Der Mond des Einsamen
Blüten des Apfelbaums
im blauen Abendgrund
geistiger leuchtend.
*
Stimmen unter Lampions,
die leicht im Winde schwanken,
fern in Gärten der Erinnerung.
*
Melodie des Wassers
über bemoosten Stein
in vage Träume rinnend.
*
In Dämmers Zweigen glühend
wie geisterhafte Frucht
der Mond des Einsamen.
*
Auf Schlafes Wange schmelzend
aus Wolken süßen Leids
herabgeseufzte Flocken.
Der Knoten löst sich
Als läg es auf der Zunge,
dies lang gesuchte Wort,
du lallst, du stotterst,
doch wars bloß ein dünnes Haar,
und hast du endlich es erwischt,
ist alles gut, das Missen,
Fragen, Zagen weicht
dem schönen leeren Selbstgefühl,
und alles löst sich auf
in Schweigen, Schweigen.
*
Die Welt ist ohne Frage,
das Sein gibt keinen Halt,
wonach du fragst,
ist wie dein Schatten,
der mit dir wandert,
vom Morgen bis zum Abend,
doch stehst du einmal still
im hohen Mittag,
ist sie verschwunden,
ist schattenlos
der stille Augenblick.
*
Da steht wer auf dem Markt,
ein tätowierter Muskelmann,
und stemmt Gewichte,
schreib auf die harten Kugeln
„Gott“ und „Welt“ und „Tod“,
sag ihm dann „Laß sie fallen“,
sie fallen plump zur Erde,
und jener wischt den Schweiß
sich von der Stirn und geht
zunächst verblüfft und dann
ein Liedchen pfeifend heim
und braut sich eine gute Suppe.
*
Der Gast hat auf der Schwelle sich
den Unrat von den Sohlen abgewischt,
dann tritt er ein und läßt mit seinem Gruß
und seinem Lächeln alle Fragen hinter sich,
die wie gläserne Kugeln dumpf tönend
zwischen den Gläsern, Tellern, Vasen
über den Tisch des Freundschaftsmahls
am Rand ins Leere rollen würden.
*
Ein zu eng geschnallter Gürtel
ist manches Sinnen, mancher Wunsch,
ein vom eignen Atemdunst
beschlagnes Fenster manches Träumen,
ein Faden, überzählig, starrt ein Wort
aus einem fein gewebten Muster,
wie leicht löst sich der Knoten,
und schön strömt, ziehst du
die Nadel, Lockengold herab,
wie unbeschwert geht nackt
dein Fuß auf Grases Teppich.
Der Kanon bricht entzwei
Des Wortes Blume siecht,
dem blauen Blick, der wandert
mit dem Licht, den Schatten,
schnitt man die Wimpern ab.
Weh, daß die Lilien und die Rosen
höher ragen als das Gras,
der dunkle Schmelz des Holzes
tiefer sinkt als Blech und Zimbel.
Der Sinn der Unterscheidung,
der sanfte Pfade bahnt,
im Nebelland des Lallens
erblindet er und fällt.
Weh, daß im blonden Haar des Sommers
Tupfen prangen roten Mohns,
das Melos einer Nachtigall
süßer schmerzt als Eulenschrei.
Der Kanon bricht entzwei,
wenn Wirrer und Verwirrte
die Stimmen guten Fugs
ins Unbehauste locken.
Weh, daß die Sonne Königin
und ihren Schleier trägt der Mond,
geheimer Quell der Nächte
wahrer spricht als Marktes Lärm.
Die Hoffnung
Das von der Birke kam, das Licht,
zerbröckelt, eine mürbe Rinde.
Des hohen Sommers Lobgedicht,
es raschelt, dürres Laub im Winde.
Wir stehen wie das Kreuz allein,
wenn um uns Herbstes Bilder sinken.
Wir lesen Trauben für den Wein,
den unsre Enkel nicht mehr trinken.
Das Harz des Glaubens wurde hart,
der Liebe Schleier weht in Fetzen.
Nur kindlich blieb die Hoffnung zart,
wenn heiße Tränen uns noch netzen.
So finden wir ein spätes Wort,
wie Enzian tief unter Firnen.
Und reißt uns auch der Abgrund fort,
wir kreisen fern mit Traumgestirnen.
Schmerzgefährten
Müßt in unbekannte Fernen,
Freunde, ihr dann gehen,
will ich einsam stehen
unter stummen Himmels Sternen.
Kommt ihr zu den grünen Senken,
wo die Wasser glänzen,
sollen euch bekränzen
weiche Veilchen, mein zu denken.
Wenn auf den verwaisten Teichen
lose Knospen schwimmen,
hör ich leise Stimmen
im Gezweig, die euren gleichen.
Seh ich über grauen Gärten
wie ein letztes Winken
Mondes Blüte sinken,
denk ich eurer, Schmerzgefährten.
Träumen, dämmern, schweigen
Wie müde sich die Knospen neigen,
des Sommers blaue Melodie
rief zartem Flügel fliehe, flieh.
Wir wollen träumen, dämmern, schweigen.
Du siehst im Gras nicht mehr die Mulden,
wo sich die Liebe ausgestreckt,
ein Kuß ihr Sonnen-Ja geweckt.
Wir wollen still das Dunkel dulden.
Die Knospen, die das Wasser säumen,
verblassen wie ein roter Mund,
nur Seufzen tut noch Liebe kund.
Wir wollen schweigen, dämmern, träumen.
Happy End
Rufen, Horchen, Stille.
Das ist die Zeit, der leere Kern.
Schlachten, Schlingen, Sterben.
Das ist der Leib, der hohle Ernst.
Blicke, Blitze, Aschen.
Das ist die Lust, der böse Scherz.
Äcker, Städte, Karste.
Das ist der Geist, das helle Nein.
Blüten, Ströme, Schatten.
Das ist das Glück, das dunkle Ja.
Früchte, Fäulnis, Dämmer.
Das ist der Gang, das Happy End.
Masken
Wie Buschmänner träumerisch summend
Muscheln und Perlen auf Schnüre reihen,
klirren die Worte, schillernde, blassere,
leise im Vers zusammen.
Wer trägt die Kette? Der sie mit Inbrunst
und naivem Kunstsinn verschönte
oder die sanft ihm lächelt, an üppiger
Brust die braune Geliebte?
Wer krächzt nackt im Federbusch
goldener Vögel um lechzende Flammen,
springt im Fleckenfell des Geparden
über das Feuer ins Dunkel?
Der Jäger mit dem giftigen Pfeil,
nerviger Hand, zu schinden geschickt,
oder kräht geköpft noch der Hahn,
schnellt die durchschnittene Sehne?
Was am dunklen Verse uns schimmert,
sind umsonst geweinte Tränen,
seufzt durchbohrt des Tänzers Mark,
fallen die Masken wie Blätter.
Was uns rauschte
Waren, die uns rauschten,
Wasser heimatlich,
wie abends sie ans Ufer
unsrer Kindheit schwollen,
und Früchte, rote, gelbe,
flammten und Knospen
auf dem Dämmervlies
der Wellen,
der vergehenden Wellen …
Waren, die uns riefen,
Glocken der Erinnerung,
und die geistige Luft,
ein blaues Zittern,
tränkte unser Dunkelsein
mit Glanz wie Veilchentau,
mit so süßer Müdigkeit,
daß unsre Seufzer
wie Tränen unbewußt
ineinander-,
ineinanderflossen …
Waren, die uns streiften,
der Liebe zarte Wimpern,
Traumfarne der Vorzeit,
die sich einrollten
über den Schlaf unsrer Herzen,
Gräser versunkener Lust,
mondgeweihte Tropfen
die an ihnen langsam,
langsam
herniederrannen …
Wenn der Nebel sich lichtet
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wir gehen Schritt für Schritt; doch ab und an machen wir einen Sprung.
Wir begutachten und zählen die Bestände, wo eine Lücke klafft, verweilen wir länger.
Die Schatten, die uns im dichten Nebel narren, geben keinen Anlaß zur Hoffnung.
In groben Zügen wissen wir, was kommt; aber die Überraschung läßt nicht lange auf sich warten.
Wir können die Trivialitäten und die billigen Kupfermünzen des Lebens abzählen wie die Kardinalzahlen; aber die Höhen und Tiefen, die Goldtaler und die gefälschten Scheine, sind wie die Reihe der Primzahlen nicht vorhersehbar.
Aus dem Labyrinth des Lebens führt uns kein Zauberfaden in eine helle Lichtung des Seins; am Ende wartet der gefräßige Minotaurus.
Es läßt sich nicht beweisen, daß der Mensch, der eben aus dem Bett aufsteht, derselbe ist, der sich gestern Abend hineingelegt hat; aber wir gehen fest davon aus. Täten wir es nicht, bräche unser System der Verständigung und Kommunikation zusammen; denn wer wollte demjenigen seine Schulden begleichen, von dem er nicht mit Sicherheit zu wissen meint, daß eben er und kein anderer es ist, der ihm das Geld geliehen hat.
Wenn wir keine Unterschiede und Brüche wahrnehmen, gehen wir umstandslos von der Kontinuität der Ereignisse aus. So hören wir das langsame Tropfen des Wasserhahns in einer kontinuierlichen Abfolge von Takten. So spinnen wir den Faden der Erinnerung, auch wenn wir nicht wissen, ob es stets derselbe ist.
Wenn wir allem mißtrauen, müssen wir auch uns selbst mißtrauen; so kommen wir zurück zur Gewißheit, nämlich davon, daß unser Mißtrauen da und dort nicht unangebracht und unser Vertrauen hie und da gerechtfertigt sein mag.
Die Sprache ist uns wie eine Erhebung in der Urlandschaft des Daseins; sie gewährt einige Aussicht, einigen Überblick; wer mutwillig in die Ebene absteigt, riskiert mit dem Verstummen die geistige Verdunkelung.
„Radikale Sprachskepsis“: Das heißt, mit dem Unkraut zweideutiger Begriffe auch die fruchttragenden Pflanzen roden und die schönen Blüten knicken.
Der korrekte sprachliche Ausdruck impliziert die Möglichkeit des nicht korrekten, das Verstehen das Mißverstehen, die Güte die Feindseligkeit, die Rede das Verstummen.
Die Lautgestalt der Worte mag arbiträr sein, nicht aber die grundlegenden grammatischen Strukturen, wie die Zeitformen oder die Modi des Verbs. Denn daß wir etwas als vergangen ansehen und etwas als möglich, gehört zu unser Art zu sein.
Aus der Relativität der Zeitmessung folgt nicht, daß wir darüber Zweifel hegen könnten, daß du nicht der Vater deines Vaters bist.
Das System unserer grundlegenden Überzeugungen ist wie die Erde, die sich weiterdreht, auch wenn wir schlafen.
Unser Glaube, daß sich unser Gesprächspartner nicht plötzlich in einen Jaguar verwandelt, steht fest, doch nicht auf demselben Boden wie unser Wissen, daß er, falls er Junggeselle ist, nicht verheiratet sein kann.
Um etwas zu wissen, müssen wir etwas und noch einiges mehr glauben.
Unser Wissen ist wie die Kleidung, die wir ausbessern oder wechseln können; unser Glaube ist wie die Haut, aus der wir nicht schlüpfen können. Es sei denn, sie wird uns abgezogen, wie die derben alten Griechen von der Erziehung sagten, sie sei eine Art der Schindung (Menander).
Unsere Meinungen sind wie gekochte und gewürzte Speisen, unsere tiefen oder trivialen Überzeugungen dagegen Rohkost.
Wenn wir die Rohkost unserer alltäglichen Gewißheiten würzen und kochen, macht uns der Genuß unpäßlich.
Unser Weltbild, das wir nicht artikulieren, sondern unserer Erfahrung und unserem Weltumgang stillschweigend synthetisch einverleiben, kongruiert mit den sprachlichen Distinktionen, wie jenen von unbelebten Stoffen, Pflanzen und Tieren; solche Distinktionen halten wir konstant, auch wenn die wissenschaftlichen Erklärungen ihres Ursprungs wie die von Aristoteles, Lamarck oder Darwin variieren.
Die Rosen, die wir kaufen, sind nur Blumen; die wir verschenken Rosen und Zeichen.
Zeichen sind eine Funktion dessen, was wir tun, nicht ein Gegenstand der Wahrnehmung.
Stille Tragödie eines Gelehrtenlebens: Kant nahm an, Sätze der Arithmetik und der Geometrie seien synthetische Sätze apriori, denn die reinen Formen der Anschauung, Zeit und Raum, kämen in ihnen zur Anwendung. Frege nahm an, die Sätze der Arithmetik seien analytisch, denn er glaubte, die Zahlen auf Mengen von Mengen zurückführen zu können. Russel wies ihm einen Widerspruch in dieser Erklärung nach, denn sie impliziert den Begriff einer Menge, die sich nicht selbst enthält, und damit den inkonsistenten Begriff der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten; denn diese Menge muß ja, wenn sie sich selbst nicht enthält, sich per definitionem selbst enthalten, und umgekehrt. Kurze Zeit vor seinem Tod kehrte Frege resigniert zur Auffassung Kants zurück.
Die Tatsache, daß wir die Reihe der Primzahlen nicht voraussagen oder mittels Axiomen ableiten und konstruieren können, ist ein Beleg für die Annahme, daß die Sätze der Arithmetik nicht durchgängig analytisch sind; doch kein Beleg dafür, daß sie durchgängig empirisch sind, denn wir können apriori jede Zahl darauf überprüfen, ob sie prim ist oder nicht.
Um rechnen zu können, müssen wir nicht wissen, was Zahlen sind, wie wir nicht, um jemanden zu versprechen, daß wir morgen zu ihm kommen, wissen müssen, was Zeit ist.
Die Dinge, derer wir gewiß sind, müssen wir nicht begründen; und zumeist lassen sie sich nicht begründen.
Der Grund dafür, daß ich die Treppe benutze, ist nicht meine Gewißheit davon, nicht einfach das Fenster öffnen und wegfliegen zu können, sondern meine Absicht, etwas einkaufen zu gehen.
Wenn der geistige Nebel sich lichtet, gewahren wir, daß da und dort, wo wir Bäume oder Sträucher vermuteten, nichts als Schatten waren; mit der Klarheit weichen Zweifel, Unbehagen und Angst. Der Himmel ist klar, wolkenlos und still; das scheint wenig zu sein, doch es ist alles, was uns vergönnt ist.
Die meisten tun so, als wüßten sie, was sie sagen, als hätte, was sie tun, überragende Bedeutung. Daher die verzerrten Mienen, daher die menschliche Komödie.
Rhetorik statt Philosophie, Phrasen statt Gedanken: das wilde Schütteln von Zweigen, an denen keine Früchte hängen.
Die Wahrheiten, die bleiben, sind bescheiden, wie die Tropfen, die sich bilden, wenn sich der Nebel lichtet; ja sie bleiben nicht einmal, sondern schwinden allmählich dahin (und werden von anderen abgelöst), wie die Tropfen, die unter der steigenden Sonne verdunsten.
Die Philosophie gibt keine Manifeste heraus, die von einem smarten Tagesrebellen vor der jubelnden Menge hinausgeschrien werden könnten.
Wenn der Nebel sich lichtet, warten in der Lichtung des Seins keine prächtigen Bilder auf uns, keine Idole, keine Siegeszeichen; da ist nur das ewige Gras, das unscheinbare Gras, das sich im Wind bewegt, dem ewigen Wind.
Flockenblind
Der Schnee der hellen Nacht hat weich
die schmalen Pfade zugedeckt,
auf Himmels blauer Tafel malt
das Schweigen zarte Wolken hin.
Der Rauch, der in die Fremde weht,
zeigt dir, dein müdes Herz, es singt,
der Schleier ist wie einer Braut,
und wie dein Lied reißt er bald auf.
Und wie du gehst, zeugt dir der Schnee
vom Ungesagten, wenn er knirscht,
und wenn du endlich niedersinkst,
entrückt ein Traum dich, flockenblind.
Um was wir weinen
Meeres weißer Schaum und Schwingen,
die unsre Ferne meinen,
sind wie weher Duft von Dingen,
um die wir leise weinen.
Gräser, die ins Blaue ragen,
und die sich sanfter neigen,
Rosen, die nach Tropfen fragen,
vertiefen unser Schweigen.
Wasser, die mit Schwänen schwanken,
und seufzen, wenn sie trinken,
Blumen, die wie Träume ranken,
sind Bilder, die versinken.
Kerzen sind, die lieblich zittern
auf moosbedeckten Steinen,
Seelen sind, die still verbittern,
um die wir leise weinen.
Abschiedssegen
So legt uns, dunkle Quellen,
damit wir leichter schlafen,
ein Rauschen auf die Schwellen,
wo wir die Liebe trafen.
So küß uns, weicher Regen,
die Scheiben sind die Wangen,
des Liedes Abschiedssegen,
wir gehen ohne Bangen.
So fallet, Rosenblätter,
auf unsre blassen Lippen,
bohr dich, o Dorn, du Retter,
in das Verlies der Rippen.
Muschel und Mänade
Kristall gewordener Dunst des Lebens,
an den Strand geworfen,
aus dem Abgrund der Dunkelheit
auf Lichtes flimmernden Sims,
schön gewunden
um eine pulsende Innigkeit,
die schneller pochte mit der Flut
und langsam abnahm wie der Mond,
leer wie dein Herz,
doch fernen Echos voll,
wenn du nur
geschlossenen Auges
lauschest ihm nach.
Am Tau der Dämmerung
erwachtes Elfenbein,
über das zitterndes Funkeln
niederrinnt,
ins Brausen dunkler Anrufung
gelöstes Haar,
über Nacken und Schultern flackernder Schrei,
das fließende Gewand,
durchsichtiges Wasser der Ekstase,
aber schäumt unter dem Hauch
nächtiger Flöten
in seufzenden Falten auf,
und der Gürtel, der bange, gleitet
zu Boden beim Tanz,
als hätte ein Kuß ihn gelockert.
Die heilsame Wunde
Der Duft, der Pollen hat den Wind
für seine Botschaft, seine Reise.
Und du, mein Herz, wie gingst du irr,
riß nicht das Wort dich aus dem Kreise.
Die Blume schlägt die Lider auf,
ihr Blick kann manchen Pfad erleuchten.
Und Liebe du, wer kennte dich,
tät sich das Auge dir nicht feuchten.
Die uns durchs Dickicht lockt, die Frucht,
ist wie der Mond, der sich gerundet.
Und Seele du, wie wärst du blind,
hätt dich die Strahlung nicht verwundet.
Holder Wahn
Des Engels Flügel spendet Hauch,
und der im Sprachdunst niedersank,
besinnt sich auf das eigne Wort.
Der kindisch mit dem Schatten spricht,
dem Bild, das ihm im Wasser graut,
es reißt ihn los der Schmerz, ein Blitz.
Das Blut, von trägem Sinn verdickt,
wogt auf und schäumt am dunklen Rand,
pocht frei das Herz im Gegentakt.
Schwärzt das Gemeine Stirn und Traum,
ein Regen kommt, ein Hochgesang,
und wäscht dem Geist den Unrat ab.
Ungelebtes Leben
Die Glorie des Morgens schäumt
auf Wassers grünem Bett,
schon fingert neckisch Sonne
am Flechtenbart des Steins.
Nur du, du möchtest weiter
im dunklen Zimmer schmollen
und deckst die träge Geliebte,
die Schwermut, wieder zu.
Der Ruhm des Mittags schwirrt,
ein blaugefiederter Pfeil,
ins dunkle Herz der Erde,
und Seufzen quillt hervor.
Nur du, du mußt verkniffen
den grauen Faden der Worte
um Verses Schwanken winden,
damit die Knospe hält.
Der Brunnen des Abends rauscht,
und alle Atmenden knien,
um Schlaf und Traum zu trinken
aus ihrem irdenen Krug.
Nur du, du kannst ja unterm
gespensterhaften Knirschen
im Angstgebälk nicht hören,
wie fern die Nachtigall singt.
O blütenloser Dorn
Das Lied ging bis an Abgrunds Rand,
jetzt hört man nur das dumpfe Prasseln
von losen Steinen in der Nacht.
Die Frucht, vom Kuß der Sonne rot,
ruft, ihren Schlaf entzweizuschneiden,
die helle Sichel an des Monds.
Das Licht, das seine Stirn gefleckt,
ist edlem Wild im Blut erloschen,
dem Liebestrunk des dunklen Feinds.
Die Zungen blieben taub und schwer,
ein Stern schwebt über kahlem Holze,
die Hostie unsagbaren Leids.
Das Wort schlug seine Lider auf,
als Pfades Knospe uns zu leuchten,
nun grautʼs, o blütenloser Dorn.
Nicola Gardini, Qualcosa
Forse qualcosa in quell’acqua
per la prima volta che chiama
come se fosse l’ultima volta
di là da qualsiasi chiarore
di ogni chiarissimo nome –
Qualcosa che è la stessa cosa
che chiama irrimediabilmente
eppure non vuole farsi ricordare –
Scherzi dell’acqua sfiorata
dallo sguardo e non capita
che forse non era un’acqua
neppure e in quel qualcosa
comunque continuerà, ancora
per nessuno tenterà una parola.
Etwas
Vielleicht etwas in jenem Wasser,
wenn es zum ersten Male ruft,
als käme es zum letzten Mal
dorther von einer Helligkeit
eines jeden hellsten Namens –
etwas, was dieselbe Sache ist,
die ohne Hoffnung auf Rettung ruft
und doch sich der Erinnerung verweigert –
Gaukelei des Wassers, gestreift
vom Blick und nicht verstanden,
das vielleicht nicht einmal
Wasser war und wieder übergeht
in jenes Etwas, was keinen
in Versuchung eines Wortes bringt.
Die Flocke Wort
Wir teilen diesen Nebel nicht
mit Worten, die sein Schatten sind,
er quillt nur immerfort dem Blick,
der schlaff das Ungesagte streift.
Nenn nur die Wolken Schaum des Nichts,
Ruhm des Winds, sie regnen nicht,
verdorrt dein Herz, sie schneien Licht,
fliehst du ins Schilf der Dämmerung.
Du fühlst, wie auf der Lippe schmilzt,
die blauem Abgrund, weißer Nacht
entsank, und glänzte süß und schmeckt
nach nichts, die Flocke Wort.
Nicola Gardini, L’ultima foglia
Io sono per il tempo,
che tolga e non rimetta
e non ricolma un’orma.
Il nulla non è tanto
povero se assomiglia
all’opera del vento.
Io sono con il tempo,
e la morte sarà
solo l’ultima foglia,
del vortice la forma
finalmente perfetta,
la sete senza voglia.
Io do ragione al tempo.
Lo guardo mentre prende
tutto, manco si sente.
E tutto prenda, il moto
e i volti e, un giorno, il vuoto.
Io non rivoglio niente.
Das letzte Blatt
Ich bin für die Zeit,
die tilgt und nicht zurückgibt,
und keine Spur erfüllt.
Das Nichts ist nicht so
arm, wenn es dem Werk
des Windes ähnelt.
Ich bin mit der Zeit,
und der Tod wird nur
das letzte Blatt sein,
von Wirbels Gestalt,
endlich vollkommen,
der Durst ohne Pein.
Ich gebe der Zeit recht.
Schaue, während sie alles
nimmt, wie kaum sie sich fühlt.
Mag sie alles nehmen, Schwung und Schwere,
die Gesichter und, eines Tages, die Leere.
Ich will nichts zurück.
Nicola Gardini, Nomi
Quanti nomi si danno
Al tempo giorno ed anno
Secolo e settimana
Oggi ieri e domani
Sabato o lunedì
Secondo la distanza
L’altezza e l’estensione
Ma il tempo è solo qui
Nella segreta stanza
Delle varie persone
È un battito profondo
Tutti i cuori del mondo
Namen
Namen welche Schar
für die Zeit, Tag und Jahr,
Jahrhundert und Woche,
heute, gestern und morgen,
Samstag oder Montag,
je nach den Säumen,
der Höhe und der Breite.
Doch die Zeit allein,
die in geheimen Räumen
Personen, ganz entzweite,
in ein Pochen aus der Tiefe stellt,
umfaßt alle Herzen der Welt.
Nicola Gardini, Se si sbaglia
Il tempo è l’arte di contare
Le notti e i giorni dall’inizio
È dunque arte stellare
Che vuole gran giudizio
Non lasciare incontata notte alcuna
E un giorno non aggiungere alla somma
Una e` la storia del sole e della luna
Se si sbaglia ricorrere alla gomma
Wenn man sich verzählt
Die Zeit ist die Kunst zu zählen
die Nächte und die Tage seit Anbeginn,
Kunst, Sterngebilde zu erwählen,
große Gerechtigkeit im Sinn.
Laß keine Nacht sein ungezählt,
keinen Tag darfst du zuviel addieren,
Sonne und Mond hat einer Sage sich vermählt,
einen Fehler mußt du ausradieren.
Nicola Gardini, Ripetere
Prendi la penna e scrivi
Scrivi qualunque cosa
Dovunque arrivi arrivi
La penna adesso posa
Ecco in quei segni brevi
Hai ripetuto gli evi
Wiederholen
Nimm den Stift und schreibe,
schreibe irgendwas hin,
überall findest du Bleibe.
Mit solch kleiner Zeichen Sinn,
die jetzt dein Schreiben belohnen,
holtest du wieder Äonen.
Nicola Gardini, Adesso
La pioggia cade e intanto è già caduta
È presente e passata nello stesso
Momento
Così il tempo
Accade adesso
Ed è pure la vita già vissuta
Jetzt
Der Regen fällt, doch ist er schon gefallen,
ist da und war, im selben
Augenblick.
So geschieht
jetzt die Zeit
und doch ist das Leben schon vergangen.
Modicum lumen
Die Einsamkeit der Agrippina,
des Monstrums, das ein Monstrum
der ewigen Roma einst gebar,
sie deutet Tacitus,
der vielsagende Verschwiegene,
mit den Worten modicum lumen,
schwaches Licht oder Funzel, an,
die Einsamkeit, Verlorenheit,
niedergebrannte Lebensgier,
Dämmerlicht im Villenzimmer,
dem Todeskabinett, in das die Häscher
im Auftrag ihres Sohnes Nero
dringen, sie wie ein Tier zu schlachten,
und sie reckt den Leib,
dem Sohn verfallene Mutter,
dem finalen Schwerthieb
theatralisch hin.
Wer hat dies Dämmerlicht,
das um verglühte Herrschaft schwebt,
ungeheuren Lebens
verdüsterte Aura,
je gemalt?
Spukt es nicht wie Herbstgespenst
aus faulem Laubwerk eines Gartens,
der zwischen morschen Pfählen,
der Sonne überdrüssig,
die Totengöttin Mond erwartet,
die ungepflückte Niemands-Frucht,
runzlig und verblaßt,
ihr darzureichen?
Im Krankenzimmer
Und wenn es dunkel wird im Krankenzimmer,
wie einsamer atmet Stille dann,
ohnmächtiger surrt der Schmerz,
immer leiser,
wie eine in der Gardine verfangene Mücke,
und die Lichter der Stadt,
sie gehen auf wie hoffnungslose Augen,
die in die Ferne schauen,
ohne einander zu erblicken,
unter ihnen aber jenes eine,
das wie an Grases Wimper
ein Tropfen zögernd glimmt,
wie an einer Wimper
jenes eine.
Und wenn Mitternacht, die dunkle Glucke,
ihre schwarzen Flügel
auf die zitternde Brut des Lebens senkt,
die sich ergeben duckt,
erlöschen alle fremden Augen
unter müde gebebten Lidern,
und ein fremdestes geht auf,
wie eine Jenseits-Knospe,
die am Acheron erblühte,
weiß wie Schnee,
duftlos wie ein Traum,
der volle Mond.
Geistiger Nebel
Der geistige Nebel
verwischt die Profile,
löscht den Unterschied aus
und füllt den Abgrund zwischen den Wesen,
das Unendliche,
mit monotonen Floskeln,
mit monochromen Flocken,
die an der Wimper kleben
wie Schlaf.
Bilder aus Todesverlangen und Dunst
schneien aus grauen Himmeln
auf erblühte Einsamkeiten,
die sich behauchen und
einander entsprechen,
auf die singenden Spitzen der Halme,
die flüsternden Schatten der Gräser,
in Wellen schwingende Knospen,
und ersticken zwiefältigen Einklang
unterm Grabtuch des Schweigens.
Entwirklichung kommt,
entgeistertes Verstummen,
wie endloses Schneien,
wie farbloses Wehen,
und alle Dinge schlafen
unter denselben weißen Mützen,
alle Falten retuschiert
derselbe Staub aus Kristallen,
alle Widrigkeiten, alle Schmerzen schlüpfen
in denselben jungfräulichen Handschuh,
alle Augen blendet
dasselbe traumstarre Glitzern.
Gegenwärtig und gewärtig
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Jetzt wärmt uns die Sonne; aber daß sie auch gestern schien, hat für uns das Gewicht einer Fabel.
Aus der Tatsache, daß die Sonne schon sehr lange geschienen hat oder das Universum aus einer kosmologischen Singularität entstanden ist, können wir unmittelbar für unser Dasein nichts folgern.
Kann sich eine res cogitans ihrer oder ein unkörperlicher Geist seiner bewußt sein? – Wie könnte er rufen: „Hier bin ich?“
Wenn Gott existiert, kann er nicht reiner Geist sein. – Ein reiner Geist kann nichts denken und nichts wollen, nichts beabsichtigen und keine Absicht verwirklichen.
Wir haben keinen Körper in dem Sinne, wie wir ein Haus, ein Auto, einen Freund haben.
Sterben ist nicht wie ein endgültiger, irreversibler Verlust in dem Sinne, wie wir ein Vermögen oder einen Freund verlieren.
Bewußt zu leben ist eine Funktion der merkwürdigen Tatsache, verkörpert zu sein, aber nicht, einen Körper zu haben.
Verkörpert zu sein heißt gegenwärtig zu sein; und dies in infinitesimalen Abschattungen des Bewußtseins.
Das subjektive Dasein läßt sich nicht adäquat in ein kartesisches Koordinatensystem eintragen; es ist eine trügerische Beschreibung, wenn man die eigene Existenz mit dem Punkt gleichsetzt, der sich kontinuierlich auf einer Strecke bewegt: Unsere Vergangenheit ist keine hinter uns zurückbleibende durchgehende Linie, die wir more geometrico in ihren Abmessungen und ihrem Verlauf überblicken könnten.
Wenn man vom Ich-Punkt oder dem Jetzt-Punkt redet, hat man schon die fiktive Linie mitgedacht.
Wir teilen miteinander keinen Zeitraum in dem Sinne, wir uns zusammen in einem Zimmer aufhalten.
Einen Weg miteinander zu gehen heißt nicht nur nebeneinander zu gehen.
Die miteinander einen Weg gehen, bleiben einander gegenwärtig – und dies in infinitesimalen Abschattungen des Bewußtseins. Einander heißt sowohl für sich als auch für einander.
Unterwegs zu sein impliziert die Beschreibungsform durch ein präsentisches Tempus, das den Verlauf ausdrückt, ob in der Gegenwart oder der Vergangenheit (we are walking, we were talking – keine äquivalente grammatische Form im Deutschen).
Die auf der topographischen Karte verzeichneten Wege sind gleichsam fiktiv und irreal im Verhältnis zu dem Weg, den wir jetzt allein oder gemeinsam gehen.
Die Wege, die wir in der Vergangenheit allein oder miteinander zurückgelegt haben, sind gleichsam fiktiv und irreal im Verhältnis zu dem Weg, den wir jetzt allein oder gemeinsam gehen.
Kein Dritter kann sehen, ob wir den Weg miteinander gehen oder nur (zufällig) nebeneinander herlaufen; der wesentliche Aspekt, der in diesem Falle der neutralen Beobachtung oder dem Experiment entgeht, ist das leibhaftige Gegenwärtigsein und Gewärtigsein.
Der Beobachter kann freilich die Zeit, die wir für den zurückgelegten Weg benötigt haben, mittels eines Chronometers objektivieren; doch handelt es sich dabei um ein Quantum der Vergangenheit, das gegenüber der uns gegenwärtigen Zeit der sich kontinuierlich in die Zukunft erstreckenden Gegenwart immer den Charakter des Irrealen und Fiktiven annimmt.
Wir hätten jene Abzweigung nehmen können und wären jetzt an einem anderen Ort als dem tatsächlichen; die Möglichkeit von Abzweigungen (aber auch von Verirrungen) gehört zum inneren Zeithorizont unseres Gewärtigseins und Gegenwärtigseins.
Jeder Augenblick, könnte man in einer Abwandlung eines geistreichen Wortes von Ranke sagen, ist unmittelbar zur Ewigkeit.
Wären wir biologische Roboter, existierten wir im Zeitlosen.
Maschinen haben keine Möglichkeit zur Zukunft.
Daß wir biologische Wesen sind, steht in einem notwendigen Verhältnis zur Tatsache, daß unsere Zeitwahrnehmung eine Funktion unserer Selbsterfahrung darstellt.
Wir können den Zeitpunkt nicht exakt definieren, von dem ab wir eine Reihe von Akkorden als Melodie oder eine Reihe von Wörtern als sinnvollen Satz verstehen.
Die Vergangenheit gleicht nicht einer Wegstrecke, die ein für alle Male in die Topographie unseres Lebens eingeschrieben wäre; wir empfanden die Melodie zuerst als pompös, plötzlich erschien sie uns in einem ironischen oder grotesken Licht; wir wähnten, eine echte Frage zu hören, doch dann erkannten wir ihren rhetorischen Charakter.
Wir können mittels einer damnatio memoriae oder der Zerstörung der Überlieferung den Namen des Horaz aus dem Gedächtnis der Deutschen tilgen, aber nicht den Wert seiner Werke mindern.
Dein Vater hätte deine Mutter nicht treffen können; aber diese Möglichkeit biologischer Nichtexistenz tangiert nicht den Wert deiner realen Existenz.
Historische Epochen sind nicht wie Altersphasen eines Individuums; Grundirrtum der idealistischen Geschichtsphilosophie – und ihrer materialistischen Umkehrung.
Nur in der Rückschau gruppieren sich die römischen Neoteriker zur Vorklassik, reichen wir Horaz und Vergil den klassischen Lorbeer.
Die Aufklärung erfüllt sich nicht in der Moderne, Mahler nicht in der atonalen Musik.
Gedichte, in denen die Jahreszeiten verschwimmen, der Schnee der Gipfel zu blühen beginnt, in denen Morgen und Abend sich mischen, ein blasser Mond im Mittag der Fülle steht.
O Deus miserere
Die Rose ist verblüht,
ihr Duft ist schon verflogen.
Das Wort, die goldne Frucht,
hat Fäulnis überzogen.
Was noch im Dunkel seufzt,
ist blinder Würmer Nagen.
Der zarte Fittich Lied,
er konnte uns nicht tragen.
Des Dichters blauer Blick
ward trüb in Schwermutpfützen.
Des Denkers feiner Strahl
zerstob in faden Witzen.
Wir tranken dunkle Glut,
uns leuchtete die Leere.
Wir fallen Aug in Aug,
o Deus miserere.
Antiphon
Jener im Zikadenhain
hörte sirrenden Sinns Figuren,
sah in bunten Schatten des Scheins
Liebesspiel sich sagender Naturen.
Uns zerrannen in grauser Nacht
Wort und Sinn und Wohlgestalten
und uns kann am Sternenabgrund
kaum der Duft der Rose halten.
Jene wurden aber Gesang,
da sie das Schwirren von Flügeln erfreute
und ihr Dunkel das süße Licht
kindlichen Lächelns huldvoll zerstreute.
Wir aber liegen versiegelten Munds
unterm Gewirr von Wolken, der Schwalben
stürzenden Schreien, und ist kein Gott,
uns die tonlosen Lippen zu salben.
Was blieb
Nun blieb vom hohen Marmorbogen
nur eine scheue Efeuranke,
ein Schatten fließt um Säulenstrünke,
ein blütenloser Herbstgedanke.
Die Bilder, die wie stille Gräser
ins Blau der Heimat aufgesprossen,
sind eingedunkelt wie von Kerzen,
von bittern Tränen überflossen.
Die Lilien, die mit Veilchen träumten
von zarten Händen, die sie pflückten,
sind stumm vom sanften Schoß geglitten,
o Düfte, die das Herz entrückten.
Die an den schlanken Pfeilern lehnten,
und ihre lichten Flügel tönten,
als sie das reine Wort erschauten,
sie sanken hin, da wir es höhnten.
Das Schicksal der Verse
Wie aus Nebeln graue Blöcke steigen,
Traumprofile tiefer Lebensangst,
feuchte Tücher weiß wie Schmerzen hängen
über kahlen Ästen und sie tropfen.
Verse, die wie bange Vögel schliefen
in den Nestern, weckt ein kaltes Licht,
und sie stürzen sich ins Freie, flattern
auseinander in ein Blau, das blendet.
Wie die Schatten dürrer Schilfe zittern,
Wasser wiegt die weiße Knospe Mond,
gießt den Duft ihm hin der Blütenbecher,
und sie schnappt, ein feister Hecht, das Dunkel.
Verse, die wie fremde Seelen leiser
atmen, ferner fühlen, rupft ein Gott,
und wie Gras sie malmend sinnt er über
seine öde Welt, erfüllt von Schmatzen.
Drei Knospen Liebe
Es schenken deine Tränen
meinem Dunkel Glanz,
o daß auch er erlischt.
*
Es schreibt der Wind
ins Gras der Dämmerung
des Rätsels lichte Spur.
*
Wie Tropfen fallen
deine Worte
auf mein dürres Gras.
*
Deine Blicke schließen
einem scheuen Sittich
die Käfigtüre auf.
*
Eine Sonnenblume
bringst du mir,
Schwester der Sonne.
*
Wie du mir dunkelst
am Abendtau,
blasse Hortensie.
*
Drei Knospen Liebe,
dein Mund, dein Lied
und das aufgeht, dein Herz.
*
Gras, es schreibt dich,
Regen, er singt dich,
Schnee, er schweigt dich mir zu.
*
Sind uns schon überwachsen
die Pfade der Jugend,
fern noch schimmert der See.
*
Wie leise raschelndes Gras,
von deiner Hand gestreift,
war Glücklichsein.
*
Das Glück, ein Hündchen
lief uns zu, blickte zu dir auf
mit seinen traurigen Augen.
*
Ein Rosenblatt
zwischen unleserlichen Seiten,
o Tage der Liebe.
*
Wozu die Kunst,
wenn das Blut stockt
in verkalkten Adern.
*
Du warst, o Mond,
Schimmer der Flut,
Schneelicht des Traums.
*
Veilchen,
wo ist dein Duft
im Dornicht der Schrift.
Schnee-Terzinen
Verse, Furchen,
kaum sichtbar
unterm frischen Schnee.
*
Tauwind in der Nacht,
als ob das Dunkel
mit der Zunge schnalzt.
*
Hymnendichter
ballt eine kleine Gottheit,
einen Schnee-Pan.
*
Krokus-Wangen,
heimlich glühend
unterm Kuß des Schnees.
*
Flamme wärmt die Hand,
Lächeln aber
das frierende Herz.
*
Schneekristall,
der für Augenblicke
an der Wimper hängt.
*
Schlaf, weißer Hügel,
leiser Hauch bläst
eine Wehe drüber hin.
*
Zarte Riefen
auf weißem Feld,
Kalligraphie des Winds.
*
Schnee auf Amoretten,
weißes Schwellen
kleiner Rokokobrüste.
*
Krähe, wie schwarz im Schnee,
Blutstropfen wie rot,
wie weiß der Flaum der Taube.
*
Verwehte Pfade,
heimatlos unterm Mond
der wandernde Schatten.
*
Unbekümmert singt
im Flockenwahn
die kleine Amsel.
*
Weiche Kissen, Grab an Grab,
die Namen treiben
mit den Flocken hin.
*
Verhüllt und stumm
wie unterm Leichentuch
das Moos der Verse.
Ein paar Veilchen später
Wogender Sommer,
Schwirren blauer Luft,
im Dunkel Blütenlicht.
*
Ein paar Veilchen später
ist die Seele krank,
geht das Wort am Stock.
*
Ein feiner Riß,
wie unterm Druck der Nacht,
geht durch das Schweigen.
*
Eine Biegung weiter
steht die Birke nackt
vor dem leeren Teich.
*
Das Summen der Zeichen,
funkelnde Mücken
um eine faule Frucht.
*
Kerzen links und rechts,
geschwärzt und blind
das Bild inmitten.
*
Äonen und Epochen,
vergilbte Briefe, schüttre Locken,
im Schrank verlegte Spangen.
*
Wo sich die Wege kreuzen,
trifft der Suchende auf sein Ebenbild,
das mit leeren Händen heimkehrt.
*
Morgengesang des Wassers,
Abendschrei des Kranichs,
einsamer Wind der Nacht.
*
Frühling, flatterndes Lied,
wogende Ode Sommer,
Winter, kühle Terzine.
*
Knabe mit der Schleuder,
Mann mit der Flinte,
an Krücken der Greis.
*
Verklungen der Kranichschrei,
Tropfen an den Scheiben,
o südliches Wort.
*
Drängt auch die Träne schon,
hebe den Blick einmal noch
übers dämmernde Schilf.
*
Der einsame Waller im Schnee
sieht von ferne Licht im Fenster
und wendet sich ab ins Dunkel.
Wimpernschläge
Aus wüstem Traum erwacht,
schimmerndes Laken,
Mond-Schnee.
*
Der Vorhang bauscht,
das Fenster schlägt zu,
Glätte wieder, Stille.
*
Herzens Unruh
ist gesprungen
in die Ewigkeit.
*
Beim Schälen eines Apfels,
der schöne Kringel,
der zu Boden fällt.
*
Rosenknospen,
aufs Wasser gesunken,
letzte Küsse.
*
Aufs schwarze Maar geschüttet
weiße Blüten,
bis der Mond verzagt.
*
Des Mittags Fahrradklingel,
Abends blaue Glocken,
seufzender Brunnen Nacht.
*
Helles Flüstern, Wasser,
dunkles Wehen, Gras,
Glucksen, Boje Schlaf.
*
Tropfen, Schlummerrinnsal,
Regen, Traumgespräch,
Sonne, Wimpernschlag.
*
Schmerz und Schnee sind gleich,
Hauch taut auf den Mund,
im Dunst zergeht das Wort.
Der Untergang des Ideals
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Einmal reicht!
Sie haben die Hosen voll und faseln von der unsterblichen Seele.
Der Club der moralisch Entrüsteten und die Vorhut der von grauer Harmonie Begeisterten fusionieren zu einer neuen Kirche.
Wer grimassierender spricht und enigmatischer schreibt, hat in Deutschland eher Aussicht auf den Titel des tiefen Denkers.
Sklaven des weiblichen Schoßes schreiben einen weichen Stil, seine Verächter einen dornigen.
Der Blutrausch ist der Ursprung der natürlichen Religion.
Vergossenes Tierblut fließt durch die Adern des sozialen Organismus.
Das engelscheue Lächeln der Mädchen ist ein Abwehrreflex auf die animalische Begierde des Mannes.
Der Liebesgeist Christi kann nicht der Schöpfer DIESER Welt sein.
Die Schönheit Mozarts atmet die Atmosphäre einer anderen Erde.
Ein qualmendes Häuflein, nachdem sein Geist alle Pointen versprüht hatte.
Das Grauen ist der Humus der blauen Blume.
Warum sollte die Melancholie eine Krankheit sein, der debile Frohsinn aber von großer Gesundheit zeugen?
Die ihn aus dem warmen Pferch der Gemütlichkeit gewahren, halten den einsamen Waller im Schnee für ein Gespenst.
Stichel-Blicke der Grausamkeit, des Hochmuts und des Neides, die über das Bild der Schönheit kratzen. – Kunstpädagogen, die das Interpretation nennen.
Wir sehen nur, wie dies und das geschieht, wie dies und jenes sich zeigt, der Riß im Gebälk, die wieder keimende Pflanze, das Bild von der frühen kosmischen Hintergrundstrahlung. Wir können die Bilder nicht übereinanderlegen, die Ereignisse nicht aufeinanderpressen, ohne daß sich alles neutralisierte oder verwischte.
Wir finden keine Gesamt-Ansicht des Daseins. Wer sie zu haben vorgibt, steht auf einem Hügel, den ein anderer überragt.
Das historische Traktat über den düsteren und dämonischen Aspekt der Begeisterung ist noch ungeschrieben.
Die Idealisierung und Auratisierung des Dichters als Trägers und Aussenders eines säkularen Charismas, wie es bei Klopstock anhebt, beim frühen Goethe sich bis zur Selbstironie steigert, in Hölderlins tragischer Mission gipfelt und bei George ins Unheimliche verlöscht …
Begeisterte und moralisch Entrüstete können nur ja oder nein sagen, aber nicht sich des Urteils enthalten, wie es oftmals nüchterne Betrachtung und Abwägung erfordern.
Der sich des Urteils enthaltende Skeptiker gilt für moralisch und politisch verdächtig.
Begeisterung über eine Sache bezeugt nicht ihre Wahrheit und Tiefe.
Die Erlöser spielen, versuchen vergebens, das Dichterwort in Hostien zu wandeln.
Salbungsvolle Gesten und aus Kunsthonig geschnittene Verse, sie geben weder Orientierung noch Nahrung für die Daseinsfristung.
Falscher Priester, wie Hölderlin einmal selbst erschrocken konstatiert. Fanatische Heilige und enthusiastische Weltzertrümmerer, können wir ergänzen.
Weihe ist eine deutsch-romantische Fehlübertragung der griechischen Inspiration.
Musenanrufungen, die dem verkitschten Idol des verstümmelten Selbst gelten.
Man muß die großen Worte wie Gesteinsbrocken ausheben, um darunter das kleine Gewürm des Lebens sich winden und wimmeln zu sehen.
Con sordino, gedämpfter Klang vertraulich zugesagter Worte, der uns den Lärm der Welt vergessen läßt.
Die großen Gesten, die den Unsinn oder die Schwären unter ihrem geblähten rhetorischen Bausch verbergen.
Glacéhandschuhe über der sehenden Hand, Pflaster auf der Wunde, die weiterschwärt, Phrasen, die das Feuilleton und das Lehrbuch feiern.
Womit uns die aus der Enge der Familie in die Wüste des Kunstbetriebs geflüchtete emanzipierte Frau immerhin verschont, die phallischen Kringel des enthemmten Künstlers. – Es sei denn, sie ahmt sie unter seiner zuhälterhaften Anleitung nach.
Jene, die feierlich werden, wenn sie lügen. Oder besser: jene, deren feierlicher Ton ein sicheres Indiz dafür ist, daß sie lügen.
Die von der Enge und Dürftigkeit des Lebens nicht erdrückt werden, sondern sie tapfer ertragen, ohne dem Drang nachzugeben, die kahlen Wände mit den grellen Utopien des freien Daseins zu übertünchen …
Kaum einer konnte wie Goethe den Knacks vermeiden oder sublimieren, den jeder Zeitgeist einem jeden zufügt.
Romantische Parallelaktion: Säkularisierung der sozialen Welt und Sakralisierung der Dichtersprache.
Je näher der Untergang, umso dicker die Lippe, umso dreister die Lüge, umso schriller das Ideal.
Je geschändeter und wüster die Erde, umso mehr wächst die Begeisterung für die Natur.
Ein verschlissenes Prachtgewand wie das der alten Dichtersprache kann man nur auftrennen und ein neues, bescheidenes daraus weben.
Was sinnvoll klingt, muß deshalb nicht wahr sein.
Je eindeutiger und klarer die Lage, umso schiefer die Metaphern, umso dunkler die Schreibe.
Die nicht anders als dunkel schreiben können, sind verwirrt; die dunkel schreiben wollen, sind schamlose Schieler nach dem Preis, der noch stets für das Aparte und Exklusive abfällt. – Die klar schreiben wollen, aber was sie geschrieben haben am Ende unverständlich finden, sind die wahren Denker.
Der faule Liebhaber geht in den nahen Garten und schneidet einen Strauß üppiger Knospen; der wahre bricht in die Berge auf, um die seltene Blume zu finden.
Die ihr Leiden ausstellen und zu Markte tragen, sind schamloser als die im Luxus vegetierenden Parasiten.
Die wurmstichige Frucht fällt von selbst vom Zweig.
Die zu Tode gegenderte deutsche Sprache wird durch keine Transfusion klassischer Schreibweisen mehr lebendig.
Große Worte wie Gott, das Heil, das Paradies, Natur oder Humanität sind uns durch die süßlichen Grimassen und stieren Blicke derer, die sie wie Bonbons lutschen, vergällt.
Die immer nur die Phrasen vom ewigen Frieden, von Gerechtigkeit und Menschlichkeit im Munde führen, begrüßen heimlich jede Schand- und Bluttat, die das Weltgericht herbeiführt.
Um ein edles Reis zu pfropfen, bedarf es eines robusten Stammes.
Daß sich der animalische Mensch das Gesetz und die notwendigen Beschneidungen seiner Instinkte nicht freiwillig auferlegt, symbolisiert die mosaische Urkunde in den von Gott selbst geschriebenen und Mose überreichten Tafeln.
Eine durch staatlich verordnetes Gendern entstellte Sprache kann durch Aufkleben von Schönheitspflästerchen aus den klassischen Schriftstellern ihre alte Schönheit nicht zurückgewinnen.
Der entgeisterte Dichter, der sein eigenes Werk liest und den Besucher auf ein Komma aufmerksam macht.
Die Biographen Hölderlins schreiben unter Vorlage der bekannten Dokumente alle dasselbe, ohne den Mut aufzubringen, die tragische Verstrickung seines Lebens und Sagens zu entwirren, deren Ausdruck sowohl die Größe seiner Dichtung als auch seine Geisteskrankheit gewesen sind.
Betrachte wohl, was bleibt
Am rostigen Zaun der Fetzen,
betrachte wohl, was bleibt,
der Tropfen, am Glase zitternd,
nur eine kleine Weile,
und wie Vergehen zischt
im Scheit und gluckst im Schnee.
Das Bild, das wir uns rahmten,
schwebt an der Wand des Nichts,
der Rahmen: große Worte,
lackiert mit Gold, im Innern
frißt sich der Wurm durchs Holz,
nachts hört man leises Rieseln.
Das Bild, uns galtʼs für Lächeln,
ist längst schon rußgeschwärzt,
der Ruß drang nicht durchs Fenster,
das Bild selbst wurde krank
wie Dichters Ideale,
Natur und Gott und Mensch.
Der glatte Vers hat Risse
wie Buddhas Stirne, feine,
das lichte Wort hat Schründe
wie Schmerzkristalle, dunkle,
wir wirren Sonnenfäden,
wir gehen nicht, es fällt.
Schale im Dämmerlicht
Im Dämmerlichte steht die Schale,
als habe sie vom Tag noch Glanz,
der matt von ihrer Wange rinnt.
Was ihr entragte, Knospenfülle,
gepflückt von sehend-reiner Hand,
es hängt, ein müdes Haupt, herab,
das sprach kein lichtes Wort zur Erde
und blickt zum Strahl nicht mehr empor.
Was sie an Liebesduft gespendet
dem Leben, das sich fremd gefühlt,
ist wie ein Odem aufgebraucht
von Schatten ohne Blut und Namen.
Die Nacht hat keinen Trost bereit
mit Kerzen, die im Leeren brennen,
mit einem Monde, dessen Träne
in dieses tote Wasser fällt.
Beschämungen
Zehnjährig, in speckigen Lederhosen,
vor der grinsenden Klasse stehen
und, ein Nackter auf der Streckbank,
„laudo, laudas, laudat, laudamus“
stotternd herunterkonjugieren,
während die eigene Stimme
unterm Gejohle der Kameraden
dir wie das Knirschen der Kaffeemühle
auf Großmutters Schoß,
die sie wie eine Besessene dreht,
aus der Ecke widerklingt.
Hinter der Säule des Tanzpalastes stehen,
die Klänge rinnen, Tropfen heißen Öls,
in die saugende Muschel des Gehörs,
der Plastikefeu an den Wänden
schwitzt obszön die Sommerschwüle aus,
und sehen, wie sie sich mit einem Fremden
immer schneller im Kreise dreht,
den Schweif der Mähne, eine Fahne
des Aufruhrs, schwenkend, und ihren Schoß
trotzend an den seinen preßt,
während eine schmatzende Ameise
das zarte Blatt deines Hirnes
in der Mitte säuberlich durchtrennt.
Im dämonischen Glitzern des Schnees
durch die Buchenschlucht des Waldes stapfen,
neben dem eignen seufzenden Schritt
im selben Takt ein fremdes Seufzen hören,
und öffnet sich die letzte Schneise,
das glimmende Band des Stromes in der Tiefe
als nackten Wurm erkennen,
der sich durch die Landschaft
deiner tauben Seele frißt,
und der Schatten, der mitgewandert,
stürzt sich, eine schreiende Krähe,
nieder auf das Tier, es färbt sich rot,
wo der krumme Schnabel hackend,
immer wilder hackend wühlt.
Von Du zu Du
Von Du zu Du
kann man nicht
wie von Ufer zu Ufer
schwimmen.
Das Lächeln vergeht
wie Ringe des Wassers,
fiel ein Tropfen hinein,
ein scheues Blatt.
Silberne Reime blitzen
wie Schwärme von Fischen
jäh auseinander
vor bösen Schatten.
Einsame tragen
gleich Karyatiden
das Blau des Himmels,
das stumme.
Die Seinsgetrennten
schwingen im Takt,
umschauert
von Abschiedsfluten.
Zwischen den Ruinen
der Erinnerung
wuchert wildes Gras,
Rätsel rauschend.
Die Herzgedanken
kauern wie frierende Vögel
Fittich an Fittich
auf schwankendem Ast.
So fern, so nah
Deine Stimme, Goldregen,
der im Winde schwingt.
Deine Augenbraue genügt
als Horizont.
Im Gras der Dämmerung,
deinem Schweigen, ist gut liegen.
Deine Schritte knirschen heiß
im Schnee des Traums.
Auf Duldens Schwelle
streuen deine Hände Knospen.
Dein Mund steigt wie ein Krug
im Brunnendunkel.
Deine Augen füllt ein Wasser,
wo das Licht mit Rätseln spielt.
Dein Blick, der helle Stern,
so fern, so nah.
Wir seufzen einsam
Wir seufzen einsam an versiegten Quellen,
wir kriechen keuchend unter dunklem Dunst,
während über uns die blauen Klänge schwellen,
die Boten einer uns verhaßten Gunst,
die Brachen und verworrne Träume nicht betreten,
tote Gärten einer sonnenlosen Kunst.
Wir, die aus Dung der Angst uns Götzen kneten,
vor Kästen knien, woraus die Lüge schrillt,
wir hören nicht, wie droben Chöre beten
und Flügel schwingen um der Liebe Bild.
Da wir mit Aschen unsre Stirnen schwärzen,
winkt einer Hoheit Lächeln rein und mild,
daß kindlich wir erheben stille Herzen,
wir tun die Fenster auf dem Klage-Wind,
und sie erlöschen schon wie kleine Kerzen.
Wie stehen wir im Lichte nackt und blind!
Hesperische Frucht
Der goldenen Sage müde,
die in den Früchten trog,
ruht deine Hand im Grase nun.
Sanfte Schimmer deines Haars,
Abendwinds Gespielin,
erlöschen bald im Schnee der Haut.
Die Wimpern über weichem Wasser,
das deinen Schmerz umblaut,
rudern heim ins Schilf der Nacht.
Des Himmels Iris, sie dämmert auf,
wenn der Ruf des Kuckucks
sich im Traumgestrüpp verirrt.
Glatt und kühl, Opal der schwarzen See,
wär dein Schlaf, überglühte ihn nicht,
wie hesperische Frucht, der Mond.
Einsame Pfade
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Eine Ordnung, in die wir umstandslos passen, können wir nicht ausmachen.
Wer beobachtet und sich dabei beobachtet fühlt, hat seine Haltung und Position schon unwillkürlich verändert.
Wer das Ziel des Weges auf der Karte markiert, hat vergessen, daß seine Ankunft seine Auslöschung impliziert.
Es zeugt von naiver Folklore, nicht von philosophischer Tiefe, vom Dichter zu verlangen, er solle reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
Das zu Sagende und das Sprachorgan stehen nicht in prästabilierter Harmonie zueinander.
Die Perle, die in der Muschel wächst, hat nicht ihre Struktur und Konsistenz.
Der Sinn des Gesagten ist nicht wie der Happen, den man sich in den Mund steckt. – Aber auch nicht wie der organische Nährwert, der nach dem Vorgang der Verdauung dem Blut zugeführt wird.
Der Sinn des neu Gesagten kann das bisher Gesagte wie die Sonne den Dunst über dem Wasser auflösen.
Die an der Wissenschaft, der Regel und der Methode orientierten Philosophen glauben, der Dichter befinde sich nicht im selben Raum, sondern irgendwo auf einer fernen Insel. Doch sie irren, der Dichter ist mitten unter ihnen, doch was er sagt, können sie nicht fassen, es mutet sie wie das Geräusch des Regens an, der gegen die Scheiben klopft.
Denken ist nicht Rechnen. Denn der Schluß folgt wohl einer Regel, die man algorithmisieren kann, aber keiner universalen Regel.
Jede Regel beruht auf Voraussetzungen, die wie die Wurzeln der Pflanze ins Verborgene hinabreichen.
Es ist gut gesagt, wenn man vom Weg spricht, den das Denken sich bahnt. Doch der Weg ist kein objektives Datum, wie der auf der topologischen Karte eingezeichnete, und er hat kein Ziel, wie das im Ferienkatalog bunt und verlockend illustrierte.
Das Bewußtsein oder der Geist ist nicht wie der Atemhauch, der dem scheinbar toten Käfer Leben einhaucht, so daß er sich wieder zu regen und zu krabbeln beginnt.
Buchstaben, Wörter, Sätze sind nicht wie scheintote Käfer, denen der Atem des Denkens Leben oder Bedeutung einhaucht.
Der Weg der Zeichen oder der Sprache folgt keinem cartesischen Koordinatensystem, das man ohne Sprache konstruieren könnte.
Die Ufer des Stroms der Sprache lassen sich nicht befestigen oder begradigen.
Wir stehen noch im hohen Schilf und hören das Rauschen der Schatten, während auf der Mitte des Stroms die Wogen im Sonnenlicht erglänzen.
„Gegenstand“, „Ding“, „Welt“, „Leben“, „Mensch“, „Sprache“ und „Denken“, „Geist“ und Bewußtsein“, „Staat“ und „Recht“ – all diese Begriffe stehen noch im Schatten des reinen Lichts der Metaphysik, der sie zu einer verkümmerten Gestalt heranwachsen ließ.
„Denken ist Rechnen“ oder „Denken heißt einer Regel folgen“ oder „Sprechen ist der Ausdruck des Gedankens“ – alle Sätze dieser Art sind unsinnig; sie können sich selbst nicht rechtfertigen.
Die Projektion des Weges, den wir jüngst gegangen sind, auf die fernere Vergangenheit mißlingt; geschweige denn, daß wir uns approximativ dem Ausgangspunkt und Ursprung annähern könnten.
Wir sagen, diese Linie entspringt im Null-Punkt des Koordinatenkreuzes; aber durch Anwendung projektiver Methoden können wir diesen Punkt beliebig verschieben.
All die überkommenen Bilder für das, was wir Bewußtsein oder egologische Präsenz nennen, der platonische Steuermann, der aristotelische noetische Zähler der Augenblicke, der unausgedehnte Jetzt-Punkt des Descartes, der Signalgeber und Rechner der modernen Maschinensysteme sind unzulänglich und schief. – Wir sind nicht diejenigen, die das Leben, die Zeit, das Geschehen steuern, beobachten, zählen und berechnen, auch wenn wir dies immer häufiger oder ausschließlicher zu tun scheinen.
In jedem Augenblick ist alles enthalten. So gibt es eigentlich keinen Grund der Hoffnung oder der Verzweiflung.
Der Nachhall, das Echo, die Resonanz des Augenblicks werden immer schwächer und dünner; die Kreise im Wasser um die Stelle, wo der Stein einschlug, werden immer weiter und flacher. So auch unsere Erinnerungen; wir täuschen uns über ihre Frische und ihren betörenden Glanz, denn dieser ist ein Reflex unserer momentanen Erregung, unserer gegenwärtigen Tränen.
Heidegger geht den Weg vom Antipsychologismus der Logik Husserls über die Öffnung der Sinnbezüge zwischen Dasein und Welt in „Sein und Zeit“ bis zum Antihumanismus der mithilfe der Dichtung freigelegten Lichtung des Seins; Wittgenstein den Weg vom Logizismus Freges und Russels über die Ebene der Alltagssprache bis zum Ufer des nicht einzuhegenden Stroms der Sprache.
Wittgenstein geht aus vom Satz und wendet sich der Erkundung einander nicht isomorpher Satzsysteme zu; Heidegger kommt von der Aussage und biegt von der Heerstraße des akademischen Diskurses ab in die unbetretene Graslandschaft der Sage.
Wer im entscheidenden Moment zu stottern anfängt, hat etwas zu sagen.
Prophet oder Philologe, Denker oder Professor.
Wir können die vom Zentrum der Galaxie ausgehenden Gravitationswellen eines Schwarzen Lochs messen, wir können die Geschäftsführer des Weltgeistes oder die Administratoren des sozialen Gefüges durch Roboter ersetzen – doch vertieft dies weder unsere Weisheit noch unser Glück.
Der Melancholiker oder der Schizophrene, dem man einen Chip ins Gehirn einpflanzt, wird um die Wahrheit seiner Trauer, die Wahrheit seiner Verwirrung betrogen.
Aufständische gegen das Leben, Toren, die vor seinem Schatten, vor ihrem eigenen Schatten, davonlaufen.
Zu leben oder tot zu sein, dies ist kein relativer, sondern ein absoluter Unterschied. Deshalb ist es unsinnig, davon zu reden, wie es wäre oder ob es besser wäre, nicht geboren zu sein.
Was die Wissenschaft treibt, welche epistemische und ontologische Stellung sie im Gefüge unseres Daseins einnimmt, kann keine wissenschaftliche Theorie ermessen.
Große Worte, ausgespuckt wie abgenagte Kerne.
Ranken zarter Verse, die noch leise von einem großen Sturme zittern.
Feuchter Odem der Erde nach dem plötzlichen Sommerregen, die Tropfen, die an den Halmen blitzen wie an den bebenden Stengeln der Verse glänzende Reime, die schon ins Schweigen niederrinnen.
Einsame Pfade, wenn wir erschrocken feststellen müssen, daß wir den Liebsten den Stein nicht von der Brust wälzen können, denn er ist eine Emanation ihres Schicksals.
Die Bitterkeit der Verluste zu verwinden und am Unglück zu reifen kann keine ethische Forderung darstellen; die Kratzer und Makel des Unglücks mit grellen Lappen à la mode zu verhüllen darf keine moralische Mißbilligung auf sich ziehen.
Eine Melodie, die uns ein Stück des Weges trägt, der Duft eines Verses, der uns für Augenblicke die Augen schließen läßt, das ist viel, das ist schon alles.
Die Silberdistel
Noch wandert dein Blick, wenn schon die Bilder fahlen,
den Saum entlang, wo groß die Distel steht,
die Silberdistel mit dem Kranz von Strahlen.
Und wenn ein Narr, dein Schatten, vor dir geht,
mußt du die letzten Funken heimwärts tragen,
wie Stacheln, die ein Gott ins Mark dir dreht.
Du hast ein Blut wie Blake, doch keine Sagen,
sieh, wie die Distel sich so sanft verschließt,
du hast ein Herz wie Hiob, und kannst nicht klagen.
Was über deine dürren Lippen fließt,
das Seufzen ist wie Wind auf Sintflut-Wellen,
in die der Mond sein Grinsen spießt.
Kein Sternenwort kann dir die Nacht erhellen,
wenn sich dein Sinn ins Weglose verirrt,
Nacht ohne Morgen, Rauschen ohne Quellen.
O Silberdistel, strahle unbeirrt!
Das Leben, dieser wüste Neger
Das Leben, dieser wüste Neger,
wie ihm obszön das Auge blitzt,
wie locker ihm das Messer sitzt,
es braut die Gifte, den Erreger.
Die Lüste, Pfeile des Baschkiren,
wie schon im Todeskrampfe stöhnt,
wenn ferne noch ihr Schwirren höhnt,
die Liebe kriecht auf allen Vieren.
Die Verse, Zeuginnen der Leiden,
ihr Feuer singt Aztekenwahn,
wenn scharf sie wie Obsidian
das Herz uns aus dem Dunkel schneiden.
Die Abende, homerisch blinde,
wenn Gott die Sonnendolde neigt
und sich der Göttin Blüte zeigt,
ein Tropfen auf der schwarzen Rinde.
Die Nächte, Totenhemd der Ahnen,
das wie ein Schnee im Monde gleißt,
und Löcher, die ein Nachtmahr reißt
in unsrer Hoffnung vage Bahnen.
Das Leben, dieser fade Weiße,
wie Reue ihm den Nerv zermürbt,
es fühlt nurmehr, wie ihm erstirbt
des Schicksals Atemhauch, der heiße.
Scholien zu einem implizierten Text 981–1000
981
La historia moderna se reduce, en última instancia, a la derrota de la burguesía y a la victoria de las ideas burguesas.
Die moderne Geschichte verdichtet sich in letzter Instanz auf die Niederlage des Bürgertums und den Sieg der bürgerlichen Ideen.
982
El predicador del reino de Dios cuando no es Cristo el que predica, acaba predicando el reino del hombre.
Der Verkünder des Reiches Gottes endet, wenn es nicht Christus ist, mit der Verkündigung des Reiches des Menschen.
983
Cuando despierta en nosotros el anhelo de otros lugares, de otros siglos, no es realmente en tal o cual tiempo, en tal o cual país, donde deseamos vivir, sino en las frases mismas del escritor que supo hablarnos de ese país o de ese tiempo.
Wird die Sehnsucht nach anderen Orten, anderen Zeiten in uns wach, wünschen wir in Wahrheit nicht, in diesen oder jenen Zeiten, diesen oder jenen Ländern zu leben, sondern in den Worten des Schriftstellers, der es verstand, uns von jenem Land oder jener Zeit zu erzählen.
984
Naciones o individuos, salvo excepciones raras, sólo se portan con decencia cuando las circunstancias no les permiten otra cosa.
Nationen oder Individuen verhalten sich, mit seltenen Ausnahmen, nur anständig, wenn ihnen die Umstände nichts anderes erlauben.
985
Si el burgués de ayer compraba cuadros porque su tema era sentimental o pintoresco, el burgués de hoy no los compra cuando tienen tema pintoresco o sentimental.
El tema sigue vendiendo el cuadro.
Wenn der Bourgeois von gestern Gemälde kaufte, weil ihr Sujet sentimental oder pittoresk war, kauft der Bourgeois von heute sie nicht, wenn sie ein pittoreskes oder sentimentales Sujet haben.
Das Sujet ist der Weiterverkauf des Gemäldes.
986
La ética debe ser la estética de la conducta.
Die Ethik sollte die Ästhetik des Verhaltens sein.
987
El que no se anticipa a la vejez no prolonga su juventud, sino corrompe hasta sus recuerdos.
Wer sein Alter nicht antizipiert, verlängert nicht seine Jugend, sondern korrumpiert sogar seine Erinnerungen.
988
Mientras no convierten la igualdad en dogma, nos podemos tratar como iguales.
Solange man die Gleichheit nicht zum Dogma macht, können wir uns wie gleiche behandeln.
989
No añoro una naturaleza virgen, una naturaleza sin la huella campesina que la ennoblece y sin el palacio que corona la colina.
Sino una naturaleza a salvo de industrialismos plebeyos y de manipuleos irreverentes.
Ich sehne mich nicht nach eine unberührten Natur, einer Natur ohne die Furche des Ackers, die sie adelt, und ohne den Palast, der den Hügel krönt.
Aber nach einer Natur, unentstellt von plebejischem Industrialismus und rücksichtslosen Eingriffen.
990
El escritor que no ha torturado sus frases tortura al lector.
Der Schriftsteller, der seine Sätze nicht gefoltert hat, foltert den Leser.
991
El hombre moderno se encarceló en su autonomía, sordo al misterioso rumor de oleaje que golpea contra nuestra soledad.
Der moderne Mensch hat sich in seiner Autonomie eingekerkert, taub für das geheimnisvolle Rauschen des Wellenschlags an der Mauer unserer Einsamkeit.
992
El hombre cierra los ojos ante los verdaderos problemas, como el comentarista ante las verdaderas dificultades del texto.
Der Mensch verschließt die Augen vor den wahren Problemen wie der Kommentator vor den wahren Schwierigkeiten des Textes.
993
Cuando el diálogo es el último recurso, la situación ya no tiene remedio.
Wenn der Dialog die letzte Zuflucht bietet, ist die Lage bereits hoffnungslos.
994
El cristianismo no inventó la noción de pecado, sino la del perdón.
Das Christentum erfand nicht den Begriff der Sünde, sondern den der Vergebung.
995
El universo no se venga de quienes lo tratan como mecanismo inánime, haciéndolos morir humillados, sino prósperos y embrutecidos.
Das Universum rächt sich an jenen, die es wie einen leblosen Mechanismus behandeln, nicht, indem es sie gedemütigt sterben läßt, sondern wohlhabend und verroht.
996
La sociedad moderna procede simultáneamente a volverse inhóspita a los viejos y a multiplicar su número, prologando su vida.
Die moderne Gesellschaft wird immer unwirtlicher für die Alten und gleichzeitig vermehrt sie ihre Zahl, indem sie ihr Leben verlängert.
997
El moderno ya no se atreve a predicar que el individuo nazca como página blanca.
Demasiados descalabros le enseñaron que somos los herederos agobiados de nuestra familia, nuestra raza, nuestra sangre.
La sangre no es líquido inocente, sino viscosa pasta histórica.
Der Moderne wagt es schon nicht mehr zu verkünden, das Individuum sei von Geburt ein unbeschriebenes Blatt.
Allzu viele Mißgeschicke haben ihn darüber belehrt, daß wir die belasteten Erben unserer Familie, unserer Rasse, unseres Blutes sind.
Das Blut ist keine unschuldige Flüssigkeit, sondern der klebrige Teig der Geschichte.
998
Ciertas cosas sólo son interesantes vividas, otras sólo lo son imaginadas.
Gewisse Dinge sind einzig interessant, wenn man sie erlebt, andere nur, wenn man sie sich vorstellt.
999
No demos a nadie la ocasión de ser vil.
La aprovecha.
Geben wir keinem die Gelegenheit, niederträchtig zu sein.
Er wird sie nutzen.
1000
La razón corrige los errores lógicos, pero los errores espirituales sólo son corregibles por una conversión de la persona.
Las evidencias presuntas se desvanecen en silencio, cuando las contemplamos desde un nivel espiritual más alto.
Die Vernunft korrigiert die logischen Fehler, doch die spirituellen Fehler können nur durch eine Konversion der Person korrigiert werden.
Die mutmaßlichen Evidenzen vergehen im Schweigen, wenn wir sie von einer höheren spirituellen Ebene aus betrachten.
Scholien zu einem implizierten Text 961–980
961
Dios es la verdad de todas las ilusiones.
Gott ist die Wahrheit aller Illusionen.
962
La verdadera religión es monástica, ascética, autoritaria, jerárquica.
Die wahre Religion ist monastisch, asketisch, autoritär, hierarchisch.
963
Acabamos comprendiendo al que sabe lo que dice, por complicado que sea lo que diga.
Pero es imposible entender al que meramente se imagina saberlo.
Am Ende verstehen wir denjenigen, der weiß, was er sagt, auch wenn, was er sagt, noch so kompliziert ist.
Doch ist es unmöglich, jemanden zu verstehen, der sich nur einbildet, es zu wissen.
964
La creencia en la solubilidad fundamental de los problemas es característica propia al mundo moderno.
Que todo antagonismo de principios es simple equívoco, que habrá aspirina para toda cefalalgia.
Der Glaube an die grundsätzliche Lösbarkeit der Probleme ist kennzeichnend für die moderne Welt.
Daß jeder Widerspruch von Prinzipien ein schlichtes Mißverständnis ist, daß es für jeden Kopfschmerz ein Aspirin geben wird.
965
Sentirnos capaces de leer textos literarios con imparcialidad de profesor es confesar que la literatura dejó de gustarnos.
Sich in der Lage zu fühlen, literarische Texte mit der Teilnahmslosigkeit eines Professors zu lesen, heißt eingestehen, daß die Literatur uns kein Vergnügen mehr bereitet.
966
Mientras más radicalmente comparta los prejuicios de su tiempo, más fácil le es al historiador creerse dueño de criterios objetivos para juzgar la historia.
La moda es el único absoluto que nadie suele disputar.
Je tiefer er in den Vorurteilen seiner Zeit verwurzelt ist, desto leichter wird es dem Historiker zu glauben, er verfüge über objektive Kriterien, um die Geschichte zu beurteilen.
Die Mode ist das einzige Absolute, das keiner in Frage stellt.
967
El acto de despojar de sus bienes a un individuo se llama robo, cuando otro individuo lo despoja.
Y justicia social, cuando una colectividad entera lo roba.
Jemandem gewaltsam sein Hab und Gut wegnehmen nennt man Raub, wenn es ein Einzelner tut.
Und soziale Gerechtigkeit, wenn ein Kollektiv den Raub begeht.
968
Los biógrafos del escritor suelen eliminar a la persona, para ocuparse de su vida insignificante.
Die Biographen eines Schriftstellers löschen gewöhnlich die Person aus, um sich seines unbedeutenden Lebens anzunehmen.
969
A finales del siglo pasado sólo hubo un “arte sin estilo,” en la segunda mitad de éste sólo hay un estilo sin arte.
Am Ende des vergangenen Jahrhunderts gab es nur eine Kunst ohne Stil, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts nur einen Stil ohne Kunst.
970
Las extravagancias del arte moderno están enseñándonos a apreciar debidamente las insipideces del arte clásico.
Die Bizarrerien der modernen Kunst lehren uns, die Langeweile der klassischen Kunst auf gebührende Weise zu schätzen.
971
Las burocracias no suceden casualmente a las revoluciones.
Las revoluciones son los partos sangrientos de las burocracias.
Bürokratien folgen nicht zufällig auf Revolutionen.
Revolutionen sind die blutigen Geburten von Bürokratien.
972
Las más nobles cosas de la tierra quizá no existan, sino en las palabras que las evocan.
Pero basta que allí estén, para que sean.
Die edelsten Dinge auf Erden existieren vielleicht nur in den Worten, die sie evozieren.
Es genügt aber, daß sie da sind, damit jene existieren.
973
Las insolencias del adolescente no son más que patadas del asno que se acomoda al establo.
Mientras que la insolencia del adulto que arroja bruscamente de sus hombros los años de paciencia que lo encorvan es un espectáculo admirable.
Die Unverschämtheiten des Heranwachsenden sind nicht mehr als die Ausschläge des Esels, der sich an seinen Stall gewöhnt.
Aber die Unverschämtheit des Erwachsenen, der plötzlich die Jahre der Geduld, die ihn krümmen, von den Schultern schüttelt, ist ein bewundernswertes Schauspiel.
974
Obligaciones o placeres, objetos o personas: basta moverlos del sitio subordinado que a cada cual corresponde, para convertirlos en nada.
Pflichten oder Vergnügungen, Gegenstände oder Personen: Es genügt, sie von dem untergeordneten Platz, der einem jedem gebührt, wegzurücken, und sie werden zu nichts.
975
Todo inconforme sabe, en el fondo del alma, que el sitio que su vanidad rechaza es el sitio mismo que su naturaleza le fijó.
Jeder Nonkonformist weiß im Grunde seiner Seele, daß der Platz, den seine Eitelkeit zurückweist, eben jener Platz ist, den seine Natur für ihn vorgesehen hat.
976
Hay menos ambiciosos en el mundo que individuos que hoy se creen obligados moralmente a serlo.
Es gibt weniger Ehrgeizige auf der Welt als Individuen, die sich heute moralisch verpflichtet glauben, ehrgeizig zu sein.
977
A lo más que puede aspirar el hombre que se conoce es a ser lo menos repugnante posible.
Das Höchste, wonach ein Mensch, der sich kennt, trachten kann, ist möglichst wenig Anstoß zu erregen.
978
Postulado básico de la democracia: la ley es la conciencia del ciudadano.
Grundlegendes Postulat der Demokratie: Das Gesetz ist das Gewissen des Bürgers.
979
La tolerancia consiste en una firme decisión de permitir que insulten todo lo que pretendemos querer y respetar, siempre que no amenacen nuestra comodidades materiales.
El hombre moderno, liberal, demócrata, progresista, siempre que no le pisen los callos, tolera que le empuerquen el alma.
Toleranz besteht in der festen Zusage, daß man alles verhöhnen darf, was wir lieben und achten, vorausgesetzt, daß man unsere materiellen Annehmlichkeiten nicht bedroht.
Der moderne Mensch, liberal, demokratisch, fortschrittsgläubig, er toleriert, daß man unsere Seele besudelt, vorausgesetzt, daß man nicht über unsere Knochen tritt.
980
Decir que la libertad consiste en cosa distinta de hacer lo que queremos es mentira.
Que convenga, por otra parte, limitar la libertad es cosa evidente.
Pero el engaño comienza cuando pretenden identificarla con las limitaciones que le imponen.
Zu sagen, die Freiheit bestehe in etwas anderem, als zu tun, was wir wollen, ist eine Lüge.
Daß es auf der anderen Seite angemessen ist, die Freiheit zu beschränken, ist sonnenklar.
Doch der Schwindel beginnt, wenn man die Freiheit mit den Einschränkungen identifizieren möchte, die man ihr auferlegt.
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