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Nov 22 17

Zwei Schatten

Zwei Schatten
zwischen Wasser und Wind,
schmal und stumm,
zögernd oder
ineinanderfließend,
sich neigend oder
auseinanderzitternd.

Was uns blieb,
gespenstischer Äste
kahles Beben,
knisterndes Verdämmern
brauner Blätter
auf versiegeltem Grund,
trocknes Husten
verschluckter Kosenamen.

Zwei Schatten
zwischen Schnee und Mond,
schmal und stumm,
gewiegt vom zarten Knirschen
schäumender Kristalle,
vereiste Küsse
starrer Lippen,
o daß sie tauen
und Krokus leuchte,
Lilie blende,
schattenlos.

 

Nov 21 17

Philosophische Konzepte: Äußerung

Wir unterscheiden Äußerungen der ersten Person im Indikativ Präsenz von Aussagen der dritten Person (in beliebigen Zeitstufen). Wir geben ein paar Beispiele von Äußerungen:

1.1 „Ach!“
1.2 „Aua!“
1.3 „Mir ist übel!“
1.4 „Verflixt und zugenäht!“
1.4 „Wie schön diese Aussicht ist!“
1.5 „Ich fürchte, sie wird nicht kommen!“

Die aufgeführten Äußerungen der ersten Person haben den Charakter von Ausrufen, deshalb sind sie orthographisch mit einem Ausrufezeichen gekennzeichnet. Wir können Ausrufe dieser Art auch an der Intonation erkennen, wenn die Stimmführung beispielsweise lauter oder exaltierter als in gewöhnlichen Sätzen beschreibender Art ist.

Wir könnten sagen, diese Äußerungen sind jeweils der Ausdruck eines bestimmten seelischen Erlebens: „Ach!“ drückt vielleicht Erstaunen aus, „Aua!“ Schmerz, „Mir ist übel!“ physisches Unbehagen, „Wie schön ist diese Aussicht!“ die Freude am Anblick einer Landschaft.

Die Äußerung 1.5 scheint eine Besonderheit insofern aufzuweisen, als sie eine komplexe oder zusammengesetzte Aussage darstellt, die wir in eine einfache Form analysieren oder zerlegen können:

1.5.1 „Ich (fürchte), daß p“

Das Prädikat des übergeordneten Satzes referiert hier auf den Inhalt des Nebensatzes, der kein Einzelding, sondern einen Sachverhalt meint (die Tatsache, daß sie nicht kommt).

Wir haben das Prädikat eingeklammert, um anzuzeigen, daß wir den Ausdruck in der Klammer durch ein passendes psychologisches Prädikat wie „erwarten, hoffen, bedauern, wünschen, sich freuen“ ersetzen können, ohne daß sich die grammatische Struktur des Satzes ändert.

Es hat den Anschein, als würde der in den anderen Beispielsätzen vorausgesetzte, aber nicht ausgesprochene seelische Erlebnisinhalt in dem Satz 1.5 aus dem verborgenen Hintergrund des Erlebens ins Licht der Sprache auftauchen, denn hier wird er eigens durch ein psychologisches Prädikat benannt („ich fürchte“).

Wenn wir eine andere Person subjektive Äußerungen der genannten Art verlautbaren hören, verstehen wir, bei geeigneten Kontextbedingungen, ohne weiteres, was sie bedeuten oder meinen, kurz, was der Sprecher damit zum Ausdruck bringen möchte. Wenn unser Freund auf unsere unerwartete Mitteilung, daß wir die Freundschaft mit ihm beenden möchten, mit dem Ausruf „Ach!“ reagiert, wissen und verstehen wir, daß er damit sein Erstaunen, seine Verblüffung oder Enttäuschung zum Ausdruck bringt. Wenn er sich stößt und „Aua!“ ruft oder unreife Pflaumen gegessen hat und „Mir ist übel!“ äußert, wissen und verstehen wir ebensogut, was er meint, wie wenn er vergeblich ein kniffliges Rätsel zu lösen versucht und „Verflixt und zugenäht“ ausruft oder bei einem Spaziergang auf dem Rheinhöhenweg plötzlich innehält und ausruft: „Wie schön diese Aussicht ist!“ Und wenn er seine Befürchtung, daß unsere Freundin heute wohl nicht mehr zu uns stößt, äußert, wissen wir alles, was er gemeint hat, denn wir verstehen sowohl, in welchem seelischen Zustand (Befürchtung) er sich befindet, als auch, welchen Sachverhalt seine Befürchtung betrifft (das Ausbleiben unserer Freundin).

Demnach sieht es so aus, als könnten wir subjektive Äußerungen gemäß einer allgemeinen grammatischen Umformungsregel beliebig in objektive Aussagen verwandeln, und es gelte beispielsweise die Bedeutungsgleichheit folgender Sätze:

2.1 „Ach!“                                              = „Er wundert sich.“
2.2 „Aua!“                                              = „Er hat Schmerzen.“
2.3 „Mir ist übel!“                                   = „Er hat Bauchweh.“
2.4 „Verflixt und zugenäht!“                   = „Er kann das Problem nicht lösen.“
2.5 „Wie schön diese Aussicht ist!“       = „Er freut sich über die Aussicht.“

Diese Umformungen machen augenscheinlich, daß die landläufige Annahme, das Seelenleben fremder Personen sei für Dritte eine Terra incognita oder nur mittels ausgefuchster wissenschaftlicher Methoden wie der Methode der Psychoanalyse oder der Verhaltenspsychologie zu enträtseln, nichts weiter als ein Mythos im Gefolge der kartesischen Unterscheidung von Körper und Geist darstellt. Das Seelenleben liegt gleichsam auf der Oberfläche von Mimik und subjektiven Äußerungen der Person zutage, und die vielbeschworene epistemische Asymmetrie zwischen erster und dritter Person löst sich wie ein Nebel in der klaren Luft des Alltagsverstehens auf.

Die epistemische Symmetrie zwischen Äußerungen der ersten Person und Aussagen der dritten Person beruht auf der Tatsache, daß jemand, der die objektive Aussage macht „Er hat Schmerzen“, in der Lage sein muß, die subjektive Äußerung „Ich habe Schmerzen“ zu machen.

Dennoch treffen wir, wenn nicht auf eine epistemische, so doch auf eine logisch-grammatische Asymmetrie zwischen den erwähnten Äußerungen der ersten Person und ihren Umformungen in Aussagen der dritten Person. Denn im Prinzip können wir viele von uns als objektiv gekennzeichnete Aussagen der dritte Person wiederum in andere bedeutungs-, aber nicht sinngleiche Aussagen umwandeln, dergestalt, daß wir die subjektiven Ausdrücke, die in den Aussagen 1. Stufe enthalten sind (wie die Rede von Schmerzen oder Freude) eliminieren. Nehmen wir folgendes Beispiel:

3.1 „Er hat Schmerzen.“
3.2 „Die C-Fasern im Gehirn der Person X werden stimuliert.“

Wir können nicht wissen, ob jemand, dessen C-Fasern stimuliert werden, notwendigerweise Schmerzen empfindet. Und wir können nicht folgern, daß jemand, dessen C-Fasern stimuliert werden, notwendigerweise den Ausruf „Aua!“ verlauten lassen wird – denn wir wissen, daß jemand, auch wenn er Schmerzen empfindet, nicht notwendigerweise „Aua!“ rufen muß.

Demnach wüßten wir in einer Welt, in der Personen nur objektive Aussagen der genannten Art verlautbaren könnten, nicht, was die Äußerung „Aua!“ in unserer Welt bedeutet.

Die Möglichkeit, dem anderen als dritte Person und in der grammatischen dritten Person das Erlebnis von Schmerzen zuzusprechen, setzt voraus, sich selbst als erste Person und in der grammatischen ersten Person das Erlebnis von Schmerzen zuzusprechen. In unserer Welt ist demnach die Grammatik von Äußerungen der ersten Person primär und originär gegenüber der Grammatik von Aussagen der dritten Person – denn ich kann dem anderen das Haben von Schmerzen nur zusprechen, wenn ich weiß, was der Ausruf „Aua!“ bedeutet.

Sich über die Aussicht auf eine schöne Landschaft zu freuen oder das Ausbleiben der Freundin zu befürchten hat jeweils keine spezifische Ursache, wie wir sie beim Erlebnis von Schmerzen annehmen, falls einer sich gestoßen hat oder seine C-Fasern im Gehirn stimuliert werden. Die Freude angesichts des Anblicks der Landschaft könnte daher rühren, daß der Betreffende sich an schöne Tage seiner Kindheit erinnert, die er dort verlebt hat, und die Befürchtung hinsichtlich des Ausbleibens unserer Freundin hat ihren Grund vielleicht darin, daß der Betreffende in sie verliebt ist.

Wir sprechen bei der Beurteilung von subjektiven Äußerungen von den Motiven und Gründen, die zu ihnen Anlaß geben. Der Horizont des Verstehens, in dem uns Äußerungen in der ersten Person zugänglich und verständlich werden, ist der Horizont der Motive und Gründe, die sie haben zu äußern, was immer sie äußern.

Wenn uns die Befürchtung unseres Bekannten hinsichtlich des Ausbleibens unserer Freundin unverständlich ist, so beispielweise aus dem Grund, weil wir nicht wissen, daß er in die Frau, mit der ihn bisher eine herzliche, aber nichterotische Freundschaft verband, neuerdings verliebt ist.

Der Gebrauch psychologischer Prädikate in subjektiven Äußerungen ist entgegen der landläufigen Annahme von ihrer logischen Irrelevanz oder Irrationalität in ein dicht verwobenes Netz logischer Beziehungen eingebettet. Die Gründe für unser Erleben können wie das Verliebtsein irrational sein, doch der Zusammenhang der Gründe für die Zuschreibung unserer Erlebnisse mittels angemessener psychologischer Prädikate ist es nicht. Wer befürchtet, daß etwas geschieht, hofft oder wünscht, daß es nicht geschehe. Wer befürchtet, daß etwas nicht geschieht, hofft oder wünscht, daß es geschehe. Wer sich am Anblick einer Landschaft erfreut, wäre enttäuscht zu erfahren, daß er dabei einer verklärenden Illusion aufgrund der berauschenden Wirkung des von ihm zu reichlich konsumierten Weins oder anderer Stimulantien aufgesessen ist. Wer die Absicht äußert, etwas zu tun, impliziert das Wissen oder die begründete Vermutung, daß er durch die Wahl geeigneter Mittel seine Absicht verwirklichen und bei der Wahl ungeeigneter Mittel seine Absicht verfehlen kann, er hofft oder wünscht, durch den Erfolg seiner Handlung einen Zweck zu erreichen, und befürchtet, ihn infolge der Wahl unzuträglicher Mittel zu verfehlen.

Der Zusammenhang der Gründe für die Zuschreibung psychologischer Prädikate in Äußerungskontexten ist demnach ein logischer Zusammenhang von Implikation und Folgerung.

Äußerungen, wie Äußerungen des Erstaunens und der Verblüffung, des Wohlbehagens oder der Mißstimmung, des Mitempfindens oder des Erschreckens, sind auch die psychologische Grundlage unseres Verstehens von künstlerischen Artefakten wie Gemälden, Musikstücken, Dramen oder Gedichten. Wenn wir nicht über die Möglichkeit verfügten, unserem von der Betrachtung eines Bilds oder dem Hören von Musik erweckten seelischen Erleben in Äußerungen der genannten Art, die naturgemäß Äußerungen der erste Person sind, zumindest virtuell Ausdruck zu geben, bliebe uns der Zugang zu diesen Artefakten versagt.

Wir sprechen hier von der ästhetischen Anmutung, die sich in der angemessenen Verwendung psychologischer Prädikate in Äußerungskontexten kundtut. So geben uns die in Partituren klassischer Werke den einzelnen Stücken oder Abschnitten vorangestellten Vortagsbezeichnungen wie „accelerando“, „adagio“, „furioso“, „gracioso“ oder „vivace“ erhellende Fingerzeige auf das, was wir unter ästhetischer Anmutung verstehen.

Kommt uns beim Hören des mit andante con moto bezeichneten zweiten Satzes von Schuberts Trio op. 100 ein „Oh, ja!“ melancholisch-leidenschaftlicher Ergriffenheit über die Lippen, scheint unsere Reaktion auf die musikalische Anmutung nicht unangemessen, wie sie wäre, wenn wir ein gelangweiltes „Ach, nein!“ zu äußern willens wären. Es wirft auf die Grundlage ästhetischer Werturteile ein erhellendes Licht, daß wir geneigt sind, die erste Äußerung als Ausdruck einer angemessenen Erfassung der ästhetischen Anmutung der Musik anzusehen, während wir die zweite bestenfalls als die Folge geistiger Zerstreuung oder schlimmstenfalls als die Folge roher Unbildung erklären würden.

Wir können unsere virtuellen ästhetischen Äußerungen ohne weiteres explizieren und kommen so von einem interjektiven „Oh, ja!“ zu einer Aussage über Leidenschaft, Eros und Melancholie, die wir einander in hoffentlich geistreichen Plaudereien in den Konzertpausen mitteilen mögen. Auf diese Weise machen wir uns klar, daß auch objektive oder sachliche Aussagen, wie sie uns mehr oder weniger gediegene, mehr oder weniger langatmige Interpretationen von künstlerischen Artefakten wie Musikstücken anbieten, letztlich aus der Quelle von subjektiven Äußerungen der ersten Person schöpfen.

Natürlich liegt der tiefere Grund dafür, daß wir Zugang zur Kunst über die Explikation unserer subjektiven Äußerungen in der ersten Person gewinnen können, in dem Umstand verborgen, daß das Kunstwerk selbst, wie beispielsweise das andanto con moto im Trio Schuberts nicht ohne die künstlerische Äußerung eines wenn auch unausgesprochenen „Oh, ja!“ des Komponisten selbst zustande gekommen wäre, eine Äußerung, die er fähig war, in seiner Partitur auf feinsinnige und ergreifende Weise zu explizieren.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=000tLGbhdjg

 

Nov 20 17

Philosophische Konzepte: Beschreibung (Teil II)

Einen wichtigen Anteil an für unser Leben bedeutsamen Beschreibungen bilden die Handlungsbeschreibungen oder Handlungsanweisungen, also Beschreibungen von Handlungen, die wir ausführen wollen, sollen oder müssen. Dazu zählen Kochrezepte, Beipackzettel von Medikamenten, Markierungen auf Wanderwegen, technische Pläne von Baustatikern, chemische Formeln für Pharmakologen, ärztliche Unterlagen wie Arztberichte und Röntgenaufnahmen für Chirurgen.

Wir können sagen, Beschreibungen der genannten Art und viele andere von solcher Art haben einen sachlichen Gehalt und erfüllen einen praktischen Zweck. Das Kochrezept enthält eine Liste der Lebensmittel und Zutaten und zugleich genaue Anleitungen, was man mit ihnen anstellen soll, um ein wohlschmeckendes Gericht zu erhalten. So zeigt die Röntgen- oder MRT-Aufnahme dem Chirurgen die genaue anatomische Lage und Struktur des krankhaft veränderten Gewebes zu dem Zweck, einen chirurgischen Eingriff zu planen, durch den er die Geschwulst entfernen kann. Die Röntgenaufnahme und die ihm vorliegenden Arztberichte geben dem Chirurgen keine expliziten Anweisungen, wie er bei der OP vorzugehen hat – diese Kenntnisse muß er mitbringen (sie können als detaillierte Beschreibungen medizinischen Handbüchern entnommen werden).

Für Beschreibungen mit empirischem Gehalt zur Erfüllung praktischer Zwecke gilt die Maxime: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Damit der Kuchen gelingt, sind die Angaben seiner Zutaten nötig, aber die zusätzliche Beschreibung ihrer Herkunft und der Methoden ihres Anbaus oder ihrer chemischen Zusammensetzung ist überflüssig.

In Reiseführern über die Landschaft der Eifel finden wir naturgemäß Beschreibungen der Maare, jener Gewässer, deren Entstehung sich der geologischen Besonderheit der Gegend, dem Vulkanismus, verdankt. Anders als in Lehrbüchern zur Geologie des Vulkanismus beschränken sich die Exkursionen zur Erdgeschichte in den Landschaftsbeschreibungen von Reiseführen auf jene wissenschaftlichen Informationen, die dem Seherlebnis des Reisenden gleichsam Tiefe und Hintergrund verleihen.

Der kunstgeschichtliche und theologische Laie wird angesichts einer gotischen Kathedrale an der Seine oder am Rhein staunend, aber hilflos auf die steinernen Figuren der Propheten des Alten oder der Apostel des Neuen Testaments im Innern des Kirchenportals, die große Rosette und die spitzgiebeligen Fenster aus mit eigentümlichen religiösen Motiven bunt bemaltem Glas, das zierliche Maßwerk der Fialen oder die Kreuzblumen der Türme starren. Weil ihm die kunstgeschichtlichen und theologischen Begriffe und deren künstlerischer Gehalt fehlen, wird er die mit ihnen bezeichneten typischen Formen gotischer Architektur nicht erkennen, ja in gewisser Weise nicht sehen. Fehlen ihm aber die Begriffe, kann er das Gesehene auch nicht beschreiben.

Der Baedeker und andere kunsthistorische Reiseführer liefern so betrachtet nicht nur detaillierte Beschreibungen von Kunstwerken und Gebäuden verschiedener Stilepochen, sondern geben auch Anleitungen und Hinsichten, wie sie zu sehen seien.

Kommen wir zu den philosophisch bedeutsamen Beschreibungen, die wir täglich gleichsam unter der Hand ständig und spontan von Benehmen und Gebaren unserer Zeitgenossen geben und außeralltäglich beispielsweise in den charakterisierenden Beschreibungen der Protagonisten von Romanen und des Gebarens von Schauspielern in Theaterstücken (im Einklang mit ihren Regieanweisungen) oder auch in Portraits und Selbstportraits von Malern finden.

Wir konzentrieren uns hier auf Umgang und Redeformen unseres Alltags. So sagen wir etwa:

1.1 „Er ist rot geworden vor Zorn.“
1.2 „Sie krümmte sich vor Leibschmerzen.“
1.3 „Vor Aufregung zitterten ihm die Hände.“
1.4 „Vor Verlegenheit verschlug es ihm die Stimme.“
1.5 „Er schleppte sich wie unter einer schweren Last dahin.“

Wir sagen nicht:

2.1 „Er war zornig und wurde rot.“
2.2 „Sie hatte Schmerzen und krümmte sich.“
2.3 „Er war aufgeregt und seine Hände zitterten.“
2.4 „Er wurde verlegen und schwieg.“
2.5 „Ihn bedrückte ein schwerer Schicksalsschlag und er schleppte sich dahin.“

In der zweiten Reihe von Sätzen geben wir die traditionelle philosophische Sicht wieder, wonach ein seelisches Ereignis wie das Vorkommnis eines bestimmten Erlebens, eines Affekts oder einer inneren Empfindung (Zorn, Schmerz, Erregung, Verlegenheit, Depression) sich in einem körperlichen oder physiognomischen Ausdruck manifestiere. Nach dieser auf Descartes zurückgehenden Sichtweise sind wir gehalten, aus den einzig uns zugänglichen äußeren Verhaltensphänomenen oder dem Gebaren einer Person auf deren uns prinzipiell unzugängliches inneres Erleben zu schließen.

Nach dieser Auffassung sind wir beim Verständnis unserer Mitmenschen auf induktive Schlüsse angewiesen. Wir verfügen dieser Sichtweise gemäß bei der genannten Schlußfolgerung über folgende Prämissen:

I. die Beobachtung des Verhaltens und Gebarens, die wir in einer möglichst genauen Beschreibung festhalten

II. eine allgemeine Regel, wonach typische Verhaltensmuster von einem typischen seelischen Erleben oder einer typischen Verhaltensdisposition verursacht werden

Ein induktiver Schluß dieser Form sieht dann etwa so aus:

I. Die Person ist rot geworden.
II. Wenn Menschen zornig sind, läuft ihr Gesicht gewöhnlich rot an.

Ergo:
Die Person ist (wahrscheinlich) in Zorn geraten.

Natürlich ist dies eine Folgerung, die auf wackligen Beinen steht, denn Leute können aus allen möglichen Gründen rot werden, aus Scham, Verlegenheit, Wut oder wegen überhöhten Blutdrucks.

Warum die Person in diesem Fall aus Zorn errötet ist, können wir der in 2.1 angehängten Beschreibung, daß sie rot wurde, nicht entnehmen – auch nicht, wenn wir sie durch künstlerisch oder technisch ausgefeilte Beschreibungstechniken verfeinerten (wenn wir beispielsweise das Gesicht der Person mit einer Videokamera filmten).

Dagegen enthält unser Eingangssatz 1.1 gleichsam miteinander verzahnt oder verwoben sowohl das affektive Moment als auch das physiognomische Phänomen:

„Er ist rot geworden vor Zorn“

Wenn wir sehen, wie sich unsere Freundin (nach dem Verzehr von unreifen Pflaumen) vor Magenweh krümmt, beschreiben wir das, was wir sehen, mit dem genannten Satz 1.2:

„Sie krümmte sich vor Leibschmerzen.“

Wir würden nicht ausgehend von der Beobachtung und Beschreibung ihres Schmerzgebarens die Vermutung oder Hypothese aufstellen, daß sie vielleicht Magenschmerzen haben könnte. Denn wenn wir das beschriebene Verhalten von dem (uns unzugänglichen) inneren Schmerzerleben trennen, müßten wir auch die Hypothese oder den Zweifel zulassen, daß sie nur so tut, als habe sie Schmerzen, daß sie uns am Ende etwas vormache oder Schmerzen simuliere. Doch einen solchen Zweifel schließen wir unter den gegebenen Umständen einfach aus.

Wenn wir dagegen in einem Theaterstück den Helden von einem Pistolenschuß aus einer Schreckschußpistole scheinbar getroffen sich unter Schmerzen winden sehen, können wir sinngemäß und korrekt sagen:

„Er schien sich vor Schmerzen zu krümmen.“

In diesem Fall gehen wir rechtens davon aus, daß der Schauspieler keine echten Schmerzen hat – doch wir bezweifeln seine Schmerzäußerung nicht in der Weise, wie wir einem notorischen Simulanten die Echtheit seiner Krankheit und seines Unwohlseins in Abrede stellen.

Indes, weder im Fall des Schauspielers auf der Bühne noch in dem Fall des Schauspielers im Leben (des Simulanten) nehmen wir die kartesische Position des Skeptikers und des skeptischen Zweifels ein, denn die Trennung von innerem Erlebnis und äußerem Gebaren ist uns hier nicht problematisch (weil sie aus der Unsicherheit des induktiven Schlusses resultierte), sondern sei es konventionell, weil sie der Konvention von Bühnenaufführungen entspricht, sei es pathologisch, weil sie zum neurotischen Krankheitsbild des Simulanten gehört.

Wir gewinnen damit eine freie Sicht auf das Verhältnis von Erlebnis und Ausdruck oder Gebaren, das sich uns nicht mehr unbefragt als Verhältnis von Innen und Außen darstellt. Wir können es schlicht so ausdrücken, daß wir sagen: Der menschliche Körper ist immer auch ein Teil der menschlichen Seele, oder der Körper ist umso durchlässiger für die seelische Realität, je mehr sie in den Regungen und Bewegungen des Körpers Sprache findet.

Wer schwer an seiner Schicksalslast zu tragen hat, wandelt nicht leichtfüßig seines Wegs, sondern schleppt sich schwerfällig oder gekrümmt dahin, wie es unser Beispielsatz 1.5 ausdrückt:

„Er schleppte sich wie unter einer schweren Last dahin.“

Wir können hier dem kartesischen Skeptiker und dem gleichsam bis zur Willkür oder Schamlosigkeit radikalen Zweifler keine Sichtschneise mehr offenhalten, wenn er das seelische Erleben der Depression von seinem körperlichen Ausdruck abtrennt, um das Erleben als eine Vermutung unter anderen hinzustellen und der Beschreibung der gebeugten Haltung, des schleppenden Gangs und des niedergedrückten Wesens der Person eine kausale Erklärung nachzureichen. Könnte angesichts der von uns in Satz 1.5 gegebenen Beschreibung ein Zweifel zurückbleiben?

Wir verwenden in dem Satz eine der Dichtung vertraute vergleichende Metapher. Und es ist uns augenscheinlich, daß all unsere Beschreibungen seelischer Zustände, je genauer und nuancierter sie ausfallen, nicht ohne metaphorische Wendungen auskommen – und diese greifen ohne Ausnahme auf physische Eigenschaften und Ereignisse (wie in unserem Beispiel die schwere Last) zurück.

 

Nov 19 17

Philosophische Konzepte: Beschreibung (Teil I)

Folgender Satz gelte als einfache Form der Beschreibung:

1.1 „Eine rote Rose stand in einer Vase auf dem Tisch.“

Um seine Aussage empirisch überprüfbar zu machen, würden wir ihn in folgender Weise mit Orts- und Zeitangaben versehen:

1.2 „Eine rote Rose stand (am XX.XX.XXXX um XX.XX Uhr MEZ) in einer Vase auf dem Tisch (der Küche der Wohnung des Hauses in der X-Straße 2. Stock links in der Stadt Y)“

Nehmen wir nun an, der Satz stamme nicht aus dem Erinnerungsbericht eines Besuchers desjenigen, der in der Wohnung lebt, in der am angegebenen Tag eine Rose in einer Vase auf dem Tisch stand, sondern sei der Beschreibung eines Gemäldes entnommen, das eben eine solche Genre-Situation einfängt und abbildet: Tisch mit Vase, in der eine Rose steckt.

In diesem Falle würde der Besucher der Galerie, in der das Bild hängt, folgenden Satz äußern:

2.1 „Eine rote Rose steht in einer Vase auf dem Tisch.“

Im Unterschied zum ersten Satz können wir diesen Satz nicht durch Hinzufügung passender Orts- und Zeitangaben in eine Aussage verwandeln, die sich empirisch nachprüfen ließe. Die einzig plausiblen Zeit- und Ortsangaben, in die wir den Satz einbetten können, betreffen nicht die auf dem Bild dargestellte Situation, sondern den Ort der Galerie, wo das Bild ausgestellt ist, und die Zeit, zu der der Besucher es in Augenschein nimmt.

Im ersten Satz weist das Verb die Vergangenheitsform auf, im zweiten steht das Verb im Präsens. Doch welche Art der Gegenwart hier gemeint ist, bleibt diffus: Ist es die Gegenwart der gemalten Situation, ist es die Gegenwart, die so lange währt, wie das Bild existiert?

Nehmen wir nun an, der beschreibende Satz entstamme einer literarischen Darstellung wie einer Novelle oder einem Roman. Er bezöge sich auch in diesem Fall wie beim Gemälde auf eine fiktive Situation. Doch weil in fiktiven Geschichten in der Regel die erzählende oder narrative Zeitstufe des Imperfekts vorherrscht, lautet unser Satz wieder genauso wie Satz 1.1:

2.2 „Eine rote Rose stand in einer Vase auf dem Tisch.“

Auch solche Beschreibungen oder Teilausschnitte längerer fiktiver Beschreibungen lassen sich nicht mit konkreten Orts- und Zeitangaben versehen – wenn es sich nicht um historische Romane im engeren Sinn handelt. In sogenannten naturalistischen oder realistischen Romanen, denken wir an Romane von Balzac, Zola, Tolstoi oder Thomas Mann, könnten wir gegebenenfalls mehr oder weniger vage, weil fiktive Orts- und Zeitangabe einfügen oder besser vermuten, die sich auf den erzählten Ort und die erzählte Zeit beziehen, also entweder die auktoriale Perspektive des alles Geschehen überblickenden Erzählers oder seines fiktiven Stellvertreters in der Geschichte (beispielsweise des fiktiven Erzählers Serenus Zeitblom im Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann) oder die fiktive Perspektive der fiktiven Protagonisten der Geschichte wiedergeben (wie die Perspektive von Thomas Buddenbrook im Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann).

Das Eigentümliche der Verwendung des Imperfekts zur Gestaltung der erzählten Zeit in epischen Kontexten zeigt sich an dem Umstand, daß sie den Lesern die Gleichzeitigkeit mit dem Erleben der Figuren eröffnet: Wenn in Büchners Erzählung davon die Rede ist, daß Lenz durchs Gebirge ging, dann geht er im Moment, da wir davon lesen, durch das Gebirge unserer Vorstellung und wir gehen gleichzeitig mit ihm. Der Gebrauch des Imperfekts durch den Erzähler löst demnach das erzählte Geschehen nicht von uns ab, sondern vergegenwärtig es uns unmittelbar. Aus diesem Grund kann die Verbform des narrativen Imperfekts bei der Schilderung erregter und dramatischer Momente in das sogenannte historische Präsens umschlagen.

Was ist also der Unterschied nichtfiktiver und fiktiver Beschreibungen oder besser von Beschreibungen nichtfiktiver und fiktiver Situationen? Es ist ein logisch-grammatischer oder semantischer Unterschied: Beschreibungen nichtfiktiver Situationen und Ereignisse können wir unter Zuhilfenahme von spezifischen Indices wie Orts- und Zeitangaben (es gibt noch viele andere wie geographische Angaben, Informationen zu Masse, Gewicht und anderen physikalischen oder chemischen Eigenschaften) in Aussagen mit empirischem Gehalt umwandeln, so daß wir unter günstigen Umständen in der Lage sind, das von ihnen Behauptete als gerechtfertigt und wahr (oder falsch) oder zumindest als sehr wahrscheinlich (oder unwahrscheinlich) zu kennzeichnen.

Nehmen wir als Beispiel die Farbe der Rose in unserem Beispielsatz: In der Beschreibung der realen Situation ist die Kennzeichnung der Rose mit dem Farbwort „rot“ eine Funktion des regelhaften Gebrauchs von Farbwörtern unter Normalsichtigen in normaler oder Durchschnittsumgebung. Die Prädikation drückt demnach eine logisch-grammatische oder semantische „Notwendigkeit“ aus, die letztlich in den Rahmen der natürlichen Tatsachen eingebettet ist, in dem von beleuchteten Objekten bestimmte Lichtstrahlen spezifischer Frequenz reflektiert werden.

Wir würden deshalb nicht sagen, daß jemand, der angesichts einer roten Rose ihren Farbwert mit „blau“ angibt, sich irrt (falls er nicht fehlsichtig ist), sondern daß er die Grammatik der Verwendung unserer Farbbegriffe nicht korrekt erlernt hat.

Anders, das heißt von anderer logischer Grammatik und Semantik, müssen wir beim Gebrauch von Farben oder Farbbegriffen in der Kunst oder literarisch-fiktiven Kontexten sprechen: Hier bietet sich der alte Begriff der künstlerischen „Notwendigkeit“ an, um damit auszudrücken, daß die Verwendung von Farben und Farbbegriffen anderen logisch-grammatischen Regeln gehorcht als bei Beschreibungen der Realität. Je nach Gusto oder künstlerischem Entwurf oder je nach dem Effekt, den er hervorrufen will, ist es beispielsweise dem Maler freigestellt, die Blume rot oder weiß, ja auf unrealistische oder antinaturalistische Weise blau oder grau zu malen.

Beschreibungen fiktiver Situationen und Ereignisse haben demnach keinen empirischen Gehalt, sie sind weder wahr noch falsch, weder mehr oder weniger wahrscheinlich noch unwahrscheinlich.

Mangelndes Kunstverständnis, das dazu neigt, ungewöhnliche, weil von der Grammatik gewöhnlicher Beschreibungen abweichende Darstellungen abzuwerten, kann man demgemäß oft (nicht immer) auf einen Mangel an Sinn für die Semantik künstlerischen Ausdrucks zurückführen (oder den Mangel an diesbezüglich relevanter Bildung).

Was die etwas wolkige Rede von der Freiheit der künstlerischen Gestaltung präzisiert, resultiert aus der Neutralisierung des logisch-grammatischen Zwangs im künstlerischen Kontext, sprich des Zwangs oder der Regelkonformität, Beschreibungen realer Vorkommnisse nicht ohne ein Minimum von empirischem Gehalt auszustatten.

Indes finden wir eine gewisse Freizügigkeit auch bei der Wahl realitätsgetreuer oder empirisch gesättigter Beschreibungen im Rahmen der Variationen, die sie gestatten. Wir können nämlich jeden deskriptiven Satz als Variante einer beliebigen Reihe von Beschreibungen auffassen.

Betreten wir einen Raum, in dem eine rote Rose in einer Vase auf einem Tisch steht, oder erinnern wir uns an einen solchen Raum, steht uns eine ganze Bandbreite von möglichen Beschreibungen zur Verfügung. Wir könnten etwa solche Sätze (aktueller Beschreibungen oder Beschreibungen von Erinnerungen) bilden:

2.1 „Das Fenster steht (stand) offen.“
2.2 „In dem Raum ist (war) es dämmerig.“
2.3 „Im dem Zimmer steht (stand) ein Tisch.“
2.4 „Es liegen (lagen) verschiedene Gegenstände auf dem Tisch, Bücher, Zeitungen, ein Laptop.“
2.5 „Auf dem Tisch steht (stand) eine Vase.“
2.6 „In der Vase steckt (steckte) eine Rose.“
2.7 „Die Rose ist (war) rot.“

Die Konjunktion der Sätze 2.5, 2.6 und 2.7 ergibt offensichtlich unseren beschreibenden Ausgangssatz.

Dagegen wären uns Sätze folgender Art als empirisch gehaltvolle Beschreibungen realer Situationen, die in Erdnähe stattfinden, suspekt:

3.1 „Der Tisch schwebt unter der Decke.“
3.2 „Der Tisch steht kopf und schwebt unter der Decke.“
3.3 „Auf dem umgedrehten Tisch steht eine Vase mit einer Rose.“
3.4 „Die Rose ist blau.“

Indes sind uns beschreibende Sätze dieser Art, wenn sie sich auf Sujets surrealistischer Maler oder auf Inhalte außergewöhnlicher Träume oder auf drogeninduzierte Visionen beziehen, durchaus vertraut.

Wir könnten uns denken, daß der besondere Aspekt des Gemäldes, das ein Zimmer mit einem Tisch zeigt, auf dem eine Vase mit einer roten Rose steht, darin bestünde, daß es auf der gegenüberliegenden Wand des gemalten Raums ein Bild zeigt, also ein Bild im Bild, auf dem dieselbe Situation zu sehen ist: Tisch mit Vase, in der eine Rose steckt.

Mit dieser Spiegelsituation können wir die abweichende Grammatik von Beschreibungen fiktiver Kontexte verdeutlichen. Gewöhnlich kennzeichnen wir einen gespiegelten Gegenstand als unwirklich in Hinsicht auf das reale Objekt, das er spiegelt. Doch im Falle fiktiver Beschreibungen ist ja schon das Ausgangsobjekt, die gemalte Situation mit Tisch und Vase, nicht real, sondern beruht auf der visuellen Illusion, die das gemalte Bild hervorruft. Wir könnten angesichts des Dargestellten genausogut das Umgekehrte behaupten: daß der im Vordergrund gemalte Tisch samt Vase und Rose ein gespiegeltes Bild des auf die gegenüberliegende Wand gemalten Bilds darstellt.

Es ist merkwürdig, daß die Irrealität künstlerischer und literarischer Fiktionen mit denselben Beschreibungen ausgedrückt werden kann, die wir benutzen, um reale Situationen und Ereignisse festzuhalten.

Ist es die besondere Atmosphäre, gleichsam eine unwirklich-wetterleuchtende, von der Anwendung kunstvoller Mittel auf den gesamten Text der Novelle Büchners geworfen, die einem schlicht beschreibenden einzelnen Satz wie „Lenz ging durchs Gebirge“ die Anmutung verleiht, als gleite er gleichsam auf dem wirbelnden Schaum des zwar fiktiven, aber um nichts weniger (be-)rauschenden Erzählflusses dahin?

 

Nov 18 17

Licht und Schatten

Sentenzen und Aphorismen

Licht und Schatten sind ewig ineinander verschlungen wie Gut und Böse, Liebe und Haß, Freude und Trauer. Sie bilden den Grundton und den Urrhythmus unseres Lebens.

Die da unten hausen, die Zwischen- und Schattenwesen, die Elenden, Dämonen und Kobolde der Nacht sind immerdar auf die obere Sphäre bezogen, wo die Seligen, die Begnadeten, die Götter wohnen und thronen – gebannt durch Sehnsucht und Eifersucht.

Nichts keimt ohne Licht, doch im Schatten ruht die Frucht, um auszureifen.

Die Macht, die den Tag schuf, zog sich in die sternenübersäte Nacht zurück.

Licht und Schatten – Rhythmus des Lebens, der Seele, der Kunst.

Das lichtvolle Wort erblüht aus dem Schattengrund der Stille.

Der Schnee auf dem Gipfel der sonnenhaften Gottheiten blendet gegen den dunkelblauen Schoß des Himmels.

Die goldkörnigen Samen des Reims in den schwarzen Furchen der Verse.

Seelenfunken, die wie Glühwürmchen durch das Dunkel schwirren.

Kerze, die vor dem Gnadenbild flackert. Angst vor dem Dämon des Winds.

Sich verjüngende Schatten, wachsende Schatten. Grundstimmungen der Seele.

Lichtvolles Auge, doch die Mitte ist dunkel.

Die Macht des Gedankens, die das Ungesehene beleuchtet, macht das Unsichtbare umso fühlbarer.

Von Gnaden einer ihr unbekannten Sonne: Herzenswärme, die uns jene liebenswürdig macht, die wir lieben.

Das ängstliche Kind, hat auch die Mutter es liebevoll zugedeckt, bittet darum, die Tür einen Spalt breit offen zu lassen, damit noch Licht einfalle, Licht der Anwesenheit der Nächsten, Licht ihrer Stimmen.

Als wäre er noch nicht ganz ins Reich der Schatten gesunken, zünden wir dem Toten ein Licht an.

Wie die Sonne des Lebens aus den Bildern scheint – im byzantinischen Goldgrund, in der Aura der Heiligen, auf den taubeglänzten Wangen von Pfirsich, Aprikose und Granatapfel, in Blüten der Zweige und Bäume, in den Wundmalen des Heils.

Auf dem dunklen Wasser der verblassende Mund eines Blütenblatts.

Verklärtes Antlitz der Erwählten – wie von Liebesreflexen eines überirdischen Schnees.

Die schattenzerfurchten Fratzen der Ungeliebten, der Liebelosen – Dämonen der gotischen Kathedralen und Chorgestühle, des Höllengesindels auf den Bildern des Gerichts.

Dem Zurückgewiesenen verdunkelt sich die Stirn.

Die Freude der Kinder am Lichterfest der Heiligen Nacht.

Vor der Krippe niederknien, aus der ein Kind Strahlen der Vergebung und grenzenloser Huld aussendet.

Der Stern der Erlösung – brennendes Schwert eines Engels über Wegen an finsterem Abgrund.

Die giftigen Fackeln der Eisenhütten und Raffinerien, die sich in das menschenlose Dunkel des Himmels hineinfressen.

Das Licht, das sich in den Arien Bachs in die scheuen Blüten eines Dornbuschs träumt – oder aufseufzt wie die begeisterte Woge des anfänglichen Chaos.

Das große Ja Zarathustras kann nicht im schattenlosen Augenblick unterm Zenit verharren.

Die ganz keusche, reinweiße Leinwand ist tot, ein Strich, ein Fleck, ein Schatten – und Leben regt sich.

Die wimmelnden Schatten des Totenreichs der Aeneis: Erst wenn sie vom leuchtenden Opferblut getrunken haben, können sie – reden.

Das helle Mysterium – das Licht.

Zwielicht des Eros, Mohn der Dämmerung, Rose über dunklem Moos.

Blutstropfen auf dem schwarzen Samt des Schweigens.

Die arischen Sonnengötter, verfinstert vom dunklen Licht auf Golgatha.

Zeitenwende: der Strahlenkranz Apolls, zerhackt von der Guillotine.

Die Vision Tarkowskis in „Nostalghia“: wie besessene Pilger das flackernde Licht einer Kerze, von der Hand bang behütet, durch die sumpfigen Bäder von Lucca tragen.

Nach dem nüchternen Licht Lessings, hebt, so Hugo von Hofmannsthal, in Deutschland ein nächtlicher Schwall an.

Dämonisches Licht aus der Gärung faulender Seelen.

Teiresias, erloschenen Auges das Dunkel durchdringen.

Hölderlin, Wetterleuchten der Hymnen, mildes Gold der Turmgedichte, das sich mit herbstlichen Blättern auf das Wasser des Neckars senkt.

Der rußige, hinkende Gott, voll Eifersucht auf die leuchtenden Rosenblüten Aphrodites, die auf fremde Betten niederregnen.

Kindheit: singender Umzug mit lieblichen Fratzen, aus Rüben geschnitzt, darin leuchtete eine Kerze – als schritten die Ahnen der Etrusker und Römer an unserer Seite.

Glücklichsein: rings stockdunkle Nacht, in die Glut des Kartoffelfeuers starren, das wir mit Reisig nährten, und Tränen in den Augen vom Qualm.

Glück, Licht trinken im Auge der Geliebten.

Ist Liebe Flamme, mag sie verzehren, ist sie Flut, mag Blüten sie ins Uferlose tragen.

Wort der Dichtung, Katzengold, glimmend unter den verlorenen Schritten des Knaben.

 

Nov 17 17

Philosophische Konzepte: Erinnerung (Teil II)

Auf dem Tisch liegt ein Notizzettel, darauf eine Liste mit den nötigen Konsumartikeln wie Käse, Milch, Obst, Eier, Taschentücher. Wenn ich den Einkauf noch nicht erledigt habe, handelt es sich um einen Merkzettel oder eine Gedächtnisstütze. Während des Einkaufs kann ich jederzeit, falls ich mich an die Reihe der Lebensmittel nicht genau oder vollständig erinnere, den Zettel zu Hilfe nehmen. In solchen Fällen wäre Erinnerung der Rückgriff auf ein Inventar oder Muster von Zeichen, die mich anweisen, dies und das zu tun, zum Beispiel ein Stück Butter aus dem Regal zu nehmen.

Wenn ich den Einkauf getätigt habe, kann ich die Reihe der Lebensmittel mit der Liste auf dem Zettel abgleichen: Ist die Eins-zu-Eins-Relation vollständig, verwandelt sich mein Zettel aus einer Gedächtnishilfe in eine kleine Archivalie, ein Dokument über das Ergebnis meines Einkaufs.

Wir sprechen demnach sowohl davon, uns zu erinnern, wenn wir uns daran erinnern, was wir tun wollen, als auch, wenn wir uns daran erinnern, was wir getan haben.

Dem Musterbild (Zettel, Aufzeichnung) ist nicht unmittelbar zu entnehmen, ob er eine Gedächtnisstütze oder ein Zeugnis einer abgeschlossenen Handlung darstellt.

Woran erkennen wir die Echtheit oder Gültigkeit eines Zeugnisses und die Authentizität einer Archivalie? Wir vertrauen (blindgläubig) einer beglaubigenden Paraphe, einer Unterschrift, einem amtlichen Stempel, einem amtlichen Siegel. Wir finden am Rand des Einkaufszettels ein Datum mit der Bemerkung „erledigt“. Wir finden an den Zettel den Kassenzettel des Supermarkts mit allen nötigen Eintragungen angetackert. – Doch all diese scheinbar die Echtheit bestätigenden Zeichen könnten gefälscht sein (wie wir es beim Betrüger nicht anders erwarten, wenn er seine Zeugnisse und Diplome fälscht). Der Kassenzettel könnte der weggeworfene Belegabschnitt einer anderen Person sein, der zufällig mit den Angaben auf dem Merkzettel übereinstimmt, ohne daß ein einziger Artikel besorgt worden wäre.

Woran erkennen wir echte Erinnerungen? Sind echte Erinnerungen dem Merkzettel in der Weise vergleichbar, daß auch sie bei Gültigkeit eine vollständige Eins-zu-Eins-Relation aufweisen derart, daß jedem Erinnerungssatz ein wahrgenommenes Ereignis der Raum-Zeit entspricht?

Mit diesem scheinbar plausiblen Modell der Erinnerung können wir eine ihrer wesentlichen Eigenschaften, die darin besteht, etwas nicht bloß erkannt, sondern wiedererkannt zu haben, nicht gerecht werden – es sei denn, wir gehen wie Platon davon aus, daß alles Erkennen Wiedererkennen ist. Dann würde ich mich nicht nur daran erinnern, meinen Freund Manfred gestern im Park gesehen zu haben, sondern ihn im Park zu sehen implizierte bereits, mich daran zu erinnern, daß diese Person mein Freund Manfred ist.

Dagegen reden wir nicht von Erinnerung, wenn wir uns nach Jahren wieder aufs Fahrrad setzen und merken, daß wir der früh eingeübten Fertigkeit des Radfahrens noch immer mächtig sind. Wir erinnern uns an einen Fahrradausflug vor Jahr und Tag, aber nicht an unser Vermögen, Fahrrad fahren zu können.

Indes, haben wir einen Namen auf der Zunge, etwa den Namen der Hauptstadt von Australien, doch fällt er uns im Moment partout nicht ein, und plötzlich fällt er uns wieder ein, erinnern wir uns in der Tat an etwas, was wir einmal gelernt haben, etwa, wenn wir in der Schule die Namen der Hauptstädte der wichtigsten Länder eingetrichtert bekommen haben.

Wenn wir aufs Land fahren und die Stätten der Kindheit aufsuchen, werden wir uns bei allen Veränderungen des Bildes der Landschaft und des Heimatortes bald wieder an die alten Wege erinnern, die wir mit den Freunden und Schulkameraden gegangen sind. Hier scheint Erinnerung auf eine Art Abgleich der aktuellen Gesichtswahrnehmung mit eingeprägten Mustern früherer Erfahrungen hinauszulaufen. Doch scheinen wir diese Muster nicht bewußt aus unserem Gedächtnis aufzurufen, wie in dem Falle, wenn wir unterwegs einen alten Schulfreund treffen und sein Gesicht wiedererkennen: Wir haben es nicht mit dem Bild seines Gesichts, das wir aus der untersten Schublade unseres Gedächtnisses umständlich hervorgekramt hätten, eigens verglichen.

Wenn wir uns an die alten Wege erinnern, die wir einst in heimatlicher Landschaft allein oder mit Freunden gingen, erinnern wir uns (wie wir sahen) nicht daran, daß WIR es waren, die jene Wege beschritten, sondern, daß wir eben diese und keine anderen Wege zurücklegten.

Die Subjektivität unseres Daseins, die Tatsache, daß unsere Erinnerungen Teil dessen sind, was wir das autobiographische Gedächtnis nennen, ist kein Produkt dieses Gedächtnisses, sondern seine notwendige Voraussetzung. Diese ontologisch notwendige, also psychologisch nicht ableitbare Voraussetzung ähnelt den sprachlichen Handlungen, mit denen wir mittels der Verwendung von Personalpronomen von uns selbst im Unterschied von anderen sprechen: Wir könnten nicht von uns reden, wenn wir nicht das Subjekt unseres Sprechens wären. Ebensowenig wie wir lernen können, Erinnerungen als unsere Erinnerungen zu identifizieren, wenn sie nicht schon unsere Erinnerungen sind, können wir lernen, wir selbst zu sein, indem wir von uns reden, ohne vorauszusetzen, daß wir es sind, von denen wir reden.

Wir lernen wohl, wie die Dinge und die Welt um uns beschaffen sind, nicht aber, wir selbst inmitten dieser Dinge zu sein. Wir machen beliebig viele Erfahrungen von unserer Welt, Erfahrungen, an die wir uns erinnern, um in der Lage zu sein, neue Erfahrungen zu machen, aber wir erfahren nicht, daß wir es sind, die diese Erfahrungen machen: Denn wäre nicht a priori vorausgesetzt, daß WIR sie machen, existierten sie nicht.

Erinnerungen sind ein wesentlicher Zug des subjektiven Lebens, insofern sie uns in die objektive Welt einbetten, in der wir erwarten, daß der heutige Tag in groben Zügen dieselben Umweltmerkmale aufweist wie der gestrige. Wir erwarten daher nicht, daß uns die Schwerkraft mit einem Male heute keine Mühe macht, aufzustehen, aufrecht zu stehen und das Gleichgewicht beim Gehen zu halten. Daher versorgen uns Erinnerungen mit Gründen, etwas zu tun oder zu lassen, beispielsweise die Erinnerung an eine Brandverletzung, die Finger von der heißen Kochplatte zu lassen, oder die Erinnerung an den angenehmen Geschmack von Erdbeermarmelade, wieder ein Glas davon einzukaufen.

Erinnerungen sind ein wesentlicher Zug des subjektiven Lebens, insofern sie uns in die soziale Welt einbetten, in der wir erwarten, von unserem Bäcker oder Schneider oder Kioskbesitzer gegrüßt zu werden, weil er sich an uns erinnert. Desgleichen erfüllen wir die Erwartungen anderer, indem wir den Nachbarn oder den Freund mit der Grußformel grüßen, an die wir uns ohne weiteres erinnern. Sollte uns der Nachbar plötzlich nicht mehr grüßen, gehen wir nicht davon aus, daß er über Nacht vergessen hat, wer wir sind, sondern daß er damit seinen Unmut über unser störendes Verhalten wie wiederholtes nächtliches Lärmen zum Ausdruck bringt.

Aufgrund unserer Erinnerungen an geteilte Erfahrungen und gemeinsame Erlebnisse werden Nachbarn, Kollegen, Freunde zu einem Teil unseres Lebens. Nur aufgrund der bleibenden Erinnerung an eine Verbindlichkeit, ein Versprechen oder eine Schuld weitet sich der soziale Raum unseres Daseins zu einer moralischen oder sittlichen Dimension aus, die uns mit starken Gründen versorgt, ein Versprechen zu halten oder uns wegen eines nicht eingehaltenen Versprechens schuldig zu fühlen.

Nur weil wir aus dem Vorrat unserer Erinnerungen schöpfen, sind wir in der Lage, uns und anderen immer wieder in immer neuen Variationen Episoden unseres Lebens zu erzählen. Auch wenn wir schlicht berichten, was wir gestern gekocht oder wen wir getroffen und gesprochen haben, wie wir uns gefühlt haben, als wir vom Tod eines Freundes oder der Geburt des Kinds eines befreundetes Paares erfahren haben, stets wählen wir unsere Erinnerungen so aus und beleuchten sie derart, daß wir mit ihrer Erzählung ein Bild implizieren oder mehr oder weniger bewußt und gekonnt hinstellen und ausmalen, das wie ein Selbstportrait anmutet.

Es mag, je nach Gelegenheit und je nach Gesprächspartner dieses Bild von uns selbst, das wir aus dem Stoff und Vorrat unserer Erinnerungen gestalten, kleiner oder größer, grau oder farbenfroh, in Schwarz-Weiß oder Aquarell, naturalistisch oder abstrakt aussehen – in jedem Falle erweisen wir uns als mehr oder weniger dilettantische, mehr oder weniger geniale Künstler der Selbstdarstellung. Wir können diese Weise der kreativen Leistung auch mit den hauseigenen Begriffen literarischer Klassifikation kennzeichnen und bemerken, daß einer dazu neigt, seine Erinnerungen auf die dramatische Bühne zu heben, ein anderer sie in die vage und wolkige Atmosphäre lyrischer Stimmung zu versetzen, wieder einer sie in einen epischen Strom zu tauchen, der sich in viele Nebenflüsse verzweigt. Gewiß treffen wir auch öfters auf einen, der alles Erlebte ironisch auf den harten Fels einer Pointe auftreffen läßt, mit der er es wie unter einem geheimen Zwang wieder und wieder tragisch oder tragikomisch auf die ihm unzuträgliche, doch unabkömmliche Urerinnerung eines Traumas zurückführt.

Hier kommt der Hochstapler, Scharlatan oder Betrüger ins Spiel, der sein Leben als Roman erzählt, den freilich er selbst, doch nach fremden Vorlagen geschrieben hat. Diese Vorlagen sind vielleicht ihrerseits Romane wie Kitschgeschichten aus der Yellow Press oder wenn er hoch hinauswill eine komödiantische Maske wie Felix Krull von Thomas Mann. Wie färbt die mit fremden Erinnerungen aufgehübschte Biographie seine eigenen Erinnerungen ein? Jedenfalls muß der Hochstapler vorgeben, Erinnerungen zu haben, die in Wahrheit nicht die seinen, sondern die eines anderen oder erfundene Erinnerungen sind.

Machen wir ein Gedankenexperiment und stellen uns vor, jemand habe hinsichtlich einer bestimmten Periode seines Lebens sein Gedächtnis verloren und es bestehe aus medizinischer Sicht keine Hoffnung, daß er seine verlorenen Erinnerungen je wieder auffrischen und wachrufen könnte. Unter seinen Freunden gibt es nun einen, der als geborener epischer Erzähler über seine Umwelt und daher auch von den Begegnungen und ihm zugetragenen Lebensereignissen des unter partieller Amnesie Leidenden minutiöse Aufzeichnungen angefertigt und sogar auf Hörkassetten aufgesprochen hat. Der tapfere Sucher nach seinen verlorenen Erinnerungen hört sich nun Tag und Nacht die ihn angehenden Kassetten an. Unter diesen sind auch solche, die eine leidenschaftliche Affäre beschreiben, die er mit einer schönen Dame der Gesellschaft unterhielt, deren Name ihm freilich wie zu befürchten rein gar nichts sagt. Auch wenn er die eingehenden Schilderungen seiner amourösen Begegnungen auswendig lernte – er wird doch daraus nie eine lebensvolle Erinnerung an den verführerischen Duft des erotischen Augenblicks und der fleischlichen Wärme der echten Umarmung sich einverleiben können, wie sie derjenige hätte, der jene Schöne tatsächlich in den Armen gehalten hätte, obwohl und gerade weil unser bedauernswerter Patient sie im Arm gehalten hat. Er könnte sich am Ende einbilden, solche lebendigen Erinnerungen gehabt zu haben – aber glauben, sich an etwas zu erinnern, was man nicht erlebt hat, heißt nicht, sich daran zu erinnern.

Übertragen wir das Szenario auf den Hochstapler. Bei ihm wäre es nun umgekehrt so, daß er als hartgesottener Renommist vorgibt, eine Affäre mit einer schönen, eleganten Dame der besseren Gesellschaft gehabt zu haben (eingerahmte Bilder von ihr hängen sogar in seinem Büro), über die er infolge heimlicher Recherchen (Schnüffeln in fremder Leute Geheimnissen gehört ja zu seinem Metier) pikante Dinge zu flüstern weiß. Doch wie wenig fiktive oder gefälschte Erinnerungen inneres Leben zu gewinnen vermögen, zeigte sich beispielsweise daran, daß er jene angebliche frühere Geliebte, würde sie an ihm vorübergehen oder ihm im Café gegenübersitzen, nicht erkennen würde.

Wir schließen daraus, daß die Rede von fiktiven Erinnerungen in die Irre führt. Wir können von vorgeblichen Erinnerungen sprechen, wie beim Betrüger, der sich angeblich an die aufregende Disputation erinnert, in der er seinen gefälschten Doktorgrad erworben haben will. Ansonsten müssen wir von Wahnideen sprechen, wenn einer die Szene halluziniert, in der er mit dem Doktorhut versehen wurde, und von diesem Scheinerlebnis auftrumpfend berichtet.

Der souveräne Erzähler, und hier berühren wir den eigentlichen Bereich sprachlicher Kunst, behandelt den Erinnerungsstoff seines Lebens wie der japanische Maler das eine Motiv des Berges Fuji oder der großen Meereswoge oder Cézanne das eine Motiv des Berges Sainte Victoire, das er in zahllosen, nie sich erschöpfenden Variationen einem immer neuen Spiel von Licht und Schatten, Nähe und Ferne, Dichte und Transparenz unterwirft: Er erzählt den Roman seines Lebens oder sein Leben als Roman, dessen Autor zugleich immer als eine seiner erzählten Personen oder Masken auftaucht, die sogar wie ein Vogel aus dem Rahmen des Bildes zu entflattern scheint oder wie ein der ganzen Spiegelfechterei überdrüssiger Don Quichotte sich in die Stille der Entsagung flüchtet.

 

Nov 16 17

Philosophische Konzepte: Erinnerung (Teil I)

Wir nehmen das Gegenwärtige mit den Sinnen wahr, das Vergangene können wir nicht wahrnehmen: Es sind die mehr oder weniger frischen, mehr oder weniger verblaßten Eindrücke und Wahrnehmungen von Ereignissen, die wir als vergangen kennzeichnen, die den Stoff und Inhalt unserer Erinnerungen bilden.

Wir können den gegenwärtigen Sinneseindruck mit einem Gesprächspartner teilen, indem wir sagen: „Siehst du, dort geht unser Freund Manfred!“ Unser Gesprächspartner kann unseren Gesichtseindruck bestätigen oder korrigieren, wenn er erkennt, daß es sich meinerseits um eine Täuschung, in Wahrheit um eine andere Person handelt.

Wir können unsere vergangenen Sinneseindrücke oder Erinnerungen nicht in der gleichen Weise teilen. Wenn wir gestern zusammen im Park waren und ich dich frage: „Erinnerst du dich, wie ich glaubte, dort sei Manfred gegangen?“, kannst du meine Frage genauso gut bejahen als verneinen, wenn du die Begebenheit vergessen hast.

Wir können uns auf die Gegenstände der Wahrnehmung gegenseitig aufmerksam machen, indem wir auf sie zeigen. Ich zeige in die Richtung einer Person, die im Park spaziert, um deine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

Wir können nicht auf unsere Erinnerungen wie auf Bilder einer Galerie zeigen, um unseren Gesprächspartner auf sie aufmerksam zu machen. Wollen wir seine Aufmerksamkeit auf unsere Erinnerung lenken, sind wir gehalten, davon zu berichten oder zu erzählen.

Etwas berichten, etwas erzählen sind sprachliche Handlungen sui generis, die wir auf unterschiedliche Stoffe und Themen anwenden, auf wirkliche Begebenheiten genauso wie auf erfundene oder fiktive. Denn auch wenn wir uns in phantastische Geschichten einspinnen oder wenn wir lügen, können oder wollen wir den Eindruck erwecken, daß wir von etwas berichten oder etwas erzählen, das sich tatsächlich ereignet hat.

Wir erwähnen nur am Rande, daß die eigentümliche Mischung von Faktum und Fiktion, Historie und Fabel, Bericht und Mythos oder Märchen am Anfang der erzählerischen Tradition liegt, die wir das epische Erzählen nennen, wie wir es als mündliche Überlieferung oder Vorstufe der redigierten Texte des homerischen Epos voraussetzen.

Erinnerungen sind demnach Aussagen über vergangene Sinneseindrücke und Erlebnisse dessen, der spricht (oder schreibt). Er rechnet sich die Gegenstände der Erinnerung, also die Bedeutungen und Referenten der Erinnerungssätze, als Subjekt vergangener Wahrnehmungen zu – auch wenn er dies nicht ausdrücklich macht durch Worte wie: „Dann sah ich“, „Darauf hörte ich“, „Nachher spürte ich“.

Wir können die Semantik von Sätzen der Erinnerung in zwei Formen aufstellen:

1. Wir sagen, Sätze über Erinnerungen sind Sätze über vergangenes Wissen. Dann fassen wir die Erinnerung des Sprechers, er habe gestern seinen Freund Manfred im Park gesehen, als Bericht über die bewußte Wahrnehmung dieses Ereignisses auf. In diesem Falle wäre die Frage, woher er dies wisse, sinnlos. Diese veridische Semantik der Erinnerungssätze ist unproblematisch. Hier ist derjenige, der spricht und von vergangenen Erlebnissen erzählt, offenkundig als identisch mit der Person vorausgesetzt, die genau die Erlebnisse hatte, die sie erwähnt.

2. Wir setzen fest, daß Sätze über die Vergangenheit keinen Index veri et falsi an der Stirn tragen. Dann müssen wir die Semantik von Erinnerungssätzen der Form typischer Glaubensaussagen anpassen. So wird aus dem Satz:

Ich sah, wie Manfred durch den Park ging

der Satz:

Ich glaubte zu sehen, wie Manfred durch den Park ging.

Dieser Satz ist bedeutungsgleich mit folgendem sprachlichen Ausdruck:

(Ich erinnere mich) Manfred ging durch den Park.

Der Satz „Manfred ging durch den Park“ kann ebenso gut in einem Roman stehen wie in einer Autobiographie. Steht der Satz in einer Autobiographie können wir zu seiner Verifikation adäquate Verfahren der Historiographie und ihrer Hilfswissenschaften wie Geographie oder geometrisch-numerische Methoden der Raum-Zeit-Messung anwenden. Damit ist es uns möglich, sämtliche Wege, die eine Person in einem ausgewählten Zeitabschnitt (theoretisch in ihrem ganzen Leben) zurückgelegt hat, in einem idealen Musterplan mit variablen Koordinaten der Raum-Zeit einzutragen und exakt zu fixieren. Wenn sich die rekonstruierte Linie des Wegs, den Manfred an einem bestimmten Tag und einem bestimmten Zeitkorridor der Vergangenheit zurückgelegt hat, mit derjenigen Linie kreuzt, die den Weg rekonstruiert und die Blickrichtung dessen beschreibt, der die Aussage „Ich erinnere mich, Manfred ging durch den Park“ gemacht ist, scheint sie verifiziert zu sein.

Wir zögern zu sagen, der Satz der Erinnerung sei in der Tat bewahrheitet, denn es könnte sein, daß die genannte Rekonstruktion wahr ist, aber der Sprecher in dem Moment, als seine Blickrichtung den Weg Manfreds kreuzte, an etwas anderes dachte oder so abgelenkt und geistesabwesend war, daß er seinen Freund nicht erkannt hat, also zwar eine Person wahrnahm, doch ohne ihre Identität auszumachen. Der Sprecher könnte sich nach einer Weile, nachdem die Person schon aus seinem Blickfeld verschwunden ist, fragen: „War das nicht mein Freund Manfred?“ Hier handelt es sich demnach nicht um eine Erinnerung an eine Wahrnehmung, sondern um die Erinnerung an eine Vermutung.

Wir stoßen hier auf den bedeutsamen Fall, daß unsere Aussagen über Erinnerungen rein zufällig genau das meinen, was sie sagen, ohne daß wir sie als echt, authentisch oder wahr kennzeichnen würden.

Sätze über Erinnerungen können also in dem Fall, daß wir sie semantisch als Glaubenssätze oder Annahmen auffassen, nur dann als wahr oder im hohen Grade wahrscheinlich gekennzeichnet werden, wenn wir ihnen unabhängige Zeugnisse Dritter an die Seite stellen. Um einen Satz der Erinnerung zu falsifizieren, benötigen wir höchstens ein unabhängiges Zeugnis. Wenn der Patientenbericht bezeugt, daß unser Freund Manfred an besagtem Tag zu einer ambulanten Behandlung im zuständigen Krankenhaus anwesend war, ist die Erinnerung falsifiziert. Um ihn zu verifizieren, benötigen wir mindestens ein unabhängiges Zeugnis. Wenn außer dem Sprecher seine Freundin bezeugt, Manfred im Park gesehen und erkannt zu haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Erinnerung zutrifft. Dennoch könnte auch diese Zeugin sich irren, und es handelte sich um eine Person, die Manfred sehr ähnlich ist, die beide zu erkennen geglaubt haben.

Erinnerungen und Sätze über Erinnerungen setzen die Identität der Person dessen, der sich erinnert und spricht, voraus. Wir geraten in semantische und begriffliche Konfusionen, wenn wir annehmen, wir seien gleichsam das Resultat all der Erinnerungen, die wir in unserem Gedächtnis gespeichert haben. Wenn wir uns daran erinnern, unseren Freund im Park gesehen zu haben, erinnern wir uns nicht daran, daß wir es waren, die im Park gewesen sind, in dem Sinne, wie wir uns daran erinnern, daß wir gemeinsam mit unserer Freundin im Park gewesen sind.

Wären wir das Resultat oder das psychologische Kontinuum unserer tatsächlich uns zugänglichen Erinnerungen, müßten wir eine andere Person werden, wenn uns beispielsweise Zeitgenossen und Zeugen unseres Lebensganges auf Ereignisse stoßen, die wir in der Tat erlebt, aber vergessen haben und nun unserem aufgefrischten Gedächtnis hinzufügen. Umgekehrt stehen wir nicht an, die Annahme als begrifflich konfus zurückzuweisen, gemäß der jemand, der aufgrund einer Amnesie Teile seiner Erinnerungen verloren hat, nunmehr seine Identität verändert oder verloren habe.

Demnach sind Erinnerungen nicht, wie vielfach angenommen, das Substrat der persönlichen Identität und Sätze der Erinnerung nicht semantisch ein Grund dafür, ihren Sprecher von demjenigen abzulösen, über und von dem er spricht.

Es ist konfus, auf den Satz der Erinnerung „Ich habe gestern unseren Freund Manfred im Park gesehen“ mit der Frage zu reagieren: „Erinnerst du dich auch genau daran, daß du es warst, der gestern Manfred gesehen hat?“ Im Gegensatz zur Äußerung des plausiblen, weil aufgrund von Indizien oder Zeugen begründeten Zweifels: „War es vielleicht eine andere Person, die du gesehen hast?“

Wenn die Erinnerung valide ist, daß Manfred gestern im Park war, dann nicht deshalb, weil wir aufgrund ihrer Mitteilung nun annehmen, Manfred sei gestern im Park gewesen. Auch wenn uns dies nicht mitgeteilt worden wäre, verlöre die Erinnerung nichts an ihrer Korrektheit. Ebensowenig konstituiert die Erinnerung, daß ich Manfred gestern im Park gesehen habe, die Tatsache, daß ICH es war, der ihn gesehen hat.

Kennzeichnen wir Erinnern als Form und Funktion des Bewußtseins, kommen wir zu dem bedeutsamen Ergebnis, daß die Identität dessen, der sich erinnert, weder eine Ableitung seiner Erinnerungen noch eine Funktion des Bewußtsein ist (wie vielfach angenommen), sondern das Bewußtsein eine Funktion der personalen Identität.

Wenn jemand sich richtig daran erinnert, seinen Freund Manfred gestern im Park gesehen zu haben, muß derjenige, der sich JETZT daran erinnert, DIESELBE Person sein, die ihren Freund gestern im Park gesehen hat. Aber die Tatsache, daß sie dieselbe Person ist, resultiert nicht aus ihrer Erinnerung.

Wenn mir all deine Erinnerungen durch eine medizinische Prozedur an deinem und meinem Gehirn übertragen werden könnten, würde am Ende meine Identität gegen deine ausgetauscht? Das wäre allerdings gemäß der pseudophilosophischen Annahme gewisser Neuropsychologen dann der Fall, wenn deine und meine Identität vollständig als Resultante und Funktion unserer Erinnerungen erklärt werden könnte.

Nach unserer Annahme aber wäre das Ergebnis dieser Science-Fiction-Prozedur weniger aufregend und trivial: Ich hätte den Eindruck, mich an Ereignisse zu erinnern und Erlebnisse gehabt zu haben, die ich in der Tat nicht hatte, sondern die du wahrgenommen und erlebt hast. Doch würde ich nicht aufhören derjenige zu sein, der zuvor bescheiden mit dem dürftigen Vorrat seiner eigenen Erinnerungen gehaushaltet hat – und nun über mehr davon verfügt, als ihm bekömmlich ist.

 

Nov 15 17

Die Schwalbe

Dem Andenken an Peter Kurzeck

Ach, ohne Schwalben
bringt Sommer uns kein Glück.

Ja, das Glück des Sommers saß auf einer Wäscheleine,
angetan mit cremefarbener Weste,
schwarzblauem Frack
und einem kastanienbraunen Schal,
spreizte die Frackschöße
und sang.

Es war ein zart gefiederter Pfeil,
geschnellt von Dianas Bogen,
den sie an die nackte Brust gepreßt,
er ritzte die blaue Seide der Luft,
und die Seide riß wie Wollustzischen,
jählings stürzte er zur Erde nieder,
verschwand im Beerendunkel der Holunderbüsche.

Abends flogs ein blauer Schatten
am offenen Fenster rasch vorbei,
schrill schnarrend,
pickte im Fluge Mücken aus der Korona
der schiefen Gaslaterne vor dem Haus,
baute sich ein Nest aus dem Stroh,
wo du als Kind die Astgabel
einer Schleuder verstecktest.

Im Heuschober klebten oben im Gebälk
die lehmbraunen Schalen,
aus denen nickend kleine Schnäbel lugten,
der Altvogel kreiste zweifelnd um den Knaben,
neben dem die warme Milch im Eimer schwappte,
hohes Zwitschern, das stumpf abbrach
wie der Ton gerissener Geigensaiten,
und hurtig schnellte er zurück ins Nest.

Es trudelte wie Flaum verliebter Träumerei
auf den Schnee der Einsamkeit herab,
der schmolz wie unter warmen Lippen
und wurde Tau dem wilden Moos,
des Sommers Abschiedsgruß,
gefleckt erglänzte dort
wie zartes Porzellan
ein weißes Schwalbenei.

Das Stroh, die Scheune, all die kleinen Nester,
die Eier, bräunlich-rot gesprenkelt,
Gefieders blauer Flaum, der alte Hof,
die Gaslaterne, die Kinderschleuder
und des Holders Fliedertraum sind längst
von einer riesigen Schnauze aus Eisen
geschleift, zermalmt und plattgewalzt.

Wie das geschah? Warum es mußte sein?
So fragen Heuchler – oder Desperados.
Der Bauer, der plumpe Ochs, Verräter
an Blut und Ahnengeist,
roch seinen Reibach und gab alles dran,
und wurde doch am Ende selbst gefressen
vom Immobilienhai.

Geopfert ward dem wahren Gott der Zeit,
ein Tempel ihm errichtet aus Beton und Glas,
ein Salon, eine Garage, eine Waschanlage,
ein Zubringer zur Autobahn, eine Tankstelle,
die Tag und Nacht Gestank und Stoff abgibt
für blecherne Phrenesie über totem Teer,
asphalterstickten Gärten, Gas-Ekstase
zum Massaker an Hase, Reh und Igel
und Alpenmatten abzugrasen trüben Blicks.

Oder breitet seine gespenstischen Flügel
dort ein Windrad aus,
das mit Lerchen, Staren, Nachtigallen
den letzten Schwarm der Schwalben
gehäckselt und zerschreddert hat?

Ach, ohne Schwalben
bringt Sommer uns kein Glück.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=TDk85DO0A44

 

Nov 15 17

Das bißchen Leben

An den Lippen flüchtig Hauch,
der kommt nicht weit,
verscheucht vom Wind,
doch dringe er mit einem Ach
und einem Kosewort,
mit einem Kusse dring er tief,
wenn nur ein Herz ihm auftut
seine wilde Rose.

Das dünne Purpurblatt,
ein scheues Rouge erglühten Sinns,
das von der Wange fällt,
bald, denn Frost kommt über Nacht,
doch ströme hin sein Sommerduft
bis in die weiße Nacht des Freunds
und bleibe lang an einem Veilchen treu,
das eine Freundin
in die dunkle Erde gräbt.

Und feuchter Glanz des Blicks,
den bald der Star des Alters trübt,
den Gram des Alters trocknet,
kleine Muschel berge ihn,
o weiches Wort,
und eine Träne Licht,
das einen Stern entzünde
deiner Nacht,
die weiße Margerite.

 

Nov 14 17

Am Ofen

Flamme, die bläulich-rot aufzuckte,
die gußeiserne, kreisrunde Abdeckung
mußtest du mit dem Schürhaken im kleinen Loch
fest greifen und mit einem Ruck beiseiteschieben,
scheppernd und klirrend eierte sie
auf der glänzenden Ofenplatte,
die du bei halber Nacht geschmirgelt hattest,
dann in das Gähnen der versiegten Glut
Scheite, gut gehauene, stürzen,
feurige Splitter und Funken sprühten auf.

Dämmerte es, wanderte das Flackern
aus den Fugen und Ritzen zur Decke
und floß wie aus Krügen geschütterter
roter Wein die Wände herab.

Immer blieb die zehrende Mühe des Feuers
wie ein Schlürfen wölfischer Zungen,
ein Nagen von Biberzähnen lebendig,
wurde das feuchte Eingeweide des Holzes
von der Flamme zerkaut, hörtest du
des Waldes schluchzende Elegie,
das seufzende Schilf, niedergetreten von Pan,
wenn ein Holzklotz die zerrissene Aura
des versengten Leibs aus letaler Ohnmacht
aufbäumte und die blubbernde Hülle,
bläulich schraffiert von zarten Venen,
ächzend in sich zusammenstürzte,
zischten manchmal aus der weißen Asche
kleine Feuervipern.

Wenn du spät am Abend die Ofenklappe aufsperrtest
und mit dem Schürhaken den kokelnden Glutbrei
durchquirltest, seine Wülste und Buckel zerdeppertest,
und mit einem dicken Lederhandschuh bewaffnet
den Rost am Boden tüchtig rütteltest,
wurde die dämmernde Küche
für Augenblicke gespenstisch erhellt,
bitterer Ruß vermischte sich mit süßlichen Aromen
und Stöhnen entquoll der Atemnot des Holzes.

Regen klopfte mit knöchernen Fingern eines Bettlers
an die Scheiben oder rief mit zartem Hämmern
kindlicher Fäuste Erinnerungen wach
an morastige Wege,
wo uns die Weiden mit nassen Ruten
ins Gesicht schlugen,
wir trugen Leinensäcke auf der Schulter,
prall gefüllt mit Kastanien oder Nüssen
heim ins Dorf, das talwärts mit den trüben Funzeln
der Fenster die Schritte wies,
und hinter uns gluckste die Dunkelheit.

Oder wenn Frost die Scheiben mit dem weißen Staub
steriler Blüten verklebte, hörten wir im Knistern
und Keuchen des Feuers Stimmen verstorbener Lieben
Träume erzählen, träumend Tote singen
von lauen Sommernächten, als die Birnen
in den Brunnen des Gartens stürzten
und Ginster Blüten streuten in den Schlaf.

Heiligabend roch es nach Tannengrün und Harz,
dem Honig frommer Kerzen, vom Ofen her
nach Kräutern, Mandeln, Ingwer, Zimt und Kardamom,
wenn Neuschnee knirschte unter eiligen Schritten,
gingst du dem Läuten nach zur Krippe
sternerhellten Sinns,
doch der Alte lag am Ofen krank,
und versank ins Spiel der Flammen an der Decke,
das wie Flügels warmes Wehen
ihm die Botschaft brachte.

 

Nov 13 17

Die Amsel

Sie sitzt am Rand des Daches, ruhig,
Wasserfarbenblau quillt
zwischen rot getönten Wolken,
wie von Mennige zart bestäubt,
Novemberfrost, kalter Wind,
das macht ihr nichts,
sie biegt den Schnabel manchmal wie witternd
in die leere Luft der Vergangenheit zurück,
sitzt wieder ruhig da, ruhig,
auch wenn Krähen herabschießen,
drohend Schreie Schatten speien,
das macht ihr nichts,
sie putzt sich unterm Flügel, rasch,
Wind sträubt am Hals den weichen Flaum,
Krähen schreien, schreien,
das macht ihr nichts,
ruhig sitzt sie da, am Rand des Daches,
zwischen dem Rosen-Quarz der Wolken
verflüssigt der Opal des Augenblickes sich
ins reine Blau der Ewigkeit,
ruhig sitzt sie da,
ein Automotor heult elend auf,
das macht ihr nichts,
sie bleibt, sie bleibt …

O Bild, von Trübsals Firnis unverstellt,
erhelle mir die Weile eines lieben Blicks,
Amsel, hock ein Weilchen bloß
auf schwankem Zweige des Gedichts.

Gott ist nah,
es schwebet Daseinsfreude
der kleinen Kreatur
eine Weile
über all dem Dunkel,
das verschlingt,
eines weich umflaumten Wortes
kleine Weile.

Dann stürzt sie, schrilles Flattern,
jählings aus dem Bild.

 

Nov 12 17

Philosophische Konzepte: Reden

Wir reden miteinander und es gibt kein Reden und keine Rede, die nicht demjenigen, der sie vernimmt und der sie vernehmen soll, dasjenige zu übermitteln sucht, was der Redende zu sagen beabsichtigt. Wir hegen aber die unterschiedlichsten Absichten mit unserem Reden: Wir möchten plaudern, tratschen, uns unterhalten, wir wollen schildern, berichten, informieren, wir wollen uns rechtfertigen, eine Anschuldigung zurückweisen, ein Fehlverhalten verschleiern, wir möchten etwas zu tun vorschlagen, empfehlen oder davon abraten.

Die Art und Weise, wie wir reden, ist eine Funktion der sozialen Rolle, die wir dem Hörer oder Gesprächspartner gegenüber einnehmen (sowie vice versa dessen sozialer Rolle uns gegenüber) und der Situation, in die unser Reden eingebettet ist: Die Mutter tröstet das Kind, der Vater rät dem Sohn, etwas zu tun oder zu lassen, der Offizier befiehlt dem Untergebenen. Manches Wort verhallt mit der Luft, die es ans Ohr des Hörenden trägt, wie die Bitte des Bettlers an der Straßenecke, ein anderes wirkt kraft der Autorität des Redenden unmittelbar wie das Wort des Priesters oder Standesbeamten bei der Eheschließung, durch das die Ehe in Kraft tritt, und wie das Wort des Diktators, durch das der Krieg erklärt wird, oder es wirkt kraft der eindeutigen Situation des verbalen Schlagabtauschs wie die Beleidigung des Gegners, durch die eine Fehde oder tätliche Auseinandersetzung in Gang gesetzt wird.

Mit Worten können wir redlich und bieder unsere Absichten kundtun oder tückisch und verschlagen unsere wahren Absichten hinter der Wortmaske wohlmeinenden und heuchlerischen Geschwätzes verschleiern.

Wir können unsere wahre oder scheinbare Redeabsicht dem Adressaten mit Hilfe einer Eingangssequenz signalisieren, indem wir unsere Absicht, einen Rat zu erteilen, einleiten mit den Worten „Ich rate dir“, unsere Absicht, ihm ein Versprechen zu machen, einleiten mit den Worten „Ich verspreche dir“ oder unsere Absicht, ihm ein Versprechen abzunehmen, einleiten mit den auffordernden Worten „Versprich mir“.

Der Ort der Rede im Leben ist uns durch das persönliche Schicksal in Gestalt der Muttersprache und der kulturellen Herkunft vorgezeichnet. Wir sind als Deutsche Bayer, Hesse, Sachse oder Friese – sie alle verständigen sich dank der Entwicklung zur deutsche Hochsprache im Gefolge von deutschem Humanismus, Luthers Bibelübersetzung und der einmal durch Schullektüre selbstverständlichen Inokulation der Sprache der Klassiker auf die alten regionalen Sprachäste und Sprachstämme in einem mehr oder weniger kultivierten und gepflegten Neuhochdeutsch. Doch wie die zunehmende Verwahrlosung der Hochsprache durch ungezügelte Übernahme englischer oder pseudoenglischer Begriffe zeigt, kann und wird es nie eine Lingua franca oder Lingua universalis der zwangsglobaliserten Menschheit geben können, weil man in dieser nicht reden kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Nur der Anglist und derjenige, der länger im englischsprachigen Raum gelebt hat, kann englisch reden, ohne das zu Sagende zuvor deutsch gedacht zu haben, kann englisch reden, weil er englisch zu fühlen und zu denken begonnen hat.

Im Weltbürgerkrieg dieses Jahrhunderts geht es auch um das Recht jedes Volks und jedes Volksgenossen, so reden zu können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, um das Recht auf die eigene Sprache, das eigene Land, die eigene Kultur. Intellektuelle Bonzen und bürokratische Apparatschiks, deren Lippenbekenntnis Diversität heißt, die aber selbst nur ein monotones Kauderwelsch ohne Macht des Bilds, ohne Duft der Nuance daherreden, fördern in Wahrheit und Tat mit Hilfe aufs Mittelmaß geschorener Einheitscurricula und stromlinienförmig gebürsteter Medien das Entstehen eines kulturell grauen Einheitsbreis und eines hoffnungslos ausdrucksarmen Esperantos politisch korrekt kastrierten Jargons, gegen den der sich seinen regionalen und nationalen Überlieferungen verpflichtet wissende Dichter mit dem Eigensinn seines individuellen Redens und Schreibens Einspruch erhebt.

Gewiß kann der Bayer oder Hesse sich als Tourist auf der nordfriesischen Insel oder etwa der britischen Insel Man (von den Hebriden zu schweigen) einmal auf Hochdeutsch einmal mit seinem Schulenglisch nach der Wetterlage erkundigen, das wird knapp und stichwortartig über die Bühne gehen. Doch wird er niemals wie der Friese oder der Brite mit seinesgleichen über das Wetter plaudern, spekulieren und sinnieren können. Schon hier berühren wir demnach die Grenze der mündlichen Verständigung, die durch das Schicksal der Herkunft scharf gezogen wird: das Schicksal Insulaner, Friese oder Brite zu sein. Andererseits wird ein Rinderzüchter auf dem schottischen Hochland sich eher mit einem schwarzen Farmer der Bantu, wenn dieser denn über genügend Brocken Englisch verfügt, über ihre ländliche Lebensweise verständigen können als der Hamburger Hafenarbeiter mit dem feinen Schnösel aus Blankenese, und sie werden sich beim gemeinsamen Fischessen bald anschweigen. Die Greisin aus Dresden, die die Apokalypse der Stadt bei Kriegsende miterlebt hat, und die hippe Bankerin aus dem Frankfurter Westend, was hätten sie groß miteinander zu bereden, was denn letztere mit der kurdischen Putzfrau, die abends ihren Schreibtisch in der Bank wischt? Wieviel schicksalhafte Begrenzung der mündlichen Rede in der Zugehörigkeit zu Rasse und Geschlecht, zu den Altersklassen, zu sprachlichen, religiösen und kulturellen Herkünften, aber auch in dem Unterscheid von strotzender Gesundheit und geistiger oder körperlicher Versehrtheit steckt, wollen wir nur benennen, nicht vertiefen.

Der Ursprung des Redens liegt naturgemäß in der intimen oder Nahkommunikation der Familie. Dabei ist der Zusammenhang von Gesichts- und Stimmerkennung entscheidend: Die Stimme der Mutter, die mir schon als Embryo vertraut wird, verknüpfe ich mit dem Bild ihrer Gesichtszüge. Die „gute“, das heißt für uns wohlklingende und wohlwollende Stimme der Mutter ist das auditive Muster, an dem wir Vertrauen lernen: Diese Stimme kann nichts Böses, Heimtückisches, Irreführendes, Falsches verlautbaren – das ist der Grundgedanke. Wird dieses Vertrauen gestört oder zerstört, wenn die gute Stimme immer wieder umschlägt und etwas Böses sagt, also das Kind schilt, beschimpft, anschreit, kann das bisweilen pathogen wirken und eine schwere oder untragbare Bürde für den Heranwachsenden darstellen, die seine intimen Kontakte ein Leben lang zu beeinträchtigen vermag. Wir halten auch die Annahme, eine Diskrepanz zwischen Stimme und Gesicht, eine Verzerrung zwischen der Absicht, die das Gesicht und der Blick, und der Absicht, die die Stimme ausdrückt, könne desgleichen pathogen wirken, nicht für völlig aus der Luft gegriffen. Denn sicher wirkt der Eindruck des „lieben Gesichts“, aus dem eine „böse“ Stimme erschallt, wie auch umgekehrt der Eindruck der Diskrepanz von schmeichelnder Stimme und eines von Wut und Haß verzerrten Gesichts sinnverwirrend und desorientierend auf das Kind.

Wir sprechen von einem offenen Gesicht, wenn Stimme und Mimik, Sagen und Blicken harmonieren; von einem larvierten, maskierten, undurchdringlichen Gesicht, wenn die Mimik die Stimme nicht begleitet, sondern isoliert oder wie beim sardonischen Lächeln oder spöttischen Grinsen in Frage stellt und torpediert. Indes sind wir auch in der Lage, unsere Stimme tonlos, fahl, ausdruckslos klingen zu lassen, dadurch kann sie dem Gesagten, einem freundlichen Zuspruch oder einer Ermunterung und herzlichen Beipflichtung, bis zur Karikatur und Negation zuwiderlaufen. Wiederum vermögen wir mit lustig plätscherndem Singsang und einem aufgerissenen Lachmund die Mitteilung schrecklicher und grausamer Dinge und Ereignisse ins Bodenlose und Wahnhafte zu verzerren.

Wenn wir gesprächsweise etwas schildern, berichten und erläutern, treten Mimik und Stimmführung in ihrer Bedeutung für die Kommunikation in den Hintergrund, ja sie können und sollen wie beim sachlichen Vortrag möglichst reserviert und verhalten sein. Beim mündlichen Bericht sind wir meist genötigt, auf unser individuelles Gedächtnis zurückzugreifen, das uns mit den Daten und Fakten über die erwähnten Ereignisse oder das zur Kenntnis genommene Wissen beliefert.

Hier machen wir die interessante Beobachtung, daß die mündliche Rede kein gezielt einsetzbares Speichermedium ist – im Gegensatz zur Grafik und zur Schrift. Die Rede, und sei sie noch so holprig, radebrechend und konfus, enthält in Wortschatz und Syntax natürlich einen kaum auslotbaren Schatz an Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten, der über alle Generationen der sprachlichen Entwicklung kollektiv angehäuft wurde. Wir erwähnen hier nur die hohe Relevanz idiomatischer Ausdrücke, die dazu dienen, bestimmte Züge und komplexe Sachverhalten des objektiven und subjektiven Daseins zu verdichten und prägnant zu machen. Denken wir an das Wortfeld von „Rede“ und „reden“, stoßen wir auf eine Vielfalt von Varianten und Varietäten: plaudern, schwatzen, tratschen, palavern, disputieren, mitteilen, berichten, schildern, ausmalen, fabulieren – um nur diese zu erwähnen.

Wesentlich sind auch all die Dinge, die wir mit und mittels Reden bewerkstelligen können, wie etwas überzeugend oder flüchtig, wahrheitsgemäß oder lückenhaft, präzise oder phrasenhaft darzustellen. Wir können in der Rede stocken, langatmig werden oder uns vergaloppieren. Wir können die Rede abbrechen, das Wort dem anderen überlassen oder sie schlicht widerrufen. Wir können die Rede auf etwas lenken, Rede und Antwort stehen, uns in Rede und Gegenrede erproben und jemanden zur Rede stellen. Wir fragen, wovon die Rede ist oder ob davon die Rede sein kann. Wir sagen, daß jemand nicht mit sich reden läßt, daß man einen, der Unsinn redet, nur reden lassen soll oder daß jemand, der etwas Bemerkenswertes ausgerichtet hat, von sich reden macht. Jemand, der dem anderen wohlfeile Ratschläge erteilt, hat gut reden, wenn er von der mißlichen Sache nicht berührt ist. Man kann viel reden, wenn der Tag lang ist, und jemandem nach dem Munde reden, wenn man keine Lippe riskieren mag.

Nie wird der Gleichgültige oder Stumpfsinnige die begeisterten Auslassungen des Verliebten oder religiösen Enthusiasten über den Gegenstand seiner Verehrung und Anbetung verstehen, nie der Geldmensch, den täglich die Börsenwerte und die Renditekurven mit den Kollegen durchzuhecheln geistig erregt, die Predigt des Zen-Mönchs über die Nichtigkeit aller menschlichen Dinge, nie der gierige Baulöwe, der auf den Hof und den uralten Garten der Bauersfrau spekuliert, ihre anrührenden Erzählungen von der schweren, aber innerlich reichen Kindheit in einer vom Geist der Ahnen gesegneten Umgebung.

Im Gegensatz zur mündlichen Rede ist die Schrift an und für sich ein Medium der Konservierung von Informationen, ein Gedächtnisspeicher. Der vor Gericht von einem Zeugen verlautbarte Bericht über den Tathergang zählt als Dokument erst, wenn er protokolliert und abgezeichnet worden ist. Das schriftliche und heutzutage leicht digitalisierbare Dokument ist nicht wie die mündliche Äußerung nur dem unmittelbaren Hörerkreis (und den Neugierigen, die sie gerüchteweise und das heißt meist verzerrt aufschnappen) zugänglich, sondern potentiell jedermann oder jedem in dem betreffenden Sprach- und Kulturkreis.

Mit der grafischen oder plastischen Darstellung, der Schrift und der schriftlichen Dokumentation entsteht die exzellente Form des Wissens, die wir Wissenschaft nennen. So erkennen wir in den keilschriftlichen Listen der alten Hochkulturen oder den in Stein gehauenen Berichten der Herrscher über ihre Taten (Res gestae) die Keimformen der Historiographie, in den steinzeitlichen Steinkreisen und Megalithen sowie der Himmelsscheibe von Nebra die Keimformen der Astronomie.

Mit der bildnerischen und schriftlichen Aufzeichnung kommt anders als beim rasch verfliegenden Hauch der mündlichen Rede der Gedanke an die Nachwelt ins Spiel, der Nachwelt, von der man aufgrund des gediegenen und wahrheitsgemäßen Gehalts der ihr vermachten Aufzeichnungen rühmend oder lobend oder mit Hochachtung genannt werden möchte. Sicher kann man als berühmter Redner nicht nur das Forum oder das Parlament zu Lebzeiten beeindrucken, aber wer rühmte heute noch die Beredsamkeit eines Cicero, hätten sich seine Reden, diese leidenschaftlichen Flammen, gebannt in kühl glänzenden, mit rhetorischen Figuren ziselierten Silberschalen, nicht in schriftlicher Aufzeichnung erhalten?

Die in den Affektstrom der Aktualität eingetauchte Rede auf das sichere Ufer der von Blicken, Erwartungen und Zumutungen des Gegenübers oder des Publikums unabgelenkten, unaufgeregten und unbestochenen Besonnenheit, Bedachtsamkeit und Wahrhaftigkeit zu retten, ist Sache des gemeinen Mannes, vulgo TV-Moderators, Volksredners und Politikers, nicht. Es ist Sache dessen, der nach Klarheit, Sachlichkeit und Objektivität strebt, Werten, derer er sich mittels schriftlicher Aufzeichnungen und ihrer geduldigen Revision und Überarbeitung bis zu dem ihm möglichen Maß der Vollendung in Diktion und Sachgehalt zu versichern bemüht.

Klarheit, Sachlichkeit und Objektivität sind Grenzwerte des Strebens nach Wahrheit, das sich über die schicksalhaften Grenzscheiden der mündlichen Rede hinwegzusetzen bemüht. Wir finden sie selten und nur bei freien, durch Selbsttäuschung und Ideologie nicht vergifteten Geistern. Diese außerordentlichen geistigen Haltungen sind nur mühsam mittels Disziplin und lebenslanger Selbstprüfung zu erringende Tugenden. Sie ragen selten als tief verwurzelte einsame Eichen über den Nebel des allgemeinen Tagesgeredes hinaus. Bei manchen gedeihen die Keime nur zu fragilen Gewächsen, die bald unter den launischen Winden des Massengeschmacks, des Drangs nach Prestige, Karriere und schnellem Ruhm in Schieflage geraten, bald von den Raupen und Motten der Selbstanfechtung, Müdigkeit und Gleichgültigkeit angefressen und entstellt werden.

Das Medium der Klarheit und Sachlichkeit ist das nüchterne Wasser der Prosa, das wie ein glatter und glänzender Spiegel die immer ziehenden Wolken der Ereignisse rein abspiegelt, wie wir es in den Werken von Herodot und Thukydides, von Sallust, Cicero und Tacitus finden. Die prägnante und lapidare Diktion der epigrammatischen Inschrift ist bei ihnen gleichsam auf den weiten Mantel der historischen Erzählung aufgestickt.

Das Wildwasser des immer regen, geschäftigen, unruhigen Redens und Geredes unseres vom Dunkel des Zweifels und des Todes gleichsam umwucherten Daseins findet niemals Genüge und Ruhe in sich selbst – es sei denn dann und wann stürzt es in den Abgrund des Schweigens.

Und dieses Schweigen kann wiederum beredt sein: Wir finden es zwischen den Zeilen der Gedichte von Goethe, Hölderlin oder Trakl. In der blauen Luft, dem blendenden Gipfelschnee oder in der Schlichtheit der auf dem blanken Tisch der unverhofften Ankunft glänzenden Gaben von Brot und Wein – in solchen Versen findet die von Leid und Leidenschaft bedrängte und aufgewühlte Rede ein nicht weiter über sich hinaus fragendes Innehalten, ein sanft in sich zitterndes Verweilen oder eine stillende Berührung, wie das bange Kind still wird unterm Wiegenlied.

 

Nov 11 17

Gespenster

Gespenster kriechen Würmern gleich
und Spinnen aus den Winkeln, aus den Ritzen
der Nacht, der feuchten Dunkelheit,
wo Grünspan geistreich scheint
und faule Lappen allegorisch tun.

So hat die Seele Moder,
Fäulnisduft aus Labyrinthen,
die unter ihr der Maulwurf grub,
der sich vom Aas vergilbter Bilder nährt.

Als ob der Kindheit alte Gartenmauer,
auf deren Firste grüne Scherben zucken,
die gelbsuchtkranke Haut verdorrter Moose,
den fahlen Putz verblaßten Laubs
abkratzen, schälen
die blauen Nägel eines jungen Winds.

So kriecht dir unters nasse Laken,
zahnlos mümmelnd,
glasig trüben Augs,
der Brüste wurmstichig verhutzelte Äpfel
unter die empörte Nase schiebend,
die schöne Fee der Sommernacht,
die ihren goldenen Kamm dereinst
in deinem Schuh zurückgelassen.

So siehst du dort im Dämmerlicht
ein Kind mit weißen Stäben spielen,
es legt, die Zunge vorgeschoben,
die Stirn in greisenhaften Falten,
ein Rätselwort auf deiner Küche Fliesen,
du starrst und liest,
mühsam entzifferst du die bleichen Schimmer,
und liest den eignen Namen,
die Grabesschrift der Knochen,
rundum blank und klar,
wie zärtlich abgenagt von schönen Zähnen
zwischen blutig roten Lippen.

 

Nov 10 17

Wie hoch ist jener blaue Bogen

Wie hoch ist jener blaue Bogen,
der zart den Schmerz der Erde säumt.
Wir sind durch Gram und Gras gezogen
und hätten fast das Blau verträumt.

Dort mildern uns die weißen Blumen,
vom Weinen manchen Kinds genährt.
Dort lockern wir des Herzens Krumen,
Schlummer sei dem Schmerz gewährt.

Dort schweigen wir uns heim mit Augen,
das Dunkel trinkt der Träne Licht.
Wir wollen Taues Sage saugen,
die trunken Mund der Rose spricht.

Tönt noch Kristall der reinen Quelle,
ist Seufzen nah verwehtem Duft?
Weht Blüten es von Schlafes Schwelle
dem Faltertraum der blauen Luft?

 

Nov 8 17

Philosophische Konzepte: Absicht

Du bist bei Freunden zu Gast, willst nach der Tasse greifen und greifst daneben, sodaß sie zu Boden fällt. Du siehst, was passiert ist, und stößt einen kleinen, kaum hörbaren Fluch aus. Die Verwünschung gilt dir selbst, auch wenn du deshalb danebengegriffen hast, weil im Moment, da du zugreifen wolltest, das Fenster durch einen unvermuteten Windstoß mit einem Knall zufiel, der dich erschreckte.

Du sagst: „Mist, ich habe danebengegriffen!“ Du sagst nicht: „Meine Hand hat danebengegriffen.“ Auch wenn der Schreck dich übermannte und so die äußere Ursache für deinen Fehlgriff darstellte, entschuldigst du dich bei deinen Gastgebern, weil du die Tasse hast auf den Boden fallen lassen. Du könntest gleichsam mildernde Umstände geltend machen, indem du auf die äußere Ursache deines Verhaltens hinweist, aber du wirst, vor allem wenn es sich um eine kostbare Tasse aus edlem Porzellan handelt, dennoch deinen Gastgebern anbieten, so oder so für den Schaden geradezustehen.

Lebten wir in einem geschlossenen deterministischen Universum, würdest du nicht sagen „Ich habe danebengegriffen“, ja nicht einmal „Meine Hand hat danebengegriffen“, sondern „Diese Hand hat danebengegriffen“.

Hätte dein lebhaftes Hündchen, das du mit zu deinen Gastgebern gebracht hast, sich frech an die Tischkante gelehnt, um Krümel vom Tisch zu stibitzen, und die Tasse dabei beiseitegefegt und sie wäre auf diese Weise zu Bruch gegangen, könnten die Gastgeber dich als Hundebesitzer gleichsam für die Missetat des Tiers in Haftung nehmen, und es wäre so, als hättest du selbst die Tasse zu Fall gebracht, wenn du wie Anstand es heischt den Schaden wiedergutmachst.

Indes würden wir niemals sagen: „Du mußt für den Schaden aufkommen, dein Hund hat danebengegriffen und so ist die Tasse zu Boden gefallen.“

Der Hund hatte natürlich weder die Absicht, die Tasse zu ergreifen, und ist dabei kläglich gescheitert, noch hatte er die Absicht, die Tasse vom Tisch zu fegen, um besser die restlichen Krümel von der Tischplatte zu lecken. Hunden wie Tieren überhaupt unterstellen wir keine Absichten, sondern Motive, Wünsche, Antriebe, gewisse Bedürfnisse zu erfüllen. Und wenn sie dabei scheitern, sprechen wir nicht von Versagen oder Fehlverhalten, sondern von Unvermögen und Mißerfolg.

Absicht ist ein Konzept, das wir philosophisch aus dem trivialen Grund nennen, weil es unsere menschliche Art zu leben in wesentlicher und spezifischer Weise kennzeichnet: Würde es aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch mutwillig getilgt oder verschwinden, wären wir nicht diejenigen, die wir zu sein vorgeben. Denn beispielsweise automatenhaft oder wie ein Automat absichtslos Worte und Sätze äußern heißt nicht leben, wie wir als Sprecher einer natürlichen Sprache leben.

Um bestimmte Absichten zu verwirklichen, bedürfen wir bestimmter Fertigkeiten und Routinen, wie zu gehen, zu greifen, Handwerkszeug oder Maschinen oder Geräte wie Fahrräder und Autos zu benutzen oder Spiele zu spielen. Aber eine Absicht zu verwirklichen ist nicht dasselbe wie eine Fertigkeit auszuüben. Wenn wir beabsichtigen, mit dem Fahrrad eine kleine Tour durch den Park zu machen oder einen Freund zu besuchen, können wir unsere Absicht freilich nicht verwirklichen, wenn wir nicht Fahrrad fahren können. Aber bloß mit dem Rad zu fahren, weil man gerne Rad fährt, ist etwas anderes als es als Mittel für einen weitergehenden Zweck zu nutzen.

Wir weisen auf den eigentümlichen Umstand hin, daß unser Versagen bei dem Versuch, eine absichtsvolle Bewegung wie das Greifen nach der Tasse auszuführen, uns wie eine Quasi-Absicht zugerechnet wird, denn wir werden für den Schaden haftbar gemacht, der aus unserem Versagen folgt. Dies gilt sogar, wenn wir im Gedränge einem anderen aus Versehen auf die Füße treten, denn wir entschuldigen uns für unser Fehlverhalten, sogar wenn wir sagen: „Entschuldigung, das war nicht meine Absicht!“

Der Hund, der mittels erfolgreicher Dressur gelernt hat, die Frisbeescheibe im Flug aufzufangen, verhält sich auf seine geschickte Weise nicht, weil er die Absicht hat, seinem Herrchen seine Kunstfertigkeit zu beweisen, sondern weil das Fangen der Scheibe einen Stimulus darstellt, den adäquat zu beantworten ihm eine Belohnung wie ein Leckerli oder die Streicheleinheit seines Besitzers in Aussicht stellt. Wenn es ihm mißlingt, die Scheibe zu schnappen, unterstellen wir ihm nicht einen Mangel an Willen oder gar die Absicht, sein Herrchen zu ärgern, sondern ein Versagen, das ihn vielleicht als blutigen Anfänger in der Ausübung dieser Fertigkeit ausweist.

Natürlich können wir die Absicht, unseren Freund zu besuchen, mit dem Vergnügen an einer angeregten Unterhaltung verbinden, die das Zusammensein mit ihm in Aussicht stellt. Aber das in Aussicht gestellte Vergnügen ist nicht der Stimulus, der uns dazu antreibt, uns aufs Fahrrad zu schwingen, und bliebe es aus, weil wir unseren Freund in einer traurigen Verfassung vorfinden, würden wir deshalb nicht unverzüglich das Weite suchen und ihn seiner mißlichen Lage überlassen. Hier stoßen wir auf ein weiteres Konzept, Freundschaft und andere sittliche Institutionen, die unsere Art, zu leben und Absichten zu fassen oder absichtsvoll zu handeln, prägen.

Der Unterschied zwischen Stimulus (Reiz, Antrieb) und Absicht erschließt sich uns aus der einfachen Tatsache, daß wir als biologische Lebewesen oft und Tiere im allgemeinen genötigt sind, den Stimulus durch adäquate Reaktionen zu beantworten, wie wenn wir unseren Hunger stillen – indes auch auf die unmittelbare Befriedigung elementarer Bedürfnisse wie des Hungers sind wir zu verzichten willens und in der Lage, wenn beispielsweise unser Freund uns vor aufgetischtem leckeren Kuchen vom plötzlichen Tod eines nahen Angehörigen berichtet, der ihm augenscheinlich nahegeht und uns aus Hochachtung und Höflichkeit gebietet, nicht gleich herzhaft zuzulangen.

Wir können die Verwirklichung von Absichten nicht nur aufschieben, sondern auch unterlassen. Wir hatten die Absicht, eine Reise anzutreten, unterlassen dies aber und bleiben bei unserer alten Mutter, deren Gesundheitszustand sich plötzlich verschlechtert hat und die zur Zeit auf unsere Pflege angewiesen ist.

Der Zeitraum zwischen dem Fassen einer Absicht und ihrer Verwirklichung ist unbestimmt und hat für ihren Zusammenhang keine kausale Relevanz. Wir können eine Frage wie aus der Pistole geschossen spontan und ohne zu zögern beantworten; die Spontaneität unserer verbalen Reaktion weist sie aber nicht als absichtslos aus, denn wenn wir beispielsweise als Zeuge vor Gericht auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob wir den Diebstahl mit eigenen Augen beobachtet haben, wie aus der Pistole geschossen antworten, wir seien zur fraglichen Zeit gar nicht am Tatort gewesen (um unseren Freund und uns selbst zu decken), können wir des Meineids beschuldigt werden, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, daß wir Komplize des Täters waren.

Wir können die Absicht hegen, einmal die Uffizien in Florenz zu besichtigen, aber ihre Verwirklichung immer wieder aufschieben, bis wir sie endlich nach Jahr und Tag in die Tat umsetzen.

Betrachten wir nunmehr die semantische Form der Sätze, mit denen wir Absichten äußern, im Unterschied zu Aussagen, in denen wir uns über unsere mentale oder emotionale Befindlichkeit auslassen.

Betrachten wir folgende Aussagen:

1.1 „Ich will ins Kino gehen, um mir den neuen Film mit dem Schauspieler X anzusehen.“

1.2 „Ich habe die Absicht, ins Kino zu gehen, weil ich mir den neuen Film mit dem Schauspieler X ansehen will.“

1.3 „Ich gehe ins Kino, weil ich mir den neuen Film mit dem Schauspieler X ansehen will.“

2.1 „Ich will ins Kino gehen (und nicht spazieren gehen), weil es regnet.“

2.2 „Ich würde ins Kino gehen, wenn ich kein Kopfweh hätte.“

3.1 „Mir ist übel, weil ich Kopfweh habe.“

Die Aussagen unter 1 sind gleichbedeutend, denn sie drücken dieselbe Absicht aus, indem sie denselben Grund dafür anführen, diese Absicht zu hegen. Hier stoßen wir auf den grundlegenden oder konzeptuellen Unterschied zwischen Grund und Ursache, den der homonyme Wortgebrauch der deutsche Konjunktion „weil“ verschleiert. Der Gebrauch von „weil“ in 1.2 und 1.3 ist rein deskriptiv in Hinsicht auf den Grund und Inhalt der geäußerten Absicht, während der Gebrauch von „weil“ in 2.1 rein kausal in Hinsicht auf die Ursache der Entscheidung des Sprechers für eine bestimmte Handlungsoption und der Gebrauch von „weil“ in 3.1 rein kausal in Hinsicht auf das Befinden dessen ist, der ihn äußert.

Semantisch interessant ist die konditionale Aussage in 2.2. Sie setzt die Absicht, ins Kino zu gehen voraus, und gibt zugleich den Grund an, weshalb der Sprecher sie nicht verwirklicht. Wir können nämlich 2.2 so umformen:

2.3 „Ich habe zwar die Absicht ins Kino zu gehen, gehe aber nicht, weil ich Kopfweh habe.“

Semantisch interessant ist dieser Fall, weil die Angabe des intentionalen Grunds, die Absicht nicht zu verwirklichen, mit der Angabe einer nichtintentionalen Ursache übereinstimmt. Denn der Grund, den der Sprecher für seine Verwerfung der Absicht, ins Kino zu gehen, anführt, ist eine physische Ursache, die Tatsache, daß er Kopfweh hat.

Klar ist, daß Satz 3.1 gegenüber den vorstehenden Sätzen eine völlig andere semantische Form aufweist. Wir analysieren ihn so:

3.2 „Mir ist übel. Ich habe Kopfweh.“

Kopfweh zu haben ist eine Form des Unwohlseins. Der Satz beschreibt demnach nichts weiter als eine spezifische Form des gefühlsmäßigen Befindens oder Selbstgefühls, nämlich des Unwohlseins – eben diejenige, welche durch Kopfschmerzen hervorgerufen wird. Der Gebrauch der Konjunktion „weil“ scheint uns hier keine eigentliche kausale Rolle zu spielen, er ist semantisch redundant, denn Kopfweh zu haben ist eben eine spezifische Form des Unwohlseins. Der Satz gibt eine Beschreibung der emotionalen Verfassung des Sprechers.

Diese Analyse klärt uns darüber auf, daß semantisch scheinbar analoge Sätze wie 2.1 „Ich will ins Kino gehen (und nicht spazieren gehen), weil es regnet“ keine Beschreibung der emotionalen Verfassung des Sprechers liefern. Denn wir können den Satz nicht in analoger Weise ersetzen durch die Umformung:

Ich will ins Kino gehen. Es regnet.

Oder kurz: Absichten sind keine Emotionen und Sätze über Absichten kein Ausdruck und keine Beschreibung von Emotionen.

Auf diesem Fehlschluß, daß Absichten Emotionen und Sätze über Absichten Beschreibungen von Emotionen darstellen, beruht das neuropsychologische Mißverständnis, Absichten oder die mentalen Zustände, die sie verkörpern, als physische oder Hirnzustände anzusehen, die in bestimmte Reizmuster oder neuronale Stimuli analysiert werden können.

Wäre dem so, ist zu fragen, wo der neuronale Impuls desjenigen „überwintert“, der in jungen Jahren die Absicht hegt, einmal die Uffizien in Florenz zu besuchen, und seine Absicht, an die er über Jahre nicht einmal mehr gedacht hat, im hohen Alter doch noch verwirklicht.

Absichten, bemerken wir, können wie bei wohlbedachten Vorhaben und Planungen genau umrissene Gedankeninhalte sein, können aber auch vage bleiben oder völlig ungreifbar wie in allen Fällen, in denen wir gefragt, warum wir tun, was immer wir gerade tun, antworten: „Weil mir danach ist“, „Weil ich es gerne mache“ oder „Besser als sich zu langweilen“.

Echte Gründe von Absichten liegen vor, wenn wir etwas tun, um etwas anderes damit zu bezwecken oder zu bewirken. Das, was ich bezwecke, erklärt, warum ich tue, was ich tue; wenn ich den Wasserhahn aufdrehe, um die Kanne damit zu füllen; wenn ich den Schalter drücke, um das Licht anzuschalten; wenn ich die Schuhe anziehe, um nach draußen zu gehen. Diese Fälle unterscheiden wir von denjenigen, die vorliegen, wenn ich etwas unwissentlich oder versehentlich tue und damit etwas bewirke, was ich nicht gewollt und beabsichtigt habe; wenn ich versehentlich gegen den Schalter gerate und das Licht geht an; wenn ich meinen Freund anrufe, aber eine fremde Stimme meldet sich, weil ich eine falsche Nummer eingegeben habe; wenn der Attentäter zwar die Absicht hatte, den Präsidenten zu ermorden, er aber einen anderen erwischt, weil der Präsident sich an diesem Tag sich wieder einmal bei der Fahrt im offenen Wagen von einem Double vertreten ließ.

Wenn der weiße oder schwarze Attentäter den schwarzen oder weißen Präsidenten aus Haß auf die andere Rasse ermordet, sprechen wir von niederen Beweggründen, die wie Habgier oder Heimtücke zu den Merkmalen des Kapitalverbrechens zählen. Wenn der Attentäter ein gedungener Mörder ist, der die Tat im Auftrag einer fremden Regierung oder politischen Macht aus purer Geldgier ausführt, rechnen wir die eigentliche Absicht seinen Auftraggebern zu; er selbst muß natürlich die Absicht haben, die Tat auszuführen, um sich das Blutgeld abholen zu können, er muß sich somit die Absicht der anderen zur eigenen Absicht machen, auch wenn ihn die Gründe seiner Auftraggeber für die Absicht, den Präsidenten des verfeindeten Staates zu töten, nicht scheren oder er sie sogar ablehnt.

Der Auftragskiller kann aufgrund seiner kriminellen Vorgeschichte oder seiner kriminellen Verstrickungen ein willenloses Instrument in den Händen seiner Auftraggeber sein, die ihn zur Ausführung der Tat unter Androhung schwerwiegender bis tödlicher Strafen bei Nichtbefolgung nötigen. Auch in diesem Falle muß der Killer die Absicht hegen, die Tat auszuführen, um sie überhaupt ausführen zu können, denn er wird einen Mordplan schmieden, Waffen besorgen oder den als Tatort geeigneten Aussichtspunkt an der Straße ausfindig machen. Auch wenn der Täter den Mord als willfähriges Werkzeug in den Händen seiner Dienstherren begangen hat, wird er durch die Tat moralisch und rechtlich schuldig, denn er handelte nicht ohne eigene Absicht oder eigenen Vorsatz. Dieser Fall führt uns zu der wichtigen Unterscheidung zwischen absichtlich und freiwillig, denn wie gesehen, können wir etwas absichtlich, aber unfreiwillig tun. Unfreiwillig bedeutet dabei nicht unwillentlich, denn auch der gedungene und unter Zwang handelnde Killer agiert nicht wie ein Roboter, der sein eingespeistes Programm abspult.

Der Roboter weiß im Gegensatz zu dem Killer nicht, was er tut. Wissen, in einem schwachen Sinne von Gewahrsein oder Bemerken, ist ein internes Merkmal von Absichten und absichtsvollem Handeln. Deshalb werden mildernde Umstände vor Gericht geltend gemacht, wenn das Bewußtsein oder die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung beim Täter aufgrund von Hirnschädigung oder drogeninduzierter Bewußtseinstrübung eingeschränkt oder zeitweise ausgeschaltet ist.

Absichten können kohärent sein und gleichsam logisch konzentrische Kreise bilden, wie die Absicht nach dem Vortrag im intimen Freundeskreis noch einen gemeinsamen Umtrunk zu nehmen. Die Absicht, sich den Vortrag anzuhören, und die Absicht, mit den Freunden einen trinken zu gehen, sind kohärent und gleichsam logisch konjunktiv verknüpft, sie bedingen oder begründen einander aber nicht, sind also gleichsam logisch nicht implikativ. Denn sich den Vortrag anzuhören ist nicht notwendig die Bedingung dafür, sich anschließend mit den Freunden zu treffen (man könnte auch nachträglich zu ihnen stoßen), und die Absicht, mit den Freunden einen trinken zu gehen, ist – von Ausnahmefällen abgesehen – nicht der hinreichende Grund für die Absicht, sich den Vortrag anzuhören.

Man könnte sagen, ein großer Teil dessen, was wir das menschliche Drama nennen dürfen (und seine literarische Verdichtung und Zuspitzung im Schauspiel und zwar sowohl in der Komödie als auch in der Tragödie, am überzeugendsten in beider Verschmelzung, der Tragikomödie) besteht in der Larvierung und Verschleierung unserer wahren Absichten – ob nun vor den anderen oder vor uns selbst. Denn wir sind nicht nur fähig, etwas zu beabsichtigen und absichtsvoll zu tun, sondern auch unsere wahren Absichten vor anderen und vor uns selbst zu verbergen. Im ersten Fall sprechen wir von Tücke, Heuchelei, Betrug oder Scharlatanerie, im zweiten Fall von Selbsttäuschung, Bigotterie, uneigentlicher Existenz (Heidegger) oder Unaufrichtigkeit (mauvaise foi, Sartre).

Der Betrüger, der Hochstapler, der professionelle Don Juan und der Heiratsschwindler sind die bekanntesten Typen, die von unserer Fähigkeit profitieren, unsere eigentlichen und das heißt zumeist schäbigen, egoistischen oder destruktiven Absichten hinter dem Schleier der Menschenfreundlichkeit, Zuneigung und Liebe zu verhüllen. Betrüger sind oft überdurchschnittlich intelligente, feinfühlige und zugleich gerissene und hinterlistige Exemplare der Gattung, sie haben umso leichteres Spiel, als sie mit den intimsten und empfindlichsten Gefühlen ihrer Opfer spielen.

Ein simples Modell der doppelten Absichten haben wir am Heiratsschwindler, der sein Opfer mit falschen Versprechen ködert, um seinen eigentlichen Zweck zu verwirklichen, nämlich es um seine Barschaft und sein Vermögen zu erleichtern. Der Schwindler ist Schauspieler in nuce, denn er spiegelt der Frau echte Gefühle von Zuneigung und Liebe vor, auch wenn er innerlich kalt bleibt. Das bis zur Genialität sich erheben könnende Talent zur Mimikry falscher Absichten beruht auf der intimen Kenntnis jener wahren Absichten, die der wahrhaft Verliebte oder Liebende seiner Angebeteten entgegenbringt.

Uns zeigt der Fall, daß die Äußerung von Absichten in einer gewissen sozialen Situation, beispielsweise das Heiratsversprechen, einen sittlichen Wert annimmt, der rechtlich geltend gemacht werden kann, denn ein Heiratsversprechen in unsittlicher Absicht gilt vor dem Gesetz für strafwürdig. Der Heiratsschwindler trägt die Maske einer Rolle, die er nicht ausfüllt und zu erfüllen nicht willens ist. Wir stoßen demnach auf Äußerungskontexte von Absichten sittlich-sozialer Natur, die den Sprecher mehr oder weniger mit der Aufgabe oder Pflicht behaften, für ihre Erfüllung Sorge zu tragen. Dieser Charakter der Verbindlichkeit ist nur solchen Absichtserklärungen eigentümlich, die das soziale Dasein des Angesprochenen treffen und verändern. Ansonsten gilt nämlich für unsere Absichten und ihre Verlautbarungen, daß wir sie aufgeben und in den Wind schlagen können, wie es uns beliebt, wir vergessen sie meist, werden ihrer müde und überdrüssig, und lächeln süffisant oder selbstironisch über ihre Vereitelung wie über die vor der ganzen Freundesschar geäußerte Absicht, im nächsten Jahr das Rauchen ganz bestimmt aufzugeben.

Als simples Modell für die Selbsttäuschung bietet sich uns die zeitgemäße Form der Bigotterie in der Gestalt des Aufgeklärten an, der alles glaubt, was in seinem Tageblatt steht und in den „Tagesthemen“ kommentiert wird. Er erkennt sich und erkennt sich nur in jenen anderen wieder, die dasselbe auf dieselbe Weise daherreden wie er. Diejenigen, die sträflich von seinem Glauben und seiner Diktion abweichen, hält er für gefährliche Unruhegeister und Querulanten, die er mit dem alten Haß des religiösen Eiferers und politischen Denunzianten verfolgt. Er führt ständig religiös-moralisch angehauchte oder aufgeladene Begriffe wie „kritisch“, „modern“, „postmodern“, „tabulos“, „fragmentiert“, „dekonstruiert“, „grenzüberschreitend“, „homophob“, „xenophob“, „postkolonial“, „antikapitalistisch“, „frauenfeindlich“, „fremdenfeindlich“, „antisemitisch“ und tausend andere Vokabeln aus dem Wörterbuch des Zeitgeistes im Mund, all dies in der aufrichtigen Absicht, mithilfe dieses abgestandenen und ranzigen Jargons seine Zugehörigkeit zur geistigen Elite und künstlerischen Avantgarde zu demonstrieren. Daß hinter der Maske dieser marktschreierischen Absichtsbekundungen der alte deutsche Michel leibt und lebt, wie es sein gutes Recht ist, zeigt sich daran, daß der Aufgeklärte beim Gruppenzwang, atonaler Musik zu lauschen, ein Gähnen kaum unterdrücken kann, er vorgeblich die Dichtung Stefan Georges wegen ihrer autoritären Pose diskreditiert, in Wahrheit aber, weil sie ihm einen homophilen Schwindel erregt, er in der Dämmerung wie jeder vernünftige Mensch die Türen fest verriegelt und womöglich in ein ausländerfreies, piekfeines Stadtquartier umsiedelt, damit seine Kinder eine von Radau und pädagogischen Frivolitäten möglichst noch nicht heimgesuchte oder noch nicht ganz zerrüttete Schule besuchen können.

Die Selbsttäuschung des Aufgeklärten ist die typische Haltung des traditionslosen Nihilisten, der eigentlich an gar nichts glaubt, aber im nachträglich umso erbitterter bekämpften Dritten Reich und all seinen Dämonen oder in der Verteidigung der allein selig machenden Vulgokratie und all ihrer bunten Putten einen dicken Stöpsel für das Loch im Selbstwertgefühl gefunden zu haben wähnt.

Die Absichten, Absichtserklärungen und absichtsvollen Handlungen des Heiratsschwindlers können in einer logisch ziemlich konsistenten, rational verzweigten Hierarchie von Gründen aufgegliedert werden, doch ist der basale Grund, der das ganze Gebäude stützt, irrational: das lumpige, schmutzige, von nichts als lauter Angst vor der Vernichtung besessene Ego. Vor ihm, dem letzten Grund aller wahren Absichten und lügnerischen Absichtserklärungen, gilt die Welt für nichts, gilt vor allem das auserwählte Opfer für nichts. Der Schwindler ist deshalb auch eine tragische Figur: Abgetrennt zu sein von der Welt (und all seine Intrigen, Schleichwege und Komplotte verheimlichen zu müssen) verdammt ihn zur Einsamkeit. Zugleich ist seine Art, die Hände voller Blumen sentimentalen Schmonzes zu verzapfen und dabei zynisch den Wert seines Reibachs zu taxieren, von unfreiwilliger bizarrer Komik.

Dagegen ist der Selbstverblendete von so geringer Größe, daß wir ihm schlechterdings tragische Züge nicht zusprechen möchten. Doch seine Großmäuligkeit bei der Absicht, zu verbergen, daß er nichts Eigenes zu sagen hat, sein Wahrheitsfanatismus bei der Absicht, zu verbergen, daß er innerlich hohl und aller Wurzeln in tiefere Wahrheitsgründe bar ist, machen ihn immerhin zu einer grotesken Parodie auf den Ritter von der traurigen Gestalt, der man sich nur durch Lachen erwehren kann.

Wenn es dem Heiratsschwindler gelingt, durch Schmeichelei, erotische Zukost und leere Versprechen sein Opfer zu der ersten Luxusreise (auf ihre Kosten versteht sich) zu bewegen, stoßen wir auf die bedeutsame Tatsache, daß wir in der Lage sind, unsere Absichten mit den Absichten anderer abzustimmen, zu koordinieren und zu synchronisieren, um einen Zweck zu erreichen, der in unserem Falle nur scheinbar den Interessen aller Beteiligten, in Wahrheit dem Eigennutz des Intriganten dient.

In der Regel treffen wir auf vernünftige und gesunde Formen der Vergemeinschaftung von Absichten. Wir einigen uns in der Absicht, das längst brüchig gewordene Sofa aus der Wohnung zu schaffen und packen gemeinsam an; die Konzertbesucher kongruieren durch ihr aufmerksames und zurückhaltendes Gebaren in der gemeinsamen Absicht, die musikalische Darbietung zu goutieren; auf das bekannte Klingelzeichen hin eröffnet der Vereinsvorsitzende die aktuelle Sitzung des Taubenzüchtervereins; der Offizier gibt die ersten Töne vor, und das Bataillon setzt sich in Bewegung und singt im Marschrhythmus das Lied.

Wir bemerken abschließend, daß Absichten einer beliebig großen Masse von Individuen aufgrund autoritativer Funktionen oder mittels formal definierter Ein- und Ausschließungskriterien koordiniert werden können. Das Ergebnis bildet das, was wir eine soziale Institution nennen, sei es der Verein, die Schule, die Firma, die Behörde, die Armee, der Staat oder die Kirche.

 

Nov 7 17

Ergebung

Wir sehen bloß, was vor uns liegt,
ob Kot, ob Sonnenschein,
und wenn ein Vogel ferne fliegt,
so sind wir nicht allein.

Wir nehmen alles, wie es schmeckt,
den schalen Wein, das Brot,
den Veilchenduft, der Tränen weckt,
und auch den bittern Tod.

Das Bild, am süßen Licht erblüht,
verblaßt und dunkelt schon,
der Mund, von Küssen angeglüht,
sinkt hin wie roter Mohn.

Wenn Winter mit Kristallen sinkt
auf Lebens wüsten Traum,
ist uns, als ob die Liebste winkt
an weißer Lilien Saum.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=tpB6Aqqys5o
https://www.youtube.com/watch?v=VSTDibqXuGo

 

Nov 6 17

Kindergeplapper

Kleines Mädchen, es kramt aus seinem Rucksack ein Stofftier, ein wolliges Häschen mit allerliebsten Langohren und funkelnden kleinen Bernsteinaugen:

Mein liebes Schnuffelkind,
hast du dich wieder mal versteckt,
bist ins Dunkel du gekrochen
vor dem wilden Lärm der Autos,
dem Klingeling der Fahrräder,
wolltest du ein bißchen dösen
tief in meinem Beutel
unter meinem Wolleschmeichelschal,
als ich mit den andern Kindern
in der Schule hab gemalt
und einen Weihnachtsstern gebastelt,
hast du schön geträumt
im warmen Dunkel
von dem süßen Küchel
aus Mehl und Honig, Ei und Zucker,
das deine Freundin dir gebacken hat?

Die Kleine bewegt das Köpfchen des Hasen, als würde er beifällig nicken. Sie brockt von einem Lebkuchen ein Stück ab und tut so, als füttere sie das Häschen.

Sehnst du dich nicht
nach deinen Brüderchen
und Schwesterchen da draußen
im freien grünen Feld,
bist traurig, wenn sie über Gräser hoppeln,
und kennst hier nur den Teppich,
auf dem die blauen Bäche trockne Fäden sind,
und die weichen Kissen meines kleinen Betts,
doch sind sie nicht aus Moos
und duften nicht nach Thymian,
Lavendel oder Rosmarin,
sehnst du dich nicht nach ihnen,
wenn sie hüpfen über Ginsterbüsche
oder schwuppdiwupp,
die Mama hat gerufen,
in ihr Stübchen sausen
im gelben Lehm,
dort hinter dem Kastanienbaum,
und schlafen sie, klopft es auf die Erde,
das sind die dicken braunen Früchte,
mit denen sie gern spielen,
weil sie glatt sind, weil sie glänzen,
dann ist es wieder still in ihrer Höhle,
da pressen sie sich Fell an Fell,
dann ist es warm,
dann ist es schön.
Willst du, mein Herz, zu ihnen
wieder bald zurück?

Das Häschen wiegt das Köpfchen zaudernd hin und her und nickt dann seltsam träumerisch.

Willst du lieber bei den Deinen sein,
da saust der Wind ins Fell
und Regen tropft von einem Näschen,
das schimmert feucht,
da bist du immer nah bei Tante Mond,
die geht im Dunkeln gern am Fluß spazieren
und badet ihren großen blonden Schopf darin,
und schaut auch nach den Hasenkindern,
ob sie noch wach sind,
ob sie aus dem Fenster lugen,
da wohnt auch Onkel Kauz
im hohlen Baum,
du siehst, wenn seine Augen glühen im Geäst,
da zieht die Mutter gleich den Vorhang zu,
willst du mit den Geschwistern lieber
mit den Löffeln um die Wette wackeln,
morgens im Ringelreihen den Tau
von Gras und Butterblume schütteln,
willst du, willst du?

Das Häschen weiß nicht, soll es nicken, soll es leugnen, es hält das Köpfchen ziemlich schief und ist verlegen. Die Öhrchen baumeln hin und her.

Ach, mein gutes Schnuffelhäschen,
bleib lieber bei der Freundin hier,
kannst mit meinen andern Püppchen spielen,
da ist das weiße Schäflein Wilmeli,
klammerst du dich nur an seine Locken,
trägt es dich ein wenig durch das Zimmer
unter Tische, unter Stühle, ja sogar
auf die Terrasse, wo ein Kätzchen manchmal
Milch trinkt und euch harmlos anfaucht,
da ist das kleine Hündchen Wuffeli,
das dir so gerne zart am Ohre zaust,
da ist die brave kleine Kuh,
Carla heißt sie, ist recht gescheit,
kann auch wie ich für ihre Herzensschar
backen, brutzeln, kleine bunte Cocktails mischen,
und manchmal singt sie euch
ganz wunderliche Liedchen vor
vom Leben auf der Alm,
vom dicken Murmeltier,
das in die Fugen seiner Stube
Kräuterkissen stopft,
und dem stolzen Gemsenbock,
der auf dem Felsen steht und starrt.

Du bleibst doch lieber hier bei mir
und deinen treuen Freunden?

Das Häschen nickt wieder beifällig. Die Öhrchen wippen.

Denn draußen ist die Welt so schlecht,
weißt du, in den Wäldern,
unter Disteln, zwischen Holunderbüschen,
die im Regen wie Gespenster schweben,
dort hängen helle Fetzen eines Fells
an spitzen Dornen, weißt du, Kleiner,
da schleicht der Fuchs herum,
wenn die Sonne schlafen geht,
Meister Reinecke genannt,
er schmeichelt gern den Häschen,
wedelt mit dem roten Schweif,
verspricht den Kleinen Leckereien,
die seine Mutter für sie angerichtet
im Festsaal ihrer Felsenburg,
doch wehe den verführten Häslein,
sie erwartet dort nichts Gutes,
denn der Kochtopf,
in den die böse Alte Kräuter rupft,
wartet nur auf sie, die armen.

Du bleibst doch lieber hier bei mir
und deinen treuen Freunden?

Das Häschen nickt enthusiastisch, die Öhrchen fliegen.

 

Nov 5 17

Santoka Taneda

Gedichte eines wandernden Bettelmönchs – eine Blütenlese

Meine drei Grundsätze:
Vergeude nichts.
Ärgere dich nicht.
Beklage dich nicht.

Meine drei Vorsätze:
Übernimm dich nicht am Unmöglichen.
Bedaure nichts von dem, was du erlebt hast.
Beschimpfe dich nicht selbst.

Meine drei Freuden:
Studium.
Betrachtung.
Haiku.

*

Kein andrer Weg als dieser –
ich geh allein.

*

Der Wind in den Kiefern,
am Morgen, am Abend
trägt er den Klang der Tempelglocken.

*

Der Bottich ist voll vom Regen:
Für heute istʼs genug.

*

Feucht vom Morgentau,
ich geh, wohin ich will.

*

Dunkelheit,
feucht
vom Rauschen der Wogen.

*

Einsam seh ich den Mond
hinter den Bergen versinken.

*

Schnurgerade der Pfad,
voll von Einsamkeit.

*

Ich strecke meine Füße aus;
ein wenig Licht vom Tag ist übrig.

*

Ohne Ziel
wandere ich durchs verdorrte Gras.

*

Meine Bettlerschale
füllt sich mit fallenden Blättern.

*

Auch Hagelkörner
finden sich in meiner Bettlerschale.

*

Immer tiefer
und tiefer
gehe ich in die grünen Hügel.

*

Beschwipst;
die Blätter fallen
eins ums andere.

*

Kein Wölkchen rings;
ich nehme meinen Strohhut ab.

*

Libellen
sitzen auf meinem Hut,
während ich weiterziehe.

*

Liegt Frieden auf den Bergen,
nehme ich meinen Strohhut ab.

*

O, eine Kamelienblüte
hüpft von meinem Hut.

*

Ist dies Häufchen Asche
alles, was mir blieb
von meinem Tagebuch?

*

Heimatlos;
Herbst, tief und tiefer.

*

Täglich mehr eingerissen,
am Ende nur Flicken:
mein Reisegewand.

*

Mit dem Wasser strömend
ging ich in das Dorf hinab.

*

Mitten im Leben, im Tod,
unaufhörlich fällt Schnee.

*

Ich wandere im Glanz und
der Dunkelheit des Winds.

*

Am Fuß des Berges stehen
einige Grabsteine beieinander
im warmen Sonnenlicht.

*

Die Schwalben ziehen –
von nun an kommen mehr Fahrten;
ich schnüre mir die Sandalen.

*

Ich streckte meinen fiebernden Körper
auf der gefrorenen Erde aus.

*

So mag ich wohl mal sterben:
auf der kalten Erde liegend.

*

Aussaat im Frühjahr:
Bauern und Rinder,
beide schweißgebadet.

*

Scheint die Sonne, blökt sie;
ist der Himmel bedeckt, sie blökt –
die einsame Ziege.

*

Jetzt stehe ich hier,
wo das Blau des Ozeans
keine Grenzen hat.

*

Schöner Pfad,
er führt zu einem schönen Haus.
Es ist ein Krematorium.

*

Nur noch die lange Brücke
und ich bin in meinem Heimatdorf.

*

Nichts blieb von dem Haus
meiner Geburt –
Glühwürmchen.

*

Mein Heimatort – Hundehitze,
nichts blieb, nur Grabsteine.

*

Ich hocke mitten
in meinen Heimatdialekt.

*

Das Rauschen der Wogen hebt an –
mein Heimatdorf
entfernt sich mehr und mehr.

*

Sie blühte ergeben,
weiße Blume steht sie da.

*

O, die Laus,
die ich fing,
wie warm sie ist!

*

Die paar Fliegen, die noch da sind,
scheinen sich an mich zu erinnern.

*

Sonnenuntergang – der Schatten
des Pflügers wächst.

*

Den ganzen Tag im Gebirge,
auch die Ameisen wandern.

*

Gepäck, ich kann es nicht abwerfen,
so schwer vorne und hinten.

*

Die Disteln –
glänzend und frisch
gleich nach dem morgendlichen Regen.

*

Frieden für das Herz:
Leben in den Bergen.

*

Den ganzen Tag über schwieg ich –
das Rauschen der Wellen.

*

Spät in der Nacht:
der rauhe Ton des Kartenspiels.

*

Täglich treffen wir auf beide:
Dämonen und Buddhas.

*

Ich schütte Weihrauch
auf die Gedenktafel der Taneda –
alles was von meiner Familie blieb.

*

Ja, so ist es –
es regnet, ich werde naß und wandere.

*

Kirschblüten, wie sie schimmern,
Kirschblüten, wie sie wehen,
es tanzen die Menschen, tanzen.

*

Ich sitze in der verdorrten Schönheit
des wilden Grases.

*

Im Grunde ist es traurig,
allein zu sein –
die verdorrten Gräser.

*

Im Grunde ist es gut,
allein zu sein –
die wilden Gräser.

*

Wenn ich gehe, Samen von Kräutern;
wenn ich sitze, Samen von Kräutern.

*

Tau und
welke Blätter,
zusammen aufgekehrt.

*

Warum bläst Wind
mit Klagen?

*

Morgen mache ich mich auf;
Kirschblüten,
sie fallen, fallen.

*

Am Abend Einsamkeit,
wieder pflügt sie das Feld.

*

Im Frühlingsschnee
sind Frauen so schön.

*

Die wandernden Wolken
und der Glanz des Tempels
spiegeln das Wasser.

*

Ich bin weit gekommen;
ich trinke das reine Wasser und gehe.

*

Im dichten Gras
Pfützen rings um
die Ruinen des Tempels.

*

Endlich! Der Mond und ich,
wir sind in Tokio angelangt.

*

Nach langem Fortsein
fege ich den Garten aus;
die Heckenblumen blühen.

*

Während die Schalen meines Hutes bröckeln,
wachsen Reben und Gras.

*

Schwänze und Muschis,
sie kochen dicht an dicht
im überfüllten Bad.

*

In der ewigen Musik
des Wassers,
Buddha ist darin.

*

Ich rutschte aus und fiel –
die Berge bleiben ruhig.

*

Es ist genug;
ich kehre die welken Blätter auf.

*

Einen Stein als Kopfkissen
schwebe ich den Wolken zu.

*

Die Nacht ist frostig –
wo werde ich schlafen?

*

Den steilen Berg herabfließend:
das helle Wasser.

*

Die krächzenden Krähen,
die flatternden Krähen,
sie finden keinen Ort, sich zu sammeln.

*

Ich stürze mich
in die regenfeuchten Berge.

*

Ich bahne mir einen Weg durch das welke Laub
und scheiße gut in den Feldern.

*

Unter der glühenden Sonne:
Eisenbahngleise,
schnurgerade.

*

Keine Herberge für die Nacht –
der Mond weist den Weg.

*

Die trockenen, gerösteten Steine
rollen und rollen.

*

Eine Handvoll Reis,
empfangen und gegessen,
meine Tagesreise.

*

Die Tage sind kurz,
Abend kommt rasch;
mein Rucksack ist so schwer.

*

Es schimmert hell
im Sonnenlicht,
gekochter Reis, mein Essen.

*

Die Tropfen rinnen –
ich kann die Buchstaben
auf dem Wegweiser nicht entziffern.

*

Heute, noch am Leben;
ich strecke meine Füße aus.

*

Von der Stille der Berge
wird der Regen still.

*

Der Himmel im Abendrot –
ein Becher Sake,
das wär jetzt gut!

*

Müde kehre ich zum meiner Hütte,
der Mond füllt den Himmel ganz.

*

Felsen und hohe Klippen,
bedeckt von Purpurblättern.

*

Die Schönheit des Abendrots
trauert ums hohe Alter nicht.

*

Da sitze ich allein,
still, unterm Moskitonetz,
und esse meinen Reis.

*

Wenn nur einer das Feld pflügt,
hörst du bald ein Lied.

*

Allein am Neujahrstag –
sie haben Reiskuchen und Sake
und …

*

So glücklich, da zu sein,
öffnet das Kleine die Hände
und schließt sie wieder.

*

Der kalte Klang des Groschens,
den man mir zuwarf.

*

Gute Nachrichten,
schlechte Nachrichten;
Frühlingsschnee, er fällt.

*

Nur dieser eine Pfad;
Frühlingsschnee fällt.

*

Unter der Milchstraße tanzt
der Trunkenbold jede Nacht.

*

Der tiefe, kalte Mond
taucht zwischen den Häusern auf.

*

Mond! Berge!
Auf dieser Reise
wurde ich krank.

*

Welkes Laub –
tief im Wald
erblicke ich einen Buddha.

*

Winterhimmel –
ferne Träume,
zerrissen und verweht.

*

Frühling ist da –
sogar meine Küche
wird gut gefüllt sein.

*

Endlich hat es aufgeklart;
heute will auch ich die Wäsche machen.

*

Meine endlose Reise –
Schweißgeruch.

*

Ich eile auf dem Weg,
zurückblicken kann ich nicht.

*

Morgenrot, Abendrot;
nichts zu essen.

*

Im Sprung:
ein roter Frosch.

*

Nach und nach übernehme ich die Laster
meines toten Vaters.

*

Der Berg dunkelt,
ich lausche seiner Stimme.

*

Sommerhitze
durchfeuchtet
jedes Lebewesen.

*

Schweiß sammelt sich
in meinem Bauchnabel.

*

All das namenlose Gras
blüht auf einen Schlag – purpurne Röte.

*

Mittagessen heute:
nur Wasser.

*

Ich kann vom Sake nicht lassen:
die blühenden Bäume,
die blühenden Gräser.

*

Eine Libelle auf dem Fels,
Mittagsträume.

*

Frühling – mit leerem Magen
gehe ich meines Wegs.

*

Mein neues Gewand:
voll von Sonnenlicht und Wärme.

*

Auberginen, Gurken;
Gurken, Auberginen:
das ist alles, was ich esse – die Kühle.

*

Mittagsstunde – im tiefen Gras
der Schrei eines Froschs,
der von einer Schlange verschluckt wird.

*

Ich pflücke die namenlose Blume
und bringe sie Buddha dar.

*

Die Kakerlaken haben
auch nichts zu beißen;
haben sie meine Bücher verspeist?

*

Mein Geist ist klar;
ich pflücke den überfrorenen Rettich.

*

Ich habe gelogen;
ein einsamer Mond taucht auf.

*

Abendrot füllt mein Gesicht;
ich habe mir Geld geliehen
und kehre zum Wind des Flusses zurück.

*

Froh, am Leben zu sein,
schöpfe ich Wasser.

*

Das Leuchten des Schnees
erfüllt das Haus mit Stille.

*

Gibt es etwas, das ich vermisse?
Die Blätter fallen.

*

Das grüne Gras!
Ich gehe barfuß heim.

*

Rauschen, Sinken,
Rauschen, Sinken,
später Herbst.

*

Ich kann gar nichts tun;
lauter Widersprüche,
aufgewirbelt vom Wind.

*

Ein wenig zu essen,
ein wenig für einen Rausch;
Regen auf den Wiesen.

*

Die toten Zweige knickend
an nichts denken.

*

Bettelarm – tauender Schnee
tropft langsam vom Dach.

*

Aus dem Dickicht
gleich in den Topf:
ein einziges Bambusrohr.

*

Aus dem mit Regenwasser gefüllten Eimer
schwappt das herrliche Wasser.

*

Es gibt immer noch etwas zu essen:
das kühle Wasser.

*

Die Blätter fallen;
von nun an
wird selbst das Wasser besser schmecken.

*

Betrunken schlief ich
bei den Grillen.

*

Was für eine herrliche Herberge!
Berge hüben und drüben
und gleich gegenüber ein Sake-Laden.

*

Ich halte eine Tomate hoch als Opfergabe
und lege sie für Buddha hin,
für meine Mutter und meinen Vater.

*

Grabsteine in einer Linie –
durchdringende Stille.

*

Aus der gefüllten Hand des Kindes
empfange ich jedes Reiskorn,
eins nach dem anderen.

*

Oben der Himmel,
der Reiskuchen in meiner Hand,
überall Sonnenlicht,
das helle Leuchten des Reises.

*

Weiter und weiter gehen
unter den grenzenlos
blühenden Amaryllen.

*

Durst nach einem Schluck Wasser –
das Rauschen eines Wasserfalls.

*

Manchmal halte ich inne mit Betteln
und schaue auf zu den Bergen.

*

In weiter, weiter Ferne
fliegt ein Vogel
über die schneebedeckten Berge.

*

Die fernen schneebedeckten Berge –
ganz abgeschnitten von der Welt der Menschen.

*

Menschen versammeln sich um den Toten;
keine Wolken am Himmel.

*

Der Einsiedler ist nicht da;
in seiner Abwesenheit
schlage ich seine Gebetstrommel.

*

Wenn ich meine Lumpen verkaufe
und dafür Sake kaufe,
wird immer noch Einsamkeit sein?

*

(Die Erkennungsmelodie meines Barts:)
Ein ungleiches Leben,
stehend und fallend.

*

In des Tages Hitze,
weinen oder lachen,
eines nur.

*

Ich habe Reis,
Bücher
und Tabak.

*

Ich will nur wandern,
und wandere mit vollem Rucksack –
Abendmond.

*

Zwielicht – der Klang
des traurigen Briefs,
der in den Kasten fällt.

*

Den ganzen Tag kein Wort geredet;
schlaflos –
mondhelle Nacht.

*

Fisch grillen,
manchmal auch die eigene Hand –
einsames Leben.

*

Im Sonnenlicht auf meinem Pult
schreibe ich einen langen, langen Brief.

*

Ganz ziellos
gehe ich zwischen den Grabsteinen umher.

*

Das tiefe, klare, blaue Waser
glänzt hell –
mein trauriger Schatten.

*

Aus den Bergen:
weiße Wildblumen
auf dem Tisch.

*

In den Lücken zwischen den Häusern –
schau auf das Grün der Berge!

*

Kalte
Wolken
eilen dahin.

*

Die Widerspiegelung im Wasser:
ein Wanderer.

*

Der Frühling brach an,
nahe beim Friedhof.

*

Der kalte, sternklare Himmel –
die nackten Bergasketen schlagen ihre Trommeln.

*

Der Mond geht auf –
ich warte auf nichts.

*

Herbst –
ich sitze im wilden Gras.

*

Pilger,
Pilger
strömen zuhauf, teilen.

*

Den Magen voll Wasser
schlafe ich gut.

*

(Begegnung mit einem alten Freund:)
Zwei alte Gesichter –
Schweigen.

*

Ich säe den Samen aus
im Morgenlicht,
bevor ich meine Reise beginne.

*

Schnee fällt
still
auf den Schnee.

*

Alle erzählen Lügen;
Frühling hat man davongejagt.

*

Nie wieder gehe ich
über diese Brücke;
weit und heftig weht der Wind.

*

Wahrhaftig ein gebirgiges Land!
Berge und noch mehr Berge,
und der helle Mond.

*

(Heimgekehrt:)
In der tiefen Stille –
der Staub auf dem Tisch.

*

Die Wunde heilt nicht,
sie wird kalt und schrundig.
Gefängnis Winter.

*

Die hungrige Katze schreit;
ich habe nichts zu essen für sie.

*

An nichts denkend
gehe ich durch einen Wald
von verdorrten Bäumen.

*

Wonach suchen?
Ich wandere im Wind.

*

Sogar der Klang der Regentropfen
ist älter geworden.

*

Mir ist nicht zu helfen;
mein altes Gewand
vermodert.

*

Verborgen
in einer zusammengestürzten Hütte
mein zusammengestürztes Leben.

*

Die Brise aus den Bergen
in den Windglöckchen
erweckt mir den Wunsch zu leben.

*

Heute gehe ich wieder, pudelnaß,
auf unbekannter Straße.

*

Roter Harn –
wie lange geht die Reise noch?

*

Dauerhusten –
keiner da, der mir auf den Rücken schlüge.

*

Kein Geld, keine Sachen,
keine Zähne –
ganz allein.

*

Mein Herz ist müde –
die Berge, das Meer,
sie sind zu schön.

*

Wann werde ich sterben?
Ich pflanze die Setzlinge ein.

*

Mir bleibt nichts als zu sterben;
die Berge verloren im Dunst.

*

Heimkehren um zu sterben –
dürre Gräser.

*

Heimkehren um zu sterben –
sprießende Gräser.

*

Ich klammere mich an den Tod;
der Pfeffer ist hellrot.

*

Die Ruhe des Todes:
ein klarer Himmel, Bäume ohne Laub.

*

Wenn ich sterbe:
Kräuter, Regen.

 

(übersetzt nach der englischen Vorlage von John Stevens, Mountain Tasting, New York, 1980)

 

Nov 4 17

Schönheitsflecke

Dem Andenken an Santoka Taneda

Eine große Warze mitten im Gesicht
gilt für abstoßend und häßlich.
Nicht so ein Schönheitsfleck
auf weißer Mädchenwange.

*

Mein Vers sei wie der weiße Fleck
der Rose auf des Wassers Nacht.

*

Ein nackter Stein, stumpf und grau,
der das reine Tuch des Schnees durchstach,
so ist des Menschen Einsamkeit.

*

Stummheit der gekränkten Seele
gleicht dem dürren Kraut des Ackers,
das wie zu seiner Schmach das Blitzen
der klingenden Sichel verschonte.

*

Wie stumpf das Grau des Schieferdachs –
welch milder Glanz,
wenn frische Tropfen fallen.

*

Unter der schmutzig-trüben Glocke
des Himmels im späten Herbst –
pickte eines Vogels Schnabel daran
oder woher mit einem Mal
der hohe reine Klang von Glas?

*

Die Biene, die im Becher schwamm,
der portugiesische Wein roch allzu harzig,
war tot – sie trudelte im honiggelben Kreis,
als würde sie im Schlafe trinken.

*

Die Mutter, die man aus dem Brunnen zog,
war sie des Bettelmönchs, des Sohnes,
Geisterwind, der Taneda Santokas Verse,
die blauen Veilchen, im Schnee begrub,
auf seinen Gängen mit der Bettelschale
und dem runden Mond des Huts?

*

Des Kiesels zarte Adern scheinen,
wenn sie Wasser überleckt.
Das Auge der Liebe schimmert,
wenn Tränen es befeuchten.

*

Uns rührt das Moos auf Steinen
mit der verwischten Inschrift,
Efeus Blätter sprechen wahr in uns,
spielt ihr Schatten auf dem Grab.

*

Die Flecken in den alten Büchern,
die wir, um nicht allein zu sein
an Abenden des Wehmutsterns,
sacht durchblättern nach Spuren
einer Seele, die wie wir gelitten,
von Kaffee oder Wein, vom Staub
der Blüten, einst ihnen eingelegt
von Händen, Staub wie jene nun,
wir lesen sie wie uns vertraute Verse.

*

O, jene Sommersprossen
auf den Wangen des Glücks
junger Mädchen, die eine Stulle
mit Marmelade kauen,
und der Sud der roten Beere
rinnt an ihrem Kinn,
sind schöner als der Venus
unbefleckte Marmorbacke.

 

Siehe:
https://en.wikipedia.org/wiki/Sant%C5%8Dka_Taneda#/media/File:Hofu_Santoka%27s_statue.jpg
https://en.wikipedia.org/wiki/Sant%C5%8Dka_Taneda

 

Nov 3 17

Fußstapfen im Schnee

Gnomische Verse und Sentenzen

Die Ameise kriecht unter deinem Fuß hervor.
Du hast sie angesehen. Sie dich nicht.
Nur du weißt von deinem und ihrem Leben.
Sie wackelt ihres Wegs nach Haus.
Und du? Dein Wissen führt dich
in die Obdachlosigkeit des Für-sich-Seins,
du schläfst auf Blättern der Sprache,
zusammengekehrt für eine Nacht.

*

Die Rose schenkt dir ihren Duft.
Doch weiß sieʼs nicht.
Du schenkst mir gern dein Lächeln.
So hab ich Duft genug.

*

Die blaue Luft des Traums
durchpflügt von Kranichschreien.

*

Fußspuren im Schnee,
Schicksalsschrift,
wie bald verweht.

*

Die Dichtung des Vates berührt sich mit dem Lesen der Haruspices in den Eingeweiden, der Auguren im Vogelflug, der Priesterinnen im Rauschen der Eichen von Dodona und dem Gurren der Tauben, nur liest der Vates der Moderne im Kompost der Gärten und im Abfall der Städte, im Wirbeln der Zeitungsfetzen, im Rauschen der Abflußrohre und im Schweigen von Anger und Brachfeld.

*

„Warum ist dein Rucksack so schwer?“
„Darin trage ich die Steine all der Klagen!“
„Soll man dereinst daraus ein Mal errichten
auf deinem Grab?“

*

„Die Kröte hat den Augenblick höchster Wachheit,
wenn ihre Zunge nach der Fliege schnellt.“
„Und du?“
„Wenn ich in den glimmenden Abgrund des Auges
der Schicksalskröte blicke, bevor sie zuschnappt.“

*

Schicksals Stimme, wenn du im Rauschen
des Wassers deinen Namen rufen hörst.

*

Zwischen all den vorüberquellenden Wolken
der Worte reißt immer wieder unverhofft
das Blau der ewigen Stille auf.

*

Es hilft dir nicht, den Fußstapfen eines anderen im Schnee zu folgen, denn jener ist hier fremd wie du und hat sich wie du verirrt.

*

Sobald du nicht mehr keuchend
auf das scheinbar nahe Ziel losrennst,
das immer ferner, immer kleiner wird,
je mehr du es zu erreichen suchst,
hörst du, der schon lange sang,
den Vogel am Wegesrand.

*

Nur wenn du innehältst,
übertönt das Knirschen
deiner Schritte im Schnee
nicht der Lüfte hohes Sausen.

*

Der Gecko, der blitzschnell
die Zunge ausrollt und schlingt
das Insekt in sich hinein,
was sieht er wohl in ihm,
wenn nicht den Schatten
eines etwas, seiner selbst.

*

Die Löwin, die das Zebra reißt,
weiß nicht, was ein Zebra ist,
weiß nicht, was es bedeutet,
ein Löwe auf der Jagd zu sein.

*

Fußspuren im Schnee,
hier ging vor kurzem jemand –
so sehen wir Vergangenheit,
und Zukunft, wenn wir fragen
wie weit er heute kommen mag.

*

Ästhetisch sind wir nackt – auch wenn wir unsere Blöße im Kostüm buntfiedriger Metaphern verstecken.

*

Auch wenn man ihm das Maul stopft, er bleibt immer ein homo loquens.

*

Die Wahrheit wie Fußspuren im Schnee schlicht auszudrücken, ist nicht Sache eines schlichten Charakters.

*

Die Einfachheit des Ausdrucks
ist Ausdruck der Einfalt des Geistes –
Selbstüberwindung, wenn einer
das Gestöber der Flocken,
die seine Lippen zu allem Möglichen
kitzeln, lächelnd durchschreitet.

*

Die ersten Prägungen wie das fiat lux oder daß der Geist Gottes über den Wassern schwebte, sind Monumente des erwachten Menschen, unauslöschlich beinahe wie gekerbte Hölzer oder die in Stein gehauenen Inschriften, als wäre der Menschengeist selbst mit ihnen gekerbt und geritzt worden.

*

Als leuchtete der Engel des Todes
in die Krypta der Seele und wie alte Fresken,
die allzu jähem Licht ausgesetzt verblassen,
verschwimmen nach und nach die Engramme
des Erinnerns, geliebte Gesichter, gefürchtete,
und nur im dunkelsten Winkel bleiben einige
erhalten, Rätselsprüche und obszöne Bilder.

*

Sich selber gerecht zu werden, Großtat
des heroischen Geistes, der sich einmeißelt
in den Fries der Götter und Helden,
ob nun wie ein Fackelträger gelehnt
an des Dionysos Schulter oder als Hündchen,
das zu seinen Füßen kauert und geifert.

*

Das Leben abarbeiten und durchbuchstabieren
wie eine Bilderfibel, Lektion für Lektion,
und nur nicht an der letzten scheitern,
die nichts ist als die Umkehrung der ersten.

*

Wer gegen den Schneesturm ansteigt,
muß sich krümmen und schief gehen,
im Flockenwirbel wird alles unsichtbar,
nur noch die Einsamkeit des Ausgesetzten
und die verlöschende Spur der Sonne,
das schneller schlagende Herz.

*

Nicht mehr wissen, sind es Flocken Schnees,
sind es verwehte Blüten, und dabei singen,
nicht mit Kehle und Lungen, mit dem Blut
des Herzens, das schon wie aus ferner Quelle rinnt.

 

Nov 2 17

Abschied von der Sibylle

„Was willst du, Sibylle?“
„Ich will sterben.“

*
„Es gibt kein Leben nach dem Tod!“
„Gott ist gnädig!“

*

„Wir müssen nicht auferstehen ins Gericht!“
„Gott ist Liebe!“

 

Nein, es gibt kein Leben nach dem Tod,
Narren werden wir nicht an der Seele
wunderlichem Wandel, gespensterhaft,
als schwebte sie auf Wassern unterm Mond.

Und kriechen Schatten über deine Wand,
die Kerze flackert, blas sie aus, sie sinken.
Schatten hat nicht Blut noch Geist zu sagen:
Ich, er zehrt von fremdem Lebenslicht.

Abscheulich ist das Bild des Blutgerüsts
am jüngsten Tag, es spricht ja schon die Seele
schuldig, die es sich gemalt. Sie hält umsonst
sich schadlos für ödes Leben, ungesühnte

Kränkung. Ja, gekränkte Seele schielt
nach der verwehrten Schönen, ob sie welkte,
sie der Wange abgestorbne Blume
nicht und keiner, keiner pflücken könne.

Trübsal schwärzt des hohen Zornes Flamme,
ein Leben lang das Messer schartig sich
durchs eigne Herz zu wühlen. So träumt sie schwer,
den Bösewicht gleich in den Block zu legen,

der Erde mit dem Blut den Veilchenkranz
duftenden Lieds zu opfern für gesühntes Leid
und Ungemach, statt die nackte Göttin
zu verketzern, weil sie Blüten blind gestreut.

Es wäre gut, durch falsche Demut nicht
die Frechheit noch zu kitzeln, wäre besser,
ungesenkten Haupts das wüste Antlitz
mit dem Lächeln des Narziss zu löschen.

Hiesig ist Erlösung Heiterkeit,
die, ewig dunklen Abgrunds Rose, leuchtet
aus sich selbst und sich dem Auge schenkt,
das ihres Taues wert im Blick, der küßt.

Und bist du traurig von Geblüt, schicke
wie Noahs Taube deinen Blick über
der Trübsal graue Fluten, ob sie nicht
das Eiland finde und den grünen Zweig,

gedenk der Genien, die menschenfern
im Schneelicht gingen, ätherisch war
der Geist, ambrosisch troff der Mund,
doch Blut klebt am Altar Apollos auch.

Pflücken wir den Tag, bevor die Nacht
in wildem Tanz die letzte Glut zertritt,
und heben ohne grabesgrame Gier
des Lichtes Kelch, der einmal nur uns schäumt.

 

Dem Gott der Liebe, Vater, den wir meinen:
https://www.youtube.com/watch?v=buNNfhWL3EA

 

Nov 1 17

Terzinen vom versickerten Wein

Wie bald verschäumt die Fülle, ausgeschenkt
den Freunden als ein milder Wein,
wenn abends Flieder träumt und jeder denkt

an eine Seele, ferngerückt, ein Schein,
der weht, wie Mähne rot, am Waldesrand,
ob wohl die Wange noch die Blüte rein,

die ihm den Duft der Liebe zugesandt,
und ob des Haares gelben Phlox die Glut
des wilden Gotts zu Asche hat verbrannt.

Und jener denkt an das verpraßte Gut
der eignen Seele, das ihm anvertraut
der Ahnen rein bewahrter hoher Mut,

er hat es nicht in Gärten angebaut,
es keimte nicht in Brachen, nicht im Tand
des losen Worts, von Taten unbetaut.

Mich aber zieht der Fliederduft zum Rand
der Seen und Flüsse meiner Kinderzeit,
zum Hügel hin, wo die Kapelle stand,

wo manche Kerze lohte, zart geweiht
der Mutter und dem Kind von scheuer Hand,
der Dämon blies sie aus zu meinem Leid.

Wie sickert Wein in des Erinnerns Sand.

 

Okt 31 17

Terzinen aus der Dämmerung

Wie Wasser schauert, dunkel oder licht,
und Gräser zittern, Atem holt die Nacht,
so wandert Seele, bis der Dorn sie sticht.

Sie wiegen Rosen, Rosen weich und sacht,
sie küßt den Tau, verseufzt den wilden Duft,
und weht zur Erde mit der welken Pracht.

Den Nachtigallen Dickicht, färbt sich Luft
mit ihrer Abendklage Purpurstaub
und gräbt in Wolken blauen Schlafes Gruft.

Die Seele kleidet Himmels rotes Laub,
preßt sie der dunkle Gott am Traubenfest,
sie tropft am Becher, roher Lippen Raub.

Sie hat auf Steinen kahl und nackt ihr Nest,
doch nicht wie ihre Schwester warme Brut,
schwingt wie die Möwe nicht im Wind-Geäst.

Und dunkelt es, träumt Nebel schon das Blut,
und finden Schatten keines Liedes Mund,
streut sie aus Aschen letzte fahle Glut.

Wie dämmert, Seele, deines Wandels Grund.

 

Okt 30 17

Das Fanal

Verse auf die Asche des Frankfurter Goetheturms

Samstags auf dem weißen Boot der Primus-Line,
Tassen, Gabeln, Messer klappern,
Kinder laufen auf und ab,
hier ist die Aussicht besser, nein, hier.
Alles übertönt der Besser-Wisser-Lautsprecher,
der jedem, was er sieht, erklärt,
Alte Brücke, wo er ging – wie jung er damals war,
und was ihm aus dem Wellengrund des Mains
heraufsang grüner Nixenmund,
alles krümelklein, wie hoch der Turm der EZB,
die Kathedrale der Geld-Häretiker,
wie viel Kubikmeter Wasser birgt das Hafenbecken,
wie viele Leichen hat in der Schreckensnacht,
als das Herz der Altstadt brannte,
Vater Main traurig zugedeckt, nicht, das nicht.

Die Gerbermühle endlich,
alte Märchen schäumend,
leise knirschend, damals,
goldner Liebe Körner mahlend,
und ihr Rad, es sang
in weichen Takten
Ma-ri-an-ne …

Hier stieg ich immer aus,
stracks durch Oberrad,
wo ist das Heim der Tumben,
dort lebt die Schwester des alten Florentiners,
der mir seines Dichters Verse lallte
vom Irren von des Weges Mitte:

„Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura,
ché la diritta via era smarrita.“

(Es war in meines Lebensweges Mitte,
da fand ich mich in Waldes Dunkel wieder,
verwuchert waren mir die lichten Tritte.)

Roch sie den bittersüßen Qualm,
schmeckte rußig Sud verkohlter Stämme
oder sah mit feuchten Augen
eines aus dem Schlaf gezerrten Kinds
den roten Dämon lodern in der Nacht?

Ich floh zu den Toten herzlich gern
auf den Waldfriedhof
und dankte jedem Flackerlicht auf seinem Grab
für einer Wehmut Träne,
daß es Andacht leise angefacht
und zärtliches Gedenken.

Dort geht über karges Rinnsal der Steg,
schon fliegt von Würsten Duft heran,
da sind die Kinder, spielt ihre Munterkeit,
die Musikbox quält sich quäkend Gassenhauer ab,
da steht der ungeheuere Koloss.

All die lang zu Staub zerfallenen Hände,
die an ihm gebaut,
die Kehlen der Werker und Meister –
was sangen am Richtfest sie
unter luftig hüpfenden,
von bunten Bändern durchwundenen
Blättern der Birke, der Weide
dort in der Höhe einst?

Als hätte herb ein Wind
die Bohlen braun geküßt
in so viel Jahren, in so viel Jahren
das Geländer abertausend Hände
hell und glatt gerieben,
in so viel Jahren,
zupfte seine süßen Blüten Sommer,
bauschte Herbst sein goldenes Vlies,
blinkte Winters Spiegel blau,
abertausend Augen sind gewandert
über grüne, gelbe, rote Flecken
von Spessart, Taunus, Odenwald,
wie liebkosend Ferne heimatlich,
was ersehnend,
wem sich an die Schulter schmiegend,
wem die feuchte Wange wischend,
da sie auf ihres kleinen Lebens
rein umwölktes Bild geblickt
und auch die im Bild bewahrten,
die schon lange hingeschieden.

Nie wieder kehre ich dorthin zurück.

Meine Augen sind mir wie erloschen
unter der Endzeit-Beize schwarzer Dünste,
dem obszönen Spucken der Flammengischt,
dem Fanal des Untergangs
des Wahren, Guten, Schönen.

Nie wieder kehre ich dorthin zurück.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Goetheturm

 

Okt 29 17

Das Eiland der Auserwählten

Wie die Möwe die Welle spiegelt,
Gischt des Geschicks,
tänzerisch
mit den weißen Spritzern ihrer Flügel,
ihr Schrei aber
den wirbelnden Schnee der Kronen,
das Blut der Abendsonne,
das in die dunklen Furchen tropft.

Nicht anders sind Schaum
wir Gemeinen
der schwarzen Schicksalswoge,
leiht uns seinen Flügel der Engel nicht
für eines Schwebens kurzes Glück,
ungreifbar nah
Lichtes Rosenknospe zu sehen,
sinken wir tiefer schon
in den Schoß der Nacht zurück.

Doch manchen winkt mit Lilien
eine Insel hohe Einsamkeit,
dort zu rasten eine Weile
unter grünen Schatten
einer Ulme oder Birke,
eines kleinen Vogels Lied
und blauer Luft zu lauschen,
oder im Auge eines grünen Wassers
das eigne Auge zu erblicken.

Lied und Luft verebben.
Abend rinnt
an stummen Zweigen rot.
Wimperndunkel.

Es knirscht im Traum
wie Schiffes Bug,
der am Felsen splittert.
Und drängend, flehend
seufzen Wasser auf.

Eines Engels ausgerauschte Flügel
schlossen sich
und jene Auserwählten schlafen.

 

Okt 29 17

Die Macht des Namens

Sentenzen und Aphorismen zur Semantik des Namens

Wir stellen einander mit Namen vor, einem Lautkomplex, der aus allen anderen Verlautbarungen hervorsticht, weil er das spezifisch Humane kennzeichnet: jemand zu sein und nicht ein Niemands-Ding.

Einen vollständigen Eigennamen aus Vorname und Familienname zu vernehmen und ihn seinem Träger zuzuordnen impliziert das Wissen, daß es sich dabei weder um ein Ding noch um ein Tier, sondern um eine Person mit einem Bewußtsein handelt. Der Eigenname enthüllt uns den ontologischen Status des menschlichen Daseins.

Wir verwenden menschliche Eigennamen auch dazu, ihren Träger zu identifizieren; dabei nehmen wir gewöhnlich Bezug auf seine Herkunft. So fragen wir: „Er heißt Pierre – ist er Franzose?“ Oder wir fragen: „Meinst du den Komponisten aus München oder den aus Wien (wenn jemand den Namen Strauß oder Strauss erwähnt hat)?“ Diesen Satz könnten wir ohne Bedeutungsverlust auch ersetzen durch den Satz: „Meinst du den Komponisten aus Deutschland oder Österreich?“ oder ebenso: „Meinst du den deutschen oder den österreichischen Komponisten?“

Wir identifizieren also den Träger eines Eigennamens gewöhnlich mittels Bezugnahme auf seine Herkunft; dabei ist es charakteristisch für die Form vieler Namen, daß die Herkunft ihres Trägers an der Bildung seines Namens erkennbar ist: „Peter“, „Johanna“, „Michael“, „Josephine“, „Karl“ oder „Barbara“ sind Namen, aufgrund deren wir geneigt sind, ihren Trägern eine deutsche Herkunft zuzusprechen. Zugleich sind die genannten Vornamen Indizes der christlichen Herkunft oder des christlich geprägten Umfelds ihrer Träger oder deren Eltern, ob sie nun getaufte Christen sind oder nicht. Diese Namensbildung verweist uns, anders als Namen wie „Dietmar“, „Hagen“, „Elfriede“ oder „Isolde“, auf einen historischen und epochalen Hintergrund, nämlich die Epoche, die durch die Christianisierung Deutschlands geprägt worden ist.

Es ist bemerkenswert, daß die traditionelle Bildung von Namen deutscher Träger aus Vornamen und Nachnamen besteht, wobei der Nachname der Name des Vaters ist. Wir nennen diese Art der Namensbildung patronym, und sie verweist uns auf den patrilinearen Zweig der Abstammung seines Trägers, ein Indikator für die über Jahrtausende gültige Form europäischer Verwandtschaftsbeziehungen mit dem Kernbestand der Familie. Diese Form der Namensbildung finden wir im alteuropäischen Geschichtsraum erstmals voll ausgeprägt bei den Römern: Gaius Iulius ist jene Person, die der Gens der Iulier (Gentilname oder Bezeichnung der väterlichen Linie) entstammt und den Vornamen Gaius führt; um die Identifizierung zu erleichtern, haben die Römer Namenszusätze wie das Cognomen Caesar verwendet, so daß der volle Name lautet: Gaius Iulius Caesar.

Wir können sagen: Die Tatsache, daß Menschen Namen tragen, ist ein Universale; sie werden damit als Personen gekennzeichnet. Die konkrete Form der Namensbildung ist ein Partikulare; sie nimmt Bezug auf die jeweilige historisch-genealogische Herkunft der Person.

Es ist merkwürdig zu beobachten, daß die mythischen Hochgötter der Griechen, Römer und Germanen Zeus, Jupiter, Tyr Namen tragen und damit als Personen angesprochen werden. Sie enthalten alle das in „divus“ und „deus“ steckende indogermanische Etymon, aus dem wir die Bedeutungen „hell“, „Tag“, „Strahl“, „Licht“, „Himmel“ erschließen können. Der helle Tag, der weite Himmel, aber auch der grelle Blitz scheinen somit die ursprüngliche Erfahrung des frühen Menschen gewesen zu sein, die sein Gottesbild prägten und gleichsam die Hermeneutik seiner mythologischen Namensbildung inspirierten.

Doch scheint es ein Fehlschluß zu meinen, der Name des höchsten Himmelsgottes sei eine Allegorie, in der sich eine uns heute offensichtlich falsch erscheinende Erklärung gewisser Naturerscheinungen nach Analogie menschlichen Wollens und Handelns niedergeschlagen habe. Die Leute haben es ja gewiß auch vor ein paar tausend Jahren richtig so aufgefaßt, daß es hell wird, wenn die Sonne aufgeht. Vielmehr ist es umgekehrt, sie erfuhren die Natur und alles Lebendige, auch ihr eigenes Dasein, als göttlichen Ursprungs und von himmlischen Mächten durchwaltet.

Dagegen fließt in den Namen des christlichen Gottes ein historischer Name ein, Jesus, wenn er auch gleichsam von dem charismatischen Titel, dem man seinem Träger zuerkennt, verschlungen und aufgesogen wird: (Jesus) Christus.

Magie ist die Beschwörung heilsbringender oder vernichtender Mächte durch Anrufung der Namen ihrer Repräsentanten.

Der trinitarische Gott offenbart sich in den Sakramenten von Taufe und Eucharistie mittels der verwandelnden Macht seines Namens.

Der Ursprung des Gebets ist die Anrufung eines heiligen Namens.

Das systematisch oder nach Mustern geordnete Geflecht der verwandtschaftlichen Namen ist das ursprüngliche Deutungsmuster des Menschen, um sich und die Welt und sich in der Welt zu verstehen.

Der Ursprung des mythischen Hymnus und Epos ist das genealogische Geflecht der Götternamen.

Das menschliche Gefühl für Rangunterschiede, Geltung und Prestige knüpft sich an den Namen: Wer wird zuerst genannt – in einer Versammlung, einer Audienz, einem Forum? Wessen Name ist in aller Munde? Wessen Name wird peinlich verschwiegen? Welcher Name verbreitet mehr zauberischen Klang, verführerischen Duft, süßere Erinnerungen?

Die Namen adliger Geschlechter sind sowohl historisch als auch mythisch, denn ein Iulier wie Caesar zu sein, bedeutet historisch, der italischen Gens Iulia anzugehören, und mythologisch, seine Abstammung über den Trojaner Aeneas auf die mythische Göttin Venus zurückzuführen.

Man könnte auch sagen, der Anspruch, sich zum Adel zu rechnen, geht auf den Anspruch zurück, sich göttlicher Herkunft zu rühmen.

Sobald wir auf Namen von Personen treffen, dringen wir in den geschichtlichen Raum ein, denn das Wahr- und Kennzeichen historischer Überlieferung ist die Tatsache, daß ihre Dokumente, Berichte, Annalen, Historien, Urkunden oder Briefe gleichsam eine Ableitung oder Funktion der Namen darstellen, deren Unterschrift und Siegel sie tragen oder von deren Trägern und namentlichen Adressaten sie handeln.

Dank der Namen und der rühmenden Aufzeichnung der Taten ihrer Träger haben sich literarische Gattungen wie die Res gestae, Preislieder wie das pindarische Epinikion, die Lobrede oder die Grabrede gebildet.

Wir ermessen die singuläre Bedeutung des Namens auch an dem Gewicht und der Würde, die den Ritualen anhaften, mit denen Neugeborenen ihr Name zugesprochen wird, wie der Taufe, ebenso wie den Ritualen und Gesten, mit denen den Verstorbenen eine Hoheit als Person verliehen wird, die sie über den irdischen Zerfall hinaus vor dem Vergessen zu bewahren suchen, wie die Inschriften der Grab- und Gedenksteine, die sich um den Namen ranken.

Die Vorstellung der unsterblichen Seele ist eine Allegorie des Namens.

Gewalt und Pracht wurzeln in der mythischen Substanz der Namen.

Die islamische Expansion dient der Verbreitung und Glorifizierung des Namens Mohammed.

Caesar errichtete auf dem Forum Romanum ein Forum Iulium, das der Verewigung des Namens seiner vergöttlichten Gens dienen sollte.

Horaz baut dem eigenen Namen mit seiner Ode ein aere monumentum, das dem Zahn der Zeit wiederstehen soll.

Der Antrieb und Sinn von politischer Herrschaft wurzelt in der Mehrung und Verkündigung des Namens der eigenen Familie und Sippe, ihm soll Ehre zuteilwerden, ihm Ruhm und langes Gedenken.

Der neue Herrscher, der Emporkömmling, der Tyrann löscht den Namen des Vorgängers aus den öffentlichen Monumenten: damnatio memoriae.

Im Preis und der Verherrlichung des Namens offenbart sich gleichsam das Urlicht des Lebens.

Der Erwählte, der Prophet, der Konvertit nimmt einen neuen Namen an, der ihn anders als der alte, fremde, heidnische allererst göttlichem Segen unterstellt.

Aber auch der Verbrecher, der in die Unterwelt abtaucht, legt sich einen neuen Namen zu, einen schlichten, unverfänglichen Namen, der mitunter seine geheime Anhänglichkeit an die von ihm verworfene bürgerliche Welt des Wohlanstands verrät.

Jakob erzwingt sich nach dem nächtlichen Ringen mit der überirdischen Macht Gottes Segen und erhält den Namen Israel.

Der Mißbrauch des heiligen Namens zieht den Fluch auf sich.

Gewisse Namen von Dämonen oder grausamen Herrschern werden mit einem Schweigetabu behaftet, um das Unheil nicht zu beschreien, das mit ihnen verbunden ist.

Andere werden bis zum Überdruß Tag für Tag in die Ohren unschuldiger Kinder gebrüllt, um sie mit der Schuld, die sich an den Namen knüpft, zu infizieren und sie sich durch moralische Einschüchterung ideologisch gefügig zu machen.

Wirkmächtige Namen wie „Penaten“ oder „Fatum“ verbergen sich gleichsam hinter einer anonymen oder unpersönlichen Maske.

Dichtung ist die Verwandlung der Begriffe in Namen.

Bei Rilke wird „Rose“ zum Namen eines ursprünglichen Daseins, zum Namen einer verborgenen Person.

Rilke duzt gleichsam die Rose.

Die Rose Rilkes ist nicht die Allegorie der Geliebten, sondern die Geliebte die Allegorie der Rose.

Als erscheine die Geliebte in verwandelter Gestalt, wie die Halluzination des Dufts der Rose, wenn man das Wort Rose als tantrischen Namen immer wieder vor sich hinspricht und in sich abspult wie die Perlen des Rosenkranzes.

In Goethes Lyrik werden die Begriffe „Mond“, „Wasser“, „Blume“, „Sonne“ oder „Frühling“ zu Namen einer Seele, die in allen atmet, doch in keinem ganz erscheint, in allen sich regt, doch in keinem ihr Gesicht ganz enthüllt.

Es ist seltsam, sich vorstellen zu können, einer habe den eigenen Namen vergessen, und bliebe doch die Person, die er immer war. Kann man sagen: „Ich habe meinen Namen vergessen“ oder ist es schlichtweg unmöglich, dies zu sagen und dabei zu meinen, was man sagt, weil diese Aussage implizierte, daß man nichts mehr oder nichts Sinnvolles mehr sagen könnte?

Wir denken öfter an den und jenen, doch fällt uns sein Name nicht ein – das quält uns mehr, als wenn es sich um einen Ortsnamen oder den Namen einer historischen Persönlichkeit handelt, und wir sind erleichterter, wenn jener uns wieder einfällt als einer von diesen.

Würde man die Namen seiner Eltern und aller Anverwandten, die Namen der Freunde und Nachbarn, die Namen seines Geburtsortes und aller Orte, an denen man gelebt hat, den Namen des Orts, an dem man jetzt lebt, mit einem Schlage vergessen, wäre man aus den Fugen der Welt geraten, wäre man nicht mehr man selbst.

Namen sind die Landmarken unserer Lebensform.

Der eigene Name hat die Macht der Beglaubigung, fehlt er als Unterschrift unter dem Vertrag, dem Testament, der Patientenverfügung, bleiben all solche Urkunden und Dokumente unwirksam.

Die Schauspieler, die Klytämnestra, Medea, Ophelia, Ödipus, Richard III., Mephistopheles oder Woyzeck darstellen, müssen sich in gewisser Weise in Klytämnestra, Medea, Ophelia, Ödipus, Richard III., Mephistopheles oder Woyzeck verwandeln, dann aber treten sie vor den herabgesenkten Vorhang und nehmen den Applaus im Namen ihrer ganz normalen, gutbürgerlichen Existenz entgegen. Wie seltsam dies ist!

Der Spion oder der untergetauchte Terrorist nimmt mit dem fremden Namen eine neue Existenzweise an. Bleibt er unter der Maske ganz die Person, die er zuvor war, oder verwandelt er sich allmählich in eine andere?

Würde der Dichter, der seine Gedichte unter einem Pseudonym veröffentlicht, dieselben Gedichte schreiben, schriebe er sie im angestammten Namen?

Schriebe der Dichter, der seine Gedichte unter dem Pseudonym „Serenus“ veröffentlicht, dieselben Gedichte, wenn er sich das Pseudonym „Amarus“ zulegte?

Goethe hat in Italien unter dem Pseudonym „Maler Müller“ gelebt, aber die dort entstandenen oder entworfenen Gedichte wie die „Römischen Elegien“ unter seinem Namen veröffentlicht. Das Pseudonym war in diesem Falle also eine bloße Maske.

Ist es möglich, daß ein und dieselbe Person heute der friedliche, sanftmütige, gebildete Herr Dr. Jekyll sein kann und morgen der rasende, triebhafte, mörderische Mr. Hyde? Wir gehen davon aus, daß dies nur auf der Bühne der Fiktion vorstellbar ist. Denn wenn Dr. Jekyll abtritt und Mr. Hyde auftritt, ist er nicht mehr vorhanden. Oder ist es sinnvoll anzunehmen, der teuflische Verwandlungstrank beginne allmählich zu wirken und Dr. Jekyll beobachte, wie er sich immer mehr in Mr. Hyde verwandelt und am Ende ist gleichsam nur noch ein kleiner Spalt seines alten Bewußtseins geöffnet, durch den er die scheußliche Fratze des Mr. Hyde im Spiegel sieht, dann schließt er sich ganz und sein Bewußtsein geht vollständig in das des Bösewichts auf?

Wir sagen wohl von einem extrem wankelmütigen oder intriganten oder unter manischen Schüben leidenden Menschen, er habe zwei Gesichter, aber nicht: „Jetzt ist der Mann, der heute Morgen Herr Meier war, Herr Schreier.“ Oder: „Heute morgen habe ich Herrn Meier gesehen und eben Herrn Schreier gesprochen. Übrigens sind beide dieselbe Person.“ Aber wir können sagen: „Heute Abend scheint mir Herr Meier, mit dem ich mich heute Morgen angeregt unterhalten habe, wie ausgewechselt.“

Man kann sich nicht selbst anonym werden wie Leute, die sich auf einem Ball nicht ohne erotische Absichten als namenlose Masken begegnen, einander anonym bleiben wollen und bleiben können.

 

Okt 28 17

Das Gebet der alten Frau

Schöpfergeistes Freude brennt,
eine Kerze, still,
Geheimnis unerkannt,
in der gewölbten Muschel
eines barocken Seitenaltars,
wo dann und wann ein altes Weib
krumm und peinvoll kniet,
in die Finger eingeschlungen
den Rosenkranz,
sie betet geschlossenen Auges
sich über den Abgrund
der Verlassenheit hinweg
in ein verschneites Bethlehem,
weiß und glühend wie der Winter
ihres fernen Heimatdorfs.

Sie fühlt an ihrer bleichen Hand
den Schmerz der Rosen,
die Tropfen Bluts,
da sie die harten Kräuter rupfte
und löschte sie mit Spitzwegerich-
Blättern, damals auf den Krumen
trockener Geduld,
sie fühlt die warme Milch
ihr an den Händen aus vollem Euter rinnen,
und war noch kalten Sternes Zittern,
das in der dunklen Stalltür stand.

Ihre Knie sind so wund,
o könnte sie wer tragen,
wie jener dunkle Mann,
der nach Weines Wehmut schmeckte,
und hob sie über des Schicksals
blütenweiße gnadenlose Schwelle
in das Gemach, das sie seufzend
allmählich mit ihres kleinen Leibes
wehem Duft erfüllte,
Lilien und Rosmarin,
Honig stiller Kerzen,
bis sie würgte
die harte Göttin der Geburt,
doch hing ihr weich am Halse
bald ein stiller Knabe,
und lief nicht weiter,
als ihr Schatten um ihn spielte,
zu süß war dies Gesicht,
zu traurig diese Augen,
ihr Atem reichte nur für kleine Lieder
eines Schlummers, blau umwölkt,
der, eine weiße Blüte, immer weiter
weg vom bangen Ufer trieb.

Sie barg ihm in den Staub,
zu dem er wieder kehrte
allzubald zurück,
das Püppchen eines Puttenengels,
dem er gern die Federflügel
glatt gestrichen,
ein bemaltes Büchlein mit Weisheitssprüchen,
das seiner Augen Trauer
unerschlossen blieb,
und legte auf sein Kindergrab
das kleine Amulett der Muschel,
das sie ihm umgelegt,
wie schlugen hoch der Iris
schlanke Flammen,
als der Sommer schied,
doch Winter hüllte das schmale Grab
in Schweigens strenge Andacht,
Schlaf war ein Schnee,
vom roten Flackern des Stundenbrenners
geisterhaft entzündet.

 

Okt 27 17

Was ist deutsch?

Eine semantisch-historische Skizze

Was heißt es deutsch oder ein Deutscher zu sein? Nun, es bedeutet, zu glauben, daß man ein Deutscher ist, und für diese Überzeugung wichtige Gründe anführen zu können. Die Ansicht, die feste Überzeugung oder der Glaube, deutsch zu sein, wird damit ein wesentlicher Teil der persönlichen Identität. Wer rechtens meint, ein Definiens des Deutschtums bestehe in der Tatsache, auf etliche Generationen deutscher Abstammung zurückblicken zu können, sagt prinzipiell nichts anderes; denn er impliziert mit seiner Aussage die Aussage, die generative Herkunft sei seiner Überzeugung nach ein wesentlicher Bestandteil seiner Identität oder ein wesentlicher Grund für seine Überzeugung, ein Deutscher oder deutsch zu sein.

Wer beispielsweise glaubt, ein Franzose zu sein, aber nie in Frankreich war noch französische Verwandte hat, geschweige denn der französischen Sprache mächtig ist, dagegen seit seiner Geburt als ein Herr Richard Schäufele ein gemächliches Dasein in Tuttlingen verbracht hat, dort zur Schule ging, einen komfortablen Schlendrian als Hausmeister des dortigen Amtsgerichts absolviert und den schwäbischen Zungenschlag mit keiner Silbe verleugnen kann, ist entweder der deutschen Sprache nicht völlig mächtig, denn er kennt offensichtlich nicht die Bedeutung des Wortes „Franzose“ oder leidet an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, ist aber kraft seiner Überzeugung, ein Franzose zu sein, noch lange kein solcher.

Daraus ersehen wir: Nicht bloß die Überzeugung, wer oder was man sei, gibt den Ausschlag, sondern die wesentlichen Gründe, die man für diese Überzeugung anführen kann. In diesem theoretischen Zugang reduzieren wir die scheinbare Frage nach einem substantiellen Was auf die semantische Frage nach den Gründen und einem kohärenten System von Glaubensüberzeugungen.

Gründe können wiederum mit Bezugnahme auf andere Gründe erklärt werden, wie die Erklärung des Grunds, den Übergang über den wackligen Steg zu vermeiden, darin besteht zu sagen, man wolle nicht in den Abgrund fallen und sich dabei schwer verletzen oder umkommen. Wir nennen diese Form der Begründung vernünftig oder rational, denn es erscheint uns vernünftig, Gefahren zu vermeiden.

Andererseits stoßen wir auf Gründe, die wir nicht weiter unter Bezugnahme auf andere Begründungsquellen erklären und weiter erhellen können. Denn zu fragen, warum es unvernünftig ist, sich unnötigerweise Gefahren auszusetzen, können wir nichts weiter sagen als: „So ist es eben!“ oder „So leben wir nun einmal!“ Wir nennen Gründe dieser Art letzte Gründe. Weil sie rational nicht weiter ableitbar sind, müssen wir sie nicht als unvernünftig und irrational ansehen.

Bei der Bezugnahme auf Gründe, die unsere nationale und kulturelle Identität betreffen, handelt es sich um solche letzten Gründe, die nicht weiter rational abgeleitet werden können. Wir verstehen uns als Deutsche wie der Römer als Italiener, der Londoner als Brite oder der Einwohner Barcelonas als Katalane. Wir stoßen hier wie bei der Erotik auf ein gleichsam triebhaftes Element, und ähnlich wie wir nicht zu sagen wissen, warum uns beim Anblick der Geliebten das Herz höherschlägt oder wir Spuren, Zeichen, Andenken des geliebten Wesens aufsammeln, hüten, verehren, geht es uns in Hinsicht auf die Leidenschaften, die mit dem Bekenntnis zur eigenen Herkunft und nationalen Zugehörigkeit verknüpft sind.

Es ist darum kein Zufall, daß nationale und kulturelle Identitäten immer schon und immer wieder aus sich heraus den Mythos erzeugen, der sich in Symbolen, Allegorien, Sagen, Fahnen wie der Nationalflagge und Liedern wie der Nationalhymne verbildlicht und ausspricht, ja, wir können so weit gehen zu sagen, daß sich ein Volk oder ein Verbund von Völkern durch den Mythos als Nation allererst konstituiert. So sehen wir es modellhaft an der Art und Weise, wie die Quellen der altrömischen Religion mit ihren Kulten der Hausschwelle, der Penaten und Laren, der Götter des Hauses, von Acker, Feld, Weide und Wald, des Wetters und der Mächte des Jahreskreises in den breiten Strom der von Vergil vollendeten Sage von der Herkunft und ewigen Bestimmung Roms münden.

Wir wollen hier im Wesentlichen zwei begriffliche Probleme klären:

1. Was sind im Unterschied zu zufälligen und unwesentlichen Gründen notwendige und wesentliche Gründe für die Überzeugung, ein Deutscher oder deutsch zu sein?

2. Wie müssen Gründe dergestalt zusammenhängen, daß die auf ihnen fußenden Überzeugungen von der eigenen nationalen und kulturellen Zugehörigkeit kohärent sind?

Ad 1:
Eine einfache und prägnante Bestimmung des Unterschieds zufälliger und wesentlicher Gründe geht so: Streiche (oder negiere) den Satz, in dem ein Grund angeführt ist, und schau, ob der Begriff, den er definieren oder rechtfertigen soll, unangetastet erhalten bleibt oder nicht (das heißt, unbrauchbar oder sinnlos wird). Streiche (oder negiere) den Satz „Die Katze mausert sich“ durch, und siehe, der Begriff, um den es augenscheinlich geht (Katze) bleibt unangetastet erhalten (denn Katze bleibt Katze, mausert sie sich nun oder nicht). Streiche (oder negiere) den Satz „Er ist der Überzeugung, ein Deutscher zu sein“, und der Begriff, um den es hier geht (Deutscher), wird unbrauchbar und sinnlos (denn einer, der leugnet, ein Deutscher zu sein, ist gemäß unserem semantischen Ansatz keiner, auch wenn er einen deutschen Paß vorweisen kann).

Man könnte meinen, es genüge tatsächlich, jemandes Personalausweis oder amtlichen Paß zu inspizieren, um hinreichend und mit der notwendigen Gewißheit über seine staatliche und nationale Zugehörigkeit und damit auch darüber, ob er ein Deutscher sei, ins Bild gesetzt zu werden. Doch Ausweise können gefälscht oder auf betrügerische Weise unter Angabe fiktiver Sachverhalte erschlichen worden sein. Es könnte der Tag kommen, an dem ein Unrechtsregime in Berlin das Ruder an sich reißt und den Namen „Bundesrepublik Deutschland“ in den Namen „Republik Ödland“ oder „Republik Kunterbunt“ ändert. Wir würden sodann demjenigen, den wir amtlich beispielsweise als „Ödländer“ anzusprechen hätten, nicht das Recht streitig machen, sich nach wie vor als Deutscher und als deutsch zu bezeichnen, soweit er gute Gründe dafür anzuführen wüßte.

Vielleicht können wir sogar so weit gehen und, jedenfalls um begriffliche Klarheit zu schaffen, einen Unterschied zwischen der Zugehörigkeit zum staatlichen Hoheitsgebiet oder der Unterordnung unter die staatsrechtlich gegebene Souveränität auf der einen Seite und der kulturellen Zugehörigkeit auf der anderen Seite annehmen, sodaß wir Folgendes feststellen können: Ein nach Amerika ausgewanderter Deutscher mag die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen, aber aufgrund seiner Überzeugungen und seiner Lebensweise, zum Bespiel als frommer, traditionell lebender Hutterer in Montana, an seiner Haltung und Überzeugung festhalten, ein Deutscher zu sein, währenddessen ein in Dortmund lebender Marokkaner wohl amtlich als deutscher Staatsbürger geführt werden mag, sich aber nicht als Deutscher versteht und wir ihn per defitionem auch nicht als solchen anzusehen genötigt sind, wenn er sich als strenggläubiger Moslem islamischem Kultus und der Scharia, dem islamischen Sitten- und Staatsrecht, unterstellt.

Der hoheitlich oder staatsrechtlich definierte Begriff nationaler Zugehörigkeit wäre demnach keine notwendige Voraussetzung oder kein wesentlicher Grund dafür, der Überzeugung, ein Deutscher zu sein, Bedeutung zu verleihen. Dennoch werden wir nicht anstehen, den semantisch vollen Bedeutungsgehalt der Begriffe „deutsch“ und „Deutscher“ in der Kombination beider Elemente, der hoheitlichen und der kulturellen Zugehörigkeit, festzumachen.

Wir glauben uns zu dieser Kombination aufgrund der Tatsache berechtigt, daß wir das hoheitliche Element des Begriffs auf die Nation eingrenzen können. Nation aber nennen wir das staatliche Hoheitsgebiet einer Ethnie oder eines mehr oder weniger homogenen Verbunds von abstammungsmäßig oder kulturell verwandten Ethnien, das durch deren führende Repräsentanten, meist Mitglieder der dominanten Ethnie, beherrscht, kontrolliert und verwaltet wird. Die ethnische und kulturelle Homogenität ist insbesondere in historisch in langen und oft qualvollen Geburtswehen hervorgegangenen und gewachsenen Staatsgebilden wie dem deutschen (denn von Staatsverbünden wie dem amerikanischen oder Imperien wie dem russischen oder chinesischen können wir hier absehen) erforderlich, wenn andernfalls die sittliche Ordnung des Gemeinschaftslebens Gefahr liefe, durch starke Diskrepanzen kultureller Einstellungen unterminiert und im Extremfall in Bürgerkriegen dem Zerfall preisgegeben zu werden. Die Nation ist staatsrechtlich betrachtet demnach durch die Grenzen ihres Hoheitsgebiets definiert, innerhalb deren das gesetzte Recht gilt. Eine für die Nation unabdingbare Aufgabe polizeilicher und militärischer Kräfte besteht in der Bewachung und dem Schutz ihrer Grenzen, was im Notfall natürlicherweise die bewaffnete Abwehr feindlich drohender oder invasiver Mächte einschließt.

Warum die Bestimmung durch den Souverän und die staatlich eingerahmten Strukturen und hoheitlich bedeutsamen Ereignisse keineswegs durch die semantischen Maschen fallen sollte, sehen wir, wenn wir uns ihrer historischen Dimensionierung und Grundierung zuwenden.

Wer vorgibt, historische Ereignisse wie die Entstehung der islamischen Weltanschauung und ihre sittlich kodifizierte Lebensweise sowie ihr imperiales Ausgreifen auf die Länder Nordafrikas, Asiens und Südeuropas, wie die Entdeckung und Kolonisierung Amerikas oder die Erlangung seiner Unabhängigkeit von der englischen Krone, wie die Französische Revolution, ihre institutionellen und moralischen Umbrüche sowie ihre ideologischen Kundgaben seien genau solche Ereignisse, deren Sinn und Auswirkungen er als Gründe dafür anführen könnte, sich als Deutscher zu verstehen, wird weder zufällige noch notwendige Gründe der Art vorweisen, die seine Überzeugung von seiner nationalen und kulturellen Zugehörigkeit stützen könnten, sondern gar keine Gründe.

Hier werden wir darauf gestoßen, daß die Unterschiede der Regierungsformen, in denen sich die nationale Hoheit darstellt, für die Bedeutung des Begriffs „deutsch“ keine notwendige semantische Relevanz aufweisen. Sonst wäre Goethe, der in einem kleinen Feudalstaat lebte, kein deutscher Dichter und Beethoven, der in einer Monarchie komponierte, kein deutscher Komponist. Ob jetzt der Demos oder das Vulgus herrscht und morgen eine neue Elite die repräsentative Demokratie, repräsentative Demokratie, also die Herrschaft durch Negativauslese des schlechten Geschmacks und der Mittelmäßigkeit, aufs überfällige Altenteil setzt, ramponiert die Semantik des Begriffs „deutsch“ nicht im geringsten.

Wer dagegen einschneidende historische Bezugsgrößen wie die Christianisierung der germanischen Stämme und Völker durch irische und angelsächsische Mönche im Auftrag der Kurie, die Translatio Imperii Romani unter Karl dem Großen, die karolingische Bildungsreform und ihre Ausstrahlung in Klöster und Universitäten, den Streit zwischen den deutschen Königen und Kaisern und dem römischen Stuhl, das föderale Wahlkaisertum des Römischen Reiches Deutscher Nation, das Wirken der lutherischen Bibelübersetzung auf die deutsche Sprache der Klassik, die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg, den Aufstieg Preußens unter Friedrich dem Großen, die Gründung des Deutschen Reichs unter Bismarck, Hitler und die üblen Folgen, um nur diese zu nennen, als Bestandteile seiner kulturellen Identität zumindest intuitiv erfaßt, dem werden wir zubilligen, zumindest einige wesentliche Gründe angeführt zu haben, die seine Überzeugung, ein Deutscher zu sein, unterfüttern.

Ad 2:
Die Kohärenz der wesentlichen Gründe, die wir zur Rechtfertigung der Überzeugung, ein Deutscher zu sein, ins Feld führen, ergibt sich aus der geschichtlichen Tatsache, daß sie nicht ins Belieben gestellt und keine Sache willkürlicher Auswahl darstellen. Die Macht der fatalen Nötigung, der wir nur um den Preis des Selbstverlustes ausweichen könnten, zeigt sich in der Zugehörigkeit zu einer historisch gewachsenen Schicksalsgemeinschaft und den sie tragenden und durchwaltenden Erinnerungen oder Überlieferungen. Es ist jenes Erbe der Vorfahren, seien es Reichtümer materieller oder kultureller Natur, seien es Schulden moralischer oder güterrechtlicher Natur, das auszuschlagen uns ins geschichts- und gesichtslose Abseits verschlüge.

Allerdings können aus dem Repertoire des historischen Gedächtnisses scheinbar beliebige Lose gezogen werden und immer gibt es so oder so einen Treffer. Doch sind, dies gilt es zu beachten, die Verfahren der Auswahl selbst historisch bedeutsame Ereignisse und unterliegen zentripetalen und zentrifugalen Kräften, die von den beteiligten Akteuren ausgelöst werden. So hatten und haben die herrschenden Eliten ein vorwaltendes Interesse daran, die Schuld der deutschen Nation am Zweiten Weltkrieg und seinen Gräueln, allen voran an der Judenverfolgung, ins mediale und curriculare Rampenlicht zu stellen, um mit dem pseudomoralisch oder hypermoralisch gehätschelten schlechten Gewissen der Deutschen ihre politische Agenda voranzutreiben, nämlich die nationale Einheit des Landes zu schwächen und mittels Währungsunion und Delegation nationaler Aufgaben an übernationale Instanzen wie die EU oder die UN in eine übernationale buntscheckige Uniform zu stecken.

Den Wunsch, die markanten Züge und Eigenheiten, das Lokalkolorit und das atmosphärisch singuläre Sfumato, den herben Duft deutschen Eigensinns aufgrund einer eingefressenen Germanophobie zu verwischen, zu neutralisieren oder zu tilgen, finden wir allenthalben, beim Management global ausgerichteter Unternehmen genauso wie bei postmodernistisch beschwipsten Feuilletonisten der Lifestyle-Gazetten – vom Rassenvermischungswahn dumpfer Antinationalisten zu schweigen. Die Knoten in diesem verschlungenen Band antideutscher Ressentiments aufzudröseln ist hier nicht unsere Aufgabe. Ein Hinweis bietet immerhin das Motiv der Angst vor der Freiheit – der Freiheit, man selbst, souverän, widerspenstig zu sein und angesichts der Drohkulisse eines amtlich verordneten moralischen Universalismus das Bekenntnis zur Eigenliebe zu wagen.

Wer sich an was oder wen erinnert, ist also eine Frage des kulturellen Kampfes und muß auf dieser Ebene ausgetragen und ausgefochten werden. Dennoch gilt die allgemeine semantische Forderung, daß die Inhalte des kollektiven Erinnerns kohärent mit der Absicht zusammenstimmen müssen, die kulturelle Identität sinnvoll zu definieren.

Äneas trägt den alten Vater Anchises aus dem brennenden Troja, den Sohn Ascanius an der Hand, er führt die Schutzgötter seiner Herkunft ins italische Lavinium, wo ihnen von den Lenkern des römischen Staats bis in historische Zeiten kultische Verehrung gezollt wird. Die Penaten sind die Allegorie des kulturellen Erbes und der Überlieferung, die uns eine Art religiöser Scheu und Pietät einflößen. Der Kampf um die Selbstbehauptung der nationalen Souveränität hat das Weiterleben der Penaten oder das Fortwirken des kulturellen Erbes zum Auftrag und Ziel.

Die Wahrheit der Überzeugung davon, wer man ist, erweist sich an den Opfern, die man zu ihrer Bewahrheitung zu bringen bereit ist. Ja, im Extremfalle äußerster Bedrohung und Gefährdung des Vaterlandes, dessen Namen man trägt, schließt ein solcher Einsatz das Opfer des eigenen Lebens ein. Unter dem Mantel des Bürgers kommt in der Bewährungsprobe der Ausnahmesituation der Soldat zum Vorschein – oder der Partisan.

Doch werden die Alis und Mohammeds in den kommenden Schlachten neuer Kultur- und Glaubenskriege die Monumente deutscher Geschichte und Kunst wenn nicht mit der Waffe so doch mit der deutschen Fahne in der Hand symbolisch verteidigen oder die Klöster, Dome und Kirchen – so sie nicht bis dahin von einem am strengen und eifernden Gott des Leviticus und der Königsbücher irre gewordenen deutschen Klerus längst entweiht und profanisiert worden sein sollten? Dies wird die hohe Zeit der Not und der Reinigung, in welcher der deutsche Name neuen Glanz erlangt und die Staatsbürgerschaften neu verteilt werden.

Die Bestimmung, deutsch oder ein Deutscher zu sein, bewährt sich demnach an der Bereitschaft des Verzichts und der Opfer, die man auf sich zu nehmen gewillt ist, um dem deutschen Namen Ehre zu erweisen. Das beginnt mit den vom Souverän eingetriebenen Steuern, die man so lange bereitwillig entrichtet, als ihre Verwendung als sinnvoll anerkannten Gemeinschaftszwecken zufließt, und endet mit den freiwilligen und obligaten Pflichten der Selbstversorgung durch Arbeit, der Erziehung, des sozialen Engagements, der Fürsorge für die gebrechlichen Eltern oder der Nothilfe noch lange nicht. Denn auch die sittlichen Ordnungen schränken unsere Willkür und Selbstherrlichkeit ein, sei es, daß wir den Hof fegen, nicht auf die Straße spucken, den garstigen Nachbarn höflich grüßen oder das Nachbarskind betreuen.

Der Sinn der Entbehrungen, die der einzelne für die Gemeinschaft auf sich lädt, erfüllt sich einerseits im Bestand und der Entfaltung der institutionellen Ordnungen und Einrichtungen, die sein Leben rahmen und sichern – vom Arbeitnehmergehalt und Kapitalzins über die Energieversorgung bis hin zur freien Ausbildung, Sozialfürsorge und Rente.

In den alten mediterranen Kulturen gewahren wir auf der anderen Seite einen überquellenden Reichtum an festlichen Anlässen und gemeinschaftlichen Feiern, die von einem religiös grundierten Jahres- und Festkalender zum Ausgleich all der vielen dem Gemeinwesen entrichteten Opfer und Entbehrungen dem kulturellen Gedächtnis eingeschrieben waren; auch die Kulturen der deutschen Landschaften waren einmal dank der Einhaltung des kirchlichen Festjahres von mediterranem Lebens- und Festgeist durchdrungen. Hier sehen wir allenthalben im Bereich der sogenannten Kultur des Events und der Selbstverherrlichung, ob in Sportstätten und Theatersälen, der Idiotie von Fernsehshows nicht zu gedenken, ein gerüttelt Maß an Verflachung und Vulgarisierung. Einzig in den Konzertsälen und Opernhäusern gedeiht noch da und dort der Sinn für das Sublime, wenn sie sich die Ehre lokaler Traditionen auf ihre Fahnen schreiben.

Die größte Gefahr, die Gründe für die Überzeugung, sich als deutsch und Deutscher zu verstehen, resigniert oder in einer Art selbstzerstörerischem moralischen Enthusiasmus fahren zu lassen oder zu verleugnen, weht allerdings der eisige Wind der kulturellen Entwurzelung durch globalisierende oder den Herkunfts- und Nationalstolz zersetzende Institutionen wie die Europäische Union ins Haus der hemmungslosen oder devoten Gemeinde, die impotent wurde, seine Schwelle zu hüten, und seine Infiltration und Besetzung durch feindliche Mächte als Ausweis von Großherzigkeit und Toleranz mißversteht oder gar feiert.

Sich dagegen zur Wehr zu setzen, ist einerseits eine Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln und die Leitsterne schöpferischer Größe von der mittelalterlichen deutschen Epik und Lyrik, über Goethe, die Romantiker bis hin zu Hugo von Hofmannsthal und Stefan George vonnöten, von der großen deutschen Musik von Bach bis Schubert und Wagner zu schweigen. Andererseits gebietet die Überfremdung des Eigenen durch aufgenötigte kulturelle Entweihungen und kulturvernichtende Migrationen, auch und gerade wenn sie durch ideologisch vergiftete Feinde der Nation und nationalen Kultur, vulgo Intellektuelle oder Medientreibende, angestiftet werden, legitimen Widerstand, der in Ausnahmelagen illegale Mittel nicht zu verschmähen braucht – denn wie die mutige Entscheidung der Briten, dem Zwangsregime Brüssels den Rücken zu kehren, oder die heroische Willensbekundung der Katalanen, sich als freies Volk auf freiem Grund zu konstituieren, vor aller Augen demonstrieren, beginnt schöpferische Legitimität meist an der Grenze zur Legalität.

Resümee:

„Deutsch“ ist der Name einer nationalen hoheitlichen und kulturellen Zugehörigkeit, einer Zugehörigkeit, die eine Überzeugung von der begründeten Anwendung des Begriffs auf seinen Träger voraussetzt. Ein Deutscher oder deutsch zu sein kommt nicht ohne die auf wesentliche Gründe verweisende Überzeugung aus, ein Deutscher oder deutsch zu sein, denn wie wir sahen, ist eine rein faktische Begründung, wie der Vorweis des Personalausweises, semantisch nicht hinreichend, um die Anwendung des Begriffs in allen relevanten Fällen zu rechtfertigen. Die wesentlichen Gründe, die für die Überzeugung angeführt werden können, sind rational nicht weiter ableitbare letzte Gründe, denn sie entstammen dem historischen und mythischen Gedächtnis der Schicksalsgemeinschaft, die seine Inhalte, die kollektiven Erinnerungen und Überlieferungen, als gemeinschaftsstiftend auffaßt und mittels Bildungseinrichtungen und Ritualen der Erinnerung weitergibt. Diese Inhalte sind nicht ins Belieben des einzelnen gestellt, sondern wohl historisch kontingent, aber semantisch notwendig und kohärent (daher sprechen wir rechtens von Schicksal, denn dies ist eben die Einheit von historischem Zufall und Notwendigkeit). Die Anwendung des Begriffs wird sinnlos, sobald das kulturelle Erbe, aus dessen Gehalten er sich begründet, verfällt und mehr und mehr vergessen wird. Daher ist eine rein substantielle Definition des Begriffs „deutsch“, beispielsweise durch eine Ahnentafel, semantisch nicht ausreichend. Denn wir haben Phantasie genug, uns die alteingesessenen Einwohner dieses Landes oder ihre Nachkommen als solche vorzustellen, denen wir mangels kultureller Identität den mehr oder weniger honorigen Titel der Deutschen in Abrede zu stellen gewillt wären. Sie gehörten, um Nietzsches Wort zu paraphrasieren, zu den ihrer kulturellen Identität und Eigenart beraubten letzten Menschen, einer geschichtslos dahindämmernden, geistig grauen, ethnisch wahllos bis ins Fratzenhaft-Groteske vermischten Masse, die unsere Kirchen und Dome als Lagerhallen benutzt und ein babylonisches Idiom radebrecht, das ihr die Gedichte der Goethe, Hölderlin und Trakl in ein unverständliches Gekritzel und Gewirr enigmatischer Zeichen entrückt.

 

Okt 26 17

Gnomen verschollener Hymnen

Schmerz ist tief ein Brunnen,
aus dem die Schönheit quillt.

*

Wer alles sagen will,
läßt Unkraut sprießen,
beschnittnes Herz schäumt
rot aus stummen Tälern.

*

Wer Eigenes nicht liebt,
muß ein Abgrund
oder häßlich sein.

*

Gauklerpriesters Fratze sinnt dir an,
zu huren mit der Babylonierin.

*

Nicht bunter Worte Flicken,
ein graues Monogramm
ist Sinnes Siegel.

*

Bunte Kiesel reißt das Wasser hin,
basalten-dunkler Block hält inne.

*

Hat dein Land nicht eignen Himmel,
Heimatlichtes Blüten,
eigner Götter Horizont,
zieh die Narrenkappe an
und laß die Dämme fluten.

*

Lied, es schmilzt, ein Tau
auf keuschen Lippen,
Purpurtropfen
auf den Stigmata des Heils.

*

Liebe, Hüterin,
hüllest scheuen Sinn
in Wehmuts Schneekristall,
Flamme Schöpferin,
schmelzest um den Schmerz
ins Sternenbild
Trosteinsamkeit.

*

Nur weicher Schoß kann kreißen,
blühen nur
betauter Mund.

*

Nur Schönes laßt uns lieben,
sterben unter Lichtes
süß geneigter Knospe.

*

Orchidee, benetzt vom Mond,
Musik der dunklen Wasser,
ausgeseufzt an Jenseitsufern,
Lilie einer hingesunknen Hand,
sind eines Edlen Träne wert.

*

Kristall des ausgelittenen Sinns,
erfüllt vom Honig süßen Lichts,
über grünen Golfen zitternd,
Morgenstern antiken Lieds.

*

Blauer Rüstung erzner Engel,
Michael,
der Drache lächelt dir,
wie du das eigne Schwert
dir in die weiche Seele treibst.

 

Okt 25 17

Launischer Herbstabend

Dort gehen wir, glücklich Verwaiste,
der Pfad hat sich um uns bemüht
mit Herbstzeitlosen, Chrysanthemen,
Kieselsteine zwicken unsre Phantasie,
ein Duft von herben Kräutern
würzt die Dämmerung
mit Schelmerei und Übermut.

Antwort geben leicht uns
Schmeichel-Küsse.

Es tropft von Blättern,
tropft von Lichtes Wimpern,
Wind faucht den Staub von Röhrichtkolben,
flattert auf, ein Auerhahn,
aus Ginsterscharten, Nesselmulden,
und kräht, sein Flügel klatscht
der Kuh aufs Hinterteil,
der Wind hat kein Erbarmen
mit deinen Schlummer-Locken,
weckt sie zausend auf.

Antwort geben leicht uns
Glimmer-Blicke.

Du streust den Vögeln,
die noch übrig blieben,
Nüsse, trockne Beeren ins Gebüsch,
ich hör es dunkel knacken,
moosig seufzen, als würde kecker Huf
ein funkelndes Gehörn durchs Zwielicht tragen
und keuchend Anemonen
niedertreten Pan,
doch trillern uns statt Flöten
Kuckucks sentimentale Serenaden,
arios sich überschlagend
auf grüner Operettenbühne.

Abschied nehmen wir
noch nicht, noch nicht.

 

Okt 24 17

Rettung, fast

Was in kleinen weißen Blüten,
die uns da wir schliefen
auf die Wange fielen,
was denn in der Knospe Wort
können wir bewahren
außer Taues Tränen?

Und auch dies geht hin, verweht,
trocknet aus, wird runzlig,
bräunt verhäßlicht,
nicht mehr ließest du sie weinend
Liebe gleiten in den Schoß.

Sieh den Schnee, er hüllt die Schründe,
deckt die Furchen, Kot und Tod,
stillet irrer Schreie Schlund,
weicher Hügel Schweigen,
Kissen müder Sucher,
weißer Staub, er glimmt schon feucht,
schmilzt im Frühlicht
neuer Fron.

Und was uns gerettet
aus dem Schlaf der dunklen Wälder,
wo das Rehkitz blutig irrte,
Regen, Regens helles Lied,
Wahn uns bannend in das Tropfen
leisen Wehs, Erinnerung,
haltlos fließt es ab wie Schatten
über grauem Schiefer,
Seufzer namenlos.

Was vom Silber reiner Silben,
Sapphos Schale laubumkränzt,
angehaucht von keuschem Mund,
Spiegel, der sich geisternd bleicht,
Wärme aus dem Moos der Mulden,
bergend bunten Reimes Ei,
wäre Händen zu vertrauen
blind wie unsre,
Herzen überfüllt von Bildern?

Könnten wir sie leeren,
wie die Höhlung einer Glocke,
und wir warten auf den Wind,
der sie wiegt und schaukelt,
Abend atmend wiegt,
bis sie unterm Klöppel
wilden Sehnens
bebt und voller bebend
voller klingt.

 

Okt 23 17

Abschiedsbesuch

Alter Blumenhof bei der Basilika St. Kastor in Koblenz

Bruchstein dämmert, Lorbeerfeuchte
tropft von dunklen Ranken, klingt auf
blauen Mosaiken nach wie
süßer schmerzend nun Erinnerung.
Schweren Gitters grüne Patina,
Pforte mit den Bronzeknäufen,
kalte Löwentatzen,
ächzend geht sie auf …
Schau nur in den Garten, säumend
atme, träumender geh hin …
dort der alte Brunnen, einer schwarzen
Knospe gleich gewachsen aus Basalt,
kleine gelbe Blätter schwimmen
in dem Kelch versteinter Blume,
Birkenblätter, Lindenblätter,
Wasser aber tröpfelt aus dem Munde
einer Kröte, die ewig aufgeplustert
ewig stürzen will in ihr Element zurück,
aber nie mehr wird sie tauchen,
hier die Nische grüner Schatten,
daß sich plaudernd Liebende ergehen
oder Wang an Wange schmiegen,
doch die helle Marmorbank steht einsam,
Herbstlicht späht mit gelben Rosen
dir ins leere Herz …
Rätselbild, Embleme fremder Namen,
halb verwischt von Wind und Regen,
blicken von den Aschen-Tafeln,
Grabesplatten hoher Ahnen,
schwebend an die Wand gehängt,
Kerzen, Schimmer kindlich-weichen Flehens,
leuchten durch das gotisch-bunte Glas,
runder Apsis Muschel-Fenster,
Weihrauch, hymnischer Stimmen
blaue Wolke, ist schon längst entschwebt,
längst entschwebt ist der Gesang,
rote Tulpen, gelbe Tulpen,
flammend wogen rote Tulpen,
gelbe sind der warme Strand,
weiße Bänke, Buchsbaumhecken,
Oleander, leere weiße Bänke,
Moderduft verfallener Kapelle,
forsche nicht nach alten Fresken,
Gottes Odem hat sie ausgelöscht,
müh dich auf den Rücken der Ruine,
rupf vom Moose, streif durch harte Gräser,
nicht die Heimat sollen dir bezeugen
Tränen, wenn die Amsel abends
singt im Gezweig der Buche, der Platane,
oder bunte Lichter auf den weißen Schiffen
gaukeln und sich spiegeln in den Wellen,
wende dich zurück ins Irrsal
schäumender Fontäne,
Windes unfruchtbarer Saat,
lösche darin alte Wehmut ganz,
zieh die Schuhe aus und schleiche barfuß
durch den Tau der Wiese,
dorthin wo die tote Liebe einst
ihres blonden Schopfes
Siegesflagge schwang,
rauschen Lebewohl auch dunkle Wipfel,
schneien dir zu Füßen noch
Grazien des Lichts,
weiße Lilienblüten,
geh vorbei und werde fremd,
keiner ist ja übrig, keiner gibt dir
einen Abschiedskuß.

 

Okt 22 17

Epiphanien des Schicksals

Ich war noch jung und lief gedankenlos
dem Duft des Abends hinterher, die Angst
der Welt, des Lebens Abgrund war Gewölk,
ein roter Dunst, der kräuselnd über Wald
und Wingert zog, ein eitles Spiel der Luft,
da hockte er ein Bettler stinkend, krumm,
zerfurcht, am Rand des Wegs, und streckte mir
die Knochenhand entgegen, flackernd ging
sein Blick mir nach, der sich erschrocken ab-
gewandt, noch hörte seltsam ich ein Wort
mir raunen „Denke dankend immer“, doch
die Jugend rann mir ohne festes Bild
dahin, wie Regen auf dem Schieferdach
erst glänzt, dann leckt ihn auf der Wind,
der heiße. Einmal im Gewühl des Tanz-
lokals stand er ein eleganter Herr
in feinem Tweed, die Silberspange am
Revers beim Tresen, während ich verschluckt
vom Tanzgezappel ihn noch sah, wie zart
das schlanke Glas er winkend hob.
Es waren jene Augen, jener Glanz,
mir zugeeignet gleisnerisch wie Wein,
der sprüht und funkelt, wenn fatale Hand
ihn einem schwenkt, der lechzt nach Lebensglück.
So leerte sich das Dasein aus, ein Lied,
das hell beginnt, und immer leiser wird,
der Lerche Schrei, den lockt und zieht ins Blau
der Sommer, aber dunkler Wind entreißt,
ein Harz, das honigblond aus Borken tropft,
und bald verdunstend trocknet und erstarrt,
ein Teich, genährt von einem Mund geheim,
und blitzen Fische auf, es tunkt der Schwan
das Haupt zum jungen Moos, bis jener Mund
sich schließt, verstummt, verstummt, ein grauer Gnom,
der abends immer rührend bläst die Mund-
harmonika im Hinterhof, ein Hündchen jault,
doch eines Abends bleibt es still, so herz-
ergreifend still. Und kürzlich sah ich hier
im Lärm der Leute, die vom Supermarkt
die dicken Beutel heimwärts schleppen, ihn
am Straßenrand verweilen, ungerührt und stumm,
den Engel, goldne Spreu an Haar und Lid,
entrückter Haschischmond der Mund,
der Wange weiße Lilie leicht betaut,
ach, winkte er mir huldvoll, einmal nur,
und könnte Ruhe weisen, stille Sicht
an Weges letzter Biegung, Tal und Strom
ins reine Bild zu bergen, abschiedssanft,
doch glasig war sein Auge, leer der Blick.

 

Okt 21 17

Kindheitserde

Wellen keuchten, Schaumes Wangen,
hauchten Faunen
die Alraunen,
Gaias braune Brüste schwangen.

Gärten rauchten, Ginster sangen,
Zeugungsfeuer
ungeheuer,
Glocken roter Knospen klangen.

Tränen, die an Rosen glühten,
Anemonen,
zarte Kronen,
Wolkendolden, die versprühten.

Panisch sank der Sonne Wüten,
Schwanensang
mondesbang
barg uns in die Nacht der Mythen.

 

Okt 20 17

Wahres aber spricht der Wind

Das Leben ist wie Wind und weicher Hauch,
der dunklen Duftes voll durch Gassen streift,
und spielt am Schopf des armen Schluckers sanft,
als wäre Liebe ihm nicht lang schon lang abhold,
er fährt so zärtlich um den Leib der jungen Frau,
die einsam dort am offnen Fenster steht
und blickt in Abends leeren Horizont,
wo ihr der Mond vertane Stunden zählt,
ihr Haar sinkt hin wie schwarzen Wassers Fall,
ins öde Herz-Verlies bläst kalter Wind
durch Ritzen der Erinnerung und pfeift
sein höhnend Lied vom umgehaunen Baum,
des Asphalts bittren Tränen, rotem Dunst,
an dem er roch der Teiche Todesschlaf,
und Wind ist auch der Seele jäher Geist,
der immer zweifelnd schwankt wie zartes Schilf
an Wassers vagem Rand, das Pan umarmt,
wenn Syrinx schluchzt ihr dunkles Klagelied,
er hält sie eine Flöte fest, wie scheu
des Schneefelds Enzian, der zitternd trinkt
vom Licht, sein Blau bläst aus der Mund der Nacht,
und launisch neckt ihn ja wie Ariel
der Sylphen Hauch, der Elfen lichter Chor
zu tanzen über stummen Grüften, bald
erglänzt er wie die Rose unterm Kuß
verwehter Tropfen, bald versinkt er schlaff
ein totes Blatt im stummen Brunnenschacht,
und ächzen morsche Äste, schlürft der Herbst
das fahle Licht ihm aus dem welken Kelch.
O Rauschen, nichts als dunkles Rauschen bleibt
der Seele, hat sie ihren Duft dem Wind
geschenkt, bis auch die Blüte er sich raubt.

 

Okt 19 17

Das wilde Herz

Des Menschen Herz bleibt Urwald immerdar,
ist nicht zu roden, auszujäten ist ihm nicht
der Schlingwuchs der Lianen, Milches Fluß
am Gummibaum wird weiter tröpfeln, Duft
der Abendstunden rinnt aus mondnem Kelch,
in Mandelbäumen schreit der Ara auf,
der grüne spreizt den blauen Flügel, stiehlt
Opossum oder Affe ihm die süße Frucht,
und tausendblütig schäumt der Sommer weiß
in Lorbeerwipfeln, Quetzals Vogel pickt,
auch wenn du schläfst, im Avocadolaub,
und näßt der Schweiß dir einen bangen Traum,
dann brüllen Affen Botschaft dunklen Zwangs,
der Farne Zwielicht fleckt ein Jaguar,
und Schlangen küssen züngelnd süßes Aas,
das west verwesend, zeugt verendend, blüht
aus Untergängen, scheitert im Triumph,
das alles schreit und schweigt in dir
und mir inmitten dieses Schattenreichs,
Untoter tödlich asphaltierter Stadt,
tief unter dieser Wildnis seufzt der Mund
der Erde auf, wenn grüner Regen strömt,
hoch über ihr kennt Gnade nicht der Stern
und pfropft auf morsches Holz die junge Brut
der Orchidee und brennt erloschner Haut
des Orangs Löcher ein für Wurmes Mahl,
und alles ist voll Qual des Lichts, Geschrei
der Todeslust, doch ungeheuer ist
die blaue Nacht, wenn krumm ein Schatten schleicht
durchs Unterholz, das manchmal lüstern knirscht,
und dünnes Raspeln stäubt vom fetten Blatt
der feine Schnitt der roten Ameise,
dann gleiten Phosphorrosen in den Schoß
der haarigen Dryaden, gellend reißt
des Papageien Schrei die helle Naht
durch schwarzen Himmels Samt und Wasser gluckst
im Sumpf, ein kleiner Elefant noch halb
im Schlaf rollt seinen Rüssel durch den Schlamm,
dann klirrt es wie zerbrochnes Glas im Traum,
die nächtlich-bange Kokosschale birst,
ein weißer Sud beleckt das dichte Laub,
und eine Höllenorgel brüllt die Glut
der Sonne ihren schwarzen Lobgesang.
Ach nein, du hörst kein Lied in deiner Brust,
nicht einmal Wind, der über Gräser streicht,
und sind auch Gräser dir am Ahnengrab,
dem überwachsnen, seelenblaue Luft,
die über Ozeane kam und sog
sich satt am wilden Ruch von Salz und Tang,
du aber liegst, als wär der Urwald ab-
geholzt, wie eine Laute saitenlos
wurmstichig stumm im warmen Bett und gähnst.

 

Okt 18 17

Der gerettete Torso

Du gehst auf weichem Moos, es dämmert schon,
da nestelt Wind dir wie verliebt im Haar,
ein Wind, der zärtlich ward an manchem Duft,
und manche Träne Rosen trank vom Lid,
die Ringeltaube spreizt sich vor dem Blau
des Abends, hält dich innig gurrend hin,
der Park ist leer, doch einsam bist du nicht,
die Büsche tropfen Schauer bunten Lichts,
und was du lang geahnt, es rauscht der Baum,
dort ragt, umgossen wie von warmer Milch,
der Aphrodite Marmorbild, entrückt
der Lende sanfte Biegung dich, der Kranz
in losen Locken scheint von Veilchen rot,
wie aus des Kopfes voller Knospe blickt
ihr Auge leer herab, als flehe es
um Glanz, ein Krüglein Glanz, voll jenes Schnees,
der überirdisch rötet Idas Thron,
doch lächelt sie, weil Spatzen ihren Fuß
umpicken, goldne Körner fielen wohl
aus ihrem Gürtel, Falten rafft er kühn,
entblößt die Mondesründe eines Knies,
geneigte Hüfte singt vom Abschiedskuß
äolisch-süßen Lieds. Und ach, die Hand,
die zarte, hielt sie einst der Blüte Stiel,
sie dir zu reichen, oder eine Fackel, daß
auch dir die Anmut göttlich leicht verleibt
aufschimmre noch im Schattenreich, sie ist
ihr abgeschlagen, doch dir bleibt ja ganz
und unversehrt der Sinn, denn Fühlens nicht
ein dunkles Bruchstück soll uns Liebe sein,
wie all die Torsi des Gefühls, schon halb
vom Dung des Gestern zugeschüttet, nein,
sie soll uns unentstellt ein Gnadenbild
auf unsern Zwielichtpfaden wunderlich
erscheinen, hat uns Hauch schon angerührt
mit ferner Gärten sehnsuchtsdunklem Duft.

 

Okt 17 17

Der Stammler

Der Zarte ist gekränkt, steht nicht mehr auf,
bleibt einfach liegen, Decke überm Kopf,
das Leben ist ihm widrig, Welt abhold,
obʼs regnet oder schneit, die Sonne lockt,
die Vögel munter zwitschern, Hündchen bellt,
ob Morgen singt, dem Monde schreit der Kauz,
er wühlt sich tiefer ein ins Grab des Betts,
doch quält ihn, einsam nicht allein zu sein,
denn Traumgespenster sind ihm immer treu
und zeigen höhnend ihm sein zweites Ich,
das stumm und fahl die leeren Augen senkt,
die Maske wächsern ohne Charme und Glut.
Was fehlt ihm denn, dem Zarten, hat ihn so
verletzt, hat eine Holde ihn bezirzt
und schlüpfrig dann die Zunge rausgestreckt,
hat Schicksals rauher Wind die Venusfrucht
ihm vor der Zeit gepflückt, und war noch grün,
ist gar sein Kätzchen über Nacht, miau,
miau, mit einem Kater durchgebrannt,
die rollig, räudig der, und kratzte nicht
mehr mauzend an der Tür, miau, miau.
Gleichgültig was, ihm ist, als wäre er
unpäßlich für die Welt, ein Schuh, der quietscht,
tritt einer noch so sachte auf, ein Mund,
der immer näßt, und gelte es ein Kosewort,
und passen alle in ihr Futteral,
gebettet in die Nische samtnen Schlafs,
quillt er wie Stroh aus einem Seemannssack,
den nächtens Mäuse knisternd aufgeritzt,
und strömt dem Nachbarn luftig Wort um Wort
aus lüstern-schiefem Lästermaul und bricht
sich Geifer schäumend an dem faulen Zahn –
reißt ihm die Rede wie ein Dorn im Hals,
und gilt es nur, zum Morgen sagen „Oh!“
und „Ach!“ zum Abend. Aber schwappt der Saal
von Stimmen, schlängelnd umeinander schrill
die geilen Geißeln, zappelt ihm ein Fisch
die Zunge, kotgetrübtem Teich entschlüpft,
im trocknen Abseits, zuckt sich sinnlos müd.
So wälz dich unterm Abgrund sternenlos,
du fehlst ja keinem, bist dir selber Fehl,
dein Heim ist dir ein loses Schneckenhaus,
dein Garten ward in schwarzem Teer erstickt,
und eignen Dufts entbehrt dein grauer Herbst,
stirbst heimatlos, ein Stammler ohne Stamm.

 

Okt 16 17

Schneerosen

Wie seltsam, wenn ein Vorhang schwankt am Fenster,
du aber wälzt dich schlaflos hin und her,
und ist ein Wind, der eine alte Seele
durchlüftet, Blätter rascheln unterm Bett,
wie seltsam, Schattenknospen wandern schweigend
an Wand und Decke, unerblühten Traums,
und scheinen Tropfen Lichts umsonst zu suchen.
Als rinne an der Fensterscheibe Milch,
erinnern dich die weiß verhärmten Weiher,
der Kindheit schneegebleichte Ackerkrumen
und Dorngestrüpp, Gespenst des Apfelbaums,
der totem Himmel tote Arme reckte,
doch wehte er auf deinen dunklen Pfad
die heimwärts blitzten Lichtkristalle nieder,
und war dir heimlich nicht des Atems Hauch,
die Schritte, die auf weißem Teppich seufzten,
schmolz deine Stirn nicht samtne Abendglut,
ja, fröhlich warst du, sahst im Tal du schimmern
der Fensterscheiben heimatliches Gold,
wo deiner liebe Menschen harrten, ihnen
hast zwischen Knorren trocknen Wurzelwerks
du weiße Weihnachtsrosen ausgegraben,
des Engels reine Tränen, die getropft
ins wirre Dickicht wundertrunkner Herzen.

 

Okt 15 17

Der winkende Schatten

Ich roch den süßen Wehmutsduft der Linde,
sie ragte noch vor morschen Treppenstufen,
warf auf das Kirchenfenster warme Tupfer
vom Abendrot berauschten Laubs und ihre
verzückten Schatten rankten sich um Pfeiler
und Engel, schlummernd in barocken Nischen,
es küßten Lippen goldner Lindenblätter
das weiße Tuch des Hochaltares. Schnaubend
zog schweren Tritts das Kaltblut seinen Wagen,
mit grauen Kohlensäcken hoch beladen,
der Kutscher schlief, vermummt in der Kapuze,
der Kindheit dumpfe Gasse hin. Wo aber
sind Nachbarn, Freunde, wo die abends streunen,
die falben Katzen, Vögel, ihrer pfiffig
auf Daches Firsten spottend, wo? So bin ich
allein in meinem Traum? Der Duft der Linde
umfließt mich noch wie wehes Säumen Kinder,
die auf der Schwelle Regenfäden zählen.
Es wird schon dunkel, Lichter gehen hinter
Gardinen an, dort ist die Gaslaterne,
sie flackert bang, wie Stundenbrenner, mücken-
verklebt das Glas. Es ist das alte Haus, wo
Fronleichnam Blumen neben hohen Kerzen
auf Fenstersimsen prangten, Weidenkätzchen,
Großvater hatte sie gebracht vom Ufer
des Bachs, begrünten den Basalt des Hauses,
ich schlüpfte scheuend übers Kopfsteinpflaster,
da waren kleine Blüten ausgestreut in Farben
naiver Muster, lebt denn keiner hier von
den Meinen mehr, bin ich in Träumen einsam?
Da hörte ich der Eule Ruf aus schwarzem
Gehöft, ein Wind kam, löschte alle Lampen,
aus Fühlens Nacht, der Linde letztem Stäuben
stieg endlich auf mir bis ans Herz ein Schluchzen.
Hat zarte Hand nicht dort des Vorhangs Rüschen
gelinde aufgerafft? Der schmale Schatten,
der nun zu winken scheint, bin ichʼs nicht selber?

 

Okt 14 17

Verklärter Abschied

Laßt uns das Leben, diese Fetzen weißen
Gewölks, ins Blau der Nächte schmelzen, laßt uns
wie Wein aus schlanken Glaskaraffen schimmernd
sein letztes volles Tönen festlich gießen
in Lieder honigdunklen Überquellens,
was Abschied uns verklärt in blaues Sehnen,
blüht an der blanken Schwelle, stumm ein Veilchen.
Es sei uns alles unverloren, Tränen
und Muscheln, jene Seufzer, sie zu bergen,
die Perlen, ihres weichen Leids Erstarren,
sie seien alle festlich eingeschmolzen
von abendrötlich aufgeblühten Flammen
in eines Lebewohls entrücktes Winken,
der weißen Hyazinthen Traubenglimmen,
schon singt, die alles tröstet, alles stillet,
Musik der Tropfen, warme Regenklänge,
die Dächern flaumumschoßtes Schlafen spenden,
an Halmen Käfern spätes Licht entzünden,
der Liebe Kuß um trunkne Blätter fädeln,
wo aber dunkelt Buchs und weinen Weiden,
am Stein erwecken sie die toten Namen.

 

Okt 13 17

Komm, fliehen wir

Komm, fliehen wir ins Zwielicht alter Bäume,
es ist noch dunkles Moos geheim von Zweigen
bedacht, beträuft von Taues Küssen, fliehen
wir, Veilchen öffnet uns die blaue Stunde,
und Wasser rinnt durch Halme sanfter Schatten,
durchhellt die Mulden blumenstummer Liebe,
es leuchtet uns wie Locken heller Winke,
es glänzt wie Verse sapphisch-feuchter Rosen,
die Dankes Duft den Ferngerückten wehen,
und Perlen schäumt das Wasser, uns zu blenden
mit Träumen, schluchzt sie weich hinab, in Träume
entströmen uns die flügelzarten Worte,
die grünen Mücken, Windes Walzerpüppchen,
sie flattern selig eins am andern narrend,
erfühlen eignes Herz am Puls des fremden,
am Tanz des Herzgenossen wehes Sprühen
des eignen Bluts, gebannt in warme Takte
von Flüstern, Flöten, Zwitschern, um uns schwirren
der Ahnen Geister, Vogelkehlen rührend,
mit Liedern orphisch lösend uns die Bande.
Komm, fliehen wir ins Zwielicht alter Bäume,
es sind Gesänge noch geheim in Zweigen.

 

Okt 12 17

Die Gewalt des Eindrucks

Sentenzen und Aphorismen zu einer ungeschriebenen philosophischen Ästhetik

Unsere wesentlichen Überzeugungen sind nicht das Ergebnis abgewogener, gereifter Erwägungen, sondern Spuren unabweislicher, ja gewaltsamer sinnlicher Eindrücke.

Die lebensentscheidenden Einsichten sind Narben von Wunden, dir wir uns beim Schlagen des Kopfs gegen imaginäre Wände zugezogen haben.

Imaginäre Wände können härter sein als reale; das trotzige oder trostlose oder masochistische Schweigen der Mutter war eine solche Wand.

Das Leben hat keine Richtung, hat keinen einhelligen Sinn. Wir gehen ein Stück, wechseln die Richtung, gehen wieder ein Stück, brechen ab. Nach dem Anstieg legen wir uns eratmend ins Gras und wollen mit dem weichen Wiesengrund verwachsen, in den Humus sinken, tiefer und tiefer, in ein warmes Grab, und nichts weiter als fern von unseren ins Vergessen sich reckenden, unwirkliche Halme rupfenden Händen im hohen eilenden Flug der Wolken unsere müßigen, unnützen Gedanken ins Unwirkliche schweifen sehen. Zwischen tausenderlei Reden ohne Hand und Fuß, aus dem trüben Tümpel des Radebrechens halb geträumter Sätze springt blitzend dann und wann ein zauberisches Silberfischlein auf, dessen echten Sinn wir selbst nicht einmal erahnen mögen.

In den meisten Büchern, geschweige denn ästhetischen, fehlt der Geruch, Duft oder Gestank, des Lebens.

Das Kind verbrennt sich die Finger. Unschätzbare Gewalt des Eindrucks, belehrt zu werden über das dem Menschen abgewandte Wesen der Dinge.

Das fremde Geschlecht, seine Dunkelheit, sein verwirrender Atem, seine pflanzlich-mineralischen Unterwasserhöhlen, das Labyrinth seines Fühlens und Wollens – berückend-bedrückende Lockungen ins Unheimliche.

Das Leben erteilt Schläge, ja, aber welche Torheit, sich und andere aus mißverstandener Humanität vor ihren Lehren, den tiefsinnigsten, mittels der Polster und Kissen verzärtelter Pädagogik oder lebensmüder Lebensweisheit bewahren zu wollen.

Wir wissen, daß wir alle Feriengäste auf einer Insel oder zufällig zusammengewürfelte Bewohner eines Hotels sind, die sich auf unbestimmte Zeit an ihrer Gegenwart erfreuen oder ärgern, hier Küsse und Blumen, dort Flüche und giftige Blicke tauschen, und wenn eines Morgens der Platz uns gegenüber am Frühstückstisch leer bleibt, so wissen wir auch, daß einer für immer gegangen ist – doch wollen wir es nicht wahrhaben, auch wenn der Schatten der Abwesenheit wie eine kleine Lache auf dem weißen Tischtuch schwimmt, die üppige Rose wirft ihn, die wir soeben von einer zarten Hand gereicht bekamen.

Die Bewohnbarkeit der Welt rührt von der Intimität der Dinge, in die wir unser Dasein einweben. So erfuhr es der Knabe, der erstmals in einem Weidenkorb Kartoffeln aus dem Keller holte und sie gemeinsam mit der Großmutter wusch und schälte, es galt mit dem kleinen Messer, zärtlich Küchenpeterchen genannt, möglichst lange Schalen vorsichtig wegzuschneiden, wobei man sich vor stirnrunzelnder Aufmerksamkeit auf die Unterlippe biß.

Die Schellackplatten hat man warm mit dem Atem behaucht und mit dem Unterarm des frischen Sonntagshemds abgewischt. Die intimste Seelenlampe war die aquariumtrübgelb leuchtende Scheibe des alten Radios in seinem Eichengehäuse, auf der die fremdländischen Namen für sich und eine Märchenhöhle standen, für die wir kein Sesam öffne dich fanden, Prag, Krakau, Moskau, Paris, London, Stockholm, und die wir auf Langwelle weiter und weiter drehten, und wie aus auf und nieder schwappender Meerestiefe quollen quakende Klänge und gläsern-pfeifende Geräusche hervor.

Für Mutter war das intimste Ding die flackernde Kerze, denn sie flackerte wie ihre Seele, und der Wind, der sie flackern machte, war die Angst und die ins Unbestimmte gehende, ins Vage sich quälende Sehnsucht. Und jeden Augenblick konnte ein Windstoß sie löschen. Und jeden Augenblick konnte Windstille ihren Schein ins Überwirklich-Verzückte blähen und auflodern lassen.

Wir kennen das Leben mittels der Fühler unserer Sinne so, mit solcher Innigkeit und Nuanciertheit, wie ein Blinder all die Ecken und Kanten, die Unebenheiten und Risse, die er auf seinem tausendmal abgeschrittenen täglichen kleinen Weg mit der Spitze seines weißen Blindenstocks ertastet hat.

Das Reich der Sinne ist von den Dichtern, Malern und Musikern in seinen äußeren Provinzen umschritten worden, da und dort drangen sie wie Nomaden tiefer ein, doch haben sie das Zentrum, den Nabel der Welt, nicht durchquert, von den Philosophen aber wurde es nie vermessen.

Die geföhnte, gescheitelte, von der Gelatine der Eitelkeit schillernde Feuilletonsprache trägt ja nicht weit, was heißt schon „gewaltiger und tiefer Eindruck“, was da „melodisch, erhaben, rätselhaft, lebendig“? Nichts von alledem kann den sinnlichen Eindruck spiegeln, hervorrufen, beschwören.

In den verblaßten Metaphern der beschreibenden Gelehrsamkeit sinkt alles ins Triviale, in die öde Höhlung eines nicht mehr unterdrückbaren Gähnens zurück.

Die fühlenden Finger der Ästhetik bewahren sich nicht durch die Handschuhe eines begrifflichen oder ideologischen Systems vor dem wurmlöchrigen Schlamm und der eiwarmen Fäulnis der Erde, dem blubbernden Matsch der Vergänglichkeit, den scharfen, stechenden Eiszapfen des menschlichen Winters, entblößt und unmittelbar tunken sie in die Lache der Tränen, in das geschmolzene heiße Wachs der Wehmut, das kühle Wasser des immer fließenden Sinns, der an ihnen nur haftet wie rasch zergehende Blasen glitzernden Schaums.

Unsere Mitte bliebe matt und fahl, faul und stumm, würden wir nicht wie Baumgeäst plötzlich erregt vom Wind, uns zu schütteln, zu brausen, zu schwirren, daß einzelne schon blutlos gewordene Blätter und Schuppen abgerissen werden und zu Boden trudeln.

Gelobt seien Trauer, Verzagtheit und Verdruß, die falsche Blüten und hohle Sprossen, saftlos vor der Zeit geschwollen und gedunsen, mürbe machen und wie scheinschwanger geblähte Leiber in sich zusammensacken lassen.

Es ist mit der geschönten Sprache der anämischen Ästhetik und geschmackvoll-käuflichen Gelehrsamkeit wie mit der guten Stube, die wir als Besucher von Großvaters Kriegskameraden in einem kleinen Winzernest der Mosel (woher Großvater seine geliebten grünen Flaschen bezog) – alle Möbel waren wie Gespenster mit großen weißen Laken überkleidet, zum Schutz vor der Unbill des Alltags, und wurden nur zu hohem Besuch von der Hausfrau abgezogen, wie vorsichtig ließ man sich nieder! Doch die Metaphern und gespenstischen Bilder der geschönten Sprache verhängen die Dinge immerdar, werktags und feiertags.

Die tiefste Schicht des Lebens spricht aus den weit aufgerissenen, feuchten Augen der Menschen, dem abgerissenen Stöhnen, das aus der dunklen inneren Stummheit hervorbricht, wenn sie die Köpfe wie zur Monstranz, einer Epiphanie aus Wolken und Licht, zum Klang ihres Lieds, ihres Hymnus, der Parole ihres großen Kampfs um Sein oder Nichtsein erheben.

Das Lied, das mit dem Rauch des Bluts der Märtyrer und Heroen aufsteigt, Volkes Blut, von dem der Dichter getrunken, der es nicht aus Buchstaben, sondern aus lebenden atmenden Zellen gebaut hat, nur aufzuwiegen mit der Zahl gefrorener Tränen, die es zu schmelzen Feuer und Kraft hat.

Ja, mystisch ist die bloße, nackte, ungeschönte Erscheinung des Daseins und Lebens, aufgehende und sich verschließende Blüte, Tropfen, die wie Trommeln des Todes, des Kriegs, der Apokalypse auf das Blattwerk klatschen, das Glimmen der Augenschlitze einer Katze, die vorbeischleicht, und du weißt nicht, sah sie dich oder schaute sie durch dich, eine Nichtexistenz für das erdgeistdurchschauerte Tier, hindurch, die liebkosende Hand, die Hand der Geliebten oder die Hand des Winds, die dir durch das Haar streicht und dich deiner selbst enthebt zur Freiheit der Genüge, fraglos zu atmen, fraglos dich abzuwenden in das Reich der Schatten.

Die Tiere, die Eingang finden in das Reich der Dichtung, nicht in die Falle der Jagd oder den Käfig der Domestikation.

Begegnung und Abschied, Warten und Bewillkommnen, festlich-tänzerische Spannung und verödete Ausdruckserschlaffung, Rebenranken der Umarmung und Drahtverhaue der Einsamkeit, all solche und andere wesentliche Haltungen fließen aus der Quelle unseres leibhaftigen, sterblichen Daseins; wir hauchen ihnen Fülle, glänzend oder erblassend, Lebendigkeit und Dringlichkeit, glühend oder ermattend, ein mit dem Treib- und Triebstoff all der Affekte und Gestimmtheiten wie Hoffnung und Verzweiflung, Langen und Bangen, Lust und Trauer – den ewigen Topoi und Motiven der Dichtung.

Kein Herz tönt dichterisch ohne die Gewalt der Einströmung aus der mythischen Imago einer Pupurfalte des fernen, versinkenden Horizonts, sei sie betautes Rosenblatt wie sapphischer Mund oder dämonisch zerkratzt und blutig wie die Schläfe Trakls.

Heiterkeit, das seltene Glück des Genius, webt in der gelichteten Sprache, gelichtet von innen, dem aus dem Labyrinth der Seele aufsteigenden Mond, und wie dieser glüht sie voll nur in den leise wogenden Schilfen einer einzigen Nacht.

Das Äußerste zart sagen, leise, Lippe an Lippe, nah, ohne noch anzurühren, Hauch, unter dem der Tropfen vom Blütenblatt gleitet.

Zuletzt bleibt nur das die Grenze zum Sagbaren überschritten hat, weiches wächsernes Glühen von Augen, die uns näher als wir selbst aus dem Dunkel flehen.

Ah, träumend blickten wir in den Spiegel!

Wer vermöchte denn die kaum bewußten Seufzer, die Interjektionen des Traums, die vokalen Schnipsel des Ächzens und Lechzens, die konsonantischen Krümel des Murrens und Schnurrens mit gleitend-sehenden Griffen und feensicher süß und voll gestrichenem Bogen auf der Geige unseres Gemütes zu einer großen Melodie zu verwinden, doppelgriffig zu paaren und in weiten Linien obertönig resonierenden Sinns zu verwinden, verdichten?

Denn nur wenn nichts verlorengeht von der Wahrheit der Seele, auch wenn sie wie Blut dunkel sickert an unsichtbaren Wurzeln, rinnt uns ihr Lied wie der Wein aus gnädig geneigten Krügen.

Wer füllte die Krüge? Wer gießt freudig lächelnd sie aus? Das Lied ist der Wein, Freude und Lächeln aber was uns zur Feier feierlich stimmt, der Dank.

Dank ist Antwort auf die Gnade, die als Schnee der hellen Nacht den Hirten unter den traumsicheren Schritten knirschte, deren Wehen die Osterglocken zittern machte, die hinsank im scheuen Erröten der Wolken in das ersterbenden Blau.

Heliotropismus der Liebe, der einzig die verschlossene unscheinbare Blume sich öffnet zum strahlenden oder weinenden Bekenntnis eigenen Daseins, eigener Schöne.

 

Okt 11 17

In Tälern des Himalaya

Dort blüht so wenig, nur im Blau die Wolke,
ein Büschel Gras, das zittert, herbe Zungen
sind gierig, es zu rupfen, Schafe, Yaks und
gehörnte Ziegen, Sicheln aber singen
den frohen Menschen, Heu und Stroh in Schober
und unter Dächer sammeln sie, denn Winter,
er lauert stets und glänzt herab vom schroffen
Gebirg im Gipfelschnee, der in die Täler
ausfingert, stäubend. Sommers aber wiegen
die immer kühlen Lüfte Gerstenähren,
die Frucht des schlichten Lebens, Frauen,
die Anmut hoher Wangen, schwarze Augen,
sie worfeln, Tenne ist die Wiese, wirbelnd
entschwirren Spreu und Spelt, die Körner werden
mit Schaufeln aufgefegt in Leinensäcke,
geschmort in Fett, in Milch und Rahm gesotten,
die Kuchen kneten sie, die Kinder schlürfen
die Milch aus tönern-hellen Tassen, Kinder
Himalayas, sie sind im Kranz des Lebens
die Veilchenblüten, hüten früh die Schafe,
ein Ziegenböckchen ist der allerliebste
Gefährt, die Mutter trägtʼs im Korb aus Weiden
mit Prinzlein, jüngstem Sproß mit Tibetmütze,
es watschelt mit den Kindern in die Küche,
und Küche ist das ganze Haus aus Lehm und
vergilbtem Stroh, das Bett ein dicker Teppich,
der Herd das Heiligtum, ringsum auf Simsen
die Becher, Kessel, Lampen, Buddhabilder,
aus Kreide, Ocker, Gips die Ornamente,
des hohen Daseins bunter Kreis, durchbrochen
von selig-leerem Lächeln. Dochte flackern
der Seele hier statt Träumen, Güte aber
bezeigen Kinderhände einem alten
Großmütterchen, geleiten stets die Blinde
aufs Feld, wo sie nach Kraut und Halmen tastet,
und sichelt sie so gut es geht, verständig
und sterbensmüd. Ach, kämen bald die Mönche
mit Glöckchen, Weihrauch, psalmenfeuchten Lippen!
Jetzt kehren Herden von den Almen, wollig
verzottelt Yaks mit ihren Hüterinnen,
die dürren Gräser bleicht der Reif der Frühe,
Rauch wölkt schon über Dächern alte Sagen.

 

Okt 10 17

Notturno

Es singt die Luft, es singt das graue Wasser
mit Tropfen dunkles Ahnen, helles Bangen,
es plappert Wind mit Regenlippen, knistert
Gebüsch vom Licht des Herbsts, vom feuchten Schwellen
der Beeren, rot- und gelbe Blätter flüstern
der Stille vor, der Einsamkeit der Tage,
wenn wir die müden Wege bahnen, müde
vom Schnee der Träume, dichter, weißer fallend
auf Furchen öden Felds, verholzten Wingert,
in den das wilde Tier, das Herz, gekrochen,
es lauscht gekränkt in solcher Nacht der blauen
Musik des Übergangs, und lange hört es
nur eignes Brausen, heißer Wehmut Rauschen,
doch ebbt es zärtlich nieder, schwirren Schwalben
durch Höfe ferner Kinderzeit und muhen
die warmen Kühe im Drang der vollen Euter,
ein Klappern, Rasseln, Eimer, Ketten, endlich
das Ächzen einer schweren Eichentüre,
es wühlt der Morgen feuchten Dungs Gerüche,
ein Fahrrad klingelt sich durchs Schulgelände,
der Kirchturm ruft, bis Moos und Moor ihn schlucken.
Ein Streifen Lichts, wie Lippe Schnees, erzittert
am Saum des seltsam aufgeregten Vorhangs,
und Schlaf treibt wie ein Blatt auf grünen Wassern
ins Uferlose, Träume sind die Zweige,
der Weide Haar, auf schwarze Steine weinend,
die Male lang vergessner toter Lieben.

 

Okt 10 17

Victor Hugo, Demain, dès l’aube

Demain, dès l’aube, à l’heure où blanchit la campagne,
Je partirai. Vois-tu, je sais que tu m’attends.
J’irai par la forêt, j’irai par la montagne.
Je ne puis demeurer loin de toi plus longtemps.

Je marcherai les yeux fixés sur mes pensées,
Sans rien voir au dehors, sans entendre aucun bruit,
Seul, inconnu, le dos courbé, les mains croisées,
Triste, et le jour pour moi sera comme la nuit.

Je ne regarderai ni l’or du soir qui tombe,
Ni les voiles au loin descendant vers Harfleur,
Et, quand j’arriverai, je mettrai sur ta tombe
Un bouquet de houx vert et de bruyère en fleur.

 

Wenn morgens fahle Sonne frühe Gärten bleicht,
mach ich mich auf. Ich weiß es ja, du harrest mein.
Durch Wälder wandle ich, bis Berg dem Tale weicht.
Nicht mehr kann länger ich dir ferne sein.

Mein Sinn ist ganz dem innern Bild versenkt,
die Welt ist mir um Glanz und Klang gebracht,
einsam, fremd, gebeugt, über Kreuz verschränkt
die Hände, geh ich in Trauer, Tag ist mir Nacht.

Ich schaue nicht des Abends goldenen Schein,
das Segel nicht, das fern gen Harfleur flaut,
und bin ich dort, breit ich auf deines Grabes Stein
den Strauß aus Palmengrün und Heidekraut.

 

Erläuterung:
Das Gedicht entstand anläßlich des tragischen Todes der Tochter des Dichters bei einem Bootsunglück auf der Seine nahe der erwähnten Stadt Harfleur in der Normandie.

 

Okt 9 17

Terzinen von den Schatten

Behaust von Wind, Gezweig, und zwittrig umsponnen
von klebrigen Fäden hohlen mondeskalten
Starrens. Geister sind zum Lied geronnen,

und haben nicht Mund nicht Hauch. Ins Leere gehalten
die Wolken, die Wasser, die fiedrig aufgeblitzten
Blüten, blind, verblassend, enflockte Falten,

von Messern des Lichts die schimmernd geritzten,
die Worte, Lippen, Worte, o und die Wangen,
die nur von Locken Ariels beschützten,

von Trauben seiner gläserner Küsse behangen,
und Schattenschnäbel haben sie aufgepickt,
ihr Nachtigallen, die zu den Schatten gegangen –

sanft hat euer Lied die Liebenden entrückt.

 

Okt 8 17

Erzähltes Leben

Anmerkungen zur Philosophie des subjektiven Lebens

Wir können unser und anderer Leute Leben nicht im Sinne der Zoologie oder Biologie, sondern nur im Sinne der Biographie verstehen.

Der biologische Tod ist kein Inhalt der Biographie.

Der eigene Tod ist der Inhalt fremder Biographien.

Manchmal, angesichts überwältigender Vorkommnisse oder einer extremen Verdünnung der Lebensspuren, haut es einem das tragende Begriffsnetz unter den Füßen weg, oder es tat sich ein Loch geradewegs dort auf, wo wir standen und nun nicht mehr stehen, sondern fallen oder trudeln oder schweben.

Dann wirkt ein Blick auf eine Grabinschrift kurierend und lebensfördernd: Name, Geburts- und Sterbedatum, vielleicht noch bei Mitgliedern höherer Kasten Rang und Verdienst. Das genügt, alles ist wieder klar. Wir haben den Namen, damit kulturelle Abstammung, Sprache und Geschichte; mit dem einen Namen greifen wir in zwei dichte Büschel von Namen: Ahnen, Verwandte und Schwäger; Freunde, Kameraden, Vorgesetzte, Untergebene, Mitglieder derselben oder sich kreuzender Gruppen, Verbände, Organisationen informeller oder rechtlich gesetzter Art. Die Lebenspanne ist ein Schnitt durch die umgekehrte Pyramide der zeitgleichen Ereignisse, eine nicht abzählbare Menge.

Wir erfassen das menschliche Leben gleichsam als literarische Gattung einer Erzählung im Sinne der Vitensammlungen der Antike oder des Humanismus von Sueton, Nepos und Plutarch über Hieronymus, Petrarca und Boccaccio bis zum „Echolot“ von Walter Kempowski. Dabei gilt als Gattungsregel: Die Vita ist eine Erzählung einer oder mehrerer Erzählungen, denn der, von dem sie handelt, hat selbst sein Leben erzählt. Dieser gleichsam im trüben Wasser gebrochene Strahl, der vielfarbig bis ins Graue sich abtönt, erfährt seine Brechung an der Instanz, die wir etwas ungeschickt das Ich oder Selbstbewußtsein nennen.

Wir können auch sagen, die in sich gebrochene und gespiegelte Erzählung einer Vita enthält zumeist verschiedene Erzähltypen und narrative Blöcke wie Epos und Kurzgeschichte, Witz und Farce, Komödie und Tragödie oder Tragikomödie und manche andere.

Die kleinste Einheit einer erzählten Vita ist der Sprechakt.

Da jeder Sprechakt mit der Äußerungssituation und den ihn motivierend vorausgehenden und aus ihm hervorgehenden weiteren Sprechakten intentional zusammenstimmt, können wir ihn prinzipiell oder cum grano salis, meistens aber ganz genau verstehen.

Die großen und kleinen Selektionsmaschinen, die unsere Viten nach Erzählformen auswählen, mischen oder trennen, nennen wir mangels besserer Begrifflichkeit kollektive Instanzen oder Institutionen oder Gruppen wie die patri- oder matrilineare Primärgruppe der Herkunftsfamilie oder die formale Sekundärgruppe der Bildungsinstanzen von der Klippschule bis zur Alma Mater.

Der schwache Sohn des starken Vaters mag einen Grundzug seiner Vita als Tragödie oder Komödie erzählen. Die künstlerisch begabte Tochter aus gutem Hause, die einem extravaganten Snob und Malerstar verfällt, mag angesichts des Umstands, daß ihr Geliebter ihre eigenen Bilder malt, einen Grundzug ihrer Vita als Schauergeschichte nach Art der Gothic Novel erzählen.

Wir unterscheiden Bios und Vita: Biologisch determiniert sind die Vorgänge der Geschlechtsreifung, des Wachstums, des Alterns, der Krankheit, des Verfalls und Sterbens; die Vita erzählt von den Einstellungen, Haltungen und Entscheidungen dessen, der diese Vorgänge unmittelbar erlebt und in vermittelten und sprachlich erschlossenen Formen ausdrückt – oder unfähig ist, sie irgend angemessen zum Ausdruck zu bringen.

So können wir auch von einer verfehlten, mißglückten oder zerbrochenen Vita sprechen: Der schwache Sohn weicht einer Konfrontation mit dem starken Vater aus und spielt Komödie, wird zum Klassenclown, veralbert und verzwergt. Die begabte Künstlerin mag den Geliebten, der sie gewiß demnächst mit einer anderen ausgetauscht haben wird, die ihm Modell steht, am Ende umbringen und so ihre Horrorstory zum finalen Showdown führen.

Wer in den Strudel großer Massenbewegungen, kollektiver Erhebungen oder Zerstörungen hineingerät, kann leicht den immer enger werdenden Spalt des Ausstiegs verpassen und zur Charge auf der Bühne der Macht herabsinken; seine Vita findet keine eigenen Worte mehr, sondern streicht sich selber aus oder verstummt hochtönend-beredt in Propagandaphrasen, programmatischen Lügen, affig geföhnten Klischees.

Hier fassen wir auch den Sinn der Rede vom Ursprünglichen und Abgeleiteten oder Degenerierten; er läßt sich am schlichten Unterschied des originären Wortsinns und seines verkitschten Überzugs erhellen: Wer am Sinn der Freundschaft mit einem, der ihn erweislich vielfach belogen und betrogen hat, hartnäckig festhält, hat die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs aus den Augen verloren oder redet und handelt so, als ob er noch in Geltung sei, obwohl die Realität eine ganz andere Sprache spricht. Diese Form der Bedeutungsblindheit finden wir im sentimentalen Kitsch wie dem genannten und im moralischen Kitsch eines, der die ursprüngliche Bedeutungsdimension von Begriffen wie „Solidarität“ oder „Nächstenliebe“ aus dem Mutterboden ihrer originären Anwendung, den primären Gruppen der Anverwandten, Freunde und vertrauenswürdigen Mitglieder der Eigengruppe, gleichsam entwurzelt hat und universalistisch ins Grenzenlose oder gesinnungsterroristisch zur Moralisierung der politischen Sprache und des politischen Handelns überdehnt, hinüberspielt und verspielt, nämlich beispielsweise Individuen kulturfremder Herkunft oder feindseliger Einstellung Tore und Kassen öffnet, bei denen eher Vorsicht und Argwohn angebracht sein mögen, ein Verlust an Besonnenheit und Lebensklugheit, den der Kitschmensch sich zur besonderen Ehre humanitärer Moral anrechnet.

Wir müssen von einem gewissen Feingehalt des ursprünglichen Wortsinns ausgehen, den gänzlich zu trüben oder zu tilgen darauf hinausliefe, beispielsweise die Bedeutung des Begriffs „Freundschaft“ mit der Bedeutung des Begriffs „Feindschaft“ zum Verwechseln anzuähneln. In diesem Falle wäre es sinnlos geworden, den Begriff „Freundschaft“ noch zu verwenden.

Wir können ähnlich den chemischen Elementen und ihrer Neigung zu Verbindungen bestimmten Wortbedeutungen stabile Kerne zuweisen, anderen die Neigung, sich leicht mit mehr oder weniger verwandten oder ähnlichen Begriffen zu verbinden: Die grammatischen Partikel und Konjunktionen wie „und“, „oder“, „aber“, „obwohl“, „als“, „denn“, „dennoch“, „weil“ oder „obwohl“ haben ziemlich stabile Bedeutungskerne, was sich darin erweist, daß wir einige von ihnen mittels eindeutiger Zuordnung zu Wahrheitstabellen zu logischen Junktoren purifizieren können. Ebenso können wir Farbbegriffe oder akustische Werte wie „hoch“ und „tief“ nicht beliebig gegeneinander austauschen, was sich wiederum darin zeigt, daß wir sie mittels physikalischer Terme vereindeutigen und definitorisch festlegen können.

Ebenso ergeht es uns mit den persönlichen Fürwörtern; hier zeigt sich die Stabilität der Bedeutung an dem Umstand, daß wir manchmal nicht wissen, ob sich jemand bei ihrer Verwendung geirrt hat oder der Sprache unkundig oder gar verrückt ist. Wer statt „ich“ „er“ und statt „er“ „ich“ sagt, könnte sich als Teilnehmer eines Anfangskurses in Deutsch für Ausländer entpuppen oder einen Beleg für einen psychotischen Schub abgeben.

Andererseits zeigen gerade Wörter für sinnliche Eindrücke visueller, akustischer, taktiler und olfaktorischer Provenienz eine mehr oder weniger große Neigung, sich mit Begriffen anderen Ursprungs in der Funktion als Metaphern unserer Gefühlswelt zu verbinden. So sprechen wir davon, jemand werde grün vor Neid oder gewahre den Himmel voller Geigen, ohne dabei einen visuellen oder akustischen Eindruck zu benennen, oder jemandem erscheine der Auftritt eines Stars blendend oder grell, ohne ihm optische Irritationen zuzuschreiben.

Wir können allerdings den metaphorischen Trick nicht so weit treiben, daß wir den stabilen Bedeutungskern des originären Wortsinns, mit dem wir spielen, völlig aus den Augen verlieren oder verdrehen: Auch wenn wir bei der Verwendung des Wortes „Quelle“ für die Herkunft einer Wendung aus einem antiken Schriftsteller kein Wasser sprudeln hören, können wir die Sache dennoch nicht so weit verdrehen, daß wir unser Zitat nunmehr als die eigentliche „Quelle“ ansehen und dem antiken Schriftsteller eine lange Nase machen. Demnach können wir den Sinn der verblaßten Metapher „Quelle“ in der Weise einer indirekten Kennzeichnung aufschreiben, indem wir sagen „Ort des nachweislich ersten Vorkommens einer Wortverwendung oder Redewendung“. Wenn wir allerdings die Kennzeichnung durchstreichen, wird es sinnlos, weiterhin von „Quelle“ zu reden.

Welche Bedeutungskerne bleiben in der Erzählung unserer eigenen Vita, vulgo unserer Autobiographie, stabil? Nun, allem anderen voran der korrekte Gebrauch der Personalpronomina sowie der Orts- und Zeitangaben. Wir müssen in der Lage sein, das von uns selbst Erlebte, das uns Widerfahrene und das von uns Gesagte und Getane uns selbst zuzusprechen. Wir können nicht von Ereignissen vor unserer Geburt oder außerhalb unseres Wirkungskreises als von uns intendierten oder herbeigeführten Vorgängen sprechen. Wir können uns die direkt intendierten Folgen unserer Handlungen, nicht aber ihre unbeabsichtigten Folgen unmittelbar zusprechen. Fallen wir selbst aufgrund von Erinnerungslücken oder mentalen Störungen als unmittelbare Augen- und Ohrenzeugen des von uns selbst Erlebten, Gesagten und Getanen oder Widerfahrenen aus, müssen wir uns indirekter Belege oder Zeugnissen Dritter bedienen, die unser vergangenes Dasein bescheinigen und beurkunden, von der Geburtsurkunde über den Personalausweis und amtlichen Zeugnissen von Schulen und Behörden bis zum Testament des Vaters oder Onkels.

Wir können beispielsweise das uns leidvoll Widerfahrene nicht dadurch loswerden oder wie eine welke Haut abschütteln, indem wir es gleichsam entselbsten und einer fiktiven „Er“-Instanz zusprechen, so als hätte man uns diese dumme Geschichte von einem anderen früher einmal erzählt. Wenn wir konsequenterweise alles Erlebte an eine Dritte Person delegieren, bleiben wir doch der Autor der ganzen Story und stehen als solcher auf dem imaginären Titelblatt.

Auch wenn unser Reden und Handeln stets auf der Schwelle der Gegenwart zur unmittelbaren oder ferneren Zukunft hin geschieht und orientiert ist, schöpfen wir aus dem Reservoir der Erinnerung all diejenigen Erzählstoffe, Motive und Figuren, mit denen wir die gegenwärtige Aussage grundieren. Wir können uns im Detail beim Rückgriff auf das Gewesene irren, wenn wir etwas erlebt zu haben wähnen, was ein anderer uns erzählt hat oder was wir im Kino gesehen oder gar geträumt haben, aber nicht im Ganzen, denn würden wir uns im Ganzen irren, wären wir nicht, der wir sind. Wir selbst sind demnach eine Origo oder ein transzendentaler Ursprung unseres Lebens und Erzählens singulärer Natur. Nur ist dieser Ursprung nicht vollständig präsent und transparent, sondern bleibt immer gleichsam wie der blinde Fleck im Verhältnis zu all demjenigen verschoben und abgeschattet, was wir tatsächlich sehen und erleben.

Mit Descartes könnten wir anhand der Metapher des bösen Schöpfergottes das Phantasma eines chimärischen Doppelgängers entwickeln, der als ein von uns unentdeckter Nachbar genauso aussieht wie wir und dasselbe Leben geführt haben wird wie wir selbst. Aber was macht das aus? Es mindert nicht im geringsten die Wirklichkeit unseres Daseins, und würden wir auf unseren Doppelgänger stoßen, wir hätten uns nichts zu sagen. Ja, wirklich, von außen betrachtet, ist unser Leben belanglos, sinnlos, unwirklich wie ein flüchtiger Traum; aber es gelingt uns nicht, diese Außenperspektive aufzunehmen und durchzuhalten.

Wir müssen darauf achten, vor lauter Metaphern und Bildern den alten Wald ursprünglicher Begriffe nicht aus dem Blick zu verlieren. So hat sich auf das subjektive Leben oder die Vita ein ganzes Bündel von Bildern gepfropft; wir reden vom Weg oder Pfad oder der Reise des Lebens, von mancherlei Kreuzungspunkten und Abzweigungen, von Irrwegen und Rückwegen. Doch sind solche topographischen Metaphern, die eine räumliche Erstreckung und Signifikanz von Wegbahnen voraussetzen, nur um den Preis begrifflicher Einbußen auf wesentlich zeitliche Erstreckungen und temporale Vektoren anwendbar. Unser Weg entsteht gleichsam zeitlich in dem Maße, wie wir ihn gehen; das scheinbar erlangte Ziel wird augenblicks ein gewesener und damit verlorener Inhalt, den wir nur in der Erinnerung bruchstückhaft wiedererlangen können. Leicht wird das mühsam Angestrebte schal im Moment des Genusses. Diese Form der existentiellen Vanitas ist der Preis für unsere sich aus dem Ursprung des Bewußtseins zeitigende Existenz, die nur als offene oder ins Leere gespannte gelebt werden kann, als erfüllte aber gleichsam erschlafft und in sich verschlossen uns unwirklich würde.

Die Endgültigkeit, Singularität und Sterblichkeit unseres subjektiven Lebens beschatten es mit Ernst, dem Gegenbild jenes leicht lebenden Spiels göttlicher Fülle, die zu keiner Entscheidung, keiner echten Tat, keinem geprüften und verantworteten Wort gelangt. Wir aber können nicht als Schauspieler im Spiel des Lebens sagen: „Morgen komme ich und bringe dir das geliehene Buch zurück“ und dabei nicht meinen, was wir sagen, denn in unserer Welt hat die soziale Tatsache, ein Versprechen nicht eingehalten zu haben, seiner Relevanz entsprechend mehr oder weniger ernsthafte Folgen, von der Mißachtung bis zur sozialen Ausgrenzung.

Die Fatalität, egozentrisch oder ein subjektives Leben leben zu müssen, ist die paradoxe Bedingung unserer Freiheit und Kreativität, denn nur die Subjektive erlaubt uns, Altes neu zu sagen oder eine bisher als unabweislich geglaubte Erzählperspektive abzutragen und versuchsweise durch eine andere zu ersetzen. Wir wähnten uns angeherrscht von einer höheren oder fremden oder sublimen Stimme und stellen schließlich fest, es war nur das Piepsen einer Maus auf dem Dachboden, und mit einem Schlage ist es still geworden, denn die Falle, die wir aufgestellt hatten, ist zugeschnappt.

Die literarhistorische Analyse der auf uns gekommenen Viten beispielsweise des Sueton listet eine Fülle typischer Muster und Topoi auf, und nur auf diesem Hintergrund verwandter Muster und Analogien von Lebensläufen konnte Plutarch das Projekt parallelisierter Biographien großer Griechen und Römer entwerfen. Doch das Typische mindert nicht das Individuelle, sondern ist die Voraussetzung aller Individualisierung, schließlich tun wir täglich, was unzählige andere tun und getan haben. Doch daß wir es hier und jetzt unvertretbar gleichsam mit dem Idiolekt und Zungenschlag des flüchtigen Bewußtseins sagen und tun, gibt ihm den unnachahmlichen, wenn auch ephemeren Geschmack des subjektiven Lebens.

Das Wort „Leben“ gehört mit all seinen Ableitungen und deren Negationen wie „lebendig“, „lebhaft“, „lebensfroh“. „lebensmüde“ („tot“, „träge“ oder „ausdruckslos“, „traurig“, „verzagt“) mit ziemlich vielen Begriffen der Alltagssprache und demnach auch der Philosophie (denn woher nähme sie die Relevanz ihrer Begriffe wenn nicht von hier) zu denjenigen, deren wir nicht entraten können, ohne an Orientierung und Optionen zu handeln einzubüßen.

Anders als der Begriff des Sinnes, dessen Negation zwei weitere Begriffe ergibt („Unsinn“ und „Sinnlosigkeit“), und ähnlich wie „wahr“ und „falsch“ in der klassischen Logik hat der Begriff „Leben“ einen absoluten Gegensatz, den Begriff „Tod“. Den abgestürzten oder von einem Virus befallenen PC kann ich wieder ertüchtigen, den Toten aber nicht reanimieren, es sei denn er war nur scheintot.

Wenn wir zwischen Bios und persönlicher Vita unterscheiden, interessiert uns philosophisch gesehen der subjektive Sinn des Lebens, der sich auf elementarer Stufe als Selbstgefühl auf einer Skala ausdrückt, die wir am einen Ende als Wohlgefühl, am anderen als Mißgefühl (mit der faden Mitte zwischen beiden) ungefähr bezeichnen können. Diese Skala können wir beliebig verfeinern, indem wir beispielsweise bei der Abteilung „Wohlgefühl“ eintragen: Heiterkeit, Zufriedenheit, Behagen, Glück, bei der Abteilung „Mißgefühl“: Traurigkeit, Unzufriedenheit, Mißmut, Verzagtheit (auch die Mitte wimmelt von Klassifikationen: Fadheit, Langeweile, Gleichgültigkeit, Blasiertheit).

Ursprünglich sind emotionaler Zustand und sein physiognomischer Ausdruck eine Einheit: Einer ist zufrieden und lächelt; einer lächelt, weil er zufrieden ist; einer ist mißmutig und zieht einen Schmollmund, einer schmollt, weil er mißmutig ist. Die Schauspielkunst großer Mimen zeigt, daß wir das eine vom anderen trennen können: Der Schauspieler mag sich persönlich unbehaglich fühlen, aber er lächelt, weil er den glücklichen Liebhaber gibt.

Wir finden eine Nachbarschaft und einen Übergang von emotionalen, ungerichteten Zuständen zu intentional gerichteten Zuständen: Wir sehen, wie jemand die Augenbrauen zusammenzieht und einen Schmollmund zieht; dann sehen wir, wie er wütend einen Brief zerreißt. Wir wissen, dem Mann wurde unbehaglich, denn der Inhalt des Briefes ging ihm gegen den Strich; indem er ihn zerreißt, verweist er auf den wahren Gegenstand seines Unmuts, den Briefschreiber und dessen im Briefe dargetanes Anliegen.

Wir stellen nun fest, daß wir die eigentlichen psychologischen Prädikate mit intentionalem Gehalt wie hoffen und fürchten, erwarten, beabsichtigen, glauben und wissen nicht unmittelbar dem subjektiven Leben zuschreiben, sondern demjenigen subjektiven Leben, das sich in jenen Formen des Selbstgefühls tummelt und ausdrückt. Wir finden hier kontinuierliche, kausal bedeutsame Übergänge. Wenn uns unbehaglich ist, fürchten wir, daß ein Unglück geschieht, wie auch umgekehrt, weil wir fürchten, daß ein Unglück geschieht, fühlen wir uns unbehaglich. Wir sind freudig gestimmt, weil wir hoffen, daß unser Geliebter bald kommt, und weil wir wissen, daß unser Geliebter bald kommt, sind wir freudig gestimmt.

Eine wesentliche Form des erzählten Lebens ergibt sich aus der sinnvollen Kombination der Zuschreibung emotionaler und intentionaler Zustände, im Falle der Autobiographie in Form der Selbstzuschreibung, im Falle der Biographie in Form der Fremdzuschreibung. So kommen wir zu typischen Wendungen wie: „Das Schreiben meines (seines) Freundes hatte mich (ihn) dermaßen aufgebracht, daß ich (er) den Brief zerriß.“

Es ist erhellend zu bemerken, daß dieser kleine Wutanfall eine symbolische oder metaphorische Form des Handelns darstellt (womit wir einen Hinweis darauf erhalten, daß Metaphern nicht auf rein sprachliche Ausdrucksformen beschränkt sind): Der haltlos Wütende erinnert ein wenig an das Kind, das den Tisch tritt, an dem es sich gestoßen hat, eine urtümliche Form dessen, was man einmal Animismus genannt hat. Indem er den Brief zerreißt, rächt sich der Aufgebrachte an seinem Freund in effigie, zumindest möchte er mit seiner Handlung symbolisch das Freundschaftsband, das ihn bislang mit ihm verband, zerreißen.

Es ist wahrscheinlich, daß sich der Mann, der aufgrund des beleidigenden oder verräterischen Schreibens seines Freundes in Rage geriet, seinen Freund vielleicht geohrfeigt hätte, hätte dieser es gewagt, ihm seine Frechheiten und Unverschämtheiten ins Gesicht zu schleudern. Den Schaden, den er selbst als Verrat und Beleidigung abbekam, hätte er auf diese Weise gleichsam zurückgegeben, und beide wären einander quitt.

Wir finden an diesem Beispiel das Muster gespiegelt, in dem sich der Regelkreis des Redens und Tuns des subjektiven Lebens abspielt und erfüllt: Ein emotional grundierter Zustand mit intentionalem Gegenstand, wie der emotionale Zustand des Geschädigten und seine Absicht, den Schaden an seinem Urheber wettzumachen, erfüllt sich in Form von symbolischen Handlungen wie dem Zerreißen des Briefes oder in verbalen Handlungen wie Fluchen und Beschimpfen oder in Tätlichkeiten, mit dem Ergebnis, daß ein Ausgangsgleichgewicht wiederhergestellt ist: Der Zorn ist verraucht, die Freundschaft zerbrochen.

Aus Schaden wird man klug – wenn man an dem unaufgearbeiteten nicht krank oder verrückt wird. Das Kind, das sich einmal an der heißen Herdplatte die Finger verbrannt hat, wird sich hüten, sie nochmals unbedacht darüber fahren zu lassen. Der verratene Freund und betrogene Geliebte wird vernünftiges Mißtrauen walten lassen oder sich Proben wahrer Verbundenheit und Verbindlichkeit ausbedingen, bevor er wieder einer Neigung intimer Natur nachgibt. Der am ungetilgten Schaden Erkrankte aber wird vielleicht mißtrauisch bis zur Verschlossenheit und Feindseligkeit.

Das gilt spiegelbildlich auch für den anderen Pol des subjektiv-emotionalen Selbstseins: Der Mann, der ein Schreiben seines Freundes erhält, worin dieser ihm großherzig seine Anteilnahme in einem Trauerfall oder seine vorbehaltlose Mitarbeit an einem gemeinsamen Projekt kundtut, wird ihn demnächst zu einem kleinen Fest einladen, um ihm mit Kuchen, Wein und schöner Musik seine Dankbarkeit zu bezeigen. Es werden Lobeshymnen gesungen, Geschenke ausgetauscht, das Freundschaftsband bestärkt.

Was uns fördert, animiert, begeistert, erweitert unseren Lebenskreis, weckt die Lebensgeister, festigt die seelische Gesundheit. Ausgezeichnete sittliche und ingeniöse Eigenschaften wie Dankbarkeit, Großherzigkeit und schöpferische Kraft kommen auf diese Weise ans Licht und zur Entfaltung.

Der Streit oder Zwist und die Feier oder das Fest sind urtümliche Ausdruckswerte des subjektiven Lebens, die dazu tendieren, in rituelle Formen gekleidet und ins kulturelle Gedächtnis der Familie, der Sippe, des Volkes eingesenkt zu werden. Invektiven, Flüche, Pamphlete oder Fehden und Intrigen sind ebenso legitime Formen subjektiven Lebens wie all das, was auf der anderen Seite die Festfreude aufleuchten läßt, wie Lieder, Tänze, Lobreden. Hier darf auch die sprachliche Virtuosität zur Geltung kommen, wie sie poetisches Ingenium zu rituellen Anlässen und Zwecken in geprägte Formen des Jambus, des Hymnus, der Ode oder der Laudatio gegossen hat.

Wir kommen zu dem paradox anmutenden Ergebnis, daß sich die persönliche Vita in der Einübung, Einbettung und Versenkung in unpersönliche Formen des Rituals und tradierte kulturelle Muster wie Feier und Fest, Lust- und Weihespiel, liturgischem und theatralischem Formen- und Maskenspiel erfüllt, wie sie kulturelle Überlieferung für die rites de passage von Geburt, Pubertät, Reife, Hochzeit, Jubiläum und Trauerfall bereithält.

Wenn sie solche denn bereithält! Wie öde und trist sind all die Viten, die unaufgehellt und unsublimiert in einer kulturellen Wüste ihr Dasein fristen; daher die Ausdrucksarmut, emotionale und sprachliche Verkümmerung, daher das Verstummen oder Radebrechen des sich unter den Lampenschirm des Privaten oder den PC-Screen des Globalen flüchtenden Daseins.

 

Okt 7 17

Versäumte Küsse

So vieler Ufer
Rauschen geträumt.
Küsse, so viele
Küsse versäumt.

Farne der Wehmut,
nächtlich bereift.
Wimpern der Frühe,
zärtlich gestreift.

Goldene Traube
herbstliches Licht.
Zitternde Träne,
fällst du noch nicht?

Aber das Veilchen,
duftend am Rand,
aber sein Duften,
weinend genannt.

Rose, du glühtest
fühllosem Stein.
Schmeckt, was du tauest,
Toten wie Wein?

 

Okt 6 17

Im grauen Dunst erwacht

Wie auf wogendem Wasser
Abend sein Licht verschäumt,
duftete Hauch des Abschieds
dein Haar.

Um uns flossen grüne Schatten,
Weide hatte sich geneigt
und banger Blätter
silbernes Flüstern.

Deine Hand, halb geschlossene
Blüte, tauchte in das Wasser
nieder, hob sich perlend
in den Schoß.

Über uns Ikonen flimmernden
Schnees, augenbesäte Flügel,
sich leise schließende
Pforte der Nacht.

Im grauen Dunst erwacht sah
das Seidenband am Zweig
ich wehen, das dein Haar
umschlungen.

 



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