Pfiffikus träumt
Pfiffikus blieb lange wach,
zu viel Kaffee macht ihm Brausen
zwischen seinen Schläfen,
und wenn er denkt an all
die scheuen Islandpferdchen,
die jetzt den Mond anglotzen
oder ihre Mähne schütteln,
weil es regnet, wird ihm so
weich das Herz, wie ein Dotter
zittert es in dünner Schale,
o, so dünn ist diese Haut,
ein Bienchen sticht sich durch,
der Stachel eines Igels,
es platzt das Lebensei, und pustet
frech der Wind, schon rollt es,
rollt zum Abgrund an die Kante
dieses kurzen Küchentischs,
dieses flachen Lebens – schwupp,
er hörtʼs noch klatschen fern,
fern in einem anderen Traum.
Komm sei pfiffig, Pfiffikus,
dreh dich auf die andre Seite,
dort wird der Traum ein andrer sein,
wenn er hört das süße Lied
von der Insel zu ihm wehen,
Insel-Blume, weiß auf grünem Meer,
da glüht das Herz ihm ohne Schale,
schlürft die Tropfen blauen Winds,
gähnt Lust sich aus Lagunenschwüle,
Echse auf der heißen Mauer
südlich honigwarmer Lüfte,
und die Augen sind nur Schlitze,
wenn die Sonne brütet Schlaf.
Echslein kriecht auf trocknem Moos
auf des Lebens schmalem Sims
nach dem Schatten einer Distel,
und die Distel gibt ʼnen Stich – schwupp,
er hörtʼs noch klatschen fern,
fern in einem anderen Traum.
Komm sei pfiffig, Pfiffikus,
dreh dich auf die andre Seite,
dort wird der Traum ein andrer sein,
wenn in einer Sommerlaube
Mücken tanzen, Mäuse wispern,
und ein blondes Kind vom Busen
pflückt die rote Anemone,
wie sie wiegt in warmer Hand
dieses holde Blumenköpfchen,
fühlt er weich die Liebe säumen
durch sein blütenkitzlig Haar,
fühlt den ersten Kuß, der weckt,
einmal und für immerdar,
seines kleines Lebens Licht,
wie es flackert, wie es knistert.
Erst ist es süßer Schmerz,
wenn das Kind ein Blättchen rupft,
und beim nächsten tutʼs dann weh,
doch beim dritten wird ihm flau.
„Liebt mich, liebt mich nicht,
liebt mich, liebt mich nicht!“
Und beim letzten „Liebt mich nicht!“
packt ihn die kleine Furie – schwupp,
packt den tumben Stummel seines Lebens,
die häßlich ausgerupfte Liebe,
und wirft ihn barsch ins Eck
zu den erschrocknen Mäusen,
die still aus ihren Löchern äugen.
Komm sei pfiffig, Pfiffikus,
dreh dich auf die andre Seite,
dort wird der Traum ein andrer sein …
Felix, qui potuit rerum cognoscere causas,
Atque metus omnes, et inexorabile fatum
Subjecit pedibus, strepitumque Acherontis avari.
In childhood, when with eager eyes
The season-measured year I view’d,
All garb’d in fairy guise,
Pledged constancy of good.
Spring sang of heaven; the summer flowers
Bade me gaze on, and did not fade;
Even suns o’er autumn’s bowers
Heard my strong wish, and stay’d.
They came and went, the short-lived four;
Yet, as their varying dance they wove,
To my young heart each bore
Its own sure claim of love.
Far different now;—the whirling year
Vainly my dizzy eyes pursue;
And its fair tints appear
All blent in one dusk hue.
Why dwell on rich autumnal lights,
Spring-time, or winter’s social ring?
Long days are fire-side nights,
Brown autumn is fresh spring.
Then what this world to thee, my heart?
Its gifts nor feed thee nor can bless.
Thou hast no owner’s part
In all its fleetingness.
The flame, the storm, the quaking ground,
Earth’s joy, earth’s terror, nought is thine,
Thou must but hear the sound
Of the still voice divine.
O priceless art! O princely state!
E’en while by sense of change opprest,
Within to antedate
Heaven’s Age of fearless rest.
Der Rausch der Zeit
Glücklich, wem es vergönnt, auf der Dinge Gründe zu stoßen,
all den Quellen der Angst, dem unerbittlichen Schicksal
aufzusetzen den Fuß, und gierigen Acherons Stöhnen.
Vergil, Georgica, II, 490 f.
Wie hat dem Kind das Bild gelacht,
der Jahreszeiten Wechselspiel
in ihrer märchenhaften Tracht,
des Guten Dauer schien ihr Ziel.
Frühling sang vom Himmel, Blumen bot
den Blicken Sommer, sie zögerten zu sinken.
Selbst der Sonne Lauben, herbstlich-rot,
hielten stand, willfahrten meinen Winken.
Sie kamen und gingen, vier Atemzüge,
schnelle, und sie fügten ihren Reigen,
daß mein Herz für jede wilder schlüge
und jeder mochte neue Liebe zeigen.
Wie anders jetzt! Des Jahres Kreisen
macht schwindeln meinen leeren Blick.
All seinen Farben, lauten, leisen,
gab grauem Dämmer es zurück.
Wozu wohnen im hohen Herbsteslicht,
Frühlinge wozu und Winters Häuslichkeit?
Lange Tage, wenn Nacht aus Flammen spricht,
brauner Herbst, wäscht Frühling auch sein Kleid.
Was also soll, mein Herz, dir diese Welt?
Ihre Gaben sättigen und segnen nicht.
Du streichst sie in die Tasche nicht wie Geld,
sie schwindet hin ohne Gewicht.
Flamme, Sturm und Grundes Beben,
Erdenlust, Erdengrauen, nichts ist dein.
Du darfst nur einer Stimme leben,
die stille tönt aus Gottes Sein.
O gnadenvolle Kunst! Erhabner Rang!
Wenn rings die Welt versinkt im Brodem,
zu atmen schon es dir gelang,
der friedlich strömt, des Himmels Odem.
John Henry Newman, A Voice from Afar
Weep not for me;—
Be blithe as wont, nor tinge with gloom
The stream of love that circles home,
Light hearts and free!
Joy in the gifts Heaven’s bounty lends;
Nor miss my face, dear friends!
I still am near;—
Watching the smiles I prized on earth,
Your converse mild, your blameless mirth;
Now too I hear
Of whisper’d sounds the tale complete,
Low prayers, and musings sweet.
A sea before
The Throne is spread;—its pure still glass
Pictures all earth-scenes as they pass.
We, on its shore,
Share, in the bosom of our rest,
God’s knowledge, and are blest.
Ferne Stimme
Weinet nicht um mich –
seid heiter wie stets, mit Schwermut trübt den Fluß
der Liebe nicht, die heimwärts muß,
leuchtet innerlich!
Erfreut der Gaben euch, Himmels Unterpfand,
trauert, Freunde, nicht, da ich entschwand!
Ich bleib euch nah –
seh euch lächeln, wie auf Erden mild,
hör euch plaudern, reiner Freude Bild.
Und ich hör allda
alles Gesagte flüsternd verrinnen,
leises Beten, sanftes Sinnen.
Es liegt ein See gebreitet
vor dem Thron, sein glänzend-reiner Tiegel
ist Erdenschauspiels stummer Spiegel.
An seinen Strand geleitet,
empfangen wir in des Herzens Stille
Gottes Wissen, und ruhn in Segens Fülle.
John Henry Newman, Reverses
When mirth is full and free,
Some sudden gloom shall be;
When haughty power mounts high,
The Watcher’s axe is nigh.
All growth has bound; when greatest found,
It hastes to die.
When the rich town, that long
Has lain its huts among,
Uprears its pageants vast,
And vaunts—it shall not last!
Bright tints that shine are but a sign
Of summer past.
And when thine eye surveys,
With fond adoring gaze,
And yearning heart, thy friend,
Love to its grave doth tend.
All gifts below, save Truth, but grow
Towards an end.
Kehrseiten
Wenn das Fest zum Gipfel steigt,
bist zur Schwermut du geneigt.
Wächst stolze Macht empor,
blinkt des Hüters Axt hervor.
Aller Wuchs hat seinen Scheitel, strotzt er noch so eitel,
Tod, er lugt ums Tor.
Die reiche Stadt hat lange Zeit
ihre Häuser ausgestreut,
nun hüllt sie ihre Mauern
ins Prunkgewand – es hat kein Dauern!
Helle Wolken künden, Sommers Tage münden
unter kühlen Schauern.
Und wenn dein Aug umspielt
ihr zart verklärtes Bild,
das dein Herz umschwebt,
zum Grab die Liebe strebt.
Auch alle ihre Gaben werden mitbegraben,
nur die Wahrheit lebt.
Entsprechend den drei Quellen des Unglücks unterscheiden wir eine moralische, eine anthropologische und eine metaphysische Quelle des Glücks.
Die moralische Quelle finden wir in den Gefilden verantwortlichen Redens und Tuns, bei denen wir darauf bauen und hoffen, daß die Erfüllung kultureller und institutioneller Regeln und Konzepte mit unserem wohlverstandenen Eigeninteresse und sogar unserer wohlverstandenen Selbstliebe übereinstimmt.
Wenn wir die Gartenbeete umgegraben, mit frischem Humus befüllt und neue Sprößlinge eingepflanzt oder Sämlinge eingebracht haben und endlich wird unsere Mühe mit dem erfreulichen Anblick blühender Astern und Forsythien, aufwachsender Johannesbeer- und Stachelbeersträucher oder dem gedeihlichen Wachsen, Blühen und Fruchtragen der Obstbäume belohnt, wenn wir uns einen Strauß selbstgepflanzter Blumen zusammenstellen und auf dem Tisch bei den Weingläsern und der gläsernen Karaffe plazieren, wenn wir die Früchte ernten und in einer silbernen Schale wohlgeordnet schichten oder aus den Beeren Saft bereiten oder Marmelade kochen, die uns und unseren Gästen mundet, so können wir ein Gefühl der Zufriedenheit verspüren, das uns ein erstes Maß des menschlich erreichbaren Glücks an die Hand gibt. Wir haben die Ansprüche, die uns die Pflege und Kultivierung des Gartens zumuten, gewissenhaft erfüllt und wurden ästhetisch und lukullisch beglückt.
Wir müssen allerdings darauf gefaßt sein, daß ein Unwetter unsere Bemühungen in einer Nacht mit Hagel und Sturm zunichtemacht oder daß uns gefräßige Raupen und Läuse oder die Wühlarbeit des Maulwurfs einen Strich durch die Rechnung machen – dennoch wäre es angesichts der Verwüstung und des Schadens lächerlich und allzu theatralisch, schlügen wir die Hände über dem Kopf zusammen, beklagten lauthals unser Unglück und die Sinnlosigkeit allen menschlichen Unterfangens. Wir finden uns mit dem Verlust ab, schöpfen Atem, raffen uns auf und beginnen unser Werk von neuem.
Was für den Garten der kultivierten Natur gilt, gilt a fortiori für den Garten der Kultur oder das soziale Miteinander. Wenn wir unser verantwortliches Reden und Tun an den Maßgaben der institutionellen Begriffe und Regeln ausrichten, die ihm innewohnen, können wir wenn alles gutgeht ein gerüttelt Maß an moralischem Glück einstreichen.
Wenn wir es bei einigermaßen gutem gesundheitlichen Befinden, einer gewissen Begabung und gutem Willen dahin bringen, einen Beruf zu erlernen und auszuüben, von dessen Einnahmen wir unsere eigene Versorgung und Lebensfristung oder auch die unserer Familie bestreiten können; wenn wir das gegebene Wort halten und unser Versprechen einlösen, pünktlich zu der Verabredung mit dem Freund oder Geschäftspartner zu erscheinen, das ausgeliehene Gut unbeschadet am vereinbarten Ort und Termin dem Leihgeber zurückzuerstatten oder den Ehrentag unserer Freundin oder Frau nicht zu verpassen, sondern mit freundlichen Gesten und Geschenken zu begehen, so können wir am Ende des Tages vielleicht erschöpft, aber nicht unzufrieden oder mit der Welt zerfallen in die Federn sinken.
Allerdings sind wir gegen die Unbill des Schicksals nicht gefeit: Wir werden krank und sind auf Hilfe angewiesen, unser Freund, unsere Freundin hat uns verraten, betrogen, verlassen; das Unternehmen, bei dem wir in Lohn und Brot standen, geht in Insolvenz; unser Kind hat einen Unfall oder stirbt – auch in diesen Fällen wäre es nicht angemessen, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und die Trostlosigkeit der menschlichen Dinge zu beklagen und alles fahren zu lassen und uns auf das Faulbett der Resignation oder das Sterbelager der Schwermut zu legen; wir können und sollen wohl klagen, weinen und trauern, um endlich wieder bei erstarkten Kräften unseren Alltag weiterhin zu meistern.
Glück, so will es uns bedünken, gelingt nicht, wenn wir hemmungslos dem ersten besten Wunsch nachgeben, wenn wir ungezügelt die Triebe ausleben: Je schärfer die künstlich aus den Gelegenheiten und prallen Eutern des Konsums herausgepreßte Lust, umso dumpfer und trostloser die Nachwehen der Unlust, die uns seelisch siechen und geistig veröden läßt. Vielmehr ist Glück ein errungenes, verdientes, mit Mühen oder Opfern herbeigelocktes Befinden, das gewiß wie das Abendrot schnell untergeht, doch sein wärmender Schein hat uns freundlich umfangen, und manchmal entschädigt die Erinnerung an eine gute oder große Tat, an das liebevolle Lächeln dessen, den wir beschenkt und getröstet haben, für manche Zeiten öder Entsagung und Kümmernis.
Zählt nicht zum schönsten das Glück, das wir durch ihr Lächeln, ihr Gutsein und Wohlbefinden empfangen, wenn wir den Freund, die Freundin, das Kind, durch ein freundliches Wort, eine Geste der Zuneigung, einen hilfreichen Rat glücklich gemacht haben?
Immerhin dürfen wir die Erwartung hegen, daß uns das Glück nicht ganz abhold zu sein pflegt, wenn wir soweit es in unseren Kräften steht Verantwortung für das eigene Leben übernehmen – oder sie zumindest nicht in den Wind schlagen und uns ihrer Mühsal entziehen, indem wir durch Anwendung betrügerischer Mittel auf Kosten unserer Mitmenschen ein Dasein fristen, das vielleicht durch hohlen Prunk und eitle Lustbarkeiten zu blenden verspricht, aber am Ende in die Leere und Unwürdigkeit eines bodenlosen und unglücklichen Vegetierens versinkt.
Die zweite Quelle des menschlichen Elends, das Unglück und der Verdruß, den die anthropologische Verfassung oder die conditio humana aufgrund unseres biologischen Schicksals als verletzliche, sterbliche Lebewesen uns aufbürdet, können wir durch kulturell sublimierte Formen der Hingabe mildern und damit Augenblicke des Glücks einfangen, die umso inniger und intensiver sind, je mehr sie von Selbstvergessenheit und Selbsttranszendenz beseelt werden. Wir begnügen uns an dieser Stelle mit Hinweisen auf die tröstende Funktion des Humors und die Hoffnungen, die wir mit einer Kultur der Stille verknüpfen können.
Humor äußert sich nicht im meckernden Lachen der satirisch gekitzelten Seele, sondern im Lächeln desjenigen, der die Gebrechlichkeit, den Aberwitz und die Fehlbarkeit aller menschlichen Dinge aus einiger Entfernung an sich vorüberziehen läßt. Wenn wir den Zumutungen und lärmenden Übergriffen der Zeitgenossen unmittelbar ausgesetzt sind, können wir uns freilich nur der Haut oder der Seele erwehren, wenn wir uns die Ohren verstopfen oder in die einigermaßen unberührte Stille der Landschaft flüchten. Doch wir können lernen, ohne Verbitterung und Groll an all die Rücksichtslosigkeiten und obszönen Lustbarkeiten zu denken, auch wenn unsere Wunden noch bluten: Wir ordnen sie den unausbleiblichen Folgen der Borniertheit und Stupidität zu, die im Humus der conditio humana so üppig gedeihen.
Wir können Humor haben, auch wenn wir nicht lachen, wir können heiter sein, auch wenn wir nicht lächeln, wir können gelassen bleiben, sogar wenn wir traurig sind.
Humor ist demnach jene heitere Gelassenheit, die wir bei Meistern wie Horaz, Goethe, Haydn oder Mozart erfahren und durch Versenkung in ihre Werke kosten und auffassen können. In den langatmigen und atmosphärisch schwebenden Beschreibungen, die uns Adalbert Stifter im „Nachsommer“ zutraut, gelangen wir nach Überwindung eines selbstgefälligen Widerstrebens in die geklärte blaue Luft einer schönen Landschaft, in der die Menschen wie Erforscher, Gestalter und Genießer der weichen Schatten und heiteren Düfte dahinleben, die von den üppigen Rosensträuchern ausgehen, die reife Kunst über den Vordergrund ihrer Wohnstätte hat wachsen und wuchern lassen. Wir wissen wohl, daß sich hinter den Rosen die kleinen und großen Tragödien und Komödien abspielen, denn wir selber erleben sie ja, aber wir lassen uns deswegen jetzt, für den Augenblick, die ruhige Betrachtung nicht stören und verderben.
Die Kultur der Stille, die uns am Abgrund der Dunkelheit und Todverfallenheit des menschlichen Daseins als kleine leuchtende Anemone anblickt und ein Glück erlesener Freuden verheißt, öffnet uns nicht ihre Tore, wenn wir nicht begonnen haben, auf die Mitwirkung am Lärm der Welt zu verzichten; das beginnt mit der Askese des Mundes und der Lippen, nämlich das unnötige Geschwätz mit dem Freund oder mit sich selbst mehr und mehr abzutun, das Handy für Stunden abzuschalten, den Fernseher für Tage zu vergessen, Schweigeübungen in Schwung zu bringen und in der Abenddämmerung stumm vor einer flackernden Kerze zu sitzen und an alles und nichts zu denken, den Wind und das wandernde Licht in der menschenleeren Landschaft als Gesprächspartner zu suchen und sich nach einem schweißtreibenden Aufstieg auf den Berg am Waldrand auf die Wiese zu strecken und in die ziehenden Wolken zu starren und an alles und nichts zu denken; das schreitet fort mit der Askese der Augen, wenn wir die Mückenschwärme der Buchstaben, die aus der Zeitung blutrünstig in unser Gemüt schwirren, für heute, für morgen, auf geraume Zeit verscheuchen und uns vom Leibe halten, wenn wir nicht lesen, was man angeblich lesen muß und alle lesen, weil es die Lesemonster der Literaturmoderatoren anpreisen, wenn wir uns von den verstörenden Bildern einer obszönen Gewalt und Rohheit, die aus allen Kanälen flimmern und auf den Straßen inszeniert werden, für heute, für morgen, für geraume Zeit abwenden; und das gewinnt schöne Konturen, wenn wir uns den Gebilden zuwenden und Worte nachsprechen, die in den Gedichten Goethes oder Rilkes wie zahme Rehe oder zwitschernde Vögel sich nähern und aus der hingehaltenen Hand die Körner des Danks und der milden Versöhnung mit sich selbst auflesen.
Wenn wir allerdings mit rigiden Ansprüchen einer universellen Moral die Kultur der Stille allem und allen zuzumuten gewillt sein sollten, müßten wir dann nicht die zivilisierte Menschheit in einen Zustand ohne den Lärm der Autos, Motorräder, Eisenbahnen und Flugzeuge, kurz in die Welt des frühen Goethe oder Stifters oder Haydns und Mozarts zurückversetzen wollen, unter Inkaufnahme des Verlusts aller Errungenschaften der modernen Technik und Medizin, freilich auch der wüsten Erdüberwucherung durch die Milliarden ihrer menschlicher Bewohner? Wir würden es liebend gern und würden die damit verbundenen Gefahren auf uns nehmen, um mit der Stille jener versunkenen Tage getröstet zu werden.
Was tun angesichts der seelischen Abgründe von Angst und Langeweile, die dem dritten Quell des menschlichen Unglücks, der gebrochenen, verstörten, korrumpierten Natur des Menschen entspringen? Diese Angst vor der endgültigen Vernichtung durch den Tod, diese Langeweile in der leeren Zeit angesichts unserer abgewelkten, mürbe und sinnlos gewordenen Werke und Tage können wir schwerlich überspringen, und alle therapeutische Kunstfertigkeit und alle hohe Kunst scheinen hiervor zu versagen – oder nur wie der billige Trost des Liedchens zu wirken, welches das verängstigte Kind im dunklen Wald anstimmt.
Hier kann nur ein Gott uns helfen, der am Ende der Tage die Tenne der Zeit fegt und die Spreu unserer eitlen Absichten und nichtigen oder schlechten Taten vom Weizen unserer guten Absichten und edlen Taten sondert, und den Weizen in seine Scheuer einbringt. Darauf zu hoffen, muß Gottes Geist uns zu hoffen helfen, denn unser schwacher, verdunkelter Geist kann es nicht. Wenn wir aber solcher Inspiration für wert befunden würden, gewährte uns dies vielleicht jenes überirdische Glück, das mehr ist, als irdische Befangenheit auszudenken vermag, ein Zustand, den die begnadeten Lehrer und Dichter der Kirche Seligkeit nannten.
Die erste Quelle ist moralischer Natur: Was du anderen an Schaden zufügst, kommt so oder so, früher oder später, in reiner oder verdichteter Form auf dich zurück.
Der „Größte Feldherr aller Zeiten“ hat kein geringes Unglück über sein Volk und andere Nationen gebracht, er zahlte mit dem von ihm zu entrichtenden höchsten Preis, dem eigenen Leben, und beging Selbstmord.
Die großen Perversen auf dem römischen Kaiserthron konnten auf bemessene Zeit ihre Macht- und Triebentfaltung in ungehemmter Zügellosigkeit auskosten, dann holte das Schicksal mit Gift und Dolch und Strick, das sie anderen zugedacht hatten, sie selber ein.
Du hast dein Versprechen nicht gehalten und dein Wort gebrochen, das ausgeliehene Gut nach seiner Nutzung dem Eigentümer wiederzuerstatten. Du dachtest dir, dich aus dem Staub machen zu können und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Es war ja nicht das erste Mal, daß dies dir zu gelingen schien. Doch dann wuchsen die Schatten um dich, keiner zog dich mehr ins Vertrauen, keiner mochte dein Anliegen anhören, die Freunde schnitten dich.
Der Parasit, der auf Kosten anderer lebt, hat sich mit geschickt oder kunstvoll bemalten Masken der Lüge oder Schmeichelei oder der erotischen Faszination in fremdes Leben eingeschlichen: Der Türspalt stand für einen Moment der Unaufmerksamkeit oder der Langeweile oder der Sehnsucht offen – und schon ist er hineingeschlüpft. Schon begann sein Rüssel zu saugen, schon stach die Mücke zu, schon hat der Vampir, zärtlich vielleicht, doch tief genug, gebissen. Doch von Blut und Gut anderer zu leben, heißt zum Gespenst zu werden, zum leeren Nachbild und zur wurzel- und grundlosen Schlingpflanze, die nicht in sich Halt zu finden vermag, sondern nur an der Stütze und im Schatten ihres Wirts. Der moralische Schaden des Schmarotzers ist eben diese Unwürdigkeit und Nichtswürdigkeit eines hohlen Daseins, das eigener Wurzeln und tragender Gründe ermangelt. Leidet er denn darunter? Vielleicht ist er moralisch abgestumpft und so rohgesinnt, daß er nicht einmal leidet. Dann muß er spätestens büßen, wenn sein Übergriff dem Gastwirt Atem und Lebenswillen benimmt, er schwach wird, hinsiecht und darniedersinkt: und mit ihm der elende Gast.
Wer vorgibt zu sein, was er nicht ist, der Scharlatan und Betrüger, wird früher oder später entlarvt, wenn der Chef sein Unvermögen mit der Entlassung quittiert, wenn ihm das Plagiat der Diplomarbeit oder der Dissertation, wenn ihm Urkundenfälschung nachgewiesen werden, wenn ihn die betrogene Geliebte, die Freundin, die Frau sitzenläßt oder hintergeht, wenn ihn das mit lächerlichen Mätzchen und faulen Zaubertricks gefoppte und genasführte Publikum auszischt: Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen.
Wer in verantwortlicher Position die Interessen seines Volkes und Landes gegen die verstiegenen Ansprüche einer vorgeblich hörerwertigen Gesinnung zurückstellt und verletzt, dieser Schädling aus gutem Gewissen, hat seinen Teil dahin, wenn die Geschädigten die Folgen in Form von sittlicher Verrohung, kultureller Verwüstung oder wirtschaftlichem Niedergang zusehends am eigenen Leib verspüren: Sie schicken ihn in die Wüste.
Die Primitiven glauben, der ihnen zugefügte Schaden, vom zerbrochenen Topf bis zur Krankheit des Viehs, gehe auf das Konto des verderbenbringenden Wirkens böser Geister, die von Zaubereren und Hexen im Auftrag böswilliger, neidischer, gehässiger oder nachtragender Nachbarn durch das Dach steigen und durchs Schlüsselloch kriechen, um ihr mißliches Werk zu verrichten. Sie erkennen demnach richtig die moralische Dimension des sozialen Miteinanders und damit die moralische Quelle des menschlichen Unglücks. Ihre Dummheit indes liegt nicht darin, die wahren kausalen Zusammenhänge wie die physische Kausalität von Temperaturschwankungen oder Krankheitserregern zu verkennen, sondern im Mangel an Selbstbesinnung: Ist doch die Bosheit und Gehässigkeit, die sie als Motive des schädlichen Wirkens ihren Nachbarn unterstellen, nichts als der Spiegel ihrer eigenen Bosheit und Gehässigkeit.
Die zweite Quelle des menschlichen Unglücks ist anthropologischer Natur und entspringt der conditio humana, die durch die Schicksalsgebundenheit der körperlichen, seelischen und geistigen Dimensionen der humanen Existenz bestimmt wird: Hieraus leiten sich auch die Formen des Leidens her, die ein Gutteil unseres Unglücks ausmachen: Körperliches Leiden durch schmerzhafte Krankheit und Siechtum bis zum Tode, seelisches Leiden in den Formen seelischer Störungen von der Mißstimmung bis zur Depression und geistiges Leiden von der Wahrnehmungsstörung bis zum psychotischen Wahn.
Die hier betrachteten Aspekte des menschlichen Unglücks beziehen ihr Virulenz und Intensität aus der Wahrnehmung und dem Ausgesetztsein an die Stupidität, die Rohheit und den Widersinn der menschlichen Dinge. Wir begnügen uns mit der knappen Skizze einer Dämonie des Lärms, als pars pro toto. Wir betrachten den akustischen Auswurf und Abfall einer kranken Zivilisation mit den Augen eines lärmempfindlichen, der Stille zugeneigten Zeitgenossen. Es ist augen- oder besser ohrenscheinlich, daß der Lärm bewußt erzeugt und genossen, gesteigert und gezüchtet wird, in der Absicht, nicht nur die Umwelt aufs beklagenswerteste in eitlen und aufgeblähten Selbstgefälligkeiten zu beeindrucken und akustisch zu verschmutzen, sondern sich selbst bis zur Bewußtlosigkeit in Hinsicht auf die Nähe des eigenen Unterganges und der eigenen Hinfälligkeit und Todverfallenheit zu betäuben. Es ist wahr, daß die Haupttäter und gewöhnlichen Lärmverursacher und akustischen Schmutzfinke Männer sind – was auf die von Grund auf verderbte Natur dieses Geschlechts schließen läßt und der Rede vom Mann als Herrn der Welt und der gepriesenen „Mankind“ ex negativo rechtgibt.
Der stupid-monotone Schlag des Basses ist so laut, daß er von den Ohrstöpseln des im Bus oder der Bahn Mitreisenden störend bis zu dir dringt. Das Geschwätz des Hintermannes in sein Handy ist nicht nur unerträglich laut, sondern verletzt deine Intimsphäre durch schamlose Ausbreitung der seinen.
Ein dicklicher Fatzke im zerknitterten Anzug jault und röhrt und greint auf großer Bühne in sein Mikrophon, und die triefenden und schauernden Wolken seiner drei Emotionen – weinerliche Rührseligkeit, anklagende Entrüstung und sentimentale Menschheitsumarmung – werden von ekstatischen Atemstößen des Orchesters hin- und hergestoßen, dabei stöhnt und brüllt das mitgerissene Publikum mit, tausende Hände werden hochgerissen, geschwenkt und gerüttelt, es nimmt erst ein Ende, wenn der Sänger, schweißüberströmt, ausgezehrt und glückselig grinsend auf der Bühne zusammenbricht.
Zwei Jungs im Stadium der Vorpubertät spielen im Hinterhof des Hauses: Sie knallen einen schweren Fußball mit giftigen Tritten immer wieder gegen die scheppernde Garagentür, sie fahren sich mit kleinen eleganten Aluminiumrollern vor der Nase herum und schreien dabei im höchsten Diskant Bruchstücke von Schlagerrefrains oder obszöne Wortspiele, der eine, der herrische, herrscht den anderen, den servilen, im Befehlston an („Bring das jetzt zum Müll!“, „Fahr schneller!“, „Aus dem Weg!“) oder ruft imperativisch bloß ununterbrochen seinen Namen. Der Hof ist klein, ringsum Gebäude, alles hallt wider, keiner stört sich daran.
Am späten Abend steht das große Doppelfenster der Wohnung im ersten Stock weit offen, Gestalten junger wirrmähniger Männer mit nackten tätowierten Oberkörpern tauchen darin auf, brutale Klänge subhumaner punkartiger Live-Musik brausen durch die Luft, durchschüttern den ganzen Straßenzug, immer wieder lehnt sich einer der Trommler, Bongospieler oder Gitarristen weit aus dem Fenster und brüllt wie am Spieß aus Leibeskräften seinen Refrain in die Nacht. Dann legen sich wieder die elektrischen Sägen der Gitarren an den Gehörnerv. Das Spektakel dauert Stunden. Da wohnen alte Leute, da wohnen Menschen, die den Schlaf dringend brauchen, weil sie morgens früh zur Arbeit gehen, da wohnen kranke Alte, da liegt vielleicht im Haus nebenan ein Mensch im Sterben. Keiner stört sich daran, kein Prostest erhebt sich.
Auf der kleinen Grünfläche hinter dem Haus wird gegrillt, beißende, stinkende Rauchschwaden ziehen durch die offenen Fenster des heißen Sommerabends. Gläser klirren, Hochrufe erschallen, martialische Gesänge werden angestimmt, dann brechen aus den aufgebauten Lautsprechern die Gassenhauer des Rock und Pop. Erst wenn der Morgen graut, ebben die Stimmen ab.
Auf dem Fluß rasen getunte Motorboote. Sie zerschneiden, zerfurchen, zerfräsen die stille, glatte Fläche des Wassers. Sie gefallen sich darin, von leiser Gangart auf Höchstgeschwindigkeit zu beschleunigen, Wellen zu schlagen, daß Schilf und Röhricht am Ufer sich biegen, da hat etlichen Fischen ihr letztes Stündlein geschlagen, da fliegen vor Schreck die Enten auf, während die junge Schar den Eltern verzweifelt nachfiept. Jeder will den anderen übertreffen, an Lärm, an Schnelligkeit, an der sexistischen Exposition der halbnackten Weiber, die auf dem Vorderdeck sich in geilen Posen recken. Doch der eine ist unübertrefflich, ein bullig-kompaktes Gerät, das scharfe Kurven meistert, immer nahe daran, zu kentern oder sich zu überschlagen, es jault auf und dröhnt und heult wie eine Hyäne, das Kielwasser schäumt, und am Hintern der Lärmmaschine steigt eine künstlich erzeugte Fontäne hoch in die Luft, wie eine unversiegliche Ejakulation.
Ein Weib schreit stundenlang bei offenem Fenster an einem pornographischen Spieß. In kurzen Atempausen dringt ein Knallen und Klatschen wie von Peitschen nach draußen, als würde das Gesäß einer alten, aufgedunsenen Venus malträtiert.
Im Untergeschoß hat sich eine dubiose asiatische Sekte einquartiert. Wenn sich die Gemeindeglieder versammeln, ertönt dunkles Gemurmel, aus dem bald die hohen Spitzen verzückter Ausrufe und gellender Interjektionen einer Naherwartung aufsteigen, endlich fährt im silbernen Rolls Royce der Guru vor, blumenbehangene Mädchen begrüßen ihn, betritt er den Saal, ist das Toben und Schreien und Kreischen auf dem Höhepunkt, die grollende Baßstimme des Gurus, die aus den Lautsprechern schallt, durchzuckt die Ekstase der Genarrten wie ein Gewitter. Alle sind gut angezogen, wohlgenährt, die Frauen tragen elegante Tücher. Welchen Götzen beten sie an? Wessen Geld und Vermögen wird hier unproduktiv verausgabt? Keiner kümmert sich darum, in diesem Wurmfortsatz des christlichen Abendlandes.
Unter der inspirierenden Einwirkung des Schmerzes, den um den erigierten Penis geschnürte Bänder mit Versen ihres Propheten verursachen, brüllen die Kämpfer ihren Gottesschlachtruf und jagen mit einem Endzeitknall sich und ihre Opfer ringsum in die Luft.
Die dritte Quelle des menschlichen Unglücks ist metaphysischer Natur. Sie strömt und gluckst aus dem Zentrum der Ursünde oder der gefallenen und verdorbenen Natur, der tiefen Verstörung und Traumatisierung der elementaren Antriebe und Wünsche, die kein Maß finden, keine Vernunft annehmen, jedweder Würde ermangeln. Wir pflegen hochmütig Verstörungen und Irrungen dieser Art in der Sprache der Biologie, Psychiatrie oder Chemie auszudrücken und reden vom Wirken der Neurotransmitter und Hormone, aber wir mystifizieren vielleicht auf diese aufgeklärte Weise die verborgene Wahrheit.
Die wesentlichen Symptome der Krankheit, die diese Form des menschlichen Unglücks mit sich bringt, sind Angst und Langeweile: Angst im Bewußtsein der eigenen Existenz und Langeweile angesichts der letzthinnigen Sinnlosigkeit des eigenen Tuns. Angst und Langeweile sind zwei Seiten einer Münze: Wird die Angst mittels künstlicher Erregung wie durch das Ausloten aller Arten sexueller Perversion, durch Drogen und Rausch oder auf scheinbar sublime Weise durch Kunsterzeugung und Kunstgenuß betäubt oder mittels teuflischer Exzesse und Unternehmungen wie Terror und Krieg erschöpft, stellen bald sich Langeweile und Überdruß ein, der beste Nährboden der Angst.
Der von der Angst heimgesuchte Paranoiker ist besessen von den möglichen Gefahren, die seiner Existenz drohen, den Schatten, die um ihn lauern, den tückischen Anschlägen, die ihm gelten, den dämonischen Attacken, die seine Gedanken ablenken, verdrehen, umkehren oder seine Träume heimsuchen, den Dämonen in Form von Viren und Mikroorganismen, die im Innern seiner Organe lauern und an der Substanz des eigenen Fleisches nagen.
Der von der Langeweile heimgesuchte Melancholiker ist besessen von den Abgründen, Löchern und Wirbeln, die sich ihm unentwegt im Fluß der Zeit und der Ereignisse auftun: Immer ist da ein Spalt, ein schmutziger Winkel, eine abgebrochene Spitze, die alles Tun und Wirken unterminieren und von jedem Sinn und Zweck entleeren. Wie die Löcher der leeren Zeit, aus der einen die Langeweile angähnt, stopfen? Der Primitive macht es vor und stellt das Modell: Er opfert seine eigenen Kinder dem Götzen der Angst und Langeweile, dem Baal – doch dieser ist unersättlich. Die moderne Variante des Modells: Theorien und Ideologien zur Vernichtung der Menschheit, die sich als Theorien und Ideologien über die Befreiung, Verbrüderung und Erlösung der Menschheit verkleiden.
Die erste Quelle des menschlichen Unglücks, die moralische, kann durch gute Lebensführung, Anständigkeit und das Bemühen um gute Taten teilweise in harmlose Gefilde abgeleitet, doch nicht trockengelegt werden. Die zweite Quelle, die anthropologische, ist therapieresistent, geht sie doch aus der biologischen Natur des Menschen hervor; zudem enthüllt sie näherem Hinsehen einen Zustrom aus der dritten Quelle des Elends, der metaphysischen, und diese ist a fortiori unheilbar und trotzt allen Therapieversuchen. Es ist ähnlich wie mit der Radikalkur der bösen Triebhaftigkeit des männlichen Geschlechts: Kastriert man den Kerl, wird er schlaff, antriebslos, lebensunfähig und ein stumpfsinnig herumhängender, unnützer Sack.
Die ihre letzte Hoffnung auf die Aufhebung des metaphysischen Elends an das Kommen des Messias knüpfen, sehen insofern ziemlich klar – wenn auch die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines solchen Heilsereignisses umgekehrt proportional zur Intensität des Wunsches nach dem Glück der Auserwählten zu sein scheint.
Now is the Autumn of the Tree of Life;
Its leaves are shed upon the unthankful earth,
Which lets them whirl, a prey to the winds’ strife,
Heartless to store them for the months of dearth.
Men close the door, and dress the cheerful hearth,
Self-trusting still; and in his comely gear
Of precept and of rite, a household Baal rear.
But I will out amid the sleet, and view
Each shrivelling stalk and silent-falling leaf.
Truth after truth, of choicest scent and hue,
Fades, and in fading stirs the Angels’ grief,
Unanswer’d here; for she, once pattern chief
Of faith, my Country, now gross hearted grown,
Waits but to burn the stem before her idol’s throne.
Fortschritt im Unglauben
Nun ist Herbst zum Lebensbaum gekehrt,
er streut die Blätter, Erde dankt es nicht,
sie läßt sie wirbeln, Windes Beute, unbewehrt,
sie birgt sie nicht vor langer Not, hart ist ihr Gesicht.
Mensch, du schließt dich ein, weckst des Herdes Licht,
noch traust du dir, und weil er dich befahl
sanften Riten und Geboten, fütterst du den Baal.
Ich aber will hinaus, obʼs regnet oder schneit,
schau stummen Blätterfall, der Halme graues Haar.
Wahrheit um Wahrheit, in feinster Farben Kleid,
verblaßt, ihr Schwinden grämt der Engel Schar,
doch keinen kümmertʼs. Denn das Vorbild war
im Glauben einst, mein Land, giert rohen Sinnes schon,
den Stamm zu brennen vor seines Götzen Thron.
A l’heure où la lumière enfouit son visage
dans notre cou, on crie les nouvelles du soir,
on nous écorche.
L’air est doux.
Gens de passage
dans cette ville, on pourra juste un peu s’asseoir
au bord du fleuve où bouge un arbre à peine vert,
après avoir mangé en hâte ; aurai-j’e même
le temps de faire ce voyage avant l’hiver,
de t’embrasser avant de partir?
Si tu m’aimes,
retiens-moi, le temps de reprendre souffle, au moins,
juste pour ce printemps, qu’on nous laisse tranquilles
longer la tremblante paix du fleuve, très loin,
jusqu’où s’allument les fabriques immobiles…
Mais pas moyen.
Il ne faut pas que l’étranger
qui marche se retourne, ou il serait changé
en statue : on ne peut qu’avancer.
Et les villes
qui sont encor debout brûleront.
Une chance
que j’aie au moins visité
Rome, l’an passé,
que nous nous soyons vite aimés, avant l’absence,
regardés encore une fois, vite embrassés,
avant qu’on crie
« Le Monde » à notre dernier monde
ou
« Ce Soir » au dernier beau soir qui nous confonde…
Tu partiras.
Déjà ton corps est moins réel que le courant qui l’use, et ces fumées au ciel ont plus de racines que nous.
C’est inutile de nous forcer.
Regarde l’eau, comme elle file par la faille entre nos deux ombres.
C’est la fin, qui nous passe le goût de jouer au plus fin.
Die Abendnachrichten
Zur Stunde, da das Licht sein Gesicht vergräbt
in unserem Nacken, ruft man die Nachrichten des Abends aus,
man scheucht uns auf.
Die Luft ist mild.
Leute schlendern vorbei
in dieser Stadt, man kann sich gerade noch ein wenig hinsetzen
ans Ufer des Stroms, wo sich ein Baum regt, der noch kaum grünt,
nachdem man hastig etwas gegessen hat. Werde ich selbst
die Zeit haben, diese Reise vor dem Winter anzutreten,
dich vor der Abfahrt zu küssen?
Wenn du mich liebst,
halte mich zurück, die Zeit für ein Atemholen zumindest,
nur für dieses Frühjahr, damit man uns in Ruhe läßt,
wenn wir am zitternden Frieden des Stroms entlanglaufen, sehr weit,
bis dorthin, wo die unbeweglichen Fabriken sich erhellen …
Doch keine Chance.
Es darf nicht sein, daß der Fremde
sich unterwegs umdreht, oder er erstarrt
zu einer Bildsäule: Man kann nur weitergehen.
Und die Städte,
die jetzt noch stehen, werden Feuer fangen.
Ein Glück,
daß ich zumindest nach Rom gereist bin,
letztes Jahr,
daß wir uns hastig liebten, vor der Abwesenheit,
uns einmal noch sahen, uns schnell umarmten,
bevor man riefe
„Die Welt“ zu unserer letzten Welt
oder
„Dieser Abend“ zum letzten schönen Abend, der uns verwirrte …
Du wirst abreisen.
Schon ist dein Körper unwirklicher als der Zug, den du benutzt, und diese Rauchschwaden am Himmel haben mehr Wurzeln als wir.
Es ist unnütz, wenn wir uns abhetzen.
Schau auf das Wasser, wie es durch die Spalte zwischen unseren Schatten rinnt.
Den Ausgang vor Augen finden wir Geschmack daran, das Spiel auf die Spitze zu treiben.
Der Giftknilch
Wer hat das Gift wohl eingeträufelt?
Warʼs schon in der Muttermilch?
Oder gießt ein kleiner Dämon nächtens
aus einer Muschel es in unser Ohr,
dem einen mehr, dem andern weniger?
Und wer begnadet ist, ohne Ranküne
das Leben hinzunehmen und zu geben hin,
hat Glück er, ist der Götter Liebling
oder heilig ohne Heiligenschein?
Er dreht jedes Wort dir um im Munde,
wie einen schweren Stein, und findet immer
im dunklen Ungesagten Würmer wimmeln.
Vor lauter Frühling muß er teuflisch niesen,
vor lauter Sommer schwitzt er saure Tropfen,
vor lauter Herbst verschluckt er Bitterkerne,
vor lauter Winter wirft er Nüsse in den Ofen.
Es rumort sein säuerlicher Geist
beim Anblick schöner Frauen
wie der Magen eines Kranken
vor dem Tauglanz praller Beeren.
O, sein Verstand ist messerscharf,
und er kupiert dir jeden zarten Trieb,
den jungen Sproß der Phantasie,
das Ringelschwänzchen Lebensfreude,
weil auf faulem Humus sie gediehen,
weil es ringelt aus dem Hundeleben,
und heißetʼs dialektische Kritik.
Kritik, das ist die schwarze Tinte,
die er trinkt wie andre Wein,
und wie Trauben süß berauschen,
sind seine Räusche herb und kalt.
Die Landschaft hoher Gipfelzüge
macht ihn schwindeln.
Im weißen Bausch der Wolkenkissen
glaubt er zu ersticken.
Der linde Duft des Sommerabends
macht ihn hüsteln.
Wort und Blick des Nebenmanns
sind Angelruten falscher Köder.
An seinem Hauch welkt augenblicks
des Grußes dargereichte Blume.
Er ist so hellhörig,
daß er im Hymnensang der Engel
den falschen Ton erwischt.
Er ist so hellsichtig,
daß er über der Lippe Mona Lisas
den Schatten eines Haars entdeckt.
Im Garten Eden beschleicht ihn Unbehagen –
ist es nicht schreiend Unrecht,
wenn unter hohen stillen Bäumen
die kleine Schar der Auserwählten
den Schatten Seines Friedens findet,
und wie sanfte Quelle strömt ihr Mund
vom goldnen Lied der Dankbarkeit,
während da draußen all die Verdammten
in der Glut des schattenlosen Tages schreien?
Er will wie eine schön bemalte Vase,
aus der Fäulnisodem ihm entgegenschlägt,
schmettern an die Wand die schlechte Welt
und kocht vor Wut, weil erʼs nicht kann.
Und doch hat diesem Giftzwerg
Gottes unbegreifliche Gnade
den holden Zauber einer Frau gesellt,
aus ihren großen blumenfeuchten Augen
schimmert Sanftheit und Ergebenheit
durch den Nebel seiner Zweifelsucht,
aus der schwarzen Wolke ihres Haars
regnen warme Liebesschauer
auf die dürre Ebne seiner Spöttelei.
So frage nicht, wovon der krumme Teufel
zynischen Nörgelns, blutlosen Faselns
denn leben kann – die schöne Demut istʼs,
die selbst die Spucke seiner Mißempfindung
geduldig aufwischt und ihr Lächeln schenkt.
Lead, Kindly Light, amid the encircling gloom,
Lead Thou me on!
The night is dark, and I am far from home –
Lead Thou me on!
Keep Thou my feet; I do not ask to see
The distant scene, — one step enough for me.
I was not ever thus, nor pray’d that Thou
Should’st lead me on.
I loved to choose and see my path; but now
Lead Thou me on!
I loved the garish day, and, spite of fears,
Pride ruled my will: remember not past years.
So long Thy power hath blest me, sure it still
Will lead me on,
O’er moor and fen, o’er crag and torrent, till
The night is gone;
And with the morn those angel faces smile
Which I have loved long since, and lost awhile.
Die Wolkensäule
Führe mich, freundliches Licht, durch all die Dunkelheit,
leuchte mir voran!
Dunkel ist die Nacht, die Heimat liegt so weit,
leuchte mir voran!
Du lenke meine Schritte, ich will nicht sehen,
was ferne weilt – will Schritt für Schritt nur gehen.
Ich war nicht immer so gesinnt, daß ich Dich bat,
du sollest mich geleiten.
Ich suchte sonst zu wandeln auf eigenem Pfad,
jetzt will ich Dir nachschreiten!
Der grelle Augenblick galt mir für Glück, und war auch Angst dabei,
nahm mich doch Dünkel ein: Die alten Tage sind vorbei.
So weit mich Deine Macht nur trägt, wird der helle Strahl
mir freundlich winken,
über Moor und Sumpf, Fels und Strom, bis auch einmal
die Nacht wird sinken.
Im Dämmer taucht der Engel lächelndes Gesicht empor,
das ich schon lange liebte, für eine Weile nur verlor.
John Henry Newman, Flowers without Fruit
Prune thou thy words; the thoughts control
That o’er thee swell and throng;–
They will condense within thy soul,
And change to purpose strong.
But he who lets his feelings run
In soft luxurious flow,
Shrinks when hard service must be done,
And faints at every woe.
Faith’s meanest deed more favor bears,
Where hearts and wills are weighed,
Than brightest transports, choicest prayers,
Which bloom their hour, and fade.
Blumen ohne Frucht
Beschneide deine Worte; Gedanken mußt du zügeln,
die dich überwogen und umdrängen.
Sie werden deine Seele bald beflügeln
und ihren starken Willen dir aufzwängen.
Wessen Gefühle aber hingerissen gleiten
auf der Genüsse weichem Fluß,
zuckt zurück, soll harte Dienste er bestreiten,
und er erschlafft bei jeder Kümmernis.
Die kleinste Glaubenstat bringt größere Gunst,
wenn Herz und Sinn der Waage Schalen fassen,
als glänzendste Ekstase, Gebete feinster Kunst,
die kurze Zeit erblühen, bald verblassen.
Genuschel
Blusen blähen im Mondlicht.
Busen platzen unter sausenden Pratzen.
Brauen tauen an lauernden Fratzen.
Blasen strotzen.
Bäuche glotzen.
*
Stinke-Spalten, Wurmes-Falten.
Faule Speise, löffelweise.
Faule Fische in der Tasche.
Madenpisse in der Flasche.
Furunkel mit rotem Gefunkel.
Parzen mit blühenden Warzen.
Fürze gibtʼs zum Schleuderpreise
am Ausgang dieser Lebensreise.
*
Schrei-, schrei-, schreibe „Schweig!“
auf das Ei, das Ei, das Ei.
Sto-, sto-, stopfe Schnee
in das Ohr, das heiße Ohr.
Kni-, kni-, knick entzwei
den knospenden, den Zweig.
Holde Blumengeister
Meine leisen Glöckchen tönen
in die Gartendüfte.
Meine Schwester, die Rose,
schmachtet stumm.
Meine Blüten wispern den Schönen
in die Abendlüfte.
Meine Schwester, die Rose,
schmachtet stumm.
Meine dunklen Dolden dröhnen
in die Seelenklüfte.
Meine Schwester, die Rose,
schmachtet stumm.
John Henry Newman, Dreams
Oh! miserable power
To dreams allow’d, to raise the guilty past,
And back awhile the illumined spirit to cast
On its youth’s twilight hour;
In mockery guiling it to act again
The revel or the scoff in Satan’s frantic train!
Nay, hush thee, angry heart!
An Angel’s grief ill fits a penitent;
Welcome the thorn—it is divinely sent,
And with its wholesome smart
Shall pierce thee in thy virtue’s palmy home,
And warn thee what thou art, and whence thy
wealth has come.
Träume
Oh, unselige Macht,
den Träumen zugeteilt, wieder zu heben vergangene Sündenlast
und dem lichten Geist für eine Weile wieder als Gast
zu laden der Jugend dämmernde Nacht.
Sie höhnen ihn, sich wieder zu verleiben
im Schwelgen oder Schlingen bei Satans wildem Treiben.
Nein, sei still, aufgebrachtes Herz!
Eines Engels Kummer ist nicht der Reue Unterpfand.
Willkommen sei der Dorn – Gott hat ihn gesandt,
mit seinem heilbringenden Schmerz
soll er dich stechen in deiner Tugend Palmenhain
und dich gemahnen, wer du seist, und woher dein
Reichtum kam.
Philippe Jaccottet, Lʼeffraie
La nuit est une grande cité endormie
où le vent souffle…
Il est venu de loin jusqu’à
l’asile de ce lit.
C’est la minuit de juin.
Tu dors, on m’a mené sur ces bords infinis,
le vent secoue le noisetier.
Vient cet appel
qui se rapproche et se retire, on jurerait
une lueur fuyant à travers bois, ou bien
les ombres qui tournoient, dit-on, dans les enfers.
(Cet appel dans la nuit d’été, combien de choses
j’en pourrais dire, et de tes yeux…)
Mais ce n’est que
l’oiseau nommé l’effraie, qui nous appelle au fond
de ces bois de banlieue.
Et déjà notre odeur
est celle de la pourriture au petit jour,
déjà sous notre peau si chaude perce l’os,
tandis que sombrent les étoiles au coin des rues.
Tu es ici, l’oiseau du vent tournoie, toi ma douceur, ma blessure, mon bien.
De vieilles tours de lumière se noient et la tendresse entrouvre ses chemins.
La terre est maintenant notre patrie.
Nous avançons entre l’herbe et les eaux, de ce lavoir où nos baisers scintillent à cet espace où foudroiera la faux.
« Où sommes-nous? »
Perdus dans le cœur de la paix.
Ici, plus rien ne parle que, sous notre peau, sous l’écorce et la boue,
avec sa force de taureau, le sang fuyant qui nous emmêle, et nous secoue comme ces cloches mûres sur les champs.
Comme je suis un étranger dans notre vie,
je ne parle qu’à toi avec d’étranges mots,
parce que tu seras peut-être ma patrie,
mon printemps, nid de paille et de pluie aux rameaux,
ma ruche d’eau qui tremble à la pointe du jour, ma naissante
Douceur-dans-la-nuit… (Mais c’est l’heure que les corps heureux s’enfouissent dans leur amour avec des cris de joie, et une fille pleure dans la cour froide.
Et toi?
Tu n’es pas dans la ville, tu ne marches pas à la rencontre des nuits, c’est l’heure où seul avec ces paroles faciles
je me souviens d’une bouche réelle…) ô fruits mûrs, source des chemins dorés, jardins de lierre, je ne parle qu’à toi, mon absente, ma terre…
Je sais maintenant que je ne possède rien, pas même ce bel or qui est feuilles pourries, encore moins ces jours volant d’hier à demain à grands coups d’ailes vers une heureuse patrie.
Elle fut avec eux, l’émigrante fanée, la beauté faible, avec ses secrets décevants, vêtue de brume.
On l’aura sans doute emmenée ailleurs, par ces forêts pluvieuses.
Comme avant,
je me retrouve au seuil d’un hiver irréel
où chante le bouvreuil obstiné, seul appel
qui ne cesse pas, comme le lierre.
Mais qui peut dire
quel est son sens?
Je vois ma santé se réduire, pareille à ce feu bref au-devant du brouillard qu’un vent glacial avive, efface…
Il se fait tard.
Comme un homme qui se plairait dans la tristesse plutôt que de changer de ville ou bien d’errer, je m’entête à fouiller ces décombres, ces caisses, ces gravats sous lesquels le corps est enterré
que formèrent nos corps quand ils étaient serrés sur un lit de passage avec des cris de liesse. (C’est dans ce temps que notre ciel s’est éclairé, d’un astre sombre, et que j’eus bientôt mis en pièces…)
Ah! lâcher pour de bon ferraille, plâtre et planches!
Non, comme un chien je flaire un parfum répandu et gratte si profond qu’enfin j’aurai mon dû :
de tomber a mon tour en poussière bien blanche et de n’être plus rien qu’ossements vermoulus pour avoir trop cherché ce que j’avais perdu.
Sois tranquille, cela viendra!
Tu te rapproches, tu brûles!
Car le mot qui sera à la fin du poème, plus que le premier sera proche de ta mort, qui ne s’arrête pas en chemin.
Ne crois pas qu’elle aille s’endormir sous des branches ou reprendre souffle pendant que tu écris.
Même quand tu bois à la bouche qui étanche la pire soif, la douce bouche avec ses cris
doux, même quand tu serres avec force le nœud de vos quatre bras pour être bien immobiles dans la brûlante obscurité de vos cheveux,
elle vient,
Dieu sait par quels détours, vers vous deux, de très loin ou déjà tout près, mais sois tranquille, elle vient : d’un à l’autre mot tu es plus vieux.
Die Scheiereule
Die Nacht ist eine große schlafende Stadt,
wo der Wind weht …
Er ist von weither gekommen,
um in diesem Bett Asyl zu finden.
Es ist die Mitternacht des Juni.
Du schläfst, man hat mich an die unendlichen Gestade geführt,
der Wind schüttelt den Haselbusch.
Es kommt dieser Zuruf,
der sich nähert und wieder zurückzieht, man schwöre
auf ein Licht, das durch die Wälder fliehe, oder vielmehr
auf die Schatten, die – sagt man – in die Hölle abbiegen.
(Dieser Zuruf in der Sommernacht, wieviel könnte ich davon erzählen und von deinen Augen …)
Indes ist es nur der Vogel,
den man Schleiereule nennt, der uns aus der Tiefe
dieser Wälder der Vorstadt zuruft.
Und schon ist unser Geruch
der von Moder im Morgengrauen,
schon bohrt sich unter unsere so heiße Haut der Knochen,
während sich die Sterne an der Straßenecke verdunkeln.
Du bist hier, der Vogel des Winds, dreh dich im Kreis, du meine Süße, meine Wunde, mein Gut.
Alte Leuchttürme ertrinken und die Zärtlichkeit öffnet einen Spalt auf ihre Wege.
Die Erde ist jetzt unser Vaterland.
Wir schreiten voran zwischen Gras und den Wassern, von jenem Waschplatz, wo unsere Küsse schimmern, an jenem Ort, wo die Sense dahinraffen wird.
„Wo sind wir?“
Verloren im Herzen des Friedens.
Hier spricht nichts mehr, es sei denn unter unserer Haut, unter der Rinde und dem Schlamm,
mit seiner Kraft eines Stiers, dem rinnenden Blut, das uns vermischt und uns schüttelt wie die reifen Glocken auf den Feldern.
Da ich wie ein Fremder in unserem Leben bin,
rede ich zu dir auch nur mit fremdartigen Worten,
denn du wirst vielleicht mein Vaterland sein,
mein Frühling, Nest aus Stroh und Regen in den Zweigen,
mein Bienenkorb aus Wasser, der an der Spitze des Tages baumelt, meine aufkeimende
Süße in der Nacht … (Aber dies ist die Stunde, in der die glücklichen Körper sich in ihrer Liebe einwühlen in Freudenschreie, und ein Mädchen auf dem kalten Hof weint.
Und du?
Du bist nicht in der Stadt, du eilst nicht zum Treffpunkt der Nächte, dies ist die Stunde, da ich allein mit diesen leichten Worten
mich erinnere an einen wirklichen Mund …) oh reife Früchte, Quelle der goldenen Pfade, Gärten des Lorbeers, nur zur dir spreche ich, meine Ferne, meine Erde …
Ich weiß nunmehr, daß ich nichts mein eigen nenne, nicht einmal dies schöne Gold, das aus verschimmelten Blumen besteht, viel weniger noch diese Tage, die von gestern nach morgen mit großen Schwingen fliegen dem glücklichen Vaterland entgegen.
Es flieht mit ihnen, die bleiche Flüchtlingin, die schwache Schöne, mit ihren trügerischen Geheimnissen, ummantelt von Dunst.
Gewiß hat man sie, durch jene Regenwälder, zu anderen Orten geleitet.
Wie zuvor,
finde ich mich wieder auf der Schwelle eines unwirklichen Winters,
wo der eigensinnige Dompfaff sein Lied singt,
der beharrlich ist, gleich dem Lorbeer.
Doch wer kann sagen,
was es bedeutet?
Ich merke, wie meine Gesundheit nachläßt, gleich dem kurzen Brand vor dem Nebel, den ein eisiger Wind aufflackern läßt und auslöscht …
Es wird spät.
Wie ein Mensch, der sich in der Traurigkeit gefällt, anstatt an einen anderen Ort zu ziehen oder einfach herumzuirren, versteife ich mich darauf, im Schutt zu wühlen, in diesen Kisten, diesen Scherbenhaufen, unter denen der Körper verschüttet liegt, die unsere Körper geformt haben, wenn sie sich auf ein Bett des Unterwegsseins pressten, unter Freudenschreien. (Es ist zu dieser Stunde, daß sich unser Himmel an einem düsteren Stern erhellt hat und ich bald darauf in Stücke gegangen bin …) Ach, hinweg mit euch auf den Müll, gipserne Büsten und Bretter!
Nein, wie ein Hund wittere ich rings einen Wohlgeruch und ich kratze so tief, bis ich schließlich meine Schuldigkeit getan habe: auch meinerseits ganz zu weißem Staub zu zerfallen und nur noch wurmstichiges Gebein zu sein, weil ich zu sehr nach dem gesucht habe, was ich verloren hatte.
Sei ruhig, so wird es kommen!
Du rückst näher heran, du brennst!
Denn das Wort, das am Ende des Gedichtes steht, wird mehr noch als das erste deinem Tode nahe sein, der auf seinem Weg nicht innehält.
Glaube nur nicht, er werde einschlummern unter den Zweigen oder sich verschnaufen, während du schreibst.
Selbst wenn du aus dem Munde trinkst, der den ärgsten Durst löscht, dem süßen Mund mit seinen süßen Schreien,
selbst wenn du mit Gewalt an dem Knoten eurer vier Arme zerrst, damit sie ruhen mögen in der brennenden Dunkelheit eurer Haare,
er kommt,
Gott weiß, welche Umwege er nimmt, kommt zu euch, von weither oder ganz aus der Nähe, sei nur ruhig, er kommt: Vom einem zum nächsten Wort wurdest du älter.
Gemauschel
Geh nicht mit Faunen –
Geh nicht mit Eulen –
Geh nicht mit faulen –
Geh nicht mit faulen Fingern –
Geh nicht mit faulen Wischen –
Geh nicht mit faulen Fischen –
Geh nicht mit faulen Fischen zu den Meisen –
Geh nicht mit faulen Fischen zu den Heiden –
Geh nicht mit faulen Fischen zu den Maiden –
sie werden dich meiden.
Philippe Jaccottet, Lʼignorant
Plus je vieillis et plus je croîs en ignorance,
plus j’ai vécu, moins je possède et moins je règne.
Tout ce que j’ai, c’est un espace tour à tour
enneigé ou brillant, mais jamais habité.
Où est le donateur, le guide, le gardien?
Je me tiens dans ma chambre et d’abord je me tais
(le silence entre en serviteur mettre un peu d’ordre),
et j’attends qu’un à un les mensonges s’écartent :
que reste-t-il? que reste-t-il à ce mourant
qui l’empêche si bien de mourir?
Quelle force
le fait encor parler entre ses quatre murs?
Pourrais-je le savoir, moi l’ignare et l’inquiet?
Mais je l’entends vraiment qui parle, et sa parole
pénètre avec le jour, encore que bien vague :
«Comme le feu, l’amour n’établit sa clarté
que sur la faute et la beauté des bois en cendres… »
Der Unwissende
Je älter ich werde und je mehr ich zunehme an Unwissenheit,
je mehr ich gelebt habe, umso weniger besitze ich und um so weniger beherrsche ich.
Alles, was ich habe, ist ein Raum, der sich nach und nach
mit Schnee bedeckt und glänzt, doch von keinem bewohnt wird.
Wo ist sein Stifter, Hüter und Bewacher?
Ich sitze in meinem Zimmer und schweige zunächst
(das Schweigen tritt als ein Diener ein und macht ein wenig Ordnung),
und ich warte ab, daß eine um die andere Lüge sich entferne:
Was bleibt? Was bleibt diesem Sterbenden,
das ihn so gut daran hindert zu sterben?
Welche Kraft
läßt ihn noch zwischen seinen vier Wänden sprechen?
Könnte ich es wissen, ich, der nichts weiß und voll Unruhe ist?
Doch in Wahrheit höre ich jenen, der spricht, und seine Rede
dringt ein mit dem Tag, wenn auch nur undeutlich:
„Gleich dem Feuer gründet die Liebe ihre Helligkeit
einzig auf dem Mangel und die Schönheit der Wälder in der Asche …“
Die Möglichkeit der Stille
Da, Regentropfen
auf dem Blech der Hütte –
wie allein du dir schienst,
doch der Klang ist jetzt in dir,
die Tropfen sind jetzt in dir.
*
Gummistiefel knirschen im Schnee,
Stapfen für Stapfen,
rings die unendlich einsame Welt.
Da knirscht ein Echo in dir.
Wer geht mit dir durch den Schnee?
Einer geht mit dir durch die einsame Welt.
*
Der Vater stand auf der Schwelle,
unter ihm schrien die Steine.
Es tobt die Stimme des Vaters in dir,
sie will nicht leiser werden.
Beuge dich nieder auf die Schwelle,
küsse die schmutzigen Steine.
Sie wird stiller, wird still.
*
Es spricht aus dem Wind,
blaue Nacht sickert ein.
Du bist die Nacht,
du bist der Wind.
Sag nur leise,
was dich anweht,
sag es oder sing.
*
Ein Klagen kommt aus dem Wasser.
Ein Klagen kommt aus dem Gras.
Schöpf mit der Hand vom Wasser.
Leg dich nieder ins Gras.
*
Da ist eine Stimme, die kratzt.
Da ist eine Stimme, die spuckt.
Da ist eine Stimme, die würgt.
Entblöße ihr deine Haut.
Streck ihr deine Wange entgegen.
Halt hin ihr deinen Hals.
Die Schale deines Munds
tut sich auf,
sie trinken die Stille.
Auch wenn wir wissen
Was uns, wie das saugende Rohr das Blatt am Zweig,
am Leben hält,
ein Lächeln vielleicht
eines Gesichts, das seine Blüten schon abwirft,
der Gesang der Lerche über der Laube des Lichts
oder nur die nächtliche Erinnerung daran –
auch wenn wir wissen,
der Sturm kommt, schon weht die Gardine,
der das Blatt niederreißt …
Was uns, wie der graue Schauer des Winds überm Maar,
den Schritt verhält,
ein niedersinkender Flaum,
ein Käuzchen, das schreit,
oder es kullert in der modrigen Lade
ein grüner Stein entgegen
mit der Gravur eines Namens –
auch wenn wir wissen,
die Windstille kommt, schon spüren wir Taubheit im Finger,
in der das Echo erstarrt …
Was uns, wie dunklen Efeu um den knorrigen Stumpf,
ans Leben schmiegt,
die sanfte Hand,
die ihre Blüte offenhält in der Nacht,
das Pfeifen eines Kinds vor dem offenen Fenster,
der Becher goldenen Weins,
den der Abend über den Fuß des Zaudernden gießt …
auch wenn wir wissen,
die Nacht kommt, schon knistert es in den Dielen,
in der die Blüte sich schließt …
auch wenn wir wissen –
Philippe Jaccottet, Viatique
Oiseau sorti de la forge
Dans la poussière de l’après-midi dans l’odeur du fumier dans la lumière de la place
Puisses-tu seulement
l’avoir vu sans le comprendre
avant de changer de village
N’était-ce pas l’indestructible?
Monde né d’une déchirure apparu pour être fumée!
Néanmoins la lampe allumée sur l’interminable lecture
Wegzehrung
Vogel, der Schmiede entflogen
in den Staub des Nachmittags, in den Geruch von Dung, in das Licht über dem Platz,
könntest du das Dorf einfach nur
gesehen haben, ohne es zu begreifen,
bevor du zu einem anderen fliegst –
wäre dies nicht das Unzerstörbare?
Welt, aus einem Riß geboren, aufgetaucht, um Rauch zu werden!
Und dennoch: die Lampe, die über der endlosen Lektüre wacht.
Die Seekuh
Dem Andenken an Georg Wilhelm Steller,
der die Seekuh entdeckte, kurze Zeit,
bevor sie vom Menschen ausgerottet wurde
Gleiten, schlafen, träumen, gleiten,
wenn über die kaum geöffneten Augen
auf flachem, trüben Meergrund Seegras streift
Tang die Arme schwingt um den saugenden Mund …
Oder sie im Wurzellabyrinth der Mangroven
nach Blättern tastet mit den verständigen Haaren,
nach der Wasserhyazinthe blaßlila Blüten …
Gleiten, schlafen, träumen, gleiten …
Die gespaltene oder halbmondförmige Fluke
rudert die bedächtige Kuh ins Helle,
um Atem zu schöpfen über dem Schaum –
hört sie, wie die schmale Lippe des Horizonts tönt,
oder der Winde mythengrünes Rauschen?
Gleiten, schlafen, träumen, gleiten …
Sie wirbelt Schleier feinen Sands um sich auf,
als wäre die Muschelstille, die Andacht
still kauenden Lebens nicht tief genug …
Der Schatten des Jungtiers umspielt sie
mit sanfter Kühle, wickelt sie ein
in die Langmut des ruhelosen Nomaden …
Oder die Lebensfreude, die Nähe
von Mutter und Kind, ertönt in Duetten
hohen Zwitscherns und Pfeifens …
Sind die Rhythmen der herrischen Sonne,
der Gezeiten Wogen und Ebben,
sind ihr die Landschaft der fetten Weiden
von Seegras und blauen Algen
oder die Schattenmale der Menschen
auf den Wanderdünen der Zeit
zu Bildern erwacht im Traum?
Gleiten, schlafen, träumen, gleiten …
Sind das hohe Glimmen des Sternlichts,
das bleiche Tränengesicht des Monds
und das grüne Irrlicht der Nacht,
sind ihr die Nixen, Sirenen, Melusinen,
ihre Schwestern am Bugspriet der Schiffe
von Hanno dem Karthager bis Erik dem Roten,
von Christoph Kolumbus bis Vasco da Gama
zu Bildern erwacht im Schlaf?
Gleiten, schlafen, träumen, gleiten …
Weiche Nymphe des Meers,
bist du Askalons Fischweib,
die graue Göttin der Vorwelt,
der Semiramis Mutter,
homerische Nereide,
die ihre traurigen Zitzen reckt
aus dem versunkenen Reich der Sage?
Die müden Lider decken den Tag ihr zu,
den dämmrigen, sie kennt nicht der Herkunft
Grotten, erhellt vom Gesang der Flammen,
nicht Nester der Heimat, schwebend
von weichen Daunen der Liebe.
Für immer Verstandesnetzen unfaßbar,
erlischt sie, ein Irrwisch,
flieht sie, ein Schatten, dahin.
Gleiten, schlafen, träumen, gleiten …
Philippe Jaccottet, Paroles dans lʼair
L’air si clair dit :
« Je fus un temps votre maison,
puis viendront d’autres voyageurs à votre place,
et vous qui aimiez tant ce séjour, où irez-vous?
Je vois bien de la poussière sur la terre,
mais vous me regardiez, et vos yeux paraissaient
ne pas m’ètre inconnus; mais vous chantiez parfois,
est-ce donc tout?
Vous parliez même à demi-voix
à quelqu’un qui était souvent ensommeillé,
vous lui disiez que la lumière de la terre
était trop pure pour ne pas avoir un sens
qui échappât de quelque manière à la mort,
vous vous imaginiez avancer dans ce sens,
et cependant je ne vous entends plus : qu’avez-
vous fait?
Que va penser surtout votre compagne? »
*
Elle répond à’ travers ses heureuses larmes :
« Il s’est changé en cette ombre qui lui plaisait. »
Worte in der Luft
Die so klare Luft sprach:
„Ich war eine Zeit Ihr Haus,
dann werden andere Reisende kommen und Ihren Platz einnehmen,
und Sie, der Sie diesen Aufenthalt so liebten, wohin werden Sie gehen?
Ich sehe viel Staub auf der Erde,
doch Sie schauten mich an, und Ihre Augen schienen mir
nicht unbekannt; Sie sangen aber bisweilen,
ist das also alles?
Sie redeten sogar mit gedämpfter Stimme
zu jemandem, der oft eingeschlummert war,
Sie sagten ihm, das Licht der Erde sei
zu rein, um nicht mit einem Sinn begabt zu sein,
der auf irgendeine Weise dem Tode nicht anheimfällt,
Sie stellten sich vor, in diesen Sinn vorzudringen,
und dennoch hörte ich Sie nicht mehr:
Was haben Sie gemacht?
Vor allem, was wird Ihre Gefährtin denken?“
*
Sie antwortet durch den Schleier ihrer glücklichen Tränen:
„Er hat sich verändert in diesem Schatten, der ihm gefiel.“
Philippe Jaccottet, Le combat inégal
Cris d’oiseaux en novembre, feux des saules, tels
sont-ils, les signaux qui me conduisent de péril en péril.
Même sous les rochers de l’air sont des passages, entre lavande et vigne filent aussi des messages.
Puis la lumière coule dans la terre, le jour passe, une autre bouche nous vient, qui réclame un autre espace.
Cris de femme, feux de l’amour dans le lit sombre,
ainsi nous commençons à dévaler l’autre versant d’ici.
Nous allons traîner tous deux dans la gorge
ruisselante, avec rire et soupirs, dans un emmêlement de plantes,
compagnons fatigués que rien ne pourra plus
disjoindre s’ils ont vu sur le nœud de leurs cheveux le matin
poindre.
(Autant se protéger du tonnerre avec deux roseaux, quand l’ordre des étoiles se délabre sur les eaux…)
Der ungleiche Kampf
Vogelschreie im November, Feuer der Weiden, so
sehen sie aus, die Zeichen, die mich von Gefahr zu Gefahr geleiten.
Selbst unter den Felsen der Luft gibt es Durchgänge, sogar zwischen Lavendel und Weinstock fädeln sich Botschaften ein.
Dann rinnt das Licht zur Erde, der Tag geht vorbei, ein anderer Mund tut sich uns auf, der nach einem anderen Raum verlangt.
Frauenschreie, Feuer der Liebe im finsteren Bett,
also stehen wir nicht an den gegenüberliegenden Hang hinabzueilen.
Wir lassen uns gehen in der triefenden Schlucht,
mit Lächeln und Seufzern, in all dem Gewirr von Pflanzen,
müde Kameraden, die nichts mehr trennen kann,
wenn sie über dem Knoten ihrer Haare den Morgen
anbrechen sahen.
(Desgleichen sich gemeinsam mit Schilf vor dem Donner decken, wenn die Sternenordnung über den Wassern zerfällt …)
Philippe Jaccottet, Voeux
I
J’ai longtemps désiré l’aurore
mais je ne soutiens pas la vue des plaies
Quand grandirai-je enfin?
J’ai vu la chose nacrée : fallait-il fermer les yeux?
Si je me suis égaré conduisez-moi maintenant heures pleines de poussière
Peut-être en mêlant peu à peu la peine avec la lumière avancerai-je d’un pas?
(A l’école ignorée
apprendre le chemin qui passe
par le plus long et le pire)
II
Qu’est-ce donc que le chant?
Rien qu’une sorte de regard
S’il pouvait habiter encore la maison à la manière d’un oiseau qui nicherait même en la cendre et qui vole à travers les larmes!
S’il pouvait au moins nous garder jusqu’à ce que l’on nous confonde avec les bêtes aveugles!
III
Le soir venu rassembler toutes choses dans l’enclos
Traire, nourrir
Nettoyer l’auge pour les astres
Mettre de l’ordre dans le proche gagne dans l’étendue comme le bruit d’une cloche autour de soi
Gelübde
I
Ich habe mich lange Zeit nach dem Morgenrot gesehnt
doch ich ertrage nicht den Anblick von Wunden
Wann werde ich endlich erwachsen?
Ich habe etwas Perlmuttfarbenes erblickt: Soll ich die Augen schließen?
Wenn ich mich verirrt habe, seid nun mein Geleite, Stunden voller Staub
Ob ich einen Schritt weiterkomme, wenn ich nach und nach den Schmerz mische mit dem Licht?
(In der verkannten Schule
den Weg erkunden,
der durch das Weiteste und Schlimmste führt)
II
Was also bedeutet das Lied?
Nichts als eine Art von Blick
Wenn er noch wohnen könnte im Haus nach Art des Vogels, der selbst in der Asche sein Nest bauen würde, der durch die Tränen fliegt!
Wenn er uns nur so weit behüten könnte, bis man uns mit den blinden Tieren verwechselt!
III
Der Abend ist gekommen, alle Dinge in der Koppel aufzulesen
Melken, füttern
Den Trog reinigen für die Sterne
Ordnung schaffen in der Nähe erobert die Ferne, wie rings um die Glocke ihr Geläut
Philippe Jaccottet, Martinets
Au moment orageux du jour au moment hagard de la vie ces faucilles au ras de la paille
Tout crie soudain plus haut que ne peut gravir l’ouïe
Dans cette douce ardeur du jour
il n’est que de faibles rumeurs (marteaux que l’on croirait talons marchant sur des carreaux) en des lieux éloignés de l’air et la montagne est une meule
Ah! qu’elle flambe enfin avec l’ambre tombé à terre et le bois de luth des cloisons!
Klopfpeitschen
Im Augenblick, da den Tag ein Gewitter überzieht, im Augenblick, da das Leben verstört ist, diese Sicheln am Halse des Strohs
Alles schreit plötzlich, höher als das Gehör klimmen könnte
In dieser milden Glut des Tages
gibt es nur schwaches Rumoren (Hämmer, die man für Absätze halten könnte, die auf Fliesen klopfen) in entlegenen Regionen der Luft und das Gebirge ist ein Mühlstein
Ach, daß es endlich entbrenne mit dem Bernstein, der auf die Erde fiel, und der Lauten-Wald aus Wänden!
Gestisches Meinen
Eine kurze Widerlegung der Annahme, wir könnten durch Zeigegesten eine Sprache lernen
Ladendiebe im Kaufhaus, sie haben die Identität des Detektivs ausgekundschaftet; der eine reibt sich mit dem Finger am rechten Auge, nachdem er den Detektiv von rechts hat kommen sehen.
Bei dieser gestischen Verständigung entspricht die übermittelte Bedeutung der konventionellen Satzbedeutung: „Achtung, der Detektiv kommt von rechts!“, wobei das Medium der Mitteilung gestisch ist, indem der Komplize verabredungsgemäß sich mit dem rechten Zeigefinger am rechten Auge reibt, wenn er den Detektiv von rechts sich nähern sieht, und mit dem linken Zeigefinger das linke Auge gerieben hätte, wenn der Detektiv von links gekommen wäre.
Die Bedeutung der Geste ist hier der Situation gemäß festgelegt; es herrscht die Übereinkunft: „Je nachdem, aus welcher Richtung ich den Detektiv kommen sehe, reibe ich mein rechtes oder linkes Auge.“
Wenn nun der Komplize trotz der Annäherung des Detektivs keinen Finger krümmt und unbewegt bleibt, während sein Kumpan gerade dabei ist, sich die Hosen- oder Jackentasche mit Diebesgut zu füllen, sodaß der herbeigeeilte Detektiv ihn auf frischer Tat erwischt, würden wir dann sagen, der Komplize habe seinen Kumpel verraten oder auflaufen lassen, weil er ihn nicht wie verabredet durch das gestische Zeichen vor dem Herannahen des Detektivs gewarnt und somit die Unwahrheit über das, was sich zutrug, mitgeteilt hat?
Hieße dies, man könne mittels nonverbaler Gesten die Unwahrheit sagen oder lügen? Um mittels Worten die Unwahrheit zu sagen, müssen wir augenscheinlich in der Lage sein, die Wahrheit zu leugnen oder das Vorliegen eines wahren oder bestehenden Sachverhaltes negieren. Die genaue Frage lautet somit: Können wir mittels Gesten die Unwahrheit sagen oder etwas verneinen?
Wir können in Hinsicht auf den genannten Fall nur soviel sagen: Der wacheschiebende Komplize hat die Warngeste oder den Warnhinweis unterlassen – aus welchen Gründen auch immer. Auch wenn er den Detektiv hat herannahen sehen, könnte er in diesem Moment aufgrund eines Krampfes oder plötzlich auftretenden Schmerzes daran gehindert worden sein, die verabredete Geste auszuführen. Unter diesen Umständen gewähren uns die zur Verfügung stehenden Daten keinen Einblick in die wirkliche Handlungs- oder Unterlassungsabsicht des Mannes. Er könnte physisch an der Ausführung der Geste verhindert gewesen sein oder er könnte die Geste absichtlich unterlassen haben, um seinen Kollegen in die Falle gehen zu lassen.
Dagegen bleibt kein Zweifel oder Rätselraten, wenn wir bei unserer Kenntnis der Vorgeschichte erfahren, daß der Komplize vor Gericht leugnet, den angeklagten Dieb zu kennen oder von dem Vorhaben des Diebstahls gewußt zu haben. Zu behaupten, man kenne eine Person nicht, ist eindeutig, während die Unterlassung einer Geste, die auf die Präsenz einer Person hinwiese, nicht eindeutig ist.
Warst du gestern morgen im Park spazieren und dein Freund, der glaubt, dich gestern nachmittag dort gesehen zu haben, fragt dich: „Warst du nicht gestern im Park spazieren, ich glaube, ich habe dich am Nachmittag gesehen?“ und du schüttelst den Kopf, wird aus der verneinenden Geste nicht klar, welchen Teil der Frage du verneinst. Eindeutigkeit erzielen wir nur mittels präziser Anwendung der verbalen Negation, wie wenn du antwortest: „Ja, ich war gestern im Park spazieren, aber nicht nachmittags, sondern am Morgen.“
Willst du abstreiten, gestern morgen im Park gewesen zu sein (weil du zu dieser Zeit eigentlich mit deinem Freund verabredest warst), und dein Freund fragt dich die genannte Frage und du schüttelst wieder verneinend den Kopf, bleiben wir bei derselben Unklarheit und Zweideutigkeit hängen.
Es hat den Anschein, als stünde uns der Weg, etwas Wahres (mittels Worten) zu sagen, aufgrund der Möglichkeit offen, etwas Unwahres zu sagen, während die Möglichkeit, etwas mittels einer Geste zu zeigen oder etwas gestisch zu meinen, aufgrund der Schwierigkeit begrenzt ist, etwas mittels einer Geste zu verneinen.
Wenn wir nach einer angenehmen Plauderei unseren gewohnten Spaziergang antreten wollen und du zeigst mit einer ausladenden Geste aus dem Fenster, wo ich sehe, wie sich dunkle Wolken zusammenziehen, soll ich dann folgern, daß wir aufgrund der ungünstigen Wetterlage es vorziehen sollten, das Haus nicht zu verlassen? Das ist nicht eindeutig. Du könntest mit deiner Geste auch meinen: „Da braut sich was zusammen, bewaffnen wir uns mit Regenschirmen, bevor wir ausgehen!“
Gestisches Meinen scheint demnach der Klarheit und Eindeutigkeit der Mitteilung zu ermangeln, derer wir bedürfen, wenn wir unsere Absichten, Erwartungen und Handlungen kooperativ aufeinander abstimmen wollen.
Wenn es aber der Fall wäre, daß gestisches Meinen nicht die Eindeutigkeit aufweist, die wir anhand der verbalen Äußerungen unserer alltäglichen Dialoge festmachen können, kommen wir in die Verlegenheit, fragen zu müssen, ob ein klarer Begriff des gestischen Meinens überhaupt aufgewiesen werden kann.
Betrachten wir den Musterfall gestischer Verständigung: Einer zeigt mit der Hand oder besser mit dem Zeigefinger auf den Gegenstand, auf den er die Aufmerksamkeit des anderen lenken will. Wenn der Schmiere stehende Komplize des Diebes mit dem Finger in eine bestimmte Richtung zeigt, um ihn auf das Herannahen des Detektivs aufmerksam zu machen, wäre diesem klar, was die Geste meint: „Achtung, da droht Gefahr in Gestalt des Detektivs!“
Das gestische Meinen erhält hier seine klare Bedeutung aufgrund der Kontextbedingungen, die den Fingerzeig gleichsam nicht ins Leere gehen lassen, sondern den vorab charakterisierten Gegenstand herausheben lassen.
Doch wenn ich dich in einem Garten mit einem Fingerzeig auf eine seltene Orchideenart, deren Exemplare auf der anderen Seite blühen, hinweisen will, wirst du mich nur fragend anschauen. Denn in diesem Falle kann ich nicht klar sagen, was ich mit meiner Geste meine. Die Geste ist nur hilfreich, dir die Richtung zu zeigen, in die ich deine Blicke lenken möchte, doch ohne den Hinweis: „Schau mal, dort blühen Cattleya“, gesetzt den Fall, du weißt, daß damit eine Orchideenart bezeichnet wird, wirst du nicht verstehen, was ich meine.
Zwischen den Orchideen könnte sich auch ein Teichhuhn tummeln und meine hinweisende Geste hätte genauso gut diesem possierlichen Tier gelten können. Dazu hätte ich meinen Fingerzeig mit dem Hinweis versehen müssen: „Schau mal, dort pickt ein Teichhuhn!“
Daraus folgern wir: Um uns gegenseitig auf einen Gegenstand der Umwelt aufmerksam machen zu können, müssen wir denjenigen, dem der Hinweis dienlich sein soll, mit der Information darüber versehen, um welche Art von Gegenstand es sich dabei handelt (um welchen Typus von Gegenstand, der durch das gezeigte Token verkörpert wird).
Jemandem etwas zeigen zu können setzt daher eine Klassifikation der Gegenstände nach Gattungen und Exemplaren voraus, die nur in der Wortsprache entwickelt werden kann. Denn mittels Zeigegesten kann ich nur auf gewisse Exemplare von Gegenständen aufmerksam machen; indes bleibt die Bedeutung der Zeigegeste deshalb notorisch unterbestimmt, weil ein Zeigen auf den gemeinten Gegenstandstyp nicht möglich ist.
Wenn wir aber eine Sprache benötigen, die eine Minimalontologie der Unterscheidung von Gattungen und Exemplaren der Gegenstände zum Ausdruck bringen können muß, um mittels der Zeigegeste überhaupt den relevanten Gegenstand des Zeigeumfelds herausgreifen und identifizieren zu können, ist evident, daß wir nicht umgekehrt mittels Zeigegesten eine Sprache entwickelt oder gelernt haben können.
Wenn das Kind aufgrund der Zeigegesten der Erwachsenen und ihrer wiederholten Nennung des Begriffs zu äußern lernt: „Hund!“, dann hat es die Anwendung des Gattungsbegriffs oder des generellen Terminus „Hund“ auf das vorbeilaufende Exemplar nicht durch diese Zeigegeste gelernt; denn in der Tat meint das Kind mit dem Ausruf „Hund!“ „Da, ein Hund!“ oder „Das ist ein Hund!“ Und das Kind ergötzt sich bald daran, nachdem es den Begriff erfaßt hat, nicht nur diesen, sondern alle mögliche Hunde Hund zu rufen, ja sogar Katzen und womöglich Kühe und sogar andere Kleinkinder, auf die es nunmehr mit Eifer selbst seinen Finger ausstreckt.
Wir würden sicher richtig sagen, das Kind mache hier Fehler bei der Anwendung des neu gelernten Begriffs; es macht aber keinen Fehler bei der ontologischen oder klassifikatorischen Einordnung des Begriffs, den es richtig als Begriff für einen Typus von Gegenstand auffaßt und verwendet. Wie und wann hat das Kind diese Form der begrifflichen Einordnung gelernt? Wie uns scheint, hat es dies überhaupt nicht gelernt: Die klassifikatorische Grundordnung der sprachlichen Begriffe muß angeboren sein.
Auch wenn das Kind spontan alle möglichen Hunde und hundeähnlichen Gegenstände seiner Umgebung „Wauwau!“ ruft, meint es damit: „Da, ein Wauwau!“ oder „Das ist ein Wauwau!“ Semantisch abgekürzt sagt es damit nichts geringeres als: „Das ist ein Gegenstand mit der wesentlichen Eigenschaft F“ oder formelhaft „Fa“.
Die Semantik der einfachen oder elementaren Aussageform Fa ist die Grundlage unserer Art, etwas von etwas auszusagen, also der Sprache überhaupt. Es gibt keine Zeigegeste, mit der auf die semantische Form Fa gezeigt werden könnte. Ja, wie wir gesehen haben, können wir nicht einmal mit Sicherheit und Eindeutigkeit auf den Gegenstand a hinweisen, denn um dies zu tun, müssen wir darüber im Bilde sein, um welche Art von Gegenstand es sich dabei handelt, also schon wissen, daß gilt: Fa.
Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen setzen seit geraumer Zeit viel Energie in das Unterfangen, die Sprachentwicklung aus den vorsprachlichen Wurzeln des gestischen Zeigens ableiten zu wollen. Wenn gilt, daß die semantische Struktur Fa nicht gelernt werden kann, sondern angeboren ist, geschweige daß sie mittels Zeigefunktionen gelernt werden könnte, erweisen sich alle Bemühungen dieser Art als sinnlos.
Was für die Anwendung genereller Termini oder Gattungsbegriffe gilt, scheint von der Anwendung von singulären Ausdrücken oder Eigennamen a fortiori zu gelten: Wie sollte das Kind die Anwendung des Eigennamens Peter auf Peter (wenn sein Freund so heißt) lernen, ohne zuvor die Anwendung des Namens Petra (wenn das Kind Petra heißt) auf sich selbst vorgenommen zu haben?
Wie geht das vor sich? Petra hat die bestürzende, erregende oder faszinierende Erfahrung gemacht, daß alle Gedanken, Gefühle und Vorstellungen, die da um sie herumgeistern oder spuken oder sich einstellen, ihre eigenen Gedanken, ihre eigenen Gefühle und ihre eigenen Vorstellungen sind. Wenn sie etwa sagt: „Petra aua“, dann hat Petra schon gedacht und gefühlt: „Ich habe Schmerzen.“
Die Anwendung des Eigennamens kann daher nicht aufgrund von Zeigegesten gelernt werden, als müßte das Kind auf sich selbst zeigen und dabei den Namen „Petra“ einüben. Vielmehr setzt der Gebrauch des eigenen Namens das Wissen um die eigene Existenz voraus. Dieses Wissen aber ist die Voraussetzung dafür, andere Personen als solche zu erkennen und mit ihrem Namen zu rufen.
Wenn Petra ihren Freund Peter „Peter“ ruft oder sich an ihren Freund Peter erinnert, weiß sie, daß Peter so ist wie sie selbst, nämlich ein Wissen von seiner Existenz hat und seine eigenen Gedanken, Gefühle und Vorstellungen hat, wie sie die ihren.
Die Anwendung von persönlichen Eigennamen setzt das Wissen von der eigenen Existenz voraus; dieses Wissen ist kein rein sprachliches Wissen, denn es beruht nicht bloß auf den Regeln der Verwendung des Personalpronomens der ersten Person im Singular. Allemal kann mit keiner Zeigegeste auf das Bewußtsein, das Ich, das Selbst oder wie immer wir das Wissen von der eigenen Existenz benennen wollen, hingewiesen werden.
Natürlich ist klar, daß nur Petra oder Peter sagen kann: „Da, ein Hund!“ oder „Fa“. Die semantische Grundform der generellen Aussage ist nur denkbar und realisierbar in einer Welt wie unserer Welt, in der ihrer selbst bewußte Personen eine natürliche Sprache verwenden. Es gibt keine Sprache ohne Sprecher, es gibt keine Sprecher ohne Bewußtsein. Alles sprachliche Lernen setzt Bewußtsein voraus – also kann man Bewußtsein oder seiner bewußt zu sein schlechterdings nicht erlernen.
Worauf zeigt Petra, wenn ihr Freund Peter vorbeigeht und sie mit ihrem Finger auf Peter zeigt und „Peter!“ oder „Da ist Peter!“ ruft? Sie zeigt nicht auf einen Gegenstand, der die Eigenschaft namens Peter hätte, die auch ein anderes Kind haben könnte, wie sie gerne auf diese tollen Tiere zeigt, die die generelle Eigenschaft verkörpern, Hunde zu sein. Gewiß zeigt das Kind auf den Körper von Peter, denn nur als verkörpert ist die Art von bewußter Existenz in der Welt, in der wir leben, vorhanden. Der Körper von Peter hat freilich jede Menge Eigenschaften, die auch andere Personen und Petra selbst haben, wie so und so groß, schwer oder alt zu sein. Aber Petra zeigt nicht auf diese körperlichen Eigenschaften oder die Summe dieser generellen Eigenschaften, die sich in dem Körper von Peter wie die Eigenschaft, ein Hund zu sein, in jenen Tieren verkörpert – sondern sie zeigt auf Peter. Ist etwa das, worauf Petra zeigt, ein unsichtbares, immaterielles Etwas, Peters Seele? Keineswegs, denn Peter hat seine Freundin bemerkt, läuft auf sie zu, schaut sie an, spricht und spielt mit ihr. Die singuläre Person, auf die Petra zeigt, ist auf singuläre Art und Weise präsent in all ihren leiblich vermittelten Lebensäußerungen, die ihr ohne weiteres zugänglich, wahrnehmbar, verständlich sind. Wenn wir von Peters Seele reden wollen, dann wäre sie gleichsam über seinen ganzen Körper und in all seinen Lebensäußerungen verteilt.
Dennoch ist es erstaunlich oder sogar ein wenig peinlich, inwiefern wir mit derselben Zeigegeste etwas so Unterschiedliches meinen können, wie das Exemplar einer Gattung von Dingen oder Lebewesen wie die Orchidee und den Hund auf der einen Seite und die singuläre Entität einer Person auf der anderen Seite, die nur dadurch das ist, was sie ist, weil sie von ihrer Existenz weiß.
Diese Asymmetrie scheint auch der moralische Grund dafür zu sein, daß wir Kindern die Unsitte, mit Fingern auf andere zu zeigen, möglichst bald wieder abzugewöhnen pflegen.
Schalen und Früchte
Die Härte der Schalen von Eicheln oder Schildkröten: Wehrhaftigkeit des Lebens, Wille zu dauern und zu überdauern. Aber jede Schale muß geöffnet werden oder einen Ausgang zulassen: Nur so gelangt der neue Samen an andere Orte, nur so krabbelt die Kröte ihres Weges, knabbert am Blatt, kann sich paaren.
Krankheit als Verschalung und Verkrötung der Seele: der Panzer der Melancholie, der Starrsinn der Katatonie, das undurchdringliche, unwiderlegbare Wahnsystem des Paranoikers.
Bei Annäherung des Feindes, bei feindlicher Berührung kapselt sich der Igel in seine stachlige Rüstung.
Wenn sich die Welt voller Dämonen oder als Raum dämonischer Mächte offenbart: die Abkapselung und Einmauerung der irischen Mönche.
Die asketischen Lebensformen des Fanatikers, des Partisanen, des Terroristen bilden sichtbare oder unsichtbare Schalen, unter denen er seine geheimen Pläne ausbrütet oder auf deren Innenseite er seine Attentatsphantasien kritzelt.
Auch in die abgedichtete Zelle der Stille bohrt der Dämon ein winziges Loch, durch das er das feine Rohr obszöner Geräusche steckt.
Wie die Muschel um ihre versehrte Stelle die harte Perle läßt die mißtrauisch gewordene Seele um ihre Wunde die harte, undurchdringliche Kapsel ihrer Maske wachsen.
Je verstörter der Mensch, umso maskenhafter seine Mienen, umso geisterhafter seine Gesten.
Die Stacheln der Akazie. Woher weiß sie um die Weichheit der Zunge von Zebra und Giraffe?
Alkohol und Rausch als Schalen der empfindsamen Seele.
Die Fruchtschalen und Fruchtbecher der Blumen und Pilze, die explodieren, wenn der Finger des Winds darüberstreicht.
Die schalenlos-ungeschützte Lebensfrucht der Mikroben hält das Gleichgewicht des Daseins durch meeresdunkle Verborgenheit und chaotisches Gewimmel.
Nacktheit, Blöße, Schalenlosigkeit als Gefahr.
Schwelle, Tor und Fenster als verletzlichste Punkte des individuellen und des politischen Körpers.
Das Labyrinth als Schale und Versteck: Es kann den feindlichen Eindringling in die Irre führen, in die Verzweiflung, in den Wahn. Doch muß es mindestens zwei Eingänge haben: So werden die Anstrengung und die Angst der Überwachung verdoppelt, vervielfacht. Kafka hat dies erfaßt in der genialen unvollendeten Erzählung „Der Bau“.
Die närrischen, absurden, verzweifelten Versuche, sich vor dem inneren Feind, dem Tod, in einer undurchdringlichen Schale zu verbergen, wie hinter der glorios glänzenden Marmormaske des eigenen Namens.
Tollwütige Exzesse der Wollust, um in der Kapsel und Zitadelle der Macht oder des Imperiums das Beben nicht wahrhaben zu wollen, das den Untergang heraufbeschwört – oder jenes Scharren von Füßen vor der Tür, jenes Pochen an der Wand …
Die Seele, die nicht schlafen kann: Sie hört den Feind im Rauschen des Winds, der Gräser, des Wassers, im Klappern der Fensterläden, im Wehen des Vorhangs.
Auf dem Wachtposten stehen und nicht einschlafen dürfen: die Daseinsform der provozierten Seele.
Versöhnung beruht meist auf Verleugnung. Die Kraft läßt nach, das Schlafbedürfnis ist unwiderstehlich, die Tür steht sperrangelweit offen: Da scheint die blaue Nacht herein und die eindringenden Dämonen lächeln, bevor sie tödlich zuschlagen, mit einemmal wie gute alte Freunde.
Nur im einigermaßen sicheren Raum der Liebe und der Freundschaft lockern wir uns, lugen wir wie die Kröte mit ihrem wackelnden Kopf aus dem Panzer hervor, gehen wir aus uns heraus. Doch auch Liebe und Freundschaft sind Schalen, die durch Abschirmung, Exklusivität und verschlossene Türen oder geheime Orte die Schatten ferner rücken, die Zunge lösen, die Lider schwerer werden lassen.
Die politische Ordnung: die Riesenschildkröte des Staats.
Wenn man allerdings die Kröte der politischen Ordnung ihrer harten, wehrhaften Schale beraubt, zerfällt der Staat – zuletzt bleibt ein Gewusel emanzipierter Triebtäter, die sich gegenseitig bei lebendigem Leibe auffressen.
Diejenigen, die der Kröte Staat den Panzer rauben wollen, gerieren sich als Menschenfreunde, als Hüter der Humanität und als milde Vertreter einer universalistischen Moral, sorgen aber mit ihrem scheinbar harmlosen Geschwätz für die Zunahme der Gewalt, der Rohheit, der Barbarei.
Humanistisch gesinnte Köpfe wähnen, das Ethos von Liebe und Freundschaft solle möglichst weit und tiefgreifend auf die politische Ordnung ausgedehnt werden. Sie vergessen dabei, daß auch Liebe und Freundschaft von den Schalen der Obhut, Intimität und Exklusivität umhüllt und geschützt werden; sie vergessen zudem, daß die souveräne Macht in ethischen Dingen eigenen Wesens ist und von den Motiven, die in Familien und unter Freunden ihren Ort haben, geradewegs in die Irre der Ohnmacht und Unterwerfung geleitet wird.
Wer seine Türe nicht gegen unwillkommene Gäste abschließen kann, sollte sie auch nicht für willkommene öffnen dürfen.
Eine, die ihre Tür jedem Dahergelaufenen auftut, nennen wir rechtens ein Flittchen.
Wer nicht ablehnen und verachten kann, kann auch nicht schätzen und achten.
Wer jedermanns Freund sein will, erweist damit seine schurkische Gesinnung.
Schalen, die das Lebenswasser bergen, sodaß es auf dem dürren Boden nicht zerfließt.
Die Formen der Dichtung gleichen Schalen und sind wie Becher, die ein köstliches Lebenswasser bergen können. Formlose Gedichte sind keine: Sie laufen über und ihr karger Sinn ist lauter sinnlose Ausschüttung von Worten.
Die Formen der Dichtung gleichen auch jenen getriebenen, gebrannten, bemalten Schalen aus Ton, Silber oder Porzellan, in denen glänzende Früchte gehäuft werden, um sie den Gästen des Hauses anzubieten: Man legt sie nach Sorten und Farben harmonisch neben- und übereinander, und wehe eine zeigt schon faulige Flecken, sie wird sogleich aussortiert und durch eine frische ersetzt. – Früchte aller Art und Färbung, gesunde und faule, kunterbunt über den Boden zu schütten erzeugt ein Durcheinander, das jedes ästhetischen Reizes ermangelt und unseren Sinn für Ordnung und Proportion beleidigt.
Das Heilige gibt sich nicht den profanen Blicken preis, sondern wohlbewahrt hüllen und bergen es Schale und Schild, Becher und Tabernakel, Vorhang und Rauch. Nur zuweilen, an festlichen Tagen oder zu außergewöhnlichen Anlässen von Not und Gefahr hebt der Priester den Vorhang zur Seite, öffnet das Allerheiligste, gießt aus dem Becher den geweihten Wein.
Das lebenspendende, heilige Blut birgt die kostbare Schale, der Heilige Gral, ihn zu erobern, zurückzugewinnen, zu besitzen gilt es die Bewährung der größten aventiure, gilt es Kampf und Krieg – und wenn die Ritter am Ende nicht wissen, ob das Gefäß leer ist oder nicht, mindert dies nicht seinen kultischen Wert.
Opferschale, in der Blüten und Früchte vor das geweihte Bild getragen werden, Schale, in der die Flamme lodert, zum Zeichen, daß ein Göttliches sei, das den geringen Schatten des Menschenwesens erhelle, halte, heilige.
Auch das Leiden und der Schmerz können zu Blüten und Früchten verwandelt werden, wenn sie auf der reinen Schale des Opfers dargebracht werden.
Früchte schälen, Äpfel, Birnen, Kartoffeln, und die sich ringelnden Schalen fallen in den Schoß. Die fleckigen Stellen aber und die Augen und aufgesprossenen Triebe schneidet man weg, und nur das Genießbare und Schmackhafte lassen wir gelten.
Der Fluch auf den Feigenbaum: augenblicks war er verdorrt.
Früchte, die nicht langsam und stetig reiften, sondern auf morastigem Grund und unter zu viel Glut, schmecken wässrig und fad. Die Geduld des langsamen Reifens unter herbem Wind und wechselndem Licht bringt gute Frucht.
Das langsame Reifen der Leibesfrucht im Mutterleib macht den Unterschied der Fühlweisen von Mann und Frau.
Das dunkle Warten der eingemachten Früchte im kühlen Dämmer des Kellers, das Nachreifen der Äpfel auf den Stellagen, doch die reifen Kastanien springen wie von selbst aus der stachlichten Schale.
Die Indigenen schälen den Zweig, bis er nackt ist, spitzen ihn zu, träufeln aus geheimnisvollen Früchten giftigen Saft auf die Spitze und machen sich auf zur Jagd.
Der häßliche Anblick verhutzelter und verfaulter Früchte, der Verwesungsgeruch, der von ihnen ausgeht.
Frühgereifte Früchte stillen den Durst des Munds, spätgereifte den Durst der Seele.
In mancher vollen, prangenden Frucht, die dem Auge kokett schmeichelt und den Mund wässrig macht, steckt ein Wurm.
Romantik: Die Schalen zerbrechen, den Mund des unmittelbaren Genusses an die überhängenden Trauben und Früchte hängen wollen. Als wäre die Welt schon oder noch oder wieder der Garten Eden.
Ästhetik ohne Form gleicht der Fülle der Trauben und Früchte ohne die Möglichkeit, sie zu keltern und zu kochen. Die Trauben zu keltern und den Wein reifen zu lassen, diese Mühen der Kultivierung sind indes die Voraussetzung dafür, den Wein auf dem Fest des kleinen Kreises zu kredenzen oder ihn heiliger Verwandlung zuzuführen.
Die Behausung als Schale des Daseins, des Überwinterns, des Überlebens. Von der Höhle des Urmenschen bis zum Appartement des Spätlings. Zuflucht, Versteck, Intimbereich. Wir sehen auf die beleuchteten Fenster gegenüber und wissen um eine anonyme, traurige Kollektivität.
Das einsame Kind im Zimmer des Krankenhauses. Das Entschwinden der Weltbezüge, wenn die Schatten wachsen, es immer dunkler wird. Im fernen Quietschen der Straßenbahn, im fahlen Schein des Scheinwerferlichts, das Decke und Wände abtastet, sogar im leisen Röcheln aus den Gängen, in denen schwache Funzeln ein schicksaldumpfes Licht aussenden, liegt noch eine Hoffnung, die wie die Kastanie schimmert, die das Kind in der Schublade des Krankenbetts verwahrt hat.
Der Mensch, das einzige Lebewesen, das sich künstliche Schalen entwirft und in sie einhüllt, Schalen, die ihn manchmal schützen, manchmal erdrücken.
Philippe Jaccottet, Soleil dʼhiver
Le bas passage du soleil aux mois d’hiver sur l’écorce des chênes à cette heure t’est découvert : le bois éclaire, non point brûle, mais révèle, immobile, sans trop d’éclat, sans étincelles, tel peut-être un visage qui ne parle point s’il affronte le défilé du temps très loin-Mais, derrière, l’ombre sur l’herbe est déposée, non point funèbre ni menaçante ou blessée, à peine sombre, à peine une ombre, si bas prix payé par l’arbre à l’accroissement de son fruit, légère peine douce elle-même à la terre, âme de l’arbre due aux pas de la lumière…
Une personne en patience et paix tournée
vers l’aveuglant passage d’une à l’autre année,
ayant sa peine derrière elle, son regret,
et l’herbe néanmoins s’apprête, persévère,
l’espace semble illuminer sa loi sévère,
et l’astre tourne, monte et descend les degrés…
Le flambeau passe à peine plus haut que les tables, plus fidèle que nul esclave à nos soucis, taciturne incroyablement inévitable, et nous autres avec bonheur à sa merci.
Wintersonne
Der tiefe Gang der Sonne in den Wintermonaten über die Rinde der Eichen zeigte sich dir zu dieser Stunde: Der Wald beleuchtet, er brennt keineswegs, sondern enthüllt, reglos, ohne scharfen Glanz, ohne Funken, solch ein Gesicht vielleicht, das nicht spricht, wenn es auf die ferne Flucht der Zeit trifft – doch dahinter ist der Schatten auf das Blatt gelegt, er ist nicht finster, weder drohend noch versehrt, kaum düster, kaum ein Schatten, so günstig von dem Baum bezahlt für das Reifen seiner Frucht, eine kleine Last, mild selbst für die Erde, für die Seele des Baums, die sich den Schritten des Lichtes schuldet …
Jemand, der voll Geduld und Ruhe gewandt ist
zum blendenden Übergang von einem zum anderen Jahr,
er hat sein Leid im Rücken, sein Bedauern,
und das Gras schmückt sich trotzdem, harrt aus,
der Raum scheint sein hartes Gesetz leuchten zu lassen,
und der Stern wendet sich, steigt die Stufen hinan, hinab …
Die Fackel wandelt vorbei kaum höher als die Tische, unseren Sorgen ergebener als jeder Sklave, verschwiegen, unentrinnbar über die Maßen, und wir anderen segnen ihre Huld.
Philippe Jaccottet, Champ dʼoctobre
La parfaite douceur est figurée au loin à la limite entre les montagnes et l’air :
distance, longue étincelle qui déchire, qui affine
Tout un jour les humbles voix
d’invisibles oiseaux
l’heure frappée dans l’herbe sur une feuille d’or
le ciel à mesure plus grand
Les chèvres dans l’herbage sont une libation de lait
Où est l’œil de la terre nul ne le sait
mais je connais les ombres qu’elle apaise
Dispersées, on voit mieux l’étendue de l’avenir
La terre tout entière visible
mesurable
pleine de temps
suspendue à une plume qui monte de plus en plus lumineuse
Pommes éparses
sur l’aire du pommier
Vite!
Que la peau s’empourpre
avant l’hiver!
Dans l’étendue
plus rien que des montagnes miroitantes
plus rien que d’ardents regards qui se croisent
Merles et ramiers
Feld im Oktober
Die vollkommene Sanftheit erscheint als Sinnbild fern an der Grenze zwischen den Bergen und der Luft:
Abstand, länglicher Funke, der zerreißt, der zuspitzt
Den ganzen Tag die demütigen Stimmen
unsichtbarer Vögel
die Stunde, im Gras auf einem Blatt aus Gold geschlagen
der Himmel demgemäß größer
Die Ziegen auf der Weide sind ein Trankopfer mit Milch
Wo ist das Auge der Erde, niemand weiß es
aber ich kenne die Schatten, die sie beschwichtigt
Sind sie zerstreut, erkennt man besser die Weite der Zukunft
Die Erde ist ganz und gar sichtbar
meßbar
gefüllt mit Zeit
sie hängt an einer Feder, die heller und heller erstrahlt
Äpfel, ausgestreut
rings um den Apfelbaum
Schnell!
Auf daß die Haut sich purpurn färbe
noch vor dem Winter!
In der Weite
nichts weiter als spiegelnde Berge
nichts weiter als glühende Blicke, die sich kreuzen
Amseln und Ringeltauben
Unser täglich Brot
Vom Brot der Engel, das wie Schnee am Atem schmilzt,
können wir nicht leben.
Das Lächeln eines Kinds, das durch den Nebel der Verzagtheit bricht,
sei unser Brot.
Von papiernen Blumen, die unter Tränen sich entfalten,
können wir nicht leben.
Das Feuer eines Schreis, das die Nacht der alten Erde furcht,
sei unser Brot.
Vom weißen Staub, den von den Wimpern streift Erinnerung,
können wir nicht leben.
Der Honig blinder Küsse, der aus der Borke des Alltags tropft,
sei unser Brot.
Vom Glitzern, das der Wind aus hohlen Perlen peitscht,
können wir nicht leben.
Das Licht der Garben, die unter Sicheln hoher Liebe rauschen,
sei unser Brot.
Von Liedern, die ein müder Mond aus Tümpeln saugt,
können wir nicht leben.
Der goldene Klang, den aus den Trauben Morgensonne preßt,
sei unser Brot.
Von Schattenspielen, die vage Flügel auf die Wände werfen,
können wir nicht leben.
Der Schaum des Lichts, den der Sturz der Möwe schlägt,
sei unser Brot.
Vom Schluchzen, das aus dem Schlaf der Muschel quillt,
können wir nicht leben.
Das Wort des Danks, das in der Opferschale glimmt,
sei unser Brot.
Philippe Jaccotet, Le locataire
Nous habitons une maison légère haut dans les airs, le vent et la lumière la cloisonnent en se croisant, parfois tout est si clair que nous en oublions les ans, nous volons dans un ciel à chaque porte plus ouvert.
Les arbres sont en bas, l’herbe plus bas, le monde vert, scintillant le matin et, quand vient la nuit, s’éteignant, et les montagnes qui respirent dans l’éloignement sont si minces que le regard errant passe au travers.
La lumière est bâtie sur un abime, elle est tremblante, hâtons-nous donc de demeurer dans ce vibrant séjour, car elle s’enténèbre de poussière en peu de jours ou bien elle se brise et tout à coup nous ensanglante.
Porte le locataire dans la terre, toi, servante!
Il a les yeux fermés, nous l’avons trouvé dans la cour, si tu lui as donné entre deux portes ton amour, descends-le maintenant dans l’humide maison des plantes.
Der Mieter
Wir bewohnen ein leichtes Haus hoch in den Lüften, der Wind und das Licht bilden darin einen Verschlag, wenn sie sich in ihm kreuzen, manchmal ist alles so hell, daß wir darin die Jahre vergessen, uns verlangt nach einem Himmel, der von Tür zu Tür offener steht.
Die Bäume befinden sich in der Tiefe, die Gräser noch tiefer, grün ist die Welt, sie funkelt am Morgen und wenn die Nacht kommt, erlischt sie, und die Berge, die in der Ferne atmen, sind so dünn, daß der irrende Blick sie geradewegs durchdringt.
Das Licht ist auf einem Abgrund errichtet, es zittert, eilen wir also, in dieser schwingenden Bleibe zu wohnen, denn seit ein paar Tagen dunkelt sie schon ein wenig von Staub oder vielmehr sie geht zu Bruch und mit einemmal befleckt sie uns mit Blut.
Trage den Mieter auf die Erde, du Magd!
Seine Augen sind geschlossen, wir fanden ihn im Hof, wenn du ihm zwischen Tür und Angel deine Liebe geschenkt hast, bringe ihn jetzt hinab in das feuchte Haus der Pflanzen.
Das Haus der Sprache, in dem wir wohnen
Anmerkungen über den Zusammenhang von Sprache und Vernunft
Der Mangel des kantischen Vernunftbegriffes (es handelt sich dabei nicht um einen Fehler oder ein persönliches Versagen, sondern eine Art epochales Zeichen) besteht in der (scheinbaren) Autonomisierung oder Emanzipation des Vermögens der Vernunft von der Grundlage des menschlichen Daseins und Denkens, der Sprache. Vernunft ist ein Begriff der natürlichen Sprache und gehorcht daher den expliziten und impliziten Regeln und Gesetzen ihres Gebrauchs: nicht Regeln und Gesetzen, die die sprachlose Vernunft sich irgend selbst gegeben haben könnte.
Vernünftig zu reden ist eine Form vernünftigen Handelns, denn Reden ist eine Form des Handelns, Sprachhandeln. Wenn wir durch Betrachtung des alltäglichen Sprachgebrauchs herausfinden, was es heißt, vernünftig zu reden, wissen wir alles, worauf wir den Vernunftbegriff anwenden können. Es ist müßig und irreführend, den Begriff nach einander scheinbar ausschließenden Verwendungsarten betrachten zu wollen, wie denen des wissenschaftlichen Erkennens, des moralischen Handelns und des ästhetischen Urteilens, denn vernünftiges Reden muß in allen Bereichen denselben Regeln gehorchen.
Es ist indes wenig vernünftig, den Vernunftbegriff vom Erdreich der Sprache, dem Reich des gemeinschaftlichen Lebens, in dem sie gleichsam atmen kann, zu entwurzeln und ihr zugleich die alleinige oder jakobinische Jurisdiktion über alle Formen der Sprachverwendung überlassen zu wollen. Die Vernunft ist nicht der höchste Richter, der entscheidet, wer im Haus der Sprache wohnen darf, sondern nimmt die dienstbare Funktion des Hausmeisters ein, der für das Einhalten der Hausordnung zuständig ist. Diese Ordnung der Sprache besteht allerdings in einer gewissen auf Unterscheidungen beruhenden Übersicht über die Formen und Arten des Redens und ihrer sinnvollen Anwendung in Situationen des Handelns: Anders redet, wer fragt, anders, wer beschreibt, wieder anders, wer befiehlt – und nur, wer eine sinnvolle Antwort erwarten kann, fragt richtig, nur wer etwas im richtigen Abstand mit dem rechten Augenmaß betrachtet, kann es beschreiben, nur wer berechtigt ist anzunehmen, daß sein Geheiß erfüllt wird, ist berechtigt zu befehlen.
Der Hausmeister hat das Haus der Sprache, dessen Ordnungen er überblickt, weder entworfen noch errichtet, er kann es nicht willkürlich umbauen, geschweige denn nach Laune abtragen lassen, um an anderer Stelle ein neues nach eigenem Geschmack zu bauen.
Der Hausmeister hat die Gesetze, unter deren Einhaltung einzig die Architekten und Bauleute das Haus errichten könnten, nicht erfunden: Das Dasein der Schwerkraft und die Gesetzte der Geometrie, die den architektonischen und statischen Plänen zugrundeliegen, sind nicht „vernünftig“ in irgendeinem plausiblen Sinne.
Wir können die Vernunft oder ihren leidenschaftlichen Apologeten, den Philosophen, auch mit dem angestellten Gärtner des Hauses vergleichen, der das Unkraut jätet, den Rosenstrauch stutzt oder neue Beete mit schmackhaften Beeren oder schönen Zierpflanzen anlegt – er mag sich noch so viele botanische Kenntnisse oder ein fundiertes Wissen über die Heilkraft der Kräuter angeeignet haben, er mag sich auf das Veredeln alter Sorten und das Züchten neuer verstehen: Die Keime und Samen der Pflanzen sind nicht seines Wesens und weder seiner Phantasie noch seiner Kunstfertigkeit entsprungen, sie sind wie die Worte und Sätze der Sprache eigenen Wesens – biegt und zieht und zerrt man sie übermütig oder tollwütig, brechen sie, gehen ein, welken dahin.
Den fruchtbaren Boden, die Nährstoffe, das Wasser, die Luft, das Licht, alles, was Pflanzen zum Gedeihen, Blühen und Fruchttreiben benötigen, findet unser Gärtner vor, er kann sie nur pfleglich seinen Zöglingen zukommen lassen. So auch die Vernunft: Das Leben der Sprache, ihre Wurzeln und ihre Heimstätte, findet sie vor, sie kann Licht in das Wirrwarr und Dickicht ihrer Verwendung bringen, hier und dort, freilich nicht gleichzeitig überall. Wie der Gärtner und Botaniker die Arten und Gattungen der Pflanzen und ihre Ökologien erkunden mag, so der Philosoph die Ökologien des Sprachgebrauchs, die Arten und Formen der Sprache und ihren sinnvollen Gebrauch in den Situationen und Umwelten, die ihnen angemessen sind.
Was nennen wir vernünftig, wenn wir sagen, jemand habe mit Sinn und Verstand geredet? Um vernünftig zu reden, müssen wir die richtigen Worte für das finden, was wir ausdrücken und mitteilen wollen, wir müssen die Worte sinnvoll aneinanderreihen, das heißt grammatisch korrekte Sätze bilden. Was sind die richtigen Worte? Diejenigen, die der Hörer versteht. Jemanden mit den Worten: „Schau mal, da geht unser Freund Peter!“ zu verstehen zu geben, daß dort der gemeinsame Freund Peter geht, impliziert, ihm zu verstehen zu geben, daß wir ihm genau dies in dieser Situation mitteilen wollen. Wir erreichen dies mittels zweier Arten von Sprachhandlungen: einer Aufforderung („Schau!“) und einer zweifachen Prädikation („Der dort ist Peter und Peter ist unser Freund“). Wir lenken mittels der Aufforderung die Aufmerksamkeit des Hörers auf ein Ereignis seiner unmittelbaren Wahrnehmungswelt und geben seiner auf Erinnerungen gestützten Fähigkeit, Gegenstände seiner Umwelt zu identifizieren, genügend Stoff und Anreiz, den gezeigten Gegenstand mittels Anwendung der Prädikation als Freund Peter wiederzuerkennen.
Es wäre wenig vernünftig, den Hörer auf eine Person aufmerksam zu machen und ihm behufs ihrer Identifikation dadurch auf die Sprünge helfen zu wollen, daß wir langatmig die Lebensgeschichte Peters zum besten geben – vielleicht kennt der Hörer sie gar nicht, jedenfalls verschwenden wir mit diesem unökonomischen Verfahren nur seine und unsere kostbare Zeit.
Vernünftig ist es demnach, in einer gegebenen Situation diejenigen Sprechakte zu vollziehen, die zur Erreichung des gewünschten Mitteilungszwecks erforderlich und angemessen sind. Oft sind, wie im genannten Fall, diejenigen Sprechakte angemessen und hinreichend, die notwendig und erforderlich sind, unseren Zweck zu erreichen.
Wir können auch fragen, ob es denn vernünftig ist, den Hörer in der geschilderten Situation überhaupt auf die Gegenwart von Peter aufmerksam zu machen, wenn sich herausstellt, daß Peter bis vor kurzem wohl der Freund des Hörers gewesen ist, seit einem die Freundschaft verstörenden Vorfall allerdings nicht mehr. Um eine unnötige Konfrontation und eine unangenehme Begegnung zu vermeiden, sollten wir daher auf die genannte Sprachhandlung verzichten. Das wäre wohl vernünftiger als unserem Drang nachzugeben, mit Freund Peter (denn unser Freund ist er ja nach wie vor) zu plaudern.
Demnach ist nicht nur die korrekte und angemessene Ausführung von Sprechakten gewissen vernünftig zu nennenden Maßgaben unterworfen, sondern auch ihre Auswahl und Anwendung (oder Nichtanwendung) in der gegebenen Situation. Schweigen, folgern wir, ist ebenso ein Sprechakt wie reden.
Die Sprechakte der Aufforderung und der Prädikation sind dagegen nicht dem Haupt der Minerva entsprungen und keineswegs Produkte der Vernunft: Aufforderungen betreffen Organe und Systeme der Aufmerksamkeit, Eigenschaften biologischer Lebewesen, biologische Funktionen also, die nicht in irgendeinem plausiblen Sinne vernünftig zu nennen wären; Prädikationen betreffen Systeme der identifizierenden Wahrnehmung und Orientierung, die wiederum Funktionen raumzeitlicher Verkörperung darstellen, die nicht in irgendeinem plausiblen Sinne vernünftig genannt werden können.
Wir können sagen, daß uns mit den sprachlichen Formen und Sprachhandlungen alles gegeben ist, was wir zum mehr oder weniger gelingenden, mehr oder weniger mißlingenden Leben benötigen: Weder geht uns mit ihrer Anwendung etwas Entscheidendes verloren noch verbirgt sich dahinter etwas, was sich unserem Ausdrucksverlangen zur gänze oder auf immer entziehen würde. Wenn wir nicht ausdrücken können, was wir meinen, liegt das meist daran, daß wir nicht genau wissen, was wir meinen und sagen wollen. Meinen wir mit dem Sprechakt: „Schau mal, da geht Peter!“, unserer Absicht Ausdruck zu geben, Peter anzusprechen und mit ihm zu plaudern, oder meinen wir im Gegenteil, sich abzuwenden und Peter ungestört seines Weges ziehen zu lassen, da der Angeredete sich ja mit ihm kürzlich zerstritten hat? Wir können diese Unklarheit und Ambivalenz aus der Bahn schaffen, indem wir etwa äußern: „Vorsicht, da geht Peter!“
Mit dem an die Grenzen des Sagbaren ausgedehnten Feld unserer Sprachhandlungen ist uns die Welt als unser Daseins- und Lebensraum vollständig gegeben und offenbar. Anzuzweifeln, daß die Prädikation „Der da ist Peter“ unzutreffend ist, heißt nicht zu glauben, jene Person könnte Peter sein und gleichzeitig eine Person, die nicht Peter ist, das wäre in der Tat unvernünftig: Wir treffen hier auf den trivialen Fall einer Inkonsistenz der Annahmen und damit gleichsam auf die pädagogische Grundlage für vernünftiges Reden, nämlich einander ausschließende Aussagen zu erkennen und zu vermeiden. Wir können indes solche Inkonsistenzen leicht durch vernünftige Abwägung entscheiden: Ist jene Person dieselbe Person, mit der der Angeredete lange Zeit befreundet war und sich vor kurzem zerstritten hat, handelt es sich um Peter.
Uns können wohl Aspekte und einzelne Züge der Welt verborgen sein, so wenn wir nicht erkennen, ob Peter einen neuen Anzug trägt oder seine Haare getönt hat, und nicht wissen, ob er vom Büro kommt oder aus dem Park. Aber solange wir über Peter reden, ist alles klar und offenkundig. In der sprachlich gegebenen Welt zu leben, heißt in einer Welt zu leben, in der die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich, von Phänomen und Wesen, von einzig zugänglichem Vordergrund und sich immerdar entziehendem Hintergrund der Dinge und Ereignisse nicht anwendbar und nicht sinnvoll ist.
Wir können entweder etwas sagen oder etwas anderes sagen oder etwas anders sagen, aber wir können nicht sagen, daß da etwas ist, über das sich nichts sagen läßt, nicht einmal, daß da etwas ist.
Insofern beruht die kopernikanische Wende Kants auf einem Mißverständnis der grundlegenden Darstellungsfunktion der Sprache, mit der es uns vergönnt ist, mit der Anwendung unserer Sprachhandlungen das erfahrene Leben gleichsam vollständig ausschöpfen zu können: Der Rest ist Schweigen, Schweigen, mit dem wir den Ursprung dieser Funktion gelassen auf sich beruhen lassen können. Die Vernunft kann nicht das Hoheitsrecht über unsere Erfahrung beanspruchen, als könnten wir nur erfahren, was sich ihren Organen darbietet, und alles andere bliebe verborgen; die sprachlich vermittelte Erfahrung zeigt und gibt uns die Welt, wie sie ist, und sie erscheint so, wie sie ist.
Die sprachlose Vernunft mißversteht sich, wenn sie sich einerseits anmaßt, die Erfahrung einzig anhand ihrer apperzeptiven und kategorialen Kompetenzen als evidenten Erlebnisvordergrund kennzeichnen und auffassen zu können, und sich andererseits demütig bescheidet, ein Etwas, das notwendig durch das Netz ihrer Möglichkeiten fällt, als undarstellbares, ungreifbares Schattending namens Ding an sich in den Hintergrund fallen lassen zu müssen. Die Sprache, mit und in der wir leben, ist das Erfahrungsfeld, das uns die Welt so erschließt, wie sie ist, als unsere Welt, diesseits der Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich. Die sprachliche Vernunft kennt sich in dieser Welt aus, insofern sie uns Hinweise geben kann über die Angemessenheit oder Unangemessenheit unseres sprachlichen Weltumgangs.
Begriffe wie Vernunft und vernünftig, Rationalität und rational sind wie alle Begriffe der Sprache in das Umfeld oder den Spielraum ihrer Anwendung eingebettet, sie können nicht willkürlich über alle Umfelder und Spielräume aller sprachlichen Begriffe übergreifen und die Regeln ihrer Anwendung mitbestimmen. Wir können und sollen vernünftig sprechen und handeln, wenn es angemessen ist, so zu sprechen und zu handeln; dann sprechen wir so, daß der Zweck der Mitteilung durch die Klarheit, Vollständigkeit und Relevanz des Mitgeteilten Gehör finden und umgesetzt werden kann; dann handeln wir so, daß wir mittels der bedachtsamen Auswahl von Mitteln, Werkzeugen oder Wegen unser Ziel und unsere Absicht erreichen. Aber wenn wir einen Liebesbrief schreiben, sollten wir keine Absicht, wie die Absicht, die Neigung des Angeschriebenen mittels der Verwendung der geschicktesten und ausgefeiltesten rhetorischen Techniken zu gewinnen, durchschimmern lassen: Wir würden das Gegenteil dessen hervorrufen, was in unserer Absicht stand. Wenn wir spazieren gehen, suchen wir nicht den kürzesten und bequemsten Weg zwischen unserem Ausgangspunkt und dem Zielort, sondern lassen uns von Eindrücken und Aussichten der Landschaft hinreißen, vom eingeschlagenen Weg abzukommen, Umwege zu gehen und Anhöhen zu erklimmen, um einen unerwarteten Ausblick zu gewinnen.
Wir haben mittels vernunftgeleiteter Anwendung wissenschaftlicher Methoden in der Struktur der DNA so etwas wie die Grammatik oder Syntax des Lebens entschlüsselt; doch keine wie immer geartete Vernunft hätte diese gleichsam grammatische Struktur jemals erfinden können, geschweige denn, daß wir die Funktionsweisen und Abläufe der durch die DNA gesteuerten chemischen Prozesse in irgendeinem plausiblen Sinne vernünftig nennen könnten. Diese triviale Beobachtung dient uns zur Einsicht in den Zusammenhang von Sprache und Vernunft: Wir haben mittels vernunftgeleiteter Anwendung wissenschaftlicher Methoden die Grammatik und Syntax vieler natürlicher Sprachen entschlüsselt; doch keine wie immer geartete Vernunft hätte diese grammatischen und syntaktischen Strukturen jemals erfinden können; geschweige denn, daß wir den grammatischen Bau von natürlichen Sprachen in irgendeinem plausiblen Sinne vernünftig nennen könnten.
Wir können mittels des Sprachspiels vernünftiger Betrachtung und Argumentation andere Sprachspiele analysieren; aber wir können durch Anwendung dieses reflexiven Verfahrens keine Sprachspiele erzeugen: Die sprachlichen Formen der Dichtung und der religiösen Äußerungen in Gebet, Hymnus oder rituellem Ausdruck sind historisch gewachsen, wie die Pflanzen natürlich gewachsen sind, die der Botaniker klassifiziert, beschreibt und auf ihre chemische Zusammensetzung hin analysiert; genauso wenig, wie der Botaniker die organischen Stoffe und Gebilde sowie ihre Nahrungsgrundlage in Wasser, Mineralien und Photosynthese hätte mittels Anwendung der ihm zur Verfügung stehenden Methoden der Klassifikation, Beschreibung und Analyse erfinden und erzeugen können, genauso wenig vermag dies der Sprachforscher und Grammatiker in Hinsicht auf seine Gegenstände, die natürlichen Sprachen oder die Formen der Poesie und des religiösen Ausdrucks.
Der Sprachforscher und philosophische Grammatiker entdeckt grundlegende kategoriale Unterschiede in der Struktur und Anwendung unserer sprachlichen Ausdrucksformen: So finden wir, daß in unserem Gebrauch des Begriffs „Vernunft“ und „vernünftig“ oft direktive und kommissive Arten der Äußerung, das heißt Sprechakte mit auffordernder und verpflichtender illokutionärer Kraft oder kommunikativer Funktion, von assertiven Arten der Äußerung, das heißt Sprechakten mit deskriptiver und konstatierender illokutionärer Kraft oder kommunikativer Funktion, überlagert und verdeckt werden: Wir reden von dem kürzesten und bequemsten Weg zwischen Ausgangs- und Zielort und meinen mit dieser scheinbar reinen Feststellung: „Nimm diesen Weg, er ist am kürzesten und bequemsten!“ Wir sagen, wenn uns Peter, mit dem sich unser Hörer kürzlich zerstritten hat, unterwegs begegnet: „Schau, da geht Peter!“ und meinen mit dieser scheinbaren Feststellung: „Verhalten wir uns unauffällig und gehen Peter aus dem Weg!“ – denn das ist eben in diesem Fall vernünftiger, als eine unangenehme oder konfrontative Begegnung heraufzubeschwören.
Wir finden aber auch den Fall, daß aus deskriptiven Aussagen direktive und kommissive Aussagen, das heißt auffordernde und verpflichtende Aussagen, gefolgert werden, oder den Fehlschluß von Feststellungen oder scheinbaren Feststellungen auf Aufforderungen und Verpflichtungen moralischer Natur: Aus der Feststellung oder scheinbaren Feststellung, alle Menschen seien vernunftbegabte Lebewesen, schließt man, alle Menschen seien dazu aufgefordert und verpflichtet, sich unter allen Umständen vernünftig oder angeblichen Gesetzen der Vernunft gemäß zu verhalten. Dieser Fehlschluß scheint die Basis der Kantischen Moralphilosophie zu sein.
Sich vernünftig zu verhalten ist indes keine aus dem Vernunftbegriff ableitbare Direktive, sondern ergibt sich als Spielanleitung unterschiedlicher Sprachspiele: Wenn wir einen längeren Spaziergang planen und ein Wetterumschwung nicht ausgeschlossen werden kann, ist es vernünftig, einen Regenschirm oder einen Regenmantel mitzunehmen; wenn abends gefährliches Gesindel auf den Straßen lauert, ist es vernünftig, das Haus nicht zu verlassen oder nicht unbewaffnet nach draußen zu gehen. Aber zu sagen, es sei vernünftig, jederzeit und unter allen Umständen einen Regenschirm oder einen Regenmantel mitzunehmen, oder es sei vernünftig, jederzeit und unter allen Umständen abends das Haus nicht zu verlassen, oder es sei vernünftig, jederzeit und unter allen Umständen eine Waffe zu tragen, so ist dies offenkundiger Unsinn. Aber von dieser formalen Struktur sind die moralischen Argumente Kants: Weil der Mensch vernunftbegabt sei oder die Vernunft das höchstrichterliche Amt der Handlungsanweisung und Handlungsbeurteilung innehabe, müsse der Mensch jederzeit und unter allen Umständen so und so handeln. Dieser Fehlschluß beruht, wie wir sehen, auf der Ausblendung der wesentlichen Lebensdimension von Menschen, der natürlichen Sprache oder dem alltäglichen Gebrauch von Sprachspielen.
Das Sprachspiel, das wir Moral nennen, gründet auf der zeitlichen Verfassung menschlichen Daseins, das heißt, der Zukunftsrichtung unseres Lebens und Handelns. Weil wir mit anderen leben und handeln und zu leben und zu handeln genötigt sind, müssen wir unsere gegenseitigen Erwartungen in Bezug auf die Absichten und Zwecke unseres Handelns kooperativ abstimmen. Aus dieser Situation begründen sich die wesentlichen moralischen Maximen und Direktiven: Verläßlichkeit und Vertrauenswürdigkeit. Da – wie nur allzu bekannt – Menschen schwache, fragile, irritierbare Lebewesen und in vielen Exemplaren sogar betrügerische, hinterlistige und parasitäre Mit- und Zeitgenossen zu sein pflegen, entwickeln wir sprachliche Institutionen wie das Versprechen, den Eid, das Bündnis oder den Vertrag, deren moralische und verpflichtende Kraft sich in der Stabilisierung und Verstetigung unserer Handlungserwartungen erweisen soll und erwiesen hat.
Das moralisch relevante Modell verpflichtender illokutionärer Kraft ist das Versprechen, das gleichsam die Identität der Interakteure auf ihre die Zeit überdauernde Integrität stützt: Die Verläßlichkeit und Vertrauenswürdigkeit dessen, der versprochen hat, das ausgeliehene Gut am vereinbarten Tag und Ort dem Leihgeber wiederzugeben, erweist sich eben in der Handlung, mit der er sein Versprechen einlöst; die Güte der Einschätzung der Verläßlichkeit und Vertrauenswürdigkeit des Entleihers durch den Leihgeber erweist sich in eben dieser Einlösung des gegebenen Worts. Da wir öfters als uns lieb ist die gegenteilige Erfahrung machen müssen, nämlich daß ein Versprechen gebrochen und ein gegebenes Wort nicht eingelöst werden, suchen wir die soziale Institution mittels Sanktionen zu bewehren: Wer ständig sein Wort bricht, schädigt sein Ansehen, wird unglaubwürdig, schließlich keiner Zuwendungen und Achtungserweise mehr gewürdigt.
Es wäre nicht vernünftig und in manchen offenkundigen Fällen geradezu widervernünftig, sich mit jemandem einzulassen, jemandem Geld zu leihen, jemandem sein Haus zu öffnen, kurz jemandem sein Vertrauen zu schenken, dessen Unzuverlässigkeit und Wankelmütigkeit, dessen Durchtriebenheit und parasitäre Gesinnung sich im Umgang mehr als einmal gezeigt haben oder dessen kriminelle Neigungen aktenkundig sind. Unser sogenannter moralischer Weltumgang beruht also auf der Wahrnehmung der Ungleichheit der Menschen, was ihre Fähigkeiten anbelangt, unsere moralischen Erwartungen zu erfüllen.
Da wir als handelnde Wesen stets an der Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft leben, haben sich uns als beste moralische Ressourcen Verläßlichkeit und Vertrauenswürdigkeit erwiesen: Wer seine Zusage, sein Wort, sein Versprechen eingehalten hat, ist uns auch morgen als Gast, Freund und Geschäftspartner willkommen; wer unser Vertrauen auf arglistige und betrügerische Weise mißbraucht hat, wer uns gegenüber sein Wort und sein Versprechen, das geliehene Gut zurückzuerstatten oder die gebrechliche Anverwandte zu versorgen, gebrochen hat, wird rechtens aus dem intimen Kreis vertrauenswürdiger und verläßlicher Personen ausgeschlossen.
Weil wir an der Schwelle zur Zukunft existieren und unser Leben fristen, sind nicht materielle Güter, Eigentum und Territorium, nicht materielle Ressourcen und nicht einmal kulturelle Wertgegenstände oder Überlieferungen an sich, nicht die Bilder Grünewalds, Rembrandts und Dürers, nicht die Kompositionen Bachs, Mozarts und Beethovens, nicht die Dichtungen Walthers, Goethes oder Hölderlins mit der höchsten moralischen Verpflichtung zu ihrer Wertschätzung, Erhaltung und Weitergabe versehen, sondern – die Kinder und Kindeskinder, die kommenden Generationen; denn um ihretwillen werden die materiellen Güter angehäuft, Schulen und Universitäten betrieben, die kulturellen Überlieferungen erhalten und gelehrt, ja da und dort, und wer weiß wann auch hier wiederum Krieg geführt. Hierzu gesellen sich auch (nach Abriß all der baulichen Schändlichkeiten und Scheußlichkeiten aus Beton und Maßlosigkeit) die Schönheit der Fassaden und Stadtbilder, der leise Charme begrünter Straßen und Plätze und allem voran der Zauber stiller, das Auge und Gemüt besänftigender Parkanlagen, der Artenreichtum der Landschaften und Wälder und die Eigenschaft stilvoller Gärten, die Seele zu weiten und den Geist zu verjüngen. An der Stellung der Kinder und der Familie, in der sie behütet und erzogen werden, läßt sich die moralische Kraft und der Selbsterhaltungswille einer Gemeinschaft bemessen. Je weniger Kinder eine Gemeinschaft hervorbringt, je trauriger es um die Pflege und Verfeinerung der natürlichen Sprache, in die sie geistig hineinwachsen, bestellt ist, je mehr ihre Obhut den Eltern entzogen und fremden Institutionen unterworfen wird, je mehr die großen Traditionen der eigenen Kultur, die ihnen Anreiz zur Nachahmung oder Freude der Bewunderung zu gewähren vermöchten, vernachlässigt, verhunzt oder der damnatio memoriae überantwortet werden, umso schwächer die moralische Kraft der Gemeinschaft und Nation.
Die Mutter, die ihr Kind unter Schmerzen geboren und durch Schluchten der Entbehrung auf die Anhöhe des Lichts getragen hat, wird freilich wenn sie in Gefahr und Not sind, ihr eigenes Kind zuerst vor dem Kind der Nachbarin oder der Fremden retten; der Vater, der das Haus für das Wohlergehen seiner Familie erbaut hat, wird bei einer Feuersbrunst es allemal vorziehen, zunächst und zuerst den Brand seines eigenen Hauses zu löschen und erst wenn dies geschehen und sichergestellt ist, daß den Eigenen Zukunft vergönnt ist, wird er darangehen, beim Löschen des Brands im Nachbarhaus zu helfen. Ist dies nun ungerecht, daß wir das eigene Leben, das Leben der eigenen Kinder und Anverwandten dem Leben anderer vorziehen? Widerspricht es nicht der universalen Ausrichtung einer Ethik, die nach Leib und Leben, Kindern und Familie, kurz nach den konkreten Lebens- und Daseinsbedingungen auf dieser unserer Erde nicht fragt, sondern sie in den Schatten der Vernunft und unter den Scheffel stellt, auf dem das unfruchtbare Licht des Ideals einer blutlosen Schimäre namens Mensch und Menschheit glimmt? Doch könnten wir ironisch zurückfragen: Wäre nicht JEDEM geholfen, wenn ALLE so handelten? Denn wenn jeder sich selbst und den Eigenen hilft, ist allen geholfen.
Die aus dem Wurzelgrund des sprachlichen Erdreichs herausgerissene Vernunft und die Moral, die aus dieser Abstraktion wie aus einem magischen schwarzen Kasten als universale Verpflichtung auf ein Gesetz gezaubert wird, das für jeden und jederzeit an jedem Ort gleicherweise gelten soll, ist eine Vernunft für mundtote Wesen und eine Moral für blutlose Gespenster.
Wir dagegen sagen, daß moralisch handelt, wer egoistisch oder aus wohlverstandener Eigenliebe handelt: die Mutter, die Zeit, Mühe, Geduld und Fürsorge aufwendet, um das Leben ihrer Kinder in eine bessere Zukunft zu führen, der Vater, der Schweiß, Arbeit und Geld opfert, um das Leben der eigenen Familie zu erhalten und zu fördern. Dem Leben in diesem Sinne Zukunft zu eröffnen, heißt moralisch handeln. Zu dieser Zukunft gehören freilich auch die Bewahrung und Weitergabe der eigenen kulturellen Güter, allen voran die Weitergabe der eigenen Sprache, der eigenen Glaubensüberzeugungen und der eigenen Sitten und Gebräuche. Dies gilt in einem eigentümlich umgekehrten universalistischen Sinne: Japanische Kinder sollen Japanisch lernen und mit der Teezeremonie und den Kulten des Shintoismus vertraut werden, chinesische Kinder sollen Chinesisch lernen und mit der Kalligraphie ihrer Schrift und den Weisheiten des Konfuzius vertraut werden, und so sollen deutsche Kinder Deutsch lernen und die Schönheit der klassischen Musik und der klassischen Dichtung kennenlernen dürfen.
Gewiß, wir sehen, was wir tun, und erschrecken selbst nicht wenig zu gewahren, auf welch einem verrufenen, dunklen, überwachsenen Pfade wir wandeln. Doch uns scheint, wir haben den richtigen Abzweig und den guten Ausweg genommen. Indes, um ihn aufrecht, frei atmend und souverän bis ans Ende gehen zu können, müssen wir die Wackersteine der Ideale eines philanthropisch verkürzten Humanismus und einer geschichtsblinden Aufklärung aus dem Rucksack entfernt haben, müssen wir die spitzen und wundschürfenden Glitzersteine, die da heißen Liberté, Egalité, Fraternité, aus den Wanderschuhen geschüttelt haben, müssen wir am Ende sogar das giftige und die Sinne betäubende Manna des mosaischen Gottes als Wegzehrung aufzuraffen verweigern und durch die gesunden Früchte der Erdgöttin ersetzen.
Wir haben nur diese Früchte und können die Kinder nicht mit dem abstrakten Brot der Engel füttern. Wir haben nur dieses Leben und diese Sprache und können unsere tiefsten Wünsche und letzten Bindungen nicht mit einem keimfreien Esperanto universaler Moral artikulieren. Daß wir aus diesem Grund den Multikulturalimus, das heißt die Vermischung und Maskierung der eigenen Traditionen in einem transkulturellen Totentanz, verwerfen, daß wir die gewissenlose Öffnung aller Grenzen des Hauses und des Landes, die uns den Schmarotzer an den Tisch lädt und den Feind in die Festung der Souveränität lockt, zurückweisen und gegen das Drängen und Rütteln an den Türen durch Heerscharen fremder Mächte hart werden müssen, um das Eigene zu retten, das geschieht uns recht.
Indes, wenn wir das Eigene dem schlechten Gewissen schon geopfert haben, sollen alle, die Kant folgen, den Pyrrhussieg der Errichtung eines moralischen Gottesreiches kastrierter, unschöpferischer und gegen alle Not des geschichtlichen Daseins rein gebliebener Seelen feiern.
Wir bemerken, daß es unvernünftig wäre, unseren Kodex moralischer Erwartungen und moralischer Verpflichtungen auf den Vernunftbegriff zu gründen – denn dieser ist bloß ein formales Instrument, logisch-semantische Zusammenhänge auf ihre Stimmigkeit und Angemessenheit zu untersuchen; es erscheint geradezu abenteuerlich anzunehmen, man könne die Sprachhandlung des Versprechens mit all ihren moralisch relevanten Implikationen aus dem Inhalt des Vernunftbegriffs herausklauben. Denn die Sprachhandlung des Versprechens ist augenscheinlich nur denkbar in unserer Welt, in der wir als sprechende Lebewesen mit konkreten biologisch begründeten Bedürfnissen und kulturell geprägten Interessen und Anliegen in die Zukunft unterwegs sind. Die Vernunft kann uns nur raten, dem im freundschaftlichen Umgang erprobten Freund bei lebenswichtigen Angelegenheiten wie der Versorgung und Verwaltung von Gütern, der Hut und Pflege von Kindern und Angehörigen eher zu vertrauen als einem hergelaufenen Tunichtgut und aktenkundigen Kriminellen.
Die Vernunft kann uns darüber hinaus demonstrieren, wie die Sprachhandlung des Versprechens nach ihren logisch-semantischen Wahrheits- und Erfüllungsbedingungen beschaffen sein muß, damit unsere lebenspraktischen Erwartungen nicht enttäuscht werden: Ein Versprechen ist nur dann ein gültiger Sprechakt, wenn die Interakteure, derjenige, der das Versprechen gibt, und derjenige, der es entgegennimmt, infolge des Versprechens in eine Relation der gegenseitigen Verpflichtung treten, der eine, sein Wort zu halten und das ausgeliehene Buch zurückzugeben, der andere, mit der Erfüllung seiner Erwartung und seinem Buch in Händen seine Forderung als abgegolten zu betrachten.
Was uns im Leben hält und trägt, ist die Leidenschaft des Lebens; ginge es dagegen nach der Vernunft, wären wir alle schon tot. Nach reinen Vernunftmaßstäben wäre eher davon abzuraten, irgendwem irgendwas zu versprechen, denn die Vernunft kann beim besten Willen nicht voraussehen, ob derjenige, dem wir das Buch oder Geld geliehen haben, am verabredeten Tag den Willen und die Kraft und die Lust aufbringen wird, sein Versprechen zu erfüllen; nach reinen Vernunftmaßstäben wäre eher davon abzuraten, jemanden mittels eines gegebenen Worts zu binden und zu verpflichten, denn wir können niemanden völlig auf seine Glaub- und Vertrauenswürdigkeit hin durchschauen. Dennoch sagen wir, es sei nicht gänzlich abwegig und unvernünftig, wenn wir auf Treu und Glauben miteinander verkehren und diejenigen schätzen und vor anderen bevorzugen, die unser Vertrauen nicht mißbraucht haben, sowie diejenigen verachten und unseres Umgangs nicht für wert befinden, die uns belogen, betrogen oder bestohlen haben.
Wenn wir sehen, daß die echten Münzen moralischen Werts ungleich ausgegeben werden, das heißt, daß die Fähigkeit, Verpflichtungen und Bindungen einzugehen und sie zu erfüllen, ungleich auf die Menschen unserer Umgebung verteilt ist, schließen wir daraus, daß nicht jeder jedem gegenüber zu allem verpflichtet ist und sein kann. Denen, die uns von Natur oder kultureller Herkunft aus näherstehen, wie den Verwandten und Mitgliedern der Gruppen und Institutionen, denen wir selbst angehören (wie einer Familie, einer Gemeinde oder einem Verein), dürfen wir im Durchschnitt ein größeres Maß an Vertrauenswürdigkeit und eine stärkere Neigung, uns gegebene Versprechen einzuhalten, zubilligen, als natürlicher und kultürlicher Fernerstehenden. Wer diese Einsicht nicht beherzigt, handelt weniger vernünftig und darf sich nicht wundern oder beklagen, wenn ihm natürlicher oder kultürlicher Fernerstehende, denen er ohne weiteres Zugang zu seinem Haus, seinem Eigentum und seinen Nächsten gegeben hat, sich der Tochter in unsittlicher Weise nähern oder zu tief in die Schubladen greifen – auch wenn einem dies, wie bekannt, unverhofft auch von den Nächststehenden widerfahren kann.
Wir sahen, daß sich die Vernunft nicht anmaßen sollte, aus ihrem Begriff moralische Prinzipien und Regeln abzuleiten, die für die Anwendung der Begriffe aller möglichen Sprachspiele Gültigkeit beanspruchen. Dies gilt insbesondere für das religiöse Sprachspiel oder die Sprache des Heiligen, wie sie sich in authentischen religiösen Äußerungen des Gebets, der Weiheformel, des rituellen Ausdrucks, des Psalms oder des Hymnus bekundet. Der Sprachforscher oder philosophische Grammatiker kann auf diesem Felde seine analytische Arbeit der Sonderung von Sprechakten und ihrer Klassifizierung leisten; er kann dartun, inwiefern die Sprache des Heiligen wohl von Aussagen deskriptiven Charakters überlagert und überformt sein mag, ihre Wurzeln aber in Sprechakten mit der illokutionären Kraft der Bitte und des Gebets, der Aufforderung, des Lobes oder der Klage hat. Deshalb ist der vorzügliche Stoff der Semantik der Sprache des Heiligen (in unserer Tradition) nicht das Korpus theologischer, an der Sprache der Ontologie ausgerichteter Texte, sondern Texte wie die Psalmen, das Hohelied, die Bergpredigt oder liturgischen Gebete des Ordo Missale.
Wir geben hier nur einen Fingerzeig, worauf bei der Semantik der Sprache des Heiligen abzusehen wäre: Die religiöse Sprache kennt sowohl Begriffe oder Metaphern für die Anwesenheit und gloriose oder doxastische Selbstbezeugung des Göttlichen als auch Begriffe und Metaphern für die Verborgenheit und den fiduziellen Selbstentzug des Göttlichen, eine Verborgenheit, die zugleich eine geheimnisvolle Nähe und Insistenz bedeutet. Die Inkarnation, die Passion, das Kreuz, die geweihten Gegenstände der Eucharistie, Brot und Wein, sind Formen der Verborgenheit und des Selbstentzugs gemäß dem Glauben der Kirche, die eben diese insistierende Abwesenheit und bedrängende Verborgenheit des Göttlichen bedeuten. Die semantische Analyse kann diesen Spuren beispielsweise als Ausdruck der Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott oder seiner Epiphanie in den sprachlichen Zeugnissen der Mystik nachgehen. Sie kann auch Formen der Verarmung und Verödung der Sprache des Heiligen in Zeugnissen nachweisen, in denen diese grundlegende Zwiegestalt oder Ambivalenz der religiösen Erfahrung der Nähe und Ferne, der Anwesenheit und Abwesenheit des Göttlichen, übersprungen, ausgeklammert oder geleugnet wird. Wir vermuten eine solche Verarmung und Verödung in der Zeugnissen des Islam, die ihre jüdischen und christlichen Vorlagen um eben diesen Aspekt des deus absconditus, der insistierenden Verborgenheit Gottes, beschneiden – zumindest in der sunnitischen Linie, denn der Sufismus zeigt Reste in der messianischen Heilserwartung.
Die Vernunft kann sich jedenfalls nicht anmaßen, als Interpret oder gar Zensor der Sprache des Heiligen auftreten zu wollen und beispielsweise an ihr ein Reformprogramm namens Säkularisierung zu exerzieren, indem sie die ihr irrational dünkenden oder unverständlichen Begriffe entweder tilgt und durch das weitgeknüpfte Netz ihrer Kategorien fallen läßt oder als bloße Hüllen und Metaphern von Begriffen umdeutet, die in ihr Begriffskorsett und in ihr Reformprogramm passen. Das aber ist die Art und Weise, wie Kant der Sprache des Heiligen zu Leibe rückt, nämlich ihre Begriffe zu moralisieren und auf jenen moralischen Gehalt hin zu verdünnen und zu verengen, den die praktische Vernunft vorschreibt. So wird aus Gott eine blasse ethische Idee, vor der keiner sein Knie beugt, und alle rituellen und zeremoniellen Formen, in denen die Sprache des Heiligen ihr Ingenium und ihre Pracht entfaltet, abergläubischer Zierrat, den die Vernunft mutwillig oder tollwütig zerschlägt, um dem sprachlosen Raum der reinen Pflichtenethik eine Schneise zu schlagen.
Wenn es im Haus der Sprache eine Kapelle gibt, in der sich Menschen regelmäßig versammeln, um Sprachhandlungen ritueller und zeremonieller Art vorzunehmen, Handlungen, die sie religiös nennen, und Reden, in denen sie ihre Erfahrung mit dem Göttlichen ausdrücken, ist der Hausmeister namens Vernunft nicht befugt, in diesen dem profanen Treiben und Maulen entzogenen Raum (in den nur Zutritt erlangt, wer sich als Mitglied der Gemeinde ausweist) einzudringen und die heiligen Handlungen zu stören oder gar zu verbieten. Der Hausmeister hat während des Vollzugs der heiligen Handlungen vor der Kapelle auszuharren und zu schweigen – ob ehrfürchtig, versonnen oder dreist grinsend, wen schertʼs.
Philippe Jaccottet, Lʼinattendu
Je ne fais pas grand-chose contre le démon : je travaille, et levant les yeux parfois de mon travail, je vois la lune avant qu’il fasse clair.
Que reste-t-il ainsi qui brille d’un hiver?
A la plus petite heure du matin je sors,
la neige emplit l’espace jusqu’aux plus fins bords,
l’herbe s’incline devant ce muet salut,
là se révèle ce que nul n’espérait plus.
Das Unerwartete
Ich kämpfe nicht an gegen den Dämon: Ich arbeite, und manchmal, wenn ich die Augen vom Blatt hebe, erblicke ich den Mond, bevor er hell leuchtet.
Was bleibt übrig auf solche Weise, das winterlich glimmt?
Kurz vor Morgengrauen verlasse ich das Haus,
Schnee überall bis zu den hauchdünnen Rändern,
das Gras neigt sich diesem stummen Gruß,
dort enthüllt sich, was keiner mehr erhoffte.
Philippe Jaccottet, Le secret
Fragile est le trésor des oiseaux.
Toutefois, puisse-t-il scintiller toujours dans la lumière !
Telle humide forêt peut-être en a la garde,
il m’a semblé qu’un vent de mer nous y guidait
nous le voyions de dos devant nous comme une ombre…
Cependant, même à qui chemine à mon côté, même à ce chant je ne dirai ce qu’on devine dans l’amoureuse nuit.
Ne faut-il pas plutôt laisser monter aux murs le silencieux lierre de peur qu’un mot de trop ne sépare nos bouches et que le monde merveilleux ne tombe en ruine?
Ce qui change même la mort en ligne blanche au petit jour, l’oiseau le dit à qui l’écoute.
Das Geheimnis
Der Hort der Vögel ist zerbrechlich.
Und dennoch, könnte er immerdar im Lichte schimmern!
Ein solch feuchter Wald gibt ihm vielleicht die Obhut,
es schien mir, als habe uns ein Wind vom Meer zu ihm geführt,
wir erblickten ihn vor uns von hinten wie einen Schatten …
Dennoch, auch dem, der an meiner Seite wandelt, auch diesem Lied werde ich nicht verraten, was die verliebte Nacht verbirgt.
Ist nicht eher not, den stillen Efeu ängstlich die Mauern hinaufkriechen zu lassen, damit nicht ein überflüssiges Wort unsere Münder trenne und die wunderbare Welt zu Bruch gehe?
Was sogar den Tod in eine weiße Linie bei Tagesanbruch verwandelt, der Vogel sagt es, wenn einer hört.
Wahr sind erdverkrustete Hände
Was nehmen die Nackten mit,
die einmal die Erde verlassen,
um fern von Aphrodites Schäumen
auf einem keimfreien Planeten
in Aluminiumhosen die Gipfel
der Unzeit herabzurutschen?
Das Haus der Sprache ist verwaist,
es klappern die Fensterläden im Wind,
ein Uhu hat sich einquartiert
und dreht seine Augen ins Unsägliche.
Wahr sind erdverkrustete Hände,
Augen auf schwankenden Stengeln,
die sich aus keimdunklem Schicksal
recken in die wunderliche Sage des Lichts.
Wahr ist der grüne Fleck auf dem Stein,
die ins Fenster gestellte Kerze,
die von Erwartung lodert und Leid,
wahr sind die häßlichen Schlieren,
die Zeugen haltlosen Empfindens,
das überquoll in die singende Schale.
Philippe Jaccottet, Blessure vue de loin
Ah ! le monde est trop beau pour ce sang mal enveloppé qui toujours cherche en l’homme le moment de s’échapper!
Celui qui souffre, son regard le brûle et il dit non, il n’est plus amoureux des mouvements de la lumière, il se colle contre la terre, il ne sait plus son nom, sa bouche qui dit non s’enfonce horriblement en terre.
En moi sont rassemblés les chemins de la transparence, nous nous rappellerons longtemps nos entretiens cachés, mais il arrive aussi que soit suspecte la balance et quand je penche, j’entrevois le sol de sang taché.
Il est trop d’or, il est trop d’air dans ce brilliant guêpier pour celui qui s’y penche habillé de mauvais papier.
Von weitem erblickte Wunde
Ach, die Welt ist zu schön für dieses schlecht umwickelte Blut, das im Menschen den Augenblick des Entrinnens sucht!
Den Leidenden versengt sein Blick und er sagt nein, er ist nicht länger der Liebhaber der Wege des Lichts, er klebt an der Erde, er hat seinen Namen vergessen, sein Mund, der nein sagt, versinkt – ein Grauen – in der Erde.
In mir haben sich die Wege der Transparenz versammelt, wir werden für lange Zeit unserer heimlichen Gespräche gedenken, doch kann es auch geschehen, daß mir das Gleichgewicht verdächtig vorkommt und wenn ich mich niederbeuge, erhasche ich einen Blick vom blutbefleckten Boden.
Es gibt zuviel Gold, es gibt zuviel Luft in diesem glänzenden Wespennest für jenen, der sich niederbeugt, umhüllt mit schlechtem Papier.
Philippe Jaccottet, Monde
Poids des pierres, des pensées
Songes et montagnes n’ont pas même balance
Nous habitons encore un autre monde
Peut-être l’intervalle
Fleurs couleur bleue bouches endormies sommeil des profondeurs
Vous pervenches
en foule
parlant d’absence au
Sérénité
L’ombre qui est dans la lumière pareille à une fumée bleue
Peu m’importe le commencement du monde
Maintenant ses feuilles bougent maintenant c’est un arbre immense dont je touche le bois navré
Et la lumière à travers lui brille de larmes
Accepter ne se peut
comprendre ne se peut
on ne peut pas vouloir accepter ni comprendre
On avance peu à peu comme un colporteur d’une aube à l’autre
Welt
Gewicht von Steinen, Gedanken
Träume und Gebirge, sie sind nicht auf gleicher Höhe
Wir bewohnen noch eine andere Welt
Vielleicht ein Intermundium
Blumen blaue Farbe eingeschlafene Mündungen Schlummer der Tiefe
Ihr immergrünen Pflanzen
euer Gewimmel
spricht von der Abwesenheit der
Heiterkeit
Der Schatten, der im Licht einem blauen Rauch gleicht
Wenig bedeutet der Anfang der Welt
Nunmehr rühren sich ihre Blumen, nunmehr ist sie ein riesiger Baum, dessen Holz ich betrübt berühre
Und das Licht, das durch ihn fällt, glänzt von Tränen
Es hinnehmen geht nicht
Es verstehen geht nicht
Man kann es nicht hinnehmen noch verstehen wollen
Man kommt allmählich voran wie ein Hausierer von einer Morgendämmerung zur nächsten
Sombre ennemi qui nous combats et nous resserres, laisse-moi, dans le peu de jours que je détiens, vouer ma faiblesse et ma force à la lumière : et que je sois changé en éclair à la fin.
Moins il y a d’avidité et de faconde en nos propos, mieux on les néglige pour voir jusque dans leur hésitation briller le monde entre le matin ivre et la légèreté du soir.
Moins nos larmes apparaîtront brouillant nos yeux et nos personnes par la crainte garrottées, plus les regards iront s’éclaircissant et mieux les égarés verront les portes enterrées.
L’effacement soit ma façon de resplendir, la pauvreté surcharge de fruits notre table, la mort, prochaine ou vague selon son désir, soit l’aliment de la lumière inépuisable.
Auf daß uns das Ende erleuchte
Dunkler Feind, der du uns bekämpfst und umstellst, laß mich, für den Rest des Tages, der mir gegönnt ist, meine Schwäche und meine Kraft dem Lichte weihen: Möge ich am Ende umgewandelt werden in einen Blitz.
Es herrscht umso weniger Knickerei und Verschwendung in unseren Worten, je weniger Wesens wir mit ihnen treiben, um bis in ihr Stocken hinein die Welt funkeln zu sehen zwischen dem trunkenen Morgen und der Leichtigkeit des Abends.
Je weniger unsere Augen von Tränen zu schwimmen und wir selbst vor Furcht mundtot zu sein scheinen, umso mehr werden sich die Blicke erheitern und die Irregeleiteten besser sehen, daß die Türen begraben worden sind.
Verhaltenheit sei meine Art zu glänzen, die Armut bereichere unseren Tisch mit ihren Früchten, der Tod, nah oder schattenhaft, wie immer er will, sei die Nahrung des unerschöpflichen Lichts.
Ils chevauchent encore dans les espaces glacés, les quelques cavaliers que la mort n’a pas pu lasser.
Ils allument des feux dans la neige de loin en loin, à chaque coup de vent il en flambe au moins un de moins.
Ils sont incroyablement petits, sombres, pressés, devant l’immense, blanc et lent malheur à terrasser.
Certes, ils n’amassent plus dans leurs greniers ni or ni foin, mais y cachent l’espoir fourbi avec le plus grand soin.
Ils courent les chemins par le pesant monstre effacés, peut-être se font-ils si petits pour le mieux chasser?
Finalement, c’est bien toujours avec le même poing qu’on se défend contre le souffle de l’immonde groin.
In einem Schneegestöber
Sie reiten noch immer durch die vereisten Räume, die wenigen Ritter, die der Tod nicht zermürben konnte.
Sie entzünden hier und da Feuer im Schnee, doch bei jedem Windstoß lodert eines weniger auf.
Sie sind unglaublich klein, dunkel, gehetzt angesichts des maßlosen, weißen und schleichenden Unglücks, das es niederzuwerfen gilt.
Gewiß stapeln sie in ihren Speichern weder Gold noch Heu, doch verstecken sie dort die Hoffnung, die sie mit größter Sorgfalt poliert haben.
Sie eilen über die Wege, die das schwere Ungeheuer abgeschabt hat, vielleicht machen sie sich so klein, um es besser jagen zu können.
Am Ende wehrt man sich wie immer nur mit der Faust gegen den Atemhauch der widerlichen Schnauze.
Worte, um denkender zu atmen
Dem Blinden reichen die Tastgefühle über den toten Stock bis an den Kontur des Steins, den Atem-Halt des Grases, die Bettstatt der Moose …
… so ertasten dichterische Worte das Gesicht der Dinge, die Verworrenheit ihres wilden Haars, das Wahrkraut der Dämmerung …
Der Versuch, auf dem blauen Streifen der Luft zu balancieren, die überlaufende Milch des Abends mit der hölzerne Kelle simpler Namen zu schöpfen: Schwelle, Mund, Lallen …
Die Unwirklichkeit der Afterpoesie: Tränen, die nicht salzig schmecken, Blutspuren, die aus Geisteradern sprudeln, in einer Welt ohne Messer und Zahn, Bekenntnisse, die vom Dung der Liebe qualmen, der nicht eingestreut ward in all die Furchen …
Worte, die unterhalb der Wasseroberfläche Wurzeln treiben, Worte, die am Abgrund der Zeit kurz aufblühen und gegen den Hintergrund der Dämmerung kaum mehr zu erkennen sind, Worte, die auf den Lippen eine Spur von Pollen hinterlassen oder eine Farbe wie vom Saft der wilden Beere …
Plötzlich dreht sich das Wort wie ein Mensch, der eine andere Richtung einschlägt …
Der Schatten, den sie pathetisch beschwören oder melancholisch umzirkeln, ist der Schatten, den sie selbst auf die Dinge werfen.
Schein-Gebilde, die wie Fliegenfänger von Mücken toter Worte starren.
Die Sprache nicht als Fernrohr nehmen, sondern als Landschaft.
Ein Wort, das ins Wasser der Erinnerung gestellt über Nacht zarte Sprossen ausgebildet hat.
Lyrische Dichtung ist nicht Beschreibung, sondern Evokation: Die scheinbar deskriptiven Ausdrücke, die lyrische Formen bevölkern, von den Blumennamen der Sappho bis zu den Namen der Flüsse, Heroen und Götter Hölderlins, benennen nicht, sondern rufen die mit ihnen gemeinte Wirklichkeit an, rufen sie ins Erscheinen. Die dichterisch gebrauchten Worte haben keine konstatierende Geltung, sondern performative Kraft, wie wenn jemand eine vorübergehende Person mit Namen anruft, und sie bleibt stehen und dreht sich um, zu einem Gespräch bereit, zum Verweilen.
Vielleicht meint Martin Heidegger solches, wenn er von der Sprache der Dichtung als dem Andenken des Seins spricht, das sich darin kundtut, soweit es die Gunst oder der Kairos des Augenblicks erlaubt.
Denn die Gunst des Augenblicks läßt sich nicht erzwingen – kann doch der Angerufene harthörig bleiben oder mißmutig von dannen ziehen, ohne sich umzudrehen …
… kann doch der Freund den Anruf und Namen des Freundes verweigern …
… kann doch der launische Wind die Flamme ersticken, die zarten Sprossen des frühen Jahrs zertreten, der Atem auf dem dünnen Stengel des ersten Anrufs den Namen nicht halten, den dunkles Erinnern beschwert …
… oder dem zart-flaumigen Munde gelingtʼs, wenn die Füße, gekitzelt von jungen Kräutern, den bunten Pirol aufscheuchen oder wenn am Wegrand unterm dornigen Dickicht ein Herz zu brennen beginnt …
… oder auf dem engen Lager letzten Harrens, wenn ein Windstoß den Vorhang bewegt, spricht durch den Nebel der Schmerzen ein winziges Glimmen von einst, dem fernen Einst der Kindheit, die noch kein Wort hatte für den Stern …
I
La clarté de ces bois en mars est irréelle, tout est encor si frais qu’à peine insiste-t-elle.
Les oiseaux ne sont pas nombreux; tout juste si, très loin, où l’aubépine éclaire les taillis, le coucou chante.
On voit scintiller des fumées qui emportent ce qu’on brûla d’une journée, la feuille morte sert les vivantes couronnes, et suivant la leçon des plus mauvais chemins, sous les ronces, on rejoint le nid de l’anémone, claire et commune comme l’étoile du matin.
II
Quand même je saurais le réseau de mes nerfs aussi précaire que la toile d’araignée, je n’en louerais pas moins ces merveilles de vert, ces colonnes, même choisies pour la cognée, et ces chevaux de bûcherons…
Ma confiance devrait s’étendre un jour à la hache, à l’éclair, si la beauté de mars n’est que l’obéissance du merle et de la violette, par temps clair.
III
Le dimanche peuple les bois d’enfants qui geignent, de femmes vieillissantes ; un garçon sur deux saigne au genou, et l’on rentre avec des mouchoirs gris, laissant de vieux papiers près de l’étang… Les cris s’éloignent avec la lumière.
Sous les charmes, une fille retend sa jupe à chaque alarme, l’air harassé. Toute douceur, celle de l’air ou de l’amour, a la cruauté pour revers, tout beau dimanche a sa rançon, comme les fêtes ces taches sur les tables où le jour nous inquiète.
IV
Toute autre inquiétude est encore futile,
je ne marcherai pas longtemps dans ces forêts,
et la parole n’est ni plus ni moins utile
que ces chatons de saule en terrain de marais :
peu importe qu’ils tombent en poussière s’ils brillent, bien d’autres marcheront dans ces bois qui mourront, peu importe que la beauté tombe pourrie, puisqu’elle semble en la totale soumission.
Die Wasser und die Wälder
I
Die Helligkeit dieser Wälder im März ist unwirklich, alles ist noch so frisch, daß sie sich kaum aufdrängt. Die Vögel sind nicht zahlreich; gerade noch kann man in weiter Ferne, wo der Weißdorn das Dickicht erhellt, den Kuckuck rufen hören.
Rauchwolken sieht man schimmern, sie tragen davon, was man von den Resten des Tages verbrannt hat, das welke Blatt dient den lebenden Kronen, und folgt man der Lehre der ärgsten Wege, gelangt man wieder, unter den Brombeersträuchern, zum Nest der Anemone zurück, klar und alltäglich wie der Morgenstern.
II
Auch wenn ich wüßte, das Netz meiner Nerven wäre so dünn wie das Gewebe der Spinne, ich priese nicht weniger diese Wunderwerke des Grüns, diese Säulen, auch wenn sie für die Axt bestimmt sind, und diese Pferde der Holzfäller …
Mein Vertrauen sollte sich eines Tages ausdehnen auf das Beil, den Blitz, wenn die Schönheit des März bei klarem Wetter nichts ist als die Ergebenheit der Amsel und des Veilchens.
III
Am Sonntag belebt sich der Wald mit flennenden Kindern und alternden Frauen; jeder zweite Junge blutet am Knie, und man kehrt mit grauen Taschentüchern zurück, verbrauchte Papierfetzen läßt man am Weiher liegen … Das Geschrei entfernt sich mit dem Licht.
Unter den Hainbuchen zieht ein Mädchen seinen Rock bei jedem Alarmruf wieder zurück, sie sieht erschöpft aus. Alles Süße, ob in der Luft oder bei der Liebe, hat seine grausame Rückseite, jeder schöne Sonntag seine Bitterkeit, wie die Feiern ihre Flecken auf dem Tisch, wenn der Morgen uns mit Sorgen empfängt.
IV
Jede andere Sorge ist schon wieder nichtig,
ich werde nicht lange durch diese Wälder wandern,
und die Worte sind nicht mehr oder minder nützlich
als diese Weidenkätzchen im Moorgebiet:
Wenig zählt, daß sie zu Staub zerfallen, wenn sie nur leuchten, daß viele, die durch diese Wälder gehen, sterben werden, wenig zählt, daß die Schönheit verfault dahinsinkt, hat sie sich doch ganz hingegeben.
Philippe Jaccottet, Lʼhiver
J’ai su pourtant donner des ailes à mes paroles, je les voyais tourner en scintillant dans l’air, elles me conduisaient vers l’espace éclairé…
Suis-je donc enfermé dans le glacial décembre comme un vieillard sans voix, derrière la fenêtre à chaque heure plus sombre, erre dans sa mémoire, et s’il sourit c’est qu’il traverse une rue claire, c’est qu’il rencontre une ombre aux yeux clos, maintenant et depuis tant d’années froide comme décembre…
Cette femme très loin qui brûle sous la neige, si je me tais, qui lui dira de luire encore, de ne pas s’enfoncer avec les autres feux dans l’ossuaire des forêts? Qui m’ouvrira dans ces ténèbres le chemin de la rosée?
Mais déjà, par l’appel le plus faible touchée, l’heure d’avant le jour se devine dans l’herbe.
Der Winter
Dennoch verstand ich mich darauf, meinen Worten Flügel zu verleihen, ich sah sie schimmernd flattern in der Luft, sie trugen mich lichten Räumen entgegen …
Bin ich nunmehr ins Dezembereis eingeschlossen gleich einem Greis ohne Stimme, der hinter einem von Stunde zu Stunde dunkler werdenden Fenster im Labyrinth seiner Erinnerung versinkt und wenn er lächelt, dann weil er eine beleuchtete Straße überquert, weil er einen Schatten mit geschlossenen Augen trifft, der jetzt und schon so viele Jahre lang kalt ist wie der Dezember …
In der Ferne diese Frau, die unterm Schnee brennt, wer wird ihr, wenn ich schweige, sagen, sie möge weiter leuchten, sie möge nicht verlöschen wie die anderen Feuer im Beinhaus der Wälder? Wer wird mir in dieser Finsternis den Weg des Tauwassers öffnen?
Doch vom schwächsten Anruf berührt, zeichnet sich schon im Gras die Stunde vor Anbruch des Tages ab.
Der letzte Schmerz
Der letzte Winter.
Der letzte Frühling.
Der letzte Sommer.
Der letzte Herbst.
Der letzte Herbst.
Der letzte Schnee.
Die letzte Rose.
Der letzte Apfel.
Die letzte Flamme.
Die letzte Flamme.
Der letzte Morgen.
Der letzte Mittag.
Der letzte Abend.
Die letzte Nacht.
Die letzte Nacht.
Die letzte Wolke.
Der letzte Regen.
Der letzte Tau.
Der letzte Mond.
Der letzte Mond.
Die letzte Biene.
Die letzte Mücke.
Der letzte Hund.
Der letzte Vogel.
Der letzte Vogel.
Das letzte Bellen.
Das letzte Kichern.
Das letzte Weinen.
Das letzte Zwitschern.
Das letzte Zwitschern.
Der letzte Kuß.
Die letzte Hand.
Die letzte Träne.
Das letzte Lächeln.
Das letzte Lächeln.
Das letzte Lied.
Die letzte Stille.
Der letzte Schimmer.
Der letzte Schmerz.
Der letzte Schmerz.
Philippe Jaccottet, Intérieur
Il y a longtemps que je cherche à vivre ici, dans cette chambre que je fais semblant d’aimer, la table, les objets sans soucis, la fenêtre ouvrant au bout de chaque nuit d’autres verdures, et le cœur du merle bat dans le lierre sombre, partout des lueurs achèvent l’ombre vieillie.
J’accepte moi aussi de croire qu’il fait doux, que je suis chez moi, que la journée sera bonne.
Il y a juste, au pied du lit, cette araignée (à cause du jardin), je ne l’ai pas assez piétinée, on dirait qu’elle travaille encore au piège qui attend mon fragile fantôme…
Interieur
Lang istʼs her, daß ich hier zu leben versuche, in diesem Zimmer, das ich zu lieben vorgebe, den Tisch, die sorglosen Dinge, das Fenster, das sich all den Nächten anderen Grüns hin öffnet, und das Herz der Amsel pocht im dunklen Efeu, rings vollenden Schimmer den altgewordenen Schatten.
Ich will daher auch glauben, es sei angenehm, bei mir zu Haus zu sein, daß der Tag schön werde. Da ist nur am Fuß des Betts diese Spinne (das liegt am Garten), ich habe sie nicht gründlich genug zertreten, man könnte sagen, sie arbeite noch an der Falle, die auf mein klappriges Gespenst wartet …
Philippe Jaccottet, Aube
On dirait qu’un dieu se réveille, regarde serres et fontaines
Sa rosée sur nos murmures nos sueurs
J’ai de la peine à renoncer aux images
Il faut que le soc me traverse miroir de l’hiver, de l’âge
Il faut que le temps m’ensemence
Morgendämmerung
Man könnte sagen, ein Gott erwache, beschaue sich Gewächshäuser und Brunnen.
Sein Tau auf unserem Flüstern, unserem Schweiß.
Ich tue mich schwer, den Bildern zu entsagen.
Es tut not, daß mir die Pflugschar über den Spiegel des Winters fahre, des Alters.
Es tut not, daß die Zeit mir Samen streue.
Philippe Jaccottet, Lied du figuier
Tant il gela que les branches laiteuses
Molestèrent la scie, se cassèrent aux mains.
Le printemps ne vit pas verdir les gracieuses.
Le figuier demanda au maître du gisant
L’arbuste d’une foi nouvelle.
Mais le loriot, son prophète,
L’aube chaude de son retour,
En se posant sur le désastre,
Au lieu de faim, périt d’amour.
Lied des Feigenbaums
Er war so vereist, daß die milchigen Zweige
der Säge arg zusetzten, sie zerbrachen unter der Hand.
Der Frühling sah ihre Anmut nicht grünen.
Der Feigenbaum erbat beim Herrn des Grabs
um den Strauch eines neuen Glaubens.
Doch der Pirol, sein Prophet,
das heiße Morgenrot seiner Rückkehr,
beugte sich über das Unglück,
und anstatt zu verhungern, verging er vor Liebe.
Gastlichkeit
Anmerkungen zur Semantik eines institutionellen Begriffs
Zusammenfassung:
Die Semantik des institutionellen Begriffs „Gastlichkeit“ und seine Anwendung im Sprachgebrauch weisen die für institutionelle Begriffe überhaupt typischen Merkmale auf: weder subjektiv noch objektiv zu sein, trotz des Anscheins keine rein konstatierende oder deskriptive Anwendung zuzulassen, sondern eine performative Sprachverwendung zu fordern, was sich im systematischen Unterschied der Identitätsmerkmale sowie der Anwendungs- und Erfüllungsbedingungen deskriptiver und performativer Begriffe bestimmen läßt. Zugespitzt sagen wir, ein Gast ist ein Mensch nicht aufgrund von Identitätsmerkmalen physischer und psychischer Natur, wie etwas aufgrund deskriptiver Merkmale eine Blume oder ein Fisch ist, etwas aus Wasser oder aus Holz besteht, jemand ein Mann oder eine Frau, ein Kind oder ein Greis ist, jemand fröhlich singt oder traurig den Kopf hängen läßt – dagegen ist jemand ein Gast, wenn er als Gast zu einem gastlichen Aufenthalt bei einem Gastmahl oder einer Feier eingeladen worden ist. Ähnlich wie ein Freund nur Freund ist, wenn es einen anderen gibt, der sein Freund ist und ihn als solchen ansieht und benennt, so ist jemand ein Gast, wenn es einen Gastgeber gibt, der ihn einlädt, und andere Gäste, die ihn als solchen begrüßen und ansehen.
Hier dürfen wir allerdings nicht in den trivialen und verbreiteten Fehler der Soziologen verfallen (der gleichsam zur Modephilosophie oder medialen Weltanschauung abgesunken ist) und die institutionellen Begriffe als bloße soziale Konstruktionen betrachten: Institutionelle Begriffe konstituieren in der Tat den Gegenstand, den sie benennen, indes implizieren sie Regeln ihrer Anwendung, die keineswegs ins Belieben der Sprecher gestellt sind, sondern ihnen ein bestimmtes Verhalten und Reagieren aufzwingen oder abverlangen. Insofern ähneln sie den Spielen (oder Sprachspielen Wittgensteins), die Erfindungen menschlichen Witzes und menschlicher Spielfreude sind, aber einmal in die Welt gesetzt Regeln ihrer Verwendung implizieren, gegen die zu verstoßen bedeutet, das jeweilige Spiel nicht korrekt oder überhaupt nicht zu spielen.
So ist Freundschaft eine symmetrische Relation, die nur in der reziproken Anwendung derjenigen Geltung hat, die sich Freunde nennen; andererseits ist es ein ungeschriebenes Gesetz der Freundschaft, Wort zu halten und gegebene Versprechen (es sei denn aus Not oder entschuldbaren triftigen Gründen) nicht zu brechen, sondern einzuhalten. Gastlichkeit ist ein nicht symmetrischer Relationsbegriff, insofern einer Gast nur ist, wenn er von einem Gastgeber eingeladen wurde (wer sich selbst einlädt, bekommt die Folgen seines ungehörigen Verhaltens alsbald zu spüren), indes impliziert die institutionelle Tatsache, ein Gast zu sein, das Einhalten gewisser ungeschriebener Regeln und Gesetze der Gastfreundschaft (die der alte Begriff der Sitte oder Sittlichkeit umschrieb), in erster Linie, die Rangordnung oder Hierarchie einer jeden Gastlichkeit zu beachten: Der Gast bedankt sich durch bestimmte Handlungen oder Gesten wie Geschenke und Präsente für die Einladung, der Gastgeber nimmt Dank und Präsente entgegen; ein Gastgeschenk muß den Gesetzen symbolischen Austausches gehorchen, das heißt, es darf in seiner Art und seinem Aufwand das Ansehen und das Prestige des Gastgebers weder übersteigen noch in seinem Schatten stehen, wie wenn jemand seinen Gastgeber, einen einfachen Mann, mit einer goldenen oder mit einem Diamanten verzierten Agraffe „überrascht“ oder seinen Gastgeber, einen angesehen Gelehrten, mit dem Geschenk eines Trivialromans düpiert, es darf aber auch dem Ansehen und Prestige des Gastes nicht unangemessen sein, wie wenn ein subalterner Beamter die Frau seines Gastgebers mit einer Brosche beschenkt, deren Wert sein Salär weit übertrifft.
Die Grundunterscheidung, die Gastlichkeit allererst zu der Institution hierarchischen Charakters macht, die sie ist, findet gleichsam auf der Schwelle des einladenden Hauses statt: ja oder nein, rein oder raus, zugehörig oder nicht zugehörig, eine Selektion der Gäste gemäß der Legitimation ihrer Zugehörigkeit „chez nous“ mittels ihrer Einladungskarten. Natürlich kann man Karten fälschen und Legitimationen vortäuschen und erschleichen – was jederzeit von einem gewissen üblen Menschenschlag praktiziert wird, der gern auf Kosten anderer lebt, und wo einer großzügig einlädt und austeilt, wollen sie sich unter die Gäste mischen. Solcher leidigen Mitesser habhaft zu werden, ist ein Dienst am Wohl der echten Gäste und aller, die mit ihrer Produktivität dazu beigetragen haben, daß es Reichtum die Fülle gibt, so daß den dafür Auserwählten zufließen kann.
Die ganze Semantik institutioneller Begriffe verbirgt sich im „chez nous“, in der sprachlich-begrifflichen Institution des Wir, gleichsam der Meta-Institution an sich. Wir gehören zu den Gästen dieses Abends, weil wir allesamt vom Gastgeber eingeladen worden sind; daß wir und nicht andere eine Einladung erhalten haben, geht auf die Präferenzen des Gastgebers zurück, die wiederum eine Funktion seines Ansehens und Prestiges, seiner beruflichen und sozialen Stellung, kurz seiner Gruppenzugehörigkeiten, darstellen. Ist er ein Musiker, wird es von Instrumentalisten und Sängern unter den Gästen nur so wimmeln; ist er ein Priester, liegen andächtige Zurückhaltung und ein feiner Weihrauchschwaden in der Luft. Wir bilden das Wir der Festgemeinde, weil wir dazu ausersehen wurden; doch zugleich bindet uns diese flüchtige Institution an gewisse Regeln und Vorschriften des Benehmens, der Etikette und der Sitte (tradierter Gepflogenheiten des körperlichen und sprachlichen Ausdrucks und der Kommunikation), die nicht in unser Belieben gestellt sind, die zu mißachten oder zu übertreten vielmehr mit Sanktionen behaftet ist, die bis zur Rüge und öffentlichen Bloßstellung, ja zum vorläufigen oder endgültigen Ausschluß aus dem „chez nous“, dem institutionellen Wir, reichen können.
Institutionelle Begriffe implizieren Ordnungen ritueller und symbolischer Natur, die zwar starkem Wandlungsdruck ausgesetzt sind, aber nur bei gänzlicher Auflösung der Bedeutung des jeweiligen Begriffs auf ihren Nullwert schrumpfen: So impliziert Gastlichkeit rituelle und symbolische Ordnungen, die sich in der inszenierenden oder theatralischen Aufführungspraxis von Festlichkeiten und Gastmählern vom Empfang der Gäste über den rituellen Ablauf der Mahlzeiten bis zum Höhepunkt der Rede des Gastgebers oder eines Ehrengastes und der mehr oder weniger feierlichen Verabschiedung zeigen, aber sich auch in der Wahl der Kleidung, in der Sitzordnung, in den Gesprächsthemen und ihrer sprachlichen Diktion (ihrem Sprachniveau) oder in der Art und Qualität der unterhaltsamen Darbietungen bei der Feier niederschlagen.
Eine Auflösung oder parodistische Umkehrung der Ordnung und der rituellen und symbolischen Gesetze der Gastlichkeit finden wir in den burlesken Feiern des Karnevals, die aber voraussetzen, was sie parodieren, oder in literarischen Fiktionen wie dem „Gastmahl des Trimalchio“ des Petronius, in dem die altrömischen institutionellen Werte und Begriffe der Virtus, des Anstands, der Sittsamkeit in einem wüsten Exzeß obszöner und irrwitziger Übertreibung und Übersteigerung das Zeitliche segnen; und dennoch entwirft der geistreiche Schriftsteller Petronius für diese Umkehrung eigene Formen ritueller und symbolischer Ordnungen, die den Bogen bis zur grotesken rituellen Scheinbeerdigung des Gastgebers auf seiner eigenen Feier spannen.
Gastlichkeit und Gastfreundschaft sind institutionelle Begriffe, die sehr verbreitete soziale Gepflogenheiten benennen. Ihre semantischen Implikationen sind weitreichend und verwickelt, aber ihre semantische Grundform ist überschaubar.
Einer lädt sich Gäste ein, und dies aus unterschiedlichsten Beweggründen: Es gilt ein Fest wie einen Geburtstag oder ein Jubiläum zu feiern, er spielt den spendablen Gastgeber, um sein Prestige als großzügigen Lebemann oder Gesellschaftslöwen zu überhöhen, einer sucht sich unterhaltsame Gäste, um auf kurzweilige Art seine Langeweile zu zerstreuen.
Die institutionelle Hierarchie, auf die wir zunächst und gleichsam auf der Schwelle des Gastmahls oder der Party treffen, begründet der Unterschied von Gastgeber und Gast – wobei der Gastgeber ein Privatmann oder der Repräsentant einer gesellschaftlichen Einrichtung wie eines Vereins, eines Unternehmens, einer Behörde oder Bildungseinrichtung sein kann.
Die Hierarchie oder Rangordnung zwischen Gastgeber und Gast ist dem institutionellen Begriff der Gastlichkeit gleichsam einbeschrieben, inhärent oder implizit. Zu wissen, daß man, hat man einmal die Schwelle des Gasthauses überschritten, dem Gastgeber (und seiner Gattin) zu besonderer Ehrerbietung und Aufmerksamkeit verpflichtet ist, gehört zu jener Art des Wissens, die wir allen institutionellen Begriffen zuschreiben: dem impliziten Wissen.
Ehrerbietung oder Achtung ist eine Funktion kontrollierter und dosierter Aufmerksamkeit: Alle Blicke richten sich auf den Gastgeber, der in der Mitte der Runde oder am Kopfende des Tisches sitzt, wenn er die Begrüßungs- und Dankesworte sagt und das Glas zum Begrüßungstrunk erhebt oder den Toast auf den Ehrengast spricht, der zu seiner Rechten sitzt. Kurz: Wer am meisten und intensivsten und längsten angeblickt wird, steht in der Hierarchie oben und verdient die höchste Achtung.
Die Rangordnung zwischen Gastgeber und Gast zeigt sich ebenso in der Auslese und Auswahl der Gäste: Der Gastgeber nimmt das souveräne Recht in Anspruch diejenigen einzuladen, die seinen Auswahlkriterien nach Würdigkeit und Wert, nach faktischer oder symbolischer Nähe entsprechen, allen voran die eigenen Verwandten, die Freunde sowie achtbare, einflußreiche oder unterhaltsame Zeitgenossen. Wer nicht oder nicht mehr eingeladen wird, darf dies als starken Hinweis verstehen, durch den Raster der Auslese gefallen zu sein und zu denjenigen gezählt zu werden, die der Ehre der Teilnahme an der Feier nicht oder nicht mehr gewürdigt werden – eine Form der Stigmatisierung, die je nach der sozialen Stellung des Gastgebers und seines Prestiges und der mehr oder weniger fragilen sozialen Position des Ausgeladenen weitreichende Folgen für den Ausgestoßenen haben kann.
Der Ausgeladene kann, soweit es in seiner Macht steht, Revanche üben und dafür Sorge tragen, durch geschicktes Intrigieren und Antichambrieren von einem anderen Gastgeber eingeladen zu werden, dessen Ansehen zumindest dem des abtrünnig gewordenen gleichrangig, wenn nicht gar überlegen ist.
Wir finden reichlichen Stoff zur Illustrierung dieser kleinen Analyse in der geistreichen und anschaulichen Schilderung der Rivalitäten der Pariser Salons, wie sie uns Marcel Proust in seinem Romanzyklus vor Augen stellt. Das Stichwort bei Proust heißt „chez nous“ und plaudert das ganze Geheimnis des institutionellen Begriffs aus, um den es uns hier geht.
Wir machen die interessante Beobachtung, daß sich die Hierarchien verschiedener institutioneller Begriffe überlagern, kreuzen und teilweise aufheben können: Wenn der Gastgeber seinen Chef und Arbeitgeber eingeladen hat, ist dieser auf Zeit, die Zeit der Feier, unter den Rang des sozial Untergebenen gerückt: Er sitzt neben ihm, aber nicht am Kopfende des Tisches, er spricht nicht das erste Wort, sondern höchstens das zweite, wenn er auf den Trinkspruch des Gastgebers antwortet.
Wir machen uns die Implikationen der Institution Gastlichkeit und insbesondere die symbolische Bedeutung der Tischordnung klar, wenn wir beispielsweise die Tatsache beachten, daß einer der größten Dichter deutscher Sprache, Friedrich Hölderlin, über viele Jahre seines Lebens auf die Gastlichkeit seiner Brotherren angewiesen war, bei denen er sich als Hofmeister oder Privat- und Hauslehrer ihrer Zöglinge verdingen mußte: Dazu gehörte auch, nicht am Tisch des Gastgebers und seiner Gattin und ihrer Kinder speisen zu dürfen, sondern sein Essen gemeinsam mit den Mägden und Bediensteten des Hauses in der Küche einnehmen zu müssen. Daß sich Hölderlin deswegen in seinem angeborenen Stolz gedemütigt und in seiner Selbstherrlichkeit gekränkt fühlte, entnehmen wir Briefen wie diesem an seine Mutter:
„Aber der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, dass die Hofmeister auch Bedienten wären, dass sie nichts besonders für sich fordern könnten, weil man sie für das bezahle, was sie thäten, (…) das kränkte mich, so sehr ich suchte, mich darüber weg zu setzen, doch immer mehr und gab mir manchmal einen stillen Ärger, der für Leib und Seele niemals gut ist.” (Friedrich Hölderlin an seine Mutter, 10.10.1798, StA 6,1 S. 283)
Wir dürfen indes fragen, ob sich wahre Seelengröße nicht in der Gleichgültigkeit und Indifferenz gegen solche symbolischen Rangordnungen kundgetan hätte. Was ist gegen die anregende Gesellschaft von Mägden, Köchinnen und Knechten einzuwenden, aus deren Mund ein Dichter nicht weniger echte Lebenszeugnisse erfahren mag als von den faden und gestelzten Konversationen der Herrschaft?
Eine umgekehrte Lage finden wir in den Nachrichten über das widerborstige Auftreten des nicht weniger stolzen Philosophen Ludwig Wittgenstein, der sich schon mit seiner legeren Kleidung gegenüber den steifen Kragen seiner professoralen Kollegen absetzte: Ihm wird nachgesagt, er habe es im Speisesaal seines Campus zu Cambridge, in dem die Professorenschaft auf einem erhöhten Podium ihr Essen einzunehmen pflegte, demonstrativ vorgezogen, sich bei den – im wahrsten Sinne des Wortes – rangniederen Tischen der Studenten Platz zu nehmen.
Auch hier dürfen wir fragen, ob sich wahre Seelengröße nicht in der Gleichgültigkeit und Indifferenz gegen solche symbolischen Rangordnungen kundgetan hätte. Das Gerede hochnäsig-blasierter Studenten aus besseren Kreisen über Sportchampions und ihr Gesellschaftklatsch muß nicht anregender sein als das geistreiche Geplauder über Literatur und der Universitätsklatsch der Kollegen.
Kehren wir zu unserer kleinen Analyse zurück, mit der wir zeigen wollen, daß das meiste, was wir über die menschlichen Angelegenheiten wissen können, dem impliziten Wissen zu entnehmen ist, das der Anwendung institutioneller Begriffe wie der Anwendung des Begriffs der Gastlichkeit zugrundeliegt.
Wer uneingeladen sich mit List oder roher Gewalt Zutritt zu einem Gastmahl verschafft, gilt uns rechtens als Schmarotzer oder parasitärer Eindringling, der von den Bodyguards oder dem Wachpersonal des Gastgebers am Schlafittchen gepackt und vor die Tür gesetzt gehört. Dagegen ist der Intrigant und Hochstapler, der sich den Zutritt mittels geschickter Vortäuschung angemaßter Zugehörigkeit zur Gesellschaft erschwindelt, von anderem, sprich komödiantisch-raffiniertem Kaliber. In Kleidung und Gehabe, in sprachlichem Niveau und Mienenspiel, mit Witz und Geistesblitz bietet er eine Mimikry, deren Kunstfertigkeit beinahe das Verweilen am ungehörigen Ort zu rechtfertigen scheint.
Der Zweck der Geselligkeit gibt die rituellen Ordnungen vor, denen sich die Gäste anzubequemen haben. Diese Ordnungen betreffen die Kleidung, die Art und den Aufwand der mitgebrachten Geschenke, die Sitzordnung, die Themen der Gespräche bei und nach Tisch, das sprachliche Niveau oder die Arten der Unterhaltung, von musikalischen und gesanglichen Darbietungen über theatralische Einlagen bis zum Tanzvergnügen.
Der Dame des Hauses gebührt besondere Aufmerksamkeit, sie ist zuerst zu begrüßen und mit einem Präsent, meist einem Blumenstrauß, zu erfreuen. Die Auswahl der zu Gehör gebrachten Musikstücke oder gesanglichen Darbietungen spiegelt natürlich den Geschmack der Gastgeber wider. Es versteht sich, daß die karierte Jacke und grelle Krawatte nebst drolligem Hütchen, die dem Silvesterfest gut anstehen, auf der Beerdigungsfeier fehl am Platze sind. Die allem Schönen zugetane, dazu wohl parfümierte und großzügig dekolletierte Dame zur Rechten mit schaurigen Details aus der Anatomie zu entgeistern oder den Pfarrer oder die Nonne zur Linken mit obszönen Witzen und schlüpfrigen Anekdoten erheitern zu wollen, verbietet sich ebenso, wie die Ohren der Hinterbliebenen mit deftigen Histörchen und frivolen Anspielungen auf die Schattenseiten im Leben des Dahingeschiedenen zu kitzeln.
Es ist auch unschicklich, den Vortrag des Ehrengastes, eines Honorarprofessors in Alter Geschichte, der sich langatmig über die Damenmode zur Zeit des frühen Kaisertums ergeht, aus der ersten Reihe mit lautem Gähnen zu quittieren; ebenso ist davon abzuraten mitzusummen, wenn die Gastgeberin in der Wiedergabe eines geistlichen Lieds von Brahms dilettiert; geschweige denn dem Wein in einem Maße zuzusprechen, daß die Zunge mehr preisgibt, als der brummende Kopf und das lädierte Gewissen am nächsten Tage sich eingestehen mögen.
Auch sollte der subalterne Beamte der Gattin des Vorgesetzten nicht mit einem Geschenk aufwarten, das sein Salär offensichtlich übersteigt, für ein unterwegs ausgerupftes Maiglöckchen ruft man nicht flugs nach der Vase. Das Geschenk, folgern wir, soll das Ansehen und das Prestige des Beschenkten an symbolischer Kraft weder ausstechen noch ganz in ihrem Schatten stehen.
Körperliche Nähe ist eine symbolisch hochsensible Interaktion, die im Falle der Gastlichkeit meist rituell geordnet und eingehegt ist: Händeschütteln geht, ein Luftkuß auf die Wange der Hausdame ist nicht ungern gesehen, aber dem Gastgeber oder dem Ehrengast, der nach seiner Festrede wieder Platz genommen hat, jovial auf die Schulter zu klopfen, ist in den meisten Umgebungen gastlicher Natur fehl am Platze.
Wir kennen am fastnächtlichen Rhein die komisch-burleske Umkehrung und Parodie auf die Institution der Gastlichkeit, wenn die Gäste eigens eingeladen sind, sich über den Gastgeber lustig zu machen, Komödiant und Clown den Weisen mimen, der es den hohen Herren unter die Nase reibt, daß bei ihnen auch unter den Teppich gekehrt wird oder Leichen im Keller versteckt sind, die beleibte Gattin des subalternen Beamten ihren wogenden Busen mit falschen Klunkern beschwert und der ewige Student einen Doktorhut trägt – bis Gehabe, Anstand und sprachliches Niveau unter den girrenden Jubelrufen des Weingottes sich gerade noch vor dem Absaufen in die schwappenden Lachen der Obszönität zu halten wissen oder auch geradewegs darin ertrinken.
Wir haben im „Gastmahl des Trimalchio“ des Petronius ein literarisches Zeugnis von der Parodie der römischen Sitten der Gastlichkeit, hinter deren gekünstelter Derbheit und gespielter Vulgarität alle Ausgelassenheit rheinischen Karnevals verblaßt. Der Gastgeber ist alles andere als ein würdiger Vir romanus und Pater familias, sondern ein aufgedunsener, über die Maßen aufgeblasener Neureicher, der seine Gäste mit der scheckigen Darreichung üppigster, einander an Ungenießbarkeit übertreffender Mahlzeiten, absurder Artistik und ausgefallener Schamlosigkeiten zu delektieren vermeint, abgesehen von seiner faselnden, ins verfilzte Kraut schießenden Rhetorik, mit deren Hilfe er ein abgrundtiefes Loch von Unbildung mit dem warmen Urin seiner rhetorischen Inkontinenz zu füllen sucht.
Parodie, Verwilderung, pervertierte Umkehrung, Barbarismen, hyperbolischer Ausdruck, Maßlosigkeit der Mittel und Zwecke – diese und andere Stilmittel bietet der Sprachmeister Petronius auf, um für uns gleichsam die ins Bodenlose reichende Unterseite des institutionellen Begriffs der Gastlichkeit ans grelle Licht zu heben.
So werden wir über die sittlichen Grundlagen der von uns anzuwendenden institutionellen Begriffe belehrt: Sie dienen der Aufstellung und Aufrechterhaltung sozialer Ordnungen auf Zeit (wie ein Festmahl) oder Dauer (wie die Freundschaft), sie haben hierarchische Strukturen als Erfüllungsbedingungen – so kommt es im Falle der Gastlichkeit darauf an zu sehen, wer mit welchem sozialen Rang und Prestige zu welchem sozialen Zweck der Distinktion und Rangunterscheidung wen einlädt, wen nicht einlädt, wen auslädt oder wen hinauskomplimentieren läßt.
Wir nehmen auch zur Kenntnis, daß soziale Ordnungssysteme wie die Gastlichkeit nicht eines Mindestmaßes an theatralischen Mitteln und inszenierender Fähigkeiten ermangeln dürfen: So sind Gastmähler und Feste eine Art Aufführung, die im Empfang, in der Eröffnung, im Hauptteil mit den verschiedenen Gängen einer Mahlzeit und der Reihenfolge unterhaltender Darbietungen, schließlich dem Höhepunkt der Festrede oder der Übergabe eines Preises an den Ehrengast (erst spielt das Streichquartett einen Satz, dann erfolgt die Rede, hernach kommt ein anderer Satz zu Gehör) sowie der feierlichen Verabschiedung einem mehr oder weniger festgelegten rituellen Regime folgen.
M’étant penché en cette nuit à la fenêtre,
je vis que le monde était devenu léger
et qu’il n’y avait plus d’obstacles.
Tout ce qui nous retient dans le jour semblait plutôt devoir
me porter maintenant d’une ouverture à l’autre
à l’intérieur d’une demeure d’eau vers quelque chose
de très faible et de très lumineux comme l’herbe :
j’allais entrer dans l’herbe sans aucune peur,
j’allais rendre grâce à la fraîcheur de la terre,
sur les pas de la lune je dis oui et je m’en fus…
Auf den Pfaden des Mondes
Da ich mich diese Nacht aus dem Fenster lehnte,
sah ich, daß die Welt leicht geworden war
und keine Hindernisse mehr bot.
Alles, was uns am Tage zurückhält, schien nunmehr erbötig,
mich von Öffnung zu Öffnung zu tragen,
ins Innere einer Wohnstatt des Wassers, zu einem ganz schwachen
und sehr leuchtenden Etwas wie dem Gras:
Ich war im Begriff, ohne jede Furcht durch das Gras zu gehen,
ich war im Begriff, der Frische der Erde meinen Dank zu erweisen,
auf den Pfaden des Mondes sagte ich ja und ging meiner Wege …
Ziemlich weit verreist
Ein Memorial
Wie hieß sie noch, die warme Schöne
mit den braungebrannten Backen
und dem blonden Schalk im Nacken?
Sie hat gar manches Herz verspeist.
Sie ist wohl ziemlich weit verreist.
Der Grandseigneur mit feinem Schliff,
Sentenzen waren seine Tauben,
flogen auf der Schultern Gauben,
gurrten, war verwaist dein Geist.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Der Stinke-Hund und Penistropfer,
der ungetreue Freund vom Rhein,
ihm konnte Glut nicht weißer sein,
dann hatʼs die Lippen ihm geweißt.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Der Zarte mit dem Honigmund,
er schrieb mit Fingern in die Luft
Abwege in die Seelengruft,
kein Mädchen ist darauf entgleist.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Die Zittermaid vom Landschulheim,
weil sie malte Lebeweiber rosig-dick
mit sehnsuchtstrübem Triefe-Blick,
ward in Handtuchmuster eingeschweißt.
Sie ist wohl ziemlich weit verreist.
Der Glanz des Glatzkopfs und sein Steiß,
er spuckte aus verhextem Glied
die Geister, die der Meister schied,
ward in den Kurs der Rotte eingepreist.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Der hübsche Troll mit seiner Mund-,
mit seiner Mundharmonika, er hat
gespielt vom bunten Blatt
des Herbsts, zarte Adieus zumeist.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Des Küsters Kind, ein reiner Mensch,
hat manchen Rucksack aufgeschnürt
und manche Seelenglut geschürt
und manchen stummen Teich enteist.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Der somnambule Deutschlehrer,
der schrieb statt Noten Hölderlin,
ihn hat ʼne Göre angespien,
umtrakelt ward sein mürber Geist.
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Der bacchisch-rote Gräkomane
wies seinen Jungs maieutisch Furten,
doch warenʼs alles Totgeburten.
Er wußte doch, daß Wahrheit beißt!
Er ist wohl ziemlich weit verreist.
Worte – nein
Worte – nein,
stummes Schwellen und Ebben von Adern.
Landschaften – nein,
Wolkenfetzen unter der Peitsche des Lichts.
Wege – nein,
Schrammen des Winds auf schwarzem Sand.
Blumen – nein,
Bedrängnisse eines vagen Dufts.
Augen – nein,
Irrlichter im wehenden Vorhang des Wahns.
Wimpern – nein,
zitternde Schattenflügel an der Wand.
Tränen – nein,
ruhloses Quellen glitzernder Rätsel.
Seufzer – nein,
Scharren nackter Füße im Kreis.
Worte – nein,
Rauchfahnen erstickter Träume.
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