Vorwort zu diesem epochalen Werk, aus der Feder eines nicht minder Berückten: „Wo an den Rändern ein Zusammenleben aller Kreaturen – wie es so schön heißt, auf du und du – möglich wäre, dorthin changieren diese Gedichte …“ Ach nein: Etwas kann changieren, wie eine Farbe zwischen Purpur und Violett, aber nichts kann dorthin changieren, wo es nicht schon ist. Der FAZ-Leser darf sich auf diesem Sprachniveau zu Hause und sicher fühlen, da es so niedrig ist, daß er mit dem ersten kleinen Schritt nicht aus schwindelnder Höhe zu fallen droht, sondern in der Kleinbürgerküche des Nachbarn landet, wo der Kanarienvogel zwitschert und lauwarmes Geschwätz den wachen Sinn benebelt. Und: Welche Verlogenheit und Heuchelei, die eschatologische Formel vom Einklang aller Kreatur aus dem Mund von Leuten zu vernehmen, denen jedweder Glaube an eine göttlich-erlösende Macht oder die Wiederkehr des Messias in den Wüsten des Zeitgeistes vom Sand der religiösen Indifferenz zugeweht worden ist. – Doch Gott hin, Messias her; saget es dem Löwen, der die Antilope reißt, saget es der Eule mit der Maus in den Krallen; saget es dem Fanatiker, der die Bombe am Altar der Ungläubigen zündet.

Der Titel des Lyrikbandes zeigt ein emblematisches Bild der neuen deutschen Naturfrömmigkeit, die sich wohl unangekränkelt von der Einsicht, daß der Mensch beides, ein natürliches und kultürliches Lebewesen ist, wessen man durch genauere Betrachtung des Begriffs „natürliche Sprache“ innewird, im wilden unrhythmischen Pulsieren der Gedichte wiederfinden soll: Eine Art von innen grell angestrahltes Gewächshaus schwebt auf einem „ungeheuer“ vergrößerten grünen Ahornblatt. Dazu in sirrendem Tonfall der Rezensent: „Gemäß dieses Bildes von einem dennoch möglichen Einklang …“ Ach nein, die Präposition „gemäß“ wird auf gut Deutsch nicht mit dem Genitiv, sondern dem Dativ konstruiert. Und nein: Einklang ist ein sublimes Ideal der Kunst, das Gedicht evoziert ihn durch die Harmonie von Sinn und lautlicher und rhythmischer Gestalt, es sollte vor dem Mißbrauch für utopisch-politische Ziele durch Leute bewahrt werden, die jedem, der ihren frömmelnden, aber gefährlichen Umtrieben und bigott-perversen Umzügen unter Grotesk-Masken von Mischwesen vom Straßen- und Daseinsrand aus ungerührt-skeptisch zusieht oder sich spöttische Bemerkungen erlaubt, den Mund verbieten oder als Tier-, Frauen- und Menschenfeind beim Amt für moralische Korrektheit anschwärzen.

Das Ethos des freien Mannes aber hat zur Maxime: Sei stets der Wächter deiner Schwelle und wehre jenen, die von bösen Absichten geleitet dir und den Deinen aufs Fell rücken und am Zeug flicken wollen; laß sie nur übertreten von jenen, die du für wert befindest, mit dir auf Augenhöhe zu verweilen; suche nicht, wen du höher achtest als Freund und Kumpan, mit sentimentalen Gesten und weibischer Anempfindelei auf das zerschlissene Sofa wertblinder Gemütlichkeit herabzuziehen oder den großen Ahnen mit dem Stern am Revers in schwülstigen Tagträumen zu duzen; und willst du ein Werk vollbringen, das über den Tag hinaus Bestand hat, laß auf einsamer Tenne den kalten Wind der Selbstprüfung und des künstlerischen Gewissens die Spreu vom goldenen Korne fegen.

Der verwilderte Garten der Mädchen-Lyrik, er mag uns als Zeugnis dafür dienen, was geschieht, wenn die Bildungstraditionen und Sprachkulturen, in denen Leuchtfeuer wie Pindar, Sophokles, Vergil, Horaz, Dante oder Goethe, Hofmannsthal und George ganzen Generationen Orientierung gaben, untergegangen sind.

Zu diesen Sprachkulturen gehörte auch, wenn wir an Namen wie die Droste, die Günderode, Gertrud Kolmar oder Christine Lavant denken, der gehegte Garten der Dame Dichterin; ihr wuchs die Blume des Wortes zu, weil sie den Grund von den Schatten des wuchernden Unkrauts freihielt und sie wässerte, nicht mit dem Brackwasser anempfundener Gefühle und ausgeliehener Ideen, sondern mit ihren selbsteigenen Tränen.

 

Dez 27 20

Dame Dichterin

Hort der Dame Dichterin,
Sonne gelber Rose,
nachtbetaut im Moose,
Veilchendemut, hoher Sinn.

Ihrem Gang im Abendlicht
seufzten Gras und Farne,
Mondes wirre Garne
spielten ihr ums Angesicht.

O des Eros Purpurball
fiel zu ihren Füßen,
süßer ihr zu fließen
dämpfte sich des Wassers Schall.

Wo sie Vögeln Körner gab
und ihr Vers wie Seide
rauschte, bei der Weide
findest du verwaist ihr Grab.

 

Dez 27 20

Das Blau des Tages ist vertan

Von Mohnstaub rieselnd Dämmerlicht,
und gilbend Nebelranken,
um wen die Tränen, weißt du nicht,
die stumm geweinten, blanken.

Das Blau des Tages ist vertan,
die Knospe hingesunken,
schon überwuchern Bild und Bahn
die Halme, schattentrunken.

Und was im Dunkel zu dir dringt,
als würden Brunnen klagen,
ist nur dein Herz, das leise singt
von hohen Sommertagen.

 

Dez 26 20

Sprache und Ontologie IV

Sanktionsregime und soziale Ontologie

Angst vor Sanktionen aller Art ist der Kitt des Sozialen; ein Regime von Sanktionen (bzw. von Drohungen und Risiken) und ein System von präskriptiven Sätzen und Äußerungen bilden das Fundament der sozialen Ontologie. Keine Gemeinschaft oder Gesellschaft ohne Angst vor Strafe, mit der äußersten des Ausschlusses oder des Todes. Die Forderung von Utopisten und religiösen oder politischen Fanatikern, man sei moralisch verpflichtet, eine Gemeinschaft ohne Angst und eine Gesellschaft ohne Zwangs- und Strafregime zu entwickeln, ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Wir unterscheiden zwei Formen des korrekten und also auch des inkorrekten Tuns: eine vorgeschriebene Handlung auszuführen oder zu unterlassen; und eine vorgeschriebene Handlung mehr oder weniger gut und also auch schlecht auszuführen.

Der Autofahrer soll vor dem Überholmanöver den Blinker setzen; unterläßt er es, handelt er verbotswidrig. – Der ansonsten für seine sprachliche Sorgfalt bekannte Autor verwechselt die Wendung „nichts weniger als“ mit einer doppelten Verneinung, also einer betonten Bejahung, obwohl sie eine verstärkte Verneinung meint. Er hat sich also schlecht, weil sprachlich nicht korrekt ausgedrückt.

Der Autofahrer setzt den Blinker aus verschiedenen Gründen: weil er es so in der Fahrschule gelernt hat, weil er umsichtig und darauf bedacht ist, sich selbst und andere nicht zu gefährden; aber auch und vielleicht primär aus dem Grund, weil er befürchten muß, bei Unterlassung der vorschriftsmäßigen Handlung ein Knöllchen zu kassieren.

Der Schriftsteller bemüht sich aus verschiedenen Gründen um eine sprachlich korrekte Diktion: weil er von den Eltern stets korrigiert wurde, wenn er sich als Kind grammatikalische Schnitzer und semantischen Unfug geleistet hat; weil er in der Schule und im Studium gelernt hat, möglichst fehlerfrei zu sprechen und zu schreiben; weil er höflich und darauf bedacht ist, dem Hörer und Leser das Verständnis durch fehlerhaften oder verquasten Ausdruck nicht unnötig zu erschweren; aber auch und vielleicht primär aus dem Grund, sich vor den Lesern und den gefürchteten oder bewunderten Kollegen nicht lächerlich zu machen, wenn er sie mit sprachlichem Pfusch oder stilistischer Schlamperei nichts weniger als ergötzt.

Alles, was wir (nicht nur im Rampenlicht der Öffentlichkeit) sagen und tun, steht mehr oder weniger im Brennpunkt der Aufmerksamkeit des anonymen Beobachters namens Gesellschaft, der sich in der Maske der Eltern und Geschwister, des Pfarrers und des Lehrers, der Ehefrau oder Geliebten, des Nachbarn, des Kollegen, der Kassiererin, des Obstverkäufers, des Arztes oder des Therapeuten versteckt, von den offiziellen Repräsentanten eines institutionalisierten oder formalen Sanktionsregimes wie dem Aufsichtspersonal bei Wettkämpfen oder der Polizei zu schweigen.

Wer den Turm nicht vor der Dame rettet, spielt schlecht Schach; wer ihn querfeldein zieht, spielt überhaupt kein Schach. Der erste wird mit dem Verlust der Dame oder der Partie bestraft; der zweite damit, daß er von dem Spiel ausgeschlossen wird.

Auch sogenannte primitive Gesellschaften ohne ausgebildetes institutionalisiertes, staatliches und rechtlich kodifiziertes Sanktionsregime werden von einem System von Dispositionen zu präskriptiven Äußerungen überformt und durchwaltet. Nur der Schamane darf Träume deuten und wahrsagen, nur der Initiierte an den heiligen Gesängen und Tänzen teilnehmen.

Die soziale Ontologie fußt nicht auf angeblich dem Menschen angeborenen Rechten und Ansprüchen, sondern auf der Geltung von Vorschriften, Regeln und Verpflichtungen sowie jenen Sanktionen, die ihrer Verletzung oder Mißachtung auf dem Fuße folgen.

Vorschriften und Sanktionen aber gründen in dem Spielraum oder Freiheitsgrad, der sich in der jedem Symbolsystem innewohnenden Möglichkeit manifestiert, es außer Kraft zu setzen, zu umgehen oder zu mißbrauchen.

Das Sanktionsregime ist umso härter und unerbittlicher, je größer das Risiko oder der Schaden ist, der aus der Regelverletzung resultiert. So mag der eingebildete Dichter die Sprache verhunzen und sich an schiefen Metaphern oder verwackelten Sprachbildern delektieren. Die soziale Nische, in der er seine geistige Scheinexistenz fristet, strahlt nicht weiter irritierend und verstörend auf lebenswichtige soziale Knotenpunkte und die Nervenstränge der gesellschaftlichen Kommunikation aus; ja, seine narzisstischen Grimassen im Zerrspiegel eines dichterischen Idioms ohne geregelte Syntax und transparente Semantik mögen verzückte oder bestochene Kollegen zum Anlaß nehmen, ihn mit Preisen und nicht unbeträchtlichen Fördermitteln auszustatten; doch seine Glossolalien verhallen echolos in den Vortragssälen der Universitäten, Buchhandlungen und Lyrikkabinette und haben für die Handlungen und Ereignisse in Gerichts- und Operationssälen, in Laboren und Forschungseinrichtungen oder den Überwachungssystemen der Flughäfen glücklicherweise keine Relevanz.

Anders steht es um den sprachlichen Spielraum und Freiheitsgrad, den wir in der Möglichkeit oder der Disposition erfassen, den Eltern nicht die Wahrheit über das Schulversagen mitzuteilen, der Ehefrau den sexuellen Betrug oder den Finanzschwindel zu verschweigen, ein Bankkonto unter gefälschter Identität zu eröffnen, dem Polizisten gegenüber die eigene Täterschaft oder Mittäterschaft abzustreiten oder vor Gericht den unschuldigen Konkurrenten einer Straftat zu bezichtigen.

An dieser Stelle wird uns der Umstand augenscheinlich, daß es sich bei Wahrheit und Lüge nicht nur um epistemische und moralische Begriffe handelt, die im sterilen Raum des philosophischen Seminars ihr harmloses Diskursdasein fristen, sondern um echte Herausforderungen für die Entwicklung und die Stabilität sozialer Sanktionsregime.

Das Kleinkind und der Demente haben unsere Sympathie und gelten für harmlos, weil sie die nötige Intelligenz und Schläue, die Gerissenheit und Perfidie noch nicht oder nicht mehr aufbringen, um uns hinters Licht zu führen, zu beschwindeln und zu belügen.

Wenn das Telefon klingelt, aber keine Nummer auf dem Display erscheint, sind wir zurecht mißtrauisch und heben nicht ab. Wenn uns nachts auf dem leeren Bahnsteig eine sinistere Gestalt anspricht, verweigern wir die Erfüllung der Bitte um eine Zigarette oder einen Euro. Unser berechtigtes Mißtrauen beruht auf dem Mangel von Vertrauen, das wir nur auf der Grundlage einer näheren Bekanntschaft und einer Reihe von Dialogsituationen gewinnen, in denen das Hintergrundprofil und Gesicht des Gesprächspartners ausgeleuchtet werden.

Mit dem Abbau der Fremdheit wächst im Regelfalle der Grad des Vertrauens; doch wir können uns täuschen, und der lächelnde Fremde ist ein Trickbetrüger oder gemeiner Dieb.

Wir finden Vorschriften für den initiatorischen Dialog, die nicht nur das präskriptive System von dialogischen Regularien wie Wahrheit, Klarheit und Relevanz der Aussage umfassen, sondern das Spiel von Frage und Antwort auf den Prüfstand vertrauensbildender Maßnahmen stellen.

Das Mißtrauen geht dem Vertrauen voraus; dieses wächst in dem Grade, wie jenes aufgrund bewährter oder gut erfundener Testverfahren abnimmt. Die Annahme von sogenannten Psychologen und Pädagogen, man müsse stets auf ein dem Menschen angeborenes Urvertrauen rekurrieren, ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Nur aufgrund der Möglichkeit, die Unwahrheit zu sagen, haben wir die Fähigkeit, uns so gut es geht und nach bestem Wissen und Gewissen an die Wahrheit zu halten. Wer nicht belogen, übers Ohr gehauen und um sein Erspartes geprellt werden will, muß um die Möglichkeit der Lüge, des Schwindels und Betruges wissen, um den Gauner und den Scharlatan zu durchschauen.

Den Schwätzer und den Dummkopf, die unwissentlich die Unwahrheit sagen, können wir zurecht belehren oder getrost ignorieren; doch wer wissentlich die Unwahrheit redet, dessen mehr oder weniger bösartige Absichten gilt es zu durchschauen und zu durchkreuzen.

Nur philosophische Schaumschläger und gefährliche Utopisten behaupten, das Sanktionsregime für den lügnerischen Mißbrauch der Rede zu Zwecken von Irreführung, Scharlatanerie und Betrug sei eine repressive Zwangsjacke in den Händen toxischer Autoritäten und Diskurspolizisten.

Gruppenidentitäten zeigen und bewähren sich in bestimmten sprachlichen Formen und Mustern wie dem Idiolekt, dem Dialekt, der Fachsprache, der sakralen und rituellen Formelsprache oder der Gaunersprache. Keine Gruppe läßt sich ungerührt am hauseigenen Sprachmuster flicken, sondern eine jede sucht alle Formen der Verunglimpfung, böswilliger Parodie und Verleumdung mit einem Zensurregime abzuwehren. Über die Bedeutung der Polemik bei der Rechtfertigung und Bestreitung von Gruppenidentitäten belehrt ein flüchtiger Blick in die von Verzerrungen, böswilligen Unterstellungen und Haßtiraden überquellenden Flugschriften, Pamphlete und Satiren der Religionskontroversen zur Reformationszeit, des Bauernkrieges oder des Ersten Weltkrieges.

Aufgrund der sprachlichen Manifestation von Gruppenidentitäten und der ständigen hygienischen Bemühungen um ihre Reinhaltung können wir nicht umhin, einen Begriff von Gemeinschaft oder Gesellschaft ohne Zensur und Sprachregime auszuschließen.

Das Bild, das wir uns von uns selbst machen, kann in Nuancen der Farbgebung und der Sujetdarstellung von dem Bild abweichen, das sich andere, die uns gut kennen oder beobachten, von uns machen. Doch können die beiden Bilder nicht völlig voneinander divergieren; es gibt genügend Prüfverfahren, um die Fiktionalität oder Lügenhaftigkeit meiner Geschichte, ich hätte in den letzten zwei Jahren in Italien verbracht, anhand der Wahrnehmung meiner Nachbarn oder Kollegen auffliegen zu lassen.

Wer das Gerücht in Umlauf setzt, er habe bis gestern in Italien gelebt, aber vorgestern von seinem Nachbarn auf der Straße erkannt und gegrüßt worden ist, gilt uns nicht für einen Lügner oder einen sympathischen Phantasten, sondern für verrückt.

Das Zensur-, Straf- und Sanktionsregime erstreckt sich von symbolischen Gesten wie dem Stirnrunzeln, dem Hochziehen der Augenbrauen oder dem jähen Augenaufschlag, wenn der distanzlose Gast sich ohne zu fragen eine Zigarette ansteckt oder sich selbst das Weinglas nachfüllt, über schlichte Zurechtweisungen und Korrekturen des Lehrers, wenn der Schüler die Präposition „gemäß“ mit dem Genetiv konstruiert oder die binomische Formel nicht anwenden kann, über die Tabuisierung des Gebrauchs von Vulgärausdrücken in besserer Gesellschaft, auch wenn sie in düsteren Spelunken geduldet werden mögen, oder der Störung der Pietät und Friedhofsruhe durch krakeelende Nachtschwärmer oder der Schändung sakraler Stätten und der Verunglimpfung heiliger Namen bis zu jenen Tötungsdelikten, die aus Rache und zur Vergeltung für die Verletzung der Ehre von Familien, Sippen und Mafiabanden verübt werden; die Todesstrafe mag kein offizielles Element des Strafrechts mehr sein, hier gilt sie nach wie vor.

 

Dez 25 20

Nachbild

Wenn von Zweig zu Zweig sich schwingen
bunte Schatten und Gezwitscher,
fallen auf die Schwermut-Wasser
deines Liedes goldne Kringel.

Zittern Tropfen uns vom blauen
Tag an traumesbangen Wimpern,
wollen wir die Augen schließen,
feuchten Schimmers Nachbild schauen.

Treiben Blüten wir auf grünen
Wellen, und die Ufer weichen,
hören wir wie Abschiedsweisen
summen fern und ferner Bienen.

Rinnt des Abends Gold von Mauern,
duftlos will mein Wort verzweifeln,
taut an deinem Hauch mein Schweigen,
sendest Knospe du dein Schauern.

 

Dez 24 20

Der Gnadenreichen

Dein Geist ist Schwanenfittichs Tauchen
in blauen Wassers Blütennacht.
Dein Wort, der Liebe sanftes Hauchen,
hat meinem Wort den Tau gebracht.

Hat traurig auch mein Herz gesungen
ein Lied, als nah kein Herz mehr war,
hast du um düstre Stirn geschlungen
das Licht der Rose wunderbar.

Bin ich wie Kinder die verloren
geirrt im dunklen Wald der Welt,
hast huldvoll du dem reinen Toren
mit Lilien Wahn und Weg erhellt.

Ich will getrost im Dunkel warten,
wenn Blume auch und Stern versinkt,
bis mir das Tor zu deinem Garten
dein Engel auftut und mir winkt.

 

Dez 23 20

Sprache und Ontologie III

Ontologie der Person und sprachliches Ethos

„Peter hat das Gedicht nicht geschrieben, sondern Georg.“ – Hier wird Peter die Autorschaft bestritten und einer anderen Person zugewiesen. Vielleicht hätte Peter ein ähnliches Gedicht schreiben können, doch in diesem Falle war es Georg, der es schrieb. Die Fähigkeit, ein Gedicht zu schreiben, ist ebenso w­ie die Neigung, Gedichte zu schreiben, eine mentale Disposition, die wir ausschließlich Personen zuweisen. ­

Wir unterscheiden Neigungen, Dispositionen und Fähigkeiten von ihren motorischen, gestischen und verbalen Äußerungen wie dem Schlittschuhlaufen, Tanzen oder Singen. Die Äußerung eines Satzes wie „Es regnet“ verweist auf die Fähigkeit, Deutsch zu sprechen, die Äußerung eines Satzes wie „It’s raining“ auf die Fähigkeit, Englisch zu sprechen. Wer Sätze sagt wie „Es regnet“, muß auch Sätze sagen können wie „Es schneit“, „Die Sonne scheint“ oder „Ich gehe schlafen“ und abertausend andere.

Betrachten wir folgende kleine Liste gleichbedeutender Sätze in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Lateinisch und Altgriechisch:

Es regnet.
It is raining.
Il pleut.
Piove.
Pluit.
Ζεὺς ὕει.

Es fällt ins Auge, daß diese indoeuropäischen Sprachen Aussagen über die Wirkung von Stoffen oder Substanzen, wie hier des als Regen erfahrenen Wassers, entweder wie das Italienische oder Lateinische ohne Subjekt oder wie die anderen Sprachen mit einem Scheinsubjekt bilden; das deutsche Pronomen „es“, das englische „it“ und das französische „il“ sind in Wahrheit Scheinsubjekte, denn anders als die deiktischen Personalpronomen „ich“, „du“, „er“, „sie“, „wir“ und „ihr“ weisen sie auf kein handelndes Subjekt hin, sondern auf ein subjektloses Geschehen, eben den Regen.

Das gilt auch für den seltsam anmutenden altgriechischen Satz, der zwar vom obersten Olympier aussagt, daß er regne, was aber schon zu Zeiten Homers mehr wie eine verblaßte Metapher für die schlichte Feststellung, daß es regnet, gewirkt haben muß, auch wenn ihr ein Spötter wieder einmal hat Leben einhauchen können, der die Wendung zum Anlaß nahm, sich über den Umstand zu mokieren, daß es Pflanzen und Tieren und Menschen wohl bekommt, wenn der Vater der Götter und Menschen aus höchsten Höhen sein Wasser abschlägt.

„Der Apfel fällt vom Baum“, „Die Katze springt vom Fenstersims“, „Peter überquert die Straße“, „Es fing an zu regnen“: In diesen Sätzen, die Vorgänge und Ereignisse beschreiben, kommen die unterschiedlichen Ontologien von Dingen, Gegenständen, Personen und Substanzen zur Geltung, was freilich durch die Ähnlichkeit ihrer grammatischen Form verdeckt wird.

Betrachten wir den ontologischen Unterschied von Personen und Substanzen. Wenn wir sehen, wie Peter den ersten Schritt auf den Zebrastreifen setzt, unterstellen wir ihm als handelnder Person die Absicht, die Straße zu überqueren. Doch nur im mythischen Rest der verblaßten Metapher, daß Zeus regnet, fassen wir noch die geistige Neigung des frühen Menschen, den Naturvorgängen Absichten zu unterstellen; die Kinder der Aufklärung dagegen sehen in der Natur keine absichtsvollen Prozesse, keine providentiellen Ereignisse mehr.

„Es begann zu regnen“ – ein paar Tropfen genügen, die Aussage zu rechtfertigen, ohne daß wir angeben müßten, bei welcher Anzahl von Tropfen die Aussage gilt. Dagegen sollten auf den ersten Schritt Peters ein zweiter und ein dritter folgen, um auszuschließen, daß er etwa versehentlich nach vorne trat.

Wir müssen ein paar Tropfen gespürt haben, um vom Regen sprechen zu können; und was wir mit Regen meinen, ist einfach die Summe aller in unserem Umfeld niederfallenden Tropfen.

„Der Regen hat aufgehört.“ – „Peter hat die Straße überquert.“ Wenn der Regen aufgehört hat, haben sich die Regenwolken verzogen oder aufgelöst; doch wenn Peter die Straße überquert hat, ist er noch da und begrüßt seinen Freund Hans, der ihm von der anderen Straßenseite zugewunken oder zugerufen hat.

Die Konstanz und Kontinuität von Dingen und Personen über gewisse zeitliche Strecken und innerhalb gewisser räumlicher Kontexte ist ein wesentliches Merkmal ihrer Ontologie.

Die Teile von Substanzen wie Regentropfen, Schneeflocken oder die Duftmoleküle von Blumen und Gräsern haben keine Dispositionen, Fähigkeiten oder Möglichkeiten, jetzt etwas anderes zu tun, als was sie eben taten; während die Katze, die eben noch faul auf dem Fenstersims lag, jetzt herunterspringt und einer Maus nachjagt, und Peter, der eben noch über den Bürgersteig trottete, auf das Winken oder den Zuruf seines Freundes aufmerksam geworden, jetzt die Straße überquert.

Wenn Peter auf das Winken von Hans oder seinen Zuruf die Straße überquert, antwortet er damit auf die Geste seines Freundes; sein Gang ist sowohl ein physischer als auch ein symbolischer Akt, wie alle Sprechhandlungen, könnten wir ergänzen.

Peter hätte das Winken seines Freundes oder seinen Zuruf auch ignorieren können, er hätte weitergehen können und so tun, als sehe und höre er den Freund nicht. Auch dieses Ignorieren wäre eine gestische Antwort, auch sein Schweigen wäre ein Sprechakt.

Wenn die natürlichen Bedingungen, wie die Windstärke oder der Kondensationsgrad zur Bildung von Wasser, erfüllt sind, fällt der Apfel vom Baum, beginnt es zu regnen; wenn die Katze die Maus erspäht, springt sie instinktiv vom Fenstersims. Wir können nicht sagen, der Apfel hätte auch noch ein Weilchen am Zweig hängen bleiben, der Regen ausbleiben, die Katze den instinktiven Fangreflex ignorieren können.

Die Anwendung des irrealen Konditionalis auf Sätze, die mögliche oder virtuelle Handlungen beschreiben, oder die Darstellung kontrafaktischer Annahmen ist ein sprachliches Kriterium für den ontologischen Status von Personen.

„Hätte Peter nicht verschlafen, hätte er den Zug noch erwischt.“ – Sein treues Hündchen hat ihn jedenfalls nicht geweckt. Hat es auch verschlafen? Hunde freilich können weder verschlafen noch zu spät kommen, geschweige denn sich vornehmen, früher schlafen zu gehen oder länger wach zu bleiben.

Der Satz: „Wären die Naturgesetze andere, als sie sind, und wären die Randbedingungen bei der Expansion des Universums nur geringfügig anders gewesen, würden wir nicht existieren. Also …“ Und dann folgt womöglich ein theologisches Argument. – Aber dieser Satz ist ein Schein-Satz, denn die Welt ist, wie sie nun einmal ist. Punctum.

Die Welt ist nicht etwas, von dem man sagen könnte, daß es die ontologische Instanz eines Allgemeinbegriffs oder einer Universalie ist, wie die Katze dort auf dem Fenstersims die ontologische Instanz der zoologischen Ordnung der Feliformia (der Katzenartigen) und Peter die ontologische Instanz einer menschlichen Person (der menschlichen Spezies).

Universalien sind gleichsam Leerstellen und Platzhalter auf dem ontologischen Formblatt und Organigramm, bei denen unter der Rubrik „Name“ der individuelle Name, unter „Wohnort“ der Name einer Stadt, einer Straße, eines Landes, unter „Beruf“ die jeweilige Berufsbezeichnung einzutragen sind.

Die deutsche Grammatik behandelt unter dem Abschnitt „Fragesätze“ die syntaktische Form von Fragen und gibt dazu Beispielsätze wie: „Hast du heute Nachmittag Zeit“, „Bist du schon in London gewesen?, „Leben deine Eltern noch?“ Diese Beispielsätze werden erst zu echten sprachlichen Partikularien oder Instanzen des Typus Fragesatz, wenn sie in einem spezifischen Kontext geäußert werden. So, wenn Peter Hans fragt, ob er heute Nachmittag Zeit habe, ob er schon in London gewesen sei oder ob seine Eltern noch leben.

Der Zuruf von Hans ist eine Instanz jener Sätze und Sprechakte, die wir Aufforderungen nennen; diese Rose, auf die ich dich im Garten wegen ihrer besonderen Pracht hinweise, ist ein Exemplar jener Blumensorte, die wir Rosen nennen.

Wir treffen nirgendwo auf Rosen, sondern immer nur auf diese weiße oder diese rote; wir treffen uns nicht mit typischen Menschen, sondern immer nur mit diesem oder jenem besonderen, mit Hans oder Peter.

Oft dient uns die Klassifikation durch Allgemeinbegriffe der Orientierung im Einzelnen: Ich weise dich auf die außergewöhnlichen Merkmale dieser prächtigen Rose hin. Du fragst: „Meinst du die Form oder die Farbe?“

Peter hätte das Winken oder den Zuruf seines Freundes ignorieren können, wenn er ihm den Umstand übel nähme, daß er auf seine letzte E-Mail nicht geantwortet hat. Wir schließen von einem solchen Verhalten auf eine gewisse moralische Empfindlichkeit und nennen Personen, die es an den Tag legen, nachtragend.

Charakterliche Dispositionen und Neigungen wie die, nachtragend, verlegen, jähzornig oder unterwürfig zu reagieren, sind keine verborgenen Züge der Innerlichkeit, denn würden sie sich nicht bisweilen in Gesten und Äußerungen kundtun, hätten wir keinen Anlaß und Grund, sie den Betreffenden zuzuschreiben.

Die Disposition und die Fähigkeit, eine Sprache zu sprechen, sind ein wesentliches Kennzeichen der Ontologie der Person, auch wenn der Säugling noch nicht und der Sterbende nicht mehr sprechen können. Dabei gilt: Es gibt keine allgemeine oder universale Sprache, sondern immer nur partikulare oder besondere natürliche Sprachen, Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch. Aus den Kategorien des Aristoteles und Kants können wir kein universales philosophisches Idiom konstruieren, in dem sich Peter mit Hans verständigen könnte.

Jede natürliche Sprache verkörpert ein mehr oder weniger diffuses Weltbild und ein mehr oder weniger artikuliertes Ethos.

Sprecher von Sprachen ohne Zahlbegriff können keine höhere Mathematik entwickeln.

In allen natürlichen Sprachen findet sich das Äquivalent für den Sprechakt der Aufforderung. Die Aufforderung und die Arten, ihr zu entsprechen, zumindest durch eine bejahende oder verneinende Geste, sind die Grundlagen des sprachlichen Ethos.

Peter bejaht die Aufforderung von Hans, ihm die ausgeliehene Summe Geldes übermorgen zu erstatten. Hält sich Peter nicht an die Abmachung, droht ihm eine soziale Sanktion; sie mag daraus resultieren, daß Hans das Gerücht in Umlauf bringt, wie unzuverlässig und wortbrüchig Peter ist, oder auch in der Aufkündigung ihrer Freundschaft.

Hat Peter seinem Freund das Geld verabredungsgemäß ausgehändigt, ist dessen Forderung erfüllt und erlischt. Dagegen erlischt Peters Eheversprechen erst, wenn seine Frau die Scheidung eingereicht hat oder verstorben ist.

Unser Zeitbewußtsein ist nicht nur eine mentale Eigenschaft der reinen Subjektivität, wie Husserl anhand des Musikhörens phänomenologisch getreu dargelegt hat, sondern in erster Linie eine soziale Funktion, wie uns der zeitliche Index und die Geltungsdauer von Versprechen, Verabredungen, Abmachungen und Verträgen vor Augen führen.

Informelle und formelle Verpflichtungen sind die Basis des durch die natürliche Sprache konstituierten und kommunizierten Ethos. Im Rest des Universums hat dieses Ethos keinen Ort und keine Geltungskraft.

Wir können unseren Hund dressieren, uns die Zeitung aus dem Flur zu apportieren; aber unser treuer Hund weiß sich nicht zu dieser Dienstleistung verpflichtet, weil er im Falle ihrer Vernachlässigung befürchten müßte, daß sein guter Ruf bei den Hunden der Nachbarschaft Schaden nähme.

Das aus den sprachlichen Handlungen der Aufforderung, der Bitte, des Versprechens und der Verpflichtung erwachsene sprachliche Ethos ist ein singuläres Merkmal der Ontologie der Person.

Ein Gutteil dessen, was wir moralische Übel und seelisches Leiden nennen, entspringt aus den Fallstricken, die am Grunde unseres sprachlichen Ethos lauern: Wir gehen Verpflichtungen ein, die wir aufgrund mangelnder Kräfte und Talente oder aus Charakterschwäche nicht einlösen können, und fühlen uns überfordert oder versinken wegen unseres Versagens in depressive Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Wir weichen aus Bequemlichkeit, Trotz oder Hang zur Liederlichkeit der Übernahme von Verpflichtungen aus, die unserem Leben eine Richtung und dauernden Wert geben könnten, und versinken in innere Öde, Trübsinn und Langeweile.

Loben, Preisen, Rühmen gehören ebenso zum sprachlichen Ethos wie Tadeln, Zurechtweisen und üble Nachrede. Die sanfte, begütigende Stimme der Mutter, die strenge, strafende des Vaters oder die mäkelnde, hänselnde der Geschwister begleiten uns ein Leben lang, und wir hören sie mit dem inneren Ohr, ja noch in unseren Träumen oder wie bei psychotischen Anfällen als akustische Halluzinationen, weil sie in den Stimmen der Gruppen und Gemeinschaften, in denen wir Aufgaben übernehmen, uns bewähren oder versagen, ihr Echo finden.

 

Dez 22 20

Die Liebe nimmt es hin

Bei manchen sieht der leere,
der knurrend dumme Bauch
den Wurm nicht in der Beere.

Und mancher steht im Dunkeln,
wenn rings an Kraut und Lauch
wie Augen Tropfen funkeln.

Der Trübe sieht durchs Fenster
im fahlen Dämmerschein
stumm winken ihm Gespenster.

Der Heitre schaut versunken,
als dürft er glücklich sein,
ihr Haupt die Schwäne tunken.

Wo zarte Engel beten,
mag selbst der rohe Sinn
die Blume nicht zertreten.

Stößt Dichters Wort an Mauern,
die Liebe nimmt es hin,
mag schweigend auch erschauern.

 

Dez 21 20

Die Nacht des Schwans

Es ist ein grauer Schwan,
den seine schönen Schwestern
gar necken und verlästern,
und haben Leids ihm angetan.

Nur nachts fühlt er es kaum,
da grüßen brüderliche Schatten,
auf Himmels blauen Matten
sinkt ihm der Sterne Schaum.

Er schaut sein Spiegelbild
in Wassers Zauberwellen
im Monde sich erhellen,
o Nächte still und wundermild.

Bricht seinen Traum der Tag entzwei,
wenn Lilien Kränkung senden,
der Schwestern Federn blenden,
sehnt er die Nacht, die Nacht herbei.

 

Dez 20 20

Sprache und Ontologie II

Die semantisch-logische Analyse kann die Sense sein, mit der sich die Ontologie einen Weg durch das Dickicht der Sprache bahnt, um zu einer Lichtung klarer und transparenter philosophischer Darstellung zu gelangen. – Bisweilen genügt es freilich, ein paar Umwege zu gehen, um ebenfalls ungehindert die Lichtung zu erreichen.

Aufgrund der semantischen Analyse des alltäglichen Gebrauchs von Begriffen wie „etwas“, „Gegenstand“ und „jemand“ schreiten wir zur ontologischen Festlegung, daß es neben Dingen wie Bäumen, Mäusen und Fahrrädern sowie Substanzen wie Wasser, Schnee und Blut Personen gibt, die zwar auf chemischem und physikalischem Niveau in unzählige Teile und Teile von Teilen zerfallen, aber auf sozialem Niveau ontologische Einheiten darstellen.

Mittels semantischer Analyse verschaffen wir uns Klarheit über die Referenz von Begriffen wie „Baum“, „Maus“ und „Person“. Wenn wir zumindest eine adäquate Anwendung oder eindeutige Projektion des Begriffs registrieren, würdigen wir ihn (vorläufig) eines ontologischen Ranges.

Wenn der Neurologe von der Aktivität neuronaler Muster im Gehirn von Peter spricht, sagt Peter: „Ich höre eine Klaviersonate von Mozart.“

Es bleibt nach wie vor unerfindlich, wie man eine Äußerung wie „Ich höre eine Klaviersonate von Mozart“ in das entsprechende neuronale Muster oder das neuronale Muster in den Satz „Ich höre eine Klaviersonate von Mozart“ übersetzen kann.

Es mutet beinahe lächerlich an, sich vorzustellen, in Peters Gehirn würde auf neuronalen Bahnen das repräsentiert, was der Pianist vom Blatt spielt, wenn er eine Klaviersonate Mozarts vom Blatt spielt, lächerlich, sich vorzustellen, mittels einer adäquaten Transkription dessen, was sich in Peters Gehirn auf neuronalen Bahnen abspielt, könnte der kundige Pianist Mozarts Klaviersonate wiedererkennen.

Auch wenn wir keine Ahnung von der Aktivität neuronaler Muster im Gehirn der Person haben, sprechen wir im Rahmen unseres alltäglichen Wahrnehmens und Erlebens ohne epistemische und ontologische Skrupel davon, daß Peter Musik hört.

Der Neurologe, der die neuronale Aktivität seiner Versuchsperson beobachtet, kann nicht sagen, ob sie an ihre Mutter oder ihre Freundin denkt; er kann es nur herausfinden, wenn er wie wir Normalsterblichen die Versuchsperson befragt und diese aufrichtig von ihren Gedanken berichtet.

Die Person, die gemäß dem Rätsel der Sphinx am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf drei Beinen geht, also gravierenden Modifikationen in der Zeit unterliegt, ist doch als Kleinkind ontologisch dieselbe Person wie als Greis. Die Identität der Person in der Zeit beruht nicht auf einem Kontinuum dessen, was man poetisch-verschwommen Bewußtseinsstrom nennt, denn sie könnte psychotisch bedingten Erinnerungsstörungen unterliegen, ohne daß wir ihr die personale Identität absprechen würden.

Vielleicht sind es auf physikalischem Niveau bestimmte neuronale Muster, die das Kontinuum der personalen Identität in der Zeit bedingen; aber wir sprechen von Peters Kindheit, ohne eine Kenntnis der zugrundeliegenden physikalischen Referenz zu haben, wie von dem vor einigen Jahren verstorbenen Johannes, bei dem von dieser Referenz keine Rede mehr sein kann.

Substanzen wie Fließgewässer oder Wolken bilden andere Referenzpunkte als Mäuse und Menschen; ich kann vom fließenden Wasser im Rhein oder von den schnell vorüberziehenden Wolken reden, auch wenn ich weiß, daß das Wasser jetzt nicht mehr aus denselben Molekülen und die Wolken nicht mehr aus denselben Molekülkonstellationen bestehen wie noch vor einer Minute.

Menschen sprachen vom Wasser des Rheins, auch als sie nicht wußten, daß es H2O ist, mit derselben Berechtigung und ontologischen Transparenz und Adäquatheit, mit der sie vom Sonnenuntergang sprachen, auch wenn sie nicht wußten, daß sich die Erde um sich selber dreht.

Unterliegen wir als Sprecher einer indogermanischen Sprache einer grammatischen Suggestion, wenn wir Dinge, Entitäten oder Gegenstände wie Moleküle, Neuronen, Mäuse und Fahrräder, Substanzen wie Wasser, Schnee und Blut, Personen wie Caesar, Hildegard von Bingen oder Onkel Kurt sowie Ereignisse wie die Krönung Karls des Großen oder die Geburtstagsfeier von Tante Hilde ontologisch auszeichnen, nicht aber fiktive Entitäten wie Einhörner, mythische Personen wie Odysseus und die Göttin Athene sowie legendäre und traumartige Ereignisse wie die Versammlung der Krieger in Walhalla und Peterchens Mondfahrt?

Der Mensch in der Masse, vor allem der aufgewühlten, zeigt uns ein anderes, häßlicheres Gesicht als derjenige, den wir im ruhigen Gespräch von Angesicht zu Angesicht angetroffen haben; doch wenn Hans aus der wütenden Menge heraus einen Stein auf einen Polizisten schleudert, wird er als Einzelperson zur Verantwortung gezogen, ohne daß er aufgrund der Massenerregung mildernde Umstände erfährt.

Ich kann den platonischen Satz „Theaitetos sitzt“ auf zweierlei Weise verneinen: „Es ist nicht der Fall, daß Theaitetos (dort) sitzt“ und „Es ist nicht Theaitetos, der (dort) sitzt.“ Doch weder, wenn Theaitetos dort nicht auf der Bank sitzt, sondern herumläuft, noch, wenn nicht Theaitetos dort sitzt, sondern Lysis oder niemand, stoße ich auf eine semantisch bedeutsame Referenz, die meine Ontologie bereichert.

„Niemand sitzt auf der Bank“, „Nichts ist geschehen“: Es ist offensichtlich, daß ich mit diesen und ähnlichen Negationen keine ontologisch neuen Felder betrete. Mit den Aussagen, daß im Moment keiner auf der Parkbank sitzt oder der langweilige Urlaubstag ohne besondere Vorkommnisse verstrichen ist, wird nicht in gleicher Weise Bezug genommen auf eine Tatsache wie mit der Aussage, daß Theaitetos auf der Bank sitzt oder ausgerechnet an diesem Wintertag die Heizung ausgefallen ist.

Das Wörtchen „nichts“ hat in der Philosophie Europas von Platon über die jüdische und christliche Mystik bis zu Heidegger und Sartre eine Corona diffuser Bedeutungen erhalten, die selbst seinen metaphorischen Gebrauch in Mißkredit gebracht haben.

Begriffe haben unterschiedliche Körnung, je nach dem ontologischen Niveau, auf dem wir sie situieren: Eine Person ist im Vergleich mit den Atomen, Zellen, Neuronen, aus denen ihr Körper besteht, ein grobkörniger Begriff, dagegen im Vergleich mit den naturwüchsigen oder institutionellen Einheiten, deren Mitglied oder Teil sie ist, wie der Familie, dem Verein, dem Unternehmen, dem Staat, ein feinkörniger Begriff.

Wir können eine Person anhand eines einzigen charakteristischen Merkmals oder eines spezifischen, ontologisch eindeutigen Kriteriums identifizieren; so wenn wir mit „Wittgenstein“ jene Person meinen, die den „Logisch-philosophischen Traktat“ geschrieben hat, auch wenn wir nicht wissen, daß Wittgenstein die „Philosophischen Untersuchungen“ geschrieben hat.

Wenn wir wissen, daß Peter der Vater von Hans ist, wird unser Wissen, daß er blaue Augen hat, keine echte Erweiterung unserer Ontologie der Person darstellen, denn blaue Augen haben viele, aber der Vater von Hans ist nur einer.

Umso genauer, detaillierter, minutiöser wir eine Person (einen Gegenstand) beschreiben, desto weniger relevant werden unsere deskriptiven Aussagen für die Feststellung ihres ontologischen Status. Diese Beobachtung bestätigt die Annahme, daß Philosophie keine Literatur und keine Dichtung ist. Die Dichtung beispielsweise kann die Intensität der Gegenwart einer Person in der Beschwörung ihres lebendigen Blicks einfangen und die intensive Wirkung ihrer Abwesenheit im leeren Blick dessen, der an dieser Abwesenheit leidet.

Trotz der materialen Mannigfaltigkeit der Vorstellungsbilder, Phantasmen und Wahnideen, die wir der Symptomatik der Psychose zuordnen, finden wir immer wieder dieselben typischen Muster wie das Stimmenhören, Halluzinationen oder Verfolgungsideen. Wir können von der Beschreibung dieser typischen Muster nicht auf die konkrete Person schließen, die unter ihnen leidet. Um diese Muster für die Diagnostik oder Therapie heranziehen zu können, müssen sie in die Beschreibung der Lebensvollzüge des Patienten integriert werden.

Ein wesentliches semantisches Verfahren zur Ermittlung ontologischer Feststellungen und Zuschreibungen besteht in der Aufteilung und Gliederung (der semantischen Artikulation): Wir schreiten von der phonologischen Ebene des Satzes zur grammatisch-syntaktischen und von dieser zur semantischen Ebene. Auch wenn wir die phonologische und syntaktische Ebene mittels Übersetzung in eine andere Sprache vollkommen austauschen, können wir in den meisten Fällen zumindest den elementaren oder primitiven semantischen Gehalt konservieren.

Doch wenn wir die Liebesgedichte der Sappho mit den mystischen Gebetsanrufungen einer mittelalterlichen Heiligen vergleichen, merken wir bald, daß hier unvereinbare Konzepte von Verehrung, Hingabe und Liebe aufeinandertreffen.

Wenn wir sagen, Hans sei von Beruf Lagerist, können wir seine beruflichen Tätigkeiten nicht auf das feinkörnige Niveau reduzieren, auf dem wir von den Ennervationen seiner Hand und der Krümmung seiner Finger reden; sondern wir müssen etwa sagen, er räume bestimmte Waren in bestimmte Regale.

Wir sprechen vom Beruf oder der Profession einer Person; doch diese Kennzeichnung hat keine unmittelbare Relevanz für ihren ontologischen Status; sie kann ja den Beruf wechseln oder arbeitslos werden, ohne diesen Status zu verlieren. Dies gilt im gleichen Sinne auch von Kennzeichnungen wie „verheiratet“, „magenkrank“ oder „jähzornig“.

Verstehen wir unter Jähzorn die Neigung, schon bei nichtigen Anlässen wie einer unwirschen Geste und herausfordernden Mimik oder einem scharf fixierenden Blick aus der Haut zu fahren, können wir sie als Verhaltensdisposition auffassen, die uns nicht nur bei Peter, sondern auch bei dem Wachhund Rex begegnet. Dispositionen zu emotionalen Reaktionen scheinen keine unmittelbare Relevanz für die Zuordnung des ontologischen Status an denjenigen zu haben, an dem wir sie bemerken.

Der Grad der Feinkörnigkeit unserer ontologischen Bezugnahme ist abhängig von den Absichten und Zwecken, die wir damit verfolgen; so ist die Genauigkeit der Wanderkarte mittels Maßstabsvergrößerung gegenüber der Straßenkarte für Autofahrer erhöht; dadurch findet der Wanderer nicht nur die Burg, sondern auch die versteckte Grotte oder die verborgene lauschige Quelle. Die Beschreibung von Pflanzen und Tieren ist um ein Vielfaches genauer, detailreicher und subtiler in den entsprechenden botanischen und zoologischen Handbüchern als im Lehrbuch für die unteren Klassen, in dem wohl von Rosen und Tulpen, von Hunden und Katzen die Rede ist, aber kaum einmal zwischen Beet- und Kletterrosen, zwischen Pinschern und Windhunden oder zwischen Siamkatzen und Perserkatzen unterschieden wird.

Die Topographie der Wanderkarte muß auf veridischen Projektionen der vermessenen und dokumentierten dreidimensionalen Landschaft mit ihrem Wegenetz auf die zweidimensionale Fläche der symbolisch repräsentierenden Karte beruhen, damit sie unsere Absichten und Zwecke erfüllt; denn das auf der Karte eingetragene Knusperhäuschen der Hexe würde der Wanderer vergebens suchen. Ebenso die Abbildungen der Pflanzen und Tiere mit ihren botanischen und zoologischen Klassifikationen: Sie müssen veridische Projektionen der realen Pflanzen und Tiere darstellen; denn weder die blaue Blume noch das Einhorn, die etwa in das botanische oder zoologische Handbuch geraten sind, vermögen unsere wissenschaftliche Neugier zu stillen.

Die Karte und unser ontologisch transparentes und semantisch geregeltes Aussagesystem müssen über eine isomorph-projektive Ähnlichkeit mit dem Gegenstand, den sie darstellen, verfügen, damit wir uns anhand ihrer orientieren oder verständigen können.

Die Syntax und Semantik jener Sätze, mit denen wir von einzelnen Entitäten Eigenschaften und Zustände prädizieren, wie in dem Satz: „Der Hund liegt im Körbchen“ oder dem Satz: „Peter überquert die Straße“, sind anders geartet als die Syntax und Semantik von Sätzen, in denen wir von Substanzen oder Stoffen Eigenschaften und Zustände prädizieren, wie in den Sätzen: „Es regnet“ und „Es schneit.“

Eine wahre Totalrepräsentation oder ein vollständiges Bild der Welt entwerfen zu wollen, das all ihre Teile und Elemente umfaßt, ist schon deshalb nicht möglich oder inkohärent, weil das Bild selbst als Teil der Welt dabei unter den Tisch fällt; eine Wiederholung und Iteration des Verfahrens aber führen zu einem unendlichen Regreß.

Weil unsere ontologisch veridischen Aussagesysteme sich nicht selbst isomorph abbilden und sich nicht selbst enthalten, bleiben sie notwendig unvollständig.

Nur wenn wir unsere projektiven Modelle auf die Wiedergabe von Types statt Tokens einschränken, könnten wir Vollständigkeit erzielen. Damit aber sind wir gehalten, abstrakte Entitäten wie Zahlen und Typen in unsere Ontologie aufzunehmen.

Wir müssen folgende unbeweisbare, aber methodisch unverzichtbare Maxime aufstellen: So wie wir unsere Milchstraße auf einer Sternenkarte projektiv modellieren, wird es wohl in allen Galaxien, also im Rest des Universums, aussehen. – Das Verfahren der semantischen Gliederung und Artikulation, das wir an Ort und Stelle ontologisch erfolgreich durchführen, muß auch am Nordpol, im Andromedanebel sowie in der näheren und ferneren Vergangenheit und Zukunft anwendbar, gehaltvoll und gültig sein.

Wir können ontologisch bedeutsame syntaktische Muster wie Formulare oder Organigramme betrachten, auf denen neben den Typen-Angaben wie „Person“, „Tätigkeit“ und „Zustand“ Leerstellen oder Platzhalter stehen, in die man die individuellen Token-Bezeichnungen eintragen kann, etwa: „Theaitetos sitzt.“

Wir können ontologisch bedeutsame Gliederungen und Schematisierungen an den Farb- und Tonskalen vornehmen, indem wir sie nach den Kriterien Helligkeit und Intensität oder Kontrastwirkung und Komplementarität ordnen; aber das, was Goethe die sittliche Wirkung der Farben nennt und, können wir ergänzen, was man die psychologische Wirkung der Töne nennen kann, läßt sich in unserer ontologischen Matrix nicht mehr erfassen.

Wenn wir in unserer grobkörnigen Sprechweise von Hunden und Katzen reden, kann der Molekularbiologe auf die jeweiligen feinkörnigen DNA-Muster als adäquate Referenz verweisen.

Man spricht zurecht von einem mehr oder weniger fein gewebten Netz der Begriffe, in dem wir auffangen, was nicht durch die Maschen fällt; wir könnten aber auch von begrifflichen Mikroskopen und Teleskopen reden, die sich gemäß der jeweiligen ontologischen Nähe und Ferne justieren lassen.

Wir sprechen von der Vagheit von Begriffen wie „hier“ und „dort“, „früher“ und „demnächst“, „Freundschaft, „Liebe“ und „Glück“, wenn ihre Verwendung kontextuellen Einschränkungen unterliegt, desgleichen von der ontologischen Unbestimmtheit von Begriffen wie „Einhorn“, „Rübezahl“ und „Stein der Weisen“, wenn ihre Referenz die Null-Menge darstellt.

Das Fieberthermometer bildet ein ontologisch projektives Modell zur Erfassung der Körpertemperatur, denn die Ausdehnung der Quecksilbersäule ist der Körpertemperatur direkt proportional. Die Aussage: „Peter hat Fieber“ ist wahr, wenn die eingezeichnete rote Linie an der Quecksilbersäule überschritten ist.

Die Prüfung der Transparenz unserer projektiven begrifflichen Fenster und ontologischen Modelle auf dasjenige, was sie identifizieren und klassifizieren, ist die Aufgabe der semantischen Analyse.

Die Aussage, daß Peter Hans begrüßt, kann entweder falsch sein, weil keine Form der Begrüßung vorliegt, oder weil umgekehrt Hans Peter begrüßt. Im ersten Falle scheitert die Transparenz der begrifflichen Projektion am Fehlen der Relation, im zweiten Fall an der verfehlten Reihenfolge der Relata.

Begriffliche Transparenz unserer projektiven Modelle wäre die Voraussetzung eines semantischen Realismus, semantischer Realismus die Voraussetzung eines ontologischen Realismus. Die Frage nach seiner Möglichkeit bleibt wohl angesichts der Mannigfaltigkeit der menschlichen Lebensformen und Sprachen offen, aber vielleicht auch nicht zu beantworten, und zwar aufgrund der Diskontinuitäten in der Abfolge basaler Theorien wie beispielsweise der astronomischen Theorien von Ptolemäus über Kopernikus und Newton bis Einstein und anderer Theorien, von denen nicht klar ist oder unklar bleiben muß, ob sie sich vollständig und ohne Sinnverlust wie eine Sprache in eine andere übersetzen lassen oder ob sie zumindest Kerne und Muster neuer Sprachen hervorbringen, die mit den von ihnen verdrängten Theorien inkommensurabel sind.

 

Dez 19 20

Sprache und Ontologie I

Er ist an der Rechenaufgabe gescheitert, hat die Prüfung nicht bestanden, kam seinen beruflichen Anforderungen nicht nach und wurde entlassen, weil seine Mutter getrunken und ihn vernachlässigt hat, weil die Prüfer an seiner abweichenden sexuellen Orientierung Anstoß nahmen, weil sein Arbeitgeber ihn aus Schikane überfordert hat. Nein: weil er zu dumm war, um die Gleichung zu lösen, weil er sich ungenügend auf die Prüfung vorbereitet hat, weil er wichtige Kundentermine verschlafen hat.

Wir lassen uns gerne von einer oberflächlichen Psychologie über grundlegende Elemente unserer Ontologie täuschen, die wir semantisch ziemlich leicht aufspüren können, wenn wir davon sprechen, jemand habe diese oder jene Eigenschaften, Neigungen und Dispositionen oder jemand sei ein Mann oder eine Frau, intelligent oder dement, musisch begabt oder amusisch, bei Sinnen oder schizophren.

Wir finden ähnliche von einer oberflächlichen Psychologie inspirierte und verfehlte Kausalannahmen oder Pseudo-Erklärungen allenthalben. Er wurde nicht zum Trinker, weil sich seine verständnislose Frau von ihm getrennt und die Mitwelt sich mitleidlos und ohne Empathie von ihm distanziert hat, sondern aufgrund seiner Trunksucht geriet seine Ehe in die Schieflage, wegen seiner ständigen Fahne, seiner Unbotmäßigkeit und Verwahrlosung hat sich die Umwelt genervt und angewidert von ihm distanziert.

Sein Leben geriet aus der Bahn, weil er entdeckt hat, daß sein Vater in die Verbrechen der Nazis verstrickt war. Nein: Sein Leben, eine ontologisch komplexe Struktur von Charaktereigenschaften, Persönlichkeitsmerkmalen, Neigungen und Dispositionen, die tiefer liegen als die Überzeugungen und Ansichten, die man sich in seinem Verlauf bildet, sein Leben wäre auch mißraten, hätte er entdeckt, daß sein Vater zum Widerstand gehört hat.

Warum Aristoteles und kein anderer, und ein Grieche und zu dieser und keiner anderen Zeit, die Logik hat begründen können, wissen wir nicht und können wir nicht wissen.

Sich vorzustellen, wie es wäre, nicht geboren zu sein, ist widersinnig.

Sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es die Welt nicht gäbe, ist absurd.

Obwohl wir keine klare Theorie über das haben (oder haben können), was wir eine Tatsache nennen, sagen wir ohne zu zögern, daß der Satz: „Die Erde gab es schon lange vor meiner Geburt“ durch die Annahme gerechtfertigt wird, daß es die Erde schon lange vor meiner Geburt gab.

Ein Bild scheint mindestens zwei Elemente aufweisen zu müssen, damit es zu einem Piktogramm wird, zum Beispiel eine lineare Strecke und eine Pfeilspitze an ihrem einen Ende, damit es zu einem Bild eines Pfeiles wird, dessen Richtungsangabe ich ohne Mühe zur Kenntnis nehmen kann.

Wie viele Elemente oder syntaktische Einheiten muß ein Satz mindestens aufweisen, damit er semantisch gehaltvoll ist?

„Theaitetos sitzt“ scheint wie das Pfeil-Bild nur zwei Elemente zu haben; doch in Wahrheit können wir den Satz so analysieren: T ϵ (S), und neben den Namen T für Theaitetos und S für die Menge aller Sitzenden haben wir als dritte syntaktische Form das Elementzeichen, das den Bezug der beiden genannten Elemente angibt.

Ihre Sprache schien verwirrt, sie sprach von sich in der dritten Person, etwa wie es kleine Kinder machen, die von sich sagen: „Peter Aa!“ Sie hat wohl einen Ausfall bei der Sprachentwicklung erfahren, womöglich aufgrund der Vernachlässigung durch ihre Mutter. Nein: Sie leidet unter einer Psychose.

Die Psychose, eine ontologisch komplexe Struktur von bedeutungs- und symbolverzerrenden Verhaltens- und Vorstellungsformen, Persönlichkeitsmerkmalen und genetischen Dispositionen, können wir nicht kausal mittels der verstörten, irritierten und meist verständnislosen oder gar grausamen Reaktionen erklären, die ihre seltsamen und oft erschreckenden Äußerungen durch die Umwelt erfahren; diese Reaktionen mögen ein verzerrtes Spiegelbild der psychotischen Äußerungen darstellen, sie sind indes durch diese Äußerungen ausgelöst, nicht die Psychose durch das verstörte Gebaren der Umwelt.

Die Ontologie der Psychose können wir semantisch aufspüren, indem wir das vom Alltagsgebrauch abweichende Sprachbild des Patienten minutiös aufzeichnen und analysieren, um hier und dort auf verborgene Krümmungen und Verzerrungen der normalen Syntax und Semantik zu stoßen, die vielleicht Hinweise auf tieferliegende Persönlichkeitsmerkmale gestatten.

„ich“ deutet nicht auf einen Gegenstand, der nur dem Sprecher bekannt ist; denn wenn ich von mir behaupte, ich hätte noch bis gestern nicht hier, sondern in Berlin gewohnt, widerlegt meine Aussage ein Nachbar, der mich vorgestern hier gesehen hat.

Meine Äußerung, daß ich traurig bin, kann bezweifeln, wer mich gut genug kennt, um zu wissen, daß ich mich bisweilen in der Identifikation der eigenen Gefühlszustände täusche, oder wer um meinen Hang zur Selbsttäuschung weiß.

Wir müssen uns angesichts des Pfeil-Bildes fragen, welche Bedeutung und Relevanz es für den hat, der es wahrnimmt: Insofern haben wir mit dem Beobachter immer ein drittes semantisches Element.

Bei jedem Bild finden wir einen unsichtbaren Punkt, der den Betrachter repräsentiert; so wie auf der Wanderkarte am Waldrand ein Zeichen für den Standort des Betrachters eingetragen ist.

Durch den ontologischen Eintrag des Subjekts und Beobachters wird die Beobachtung nicht subjektiv und das Wahrgenommene nicht zur fragwürdigen Fiktion; wie auch die eingezeichneten Wege auf der Wanderkarte durch den ebenfalls verzeichneten Beobachterstandort nicht subjektiviert werden, sondern im Gegenteil erst objektive Relevanz für den Betrachter bekommen.

Die semantische Leserichtung ist nicht vorgegeben. Wir können sagen: „Das ist Theaitetos, der dort sitzt“ oder: „Der da sitzt, ist Theaitetos“.

Wenn wir sagen: „Theaitetos sitzt auf der Bank“, können wir mittels der Verwendung eines präpositionalen Ausdrucks eine ontologisch wahre Positionierung darstellen, denn der Satz wäre falsch, würde Theaitetos unter der Bank kauern.

Wenn wir das Tempus einführen und etwa die Aussage bilden: „Theaitetos hat auf dieser Bank gesessen“, können wir ihre ontologische Bedeutung und Relevanz semantisch dadurch aufweisen, daß wir einen Zeitpunkt in der Vergangenheit wählen, an dem wir gesagt haben könnten: „Theaitetos sitzt auf der Bank.“

Wir könnten aber auch einen Zeitpunkt in der Zukunft wählen und die ontologische Bedeutung der von ihm aus formulierten Aussagen dadurch aufweisen, daß wir sagen: „Theaitetos hat auf dieser Bank gesessen.“

Auf der Basis solcher zeitlicher Perspektivwechsel können wir die Ontologie temporalisieren, ohne die Gleichsinnigkeit und Eindeutigkeit unserer Aussagen zu relativieren.

Mittels Tempuswechsel gewinnen wir fiktive Kontexte: Wenn wir etwa lesen: „Lange sitzt Theaitetos auf der Bank und grübelt vor sich hin. Als es zu regnen begann, stand er auf und …“, wissen wir, daß es sich um den fiktiven Kontext einer Erzählung handelt.

Die Töne einer Tonskala sind echte Teile sowohl einer physikalisch messbaren Reihe als auch einer Reihe distinkter Hörerlebnisse. Wenn wir einen Ton erhöhen oder vermindern, haben wir jeweils andere Hörerlebnisse, die uns etwa den Eindruck einer Erhellung oder Verdüsterung der musikalischen Atmosphäre vermitteln.

Die Komplexion von Tönen oder der musikalische Akkord vermittelt uns einen komplexen seelischen oder Erlebniseindruck.

Wir können Wasser oder H2O mittels Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen; Wasserstoff und Sauerstoff sind echte Teile von Wasser, die sich nicht weiter in andere chemische Elemente zerlegen lassen, sondern nur in Elementarteilchen.

Die sensorischen Erlebnisse, die uns Wasser vermittelt, sind vollkommen distinkt von denen, die uns Wasserstoff und Sauerstoff vermitteln.

Wasser ist wie der musikalische Akkord, seine Elemente wie die Töne, aus denen sich der Akkord zusammensetzt.

Eine bestimmte Zusammenstellung oder Komposition von Farben gibt uns malerisch und visuell jenen komplexen Erlebniseindruck, den uns musikalisch und auditiv ein Akkord vermittelt.

Wie wir mittels semantischer Betrachtung oder Analyse von Sätzen über Höreindrücke zur Feststellung von ontologischen Einheiten des Hörbaren gelangen, nämlich der Grundtöne und ihrer Komposition in Akkorden, so kommen wir mittels der semantischen Betrachtung von Sätzen über Farbeindrücke zur Feststellung von ontologischen Einheiten des Sichtbaren, nämlich der Grundfarben und ihren Mischungen.

Wir sagen nicht, wenn wir in einiger Entfernung eine Person gewahren, deren Identität wir erst bei ihrem Näherkommen bemerken: „Dort nähert sich ein Körper, es ist Peter“, sondern: „Dort kommt jemand, es ist Peter.“

Wenn der Lehrer fragt, wer die Tafel vollgeschmiert hat, kann der Schüler verlegen, aber mutig mit der Hand auf seine Brust zeigen und damit meinen „ich“. Denn mit der Geste weist er weder auf seinen Körper noch etwa auf eine sonst verborgene Innerlichkeit, die wir Seele nennen.

Aufgrund der semantischen Betrachtung und Analyse von Äußerungen wie: „Dort kommt jemand, es ist Peter“ gelangen wir zu einer ontologischen Einheit, die wiederum nicht weiter zerlegbar und analysierbar ist; der Tradition und Konvention gemäß nennen wir sie Person.

Peter kann auf sich verweisen, indem er auf sich zeigt oder von sich in der ersten Person spricht. Wir können auf Peter verweisen, indem wir auf seinen Köper zeigen und dabei ihn als Person meinen oder indem wir von ihm in der dritten Person berichten.

Obwohl Peters Körper auf zahllose Arten in chemische, neuronale, molekulare Teile und Teile von Teilen analysiert werden kann, bildet die Person Peter eine nicht weiter zerlegbare ontologische Einheit. Die Person Peter kann nicht mit einer anderen Person wie eine Farbe mit einer anderen Farbe oder Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verschmelzen; die Person kann mit anderen Personen kein komplexes Gebilde formen wie die Einzeltöne einen Akkord.

Peter bildet mit den Mitgliedern seiner Familie eine Art naturwüchsige Einheit, doch keine komplexe Einheit wie die Bienen im organisch und chemisch funktionell strukturierten Bienenschwarm; er bildet mit den Mitgliedern seines Schachclubs eine institutionelle oder formale Einheit, in die er aufgrund geregelter Verfahren freiwillig eintritt, aber auch freiwillig wieder austreten kann.

Die Ontologie der Einheiten, die wie Ehen, Vereine, Unternehmen, Armeen, Kirchen oder Staaten aus Personen bestehen, kann anhand der formalen Verfahren des Ein- und Austritts oder der Inklusion und Exklusion und der dabei verwendeten verbalen und gestischen Zeichenhandlungen semantisch analysiert werden.

So finden wir bei der Ehe das formale Verfahren der Trauung und den Sprechakt des Ehegelöbnisses, in den inversen Formen die Scheidung und die Entpflichtung vom Eheversprechen.

Freiwilligkeit ist in vielen Formen personaler Bindung und Verpflichtung ein echtes Kennzeichen der Ontologie der Person, sie berechtigt uns dazu, den Handelnden Absichten oder Intentionen zu unterstellen, die wir anhand der beteiligten Sprechakte identifizieren können wie des vor dem Standesbeamten und den Trauzeugen gegebenen Ja-Worts oder des Treuegelöbnisses des Rekruten.

Was wir am Handeln der Tiere beobachten können, entbehrt dieses Moments der personalen Freiwilligkeit wie die Brutpflege der Bienen oder die instinktgeleitete Jagd der Beutegreifer.

Wasserstoff verbindet sich spontan mit Sauerstoff zu Wasser, während wir die Bildung von Akkorden oder Farbkompositionen als Teil eines kreativen Akts ansehen, der auf die Absichten und das künstlerische Wollen einer freiwillig handelnden Person verweist.

 

Dez 18 20

Nebelmoor

Wie Geister schweben Busch und Baum,
des Wassers Seufzen ist verstummt,
was atmet, schleicht geduckt, vermummt
durchs Nebelmoor, am Tag im Traum.

In Dunst zerrinnt das Steingesicht,
ein banger Vogelruf zerstäubt,
vom Rauch des Schweigens übertäubt,
in bleichen Tüchern geht das Licht.

Als hätte nie im trunknen Blau
die Anemone hier geglüht,
der Lilie Sternenblick gesprüht,
weiß nichts die Welt als totes Grau.

Wird brechen durch dies trübe Glas
der Liebe hoher Purpurklang,
uns wieder glänzen Wassers Sang,
die warme Haut dir kitzeln Gras?

 

Dez 17 20

Einsprüche

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sie klatschen dir einen Haufen Kot auf die Schwelle und behaupten, das sei Kunst. Wenn du jetzt die Nase rümpfst, verketzern sie dich und klagen dich des Hochmuts an, der Intoleranz und reaktionärer, als Feinsinn getarnter Verachtung des Primitiven und Authentischen, des Bekenntnisses zu einem elitären Kunstbegriff.

Der Krakeeler gilt für den wahren Sänger, die Nervensäge für empfindsam, der spätpubertäre Laller für einen neuen Klopstock, der pickelnarbige Schmarotzer und rotnasige Tippelbruder für das strahlende Idol erfüllten Lebens.

Wenn der Schwarze den kleinen Laden eines Weißen ausraubt, nachdem er ihn abgestochen und seine Tochter vergewaltigt hat, gilt dies für einen Akt der Rebellion und Befreiung, ist es umgekehrt und ein Weißer begeht die Tat, sprechen alle mit großer Entrüstung von einem abscheulichen Akt der Menschenverachtung und des Rassismus.

Eine Gruppe, die sich dank der Förderung der Dummdreisten und Degenerierten das eigene Grab schaufelt.

Höflichkeitsbezeigungen gegen eine Frau gelten für abschätzig, sexistisch, verwerflich.

Des Dichters Ode auf Frauenschönheit und weibliche Anmut wird als Zeichen toxischer Männlichkeit dekonstruiert oder gleich aus dem Schulbuch verbannt.

Prophetische Gabe und geniale Schöpferkraft werden Titel für Einsamkeit und innere Emigration.

Reim, harmonische Fügung, geballter Rhythmus, metaphorisches Ranken- und Schattenspiel sind in den Augen und Ohren der Medien-Intellektuellen, also der Gralshüter des ästhetischen Grobianismus der Massen, Zeichen für Rückständigkeit und Neurose, der Flucht vor der bösen Welt in Sentimentalität und Kitsch.

Bilder und Klänge, die unseren Feinsinn verletzen, unsere Nerven foltern und unsere logischen Instinkte zerrütten, können und wollen wir nicht für genießbar und einsichtig halten, nicht für Werke, die unser Leben reicher und unsere Vernunft lebendiger machen.

Die staatliche und institutionelle Förderung von Kunst und Kultur ist die Ursache ihrer Degeneration.

Der Kult des Armen, des Verrückten, des Perversen ist ein Verfallssymptom der christlichen Moral oder der mißverstandenen christlichen Lehre.

Die Talentlosen lärmen auf der vorderen Bank, der Begabte langweilt sich auf der letzten.

Die allgemeine Schulpflicht und die mentale Kontrolle des Unterrichts in Schulen und Akademien durch den Staat führen zur Nivellierung des geistigen Niveaus und aller kulturellen Standards.

Die allgemeine staatliche Wohlfahrt zerstört die Selbstachtung des einzelnen.

Das Leiden Nietzsches, Hölderlins, van Goghs beruht nicht auf den fatalen Auswirkungen einer bösartigen und kriminellen Umwelt, sondern war ihr fruchtbares Verhängnis, ihre schreckliche und wunderbare Form des Auserwähltseins.

Die Welt toto coelo anders zu wollen, als sie ist, dieses mentale Virus schädigt die Vernunft, diese Nervenschwäche schmeichelt einer faulen Moral.

Die Auslese, Bevorzugung und Förderung des Wertvollen, Gedeihlichen, Seltenen ist die Maxime sowohl der Kunstlehre als der Ethik.

Wenn der Leib spricht und das Herz singt, verstummen die Gespenster.

Wer sein eigenes Glück befördert, macht sich verdienter als einer, der im Unglück der anderen versinkt.

Wie, das eigene Glück befördern? – Schon meldet das schlechte Gewissen seinen Einspruch an.

Doch der Einspruch der vulgären Moral beruht auf der falschen Rechnung, die jeweils gegenüber der Habenseite gewonnenen eigenen Glücks auf der Verlustseite den Mangel an Glück oder das Unglück eines anderen auflistet.

Glück aber ist ein komplexer Begriff und nicht nur der Name für einen Gefühlszustand; denn Glück, Erfüllung, Steigerung des Daseins sind immer auch die Wirkung ausgehaltenen, überwundenen oder sublimierten Leids, ähnlich wie Einsicht und Vernunft das Ergebnis des Kampfes gegen geistige Verwirrung oder den Wahnsinn darstellen können.

Der Prophet ersteigt einsam jene Höhe, auf der ihm sein Gott die Tafeln neuer Sprüche darreicht.

Immer nur auf Augenhöhe mit einem realen oder imaginären Du sich bereden, verengt den Horizont, von dem die Brandung einer anderen Rede herüberrauscht.

Der von den Zuschüssen der staatlichen Ordnung gemästete Künstler, der mit seinen delirierenden Werken von Chaos und Anarchie kündet.

Der Politkommissar und der anarchische Künstler – Brüder im Geiste.

Der Begriff der öffentlichen Meinung schließt aus, daß es keine Zensur gibt, der Begriff der Kunst, daß ihre vollkommenen Werke massentauglich sind, der Begriff der Gesellschaft, daß die Verteilung ihrer Güter gerecht und gleich ist.

Die feinnervige Hand ist die physische Instantiierung des Talents eines Chirurgen oder eines Pianisten.

Unsere Ambitionen sind im besten Falle das Echo der physischen Instantiierung unserer Talente, wie der Wunsch, einmal Sänger, Maler, Koch oder Sommelier zu werden.

Der Glaube, alle seien für alles begabt, bezeugt die stupide Unempfänglichkeit für den Geist, der weht, wo er will.

Wer fordert, daß wir unsere Türen nicht abschließen und unsere Grenzen nicht wahren, ist ein Komplize von Dieben und Räubern.

Die Künder und Wächter der staatlich verordneten Moral beschneiden oder verhindern die Möglichkeit der von ihnen Eingeschüchterten, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Die heuchlerisch und salbungsvoll Selbstopfer und allgemeine Caritas predigen, wollen Gut und Geld verteilen, das ihnen nicht gehört.

Wer durch Disziplin, Arbeit, Einsatz seiner physischen und moralischen Kräfte zu Vermögen kam oder zur Bewunderung der Eingeweihten für erlesene Werke, wird niedriger Motive oder betrügerischer Machenschaften verdächtigt; der licht- und arbeitsscheue Scharlatan, der mittels faulen Zaubers und blendender Gaukeleien ins Rampenlicht kommt, wird bewundert und dekoriert.

Die einen wissen nicht, was sie sind, die anderen glauben, es zu sein. Und oft sind es dieselben.

Die Bipolarität von männlichem und weiblichem Geschlecht zu leugnen – eine sich fortschrittlich gebende Form infantiler Regression.

Jeder hat das Recht, den anderen nicht verstehen zu wollen.

Die salbungsvolle Predigt allgemeiner Toleranz ist ein Symptom geistiger Impotenz und eines sich edel dünkenden Masochismus.

Wir haben das Recht, den Kater, der des Nachts brünstig in einer Weise jammert, die unserem ästhetischen Empfinden Hohn spricht, vom Hinterhof zu verscheuchen.

Wir können nicht dulden, daß unfähige Ingenieure die Brücke bauen, über die wir heil ans andere Ufer gelangen wollen.

Wir dürfen guten Gewissens die Zecke, die unser Blut saugt, die Mistel, die unseren Obstbaum verunziert, den Schwätzer, der uns ins Essen und ins gute Leben quatscht, beiseiteschaffen.

Den Unsinn der Dummheit und den Gestank der Perversion müssen wir zwar als unausrottbar hinnehmen, aber kein moralisches Gebot kann uns verpflichten, sie zu tolerieren, wenn wir ihnen aus dem Weg gehen können.

Algorithmen kann man entwerfen, aber keine natürlichen Sprachen.

Der Kosmos, wie er ist, ungeheuerlich und phantastisch, die Natur, wie sie ist, rätselhaft, schön und grausam, das Schicksal, Mann oder Frau, schön oder häßlich, begabt oder unbegabt zu sein – dies sind die Mächte, angesichts derer der Kleingeist in die Hose macht, der Moralapostel sein Lamento anstimmt und der Fanatiker seine Umsturz- und Heilspläne ausbrütet.

Hat ein Autor, den wir Homer nennen, die Odyssee geschrieben? Ja und nein. Eine überragende Intelligenz und fein verästelte künstlerische Sensibilität waren am Werk, um den großen Stoff zu formen, zu gliedern, sangbar zu machen. Aber was in dem Epos wogt und rauscht, das Lied des Meeres, was in ihm dämmert und leuchtet, die Gestalt der Götter, was in ihm träumt und sinnt, die Seele des einsamen Schiffbrüchigen, quillt aus dem dunklen Brunnen der kollektiven Erinnerung, den die Muse bewacht.

 

Dez 17 20

Als sänge mir dein Herz

Als flöge mir dein Schatten zu
von Wolken, sänge mir dein Herz
aus Quellen dunkelblaue Ruh.
Als hauchte einer Weide Schauer
ein Hauchen mir von deinem Mund.
Als trieben Flüsse meiner Trauer
die Iris deines Lächelns zu.
Als träufte Efeu an der Mauer
mir Tropfen Lichts ins dumpfe Blut.
Als hörte ich im Angelus
die Glocke deiner Freude beben.
Als könnte deiner Seele Gruß
erwecken noch mein totes Leben.

 

Dez 16 20

Das Tor des Abends

Laß furchtlos uns ins Grenzenlose gehen,
die Bläue deines Augs ist Meer genug,
in meinem magst ein Maar du dämmern sehen.

Dein Duft ist mir zum Gücklichsein genug,
verschmilzt er ja mit goldner Träume Wehen,
und singst du gar, genug, genug.

Laß lächelnd uns am Tor des Abends stehen,
und scheint die Huld der Rosen nah genug,
so wollen wir durchs Tor zu ihnen gehen.

Kühlt unsern Schmerz ihr milder Tau genug,
mag Rosendunkel auch um Morgen flehen,
die weiche Träne hat noch Glanz genug.

O Liebende, die durchs Tor des Abends gehen.

 

Dez 15 20

Je ne sais quoi

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

All das ist zu ungeheuerlich, monströs, uferlos, um es mit einem Wort, einem Satz, einer Formel abzutun.

Wie abgefallene Blütenblätter treiben all die Worte auf dem schwarzen Wasser des Schweigens dahin.

Eine Hand, eine Muschel, ein Wort tut sich, halb im Traume, auf und feiner Sand rieselt zu Boden.

Ein Abend, eine Nacht im Moor – Unheimlichkeit des Seins.

Die Auswahl des der Befruchtung dienenden Insekts wird bei den prächtigeren, erleseneren Blütenpflanzen immer exquisiter.

Die feiner gewundenen Muscheln der Ohren, die fähig sind, feiner gewundene Dichtungen, köstlichere Akkorde, geheimnisvollere Gedanken zu vernehmen.

Das Wunderbare ist das Signum einer neuen Fühlweise, einer neuen Sprache.

Jene mit den feineren Ohren haben das Knirschen im Gebälk schon früh vernommen und sind lange ausgewandert, bevor es über den Köpfen der Tauben zusammenstürzte.

Mit dem Hammer läßt sich freilich Lauteres, Gewaltigeres, Herrischeres sagen, aber weniger Grobes nur mit der Flöte oder der Geige.

Hündische Seelen, die ihren Standpunkt mit Duftnoten markieren, die betäuben und den Atem benehmen.

Der große Rhetor sprach, um sich Gehör zu verschaffen, immer leiser.

Der Dichter, der an bedeutsamen Stellen etwas scheinbar Triviales einstreut, bei erhebenden die Stimme senkt.

Das trübe Wasser des ideologischen Geschwätzes verwandelt sich nicht in Wein, wenn es in Flaschen für den Massen- und Hausgebrauch abgefüllt wird.

Der Sanguiniker verweilt bei der Rubrik „Vermischtes“, der Melancholiker bei den Todesanzeigen; das erkaltete Gemüt stürzt sich auf die blutigen Schlagzeilen.

Der Zeitgeist ist die Sense, die über das Gras des Gewöhnlichen ragende Köpfe von Lilien und Orchideen wegschneidet.

Nicht jedes Ich findet ein Du, jenen Levkojen und Gladiolen gleich, die der Witterung von Tagesgeschöpfen entgehen, weil sie ihren feinen Duft nur des Nachts versprühen.

Die Eindruck zu machen und zu glänzen wähnen mit dem, was sie nicht sind, wie jene, die mit großen Namen hausieren gehen oder sich mit Zitaten aus Büchern schmücken, die sie nicht gelesen haben.

Die parasitäre Kletterpflanze erwürgt allmählich den Baum, an dem sie Halt fand.

Figuren des Schweigens. Das Schweigen des Hörers, Gras des Ufers, worin das Wort des Sprechers, ein ruderloser Kahn, sanft anlandet. Das Schweigen der Liebenden, das sich im feuchten Glanz ihrer Augen verdichtet. Das böse Schweigen des Gekränkten und Verbitterten, das wie ein Vorwurf, eine Anklage um sich greift. Das Schweigen Jesu vor Pilatus. Das Schweigen der Kontemplation, in dem wie in einem Bienenstock das Summen des Schwarms der Worte allmählich leiser wird. Das Schweigen des Sterbenden, der nur noch mit den Augen spricht.

Um einen Satz zu erläutern, schrieb er ein ganzes Buch.

Jene, die in der Sprache wühlen wie im Erdendunkel der blinde Maulwurf. Wie unschön, was sie nach oben schaufeln.

Ode, Fuge des Worts.

Elegienschnee, der im vollen Monde glänzt.

Lied, banger Tropfen an der Wimper der Geliebten.

Hymne, ungreifbare Rosen, die im Firn der fernen Gipfel unter den ersten Strahlen aufleuchten.

Epigramm, Biene, die sich in weichen Locken verfängt; Klette, die wider Willen am Bein kleben bleibt.

Das Ungesagte, das im Gedicht stillschweigend mitgesagt ist, wie im Duft des Sommers, der abends durchs offene Fenster weht, die Erinnerung an mittelmeerische Gärten.

Die sich heute mit großen Worten blähen und brüsten, hörst du morgen asthmatisch röcheln.

Die große Sprachwolke des kleinen Talents, die zu einem winzigen Tropfen kondensiert, der auf dem heißen Blech des Sommertages rasch verdunstet.

Dämmerung des stummen Maares, wo nur manchmal das ferne Schluchzen einer Nachtigall herüberweht.

Sprache ist kein bloßes Werk und Gestell der Kultur, sondern immer und in erster Linie ein Gewächs, eine Form der Physis, die wohl im Garten der Kultur beschnitten und zurechtgestutzt werden mag, aber in vom Bewußtsein nicht auslotbaren Tiefen wurzelt.

Niemand kennt den hinreichenden Grund für die Lautverschiebungen in der Geschichte der deutschen Sprache.

Keiner weiß, weshalb im Abendland flektierende, in Asien nichtflektierende Sprachen entstanden.

Englisch überwuchert den Globus nicht, weil es die Sprache Chaucers, Miltons und Shakespeares ist, das Idiom Walt Whitmans, T. S. Eliots und Ezra Pounds, sondern weil es im Oval Office und im Pentagon, im Silicon Valley und den Vorständen der großen amerikanischen Global Players gesprochen wird.

Daß alle Sprachen über die gleichen Ausdruckskräfte verfügen, beweist die Tatsache, daß die Bibel in alle übersetzt worden ist.

Und doch ist es wahrscheinlich, daß im Japanischen oder in einer Indianersprache das Magnifikat andere Untertöne anklingen läßt als im Deutschen oder Französischen.

Die Folklore wurzelt in der Landschaft der Provinz, das Volkslied atmet die Düfte heimischer Blüten.

Die neuen Formen des Todeswunsches, an dem besonders die vom Schicksal heimgesuchten nekrophilen Deutschen kranken: EINE Sprache, EINE Welt, EINE Menschheit (nunmehr statt wie ehedem, aber mit ähnlichem Enthusiasmus: EIN Volk, EIN Reich, EIN Führer).

Die Prediger der Vielfalt, die der Menschheit den faden Einheitsbrei der einen allein selig machenden Weltsicht verabreichen.

Die Gene und der kulturelle Humus, die Bach, Mozart und Schubert hervorbrachten, sind singulär und unwiederholbar.

Durch noch so fleißiges Üben vermag der ehrgeizige Geiger das Je ne sais quoi einer Violinsonate Mozarts nicht auszudrücken, wenn er das süße Geheimnis nicht in sich trägt.

Die kulturellen Jahrgänge sind wie die der Weine, die Launen des Wetters und des Geistes, unter denen sie gedeihen und ihr einmaliges Bouquet gewinnen, lassen sich weder voraussagen noch beeinflussen.

Ein jäher Windhauch bringt die Kerze zum Erlöschen; wir erschrecken vor der unheimlichen Dunkelheit, bis die Augen allmählich die traumhaft anmutenden Umrisse der beinahe schwebenden Gegenstände des dämmernd noch stiller gewordenen Zimmers umfassen.

 

Dez 14 20

Denken, reden, schweigen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Auch Zwerge können auf den Schultern von Riesen stehen, ja, diese besonders leicht.

Zwerge, die zitieren, was sie nicht gedacht haben.

Wenn wir von einem Einfall sprechen, meinen wir nicht, daß uns ein Wort einfällt, und wenn kein Wort, also auch kein Satz.

Wer glaubt, man könne Einfälle oder Gedanken finden und auflesen wie in der Sonne blinkende Münzen auf der Gasse, verkennt die Tatsache, daß es diese Münzen schon gibt, daß nicht wir sie geprägt haben.

Die Annahme, man könne während des Redens oder Schreibens und mittels des Redens oder Schreibens Einfälle und Gedanken entwickeln, sie gleichsam wie Perlen an den Schnüren der Sätze aufreihen, verkennt die Tatsache, daß an den Ranken der Sprache nicht ohne weiteres Gedanken erblühen.

Viel Gerede, wenig Sinn ist ja der Normalfall.

Auch das Dunkel kann fruchtbar sein, das Schweigen beredt, die Stille bedeutsam.

Wenn Licht einfällt, sprießen Keime nur, wenn sie dort hingeweht oder mit Bedacht gesetzt worden sind.

Er grübelte, dann ging ihm ein Licht auf. – Geschah das Grübeln oder Nachdenken gleichsam im Dunkeln, und liegt dieses Dunkel vor der Sprache?

Er sah, daß das Kind nur durch das beherzte Eingreifen der Frau vor dem Unfall durch das heranrasende Auto bewahrt werden konnte. – Es sieht so aus, als müsse der Beobachter einen spezifischen Gedanken in den konditionalen oder kontrafaktischen Satz fassen können: „Hätte die Frau nicht beherzt eingegriffen, wäre das Kind vielleicht durch einen Unfall ums Leben gekommen.“

Wir können gedankliche Bedingungsgefüge der genannten Art nicht ohne die grammatische Möglichkeit kontrafaktischer Satzgefüge zum Ausdruck bringen. – Heißt dies, daß wir ohne unsere Form der Grammatik den Gedanken, der im kontrafaktischen Satzgefüge ausgedrückt wird, nicht fassen könnten?

Imaginieren wir uns einen neurologischen Defekt im Sprachzentrum, der die Bildung von kontrafaktischen Sätzen verhindert: Dann könnte der Beobachter nur sagen: „Die Frau hat rechtzeitig und beherzt eingegriffen. Das Kind ist dadurch vor einem Unfall bewahrt worden.“ Könnte er, während er diesen Satz ausspricht, denken, das Kind wäre zu Schaden gekommen, hätte die Frau nicht rechtzeitig eingegriffen?

Die Möglichkeit, konditionale Gedankengefüge zu bilden, ist die grammatisch-logische Voraussetzung der Ethik; denn nur wenn wir annehmen, einer hätte anders handeln können, sind wir befugt, ihn zur Verantwortung zu ziehen, wenn er etwas Unerlaubtes oder Strafwürdiges getan hat.

Indes, eine große Kultur wie die chinesische hat im Konfuzianismus ein ausgeklügeltes System einer Verantwortungsethik entwickelt, ohne über die sprachliche Möglichkeit zu verfügen, konditionale Gedankengefüge in kontrafaktischen Satzgefügen darzustellen; die grammatischen Verbformen zur Bildung des Irrealis („wäre“, „hätte“) kennt die chinesische Sprache nicht.

Wenn der das Englische oder Deutsche lernende Chinese auch die Bildung irrealer Satzgefüge lernt, wird er ohne weiteres Gedanken Ausdruck geben, die ihm nicht völlig fremd sind.

Nichtflektierende Sprachen wie das Chinesische und Japanische bilden wohl eine höhere Schwelle, aber natürlich keine unübersteigliche Hürde für das Erfassen logischer Zusammenhänge, die uns die flektierenden Sprachen des Abendlandes wie das Griechische und Lateinische gleichsam im grammatischen Gepäck mitbringen. Denn auch hier gilt: Der des Englischen mächtige Japaner artikuliert mittels der grammatisch korrekten Bildung von Kausal- oder Konditionalsätzen keine Gedankengefüge, die ihm bisher gänzlich unbekannt gewesen wären.

Solche und ähnliche Beobachtungen veranlassen uns, die triviale, aber gewöhnliche Annahme, das Verhältnis von Sprache und Denken sei eines der bloßen Abbildung oder durchgehenden Determination, in Frage zu stellen.

Natürlich sehen Kaspar Hauser und der Taubstumme, daß die Sonnenblume eine goldgelbe Farbe hat, oder sie sehen das, was wir eine goldgelbe Farbe nennen; aber ohne in den kulturell kodierten sprachlichen Symbolismus der Farben, ein Erbe von Jahrtausenden, eingeübt und eingeweiht worden zu sein, entgeht ihnen seine Relevanz für die visuelle Wahrnehmung und Entschlüsselung der Sonnenblumen van Goghs.

Tausende Tote oder die Überlieferung und das Vermächtnis zahlloser Generationen sprechen mit, wenn wir simple Sätze bilden wie: „Es regnet“ oder „Das Wetter ist schön.“

Die irrationalen Zahlen oder die Kreiszahl Pi sind keine Einfälle, sondern Ergebnisse mathematischer Operationen, die gewiß die natürliche Sprache voraussetzen, aber sich in ihr nicht erschöpfen. – Im Gegenteil, sie erschöpfen die Möglichkeiten der natürlichen Sprache und treiben sie an ihre Grenze, an der an die Stelle von Namen für Gegenstände notwendig Symbole für Verfahren und Zeichen für das Virtuelle treten.

Die Möglichkeiten, das physikalische Farbspektrum einzuteilen, sind unendlich; wir greifen mit den Namen unserer Grundfarben jene Teile heraus, die für unser Leben relevant sind. – Doch die Farbpalette der großen Maler erweitert, vertieft, verfeinert sie um neue Valeurs und Nuancen, die auch unser Lebensgefühl erweitern, vertiefen, verfeinern und um Nuancen des nur Andeutbaren, ja des Unaussprechlichen anreichern.

Gedanken wie die leibnizsche Monade, die kantische Selbstapperzeption oder die unendliche romantische Reflexion des Ich, das denkt, daß es denkt, können keine sprachlichen Erfindungen sein, denn sie erschöpfen oder übersteigen sogar die Möglichkeiten der sprachlichen Darstellung.

Gedanken, die das feine Gewebe der Sprache auftrennen, wie das Unendliche, das Virtuelle oder auch das Tao.

Der seltsame, denkwürdige Satz des großen Dichters, der in einer Fülle von Werken einen unerschöpflichen Reichtum an Figuren und Fühlweisen hinterlassen hat, er habe immer noch nicht sagen können, was er habe sagen wollen.

Einer, der glaubte, das Ganze der Welt in der isomorphen logischen Struktur des Satzes abbilden und erfassen zu können, erkennt und verwirft das Trügerische in der Abbildbeziehung zwischen Satz und Gedanke und löst sie in ein grenzenloses Spielfeld von Möglichkeiten des Sagens und Zeigens auf.

Was wir mit Worten tun oder uns antun; die Kränkung durch demütigende, entwertende, vernichtende Worte, die unverdaulich wir vergeblich zu verdauen suchen, indem wir sie um und um wälzen; Worte, an denen die einen krank oder verrückt werden, die anderen zu Verbrechern; Worte, die wieder andere, gleichsam von Stacheln vergifteter Worte starrend, mittels Beleidigungen, Verleumdungen, übler Nachrede oder Haßpamphleten zu rächen und vergebens ihrer betäubenden epidemischen Wirkung zu berauben  trachten.

Der Gedanke, der Wunsch, die Obsession, zu entstellen, zu entweihen, zu töten, kann sich in die sprachliche Mißgestalt dessen hüllen, was die biblischen und die antiken Autoren Fluch und Verwünschung nennen; nur der Segensspruch mag ihm die Kraft rauben, ihn aus dem Besessenen entweichen lassen.

Worte, die Wunden aufreißen oder schon vernarbte wieder zum Bluten bringen; andere, Worte der Liebe, die sie uns manchmal, fast oder ganz vergessen machen.

Das Geheimnis oder nüchterner gesagt die Einzigartigkeit der menschlichen Existenz beruht auf dem Namen, mit dem wir gerufen werden; dem Namen, mit dem wir die anderen rufen; dem Namen, der unsere Unterschrift bildet; dem Namen, der auf dem Grabstein steht.

Wir führen den Rufnamen, der gleichsam die Gegenwart unserer Lebensmöglichkeiten stiftet, und den Vatersnamen, der uns mit der Vergangenheit und dem Reich der Toten verbindet. – Adam hieß nur Adam, und sein Weib nannte er Eva; die biblischen Propheten kennen wir nur in der Schlichtheit und Monumentalität des einen Namens.

Wir können an den anderen, den Freund, die Geliebte, den Feind, denken, indem wir ihre Namen vor uns hersagen.

Wir können den Namen des Menschen, der uns verraten hat, vor uns hersagen, als wäre er noch unser Freund, den Namen der Frau, die uns verlassen, hat als würde sie uns hören und gleich auf der Schwelle stehen, den Namen des Feindes, als hätten wir ihn versöhnt.

Figuren des Schweigens und Verstummens. Lange mit einer Frage ringen und sie als unlösbar verwerfen. Seinen Abschied nehmen oder vorbereiten und nicht mehr antworten (auf Briefe, Anrufe). Das trübe gewordene Wasser aus dem Brunnen der Erinnerung schöpfen und den kühlen Hauch der Leere einatmen. Die einseitige Kost der trügerischen Worte (einer Lehre, einer Ideologie) wie angeekelt beiseiteschieben. Die Namen aus dem Notizbuch des Daseins streichen, die Namen der Freunde, die Namen der Geliebten, die Namen der Feinde, und zuletzt den eigenen Namen. Die Nahrung des Wortes verweigern, die Bücher schließen, die Türen, und in den dämonischen Taumel dessen fallen, der sich geistig-leiblich zu Tode hungert.

Die Polyglotten und die Sprachvirtuosen, die mit tausend Zungen dasselbe sagen; die Einsilbigen, die viel mit wenig Worten meinen.

Gut, wenn dein intimer Feind, dein eigener Schatten, deinem Spruch den Widerspruch entgegenhält.

Zäher Klebstoff und faszinierend glänzender Schleim der Rede, dessentwegen man nicht von der Stelle kommt.

Gewiß, mit jeder Äußerung gebe ich meiner Position in der Welt Ausdruck, knüpfe ich einen Faden mit jenen an, die ich aus der Vergangenheit, in der Gegenwart oder der Zukunft anrede, stelle ich dar, was die von mir gebrauchten Begriffe hergeben oder implizieren. Diese Trias von Kundgabe, Appell und Darstellung kann uns vor der Monotonie und der einseitigen Diät eines Themas, und sei es ein faszinierendes wie die kommunikative Funktion der Sprache, bewahren.

Wir können den Gedanken im Haus der Sprache nicht bewirten, wenn er nicht als fremder Gast an die Türe geklopft hat und wir ihm nicht Einlaß gewährten.

 

Dez 14 20

Des Abends goldene Münze

In einer Pfütze schimmert schwach
des Abends goldne Münze nach.
Schon fließt die Milch des Mondes dir
an Stirn und Wange kalt herab.

Erloschen ist im Angelus
ein blauer Klang, aus Himmels Nestern
tönt halb erstickt ein Zwitschern nach,
du suchst umsonst am Fluß den Schlaf.

Ein dunkles Lied, es hält dich wach.
Sind es die Wasser, die dir singen,
will warm dein Blut dem kalten Mund
versagter Liebe Hauch entringen?

 

Dez 14 20

Schattenwuchs

Wenn die Zweige
dunkler wehen,
an den Ufern
schweigend stehen,
bis wir uns zu
Schatten werden,
losgesagter
Staub der Erden.

Blütenwasser,
frühe Sage,
später Traum,
blaß und blasser,
bis wir kaum
uns fühlen noch
und der Tage
altes Joch.

 

Dez 13 20

Verse schneit die Nacht

Keiner mag auf langen dürren blütenlosen Zeilen
ohne Aussicht auf ein Licht
wie ein dummer Käferwicht
ungerührt verweilen.

*

Worte äugen hell wie Kieselsteine,
über die ein Wasser rinnt,
und sie werden matt und blind,
trocknen sie im Sonnenscheine.

*

Zwischen ihm und ihr baut sich das Schweigen
insgeheim ein Nest,
und zum Liebesfest
will ein Zwitschern in die Nachtluft steigen.

*

Kühnen Bogens Kantilene
teilt auf grünem Teich
Knospen, blaß und weich,
bis uferlos sich Stille dehne.

*

Flocken fallen mild,
Verse schneit die Nacht,
Stille hat umhüllt,
was der laute Tag gedacht.

 

Dez 12 20

Gedenke

Gedenke, womit es begann
unterm hohen Flügelschlage des Lichts,
das Leben der Seele,
oder war es der monotone Singsang
träumenden Wassers,
wo bleich ihr die Lilie gewinkt.

Gedenke des Staubs, der im Hauch
des blauen Abgrunds
zu schimmern begann,
des Ungesagten reiner Schnee,
o Flocken, die leise tauen
an zitternden Wimpern.

Daß sie sich fühle unterm Wehen
dämmernder Zweige,
unterm goldenen Mantel herbstlicher
Wälder und nächtlichen Blitzen,
geschah ihr das Du, der liebende Anruf,
der mit Namen sie rief.

Wie stand über einsamer Wüste
die trunkene Knospe des Monds,
und als du gefragt
nach Bildern lebendigen Sinns,
führte ein Wild dich zum Ort,
wo auf schwarzem Wasser
ein Auge sich auftat,
die Schwester des Sterns.

 

Dez 11 20

Die Schlange Wort

Das Wort ist manchmal eine Schlange,
die rot im Gras der Liebe lauert,
und reckt sie sich, wie wird dir bange.
Ist sanft dein Lied von Laub umschauert,
schäumt ihr hervor, die züngelnd zischt,
das Gift, woran dein Lied erlischt.

Wie trügerisch sind Wortes Blumen,
um die du zarter Falter schwirrst,
bald klebst du fest wie an Bitumen,
wenn du in dunklen Düften irrst,
dein Flügel, der noch schillernd blaut,
wird schon vom bittern Saft verdaut.

So wird genarrt vom feilen Reime
der Dichter, der gedankenlos
wie Schnecken rutscht auf eignem Schleime
vom hohlen Glanz ins Dunkel bloß.
Des Reimes Kuß entzückt ein Mund,
der sich ihm hingibt, weich und rund.

 

Dez 10 20

Das lebendige Wort

Das Wort hat seine eigne Farbe,
und wie es wird besonnt, betaut,
ist es ergrünt, ist es ergraut.
Ragt manchmal golden eine Garbe
an herbstlich stillem Ackerrand,
der Blitz der Nacht steckt sie in Brand.

Das Wort formt uns die Lebenswelt,
scheint abgenutzt es wie ein Groschen,
des Sinnes Schimmer lang erloschen,
die schöne Prägung glotzt entstellt,
haucht Dichtergeist ihm neuen Charme,
schon lächelt uns sein Antlitz warm.

Das Wort ist keine trübe Scheibe,
als müßt es wischen der Purist,
weil er die Transparenz vermißt.
Wie helles Auge unserm Leibe
von Wonnen blauen Azurs spricht,
rinnt wenn wir weinen dunkles Licht.

 

Dez 9 20

Im Zwielicht

Im Zwielicht waren wir zu Haus,
im Abgrund lagen wir umschlungen.
Entstieg ihm nicht ein hoher Stern,
als hätte mir dein Herz gesungen?

Und gingen Hand in Hand wir blind
auf Pfaden, die wie Wellen schwankten,
war dir mein Singsang nicht ein Stab,
um den sich deine Ängste rankten?

Vom Dämmermond troff unser Kuß,
im Morgengrau floß er in Mulden.
War nicht wie weicher Veilchen Blick
betaut von Sehnsucht, was wir dulden?

Die Zwienacht hat sich aufgetan,
die Bängnis rann wie Tau von Moosen.
Hat nicht des Lichtes Flaum ein Schwan
auf leisem Teich geweckt uns Rosen?

 

Dez 8 20

Wie feuchte Glut die Träne

Wenn Rauhreif stäubt herab von Bäumen,
wie leuchten sie im Abend fahl.
Uns glitt an veilchenblauen Säumen
die Rede hin und wurde schal.

Das müde Herz hat nichts zu künden,
schmeckt es an Worten Bitternis,
den Tau von Ranken, die sich winden
am hohen Tor der Finsternis.

Du ließest meine Hand nicht fahren,
wie suchte sie nach Wärme noch.
Ein Schimmer fiel aus deinen Haaren
in meines Herzens Brunnenloch.

Ich strich die launisch-wilde Strähne
dir aus der Stirne in die Höh,
wie feuchte Glut sah ich die Träne,
mein Kuß trank hastig ihr Adieu.

 

Dez 7 20

Väter und Mütter

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Weil sie geboren hat oder gebären kann, ist die Frau mitfühlender, lebensvoller, gemüthafter als der Mann; weil die Zeugung durch den Mann ein jäher Scherz ist im Vergleich mit der langen Passion der Schwangerschaft und Geburt, sehen wir die männliche Hand eher ausholen, schlagen, töten.

Die natürliche Polarität und der Zwiespalt der Geschlechter ist eine Ableitung der weiblichen Funktion, Kinder auszutragen, und der männlichen Potenz zu zeugen. Wer sie leugnet oder vergleichgültigt, ist dem Leben schon ziemlich abhandengekommen.

Es mutet wie ein neuer Puritanismus an, die alle Fibern menschlichen Lebens, Fühlens und symbolischen Gestaltens durchpulsende und durchwebende Macht der Zwiegeschlechtlichkeit in der keimfreien Atmosphäre der Akademien, Seminare und Politbüros ersticken und in der trüben Lauge einer lebensfremden, moralisch-politisch korrekten Begrifflichkeit neutralisieren und zerfasern zu wollen.

Der neue Puritanismus, eine paradoxe Mischung von hedonistischer Zügellosigkeit und moralischer Strenge, von sprachlicher Verwahrlosung und moralisch-korrekter Enge, wütet wie der Bildersturm und der Ikonoklasmus der frühen Neuzeit und der modernen Revolutionen: Heute sind die mythischen Bilder, die endgültig aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden sollen, Archetypen der alteuropäischen Kultur wie das Bild der aus dem Herdfeuer singenden Erdgöttin, der schönen, aber auch grausamen Nymphen der Quellen, Bäume und Meere, der nährenden, gewährenden und duldsamen Mutter, des geheimnisvollen Lächelns der Schwangeren, der großen Trauernden, aber auch das verstörende Bild der hysterisch Erregten, bacchantisch Tanzenden und dionysisch Entfesselten.

Eros verhüllt sein Angesicht über dem mechanischen Getriebe steriler Lust.

Aufgrund ihrer Natur sind sich Mann und Frau nach ihrer seelischen Struktur sowohl abgründig fremd als auch einzigartig nahe, in einer Nähe der Intensität und Spannung, die von den Klischees der Ebenbürtigkeit und der gleichen Augenhöhe verdunkelt wird.

Der Mann sieht sich im Spiegel des Auges der Geliebten, die Frau versinkt im Blick des Geliebten.

Die Mutter des Kindes ist bekannt; zur Not müssen wir einen genetischen Test machen, um uns der Vaterschaft zu vergewissern: Das sagt viel über das Verhältnis der Geschlechter, bei dem der männliche Nomade den weiblichen Hort und Herd oft eher vorübergehend aufzusuchen geneigt ist.

Die rohe Hand des Mannes sehen wir in den antiken auf kriegerische Auseinandersetzung aufbauenden Volksverbänden wie in Sparta oder Rom den schwächlichen, kränkelnden oder mißgestalteten Säugling von der mütterlichen Brust reißen, um ihn als lebensuntüchtig oder kriegsuntauglich auszusortieren und auszusetzen.

Daß ein Leben an sich, ungeachtet seiner physischen und moralischen Artung, bejahenswert sei, ist ein mütterlicher Gedanke, und so finden wir ihn nicht bei Moses, Platon, Schiller oder Nietzsche, sondern im vom marianischen Stern überstrahlten Hort des Christentums, dem eingefriedeten Pferch der Lämmer, nicht dem finsteren Wald der Wölfe.

Die Psychologie des Mannes und die Psychologie der Frau überlappen sich nur fragmentarisch, oberflächlich, peripher. Nur ein Mann wie Freud konnte die Psychologie der Frau über eine Fehlkonstruktion wie den Penisneid und den Elektrakomplex an die des Mannes angleichen wollen.

Die Psychologie der Frau ist in großen Teilen ungeschrieben; aber ihr Material quillt überreich in den Zeugnissen weiblichen Lebens und Fühlens, den dichterischen Werken der Sappho, der Catharina Regina von Greiffenberg, der Annette von Droste-Hülshoff, der Else-Lasker Schüler oder der Gertrud Kolmar und Nelly Sachs, um nur diese zu nennen.

Ein erstaunlicher Befund über die Psychologie des Mannes, gewisser Männer müssen wir einschränkend sagen, liefern uns die Werke der Dichter und Dramatiker, die auf genial-intuitive Weise der Psychologie der Frau in Gestalten wie Iphigenie, Antigone, Elektra oder Medea ihren Tribut gezollt haben. Einen intuitiven Zugang zur weiblichen Psyche finden wir ebenso bei großen Komponisten wie Mozart, Wagner und Richard Strauss.

Der zärtliche und unheimliche Goethe schuf Gretchen, Mignon, Iphigenie und die Marienbader Elegie, der herbe und leidenschaftliche Kleist eine Amazone.

Haben nicht schöpferische Genies wie Goethe, Rilke oder Hugo von Hofmannsthal eine zwittrige, mann-weibliche Seele?

Sollen wir, wenn wir an die Jungfrau von Orléans oder Ophelia denken, nicht einer Psychiatrie mißtrauen, die den Ursprung, die Symptomatik und Therapie seelischer Erkrankung nicht nach Geschlechtern differenziert?

Daß die Frau ein anderes, gebrocheneres Verhältnis zur objektiven Wahrheit hat, glaubten männliche Psychiater an der Hysterikerin in mehr oder weniger denunziatorischer Absicht dingfest machen zu können; man kann die weibliche Hysterie aber auch als traumartige Offenbarung verstehen, die den geheimen Wunsch zugleich ausdrückt und verhüllt. Welchen Wunsch? Nun, den nach Empfängnis.

Das Geschlechtsteil der Frau ist die Verkörperung ihrer Psychologie. – Empfängnis und Aufbewahrung kostbaren Gutes sind ihr wesentliche Züge.

Dem Mann der Tat, der Leistung, des Willens fällt es weniger leicht, nichts zu tun, der Muße zu frönen, schwerer, Stille zu ertragen, am schwersten, da es ihn der souveränen Stellung beraubt, kindlichen Sinnes sich beschenken zu lassen und demütigen Sinnes dankbar zu sein.

Wilhelm von Humboldt ist der Entdecker des internen Zusammenhangs von Sprache und Weltbild, den selbst die größten Denker vor ihm nicht wahrgenommen haben, weil sie wie Aristoteles oder Descartes die sprachliche Funktion auf die zeichenhafte Wiedergabe von Erlebnisinhalten, Vorstellungen und Gedanken einengten; so als wäre der vom sprachlichen Zeichen unverdeckte Gedanke die Sache selbst; so als müßte man das Fenster der Zeichen mit der Lauge der Analyse reinigen, um klar und deutlich zu sehen, was da draußen vorgeht.

Doch die sprachliche Differenzierung zwischen Vater und Mutter verkörpert selbst schon eine wesentliche Struktur unseres sprachlichen Weltbildes, die so allgemein ist wie die Differenzierung zwischen Belebtem und Unbelebtem, Pflanze und Tier, Göttern und Menschen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so daß sie von allen Zweigen aller Sprachfamilien repräsentiert wird.

Humboldt war auch der erste, der hinsichtlich der moralischen und ästhetischen Bedeutung des Geschlechtsunterschieds zu tieferen Einsichten vorstieß.

Die Rede von Vaterschaft und Mutterschaft gräbt eine Schneise oder zeichnet eine Linie in die Topographie unseres Weltbildes; sie konstituiert einen Sinn, der uns allererst ermöglicht, von bestimmten Wahrheiten zu sprechen, wenn wir etwa behaupten, Peter sei der Sohn von Johannes oder Anna die Tochter von Elke.

Zu sagen, Peter sei der Sohn von Johannes, ist etwas anderes, als zu sagen, Herakles sei der Sohn des Zeus. Nicht deshalb, weil der Göttervater Zeus kein wirklicher Vater sein kann, da er nur das Schattendasein einer mythologischen Phantasie fristet; sondern weil Zeus im Gegensatz zu Johannes nicht der Name eines Individuums, sondern der Name einer überindividuellen, symbolisch erfaßten und verdichteten Macht ist, die für den antiken Menschen nicht minder real war, weil sie sich nicht biologisch in einem singulären Dasein verkörpert hat.

Daß der jüdische und christliche Gott Vater genannt wird, ist ein Hinweis darauf, daß die Frommen ihm als Kinder gegenübertreten, und dies heißt nicht nur, sich seiner Führung und seinem Wort zu unterstellen, sondern auch, wenn sie sich seiner würdig erweisen, jenes Erbe anzutreten, von dem die Schrift als Gottesreich spricht.

Platon spricht von der geistigen Zeugung im Schönen, aber nicht von der Gnade einer geistigen Geburt.

Mit dem Wort oder dem Werk schwanger zu gehen ist etwas anderes, als es zu machen, anzufertigen, zu fabrizieren. Es handelt sich um ein Wachstum und ein Heranreifen, das vom Willen und der Willkür losgelöster Einwirkungen und Segnungen bedarf.

Daß die Frau ästhetisch anders empfindet und urteilt als der Mann, beruht nicht auf der kulturellen Kontingenz, aufgrund derer wir sie mit Mustern, Farben, floralem Dekor und wohlduftenden Essenzen beschäftigt sehen, sondern auf der Verborgenheit der virtuellen Frucht im Mutterleib; nicht das vom Tageslicht rein umrissene Phänomen, nicht die ästhetisch gerundete Gestalt, nicht die sonnenbeschienene Plastizität, sondern die vom Dämmerlicht des Gefühls halb umflossene, halb verhüllte Wirklichkeit des lebendigen Daseins ist für solches Empfinden entscheidend. Der Mann braucht das Bild, die Form, die Gestalt, um sich einen klaren Eindruck zu verschaffen. Unter der Sonne Platons will er seinen Acker bestellen und seine Maschinen bauen.

Wie anders Dekor, Schmuck, Anmutung eines von weiblicher Hand geprägten Wohnbereichs als die nüchterne Atmosphäre des männlichen Arbeitszimmers; wie verbindet die Liebe zu den Blumen, erlesenen Stoffen, schillernden Gefäßen und betörenden Düften die Seele der Frau und die Seele des lyrischen Dichters.

Die mütterliche Frau empfindet die Kinder zeitlebens als Teil ihres Leibes, während sie sich dem Erzeuger leicht in den anonymen Raum des öffentlichen Lebens emanzipieren.

Am Ursprung des Rechts sehen wir das Gesetz des Vaters, das die Erbfolge sichern soll und den Nachfolger und Erben durch erzieherische Maßnahmen mit den Eigenschaften auszustatten anweist, die ihn die Rolle des Vaters zu übernehmen gestatten. Die mosaische Gesetzgebung soll die Nachfolge der erwählten Führer Israels sichern und seine rituellen Vorschriften das Gedächtnis der Väter bewahren und ihre Sendung auf die Nachkommen übertragen.

Dagegen sehen wir den Anspruch der Mutter auf die Formung des Kindes in der sittlichen Bildung im eigentlichen Sinne verwirklicht; sie ist es, oder müssen wir sagen, war es, die ihm Wiegenlieder singt, Märchen erzählt, Blumen und Früchte und Vögel zu unterscheiden lehrt, sie ist es, die falls es glückt auch die geduldige und einfühlsame Lehrerin gibt, wenn es gilt, große Gefühlsaufwallungen und seelische Konflikte zu meistern.

Vermag nicht die mütterliche Frau den Tod als im Dunkel des Selbst herangereifte Frucht, der Mann, vor allem der kinderlose, beinahe nur als Riß und Blitz zu gewahren?

Die virtuelle Mutterschaft hat Frauen mit neuronalen Mustern versorgt, die sie anders fühlen und denken lassen als Männer, hat ihnen eine Weltbild-Perspektive mitgegeben, in der sie grundlegende sprachliche Konzepte unserer Lebensform wie Liebe und Glück, Erfüllung und Unglück, Angst und Lust und Langeweile anders interpretieren.

Das subjektive Zeitempfinden eröffnet Frauen längere Schneisen der Erwartung als ungeduldigen Männern, kürzere Passagen durch das Dickicht der Ungewissheit und Bedrohung als dem mit Gefahren und Risiken spielenden und seiner Position nie ganz sicheren Herrn der Schöpfung.

 

Dez 6 20

Zwischen Gras und Veilchen

Wir waren uns auf dieser Reise
die stille Rast, das schmale Glück,
ein Lied flog flaumenweich und leise
von Herz zu Herzen und zurück.

Wir lagen zwischen Gras und Veilchen
und Seufzen floß vom blauen Hang,
dein feuchter Blick sprach: „Noch ein Weilchen“,
„O Rosen, trinkt!“, das Wasser sang.

Als an den Gräsern Tropfen glommen,
entstieg ein Duft dem Veilchenschoß,
auf blauen Wassern kam geschwommen
des Mondes weiße Knospe groß.

Es löste Morgenwind die Ranken,
der Glieder nächtliches Gebind,
die Träne glänzte zartes Danken,
dein Lebewohl trug fort der Wind.

 

Dez 5 20

Schweigen, dämmern, lassen

Und schweigen, wenn der Abend blaut,
ist unter einer Hecke liegen,
wo Blüten schwanken, sich Bienen wiegen,
ist lassen, was am Tag vertraut.

Und lassen ist ein grüner Bach,
der leiser rauschend leise mündet
in einen Strom, der fern sich windet,
ist dämmern wie ein Mondgemach.

Und dämmern, wenn der Abend sinkt,
ist unter herbem Duft ermatten,
wo Blüten dunkeln, Halme schatten,
ist lassen, was aus Träumen winkt.

 

Dez 4 20

Wie weiße Mandelblüten

Dem Andenken an Vincent van Gogh

Wie weiße Mandelblüten schweben
auf ozeanisch-blauem Grund,
scheint uns Vollkommenheit ins Leben,
schweigt schon der müden Seele Mund.

Und wenn die weißen Blüten zittern
in blauen Lüften flockengleich,
mag auch der Liebe Bild verwittern,
umranken es die Blüten bleich.

Wie grüner Wein sind Schlafes Wasser,
auf denen Blüten schaukeln weiß,
wird auch der Liebe Lippe blasser,
der Trunkne schläft vom Kuß noch heiß.

Wenn wilde Winde sie zerpflückten,
wie wehen, schneien sie hinab
und leuchten nächtlich den Entrückten,
o weiße Blüten auf dem Grab.

 

Dez 3 20

Die Mandelblüten van Goghs

Die Bedeutung der Schmeichelei oder der Beleidigung, die der Liebhaber der Geliebten ins Ohr flüstert oder der gehörnte Mann der untreuen Frau ins Gesicht schreit, besteht nicht in dem, was sie dabei empfinden oder erleben, sondern setzt sich aus der Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke zusammen, aus denen die Sprechakte der Schmeichelei und der Beleidigung bestehen.

Wir können die Bedeutung oder den Sinn des künstlerischen Ausdrucks nicht aus der Empfindung und dem Erlebnis des Künstlers ableiten oder konstruieren. Es ist gleichgültig, ob van Gogh die Mandelblüten in euphorischer Stimmung oder melancholischer Niedergeschlagenheit gemalt hat.

Vielleicht schmeichelt der Liebhaber der Geliebten nicht, weil er sie begehrt oder bewundert, sondern weil er als armer Künstler ökonomisch von ihr, der reichen Kunstsammlerin, die ihn aushält, abhängig ist; vielleicht beleidigt der Gehörnte die untreue Frau nicht, weil er sich durch ihr Verhalten erniedrigt fühlt, sondern weil er, der reiche Unternehmer, es nicht verwindet, sein Dienstmädchen nicht länger am Gängelband führen zu können.

Auch wenn wir die soziologisch aufschlußreichen Hintergründe der Sprecher nicht kennen, verstehen wir doch, daß es sich bei dem einen Sprechakt um eine Schmeichelei, bei dem anderen um eine Beleidigung handelt.

Wir können die Bedeutung oder den Sinn des künstlerischen Ausdrucks nicht mittels soziologischer Untersuchungen erhellen, die uns über die soziale Stellung des Künstlers und seine ökonomische Situation hinsichtlich der ihn fördernden Mäzene oder des ihn tragenden oder verschmähenden Kunstmarktes belehren.

Wenn der Betrachter der Mandelblüten van Goghs in eine heitere Stimmung versetzt wird oder einen gewissen Trost angesichts seines grauen Alltags verspürt, sagt uns dies nichts über die Bedeutung und den Wert des Kunstwerks; denn ein Spaziergang an einem schönen Sonnentag unter echten blühenden Mandelbäumen verspräche dieselbe Wirkung, von einem guten Wein in freundschaftlicher Runde zu schweigen.

Die gängigen Klischees der Alltagspsychologie und die Schulbuchweisheiten der Wirkungsästhetik sagen uns nichts über die Bedeutung und den Wert eines Kunstwerks.

Wenn wir den Liebhaber als Don Juan auf der Bühne seine Schmeicheleien ins Ohr der Schönen flüstern hören, lösen wir unwillkürlich den uns ganz und gar verständlichen Sprechakt der Schmeichelrede des großen Verführers von jeder realen Situation ab: Wir wohnen einem Schauspiel bei.

Der Schauspieler, der den Don Juan spielt, hat die Schauspielerin, die seine Geliebte spielt, nicht wirklich umschmeichelt und verführt; zu behaupten, der Mann, der auf der Bühne agiert, habe die Frau verführt, wäre im Sinne trivialer Wahrheit nicht wahr, sondern falsch: Das Schauspiel setzt alle Sprechakte gleichsam in die Anführungszeichen des Imaginären, Irrealen, Fiktiven. Und deshalb sind die geschauspielerten Sprechakte, die wie ein Ei dem anderen echten und wirklichen Sprechakten gleichen, weder wahr noch falsch.

Die Mandelblüten van Goghs sind nicht nur keine echten Mandelblüten, sondern sind den echten in einem trivialen botanischen Sinne nicht einmal besonders ähnlich, sondern eher wie Traumbilder von Blüten: Sie hängen nicht an Zweigen, sondern schweben im Imaginären.

Verstehen wir die Bilder van Goghs mit dem Sujet der Mandelblüten besser, wenn wir als kunsthistorisch Informierte wissen, daß sich der Maler im Zuge der zeitgenössischen Mode des Japonismus von fernöstlicher Bildkunst anregen ließ? Nein; genausowenig wird unser Verständnis der Schmeichelrede des Verführers vertieft, wenn wir darin blumige Phrasen aus angestaubten Gedichtanthologien identifizieren oder philologisch beckmesserhaft belegen können.

Freilich, wenn der Verführer vergiftete Blüten streuen und seine Schmeicheleien mit satirisch entstellten Zitaten aus der Gedichtanthologie würzen sollte, verstünden wir wohl, daß hier etwas aus dem Ruder läuft: Die Absicht der Schmeichelrede, die Verführung, würde durch diesen Mißgriff in Frage gestellt. Es handelte sich also um einen inkonsistenten Sprechakt, bei dem die Äußerung ihre Absicht vereitelt.

Van Goghs Bildsprache in den Mandelblütenblättern ist indes von jedem Anflug von Ironie, Satire oder Parodie frei. Wenn er zitiert, dann, könnte man sagen, gläubig, kindlich, fromm.

Können Bildwerke wie sprachliche Handlungen überhaupt inkonsistent sein? Wenn dem offenkundig nicht so ist, können sie, wenn nicht falsch, so auch nicht wahr sein. Sie schlüpfen durch das allzu grobmaschige Netz der Wahrheitsspinne.

Wir können mit malerischen oder musikalischen Mitteln keine Verneinung ausdrücken; die Möglichkeit der Negation aber ist ein wesentliches Kriterium für den semantischen Begriff der Bedeutung oder Referenz und also für den Begriff der Wahrheit: Denn die verneinte falsche Aussage ist die wahre Aussage. Eine durchgestrichene oder geschwärzte Figur ist nicht die Negation der bildlichen Aussage, sondern ihre Erweiterung; so wie eine Modulation oder eine Umkehrung eine Modifikation und Durchführung der musikalischen Aussage darstellt.

Der Mangel an referentieller Zuordnung verbietet uns, von einer Semantik der Kunst zu sprechen: Die Zuordnungen, die wir hier finden, sind symbolischer oder ikonischer Natur und beruhen nicht auf dem Kriterium der Identität des Gemeinten, sondern auf der Ähnlichkeit des Angedeuteten. So meint oder repräsentiert das Blau van Goghs die Unendlichkeit, das Sonnenblumengelb die fruchtbare Erde unter dem Strahl der Sonne, das Weiß der Mandelblüten die ephemere, flüchtige und traumhafte Erscheinung des Vollkommenen. Die Symbolik oder Ikonik der Farben van Goghs ist nicht willkürlich wie die Semantik der lautlichen Artikulation, sondern wurzelt in der Natur des Menschen als eines sinnenhaften Lebewesens.

Wenn der Autor die Absicht hegt, sich in der Rolle des Don Juan zu spiegeln, besonders im lyrischen Timbre und dem Feuerwerk geistreicher und bewußtseinsheller Anspielungen seiner schmeichelnden Rede, damit ihr Erfolg in der erotischen Verführung sich als überwältigend erweist und die Umworbene ohne Gegenwehr und wie betäubt vor ihm hinsinkt, mag der gegenteilige Effekt eintreten: Das Stück wird ein Mißerfolg und die blendende Gestalt des Verführers in dem Maße verdunkelt und ausgehöhlt, in dem die Verführte wie weiches Wachs in der fahlen Glut seiner rhetorischen Ein- und Zweideutigkeiten hinschmilzt.

Leiht der Autor dagegen dem Verführer nicht SEINE Stimme, sondern beobachtet ihn gleichsam als einen Fremden, wird die Ambivalenz der Figur und ihr Schwanken zwischen Selbsterhöhung und erotischer Steigerung auf der einen sowie erotischer Hingabe und Selbstvergessenheit auf der anderen Seite mehr und mehr in der ihr selbst kaum bewußten Zweischneidigkeit und Doppelzüngigkeit ihrer Äußerungen ans Licht gelangen; ebenso wird die Frau mit einem dramatisch-erregten, selbstentzündeten Ton auf seine Ergebenheitsadressen und mit einem gedämpft-lyrischen auf seine selbstverliebte Virtuosität antworten können. Das Drama überzeugt durch Komplexität der Motive und Figuren, je mehr der Autor seine Stimmen nicht als Echo seiner psychologischen Innerlichkeit aufzeichnet, sondern gleichsam aus der Entfernung, angestrengt lauschend, durch den Schalldämpfer fremder Masken HÖRT.

Der frühe van Gogh verfolgte mit umdüsterten Elendsbildern die Absicht, seine religiösen Erweckungserregungen Bild werden zu lassen; doch hat er dadurch seine grundehrlichen, wahrhaftig gefühlten Intentionen in ein Zwielicht und einen malerischen Dunst getaucht, in dem die hochgespannte Wahrhaftigkeit an Sentimentalität erstickte. Das scharfe Licht des Südens und die grausame Sonne tödlicher Fruchtbarkeit, die befruchtende Elementargewalt des Midi und seine luziden Farbekstasen haben van Gogh vor der Gefahr sentimentaler Stimmungsmalerei gerettet.

Die Mandelblüten van Goghs sind nicht die Verwirklichung der Absicht, metaphysische Ideen zu malen und mit schönen Motiven Trost aus dem blauen Abgrund des Transzendenten zu schöpfen; sie sind ihm gleichsam wie von selbst aus der Leere des Absichtslosen aufgesprossen.

Wir sprechen von Reife, wenn ein Künstler nicht nur aufgrund wachsender technischer Perfektion, sondern thematischer Durchdringung und Sublimierung seiner malerischen Mittel wie der Verteilung von Licht und Schatten oder der symbolischen Verwendung und Kontrastierung von Farbvaleurs eine letzte Höhe seiner Gestaltungskraft erklommen hat.

Doch wie jeder Augenblick durch Kontemplation oder Rausch über die kontinuierliche Reihe der Zeitmomente herausragen kann, so jedes Kunstwerk. Zu behaupten, mit jenem Werk antizipiere dieser Künstler schon diese und jene kommende Malweise, van Gogh den Expressionismus, er sei gleichsam eine Schaumkrone auf der heranbrausenden Welle der Avantgarde, sagt nichts über die Bedeutung und den Rang der von ihm geschaffenen Werke; ja es schläfert den an der Betrachtung erwachten Geist im sauerstoffarmen Dunst welker Feuilleton-Flora und disteltrockener Seminaristenprosa ein.

Keiner erlangt künstlerischen Adel, weil er als Bürgerschreck, Rebell oder Revolutionär wichtigtat und den Spießern eine lange Nase drehte; kein Rubens oder Vermeer zieht den Schatten eines Verdachts auf seine Werke, weil er als reicher Bürger reüssierte oder als Stiller im Lande sein bescheidenes Dasein fristete.

Kein Künstler erlangt die Höhe vollkommenen Ausdrucks einzig aufgrund der Verletzungen und Leiden seines Erdenwallens, wenn er die vergossenen Blutstropfen nicht in leuchtende Früchte an imaginären Zweigen und die Tränen nicht in gefrorene Perlen am Hals der imaginären Geliebten verwandelt.

Die Mandelblütenbilder van Goghs sind sowohl von hohem spirituellen Reiz als auch Zeugnisse einer sublimen Kunst des Dekors, die an antike Wandmalereien wie die in Pompei gemahnt. Daß neuerer Kunst jedwede schmückende und ornamentale Funktion abgesprochen wird, scheint ein sarkastischer Kommentar auf die Verödung des Alltagslebens in den Betonwüsten der großen Städte.

Wenn die Kunst anders als im antiken Tempel oder der römischen Villa ihren Ort alltäglicher Ausstrahlung verliert und gleichsam ort- und funktionslos wird, denn Galerien und Museen sind keine originären Stätten künstlerischer Wirkung, sucht man bisweilen ihrem Verlust an Lebensverwurzelung mittels ihrer Auratisierung und Sakralisierung beizukommen. So überfrachtet man sie mit religiösen und pseudoreligiösen Surrogaten; doch wie das heilige Mahl von Brot und Wein nur in Gemeinschaft oder rituell vollzogen werden kann, so bleibt jede Beschwörung einer Transzendenz, die in die Nacht der zivilisierten, aus jeder rituellen Fassung gelaufenen Einsamkeit aus dem reinen Schnee der Mandelblüten van Goghs hineinleuchten soll, ein leeres Versprechen und eine hohle Vertröstung.

Die Mandelblüten van Goghs wollen das Leben, das gewöhnliche, mühsame, dem Verfall preisgegebene Leben, erhöhen, erleuchten, und, dürfen wir schlicht sagen, verschönen. Doch van Gogh hat seine imaginären Blüten schon ins Vage, in die Abenddämmerung und die Menschenödnis hineingehalten. Das mußte ihn betrüben, in Selbstzweifel und Schwermut stürzen, nicht die Abhängigkeit von seinem Bruder Theo, der gleichsam nur der Zwischenhändler dieser allgemeinen Verödung durch den Markt und den Kunstbetrieb war.

Die Mandelblüten van Goghs ragen und schweben auf einem zartblauen Hintergrund, dem Himmel, dem Ozean, dem Geist des Unendlichen. Es ist, als habe dies Ungestalte, diese Leere sie geträumt, als seien wir ein Teil dieses aus der Tiefe des grenzenlosen Blaus emporgeschäumten Traums, als verspürten wir das leise, lautlose Wehen, in dem sich die weißen Blüten kaum merklich wiegen, als gäben wir uns mit ihnen diesem Wehen ohne Bangen und Widerstreben hin, als seien unsere Wünsche und Erinnerungen nichts als der feine Duft, den sie verströmen, Überfluß an Leben, der gleich Pollensamen hinwirbelt in die helle Nacht der blauen Unendlichkeit.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=van+gogh+mandelbl%C3%BCten&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwjgu4Pp97HtAhUJKuwKHfFuDsgQ_AUoAXoECBYQAw&biw=1120&bih=593#imgrc=01WwqNBKfs_MeM

 

Dez 3 20

D. H. Lawrence, Bavarian Gentians

Not every man has gentians in his house
in soft September, at slow, sad Michaelmas.

Bavarian gentians, big and dark, only dark
darkening the day-time, torch-like with the smoking blueness of Pluto’s gloom,
ribbed and torch-like, with their blaze of darkness spread blue
down flattening into points, flattened under the sweep of white day
torch-flower of the blue-smoking darkness, Pluto’s dark-blue daze,
black lamps from the halls of Dis, burning dark blue,
giving off darkness, blue darkness, as Demeter’s pale lamps give off light,
lead me then, lead the way.

Reach me a gentian, give me a torch!
let me guide myself with the blue, forked torch of this flower
down the darker and darker stairs, where blue is darkened on blueness
even where Persephone goes, just now, from the frosted September
to the sightless realm where darkness is awake upon the dark
and Persephone herself is but a voice
or a darkness invisible enfolded in the deeper dark
of the arms Plutonic, and pierced with the passion of dense gloom,
among the splendour of torches of darkness, shedding darkness on the lost bride and her groom.

 

Bayrischer Enzian

Nicht jedermann hat Enzian in seinem Haus
im sanften September, am traurig säumenden Tag Michaeli.

Bayrischer Enzian, groß und dunkel, einzig dunkel
das Tageslicht zu verdunkeln, wie eine Fackel mit dem blauen Rauch aus Plutos Düsternis,
gezackt und fackelgleich, mit seiner Flamme aus blau gedehnter Dunkelheit,
hinab sich ebnend in Spitzen, geebnet unter weißen Tages Schwingung,
Fackel-Blume blau rauchender Dunkelheit, Plutos dunkelblaue Trance,
schwarze Lampen aus der Halle der Dis, loderndes Dunkelblau,
Dunkles dunstend, blaues Dunkel, da Demeters fahle Lampen Licht verhauchen,
leite mich denn, bahne den Pfad.

Einen Enzian reiche mir, gib mir eine Fackel!
Laß finden mich mit der blauen, gegabelten Fackel dieser Blume
den Weg hinab auf immer dunkleren Stufen, wo das Blau verdunkelt wird von Bläue,
wo Persephone soeben geht, jetzt, vom bereiften September
zum blicklosen Reich, wo Dunkelheit überm Dunkel erwacht
und Persephone selbst nichts ist als eine Stimme
oder eine Dunkelheit, unsichtbar umfaßt vom tieferen Dunkel
aus Plutos Umarmung, und durchbohrt von der Passion dichter Düsternis,
im Glanz von Fackeln der Dunkelheit, die Dunkelheit gießen auf die verlorene Braut und ihren Bräutigam.

 

Dez 2 20

D. H. Lawrence, Gloire de Dijon

When she rises in the morning
I linger to watch her;
She spreads the bath-cloth underneath the window
And the sunbeams catch her
Glistening white on the shoulders,
While down her sides the mellow
Golden shadow glows as
She stoops to the sponge, and her swung breasts
Sway like full-blown yellow
Gloire de Dijon roses.

She drips herself with water, and her shoulders
Glisten as silver, they crumple up
Like wet and falling roses, and I listen
For the sluicing of their rain-dishevelled petals.
In the window full of sunlight
Concentrates her golden shadow
Fold on fold, until it glows as
Mellow as the glory roses.

 

Gloire de Dijon

Wenn sie aufsteht am Morgen,
weilt mein Auge gern auf ihr.
Sie breitet den Bademantel unter das Fenster
und die Strahlen der Sonne greifen nach ihr
und schimmern weiß auf ihren Schultern,
während an ihren Seiten der weiche
goldene Schatten abwärts glüht, da
sie nach dem Schwamm sich bückt, und ihre geschaukelten Brüste
wiegen sich wie voll erblühte gelbe
Gloire-de-Dijon-Rosen.

Sie träufelt Tropfen über sich, und ihre Schultern
schimmern wie Silber, sie zerknittern
wie feuchte, sinkende Rosen, und ich lausche
auf das Sprühen der vom Regen zerwühlten Blüten.
Im Fenster, wo die volle Sonne steht,
verdichtet sich ihr goldener Schatten,
Falte um Falte, bis er glüht
sanft wie die Glorie der Rosen.

 

Dez 1 20

Goldene Reflexe

Goldene Reflexe
abendgrüner Teiche.
Blumenwinke, weiche,
Knospen, mondne Kleckse.

Holundertraubengitter.
Schwäne ziehen leise
traumgedehnte Kreise.
Silbriger Spinnenflitter.

Späte Rosen hauchen
Küsse, die erweichen.
Und die Blüten bleichen,
wenn die Schwäne tauchen.

 

Nov 30 20

D. H. Lawrence, Trees in the Garden

Ah in the thunder air
how still the trees are!

And the lime-tree, lovely and tall, every leaf silent
hardly looses even a last breath of perfume.

And the ghostly, creamy coloured little tree of leaves
white, ivory white among the rambling greens
how evanescent, variegated elder, she hesitates on the green grass
as if, in another moment, she would disappear
with all her grace of foam!

And the larch that is only a column, it goes up too tall to see:
and the balsam-pines that are blue with the grey-blue blueness of
things from the sea,
and the young copper beech, its leaves red-rosy at the ends
how still they are together, they stand so still
in the thunder air, all strangers to one another
as the green grass glows upwards, strangers in the silent garden.

 

Bäume im Garten

O in der Gewitterluft,
wie still die Bäume sind!

Und der Lindenbaum, lieblich und groß, ein jedes Blatt ist still,
kaum daß er noch mit letztem Atem duftet.

Und geisterhaft, wie Sahne fahl, mit weißen
Blättern, weiß wie Elfenbein, in all dem Grünen rings,
wie schwindend, blauschattender Holunder, auf grünem Grase zögernd,
als würd er unsichtbar im nächsten Augenblick
mit all dem graziösen Schaum!

Und die Lärche, eine Säule bloß, die Spitze außer Sicht,
und die Balsam-Kiefern, die blauen mit der graublauen Bläue
von Meeresdingen,
und die junge Kupfer-Buche, mit rosig-roten Blätterspitzen,
wie still sie miteinander sind, sie stehn so still
in der Gewitterluft, ein jeder fremd dem andern,
wo aufwärts grüne Gräser glimmen, Fremde im stillen Garten.

 

Nov 30 20

David Herbert Lawrence, Nothing to Save

There is nothing to save, now all is lost,
but a tiny core of stillness in the heart
like the eye of a violet.

 

Nichts zu machen

Da ist nichts zu machen, alles ist nun hin,
nur ein Fleckchen Stille blieb im Herzen
gleich dem Auge eines Veilchens.

 

Nov 30 20

David Herbert Lawrence, Self-Pity

I never saw a wild thing
sorry for itself.
A small bird will drop frozen dead from a bough
without ever having felt sorry for itself.

 

Selbstmitleid

Nie sah ich je ein wildes Sein
sich selbst bedauern.
Erfroren fällt ein kleiner Vogel tot vom Zweig
und fühlte für sich selbst doch nie Bedauern.

 

Nov 29 20

David Herbert Lawrence, Autumn Rain

The plane leaves
fall black and wet
on the lawn;

the cloud sheaves
in heaven’s fields set
droop and are drawn

in falling seeds of rain …

 

Herbstregen

Laubes glatte Hände
dunkeln, nasse Narben
durchziehn das Grün;

Im Himmelsgelände
sinken Wolkengarben,
die Tropfen sprühn,

fallende Regen-Samen.

 

Nov 28 20

Nein

Er ging umher, mit einer Armbanduhr, mit einer Aktentasche, mit einer prall gefüllten Tüte, er grüßte, ward gegrüßt und grübelte nach des Passanten Namen, er tat, was alle tun, die Bilder streiften ihn wie Zweige oder Halme, er kehrte abends heim und pflückte sie ab, als fegte er von seinem Kleide Fusseln, Distelsamen, die sich blind verfingen.

Er tat so, wie die andern tun, doch wandte er sich ab, und keiner weiß, er selber nicht, warum. Nun haust er wie der Seele Schatten in einem Keller, Verlies, wo nur die Funzel seiner Armut knistert, von Grünspan schimmernd haben rings die Wände Löcher, in denen manchmal Augen flackern, flehen, dann kommt ein Wärter oder ist es seine alte Mutter und klopft und stellt ihm eine Schüssel vor die Tür, da kriegt er täglich seine warme Suppe, durch eine schmale Luke an der Decke fällt unwirklich- mattes Licht, Gespenster staken, huschen, eilen, erlöscht es, wird es still, so hat er Tag und Nacht, wenn Wasser glucksen, Frühling, schreien Kinder, Sommer, wenn Kastanien knallen, Herbst, und wenn das Licht wie Schnee gefriert, ist es sein Winter.

Er ist ein Dichter, ein Verzweifelter, der sich dem Reim verweigert auf das Große Nein, den Widerruf der Schöpfung, als würgte seine Kehle unsichtbar ein Engel, der Wein verlor, einsam geschlürft, sein Gold, der Klang den Schimmer, Mein und Dein, sie rannen ihm in eins wie unterm Tauwind Tropfen in einer trüben Pfütze, und was die Milch der Stille und der Sanftmut schüttete auf seines Duldens reinen Schnee, war nur ein toter Stein.

 

Nov 27 20

Ja

Ja, einmal wirst du wieder heben
dein müdes Antlitz aus dem Staub.
Tropft nicht durchs heimatliche Laub
die Traube, glimmen nicht die Reben?

Dort setz auf sanften Liedes Schwelle
den Moos erfühlenden bloßen Fuß.
Winkt nicht der Hyazinthen-Gruß
des Himmels, lächelt nicht die Helle?

Und bleibst du einsam auf den Hügeln,
wo dir wie blauen Abgrunds Gischt
das Lied sich mit dem Azur mischt,
schwebt hoch dein Schmerz auf Adlers Flügeln.

Löst Duft der Veilchennacht die Seele,
wölkt bleich der Mond an Schlafes Saum.
Schwebt nicht das Lied herab wie Flaum,
daß dir ein Abschiedskuß nicht fehle?

 

Nov 26 20

Berlin, April 1945

Ein Kind zieht auf dem Leiterwägelchen
sein eigenes Gerippe
in den Schutt des Abendlands.

Im Dauerbeschuß von Granaten
kniet ein altes Weib und reckt die Hände
in den durchlöcherten Himmel.

Der blinde Führer eines großen Volkes
wartet auf den Durchbruch
einer Armee von Gespenstern.

Aus dem brennenden Fenster
einer Mietskaserne kippt eine Leiche,
die noch schreit.

Der schmutzige Schnurrbart kratzt
über die Hand seiner schönen Schreiberin
und läßt Nacht und Nacht aus seiner Schläfe rinnen.

Abertausend gottverlassene Frauen
tun sich selbst Gewalt an,
um nicht vergewaltigt zu werden.

Auf der langen schwarzen Mauer
um den Friedhof heimatloser Seelen
steht mit Kreide grell: Berlin bleibt deutsch.

Unterm verkrüppelten Lindenbaum
flötet auf dem Schenkelknochen
einer verkohlten Nymphe Pan.

Die Gezeichneten wühlen im Dreck
nach einem Lächeln,
einem verschütteten Angesicht.

Der Zeiger seiner alten Seelenuhr
bleibt diesem Volk für immer
stehen auf Mitternacht.

Der von Osten weht, der Rauch,
legt sich wie Mehltau auf die Blüten
deiner Veilchen, Mörike.

Unverweslich ist allein die Asche,
die von Stund an sinkt und sinkt
in deine Mondnacht, Eichendorff.

 

Nov 25 20

Die Knospe Wort

Das Wort wird wie die Knospe sein,
die aufgeht unter sanftem Hauchen,
ein Tropfen oder weißer Stein,
die glänzen, wenn die Gipfel rauchen.

Das Lied wird wie die Trauben sein,
die süß im Mond des Herbstes funkeln,
wird munden wie ein alter Wein,
wenn feuchte Veilchen um uns dunkeln.

Und schwebt im Abend Schwanensang,
mag lang Geahntes uns betören
wie Liebende, die selig-bang
im Dunkel Flügel rauschen hören.

Wird uns im Sterbehaus das Wort
zu einer Kerze hellem Schimmer,
geht auch das Lied zum Totenort,
streut seine Rosen: „Dir für immer.“

 

Nov 24 20

Morgengruß

Unterm Tauwind leises Knirschen,
Glucksen von behauchtem Schnee
dringt in deine Dunkelheit.

Blütenschaum auf grünen Wogen,
Schimmer weißen Schwanenflaums
schwimmt ans Ufer deines Schlafs.

Flüstern aus dem Vlies des Dämmers,
goldner Glocken Widerhall
hebt dich auf den Saum des Lichts.

 

Nov 23 20

Unverhofft

Unscheinbare Butterblume,
die den Riß im Asphalt fand,
im Verschlag geduckte Seele,
die den Schrei der Eule hört.

Tropfen, die im Dunkel glänzen,
unsichtbarer Wolke Gruß,
Rufe, die durchs Dickicht dringen,
Angelus im Morgenrot.

Zarte Flamme auf dem Grabstein,
die vom Unerfüllten spricht,
Träne, unverhofft geflossen
auf das grüne Blatt des Traums.

 

Nov 22 20

Das Exil

Verklungen war das Lied der Erde,
und keines Strahles heißer Pflug
brach den Asphalt auf, Teer der Nacht
gespensterhaften Wahngewimmels.
Ich schlich in das Verlies hinab,
wo sich von Fliegen nährt der Meister,
vom Geifer seiner wilder Psalmen,
der Magier von Grünspan und Gestank.
Er sah mir, wie der Uhu einer Maus,
die vor dem rätselstarren Blick erzittert,
das Ungemach, das leere Leben an
und sprach: „Es gibt im östlichen Gefilde
ein Sumpfgebiet, das am Karfreitag
ich matten Flügelschlags durchfliege,
dorthin versetz ich dich zur Jüngerschar
der Molche, Quappen, Lurche, Frösche,
dort schmeckst am bittern Naß du Heimat
und schwärmst von Mückenbein. Und was
dir blieb an lyrischem Gesang, sei Quaken.“
So hocke ich, schiefmäulig, es schwitzt
die Pockenhaut der Inbrunst Schleim,
in Reih und Glied mit den Verbannten
im Abendlicht und quake, quake.

 

Nov 21 20

Wunder

Als bröckelte der Putz der Mauer,
auf die du dumpfen Banns gestarrt
in dieser langen Winternacht,
wie unter einem Frühlingsatem
erblühen Blumen da und dort,
ein altes Fresko leuchtet auf.

*

Nichts als das monotone Rauschen
im Schilfrohr einer öden Insel,
nichts als der weiße Schaum der Angst,
wenn seine Muscheln sucht der Mond,
und plötzlich eine Spur im Sand,
als wär dein Schiffbruch nur geträumt.

*

Die Fenster dieses Hinterhofes
sind Augen, wimpernlos und blind,
die Sonne nicht, nicht Sterne spiegeln,
doch einmal öffnet sich dir eins,
und eine Frau steht wunderbar
und hält im Arm ein zartes Kind.

 

Nov 20 20

In sternloser Leere das Kreuz

Das dumpfe Brüten der Welt
durchsticht ein blutiger Dorn,
der Wehlaut des Hinkefußes,
Ödipus.

Der Schicksalsversehrte steht schief,
ins Abseits blickend,
nicht geblendet vom Schnee des Olymps
gewahrt er das Untere,
das graue Wogen
der Styx.

Die lichtgemeißelten Karyatiden
tragen den Porphyr des Himmels,
dulden den Grabkranz der Nacht
leicht auf knospenden
Locken.

Einsam ragt aus dunkler Erde
in sternloser Leere das Kreuz,
einzig die Trauer der Mutter hört,
der nicht endet,
den Schrei.

 

Nov 19 20

Weiße Apfelblüten

Weiße Apfelblüten,
gestreut auf Mondes
silberne Schale.

*

Warte, bis das Wort Rose
sich auftut wie die Rose,
bis sein Duft entrückt.

*

Willst alles in allem du sagen,
schmilzt die Schrift auf dem Blatt,
ein Wasserzeichen nur bleibt.

*

Das Gold des Abends floß hin,
gebeugt schläft eine Knospe,
nur Duft blieb deinem Traum.

*

Warte, bis das Wort Schnee
den Mohn des Sommers
deine Lippe kühlt.

*

Die Zeichen werden unsichtbar
wie Glanz des Taus am Glas,
wie neuer Schnee im Schnee.

 



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