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Mai 19 18

Ich habe nichts als Schimmer

Ich habe nichts als Schimmer
einer Träne, die zersprang
am Rosendorn.

Flügel, der auf Laubes Dämmer
das Glas des Windes schleift,
das blaue Glas.

Die Seele abgenutzter Dinge,
den grünen Käfer, der im Staub
der Vase liegt.

Ich habe nichts als Schimmer
eines Sternes, der zerstob
im Nachtgesang.

 

Mai 18 18

Ernest Christopher Dowson, Exchanges

All that I had I brought,
Little enough I know;
A poor rhyme roughly wrought,
A rose to match thy snow:
All that I had I brought.

Little enough I sought:
But a word compassionate,
A passing glance, or thought,
For me outside the gate:
Little enough I sought.

Little enough I found:
All that you had, perchance!
With the dead leaves on the ground,
I dance the devil’s dance.
Little enough I found:

 

Eins ums andere

Ich gab all meine Habe,
ich weiß, es ist nicht viel.
Schlichten Reimes hohle Wabe,
Schneelichts Widerspiel:
Rosen. Alles, was ich habe.

Ich zog das Zarte vor,
ein Wort, das mitgelitten,
Schimmer vor dem Tor,
Gedanken, schon entglitten.
Ich zog das Zarte vor.

Wie arm sind meine Funde.
Dir gab sich Glück ja ganz!
Auf welken Laubes Grunde
tanz ich den Teufelstanz.
Wie arm sind meine Funde.

 

Mai 18 18

Ernest Christopher Dowson, Beyond

Love’s aftermath! I think the time is now
That we must gather in, alone, apart
The saddest crop of all the crops that grow,
Love’s aftermath.
Ah, sweet,–sweet yesterday, the tears that start
Can not put back the dial; this is, I trow,
Our harvesting! Thy kisses chill my heart,
Our lips are cold; averted eyes avow
The twilight of poor love: we can but part,
Dumbly and sadly, reaping as we sow,
Love’s aftermath.

 

Hernach

Der Liebe späte Lese! Nun ist die Zeit
da wir allein die Frucht der Früchte klauben,
die traurigsten von allen hält der Herbst bereit,
der Liebe letzte Trauben.
O süßes Einst, wer kann zurück es schrauben,
das blind wird unter Tränen? Ein matt Geschmeid,
die Ernte! Deiner Küsse dunkle Lauben,
der Lippen Frost. Die Dämmerung entzweit
die liebeshellsten Blicke: entflogne Tauben,
stumm und bleich. Wir ernten süßes Leid,
der Liebe letzte Trauben.

 

Mai 17 18

Malen wir den Wind

Dem Andenken an Ernst Gundolf (1881–1945)

Malen wir den Wind.
Lassen wir die Flausen.
Werden wir sein Kind
in hohen Himmels Sausen.

Schreiben wir aufs Wasser.
Lassen wir den Kloß.
Immer heller, immer blasser
tropft der Tau am Moos.

Jenseits aller Worte
singt die Nachtigall.
Öffnen wir die Pforte,
Odem überall.

Gehen wir ins Feuer.
Holen wir das Schrot
aus der dumpfen Scheuer.
Flamme, reiner Tod!

 

Mai 17 18

Ernest Christopher Dowson, The Moon Maiden’s Song

Sleep! Cast thy canopy
Over this sleeper’s brain,
Dim grow his memory,
When he wake again.

Love stays a summer night,
Till lights of morning come;
Then takes her winged flight
Back to her starry home.

Sleep! Yet thy days are mine;
Love’s seal is over the;
Far though my ways from thine,
Dim though thy memory.

Love stays a summer night,
Till lights of morning come;
Then takes her winged flight
Back to her starry home.

 

Lied der Mondesfee

Schlaf, breite deine Schleier hin
über dieses Schläfers Nacht,
Erinnerns süßes Bild verrinn,
wenn er abermals erwacht.

Eine Sommernacht nur weilt
die Liebe, bis das Frühlicht siegt
und sie in hohem Flug einteilt,
in ihre Sternenheimat fliegt.

Schlaf! Deine Tage sind noch mein,
wenn dich der Liebe Siegel hüllt.
Geh auf fernen Straßen ich allein,
verdunkle der Erinnerung Bild.

Eine Sommernacht nur weilt
die Liebe, bis das Frühlicht siegt
und sie in hohem Flug einteilt,
in ihre Sternenheimat fliegt.

 

Mai 17 18

Ernest Christopher Dowson, Flos lunae

I would not alter thy cold eyes,
Nor trouble the calm fount of speech
With aught of passion or surprise.
The heart of thee I cannot reach:
I would not alter thy cold eyes!

I would not alter thy cold eyes;
Nor have thee smile, nor make thee weep:
Though all my life droops down and dies,
Desiring thee, desiring sleep,
I would not alter thy cold eyes.

I would not alter thy cold eyes;
I would not change thee if I might,
To whom my prayers for incense rise,
Daughter of dreams! my moon of night!
I would not alter thy cold eyes.

I would not alter thy cold eyes,
With trouble of the human heart:
Within their glance my spirit lies,
A frozen thing, alone, apart;
I would not alter thy cold eyes.

 

Flos lunae

Dein Augen-Glanz sei immer kalt,
nicht flecke deiner Quelle Singen
der Schatten meiner Mißgestalt.
Er kann dir in das Herz nicht dringen.
Dein Augen-Glanz sei immer kalt.

Dein Augen-Glanz sei immer kalt.
Nicht lächeln sollst du und nicht weinen.
Wenn auch mein Sein ins Dunkel wallt,
nach Schlummer lechzend, deinem Scheinen,
dein Augen-Glanz sei immer kalt.

Dein Augen-Glanz sei immer kalt.
Nicht glühen hätt ich ihn gemacht,
daß Weihrauch wölke aus dem Spalt.
Des Traumes Kind, mein Mond der Nacht,
Dein Augen-Glanz sei immer kalt.

Dein Augen-Glanz sei immer kalt.
Verdunkelt nicht von meinen Qualen.
Dein Strahl gibt meinem Geist den Halt,
der einsam glüht, in Eises Schalen.
Dein Augen-Glanz sei immer kalt.

 

Mai 17 18

Sieh, wie alles quillt

Sieh, wie alles quillt,
wie alles horcht und äugt.

Die Blume hat den Tau.
Der Schwan den Morgenhauch.
Die Wolke lächelt sich im Teich.

Und alles geht bis an den Rand
der Welt, wo Liebe trinkt
der ausgesungene Mund.

Ich aber hab verzwirnt
den Faden dünnen Sinns
an einer Öse Zittern.

Ich neige meinen Mund
dem grünen Rand,
das Wasser weicht zurück.

Sieh, wie alles strömt,
wie alles haucht und rinnt.

Das Blut kreist warm ums Herz.
Die Blume hat den Wind.
Den goldnen Wein das Lied.

Mir aber ist der Weg
der Heimkehr schroff verstellt
von stummen Grabessphinxen,
die kein Herz erwärmt,
kein Hauchen rührt,
kein Lied erweckt.

Wie bin ich denn verwaist
vom schlichten Sein des Dings,
gefallen aus dem Licht,
das wahre Rosen zieht.

So will ich Wasser sein,
das jenen Mund erquickt.
Blut und dunkler Schauer,
der jenes Herz bezwingt.

So will ich nackt sein Wind,
der sanft die Gräser biegt,
dem hohen Gast der Wein,
daß öder Tag ergrünt,
die Nacht von Seelen schwingt.

 

Mai 16 18

Ernest Christopher Dowson, To One in Bedlam

With delicate, mad hands, behind his sordid bars,
Surely he hath his posies, which they tear and twine;
Those scentless wisps of straw, that miserably line
His strait, caged universe, whereat the dull world stares,

Pedant and pitiful. O, how his rapt gaze wars
With their stupidity! Know they what dreams divine
Lift his long, laughing reveries like enchanted wine,
And make his melancholy germane to the stars’?

O lamentable brother! if those pity thee,
Am I not fain of all thy lone eyes promise me;
Half a fool’s kingdom, far from men who sow and reap,
All their days, vanity? Better than mortal flowers,
Thy moon-kissed roses seem: better than love or sleep,
The star-crowned solitude of thine oblivious hours!

 

Einem in Bedlam

In zarten Wahnsinns-Händen hält er seine Binsen,
die er hinter Elendsstäben zupft und flicht,
duftlose Büschel Stroh, im kümmerlichen Licht
des Kerkerlochs gesprossen. Dumpfe Leute grinsen

ihn an, Mitleids-Krämer. Wie seines Blicks Entzücken
ihren Stumpfsinn straft! Unwissend, daß ein Schein
des Himmels seinen Traum durchglüht wie Götterwein
und dunkle Stunden ihn zur Sternenbahn entrücken.

O armer Zwillingsbruder! Wenn jene dich bedauern,
will ich um alles, was dein Blick verheißt, nur trauern.
Des Narren Reich, fern von Saat und Mahd, der Last
der Menschen, Vanitas? Deine Mondes-Rosen
beschämen irdische. Lust und Schlaf verblaßt
vor deiner Sternen-Einsamkeit, o trunknes Kosen!

 

Mai 16 18

Ernest Christopher Dowson, Seraphita

Come not before me now, O visionary face!
Me tempest-tost, and borne along life’s passionate sea;
Troublous and dark and stormy though my passage be;
Not here and now may we commingle or embrace,
Lest the loud anguish of the waters should efface
The bright illumination of thy memory,
Which dominates the night; rest, far away from me,
In the serenity of thine abiding place!

But when the storm is highest, and the thunders blare,
And sea and sky are riven, O moon of all my night!
Stoop down but once in pity of my great despair,
And let thine hand, though over late to help, alight
But once upon my pale eyes and my drowning hair,
Before the great waves conquer in the last vain fight.

 

Seraphita

Nicht jetzt sollst Traumgesicht du mir erscheinen,
da mir in Stürmen heiß die Lebenswoge schreit.
Zerrt mich auch Qual und Sturm in Dunkelheit,
nicht hier und jetzt soll dunkles Schmelzen uns vereinen,
daß mir nicht trübe Schmerzenswassers Weinen
dein helles Bild, Erinnerungs-Geschmeid,
das in der Nacht mir glänzt. Schlafe, ach so weit,
in deiner fernen Haine Heiterkeit.

Doch wenn um Sturmes Gipfel Donner tosen
und Himmel klafft und Meer, o Mond du meiner Nacht,
magst du mir einmal gnädig in mein Elend glosen.
Und wär es auch zu spät, soll deine Hand mir sacht
die blassen Lider und die feuchten Haare kosen,
bevor die Woge steigt, die meines Lebens lacht.

 

Mai 16 18

Ernest Christopher Dowson, The Days of Wine and Roses

Vitae summa brevis spem nos vetat incohare longam

They are not long, the weeping and the laughter,
Love and desire and hate:
I think they have no portion in us after
We pass the gate.

They are not long, the days of wine and roses:
Out of a misty dream.
Our path emerges for a while, then closes
Within a dream.

 

Die Reben- und die Rosen-Feste

Das alles währt nicht lange, Lachen, Weinen,
die Liebe, Sehnsucht und das Hassen:
Schließt sich die Pforte endlich, scheinen
wir all dies hinter uns zu lassen.

Sie schimmern auf, die Reben- und die Rosen-Feste,
aus eines Traumes Dunkel.
Wir waren eines Sommertages späte Gäste
und sinken hin in Traumes Dunkel.

Mai 15 18

Ernest Christopher Dowson, Terre Promise

Even now the fragrant darkness of her hair
Had brushed my cheek; and once, in passing by,
Her hand upon my hand lay tranquilly:
What things unspoken trembled in the air!

Always I know, how little severs me
From mine heart’s country, that is yet so far;
And must I lean and long across a bar,
That half a word would shatter utterly?

Ah might it be, that just by touch of hand,
Or speaking silence, shall the barrier fall;
And she shall pass, with no vain words at all,
But droop into mine arms, and understand!

 

Terre Promise

Gerade hat ihr Haar voll dunkler Düfte
die Wange mir gestreift. Wie ihre Hand
hingleitend auf der meinen Stille fand.
Von Ungesagtem zitterten die Lüfte!

Ich weiß es längst, es hüllt nur zarter Rauch
das Land der Seele, doch er will nicht schwinden.
Muß mein Sehnen sich um Gitter winden,
die brächen unter eines Wortes Hauch?

Ach fiele, wenn sich Hände zärtlich streifen,
wenn Schweigen spricht, die Grenze fort.
Und käme jene ohne leeres Wort
mir in den Arm zu sinken, zu begreifen!

 

Mai 15 18

Ernest Christopher Dowson, The Dead Child

Sleep on, dear, now
The last sleep and the best,
And on thy brow,
And on thy quiet breast
Violets I throw.

Thy scanty years
Were mine a little while;
Life had no fears
To trouble thy brief smile
With toil or tears.

Lie still, and be
For evermore a child!
Not grudgingly,
Whom life has not defiled,
I render thee.

Slumber so deep,
No man would rashly wake;
I hardly weep,
Fain only, for thy sake.
To share thy sleep.

Yes, to be dead,
Dead, here with thee to-day,–
When all is said
‘Twere good by thee to lay
My weary head.

The very best!
Ah, child so tired of play,
I stand confessed:
I want to come thy way,
And share thy rest.

 

Das tote Kind

Schlummer soll dich wiegen,
mein Herz, zur letzten Lust,
auf deinen süßen Zügen,
auf deiner stillen Brust
sollen Veilchen liegen.

Rasch ist die Zeit vergangen,
da mich dein Atmen freute.
Doch deines Lächelns Prangen
ward keiner Furcht zur Beute,
nicht Tränen auf den Wangen.

Ruhe sanft und entrinn
als ein Kind der Ewigkeit.
Ohne allen Groll im Sinn,
dein Leben ward ja nicht entweiht,
gebe ich dich hin.

Find in dunklen Hainen
Schlaf, den keiner stört.
Lautlos will ich weinen,
will von deinem Schlaf betört
mich deinem Dunkel einen.

Ja, sterben wär ein Segen,
tot zu sein mit dir zugleich,
das Wort verwehte auf den Wegen,
und mein Haupt, so bleich,
neben deines hinzulegen.

Das wäre mir die Fülle!
Ach, Kind, so müd von allem Spiel,
ja, da ist mein letzter Wille:
zu folgen deines Pfades Ziel,
zu sinken hin in deine Stille.

 

Mai 14 18

Aus der Tiefe

Rostige Späne fallen abends
vom dunkelroten Himmel.

Aus dem Hahn der Küche
tropft Geseufz von Toten.

Die Amsel, die am Firste singt,
ist eine Spieluhr des Geschicks.

All die Worte, all die Worte
fliegen aus der Asche nicht.

Wessen Gottes Odem
haucht die Seele neu?

(Graue Mücke, die im Staub
der Zimmerecke sirrt.)

 

Mai 14 18

Ernest Christopher Dowson, In Spring

See how the trees and the osiers lithe
Are green bedecked and the woods are blithe,
The meadows have donned their cape of flowers,
The air is soft with the sweet May showers,
And the birds make melody:
But the spring of the soul, the spring of the soul,
Cometh no more for you or for me.

The lazy hum of the busy bees
Murmureth through the almond trees;
The jonquil flaunteth a gay, blonde head,
The primrose peeps from a mossy bed,
And the violets scent the lane.
But the flowers of the soul, the flowers of the soul,
For you and for me bloom never again.

 

Im Frühling

Schau der Stämme und der Weidenranken
frisches Grün, der Wipfel frohes Schwanken,
die Wiesen kleidet buntes Blumenleben,
die Luft ist weich von süßen Maies Weben,
und Vögel singen ihre Lieder:
Doch der Frühling der Seele, der Frühling der Seele,
er kehrt zu dir, zu mir nie wieder.

Emsige Bienen summen wie in Träumen
in Blüten von Mandelbäumen,
Narzisse, die ihr blondes Köpfchen reckt,
die Primel späht, im Moos versteckt,
und der Veilchen Düfte sprühen.
Doch die Blumen der Seele, die Blumen der Seele,
werden dir und mir nie wieder blühen.

 

Mai 14 18

Paul Verlaine, Beams

Aus: Romances sans paroles

Elle voulut aller sur les bords de la mer,
Et comme un vent bénin soufflait une embellie,
Nous nous prêtâmes tous à sa belle folie,
Et nous voilà marchant par le chemin amer.

Le soleil luisait haut dans le ciel calme et lisse,
Et dans ses cheveux blonds c’étaient des rayons d’or,
Si bien que nous suivions son pas plus calme encor
Que le déroulement des vagues, ô délice !

Des oiseaux blancs volaient alentour mollement
Et des voiles au loin s’inclinaient toutes blanches.
Parfois de grands varechs filaient en longues branches,
Nos pieds glissaient d’un pur et large mouvement.

Elle se retourna, doucement inquiète
De ne nous croire pas pleinement rassurés,
Mais nous voyant joyeux d’être ses préférés,
Elle reprit sa route et portait haut la tête.

 

Beams

Lustwandeln mochte sie am Meeresstrand,
und da die Winde lau ins Blaue stiegen,
so mochten wir uns ihrer Laune fügen,
gingen den Pfad, der sich ins Bittre wand.

Am wolkenlosen Himmel stand die Sonne,
im Blondschopf glomm ihr eine goldne Schnur,
so glitten wir in ihrer Tritte Spur,
die leiser als die Wellen ebbte, welche Wonne!

Um uns der weißen Vögel weiches Schweben
und ferne weißer Segel leichtes Neigen,
Seegräser wogten auf in dichten Zweigen,
wir flossen hin, als würde Flut uns heben.

Sie dreht sich um, von Bangen hold geneckt,
ob wir noch gläubig folgten ihren Schritten,
wie sie uns sieht, die frohen Favoriten,
spaziert sie weiter, stolz das Haupt gereckt.

 

Mai 13 18

Risse der Erde

Nach Bildern von Neo Rauch

Triefenden Glanzes Gewürm
bricht es aus der Erde,
leckt nach unbehaartem Fleisch.

Es steht in flackernden Fahnen
über Büschen, über Bergen,
ausgestülpt wie Därme.

Lautlos schießen Dornen
aus den Eutern, aus den Brüsten,
blutend an den Spitzen.

Laute verkleben Lippen,
Schweigen schäumt am Mund,
Sinn platzt auf wie Eiter.

Risse der Erde, Himmelsschründe,
donnernd kreißt die Nacht,
Blitze spalten den Schoß.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=neo+rauch+bilder&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwin8b3BwoPbAhVE6CwKHWJuAFEQ_AUICigB&biw=1120&bih=595#imgrc=QajApkDeXGKcsM:

 

Mai 13 18

Scheue Boten

Wolken, blaue Atemzüge,
die ein Vogelherz
überm Laub des Schlafes wiegen.

Keiner kann den Schatten rollen,
der dem Mund entquillt,
Traumgesagtes, schon verschollen.

Stacheln wie von Porzellan
lähmen das Gefühl,
Flaum und Distel, abgetan.

Keiner mag die Flammen halten
mit des Liedes Span,
Blüten, die im Dunst erkalten.

In die blaue Leere springen
Fische aus dem Teich,
Flossen, die wie Silber klingen.

Keiner fängt die scheuen Boten,
Flocken mit dem Mund,
doch sie schmelzen bei den Toten.

 

Mai 13 18

Paul Verlaine, Noël

Aus: Liturgies intimes

Petit Jésus qu’il nous faut être,
Si nous voulons voir Dieu le Père,
Accordez-nous d’alors renaître

En purs bébés, nus, sans repaire
Qu’une étable, et sans compagnie
Qu’une âne et qu’un bœuf, humble paire ;

D’avoir l’ignorance infinie
Et l’immense toute-faiblesse
Par quoi l’humble enfance est bénie ;

De n’agir sans qu’un rien ne blesse
Notre chair pourtant innocente
Encor même d’une caresse,

Sans que notre œil chétif ne sente
Douloureusement l’éclat même
De l’aube à peine pâlissante,

Du soir venant, lueur suprême,
Sans éprouver aucune envie
Que d’un long sommeil tiède et blême…

En purs bébés que l’âpre vie
Destine, — pour quel but sévère
Ou bienheureux ? — foule asservie

Ou troupe libre, à quel calvaire ?

 

Weihnacht

Kleiner Jesus, so müssen auch wir sein,
wollen wir Gott den Vater schauen,
mögest du uns neues Leben verleihn

als kleine Kinder, nackt, im Grauen
eines Stalls, wo die beiden uns zur Seit
Ochs und Esel demütig kauen.

Ins Meer der Unwissenheit
tauch uns, in Ohnmacht ohne Maßen
wodurch das schwache Kind geweiht.

Laß uns auf der Unschuld Straßen
wandeln, wo Herzen nichts verstört,
auch wenn sie liebend sich vergaßen.

Unser trübes Auge werde nicht betört,
auch nicht von Frührots Strahlen,
das schmerzlich neuen Glanz beschwört.

Und wehen Abends Purpurfahnen,
laß uns keinen andren Trost
als langen Schlummers bleiche Bahnen.

Laß uns wie reine Kinder sein, erlost
vom bittren Leben – fürs Folterbette
oder die Seligkeit – von Engeln umkost

oder versklavt. Für welche Schädelstätte?

 

Mai 12 18

Ernest Christopher Dowson, April Love

We have walked in Love’s land a little way,
We have learnt his lesson a little while,
And shall we not part at the end of day,
With a sigh, a smile?

A little while in the shine of the sun,
We were twined together, joined lips forgot
How the shadows fall when day is done,
And when Love is not.

We have made no vows – there will none be broke,
Our love was free as the wind on the hill,
There was no word said we need wish unspoke,
We have wrought no ill.

So shall we not part at the end of day,
Who have loved and lingered a little while,
Join lips for the last time, go our way,
With a sigh, a smile?

 

Liebe im April

Uns blieben im Land der Liebe kurze Tage,
an ihrer Lehre durften wir uns weiden.
Werden wir im Abendlicht mit einer Klage,
einem Lächeln scheiden?

Im Schein der Sonne blieben wir umschlungen,
vergessend, Mund an Mund so dicht,
wie Schatten wachsen, wenn der Tag verklungen,
doch die Liebe nicht.

Wir schworen nicht, kein Schwur wird je gebrochen,
frei flog die Liebe uns wie Windes Saat,
kein Wort von uns, das besser ungesprochen,
keine böse Tat.

Warum nicht scheiden, wenn Abendlüfte wehen,
da wir uns liebten unter Frühlings Fächeln,
zum Abschied küßten, unsres Weges gehen,
mit einem Seufzen, einem Lächeln?

 

Mai 11 18

Scheingestalten

Laue Schauer,
Schlafes Laub,
Gräser glimmen
schon im Staub,
und vom Regen
glänzt die Mauer,
wenn im feuchten
Anhauch Stimmen,
graues Beben,
sich in Mulden legen,
und es leuchten
auf dem Teich,
hingegeben,
Schwänen gleich,
vom Nichts gehalten,
Lichter ohne Leben,
unsre Scheingestalten.

 

Mai 11 18

Totenspende

Nur der Edle kann das Leben preisen,
das in hell und dunklen Kreisen
sich um ihn ergießt.

Sanfter Wind hat ihm das Blatt entwunden,
Efeudunkel hoher Stunden,
da die Klage fließt.

Abend ruht, ein veilchenblauer Flügel,
auf des Herzens kleinem Hügel
wie auf einem Grab.

Nacht weht wie aus mütterlichen Händen
Tropfen Taus als Totenspenden
auf das Moos hinab.

 

Mai 11 18

Paul Verlaine, Credo

Aus: Liturgies intimes

Je crois ce que l’Église catholique
M’enseigna dès l’âge d’entendement :
Que Dieu le Père est le fauteur unique
Et le régulateur absolument
De toute chose invisible et visible,
Et que, par un mystère indéfectible,

Il engendra, ne fit pas Jésus-Christ
Son Fils unique avant que la lumière
Ne fût créée, et qu’il était écrit
Que celui-ci mourrait de mort amère,
Pour nous sauver du malheur immortel
Sur le Calvaire et, depuis, sur l’Autel ;

Enfin que l’Esprit saint, lequel procède
Et du Père et du Fils et qui parlait
Par les prophètes, et ma foi qui s’aide
De charité croit le dogme complet
De l’Église de Rome, au saint baptême,
En la vie éternelle. Vœu suprême.

 

Credo

Ich bekenne, was die katholische Kirche mich
von Kindesbeinen an gelehrt:
Gott den Vater, den Schöpfer wahrlich,
der lenkt und herrschet unversehrt
in allen Welten, sichtbar oder unsichtbar,
und durch ein Wunder, unantastbar,

Jesus Christus hat gezeugt, nicht gemacht,
den einzigen Sohn, bevor er rief
das Licht ins Sein, wie die Schrift es sagt,
da er in Bitternis entschlief,
uns zu erlösen vom ewigen Leid
auf Golgota, auf Altären allezeit;

den heiligen Geist, der ewig weht
vom Vater und vom Sohne her, der gekündet
durch Prophetenmund, was von Gnade lebt,
meinen Glauben, der in die Lehre mündet
von der Kirche Roms, vom Taufsakrament
und ewigem Leben. Wahres Testament.

 

Mai 10 18

Eulenspiegelei

Wie sind die Stunden hingegangen,
als wäre was wir litten
wie Tropfen abgeglitten
vom blassen Teint der Blütenwangen.

Die Worte sind uns lang zerronnen,
nur O und Ach, sie schweben
wie Trauben dunkler Reben,
die ungepflückten blauen Wonnen.

Uns netzt, wenn Tau und Dunkel fließen,
ein stummes Moos die Qualen,
wir harren süßer Strahlen,
die uns der Seele Schoß erschließen.

Der Morgen hat wie Eulenspiegel
uns aus dem Wahn gerissen,
er setzte auf sein Wissen
vom tauben Ei des Hinterns Siegel.

 

Mai 10 18

Paul Verlaine, Avent

Aus: Liturgies intimes

« Dans les Avents », comme l’on dit
Chez mes pays qui sont rustiques
Et qui patoisent un petit
Entre autres usages antiques,

« Dans les Avents les côs chantont »,
Toute la nuit, grâce à la lune
« Clartive » alors, et dont le front
S’argente et cuivre dès la brune

Jusqu’à l’aube en peu d’ombre, et ces
Chante-clair, clair comme un beau rêve,
Proclament jusques à l’excès
Le soleil… qui plus tard se lève,

Trop tard pour ceux qui sont reclus
Au poulailler, — tout comme une âme
Ne tendant que vers les élus,
Dans le péché, prison infâme, —

Et comme une âme les bons coqs,
Vigilants, tels au temps de Pierre,
Souffrent, mais, en dépit des chocs
D’ombre, chantent, et l’âme espère.

 

Advent

„In den Tagen des Advent“, so hallt
es in unseren Dörfern und Flecken,
wo erdenschwer die Zunge lallt
und bäurisch-rauhe Sitten schrecken.

„Im Advent die Gickerl gackern“
die ganze Nacht, weil dieses macht
der Mond mit seinem hellen Flackern
wie Silbermünzen bei der Nacht.

Gen Morgen wird sein Antlitz dunkel,
doch jene krächzen traumverklärt
im Überschwange vom Gefunkel
der Sonne, die später wiederkehrt,

für die im Hühnerstall zu spät,
sie sind gefangen, wie voll Bängnis
die Seele, die zu Engeln fleht
im sündendunklen Kot-Gefängnis.

Und gleich der Seele halten Wacht
die Hühner, wie zu Petri Stunde,
ihr Krähen trotzt der Schreckensnacht,
die Seele harrt der frohen Kunde.

 

Mai 9 18

Lesen wir in alten Alben

Netzen wir mit goldnen Weinen,
in Bottichen des Traums gegoren,
die Lippen liebenswerter Toren,
lechzend nach dem Ungemeinen.

Auch die Mitternacht hat Blüten,
die Augen gleich im Dunkel glimmen,
wie zärtlich rufen uns die Stimmen,
Vögel, die auf Hoffnung brüten.

Lesen wir in alten Alben,
wo scheue Federn, sanft gepreßte,
von Liebe sagen zarte Reste,
Schatten von der Sappho Schwalben.

 

Mai 9 18

Paul Verlaine, Asperges me

Aus: Liturgies intimes

Moi qui ne suis qu’un brin d’hysope dans la main
Du Seigneur tout-puissant qui m’octroya la grâce,
Je puis, si mon dessein est pur devant Sa face,
Purifier autrui passant sur mon chemin.

Je puis, si ma prière est de celles qu’allège
L’Humilité du poids d’un désir languissant,
Comme un païen peut baptiser en cas pressant,
Laver mon prochain, le blanchir plus que la neige.

Prenez pitié de moi, Seigneur, suivant l’effet
Miséricordieux de Vos mansuétudes,
Veuillez bander mon coeur, coeur aux épreuves rudes,
Que le zèle pour Votre maison soulevait.

Faites-moi prospérer dans mes voeux charitables
Et pour cela, suivant le rite respecté,
Gloire à la Trinité durant l’éternité,
Gloire à Dieu dans les cieux les plus inabordables,

Gloire au Père, fauteur et gouverneur de tout,
Au Fils, créateur et sauveur, juge et partie,
Au Saint-Esprit, de Qui la lumière est sortie,
Par Quel ainsi qu’une eau lustrale mon sang bout,

Moi qui ne suis qu’un brin d’hysope dans la main.

 

Asperges me

Ich bin nichts weiter als ein Sprengel in der Hand
des Herren, dessen Allmacht an mir ließ Gnade walten,
ich kann den Weggefährten herrlich umgestalten,
so Gottes Angesicht mein Trachten rein erfand.

Und wäre mein Gebet so rein, daß es erfleh
der Schwermut einen Flügel, die am Boden kriecht,
wie Heiden taufen dürfen, wer im Elend siecht,
so leih ich Glanz dem Nächsten, reiner als der Schnee.

O neige voller Huld dich, Herr, zu mir herab,
dein Erbarmen, das so hoch von Milde überflutet,
umwickle mir das Herz, weil es von Stacheln blutet,
der Eifer für Dein Reich hob es schon aus dem Grab.

Laß meiner Liebe Zweige wieder Blüten füllen,
dann singe ich im alten Kulte früh und spät
das Gloria der immer währenden Trinität,
Gloria dem Gott, den Himmels dunkle Veste hüllen,

Gloria dem Vater, der alles streut und alles ballt,
dem Sohn, der schöpft und rettet, richtet und losspricht,
dem heiligen Geist, aus dem ewig fließt das Licht,
worin mein Blut in Wassern gleich der Sühne wallt.

Ich bin nichts weiter als ein Sprengel in der Hand.

 

Mai 8 18

Die Kerzen sind verglommen

Goldner Staub auf Fensterbänken,
warmes Scheinen wie von Kerzen
bricht aus unsren dunklen Herzen.
Wollen wir der Nacht es schenken?

Diese Nacht spricht nur Gefunkel,
deiner Blicke banges Schweifen
senkt sich ohne zu begreifen
wie ein Schwan auf Wassers Dunkel.

Gleiten Flügel wir an Flügel
hin und wieder auf dem Wasser,
wird der Abgrund immer blasser,
Knospen glühen auf am Hügel.

Stehst du etwas noch benommen
vor dem Fenster, Schwalben stürzen,
sind schon schal des Lebens Würzen,
und die Kerzen sind verglommen.

 

Mai 8 18

Vergehen ist den Seelen mild

Vollendung ist im Wechselspiel
von Licht und weißen Schleiern,
das sommergrüne Erde ziert,
wenn Schimmer Taus auf Blüten feiern.

Vollkommenheit liegt in der Zeit,
wenn Kinder sich am Echo freuen,
Erinnerung wie Nebel steigt,
den Strahlen hohen Blaus zerstreuen.

Vergehen ist den Seelen mild,
wenn sie dem Duft anheim sich geben,
der aus Lotusknospen schwillt,
die abends an den Ufern schweben.

 

Mai 8 18

Paul Verlaine, L’autel bas s’orne de hautes mauves

Aus: Bonheur

L’autel bas s’orne de hautes mauves,
La chasuble blanche est toute en fleurs,
A travers les pâles vitraux jaunes
Le soleil se répand comme un fleuve ;

On chante au graduel : Fi-li-a !
D’une voix si lentement joyeuse
Qu’il faudrait croire que c’est l’extase
D’à-jamais voir la Reine des cieux ;

Le sermon du tremblotant vicaire
Est gentil plus que par un dimanche,
Qui dit que pour s’élever dans l’air
Faut être humble et de foi cordiale ;

Il ajoute, le cher vieux bonhomme,
Que la gloire ultime est réservée
Sur tous ceux qui vivent dans la pompe,
Aux pauvres d’esprit et de monnaie ;

On sort de l’église, après les vêpres,
Pour la procession si touchante
Qui a nom : du Vœu de Louis Treize
C’est le cas de prier pour la France.

 

Der Altar ist geschmückt mit Malven

Der Altar ist geschmückt mit Malven,
die Kasel ziert ein Blumenschwall,
durchs gelbe Fensterglas, das fahle,
stürzt sich der Sonne Wasserfall.

Man singt das Graduale: Fi-li-a!
Die Stimme dehnt der Töne Beben,
als wäre sie verzückt, für immer nah
der Himmelskönigin zu schweben.

Des jungen Pfarrers liebe Stimme
erzittert nicht nur Sonntags wegen,
daß man, sagt er, zum Himmel klimme,
muß man im Herzen Demut hegen.

So drückt der gute Mann sich aus:
Den Siegeskranz gewährt Erbarmen
vorm Lebemann in Saus und Braus,
den geistlich und den leiblich Armen.

Wir wandeln nach dem Abendlied
in feierlichen Umgangs Schritten,
wie Ludwigs Wille es beschied,
für unser Frankreich Heil zu bitten.

 

Mai 7 18

Paul Verlaine, Les plus belles voix

Aus: Bonheur

Les plus belles voix
De la Confrérie
Célèbrent le mois
Heureux de Marie.
Ô les douces voix !

Monsieur le curé
L’a dit à la Messe :
C’est le mois sacré.
Écoutons sans cesse
Monsieur le Curé.

Faut nous distinguer,
Faut, mesdemoiselles,
Bien dire et fuguer
Les hymnes nouvelles.
Faut nous distinguer,

Bien dire et filer
Les motets antiques,
Bien dire et couler
Les anciens cantiques,
Filer et couler.

Dieu nous bénira,
Nous et nos familles.
Marie ouïra
Les vœux de ses filles,
Dieu nous bénira.

Elle est la bonté,
C’est comme la Mère
Dans la Trinité,
La Fille et la Mère.
Elle est la bonté,

La compassion,
Sans fin et sans trêve,
L’intercession
Qu’appuie et soulève
La compassion.

Avant le salut,
Chantons ses louanges ;
Pendant le salut,
Chantons ses louanges
Après le salut

Chantons ses louanges.

 

Der schönste Gesang

Der schönste Gesang
der Glaubensschar
preist im Überschwang
Mariens seliges Jahr.
O süßer Gesang!

Hohen Worts Bescheid
in den heiligen Messen:
es ist des Heiles Zeit,
bleibe unvergessen
und unser Herz bereit.

Das soll unser Zeichen sein,
das soll, gute Frauen,
in Hymnen neu und rein
unser Herz erbauen,
das soll unser Zeichen sein,

schön zu singen und zu binden
den Liederkranz der Ahnen,
schön zu singen und zu winden
des Psalters Bahnen,
zu binden und zu winden.

Gott gibt uns den Segen,
uns und unsren Sprossen,
Maria wird es hegen,
was ihrer Töchter Herz entflossen.
Gott gibt uns den Segen.

Sie hat die Güte ausgesät,
sie ist der Mutter gleich
in der Trinität,
Tochter und Mutter zugleich.
Sie hat die Güte ausgesät,

hat alles mitgelitten,
grenzenlos und ohne Rast
wird sie für uns bitten,
sie stützt und hebt die Last,
weil sie alles mitgelitten.

Vor dem Angelus
laßt ihr Lob uns singen,
beim Angelus
laßt ihr Lob uns singen,
nach dem Angelus

laßt ihr Lob uns singen.

 

Mai 7 18

Wie weit sind wir gegangen

Wie weit sind wir gegangen
in diese Einsamkeit,
es blaßten deine Wangen,
doch dunkel blieb das Leid.

Nun wollen wir uns legen
auf dieses weiche Moos
und harren, ob ein Segen
erglänzt im Blumenschoß.

Das Veilchen macht dich weinen,
sein Herz ist schon verblüht.
An Flechten auf den Steinen,
seh ich den Geist verglüht.

So wollen wir uns winden
wie Wicken an den Gittern,
den Halt im Dunkel finden,
wo Sterne einsam zittern.

 

Mai 7 18

Paul Verlaine, Après le départ des cloches

Aus: Bonheur

Après le départ des cloches
Au milieu du Gloria,

Dès l’heure ordinaire des vêpres
On consacre les Saintes Huiles
Qu’escorte ensuite un long cortège
De pontifes et de lévites.
Il pluvine, il neigeotte,
L’hiver vide sa hotte.

Le tabernacle bâille, vide,
L’autel, tout nu, n’a plus de cierges,
De grands draps noirs pendent aux grilles,
Les orgues saintes sont muettes.
Du brouillard danse à même
Le ciel encore blême.

On dispense à flots d’eau bénite,
Toutes cires sont allumées,
Et de solennelle musique
S’enfle au chœur et monte au jubé,
Un clair soleil qui grise
Réchauffe l’âpre bise.

Gloria ! Voici les cloches
Revenir ! Alleluia !

 

Nach dem Abschied der Glocken

Nach dem Abschied der Glocken
mitten im Gloria,

weiht man zur Vesperstunde
die heiligen Öle,
und in feierlicher Prozession
schreiten Priester und Diakone.
Es nieselt, es flockt ums Haus,
Winter schüttelt seinen Mantel aus.

Der Tabernakel, eine dunkle Höhle,
um den Altar kein Kerzenschimmer,
große schwarze Tücher hüllen Kreuz und Bilder,
stumm sind die heiligen Orgeln,
Nebel, eines Schleiers Tanz
nimmt dem Himmel allen Glanz.

Nun ergießt sich das geweihte Wasser,
alle Kerzen sind entzündet,
und feierliches Lied
schwillt im Chor und steigt zum Lettner,
eine Sonne, um die Klarheit schwärmt,
hat den scharfen Hauch erwärmt.

Gloria! Die Glocken
kehren heim! Halleluja!

 

Mai 6 18

Hochgebet

Des hohen Kelches
reine Form
scheint aufzuschweben.

Des Hochgebetes
sanfte Norm
erfüllt das Leben.

Des blauen Rauches
Opferduft
hat Licht getrunken.

Der Liebeshymnen
weiche Luft
durchzittern Funken.

 

Mai 6 18

Pollen, Flocken

Pollen sind es,
goldne Hymnen,
die den Asphalt flecken.

Am Ruf der Lerchen
schmilzt der Schnee,
der noch am Abhang
grauer Herzen stäubt.

Die treuen Seelen,
die dämmernd sannen
überm Ahnengrab,
entschweben,
leichte Flocken,
in den blauen Tag.

Stille glänzt,
am Rosenblatt
der Tropfen.

 

Mai 5 18

Ophelia

Du träumst allein auf grünen Fluten,
worin sich Stern und Wolke spiegeln.
Aus blauem Grunde Knospen bluten,
wenn Hauches Küsse sie entsiegeln.

Dich trägt ins dunkle Uferlose
des Wassers Seufzen nach den Blüten,
der Heimat einer Wunderrose,
die Engel des Gesangs behüten.

Und ewig scheint die Fahrt zu dauern
durchs graue Einerlei der Weiden,
die deinen weißen Leib umschauern,
doch ihn zu bergen scheu vermeiden.

Wird einmal sich ums Schilfrohr winden
das Irrsal deiner Schmerzenslocken?
Wirst einmal du das Ufer finden,
wo abendfriedlich tönen Glocken?

 

Mai 4 18

Du warst die Knospe und der Hauch

Erst ist es nur ein bunter Staub,
den Abendwind vom Söller fegt,
des sanften Dämmers fahles Laub,
das sich auf deinen Atem legt.

Dann fühlst du einen fernen Blick
wie eines Sterns aus leerer Nacht
und weißt um deines Lebens Glück,
dir einzig einmal zugedacht.

Die Dunkelheit verschloß die Luft,
und keine Knospe war ein Mund,
zu küssen dich mit ihrem Duft,
kein Atem hauchte dich gesund.

So tratst du bleich ins Morgenlicht,
da goß sich dir aus blauem Rauch
die Röte auf das Angesicht,
du warst die Knospe und der Hauch.

 

Mai 4 18

Paul Verlaine, L’amour par terre

Aus: Fêtes galantes

Le vent de l’autre nuit a jeté bas l’Amour
Qui, dans le coin le plus mystérieux du parc,
Souriait en bandant malignement son arc,
Et dont l’aspect nous fit tant songer tout un jour !

Le vent de l’autre nuit l’a jeté bas ! Le marbre
Au souffle du matin tournoie, épars. C’est triste
De voir le piédestal, où le nom de l’artiste
Se lit péniblement parmi l’ombre d’un arbre,

Oh ! c’est triste de voir debout le piédestal
Tout seul ! Et des pensers mélancoliques vont
Et viennent dans mon rêve où le chagrin profond
Évoque un avenir solitaire et fatal.

Oh ! c’est triste ! – Et toi-même, est-ce pas ! es touchée
D’un si dolent tableau, bien que ton oeil frivole
S’amuse au papillon de pourpre et d’or qui vole
Au-dessus des débris dont l’allée est jonchée.

 

Amor auf dem Boden

Der Nachtwind hat Amor jüngst zu Fall gebracht,
dort wo im Dämmerlicht des Parks er stand,
wo listig er den Bogen eingespannt,
darüber haben lang wir nachgedacht.

Der Nachtwind brachte ihn zu Fall! Der Staub
des Marmors ward vom Morgenhauch zerstreut,
traurig ragt der Sockel, kaum ein Deut
vom Künstlernamen, Schatten wirft das Laub.

O wie traurig, zu sehen, wie der Sockel nackt
dort steht, im Traume wandeln hin und her
mich trübe Geister an, der Gram so schwer
malt mir die Zukunft einsam und vertrackt.

O wie traurig! Und auch dich ergreift
das Bild des Jammers, blickst du Unhold
auch dem Falter nach, der Purpur und Gold
über den Unrat der Alleen schleift.

 

Mai 3 18

Paul Verlaine, Les indolents

Aus: Fêtes galantes

Bah ! malgré les destins jaloux,
Mourons ensemble, voulez-vous ?
– La proposition est rare.

- Le rare est le bon. Donc mourons
Comme dans les Décamérons.
– Hi ! hi ! hi ! quel amant bizarre !

– Bizarre, je ne sais. Amant
Irréprochable, assurément.
Si vous voulez, mourons ensemble ?

– Monsieur, vous raillez mieux encor
Que vous n’aimez, et parlez d’or;
Mais taisons-nous, si bon vous semble !

Si bien que ce soir-là Tircis
Et Dorimène, à deux assis
Non loin de deux sylvains hilares,

Eurent l’inexpiable tort
D’ajourner une exquise mort.
Hi! hi! hi! les amants bizarres !

 

Die trägen Herzen

Pah, will das Schicksal uns verderben,
laßt uns doch zusammen sterben!
– So was hat man selten noch gehört.

– Nur das Seltene ist gut. Eine Krone
leiht uns der Tod wie im Dekamerone.
– Ha, ha, ha! Eine Liebender, doch verstört.

– Verstört, ich weiß nicht. Ohne Flecken
ist mein Lieben, muß es nicht verstecken.
Laßt uns also sterben, dünkt es Ihnen recht.

– Mein Herr, sie wollen meiner eher höhnen
als mich lieben, und in welch großen Tönen.
Doch schweigen wir, das wäre wohl nicht schlecht!

Und folglich konnten Thyrsis und Dorimene,
sie teilten abends sich dieselbe Lehne,
zwei freche Faune waren auch nicht weit,

einen großen Tort nicht ganz vermeiden,
aus dem Leben hochgesinnt zu scheiden.
Ha, ha, ha! Die Liebesnarren Seit an Seit!

 

Mai 3 18

O Schönheit edlen Sinns

O Schönheit edlen Sinns,
der sich im Dunkeln kniet
aufs demutsanfte Moos
vor fernsten Lichtes Ruf.

O sanften Lebens Heiterkeit,
genährt von einer Kerze Schein,
von einer Rose Odemduft,
der hell die Träne rinnt.

O hoher Liebe Einsamkeit,
die in leeren Nächten treu
das süße Bildnis küßt
mit blassen Mundes Hauch.

O Schönheit edlen Sinns,
der sich im Dunkeln kniet
aufs demutsanfte Moos
vor fernsten Lichtes Ruf.

 

Mai 3 18

Zwischen Gras und Grab

Wir sind die nächtlich-stummen Funken
und sprühen auf wie Phosphormücken
zwischen Gras und Grab.

Ein Mond, der seltsam schräg sein Lächeln
auf dunkler Seelen Wasser streut,
ein Vogelschrei der Nacht.

Ein Winseln und Flattern von Schatten
an weißgetünchten Wänden
im desinfizierten Sterbehaus.

Jene Lieder, die von Zweigen tropften,
sind wie unverhoffter Schauer
im Hof des Sommers eingesickert.

 

Mai 2 18

Paul Verlaine, Pantomime

Aus: Fêtes galantes

Pierrot, qui n’a rien d’un Clitandre,
Vide un flacon sans plus attendre,
Et, pratique, entame un pâté.

Cassandre, au fond de l’avenue,
Verse une larme méconnue
Sur son neveu déshérité.

Ce faquin d’Arlequin combine
L’enlèvement de Colombine
Et pirouette quatre fois.

Colombine rêve, surprise
De sentir un coeur dans la brise
Et d’entendre en son coeur des voix.

 

Pantomime

Pierrot hat so gar nichts von Klitander,
alles schlingt er durcheinander,
erst die Flasche, drauf ein Törtchen fein.

Kassander, ins Abseits vorgedrungen,
weint eine Träne unbesungen,
ach, sein Neffe darf kein Erbe sein.

Harlekin, der Strolch, er phantasiert,
wie er Kolumbine flugs entführt,
und windet viermal sich um seine Füße.

Kolumbine träumt, sie kann beschwören,
im Windeshauch ein Herz zu hören
und in ihrem Herzen Stimmen, süße.

 

Mai 2 18

Paul Verlaine, Colombine

Aus: Fêtes galantes

Léandre le sot,
Pierrot qui d’un saut
De puce
Franchit le buisson,
Cassandre sous son
Capuce,

Arlequin aussi,
Cet aigrefin si
Fantasque
Aux costumes fous,
Ses yeux luisants sous
Son masque,

— Do, mi, sol, mi, fa, —
Tout ce monde va,
Rit, chante
Et danse devant
Une belle enfant
Méchante

Dont les yeux pervers
Comme les yeux verts
Des chattes
Gardent ses appas
Et disent : « A bas
Les pattes ! »

— Eux ils vont toujours ! —
Fatidique cours
Des astres,
Oh ! dis-moi vers quels
Mornes ou cruels
Désastres

L’implacable enfant,
Preste et relevant
Ses jupes,
La rose au chapeau,
Conduit son troupeau
De dupes ?

 

Colombina

Leander, dieser Strolch,
Pierrot hüpft
wie ein Molch
über eine Pfütze.
Kassander schlüpft
unter seine Mütze.

Auch Harlekin
treibt sein wildes Spiel,
ungestüm,
mit frechen Blicken
in seinem Flicken-
kostüm.

– Do, mi, sol, mi, fa,
die ganze Bande ist da,
sie lacht, sie tiriliert,
und tanzt geschwind
um ein schönes Kind,
das sie an der Nase führt,

seiner Augen schräge Ritze
blitzen auf wie grüne Schlitze
von Katzen,
und ihr Liebreiz macht sie munter,
und sie sagen: „Runter
mit den Tatzen!“

– So geht es jetzt und immer! –
Unterm Sternenglimmer
dunkler Schicksalszwänge.
O sage mir, in welche öden
oder grausam-schnöden
Untergänge

die gnadenlose Maid,
die so voller Schneid
die Röcke schwenkt,
am Hutsaum prangt die Rose,
ihre führungslose
Herde lenkt.

 

Mai 2 18

Die Wiederkunft

Siehst du noch das Schwelen
in Wortes Aschengrau,
an Rosen tote Seelen
saugen Flug und Tau?

Die Quellen liegen trocken,
das Wort ein matter Stein,
ein abgenagter Brocken,
weder Brot noch Wein.

Von oben wird es kehren,
aus Wolken oder Blitz,
zu bauen in den leeren
Herzen seinen Sitz,

zu träufeln in die Venen
der Sonne Liebestran,
Mond schwillt Wassers Sehnen
Fittiche dem Schwan.

Manchmal geht ein Funken
durch Augen oder Gras.
Manchmal tönt im Dunkeln
hohen Domes Glas.

 

Mai 1 18

Paul Verlaine, En sourdine

Aus: Fêtes galantes

Calmes dans le demi-jour
Que les branches hautes font,
Pénétrons bien notre amour
De ce silence profond.

Fondons nos âmes, nos coeurs
Et nos sens extasiés,
Parmi les vagues langueurs
Des pins et des arbousiers.

Ferme tes veux à demi,
Croise tes bras sur ton sein,
Et de ton coeur endormi
Chasse à jamais tout dessein.

Laissons-nous persuader
Au souffle berceur et doux
Qui vient à tes pieds rider
Les ondes de gazon roux.

Et quand, solennel, le soir
Des chênes noirs tombera,
Voix de notre désespoir,
Le rossignol chantera.

 

Con sordino

Laß uns beim matten Glanz,
der sinkt von hohen Zweigen
die Liebe tauchen ganz
in dieses tiefe Schweigen.

Lösen Herzen wir und Seelen
und der Sinne Schäumen
in das Schatten-Schwelen
von Pinien und Erdbeerbäumen.

Laß Schlaf auf Wimpern tropfen,
kreuz die Arme vor den Brüsten,
und aus Herzens müdem Klopfen
scheuche Wunsch und Listen.

Wir wollen trunken fließen
ins Schaukeln und ins Säuseln,
die Gras zu deinen Füßen
in rote Wellen kräuseln.

Und wenn des Abends ragen
die weihedunklen Eichen,
es wird uns das Entsagen
die Nachtigall erweichen.

 

Mai 1 18

Marcel Proust, Antoine Watteau

Crépuscule grimant les arbres et les faces,
Avec son manteau bleu, sous son masque incertain ;
Poussière de baisers autour des bouches lasses…
Le vague devient tendre, et le tout près, lointain.

La mascarade, autre lointain mélancolique,
Fait le geste d’aimer plus faux, triste et charmant.
Caprice de poète – ou prudence d’amant,
L’amour ayant besoin d’être orné savamment -
Voici barques, goûters, silences et musique.

 

Antoine Watteau

Abendlicht schminkt Bäume und Gesichter,
blauer Mantel, Maske ohne Augenstern.
Von Küssen Staub um Lippen ohne Lichter,
Zart wird das Vage und das Nahe fern.

Masken, andrer Fernen Schwermut wieder,
der Liebe ganzer Trug, traurig und charmant,
Dichter spann ihn oder klug ein Liebesfant,
Liebe lieh sich Zier vom Kunstverstand,
Barken also, Picknick, Schweigen, Lieder.

 

Mai 1 18

Théophile Gautier, Watteau

Aus: La comédie de la mort

Devers Paris, un soir, dans la campagne,
J’allais suivant l’ornière d’un chemin,
Seul avec moi, n’ayant d’autre compagne
Que ma douleur qui me donnait la main.

L’aspect des champs était sévère et morne,
En harmonie avec l’aspect des cieux,
Rien n’était vert sur la plaine sans borne,
Hormis un parc planté d’arbres très vieux.

Je regardai bien longtemps par la grille ;
C’était un parc dans le goût de Watteau :
Ormes fluets, ifs noirs, verte charmille,
Sentiers peignés et tirés au cordeau.

Je m’en allai l’âme triste et ravie ;
En regardant, j’avais compris cela :
Que j’étais près du rêve de ma vie,
Que mon bonheur était enfermé là.

 

Watteau

Unweit Paris, ein Abend auf dem Lande,
alter Wege Spuren ging ich nach,
allein, da sich kein andrer zu mir wandte
als mein Leid, das einzig mit mir sprach.

Die Felder waren eine trübe Wüste
so wie der Himmel über mir,
kein grüner Fleck der Brachen grüßte,
da hob ein Park mir alter Wipfel Zier.

Ich blickte lang durchs Rostgestänge:
ein Park im Stile von Watteau.
Ulmen, schwarzer Taxus, Laubengänge,
geharkte Pfade, Rokoko.

Ich ging, entzückt und doch verdrossen,
ich begriff, was ich dort sah:
meines Lebens Traum war nah,
und mein Glück war eingeschlossen.

 

Apr 30 18

Paul Verlaine, À la promenade

Aus: Fêtes galantes

Le ciel si pâle et les arbres si grêles
Semblent sourire à nos costumes clairs
Qui vont flottant légers avec des airs
De nonchalance et des mouvements d’ailes.

Et le vent doux ride l’humble bassin,
Et la lueur du soleil qu’atténue
L’ombre des bas tilleuls de l’avenue
Nous parvient bleue et mourante à dessein.

Trompeurs exquis et coquettes charmantes,
Coeurs tendres mais affranchis du serment,
Nous devisons délicieusement,
Et les amants lutinent les amantes,

De qui la main imperceptible sait
Parfois donner un souffle qu’on échange
Contre un baiser sur l’extrême phalange
Du petit doigt, et comme la chose est

Immensément excessive et farouche,
On est puni par un regard très sec,
Lequel contraste, au demeurant, avec
La moue assez clémente de la bouche.

 

Beim Spaziergang

Der fahle Himmel und die grüne Ranken
lächeln auf unser Sommerkleid,
das bauscht der Lüfte Heiterkeit
so leicht wie leichte Flügel schwanken.

Der Wind wellt sanft ein Demutswasser,
das Sonnenlicht, gedämpft schon früh
vom Lindendunkel der Avenue,
scheint uns blau und sterbend blasser.

Kokette Liebchen und windige Gecken,
zarte Herzen, doch vom Eid befreit,
verplaudern wir die süße Lebenszeit,
Liebende, die ihre Holden necken,

die manchmal mit versteckter Hand
ein Zischen schnippen, süße Schmitze
für einen Kuß, der kaum die Spitze
des kleinen Fingers traf, befand

man also haltlos unser Tollen,
straft einen wohl ein spröder Blick,
doch gibt die Süße uns zurück
des runden Mundes weiches Schmollen.

 

Apr 30 18

Paul Verlaine, Fantoches

Aus: Fêtes galantes

Scaramouche et Pulcinella,
Qu’un mauvais dessein rassembla,
Gesticulent, noirs sur la lune.

Cependant l’excellent docteur
Bolonais cueille avec lenteur
Des simples parmi l’herbe brune.

Lors sa fille, piquant minois,
Sous la charmille en tapinois
Se glisse demi-nue, en quête

De son beau pirate espagnol,
Dont un langoureux rossignol
Clame la détresse à tue-tête.

 

Marionetten

Scaramouche und Pulcinell,
Mond macht ihr Theater grell,
fuchteln wild mit Schattengesten.

Und Bolognas Doktor Schlau
pflückt sich Kräuter auf der Au,
die ihm lindern die Gebresten.

Töchterlein, das Püppchen heiß,
stiehlt sich unter Lauben leis
halb entblößt zu ihrem schönen

Dieb im spanischen Gewand,
wovon sein Herz halb abgebrannt,
hört laut sie Nachtigallen stöhnen.

 

Apr 30 18

Paul Verlaine, Sur l’herbe

Aus: Fêtes galantes

- L’abbé divague. – Et toi, marquis,
Tu mets de travers ta perruque.
- Ce vieux vin de Chypre est exquis
Moins, Camargo, que votre nuque.

- Ma flamme … – Do, mi, sol, la, si.
L’abbé, ta noirceur se dévoile !
- Que je meure, mesdames, si
Je ne vous décroche une étoile !

- Je voudrais être petit chien !
- Embrassons nos bergères, l’une
Après l’autre. – Messieurs, eh bien ?
- Do, mi, sol. – Hé ! bonsoir la Lune !

 

Im Grase

Der Abbé schwadroniert. – Herr Marquis,
verrutscht ist Ihnen die Perücke.
– Camargo, ach, daß Weines Blume nie
mich wie Ihr weißer Hals entzücke!

– Meine Flamme … – Do, mi, sol, la, si.
Abbé, nackt ist deine schwarze Seele.
– Ich sinke, meine Damen, in die Knie,
wenn ich Ihnen keine Sterne stehle!

– Gern wär ich ein Hündchen auf dem Schoß!
– Küssen wir unsre Schäferinnen, eine
nach der anderen. – Ihr Herren, also los.
– Do, mi, sol. – Mond ins Bett und weine!

 

Apr 29 18

O daß der Stern erblaßt

Mein Rosenbusch hat lang nicht mehr gesprüht.
Hat ihn ein Maulwurf unterwühlt?
Ich warte noch ein Jahr, ein letztes Jahr.

Das Lied, das mir gelang, du hast es angehaucht,
hast es in deinen Tränenstrom getaucht.
Wann wird es wehen unter uns wie goldnes Haar?

Der Ring aus fernem Reich, er liegt tief eingeschneit,
er trägt das wahre Siegel, das uns weiht.
Noch immer Winter, immer Warten, daß es taut.

Bald funkelst du mir zu, ein Stern der Nacht,
und ich lieg einsam in dem stummen Schacht.
O daß der Stern erblaßt, wenn Morgen graut!

 



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