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Okt 6 17

Lakonisch und ironisch

Strampeln hampeln
Krabbeln zappeln
Tapsen japsen
Laufen schnaufen
Schwanken wanken
Prallen fallen
Hampeln strampeln

*

Plärren Gähnen
Greinen Weinen
Sabbern Plappern
Beißen Reißen
Jucken Spucken
Grollen Schmollen
Passen Blassen

*

Trödeln Blödeln
Stieren Gieren
Langen Eins-Fangen
Flehen Fluchen
Weichen Bleichen
Raufen Saufen
Platzen Ratzen

*

Blicke entrücken
Hände verschwenden
Wangen beglücken
Nasen begrüßen
Lippen versüßen
Worte beenden

*

Wolken verdichtetes Blau
Schäumendes Dunkel Wellen
Worte tropfender Tau
zwischen verschwiegenen Stellen

*

Heiß verlangen
Kalt empfangen
Maulend faulen
Faulend maulen

*

Bilder klecksen
Worte kleistern
Hinz behexen
Kunz begeistern

*

Im Blumengarten
Leichen ausgraben,
Kindlein, die zarten,
moralisch zu laben.

*

Sonne, Mond und Sterne
spucken sie wie faule Kerne.

*

Theatralisch sich am Leben rächen,
Lilien rupfen, Herzen brechen.

*

Dichtung ohne Blut der Rose
Geisterfratze lippenlose.

 

Okt 5 17

Bruchstücke verschollener Oden

Wind warf Schlangen ins Haar,
o Wildnis bitteren Zischens

*

So ritzt der Strahl die schlafende Haut,
blutend, Demeter, Erinnern quillt

*

An basaltener Mauer glänzte die Traube herab,
Schlummer ein Mond

*

Der tote Wald ist heimgewandert
ins Gebirg des zerklüfteten Worts

*

Der Menhir Seele bemoost sich
unter den Rätselsprüchen des Regens

*

Am Rand des Gerölls zertrümmerter Sagen
blaut ein Veilchen, einsamer Abend

*

Aufgeschäumt an purpurnen Lettern
ferner Korallenriffe, Gesang

*

Überhangend ins abschiedsselige Wasser
das Notturno dämmernder Weiden

*

Schnee, der von Pfirsichzweigen herabfiel,
Träume, aufgewirbelte Flocken

*

Stimmen, aus gespenstischen Bäumen
geträufelt, war nicht auch die deine,
verhauchenden Atems Flöte, ihnen gesellt?

*

Der seine Klage ruft ins waldichte Grün,
in meinem Liede niste, Vogel der Nacht

*

Die ihr sapphischen Zartsinns Locken
Blüten gestreut, goldene, mir, Urquells
Musen, genügen die wenigen Tropfen

*

Haucht, Rosen, mir nächtlichen Duft,
vom Trugbild des Tags mich zu wenden
in traumlosen Schlaf

 

Okt 3 17

Fahles Sprühen

Blauer Baldachin
über Rebe und Laub,
wo aus Sonnen-Alphabeten
erglüht die Traube des Worts.

Was uns die Zunge kitzelt,
ist fahles Sprühen,
irrfarben verlöschend
in der Gaze
nächtlichen Schnees.

Die Echse aber färbt,
das sie durchspringt,
das Feuer.

Wer denn schriee
in der Folter häutender Flammen
Wahres uns zu?

Des Seeadlers ausgespannter Flügel
ist Gestalt des Windes,
der sich selber trägt.

Wir aber sinken
vor der flackernden Funzel
des Un-Muts
aus uns selber
zu Scherenschnitt-Grimassen
leerer Häute,
die sich äffen.

Die Rose trägt die Rose
in sich selbst,
sie blüht den eignen Tod
zur Wiederkehr.

Uns ist gegeben,
die Rose Wort
bis an den Rand der Dunkelheit
zu rupfen,
des Lichtes Blätter uns zu streuen
auf das eigne Grab.

 

Okt 2 17

Ins Dunkel geschritten

Rose und Kreuz erlitten,
einsam und stumm,
ins Dunkel geschritten,
einsam und stumm.

Blüten ungezählt,
erloschene Zärten,
Gräser windgestrählt,
erloschene Gärten.

Tränen, ärmlicher Glanz
dunkelnder Stunden,
Tropfen, tauend dem Kranz
von Rosen und Wunden.

Worte, traumbehaucht,
verworrene Ranken,
ins Wasser getaucht,
Träume, sie sanken.

Rose und Kreuz erlitten,
einsam und stumm,
ins Dunkel geschritten,
einsam und stumm.

 

Okt 2 17

Herbst der Einsamen

Wie Blätter wehen Worte
leise schwankend nieder,
alles laut Gesagte ist verschollen,
wie Früchte,
allzu wässrig, allzu süß,
und schwarze Erde deckt sie zu.

Des Tages geisterhaftes Neigen,
es gleicht der leeren Gartenschaukel,
von der das Mädchen hurtig eben sprang,
sie schwappt noch eine Zeitlang
auf und ab,
die Eisenhaken in den Ösen
ächzen eine Weile nach.

Alles schwingt sich aus,
schwingt aus.

Die Abendluft hob zart
die Decke unter der Vase,
unseren leeren Gläsern
auf dem Tisch der Terrasse,
hoch oben staken
im Samt der Bläue,
wie auf dem Jahrmarkt
rote Plastikrosen,
Wolken.

Wir fielen nach und nach in Schweigen,
wohl ging ein Wort noch hin und her,
wie ein scheues Lächeln,
das sich auf den Wangen färbt,
wenn Kerzen stumm verflackern,
so ging ein „Ich“, ein „Du“,
ein „Noch“, ein „Doch“,
ein letztes „Mag ja sein“,
ein allerletztes „Vielleicht“
von Mund zu Mund,
doch blieb die Seele Spiegel,
kurz betrübt, behaucht,
dann wieder klar,
glatt und leer.

Da kam ein krummer alter Kerl,
Charge einer Gespensterbühne,
zog einen Leiterwagen,
bepackt mit fleckigen Leinensäcken
mit Kartoffeln oder Kohlen,
er pfiff was vor sich hin
oder atmete asthmatisch,
ein kleiner Hund lief ihm voraus, kläffte,
lief zu seinem Herrn zurück,
der verweilte knapp
und wischte sich die Stirn
mit einem groben Lappen
und stieß den Hund,
der wedelnd sich emporgereckt
und nach ihm leckte,
mit einem harten Knie zurück.

 

Okt 2 17

Mit eingezogenem Schwanz

Ein Hündchen trippelt seines Wegs,
schlaff hängen ihm die Ohren,
die Katze hat so wild gefaucht,
es gibt den Herzenswunsch verloren.

Es wendet den Wuselkopf nochmals,
da hockt die fellgeleckte Schöne
im Glanze ihres hohen Tags,
ihm ist, als ob sie gähnend höhne,

aus dem Achat der Augenschlitze
den kalten Blitz ins Öde sende,
und schaut das Köpfchen schief nicht nach,
ob sie an ihm was Gutes fände.

Und er, was fand er denn an ihr,
daß ihm das Fell von Flöhen jückte?
O des Stolzes aufgebauschter Schweif,
und wie schwerelos der Schritt entrückte.

So trollt er sich zu seinen räudigen
Genossen, zu balgen, blecken, blaffen,
er tobt und kläfft am wildesten,
was hat er denn mit ihr zu schaffen.

 

Okt 1 17

Die Wunderwurzel

Die Majestät des Blitzes macht die Gottheit,
und Ursprung ist ein Blitz und Blitz ein Zeuger,
wenn eines Chaos Lallen er zum Wort ermannt,
damit wir klarer sehen, ja gespenstisch klar,
durch dunklen Worts zerschlagne Fensterscheibe,
die lange schon von Trübsinn trübe war.
Die Ungemütlichkeiten erhabener Art
erheitern das Gemüt, besprengen den Weg
zum Grab, daß Anemonen gern verweilen,
erheitert nicht die blinde Trauer, die ihr
versengtes Haar beweint, das schüttere?
Du tust den ersten Schritt in dein Gefild,
da ist die Luft schon transparent gestimmt,
ist atemklar zu Wort und Taten oder trüb
und aschenfahl zu Bummel und Geschwätz,
so hält die kleine Seele ihren Spiegel hin,
ob Fratze feixt, ob eine Larve lächelt,
doch hat die große hohe Wetterlagen,
in der vor tiefem Blau die zarte Blüte
der kleinsten Wolke gilt, entschwebt sie schon,
liebt auch die Drangsal ungeheurer Ballung,
die sich in Flammen reinen Worts entlädt,
vor denen der Gnomenschar bebrillter
Amtsdeuter die Deutung in die Hose rutscht.
Und wäre nichts als eine leere Zelle Leben,
durchs schmale Guckloch schaute Majestät
mit blauer Leere ihm ins stumme Staunen,
ins kranke Sehnen mit halber Wahrheit
des Monds. Doch des Ursprungs reines Kind
besingt die Zeit der Leere und erkennt
die volle Sonne auch am kalten Stein.
Des Daseins Majestät ragt vor uns auf,
ein Menhir, Stirn, bemoost von vielen Leben,
das scheue Auge auch, das einmal schön
sich aufschließt wie angehauchte Blume,
ist nah der Gottheit, die mit Schatten spielt,
die ihrer Trauben süßen Glanz verheimlichen,
bis eines Liedes dunkle Süße ihn ergießt.
Vor der letzten Schwelle liegt sie noch,
ein dürres Bettelweib mit zahnlosem Mund
erscheint sie uns, doch streckt sie eine Hand
mit einer Wurzel uns entgegen. Weißt du
die Wurzel und wo sie wuchs, in welchem Garten,
der blühte wohl in goldener Zeit, und daß
entrückt noch wird, wer sie zerkaut und schmeckt,
bevor die Pforte ihm wird aufgetan?

 

Sep 30 17

Monolog für ein Nachtmahr

Es waren Rufe, Seufzer, wie nach Lichtes
betauten goldenen Trauben dürstenden Munds,
das Rascheln der Blätter, da ich nach Versen
getaucht, meine spröden Lippen zu wässern,
und es verwandelte sich, so irrlichtert
der Hexer Mond, in das wilde Ächzen
des Schilfs, das die triefende Schnauze einer Kuh
zurückbog, sie suchte nach dem Kalb, ihrem Jungen,
o schreckliches Muhen der verlassenen Kreatur,
die schwarzen Wellen aber schwiegen, die Mutter
überleckte mit schwülstiger Zunge den Schaum.
Etwas riß sich los, brach für immer zu Boden,
wie die Last von Scheitholz, die ein Esel
getragen, gebückten Haupts, unter dem Knallen
von Peitschen bei der Stoppelschonung
in kühl hauchender Waldung, er aber stockt,
bricht ins Knie und bleibt liegen, bleibt liegen.
So klatschte es dumpf hinter meinem Rücken,
und ich zog, auf den Planken ausgestreckt,
nicht einmal die Augenlider empor, den Anblick
der Sterne und ihren glitzernden Spott vermeidend.
Ich wußte, das morsche Ruder war abgebrochen
und wir trieben seltsam erlöst zwischen Abgrund
und Abgrund dahin, das Boot rissen die Zähne
der grinsenden Ungeheuer der Tiefe
zum Katarakt im Knie des Stromes oder
dem Grauen eines gegaukelten Ufers entlang.
Seelenlos, aber im schluchzenden Wasser
einer weißen, sich selber würgenden Ekstase
verkam die Fahrt ins Ausweglose, bis Küsten
sich rötender Wolken die schartigen Messer
eines Riffs hervortrieben, jeder Hoffnung Tau
zu zerschneiden. Die Kameraden schliefen auf den Bänken,
doch sie reckten wie bezauberte Schlangen
die Köpfe, als ich zu singen begann, doch sang
ich nicht, meine Kehle, ein Nest schlafender Vögel,
erzitterte und vibrierte in einem schmählich
verlockenden Fiepen und Trillern und Schluchzen.
Da erhoben sie sich, der mit dem Stab,
der mit Haken und Reusen, der mit dem Dolch,
die dunklen Geschwister des Schicksals. Wer sah es zuerst?
Oder einer hörte das hohe verzweifelte Schnauben
aus den witternden Nüstern, die sich blähten
nach der Fülle der Zitzen. O das Kalb. Es glitt,
gescheckte Gespielin der stygischen Nymphen,
hart neben dem Rumpf des Bootes. Rauhe Hände
packten, Arme rissen, Schreie hievten es empor.
Sein großes schwarzes Auge, wie es mich ansah,
über den Rand aber drängte des Augapfels
ein panischer Schnee. Sein gedunsener Körper pochte,
die losen Hämmer der Hufe klopften auf das Holz
den Totentanz eines Trunkenen. Jene aber wo,
die Mutter, ihm der Liebe Errettung? Wir sahen
rings nur ausgeatmetes Dämmern, eines Mondes
zerrupfte Nelke, hörten nur das Klatschen der Wellen
am Bug, dämonisch-monoton. Doch nah
wie ein Gespenst trieb hinter uns, verfangen
im Netz, das wir vergeblich ausgeworfen,
den Pansen wie trächtig aufgequollen zwischen
den todesstarren Hufen, Demeter, die Kuh.
Der mit dem Dolch durchschnitt, nachdem vorm Stab
er niedergekniet, die Leine, Urbild des Lebens
entschwebte das Tier mit den Hörnern, schrecklich
erhob die Flut ihm noch einmal Nüstern und
den klaffenden Mund, draus schien die Zunge
uns ewig Abschied zu winken. Alles verschluckte
der Dunst, wurde Dunst, zerstob wie die Mythe
in feinste Partikel der dunkelnden Luft, vom Hauch
der Verwesung zu rostigem Blühen begeistet.
So trieben wir auf Nachtmahrs Versen dahin.

 

Sep 29 17

Hymnischer Herbst

Als die Bilder dunkelten,
mir sanken die Lider,
stieg ans Ufer des Schlafs
ein Duft
wie aus dem Bruchstein
alter Keltern.

Ein Wort,
funkelnd wie die Träne,
ein einziges reines,
dem Honig gleich geschleudert
aus Waben
verdämmerter Schmerzen,
von Sonnenküssen gesüßt –
daß es tropfe
deutschen Zungen!

Ein Flügel,
der parnassischen Schnee gestreift,
ein Flügel, noch feucht
vom blauen Klang
kastalischen Quells,
ein Flügel
mit dem kindisch geflüsterten Flaum,
der das Herz der Liebe gefächelt –
daß Wehmut
sein Wehen erwecke!

Ein Krug,
blaugrauen Tons gebaucht,
den zarte Hand umschmeichelt, gefüllt,
und gießt
südlich helle Melodie
den Herbst
gereifter Seele ein –
daß in sein Gold
die Abendstille tauche!

Ein Kranz
von Veilchen geflochten
in Efeus grüne Schauer,
der hohen kranken Seele,
da sie schon fast entschlief,
von fraulich guter Hand
um die blasse Stirn gelegt –
daß ihr Abschiedshauch
den Abgrund überschwebe!

 

Sep 28 17

Das Brausen

Schaum des edlen Bluts,
durchglitzert
von Schöpfungssonnen,
Abgas hat dich, Seele,
auf den Asphalt geklatscht.

Die Rohre unter der Stadt
leiten den Wein
der ausgeschiedenen Träume
durch fletschende Filter
zum Mund
der würgenden Erde zurück.

Nichts Heiliges,
kein blaues Arom
oder dithyrambischer Charme,
kein bacchischer Perlgeist
konnte durchsäuern,
grinsenden Gnomen weiten
die verkalkten Venen.

Zellklumpen ohne die Mythe Herz,
poröser Wurzelstrunk,
wurmstichiger Sprachgeist,
Vogelscheuche
herbeigelallter Fetzen,
Buchstabenstaub –

schon bläht den Vorhang ein Wehen,
die welken Blätter kreisen
im Hinterhof der Schmerzen.

Was da braust,
ist kein Wind,
kein Hauch abendlich,
der aufstiege
von Wolken spiegelnden Teichen –

Sturm des Gerichtes ist es,
prophetisch
von Gipfeln der Zeit
wälzend Stein und Stein,
und der nicht blühen wollte,
Gesanges Kristall,
unter dem hohen Strahl,
Schnee-
matsch
in den reißenden Strom
des Abgrunds hinab.

Wird aber der Meister,
wenn die Worfschaufel
er hinwirft und die Tenne
gefegt hat,
wird die Getreuen,
die einsamen Veilchen er
erkennen an Wehmutdüften
oder auch sie ausreißen,
weil sie zu spät,
in der Nacht fast,
und schüchtern geblüht?

 

Sep 28 17

Ode auf die Geduld

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Das Wasser duldet schweigend Blatt um Blatt,
sie treiben langsam über den grünen Samt
und röten ihn wie grauen Abends
Pfad der Päonien Purpurzungen.

Geduld hat auch, umfingert vom schnöden Wind,
die Birke, einsam hält der Gewalt sie hin
verschämten Flüsterns Silberlippen,
Anmut der Bäume bei stillen Gräber.

Wie lange aber züngelt Altares Licht,
wenn schon der Beter, der es entzündet, ging
in seinen Tag zum öden Abend,
und ihm verblaßt das Gesicht der Toten.

Der Kieselstein, den ewig beweint die Flut
des wilde Klage brüllenden Wasserfalls,
er schmiegt sich glatt der Hand des Knaben,
schimmernd beschwert er die welken Blätter.

Die aber harrt auf schwankender Planke aus,
wann sende wohl des Abends erstauntes Blau
die Taube ihr, den Zweig im Schnabel,
leuchte der Liebe ein Lied im Dunkel!

 

Sep 27 17

Das Spiel der Worte

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Mir blieb das scheue Veilchen der blauen Nacht.
Es treibt der Mond mit Falten des Vorhangs Scherz
und narrt blind rinnend frühen Liedes
Tropfen dem Schlaflosen auf die Wangen.

Beginnt die Luft, das Wasser zu reden nicht,
wenn heißer Strahl sie wirbelt und wacher ritzt,
schon tanzen Mücken, singen Wellen.
Einsamkeit flieht zu gereichten Händen,

den Augen, blumenfeuchten geneigten Blicks.
Es öffnen sich die Bäume dem Spiel des Winds,
dem Spiel der Worte unsre Lippen,
leicht zu verwinden in Sinngeflechten,

und Schelmereien, blitzend wie Porzellan-
Figürchen. Kommt das Schweigen, entströmt geheim
ein Duft aus fast vergessnen Gärten,
lächelnd errätst du die Blumennamen.

 

Sep 25 17

Der Aufflug der Klage

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Mir ist, als rauschten Wipfel gewiegten Psalms
des Lebens Sinn durchatmeter uns voraus,
und die aus ihnen glänzend rinnen,
seien hochsinnigen Leides Tränen.

Wie groß die Nacht, und flehend aus dunklem Schoß
des Urlichts ferne Augen, die lidlos nie-
mals schlafen, unser immer harren,
ob wir gedenken an sie, die Ahnen.

Doch Nahes ist uns lieber, wenn Duft verströmt
der Nachtviole rötlich geschäumter Kelch,
die Beere tropft dem Munde Stille.
Spiegel der Sehnsucht erwachten Wassers.

Das Liebste sagt uns aber bemooster Quell,
wo Andacht grünt bei Kreuzes geschwärztem Holz,
es sei die Klage geflattert hoch mit
Schwänen, venedisches Gold zu schauen.

 

Sep 24 17

Das Herz in den Aschen

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Durchs Tal des Tages ging ich, durch Waldes Nacht,
die Feuer, die Lüfte wirbelten Leben auf,
es glomm ein Herz geheim in Aschen.
Mißwuchs der Menschen, Verwirrung, maßlos,

entsetzte mich. Und doch war die Träne mir
gegönnt, wenn mich kindlicher Güte Schein,
dein Augenwasser mich umglänzte,
auftauchend war ich mir unverloren.

Nur Nächte waren tödlicher schweigend mir
als blauer Flieder singenden Morgenlichts
und goldnen Lieds gewiegte Nester,
Sonnengeflecht vor der Zeit entflochten.

Doch ist der Geist in keine Gestalt gebannt,
die enge Hülse streift längst entrückt er ab.
So hebt mich über meine Gräber,
feurige Engel, o hebt mich wieder.

 

Sep 23 17

Das Verstummen der Hymnen

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Wie Geisterflocken fallen die Hymnen auf
die weite Ödnis schmutzigen Schnees herab.
Kein Herz ward ihnen Kelch. Wie Totholz
ragt in die taubstumme Nacht der Kirchturm.

Den Nebel fahlen Lallens zerstäubt der Herr,
der Stern der hohen Gleichgültigkeit, schon bald,
er gründet Reiche fern der Menschen,
Gärten des schweigend erblühten Lebens.

Mag sein, die Engel singen sie noch ins Nie-
mandsblau, doch ihre Fittiche beben nicht,
erglänzen nicht mehr über unsren
grämlichen Winken auf kahlen Schwellen.

Im Spinnenweb des Abendlichts glitzern kalt
die Tränen, ungeküßt schied Ophelia,
und unbestäubt versinkt des Mundes
Blume in Wassern der Urnacht wieder.

 

Sep 23 17

Flaum der Sommernacht

Alkäische Strophe
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×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Wenn vager Küsse Tropfen ins Dunkel haucht
die Dämmerung, der Vogel der Nacht schon klagt,
sein Rufen aber weckt mir jählings
hellere Nächte herauf, umflockte,

als weiße Samenfäden das Gras entsandt
ans Ufer des Sees, sie flirrten im Haar dir nach,
der Locken sanften Wehmutflammen,
seufzten die Wellen im Traum nach Blüten.

Ein weißer Schwan schwebender Anmut schwamm
aus Schilfen aufgeblätterten Schlafs uns ans
erschrockne Herz der Wildnis Hoheit,
Schaum auf dem Wasser blieb unser Zeichen.

Wo ging mein Sommer hin, und der helle Flaum
der Sommernacht, verschluckte ihn trüber Tang?
Wie Tropfen wurden Dunst die Küsse,
freudlos gewahr ich des Teiches Schwäne.

 

Sep 22 17

Wo die Pfade münden

Alkäische Strophe
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Wo unsre Pfade münden, da wacht ein Stein,
und was wir sagen, fällt uns wie Spreu vom Mund,
wie Blüten, hingestreut am Wegrand,
keinen der Engel erbarmt ihr Blassen.

Woraus wir zehren, Kindheit verstummt und blickt
uns traurig an mit bettelnden Augen, doch
wir finden ihr nicht Liedes Honig,
keinen Geschmack in den leeren Töpfen

von Himbeermarmelade, von Zwetschgenmus,
und den wir liebten, Flieders entrückter Duft,
erstickten asphaltierte Höfe.
Stumm sind die Glocken des weißen Sonntags.

Verwaist im Hauch des eigenen Worts erstirbt
dem Leib voraus die keine Geschwister fand,
die Seele, vor Durst nach Augen, Tränen,
Augen, die einmal sie spiegeln, lächelnd.

 

Sep 21 17

Bretonischer Strand, einst

Alkäische Strophe
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Wie leuchtet fern Bretoniens leerer Strand,
das weiße Lid der Brandung, es schließt sich nie,
am Strandkorb zerren hündisch Winde,
dort der verlassene Tisch, die schlanken

Pokale ausgetrunkenen Perlweins, die
Zitrone, aufgeschnittene Sonne, hat
noch zwei, drei Tropfen träge Schimmer.
Dämmernde Blüten in stillen Schalen.

Weit draußen, albhaft, spukt wie auf Ebenholz
ein grünes Licht, es schwebt ein Phantom darauf,
ein weißes Schiff mit Kurs nach Dublin
oder Amerika, ungeheuer

des Meeres Tiefen, wer aber lotet mit
dem Senkblei bloßer Worte die Seele aus,
doch öffnet roter Schaum die Muscheln,
schlichtes bretonisches Lied enthüllt sie.

 

Sep 20 17

Unterm Gespenst des Monds

Alkäische Strophe
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Was uns zu eigen, sickert im Regen mit,
der Herbst hat gut gemäht, und im Winterwind
fliegt auf der Brief vergilbter Wünsche,
unsere Stimmen verschlucken Flocken.

Das Laub klirrt ohne Seele, gestürzt der Trog,
worin verwelkte Blätter dem Wasserfloh
zu Inseln dienten, ausgetrocknet
starren Hortensien, duftlos Rosen.

Die Träume gären süßliches Gift im Aas,
die Steine glänzen nackt wie geschabter Sinn,
und hinter Nebeln wartet niemand,
niemand betritt die verhärmte Schwelle.

Quillt spät am Abend unter dem Mondgespenst
kein Hauch, kein Lied den Liebenden mehr wie Wein,
hebt mitternachts ans Veilchenufer
Sterbende keiner der Engel, keiner?

 

Sep 19 17

Goldene Fäden

Alkäische Strophe
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Wie goldne Fäden zittert das frühe Licht,
ein Hauch von Grau und Rosa verrinnt, verdampft
aus Mulden unbegangner Wege,
Wege, gebahnt von der Nacht der Blitze.

Schon glotzen froschig Augen aus seichtem Naß
der ersten Schauer, wecken sich Ruf um Ruf
umfiedert Schnäbel, haarig Mäuler,
Lügen zerplatzen, das Leben laust sich.

Der Himmel gießt sein Lächeln ins Blau und schweigt,
er reizt die Quellen schäumender seinem Schlaf
zu singen, lockt auf Berge Menschen,
Steine zu schichten um hohe Bilder,

viel größer als sie selbst, und der grünen Flut
um ihre kleinen Inseln die Rosen hin-
zustreuen, dunkler Ahnung Augen.
Selige Wesen erfreut ihr Glühen.

 

Sep 18 17

Wolke und Stachel

Alkäische Strophe
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Wie Zirruswolken wandern vorm blauen Taft
des Abends, säumend, stiller als unser Herz,
und rötlich blüht ihr Saum, wie schmale
Lippen, erglühend in Abschiedsküssen,

so ziehen manchmal atmende Aschen stumm
in schwermutschwarzen Fenstern an uns vorbei,
es flattern vager Vögel Schatten,
lassen gesanglos zurück die müden.

Wie Kindern, strömt die Kühle des frühen Monds
ins Tal der bunten Spiele, entgleitet Reif
und Puppe, Murmeln schluckt die Kuhle,
regnet es aber, wie rennen sie sorglos

nach Hause, unbekümmert um all den Tand,
so tilgt uns Regen, löscht uns der Wind die Spur
der Liebe nicht, wenn einmal ritzte
weiches Gedächtnis der wilde Stachel.

 

Sep 17 17

Traumgips

Alkäische Strophe
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×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Du träumst von Schlüssel, Ausweis und Skizzenbuch,
schon wieder unauffindbar im Weltgewühl,
am Schalter wirst du gefragt „Ihr Zielort?“,
aber du weißt ihn nicht mehr, den Namen.

Und diese Frau, sie drückt dir noch heiß die Hand,
du siehst ein letztes Ufer versinken im Dunst,
sie lebt schon lang mit einem andern,
und ihr Gesicht, ihre Augen dunkeln.

Der Mond, er stieg die Treppe aus Schiefer hoch
und liegt nun faul im Rebengestrüpp herum,
doch ist der Weinberg aus Kindheits-
pappe, die Trauben aus fadem Traumgips.

O Sonne der Liebe, Blitze des Götterzorns,
die Traumgespinste, Bilder, Attrappen sengt
zu Asche, wirbelt Flocken, blast mich
winzigstes Flöckchen ins Blau des Himmels.

 

Sep 16 17

Wenn Taubheit taut

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
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Die Mächte, die uns dingen zur Atemfron,
das Blut der dunklen Rufe, in uns verzweigt,
Geflecht der wahngestrickten Wünsche,
können wir nicht wie Gewänder streifen

von müden Gliedern, Schneisen des Schicksals,
die uns die Blicke bannen ins ferne Blau,
Getast der Hand nach Unerfühltem,
Lippen gestülpt um erträumte Beeren.

Der ungereimten Worte gewühlter Staub,
die uns ersticken allen Gespräches Hei-
terkeit, die viel zu leichten, viel zu
schweren, gesagten und ungesagten,

sie rinnen nicht wie Seufzer getauten Schnees
von Frühlingszweigen, schmelzen im lauen Wind
uns nicht wie nächtlich klirrend Teiche.
Unsere Taubheit wird erst uns tauen

das Lied, vom Sturm geschrieben ins feuchte Gras,
wenn Nacht im Wetterleuchten den Blitzen weicht,
die Tropfen morgenheller Klänge,
freudig geschüttelt aus Ginsterbüschen.

 

 

Sep 15 17

Fühlung des Ungesagten

Alkäische Strophe
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
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Es ist nur leises Wehen am Saum der Nacht,
als schwebten Nester ruhlos dem Monde zu,
und immer tropft herab Gezwitscher,
Locken ergreift es wie weiches Wollgras,

das samenluftig Fäden ins Dunkel sinnt,
des Lichtes vage Fäden, wie Atemweb
ein Mund im Schlaf, der Namen murmelt,
Namen versunkener Sonneninseln.

So streifen Schatten lautlos den Meeressand
und schreiben, ohne jemals die Last des Sinns
zu häufen, Wolkenbotschaften nieder,
flüchtige Küsse entsagter Liebe.

Das ausgesprochne Leben, es welkt sogleich
zur Erde wieder, weint sich zurück ins Grau,
was Honiglicht der Stille ausströmt,
Duft der verborgenen Seele ist es.

 

Sep 14 17

Der gepeitschte Reif

Alkäische Strophe
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Ausschwingend gleich dem Reif, den gepeitscht hat einst
ein Kind, er läuft noch etliche Büsche weit
durchs Gras, beträuft von frühen Monden,
trudelnd bald zögernd bald kippt er um in

das Schilf der Schatten. Winde verschluckten schnell
den harschen Ton, wenn unter dem Rad sich bog
der spröde Halm und Kiesel knirschten.
Aber das Kind, schon verdrossen, läßt ihn

auf morgen liegen oder für immer gibt’s
ihn auf. So ward im Schicksalsgetriebe ich,
auch ich gepeitscht zu bangen Schwüngen,
wirbelnd dahin unter wessen Händen wirbelnd

dahin durch Schlünde bebender Lippen und
der Blicke Dickicht. Ging mir nicht auf ein Mund
von Quellen dunkel-wehen Wohllauts?
O ihn vergaßen des Glückes Kinder.

 

Sep 14 17

Die hinuntergeschluckte Mücke

Alkäische Strophe
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Wie unter Wasser lächelnd, wie eingetaucht
im Spiegel lautlos murmelnd ein Mund bist du,
ein Fenster, klirrend zugeschlagen,
scheintote Scheibe, behaucht von Trübsinn.

Ich fühl dich manchmal hauchdünn wie fremdes Haar
die Zunge kitzeln, oder ein Name klebt
am Gaumen stumm, die tote Mücke,
ich aber schluck sie hinunter, würgend.

Wie Kinder zucken, ihnen zerriß die Schnur,
hoch fliegt der rote Drachen den Wolken zu,
wie dann sie hüpfen, winken, singen,
kann ich nicht singen, kann dir nicht winken.

So gieß den Wein, den grausamen Blender, ich
ins blinde Glas, der Einsamen Opferlicht
erleuchtet mir des Schädels Apsis,
bis du dort flatterst, die weiße Taube.

 

Sep 13 17

Staub und Verklärung

Alkäische Strophe
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Der Staub kehrt immer wieder, in Nischen hockt
des Chaos Braut und schüttelt die Schuppen aus
dem Haar, der ganze Kosmos schuppt sich.
Rieselt nicht Staub aus den Worten ewig?

Dies Wuchern, Schlingen, Strotzen von Wegerich,
Brennesseln, Disteln, Knöterich, Hahnenfuß,
Rousseau kannʼs Gärtnern nicht versüßen,
blassen die Astern und stirbt die Rose.

So leben wir: mit Scheuern und Neuern, mit
Entwirren, Wischen, Klären verschmierten Sinns,
bis wir erschöpft um Regen flehen,
uns mit dem Kehricht hinwegzuspülen.

Doch hat er triefend alles erfrischt, dann weht
ein feiner Geist aus glänzenden Strömen auf,
auf reinen Lippen blüht von Himmels
Samen das Lied uns, des Atems Blume.

 

Sep 13 17

Heimat, wohin

Alkäische Strophe
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Wir wissen nicht von Klängen, von Düften nicht,
ob sie uns meinen, wirbelt das welke Laub
auf unsre müden Schultern nieder,
niemandes Bild ist geblieben, keines.

Und rotes Rufen kam aus geküßtem Mund,
den uns für immer neidisches Blattwerk raubt.
Und gelber Düfte Sonnen-Botschaft
schlingen trübsinnigen Flusses Dünste.

O hätten nie uns Schimmer des Abendrots
verlockt, das scharfe Sirren der Schwalben nicht,
den Fuß zu setzen auf die Schwelle,
wäre die Seele verblaßt wie Blumen.

So leckt uns Tränen törichter Sehnsucht vom
Gesicht der Wind, bis freche Gewalt uns beugt
beim Anblick wesensfremder Fratzen.
Heimat, wohin dein Gesang, dein Duft wo?

 

Sep 12 17

Der heilsame Schauer

Alkäische Strophe
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Wer gießt das Lächeln uns in die Finsternis?
Wer Öl der scheuen Freude, daß vor der Zeit
die Nacht nicht unsre Augen lösche?
Brenne ein wenig noch, reine Flamme.

Als uns die Pfade abseits der Flur geführt,
die alten Eichen schwiegen sich Dunkles zu,
kein Vogel sang vom Sieg der Sonne,
wähnten die Quellen wir ausgetrocknet.

Wie stumm Ruinenmauern! Erschrak da eins
im alten Efeu, schrien die Stare heiß?
Das Laub verwirrten Schauer warmer
Lüfte, die launischen Regenboten.

Wir duckten uns wie Rehe ins Blattgewühl
und zählten Blitz für Blitz die erfüllte Zeit,
dein Auge wurde vom Trüben heiter,
Tropfen erweckten dem Mund die Seele.

 

Sep 10 17

Das schwimmende Haus

Alkäische Strophe
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Wenn an der Schwelle lauscht das gebannte Kind
dem Rieseln, Murmeln, Gurgeln der Regennacht,
noch hüllt es Herdes Feuermantel,
schwimmt, eine Arche, das Haus ins Freie.

Kein Sternbild, Wege zu weisen, nur Rauschen, nur
der Wellenschlag an bebender Leere Rumpf.
Wars eignen Blutes dunkles Klopfen,
flatterten Vögel in schmalen Schränken?

Dort eine Insel vielleicht, schon sind Rufe im Meer,
es ist des Wals Fontäne, die gischtend stöhnt,
dort zieht ein Berg aus Eis ins Dunkel.
Stern einer Blume? Du suchst vergebens.

Es schlitzt der Nacht den Schleier das Morgenrot,
dein Träumen setzt auf äußerstem Gipfel auf,
dein Haus, mein Kind, es findet endlich
Ararats Veste für deinen Frieden.

 

Sep 9 17

Uns tragen Wellen

Alkäische Strophe
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Der Regen weiß ein Schicksal, ans Fenster klop-
fend oder klatschend auf das Schieferdach,
er kitzelt Lüste wach aus Fellen,
trommelt auf fahle Gesichter Farbe.

Erzittern Lichtes Wimpern, verdampft das Bild
der Gegenwart am grauenden Horizont,
bang öffnen Blumen nasse Augen,
Stampfen und Wiehern entrückt die Erde.

Die Trauben aber glühen im Wingert auf,
wenn schon die Echse züngelnd den Stein bewacht,
im hohen Blau ertrinkt ein Gurren,
schattenlos starren am Teich die Weiden.

Bald bettet Mond auf silberne Wellen uns,
da Mund an Mund wir gleiten im Dunkel heim,
uns heben Wellen, tragen Wellen
trunkenen Lieds an der Urwelt Ufer.

 

Sep 8 17

Wehmut des Sommers

Alkäische Strophe
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Aus Märzenbechern tropfte das Licht so bang,
die Erde wand sich unter den Laken Schnees,
die schon in Moos und Farne glitten,
lautlos zersplitterte Mondes Scheibe.

Kein Vogel sang im Nebel, den Rauhreif blies
wie Schlaf von Fenstersimsen der Wind. Du gingst
allein entlang an Gräbern, Namen,
Seelen unlesbar wie Wahngestöber.

Doch Frühling kam und brach durch das Herzgezweig
mit leisen Worten schmerzlichen Lebenssinn.
Die Rose hielt das Glück geheim in
Tränen, die langsam zur Krume rollten.

Und hob der Sommer goldene Blumen nicht
aufs Wasser grüner Seufzer, und war von Mund
zu Mund nicht Liedes Hauch die Brücke,
bebte sie auch wie Gespinst im Zwielicht?

Doch Wehmut troff im Safte der Reben dir
ins Herz, es ritzten Schwalben durchs Abendrot
die zarten Muster deiner Trauer,
Abschied war schmeckbar im Fleisch der Birnen.

 

Sep 7 17

Aus Kindheitstagen

Alkäische Strophe
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Als uns bei frühem Dämmern im Eifelland
mit sanfter Glut die Äpfel im dunklen Laub
aus Edens Zaubergärten grüßten,
waren wir glücklich und pflückten welche.

Dort blühten einst auch Nußbäume im April
und Mai, bemooste Borke war rissig-rauh,
doch zart im Winde schwärmten Samen.
Gegen die hellblaue Schiefertafel

des Winterhimmels schwiegen die Äste so
entseelt. Ihr Duft, verschlossen im Fiederblatt,
war ausgeströmt, doch unsre Hände
waren noch bräunlich gefärbt vom Schälen

der Nüsse. Säcke trugen wir heim, um sie
am Herd zu knacken. Etliche hoben wir
fürs Weihnachtsfest uns auf. Wie stolz wir
Kinder auf alle getreuen Zeichen

der Erde waren, Honig und Wachs, den Knauf,
aus Bein geschnitzt, das Harz, das aus Rinden troff,
die warme Milch, in Eimern schwappend,
blechern, verbeult, die wir winters trugen

durch hohen Schnee. Er stäubte um uns und blieb
an Haar und Wimpern kleben. Es stieg wohl schon
der volle Mond, die Dächer glänzten.
Wärme, sie strömte uns zu von Kühen.

 

Sep 6 17

Tod und Auferstehung

Alkäische Strophe

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Die zarten Schleier windet das Abendlicht
wie scheuer Herzen heimlich gewebten Traum
den Birken weich um Haupt und Lenden,
langsam erstirbt wie im Schlaf ihr Flüstern.

Uns aber hält ein letztes Verlangen wach,
wenn über dunklen Wogen der Blumennacht
der Mond ein wildes Ahnen hinrollt,
daß uns verzögern den Abschied Küsse.

So sinken ineinander ermattet wir
ins Bodenlose, schmeckend am andern nur
den Staub, der wölkt von Lippe zu Lippe,
Rosen zerblätternder leerer Worte.

O, schlösse uns wie Knospen die Liebe auf
das Angesicht und träuften aus Wolken uns
Gesang die hohen Geister nieder,
Wandel erschauernd den sanft Geweckten.

 

Sep 5 17

Schwestern des Lichts, wo seid ihr?

Alkäische Strophe
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Wo gehn die Pfade tönender heim ins Blau
und streut das Licht des Abends die Blüten mir
geröteter auf müde Schultern,
will eine Weile ich sinnend rasten,

am nackten Stein belauschen den Tau und wie
mir reden Dornen dunkelnden Strauchs vom Tag,
ob er wie Rosen still verblutet,
schließet wie Rosen ein stummes Sehnen,

und höher schauen Wolken sich dehnend lang-
sam lösen Geist und Bild in die kommt, die Nacht,
die kommt, mit schwarzen Federn hüllend
Schmerz und was zuckt wie Gestirn, die Liebe.

Ich liege schwerelos wie ein Blatt im Teich,
mich tragen Wassers Seufzer wohin, wohin,
hier ist kein Ufer, kein Ufer nirgend,
Lilien, Schwestern des Lichts, wo seid ihr?

 

Sep 4 17

Woran wir denken

Eine kurze philosophische Betrachtung über den Zusammenhang von Bewußtsein, Intentionalität und Sprache

Ich denke an dich.

Wir unterscheiden den Anlaß und das Motiv, die mich jeweils aus verschiedenen Gründen dazu bringen, an dich zu denken. Blättere ich in einer Illustrierten und stoße auf ein Foto, dessen Abbildung dir ähnlich sieht, denke ich an dich; spüre ich die Sonne meine Nasenspitze kitzeln, bekomme ich Lust, mit dir durch die Wiesen zu streifen wie damals, als wir noch jung waren.

Das Foto ist als visuelles Reizmuster für mich der Anlaß, an dich zu denken, weil du dem Abgebildeten ähnlich siehst. Irgendwie muß ich das aktuell Gesehene mit dem Bild, das mein Gedächtnis von dir gespeichert hat, wohl abgleichen, aber nicht so, daß ich das eine gedanklich über das andere lege; denn es genügt zum Beispiel ein auf dem Foto erblicktes Grübchen und schon denke ich an dich. Was ist schon ein Grübchen auf einem schlecht gerasterten Foto gegen ein beliebiges anderes auf einem anderen Gesicht als dem deinen? Der Grad an Ähnlichkeit geht hier gegen null – und doch denke ich bei diesem Anlaß an dich. Woran denke ich, wenn ich aufgrund einer vagen Ähnlichkeit des Fotos mit deinen Gesichtszügen an dich denke? Denke ich an dein Gesicht, so wie es mir als Erinnerungsbild vorschwebt? Aber dann denke ich nicht an dich, sondern an das Erinnerungsbild.

Wenn du nunmehr nach so langer Zeit, da wir uns nicht gesehen haben, dein Aussehen beträchtlich geändert hast und das Grübchen ist mittlerweile in einem Faltenwurf verborgen, würden wir dennoch sagen, ich denke an dich, auch wenn du in Wahrheit die Ähnlichkeit der Gesichtszüge, die ich auf dem Foto wahrgenommen habe, nicht mehr besitzt.

Wenn ich an dich denke, so nicht an das Bild, das mir die trügerische Erinnerung vorspiegelt, sondern an deine Person. Die Person, an die ich denke, wenn ich anläßlich des Fotos an dich denke, nennen wir den intentionalen Gegenstand meines Bewußtseins. Und die Fähigkeit des Bewußtseins, an jemanden oder etwas zu denken, nennen wir Intentionalität.

Wir bemerken, daß der intentionale Gegenstand sich nicht aufgrund einer Ähnlichkeit wie derjenigen des Bilds zum Abgebildeten, sondern nur durch die Identität des Gemeinten bestimmen läßt. Wenn ich an meinen Freund Peter denke, dann nicht an jemanden, der ihm bis aufs Haar gleicht, sondern schlicht an Peter, auch wenn die Vorstellung, das Bild oder die Erinnerung, die ich von ihm habe, keine Ähnlichkeit mit ihm aufweisen sollte.

Ich sehe ein Foto eines hübschen Fotomodells in einer Illustrierten und werde an das Gesicht der Venus erinnert, wie sie der Maler Botticelli gemalt hat und das ich vielleicht einmal in meiner Jugend in den Uffizien in Florenz gesehen habe. Wenn wir sagen, ich denke anläßlich des Fotos an das Gemälde „Die Geburt der Venus“ von Botticelli und die auf ihm dargestellte Schöne, ist alles klar. Aber sollen wir sagen, daß ich anläßlich des Fotos an Venus denke? Das erscheint uns sonderbar, weil Venus keine Person in dem Sinne ist wie das Mädchen, an das ich denken könnte, wenn ich das Foto oder die Venus auf dem Gemälde von Botticelli sehe, und dem ich vor Zeiten einmal begegnet bin. Ich kann nicht an Venus denken und mich fragen, wie es ihr in der Zwischenzeit ergangen ist, in Bezug auf jene Schöne dagegen kann ich dies fragen.

Kann ich anläßlich eines Fotos an jemanden denken, ohne zu wissen, wer es ist, so wie uns ein Wort auf den Lippen liegt, doch wir kommen nicht darauf? Aber an das Wort, das uns auf den Lippen liegt, denken wir nicht, wie wir an eine Person denken, deren Name uns im Moment nicht einfällt.

Der Anlaß, an jemanden zu denken, wirkt kausal auf unsere Sinne und unser Nervensystem, wie die Lichtstrahlen, die von dem Foto oder Gemälde ausgehen, das mich auf den Gedanken an jemanden bringt. Doch der intentionale Gegenstand, an den ich denke, zum Beispiel eine Person, wirkt nicht kausal auf meine Sinne und mein Nervensystem ein, denn dieser Gegenstand ist kein materielles Objekt, sondern ein intentionaler Gegenstand.

Muß ich, wenn ich an meinen Freund Peter denke, innerlich vor mich hinsagen: „Jetzt denke ich an Peter“ oder auch nur innerlich flüstern: „Peter!“? Das wäre sonderbar. Ich kann mir ja ein Gedicht ins Gedächtnis rufen und still vor mich hinsagen, und dabei fällt mir mein Freund Peter ein, weil es ihm damals so gut gefallen hat, ohne daß ich „innerlich“ ein Wort über ihn verloren hätte.

Die Behauptung, Intentionalität sei eine rein sprachliche Eigenschaft, scheint so abwegig wie die Behauptung, das Ich-Bewußtsein sei die Folge der Tatsache, daß wir das Pronomen „ich“ korrekt zu gebrauchen gelernt haben.

Manchmal denke ich am hellen Tag an das unheimliche Blau der Nacht, an das Pianissimo des letzten Satzes aus Mahlers 9. Sinfonie oder an den Duft der Hyazinthen in Großvaters Garten. Farben und Farbschattierungen, Klänge und Klangfolgen, Düfte und Duftmischungen sind komplexe sensorische Phänomene, die wie Wasser, Luft und Wolkenballungen keine klar umgrenzten Einzeldinge formen, sondern diffus verteilte Massen oder Substanzen darstellen. Und doch kann ich an die blühende Wiese denken, durch die wir damals streiften, genauso wie an die frische Luft, die abends vom Wald her wehte, ohne an die einzelnen Gräser und Blumen zu denken, geschweige denn an die Moleküle, in die wir die Luft chemisch analysieren können.

So kann ich, wenn ich durstig bin, an die Substanz oder das Element denken, das meinen Durst löschen wird, oder dich bitten, mir von dem Wasser aus der Flasche etwas ins Glas zu gießen. Das Baby schreit nach der Mutter, die jene Substanz repräsentiert, nach der es schreit, denn sie gibt ihm die Brust. Die Brust der Mutter ist der primäre intentionale Gegenstand des Säuglings. Gewiß bezieht er sich auf ihn, lange bevor er in der Lage ist, ihn mit einem Namen zu benennen.

Wenn ich daran denke, daß mein Freund Peter damals sein Versprechen nicht eingelöst und mir das ausgeliehene Buch nicht wie ausgemacht ausgehändigt hat, denke ich nicht nur an die Person namens Peter, sondern an den Sachverhalt, daß er das und jenes getan oder nicht getan hat. Der Sachverhalt kann zutreffen oder nicht zutreffen, wahr oder falsch sein. Wir können den Inhalt unseres Gedankens demnach in die übliche Satzform kleiden, bei der einem direkten Ausdruck des Denkens (Glaubens, Annehmens, Meinens, Sagens) ein indirekter Ausdruck folgt, der den gedachten Sachverhalt darstellt.

Ich denke, daß p.

Ist p nicht wahr, habe ich mich geirrt und vergessen, daß Peter mir tatsächlich das Buch zurückgegeben hat.

Der sprachliche Ausdruck für den intentionalen Gehalt unseres Bewußtseins wird demnach an der Stelle notwendig, wenn es sich beim Gedachten um Sachverhalte handelt, die wahr oder nicht wahr sein können, denn diesen Umstand können wir nur in den entsprechenden Sätzen geltend machen.

Wir erkennen den Unterschied daran, daß wenn wir an Peter denken, wir von Peter nicht gleichzeitig annehmen können, er existiere nicht, während wir durchaus das Gegenteil des wahren Sachverhalts durch schlichte Anwendung der Negation auf den Satz annehmen können, wenn wir etwa wahrheitswidrig leugnen, Peter das Buch ausgeliehen zu haben.

Aber auch uns selbst können wir mittels Anwendung von Sätzen über Sachverhalte zum intentionalen Gegenstand unseres Bewußtseins machen, indem wir im indirekten Nebensatz rückbezügliche oder reflexive Pronomen verwenden:

Ich glaube, daß mich Peter belogen hat.
Ich glaube, daß ich schon einmal an diesem Ort gewesen bin.
Ich glaube, daß ich dies geträumt habe.

Wir erkennen die semantische Form solcher Sätze leichter, wenn wir sie etwas umformen:

Ich glaube (ich bin von Peter belogen worden).
Ich glaube (ich war schon einmal an diesem Ort).
Ich glaube (ich habe dies geträumt).

Jetzt müssen wir nur noch die Identität des ersten und des zweiten „ich“ ausmachen. Dies erreichen wir durch eine Umformung der Sätze nach dem Schema, in dem wir das Wahrheitsprädikat „ist wahr“ in die einfache Behauptung verwandeln:

Daß ich von Peter belogen worden bin, ist wahr.
! Ich bin von Peter belogen worden.

Also:

Ich bin (wohl) von Peter belogen worden.
Ich bin (wohl) schon einmal an diesem Ort gewesen.
Ich habe dies (wohl) geträumt.

Von sich zu glauben, daß p oder man habe oder sei F (irgendeine Eigenschaft), also sich selbst einen intentionalen Gehalt zuzuschreiben, der einen wahren oder falschen Sachverhalt repräsentiert, ist demnach dasselbe, wie p oder schlicht den entsprechenden intentionalen Gehalt in einem Aussagesatz der ersten Person zu äußern.

Wenn Roboter ein intentionales Bewußtsein haben und sich wahre Sachverhalte zuschreiben könnten, dann müßten sie sich auch falsche Sachverhalte zuschreiben und also sich irren oder lügen können; könnten sie lügen, müßten sie uns mit folgendem Satz täuschen und hinters Licht führen können:

1.1 Ich bin kein Roboter.

Das hieße, daß Roboter in der Lage wären, sich selbst einen intentionalen Gedankeninhalt zuzuschreiben. Wenn sie fähig wären, ihre ihnen eigentümliche oder wesentliche Art des Daseins zu negieren, müßten sie sie auch bejahen und äußern können:

1.2 Ich bin ein Roboter.

Diese Äußerungen aber sind inkonsistent, denn ein Roboter, der fähig wäre, einzusehen, daß er ein Roboter ist (Satz 1.2), bewiese damit, daß er kein Roboter ist (Satz 1.1).

Das Ich-Bewußtsein oder schlicht das Bewußtsein (denn ein jedes Bewußtsein impliziert zumindest keimhaft ein Ich-Bewußtsein) läßt sich nicht naturalisieren, weil es sich durch keine noch so große oder unendlich große Menge von Sachverhalten oder sachlichen Beschreibungen objektivieren läßt. Solche Beschreibungen wären etwa:

Ich bin derjenige, der blaue Augen hat.
Ich bin derjenige, der blonde Haare hat.
Ich bin derjenige, der Philosophie studiert hat.
Ich bin derjenige, der vor ein paar Jahren in Italien war.

Denn solche Beschreibungen können denjenigen, der ich (namens N. N.) bin, nicht identifizieren.

Denn es gilt nicht:

Derjenige, der blaue Augen hat, ist N.N.
Derjenige, der blonde Haare hat, ist N. N.
Derjenige, der Philosophie studiert hat, ist N. N.
Derjenige, der vor ein paar Jahren in Italien war, ist N. N.

Warum sollte derjenige, der tatsächlich all jene Eigenschaften hätte, die man mir selbst zusprechen kann, mit mir identisch sein? Es könnte ein perfekter Zwilling von mir mit all meinen Eigenschaften bis hin zur gleichen Hirnstruktur herumlaufen, der mit mir nicht identisch wäre.

Das ist der Grund, weshalb sich das Ich-Bewußtsein nicht naturalisieren läßt.

Wir können es auch so ausdrücken: Kein Roboter hat die Fähigkeit, sich die von seinem Programm aufgerufenen gespeicherten Informationen als intentionale Gegenstände seiner selbst zuzuschreiben. Er kann sie nicht als seine Inhalte haben, sondern sie nur sein.

 

Sep 3 17

Aus versunkenen Zeiten

Alkäische Strophe

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Als wär es eine Stimme, ein Zittern der Luft,
ersterbend, oder dunkler bedrängend Traum,
das Glockenspiel versunkner Zeiten,
steigt es empor aus des Rheines Tiefen.

Erstirbt es endlich, kehrt wieder Stille ein,
webt Einsamkeit das silberne Licht der Nacht
um Astern, Veilchen, Hyazinthen,
rinnen an Gräsern wie Schlaf die Tropfen.

Gedenken wir des Morgens der Jugendzeit,
als roter Flaum bedeckte den ersten Schnee,
dein Haar war kraus von Feuerlocken,
Küsse, selbst Tränen, sie konnten löschen

sie nicht, da stäubten Schreie von Staren Glanz
im Efeu, herrisch drehte die Blätter Strahl
um Strahl, die Sonne hob auf deine
Lippen das Lied wie aus Brunnen Murmeln.

 

Sep 2 17

Sätze über sich

Sentenzen und Aphorismen zur Philosophie der Subjektivität

Das Ich ist kein Objekt wie das Objekt der Wissenschaften, das wir mittels Meßsystemen in Koordinaten eintragen, sezieren, chemisch analysieren oder präparieren können.

Aber kann ich mich nicht beobachten? Nicht mich als Weltpunkt betrachten, dessen topographische Koordinaten mit den Koordinaten meines Körpers übereinstimmen?

Auf deine Frage: „Wo steckst du denn?“ rufe ich hinter dem Vorhang: „Hier bin ich!“

Doch war ich hinter dem Vorhang nicht versteckt wie eine Tasche, die man dort vergessen hat.

Ich kann mich nicht in der Weise beobachten, wie Pawlow seine Hunde beobachtet hat. Er wußte, sie würden Speichel absondern, wenn die Glocke ertönt. Ich kann nicht voraussehen, ob ich trotz Hungers den bestellten Kuchen im Café gleich vertilgen werde. Würde ein Freund neben mir Platz nehmen und mir mitteilen, soeben sei sein Vater verstorben, würde ich den Kuchen sacht zurückschieben.

Wir haben von allem und jedem eine Vorstellung oder einen Begriff, der uns erlaubt, das Gemeinte einzuordnen, wie mir der Begriff eines Tieres erlaubt, es in einem Begriffsbaum zwischen nicht empfindungsfähigen Pflanzen und vernunftbegabten Lebewesen einzuordnen. Einen derartigen Begriff von mir selbst habe ich nicht und vermag ihn nicht zu bilden.

Ich kann mich nicht erfinden, denn infolge all meiner Handlungen verändert sich zwar mein Leben, doch werde ich kein prinzipiell anderer.

Auch bin ich nicht die Folge eines logischen oder das Gewebe eines biologischen Musters. Denn die Prämissen eines logischen Schlusses, die Aussagen über mich enthalten, schließen zumindest alle Sätze über physische Tatsachen wie den Aufbau und die Struktur der Materie ein und sind daher überabzählbar unendlich. Ich sähe daher den Wald vor lauter Bäumen nicht. Während eine neue Information aufgrund beispielsweise einer DNA-Analyse, die nachweist, daß der Mann meiner Mutter nicht mein leiblicher Vater ist, mich ziemlich beindrucken, aber nicht wesentlich verändern würde.

Hölderlin blieb auch in der sogenannten geistigen Umnachtung oder Psychose er selbst. Beispielsweise nahm er es übel, wenn man von ihm verlangte, seine neuen Gedichte mit seinem richtigen Namen zu unterzeichnen, er wollte vielmehr einen fremden Namen wie „Scardanelli“ daruntersetzen. Also wußte er, daß dies nicht sein eigentlicher Name war.

Der psychotische Hölderlin verbarg sich in rituell erstarrten Formeln und Gesten wie den Anreden „Durchlaucht, Majestät, heiliger Pater“ oder tiefen Bücklingen vor seinen Besuchern. Diese Gebärden serviler Devotion spielen ins Ironische und erweisen sich damit als Gegenteil von Unterwerfungsgesten, hielten sie ihm doch alle Zudringlichkeiten allzu persönlicher und intimer Annäherung vom Leibe.

Wollte ein Gast mit dem Turmbewohner spazierengehen, Hölderlin war aber nicht willens, verbarg er seine Absicht und seinen Impuls hinter der Unterstellung, sein Gegenüber habe sein Ansinnen plötzlich und unvermutet geändert, indem er zu ihm sagte: „Sie befehlen, daß ich zu Hause bleibe.“ Seinen Eigenwillen verhüllte die scheinbare Unterwerfung unter den fremden Willen; doch so behauptete er, verkleidet ins Gewand sklavischer Unterwerfung, seine Ungebundenheit.

Wenn wir annehmen, Hölderlin habe sich aufgrund seiner Krankheit in einen Roboter verwandelt (und die psychiatrische Auffassung, die Psychose habe das Bewußtsein des Kranken vollständig im Griff, ist ja nur eine Variante dieser Annahme), müßten all seine Äußerungen, in denen er in gewöhnlicher Weise von sich selbst spricht oder sich selbst Absichten, Handlungen, Erinnerungen, kurz mentale Zustände, zuschreibt, auch wenn er seine neuen Gedichte nicht mit seinem, sondern einem fremden Namen unterschreibt, als Funktionen eines Programms dechiffriert werden, das von seiner eigenen Existenz keine Ahnung hat. Wenn wir nun so unhöflich wären und dem Dichter in seinem Turmzimmer gegenüber vorgäben, nicht er, sondern wir seien Scardanelli, würde dies einen Roboter, der nicht zwischen Sein und Schein unterscheiden kann, kalt und gleichgültig lassen – nicht aber wohl einen Hölderlin, der darüber aufgebracht oder einem Zusammenbruch nahe wäre.

Ein Roboter kann seine Identität nicht absichtlich verbergen, denn er hat keine. Das, was er als seine Gedanken und Absichten deklariert, sind keine Gedanken und Absichten.

Ich aber kann meine Identität verbergen oder meine Absichten und Gedanken verschleiern, indem ich sie leugne oder anderen unterstelle, wie Hölderlin seine Absicht, zu Hause zu bleiben, verhüllt und dem Gast die Absicht unterstellt, ihn am Weggehen zu hindern.

Wenn Hölderlin vorgibt, Goethe nicht zu kennen, während er die Bekanntschaft mit Schiller gerne zugibt, wissen wir, daß der implizierte Gedanke, zu Lebzeiten Goethes gedacht, entweder meint „Ich glaube, eine Person namens Goethe existiert nicht“ oder „Ich glaube, einer Person namens Goethe nie begegnet zu sein“. Wenn wir wissen, daß Hölderlin Goethe begegnet ist und daß diese Begegnung wahrscheinlich für ihn sehr unangenehm oder sogar äußerst kränkend gewesen sein muß, schließen wir aus den Gedanken Hölderlins, daß er entweder das Unwahre annimmt (was sehr unwahrscheinlich, ja paradox ist) oder daß er lügt, das heißt, das Unwahre zu glauben vorgibt, es aber in Wahrheit nicht glaubt. Ist ersteres unwahrscheinlich, muß letzteres wohl der Fall sein.

In der Fähigkeit zur Lüge haben wir ein Kriterium für das Überdauern des Ich-Bewußtseins in der Psychose und das Fehlen des Ich-Bewußtseins beim Roboter.

Roboter können einen Fehler machen und in der Tat die Information über die Existenzdaten Goethes, die der Programmierer ihnen eingegeben hat, „aus Versehen“ löschen. Aber sie können nicht vorgeben, die Daten über die Existenz Goethes verloren oder nie besessen zu haben, wenn sie in ihrem Programmspeicher enthalten sind.

Der Turing-Test besteht nicht im direkten Nachweis, daß dem Roboter ein lebendiges Ich-Bewußtsein abgeht (denn er kann auf jede Frage eine Antwort mit der Formel einleiten „Ich denke, daß …“), sondern im indirekten Nachweis, daß er unfähig ist, so zu tun, als habe er keine Ich-Identität oder habe seine Identität verloren, wie Hölderlin, der vorgibt, nicht Hölderlin, sondern Scardanelli zu sein.

Sätze, mit denen ich etwas über meine mentalen Zustände wie meine Gedanken äußere, kurz Sätze über mich, implizieren, wenn sie echte Sätze, das heißt wahr oder falsch sein können, Sätze über das Dasein und Sosein dessen, der spricht, zum Beispiel den Satz, daß ich, wenn ich wahre oder falsche Aussagen über meine mentalen Zustände äußere, existiere.

Ich existiere heißt in diesem ontologisch singulären Falle nicht, daß ich wie ein materielles Objekt ein Raum-Zeit-Kontinuum ausfülle und aufhöre zu existieren, wenn das Kontinuum verschwindet, sondern daß ich bis auf weiteres die Fähigkeit habe, Sätze über mich zu äußern.

Dagegen sind Sätze, die ein Dritter über mich äußert, den Sätzen ähnlich, die wir über die Existenz von materiellen Objekten im Raum-Zeit-Kontinuum äußern. Sie betreffen meine mentalen Zustände nur indirekt aufgrund von objektivierbaren Spuren und Zeugnissen, die ich von ihnen hinterlassen habe, wie Briefe oder E-Mails. Sätze über fremde mentale Zustände, die aus Zeugnissen und Berichten gewonnen oder erschlossen werden, sind oft zweideutig. In den vielen Zeugnissen und Berichten der Besucher Hölderlins im Tübinger Turm finden wir etliche übereinstimmende Aussagen über seine zwanghaft anmutenden Höflichkeitsbezeigungen oder seine schizophasisch verworrene und abgebrochene Redeweise. Diese vielfach bezeugten Formen gestischen und verbalen Verhaltens auf spezifische mentale Zustände des Handelnden zu beziehen, scheint nicht immer zweifelsfrei möglich. Sind es Kundgaben innerer Zwänge oder bizarre Spiele und Rituale?

Wir sagen uns: „Wo liegt denn der Artikel, ich habe ihn doch eben erst aus der Zeitung ausgeschnitten?“ oder „Als ich ihr begegnete, hatte ich noch volles Haar“ und „Damals als Vater den schweren Unfall hatte, war dieser außergewöhnlich strenge Winter, in dem die Mosel zufror. Wenn ich selbst mich nicht auf das Jahr besinnen kann, denn damals war ich noch ein Kind, könnte ich mir aus Wetteraufzeichnungen dieser Jahre Gewißheit verschaffen. Ich könnte andererseits auch nach den Krankenakten von Vater im Krankenhaus forschen, falls solche noch existieren.“

Wir leben unser bewußtes Leben nicht nur in zeitlichen Rhythmen, sondern ordnen alles Erlebte auch mehr oder weniger objektiven Mustern der Zeitmessung wie dem Kalender ein. Wir könnten umgekehrt aus der Tatsache, daß ein vorgeblich von uns erlebter Inhalt jedweder zeitlichen Koordinaten ermangelt, folgern, daß wir uns darüber täuschen, das vermeintliche Ereignis erlebt zu haben.

Mein Geburtstag ist kein mentaler Gehalt meines Bewußtseins, sondern ein Datum, das in den Standardkalender unserer kulturellen Chronologie eingetragen ist. Gleichzeitig ist die Tatsache, geboren worden zu sein, ein wesentlicher mentaler Inhalt meines Ich-Bewußtseins. Das Datum des eigenen Geburtstags zu vergessen, kann Symptom einer Hirnschädigung sein; die Überzeugung, geboren worden zu sein, zu verlieren ist das Symptom einer schweren Psychose.

Bei Hölderlin finden wir als eigentümliche Verhaltensauffälligkeiten nicht nur den Wechsel des Eigennamens, sondern Abweichungen von der Standard-Chronologie, auch wenn er den Standardkalender christlich-römischer Provenienz nicht aufgibt (also keine Sternenzeit phantasiert). Wir finden beispielsweise ein Gedicht von Weihnachten des Jahres 1841, dessen Datum er korrekt mit dem 25. Dezember 1841 angibt, wenn er es auch mit dem Fremdnamen Scardanelli unterzeichnet. Wir finden ein Gedicht vom Juni 1842, dessen Datum Hölderlin als 24. Mai 1758 angibt, oder eines aus dem Sterbejahr des Dichters 1843 mit dem fiktiven Datum 24. März 1671, beide mit dem Namen Scardanelli unterschrieben. Dann stoßen wir erstaunlicherweise auf das Datum 9. März 1940, unterzeichnet mit Scardanelli, das nach Schwabs Aufzeichnungen am 9. März 1842 entstand. Wir konstatieren, daß die fiktiven Datumsangaben sich in den letzten Lebensjahren des Dichters häufen und zumeist die Zeitspanne des 17. und 18. Jahrhunderts bevorzugen.

Wenn die korrekte Datumsangabe vom 25.12.1842 kein Zufall war, können die von der Standard-Chronologie abweichenden Angaben Hölderlins keine Irrtümer oder Versehen darstellen, sondern müssen bewußt vorgenommen worden sein. Daß der fiktive oder pseudonyme Autor Scardanelli nach Hölderlins Vorgaben sowohl im Jahre 1758 als auch im Jahre 1940 ein Gedicht geschrieben haben soll – für letzteres müßten wir ja sagen, geschrieben haben würde –, verweist auf eine Zeitspanne von 182 Jahren, gewiß ein Ding der Unmöglichkeit. Dies wiederum läßt uns vermuten, daß es sich bei den fiktiven Vorgaben Hölderlins nicht um eine romantische oder ironische Maskerade handelte, so wie der Dichter Ferdinando Pessoa unter fiktiven Namen in selbstentworfene Dichterexistenzen schlüpfte, um ihre poetischen Aussagehorizonte abzuschreiten und zu erproben.

Wir können annehmen, daß Hölderlin mit den Datums- und Namensfiktionen den Anspruch erhoben hat, als jemand aufzutreten, der wie ein Unbekannter in den historischen Raum der Texte eintritt, und in einer Art und Weise zu schreiben, die sich von den unter seinem Eigennamen Hölderlin bisher bekannten und veröffentlichen Texten in wesentlichen Hinsichten unterscheidet, ja mit der Angabe des fiktiven Datums vom Jahre 1940 so zu schreiben, wie bisher noch niemand geschrieben haben kann – was cum grano salis durchaus der Quellenlage und dem Textbefund gerecht wird.

Öfters findet sich in Hölderlins Turmgedichten vor der fiktiven Unterschrift Scardanelli der Zusatz „Mit Untertänigkeit“, eine Geste der devoten Zueignung, die sehr gut mit den scheinbaren rituellen Unterwerfungsgesten gegenüber den Besuchern im Turm übereinstimmt. Freilich, eine Unterwerfung unter die Gunst eines Publikums, das schon verstorben oder noch nicht geboren ist, deutet auf eine eigentümliche Form von List und Humor, hinter der sich das Gegenteil von Servilität verbergen mag.

Wenn Hölderlin ein von ihm verfaßtes Gedicht mit dem Fremdnamen Scardanelli unterzeichnet, können wir ihm zwei Arten der Überzeugung zuschreiben:

1. Hölderlin glaubt, daß Scardanelli das Gedicht geschrieben hat.
2. Hölderlin glaubt, daß er selbst unter dem Decknamen Scardanelli das Gedicht geschrieben hat.

Wir nennen gemäß eingebürgerter Diktion den Glauben nach 1 de dicto und den Glauben gemäß 2 de se, wir können zur Verdeutlichung des Gemeinten auch schreiben: de dicto oder de re (über das Gesagte oder über die Sache) einerseits und de dicente ipso oder de se ipso (über den Sprechenden selbst oder über sich selbst) andererseits.

Wenn Peter im Vorübergehen einen spöttisch grinsenden alten Mann im Schaufenster sich hat spiegeln sehen und denkt: „Was für ein armer Tropf“, weiß er nicht, daß er von sich gedacht hat, was er für ein armer Tropf sei, auch wenn er es von sich gesagt hat, denn er erkannte nicht, daß das Glas sein Konterfei spiegelte.

Wir gehen davon aus, daß Hölderlin wußte, daß er selbst seine Gedichte geschrieben hat, auch wenn er sie mit einem Fremdnamen unterzeichnete; dafür spricht unter anderen der schlichte Umstand, daß er auf die Aufforderung seiner Gäste, ihnen oder für sie ein Gedicht zu schreiben oder gar ein Gedicht gemäß einem vorgeschlagenen Thema für sie zu verfassen, ein Gedicht und auch ein Gedicht über das gewünschte Thema oft ex tempore geschrieben, aber dann mit Scardanelli unterzeichnet hat.

Im Normalfall ist die Probe auf das Vorhandensein des Ich-Bewußtseins eine Umwandlung der indirekten Aussage in eine direkte Aussage, wobei einfach das Pronomen der dritten Person durch das Pronomen der ersten Person ersetzt wird:

1. Hölderlin glaubt, daß er das Gedicht geschrieben hat.
2. Hölderlin sagt: Ich habe das Gedicht geschrieben.

Wenn Hölderlin glaubt, Scardanelli habe das Gedicht geschrieben, erhalten wir dagegen folgende Umformung:

1. Hölderlin glaubt, er habe das Gedicht geschrieben.
2. Hölderlin glaubt, Scardanelli habe das Gedicht geschrieben.

Wir wissen, daß in extremen Fällen des Ichzerfalls wie bei der Demenz die Identifikation des Spiegelbilds mit der eigenen Person nicht mehr möglich sein kann. Diese Extremform scheinen wir im Falle Hölderlins und seiner Äußerungen über sich selbst, auch wenn sie bizarre Fiktionen bemühen, nicht annehmen zu müssen.

Nur haben wir bei Hölderlin den speziellen Fall, daß er sein Bild im Spiegel oder einer Zeichnung erkennen, aber leugnen würde, der Abgebildete sei die unter dem Namen Hölderlin bekannte Person. So wird ein Terrorist oder Partisan, der seiner bisherigen Verbrecherlaufbahn abgeschworen und seine ehemaligen Genossen verraten hat und von der Staatspolizei mit einer neuen Identität und kosmetischer Tarnung versorgt worden ist, leugnen, die auf dem Fahndungsplakat abgebildete Person zu sein, auch wenn er weiß, daß er es in Wahrheit ist und sich in dem Bild ohne weiteres wiedererkannt hat.

Sagen wir es so: Die Krankheit, die er keineswegs fingiert, sondern erleidet, dient Hölderlin dazu, eine Tarnkappe aufzuziehen, unter der er krumme Pfade und kleine Pforten findet, um in das Reich Gottes, den Himmel, den erlösten Zustand oder wie immer wir es nennen wollen (es sind ja nur Worte) zu schlüpfen. Was zählt es unter Gottes freiem Himmel, ob du Hölderlin oder Scardanelli heißt? Wie gleichgültig ist es in der Ewigkeit, ob du ein Gedicht im Jahre 1758 oder 1940 geschrieben hast?

Oder sagen wir es so: Die Gesten der Unterwürfigkeit und devoten Höflichkeit, mit denen uns Hölderlin Rätsel aufgibt und mit denen er seine Besucher frappierte, verblüffte und auf Abstand hielt, sind Tarnkappen der vollkommenen Hingabe und Ergebung des eigenen Willens in den Willen Gottes, einen heiligen Willen oder höheren Geist oder wie immer wir es nennen wollen (es sind ja nur Worte).

Die kühle, blaue Luft der späten Turmgedichte Hölderlins durchbebt, was er den hohen Geist nennt, ein Fluidum, gemischt aus blauer Windstille und einem leisen abendlichen Gartenduft von Veilchen und reifen Äpfeln. Es ist die Aura der Vollkommenheit, die sich das wechselnde Kleid der Jahreszeiten überstreift und bis zur Gleichgültigkeit für die eigene Existenz für sich einnimmt.

Ja, die Sprache der späten Hölderlin-Gedichte, in denen ein verwandeltes oder gleichsam dünner, ärmlicher, transparenter gewordenes Ich von sich spricht, nähert sich dem unprätentiösen Stammeln des Kindes und zugleich den unpersönlichen Formeln alter Gebete, dem gedankenverloren vor sich hingemurmelten Kalendervers und anonymer Spruchweisheit. Kein herausgefordertes Leben muß mehr nach großen Worten wie nach mächtigen Flügeln greifen, die es über Abgründe des Unsagbaren tragen. Geschweige denn, daß ein kleines Menschendasein nach dem Adler des Ruhmes schreit, der es in die Höhe über die profane Ebene emporreiße.

Nie wohl hätte der Hölderlin der Oden, Elegien und Hymnen sich dazu herabgelassen, banale Phrasen wie „zum Beispiel“ oder nichtssagende Begriffe wie „interessant“ zu gebrauchen; in den späten Gedichten ist er nonchalant genug es zu tun, und setzt neben das Triviale und Banale Gipfel des Sublimen wie: „Schönheit die gequollen/Vom Quell ursprünglichen Bilds.“

Im Kauderwelsch, das von Hölderlin bezeugt wird, finden sich französische Brocken, unter anderem die Formel: „Oui, je suis, je suis!“ Ist es eine Beschwörungsformel wie eines, der Angst hat, seines Ich-Bewußtseins beraubt zu werden? Wir werden ausschließen, daß es sich dabei um bildungsphiliströse Wichtigtuerei handelt, also zu demonstrieren, daß ein Gebildeter wie er des Französischen mächtig sei oder sich in Frankreich aufgehalten habe. Die Tatsache, daß der Kranke in ein fremdes Idiom gerät, ist der Tatsache ähnlich, daß er sich einen fremdländischen Namen zulegt. Vielleicht tat er es, um ab und an kaum hörbar den französischen Namen Susette in seinen Redeschwall einflechten zu können.

Aber auch Sätze über sich selbst sind zuweilen zweideutig. Wenn Hölderlin dem jungen, vielleicht recht attraktiven Christoph Schwab, dem Sohn von Gustav Schwab, der ihn öfters im Tübinger Turm besucht hat und ihn eines Tages bat, sich neben ihn aufs Sofa zu setzen, sagt, es sei gefährlich, mit ihm zusammen auf dem Sofa zu sitzen, könnte er den jungen Mann vor einem seiner üblichen Tobsuchtsanfälle gewarnt oder die ihn selbst bedrohlich dünkende Gefahr gemeint haben, durch die physische Nähe des schönen Mannes in erotische Verwirrung gestürzt zu werden. Wir wissen nicht, was Hölderlin meinte, und können nicht ausschließen, daß er beide Möglichkeiten im Sinne hatte – oder eher keine von ihnen.

Denn würde keine von beiden Deutungen zutreffen, hätte Hölderlin auf diese vertrackte Weise seinen eigentlichen Wunsch verhüllt, die Einladung Christoph Schwabs, neben ihm auf dem Sofa Platz zu nehmen, abzuschlagen und so einer ihm unangenehmen Gesprächssituation aus dem Wege zu gehen, indem er ihm aus purer Höflichkeit einen bizarren Grund vorgespiegelt hat.

Wir können nicht ohne weiteres aus dem Typus der uns gegenüber geäußerten Sprechakte eindeutig die Absicht des Sprechers entnehmen. Wenn wir lange plaudernd beisammensaßen und es dunkel wird oder du ein Gähnen unterdrückt hast, werde ich wohl aus deiner Frage, wie spät es denn sein mag, nicht den Wunsch entnehmen, die genaue Uhrzeit zu erfahren, sondern die Absicht erraten, bald aufzubrechen.

Doch wenn du in einer ähnlichen Situation die Absicht äußerst, bald aufzubrechen, da es schon dunkel wird, du aber dir soeben noch ein Glas Wein nachgefüllt hast, werde ich deiner Äußerung den Wunsch entnehmen, von mit aufgefordert zu werden, doch noch ein Weilchen zu bleiben.

Wer keine übermenschliche Ordnung ahnt, die ihn am Ende vollständig oder gnädig umfaßt, verspürt auch keinen Tropismus seiner Antriebe in sich ähnlich dem Tropismus der Blumen, die sich nach dem Stand der Sonne drehen und wenden.

Bleiben am Ende nur die schlichtesten und einfachsten Begriffe und Worte wie Tag und Nacht, Wolke und Stein, Licht und Schatten, Wasser und Luft, Blume und Glanz, Wald und Weg, Worte, die wie Blätter am Zweig in den Zeilen schweben und vom Atem des Zufalls heftiger oder sanfter bewegt werden, kommt das Gedicht der Vollkommenheit näher.

Ich kann dir erzählen, was ich gestern getan oder erlebt habe. Ein anderer, der mich beobachtet hat, kann dir berichten, was ich gestern getan habe. Aber keiner, auch wenn er mich gestern beobachtet hätte, könnte dir berichten, was ich gestern erlebt oder welche mentalen Zustände ich durchlebt habe; er könnte aus meinem Gebaren nicht eindeutig erschließen, was ich erlebt habe, denn ich könnte meine Traurigkeit aufgrund der Mitteilung über den Tod eines guten Freundes hinter einer lächelnden, freundlichen oder gleichgültigen Miene und einem übertrieben ausholenden Gang verborgen haben.

Kein Tier kann mitteilen, was es gestern erlebt hat. Es weiß nicht, was das ist, gestern, heute und morgen. Und dennoch lebt es in großen rhythmischen Zeitbögen wie der Bieber oder das Eichhörnchen, das für den Winter Vorräte anlegt. Nur könnte es sich nicht fragen, ob es morgen wohl schon Schnee geben wird. Die seltsame Ferne, die uns von den Tieren in dieser Hinsicht trennt, läßt uns ihre Schicksalsergebenheit bisweilen bewundern.

Ich bin nicht irgendwo innen oder in einer Innenwelt, denn sehe ich dein Gesicht und höre ich deine Rede, gehört ja das von mir Gesehene oder Gehörte genauso zu mir wie das, was ich sage.

Wenn es keine Innenwelt gibt, gibt es auch keine Außenwelt.

Wenn ich alle psychologischen Werke gelesen hätte, wäre ich um keinen Deut klarer hinsichtlich dessen, was mir mein Leben bedeutet.

Ob einer glaubt, die Welt sei aus dem Ur-Ei entsprungen oder die Protuberanz des urzeitlichen Vakuums, macht keinen Unterschied hinsichtlich dessen, wie er sich selbst als Bewohner dieser Welt versteht.

Ich bin nicht die Summe oder Komplexion meiner mentalen Zustände wie Gedanken, Erinnerungen, Empfindungen und Absichten, etwa der Schnur vergleichbar, an der die Perlen aufgereiht sind. Ich könnte ja die Reihe meiner Gedanken als Konjunktion von Sätzen aufschreiben, sie einklammern und davor eine Funktion angeben wie: „ist nicht wahr“ oder „ist geträumt“.

Nehmen wir an, ich bestehe aus der Konjunktion all meiner Gedanken, dann hätte ich die logische Dichte und Mächtigkeit eines unendlichen Kontinuums, denn ich kann jeweils zwei, drei, vier Gedanken als Untermenge dieser Menge einklammern und sie wiederum mit beliebigen Mengen aus Gedankenverknüpfungen konjugieren. Was folgt daraus? Nun, es gibt keine singuläre Formel und kein übergreifendes Muster, das mir mein Leben zusammenzufassen und zu erklären vermöchte.

Sollen wir Menschen bewundern, die ihr Lebenskontinuum einer Aufgabe oder Verpflichtung unterwerfen, und die Tatsache bedauern, daß wir nicht wissen, wie den Kontrapunkt unserer Lebensmelodie beginnen?

Der Tod setzt keinen Punkt, kein Fragezeichen, kein Ausrufezeichen, sondern alles in der Schwebe lassende Auslassungszeichen.

Erfahrung der Schönheit des Lebens ist wie das Winken eines unbekannten kleinen Mädchens auf der Schaukel, das dir entzückt entgegenlächelt und „Hallo!“ ruft.

Ich stelle mir vor, ich wäre als junger Wilder aufgebrochen und nach Sibirien gelangt, um mich erfolgreich einer Eskimogruppe anzuschließen, hätte ihre Sprache gelernt, teilte ihr Leben und kennte heute den Schneehasen und den Schneefuchs besser als die heimischen Spatzen. Meine Erinnerung an das Leben meiner Herkunft wäre mehr und mehr verblaßt. Phantasien dieser Art sind nicht ungewöhnlich und erscheinen in den buntesten Verpackungen. Doch sind sie unfruchtbar, ja unsinnig, denn wäre ich ein anderer, wäre ich eben ein anderer – das ist alles.

Ebenso Phantasien wie: „Wäre ich in einem anderen Jahrhundert geboren“, „Hätte ich andere Eltern gehabt, bessere Startbedingungen, hätte Klavierspielen gelernt“ und tausend andere der Art.

Träume sind wie der Wind, der ein auf der Veranda vergessenes Buch anweht und jetzt wird diese, jetzt jene Seite aufgeblättert.

Wenn ich eine Anhöhe erklimme, um mir einen Überblick über meine Lage zu verschaffen, erblicke ich auch näher und ferner liegende Anhöhen, die mir andere Übersichten ermöglichen würden.

Jene Bilder vom Glück, die durch malerische Harmonie von das Subjekt vertretendem Vordergrund und atmosphärischem Hintergrund, Gras und Schnee, Boot und Welle, Vogel und Wolke, wie in alten chinesischen oder japanischen Zeichnungen und Tuschbildern für sich einnehmen, kehren in der Eudämonie der Turmgedichte Hölderlins wieder, wenn sie uns als weiteren Ring in die Jahresringe ihrer Rhythmen einfügen.

Doch finden wir manchmal in Bildern, die aus der fugenlosen Projektion des Organismus auf sein Element wie des Flügels auf die Luft ihre Faszination schöpfen, die Gefahr, daß in ihnen Glück auf Kosten der Größe dargeboten wird, wie wenn einer umso unbekümmerter daherlebt, je weniger er auf sich selber sehend und achtend in den Fluß des Geschehens eintaucht – kann dieser doch trübe und trivial sein oder sich vom Morast von Sünde und Schuld kaum unterscheiden.

Das Glück muß sich an der Einsamkeit und Ausgesetztheit des Subjekts bewähren, wie sie uns in Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch und das Meer“ entgegentreten.

Der stille Austausch zwischen Sich-Besinnen und Sich-Verlieren, den Hölderlins späte Gedichte ausstrahlen, scheint ein untilgbares Moment des Glücks zu sein, wie wenn einer das Spiel der Reflexe des abendlich versinkenden Lichts auf dem Wasser betrachtet und darüber nicht vergißt, daß es bald verlöschen wird, oder sich auf der Bank niederläßt und im Tal den Strom schimmern sieht und darüber nicht vergißt, daß er bald wieder abwärts gehen muß.

 

 

Sep 1 17

Das Lallen aus dem Fenster

Alkäische Strophe

×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—× —◡◡—◡×
×—◡—×—◡—×
—◡◡—◡◡—◡—×

Du schau, die roten, üppigen Wangen dort,
die Rosenblätter, haben der Tränen viel
und schwappen, Neckars Wiegenlieder,
heimwärts zum Abgrund des dunklen Wortes.

Am Fenster hoch im Turm, widerspiegelnd irr
des dunklen Lebens Sonne, das kalte Blau,
ein fremder Mund lallt, oui, je suis, je
suis, das Gesicht, die Garonne entführt es,

das dünne Blatt, verkohlt von dem Zeichen, das
ein Kuß ihm eingebrannt, aus dem Totenreich
ein Schrei, und schwimmt ins Offne meerwärts,
Heimkehr wird sein beim Gebrüll der Wogen,

doch nicht im Turm, beim Irrgang im Öhrne nicht,
im Garten nicht bei Veilchen, und silbern geht
der Wolke Schweigen übers Grabmal,
wo nicht mehr deutbar ein Name schwindet.

 

Aug 29 17

Von Hunden und Menschen

Philosophische Anmerkungen über den Unterschied von Tier und Mensch

Ich sehe die Dinge so, wie sie sind, und ähnlich, wie du sie siehst, denn wir leben in einer gemeinsamen Welt.

Wahrnehmung ist keine Interpretation von Sinnesdaten, äußeren oder inneren Bildern oder Repräsentationen, als könnte ich an der bekannten Kippfigur der Hasen-Ente nur den Hasen sehen, während du nur die Ente sähest, sodaß wir in verschiedenen Welten lebten.

Ich höre nicht ein Geräusch, von dem ich mir dann sage, es sei ein Teil eines Liedes, das ich kenne, sondern ich höre anläßlich eines Höreindrucks eine bestimmte Melodie.

Ich sehe nicht einen Farb- und Gestaltkomplex über die Straße hinken oder eine Gestalt, die ich als einen Menschen erkenne, der hinkt, oder einen Menschen, den ich als meinen hinkenden Freund Peter wiedererkenne, sondern ich sehe dort auf der Straße meinen hinkenden Freund Peter.

Anläßlich etlicher Wahrnehmungen eines zwischen Taube und Schwan mittelgroßen Vogels, der auf Teichen schwimmt, mit dem eingetunkten Schnabel gründelt, gerne ans Ufer rudert, wenn wir ihn füttern, aber jäh flatternd auffliegt, wenn wir einen Stein ins Wasser werfen, haben wir gelernt, das Wort „Ente“ korrekt zu verwenden, wenn wir auch manchmal danebenliegen, weil es sich in der Nähe als Hühnervogel entpuppt.

Wir könnten auch andere Beschreibungen anführen, seltsame oder außergewöhnliche wie die von der Augenfarbe des Tiers oder die von seinem charakteristischen Quaken, Hauptsache wir kommen dazu, „Ente“ zu sagen, wenn es sich um eine Ente handelt, und nicht „Hase“.

Wir müssen nicht durch eine exakte zoologische Systematik über diesen Vogel aufgeklärt werden, um unseren Wortgebrauch bis auf weiteres zu rechtfertigen.

Wenn ich auf dem Teich eine Ente wahrgenommen zu haben glaube und du wirfst einen Stein ins Wasser, wird meine Erwartung, der Vogel werde sogleich auffliegen, enttäuscht, weil sich herausstellt, daß es sich um eine Spielzeugente handelt. Daß meine Erwartung diesesfalls enttäuscht wird, belegt die Tatsache, daß unsere Wahrnehmungen gleichsam mit einer Korona von Antizipationen möglicher anderer Wahrnehmungen umgeben sind.

Was wir wahrnehmen, ist gleichsam eingebettet in einen Horizont von möglichen Ereignissen, die wir antizipieren, mit denen wir rechnen, auch wenn uns die tatsächlich eintretenden Ereignisse einen Strich durch die Rechnung machen können.

Wir sagen etwa: „Die Ente ist aufgeflogen“ und meinen damit den Sachverhalt, daß dieser Vogel sich in die Lüfte erhoben hat, was im Wahrheitsfalle aus unserem Satz eine wahre Aussage macht.

Doch den Sachverhalt selbst sehen wir nicht, wir sehen das Ereignis des Aufflugs des Vogels, die Tatsache, daß es sich so verhält, können wir nur sagen, nicht wahrnehmen. Der Sachverhalt hat eine gedankliche Form, die nur in der ihm entsprechenden Satzform des Aussagesatzes und nicht in der Wahrnehmung greifbar ist.

Die Fähigkeit, etwas zu sagen mit dem Anspruch, daß es sich so verhalte, wie der Satz behauptet, ist die Elementarfunktion der Sprache, die aber nichts und nirgends ist als in dem, der spricht.

Die Subjektivität oder das sich in der Rede verwirklichende Bewußtsein ist kein Gegenstand der Wahrnehmung oder kein physischer Gegenstand.

Es ist daher unsinnig, die Subjektivität oder das Bewußtsein mit denselben Methoden untersuchen zu wollen, die wir bei der Untersuchung und Erforschung von physischen Objekten wie Molekülen, Sonnen, Enten oder Gehirnen anwenden.

Das Subjekt der Wahrnehmung ist nicht wahrnehmbar. Aber es ist die Voraussetzung und der Grund der wahrnehmbaren, mitteilbaren, gemeinsamen Welt.

Und dennoch ist es uns vollständig gegeben und nicht wie ein noumenaler Schatten hinter den Dingen verborgen, nämlich in der Person, die spricht, wie wenn ich frage: „Wo steckst du denn?“ und du antwortest „Hier bin ich doch!“, denn du hast dich hinter dem Gebüsch versteckt.

Anders als wahrnehmbaren Dingen begegnen wir Personen als Trägern subjektiven Lebens nicht nur in einem Horizont möglicher Ereignisse, sondern zur Hauptsache in einem Feld möglicher Handlungen, wobei wir dem Handelnden Überzeugungen, Erwartungen und Absichten unterstellen.

Überzeugungen können wahr oder falsch sein, Erwartungen angemessen oder nicht, Absichten redlich oder nicht; wenn ich dir gesagt habe, daß ich mich morgen früh wie gewöhnlich im Park aufhalten werde, und wenn ich dir gutgläubig die Absicht unterstelle, dein Versprechen einzulösen und mir das ausgeliehene Buch zurückzugeben, erwarte ich, daß du mich morgen im Park aufsuchen wirst, um deine Absicht wahr zu machen. Kommst du wider Erwarten nicht, war meine Erwartung unangemessen, und deine mir am Telefon beteuerte Absicht, dein Versprechen einzulösen, unredlich, wenn auch deine Überzeugung, mich im Park antreffen zu können, wahr gewesen ist. Wäre ich verhindert gewesen, den Park aufzusuchen, wäre deine Überzeugung, mich dort anzutreffen, falsch gewesen, was nichts daran änderte, daß deine Absicht unredlich und meine Erwartung unangemessen war.

Der Hund bildet anläßlich der Wahrnehmung des typischen Reizmusters sich nähernder Schritte im Treppenhaus nicht die Überzeugung, sein Herrchen komme nach Hause mit der Absicht, ihn wie er es allabendlich zu tun pflegt, mit Leckerlis zu verwöhnen, und sollte wider Erwarten sein Besitzer diesmal kein Extra-Futter mitbringen, wird der Hund seine Annahme von der Absicht seines Herrchens nicht als falsch einsehen müssen.

Den Hund mag sehr wohl ein Gefühl der Enttäuschung beschleichen, aber nicht aus dem Grund, weil er das Verhalten seines Herrchens als Nichterfüllung eines Versprechens auffaßte und darüber verärgert oder deshalb beleidigt wäre, sondern schlicht, weil es heute nicht die gewohnten Leckerlis gibt. Kurz gesagt, das Tier lebt nicht in dem Handlungsfeld, in dem wir unsere Überzeugungen, Erwartungen und Absichten austauschen, sondern im Horizont wahrnehmbarer Ereignisse.

Du könntest dich bei mir wegen der Nichterfüllung deines Versprechens entschuldigen und eine plausible Erklärung nachreichen, was dich verhinderte, mir das Buch in den Park zu bringen, eine Entschuldigung, die anzunehmen ich mich durchringe. Das Herrchen kann dem Hund nicht mit einer plausiblen Erklärung kommen, weshalb er verhindert war, unterwegs noch rasch seine Leckerlis zu besorgen, und der Hund könnte eine solche Erklärung nicht sagen wir zähneknirschend als Entschuldigung annehmen.

Unsere Überzeugungen, Erwartungen und Absichten spannen ein Handlungsfeld auf, das sich in der Zeit und im Raum gleichsam unbegrenzt ausweiten läßt. Auch wenn ich dir das Buch vor einem Jahr ausgeliehen habe, zehrt die abgelaufene Zeitspanne kein Gran von der Gültigkeit deines Versprechens auf, es mir morgen wieder auszuhändigen. Ich vermag an meinen Großvater zu denken, weil ich meine Gedanken von ihm mit wahren oder falschen Überzeugungen derart unterfüttern kann, er habe da und dort gelebt und habe da und dort als Schreiner gearbeitet. Ich kann den Gedanken an meinen Wohnort mit der wahren oder falsche Annahme verbinden, daß es ihn in tausend Jahren nicht mehr geben wird. Wird mein Hund die Ohren hängen lassen bei dem Gedanken, daß ich traurig sein werde, wenn er das Zeitliche gesegnet haben sollte? Ich kann den Gedanken an Caesar mit der wahren Überzeugung verknüpfen, daß er am 10. Januar 49 vor Christus den Rubikon überschritt. Das weiche Gemüt meines treuen Hundchens ist dagegen vor jedwedem Gedanken an Caesar sowie an das Schicksal seiner Vorfahren im 19. Jahrhundert verschont.

Nennen wir die Daseinsform, in die wir durch Überzeugungen, Erwartungen und Absichten als subjektive Existenzen miteinander zu agieren eingebettet sind, mit dem kernigen Begriff Hegels sittliche Welt, müssen wir konstatieren, daß Hunde ihr nicht angehören.

Die sittliche Welt ist nicht mit einem bestimmten Begriff von Moral verbunden; denn lebten wir in einer Welt, in der wie in Zeiten der Dekadenz und Verwilderung jedwedes Versprechen in den Wind gesprochen wäre, hausten wir zwar in einem ungemütlichen Chaos amoralischer Verhältnisse, wären aber dessen ungeachtet genötigt, unsere Überzeugungen, Erwartungen und Absichten zu bilden und zu hegen und sie wohl oder übel den miserablen Umständen anzupassen.

Daß Hunde im Gegensatz zu Enten fähig sind, uns emotional nahe zu treten und eine innige Gemeinschaft mit uns einzugehen, bringt sie dennoch nicht dazu, die Grenze zu überspringen, die unsere Fähigkeit, an das böse Ende Caesars oder das Schicksal unserer Vorfahren zu denken, von ihrer Unfähigkeit trennt, dergleichen zu tun.

Ja, wir müssen sogar die wohlmeinende Rede vom Hund als besten Freund des Menschen als trügerisch abtun, können wir doch nicht mit guten Gründen annehmen, unser Hund könne uns ein Versprechen machen (wie wir es von guten Freunde erwarten) dergestalt, daß er uns morgen Abend den Schuh, den er uns kürzlich stibitzt hat (und wir wissen ja, wo er ziemlich zerkaut herumliegt), treu und brav wieder vor die Füße legen werde.

Der Hund wird instinktiv davor zurückscheuen, eine nie begangene wacklige Brücke über einen reißenden Bach zu betreten. Wir aber können, jenseits aller Instinkte, zur Überzeugung gelangen, daß alle Brücken hinter uns abgebrochen sind, und freiwillig das uns unzugänglich gewordene Handlungsfeld für immer verlassen.

Wir kommen zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn wir den Unterschied mehr auf der semantischen Ebene ansiedeln als ihn zwischen Wahrnehmungs- und Handlungsfeld festmachen:

Ich sehe die Dinge so, wie sie sind, und ähnlich, wie du sie siehst, denn wir leben in einer gemeinsamen Welt.

Das Gemeinsame zeigt sich darin, daß wir über DASSELBE reden oder uns über ein uns beide betreffendes Thema verständigen können, wie das Verhalten unseres gemeinsamen Freundes Peter, der versprach, um diese Zeit zu uns zu stoßen, aber bisher nicht eingetroffen ist. Wir stellen gemeinsame Vermutungen über die Gründe und Ursachen an, die Peter verhindert haben könnten, die Straßenbahn zu nehmen. Wir sagen uns beispielsweise: „Jetzt ist es schon eine halbe Stunde über die Zeit, er hätte uns längst schon per SMS, E-Mail oder Telefon verständigen können.“ Oder: „Wie ist denn die Verkehrslage?“, und einer von uns schaut im Smartphone mittels Verkehrs-App nach, ob es einen Stau gibt. Ein Verkehrsunfall wäre eine Ursache, die das Nichteintreffen Peters erklären könnte. Ein gewisser Groll oder Mißmut, den er hegen könnte, weil wir kürzlich einen Aufsatz, den er uns zugesandt hatte, der uns aber nichtssagend vorkam, ignoriert und nicht mit einem wenigstens höflichen Kommentar erwidert haben, könnte ein Grund sein, weshalb er uns heute sitzen läßt.

Wenn wir zwei uns über Peter unterhalten, meinen wir eine Entität, die trotz permanenten Austauschs ihrer materiellen Teile, sprich Zellen und ihrer chemischen Bestandteile, dieselbe Person bleibt. Die Person ist demnach ein nichtphysischer Gegenstand, den wir anhand ihrer körperlichen Instantiierung im Körper von Peter lokalisieren. Peter ist dabei derjenige, der in unserem gemeinsamen Handlungsfeld agiert, so wenn er uns etwas mitteilt oder uns vielleicht von weitem aufgeregt winken würde, falls er schließlich doch noch zu uns stieße.

Wir müssen voraussetzen und können annehmen, daß wir uns über dasselbe Thema unterhalten, wenn wir über Peter sprechen. Dabei gelingt es uns, Peter von allen Kandidaten zu unterscheiden, die Peter heißen und so ähnlich aussehen wie unser Peter. So können wir aufgrund der eindeutigen Identität Peters mit Bestimmtheit sagen, wer NICHT Peter ist und wer Peter NICHT ist.

Identität und Negation erweisen sich als logisch-semantische Grundbegriffe, die uns als sprechenden Subjekten allererst ermöglichen, über dasselbe Thema zu reden und uns allgemein gesprochen in derselben gemeinsamen Welt zu bewegen.

Wir sehen nun, daß wir uns darin von den Tieren unterscheiden: Sie nämlich leben in einer Welt typischer Reizereignisse, auf die sie mit einem mehr oder weniger instinktgeleiteten, unkonditionierten oder konditionierten und andressierten Repertoire an typischen Verhaltensweisen reagieren. Der Hund kommt demnach nicht darauf, daß sein Herrchen dieselbe Person ist, die vor Jahren da und dort geboren und großgeworden ist, da und dort studiert hat, tagsüber in einem Büro einer Firma verbringt und abends die Wohnung betritt, nicht ohne seinen treuen Hund mit Leckerlis zu überraschen.

Der Hund lebt in einer Welt des Ähnlichen, aber er kommt nicht dahinter, daß sehr ähnliche Dinge wie der typische Geruch seines Herrchens und derjenige, den die liegengelassene Jacke seiner Freundin von ihm angenommen hat und nunmehr verströmt, unterschiedlichen Trägern zugehören, und daß ganz verschiedene Dinge, wie die Locke des Jungen, die ihm die Mutter aufbewahrt hat, und das heutige spärlich gewordene Haar seines Herrchens demselben Träger zugehören.

Mit einem Wort, der Hund lebt semantisch betrachtet in einer Welt des Nichtidentischen, aber Ähnlichen, während wir in einer Welt des Identischen, aber Unähnlichen existieren.

Der Hund kennt seine Umgebung als das von ihm durch Duftstoffe markierte Territorium und er kann es vom Territorium des bösen Nachbarhundes wohl unterscheiden. Aber diese spezifische Umwelt ist dem Hund kein topographischer Begriff, den er mittels objektiver Koordinaten eines geometrischen Meßsytems definieren könnte, sondern ein Feld von olfaktorischen, visuellen und akustischen typenähnlichen Wahrnehmungen, die ihn zu typenähnlichen Verhaltensreaktionen stimulieren.

Der Hund ist Herrchen zugetan, weil er es als überlegenen Rudelführer einstuft und dankbar sein Futter und die Gesten seiner Zuneigung entgegennimmt. Wir sehen den begrifflichen Unterschied leicht, wenn wir ein Rudel mit seiner typischen Hierarchie mit einer formalen Gruppenorganisation wie der Firma, in der der Hundebesitzer arbeitet, vergleichen. Unternehmen sind wie Vereine, Verbände, Kirchen oder Staaten formale Institutionen, die wie abstrakte Personen auftreten und agieren. Diese Handlungseinheiten instantiieren sich nicht wie die natürlichen Personen in einem singulären Raum-Zeit-Kontinuum wie dem Körper von Peter, sondern einer identischen Struktur, die den Teilnehmern und Mitarbeitern ihre Rollen und Funktionen zuweist und über den Wechsel ihrer einzelnen Mitglieder hinaus erhalten bleibt.

Tiere unterscheiden sich demnach zumindest in dieser Hinsicht grundlegend von uns Menschen, daß sie nicht über die semantisch-logischen Grundbegriffe der Identität und Negation verfügen und sich demgemäß nicht über dasselbe Objekt oder Thema verständigen können, wie wir es tun, wenn wir uns fragen, ob sich Peter nicht schon vor Jahren als unzuverlässiger Kandidat erwiesen hat, als er mehrmals unentschuldigt Verabredungen in den Wind geschlagen hat.

Der Hund kann nicht verstehen, was es heißt, daß sein Herrchen heute Abend nicht zu ihm gekommen wäre, wenn er in einen Verkehrsunfall verwickelt worden wäre, oder was die irreale Annahme bedeutet, Augustus hätte der römischen Republik nicht den Garaus bereiten können, wenn Caesar ihm den Weg durch sein Überschreiten des Rubikon und die dadurch verursachte Entfesselung des Bürgerkrieges nicht freigemacht hätte.

Die Konstruktion irrealer Bedingungsgefüge, die uns zu Hypothesen über die Wahrscheinlichkeit von vergangenen und zukünftigen Ereignissen dient, steht uns aufgrund logischer Wenn-dann-Satzverknüpfungen einschließlich der Negation zur Verfügung, nicht aber Tieren.

Wir können den Unterschied zwischen Tier und Mensch auf der semantischen Ebene auch schlicht so ausdrücken: Tiere verfügen im Unterschied zu Menschen nicht über die Fähigkeit, Begriffe oder Konzepte und Theorien von nichtphysischen Entitäten zu bilden, als da wären Punkte, Linien, Kreise oder Zahlen, Mengen, mathematische Kontinuen oder Personen, Gruppen, Institutionen.

Peter ist vielleicht ein Münchner, ein Bayer, ein deutscher Staatsbürger, Mitglied des Blasorchesters von Unterföhring, Katholik und Teilhaber einer mittelständischen Firma. Er ist all dies und noch mehr aufgrund der Tatsache, daß er eine Person mit einem Eigennamen ist. Unser Hund hat recht besehen noch nicht einmal einen Eigennamen, denn der Name oder Lautkomplex, auf den hin er die Ohren spitzt oder zu uns rennt, ist nicht das, woran er denken könnte, wenn er die Lebensstationen erinnernd durchzugehen vermöchte, an denen sein Name von entscheidender Bedeutung gewesen wäre, wie es für Peter in der Tat der Fall ist, wenn er seinen Werdegang von der Taufe über die diversen Schul- oder akademischen Abschlüsse bis zum Ehekontrakt oder der Firmengründung Revue passieren läßt. Kurz, unser Hund mag ein gutes Hundeleben führen, aber eine Biographie hat er nicht.

 

Aug 28 17

Gier und Geduld

Sentenzen und Aphorismen

Das Haus ist die Heimstätte der Kultur. Näher betrachtet, der wichtigste Teil des Hauses, der Keller, der Speicher oder die Vorratskammer. Hier werden die Lebensmittel gehortet, die das Überleben im Winter und in schweren Zeiten ermöglichen.

Den Vorrat für den Hort muß man sich vom Munde absparen. Wenn man alles Genießbare gleich verzehrt, erübrigt man nichts für später, für die Zeit der Not, für die Zeit des Fests.

Wörter wie Haus, Hort, Scheune, Hütte, Obdach und Bedeckung sind wurzelverwandt. Auch das lateinische obscurus gehört in diese Reihe. Denn das Verborgene, heimlich Gehütete, das kostbare Geheimnis gilt es der rohen Handgreiflichkeit gieriger Mäuler und Hände zu entziehen – und mißgünstiger, niederträchtiger Verräter.

Gehemmter Verzehr und aufgeschobenes Begehren machen die aufgesparten Güter und den Reichtum des Hauses allererst kostbar; so werden Schwellen gehäuft, Schlüssel gefertigt und übergeben, Pfosten eingerammt und Grenzen gesteckt. Manen und Penaten sind die Wächter, solange Hestia brennt.

Die Hut des Eigenen und des Eigentums verkörpert sich in aufgepflanzten Symbolen, Bildern, Dämonen, sie reizen zur Feindschaft die Fremden und Nomaden, Kampf und Krieg sind unausbleiblich.

Aber der geduldig gepflegte Garten wird ewig heimgesucht vom Wuchern der Wildnis, der Kampf mit Harke und Rechen, Sense und Schere hat kein Ende.

So ist der tief wurzelnde Baum, der in langer Geduld die Arme ins Licht reckt, ein Bild der wilden Mächte von Wind und Wetter, und der Blitz kann ihn spalten.

Hölderlin erfuhr die heilige Wildnis im Gewitter und der Sehnsucht der Ströme, sich ins Grenzenlose zu stürzen. Der dionysische Drang der Heroen wird aber abgelenkt, und der Rhein bildet fruchtbare Ufer und gründet dauernde Städte, bis auch über diese die anschwellende Flut kommt oder der Feuersturm.

Die tragische Dimension allen Lebens zeigt sich in seiner Todeslust, da es sich als einzigartiges, individuelles Gebilde notwendig bis in die feinsten Verästelungen des Bewußtseins vereinseitigen und dadurch schuldig werden muß, schuldig im heiteren Glanz des schönen Scheins; wie anders trägt es die Schuld ab als in den zärtlichen oder eruptiven Formen der Hingabe und Verschwendung, in denen es sich ausweint oder schrecklich verblutet.

Geduld oder die Zeit des Wartens und der Erwartung ist der Ursprung des sublimen Eros oder der Liebe.

Aus dem irdisch abgewiesenen Warten auf die Geliebte erblühte Dante die paradiesische Rose.

Der Gierige oder Geile denkt nicht an die Geliebte, ja er haßt ihre Abwesenheit. Und haßt er ihre Abwesenheit, haßt er am Ende oder im Grunde sie selbst.

Verlangen und Haß auf das begehrte Objekt sind in der Gier verschmolzen.

So sind die Abtrünnigen der Erde die Unbehausten, wenn sie die Brüste der Mutter von sich stoßen und ihren Schoß zertreten, weil sie in ihnen die Anhänglichkeit an des Lebens mythische Quellen fühlen, die sie in ihrem Stolz und ihrem Dünkel beschämt.

Anders wieder die Unbehausten, die sich vor dem Haupt des alten Vaters abwenden, weil er sie an die Pflicht mahnt, das Erbe zu hüten oder mitzunehmen, und sei es nur die Nuß aus dem alten verlorenen Garten tief in der Tasche zu vergraben, um sie anderswo einzupflanzen.

Die Kinder vertreiben sich die Zeit des Wartens mit Spielen, für deren Gestaltung sie ihre Phantasie einsetzen.

Dichtung ist die Sprache der Liebe in den Rufen und Anrufen, in den Erinnerungen und Beschwörungen, die der fernen, unerreichbaren Geliebten gelten.

Von der Gier getriebene Stämme und Völker sind meist Räuber oder Händler. Was sie rauben und womit sie Schacher treiben, haben andere geduldig ersonnen und hergestellt.

Die edlen Rassen denken ihr Dasein ins Ewige, wie Kinder, die am Ufer des Stroms Blumeninseln mit brennenden Kerzen bestücken und sie in die Nacht zu naher oder ferner, ja ferner Ankunft auf die Wellen setzen. Oder sie wissen ihr Schicksal eingeschrieben in entrückte Sternbilder, die auftauchen und untergehen und wieder erscheinen, bis ein Weltenjahr sich vollendet.

Die sublimste Erfahrung der Geduld und des Wartens ist die Erfahrung der Ferne, ist das Warten bei der Geliebten, und sei sie noch so nah.

Das Unerreichbare, umfassen die Geliebte auch die Arme des Liebenden.

Ein verwegen-pathetischer Ausdruck der sublimen Liebe, die keinen Abschluß in einer letzten Harmonie mehr zu finden scheint, ist die unendliche Melodie Richard Wagners.

Bach zögert anders, in Zügen auf- und abschwellenden Atems.

Der Orientale hat ewig Zeit, aber nicht weil er lange zu warten vermag, sondern weil er auf nichts wartet.

Die dem gierigen Verzehr abgerungene Verschwendung, so wenn der antike Römer rituell Wein aus dem Becher zur Erde schüttet, öffnet die großen Horizonte, in denen die Götter wohnen.

Der dionysische Efeu ist der Schatten des Künstlers.

Der Reim ist das Echo der vehallenden Lust.

Die Verse aber glänzen wie die Schollen, die der Pflüger unter der erbarmungslosen Sonne aufwirft.

Gott ist den Juden wie das Zelt, das die Bundeslade birgt. Sie selbst wohnen nicht darin, sie tragen es als unverfügbares Obdach durch die Wüste.

Die weibliche Geduld, die in Mustern, Ranken und Flechten schimmert.

Die Geduld der Frauen, die in den Teig das Salz des Schweigens streuen, den Honig der Erinnerung in die Milch träufeln, die süßesten Erdbeeren und glänzendsten Zwetschgen absondern für die Festtagsmarmelade.

Kafkas Geduld ist wie das Warten eines, der in einer Schlange steht, er vertreibt sich die Zeit, indem er das seltsame Gebaren und den Aufzug der Mitwartenden betrachtet. Oder er liest immer wieder den Abholzettel und rätselt über den Absender, dessen Namen er nicht kennt, und über den Inhalt des Pakets, den er nicht errät. Der Schalter schließt, kurz bevor er an die Reihe gekommen wäre.

Er sagt nicht: „Ich habe umsonst gewartet.“ Sondern: „Die scheinbar leere Zeit war die eigentliche Dauer.“

Wir gewahren die Entstehung großer Dichtung in geheimnisvoller Koinzidenz mit der Geduld des Gärtners, der die Knolle in die dunkle Erde steckt, begießt und auf die Gunst des Lichtes hofft.

Die Freude des Wartens übersteigt bisweilen die Freude am endlich Angetroffenen.

Das Angetroffene enttäuscht bisweilen durch einen Makel, den die Phantasie des Wartenden nicht aufwies.

Wenn die Offenbarung die Qual der geprüftesten Geduld auf unerwartete Weise übersteigt. Hiob.

Der allzu Gierige zeigt seine Dummheit darin, daß er den Umweg nicht sieht, der ihm das Erwünschte näherbrächte.

Die Besonnenheit hat ihr Maß in der Geduld, dem hohen Mut, dem gefaßten Staunen wie vor den endlich aufgehenden Blüten, die sich in fernsten Wolken widerspiegeln.

Der dämonisch verhetzte Mann, der die Geliebte töten wird. Woyzeck.

Ein bißchen scheint die Gier des bebrillten, anämischen, an Migräne leidenden Professors, aus dem umrankten Krug des Dionysos den Augenblick der Wahrheit zu trinken, auch lächerlich, wenn sie nicht so erbarmungswürdig wäre. Nietzsche.

Der gierige Trinker, der das kostbare Naß in zitternder Hand verschüttet.

Hölderlin verklärte das leichte Leben des vom olympischen Schnee beglänzten Daseins der Götter. Bis ihm auf den staubigen Pfaden der Entbehrung und des Opfers der Schmerzensmann Ödipus begegnete.

Der verklärte Christus ist nicht ohne Wundenmale.

Gewiß ist der Augenblick Goethes der blauen Stunde nicht unähnlich, in der sich die Mühe des Tages mit den dämmernden Wolken im Goldstaub über den Hügeln verliert.

Die Gier Fausts, die ihn ins Verbrechen und zu den Dämonen der Tiefe führt, wird nicht erlöst, sondern durch den Strahl aus der Höhe eines Besseren belehrt.

Das Kind und seine Ansprüche schenkten ihm die Geduld, die er mit sich selber nicht hatte.

Den Knoten durchhauen oder geduldig aufdröseln. Die rasche Lösung gründet kein Reich, das Dauer verspricht.

Die Drohnen, haben sie ihre Gier gestillt, werden alsbald von den Wächtern des Bienenstocks in die tödliche Verbannung geschickt.

Das edle Herz des Frommen: auf das Unsichtbare harren.

Die sich der Mühe und Geduld der schöpferischen Tat entziehen und sich mit fremden Federn schmücken, werden von der Bühne gebuht, wenn der Mund blechern widerhallt.

Das edle Herz des Frommen: der geliebten Toten gedenken, als gebe es ein Wiedersehen.

Wenn die Gier des Herzens erlischt wie der Tau auf den Trauben unter der südlichen Sonne, bleibt ein reifer Schimmer des Wahren.

Die Gier des Künstlers nach dem vollkommenen Bild weht wie ein rotes Blatt vom Herzen, wenn das im Wind schaukelnde Laub herbstlich erglüht.

Penelope wartet auf die Heimkehr des geliebten Mannes, indem sie am Tage ihr Tuch webt, dessen feines Gespinst die Nacht wieder auflöst, um morgens den verlorenen Faden in der Geduld der Liebe erneut aufzunehmen. Was können wir anderes tun?

 

Aug 27 17

Anamnesen

Der Hühnerstall, kotverfleckt die Stangen,
verrostet der Draht vorm Atemloch,
der geplättete Lehm des Bodens ohne Körner.
Und kein einziges Huhn, nicht eines noch.

Und dennoch hör ichʼs manchmal gackern
in der grünen Nacht.

Der Bienenstock ist kalt und angefressen,
sind keine Waben mehr und keine Bienen,
mit Liedes Süße sie zu füllen, todeskrumm
verstreut am Grund, die übrig blieben.

Und dennoch hör ichʼs manchmal summen
wie im Brunnenschacht.

Die Kapelle auf dem Hügel, eingestürzt,
die Apsis lacht in blaue Aussicht nackt,
des Engels Flügel fächeln Efeuschatten,
der Schnitzaltar, von Taubenkot verschlackt.

Und dennoch hör ich manchmal Fetzen
alter Hymnenpracht.

 

Aug 26 17

Terzinen vom verwahrlosten Kreuzweg

Die Bilder sind verblaßt und eingefallen,
des Kreuzwegs hohe Zeichen eingesunken,
verschabt von der Verachtung dumpfen Krallen.

Dem König reinen Herzens, der getrunken
für sie des Vaters Tränenkelch, den bittern,
hat gähnend wüster Pöbel abgewunken.

Die Jünger in Gethsemane verwittern,
das Kreuz, es ragt so einsam in die Leere,
und den Marien, die in Demut zittern,

weil Blitze lichteten des Grabsteins Schwere,
zerfraß Motorengas des Lächelns Blüten.
Des Engels Locke schnitt die rohe Schere.

Ihr Herzen wo, die hier im Wunder glühten?

 

Aug 25 17

Zeichen und Bewußtsein II

Anmerkungen zum immanenten Zusammenhang von Sprache, Logik und Bewußtsein

Wir können den Zusammenhang von Sprache, Logik und Bewußtsein nicht mittels Beobachtung ausmachen und begründen. Alles, was wir bestenfalls mittels Beobachtung ausmachen können, sind typische Verhaltensmuster, die von typischen Reizmustern ausgelöst werden.

Es sieht so aus, als verstehe der Hund die Schrittgeräusche seines nahenden Herrchens oder seinen Geruch als Anzeichen für sein wahrscheinlich baldiges Eintreffen. Der Hund läuft zur Tür und bellt aufgeregt. Dieses Verhalten ist ein Muster in einem Repertoire tierischen Verhaltens, das durch bestimmte typische Reize ausgelöst wird. Typisch ist der Schritt seines Herrchens, auch wenn er heute etwas langsamer die Treppe hochgeht als gestern. Typisch ist das Verhalten des Hunds, auch wenn er heute etwas lahmer mit dem Schwanz wedelt und leiser bellt.

Wäre das Pfeilzeichen an der Wand des Hotelgebäudes ein typisches visuelles Reizmuster, das den Betrachter zu einem typischen Verhaltensmuster stimuliert, nämlich in die Pfeilrichtung zu gehen, wäre ich sehr erstaunt wahrzunehmen, daß jemand, der den Pfeil an der Wand durchaus gesehen hat, geradewegs in die andere Richtung marschiert.

Wir kommen zu dem bekannten Schluß, daß Zeichen keine verhaltenssteuernden Signale sind, aber wir begründen ihn anders, nämlich durch die Subjektposition dessen, der sei es natürliche Anzeichen wie den Rauch für Feuer sei es konventionelle Zeichen wie den Pfeil an der Wand als Hinweis auf die räumliche Position des Gebäudeausgangs oder den Ausruf „Feuer!“ als warnende Mitteilung über einen nahen Brand gleichsam in einem gewissen Abstand und Spielraum der Interpretation aufnimmt, der ihm erlaubt, einen Gedanken zwischen die Wahrnehmung des Zeichens und seine Reaktion oder Handlung einzuschalten. Solche Gedanken könnten sein: „Gut, hier geht es also zum Ausgang, aber ich will noch mal auf mein Zimmer gehen, um zu lesen.“ Oder: „Aha, das ist die Stelle in dem Theaterstück, an der das Feuer ausbricht. Ich muß nicht losrennen, es ist ja bloß ein Schauspiel.“

Wollten wir pathetisch reden, nennten wir den Sachverhalt die Freiheit der Interpretation, aber es genügt, nüchtern von der Subjektposition oder der Position des Bewußtseins zu sprechen, die mit dem zu lesenden Zeichen einen immanenten Zusammenhang eingeht. Für immanent können wir auch intern oder logisch notwendig sagen, als Hinweis darauf, daß der Zusammenhang kein externer oder kausal erklärbarer ist.

Interne Zusammenhänge sind logisch notwendige Zusammenhänge, diese lassen sich demgemäß in logisch gültigen Schlußformen ausdrücken. Demgemäß können wir unseren Gedanken auf folgende Weise darstellen:

1. Ich sehe, daß der Pfeil nach rechts weist.
2. Wenn ich die Absicht habe, das Gebäude zu verlassen, folge ich dem Pfeil.
3.1 Ich will das Gebäude jetzt verlassen, also folge ich dem Pfeil.

Den Unterschied zwischen externem und internem Zusammenhang sehen wir unmittelbar, wenn wir den dritten Satz austauschen gegen den Satz:

3.2 Ich will das Gebäude jetzt nicht verlassen.

Wäre der Zusammenhang zwischen Zeichen und Bewußtsein extern oder kausal erklärbar, handelte es sich nicht um ein Zeichen, sondern ein Signal, und nicht um ein Bewußtsein, sondern das Informationszentrum der Verhaltenssteuerung dergestalt, daß zwischen Zeichen und Interpretation nicht ein Gedanke tritt, sondern der Verhaltenskreis zwischen Signal und Reaktion geschlossen wird. Der externe Zusammenhang erschließt sich uns mittels Prognosen oder Wahrscheinlichkeiten von Annahmen für die typischen Reaktionsmuster auf typische Reizereignisse, die wir bei unbedingten Reflexen sehr hoch und bei bedingten, konditionierten oder erlernten Reaktionen als mehr oder weniger hoch ansetzen.

Im Unterschied zu externe Zusammenhängen finden wir im Zentrum oder der Gelenkstelle interner Zusammenhänge logische Schleifen und Gedanken, die auf mehr oder weniger konsistente Weise mit weiteren Gedanken verknüpft zu sein pflegen: Das Pfeilzeichen bringt mich auf den Gedanken, der gewiesenen Richtung zu folgen, wenn ich die Absicht habe, das Gebäude zu verlassen; aber es veranlaßt mich nicht, das Gebäude zu verlassen, wenn ich diese Absicht nicht hege. Das Pfeilzeichen der Wanderkarte am Wegesrand bringt mich zur Überzeugung, daß es der Stellvertreter meiner topographischen Position ist, und diese Annahme ist auf konsistente Weise mit Gedanken verknüpft, die ich so ausdrücken kann: „Wenn ich mich an dieser Stelle befinde, kann ich dem Pfad A folgen und gelange an den See, den ich gerne aufsuchen mag; wenn ich Pfad B folge, gelange ich an die Bushaltestelle und kann den Heimweg antreten. Es ist noch früh am Tag und den See will ich gerne sehen, also schlage ich den Pfad A ein.“

Wir halten fest: Das Setzen und Lesen von Zeichen verweist stringent auf das Dasein des Bewußtseins, und dieses ist nichts anderes, als die Fähigkeit, anläßlich des Umgangs mit Zeichen Gedanken oder Überzeugungen zu bilden.

Dagegen bringt der akustische Reiz der Schritte eines Menschen auf der Treppe den Hund nicht zu dem Gedanken, sein Herrchen sei im Anmarsch, sondern dieses Reizereignis veranlaßt das Tier zu typischen Verhaltensmustern wie dem Bellen und aufgeregten Schwanzwedeln, weil es aufgrund andressierter Verhaltensstereotypien mit Erwartungen assoziiert ist wie der Erwartung, sein Besitzer bringe ihm Leckerlis mit. In ähnlicher Weise bringt das typische Wedeln der Biene die Mitgenossin des Bienenstocks nicht auf den Gedanken, in der Richtung, die der Tanz ihrer Schwester weise, gebe es wohl nektarreiche Blüten zu finden, sodaß sie die Absicht hegt, dorthin zu fliegen; vielmehr veranlaßt sie dieses typische Reizereignis zu ihrem Aufbruch in die gewiesene Richtung.

Die Biene kommt anläßlich des Tanzes ihrer Genossin nicht auf den Gedanken: „Aha, sie zeigt mir die Richtung, in der es nektarreiche Blüten gibt, und dies ist ja die Richtung, in der das Mohnfeld liegt, das ich schon immer einmal gerne besuchen wollte. Dann lohnt sich mein Flug doppelt und also fliege ich dorthin.“ Solche und ähnliche Gedanken hat die Biene nicht, weil sie kein Bewußtsein derart hat, daß sie das Wedeln ihrer Schwester als Zeichen lesen könnte; sondern der Tanz der Mitgenossin ist für sie das Signal, in diese und keine andere Richtung aufzubrechen.

Die Kollegiaten des Tübinger Stifts Hegel, Hölderlin und Schelling gingen einen Freundschaftsbund ein und wählten als Symbolon oder Zeichen ihres Bundes den messianischen Namen „Reich Gottes“. Freundschaft ist ähnlich wie Liebe, Ehe, Nation oder Staat ein institutioneller Begriff, der das Dasein des Bewußtseins voraussetzt dergestalt, daß sie nur als Inhalt einer Überzeugung oder als Gedanke vorhanden ist, ein Gedanke, der mit dem Setzen und Lesen relevanter Zeichen wie des genannten Symbolons auf konsistente Weise verknüpft ist. So wird Hölderlin, wenn er im Evangelium auf den Begriff „Reich Gottes“ stieß, beispielsweise an Hegel gedacht haben, und umgekehrt Hegel an Hölderlin. Das Zeichen ist für das Leben des Freundschaftsgedankens eine Art Nahrung oder geistiger Luft, ähnlich wie der Ehering für die Ehe oder bestimmte Lieder und kulturelle Überlieferungen für die Nation oder die Fahne für das Staatswesen. Sobald Hegel das Symbolon vergessen oder verworfen haben sollte, wäre der Gedanke der Freundschaft und damit die Freundschaft zu seinen Mitgenossen erloschen.

Die Überzeugung von der Freundschaft, die gleichsam ihre Nahrung von dem Freundschaftszeichen erhält, ist mit vielen Gedanken auf konsistente Weise verknüpft. Stieß Hegel beispielsweise auf das Symbolon, dachte er vielleicht an sein Versprechen, seinem Freunde Hölderlin eine Hauslehrerstelle zu vermitteln. Das Versprechen wiederum ist eine Form der Freundschaftsbekundung: Würde Hegel es ohne Not brechen, nähme die Freundschaft schaden, dergestalt, daß Hölderlin von Hegel enttäuscht wäre und demnächst bei der Erinnerung an die Worte der Bergpredigt vielleicht nicht mehr an Hegel denken oder sich seiner mit Groll und Mißmut erinnern würde.

Wir sprechen im Zusammenhang der institutionellen Begriffe von wesentlichen Zeichen, auf die sie zurückgreifen und von denen sie repräsentiert werden können. Die Überzeugungen, in die sie eingehen, sind Gedanken, die nicht nur einem einzigen Bewußtsein zugeschrieben werden, nicht nur einem individuellen Ich, sondern in Kontakt und Austausch stehenden Personen, einem Wir: einer Gruppe von Personen, die dieselben Gedanken individualisieren oder die ihnen zugehörigen wesentlichen Zeichen auf dieselbe Weise gebrauchen und interpretieren. So konstituieren Freunde, die angesichts eines frei gewählten Symbols der Freundschaft einen Treueid ableisten, ihren Freundschaftsbund. Die Verlobten konstituieren beim Austausch der Ringe mit ihrem Jawort vor dem Priester oder Standesbeamten ihren Ehebund.

Das institutionelle Wir ist ein über wesentliche Symbole vermittelter interner Zusammenhang verschiedener Personen. Der Zusammenhang ist kein externer, weil er nicht durch reine Verhaltenssteuerung programmiert und erhalten wird, sondern durch geteilte Überzeugungen vom Dasein und Wert der Institution. Darin unterscheidet sich die menschliche Gemeinschaft von Tiergruppen, deren abgestimmtes Verhalten bei der gemeinsamen Jagd auf Beute oder der gemeinsamen Flucht vor Feinden durch kausal erklärbare Wirkungen von Signalen gesteuert wird, die ein typisches Reaktionsmuster wie eben die Jagd oder die Flucht auslösen. Das Murmeltier wird durch die Wahrnehmung des Greifvogels nicht zu dem Gedanken veranlaßt, es selbst und seine Gruppengenossen seien in großer Bedrängnis und das Beste, was es in diesem Falle zu tun gilt, sei es, sie durch einen Warnruf über die heraufziehende Gefahr zu informieren und ihnen die Zuflucht im Bau nahezulegen. Zwischen der Reizwahrnehmung und der angepaßten Reaktion ist nicht der geringste Raum für einen Gedanken dieser Art, vielmehr wird die Verhaltensreaktion durch die Reizwahrnehmung unmittelbar ausgelöst.

Wir können den Unterschied von externem und internem Gruppenzusammenhang auch darin erkennen, daß wir in Tiergruppen keine wesentliche Zeichen oder institutionellen Symbole finden. Die Mähne des Löwen oder das Geweih des Hirsches sind keine Symbole der Macht, sondern dienen zu Signalen der hierarchischen Stellung des Tieres, die spezifische Verhaltensreaktionen wie die Unterwerfung der weiblichen Tiere oder den Respekt der Konkurrenten hervorrufen. Dagegen sind Thron, Zepter und Krone wesentliche Zeichen und traditionelle Symbole der monarchischen Herrschaft, die ohne die Überzeugung der ihr unterworfenen Untertanen, daß sie die legitime Macht des Monarchen ausdrücken, jeden Gehalt verlieren: Wenn alle oder die meisten Untertanen mit einem Mal glauben, daß es sich bei diesen Accessoires um inhaltsleere Maskeraden handelt, ist der Tag der Revolution nicht fern.

Die Erde, ihre Blüten und Früchte sind die alten Symbole der Muttergöttin Gaia, das Licht verkörpert das wesentliche Zeichen Apollons, Blitz, Donner und Regen sind die mythischen Symbole des Herrschergottes Zeus. Sobald die Überzeugung von der autonomen Macht der Naturbeherrschung durch Technik die Überzeugung von der letzthinnigen Abhängigkeit des Menschen von den natürlichen Mächten zu verdrängen beginnt, leeren sich die Tempel und verwaisen die heidnische Altäre.

Brot und Wein sind wesentliche Zeichen oder institutionelle Symbole der Kirche, und gewiß leeren sich die Kirchen in dem Maße, wie die Gläubigen die gemeinsame Überzeugung von der in diesen Zeichen gegenwärtigen Realpräsenz Christi nicht mehr teilen. Es ist allerdings von nicht geringer Bedeutung, daß nach dem Glauben der Kirche diese religiösen Zeichen anders als die mythischen und politischen Symbole der freien Willkür und Gedankenkraft des Menschen enthoben sind. Darin liegt das Paradox des Christlichen, daß seine symbolische Zeichenmacht in der unsichtbaren Kirche auch dann weiterhin wirksam bliebe, wenn die sichtbare untergegangen sein sollte.

Wir schließen nicht ohne den andeutenden Hinweis, daß große Dichtung eine je individuelle, vom Genius des Dichters erleuchtete und ermächtigte Setzung der wesentlichen Zeichen und Symbole darstellt, wie sie aus dem unauslotbare Brunnen der Tradition mythischer, religiöser und geschichtlicher Symbole hervorquellen, sofern es ihm die Gunst der Stunde gewährt. Der Dichter rückt sie gemäß den freien Modulationen und Abwandlungen seiner Einbildungskraft in den Horizont der Gegenwart und vermag auf diese Weise eine neue Gemeinschaft zu gründen: die der Lesenden, deren bewußtes Leben dank der verinnerlichenden Lektüre und Interpretation der dichterischen Zeichen aus der Kontingenz des individuellen Werdens und Vergehens in dem Maß herausgehoben werden kann, in dem sie an ihnen eine geistige Nahrung gewinnen, die den Hunger nach dem Unendlichen, Vollkommenen und Ewigen wenn nicht zu stillen, so doch zu wecken vermag.

Aug 24 17

Zeichen und Bewußtsein I

Anmerkungen zum immanenten Zusammenhang von Sprache, Logik und Bewußtsein

Entweder sehen wir das Pfeilzeichen auf der Wanderkarte oder im Korridor der Gaststätte als Linie mit einer aufgesetzten Spitze oder lesen es als Hinweis darauf, daß wir uns an dieser topographischen Position befinden oder sich unser weiterer Weg in diese oder jene Richtung fortsetzen sollte.

So auch mit den Lauten. Bestimmte wohlartikulierte Laute, die einen systematischen Zusammenhang mit allen anderen Lauten desselben Typus aufweisen, hören wir als beispielsweise des Japanischen nicht Kundige als Geräusche, den Hinweis „Hier bitte rechts!“ verstehen wir als Hinweis, daß sich der Ausgang rechts vor uns befinde.

Den Übergang oder Sprung vom geometrischen Gebilde zum Pfeilzeichen oder vom Geräusch zum bedeutsamen Laut bildet die Einsicht ab, daß wir etwas als Zeichen erkennen.

Wir könnten meinen, die Tatsache, daß das geometrische Gebilde eine gewisse Ähnlichkeit mit dem durch das Pfeilzeichen gemeinten Sachverhalt hat, helfe uns auf die Sprünge. Wie dem auch sei. Aber das Geräusch, das identisch ist mit dem wohlartikulierten Laut, hat keine Ähnlichkeit mit dem gemeinten Sachverhalt.

Daraus schließen wir einen semantischen Grundzug, nämlich, daß der Grundsatz „similia similibus“ nicht für die Bedeutungserschließung gilt. Oder: Bedeutungen können uns nicht in homöopathischen Dosen verabreicht werden.

Wir drücken uns andeutend aus, doch kommen wir nicht umhin, es so zu sagen, indem wir sagen:

Das Bild steht uns plötzlich als Ganzes vor Augen, die Sprache ist uns mit einem Male als Ganzes erschlossen.

Wenn das Bild, dann auch der Sehende, wenn die Sprache, dann auch der Sprechende. Auch hier kommen wir nicht umhin, uns andeutend auszudrücken, indem wir sagen:

Wir sind uns plötzlich oder unsere Existenz ist uns mit einem Male zur Gänze erschlossen.

Die Erfahrung, man selbst zu sein, kann nicht in homöopathischen Dosen verabreicht werden. Sie ist demnach auch nicht die Resultante oder Steigerung einer zunehmenden Komplexion, als wären wir uns zunächst dämmernd unserer selbst inne, dann wüchse das Selbstgefühl, wenn wir öfter als ein Gegenüber angesprochen werden und das Gegenüber als uns ähnliche Ichinstanz ansprechen.

Wir verstehen das Gebilde nicht als Pfeilzeichen, wenn es größer wird und zu einer grelleren Farbe wechselt oder uns einer einhämmert: „Das ist ein Richtungshinweis!“, wenn wir nicht wissen, was ein Zeichen oder ein Hinweis ist.

Jedes Zeichen ist eine Abbreviatur oder ein Kryptogramm dessen, der es erblickt, dessen, der es ausspricht, dessen, der es versteht.

Wir halten fest: Das Ego Cogito oder Selbstbewußtsein ist gleichursprünglich mit dem Zeichen. Denn weder gibt es ein zeichenloses Ich noch ein ich- oder bewußtloses Zeichen.

Wenn wir das geometrische Gebilde als Pfeilzeichen verstehen, wissen wir unmittelbar (nicht durch deduktive Zwischenstufen vermittelt), daß es ein Stellvertreter unserer Subjektposition ist oder daß wir in seine Richtung gehen sollen, nicht in die entgegengesetzte. Wir wissen, wenn wir ein Zeichen lesen, daß wir es so lesen sollen, wie es gemeint ist, und nicht anders. Und wenn es ein zweideutiges Zeichen ist, können wir es eben in mehrfachem Sinne lesen und gebrauchen.

Mit der Tatsache, daß es so gemeint ist und nicht anders, drücken wir den Grundzug des Logischen aus. Der Grundzug des Logischen besteht in der Einsicht, daß die Negation des Gemeinten falsch und die Negation des Falschen richtig ist.

Wir halten fest:

1. Semantik und Bewußtsein stehen in einem immanenten Zusammenhang.
2. Semantik und Logik stehen in einem immanenten Zusammenhang.
3. Folglich stehen sowohl Semantik als auch Logik mit dem Bewußtsein in einem immanenten Zusammenhang.

Wenn wir wissen oder voraussetzen, daß etwas so gemeint ist, wissen wir unmittelbar (und nicht durch deduktive Zwischenstufen vermittelt), wie es nicht gemeint ist. Das Meinen geht auf den Pfaden des Logischen. Das Logische ist die Form oder Struktur des Meinens.

Aber Meinen oder Zeichen gebrauchen oder verstehen ist ein Tun und Handeln. Das zeigt sich darin, daß wir dasselbe Zeichen benutzen, wenn wir dasselbe meinen. Es zeigt sich auch darin, daß wir mit derselben Handlung auf dasselbe Zeichen antworten: Ich gehe nach rechts und nicht in die vom Pfeilzeichen abgewandte Richtung.

Die Person, die das Pfeilzeichen richtig versteht, ist dieselbe Person, die nach rechts geht.

Doch kann ich dem Pfeil auch nicht folgen, wenn ich es mir anders überlegt habe. Das Befolgen des Zeichens ist in diesem Falle weder ein konditioniertes noch ein regelgeleitetes Verhalten.

Dagegen ist das Lesen des Zeichens richtig oder falsch. Doch auch wenn es falsch war, war es ein Lesen. Und es ist Lesen, nicht weil wir einer semantischen oder konventionellen Regel folgen, wie der, nach rechts zu gehen, wenn der Pfeil in diese Richtung weist. Lesen ist es, weil der Lesende in seiner Subjektposition gemeint ist und sich als solcher versteht.

Hier könnte man einwenden: Wir lernen doch lesen und den korrekten Umgang mit den Zeichen, wir lernen eine Muttersprache und darüber hinaus andere Sprachen sowie künstliche Systeme von Signalen und Symbolen, wie konventionell gebrauchte Farbsymbole, gebrauchen.

Wir meinen aber dies: Wer auf der Wanderkarte am Waldrand das Pfeilzeichen als Hinweis auf SEINEN Standort zu lesen versteht, hat sich richtigerweise als Nullpunkt der Orientierung identifiziert, auf den hin er alle anderen Zeichen und Verweise ordnend bezieht.

Wir können demnach keine Zeichen setzen oder verstehen, wenn wir sie nicht auf den Nullpunkt unseres Koordinatensystems beziehen, uns selbst.

Gewiß lernen wir „ich“ zu sagen oder ein anderes konventionelles Zeichen mit derselben Bedeutung zu verwenden. Doch wir können nicht lernen, wir selbst zu sein, wir sind es oder sind es nicht. Das Ich ist kein mehr oder weniger komplexes Quantum, sondern ein ontologisch einfaches oder atomares Totum.

„Ich“ zu sagen ist lernbar, Ich zu sein nicht.

Ein Ich zu sein ist die Voraussetzung dafür, Zeichen richtig oder falsch zu verwenden, richtig oder falsch zu verstehen.

Gewiß lernen wir die Zeichen von anderen, allen voran die sprachlichen Zeichen von den Eltern. Aber die ontologische Voraussetzung dafür, von anderen die Zeichen zu lernen, ist es, sie auf uns als den Nullpunkt der subjektiven Existenz zu beziehen.

Wir lernen von den Mitgliedern der Sprachgemeinschaft „ich“ zu sagen, aber wir lernen nicht von ihnen, ein Ich zu sein.

Das zeigt sich an der Negation: Wenn wir wissen, daß eine bestimmte Handlung uns rechtens und korrekt zugeschrieben wird, wissen wir implizit und nicht aufgrund von Erfahrung, daß dieselbe Handlung nicht zugleich und mit derselben Bedeutung einem anderen zugeschrieben werden kann.

Wir haben „Ja“ gesagt und unter bestimmten Kontextbedingungen dieser Aussage gilt sie für ein Versprechen, die Besiegelung eines Vertrages oder eines Bündnisses. Wir wissen damit implizit, daß kein anderer unsere Subjektposition einnehmen oder uns bei den wesentlichen Handlungsfolgen dieser Sprechhandlung vertreten kann. Wir waren und sind stets frei, nein zu sagen (oder den Mund zu halten). Aber wir sind nicht frei darin, wir selbst zu sein, sondern müssen für die Folgen unserer freiwillig eingegangenen Verpflichtungen geradestehen.

Die Position des Subjekts oder der ontologische Nullpunkt der Existenz ist der Grund unserer Freiheit, so sehr sie auf das Feld der beabsichtigten Folgen unserer Zusagen und Verpflichtungen auch immer eingeschränkt sein mag.

Wir können nicht jemandem etwas versprechen und gleichzeitig demselben etwas in derselben Hinsicht verweigern (geschweige denn so tun, als sei nichts geschehen). Das Logische zeigt sich hier in seinem Grundzug als Bedingung der Konsistenz von Handlungen, und wir gehen nicht zu weit, wenn wir festhalten, es sei die in unserer Subjektposition eingeschlossene netzförmige Struktur all unserer Optionen zu reden und zu handeln.

Die Identität der Bedeutung und die Negation sind die formalen Vektoren, die unsere Optionen im logischen Netzwerk der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, zu reden und zu handeln, ausrichten.

Das logische Netzwerk ist der Rahmen und die Grenze unserer Freiheit. Wären wir rechengeleitete Automaten, die automatisch unter den spezifischen Kontextbedingungen ja sagen, wenn diese den Sprechakt des Versprechens definieren, weshalb sollten wir dafür haftbar gemacht werden, wenn unsere Automatismen versagen oder unsere implementierten Programme auf eine für uns unvorhersehbare Weise so funktionieren, daß wir das Zugesagte nicht durch bestimmte Folgehandlungen einlösen?

Weil logische Konsistenz unseren Handlungs- und Redespielraum durchschneidet und vermißt, unterscheiden wir uns von den Tieren in genau der Hinsicht, daß das Logische sich nicht als Funktion unkonditionierten oder konditionierten Verhaltens ableiten läßt. Die psychische Disposition, unangenehme Wahrnehmungen und Erfahrungen zu vermeiden, wird mittels auf Vermeidung ausgerichteter Verhaltensanpassungen unser Handeln im Falle der Zusage zu einem Versprechen nicht von ihrer logischen Konsistenz ablenken, die uns auch unangenehme Erlebnisse mutig oder geduldig auf uns zu nehmen verpflichtet, um schließlich unser Versprechen dennoch einzulösen.

Wenn wir das Gehirn als komplexe Maschine oder rechengeleiteten Automaten zur Erzeugung an die Lebensbedingungen angepaßter Informationsverarbeitung und Verhaltenssteuerung auffassen, ergibt sich aus dieser Sachlage unmittelbar die Konsequenz, daß wir als subjektive Existenz nicht mit unserem Gehirn identisch sind. Gehirne sind keine logischen Maschinen, wie man meinen könnte, noch sind sie in der Lage, Zeichen zu generieren und zu interpretieren, wie man ebenfalls leichtgläubig anzunehmen geneigt ist. Wenn uns ein interner Nervenreiz veranlaßt, das geliehene Geld, das wir zur Erfüllung unseres Versprechens morgen unserem Freund zurückerstatten wollen, für einen schnellen, aber teuren Genuß auszugeben, können wir diesen Impuls verdrängen, nicht weil ein widerstreitender Nervenreiz wie die Vermeidung von Unlust in Form der zu erwartenden Sanktion obwaltet, sondern aus logischen Gründen, denen wir freiwillig folgen, um unser Handeln in einen sinnvollen Rahmen einzubetten.

Nur weil wir in der Lage sind, das Pfeilzeichen auf der Wanderkarte als Stellvertreter unserer Subjektposition zu identifizieren und zu lesen, verschaffen wir uns die Übersicht und Orientierung, um unseren Weg fortzusetzen und aus dem Wald schließlich wieder nach Hause zu finden.

Aug 23 17

Terzinen über Bruckners siebte Sinfonie

Ihr weichen Klänge wollt wie Tränen gleiten,
die an gesenkter Wimper lange beben,
in euch will alle Einsamkeit sich weiten.

Ihr seid der stillen Gottheit Liebesweben,
das uns bestrickt mit lichten Rosen-Schauern,
das dürre Herz dem Regen hinzugeben.

Ihr seid das Rieseln in den Festungsmauern,
im Wetterleuchten eurer Jubelstimmen
kann banger Widersinn nicht dauern.

Ihr seid das Schwirren heimgekehrter Immen,
die ihren Honig in die Waben senken,
die Mulden unsrer kargen Heide glimmen.

O Klänge, die Verirrten Heimkehr schenken.

 

Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=2X2bbusaOzI

 

Aug 23 17

Terzinen von den späten Schauern

Wer ging durch deinen Traum zur Morgenstunde
und goß den Wein des Abschieds auf die Schwelle
und wessen Essig tropfte in die Wunde,

daß ihrem Blut entsproß die bittre Helle?
Gewitterlicht graut dir von Wolkenlasten,
in keines Tieres Lende klafft die Delle,

den Zapfen deines Wachseins einzurasten.
Die Blitze müssen sich im Wort entladen,
und es quillt auf wie Humus aus den Basten.

Wenn dich entblößen rauher Lüfte Gnaden
von letzten Fetzen angeklebten Lallens,
erquicken Schauer dich auf stillen Pfaden.

O sei erhöht ins Dunkel leisen Fallens.

 

Aug 22 17

Terzinen vom vertanen Abschied

Der frühe Schnee erlischt auf stummen Hügeln,
ein Hauch verbrämt den Abschied unter Flocken,
du zitterst, zögerst unter dünnen Flügeln.

Kann dich das Wehen nicht zum Fluge locken,
wenn auf dem öden Wasser Schollen treiben,
verbrauchte Farben auf den Schilfen stocken,

ihr Lebewohl die Reiher südwärts schreiben?
Verlieg dich nicht auf schmaler Sehnsucht Kissen,
als könnte Sternenlicht dich neu verleiben.

Du wirst, ein ungelesner Brief, zerrissen,
wenn Düfte in dein kahles Träumen dringen
aus jenen Gärten mit den Gold-Narzissen.

O reiß dir Federn aus des Dämons Schwingen!

 

Aug 21 17

Terzinen vom mütterlichen Bild

Das Blüten-Sinnbild ragt aus Dickichts Grauen,
es sagt, von späten Strahlen bunt gestaltet,
den Duft der Wehmut in die öden Auen.

Der warme Schoß, im Gram noch nicht erkaltet,
das edle Blut kann sein Geheiß empfangen,
wenn weiche Schale ihm die Frucht entfaltet.

Kein Fremdling darf ins Feenreich gelangen,
denn es sind Küsse früh gewiegter Lieder,
woran sich wunders röten deutsche Wangen.

Und kindlich schlägt die Augen Liebe nieder
vor einer Mutter dankbeglänzten Tränen,
hört heimatlich den Reim sie nennen wieder.

Wer rettet ihn vorm Heulen der Hyänen?

 

Aug 21 17

Terzinen von Ariels Vertreibung

Die Träume hängen noch wie Spinnenweben
im ungekämmten Haar, wie weiche Daunen
an aufgebrochnen Eierschalen kleben,

umflüstern deine Locken sie, die braunen,
wie Federküsse, geistbehauchte Schwingen,
will Ariel den müden Mund umraunen.

Doch mußt du sie mit Seifenschaum auswringen,
mit feuchtem Lappen aus den Augen waschen,
mit deinem Kamm in gerade Linie zwingen.

Dir bleiben von den Feen nur die Aschen,
die unterm dumpfen Tritt des Tages stieben,
die Küsse zappeln in den Phrasen-Maschen.

Das Bildschirmlicht hat Ariel vertrieben.

 



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