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Aug 16 20

Geschlechterwahn

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn wir versehentlich die falsche Bahn nehmen und unseren Termin verpassen, beruht unser Mißgeschick auf einem Irrtum, der irrtümlichen Annahme, jene Bahn sei die richtige, wo es doch die andere war.

Wenn wir einen Fuchs, der in etlicher Entfernung über die Lichtung spurt, für einen Dachs halten oder eine Gans für eine Ente, irren wir uns nicht in der Wahrnehmung, sondern in der Zuordnung des Wahrgenommenen zu einem zoologischen Paradigma oder deskriptiven Muster.

Von einem, der ein Huhn für einen Adler, einen Wurm für einen Drachen ansieht, oder einem, der mit seinem Regenschirm spricht, weil er ihn für ein lebendiges Wesen, sagen wir seine Tante, hält, würden wir nicht sagen, daß er sich irrt.

Doch ist es nicht immer leicht, die Grenze zwischen Irrtum und Wahn oder anderen Formen seltsamer deskriptiver Zuordnungen zu bestimmen. Denn wenn wir in einem Buch lesen, wie ein Zwerg auf eine Schlange trifft und sie für einen Drachen ansieht, wissen wir, daß es sich wohl um ein Märchen handelt.

Wir wären nicht geneigt, in den alten Griechen, die Bäume und Quellen von Dryaden und Wassernymphen behaust und belebt sahen, für Stümper in der Botanik und Geologie oder Kandidaten für psychotische Formen der Wahnwahrnehmung zu vermuten.

Der Mann, der sich für eine Frau hält, ist entweder einer der seltenen Fälle, die an den Folgen einer embryonalen Fehlentwicklung des Gehirns leiden, oder er ist psychotisch.

Freilich können kleine Jungs Mißbrauchsopfer einer sich fortschrittlich dünkenden Pädagogik werden, die ihnen diesen Unfug einredet; aber solche Anflüge verdunsten leicht und haften nicht wie der giftige Stachel des psychotischen Wahns.

Die spontane Wahrnehmung des Körperschemas von Mann und Frau ist eine genetische Disposition; manchmal kann man sich bei der Zuordnung des natürlichen Geschlechts irren, wie aufgrund geschickter Kostümierung im Fasching. Doch trotz massiver Alltagswahrnehmung die natürlich gegebene Bipolarität der Geschlechter zu leugnen und von einer beliebigen Vielzahl nicht natürlich festgelegter Geschlechteridentitäten zu faseln, ja in öffentlichkeitswirksame und pädagogische Verordnungen zu gießen, überschreitet die Grenze des bloßen Irrtums – denn weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind aufgrund einer Chromosomenschädigung des Embryos (DSD = Disorder of Sexual Development) nicht eindeutig einem der beiden natürlichen Geschlechter zuzuordnen, obwohl sie nicht das darstellen, was der Volksmund Zwitter oder Hermaphrodit nennt (denn diese sind wie die Mehrzahl der zwittrig angelegten blühenden Pflanzen oder Würmer sexuell funktionstüchtig, wenn sie Selbstbefruchtung auch zu verhindern wissen; bei den geschädigten menschlichen Individuen aber sind sexuelle Merkmale der beiden Geschlechter nur rudimentär ausgeprägt).

Irrtümer beruhen auf falschen Annahmen, setzen demnach die Möglichkeit wahrer Annahmen voraus, die wir im einfachsten Falle aufgrund der Verifizierung einer Hypothese erhalten. So wenn wir sagen, dieser Stoff sei Wasser, denn diese Annahme kann aufgrund einer chemischen Analyse bestätigt oder widerlegt werden. Doch die Annahme, die Identität einer Person beruhe auf der Präsenz eines unkörperlichen Geistes, ist keine Hypothese, die etwa mittels einer medizinischen Untersuchung abgeklärt werden könnte, sondern die Folge eines begrifflichen Fehlers in der Grammatik der Redeweisen von Person, Körper, Geist und Bewußtsein.

Die Zuordnung der geschlechtlichen Identität einer Person ist in der Regel keine Frage des Wissens und kein Inhalt einer Hypothese, die aufgrund von Forschung und Analyse bestätigt oder wiederlegt wird. Denn wenn wir auf einem amtlichen Formular die Angabe zum Geschlecht machen sollen, schauen wir nicht, gleichsam wie aus einer Ohnmacht erwacht, an unserem Körper herab, um festzustellen, ob wir Mann oder Frau sind. Die Zuordnung der Geschlechtsidentität unserer eigenen sowie aller anderen uns begegnenden Personen erschließen wir im Normalfalle nicht aus umständlichen Beobachtungen. Sie gehört, können wir sagen, wie sehr viele andere formale und kategoriale Formen unseres Weltumganges, zum Vorragt unseres Vor-Wissens.

Aufgrund der Verifizierung durch chemische Analyse können wir sagen, wir wissen, daß es sich bei diesem Stoff um Wasser handelt. Doch bei der angemessenen Form der Anwendung von Begriffen wie Person, Bewußtsein, Ich, Raum, Zeit und Gegenstand, aber auch Körper und Geschlecht handelt es sich nicht um Weisen des Wissens, die zu wahren und falschen Aussagen führen, sondern um formale Begriffe unserer logischen und sprachlichen Grammatik.

Das Gerüst der formalen Begriffe unserer Grammatik ist keine Form und kein Inhalt des Wissens, sondern gleichsam ein Vorrat und Bestand vorbewußter natürlicher Vor-Urteile, die sich wie der Fluß in der Landschaft der Sprache verhalten, die Wittgenstein mythologisch nannte.

Die in die Grammatik und Logik unserer Sprache eingebetteten Begriffe kennzeichnet im Gegensatz zu rein empirischen Begriffen die Eigenschaft, uns nicht allererst aufgrund von Beobachtungen der Außenwelt oder mittels Erinnerungsanalysen zugänglich zu sein und zur Verfügung zu stehen, sondern gleichsam spontan, mühelos, ohne Suchen und Zögern: Wir müssen ins nicht, um festzustellen, daß wir zwei Augen, zwei Hände und zwei Gonaden (oder zwei weibliche Brüste) haben, eigens im Spiegel betrachten, und ebensowenig uns fragen, ob wir als Mann oder Frau angeredet werden, wie wir uns etwa vergebens daran zu erinnern suchen, ob die Augenfarbe einer uns nahe stehenden Person eher grün oder eher blau ist.

Die Aussage: „Die Schüler der Klasse 1b sind vollständig versammelt“ impliziert oder ist bedeutungsgleich mit der Aussage: „Alle Schüler der Klasse 1b, sowohl Jungs als auch Mädchen, sind in der Klasse versammelt.“ Die schlichte Anrede „Meine Damen und Herren“ vor versammeltem Publikum „läßt keinen zurück“ und schließt niemanden aus, denn von den weniger als 1 Prozent der Bevölkerung, die sich aufgrund ihrer chromosomalen Schädigung keinem der beiden natürlichen Geschlechter zuordnen können, ist niemand unter den Anwesenden, denn diese Krankheit hat nicht nur physische, sondern auch einschneidende psychische Folgen, die den Betroffenen von der normalen Alltagskommunikation ausschließen.

Ein großes sprachliches Gewese zur Nobilitierung der homophil Veranlagten, immerhin etwa 4 Prozent der Gesamtbevölkerung, zu machen, erübrigt sich aus dem einfachen Grund, weil Schwule nun einmal Männer sind und Lesben nichts anderes als Frauen, die in die Anrede „Meine Damen und Herren“ vollständig miterfaßt werden.

Zeugt es von mangelnder Kenntnis der deutschen Sprache und ihrer Formenlehre und ist es also ein Zeichen von Dummheit, in der Grammatik der generischen Substantive wie „Lehrer“, „Schüler“, „Politiker“, „Zuschauer“, „Student“, „Dozent“, „Autor“ oder „Minister“, „Bürger“ und „Arbeiter“ nicht die deskriptive Leerstelle und die normative Valenz für die Anwendung auf beide natürliche Geschlechter erkennen zu wollen? Nein, dies sieht nur so aus wie ein freilich schwer verzeihlicher Irrtum im Gebrauch der deutschen Grammatik; hier handelt es sich vielmehr um einen, freilich mit einer gehörigen Portion von Dummheit vermengten Auswuchs dessen, was wir Geschlechterwahn nennen können.

Dieser Wahn scheint uns ein Symptom einer Krankheit zu sein, von der ein Volk heimgesucht wird, das in seinem Überlebenswillen stark geschwächt und dessen Energie, die eigene kulturelle Identität auf kommende Generationen zu übertragen, fast auf den Nullpunkt herabgesunken ist.

Die Leugnung des wesentlichen natürlichen Unterschieds der Geschlechter ist eine Maske, hinter der sich die Bestreitung und Verdrängung der prokreativen Macht verbirgt, die einzig in dieser Bipolarität angelegt ist. Die Bestreitung der Singularität der Fähigkeit, die der Verbindung von Mann und Frau zukommt, nämlich Kinder in die Welt zu setzen, erweist sich demnach als eine Form der Verzweiflung am Zukunftssinn der sozialen Gemeinschaft und an der Legitimität ihrer kulturellen Überlieferung.

Die Leugnung des wesentlichen natürlichen Unterschieds der Geschlechter oder der Geschlechterwahn muß in seiner symptomatologischen Nähe und klinischen Verwandtschaft mit anderen degenerativen Tendenzen betrachtet werden, wie der Verwischung des Unterschieds zwischen normaler und perverser sexueller Orientierung sowie des Unterschieds in der Höhe kultureller Leistungen aufgrund angeborener Talente zwischen den kaukasischen, asiatischen und dunklen Rassen, der Herabwürdigung der Rolle der sich der Pflege des Nachwuchses widmender Mütter oder der systematisch geförderten ethnischen Durchmischung des Herkunftsvolkes.

Nicht weniger evident ist der Zusammenhang des Geschlechterwahns mit dem für Massendemokratien kennzeichnenden Verlust des Wertempfindens und der Einebnung der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur, sublimem Geschmack und vulgärem Reizkostüm; so sollen wir das mit Menstruationsblut angereicherte Geschmiere der ordinären Kunstmarktstricherin mit dem gleichen Ausdruck der Bewunderung wie die sublime Transparenz der Farben eines Vermeer goutieren.

Wo keine Rede mehr von Hochkultur sein darf, verblaßt auch der Sinn für die aus der Minne der mittelalterlichen Sänger entsprungene sublime Form der Fernsten-Liebe, wie wir sie von Goethe kennen.

Der absurde Gebrauch des Zwischen-Punktes zur Andeutung der Sinn-Leere, in der die wilden Fratzen beliebig zu definierender Geschlechterrollen ihr Unwesen treiben, überkleckert das Schriftbild mit den Hinterlassenschaften einer geistigen Diarrhö.

Der Narr der Brüderlichkeit, der die Grenze seiner Behausung nicht bewacht, wird von seinem Wahn vielleicht kuriert, wenn er eines Nachts im Schlaf von einer Räuberbande überfallen wird; doch selbst dies bleibt ungewiß, wenn er sich am nächsten Tag grüblerisch in sein Schuldgefühl versenkt und ein Lamento anhebt derart, sein Haus als Eigentum zu beanspruchen sei vielleicht die von den Ahnen überkommene Schuld, die es rechtens abzubüßen gelte.

Der Geschlechterwahn deutet dagegen auf eine grundlegende Unordnung im Verhältnis der Geschlechter und im seelischen Haushalt der Gemeinschaft, der auf keine einfache Therapie hoffen läßt.

Der Geschlechterwahn ist auch ein Symptom für die Schwächung der väterlichen Autorität; denn diese entspringt der Erkenntnis: pater semper incertus, nämlich in ungeordneten geschlechtlichen Verhältnissen. Die väterliche Autorität installiert allererst die Institution der monogamen Ehe und das Gesetz der Erbfolge unter dem Zeichen des zu sichernden und zu tradierenden Eigentums, sei dieses materieller oder kultureller Art; die Institution des Eigentums aber ist die eigentliche Quelle, aus der sich die Hochkulturen des Abendlandes speisten.

Der Geschlechterwahn ist daher sowohl ein Symptom der Anfeindung der durch gesetzliche Autorität garantierten Institution des materiellen und kulturellen Eigentums als auch ein Seitentrieb des Gleichheitswahns, der sich durch den Ruf nach der Ebenbürtigkeit von Hinz und Kunz, des Edlen und Gemeinen, des Begabten und des Kretins zu nobilitieren dünkt.

Die Duden-Redaktion unter der Leitung dümmlicher, vulgärer, ungebildeter Damen, stimmt natürlich das Hohelied auf die gendergerechte Sprache an. Was sie aber in Wahrheit veranstaltet, ist die allmähliche Emanzipation der deutschen Sprache von allen Normen und Maßstäben des gewählten, differenzierten, verfeinerten Ausdrucks; denn die Wortmassen, die ihr zufließen und auf die sie zugreift, entstammen den öffentlichen Kloaken des Zeitgeistes, wie er sich in den Medien absetzt, sammelt und unförmig verhärtet.

Fortschritt: von der Imago Dei und dem Eros des Schönen unter dem griechischen Licht zu den Halbaffen der Evolution, den blinden Genmaschinen der Neurowissenschaft und den polymorph-perversen Lebensschatten unter dem Stern der Apokalypse.

 

Aug 14 20

Zerfallende Gestalten

Die dich leicht gehalten,
edler Formen Sinn,
Blüten über blauem Grund,
sie gleiten, schwinden hin,
zerfallende Gestalten,
vom Kuß des Lichtes wund.

Die du dir erlesen,
schlanker Vase Pracht,
Rosen, Flieder, süße Glut,
erloschen in der Nacht,
und keines kann genesen
an deinem warmen Blut.

Den du dir erkoren,
Sanges weicher Reim,
aufs Laub des Schlafs getropft,
läßt dich eines Nachts allein,
fühlʼs, warst immer schon verloren,
o Herz, das sinnlos klopft.

 

Aug 13 20

Dein leichter Schritt ist schon verhallt

Dein leichter Schritt ist schon verhallt
auf den basaltenen Treppenstufen,
das warme Leben wurde kalt
und dunkel, was ins Licht gerufen.

Verweht ist bald der Wohlgeruch,
der schillernden Worte Schaum und Flocken,
kein Odem bläht des Traumes Tuch,
des Lebens grüner Born liegt trocken.

Die Lilien, deiner Lippen Bild,
sie blassen in der schmalen Vase,
was unser Wort mit Blut gefüllt,
rann hin, Wein aus gestürztem Glase.

Wie eines Sarkophags Relikt
lag unterm Kissen deine Spange,
nicht kehrt die Lerche, ins Licht entrückt,
kurz war ihr Lied, das Leid währt lange.

 

Aug 13 20

Streif ab

Streif sie ab, die feilen Blicke,
die geilen Wimpern schneide kurz,
die dir das lichte Bild beschatten.

Spuck sie aus, die faule Zunge,
den Reisekoffer steck in Brand,
aus dem die toten Worte stinken.

Wirf sie weg, die tausend Bücher,
stich aus, was du gelesen hast,
mit heißer Nadel wie Eiterblasen.

Gehe leichten Schritts ans Ufer,
sieh, was die Welle mit sich trägt,
sind Blätter welker Erinnerungen.

Frag nach Schatten nicht, nach Sonnen,
dich hebt die Knospe deines Bluts,
du fällst in Abgrunds blaue Stille.

 

Aug 12 20

Schwermut im August

Wenn rote Knospen aufgetan
ihr wildes Strahlenkleid,
durchschauert dich der kühlen See
tiefblaue Einsamkeit.

Entquillt ein dunkler Schmerzensduft
dem Blumenschoß der Nacht,
schwebt nieder deines Traumes Blatt
in einen toten Schacht.

Peitscht Schluchzen, Stöhnen und Geschrei
aus jedem Mund August,
sagt dir des Wassers zitternd Bild,
daß stumm du gehen mußt.

Und fällt im Dunkel reife Frucht
in deines Schlafes Gras,
fühlst du der Liebe süßen Biß,
von dem kein Herz genas.

 

Aug 12 20

Und es strömt das Leben

Und es strömt das Leben,
strömet sanft
dir von den Lippen,
strömt mit jedem Hauch,
mit jedem Seufzer,
und dem Tau gewordenen Wort,
dem veilchendunklen Kuß,
von deinem Mund.

Wie von schwarzen Wassern
steigt ein Duft
zum bleichen Mond,
da sein trunkener Strahl
der weißen Blüte,
der scheuen Schwester
bebenden Knospe,
sich herabgeneigt.

Und es strömt das Blut,
strömet sanft
dir aus den Wangen,
des Lebens Wärme fließt
aus deinen hellen Armen,
wehenden Zweigen,
die sich schon ganz vermählt
dem Wind der Dunkelheit,
strömet sanft
mit jedem Atemzug.

Wie von lichten Tropfen
fällt ein Klang
in einer Seele Schacht,
die dort lange, lange schlief,
und als gälten Rufe ihr
von fernen Sonnenauen,
aufwärts blickt
in die dunkelblaue Wölbung
ihrer ewigen Nacht.

 

Aug 11 20

Das alte Grauen

Das alte Grauen quillt und schwillt,
die Lebenswasser stocken,
der Glanz des Schönen ward verhüllt,
uns nähren Aschenflocken.

Was uns der grüne Tag genannt
im Schwung von Blütenkronen,
ist ganz in stummen Fels gebannt,
ins Starren von Dämonen.

Was wir der blauen Nacht geweiht
im Dankesspruch beim Weine,
ist wie die Inschrift zugeschneit
auf morschen Grabes Steine.

Das alte Grauen ist erwacht,
der Fluch der Eumeniden,
Gezücht der Erde und der Nacht,
uns ist kein Heil hienieden.

 

Aug 10 20

Wir gingen lange schweigend

Wir gingen lange schweigend, aus den Schilfen
kam uns des frühen Lebens Schauer an.
Und erste Blicke zuckten unter Grases
Wimpern, tropfend löste sich der Bann.

Wie aus des Flusses aufgeschäumten Wirbeln
ertönte deines Mundes heller Klang,
wie die auf Wellen schwingt, die weiße Knospe,
umhüllte Anmut deinen leichten Gang.

Ich aber zog dich fort von seufzenden Moosen,
dem Tränenglanz auf Dämmers grünem Samt,
bergan in herbe Düfte zwischen Reben,
wo sie der hohe Strahl zu Gold entflammt.

Dort sahen wir durchs Schattenspiel der Ranken
ins Blaue blitzen Stromes Silberband,
wir saßen lange schweigend, bis seine Veilchen
der Mond ins Haar der stillen Erde wand.

 

Aug 9 20

Traumgezwitscher

Schmelz der Schwermut, rosa Glimmer.
Feuchte Ranken windergeben,
bleichem Mond geweihte Tropfen.
Blaues Dämmern wilder Reben.

Traumgezwitscher schwanker Nester.
Die der Erde Schoß entquollen,
Seufzer, scheuer Hauch der Gräser.
Tränen, die ins Dunkel rollen.

Leiser, immer leiser rauschen
Wasser, die das Gold der Sage
zu den Schattenufern bringen.
Lieder, Glück der frühen Tage.

 

Aug 8 20

Ins Dunkel sinkt der Blütenschaum

Und hat der Wind davongetragen
aus deinem Haar den Sonnenflaum,
es bleibet uns nichts mehr zu sagen,
ins Dunkel sinkt der Blütenschaum.

Uns rufen goldene Abendstrahlen,
verlorene Stimmen in den Grund,
sie künden uns vom Quell der Qualen,
der Erde schmerzbetautem Mund.

Wir standen auf den lichten Höhen
und schauten auf des Wassers Glanz,
wir müssen zu den Ufern gehen,
zu flechten Abschieds schönen Kranz.

Wir winden ihn aus grünen Zweigen,
erglühtem Mohn und Veilchen bang,
wir wollen auf den Strom uns neigen
und lauschen: Fern verseufzt der Sang.

 

Aug 7 20

Wie flüchtig ist die Spur des Lebens

Die Inschrift ist schon fast verwittert,
der Efeu, der sie wild umrankt,
er ist noch grün und glänzt von Feuchte,
wenn deine Tränen längst versiegten.

Wie flüchtig ist die Spur des Lebens,
die zarten Risse weichen Schnees,
und hat auch Seufzen sie geschrieben,
sie schmelzen mit dem jungen Strahl.

Das leere Ich ist wie auf Spiegeln
ein blinder Hauch des warmen Munds,
ein Wasser, das im Dunkel rieselt,
und wird es hell, ist alles still.

Ein Lied, von einem Kind, das fiebert,
im Halbschlaf vor sich hin gelallt,
wie eines Vogels leises Schluchzen
verliert es sich im Schilf der Nacht.

 

Aug 6 20

Begriffsspiele

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die einen Toren sagen, Kunst sei, was man dafür hält, die anderen, das Geschlecht könne man wählen. Oder sind es dieselben?

Die Empfehlung, das bessere Argument gelten zu lassen, ist selbst kein Argument.

Argumentieren ist eine Art Spiel; wir können den Unwilligen nicht zwingen, mitzuspielen.

Das beste Argument schwebt in der Luft, in der freien Luft des Spieles.

Die Statistik oder die größere Anzahl ist kein Argument und bietet keinen objektiven Grund dafür, einen Begriff, einen Maßstab oder eine Handlung zu empfehlen.

So und so viele machen dies, so und so viele machen jenes; daraus läßt sich nichts folgern und daraus folgt nichts.

Etwas in einer bestimmten Beleuchtung zu sehen, heißt nicht, es verzerrt zu sehen, sondern diesen Aspekt deutlicher, jenen Aspekt verschwommener.

Es gibt nicht die einzigartige universale Beleuchtung, in der wir alles richtig, scharf und deutlich sehen.

Auf dem Hügel stehend übersehen wir die Felder, Wiesen, Auen; auf dem Berggipfel stehend sehen wir auf den Hügel herab, auf dem wir kürzlich standen; die Felder, Wiesen und Auen dagegen verblassen in der Ferne.

Ich gehe nicht im Park spazieren, weil ich aufgrund wissenschaftlicher Studien über die gesundheitsförderlichen Aspekte von Spaziergängen mich zu diesem Tun entschieden habe; ich gehe spazieren, weil es mir gefällt, weil ich es will.

Ich entscheide mich nicht dafür, einem Freund die Treue zu halten oder für ein Kind Verantwortung zu übernehmen, weil mir die biologische Theorie erklärt, wie mir aufgrund intimer Nähe gewisse Hormone Bindungsgefühle aufdrängen.

Ich muß meine Überzeugung, Gras sei grün, nicht aufgrund der Tatsache revidieren, daß die physikalische Theorie von farblosen Entitäten handelt.

Aus der Möglichkeit, optischen Täuschungen aufzusitzen oder von einem bösen Dämon hinters Licht geführt zu werden, die Wahrscheinlichkeit zu folgern, daß wir uns in einer visuellen Scheinwelt oder trügerischen Traumwelt aufhalten, ist ein Fehlschluß.

Die Möglichkeit des Falschen ist eine Implikation des Begriffs des Richtigen und Wahren.

Wir können mit Figuren aus Holz oder Elfenbein korrekt nach den Regeln Schach spielen; aber wenn wir die Bauern wegnehmen, spielen wir ein anderes Spiel.

Wir können das Spiel des Begründens spielen; aber dies Spiel können wir in seinem Rahmen nicht wieder begründen.

Das kulturelle Erbe ist ein strukturell anderer Begriff als der biologische des genetischen Erbes.

Das kulturelle Erbe unterliegt anderen Gesetzen als den wissenschaftlichen der genetischen Theorie.

Wesentliche Begriffe enthalten einen biologischen Kern, wie der Begriff der Liebe, der im familiären Umfeld der elterlichen Fürsorge um die Nachkommenschaft entspringt und gedeiht.

In der Tat, wenn wir den biologischen Kern zerstören und den Acker der Familie, auf dem der Begriff gedieh, verwüsten, erlischt allmählich auch seine Anwendung im übertragenen Sinne.

Dennoch ist der Zusammenhang natürlicher oder naturkundlicher Begriffe wie der biologische der Sexualität und der animalischen Brutpflege mit kultürlichen oder werthaltigen Begriffen wie dem Begriff der Liebe alles andere als evident.

Wir sprechen mit guten Gründen von Erbkrankheiten oder vererbten Dispositionen zu Erkrankungen wie Psychosen, doch wenn wir von genetisch bedingten und statistisch auffälligen Abweichungen im Sexualverhalten als Perversionen sprechen, wie es Freud tut, können wir unseren naturkundlichen Studien keinen wertneutralen Begriff von Sexualität unterstellen. Hier vermengt Freud wissenschaftliche Befunde und werthaltige Deutungen.

Ist der genetisch homophil Veranlage pervers, weil er die Bedingung normaler Sexualität, durch Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle eine lebensfähige Zygote hervorzubringen, nicht erfüllt? Aber er kann sie qua biologischer Voraussetzung nicht erfüllen.

Der Hinweis auf die Tatsache, daß das Menschengeschlecht unterginge, wäre die statistische Mehrheit der Menschen nicht mit der genetischen Neigung zu heterosexueller Vereinigung ausgestattet, ist allerdings ein Scheinargument, denn sie setzt die Wahrheit des Satzes voraus, die Existenz und Weiterexistenz der Menschheit sei besser als ihre Nichtexistenz und ihr Untergang. Die Eigenart des Wortes „besser“ verhüllt den Wechsel im Begriffsspiel, der hier vonstattenging.

Die biblische Offenbarung ist in dieser Hinsicht eindeutig; ihr gemäß gilt der Satz, es sei besser, der Mensch existiere, als daß er nicht existiere oder untergehe, aus dem guten Grund, daß er dem Wort oder Befehl Gottes entspricht, der sie als Mann und Weib nach seinem Bilde schuf und ihnen befahl, zu wachsen und sich zu vermehren.

Hier wird offenkundig, daß es sich bei der Eigenart des Wortes „besser“ um einen Tatbestand jenseits aller Vernunft und wissenschaftlichen Rationalität handelt.

Nur wenn wir in diesem geoffenbarten oder übervernünftig geglaubten Sinne die Existenz und Weiterexistenz der Menschheit für besser als ihre Nichtexistenz und ihren Untergang ansehen, hat die scheinbar wissenschaftliche Rede Freuds von den sexuellen Abweichungen wie Homosexualität, Fetischismus, Masochismus als Perversionen Bedeutsamkeit und Relevanz.

Mann und Frau als biologische Typen des sexuellen Dimorphismus verkörpern zugleich natürliche Realitäten und seelisch-kulturelle Werte. Wer die natürlich gegebene und kulturell bedeutsame Differenz leugnet, plädiert für eine scheinbar vielfältige, in Wahrheit und im Ergebnis sterile, unfruchtbare und monotone Lebenswelt und nimmt den natürlichen und kulturellen Tod seiner Herkunftsgruppe in den Kauf.

Die natürliche und kulturell bedeutsame Geschlechterdifferenz zu diskreditieren, einzuebnen, zu neutralisieren, zeugt von einem geschwächten, degenerierten Überlebenswillen.

Der Vater ist nicht nur der Erzeuger und Samenspender, sondern derjenige, der die Familie hütet und dem Nachwuchs den lichten Horizont der Zukunft eröffnet. Der Begriff des Patriarchats bezieht seine Bedeutsamkeit aus dieser kulturellen Funktion.

Wir befinden uns in jeweils anderen begrifflichen Kontexten, wenn wir den natürlichen Begriff des Samenspenders und den kulturellen des Vaters verwenden.

Die abendländische Kultur ist von ihren Anfängen bei den Griechen patriarchalisch, wie es sich im Triumph der olympischen Götter über die Götter der Unterwelt widerspiegelt.

Doch umfaßt der Lebenstag Licht und Dunkel, die Ekstase bunten Erblühens und das Grauen der Dämmerung.

Der hebräische Gott ist kein Vatergott, denn er hat nicht gezeugt, im Gegensatz zum christlichen, denn Christus ist der Sohn.

Wenn wir mit Goethe gegen die Anmaßungen der Physikalisten und Naturalisten an der farbigen Welt festhalten, können wir über Farben nicht nur als optische, sondern auch als ästhetische und sittlich wirksame Phänomene sprechen.

Goethes begriff von Natur ist kein naturwissenschaftlicher Begriff.

Wesentliche Antworten gehen notwendigerweise den Fragen voraus.

Wir wechseln die Bühne, Szenerie und Beleuchtung, wenn wir von demjenigen reden, was wir sehen, messen und gewichten, und den Maßstaben, die wir bei unserer Beobachtung, Messung und Gewichtung anlegen.

Den Maßstab, mit dem wir die Länge messen, haben wir axiomatisch festgelegt. Das Urmeter hat selbst keine Länge, sondern zeigt uns, was wir darunter verstehen.

Wir sprechen anders vom farbigen Licht, anders von einem bunten oder monochromen Stil.

Wir können statt Elle und Fuß den präzisen Maßstab des Meters festlegen. Aber wir können nicht alle Maßstäbe zugleich in Frage stellen.

Wir können uns fragen, ob wir uns wirklich vor einem Jahr mit unserem Freund im Park getroffen haben. Aber wir können nicht an unserer eigenen Existenz zweifeln.

Von der eigenen Nichtexistenz zu reden verstrickt uns unmittelbar in Paradoxien.

Die Möglichkeit, im eigenen Namen zu sprechen, oder die semantische Funktion der ersten Person ist die transzendentale Bedingung dafür, an beliebigen Begriffsspielen teilzunehmen, ja neue vorzuschlagen und zu erproben.

Wir bestimmen die Farbe eines Tuchs anhand das Farbmusters, das wir an es anlegen. Wir bedürfen keiner Vorstellung oder Idee, um das richtige Tuch mit der richtigen Farbe aus einem ungeordneten Haufen von Tüchern herauszufinden, wenn wir über das geeignete Farbmuster verfügen.

Wir sagen, das ausgewählte Tuch exemplifiziere die Farbe des Farbmusters.

Zwei verschiedenfarbige Tücher miteinander zu vergleichen ist etwas anderes als ein Tuch mit einem Farbmuster zu vergleichen.

Wir können zwei Dramen des Sophokles miteinander vergleichen, zum Beispiel in Hinsicht auf die dramatische Rolle des Chors; aber es handelt sich um ein anderes Begriffsspiel, wenn wir das Drama „Ödipus Rex“ als Musterdrama akzeptieren, und andere Dramen desselben Autors oder anderer Tragödiendichter an diesem Muster und Maßstab messen.

Wenn wir in der ägyptischen Wüste einen Pergamentfetzen mit einem Gedichtfragment finden, in dessen verstümmelten Zeilen einige Silben in einer Anordnung folgen, die wir den Metren der Sappho zuordnen können, ja darüber hinaus eine für diese Dichterin charakteristische Verwendung von Blumennamen oder die Erwähnung eines Eigennamens einer Person finden, die uns aus dem gesicherten Vorrat der Sappho zugeschriebenen Werke bekannt ist, können wir mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß es sich um das Fragment einer echten sapphischen Ode handelt.

Alles philologische Detailwissen über Sapphos Werke muß uns als Maßstab dafür dienen, die Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei dem unbekannten Fund um ein Fragment eines Sappho-Gedichtes handelt, zu erwägen, zu begründen oder abzuweisen.

Wenn wir Zeilen lesen, die eine fiktive Person in eigenem Namen zu einer anderen Person äußert, die ihrerseits in eigenem Namen darauf antwortet, kurz wenn es sich um einen Dialog handelt, der nicht die Aufzeichnung eines realen Gesprächs darstellt, können wir mit einiger Sicherheit vermuten, daß er einen Auszug eines Dramas und die Vorlage einer Theaterszene darstellt. Wir bestimmen ein solches Kunstding als Drama, weil wir es an das Muster und den Maßstab all der Dramen anlegen, die wir kennen.

Wir können uns irren, beispielsweise, wenn wir feststellen müssen, daß der Dialog eine Passage innerhalb eines beschreibenden und erzählenden Rahmenwerks darstellt, wie wir es in den Homer zugeschriebenen Epen finden.

Wir erkennen das Typische anhand von Mustern, die oft als Kontraste oder Supplemente angeordnet sind, wie die Gestaltschemata von Hund und Katze, Kind und Greis, Blume und Stein, hierzu gehören auch die typischen Körperschemata von Mann und Frau.

Wir erkennen ein Gesicht am abstrakten Gesichtsschema, den Gesichtsausdruck von Freude, Wut oder Ekel an konkreten Ausdrucksmerkmalen.

Der natürliche Geschlechtsdimorphismus von Mann und Frau ist der biologische Kern und das natürliche Muster der ästhetischen Werte von Anmut und Würde.

 

Aug 5 20

Ins Uferlose laß uns gleiten

O laß uns auf des Wassers Weiten,
von einem Schwan der weiße Flaum,
von seinem Lied der goldne Schaum,
ins Uferlose laß uns gleiten.

Laß uns ans Blau des Himmels schmiegen,
im Zwitschern eines Lerchenpaars,
im schwarzen Augenglanz des Maars,
ins Tal der Heimat laß uns fliegen.

O laß uns in der Sappho Hainen,
wo ihre Verse wiegt der Wind,
vom Schmerzensduft des Abends blind,
mit weichen Veilchen laß uns weinen.

 

Aug 4 20

Norm und Perversion

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wäre wie in der frühen Christenheit Keuschheit und sexuelle Askese das höchste Ideal, könnte der Widersacher keinen moralischen Stich mit dem Argument machen, würden es alle beherzigen, stürbe die Menschheit aus. – Denn daß es die Menschheit geben soll, läßt sich nicht aus der Tatsache ableiten, daß es sie gibt.

Die Existenz einer Sache ist kein Argument, weder für sie noch gegen sie.

Der Biologe definiert Sexualität als Verhalten, das im darwinistisch günstigen Fall zur Vereinigung von männlichen und weiblichen Gonaden, von Samenzellen und Eizellen führt. – Gott aber, so sagt es die biblische Offenbarung, schuf sie nach seinem Bilde, als Mann und Weib erschuf er sie und trug ihnen auf: „Wachset und mehret euch!“

Wenn Sexualität ein natürliches Verlangen darstellt, ist es nicht töricht, sie zum moralischen Ideal zu erheben? – Doch weshalb sollten moralische Gebote ihr Kriterium an der Tatsache finden, daß wir sie nur widerstrebend erfüllen?

Wer wie Sigmund Freud zu wissen glaubt, daß gewisse natürliche Verhaltensneigungen, wie die sexuelle Anziehung zwischen Mann und Frau, zugleich eine Norm begründen, muß die davon abweichenden Neigungen wie Homosexualität, Sadismus, Masochismus oder Fetischismus folgerichtig als Perversionen betrachten.

Und Freud tut genau dies; doch kann er Perversionen nicht als Naturwissenschaftler diagnostizieren: Der seriöse Biologe kann ja nur statistische Aussagen treffen, nämlich, daß die Mehrheit der Mitglieder der menschlichen Spezies heterosexuelle Neigungen aufweist und eine Minderheit davon abweichende. Freud kann von abweichenden Neigungen als Perversionen nur als Psychiater reden, dem ein gewisses Ideal seelischer Gesundheit und Krankheit vorschwebt.

Ist aber seelische Krankheit nicht ein Symptom körperlicher Krankheit, wie die Psychose ein Symptom degenerativer Veränderungen des Gehirns?

Von einem Dementen erwarten wir nicht, daß er ein gegebenes Versprechen hält. Wir betrachten ihn in dieser Hinsicht nicht (mehr) als moralische Person. – Der Mörder, der seine Tat unter dem Einfluß eines psychotischen Verfolgungswahns begangen hat, wird strafrechtlich nicht belangt.

Der Unterschied von Mensch und Tier läßt sich auch so fassen, daß wir Tiere nicht als moralische Personen gelten lassen, die ein Versprechen einlösen oder brechen, einen Mord begehen oder verhüten, sich für eine Untat schämen oder sie wiedergutmachen oder sie mit fadenscheinigen Gründen bemänteln.

Mord ist kein natürliches Vorkommnis, moralische Personen sind keine natürlichen Personen.

Das Tier unterscheidet sich vom Menschen darin, daß es weder Verbrechen begehen noch geisteskrank werden kann.

Der Ehebrecher scheint aus dem Schneider zu sein, wenn seine Frau ihm den Seitensprung nicht verargt oder ihn mit gleicher Münze heimzahlt; der Straftatbestand des versuchten Mordes bleibt bestehen, auch wenn der Betroffene in christlicher Demut dem Schurken die Tat verzeiht.

Der Unterschied von Mensch und Tier läßt sich auch so fassen, daß wir Tiere nicht als natürliche Personen gelten lassen, deren seltsames Gebaren und Verhalten wir als Folge einer seelischen oder geistigen Erkrankung erklären.

Der vereinsamte alte Mann wird unwirsch, herrisch, aggressiv; das Verhalten des Schoßhündchens, das zu knurren beginnt und bissig wird, werden wir nicht als Symptom einer Neurose erklären.

Wie Nietzsche markig zu behaupten, alle unsere moralischen Begriffe würden hinfällig, wenn man den Gott des mosaischen Gesetzes vom Thron stößt, ist ähnlich begrifflich konfus und töricht, wie zu sagen, eigentlich lebten wir in einer farblosen und gestaltlosen Welt, denn die Weise, wie wir die Welt sehen, nämlich farbig und perspektivisch, sei nur die Folge unserer zufälligen subjektiven Beschaffenheit.

Die Röte der Rose ist genauso ein echter Bestandteil unserer Welt wie ihr Duft und ihre Schönheit oder die Tatsache, daß sie jemanden als Geschenk eines Freundes erfreut.

Wir können sagen, daß diese Rose rot ist, ohne uns über ihr Sein an sich zu betrügen, denn dieses ist eine Chimäre.

Nichts verpflichtet uns, irgendwelche Theorien der Naturwissenschaft, ob der Physik oder der Evolutionsbiologie, als unabdingbare Muster unseres Alltagsverständnisses zu übernehmen.

Ich gehe nicht als Mitglied der Spezies Homo sapiens spazieren, sondern als der Mensch dieses Namens mit dieser Biographie.

Wir können sagen, daß uns diese Tat für einen Mord gilt, ohne uns darum zu scheren, daß sie im Tierreich, dem Stamm X oder unter Robotern keinen Gegenbegriff hat.

Freud ist insofern begrifflich konfus, als er naturkundliche oder statistische Begriffe wie abweichendes Verhalten mit normativen Begriffen wie Perversion und Geisteskrankheit vermengt.

Wir legen eine Tonskala, ob tonal oder atonal, zugrunde und betrachten sie als Muster, das eine gegebene Komposition erfüllt oder nicht erfüllt.

Wir sagen, dieses Gedicht sieht so aus wie ein Sonett, ist aber keines, weil es das Muster, zwischen den Quartetten und Terzetten eine gedankliche und metaphorische Linie einzuziehen, nicht erfüllt.

Wir lassen es als Entschuldigung gelten, wenn unser Freund die Tatsache, grußlos an uns vorübergegangen zu sein, mit einer momentanen geistigen Abwesenheit erklärt; nicht aber, wenn der Schreiber des scheinbaren Sonetts uns den Pfusch mit seiner momentanen Zerstreuung zu erklären trachtet.

Es gibt keinen Begriff von Kunst ohne normative Implikationen; wenn wir darunter auch bloß eine Menge von Mustern verstehen und kein universal gültiges Ideal.

Wir erheben die Natur unserer Sexualität, verstanden als natürliches Verlangen nach Zeugung und Nachkommenschaft, zur Norm, wenn wir (etwa im Sinne Platons) Fruchtbarkeit als kulturelles Kriterium ansetzen und kulturell höherstufiges Verhalten kulturell unfruchtbarem, destruktivem und selbstzerstörerischem gegenüberstellen.

Wer ist dieses Wir, das die Natur zum normativen Muster erhebt? Nun, eine Elite, ein Volk, eine Kulturnation wie die Griechen, die Römer, die Franken.

Die Einsicht, daß Norm und Perversion begrifflich unauflöslich verflochten sind, ist so grausam und herrlich wie die Einsicht in die Todumfangenheit des Lebens.

Die Reduktion von fruchtbarer Sexualität oder produktivem Tun auf rein selbstbezügliche Erotik oder dem, was Kierkegaard die ästhetische Existenzform nennt, wäre in diesem Sinne eine Grundform von Perversion.

Wie wir die Dinge nicht ohne Farbe, Gestalt und Perspektive wahrnehmen können, so keine moralisch relevante Handlung und kein Kunstwerk, ohne sie an Wertmaßstäben und Mustern zu messen und zu gewichten.

Wir können uns im eigentlichen Sinn im Traum nicht verrechnen, denn auch die scheinbar angewandten Rechenregeln sind Bestandteil des Traums; geträumte oder bloß vorgestellte Regeln und Muster aber sind gar keine Regeln und Muster.

Der denkwürdige Vergleich der Hervorbringung des Kunstwerks mit dem sexuellen Akt, Zeugung und Schwangerschaft: das notwendige Dunkel, die Ungewißheit, die Nacht der Tragezeit; die Qualen der Geburt; die Freude über das Werk, wenn es das Licht der Welt erblickt, es sei denn, es war eine Eintagsfliege, eine Fehlgeburt oder eine Mißgeburt.

Daß einer mit einem Kunstwerk schwanger geht, läßt sich füglich nur vom Manne sagen.

Die kulturellen Relativisten sind ähnlich begrifflich konfus und bedeutungsblind wie die amoralischen Naturalisten. Die Naturalisten sagen, Farben und Werte seien Illusionen, die eigentliche Welt der physikalischen Dinge sei farblos und jenseits aller visuellen (und anderer ästhetischer) und moralischer Qualitäten. Die kulturellen Relativisten sagen, ästhetische und moralische Werte seien subjektive Zutaten zu dem Kuchen unseres Hier- und Soseins, der an sich nach nichts und daher jedem anders schmecke.

Kein Begriff von Fehler ohne Muster korrekten Verhaltens, kein Begriff von Perversion ohne normative Muster. Wenn wir den Begriff des Fehlers oder die Möglichkeit, Fehler und Fehlschlüsse zu machen, streichen, wird alles Rechnen, Argumentieren, Urteilen sinnlos. Wenn wir den Begriff der Perversion oder die Möglichkeit, moralische Fehler und Untaten zu begehen, streichen, wird alles Handeln, Rechtfertigen, Bewerten sinnlos.

Sokrates nahm an, gedankliche und moralische Fehler beruhten auf Geistesschwäche, der Unfähigkeit zur Einsicht in ein universal gültiges oder ideales Muster; doch bedürfen wir keiner allgemeinen Idee des Guten, um spontane Gewißheit darüber zu erlangen, daß unser Tun von Übel ist. Darüber hinaus ist sein Irrtum umso bedenklicher, als er den Hang zur Perversion oder der Herabwürdigung normativer Muster, ob ästhetischer oder moralischer Provenienz, als mentale Schwäche verkennt; er erweist sich indes als eine dämonische Macht, welche die biblische Offenbarung mit dem Bild von der Ursünde erhellt.

Dies scheint das Eigentümliche an der dämonischen Macht der Perversion, ob sexueller, ästhetischer oder moralischer Natur: Sie bezieht ein Großteil ihrer Energien und Antriebe gleichsam aus der Polemik oder dem Krieg gegen die normativen Muster des Feindes (der Mutter, des Vaters, der Familie, kurz des Patriarchats, der Schönheit, der liebenden Sorge, des Anstands). Ihre Exzesse der Obszönität, der Verhäßlichung und Degradierung werden von den medialen Voyeuren gierig aufgesogen und als Sprach- und Bilderbrei unter allgemeinem Applaus wieder erbrochen.

 

Aug 4 20

Letzter Strahl

Mögen Tropfen süßen Lichtes
auf dein Haupt herniederzittern,
schließt sich auch der Sonnengarten
hinter blauen Schattengittern.

Mag das Zwielicht grüner Wellen
noch dein Angesicht umfließen,
wenn die Blüten auf den Teichen
ihre hellen Fächer schließen.

Mögen Seufzer deine Lippen
noch mit mildem Glanz befeuchten,
wenn der Veilchen blaue Augen,
weil sie weinen, weicher leuchten.

Wankt der letzte Strahl voll Bangen,
Lichtes letzte Fäden fliegen,
wollen Hand in Hand wir harren,
Herz an Herz im Dunkel liegen.

 

Aug 3 20

Geh mit mir hinab

Geh mit mir hinab die Dämmerpfade,
immer fernen Wassers Glitzern nach,
Blattes Rieseln immer nur im Ohre,
wird der krumme Weg auch nicht mehr grade.

Ist mir nur dein leiser Sang Geleite,
schimmert mir dein Auge noch im Dunkel,
brennt mich zärtlicher die Dankesträne,
ahn ich zwischen Schatten Sternenweite.

Betten wir uns abseits unterm Moose,
wenn die Nacht mit ihrem Eulenflügel
über unsre bange Stirne streift,
weißer Mond, neig dich, o letzte Rose.

Herz an Herz verrinnt des Blutes Klage,
und kein kühler Tau, der uns erweckt,
wenn im Tal die Morgenglocken tönen
und im Fluß wogt Gold von alter Sage.

 

Aug 2 20

Erloschen

Des hohen Geistes Sonne ist erloschen,
was noch in dieses Tales Dämmer schwelt,
ist Fäulnis morscher Hölzer, morscher Seelen,
lepröser Schorf, der an den Worten klebt.

Die Flamme, die sich Hochsinn weiterreichte
von Kelch zu Kelch, mit goldnem Laub umkränzt,
des kalten Aberwitzes trunkner Unhold
hat in der Jauchegrube sie erstickt.

In diesem Tale hängt der Kranz der Jahre
an einem rostigen Nagel, und wechselt nicht
der ausgedörrten Sprache Blatt die Farbe,
blutlose Zunge röchelt in toter Luft.

Und neigt sich nieder Mondes Grabesblume,
ist es, als glömmen manchmal Tränen auf
an nächtlichen Grases scheu erzitterter Wimper,
was aber rinnt, ist unfruchtbarer Tau.

 

Jul 31 20

Das tote Wort

Wie eine Mücke starr liegt auf dem Blatt,
scheint tot das Wort, das golden-grün gefunkelt,
und wär ein Hauch, der jene krabbeln macht,
ist keiner, der das tote Wort erweckte.

Und ist der trockne Kiesel blaß und matt,
ein frisches Lebenswasser läßt ihn schillern,
einmal verblichnes Wort, so schwer es wog,
schenkt keines Gottes Atem Glanz und Farbe.

Mit seinen morschen Adern ohne Blut
flammt herbstlich auf das Laub im Abendstrahle,
der Mund, der seinen Abschiedsgruß gelallt,
ein welkes Blatt schwimmt er auf Lethes Wellen.

Die späte Traube, bereift von Winternacht,
glüht purpurn Freunden in den schönen Schalen,
das wie vergessne Frucht vom Baume fiel,
das süße Lied fault unter stummen Schatten.

 

Jul 31 20

Wir tasten fühllos

Die Kruste auf der Haut des Sinns
vermag kein Öl, kein Spruch zu lösen,
den Star in trüber Augen Grund,
kein Dorn des Lichtes will ihn stechen.

Wir tasten fühllos volle Frucht.
Die uns an Wimpern glänzten, Tränen,
sie schluckte Staub, den unwirsch wir
und eilig uns vom Fuße streifen.

Auf glattem Teint der Schönen sieht
der hohe Geist lepröse Flecken,
in eines klugen Schwätzers Hirn
Gewürm den Nerv der Liebe nagen.

Und was wie graue Traube starrt
in einem Weinberg ohne Erben,
erblaut nicht unterm Tau der Nacht.
Wo sind die Schauer, die uns weckten?

Uns singt kein Quell der Katharsis
für ungeweihten Lebens Schwären,
und keines Heilands Mund hat Hauch,
worin die toten Aschen stäubten.

 

Jul 30 20

In uns die Ströme

Wie sich in uns die Ströme erben, Ströme
fremder Quellen, von Traumgestrüpp verhüllt,
die unter fremden Sonnen glänzten, Knospen
mit sich reißend, Muscheln, Wappen, Kronen,
und führten Schlamm, Gebein und Totenkränze,
des hellen Tages gurgelnd Wahngeschlinge,
und hat der Wind sich müd gestöhnt im Schilf,
trank Gold an ihren Ufern Abend still,
die Silberflosse tunkte ein der Mond.
Wir wissen nicht, ob sie in Blütenbuchten,
ob durch Morast sie, Täler grünen Schlafs
ins Meer gemündet, versickert sind im Karst.
Und was die Wellen sangen, Sagen schäumte
der Ruderschlag vergangner Völker, Schrei
und Fluch der Opfer, deren Blut sie färbten,
in unseren Adern ist es noch nicht ganz
verstummt. Denn manchmal dringt in unsres Traumes
Fenster ein Duft versunkner Gärten, die einst
an ihren Wassern grünten, geisterhaftes
Zwitschern eines Vogels, dessen Nest
in ihrem Rohr geschwebt, und manchmal stockt
der Atem uns, und ritzt der Dorn der Rose
unsern Schlaf, wenn jählings unter uns
der alten Ströme morsche Ufer brechen.

 

Jul 29 20

Gespenster der Stadt

Gespenster gehen durch die Einkaufsstraßen,
in prallen Taschen tragen sie den Tod,
ihr Bildnis zittert in den Fensterscheiben,
doch auf dem erznen Schild des Engels nicht.

Ihr Träumen reißt, ein fahles Zwielicht-Flackern,
in kalte Zahlenströme das Gesicht,
in ihres Lächelns papierner Jahrmarktblüte
schwirrt sich die blaue Abort-Mücke müd.

Und was sie reden, rinnt wie schwere Tropfen
von Blatt zu Blatt herab auf stummes Moos,
und wenn sie lieben, welkt an ihren Seufzern
von Kuß zu Kuß der Glanz von stillen Rosen.

Der Überdruß verklebt die starren Wimpern,
vertaner Blicke unfruchtbares Licht,
ins Wüste zucken ihre Gesten, Quallen,
die irren Muskels Krampf ins Grauen peitscht.

 

Jul 28 20

Aristide Maillol

Dir rankten weicher Linien des Lebens
um tauend runde Frucht der Weiblichkeit,
wenn um getunkten Fuß die Woge lächelt,
sich Locken knoten um den Wirbel Luft,
gespreizte Finger Hauches Säume heben,
das Fleisch sich bäumt zum Schauer-Kuß hinan,
und niederquillt das Haar in grünen Schaum.
Die Nacktheit ward dir Gipfelglanz und Schatten-
schlucht, worin ein Quell zum Monde singt,
die Flechten lösten Nymphen deinem Mund.
Die süßen Duftes in den Garten stieg
aus tiefem Mythenblau des Altertumes,
und Blumenseufzer fälteln ihr Gewand,
Wind-Lippen, die hellen Schlafes Wasser necken,
hielt dir, die Göttin, Samen hin und Früchte.
Du hast den runden Bronzeklang des Lichts
aus schluchzendem Geschling des Sonnenmeeres
mit lauschenden Fingern in den Leib gebannt.
Du bogst des Hauptes schwere Schmerzensknospe
nieder auf den stummen Schoß, die Nacht.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Aristide_Maillol#/media/Datei:Aristide_Maillol_(1861%E2%80%931944)_Bildhauer_Maler_Grafiker._Bronze._Friedhof_am_H%C3%B6rnli,_Basel._(3).jpg

 

Jul 27 20

Mein Lied für dich

Daß mein Lied, aus fernen Quellen Hauch,
deiner Schläfe Pochen kosend kühle,
wie vertraute Hand des Schattens Strähne
zögernd aus der Stirn dir streife.

Daß es glitzernd wie ein Tropfen falle
in des Traumes grüne Wasserschale,
eine kaum gefühlte Träne langsam
über deine Wange niederrinne.

Daß von Edens aufgetanen Knospen
es den Duft in dunkle Zimmer trage,
Schimmer einer goldbetauten Traube,
die an blauen Wassers Hang geglüht.

Daß mein Lied wie Sichelmondes Schneise
eines wirren Dickichts Dunkel öffne,
weiche Moose auf den bangen Pfad
deiner Heimkehr zu den Veilchen breite.

 

Jul 27 20

Grünen Lebens Ranken

Wenn noch grünen Lebens Ranken
an den Wänden beben,
sehen wir zu frohem Danken
Flügel niederschweben.

Wenn im Regen sie erglänzen,
schwere Tropfen triefen,
werden Wehmut bald begrenzen
Himmels blaue Tiefen.

Sind im Herbst sie Flammenmale,
flackern am Gemäuer,
heben wir des Herzens Schale
in das Opferfeuer.

Hat ein Reif sie übertrauert
mit des Grabes Linnen,
Sonne hat ihn weggeschauert,
milde Tränen rinnen.

 

Jul 26 20

Der Kuß des Abendrots

Wir stiegen auf grünen Lichtes weichen Matten
aus Schluchten langer Qual und banger Nacht,
die weißen Blüten sagten uns, das Rieseln
klarer Wasser, was die scheue Lippe barg.
Und was uns bienenhell im Gras gesummt,
war ausgeschwirrt aus goldenen Traumes Waben.
Uns sandten aus dem Schneegeviert der Höhe
Rosen einer fremden Sonne fremden Duft,
der um den Dorn des Abschieds Flaum gewebt.
Wir hielten inne an dem Wegekreuz,
wo das Geröll ins Blütenlose starrte,
und saß ein Vogel auf dem Schmerzgebälk,
der sang, wie letzten Grußes liebes Winken
flog in die Laube der Dämmerung er heim.
Wie Falter, bunter Tanz im scherzenden Wind,
die ein Alpenwasser lieblich spiegelt,
wurden eins wir mit dem Geist des Bergs,
der blaue Himmelslust aus Wolken trinkt.
Wir fühlten Odem, hohen Schöpfers Mund,
der aus der Tiefe ruft die Lebensquellen.
Uns sog der sanfte Kuß des Abendrots
in süß verworrner Worte Rankenspiele.

 

Jul 25 20

Alles sagt Lebwohl

Alles sagt Lebwohl im Abendlicht,
was nahe sich mit Knospenaugen schließt,
das Wehen rätselhaft aus Efeublättern,
was fern aus Quellen traumwärts rinnt, das Rauschen,
vom Dunst des Schmerzenslichts beschlagne Fenster,
die keine zarte Hand dir wieder öffnet.
Doch lächelnd nur im Blütenschaum der Mond,
der seinen müden Stab ins Wasser tunkt,
und er versinkt, ein Seufzer welker Rosen,
und Tropfen weinend milder Dankbarkeit
der alten Erde Wimpern, feuchtes Gras.
Dir nimmt das Zögern vor der letzten Biege
Gestirn, das durch verworrnes Laubwerk stürzt,
und hebst auf den Altan der Nacht das Herz,
wo sich des Abgrunds Flammenadern zeigen,
das Delta eines Stroms aus Eden, der sich
ins grenzenlose Meer ergießt, ein blaues
Wogen sternenübersäter Sänge,
die noch lange an der Mauer schäumen,
basaltner Stein des Schlafs, von Moos begrünt.

 

Jul 25 20

Feierlicher Stille Wasser

Wunder sind des hohen Lichtes Tropfen,
die mit Wohlklang auf die Blätter fallen,
Efeu an der grauen Friedhofsmauer,
und werden auf dem Ahnengrabe Glanz.
Trost ist uns der weißen Wolken Spiegel,
feierlicher Stille Wasser, und der Geist,
der uns aus mild geneigten Zweigen weht.
Wie leise geht das Leben mit den Schatten
in den Abend, es pflückt ein Lebewohl
auf Hügeln, die schon dämmern, Veilchen, Lilien,
Anemonen, wie hüllt, ein blaues Tuch,
die Nacht, gesäumt mit Heimwehblicken, ein.
Wir schauen nicht zurück in jene Buchten
voller Schwermutblau, nach vorne nicht,
in jenen Abgrund, an dem des letzten Abschieds
letzte Blume schwebt, wir stehen schweigend
Hand in Hand vor Mondes großer Blüte,
die sich duftlos auf die Erde neigt.

 

Jul 24 20

Ich schwirre um dein Aug

Ich schwirre um dein Aug wie die Libelle
über einem grünen Teich, entronnen
allem fernen Ziel, und zitternd doch,
ob mich der feuchte Glanz noch lange hält,
denn dunkel schwebt wie banges Schilf die Wimper,
und heimatlos macht mich das Blütenblatt
des Lids, das sanft sich unterm blassen Monde
schließt. Ich taumle, eine trunkne Biene,
um deines Blumenmundes warmen Hauch
und sauge Lust aus jedem klaren Tropfen,
den wie an Doldenspitzen dein süßes Wort
mir in der Sonne perlt, wie graut mir aber
vor der Dämmerstunde, wenn das bittre
Harz der Wehmut quälend langsam quillt.
Ich niste, ein herabgefallener Käfer,
im Wirbel deiner Locke, in weiches Dunkel
eingehüllt, und funkle manchmal wie Achat
und Carneol von Zwielicht überschwemmt,
wenn unter Lauben du des Abends wandelst,
doch graut mir vor dem Sturm, der kommt,
schon geht ein Beben durch die Angst der Zweige,
schon sickert fahler Glanz aus müden Knospen,
die ihre Tränenschalen auf den Teichen drehn,
Sturm, der deines Haares zarte Büschel
grausam schüttelt, Sturm, der mich mit Blitzen
eines harten Kamms aus dem Asyl
der Träume fegt, dorthin, ins Unbehauste,
dorthin, ins Niemandsland der stummen Schatten.

 

Jul 23 20

Der Garten der Kultur

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Scheinbegriffe wie „Gegenstand“, „Objekt“, „Ding“, „Seiendes“ sind deshalb mit äußerster Vorsicht und semantischem Fingerspitzengefühl zu behandeln, weil sie vorgeben zu sein und zu können, was sie nicht sind und nicht vermögen: Begriffe, die etwas über die Welt der Tatsachen sagen; stattdessen sind sie ziemlich versteckte Hinweise, nämlich auf die Art, die Struktur und die grammatische Form derjenigen Sätze, in denen wir über Äpfel, Bäume, Gärten, Peter oder Pierre und Deutschland oder Frankreich sprechen.

Wenn wir von Äpfeln als von Gegenständen oder Dingen sprechen, meinen wir damit, daß sie in eine semantisch-grammatische Leerstelle eines Satzes passen, in dem andere Leerstellen oder Funktionen mit Ausdrücken wie „reif“ oder „unreif“, „süß“ oder „sauer“, „von diesem Jahr“ oder „vom Vorjahr“ ausgefüllt werden können. Der Satz aus dem metaphysischen Jargon „Es gibt Äpfel“ ist daher entweder sinnlos oder bedeutet, daß wir mit dem Ausdruck „Äpfel“ Sätze der genannten Art und Struktur bilden können.

Wenn wir von Menschen reden, meinen wir damit, daß wir Sätze wie „Peter ist Hansens Freund“ oder „Claudia ist mit Peter verheiratet“ bilden können. „Mensch“ ist die semantisch-grammatische Leerstelle oder Funktion eines Satzes, die durch einen Eigennamen ausgefüllt und erfüllt werden kann. Der Satz aus dem metaphysischen Jargon „Es gibt Menschen“ ist daher entweder sinnlos oder bedeutet, daß wir den Ausdruck durch Eigennamen und ihnen sinnvoll zukommende oder nicht zukommende Relationen ersetzen können, wenn wir zum Beispiel von Helga fälschlicherweise behaupten, sie sei mit Peter verheiratet.

Wenn wir scheinbar metaphysische Sätze über Gegenstände als kryptische Hinweise und Fingerzeige auf die logische Form und die semantisch-grammatische Struktur unserer Ausdrucksweise durchschauen, müssen wir uns im nächsten Schritt davor hüten, diese fürderhand einfache logische Form als elementare Basis und Fundament mißzuverstehen, worauf wir alle sprachlichen Ausdrücke für unsere komplexere Wahrnehmung und verwickeltere Erfahrung aufbauen könnten, indem wir etwa Sätze bilden wie: „Die Äpfel in der Schale schmecken sauer und der Baum, an dem sie wuchsen, gehört Peter.“ Denn daß die Äpfel ein Eigentum von Peter darstellen, weil der Garten, in dem der Apfelbaum steht, sein rechtmäßig erlangtes väterliches Erbe darstellt, ist nicht in demselben Sinne eine Erfahrungstatsache wie die Tatsache, daß sie sauer schmecken.

Eigentum ist wie alle sittlichen Begriffe (sittlich im Sinne Goethes) keine höherstufige Form von Begriffen, die wir verwenden, um unsere Sinneseindrücke wie süß und sauer zu bezeichnen; was wir vom Eigentum und anderen Formen sittlicher Existenz aussagen, kann aus Sätzen über unsere Sinneseindrücke und Wahrnehmungen nicht mittels Komplexion und Synthese aufgebaut und ermittelt werden.

Wir bemerken diesen Unterschied unmittelbar am semantischen Unterschied der von Peter geäußerten Sätze: „Der Apfel schmeckt mir sauer“ und „Der Garten gehört mir“; denn den ersten Satz könnte auch Hans, Pierre oder Claudia äußern, nicht aber den zweiten.

Wir kennzeichnen diesen Unterschied auch in der Weise, daß wir sagen, ob der Apfel süß oder sauer schmeckt, ist eine Frage der (sensorischen) Wahrnehmung, nicht aber, wessen Eigentum der Garten ist, in dem er reifte; denn dies ist eine Sache der durch rechtliche Spielregeln festgeschriebenen Konvention. Dies aber meint das Gegenteil von Beliebigkeit. Denn würde sich Hans plötzlich als Eigentümer des Gartens ausgeben, wäre eine solche Prätention eine strafrechtlich zu ahnende Form des Betrugs.

Daß wir in der sittlichen Welt leben, gehört zur Signatur unserer geschichtlichen Existenz, unserem Schicksal, aus dem Garten Eden, dessen Eigentümer nicht der Mensch, sondern Gott war, in eine aus Licht und Dunkel, Heil und Unheil gemischte Welt vertrieben zu sein.

Das Eigentum gehört in der sittlichen Welt wie alle Formen von Hierarchie, Ordnung und kultureller Hege zu den Maßstäben und Maßgaben des Katechon, des Aufhalters der gänzlichen Verwilderung und Verwüstung; denn wäre der Garten nicht Peters oder irgendeines Menschen Eigentum, würde er mangels Sorge und tätigen Bemühens um sein Wachsen und Gedeihen, wozu nicht nur das Pflanzen und Veredeln, sondern auch das Jäten des Unkrauts und das Beschneiden wuchernder Triebe gehören, bald ganz und gar verwildern.

Zur Pflege und Hut des Gartens wie zum Sinn des Gartens der Kultur überhaupt gehört auch die Verpflichtung, ihn mittels probater Mittel, von der Umzäunung und Bewachung bis zum Einsatz der Flinte, vor übelwollenden Eindringlichen, Knospenschändern, Fruchtbesudlern und Sinnzertrümmerern zu schützen. Wer das Loch im Zaun nicht mehr zu flicken willens ist, hat wie jener, der die Schwelle des Hauses, das bekanntlich unsere Sprache ist, nicht mehr hütet, sich und seine kulturelle Existenz bereits aufgegeben.

Vom Geschmack der Äpfel des Paradieses haben wir keinen Begriff, ebensowenig wie von der Sprache Adams. Wir könnten uns nicht vorstellen, Adam habe seiner Eva Liebesbriefe geschrieben oder Minnelieder gesungen.

Die Sprache der Dichtung und ihre Bilder, Wendungen, Metaphern spiegeln wie unsere Gärten und deren Blumen und Früchte das heimische Element, das territoriale Aroma, das Licht des heimatlichen Himmels.

Die Bilder der dichterische Sprache, die ihres heimatlichen Wurzelgrunds und der herben und süßen Aromen der Blumen und Früchte ihres heimischen Gartens entfremdet ward, sind blaß und schmecken fade, ihre Metaphern hinken mit schmerzlich verrenkten Versfüßen durch Wildwuchs und alle Konturen verwischenden Dunst.

Der überzüchtete Geschmack mag sich mit den Federn der Aras schmücken, auf das zarte Moos unserer Lieder sinkt der weiße Flaum der Taube herab.

Doch sogar im Hain von Kolonos singt die Nachtigall.

Die Serenade Mozarts ist durchtränkt vom süßen Abendhauch der neapolitanischen Bucht, die Gedichte Goethes sind Schalen, wo neben heimischen Beeren und Äpfeln Zitronen und Orangen glühen, umrankt von Lorbeer und Myrthe.

Der um sein Sterben weiß, umfaßt seine Existenz mit einem Worte: ich.

Der christliche Gott ist im eigentlichen, uns nahe gehenden Sinn Person, denn er ging durch den Tod in Christus.

Wenn der Garten Peters Eigentum ist, wissen wir, daß er die Wahrheit sagt, wenn er sagt: „Der Garten gehört mir.“ – Doch nur wenn Peter sagen kann: „Dies ist mein Garten“, kann er als Eigentümer gelten. Könnte er es nicht mehr sagen, würde ihm der Eigentumstitel aufgrund geistiger Umnachtung abgesprochen.

Von der Sprache Adams wissen wir nicht zu sagen, ob sie die uns unentbehrlichen Personalpronomina und vor allem das der ersten Person enthielt; falls wir uns überhaupt einen Begriff einer impersonellen Sprache machen können.

Unsere Sprache wird demnach nicht durch ein ontologisches Gerüst mittels Scheinbegriffen wie „Gegenstand“, „Objekt“ und „Ding“ oder „Etwas“ gestützt, sondern hängt und schwebt und zittert gleichsam an den unscheinbaren Fäden der Personalpronomina und allen voran dem der ersten Person in der bewegten Luft der geschichtlichen Existenz.

Unsere natürliche Sprache ist ein Spiegel, eine Funktion und ein symbolischer Ausdruck unseres bewußten Lebens – dies gilt auch und gerade, wenn dieser Spiegel vom Atem des Gedichts mit den Trübungen und Schatten des kaum Empfundenen und traumhaft fast Unbewußten angehaucht wird.

Wir finden uns nicht in der noch so dichten Beschreibung unseres Lebens wieder, wenn sie auch der akribische Bericht über jemanden unseres Namens wäre; es könnte immer die Erzählung vom Leben eines anderen sein, unseres Doppelgängers, wenn wir nicht als Akteur des eigenen Dramas auftreten, der von sich und im eigenen Namen spricht und Äußerungen seines Erinnerns, Bejahens und Verneinens an diesen oder jenen richtet, ja auch wenn er nur zu sich selber redet.

Die knorrigen Obstbäume und die alten Rosenstöcke haben nicht wir selbst gesetzt, begossen und umhegt, sondern die vor uns waren und von denen wir den Garten und seinen Reichtum geerbt haben. Dies Erbe anzutreten und den Auftrag der Hut, Pflege und Weitergabe der geistigen Überlieferung in Kunst und Dichtung mit der Demut der Beschenkten und dem Stolz der Schenkenden zu beherzigen, ist der Sinn unserer geschichtlichen Existenz.

 

Jul 22 20

Frauenklage

Wie stürzen blind aus toten Himmeln Tropfen,
wie schamlos bricht ihr kaltes Klatschen ein
und spritzt den Glanz auf meiner Schmerzen Mal.
Das Buch des Lebens hab ich ausgelesen,
schlugʼs zu für immer, deinen und meinen Namen,
und was wie eine Ranke sie umschlungen,
fand durchgestrichen ich darin. Nun komme,
Nacht, birg mich in deines Schweigens Schrein,
die Sonne rollte, Glut geballten Wahns,
ins tiefe Meer hinab, sie kehrt nicht wieder,
die schwarze Flut steigt an, die Einsamkeit,
tritt über alle Ufer, sie schwemmt Gefieder
herabgestürzter Vögel, die grauen Blüten
ausgeseufzter Sommer ins zerknickte Schilf,
das Gold der Sterne ist in ihr zerflossen.
Die schwarze Flut steigt an, du kehrst nicht wieder,
ein ausgeraubtes Nest ward mir der Traum,
der Schlaf ein Wanken über bange Stege,
und unter ihnen schluchzte Nacht zur Nacht,
mein Herz ist eine aufgebrochne Muschel,
leergesaugt von kalter Gottheit Rausch.
Wie blutlos lallt der Mund, der ungeküßte,
wie stürzen blind aus toten Himmeln Tropfen.

 

Jul 21 20

Nun ist die Stunde

Nun ist die Stunde, ist die hohe Zeit.
Weht nicht der Zweig von einem trunknen Winde,
was sich im Uferschilfe glitzernd bricht,
trug es dein Atem nicht aus blauem Grunde?
Ich harrte lang in dieser Klüfte Grauen,
worin die Blume des Munds zu Eis gerinnt,
dem trüben Brunnenschacht versiegter Wasser,
in den nur Mondes weiße Flocke niederschwebt,
und was im wilden Kraut der Nächte raschelt,
fühlloser Klaue tödlicher Fang ist es,
nicht Menschenschritt, der sich durchs Dickicht wagte
und wirbelte süßen Duft ins Blütenlose.
Mir blieb, ins Ausland verbannt des Herzens, nur,
aus Zwielichts dünner Wolle einen Traum
zu wirken, aus fernen Meeres Brausen Seide,
blaue, zu weben für mein dunkles Wort.
Ich schlief, ein Singen hat der Tiefe mich
entrissen, ein Vogelruf, ein zweiter, Antwort
hellen Bluts durch Laubes Schattengitter,
und Ton fand sich in Ton, wie Blüten, Schaum,
die Welle an Welle im gleichen Takt sich wiegen.
Nun fühle ich verlorenen Edens Hauch,
nun weiß ich um die Wiederkehr, wenn Liebe
dich aus dem Reich der Schatten hebt und du,
betaute Blätter um verheilte Schläfen,
mit sanften Blicken mir vom Frühling sprichst.
Nun ist die Stunde, ist die hohe Zeit.

 

Jul 20 20

In manchen Worten klang es nach

In manchen Worten klang es nach,
in manchen Blicken war es Licht,
doch wenn der goldne Ring zerbrach,
ertönt es, leuchtet es uns nicht.

Wie traurig schimmert der Asphalt
und wie im Regen mattes Gras,
ward einmal Glut des Traumes kalt
und Lächelns Huld zerbrochnes Glas.

Und pocht die Hand an jenem Tor,
wie ist der Widerhall so leer,
wie blaßt Erinnerns Duft und Flor,
fällt süßer Namen Tau nicht mehr.

In manchen Blumen war es Hauch,
in manchen Liedern war es Wein,
wie weht des Abends grauer Rauch,
wie singt die Nachtigall allein.

 

Jul 20 20

Lichtes Zepter weckt den Stein

Lichtes Zepter weckt den Stein,
Tau trieft im Flechtenbart,
da gräbt der hohe Strahl sich Furchen,
das Saatfeld mohngefleckter Bilder.

Des Mittags Falter biegt die Schatten
zarter Wimpern auseinander
und trinkt den dunklen Glanz
aus süßer Schwermut Augen.

Der Mundschenk der Götter, Abend
gießt goldnen Lichtes Tropfen,
sie schimmern noch am Blumenmund,
sie rinnen in das Gras des Schlafs.

O Nacht, dein Stern ist einer Mutter
Abschiedskuß, und wie die Knospe
lautlos ihren Duft verschließt,
umhüllen dich die Efeuranken.

 

Jul 19 20

Nähe des Göttlichen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Man sieht so aus, wie man ist, und man wird, wie man aussieht.

Das Gesicht ist die Landschaft der Seele. – Hier finden wir alles, vom sanften Leuchten aus Eden bis zum harten Licht verkarsteter Steppen.

Der Pöbelinstinkt haßt die Form, die ein überlegener Geist aus der schlüpfrigen Knetmasse des Traums, aus dem Wasser des Unsagbaren sich zum Lied geballt hat.

Schimmernde Ranken geglückter Gesten.

Dornichte Pfade im Dämmerschein verworrener Zeichen.

Die sich nicht ertragen und verzeihen, ihrer selbst nicht entrinnen können, brauen das Gift der Ranküne und des Argwohns gegen das sich in leisen Gesten feiernde Leben, die Anmut der Bewegung und die rhythmische Fülle des Ausdrucks.

Das kollektive Unbewußte ist das Gewürm der Masse, das aus dem Untergrund und den Abwasserkanälen des Molochs Stadt hervorkriecht.

Das Unbewußte Freuds ist keine Naturkonstante, sondern trägt an der Wahn-Wucht, mit der es an den Dämmen der kulturellen Formen nagt, die historische Signatur des von ihm scharfsinnig diagnostizierten Unbehagens.

Die goldenen Blätter aus den Rokokogärten Verlaines, verweht in die Pfützen der großen Stadt.

Denke dir, eben seist du erwacht, und mit dir die Welt. Ist es dann nicht purer Zufall, wo und als was, als Mann oder Frau, als Kind oder alter Mensch, du dich wiederfindest? – Solcherart metaphysische Träume verführen uns zu den schiefen Begriffen von Kontingenz und Notwendigkeit.

Was sich logisch in einen Schluß knüpft, empfinden wir als unausweichlich, zwingend, notwendig; also den Status gewisser Sätze. Warum sollten wir all das, was sich nicht in diese Form bringen und zwingen läßt, als kontingent und zufällig betrachten?

Das Empfundene und Gefühlte hat keine Abmessungen physischer Natur; die physikalischen Gegenstände, einschließlich des Gehirns, sind ohne Rückgriff auf sensorische Merkmale beschreibbar. – Solcherart metaphysische Distinktionen verführen uns zu schiefen Gegensätzen wie dem von Geist und Materie.

Sollen wir, weil der Roteindruck nur einen Ort im Gesichtsfeld, aber keinen im physikalischen Raum hat, vom visuellen Bild der Rose sagen, es sei immateriell, und von der wirklichen Rose, sie sei gleichsam geistlos?

Die ionischen, dorischen, äolischen Völker der Griechen waren insofern begnadet, als sie die Nähe des Göttlichen in ihren Werken und rituellen Gebärden von der Plastik und Malerei bis zum Tempelbau und den Opfern, vom Epos bis zur lyrischen und tragischen Dichtung geradezu unwillkürlich zum Ausdruck brachten.

Der Mythos weiß von jenem Hirten Endymion zu berichten, der dem Kuß der Mondgöttin Selene sich hingab. – Vielleicht keine unwillkommene Form wonnigen Verscheidens. – Sollen wir nicht sagen, jener Dichter, der erstmals den Mondstrahl als erotisch-tödlichen Anhauch göttlicher Nähe empfand, habe damit den Grund dieses Mythos freigelegt?

Die kulturelle Blüte jener aristokratischen Hochkultur, wie sie uns aus der homerischen Odyssee immer wieder entgegenleuchtet, ist bis in Einzelzüge mit den höfischen Sitten, Riten und Gepflogenheiten der ritterlichen Kultur des hohen Mittelalters vergleichbar.

Die Odyssee zeigt im Motiv des dem Helden gewährten Nostos, der durch etliche Gefahren hindurch bewältigten Heimkehr, die Erfahrung göttlicher Gnade; darin geht sie im mythologischen Gewand über die Möglichkeit der Erkenntnis Gottes hinaus, die Paulus der natürlichen Vernunft zubilligt.

Emporgeschleudert von der hohen Woge des Geschicks, ein winziger Tropfen, in unsäglichem Augenblick an der schwarzen Wimper eines dämonischen Windes zitternd, und niedersinkend noch spiegelt er den Glanz der nächtlichen Sternwelt, der unerreichbar fernen, schönen: die tragische Erfahrung.

Die Hagia Sophia dämmert unter der Sichel des Halbmonds; im Westen brennen die Kathedralen.

Die apollinische Kultur durchtönte das Rauschen des Meers mit sanftem Strahl, der Leviathan schnappte vergebens nach den goldenen Blitzen und tauchte ins Dunkel zurück; schwarze Woge, zerteilt von den lichten Saiten der Leier. – Nun wird Nacht für Nacht das Brausen lauter, nun steigen die Ungeheuer der Tiefe ans Ufer und biegen das wehrlose Schilf auseinander.

Der öffentliche gereckte Phallus, in allen Farben grell schillernd, Geifer, Hohn, Spott ejakulierend, wird als neues Freiheitsemblem umjubelt; die blutenden Wunden des Gekreuzigten werden für anstößig und obszön befunden und von den Sittenwächtern der Schamlosigkeit verhüllt.

Die Tiara, die Gewandung, der Stab des römischen Bischofs glänzten im würdevollen Schimmer altlateinischer gravitas und dignitas; heute laufen närrische Pfaffen in Jeans und offenem Kragen durch die grinsende Gemeinde.

Der Widerwille und die ironische Verschmitztheit gegen das Feierliche und Festliche des hohen Ritus und der weihevollen Begehung entstammen der wahren Empfindung, ihrer nicht würdig zu sein.

Wie die Mutter Venus dem Äneas erscheint die Göttin Athene ihrem Schützling Telemach in Menschengestalt; und beide ahnen die Nähe des Göttlichem am süßen Duft und Anhauch ihrer Rede, an der sanften Flamme, die ihren trüben Sinn mit neuer Lebensglut behaucht.

Bei Mozart enthüllt sich manchmal die Nähe des Göttlichen in Tönen, die wie Glühwürmchen im Dunkel des Grases schwirren, in weißen Schaumkronen auf dämmernden Wellen, die wie selige Schmerzen unterm Mondlicht schmelzen, im weichen Niedersinken purpurner Mohnblüten auf die bleiche Stirn des Verlassenen; bei Bruckner, dem letzten Offenbarer, im Brausen eines Jenseitswinds, der die starren Zweige unserer Einsamkeit schüttelt und auseinanderbiegt, auf daß wir in der erschreckenden Leere das tiefe Nachtblau des Grenzenlosen gewahren.

Beschaut man sich die genealogischen Sagen der Griechen, findet man am Ursprung nicht nur von Flüssen, Bergen, Wettern und Gewächsen, sondern auch von Orten und Städten, Gesetzen und rechtlichen Ordnungen, Gerätschaften und Musikinstrumenten das Walten des göttlichen Geistes.

Lippen, ungesalbt, Schläfen, unbekränzt, Herzen, unbeschnitten.

Stadt Gottes – und du siehst im stumpfen Morgengrauen auf den Kehricht trostloser Feste.

Süßes Licht oder die Verklärung des Ödipus.

Atem Gottes – und eine dünne, brüchige Maske fällt wie ein welkes Blatt herab.

Hauch des Heils – und die trockene Rinde der Erinnerung zerstäubt.

Olivenhain – unter den Tränen funkelnder Sterne sehend gewordene Nacht.

Lautlos fallen Flocken schimmernder Abwesenheit auf das Ahnengrab.

Schiefer Mund eines letzten Staunens.

 

Jul 18 20

Mein Lied stürzt wie die Möwe

Mein Lied stürzt wie die Möwe um ein Boot,
das untergeht. Sein Flügel trinkt den roten
Schaum, Widerschein der Lohe auf dem Kamm
der Wellen. Hebt es des Windes starker Rücken,
fällt eine Feder, trudelt aufs Verdeck ein Flaum,
klebt fest an eines toten Mannes Schläfe
und leuchtet purpurn wie von edlem Wein.
Mein Flug ist Anmut und mein Lied ist Klage,
und wenn das Segel bricht, wird es zum Schrei,
denn jener, dem die Rückkehr nicht beschieden,
hat mir den Gruß noch zugewinkt, weil ich
der heimatlichen Ufer Nähe ihm verkündet.
Wie ein Gespenst trat bald der Mond hervor
und hat von Schnee ein weißes Grabtuch
auf Dächer, Firste, Gärten der Vaterstadt
gebreitet. Da sah ich schon des Feuers Zähne
sich durch die Taue, die alten Hölzer fressen,
da hörte ich den Schuß, den tödlichen.

 

Jul 17 20

Im Anfang

Im Anfang war nicht Dust und Dunst,
nicht Schrei der Irre, Wahngebärde,
des frühen Lichtes Liebesgunst
hob sich die Blüte aus der Erde.

Der Tafeln helle Zeichenspur,
der Honig aufgeblühter Münder,
der Rebstock rankender Natur
war Traum und Tat der edlen Gründer.

Die Sage duftete im Mohn,
in weiche Locken eingeschlungen,
dem Monde hat Endymion
im Tau des Kusses nachgesungen.

Das Gold der Nächte war erwacht
in Zweigen, tropfend von den Schauern,
die blauen Fittichs Hauch gebracht,
es quoll im Efeu durch die Mauern.

Im Anfang schied der Dichterfürst
das edle Wort von dem gemeinen,
die Knospe auf dem Sonnenfirst
von Augen, die im Dunkeln weinen.

Wir bleiben holden Geists umringt,
erfühlen wir an herbstlichen Farben,
daß Feuer aus dem Welken springt
und unsre Herzen noch nicht starben.

 

Jul 16 20

Menschliches Elend

Sanfte Sternenblicke strahlen
euch den schönen Himmelsgruß.
Um vom Mißgeschick zu prahlen,
stiert ihr auf den Kot am Fuß.

Nachtigallenherzen tropfen
Purpur in das dunkle Laub.
Krank von bangen Blutes Klopfen
bleibt für ihren Sang ihr taub.

Wundersagen, blaue Wogen
hoben Blüten auf das Land,
dünktet euch vom Wahn betrogen,
und ein Hauch der Frühe schwand.

Vor des Himmel frohen Boten,
wie ein edles Leben glückt,
spuckt ihr aus das Gift der Zoten,
Gift, woran ihr selbst erstickt.

 

Jul 15 20

Gnadenstrahl

Aus dunklem Grund ein Gnadenstrahl,
er zittert durch das Schattenlaub,
er küßt den bleichen Mund der Qual,
ein Seufzen steigt aus Nacht und Staub.

Was zwischen Tang und Fäulnis schweift,
verwunschner Teiche Pollenschlick,
am Glanz zum Knospenaug gereift
hebt es ins Blau den Blütenblick.

Verschollenen am wüsten Strand,
der Heimat eingedenk, vom Meer
betäubt, schreibt er im toten Sand
die Zeichen froher Wiederkehr.

Der Liebe, die im Dunkel liegt,
der Mond der Lider sank verfrüht,
hat er das welke Herz gewiegt,
die Rose, von ihm angeglüht.

 

Jul 15 20

Hohe Mächte

Wie Himmels hohe Mächte sind,
der Sand der Dünen und die schiefen,
die Kiefern fühlen es im Wind.

Wo Flammen vor geweihten Schreinen
der Stille Dämmerung vertiefen,
erglüht der Schmerz mit edlen Steinen.

Wenn Schwäne unter schrägen Strahlen
ins Zwielicht grüner Wasser tauchen,
seufzt schon im Schilf ein Mond der Qualen.

Das hohe Wort im Flammenschein
kann spröden Lippen Anmut hauchen,
die Sanften wärmt sein goldner Wein.

Wann wird die seine Welt verpesten
mit ihrer Seele Kot, den vielen
das Feuer schneiden die Gebresten?

Wann wird, die sich im Geist vergessen
mit stinkender Wörter Lustgespielen,
die Flamme ihre Zungen fressen?

 

Jul 14 20

Der Fluch

Von eignen Blutes Dunst berauscht,
geblendet von eigner Träne Glanz,
gehst lallend du ins Niemandsland.

Ein Vogel ruft dir überm Ahnengrab,
sein Lied sinkt wie ein tauber Flügel,
sein Lied fällt wie ein Flaum herab.

Zerknirschten Worts Kristalle prasseln
aufs Grinsen deiner Totenmaske,
von schwarzem Strahl gebrannten Ton.

Die dich aus Wogen rufen, blauen,
der hohen Andacht reine Glocken,
verworfne Gnade wird dir Grauen.

Der Fluch ist wie die schwärende Wunde,
die eitert unter Gottes Hauch,
du gehst am eignen Gift zugrunde.

 

Jul 14 20

Flaumgetändel

Abgeblüht an Schattengittern,
Schwermut, leichter Geister Los.
Wimpern müder Dinge zittern,
Flaumgetändel, Dämmermoos.

Wassers spiegelndes Entzücken,
Lächeln, das um Blüten quillt,
hingebogner Anmut Rücken,
Laub der Nacht hat ihn verhüllt.

Mondes Träne, die verglühte,
Windgefältel, Blumenschaum,
was auf Wellen sich versprühte,
senkt die Lider, atmet kaum.

 

Jul 12 20

Der Sonne Echo ist ein Vogelschrei

Ein Atem hebt die Zweige, teilt die Schatten,
als wären sie vom Anhauch überglänzt,
emporgezittert unterm Mond der Frühe,
die Wangen roter Früchte, tränenfeucht.

Der weiße Schleier, Wassers Traumgewölk,
von warmer Bläue Kuß hinangesogen,
läßt seines Saumes Tropfen fallen, Rosen,
sie schlafen noch, wenn auch ihr Lid schon bebt.

Und aus der Höhe kehren Geistes Flammen,
der Freude Wimpern rudern in die Flut
des lichtumschäumten Sinns, das Horn der Sonne,
es braust durchs Gras, das Blut quillt auf.

Der Sonne Echo ist ein Vogelschrei,
das Muhen, Ächzen, Gurren durstiger Kehlen,
und Kräuter rupfend, Euter kosend Zungen.
Wann, armer Mensch, flammt auf dein trüber Sinn?

 

Jul 11 20

Eschatologische Brocken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die reizenden Speiseattrappen in den Auslagen japanischer Restaurants kannst du nicht essen. Doch die synthetischen Attrappen und sinnlosen Wortballungen, die als Dichtung auf dem Markt kursieren, sie sollen dich nähren.

Die Grenze des Sagbaren ist der Unsinn, die Inkonsistenz. Manche, von allen guten Geistern verlassen, überschreiten sie mit triumphierendem Grinsen, manche stolpern unbesehen darüber und ihr hilfloses Strampeln im Morast des Unfruchtbaren macht ein klägliches Bild.

Frauen verderben den Staat, höhere Töchter die Poesie.

Banale Gedanken, Provinzpossen und Zoten unter der Rubrik „Vermischtes“, versteckt hinter wüstem Gestrüpp dorniger Metaphern, bebrillte Mädchen, schamhaft versteckt oder albern kichernd unter künstlich angefeuchteten Ranken, aufgeklaubt aus dem Lexikon poetischer Wendungen.

Scharlatanerie und Schaumschlägerei scheinen erblich zu sein. Jedenfalls lesen wir in einem Gedicht des ältlichen Mädchens, das in diesem Jahr mit dem höchsten deutschen Preis für Dichtung ausgezeichnet wird, von „toten, selbstvergessenen Mäusen“, eine Wortgrimasse, die uns vor jeder weiteren Lektüre in den Werken der Dekorierten abschreckt, will sagen, bewahrt; fraglos, daß Tote nicht selbstvergessen, ihrer selbst Vergessene nicht tot sein können; doch den feinsinnigen Juroren aus Darmstadt gilt solche inkonsistente Sprachfäulnis wohl für einen Ausweis bacchischer Anhauchung – auch wenn sie nur dem papiernen Gekröse müde malmender Talmi-Mänaden gleichkommt.

Anders ist das in sich hart Gefügte und dunkel Gefaltete zu sagen, wie daß die Erfahrung des Heiligen beides umfasse, ein Fascinosum und ein Tremendum; hier wird der Begriff des Heiligen vertieft und ins Zwielicht seiner inneren Polarität getaucht.

Die bäurische Zunge, wie sie in der alten Komödie sabbert und sabbelt, begnügt sich mit dem rauhen Relief schlichter Geschmackswerte; die urbane verfeinert sie um immer weitere Nuancen, wie die Etikettierungen der römischen Weinsorten bei Horaz und Martial belegen. – Am Ende dieser sich ins Verstiegene und Absonderliche windenden Ranke der Sublimierung und des Raffinements ergreift den überfeinerten Geschmack Überdruß und Ekel, Ennui und taedium vitae, er verfinstert sich stoisch, schiebt die mit exotischen Früchten verblendete Torte mit saurer Miene vom Tisch und sucht die wässrigen Wonnen frugaler Genügsamkeit oder imaginierte Ausfahrten nach einem Kythera paradiesisch schlichten Hirtenlebens.

Erst gräbt der Stichel scharfe, pointierte Linien und kolossale Fugen; dann reiht er Ornamente um die Amphoren und Krüge fetter Öle und edler Weine und der geschmackssichere Pinsel zaubert Symposien festlicher Menschen darunter; schließlich will sich das verwöhnte Auge an geschwungenen Linien, lächelnden Falten, zitternden Wimpern der Dinge ergötzen. – Am Ende senken sich die müden Lider und verhüllen die üppigen Formen wollüstigen Fleisches und die grellen Lüste des Tages in einer Dämmerung, in der die mystische Kerze mit den Schatten einsamer, intimer, ermattender Gesten Endzeit spielt.

Früh ist es die Mutter der Kinder, und ihr Erzeuger nur ein weiteres großes Kind, das die Kleinen umhegt, beschützt, verköstigt; dann sehen wir auf römischen Grabmalen Mann und Frau seelenvoll Schulter an Schulter, Hand in Hand, zwischen sich nur leisen Abschieds Dankeshauch; schließlich effeminiert sich der Mann, bewundert sich im Spiegel, schminkt sich, tänzelt, singt schmachtende Lieder. Am Ende flieht er angewidert und sein Selbst hassend Haus und Herd, kleidet sich in ein härenes Gewand und murmelt in der Wüste der Einsamkeit monotone Litaneien vor einem Schreckensbildnis göttlicher Leiden.

Die unbehauenen Brocken und monströsen hölzernen Götzen der Frühe; magische Halbedelsteine, Fetische, Amulette; die singende Flamme der Haine, die süßlichen Wolken von Weihrauch und dampfendem Opferblut. Dann blendet das enigmatische Lächeln der archaischen Koren, kühlen den sehnsüchtigen Blick die Wasserspiele im durchsichtigen Gefält der olympischen Götter, berücken die üppigen Knospen des Eros und die wogenden Locken der Aphrodite. Am Ende der Schauer der aufgestapelten Schädel in den Katakomben und die schlichte Liebesgeste des guten Hirten.

Erst die grobe Skala, einfache Distinktionen der Wahrnehmung zwischen hell und dunkel, warm und kalt, hart und weich, süß und bitter; dann parasitieren und fruchten an ihnen die frühen Metaphern für Leben und Tod, Freude und Trauer, Glück und Elend, Heiterkeit und Schwermut: der Acker der Worte und Bilder, auf dem die Dichtung sät und erntet, ausgesetzt den Sagen und Pollen des Winds, gefurcht von den Wettern und Blitzen der Offenbarung, dörrend unter dem Schweigen der Himmlischen.

Wie die Fiktion einer adamitischen Sprache oder einer gleichsam osmotisch-halbbewußten Kollektivverständigung sich aus der Warte des Turmes zu Babel ergibt, so auch das Wort Herders von der Poesie als der Muttersprache der Menschheit als Projektion aus der Mannigfaltigkeit der Stimmen aller Völker und Zeiten.

Ein anderes Licht strahlt die mediterrane Sonne Homers, ein anderes der Mond über dem nördlichen Moor eines Keats, das Zwielicht in den Augen der Asen.

Anders duftet die Zeder des Hohen Lieds, anders die Myrthe des Horaz, der purpurne Apfel des Paris mundet einer Göttin, das karge Brot Trakls dem fremden Wanderer; anders rauscht der Quell der Hippokrene, anders der verborgene Born eines Novalis und Brentano.

Gedichte werden von den Stimmen der Völker in den Himmel der Heimat getragen. – Die sich anbahnende Welt des globalen Staats ohne Völker und heimatliche Atmosphären wird keine Dichtung mehr hervorbringen.

Mögen grell bemalte Nackte in gefiederten Masken da und dort in einer Steppe oder einem Urwald noch ums Feuer springen und ihre ekstatischen Gesänge anstimmen, hierzulande wurden die aus der Heimaterde gesproßten geheimnisvoll duftenden Knospen des Volkslieds längst vom dumpfen Tritt industriell konfektionierter Schlager niedergetrampelt und von Bonbon-Knebeln marktkonform verabreichter Pop-Schnulzen erstickt.

Gedichte von Baudelaire und Verlaine sind, was hinter ihrer Übersetzung an Duft, Aroma, Klang- und Farbenspiel in die Dämmerung des Unübersetzbaren zurücksinkt.

Je fortschrittlicher, komfortabler, lärmender das zivilisierte Leben, umso dumpfer, geistloser, nuancenärmer der sprachliche Ausdruck seiner intellektuellen Fürsprecher und Repräsentanten.

Massenhafte Abtreibung embryonaler Keimlinge von Esprit, Feinsinn, Divinationsvermögen, intuitiver Kraft.

Didaktik der Verblödung, Pädagogik der Infantilisierung, Schule des Konformismus, Herrschaft der Phrase, die als verführerische Schlange von Egalität lispelt, deren Biß aber das Gift der Abstumpfung und betäubender Gleichgültigkeit verabreicht.

Die Fahne der Menschenwürde aufgepflanzt auf dem stinkenden Verwesungsdung des Erhabenen und Edlen, müde herabwehend im Fäulniswind der Selbstverachtung.

Organisierter Argwohn und Hetze gegen alles, was im Fühlen, Denken, Sprechen den gekrümmten Rücken des Amts- und Zeitungsdeutsch radebrechenden Journalisten und speichelleckerischen sogenannten Kulturschaffenden, also Kulturzertrümmerers und Wahrheitsikonoklasten, überragt.

Wenn sie nichts anzuklagen, zu verschreien, zu verdammen haben, wissen sie nichts Eigenes zu sagen.

Was ihnen vor Augen liegt, unscheinbare Veilchen des sonnigen Augenblicks, Knospen eines leuchtenden Kairos, sie sehen es nicht, verdeckt es doch ihr eigener Schatten.

Die der Natur mit welterneuernden Heilsprogrammen auf die Sprünge in ein biederes Schrebergarten-Paradies zahn- und hodenloser Halbaffen helfen wollen, verleugnen ihre eigne, blind für die schicksalhafte und geschichtsmächtige Wahrheit des Geschlechts, der Rasse, der Herkunft, der Begabung und des Genies.

Im Augenblick der Entscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, Lebendigem und Abgelebtem, Größe und Niedertracht, Flamme und Asche vermitteln zu wollen, welch ein widerwärtiges Zeichen von Mittelmäßigkeit, Feigheit und diskurs-, sprich geschwätzvernarrtem Plebejertum.

Was bleibt, wenn die kulturelle Substanz eines Volkes aufgezehrt, die Flamme seiner geistigen Überlieferung erloschen ist? Einzelne ziehen sich in die Höhlen ihrer einsamen Grübeleien über das Verlorene zurück, andere werfen den Büttel hin und verzechen ihre Rente, zeigt sich im fahlen Nebel des Horizontes doch nicht wie in der Wende des römischen Reiches das Licht eines neuen Aufbruchs, eines neuen Mythos, eines neuen Gottes.

 

Jul 10 20

Letztes Glück

Wie wenn den Vorhang Nachtwind bauscht,
und liegst vom Spiel des Lichts geschieden,
wie Wasser, morgenrotberauscht,
versumpft, von Blumenmund gemieden.

Was aus Geweb von Schatten blinkt,
kein Stern ist es auf blauem Hügel,
und was auf deine Lider sinkt,
ist keines Traumes sanfter Flügel.

Würgt dich der dumpfen Stille Strick,
reiß nur das Fenster auf: Vorm Schmachten
und Schmatzen schauderst du zurück,
vor Tieren, die dein Leid verachten.

Das Elend, es ist lang, das Ende kurz,
ein tiefes Blau harrt dein, nun tauche,
eratme letztes Glück im Sturz,
die Nacht küßt dich im sanften Hauche.

 

Jul 9 20

Die tote Liebe

Die toten Scherben,
von einem dumpfen Fuß versprengt,
beginnen hinter ihm zu glitzern,
vom Strahl des Monds betaut.

Die toten Bilder,
vom Staube des Erinnerns blind,
hebt in den Traum ein Glanz
von Tränen sanfter Reue.

Die toten Worte,
Belag der mürb gesprochenen Zunge,
erquicken sie, verwandelt
in Tropfen eines edlen Weins.

Die tote Liebe,
von tauben Händen eingemauert,
wie bröckelt ihr Verlies,
von einem Flügel kaum gestreift.

 

Jul 9 20

Der Duft der Worte ist verpraßt

Kommt nun der Schnee, kommt nun das Schweigen?
Der Tag erlischt, das Herz verblaßt.
Der Duft der Worte ist verpraßt,
die müde Stirne will sich neigen.

Lang zittert noch das Zwie-Gefunkel
am aufgelassenen Horizont.
Der Geist ist noch besonnt,
das Wort liegt schon im Dunkel.

Nun endlich sinkt der Flocken-Schleier.
Die Erde dämmert traumlos ein.
Der Mond bringt seinen goldnen Wein
zu einer stummen Totenfeier.

 

Jul 8 20

Am Saum der Nacht

Wenn Abendhauch die Stirne kühlt,
verdämmert ist das Glück der Rosen,
wird Schatten unsrer Hände Kosen,
hat Wehmut schon das Herz durchwühlt.

Und glänzt des Mondes Auge blind,
wie knisternd meine Schmerzgedanken
sich um dein bleiches Antlitz ranken,
wie zittert jedes Blatt im Wind.

Das Wasser hat es längst gesagt,
das Seufzen tief, das hohe Rauschen.
Was wir am Saum der Nacht erlauschen,
ist nur ein Tier, das Träume nagt.

Ist kein Gesang, dem Licht gelingt?
Komm, legen wir uns im alten Garten
auf weiche Moose hin und warten,
ob uns die Nachtigall noch singt.

 

Jul 7 20

Efeukränze

Nur wer den edlen Wein getrunken,
von Himmelshauch betaute Beere,
ihm weht der Geist aus fahler Leere,
erblüht das Bild, im Leid versunken.

Wem weichen Abends Schatten winken,
im Schilfe zittert Mondes Träne,
erfühlt die reine Lust der Schwäne,
in Wogen grünen Schlafs zu sinken.

Wem noch das Auge sich beglänze
an hoher Ahnen moosigen Malen,
er huldige ihres Geistes Qualen
und winde Liedes Efeukränze.

 

Jul 7 20

Blauen Abgrunds Rätselschrift

Schreibt uns ein Fremder wunderliche Briefe,
schreibt er uns Traumberichte
in flüchtiger Wolkenschrift?

Wie wechselt grau und blau sein Blatt,
wer kann es lesen denn mit Sterbensblicken,
was Blitze zuckend krakeln
auf der grünen Tafel Nacht,
die Adern, Flecken, Falten
auf Stein und Blatt und Tiergesicht,
der Erde moosumschluchzten Dämmerschoß,
und die ihn wecken, furchen, ritzen,
Sonnenküsse, Sonnendolche,
wie Wasser Blumenworte wiegen,
Flocken blinde Wildnis streuen.

Ihr Quellen dunkler Klagen!
Warum die Ströme jubelnd ins Verlöschen schäumen,
bunte Falter braun verrotten,
Libellen-Flimmerflug erstarrt,
warum der heißen Tiere Nachtgebell,
und aus der Asche wieder Grünen,
und aus gekosten Wangen Staub,
warum geküßten Augen Tränen rinnen
auf den kahlen Karst der Einsamkeit,
warum der Anmut roter Mohn ergraut
und Hohnes Spucke löscht die reine Flamme Lied.

Warum sich aus dem Lachen weicher Knospen,
von Lichtes Zähnen wild zerbissen,
in wuchernde Fäulnis immer stürzen
Samen neuen Lebens,
Samen neuen Tods.

O blauen Abgrunds Rätselschrift,
o Rosen, Flehen, dornenwund.

 

Jul 6 20

Auf Hamanns Grab

In die Züge deines Namens, heißt es, seien des Lebens
sinnende Moose, sei, Hamann, ein dämmerndes Grün
eingedrungen. Wie rinnender Tau erglänzt in der Sonne,
quillt im Buchstaben H aus deinem Namen ein Hauch
ewigen Dichtergeistes zur Erde, verhüllt aber Schnee uns
alle Spuren der Schrift, harren wir kommender Glut.

 



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