Figuren des Selbst
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die uns mit enigmatischen Sprüchen kommen, können von einer Gegend der Sprache Zeugnis ablegen, die unseren Horizont übersteigt, oder Betrüger und Scharlatane sein, die unsere Verblüffung nutzen, um uns heimlich etwas aus der Tasche zu stibitzen, uns zumindest Zeit und Aufmerksamkeit zu rauben.
In manchen Fällen bleiben wir ein Leben lang im Zweifel, welche dieser Alternativen zutreffen mag.
Er sagt heute so, morgen so. Wir ignorieren sein Geschwätz und schenken dem Sprecher kein Vertrauen.
Warum ist die Wahrheit und Richtigkeit einer Mitteilung ein Prüfstein für unser Vertrauen? Weil sie uns über Hindernisse hinweghalf oder ans Ziel gelangen ließ.
Er sagt heute das Gegenteil dessen, was er gestern vollmundig verkündete. Der Widerspruch und die logische Inkonsistenz sind für uns ein Kriterium der Entscheidung dafür, dem Sprecher unser Vertrauen zu entziehen oder ihm mit Mißtrauen zu begegnen.
Das aufgrund wichtiger und richtiger Auskünfte bei uns gekeimte und angewurzelte Vertrauen in den Sprecher enthebt und entlastet uns der Mühe, jede seiner künftigen Mitteilungen auf die Waagschale peinlicher Prüfung und Abwägung zu legen.
Dem Fremden, dem unsere Muttersprache mit ihren eigentümlichen Wendungen und feinen Anspielungen nicht ins Blut übergegangen sein kann, begegnen wir schon auf sprachlicher Ebene mit Argwohn, wenn es sich um Fragen von Sein und Nichtsein handelt.
Der Intellektuelle will uns verblüffen und sich eitel spreizen, indem er ohne Not vom üblichen Sprachbrauch abweicht.
Er hält es für schick oder ein Zeichen von Esprit und geistiger Überlegenheit, sich in trivialen Angelegenheiten unverständlich auszudrücken.
Der faule, doch auf die Menge bannend wirkende Zauber der Wortverdreher und Sprachwürger, die sich für Poeten ausgeben oder gar für Philosophen.
Das schlichte Wort ist oft der edelste Schmuck.
Höllenflamme, die Hütten und Werke des Lebens in Brand steckt, zischende Schlange des Paradieses, die zur Verleumdung des Wahren, Guten und Schönen anstiftet: die menschliche Zunge, wie es der Brief des Jakobus beschreibt.
Der Austausch von Worten läßt sich nicht à la Sorbonne auf den Diskurs der Macht abbilden oder reduzieren: Der Bezug auf Wahrheit ist ihm ursprünglich einbeschrieben, und wir vertrauen auf den Sprecher, der ihn zu wiederholten Malen hergestellt hat, und mißtrauen dem Lügner und dem Scharlatan, der sich mit der Larve des Richtigen und Wahren tarnt.
Vor dem offensichtlich Unwahren scheuen wir zurück und weisen es gelassen ab. Die Bosheit braucht die Maske des Wahren, jenes verführerische Schillern und Blenden erlesener oder aufgehübschter Worte, um in Herz und Mark zu dringen.
Der Lügner redet im Schatten der Wahrheit, um die er weiß, der Scharlatan in der Sonne des Bösen, das er verkennt.
Der Lügner ist gerissen und schlau, weiß er doch dem Schein den Anstrich des Echten zu geben. Der Scharlatan ist inspiriert und besessen, breitet er ja um die innere Leere den Nimbus des Geheimnisvollen und in die geistige Nacht die Schimmer dämonischer Fäulnis.
Um am Gespräch teilzunehmen, etwas zu behaupten, zu fragen, zu erzählen, müssen wir uns selbst vertrauen. Dies ist die ursprüngliche Intuition des Ich: Es lauscht gleichsam in sich hinein auf sein eigenes Lebenslied.
Wie beim Hören oder Lesen von Sätzen müssen wir auch beim Hören einer Melodie unserem Bewußtsein vertrauen: So hören wir nicht nur die Abfolge jeweils singulärer Töne, sondern den Verlauf und die eigentümliche Bewegung der Tonlinie, wobei das soeben Gehörte in der mehr oder weniger ausgedehnten Gegenwart des Bewußtseins resoniert und das noch kaum Angeklungene wie eine akustische Aura bereits in die Gegenwart des Bewußtseins hineinzustrahlen scheint.
Wir hören die Melodie auch in den winzigen Lücken von Stille und über den Abgrund des Innehaltens hinweg, in denen es kein akustisches Ereignis gibt: Wir füllen die Lücken der Stille mit der imaginären Linie der von uns spontan aus dem Klangmaterial erzeugten Melodie.
Eine jede von unserem Bewußtsein spontan aus dem gegebenen akustischen Material erzeugte Melodie ist eine musikalische Figur des Selbst – so wie wir auch aus dem Porträtbild, der gemalten Landschaft oder dem Stilleben eine Figur des Selbst erwecken.
Wenn wir aus dem von unserem Gesprächsteilnehmer vorgegebenen akustischen Material spontan die Satzgestalt einer Frage oder Aufforderung erzeugen, erfahren wir an dem Gehörten eine semantische Gestalt des Selbst.
Wir könnten sagen: Wie wir uns im einen Falle musikalisch innewerden, so werden wir uns im anderen Falle semantisch inne.
Wir sind in der von uns als semantische Gestalt der Frage oder Aufforderung gehörten und verstandenen Äußerung auf analoge Weise existentiell enthalten, wie die Folgerung eines korrekt gebildeten Schlusses in den Prämissen logisch enthalten ist.
Wir gelangen aus der Virtualität des dämmernden oder schlafenden Bewußtseins in die Aktualität einer Figur des Selbst, wenn wir uns im akustischen, visuellen, taktilen, olfaktorischen, gustatorischen und motorischen Material oder Phänomen spontan innewerden.
Es gibt kein Gesehenes oder Gehörtes, das nicht ein von dir oder mir Gesehenes oder Gehörtes wäre. Es gibt kein gesagtes oder geschriebenes Wort, das nicht jemandes Wort wäre.
Wir trauen jenem, der das Wahre, mißtrauen jenem, der das Falsche sagt. Das Vertrauen wächst, je mehr wir durch den einen auf gangbare Wege, das Mißtrauen wächst, je mehr wir durch den anderen auf abschüssige Pfade gelenkt werden.
Das Vertrauen ist der Baustoff unserer einfachen Sittlichkeit in den Formen der Freundschaft und Liebe; das Mißtrauen ist der Sprengstoff, der die gewachsenen Institutionen des alltäglichen Umgangs zum Einsturz bringt.
Das gesunde Mißtrauen kommt dem Betrüger und Scharlatan auf die Schliche; das kranke sieht in jedem Spiegelschatten auf dem Fensterglas den Verfolger, die Fratze seiner eigenen Nichtigkeit.
Das gesunde Mißtrauen ist der Spiegel der moralischen Welt, in der Fortuna oder das Fatum die ethischen Fähigkeiten der Verläßlichkeit, des Verantwortungsbewußtseins, des Pflichtgefühls, der Pietät und der Treue auf eklatante und skandalöse Weise ungleich ausgeteilt hat.
Die ungleiche Verteilung der moralischen Fähigkeiten steht im umgekehrten Verhältnis zur ungleichen Verteilung der geistigen Fähigkeiten: Der Betrüger ist gerissener und schlauer als der Betrogene, wenn der Betrogene auch moralisch begabter sein mag als jener, der ihn ums Ohr haut.
Nicht nur die ungleiche Verteilung der intellektuellen Begabungen ist eine unüberwindliche Hürde für diejenigen, die sich des Endspurts ins Paradies der Freien und Gleichen unterfangen, sondern mehr noch die ungleiche Verteilung der moralischen Gefühle und Fähigkeiten.
Jedes Bewußtsein existiert in der Dauer eines Augenblicks, die mit dem Glockenschlag nicht untergeht.
Der Augenblick des Bewußtseins ist die Ewigkeit, in der sich alle Zeiten immerdar neu versammeln, überkreuzen und wieder auslöschen.
Der Augenblick, in dem wir für uns erwachen, hat keine physikalisch meßbare und chronometrisch taxierbare Ausdehnung. Er ist in sich unendlich, diffus und grenzenlos verfließend.
Die schlichten Tatsachen unseres Daseins sind unerklärlich und können bloß erfaßt und umschrieben werden wie das Licht, das jäh durch die bunte Scheibe fällt und einen blutigen Fleck auf den Kacheln malt, oder der Duft, der unvermutet aus dem Garten durchs offene Fenster ins Zimmer weht.
Daß jemand eine Katze auf dem Fenstersims zu sehen wähnt, obwohl dort keine Katze ist, erklären wir aufgrund der Tatsache, daß er dem Wein über die Maßen zugesprochen oder LSD eingenommen hat; doch die schlichte Tatsache, daß wir dort auf dem Fenstersims wirklich eine Katze sehen, können wir nicht erklären. Denn die echte Wahrnehmung der Katze ist die Voraussetzung dafür, die scheinbare Wahrnehmung der Katze als Halluzination zu verstehen.
Der Sinn des Gesagten läßt sich unmittelbar oder intuitiv erfassen und verstehen, aber nicht durch kausale Theorien über neuronale Prozesse erklären; während wir den Unsinn einer Äußerung aufgrund der kausalen Theorie, daß der Sprecher betrunken oder verrückt ist, erklären können.
Wenn wir die Wahrnehmung der Katze aufgrund der Tatsache zu erklären glauben, daß das Katze genannte physische Objekt Lichtstrahlen reflektiert, die über unsere Retina zur neuronalen Verarbeitung eines visuellen Datums oder Seheindrucks im Gehirn gelangen, gehen wir semantisch in die Irre, denn es kann per definitionem im neuronalen Netzwerk oder im physikalischen Raum kein Bild geben; wir nehmen ja kein mentales Bild wahr, sondern die Katze vor unseren Augen, die dort auf dem Fenstersims wirklich und wahrhaftig schnurrt.
Wir können die physiologischen Voraussetzungen des Sehens erklären, aber treffen im physikalischen Raum nirgends auf einen Seheindruck oder ein Bild.
Alles könnte auf das Gleiche hinauslaufen und die neuronalen Vorgänge störungsfrei ablaufen, ohne daß wir von einem Seheindruck sprechen würden, wenn wir das Traumbild der Katze auf dem Fenstersims wahrnehmen. Ein Seheindruck kann sich ja als Täuschung erweisen, aber können wir uns in der Wahrnehmung von Traumbildern irren?
Das Ich ist keine psychische Kapsel oder mentale Monade, sondern gleichsam in die Welt des Erlebens ergossen.
Die Figuren des Selbst verschwimmen nicht im Fluidum des phänomenalen Bewußtseins, sondern entwerfen sich in den Linien des Gesehenen und Gehörten; so sind wir ein Teil der von uns gesehenen Landschaft, so steigen und sinken wir mit dem Verlauf der von uns gehörten oder gesungenen Melodie.
Du kannst im Verlauf eines Gesprächs der Schatten der Figur deines Gesprächspartners werden, ähnlich dem Spiegelbild auf dem Wasser, das wieder verschwimmt und verlöscht, wenn es aufgerührt wird vom Wind, wie dein Schatten vor der Leidenschaft deiner Frage oder deines Ausrufs erbleicht.
Die Figur des Selbst wird charismatisch, wenn sie ungetrübt vom gleichsam atemlos innehaltenden Wasser einer Kollektivseele gespiegelt wird. Dies gespannte Innehalten ist ein Ausdruck der Not, der Angst oder einer überschwenglichen Hoffnung.
Wenn wir uns unterhalten oder gemeinsam spazierengehen, sagt jeder seine Sätze, setzt jeder seine Schritte, doch die Sätze sind als Fragen und Antworten getragen vom Strom des Gesprächs, die Schritte werden Teile eines gemeinsamen Wegs.
Wie die Freundschaft keine sichtbare und kausal erklärbare Entität darstellt, sondern nur in gewissen Gesten und rituellen Handlungen beschreibbar ist, so auch das Wir des Gesprächs, das Wir des gemeinsamen Gangs.
Der Ring des Wir umfaßt alle, zu denen wir „Du“ sagen, wenn es sich um eine verschworene Gemeinschaft oder eine Brüdergemeinde handelt; alle, zu denen wir „Sie“ sagen, wenn es sich um eine formale Organisation wie einen Verein oder ein Unternehmen handelt.
Aus dem rituellen Umgang im Ring des Wir entsteht das gemeine Recht, das gegenüber dem ausformulierten Gesetz des Staates in impliziten und informellen Regeln daherkommt. Die Riten der Gemeinschaft sind einander spiegelnde, tragende, verwobene Figuren des Selbst, die wir mit den verteilten Stimmen eines Kanons vergleichen können.
Riten sind durch Wiederholung und Variation ästhetisch und sittlich geordnete Gesten, Sprechakte und Handlungen, deren Sinn als Figuren des gespiegelten Selbst wir unmittelbar oder intuitiv erfassen: Der Gastgeber empfängt den Gast auf der Schwelle des Hauses durch Handschlag und Gruß, die der Gast rituell beantwortet.
Der Sinn der schönen Künste von der Architektur über den ornamentalen Schmuck bis zu Lied und Musik erschließt sich aus der Erfüllung der Aufgabe, diesen rituellen Figuren des sich spiegelnden Selbst einen ästhetisch geordneten Resonanzraum zu geben.
Die Verhäßlichung der schönen Künste durch eine globalisierte und wurzellose künstlerische Elite, der Architektur durch die Reduktion ihrer Formen auf den funktionellen Zweck mittels Beton, Glas und Aluminium und die Zerstörung des ornamentalen Dekors sowie der Musik durch Denunzierung des singbaren Lieds und des tonalen Systems als sentimentalen Kitsch und abgestorbenen Klangkörper ist ein verhängnisvoller Angriff auf das sich in den rituellen Figuren gemeinschaftlicher Ordnung spiegelnde Selbst.
Das verdeckte Blau
Es sind die gleichen Flocken,
die dich an den Wimpern kitzeln,
wie jene, die als Kind du fingst
auf dreist gestreckter Zunge.
Wie seltsam ging dies Kind
durch dich hindurch
ins Land der stummen Schatten.
Es sind die gleichen Äpfel
in der Schale, wie jene, die Mutter
dir ins Krankenhaus gebracht,
und einen hat sie dir geschält.
Wie verflog ihr heimatlicher Duft,
die Süße, die wie einer Knospe
Licht aufbrach – wohin?
Es ist der Augen gleiches Blau,
das du im Spiegel siehst,
wie jenes, das im Gartenteich
der Kindheit zwischen Wolken schwamm.
Wie schon lang hat eines Linden-
blattes Schattenherz
das Blau vor dir verdeckt.
Liegengebliebene Trauben
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
In dem Laut, der demjenigen, der ihn äußerte, mit einem Ja oder Nein zurückgegeben wird, kommt das Wort zur Welt und das Spiel mit Worten.
Das Ja kann auch ein Ding sein, wie das Buch, das du demjenigen zurückgibst, der es dir geliehen hat und darum bittet.
Das Nein kann auch das Verstummen und das Schweigen sein, worin sich die Verweigerung oder die Zurückweisung ausdrückt.
Das zurückgegebene Ding ist nicht nur dieser physische Gegenstand, sondern ein Zeichen, ein Zeichen für die Erfüllung und Ablösung einer Verpflichtung – der Zusage oder des Versprechens, es auszuhändigen.
Worte und Dinge als Zeichen der Verflochtenheit menschlicher Bezüge in gegenseitigen Verpflichtungen, Bundeszeichen, die durch Erfüllung geehrt, durch Verrat entweiht werden.
Das Ja kann auch ein Lächeln sein.
Das Lächeln ist nicht nur der physiognomische Niederschlag eines neurochemischen Ereignisses, sondern ein Zeichen, ein Zeichen der Zustimmung, der Erleichterung oder Ergriffenheit.
Der gegebene oder mitgeteilte Laut ist nicht nur ein phonetischer Niederschlag eines neurochemischen Ereignisses, sondern ein Wort, wenn es vom Hörer angenommen oder zurückgewiesen wird.
Der Sprecher weist den Hörer auf etwas hin, was dieser bestätigen oder bestreiten kann.
Der Hörer kann kein natürliches Etwas wie den Schall und Klang annehmen oder bestreiten; das Gehörte annehmen oder bestreiten heißt den Sinn des Gesagten zu akzeptieren oder zurückzuweisen.
Der Sprecher kann auch wortlos in eine Richtung zeigen. Der Hörer ist dann derjenige, der den Sinn der Zeigegeste versteht, annimmt oder verwirft.
Mit dem Verstehen der Zeigegeste verstehen wir uns zugleich als Bewohner der sprachlich erschlossenen Welt.
Der Weg, in dessen Richtung der Sprecher weist, muß ein Weg sein, den der andere gehen oder zu gehen ablehnen kann.
Der Zeigende muß den Weg kennen oder schon gegangen sein, um das Vertrauen zu verdienen, das der andere in seine Geste zu setzen bereit ist.
Der Hörer, der das gegebene oder mitgeteilte Wort annimmt, bezeugt mit der Annahme das Vertrauen, das er in den Sprecher setzt.
Der Hörer, der die Mitteilung verwirft, bezeugt mit der Ablehnung entweder sein Wissen oder seine Vermutung von der Unrichtigkeit des Mitgeteilten oder sein Mißtrauen in den Sprecher.
Aufgrund der Tatsache, daß sich das Mitgeteilte zu wiederholten Malen als unrichtig oder unwahr erwies, erwächst beim Hörer ein Mißtrauen gegenüber dem Sprecher. Feindschaft kann in schwerwiegenden Fällen der Irreführung oder des Vertrauensbruchs die Folge sein.
Aufgrund der Tatsache, daß sich das Mitgeteilte zu wiederholten Malen als richtig oder wahr erwies, erwächst beim Hörer ein Vertrauen gegenüber dem Sprecher. Freundschaft kann in Fällen lebenswichtiger Orientierung die Folge sein.
Vertrauen und Mißtrauen, Freundschaft und Feindschaft, Treue und Verrat sind dem Wesen des Sprechens ursprünglich einverwoben. Wie töricht, allein aufgrund sprachlicher Verständigung sich eine allgemeine Menschheitsverbrüderung zu erwarten und auf riesigen Theorieprospekten auszumalen.
Je näher wir als Hörer dem Sprecher durch Blutsverwandtschaft, Stammes- und Volkszugehörigkeit sowie kulturelle Tradition stehen, umso höher taxieren wir die Wahrscheinlichkeit, daß er uns durch das Mitgeteilte nicht in die Irre führt, zum besten hält, belügt und betrügt. Allerdings ist, wie die oft auf familiären Verstrickungen beruhende griechische Tragödie zeigt, allemal Vorsicht geboten.
Der gute Wink und Hinweis leitet uns in eine Gegend, wo uns die Huld des Weilens vergönnt ist.
Der Freund kann den Freund auf einem Stück des Weges, nach dem dieser ihn gefragt hat, begleiten.
Der ausgetretene Pfad mag ins Offene oder die Wildnis münden. Was dann?
Sie könnten es wagen, im unbekannten Gelände eine neue Spur zu legen.
Der eine dreht um, sich im Bekannten zu bergen, der andere unternimmt das Wagnis, ins Unbekannte oder Ungesagte vorzudringen. So muß er sich von dem Freund verabschieden, um allein weiterzugehen.
Die notwendige Einsamkeit des Dichters und Propheten.
So ging Heidegger mit den alten Sprachmeistern den Weg des Denkens, bis er Abschied nahm, um in das Offene oder die Wildnis einer kaum gesagten oder ungesagten Welt weiterzugehen.
Heidegger sprach nicht mehr von Subjekt und Objekt, sondern von Dasein, Zeug und Vorhandensein, nicht mehr von Dasein und Welt, sondern von den Sterblichen und dem Geviert, nicht mehr von Aussage und Urteil, sondern von Sage und Andenken.
Wie jenem vertrauen, der vom Gang eines Weges spricht, den vor ihm noch keiner ging?
Wir haben nur die ungewohnten oder nie gehörten oder unerhörten Worte, in denen er von demjenigen berichtet, was er auf seinem Denkweg ins unbekannte Gelände gesehen hat.
Wir haben aber auch den Ton, das Timbre oder das Gewicht der Worte, die umso schwerer wiegen, je mehr der Sprecher sie mit einem eigentümlichen Pathos der Stimme äußert. Dieses Pathos nehmen wir für bare Münze und schenken dem Gesagten Vertrauen, wenn es von einem tief Erlittenen Zeugnis zu geben scheint.
Dagegen erzeugt das hochfahrende Fuchteln mit grellen und schreienden Neologismen, womit uns Leute im Ohr kitzeln, die von unerhörten Maskeraden auf zwielichtigen Bühnen faseln, in uns ein instinktives Mißtrauen, da wir es nicht als Zeugnis eines tief Erlittenen auffassen, sondern als eitel schimmernde Wortblasen in erfahrungsleeren Räumen.
Manche kehren wieder von abenteuerlichen Reisen und sitzen bleich und stumm in der Ecke.
Manche bringen Samen wunderlicher Blumen mit, aber sie wollen im heimischen Garten nicht keimen.
Manche packen stolz sonderbar schimmernde Steine aus dem Rucksack, doch als Schmuck getragen verursachen sie Ausschlag auf der Haut.
Manche kommen mit blutigen Striemen nach Hause, doch haben sie nicht groß zu sagen, wovon sie gelitten, sie waren nur im nahen Wäldchen in den Brombeerbüschen.
Wieder andere verbergen scheu die zerkratzten Hände, doch stehen selten schöne Rosen in der Vase, die sie uns aus fernen Gärten mitgebracht.
Hölderlin sah auf seinen Wegen ins unbekannte Gelände Ströme des Gesangs unter purpurnen Wettern in den blauen Abgrund der Stille münden. Das Pathos seiner versagenden Stimme ringt uns unbedingtes Vertrauen in sein Zeugnis ab.
Moses brachte zwei beschriebene Tafeln von seiner Reise ins unbekannte Gelände mit, eine hoch gelegene Zone, in der sich schwer atmen ließ, und das Pathos seiner zornigen Stimme schien sein Zeugnis zu bekräftigen, daß die von ihm mitgebrachten Sätze offenbart worden seien.
Platon und die von ihm inspirierten Maler und Dichter bezeugen die Erfahrung eines Wegs in unbetretene Landschaften unter einem übernatürlichen Licht durch die Schönheit ihrer Bilder und Verse.
Die Schönheit des Gesagten, die aus sich selber strahlt und ihr Licht nicht aus den sich eitel spiegelnden Augen der Bewunderung stiehlt, öffnet dem Hörer das Ohr des Vertrauens.
Manche bringen nur eine Handvoll Trauben nach Hause, doch ein unscheinbarer Glanz von Tau auf ihnen erweckt in uns das Vertrauen in die zeichenhafte Wahrheit, daß sie vom Tisch eines Gastmahls stammen, an dem Heroen und Götter teilnahmen.
Die tauglänzenden Trauben stehen für Worte eines Gesprächs, zu dem sie uns verlocken oder einladen.
Der Denkweg, den Heidegger ging, weist in eine Gegend der Sprache, unter deren stillen Lauben und heiteren Schatten, auf deren sanften Anhöhen mit ihren schönen Aussichten wir gerne weilen und lustwandeln möchten.
Das Zeugnis für Gehalt und Gewicht dichterischer Sprache ist ihr indirekt mitgeteiltes Versprechen, ihre zwischen den Zeilen ergangene Einladung, unter dem stillen Zug ihrer Wolken ein gemeinsames Bleiben und Wohnen zu finden.
Wie nicht jeder mit jedem reden kann, so im gesteigerten Sinne auch nicht wohnen. Die Katze darf ins Körbchen, der Wachhund bleibt draußen in der Hütte.
Wenn wir den Sittichen das Fenster öffnen, können sie vielleicht im Freien eine Weile leben, der verstoßene Hund muß verwildern oder ist dem Tode geweiht.
Wohin führt der Weg? Immer nach Hause, wie Novalis sagt. Doch Heimat ist nicht nur ein Ort des Wohnens mit der je eigentümlichen Topographie zugehöriger Menschen, Bauformen und Sitten, sondern auch ein Gefüge des Sprechens mit seiner je eigenen Grammatik, seinen Idiolekten, Stilformen und Ausdrucksgesten.
Das sich besinnende Denken sieht auf die von ihm gegangenen Wege und Spuren in der ins Licht der Betrachtung gehobenen Sprache. Diese Wege sind weder ein chaotisches Wirrwarr noch bilden sie ein starres Raster, sondern weisen auf eine Vielfalt sich wiederholender, variierender, fugenförmig ineinander geschachtelter Motive und Muster – Muster einer geheimen und gleichwohl offenbaren Ordnung, die uns in nuce in der Struktur des Organismus wie in der Wohlgeformtheit des sinnvollen Satzes oder des sinnreichen Gespräches vorschwebt.
Überquellend
Flirrend Sommersonnenstaub,
Pollenschleier, Flockenschaum
überm schwanken Pfad der Sage
Blätterrätsel wild gezackt.
Aufgeplatzte Trauben, beeren-
rote Fülle und vom Geist der Luft
frei gesprochen Sporen
rieseln auf das Moos des Worts.
Körner dunklen Wissen schaufelt
eines grünen Käfers Horn
aus dem Dung der abgetanen
Wesen, Scharlachfeuchte glänzt.
Und im Wirrwarr Harmonien
lauen Seufzens, blauen Glucksens,
irdener Schale harschem Mund
überquellend Wassers Sang.
Auf der Schwelle
Auf des Abends Schwelle sitzen,
wo die Schatten lautlos wehen,
wo in Tages letzten Schimmern
Leid und Träume untergehen.
Gelbe, rote Blätter treiben,
und die weißen Wolken fliehen,
mit den Blättern ist kein Weilen,
mit den Wolken mußt zu ziehen.
Ferner Liebe sind die Flammen,
die auf stillen Gräbern zittern,
sie verlöschen schon wie Lampen
in umrankten Fenstergittern.
Sind dir auch der Heimat Blumen
in der Nächte Gram verblichen,
gehst du wie im Bann von Rufen
unter dunklen Bogenstrichen.
Falsche Kunst und echte Tränen
Mir ist die greise Witwe lieb
dort überm Apennin,
die vor dem Plastik-Jesus kniet,
sie murmelt zahnlos vor sich hin,
und bunte Lämpchen blinken.
Sie faßt, wird alles um sie Nacht
und ihre Kräfte sinken,
nach jener Wunden-Hand
um einen Kuß so sterbenssacht.
Lieber ist die mir, so kindisch
Gott in Gips Gebete lallt,
und tropft sein Herz von purem Kitsch,
ihr graues Herz ist ja nicht kalt
und schön die weibliche Ekstase,
lieber als der Snob-Tourist, der arrogant
die kultivierte Nase
rümpft vor solch naivem Tand,
seine Brille wischt und rückt
vor Mantegnas Cristo in scorto
und im Kunstbuch blätternd tut
so philiströs verzückt.
Indes il suo cuore è morto,
für den Beweinten hat er keine
Träne übrig, daß er wie
die blöde Alte niederknie
und sein vergessen weine.
Im Zwielicht-Tal
Ich hab dich nicht gesucht:
In diesem Zwielicht-Tal
erschien dein Antlitz fahl
wie Mondes bittre Frucht.
Ich wurde nicht gefragt:
Im Dickicht sang ein Paar
von Vögeln wunderbar,
dein Lied blieb mir versagt.
Ich hab dich nicht benannt:
Aus Brunnen Rauschen tief
ward mir, das nimmer schlief,
und hat mein Lied gebannt.
Ich bin dir nicht erwacht:
Ein Helm aus Bronze war
mein Traum gedrückt ins Haar
und sank ins Gras der Nacht.
Was einst ich sah
Ich sah an einem Pfad im Gras
ein rohes Kreuz errichtet
aus dem Basalt des Eifellands,
und nah der Inschrift saß
die Amsel, die dort munter sang.
Da hoben Kinder auf den Strom,
die Wellen wurden dunkel,
ein Bötchen aus Papier und Holz,
und in die Ferne trug
es einer Kerze gläubig Lied.
Ich sah im Schein des Ginsterlichts
am Kreuz zwei Engel schweben,
sie hielten jeder einen Kelch,
des Heilands Wunderblut
zu bergen für der Seele Durst.
Quellen grüner Nacht
Ihr gabt der Seele Scheinen,
Blüten blauer Nacht.
Nährt dich denn kein Weinen,
schauervolle Macht?
So langsam rollt der Mond
auf Schattenhügeln hin.
So langsam brennt der Docht
zu Ursprungs dunklem Sinn.
Ihr gabt dem Liede Schimmer,
Quellen grüner Nacht.
Weiß ich euch denn nimmer
Veilchen küssen sacht?
So rasch versinkt der Mond
in wirrem Traumgerank.
So rasch verlöscht der Docht,
der Lust aus Waben trank.
Schale auf dem Tisch
Wie leicht der Apfel in der Schale liegt
und rings um ihn gedrängt die Trauben,
es glänzt ein Tau, wo sich die Birne schmiegt
mit gelbem Duft aus Sonnenlauben.
Das weiße Tuch ist wie ein Schnee voll Licht,
und unterm Schnee die Wasser funkeln
um zarte Wurzeln, Ranken dornendicht,
die von der Lust der Beeren dunkeln.
Kastanie, warm noch von der Kinderhand,
sie schenkt dem Weiß ihr braunes Lachen,
die roten Blätter, die sich Anmut fand,
als sollten sie ein Herz entfachen.
Maskentanz
Weiße Flügel, hoheitsvoll,
der weichen Perlen Prunken.
Sang des Wassers, Wassergong,
gestiegen und gesunken.
Marmorschale, Schimmer nur,
und silbern Efeus Gleiten.
Seele füllt sich die Figur,
wenn hohe Masken schreiten.
Feuerschein im Schnee der Haut
und Flammenflaum der Lenden,
Blicke, aus der Nacht getaucht,
die sich dem Licht verschwenden.
Tau der Wimpern, Liedes Glanz
verrinnen und verhauchen.
Masken, die verblaßt im Tanz
in Traum und Nebel tauchen.
Auf grauen Fluren
Auf grauen Fluren
zerschnittene Laken
Schnee
Mond
wie angebissener Apfel
bräunlich schon
Wolke
blauer Leere
Schwanenflaum
Verweinter Briefe
Dämmerung
Milch
vergossener Stille
Wie aus Schränken
Lavendelduft
Erinnerung
Blasse Blume
auf dem Wasser
dein Gesicht
Willst du über Wasser wandeln
Willst du über grünen Liedes
Wasser wandeln, tritt auf Schaum,
auf den Blättern, die dich halten,
auf den Knospen schwankst du kaum.
Heb dein Herz auf einen Flügel
warmer Gladiolenpracht,
laß es unter Käferfühlern
zittern in den Duft der Nacht.
Willst du im Gesumm der Stille
Seufzer sammeln, biege rund
ihr zur Laube deinen Schatten,
pflücke sie von ihrem Mund.
Lege deinen Schmerz in Baumes
blindes Aug wie einen Brief,
Tau der Sonne mag ihn lesen,
Träne, die im Schneelicht schlief.
Wie Wassers Leuchten
Wie Wassers Leuchten tönt
im Traumgestrüpp
des Eremiten
schlichte Weidenflöte.
Schöner noch das Gras,
das lächelnd seufzt,
vom Wind gewellt.
Wie ein Gong aus Licht
tönt Himmel blau
und Flügel breiten
Schatten auf sein Beben.
Schöner noch das Herz,
das träumend singt,
von Dank erfüllt.
Der Traum der sterbenden Rose
Da sie nun welk dem wüsten Griff
des Windes neigt sich hin,
kommt jenes Knaben zarte Hand
ihr wieder in den Sinn,
der süße Tropfen seines Bluts
an bang gezücktem Dorn,
und machte dunkel ihr den Duft,
der aber ging im Zorn.
Ach, hätte er sie nur gepflückt,
in einem blauen Krug
wär ihrem Schoß des Nachts entströmt
des schönen Traums genug,
sie hätte Blatt um Blatt gestreut
sich haltlos in sein Haar,
gerötet Wange ihm und Stirn,
die weiß wie Mondlicht war.
Daß sie mit Blüten ihm nicht gab
den weichen Morgenkuß
auf kühlen Fliesen hingeweht
für seinen nackten Fuß!
So weint verwelkt sie ödem Hauch
gesparte Tränen hin,
und Überdruß pflückt ab der Tod,
die Blüten ohne Sinn.
Rosen im Schnee
Hier auf den Laken geht es nicht,
da glimmt im Dunkel noch ein Haar,
ein goldenes der Mädchenzeit,
ein silbernes, wo Schwermut war.
Hier an dem Ufer geht es nicht,
da singt das Wasser mir sein Lied,
ein heiteres der Jugendzeit,
ein trauriges, da Liebe schied.
Hier in dem Keller geht es nicht,
da schimmert mir in Gläsern Frucht,
die Kirschen jener Sommerzeit,
die Beeren, die du mir gesucht.
Hier in dem Garten magʼs geschehn,
da schläft im Schnee die Rose schlicht,
die weiße ist mein Totenkleid,
die rote ist mein Grabeslicht.
Das leibhaftige Ich
Philosophische Sentenzen und Aphorismen über das inkarnierte Selbst
Die Ausdrücke „mein Buch“, „mein Garten, „meine Heimatstadt“ oder „mein Freund“ gehorchen einer anderen Grammatik der Verwendung als die Ausdrücke „meine Hand“, „mein Gesicht, „mein Leib“ oder „meine Erinnerung“.
Ich kann meinen Freund im Getümmel mit deinem Freund verwechseln, aber nicht meine Erinnerung mit deiner Erinnerung.
Ich kann in meinem Porträt das Bild eines Fremden sehen, aber die Träne auf deiner Wange nicht mit demselben Gefühl der Trauer oder Erschütterung wie die Träne auf meiner Wange spüren.
Wenn ich sage: „Das Auto kam knapp vor mir zum Stehen“, meine ich, daß der Wagen haarscharf vor meinem Körper anhielt.
Ich kann in grammatisch ausgezeichneten Sätzen die Ausdrücke „ich“, „mir“ und „mich“ durch die Ausdrücke „mein (meinem/meinen) Körper“ ersetzen.
In einer objektiven Weltbeschreibung kann ich zwei Objekte derart in Raum-Zeit-Koordinaten eintragen, daß die schnelle Bewegung des einen abgebildet wird, die vor dem anderen anhält. Doch findet sich keine objektive Methode der Projektion, sodaß die Ausdrücke „ich“ oder „mein Körper“ genau einem dieser Objekte zugeschrieben werden könnten.
In der wissenschaftlichen Weltbeschreibung können wir für den Fahrer des Wagens den Ausdruck „menschlicher Organismus“ mit der ihn identifizierenden DNA-Sequenz und für den Fußgänger den entsprechenden Begriff mit der diesen identifizierenden DNA-Sequenz einführen und definieren.
Doch die Ausdrücke „menschlicher Organismus mit der ihn identifizierenden DNA-Sequenz“ und „mein Körper“ sind weder semantisch gleichwertig noch grammatisch äquivalent.
Das Ich oder Selbstbewußtsein ist keine spirituelle Aura um einen objektivierbaren Gegenstand, sondern die Art und Weise, wie eine Seele verleibt oder inkarniert ist: Wenn ich dir entgegenlächle, weil du meiner Einladung zu einem gemeinsamen Spaziergang gefolgt bist, tust du gut daran, mein Lächeln nicht als Verzerrung meiner Gesichtsmimik aufgrund neuronaler Impulse zu beschreiben, sondern es als seelischen Ausdruck zu lesen und als gestische Mitteilung und kommunikatives Zeichen meiner Gestimmtheit zu verstehen.
Hättest du mich lange warten lassen, könntest du meine verdüsterte Miene ohne weiteres als Zeichen der Mißstimmung und Mißbilligung lesen und verstehen.
Ich kann dir mein Buch ausleihen, aber nicht meine Hand.
Meine Hand ist nicht in dem Sinne mein Eigentum, wie es mein Buch ist.
Seinen Körper zu vermarkten oder zu prostituieren ist ungeachtet moralischer Erwägungen eine Verletzung des Eigenwertes subjektiven Daseins.
Die Inkarnation des Selbst oder die Verbindung von menschlichem Leib und Seele ist eine wesentliche und notwendige Verbindung und nicht wie sowohl Idealisten als auch Materialisten unterstellen eine kontingente und zufällige. Nach Platon und der Lehre von der Wiedergeburt indes kommt die Seele erst nach dem Verlassen des Körper-Gefängnisses zu sich und kann in beliebigen Körpern wieder inkarnieren, während sie der Materialist als zufälliges evolutionäres Nebenprodukt neuronaler Prozesse auffaßt.
Ich kann von meinem Leben reden, nicht so das Tier. Und anders als dieses kann ich es seiner überdrüssig wegwerfen oder einem höheren Wir aufopfern.
Tiere sind Exemplare ihrer Gattung, nicht so wir, die gleichsam singuläre Hohlräume oder Unterbrechungen der Leere im dichten Sein des natürlichen Gattungswesens bilden.
Das Tier ist in der Nahrungsaufnahme, dem Kampf, der Flucht und der Zeugung ganz erfüllt vom Leben der Gattung, durchsichtig auf das Dasein des Allgemeinen, nicht so der gleichsam ins Zwielicht von Sprache und Bewußtsein getauchte Mensch.
Die zärtliche Hingabe des Eros, das Geschenk, das Versprechen, das Gespräch oder der Gesang sind genuine Formen der Gemeinschaft von Ich und Du, die das Tier nicht kennt. Dies gilt auch für ihre Negationen, die Gewalt, den Raub, den Verrat und das Schweigen.
Der Soziologe muß methodisch die Singularität des inkarnierten Selbst ausklammern, um die Allgemeinheit von Aussagen über das Leben von Gruppen unter der institutionellen Kraft von Gewohnheiten, Regeln und Gesetzen zu gewinnen.
Das Leben in sozialen Gruppen stülpt dem inkarnierten Selbst aus der kalten Hand des Schicksals jene Maske über, in der sich die gleichsam naturwüchsige Macht der Klassifikation der Individuen in Geschlechter, Rassen, Klassen, Rangordnungen, Berufe und funktionell homogene Einheiten widerspiegelt.
Das soziale Leben – jenes Theater der Grausamkeit.
Verborgen wie die Eule im dämmernden Laub hausen die alten Götter, aus dem Blut der Leidenschaft gestiegene Dämonen, die nach den Opfergaben der Erinnerung lechzen.
Pietas heißt jene Göttin, die mit den Geisterstimmen der Ahnen den Lebenden in den Traum spricht, den keine Psychoanalyse entwirrt.
Die Verwachsenheit von Seele und Leib hat ein Bild im Eigennamen, diesem zugeflogenen flatus vocis, der wie ein Hund auf der Schwelle lauert und aufspringt, wenn man ihn ruft.
Nur wir als selbsthafte Wesen erfassen mit den Begriffen von Ich und Du, Mein und Dein den Begriff von Schaden und Schädigung, der von der Verletzung über den Diebstahl und Raub bis zur Beleidigung und Verleumdung sich spannt, und mit dem Gegenbegriff der Entschädigung den Keim des Rechts, seiner Rituale und Institutionen erschließt.
Ich und Du können ineinander verstrickt sein, als würde eine Kletterpflanze auf dem Rücken eines Baumes in die Höhe und zum Licht streben, und das Laub des Baumes verliert an Fülle und seine Früchte verkümmern. Doch werden die tragenden Äste und Arme schlaff, sinkt auch das Leben des Efeus, verblassen die Blüten der Winden.
Der Parasitismus der animalisch umschlungenen Seelen kennt ein Antidot in der Minne oder der Geduld der Liebe: „Und die Liebsten nahe wohnen, sehnsuchtsvoll, ermattet, auf/Getrenntesten Bergen …“
Es ist bedeutsam zu gewahren, daß die Geltung logischer Konsistenz mit dem Erwachen des Selbst gleichursprünglich ist: Ich kann (nicht im physischen, sondern logischen Sinn von Können) dich nicht herbeirufen und gleichzeitig erwarten, daß du weggehst, ich kann dich nicht wegschicken und gleichzeitig erwarten, daß du dableibst. Dabei setzt das ironische oder theologische Spiel mit der logischen Konsistenz („Je heftiger ich dich abweise, umso näher bist du mir“) ihre basale Geltung voraus.
Die logische Konsistenz waltet auch in der Symmetrie der gegenseitigen Zuschreibung von Absichten und der Erwartung ihrer Erfüllung. Du erwartest von mir die Einlösung eines Versprechens im Lichte dessen, daß es seine Gültigkeit durch die Absicht erhielt, es in der Tat einzulösen. Desgleichen verwirkt die Äußerung einer Zusage bei gleichzeitiger Absicht, sie nicht einzuhalten, aufgrund der Inkonsistenz von Intention und Aussage ihre Gültigkeit.
Das Dasein des Selbst ist in der Welt objektiver Tatsachen der Natur ein Mysterium, das mittels jener Methoden, die zur Erklärung der natürlichen Tatsachen entwickelt worden sind, auflösen zu wollen, widersinnig und absurd ist.
Sterben ist im Lichte des Selbst kein tierisches Verenden.
Der Tod vermag einen Schatten der Vergeblichkeit und des Grauens auf das durch Erinnerung und Erwartung immer tiefer in die Zeit verwobene und sich verlierende Ich zu werfen, ein meist mäßiger Schwimmer auf dem Strom der Vergängnis, der infolge zufließender Quellen aus Versagungen, Verlusten, Abschieden mehr und mehr anschwillt und den ohnmächtig Rudernden schließlich mitreißt, ehe er auf den entscheidenden Katarakt zustürzt.
Der Ursprung subjektiven Daseins, die Basis von Absicht, Erinnerung und Besinnung, ist das vage, dimensionslose und gleichsam träumende Selbstgefühl, noch vor aller Absicht, Erinnerung und Besinnung.
Es gibt nichts zu entdecken, nichts anzueignen, nichts zu behaupten, dieser Grund ist leer, doch unerschöpflich, wie zwischen den Klängen eines plätschernden Wassers die Stille und Leere, die wir mit einem kontinuierlichen Rauschen füllen, das sich in uns, in das wir uns verwandeln.
Man fühlt sich gleichsam wiedergegeben im weichen Beben der Lippen, zwischen denen wir Bruchstücke irgendeines naiven Liedes strömen lassen, vertrauend auf die Wiederholung der Töne, den Refrain im monotonen Rhythmus der Form.
Wir verbinden das subjektive Dasein nicht mit einem Zweck, einer Relevanz, einer Bedeutung, deren Formel oder Essenz es zu entschlüsseln und mitzuteilen gelte wie die DNA des individuellen Organismus. Darin gleicht es dem Kunstwerk, an dessen Schönheit wir uns interesselos erfreuen.
Von den Dramen seiner sozialen Anstrengungen und den Tragikomödien seiner moralischen Verwicklungen mag das exponierte Selbst eins ums andere Mal in die Abenddämmerung und den verwilderten Garten eines stillen Insichlauschens zurückkehren.
Trostlos ist der Mensch
Die Schimmer perlen ab,
des Taues matte Spur
verbleibt dem welken Blatt.
So trostlos ist der Mensch,
sein Grauen löst kein Wein.
Des Wassers ist Geschwätz,
bis wieder trocken liegt
des Schweigens bleiches Bett.
So trostlos ist der Mensch,
ihm lallt ein leerer Mund.
Was Rosen Blicke trübt,
aus Liebesbangen floß
es nicht ins Tagelied.
So trostlos ist der Mensch,
ihm weinen Augen blind.
Nun sind wir allein
Am Morgen sprach uns noch
vom Glanz der Meere Tau.
Hat Mittag nicht umsummt
Schlummers Dämmergrün?
Wie Mädchenmund gerührt
der Dahlie Knospe dich?
So verging der Nachmittag
unter weichen Wassers Licht,
das deine Hand umfloß,
hat bunter Schatten Schwatzen
ums Herz gerollt ein Blatt.
Und das Licht zerrann
wie Honig aus dem Bienenlied,
wie Gold im Sagenstrom,
auf harten Stein getropftes Harz.
Ein Flügelschlag der Eule
ward es Dämmerung.
Der hohe Sinn, im Blut der Beeren
aufgeschäumt, vom Sonnendorn
im Tanz geritzter Vers,
der hohe Mut, in Ranken
sanften Minnens ums blühende
Gebein des Bilds geschmiegt,
mit heißen Rufen durchs Gestrüpp
der dunklen Mythen sichelnd,
sie bluten hin und blassen.
Und was noch scheint, ist tot,
die umgestürzte Barke Mond,
und einsam, was noch singt,
in Märendickicht fern,
das Herz der Nachtigall.
Linien des Lebens
Wie Linien des Lebens sich verlieren,
im Porzellan die Risse vag,
der Schritte Einsamkeit im Schnee.
Und kreuzen Wege sich im Dunkel,
als wär ein Schmerz zuviel gesagt,
verhüllen Tränen ihre Spur.
Und wagen Verse Zeilensprünge
wie Mücken über Wassers Schlaf,
zieht Sehnsucht sie in Traum herab.
Was trank aus dunklem Ursprung Rauschen
und sang den Schmerz den Meeren zu,
verhallt im Labyrinth der Nacht.
Wohnen unter Sternen
Aus Löchern dumpfen Hausens flattern
die Fransen abgeschnittenen Traums
wie von der Schere graues Haar.
Die aber weilen hell und heiter
in Nestern über Windes Halm,
die zarten Meister des Gesangs.
In Odems Spalte eingesunken
verdunkeln sich das Himmelsblau
Gespenster ihres toten Tags.
Doch haben Wohnen unter Sternen,
die Flammenlied zum Tanz behaucht,
Geweihte einer hohen Nacht.
Die Erdentrückten aber zeigen
aus Masken wächsernen Gefühls
sich schwarze Zungen mit dem Wort.
Die unter dunklen Krumen glänzen
wie Veilchenaugen voller Tau
wiegt eines weichen Schweigens Hauch.
Tiefes Einst
Zwei, drei Münzen Gold
auf warmen Pflastersteinen,
herabgetropft von Schatten-
Zweigen der Erinnerung.
Ein Kätzchen spielt damit,
als klirrten sie ihm wild,
wollte sie sich fangen.
Blaue Kühle, die sich haucht
aus Ranken gotischer Fenster,
vom Altar der weißen Flieder-
büschel Flehensduft.
Die Kerzen seufzen auf,
als küsse sie der Wind,
daß sie sanfter sterben.
Schwarzer Brunnen aus Basalt,
das Lied der weichen Schauer
beglänzt in dunkler Mulde
Moos verschwiegenen Leids.
Ein Sperling hüpft darauf,
als necke ihn das Naß,
pickt er in die Tropfen.
Das Schattenbild
Meditatio mortis
Der Toten zartes Schattenbild
fließt ungefühlt und stumm
durch Traum und helle Augen hin.
Der Fleck im weichen Glanz des Schnees,
Kadaver eines Wilds,
sinkt langsam unter wie in Milch.
Der bang wie Abschiedskuß der Nacht
am Blatt gezittert, Tau,
in Dunst löst ihn das Sonnenlicht.
Der Atem eines heißen Sinns
auf Schauens Gipfelgrat
zergeht in blinden Winds Geschwätz.
Den Blütenmund des Veilchenworts
an schwanken Verses Halm
zermalmt der Zahn des dunklen Gotts.
O beata mors
Aus: Stundenbuch aus Paris (15. Jhdt.)
O beata mors iustorum
et iucunda sors sanctorum
in caelesti gloria,
qui post fletus et labores
mortis metus et dolores
jubilant in patria.
O der Guten schönes Sterben,
und der Heilen süßes Erben
an des Himmels goldnem Strand,
die nach Kümmernis und Weinen,
nach des Todes Angst und Peinen
singen froh im Vaterland.
Stilleben
Tischtuch in weißem Krampf,
verschmutzter Schnee
in wirren Schlafes Schneisen,
kleine Lache Blut,
ein Blatt erloschenen Mohns,
umgestürztes Glas,
hastig ausgeleert,
das abgetane Raunen
aufgesprühter Perlen.
Als wäre Zeit erstickt
in Fliederduftes Schwüle,
saugt einer Fliege
somnambuler Mund
am Fäulnisschweiß
der angebissenen Birne,
betrunken krabbelt sie
durch Stundenbuches Sand
aufs Ornament der Initiale
O, die Seufzer-Laube
der BEATA MORS,
und sie erstarrt.
In der Dämmerung,
die im Gelbstich
aus den Blumenranken
der Tapete dunstet,
entfacht im Glas der alten
Uhr auf der Vitrine,
große weiße Oblate
in einem Tabernakel,
das blinde Seherauge
ihres Ziffernblatts
sein Jenseits-Licht.
Anmerkung zum Verständnis:
O beata mors ist ein Gebet aus dem Stundenbuch aus Paris (15. Jhdt.).
Siehe:
http://www.luxautumnalis.de/o-beata-mors/
Laß, o Herr, mich fallen
Laß, o Herr, mich fallen,
weiter kann ich nicht,
lösch in Schnee und Aschen
mir das Traumgesicht.
Schenke mir dein Schweigen,
blauer als mein Lied,
daß sich Himmel weiten
und nichts mehr geschieht.
Laß, o Herr, mich gehen
tief ins Ufer-Gras,
wo die Seelen brechen
still wie zartes Glas.
Kannst du mich nicht halten
in dein dunkles Licht,
laß, o Herr, mich fallen,
weiter kann ich nicht.
Zwiegespräch von Rose und Veilchen
„Mir kommt Verehrung von den Hohen,
mein Königslicht darf geistvoll scheinen.“
„Ich wohn in Grases warmen Mulden
und rühr das weiche Herz der Kleinen.“
„Von Apollos Dichtern auserkoren,
hab ihren Himmel ich gerötet.“
„Vor eitler Pracht und Kunst geflohen,
hat Faun und Hirte mir geflötet.“
„Der hohen Minne Duft zu leihen,
entsandt ich meine weißen Schwestern.“
„Zagt Einsamkeit in Dämmerlauben,
hüllt sie mein Duft ins schöne Gestern.“
„Wenn schwankend meine Knospen flocken,
bedeckt den Schmerz ein Schnee von Schwänen.“
„Schenkt lauer Hauch mir Schlummers Beben,
des Liedes Krüglein fülltʼs mit Tränen.“
Kleine Veilchen
In diesen schmalen Furchen kauern
kleine welke Veilchen,
weiß nicht, ob sie meine Tränen
wärmen für ein Weilchen.
Wer will schon große Worte machen
für so kleine Wesen,
weiß nicht, ob sie bald verblassen,
ob sie noch genesen.
Ich fand sie hier, ich mochte weilen,
Duft gab mir zu sinnen,
weiß nicht, soll ich sie beweinen
oder mein Beginnen.
Knabe du
Flamme du am Saum der Nacht,
Herz, das sich versprüht im Lied,
Funken, steigt ihr noch empor,
schwebt im Traum ihr noch herab?
Quelle du des Waldes Mund,
Herz, das überfließend netzt
dunkle Wehmut dürrem Moos,
schattet noch dein Eichenblatt?
Knabe du am Steg des Rheins,
Herz, das sich versprüht im Lied,
Funken, steigt ihr noch empor,
schwebt im Traum ihr noch herab?
Der Haß auf die Schönheit
Wie kommtʼs …
… daß sie die Rose Schönheit schmähen,
in den Schnee der Anmut pinkeln,
den weichen Samt zerschneiden des Gefühls?
Wohl, weil sie selber häßlich sind,
den Mund voll bittrer Unkraut-Asche,
voll Todes-Tand das ausgebrannte Herz.
Wie kommtʼs …
… daß sie auf Gnade spucken,
aufs Lächeln der Madonnen Warzen,
Schorf auf des Hohen Wange kleben?
Wohl, weil vom Teufel sie besessen sind,
und was sie inspiriert, Duft der Verneinung,
aus seinem Anus quilltʼs in ihren Mund.
Wie kommtʼs …
… daß sie den Liebreiz höhnen,
der Veilchen glänzt im Silbermond,
und blaue Mädchenblicke knicken?
Wohl, weil sie Dämons Mücken sind,
die aus dem Spalt der Trauer schwirren
und brennen, wenn die Jungfrau singt.
Wie kommtʼs …
… daß stille Blume sie macht schreien,
sie weher Duft der Unschuld würgt
und Unsinns schwarze Molke labt?
Wohl, weil sie Lepra der Verzweiflung sind,
die Tag und Traum mit Makeln fleckt,
das Wort mit Todes Fäulniskitsch.
Beeren, Trauben, Reime
Schon wachs ich an dem Seelen-Baum
wie Moose um der Rinde Wunden.
Ich schwirre in den blauen Raum,
ein Blatt, das Rauschen sich gefunden.
Und was ich sage, sind die Tropfen bloß,
die im Gewirr der Farne hängen,
und wenn sie fallen, glänzt der stumme Schoß
der Erde wie von Lobgesängen.
Und was ich schweige, sind die Waben nur,
die gern mit Heckenrosen warten,
und wenn sie lächeln, summt die goldene Spur
der Bienen durch den alten Garten.
Schon finden müde Verse heim,
wo Beeren schimmern oder Trauben.
Ich picke mir den süßen Reim,
ein Vogel unter Sommerlauben.
John Keats, To a cat
Cat! who has pass’d thy grand climacteric,
How many mice and rats hast in thy days
Destroy’d? How many tit-bits stolen? Gaze
With those bright languid segments green, and prick
Those velvet ears – but prythee do not stick
Thy latent talons in me – and tell me all thy frays,
Of fish and mice, and rats and tender chick;
Nay, look not down, nor lick thy dainty wrists, -
For all the wheezy asthma – and for all
Thy tail’s tip is nick’d off – and though the fists
Of many a maid have given thee many a maul,
Still is thy fur as when the lists
In youth thou enter’dst on glass-bottled wall.
Katze, deine beste Zeit ist lange schon vorbei,
wieviele Mäus und Ratten hast du dir gerissen?
Geschnappt dir wieviel kleine Leckerbissen?
Starr nur aus den hellen, müden Schlitzen, den zwei
grünen, reck der Ohren Samt – doch bitte sei
so gut, laß die Krallen stecken, nur mich wissen
mit Fischen, Mäusen, Ratten, Hühnchen, all die Balgerei.
Nein, senke nicht die Augen, leck nicht die feinen Ballen,
wenn du auch asthmatisch keuchst, ist auch geknickt
die Spitze deines Schwanzes, hat dir es auch mißfallen,
wie manchen Mädchens frecher Finger dich gezwickt –
noch glänzt dein Fell wie in der Jugendzeit metallen,
da du auf Mauern staktest, die mit Glas gespickt.
Ich will nur das Blau des Himmels
Ich will nur das Blau des Himmels leben,
nur das Blau, das bodenlose,
dort als kleine Feder taumelnd schweben,
dort als Blütenblatt der Rose.
Ich will nur das Weiß von Flocken sagen,
nur das Weiß, das Ja für immer,
mir zu lösen Leidens alte Klagen
in dem blinden Sturz der Schimmer.
Ich will nur das Rot von Flammen singen,
nur das Rot, das Blut der Reben,
mich mit Funken auf ins Dunkel schwingen,
mattem Herzen Glühen geben.
Ich will nur das Grau des Regens trinken,
nur das Grau, das namenlose,
will mit weichen Tropfen Taues sinken
auf den Schlaf der wilden Rose.
Dies ist geheimnisvoll
Das alles kannst du nicht erklären,
es ist das Herz der Welt,
das noch in Rosen glüht,
wenn schon dein Stern
im Meer versinkt.
Ein Funke geht durch die Pupille
und erweckt dem Kind ein Bild,
der Liebe süßes Lächeln.
In Lichtes Schwingung ist kein Bild,
kein Lächeln in der Nacht
der blinden Dinge.
Dies ist geheimnisvoll,
so nah, unsagbar wahr.
Als sähe sich die Knospe
in Wassers schwarzem Spiegel
und Rose bräche auf,
ganz auszufalten
ihres Daseins weißen Schmerz,
sich hinzugeben ganz
in dunklen Fühlens Duft.
Ein Zittern geht durchs Ohrgewinde
und erweckt dem Kind ein Lied,
der Liebe holdes Kosen.
In Atems Zittern ist kein Klang,
kein Kosen in der Nacht
der harten Dinge.
Als schwänge sich ein Flügel
in Abends Abschiedsflammen
und Lerche schluchzte auf,
ganz auszufalten
ihres Flatterns herbe Lust,
sich hinzugeben ganz
in hellen Fühlens Klang.
Dies ist geheimnisvoll,
so nah, unsagbar wahr.
Das alles kannst du nicht erklären,
es ist das Herz der Welt,
das noch in Rosen glüht,
wenn schon dein Stern
im Meer versinkt.
Das dürftige Leben
Wie arm und dürftig ist das Leben
im reichen, rohen Moloch Stadt.
Bezahlten Lächelns Masken
müder Mädchen an der Schicksalskasse.
Mit dem Bettler vor dem REWE
tauschst du Wärme nicht
von Hand zu Hand: Er stinkt.
Schmutziger Schnee, o Seele dieser Stadt.
Schließ nur die Tür, denn fremdes
Blut ist deine Nachbarschaft.
Doch durch den Spalt des Traums
weht zarter Asche Angst.
FIDES ist die Hunger-Maus,
die sich im Kellerloch versteckt
und huscht, wenn unter Schritten
die alte Treppe knarzt.
Der Engel ohne Flügel,
der im Gerümpel unten liegt,
kein Kind seufzt seiner Anmut nach,
die sanfte Puppe PIETAS.
Es singt der Stein
Auf Wehsals schmalem Saum,
wo Todes Biß mit holdem Gift
die Gnade übertäubt,
hörst du vielleicht das Lied.
Es singt der Stein, beglänzt
von Wassers blauem Kuß,
es rauscht das Blatt der Dunkelheit,
ein Herz, geformt vom Wind.
Wie weißer Blüten Müdigkeit
ins Unwegsame lockt
in hellen Schlaf ein Schnee
vor blumenlosem Mond.
Es singt das Moos, betaut
von sanftem Liebesglanz,
es rauscht der Wald der Dämmerung,
ein Gott, geweckt vom Licht.
Ezra Pound, A Girl
The tree has entered my hands,
The sap has ascended my arms,
The tree has grown in my breast -
Downward,
The branches grow out of me, like arms.
Tree you are,
Moss you are,
You are violets with wind above them.
A child – so high – you are,
And all this is folly to the world.
Ein Mädchen
Der Baum drang ein in meine Hände,
der Saft stieg auf in meine Arme,
der Baum wuchs mir in der Brust –
nach unten,
die Zweige sprossen mir wie Arme.
Baum bist du,
Moos bist du,
du bist Veilchen und darüber Wind.
Ein Kind – so hoch – bist du,
und all dies ist töricht vor der Welt.
Rauscht am Grund die Nacht?
Welche Seite schlag ich auf
und Rosen duften,
welche Seite schlag ich um
und weiße Blüten
fallen in die Nacht?
All die Namen sind Papier
und Zeichen stinken,
alles grimassiert im Wachs
gefälschter Seelen,
blassend ohne Blut.
Welche Seele schlag ich auf
und Wasser rauschen,
welche Seele öffnet sich
und helle Tränen
leuchten in die Nacht?
All die Augen sind aus Kalk
und Blicke rieseln,
alles windet sich im Schoß
gefälschter Wonnen,
schluchzend ohne Glut.
Wühl ich mir den Brunnenschacht
mit deinem Namen
in der Eingeweide Herz,
rauscht am Grund die Nacht?
Ezra Pound, Canto LXXXI
(Schlußkadenz)
What thou lov’st well remains,
the rest is dross.
What thou lov’st well shall not be reft from thee
What thou lov’st well is thy true heritage
Whose world, or mine or theirs
or is it of none?
First came the seen, then thus the palpable
Elysium, though it were in the halls of hell,
What thou lovest well is thy true heritage
What thou lov’st well shall not be reft from thee
The ant’s a centaur in his dragon world.
Pull down thy vanity, it is not man
Made courage, or made order, or made grace,
Pull down thy vanity, I say pull down.
Learn of the green world what can be thy place
In scaled invention or true artistry,
Pull down thy vanity,
Paquin pull down!
The green casque has outdone your elegance.
“Master thyself, then others shall thee beare”
Pull down thy vanity
Thou art a beaten dog beneath the hail,
A swollen magpie in a fitful sun,
Half black half white
Nor knowst’ou wing from tail
Pull down thy vanity
How mean thy hates
Fostered in falsity,
Pull down thy vanity,
Rathe to destroy, niggard in charity,
Pull down thy vanity,
I say pull down.
But to have done instead of not doing
this is not vanity
To have, with decency, knocked
That a Blunt should open
To have gathered from the air a live tradition
or from a fine old eye the unconquered flame
This is not vanity.
Here error is all in the not done,
all in the diffidence that faltered …
Was du innig liebst, das bleibt,
der Rest ist Schlacke.
Was du innig liebst, kann man dir nicht rauben.
Was du innig liebst, ist dein echtes Erbe.
Wem die Welt, mir oder ihnen oder
gehört sie keinem?
Erst war in Sicht, dann war zum Greifen nah
Elysium, auch wenn es Höllenhallen bargen,
was du innig liebst, ist dein echtes Erbe,
was du innig liebst, kann man dir nicht rauben.
Ameisen sind in ihrer Drachenwelt Kentauren.
Reiß ab von dir die Eitelkeit, es ist des Menschen nicht,
hohen Mut aus nichts zu schaffen, Ordnung oder Grazie,
reiß ab von dir die Eitelkeit, ich sag, reiß ab.
Lerne von der grünen Welt, auf welche Stufe du dich
stellen kannst von Erfindung oder wahrem Künstlertum.
Reiß ab von dir die Eitelkeit,
Paquin, reiß ab!
Der grüne Helm hat dein erlesenes Kleid besiegt.
„Sei Meister deiner selbst, dann werden andere dich ertragen.“
Reiß ab von dir die Eitelkeit,
ein getretener Hund bist du im Hagelschauer,
eine aufgeplusterte Elster unter launischer Sonne,
halb schwarz, halb weiß,
weißt nicht, was Flügel ist, was Schwanz.
Reiß ab von dir die Eitelkeit.
Wie schäbig deine Haßgefühle,
die Falschheit aufgepäppelt,
reiß ab von dir die Eitelkeit,
haltlos im Zerstören, geizig im Erbarmen,
reiß ab von dir die Eitelkeit,
ich sag, reiß ab.
Doch die Tat zu tun statt nicht zu tun,
das ist nicht Eitelkeit.
Leise angeklopft zu haben,
daß ein Blunt die Türe öffne,
aus der Luft gepflückt zu haben Lebens Sagengeist
oder von einem schönen alten Aug die unbesiegte Flamme,
das ist nicht Eitelkeit.
Hier ging fehl, wer immer ohne Tat,
immer auf der Schwelle hingezaudert …
Anmerkung zum Verständnis:
Jeanne Paquin war eine berühmte Modeschöpferin in Paris. Das Zitat spielt auf ein ähnliches bei Chaucer an. Wilfrid Blunt war ein Dichter in London, bei dem der junge Pound vorstellig wurde.
Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=u0wc28wK7S0
Ezra Pound, The Faun
Ha! sir, I have seen you sniffing and snoozing
about among my flowers.
And what, pray, do you know about
horticulture, you capriped?
‘Come, Auster, come Apeliota,
And see the faun in our garden.
But if you move or speak
This thing will run at you
And scare itself to spasms.’
Der Faun
He, werter Herr, ich hab gesehen, wie du schnieftest, wie du schnarchtest
rings in meinen Blumenbeeten.
Und was, bitte, verstehst denn du
von Gartenkunst, du mit den Ziegenfüßen?
„Komm, Auster, Apeliotes, komm,
und seht den Faun in unserem Garten.
Doch rührt ihr euch und flüstert,
fährt diese Kreatur euch an
und fällt vor Schreck in Krämpfe.“
Anmerkung zum Verständnis:
Faun ist der lateinische Pan, der wilde, ziegenfüßige Gott des Waldes und der Hirten, Auster und Apeliotes sind personifizierte Winde, die Regen und also Fruchtbarkeit bringen. Hier verpaßt Pound dem Gott des heißen Bluts, dem er ansonsten als dem musengeküßten Wald- und Wiesen-Flötisten sehr gewogen war, ausnahmsweise einen ironischen Nasenstüber, indem er seine Schreckhaftigkeit vor dem leisesten Säuseln der Winde („rührt euch und flüstert“) bloßstellt.
Ezra Pound, Threnos
No more for us the little sighing.
No more the winds at twilight trouble us.
Lo the fair dead!
No more do I burn.
No more for us the fluttering of wings
That whirred in the air above us.
Lo the fair dead!
No more desire flayeth me,
No more for us the trembling
At the meeting of hands.
Lo the fair dead!
No more for us the wine of the lips,
No more for us the knowledge.
Lo the fair dead!
No more the torrent,
No more for us the meeting-place
(Lo the fair dead!)
Tintagoel.
Nie wieder uns die leisen Seufzer.
Nie wieder wird uns Wind im Zwielicht wirren.
Sieh, der schöne Tote!
Nie wieder hab ich Flammen.
Nie wieder uns der Flügel Flattern,
die über uns die Luft durchschwirrten.
Sieh, der schöne Tote!
Nie wieder mir der Sehnsucht Häuten,
nie wieder uns das Beben,
wenn sich die Hände finden.
Sieh, der schöne Tote!
Nie wieder uns der Wein der Lippen,
nie wieder uns das Wissen.
Sieh, der schöne Tote!
Nie wieder Wildbachs Rauschen,
nie wieder uns der holde Ort
(Sieh, der schöne Tote!)
Tintagel!
Anmerkung zum Verständnis:
Es handelt sich um ein Rollengedicht aus Pounds Gedichtband „Personae“ (1909). Die Maske („Persona“), in die der Dichter schlüpft, ist Isolde, die Tristan, ihren Geliebten, tot am Strand findet („der schöne Tote“) und beklagt; daher der Titel „Threnos“ (Totenklage). Tintagel oder Tintagoel ist der Name der Burg des Königs Marke, der Ort ihrer tragischen Liebesbegegnung.
Ambrosische Nacht
Grotte ambrosischer Nacht,
wo leiser Flügel schwingt,
Blumenvorhang blauer Luft,
woraus der Engel tritt
und über Flammenduft
reiner Herzen fliegt,
den Erwählten sich
zu finden, dem er singt.
Pollen sapphischen Hauchs,
weiche Schneegedanken,
Hände, die um Abschieds
sanftes Lächeln
Zärtlichkeiten ranken,
und der Liebe Säumen,
Seufzer süßen Taus,
die von Veilchen träumen.
And the days are not full enough
And the nights are not full enough
And life slips by like a field mouse
Not shaking the grass
Und die Tage runden sich nicht ganz
Und die Nächte runden sich nicht ganz
Und Leben schlüpft wie eine Feldmaus hin
ohne daß ein Grashalm zittert
Ezra Pound, Canto XLV
With usura hath no man a house of good stone
each block cut smooth and well fitting
that design might cover their face,
with usura
hath no man a painted paradise on his church wall
harpes et luz
or where virgin receiveth message
and halo projects from incision,
with usura
seeth no man Gonzaga his heirs and his concubines
no picture is made to endure nor to live with
but it is made to sell and sell quickly
with usura, sin against nature,
is thy bread ever more of stale rags
is thy bread dry as paper,
with no mountain wheat, no strong flour
with usura the line grows thick
with usura is no clear demarcation
and no man can find site for his dwelling.
Stonecutter is kept from his stone
weaver is kept from his loom
WITH USURA
wool comes not to market
sheep bringeth no gain with usura
Usura is a murrain, usura
blunteth the needle in the maid’s hand
and stoppeth the spinner’s cunning. Pietro Lombardo
came not by usura
Duccio came not by usura
nor Pier della Francesca; Zuan Bellin’ not by usura
nor was ‘La Calunnia’ painted.
Came not by usura Angelico; came not Ambrogio Praedis,
Came no church of cut stone signed: Adamo me fecit.
Not by usura St. Trophime
Not by usura Saint Hilaire,
Usura rusteth the chisel
It rusteth the craft and the craftsman
It gnaweth the thread in the loom
None learneth to weave gold in her pattern;
Azure hath a canker by usura; cramoisi is unbroidered
Emerald findeth no Memling
Usura slayeth the child in the womb
It stayeth the young man’s courting
It hath brought palsey to bed, lyeth
between the young bride and her bridegroom
CONTRA NATURAM
They have brought whores for Eleusis
Corpses are set to banquet
at behest of usura.
Mit Wuchergeist hat kein Mensch ein Haus aus gutem Stein,
jeder Block gehauen glatt und wohlgefügt,
daß Ornament sein Angesicht verschöne,
mit Wuchergeist
hat kein Mensch ein Paradies gemalt auf seiner Kirchenwand,
Harfen und Licht,
wo Botschaft kommt zur Jungfrau
und Glorie scheint hervor aus Ritzen,
mit Wuchergeist
sieht kein Gonzaga seine Erben und seine Konkubinen,
kein Bild entsteht, daß es Dauer habe und man mit ihm lebe,
man macht es für Gewinn und schnellen Reibach,
mit Wuchergeist, Sünde wider die Natur,
ist immerdar dein Brot ein fader Fladen,
ist dein Brot trocken wie Papier,
mit Weizen vom Bergland nicht, kein Mehl, das kräftigt,
mit Wuchergeist wird die Falte tiefer,
mit Wuchergeist gibt es klare Grenzen nicht
und kein Mensch findet mehr die Ortschaft seines Weilens.
Dem Steinhauer nimmt man den Stein weg,
dem Weber nimmt man den Webstuhl weg,
MIT WUCHERGEIST
kommt Wolle nicht zum Markt,
Schafe bringen keinen Ertrag mit Wuchergeist,
Wuchergeist ist eine Seuche, Wuchergeist
macht die Nadel in des Mädchens Händen stumpf
und bringt die Spinnerin aus dem Takt. Pietro Lombardo
kam nicht aus Wuchergeist,
Duccio kam nicht aus Wuchergeist
noch Piero della Francesca; Zuan Bellini kam nicht aus Wuchergeist
noch ward „La Calunnia“ aus diesem Geist gemalt.
Aus Wuchergeist kam nicht Angelico; kam nicht Ambrogio de Predis,
kam keine Kirche mit der Inschrift auf dem Stein: Adamo me fecit.
Aus Wuchergeist nicht Sainte Trophime,
aus Wuchergeist nicht Saint Hilaire,
Wuchergeist überzieht mit Rost den Meißel,
mit Rost das Handwerk und den Werker,
er nagt den Faden im Webstuhl durch,
keiner lernt nach seinem Muster Gold zu weben;
das Blau des Himmels hat vom Wuchergeist Geschwüre; Purpur löst von Stickerei sich ab,
Smaragdgrün findet keinen Memling,
Wuchergeist schlägt das Kind im Mutterleibe tot,
er hemmt des jungen Mannes Werben,
er brachte Schlagfluß ins Bett, liegt
zwischen der jungen Braut und ihrem Bräutigam
CONTRA NATURAM.
Sie brachten Huren nach Eleusis,
Kadaver wurden zum Bankett geladen
auf Geheiß des Wuchergeists.
The apparition of these faces in the crowd;
Petals on a wet, black bough.
In einer Metrostation
Das Aufleuchten dieser Gesichter in der Menge;
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Zweig.
Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir
La paix est dans le bois silencieux et sur
les feuilles en sabre qui coupent l’eau qui coule,
l’eau reflète, comme en un sommeil, l’azur
pur qui se pose à la pointe dorée des mousses.
Je me suis assis au pied d’un chêne noir
et j’ai laissé tomber ma pensée. Une grive
se posait haut. C’était tout. Et la vie,
dans ce silence, était magnifique, tendre et grave.
Pendant que ma chienne et mon chien fixaient une
mouche qui volait et qu’ils auraient voulu happer,
je faisais moins de cas de ma douleur et laissais
la résignation calmer tristement mon âme.
Der Frieden wohnt im Waldesschweigen, auf
den Säbel-Blättern, die den Wasserlauf zerstoßen,
das Wasser spiegelt wie im Schlafe reinen Himmels Blau,
das sich auf die goldene Spitze niederläßt von Moosen.
Ich setzte mich zu Füßen einer dunklen Eiche
und ließ mein Denken gleiten. Eine Drossel
landete über mir. Das war alles. Und das Leben
war in dieser Stille herrlich, zart und ernst.
Während meine Hündin und mein Hund nach einer Mücke
äugten, die sie umschwirrte und die sie schnappen wollten,
nahm ich mein Leiden weniger wichtig und ließ
den Gleichmut mir die Seele sänftigen mit Traurigkeit.
Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir
En songeant à ta maison à carreaux verts
dont le loquet de la porte est tiède en été,
je me suis dit que tu étais, mais grandie, peut-être,
une petite fille qui avait cinq années
lorsque je la vis dans une propriété
où elle habitait avec son tremblant grand-père.
Te souviens-tu ? C’était un dimanche lourd et blanc,
à cette époque où nous étions tous deux enfants.
Il y avait des rosiers près des poiriers en cône,
et des hannetons en métal vert sur les roses,
et, petite fille que je suivais tout doucement,
tu marchais à petits pas vers un moineau
posé en me disant : je vais prendre l’oiseau.
Mais maintenant la douceur d’enfance est partie
comme une grive. Oh ! quand nous étions les petits…
Mon cœur a débordé comme ces pots de terre
où l’on cuit, au feu noir, la cuisine des pauvres.
Ich dachte an dein Haus mit den grünen Fliesen,
der Riegel seiner Pforte wird im Sommer warm,
und sagte mir, daß du, nun erwachsen, wohl
ein kleines Mädchen von fünf Jahren warst,
als ich es in jenem Landhaus sah,
wo es mit seinem zitternden Großvater wohnte.
Erinnerst du dich? Es war ein Sonntag, drückend und weiß,
damals, als wir beide kleine Kinder waren.
Da waren Rosenbüsche neben Birnbäumen, wie Kegel zugeschnitten,
und Maikäfer aus grünem Metall über den Rosen,
und da war ein kleines Mädchen, dem ich leise, leise folgte,
du gingst mit kleinen Schritten auf einen Sperling zu,
der da saß, und sagtest zu mir: Ich werde den Vogel fangen.
Nun aber ist die Süße der Kindheit wie eine Drossel
weggeflogen. O, da wir Kinder waren …
Mein Herz lief über wie die irdenen Töpfe,
in denen man auf schwarzem Feuer die Armensuppe kocht.
Schatten, Tränen
Die Schatten und die Tränengluten,
die im Gespräch des Wassers mit dem Licht
leise ineinanderfluten.
Die Wolken und die Vogelstimmen,
die so hoch so tief in blauer Finsternis,
Fransen wirren Traumes, glimmen.
Die du auf dem Fenstersims gelassen,
wie Abschiedskuß ihr Duft so mild,
weicher Veilchen Wangen blassen.
Der Morgen will mir lang nicht scheinen,
die Tränen nehmen ihm die Sicht,
leere Herzen füllt kein Weinen.
Francis Jammes, Je garde une médaille
Aus: Clairières dans le ciel
Je garde une médaille d’elle où sont gravés
une date et les mots : prier, croire, espérer.
Mais moi, je vois surtout que la médaille est sombre :
son argent a noirci sur son col de colombe.
Ich hab von ihr ein Medaillon zu Lehen,
worauf die Worte „Beten, Glauben, Hoffen“ stehen.
Ich aber seh, das Medaillon ward Nacht zum Raube:
Sein Silber schwärzte sich am Hals der Taube.
Francis Jammes, C’est un coq
Aus: Clairières dans le ciel
… C’est un coq dont le cri taille à coups de ciseaux
l’azur net qui s’aiguise au tranchant du coteau.
Mais je veux autre chose encore ?
… C’est la salle à manger sur un parc, à midi.
Une femme en blanc, lourde et blonde, pèle un fruit.
— Je veux voir autre chose encore ?
C’est une eau tendrement aimée par le village
qui s’y mire et dénoue sur elle ses feuillages.
— Je veux voir autre chose encore ?
… Mais quoi donc ? — Oh ! Tais-toi, car je souffre ! Je veux
je veux voir, je veux voir au-delà de mes yeux
je ne sais quelle chose encore…
Dies ist ein Hahn, dessen Krähen mit Schlägen von Meißeln
den blanken Himmel zerhaut, er schärft sich unter Messers Geißeln.
Will ich noch mehr?
Dies ist ein Eßzimmer, das auf einen Park sieht, zur Mittagszeit.
Eine Frau schält eine Frucht, dicklich und blond, in hellem Kleid.
Will ich mehr noch sehen?
Dies ist ein Wasser, zärtlich von dem Dorf geliebt,
das sich darin spiegelt und sein Laub ihm gibt.
Will ich mehr noch sehen?
Was also, was? – Ach, halt den Mund, ich leide sehr!
Ich will, will sehen, will jenseits meiner Augen mehr
ich weiß nicht was noch sehen …
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