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Sep 22 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 401–420

Scholien zu einem implizierten Text 401–420

401
Dos seres inspiran hoy particular conmiseración: el político burgués que la historia pacientemente acorrala y el filósofo marxista que la historia pacientemente refuta.

Zwei Menschentypen flößen heute besonders Mitleid ein: der bürgerliche Politiker, den die Geschichte beharrlich bedrängt, und der marxistische Philosoph, den die Geschichte beharrlich widerlegt.

402
Estado totalitario es la estructura en que las sociedades cristalizan bajo las presiones demográficas.

Der totalitäre Staat ist die Struktur, worin Gesellschaften unter demographischem Druck kristallisieren.

403
La imbecilidad de sus pasiones salva al hombre de la imbecilidad de sus sueños.

Die Idiotie seiner Leidenschaften rettet den Menschen vor der Idiotie seiner Träume.

404
El lugar común tradicional escandaliza al hombre moderno.
El libro más subversivo en nuestro tiempo sería una recopilación de viejos proverbios.

Der traditionelle Gemeinplatz empört den modernen Menschen.
In unserer Zeit wäre das subversivste Buch eine Sammlung alter Sprichwörter.

405
El progreso es el azote que nos escogió Dios.

Der Fortschritt ist die Geißel, die Gott für uns ausersehen hat.

406
Toda revolución nos hace añorar la anterior.

Jede Revolution läßt uns der vorangehenden nachtrauern.

407
El auténtico revolucionario se subleva para abolir la sociedad que odia, el revolucionario actual se insurge para heredar una que envidia.

Der wahre Revolutionär lehnt sich auf, um die Gesellschaft zu beseitigen, die er haßt, der zeitgenössische Revolutionär erhebt sich, um eine zu beerben, die er beneidet.

408
El hombre moderno no ama, sino se refugia en el amor; no espera, sino se refugia en la esperanza; no cree, sino se refugia en un dogma.

Der moderne Mensch liebt nicht, sondern flüchtet sich in die Liebe; er hofft nicht, sondern flüchtet sich in die Hoffnung; er glaubt nicht, sondern flüchtet sich in ein Dogma.

409
El erotismo se agota en promesas.

Die Erotik verzehrt sich in Versprechungen.

410
El miedo es el motor secreto de las empresas de este siglo.

Die Angst ist der heimliche Motor der Unternehmungen dieses Jahrhunderts.

411
Nada tan difícil como aprender que la fuerza, también, puede ser ridícula.

Nichts ist so schwierig, wie zu begreifen, daß sogar die Macht lächerlich sein kann.

412
El verdadero talento consiste en no independizarse de Dios.

Wahres Talent besteht darin, sich nicht von Gott unabhängig zu machen.

413
La gracia imprevisible de una sonrisa inteligente basta para volar los estratos de tedio que depositan los días.

Die unvorhersehbare Anmut eines intelligenten Lächelns genügt, um die Schichten von Langeweile wegzuwehen, welche die Tage abgelagern.

414
Erotismo, sensualidad, amor, cuando no convergen en una misma persona no son más, aisladamente, que una enfermedad, un vicio, una bobería.

Erotik, Sinnlichkeit, Liebe: Konvergieren sie nicht in ein und derselben Person, sind sie, voneinander isoliert, nicht mehr als eine Krankheit, ein Laster, eine Dummheit.

415
Una vocación genuina lleva al escritor a escribir sólo para sí mismo: primero por orgullo, después por humildad.

Eine genuine Berufung heißt den Schriftsteller, allein für sich selbst zu schreiben: zunächst aus Stolz, schließlich aus Demut.

416
Para ser protagonista en el teatro de la vida basta ser perfecto actor cualquiera que sea el papel desempeñado.
La vida no tiene papeles secundarios sino actores secundarios.

Für einen Darsteller im Drama des Lebens genügt es, seine Rolle, was immer sie sei, perfekt zu spielen.
Das Leben kennt keine zweitrangigen Rollen, nur zweitrangige Darsteller.

417
En la auténtica cultura la razón se vuelve sensibilidad.

In einer authentischen Kultur wird die Vernunft Sinnlichkeit.

418
El alma debe abrirse a la invasión de lo extraño, renunciar a defenderse, favorecer al enemigo, para que nuestro ser auténtico aparezca y surja, no como una frágil construcción que nuestra timidez protege, sino como nuestra roca, nuestro granito insobornable.

Die Seele soll der Invasion des Fremden den Weg bahnen, darauf verzichten, sich zu verteidigen, dem Feind das Tor öffnen, auf daß unser authentisches Sein erscheine und emportauche, nicht als ein zerbrechliches Gebilde, das unsere Furchtsamkeit hütet, sondern als unser Fels, unser unbestechlicher Granit.

419
El progresista cree que todo se torna pronto obsoleto, salvo sus ideas.

Der Fortschrittsgläubige meint, alles werde bald obsolet, mit Ausnahme seiner Ideen.

420
En el actual panorama político ningún partido está más cerca que otros de la verdad.
Simplemente hay unos que están más lejos.

Im gegenwärtigen politischen Panorama ist keine Partei der Wahrheit näher als die anderen.
Es gibt bloß welche, die ferner von ihr sind.

 

Sep 22 20

Schlafen, träumen, schweigen

Wie schlafen, schlafen,
im Ohr die Brandung,
der Urzeit weißer Gischt,
Narrenfest des blinden Monds
mit dunklen Lebens dunklen Wassern,
das nicht enden will,
nicht enden will.

Wie träumen, träumen,
im Kopf ein Mückenschwarm,
geflügelter Ängste Tanz,
todbetörtes Surren,
und nicht ein reiner Klang, ein Blatt,
das säuselnd fällt herab,
nicht ein leiser Klang.

Wie schweigen, schweigen,
das Herz zernagt von Gewürm
immer durstiger Worte,
die sich unnatürlich vermehren,
eins das andre zerbeißend,
all das Blut für trüben Rausch,
all das teure Blut.

 

Sep 21 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 381–400

Scholien zu einem implizierten Text 381–400

381
El amor ama la inefabilidad del individuo.

Liebe liebt am Geliebten, was sich nicht sagen läßt.

382
Mientras mayor sea la importancia de una actividad intelectual, más ridícula es la pretensión de avalar la competencia del que la ejerce.
Un diploma de dentista es respetable, pero uno de filósofo es grotesco.

Je größer das intellektuelle Getue, umso lächerlicher die Prätention, für die Kompetenz dessen zu bürgen, der es veranstaltet.
Ein Diplom für Zahnheilkunde ist aller Ehren wert, doch eines für Philosophie ist grotesk.

383
Reformar la sociedad por medio de leyes es el sueño del ciudadano incauto y el preámbulo discreto de toda tiranía.
La ley es forma jurídica de la costumbre o atropello a la libertad.

Die Gesellschaft mittels Gesetzen zu reformieren ist der Traum des unbedachten Bürgers und die heimliche Ausrede jeder Tyrannei.
Das Gesetz ist die juristische Form der Sitte oder ein Angriff auf die Freiheit.

384
La legitimidad del poder no depende de su origen, sino de sus fines.
Nada le es vedado al poder si su origen lo legitima como lo enseña el demócrata.

Die Legitimität der Macht hängt nicht von ihrem Ursprung ab, sondern von ihren Zwecken.
Nichts hemmt die Macht, wenn ihr Ursprung sie legitimiert, wie es der Demokrat lehrt.

385
El catolicismo no resuelve todos los problemas pero es la única doctrina que los plantea todos.

Der Katholizismus lost nicht alle Probleme, doch er ist die einzige Lehre, die sie alle ans Licht bringt.

386
No es solamente entre generaciones donde la experiencia se pierde, sino también entre períodos de una misma vida.

Nicht nur zwischen den Generationen geht die Erfahrung verloren, sondern auch zwischen den Perioden derselben Vita.

387
La inteligencia del progresista nunca es más que el cómplice de su carrera.

Der Verstand des Fortschrittsgläubigen ist nie mehr als der Komplize seiner Karriere.

388
La arquitectura moderna sabe levantar cobertizos industriales, pero no logra construir ni un palacio ni un templo.
Este siglo legará tan sólo las huellas de sus trajines al servicio de nuestras más sórdidas codicias.

Die moderne Architektur versteht sich darauf, industrielle Schuppen zu errichten, doch gelingt es ihr nicht, einen Palast oder einen Tempel zu bauen.
Dieses Jahrhundert hinterläßt die Spuren seiner Transporte im Dienst unserer schmutzigsten Begierden.

389
El hombre moderno no imagina fin más alto que el servicio a los antojos anónimos de sus conciudadanos.

Der moderne Mensch ersinnt kein höheres Ziel als die Bedienung der namenlosen Launen seiner Mitbürger.

390
El egoísmo individual se cree absuelto cuando se compacta en egoísmo colectivo.

Individueller Egoismus glaubt sich freigesprochen, wenn er sich hinter kollektivem Egoismus verschanzt.

391
La vida común es tan mísera que el más infeliz puede ser víctima de la codicia del vecino.

Das Gemeinschaftsleben ist so elend, daß noch der Unglücklichste zum Opfer des Neids seines Nachbarn werden kann.

392
El sufragio universal no pretende que los intereses de la mayoría triunfen, sino que la mayoría lo crea.

Das allgemeine Wahlrecht beansprucht nicht, daß die Interessen der Mehrheit triumphieren, sondern daß die Mehrheit es glaubt.

393
El inferior siempre tiene razón en las disputas, porque el superior se ha rebajado a disputar.

Der Unterlegene behält im Streit recht, weil der Überlegene sich dazu herabgelassen hat zu streiten.

394
El crecimiento de la población inquieta al demógrafo, solamente cuando teme que estorbe el progreso económico o que dificulte la alimentación de las masas.
Pero que el hombre necesite soledad, que la proliferación humana produzca sociedades crueles, que se requiera distancia entre los hombres para que el espíritu respire, lo tiene sin cuidado.
La calidad del hombre no le importa.

Das Wachstum der Bevölkerung beunruhigt den Demographen nur, insofern er fürchtet, es behindere den ökonomischen Fortschritt oder erschwere die Ernährung der Massen.
Doch daß der Mensch auf Einsamkeit angewiesen ist, daß die Bevölkerungsexplosion Gesellschaften voller Grausamkeit hervorbringt, daß es des Abstands zwischen den Menschen bedarf, damit der Geist atmen kann, das schert ihn nicht.
Die Qualität menschlichen Lebens ist für ihn ohne Bedeutung.

395
Sólo lo trivial nos ampara del tedio.

Einzig das Triviale bewahrt uns vor der Langeweile.

396
El hombre paga la embriaguez de la liberación con el tedio de la libertad.

Der Mensch bezahlt den Rausch der Befreiung mit dem Überdruß an der Freiheit.

397
La historia del hombre no es el catálogo de sus situaciones, sino el relato de sus imprevisibles modos de utilizarlas.

Die Geschichte des Menschen ist kein Katalog von Situationen, sondern der Bericht von den unvorhersehbaren Weisen, wie er sie nutzt.

398
El político práctico perece bajo las consecuencias de las teorías que desdeña.

Der praktische Politiker geht an den Folgen der Theorien zugrunde, die er verachtet.

399
El consumo, para el progresista, se justifica sólo como medio de producción.

Der Konsum ist in den Augen des Progressiven nur als Mittel der Produktion gerechtfertigt.

400
Más que de marxistas apóstatas, nuestro tiempo está lleno de marxistas cansados.

Mehr als von abtrünnigen ist unsere Zeit übersät von ausgelaugten Marxisten.

 

Sep 21 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 361–380

Scholien zu einem implizierten Text 361–380

361
Ningún ser merece nuestro interés más de un instante, o menos de una vida.

Kein Wesen verdient unsere Aufmerksamkeit länger als einen Augenblick oder kürzer als ein Leben.

362
La esperanza progresista no anida ya sino en discursos.

Die Hoffnung des Fortschrittlers baut sich ihr Nest nur im Geschwätz.

363
Las representaciones colectivas son, hoy, opiniones que los medios de propaganda imponen.
Lo colectivo no es, hoy, lo que muchos venden sino lo que muchos compran.

Die kollektiven Vorstellungen sind heute Meinungen, die von Propagandamedien auferlegt werden.
Das Kollektiv ist heute nichts, was viele verkaufen, sondern, was viele kaufen.

364
Cuando las codicias individuales se agrupan, acostumbramos bautizarlas nobles anhelos populares.

Wenn sich die Habgier einzelner vereinigt, taufen wir dies gewöhnlich edelgesinnte populäre Bestrebungen.

365
La paciencia del pobre en la sociedad moderna no es virtud sino cobardía.

Die Geduld des Armen in der modernen Gesellschaft ist nicht Tugend, sondern Feigheit.

366
La lealtad es sincera mientras no se cree virtud.

Loyalität ist aufrichtig, solange sie sich nicht für eine Tugend hält.

367
Al vulgo no le importa ser, sino creerse, libre.
Lo que mutile su libertad no lo alarma, si no se lo dicen.

Den Massen ist nicht wichtig, frei zu sein, sondern zu glauben, es zu sein.
Was ihre Freiheit verletzt, kümmert sie nicht, wenn man es ihnen nicht sagt.

368
Apreciar lo antiguo, o lo moderno, es fácil; pero apreciar lo obsoleto es el triunfo del gusto auténtico.

Das Antike zu schätzen oder das Moderne ist leicht; indes das Obsolete zu schätzen ist der Triumph des authentischen Geschmacks.

369
Los pesimistas profetizan un futuro de escombros, pero los profetas optimistas son aún más espeluznantes anunciando la ciudad futura donde moran, en colmenas intactas, la vileza y el tedio.

Die Pessimisten prophezeien eine Zukunft voll Trümmern, doch die optimistischen Propheten sind noch furchterregender, da sie eine Stadt der Zukunft ankündigen, wo Niedertracht und Überdruß in tadellosen Bienenkörben hausen.

370
Ayer creímos que bastaba despreciar lo que el hombre logra, hoy sabemos que debemos despreciar además lo que anhela.

Gestern glaubten wir, es genüge zu schmähen, was der Mensch erwirbt, heute wissen wir, wir müssen außerdem schmähen, was er sich wünscht.

371
Amar es comprender la razón que tuvo Dios para crear a lo que amamos.

Lieben heißt den Grund verstehen, den Gott hatte, das zu erschaffen, was wir lieben.

372
El hombre tiende a ejercer todos sus poderes. Lo imposible le parece el único límite legítimo.
Civilizado, sin embargo, es el que por razones diversas se niega a hacer todo lo que puede.

Der Mensch strebt nach der Ausübung all seiner Macht. Das Unmögliche scheint ihm die einzig legitime Grenze.
Der Kultivierte allerdings weigert sich aus unterschiedlichen Gründen, alles zu tun, wozu er imstande ist.

373
Los adolescentes alzan vuelo con el desdén de las águilas y pronto, se estrellan fofamente contra el suelo como pretenciosas aves de corral.

Heranwachsende heben die Schwingen mit der Überheblichkeit von Adlern und stürzen alsbald flatternd zu Boden wie angeberische Hühner.

374
Un léxico de diez palabras basta al marxista para explicar la historia.

Ein Wortschatz von zehn Wörtern reicht dem Marxisten, um die Geschichte zu erklären.

375
El izquierdista grita que la libertad perece cuando sus víctimas rehusan financiar su propio asesinato.

Der Linksradikale schreit auf, daß die Freiheit untergehe, wenn seine Opfer sich weigern, ihre eigene Ermordung zu finanzieren.

376
El amor es esencialmente adhesión del espíritu a otro cuerpo desnudo.

Liebe ist im Wesentlichen die Anhänglichkeit des Geistes an einen anderen nackten Körper.

377
Repudiemos la recomendación abominable de renunciar a la amistad y al amor para desterrar el infortunio.
Mezclemos, al contrario, nuestras almas como trenzamos nuestros cuerpos.
Que el ser amado sea la tierra de nuestras raíces destrozadas.

Verschmähen wir die schändliche Empfehlung, auf Freundschaft und Liebe zu verzichten, um das Elend von der Erde zu vertreiben.
Mischen wir im Gegenteil unsere Seelen, wie wir unsere Körper verflechten.
Möge das geliebte Wesen die Erde für unsere ausgerissenen Wurzeln sein.

378
Llámase problema social la urgencia de hallar un equilibrio entre la evidente igualdad de los hombres y su desigualdad evidente.

Das soziale Problem bedeutet die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der offensichtlichen Gleichheit der Menschen und ihrer offensichtlichen Ungleichheit.

379
El proletario no detesta en la burguesía sino la dificultad económica de imitarla.

Der Proletarier haßt die Bourgeoisie nur wegen der ökonomischen Schwierigkeit, sie nachzuahmen.

380
Los políticos, en la democracia, son los condensadores de la imbecilidad.

In der Demokratie sind Politiker die Kondensatoren des Schwachsinns.

 

Sep 20 20

Musenanrufung

Öde Brunnen in der Wüste des Sinns,
Löcher in der Aura der Schmerzen –
füll sie mit Seufzern und Klagen!

Die wie Fledermäuse schwirren ein
und aus durch atmende Fenster –
Blut für die Schatten der Ahnen!

Lache auf blanken Fliesen der Nacht,
beglänzt vom Irrstrahl des Monds –
wisch die Erinnerung auf!

Die da glitten aus der Mohnfrucht des Leids,
hingestreut auf totes Gestein –
Wort um Wörtlein pick auf!

Die kein Lid nimmer hat aufgetan
und hält gesenkt die Knospe des Traums –
hauch sie an, die Blume des Munds!

Der auf Laken der Verachtung liegt
im Dämmer ausgetretener Geduld –
weck ihn mit sprühendem Flügelschlag!

Aug in der Rinde der Dunkelheit,
blind vom Dickicht vertrockneter Bilder –
laß ihm rinnen die Träne des Lieds!

 

Sep 20 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 341–360

Scholien zu einem implizierten Text 341–360

341
Aún entre igualitarios fanáticos, el más breve encuentro reestablece las desigualdades humanas.

Selbst unter fanatischen Verfechtern der Gleichheit bringt die kürzeste Begegnung die menschlichen Ungleichheiten ans Licht.

342
El cristianismo no niega el esplendor del mundo, sino invita a buscar su origen, a ascender hacia su nieve pura.

Das Christentum leugnet nicht den Glanz der Welt, sondern lädt uns sein, seinen Ursprung zu suchen, emporzusteigen zum reinen Schnee.

343
Lo que aleja de Dios no es la sensualidad, sino la abstracción.

Was uns von Gott entfernt, ist nicht die Sinnlichkeit, sondern die Abstraktion.

344
La edad viril del pensamiento no la fijan ni la experiencia, ni los años, sino el encuentro con determinadas filosofías.

Das Mannesalter des Denkens legen nicht Erfahrung und Jahre fest, sondern die Begegnung mit bestimmten Philosophien.

345
La sensibilidad moderna, en lugar de exigir la represión de la codicia, exige que suprimamos el objeto que la despierta.

Die moderne Empfindlichkeit fordert statt der Unterdrückung der Habsucht die Beseitigung des Gegenstandes, der sie hervorruft.

346
El prejuicio de no tener prejuicios es el más común de todos.

Das Vorurteil, keine Vorurteile zu haben, ist das verbreitetste von allen.

347
No hay victoria espiritual que no sea necesario ganar cada día nuevamente.

Es gibt keinen spirituellen Sieg, der nicht täglich neu errungen werden müßte.

348
El alma que asciende hacia la perfección suele evacuar las bajas tierras conquistadas, donde se instalan diablillos subalternos que la ridiculizan y la empuercan.

Die Seele, die auf dem Weg der Vervollkommnung emporsteigt, verläßt die eroberten unteren Gebiete, wo sich kleine subalterne Teufel niederlassen, die sie lächerlich machen und besudeln.

349
La amenaza de muerte colectiva es el único argumento que desbarata la complacencia de la humanidad actual.
La muerte atómica la inquieta más que su envilecimiento creciente.

Die Bedrohung des kollektiven Todes ist das einzige Argument, welches die Selbstzufriedenheit der gegenwärtigen Menschheit vereitelt.
Der atomare Tod beunruhigt sie mehr als ihr wachsender Verfall.

350
Vivir es el único valor del moderno.
Aún el héroe moderno no muere sino en nombre de la vida.

Zu leben ist der einzige Wert der Moderne.
Selbst der moderne Held stirbt allein im Namen des Lebens.

351
La resignación al error es el principio de la sabiduría.

Ergebung in den Irrtum ist der Anfang der Weisheit.

352
La interrogación sólo enmudece ante el amor.
“¿Para qué amar?”, es la única pregunta imposible.

Die Frage verstummt im Angesicht der Liebe.
„Warum Liebe?“ ist die einzige unmögliche Frage.

353
El amor no es misterio sino lugar donde el misterio se disuelve.

Liebe ist kein Rätsel, sondern der Ort, wo das Rätsel gelöst ist.

354
Lo grande, para la sensibilidad, no es suma aritmética de partes, sino calidad de ciertos conjuntos.
La grandeza métrica, todo edificio moderno lo muestra, no tiene relación con la grandeza monumental.

Die Größe ist für das Feingefühl nicht die arithmetische Summe der Teile, sondern die Qualität gewisser Einheiten.
Die meßbare Größe steht, wie jedes moderne Gebäude zeigt, nicht im Verhältnis zur monumentalen Größe.

355
El individualismo moderno se reduce a reputar personales y propias las opiniones compartidas con todos.

Der moderne Individualismus bedeutet nichts weiter, als die von allen geteilten Meinungen für persönliche auszugeben.

356
El estado moderno fabrica las opiniones que recoge después respetuosamente con el nombre de opinión pública.

Der moderne Staat fabriziert die Meinungen, die er hernach ehrerbietig unter die Sammlung der öffentlichen Meinung einreiht.

357
El arte abstracto no es ilegítimo, sino limitado.

Abstrakte Kunst ist nicht illegitim, sondern beschränkt.

358
La conciencia descubre su libertad al sentirse obligada a condenar lo que aprueba.

Das Gewissen entdeckt seine Freiheit, sobald es die Pflicht fühlt zu verurteilen, was es gutheißt.

359
Patrocinar al pobre ha sido siempre, en política, el más seguro medio de enriquecerse.

Patron des Armen zu sein war in der Politik stets das sicherste Mittel, reich zu werden.

360
En las artes se llama autenticidad la convención del día.

In den Künsten nennt sich die Konvention des Tages Authentizität.

 

Sep 20 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 321–340

Scholien zu einem implizierten Text 321–340

321
El mal, como los ojos, no se ve a sí mismo.
Que tiemble el que se vea inocente.

Das Böse sieht, wie die Augen, sich selber nicht.
Es zittere, wer sich unschuldig dünkt.

322
Fe es lo que nos permite extraviarnos en cualquier idea, sin desasir la senda de regreso.

Glaube ist, was uns erlaubt, uns im Denken zu verirren, ohne daß wir den Rückweg aus dem Auge verlieren.

323
El creyente no es posesor de heredades inscritas en catastros, sino adelantado de mar ante las costas de un continente inexplorado.

Der Gläubige ist kein Besitzer von Erblanden, die im Kataster registriert sind, sondern einer, der sich vom Meer her den Küsten eines Kontinentes nähert, der noch unerforscht ist.

324
El que acepta el rango que la naturaleza le fija no se convierte en la mera ausencia de lo que no es.
Aún lo más modesto tiene en su sitio un precio inestimable.

Jener, der den Rang annimmt, den ihm Natur zuweist, verwandelt sich nicht in die reine Abwesenheit dessen, was er nicht ist.
Selbst das geringste Ding hat an seiner Stelle einen unschätzbaren Wert.

325
La soledad es el laboratorio donde los lugares comunes se verifican.

Die Einsamkeit ist das Laboratorium, wo die Gemeinplätze sich bewahrheiten.

326
Hombre inteligente es el que mantiene su inteligencia a una temperatura independiente de la temperatura del medio que habita.

Ein intelligenter Mensch hält seine Intelligenz auf einem Temperaturniveau, das von der Temperatur der Umgebung unabhängig ist.

327
Ni la imitación del pasado, ni la del presente, son recetas infalibles.
Nada salva al mediocre de su mediocridad.

Weder die Nachahmung der Vergangenheit noch die der Gegenwart sind untrügliche Heilmittel.
Nichts rettet den Mittelmäßigen vor seiner Mittelmäßigkeit.

328
El reaccionario anhela convencer a las mayorías, el demócrata sobornarlas con la promesa de bienes ajenos.

Der Reaktionär wünscht, die Mehrheit zu überzeugen, der Demokrat, sie mit dem Versprechen fremden Eigentums zu bestechen.

329
Los partidos liberales jamás entienden que lo contrario de despotismo no es bobería, sino autoridad.

Die liberalen Parteien verstehen nie, daß das Gegenstück zum Despotismus nicht der Stumpfsinn, sondern die Autorität ist.

330
Cada insulto de la vida sobre una faz amada alimenta al verdadero amor.

Jede Beleidigung des Lebens auf einem geliebten Antlitz nährt die wahre Liebe.

331
Las sociedades agonizantes luchan contra la historia a fuerza de leyes, como los náufragos contra las aguas a fuerza de gritos. Breves remolinos.

Untergehende Gesellschaften kämpfen gegen die Geschichte an mit der Macht der Gesetze, wie die Schiffbrüchigen gegen die Fluten mit der Macht ihrer Schreie. Kurzzeitige Strudel.

332
La sabiduría, en este siglo, consiste ante todo en saber soportar la vulgaridad sin irritarse.

Weisheit besteht in diesem Jahrhundert vor allem darin, die Vulgarität ertragen zu können, ohne zu verbittern.

333
No conozco pecado que no sea, para el alma noble, su propio castigo.

Ich weiß von keiner Sünde, die nicht, für die edle Seele, ihre eigene Bestrafung wäre.

334
Hoy más que nunca el hombre corre detrás de cualquier tonto que lo invite al viaje, sordo al atalaya que avizora los caminos destruidos y los puentes derrumbados.

Heute mehr denn je rennt der Mensch jedem Dummkopf nach, der ihn zur Reise einlädt, taub für den Mann auf dem Wachturm, der die verwüsteten Straßen und zerstörten Brücken erspäht.

335
El profeta que acertadamente pronostique la corrupción creciente de una sociedad se desacredita, porque mientras más crezca la corrupción, el corrompido la nota menos.

Der Prophet, der ganz zutreffend den Anstieg der Korruption in der Gesellschaft vorhersagt, kommt in Verruf, denn je mehr die Korruption anwächst, desto weniger bemerkt sie der Korrumpierte.

336
La poesía que desdeña la musicalidad poética se petrifica en un cementerio de imágenes.

Dichtung, die auf die Musikalität der dichterischen Sprache verächtlich herabblickt, versteinert zu einem Friedhof von Bildern.

337
El problema básico de toda antigua colonia: el problema de la servidumbre intelectual, de la tradición mezquina, de la espiritualidad subalterna, de la civilización inauténtica, de la imitación forzosa y vergonzante, me ha sido resuelto con suma sencillez: el catolicismo es mi patria.

Das grundlegende Problem einer jeden alten Kolonie: das Problem der geistigen Hörigkeit, der dürftigen Überlieferung, der subalternen Spiritualität, der bloß äußerlichen Kultur, der notwendigen und verschämten Nachahmung, es hat sich für mich auf höchst einfache Weise aufgelöst: Der Katholizismus ist mein Heimatland.

338
Individuos o naciones tienen virtudes distintas y defectos idénticos.
La vileza es nuestro común patrimonio.

Individuen oder Nationen haben unterschiedliche Tugenden und dieselben Fehler.
Gemeinheit ist unser gemeinschaftliches Erbteil.

339
La vida es instrumento de la inteligencia.

Das Leben ist ein Werkzeug der Intelligenz.

340
El intelectual suramericano importa, para alimentarse, los desechos del mercado europeo.

Um sich zu nähren, importiert der südamerikanische Intellektuelle die Abfälle des europäischen Marktes.

 

Sep 19 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 301–320

Scholien zu einem implizierten Text 301–320

301
El moderno no escapa a la tentación de identificar permitido y posible.

Der Moderne erliegt der Versuchung, das Erlaubte mit dem Möglichen gleichzusetzen.

302
El demócrata defiende sus convicciones declarando obsoleto a quien lo impugna.

Der Demokrat verteidigt seine Überzeugungen, indem er jenen, der sie ihm streitig macht, für obsolet erklärt.

303
La angustia ante el ocaso de la civilización es aflicción reaccionaria.
El demócrata no puede lamentar la desaparición de lo que ignora.

Der Reaktionär ist angesichts des Untergangs einer Kultur von Angst erfüllt.
Der Demokrat kann das Verschwinden einer Sache, die er nicht kennt, nicht beklagen.

304
El tonto no se contenta con violar una regla ética: pretende que su transgresión se convierta en regla nueva.

Der Tor begnügt sich nicht mit der Verletzung einer moralischen Norm: Er erhebt den Anspruch, daß die Übertretung die neue Regel sei.

305
Tanto en país burgués, como en tierra comunista, reprueban el “escapismo” como vicio solitario, como perversión debilitante y abyecta.
La sociedad moderna desacredita al fugitivo para que nadie escuche el relato de sus viajes. El arte o la historia, la imaginación del hombre o su trágico y noble destino, no son criterios que la mediocridad moderna tolere.
El “escapismo” es la fugaz visión de esplendores abolidos y la probabilidad de un implacable veredicto sobre la sociedad actual.

Sowohl in einem kapitalistischen als auch in einem kommunistischen Land mißbilligt man den Eskapismus als einsames Laster, als auszehrende und verwerfliche Perversion.
Die moderne Gesellschaft diskreditiert den Eskapisten und keiner schenkt dem Bericht von seiner Reise ein Ohr. Die Kunst und die Historie, die Imagination des Menschen oder sein tragisches und hohes Geschick sind keine Kriterien, welche die moderne Mediokrität duldet.
Der Eskapismus ist die flüchtige Vision verwischter Glanzlichter und die Möglichkeit eines unerbittlichen Verdikts über die gegenwärtige Gesellschaft.

306
Amor es el acto que transforma a su objeto de cosa en persona.

Liebe ist die Verwandlung eines Gegenstands in eine Person.

307
La obra de arte no tiene propiamente significado sino poder.
Su presunto significado es la forma histórica de su poder sobre el espectador transitorio.

Das Kunstwerk hat recht verstanden keine Bedeutung, sondern Macht.
Seine vermeintliche Bedeutung ist die historische Form seiner Macht über den jeweiligen Betrachter.

308
La virtud que no duda de sí misma culmina en atentados contra el mundo.

Tugend, die nicht an sich selber zweifelt, gipfelt in Attentaten auf die Welt.

309
El alma de una nación nace de un hecho histórico, madura aceptando su destino, y muere cuando se admira a sí misma y se imita.

Die Seele einer Nation geht aus einem historischen Ereignis hervor, reift, indem sie ihr Schicksal bejaht, und stirbt, wenn sie sich selbst bewundert und imitiert.

310
La adhesión al comunismo es el rito que permite al intelectual burgués exorcizar su mala conciencia sin abjurar su burguesía.

Die Anhänglichkeit an den Kommunismus ist das Ritual, das dem bürgerlichen Intellektuellen erlaubt, sein schlechtes Gewissen auszutreiben, ohne seiner bürgerlichen Herkunft abzuschwören.

311
El hombre se vive a sí mismo como angustia o como creatura.

Der Mensch lebt sich selbst als Angst oder als Kreatur.

312
No hay peor tontería que la verdad en boca del tonto.

Keine schlimmere Torheit als die Wahrheit im Munde des Toren.

313
La imbecilidad se deposita en el alma como un sedimento de los años.

Die Dummheit lagert sich in der Seele ab wie von Jahr zu Jahr ein Sediment.

314
A la inversa del arcángel bíblico, los arcángeles marxistas impiden que el hombre se evada de sus paraísos.

Anders als der biblische Erzengel hindert der marxistische Erzengel den Menschen daran, sein Paradies zu verlassen.

315
Las revoluciones democráticas inician las ejecuciones anunciando la pronta abolición de la pena de muerte.

Demokratische Revolutionen beginnen mit den Hinrichtungen, sobald sie die sofortige Abschaffung der Todesstrafe verkünden.

316
El comunista odia al capitalismo con el complejo de Edipo.
El reaccionario lo mira tan sólo con xenofobia.

Der Kommunist haßt den Kapitalismus mit dem Ödipuskomplex.
Der Reaktionär betrachtet ihn nur mit Xenophobie.

317
El infierno es lugar indentificable sólo desde el paraíso.

Die Hölle kann nur vom Paradies aus erkannt werden.

318
Lo que se piensa contra la Iglesia, si no se piensa desde la Iglesia, carece de interés.

Was man gegen die Kirche denkt, ist ohne Belang, wird es nicht von der Kirche her gedacht.

319
Aún cuando el pecado colabora a la construcción de toda sociedad, la sociedad moderna es la hija predilecta de los pecados capitales.

Auch wenn die Sünde beim Aufbau einer jeden Gesellschaft mit am Werk ist, die moderne Gesellschaft ist die Lieblingstochter der schweren Sünden.

320
El católico debe simplificar su vida y complicar su pensamiento.

Ein Katholik sollte sein Leben einfacher und sein Denken komplizierter machen.

 

Sep 18 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 281–300

Scholien zu einem implizierten Text 281–300

281
Las tiranías no tienen más fieles servidores que los revolucionarios que no ampara, contra su servilismo ingénito, un fusilamiento precoz.

Tyranneien haben keine treueren Diener als Revolutionäre, die eine frühzeitig beobachtete Erschießung gegen ihre angeborene Servilität nicht feit.

282
La sociedad moderna se da el lujo de tolerar que todos digan lo que quieran, porque todos hoy coinciden básicamente en lo que piensan.

Die moderne Gesellschaft leistet sich den Luxus der freien Meinungsäußerung, weil heutzutage alle im Wesentlichen dasselbe denken.

283
No hay vileza igual a la del que se apoya en virtudes del adversario para vencerlo.

Keine Schandtat kommt jener gleich, die sich der Tugenden des Gegners bedient, um ihn zu besiegen.

284
La interpretación económica de la historia es el principio de la sabiduría.
Pero solamente su principio.

Die ökonomische Interpretation der Geschichte ist der Anfang der Weisheit.
Doch nur ihr Anfang.

285
El incrédulo se pasma de que sus argumentos no alarmen al católico, olvidando que el católico es un incrédulo vencido.
Sus objeciones son los fundamentos de nuestra fe.

Der Ungläubige ist verblüfft, daß seine Argumente den Katholiken nicht beunruhigen, weil er vergißt, daß der Katholik ein besiegter Ungläubiger ist.
Seine Einwände sind die Grundlagen unseres Glaubens.

286
La política es el arte de buscar la relación óptima entre la fuerza y la ética.

Politik ist das Geschick bei der Suche nach dem Ausgleich zwischen Macht und Moral.

287
Nadie piensa seriamente mientras la originalidad le importa.

Keiner denkt ernsthaft nach, solange er originell sein will.

288
La “psicología” es, propiamente, el estudio del comportamiento burgués.

Psychologie ist eigentlich das Studium des bürgerlichen Verhaltens.

289
El mal que hace un bobo se vuelve bobería, pero sus consecuencias no se anulan.

Das Übel, das ein Schwachkopf begeht, erweist sich als Schwachsinn, doch seine Folgen bleiben.

290
En las tinieblas del mal la inteligencia es el postrer reflejo de Dios, el reflejo que nos persigue con porfía, el reflejo que no se extingue sino en la última frontera.

In den Finsternissen des Bösen ist die Einsicht der letzte Abglanz Gottes, Abglanz, der uns hartnäckig verfolgt, Abglanz, der nicht erlischt, es sei denn an der äußersten Grenze.

291
Nadie sabe exactamente qué quiere mientras su adversario no se lo explica.

Keiner weiß genau, was er will, wenn sein Gegner es ihm nicht klar macht.

292
Lo amenazante del aparato técnico es que pueda utilizarlo el que no tiene la capacidad intelectual del que lo inventa.

Das Bedrohliche an technischen Geräten besteht darin, daß sie Leute verwenden, denen die geistige Fähigkeit ihrer Erfinder abgeht.

293
El mayor triunfo de la ciencia parece estar en la velocidad creciente con que el bobo puede trasladar su bobería de un sitio a otro.

Der größte Triumph der Wissenschaft scheint in der wachsenden Geschwindigkeit zu bestehen, mit der ein Idiot seine Idiotie von einem Ort zum anderen befördern kann.

294
La juventud es promesa que cada generación incumple.

Jugend ist ein Versprechen, das jede Genration bricht.

295
Arte popular es el arte del pueblo que no le parece arte al pueblo.
El que le parece arte es el arte vulgar.

Populäre Kunst ist die Kunst des Volkes, die ihm nicht wie Kunst vorkommt.
Was ihm wie Kunst vorkommt, ist vulgäre Mache.

296
Los profesionales de la veneración al hombre se creen autorizados a desdeñar al prójimo.
La defensa de la dignidad humana les permite ser patanes con el vecino.

Die professionellen Verehrer des Menschen halten sich für berechtigt, den Nächsten zu verachten.
Die Verteidigung der Menschenwürde erlaubt ihnen, ihre Nachbarn wie Rüpel zu behandeln.

297
Cuando se principia exigiendo la sumisión total de la vida a un código ético, se acaba sometiendo el código a la vida.
Los que se niegan a absolver al pecador terminan absolviendo al pecado.

Am Anfang steht die Forderung, das ganze Leben einem moralischen Kodex zu unterwerfen, am Ende die Unterwerfung des Kodex unter das Leben.
Wer sich der Vergebung des Sünders verweigert, wird am Ende die Sünde freisprechen.

298
La honradez en política no es bobería sino a los ojos del tramposo.

Rechtschaffenheit in der Politik ist keine Dummheit, es sei denn in den Augen des Betrügers.

299
Bien educado es el hombre que se excusa al usar sus derechos.

Ein Mensch mit guten Manieren entschuldigt sich, wenn er von seinen Rechten Gebrauch macht.

300
El antiguo que negaba el dolor, el moderno que niega el pecado, se enredan en sofismas idénticos.

Der antike Mensch, der den Schmerz verleugnete, der moderne, der die Sünde verleugnet, sie verstricken sich in denselben Sophismen.

 

Sep 18 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 261–280

Scholien zu einem implizierten Text 261–280

261
El hombre es un animal que imagina ser hombre.

Der Mensch ist ein Tier, das sich einbildet, ein Mensch zu sein.

262
Quienes se proclaman artistas de vanguardia suelen pertenecer a la de ayer.

Jene, die sich Künstler der Avantgarde nennen, gehören meist zur Avantgarde von gestern.

263
Cuando sólo se enfrentan soluciones burdas, es difícil opinar con sutileza.
La grosería es el pasaporte de este siglo.

Wenn sich allein plumpe Lösungen gegenüberstehen, ist es schwierig, zu einem subtilen Urteil zu kommen.
Die Grobheit ist der Reisepaß dieses Jahrhunderts.

264
Las artes florecen en las sociedades que las miran con indiferencia, y perecen cuando las fomenta la solícita reverencia de los tontos.

Die Künste blühen in Gesellschaften, die sie mit Gleichmut betrachten, und sie gehen ein, wenn die eifrige Verehrung von Einfaltspinseln sie düngt.

265
Los hombres se dividen en dos bandos: los que creen en el pecado original y los bobos.

Die Menschen verteilen sich nach zwei Seiten: jene, die an die Erbsünde glauben, und die Schwachköpfe.

266
Demagogia es el vocablo que emplean los demócratas cuando la democracia los asusta.

Demagogie ist der Begriff, den Demokraten gebrauchen, wenn ihnen die Demokratie einen Schrecken einjagt.

267
Basta que la hermosura roce nuestro tedio, para que nuestro corazón se rasgue como seda entre las manos de la vida.

Es genügt, daß die Schönheit unseren Überdruß streift, und unser Herz zerreißt wie Seide unter den Händen des Lebens.

268
Las categorías sociológicas facultan para circular por la sociedad sin atender a la individualidad irremplazable de cada hombre.
La sociología es la ideología de nuestra indiferencia con el prójimo.

Soziologische Kategorien ermächtigen uns, in der Gesellschaft zu verkehren, ohne auf die unersetzliche Individualität jedes Menschen zu achten.
Die Soziologie ist die Ideologie unserer Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten.

269
Para explotar plácidamente al hombre, conviene ante todo reducirlo a abstracciones sociológicas.

Um den Menschen in aller Ruhe auszubeuten, ist es nützlich, ihn zuvor auf soziologische Abstraktionen zu reduzieren.

270
Lo que aún protege al hombre, en nuestro tiempo, es su natural incoherencia.
Es decir: su espontáneo horror ante consecuencias implícitas en principios que admira.

Was den Menschen in unserer Zeit noch schützt, ist seine natürliche Widersprüchlichkeit.
Das heißt: sein spontanes Grauen vor den notwendigen Konsequenzen jener Prinzipien, die er bewundert.

271
Envejecer con dignidad es tarea de todo instante.

In Würde zu altern ist die Aufgabe eines jeden Augenblicks.

272
Nada más alarmante que la ciencia del ignorante.

Nichts gefährlicher als die Wissenschaft in der Hand des Ignoranten.

273
El precio que la inteligencia cobra a quienes elige es la resignación a la trivialidad cotidiana.

Der Preis, den die Intelligenz von ihren Auserwählten fordert, ist die Ergebung in die alltägliche Trivialität.

274
El tonto no se inquieta cuando le dicen que sus ideas son falsas, sino cuando le sugieren que pasaron de moda.

Der Dummkopf ist nicht beunruhigt, wenn sie ihm sagen, daß seine Ideen falsch sind, sondern wenn sie ihm bedeuten, daß sie aus der Mode sind.

275
Todo nos parece caos, menos nuestro propio desorden.

Alles erscheint uns als Chaos, nur nicht unsere eigene Unordnung.

276
La historia erige y derrumba, incesantemente, las estatuas de virtudes distintas sobre el inmóvil pedestal de los mismos vicios.

Die Historie errichtet und stürzt unaufhörlich die Statuen unterschiedlicher Tugenden auf dem unbeweglichen Sockel derselben Laster.

277
Nuestros anhelos, en boca ajena, suelen parecernos una estupidez irritante.

Unsere Herzensanliegen tönen für uns aus fremdem Mund wie aufreizende Dummheiten.

278
La violencia política deja menos cuerpos que almas podridas.

Politische Gewalt hinterläßt weniger Leichen als verweste Seelen.

279
Verdad es lo que dice el más inteligente.
(Pero nadie sabe quién es el más inteligente.)

Wahr ist, was der intelligenteste Mensch sagt.
(Doch keiner weiß, wer der intelligenteste Mensch ist.)

280
Cada generación nueva acusa a las pretéritas de no haber redimido al hombre.
Pero la abyección con que la nueva generación se adapta al mundo, después del fracaso de turno, es proporcional a la vehemencia de sus inculpaciones.

Jede neue Generation klagt die Vorgänger an, den Menschen nicht erlöst zu haben.
Aber die Niedertracht, mit der sich die neue Generation nach dem eigenen Fiasko der Welt anpaßt, ist proportional zur Heftigkeit ihrer Anschuldigungen.

 

Sep 17 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 241–260

Scholien zu einem implizierten Text 241–260

241
La cultura del individuo es la suma de objetos intelectuales o artísticos que le producen placer.

Die Kultur eines Individuums ist die Summe der geistigen oder künstlerischen Gegenstände, die ihm Freude bereiten.

242
El ridículo es tribunal de suprema instancia en nuestra condición terrestre.

Die Lächerlichkeit ist die letzte Berufungsinstanz hienieden.

243
El historiador de las religiones debe aprender que los dioses no se parecen a las fuerzas de la naturaleza sino las fuerzas de la naturaleza a los dioses.

Der Religionshistoriker muß lernen, daß die Götter nicht den Naturkräften gleichen, sondern die Naturkräfte den Göttern.

244
A la Biblia no la inspiró un Dios ventrílocuo.
La voz divina atraviesa el texto sacro como un viento de tempestad el follaje de la selva.

Die Bibel hat kein bauchrednerischer Gott inspiriert.
Die göttliche Stimme weht durch den heiligen Text wie ein Sturmwind durch das Laubwerk des Waldes.

245
El sexo no resuelve ni los problemas sexuales.

Sex löst nicht einmal sexuelle Probleme.

246
Creyendo decir lo que quiere, el escritor sólo dice lo que puede.

Im Glauben zu sagen, was er möchte, sagt der Schriftsteller nur, was er kann.

247
La buena voluntad es la panacea de los tontos.

Der gute Wille ist das Heilmittel der Toren.

248
Quisiéramos no acariciar el cuerpo que amamos, sino ser la caricia.

Wir wollen den Leib dessen, den wir lieben, nicht liebkosen, sondern die Liebkosung sein.

249
No rechazar, sino preferir.

Nicht abweisen, sondern bevorzugen.

250
Lo sensual es la presencia del valor en lo sensible.

Das Sinnliche ist die Gegenwart des Werts in der Sinnlichkeit.

251
El paraíso no se esconde en nuestra opacidad interna, sino en las terrazas y en los árboles de un jardín ordenado, bajo la luz del mediodía.

Das Paradies verbirgt sich nicht in unserer inneren Dämmerung, sondern auf den Terrassen und in den Bäumen des schönen Gartens, im Licht des Mittags.

252
Humano es el adjetivo que sirve para disculpar cualquier vileza.

„Menschlich“ ist das Adjektiv, das dazu dient, jedwede Gemeinheit zu entschuldigen.

253
Hace doscientos años era lícito confiar en el futuro sin ser totalmente estúpido.
¿Hoy quién puede creer en las actuales profecías, puesto que somos el espléndido porvenir de ayer?

Vor zweihundert Jahren konnte man getrost auf die Zukunft bauen, ohne völlig blöde zu sein.
Wer will heute den gängigen Prophezeiungen Gehör schenken, sind wir doch die glänzende Zukunft von gestern?

254
“Liquidar” a una clase social, o a un pueblo, es empresa que no indigna en este siglo sino a las presuntas víctimas.

Eine soziale Klasse auszulöschen oder ein Volk ist ein Unterfangen, das in diesem Jahrhundert keinen empört außer die mutmaßlichen Opfer.

255
La libertad no es la meta de la historia, sino la materia con la cual trabaja.

Freiheit ist nicht das Ziel der Geschichte, sondern der Stoff, mit dem sie arbeitet.

256
Marx gana batallas, pero Malthus ganará la guerra.

Marx gewinnt Schlachten, Malthus aber wird den Krieg gewinnen.

257
La sociedad industrial está condenada al progreso forzado a perpetuidad.

Die industrielle Gesellschaft ist zu einem forcierten und andauernden Fortschritt verdammt.

258
Cuando definen la propiedad como función social, la confiscación se avecina; cuando definen el trabajo como función social, la esclavitud se acerca.

Wenn sie das Eigentum als soziale Funktion definieren, steht die Enteignung vor der Tür; wenn sie die Arbeit als soziale Funktion definieren, klopft die Sklaverei an.

259
La verdadera gloria es la resonancia de un nombre en la memoria de los imbéciles.

Wahrer Ruhm ist das Echo eines Namens im Gedächtnis von Idioten.

260
Cuando un afán de pureza lo lleva a condenar la “hipocresía social”, el hombre no recupera su integridad perdida, sino pierde la vergüenza.

Wenn ein Streben nach Reinheit dazu führt, die „gesellschaftliche Heuchelei“ zu verdammen, erlangt der Mensch nicht seine verlorene Integrität zurück, sondern verliert seine Scham.

 

Sep 16 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 221–240

Scholien zu einem implizierten Text 221–240

221
El ceremonial es el procedimiento técnico para enseñar verdades indemostrables.
Ritos y pompas vencen la obcecación del hombre ante lo que no es material y tosco.

Das Zeremoniell ist ein kunstmäßiges Verfahren, um unbeweisbare Wahrheiten zu lehren.
Riten und Gepränge überwinden die Blindheit des Menschen vor dem, was nicht materiell und roh ist.

222
Si la filosofía, las artes, las letras del siglo pasado, solo son superestructuras de su economía burguesa, deberíamos defender el capitalismo hasta la muerte.
Toda tontería se suicida.

Wenn die Philosophie, die Künste, die Literatur des vergangenen Jahrhunderts nichts als der Überbau der bürgerlichen Ökonomie sind, sollten wir den Kapitalismus bis in den Tod verteidigen.
Jede Dummheit begeht Selbstmord.

223
Amor u odio no son creadores, sino reveladores, de calidades que nuestra indiferencia opaca.

Liebe und Haß erschaffen nichts, doch sie offenbaren, Eigenschaften, die unsere Gleichgültigkeit verdunkelt.

224
Para desafiar a Dios el hombre infla su vacío.

Um Gott die Stirn zu bieten, bläst der Mensch seine Leere auf.

225
La atrocidad de la venganza no es proporcional a la atrocidad de la ofensa, sino a la atrocidad del que se venga.
(Para la metodología de las revoluciones)

Die Grausamkeit der Rache ist nicht der Grausamkeit des Angriffs proportional, sondern der Grausamkeit dessen, der sich rächt.
(Für eine Methodologie der Revolutionen)

226
Lo que la razón juzga imposible es lo único que puede colmar nuestro corazón.

Was die Vernunft für unmöglich hält, ist das einzige, was unser Herz erfüllen kann.

227
El tono profesoral no es propio del que sabe, sino del que duda.

Der professorale Ton ist keine Eigentümlichkeit dessen, der weiß, sondern dessen, der zweifelt.

228
Los juicios injustos del hombre inteligente suelen ser verdades envueltas en mal humor.

Die ungerechten Urteile des klugen Menschen sind meist Wahrheiten im Mantel der schlechten Laune.

229
El pueblo nunca ha sido festejado sino contra otra clase social.

Das Volk ward niemals gefeiert, es sei denn zulasten einer anderen sozialen Klasse.

230
El moderno ya sabe que las soluciones políticas son irrisorias y sospecha que las económicas lo son también.

Der Moderne weiß schon, daß die politischen Lösungen lächerlich sind, und vermutet, die ökonomischen seien es ebenfalls.

231
Creemos confrontar nuestras teorías con los hechos, pero sólo podemos confrontarlas con teorías de la experiencia.

Wir glauben unsere Theorien mit den Tatsachen zu konfrontieren, indes können wir sie einzig mit Theorien der Erfahrung konfrontieren.

232
La más execrable tiranía es la que alegue principios que respetemos.

Die abscheulichste Tyrannei ist jene, die sich auf Prinzipien stützt, die wir respektieren.

233
La exuberancia suramericana no es riqueza, sino desorden.

Die Üppigkeit Südamerikas ist nicht Reichtum, sondern Unordnung.

234
Transformar el mundo: ocupación de presidiario resignado a su condena.

Die Welt verändern: Betätigung eines Sträflings, der sich mit seiner Strafe abgefunden hat.

235
Hastiada de deslizarse por la cómoda pendiente de las opiniones atrevidas, la inteligencia al fin se interna en los parajes fragosos de los lugares comunes.

Müde, den bequemen Hang der gewagten Meinungen hinabzugleiten, dringt die Intelligenz schließlich in das unwegsame Gelände der Gemeinplätze vor.

236
Hay algo indeleblemente vil en sacrificar aún el más tonto de los principios a la más noble aún de las pasiones.

Es liegt etwas unaustilgbar Gemeines darin, noch das törichteste Prinzip selbst der edelsten Leidenschaft zu opfern.

237
Los prejuicios defienden de las ideas estúpidas.

Die Vorurteile erwehren sich der dummen Ideen.

238
La presencia silenciosa de un tonto es el agente catalítico que precipita, en una conversación, todas las estupideces de que sean capaces los interlocutores más inteligentes.

Die stumme Anwesenheit eines Schwachkopfs ist der Katalysator, der während eines Gesprächs alle Dummheiten hervorlockt, deren die klügsten Gesprächsteilnehmer fähig sind.

239
Un cuerpo desnudo resuelve todos los problemas del universo.

Ein nackter Körper löst alle Probleme des Universums.

240
Envidio a quienes no se sienten dueños tan sólo de sus estupideces.

Ich beneide jene, die nicht merken, daß sie nichts als ihre Dummheiten besitzen.

 

Sep 16 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 201–220

Scholien zu einem implizierten Text 201–220

201
La crítica decrece en interés mientras más rigurosamente le fijen sus funciones. La obligación de ocuparse sólo de literatura, sólo de arte, la esteriliza.
Un gran crítico es un moralista que se pasea entre libros.

Die Kritik verliert an Interesse, je rigoroser sie ihre Aufgaben bestimmt. Die Verpflichtung, sich allein der Literatur zu widmen, allein der Kunst, macht sie steril.
Ein großer Kritiker ist ein Moralist, der zwischen Büchern flaniert.

202
¿Predican las verdades en que creen, o las verdades en que creen que deben creer?

Verkünden sie die Wahrheiten, an die sie glauben, oder die Wahrheiten, von denen sie glauben, daß sie an sie glauben sollen?

203
La fe que no sepa burlarse de sí misma debe dudar de su autenticidad.
La sonrisa es el disolvente del simulacro.

Der Glaube, der sich nicht über sich selbst belustigen kann, muß an seiner Echtheit zweifeln.
Vor dem Lächeln zerrinnt das Trugbild.

204
¿Quién no compadece el dolor del que se siente repudiado?—¿pero quién medita sobre la angustia del que se teme elegido?

Wer bedauert nicht den Schmerz dessen, der sich verschmäht fühlt? – Wer aber bedenkt die Angst dessen, der fürchtet, auserwählt zu sein?

205
Discrepar es riesgo que no debe asumir sino la conciencia madura y precavida.
La sinceridad no protege ni del error, ni de la tontería.

Sein Einverständnis zu verweigern ist ein Risiko, das nur ein reifer und vorsichtiger Geist auf sich nehmen soll.
Aufrichtigkeit bewahrt weder vor Irrtum noch vor Torheit.

206
Nadie es inocente ni de lo que hace, ni de lo que cree.

Niemand ist unschuldig, weder hinsichtlich dessen, was er tut, noch dessen, was er glaubt.

207
Capacidad destructora de la sonrisa del imbécil.

Zerstörerische Fähigkeit im Lächeln des Dummkopfs.

208
El pueblo no elige a quien lo cura, sino a quien lo droga.

Die Menge wählt nicht denjenigen, der sie heilt, sondern denjenigen, der sie betäubt.

209
La vida compasiva concede, a veces, soluciones que cierto pundonor intelectual obliga a rechazar.

Das mitfühlende Leben billigt bisweilen Lösungen, die abzuweisen ein gewisses intellektuelles Ehrgefühl verpflichtet.

210
El individuo se rebela hoy contra la inalterable naturaleza humana para abstenerse de enmendar su corregible naturaleza propia.

Das Individuum lehnt sich heute gegen die unveränderbare menschliche Natur auf, um darauf zu verzichten, die eigene korrigierbare Natur zu verbessern.

211
Quien trata de educar y de no explotar, tanto a un pueblo como a un niño, no les habla imitando a media lengua un lenguaje infantil.

Wer bemüht ist, sei es ein Volk, sei es ein Kind, zu erziehen und nicht auszunutzen, spricht zu ihnen nicht ein Kauderwelsch nachahmend in einer Babysprache.

212
La perfección es el punto donde coinciden lo que podemos hacer y lo que queremos hacer con lo que debemos hacer.

Vollkommenheit ist der Punkt, wo dasjenige, was wir tun können und was wir tun wollen, mit demjenigen übereinstimmt, was wir tun sollen.

213
Entre la anarquía de los instintos y la tiranía de las normas se extiende el fugitivo y puro territorio de la perfección humana.

Zwischen der Anarchie der Triebe und der Tyrannei der Normen dehnt sich das flüchtige und reine Gebiet der menschlichen Vollkommenheit.

214
Belleza, heroismo, gloria, se nutren del corazón del hombre como llamas silenciosas.

Schönheit, Heroismus, Ruhm, sie nähren sich vom Herzen des Menschen wie stille Flammen.

215
La nivelación es el substituto bárbaro del orden.

Nivellierung ist der barbarische Ersatz für Ordnung.

216
Raros son los que perdonan que compliquemos sus claudicaciones.

Selten sind, die uns vergeben, wenn wir ihre Ausflüchte erschweren.

217
La salvación social se aproxima cuando cada cual confiesa que sólo puede salvarse a sí mismo.
La sociedad se salva cuando sus presuntos salvadores desesperan.

Die Rettung der Gesellschaft naht, wenn ein jeder eingesteht, daß er nur sich selber retten kann.
Die Gesellschaft ist gerettet, wenn ihre vorgeblichen Retter verzweifeln.

218
Cuando hoy nos dicen que alguien carece de personalidad, sabemos que se trata de un ser sencillo, probo, recto.

Wenn man uns heute sagt, daß jemand keine Persönlichkeit habe, wissen wir, daß es sich um eine schlichte, rechtschaffene und geradlinige Person handelt.

219
La personalidad, en nuestro tiempo, es la suma de lo que impresiona al tonto.

Persönlichkeit meint in unseren Tagen die Summe dessen, was den Toren beeindruckt.

220
El máximo error moderno no es anunciar que Dios murió, sino creer que el diablo ha muerto.

Der größte Irrtum der Moderne besteht nicht darin zu verkünden, daß Gott starb, sondern zu glauben, daß der Teufel tot sei.

 

Sep 16 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 181–200

Scholien zu einem implizierten Text 181–200

181
El hombre se arrastra a través de las desilusiones apoyado en pequeños éxitos triviales.

Der Mensch schleppt sich durch die Enttäuschungen, gestützt auf kleine triviale Erfolge.

182
Lejos de garantizar a Dios, la ética no tiene suficiente autonomía para garantizarse a sí misma.

Weit entfernt, Gottes Dasein zu stützen, hat die Ethik nicht genügend Autonomie, um sich selbst zu stützen.

183
¿Cómo puede vivir quien no espera milagros?

Wer kann leben, ohne auf Wunder zu hoffen?

184
Las ambiciones legítimas se avergüenzan y dimiten en medio del tropel de ambiciones fraudulentas.

Berechtigte Ambitionen treten zurück und danken ab im Getümmel betrügerischer Ambitionen.

185
El veneno del deseo es el alimento de la pasión.

Das Gift der Begierde ist die Nahrung der Leidenschaft.

186
Reformar a los demás es ambición de que todos se mofan y que todos abrigan.

Die anderen zu verändern ist eine Bestrebung, die alle verspotten und alle hegen.

187
La trivialidad es el precio de la comunicación.

Trivialität ist der Preis der Verständigung.

188
Antipatía y simpatía son las actitudes primordiales de la inteligencia.

Antipathie und Sympathie sind die vorrangigen Einstellungen der Intelligenz.

189
Todo fenómeno tiene su explicación sociológica, siempre necesaria y siempre insuficiente.

Jedes Phänomen hat seine soziologische Erklärung, die stets notwendig und stets unzureichend ist.

190
Los libros no son herramientas de perfección, sino barricadas contra el tedio.

Bücher sind keine Werkzeuge der Vervollkommnung, sondern Barrieren gegen die Langeweile.

191
Pensar que sólo importan las cosas importantes es amago de barbarie.

Zu meinen, daß nur wichtige Dinge zählen, ist ein Anzeichen von Barbarei.

192
Sobre nuestra vida influyen exclusivamente las verdades pequeñas, las iluminaciones minúsculas.

Auf unser Leben haben einzig kleine Wahrheiten Einfluß, winzige Geistesblitze.

193
Porque no entiende la objeción que lo refuta, el tonto se cree corroborado.

Weil er den Einwand, der ihn widerlegt, nicht versteht, glaubt sich der Dummkopf bestätigt.

194
Lo que despierta nuestra antipatía es siempre una carencia.

Was unsere Antipathie erregt, ist stets ein Mangel.

195
Mucho poema moderno no es oscuro como un texto sutil, sino como una carta personal.

Zahlreiche moderne Gedichte sind nicht dunkel wie subtile Texte, sondern wie persönliche Briefe.

196
Vivimos porque no nos miramos con los ojos con que los demás nos miran.

Wir leben, weil wir uns nicht mit den Augen der anderen betrachten.

197
Vivimos mientras creemos cumplir las promesas que incumplimos.

Wir leben, solange wir glauben, die Versprechen zu erfüllen, die wir brechen.

198
La palabra no fue dada al hombre para engañar, sino para engañarse.

Die Sprache wurde dem Menschen nicht gegeben, um zu täuschen, sondern um sich selbst zu täuschen.

199
Las realidades espirituales conmueven con su presencia, las sensuales con su ausencia.

Geistliche Wirklichkeiten bewegen uns durch ihre Anwesenheit, sinnliche durch ihre Abwesenheit.

200
No debemos concluir que todo es permitido, si Dios no existe, sino que nada importa.
Los permisos resultan irrisorios cuando los significados se anulan.

Wir sollten nicht schließen, daß alles erlaubt ist, wenn Gott nicht existiert, sondern daß nichts von Bedeutung ist.
Die Erlaubnis wird lächerlich, wenn sich die Bedeutungen verflüchtigen.

 

Sep 15 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 161–180

Scholien zu einem implizierten Text 161–180

161
Al través de mil nobles cosas perseguimos a veces solamente el eco de alguna trivial emoción perdida.
¿Morará mi corazón eternamente bajo la sombra de la viña, cerca a la tosca mesa, frente al esplendor del mar?

Mitten unter tausend edlen Dingen jagen wir bisweilen nur dem Echo eines trivialen versäumten Gefühls nach.
Wird mein Herz für immer unter dem Schatten des Weinbergs wohnen, nahe bei dem rohen Tisch, den Glanz des Meeres in Sichtweite?

162
Participar en empresas colectivas permite hartar el apetito sintiéndose desinteresado.

An kollektiven Umtrieben teilzunehmen erlaubt, den Appetit zu stillen und sich dabei selbstlos zu fühlen.

163
El cemento social es el incienso recíproco.

Der soziale Zusammenhalt ist der Weihrauch, den man einander zufächelt.

164
El hombre no se sentiría tan desdichado si le bastara desear sin fingirse derechos a lo que desea.

Der Mensch würde sich nicht so unglücklich fühlen, genügte es ihm zu begehren, ohne so zu tun, als habe er ein Recht auf das, was er begehrt.

165
La vanidad no es afirmación, sino interrogación.

Eitles Gebaren ist keine Feststellung, sondern eine Frage.

166
La más insensata promesa nos parece devolución de un bien perdido.

Das törichteste Versprechen erscheint uns wie die Rückerstattung eines verlorenen Guts.

167
Criticar al burgués recibe doble aplauso: el del marxista, que nos juzga inteligentes porque corrobamos sus prejuicios; el del burgués, que nos juzga acertados porque piensa en su vecino.

Die Kritik am Bourgeois erhält von zwei Seiten Beifall: vom Marxisten, der uns für intelligent hält, weil wir seine Vorurteile bestätigen; vom Bourgeois, der uns recht gibt, weil er an seinen Nachbarn denkt.

168
La fealdad de un objeto es condición previa de su multiplicación industrial.

Die Häßlichkeit eines Gegenstandes ist die Bedingung für seine industrielle Massenproduktion.

169
El moderno ambiciona reemplazar con objetos que compra lo que otros tiempos esperaban de la cultura metódica de los sentimientos.

Der Moderne ist bestrebt, mit dem Kauf von Waren zu ersetzen, was andere Zeitalter von der methodischen Kultivierung der Gefühle erhofften.

170
Otras épocas quizá fueron vulgares como la nuestra, pero ninguna tuvo la fabulosa caja de resonancia, el amplificador inexorable, de la industria moderna.

Frühere Zeitalter waren vielleicht ebenso vulgär wie das unsere, doch keines besaß den sagenhaften Resonanzraum, den unerbittlichen Verstärker der modernen Industrie.

171
La tentación del comunista es la libertad del espíritu.

Die Versuchung des Kommunisten ist die Freiheit des Geistes.

172
La sabiduría más presuntuosa se avergüenza ante el alma ebria de amor o de odio.

Die vermessenste Weisheit steht beschämt vor der Seele, die trunken ist von Liebe oder Haß.

173
Envejecer es catástrofe del cuerpo que nuestra cobardía convierte en catástrofe del alma.

Altern ist eine Katastrophe des Körpers, die unsere Feigheit in eine Katastrophe der Seele verkehrt.

174
El futuro próximo traerá probablemente extravagantes catástrofes, pero lo que más seguramente amenaza al mundo no es la violencia de muchedumbres famélicas, sino el hartazgo de masas tediosas.

Die nahe Zukunft wird wahrscheinlich außerordentliche Katastrophen mit sich bringen, indes bedroht die Welt sicherlich mehr als die Gewalt hungriger Massen die Übersättigung der gelangweilten.

175
Atribuir a la vejez la hez acumulada de una vida es el consuelo de los viejos.

Die Alten trösten sich damit, daß sie den Unrat, den sie ihr Leben lang angesammelt haben, auf das Alter schieben.

176
La delicadeza moral se veda a sí misma cosas que concede a los demás.

Moralisches Feingefühl versagt sich selbst, was es anderen zubilligt.

177
Ceder a tentaciones nobles evita rendirse a tentaciones bajas.

Edlen Versuchungen willfahren bewahrt davor, sich niedrigen zu ergeben.

178
Vencer a un tonto nos humilla.

Sich einem Dummkopf überlegen zu zeigen erniedrigt uns.

179
El tránsito de un libro a otro libro se hace a través de la vida.

Von Buch zu Buch gelangt man über eine Passage des Lebens.

180
Las palabras no comunican, recuerdan.

Worte dienen nicht der Mitteilung, sondern dem Eingedenken.

 

Sep 15 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 141–160

Scholien zu einem implizierten Text 141–160

141
El arte nunca hastía porque cada obra es una aventura que ningún éxito previo garantiza.

Die Kunst bereitet niemals Überdruß, denn jedes Werk ist ein Abenteuer, dem kein früheres Gelingen Sicherheit verspricht.

142
Escribir sería fácil si la misma frase no pareciera alternativamente, según el día y la hora, mediocre y excelente.

Schreiben wäre leicht, wenn nicht derselbe Satz, je nach Tag und Stunde, einmal mittelmäßig, ein andermal ausgezeichnet zu sein schiene.

143
El rechazo nos inquieta y la aprobación nos confunde.

Die Zurückweisung beunruhigt uns und die Zustimmung verwirrt uns.

144
Las amistades duraderas suelen necesitar torpezas compartidas.

Dauernde Freundschaften erfordern meist Unbeholfenheit auf beiden Seiten.

145
El problema auténtico no exige que lo resolvamos sino que tratemos de vivirlo.

Ein echtes Problem verlangt nicht, daß wir es lösen, sondern daß wir versuchen, es zu durchleben.

146
Las agitaciones populares carecen de importancia mientras no se convierten en problemas éticos de las clases dirigentes.

Unruhen im Volk sind solange ohne Bedeutung, bis sie sich in moralische Probleme der herrschenden Klassen verwandeln.

147
La novela añade a la historia su tercera dimensión.

Der Roman verleiht der Geschichte ihre dritte Dimension.

148
Ninguna ciudad revela su belleza mientras su torrente diurno la recorre.
La ausencia del hombre es la condición última de la perfección de toda cosa.

Keine Stadt enthüllt ihre Schönheit, während ihr täglicher Sturzbach sie durchströmt.
Die Abwesenheit des Menschen ist die letzte Voraussetzung für die Vollkommenheit aller Dinge.

149
Nada más raro que quien afirma, o niega, no exagere para halagar o herir.

Nichts ist seltener, als daß jemand etwas bestätigt oder verneint, ohne durch Schmeicheln oder Verletzen zu übertreiben.

150
Que rutinario sea hoy insulto comprueba nuestra ignorancia en el arte de vivir.

Daß heutzutage Beleidigungen an der Tagesordnung sind, beweist unsere Unkenntnis der Lebenskunst.

151
Quienes se equivocan parcialmente nos irritan, quienes se equivocan totalmente nos divierten.

Die sich teilweise irren, verärgern uns, die völlig danebenliegen, amüsieren uns.

152
Entre adversarios inteligentes existe una secreta simpatía, ya que todos debemos nuestra inteligencia y nuestras virtudes a las virtudes y a la inteligencia de nuestro enemigo.

Zwischen intelligenten Gegnern herrscht eine heimliche Sympathie, da wir alle unsere Intelligenz und unsere Tugenden den Tugenden und der Intelligenz unseres Feindes verdanken.

153
El hombre más desesperado es solamente el que mejor esconde su esperanza.

Der am meisten verzweifelte Mensch ist bloß einer, der seine Hoffnung am besten verbirgt.

154
Aun cuando la humildad no nos salvara del infierno en todo caso nos salva del ridículo.

Auch wenn uns die Demut nicht vor der Hölle retten wird, sie bewahrt uns auf alle Fälle vor der Lächerlichkeit.

155
Ser capaces de amar algo distinto de Dios demuestra nuestra mediocridad indeleble.

Daß wir fähig sind, etwas anderes als Gott zu lieben, beweist unsere unauslöschliche Mediokrität.

156
En el silencio de la noche el espíritu olvida el cuerpo minado que lo apresa, y consciente de su imperecedera juventud se juzga hermano de toda terrestre primavera.

In der Stille der Nacht vergißt der Geist den ermatteten Körper, der ihn gefangenhält, und im Bewußtsein seiner unvergänglichen Jugend sieht er sich als Bruder eines jeden Erdenfrühlings.

157
Nadie carece totalmente de cualidades capaces de despertar nuestro respeto, nuestra admiración, o nuestra envidia.
Quien parezca incapaz de darnos ejemplo ha sido negligentemente observado.

Niemand ermangelt gänzlich der Eigenschaften, die unsere Achtung wecken können, unsere Bewunderung oder unseren Neid.
Wer unfähig scheint, uns als Beispiel zu dienen, ist nicht mit Sorgfalt in Augenschein genommen worden.

158
De los seres que amamos su existencia nos basta.

Bei den Wesen, die wir lieben, haben wir an ihrem Dasein genug.

159
El historiador norteamericano no puede escribir historia sin lamentar que la providencia no lo consultara previamente.

Ein amerikanischer Historiker kann Geschichte nicht schreiben, ohne sich darüber zu beklagen, daß ihn die Vorsehung nicht zuvor konsultiert hat.

160
No es el origen de las religiones, o su causa, lo que requiere explicación, sino la causa y el origen de su oscurecimiento y de su olvido.

Nicht der Ursprung der Religionen oder ihre Ursache verlangen nach Erklärung, sondern die Ursache und der Ursprung ihrer Verdunkelung und ihres Verlöschens.

 

Sep 14 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 121–140

Scholien zu einem implizierten Text 121–140

121
Lo que creemos nos une o nos separa menos que la manera de creerlo.

Was wir glauben, eint oder trennt uns weniger als die Art und Weise, wie wir es glauben.

122
La nobleza humana es obra que el tiempo a veces labra en nuestra ignominia cotidiana.

Menschlicher Edelmut ist ein Werk, das bisweilen die Zeit in unserer täglichen Niedertracht aufrichtet.

123
En la incoherencia de una constitución política reside la única garantía auténtica de libertad.

Auf der Widersprüchlichkeit einer politischen Verfassung beruht die einzig wahre Garantie der Freiheit.

124
Depender sólo de la voluntad de Dios es nuestra verdadera autonomía.

Allein von Gottes Willen abzuhängen, darin besteht unsere wirkliche Autonomie.

125
La elocuencia es hija de presunción.

Eloquenz ist die Tochter der Überheblichkeit.

126
Negarnos a considerar lo que nos repugna es la más grave limitación que nos amenace.

Nicht in Rechnung stellen zu wollen, was uns entgegensteht, ist die schwerwiegendste geistige Beschränktheit, die uns droht.

127
Todos tratamos de sobornar nuestra voz, para que llame error o infortunio al pecado.

Wir alle versuchen unsere Stimme zu bestechen, auf daß sie Irrtum sagt oder Pech statt Sünde.

128
El hombre no crea sus dioses a su imagen y semejanza, sino se concibe a la imagen y semejanza de los dioses en que cree.

Der Mensch erschafft sich seine Götter nicht nach seinem Bild und seiner Ähnlichkeit, sondern begreift sich nach dem Bild und seiner Ähnlichkeit mit den Göttern, die er erschafft.

129
La idea ajena sólo interesa al tonto cuando roza sus tribulaciones personales.

Der Gedanke eines anderen weckt nur Interesse, insofern er die eigenen Lebensprobleme berührt.

130
Si Dios fuese conclusión de un raciocinio, no sentiría necesidad de adorarlo.
Pero Dios no es sólo la substancia de lo que espero, sino la substancia de lo que vivo.

Wäre Gott die Konklusion einer logischen Folgerung, empfände ich nicht den Drang, ihn anzubeten.
Aber Gott ist nicht nur die Substanz dessen, was ich erhoffe, sondern die Substanz meines Lebens.

131
¡Qué modestia se requiere para esperar sólo del hombre lo que el hombre anhela!

Möge Bescheidenheit dem Menschen nur abverlangen, wonach ihn selbst verlangt!

132
¿Quién no teme que el más trivial de sus momentos presentes parezca un paraíso perdido a sus años venideros?

Wer befürchtet nicht, daß der trivialste seiner gegenwärtigen Augenblicke in den kommenden Jahren einem verlorenen Paradies gleicht?

133
Elegancia, dignidad, nobleza, son los únicos valores que la vida no logra irrespetar.

Eleganz, Würde, Vornehmheit sind die einzigen Werte, die das Leben nicht durch Mißachtung erlangt.

134
Una vida intelectual veraz y austera nos rapa de las manos artes, letras, ciencias, para reducirnos a la escueta confrontación con el destino.

Ein wahres und strenges geistiges Leben reißt uns Künste, Schriften, Wissenschaften aus den Händen, um uns geradewegs mit dem Schicksal zu konfrontieren.

135
La desesperación es el desfiladero sombrío por donde el alma asciende hacia un universo que la codicia ya no empaña.

Die Verzweiflung ist die düstere Schlucht, aus der die Seele zu einem Universum aufsteigt, das die Gier nicht mehr trübt.

136
Nada más peligroso que resolver problemas transitorios con soluciones permanentes.

Nichts gefährlicher, als flüchtigen Problemen mittels bleibender Lösungen beizukommen.

137
Las desigualdades naturales amargarían la vida del demócrata, si la denigración no existiera.

Die natürlichen Ungleichheiten würden das Leben des Demokraten verbittern, wenn es die Verleumdung nicht gäbe.

138
Cierta cortesía intelectual nos hace preferir la palabra ambigua. El vocablo unívoco somete el universo a su arbitraria rigidez.

Eine gewisse intellektuelle Höflichkeit läßt uns das mehrdeutige Wort bevorzugen. Der eindeutige Ausdruck unterwirft das Universum seiner willkürlichen Strenge.

139
La sombra del orgullo sofoca la germinación de mil vilezas.

Der Schatten des Hochmuts verdeckt das Keimen von tausend Schandtaten.

140
La causa de las estupideces democráticas es la confianza en el ciudadano anónimo; y la causa de sus crímenes es la confianza del ciudadano anónimo en sí mismo.

Die Ursache der demokratischen Dummheiten ist das Vertrauen in den anonymen Staatsbürger; und die Ursache ihrer Verbrechen ist das Vertrauen des anonymen Staatsbürgers in sich selbst.

 

Sep 14 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 101–120

Scholien zu einem implizierten Text 101–120

101
Basta que unas alas nos rocen para que miedos ancestrales resuciten.

Es genügt, daß uns gewisse Flügel streifen, und altes Grauen wird in uns wach.

102
Pensar como nuestros contemporáneos es la receta de la prosperidad y de la estupidez.

Wie unsere Zeitgenossen zu denken ist das Rezept für Wohlstand und Stumpfsinn.

103
La pobreza es la única barrera al tropel de vulgaridades que relinchan en las almas.

Die Armut ist die einzige Barriere vor dem Getümmel der Gemeinheiten, die in den Seelen wiehern.

104
Educar al hombre es impedirle la “libre expresión de su personalidad.”

Erziehung heißt die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ verhindern.

105
Dios es la substancia de lo que amamos.

Gott ist die Substanz dessen, was wir lieben.

106
Necesitamos que nos contradigan para afinar nuestras ideas.

Wir bedürfen der Widerreden, um unsere Gedanken zu verfeinern.

107
La sinceridad corrompe, a la vez, las buenas maneras y el buen gusto.

Aufrichtigkeit verdirbt zugleich die guten Manieren und den guten Geschmack.

108
La sabiduría se reduce a no enseñarle a Dios cómo se deben hacer las cosas.

Der Weisheit Schluß: Gott nicht den Lauf der Dinge vorschreiben wollen.

109
Algo divino aflora en el momento que precede el triunfo y en el que sigue al fracaso.

Etwas Göttliches erblüht im Augenblick, der dem Triumph vorausgeht, und demjenigen, der der Niederlage folgt.

110
La literatura toda es contemporánea para el lector que sabe leer.

Jede Literatur ist zeitgenössisch in den Augen des kundigen Lesers.

111
La prolijidad no es exceso de palabras, sino escasez de ideas.

Weitschweifigkeit ist nicht Überfluß an Worten, sondern Mangel an Ideen.

112
Tan repetidas veces han enterrado a la metafísica que hay que juzgarla inmortal.

Man hat die Metaphysik schon so oft zu Grabe getragen, daß man sie für unsterblich halten muß.

113
Un gran amor es una sensualidad bien ordenada.

Eine große Liebe ist eine wohlgeordnete Sinnlichkeit.

114
Llamamos egoísta a quien no se sacrifica a nuestro egoísmo.

Wir nennen jemanden einen Egoisten, der sich unserem Egoismus nicht aufopfert.

115
Los prejuicios de otras épocas nos son incomprensibles cuando los nuestros nos ciegan.

Die Vorurteile anderer Epochen sind für uns unverständlich, solange die unserer eigenen uns blenden.

116
Ser joven es temer que nos crean estúpidos; madurar es temer serlo.

Jung sein heißt fürchten, für dumm gehalten zu werden; alt werden heißt fürchten, es zu sein.

117
La humanidad cree remediar sus errores reiterándolos.

Die Menschheit glaubt, ihre Fehler zu korrigieren, indem sie sie wiederholt.

118
El que menos comprende es el que se obstina en comprender más de lo que se puede comprender.

Wer weniger versteht, versteift sich darauf, mehr zu verstehen, als es zu verstehen gibt.

119
Civilización es lo que logran salvar los viejos de la embestida de los idealistas jóvenes.

Kultur ist, was die Alten vor dem Ansturm jugendlicher Idealisten retten können.

120
Ni pensar prepara a vivir, ni vivir prepara a pensar.

Weder ist das Denken die Schule des Lebens noch das Leben die Schule des Denkens.

 

Sep 14 20

Was künftig wir hören

Alle Stimmen sind wie erlöst
zum Teufel hinabgefahren,
Schlangen, Feuervipern,
ringeln sie sich,
heimgekehrten Kindern gleich,
um sein Knie, um seinen Hals.

Was künftig wir hören,
kommt aus dunklerer Tiefen
als das Lispeln toter Seelen,
was künftig wir hören,
ist nicht welker Blätter trockenes Rascheln
über die harten Fliesen des Traums.

Klingende Knochen, Rippen sind es, Wirbel,
aus dem Schneefeld der Namenlosen gekratzt
und von grinsenden Vetteln verleimt
zum Xylophon des Sturms,
der sie mit Silberhämmern schlägt,
blitzend über der Unschuld
ihres schlaftrunkenen Wimmerns.

Und die sich winden, gefiederte Hälse
der Angst, die schwanenbang
ihr Seufzen in nächtlichen Wassern ersticken.

Auf der Schwelle aber, überwachsen
von Lethes tauigen Moosen,
den Gnom, der den Pfriem spuckt,
Gaias verstoßenen Sohn,
und was er singt,
die Knospe infernalischen Lichts,
versengt das einzige Auge der Graien,
und was er reimt,
die Traube eines in Aschen gereiften Lieds,
zermalmt der einzige Zahn
der grauen Schwestern.

Wenn die weißen Asphodelen
unter ihrem Zischen noch einmal erbeben,
finden die vor der kränkenden Bläue flohen
und am Horn der Verneinung
die grünen Schuppen ihrer letzten Verwandlung
abgeschabt haben,
die nackten Vipern,
die abgehäuteten Stimmen
das grausige Schlupfloch
in das Reich alles zersetzenden Dunkels,
den Anus des Dämons.

 

Sep 13 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 81–100

Scholien zu einem implizierten Text 81–100

81
Sólo vive su vida el que la observa, la piensa, y la dice; a los demás su vida los vive.

Es lebt sein Leben nur, wer es betrachtet, bedenkt und ausspricht; die anderen werden von ihrem Leben gelebt.

82
Escribir corto, para concluir antes de hastiar.

Kurz schreiben, um einen Punkt zu machen, bevor man langweilt.

83
Nuestra madurez necesita reconquistar su lucidez diariamente.

Unsere Reife muß sich ihre Klarheit von Tag zu Tag neu erobern.

84
Pensar suele ser contestación a un atropello más que a una interrogación.

Denken ist gewöhnlich eher eine Erwiderung auf eine Beleidigung als auf eine Frage.

85
El ironista desconfía de lo que dice sin creer que lo contrario sea cierto.

Der Ironiker mißtraut dem, was er sagt, ohne zu glauben, das Gegenteil sei wahr.

86
La belleza no sorprende, sino colma.

Die Schönheit überrascht nicht, sondern erfüllt.

87
El espíritu busca en la pintura un enriquecimiento sensual.

Der Geist sucht in der Malerei eine sinnliche Bereicherung.

88
La sabiduría consiste en resignarse a lo único posible sin proclamarlo lo único necesario.

Die Weisheit besteht darin, sich mit dem einzig Möglichen zu bescheiden, ohne es zum einzig Notwendigen zu erklären.

89
Sólo una cosa no es vana: la perfección sensual del instante.

Nur eines ist nicht eitel: die sinnliche Vollkommenheit des Augenblicks.

90
El héroe y el cobarde definen de igual manera el objeto que perciben de manera antagónica.

Der Held und der Feigling beschreiben auf gleiche Weise den Gegenstand, den sie auf entgegengesetzte Weise wahrnehmen.

91
¿Qué importa que el historiador diga lo que los hombres hacen, mientras no sepa contar lo que sienten?

Wen schert es, wenn der Historiker darstellt, was die Leute tun, solange er nicht zu erzählen weiß, was sie fühlen?

92
El prestigio de la “cultura” hace comer al tonto sin hambre.

Das Etikett „Kultur“ läßt den Schwachkopf auch ohne Hunger anbeißen.

93
Tan imbécil es el hombre serio como la inteligencia que no lo es.

Der seriöse Mensch ist genauso blöd wie die unseriöse Intelligenz.

94
La historia no muestra la ineficacia de los actos sino la vanidad de los propósitos.

Die Geschichte zeigt nicht die Unwirksamkeit der Taten, sondern die Eitelkeit der Motive.

95
El que ignora que dos adjetivos contrarios califican simultáneamente todo objeto no debe hablar de nada.

Wer verkennt, daß jeden Gegenstand zwei gegensätzliche Adjektive gleichzeitig kennzeichnen, soll von keinem reden.

96
Los argumentos con que justificamos nuestra conducta suelen ser más estúpidos que nuestra conducta misma.
Es más llevadero ver vivir a los hombres que oírlos opinar.

Die Argumente, mit denen wir unser Verhalten rechtfertigen, sind meist dümmer als unser Verhalten selbst.
Es ist erträglicher zu sehen, wie die Menschen leben, als sich ihre Meinungen anzuhören.

97
El hombre no quiere sino al que lo adula, pero no respeta sino al que lo insulta.

Der Mensch hegt Liebe nur für den, der ihm schmeichelt, doch Achtung bezeugt er einzig dem, der ihn beleidigt.

98
Llámase buena educación los hábitos provenientes del respeto al superior transformados en trato entre iguales.

Höflich nennt man die Umgangsformen, die aus dem Respekt vor einem Höhergestellten hervorgingen und sich in den guten Ton unter Gleichen verwandelten.

99
La estupidez es el ángel que expulsa al hombre de sus momentáneos paraísos.

Dummheit ist jener Engel, der den Menschen aus dem Paradies des Augenblicks vertreibt.

100
Despreciar o ser despreciado es la alternativa plebeya de la vida de relación.

Verachten oder verachtet werden ist die plebejische Alternative der Begegnung auf Augenhöhe.

 

Sep 13 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 61–80

Scholien zu einem implizierten Text 61–80

61
La momentánea belleza del instante es lo único que concuerda en el universo con el afán de nuestras almas.

Die flüchtige Schönheit des Augenblicks ist das einzige, was im Universum mit dem Drang unserer Seelen übereinstimmt.

62
En la sociedad medieval la sociedad es el estado; en la sociedad burguesa estado y sociedad se enfrentan; en la sociedad comunista el estado es la sociedad.

In der mittelalterlichen Gesellschaft ist die Gesellschaft der Staat; in der bürgerlichen Gesellschaft stehen sich Gesellschaft und Staat gegenüber; in der kommunistischen Gesellschaft ist der Staat die Gesellschaft.

63
El azar regirá siempre la historia, porque no es posible organizar el estado de manera que no importe quien mande.

Der Zufall wird stets die Geschichte beherrschen, denn es ist nicht möglich, den Staat auf eine Weise zu organisieren, daß es nicht von Bedeutung wäre, wer am Ruder ist.

64
Comenzamos eligiendo porque admiramos y terminamos admirando porque elegimos.

Wir beginnen auszuwählen, weil wir bewundern, und wir hören auf zu bewundern, weil wir auswählen.

65
Una providencia compasiva reparte a cada hombre su embrutecimiento cotidiano.

Eine gnädige Vorsehung teilt jedem Menschen seine tägliche Ration Stumpfsinn zu.

66
La mayor astucia del mal es su mudanza en dios doméstico y secreto, cuya hogareña presencia reconforta.

Die größte List des Bösen ist seine Verwandlung in einen verborgenen Hausgott, dessen intime Gegenwart tröstet.

67
La vulgaridad consiste en pretender ser lo que no somos.

Die Vulgarität besteht darin, etwas zu sein vorzugeben, was wir nicht sind.

68
La idea inteligente produce placer sensual.

Ein kluger Gedanke bereitet sinnliches Vergnügen.

69
El libro no educa a quien lo lee con el fin de educarse.

Ein Buch bildet den nicht, der es liest, um sich zu bilden.

70
El placer es el relámpago irrisorio del contacto entre el deseo y la nostalgia.

Das Vergnügen ist der lächerliche Funke, der sich bei der Berührung von Wunsch und Sehnsucht bildet.

71
Para las circunstancias conmovedoras sólo sirven lugares comunes. Una canción imbécil expresa mejor un gran dolor que un noble verso.
La inteligencia es actividad de seres impasibles.

Angesichts erschütternden Situationen helfen nur Gemeinplätze. Ein albernes Lied drückt einen großen Schmerz besser aus als ein erhabener Vers.
Intelligenz ist eine Aktivität gleichmütiger Wesen.

72
La sabiduría no consiste en moderarse por horror al exceso, sino por amor al límite.

Weisheit besteht nicht darin, sich aus Angst vor dem Übermaß zu zügeln, sondern aus Liebe zum Maß.

73
No es cierto que las cosas valgan porque la vida importe. Al contrario, la vida importa porque las cosas valen.

Es ist nicht wahr, daß die Dinge Wert haben, weil das Leben zählt. Umgekehrt, das Leben zählt, weil die Dinge einen Wert haben.

74
La verdad es la dicha de la inteligencia.

Die Wahrheit ist das Glück der Intelligenz.

75
En el auténtico humanismo se respira la presencia de una sensualidad discreta y familiar.

Im echten Humanismus atmet die Gegenwart einer dezenten und trauten Sinnlichkeit.

76
Quien no vuelva la espalda al mundo actual se deshonra.

Wer der gegenwärtigen Welt nicht den Rücken kehrt, entehrt sich selbst.

77
La sociedad premia las virtudes chillonas y los vicios discretos.

Die Gesellschaft belohnt grelle Tugenden und heimliche Laster.

78
Sólo tenemos las virtudes y los defectos que no sospechemos.

Wir haben einzig die Tugenden und Fehler, von denen wir nichts ahnen.

79
El alma crece hacia adentro.

Die Seele wächst nach innen.

80
Para excusar sus atentados contra el mundo, el hombre resolvió que la materia es inerte.

Um seine Attentate gegen die Welt zu entschuldigen, entschied der Mensch, daß die Materie unbelebt sei.

 

Sep 12 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 41–60

Scholien zu einem implizierten Text 41–60

41
El hombre prefiere disculparse con la culpa ajena que con inocencia propia.

Um sich von Schuld freizusprechen, verweist der Mensch eher auf die Schuld eines anderen als auf seine eigene Unschuld.

42
El tiempo es menos temible porque mata que porque desenmascara.

Die Zeit flößt weniger Furcht ein, weil sie tötet, als dadurch, daß sie die Masken herunterreißt.

43
Las frases son piedrecillas que el escritor arroja en el alma del lector.
El diámetro de las ondas concéntricas que desplazan depende de las dimensiones del estanque.

Die Sätze sind Steinchen, die der Autor in die Seele des Lesers wirft.
Der Durchmesser der konzentrischen Kreise, die sie erzeugen, hängt von der Größe des Teiches ab.

44
El genio es la capacidad de lograr sobre nuestra imaginación aterida el impacto que cualquier libro logra sobre la imaginación del niño.

Das Genie liegt in der Fähigkeit, auf unsere erstarrte Einbildungskraft eine Wirkung auszuüben, wie sie jedes beliebige Buch auf die Phantasie des Kindes hat.

45
El filósofo no es vocero de su época, sino ángel cautivo en el tiempo.

Der wahre Philosoph ist kein Sprachrohr seines Zeitalters, sondern ein Engel im Verlies der Zeit.

46
Tener razón es una razón de más para no lograr ningún éxito.

Im Recht zu sein ist ein Grund mehr, keinerlei Erfolg zu haben.

47
Las perfecciones de quien amamos no son ficciones del amor. Amar es, al contrario, el privilegio de advertir una perfección invisible a otros ojos.

Die Vollkommenheit dessen, den wir lieben, ist keine Illusion der Liebe. Lieben ist, im Gegenteil, das Privileg, eine Vollkommenheit zu bemerken, die für andere Augen unsichtbar ist.

48
Ni la religión se originó en la urgencia de asegurar la solidaridad social, ni las catedrales fueron construidas para fomentar el turismo.

Weder entsprang die Religion dem Drang, die Gruppensolidarität zu steigern, noch wurden Kathedralen errichtet, um den Tourismus anzukurbeln.

49
Todo es trivial si el universo no está comprometido en una aventura metafísica.

Alles ist trivial, wenn das Universum nicht einem metaphysischen Abenteuer verpflichtet ist.

50
Mientras más graves sean los problemas, mayor es el número de ineptos que la democracia llama a resolverlos.

Je schwerwiegender die Probleme sind, desto größer ist die Zahl an Unfähigen, welche die Demokratie mit ihrer Lösung beauftragt.

51
La legislación que protege minuciosamente la libertad estrangula las libertades.

Die Gesetzgebung, die aufs penibelste die Freiheit hütet, erwürgt die Freiheiten.

52
Más repulsivo que el futuro que los progresistas involuntariamente preparan, es el futuro con que sueñan.

Abstoßender als die Zukunft, welche die Fortschrittsgläubigen wider Willen ins Werk setzen, ist die Zukunft, von der sie träumen.

53
La presencia política de la muchedumbre culmina siempre en un apocalipsis infernal.

Die politische Präsenz der Massen gipfelt stets in einer höllischen Apokalypse.

54
Lucha contra la injusticia que no culmine en santidad, culmina en convulsiones sangrientas.

Der Kampf gegen die Ungerechtigkeit, der nicht auf dem Gipfel der Heiligkeit endet, endet in blutigen Krämpfen.

55
La política sabia es el arte de vigorizar la sociedad y de debilitar el Estado.

Weise Politik ist die Kunst, die Gesellschaft zu stärken und den Staat zu schwächen.

56
La importancia histórica de un hombre rara vez concuerda con su naturaleza íntima.
La historia está llena de bobos victoriosos.

Die geschichtliche Bedeutung eines Mannes steht selten einmal mit seiner eigentümlichen Natur in Einklang.
Die Geschichte ist voll von siegreichen Schafsköpfen.

57
Espasmos de vanidad herida, o de codicia conculcada, las doctrinas democráticas inventan los males que denuncian para justificar el bien que proclaman.

Krämpfe verletzter Eitelkeit oder niedergetrampelter Gier, die demokratischen Doktrinen erfinden die Übel, die sie anprangern, um das Gut zu rechtfertigen, das sie verkünden.

58
La historia sepulta, sin resolverlos, los problemas que plantea.

Die Geschichte begräbt die Probleme, die sie aufwirft, ohne sie zu lösen.

59
El escritor procura que la sintaxis le devuelva al pensamiento la sencillez que las palabras le quitan.

Der Schriftsteller sorgt dafür, daß ihm die Syntax die Einfachheit des Gedankens zurückgibt, die ihm die Worte rauben.

60
Nadie tiene capital sentimental suficiente para malgastar el entusiasmo.

Niemand hat ein so reiches Gemüt, daß er sich erlauben könnte, seinen Enthusiasmus zu verschwenden.

 

Sep 12 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 21–40

Scholien zu einem implizierten Text 21–40

21
Los parlamentos democráticos no son recintos donde se discute, sino donde el absolutismo popular registra sus edictos.

Die demokratischen Parlamente sind keine Orte echter Debatten, dort läßt vielmehr der völkische Absolutismus seine Dekrete unterzeichnen.

22
El burgúes entrega el poder para salvar el dinero; después entrega el dinero para salvar el pellejo; y finalmente lo ahorcan.

Der Bourgeois gibt seine Macht ab, um sein Geld retten; dann gibt er sein Geld ab, um seine Haut zu retten; am Ende hängen sie ihn.

23
Burguesía es todo conjunto de individuos inconformes con lo que tienen y satisfechos de lo que son.

Die Bourgeoisie besteht aus der Gesamtheit jener, die unzufrieden sind mit dem, was sie haben, und zufrieden mit dem, was sie sind.

24
Los marxistas definen económicamente a la burguesía para ocultarnos que pertenecen a ella.

Die Marxisten definieren die Bourgeoisie rein ökonomisch, um vor uns zu verschleiern, daß sie ihr selbst angehören.

25
El militante comunista antes de su victoria merece el mayor respeto.
Después no es más que un burgués atareado.

Vor seinem Sieg verdient der militante Kommunist die größte Hochachtung.
Hernach ist er nicht mehr als ein geschäftiger Bourgeois.

26
El amor al pueblo es vocación de aristócrata. El demócrata no lo ama sino en período electoral.

Die Liebe zum Volk ist eine aristokratische Berufung. Der Demokrat liebt es nur während der Wahlperiode.

27
A medida que el estado crece el individuo disminuye.

In dem Maße, wie der Staat wächst, schrumpft das Individuum.

28
No logrando realizar lo que anhela, el “progreso” bautiza anhelo lo que realiza.

Unfähig zu erlangen, was er wünscht, tauft der „Fortschritt“ Wunsch, was er erlangt.

29
La técnica no cumple los viejos sueños del hombre, sino los remeda con sorna.

Die Technik erfüllt nicht die alten Menschheitsträume, sie äfft sie spöttisch nach.

30
Cuando se deje de luchar por la posesión de la propiedad privada se luchará por el usufructo de la propiedad colectiva.

Gibt man es auf, für den Besitz von privaten Eigentum zu kämpfen, kämpft man um das Nutzungsrecht am kollektiven Eigentum.

31
La movilidad social ocasiona la lucha de clases.
El enemigo de las clases altas no es el inferior carente de toda posibilidad de ascenso, sino el que no logra ascender cuando otros ascienden.

Die soziale Mobilität führt zum Klassenkampf.
Der Feind der Oberklassen ist nicht der Mann der Unterschicht, dem jeder Aufstieg verwehrt ist, vielmehr jener, dem es nicht aufzusteigen gelingt, während andere aufsteigen.

32
Cierta manera desdeñosa de hablar del pueblo denuncia al plebeyo disfrazado.

Eine gewisse verächtliche Art, vom Volk zu reden, läßt den Plebejer unterm Anzug hervorlugen.

33
El hombre cree que su impotencia es la medida de las cosas.

Der Mensch wähnt, seine Ohnmacht sei das Maß der Dinge.

34
La autenticidad del sentimiento depende de la claridad de la idea.

Die Echtheit des Gefühls beruht auf der Klarheit des Gedankens.

35
El vulgo admira más lo confuso que lo complejo.

Die gemeine Menge bewundert mehr das Chaos als die Ordnung.

36
Pensar suele reducirse a inventar razones para dudar de lo evidente.

Denken verkürzt sich meist auf das Ertüfteln von Gründen, um das Offensichtliche in Zweifel zu ziehen.

37
Negarse a admirar es la marca de la bestia.

Sich der Bewunderung zu verweigern ist ein Zeichen viehischer Naturen.

38
El que renuncia parece impotente al que es incapaz de renunciar.

Wer verzichtet, dünkt jenem ohnmächtig, der unfähig ist zu verzichten.

39
No hay substituto noble a la esperanza ausente.

Es gibt keinen edlen Ersatz für die fehlende Hoffnung.

40
Más seguramente que la riqueza hay una pobreza maldita: —la del que no sufre de ser pobre sino de no ser rico; la del que tolera satisfecho todo infortunio compartido; la del que no anhela abolirla, sino abolir el bien que envidia.

Mehr als der Reichtum steht gewiß die Armut unter einem Unglücksstern: jene eines Menschen, der nicht daran leidet, arm zu sein, sondern nicht reich zu sein; der selbstgenügsam alles geteilte Unglück hinnimmt; der nicht die Armut beseitigen will, sondern das Gut, auf das seine Mißgunst schielt.

 

Sep 11 20

Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito 1–20

Scholien zu einem implizierten Text 1–20

1
Los hombres cambian menos de ideas que las ideas de disfraz.
En el decurso de los siglos las mismas voces dialogan.

Die Menschen wechseln weniger die Ideen als die Ideen ihr Kostüm.
Es sind im Laufe der Jahrhunderte immer dieselben Stimmen, die miteinander reden.

2
El lector no encontrará aforismos en estas páginas.
Mis breves frases son los toques cromáticos de una composición “pointilliste.”

Der Leser findet auf diesen Seiten keine Aphorismen.
Meine kurzen Sätze sind farbige Tupfer nach Art der pointillistischen Malweise.

3
Es fácil creer que participamos de ciertas virtudes cuando compartimos los defectos que implican.

Es fällt leicht zu glauben, wir hätten gewisse Tugenden, wenn wir die Laster haben, die sich gerne zu ihnen gesellen.

4
Quienes gimen sobre la estrechez del medio en que viven pretenden que los acontecimientos, los vecinos, los paisajes, les den la sensibilidad y la inteligencia que la naturaleza les negó.

Jene, welche die Dürftigkeit der Umwelt, in der sie leben, bejammern, verlangen von den Zeitereignissen, den Nachbarn, den Landschaften, ihnen jene Sensibilität und Intelligenz zu geben, die ihnen die Natur versagt hat.

5
Adaptarse es sacrificar un bien remoto a una urgencia immediata.

Sich anpassen heißt ein fernes Gut dem Zwang des Augenblicks opfern.

6
La madurez del espíritu comienza cuando dejamos de sentirnos encargados del mundo.

Geistige Reife beginnt, wenn wir aufhören, uns als Geschäftsführer der Welt zu fühlen.

7
Nada suele ser más difícil que no fingir comprender.

Nichts pflegt schwieriger zu sein, als kein Verständnis zu heucheln.

8
El amor es el órgano con que percibimos la inconfundible individualidad de los seres.

Die Liebe ist das Organ, mit dem wir die unverwechselbare Individualität der Wesen wahrnehmen.

9
La libertad no es fin, sino medio. Quien la toma por fin no sabe qué hacer cuando la obtiene.

Die Freiheit ist kein Zweck, sondern ein Mittel. Wer sie für einen Zweck hält, weiß nichts mit ihr anzufangen, wenn er sie erlangt.

10
Satisfacer el orgullo del hombre es quizá más fácil de lo que nuestro orgullo imagina.

Den Stolz des Menschen zufriedenzustellen mag leichter sein, als es sich unser eigener Stolz ausmalt.

11
Hay mil verdades, el error es uno.

Es gibt tausend Wahrheiten, Irrtum nur einen.

12
Nuestra última esperanza está en la injusticia de Dios.

Unsere letzte Hoffnung beruht auf der Ungerechtigkeit Gottes.

13
Para Dios no hay sino individuos.

Vor Gott gibt es nur Individuen.

14
Cuando las cosas nos parecen ser sólo lo que parecen, pronto nos parecen ser menos aún.

Wenn uns die Dinge nur zu sein scheinen, was sie scheinen, scheinen sie uns bald noch weniger zu sein.

15
El psicólogo habita los suburbios del alma, como el sociólogo la periferia de la sociedad.

Der Psychologe wohnt in den Slums der Seele wie der Soziologe an den Rändern der Gesellschaft.

16
Una presencia voluptuosa comunica su esplendor sensual a toda cosa.

Eine wollüstige Präsenz breitet auf alle Dinge einen sinnlichen Glanz.

17
Todo fin diferente de Dios nos deshonra.

Jedes Ziel anders als Gott entehrt uns.

18
Solo la libertad limita las abusivas intervenciones de la ignorancia.
La política es la ciencia de las estructuras sociales adecuadas a la convivencia de seres ignorantes.

Einzig die Freiheit begrenzt die Übergriffe der Dummheit.
Die Politik ist die Wissenschaft von den sozialen Ordnungen, die dem Zusammenleben von Dummköpfen angemessen sind.

19
Una “sociedad ideal” sería el cementerio de la grandeza humana.

Eine „ideale Gesellschaft” wäre der Friedhof menschlicher Größe.

20
Después de toda revolución el revolucionario enseña que la revolución verdadera será la revolución de mañana.
El revolucionario explica que un miserable traicionó la revolución de ayer.

Nach einer jeden Revolution verkündet der Revolutionär, die wahre Revolution sei die Revolution von morgen.
Der Revolutionär erklärt, ein Schurke habe die Revolution von gestern verraten.

 

Quelle:
https://de.scribd.com/document/55344789/Nicolas-Gomez-Davila-Escolios-a-un-texto-implicito-Seleccion

 

Sep 10 20

Ahnengrab

Das Grab ist von Verlassenheit begrünt,
dankbarer Hände zarte Ritzung,
verwittert ist sie lange schon.

Und was der Wind noch trägt heran,
grauer Pollen Mattigkeit,
Spreu verstummter Tennen,
goldner Staub verwehten Sinns,
versickert in den Falten der Dämmerung.

Es glänzt das Moos der Nacht,
die an ihm zittern, bittere Tränen,
als hätten Engel sie geweint.

Und was dort um den Grabstein schwebt,
sanfter Ranken Müdigkeit,
Mohn, gekränkter Muse Schlaf,
schneeiger Sproß des Lilienmonds,
verwinde sacht zum Kranze der Erinnerung.

 

Sep 9 20

Grauer Abendhauch

Des Wassers grauer Abendhauch,
wie kühlt er unsern späten Gang,
und gehen wir an Weiden lang,
besänftigt er die Wehmut auch.

Kein Wort hat unterm Mond noch Duft,
der seine volle Knospe neigt,
kein Laut, der aus dem Wasser steigt,
der Herzen nicht ins Dunkel ruft.

Bleibt noch ein Schimmer, ists dein Blick,
ein Stern, der in mein Wehtal sinkt,
und sanft auf einem Wasser blinkt,
dem bittern, das mir blieb zurück.

Wir liegen, wo das Röhricht schwingt,
an Stromes und an Traumes Rand,
wir lauschen lange Hand in Hand,
ob eine Nachtigall noch singt.

 

Sep 8 20

Die gefangene Nachtigall

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Name des Verstorbenen auf dem Grabstein ruft die Lebenden an. Doch wie einsam ist es nun um die Gräber.

Die gute Tat bleibt namenlos; je schrecklicher die Untat, je weiter gelangt der Name des Täters von Mund zu Mund, von Generation zu Generation.

Die scharfe Klinge des Sensenmannes wird oft von Mitmenschen geschliffen, die für nett und ehrenwert gelten.

Ohnmacht und Angst sind die würgendsten Knebel.

Die neueste Religion der Feigheit und Heuchelei fordert das Opfer auf, sich beim Täter zu entschuldigen.

Männer erwürgen Frauen mit hartem Griff in wenigen Minuten, Frauen ersticken Männer mit sanfter Hand über Jahre.

Wer, getroffen, geritzt, vergiftet von den Blicken, den Gesten, den Worten der anderen, stirbt schon eines natürlichen Todes?

Die gefangene und in den Käfig gesperrte Nachtigall singt nicht mehr.

Grausamer als die blutigen Träume der Macht sind die Rachephantasien der Ohnmacht.

Mehr als unter Schlamm und Frost, Regen und Schnee verwittert der Name der Inschrift durch die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit der Kinder und Kindeskinder.

Gewiß, länger als die Tempel Roms und seine Kulte strahlte das erzene Bildnis des Horaz unter den Strahlen der hesperischen Sonne; doch die Esse des Stumpfsinns, in dem es eingeschmolzen wird, zischt und lodert schon.

Des Menschen Tat ist ein Blutstropfen auf dem grenzenlosen Vlies des Schnees.

Blut ist die geheime Währung der Kommunikation.

Augenförmig wächst die Rinde um die Wunde des Baums.

Auch die unter Seufzen eingedrückten Fußstapfen füllt bald ein frischer Schnee.

Wir haben kein Bild und keinen Begriff von den letzten Gründen und äußersten Dimensionen; so ist der Raum kein Behältnis, denn jede Kiste paßt in eine größere, so ist die Zeit kein Fluß, denn alles, was fließt, geschieht innerhalb eines Systems zeitlicher Erstreckung und Messung.

Wären die Bilder der Erinnerung gemalten Porträts ähnlich, wüßten wir nicht, woran wir uns erinnern, denn wir verfügen über kein Kriterium ihrer Ähnlichkeit mit den vergangenen Ereignissen.

Wurden wir wohl deshalb kein Teil der orientalischen Welt, weil Augustus, im Gegensatz zu Caesar und Marcus Antonius, die strenge Nase der Kleopatra mißfiel?

Dichter, Heilige, Narren, die ihr Leben verdunkeln, um die leuchtende Aura eines Bildes, eines Idols umso strahlender zu erblicken.

Wie einen Traumwandler lockt die zauberische Melodie des dunklen Geigers den Verführten an den Rand der Klippe – dann bricht sie ab.

Die Juden sind das geschichtliche Volk par excellence, sehen sie sich doch im Kontinuum von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Untergang als Mitte und Mittler allen Sinns, von der Verfluchung Adams bis zur Segnung Jakobs als Hörer des göttlichen Worts. – Indes, der einzige Geschichtsschreiber, den sie hervorgebracht haben, Flavius Josephus, gilt ihren Frommen als Verräter.

Man muß sich die Königsdramen Shakespeares durch die Annalen des Tacitus erschließen und umgekehrt; Lüge, Komplott und Intrige, Verfolgungswahn, Perversion und Blutschande, sie gedeihen in der stickigen Luft des Palastes und den dämmernden Fluren des Schlosses. Alb, Nachtmahr und gespenstische Flügel, sie lassen sich im Schein der goldenen Ampeln und beim süßen Klang der Laute auf samtenen Pfühlen nieder.

Segen können anders wir nicht verstehen und wahrnehmen als in der Frucht des Feldes und des Schoßes, anders nicht sehen als in wogenden Ähren und lächelnden Augen, anders nicht entbehren als in Dürre und Mißwuchs. – Der Segen, der auf dem dichterischen Wort ruht, hat seine eigene Frucht, der Fluch, der auf ihm lastet, seine eigene Dürre.

Gewiß, steckt man einen in den Käfig, und sei es der Geister edelsten, wird er bald die Zähne fletschen und fauchen, bald hündisch kriechen und jaulen.

Doch versetzt man einen bösartigen Schurken oder einen räudigen Hundsfott in ein noch so harmonisches Idyll, in ein noch so nobles Ambiente, wird er nicht anfangen, Laute zu spielen und Reime zu singen, oder dem Gast auf Augenhöhe begegnen.

Verzweifelt ist, wem das Leben zur Krankheit ward, ohne den Wunsch zu verspüren, an seinem Ende dem Äskulap zu opfern.

Der Sturm in Shakespeares König Lear ist das wahre Symbol für die Qual eines hohen Geistes, dessen Fetzen von den schwarzen Flügeln der Schmach und der Niedertracht in die sternlose Nacht gewirbelt werden.

Dem Schwermütigen werden die Gestirne der Nacht zu Gottes Tränen.

Der Mörder träumt paradiesische Träume, während unter seinem Bett die Leiche verfault.

Der Philosoph, der die Reinlichkeit lauteren Denkens pries und die goldenen Tropfen des Lichts in der Lagune der venezianischen Nacht, beschmierte die Wände der Irrenhauszelle mit dem eigenen Kot.

Wenn man das Geschwür der Phrase aufsticht, beginnt es zu stinken.

Der Irre führt den Blinden– so bezeichnet Shakespeare die Krankheit der Zeit – an den Rand der Klippe.

Der dem Menschlichen entfremdete Dichter hört zwischen all dem Gerede immer nur die Wogen des Meeres rauschen, sieht zwischen allen Zeilen den Sand der wachsenden Wüste rieseln.

Der alte Baum der Sprache, er mag noch so verkrüppelt sein, er mag keine Früchte mehr abwerfen, bietet dem müden Dichter noch einen schmalen Schatten dankbaren Verweilens.

 

Sep 7 20

Letzter Glanz

Wir sahen zwischen Rebengittern,
der steile Pfad wand sich hinan,
im Tal schon frühe Lichter zittern,
da droben noch der Purpur rann.

Uns öffnete die Bergkapelle
der weißen Knospen süßes Leid,
und blauen Mantels Gnadenwelle
schlang sich um unsre Einsamkeit.

Die Kerzen, die wir angezündet,
ernährt der Liebe Wabengold,
das Leben, das ins Dunkel mündet,
war doch der reinen Flamme hold.

Wir lagen Hand in Hand auf Moosen,
die Nacht wand uns den Efeukranz,
versunken lag das Tal der Rosen,
die Träne schenkte letzten Glanz.

 

Sep 6 20

Späte Falter

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das Verbrechen ist der Ursprung der Tugend.

Die Güte des Wolfs ist eine lammfromme Lüge.

Der Besiegte besingt die Großmut des Siegers.

Die unaustilgbare sündhafte Natur des Menschen ist der Ursprung des sozialen Zwangs.

Der Schmarotzer ist der Schatten des biederen Mannes.

Die fröhlich lärmende Jugend tritt über das sauertöpfische und lärmempfindliche Alter hinweg.

Die Phrase ist der Parasit des faulen Denkens.

Jener, der die Welt neu ordnen wollte, kam nicht einmal bis Moskau; jener, der nur seinen Ruhm zu mehren bestrebt war, bis Indien.

Würde man im Sinne einer romantischen Pädagogik alle Quellen des Lasters trockenlegen und alle Glutherde des Verbrechens austreten, wäre nicht die Tugend der strahlende Sieger, sondern Stumpfsinn und Erstarrung.

Der Terror der Tugend weist auf ihre inzestuöse Beziehung zum Verbrechen.

Überdruß am Menschen, Ekel an der Menschheit – letzte Regungen eines vornehmen Geistes.

Wenn man die Flasche mit dem Zauberwein schüttelt, trübt sie sich von vielerlei Schwebstoffen; lange muß man warten, bevor sich der Unrat setzt und wieder Goldglanz im Licht erscheint.

Mit dem plätschernden und betäubenden Gerede ist es wie mit dem Regen; wenn er plötzlich aufhört und das sanfte Pochen an der Scheibe verstummt, fühlen wir uns einsam.

Fas: die Adern, ius: die Venen.

Der Tod inspiriert die Künste und die Laster.

Den Unterschied zum Tier markiert nicht die menschliche Intelligenz, sondern die Fähigkeit zum Verbrechen und die Anlage zum Wahnsinn.

Die den ewigen Frieden ins Werk setzen wollen, stigmatisieren die Ungläubigen und Skeptiker zu Feinden der Menschheit, die es in einem eschatologischen Endkampf zu beseitigen gilt.

Von den alten Prägungen des gemeißelten Worts bleiben uns die Schatten in den schrägen Strahlen der Abenddämmerung.

Als wäre es vom lähmenden Gift des Nessos verseucht, zieht heute das schimmernde Gewand der klassischen Bildung keiner mehr an.

Die goldenen Tropfen der Verse versickern im Karst der Langeweile.

Wenn wir, um unseren Begleiter auf ihn aufmerksam machen wollen, auf den alten Bekannten hinweisen, der auf der anderen Straßenseite entlanggeht, zeigen wir weder auf seine Seele noch auf seinen Körper.

Wir können unseren alten Bekannten Peter nur anhand seiner physischen Präsenz identifizieren; aber wir sagen nicht, dort gehe der Körper von Peter vorbei.

Ist der Traum, den wir erzählen, in demselben Sinne unabhängig von dem, was wir sagen, wie unser gestriger Spaziergang im Park, den wir erwähnen?

Das Neue Reich Stefan Georges wurde durch das Dritte nicht desavouiert, sondern verdrängt.

Kondor der Theorie, Maulwurf der Empirie.

Depotenzierung durch Verniedlichung – der antike Eros mit dem fatalen Pfeil, barocke Putten mit lieblichen Wangen und Engelsflügeln.

Das glänzende Sekret des Jargons, auf dem die Eintagsfliegen kleben.

Die friedlich tun, sind meist nur zu schwach, um zurückzuschlagen.

Die auf wackligen Füßen stehen, klammern sich an die Schultern von Riesen, preisen sie als Vorbilder und ihr Verhalten als Verehrung. Doch in ihren Augen flackert der Groll, ihre Wangen färbt die Glut der Beschämung.

Das innige Schluchzen der Nachtigall, skandiert vom dumpfen Schlag des Holzfällers.

Die Glocken im Turm der Erinnerung tönen inniger als die wirklichen.

Das verrauschte Schubert-Quintett, damals aus dem alten Röhrenradio, ergriff stärker als die klangreine Aufführung, später im prachtvollen Saal.

Der Greis, der im herbstlichen Park, die Blicke gesenkt, auf der Bank saß, gewahrte einen Schatten, der sacht vorüberglitt. War es die Wolke der Erinnerung, war es der Flügel des Glücks?

Die Schule des Denkens befindet sich nicht hinter der Pforte des philosophischen Seminars.

Die Rose leuchtet betörender, verheißungsvoller als unter der Glut der Mittagssonne aus den Schatten der Dämmerung.

Dem Einsamen, dem sich der Glanz ihm aufgeschlagener Augen versagte, beschwört ihn noch im Schimmer seiner Tränen.

Was bleibt den Enterbten, als den trügerischen Schimmer der Illusion dem trostlosen Grau der Wahrheit vorzuziehen?

Die Königskerzen leuchten schmerzlicher im fahlen Dunst.

Die Weiden wehen abschiedlicher über dem von Schwänen verlassenen Teich.

Verse, die ihrer Knospen müde Lider in der Stille der Dämmerung langsam verschließen.

Veilchenblauer Klang, der über den dunklen Moosen der Abenddämmerung allmählich verstummt.

Die Worte waren verbraucht, doch wir hatten noch Atem, Glut aus der Asche zu hauchen.

Blicke, eins ins andere tauchend, ohne den Grund zu erreichen.

Einsamkeiten, die sich wie späte Falter umgaukeln.

Letzter Abendstrahl, herniederseufzend durch das Dickicht der Schmerzen.

Gewickelt in das kühle Laken des Monds den Rufen des Kuckucks aus den Wäldern der fernen Heimat lauschen.

 

Sep 5 20

Aspekte der Mitwelt

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die abgegriffene Münze der Wahrheit ist nicht die gängige Währung der Kommunikation.

Wann tauschen wir Argumente aus? Etwa mit dem Nachbarn, der uns bestohlen hat, oder der Geliebten, die uns betrogen hat?

Die Lehre vom rationalen Diskurs als allgemeinem Modell der Verständigung ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Es sah nur so aus, als würde er zögern und überlegen, aber ihm verschlug die Unverschämtheit des Gegenübers einfach die Sprache.

Unser reziprokes Verhältnis zu anderen läßt sich modellhaft auf ein Band auftragen, dessen kurze Eingangsstrecke von jenen emotionalen Werten und ethischen Haltungen gebildet wird, die wir unter dem Stichwort „Sympathie“ zusammenfassen; die analoge Endstrecke wird dementsprechend von jenen Werten gebildet, die wir unter dem Etikett „Antipathie“ rubrizieren – das lange und gleichsam unbesetzte Mittelstück steht für die Haltung, die wir Gleichgültigkeit oder Indifferenz nennen.

Wir ergänzen das Modell, indem wir über der Strecke der emotionalen Werte und ethischen Haltungen eine gleich lange Strecke mit den Namen und Symbolen jener Personen und Gruppen auftragen, auf die sich jene unmittelbar beziehen. Es ist klar, daß die Namen von Nahestehenden und Freunden über den Marken der unteren Reihe auftauchen, die freundschaftliche Einstellungen bedeuten, und Namen von Feinden über den Indices von feindseligen Einstellungen.

Es kommt allerdings nicht selten vor, daß wir die Namen von Verwandten und Angehörigen oder Geliebten über den Indices feindseliger Einstellungen finden; wir müssen nicht die antike Tragödie oder Büchners Woyzeck bemühen, um uns darüber zu vergewissern, wie Feindseligkeit und Haß in Familien und intimen Beziehungen wüten.

Sympathie meint eine dichte Skala von emotionalen Werten und ethischen Haltungen, von der Zuneigung über die sorgende Anteilnahme in der Freundschaft bis zur hingebungsvollen Treue in der Liebe und zu Hochschätzung und Verehrung; ebenso reicht Antipathie von Mißtrauen und Argwohn, Abneigung und Verachtung bis zu Feindschaft und glühendem Haß.

Wir beobachten ein Regime natürlicher, nicht durch moralische Lehren und philosophische Programme verdunkelter Vernunft in dem, was wir das Ethos des gewöhnlichen Lebens nennen können: So handeln wir vernünftig, wenn wir uns nicht nur vor physischen Gefahren, sondern auch vor Bedrohungen der Mitwelt in acht nehmen, vor jenen Personen, die uns verwirren, irreführen und schaden können, und sind klug beraten, ihnen zu mißtrauen und sie uns vom Leibe zu halten. Während es unvernünftig wäre, unseren Argwohn auch jenen gegenüber aufrechtzuerhalten, die uns wohlgesonnen sind und durch ihre Worte und Taten bewiesen haben, daß sie uns fördern wollen.

Wir erfassen die wahren Formen und Strukturen des gewöhnlichen Lebens im täglichen Miteinander nicht durch Analyse des Bewußtseins, sondern mittels Betrachtung typischer Redewendungen des alteingesessenen Sprachgebrauchs. So sprechen wir von der Hand, die uns ausgestreckt, der Brücke, die uns gebaut, dem Licht, das uns durch einen freundlichen Hinweis aufgesteckt wurde, um Formen uns widerfahrener Sympathie zu bezeichnen; von einem Knüppel, der uns zwischen die Beine geworfen, von einer falschen Fährte, die uns heimtückisch gewiesen, vom Gift, das uns durch zweideutige Worte in den Becher geträufelt wurde, um Formen uns widerfahrener Antipathie zu bezeichnen.

Die Milliarden, die auch noch leben, die Tausende, die um uns wohnen, die Hunderte, die uns bei unseren täglichen Gängen als Passanten streifen, sind uns gleichgültig und haben kein Gesicht.

Wir leben nicht als Glieder eines abstrakten Monstrums namens Menschheit, sondern als Frau dieses Mannes, als Freund dieser Freundin, als Großmutter dieses Enkels, als Mitarbeiter dieses Büros, als Chef dieser Abteilung, als Mitglied dieses Vereins.

Die medialen Bilder suggerieren uns imaginäre Beziehungen zu Leuten, die uns eigentlich nichts angehen.

Sie konnte sich um ihre Kinder nicht kümmern und gab sie in fremde Hände, weil eine höhere Moral ihr befahl, sich für das Wohl der ganzen Menschheit zu engagieren.

„Ich habe mich gewaschen“ ist reflexiv, „Wir haben uns köstlich unterhalten“ aber nicht, sondern entspricht dem Medium der alten Sprachen.

Ähnlich wie zu meinen, das Bewußtsein sei eine Form der Selbstreflexion, ist es eine Täuschung, anzunehmen, das Modell der mitweltlichen oder interpersonalen Beziehung sei eine Form der Spiegelung. Wir spiegeln einander nicht, sondern begegnen uns in der Mitte geteilter Umwelten.

„Wir haben uns verabredet“ heißt nicht, daß ein Kollektiv-Gespenst namens „wir“ mit sich selbst über eine Sache einig wurde, sondern daß sowohl ich wie du zu dem von mir oder dir vorgeschlagenen Treffen an diesem bestimmten Ort und zu dieser bestimmten Zeit jeweils ihre Zustimmung gegeben haben.

„Ich grüßte ihn und er gab meinen Gruß zurück.“ – „Wir haben einander begrüßt.“ – „Das Kind wirft dem anderen einen Ball zu, dieses wirft ihn jenem zurück.“ Hier ist weder der Ball noch der Mitspieler das (intentionale) Objekt der Handlung, sondern die Figur oder Gestalt des Ballspiels. Ähnlich beim Grüßen: Das (intentionale) Objekt der Handlung sind nicht die beteiligten Personen, sondern der Zweck der Handlung erfüllt sich in der Abgeschlossenheit der rituellen Gestalt der Begrüßung und der Grußformel.

Soziale Interaktionen können vielfach als Figuren ritueller Spiele gestischer und verbaler Art betrachtet werden.

Auch Figuren, die scheitern oder bewußt unterbrochen und sabotiert werden, sind ausdrucksvoll. Wird mein Gruß nicht erwidert oder blickt der Gegrüßte verlegen oder trotzig unter sich, kommen darin seine Verlegenheit, seine Mißachtung oder Verachtung zum Ausdruck.

Wir können auch viele Weisen des verbalen Austauschs, die gehobene Konversation, die Plauderei, den Streit als Formen rituellen Spiels betrachten, auch und gerade, wenn es den Beteiligten durchaus ernst damit ist.

Schweigen hat vielerlei Bedeutung und Funktion; es kann Verlegenheit, Langeweile, Mißachtung, Zurückweisung, Überlegenheit und manches andere zum Ausdruck bringen.

Wenn wir den Ball im Gespräch nicht auffangen und zurückwerfen, geben wir unseren Überdruß oder unsere Mißbilligung kund.

Typische Redewendungen zur Beschreibung kommunikativer Situationen weisen uns auf die tieferliegenden Spuren ihrer physiognomischen Herkunft oder Beimischung; etwa, wenn wir sagen: „Er hat ihm die kalte Schulter gezeigt“, „Es war, als hätte sie ihm den Rücken zugekehrt“, „Das sagte er ihr mit verbissenem Mund“, „Sie las ihm seine Enttäuschung von den Augen ab“, „Er reagierte nur mit einem Stirnrunzeln.“

Die monotheistischen Religionen vermögen mittels einer transzendenten Instanz imaginäre Beziehungen herzustellen, welche die gleichsam leere und unbesetzte Strecke der emotionalen Indifferenz bisweilen stark verkürzen, so weiß sich der gläubige Moslem als Teil der globalen Umma.

Das Übermaß seiner Angst läßt den Psychotiker Personen als bedrohlich verdächtigen, die dem Normalen gleichgültig sind.

Die Griechen imaginierten in mythischen Bildern die numinose Macht interpersonaler Bezüge, so gesellt sich neben Helena und Paris wie eine Traumerscheinung die Göttin Aphrodite, Sappho sieht sie in der Aura um die Geliebte.

Israel symbolisiert das Heil und Unheil menschlicher Beziehungen in den Bildern von Götzendienst und Frömmigkeit, in den Gestalten von Götzenanbetern und Propheten. So will Nabot, der treue Diener des Herrn, seinen Weinberg, das Erbe der Väter, König Ahab, dem danach gelüstet, aus dem schlichten Grunde, weil er ihm nicht gehört, nicht herausgeben, seine Frau Isebel, die Götzenanbeterin, verführt ihren Gatten, den Götzenanbeter, ihr in der Angelegenheit freie Hand zu geben. Und sie bringt es dahin, daß Nabot gesteinigt wird und der Weinberg Ahab zufällt. Gott aber sendet seinen Propheten Elia, der dem Maßlosen den Zorn und die Rache des Herrn ankündigt.

Diese Geschichte bildet den biblischen Hintergrund des dramatischen Geschehens um Philemon und Baucis in Goethes Faust, dem es nach der Hütte und der Kapelle der frommen Alten gelüstet, aus dem schlichten Grunde, weil sie nicht ihm gehören und das Gebimmel der Andachtsglocken seine wüsten Ohren verschreckt. – Doch Faust schickt der Herr keinen Propheten, er hat bekanntlich Mephisto an seiner Seite.

Wir bemerken hier die Bedeutung der Unversehrtheit von Integrität, Eigentum und kultureller Identität für den Wert menschlicher Beziehungen; aber auch die tragische Tatsache, daß ihre Verletzung aufgrund der sündhaften Natur des Menschen, um mit der Bibel zu sprechen, unausbleiblich ist, und so auch in ihrem Gefolge Zerstörung, Mord, Rache, Krieg.

 

Sep 4 20

Gegen Hegel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Hund, der vor der Villa in seiner Hütte döst oder nach Mücken schnappt, führt ein sinnvolleres Leben als ihr Bewohner, der dort am Ende der Geschichte an Langeweile dahinsiecht.

„An sich“ und „Für sich“, Subjekt und Objekt, Ich und Nicht-Ich – Begriffsfetische, die den klaren Sinn verstellen, Talmi-Begriffe, die das Denken blenden.

„Im anderen bei sich sein“ – so definiert Hegel, was er dialektisch unter Liebe versteht; Liebe, die doch der Bund der Liebenden unter dem Versprechen darstellt, einander gut zu sein, und deren Scheitern nicht sich darin manifestiert, daß einer sich im anderen verliert, sondern er den anderen durch Eigensucht und Selbstherrlichkeit von sich wieder abstößt.

Der von Descartes geerbte Irrtum Hegels beruht auf der Annahme, was wir unter „ich“ verstehen, sei eine Form des Wissens.

Der Geist ist kein Buch der Erinnerung. Wer sollte es lesen?

Man wird seiner selbst inne an den Affekten von Zorn und Ekel, wenn der Nachbar mit einem Schabernack getrieben hat; man fragt sich, ob man etwas Falsches gesagt, sich im Ton vergriffen hat, wenn das Gegenüber die Brauen hochzieht.

„Ich“ bezieht sich nicht auf einen Gegenstand der Welt, es ist referentiell leer.

Wenn einer von sich erzählt: „Ich bin gestern im Park gewesen“, berichtet er nicht über für andere unzugängliche Gegenstände seines Bewußtseins oder seiner Erinnerung, sondern bezieht sich auf das, was der andere mit den Worten wiedergeben kann: „Ich habe N. N. gestern im Park gesehen.“

Es ist ein Wunder zu sehen, daß der Dichter Hölderlin anders als der Denker sich im Dickicht der idealistischen Dialektik nicht vollends verstrickte, sondern am goldenen Faden Ariadnes, einer Verkörperung Diotimas, aus dem Labyrinth ans Licht des apollinischen Tages zurückgefunden hat.

Hölderlin ist groß trotz Fichte und Hegel.

Wir gewinnen keine Klarheit über die Beziehungen, die sich in der Verwendung der Personalpronomina der ersten und zweiten Person bekunden, mittels Analyse des Bewußtseins, sondern durch sorgfältige Beschreibung ihres alltäglichen Sprachgebrauchs.

„Ich verspreche dir, es nicht zu tun“ ist Ausdruck des Akts selber, ist das Versprechen. Die Handlung erfordert die Anwesenheit der Personen und muß ernst gemeint sein, das heißt, die Bedingung der Aufrichtigkeit des Meinens erfüllen. Der Sinn des Gesagten ist erfüllt, wenn das Versprechen eingehalten wurde. „Er versprach ihr, es nicht zu tun“ ist eine Bericht über diese Sprachhandlung, über deren Erfüllungsbedingungen damit nichts mitgeteilt wird.

Es sind tausend Ranken von Frage und Antwort, Hören und Schweigen, Versprechen und Tun, Geben und Nehmen, die das Geflecht der interpersonalen Beziehungen bilden.

Unsere Beziehungen sind in Schalen oder Gestalten von Geschichten und Erzählungen eingefaßt. Semantische Indikatoren dieses narrativen Gehalts unseres alltäglichen Lebensvollzugs sind mittels Konjunktionen gebildete Satzgefüge, so wenn wir etwa sagen: „Obwohl ich ihr das Versprechen gegeben hatte, war ich nicht entschlossen, mutig, willens, es einzulösen.“ – „Wenn ich geahnt hätte, daß mein Geschenk sie in Verlegenheit bringen würde, hätte ich es ihr nicht gegeben.“ – „Weil ich das Versprochene hielt, war sie erleichtert und beruhigt.“

Nicht mittels Analyse des Bewußtseins, sondern in der geschickten Verwendung von Bildern und Metaphern erschließen wir uns den Sinn unserer Lebensvollzüge. So dienen uns beispielsweise Bilder der Auszehrung und des Dahinsiechens zur Erfassung und Beschreibung parasitärer Beziehungen; Metaphern der Jahreszeiten zur Beschreibung des Erblühens, der Reife und des Welkens einer Liebe, einer Freundschaft.

Aus dem Grund der Begegnung tauchen mythische Masken und Formen auf, Medusa und Gorgo, Gaia und Aphrodite, Satyr und Pan, Ares und Eros, auch wenn uns ihre Umrisse verschwommen bleiben und wir sie nicht einmal benennen können, bezeugt sich ihre Anwesenheit im Funkeln der Blicke, in Anmut und Starre der Haltung, in der Beleuchtung und Stimmung wechselnder Nähe und Ferne.

Der leichtsinnige idealistische Glaube an die spontane Höherentwicklung des geistigen und sittlichen Lebens zergeht vor den Klippen und Abgründen der Erfahrung.

Die Mannigfaltigkeit unseres Erlebens schießt nicht in den harten und glänzenden Kristall des Begriffs zusammen.

Und wäre es so: Was anders mit dem begrifflichen Gehäuse anfangen, als es gleich einer leeren Muschel ins Licht halten und nach einem kurzen Zögern des Staunens wieder zurück ins Element werfen?

Wir springen nicht durch Widersprüche in die Höhe gepeitscht, wie Hegel annahm, von der sinnlichen Gewißheit über die Wahrnehmung zum Selbstbewußtsein; denn in der leisesten Empfindung, im kaum merklichen Fühlen, in der halben Anonymität wetterfühliger Stimmung sind wir schon ganz da.

Wie, von Widersprüchen gepeitscht die Stufen der Erfahrung hinanspringen? Vor Antinomien indes erstarren wir in Ratlosigkeit, Kontradiktionen lassen uns wie gelähmt in den Sumpf des Widersinns hinabsinken.

Die Vergötzung der Leistung in der Arbeit des Begriffs zeugt von der Erniedrigung des kleinen Hofmeisters.

Wir setzen kein Wahrnehmungsbild aus der Addition und Synthese unserer Empfindungen und Sinnesdaten zusammen; sondern wir finden den vermißten Schlüssel in der Tasche, pflücken den Apfel vom Zweig, erfreuen uns am Lächeln des Freundes.

Unsere Wahrnehmungen sind in den Kreislauf unserer Handlungen und Lebensvollzüge eingebunden; wir starren nicht auf die Flamme im Herd, nicht auf die stummen Dinge wie der untätige Denker im Lehnstuhl. Wir zünden das Scheit an, wir plaudern über dies und das.

Im Vollzug des Tuns und Redens erschließen wir uns, was wir fühlen und sehen.

Hätten, wie Hegel wähnte, die Welt, das Leben, die Geschichte einen theoretisch erschließbaren Sinn, hätten wir ihn gründlich verfehlt, wären wir längst verloren.

In Napoleon einen großen Mann sehen, das tat Goethe auch; doch auch die heroische Verkörperung des Weltgeistes, das grenzt an Schabernack. In Preußens Staat die nationale Größe der Deutschen zu gewahren, das taten nicht mindere Köpfe; aber den Gipfel und Endpunkt der Weltgeschichte, das mutet engstirnig an, ja geistlos.

Die Idee, daß dialektisch der Gipfel und die Vollendung der Geschichte erreicht seien, findet ihre grausame Verifikation in den Straflagern der klassenlosen Endzeit-Gesellschaft, die unter den selbsternannten Geschäftsführern des Weltgeistes auf den absoluten Begriff gebracht worden ist.

Marx ist der Götze auf dem blutigen Altar des hegelschen Weltgerichts, Lenin und Stalin die Opferpriester.

Geschichte – das gibt es eigentlich nur im Plural.

Tausende Würmer, sprich Ausleger und Nachbeter, nährt noch immer der schon zerfallene Kadaver.

Zwei Fehlbildungen, die Suche nach dem Allgemeinbegriff als wahrer Bedeutung, und der Glaube, das Ich sei eine Art Spiegel seiner selbst, das sokratisch-platonische und das kartesische Mißverständnis, vereinigen sich bei Hegel zum Monstrum des dialektischen Begriffs.

Nirgends war die Arroganz der kleinen Dozenten größer, nirgends die Atmosphäre giftiger als im universitären Dunstkreis und den doktrinären Zirkeln des Hegelianismus und seiner Derivate des Marxismus und Neomarxismus.

Ähnlich wie der Psychoanalytiker Einwände gegen seine Theorie als neurotische Widerstände diagnostiziert und denunziert, relegiert der Hegelianer universitärer oder parteilich-marxistische Provenienz Kritik am Werk des Meisters auf niedere Stufen der Selbstentfaltung des Begriffs oder verunglimpft sie schlicht als falsches Bewußtsein.

Das hegelianisch fundierte Urteil, sich nicht auf der Höhe des Weltgeistes zu bewegen, sondern unbelehrbar am falschen Bewußtsein zu haften, war für Abertausende ein Todesurteil.

Unsere Definitionen brechen ab, zwischen Gedanke und Tat lauert die Unableitbarkeit der Entscheidung, der Strom des Lebens mündet nicht an einer einzigen Stelle, sondern verzweigt sich in ein unübersehbares Delta.

Biographien zeigen nur in Extremfällen ein dramatisches Muster, manchmal fluten und ebben sie wie die Wogen des Epos, meist ähneln sie den trostlosen Rinnsalen bruchstückhafter Tagebucheinträge.

Die Weltgeschichte als dramatische Biographie eines Weltgeistes zu verfassen – das ist bizarrer und verworrener als der Traum eines shakespeareschen Narren.

Die Chronologie bildet keine Wertskala, als wäre der letzte Schrei immer der maßgebende.

Der Begriff Hegels verzehrt die Substanz des Mythos und der Kunst, der Religion und der Dichtung, er läßt nur einen leeren Spiegel vor einem leeren Spiegel zurück.

In Wahrheit leuchtet die Blume des Worts jäh am Abgrund des Schweigens, bleibt unerfüllbar, unaufhebbar die Lücke zwischen dem eigenen und dem fremden Schatten, legt der Tod das Blatt mit der unentzifferten Schrift auf den Mund des Toten.

Der Glanz des Gipfelschnees rötet sich unterm Hauch der Abenddämmerung, als glühten noch Rosen göttlicher Einsamkeit.

 

Sep 3 20

Fallobst

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Nach vollbrachter Untat, dämonisch inspiriert, nach begangenem Verbrechen, glücklich entronnen, aus tiefem Heilschlaf, vom Gift des schlechten Gewissens entschlackt, erwachen, zu neuen Taten, Verführungen, Eroberungen bereit – Faust.

Löwe wider Lamm, Lorbeer wider Dornenkrone, Selbstgefälligkeit der Kreatur gegen gefallene Schöpfung – das ist die faustische Schale, in der Nietzsches Psychologie heranreifte.

Begriffe, Gedanken, Theorien, dem Wurzelgrund der Erfahrung entrissen, vom Blutkreislauf des Handelns abgeschnitten, verblassen bald wie Blumen in der Vase, deren Wasser verdunstet. – Sie werden zum verschlissenen Dekor der Philosophie.

Die Herde und die Horde, ob real oder als seelisch-symbolische Instanz, und das genetisch geprägte Siegel der Herkunft, sie bergen den Einzelnen oder wiegen ihn doch in Sicherheit.

Der Kleine spielt ruhig auf der Gasse, umhüllt vom Schatten des großen Bruders.

Die sich unter einem Zeichen, einem Emblem, einer Flagge scharen, bilden schon eine Wehrgemeinschaft.

Journalismus ist der Verschleiß der Worte in den schlammigen Fluten der Polemik.

Nach jahrhundertelangen Fehden und Kämpfen erliegen die Schotten den Briten und werden ins englische Großreich eingemeindet; dann kolonisieren die loyalen Schotten im Auftrag der britischen Krone Nordirland.

Die unterworfenen Gallier werden ein stolzer Träger der römischen Kultur; der Besiegte verschmilzt mit dem Sieger in einem Maße, daß er seine Herkunft, seine Götter, seine Sprache von sich abschüttelt.

Die von Karl dem Großen blutig unterworfenen Sachsen stellen dem Reich bald die edelsten Könige und ruhmvollsten Kaiser.

Herrscher auf verlorenem Posten begehen Selbstmord; aber nur wenige schlachten ihre eigenen Nachkommen, um sie vor der Schändung durch den Sieger zu bewahren.

Große Dichtung vermag die Sprache des Volkes zu formen und zu prägen, so Homer, Vergil und Dante; der zerrissene und schwierige Deutsche kam spät, erst nach Luther, zum nationalen Idiom, und auch dieses gedieh eher in den Zeitungen und Journalen als im Zungenschlag der Dörfer und Städte an Inn und Donau, Rhein und Elbe, Weser und Spree.

Die Gärten der Toskana, die Parklandschaften des französischen Barock und der englischen Romantik; aber der typisch deutsche Park?

Goethe fasziniert im Zweiten Teil der Faustdichtung mit den erlesensten, duftigsten, gewagtesten Blüten von Vers und Reim; und er stößt immer wieder ab durch die grinsenden und grell geschminkten Masken der erotischen Besessenheit eines alten Mannes.

Die höchst seltene Gabe des zweiten Gesichts; Goethe – aber auch Stefan George, der lange vor dem zweiten vom ersten Weltkrieg sprach.

Vollgestopft mit dem Schund psychologischer Traktätchen werden Pädagogen auf ihre Opfer losgelassen.

Von Bildung im Zusammenhang mit dem zu reden, was allerorts an deutschen Schulen sich als lähmender Mehltau auf die Herzen und Hirne der Belehrten legt, grenzt an Zynismus.

Den Feind zu lieben – von allen Fragwürdigkeiten einer ins Gemütliche und Biedere abgesunkenen christlichen Moral ist diese dem deutschen Philister die unbefragteste.

Je einsamer und bindungsloser, umso vertrauter mit dem Schatten, dem Staub, dem Nichts.

Wer die Frage wozu stellt, ist schon verloren; er schaut das Fleisch, das lebt, um zu verdauen, das Fleisch, das verdaut, um Fleisch anzusetzen.

Wortklauber, Begriffsfetischisten, Metaphernjäger – kurz „Philosophen“.

Sie beschmieren die Scheibe, durch die noch etwas zu sehen war, und nennen es Kunst.

Die Predigt der Anerkennung und unbedingten Wertschätzung von Hinz und Kunz und das Verächtlichmachen der gesunden Instinkte von Skepsis, Mißtrauen und kritischer Betrachtung dahergelaufener Ansprüche sind ein Zeichen sklavischer Gesinnung oder ein Symptom ungelüfteter Schuldgefühle.

Die Unfähigkeit, sich klar auszudrücken, gilt vielfach für einen Ausweis von Inspiration und ein untrügliches Zeichen von Genie.

Immer grellere Sprüche und Thesen, immer wilderes Fuchteln, immer lauteres Gebaren ist so sehr ein Haschen nach Aufmerksamkeit und Tagesruhm wie ein Ausdruck des heimlichen Wissens um die eigene Nichtigkeit und ein Zeichen von Todesangst.

Nicht nur, wer Ungehöriges und Unzeitgemäßes von sich gibt, wird für vogelfrei erklärt, sondern sogar, wer nichts sagt und hartnäckig zu den verordneten Themen schweigt.

Wer sich nicht bekennt, sich nicht in die Reihen der Begeisterten einreiht, nicht den Gassenhauer auf der Festwiese und die Hymne unter der Fahne mitgrölt, ist der wahre Ketzer und Abtrünnige.

Nicht macht der Haß nur häßlich, denn der unterdrückte Haß macht krank.

Die wirksamste Kraft kultureller Formung und Prägung ist die spontane Nachahmung, das, was kluge historische Forschung einmal Diffusion nannte. So führte den Stifter und Anreger des modernen Hebräisch, Eliezer Ben-Yehuda, der Umstand zum Erfolg, daß aus seinen Bemühungen jenes Lied hervorging und sich von Mund zu Mund, von Dorf zu Dorf verbreitete, das schließlich zur israelischen Nationalhymne gekürt wurde.

Welche Dekadenz des ästhetischen Geschmacks und der nationalen Selbstfindung zeigt sich in den grellen Fetzen der Nationalflaggen, vergleicht man sie mit den schönen Wappen und sublimen Emblemen der vordemokratischen Epochen.

Jene haben kein Vaterland mehr, die nicht bereit sind, ihr Leben zu seiner Erhaltung in die Waagschale zu werfen.

Die Deutschen sind eine massa damnata, die nichts mehr bindet, keine Religion, keine Mythen, keine Kulte, nur ein kaum lesbares Menetekel auf der Mauer des von elendem Geschwätz überwucherten Schweigens.

Die frommen Juden haben ihr Buch, ihren Gebetsschal, ihren Sederabend, alles, was ihrem kleinen Leben Größe, ihrer Traurigkeit Hoffnung, ihrer Vergangenheit Zukunft gibt.

Hölderlin im Turm – keine Zeitung, kein Fernseher, kein Handy, und doch sah er aus seinem Fenster weit hinaus auf die Jahreszeiten der Seele.

Was hätte es ihm genutzt zu erfahren, daß heute wieder da und dort ein wütender Mob die Grundlagen der eigenen Existenz in Scherben schlägt?

Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen, das eine hat allerdings blaugraue Punkte, das andere graublaue. Das preisen sie als Vielfalt, Buntheit, Diversität.

Wer kein dickes, schwülstiges Trauma vorweisen kann, muß in der Suppenkühe ganz hinten anstehen; bei der Verteilung der Literaturpreise wird seiner erst gar nicht gedacht. Denn diese werden bevorzugt für Bücher vergeben, zwischen deren Zeilen es obszön oder gespenstisch hervorquillt.

Das Fallobst vom Baum der Sprache, das noch gestern in der Dämmerung der Zweige verheißungsvoll geglüht hat, wird von keinem mehr aufgerafft; geschweige denn zu köstlichem Most verarbeitet.

 

Sep 2 20

Was noch kommt

Was noch kommt, ist Brausen,
Stirn, o reines Verschäumen,
Blätter, die trunken niedersausen,
Gold aus arkadischen Träumen.

Blau, die dich bannten, die Meere,
und die ins Blut dir gingen,
Blicke aus blauender Leere,
kannst du heimwärts nicht singen.

Weine ins Schweigen der Moose
Liedes schimmernde Tränen,
schließe die Knospe der Rose,
Sklavin der Sonne, dein Wähnen.

Was noch bleibt, ist Lallen,
triefend von tödlichen Trauben,
einsam ins Dämmerlicht Fallen
monddurchflossener Lauben.

 

Sep 1 20

Die goldenen Schuppen der Idole

Die Bilder, die auf nächtlichen Wogen
wie Schwan und Blume säumend schwammen,
sie haben gnädig uns betrogen
und schmelzen unter Frührot-Flammen.

Die schwermutbleichen Lilienhände,
die uns gekühlt die heißen Wangen,
zerdrückte eines Nachtmahrs Lende,
wie schlaff sie überm Abgrund hangen.

Und die uns zart bewimpert meinten,
die schwarzen Augen stiller Gärten,
sie waren Brunnen, die nicht weinten,
sie waren Spiegel, die verzerrten.

Die goldenen Schuppen der Idole,
getaucht aus Teichen grüner Mythen,
sie schwärzen sich wie tote Kohle,
sie schwärzen sich wie tote Blüten.

 

Sep 1 20

Unbehaust

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Viel erlebt und nichts verstanden.

Viel gereist und nichts gesehen.

Viel erlitten und nichts begriffen.

Am Übermaß der Bilder erblindet.

Am Geschwätz erstickt.

Um mit ihrer Weltweisheit aufzutrumpfen und ihre Nichtigkeit zu bemänteln, prahlen sie mit ihrer Sammlung von Flug- und Eisenbahntickets, Eintritts- und Visitenkarten.

Alben und Annalen der Erinnerung: vollgestopft mit leeren Gesichtern und verlogenen Landschaften.

„Der archaische Mensch, der antike Mensch, der moderne Mensch“, „Fortschritt der Humanität“, „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ – welche Dummheiten, welche Phrasen!

Wir verstehen die homerischen Epen und die biblischen Erzählungen von der Zeit der Patriarchen und der frühen Könige Israels, weil sich die grundlegenden Züge der menschlichen Natur gleich geblieben sind.

Nicht Fortschritt, nicht Pöbelkrawall auf den Gassen und Plätzen, nicht die endlich gewebte Flagge des ewigen Friedens, sondern Flucht ins Reich der Fabel, Entrückung in künstliche Paradiese, Traumwelt der Kunst – hier leuchtet bisweilen die reine Flamme menschlicher Würde.

Wenn die Männer keine Herren, die Frauen keine Damen, die Deutschen nicht mehr deutsch sein wollen – mag man sie vielleicht bedauern, doch soll man ihnen nicht nachtrauern.

Das Leben krankt an zuviel Eigengewicht, der Kopf an zuviel Eigensinn, das Herz an zuviel Selbstgefühl, wenn die tragende Schicht der Traditionen und Gebräuche wie jene des christlichen Festkalenders nachgibt.

Freiheit ist der Güter gefährlichstes – wehe, wenn der Scharlatan, der Triebtäter, der Kriminelle auf der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit bestehen!

Cave hominem steht als Motto über der Pädagogik und Psychologie, die das menschliche Elend und Grauen nicht mit einer spanischen Wand menschenfreundlicher Illusionen verstellt.

Wenn man den bösen Trieb, um mit dem Talmud zu sprechen, aus dem Menschen herausoperiert, verliert er auch die Antriebsenergie und Schubkraft zum Guten. Darin liegen die absurde Tragik und die schreckliche Komik aller grandiosen staatsterroristischen Umerziehungsprogramme und aller Utopien vom neuen Menschen.

Zuviel Testosteron läßt den Mann zuschlagen, zu wenig siechen.

Der Atheismus ist das Opium aller innerweltlichen Glücksverheißungen und der Mittäter der größten Verbrechen.

Die Natur des Menschen liegt mit dem Glück in ständigem Hader.

Die Dämonen hausen in den Gliedern und Teilen des menschlichen Körpers, in Auge und Mund, Ohr und Zunge, Bauch und Geschlecht.

Diebe wollen das unrechtmäßig angeeignete Gut als ihr Eigentum behandelt sehen und es sich nicht wieder entreißen lassen.

Der Hang zur Faulheit ist universell, er motiviert ein Gutteil der Verbrechen wie Diebstahl, Raub und Betrug.

Die einen liegen auf der faulen Haut und tun sich an den Früchten des Lotos gütlich, die anderen recken sich nach dem Lorbeer, bauen Tempel, errichten weithin glänzende Monumente, um in die rühmlichen Annalen Klios einzugehen. Doch bisweilen schreibt Klio im Rausch oder in somnambulem Zustand und vertauscht oder verfälscht die Namen und Daten.

Gewiß, den Landstreicher quält nicht die Sorge um das Eigentum eines prächtigen alten Anwesens, die Angst, es beschädigt zu finden oder es zu verlieren, der Kummer angesichts unwürdiger Erben; doch auch er hütet die Mundharmonika, auf der er bisweilen abends nicht ohne Sentiment zu spielen pflegt, wie seinen Augapfel.

Wer mit der Zeit geht, hinkt dem ephemeren Glück des erfüllten Augenblicks immer hinterher.

Wenn Gott nicht mehr Monarch ist oder keine Könige von Gottes Gnaden herrschen, wird der nackte, jämmerliche, nichtsnutzige Mensch zum Götzen.

Keine Massengesellschaft ohne Massentierhaltung und die durch sie auf Mensch und Kreatur ausstrahlende Entwürdigung.

Die technische Zivilisation ist auch ein Seitentrieb der menschlichen Faulheit.

Nachdem sie mit ihren Denkern und Dichtern auf den Gipfel gestiegen sind, rasen die Deutschen mit ihren Erfindern und Ingenieuren wieder in den Abgrund.

Die Via Appia in ihrer alten Gestalt, und dann irgendeine öde Einkaufspassage in einer der Metropolen.

Im Gegensatz zu den Wohnsilos der Metropolen haben selbst die schmutzigen Winkel und windschiefen Häuser eines ärmlichen Bergdorfs in den Abruzzen, den Alpen oder den Tälern des Himalaya ihren eigentümlichen ästhetischen Charme.

Man erkennt das ästhetische Niveau eines Zeitalters an seinem bevorzugten Material für die Gestaltung von Kunst- und Gebrauchsdingen; so Knochen, Elfenbein und Stein der Frühzeit, Holz, Marmor und Bronze der Antike, Gold, Onyx und Porphyr in Byzanz, Eisen und Blech der Neuzeit, Plastik und andere synthetische Materialien in der Gegenwart.

Homer, die Tragiker, Vergil, Dante, noch George und die Surrealisten glaubten an die Offenbarung durch Träume; heute sieht man in ihnen nur noch blasse Chimären des Begehrens und der Angst.

Die von Türmen und Berggipfeln Ausschau halten, sehen die subtilen Schönheiten der Nähe nicht, lesen nicht die Schönschrift in den Maserungen und Lineamenten der Kiesel, Blätter und Insektenflügel.

Vergil ist der Autor der Aeneis. Aber wessen Autor ist Vergil? Es ist ein Unterschied ums Ganze, wenn man auf sein Zeitalter weist oder seinen Genius.

Die größte Dekadenz dieser Zeit, die der Kirche, wird als Aggiornamento und Welterschließung verklärt, obwohl sich ihr Auftrag nicht auf den Tag, sondern die Ewigkeit, nicht auf die Welt, sondern das Reich Gottes richtet.

Der Anteil höherer Bildung des gemeinen Volkes waren die immerhin noch schmackhaften und gut verdaulichen Brosamen, die von den Tischen und Pulten der Oberschicht fielen; was heute über die neuen Medien herabsickert, sind fade Geschmacklosigkeiten, die noch dem gesündesten geistigen Organismus die Adern verstopfen, selbst dem nüchternen Verstand den derben Magen umdrehen.

Gehetzt, zerquält und unbehaust, dem eigenen Dasein und Wert mißtrauend, voller Unruhe, die an keinem Bilde, keinem Wort und keinem Bunde sich sättigt und stillt, das nahe Gute einer Chimäre gespenstischer Ferne opfernd, hinter Masken nur wieder neue Masken ertastend, auf dem Zaubermantel eines Alter Ego vom Wind des Spotts und der Verneinung in immer neue Selbstinszenierungen getragen – wenn dieser Faust ein Porträt der deutschen Seele sein soll, können wir seine und ihre Erlösung kaum für bare Münze nehmen.

Die Riten sind die Mauern, hinter die sich die bange Schar der Erwählten flüchtet.

Zuerst war das dichterische Wort magisch wie in den alten Zaubersprüchen, dann rituell wie in den Musenreigen und den tragischen Chören gebunden; losgerissen von allen Bindungen, wird es abstraktes Gerede, Asche auf der Zunge von Irren, fauler Atem aus dem Mund von Todgeweihten.

Die Ode und der Hymnus starben, weil die Gemeinde, die sie hätten mit Leben behauchen können, selbst als gehoffte wie bei Hölderlin, ausblieb oder sich wie die beschworene bei George in alle Einsamkeiten und Einöden verstreute.

 

Aug 31 20

Das Gift, das Gestern

Lieg ich bei Wurzeln, unter Ranken,
soll mir das Flüstern aus dem Dunkeln
das Grauen lindern, die Gedanken
mir lichten hohes Sternenfunkeln.

Senkt sich mein Haupt, wo Wasser quellen
auf weiche Moose, bunte Steine,
soll sich das Grauen mir erhellen
an Tränen, die ich fühllos weine.

Ich tauche meine heiße Schläfe
in Gras und Halme, wenn sie tauen,
daß mich des Mondes Sichel träfe
und mähte hin das dürre Grauen.

Doch wenn die Schatten, Lichtes Schwestern,
mein Herz beschleichen, Geister-Schlangen,
träuft mir ihr Biß das Gift, das Gestern,
hat mich das Grauen neu umfangen.

 

Aug 30 20

Blutstropfen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Zu viele Worte, zu viele Bilder, zu viele Menschen.

Das ferne Rauschen eines Baches in der Nacht, wässriges Gold der Dämmerung in einem schmalen Spiegel, der Schatten eines Flügels auf dem Teich, der schon versinkt – genug, genug.

Wie feiner Sand im Stundenglas, so rieseln Korn um Korn die Worte aus dem Mund.

Keiner weiß, ob die Worte auf fruchtbaren Boden fallen und keimen, weder, der sie sagt, noch der sie vernimmt.

Das fern Geschaute, schwach Erlebte, kaum Gefühlte – ein Fleck, ein kleiner Riß auf einem Blatt, und ringsum ranken sich die Schatten kommentierenden Dickichts.

Der Gekränkte stirbt der Welt in dem Maße ab, wie er über seiner Wunde meditiert.

Das Denken kann sich nicht an einem Einfall, einem Bilde, und seien sie noch so kühn, noch so farbenfroh, sättigen.

Der melancholisch Erstarrte ist weniger als der Käfer, der unterm warmen Anhauch wieder sich regt.

Die lebendige kann die tote Hand nicht mehr erwecken.

Die Blume, die geblüht hat, kann getrost verwelken; doch der unerblühte Mund …

Und versehrt sie nur ein kaum sichtbarer Riß, der Ton der Glocke ist verstimmt.

Unter dem Schwulst des Verses, den die ästhetische Kritik erfolgreich wegoperiert hat, tritt eine nichtssagende Trivialität ans Licht.

Manch eine glänzende Metapher enthüllt sich bei näherem Hinsehen als eitriger Ausschlag auf dem geschwächten Leib der Sprache.

Wenn die zarten Sprossen artikulierter Laute vom Ächzen eines entfesselten Rhythmus verschluckt werden.

Die da an den Wassern Babels seufzen und klagen, können ihr monotones Gurgeln, das klingt wie ein ewiges „Ja, ja, nein, nein“, nicht übertönen.

Der vom Leben freudig Umarmte und der ins Dunkel Verstoßene haben sich nichts zu sagen.

Am Kuß der Muse erstickt.

Ins dämmernde Wasser versenkt der Mond seine toten Lilien.

Die Panik des Triebs, in der sich Molche und Frösche umklammern, um zu laichen.

Die fast tödlichen Züge und Wanderungen der Vögel und Lachse, um eine Zukunft zu retten, die ohne sie stattfinden wird.

Jener, der nachts das Geflecht der Seele wieder auftrennt, das er tags mühsam gewebt hat, um, vergebens, den unerbittlichen Freier Tod zu betrügen.

Gran Partita am Strom der Dämmerung, in dem Leichenteile treiben.

Eros, Wespe, die sich im Haar verfing.

Der Philosoph, der als über ein Sakrileg entsetzt war, ein Klavier im Kirchenraum vorzufinden, konnte doch das Knie nicht beugen.

Ein schartiges Messer, des Vaters Strahl, den der fromme Dichter zu fassen wähnte.

Blutstropfen, was im Dunkel wie Rosen gefunkelt.

Keiner fand noch die Partitur, nach der die zerrissenen Teile der Seele wie die Hörner, Fagotte und Klarinetten einer Mozartischen Serenade harmonisch zusammenklingen.

Was im Dunkel wie ein Nachbild des wirren Sonnentages schimmert, Einsicht, bittere Träne.

Auf dem Kalvarienberg blättert der Philosoph verlegen in seinem Lexikon nach dem hier anwendbaren Lemma.

Welche erhabene Aussicht, ohne Hoffnung auf Auferstehung, das Festmahl der Würmer.

Der Ernüchterte kehrt wie Sisyphos am Morgen zu seinem Felsbrocken zurück.

Des Dichters Lorbeer schmerzt wie eine Dornenkrone.

Zwischen Grauen und Grauen nur die rasch sinkenden Knospen eines unfaßbaren Lichts.

Auf verschlungenen Pfaden, der Käfer sagt es mit seinem grünen Schimmer, der Baum mit wehenden Zweigen, der Schatten des raschen Flügels auf dem Wasser, das laute Wort dessen, der deinen Weg kreuzt, bleibt stumm und weiß nichts von der Heimat, die du meinst.

Das Wasser des Gedichts spiegelt die flüchtigen Wolken, die wehenden Schatten des Lebens und das schöne Antlitz der Liebe, die einmal, o einmal sich darüber beugt; aber wie Tau verrinnt die Zeit und die Erscheinungen weichen zurück, bis nur das blasse Blau des Himmels, die Hortensie sanfter Stille, ihm noch bleibt, und bald schon wird es grau, denn der Abend, Adieu für immer, er ist nah.

Der Übertritt und das Unmaß bleiben nicht ungesühnt, das allzu gierige Feuer verzehrt sich selbst, das böse Grinsen zerfällt in ein schmerzvolles Lächeln, die krakeelende Stimme erstickt in Röcheln.

Das Gedicht ist wie der Stein im Bach, um den das Wasser sich teilt und aufschäumt und rauscht, doch hinter ihm glätten sich die Strudel und es fließt wieder sanft dahin.

Unendlich ist die Fuge des Lebens, Glück, wenn wir uns als eine ihrer zahllosen Stimmen, ob klein oder groß, ob führend oder respondierend, begreifen.

 

Aug 29 20

Neueste Xenien

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dumm durch Wissenschaft.

Klugheit umgeht den Stein des Anstoßes, Dummheit stolpert, Wahn starrt ihn an.

Was der Neurotiker als tragische Verstrickung erlebt, wirkt auf den Außenstehenden bisweilen komisch.

Die Variationen, nach denen Kinder weiße und schwarze Steine, rote, grüne, blaue Perlen auf eine Schnur reihen, ähneln dem Rhythmus der Dichtung.

Man tut den Insekten Unrecht, wenn man das Gewimmel in ihren Bauten mit demjenigen in den Wohnsilos der Riesenstädte vergleicht.

Die modernen Medien erfüllen ihren Zweck, wenn sie den Verdacht gegen den Menschen bis zum Widerwillen steigern.

Welcher metaphysische Witz, wie Männer und Frauen ihre Körper nach genetischem Bauplan so ausbilden, daß ihre Geschlechtsorgane zusammenpassen.

Die großen Worte wurden durch inflationären Gebrauch zu hohlen Hülsen, unter den geringen und unscheinbaren finden wir noch etliche Körner und schmackhafte Beeren.

In der Welt der Hinkenden gilt der anmutig Schreitende für einen göttlichen Tänzer.

Infolge der Kulturvernichtung mittels organisierter Kulturförderung vergeben geistige Analphabeten die höchsten literarischen Preise an Schreiber, die auf dem Glatzkopf ihrer Sprache modische Locken zu drehen vorgeben.

Die kriminelle Tat wird unter Hinweis auf die schöne, aber traumatisierte Seele des Täters exkulpiert.

Das Opfer der Straftat gilt als eigentlich kriminell, hat es den Täter doch, und sei es durch sein Dasein, seinen Blick, seinen Ausruf, provoziert.

Der Gedanke an Wiedergutmachung, das Gerüst des Rechts, gilt als Relikt archaischer Racheimpulse.

Der moralische Imperativ, nur sich als Gedanke, als Absicht, als Wunsch zu erlauben, was von allen gutgeheißen wird, ist schon Verrat an der Wahrheit des eigenen Lebens.

Der Konsens ist das Ideal des Pöbels mit seinen chaotischen Instinkten.

Dummheit der Philosophen: einen Schleier von Ideen vor die Erfahrung des Lebens zu hängen.

Am hohen Absatz des eleganten Schwätzers klebt der Kot des Gewöhnlichen.

Man kann kein Verjüngungsbad in der schlammigen See des Widersinns nehmen.

Auch den grellsten Blitz verschluckt die Nacht.

Tage später klingt der letzte Schrei im Kunstbetrieb nur noch wie ein Röcheln.

Die Wunde der persönlichen Identität blutet durch den dicksten Verband.

Geisteswissenschaft oder die Scheinblüte des Sekundären.

Betrachten wir die hellenische Linie von Winckelmann und Goethe über Hölderlin bis zu George: Hier bricht sie ab.

Nur der Eigentümer von Grund und Boden, der Besitzer des eigenen Hauses ist autonom: Kann er sich doch aussuchen, mit wem er leibt und lebt.

Mieter dagegen sind Sklaven eines fremden Willens und den Machenschaften von Nachbarn ausgesetzt, die sie sich nicht ausgesucht haben.

Sklavenseelen führen den Kampf gegen das Eigentum. Strategen der Macht sind seine Parasiten.

Die Parklandschaften, die dem feudalen Landadel gehörten, waren gepflegt und eine Augenweide, große Gartenarchitekten und bedeutende Botaniker wurden beauftragt, die Versöhnung von Natur und Kultur zu lebenden Bildern auszugestalten. Die Volksgärten der Demokratien sind von Müll und widrigen Meuten verstopft, Schwaden von eklen Gerüchen benehmen einem den Atem.

Die Idee des Erbes führte die antike Kultur zu ihren ragenden Gipfeln an sublimem Geschmack und künstlerischer Verfeinerung.

Die alte jüdische Schule diente der Pflege des überlieferten väterlichen Erbes.

Um zu kaschieren, daß ihnen nichts einfällt, schmücken sie sich mit großen Namen.

Im dichten Rankenwerk der Zitate raschelt bisweilen eine graue Maus und sucht vergebens nach einem Körnchen, einem Samen.

Die Linie des deutschen Hellenismus brach ab: Kein Gott hat sich verleibt.

Das prophetisch beschworene Gastmahl von Göttern und Menschen endete in einer wüsten Wirtshausschlägerei.

In schlichten Gesten, lächelnd äußert sich die Güte, nicht in moralisch hochgezogenen Brauen angesichts der Schlechtigkeit der Welt.

Besser als große Ankündigungen und Versprechungen sind die leisen Worte, das fast geflüsterte, ja schweigend bekundete Bekenntnis, da zu sein und noch ein Weilchen zu bleiben.

„Ich habe genug“, „Schlummert ein, ihr matten Augen“ – welcher immer wieder durch selige Augenblicke verklärten Lebens unterbrochene, verzögerte, weit ausgeatmete Abschied.

Als wären das Bewußtsein, das Ich, der Geist, der Begriff, die Vernunft eigenständige Wesenheiten – was für eine bizarre Mythologie, die sich selber auf dem Olymp des deutschen Idealismus ansiedelte.

Die unfreisten Köpfe faseln immerfort von der Freiheit.

Dem häßlichen Genie darf man die Beschwörung vollkommener Schönheit zutrauen.

Die Allegorisierung des Begriffs ist griechisches Erbe, Ursprung des Mythos – nicht nur Sonne und Mond, Erde und Meer, Feuer und Wasser galten dem antiken Menschen für mythische Wesen, selbst Schlaf und Traum, Sorge und Lust, Hoffnung und Sehnsucht hatten ihre Epiphanien eigentümlichster Personen; davon zehrt noch der zweite Teil des Faust mit seiner klassischen Walpurgisnacht und ihrem Reigen der Grazien, Parzen und Furien, ihrem Gang zu den Müttern, der Beschwörung der Helena und der mythischen Zeugung des Euphorion.

Noch unsere gewöhnlichsten Redewendungen speisen sich aus mythischem Wurzelwerk; sprechen wir ja von einem, dem der Schreck im Nacken saß, der dem Tod ins Angesicht schaute oder den ein dunkles Ahnen beschlich.

Die Wahrheit des Lebens ist die außermoralische Wahrheit des Leibes; sie ist nicht verborgen, sondern kommt zutage mit jeder Regung, jedem Lächeln, jeder Träne.

Der Zeitgeist ist das Zwie- und Dämmerlicht, in dem die Proportionen verzerrt, Nähe und Ferne vertauscht, Hoch und Niedrig eingeebnet scheinen.

Der Schorf mancher Worte, der Grind mancher Empfindung, der Ausschlag mancher Idee löst sich bisweilen, taucht man sie in die Wellen des homerischen Epos, ins warme Blut des tragischen Bocks oder ins nüchterne Wasser der horazischen Ode.

 

Aug 28 20

Der Liebe letzte Rosen

Was noch aus Dunkels Zweigen spricht,
aus hohen Lebens fernen Flüssen,
sind Abschiedsworte voll Verzicht,
Geseufz von Toten, die uns missen.

Wie Weiden wild am Ufersaum
beugt uns der Schmerz zum Abgrund nieder,
die bittren Blätter rauschen kaum,
nur Tau tropft hin wie Klagelieder.

Wir sahen, wie im Dämmerblau
der Liebe letzte Rosen sanken,
war Wunsch und Hoffen alles grau,
blieb uns der Träne helles Danken.

 

Aug 27 20

Fremder Hauch

Ein fremder Hauch aus dunklem Grund
weht übers Gras der Worte hin.

Wie schmiegt sich Wort um Wort zum Bund,
ein helles Grün, ein dunkler Sinn.

Die Welle kommt, die Welle geht,
wie glänzt das Wort, wie wird es matt.

Die Welle geht, die Welle kommt,
wie Kiesel wird der Wehlaut glatt.

Was Sonne aus dem Staub entfacht,
des hohen Wortes Rose blüht.

Das Dunkel wogt, es strömt die Nacht,
ein schwarzer Mohn ist es verglüht.

Was uns aus Südens Bucht geweht,
war blauer Nachtigallenchor.

Das Lied, das sich mit Sternen dreht,
erlischt im Schilf, versinkt im Moor.

 

Aug 26 20

Überwindung des Nihilismus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Nihilismus ist die letzte Phase des Monotheismus.

Nietzsches Wort ist noch ein Teil dessen, was es negiert.

Daß wir die atonale Musik als letzte Phase der klassisch-romantischen begreifen können, wird schon an den Rissen und Sprüngen in der Biographie ihrer Gründer evident.

Mythos, Religion, Kunst – Versuche der Steigerung und Sublimierung des Lebens. Wenn sie zerfallen, wird das Leben flach, schal, ohne den geheimnisvollen Duft jener exotischen Blumen.

Fällt kein Licht mehr von den Flammen der Tempel, Kultstätten und Altäre in die trübe Wirrsal des Lebens, borniert es sich in einen dumpfen All- und Nichtstag.

Die Feier des Perversen ist das moribunde Stadium des Patriarchats.

Der Siegeszug der Technik und die Digitalisierung der Kommunikation sind die letzte Phase des Cartesianismus.

Vom Glauben an die Vernunft bleibt nur der Wahn der Machbarkeit.

Eine Rose, eine Mücke, einen Tiger oder einen Menschen kann man nicht erfinden.

Die Erfahrung der Lebensstufen und des Alterns läßt sich vom freien Entwurf der Existenz nicht überholen.

Worte haben nicht die Bedeutung, die wir ihnen geben.

Gäbe es keine Rosen, Mücken oder Tiger, wir könnten ihren Begriff nicht erfinden oder konstruieren.

Aus dem Begriff eines Stoffes, der H2O ist, können wir die Bedeutung von Wasser nicht herleiten.

Die Schachtel mit der subjektiven Bedeutung des Wortes, die jeder mit sich herumschleppt, ist bekanntlich leer.

Epochen der Epiphanien des Seins – dies ist der gehaltvollere Begriff als der sich in geschichtlichen Phasen manifestierende Weltgeist Hegels und seiner Derivate im Marxismus oder Spenglerismus.

Die Erfahrung des Nihilismus bei Hugo von Hofmannsthal – wenn die Worte, die großen und die geringen, nach nichts mehr schmecken, auf der Zunge zerfallen.

Heidegger überwand den Nihilismus, der notwendig aus der cartesischen Annahme des nur sich selbst zugänglichen Ego cogito folgt, dadurch, daß er die Strukturen der Bedeutsamkeit freilegte, in die das Dasein fraglos eingebettet ist, Stimmungen, Gesten, Rituale, Sitten, Gepflogenheiten.

Wir finden zu einer tieferen Bedeutsamkeit des Lebens nur zurück, wenn wir die Idee der Singularität des Subjekts aufgeben und durch die Erfahrung des Heiligen ersetzen.

Ein wesentliches Merkmal des Heiligen ist seine Aura, dasjenige, was in unsere Dunkelheit leuchtet, wenn das lumen naturale oder der Funke der Seele schon erloschen ist.

Wie wir die Anmut einer Bewegung oder Geste wahrnehmen, können wir die Aura des Heiligen wahrnehmen, nicht durch Vergleich mit einer Mustervorlage, sondern unmittelbar und intuitiv.

„Die erste Zeile schenken die Götter“ – doch muß der Dichter sich auf die Feinheiten und subtilen Techniken des poetischen Handwerks verstehen, um sie in den Bau des Gedichts als Schlußstein einsetzen zu können.

Der Rezitator, der Sänger, der Musiker, sie müssen ihr Handwerk und ihre Disziplin aufgrund jahrelanger Übung und Praxis vollkommen beherrschen; doch damit die Interpretation gelingt, bedarf es der Gunst der Stunde, der Gnade des Augenblicks, dessen, was die Griechen Kairos nannten, und dies ist ihrer Verfügungsgewalt und künstlerischen Kontrolle entzogen.

Wir nennen, was dem Duft der sich öffnenden Blüte gleich als Glück des Gelingens der Interpretation entströmt, Charisma.

Die Strahlen des Charismas legen sich über den Abgrund der Angst und die Leere des Nihilismus wie eine Brücke, die wir ohne Schwindelgefühl betreten.

Man mag die Handlungen des Menschen auf dem Hintergrund ihrer Absichten und der Fähigkeiten zu ihrer Ausführung für der Willkür unterstellte Bewegungen ansehen; doch an jenen, deren Gelingen auf uns die Wirkung der Anmut oder des Charismas ausübt, gewahren wir ein unwillkürliches Moment, das sich unserer Analyse entzieht und den Begriff der Freiheit und Willkür überholt.

In wesentlichen Momenten unseres Daseins unterliegen wir einem Dritten jenseits von Tun und Leiden, so beim Einschlafen, im Traum, bei der zärtlichen Berührung, der Erinnerung oder dem schöpferischen Prozeß der Kunst.

Zu den Strukturen der ursprünglichen Bedeutsamkeit des Daseins gehören auch, wie Heidegger gezeigt hat, die Stimmungen. Sie haben medialen Charakter, entfalten sich jenseits von absichtsvoller Regung und passiver Duldung, so die heitere Stimmung des morgendlichen Spaziergangs im sommergrünen Park oder die düstere beim Heimgang durch den Wald am Winterabend, wenn es zu regnen beginnt. Stimmungen dieser Art sind nichts Innerseelisches, denn sie umhüllen uns und unsere Begleiter gleichermaßen.

Wir müssen, anders als Homer und die Griechen, die Mächte, die unser Leben „stimmen“ oder mit der Gunst ihres Charismas begaben, nicht als göttliche Wesenheiten betrachten, um ihrer Größe und Verfügungsgewalt gerecht zu werden; dennoch sind sie auch uns ein Jenseits von bloßer Konvention und Fiktion.

Wir können den Verlauf und den Ausgang einer Unterredung, einer Verhandlung, eines Gesprächs, einer Plauderei zu Beginn nicht überschauen und voraussagen; dem einen fällt eine treffende und erhellende Formulierung ein, der andere verstrickt sich in dürres Wortgeranke.

Die hochmütige Aspiration, als selbstbewußtes Ego ein selbstbestimmtes Dasein führen zu wollen, führt uns an den Abgrund der Ohnmacht und der Verzweiflung.

Die autonome Moral des guten Willens, die sich regel- und gesetzförmig in einer widerspenstigen und tauben Welt zur Geltung zu bringen sucht, ist ein Ahnherr des Nihilismus.

Wir singen oder summen eine bekannte schlichte Melodie; wir können in gleichem Sinne sagen, daß wir es sind, die sie im Munde führen, aber auch, daß sie es ist, die uns von Note zu Note, von Takt zu Takt weiterleitet.

Es ist unfruchtbar und trügerisch, dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens und dem Nihilismus entfliehen zu wollen, indem man sich einer kulturellen Modeströmung oder einer Exaltation des Zeitgeistes unterwirft.

Betrachten wir die Neurosen und Perversionen im Lichte ihrer scheinhaften Flucht aus dem Dickicht und Wirrsal der vom Nihilismus erregten Angst.

Es ist besser, die Leere auf sich zu nehmen, statt sie mit Illusionen und Chimären zu füllen, besser, in der Entsagung auszuharren, als sich mit noch so schmackhaften Lotosfrüchten abspeisen zu lassen.

Wir finden ein lichteres Feld und freieres Atmen, wenn wir uns vom rationalen und öffentlichen Diskurs einer Sprache abwenden, die sich der Worte als Instrumente, Waffen oder Reizmittel bedient, und jener Sprache zuwenden, in der die Worte gleichsam wie Masken eines Traumspiels erscheinen, das wir zugleich erfunden und nicht erfunden haben, in dem wir zugleich Zuschauer und Mitspieler sind, einer Sprache, in der die Worte gleichsam wie abgefallene Knospen auf einem Fluß treiben, ohne daß wir wüßten, woher und wohin, der Sprache der Dichtung.

Die Erneuerung oder die Ankunft des Denkens in der dichterischen Sprache belehrt uns darüber, daß der argumentative Gebrauch der Worte nicht der allein maßgebende und die kommunikative Vernunft der wohlgenährte Parasit jener Sprache ist, die sich frei von der Absicht, etwas mitzuteilen, wie das nächtliche Rauschen einsamer Fontänen gleichsam selber spricht.

 

Aug 25 20

Die alte Wirrnis

Nicht Tag, nicht Nacht ist noch bewußt,
die alte Wirrnis lauert,
ein Blumenduft, verseufzte Lust,
der Geist der Dämmerung schauert.

Wie Schrift auf Malen, Schattenriß,
des Himmels Zweige wehen,
der Tag des Sinnes ungewiß
muß uns in Traum vergehen.

Die Saat der Sonne war bestellt,
nun wuchern dunkle Triebe,
was Aug in Auge sich erhellt,
in Tränen schwimmt es trübe.

Die Flamme, die zum Himmel sang,
des Danks geweihte Schale,
erlosch bei unserm letzten Gang
zum hohen Abendmahle.

Das Dunkel kommt, das Dunkel sinkt,
die Rosen wollen bleichen,
kein Stern, der aus der Nacht uns blinkt,
wie wir den Rosen gleichen.

Ist einem Kind, wohl tief im Ried
gebettet, an Wassers Rauschen,
vergönnt, dem süßen Lebenslied
der Nachtigall zu lauschen?

 

Aug 25 20

Die Träne grauen Lichts

Ein Wind geht durch die Halme,
wie alles Leben zittert,
wie stürzt das Licht im Tau.
Fängt deine Wimper ihn noch auf?

Der Huf des Pan zertritt die Halme,
wie wird das Leben grau,
der Erde Schoß verwittert.
Erweicht ihn noch dein sanfter Hauch?

O deiner Augen dunkle Wasser,
und was darauf geschwommen,
die Knospe süßen Lichts.
Hat sie mein Blick erschreckt?

O Blumenschlaf auf dunklem Wasser,
und was ihn dir genommen,
die Träne grauen Lichts.
Hat sie mein Blick geweckt?

 

Aug 24 20

Das Lächeln der Toten

Als läge ich in Windes Gras
und ziehen Wolken hoch,
des tristen Monds Gespiele,
ist mir die Zeit vergangen.

Und wie gerauscht das Gras
am kühlen Strom der Nacht,
nur Wind ist, was ich fühle,
bin ich von Traum umfangen.

Als schliefe ich im Uferschilf
und singen Wasser hell,
die schöne Melusine,
ist mir die Zeit zerronnen.

Und was geglänzt im Schilf,
der Toten Lächeln mild,
daß Blume sie mir schiene,
ist mir im Traum zerronnen.

 

Aug 22 20

Fremdeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn du den Hausflur putzt, machst du es sorgfältig und mit beherztem Aufwand an Hygiene; läßt du ihn putzen, keimt das Mißtrauen, denn wer im Auftrag putzt, wird es wohl tun, doch so lala, ohne unnötig ins Schwitzen zu kommen.

Gehört, wer für dich putzt, einem fremden Stamm an, steigt das Mißtrauen exponentiell mit dem Grade seiner Fremdheit.

Wer genötigt ist, seine Kinder von dahergelaufenen Fremden beaufsichtigen oder schulisch unterweisen zu lassen, darf sich nicht wundern, wenn sie eines Tages hinter seinem Rücken eine lange Nase drehen.

Erpreßte Dankbarkeit erzeugt Groll.

Die chassidischen Gemeinden wie die in New York oder Ost-Jerusalem leben rassisch und religiös rein nach den Büchern Mose und dem Talmud. Sie hausen daselbst kulturell, rituell und sprachlich aufs Dichteste abgeschlossen von ihrer Umwelt. Denjenigen, der gemäß der neudeutschen Ideologie der Grenzöffnung und Völkervermischung forderte, daß sie ihre kulturellen Mauern niederreißen, um sich dem ungehemmten Zustrom fremder Völker und Kulturträger auszusetzen, könnte man mit Recht einen Antisemiten schelten.

Die römischen Eliten haben sich trotz der Widerstände altkonservativer Kreise wie des Kreises um Cato mehr und mehr der ihnen überlegen scheinenden Kultur der Griechen geöffnet; so haben sie ihre adligen Zöglinge von ehemaligen griechischen Sklaven erziehen lassen. Die großen Schriftsteller der Klassik wie Cicero, Horaz und Vergil waren zweisprachig, jedenfalls lasen sie Homer, Demosthenes, Sappho und Kallimachos im Original. Dennoch ist die altrömische Kultur nicht untergegangen, das beweisen die Fortdauer der alten Staatskulte und der Widerhall der alten Götter im Amalgam mit den neuen, wie des Faunus in Pan, des Bacchus in Dionysos oder der Venus in Aphrodite.

Die Schwäche, Fragilität und Porosität der deutschen Nationalkultur ist tief angelegt; so bereits in der Tatsache, daß die altgermanischen Götter und Kulte nur in Spuren und schwachen Relikten die staatlich verordnete Christianisierung überdauerten.

Bruchlinien im deutschen Nationalcharakter zeigen sich in der Entwicklung einer neulateinischen Dichtung an den süddeutschen Höfen, am Kampf um die Orientierung des Rechts (römisches Recht oder überkommenes germanische Landrecht), an der neuheidnischen an Hellas orientierten Dichtung der Goethe und Hölderlin und schließlich dem neuheidnischen, Walhall beschwörenden Musikdrama Wagners.

Die philologisch und hermeneutisch ausgerichtete Schulung des protestantischen Theologen im Kielwasser Luthers und Melanchthons, die rhetorisch und literarisch ausgerichtet Schulung des katholischen Theologen im Zuge der von den Jesuiten vollzogenen Gegenreformation.

Calderon und das Jesuitendrama, wie es noch in den allegorischen Schauspielen Hugo von Hofmannsthals ein kurzes Nachleben fand.

Die Zerschlagung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation durch Napoleon und die Folge der kulturellen und militärischen Konfrontation zwischen Berlin und Wien. Die Alternative zwischen kleindeutscher und großdeutscher Reichsgründung und die fatale Entscheidung für die großdeutsche in Folge der Ereignisse ab 1933.

Nur Torheit zieht eine gerade Linie von Preußen zur Naziherrschaft, von Bismarck zu Hitler, hat dieser doch die großdeutsche Lösung durchgesetzt, die Bismarck mit seinem nüchternen Sinn für Proportionen und die Balance der Mächte verhindern wollte.

Wälzt man den großen Felsbrocken um, schaut man in ein Gewimmel von Würmern, ein Geranke von Trieben, ein Geglimmer von Mineralien und Säften; so ist es auch mit den große Begriffen, wenn man sie umdreht, Begriffen wie Subjekt, Liebe oder Sprache.

Die Flachen und die Seichten, die Kindischen und die Weibischen wollen und verstehen nur, was sie mittels Sensation und Marktschreierei aus der Lethargie reißt; so auch in der Kunst.

Der Künstler, der eine moralische und politische Botschaft verkündet, verbirgt sich und anderen seinen Mangel an künstlerischer Substanz.

Sie hasten atemlos zum Quell der Aufmerksamkeit und hoffen sie durch das Brüllen, Stöhnen und Psalmodieren von Reizwörtern und Jargonbegriffen für den Augenblick blitzender Scheinwerfer zu ergattern.

Sie rotten sich unter der Flagge und dem Emblem einer Idee zusammen; aber was ihrer Menge Dichte, Ladung und Spannung verleiht, sind nicht hehre Begriffe wie Gleichheit, Weltoffenheit oder Alles für alle, sondern Selbstgefälligkeit, Dünkel, Hochmut und der solidarische Argwohn gegen jene, die abseits stehen und stoisch lächeln oder kynisch spotten, jene, die fremdeln.

Jene, die fremdeln, gelten als Gefahr, machen sie doch spürbar, daß die Bekenntnisse hohl und die moralischen Vorgaben erpresserisch sind.

Die eigentlich Fremden sind jene, die sich dem Jargon verweigern; schon das Schweigen macht verdächtig, wer aber die falschen Begriffe benutzt, gilt als unheilbarer Träger eines geistigen Virus.

Man erstellt eine Liste von Begriffen, die für obsolet, antiquiert oder gefährlich gelten, Begriffen wie Volk, Nation, Nationalcharakter, Rasse, natürliches Geschlecht, Monogamie, Keuschheit, Treue, Schönheit, Ehre, Vaterlandsliebe, Fraulichkeit, Männlichkeit, weibliche Hingabe, männliche Tapferkeit, Heldentum und tausend andere. Wer mehr als zwei davon gebraucht, gilt als verdächtig, wer mehr als drei, für kriminell, wer mehr als vier, ist schon verurteilt.

Die Richter in Kafkas Prozeß hatten in ihre Unterlagen bei Gericht pornographische Bilder geschmuggelt; die Richter der medialen Aufsichtsbehörde benutzen dreist und schamlos Listen von Begriffen, die für pornographisch gelten und diejenigen, die sie benutzen, vom Diskurs der aufgeklärten Menschheit ausschließen.

Nach dem mosaischen Bericht war „Es werde Licht!“ das erste Schöpfungswort. War der Verfasser der Priesterschrift, gewiß ein gelehrter Mann, skotophob, ja nigrophob und misogyn, da die Erde, die Mutter, noch in Dunkel gehüllt war?

Das Licht des ersten Tages im biblischen Schöpfungsbericht greift verwandelnd das Wort des Neuen Testaments auf: „Ich bin das Licht der Welt.“ Als Lumen Christi fand es sein Spiegelbild in der Liturgie der Osternacht. Ein fratzenhafter Dämon aus dem dunklen Erdteil bläst es aus.

Wir sprechen von hellen Köpfen, lichtvollen Erwägungen, Geistesblitzen, der Morgenröte der Vernunft, dem Seelenfunken, der Mondnacht des Gefühls, dem lichten Horizont des Kommenden – unsere erhabensten und gewöhnlichsten Metaphern zum Ausdruck ethischer und ästhetischer Werte schöpfen von Anbeginn aus der Polarität von Licht und Dunkelheit, Helle und Zwielicht, apollinischer Klarheit und dionysischer Nacht. Wann kommen die Sprachpolizisten und räumen hier auf, wie sie es bei der ebenso ursprünglichen Polarität der natürlichen Geschlechter schon getan haben?

Der neue Sprachenkrieg um die Metaphorik des Lichts und die mit ihr innig verflochtene Idee der Schönheit seit den Tagen des Perikles ist auch ein Ausdruck für den Überlebenskampf oder die Resignation der weißen Rasse angesichts der steigenden Flut der dunklen.

Nicht mehr die Fremdwörter, sondern deutsche Allerweltsbegriffe der inkriminierten Art sind nunmehr die Juden der Sprache.

Schon wer zweifelt, gilt als Judas und Verräter.

Wer das Augenscheinliche nicht leugnet, gilt für blind.

Wer das Fiktive und seltsam Konstruierte empirisch bestätigt, zählt unter die Koryphäen der Wissenschaft.

Die neue deutsche Wissenschaft macht Voraussagen, die in Frage zu stellen oder empirisch falsifizieren zu wollen, als strafwürdiges Unterfangen betrachtet wird.

Sie haben ein kafkaeskes System amtlicher Kulturförderung etabliert, und jene, die das Hohelied auf die Moral ihrer Gönner anstimmen oder ihr zumindest durch Stillschweigen akklamieren, zehren vom Gnadenbrot.

Der Aspirant auf ein Habilitationsstipendium, der Martin Heidegger öffentlich zum Naziverbrecher stempelt, erhält den Zuschlag; jener der über Heidegger forschen will, geht leer aus.

Wer sein Gedicht mit floralen Metaphern ziert und den nüchtern-profanen Sinn mittels Reimen berauscht, wird bald als Holocaustleugner entlarvt.

Wer die Liebe Dantes zu Beatrice für die einzig sublime Schwelle hält, über die man seine Dichtung betritt, gilt für homophob.

Wer in Benns Gedichten nicht den Ausdruck verachteter, gefürchteter und überwältigter Weiblichkeit findet, gilt für frauenfeindlich.

Wer in Hölderlins Diotima eine mythische Gestalt und nicht die Bürgersfrau Susette Gontard erblickt, die eigentliche Schreiberin seiner Gedichte, verliert den Boden im Gender-Diskurs der Pseudo-Forschung. Wohl ihm, ist dieser Boden doch verschmutzt und stinkt vom Unrat der Halbbildung.

Das fremdelnde Kind versteckt sich zurecht hinter dem Rücken der Eltern, wenn ihm unvertraute Gestalten nahen. Wem heute die übergriffigen Fratzen des Zeitgeistes aufs Fell rücken, muß ins Niemandsland einer neuen Unbehaustheit flüchten. Mag er es als sein Kythera fingieren, als seine Insel der namenlos Seligen bedichten.

 

Aug 21 20

Im Abendrot

Wenn wir zum Hort des Abends gehen,
wird unser herbes Sinnen mild,
wenn uns des Dämmers Blätter wehen,
ist es um goldner Stille Bild.

Will schon der Blume Mund verblassen,
bleibt süß ein Duft noch, der uns hüllt,
es will ans müde Herz uns fassen
ein Lied, das wie aus Wunden quillt.

Es ist im Abendrot sanft hingeflossen,
was uns den Sinn so lang genarrt,
das Dunkel hat den Schmerz umgossen
wie Harz, worin ein Käfer starrt.

O suchen wir den Schlaf im Moose
und schweigen wir von Blut und Dorn,
es sinkt das Haupt der edlen Rose,
es redet irr aus blauem Born.

 

Aug 20 20

Seitentriebe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn du dich in den Finger geschnitten hast, sagst du: „Ich habe Schmerzen“, aber nicht: „Mein Finger hat Schmerzen.“

Hast du jemandem aus Versehen auf den Fuß getreten, bittest du um Verzeihung, auch wenn der Betroffene es im Gedränge kaum verspürt haben sollte.

Der Leichnam wird uns aufgrund einer merkwürdigen Scheu nicht zum leblosen Ding unter Dingen. – Doch ist es eine gänzlich andere Situation, wenn der Pathologe versehentlich auf die Hand einer Leiche, als wenn er seinem Gast versehentlich auf den Fuß tritt.

Gefragt, ob du noch Schmerzen an der Schnittwunde empfindest, stellst du keine wie immer sorgfältigen oder umständlichen Selbstbeobachtungen an, sondern antwortest schlicht mit Ja oder Nein.

Wir sind uns nicht durch Introspektion zugänglich und gewärtig – sondern unmittelbar, ohne Medium, ohne übertragende und übersetzende Instanz.

Wir sind weder uns selbst noch anderen ein Buch mit Sieben Siegeln.

Wir verstehen manchmal das Treiben der anderen nicht, doch nur auf dem Hintergrund vieler Handlungen, deren Sinn wir aufgrund ihrer Absichten und Ziele verstanden haben.

Wir stehen anderen mehr oder weniger nahe, sind mit anderen mehr oder weniger vertraut; aber daß wir mit uns selbst vertraut seien, ist eine wenig glückliche oder sogar irreführende Metapher.

Von jemandem, dem ich einst nahestand, bin ich nun entfremdet, jemandem, der mir fremd war, bin ich nahegekommen. Das kann man von sich selbst nicht sagen.

Eine res cogitans oder ein reines Bewußtsein hat weder Namen noch Adresse und kann keiner Person und ihrer Biographie zugeordnet werden; dies gilt auch für Surrogat- und Scheinbegriffe wie das Selbst, das Subjekt oder das Ich.

Der größenwahnsinnige Patient wird vom untersuchenden Arzt gefragt, ob er Max Müller heiße, worauf er antwortet: „Ich heiße Julius Caesar.“ Ebenso wird etwa der Heiratsschwindler nicht seinen bürgerlichen Namen angeben, sondern vollmundig tönen: „Ich heiße Wilhelm von Beerenfeld.“ So ist leicht zu ersehen, inwiefern wir das „ich“ in der Äußerung oder die Verlautbarung in der ersten Person nicht mit dem Eigennamen des Sprechers gleichsetzen oder erklären können.

Der Demente hat seinen Namen vergessen, aber er kann sagen: „Ich weiß ihn nicht mehr.“

Heißt dies aber, das mit „ich“ Gemeinte sei eine autonome reflexive Instanz, die über allen Äußerungen des Sprechers schwebt? – Ich kann keine Form der Reflexion meines Bewußtseins sein, denn eine solche Form trüge kein Kriterium an sich, woran ich erkennen könnte, daß sie die Form der Reflexion meines und keines anderen Bewußtseins ist.

Die Äußerung „ich“ repräsentiert (darin den logischen Konstanten ähnlich) nichts; der Pfeil auf der Wanderkarte, der den Standort des Betrachters angibt, repräsentiert nicht die Tatsache, daß ich dort stehe, wenn ich dort stehe.

„Ich habe heute früh unseren alten Freund Peter gesehen, er ist also von seinem Italienaufenthalt zurückgekehrt.“ – „Das kann ich bestätigen, ich traf ihn gestern in der Cafeteria der Universität.“ Zu glauben, wir seien aufgrund der Ich-Zentriertheit unserer Erfahrung auf ein subjektives Weltbild eingeschränkt und von den Erfahrungen anderer abgeschnitten, ist ein philosophischer Irrglaube.

Können wir das Vorkommen ich-zentrierten Lebens nicht mit dem Gebrauch des Eigennamens erklären, so ebensowenig mit der sprachlichen Fähigkeit zu Äußerungen in der ersten Person. Denn das Kleinkind hat sie noch nicht, der Sterbende nicht mehr, ohne daß wir ihnen ein ich-zentriertes Leben absprechen würden.

Wenn ich dich auf dem alten Klassenfoto nicht gleich erkenne, zeigst du mit dem Finger auf das Abbild eines jugendlichen Körpers und sagst: „Das bin ich.“

Ich-zentriertes Leben, könnten wir sagen, ist eine Funktion des menschlichen Körpers (nicht des Gehirns allein). Nur ein Mund kann „ich“ sagen, kein reines Bewußtsein.

Wenn wir uns an jemanden erinnern, haben wir etwa sein Gesicht, sein Lächeln, seinen beschwingten Gang vor Augen, aber nicht den Schatten einer Seele, an deren leibliche Erscheinung wir uns nicht mehr erinnern.

Etwas vor Augen haben, das ist keine Erklärung für den Vorgang der Erinnerung, sondern eine Metapher für das, was wir unter Erinnerung verstehen.

Einer küßt das Porträtfoto seiner verstorbenen Frau. – Ist dies eine symbolische Geste? Damit wäre zu wenig gesagt. Ist es eine Ersatzhandlung (im Sinne Freuds)? Damit wäre zuviel gesagt.

Es gibt kein menschliches Tun und Reden, das nicht in die Form einer Äußerung der ersten Person gebracht werden könnte.

„Mir ist heiß, schwindlig, unheimlich, bang; mich friert, mir graut, mir träumte“ – mit solchen Ausdrücken der Betroffenheit von Stimmungen und mentalen Zuständen befinden wir uns gleichsam auf der Schwelle zum ich-zentrierten Leben.

Nur wer seine Absichten, Wünsche, Befürchtungen mitteilen kann, vermag sie auch zu verbergen.

Unsere sublimsten Wertgefühle sind mit unseren elementarsten Leibempfindungen verbunden. Wer grob angerempelt wird, fühlt sich in seiner Würde verletzt, der auf den Fuß Getretene auf den Fuß seiner Integrität getreten.

Die Akzeptanz des Todes entwickelt sich im besten Falle mehr oder weniger harmonisch mit der Erfahrung des körperlichen Verfalls.

Die Götter der Griechen, denen im Gegensatz zu den Menschen ewiges Leben beschieden war, sind meist in guter körperlicher Verfassung, voll Jugendfrische oder in rüstigem Alter.

Aber wurde ihnen ein leichtes Leben rechtens darum zugesprochen, weil es den Schatten des Todes nicht kannte?

Das im Vergleich mit den ungeheuren zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Universums kurze, flüchtige, winzige menschliche Dasein könnte einem nichtig und eitel erscheinen. Aber dies ist eine ebensowenig plausible Schlußfolgerung wie jene von seiner erwünschten oder geglaubten ewigen Dauer auf seine Sinnhaftigkeit.

Nichts wird sinnlos an Tätigkeiten und Verrichtungen wie dem Jäten des Gartens, dem Pflücken und Einmachen des reifen Obstes, dem Brotbacken oder dem Geburtstagsständchen, weil sie rückschauend betrachtet nur kurz währten und in manchem Aspekt nicht ganz gelangen oder weil sie vorausblickend betrachtet dem geschwächten Kranken oder dem Sterbenden nicht mehr möglich sein werden.

Seine Vergänglichkeit ist kein Einwand gegen das Leben.

Nur krankhafte Skrupel hemmen den Impuls, Blumen zu schenken, die doch rasch dahinwelken.

Was wir unter Liebe, Sorge und Verantwortung verstehen, erhält Bedeutsamkeit nur in einer Welt, in der dasjenige, was wir lieben, worum wir uns sorgen, wofür wir Verantwortung tragen, Gefahren, Bedrohungen und möglichem Leiden ausgesetzt ist.

Es ist ein Glaube im Sinne religiösen Glaubens, der jene inspiriert oder verführt, die in der Wissenschaft Lebensorientierung suchen und in der wissenschaftlichen Methode den Pfad ins Herz der Dinge sehen.

In der Pathologie des Nervensystems nicht nur die Ursache, sondern auch den Grund zu sehen, aus dem der Erkrankte seine Geliebte erdrosselt oder sein Kind mißhandelt hat, heißt den Begriff von Vergehen und Schuld, von Verbrechen und Strafe aufzulösen.

Wir können nicht dankbar sein, wenn jener, vom dem wir annehmen, daß wir ihm zu Dank verpflichtet sind, nicht anders handeln konnte, als er uns half oder förderte.

Das Theater, das No-Spiel der Japaner, die griechische Tragödie oder die römische Komödie, gibt uns bisweilen ein besseres Muster an die Hand, um das Leben zu begreifen, als die Wissenschaft der Psychologie und Soziologie.

Es ist wahr, die einen ziehen auf der Kirmes des Lebens eine Niete, die anderen schießen den Hauptgewinn ab, aber das macht jene vielleicht nicht weniger glücklich und diese nicht weniger unglücklich.

 

Aug 19 20

Einmal noch

Tropft einmal noch
zur blauen Stunde
dein weiches Du
in meine Wunde,
schließt einmal noch
mit weichem Munde
mein Aug du zu?

Schwebt einmal noch
wie Schwäne sacht
dein helles Lied
durch meine Nacht,
daß einmal noch
Gesanges Macht
an mir geschieht?

Strömt einmal noch
wie Rosenlicht
dein süßes Ja
in mein Gedicht,
als wäre noch
geschehen nicht,
was doch geschah?

 

Aug 18 20

Luftwurzeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Worin zeigt sich die Dummheit der Philosophen? – In der Anbetung der Vernunft.

Worin die Dummheit der Wissenschaftler? – In der Vergötzung der erklärenden Methode.

Dasein ist jenseits von Vernunft (und Unvernunft).

Wie die Erde nicht an Fäden hängt und von keiner Schildkröte getragen wird, so schweben auch wir gleichsam im Freien ohne festen Halt und tragenden Grund.

Wir befürchten nicht, daß die Erde plötzlich klafft und uns verschlingt, daß unser Gegenüber sich plötzlich in Luft auflöst.

Wie zweifeln nicht daran, daß wir nicht als Double unseres gestrigen Selbst aufwachen, auch wenn wir die Fäden der Erinnerung nicht vollständig zurückspulen können.

Wir wissen in einem basalen Sinne, daß die Sprechpuppe oder die digitale Stimme der Mailbox nicht meint und nicht versteht, was sie quiekt und quakt.

Wir wissen, daß unser Hund zwar auf seinen Namen hört, doch nicht versteht, daß er einen hat.

Uns überkommt kein Zweifel derart, daß wir an unserem Schreibtisch sitzend in einem unserer Wahrnehmung unzugänglichen Sinne (oder weil der Faden der Erinnerung über Nacht gerissen ist) nicht mehr dieselben sein könnten, die gestern an demselben Schreibtisch saßen.

Wir sind uns sicher, daß die Rosen in der Vase sich nicht in Luft auflösen, wenn keiner sie wahrnimmt; obwohl es keine Möglichkeit gibt, dies empirisch zu prüfen.

Mit Lebewesen, die in einer Welt zu Hause wären, in der sich die Gegenstände (einschließlich ihrer selbst) ohne Vorankündigung und Grund in Nichts auflösen könnten, wären wir nicht in der Lage, uns über basale Angelegenheiten zu verständigen.

Müßten wir befürchten, daß sich die Rosen, die wir unserer Freundin zum Geburtstag schenken, sich kaum in die Vase gesteckt in Luft auflösen könnten, verlören sie in dem Maße an Wert, wie unser Vertrauen darauf, daß sie sich wenigsten einige Tage halten, an Sicherheit einbüßte.

Unser Dasein ruht aufgrund der Annahme einer gewissen Dauer der Dinge in einem wenn auch fragilen Gleichgewicht.

Würde sich die Bedeutung der Begriffe, die wir täglich verwenden, in einem unvorhersehbaren Ausmaße ändern, würden wie bald verstummen.

Das Wort gilt, und wir verlassen uns auf die Zusage. Warum? Weil dies die Bedeutung oder Spielregel für das ist, was wir Zusage oder Versprechen nennen.

Wären alle unsere mentalen Zustände kausale Bilder physischer Zustände unseres Gehirns und unsere Handlungen mit ihnen identische Naturereignisse, wäre das Leben ein Traum. – Und wir hätten nicht einmal die Chance, dahinterzukommen und den Schleier zu lüften.

Wäre unser Gehirn eine Rechenmaschine, wie könnten wir uns verrechnen, wie den Fehler bemerken und revidieren?

„Woher weißt du das?“ – „Ich habe es selbst gesehen.“ Mit solchen Auskünften geben wir uns zumeist und zurecht zufrieden, ohne die Bedeutung dessen, was mit den Begriffen „ich“ und „sehen“ gemeint ist, in Frage zu stellen.

Während einer angeregten Plauderei wägen wir nicht jedes Wort ab und haben nicht für jede Äußerung einen zureichenden Grund in petto. Dennoch würden wir den Verdacht, wonach wir nicht im eigenen Namen sprechen, sondern als Sprachrohr unzugänglicher fremder Mächte, als Ausgeburt einer sinnlosen Skepsis zurückweisen.

Wir können an der Wahrheit mancher Aussagen Cäsars in seinem Bericht an den römischen Senat zweifeln, aber nur, wenn wir die Bedeutung seiner Aussagen, wonach er dies und jenes gesehen, gesagt, getan habe, nicht in Frage stellen, sondern so verstehen, wie wir sie gebrauchen, wenn wir von uns behaupten, wir hätten dies und jenes gesehen, gesagt, getan.

Wahre Erinnerung kann kein Bild dessen sein, woran wir uns erinnern; denn dafür haben wir kein Kriterium.

Warum hat er das getan? – Er wollte es. Dafür, daß er dies eher als etwas anderes oder gar nichts wollte, kann er Gründe angeben; aber nicht dafür, daß er es wollte.

Die Vernunft ist kein Wesen, keine Person, kein Richter, der ihre eigenen Befugnisse legitimieren, ihre eigenen Grenzen ein für alle Mal abstecken könnte. – Wir finden nur Argumente, die mehr oder weniger stichhaltig, einleuchtend, plausibel sind. Aber das Spiel der Argumente wiederum auf einem Argument oder einem letzten Grund, der das ganze Spiel trägt, gründen zu wollen, wie etwa das Haus auf seinem Fundament, mutet widersinnig und töricht an.

Jener scharfsinnige Kopf, der die anthropologische Mannigfaltigkeit der Artung und Gesittung, die bunten Einsprengsel der Begabung und auch das so unterschiedliche Talent zur moralischen Lebensführung der Menschen in einem kalten und ernüchternden Licht vor Augen hatte, glaubte dennoch, dies krumme Holz mit dem scharfen Eisen seiner sittlichen Vernunft glattschaben zu sollen.

Die Wurzeln des menschlichen Daseins gehen nicht in die haltgebende Tiefe eines festen Grunds, sondern sind gleichsam Luftwurzeln.

In dem Maße, wie unser Leben von Konventionen, Ritualen, Regeln und Gebräuchen durchflochten und durchkreuzt ist, können wir es nicht auf objektive Faktoren oder die Einheit einer natürlichen Art zurückführen. Denn alle konventionellen Ordnungen, ob die Mathematik, die verbale Alltagsverständigung oder das sprachliche Kunstwerk, unterliegen Kriterien wie dem Korrekten und Inkorrekten, dem Angemessenen und Unangemessenen, dem Richtigen und Falschen, während natürliche Ordnungen mehr oder weniger deterministischen Gesetzen gehorchen, deren Erfüllung diesseits der Normen menschlichen Ermessens geschieht.

Der Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dasselbe vom Dichter einzufordern, zeugt von wenig Kunstverständnis.

Der Vogel singt nicht eigentlich wie der Sänger, der ein Notenbild vor Augen hat; die Noten liest er ab, indem er sie singend interpretiert, der Vogel interpretiert nichts.

Die Anthropomorphismen und Metaphern, mit denen wir über Tiere reden, bringen sie uns nur scheinbar nahe, in Wahrheit verstellen sie uns die Fremdheit ihres Daseins.

Du oder ich zu sein sind keine Formen des Wissens, sonst könntest du ja wissen, wie es wäre, ich, und ich, wie es wäre, du zu sein.

Es ist merkwürdig und erstaunlich, daß wir mittels bedeutender Dichtung fühlen können, was wir bisher kaum oder nur dunkel gefühlt haben, und mittels großer Malkunst sehen können, was wir bisher so nicht gesehen haben.

Der Atheist wird nicht gläubig aufgrund der Gottesbeweise des Anselm, aber vielleicht durch das Erlebnis einer religiösen Liturgie.

Der Dichter verstummt nicht, weil ihm die Worte ausgehen, sondern weil sie schal werden, ihren Glanz und ihre Frische verlieren wie ein morastig gewordener Teich, weil sie fade schmecken wie ein abgestandener Wein.

Ein anderer verstummt, weil ihm das Salz des Lebens, mit dem er das Brot des dichterischen Worts gewürzt hat, schal geworden ist – jenes Salz oder jene kaum definierbare Würze, die wir schmecken, wenn wir „ich“ sagen und „du“.

Und wieder einer mag die eigene Sprache wiederfinden, nachdem er die allzu scharfen exotischen Gewürze, mit denen er seine exquisiten Gerichte überfeinerte, weggeworfen hat und zu schlichter frugaler Kost, bestreut mit Kräutern des heimischen Gartens, zurückgekehrt ist.

 

Aug 17 20

Über den Begriff der Emotion

 

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Peter befürchtet, daß seine Freundin (wieder einmal) zu spät zu ihrer Verabredung kommen wird.
Ich befürchte, daß meine Freundin (wieder einmal) zu spät zu unserer Verabredung kommen wird.

Die beiden Sätze haben verschiedene Wahrheitsbedingungen. Der deskriptive Satz gilt uns unter folgender Bedingung für wahr: Wir wissen, daß Peter mit seiner Freundin verabredet ist, und beobachten ihn dabei, wie er die Zeit des Wartens damit verbringt, unruhig auf und ab zu gehen, wie er immer wieder auf die Uhr blickt und in die Richtung schaut, aus der sie auftauchen muß; so werden wir leicht zu der Vermutung gelangen, welche Befürchtung Peter umtreibt.

Die Aussage in der ersten Person gilt uns unabhängig von einschlägigen Beobachtungen für wahr, falls wir den Sprecher für einen aufrichtigen Zeitgenossen ansehen.

Das, was Peter oder der Sprecher befürchtet (im Vokabular der klassischen analytischen Philosophie „intentionaler Gehalt“ der Emotion genannt), wird durch den Nebensatz ausgedrückt, nämlich, daß seine Freundin unpünktlich sein wird.

Ist die Emotion ein mentaler Zustand oder ein seelisches Ereignis, das sich im Innern der sie erfahrenden Person abspielt, sodaß wir nur durch ihren Bericht davon in Kenntnis gesetzt werden könnten? Nein, denn wir können die beiden Sätze als gleichwertig betrachten.

Die Annahme, seelische oder mentale Zustände wie Empfindungen, Wahrnehmungen, Emotionen und Erinnerungen seien im Innern der sie erfahrenden Person gleichsam eingekapselt und nur durch Introspektion oder Intuition des Subjekts zugänglich, ist ein konstitutiver Bestandteil des cartesianischen Mythos. Doch der auf seine Freundin wartende Peter wird auf Nachfrage bestätigen, daß er in der Tat fürchte, seine Freundin komme zu spät; um diesen Satz zu bilden, muß er gelernt haben, seine Emotion zu benennen. Die Sprache, mit der er dies ausdrückt, kann er indes nicht, wie Wittgenstein klar erwiesen hat, als private Sprache erlernt haben.

Wir wissen, daß einer Schmerzen hat nicht nur aufgrund der Beobachtung seines Schmerzverhaltens, sondern auch dank seiner Äußerung, daß er Schmerzen habe, falls wir unter normalen Umständen keinen Anlaß haben, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln.

Wir können Emotionen wie Furcht, Traurigkeit und Ärger bis zu einem gewissen Grad oder auf eine gewisse Dauer verbergen; aber daraus folgt nicht, daß sie von Natur aus private Seelenzustände sind.

Scham können wir kaum verbergen, denn sie drückt sich beispielsweise darin aus, daß der Betroffene rot wird oder verlegen unter sich blickt. Freilich, allein aus der Tatsache, daß einer rot wird, können wir nicht schließen, daß er sich schämt; dazu müssen wir herausfinden, daß er sich aufgrund eines ihn beschämenden Fehltritts schämt oder weil eine Person in der Nähe ist, deren Gegenwart ihn verlegen macht.

All jene Emotionen sowie Stimmungen, zu deren Ausdruck es keiner sprachlichen Fähigkeiten bedarf, wie Angst, Zorn, Ekel, Kummer und Eifersucht sowie Ausgelassenheit, Aggressivität, Freude und Traurigkeit, verbinden uns mit unseren tierischen Verwandten und Ahnen. Sie haben einen körperlich-physiognomischen Ausdruck wie das Erbleichen oder Erröten, Zittern oder Erstarren, Frösteln oder Schwitzen, Naserümpfen oder Stirnrunzeln; sie beziehen sich auf ein Objekt wie die Furcht auf ein gefährliches wildes Tier, der Zorn auf einen Angreifer oder Beleidiger, der Ekel auf ein faules, stinkendes Gewebe, der Kummer auf den Entzug eines Objekts der Begierde und die Eifersucht auf die Bedrohung durch einen Nebenbuhler; zu guter Letzt liefern sie uns Motive oder Gründe, mittels angemessener Reaktionen und Handlungen wie Flucht, Ausweichen oder kluge Eingriffe und Manöver den Anlaß ihres Auftretens abzuschwächen oder zu beseitigen.

Von diesen elementaren Emotionen unterscheiden wir Gefühle und emotionale Einstellungen wie Hoffnung und Besorgnis, Liebe und Haß, Reue und Scham, Ehrgefühl und religiöse Scheu, deren Inhalt wir gewöhnlich nicht als einfaches Objekt aufzeigen und benennen können, sondern in der Form eines abhängigen Aussage-, Kausal- oder Konzessivsatzes erfassen. Die Katze fürchtet sich vor dem Hund, aber Peter fürchtet, daß ihn seine Freundin verlassen wird. Der Hund, der Herrchen die Treppe hinaufsteigen hört, wedelt mit dem Schwanz und freut sich auf ein Leckerli. Aber Hans hofft darauf, daß er das Examen besteht, um danach nach Italien reisen zu können. Die Katze zeigt ihre Zuneigung, wenn sie sich an ihren Mitbewohner anschmiegt und schnurrt. Aber Peter drückt seine Liebe zu seiner Freundin dadurch aus, daß er ihr Blumen schenkt, obwohl sie sich in letzter Zeit von ihm entfernt hat. Die Katze bezeigt ihre Abneigung, wenn sie den Nachbarshund anfaucht. Hans aber haßt seine ehemalige Freundin seit dem Tag, als sie ihn während seines Krankenhausaufenthaltes betrogen hat. Hansens Freundin hat ihren Fehltritt bereut, auch wenn sie keinen Weg zu ihm zurück fand.

Der treue Hund kann nicht befürchten, daß sein altes Herrchen bald stirbt; freilich wird er, wenn er gestorben ist, Zeichen von tiefer Traurigkeit zeigen. Aber die animalische Trauer ist von anderer Art als die Trauer des Angehörigen, der sie auch mittels konventioneller Gesten zum Ausdruck bringen kann (so trug man traditionell eine schwarze Krawatte oder eine schwarze Binde um den Ärmel), auch wenn das Gefühl der Traurigkeit einer inneren Leere oder Gelassenheit gewichen ist.

Die religiöse Scheu vor dem Numinosen hat ihren Ursprung vermutlich in der Scheu vor dem Leichnam; es ist ein charakteristischer Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß Tiere ihre toten Verwandten oder Gruppenmitglieder nicht rituell bestatten, während der Totenkult singuläre humane Züge trägt. So gehören zu den wichtigsten Fundstätten der Archäologie nicht zufällig Gräber und Zeugnisse ritueller Bestattung wie Grabbeigaben und Totenspenden.

Antigone nimmt eher die von Kreon verhängte Todesstrafe auf sich, als ihrem Bruder die rituelle Bestattung zu verweigern. Für sie ist die Totenspende eine Form der Liebesbezeugung, die ein älteres ungeschriebenes Gesetz einfordert, das sie höher stellt als die kalte Staatsdoktrin, die den Ritus dem zum Feind erklärten Bruder verwehrt.

Jemandem, der ein großes Gewese um einen Fehltritt in seiner Vergangenheit macht, der sich indes als nichtig oder eingebildet erweist, würden wir nicht das Gefühl echter Reue und aufrichtigen Bedauerns zusprechen; hier handelte es sich vielmehr um eine krankhafte Form von Hypokrisie. Die Sprachabhängigkeit jener Emotionen, die wir im Gegensatz zu den animalischen höherstufig nennen können, wird in diesem Fall in der Tatsache faßbar, daß ihr Inhalt eine propositionale Struktur hat, die der für deskriptive Aussagen maßgeblichen Wahrheitsbedingung unterliegt. Denn nur wenn sich die Reue auf ein tatsächliches Ereignis in der Biographie bezieht, sprechen wir ihr die Eigenschaft zu, echt und aufrichtig zu sein, ansonsten wäre sie geheuchelt und beispielsweise der Ausdruck einer neurotischen Störung.

Scham und Verlegenheit sind ein Ausdruck dafür, einem anderen etwas schuldig geblieben zu sein, ihm die gebührende Achtung versagt oder ein ihm gegebenes Versprechen nicht eingelöst zu haben. Doch jemandem, der bei jeder Gelegenheit rot wird und ständig aus unerfindlichen Gründen verlegen unter sich blickt, würden wir kein echtes Schamgefühl zusprechen, sondern eine neurotische Persönlichkeitsdeformation unterstellen.

Im Falle eines Menschen, der sich von feindlichen Mächten beobachtet und bedroht glaubt und sie sich vom Leibe zu halten rituelle Abwehrzauber und magische Praktiken einsetzt, würden wir nicht vom echten Gefühl religiöser Scheu, sondern von Aberglauben und im schlimmsten Falle von einer religiös verbrämten Form einer paranoiden Psychose sprechen.

Es ist bezeichnend für den Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß Tiere keine Emotionen vortäuschen und beispielsweise Furcht, Kummer oder Trauer heucheln können. Der Heiratsschwindler dagegen kann dem hinters Licht geführten Opfer Liebe vorgaukeln, der Neurotiker kann Schuldgefühle für Fehltritte empfinden, die er nicht begangen hat.

Im Gegensatz zu den Tieren spielen Menschen Theater und stülpen sich auf der Bühne Masken eines fremden Gefühls über; denn der Schauspieler kann Gefühlen Ausdruck verleihen, die er nicht hat, und das in einem Maße (dem Maß seiner Kunstfertigkeit), daß die Zuschauer davon mitgerissen werden und der Täuschung so lange sich gerne hingeben, bis der Vorhang fällt.

Wenn wir höflich sind und unser Gegenüber nicht vor den Kopf stoßen wollen, lächeln wir und spielen souverän oder in geübter Routine und Selbstdisziplin den Heiteren und Aufgeräumten, auch wenn wir insgeheim von dunklen Wolken der Schwermut und Trübsal überschattet werden. Hier sprechen wir nicht von Heuchelei, sondern von bewährten Formen des Anstands und höherer Sittlichkeit, falls uns daran gelegen ist, das zarte Gemüt des anderen zu schonen.

Aber ist das wahre Leben nicht auch eine Form des Theaters, bei dem uns das Schicksal Masken des Gefühls überstülpt, die wir so lange tragen oder in einem fatalen Szenenwechsel immer wieder wechseln müssen, bis der Vorhang fällt?

Sich mittels stoischer Abhärtung allen Gefühlsanwandlungen zu entziehen, scheint uns ein allzu heroisches und lebensfeindliches Ideal. Doch das übermäßige Wuchern einzelner Emotionen wie der Furcht oder Eifersucht können wir in glücklichen Fällen mit dem scharfen Messer der Selbstanalyse und Selbstvergewisserung beschneiden oder mit dem paracelsischen Antidot der Stimulierung des Gegengefühls, die Furcht im Hortus conclusus heiterer Geselligkeit, die Eifersucht im Spiegel vertrauter und erhebender Freundschaft neutralisieren.

 



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