Je n’écris pas pour quelques-uns retirés sous la lampe
Ni pour les habitués d’une cité lacustre
Pour l’écolier attentif à son cœur
Non plus pour cet enfant paresseux qui sommeille
Entre mes bras depuis cent ans
Mais pour cet homme qui dépassé par l’orage
N’entend pas la rumeur terrestre de son sang
Ni l’herbe le flatter doucement au visage
J’écris pour divulguer ce qui vient des saisons
La neige pure ainsi qu’une main féminine
Et le pollen éparpillé sur les gazons
Aussi l’agneau qui fait le calme des montagnes
J’écris pour dépasser la crue noire du temps
Tandis que les oiseaux et les fleurs me précèdent
À cette auberge au bord du ciel où les passants
Trouvent des couches étoilées et des vaisselles
Pleines de fruits et des soleils encourageants
Mais reste au fond de moi le plus clair de ma vie
Qui ne supporte pas le poids de la parole
Ces mots d’amour qui ne seront jamais écrits
Et la lumière de mon cœur toujours plus haute
Aveuglante comme une poignée de sel gris.
Die Geheimnisse des Schreibens
Ich schreibe nicht für jene, die sich im Schein der Lampe bergen,
nicht für die Flaneure der Seestädte,
für den Schüler nicht, der sein Herz bewacht,
auch nicht für das faule Kind, das seit hundert Jahren
in meinen Armen döst.
Doch für den Menschen, der durch das Gewitter schritt
und das irdene Brausen seines Blutes nicht hört,
nicht, wie das Gras sanft über sein Gesicht streichelt.
Ich schreibe, um ins Licht zu bringen, was den Jahreszeiten entspringt,
den reinen Schnee ebenso wie die frauliche Hand
und den Blütenstaub, ausgestreut über den Rasen,
das Lamm auch, das die Stille breitet über die Berge.
Ich schreibe, um jenseits des schwarzen Hochwassers der Zeit zu gelangen,
soweit mir die Vögel und die Blumen vorauseilen
zu jener Herberge am Ufer des Himmels, wo die Wanderer
auf Sternenbetten treffen und Schalen,
gefüllt mit Früchten, und auf Sonnen, die beflügeln.
Mir aber bleibt auf dem Seelengrund die volle Klarheit meines Lebens,
das die Bürde der Sprache nicht erträgt,
diese Liebesworte, die nie je geschrieben werden,
und das Licht meines Herzens, das immer heller strahlt,
blendend wie eine Handvoll graues Salz.
René Guy Cadou, Comme un fleuve
Comme un fleuve s’est mis
À aimer son voyage
Un jour tu t’es trouvée
Dévêtue dans mes bras
Et je n’ai plus songé
Qu’à te couvrir de feuilles
De mains nues et de feuilles
Pour que tu n’aies point froid
Car t’aimais-je autrement
Qu’à travers tes eaux vives
Corps de femme un instant
Suspendu à mes doigts
Et pouvais-je poser
Sur tant de pierres chaudes
Un regard qui n’aurait
Été que du désir ?
Vierge tu réponds mieux
À l’obscure sentence
Que mon coeur fait peser
Doucement sur ton coeur
Et si j’ai le tourment
De ta métamorphose
C’est qu’il me faut aimer
Ton amour avant toi.
Wie ein Fluß sich anschickte,
seine Reise zu lieben,
so fandest du dich eines Tages
nackt in meinen Armen.
Und ich hatte nur eins im Sinn,
dich mit Blättern zu bedecken,
mit bloßen Händen und mit Blättern,
damit dir nicht mehr kalt sei.
Liebte ich dich anders denn
als in deinen Lebenswassern,
Leib der Frau, für einen Moment
an meinen Fingern schwebend?
Konnte ich denn auf so viele
warme Steinen einen Blick werfen,
der von anderem beseelt wäre
als von Verlangen?
Reine Frau, du bist die bessere Antwort
auf das dunkle Urteil,
das die Last meines Herzens
sanft auf dein Herz herabsenkt.
Und wenn mir deine Verwandlung
zur Qual wird,
dann, weil ich deine Liebe
vor dir lieben muß.
René Guy Cadou, Derrière les rideaux
Derrière les rideaux et l’épaisseur du temps
Sans toi comme les nuits sont froides mon enfant
Le sommeil et la rue sont pleins de gens d’hôtel
Qui parlent haut et brisent tout quand je t’appelle
Et je t’appelle malgré tout et je sais bien
Que dans ces battements de cœur tu me reviens
Que tu recrées de douces mains à ton usage
Et que le vent léger rallume ton visage
Afin que je le voie dans l’épaisseur du temps
Comme une flamme toujours vive mon enfant.
Hinter den Vorhängen und der Tiefe der Zeit
sind ohne dich, mein Kind, die Nächte verschneit.
Der Schlaf, die Straße von Hotelgästen quillt,
die grölen, alles zermalmen, da mein Rufen dir nur gilt.
Und trotz allem ruf ich nach dir und ich weiß,
du kehrst zu mir zurück, denn mein Herz schlägt heiß,
du empfängst aus sanften Händen dein Lebenslicht,
und ein leichter Wind erhellt dein Gesicht,
auf daß ich es sehe in der Tiefe der Zeit
wie eine Flamme, mein Kind, die da brennt in Ewigkeit.
Männer und Frauen
oder von verlorener Liebesmüh
Immer wieder kam es zu Mißverständnissen und Anwürfen, weil der Name „Büchner-Preis“ die Feinhörigen und mehr noch die mit dem Dritten Ohr Begabten als allzu männliche Form befremdete und zu der irrigen Annahme verleitete, als seien Damen oder sogenannte Damen oder andersgeschlechtliche Wesen von der Preisvergabe ausgeschlossen. Nun hat die Akademie für Sprache und Dichtung in einem heroischen Akt der Selbstüberwindung und Selbstkasteiung sich endlich dazu durchgerungen, den Preis in „Büchnerinnen-Preis“ umzubenennen.
Die Devise des Perversen: Alle können und sollen nach MEINER Fasson selig werden.
Wenn alle sexuellen Praktiken der damit schon verbal ins Hintertreffen geratenen heterosexuellen Praxis als ebenbürtig zugeordnet werden oder der heterosexuelle Eros als eine unter beliebig vielen Varianten erotischer Phänomene betrachtet wird, wird sowohl dem Mann die Ehre abgeschnitten, die er nur als einziger Liebhaber der einzigen Frau oder als Vater ihrer Kinder erlangt, als auch die Würde der Frau in den Schmutz gezogen, die ihr als Mutter und als Verkörperung und Symbol mütterlicher Liebe gebührt.
Die Latzhosen-Feministinnen kamen aus dem wahnhaften Kollektivumfeld der kommunistischen Gruppen der siebziger Jahre, in denen sie noch brav in Blusen und Röcken mit den sich als Avantgarde mißverstehenden Führern der Bewegung, bebrillten Parteikadern mit der Pistole der wahren Auslegung in der Tasche, die Stellen aus den Klassikern des Marxismus-Leninismus rot unterstrichen, in denen der Vater als Patriarch und Haustyrann den Schatten der Karikatur des herrischen Fabrikbesitzers und kapitalistischen Arbeiterschinders des 19. Jahrhunderts warf. Der Wechsel vom Rock zur Latzhose, von der Dauerwelle zur Hennabürste, diese ganze Verhanswurstung und Verschandelung des weiblichen Körpers, galt als Initiationsritus, bei dem den Herren der Schöpfung mit der Krawatte das Recht zur Zeugung abgeschnitten wurde. Die Brüste schwabbelten nunmehr im Zustand ungefüger Emanzipation unter dem fadenscheinigen Tuch, zum Zeichen, daß sie sich nicht nur dem Dienst als erotische Attraktoren versagten, sondern mehr noch dem Dienst, der in der Folge der Schwangerschaft dem Säugling zum Dasein gereicht.
„Das neue Weib“, dieser Urmythos der kommunistischen Ideologie, konkretisierte sich in der Emanzipation des Eros vom Zeugungsakt und der massenhaften Vernichtung werdenden Lebens.
Die abendländische Lyrik beginnt mit der Verehrung und dem Zauber der fernen Geliebten, der Minne, und endet mit dem Gestammel von geistigen Zwittern.
Die heterosexuelle Liebe zehrt von der Spannung zwischen den geschlechtlichen Polen, die allen Charme, alles Glück und alles Unglück der Liebe freisetzt. Die laue Entspannung, die der kommerzialisierte Verkehr der Geschlechter bietet, mutet wie die Flucht vor dem allzu großen Glück, dem allzu großen Unglück der Liebe an.
„Lebensabschnittspartner“ – gibt es einen kaltschnäuzigeren, schamloseren, verletzenderen Begriff als diesen für den einen Teil einer Gemeinschaft, die sich einmal als Bund der Treue verstand, dessen wahrscheinliche, ja tatsächliche Auflösung an ihren Beginn zu stellen Treulosigkeit und Kaltherzigkeit besiegelt?
Das Ende der ars erotica: Schulfibeln schon für die Kleinsten, die zu perversen Grenzüberschreitungen animieren.
Der äußerste Übergriff der Herrschaft der Mache: das Geschlecht als sozial einzuübende Rolle, als Fiktion und Konstrukt, als beliebig überzustülpende, beliebig abzuwerfende Maske.
Dem esoterischen Dichter, esoterisch aus Not, bleibt seit Baudelaire der Rest der Natur, die Erinnerung an die Natur des Eros, die sich in die Metaphern des mit festlichen Untergängen lockenden weiblichen Haars, des blendenden Schnees der Brust, der bitteren Tränen des Schoßes geflüchtet hat.
Der Meerfrau amputierte man den Fischleib und transplantierte ihr einen fahrbaren Metallstuhl, an dem sie unverständliche Worte tippt.
Das dämonische Weib, von dem Goethe und Mörike wußten, Baudelaire und Trakl, es wurde in der neuen Inquisition des industriell durchorganisierten Daseins auf das Rad der Acht-Stunden-Tags gespannt.
Gott wirkt als Schöpfer in der Zeugung, in der Angst und dem Glück ihrer Spontaneität, in der Vaterschaft und Mutterschaft. So ist es also ein satanischer Impuls, den Mann in den Abgrund der Zukunftslosigkeit ejakulieren zu lassen und die Frau als ebenbürtige Partnerin seiner Arbeit am Nichts zu degradieren.
Samen und Brot sind die Wahrheit des Hauses. Und die wahren Namen von Mann und Frau sind dominus und domina, Hausherr und Hausherrin, Lord und Lady. Das Gesetz der ehelichen Verbindung, wie es uns Israel und Rom überliefern, ist die Verschriftlichung der heiligen Flamme des Herdfeuers.
Besser als sich in Lebensabschnittspartnerschaften zu verzetteln und zu vermarkten, besser als zum Gespenst einer Daseinsfristung in lustiger Zweisamkeit ohne Harm und Charme zu degenerieren, ist die heroische oder verzweifelte Wahl der Einsamkeit.
Der letzte Mensch ohne Gott und Gesetz haust in komfortablen klimatisierten Höhlen einer grenzenlosen Langeweile, die er durch das freche Rupfen kleiner Lüstchen oder das lauherzige Begehen kleiner Verbrechen vergebens zu verkürzen strebt.
Der letzte Mensch ist der Zwitter ohne Sehnsucht nach Größe und Vollendung, die nur das flackernde Licht vom jenseitigen Ufer, nur der vom anderen Ufer herübergewehte Gesang eines Engels oder Dämons wecken.
Die leiblich-seelische Spannung und Verbindung von Mann und Frau ist der Ursprung der Religion.
Die Frau ist dem Mann die Mittlerin und der Dolmetsch der transzendenten Bezüge, kraft ihres Schoßes ist sie die Prophetin der Verheißung. Sie ist die erste Priesterin, die ihn den Verzicht auf das schweifende und ausschweifende Dasein des Nomaden lehrt und ihm das Feuer hütet, an das er zurückkehrt, die Kultur des Herds.
Die Lösung des Rätsels der Frau ist, wie gewisse nicht gerade unweise Männer zu sagen sich erkühnten, die Schwangerschaft. Doch mehr noch gilt dies für den Mann, der für sein flüchtiges Besamen nur Abbitte zu leisten vermag in der Treue der Verpflichtung.
Die männliche Tugend ist die Verantwortung, die ihn die Mutterschaft der Frau lehrt.
So ist alles Schreiben und Dichten ohne Verantwortung leer und eitel. Die Verantwortung des Schreibens gilt einer anderen, derselben Frau: der Sprache, die dem Dichter die Kinder gebiert, die Werke, die ohne die lange, schwierige Schwangerschaft jener Gebärerin nicht zur guten Gestalt heranreifen.
Die Sprache, diese schwierige, kapriziöse Geliebte, mag sich dem Dichter verweigern, wenn er ihr zu unsanft, launisch oder selbstbesessen zu Leibe rückt und sie nicht mit dem Zauberwort aufschließt, dem Sesam-öffne-dich.
Der unbeweibte Dichter ist nicht verloren, denn er hat als Geliebte die Sprache.
Der Lästerton der Zeit verleumdet in der Frau nicht nur die Mutter, sondern in der Mutter auch die erste Erzieherin.
Die weibliche Tugend ist die Demut und die Geduld, wie viel Geduld braucht es, um den Faden der Erinnerung zu spinnen, wie viel Demut, das Wachstum der Frucht zu belauschen.
Die göttliche Mutter, jene, deren Herz die Nägel des Kreuzes durchbohrten, jene, die den toten Heiland auf dem Schoß trug, ist nunmehr auch die Königin des Waldes, um die sich, jenseits des Menschen, die Tiere scharen, die sie mit ihren tränenerfüllten Augen befriedet.
Der letzte Dichter, der die Frau aus den elementaren Mächten ihres Lebens, Quelle und Frucht, Ruf und Verstummen, panische Nacktheit und bestrickende Schleier, besungen hat: René Guy Cadou.
Nun, wer erhält den neuen „Büchnerinnen-Peis“? Natürlich ein flottes, grell geschminktes Rede- und Text-Mädchen, das seinem Liebhaber von heute die ranzige Butter seiner Tagebuchsplitter aufs Brot schmiert, und zwar für die Mühe sternloser Nächte, in denen es den aktuellen Armutsbericht der Bundesregierung oder den blutverkrusteten Report von Amnesty International nach dem Staccato eines zigeunernden Slang oder negroiden Jazz-Slam anarchisch umbrochen und mit dem einsamen Muskelspiel ihres fruchtlosen Uterus brutal metrisiert hat.
Ein Wind kommt auf
Du stehst mit den gereckten Zweigen
deiner Arme am Ufer und bist
Erlauschen der Nacht.
Was sind das für Lippen, die beben,
was für Haare, die wehen?
Sie künden die Ankunft der Engel.
Der Sand summt zwischen den Zehen.
Das Wasser hat goldene Zungen,
die höher und höher lecken.
Ein Wind kommt auf mit den Knospen,
die Wolkenchören entspringen,
Knospen, zu blühen geneigt.
Was sind das für Dolche, die brennen,
was für Blüten, die schreien?
Sie künden die Ankunft der Engel.
Die Düne beginnt ein Singen.
Die Halme sind lebende Treppen,
auf denen du steigst und steigst.
Ein Wind kommt auf von den Flügeln,
die mit tausend Augen sinnen,
Flügel, dem Schweigen geneigt.
René Guy Cadou, Pour un cheval
Cheval pour avoir dit l’amour tu as une âme
Lève haut tes belles jambes comme les femmes
Tu passes à travers le ciel et l’abat-jour
Tu fais le mort avec les chiens et l’on accourt
Aux fenêtres pour admirer ta gymnastique
De rêve cheval de fiacre cheval de cirque
L’enfant ne sait Toi tu déniches le soleil
Tu promènes ta queue comme un essaim d’abeilles
Tu broutes les vitraux le gaz et l’edelweiss
Tranquillement Puis tu remues les fesses
Et ris c’est merveilleux le rire d’un cheval
Ton Alexandre était un fat ô Bucéphale
Pour te dompter il n’est que la riche héritière
Marie-Reine du Ciel fille de la lumière
Parfois l’aube te prend dans la nasse des blés
Tu es tout seul tu as envie de t’en aller
Vers des pays de trèfle rouge et de luzerne
Mais le soir tu t’endors entre tes deux lanternes
Le long d’un quai sans fin et sous l’épais brouillard
Tu songes à des boutons d’or dans la nuit noire
Envole-toi Le sang s’épuise à tracer l’aile
Abandonne ton ombre à la terre et que celle
Du passereau qui va dans le soleil levant
Rafraîchisse ton front comme un poisson d’argent.
Einem Pferde
Pferd, du hast eine Seele für die Sprache der Liebe,
heb deine schönen Beine, wieʼs uns bei Frauen gefiele.
Du läufst über den Himmel und auf den Lampenschirmen.
Du stellst dich tot mit den Hunden und alle stürmen
ans Fenster, um deine Akrobatik zu bestaunen.
Hat da ein Traumpferd, ein Kutschpferd, ein Zirkuspferd Künstlerlaunen,
der Knabe weiß es nicht. Du holst die Sonne aus dem Nest,
du stolzierst mit deinem Schweif, den du wie Bienen schwärmen läßt.
Du grast die Kirchenfenster ab, weidest dich an Abgas und Edelweiß,
seelenruhig. Und dann bewegst du deinen Steiß,
und es ertönt deiner Pferdelache herrlicher Schall.
Dein Alexander war ein Geck, o Bukephal.
Dich zähmt nur eine, die sitzt auf himmlischem Throne,
Königin Maria, die Frau mit der Lichterkrone.
Manchmal fängt dich in des Weizens Reuse die Morgenröte,
da willst du hinter dir lassen des Alleinseins Nöte
in den Heimaten des roten Klees und von Luzernen,
doch abends nickst du ein zwischen deinen beiden Laternen.
An einem endlos langen Kai, unter Nebelschwaden,
träumst du von goldenen Knospen, die sich in die schwarze Nacht entladen.
Fliege davon. Das Blut ist bald verbraucht, wenn die Flügel ermatten,
laß deinen Schatten auf der Erde, es soll der Schatten
des Sperlings, er fliegt in die steigende Sonne hinein,
deine Stirn erfrischen wie ein Silberfischlein.
René Guy Cadou, Saison du coeur
Je ne sais plus si c’est ma joie
Si c’est ma peine
Si dimanche commence ou finit la semaine
Il est trop tard
On parle de l’amour
Et toujours sans savoir
Les mots s’envolent
Il y a des baisers coulés dans les paroles
Des larmes sur la main
Un grand ciel de printemps au fond du lendemain
Un grand soleil
La nuit mon coeur qui bat trop fort
Et me réveille
Les ailes des oiseaux sur la gorge du vent
Tous ces matins perdus
Ces haines à renaître
Et ceux qui ne voudront jamais me reconnaître.
*
C’est bien toi
Je ne t’ai jamais vu
Et je te reconnais
Tu es celui que j’attendais
Prends la lampe
Appuie-toi sur mon bras
Il n’y a pas de rampe
Monte encore plus haut
Tu sais
On n’est jamais trop près du ciel
*
Ne plus penser à rien
N’être là pour personne
Des fleurs sur le chemin
Une cloche qui sonne
Ce visage qui brûle à portée de la main
Et si tu veux mourir
Il fera jour demain
Jahreszeit des Herzens
Ich weiß nicht mehr, ist dies meine Freude,
ist dies meine Pein,
soll Sonntag Anfang oder Ende der Woche sein.
Es ist zu spät.
Man redet von der Liebe
und stets ohne Wissen.
Die Worte sind ausgegossen,
Küsse sind, die über die Worte flossen,
Tränen über die Hand.
Ein großer Frühlingshimmel, der sich dem Morgen entwand,
eine Sonne in all ihrer Größe,
die Nacht, mein Herz schlägt zu stark,
sie enthüllt meine Blöße.
Die Flügel der Vögel über der Kehle des Winds,
all diese Morgen vertan,
dieser Haß in neuen Wehen,
und all jene, die nie zu mir stehen.
*
Da bist du ja,
nie zuvor sah ich dich,
und ich erkenne dich alsobald,
dich, der mein Warten galt,
nimm den Kerzenständer,
stütz dich auf meinen Arm,
hier gibt es kein Geländer,
steig noch etwas höher hinan,
du weißt,
wir sind dem Himmel niemals zu nah.
*
Nicht mehr an etwas zu denken,
da zu sein für keinen,
Blumen, die sich verschenken,
Glocken, die weinen,
dies Angesicht, als faßt ich ein brennendes Scheit,
und willst du denn sterben,
ist dafür morgen noch Zeit.
René Guy Cadou, Le jardin de Grignon
Pour atteindre le ciel
À travers ce feuillage
Il faut que tous les yeux
Se soient réunis là
Je dis les yeux d’enfants
Pareils à des pervenches
Ou à ces billes bleus
Qui roulent sur la mer
On va dans les allées
Comme au milieu d’un rêve
Tant la grand-mère a mis
De grâce dans les fleurs
Et le chat noir et blanc
Qui veille sur les roses
Songe au petit oiseau
Qui viendrait jusqu’à lui
C’est un jardin de fées
Ouvert sur la mémoire
Avec des papillons
Épinglés sur son coeur
Der Garten von Grignon
Um den Himmel zu erreichen,
durch das Laubwerk hindurch,
müssen alle Augen sich dort vereinen.
Ich spreche von den Augen der Kinder,
die dem Immergrün gleichen
oder jenen blauen Murmeln,
die über das Meer rollen.
Man geht durch die Alleen
wie mitten durch einen Traum,
so viel Anmut hat Großmutter
den Blumen mitgegeben.
Und die schwarz-weiße Katze,
die über die Rosen wacht,
träumt vom kleinen Vogel,
die geradewegs zu ihr liefe.
Dies ist ein Feengarten,
der Erinnerung weit geöffnet,
mit Schmetterlingen,
auf sein Herz gespießt.
René Guy Cadou, L’amour
La double pêche de tes seins
Dans la coupe de la journée
Voici que ton ventre se lève
Entre les branches du figuier
Que la chambre se met à battre
Comme une tempe délicate
Et qu’un versant du ciel inonde
Étendue la plus belle au monde
Sous ta douce main déroulée
Pareille aux crosses de fougère
Pénétrerai-je le mystère
D’une chair à l’âme gagnée
Comme une eau très fraîche qu’on tire
Avec lenteur du fond du puits
Tu te recouvres d’une buée
Qui dissimule ton sourire
Mes doigts possèdent le secret
De t’éveiller de t’épanouir
De te perdre avant de dormir
Comme une enfant dans la forêt.
Liebe
Der Doppelpfirsich deiner Brüste
in der Schale des Tags,
und jetzt hebt sich dein Leib
zwischen den Ästen der Feige,
und wirklich, das Zimmer erzittert
wie eine empfindliche Schläfe,
und eine Woge des Himmels strömt
in das schönste Land der Welt,
unter deine sanfte Hand, die sich entrollte
gleich dem Wedel eines Farns.
Dringe ich einmal in das Geheimnis
eines Leibs, seiner Seele würdig,
wie man ganz frisches Wasser
langsam aus der Brunnentiefe zieht?
Du hüllst dich in wässrige Schwaden,
und dein Lächeln entschwindet.
Meine Finger kennen das Geheimnis,
dich zu wecken, dich erstrahlen zu lassen,
dich, vor dem Schlaf,
wie ein Kind im Wald zu verlieren.
Die Spatzen
Schmeiß nicht die edle Vase um
in deiner Derwischwut.
Die holden Anemonenaugen,
sie sänftigen dein Blut.
Bäum dich nicht so hengsthaft auf
in deiner Stutenglut.
Mit harten Hufen von Kentauren
tanzt es sich nicht gut.
Blas nicht das Licht der Lilie aus,
wenn deine Nase schnaubt,
wenn dir die dunkle Ader schwillt –
nur Schönes sei erlaubt
in diesen Zeilen, schmal und schlank,
auf denen Spatzen hocken
und Worte süße Krumen sind,
die sie zu zwitschern locken.
René Guy Cadou, Louisfert
Pieds nus dans la campagne bleue, comme un Bon père
Qui tient sa mule par le cou et qui dit des prières
Je vais je ne sais rien de ma vie je vais
Au bout de tout sans me soucier du temps qu’il fait
Les gens d’aujourd’hui sont comme des orchidées
Drôle de tête et les deux mains cadenassées
Je marche dans le jour épais d’avant midi
Pauvre fils de garce qui n’en a pas fini
De mener ses chevaux sur la route sans ombre
Qu’a grand’hâte et soif et ne salue personne
Car j’aime ce village emmuré de forêts
Et ses très vieilles gens comme des pots de grès
Qui tendent leur oreille aux carrefours des routes
Avec des mouvements qui font croire qu’ils doutent
J’ai choisi mon pays à des lieues de la ville
Pour ses nids sous le toit et ses volubilis
Je vais loin dans le ciel et dans la nuit des temps
Je marche les pieds nus comme un petit enfant.
Louisfert
Barfuß in der blauen Landschaft, wie es Väterchen behagt,
der sein Maultier um den Hals faßt und Gebete dabei sagt.
Ich gehe, ich weiß nichts vom Leben, ich geh ans Ende
der Welt, gleichgültig, wieviel Zeit ich dafür verschwende.
Die Leute gleichen heute Orchideen, putzig umwunden
sind ihre Köpfe, doch beide Hände sind festgebunden.
Ich gehe durch des Vormittags dichtes Licht,
ein armer Hurensohn, der ließ davon nicht,
mit seinen Pferden auf die schattenlose Straße zu schlüpfen,
in großer Eile, durstig und ohne den Hut zu lüpfen.
Denn ich liebe dieses Dorf mit seinen Mauern aus Eichen
und die uralten Leutchen, die Tontöpfen gleichen,
die ihr Ohr nach der Straßenkreuzung hindrehen,
mit einem Ausdruck, als würden sie nicht recht verstehen.
Ich mochte meine Heimat schöner als alle Städte finden,
wegen seiner Nester unter den Dächern und seiner Ackerwinden.
Ich gehe weit in den Himmel und in die Gewitternacht,
ich gehe wie ein kleiner Junge, barfuß und unbedacht.
Anmerkung:
Louisfert ist ein kleiner Ort in der westlichen Bretagne in der französischen Provinz Pays de la Loire. René Guy Cadou wohnte hier im Haus der Schule, in dem er auch unterrichtete. In Louisfert verbrachte der Dichter seine letzten Lebensjahre, im Kontakt mit einigen Freunden und in Liebe verbunden mit seiner Frau Hélène, bevor er allzu früh im Jahre 1951 verstarb.
Näheres siehe unter:
https://fr.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Guy_Cadou
René Guy Cadou, La tristesse
Embarqués dans le train de nuit qui ne s’arrête jamais
Sans avarie possible de machine sans espoir
D’entendre battre au loin une petite gare
Ses volets verts et la pluie grise de son timbre
Mais la grande fuite éperdue dans une éternité malingre
Anna ma mère dans la couchette du wagon
Et mon père au-dessus qui la protège de son affection
Je vous vois l’un et l’autre dans ce même lit où je suis né
Je suis couché entre vous deux
Et vous n’avez plus de place pour vous retourner
Je prends dans mes deux mains vos deux mains qui s’éteignent
Pour qu’elles soient chaudes et farineuses comme des châtaignes
Quand la braise d’hiver les a longtemps mûries
Ah ! Croyez-moi ! je ne sais rien de plus atroce
Que de vous laisser partir seuls pour ce voyage de noces
Que d’attendre durant des mois et des années
Derrière la fenêtre étroite et grillagée
Le passage de l’ange essoufflé qui m’appelle
À l’aubette perdue dans les genêts du ciel
Où le train qui vous mène est enfin arrêté.
Traurigkeit
Sie haben den Zug bestiegen, der nirgendwo hält,
ein Maschinenschaden ist nicht möglich, ohne Hoffnung,
in der Ferne die grünen Fensterläden eines kleinen Bahnhofs
klappern zu hören und den grauen Regenklang seiner Klingel,
nur die große Flucht rast dahin in eine dürftige Ewigkeit.
Anna, meine Mutter, auf der Liege des Abteils
und mein Vater in großer Sorge über sie gebeugt.
Ich sehe euch, einer neben dem anderen in dem Bett meiner Geburt,
ich liege zwischen euch beiden,
und ihr habt nicht mehr genügend Platz, euch umzudrehen.
Ich fasse mit meinen beiden Händen eure Hände, die erlöschen,
damit sie warm bleiben und mehlig wie die Kastanien,
wenn die Glut des Winterfeuers sie lang genug gereift hat.
Ah, glaubt mir, ich weiß nichts quälenderes,
als euch allein abreisen zu sehen auf diese Hochzeitsreise,
als über Monate und Jahre
hinter dem engen, vergitterten Fenster
auf das Kommen des atemlosen Engels zu warten, der mich herbeiruft
zu der Haltestelle, abgelegen in den Himmelsginstern,
wo der Zug, der euch bringt, endlich angekommen ist.
René Guy Cadou, La maison d’Hélène
II a suffi du liseron du lierre
Pour que soit la maison d’Hélène sur la terre
Les blés montent plus haut dans la glaise du toit
Un arbre vient brouter les vitres et l’on voit
Des agneaux étendus calmement sur les marches
Comme s’ils attendaient l’ouverture de l’arche
Une lampe éparpille au loin son mimosa
Très tard les grands chemins passent sous la fenêtre
II y a tant d’amis qu’on ne sait plus où mettre
Le pain frais le soleil et les bouquets de fleurs
Le sang comme un pic-vert frappe longtemps les coeurs
Ramiers faites parler la maison buissonnière
Enneigez ses rameaux froments de la lumière
Que l’amour soit donné aux bêtes qui ont froid
À ceux qui n’ont connu que la douceur des pierres
Sous la porte d’entrée s’engouffre le bon vent
On entend gazouiller les fleurs du paravent
Le coeur de la forêt qui roule sous la table
Et l’horloge qui bat comme une main d’enfant
Je vivrai là parmi les roses du village
Avec les chiens bergers pareils à mon visage
Avec tous les sarments rejetés sur mon front
Et la belle écolière au pied du paysage.
Helenes Haus
Es bedarf nur der Ackerwinde,
daß Helenes Haus Halt über der Erde finde.
Der Weizen sprießt höher im Lehm auf dem Dach,
ein Baum weidet die Fenster, man sieht, wie gemach
Lämmer sich hinstrecken auf den Stufen,
als seien sie zur Öffnung der Arche berufen.
Eine Lampe streut von weitem ihre Mimose aus.
Sehr spät ziehen die großen Fahrten unter dem Fenster daher,
es sind der Freunde so viele, bei denen weiß man nicht mehr,
wo ihnen das frische Brot, die Sonne und den Blumenstrauß reichen.
Das Blut pickt wie ein Specht die Herzen, die lange nicht weichen.
Ihr Tauben, macht, daß ihr Haus in den Büschen spricht,
beschneit seine Zweige mit dem Weizen aus Licht.
Liebe sei den Tieren geschenkt, die da frieren,
denen, die nichts kennen als der Steine sanftes Gesicht.
Der milde Wind, der sich unter die Eingangstür zwängt,
die Blumen des Wandschirms zu flüstern bedrängt.
Das Herz des Waldes, das unter den Tisch rollt,
die Wanduhr schlägt, wie wenn ein Kind Bälle fängt.
Dort werde ich unter dörflichen Rosen leben,
mich mit Hütehunden, meinesgleichen, abgeben,
mit all den Ranken, die sich mir über die Stirne biegen,
und die schöne Schülerin über den Fuß der Landschaft heben.
Rundgesang
Die Blätter bergen dein Gesicht,
die Wolken deine bangen Träume.
Wo finden wir die lichten Räume,
wo reimt die Seelen das Gedicht?
Mit Wolken ziehen bange Träume,
die Blätter öffnen dein Gesicht.
Die Straße flirrt, der Asphalt staubt,
die Sonne peitscht die toten Augen.
Wo werden wir die Stille saugen
von Lippen, die kein Winter raubt?
Die Straße fließt, ein Brunnen staubt,
die Sonne pflanzt den Toten Augen.
Von toten Träumen glänzt der Schnee,
von Kerzen zittern alte Namen.
Wo finden wir den neuen Samen,
wo pflanzen wir das harte Weh?
Ein Seufzen hebt den warmen Schnee,
zu Kerzen werden alte Namen.
René Guy Cadou, 5 Quai Hoche
La nuit
La ville morte
Et la clé sur la porte
Les malles closes
Derrière ce mur tant de choses
Qu’on n’emporte pas
Tout ce qui perce encore le plafond
La trace chaude de mon front
Sur la vitre mouvante
Les douze coups de l’épouvante
Entre le ciel et moi
Et la lune qui règle la marée des toits
Un pas de plus
Et je tombe entre tes mains
Ma tête roule sur ton épaule
Tout seul
Je n’aurais pas retrouvé mon chemin.
5 Quai Hoche
Nacht.
Tote Stadt.
Der Schlüssel steckt.
Die Koffer gepackt.
So viele Dinge hinter dieser Mauer,
die man nicht wegschafft.
All das, was noch durch die Decke sticht.
Die heiße Spur meiner Stirn
auf dem schwingenden Fenster.
Die zwölf Hiebe des Entsetzens
zwischen dem Himmel und mir.
Und der Mond, der die Gezeiten der Dächer reguliert.
Noch ein Schritt,
und ich falle in deine Hände,
mein Kopf rollt über deine Schulter.
Ganz auf mich gestellt
hätte ich nicht zurückgefunden auf meinen Weg.
Anmerkung:
5 Quai Hoche ist die Adresse der alten Schule in Nantes, die Cadou besucht hat und an der sein Vater zeitweise auch der Lehrer des aufgeweckten Knaben René war. Die Dinge, die man von dort nicht wegschafft, sind füglich die Erinnerungen des Dichters, von denen das Spiegelbild seines Gesichts im schwingenden Fenster und die Hiebe, die er wohl einstecken mußte (ob von seinem Vater, wird nicht verraten, ist aber wahrscheinlich) hervorstechen. Die zweite Strophe deutet auf die Begegnung mit Hélène Cadou, der großen Liebe seines Lebens, der er in Nantes im Umkreis ihrer Brüder, ebenfalls Schüler derselben Schule, begegnet ist. Ein einnehmendes Foto von Mme Cadou und ein kurzer Bericht über die Gedenktafel, die man im Jahre 2008 vor Ort angebracht hat, finden sich auf folgender Webseite:
La blanche école où je vivrai
N’aura pas de roses rouges
Mais seulement devant le seuil
Un bouquet d’enfants qui bougent
On entendra sous les fenêtres
Le chant du coq et du roulier ;
Un oiseau naîtra de la plume
Tremblante au bord de l’encrier
Tout sera joie ! Les têtes blondes
S’allumeront dans le soleil,
Et les enfants feront des rondes
Pour tenter les gamins du ciel
Die weiße Schule meines künftigen Lebens
Die weiße Schule meines künftigen Lebens,
sie hat keine roten Rosen,
nur ein Blumenstrauß liegt auf der Schwelle
von den Kindern, die toben und tosen.
Durch die Fenster dringen
die Rufe des Hahns und der Fuhrleute.
Da schwebt ein Vogel aus der Feder,
die zitternd das Tintenfaß scheute.
Alles wird Freude sein! Die blonden Schöpfe
entzünden sich an der Sonne,
die Kinder schütteln zum Reihen die Köpfe,
um die Bengel im Himmel zu locken.
René Guy Cadou, Hélène
Je t’atteindrai Hélène
À travers les prairies
À travers les matins de gel et de lumière
Sous la peau des vergers
Dans la cage de pierre
Où ton épaule fait son nid
Tu es de tous les jours
L’inquiète la dormante
Sur mes yeux
Tes deux mains sont des errantes
À ce front transparent
On reconnaît l’été
Et lorsqu’il me suffit de savoir ton passé
Les herbes les gibiers les fleuves me répondent
Sans t’avoir jamais vue
Je t’appelais déjà
Chaque feuille en tombant
Me rappelait ton pas
La vague qui s’ouvrait
Recréait ton visage
Et tu étais l’auberge
Aux portes des villages.
Hélène
Ich werde auf dich warten, Hélène,
auf den Wiesen,
während der Morgen frostig ist oder licht,
unter der Schale der Obstgärten,
im Vogelbauer aus Stein,
wo deine Schulter das Nest ist.
Du bist an allen Tagen
die Unruhige, die Schläferin
auf meinen Augen.
Deine beiden Hände irren hin und her
auf dieser durchsichtigen Stirn.
Der Sommer tut sich kund,
und während es mir genügt, um deine Vergangenheit zu wissen,
antworten mir die Gräser, das Wild, die Flüsse.
Ohne dich je gesehen zu haben,
rief ich schon nach dir,
jedes Blatt im Fall
sprach mir von deinem Schritt.
Die Woge, die sich öffnete,
schuf dein Antlitz aufs neu,
du warst die Herberge
bei den Toren der Dörfer.
Eifelmaar
Es waren Pfeile des Lichts,
die trafen durchs Auge ins Herz,
es waren die Ginsterblüten
flatternde Wimpel der Sonne.
Schläfst du noch einmal mit mir
unter dem Goldvlies des Plätscherns,
windest den Flachs deines Haars
in die Wedel des Tangs?
Da steigt aus dem Maar ein Strahl,
das heiße Krähen des Hahns.
Eine Glocke von Maria Laach
beginnt deine Wimpern zu zählen.
Weinst du noch einmal mit mir
durch die Schattensilben des Schilfs,
durch die das Boot des Schlafs
dunkel schluchzend uns trägt?
Da! Die Schattenspiele der Schwalben
im Kreuzgang mit dem Löwenbrunnen,
ein Beter flicht ein Blutbuchenblatt,
sein Herz, in den Rosenkranz.
Singst du noch einmal mit mir
die silbernen Lieder des Geysirs,
wenn die warmen Sonnenlippen
der Ginster über uns schließt?
René Guy Cadou, Femmes d’Ouessant
Un soir de pauvreté comme il en est encore
Dans les rapports de mer et les hôtels meublés
Il arrive qu’on pense à des femmes capables
De vous grandir en un instant de vous lancer
Par-dessus le feston doré des balustrades
Vers un monde de rocs et de vaisseaux hantés
Les filles de la pluie sont douces si je hèle
À travers un brouillard infiniment glacé
Leur corps qui se refuse et la noire dentelle
Qui pend de leurs cheveux comme un oiseau blessé
Nous ne dormirons pas dans des chambres offertes
À la complicité nocturne des amants
Nous avons en commun dans les cryptes d’eau verte
Le hamac déchiré du même bâtiment
Et nous veillons sur nous comme on voit les pleureuses
Dans le temps d’un amour vêtu de cécité
À genoux dans la gloire obscure des veilleuses
Réchauffé de leurs mains le front prédestiné.
Frauen von Ouessant
Ein Abend der Armut, wie es ihn noch immer gibt
im Wechselspiel zwischen dem Meer und den möblierten Hotels,
unvermutet denkt man an die Frauen,
die dich in einem Moment groß machen können,
wenn sie dich über den vergoldeten Feston der Brüstungen
in eine Welt aus Felsen und Geisterschiffen werfen.
Die Regenmädchen sind sanft, wenn ich
aus einem unendlich feinen Nebelfrost
ihren Leib, der sich sträubt, herbeiwinke und die schwarze Spitze,
die aus ihren Haaren hängt wie ein verletzter Vogel.
Wir finden keinen Schlaf in diesen Zimmern,
die der nächtlichen Verschwörung der Liebenden dienen.
Wir teilen in den Krypten des grünen Wassers
nicht die zerrissene Hängematte derselben Behausung.
Wir schauen auf uns, wie man auf die weinenden Frauen schaut
in der Zeit einer Liebe, die Blindheit hüllt,
und knien in der dunklen Glorie der Hüterinnen,
mit der Stirn, dazu erkoren, von ihren Händen gewärmt zu werden.
Entre Louisfert et Saint-Aubin-des-Châteaux
Il y a un ruisseau qu’on nomme le Néant
On le traverse à pied sec
Les yeux secs également
Et l’on marche pressé dans cette nuit soudaine
Qui bave sur les bords
Qui fait mal aux pommiers
Vers un village épais comme un fond de citerne
Juste sous la gouttière de l’éternité
Ah ! que le vin est bon quand l’amitié propose
Qu’il est doux d’écouter et de humer le vent
Quand l’ami parle de canards qui se posent
Là-bas très loin à la surface des étangs
Et comme malgré soi on pense au Téméraire
Qu’on trouva un matin dévoré par les loups
Sur un étang gelé tandis que la lumière
D’un plafond gris et blanc tombe sur nos genoux.
Zwischen Louisfert und Saint-Aubin-des-Châteaux
Zwischen Louisfert und Saint-Aubin-des-Châteaux
fließt ein Bach mit dem Namen „Das Nichts“.
Man kann ihn trockenen Fußes durchstreifen,
auch die Augen bleiben trocken,
und man geht, gebückt unter der plötzlich hereinbrechenden Nacht,
die über die Ufer schwappt
und den Apfelbäumen übel mitspielt,
und gelangt zu einem Dorf, das wie auf dem Grund einer Zisterne liegt,
geradewegs unter der Regenrinne der Ewigkeit.
Ah, wie gut schmeckt der Wein, wenn Freundschaft uns ansinnt,
es sei süß zu lauschen und den Wind zu schnuppern,
wenn der Freund von den Enten erzählt,
die sich ganz fern da unten auf die Teiche niederlassen,
und widerwillig denkt man an den Tollkühnen,
den man eines Morgens auf dem zugefrorenen Teich fand,
von Wölfen zerrissen, während das Licht
von einer schmutziggrauen Zimmerdecke auf unsere Knie fällt.
René Guy Cadou, Des œufs dans la haie
Des œufs dans la haie
Fleurissent l’aubépine
Voici le retour
Des marchands forains
Et qu’un gai soleil
Pailleté d’or fin
Éveille les bois
Du pays voisin
Est-ce le printemps
Qui cherche son nid
Sur la haute branche
Où niche la pie ?
C’est mon cœur marqué
Par d’anciennes pluies
Et ce lent cortège
D’aubes qui le suit
Eier in der Hecke
Eier in der Hecke,
sie blühen im Hagedorn,
da kommen die Händler
zu ihren Buden,
und eine fröhliche Sonne,
mit Pailletten von Feingold,
weckt die Wälder auf
im Heimatgebiet.
Ist das der Frühling,
der sein Nest sucht
auf dem höchsten Zweig,
wo die Elster haust?
Es ist mein Herz, das bebt
aus Regenschauern von einst,
und die dämmernden Sonnen,
seine saumselige Schleppe.
Die Murmel
Nun steh ich wieder im Ewigkeitsblau,
ein Menhir, von Rätseln geschliffen,
ein Knochen, wesenlos, benagt vom Wind.
Ist noch ein Licht in der schwarzen Rose,
ein Finger der roten Wicke,
den Weg zu weisen?
Nun geh ich wieder, gebeugt und verwittert,
zu den Staren, die im Efeu zwitschern,
meine Geburt unterm Schnee zu erfragen.
Ist noch ein Schmerz in der braunen Nuß,
ein Seufzer übrig im Blatt,
den Weg zu weisen?
Nun knie ich wieder im Urzeitlehm
und wühl nach dem Auge, dem Ei,
der Murmel des glühenden Ich.
Ist noch ein Blut am Opferstein,
leuchtender Tropfen der Nacht,
den Weg zu weisen?
René Guy Cadou, Declaration de l’amour
Je t’aime
Je te tiens à mon poing comme un oiseau
Je te promène dans la rue avec les femmes
Je puis te rouer de coups et t’embrasser
Ô poésie
En même temps
T’épouser à chaque heure du jour
Tu es une belle figure épouvantable
Une grande flamme véhémente
Comme un pays d’automne démâté
Tu es ceinte de fouets sanglants et de fumées
Je ne sais pas si tu t’émeus
Je te possède
Je te salis de mon amour et de mes larmes
Je te grandis je te vénère je t’abîme
Comme un fruit patiemment recouvert par la neige.
Liebeserklärung
Ich liebe dich.
Ich halte dich in meiner Faust wie einen Vogel.
Ich geleite dich durch die Straße mit den Frauen.
Ich kann dich verprügeln und dich herzen,
o Dichtung!
Ich kann dich
zu jeder Stunde des Tages heiraten.
Du bist eine schrecklich schöne Erscheinung,
eine große wilde Flamme,
wie eine Herbstlandschaft mit gesenkten Masten.
Du bist umgürtet von blutigen Geißeln und Rauch.
Ich weiß nicht, ob dich etwas rührt.
Ich besitze dich.
Ich besudle dich mit meiner Liebe und meinen Tränen.
Ich mache dich groß, mache dir Ehre, mach dir ein Grab
wie einer Frucht, die der Schnee allmählich zudeckt.
- Pourquoi n’allez-vous pas à Paris ?
- Mais l’odeur des lys ! Mais l’odeur des lys !
- Les rives de la Seine ont aussi leurs fleuristes
- Mais pas assez tristes oh ! pas assez tristes !
Je suis malade du vert des feuilles et des chevaux
Des servantes bousculées dans les remises du château
- Mais les rues de Paris ont aussi leurs servantes
- Que le diable tente ! que le diable tente !
Mais moi seul dans la grande nuit mouillée
L’odeur des lys et la campagne agenouillée
Cette amère montée du sol qui m’environne
Le désespoir et le bonheur de ne plaire à personne
- Tu périras d’oubli et dévoré d’orgueil
- Oui mais l’odeur des lys la liberté des feuilles !
Warum gehen Sie nicht nach Paris?
„Warum gehen Sie nicht nach Paris?“
„Und der Duft der Lilien, den ich verließ?“
„Auch da stehen Blumen, in der Seine Licht.“
„Doch so traurige nicht, so traurige nicht!“
Ich bin krank nach dem Grün der Blätter und den Pferdekruppen,
den Mägden, die drängeln beim Schloß in den Schuppen.
„Mägde gibt es auch in den Straßen von Paris.“
„Schickt sie in das Höllenverlies, das Höllenverlies!“
In großer, feuchter Nacht mein einsames Fliehen,
der Duft der Lilien und das Land auf den Knien.
Der bittere Aufgang der Sonne will mich umwallen,
die Verzweiflung, das Glück, keinem zu gefallen.
„Vergessen wird dein Grab, Hochmut dein Staub.“
„Ja, im Duft der Lilien und der Freiheit Laub!“
René Guy Cadou, Sainte-Reine-de-Bretagne
Sainte-Reine-de-Bretagne
En Brière où je suis né
À se souvenir on gagne
Du bonheur pour des années !
Est-ce toi qui me consoles
Lente odeur des soirs de juin
Le foin mûr des tournesols
Le chant d’un oiseau lointain ?
C’est la pluie ancienne et molle
Qui descend sur le jardin
Et ma mère en robe blanche
Un bouquet dans chaque main.
Sainte-Reine-de-Bretagne
Sainte-Reine-de-Bretagne,
bei Brière, meinem Geburtsort,
mit der Erinnerung wächst
das Glück um Jahre an!
Bist du es, der mich tröstet,
träger Duft der Juniabende,
das reife Heu der Sonnenblumen,
eines fernen Vogels Sang?
Es ist der Regen, weich wie einst,
der auf den Garten niedersinkt
und auf meine Mutter im weißen Kleid,
einen Blumenstrauß in jeder Hand.
René Guy Cadou, Toujours
Tu peux bien m’enfermer
Dans la neige et les fleurs,
Me défendre d’aimer
Une saison nouvelle.
Je regarde le ciel
Et je te porte en moi.
Tu sauves les vergers.
Ton rire mieux qu’une aile
Apprivoise en passant
Une étoile égarée.
Les lièvres les oiseaux
Boivent dans tes prunelles.
Tu es toute la vie,
La glaise et le feuillage.
Si j’écarte le vent
Je trouve ton visage
Dormant comme un ruisseau
Plein de frai lumineux
Ta main va se poser
Sur ma plus haute branche.
Tu plantes des bleuets
Tout autour de mes yeux.
L’océan accompagne
Au loin ta robe blanche.
Immerdar
Du kannst mich gern verschließen
im Schnee und den Blumen,
mir die Liebe verwehren
noch ein weiteres Jahr.
Ich betrachte den Himmel
und trage dich in mir.
Du Retterin der Obsthaine,
dein Lächeln, ein besserer Flügel,
bringt im Vorübergleiten
den verirrten Stern zurück.
Die Hasen, die Vögel,
sie trinken aus deinen Pupillen.
Du bist alles Leben,
der Lehm und das Laub,
wenn ich den Wind beiseiteschiebe,
kommt dein Gesicht zutage,
schlafend wie ein Bach,
voll mit leuchtendem Laich.
Deine Hand findet die Stütze
auf meinen höchsten Zweig.
Du pflanzest mir Kornblumen
im ganzen Gesichtsfeld.
Der Ozean ist der ferne Saum
deines weißen Kleids.
René Guy Cadou, Tout amour
Ah ! pauvre père ! auras-tu jamais deviné quel amour tu as mis en moi
Et combien j’aime à travers toi toutes les choses de la terre ?
Quel étonnement serait le tien si tu pouvais me voir maintenant
À genoux dans le lit boueux de la journée
Raclant le sol de mes deux mains
Comme les chercheurs de beauté !
-Seigneur ! Vous moquez-Vous ? Serait-ce là mon fils ?
Se peut-il qu’il figure à votre palmarès ?
-Ô père ! j’ai voulu que ce nom de Cadou
Demeure un bruissement d’eau claire sur les cailloux !
Plutôt que le plain-chant la fugue musicale
Si tout doit s’expliquer par l’accalmie finale
Lorsque le monde aura les oreilles couchées !
Alle Liebe
Ach, armer Vater, hast du jemals erraten, was für eine Liebe du mir eingepflanzt hast
und wie sehr ich danke deiner alle Dinge der Erde liebe?
Welch ein Erstaunen überkäme dich, könntest du sehen, wie ich mich jetzt
in das schlammige Bett des Tages knie
und mir die Erde von beiden Händen schabe,
Leuten gleich, die auf Schönheit aus sind!
„Mein Herr, Sie belieben zu scherzen! Das soll mein Sohn sein?
Kann es sein, daß er in Ihren Augen den Lorbeer verdient?“
„O Vater, ich wollte, der Name Cadou
bliebe ein Rauschen klaren Wassers über den Kieseln!
Eher eine Fuge als ein Choral,
wenn alles auf ein Finale der großen Ruhe hinauslaufen soll,
weil die Welt die Ohren angelegt hat!“
Natur ist alles, was beißt
Die Sonne verzehrt das Meer.
Das Meer nagt an der Küste.
Der Mond trinkt aus dem Meer.
Die Nacht verdaut den Mond.
Natur ist alles, was beißt –
dich plötzlich heimtückisch anspringt,
kläffend, schnaubend, glotzend,
aus triefenden Lefzen blendende
Elfenbeinfänge dir in die Wade schlägt.
War es ein Hund, ein Werwolf, ein Gespenst,
das sich im grauen Dunst über dem Tal
selbst entzündet und zu deinem warmen Blut
mit rauschlosen Flügeln gefunden hat?
Natur ist alles, was beißt –
alles, was krabbelt und wabbelt,
schnüffelt und schnuppert,
schlabbert, sudelt und schlürft,
alles, was mit Fühlern und Saugern,
Augen und Antennen,
Poren und Ohren
den weichen Rist, die Aprikosenwade
ortet und vermißt –
mit hörnenen Griffeln, mit lurchigen Schnorcheln,
mit Tatzen und Striemen malenden Pratzen
den abgezwackten Brocken, die abgehackte Flosse
in die Höhle der Höhlen stopft.
Natur ist alles, was beißt –
und zerfetzt und zersetzt
im Fleischwolf der großen Analyse,
nach der die schöne Gestalt,
entgliedert, geseiht und entschlackt,
als toter Wurm der Formlosigkeit
in die Nacht der nichtigen Wahrheit klatscht.
Und doch zerlöst der Magensaft
des Sonnentaus nicht dionysisch sich selbst –
die bacchische Träne nährt
die apollinische Eigen-Gestalt
der blühenden Sonne, des Pferdeauges und
eines von dunklen Liedern blutenden Munds.
Natur ist alles, was beißt –
erst Witterung aufnimmt und sich heranpirscht,
Tatze für Tatze, Wirbel um Wirbel,
speicheldrüsig, giftschäumig,
dann sich auf die Lauer legt, spitzen Ohrs,
straffen Lids, mit Blicken tastend, geckend, neckend
– ein Schatten zuckt,
das Gerippe, das Gehäuse, die Kalotte ganz ausgeräumt,
das Aas umgestülpt bis ins leuchtende Gedärm,
wie ist es, ward die Blutkruste aus dem Fell geleckt,
das Pfötchen manierlich trockengezüngelt,
wie ist das Leben friedlich und sanft,
wenn es verdaut,
wenn die überdrüssigen Augen sinnlos
über die graue Schiefertafel des Regens rollen.
Natur ist alles, was beißt –
und du bleibst wach an der Wunde,
das Gedächtnis der Wunde,
und denkst ihrem Glucksen und Raunen nach,
wanderst mit ihr im Traum
über den ganzen Kontinent deines Leibs,
die traurige Heide und das von Menhiren
bewachte Urstromtal,
erwacht in meinen Armen schaust du
mit deinen Ich-armes-Teufeli-Augen,
die sich nur unter den welken Blättern
herabgefallener Küsse einmal schließen,
dabei lockert dich schon ein Kribbeln,
ein fein sich runzelndes Lächeln,
das über der Stelle glänzt,
wo der böse Hund dir
zu einer Narbe verhalf,
eines denkenden Liedes nicht unwert.
und mich leset,
o ihr Blüthen von Deutschland
La poésie
Je te cherche sous les racines de mon cœur
Comme un enfant à l’intelligence retardée qui a peur
D’entrer dans l’eau qui parle seul et fait bouger ses mains
« Ô mon Dieu permettez que cette eau ne me broie pas comme Votre Moulin »
Je m’attarde résolument près des colchiques et des saules
Laissez-moi regarder par-dessus votre épaule
La route qui poudroie et l’herbe qui verdoie
Sans désirer jamais autre chose que cela
Mais Dieu qui n’entend pas l’amour de cette oreille
« Tu descendras au fond de toi et je surveille
Tes allées et venues Tu me dois de trouver
Dans l’eau de mes regards la noisette tombée »
Les yeux vagues ainsi qu’un veilleur de frontière
De songerie malade et de sens abîmés
Je plonge doucement mes mains dans la lumière
Sans penser un instant à les en retirer
Car il me plaît d’aider un corps qui s’aventure
Et cherche par delà sa forme préférée
Le spectacle d’une âme aveugle qui murmure
Le long du mur en pierre de l’éternité.
Die Dichtung
Ich suche dich unter den Wurzeln meines Herzens,
wie ein geistig zurückgebliebenes Kind, das Angst hat,
ins Wasser zu steigen, das vor sich hin spricht und seine Hände dabei schüttelt:
„Lieber Gott, mach, daß mich dies Wasser nicht zermahlt wie Dein Esel.“
Ich verspäte mich gern bei den Herbstzeitlosen und den Weiden.
Laß mich über deiner Schulter erblicken
den Weg, der staubt, und das Gras, das grünt,
diesem allein, nichts sonst mehr gelte mein Verlangen.
Aber Gott, der für die Liebe taub ist auf diesem Ohr:
„Du steigst in deinen Grund hinab und ich bewache
dein Kommen und Gehen. Du sollst mir im Wasser
meiner Blicke die Nuß finden, die hineinfiel.“
Meine Augen gehen ins Ungewisse wie die eines Wächters der Grenze,
kranker Träumerei und lädierter Sinne.
Ich tauche meine Hände sanft ins Licht,
ohne einen Moment daran zu denken, sie wieder zurückzuziehen.
Denn mir gefällt es, einem Körper beizustehen, der sich auf Abenteuer einläßt,
und ich suche hinter seiner Lieblingsgestalt
das Schauspiel einer blinden Seele, die raunt entlang
der Mauer aus dem Stein der Ewigkeit.
Wir nennen poetologische Gedichte solche Gedichte, die wie der römische Brunnen, dessen Wasser von Schale zu Schale fällt und so ein mehrfaches Echo seiner selbst erzeugt, sich gleichsam selbst belauschen und den Eindruck und den Sinn ihres Daseins in einem Spiegel auffangen, der wie der Schatten der Weide im Wasser ihre Gestalt verrät, aber auch trügerisch verwischt.
Wenn wir einen unwegsamen Pfad gehen – und Dichtung könnte der unwegsame Pfad heißen, den sie nicht nur geht, sondern ins Unbekannte hineinspricht –, so achten wir auf Hindernisse und plötzlich hervortretende Schatten, vor denen wir ängstlich zurückschrecken, aber auch auf zarte Lichtreflexe zwischen den Büschen und Gräsern, die die Aussicht auf eine Lichtung oder die Ruhe und das Stillen unseres Durstes an einem Gewässer verheißen.
Wenn wir auf das achten, was wir tun, sind wir mit den Gedanken bei der Sache. Wenn wir achtlos den Fuß auf Moos und Schnecke setzen, haben wir uns bald verirrt.
Wir sagen, der Art der Besinnung, die sich auf das richtet, was wir unmittelbar tun und erfahren, artikulierte Gestalt und transparenten Gehalt zu geben, sei der Grundzug des abendländischen Geistes, der sich vor allem in der Philosophie, aber auch in der Dichtung entfaltet, und gerade in der Dichtung, die wir poetologisch zu nennen berechtigt sind.
Wir können auch umgekehrt von dem ausgehen, was uns die Dichtung auf ihren unwegsamen Pfaden von Sappho an immer wieder und in einer verschwenderischen Fülle zeigt und darbietet, eine Fülle, die manchmal eine allzu glühende Sonne üppig gemacht oder ausgebleicht hat: Blüten und Früchte.
Warum Blüten, warum Früchte? Sie sind die Worte der Dichtung, mit denen sie uns mit dem Sinn des menschlichen Daseins wieder verbindet, wieder versöhnt. Blumen und Blüten bezeichnen die Schönheit, das Zeichen des Glücks und des gelingenden Lebens in der Liebe. Früchte und ihre kulturellen Abkömmlinge, allen voran Brot und Wein, bezeichnen die menschliche Gemeinschaft, in all ihrer Macht und all ihrer Gefährdung, denn sie werden auf dem Tisch des gemeinsamen Mahls und des gemeinschaftlichen Festes angerichtet, an dem wir teilnehmen oder teilzunehmen hoffen.
Gewiß, die Blüten vergehen, ehe man es gedacht, so manche Blume verbreitet einen betäubenden Duft. Gewiß, die Früchte verfaulen leicht, und so manche Frucht birgt einen Wurm oder ist giftig. Und gewiß verlockt ein gemeinschaftliches Glück den neidischen Nachbarn zu bösen Verleumdungen oder tückischen Übergriffen, und ein Judas findet sich immer am Tisch, der den Gastgeber verraten wird.
Wir sind frei und geneigt, das karge Dasein im Garten lieblicher, freundlicher, leuchtender zu gestalten, wir sind frei und geneigt, die Freunde zum Fest zu laden und sie mit Brot und Wein zu bewirten. Der Dichter, der in dürftiger Zeit um die entschwundene Geliebte oder die verlorenen Freunde klagt, beschwört mit nichts als der Zaubermacht der Worte ihre Heimkehr zu jenem Fest, auf dessen Tisch seine Blüten leuchten und seine Früchte locken – und wiederum sind es nur Worte, ist es die prophetische Macht dieser Worte, die da leuchten und locken.
Den hierzulande leider unbekannten französischen Dichter René Guy Cadou, von den Düften und Klängen und Himmelszeichen seiner Heimat in der Bretagne und an der Loire genährt, sehen wir in der sublimen Technik der Verwendung inkarnierter Bilder und Metaphern als Enkel der Symbolisten und in der Suche nach der menschlichen Wahrheit jenseits des artifiziellen Spiels als Erben Hölderlins.
In dem Gedicht „La poésie“ sieht sich der Dichter in der Gestalt des einfältigen Kindes, das angesichts der Angst der Welt einen Gott um Rettung anruft, die ihm, dem Dichter, verwehrt bleibt. Er möchte wohl am Ufer des Wassers, das dem einfältigen Kind Angst einjagt, in bukolischer Unschuld verweilen unter den Herbstzeitlosen und den Weidenbäumen. Ja, er fleht Gott an, über seine Schulter auf den Staub der Straße und das Grün der Gräser blicken zu dürfen:
Je m’attarde résolument près des colchiques et des saules
Laissez-moi regarder par-dessus votre épaule
La route qui poudroie et l’herbe qui verdoie
Sans désirer jamais autre chose que cela
Ich verspäte mich gern bei den Herbstzeitlosen und den Weiden.
Laß mich über deiner Schulter erblicken
den Weg, der staubt, und das Gras, das grünt,
diesem allein, nichts sonst mehr gelte mein Verlangen.
Wir müssen zum Verständnis auf das Märchen „La Barbe bleue“ aus der Sammlung „Les Contes de ma mère l’Oye“ von Charles Perrault aus dem Jahre 1697 verweisen, aus dem Cadou fast wörtlich zitiert (und dies nicht nur in diesem Gedicht). Es ist die Stelle, an der die von Blaubart ob ihres Ungehorsams mit dem Tode bedrohte Gattin ihre Schwester Anna, die auf einem hohen Turm der Burg nach Rettung durch ihre Freunde Ausschau hält, mit den Worten anruft:
Anne, ma sœur Anne, ne vois-tu rien venir ?
Anna, Schwester Anna, siehst du niemanden kommen?
Und Anna antwortet:
Je ne vois rien que le soleil qui poudroie, et l’herbe qui verdoie.
Ich sehe nur die Sonne, die Staub aufwirbelt, und das Gras, das grünt.
Der Dichter spricht also mit den Worten Annas, doch der Gott der Dichtung verwehrt ihm die Aussicht und die Bitte: Weder das Verweilen in bukolischer Stimmung noch die Beschwörung märchenhafter Erlösung sind ihm gegönnt. Er muß tiefer steigen, in sich selbst hinabsteigen, wie Gott befiehlt. Und Gott hat ein prüfendes Auge auf sein Tun und Lassen.
Wie in den alten Riten der Initiation ist dem Dichter ein Abenteuer aufgetragen, das hier mit dem enigmatischen Geheiß Gottes angedeutet wird, die herabgefallene Nuß zu finden. Um diesem Auftrag gewappnet zu sein, verwandelt sich der Dichter in einen Wächter, der die Grenze bewacht, aber auch auf der Hut ist vor krankhafter Träumerei und der verderblichen Wirkung trüber Sinne. Welche Grenze? Nun, die des schwachen Menschen, der sich leicht in romantische Träumerei verliert und vertändelt, der seine Sinne nicht schärft, um zu finden, was es zu finden gilt.
In solcher Weise gefaßt, wagt es der Dichter den neuen unbetretenen Weg zu gehen und seine Hände in das Licht zu tauchen, ohne der eingangs dem einfältigen Kinde widerfahrenen panischen Angst vor der Auflösung zu erliegen. Er ist erstarkt und ermannt zum Helfer seiner selbst, der sich zum letzten Abenteuer anschickt (im Vers „Car il me plaît d’aider un corps qui s’aventure“ hören wir einen leisen Nachhall der mittelalterlichen „Aventiure“).
Nun findet er, was zu suchen ihm der göttliche Befehl aufgetragen, „die herabgefallene Nuß“: Es ist die eigene Seele, die blind wie der Seher ihre Sprüche, das Gedicht, vor sich hinmurmelt, während sie an der Mauer der Ewigkeit, der Mauer des Paradiesgartens, entlangtastet.
Es ist keine Rede davon, daß die Dichtung wieder ins Innere des Gartens findet, wo sich die entschwundene Geliebte und die verlorenen Freunde zum Festmahl versammeln. Es wird dieses Äußerste diskret verschwiegen. Aber in diesem Schweigen und in diesem Raunen und Murmeln wird es beschworen.
René Guy Cadou, Le coquelicot
Toi qui fus le chant de la plaine
La fraîche tentation des blés
L’amande douce des cocardes
Au loin la crête des clochers
Ô fleur des temps à venir
Fleur du crime
Fleur de sang sur la lèvre épaisse du sillon
Fleur jetée à travers tant et tant de poitrines
Fleurs des démolitions
Ô double végétal des coqs
Cri de la meule
Balafre de clarté au front du petit jour
Fleur ouverte en plein vent
Fenêtre de verdure
Âme du fusillé tournée contre le mur
Sœur Anne des plus hautes tours
Les hommes t’ont nourrie qui dorment sous les pierres
Et de leur longue nuit tu rougis tes paupières
Les morsures de l’eau t’apprennent à souffrir
Tu offres tes cinq plaies pour notre repentir
Ô fleur je t’ai gardée mes mains et mon visage
Qu’ils servent à jamais pour un meilleur usage
Et que tout mon passé rejaillisse sur toi
Fleur grave fleur des champs béante à son corsage.
Der Klatschmohn
Du warst das Lied der Ebene,
die frische Verlockung des Weizens,
die süße Mandel der Kokarden,
die Haube des Kirchturms in der Ferne.
O du Blume kommender Zeit,
Blume des Verbrechens,
Blutblume auf der dicken Lippe der Furche,
Blume, die geworfen wird durch so viele Brüste,
Blume der Zertrümmerung,
o doppeltes Gewächs der Hähne,
Schrei des Mühlsteins,
Narbe der Klarheit auf der Stirn des Morgens,
Blume, ganz geöffnet dem Wind,
grünes Fenster,
Seele des Erschossenen, an die Mauer gelehnt,
Schwester Anna auf dem allerhöchsten Turme,
Menschen, die unter den Steinen schlafen, haben dich genährt,
und an ihrer langen Nacht rötest du deine Augenlider,
die Bisse des Wassers lehren dich das Leid,
du öffnest deine fünf Wunden um unserer Reue willen.
O Blume, ich habe dir bewahrt meine Hände und mein Gesicht,
auf daß sie für immer dem Besseren dienen
und meine Vergangenheit ganz auf dich zurückfalle,
Blume, ernste Blume der Felder, klaffend in ihrer Korsage.
René Guy Cadou, La solitude
Avec une feuille tombée
Avec le trop plein d’un seau
Avec cette lampe aux œufs d’or
Sur la desserte de la neige
Quand il a bien fait froid dehors
Avec une route où s’avance
Un cheval qui n’est pas d’ici
Avec l’enfant glacé tout seul
Dans un autocar de rêve
Avec des villes consumées
Dans le désert de ma mémoire
Un ciel d’épines et de craie
Où le soleil ne vient plus boire
Avec l’idiot désemparé
Devant ses mains qui le prolongent
Et dont le cœur comme une oronge
Suscite un désir de forêt
Avec toi qui me dissimules
Sous les tentures de ta chair
Je recommence le monde.
Die Einsamkeit
Mit einem herabgefallenen Blatt,
einem überschwappenden Eimer,
dieser Lampe mit den Eiern aus Gold
auf dem Abstelltisch des Schnees,
wenn es draußen schon recht kalt ist,
mit der Straße, wo ein Pferd sich nähert,
das nicht von hier stammt,
mit einem Kind, starr vor Alleinsein
im Reisebus des Traums,
mit Städten, verbrannt
in der Wüste meiner Erinnerung,
einem Himmel aus Dornen und Kreide,
aus dem die Sonne nicht mehr trinkt,
mit dem Idioten, ratlos angesichts
seiner Hände, die ihn verlängern,
und dessen Herz wie ein duftender Pilz
die Sehnsucht nach dem Wald erregt,
mit dir, die du mich versteckst
hinter den Wandteppichen deines Fleisches,
beginne ich die Welt aufs neue.
René Guy Cadou, La poésie
Je te cherche sous les racines de mon cœur
Comme un enfant à l’intelligence retardée qui a peur
D’entrer dans l’eau qui parle seul et fait bouger ses mains
« Ô mon Dieu permettez que cette eau ne me broie pas comme Votre Moulin »
Je m’attarde résolument près des colchiques et des saules
Laissez-moi regarder par-dessus votre épaule
La route qui poudroie et l’herbe qui verdoie
Sans désirer jamais autre chose que cela
Mais Dieu qui n’entend pas l’amour de cette oreille
« Tu descendras au fond de toi et je surveille
Tes allées et venues Tu me dois de trouver
Dans l’eau de mes regards la noisette tombée »
Les yeux vagues ainsi qu’un veilleur de frontière
De songerie malade et de sens abîmés
Je plonge doucement mes mains dans la lumière
Sans penser un instant à les en retirer
Car il me plaît d’aider un corps qui s’aventure
Et cherche par delà sa forme préférée
Le spectacle d’une âme aveugle qui murmure
Le long du mur en pierre de l’éternité.
Die Dichtung
Ich suche dich unter den Wurzeln meines Herzens,
wie ein geistig zurückgebliebenes Kind, das Angst hat,
ins Wasser zu steigen, das vor sich hin spricht und seine Hände dabei schüttelt:
„Lieber Gott, mach, daß mich dies Wasser nicht zermahlt wie Dein Esel.“
Ich verspäte mich aus freien Stücken bei den Herbstzeitlosen und den Weiden.
Laß mich über deiner Schulter erblicken
den Weg, der staubt, und das Gras, das grünt,
nur diesem, nichts sonst mehr gelte mein Verlangen.
Aber Gott, der für die Liebe taub ist auf diesem Ohr:
„Du steigst in deinen Grund hinab und ich bewache
dein Kommen und Gehen. Du sollst mir im Wasser
meiner Blicke die Nuß finden, die hineinfiel.“
Meine Augen gehen ins Ungewisse wie die eines Wächters der Grenze,
kranker Träumerei und lädierter Sinne.
Ich tauche meine Hände sanft ins Licht,
ohne einen Moment daran zu denken, sie wieder zurückzuziehen.
Denn mir gefällt es, einem Körper beizustehen, der sich auf Abenteuer einläßt,
und ich suche hinter seiner Lieblingsgestalt
das Schauspiel einer blinden Seele, die raunt entlang
der Mauer aus dem Stein der Ewigkeit.
René Guy Cadou, La bête humaine
Je me suis fait tes yeux
Pour t’aimer davantage
Pour être près de moi
Tu manges dans ma main
Cette ombre est à nous deux
Voici le pain
Partage
On dort
Le trou bleu dans le toit fait partie du décor
La paille est fraîche
Je ne sais si c’est toi ou le vent
Qui me lèche
Tout est déjà lointain
Je rêve
Et tu m’attends derrière le matin.
Das Menschentier
Ich habe mir deine Augen gemacht,
um dich noch mehr zu lieben.
Um mir nahe zu sein,
ißt du mir aus der Hand.
Dieser Schatten reicht für uns beide.
Nimm das Brot,
teile es.
Alles schläft.
Das blaue Loch im Dach ist Teil der Kulisse.
Das Stroh ist frisch.
Ich weiß nicht, bist du es oder der Wind,
der mich leckt.
Alles ist ferngerückt.
Ich träume.
Und du wartest auf mich hinter dem Morgen.
René Guy Cadou, Chambre de la douleur
La porte est bien fermée
Une goutte de sang reste encore sur la clé
Tu n’es plus là mon père
Tu n’es pas revenu de ce côté-ci de la terre
Depuis quatre ans
Et dans la chambre je t’attends
Pour remailler le filets bleus de la lumière
La première année j’eus bien froid
Bien du mal à porter la croix
Et j’usai mes belles mains blanches
À raboter mes propres planches
Déjà prêt à partir sans toi
Puis ce fut le printemps la pâque
Je te trouvai au fond de chaque
Sillon dans chaque grain de blé
Et dans la fleur ouverte aux flaques
Impitoyables de l’été
Jamais plus les oiseaux n’entreront dans la chambre
Ni le feu
Ni l’épaule admirable du soir
Et l’amour sera fait d’autres mains
D’autres lampes
Ô mon père
Afin que nous puissions nous voir
Zimmer des Schmerzes
Die Tür ist wohlverschlossen,
ein Blutstropfen hängt noch am Schlüssel.
Du bist nicht mehr hier, mein Vater,
du bist seit vier Jahren
nicht mehr ins Diesseits der Erde gelangt,
und im Zimmer warte ich auf dich,
um die blauen Maschen des Lichts aufzunehmen.
Im ersten Jahr war mir kalt,
ich konnte das Kreuz kaum tragen
und ich gebrauchte meine schönen weißen Hände,
um meine eigenen Planken zu hobeln,
schon bereit, ohne dich aufzubrechen.
Dann war im Frühjahr Ostern,
ich fand dich am Grund einer jeden
Furche, in jedem Weizenkorn
und in jeder Blume, die sich aufgetan hatte
für die unerbittlichen Pfützen des Sommers.
Nie wieder drangen die Vögel in das Zimmer,
nie wieder das Feuer,
nie die prachtvolle Schulter des Abends.
Und die Liebe wird aus anderen Händen bestehen,
anderen Lampen,
o mein Vater,
auf daß wir uns sehen können.
René Guy Cadou, Art poétique
Quand ce sera la nuit
Et toi tout seul dans une vieille limousine
Quelque part sur une route de forêt
Quand ce sera la nuit noire
Ô mon Poète aie garde d’allumer tes phares
Appuie de toutes tes forces sur le champignon de la beauté
Sans rien savoir
Et sans souci du flot battant ton pare-brise
Enfonce-toi comme un noyé dans la nuit rageuse qui grise
Tu as perdu la direction
Le Nord l’étoile les feux de position
Et tu sens soudain un grand choc
Tu es couché tout près de toi dans la verdure
Tu es comme mille petits trous de serrure
Qui regardent
Dans ta tête éclatée
Les éléments épars de la beauté
Et qui viendrait te chercher là
Quand tu disposes de toi-même
Secrètement pour un destin
Qui ne peut plus te laisser seul
N’appelle pas
Mais entends ce cortège innombrable de pas.
Ars poetica
Wenn es Nacht ist
und du sitzt allein in einer Limousine,
irgendwo auf einem Waldweg,
wenn es schwarze Nacht ist,
o mein Dichter, denke daran, deine Scheinwerfer anzumachen,
drück mit all deiner Kraft auf die Tube der Schönheit,
ohne etwas zu wissen
und ohne Angst vor der Flut, die gegen die Windschutzscheibe klatscht,
tauch wie ein Ertrunkener ein in die wütende Nacht, die berauscht.
Du hast die Orientierung verloren,
den Norden, den Stern, die Positionslichter,
und du fühlst plötzlich eine Erschütterung,
du liegst direkt neben dir im Gras,
du bist wie tausend kleine Öffnungen in einem Türschloß,
die aus deinem zersplitterten Kopf schauen,
die verstreuten Elemente der Schönheit.
Und wer käme, dich dort zu finden,
wenn du dich heimlich
für ein Schicksal entschieden hast,
wer dich nicht länger allein lassen kann,
ruft es nicht herbei,
sondern hört dieses Gefolge von unzähligen Schritten.
René Guy Cadou, La Fleur Rouge
A la place du ciel
Je mettrai son visage
Les oiseaux ne seront
Même pas étonnés
Et le jour se levant
Très haut dans ses prunelles
On dira: “le printemps
Est plus tôt cette année?”
Beaux yeux, belle saison
Viviers de lampes claires
Jardins qui reculez
Sans cesse l’horizon
On fait déjà les foins
Le long de ses paupières
Les animaux peureux
Viennent à la maison
Je n’ai jamais reçu
Tant d’amis à ma table
Il en vient chaque jour
De nouvelles étables
L’un apporte sa faim
Un autre la douleur
Nous partageons le peu
Qui reste tous en choeur
Qu’un enfant attardé
Passe la porte ouverte
Et devinant la joie
Demande à me parler
Pour le mener vers moi
Deux mains se sont offertes
Si bien qu’il a déjà
Plus qu’il ne désirait
La chambre est encombrée
De rivières sauvages
Dans le foyer s’envole
Une épaisse forêt
Et la route qui tient
En laisse les villages
Traîne sa meute d’or
Jusque sous les volets
Tous mes fruits merveilleux
Tintent sur mon épaule
Son sang est sur ma bouche
Une flûte enchantée
Je lui donne le nom
De ma première enfance
De la première fleur
Et du premier été
Die rote Blume
An den Himmel will ich
pflanzen ihr Angesicht.
Das wird die Vögel
gar nicht wundern.
Und wenn der Tag sehr hoch
in ihren Pupillen steigt,
fragt man: „Kommt der Frühling
in diesem Jahre so früh?“
Schöne Augen, schöne Jahreszeit,
Fischteiche klarer Lampen,
Gärten, die ihr unaufhörlich
den Horizont verschieben sollt.
Man mäht schon das Heu,
entlang ihren Lidern
kommen die bangen Tiere
endlich nach Haus.
So viele Freunde
gesellten sich nie zu mir,
jeden Tag kommt einer
aus einem anderen Stall.
Der eine bringt seinen Hunger,
der andere den Schmerz,
wir teilen das Wenige,
das dem ganzen Chore bleibt.
Möge ein verspätetes Kind
das Tor offen finden
und die Freude ahnend
mich zu reden bitten,
es zu mir zu führen,
sind zwei Hände geöffnet,
sodaß es mehr schon hat,
als es verlangt.
Das Zimmer ist überflutet
von wilden Bächen,
am Herd steigt empor
ein dichter Wald.
Die Straße, die an der Leine
die Dörfer führt,
treibt ihr Rudel aus Gold
bis zu den Fensterläden.
All meine Wunderfrüchte
bimmeln auf meiner Schulter.
Ihr Blut ist auf meinem Mund
eine magische Flöte.
Ich geb ihr den Namen
meiner frühen Kinderzeit,
der ersten Blume
und des ersten Sommers.
René Guy Cadou, La nuit
La nuit ! La nuit surtout je ne rêve pas je vois
J’entends je marche au bord du trou
J’entends gronder
Ce sont les pierres qui se détachent des années
La nuit nul ne prend garde
C’est tout un pan de l’avenir qui se lézarde
Et rien ne vivra plus en moi
Comme un moulin qui tourne à vide
L’éternité
De grandes belles filles qui ne sont pas nées
Se donneront pour rien dans les bois
Des hommes que je ne connaîtrai jamais
Battront les cartes sous la lampe un soir de gel
Qu’est-ce que j’aurai gagné à être éternel ?
Les lunes et les siècles passeront
Un million d’années ce n’est rien
Mais ne plus avoir ce tremblement de la main
Qui se dispose à cueillir des œufs dans la haie
Plus d’envie plus d’orgueil tout l’être satisfait
Et toujours la même heure imbécile à la montre
Plus de départs à jeun pour d’obscures rencontres
Je me dresse comme un ressort tout neuf dans mon lit
Je suis debout dans la nuit noire et je m’agrippe
À des lampions à des fantômes pas solides
Où la lucarne ? Je veux fuir ! Où l’écoutille ?
Et je m’attache à cette étoile qui scintille
Comme un silex en pointe dans le flanc
Ivrogne de la vie qui conjugue au présent
Le liseron du jour et le fer de la grille.
Die Nacht
Die Nacht! Die Nacht vor allem, ich träume nicht, ich sehe,
ich höre, ich gehe am Rand des Lochs,
ich höre es dröhnen,
das sind die Steine, die von den Jahren bröckeln,
die Nacht gibt kein Obdach,
ein großes Mauerstück der Zukunft bekommt Risse,
und nichts mehr lebt in mir,
wie eine Mühle, die im Leeren mahlt
die Ewigkeit.
Große, schöne Mädchen, noch ungeboren,
werden sich in den Wäldern hingeben für nichts,
Männer, die ich nie kennenlernen werde,
eines frostigen Abends Karten klopfen im Lampenlicht.
Was hätte ich davon, unsterblich zu sein?
Die Monde und Zeitalter ziehen dahin,
eine Jahrmillion, das ist nichts.
Doch ohne dies Zittern der Hand,
die sich anschickt, die Eier in der Hecke aufzulesen,
keine Gelüst mehr, kein Stolz, alles Sein wäre satt,
und Tag für Tag dieselbe blöde Stunde auf der Uhr,
keine nüchternen Aufbrüche mehr zu obskuren Treffen?
Ich richte mich in meinem Bett auf wie eine straffe Feder,
ich stehe aufrecht in der schwarzen Nacht und klammere mich
an Lampions, an schwankende Phantome.
Wo ist das Dachfenster? Ich will fliehen! Wo die Luke?
Ich halte mich an dieses Sternes Schimmern,
wie ein Wurfstein, der in der Flanke steckt,
betrunken vom Leben, das jetzt knüpft
des Tages Ackerwinde um das Eisengitter.
René Guy Cadou, La soirée de décembre
Amis pleins de rumeurs où êtes-vous ce soir
Dans quel coin de ma vie longtemps désaffecté ?
Oh ! je voudrais pouvoir sans bruit vous faire entendre
Ce minutieux mouvement d’herbe de mes mains
Cherchant vos mains parmi l’opaque sous l’eau plate
D’une journée, le long des rives du destin !
Qu’ai-je fait pour vous retenir quand vous étiez
Dans les mornes eaux de ma tristesse, ensablés
Dans ce bief de douceur où rien ne compte plus
Que quelques gouttes d’une pluie très pure comme les larmes ?
Pardonnez-moi de vous aimer à travers moi
De vous perdre sans cesse dans la foule
O crieurs de journaux intimes seuls prophètes
Seuls amis en ce monde et ailleurs !
Die Abendgesellschaft im Dezember
Ihr Freunde mit dem Sack voller Gerüchte, wo steckt ihr heut Abend,
in welchem Winkel meines lang schon abgelebten Lebens?
O, könnte ich doch euch ohne Laut hören lassen
das feine Rieseln der Gräser meiner Hände,
indem ich eure Hände im Lichtlosen suche, unterm flachen Wasser
eines Tages, langhin an den Ufern des Schicksals!
Was tat ich nicht, euch zurückzuhalten, als ihr in den trüben Wassern
meiner Traurigkeit wart, versandet
in der Staustufe der Sanftheit, wo nur eines zählt,
ein paar Tropfen eines Regens, ganz rein wie die Tränen?
Verzeiht mir, wenn ich euch in mir selbst geliebt,
euch unablässig in der Menge verlor,
o Ausrufer intimer Tagebücher, wahre Propheten,
wahre Freunde in dieser und der anderen Welt!
René Guy Cadou, L’air bleu
Tout est en l’air
Il y a des oiseaux qui volent de travers
On ouvre la fenêtre
Un instant
Tu verras ta tête disparaître
Et tes mains suspendues derrière le coteau
Comme c’était dimanche
Il a fait jour plus tôt
Le soleil se dévide
On a mis des bouquets au creux des lampes vides
Maintenant je t’écoute
Avec toi
C’est un peu le grand vent sur la route
Et je colle à ta peau
À deux doigts de ton coeur
Il fait chaud
Blauer Himmel
Die Luft ist voll Gewimmel,
Vögel stürzen durch den Himmel,
das Fenster wird aufgeschlossen,
und schon
siehst du, dein Kopf ist weggeschossen,
und deine Hände hinter den Hügel gehängt,
als wäre Sonntag,
wenn der Tag früher anfängt,
die Sonne haspelt sich von der Spule,
man legte den leeren Lampen Blumen in die Kuhle.
Ich höre dich jetzt,
mit dir
hat sich der große Wind ein wenig abgehetzt,
ich bin auf deiner Haut der Schweiß,
auf zwei Fingern deines Herzens,
es ist heiß.
René Guy Cadou, Le chant de solitude
Laissez venir à moi tous les chevaux toutes les femmes et les bêtes
bannies
Et que les graminées se poussent jusqu’à la margelle de mon établi
Je veux chanter la joie étonnamment lucide
D’un pays plat barricadé d’étranges pommiers à cidre
Voici que je dispose ma lyre comme une échelle à poules contre le ciel
Et que tous les paysans viennent voir ce miracle d’un homme qui
grimpe après les voyelles
Étonnez-vous braves gens ! car celui qui compose ainsi avec la Fable
N’est pas loin de trouver place près du Divin dans une certain
Étable !
Et dites-vous le soir quand vous rentrez de la foire aux conscrits ou
bien des noces
Que la lampe qui brûle à l’avant du pays très tard est comme la
lanterne d’un carrosse
Ou d’un navire bohémien qui déambule
Tout seul dans les eaux profondes du crepuscule
Que mon Chant vous atteigne ou non ce n’est pas tant ce qui
importe
Mais la grande ruée des terres qui sont vôtres entre le soleil et ma
porte
Les fumures du Temps sur le ciel répandues
Et le dernier dahlia dans un jardin perdu !
Dédaignez ce parent bénin et maudissez son Lied !
Peut-être qu’un cheval à l’humeur insolite
Un soir qu’il fera gris ou qu’il aura neigé
Posera son museau de soleil dans mes vitres.
Das Lied von der Einsamkeit
Laßt alle Pferde zu mir kommen, alle Frauen und die Tiere,
die verbannten,
und mögen die Gräser wuchern bis zum Brunnenrand meines Schreibtischs,
ich will die Freude besingen, die über die Maßen leuchtet
in dem flachen Land, das verwunschen liegt unter Apfelbäumen für den Most,
seht einmal, ich lehne meine Leier wie eine Hühnerleiter an den Himmel,
und all die Bauern eilen herbei, den Wunder-Mann zu sehen,
der hinauf zu den Früchten der Vokale klettert,
staunt nur, gute Leute, denn wer sich so gut mit dem Märchen stellt,
wird bald seinen Platz finden nahe dem Göttlichen
in jenem besonderen Kuhstall!
Und sagt euch nur abends, wenn ihr heimkehrt vom Markt der Rekruten oder
gar der Brautleute,
daß die Lampe, die über dem Land so spät noch glimmt, wie
eine Laterne an einer Kutsche ist
oder an einem Boot von Zigeunern, das treibt
ganz allein auf den tiefen Wassern des Sonnenuntergangs,
daß es nicht so sehr darauf ankommt, ob mein Lied
euch erreicht oder nicht,
es zählt nur der große Ansturm auf die Länder, die euch gehören zwischen der Sonne
und meinem Hafen,
die Dünger der Zeit, die ausgestreut sind über den Himmel,
und die letzte Dahlie im vergessenen Garten!
Verachtet nur euren harmlosen Verwandten und verwünscht sein Lied!
Es könnte wohl so kommen, daß ein Pferd mit ausgefallenem Humor
eines Abends, wenn es trübe ist oder geschneit hat,
seine Sonnenschnauze in mein Fenster steckt.
René Guy Cadou, La fleur de l’âge
Voici le jour naissant
Houblon de la lumière
Le frou-frou des paupières
Et le premier passant
Sous le rêve encore chaud
La conscience chemine
Et déjà le soleil
Gonfle ses étamines
On marche sans penser
Vers un destin plus clair
L’oiseau lit son passé
Dans la paume de l’air
Les voiles des vergers
Lentement se redressent
La terre s’agrandit
D’un halo de tendresse
Un sourire suffit
Pour combler ce regard
Tout l’amour est donné
Le cœur a pris sa part
Et debout dans le ciel
Offrant des mains béantes
Je glisse peu à peu
Vers une aube qui chante.
Die Blume des Alters
Seht, der Tag steigt frei,
die Hopfenblüte ein Lüster,
von Augenlidern Geknister,
schon geht einer vorbei.
Unterm Traum noch heiß
das Leben Wege erspäht,
wenn ihre Staubgefäße
die Sonne schon bläht.
Gedankenlos zieht sich der Weg
in ein Schicksal, das sich erhellt.
Der Vogel liest sein Gestern,
wo die Hand der Luft sich wellt.
Die Segel der Gärten
steigen, langsame Triebe,
die Erde weitet sich
um den Lichthof der Liebe.
Ein Lächeln genügt,
diesen Blick zu stillen,
alle Liebe ward hingegeben,
das Herz hat seinen Willen.
Und aufrecht im hohen Blau,
die Hände sind reiner Empfang,
gleite ich nach und nach
in der Morgenröte Gesang.
Des mille chambres où j’ ai vécu
La plus belle était un violon
Le manteau de la cheminée
Cachait une âme disparue.
Sous le vieux cèdre de la lampe
Après une longue journée
Je m’attardais j’avais des craintes
Pour la suite des années
Mais soudain la lumière éteinte
Quelle est cette voix inouïe
Comme un fruit de coloquinte
Qui éclate dans la nuit ?
Est-ce enfant qu’on pourchasse
Dans la rue à coups de fouet
Un cirque fantôme qui passe
Trombonant sur les marais ?
C’est la corde du cœur qui casse
Et tout ce qui vient après
N’ est que la plainte en surface
D’un amour qui se défait.
Von den tausend Zimmern, wo ich gelebt
Von den tausend Zimmern, wo ich gelebt,
war das schönste eine Geige,
der Mantel des Kamins
verbarg eine Seele, die entschwebt.
Unter der alten Zeder der Lampe,
nach einem langen Tag,
zögerte ich lang, mir war bang
vor der Jahre tiefen Schneise.
Doch plötzlich, die Lampe erlischt,
welche Stimme ist das, unerhört,
einer Frucht der Koloquinte gleich,
die in der Nacht explodiert.
Ist es der Knabe, den sie mit Peitschen
durch die Straßen jagen,
ein Zirkus von Gespenstern, die sie mit Fanfaren
durch die Moore tragen?
Es sind die Saiten des Herzens, die reißen,
und alles, was kommt hernach,
will nur mehr leere Klage heißen
einer Liebe, die schon zerbrach.
René Guy Cadou, L’étrange douceur
Comme un oiseau dans la tête
Le sang s’est mis à chanter
Des fleurs naissent, c’est peut-être
Que mon corps est enchanté
Que je suis lumière et feuilles
Le dormeur des porches bleus
L’églantine que l’on cueille
Les soirs de juin quand il pleut
Dans la chambre un ruisseau coule
Horloge au caillou d’argent
On entend le blé qui roule
Vers les meules du couchant
L’air est plein de pailles fraîches
De houblons et de sommeils
Dans le ciel un enfant pêche
Les ablettes du soleil
C’est le toit qui se soulève
Semant d’astres la maison
Je me penche sur tes lèvres
Premiers fruits de la saison.
Die fremde Süße
Als wär im Kopf ein Vogel erwacht,
beginnt das Blut mir zu singen,
Blumen sprießen, ich hab den Verdacht,
als wollten mich Zaubersprüche bezwingen,
als wär ich verwandelt im Blütenlicht,
ein Schläfer der blauen Hallen,
die Heckenrosen, die man flicht,
die Abende, da die Tropfen fallen.
Im Zimmer sind Wellen, die flüstern,
die Uhr, ein silberner Kiesel, wacht,
man hört Weizenkörner knistern
in den Mühlsteinen der Nacht.
In der Luft junger Halme Gewimmel,
von Hopfen und müder Wonne,
es fischt ein Knabe vom Himmel
die weißen Fische der Sonne.
Da beginnt das Dach zu kippen,
der Sterne Saat im Haus wird wahr,
ich beuge mich über deine Lippen,
die ersten Früchte im Jahr.
Da war noch etwas
Da war noch etwas,
noch etwas zu sagen …
… oder hebt dich nicht der hohe Geist
der Sternenschrift,
die Spur der Ameisen,
die subtilen Inklusen
im grauen Schiefer …
… über das Ufer des Traums?
Da war noch etwas,
noch etwas zu sagen …
… oder ruft dich nicht
in der einstürzenden Glut des Lebens,
in den Geisiren des Schlafs,
in den panisch bimmelnden Glocken untertags …
… die Seele zur Fleischwerdung der Seele?
Da war noch etwas,
noch etwas zu sagen …
… oder bleibt, was am Wegrand schläft,
die zerbrochene Schale,
der zerrissene Brief,
das einst geküßte Amulett …
unerweckt für immer?
René Guy Cadou, Lettre à des amis perdus
Vous étiez là je vous tenais
Comme un miroir entre mes mains
La vague et le soleil de juin
Ont englouti votre visage
Chaque jour je vous ai écrit
Je vous ai fait porter mes pages
Par des ramiers par des enfants
Mais aucun d’eux n’est revenu
Je continue à vous écrire
Tout le mois d’août s’est bien passé
Malgré les obus et les roses
Et j’ai traduit diverses choses
En langue bleue que vous savez
Maintenant j’ai peur de l’automne
Et des soirées d’hiver sans vous
Viendrez-vous pas au rendez-vous
Que cet ami perdu vous donne
En son pays du temps des loups
Venez donc car j’ai vous appellé
Avec tous les mots d’autrefois
Sous mon épaule il fait bien froid
Et j’ai des trous noirs dans les ailes
Brief an verlorene Freunde
Ihr wart da, ich hielt euch
wie einen Spiegel in den Händen,
die Woge und die Sonne des Juni
haben eure Gesichter verschlungen.
Ich habe euch jeden Tag geschrieben,
ich ließ euch meine Seiten bringen
von Ringeltauben, von Kindern,
doch keins von ihnen kam zurück,
ich habe weiter an euch geschrieben.
Der ganze Monat August ging glimpflich hin,
trotz der Granaten und der Rosen,
und ich habe dies und das übersetzt
in blaue Sprache, die ihr kennt.
Jetzt habe ich Angst vor dem Herbst
und den Winterabenden ohne euch,
kommt ihr nicht zum Stelldichein,
das dieser verlorene Freund euch gibt
in seinem Land zur Zeit der Wölfe?
Kommt doch, ich hab euch ja gerufen
mit all den Worten von ehedem,
unter meiner Schulter wird es kalt,
und ich habe schwarze Löcher in den Flügeln.
René Guy Cadou, L’enfant précoce
Une lampe naquit sous la mer
Un oiseau chanta
Alors dans un village reculé
Une petite fille se mit à écrire
Pour elle seule
Le plus beau poème
Elle n’avait pas appris l’orthographe
Elle dessinait dans le sable
Des locomotives
Et des wagons pleins de soleil
Elle affrontait les arbres gauchement
Avec des majuscules enlacées et des cœurs
Elle ne disait rien de l’amour
Pour ne pas mentir
Et quand le soir descendait en elle
Par ses joues
Elle appelait son chien doucement
Et disait
« Et maintenant cherche ta vie ».
Das frühreife Kind
Eine Lampe tauchte auf aus dem Meer,
ein Vogel sang, in einem abgelegenen Dorf
begann ein kleines Mädchen zu schreiben,
allein für sich selbst,
das schönste Gedicht,
Orthographie beherrschte es nicht,
es zeichnete in den Sand
der Lokomotiven
und der Waggons, die voll Sonne waren,
es ritzte linkisch in die Bäume
verschnörkelte Großbuchstaben und Herzen,
es sagte nichts von der Liebe,
um nicht zu lügen,
und als der Abend herabstieg
auf seine Wangen,
rief es seinen Hund herbei
und sprach:
„Auf jetzt, suche dein Leben.“
René Guy Cadou, Aller simple
Ce sera comme un arrêt brutal du train
Au beau milieu de la campagne un jour d’été
Des jeunes filles dans le wagon crieront
Des femmes éveilleront en hâte les enfants
La carte jouée restera tournée sur le journal
Et puis le train repartira
Et le souvenir de cet arrêt s’effacera
Dans la mémoire de chacun
Mais ce soir-là
Ce sera comme un arrêt brutal du train
Dans la petite chambre qui n’est pas encore située
Derrière la lampe qui est une colonne de fumée
Et peut-être aussi dans le parage de ces mains
Qui ne sont pas déshabituées de ma présence
Rien ne subsistera du voyageur
Dans le filet troué des ultimes voyages
Pas la moindre allusion
Pas le moindre bagage
Le vent de la déroute aura tout emporté.
Einfache Fahrt
Wie ein harter Halt des Zugs wird es sein,
mitten in der weiten Landschaft, an einem Sommertag,
die Mädchen schreien auf in den Wagen,
Frauen wecken hastig die Kinder,
die Spielkarte bleibt umgedreht auf der Zeitung liegen,
dann fährt der Zug wieder an,
und die Erinnerung an diesen Halt wird verlöschen
im Gedächtnis eines jeden,
doch an diesem Abend
kommt ein anderer Zug hart zum Stehen
in einem kleinen Zimmer, das kaum hinter der Lampe
auftaucht, die eine Rauchsäule ist,
und vielleicht auch in der Nähe dieser Hände,
die sich meiner Gegenwart nicht entwöhnt haben,
nichts wird bleiben von dem Reisenden
im löchrigen Netz der letzten Reisen,
nicht der geringste Hinweis,
nicht ein kleinstes Gepäckstück,
der Wind des Chaos wird alles davontragen.
René Guy Cadou, Je t’offrirai
Je t’offrirai un beau gâteau de ciel
Ô mariée d’équinoxe !
Et vous conterai à tous
Des guerres civiles d’étoiles,
La capture d’un oiseau lune,
Ce que j’ai appris dans mon dernier voyage
Aux antipodes du printemps.
Un rebouteux m’a remis pour la fête
Un cœur boiteux depuis l’enfance :
Je crois pouvoir être sage.
Si parfois je me trompais
Il me faudrait donner une once de soleil
Et deux gorgées de l’eau des routes.
Ich schenke dir einen feinen Himmelskuchen,
o Gemahlin des Äquinoktiums!
Und erzähle dir für alle
vom Bürgerkrieg der Sterne,
vom Fang des Vogels Mond,
alles, was ich gesehen habe auf meiner letzten Reise
zu den Antipoden des Frühlings.
Ein Heiler hat mir für das Fest
wieder eingerenkt das Herz, das seit der Kindheit gehinkt hat:
Ich denke, ich kann weise sein.
Wenn ich dann und wann irre,
vergelte ichʼs mit einer Unze Sonne,
mit zwei Schlucken Wasser am Wegesrand.
René Guy Cadou, Je m’évade
Sous les coquilles rompues du soir
Avec mon sac d’étoiles dans ma poche,
Ma fronde à tuer les heures
Et mon sifflet de merisier,
En échange de quelques larmes
De quelques morsures sous le sein
- Que je comptai à ma jeunesse -
Une nuit vierge de sang.
Tout est là dans cette tendresse de feuilles
Ich breche aus
Unter den zerbrochenen Schalen des Abends,
mit meinem Beutel voll Sternen in der Tasche,
meiner Schleuder, die Stunden zu töten,
und meiner Pfeife aus Kirschbaumholz,
im Tausch für ein paar Tränen,
für ein paar Bisse in die Eingeweide,
(ich schreib sie meiner Jugend gut):
eine Nacht jungfräulichen Bluts.
Alles ist da in diesem Blätterkosen.
René Guy Cadou, La beauté
Quand la croix fut enfin dressée
Que fut visible Son Visage
Soldats et sergents retirés
Un peu à l’écart pour souffler
En vérité dit une femme
Corps supplicié cache belle âme
Ai perdu fils époux et père
Sans que douleur fut si amère
Depuis trente ans sujette aux rêves
N’ai vu plus fin sourire aux lèvres
Ses pieds à jour ses mains qui saignent
On dirait plantes à groseilles
Et ses cheveux j’en veux périr
Sont touffes bleues de myosotis
Dessous son sein perle une perle
Capable d’abuser un merle
Ses joues son front dedans la face
Sont comme miroir à trois faces
Mes sœurs croyez ce que je dis
Beauté est fille en Jésus-Christ.
Die Schönheit
Als schließlich das Kreuz ward aufgerichtet,
und sein Antlitz wurde sichtbar,
die Soldaten und Offizieren standen
ein wenig abseits, um Atem zu schöpfen,
spricht aus der Wahrheit eine Frau,
eine schöne Seele verborgen in einem gequälten Leib:
„Verloren hab ich Sohn, Mann und Vater,
doch kein Leid war mir so bitter,
dreißig Jahr lang Träumen ausgesetzt zu sein,
ein feineres Lächeln sah ich auf Lippen nie,
seine nackten Füße, seine Hände, die bluten,
als würden rote Beeren ausgepreßt,
und seine Haare, in denen will ich vergehen,
sind blaue Büschel von Vergißmeinnicht,
unten perlt die Perle seines Schoßes,
sie könnte eine Amsel täuschen,
seine Wangen, seine Stirn, sein Gesicht darin,
sind wie ein Spiegel für drei Gesichter,
meine Schwestern, haltet, was ich sage, für gewiß:
Schönheit ist eine Tochter aus Jesu Christ.
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