Paul Valéry, Au Bois Dormant
La princesse, dans un palais de rose pure,
Sous les murmures, sous la mobile ombre dort,
Et de corail ébauche une parole obscure
Quand les oiseaux perdus mordent ses bagues d’or.
Elle n’écoute ni les gouttes, dans leurs chutes,
Tinter d’un siècle vide au lointain le trésor,
Ni, sur la forêt vague, un vent fondu de flutes
Déchirer la rumeur d’une phrase de cor.
Laisse, longue, l’écho rendormir la diane,
Ô toujours plus égale à la molle liane
Qui se balance et bat tes yeux ensevelis.
Si proche de ta joue et si lente la rose
Ne va pas dissiper ce délice de plis
Secrètement sensible au rayon qui s’y pose.
Im schlafenden Wald
Die Prinzessin schläft im Schloss der reinen Rose
unter Geflüster, unter leichter Schatten Schwingen,
aus Korallen hauchen Stimmen, schwerelose,
und selig picken Vögel an ihren goldenen Ringen.
Sie hört die Tropfen nicht in ihrem Fall,
von ferne läuten nicht der leeren Zeiten Hort
noch überm Blättermeer der Flöten lauen Hall
zerstieben eines Waldhorns stockenden Akkord.
Lass Echo schläfern ausgestreckt Diane,
O immer einiger mit schmeichelnder Liane,
die wiegt sich, trifft dein Auge unter Blättern.
So nahe deiner Wange, Rose, die so träge schaukelt,
wird nicht der Falten Wonne dir zerschmettern,
geheimen Sinnes mit dem Strahle, der dort gaukelt.
Paul Valéry, César
César, calme César, le pied sur toute chose,
Les poings durs dans la barbe, et l’œil sombre peuplé
D’aigles et des combats du couchant contemplé,
Ton cœur s’enfle, et se sent toute-puissante Cause.
Le lac en vain palpite et lèche son lit rose ;
En vain d’or précieux brille le jeune blé ;
Tu durcis dans les nœuds de ton corps rassemblé
L’ordre, qui doit enfin fendre ta bouche close.
L’ample monde, au delà de l’immense horizon,
L’Empire attend l’éclair, le décret, le tison
Qui changeront le soir en furieuse aurore.
Heureux là-bas sur l’onde, et bercé du hasard,
Un pêcheur indolent qui flotte et chante, ignore
Quelle foudre s’amasse au centre de César.
Caesar
Caesar, ruhiger Caesar, deinen Fuß auf allen Dingen,
im Bart die harten Fäuste, im dunklen Auge hängen
Adler und Schlachtenbilder von Sonnenuntergängen,
es schwillt dein Herz und fühlt, es könne alles zwingen.
Vergebens wogt der See und züngelt sich zu Rosen vor.
Umsonst glänzt junges Korn in goldner Pracht.
Du straffst mit Knoten in des Leibs geballter Macht
die Order, die Axt für deines Munds verschlossnes Tor.
Der Weltkreis, Fernen, wo alle Linien verschwimmen,
das Reich, es wartet auf Strahl, Dekret und Scheites Glimmen,
zu stürzen diesen Abend in Morgenrotes Zorneslicht.
Dort unten vom Glück gewiegt, der Welle wandelbar,
treibt dumpf ein Fischer und er singt, er weiß nicht,
welch ein Blitz sich staut in deiner Mitte, Caesar.
Paul Valéry, Naissance de Vénus
De sa profonde mère, encor froide et fumante,
Voici qu’au seuil battu de tempêtes, la chair
Amèrement vomie au soleil par la mer,
Se délivre des diamants de la tourmente.
Son sourire se forme, et suit sur ses bras blancs
Qu’éplore l’orient d’une épaule meurtrie,
De l’humide Thétis la pure pierrerie,
Et sa tresse se fraye un frisson sur ses flancs.
Le frais gravier, qu’arrose et fuit sa course agile,
Croule, creuse rumeur de soif, et le facile
Sable a bu les baisers de ses bonds puérils;
Mais de mille regards ou perfides ou vagues,
Son oeil mobile mêle aux éclairs de perils
L’eau riante, et la danse infidèle des vagues.
Geburt der Venus
Aus mütterlicher Tiefe, frostiges Gewitter,
auf blanker Schwelle dort des Sturms, vom Gischt
das Fleisch so bitterlich zur Sonne ausgezischt,
verschüttet Diamanten sie, des Wirbels Flitter.
Ihr Lächeln kommt, es gleitet hin zu weißen Händen,
von gequetschter Schulter Morgenland fließt Tau,
der feuchten Thetis edler Perlen-Bau,
ihr Zopf bahnt einen Schauer um die Lenden.
Der kühle Kies, ihn netzt ihr Fuß zur Flucht gewandt,
gibt nach, die Höhlen seufzen Durst, der Sand
hat ihrer kindlichen Sprünge Küsse getrunken.
Doch tausend Blicke, harter oder weicher Glanz,
ihr reges Auge mischt unter die Schreckensfunken
des Lächelns Feuchte und treulosen Wogen-Tanz.
Paul Valéry, Féerie I
La lune mince verse une lueur sacrée,
Toute une jupe d’un tissu d’argent léger,
Sur les bases de marbre où vient l’Ombre songer
Que suit d’un char de perle une gaze nacrée.
Pour les cygnes soyeux qui frôlent les Roseaux
De carènes de plume à demi lumineuse,
Elle effeuille infinie une rose neigeuse
Dont les pétales font des cercles sur les eaux…
Est-ce vivre?… Ô désert de volupté pamée
Où meurt le battement faible de l’eau lamée,
Usant le seuil secret des échos de cristal…
La chair confuse des molles roses commence
À frémir, si d’un cri le diamant fatal
Fêle d’un fil de jour toute la fable immense.
Feerie I
Der schmale Mond wirft einen Heiligenschein,
einen Rock aus Silberfäden leicht gewebt,
aufs Marmorsims, wo träumend eine Jungfrau schwebt,
Perlen- und Gaze-Schimmer hüllt sie ein.
Den seidnen Schwänen, die mit der Kiele Flaum,
halb in Licht getaucht, streifen Schilfes Rohr,
zupft sie unendlich einer Rose schneeigen Flor,
und auf dem Wasser kreist der Blütenschaum.
Heißt das Leben? … O Wonne Wildnis, blass und blasser,
wo stirbt das vage Pulsen golddurchwirkter Wasser
und hat kristallnen Echos geheime Schwelle überrannt.
Das Fleisch der weichen Rosen rings zerstreut es fängt
zu zittern an, als schneide Schicksals Diamant
des Tages Faden durch, woran das ganze Wunder hängt.
Paul Valéry, Féerie II
La lune mince verse une lueur sacrée,
Comme une jupe d’un tissu d’argent léger,
Sur les masses de marbre où marche et croit songer
Quelque vierge de perle et de gaze nacrée.
Pour les cygnes soyeux qui frôlent les roseaux
De carènes de plume à demi lumineuse,
Sa main cueille et dispense une rose neigeuse
Dont les pétales font des cercles sur les eaux.
Délicieux désert, solitude pâmée,
Quand le remous de l’eau par la lune lamée
Compte éternellement ses échos de cristal,
Quel coeur pourrait souffrir l’inexorable charme
De la nuit éclatante au firmament fatal,
Sans tirer de soi-même un cri pur comme une arme?
Feerie
Der schmale Mond wirft einen Heiligenschein,
wie einen Rock aus Silberfäden leicht gewebt,
aufs Marmorsims, wo träumend eine Jungfrau schwebt,
Perlmutt- und Gaze-Schimmer hüllt sie ein.
Den seidnen Schwänen, die mit der Kiele Flaum,
halb in Licht getaucht, das Schilf umkosen,
pflückt sie, streut sie aus den Schnee der Rosen,
und auf den Wassern kreist der Blütenschaum.
Holde Wildnis, Einsamkeit in Traum zerflossen,
da vom Mond mit Glimmerlahn durchschossen
ewig zählen Wellen ihre Echos aus Kristallen,
wer ertrüg den gnadenlosen Zauber solch
einer Nacht, wenn Sterne schicksalhaft zerfallen,
und zückte aus sich nicht blanken Schreies Dolch?
Laub von Schatten
Laub von Schatten
rankt
dem Efeu gleich
am schmalen Fenster
schlängelt
durch die Gitterstäbe
Blaue Früchte
klopfen
im Abendhauch
wie alten Flehens
Hände
an das Glas
woran ein Auge
heller Tropfen
blitzt
Blume die gezittert
auf dem Wasser
unterm Kuß des Lichts
und der Mund der Tiefe
seufzte
schließt die Knospe
um ein Herz
das nicht träumt
Auf der Schwelle
sitzt ein Kind
ausgerollt dämmert
bunt der Ball
noch feucht vom Tau
geknickter Gräser
Die es rief
Stimme aus dem Laub
der Schatten
sank
ein Glitzern am Blatt
dem Efeu gleich
hinab zur stummen Erde
Schwarze Ziffern
streuen Samenkapseln
in den Schnee des Monds
Keine Seele kommt
und liest
Abendblaue Knospe
schließt sich
um ein Herz
das nicht schläft
Lacrimosa
Lacrimosa dies illa
Qua resurget ex favilla
Judicandus homo reus.
Huic ergo parce, Deus.
Pie Jesu Domine,
Dona eis requiem.
Amen.
Jener Tag wird Tränen sehen,
wenn aus Aschen auferstehen,
Menschen vor dem Richter beben.
Laß, Gott, deine Engel schweben.
Jesus, Herr du mild und weich,
Laß sie ruhn in deinem Reich.
Amen.
Mozart, Requiem:
https://www.youtube.com/watch?v=mhYCaQkbkyw
Paul Valéry, Orphée
Je compose en esprit, sous les myrtes, Orphée
L’Admirable!… le feu, des cirques purs descend;
Il change le mont chauve en auguste trophée
D’où s’exhale d’un dieu l’acte retentissant.
Si le dieu chante, il rompt le site tout-puissant;
Le soleil voit l’horreur du mouvement des pierres;
Une plainte inouïe appelle éblouissants
Les hauts murs d’or harmonieux d’un sanctuaire.
Il chante, assis au bord du ciel splendide, Orphée!
Le roc marche, et trébuche; et chaque pierre fée
Se sent un poids nouveau qui vers l’azur délire!
D’un Temple à demi nu le soir baigne l’essor,
Et soi-même il s’assemble et s’ordonne dans l’or
À l’âme immense du grand hymne sur la lyre!
Orpheus
Geist dichtet unter Myrten mir Orpheusʼ Wunderglanz,
und Feuer rinnt von reinen Kuppeln nieder.
Er legt auf kahlen Gipfel seinen Siegeskranz,
da wölken eines Gottes hohe Lieder.
Der Gott singt und die Allmacht-Mauer birst.
Die Sonne sieht das Grauen, wie sich regt Gestein.
Nie gehörte Klage bannt auf hohen First
einem Heiligtume Goldes Zauberschein.
Er singt am Himmelsufer lichtumspült,
Orpheus! Fels wandert, wankt, ein jeder Stein, er fühlt
die Fee der leichten Last ins hohe Blau entrückt!
In einen Tempel halbentblößt Abend taucht den Flug,
sich selber sammelt, weiht er in den goldenen Fug
der Riesenseele, die dem Lied der Leier glückt!
Paul Valéry, La Fausse Morte
Humblement, tendrement, sur le tombeau charmant
Sur l’insensible monument,
Que d’ombres, d’abandons, et d’amour prodiguée,
Forme ta grâce fatiguée,
Je meurs, je meurs sur toi, je tombe et je m’abats,
Mais à peine abattu sur le sépulcre bas,
Dont la close étendue aux cendres me convie,
Cette morte apparente, en qui revient la vie,
Frémit, rouvre les yeux, m’illumine et me mord,
Et m’arrache toujours une nouvelle mort
Plus précieuse que la vie.
Die Schein-Tote
Ergeben, zärtlich, auf dem bezaubernden Grabmal,
ein Denkstein weiß von keiner Qual,
dessen Schatten, hingestreute Liebeszeichen
deiner Anmut Blässe gleichen,
dort sterbe, sterbe ich auf dir, ich stürze ein,
doch kaum gesunken auf des Grabes Stein,
da seine schmale Pforte mich zur Asche winkt,
erscheint die Tote, in die frisches Leben dringt,
erbebt, ihr Lid geht auf, ihr Biss, er macht mich rot
und reißt aus mir nur immer neuen Tod,
der mehr als Leben Fülle bringt.
Paul Valéry, Un feu distinct
Un feu distinct m’habite, et je vois froidement
La violente vie illuminée entière…
Je ne puis plus aimer seulement qu’en dormant
Ses actes gracieux mélangés de lumière.
Mes jours viennent la nuit me rendre des regards,
Après le premier temps de sommeil malheureux ;
Quand le malheur lui-même est dans le noir épars
Ils reviennent me vivre et me donner des yeux.
Que si leur joie éclate, un écho qui m’éveille
N’a rejeté qu’un mort sur ma rive de chair,
Et mon rire étranger suspend à mon oreille,
Comme à la vide conque un murmure de mer,
Le doute, — sur le bord d’une extrême merveille,
Si je suis, si je fus, si je dors ou je veille ?
Helles Feuer
Ein helles Feuer wohnt in mir, der fröstelnd sieht
des Lebens strenge Macht im Lichte ganz entblößt.
Ich kann nur lieben noch, wie mir im Schlaf geschieht,
die Anmut seines Spiels, im Glanze aufgelöst.
Die Tage schenken Blicke meiner Nacht erneut
nach ersten Schlummers schwerem Unheilsbeben.
Hat sich das Unglück willig in die Nacht verstreut,
dann kehren sie, mir Leben, Augen mir zu geben.
Bricht ihre Freude auf, hat Echo das mich weckt
nur einen Toten ans Ufer meines Fleischs gespült,
und eignes Lachen fremd hat mir ans Ohr geheckt,
wie in die leere Muschel Meeres Murmeln wühlt,
den Zweifel – an einem Strand, von Feenschaum beleckt:
Bin da ich, war ich, wach ich, hat mich Traum geneckt?
Schick Deinen Engel Herr
Schick Deinen Engel Herr
jenen leisen
dessen Flügelspitzen
Tau gestreift
silbern am Gesträuch
der Dämmerung
da Seine Aura
auf Tabors Gipfel
schwebte
Schick mir diesen Herr
daß er mir das Grauen
greller Bilder
trüber Träume
von den Lidern hauche
Schick Deinen Engel Herr
jenen jungen
der seine Fackel
in der Wolke Wohlgeruch
getaucht
von Gewürz und Ölen
als die Schöne
milden Sinns
Sein Haupt gesalbt
Schick mir diesen Herr
daß er mir die Fäulnis
welker Worte
Lügenpusteln
von den Lippen brenne
Schick Deinen Engel Herr
jenen kessen
der einen Apfel stahl
der aus übervollen Körben fiel
beim Hochzeitsmahl
zu Kanaan
und er schmeckte
Schick mir diesen Herr
daß er in die Lücke
meines Verses
blassen Reimes
eine goldne Locke drücke
Schick Deinen Engel Herr
jenen sanften
der mit Tränen harrte
und lehnte eines Flügels
weißes Beben
an den hohen Stein
des Felsengrabs
Schick mir diesen Herr
mein Gesicht zu hüllen
mit seiner kühlen Schwinge
daß unter Seufzern
eines Herzens
das verklingt
sein Flaum
noch bausche
Lebenslied verrinnt
Züngelt
flackert
die Flamme
wie das Wachs der Kerze
schmilzt
wie es weich
an den Seiten niederrinnt!
Wie es rinnt
und sich am Grund
in ungestalten Formen
neu verhärtet
unförmig
ungestalt!
Ist das Mark
durchweicht
schwimmt der Docht
im Sud der Leere
kann tauber Finger
sinkende Glut
nicht auf die Kuppe heben!
Rinnst
Lied des Lebens
rinnst du so
aus dem Brunnenmund
an Steines
schwarzer Wange
rieselnd
deinen Glanz vertröpfelnd
und verschluchzt
da drunten
fern vom Widerhall
von Blatt und Stirn
in grauen Lachen
die kalter Hauch
verharscht
unter Disteln stäubt
und Dorngestrüpp?
Wessen Hand
aufgewölbtes
Rosenblatt
finge denn
die Tropfen auf
Wasser
der Erinnerung?
Schon ist die Schmerz-Triole
Nachtvogels
nächtigste
Entäußerung
schwarzer Sonne
Schaum des Winds
auf der Birke
fahler Haut
hinabgeseufzt!
Und das Wort
das mich dir gab
das Wort
das dich mir gab
hat kaum das Auge
aufgeschlagen
blendet es
hohen Schicksals
Blitz
oder das fremde Auge
eines Leuchtturms
der schon wankt
und im Morast
versinkt
O der Kelch
den schöne Hand
ins Licht der Wunde hielt
und füllte sich mit Licht!
O das Tuch
das scheue Hand
dem Schmerzensantlitz lieh
und seiner groben Fasern
Dunkelheit
sog auf das lichte Bild!
Welches Blatt
finge denn
die Tränen auf?
Welche Hand
Wasser der Erinnerung?
Paul Valéry, L’Abeille
Aus: Charmes
Quelle, et si fine, et si mortelle,
Que soit ta pointe, blonde abeille,
Je n’ai, sur ma tendre corbeille,
Jeté qu’un songe de dentelle.
Pique du sein la gourde belle,
Sur qui l’Amour meurt ou sommeille,
Qu’un peu de moi-même vermeille,
Vienne à la chair ronde et rebelle !
J’ai grand besoin d’un prompt tourment :
Un mal vif et bien terminé
Vaut mieux qu’un supplice dormant !
Soit donc mon sens illuminé
Par cette infime alerte d’or
Sans qui l’Amour meurt ou s’endort !
Die Biene
Dein Stachel, ist er noch so dürr,
trägt, blonde Biene, Schicksalsfracht,
mein Bienenkorb wölbt zarte Tracht
aus Spitzentüll und Traumgewirr.
Stich in den schönen Kelch der Brust,
wo Liebe liegt im Schlaf, im Tod,
daß rinne mir ein hohes Rot
auf meines Fleisches runde Lust!
Ich brenne nach der raschen Qual,
die helle Pein, die schnell vergeht,
geht über dunkles Wundenmal!
So sei mein Sinnen lichtumweht,
von flinker Flügel Gold bedroht,
sonst schläft die Liebe, ist sie tot!
Blumenschale
Blumenschale
holdes Wölben
transparenter Hand
der das Wasser
aus dem Brunnenmunde
sang
ein Traum von Ebenmaß
ein Knospenkelch
aus reinem Glas
gelang
in stiller Schöpferstunde
Und bricht
durch ihre Spiegelwand
in Farbendunst
das Morgenlicht
füllt ihr Sein sich voller
mit dem Überhang
der Liebesgunst
weißer gelber Blütenblätter
auch wenn Schatten wirren
Blatt und Halm
auch wenn Tränen
an den Wimpern flirren
und sie rinnen
und sie fallen
aus der Schale
auf das harsche Linnen
wo im Blau
der Winternacht
blinder Tau
sie frieren
Hebt
ein Wort der reinen Kunst
sie auf seinen Blütenrand
wird ihr Glanz
sich nicht verlieren
Auch wenn Keim
und Duft
im dämmernden Zimmer
schon verweht
leuchtet
bis die Nacht vergeht
leiser Schimmer
in der Blumenschale
saugt ein Falter
leiser Reim
vom Munde der Narzisse
letzte Küsse
Leiser Sang XX
Strahl hat dich geweckt
aus dem Schilf des Schlafs
Vogel sang
auf schwankem Halme
Blaue Zunge hat geleckt
an deiner Wange Wind
Du gehst die alten Wege
Wasser
hat sie vorgebahnt
frühen Liedes Rauschen
vom Nebeltal
über Moos und bange Stege
in den hohen Wald
am Licht der Quelle
zu lindern
deine dunkle Qual
Und du steigst
zur Wolkenhelle
auf mit Lerchen
die im Mittag schweben
barfuß auf warmem Stein
zu stehen
am Kräuterduft
dem zarten
dich zu laben
der Lieben zu gedenken
die am Strome leben
oder unter stillen Veilchen
warten
auf ein Wiedersehen
die das Brot dir gaben
und den edlen Wein
des Gesanges
Und dir träumt
wie deiner Lippen Hauch
in scheuer Blätter Wehen
ihnen Trost mag schenken
ganz umsäumt
von Flocken
weißer Schlehen
Und du harrst
einsam vor den Gittern
eines Bildstocks
der Passion
wo die späten Rosen
ranken
wo die letzten Schatten
zittern
Und aus dunklem Grunde
tönen dem verlornen Sohn
Abendglocken
wie ein fernes
frohes Danken
Leiser Sang XIX
Auf Herbstes kargen Hügeln
Feuer
als versprühten
im Sterben aufgereckte
Seelen
stumme Schreie
Welke Blätter
rote Zungen
die sich einwärts krümmen
ausgesungen
Du erblickst
vom Schatten-Garten
feucht und kalt
das Verschwelen
zarter Aschen
auf den Hügeln
Du hörst
unter wolkenmüden
Schatten-Schwingen
toter Hölzer
Purpurrippen
singen
Und schon bald
rinnt dein Warten
loser Staub
aus Mohnes
schwanker Kapsel
Was auf deinen Wangen
was auf deinen Lippen
früh geblüht
holdes Bangen
süßes Stammeln
ist verglüht
Die Morgenlicht
betaut
Duft verströmte
blonde Locke
ist ergraut
Rätselleise
ist der Schmerz
hinabgetropft
in roten Blattes
dürre Schneise
Auf die schwarze Erde
klopft
vergällte Frucht
Bläst der Wind
in Scheite
die zerbröckeln
stieben
aus dem Grab erwacht
Geister-Funken
in die leere Weite
vor das dunkle Tor
Dann ist alles
was dein Schauen hob
was dein Hauch beschwor
in die Nacht gesunken
Nacht
o tränenlose
schwarze Rose
Laudate Dominum
Laudate Dominum omnes gentes
Laudate eum, omnes populi
Quoniam confirmata est
Super nos misericordia eius,
Et veritas Domini manet in aeternum.
Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto.
Sicut erat in principio, et nunc, et semper.
Et in saecula saeculorum.
Amen.
Lobet den Herren, alle Stämme,
Lobet ihn, ihr Völker alle,
Denn ausgegossen ist
sein Erbarmen über uns,
des Herren Wahrheit bleibt in Ewigkeit.
Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit,
in Ewigkeit.
Amen.
Wolfgang Amadeus Mozart:
https://www.youtube.com/watch?v=rbWq6rWv2I4
Leiser Sang XVIII
Blaue Übergänge
weiße Blütensterne
Flieder und Jasmin
Seufzer kaum zerronnen
Brunnen und Zisterne
Sanften Blickes Anemonen
kühlen Duftes Rosmarin
Wo dichterisch
Wurm und Falter wohnen
ist die Klage
goldner Abendrand
am Blumenbecher
ausgegossner Tage
O roten Mohnes
mitternächtige Sonnen
Weißdorns schnee-
verwehte Überhänge
Veilchen scheinen
deinem Dunkel
Veilchen weinen
deinem Schmerz
Weide hingesunken
in das Schattengras
Biene hat getrunken
aus dem Rosenherz
Dunkler Glanz im Moos
Heller Tau
an Flockenblumenwimpern
Farne lassen
in die schmale Falte
deines Zweifels
reinen Glaubens
Sporen los
Leiser Sang XVII
Ruhig teilen
Adlerschwingen
Morgenluft
Flügel-Schrift
auf blauen Grundes
uferloser Drift
Teichen unterbricht
die Dunkelheit
in Wellen-Ringen
Morgenlicht
Gehen wir in Kreisen
um denselben Ort?
Sagen uns die Weisen
die vom Ursprung tranken
das geheime Wort
Flügelpaares
Ein-Gedanken?
Wie um Sonnen
Erden wirbeln
Sonnen-Gischt
an Finsternisse
toter Riffe
schäumt
hat Wortes Rose
Schatten
stummer Falter
Bienen-Tau
geträumt
Fließen
Sehnsucht-Wasser
wir ins Grenzenlose?
Engt unsren Gang
um Blütenränder
Windes Strähnen
dunkler Drang
Blumen-Schoß
Abschiedstränen
hinzugießen
uns in Seufzern
zu entselbsten?
Immer enger
schließen
Adlerschwingen
Kreis um Kreise
bis ein Pfeil
zur Erde schnellt
Und die Träne
fällt
sie welkem Duft anheim?
Weckt sie
in den Klüften
neuen Wortes
zarten Keim?
Leiser Sang XVI
Gipfelschnee
entrückter Glanz
Mondes stiller Gang
weiße Orchidee
Bergkristall
gefrornes Licht
Hörst den blauen Klang
du nicht?
Alpenrosen
Liebeszittern
unter Tropfen
und Gewittern
Und du säumst
im Staub
und du träumst
in Mauern
von den Schwingen
von den Fluchten
und in Dämmers Laub
lächeln dir
die fernen Buchten
Siehst du nicht
an schmalen Gittern
loser Winden
leises Zittern?
Hörst du nicht
liebesbang
wenn Veilchen
sich empfinden
blauen Sang?
Fühlst nicht
Orchideen
mit Mondes Faltern
untergehen?
Willst du harren
bis dein Herz vereist
Fratzen narren
deinen Geist?
Bis dein Haar
ganz
und gar
Schnee verweht?
Doch dann fehlt
ihm jener hohe
Mittagsglanz
Leiser Sang XV
Bist Hülse du
ohne Kern
graue Aura
um den toten Stern
Grauen
war von Anbeginn
schaler Rest
von Abendlicht
in schwarzen Pfützen
Und wo spuckte
Eva hin
den bald vergilbten
Grützen
Ganz verrunzelt
ist der Seele
ungeküsstes Angesicht
Sieh
was hohem Sohne
Elend bot
die blütenlose
Dornenkrone
Von einer Wunde
Glanz
war rot
des Paradieses Rose
zarter Jungfrau Herz
Geweihte Stunde
legt die Rose
auf den Kranz
der Dornenkrone
O daß die Schale
deiner leeren Seele
sich die Nachtigall
zum Nest erwähle!
Daß in Traumes Grauen
süße Tropfen
des Gesanges
niedertauen!
Leiser Sang XIV
Täubchen pickt
mir Samen
aus der Hand
und es nickt
fort und fort
pickt und zwickt
O Unverstand!
Hat ja bloß gepickt
mir aus der Hand
der leeren hohlen
stulte natus
nichts als Namen
vocis flatus
und statt Samen
fing es
leises Wort
Ungeschickt
ging es
Hauch und Reim
Reim und Hauch
auf den Leim
Armer Gauch!
Sing-Gekling
sinnverwaist
hat gestohlen
Vogelgeist
mein Federling
Leiser Sang XIII
Wer näht
wenn uferlos
die Stunden driften
Blumen auf die Säume?
Wer streut
in Nachtwinds
kalten Schoß
grauer Herzen
Falten
Blüten
des Gesangs?
Die aus Urnen
unaufhaltsam
springen
Die aus Wunden
in das Dunkel
münden
Schwarze Samen
singen
Schwarze Tropfen
künden
Knospen
heller Tage
Heiltum
goldner Sage
Wasser
stummem Untergang
erweckt
engen sich in Schilf
und Silbergras
weben weicher Schäume
Muschelklang
Blauen Hügeln
taut der Rebe
Traubenschimmer
dämmernd nieder
Rotes Laub
umkränzt
den Kelch
der hohen Stunden
Wein
erglänzt
im Herbst
der trunknen Lieder
Jenseits-Wind
Steigend
aber die Treppe
des dunkelen Ohrgangs
Leid-Gewinde
zum purpurnen Beben
des Totengeläuts
oder dass Nacht
hinströmt
der Wunder-Muschel
bitteren Glanz
In Jenseits-Wasser
löst sich die Wirrnis
fraulichen Haars
zerwühlt von blindem
Gefinger
löst sich Geflock
von aberweiß geflüsterten
Sonnen-Pollen
Im Jenseits-Wind
über wogendem
Klage-Gras
über wehenden Halmen
des Psalms
löst Dichter sich
dein ins Ungesagte
seltsam gespitzter Mund
zu kindlich
hingeschmolzenem Kuß
Deine ungeweinten
Tränen
Mutter
zittern an Lobgesanges
Ölbaumblättern
mondgestillte Tropfen
Deiner Narbe
unentzifferte Schrift
blühet
Vater
Initiale im Psalter
blickumflammter Seraphim
O Heimat
deiner Hüter-Türme
Herden-Glocken
tönen heimgekehrt
im Wellenschlag
des schlafumschilften
Stroms
O Herz
hinabgeschwemmt
in Bangens
wahngeschwärzte Schäume
du singst
umfiedert
vom Gefieder
eines Schwans
du singst
umlichtet
vom Lichte
eines Schwans
Leiser Sang XII
Schöne
tiefes Einst
An sanfter Wellen
grünen Säumen
da nelkenblaue Blässe
über schwarzem Grund
erzitterte
im Glockenton
der hohen Messe
Des Abends weicher Mund
selig
wenn du weinst
troff
im Schattenmoos
von hellen
und von dunklen Seufzern
wir gingen
durch den Veilchenduft
Im hohen Wingert
schon
rot behaucht
vom Lied des Pan:
ein gelber Lampion
Mond
dunstig seelengroß
wie in Caspars Träumen
Dämmernd schwebte
schilfgekost der Schwan
Äpfel schienen
Birnen Trauben
glänzender vom Kuß
des kühlen Taus
Der Nonnen
Flügel-Hauben
blähte
feuchten Winds
der Fluß
Unser war das Schweigen
das mit Sonnen-
tropfen
an letzten Blüten hing
gelber Rosen
nachtergebnes Neigen
Leiser Sang XI
Blicke blau
Locke licht
Wind
im Herzen
weich und lau
Meeres Kind
Muschelhelle
ist das Glück
Sonne fleckte
dein Gesicht
Lied erblüht
auf Atems Schwelle
Schaumbeleckte
kahle Binse
kehrt im Traum zurück
rosenüberglüht
Aus dem grauen Watt
uferlos
wirfst du einen Stern
in deine Nacht
der in Tränen
zitternd blinkt
bis ein weißes
Blütenblatt
in den Schoß
dir sinkt
Finis Germaniae
Faule Ware
stinkt das Wort
am Altare
lügt es fort
Die Hellen kuschen
bücken sich devot
vor Schleiern
o ihr Blüthen
liegt am Abgrund tot
und sie huschen
wenn die Dunklen feiern
Rotes Blatt im Mai
Finis Germaniae
Abschaum
ging ins Blut
in den Garten
Taggespenst
Die Dunklen warten
auf die Abendglut
krummen Dolch
am braunen Leibe
Blonder Strolch
malt einen Mond
auf die Fensterscheibe
Ist ihm alles einerlei
Finis Germaniae
Schwarzer Mohn
ward deutscher Geist
am Mammon
Lüge feist
Dichter reine Rose
entsage holdem Duft
ritze mit dem Dorne
heimatlose
Zeichen in die Luft
Hertha schläft im Borne
Lang verhallt ihr Schrei
Finis Germaniae
Leiser Sang X
Springt
er aus der Erde
hört er schon
Himmel singt
aus dem Quellen
seines Bluts
edler Sohn
der Wolke und des Lichts
Sänger sanfter Wellen
Hüter treuer Herde
in die Halme
hauchend
Wurzeln feuchtend
des Gedichts
aus den Spalten
rauchend
dunklen Augen
leuchtend
spielen Kinder
an den Ufern
und den Alten
tönt er linder
hohem Leben
pflanzt er zwischen Kliffen
in den Sonnen-Falten
goldnes Fest der Reben
trägt auf Wogen-Rücken
Tanz- und Lied-Girlanden
auf den weißen Schiffen
doch am Abend
strömt er weichern Ganges
zwischen Mondes gelben Sanden
wo ihn Schilfe schmücken
und vom Meere künden
Möwenschreie
und Delphine
und im Ewigen münden
Jahre des Gesanges
Ölgarten
Schwarze Tropfen
auf silbernem Blatt
die lautlos rinnen
in Geröll und Staub
Schwarze Tränen
auf Ölbaums Blatt
schwankend im Dunst
der schwülen Nacht
Und auf der Stirn
vom Meißel
höchsten Namens
schön geründet
Dunkelglanz
Und in den Augen
Nacht und Nacht
Und kein Flügel
der vom Strauche
Tau versprengt
Und kein Flügel
zu kühlen
Todesschweiß
Und kein Kelch
dem Zittern
eines Munds geneigt
voll Süße
oder Bitterkeit
Mund der Leben
auf die Toten
blinden Augen
Wunderlicht
gehaucht
Segen sprach
auf Weinstocks Frucht
o trockne Traube
ausgepreßt
verdorrt
Und jene schlafen
im Schatten eines Pfahls
auf Traumes Teppich
den mit Lilien
Palmenzweigen
ihm zu Füßen
sie gebreitet
jene schlafen
im Schatten eines Pfahls
er aber läßt
das Haar sich zerren
Locken narren
vom namenlosen Wind
aus Meeres
leerem Schaum
vom gnadenlosen Wind
aus Himmels
leerer Nacht
Das Täubchen
Täubchen hat so weich gegurrt
auf meinem Fenstersims
Hab ich ihm das Korn gestreut
hat es aufgepickt
War es satt und flog dahin
in seine ferne Welt
wo ihm Blattes Schatten träumt
Flaum aus Wolken fällt
Heute saß es wieder dort
doch nicht mehr allein
Körner gab es nun für zwei
Täubchen und Täuberich
Und sie flogen eines Schwungs
von meinem Fenstersims
zu der Tanne Dämmerung
Zapfen fiel herab
Leiser Sang IX
Die dort am Strand
o Welle nimm mich mit!
gekichert haben
und gegrinst
die Dunklen und die Hellen
mit ihren Rosenknospen
ihren Schlangenlocken
verwiesen dir
des Mundes Gaben
wie Hündchen die verbellen
hast ein Würstchen auch
du in der Hand
wisch von der Stirne das Gespinst
schlag nur wo sie hocken
die Augen nieder
wie vor der kalten Scheibe
dem entstellten Bild
der Seele in dem Leibe
wo sie aus Falten
in Tränensäcken quillt
sing keine Sonnen-Lieder
vor den Schatten
leg sie wie fromme Kinder
fernen Lotusreiches
Blüten vor das Lächeln
des Entrückten
auf die Stille eines Teiches
bis unter sanften Abends Fächeln
sie entschweben
hin zur tiefsten Mitte
und im Abschied beben
die geglückten
und verlöschen
Leiser Sang VIII
Lieh uns Flügel
hoher Engel
um zu steigen
über Steine
über Schädel
und Gebeine
in den Glanz
beschneiter Hügel
in des Himmels
blaues Schweigen
doch wir kauern
an dem Wasser
das nur dunkel
widerspiegelt
Nachtgefunkel
und wir schauen
wie in Splittern
auf den Wellen
wie in Schauern
banger Seele
jener Höhen
Flammen zittern
und wie Wicken
die sich winden
auf den Gittern
in das Blau
schenkst aus feuchten
Blicken
du den Tau
du das Leuchten
Leiser Sang VII
Zwischen Nacht
und Tag
scheue Tupfen
Blütenglimmen
auf den Matten
scheue Stimmen
die aufglosen
aus den Flüssen
niedertauen
weiß und vag
an den Moosen
heimzusuchen
müde Schatten
die sich winden
aus den Armen
hoher Buchen
aus den Küssen
dunkler Linden
Flocken-Herde
Flatter-Schar
sammelt ein
das hohe Tönen
Sonnen-Gang
auf grüner Erde
wahren Schönen
Widerschein
und die Bilder
auf den Friesen
blauer Hügel
leuchten klar
wie der Falter
Augen-Flügel
auf den Auen
auf den Wiesen
Leiser Sang VI
Dort weht
schweigend nur
der Seele Hauch
auf grüner Flur
und was vergeht
hat rein geblüht
ein weißer Rauch
kühles Licht
auf hohen Pfaden
kühl der Quelle Sang
worin ihr Windgesicht
Sylphen baden
nur oben glüht
Abgrundbläue
der Zwillingsstern
der Rose
die Gottes Nacht entsprang
drunten blüht
die zarte scheue
Herbstzeitlose
die Tag- und Jahreszeiten
hat zum Kranz verwunden
der Seele Gleiten
vom Tau zum Traum
über Schnee und Moos
Blatt und Flechte
Psalm und Klage
Steigen Sinken
hell und dunkler Stunden
windgeneckter Flaum
Staub der lautlos
schwarzer Mohn
aus Knospen rinnt
Schatten hoher Mächte
Lichtes goldne Waage
weiße Vögel trinken
blauer Lüfte Lied
Rose sinnt
auf schwankem Thron
dem Falter nach
der entflieht
Leiser Sang V
Wo Wolke
Dämmer
flüchtig weht
mit goldenem Stabe
scheucht die weißen Lämmer
froher Sonnenknabe
dort verhehlt
uns Enzian
Vergißmeinnicht
und rosige Zungen
leckend nach dem Klee
nicht Gottes Plan
ein Rosenlicht
der Nacht entrungen
zu schütten auf den Schnee
dem starren Geist
in Einsamkeit vereist
die Huldin ihm zu schicken
daß eigner Tränen Glut
und hoher Liebe Blicken
ihn wieder taut
und wahrer singt das Blut
wenn er sie schaut
dort geht die Seele
nackt auf Wasser
mit der Mücke
schwebt
die funkelnde Libelle
um die grüne Stele
macht Mondes Tücke
ihre Lippen blasser
liegt sie an der Quelle
totenbleich gestreckt
hat mit goldenem Stabe
wieder sie belebt
der Sonnenknabe
der wunderliche Knabe
ins Leben sie geneckt
She might, so noble from head
To great shapely knees
The long flowing line,
Have walked to the altar
Through the holy images
At Pallas Athene’s Side,
Or been fit spoil for a centaur
Drunk with the unmixed wine.
Frei nach Properz
So edel ist vom Haupt
zum Glanz der runden Knie
die Welle schön gebauscht,
sie könnte wohl an Bildern
des Heiles zum Altare schreiten,
wo Pallas Athene thront,
oder Kentauren sich als Beute breiten,
von unvermischtem Wein berauscht.
Leiser Sang IV
Ein Oh!
ein Wehe!
tropfte
in die Leere
Lebens
krummer Schnabel
klopfte
ein So!
ein Gehe!
durch die Schale
ein Schlaflied
sinkt ins Nest
helle Daunen
weichen Webens
Traumes Rest
Gefieder
das ein Staunen
vor der Bläue
Himmel oder Meer
sich selbst entgleitet
ins Offne flieht
voll Früchte oder leer
wie luftigen Reimes
zarte Schwinge
kehret wieder
aufs Neue
seine Flügel breitet
Heimat schimmern sieht
und innig lauscht
ob im Horst des Heimes
grün umrauscht
sein Geschwister
singe
Leiser Sang III
Du Kind der Luft,
wolkige Gestalt,
wie leicht
entschlüpft
der Wortgewalt
läßt süßen Duft
du mir zurück
oder bleicht
wie zarter Brief
den zu lange
Sonne las
dein Angesicht
Rosenwange
die mich einst
ins Freie rief
Rosen-Glück
betaut
als ob du weinst
Pusteblumen-Scherz
das Täubchen aß
dir so vertraut
aus deiner Hand
Hündchen
ist gehüpft
mein Herz
am Gängelband
William Butler Yeats, The Second Coming
Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world,
The blood-dimmed tide is loosed, and everywhere
The ceremony of innocence is drowned;
The best lack all conviction, while the worst
Are full of passionate intensity.
Surely some revelation is at hand;
Surely the Second Coming is at hand.
The Second Coming! Hardly are those words out
When a vast image out of Spiritus Mundi
Troubles my sight: a waste of desert sand;
A shape with lion body and the head of a man,
A gaze blank and pitiless as the sun,
Is moving its slow thighs, while all about it
Wind shadows of the indignant desert birds.
The darkness drops again but now I know
That twenty centuries of stony sleep
Were vexed to nightmare by a rocking cradle,
And what rough beast, its hour come round at last,
Slouches towards Bethlehem to be born?
Die Wiederkunft
Kreisend und kreisend im klaffenden Schlund
hört der Falke seinen Falkner nicht.
Alles fällt, entgleitet, keine Mitte hält.
Anarchie stürzt auf die Erde los.
Flut dunklen Blutes stürzt und schwemmt
der Unschuld Feier überall hinweg.
Die Edlen lähmt erloschner Glaubenssinn,
Glut der Inbrunst macht die Wilden heiß.
Gewiß, die Offenbarung klopft schon an.
Gewiß, die Wiederkunft steht vor der Tür.
Die Wiederkunft! Kaum ist das Wort gesagt,
verwirrt der Weltgeist mein Gesicht
mit Bildern ungeheuer: wüstes Ödland,
Unform mit Löwenleib und Menschenkopf,
glotzt sonnenstarr und gnadenlos,
regt langsam Schenkel, und sie um-
wirbelt der Wüstenvögel Schattentanz.
Und wieder sinkt die Nacht, doch weiß ich jetzt,
zwanzig Jahrhunderten steinernen Schlafs
brachte Albtraum einer Wiege Lied.
Und welches Biest, die Endzeit-Glocke schlägt,
schleicht zur Geburt nach Bethlehem?
Leiser Sang II
Müdes Sinnen
kreuzt die Stirne
Geisterküsse
Schattenspinnen
und schon wölken
aus den Wirbeln
grauer Flüsse
Träume
wirres Laub
aus Angst und Rauch
und auf Blättern
stummen Bebens
bist du Staub
den fremd beseelt
kühler Hauch
an blaue Säume
ferner weht
wo die Rosen
duftend sagen
von des leisen Lebens
wolkenlosen
Sonnentagen
Zwischen dir und mir
Was von Zweiges Dämmer
niederfiel
zwischen dir und mir,
Frucht, wie voller Mond,
gedämpfter Aufprall
machte stocken uns das Herz.
Wer warf den Stein ins Wasser?
Wie die Schatten
zwischen dir und mir
schwirrend flattern,
glatten Glases Spiegel
sprang in dunklen Schaum.
Aufgescheuchte Tauben
sammeln sich
fern von dir und mir,
Lied, das uns nicht meint,
ersticktes Gurren
wölkt, ein Blaken letzter Glut.
Kleine weiße Feder
taumelt nieder
zwischen dir und mir,
Wort, das keiner sprach,
ausgerupfter Schmerz,
treibt mit Wind und Welle fort.
I rise in the dawn, and I kneel and blow
Till the seed of the fire flicker and glow;
And then I must scrub and bake and sweep
Till stars are beginning to blink and peep;
And the young lie long and dream in their bed
Of the matching of ribbons for bosom and head,
And their days go over in idleness,
And they sigh if the wind but lift a tress:
While I must work because I am old,
And the seed of the fire gets feeble and cold.
Lied des alten Mütterchens
Frühmorgens auf, knie ich und hauche,
bis aus der Asche Flackern tauche.
Dann hab ich zu schrubben, backen, fegen,
bis Sterne blinken über den Wegen.
Die Jungen träumen faul in den Betten
vom Schmuck, den sie am Busen hätten,
ihr Tag ist müßiges Schwirren und Girren,
sie seufzen, wenn Lüfte die Locken wirren.
Ich aber schufte und werde älter,
das Feuer blakt, der Ofen wird kälter.
Die Seele, fremd
Ich kenne nur das Licht am Ranft
des Tages und der Nacht.
Alles andre winkt im Traum
einer Seele, die wie Tau
trügerisch an Blüten-
blättern glänzt,
an eigner Knospe
langsam niederrinnt.
Ich höre nur den Wind im Gras
und dunkler Flamme Knistern.
Alles andre ist verstummt
wie Seufzer unterm Laub
des Sommerpfads,
wie Zwitschern
unterm Leichentuch
des Monds.
Ich fühle nur den fremden Hauch
und Flocken an den Wimpern.
Alles andre liegt erstarrt
wie Veilchen unterm Schnee
verwaisten Angers,
wie unter Wassers
hartes Glas
gebannter Flügel.
Paul Valéry, Le Sylphe
Ni vu ni connu
Je suis le parfum
Vivant et défunt
Dans le vent venu !
Ni vu ni connu
Hasard ou génie ?
À peine venu
La tâche est finie !
Ni lu ni compris ?
Aux meilleurs esprits
Que d’erreurs promises !
Ni vu ni connu,
Le temps d’un sein nu
Entre deux chemises !
Der Luftgeist
Keiner sieht, versteht,
ich bin der Blüte Duft
und Dunst der Gruft,
Wind kommt, Wind geht.
Keiner sieht, begreift,
Zufall oder Gunst?
Kaum gereift,
rundet sich die Kunst!
Las keiner mit Verstand?
Die Denker so gewandt,
vor keinem Wahn gefeit!
Keiner sah bewußt
den Weg der nackten Brust
vom erst- zum letzten Kleid!
Was die Wolke sang
Ich lag am Fuß der Nacht,
kein Vogel
und kein Ton.
Nur eine Wolke,
über mir,
die weilend schwebte.
Und sie senkte sich
und sank herab,
zu mir herab.
Und da ich schlief,
habe ich den Flaum
eines lichten Fells
durchwandert
und sog
an weißer Brust
Traumes
weiße Molke,
und sie sprang
an hohlen Mundes
Zungenglut
entzwei.
Ich wurde wach,
den Kopf gelehnt
an eine Birke.
Und war die Milch
ihrer Haut
vermischt mit Blut.
Fern die Wolke,
hoch die Wolke,
und sie sang:
„Ich nähre einzig,
die mir gleichen,
Söhne der Luft,
Töchter des Lichts,
die mit Schwingen
mich durchbeben,
die den Flaum
der Anmut zupfen
von dem Sonnen-Vlies,
die dunklen Kinder,
die auf Steine
Fratzen ritzen,
Flammen-Mäuler,
die an trockner Rinde
bluten,
diese nährt
mein fernes,
hohes Bildnis nicht!“
Da schwang die Axt ich,
bis die Birke
fiel.
Paul Valéry, Les Pas
Aus: Charmes
Tes pas, enfants de mon silence,
Saintement, lentement placés,
Vers le lit de ma vigilance
Procèdent muets et glacés.
Personne pure, ombre divine,
Qu’ils sont doux, tes pas retenus !
Dieux !… tous les dons que je devine
Viennent à moi sur ces pieds nus !
Si, de tes lèvres avancées,
Tu prépares pour l’apaiser,
À l’habitant de mes pensées
La nourriture d’un baiser,
Ne hâte pas cet acte tendre,
Douceur d’être et de n’être pas,
Car j’ai vécu de vous attendre,
Et mon cœur n’était que vos pas.
Die Schritte
Du setzt, Kind meiner stillsten Quelle,
sacht Füße flügelnder Gestalt
vors Lager meiner Sinnenhelle,
sie gleiten stumm und glänzen kalt.
Leib aus Licht, Gottes Schattenbild,
deines Zögerns Schritte, welche Süße!
Ihr Götter! … Gaben, lang erfühlt,
sie bringen mir die nackten Füße!
Hast du die Lippen schon gespitzt,
daß sich als Linderung erweise
für den, der meinen Geist besitzt,
der süßen Küsse süße Speise,
verschließe noch den Kelch der zarten,
des Daseins Süße, Süße, die entglitt.
Mein Leben war ja dein zu warten,
mein Herz schlug nur mit deinem Schritt.
Paul Valéry, Le Vin Perdu
Aus: Charmes
J’ai, quelque jour, dans l’Océan,
(mais je ne sais plus sous quels cieux),
Jeté, comme offrande au néant,
Tout un peu de vin précieux…
Qui voulut ta perte, ô liqueur ?
J’obéis peut-être au devin ?
Peut-être au souci de mon cœur,
Songeant au sang, versant le vin ?
Sa transparence accoutumée
Après une rose fumée
Reprit aussi pure la mer…
Perdu ce vin, ivres les ondes !…
J’ai vu bondir dans l’air amer
Les figures les plus profondes…
Verschütteter Wein
Ich sprengte einst dem Meere
(unter welchem Himmel, weiß ich nicht)
als Opfergabe an die Leere
Tropfen Weins, gereift im Licht.
Wer trug, o Schaum, nach deinem Sturz Verlangen?
Hieß Seherspruch mich willig sein?
Vielleicht goß meines Herzens Bangen,
durch Adern träumend, hin den Wein?
Sein Glanz war bald verbraucht,
wie eine Rose, die verraucht,
das Meer schien ohne Makel wieder …
Den Wein verschüttet, trunkne Wellen!
Da schaute ich der Bitter-Lüfte Lieder
von Abgrunds dunklen Weisen schwellen …
Der Teppich der Sprache
Sentenzen und Aphorismen
Eine wesentliche Asymmetrie besteht zwischen dem Bild, das wir von uns selbst, und dem, das wir von allem anderen haben.
Der Unterschied zwischen dem Gedicht und der Muschel ist ein gradueller, wenn wir die Macht und Kraft, die das eine wie das andere hervorbringt, als überpersönlichen Geist betrachten.
Wir sagen leichthin, ein Gedicht spreche uns an. Sagen wir auch, es blicke uns an.
Ein wesentliches Moment der Ikone ist der Blick, der uns anspricht, indem er uns anblickt.
Im Blick des anderen erfassen wir die Subjektivität vermittelt, die wir an uns selbst unmittelbar erfahren.
In den Kultbildern der frühen Zeit verkörperten sich echte Erfahrungen des Heils, denn ihre Augen schienen lebendig und trafen ins Herz.
Die Ikone auf dem Schweißtuch der Veronika hat, paradoxerweise, die Augen geöffnet.
Die biblischen Propheten verwarfen das Bild, sie vernahmen die Kundgabe der Gnade als Stimme. Der prophetische Glaube ist noch nicht von der Schrift gezeugt wie der nachexilische und talmudische.
Auch die pagane Offenbarung hörte göttliche Stimme und heiligen Laut: im Rauschen der Eichen von Dodona, im Geschrei der Wahrsagevögel, im silbernen Sinnspruch der Quelle.
Die Propheten sprechen dichterisch, anders nicht als Sappho, als Pindar.
Wir reden vom Traumbild, kaum einmal von Traumes Sang.
Ist Sprache ein Teppich, wird er am Webstuhl der Zeit geknüpft.
Erkennen wir zentrale Motive und Muster darauf! Wir haben sie gewebt, aber nach uns offenbarten Bildern.
Webend sind wir selbst verwoben.
Bild und Gegenbild. Tag und Nacht. Traum und Tat. Insel und Meer. Spruch und Widerspruch.
Die Blume, die sich ins Licht reckt, wurzelt in der Nacht der Erde.
Gott alles in allem. Sehen wir das Licht seiner Glorie, sind wir schon Schatten.
Leda und der Schwan. Maria und die Taube.
Schweigen. Knospe, die sich schließt.
Ja und nein, ich und du, Ankunft und Abschied, Glut und Asche, Liebe und Tod.
Die Negation ist die Kraft Gottes, in vielen Bildern und Sprachen sich zu offenbaren, den Teppich der Sprache mit immer neuen Mustern zu durchwirken.
Was wäre die Insel ohne das Meer? Der Fisch ohne Wasser? Der Flügel ohne Luft? Der Mensch ohne Sprache?
Wir sind gleichursprünglich und gleichzeitig mit unserem Nicht-Sein.
Das kleine Kind auf der vergilbten Fotografie, was hat es mit dir gemein?
Die aufgeplatzte Kirsche des jungen Munds und die vertrocknete Schale des alten.
Die faltige Hand, die zitternd den Becher faßt, weiß sie noch den Pfirsichflaum, um den sich die kindliche geschmiegt?
Die Liebe spricht: O steh! Die Welle: Ach vergeh!
Die Toten, die um Dasein betteln, sprechen uns, wenn wir vom eigenen opfern.
Rechts und links, nah und fern, eigen und fremd, Freund und Feind, gut und schlecht – Variationen des einen Spiels, das von dir und mir gespielt wird, sofern wir ich und du sind, verleibtes Selbst.
Ich reiche dir zur Begrüßung die rechte Hand, du mir deine; doch deine liegt aus meiner Warte links, wie umgekehrt.
So mit allem, was du mir sagst und bist, es erscheint mir gleichsam in der umgekehrten Richtung.
Was dir jetzt nah, ist mir fern. Für das, was ich jetzt sehe, hast du keine Augen.
Manche Muster und Motive bleichen aus, wie Gestalten der Höhlenmalerei, Bildnisse der Katakomben oder Schriftzüge auf dem Blatt, das zu lange in der Sonne lag.
Andere glühen wieder und heben sich wie neugeboren aus dem Schaum der Erinnerung, ruft alte Liebe sie herauf.
Manche Worte verwittern im Gebrauch. Doch Urworte, auch wenn sie wie „Herz“, „Liebe“, „Sehnsucht“ und „Himmel“ von Patina übergilbt und angegraut scheinen, können reanimiert werden – wenn wir das lebensrettende Blut spenden.
Die Frage ist wie der Schlüssel zur Antwort.
Eine Frage, die nicht als Schlüssel zur Antwort paßt, muß verworfen werden, wie ein Schlüssel, dem Zähne herausgebrochen sind.
Wir müssen alles verdauen, was wir zu uns nehmen. Früchte, Farben, Düfte, Bilder, Worte, Musik. Das Unverdauliche scheiden wir aus – oder erkranken und ersticken daran wie an Giften, die in uns kreisen.
Penelope löst am Abend die Muster und Motive auf, die sie am Tage gewirkt hat – um länger warten, sich weitere Atemschneisen bahnen zu können.
Beschriebenes Blatt, verwehtes Blatt. Doch dann liest du unverhofft deine Gedanken auf dem Blatt eines fremden Buchs.
Verworrene Muster, die wir auflösen müssen, um wieder den rechten Anschluß zu finden und weiterzuweben.
Die Knospe ist eine abgeschlossene Mannigfaltigkeit verschiedener Blätter, Kronblätter und Kelchblätter. Der Satz ist eine abgeschlossene Mannigfaltigkeit von distinkten phonetischen und semantischen Merkmalen.
Helena und ihre Sippe, Paris und seine Sippe bilden in den Erzählungen vom trojanischen Krieg eine abgeschlossene Mannigfaltigkeit mythischer Motive.
Überweben und Überblenden alter Muster auf dem Teppich der Sprache. Der bukolische Hirt und Christus der Hüter seiner Herde. Der Garten Eden und der Hortus conclusus. Der Baum des ewigen Lebens und das Kreuz. Und die dämonischen Mächte des Zorns und Aufruhrs, die unteren mythischen Götter im vereitelten Aufstand wider die Lichtgötter des Olymps tauchen als bizarre oder mitleiderregende Figuren in Dantes christlichem Infero auf.
Von Troja bis Golgatha. Von Golgatha bis …
Am Rand des zitternden Lichtflecks, mit dem die Dichtung wandert, bildet sich wie aus Traumresten und mythischen Schatten immer neu der Umriß eines fremden Munds, und es scheint uns, keiner der Lebenden, kein Wesen aus Fleisch und Blut spreche, sondern jener gespenstische Mund flüstere oder stammle oder singe. Immer neu und wieder alt sind die Namen, die wir dem Schemen und zweiten Gesicht verleihen, Muse, Engel, entrückte Seele oder junge Parze.
Es scheint dann, der Dichter spreche im Namen einer fremden Instanz, die ihn beansprucht oder in einen Trancezustand versetzt, um das ruhige dunkle Wasser seiner Seele wie der zitternde Schriftzug des Mondlichts zu durchqueren.
Nur in der Berührung des Winds erzittert das Blatt.
Im leeren, dunklen Spiegel funkelt ein Tropfen Licht.
Bebt und regt sich das Blatt, überronnen von jähem Glanz, gibt es seine dunklere Maserung und die Schrift seiner Herkunft preis.
Ihm wurde das Wort zugeworfen wie ein Ball. Seine instinktive Meisterschaft zeigte sich in der Leichtigkeit und Anmut, mit der er ihn auffing und zurückwarf.
Paris rollte der Purpurball vor die Füße und er reichte ihn Aphrodite. Der Ball, den der Dichter auffängt, kommt unvermutet aus dem Dunkel, und wo Aphrodite geweilt, flimmert nur ein Schatten.
Das Blut des Rubins pulst in der Dämmerung.
Mit den Schimmern auf dem Wasser erlöscht ihr Plätschern wie verhauchender Refrain des Lieds. Ist was da kaum vernehmlich rauscht, schon Gefieder des Schlafs?
Tropfen goldenen Lichts rinnen von Blatt zu Blatt, von Zweig zu Zweig, wie leiser Atem von Vers zu Vers sinkt, von Strophe zu Strophe, bis er im Nicht-mehr-Sagbaren vergeht.
Die Schönheit verachten, müssen selber häßlich sein.
Das Wort der Dichtung soll rein und frisch sein wie das Wasser des Brunnens, das den Wanderer erquickt.
Lüge frißt das Wort der Dichtung auf wie Lepra ein Gesicht.
Freilich, mit Grimassen oder selbst geritzten Wunden kann man eher Aufmerksamkeit erregen, gewinnbringender das entstellte Wort zu Markte tragen.
Den Narren hört man schon von weitem, wenn die Schellen an der Kappe klirren.
Sie verunstalten den Sinn, indem sie den Gegensinn wie einen Hundeschwanz kupieren.
Als könne es die Insel geben ohne Meer, Leben ohne Tod, Erlösung ohne Passion, den Fremden ohne das Eigene, den Gast ohne die behütete Schwelle des Hauses.
Die den Sinn der Begriffe veröden, gehen in eine neue transzendentale Heimatlosigkeit.
Der Mord verliert mehr und mehr den Charakter der Untat, wenn er ungesühnt bleibt.
Sühne aber verliert ihren Sinn ohne Vergeltung für die Tat zu sein. Sie wird dann eine vom Täter leicht hingenommene, ja belächelte Strafe, durch die das Opfer doppelt gedemütigt wird.
Recht, das den Gedanken der Sühne aus vorgeblich humaner Rücksichtnahme für den Täter aufgegeben hat, wird Unrecht.
Ohne Strafe wäre die Tat nicht mehr Tat. Ohne Sühne die Strafe eine Herabwürdigung des Opfers.
Die Strafe als Sühne und Vergeltung ist eine Transfiguration des mythischen Tathergangs, den Aischylos in der Einsicht gipfeln läßt πάθει μάθος – durch Leiden lernen.
Ohne Nacht wäre Tag nicht Tag, Nacht nicht Nacht ohne Tag. Glaubten wir das Leben zu träumen, dann nur in der seltsamen Hoffnung, daraus in ein Leben hellerer Tage zu erwachen.
Die da schänden und entweihen, müssen instinktiv um die Wahrheit des Reinen und Göttlichen wissen.
Die aber alles an das Licht des Tages zerren wollen, haben ihre Herkunft und ihren Ursprung vergessen, das Fruchtwasser in Schoßes Nacht.
Hat die Flutwelle den Damm durchbrochen, verebbt sie in der Ebene.
Nur das geweihte Wort bleibt Stern, wie die vergöttlichten Heroen, auch wenn es keinem Auge leuchtet.
William Butler Yeats, Leda and the Swan
A sudden blow: the great wings beating still
Above the staggering girl, her thighs caressed
By the dark webs, her nape caught in his bill,
He holds her helpless breast upon his breast.
How can those terrified vague fingers push
The feathered glory from her loosening thighs?
And how can body, laid in that white rush,
But feel the strange heart beating where it lies?
A shudder in the loins engenders there
The broken wall, the burning roof and tower
And Agamemnon dead.
Being so caught up,
So mastered by the brute blood of the air,
Did she put on his knowledge with his power
Before the indifferent beak could let her drop?
Leda und der Schwan
Ein jäher Stoß: Verzuckend Riesen-Schwinge
auf ihr, die taumelt, ihren Schenkeln schmiegt
sich dunkler Flaum, ihr Hals in Schnabels Zwinge,
er preßt die Brust auf ihre Brust, die fliegt.
Wie wehrten ihre Finger, blind, verschreckt,
die Federpracht von Schenkeln, die ihr beben?
Wie kann ein Leib, dem weißen Schwall gereckt,
sich einem fremdem Herzschlag mehr ergeben?
Dort zeugt ein Zittern in den Lenden Nacht,
den Fall der Mauer, Brand von Dach und Turm,
des Agamemnon Tod.
In diesen Krallen,
von rohem Blut der Lüfte übermacht,
floß ihr sein Wissen auch aus seinem Sturm,
bevor der taube Schnabel ließ sie fallen?
I
I walk through the long schoolroom questioning;
A kind old nun in a white hood replies;
The children learn to cipher and to sing,
To study reading-books and history,
To cut and sew, be neat in everything
In the best modern way—the children’s eyes
In momentary wonder stare upon
A sixty-year-old smiling public man.
II
I dream of a Ledaean body, bent
Above a sinking fire, a tale that she
Told of a harsh reproof, or trivial event
That changed some childish day to tragedy—
Told, and it seemed that our two natures blent
Into a sphere from youthful sympathy,
Or else, to alter Plato’s parable,
Into the yolk and white of the one shell.
III
And thinking of that fit of grief or rage
I look upon one child or t’other there
And wonder if she stood so at that age—
For even daughters of the swan can share
Something of every paddler’s heritage—
And had that colour upon cheek or hair,
And thereupon my heart is driven wild:
She stands before me as a living child.
IV
Her present image floats into the mind—
Did Quattrocento finger fashion it
Hollow of cheek as though it drank the wind
And took a mess of shadows for its meat?
And I though never of Ledaean kind
Had pretty plumage once—enough of that,
Better to smile on all that smile, and show
There is a comfortable kind of old scarecrow.
V
What youthful mother, a shape upon her lap
Honey of generation had betrayed,
And that must sleep, shriek, struggle to escape
As recollection or the drug decide,
Would think her son, did she but see that shape
With sixty or more winters on its head,
A compensation for the pang of his birth,
Or the uncertainty of his setting forth?
VI
Plato thought nature but a spume that plays
Upon a ghostly paradigm of things;
Solider Aristotle played the taws
Upon the bottom of a king of kings;
World-famous golden-thighed Pythagoras
Fingered upon a fiddle-stick or strings
What a star sang and careless Muses heard:
Old clothes upon old sticks to scare a bird.
VII
Both nuns and mothers worship images,
But those the candles light are not as those
That animate a mother’s reveries,
But keep a marble or a bronze repose.
And yet they too break hearts—O Presences
That passion, piety or affection knows,
And that all heavenly glory symbolise—
O self-born mockers of man’s enterprise;
VIII
Labour is blossoming or dancing where
The body is not bruised to pleasure soul,
Nor beauty born out of its own despair,
Nor blear-eyed wisdom out of midnight oil.
O chestnut tree, great rooted blossomer,
Are you the leaf, the blossom or the bole?
O body swayed to music, O brightening glance,
How can we know the dancer from the dance?
Unter Schulkindern
I
Ich ging durchs Klassenzimmer, stellte Fragen.
Die alte Nonne sprach in weißer Tracht.
Die Kinder lernen zählen, singen, sagen,
wovon sie lasen, wer Geschichte macht,
zu schneiden und zu nähen, Schweres tragen
auf Pfaden leichten Ganges. Doch nun lacht
aus Kinderaugen Staunen: Sie gewahren
den berühmten Mann von sechzig Jahren.
II
Ich aber träum von Ledas weißem Schein,
zur fahlen Glut gebeugt, wie sie erzählt
vom Schulverweis und irgendeiner Pein,
die Kindertage tragisch-düster quält,
so sie, es schien ihr Sein mit meinem Sein
im Kreise zarten Eingefühls vermählt.
Wenn Platos Bild ich neu uns male:
im Eigelb und im Dotter einer Schale.
III
Vor Augen ihre Trauer, ihre Wut,
sah ich auf dieses oder jenes Kind.
Ob sie so war in ihrem jungen Blut?
Denn auch des Schwanes Töchter sind
verwandt mit Leuten ohne Federhut.
Ob ich an einer ihre Wange, Locke find?
Ein wildes Blut durchströmte meine Glieder:
Als Kind steht sie lebendig vor mir wieder.
IV
Wie nun sie ausschaut, steht mir vor den Augen.
Hat Renaissancekunst etwa so gemalt,
solch hohle Wangen, mußte Wind sie saugen,
war Schattenfrucht ihr einzig Mittagsmahl?
Kann ich auch nicht als Ledas Sippschaft taugen,
es schmückten hübsche Federn mich einmal.
Genug. Nur Lächeln zählt. Wenn alle lachen,
wird alte Vogelscheuche Freude machen.
V
Die junge Mutter, ihr Abbild auf dem Schoß,
den trog der Honig, Zeugungslust entquollen,
und das muß schlafen, schreien, flüchten bloß,
wie das Erinnern oder Lethe wollen,
sieht sie in ihrem Sohn, er wurde groß
und alt, gut sechzig Lenze sind verschollen,
für Wehenschmerz das lohnende Entgelt,
für all das Bangen, ging er in die Welt?
VI
Für Plato sind wir Schaum des Weltenbaus,
der geisterhafte Formen überbläst.
Der Stagirite warf härter Murmeln aus
auf höchsten Königs königlich Gesäß.
Phythagoras, der goldnen Hüfte Graus,
hat sich von Saiten einer Fiedel abgeäst
ein Sternenlied und holder Musen Keuchen:
uralter Lappen Wehn für Vogelscheuchen.
VII
Zu Bildern Nonnen, Mütter, beide beten,
doch anders schimmern die im Kerzenlicht
als die in Müttern Träumerei erregen,
denn Stein und Marmor ruht im Gleichgewicht.
Doch beide brechen sie das Herz. O Schemen,
was frommen Sinn und Leidenschaft umflicht.
Sie alle Zeichen himmelhellen Ruhmes –
o dunklen Schicksals Hohn des Menschentumes.
VIII
Die Mühe hat ein Blühen oder schwingt,
wo nicht der Leib zur Lust der Seele bleicht,
Verzweiflung sich zu schönem Lächeln zwingt,
wo Weisheitsblick nicht trübem Nachtgeist gleicht.
Kastanie, Blüher, der Dunkelheit entspringt,
hast du als Blatt dich, Blüte, Stamm gereicht?
O Leib, im Lied gewiegt, o Strahlenglanz,
wie unterscheiden Tänzer wir und Tanz?
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