Nächte
Frühlingsnacht war helles Rieseln
unter dem Holunderstrauch,
dunkles Seufzen zwischen Kieseln,
Gram und Wehmut seufzten auch.
Sommernacht war weiches Wasser,
das wie Plaudern sich verlor,
Fliederduft- und Flaum-Verprasser,
Wind, erhitzt vom Grillenchor.
Herbstes nächtliches Geheule,
einer Schindel dumpfer Fall,
Silberpappel Zittersäule,
bleichen Mondes Nebelball.
Winternächte, blaues Klirren,
Brüllen einer kranken Kuh,
trauriger Gespenster Irren,
fanden alle Türen zu.
Der Pfad des Unbehausten
Dem Andenken an Peter Huchel
Den Pfad der dunklen Zeit
bedeckt das Moos,
der ihm gefolgt so weit,
liegt blumenlos.
Was Schatten sanft erglüht,
der Beere Rot,
das Feuer, kaum gefühlt,
war schon verloht.
Gesang, der Blumen galt,
wie Wasser süß,
ist bang im Karst verhallt,
im trocknen Gries.
Als Sommers Staub die Nacht
beglänzt mit Tau,
hast du den Glanz zerdacht
und wurdest grau.
Der Mond goß auf den Firn
sein Wunderhorn,
des Unbehausten Stirn
riß wund der Dorn.
Die Lerche nimmt ihr Bad
im Abendrot,
die Echse auf dem Pfad
liegt starr, wie tot.
Metternich, Oberdorfstraße
Oberdorf und Unterdorf,
katholisch und protestantisch,
wir Jungens prügelten uns vor dem alten Bunker,
in Lehm gebohrte Gänge und Höhlen,
wo der Dunst der Angst zu Grünspan geronnen war.
So klein war jene Welt, so groß.
Vorzeit aus Basalt, Bruchstein und Löß,
Gestank der Sickergrube und des Hühnerstalls,
nächtlichem Brüllen einer Kuh, die kalbte,
dem selig-blöden Grinsen des wasserköpfigen Knechts,
der seine Stulle in der Hocke kaute,
Großmutter hat sie ihm geschmiert,
dem süßen kleinen Grauen einer Liebe,
die mit Heu im Haar auf einer Tenne tanzte –
bevor der Sommer nach Teer und Asphalt roch
und das Blut von der Axt, mit der Johann
die Hühner auf dem Strunk im Keller köpfte,
für immer abgewaschen war.
Wie es wohlig in die dumpfe Stille klatschte
und der Atemhauch im Plumpsklo
auf dem Hof das gute Zeichen
meiner winterfesten Freude war,
bevor die Kerze vor dem Bild der Jungfrau
im Gebläse des Staubsaugers erlosch
und ich verstört durch bunte Glasbausteine
ins Zerrbild meiner Zukunft glotzte.
Der Lindenblätter gelbes Abschiedsgaukeln
auf Regenwassern vor dem Kinderbänkchen,
wo ich meinen Apfel knatschte,
in die braune Flut der Gosse starrend,
ist in einem Gulliloch verschollen,
die Linde abgeholzt – hat wohl die Bank
mit treuer Glut noch eines Vagabunden
klamme Hand gewärmt?
Verschüttet unterm Dung von abgetanem Ehedem
sind tausend Knospen, Kirschen, Beeren,
Häherfedern, bunte Murmeln und Monstranzen,
die durchs Grün der Weidenzweige blinkten,
bedeckt vom Schlick der Mosel und des Rheines
Egge, Hacke, Melkschemel, Kummet und Joch,
das Lächeln weißer Alabasterputten,
die Bronze froher Vesperglocken.
Noch in Träumen hör ichʼs glucksen,
wie der Schnee im Riedgras schmolz,
Sirren, wenn die Schwalben tauchten,
und des buckligen Schreiners Säge
in der Mittagsschwüle kreischte,
hör das Rauschen zwischen Kieseln,
die wie Kupferpfennige im Bachlauf glänzten,
nur von ferne,
nur von fern.
Doch die Lieder des Zigeuners
mit dem schönen Federhut,
der am Fenster meiner Mutter
kehlig zur Gitarre sang,
sind verstummt,
sind lang verstummt.
Das Fallobst der Worte
Äpfel, die vom Zweige fielen,
faulend zwischen harschen Halmen,
keine Kinder mehr in diesen satten Breiten,
die sie sammeln für Winterabende
voll heimatwehem Hauch.
Wo sie platzten, schwirren Mücken,
den süßen Saft der Wunden
lecken zitternd Falterrüssel,
oder noch ein Igel rollt
mit der feuchten Schnauze
einen träge vor sich hin.
Tu ab die Bilder alter Zeit,
vergiß, wie herb und süß
sie auf dem Herde schmorten,
die Runzeln sanfter Lebensrätsel,
rasch vom Fleisch geschält,
im blauen Frost der Fensterscheiben
Duft des schneegewärmten Schlafs.
O schaue durch das Herbst-Gerippe
in das hohe späte Blau,
wo dünne Streifenwolken
ihre Schleppen, ihre weißen Rüschen
schüchtern lockern
und klammen Fühlens Finger
langsam auseinanderfalten,
selbstvergessen
in vagen Dunst sich lösen,
klaglos um die Leere,
die ihr tröpfelnd Spiel verbarg.
O schaue durch das Herbst-Gerippe
in das hohe späte Blau,
es ist, was von den Worten blieb,
des Äthers Lächeln
aus dem Unsagbaren.
Ophelias Gesang
Wie Lilien auf dem Wasser
treibst du hin,
ein heller Riß
geht über deinem Schoß
durchs grüne Glas der Nacht,
und das wie Seufzer weich gelockt,
umsonst schlingt sich dein Haar
um Finger hingeneigter Weiden.
Dein Dämmerlicht glimmt fort,
wie eine Wunde schwärt
und nicht vernarbt,
ein Flecken von erbrochener Milch,
ein fahler Mond,
der durch das Gras der Träume kriecht.
Du bist dem Dichter wie ein Gerstenkorn
am schlaffen Augenlid,
und trinkt er auch und trinkt
den trüben Dunst des Mohns,
um deiner Brüste Schnee,
der keinem Kusse schmilzt,
um deines Schwanenliedes Flaum,
der schnödem Mund sich sträubt,
in Schlafes schwarze Öl zu tauchen,
wenn eigner Schrei ihn weckt,
so brennt es ihm erneut
am alten Schmerzensbild.
Wie Licht von Anemonen
geistert deine Seele
durch das Schilf der Nacht,
und wenn das Dunkel schluchzt,
als regten sich im Schlaf
Gesanges Flügel,
ist es, das niemals schläft,
dein Herz,
das Schwester Qualle singt
vom schönen Wahn des Bluts.
Nachts im Hinterhof
Nachts im Hinterhof
in Krakau-Kasimir,
blaue Geisterzungen
auf umgekippter Regentonne
dumpfe Nachtluft leckend,
wie in kitschigen Rap-Clips,
das Zischen, Platzen, Knistern
der noch feuchten Scheite,
Nomaden, Diebe, Zigeuner,
sie stochern in der Glut,
und wenn sie sprüht,
Gesichter, Narben, Streifen
oder Maori-Fratzen,
das Glucksen tiefer Kehlen,
Schnalzen, Fletschen, Speien,
Klirren zerstoßener Flaschen,
einer hämmert an die Tonne
einen Takt, krumm wie ein Horn,
beschwörendes Gemurmel
einer alten Wahrsagerstimme
wie ein müder Fliegenschwarm,
der um das Feuer schwirrt,
dann Stille, das Prasseln leiser,
eines Knaben schmerzlicher Diskant,
der getragen Wunderliches singt,
als spränge eine Fontäne heiß
aus einem Mäuseloch, sie steigt,
steigt in ein hohes rundes Wort,
animal salbatic animal victima,
hält inne wie im Krampf und fällt
auf einen harten, stummen Stein.
Am Morgen sah ich aus dem Fenster
in den grauen Hof der Absteige,
die umgeworfene Tonne,
ein Haufen Asche, halb verkohlt
der Schädel eines Hasen.
Nichts bleibt, und was noch übrig ist,
wird rasch verwehen.
Das Blut versickert und das Wort,
von ihm geblähte Fliege,
klebt an der Wand des Abtritts,
einer trat ans Urinal
und hat aus Mißmut sie,
aus Langeweile mit dem Daumen
plattgequetscht.
Worte Wolken
Heller Tropfen Schweben
über grünem Leben.
Fetzen frecher Winde.
Daunen frommem Kinde.
Wie könnte ich euch pressen,
goldnen Lichtes Trauben,
in Reimes Krug abmessen,
euch in Strophen schrauben?
Wülste und Kristalle,
Säulen blauer Halle.
Fächer, Saum und Schleier,
Rüschen hoher Feier.
Wie dürfte ich euch halten,
Töchter edler Wellen,
dem Tanz auf Wassers Falten
Versfuß-Fallen stellen?
Sommers Lämmerlocken,
Winters voller Flocken,
Frühlingsgruß von Meeren,
Herbstlich rote Beeren.
Wie könnte ich euch bauschen,
Hüllen schöner Leere,
wie Sylphen-Lied euch rauschen
Knospe, tränenschwere?
Loreley
Nymphe des Nebels,
Seufzer wogenden Schaums
auf Wassern grüner Entsagung,
du bist, gelockt vom Blau des Himmels,
an Trauben-Ranken emporgestiegen
zum schroffen Horn
einer unerbittlichen Aussicht,
einmal zu sehen,
einmal mit kindlichen Blicken
des Danks, der Entrückung,
die Herkunft des Rauschens
in der Herz-Grotte Dunkel,
den Vater des hohen Gesangs,
den herrlichen Strom in der Tiefe.
Die traumgeäderten Schuppen,
Mondes dunstige Lippen,
wurden blaß wie unter Zucken
ein ans Ufer geschwemmter Fisch,
auf Felsens härtester Bettstatt
leckte die salzige Zunge der Sonne
die kleinen blauen Perlen
aus dem goldenen Rauch deines Haars,
und was das Herz des Schiffers bezirzte,
waren die Muscheln voll Wehlaut,
die von den Flossen dir glitten.
Verweile sacht auf schmalem Steg
Verweile sacht auf schmalem Steg,
Traumes dünnen Planken,
und fühl ans Herz der Nacht gelehnt
dunklen Lebens Schwanken.
Und siehst du in der Dunkelheit
Wassers Schuppen flirren,
gedenk der abgetanen Zeit,
süßer Qualen Wirren.
Bald zittert schon das schwere Lid,
strahlt der Iris Bläue,
o küsse nur, was immer blüht,
daß dich nichts gereue.
Ich will zu blauen Buchten hin
Blieb denn kein Wort noch unversehrt
in diesem Aschenregen,
kann keins, das Wahn und Grauem wehrt,
dir an das Herz ich legen?
Die leere Muschel schenkt den Ton,
den kindlich Backen ballen.
Doch hohle Worte brechen schon,
wenn sie zur Erde fallen.
Wie schmelzen Flocken hin am Mund,
stäubt Mohn aus rohen Händen.
Der schiefe Kreisel schwirrt nicht rund,
mag dir kein Summen spenden.
Wie Bitterkraut schmeckt manches Wort,
das wuchs im Hort der Ahnen,
die Lerchen Eichendorffs sind fort,
zerrissen Trakls Fahnen.
Und rühm ich dich, fegt mir der Sturm
hinaus die welken Blüten,
verschweig ich dich, frißt sich der Wurm
durch Krotzen fauler Mythen.
Ich will zu blauen Buchten hin,
und auf dem Strande harren,
bis Tritons Hufe hohen Sinn
im goldnen Sand mir scharren.
Terzinen auf die weißen Astern
Die Schneise war nur einen Seufzer breit,
sie führte mich ins lichte Meeresblau,
es waren deine Augen feucht und weit.
In Schilfes Schatten barg sein Silbergrau
der Reiher und sein weher Ruf erklang,
ich dachte dein in blauer Distel Tau.
Des goldnen Staubes zarter Überschwang,
der Dünenrosen Flirren vor dem Wind
ist voller Anmut wie dein leichter Gang.
Und die aus hellem Schaum des Mondes sind,
die Flügel, die ein fremder Atem quält,
sie finden heim wie deine Schritte blind.
O weiße Astern, dir zum Gruß erwählt.
Gehe wunschlos in die Nacht
Gehe wunschlos in die Nacht,
laß die Stirn dir kühlen
von hoher Sternen-Sage.
Magst an Taues Glanz erfühlen,
alles ist vollbracht,
Gottes Geist ist ohne Klage.
Leg dich auf das weiche Moos,
hör die Wasser singen
aus dunklem Erden-Munde.
Magst aus Seufzern du entspringen,
alles ruht im Schoß,
Rose wurde deine Wunde.
Einen Gang noch
Einen Gang noch, leise Schritte
durch das warme Gras, den Tau,
nur ein Lächeln noch und Blicke,
spiegelnd der Hortensien Blau.
Wo die Schatten um uns Lauben
wölben für ein stilles Glück,
und uns gärt das Wort wie Trauben,
keine Trübe bleibt zurück.
Und du legst auf meine Wange
deine Wange wie ein Blatt,
und mir wird so wehmut-bange,
weil es Duft von Veilchen hat.
Umarmung
So laß uns in den Furchen, auf den Moosen,
ein wenig unsre müden Stirnen kühlen,
so weit entrückt vom Heimatlicht der Rosen
am Tau was uns entrinnt noch einmal fühlen.
Und tropfen Stimmen uns aus grünen Spalten,
als ob im Efeu Schatten nach uns riefen,
laß uns die Hände ineinanderfalten,
wie einst, als Wange wir an Wange schliefen.
Und hören wir die alten Brunnen gehen
am schmalen Ausgang dieser dunklen Engen,
so laß das Pochen uns noch überstehen,
wenn unsre Herzen aneinanderdrängen.
Jack und Pudelinchen
Mein holdes Pudelinchen
wackelt mit dem Büschel
auf glatt rasiertem Schweif,
reckt mir Liebe äugelnd
das Kugel-Köpfchen
mit dem blauen Band
und seiner ondulierten
Hochfrisur.
Doch der kleine Jack,
der süß gefleckte Russell,
springt feldein, feldaus,
saust und braust und
flitzt und blitzt,
jagt dem roten Bällchen nach,
schnappt den Tannenzapfen,
legt hechelnd mir zu Füßen,
was er Tolles fand.
Geht es an die Leckerli,
streckt Jack Russell mir
das Pfötchen
ziemlich lustlos hin.
Aber Pudelinchen, diese
Grazie auf vier Beinen,
sitzt auf ihrem Hinterteil
aufrecht wie ein Kätzchen,
strampelt mit den Vorder-
pfoten und das Zünglein,
und das rote Zünglein
schlabbert so apart.
So macht Pudelinchen
vor mir artig Männchen,
ist sie auch ein Mädchen.
Warst du nie gestillt?
Warst du nie am Saum der Nacht,
wo den nackten Fuß dir Gras betaute,
warst du nie gestillt?
Vom weichen Pfad und Früchte-Prangen,
vom Spalier der Dämmerung,
wo Traubenkugeln glühten
und Säfte gärten unter Farnen,
zog ein beißender Geruch mich in die Ferne,
dort sprühte es geheimnisvoll,
auf sanften Hängen stoben Funken,
in weißen Wolken tönte ein Geläut.
Gab kein Schatten unter Zweigen,
die dem schwülen Brüten wehrten,
gab kein Schatten Aufenthalt?
Aus den Blättern blickten Augen,
und sie waren himmelblau,
mahnten mich an stumme Tränen,
in den Blättern raunten Stimmen,
und sie waren mütterlich,
waren Klagen ohne Trost.
Hat dir nie um Mitternacht
das Diadem die Stirn gekühlt,
dich nie erfüllt die Sternennacht?
In dem Gewimmel fand ich
der mir zugesagt den Stern,
der Liebe Stern nicht wieder,
und zwischen all den Tropfen
blindlings verschütteter Milch
stopfte der tote Abgrund
mir den Mund mit schwarzem Samt,
mich schmerzte wie auf dunklem Wasser,
die fremder Lüfte Lippen rupfen,
weißer Lilien Einsamkeit.
Die Seele
Die Seele liegt hell ausgebreitet,
ein Nebelschleier auf dem Maar,
er weht, wenn Sonne herrisch schreitet,
und schauert hin, wird unsichtbar.
Sie schwirrt mit Mücken auf dem Teich
und tönt im Schrei der Eule wieder,
aus blauem Duft ihr Feenreich
reißt sie mit Hagels Nägeln nieder.
Ihr glückt am Mund der Rose Hauchen,
sie wird auf Grases Wogen Schoß,
und wenn das Haupt die Schwäne tauchen,
verrinnt ihr Leid wie Tau im Moos.
Die wirren Ranken am Gitter
Die wirren Ranken am Gitter
deines langen Zagens
rührt ein grauer Hauch,
rote Trauben hängt
ein wehes Glimmen
in der Dämmerung Laub.
Wie Mooses zarte Wurzeln,
die zum Mund der Erde drängen,
sagen schlaftrunkene Fühler
deiner namenlosen Seele
dem fremden Mond im Tau,
den schüchtern sie betasten,
vom Tag aus Glanz und Schmerz.
Der Strom wälzt deinen Traum
in schwarzen Blättern fort,
in ausgesungenen Blüten,
am Ufer mähen Schattengras
des Frührots Purpurklingen.
Dichters Laune
Dichter, der sich süße Worte,
herbe auf der Zunge
zergehen läßt wie ein Bonbon,
und sind sie weggeschmolzen,
schmeckt er sich ins Schweigen
noch ein Weilchen nach,
doch die am Gaumen kleben,
wie bittere Rätsel brechen,
wie hohle Muscheln ins Vage schäumen,
spuckt er wieder aus.
Dichter, der in Windes Halmen
Rhythmen buchstabiert,
das Schauern von Blättern,
das Zittern von Tropfen
metrisch prüft und auf der Spitze
des Herzens ein Knöchlein balanciert,
das in der Nachtluft wunderlich ertönt,
der geduckt in eine Laube
schwarzer Flammen
das Lispeln der Echse,
das Todesröcheln eines Molchs
aufs transparente Porzellan der Verse malt.
Dichter, der das Erbrochene
großer Menschheitslügen
am Saum des Höllenpfads
durch den Garten der Lüste
gnädig zudeckt mit Stroh
und Mulch und Schnipseln
verworfener Klagen,
und klopft ein Retter an die Pforte
seiner Klause am jähen Riff
des tosenden Meers
der Weltgeschichte,
ein Gauner erigierter Güte,
ein Bettler um abgegriffene Münzen
mit dem Emblem des Palmblatts,
öffnet er das Fenster und schüttet
den Urin von säuerlichen Epigrammen
dem Lüstling der Übertretung
moosbedeckter Tränen-Schwelle
ins staunende Gesicht.
Die Mücke
Das Gurgeln des Wassers in der Nacht,
das wirre Tasten des Scheinwerfers
auf der schmalen Uferstraße,
und was dort auf den Wellen schwebt,
ein Flügel, der sein weißes Seufzen trinkt,
ein schwarzer Ast, der nicht mehr grünt,
ist wie ein Traum des alten Stroms.
Auf dem Nachttisch gilbend hingeneigt,
die kaum mehr duftet, Rose,
das Andachtsbild aus Vallendar,
getrübt von Tränenblicken
aus umrankten Gittern des Gebets
das Lilien-Lächeln für das Kind,
und über die Schwelle sickert hin
der gelbe Schaum des Sterbelichts.
Kein Fittich ist, der deckt zu Häupten
und zu Füßen den Abgrund
zwischen Angst und einem kargen Streifen
von schon nicht mehr heimatlichem Moos
den Leib, der ungefragt ins Ausland kam,
wo Wunden Rätsel reden.
Ihr Atem kommt und geht,
ihr Atem geht und kommt, drängend,
zögernd, hastender, zagender,
ein Kind, ein scheues Mädchen,
das in den Hain der Wälder flieht,
aus kühler Quelle Trost zu trinken,
und kehrt getröstet wieder heim,
ein Kind, das in den Garten geht,
und eilt mit seinem kleinen Korb,
gefüllt mit Frucht und Beeren,
ins Elternhaus zurück,
bis sich der Hain mit Schatten schließt,
es wuchert Schilf um jenen Glanz,
bis ihm das Wasser nicht mehr rauscht,
der Garten ist von Dickicht überstickt,
es hängt mit dem geblümten Kleid
das Kind an Dorn und Stacheln fest.
Die graue Mücke Seele schwirrt
im scharfen Dunste von Urin
und abgestandner Traumesluft
an der Fensterscheibe auf und ab,
sie sirrt, erstarrt und sirrt,
sie sucht den Halt an einem Bild,
das ihr der Rhein entgegentrüg,
wie über Wellen hingegossne
bunte Festlichkeit
von einem weißen Schiff,
wo heller Jugend Anmut singt
und zarte Haut im Mond erglänzt wie Schnee,
und dort mit seinem losen Schal,
mit Rosen fein bestickt,
ein schwarzgelocktes Mädchen winkt.
Sie findet keinen Halt und fällt.
Die Mücke kehrt man in der Früh
im rot durchsonnten Zimmer auf.
Glänzt noch an losen Büscheln
Glänzt noch an losen Büscheln
nächtlichen Wehens,
an Fäden luftiger Wurzeln
ein süßer Tropfen, dein Wort?
Er rann schon hin und schmolz
im Morgendunst des Asphalts.
Konnte länger nicht zögern
wie Träne an fühlender Wimper
der Mond im Gezweig deines Lieds?
Er fiel im Amselgeschrei
in die ölige Lache des Tags.
Senkt sich nieder nicht mehr,
dunkles Schluchzen zu trinken,
der bebende Falter, dein Kuß?
Ihn wirrte Wehmut im Duft,
er zittert am Honig des Lichts.
Wie lange sinnt der Keim
Wie lange sinnt der Keim
im dunklen Grund,
bevor der grüne Stiel
ins Freie bricht.
Die Wolken ziehen schnell,
das Wasser ruht,
ihr Bild ist lichter Schaum,
der sanft vergeht.
Das giftgetränkte Wort
ist wie ein Pfeil,
den Flaum des Abendlieds
durchsickert Blut.
Wie langsam reift im Obst
das süße Fleisch,
die Knospe träumt den Duft
der Dunkelheit.
Die Schauer kommen wild,
das Moos hält still,
ihr Ungestüm wird Glanz
am Schieferdach.
Das wurmzerfressne Wort
steckt wie die Frucht
die Schwestern gärend an,
bis jede fault.
Distichen, herb und hold
Krank ist ein Mensch, der seine Laster zur Schau stellt,
ohne Würde ein Volk, das seine Lästerer ehrt.
*
Singen, sagt man, sei ein Zeichen glücklicher Menschen,
aber was hörst du hier? Kreischen, Gejohle, Gekrächz.
*
Nektar troff die sapphische Weise, sie aber schlürfen
bitteren Geifer mit Lust, Widersinn hebt sie empor.
*
Über Wände, kahl und zeichenlos, huschen die Schatten,
aber sie nennen es Spiel, bis sich die Flamme verzehrt.
*
Grazien sind verbannt von den blutig triefenden Brettern,
Anmut steht unter Verdacht, seelisch verkrüppelt zu sein.
*
Liebe, sie leuchtet wie Schnee und kitzelt mit schmelzenden Flocken
Wimpern dunkelnden Blicks, Tropfen des sinkenden Lichts.
*
Liebe, Tau für die Seele, flatternd um dämmernde Rosen,
Träume suche im Glanz, der an den schlafenden rinnt.
*
Seelen, Bienen der Nacht, verweht in verwilderte Gärten,
in der Barke des Monds leuchten euch Waben des Schlafs.
*
Seid ihr Gespenster des Wassers, Phantome des Schnees, ihr
Schwäne, umgeisterter Flaum, gleitet in Stille davon.
*
Blitzen die Augen, spitzt sie schelmisch die Lippen, verwehrt ihm
Küsse auf Wange und Mund, liebender hüpft ihr das Herz.
*
Schlafe, schlaf, mein Kind, auf warmen Singsangs gebauschten
Kissen, mit Federn gefüllt, Schwingen des luftigen Lieds.
Der einsame Engel
Wie am öden Kindergrab
der Engel einsam steht.
Sein Trauern wurde Patina,
die Seele auch vergeht.
Ihm rauscht kein Flügel sacht,
und keine Flamme hebt
er aus der grauen Nacht,
daß sie durchs Dunkel schwebt.
Er hält in einer Hand
die Lilie so beherzt.
Der Lilie Duft entschwand,
die Blüte ist geschwärzt.
Doch schenkt er dunkle Hut
in seines Busens Loch
dem Spatz und seiner Brut,
die haben Hoffnung noch.
Die grüne Aussicht ging verloren
Die grüne Aussicht ging verloren,
der Wimpernschlag des schönen Blicks.
Der Most der Schmerzen ist vergoren,
herb schmeckt der Wein des kargen Glücks.
Verschollen sind die lichten Knospen,
der Astern Augen zugetan.
Der Weide Haar graut auf den Wogen,
Gespenst des Wassers, fahler Schwan.
Du flehst um Tau, dem Glanz zu dienen,
und tastest dürres Brunnenmoos.
Auf leeren Waben schlafen Bienen,
stumm nun der süß umsummte Schoß.
Alles sagt die Nacht
Alles sagt die Nacht. Was unsichtbar,
weht Seele dir im Duft.
Nacht weiß Älteres als Tag.
Das Wasser spricht im Traum.
Stille ist ein bleicher Mond,
ein Moos, das dunkel tropft.
Alles sagt der Stein. Was untertags,
den Wurm hat er gewärmt.
Sage, die von innen glüht,
ein Rosenblatt versank.
Geh zur Lichtung, preß das Ohr
auf heimatlichen Löß.
Hörst du noch das Hirtenlied,
das Tröpfeln der Schalmei?
Geh ans Fenster, leg die Stirn
ans überhauchte Bild.
Denkst du noch die Augen sanft,
das Lächeln eines Kinds?
Alles sagt der Glanz, der so scheu
von deiner Wimper rinnt.
Hier ist schon Seufzens Flaum
Hier ist schon Seufzens Flaum
über Nebel-Hecken hingeweht.
Geträuf von abgeschmolzner Klage
küßt dir des Morgens Wiese hell.
Gefieder hebt sich aus dem Dunst,
mit kleiner blauer Augen Samt-Getupf.
Ist Rascheln noch im Schilf des Schlafs,
zupft schon ein Wind das wache Gras?
Der Strahl reißt dir den Schleier los,
Gespinst der starren Spinne Nacht.
Sie glüht, die lange dein geharrt,
Rose glüht dich an und Tulpe schwingt.
Bist allein nicht mehr, so Heimat dir,
wie Lindenblatt ein Schwesterherz zufliegt.
Und rauscht von Abschied Wasser stets,
die Lerche singt verzückt im Abendrot.
Unterreich
Dunkel knirscht das Unterholz,
die Spreu von Schuld und Gram,
auf immerdar verflucht,
im eignen Dung zu wühlen,
lichtscheue Assel,
Wurm im Lebenssatz,
von weichem Kot beglänzt,
Aas für Geier und Schakal,
zerfressner Erde Herz
in Mulch und Angstgestrüpp.
Hier seufzt ein Wasser schwarz
mit faulicht ausgehauchtem Strunk,
der blöde auf ihm schwappt.
Aus wirren Wurzeln schwitzt
in das Gerank der Schatten
braunen Klage-Taues Gift.
Des Auges Ei zerhackt
der Schnabel böser Blicke,
ja eigner Blicke Messer
metzelnd kehrt zurück,
der weiche Dotter,
noch warm vom Brüten
mütterlicher Liebe,
fließt aus, fließt aus.
Keucht hier noch eins,
so unterm Würgegriff
des Unsagbaren,
zischt hier noch eins,
so aus dem Mund von Rauch,
der schwarzen Viper Nest.
Woraus die Rose spricht
ihr Purpurwort ins Blau,
den Humus des Verwesten
durchstochert
hager wie ein Eremit
der Bettel-Finger
unerlösten Schweigens.
Verstehen und Erklären
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Was wir verstehen, können wir meist nicht erklären, und können wir es erklären, wird unser Verständnis deshalb nicht notwendig vertieft.
Wir hören einen Mißklang in einer Melodie und den Wohlklang eines Goetheschen Verses, wir sehen die farbliche Harmonie in einem Gemälde von Vermeer oder Franz Marc, ohne uns explanatorische Rechenschaft über unseren ästhetischen Eindruck geben zu müssen oder zu können.
Wir wissen, was einer meint, der uns nach der Zeit fragt, ohne über eine physikalische Theorie der Zeit zu verfügen.
Ein farbenblinder Physiker kann eloquent über die Brechung des Lichts und das dabei auftretende Farbspektrum dozieren, aber nicht über das, was Goethe die sittliche Wirkung der Farben nannte.
Der Astronom erklärt die Entstehung von Sternen und Galaxien, nicht aber der Welt, in der wir leben.
Die Physiologie des Gehörs und der neuronalen Verarbeitung der akustischen Wahrnehmung erklärt nicht den Sinn des einfachen Sprechakts der Aussage, Frage oder Aufforderung.
Wir verstehen, warum das Kind weint, wenn es sich am glühenden Herd die Finger verbrannt hat, und ebenso, warum die Frau den Mann anschreit, der sie betrogen hat. Doch handelt es sich um zwei unvergleichliche Zusammenhänge, einen kausalen und einen psychologischen. Die Frau könnte auch, anders als das Kind, in einem grollenden oder dumpfen Schweigen erstarren.
Wir erklären die Verfinsterung des Mondes durch seine Stellung zu Erde und Sonne, also unter erklärender Zuhilfenahme eines astronomischen Modells; wenn sich aufgrund deiner abfälligen Äußerung das Gesicht deiner Freundin verfinstert, verstehst du dies unmittelbar, ohne Zuhilfenahme von wissenschaftlichen Hypothesen.
Phänomene, die wir als sinnvoll betrachten, können wir nicht mittels Anwendung von Hypothesen oder Theorien erklären.
Wenn der neurowissenschaftlich fehlgeleitete Philosoph das von uns als schön erachtete aufgeschlagene Rad des Pfaus mit dem evolutionären Vorteil der Attraktivität des Hahns für die Verbreitung seiner Gene erklärt und daraus eine allgemeine Hypothese über den Sinn und Wert künstlerischer Schönheit glaubt ableiten zu können, verwechselt er ästhetische Schönheit, die nichts Objektives oder Gegenständliches meint, mit sinnlichen Reizen und grellen Effekten und beweist damit sein Banausentum in Sachen Kunst.
Erklärt man Kunst als Form sinnlicher Überwältigung, wäre Pornographie ihr letzter Schrei.
Verstehen ist das Lebenselement des zu sich selbst erwachten Bewußtseins oder Selbstseins, das sich in einem Medium wie dem gestischen und mimischen Ausdruck oder der Sprache mehr oder weniger deutlich zu erkennen gibt und transparent wird.
Einer mag sich unter der Maske eines Jargons verstecken, ja unter der Maske einer Sprache, die gleichsam über sein wahres Gesicht gewachsen ist, vor sich selbst verborgen bleiben.
Das Kind malt die Sonne als lachendes Gesicht. Wir sagen, es atmet die freie Luft des metaphorischen Verstehens.
In der Welt der Moleküle oder der Neuronen gibt es kein Bild.
Es bezeugt ein sprachliches Mißverständnis und den Mißbrauch einer Metapher oder Analogie zu sagen, das Gehirn interpretiere die visuelle Information als ein Bild und die akustische Information als eine Frage oder Warnung.
Innerhalb der Physik oder Biologie können wir die Schwelle zum Sinn nicht überschreiten.
Wir sagen, wir seien uns sicher oder gewiß, warum unser Freund ein finsteres Gesicht macht, aber wir können es nicht in dem Sinne wissen, wie wir wissen, weshalb sich der Mond verfinstert.
Wir bedürfen keiner erklärenden Hypothesen über das Seelenleben unseres Gegenübers, um zu verstehen, was er sagt.
Wenn die Fensterklinke verrostet ist und wir das Fenster nicht öffnen können, achten wir auf die Widerspenstigkeit des Dings, das uns ansonsten unter dem trüben Fluß des alltäglichen Weltumgangs verborgen bleibt.
Der Sonderling liebt es, den lichten Raum des Gesprächs mit Brocken seltsamer, sperriger oder abstruser Redewendungen zu verdunkeln, die er dann auf unsere Bitten hin wie voll Mitleid mit unserer Begriffsstutzigkeit durch langatmige und tautologische Erklärungen gnädig wieder ausräumt.
Die Transparenz der Zeichen in Gesten und sprachlichen Äußerungen, Gepflogenheiten und Riten auf einen geteilten Horizont verständlichen Sinns ist das Charakteristikum einer gemeinsamen Kultur.
Seelische Gebrechen und Geisteskrankheiten sind Krankheiten des Sinnverstehens.
Der Paranoiker, der wähnt, man wolle ihn vergiften, steht mit einem Fuß außerhalb der gemeinsamen Kultur, wenn wir die Tischgemeinschaft als eines ihrer stärksten Symbole auffassen.
Der geregelte Austausch von Gesten, Zeichen, Dingen ist die Grundlage gemeinsamer Kultur. Die Regel ist das Quidproquo, daß ich deine Frage beantworte, deine berechtigte Forderung begleiche, mein Versprechen einlöse. Aus der auf Dauer gestellten Regel erwächst die Sitte, die Sitte sondert gleichsam aus dem weichen Fleisch fließender Verständigung die Muschelschale des Rechts und der Rechtsüberlieferungen ab.
Wir können die Vielfalt des Sprachgebrauchs, der Sitten und Gebräuche nicht in der Weise systematisch klassifizieren und rubrizieren, wie es der Botaniker Linné mit den Pflanzen getan hat.
Der Mann kann seiner Frau nicht damit kommen, er lebe polygam, weil er auf diese Weise seine Gene besser verbreiten könne; die Frau kann ihm nicht sinnvoll erwidern, sie bestehe auf einer monogamen Beziehung, weil auf diese Weise das Wohl ihrer Kinder ein sicheres Haus und Dach habe. Der Wille (oder Unwille) zur Einehe kann nicht als evolutionäre Anpassung erklärt werden, sondern ist ein Ausdruck gewünschter kultureller Veredelung (oder Verrohung) der intimen Beziehung von Mann und Frau.
Die Sprache kann nicht aus der Funktion zur Verständigung in kooperierenden Gruppen erklärt werden; unter Bienen funktioniert diese Kooperation mittels chemischer Signale ohne semantischen Gehalt – und so ohne die Gefahr all jener Mißverständnisse und falscher Deutungen, mit denen wir uns abquälen.
Warum soll ich den Sinn deiner Abweisung verstehen, selbst wenn du mir die Tür vor der Nase zuschlägst?
Kulturelle Gemeinschaften kittet nicht nur der geteilte Sinn ihrer Zeichen, sondern auch, wenn sie eine geschichtliche Dauer erlangen, ihr Gedächtnis, das sich ursprünglich in sakralen Orten wie Hainen und Tempeln und dort vollzogenen Riten, sodann in für sakrosankt erachteten Sammlungen von Sprüchen, Mythen, Legenden verdichtet, dem Archiv ihres überindividuellen Gedächtnisses, das mehr und mehr von der Kaste der Priesterschreiber kodifiziert wird.
Der aus der Priesterkaste austritt, um neue Sprüche, Mythen, Legenden zu formen: der Dichter.
Du willst nach alter Sitte der Dame den Vortritt lassen oder die Türe offenhalten? Die Höflichkeit solcher Gesten wird von den Theoretikern der Macht ihres Eigensinnes beraubt und mittels Entlarvung der darin kaschierten männlichen Dominanz und also plausibler Erklärung ersatzlos gestrichen.
Erklärungen des Sinnverstehens gipfeln in seiner Vernichtung durch Algorithmisierung.
Die Reproduktion des visuellen Eindrucks durch algorithmische Verteilung von Pixeln auf dem Bildschirm erzeugt kein Bild.
Die beruhigende und kontemplative Wirkung des Stillebens kann man nicht damit erklären, daß der lauernde Appetit auf jene delikaten Früchte vor dem Imaginären abblitzt.
Jemand lächelt, das sehen und verstehen wir; ob aber aus froher Stimmung oder Verlegenheit, muß sich erst zeigen.
Wir sehen in den kunstvoll verteilten Farben und Linien auf der Fläche ein Bild; so verstehen wir, daß hier etwas gezeigt wird; und wenn auf dem Stilleben einige Dinge im Schatten liegen und ihre Konturen im Zwielicht verschwimmen, sehen und verstehen wir, daß dies gezeigt wird.
Wir sind inkarnierte Monaden oder Selbstbezüglichkeiten, die weder in eingemauerten Innerlichkeiten füreinander verschlossen hausen noch durch biologische Adaptionen miteinander verhaltenssynchron agieren, sondern durch Zeichengebrauch mehr oder weniger einander transparent und durchscheinend leben.
Wir mögen nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein; doch daß jemand traurig ist, der weint und über den Grund seiner Betrübnis klagt, verstehen wir.
Wir können in der Betrachtung eines Stillebens auch den Augenblick der Stille und Gelöstheit erfahren, der uns an den Topos vom Paradies erinnert, wie er uns von der Tradition im Bild- und Spracharchiv unserer Kultur überkommen ist, das vor Auslöschung, Verunstaltung und sinnentstellender Deutung zu bewahren, zu den vornehmsten Pflichten gehört.
Jene Bilder der heiligen Überlieferung stehen nicht zur beliebigen Disposition beliebiger Inszenierung; anders als Markendosen oder Urinale, die ihrer originären Verwendung wieder zuzuführen wir nicht verschmähen.
Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=zF5X9amkH2s
Grüne Lache Licht
Grüne Lache Licht
wird schon abendfahl,
leises Abschiedslied,
Lallen leiser Qual.
Lilienblauer Schein,
Sommers weher Duft,
und dich meint allein
ferner Glocke Ruf.
Schattenzart Gerank
um ein Flackern mild,
Träne glänzt von Dank,
der das Leiden stillt.
Fiel dir Blatt um Blatt
auf des Schlafes Schnee,
Blüten schon so matt,
tut dir nicht mehr weh.
Der Wind greift ins Blattwerk
Der Wind greift ins Blattwerk,
es erschauert,
ist wieder still.
Der Mondstrahl liegt stumm
auf dem Teich
und wird nicht naß.
Die Knospe geht auf,
geht lautlos auf
und duftet.
Eines Menschen Schrei verhallt,
verhallt im Dickicht
ohne Spur.
Kohlenstaub Erinnerung
Der weiße Kot im Taubenschlag,
auf schiefen Hühnerleitern,
dunklen Gurrens Morgengruß,
des Abends Schattenflattern,
Kohlenstaub Erinnerung
an feuchten Kellerwänden –
bei Vater auf dem Kindersitz
vorn auf der Fahrradstange,
Sonntagsausflug, Moselpfad
nach Güls und Winningen,
sein Atem mir im Nacken,
er legte mich ins hohe Gras,
ein Findelkind, das Plätschern
kam aus grüner Muschel Spalt,
der sich mir schloß im Schlaf –
Forellen klatschten im Bassin
des Traums, und dort am Grund
wie Rätselknäuel Aale,
Vater konnte sie nicht fassen,
so arg ich flehte, weinte –
ein dunkler Trost war Dämmerung,
Geläut der Vesperglocken,
der Kerze banges Flackern
vor dem Andachtsbild,
wenn die alten Treppenbohlen
unter Gespensterschritten ächzten –
dann prasselten Kartoffelfeuer,
ihr Wächter war das Hünenmal
basalten auf dem Eifelfeld,
und aus dem Schoß der Erde
riß Flamme meine Seele
mit nachtgeweihten Funken
in wehen Jubels Sprühen.
Das Ruder ist zerbrochen
Das Ruder ist zerbrochen,
und höher geht die Flut,
am Ufer knien Schatten
am Grab erloschner Glut.
So lassen wir uns treiben,
und zittert auch das Boot,
wir halten uns die Hände
im fahlen Abendrot.
Wir liegen auf dem Rücken,
zu lauschen dem Gesang
des Wassers in der Tiefe,
und weinen Wang an Wang.
Ob einmal jäh ein Ufer
uns in sein Dickicht bannt?
Ob einmal sanfte Woge
uns hebt auf goldnen Sand?
Koblenz in Flammen
Geläut von Kastor und Liebfrauen,
o Stadt in Flammen,
die Glocken schlagen Cherubim
mit harten Schwertern.
Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und was um ihn verglüht und schreit,
alles schmilzt er in sein Schweigen ein.
Die in den feuchten Kellern hocken,
ich hör sie jammern,
der Greis, den Rosenkranz in Händen,
ich hör ihn beten.
Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und all der Augen Bitter-Glanz,
Tränen schlürft er auf wie herben Wein.
Von morschen Ästen stürzen Vögel,
o Todeszwitschern,
in schwarzen Gärten brennen Rosen,
o Aschenküsse.
Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und was an ausgerauschtem Blatt und Sang
meerwärts er getragen, weiß nur er allein.
Der Sturz des Engels
Gefieder, Schnee,
gesprenkelt mit Blut,
vom gelangweilten
Finger des Winds
hin- und hergerührt.
Dickicht, Nacht,
durchwirkt von Gold-
fäden Knabenhaars,
gewickelt um Knospen
erstickter Glut.
Dunstfetzen, Vlies
gerupften Schaums,
aufs Wasser gespuckt,
ausgeraubte Nester
schwankenden Lichts.
Doppelklinge, Blitz,
ausgezischter Bote,
in den Uferschlick gerammt,
vom Schweigen der Muscheln
bald überkrustet.
Die Seiten umgewendet
Ein Windstoß, trocknes Rascheln,
die Seiten umgewendet,
mußt du dich rückwärts lesen.
Vom überquellenden Kelch
kehrst zum Schimmer der Beere,
zum Laube leerer Schatten
kehrst wieder du zurück.
Vom Gartenfest des Lichts
sind dir aus hoher Vase
zwei, drei blasse Blüten
hinab aufs Bett gestürzt.
Von blauer Blicke Mohn,
von Sommernacht umwimpert,
hängen kaum gefühlte
Tränen dir am Lid.
Von warmer Lippen Sang,
der mit Faltern nächtlich schwirrte
um einen Mund voll Honig,
blieb kindisches Gelall.
Von stiller Kerzen Glut,
um die dein Schatten summte
Gebete süßer Düfte,
beißt dich ein kalter Rauch.
Von weichen Lächelns Glanz,
der dich wie Krokus taute,
zittern kalte Tropfen
in einem Spinnenweb.
Des leisen Glückes Lampion,
der mit Vogelstimmen schwebte,
grinst aus trübem Spiegel,
die hohle Maske Mond.
Das Wort ist unser täglich Brot
Das Wort ist unser täglich Brot,
das wir teilen, um zu bleiben,
das wir sparen, um zu wandern
einen schweren Gang zur Nacht –
oder auf der Fensterbank
des Überdrusses faulen lassen.
Die Geste gibt dem Wort den Sinn,
wozu das Brot wir schneiden,
wenn dankend für Gesang wir Vögeln
Brocken streuen in den Schnee –
oder im schwülen Pferch der Angst
ein fettes Grunzen füttern.
Das Salz der Wanderschaft
macht durstig nach dem Quell,
der fern aus Traumes Spalten stäubt.
Doch ungesalzen glänzt
das Brot in reiner Hand,
die es erwachten Herzen bricht,
sein Sinn bleibt ihnen ganz.
Wie sich das blind Gesagte staut
Wie sich das blind Gesagte staut
und überschäumt gleich Pollen
den bangen Saum
von Blumenbechern
in schwarzen Schweigens Gras,
um fern zu schimmern
der Andacht eines blauen Blicks,
dem bald die Nacht die Lider
niederdrückt.
Wie die Amöbe sieht
blind mit dem ganzen Leib,
der sich für grünes Wasser
rhythmisch einwärts stülpt,
höhlt sich das Wort ein Auge
unterm Schmerzensstrahl.
Was wie Kerzen hat gebrannt
und schmelzend gab sich hin
für einen Trost aus Licht,
für einen Kranz aus Rauch,
war Honig des Gesangs.
Wie Gaze hell gebauscht
Wie Gaze hell gebauscht
vom Morgenhauch
legt Wind sein Nebeltuch
auf das noch Unvertraute.
Dort hängen Tropfen
eines Traumverschwiegnen
an Halmes Spitzen,
salzige Körner von Licht
an Wimpern
bang geschlossner Augen.
Sie zittern im Erwachen
und Tropfen fallen
ins erstaunte Gras.
Der aus dem Abgrund kommt,
der Strahl ist wie ein Messer
und zerschlitzt das Tuch.
Auf die helle Haut der Birken
schreiben Flammen
die Losung hohen Tags.
Der Schatten eines Flügels
trägt den Schmerz
ins blaue Ungewisse.
Was sternt dich an
aus zarter Knospen
aufgetaner Nacht?
Der Schleier riss entzwei
in gelbe Blüteninseln,
von Ginsters Lippen
atmest du dir zu.
Was soll ich dir denn schreiben
Was soll ich dir denn schreiben:
die hier nicht duften, Rosen,
als könnten sie sich neigen
in Winds erstarrten Tanz?
Soll sich der Tau dir reichen
auf letterntrocknen Moosen,
kann dir den Sinn erweichen
an Silben schwarzer Glanz?
Wie klaffen Verses Furchen,
daß goldnes Korn sie fülle,
wie ließ die Saat sich gießen
aus Reimen ohne Tülle?
Auf Blattes Schnee sind Küsse
wie ein zerrupfter Mohn,
die ich auf Metren hisse,
Waldreben blassen schon.
Wie zarte Halme
Das hohe Tun
kommt aus dem tiefen Ruhn.
Wie zarte Halme
biegen sich die Namen
im fremden Hauch.
Sich selber unbekannt
vor ihrem Leuchten
sagt ein Mund von Blüten.
Jedes Wort ist Frage,
Samen, der vom Summen träumt,
das ihn ins Offne trägt.
Die Flocken fallen aus der Nacht
und füllen Riß und Furche,
bis Glanz den Schmerz verbirgt.
Keiner weiß die Rose ganz,
doch woraus sie spricht,
liegt vor dem Bild im Duft.
Mystische Tageszeiten
Der Morgen ließ uns stehen,
eine blaue Pfütze Licht.
O der kleine Sperling,
der aus ihr sich Süße trank.
Der Mittag strich unsern Schatten
aus der Weide starrem Haar.
Wie schlief der Schmerz in ihm,
die Witwe mit dem Kind.
Ins Moos der Abendstunde
weinten wir den weichen Glanz.
O nackter Pilgerfuß,
dem kleine Seufzer es gehöhlt.
Wir stiegen über Efeus Beben
in Mondes Schattenlaub.
O daß in seinem Rauschen
die wirre Seele Ruhe fand.
Komm in mein Lilienlicht
Lies mich in Blatts Geäder
und im Schorf des Winds
auf Schiefer und Basalt.
Komm in mein Lilienlicht,
es tropft an dir herab
wie Honig eines Worts.
Faß heiß nach meiner Hand,
die aus der Furche winkt,
wie grünen Schlafs Gerank.
Was dort ins Blaue wölkt,
gab deiner Stirn noch Glut,
die Asche, mein Gedicht.
Die Schrift des Lichts
Ja, die unteren Wasser sind dunkel,
es liest sich aber auf ihren Wogen
einmal auch die Schrift des Lichts.
Das in den Brunnen gerufene Weh
gibt sein Echo zurück wie ein Wort
aus vergessener Liebe Mund.
Aus dem vom Blitz gespaltenen Stamm
heben grüne Fingerspitzen Augen,
die um Tränen betteln, Glanz.
Die Äpfel leuchten dem Pfad des Abends,
wie Blüten aber die Vogelstimmen
gehen auf im Blau der Nacht.
Liebesgaben
Die an Mauern überhangen,
und sie mildern dir mit Duft
deinen Gang ins leere Heim,
Rosen dir, der bangen!
Die das Herz der Veilchen füllen,
und sie geben weichen Glanz
deinem kindlich scheuen Blick,
Tränen dir, der stillen!
Das die Nacht im Fliedergarten
süßer noch als Duft erfüllt,
wenn dein hoher Stern verweilt,
Zwitschern dir, der zarten!
Die auf Mooses Wehmut weinen,
Quellen, kühl und unberührt,
wenn dein dunkler Schmerz sie hört,
Lieder dir, der einen!
Der Gesang der Toten
Du warst aus trübem Schlaf erwacht,
da saß sie auf der Fensterbank,
und ihr Antlitz war so bleich.
Wie in der Nacht des Mondes Strahl
geht übers Wasser geisterhaft,
strich über dich ihr ferner Blick.
Ja, es war die Sommerzeit,
ihren Locken hauchte lau die Luft,
und ihre Füße wippten nackt.
Was hat dich mit dem Schmerz versöhnt,
was mit Tränen dir beglänzt den Gram?
O du tauchtest weich ins Dunkel und sie sang.
Der Geist der Liebe
Wie kleine Monde schimmern
Eier im Nest der grünen Dämmerung,
gehalten von zartem Flechtwerk
im Schilf, das kaum fühlbar zittert,
wenn Wolken auf den Wellen gehen.
Sie sind noch warm und warten
auf die Wiederkehr der Eltern.
So bang die Halme, atemlos
wie die ins Dunkel äugt, die Angst.
Sie kommen nicht zurück.
Der Geisterschatten einer Wolke,
der Blitz aus einem Eulenauge
hat sie hinweggeschreckt,
das rote Zischen einer Schlange.
So liegt in bunt gefleckter Schale
das Wort im Nest der Dämmerung,
das im kalten Winde schwankt,
der ihm die kleine Wärme nimmt,
und kann nie ausgereift ans Licht,
ins Freie kommen, nicht den Flug
zum Schnee der Gipfel wagen,
jenen, der im Abgrund schläft,
mit süßem Zwitschern nicht erwecken.
Der Liebesgeist hat es verlassen.
Was hat ihn töricht denn verschreckt,
vor welcher Schlange, welchen Dämons
bösem Blick ist er ins Heimatlose
ferner Gärten ausgewandert,
wo er im Feuer wilder Rosen,
im Samenvlies der Disteln
das ungetane Werk erblickt
und bitteren Eingedenkens
sich Glanz von Tränen leckt?
O es war der Schrei aus einem Maul
aus Stahl, das Hämmern glühender
Gestänge, obszönes Quietschen
von Gummimuskeln, das Glotzen
von Gier und Wahn aus Plastikfratzen.
Das verirrte Reh
Schauern noch der Abendstunde Ranken
Schatten der Erinnerung?
Hat der Sanftmut golden-grünes Danken
Atem noch im Laubenlicht?
Wie auf Wassern weiße Blüten flossen
stille Bilder durch den Geist.
Wenn die scheuen Kelche sich ergossen,
warst bei Veilchen nicht verwaist.
Nun mußt du wie kahle Bäume halten
leere Hände in den Schnee.
Dürre Wurzeln gräbt aus harschen Spalten
dein Erinnern, ein verirrtes Reh.
Der blöde Gast
In der ausgewaschenen Luft der Museen
erkenne ich nichts.
Wie hängen all die Bilder
blind an einer Wand
aus fein poliertem Totgebälk.
In den Katakomben des Traums,
wo heimlich eine Kerze
vorm Bildnis eines Engels singt,
will ich mit ihr lodern.
Unter der auswattierten Muschel des Saals
flattern die Klänge
wie bange Schwalben aus dem Nest
der Geigen und Hörner
und finden kein Fenster
offen in die blaue Nacht.
Unterm Sternenlicht der Heckenrosen
will ich wie mit Flammen
auf den roten Zungen
der Nachtigallen zittern.
Beim Geklirre aufgeprallter Kehlen
und kalten Lachens Tropfen
auf den Feiertischen
klebt meine Seele starr
als Fliege an der Wand.
Wenn Abend wieder öffnet
seiner Hoheit goldene Waben,
will im Flug ich dunkle Süße finden
dem scheuen Mund des Lieds.
Wahrheitsinjektionen und Liebespillen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Dem Angeklagten und dem Zeugen vor Gericht verpaßt man vor ihrem Verhör intravenös eine Substanz, die im Gehirn alle neuronalen Impulse unterdrückt, die sich in Lügen und Falschaussagen niederschlagen, sodaß die ihnen entlockten Äußerungen entweder immer wahr oder zumindest nicht falsch sind.
Weshalb scheuen wir davor zurück, in diesen Fällen den Sprecher als echten Wahrheitszeugen anzusehen, auch wenn er nichts als die Wahrheit sagt, die reine Wahrheit?
Wir vertrauen allererst den Äußerungen eines Sprechers, der uns das Wahre mitteilt, obwohl er fähig wäre, die Unwahrheit zu sagen, weil wir unser Vertrauen auf seinen guten Willen setzen, uns nicht hinters Licht zu führen.
Ein Freund, der geistig zurückgeblieben und zu dumm ist, uns zu belügen oder zu verraten, und daher keinen guten Willen bemühen muß, es nicht zu tun, gilt uns nicht als echter Freund. Er ist eher wie ein braves Hündchen, das nur immer neben uns laufen mag.
Äußerungen, die aufgrund der Manipulation des Nervensystems des Sprechers nicht falsch sein können, lassen wir nicht ohne weiteres als wahre Aussagen durchgehen, sie haben bloß den Schein des Wahren, wirken auf uns aber wie Masken einer ontologischen Unaufrichtigkeit.
Wenn wir aufgrund der Evolution des Gehirns in der Weise determiniert wären, daß wir nur Wahres zu sagen fähig wären, lebten wir in einer Art Traum- und Wahnwelt, die den Irrtum a priori ausschlösse.
Aus der Tatsache, daß ein allwissender Roboter sich in der Zuordnung der Namen zu den Gesichtern ihrer Träger nicht irren könnte, schließen wir, daß die Maschine die Gesichter nicht sieht, wie wir ein Gesicht sehen und uns auf den Namen der Person besinnen.
Wenn der Roboter auch stets das Wahre ausspuckte, würden wir ihm nicht die Fähigkeit zubilligen, wahre Aussagen zu machen, weil er selbst in den mitgeteilten Informationen gleichsam nicht enthalten ist, auch wenn er die Formel „Ich sehe, daß es sich bei dieser Person um N. N. handelt“ benutzen würde, die wir ihm zuvor einprogrammiert haben.
Wir stoßen hier, wenn auch blindlings, auf den internen Zusammenhang zwischen dem semantisch-logischen Raum, in dessen Mittelpunkt ein jeder in der ersten Person sagt, was er meint, und der Wahrheitsbedingung des Irrtums und der Negativität, ein Zusammenhang, der einer tieferen Erhellung harrt.
Nur wenn wir Absichten mit unseren Sprechakten verbinden können, sagen wir über den einen, er lüge, über den anderen, er spreche die Wahrheit.
Wer nicht lügen kann, kann nicht die Absicht haben, die Wahrheit zu sagen.
Wenn wir annehmen, daß unsere in der Rede zum Ausdruck kommenden Absichten Funktionen unserer Wünsche, Interessen und unbewußten Antriebe sind, wären wir wiederum in einer Traum- und Wahnwelt eingeschlossen, in der oder von der zu reden eine überschwengliche Variation des Schweigens wäre.
Der Marxismus und die Psychoanalyse sind theoretische Traum- und Wahnwelten dieser Art, obwohl sie uns angeblich versprechen, den ideologischen Schein und Verblendungszusammenhang zu durchbrechen oder von neurotischen Realitätsverzerrungen und Wahnbildern zu heilen.
Wenn der Überbau letztlich von den unbewußten Kräften und Formationen der gesellschaftlichen Basis determiniert ist, sind meine Gedanken nicht meine Gedanken.
Wenn das Unbewußte die eigentliche Sprache darstellt, habe ich nichts mehr zu sagen.
Wir müssen sowohl die Absicht oder den Willen als auch den intentionalen Gehalt in die Struktur einer jeden Äußerung einführen oder die Form der Äußerung als jeweilige Figur des Selbst auffassen.
Ich verstehe, daß du mich etwas fragen willst, wenn du den Ton am Satzende hebst.
Ich verstehe, daß du mir etwas zeigen oder mich auf etwas aufmerksam machen willst, wenn du dich der grammatischen Formen der Demonstrativa und der hinweisenden Wörter wie „hier“, „dort“, „dieser“, „jener“, „neben“ oder „später“ bedienst.
Ich verstehe, daß du mich zu etwas aufforderst oder um etwas bittest, wenn du diese Sprecherabsichten in die Form von Aufforderungssätzen und Imperativen kleidest, die das ausdrücklich machen, worum es dir geht
Ich verstehe, daß du gewillt bist, mich zu unterhalten oder zu amüsieren, wenn du dich für eine Anekdote, eine Schnurre, einen Witz der entsprechenden Erzählweisen und der grammatischen Form des narrativen Imperfekts bedienst.
Ich verstehe, daß du dich mit einer Notlüge über die Peinlichkeit und Verlegenheit hinwegsetzen willst, in die du geraten bist, weil du wieder einmal zu spät gekommen bist oder dein Versprechen nicht gehalten hast.
Ich verstehe, daß du mit dem überschwenglichen Lob eines nichtsnutzigen oder dummen Scharlatans weder dir noch mir etwas vormachen willst, sondern die rhetorische Form der Ironie mit der Absicht ins Spiel bringst, die Nichtsnutzigkeit des Nichtsnutzes und die Dummheit des hohlen Schwätzers in ein desto grelleres Licht zu heben.
Antike Dichter wie Horaz und Properz spielen gern auf das Treiben von Hexen und Zauberinnen an, die Salben, Tinkturen und mit oft blutrünstiger Braukunst gewonnene Säfte jenen Verliebten feilboten, die die Gunst und erotische Hingabe der begehrten Person sich durch heimliche Verabreichung dieser Aphrodisiaka erzwingen wollten.
Was sollen wir von dem gestammelten Liebesbekenntnis eines Mannes halten, das sich ihm unter dem Einfluß einer solchen Droge entrang?
Und vor allem: Welches moralische Gewicht soll die Verliebte, die den Gegenstand ihres Verlangens mit der Verabreichung einer Liebespille sich gefügig gemacht hat, seinem Liebesbekenntnis geben?
Sie wird es nicht für bare Münze nehmen, denn es war in Abwesenheit guten Willens und redlicher Absicht nur ein dem erotischen Rausch entfahrener flatus vocis, ein Wölkchen, das morgen am nüchternen Tag im grauen Himmel der Verachtung oder Gleichgültigkeit verflogen sein wird.
In veneno veritas – das scheint allerdings für Tristan und Isolde zu gelten. Oder für Richard Wagner, der aus dem Abgrund erotischer Verfallenheit den Duft trunken machender Akkorde steigen ließ, die den Betörten wie den vom Wind leicht abgeschüttelten Tropfen hineinstürzen lassen.
In der Absicht, den Geliebten in die Bedachtsamkeit der Sorge und die Huld des Schenkens und Dankens aufzunehmen, unterscheidet sich das Liebesbekenntnis vom Stammeln und Lallen des Eros.
Hätte die Evolutionspsychologie recht, wäre die Sprache der Liebe nur die Larve des mehr oder weniger sublimierten Triebs und das Bild des Geliebten das Zerrbild im Spiegel eines Verlangens, das mit jedem Seufzer und jedem Keuchen sich tiefer in den Abgrund der Vernichtung wühlt.
Nach Ansicht der Naturalisten sind wir Puppen in der Hand der Evolution, die deren ursächlich zweckfreie Impulse als illusionäres Spiel eigener Zwecke und Absichten verkennen. Am Ende erweisen sich die leidenschaftlich mit mehr oder weniger harmlosen Mitteln verfolgten Absichten und vorgespiegelten Gründe als Masken natürlicher Ursachen.
Doch die Wahrheit deiner Äußerung, daß der Regen aufgehört hat und die Sonne wieder scheint, hat keine Ursache in dem Wetterphänomen, sondern ihren Grund in deiner Wahrnehmung des Sonnenscheins und der Absicht, mich indirekt zu einem Spaziergang aufzufordern.
Die naturalistische Theorie ist ein Wiedergänger des kartesischen Dämons und ihre unmittelbare Folge einer radikalen Wahrheitsskepsis findet einen Einspruch in der Instanz nicht des „Ich denke“, sondern des „Du sprichst mit mir“.
Du sprichst mit mir, also existierst du.
In dem, was du mir sagst, kann ich eine Redeabsicht und einen Anspruch an mich erkennen, mich auf eine gemeinsam bewohnte Welt zu beziehen. Du fragst, ich antworte, du bittest mich darum, mit dir spazierenzugehen, und ich hole meine Jacke.
Unser Gespräch ist in eine gemeinsame Welt der Wahrnehmungen und Bedeutungen eingebettet, wenn sie uns auch nie vollständig epistemisch und sprachlich erschlossen ist. Diese Welt, deren Bewohner wir beide sind, ist dasjenige, worüber wir reden und worum es uns geht.
Meine Antwort auf deine Frage macht einen Unterschied für die Art und Weise, wie wir in der von uns geteilten Welt zueinander stehen, je nachdem, ob sie sinnvoll oder absurd, richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen, erhellend oder irreführend ist.
Ich könnte freilich träumen und dich im Traum sehen und deine Stimme hören. Doch es wäre in der Traumwelt ohne Belang, wenn meine Antwort auf deine Frage sinnvoll oder absurd, richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen, erhellend oder irreführend wäre.
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